Report Open Access

Standortbestimmung der Bildungsforschung in Österreich (Version 2)

Hesse, Friedrich W.; Matt, Ina; Reckling, Falk; Völker, Thomas; Possanner, Nikolaus

Executive Summary

Der Wissenschaftsfonds (FWF) wurde von der Innovationsstiftung für Bildung mit der Durch­führung einer Standortbestimmung der österreichischen Bildungsforschung beauftragt. Im Zentrum der Studie steht eine Darstellung der institutionellen Struktur und der Leistungs­fähigkeit der österreichischen Bildungsforschung im internationalen Vergleich. Der FWF führte diese Studie in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Wissenschaftsrat (ÖWR) durch.

Zentrale Ergebnisse

Die in dieser Studie präsentierten Daten und Analysen zeigen, dass die Bildungswissen­schaft in Österreich einerseits Herausforderungen gegenübersteht, andererseits aber auch positive Charakteristika aufweist, die eine gute Ausgangslage für eine Weiterentwicklung darstellen.

Stärken: Die Studie identifiziert eine Reihe exzellenter Forschungsgruppen, die an Themen wie Bildungspsychologie, Lehr- und Lerntechnologien, Dyslexie oder Phoniatrie arbeiten. Auffällig, ist hingegen, dass diese Gruppen vorwiegend in ‚Randbereichen‘ der Bildungs­wissenschaft tätig sind.

Als eine weitere Stärke werden von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen an der vor­liegenden Studie vorhandene Kompetenz im Bereich methodischer Ansätze wie partizipativer Forschung und Aktionsforschung (‚action research‘) angeführt. Diese Methoden gelangen vorwiegend in Projekten auf Bundesländer-Ebene zur Anwendung. Eine zusätzliche Schwerpunktsetzung besteht in den Bereichen LehrerInnenbildung und Didaktik.

Schwächen: Die größte Herausforderung für Bildungsforschung in Österreich stellt das geringe Ausmaß an Drittmittelförderung im Bereich der Grundlagenforschung dar. Verglichen mit Ländern wie Deutschland oder der Schweiz sind die Ressourcen, die in die Förderung von Bildungsforschung fließen, gering. Eng damit verbunden ist auch eine geringe Zahl an eingereichten Forschungsanträgen beim Wissenschaftsfonds FWF. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an den Interviews und an der Online-Umfrage geben an, weder aus­reichend Zeit noch anderweitige Ressourcen zur Verfügung zu haben, die für das Erstellen von qualitativ hochwertigen Forschungsanträgen notwendig wäre.

Die bibliometrische Analyse zeigt, dass der wissenschaftliche Output in internationalen und qualitätsgeprüften (peer review) Zeitschriften vergleichsweise niedrig ist. Jene Artikel, die international publiziert werden, stammen von einigen wenigen Forschungsgruppen, die jeweils in Randbereichen der Bildungsforschung anzusiedeln sind. So stammen 44% aller Fachartikel von nur 5 Forschungsgruppen.

Bildungsforschung in Österreich ist institutionell fragmentiert und auf unterschiedliche Universitäten, Fakultäten und Institute verteilt. Das führt dazu, dass es äußerst herausfordernd ist, kohärente Strukturen für die Ausbildung von Bildungsforschern und -forscherinnen zu etablieren.

Chancen: Die Bildungsforschung in Österreich agiert dennoch auf einem Niveau, auf dem durchaus aufgebaut werden kann. Das wird in der bibliometrischen Analyse sichtbar, aber auch in der Tatsache, dass Forscher und Forscherinnen in Feldern tätig sind, die hohes Potenzial zeigen. Um dieses Potenzial bestmöglich ausschöpfen zu können, wird es not­wendig sein, handlungsanleitende Schlussfolgerungen aus dieser Standortbestimmung zu ziehen. Diese müssen auf den bereits vorhandenen Stärken aufbauen und darüber hinaus ein sich gegenwärtig öffnendes ‚Zeitfenster‘ nutzen (u. a. neue Fördermöglichkeiten im Rahmen einer Exzellenzinitiative).

Die Pädagogischen Hochschulen haben das Potenzial, sich zu forschungsintensiveren Institutionen zu entwickeln und den Link zwischen Forschung und Praxis zu stärken (Transfer und Anwendung).

Risiken: Das internationale Panel der Standortbestimmung identifiziert ‚Untätigkeit‘ als ein wesentliches Risiko. Keine Maßnahmen zu ergreifen, würde dazu führen, ein gegenwärtig bestehendes ‚Zeitfenster‘ verstreichen zu lassen. Die aktuell vorhandene Abhängigkeit von einigen wenigen dominierenden Leistungsträgern und Leistungsträgerinnen kann dann problematisch werden, wenn diese das System verlassen, während zugleich keine kohärenten und strukturierten Karrierepfade für Nachwuchsforscher und -forscherinnen vorhanden sind.

Empfehlungen

Basierend auf der Evaluierung der spezifischen Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken der Bildungsforschung in Österreich spricht das internationale Panel eine Reihe von Em­pfehlungen aus. Diese Empfehlungen adressieren unterschiedliche Ebenen des Bildungs­forschungssystems: die Policy-Ebene, die institutionelle Ebene sowie die Ebene der Forschenden. Darüber hinaus sind die Empfehlungen anhand verschiedener Aktivitätsfelder gegliedert.

Konkret empfiehlt das Panel die Entwicklung einer Policy-Strategie auf deren Basis spezifische Förderprogramme entworfen und implementiert werden können, gemeinsam mit adäquaten Formen von Monitoring und Evaluierung. Diese Struktur erlaubt aus Sicht des Panels (1) eine erhöhte Transparenz und (2) ein Sichtbarmachen der schon existierenden Stärken und Kapazitäten der österreichischen Bildungsforschung.

Das vorrangige Ziel in der Entwicklung einer derartigen nationalen Strategie ist die Fest­legung spezifischer Fokusbereiche und Prioritäten. Der vorliegende Bericht dient als empirische Basis für die Entwicklung dieser Strategie, die folgende Fragen beantworten sollte:

  1. Was ist bereits vorhanden und wo gibt es blinde Flecken und Lücken?
  2. Welche Bereiche der Bildungsforschung sollten gefördert und weiterentwickelt werden? Welche Bereiche sind weniger bedeutsam?
  3. Wohin entwickelt sich die Bildungswissenschaft international?

Während partizipative Forschungsmethoden und „Action Research“ als Stärken der öster­reichischen Bildungsforschung wahrgenommen werden (siehe Interviews und Umfrage), empfiehlt das Panel, auch andere Ansätze zu fördern, um die bereits vorhandenen Stärken zu ergänzen. Quantitative Forschungsmethoden sowie „Mixed-Methods“ Ansätze sollten in Zukunft priorisiert werden, um das Feld zu erweitern und zu stärken. Insbesondere Längs­schnittstudien haben in anderen Ländern große politische Bedeutung erlangt, so zum Beispiel die „Millenium Cohort Study“ in Großbritannien oder die Studien des „Nationalen Bildungspanels“ (NEPS) in Deutschland. Derartige Studien sollten in Beziehung zu breiteren Themen wie Gesundheit, sozio-emotionale Entwicklung sowie kognitive und akademische Leistungen stehen.

Eine derartige Strategie sollte weiters erfolgreiche Modelle aus anderen Ländern heran­ziehen: Welche Förderinstrumente existieren in anderen Ländern? Was funktioniert und was kann für Österreich umgesetzt werden? Eine Möglichkeit, Bildungsforschung zu stärken, sind spezifische Förderprogramme. Angelehnt an den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) könnten vier bis fünf Exzellenzzentren eingerichtet werden, die jeweils einem bestimmten Thema oder Bereich gewidmet wären und österreichische Universitäten mit kleinen Netz­werken von Pädagogischen Hochschulen zusammenbringen.

Bildungsforschung spielt aktuell eine untergeordnete Rolle in der österreichischen Forschungslandschaft und auch im Vergleich mit anderen Ländern. Es besteht demnach Bedarf, die gegenwärtig bestehende Gelegenheit zu nutzen und dies zu ändern:

  • Bildungswissenschaft muss in Zukunft vermehrt interdisziplinär orientiert sein, um auf neue Anforderungen wie beispielsweise die Anwendung von Data Science für erziehungsbezogene Fragestellungen eingehen zu können;
  • Bildungswissenschaft muss im Rahmen einer nationalen Strategie entwickelt werden, um der gegenwärtig bestehenden Fragmentierung des Feldes entgegenzuwirken;
  • Spezifische Förderangebote sollen Anreize zu mehr interdisziplinärer und Mixed-Methods-Forschung setzen;
  • Bildungswissenschaft soll eine wichtigere Rolle in einer evidenz-basierten Steuerung und Entwicklung des Bildungssektors in Österreich spielen.

in Kooperation mit Manfred Prisching und Lisa Hönegger (ÖWR) Mark Neijssel, Alfredo Yegros und Carole de Bordes (CWTS Leiden) Maria del Carmen Calatrava Moreno, Brigitte Tiefenthaler and Katharina Warta (Technopolis)
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