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Studiengänge in der Digitalisierung – Baustelle Curriculumsentwicklung

Sven, Grünewald

Die vorliegende Studie knüpft an die Ergebnisse der Arbeitsgruppe Curriculum 4.0 des Hochschulforums Digitalisierung an. Diese hat 2018 Empfehlungen zur Entwicklung zukünftiger digitaler Kompetenzen in der Wissensvermittlung an Hochschulen erarbeitet und angeregt, die bisherigen Ansätze um eine curriculare Komponente zu ergänzen und die Curriculumentwicklung im digitalen Zeitalter in den Fächern zu modernisieren.

Im März 2019 hat die Kultusministerkonferenz ebenfalls „Empfehlungen zur Digitalisierung in der Hochschullehre“ verabschiedet (vgl. KMK, 2019), welche die Länder insbesondere in der Lehramtsausbildung auffordert, die Aufnahme digitaler Inhalte in die Curricula zielgerichtet voranzutreiben, ohne indes im Sinne eines Kerncurriculums konkretere Vorgaben zu machen. Bundesweit vereinheitlichende Vorgaben zur Ausgestaltung von Curricula 4.0 fehlen entsprechend weiterhin, die curriculare Ausgestaltung ist dem Spannungsfeld aus Ländervorgaben, Hochschulautonomie und Fachdiskursen überlassen. Ansätze, die politischen Zielvorgaben in konkrete Lehrmodule und Curricula zu übersetzen, existieren vereinzelt auf Länderebene.

Um zielgerichtet weitere Impulse für die Entwicklung von Curricula 4.0 geben zu können, stellte sich für das Hochschulforum Digitalisierung die Frage, wie weit vorangeschritten dieser auf Curricula orientierte Diskurs in den einzelnen Fachdisziplinen bereits ist und wo Unterstützungsbedarfe liegen. Curriculumentwicklung wurde dabei im Rahmen dieser Studie in die drei Komponenten digitale Lehrmethoden, digitale Lehrinhalte und curricular verankerte digitale Kompetenzen unterteilt. Die Bestandsaufnahme des aktuellen Diskussionsstands zur Curriculumentwicklung im Zeichen der digitalen Transformation zeigt insgesamt ein heterogenes Bild.

 

Digitale Lehrmethoden: In der Breite der Fachdisziplinen und Hochschulen existieren viele Ansätze, digitale Lehrmethoden zu nutzen. Das Feld digitaler Lehrmethoden ist allerdings extrem weit – es reicht beispielsweise vom simplen Einsatz von PDFs oder online Lehrplattformen zur Seminarorganisation bis hin zu vorbereitungsintensiven Blended Learning-Ansätzen. Zudem weist der Bereich digitaler Lehrmethoden auch eine hohe individuelle Abhängigkeit vom jeweiligen Lehrenden auf, der darüber entscheidet, wie er unterrichtet. Erfahrungswerte einzelner Lehrender setzen sich dabei nicht zwangsläufig flächendeckend durch, weil innerfachliche, innerfakultäre oder innerhochschulische Austauschforen nicht selbstverständlich sind und die hohe Personalfluktuation des wissenschaftlichen Personals es erschwert, eine Methodenkontinuität zu schaffen. Zudem ist der Aufbau von Erfahrungswissen in der Anwendung digitaler Lehrmethodenbei anspruchsvollen Methodiken, wie z.B. Blended Learning, zeitaufwändig. Da für die wissenschaftliche Karriere jedoch der Publikationsoutput maßgeblich ist und weniger die Lehrperformance, existieren wenig Anreize, Zeit in aufwendige Lehrkonzepte zu investieren.

Digitale Lehrinhalte: Da sich Lehrinhalte am fachlichen Gegenstand orientieren, bilden die einzelnen Fachbereiche zwangsläufig die Digitalisierung ab – in dem Maße, wie sie sich auf den jeweiligen fachlichen Gegenstand auswirkt. Das reicht etwa von der routinierten Nutzung von Datenbanken über digitale Geschäftsmodelle bis zum Funktionieren einzelner Technologien. Ausnahmen existieren jedoch auch hier – beispielsweise in der Medizin, die die digitalen Veränderungen bisher nur ungenügend adressiert. Die Sensibilisierung dafür, auf Fachebene Digitalisierungsaspekte inhaltlich zu berücksichtigen, wird im Allgemeinen jedoch als sehr ausgeprägt wahrgenommen. Die Einbindung digitaler Lehrinhalte scheint damit in den allermeisten Fachdisziplinen weitgehend automatisch analog zur digital getriebenen Weiterentwicklung der Fächer und ihrer Betrachtungsgegenstände stattzufinden; zwischen den Fächern differieren die konkreten Inhalte allerdings teils erheblich, sie sind fachspezifisch hoch individuell.

Curricular verankerte digitale Kompetenzen: Die Vermittlung digitaler Kompetenzen geschieht bislang bedarfsorientiert an den fachlichen Erfordernissen. Entsprechend werden digitale Kompetenzen bereits flächendeckend vermittelt, ohne dass sie zwangsläufig einen formalisierten Eingang in Curricula erfahren haben. Qualität und Quantität der vermittelten Digitalisierungskompetenzen sind je nach Fachdisziplin allerdings unterschiedlich ausgeprägt. Ein systematischer Ansatz, die bisherigen Digitalisierungselemente eines Faches auf den Prüfstand zu stellen, den eigenen Stand des Digitalisierungsfortschritts zu reflektieren sowie ihn ganzheitlich zu betrachten, fehlt hingegen weitgehend. Digitalisierung in fachlichen Curricula abzubilden, ist ein noch stiefmütterlich behandelter Bereich.

Aus dem vorliegenden Befund lassen sich verschiedene Empfehlungen ableiten, wie die Entwicklung von Curricula 4.0 und insbesondere die Vermittlung digitaler Kompetenzen vorangetrieben werden könnte. An Hochschulen/Fakultäten lässt sich mitunter ein eingeschränktes Digitalisierungsverständnis beobachten, zudem fehlt es mancherorts noch an Sensibilisierung für das Thema sowie an Erfahrungswissen über tragfähige Konzepte.

Der Aufbau eines Beraternetzwerks von Expert*innen für Curricula 4.0 kann hier zielgerichtet weiterhelfen. Besagte Berater*innen können überhochschulische Stakeholder als Multiplikatoren aktiv beraten sowie in Hochschulen/Fakultäten Wege aufzeigen, sich systematisch curricular mit Digitalisierungskompetenzen zu befassen. Solche Expert*innen können auch helfen, ein vielerorts verbreitetes Silodenken zu überwinden. Über Pilotprojekte mit geeigneten Fakultäten ließen sich gezielt Impulse in die Fächer tragen. Bisherige passive Ansätze – beispielsweise das Anbieten von Gesprächsforen oder das Einrichten von Arbeitsgruppen bei überhochschulischen Akteuren – adressieren in der Regel nur die ohnehin schon für das Thema Sensibilisierten und haben eine sehr niedrige Reichweite.

Im Sinne einer stärkeren Digitalisierung von Lehrmethoden wäre es hilfreich, einen zentralen bundesweiten Methodenkatalog aufzubauen, der fachspezifisch best practice Ansätze sammelt und so Lehrenden eine Anlaufstelle bietet, diese einfach zu übernehmen. Bisherige Ansätze sind noch stark fragmentarisch.

Allerdings werden teils sehr fundamentale Hürden auf dem Weg zu einer stärkeren Digitalisierung von Fächern, Fakultäten und Hochschulen wahrgenommen. Ein ganz grundsätzliches Problem stellt die finanzielle Ausstattung der Hochschulen dar. Digitalisierung als neuer und ergänzender Aspekt bringt zusätzliche Aufgaben und damit einen gestiegenen Finanzbedarf mit sich, der über befristete Projektmittel nicht nachhaltig gedeckt werden kann. Damit droht unter Umständen eine Kannibalisierung anderer, aber nicht obsolet gewordener, Fachinhalte, um Digitalisierung stärker zu berücksichtigen. Folglich existieren für bestehende Strukturen wenig Anreize, die Digitalisierung voranzutreiben, wenn dies zu Lasten anderer Inhalte geht.

Da Digitalisierung als eine fachdisziplinübergreifende Querschnittsaufgabe betrachtet wird, sind Fakultäten gefordert, bei ihren curricularen Weiterentwicklungen über die eigenen Fachgrenzen hinauszuschauen. Dem steht ein vielerorts verbreitetes Silodenken im Weg.

Auf Seiten der überhochschulischen Akteure und ihrer Zielvorstellungen für die Hochschulen spielt die curriculare Verankerung von digitalen Kompetenzen mitunter nur eine periphere Rolle oder beschränkt sich auf relativ allgemein gehaltene Aussagen. Zudem gibt es zwischen den Akteuren und Fachdisziplinen große Unterschiede im Grad der Detailtiefe, wie Digitalisierung fachlich und konkret berücksichtigt werden sollte.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass von der Ebene der überhochschulischen Akteure bis hinunter zur Fachebene zahlreiche Digitalisierungsdiskurse durchaus intensiv geführt werden, die fachlich jedoch sehr unterschiedlich ausgestaltet sind. Bislang werden die Auswirkungen der Digitalisierung jedoch in aller Regel nur bedarfsorientiert adressiert. Ein Ansatz, die bisherigen curricular definierten Kompetenzen grundsätzlich-systematisch unter dem Vorzeichen des digitalen Wandels zu hinterfragen, lässt sich allerdings kaum beobachten. Dementsprechend ist die Fächerlandschaft auch noch weit davon entfernt, einheitliche digitale Kompetenzen zu vermitteln, wie sie etwa von überhochschulischen Akteuren und Interessensverbänden angemahnt werden.

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