Das Erstaunliche ist eben schon, dass die Menschen, die in Berlin folgen, porträtiert werden,
sehr häufig bereit sind, etwas von sich preiszugeben.
Etwas, was man nicht jeden Menschen auf der Straße unbedingt gleich sagen würde.
Ich glaube, das ist die große Stärke der Berlin-Folgen.
Bevor ich zum Fotografieren losgehe, packe ich erstmal mein ganz Material meistens aufs Bett
und gucke erstmal, sind die Speicherkarten alle da, habe ich die formatiert.
Also ich möchte nicht losgehen, eine Karte noch mit anderen Fotos auf der Kamera haben,
dann fängt man als erstes erstmal an, vor Ort die Karte zu formatieren.
Also das heißt wichtig, alle Karten da formatiert, Akkus geladen, Ersatzakkus, Ersatzpaterien,
sind die Optiken sauber, funktioniert das Tonaufnahmengerät,
dass man halt schon alles gepackt hat, dass man am anderen Tag einfach nur den Rucksack nimmt und losgeht.
Meistens hat man doch noch irgendwas vergessen, von daher sollte man sich da schon wirklich Zeit nehmen,
um das Material auch zu checken vorher.
Durch die Berlin-Folgen kommt man halt wirklich in das Leben der Leute, die hier auch wohnen,
die hier schon ganz lange wohnen, die halt viel über die Stadt zu erzählen wissen.
Und das ist total spannend und teilweise überschneiden sich die Geschichten auch.
Also war ich bei der Käferflüsterin im Büro und stell mich kurz ihren Kollegen vor, wer ich bin
und was ich mache und dann meinte der eine Kollege, ja, ja, ich kenn sie schon.
Sie waren doch bei dem Fährmann, ich nehme nämlich jeden Morgen diese Fähre, da hab ich sie auch schon fotografieren gesehen.
Und das denkt man das gar nicht.
Also bei so einer riesigen Stadt, dass dann doch diese Geschichten doch alle wieder irgendwie zusammenhängen.
Meistens wenn ich losgebe, finde ich erstmal immer ziemlich aufgeregt.
Es ist ganz oft, dass ich denke, oh Gott, ich will gar nicht dahin, ich will überhaupt nicht dahin.
Weil man dann auch manchmal das Gefühl hat, oder dass man sich das nicht zutraut, dass man das hinkriegt
und das ist halt ganz oft dieses, oh nein, ich will nicht, ich will nicht.
Und sobald man dann da ist, ist das halt meistens auch gut.
Also es ist ja ein 50-50-Kooperationsprojekt
und wir haben uns darauf geeinigt, dass eine Kollegin im Haus in der Berlin-Redaktion und ich
die Protagonisten auswählen, also nach Geschichten suchen und dann auch auswählen
und die Interviews führen und dann auch die Tonspur soweit ein Rotschnitt machen
und das sozusagen alles was danach kommt, also die Bilder und die Produktion, Postproduktion und so weiter
in der Hand von 2470 liegt.
Das Schamante am Format ist und das war, glaube ich, dann auch das Ausschlaggebende, dass es erstmal so in der Form neu ist,
dass es ein bisschen, also schon ein Gegenpol sozusagen gegen die Nachrichten auf der Seite auf Tats.de ist,
also es ist ein ruhigerer Moment, es ist ein reportagiges Format, was in der Form sowieso bei uns nicht stattgefunden hat,
dass was neu ist und was, ob das zu Tats passt, würde ich eigentlich schon immer sagen sehr gut,
weil es normale, sage ich jetzt mal, einfache Leute in ihrem Umfeld zeigt und deren Geschichten erzählt
und das ist ja schon auch immer in Anspruch der Tats gewesen.
Wenn unsere Fotografen zurückkommen mit einem Haufen Bildern, dann sind das meistens so zwischen 500 und 1000 Fotos
und die auszuwählen erfordern natürlich eine gewisse Systematik.
Wir klicken jedes Foto einzeln durch und sagen ja, nein, ja, nein, ja, nein, nein, ja
und am Ende kristallisieren sich vielleicht 100 Fotos raus, von diesen 100 geben wir wieder durch
und kristallisieren sich 50 raus und von diesen 50 nehmen wir dann die 20 bis 25 Fotos, die dann letzten Endes veröffentlicht werden.
Das Wichtigste an einem Fotofilm ist im Prinzip den Anfang. Die ersten 10 bis 20 Sekunden, die müssen passen,
die müssen die Betrachter reinziehen.
Ich lese gerne, weil das ist so eine Mauer, sonst schutt, wenn ich auf die Straße gucke und diese dummen Leute sehe,
da kann ich eigentlich nur noch weinen oder schreien.
Danach sind es meistens so mehr informative Statements, um eben, die auch nötig sind,
um den Kontext zu ermöglichen für den Betrachter.
Und dann gibt es aber so einen Wendepunkt vielleicht wieder, wo man eben wieder mit einer Überraschung
vielleicht den Betrachter bei der Stange halten sollte.
Ich habe immer ganz, ganz viel erger.
Ich habe Jura studiert und bin zweimal das erste Examen gefallen.
Ich habe die Logik nicht verstanden und habe jetzt nach irgendwie 20 Verurteilungen, habe ich sie immer noch nicht verstanden.
Um dann überzugehen zu dem Flussstatement, was eben auch ein Ausblick sein kann
oder auch wieder eine überraschende Wendung oder auch natürlich wie bei einer klassischen Textreportage
Bezug nehmen darf zu dem, was am Anfang gesagt wurde.
Ein gutes Reportagefoto schafft es eben nicht nur das abzubilden, was wir alle sowieso sehen an der Oberfläche,
sondern es schafft deine Tiefe herzustellen.
Es schafft unter die Oberfläche zu gucken.
Nicht die Situation stellen, beispielsweise die Menschen in die Kammer abblicken lassen,
sondern beobachten, sich zurücknehmen, situativ handeln und eben schnell reagieren.
Im Falle von Gero, dem Obdachlosen, gibt es ein Bild, wo der Fotograf eine dieser Regeln gebrochen hat,
nämlich das Bild, wo er da so Gero direkt in die Kamera blickt
und man hat das Gefühl, der Typ blickt eigentlich durch einen durch.
Das ist eine Provokation und eine Lehre gleichzeitig.
Und das ist einer der Momente, wo ich sage doch, das ist irgendwie gut,
dass er diese Regel da gebrochen hat, der Fotograf und das Foto hat das wirklich in sich.
Räubst du die Sachen jetzt alle da so in die Richtung ein?
Okay, gut, dann mach ich das Bild nachher.
Hast du dir mal ein paar Berlinfolgen angeguckt vorab, oder?
Ja, nachdem ich davon gehört habe, habe ich hier fast alle angeguckt und festgestellt,
mir kann da von mir jetzt auch schon in den Wettbeeren der Linus Neumann.
Das ist ja auch verrückt, ne?
Ja, das war dann total lustig.
Wie lange ich Fotografier und mit dem Protagonisten unterwegs bin,
das hängt natürlich auch immer davon ab, wie sind die Protagonisten,
sind die sehr schnell zugänglich, dass man super schnell einen guten Draht aufgebaut hat,
die bewegen sich natürlich vor der Kamera, passiert da viel,
dann ist man natürlich, hat man viel mehr Motive, das geht schneller voran,
hat man dann Protagonisten, die man mit denen man erstmal ein bisschen warm werden muss,
die sich erstmal entspannen müssen, dann dauert es halt länger.
Also ich kann mich erinnern, für meine zweite Folge, glaube ich, war ich sechsmal da,
immer nur für eine Stunde oder zwei, und dann gab es aber auch folgendlich in zwei Nächten durchfotografiert habe.
Was wirklich wichtig ist, was man total unterschätzt, sind halt einfach Nahaufnahmen.
Also da habe ich halt vorher auch beim reinen Fotografieren,
habe ich das immer ein bisschen vernachlässigt, aber im Film fällt es halt total auf.
Und gerade wenn man von einer Situation in die nächste geht, funktioniert es einfach sehr, sehr gut
mit Close-ups, mit Details und auch mit Video-Details.
Also das funktioniert gut, um die Übergänge hinzukriegen.
Das schneiden, also das ist halt schwierig zu sagen.
Mittlerweile, glaube ich, schaffe ich, einen Rotschnitt in einem Tag zu machen,
dann auch mit Korrektur und allem, aber dann natürlich ohne Bearbeitung, also einfach nur, dass die Geschichte steht.
Aber das geht halt auch nur, wenn man genügend Material hat.
Also das erste, was ich immer mache im Schnitt, ist erstmal die Tonspur reinladen, das Interview,
und dann höre ich mir das an, ob das von der Dramaturgie auch passt
oder ob es vielleicht irgendwie Sinn macht, noch mal was umzustellen,
noch mal einen stärkeren Einstieg zu haben, dann ist das ja meistens einmal ganz grob geschnitten
und dann hat man noch die As oder doppelte Wörter noch drin, das muss dann auch nochmal feingeschnitten werden
und dann auch in verschiedene Blöcke eingeteilt werden, weil das ja jetzt eine Tonspur ist,
dass man das so ein bisschen in Gruppen einsteigen, Mittelteilen, Ausstieg hat.
Und dann fange ich an, wenn die Tonspur steht, dann Bilder reinzusetzen und dann einfach zu gucken.
Das kann auch manchmal dann drei oder vier Korrekturen geben,
oder dass man dann einen Rotschnitt macht und die Bilder reinsetzt
und dann besprechen wir das intern und dann nochmal von vorne anfangen, nochmal ein ganz anderer Start
oder das kam gerade am Anfang dann ganz oft vor.
Das Projekt lief jetzt über fast zwei Jahre in Berg erfolgreich
und ich finde aber trotzdem, dass es reicht jetzt, dass es genug ist.
Hundert Folgen ergeben ein sehr schönes Musik dieser Stadt Berlin
und das war am Anfang ja auch das Ziel.
Die Geschichten werden mir dann schon fehlen so und die Leute und die Interviews zu machen,
aber das Schöne ist, dass wir halt mit hundert Folgen wirklich auch ein Archiv an Stimmen und Bildern
und Gesichtern der Stadt gesammelt haben und das bleibt, das geht nicht verloren.
Untertitel im Auftrag des ZDF für funk, 2018
