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Anrechnung digitaler Lehrformate -- Entwicklungen und Empfehlungen

Prof. Dr-Ing. Helmut Hoyer et al.

Digitalisierung und damit verbundene neue Technologien bringen erhebliche Veränderungen mit sich und beeinflussen, wie wir heutzutage und in Zukunft arbeiten, miteinander kommunizieren und Informationen beschaffen. Information, Wissen und sowohl (non-)formale als auch informelle Bildungsmöglichkeiten[1] sind in Deutschland mittlerweile zu jeder Zeit und an jedem Ort digital verfügbar. Dies verändert auch die akademische Lehre.

Ein großer Teil der deutschen Hochschulen hat sich bereits auf den Weg gemacht und Maßnahmen ergriffen, um das Thema „digitales Lehren und Lernen“ voranzutreiben. Es ist für sie wichtig, den Digitalisierungsprozess als eine umfassende Entwicklung zu betrachten, die sich nicht nur auf den Bereich der Hochschullehre oder der zukünftigen Ausgestaltung von Curricula auswirkt, sondern sämtliche Bereiche der Hochschule, von Lehre und Forschung über Governance bis hin zur Infrastruktur tangiert. Aus der stetig fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft und der Geschwindigkeit des technologischen Wandels ergibt sich für die deutschen Hochschulen die Notwendigkeit, aber auch Chance, diesen Wandlungsprozess mitzugestalten. Ein wichtiges Themenfeld stellt hier der Umgang mit außerhochschulisch erworbene Kompetenzen, deren Anzahl und Verfügbarkeit durch digitale Medien deutlich zugenommen hat, dar.

Globale Bildungsplattformen wie z.B. edX, Coursera und Udacity, aber auch nationale Plattformen wie Lübeck oncampus bieten digitale Kursangebote an, deren Ziel es ist, über kompakte Lernmodule spezifische Lerninhalte einer großen Anzahl von Lernenden über sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCs) zu vermitteln. Lerninhalte sind immer häufiger frei verfügbar oder offen zugänglich. Dies hat zur Folge, dass Studieninteressierte und Studierende grundsätzlich vermehrt Lernergebnisse über außerhochschulische, digital verfügbare Bildungsangebote erlangen können. Angesichts der Ubiquität digitaler Medien und damit auch der globalen Verfügbarkeit digitaler Lernangebote ist davon auszugehen, dass künftig verstärkt Studierende mit unterschiedlichen Vorkenntnissen an die Hochschulen gelangen und eine Anrechnung ihrer jeweiligen außerhochschulisch erworbenen Lernergebnisse auf ein Hochschulstudium sinnvoll sein kann und auch von ihnen eingefordert werden wird. Als Folge ergibt sich eine wachsende Vielfalt individueller Bildungswege und Studienbiographien, die die Frage nach der Trennlinie zwischen hoch- und außerhochschulisch erworbenen Kompetenzen mit neuer Dringlichkeit aufwirft. Gleichzeitig stellt die Anzahl und Verschiedenartigkeit von Angeboten unterschiedlichster Beschaffenheit höchste Anforderungen an die Qualitätssicherung der Hochschulen.

Dabei ergeben sich einerseits aus dem Einsatz neuer Technologien vielfältige Möglichkeiten für die zukünftige Organisation von Anrechnungsverfahren für non-formal und informell mithilfe digitaler Medien erworbener Kompetenzen auf ein Hochschulstudium. Andererseits bringt das Thema „Anrechnung von außerhochschulisch erworbenen Lernergebnissen“ jedoch auch schon ohne den Digitalisierungsaspekt erhebliche Schwierigkeiten mit sich und viele Herausforderungen innerhalb des Themenspektrums stellen sich zunächst auch unabhängig von der Digitalisierung. Es ist dennoch wichtig, hervorzuheben, dass diese Fragestellungen und die Suche nach Lösungsansätzen immer drängender werden: Das World Wide Web etabliert sich als „Lernort“, der neben dem grenzenlosen Zugang zu Informationen die Entstehung einer neuen Lehr- und Lernkultur ermöglicht sowie fördert. Dazu gehört auch eine anwachsende Zahl von freien oder kommerziellen Lehr-/Lernformaten, die nicht zuletzt auch für den Einstieg ins Berufsleben an Bedeutung gewinnen.

Denn in Bewerbungsverfahren spielen hochschulische Grade für Arbeitgeber nach wie vor eine große Rolle, um die Eignung eines Bewerbers oder einer Bewerberin für eine bestimmte Position festzustellen. Immer seltener sind Hochschulabschlüsse jedoch das einzige Kriterium und flexible Bildungsbiographien gewinnen an Relevanz. Überdies treten private (Weiter-)Bildungsanbieter, welche selbst entwickelte Zertifikate etwa in Form von Onlinekursen anbieten, zunehmend in Konkurrenz zum einstigen „Zertifizierungsmonopol“ der Hochschulen. Vielfach bleibt bislang allerdings offen, wie sich die neuen Angebote in den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) bzw. das europäische Äquivalent (EQR) einordnen lassen oder inwieweit diese außerhochschulisch erworbene Kompetenzen im Rahmen eines Hochschulstudiums angerechnet werden können. Wollen Hochschulen ihre Führungsrolle in diesem Bereich beibehalten, sollten sie sich mit Fragen der Anrechnung deshalb verstärkt strategisch auseinandersetzen. Das vorliegende Arbeitspapier möchte daher zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema ermutigen und mit Hilfe von Empfehlungen für Politik, Hochschulen und Außerhochschulische Bildungsanbieter, sowie Studierende Impulse für die Entwicklung von Anrechnungsverfahren setzen.

Während über die Themen Anerkennung [2] und Anrechnung[3] im Allgemeinen bereits viele Papiere, Handreichungen und Empfehlungen[4] geschrieben worden sind, fand das spezifische Thema der Anrechnung von Leistungen, die außerhalb der Hochschule mittels digitaler Formate erbracht wurden, bislang nur wenig Beachtung. Bevor im nächsten Abschnitt technische und inhaltliche Voraussetzungen hierauf bezogener Anrechnungsverfahren zur Sprache kommen, gilt es zunächst, zu klären, was unter außerhochschulisch und in digitaler Form erworbener Bildung zu verstehen ist und wo Schwierigkeiten der Anrechnung liegen. Diese werden insbesondere im Vergleich zu hochschulisch erbrachten Leistungen oder außerhochschulisch in klassischen Formaten erlangten Kompetenzen deutlich, für deren Einbindung in ein Hochschulstudium unlängst Regelungen gefunden wurden. Während die bereits gefundenen Lösungen wichtige Denkanstöße für die Entwicklung von Anrechnungsverfahren digital und extern erworbenen Wissens geben, lassen sich bestehende Bestimmungen jedoch nicht ohne Weiteres hierauf übertragen. Dies liegt vor allem daran, dass die Frage der Zertifikation und damit verbunden Verifizierung sowie Übertragbarkeit von Lernleistungen bislang noch nicht geklärt worden ist, wie anhand folgender Fallbeispiele illustriert werden soll.

 

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