Und ich bin in der Schule, die gewerbliche Vorbildungsschule war so, dass man einmal
in der Woche lernen musste. Ich war Schneider-Lehrling, habe Dammenschneiderin gelernt. Und ich bin
in die Schule gekommen, wo schon Hitler war. Und da ist der Lehrer auf mich zugekommen,
hat mir gestreichelt den Kopf und hat gesagt, Sophie, geh nach Hause und sag deine Eltern,
sollen dich schieten nach Graz zu deinen verheirateten Bruder, bis hier der Lärm vorbei ist.
Dieser Lehrer war ein Onkel von einer Freundin von mir, mit der ich in Kontakt war, bis sie gestorben ist.
Ich habe sie gesehen, wenn ich in Österreich war, sie war auch bei meinem Bruder in Schweden
mit ihrem Mann. Und ich bin weg nach Graz. Nach einem Monat ist gekommen ein Geheimpolizist
und hat verlangt meinem Bruder, er will sehen, die Sophie Rothstein.
Ich bin vorgetreten, die Tür war noch offen, er sagte, es tut mir leid, aber man hat mich geschickt,
sie zur Polizei zu bringen. Hab ich geantwortet, was heißt zur Polizei? Ich habe nichts Schlechtes gemacht.
Hat er gesagt, zu meinem Bruder und zu meiner Schwägerin, geben sie etwas anzuziehen und Seife und Sanpasta
und irgendetwas Warmes, es war Juni, weil sie wird das brauchen, auch unterwäsche.
Hab ich zu meiner Schwägerin gesagt, sie gibt mir gar nichts, ich komme zurück.
Ich habe ja nichts gemacht. Da hat mein Bruder gesagt, dann gehe ich mit.
Ich habe gesagt, du gehst nicht. Und hat meine Schwägerin gesagt, sie geht mit, ich sage auch du nicht.
Ich bin minderjährig, mir wird man gar nichts machen. Ihr seid schon älter und ich habe keine Angst.
Ich bin mit diesem Geheimpolizist gegangen zur Polizei.
Er hat gesagt, im Vorraum, ich soll sitzen, man wird mich rufen.
Ich habe auf die Uhr geschaut, es war schon eine Stunde und man hat mich nicht gerufen.
Ich bin zu einer Tür, habe angeklopft.
Man gesagt, herein, geöffnet die Tür und sagte, sind Sie von Güssing?
Ich sage, ja, ich bin von Güssing.
Da sagte er, dort ist man ja verrückt geworden.
Ich habe jünger ausgesehen, wie ich war, weniger als 16.
Er sagte, kommen Sie her, ich such da 40 Leute von Güssing und sie sind darunter.
Ich war angemeldet, mein Bruder hat mich angemeldet, das war ja Meldepflicht in Österreich.
Und die anderen waren nicht angemeldet.
Ich habe gewusst von zwei Frauen, wo sie sind, aber ich habe es nicht gesagt.
Ich habe gesagt, was habe ich mit so alten Leuten, die waren 14.
Was habe ich mit so alten Leuten zu tun?
Er sagt, ja, was soll ich mit denen machen? Es ist ein Haftbefehl da.
Aber ich habe ja nichts Schlechtes gemacht.
Er sagt, dann müssen Sie mir unterschreiben, dass Sie binnen ein Monat von Österreich verschwinden.
Ich sage, gut, ich schreibe runter, weil er hat mir erklärt, oder hinunter in Arrest oder unterschreiben.
Aber ich habe gesagt, ich schreibe runter.
Ich habe runtergeschrieben, er hat mir den Bogen gegeben, dass ich bin ausgewiesen.
Ich ging zur Tür und drehte mich um und sagte ihm, sagen Sie, wer wird mich reinlassen, welches Land?
Ich bin ja minderjährig, wer wird mir gut stehen?
Er sagt, es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen.
Das müssen Sie mit Ihrer Eltern besprechen.
Ich bin nach Wien gefahren, meine Eltern haben dort gemietet ein Zimmer.
Und noch ein Zimmer bei einer anderen jüdischer Familie für noch einen Bruder und für mich.
Den nächsten Tag sind wir gegangen in den Palestinenanen.
Ich habe alles erzählt, was da war, obwohl alles schriftlich schon war.
Und man hat mir gegeben, ich soll fahren, damit man mir freigibt von Konto, Geld, nach Eisenstadt.
Ich bin nach Eisenstadt gefahren, habe bekommen eine Liste von 1500 Chile, was ich brauch für eine Ausrüstung zum Auswandern.
Ich bin rein in Auto in Wien, habe ich getroffen, den Vater von der Alice Latzer.
Er sagte mir, jetzt werden wir sehen, wir fahren um dasselbe.
Ich fahre mit meiner Familie nach Südamerika, die sind zuerst nach Südamerika gefahren.
Und ich brauch Geld.
Wir sind zur Polizei dort gekommen und vielleicht waren auch andere Leute von der SS dort.
Mir hat man gegeben 500 Chile.
Und ihm hat man geschlagen.
Er war in Ersten Krieg, war ein Offizier.
Wie wir sind rausgegangen, er hat gesehen, dass ich habe das gesehen.
Hat er gesagt, kannst du dir vorstellen?
Nicht hat man geschlagen, aber erzählst niemand.
Ich will das nicht, dass jemand das wissen soll.
Und man hat mir keinen Groschen frei gegeben.
Ich bin gekommen am Bahnhof mit meinen Eltern und mit noch einem Bruder.
Und von dem Palästinaamt war einer, der hat gesagt, hier in diesen, da musst du reingehen.
Da wirst du haben Freunde, die fahren auch mit dir.
Bin reingegangen, habe ich hingestellt beim Fenster.
Ich wollte meine Eltern noch das letzte Mal sehen.
Und das war das letzte Mal, ich habe sie nie mehr gesehen.
Mein Bruder, der sich gerettet hat in der Schweiz, der war beim Zug.
Und auch meine Schwägerin von Graz.
Aber mein Bruder von Graz war in Dachau.
Auch von Graz musste man weg.
Von ganz Österreich mussten alle Juden weg und alle nach Wien.
Eichmann hat das geplant.
Weil dort hat er gewusst, von dort wird er können alle Juden wegschieben.
Ich bin nach Israel gekommen in einen Kibuz.
Wir sind gefahren mit der Bahn Bistriers.
Meine Freunde im Zug waren schon meine Freunde.
Ich habe mich wohl gefühlt.
Ich bin nicht geweint, ich bin weggefahren.
Weil ich war ja nicht die Einzige.
Wir sind eingestiegen.
Das Schiff hat gewartet in Dresd, bis wir angekommen sind.
Und der Bahnhof war nicht weit vom Schiff.
Wir sind eingestiegen und das Schiff ist sofort weg.
Wir sind angekommen in Palästina.
Ich glaube, es war der 12.
Und wir waren eine Nacht in Haifa.
Und den nächsten Tag hat man uns abgeholt.
Wir sind gefahren.
Ich habe mich gesetzt neben dem Fenster.
Neben die Umgebung, die man sieht, wenn man fährt.
Ich war enttäuscht. Es war eine Wüste.
Kein Baum, alles war trocken, es war September.
Ich habe mich sehr gewundert, wenn man kommt von Österreich, ist alles grün.
Es sind keine Bäume. Am Straßenende in Österreich, also in Burgenland,
ich weiß nicht, ob es überall so ist, sind Bäume gepflanzt.
Aber dort war kein Baum gepflanzt, nirgends nicht.
Es war so trocken, es war Öde.
Wir sind angekommen in Kibuz.
Eigentlich sollte ich gar nicht in diesem Kibuz sein.
Aber die Gruppe ist in diesem Kibuz gefahren und die haben beschlossen,
dass ich mit denen mitfahren soll.
Mein Kibuz sollte sein Encharot.
Und das ist Nebentel-Joseph.
Ich habe nicht Hebräisch lesen können.
Und die, die mit mir gekommen sind, haben können.
Sie waren in einer Jugendgruppe, außerdem haben sie gelernt, in Wien war ein Hebräisches Gymnasium.
Und die haben können lesen, die ich habe nicht können.
Und nach ein paar Monate, drei Monate, ist gekommen ein Brief, das ich muss nach Encharot.
Dort ist eigentlich auch von Eisenstadt war dort ein Wupp.
Aber ich wollte nicht nach Encharot.
Und ich bin geblieben in Delioseph und alle haben unterschrieben,
dass sie wollen, dass die Sophie Rottstein soll bleiben in Delioseph.
Wie ich bin gekommen, ich habe überhaupt nicht schlafen können.
Ich habe immer vorgekommen, von irgendwo kommt mein Vater oder meine Mutter oder einer von meinem Brüder raus.
Das war sehr komisch.
Aber ich muss sagen, von der Hauptschule der Schulwart, die haben gewohnt neben uns,
das Haus, wo wir haben gewohnt, war neben der Hauptschule.
Und wie er hat mich gesehen, auf der Straße hat er begonnen zu weinen.
Ein Mann, ein erwachsener Mann, hat mich um Abend und hat mich geküsst.
Und Sophie, du musst sofort zu uns kommen mit deinem Mann.
Unbedingt.
Und wir sind hinuntergegangen mit den Treppen.
Und mein Mann war sehr erstaunt.
Er, ein Pole, er hat noch sowas, sagt er, nicht gesehen.
Wir sind reingekommen, hat die Mutter so begonnen zu weinen.
Und sie hat mich um Abend.
Dass mein Mann hat auch begonnen zu weinen.
Ich sagte, wie, wie war das da?
Ich habe ihm gesagt, ich habe dir ja erzählt, wie wir haben gelebt.
Die Tochter von denen war so wie meine Schwester.
Wir sind dazu so geworden.
Ich war bei ihr, sie war bei mir.
So war es.
Die Leute haben auch ein schlechtes Gefühl gehabt,
dass das meine Eltern, die tötet sind, geworden.
Wir haben ja gewusst, wer Nazi ist, vorher.
Aber die haben uns nicht belästigt.
Sie haben keinen Juden belästigt.
Vorher.
Auf mich ist eine zugekommen, hat sie gesagt,
dass deine Eltern müssen ausreisen.
Und dass deine Eltern sind umgekommen,
das ist nicht fair, das sollte nicht passieren.
Das hat mir einen nicht Christin und viele haben ja das gesagt.
Die haben auch ein schlechtes Gefühl.
Die Leute, die uns gekannt haben, haben ein schlechtes Gefühl.
Sie haben, es war ein Neid.
Es waren in Jüßing Geschäfte.
Es waren in Oberwartgeschäfte, in Pinkerfeld, in Großpetersdorf.
Es waren jüdische Geschäfte.
Und da war ein Neid.
Und dieser Neid hat geführt zu Antisemismus.
Aber was mir meine Freundin, eine Freundin gesagt hat,
dass sie leider lebt schon nicht in Jüßing.
Weißt du, wir waren ungerecht gegen den Juden gegenüber.
Schau nach ein paar, 56.
Schau, wie reich die sind geworden.
Jetzt haben wir nur christliche Geschäfte.
Steinreich, sagt sie.
Schau die an, der hat gebaut eine Villa.
Schau die an, der hat das und der hat das.
Schau, wie welche Autos sie haben gekauft.
Wir haben das nicht verstanden.
Die haben auch ein schlechtes Gefühl.
Die Jungen, die Jungen waren hier.
