Published November 28, 2025 | Version v1
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Unsicherheit Sichtbarkeit verleihen. Visualisierungsstrategien für Unsicherheit in kolonialen Sammlungskontexten

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Description

Die Digitalisierung, Erfassung, digitale Repräsentation und Distribution von Sammlungsobjekten aus kolonialen Kontexten konfrontiert Wissenschaftler*innen und Entwickler*innen mit grundlegenden epistemischen, ethischen und technischen Herausforderungen. Fragmentierte oder fehlende Provenienzen, Conflicting Narratives sowie die Gefahr, koloniale Machtverhältnisse im digitalen Raum zu reproduzieren, erzeugen vielfältige Formen von Unsicherheit. Während diese im Sammlungsforschungskontext häufig als Defizite behandelt werden und in Datenbanken sowie Digitalisierungsstrategien kaum Beachtung finden, eröffnen Visualisierungsstrategien Potenziale, Unsicherheiten als Ansatzpunkte für Erkenntnisgewinn explizit sichtbar, verhandelbar und multiperspektivisch erfahrbar zu machen.

Der Beitrag stellt einen interdisziplinär entwickelten Anforderungs- und Fragenkatalog zur wissenschaftlich und ethisch reflektierten Visualisierung technischer, inhaltlicher und epistemischer Unsicherheit vor. Methodisch basiert die Arbeit auf einer erstmaligen systematischen Verbindung von Perspektiven, Ansätzen und Expertisen aus der Human-Computer Interaction (HCI) und der Sammlungsforschung. Die zugrunde liegende Typologie epistemischer Unsicherheit – etwa in Form von Datenlücken, begrifflicher Ambiguität oder widersprüchlicher Quellenlage – knüpft an Arbeiten von Boukhelifa et al. (2017) und Panagiotidou et al. (2023) an. Anwendungsbeispiele aus kolonialen Sammlungskontexten werden mit Visualisierungsstrategien der HCI verknüpft, um bestehende Gestaltungsansätze kontextspezifisch zu erweitern.

Der Katalog wird durch technische und ethische Leitlinien – insbesondere die FAIR- und CARE-Prinzipien – gerahmt. Ziel ist es, Unsicherheit nicht zu minimieren oder zu kaschieren, sondern als zentrale Wissenskategorie produktiv in die Gestaltung digitaler Sammlungsoberflächen, Ausstellungen und Vermittlungsformate zu integrieren. Die explizite Visualisierung von Unsicherheit erweitert nicht nur die Auffindbarkeit und Zugänglichkeit sensibler Kontextinformationen, sondern fördert auch deren Interoperabilität und Wiederverwendbarkeit im wissenschaftlichen und kuratorischen Diskurs – ganz im Sinne der FAIR-Prinzipien. 

Digitale Interfaces, die Unsicherheiten explizit Sichtbarkeit verleihen, ermöglichen neue Formen epistemischer Transparenz. Nutzer*innen können aktiv mit Ambiguität umgehen, alternative Deutungen nachvollziehen und sich an Aushandlungsprozessen von Wissen beteiligen. Dies schafft im Sinne einer Dekolonisierung digitaler Sammlungen die Grundlage für intersektionale Forschung nach den CARE-Prinzipien. Digitale Repräsentationen werden so nicht losgelöst von Herkunftsgesellschaften, sondern relational, dialogisch und verantwortungsvoll gestaltet.

Der Beitrag liefert damit eine Grundlage für zukünftige Gestaltungsvorhaben, in denen digitale Repräsentationen kolonialer Sammlungen reflexiv, relational und transparent entwickelt werden können.

Diese Präsentation ist im Rahmen der Tagung "Digital Turn. Sammlungen – Provenienzen – Märkte", die am 27. und 28. November 2025 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand, entstanden.

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