Bis vor kurzem lag die Kirchenruine versteckt hinter dichtem Bewuchs.
Seit der letzten Sanierung in den 1940er Jahren war das bedeutende Denkmal wieder weitgehend in
Vergessenheit geraten. Kaum jemand wusste mehr, dass hier auf dem Kirchhubel in Goldzwiel ein Kunst-
und Kultur historisches Juwel die vergangenen fast 1000 Jahre überdauert hat. In den vergangenen
drei Jahren wurde die Ruine sprichwörtlich aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Dank der neu
im Turm aufgezogenen Glocke ist dies auch von Weitem her zu hören. Nach umfassenden Sanierungs-
und Forstarbeiten erfüllt die Ruine mit dem imposanten Glockenturm wieder ihre angestammte
Rolle als Land- und Wegmarke an einer alten Verkehrsroute zu den Alpenpässen. Von Weitem
grüßt der frisch sanierte Turm über den Thunaseh hinweg. Die Kirche, die eines dem heiligen
Petrus geweiht war, thront majestätisch auf dem Kirchhubel hoch über dem Böderli.
Ab 1671 war das Kirchengebäude dem Verfallpreis gegeben. Damals war die protestantische Gemeindekirche
in die ehemalige Burg in Rinkenberg verlegt worden. Noch heute nutzen die Goldzwieler den alten
Kirchhof als ihren Friedhof. Die Anfänge der Pfarrkirche führen in das frühe Mittelalter zurück.
Damals, zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert, fasste die Christianisierung im Berner Oberland
gerade Fuß. Es war die Zeit der überlieferten Thunaseh-Kirchen. Das heilige römische Reich
war damals auf der Suche nach sicheren Routen nach Oberitalien. Die fränkisch-deutschen Könige
mussten nach Rom pilgern, um sich dort durch den Papst zum Kaiser krönen zu lassen. Wichtige Wege
zum Brünig und zum Grimselpass, aber auch Ahre abwärts in Simmental, führten an Goldzwiel vorbei.
Der Turm repräsentiert die Macht und den Einfluss des sehr ansässigen reichstreuen Adels, allen
voran die Herren von Briens Rinkenberg. Von ihrer Burg in Rinkenberg aus kontrollierten sie die Wege
und die Verwaltung in der Region. Kulturgeschichtlich ist die alte Pfarrkirche mit ihrem freistehenden
Turm etwas ganz Besonderes. Kennt man solche Türme in der Region doch eigentlich nicht. Vorbilder sind
vor allem in Oberitalien zu finden. Dort werden sie Kampanile genannt. Vielleicht waren in Goldzwiel
erfahrene Handwerker aus der Lombardei am Bau beteiligt. Kenntzeichnend sind nach oben hin sich
steigende Schallöffnungen mit reich verzierten Akkadenbögen und auffällige Blendbogengliederungen
der Wände. Die Quarta der Mauern sind aus heimischen Goldwieler Kalkstein zurechtgehauen worden.
Vorbeginn der Sanierungsarbeiten wurde die Ruine von Mitarbeitern des archäologischen Dienstes des
Kantons Bern vermessen. Der erhaltene Baubestand samt Schäden musste kartiert werden. Im Kirchenschiff und
im ehemaligen Chorraum wurden Sondagen angelegt. Dabei fand man Reste der ältesten Kirchenbauten.
Demnach gab es bereits um 1000 eine erste kleine Steinkirche. Der jüngere Kampanile war wahrscheinlich
zwischen 1050 und 1080 erbaut worden. Darauf deutet die Analyse der Reste Dreierhölzer des Baugerüstes
hin. Nachdem der Turm fertiggestellt war, wurde auch die westlich daran anschließende Kirche neu
erbaut. Erst nach Einführung der Reformation im Kanton Bern, also nach 1528, wurde die Kirche
abermals umfassend erneuert. Die katholische Pfarrkirche wurde in einen einfachen Zahlbau als
Predigzahl umgebaut. Das uberste Geschoss des Turmes war damals wahrscheinlich baufällig und wurde
abgetragen. Bei der Restaurierung während der letzten drei Jahre wurden die verwitterten und
beschädigten Tuffbänder und Wände in den Schallöffnungen gefestigt und ergänzt. Das Mauerwerk
am Turm und an allen Kirchenwänden wurde in Stand gesetzt. Die Fugen mussten vom alten
Sementmörtel befreit und neu mit Kalkmörtel ausgeschlagen werden. Die Tuffsäulen in den
Schallöffnungen waren teils instabil. Einzelne von ihnen mussten ersetzt werden. Ziel war es aber,
möglichst viel vom mittelalterlichen Bestand zu erhalten. Zum Schutz vor Regen und Schnee
bekam der Turm ein modernes Schutzdach aus Metall. Auch das Umfeld der Kirche wurde neu gestaltet.
Zwei Plattengräber unter dem Boden der Kirche zeigen, dass die Bewohner der umliegenden Orte
ihre Toten bereits vor dem Bau der ersten Steinkirche bestattet hatten. Zwei menschenartiges
Kulturen aus Tuffstein waren in den obersten Schallöffnungen auf der Ostseite des Kampagniele
eingebaut worden. Einem alten Brauch folgend gaben die achaschen Männerfiguren mit ihren
seitlich erhobenen Händen, der dahinter liegenden Kirche Schutz vor allem unheil. Mit ihrem hervorgehobenen
Geschlechtsteil symbolisierten die Figuren zugleich die Fruchtbarkeit, Kraft und Stärke und zeigen
die Kraft, die der neue Glaube das Christentum verleihen kann. Heute finden sich die Originale
im Gemeindehaus Goldzwil. Kopien sind im Turm ausgestellt.
Die Aufgabe des Goldzwil war zuerst die Untersuchung des Turms zusammen mit dem Archäologischen
Kulissen. Entstanden ist ein Ort des kulturellen Gedächtnisses in der Region. Friedhofsbesucher,
Wanderer und Pilger, Kulturinteressierte und Touristen finden heute den Weg hinauf zum
Goldzwiler Kirchhubel. Die freie Sicht auf den Turm gibt wieder Orientierung, eingebunden
in ein attraktives Wandernetz zwischen Burg Rinkenberg, Wachtfeuer und dem Burg Seli.
Mit dem Abendleuten kehrt langsam Ruhe ein. Der Turm erstrahlt und wird auch in der Nacht
seiner Rolle als Wegweiser und Landmarke gerecht.
