Der französisch-sprechende Kanton Jura im Nordwesten der Schweiz hat eine konfliktreiche Geschichte hinter sich.
Nach dem Fall Napoleons sprach der Wiener Kongress 1815 die gesamte Juraregion dem Kanton Bern zu.
Aufgrund von kulturellen und politischen Spannungen führten mehrere Volksabstimmungen in den 1970er-Jahren zur Abspaltung des nördlichen Teils des Jura vom Kanton Bern
und 1979 schließlich zur Gründung des Kantons Jura. Obwohl die friedliche Bildung des Kantons Jura für manche Länder eine Sensation war,
zerschlugen sich die damit verbundenen Hoffnungen auf ein Ende der Jurafrage.
Denn der Konflikt zwischen Berntreuen und Autonomisten schwelte in den südjurassischen Bezirken, die im Kanton Bern blieben, und ihnen auch Mutti weiter.
Kaum ein Jahr später gingen hunderte projurassische wie auch Berntreue Extremisten mit Steinen, Stangen und Knallkörbern aufeinander los.
Schwere Krawalle und sogar Sprengstoffanschläge waren die Folge, so dass es laut dem Schweizer Jurakennertick wart, die beinahe zu einem Bürgerkrieg gekommen wäre.
Bomben von Extremisten in der sonst so beschaulichen Schweiz waren ein Alarmsignal für den Bundesrat.
So könne und dürfe es nicht weitergehen, ließ er verlauten.
Er suchte nach einer Lösung und rief dazu 1994 ein neuartiges Diskussionsforum ins Leben, die intraurassische Versammlung, kurz IJV.
Je zwölf Personen aus den beiden Kantonen Bern und Jura waren dabei, geleitet von einem unabhängigen Vermittler, den der Bundesrat bestimmte.
Ihr primäres Ziel war der Dialog und die Versöhnung zwischen den Kantonen Jura und Bern.
Seit 2011 leidet der Desiner FDP-Politiker Dick Marti die IJV.
Am vergangenen Sonntag, dem 18. Juni 2017, kam es nun zu dem, was sich vor 30 Jahren noch niemand hätte vorstellen können.
Knapp, aber nicht überraschend, befürworteten die Stimmberechtigten von Mutier einen Kantonswechsel zum Kanton Jura.
51,7% sagten ja dazu.
SRF-Korrespondent Rolf Dietrich ist überzeugt, auch wenn das Stimmvolk der beiden betroffenen Kantonen noch zustimmen muss,
das ist der Schlussstrich unter die gesamte Jura-Frage.
Laut Dick Marti sei diese Abstimmung der Abschluss des politischen Prozesses,
auf den sich im Rahmen der interjurassischen Versammlung IJV beide Konfliktparteien geeinigt haben.
Diese unorthodoxen Methoden der Friedensförderung, wie beispielsweise Abstimmungsmöglichkeiten,
weckten internationales Interesse.
Immer wieder bekam die IJV Besuch von Delegationen aus Konfliktregionen, wie etwa aus Katalonien oder aus dem Balkan.
Sie wollten wissen, so Marti, wie es möglich sei, auch bei ihnen ohne allzu große Gewalt solche Probleme zu lösen.
Zu der Frage, ob der Jura-Konflikt ein Lehrstück für demokratische Konfliktlösung sei, antwortete Marti.
Man kann die Modelle als solche nicht exportieren, aber einige Ansätze, einige Prinzipien schon.
Solche Leitprinzipien waren zum Beispiel, dass ein erzönter Bundesrat Kurt Fugler im März 1980 sagte,
dass der Bundesrat keine wie immer geartete paramilitärische Organisation akzeptieren werde
und dass er die Streithähne an einen gemeinsamen Tisch brachte.
Die interjurassische Versammlung war etwas Neues, Kreatives in der Schweizer Geschichte, so Marti.
Der Zweck der Übung war, zuerst einen Dialog zu fördern. Die Leute mussten sich kennenlernen, sich begegnen, miteinander sprechen
und sie mussten auch über gemeinsame konkrete Probleme reden.
Auch wenn der Staat hazig und das Misstrauen riesig waren, entspannte sich die politische Situation im Jura allmählich
und die Gespräche wurden freundschaftlicher.
Zusätzlich trafen sich Vertreter beider Kantonsregierungen und der zuständige Bundesrat einmal pro Jahr zu Gesprächen.
Gemeinsam entsteht der Plan verschiedene Abstimmungsmöglichkeiten für einzelne Gemeinden, von der Mutier nun Gebrauch machte.
Dieser wagemutige Schritt von Abstimmung sei eine Feineinstellung der Demokratie, das sei Swissnes, so Marti.
Im Ausland sei man sich nicht gewöhnt, dass auch kleine Gemeinden mitentscheiden können.
Liebe Zuschauerinnen, liebe Zuschauer, zugegeben, die kleine Gemeinde Mutier ist nicht ganz mit der Schwarzmeer-Halbinsel-Krim
oder anderen Abspaltungskonflikten im Ausland zu vergleichen.
Doch warum sollte das, was im Kleinen möglich ist, nicht auch im Großen machbar sein?
Wenn schon in der kleinen Schweiz eine Abstimmung über die Kantonszugehörigkeit möglich ist
und das äußes knappe Resultat von 51,7% von den betroffenen Parteien respektiert wird,
warum sollte dann das absolut klare und eindeutige Resultat der Abstimmung über die Landeszugehörigkeit der Krim nicht respektiert werden?
Damals, am 16. März 2014, sprachen sich 96,77% der Abstimmenden für einen Anschluss an Russland aus.
Was von der westlichen Weltgemeinschaft bis heute noch nicht akzeptiert wird.
