Published May 15, 2023 | Version v1

Die Corona-Krise als 'Gamechanger' für die Transformation zur Nachhaltigkeit?

  • 1. Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Description

Die Umweltpsychologie identifiziert verschiedene Rollen (Stern, 2000), in denen Individuen
die Große Transformation zur Nachhaltigkeit mitantreiben oder aber auch blockieren
können (Matthies, 2018). Menschen können durch ihr Verhalten als Konsument*
innen Einfluss auf die Umweltkrise nehmen, indem sie bei ihren Konsumentscheidungen
Klimaschutzaspekte berücksichtigen, also bestimmte Produkte (Fleisch)
oder Dienstleistungen (Fliegen) meiden und ihren Lebensstil nachhaltig ausrichten.
Außerdem können sie in ihrer Rolle als Bürger*innen einen Beitrag leisten, etwa als
Aktivist*innen oder durch die Unterstützung von klimaschützenden Steuerungsmaßnahmen;
schließlich auch als Nischenakteur*innen, die in ihrem Umfeld innovative Veränderungen
anstoßen und unterstützen. Kern unserer Studien war es, systematisch,
unter Bezug auf alle diese Rollen, Informationen zu möglichen Einflüssen der Pandemie
auf die Beteiligung an der Großen Transformation zu generieren. Dazu führten wir
im Frühsommer 2020 zwei, für ausgewählte Bevölkerungsmerkmale repräsentative,
Erhebungen durch (COR20, N = 3092 und LSA20, N = 300). Veränderungen wurden
sowohl retrospektiv, sowie durch den Vergleich mit öffentlich zugänglichen Datensätzen
aus Vorjahren (z. B. Umweltbewusstsein in Deutschland 2016, 2018) untersucht.
Zusätzlich wurden in den Erhebungen vermittelnde psychologische Konstrukte erfasst.
Es konnten für alle Rollen Hinweise auf die Relevanz der Pandemie gefunden werden:
Als Konsument*in: Es konnte gezeigt werden, dass die Corona-Krise im Sinne eines
Gelegenheitsfensters für nachhaltigkeitsrelevante Veränderungen wirkt (Matthies et
al., 2020; Schmidt et al., under review; Schmidt et al., i. Vorb.). Zwar berichteten die
Studienteilnehmer*innen im Sommer 2020 den Wunsch nach künftig wieder mehr Mobilität,
aber es gab keine Anzeichen für Überkompensation. Im Gegenteil, der Wunsch
nach nachhaltiger Mobilität (insbesondere Rad- und Fußmobilität) erschien im Vergleich
zu Vorjahren ausgeprägter. Im Bereich der Radmobilität und bei der Flugreisenplanung
zeigen psychologische Analysen die Relevanz von persönlichen Klimaschutznormen.
Beim Einkauf und der Verwendung von Lebensmitteln berichteten die Studienteilnehmer*
innen im Sommer 2020 u. a. einen verringerten Fleischkonsum sowie
eine geringere häusliche Lebensmittelverschwendung im Vergleich zum Vorjahr. Auch
im Ernährungsbereich zeigen die Analysen die Relevanz persönlicher Klimaschutznormen.
Als Bürger*in: Die Corona-Krise führte nicht zu einer Verdrängung der Bedeutung der
Klimaschutzthematik oder der Klimaschutzmaßnahmenakzeptanz (Datensatz COR20;
Vergleich mit Vorjahreserhebungen). Klima- und Umweltschutz wurden im Sommer
2020 als noch genauso relevant und ernst wahrgenommen wie vor der Pandemie. Die
Bereitschaft zur Unterstützung von Klimaschutzmaßnahmen blieb im Vergleich zu vor
der Pandemie konstant oder nahm sogar zu (Matthies et al., 2020). Die Bereitschaft
zur Maßnahmenakzeptanz (Datensatz LSA20) kann bezogen auf die Klima- und
Corona-Krise durch gemeinsame Faktoren vorhergesagt werden: Selbsttranszendenz-
Werte und soziale Identität. Auch die Wahrnehmung der Krise(n) als kollektive
Herausforderungen und die wahrgenommene kollektive Wirksamkeit sagen, krisenspezifisch
unterschiedlich, Maßnahmenunterstützung voraus (Wallis et al., eingereicht).
Als Nischenakteur*in: Hier zeigen Vergleiche, dass Nischenaktivitäten im Bereich
der Nachhaltigkeit seit 2016 positiver bewertet und auch häufiger genutzt werden (z.
B. Initiativen und Kooperativen für nachhaltigen Konsum von Nahrungsmitteln oder
Internetseiten, auf denen Produkte aus Second-Hand-Beständen angeboten werden).

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