Belegung und Inanspruchnahme in der Suchtrehabilitation und -nachsorge während der Corona-Pandemie: Ergebnisse einer Online-Einrichtungsbefragung
Authors/Creators
- 1. Charité - Universitätsmedizin Berlin, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft
Description
Hintergrund und Zielstellung
Durch die SARS-CoV-2-Pandemie sind in vielfältiger Hinsicht Auswirkungen auf die medizinische Rehabilitation zu verzeichnen. So nahm die Zahl der Anträge auf medizinische Rehabilitation während der Pandemie deutlich ab (Bethge et al., 2021). Die Suchtrehabilitation ist besonders von der Pandemie betroffen, da sie im Vergleich zu somatischen Indikationen u.a. andere Zugangswege, längere Belegungszeiten und ein besonders vulnerables Patient:innenenklientel aufweist (Weissinger, 2020). Breite empirische Befunde zu Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Einrichtungen der Suchtrehabilitation fehlen bislang weitgehend. Ziel dieser Arbeit ist es daher, Erkenntnisse zur Inanspruchnahme und Belegung der Suchtrehabilitation und ‑nachsorge zu präsentieren.
Methoden
Das Forschungsprojekt „„Auswirkungen der SARS‐CoV‐2-Pandemie auf die Sucht-Rehabilitation“ (CoV-AZuR)“ wurde in einem Mixed-Methods-Design konzipiert. Einen Baustein stellt die Onlinebefragung sämtlicher Einrichtungen der Suchtrehabilitation und ‑nachsorge in Deutschland dar, welche im Herbst 2021 zu sieben Themengebieten durchgeführt wurde. 1.087 Einrichtungsstandorte wurden im Rahmen einer Vollerhebung kontaktiert. Die Beantwortung des Fragebogens durch die ärztliche, therapeutische oder kaufmännische Einrichtungsleitung war separat pro Standort oder gesammelt für mehrere Standorte möglich.
Der Rücklauf lag unter Berücksichtigung der Ein- und Ausschlusskriterien bei 301 Fragebögen zu 494 Standorten. Diese gehen vollständig in die vorliegende Auswertung von Items zum Themengebiet “Belegung und Inanspruchnahme” ein. Die Ergebnisse werden in absoluten und prozentualen Häufigkeiten angegeben.
Die Ergebnisse werden getrennt nach Leistungstyp (stationäre Rehabilitation (STR), Adaption (ADA), ganztägig ambulante Rehabilitation (TAR), ambulante Rehabilitation (ARS) und Sucht-Nachsorge (NAS)) berichtet. Für einige Analysen wurden die antwortenden Einrichtungen in zwei Settings gruppiert: Setting 1: stationäres bzw. ganztägig ambulantes Setting (mindestens ein Standort STR, ADA oder TAR) und Setting 2: berufs-/alltagsbegleitendes ambulantes Setting (Einrichtungen, die ausschließlich ARS und/oder NAS anbieten).
Ergebnisse
In der Stichprobe verteilten sich die Leistungstypen folgendermaßen: 61 Einrichtungen gaben an, eine STR anzubieten, 39 eine ADA, 26 eine TAR, 161 eine ARS und 223 eine NAS. Für die zwei definierten Settings resultierten folgende Häufigkeiten: 83 Einrichtungen wurden dem Setting 1 und 218 Einrichtungen dem Setting 2 zugeordnet.
Über einen Aufnahmestopp von neuen Patient:innen in der ersten Welle der Pandemie berichteten 38% der Einrichtungsleitungen in Setting 1 und 11% in Setting 2. Gründe waren vornehmlich innerbetriebliche Umstrukturierungen sowie landesrechtliche oder behördliche Anordnungen.
Einrichtungsleitungen aller Leistungstypen gaben an, dass Behandlungsplätze reduziert werden mussten (Tabelle 1), am stärksten in der STR (45,9%) und in der TAR (57,7%). Wenn reduziert werden musste, verringerten sich die Behandlungsplätze in den Hochinzidenzphasen der Pandemie deutlich stärker als in den Niedriginzidenzphasen: In der STR mussten die Behandlungsplätze beispielsweise in den Hochinzidenzphasen im Mittel um 24% reduziert werden, in den Niedriginzidenzphasen um ca. 12%.
In Setting 1 wurden am häufigsten als Gründe der Mangel an Therapieräumen (34%) und Patient:innenzimmern (34%) sowie das Freihalten von Kapazitäten für die Notfallversorgung (30%) angeführt. In Setting 2 wurde am häufigsten ein Mangel an Therapieräumen als Grund genannt (100%), gefolgt von Personalmangel durch Therapieanpassungen und Fehlzeiten (jeweils 26%).
Etwa die Hälfte der Einrichtungsleitungen gab an, dass die Nachfrage während der 1. Welle niedriger war als im Jahr 2019 (Tabelle 2). Für die Zeit nach der 1. Welle änderte sich diese Einschätzung: Der Anteil derer, die eine niedrigere Nachfrage verzeichneten, sank bei allen Leistungstypen außer bei der ADA. Diejenigen, die eine geringere Nachfrage berichteten, gaben als Gründe in Setting 1 an, dass die Weitervermittlung durch Akutkliniken fehle (76%), die Patient:innen verunsichert über die Behandlungsmöglichkeiten während der Pandemie seien oder strenge Hygieneregeln fürchteten (jeweils 73%). In Setting 2 war mit 85% die Verunsicherung der Patient:innen der am häufigsten genannte Grund.
Diskussion und Fazit
Die Analysen zeigen, dass die SARS-CoV-2-Pandemie starke Auswirkungen auf die Suchtrehabilitation und -nachsorge hatte: So konnten im ganztägigen Setting zunächst häufig keine neuen Patient:innen aufgenommen werden. Aus Mangel an Räumlichkeiten und Personal aufgrund der Pandemie mussten die verfügbaren Behandlungsplätze in vielen Einrichtungen reduziert werden. Gleichzeitig sank nach Einschätzung der Einrichtungsleitungen auch die Nachfrage auf Behandlungsplätze, was diese hauptsächlich auf die Verunsicherung der Patient:innen durch die Pandemie sowie auf eine reduzierte Weitervermittlung von Patient:innen durch Akutkliniken zurückführten. Dies steht im Einklang mit der Beobachtung, dass in den ersten Wochen der Pandemie die Anzahl der Entgiftungsbehandlungen zurückging (Suhren et al., 2021).
Literatur
Bethge, M., Fauser, D., Zollmann, P., Streibelt, M. (2021): Reduced Requests for Medical Rehabilitation Because of the SARS-CoV-2 Pandemic: A Difference-in-Differences Analysis. Arch Phys Med Rehabil.
Suhren, E., von Dewitz, M., Bodemer, N., Lohmann, K. (2021). Forschungsaktivitäten zu den Auswirkungen von COVID-19 auf den Substanzkonsum, die Entwicklung von Verhaltenssüchten sowie das Suchthilfesystem. Berlin, Institut für Innovation und Technik (iit).
Weissinger, V. (2020): Übersicht über Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Versorgungs- und Behandlungssystem für suchtkranke Menschen. SUCHT, 66(4). 183-194.