Published February 23, 2023 | Version v1
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Salafiyya in der Deutschschweiz. Ergebnisse aus der Feldforschung

Description

Die vorliegende Studie ist ein Ergebnis dreijähriger Feldforschung zu Erscheinungsformen des ‹Salafismus› in der Deutschschweiz. Das Projektteam folgte einem religionswissenschaftlichen Ansatz und arbeitete mit den Methoden qualitativer empirischer Sozialforschung. Es kontaktierte Personen im Feld sowie in dessen Umfeld, führte Interviews und wertete diese zusammen mit weiteren Quellen, insbesondere aus den sozialen Medien, systematisch aus. Während die mediale und politische Diskussion ‹Salafismus› als potentiell gefährliche ideologische Bewegung darstellt, zeigt unsere Analyse ein differenzierteres Bild. Salafiyya nennen wir eine religiöse Richtung, die sich eng am Vorbild der as-salaf aṣ-ṣāliḥ, der «tugendhaften Altvorderen» der islamischen Frühzeit, orientiert, soweit sie einhergeht mit sehr umfassender religiöser und lebensweltlicher Praxis, wörtlichem Verständnis der normgebenden Schriftquellen Koran und Sunna, der Ablehnung religiöser «Neuerungen» sowie dem Anspruch, den ‹authentischen› Islam zu befolgen; weitere Merkmale können hinzukommen. Die Zahl der Salafis in der Deutschschweiz schätzen wir auf 400 bis 1100. Sie agieren teils als Einzelpersonen, teils bilden sie durch Kooperation mit anderen eigentliche Cluster, die sich mitunter entschieden voneinander abgrenzen. Unbeachtet von der Öffentlichkeit war bisher der Cluster der Madḫaliyya. Sein Kern sind Schweizer Studenten der Islamischen Universität Medina. Sie legen grossen Wert auf die Vermittlung religiösen Wissens und agieren völlig apolitisch. Ein zweiter Cluster umfasst die wenigen Dutzend Aktivmitglieder des «Islamischen Zentralrats Schweiz» samt ihren Sympathisanten. Sie setzen den Akzent auf gesellschaftspolitische Aktivitäten und einen teils konfrontativen Austausch mit der Gesellschaft. Ein kleiner dritter Cluster umfasst Personen mit Kontakten zu extremistischen Akteuren wie etwa in Winterthur; anders als die beiden anderen Cluster zeigen sie wenig Interesse an religiöser Bildung und am Austausch mit der Gesellschaft. Weiter zu nennen ist exemplarisch eine von uns analysierte Frauengruppe, die sich vorwiegend in sozialen Medien trifft und praktischer religiöser Bildung widmet, sowie die von Deutschland und Österreich aus bespielte Szene der street daʿwa. Attraktiv wird die Salafiyya für zumeist jüngere Erwachsene, welche die Religion für sich entdecken und sich ihr umfassend widmen möchten. Je nach Art ihrer Bedürfnisse wenden sie sich einer der geschilderten Richtungen zu und oft nach Monaten oder Jahren auch wieder davon ab, weil sich Lebensumstände oder Bedürfnisse gewandelt haben. Selten und somit keineswegs zwangsläufig ist die Orientierung an der Salafiyya ein Aspekt einer Radikalisierung. Die eigene Lebensweise in der Schweiz an der Salafiyya auszurichten, ist herausfordernd, denn innermuslimisch wie gesamtgesellschaftlich stösst diese Lebensweise auf Befremden, teils auch auf rechtliche Hindernisse. Obwohl gegenüber Demokratie und säkularer Gesetzgebung distanziert, respektieren die allermeisten Salafis das Staats- und Gesellschaftssystem der Schweiz und schätzen die garantierte Religionsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit. Personen mit wenig Bereitschaft zu Abstrichen vom Ideal erwägen die Möglichkeit des Auswanderns.

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ZRF_Salafiyya_Deutschschweiz_Ergebnisse.pdf

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