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Wie Religion «uns» trennt – und verbindet: Befunde einer Repräsentativbefragung zur gesellschaftlichen Rolle von religiösen und sozialen Identitäten in Deutschland und der Schweiz 2019

Liedhegener, Antonius; Pickel, Gert; Odermatt, Anastas; Yendell Alexander; Jaeckel, Yvonne


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    "description": "<p>Westliche Demokratien erleben derzeit eine Renaissance sozialer Identit&auml;ten. Die Aufwertung religi&ouml;ser Identit&auml;ten in &Ouml;ffentlichkeit und Politik kann als der vielleicht prominenteste Ausdruck der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung sozialer Identit&auml;ten gesehen werden. Gro&szlig; ist zudem die &ouml;ffentliche Verunsicherung &uuml;ber den Umgang mit religi&ouml;sen Zugeh&ouml;rigkeiten und speziell mit Muslimen. Trennt oder f&ouml;rdert Religion den Zusammenhalt demokratischen Gesellschaften? &nbsp;</p>\n\n<p>Der neue Forschungsansatz des KONID-Projekts, dessen erste Ergebnisse im vorliegenden Bericht pr&auml;sentiert werden, zielt darauf, religi&ouml;se Identit&auml;ten im Kontext ihrer gesellschaftlichen Bez&uuml;ge differenziert und damit pr&auml;ziser als bisher zu erfassen. Das von DFG und SNF gef&ouml;rderte Forschungsprojekt &quot;Konfigurationen individueller und kollektiver religi&ouml;ser Identit&auml;ten und ihre zivilgesellschaftlichen Potentiale (KONID)&quot; will die Bedeutung von religi&ouml;sen Zugeh&ouml;rigkeiten und von Zuschreibungen auf religi&ouml;se Gruppen (wie etwa &quot;die Katholiken&quot;, &quot;die Juden&quot;, &quot;die Muslime&quot; etc.) beim Einzelnen sowie in der Gesellschaft und ihren Gruppen beschreiben und die Effekte religi&ouml;ser Identit&auml;ten im gesellschaftlichen Miteinander analysieren und erkl&auml;ren. Dazu werden religi&ouml;se Identit&auml;ten mit anderen sozialen Identit&auml;ten, die Menschen wichtig sind bzw. anhand derer sie in Gruppen eingeteilt werden, in Beziehung gesetzt und in einem L&auml;ndervergleich Deutschland-Schweiz untersucht. &nbsp;</p>\n\n<p>Der KONID Survey 2019 hat die Bedeutung von Religion f&uuml;r soziale Identit&auml;ten in einer multithematischen, l&auml;ndervergleichenden Repr&auml;sentativbefragung der Bev&ouml;lkerung in Deutschland und der Schweiz ab 16 Jahren unter besonderer Ber&uuml;cksichtigung muslimischer Minderheiten erhoben. In beiden L&auml;ndern wurden dazu von Fr&uuml;hjahr bis Sommer 2019 jeweils &uuml;ber 3.000 Menschen befragt.</p>\n\n<p>Der KONID Survey 2019 hat nicht weniger als 21 m&ouml;gliche soziale Identit&auml;ten erfasst und in ihre gesellschaftlichen und religi&ouml;sen Kontexte gestellt. Die zentralen Befunde sind folgende: &nbsp;</p>\n\n<p>Religion ist auch in den komplexen Gesellschaften Deutschlands und der Schweiz f&uuml;r soziale Identit&auml;ten eine pr&auml;gende und strukturierende Gr&ouml;&szlig;e. Vielen Menschen ist ihre religi&ouml;s-weltanschauliche Zugeh&ouml;rigkeit als soziale Identit&auml;t bedeutsam. In Deutschland bewerten 57 Prozent der Bev&ouml;lkerung die soziale Identit&auml;t &bdquo;Religion&ldquo; als wichtig.</p>\n\n<p>In der Schweiz bezeichnen 50 Prozent ihre religi&ouml;se Identit&auml;t als wichtig. &nbsp;W&auml;hrend in den beiden volks- bzw. landeskirchlichen Traditionen des Christentums die Identifikation mit Religion oft eine geringere Rolle spielt, ist die eigene religi&ouml;se Identit&auml;t speziell f&uuml;r Mitglieder der Freikirchen und Muslime von zentraler Bedeutung. Immerhin rund 30 Prozent jener, die keiner Religionsgemeinschaft (mehr) angeh&ouml;ren, ist die Tatsache der Nicht-Zugeh&ouml;rigkeit f&uuml;r ihre eigene soziale Identit&auml;t wichtig.</p>\n\n<p>In beiden L&auml;ndern ist Religion aber nicht die wichtigste soziale Identit&auml;t. Vor allem die Familienzugeh&ouml;rigkeit und die Zugeh&ouml;rigkeit zum Freundes- und Bekanntenkreis rangieren deutlich vor Religion. Auffallend ist, wie wichtig auch das freiwillige, ehrenamtliche Engagement f&uuml;r das Selbstverst&auml;ndnis engagierter Menschen ist. &nbsp;&nbsp;</p>\n\n<p>Die gesellschaftliche Wirkung der sozialen Identit&auml;t Religion ist ambivalent. Religion trennt &ndash; und verbindet. &nbsp;</p>\n\n<p>Religi&ouml;se soziale Identit&auml;ten sind Gegenstand und Anlass von Diskriminierungen. Das Ausma&szlig; erfahrener religi&ouml;ser Diskriminierung ist in Deutschland wie der Schweiz insgesamt moderat, Diskriminierungen treffen Mitglieder der Freikirchen und Muslime aber deutlich h&auml;ufiger. Zugleich dient Religion vielen als eine soziale Identit&auml;t, anhand derer soziale Distanz hergestellt und Ausgrenzungen vorgenommen werden kann. Gut ein Viertel der Christinnen und Christen zieht eine Heirat mit Nicht-Christen nicht in Betracht. F&uuml;r rund 40 Prozent der Muslime scheiden Nicht-Muslime als Heiratspartner aus. Noch h&ouml;her liegt die Ablehnung von Ehepartnern mit anderer Religionszugeh&ouml;rigkeit unter den Mitgliedern der Freikirchen in der Schweiz (53%), nicht aber in Deutschland (15%). &nbsp;</p>\n\n<p>Der KONID Survey 2019 hat auch erhoben, wie die Befragten die Grenzziehung zwischen demokratischem Gemeinwesen und religi&ouml;ser Wahrheit vornehmen. Die &Uuml;berordnung religi&ouml;ser Wahrheiten und Ansichten &uuml;ber die Verfassung oder gar die Bereitschaft, Gewalt f&uuml;r den eigenen Glauben einzusetzen, sind selten. Bei Muslimen und Angeh&ouml;rigen von Freikirchen sind solche Positionen h&auml;ufiger. Der entscheidende Befund ist aber, dass ein gewisses Ma&szlig; an Zustimmung &uuml;ber alle religi&ouml;sen Bekenntnisse hinweg auftritt. Das politisch relevante Problem lautet daher, dogmatische bzw. fundamentalistische, politisch zum Extremismus neigende Positionen allgemein in den Blick zu bekommen und zusammen mit den Religionsgemeinschaften zu thematisieren. Anders gesagt: Es handelt sich nicht um ein genuines Problem &bdquo;des Islam&ldquo; als Religion.</p>\n\n<p>&nbsp;Religion ist auch gesellschaftlich produktiv. Religionszugeh&ouml;rigkeit und Religiosit&auml;t steigern das ehrenamtliche Engagement. Religionsbezogenes freiwilliges Engagement f&ouml;rdert den Kontakt zwischen Menschen, die sich sonst im Alltag nicht begegnen. Solches Engagement kann Br&uuml;cken bauen. Zudem zeigt sich: Wem seine religi&ouml;se Identit&auml;t wichtig ist, der h&auml;lt auch den interreligi&ouml;sen Dialog f&uuml;r wichtig. Die Bef&uuml;rwortung dieses Dialogs ist unter den religi&ouml;sen Minderheiten und insbesondere muslimischen Befragten am st&auml;rksten. Hier wird ein gro&szlig;es Potential sichtbar, das f&uuml;r einen solchen Dialog gesellschaftlich vorhanden ist. Dieses Potential ruht zudem in einem in beiden L&auml;ndern nahezu geschlossenen Konsens &uuml;ber den Wert der Religionsfreiheit. Auch so kann religi&ouml;se Verschiedenheit verbinden und Gesellschaft f&ouml;rdern. &nbsp;</p>\n\n<p>Besonders &uuml;berraschend: Trotz der zunehmenden Komplexit&auml;t der Konstruktion sozialer Identit&auml;ten beim Einzelnen ist Religion in Deutschland wie in der Schweiz gesamtgesellschaftlich eine Gr&ouml;&szlig;e, die soziale Identit&auml;ten nachhaltig strukturiert. Eine Clusteranalyse zeigt f&uuml;r beide L&auml;ndern f&uuml;nf Konfigurationen sozialer Identit&auml;ten, in denen Religion und Gemeinschaft/Nation jeweils konstitutive Unterscheidungsmerkmale sind. Hier sind weitere Forschungen gefragt.</p>\n\n<p>----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------</p>\n\n<p>Western democracies are currently experiencing a renaissance of social identities. The appreciation of religious identities in public and politics is perhaps the most prominent expression of the growing social significance of social identities. There is also great public uncertainty about how to deal with religious affiliations and especially with Muslims. Does religion separate societies or does it promote the cohesion of democracies?</p>\n\n<p>The new research approach of the KONID project aims to identify religious identities in the context of their social references in a differentiated way and thus more precisely than before. The first results of which are presented in this report. The research project &quot;Configurations of Individual and Collective Religious Identities and their Potential for Civil Society (KONID)&quot;, funded by the DFG and the SNF, aims to describe the significance of religious affiliations and attributions to religious groups (such as &quot;Catho-lics&quot;, &quot;Jews&quot;, &quot;Muslims&quot; etc.) on the individual level as well as in society and its groups and to analyse and explain the effects of religious identities on living together. For this purpose, religious identities are compared with other social identities, which are important to people or by which they are divided into groups and are examined in a country comparison between Germany and Switzerland.</p>\n\n<p>The KONID Survey 2019 surveyed the significance of religion for social identities in a multi-thematic, country-comparative representative survey of the population in Germany and Switzerland aged 16 and older, paying particular attention to Muslim minorities. In both countries, more than 3,000 people were surveyed from spring to summer 2019.</p>\n\n<p>The KONID Survey 2019 has surveyed no less than 21 possible social identities and placed them in their social and religious contexts. The central findings are the following:</p>\n\n<p>Religion is a formative and structuring factor for social identities in the complex societies of Germany and Switzerland. For many people, their religious affiliation or Weltanschauung is important as a social identity. In Germany, 57 percent of the population rate religion as an important social identity. In Swit-zerland, 50 percent consider their religious identity to be important.</p>\n\n<p>While identification with religion often plays a lesser role within the two major church traditions of Christianity, one&#39;s own religious identity is of central importance for members of the free churches and Muslims in particular. After all, for about 30 per cent of those who do not (any longer) belong to any religious community, the fact of not-belonging is important for their own social identity.</p>\n\n<p>In both countries, however, religion is not the most important social identity. Above all family affiliation and belonging to a circle of friends and acquaintances rank clearly before religion. In addition, it is strik-ing how important engagement and voluntary work is for the self-image of those who volunteer.</p>\n\n<p>The social impact of religion as a social identity is ambivalent. Religion divides &ndash; and unites.</p>\n\n<p>Religious social identities are the object and cause of discrimination. The extent of religious discrimina-tion experienced in Germany and Switzerland is moderate overall, but discrimination is much more common among members of the free churches and Muslims. At the same time, religion serves many people as a social identity that can be used to create social distance and to exclude others. A good quarter of Christians do not consider marrying non-Christians. Around 40 per cent of Muslims reject non-Muslims as marriage partners. The rejection is even higher among members of free churches in Switzerland (53%), but not in Germany (15%).</p>\n\n<p>The KONID Survey 2019 also surveyed how the interviewees draw the line between democratic com-munity and religious truth. A supremacy of religious truths and views over the constitution or even the willingness to use violence for one&#39;s own faith is rare. If so, then such positions are more pronounced among Muslims and members of free churches. The decisive finding, however, is that a certain degree of agreement occurs across all religious denominations. The politically relevant problem is therefore to get a general overview of dogmatic or fundamentalist positions that tend to extremism and to address them together with the religious communities. In other words, this is not a genuine problem of &quot;Islam&quot; as religion.</p>\n\n<p>Religion is also socially productive. Religious affiliation and religiosity increase voluntary commitment. Religion-related voluntary commitment promotes contact between people who otherwise do not meet in everyday life. Such commitment can build bridges. The survey also shows that those for whom their religious identity is important also regard interreligious dialogue as important. This dialogue is most strongly advocated by religious minorities and in particular by Muslim interviewees. Here a great poten-tial becomes visible that is socially available for such a dialogue. Moreover, this potential rests in an almost complete consensus on the value of the right of freedom of religion in both countries. Even so, religious diversity can connect and promote society.</p>\n\n<p>Particularly surprising: Despite the increasing complexity of the construction of social identities among individuals, religion in Germany and Switzerland is a factor in society as a whole that structures social identities in a lasting way. A cluster analysis shows five configurations of social identities for both coun-tries, in which religion and community/nation are constitutive features to distinguish them. In particular, more research is needed here.</p>", 
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