Vom Versprechen der Entlärmung. Geräuschkulissen in Erfurt (1950-1975), in: Historische Anthropologie 22 (2014) 3, S. 384-407.
Description
Wie klingt Sozialismus im urbanen Raum einer DDR-Bezirkshauptstadt? Diese
Frage verknüpft Überlegungen zur Soundgeschichte einer Stadt mit den Aspekten
Umwelt und öffentliche Hygiene. Lärm als Problemlage des städtischen Raumes
auszumachen, erforderte Perspektivenwechsel, die nicht nur das DDR-Gesundheitswesen
vor Herausforderungen stellte. Gesund zu werden, gesund zu bleiben, galten
als Anforderungen öffentlich-administrativer Vorgaben an die private Lebensgestaltung.
Die entsprechenden Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass steckte sich die
sozialistische Gesundheitsverwaltung als eines ihrer Ziele und Kernaufgaben.
Die gesellschaftlichen Anstrengungen zum Aufbau des Sozialismus in der DDR
führten dazu, dass sich die Lebens- und Umweltbedingungen im öffentlichen Raum
zu durchaus umkämpften Handlungsfeldern innerhalb der staatlichen Gesundheitsvorsorge
entwickelten. Öffentliche Gesundheit bildet so eine Herrschaftsdimension, in
der staatliche Legitimität erzeugt und verhandelt wurde. Stadthygiene ist ein solches
Feld. Dort gewann insbesondere der kommunale Lärmschutz im Verlauf der 1970er
Jahre immer stärker an Gewicht.
Welche Klangfarben kennzeichnen den Aufbau des Sozialismus in der DDR von
den Fünfziger bis hinein in die Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts? Sind
das Fallhämmer in Werkstätten und Fabriken, die mit Ausnahmegenehmigung auch
außerhalb der Nachtruhezeit liefen, oder Presslufthämmer, die neuen Belag auf Straßen
verdichteten, Wege in Neubaugebiete anlegten, oder quietschende Straßenbahnen,
die die Schichtarbeitenden zu ihren Arbeitsplätzen brachten?
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