Published July 24, 2017 | Version v1

Trauma & Text: Kann Schreiben heilen? Strategien des autobiografischen Erschreibens und diskursiven Verhandelns von (un-)sicherem Wissen zu Krieg und kriegerischer Gewalt

Authors/Creators

  • 1. Universität Heidelberg

Description

Abstract:

Wortassoziationen, Metaphern, Vergleiche, Symbole – Strategien des Erschreibens und diskursiven Verhandelns

von (un-)sicherem Wissen zu Krieg und kriegerische Gewalt

Margret Mundorf

Im Kontext von Kriegsfolgen und kriegerischer Gewalt wird berichtet und dokumentiert; analysiert und begründet; angeklagt und rechtfertigt; behauptet und negiert; bezeugt und geschwiegen; überliefert, verdrängt und vergessen. Diese unterschiedlichen Sprechhandlungs- und Semantisierungsstrategien erschweren oder verunmöglichen die Wahrheitsfindung im Sinne eines Konsenses über gesichertes Wissen.

Kriege und kriegerische Gewalt hinterlassen langfristig Spuren bei den Betroffenen: körperlich und seelisch eingeschriebene Verletzungen, Traumata mit zahlreichen Symptomen. Gravierende Folgen sind bei Angreifern und Angegriffenen, Tätern und Opfern, bei Zeugen und sogar bei den Nachgeborenen festzustellen: als innerpsychische Folgen, zwischen verfeindeten Ethnien, Religionen und Nationen und zwischen Generationen. Diese traumatischen und konflikthaft-zerstörerischen sozialen Dynamiken wirken sich auf das Artikulieren oder Nicht-Artikulieren von verübter, erlittener oder bezeugter Gewalt aus. Somit geht es nicht nur um ‚Artikulationen des Unsicheren‘, sondern um die Facetten und Abstufungen zwischen Artikulation und Nicht-Artikulation, zwischen Sicherem und Unsicheren, zwischen dem partiellen Wissen der einen und dem der anderen.

Anknüpfend an meine abgeschlossene literaturlinguistische Vergleichsstudie zu autobiografischen Erinnerungstexten an NS und Shoah aus divergenten Perspektiven untersucht mein aktuelles Projekt die narrativen Strategien, mit denen ungesichertes, vergessenes, im Traumaerleben verdrängtes und dissoziiertes Wissen und affektives Erleben im Prozess des autobiografisch-literarischen Schreibens in einer tastend-suchenden Schreibbewegung erschrieben, ‚wiedergeholt‘, geprüft und in Frage gestellt wird: durch das Schreiben entlang von assoziativen Wortverbindungen, mit der Verwendung von sprachlichen Bildern, Metaphern, Vergleichen und Symbolen. Mit Ansätzen und Methoden aus der linguistischen Schreibforschung, der kognitiven (Psycho-)Linguistik und der Psychotraumatologie wird danach gefragt, wie beim autobiografischen Schreiben gewaltsame traumatische Erinnerungen im Kontext von Krieg mithilfe von Assoziationen, Metaphern und Bildern versprachlicht und kognitiv sowie emotional verarbeitet werden.

Das Projekt bedient sich nicht nur selbst eines literaturlinguistischen methodischen Instrumentariums, um den Zusammenhang von Unausgesprochenem und Unsicherem einerseits sowie dem schreibenden Versprachlichen andererseits zu untersuchen. Es verfolgt zugleich den Anspruch, heilsame Strategien zu entwickeln für Menschen, die traumatisch von kriegerischer Gewalt, Fluchterfahrung oder Naturkatastrophen betroffen sind, um das gewaltsam Erlebte sprachlich zu ‚sichern‘, dessen habhaft zu werden und die an das traumatische Erleben geknüpften Affekte verarbeiten zu können. Darüber hinaus werden die narrativen Strategien sprachlicher Bilder und assoziativer Verbindungen im Prozess des autobiografischen, fiktionalen oder faktualen, selbstreferenziellen Schreibens daraufhin untersucht, unter welchen Bedingungen subjektiv bzw. partiell ‚sicheres‘ Wissen anschluss- und dialogfähig ist, sodass eine diskursive Auseinandersetzung möglich wird. Partielles Wissen kann dann verhandelt werden, ohne die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge aufzugeben

 

Files

Poster_Mundorf_Trauma_Text_Strategien_des_Erschreibens_EZS_2017.pdf

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