Published January 1, 2011 | Version v1

Klassenmusizieren und Motivation

  • 1. (Autor/in)
  • 2. Hochschule Luzern

Description

Mit mittlerweile über sechzig Bläserklassen sowie etlichen Streicher- und Perkussionsklassen erfreut sich das Klassenmusizieren auch in der Schweiz zunehmender Beliebtheit. Obwohl als Erfolgsmodell bezeichnet, wurde das Klassenmusizieren (KM) bisher nur vereinzelt wissenschaftlich evaluiert. Zudem
bestehen kaum empirische Studien zu den Effekten des KM. Wie diese Pilotstudie nun bestätigt, ist das KM – vor allem was die motivationalen Auswirkungen auf die Schüler betrifft – tatsächlich ein sehr aussichtsreiches Unterrichtsmodell. Uns interessierte deshalb in erster Linie, welche motivationalen
Faktoren zu dieser Popularität des KM bei den Schülern beitrugen. Übergeordnetes Ziel dieser Untersuchung war es, die Untersuchungsresultate für Studierende und KM-Musikpädagogen/-innen nutzbar zu machen. Die aus dieser Studie resultierende Broschüre „Klassenmusizieren und Motivation“ (Forschungsbericht der Hochschule Luzern – Musik 2A), welche die wichtigsten Projektergebnisse mit Hinweisen zur Förderung von Motivation (und letztlich erfolgreicher Lernprozesse) verbindet, unterstreicht den praxisorientierten Ansatz dieser explorativ-deskriptiven Studie.


Wir fragten in unserer Untersuchung, welche methodisch-didaktischen Aspekte des KM positive Motivationsanreize für die Schülerinnen und Schüler zu setzen vermögen und wie diese zu erklären sind. „Improvisation“ und „Spiel nach Notentext“ waren die inhaltlichen Aspekte, „Entdeckenlassendes Verfahren“ und „Aufgebendes Verfahren“ sowie die Unterrichtsformen „Klassenunterricht“ und
„Gruppenarbeit“ bildeten die methodischen Komponenten. Neben diesem methodisch-pädagogischen Blickwinkel kam der Studie zusätzlich eine soziologisch/sozialpsychologische Perspektive zu. So wurde geprüft, ob sich Motivationsausprägungen zwischen Schülern mit unterschiedlichen sozialen
Merkmalen (soziale Herkunft und musikalischen Praxis der Familie) voneinander unterschieden.


Als theoretische Motivationskonzepte diente uns zum einen die „Flow-Theorie“ (Csikszentmihalyi, 1999). Der bei kreativen Aktivitäten sowie bei Kindern auftretende Motivationsanreiz liegt oft im tätigkeitszentrierten Handeln, d. h. die Tätigkeit ruft eine bestimmte Motivation – das Flow-Erleben – hervor. Zum andern verwendeten wir das z. T. an der Leistungsmotivation orientierte Konzept der
„aktuellen Motivation“, das sich ergänzend zur Flow-Theorie mit den Faktoren Erfolgswahrscheinlichkeit, Misserfolgsbefürchtung und Herausforderung auseinandersetzt (Vollmeyer & Rheinberg 2003). Neben diesen beiden Motivationskonzepten spielte das Interesse eine zentrale Rolle. Hier haben
wir unterschieden zwischen individuellem Interesse, bei welchem eine gefestigte Präferenz für eine Tätigkeit vorhanden ist (beispielsweise für Musik), und welches jeweils von neuem aktualisiert werden kann, und dem situationalen Interesse, das erst durch eine bestimmte Situation angeregt wird.


Hinsichtlich der Methodenwahl verwendeten wir eine kombinierte Untersuchungsstrategie mit quantitativen (Flow-Messungen, Fragebogen zum Interesse) und qualitativen (Interviews) Methoden. Die Stichprobe bestand aus drei KM-Klassen (Bläser-, Streicher- und Perkussionsklasse) und umfasste insgesamt 64 Kinder der vierten Primarstufe der Ortschaften Rheinfelden (Perkussion und Streicher) und Altdorf (Bläser). Die Selektion der Untersuchungsteilnehmer beruhte also auf rein instrumentenspezifischen Kriterien. In Anbetracht dieser relativ kleinen Untersuchungspopulation und der Art des Samplingverfahrens sind die Resultate als nicht repräsentativ zu betrachten.


Eine grundlegende Erkenntnis dieser Studie war, dass die Kinder das KM als besonders motivierend erfuhren. Die erlebte Motivation während des KM war vor allem tätigkeitszentriert, d. h. der Motivationsanreiz ergab sich hauptsächlich aus dem Spielen, der musikalischen Aktivität selbst. Am motiviertesten zeigten sich die Bläser, was womöglich auf den grössten didaktischen-methodischen Erfahrungsschatz bei diesem in der Schweiz am meisten praktizierten Modell zurückzuführen ist. Doch auch der soziale Hintergrund hatte Einfluss auf die erlebte Motivation: Mädchen, Kinder mit musikalischen Erfahrungen (Musikschulbesuch) und mit höher gebildeten Eltern zeigten im Allgemeinen eine
stärkere Motivation als Knaben, Kinder ohne Musikschulbesuch und weniger gebildeten Eltern.


Bezüglich der Motivationsformen zeigten die unterschiedlichen Daten ein sehr differenziertes Bild: So war seitens der Schüler neben dem Wunsch nach abwechslungsreichem Unterricht generell ein Interesse zugunsten konstruktiver Unterrichtsansätze (vor allem für das Entdeckenlassende Verfahren) zu beobachten, was jedoch im Widerspruch zu den Flow-Werten stand, welche mehrheitlich bei instruktiven Unterrichtsansätzen (Aufgebendes Verfahren und Spiel nach Notentext) höher waren. Zur Erklärung dieser Diskrepanz zwischen den Interessen und dem Flow kann einerseits auf die Selbstbestimmungstheorie
von Deci & Ryan (1985; 1993) zurückgegriffen werden: Das Bedürfnis nach Kompetenz, Selbstbestimmung und grösseren Gestaltungsmöglichkeiten dürfte die Kinder dazu bewogen haben, dem konstruktiven Ansatz den Vorzug zu geben. Andererseits fühlten sie sich bei instruktiv geführten Aufgaben sicherer, da dort die Vorgaben deutlich umrissen und Ängste vor Fehlern und Misserfolgen kleiner bzw. die Erfolgszuversicht grösser waren. Gruppenarbeit wurde von einer grossen
Mehrheit der Schüler sehr deutlich gegenüber dem Klassenunterricht präferiert, obwohl gerade in dieser Unterrichtsform die Besorgnis über die eigene Kompetenz am grössten war. Überschaubarkeit, geringere Wartezeiten, geringere Anfälligkeit auf Störungen durch Mitschüler und die Möglichkeit zur Verbesserung gaben dabei den Ausschlag für die Gruppenarbeit.


Zu beachten gilt aber, dass die Motivation bei einem bestimmten KM-Aspekt jeweils davon abhängig war, in welcher Kombination dieser Aspekt eingebunden war. So zeigte sich, dass die konstruktiven Unterrichtsansätze, vor allem die Improvisation, die Kinder zum grossen Teil im Rahmen der Gruppenarbeit motivierte. Dies stand im Gegensatz zum Notenspiel, für welches die Kinder öfters Interesse im Kontext des Klassenunterrichts zeigten.


Schliesslich unterschieden sich die nach sozialen Merkmalen differenzierten Untersuchungsteilnehmer in ihrer Motivation für die diversen KM-Aspekte. So war die Motivation der männlichen Schüler im Vergleich zu den Mädchen beim Entdeckenlassenden Verfahren grösser. Letztere fühlten sich beim Aufgebenden Verfahren deutlich wohler, was mit deren stärkeren Misserfolgsbefürchtung während dem Entdeckenlassenden Verfahren zusammenhing. Die Knaben waren ohnehin selbstsicher, was ihr musikalisches Können und ihre Erfolgsaussichten betrifft. Kinder aus gebildetem Elternhaus motivierte eher das Musizieren nach dem Entdeckenlassenden Verfahren sowie im Rahmen der Improvisation.


Diesen Erkenntnissen zufolge liegt das grösste Entwicklungspotential für die KM-Praxis in der Auseinandersetzung mit und der Vertiefung von konstruktiven Unterrichtsansätzen. Ferner sollte bei der Gestaltung des Unterrichts auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der sozial heterogen zusammengesetzten
Klassen Rücksicht genommen werden.

Notes

+ zhb_980838 + Reihe: Forschungsbericht der Hochschule Luzern - Musik, 2

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