Ja, unser erstes Wiedersehen in Wünschendorf
ist nach dem Prager Frühling gewesen im Jahre 1969.
Die Örtlichkeiten waren zum Teil verschwunden,
weil viele Häuser nicht mehr standen.
Die Berge waren flacher, als Kind hat man sie höher gesehen.
Jetzt begann erst die Tragik zu wirken,
dass man eben von der Heimat weg war.
In dem Haus gegenüber der Kapelle war ein altes Ehepaar.
Der Mann war blind, aber konnte Deutsch.
Er sagte uns, sie kommen bald wieder.
Er meinte nicht zu Besuch, sondern wieder ansässig zu werden,
was natürlich überhaupt nicht unsere Absicht war und auch nicht ist.
Auch jetzt nicht.
Meine Eltern haben noch viele Jahre damit gerechnet,
um wieder zurückzukommen.
Was für uns Jugend nicht so im Vordergrund stand.
Und ich möchte auch jetzt sagen,
zum jetzigen Stand der Situation möchte ich auch nicht wieder nach Hause.
Leider. Aber es bleibt trotzdem meine Heimat.
Ich möchte sagen, dass soziale Umfeld- und Lebensumstände und so sind doch hier,
obwohl wir in der DDR aufgewachsen sind,
doch weit aus angenehmer oder in der CSR,
obwohl ich nichts Negatives sagen möchte.
Ich möchte nur feststellen, dass ich eben doch lieber hier bin,
als Cheche zu sein oder sein zu müssen.
Ja, das ist einmal wieder nach Hause zu kommen,
aber auch das Umfeld zu sehen.
Denn es ist wieder erwartend doch schöner, interessanter,
als man das als Kind erlebt hat.
Zu der Zeit war ja auch das Reisen noch nicht so üblich.
Meine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft
und da ist ja 24 Stunden am Tag Dienst.
Und da waren keine Reisen möglich und es war auch nicht üblich.
Und das holen wir jetzt nach.
Es war leider so, dass die Häuslichkeiten von unserem Gehöft nicht mehr standen
und somit hatte sich das erledigt.
Obwohl wir durch Informationen schon vorgewarnt waren,
dass es nicht mehr so ist, wie es war,
somit waren auch die Erwartungen nicht so hochgestellt.
Wir sind aber trotzdem nach dem ersten Besuch noch einige Male da gewesen,
aber eben nur um zu sehen, keine Erwartungen gehabt.
Ja, das Haus oder das Gehöft bestand aus einem Haus.
Die Hälfte war Wohnen und die andere Hälfte war Stallung.
Zwischen waren die Wirtschaftsrauben,
wo im Kartoffeln gekocht wurden für die Tiere,
wo die Wasserpumpe stand, dass sie im Winter nicht einfriert.
Und das ganze Haus war ein Fachwerkhaus.
Also kein typisches Gebinderhaus, wie das in der Gegend auch vorkommt,
sondern ein normales Fachwerkhaus, relativ klein.
Auf der anderen Seite war eine Scheune.
Da war auch Stallung für kleinere Tiere, Schweine
und Scheune für die Dreschmaschine, für das Heu.
Das Korn wurde ja oft noch im Herbst eingefahren
und in der Scheune gelagert,
und wenn es die Zeit übrig hat, wurde das getroschen.
Und das Maß war immer, zu Weihnachten
musste das Getreide getroschen sein.
Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen.
Aber es war schon eine Dreschmaschine da,
die eben mit dem E-Motor angetrieben wurde.
Also Schlägel gab es schon nicht mehr,
die früher zum Dreschen benutzt wurden.
Ja, das Haus war nicht mehr da,
also konnte man keine Vergleiche mehr anstellen,
nur noch von den Fotos.
Aber dann gibt es keine Innenaufnahmen,
es wird alles sehr klein gewesen sein.
Üblich war es, dass die Leute, die ausgewiesen wurden,
von den zurückbleibenden in die nächste Stadt Friedland gefahren wurden.
Und so hat es uns dann auch getroffen.
Wir waren wohl einer der Letzten, die ausgesiedelt wurden.
Wir sind aber mit Pferd und Wagen nach Friedland gefahren worden.
Von wem, kann ich nicht sagen.
Aber als Kuriosität könnte man sagen,
als wir kurz vor Friedland waren,
hat meine Mutter dann noch Äpfel verteilt.
Und hat sie dann geschält, wie es denn üblich war.
Und da haben meine Brüder, die sieben Jahre älter sind,
zu unserer Mutter gesagt, du kannst doch nicht die Äpfel schälen,
wo die jetzt zu knapp werden.
Da muss man sie doch mit Schale essen.
Sagen wir mal am Rande,
ich habe natürlich die Tragweite der Aussiedlung
zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht erfassen können.
Es war zwar eine unschöne Sache,
aber die Tragweite haben wir als Kinder oder ich als sechsjähriger
überhaupt nicht erfasst.
Der Aufenthalt im Lager war für uns Kinder ein großer Spielplatz.
Es war auf dem Gelände dieser Fabrik oder Lagerhallen,
waren irgendwelche Spielgeräte aufgestellt.
Unter anderem eine Plattform, die sich drehen ließ,
die war relativ groß,
mit Kinderaugen war sie vielleicht 10 Meter oder 6 Meter im Durchmesser,
abgespannt über Seile.
Und da haben denn die Größeren sich an den Seilen festgehalten
und sind mit den Füßen auf der Plattform gegangen,
so dass sich Halbe sich immer drehte.
Und wir Kleinen waren natürlich ganz begeistert
und abgelenkt von der eigentlichen Situation.
Als negatives Seite möchte ich sagen,
wir hatten das Glück im Unglück.
Wir durften pro Person 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen.
Da wir drei Kinder waren,
war das für die Familie ja an sich ganz gut.
Nur bei dem Gepäck durften keine Wertgegenstände sein.
Es durfte nicht viel Bettwäsche sein.
Die Anzahl ist mir unbekannt.
Aber ich weiß, dass es kontrolliert wurde.
Und meine Mutter war an sich ein bisschen vorsichtig
und hatte diese 50 Kilo pro Person.
Wir waren fünf Personen nicht ausgeschöpft
und hat dann von diesen aufsehernahen Tischstecken
oder Bettwäsche bekommen,
die sie anderen Leuten weggenommen hatten,
um unsere Kilo aufzufüllen.
Und dann ist meine Mutter umhergelaufen im Lager
und hat gefragt, wem die Sachen gehören.
Und ich glaube, sie hat den Eigentümer gefunden
und hat denen das wiedergegeben.
Und noch etwas Negatives.
Meine Mutter musste dann auch zur Live-Visitation
in irgendeine kleine Räumlichkeit.
Und ich als kleiner Junge musste damit rein
und konnte sehen, wie meine Mutter durchsucht wurde,
aber in Grenzen.
Es war nichts Anstößiges.
Und ich weiß noch, wie sie ihr die Uhr abgenommen haben.
Die hatte so eine Armband Uhr,
die man auch abnehmen konnte vom Armband.
Da waren solche Fassungen.
Und da hat man die Uhr abgenommen.
Und das Band war wohl kein großer Wertgegenstand.
Das durfte behalten.
Aber die Uhr wurde einbehalten.
Und meine Sachen wurden auch noch ein bisschen
tischgründig begutachtet,
weil die Leute hatten dann auch versucht,
Geld oder Wertgegenstände in Sachen einzunähen.
Und da wurden dann auch meine Kleidung
ein bisschen fysiliert, sagt man,
um eben zu finden, ob da Geld eingenäht war
oder irgendetwas anderes.
Dann kann ich mich auch noch erinnern als damals negative Seite.
Wir waren wahrscheinlich vier Tage da im September 1946.
Ich kann mich nur noch erinnern,
wie dann der Transport zusammengestellt wurde.
Und da sind wir in großer Marschkolonne
zum Bahnhof geführt worden.
Meine Eltern bekamen Geld.
Ich kann nicht die Summe mehr sagen,
aber es war wenigstens etwas,
wenn man auch nichts kaufen konnte.
Aber es war etwas Geld.
Das muss ja deutscher Reichsmarkt gewesen sein.
Und es sind ja viele ausgesiedelt worden,
die haben überhaupt nichts mitnehmen dürfen
und auch nichts bekommen.
Dann ging es in Güterwagen rein
und dann ging die Reise wahrscheinlich zehn Tage
bis nach Mecklenburg damals ankommen.
Über Dresden, Berlin, mehr weiß ich nicht,
weiß bloß noch, dass wir über eine hohe Brücke
in wahrscheinlich Pirna über die Elbe fahren.
Und das war für mich eine unheimliche Höhe.
Mehr kann ich da nicht sagen.
Ich würde sagen, Verbindung ist sehr flach.
Die meiste Zeit war es ja nicht change.
Es ist ja erst 1918,
aus dem mit den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges,
ist ja erst die tschechische Republik gegründet worden.
Und erst ab dann war es change.
Vorher war es ja Österreich-Ungarn.
Und mein Großvater, der schwärmte an sich von Österreich-Ungarn.
Er hat auch einen Ersten Weltkrieg
für Österreich-Ungarn im Krieg.
Ja, die Eltern sind ja auch noch,
meine Eltern sind ja auch noch vor 18,
also in Österreich-Ungarn geboren worden,
sind 9 und 10.
Und dadurch, dass an sich
der Anteil der Bevölkerung im Dorf
überwiegend Deutsch war,
haben wir als Kinder, jetzt muss ich wieder
noch in die Zeit gehen,
kaum das mitgekriegt,
dass es überhaupt mal tschechisch war.
Weil wir ja schon 38 heim ins Reich gekommen sind,
war das für uns gar nicht,
für mich als diese Generation gar nicht relevant,
dass wir überhaupt tschechisch waren.
Und somit kann ich mich überhaupt nicht
mit der tschechischen Republik identifizieren,
weil einfach nicht eingepflanzt worden war.
Und das ist auch jetzt noch nicht anders.
Ich hatte ja vorhin schon gesagt,
dass ich das zwar sehr bereue,
dass wir da weg sind,
aber im Nachhinein bin ich der Meinung,
dass es so die bessere Lösung ist,
weil das Niveau da in der Tscheche ist ja doch nicht so,
hat sich auch nicht so entwickelt, wie das in Deutschland.
Denn es war 45er überall nicht rosig.
Es hat sich aber doch auch in der DDR anders entwickelt,
als in der tschechischen Republik.
Obwohl alle Bemühungen, die sie angestellt haben,
hoch anzurechnen sind und gar keine Frage,
aber ich bin an sich mit der jetzigen Situation recht zufrieden.
Obwohl man je älter man wird,
immer mehr an die eigentliche Heimat denkt.
Aber der Verstand sagt, es ist sowohl besser.
Es ist da nichts Bösartiges mehr zu spüren.
Wir sind ja schließlich alle aus einer anderen Generation,
die das zwar nicht gut findet, was da geschehen ist,
aber sich damit abgefunden hat.
Und ich könnte da an sich gar nichts zu sagen.
Erstaunlich ist nur, dass wir die meisten,
die sich da jetzt treffen seit acht Jahren,
die ja vorher sich gar nicht gekannt haben.
Aber wir haben zu einer Dorfgemeinschaft zusammengelebt
oder gefunden im Urlaub.
Da ist immer die Stimmung etwas besser,
als wenn wir uns schon immer gekannt hätten.
Und jetzt wird auch langsam,
kriegt man mit wer, wo aufgewachsen ist,
in welcher Gegend,
weil die Häuser ja meistens alle nicht mehr stehen.
Es ist bloß schade, dass es leben ja noch mehr, noch viele.
Es sind aber doch einige dabei, die sich überhaupt nicht sehen lassen.
Ob die bestimmt auch schon mal da waren,
aber auf individueller Fahrt.
Das ist schade, dass wir nicht noch mehr sind.
Es leben noch einige, noch leben noch einige,
aber es werden immer weniger.
Denn wir sind ja auch schon über 70.
Das meiste haben wir hinter uns.
Ja, es wurde sich getroffen.
Aber dadurch, dass die doch ganz schön dezentralisiert waren,
waren natürlich die Kontakte auch nur im kleinen Rahmen.
Ich weiß, wir waren in Anschlamm 2-3 Familien,
die sich die Eltern besucht haben.
In Ferdinandeshof war der Kreis noch größer
und ist jetzt noch groß.
In Wolgast sind auch einige gewesen,
aber es sind ja auch sehr viele, auch nach der Aussiedlung,
haben die sich dann ein neues Zuhause gesucht.
Nicht dort, wo sie hingesiedelt worden sind
oder evakuiert worden sind,
sondern ganz woanders, sprich in den Westen,
sind eben nur der harte Kern vor Ort geblieben.
Die Heimat ist jetzt natürlich hier in Anchlamm.
Aber ich will dabei nicht vergessen,
dass meine ursprüngliche Heimat eben doch Wünschendorf ist.
Aber nun kannte man ja den Begriff Heimat,
philosophisch definieren.
Man sagt ja auch Heimat ist dort,
wo der Staat für dich sorgt
und wo man sich wohl fühlt.
Wenn ich die Definition ranziehe,
dann ist es eben hier.
Obwohl man nicht vergisst,
dass die eigentliche Heimat woanders ist,
hier ist ein Jahr kühlgesagt genommen worden.
Und muss auch dazu sagen,
dass auch in der Zeit, wie man erwachsen wurde,
in der sogenannten DDR,
wurde ein, das ja auch vehement klargemacht,
dass man die alte Heimat vergessen sollte.
Es war auch nicht, es wurde,
diese Reisen, die wir jetzt machen,
die werden garantiert zu DDR-Zeiten
nicht möglich gewesen.
Oder unter Umständen möglich, aber mit großem Aufwand.
Und jetzt ist es eben wieder möglich,
dass man sich daran erinnern kann.
Und darf, das war in der Zeit, wo man groß geworden ist,
nicht erwünscht.
In der Bundesrepublik,
als wir denn die deutsche Einheit hatten,
da wurde ja eine Summe für Heimatvertriebene ausgezahlt.
Die war Person gebunden,
man musste in der DDR gelebt haben,
weil im Westteil Deutschland
wurde ja der sogenannte Lastenausgleich gezahlt.
Für Leute, die irgendwelche Besitztümer hatten,
wurden irgendwie in Teil entschädigt.
Das gab es in der DDR gar nicht.
Aber jetzt in der Bundesrepublik
haben wir, ich glaube, 4.000 D-Mark bekommen.
Das war so, weiß nicht, Mitte Ende 90.
Ja, wie gesagt, wir als Kinder haben das ja
nicht so empfangen oder empfunden.
Aber unsere Eltern, den hat es schon,
ich bin mal mit meinem Vater in die Heimat gefahren,
der hätte bald geweint, als wir wieder losfuhren.
Wir waren ja bloß als Tagetouristen da.
Da war das schon anders.
Aber wir, wie gesagt, als Kinder,
wir sind ja hier aufgewachsen.
Das Gefühl ist nicht mehr so gewachsen
wie bei den Eltern.
Ja, da kann ich auch nur wieder zurückgreifen.
Wir als Kinder oder als randwachsende Jugendliche
waren ja der Meinung,
dass sich die Menschen doch wohl vertragen müssten, könnten.
Aber jetzt im Nachhinein bin ich davon überzeugt,
wenn ich auch noch die Banish-Dekrete,
die in den 40er Jahren uns überhaupt nicht bekannt waren
und auch nachher nicht, wenn man die zugrunde legt
und auch die Feindschaft, die durch den Hitler geschürt worden ist,
dass das unüberwindliche Streitigkeiten weiterhin gegeben hätte.
Und so hart, wie es scheint,
wäre ein Miteinander wohl nicht gegangen.
Ich nehme an, es ist die richtige Lösung,
obwohl sie ganz schwer ist und auch nicht zu verstehen ist.
Aber es ist leider so, dass, ich möchte schon sagen,
durch den Faschismus doch sehr viel Unfrieden
gesehen worden ist und der dann auch gewachsen ist
auf der Gegenseite aus menschlichen Gründen.
Also ich sehe beinah das als richtige nicht,
aber als Lösung an, als brauchbare Lösung.
Ich möchte aber kein Profet sein und auch kein Politiker sein.
