Wissensordnungen auf Papier und Bildschirm. Bibliothekskataloge zwischen Informationsinfrastruktur, Museums- und Archivgut
Description
Auch wenn sie häufig im Schatten der Diskussionen über die Zukunft des analogen Buches verschwindet, steht in Bibliotheken angesichts der technischen Entwicklungen die Frage nach der Bewahrung historischer Informationsmedien im Raum. Für sie gilt, was Dennis Duncan über Indexe allgemein bemerkt hat: sie sind als materialisierte Wissensordnungen mehr als eine Datenstruktur. Alte Kataloge öffnen den Blick auf die Frage nach dem spezifisch in ihnen aufgehobenen Wissen "im Zeitalter ihrer Digitalisierbarkeit". Wie man bei Walter Benjamin lernen kann, treten grundsätzliche Bedingungen einer medialen Verfasstheit erst retrospekiv in den Blick: So erkennen wir die Bedeutung der „Aura“ eines Originals erst, wenn seine technische Reproduzierbarkeit sie infrage stellt. Ähnlich legt uns erst der Übergang von materiellen, an spezifische Praktiken gebundenen Katalogen zu digitaler Information die Bedingungen unserer Wissensordnungen und die Wissensproduktion in und über Bibliotheken auch in diesen materialen Quellen offen.
Die aktuelle Auseinandersetzung um die Zettelkataloge der Staatsbibliothek sollte deshalb nicht an der Oberfläche bleiben, und "nur" nach aktuell bereits sichtbaren Forschungsbedarfen an den alten Katalogen fragen. Sie bietet die Chance grundsätzlich über Kriterien für eine Entscheidung über die Erhaltung materialer Altbestände solcher Informationsinfrastrukturen nachzudenken, die auch mit künftigen Forschungsbedarfen rechnen. Wann, warum und in welcher Form sollen solche Bestände erhalten werden? Treten sie aus ihrer ursprünglichen Nutzung in eine Musealisierung ein oder werden sie als Überreste institutionalisierter Arbeit zu Archivgut im engeren Sinne? Welche Folgen hat das eine oder das andere für die Auswahl aus der Gesamtüberlieferung etc. Neuere Arbeiten zur Wissens- und Wissenschaftsgeschichte in ihrer Verbindung aus Praxeologie, medienwissenschaftlich informierter historischer Epistemologie und Institutionengeschichte bieten für solche Überlegungen den Kontext. Am Ende steht auch hier die Frage: Wie sind die Kataloge der Berliner Staatsbibliothek aus solcher Perspektive zu bewerten?
Notes (German)
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