Wohnen ist ein traditionelles Werkbundthema. Ich halte hier in Händen das Faximile des
Ausstellungskatalogs von 1929, der den Kiam II Kongress in Frankfurt begleitet hat und
die Wohnung für das Existenzminimum zum Leitthema seiner Zeit machte.
Im Jahre 2009, 80 Jahre später, gab es zu diesem Ereignis ein Nachfolgekongress, der
Werkbund Jung hat sich hier mit einer theoretischen Auseinandersetzung und einer kleinen Ausstellung
beteiligt. Jetzt haben wir 2013 und wir stellen die Frage in den Raum, ist ein Wohnen für
das Existenzminimum nicht aktueller denn je? Die Wohnung, Projektplattform für das Wohnen
in der Stadt, ist ein empirisches Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Modellkonzepts für die
Entstandsetzung bestehender Wohnräume in Innenstädten. Ziel des Projektes ist es zunächst
ein Diskurs über das lebenswerte Wohnen in der Stadt anzuregen und in der Verknüpfung
von Theorie und dieses Mal auf Praxis, die zusammengetragenen Ideen und Entwürfe am
Objekt anzuwenden und zu evaluieren. Sie sehen hier auf dem Strukturplan unser Objekt
in Magenta eingefärbt. Wir liegen nicht mehr im Bereich der aktiven Innenstadt von Offenbach,
ich hoffe aber, dass nach meinen Ausführungen deutlich wird, dass es nicht um den Standort
geht, sondern um den Ansatz, der dahinter steckt. Auf diesem Bild sehen Sie eine historische
Aufnahme des Friedrich-Rings um 1913 im Vordergrund der Offenbacher Weyer, wie er sich in dieser
kolorierten Fassung besonders schön darstellt. Das nächste Foto zeigt ungefähr dieselbe
Blickachse im Januar 2013. Wenn Sie jetzt vor Ihrem geistigen Auge diese beiden Aufnahmen
vergleichen, dann erkennen Sie schon den Kern unseres Ansatzes, denn Sie werden kaum Unterschiede
feststellen. Unser Objekt wurde 1911 erbaut und steht heute genauso da wie vor 100 Jahren.
Dies ist kein Einzelfall und so haben wir eine These aufgestellt, an der sich unser sicher
im Ausgang auch ungewisses, dafür aber um so spannender zu entwickelndes Vorhaben messen
lassen soll. Diese These lautet, Innenstädte verfügen über ein großes Potenzial an bisher
ungenutztem oder in Vergessenheit geratenem Wohnraum. Uns geht es also nicht um Neubau,
sondern um den Bestand von Wohnraum in der Stadt. Wenn wir von Aufwertung sprechen,
dann meinen wir natürlich nicht das sogenannte Luxussanieren, sondern intelligent und nachhaltig
invasiv eingreifen, um vor allem den Mitspiegel halten zu können. Daher haben wir gezielt
eine Wohnung gesucht, die als Wohnraum bereits ausgewiesen ist, allerdings seit Jahren oder
sogar Jahrzehnten aus den verschiedensten Gründen, dem Markt aktuell entzogen ist. Das Projekt
Die Wohnung ist am 1. Januar 2013 angelaufen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön
an die Ikea-Stiftung, ohne die das Vorhaben nicht hätte angestoßen werden können, und
der Hock und Amberg Grundstücksgemeinschaft, die diese Wohnung für die Dauer eines ganzen
Jahres zur Verfügung gestellt haben. Welche Themen wollen wir während dieser Zeit bearbeiten?
Dem bereits angesprochenen Wohnen für das Existenzminimum gilt nicht nur, aber unser
verstärktes Interesse. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der des sozialen Miteinanders. In
welchem Viertel leben wir? Wie gut kennen wir unser Umfeld? Wir werden uns natürlich auch
mit Möglichkeiten der bedarfsgerechten Sanierung auseinandersetzen. Gleichwohl spielen die
Antipoden Gebrauch versus Fairbrauch eine gewichtige Rolle. Wie zeigen sich zum Beispiel
unsere Abläufe in der Versorgung? Ist diese überhaupt ausreichend gesichert? Oder können
wir sogar teilweise selbst sichern? Wie bereiten wir heute Essen zu? Oder tun wir das überhaupt
noch? Das Thema Wohnen-Visionen setzt bei uns zunächst einmal das Erkennen von Wohnrealitäten
voraus. Erst daraus wollen wir die Potenziale für zukünftige Visionen schöpfen. Die Wohnung
ist also vor allem Projektplattformen. Wir haben das mal versucht in drei Grubebereiche
aufzugliedern. Neben Strategien und Konzeptionen wollen wir in dieser Wohnung vor allem aktiv
mit Workshops und Seminaren, Vorträgen und Diskussionsabenden, aber auch Handwerksarbeiten
wie Möbelentwürfe oder Ausstellungen durchführen. Ich merke hier nochmals an, wir haben ja
ein Projekt in einem 10-Parteien-Midshaus und eben keinen dafür ausgelegten Ausstellungs- oder
Gapartiraum. Das heißt, wir haben uns an diese Situation angemessen und rücksichtsvoll
anzupassen. Konzentrierte Workshops mit kleiner Personenanzahl, dafür aber, so hoffen wir,
intensivere Diskurse mit brauchbareren Ergebnissen. Der dritte Pfeiler schließlich besteht aus
der Evaluation und der Dokumentation unserer Ergebnisse, die sowohl mittels einer eingerichteten
Internetplattform als auch mit klassischen Formen wie Zwischenberichten und einem Abschlussbericht
das Projekt abhunden sollen. Natürlich sind wir als ehrenamtlich engagierte Personen auf
breite Unterstützung und Kooperationen jeglicher Art angewiesen. Hier möchte ich die Gelegenheit
nutzen, mich ganz besonders bei Frau Rüber-Steins und ihrem Team, für ihre Offenheit und daraus
folgen die tolle Unterstützung zu bedanken. Wir wollen aber auch Potenziale aus der direkten
Umgebung nutzen, zum Beispiel das lokale Handwerkansprechen mit Hochschulen und weiteren Institutionen
zusammenarbeiten sowie mit den Kreativkräften in Offenbach in engem Austausch stehen. Lassen
Sie mich noch als Vorletzte meiner Ausführung auf das Team verweisen. Ideengeber und Initiatoren
des Projekts sind Hans Krause, Produktgestalter im Studium an der HFG Offenbach und Nina Sonntag,
Kunsthistoriker am Goethe Haus in Frankfurt sowie die weiteren Teammitglieder Jula Kimsiba,
Architektin in Darmstadt, Anja Trippel, Kunsthistoriker in der Sammlung DZ Bank in Frankfurt und
Sabine Fuß, ebenfalls Produktgestalter im Studium an der HFG Offenbach. Das Plus steht
für die Möglichkeit, unser Team jederzeit zu erweitern. Nun darf ich mit einem letzten
Hinweis schließen, die Website www.d-wohnung.org befindet sich gerade im Aufbau und wird in
Wälde alles das und noch einige Überraschungen mehr bieten, zum Beispiel die Möglichkeit,
selbst Projekte anzumelden. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen ein
gutes Gelingen bei unseren Projekten.
