Der Kurier des Kaisers

Erstes Kapitel.

Am Pic von Orizaba.

Der Leser lernt den Helden kennen – Trübe Tage in Mexiko. – Was ein Pama unter Requirieren versteht.

»Holla, Wohanna – was giebt's?!« . . .

Der soeben aus dem Schlummer Erwachte richtete sich auf, rieb sich die Augen und schaute umher.

Der Tag begann zu dämmern. Die ersten grauen Schatten fielen in das Innere der Höhle; draußen vor dem Eingang leuchtete es noch heller – eine Schicht Schnee war über Nacht gefallen und im Frühschein glänzten die Krystalle wie Silber.

»Still, Herr,« antwortete eine zweite Stimme. »Mir war's, als hätte ein Pferd gewiehert . . . Bleiben Sie liegen – ich will nachsehen, ob sich einer der Gäule vielleicht losgerissen hat . . .«

Der Mann erhob sich. Es war ein Indianer, kein Jüngling mehr, das sah man an dem durchfurchten, braunen Gesicht, doch immer noch eine stattliche Erscheinung, starkgliedrig und von würdevoller Haltung. Sein Antlitz war nicht bemalt, dagegen trug er auf der nackten Brust unter dem offen stehenden Lederhemd ein farbiges Zeichen: einen roten Ring, durch den ein Pfeil ging.

Die Höhle war weit und mochte vulkanischen Ursprungs sein wie die meisten Grottenbildungen an den Hängen des Pics von Orizaba. Riesige Felssteine, zu gigantischen Trümmerhaufen vereint, schieden sie in verschiedene Teile; das Ganze war gewissermaßen ein kleines Labyrinth, in dem man sich nicht allzu leicht zurechtzufinden vermochte.

Der zweite Reisende blieb, in seinen Woylach gehüllt, liegen und stützte den Kopf in die Hand. Er war todmüde. Der Tag vorher hatte eine Reihe schwerer Anstrengungen gebracht – in der That, man mußte sich an das strapaziöse Reisen im Hochlande von Mexiko erst gewöhnen. Und der junge Mann hatte noch dazu eine lange Seefahrt hinter sich, die auch nicht allzu glatt verlaufen, sondern mit allerhand Stürmen und Ungemach verbunden gewesen war.

Daß er kein Sohn des Landes, war selbst in diesem Halbdunkel sofort zu erkennen. Er mochte neunzehn oder zwanzig Jahre alt sein, war blond und hatte ein hübsches, offenes Gesicht mit blitzenden, blauen Augen. Ein erster Bartflaum sproßte auf seiner Oberlippe; sicher hatte noch kein Schermesser diesen jungfräulichen Bart berührt.

Nun warf er die Decke zurück und lauschte. Er trug Reisekleidung von praktischem Zuschnitt: Joppe, Beinkleid und die bis zu den Knien reichenden Gamaschen aus wasserdichtem Lederstoff, und um die Schultern das Poncho, das mexikanische Plaid mit der Schlitzöffnung für den Kopf.

Von jenseit der hochaufgetürmten Felssplitter, die sich wie ein Mauerwall bis tief in die Höhle hineinschoben, drang ein heller Ausruf des Staunens und der Empörung.

»Señor!« gellte die Stimme des indianischen Führers, »bei allen Heiligen – unsre Pferde sind fort – sind gestohlen – –«

Der junge Deutsche – denn seine Wiege stand an den Ufern des Rheins, und ganz deutsch klang auch sein Name: Fritz Berger – sprang beflügelten Fußes in den Nebenraum, da wo man die Gäule angepflöckt hatte. Aber die weite Höhlung, in die heller und heller das Licht des erwachenden Tages fiel, war leer; nur die beiden Stricke, die die Stelle der Halftern vertreten hatten, lagen am Boden, den dichtes Geröll bedeckte.

Fritz starrte mit großen, erschreckten Augen seinen Führer an.

»Gestohlen worden?« wiederholte er fragend. »Ich glaube, du irrst, Wohanna. Wie sollten in diese Einöde Diebe kommen?«

Der Indianer lächelte.

»Sie kennen unsre Berge noch nicht, Señor,« erwiderte er, sichtlich bemüht, ein möglichst fehlerfreies Spanisch zu sprechen, »und Sie wissen nicht, in welchen Zeiten wir leben. Freibeuterschwärme durchstreifen zu hunderten das Land, und wenn sie sich auch Soldaten nennen – die meisten von ihnen sind dennoch nichts besseres als Räuber und Mörder! Aber kommen Sie – die Schufte können noch nicht weit sein – vielleicht finden wir ihre Spuren noch . . .«

Sie traten hinaus in das Freie. Der Tag war erwacht, aber die ganze Berglandschaft ringsum lag in dichtem Nebel. Und dieser Nebel braute und kochte aus allen Schluchten auf, als habe der Vulkan tief unter der Erde seine Feuer entzündet und spanne um die schneeigen Gipfel tief häugende Schleier.

»Es ist unmöglich, an eine Verfolgung zu denken,« sagte Berger unmutig. »Wir sind zu Fuß, sind vom Wege abgekommen und haben ein Nebelheim vor uns. Und schließlich: ich glaube noch nicht recht an den Diebstahl. Die Gäule können sich losgerissen haben und können geflüchtet sein.«

Wohanna beugte sich und hob irgend etwas vom Erdboden auf.

»Schauen Sie her, Herr,« gab er zurück, »was ist das?«

Es war ein Messer, ein einfaches und billiges Taschenmesser mit dunkler Hornschale.

»Nun – und?« fragte Fritz. »Ein Wanderer kann es verloren haben.«

»Kann es – o ja, Herr,« antwortete Wohanna. »Aber ich habe hundert Zweifel dagegen. In diesen Tagen reisen nicht viele zu ihrem Vergnügen – und zudem: läge das Messer schon lange hier, so würde sich Rost an den Stahl gesetzt haben. Doch sehen Sie selbst, die Klinge ist blank und schneidig, und der Eindruck im Schnee ist frisch. Und erst gegen Morgen ist der Schnee gefallen. Der Dieb hat bei Ihrem Pferde den Halfterstrick durchschnitten, weil es ihm zu beschwerlich war, den Knoten zu lösen. So ist's und nicht anders.«

Fritz nickte mit bekümmerter Miene. Er sah ein, daß der Indianer recht hatte.

»Was nun thun?« fragte er. »Wir können die Schurken nicht einmal verfolgen.«

Wohanna schüttelte den Kopf.

»Es wäre Thorheit,« entgegnete er. »Wir müssen ausharren, bis der Nebel gewichen ist, und es wird nicht lange währen, so hat ihn die Sonne zerstreut. Und dann wollen wir versuchen, uns im nächsten Dorfe ein paar neue Pferde zu kaufen.«

Fritz lächelte. Er war klug genug, die Reisestörung von der humoristischen Seite zu nehmen.

»Ich glaube nicht,« sagte er, »daß du je etwas von dem ›Ring des Polykrates‹ gehört hast, Wohanna. Es schadet auch nichts; ich verzichte sogar darauf, ihn dir zu deklamieren – aber ich sage dir eins: unsre Gäule waren der Ring des Polykrates – wir haben sie dem Neide der Götter geopfert . . . Und nun laß uns frühstücken!«

»Ich hätte nichts dagegen, Señor – aber mit dem Frühstücken ist es eine eigne Sache. Die Halunken haben nämlich auch unsern Reisesack mitgehen lassen!«

»Heiliges Donner–«

Fritz verschluckte den Fluch und sprudelte dafür eine ganze Reihe nicht sehr höflicher Bezeichnungen für die Diebe über die Lippen. Es war zu toll! Der Reisesack war im Diligencias-Hotel zu Orizaba fürsorglich gefüllt worden. Da hatte nichts gefehlt: weder Thee noch Kaffee, noch Zucker, noch Brot, noch allerhand treffliche Konserven, selbst eine Schachtel mit Cigaretten war dabei gewesen. Und alles, alles hatten die Gauner gestohlen! Fritz hob beide Fäuste empor und drohte in den Nebel hinein.

»O ihr Gelichter! Ihr Halunken!«

Und dann lachte er abermals herzlich auf, wie belustigt über seinen aufkochenden Grimm.

»Holen wir uns die Decken aus der Höhle,« sagte er, bei allem Ungemach plötzlich wieder heiter gestimmt, »und setzen wir uns mitten in den Nebelsee. Ich möchte wenigstens zuschauen, wie die Sonne die weißen Dunstwolken vertreibt.«

Wohanna hatte bereits die Woylachs herbeigeholt und breitete sie über einen bankartigen Felsstein aus.

»Der Señor hat wenig Glück bei seinem Eintritt in das fremde Land,« meinte er, sich zu Füßen von Fritz niederkauernd. »Das wußte ich schon in Veracruz. Als Sie im Hafen aus Ihrem Boot an das Land stiegen, stolperten Sie, und Sie wären gefallen, wenn ich Sie nicht aufgefangen hätte. Und da wußte ich auch, daß Ihnen ein Ungemach bevorstand.«

»Ah bah – du bist abergläubisch, Wohanna! Weißt du, daß mich das wundert? Deiner Sprache und deinem ganzen Benehmen nach scheinst du eine bessere Schule genossen zu haben als die meisten deiner Stammesgenossen.«

»Ich bin städtisch erzogen worden, Herr; ein Advokat in Tampico hatte sich meiner angenommen, als ich noch ein Kind war.«

»Aus Tampico? Du stammst also nicht aus dem Süden, wie die meisten Indios, die in Veracruz Dienst suchen?«

»Nein, Señor, ich bin ein Pama.«

»Aber ein Christ – nicht wahr?«

»Ja, Herr – wie alle Pamas.«

Das Gespräch verstummte ein kurzes Weilchen. Mit Interesse betrachtete der junge Deutsche den hochgewachsenen Indianer, den er bei seiner Ankunft in Veracruz engagiert hatte, wohl wissend, das die in das Innere führende Eisenbahn erst im Entstehen begriffen war und daß man bei den Kriegsunruhen im Lande auch mit der regelmäßigen Postverbindung nicht mehr rechnen konnte. In der That unterschied sich Wohanna durch sein ganzes Sichgeben auf das Vorteilhafteste von dem verlumpten und armen braunen Gesindel, das in den Hafenstädten sein Brot suchte.

»Also ein Pama,« wiederholte Berger. »Hält dein Stamm zu dem Kaiser?«

»Ja, Señor,« entgegnete Wohanna kurz.

»Der arme Kaiser! Im Hotel in Veracruz habe ich ein paar Zeitungen lesen können – ich wußte ja gar nicht, wie sich die Verhältnisse in Mexiko entwickelt hatten! Welch Schurkenstreich von den Franzosen, ihn in höchster Not mit einer erst halb organisierten Armee allein zu lassen! Der Haß gegen Bazaine scheint allgemein zu sein.«

Wohanna nickte.

»So sagt man. Der Marschall der Franzosen liebt nur das Gold, sonst nichts. Er hätte selbst an die Stelle des Kaisers treten mögen, und die Leute in den Städten erzählen, daß die Kaiserin nur nach Europa gereist sei, um bei dem Kriegsherrn des Marschalls, bei dem großen Emperadore Napoleon, Klage über ihn zu erheben.«

Fritz neigte den Kopf. Erst in Veracruz hatte er aus den Blättern erfahren, daß die unglückliche Kaiserin Charlotte infolge der Aufregungen, die sie in Paris durchlebt, unheilbar schwer erkrankt sei – ein neuer und ach, welch furchtbarer Herzenskummer für Maximilian! –

Es waren böse Zeiten für ganz Mexiko, und unheilvoll hob das Trauerjahr 1867 an. Erzherzog Maximilian von Österreich hatte vor drei Jahren, dem Rufe des der wilden Parteikämpfe müde gewordenen mexikanischen Volkes folgend, den Thron des alten Aztekenreiches bestiegen, aber er sollte seiner Krone nicht froh werden. Er war mit einem ganzen Herzen voll idealer Pläne über das Meer gezogen, doch es war ihm nicht gelungen, der Revolution Herr zu werden, die nun schon seit Jahrzehnten das Land durchtobte und die Bevölkerung an den Bettelstab brachte. Die republikanische Partei, an ihrer Spitze der Diktator Benito Juarez, wollte sich nicht den neuen Verhältnissen fügen und bekämpfte das Kaisertum mit erbittertem Fanatismus. Juarez hatte neben verschiedenen tapfern Führern, die aus hoher Begeisterung für die Sache der Republik fochten, auch eine Masse räuberisches Gesindel unter seinen Fahnen vereinigt, und so flammte denn der Aufruhr ärger als je von Grenze zu Grenze, und die Kaiserlichen hatten einen schweren Stand, den Ansturm der Gegner nach der Hauptstadt zu abzuwehren.

Seit Anbeginn des Jahrhunderts wüteten blutige Bürgerkriege in dem alten Aztekenreiche. Nach der Eroberung des Landes durch Ferdinand Cortez saugten spanische Vizekönige die Bevölkerung erbarmungslos aus, bis mit dem Aufstande des Priesters Hidalgo y Castilla im September 1810 die Revolutionen begannen, denen die spanische Herrschaft weichen mußte. 1821 riß General Iturbide die Macht an sich und machte sich unter dem Namen Augustin I. zum ersten Kaiser von Mexiko. Nach seinem Sturze behauptete sich die Republik unter einer ganzen Reihe von Präsidenten, die von zahllosen Gegenpräsidenten bekämpft wurden, so daß das unglückselige Land Ströme von Blut über sich ergießen lassen mußte. In den fünfziger Jahren begann Benito Juarez die politische Aufmerksamkeit zu erregen. Der intelligente Indianer – er stammte aus einer dem Tribus der Zapotecas angehörigen Familie – hatte rasch Karriere gemacht. Laufjunge, Schreiber, Student, Advokat, Friedensrichter, Deputierter, Gouverneur der Provinz Oaxaca, Justizminister und schließlich Vizepräsident der Republik – das war die Staffelleiter des Ruhms, die Juarez in schneller Folge erklomm. Als Präsident Comonfort im Dezember 1857 seinen Widersachern weichen mußte, wurde Juarez an die Spitze des Reichs berufen; da aber auch er die Fremden im Lande nicht vor der Ausbeutung durch ein gewissenloses Beamtentum zu schützen wußte und auch die auswärtigen Staatsgläubiger nicht zu befriedigen willens war, so begann der sogenannte Interventionsfeldzug, und Frankreich, Spanien und England ließen durch ihre Truppen Mexiko besetzen. Die beiden letztgenannten Mächte zogen sich bald wieder zurück, so daß die französische Okkupationsarmee unter den Generalen Forey und Bazaine, demselben Marschall Bazaine, der 1870 die stolze Moselfeste Metz den siegreichen Deutschen übergeben mußte, allein auf dem Schauplatz zurückblieb, und schließlich nach schweren Kämpfen die Hauptstadt eroberte und Juarez in die Flucht trieb. Inzwischen hatten auch die gemäßigten einheimischen Elemente Sehnsucht nach Frieden bekommen. Eine mexikanische Notablenversammlung proklamierte auf Vorschlag Napoleons den Erzherzog Maximilian zum Kaiser; eine allgemeine Volkswahl sanktionierte diesen Beschluß, und so hielt denn Maximilian im Juni 1864 an der Seite seiner schönen und klugen Gattin, der Kaiserin Charlotte, seinen Einzug in das alte Inkareich.

Maximilian hatte sich im Vertrage von Miramar die Hilfe Frankreichs gesichert. Aber Napoleon brach den Vertrag, als er sah, daß sich die Lage der Dinge nicht so zu seinem Vorteil gestaltete, wie er gehofft hatte, und gab dem Marschall Bazaine Befehl, sich mit der Okkupationsarmee zurückzuziehen. Obschon Kaiser Maximilian selbst Bazaine, der beständig gegen ihn zu intriguieren versuchte, nicht ungern scheiden sah, verlor er in den französischen Hilfstruppen doch eine starke Stütze, und da zudem die Finanzverhältnisse des Reichs überaus verzweifelte waren, so wankte der Boden immer mehr unter seinem Thron. In seiner Bedrängnis sandte Maximilian seine Gattin nach Europa, um noch einmal zu versuchen, das Kabinett von Paris und den Papst für die mexikanischen Verhältnisse zu interessieren; aber die schroffe Abweisung Napoleons erschütterte ihre Nerven so stark, daß sich die unglückliche Frau nur noch mühselig nach Rom schleppen konnte, um dort zu den Füßen des Papstes wahnsinnig zusammenzubrechen.

Die Lage Maximilians gestaltete sich immer tragischer. Auf die in Eile gebildete Nationalarmee war wenig Verlaß und die Fremdenlegion stark zusammengeschmolzen. Die Juaristen erfochten Sieg um Sieg – ihre Guerillatruppen umkreisten bereits in dichten Bogen die Hauptstadt. Aber der Kaiser hielt aus; er wollte nicht wie ein vom Schlachtfelde fliehender Soldat die Waffe aus der Hand werfen – er wollte, sollte es nicht anders sein, inmitten des Volkes sterben, das ihn gerufen und dem er das Beste seines edeln Herzens geopfert hatte. Die Hauptmacht der Kaiserlichen stand zur Zeit unsrer Erzählung unter den Generalen Marquez, Miramon und Mejia bei Queretaro vereinigt, und hierher gedachte auch der Anfang des Jahres 1867 noch in der Hauptstadt weilende Maximilian aufzubrechen, um den Oberbefehl über die Armee selbst in die Hand zu nehmen. – – –

Der Nebel, der aus den Thälern quoll und jeden Fernblick unmöglich machte, schien sich langsam heben zu wollen. Die Sonne mußte aufgegangen sein, denn ein rötlicher Schein färbte den weißen Dunst purpurn, und dann und wann blitzte es in den brauenden Massen wie ein aus weiter Ferne herüberzuckender goldiger Strahl auf.

Wohanna hatte sich erhoben, um die Decken zusammen zu legen, denn man wollte es mit einem vorsichtigen Abstieg versuchen, als er in seiner Beschäftigung plötzlich innehielt und lauschend den Kopf erhob.

»Hören Sie, Señor?« sagte er, »war das eine Menschenstimme?!«

Ein Gebrüll antwortete, ein gewaltiger Laut, wie er nur aus der Brust eines riesigen Tieres quellen konnte, und zugleich gellte ein Hilfeschrei durch den Nebel.

Wohanna sprang in die Höhle zurück.

»Die Büchse, Señor!«

Die Nebel flatterten empor und verdünnten sich zu durchsichtigen Schleiern; mit siegreicher Gewalt brach sich die Sonne Bahn.

Die nächste Umgebung war nun bequem zu überschauen. Im Süden, sich himmelhoch reckend, die Schneepyramide des Vulkans mit seinem Zwillingsberge, der Sierra Negra, und nach Nordosten zu ein kraterartiges Thal, von zackiger Felsbildung eingefaßt, ein wahrhaftes Meer von Klippen und Steinsplittern. Rings um diesen Krater schlängelte sich der Weg entlang, hier und da von Schlammorästen und erkalteten Lavaströmen durchbrochen und sich tiefer abwärts auf einem gelbbraunen Wiesenplateau verlierend.

Vielleicht hundert Schritt von der Höhle entfernt, in welcher die Reisenden genächtigt hatten, wälzte sich eine dunkle Masse am Boden. Der Nebel hatte sich so gelichtet, daß in nächster Nähe jeder Gegenstand deutlich erkennbar war. So sah Berger denn auch zu seinem Entsetzen, daß die dunkle Masse am Wegrand ein ungeheurer Bär war, wie es schien ein Grisly, jene Bärenart, die dem ausgestorbenen Höhlenbären am nächsten steht und an Größe und Stärke den sogenannten braunen Bär weit überragt. Das Tier mußte getroffen worden sein, wenigstens ließen die Zuckungen, in denen es sich auf dem steinigen Boden wälzte, auf den Todeskampf schließen. Aber es hatte eine Gefährtin, die seinen Tod rächen wollte. Platt an die Felswand gedrückt sah Berger einen jungen Indianer, ein langes Messer in der Hand, die Augen weit und starr geöffnet und den Blick auf den zweiten Feind gerichtet. Es war dies ein etwas kleinerer Bär als der bereits erlegte, wahrscheinlich das Bärenweibchen, das dem Gefährten zu einem Raubzuge in die tiefer gelegenen Partien der Sierra gefolgt war. Es mochte den Feind schon erkannt haben, denn es hatte sich drohend auf den Hintertatzen aufgerichtet und brüllte so gewaltig, daß es wie der Donnerton eines Nebelhorns klang.

Berger hatte den Arm Wohannas gepackt.

»Wohanna,« stieß er hervor, »wir müssen dem Unglücklichen Hilfe bringen!«

Und er legte die Büchse in Anschlag.

Doch eine Handbewegung des Indianers hieß ihn, die Waffe wieder sinken zu lassen.

»Nicht so, Señor,« antwortete Wohanna hastig, »helfen Sie mir den linken Arm mit der Wollendecke umwickeln und geben Sie mir mein Lasso! Dann bleiben Sie dicht hinter mir und reichen Sie mir auf den ersten Anruf mein Messer!«

Der junge Indianer hatte inzwischen mit gellem Jubelruf die unerwartete Hilfe begrüßt und stürzte den beiden entgegen. Das aber reizte die Bärin zu grimmiger Wut. Weithin scholl ihr Brüllton; ihre Augen glühten, und in dem halboffenen Rachen, dem dampfender Odem entströmte, sah man die blutrote Zunge.

Wohanna wartete das Nahen des Tieres ruhig ab, den linken, umwickelten Arm vorgestreckt, in der rechten Hand die Lassoschlinge. Und nun sauste das Seil durch die Luft, so geschickt geschleudert, daß es der Bestie wie ein Kragen um den Hals fiel. Der scharfe Ruck veranlaßte, daß die Bärin auf alle Viere vornüberfiel, und das Einschneiden des Lassos, daß sie den Rachen unter Tönen furchtbarer Wut noch weiter aufriß. Jetzt stürzte sich Wohanna auf sie und schob ihr den linken Arm bis zum Ellenbogen in das gewaltige Maul, so daß sich ihre Zähne in dem dicken Wollenstoff der Decke verbissen. Die ganze Kraft der Bestie beruhte nur noch in der Schärfe der Pranken. Aber schon hatte Berger dem Indianer das Messer gereicht und für alle Fälle selber die Büchse erhoben. Wohanna stieß die Klinge – es war ein mehr als handlanges sogenanntes Bowiemesser – der Bärin in die Kehle – ein zischender schwarzer Blutstrom sprang ihm entgegen. Im selben Augenblick hatte sich auch der junge Indianer von rückwärts auf die Bestie geworfen, und sein Messer bohrte sich zwischen den Wirbelknochen tief in ihr Genick. Ein letzter, rasch ersterbender Brüllton, ein Röcheln, Gurgeln und Schnaufen – und das Untier streckte sich, nur wenige Schritt weit von dem Gefährten seiner Tage.

Wohanna erhob sich und wischte das blutige Messer ab. Sein Blick ruhte forschend auf dem jungen Indio.

»Du bist ein Pama?« fragte er ihn in einem für Berger unverständlichen Idiom.

Der andre neigte sich tief, indem er dabei seine Handflächen Wohanna zukehrte.

»Häuptling, du sagst es!«

»Kennst du mich wieder?«

»Keiner von uns wird je den Fliegenden Pfeil vergessen, und auch jene, die damals am lautesten schrien, als der Häuptling in die Verbannung zog, sehnen ihn heute zurück.«

Ein wildes Lächeln spielte um Wohannas Mund.

»Wie heißt du, Freund?«

»Ich bin Iwauha, Iwonangas Sohn.«

»Und was thust du hier?«

Der andre stockte – und plötzlich warf er sich zu Füßen Wohannas nieder.

»Häuptling, vergieb,« stöhnte er. »Ich wußte nicht, daß es deine Pferde waren!«

»Ah – also du warst der Dieb?! Seit wann stehlen meine Pamas wie das spanische Volk in den Städten?«

»Häuptling, man hat mir gesagt, das sei kein Raub, denn das Heer bedürfe der Pferde.«

»Welches Heer, du Thor?«

»Das der Franzosen. Es kommt von Mexiko und will sich in Veracruz in die Heimat jenseit des Meeres einschiffen. Und auf dem Wege von Puebla nach San Andrea ist eine Krankheit unter den Pferden ausgebrochen. Viele sind gefallen, und da hat der Kommandierende befohlen, neue Pferde an Stelle der toten zu beschaffen.«

»Zu requirieren, so nennt man es, Iwauha – ich kenne die Gebräuche der Armeen auch, aber man bezahlt die Requisitionen mit barem Gelde. Oder hat Marschall Bazaine es anders befohlen?«

Der junge Pama zuckte mit den Schultern.

»Ich hatte in San Andrea zu thun, Häuptling,« antwortete er; »der Kaufmann Veroso wollte mit uns über Monatslieferungen von Salpeter verhandeln – und da sahen mich die Franzosen und fragten bei mir an, ob ich nichts von tüchtigen Pferden wisse, die in der Nähe zu beschaffen seien. Ich wußte nichts, aber ein andrer wollte erfahren haben, daß ein Zug von Reisenden auf dem Wege über die Sierra sei – mit Pferden und Mauleseln – und da bot man mir fünfzig Pesetos, wenn ich ein Dutzend Franzosen zu führen bereit sei – und da –«

Der Indianer stockte von neuem, aber Wohanna half ihm, den Satz zu beenden.

»Und da folgtest du unsern Spuren,« sagte er mit spöttischer Betonung, »denn die fünfzig Pesetos lockten dich . . . Es wäre vielleicht besser gewesen, Iwauha, ich hätte dich den Tatzen des Bärenweibchens überlassen. Trolle dich heim und erzähle in Iquilisco, daß du Wohanna getroffen habest. Und erzähle auch, daß Wohanna zurückkehren werde, wenn die Zeit der Rache für ihn gekommen sei. Geh!«

Er erhob die Rechte, und der junge Pama sprang davon und verschwand in den tiefer unten noch immer auf- und abwogenden Nebelmassen.

Fritz hatte, obwohl er nichts von dem Wortwechsel der beiden verstand, doch mit wachsendem Interesse das Paar beobachtet. Sein Führer, den er auf der Reede von Veracruz unter den dort umherlungernden Packknechten indianischen Geblüts gefunden hatte, machte in Wahrheit den Eindruck, als rage er weit über seine Genossen empor; seine Bewegungen und Gesten hatten zuweilen sogar etwas unbestreitbar Vornehmes.

»Ich wünsche dir Glück, Wohanna,« sagte Fritz und reichte dem Indianer die Hand. »Es ist keine Kleinigkeit, so leichter Hand einen Bären zu erlegen.«

»Es ist auch nicht schwer, wenn man kaltblütig bleibt,« entgegnete Wohanna, »und die schwachen Angriffsseiten des Bären kennt. Weiß der Señor, wo die Räuber unsrer Pferde zu finden sind?«

»Woher soll ich das wissen, Wohanna? Kennst du sie?«

»Blicken Sie dort hinab! Die Nebel sind gestiegen – wir können frei Umschau halten.«

In der That flatterten in diesem Augenblick die letzten Nebelstreifen empor. Bis auf die Gipfel der Höhen, um die sich Wolken geschart hatten, hatten die Reisenden die Landschaft in weitem Umkreise vor sich. In der Ferne sah man sogar den Eiskegel des Popocatepetl und tief unten grüne Wälder, Palmenhaine und Zuckerfelder. Die Luft war jetzt so klar, daß sich selbst die einzelnen Ortschaften deutlich unterscheiden ließen. Auf der breiten Landstraße aber, die sich in Windungen durch die Ebene schlängelte, flimmerte und glitzerte es – – ein farbenschillernder Zug bewegte sich dort langsam vorwärts.

»Was ist das, Wohanna?« fragte Fritz. »Da unten – sind das Menschen?«

Wohanna nickte ernst.

»Ja, Herr. Es ist die Armee des Marschalls Bazaine, die nach Veracruz rückt, um sich nach Frankreich einzuschiffen – in dem Augenblick, da der Kaiser ihrer am nötigsten bedarf. Und sehen Sie, Señor – dort unten bei dem französischen Corps sind auch unsre Pferdediebe zu finden!«

Fritz schnellte empor.

»Was heißt das, Freund?«

»Soldaten des Marschalls haben uns unsre Pferde gestohlen, und der junge Indianer, den ich vor den Klauen der Bärin rettete, hat sie geführt. Wollen wir die Gäule wiederhaben, so bleibt uns nichts weiter übrig, als selbst bei dem Marschall vorstellig zu werden.«

»Wie sollen wir ihn erreichen, Wohanna?«

»Das ist nicht schwer. Wenn wir den direkten Abstieg wählen, schneiden wir den Weg ab, den die Kolonne nimmt, und sind früher bei San Rafaelo, als die Truppen den Ort erreicht haben. Von dort aus aber können wir über den Rio Blanco in drei Tagen in Potosi sein.«

Fritz nickte zustimmend.

»Es sei,« antwortete er. »Der Verlust der Gäule ist noch zu ertragen, wenigstens in materieller Hinsicht – aber wie sollen wir weiter kommen? Und schließlich wurmt mich die Räuberei der Franzosen – also vorwärts – versuchen wir es einmal, den Rothosen auf die diebischen Finger zu klopfen!«

Zweites Kapitel.

Ein Reiterstückchen.

Marschall Bazaine auf dem Rückzuge. – Fritz schafft sich seine Pferde zurück und muß zum zweitenmal seine Reise unterbrechen.

Wohanna sollte recht behalten. Als die Reisenden erst die Felswildnis der Nordhänge hinter sich hatten, ging der Abstieg zur Ebene auf ziemlich bequemen Wegen rasch vor sich. Kupferbuchen und Magnolien mischten sich zwischen Fichten und Eichen; die Wiesen wurden saftiger; hier und da tauchte in den Waldlichtungen eine Ansiedlung auf. Endlich sah man die staubgraue Heerstraße vor sich, und die Häuser von San Rafaelo stiegen auf.

Der Vortrab des französischen Corps, das sich in drei großen Abteilungen auf Veracruz zusammenzog, hatte San Rafaelo bereits erreicht, und aus den getroffenen Vorbereitungen ersah Fritz als Soldatenkind, daß hier ein Halt gemacht werden sollte. Auf dem freien Wiesenplatz vor dem Dorfe wurden Pfähle eingerammt und durch Stricke verbunden; andre Soldaten streuten Maisstroh über den Boden und errichteten Zelte. Aus dem Dörfchen hatte sich eine Anzahl Einwohner eingefunden, die neugierig zuschauten: Männer mit braunen Gesichtern und in zerlumpter Kleidung, Mädchen und Dirnen und halbnackte Kinder. Es machte den Eindruck, als lagere eine Zigeunerbande in der Nähe.

Wagenrollen und Hufschlag erdröhnten. Eine offene Equipage, von vier Maultieren gezogen, rasselte staubaufwirbelnd die Chaussee hinab. In ihr saß ein einzelner Mann mit einem Käppi auf dem Haupte, dicht in seinen Mantel gehüllt – eine behäbige Erscheinung mit gerötetem Antlitz und jenem eigentümlichen Bartschnitt, wie ihn der Kaiser Napoleon vorbildlich für seine Offiziere gemacht hatte. Der Herr rauchte eine Cigarette und plauderte zuweilen mit diesem und jenem aus seinem Gefolge, einer Menge französischer Offiziere, die den Wagen zu Pferde umgaben.

»Pardon, mein Lieber,« wandte sich Fritz an einen der Soldaten des Vortrabs, »ist das da der Oberstkommandierende, der Marschall Bazaine?«

Der Angeredete nickte, und nun nahm unser junger Held so am Wege Aufstellung, daß der Marschall ihn sehen mußte. Das geschah denn auch. Bazaine blickte auf – sein Wagen hielt.

»He, holla, junger Mann – eine Nachricht für mich?!« fragte er hastig, in dem Glauben, einen Kurier vor sich zu haben.

Mit abgezogener Mütze und in respektvoller Haltung trat Fritz näher.

»Nein, Excellenz,« antwortete er fest in französischer Sprache, so wie er angeredet worden war; »ich bringe keine Nachricht, aber ich habe die Absicht, über eine mir von Ihren Soldaten zugefügte Unbill Klage zu führen.«

Ein Zug ärgerlicher Enttäuschung glitt über das Gesicht des Marschalls.

»Klage zu führen?« wiederholte er. »Über meine – meine Leute?! Mein Lieber, das muß ein Irrtum sein. Aber steigen wir aus – ich bin wie gerädert, und der Staub hat mir die Kehle förmlich ausgedörrt! . . . Danke, lieber Oberst – danke – ich komm' schon allein aus diesem Klapperkasten heraus!«

Die letzten Worte galten einem der Offiziere des Stabes, der vom Pferde gesprungen war, den Wagenschlag geöffnet hatte und nun dem Marschall beim Aussteigen behilflich sein wollte.

Bazaine reckte und streckte sich, nahm ein paar Züge aus seiner Cigarette und wandte sich hierauf von neuem an Fritz zurück.

»Also, was giebt's?« fragte er. »Aber kurz, wenn ich bitten darf!«

»Es ist mit wenigen Worten gesagt, Excellenz. Ich übernachtete mit meinem Führer in einer Höhle des Gebirges, drei Stunden von hier, und dort sind uns von einigen Ihrer Soldaten, denen ein Indianer den Weg wies, unsre Pferde gestohlen worden. Das ist die Thatsache!«

Der Marschall schüttelte den Kopf und wandte sich an die ihn im Kreise umgebenden Offiziere.

»Halten Sie das für möglich, Major Richebourg?« fragte er einen der Herren, einen hagern, lang aufgeschossenen Mann mit einem Geierprofil.

»Für unmöglich, Excellenz,« entgegnete dieser. »Ich habe allerdings Befehl gegeben, an Stelle der gefallenen Pferde in den umliegenden Ortschaften neue zu requirieren, aber sie sind ihrem Werte nach bezahlt worden.«

»Nun also, lieber Herr« – und Bazaine warf den Kopf zurück, während ein drohender Ausdruck in seine Züge trat, »Sie haben gehört! In den Bergen strolcht allerhand Gesindel herum, republikanische Guerillaschwärme, Banditen und was weiß ich – halten Sie sich an dieses Pack, aber beschuldigen Sie nicht meine braven Truppen! Genug davon!«

Er drehte Fritz den Rücken und schritt auf sein Zelt zu, das inzwischen errichtet worden war, während die Kolonne mit klingendem Spiel auf den Halteplatz rückte.

Aber Fritz ließ sich nicht so leicht einschüchtern. Er vertrat Bazaine einfach den Weg.

»Vergebung, Excellenz,« sagte er, noch immer respektvoll, »daß ich mich bei der Aussage des Herrn Majors noch nicht beruhigen kann. Der Indianer, der Ihre Soldaten führte, hat den Diebstahl mit eignen Augen gesehen – er war Mitwisser, denn man gab ihm fünfzig Pesetos dafür – – Euer Excellenz würden mich zu Danke verpflichten, wenn Sie eine Untersuchung einleiten wollten.«

Im Kreise wurden vereinzelte unmutige Ausrufe hörbar. Major Richebourg trat mit rotem Kopf dicht vor Fritz und faßte ihn an einen Knopf seines Lederkollets.

»Was soll das heißen, Kerl?« zischte er ärgerlich hervor. »Bist du des Teufels, daß du trotz meiner Erklärung deine niederträchtige Behauptung aufrecht hältst?!«

Jetzt schlug auch Fritz die Röte des Zornes in die Wangen.

»Ich bitte Sie zuvörderst um größere Höflichkeit, Herr Major,« rief er aus. »Wir stehen uns nicht auf du und du! Im übrigen bleibe ich bei meiner Aussage!«

Bazaine trat zwischen die beiden.

»Lassen Sie, lieber Richebourg,« sagte er, »wir wollen uns nicht erregen, trotzdem das Bürschlein unverschämt wird! Was sind Sie für ein Landsmann, junger Herr? Spanier oder Franzose?«

»Deutscher, Euer Excellenz zu dienen.«

Wieder ging eine Bewegung durch den Kreis der Offiziere; man flüsterte und lächelte höhnisch.

»Deutscher?« wiederholte der Marschall in fragendem Tone. »Das dürfte doch wohl nur eine – allgemeine Bezeichnung sein. Aber richtig – ich entsinne mich – es existiert ja seit Beendigung des böhmischen Krieges ein sogenannter ›Norddeutscher Bund‹ – ich las davon. Also Deutscher« – und während Bazaine dies Wort eigentümlich ironisch betonte, flog ein Lächeln um seinen schnurrbärtigen Mund. Er ließ seine Cigarette fallen und zertrat sie mit der Stiefelspitze. »Eh bien,« fuhr er fort, »ich will Ihren Wunsch erfüllen und die Sache untersuchen lassen. Major Richebourg – haben Sie die Güte, den Requisitionstrupp zusammen zu berufen und Erkundigungen einzuziehen. Inzwischen, mein Herr Deutscher, dürften Sie wohl gestatten, daß wir ein wenig frühstücken.«

Er ließ Fritz stehen. Vor den Zelten und in dem umfriedigten Halteplatz, in dem die Pferde angekoppelt wurden, entspann sich ein reges militärisches Treiben. Feldtische wurden aufgeschlagen; Ordonnanzen eilten hin und her, schleppten Weinflaschen herbei, deckten die Tische und öffneten die Konservenbüchsen. Feuer wurden entzündet, die Mannschaften begannen abzukochen. Marketenderwagen rasselten heran, die Gefährte der Sanitätskolonnen, eine Batterie Geschütze. Ein Bataillon Infanterie, das in weiterer Entfernung lagern sollte, rückte salutierend vorüber. Durch den Lärm der Soldateska und das Wiehern, Schnaufen und Stampfen der Gäule, denen Futter geschüttet wurde, klangen vereinzelte Kommandos . . .

Fritz hatte sich ermüdet auf einen Stein am Wege gesetzt und sah sich jetzt erst nach Wohanna um. Der Pama hatte den Halteplatz umschritten und näherte sich Fritz mit langsamen und gemessenen Bewegungen.

»Señor,« sagte er halblaut, »ich habe unsre Pferde gesehen – sie stehen dort drüben dicht nebeneinander.«

In diesem Augenblick näherte sich auch Major Richebourg dem Tische, an dem Bazaine mit einigen Offizieren frühstückte.

Fritz sah, daß der Major eine Meldung erstattete und daß der Marschall ihm antwortete. Richebourg schritt nunmehr auf Fritz zu, der sich sofort höflich erhob.

»Meine Nachforschungen haben die Grundlosigkeit Ihrer Angaben erwiesen, junger Mann,« sagte er. »Seine Excellenz der Herr Marschall lassen Sie daher ersuchen, ihn und uns nicht länger zu belästigen.«

Er faßte an sein Käppi und wandte sich wieder.

Fritz ließ ihn ruhig gehen.

»Wohanna – auf ein Wort!«

Der Indianer sprang herbei.

»Wo stehen unsre Gäule?«

»In der ersten Reihe, Señor – gesattelt und aufgeschirrt.«

»Würde es leicht sein, sie loszukoppeln?«

»Ich denke ja, Señor.«

»Gieb acht! Wenn die Franzosen uns die Pferde nicht freiwillig geben, werden wir sie uns mit Gewalt zurücknehmen. Ich werde zunächst eine kleine List versuchen. Sei jeden Moment bereit, dich in den Sattel zu schwingen und in der Carriere zu flüchten. Welche Richtung haben wir einzuschlagen?«

»Die nördliche.«

Fritz nickte und trat sodann an den Tisch Bazaines heran.

»Sacré!« rief der Marschall und setzte das erhobene Glas klirrend auf den Tisch zurück. »Ist der Mensch noch nicht zufrieden?!«

»Zu meinem Bedauern nein,« erwiderte Fritz ruhig. »Der Herr Major muß sich geirrt haben – die gestohlenen Pferde stehen dort drüben angekoppelt!«

Richebourg schnellte empor.

»Unerhört, Excellenz,« schäumte er auf, »lassen Sie den Burschen aus dem Lager jagen – ich verpfände mein Ehrenwort, daß –«

»Ruhe, Ruhe, Ruhe, mein lieber Major« – Bazaine winkte beschwichtigend mit der Hand; »fassen wir das Intermezzo als eine willkommene Abwechslung auf – wir werden uns auf dem Heimwege noch genug langweilen!« Er erhob sich. »Wer hatte das Kommando über die Requisitionsabteilung?«

»Kapitän Melville, Excellenz.«

»So rufen Sie ihn!«

Der Marschall winkte Fritz und schritt mit ihm zu den Pferden. Ein Dutzend Offiziere folgte.

»Nun bitte, Monsieur« – und Bazaine schaute den jungen Deutschen von oben herab an – »welches sind die Gäule, die Sie als die Ihren beanspruchen?«

»Diese beiden, Excellenz – den Rappen mit der Blesse und die braune Stute!«

»Kapitän Melville!«

»Excellenz befehlen?«

»Wo sind die Pferde her?«

»Nach Aussage von sechs Zeugen im Dorfe Los Andos rechtmäßig requiriert worden, Excellenz.«

Die Augen Bazaines flammten auf.

»Und Sie, mein Herr Deutscher,« sagte er mit starker Betonung, »wollen meine braven Leute noch weiterhin Lügen strafen?«

Fritz zuckte mit den Achseln.

»Ich – ich glaube zwar nicht, daß ich mich täuschen kann, Excellenz,« antwortete er mit gut erheuchelter Verlegenheit, »aber schließlich ist jeder Irrtum menschlich. Darf ich um eine letzte Vergünstigung bitten? Der Rappe warf im Trabe das rechte Vorderbein so merkwürdig aus dem Kniegelenk, daß ich das Pferd gar nicht verkennen kann. Würde Euer Excellenz gestatten, daß es mir einmal im Trabe vorgeführt wird?«

Bazaine nickte.

»Gut – auch das noch! Koppelt beide Gäule los und trabt sie dem jungen Herrn vor!«

Der Befehl wurde im Augenblick vollzogen.

Major Richebourg triumphierte.

»Ein schlanker Trab,« rief er mit seiner meckernden Stimme. »Keine Spur von Hahnentritt! Der Mensch lügt – ich sagte es ja!«

Fritz stand am Kopfe des Rappen, den eine Ordonnanz vorn an der Kandare hielt. Er warf einen raschen Seitenblick auf Wohanna und nickte befriedigt, als er sah, daß sich der Pama dicht an der Seite der braunen Stute hielt.

»Nein, Herr Major, ich lüge nicht,« entgegnete unser Held kaltblütig; »ich sehe es auch am Gebiß des Pferdes – – – erlauben Sie einmal,« und Fritz schob die Ordonnanz beiseite und faßte selbst in die Zügel, um anscheinend das Maul des Rappen öffnen zu können.

Im nächsten Augenblick saß er im Sattel. Ein geller Schrei benachrichtigte Wohanna.

»Auf Wiedersehn, Marschall Bazaine!«

Und in gestrecktem Galopp floh der erschreckte Gaul die Straße hinab. Wie eiserne Klammern hafteten die Schenkel des jungen Mannes auf dem Rücken des Rappen. Mit den Fäusten schlug er in Ermangelung einer Peitsche dem erregten Tier auf Hals und Kopf, die Zügel locker lassend, um eine ungehinderte Pace zu ermöglichen. Er schaute weder rechts noch links; Staubwolken wirbelten um ihn auf, und der feine Sand blendete ihn. Ein paar Schüsse krachten hinter ihm her – er achtete nicht darauf. Wie der wilde Jäger brauste er vorwärts – vorwärts . . . Nun kreuzte ein zweiter Weg die Straße. Fritz warf mit Aufbietung aller Kraft den Rappen herum und jagte nordwärts weiter, bis ihn der Schatten dicht belaubter Korkeichen umfing.

Da hörte er dicht hinter sich lautes Rufen.

»Señor – Señor! Langsamer – langsamer, bei allen Heiligen! Wir sind ja in Sicherheit!«

Das war die Stimme Wohannas! Fritz ließ, in Schweiß gebadet, keuchend und röchelnd sein Pferd in Schritt fallen, und der Indianer galoppierte heran.

»Gott sei gelobt,« stöhnte auch er, »das war eine heiße Jagd, Señor Tedescho (Deutscher)! Ich konnte nicht so rasch in den Sattel als Sie – aber ehe die faulen Franzosen an ihren Gäulen waren, war ich längst auf und davon. Eine Kugel flog dicht an meinem Kopfe vorbei – eine zweite hat meine rechte Schulter gestreift . . . Diese Schufte!«

Fritz lachte lustig auf.

»Wir haben unsre Pferde wieder, und damit basta,« sagte er. »Aber wie nun weiter, Wohanna? Sind wir auf rechtem Wege?«

»Auf dem rechten, Señor. An der Tabascaschlucht müssen wir rechts abbiegen. Da liegt auch eine kleine Venta – für Flößer und Holzfäller, wo wir einen raschen Imbiß zu uns nehmen können. Vor Abend haben wir den Rio Blanco erreicht.«

Fritz nickte und streichelte seinen wie mit Milch übergossenen Rappen. Er freute sich, daß er dem Marschall Bazaine hatte ein Schnippchen schlagen können. – – –

Mit Beginn der Abenddämmerung veränderte sich die Landschaft. Sie wurde gebirgiger, ohne im allgemeinen ihren anmutigen Charakter zu verlieren. Mimosen und Tamarisken wucherten an den Rändern der Schlucht, durch die sich der Weg hinzog, und oben wuchsen Feigenbäume und Euphorbien, in deren Wipfeln die entfalteten Blüten von hundert buntfarbigen Schlinggewächsen leuchteten.

Am Rio Blanco sollte die Ansiedlung eines Nordamerikaners liegen, den man um Nachtquartier bitten wollte. Aber ein neues Abenteuer hielt die Reisenden auf.

Sie hatten soeben mit ihren müden Pferden eine steile Höhe erklommen, als sie plötzlich Uniformen und Gewehrläufe durch das Unterholz blitzen sahen. Ein donnerndes »Halt da!« in spanischer Sprache gellte ihnen entgegen, und im nächsten Moment waren sie von einem Schwarm von Soldaten umgeben.

»Keine Furcht, Señor,« rief Wohanna rasch; »es sind Kaiserliche!«

Ein dicker Wachtmeister faßte mit drohender Gebärde dem Rappen in die Zügel.

»Absteigen!« befahl er.

Das war aber nicht der Ton, den Fritz liebte.

»Ich denke nicht daran, dicker Caballero,« antwortete er. »Wir sind Reisende und haben keine Zeit, Ihnen Rede zu stehen.«

»Absteigen!« kommandierte der Wachtmeister abermals, und ein Hagel spanischer Flüche folgte. »Kreuzmillionendonnerwetter, die Ausrede von den friedlichen Reisenden kennt man! Jeder Spion braucht sie. Wenn ihr untersucht worden seid, könnt ihr euch weiter trollen – notabene, wenn ihr nicht baumelt!«

Fritz überlegte kurz. Widerstand wäre nutzlos gewesen – man mußte sich fügen. So winkte er denn Wohanna und sprang selbst vom Pferde.

Drittes Kapitel.

Im Lager der Kaiserlichen.

Am Rio Blanco. – Die Lebensgeschichte Fritz Bergers. – Señor Diego stellt sich vor.

Das Thal des Rio Blanco, in dem die Kaiserlichen lagerten, war ziemlich breit. Der Fluß strömte über Sandsteinklippen und verlor sich sodann in einem schmalen Felsenpaß. Die Hänge stiegen terrassenförmig an, mit dichtem Gebüsch besetzt; nach Nordwesten zu erhob, sich tiefschwarz vom Abendhimmel abzeichnend, die Sierra Mesika ihren umbuschten Kamm.

Das Lager bestand aus einem Regiment Cazadores a Caballo, Jägern zu Pferde, und einem Bataillon Infanterie von dem fast nur aus deutschen Freiwilligen sich zusammensetzenden Regimente Hammerstein. Die Truppe hatte den Abzug der Garnison von Medellin, die sich gegen die Übermacht des Feindes nicht mehr zu halten vermochte, schützen sollen, war jedoch von Juaristischen Guerillaschwärmen aufgehalten worden und befand sich nunmehr auf dem Rückmarsche nach Puebla.

Die Wachtfeuer loderten. Die von den anstrengenden Märschen der letzten Tage ermüdeten Soldaten hatten sich bereits teilweise, in Mäntel oder Woylachs gehüllt, auf die Erde gestreckt, andre saßen plaudernd am Feuer, über dem die Kessel hingen, oder brieten sich ein unterwegs erlegtes Wildhuhn. Man hatte aus Vorsicht ziemlich starke Postenketten ausgestellt, obschon kaum zu fürchten war, daß man in diesem entlegenen Teile der Sierra von Gegnern überrascht werden würde.

Zwischen einigen riesenhaften Lärchenbäumen war das Zelt des Kommandierenden aufgeschlagen worden. Auch er war ein Deutscher; schon der Name – Oberst von Leuthen – besagte es. Neben ihm, einer hohen, schlanken Gestalt mit vornehmen, etwas abgespannten Gesichtszügen, saßen auf Feldstühlen zwei seiner Offiziere, der Rittmeister Alonzo Cuerna und der Lieutenant Graf Hodegg. Als Tisch diente ein dicker Baumstumpf, auf den ein Brett genagelt worden war, und auf diesem stand eine leere Flasche, in deren Halse ein brennendes Licht steckte.

Noch eine vierte Persönlichkeit befand sich in dem Zelte, ein Mann, dem man seine südländische Abstammung ohne weiteres ansah. Er saß den Offizieren gegenüber auf einem riesigen gebleichten Ochsenschädel; seine Gestalt war hager, aber sehnig und kraftvoll, das Gesicht gebräunt, mit stark hervortretenden Backenknochen, schwarzen Augen von tückischem Ausdruck und buschigen Brauen darüber. Ein kleiner, dunkler Schnurrbart beschattete die Oberlippe, die ein wenig kurz war, so daß man ständig die schneeweißen Zähne des vielleicht dreiundzwanzigjährigen Mannes sah.

»Ich habe Ihren Namen vergessen, Señor,« sagte der Oberst von Leuthen; »er thut ja allerdings nichts zur Sache, aber Sie werden begreifen, daß ich bei der Wichtigkeit Ihrer Mitteilungen wenigstens einigermaßen informiert sein muß. Es ist selbstverständlich, daß Sie auf unsre Verschwiegenheit rechnen dürfen.«

»Ich verlange dies nur in bedingtem Maße, Herr Oberst,« erwiderte der Angeredete, »nämlich bis zu dem Augenblick, da mir der Zutritt in die Hacienda Panisca ermöglicht worden ist. Mein Name ist Fuerto – Diego Fuerto y Carabuenos.«

Herr von Leuthen neigte leicht den bereits ergrauten Kopf, während Graf Hodegg, sein Adjutant, den Namen des Mexikaners in sein Notizbuch eintrug.

»Und nun wiederholen Sie mir,« nahm der Oberst von neuem das Wort, »wenn ich bitten darf, nochmals Ihre Vorschläge, mein Herr!«

»Es ist rasch geschehen, Señor. Das juaristische Heer sammelt sich unter den Generalen Escobedo und Riva Palacio nördlich von Queretaro oder, besser gesagt, zwischen Queretaro und Zacatecas, um von dort aus einen gewaltigen Vorstoß gegen die Hauptstadt zu versuchen. Juarez selbst wird mit den hervorragendsten seiner Offiziere in der Hacienda Panisca Quartier nehmen. Ich bin nun bereit, die kaiserliche Armee auf Wegen, die nur mir allein bekannt sind, so nach Panisca zu führen, daß eine Überrumpelung des Gegners und die Gefangennahme des Juarez mit seinen Generalen ohne jedwede Schwierigkeit bewerkstelligt werden kann. Das ist alles.«

»Wo liegt die Hacienda Panisca?«

»Auf den nördlichen Ausläufern der Sierra Gorda, Señor, und zwar so geschützt, daß sie einer fast uneinnehmbaren Festung gleicht.«

»Und wem gehört sie?«

»Dem Don Hallstädt.«

»Das ist ein deutsch klingender Name.«

»Señor Hallstädt, mein Oheim, ist Deutscher – Rheinländer von Geburt, aber schon seit vierzig Jahren und darüber in Mexiko ansässig.«

»Gehört er zur kaiserlichen Partei?«

Señor Fuerto zog die Schultern hoch.

»Er hält sich geflissentlich vom politischen Leben fern, seitdem Mexiko eine Monarchie geworden ist, ist aber ein persönlicher Freund des Juarez und hat vor sieben Jahren seinen ganzen Einfluß und seine reichen Mittel aufgeboten, um ihm zur Präsidentschaft zu verhelfen.«

Der Oberst ließ die Finger seiner Rechten spielend durch seinen starken Schnurrbart laufen.

»Gestatten Sie mir noch eine letzte Frage, Señor,« sagte er. »Ist wirklich der einzige Lohn, den Sie für Ihren Dienst beanspruchen, der Zutritt in die Hacienda?«

»Der einzige,« erwiderte der Mexikaner rasch, während eine leichte Röte über sein Gesicht flog. »Ich bin – aus Gründen, deren nähere Erläuterung nicht zur Sache gehört – mit meinem Onkel zerfallen. Er verwehrt mir jede Annäherung; ich würde mich der Gefahr aussetzen, mit Hunden von seinem Hofe gehetzt zu werden, wenn ich mir den Zutritt erzwingen wollte. Und doch muß ich ihn in dringenden Familienangelegenheiten sprechen! Das kann ich nur erreichen, wenn sich die Thore seiner Hacienda der bewaffneten Macht öffnen.«

Herr von Leuthen schaute sich im Kreise um.

»Was sagen die Herren zu den Vorschlägen des Don Fuerto?« fragte er.

»Ich meine, wir würden Thoren sein, wenn wir sie ablehnen wollten,« entgegnete Rittmeister Cuerna, und Graf Hodegg, ein blutjunger Österreicher mit frischem, noch halb knabenhaftem Gesicht, fügte hinzu:

»Ich teile die Meinung des Herrn Rittmeisters, möchte dem Herrn Oberst aber ganz gehorsamst zu bedenken geben, daß es vielleicht gut sein würde, die Angelegenheit zunächst dem Oberkommando zu melden.«

»Wogegen ich für mein Teil durchaus nichts einzuwenden hätte,« fiel der Mexikaner lebhaft ein. »Nur muß ich um dringende Beschleunigung bitten, da das republikanische Heer sich bereits zusammen zu ziehen beginnt.«

Der Oberst nickte.

»Wir hatten die Absicht, nach Puebla zu rücken,« sagte er, »um uns dort mit dem Corps des Generals Marquez zu vereinigen. Der Plan muß aufgegeben werden. Ich halte es für zweckmäßiger, wir marschieren direkt nach Queretaro, wo die Generale Mejia und Miramon den Hauptteil unsrer Armee zusammengezogen haben. General Miramon hat den Oberbefehl – er mag das Weitere veranlassen. Graf Hodegg, wollen Sie, bitte, veranlassen, daß um zwei Uhr nachts zum Abmarsch geblasen wird; die Truppen sollen sich daher rechtzeitig zur Ruhe legen. Wir wählen den Weg über Tlaxala und Pachuca.«

In diesem Augenblick wurde der Zeltvorhang zurückgeschlagen, ein alter, eisgrauer Wachtmeister mit gewaltigem Knebelbart trat ein.

»Was giebt's?« fragte Leuthen.

»Verzeihen Herr Oberst – die Posten haben zwei Leute, einen Deutschen, wie es scheint, und einen Indios als der Spionage verdächtig angehalten und gefangen genommen. Was soll mit den beiden geschehen?«

»Wenn es in der That Spione sind, werden wir mit ihnen nicht lange fackeln und sie an den nächsten Baum knüpfen lassen. Die Herren Juaristen pflegen mit wehrlosen Gefangenen ähnlich zu verfahren. Aber zunächst lassen Sie die beiden Strolche einmal vorführen.«

»Hierher, Colonello?«

»Ja . . . Señor Fuerto, haben Sie die Güte, sich ein Lager bereiten zu lassen. Ich denke, es wird Ihnen recht sein, daß Sie uns nach Queretaro begleiten?«

Der Mexikaner erhob sich.

»Durchaus, Herr Oberst; Queretaro liegt mir wie Ihnen auf dem Wege, und wenn die militärischen Operationen richtig geleitet werden, garantiere ich Ihnen, daß die Kaiserlichen binnen heute und drei Wochen die Herren von ganz Mexiko sind . . . Darf ich Sie nur bitten, mir für die Nachtruhe ein paar Decken und für mein Pferd etwas Futter geben zu lassen. Mehr verlangen wir beide nicht,« fügte er lächelnd hinzu.

Der Oberst gab dem dicken Wachtmeister einige entsprechende Befehle, der sich sodann mit Señor Fuerto entfernte.

»Mir sagt der Mann nicht sonderlich zu,« bemerkte Herr von Leuthen, als der Mexikaner das Zelt verlassen hatte, »aber ich meine, wir sind jedenfalls verpflichtet, das Oberkommando von seinen Mitteilungen in Kenntnis zu setzen. Solange wir uns seiner Person versichert halten, werden wir einen Verrat von seiner Seite kaum zu fürchten haben.«

»Ich glaube auch nicht an einen solchen,« entgegnete Rittmeister Cuerna, sich eine Cigarette in Brand setzend. »Dem Manne scheint in der That lediglich daran zu liegen, Einlaß in die Hacienda Panisca zu bekommen – vielleicht will er bei dieser Gelegenheit ein persönliches Racheempfinden befriedigen – wer kann es wissen! Ich bin selbst Mexikaner und kenne meine verehrten Landsleute. Jedenfalls aber dünkt es mich angebracht, ihn auf dem Wege nach Queretaro scharf beobachten zu lassen . . .«

Der Eintritt der beiden Spione schnitt die Antwort des Obersten ab. Der gleiche Ausdruck von Erstaunen flog über die Züge der drei Offiziere, als sie die Gefangenen sahen. Es war zweifellos, daß die ganze typisch deutsche Erscheinung Fritz Bergers einen unerwartet günstigen Eindruck auf sie machte.

Während Wohanna in bescheidener Ruhe am Zelteingang stehen blieb, trat der junge Mann voll sichtlicher Erregung bis an den Tisch heran und sagte hastig in seinem schlechten Spanisch:

»Wenn ich die Ehre habe, den Kommandanten des Lagers vor mir zu haben, so bitte ich um Schutz gegen die Vergewaltigung, die man mir hat zu teil werden lassen. Ich bin kein Spion, wie man behauptet, sondern in der That ein harmloser Reisender. Seit wann ist es in Mexiko erlaubt, einen solchen, der unter Begleitung eines Führers durch das Land reist, wie einen Verbrecher zu behandeln?«

Der Oberst winkte dem Aufgeregten abwehrend mit der Hand.

»Gemach, junger Herr – nur immer gemach,« entgegnete er. »Wir leben in schwerer Kriegszeit und unter eisernen Gesetzen. Wenn Ihnen unrecht geschehen ist, so wird es auch wieder gut zu machen sein. Im übrigen sehen Sie einen Landsmann vor sich – Sie können also halt schon gleich mir deutsch sprechen.«

Diese Worte übten einen sichtlich besänftigenden Eindruck auf Fritz aus. In sein blasses Gesicht kehrte langsam die Farbe zurück; er nahm die Mütze vom Kopf und verbeugte sich leicht.

»Vergebung, Herr Oberst,« erwiderte er, »wenn ich mich zu unnötiger Heftigkeit hinreißen ließ. Ich komme von Veracruz und will nach dem Norden. Bis Orizaba konnte ich die Post benutzen; von dort aus aber mußte ich zu Pferde weiter, da die Postfahrten infolge der Unruhe im Lande unterbrochen sind. Beim ersten Nachtlager wurden wir von Banditen überfallen, die uns die Pferde raubten. Diese Banditen waren freilich französische Soldaten, aber auch sie hätten uns unser Eigentum nicht wiedergegeben, wenn wir nicht eine List gebraucht haben würden. Und nun werden wir von neuem festgehalten – diesmal von Kaiserlichen – unter der wahnsinnigen Behauptung, daß wir Spione seien! Welch Unverstand!«

»Der Gefangene führt Karten und Pläne und ein an Juarez gerichtetes Schreiben bei sich,« warf der Wachtmeister ein. »Lieutenant Hauer, der Kommandeur der Vorpostenwache, hatte bestimmten Befehl gegeben, die beiden nicht eher zu entlassen, ehe sie von dem Herrn Oberst gründlich untersucht worden seien.«

»Ich stelle mich zur Verfügung,« sagte Fritz mit einem gewissen Trotz. »Die Karten, die ich bei mir trage, habe ich mir erst in Veracruz gekauft, um mich besser orientieren zu können, und das Handschreiben an Herrn Juarez, das ich zu verleugnen gar keine Ursache habe, datiert vier Jahre zurück.«

Oberst von Leuthen schüttelte den Kopf.

»Ich verstehe das nicht recht,« entgegnete er. »Wer ist der Absender respektive der Verfasser jenes Schreibens?«

»Ein Herr Giuseppe Mazzini.«

Der Oberst fuhr erstaunt zurück.

»Mazzini – der berüchtigte italienische Revolutionär?!«

Eine sichtliche Verlegenheit prägte sich auf dem hübschen Gesicht des jungen Deutschen aus.

»Ich hörte allerdings auch schon daheim,« sagte er, »daß Mazzini eine gefährliche Persönlichkeit sein solle. Aber seine revolutionäre Gesinnung hat mit der Angelegenheit, um derenwillen ich nach Mexiko gekommen bin und mit der sich auch der Brief an Juarez beschäftigt, nichts zu thun. Wenn der Herr Oberst die Güte haben wollen, mich in Ruhe anzuhören, bin ich bereit, Ihnen der Wahrheit gemäß die Gründe, die mich hierher geführt haben, zu erzählen. Ich möchte in diesem Falle nur bitten, mit dem Herrn Oberst allein bleiben zu dürfen.«

Graf Hodegg und Rittmeister Cuerna erhoben sich sofort. Auf einen Wink Leuthens mußten auch der Wachtmeister und der indianische Führer das Zelt verlassen, dann bat der Oberst den jungen Mann, neben ihm Platz zu nehmen.

»Nun sprechen Sie,« sagte er. »Wie ist Ihr Name?«

»Fritz Berger,« entgegnete der Angeredete, und nachdem er der Aufforderung Leuthens gefolgt war und sich neben diesen gesetzt hatte, fuhr er fort:

»Ich bin aus dem Rheinland gebürtig. Mein Vater war Offizier in hessischen Diensten, mußte aber einer Ehrensache wegen frühzeitig den Abschied nehmen. Ich selbst war damals noch ein Kind, doch es gab zu jener Zeit so aufregende Auftritte zwischen dem Vater und meiner guten Mutter, daß mir verschiedene Einzelheiten lebhaft im Gedächtnis geblieben sind. Späterhin hat meine Mutter mir freiwillig Aufschluß über die Gründe gegeben, die den Vater zur Dienstentlassung zwangen. Er war mit einem jungen Kameraden, einem Lieutenant von Hallstädt, auf das innigste befreundet. Dieser hatte ihn eines Tages um seine Unterschrift auf einen Schuldschein gebeten, und obwohl es sich um eine verhältnismäßig große Summe handelte, war der Vater doch gutmütig genug, sie ihm zu geben. Bald darauf verschwand Hallstädt, und kein Mensch wußte wohin. Anfänglich hieß es, er habe Selbstmord begangen, bis es bekannt wurde, daß er nach dem Auslande geflüchtet sei. Auf allen Seiten meldeten sich Gläubiger – der gewissenlose Mensch hatte die Summe, die er bei einem Berliner Wucherer auf den Schuldschein meines als wohlhabend bekannten Vaters hin erhalten hatte, nicht zur Begleichung seiner Verpflichtungen benutzt, sondern sich mit ihr vor seiner Flucht noch ein kleines Kapital sichern wollen. Da das Vermögen meines Vaters nicht ausreichte, den Schuldschein völlig zu decken, und da er trotz aller Bemühungen auch keine andre Hilfe fand, so blieb ihm nichts übrig, als seinen Abschied zu nehmen. Die abscheuliche Handlungsweise dessen, den er für seinen besten Freund gehalten, der plötzliche Wechsel in seiner gesellschaftlichen Stellung und die Hetzjagd, die der unbefriedigt gebliebene Wucherer auf ihn veranstaltete – all das aber drückte meinen armen Vater so schmerzlich nieder, daß es auch ihn nicht länger im Lande litt, zumal er hier nicht die gewinnbringende Beschäftigung fand, die er suchte, um seine Familie erhalten zu können. So wanderte er denn aus. Von dieser Zeit ab habe ich ihn nicht wieder gesehen. Meine Mutter erhielt, anfänglich aus Tirol, später aus Italien, Frankreich und auch England eine so reichhaltige Unterstützung von ihm, daß sie mir eine gute Erziehung zu teil werden lassen konnte. Ich sollte Kaufmann werden, obwohl ich mehr Neigung zum Soldatendienst hatte, und ich nahm mich so zusammen und war so fleißig, daß ich es bald in einem großen Bonner Geschäftshause zu einer Art Vertrauensstellung brachte.

»Jahrelang hatte mich der Gedanke beschäftigt: was treibt mein Vater? – Meine Mutter wußte nicht mehr als ich. Er schrieb nur sehr selten – und stets kurz – immer nur einige Zeilen, in denen die Versicherung, daß es ihm gut ergehe und er baldigst heim zu kommen hoffe, wiederzukehren pflegte. Die für die Mutter bestimmten Gelder wurden dieser von verschiedenen Bankhäusern ausgezahlt, gewöhnlich durch Rothschild in Frankfurt am Main, oft trafen sie auch direkt, ohne Begleitbrief, aus weiter Ferne ein: aus Turin, Neapel und Genua, aus Paris und London. Es war also klar, daß der Vater ein unstetes und ruheloses Leben führen mußte. Ich traf die Mutter oft in Thränen gebadet vor – es war ersichtlich, daß sie sich um den Vater sorgte und grämte, obschon man aus den Summen, die er uns zusandte, darauf schließen konnte, daß er einen guten Verdienst fand.

»Vor etwa vier Jahren erschien meine Mutter eines Tages sehr bleich, aber gefaßt und ruhig in dem Geschäft, in dem ich thätig war, und teilte mir mit, daß sie auf einige Zeit verreisen müsse. Der Vater liege schwer krank in einem kleinen Städtchen an der französisch-italienischen Grenze darnieder und bedürfe ihrer Hilfe und Pflege; er habe ihr telegraphiert. Ich erbot mich, obschon es um die Weihnachtszeit war und mich das Geschäft mehr als sonst in Anspruch nahm, sie zu begleiten – aber sie wehrte mir energisch ab. Sie wollte allein reisen. Schweren Herzens ließ ich sie ziehen. Sie blieb nicht lange. Schon nach fünf oder sechs Tagen kehrte sie zurück – als Witwe. Der Vater war – infolge einer Erkältung, so erzählte sie mir – an einer Lungenentzündung gestorben – in ihren Armen, und sie hatte ihn auch beerdigen lassen und an seinem Grabe ihr Gebet gesprochen.

»Von diesem Zeitpunkt ab kränkelte die Mutter. Ich sprach nie wieder mit ihr von dem Verstorbenen, nachdem ich gemerkt hatte, daß sie dies Thema in hochgradige Aufregung versetzte. Wir wohnten zusammen, und ich war glücklich darüber, daß ich sie beschützen und erhalten und ihre letzten Tage sorgenfrei gestalten konnte. Aber mit ihrem zarten Körper verzehrte sich auch ihr Geist. Sie wurde immer trübsinniger, und schließlich nahm ihre Melancholie so überhand, daß ich sie in eine Anstalt schaffen lassen mußte, um sie vor Selbstmord zu bewahren. Erst kurz vor ihrem Tode, der für die liebe, arme Mutter« – und unwillkürlich stockte dabei die Stimme des Sprechenden und Thränen füllten seine Augen – »als Erlöser kam, lichtete sich ihr Geist noch einmal. Ich mußte zu ihr kommen. Sie lag im Bette, schneeweiß im Gesicht, abgezehrt und mit großen, offenen Augen, aber noch umspannten ihre hagern Hände die meinen fest und innig, als ich vor ihr niederkniete und sie mit Küssen bedeckte.

»›Ich weiß, daß ich bald zu Gott eingehen werde,‹ sagte sie mit leiser und schwacher Stimme. ›Und ich danke meinem Gott für diese Gnade, denn ich bin müde, sehr müde. Ich sehne mich nach der ewigen Ruhe. Das Leben hat mir viel bittere Enttäuschungen gebracht, aber auch ein großes Glück, und das bist du, mein Fritz! Du wirst dir ein besseres Schicksal zu schaffen wissen, als es dein unglücklicher Vater verstanden hat, sich selbst zu schaffen. Ja, Fritz – dein Vater ist als ein Unglücklicher gestorben – und als ein Verfemter! Ich habe dir nie davon gesprochen, denn ich wollte dir die Erinnerung an den Toten nicht kümmern – aber ich kann nicht aus dieser Welt des Elends scheiden, ohne ehrlich gegen dich gewesen zu sein. Und deshalb höre mich an!‹« . . .

Tiefaufatmend schwieg der Erzählende. Er war so bewegt, daß ihm schon die letzten Worte schwer geworden waren. Vielleicht sah er im Geiste die mit dem Tode ringende geliebte Mutter vor sich, ihr weißes Gesicht mit den überirdisch leuchtenden Augen, und hörte den Ton ihrer brechenden Stimme. Er hatte den Kopf geneigt, damit der Oberst seine tropfenden Augen nicht sehen könne.

Der hatte sich lautlos erhoben und dem Posten vor dem Zelte einige Worte zugerufen.

Eine Ordonnanz brachte einen Ziegenschlauch mit Wein und ein paar Feldbecher.

»Trinken Sie und stärken Sie sich zunächst einmal, mein lieber Junge,« sagte der Oberst gütig, mit seiner Rechten über die heiße Stirn Bergers streichend. »Sie sind erschöpft – das ist kein Wunder! Der Wein ist nicht übel – er wird Ihnen gut thun. Prosit – auf Ihre Zukunft!«

Der Oberst hatte selbst einen Becher ergriffen und trank Fritz zu. Der junge Mann fuhr rasch mit der Hand über die noch feuchten Augen. Er schämte sich seiner Thränen nicht, aber er wollte wieder Mann sein. Und so griff auch er nach dem Becher und nahm einen herzhaften Schluck. Der kräftige Landwein ließ seine Pulse rascher schlagen und trieb ihm das Blut in die Wangen zurück.

»Ich danke, Herr Oberst,« sagte er, mit tiefem Aufatmen den Becher auf den Tisch zurücksetzend. »Wahrhaftig – das hat mir wohlgethan! Und nun will ich in Ruhe fortfahren und mich bemühen, meiner Aufregung Herr zu werden. Ich bin sonst keine allzu weiche Natur, doch es giebt Erinnerungen, die – – aber ich will bei der Sache bleiben! – Meine Mutter teilte mir mit, daß mein Vater in seinen letzten Lebensjahren ein Hauptagent Mazzinis gewesen sei und als solcher Spionendienste in verschiedenen Ländern für den berühmten Verschwörer verrichtet habe. Der Name Mazzini klang mir damals ziemlich fremd an das Ohr. Erst später hörte ich, daß er ein erbitterter Feind der Monarchie und ein begeisterter Anhänger der republikanischen Staatsverfassung sein sollte, für die er im geheimen mit schonungsloser Energie wirkte; ich hörte auch, daß über dem Haupte dieses Mannes, den mein armer Vater als Freund gewonnen, sechs Todesurteile schwebten. Es war nur natürlich, daß ich von dieser Zeit ab mit brennendem Interesse alles, was ich über Mazzini erlangen konnte, verfolgte, und manches von dem, was ich über ihn las, stimmte mit den Äußerungen meines Vaters in seinen hinterlassenen Papieren überein. Daß sich Mazzini meinem Vater gegenüber stets hilfreich, gütig und freundschaftlich gezeigt, steht fest – auch in den Zeitungen, die seinen politischen Fanatismus herbe verurteilten, habe ich häufig die Ehrenhaftigkeit seines Charakters gerühmt gefunden. Es steht mir nicht zu, über das letzte traurige Gewerbe meines Vaters ein Urteil zu fällen – lassen Sie mich darüber schweigen, Herr Oberst! Fehlte er, so hat er für uns gefehlt, für seine Familie, die er nicht darben lassen wollte . . . Nun zur Hauptsache! Den Brief an Juarez, den man mir abgenommen hat, übergab mein Vater der Mutter, als sie ihn an seinem Sterbelager besuchte. Mein Vater hatte Mazzini gelegentlich die Geschichte seines Lebens erzählt, und Mazzini hatte durch seine Agenten in Amerika sich nach dem Verbleib des Herrn von Hallstädt erkundigen lassen. Da war denn nun Merkwürdiges an den Tag gekommen. Hallstädt hatte hier in Mexiko einen Vetter gleichen Namens gefunden, dem es gelungen war, sich durch eine Heirat mit einer reichen Spanierin aus seiner verkrachten Existenz wieder zu regelrechtem Erwerb aufzuraffen. Die beiden Vettern verbanden sich zum Zwecke der Ausbeutung umfangreicher Silberminen, deren Terrain sie erworben hatten, und sollen dabei zu großem Vermögen gekommen sein. Mazzini riet nun meinem Vater, selbst nach Mexiko zu reisen, um sich von dem ungetreuen Freunde das erstohlene Geld zurückzuholen, und gab ihm zu diesem Zwecke jenen Brief an den ihm befreundeten Juarez, der damals noch Präsident von Mexiko war. Die Krankheit, die meinen Vater rasch dem Tode entgegenführte, verhinderte die Ausführung – meine Mutter aber mochte fürchten, daß ich die Mission übernehmen und ihr dann gleichfalls verloren gehen würde – und so sprach sie mir erst in ihren letzten Stunden davon.

»Das Kapital, um welches es sich handelt, beträgt nach preußischem Gelde vierzigtausend Thaler – für mich ein Vermögen. Nun bin ich in Wahrheit nicht geldgierig, Herr Oberst, und ich würde dem verlorenen Posten keine Thräne nachweinen und keine Hand rühren, ihn wieder zu gewinnen, wenn die Verhältnisse anders lägen. Aber der Gedanke, daß der Ehrlose, der meinen Vater ins Verderben gestürzt, zu Reichtum gekommen, ohne seiner Pflichten zu gedenken, empörte mich so, daß ich mich rasch entschloß, ihm auf eigne Faust das erstohlene Kapital wieder abzujagen. Ich will ehrlich sein, Herr Oberst, und zugestehen, daß auch das Romantische und Abenteuerliche mich lockte. Ich that meine Pflicht im Geschäft, aber ich war doch nur gezwungen Kaufmann. Ich sehnte mich mit allen Fibern in die Welt hinaus – ich lechzte nach Abwechslung. Noch ein drittes kam hinzu. Mein Vater hatte Schulden hinterlassen. Wir hatten sie bisher nicht bezahlen können, doch es drängte mich, auf der Ehre unsers Namens keinen Flecken zu wissen. So zog ich denn in die Weite. Mein Chef streckte mir, obschon er mich thöricht nannte und meinen Plan belächelte, bereitwillig das nötige Reisegeld vor – und ich reiste ab. Ich wußte nichts weiter, als daß die Silberminen der Hallstädts in der Provinz Potosi liegen sollten – und dorthin wollte ich mich von meinem Führer geleiten lassen« . . .

Viertes Kapitel.

Ein neuer Freiwilliger.

Señor Fuertos Pläne. – Fritz sieht ein, daß seine Mission nutzlos ist und nimmt Kriegsdienste.

Fritz schwieg, und Oberst von Leuthen, der mit wachsendem Interesse zugehört hatte, reichte ihm über den Tisch herüber die Rechte. »Zunächst einen Händedruck, lieber Herr Berger,« sagte er. »Ich glaube, Sie können sich Glück wünschen, daß thörichter Übereifer Sie hier festgehalten hat. Vor kaum einer halben Stunde wurde in diesem selben Zelte der Name Hallstädt mehrfach genannt. Gestatten Sie, daß ich Sie mit einer Persönlichkeit bekannt mache, die zwar keine sonderlich sympathischen Eindrücke erweckt, Ihnen aber vielleicht bei Ihrer schwierigen Mission behilflich sein kann.«

Er schlug die vor dem Zelt hängende Decke zurück und trat hinaus ins Freie. – – –

Diego Fuerto, der Mexikaner, der den Kaiserlichen die Überrumpelung der feindlichen Truppen ermöglichen wollte, hatte sich in unmittelbarer Nähe des Zeltes des Kommandierenden sein Lager anweisen lassen. Man hatte ihm auf seinen Wunsch einige wollene Decken gegeben, die er auf der Erde ausbreitete; dann hing er seinem an den nächsten Baum gebundenen Pferde den Futtersack über den Kopf und streckte sich nieder, um, dicht in einen Woylach gehüllt, anscheinend sofort in tiefen Schlummer zu versinken.

Aber der Mann schlief nicht. Rastlos wanderten seine dunkeln Augen umher. Es lag ihm daran, sich vorerst zu orientieren. Wir sagten bereits, daß das Zelt zwischen zwei riesigen Lärchenbäumen ausgespannt war. Dahinter stieg allmählich der Schluchthang an, von Lorbeergebüsch und niedrigem Tamariskengesträuch umwuchert. Diese ganze Seite des Thals lag in tiefem Dunkel. Drüben, auf der andern Seite, brannten noch vereinzelte Wachtfeuer und sandten ihre Funkengarben in die Luft. Von dort her scholl auch noch Geräusch, leises Stimmengewirr und der verwehende Klang einer Harmonika, die einer der Jäger spielte.

Fuerto warf seine Decke ab und spähte nochmals vorsichtig umher. Kein Mensch in der Nähe und ringsum die Schatten der Nacht. Der Mexikaner kroch, sich wie eine Schlange flach an den Erdboden schmiegend, durch das Gebüsch und bis dicht an die Rückseite des Zeltes heran. Die Leinwand war hier an kleinen, in den moosigen Untergrund gerammten Pflöcken befestigt worden, so daß man nicht in das Innere des Zeltes schauen konnte. Aber das wollte Fuerto auch nicht. Ihm lag nur daran, zu erlauschen, was man da drinnen sprach – und das war nicht schwer. Der Mexikaner brauchte nur sein Ohr an die untere Zeltwand zu lehnen, und er verstand jedes Wort von dem, was zwischen dem Kommandeur und dem angeblichen Spion verhandelt wurde.

Er hatte anfänglich in der That geglaubt, Fritz Berger sei ein Spion, und er hatte gefürchtet, der junge Mann werde vielleicht seine Pläne stören. Aus der Erzählung Bergers hörte er indessen sofort, daß es nicht der Fall war; dafür interessierte ihn diese Erzählung aber nicht minder. Wäre es heller gewesen, so hätte man sehen können, welcher Sturm wechselnder Empfindungen in dem verlebten Gesicht des Mexikaners Ausdruck fand. Von Zeit zu Zeit zischte er eine leise Verwünschung oder einen häßlichen Fluch über seine Lippen, richtete sich zuweilen auch ein wenig höher empor, um bequemer lauschen zu können, und dann blitzte ein wildes Feuer in seinen Augen auf.

Endlich schien es ihm an der Zeit, sich zurückzuziehen. Er warf sich, dabei immer platt auf dem Leibe liegen bleibend, mit dem ganzen Körper herum – und zuckte plötzlich jählings zusammen. Vor ihm stand, hoch aufgerichtet, die dunkle Gestalt Wohannas. Der leuchtende Blick des Indios schien zu phosphorescieren und das Dunkel durchdringen zu wollen.

»Hat Glattzunge hören können, was sie erlauschen wollte?« fragte der Indianer halblaut, ohne sich dabei vom Platze zu rühren.

Fuerto antwortete nicht sogleich. Die ganze Erscheinung des Wilden war ihm vorhin schon, als er ihn in das Zelt hatte treten sehen, bekannt vorgekommen, und auch sein sonores, eigentümlich metallisch klingendes Organ weckte allerhand Erinnerungen in ihm.

»Glattzunge kennt Wohanna, den Fliegenden Pfeil der Pamas, nicht wieder?«

Ein Blitz der Erkenntnis zuckte über des andern Gesicht. Hastig richtete er sich auf den Knieen empor.

»Wo hatte ich meine Augen – du bist's, Wohanna?!« rief er lebhaft. »Verbirg dich im Gebüsch – man wird mich rufen – ich habe Wichtiges mit dir zu besprechen! Aber erst später – rasch, rasch – –«

Die Stimme des Obersts von Leuthen rief nach der Ordonnanz. Wohanna duckte sich nieder, und Fuerto hüllte sich wieder in seine Decken und heuchelte tiefen Schlaf.

Ein Soldat trat an ihn heran.

»Señor – entschuldigen Sie –«

Der Mexikaner fuhr auf.

»He – was giebt's? Wer ruft mich?«

Der Soldat salutierte. »Der Herr Oberst hat mich beauftragt, nachzusehen, ob der Señor schon schlafe. Der Herr Oberst möchte den Señor gern noch einmal sprechen.«

»Ich komme!« – Fuerto erhob sich und folgte der Ordonnanz. Herr von Leuthen empfing ihn mit einer liebenswürdigen Entschuldigung.

»Hoffentlich hat man Sie nicht aus der Ruhe aufgestört, Don Fuerto,« sagte er. »Erzählten Sie mir nicht, Sie seien ein Neffe des Besitzers der Hacienda Panisca, eines Deutschen Namens Hallstädt?«

»So ist es, Herr Oberst. Freilich, die Verwandtschaft ist eine so weitläufige, daß man sie kaum noch als solche bezeichnen kann. Ich bin der Stiefsohn eines gleichnamigen Vetters des Don Hallstädt.«

»Und dieser Hallstädt lebt noch?« fiel Berger mit Lebhaftigkeit ein; er war nicht mehr im stande, seiner Ungeduld Zügel anzulegen. »War er nicht ehemals Offizier in hessischen Diensten? Und wissen Sie Näheres über ihn, Señor? – Verzeihen Sie meine Unbescheidenheit, aber sie wird Ihnen erklärlich scheinen, wenn ich Ihnen sage, daß ich lediglich zu dem Zweck, jenen Herrn von Hallstädt aufzusuchen, aus Europa herübergekommen bin.«

Der Mexikaner neigte verbindlich den Kopf.

»Ich stehe Ihnen gern Rede und Antwort, Señor,« erwiderte er, »aber ich weiß vorläufig noch nicht, welchen der beiden Vettern Hallstädt Sie meinen. Kennen Sie seinen Vornamen nicht?«

»O gewiß – er hieß Otto!«

»Das war mein Stiefvater.«

»War? Also er lebt nicht mehr?!«

»Er ist vor drei Jahren an den Folgen des gelben Fiebers gestorben, mein Herr.«

Fritz biß sich auf die Lippen. Die Kunde war niederschmetternd für ihn.

»Und wer ist sein Erbe geworden, Señor?« fragte er mit leisem Zögern. »Soviel mir bekannt, hat Herr von Hallstädt große Reichtümer erworben – und ich habe aus dem Nachlasse meines Vaters noch eine Forderung an ihn – –«

Er stockte, denn er sah etwas wie ein mitleidiges Lächeln um den Mund des Mexikaners huschen.

»Wenn Sie nur deshalb nach Mexiko gekommen sind, mein Herr,« entgegnete Fuerto, »um diese Forderung einzukassieren, so haben Sie sich leider vergeblich auf den Weg gemacht. Auch dem Hallstädtschen Reichtum liegt eine Verwechslung zu Grunde. Nicht Otto, sondern Erwin von Hallstädt, sein Vetter, ist der Krösus der Gordaberge, der Silberkönig der Sierra. Mein Stiefvater hatte nur eine Beamtenstellung bei ihm und ist als ganz armer Mann gestorben.«

Fritz senkte unwillkürlich den Kopf. Daß er leichtsinnig gehandelt hatte, als er ohne genaueste vorhergehende Erkundigungen die weite Reise angetreten, daran dachte er im Augenblick nicht. Die völlige Zerschmetterung aller seiner Hoffnungen aber lähmte doch förmlich sein Denken.

Oberst von Leuthen legte die Hand liebevoll auf die Schulter des jungen Mannes.

»Nur nicht verzagen, mein Freund,« sagte er mitleidig. »Sie hören, daß Erwin von Hallstädt noch lebt und große Reichtümer besitzt. Wenn er ein Ehrenmann ist, so wird er gern die alte Ehrenschuld seines Bluts- und Namensvetters tilgen – ich zweifle nicht daran.«

»Aber ich will nicht betteln,« fuhr Fritz empor. »Ich hatte ein Recht zu beanspruchen – und mit dem Tode des Schuldners meines Vaters ist es erloschen. Ich muß mich fügen.«

»Vielleicht hat Hallstädt Erben hinterlassen,« warf Leuthen ein, »die zu Vermögen gekommen sind. Señor Fuerto – Sie müssen die Familienverhältnisse des Verstorbenen am besten kennen und werden uns Aufschluß geben können.«

»Gewiß, Herr Oberst,« entgegnete der Mexikaner. »Die Ehe meines Stiefvaters war kinderlos; ich selbst stamme aus der ersten Ehe meiner Mutter mit Don Fuerto y Carabuenos, der seiner Zeit Gouverneur von Durango war. Meine Mutter starb schon drei Jahre vor meinem Stiefvater; auch sie hinterließ mir nichts als ihren guten Namen, sonst würde ich nicht zögern, die Forderung zu begleichen, die der Señor noch an meinen Stiefvater hat.«

»Und Don Erwin Hallstädt?« fragte der Oberst weiter. »Würde er nicht geneigt sein –«

Ein leichtes Auflachen unterbrach ihn.

»O, Herr Oberst,« rief der Mexikaner, »man merkt, daß Sie von diesem Mann noch nie etwas gehört haben! Es giebt keinen zwischen den beiden Oceanen, der geiziger wäre als er! Wie er meine Mutter darben ließ, so läßt er auch mich hungern, obschon er selber im Überfluß lebt. Wagen Sie es, junger Herr, ihm mit Ihrer Bitte zu kommen, so wette ich tausend gegen eins: es wird Ihnen gleich mir ergehen, und er wird seine Hunde auf Sie hetzen lassen!«

Auf der Stirn Fritz Bergers schwollen drohende Falten an.

»Ich habe nicht die Absicht, ihn zu belästigen,« antwortete er finster. »Aber nichtsdestoweniger danke ich Ihnen für Ihre Aufklärung, Señor!«

Der Mexikaner verneigte sich leicht.

»Es war gern geschehen. Colonello, bedürfen Sie meiner noch? Ich bin sehr müde und sehne mich nach ein paar Stunden Schlaf.«

Der Oberst verabschiedete Fuerto dankend und wandte sich sodann an Berger zurück.

»Was nun, mein Junge?« fragte er. »Wollen Sie Kehrt machen und wieder in die Heimat reisen?«

Fritz schüttelte hastig den Kopf.

»Nein – o nein!« Und halblaut fügte er hinzu: »Ich – schäme mich, daß ich so leichtgläubig und so voreilig war!«

Herr von Leuthen ließ den Blick musternd und nicht ohne Wohlgefallen über die stattliche Erscheinung des Burschen schweifen.

»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Berger,« sagte er. »Wir brauchen tüchtige Leute in unserm Heere. Ich bin bereit, Sie als Freiwilligen bei den Cazadores a Caballo einzustellen.«

Fritz zuckte empor, und seine Augen leuchteten auf. Er ergriff mit warmem Drucke die Rechte Leuthens.

»Wenn Sie das thun wollten, Herr Oberst – ich wüßte nicht, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit beweisen sollte!« rief er. »Ich habe daheim mit brennendem Interesse die Berichte über die Kämpfe in Mexiko in den Zeitungen verfolgt, und oft genug hat mir das Herz geblutet, wenn ich von dem schnöden Undank las, mit dem man hier Ihrem edeln Herrscher gelohnt hat! Und ich müßte selber kein Deutscher sein und nicht mit Leib und Seele deutsch fühlen und empfinden, wenn ich nicht ein begeisterter Anhänger Kaiser Maximilians sein wollte! Ja, Herr Oberst – und um so begeisterter jetzt, da ich weiß, daß ihn die Franzosen schmählich im Stich gelassen, und da ich den Marschall Bazaine, seinen treulosen Bundesgenossen, selber kennen gelernt habe! . . . Herr Oberst, so wahr ich Ihnen in dieser Minute Hand in Hand gegenüberstehe: ich will mit Blut und Leben der Sache Ihres Kaisers dienen, denn ich weiß, daß das für Mexiko die Sache der Freiheit und Unabhängigkeit ist – nicht jener Scheinfreiheit, die unter den Fahnen der Republik zum Schlachtruf erhoben wurde. Ich weiß, daß Ihr Herrscher das Beste des Landes will, und meine schwachen Kräfte sollen ihm helfen, die Ideale zur Wahrheit werden zu lassen, mit denen er über das Meer zog, um auf diesem blutigen Boden ein Reich des Friedens zu gründen! Ich stamme aus einer Soldatenfamilie, und ich träumte mich schon als Kind in den bunten Rock hinein; es würde für mich der beste und schönste Ersatz für eine verlorene Hoffnung sein, wenn Sie Ihren Vorschlag ausführen und mich in die Reihen Ihrer Truppen aufnehmen wollten!«

Ein rasches und leises Lächeln spielte bei dem unwillkürlichen Pathos des begeisterten jungen Menschen um den Mund des Obersten. Aber es verschwand sofort wieder, um einem tiefen Ernst Platz zu machen. Noch immer hielt Herr von Leuthen die Hand Fritzens in der seinen.

»Gut denn,« sagte er, »so sind Sie geworben! Sie treten vorläufig als Gemeiner bei den reitenden Jägern ein, aber Sie werden rasch befördert werden, wenn Sie sich gut führen und auszeichnen. Nur eins noch, Berger: Sie sind noch jung, und Ihr Kopf ist phantastischer Pläne voll. Aber nicht die Phantasie herrscht in diesem unseligen Lande, sondern das Leben mit all seinen tausend Bitternissen! Wir sehen täglich und stündlich dem Tode entgegen, und oft genug nicht einmal dem ehrlichen Tode auf dem Schlachtfelde, sondern dem der Schmach in erbarmungsloser Gefangenschaft. Von allen Seiten umlauern uns die Gefahren. Wir führen keinen Krieg, wie es in schweren Zeiten drüben in Europa üblich ist, wo die Heere Brust gegen Brust in das Feld treten; Schwärme von Freibeutern ziehen durch das Land und setzen sich in den Bergen und im Busche fest – hier regieren die Anarchie und ihr treuester Bundesgenosse, der Mord! Wir leben nicht in Verhältnissen, die selbst in wilden Kriegsläufen noch immer gesittete sind, wie daheim – sondern in zucht- und regellosen. Es ist ein blutiger Lorbeer, den wir uns hier holen können, und er ist schwer zu erringen. Ich muß Ihnen das sagen, damit Sie nicht mit falschen Ideen unter unsre Fahnen treten. Schauen Sie mir ins Auge, Berger! Wird Ihre Begeisterung für Kaiser und Krone und Monarchie groß und stark genug sein, allen Gefahren zu trotzen?«

Der Blick Bergers senkte sich tief in das Auge des braven Offiziers.

»Herr Oberst,« entgegnete er, »ich habe weder Vater noch Mutter mehr, habe keine Geschwister, habe kaum einen Freund – mich zieht nichts nach der alten Heimat zurück. Und bin ich auch noch jung, so habe ich in der Schule des Lebens doch schon reif und ernst denken gelernt. Ich fürchte keine Gefahr – keine! Ich fürchte auch den Tod nicht, wenn ich im Dienste dessen, dem mein Leben fürderhin gehört, sterben sollte. Glauben Sie mir, daß ich es wahr und ehrlich meine: ich will mit voller Begeisterung Soldat des Kaisers werden!«

Leuthen ließ die Hand Fritzens los. Er füllte nochmals die Becher.

»So sei es denn,« sagte er. »Ich werde Ihnen morgen früh den Fahneneid abnehmen und Ihnen die Armeebinde anlegen lassen, bis Sie in der nächsten Garnison Uniform erhalten. Sie sollen dem Zuge des Grafen Hodegg zuerteilt werden; er ist jung und enthusiastisch wie Sie, und ich hoffe, Sie werden sich gut begehen. Nun nehmen Sie den Becher und stoßen Sie mit mir an! Es lebe der Kaiser!«

»Es lebe der Kaiser!« wiederholte Fritz und leerte den Becher. Seine Brust war wieder weit geworden, und sein Herz jubelte. Für das verlorene Ziel hatte er ein größeres, schöneres und edleres gefunden! – – –

Señor Fuerto war aus dem Zelte getreten und hatte sich im Tamariskengebüsch von neuem auf seinen Decken ausgestreckt. Es währte nicht lange, so knackte und raschelte es leise in seiner Nähe – eine dunkle Gestalt kauerte sich an seinem Lager nieder.

»Bist du es, Wohanna?« flüsterte Fuerto.

»Glattzunge ist blind, wenn der Mond nicht scheint,« gab die Stimme des Indianers zurück.

Der Mexikaner knirschte mit den Zähnen.

»Laß den verdammten Spottnamen, Rothaut!« zischte er. »Du weißt, daß ich ihn verabscheue!«

»Wer hat ihn erfunden, Señor? Nicht ich!«

»Ich weiß es. Dein Bruder war's, den die Büchse meines Ohms zu Boden streckte, so daß er für immer das Aufstehn vergaß.«

»Was erinnerst du mich daran, daß ich noch immer nicht Sühne gefunden habe für das Blut Jojutas?«

»Weil die Zeit da ist, wo du an Hallstädt Rache nehmen kannst, Narr!«

»Der Herr, unser Gott, verbietet seinen Christen, blutige Rache zu üben.«

Fuerto lachte leise und höhnisch auf.

»Du kennst die Bibel gut, Rothaut, seit man dich in der Mission San Angelos getauft hat. Aber hat dir die Taufe auch das Empfinden der Rachsucht aus dem Herzen gewaschen? Hat sie dich vergessen gelehrt?«

Der Indianer zuckte zusammen.

»Vergessen? – Nein, Wohanna vergißt nichts, weder Gutes noch Böses.«

»Und sehnst du dich nicht danach, wieder an die Spitze deines Stammes zu treten und dein Haar von neuem mit den Geierfedern der Häuptlingsschaft zu schmücken? Wer führt jetzt deine Pamas? Ein schwächlicher Knabe, ein Werkzeug in den Händen schuftiger Medizinmänner, die deinen Stamm wieder zu den alten Götzen zurückführen und die berühmten Pamas, aus deren Reihen des Kaisers Bester und Treuester, der General Mejia, hervorging, wieder zu Heiden machen möchten. Wohanna, greif an dein Herz! Spürst du sein rascheres Klopfen?«

Ein Aufstöhnen antwortete dem Mexikaner.

»Was quälst du mich, Herr?« antwortete Wohanna. »Haben die Pamas auch ihre alten Altäre gestürzt – die Gebräuche der Väter sind ihnen dennoch heilig geblieben! Und du weißt es wie ich: ich darf nicht zurück zu meinem Stamm, ehe das Blut meines gemordeten Bruders nicht gerächt worden ist! Meine Mutter hat mich verflucht, und mein Weib spie mich an, als ich ihnen erklärte, ich sei ein Christ und wolle nicht töten – und da floh ich, um der Schande zu entgehen.«

Fuerto drängte sich dichter an den Pama heran.

»Ich will dir deinen Glauben lassen, Wohanna,« flüsterte er. »Du sollst nicht töten – aber rächen sollst du dich dennoch! Nicht immer ist der Tod eine Sühne für ein begangenes Verbrechen – auch das Leben kann rächen . . . Du hassest Hallstädt – habe ich recht?«

»Ich hasse ihn so, daß ich ihn stückweise zerfleischen könnte, wenn – ich nicht ein Christ wäre!«

»Und würde es nicht nur gerecht sein, nach göttlicher und menschlicher Satzung, wenn Hallstädt für seinen Mord aus Reichtum und Üppigkeit in Armut, Elend und Verzweiflung gestürzt werden würde?«

»Wahrlich – das wäre gerecht, und mich dünkt, es wäre auch härter für ihn als der Tod!«

Fuerto lachte.

»Muy bien, das meine ich auch, wackere Rothaut! Nun denn – wir haben es in der Hand, ihn zu strafen – wir beide, du und ich! Hör zu! Hallstädt, den ich nicht minder und nicht weniger bitter hasse als du, hat eine Tochter, Doña Ana. Ich habe um sie geworben, denn ich war toll und voll in das Mädchen verliebt, aber der Alte warf mich vor die Thür. Ich will meine Rache für diese Schmach haben – wie du für den Mord deines Bruders! Ich führe die Kaiserlichen auf Schleichwegen nach der Hacienda Panisca. Und unterwegs werden sich uns die Pamas anschließen, die schon lange darauf warten, an den Juaristen, ihren Henkern, blutige Vergeltung zu nehmen. Kehre in Eile zu ihnen zurück – zeig dich von neuem deinem Volke und lasse ausrufen, die Zeit sei gekommen, da du für die Tötung Jojutas Rechenschaft fordern wolltest. Man wird dich mit heller Begeisterung empfangen, denn ich weiß, daß die Stammesältesten unzufrieden mit der Herrschaft der Medizinmänner sind und deine Rückkehr herbeisehnen. Im Kampfe aber um die Hacienda entführst du Doña Ana und schleppst sie mit dir in eure unzugänglichen Berge. Als Geisel nur, ohne daß ihr ein Haar gekrümmt wird – doch ihr Vater soll fürchten und zittern für sie! Und er soll sein Vermögen opfern – alles, was sein ist, um die Tochter zurück zu bekommen – und er wird es, denn er vergöttert sein Kind! Dann haben wir erreicht, was wir wollten: der Millionär ist zum Bettler geworden.«

Eine kurze Minute verstrich, ehe der Indianer erwiderte:

»Mit Bedacht hat man dich Glattzunge genannt – und wahrlich, es träufelt wie Öl von deinen Lippen! Und alle Funken in meiner Seele weißt du zu Flammen anzufachen und alle bösen Geister in mir zu erwecken. Und doch kennst du nicht einmal meine Leiden in der Fremde! Ich, der ich der Enkel des großen Atuko bin, von dessen Heldenthaten sich noch heute seine grimmigsten Feinde, die Comanchen in der Sonora, erzählen – ich diente als Führer und Packknecht in Veracruz, um mir mein Brot zu schaffen. Verachtet, getreten, mißhandelt – und doch rollt das Blut Atukos in meinen Adern! Und tausendmal hat sich dies Blut empört, und all mein Sehnen zog mich in die Gordaberge zurück, deren weiße Gipfel und grüne Schluchten ich hatte verlassen müssen. – – Señor, ich will dir nicht erzählen, welche Qualen es mich gekostet hat, mich nicht rächen zu dürfen!«

»Thor du – biete ich dir nicht die Gelegenheit dazu?«

»Ich hatte sowieso die Absicht, mich mit den Meinen auszusöhnen. Ich hatte deshalb den Auftrag des jungen Deutschen angenommen, ihn über die Sierra Gorda nach Potosi zu führen. Weißt du, daß auch er nach der Hacienda Panisca wollte?«

»Ja – aber er suchte meinen längst verstorbenen Stiefvater, nicht den Ohm. Hast du ihm gesagt, daß du den Haciendero kennst?«

Der Indianer schüttelte das Haupt.

»Ich verbarg es ihm, und mit Absicht. Ich wußte nicht, wie mein Stamm mich aufnehmen würde, und – und ich wollte nicht, daß der Deutsche in mir einen Todfeind Hallstädts witterte.«

Fuerto richtete den Kopf in die Höhe.

»Wohanna, gestehe – du trugst dich schon damals mit Rachegedanken?«

»Kannst du in meine Brust schauen?«

»Nein – aber ich kenne die Menschen, auch die braunen; ich habe zwei Jahre in der Sierra gelebt. Und nun gieb mir Antwort: willst du mir behilflich sein, deinen Feind zu vernichten? Sagst du nein, so thu, was du willst; ich führe sodann meinen Plan allein aus. Es wird mir auch so gelingen.«

»Was soll aus dem Vermögen Hallstädts werden, wenn er die Auslösungssumme für seine Tochter zahlt?«

»Die eine Hälfte für mich, die zweite sei dein!«

»Mich dürstet nicht nach Gold.«

»So wirf es in den Rio Panuco, Narr – ich weiß es besser zu schätzen!«

»Auch der Deutsche wollte, wenn ich ihn recht verstand, Anspruch auf Hallstädtsches Gold erheben.«

»Er wollte, aber er thut es nicht mehr! Ich habe ihm tausend Lügen erzählt, damit er nicht meinen Plan stört. Er wird dir deinen Lohn zahlen und dich entlassen. Dann bist du frei – und in drei Tagen kannst du bei den Deinen sein!«

»Bei meinen Pamas!« . . . Der Ton, in dem der Wilde dies sagte, klang herzzerreißend. Eine ganze Welt heißer Sehnsucht lag in diesen Worten. Und es schien, als schäme er sich seiner Schwäche. Er blieb still, und erst nach geraumer Zeit nahm er von neuem das Wort.

»Es wird ein gefährliches Abenteuer sein, Señor,« sagte er. »Wohl kommt aus meinen Bergen nicht leicht ein Gefangener heraus, den wir festhalten wollen. Aber Hallstädt hat die Macht des roten Goldes in den Händen. Das ganze Land wird gegen uns sein!«

»Laß es! Wir können keine günstigere Zeit für das Unternehmen wählen als die jetzige, wo der Krieg alle Gemüter in Anspruch nimmt. Wer schert sich in unsern Tagen um die Interessen eines einzelnen?! Nicht einmal mehr die Justiz und die Polizei! Raub, Mord und Plünderung sind an der Tagesordnung, und hinter jedem Busch lauert ein Bandit. Oder hast du Furcht, Häuptling?«

»Spottest du meiner?«

»Es gab Zeiten, in denen du dich minder schwankend bezeigtest!«

»Ich schwanke nicht mehr. Es spricht auch noch andres mit als der Durst der Rache, was mich vorwärts drängt. Die Zeiten sind wild. Der neue Kaisermantel wird durch Staub und Schmutz geschleift, aber auch die Juaristische Republik wird diesem armen Lande kein Heil bringen. Wenn das Jahrhundert sich dem Ende neigt, wird die alte Prophezeiung, daß an Stelle des weißen Mannes wieder der rote – der Indios – über Mexiko herrscht, seiner Erfüllung nahe sein.«

Don Fuerto räusperte sich spöttisch.

»Hast du deinem politischen Ehrgeiz noch immer kein Ziel gesteckt, Wohanna?« fragte er. »Hast du vergessen, daß es dir schon einmal übel bekommen ist, dich in die Fragen der hohen Staatsweisheit zu mischen?«

»Ich sagte dir bereits, daß ich nie etwas vergesse. Ich halte auch die Augen offen – und ich sehe, daß die rote Rasse im Wachsen ist. Eine große Anzahl kaiserlicher Generale stammt aus indianischem Blut; Indianer sind zahllose Heerführer des Juarez – Juarez selbst ist einer der unsern. Auch im Beamtentum gewinnen wir von Jahr zu Jahr an Ansehn. Sind das nicht beredte Zeichen?«

»Streiten wir nicht darüber, Wohanna. Es soll mir auch gleich sein, was für Sonderpläne du in deinem Ehrgeiz verfolgst. Ich dränge mich nicht in deine Interessen – aber ich gebe dir zu bedenken, daß die Millionen Hallstädts sie nur fördern können. Mit Gold vermag man viel in der Welt – und alles in Mexiko! . . . Still! Kriech auf deinen Schlummerplatz zurück – – man kommt!«

Der Pamahäuptling huschte lautlos davon. Unter einer Sykomore lag seine Wolldecke, auf der er sich ausstreckte, Schlummer erheuchelnd wie sein Genosse.

Der Fuß Fritz Bergers berührte seine Hüfte.

»Wohanna – auf ein Wort! Du mußt entschuldigen, daß ich deine Ruhe störe, aber ich habe dir Wichtiges mitzuteilen. Wir sind keine Gefangene mehr – hier eine Paßkarte für dich, die dir freien Durchzug durch die Linien der kaiserlichen Truppen sichert! Ich bleibe zurück – du kannst gehen, wann und wohin du willst!«

Wohanna hatte sich erhoben.

»Der Señor will nicht weiter nach San Luis Potosi?«

»Nein, Wohanna – ich hab' es mir anders überlegt; ich muß dich entlassen. Aber ich danke dir für deine umsichtige Führung. Und noch einmal: was schulde ich dir?«

»Ich kann nicht den ganzen Lohn verlangen, Señor, wenn Sie meiner nicht mehr bedürfen.«

»Ah bah – was kannst du dafür? Haben wir nicht hundert Pesetos ausbedungen?«

»So ist es, Herr!«

»Da sind sie« – und Berger zog das Lederbeutelchen hervor, das er an einer Schnur auf der bloßen Brust trug – »und zwanzig Pesetos dazu als Zehrgeld! Und nun lebe wohl, Wohanna! Willst du bis zum Morgen hierbleiben, so hat der Oberst nichts dawider.«

Der Indianer küßte die Hand, die ihm das Geld reichte.

»Der Mond steigt auf, und die Nacht wird hell,« erwiderte er. »Da wandert es sich am besten. Und ich säume ungern, denn meine Zeit ist knapp. Die Heiligen mögen mit Ihnen sein, Señor!« . . .

Er legte begrüßend die Rechte auf seine Brust, raffte seine Decke auf und schlug sie sich um die Schultern. Noch einmal erhob er die Hand wie zu einem letzten winkenden Lebewohl, dann stieg er starken Schrittes den Hang hinan und verschwand zwischen den Föhren und Weiden.

Eine kurze Weile schaute ihm Berger, in Sinnen versunken, nach. Irgendwoher erscholl, dreimal wiederholt, der Lockruf einer Holztaube.

Auch Don Fuerto hörte ihn, und er war zufrieden, denn er wußte, nur ihm galt das Zeichen. Es war der Ruf der Pamas, wenn sie sich auf dem Kriegspfade befanden . . . .

Fünftes Kapitel.

In Queretaro.

Don Fuerto findet alte Bekannte. – Fritz belauscht eine Unterhaltung, die ihm wenig gefällt. – Abmarsch nach Norden.

In der kleinen Felsenstadt Queretaro, wo im Mai Achtundvierzig der greise Revolutionär Hidalgo Frieden mit Nordamerika schloß und auf dessen ödem Gestein die Todesrosen Maximilians erblühen sollten, herrschte ein buntes militärisches Leben und Treiben. Außer den Kaiserhusaren, die hier in Garnison standen, waren noch zahlreiche Regimenter eingetroffen; der Kaiser selbst wurde in nächster Zeit erwartet, und schon hatte man mit der Ausschmückung der Straßen begonnen, um ihn würdig zu empfangen – Queretaro wollte seinem alten Ruhm, zu den treuesten Städten des Reichs zu gehören, bei dieser Gelegenheit einen doppelt feierlichen Ausdruck geben.

Unweit der Hauptkirche, dessen ganz aus massivem Silber bestehender Altar ihr eine gewisse Berühmtheit sicherte, lag ein kleines französisches Kaffeehaus, das um diese Stunde – es war gegen acht Uhr abends – bis auf den letzten Platz gefüllt zu sein schien. Alle Tische waren besetzt; die meisten Offiziere speisten hier zur Nacht. In das auf- und niederschwirrende Stimmengewirr mischte sich das Klappern der Teller und der Messer und Gabeln.

Hinter dem Zimmer, das Monsieur Dieulafou, der Wirt, bewohnte, ein verschmitzter Pariser, der mit Bazaine nach Mexiko gekommen war, hier sein Glück zu suchen, lag noch ein kleines Kabinett, dessen Ausgang nach dem Hofe führte. In diesem Gemach hatte es sich Don Fuerto bequem gemacht.

Man sah, daß er zu leben verstand. Er saß vor einem sauber gedeckten Tische und verspeiste soeben mit großem Appetit den Flügel eines Fasans. Neben ihm stand in einem mit Schnee gefüllten Kübel eine Flasche Champagner, der er häufig zusprach. Auf seinem Gesichte lag der Ausdruck völliger Zufriedenheit, und in der That, er konnte sich nicht beklagen: alles ging nach Wunsch, und traten nicht unerwartete Schwierigkeiten ein, so war er binnen heute und vier Wochen ein gemachter Mann. Aber auch mit diesen Schwierigkeiten rechnete er. Er war kein Phantast, sondern pflegte reiflich zu überlegen; klappte nicht alles, wie es klappen sollte, so mußte er versuchen, auf Umwegen zum Ziele zu gelangen. Und auch für diesen Fall hatte er bereits seine Pläne entworfen.

Er hatte sein Souper beendet und war soeben im Begriffe, sich eine Cigarette anzustecken, als nach kurzem Anklopfen ein stattlicher Offizier in der Oberstenuniform der Kaiserhusaren in das Zimmer trat.

»Zum Geier, Oberst Lopez,« rief Fuerto ihm entgegen, »Sie haben mich lange warten lassen! Aber ich hatte gute Gesellschaft« – und er deutete vor sich auf den Tisch – »einen delikaten Fasan und eine Veuve Clicquot!«

Der Angeredete warf mit ärgerlicher Bewegung sein Käppi auf den nächsten Stuhl und nahm Fuerto gegenüber Platz.

»Fünf Stunden Kriegsrat – hintereinander,« brummte er, »ohne Pause – ohne eine Erfrischung – das halte der Geier aus! Ich bin wie gerädert. Geben Sie mir ein Glas Champagner, Diego!«

Fuerto nahm ein Wasserglas und füllte es bis zum Rande mit dem schäumenden bernsteingelben Wein. In langen Zügen leerte es Lopez.

»Gottlob – nun werde ich allmählich wieder Mensch,« sagte er, mit der Serviette seinen Schnurrbart wischend. »Um drei Uhr soll zum Aufbruch geblasen werden – sehr lange Zeit werden Sie nicht zum Ausruhen haben!«

»Lieber Freund, ich habe in der Sierra häufig drei Tage und drei Nächte lang nicht geschlafen. Ich bin an die Rastlosigkeit gewöhnt. Aber mir scheint's, Sie weniger – he?«

Der Oberst seufzte auf.

»Mein ganzes Leben ist Rastlosigkeit,« erwiderte er. »Die Schulden fressen mich auf. Ich reiße hier ein Loch auf, um dort ein andres zuzustopfen. Als ich das letzte Mal mit Ihnen zusammenkam, mein werter Don Fuerto – Sie wissen, bei welcher Gelegenheit –«

»Ganz genau. Ich war wegen Schmuggelns angeklagt worden, und Sie rissen mich aus der Patsche –«

»Weil meine Frau eine Verwandte Ihrer verstorbenen Mutter ist, und ich zudem eine kleine Gegengefälligkeit von Ihnen erhoffte. Sie versprachen mir damals auch, sich einmal an Ihren Oheim wenden zu wollen; er ist reich genug, meine Verhältnisse zu ordnen – mit dreimalhunderttausend Pesetos ist es gemacht – aber ich habe das Empfinden, mein guter Diego, als seien auch bei Ihnen Versprechen und Halten zweierlei Dinge!«

Fuerto bot dem Offizier seine Cigarettendose.

»Ich habe Sie nicht hierher gebeten, um mir von Ihnen Vorwürfe machen zu lassen, Don Miguel,« sagte er. »Sie haben mir ein Freundschaftsstück erwiesen, und das vergesse ich nicht so leicht. Aber es ist schwer, für einen andern zu wirken, wenn einem selbst die Hände gebunden sind. Mein Ohm Hallstädt hat mich abscheulich behandelt, und ich will mich nun dafür rächen.«

Der Oberst nickte.

»Ich dachte es mir, als mir Ihr Plan bekannt wurde,« entgegnete er. »Diego Fuerto thut nichts ohne Absicht und Vorbedacht. Aber was gehen mich Ihre Sonderinteressen – was Ihr Zank mit dem Gordakrösus an?«

»Viel, mein Lieber. Haben Sie schon einmal etwas von Wohanna, dem Häuptling der Pamas, gehört?«

»Von dem braunen Satan, vor dem uns Mejia zum öfteren gewarnt hat? Ich glaube, er hat vor zwei Jahren einmal den Versuch gemacht, seine Rotte dem Juarez zuzuführen, scheiterte aber an dem Widerstand der Seinen.«

»Nun also – von diesem spreche ich –«

»Aber Wohanna ist längst nicht mehr Häuptling der Pamas. Man hat ihn an die Luft gesetzt, sonst würde sein Volk sich wohl kaum so schnell bereit erklärt haben, sich unserm Zuge nach Zacatecas anzuschließen.«

»Pardon, lieber Lopez – ich weiß es besser. Wohanna ist freiwillig in die Verbannung gegangen – aus persönlichen Gründen – aber vor kurzem wieder heimgekehrt. Und das ist wichtig – für mich und Sie.«

Der Oberst zuckte mit den Achseln.

»Ich wüßte nicht, was mir gleichgültiger wäre. Zum Teufel, Fuerto – was schert mich der Pamahäuptling! Gehen Sie nicht wie die Katze um den heißen Brei herum, sondern erklären Sie sich deutlich! Weshalb haben Sie mich herbestellt?«

»Also kurz: weil ich mit Ihnen in Verbindung bleiben möchte. Mein gegen Hallstädt gerichteter Coup kann gelingen, kann aber auch fehlschlagen. Für den letzteren Fall muß ich mir neue Brücken bauen. Denn, Freundchen, es ist genau so mit mir wie mit Ihnen: ich bin abgebrannt bis auf den letzten Piaster und muß mir neue Gelder zu schaffen suchen. Auf sogenannte redliche Weise geht es den Umständen gemäß leider nicht –«

»Sprechen Sie leiser!« – und unwillkürlich erblaßte der Oberst.

»Ah bah – hier hört uns kein Mensch! . . . Nehmen Sie einmal an, der geplante Überfall mißlänge, die Kaiserlichen würden in die Pfanne gehauen, Juarez bliebe Sieger. Das wäre Grund genug für mich, neuerlich abzuschwenken – wer könnte es mir verdenken?«

»Machen Sie, was Sie wollen – Sie sind ja Ihr freier Herr!«

»Gott sei Dank, daß ich das bin! Bei den Juaristen ist aber leider ebensowenig zu holen wie bei den Kaiserlichen. Wahrhaft gewinnen kann unsereiner nur im Strudel der Verwirrung, der gänzlichen Gesetzlosigkeit!«

Und während Fuerto dies sprach, leuchteten seine Augen auf. Er beugte sich über den Tisch, weit herüber zu Lopez, und dämpfte seine Stimme zu leisem Flüstern ab.

»Eine große, allgemeine Revolution würde es uns leicht ermöglichen,« fuhr er fort, »Panisca zu überfallen und Hallstädt gefügig zu machen. Sein Geiz ist himmelschreiend. Wenn ich auch wirklich sein hoffärtiges Töchterlein in meine Gewalt bekomme – es ist fraglich, ob der Halunke nicht lieber sein Fleisch und Blut opfert, ehe er sich von seinen Schätzen trennt. Aber« – und die Zähne des Sprechenden knirschten zusammen – »fällt er mir selbst einmal zwischen die Finger, dann Gnade ihm Gott! Dann soll er herausrücken mit seinem Mammon, und wenn ich ihm Daumschrauben anlegen müßte – –«

Er füllte die Gläser von neuem; eine zweite Flasche stand unter dem Tisch.

»Also Revolution, wenn es nicht anders sein kann,« wiederholte er in ruhigerem Tone. »Ich meine, Sie haben nicht viel einzubüßen, Vetter; Sie sitzen sozusagen auf einem Pulverfaß. Auch Ihnen könnte ein allgemeiner Wirrwarr nur dienlich sein.«

Schwere Schweißtropfen standen auf des Obersten Stirn.

»Ich bin Kaiserlicher Offizier,« murmelte er tonlos, »vergessen Sie das nicht –«

Diego lachte.

»Und Maximilian ist der Pate Ihres Jungen,« fügte er hinzu; »das haben Sie damals auch gesagt, als wir den Erlös meines Schmuggelgeschäfts teilten. Aber die paar Tausend Pesos steckten Sie trotzdem ein!«

»Ich war in furchtbarer Not, Diego – erinnern Sie mich nicht daran –«

»Lächerlich! Ich will Ihnen ja helfen! Hören Sie zu! Wohanna ist ein Teufelskerl; ich weiß, was er vorhat. Nicht mehr und nicht weniger als einen allgemeinen indianischen Aufstand –«

Lopez wollte erregt aufspringen, Don Fuerto drückte ihn nieder.

»Ruhe, Miguel – keine unnötigen Nerven! So lange ich noch Hoffnung habe, auf andre Weise zum Ziele zu kommen, werde ich die tolle Idee Wohannas nicht unterstützen. Das ist selbstverständlich, denn ich verhehle mir nicht, daß ein Indianeraufstand ganz Mexiko in ein Meer von Blut verwandeln würde. Es geht schon jetzt wüst genug her, aber dann könnten sich Freund und Feind gratulieren. Ganz gleich – auch diese Möglichkeit muß ins Auge gefaßt werden; sie bietet uns – Ihnen wie mir – Aussicht auf lohnenden Gewinn.«

Der Oberst hatte sich erhoben.

»Ich will gehen, Fuerto,« sagte er; er war weiß im Gesicht wie Kalk. »Was Sie planen, ist Hochverrat, ist ungeheuerlich. Lassen Sie mich aus dem Spiel –«

»Eh bien, Bester, so gehen Sie und verhungern Sie mit samt Ihrem Kaiser!«

Die Hand, die schon nach dem Käppi greifen wollte, zog sich wieder zurück.

»Im Grunde genommen bin ich mir noch immer nicht darüber im klaren, was Sie eigentlich von mir wollen, Don Fuerto. Daß ich Ihnen nicht die tolle Revolution entfachen helfen kann, wissen Sie so gut wie ich selbst. Es handelt sich nicht um eine Flamme, in die man nur hineinzublasen braucht, um sie auflodern zu lassen. All das ist Wahnsinn!«

»Aber es ist Methode in diesem Wahnsinn. Und es ist in der That so: es bedarf nur des Blasens, und die Revolution ist da. Sie irren sich, lieber Lopez – Sie unterschätzen auch die Macht der roten Rasse. Sie gleicht einem gefesselten Tiger. Lösen Sie die Fesseln, und die Bestie bricht los! – Aber das sind Zukunftsideen. Die Revolution wird erst dann zweckbringend sein, wenn Kaisertum und Republikanismus gleichmäßig vernichtet sind, wenn Raum für die Anarchie da ist, sich auszubreiten.«

»Ich wiederhole meine Frage: was wollen Sie von mir?«

»Ihre Mithilfe.«

»Und wie denken Sie sich diese?«

»Sie sollen beiden Teilen dienen, den Juaristen und den Kaiserlichen, und, wenn es nötig ist, beide verraten, um beide zum Untergang zu bringen.«

Lopez sprang an den Tisch heran und erhob die geballte Hand.

»Schuft!« stieß er hervor; »schauen Sie meinen Rock an? Ist's nicht des Kaisers Kleid?!«

Fuerto lächelte.

»Dank für den Schuft,« sagte er. »Das berührt mich nicht. Aber nehmen Sie die Hand fort, Vetter Lopez, damit ich mich nicht um meinen Revolver zu bemühen brauche. Wer ist denn Ihr Kaiser? Ein fremder Mann, der aus Europa kam, sich hier festzusetzen – ein Gleichgültiger –«

»Nein!« rief Lopez. »Einer, dem ich Treue schwor!«

»Treue?! Pah! – Ist Ihnen der Hauptmann Jablonsky bekannt, wenn ich fragen darf?«

»Er war zwei Jahre hindurch mein Adjutant. Was soll es mit ihm?«

»Halten Sie Jablonsky auch für einen von denen, die auf ihre Treue pochen?«

»Ganz gewiß. Er gehört gleich mir zu des Kaisers Lieblingen.«

»Und wenn ich Ihnen nun erzählen würde, daß ich mit Jablonsky gewisse Abmachungen getroffen habe für den Fall, daß es uns nötig erscheinen dürfte, das Kriegsglück späterhin wieder einmal auf Seite des Juaristischen Heeres zu lenken – Abmachungen, die hier an diesem Orte und zu dieser Stunde noch näher besprochen werden sollen –«

»Dann würde ich Sie auslachen, lieber Herr, denn ich kenne Jablonsky besser als Sie. Darf ich fragen, zu wann Sie den Kapitän hierher bestellt haben – Sie, der Sie das Reich in der Tasche zu haben meinen?«

»Zu neun Uhr, bester Vetter.«

Lopez zog seinen Chronometer aus der Tasche und ließ ihn repetieren.

,.Es ist neun vorüber,« sagte er. »Und nun noch ein letztes Wort als Beweis dafür, daß Sie ein schmählicher Lügner sind. Vor etwa zwei Stunden hat sich Jablonsky Urlaub für den Abend erbeten, um nach der Hacienda Sylva zu reiten und sich dort von seiner Braut zu verabschieden. Der Urlaub ist ihm bis Mitternacht bewilligt worden –«

Er brach ab, denn in diesem Moment klopfte es an der Thür.

Fuerto warf einen triumphierenden Blick auf den Obersten, der sich in eine Ecke des Zimmers zurückzog, und rief dann mit lauter Stimme:

»Herein!«

Ein Civilist trat ein, eine große hagere Erscheinung, in einen dunklen spanischen Mantel gehüllt, einen breitkrämpigen Sombrero auf dem Haupte, der das Gesicht beschattete.

»Buenas tardes – guten Abend,« sagte der Fremde, den Hut abnehmend; »ah – sieh da – Oberst Lopez . . .«

Der Angeredete taumelte, sich an die Stirne greifend, zurück. Vor ihm stand der, von dem man soeben gesprochen, den er selbst als Platzkommandant vor zwei Stunden beurlaubt hatte – lächelnd und unbefangen – der Hauptmann Jablonsky. – – –

Fritz Berger war erst in Queretaro eingekleidet worden, das heißt, er hatte sich für sein eignes Geld von einem Schneider die Uniform seines Truppenteils anfertigen lassen. Sie stand ihm prächtig, diese dunkelgrüne, reich verschnürte Uniform, und er war auch nicht wenig stolz darauf. Der Dienst war während des Marsches ein ziemlich anstrengender gewesen – hier in Queretaro aber gönnte man sich ein paar Ruhetage. Die Nachricht, daß sich die Juaristen in der Nähe von Zacatecas konzentrierten und daß General Miramon befohlen hatte, ihnen in Eilmärschen entgegenzurücken, um nach altklassischer strategischer Regel »den Feind zu schlagen, wo man ihn trifft«, hatte sich in der ganzen Stadt verbreitet. Aber man wußte noch nicht, wann aufgebrochen werden sollte; Tag und Stunde wurden vorläufig geheim gehalten.

Mit lebhaftem Interesse nahm Fritz die ihm werdenden und ständig wechselnden Eindrücke auf. Mit noch einer Anzahl in den letzten Tagen angeworbener Freiwilliger wurde er durch Oberst von Leuthen seinem Corpskommandanten, dem General Mejia, vorgestellt. Es war dies ein kleiner schmächtiger Herr mit gelbem Indianergesicht und feurigen dunklen Augen; er richtete einige warmherzige Worte an die Freiwilligen, sprach dann mit jedem einzelnen und eingehender mit Fritz, über dessen Schicksale ihn Herr von Leuthen unterrichtet hatte. Wenn er sich tüchtig erweise, so solle er nach der ersten Schlacht zum Fahnenjunker befördert werden, das war das Versprechen, mit dem Fritz entlassen wurde.

Im allgemeinen machte die Disziplin in der Nationalarmee keinen allzuschlechten Eindruck auf den scharf beobachtenden Fritz. Aber es schien doch, als ob gerade bei den mexikanischen Regimentern die rechte patriotische Begeisterung fehlte. Traf irgend eine günstige Nachricht vom Kriegsschauplatze ein, so flammte der Enthusiasmus hoch empor; dann wurde Viva geschrieen und man zog singend durch die Straßen, und Feuerwerke wurden abgebrannt – dann war der Jubel allgemein. Aber Strapazen und die Anstrengungen des Dienstes ertrug man nicht gern. Es kam dazu, daß die Lohnverhältnisse schlecht und die Verpflegung mangelhaft waren; wie ein Hauch von Unzufriedenheit ging es zuweilen durch die Armee. Auch allerhand entmutigende Gerüchte tauchten dann und wann auf – von dem Übertritt einiger Offiziere zum Juaristischen Heere, von zahlreichen Desertionen und dergleichen mehr . . .

In Queretaro gehörte die Seifen- und Cigarrenfabrikation derzeitig zu den ausgebreitetsten Industriezweigen. Bei einem Cigarrenfabrikanten lag auch Fritz in Quartier. Graf Hodegg hatte ihm den freundschaftlichen Rat gegeben, sich früh zu Bett zu legen, da aller Wahrscheinlichkeit nach zur Zeit der Morgendämmerung Alarm geschlagen werden würde, und Fritz hatte den Rat befolgt.

Er schlief auch bald ein. Aber er konnte noch nicht lange geschlummert haben, als er wieder erwachte. Ihm war, als höre er Stimmen. Er sah nach der Uhr; es war in wenigen Minuten elf. Und in der That – als er sich im Bette aufrichtete und lauschte, vernahm er ganz deutlich, daß sich in seiner unmittelbaren Nähe, wahrscheinlich Wand an Wand mit ihm, zwei Leute, zwei Männer miteinander unterhielten. Er legte sich auf die andre Seite und wollte weiter schlafen, als der Name »Fuerto« an sein Ohr schlug. Das machte ihn stutzig – er wußte selbst nicht weshalb. Abermals richtete er sich auf und horchte. Es war richtig; die Stimmen kamen von nebenan; soviel er wußte, logierte dort ein Offizier, dessen Name ihm unbekannt war. Er erhob sich und folgte dem Schall der Stimmen. In der Mitte der Querwand, seinem Bett gegenüber, stand ein Kleiderschrank, der sich, da er leer war, leicht zur Seite rücken ließ – und nun erklärte sich Fritz auch die auffallend starke Schallübertragung. Hinter dem Schranke war ehemals wahrscheinlich eine Thür gewesen; jetzt aber hatte man sie mit dünnen Brettern verschlagen und mit Tapete überklebt. So war fast jedes Wort zu verstehen, das man im Nebenzimmer wechselte.

Ein eigentümliches Empfinden veranlaßte Fritz, sich nicht wieder zu Bett zu legen. Es gab keinen ausgesprochenen Grund für ihn, die beiden im Nebenzimmer zu belauschen; nicht einmal die Neugierde trieb ihn dazu – er folgte lediglich einer Eingebung des Augenblicks, über die er sich keine Rechenschaft ablegte.

Man sprach spanisch nebenan; Fritz vermochte der Unterhaltung daher nicht in allen Einzelheiten zu folgen – aber das Meiste verstand er doch.

»Ich traue dem Menschen nicht, Kapitän,« sagte die eine Stimme; »er ist im stande, uns einfach preiszugeben, wenn wir ihm nicht mehr genehm sind.«

»Vorläufig können wir ihm nur nützen, Don Miguel,« entgegnete die zweite Stimme; »und dann vergessen Sie, bitte, nicht, daß wir nichts zu verlieren haben – weder Sie noch ich.«

»Gott sei geklagt, daß es so ist! . . . Mein armes Weib – meine armen Kinder!«

»Um aller Heiligen willen, Freund – werden Sie nur nicht sentimental! Das ganze Leben ist Krieg, und die meisten Menschen hier sind Räuber. Keiner gönnt dem andern das Seine – jeder sieht zu, wo er die beste Beute erwischt. Haben Sie gehört, daß Oberst Carracas mit seinem ganzen Bataillon bei Piombonegro zum Feinde übergegangen ist?«

»Man erzählte es sich.«

»Der Mann hat recht gethan. Was kann uns diese Kaiserkomödie noch bieten? Wenn uns die Juaristen gefangen nehmen, werden wir erbarmungslos niedergeknallt. Und glauben Sie mir: schließlich siegen die Republikaner doch! Es ist für uns alle nur ein Hinhalten, ein langsames Sterben.«

»Miramon ist ein tüchtiger General, Kapitän. Wenn er die Juaristische Armee erreicht, ehe sie Aufstellung genommen hat – so, wie er es hofft – kann er sie leicht zersplittern.«

»Auch Juarez hat treffliche Feldherrn, lieber Oberst. Und eine Niederlage ist noch nicht die Beendigung des Krieges. Ich sage Ihnen offen: ich freue mich, daß ich hier bleiben kann. Juarez steht mir näher als der Kaiser.«

»Sie haben aus Ihrer republikanischen Gesinnung freilich nie ein Hehl gemacht.«

»Niemals – auch Maximilian gegenüber nicht.«

»Ich glaube, er schätzt diese Offenheit. Übrigens ist Maximilian im Grunde genommen nichts weiter als ein Präsident mit der Kaiserkrone.«

»Streiten wir nicht darüber. Als er in das Land kam, lag Juarez am Boden; man hatte ihn über die Grenze getrieben – kein Mensch dachte daran, daß er es von neuem zu Erfolgen bringen würde. Das Kaisertum bot mir bessere Gelegenheit zum Vorwärtskommen als die Republik – damals – heute ist es anders geworden.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie geneigt wären, dem Beispiele des Obersten Carracas zu folgen?«

»Nein – wenigstens vorläufig nicht. Ich will erst einmal abwarten, was Fuerto auszurichten vermag. Es ist immer gut, wenn man zwei Eisen im Feuer hat. Sehe ich Sie morgen?«

»Ich denke, wir speisen zusammen. Es ist mir auch nicht unlieb, daß ich hier bleiben kann. Der Rheumatismus sitzt mir in allen Knochen.«

»Wann erwartet man den Kaiser?«

»Es ist noch unbestimmt. Er soll leidend sein.«

»Glaub's wohl. Der Jammer ist groß. Ich habe nichts gegen seine Person. Aber seien wir ehrlich – er hat sich auf ein gefährliches Experiment eingelassen. Und er wird daran glauben müssen.«

»Es sollte mir leid thun. Nur um seinetwillen, nicht wegen seiner Umgebung, die ich hasse. Die deutschen Schufte haben ihn völlig umgarnt.«

»Ach nein, lieber Freund – der Wahrheit die Ehre: die Einheimischen sind schlimmer!«

»Aber man kann sich ihrer wenigstens besser erwehren. . . . Auf Wiedersehen, Kapitän – ich bin hundemüde.«

»Hasta luego!« . . .

Das Gespräch verstummte.

Blaß und fröstelnd legte sich Fritz wieder in sein Bett. Das Erlauschte erregte ihn. So sprachen zwei Offiziere von ihrem Kaiser und Kriegsherrn! War die Stimmung im ganzen Offizierkorps keine bessere, dann allerdings sah es traurig aus um die Zukunft des Reichs.

Und noch ein andrer Gedanke beunruhigte ihn: welche geheimnisvolle Rolle spielte Don Fuerto? In welcher Verbindung stand er mit den beiden Offizieren? –

Er grübelte und grübelte, bis die Natur ihr Recht verlangte und der Schlaf ihn von neuem übermannte. – –

Trommelrasseln und geller Trompetenton weckten ihn zum zweitenmale. Das war der erwartete Alarm. Sein Bursche stürzte in das Zimmer, um ihm beim Packen des Mantelsacks behilflich zu sein. In sieben Minuten war Fritz marschfertig. Als er vor dem Hause zu Pferde stieg, sah er einen hochgewachsenen Offizier aus der Thür treten, dem er salutierte. Der Offizier sah ihn scharf an und dankte mit lässiger Handbewegung.

Es dämmerte noch. Graublaue Lichter fluteten durch die Straßen, mit goldigen Reflexen gemischt. Der ganze östliche Himmel leuchtete im Frührot. Unaufhörlich erklang der Gleichschritt des Militärs auf dem Pflaster. Die Fenster öffneten sich; neugierige, noch halb verschlafene Gesichter lugten hinaus.

Auf dem Cerro de las Campañas fuhr die Artillerie auf. Dort glitzerten auch die reichen Uniformen der hohen Generalität.

Als Fritz mit seinem Burschen um die nächste Straßenecke bog, um sich auf den Sammelplatz seines Regiments zu begeben, sah er abermals den großen hageren Offizier, der mit ihm in einem Hause gewohnt hatte. Ein Husarenoffizier, eine sehr schöne und stattliche Erscheinung, unter der Ordensreihe auf der Brust auch das Kreuz der französischen Ehrenlegion, ritt neben ihm.

Fritz neigte sich zu seinem Burschen herüber.

»José, mein Junge,« flüsterte er, »sag mir, wer sind die beiden?«

»Oberst Don Miguel Lopez, Señor,« antwortete der Jäger, »der Kommandeur der Kaiserhusaren, und der andre ist der Kapitän Jablonsky vom dritten Linienregiment« . . .

Monate später – zu einer schrecklichen Stunde – sollte Fritz diese beiden unseligen Namen noch einmal nennen hören! – –

Als die Sonne aufging, war die Kolonne bereits in Bewegung. In langer Linie rückte sie über die Brücke des Rio Blanco, die unter den festen Schritten der Tausende leise zu erzittern schien, gen Norden. Denn dort oben im Norden stand der Feind!

Sechstes Kapitel.

Hacienda Panisca.

Ein Sonderling und seine Tochter. – Dei Pamas überfallen die Hacienda. – Rettung der Juaristen.

Auf den Nordwesthängen der wilden und zerklüfteten Sierra Gorda lagen die Silberminen und lag auch die Hacienda des Herrn von Hallstädt, in weiter Umgegend gewöhnlich »il conde« – »der Graf«, zuweilen auch kurzweg »der Deutsche« genannt. Er war vor etwa vierzig Jahren als junger Ingenieur in das Land gekommen, hatte durch einen glücklichen Zufall den Silberreichtum einzelner kleiner, in den Rio Panuco abfließenden Gewässer der Sierra entdeckt, das Land käuflich erworben und war dann an die Arbeit gegangen, die Schätze der Natur zu heben. Man sagte, die Minen seien erschöpft und die Silberadern geleert und deshalb habe »il conde« auch die meisten seiner Arbeiter entlassen; jedenfalls konnte Hallstädt dieses Versiegen seiner Schatzquellen – das übrigens vorauszusehen gewesen war – ruhig ertragen, denn er mußte im Laufe der Jahre viele Millionen angesammelt haben.

Von diesem ungeheuern Reichtum zeugte auch die Hacienda Panisca – eine Art mittelalterliche Burg, die sich Hallstädt, der stets ein gewisses Sonderlingswesen zur Schau getragen, inmitten einer großartig wilden und grausig romantischen Gebirgsnatur hatte errichten lassen. Jahrelang hatten ungezählte Menschenkräfte daran gearbeitet, diese Stein gewordene Laune des Silberkönigs fertigzustellen. Und nun schaute die Felsenburg von der Höhe eines steilen Bergkegels majestätisch zu Thal, umrauscht von wilden Gebirgswassern, an deren Ufern Rhexiabüsche, Wachspalmen und Feigengesträuch wuchsen. Nach Süden zu senkte der Felsenkegel sich weniger schroff zum Thale des Rio Panuco, und hier war aus dem ehemaligen Dickicht des Urwalds mit seinen traumhaften Purpurschatten ein Park von wunderbarer Schönheit geschaffen worden, in dem die ganze üppige Flora der heißen Zone tausendblütig ihre schimmernden Wunder trieb.

Seit drei Tagen waren in der Hacienda die Führer der Juaristischen Armee zu Gast: Juarez selbst mit seinen Generalen Corona, Trevino, Riva Palacio und dem blutigen Escobedo. Sie warteten hier die Vereinigung ihrer Truppen ab, die Juarez aus allen Teilen des Reichs zusammenzog, um durch einen gewaltigen Vorstoß nach Queretaro den Versuch zu wagen, mit einem letzten Schlage das Kaiserreich gänzlich zu zertrümmern.

Auf der westlichen Terrasse des Schlosses, von der aus man einen weiten Blick über die sonnigen Abhänge der Vorhügel mit ihren goldgelben Orchideenfeldern und ihren Indigoplantagen hatte, gingen zu früher Morgenstunde ein alter Herr und ein junges Mädchen auf und ab. Der Herr schritt, obwohl er noch ziemlich rüstig schien, auf einem Krückstock gelehnt und hatte seinen rechten Arm in den des Mädchens geschoben, seiner einzigen siebzehnjährigen Tochter Doña Ana. Sie war eine eigentümliche Erscheinung. Das helle Gewand, das sie umhüllte, hob ihre schlanke Gestalt noch mehr hervor. Rotblondes Haar leuchtete über ihrer Stirn, und mit dieser satten Goldfarbe kontrastierte seltsam das dunkle, sinnende Augenpaar, über dem sich ein paar schwarze, kräftig gezeichnete Brauen wölbten.

»Ich würde nicht immer wieder auf meine Bitte zurückkommen, Vater,« sagte sie, einen Augenblick zur Seite des alten Herrn stehen bleibend, »wenn ich der unglücklichen Kaiserin, die jetzt fern von ihrem Gemahl an schwerer Krankheit dahinsiecht, nicht ein so treues Gedächtnis bewahrte. Ich entsinne mich noch gut jenes Tages, da sie das Land bereiste, und auch wir sie in Potosi begrüßen konnten. Ich hatte ihr einen Blumenstrauß zu reichen, und ihr freundliches, huldreiches Lächeln und die lieben und gütigen Worte, die sie damals an mich richtete, werden mir unvergeßlich sein.«

Don Hallstädt nickte zustimmend.

»Ich widerspreche dir nicht, mein Kind,« antwortete er, »umsoweniger, als ich im innersten Herzen warme Sympathien für Maximilian hege, der mehr als jeder andre geeignet wäre, dem Lande Glück und Frieden zu schaffen. Aber der Erfolg liegt doch nun einmal auf Seiten der republikanischen Partei, und wenn ich nicht mein Vermögen mit Beschlag belegt und meine Minen und Silberwäschereien von dem räuberischen Schwarm der Juaristen zerstört haben will, so muß ich mich fügen und die Dinge ihren Lauf gehen lassen!«

Ana hob unmutig den Kopf.

»Ich verlange ja gar nicht, daß du dich in die politischen Interessen hineinmischst,« erwiderte sie; »im Gegenteil, es war sicher nur klug von dir, daß du dich von allem Parteitreiben ferngehalten hast. Aber das ist kein Grund, bei Don Juarez nicht ein gutes Wort für den Kaiser einzulegen. Ich weiß, daß er gestern mit seinen Generalen oben im gelben Saale Kriegsrat gehalten hat. Queretaro soll eingeschlossen und ausgehungert – und dann, wenn sich die Stadt ergeben hat, Gericht über den Kaiser gehalten werden. Alle hassen ihn grimmig; sie hassen das Fürstenblut in seinen Adern, hassen den Habsburgischen Namen, hassen die Krone auf seinem Haupt und den Purpur der Majestät. Sie werden ihn töten, Vater, wenn er in ihre Hände fällt – und das darf nicht sein – großer Gott, giebt es denn gar keine Hilfe für diesen unglücklichen, edeln Mann?!«

Der alte Herr schaute sich mit verlegener Miene um. Ein leises Angstgefühl prägte sich auf seinen Zügen aus.

»Nicht so laut, Liebling,« flüsterte er; »so lange die Juaristen bei uns weilen, sind wir von Spionen umgeben! . . . Juarez selbst hat mich zwar gern. Er hofft immer noch, ich würde meine Kassen seiner Sache opfern – und auch er braucht Geld – wie der Kaiser. Ich habe gestern mit ihm über Maximilian gesprochen – nur wenige Worte – aber er verschloß mir sofort den Mund mit der Entgegnung, daß das Schicksal des Kaisers einem Kriegsgericht unterbreitet werden würde. Im übrigen, Ana« – und nun traf ein lauernder Blick das junge Mädchen – »es ist nicht unmöglich, daß du dir selbst einen gewissen Einfluß über das Geschick Maximilians sichern könntest.«

»Ich – und wodurch?«

»Dadurch, daß du dich der Werbung des Generals Escobedo ein klein wenig geneigt zeigst« –

»Vater!?«

Das Wort wurde in zornigem Tone gesprochen, und eine rasche Flamme loderte in den schönen Augen des Mädchens auf.

»Das kann unmöglich dein Ernst sein, Vater,« fuhr Ana fort, gewaltsam ihre Erregung niederkämpfend. »Escobedo ist vor kurzem erst zum drittenmale Witwer geworden – ist zweimal so alt wie ich selbst – ist ein gefürchteter Henker« –

»Halt, Ana! Ein Henker und ein Bluthund – so urteilt man im Kaiserlichen Lager über ihn. Aber jedes Ding hat zwei Seiten. Er ist der beste Heerführer des Juarez und wird zur Macht kommen, wenn erst die Republik wieder hergestellt worden ist – und das wird nicht lange mehr währen. Und, Ana, ich habe große Rücksichten auf die jeweilige Regierung zu nehmen, die mich durch Zölle und Steuern und Abgaben tot machen kann – und schließlich: auf wen wartest du noch? Dein Vetter Fuerto« –

»Schweig mir von ihm, Vater!« rief Ana lebhaft. »Er ist mir genau so zuwider wie dir – und ich fürchte, er wird uns noch genug Unannehmlichkeiten bereiten! Es wäre das Beste gewesen, du hättest ihm das hinterlassene Vermögen seines Stiefvaters, deines Vetters, auszahlen lassen und dann erst davongejagt!«

Hallstädt lachte heiser auf.

»Ich bin kein Narr,« entgegnete er finster. »Otto hat Diego seines schlechten Lebenswandels wegen enterbt und ihn auf ein Legat gesetzt. Über sein Vermögen habe ich zu verfügen, ich allein« –

»Mit der Bestimmung, die Erben jenes Lieutenants Berger aufsuchen zu lassen, deren Schuldner er war,« fiel Ana festen Tones ein. »Aber du hast den Willen Onkel Ottos bisher noch nicht erfüllt, Vater. Es ist der einzige Vorwurf, den ich dir machen kann, daß du zu fest an deinen Reichtümern hängst.«

Die Hand Hallstädts umspannte fest ihren Arm.

»Still jetzt,« flüsterte er, »die Herren kommen!« . . .

Die Thür zu der großen Halle im Parterregeschoß hatte sich geöffnet, und Juarez mit den Generalen Palacio und Escobedo trat ins Freie. Der berühmte Diktator war damals schon ein Sechzigjähriger, ein kleiner Mann mit intelligentem Indianergesicht, in einen langen schwarzen, schlecht sitzenden Rock gekleidet, hohen Kragen, sogenannten »Vatermördern« um den Hals, ein spanisches Rohr in der Hand. Bei weitem stattlicher sah Escobedo aus, der es vom Maultiertreiber zum General gebracht hatte; er trug auch Uniform – eine überreich mit Gold gestickte Uniform, die aber unglaublich schmutzig war; nur die lackierten Schäfte seiner Kniestiefeln, an denen silberne Sporen klirrten, glänzten hell in der Sonne.

Während Juarez und Palacia sich Hallstädt zugesellten, trat Escobedo mit ungeschickter Verneigung an Ana heran.

»So früh auf, Señora?« sagte er mit einem Lächeln, das verbindlich sein sollte. »Freilich – die Sonne steht schon über dem Horizont, und da hat es auch die, die der Sonne ähnelt, nicht länger im Stübchen geduldet!«

»Sie sind galant wie immer, General,« erwiderte Ana kühl. »Aber Ihr Kompliment hinkt. Die Sonne leuchtet nicht nur, sie brennt auch zuweilen wie Nesseln – und das ist unangenehm. . . . Verzeihen Sie, wenn ich Ihre liebenswürdige Gesellschaft aufgeben muß – mich rufen häusliche Pflichten!« . . .

Sie ließ den verblüfften Corpsführer stehen und sprang davon – durch den kleinen Burggarten und das offenstehende, riesige schmiedeeiserne Thor, das diesen von dem Waldpark schied.

Sie eilte beflügelten Fußes, mit gelösten Hutbändern, den Sonnenschirm in der Rechten schwingend, den Weg hinab, bis dämmernder Schatten sie umfing. Dann erst atmete sie tief auf und hemmte den hastigen Lauf.

Hier, in der tiefen Einsamkeit der Natur, fühlte sie sich am wohlsten. Sie liebte weite Spaziergänge und wanderte oft stundenweit im Parke umher. Von ihrer Kinderzeit ab war sie viel auf sich selbst angewiesen gewesen. Ihre kreolische Mutter hatte sie wenig verstanden, und auch mit dem Vater stand sie sich nicht recht. Es lag etwas wie eine unsichtbare Welt zwischen ihm und ihr. Hallstädt war egoistisch geworden in den Stürmen des Lebens. Er liebte zwar sein Kind, doch auf selbstsüchtige Weise; er hielt sie von allem fern – sie sollte allein für ihn auf der Welt sein, für ihn, dem die Arbeit und ihr Ertrag: das blinkende Gold, das Höchste war, und der ideale Ziele nie kennen gelernt hatte. . . .

Um diese Tageszeit, am frühen Morgen, war es gefahrlos im Parke, während es in der Nacht zuweilen vorkam, daß sich aus dem Hochwalde ein reißendes Tier, ein Jaguar oder ein Puma, hierher verirrte. Die Sonne konnte das dichte junge Blättergewirr der Baumkronen kaum durchbrechen und zitterte nur hie und da einmal in einem verlorenen Goldstreifen, lichtgrün getönt wie Patina, über den Boden. Der Frühling brach überall jauchzend hervor. Die Magnolien blühten, und über die Aloen, Sassafrasbäume und Oleanderbüsche gaukelten die ersten Schmetterlinge. Dann und wann öffneten sich rechts und links vom Wege Arkaden von wilden Feigenbäumen, die sich weit in der Ferne verloren, oder ein Bach plätscherte vorüber, über dem sich hoch oben das Schlingpflanzengeschlecht der Lianen wie eine Domkuppel vereinigte.

Plötzlich stockte der Fuß Anas . . . . Was war das? – Der Schrei einer wilden Taube – und sie lächelte im Weiterschreiten . . . . Und abermals blieb sie stehen. Hörte es sich nicht an, als erschalle Pferdegetrappel in der Ferne? . . . Wie kam das hierher? – Das tosende Wildwasser des Rio Yucca, eines Nebenflusses des Panuco, schloß den Waldpark sicherer ab als eine chinesische Mauer. Nur eine einzige eiserne Hängebrücke führte über den Yuccabach, und die lag, wohl bewacht, an einer schwer erreichbaren, nur den Insassen der Hacienda bekannten Stelle mitten in einer Wirrnis von Felsen.

Es war seltsam, wie häufig sich heute der Lockruf der Holztaube wiederholte. Ana fiel es auf, daß dieser scharfe, weithin klingende Gurrlaut bald nah, bald fern von ihr ertönte. Ihr Herz begann unwillkürlich rascher zu schlagen; das unbewußte Ahnen kommender Gefahr überschlich sie. Sie drückte ihre Hände fest gegen die Brust. Es knackte da und dort im Gezweige, es rauschte und raschelte im Buschwerk – und plötzlich schrie Ana kurz und gellend auf. Sie hatte deutlich im Dämmer eines Laubverstecks das braune, bemalte Antlitz eines Indianers gesehen.

Zitternd blieb sie abermals stehen, aber dabei kam doch allgemach eine gewisse Ruhe über sie. Sie überlegte nicht, was dies braune Gesicht bedeuten könne – sie dachte nicht einmal an einen Überfall durch Indianer, denn man lebte mit allen Stämmen der Umgegend seit langen Jahren im tiefsten Frieden – sie dachte nur an die beste und schnellste Art der Rettung aus der drohenden Gefahr. Die Burg lag wohl eine Stunde weit hinter ihr; aber wenn sie rechtsseitlich einen Nebenweg einschlug, konnte sie in zwanzig Minuten in der Nähe der Orangerien sein, wo die Gärtner arbeiteten und sie Hilfe finden mußte.

Sie wandte sich um – – und im selben Augenblick stürzte sie längshin zu Boden. Aus dem Dickicht war eine geschickt geworfene Schlinge, ein Lasso, um ihren Leib gefallen und hatte sie umgerissen. In der nächsten Sekunde sprangen von allen Seiten vierzig, fünfzig, hundert braune Gestalten herbei – ein paar Reiter galloppierten gleichzeitig den breiten Weg durch die Waldhalde hinan . . . Der plötzliche Schrecken hatte Ana anfänglich der Sprache beraubt – nun aber scholl ihr Geschrei weithin durch den Park: »Auxilio! Auxilio!« – und dann in der Sprache ihres Vaters, mit dem sie sich gewöhnlich deutsch unterhielt: »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« . . .

Die Reiter brausten heran – weitere folgten – ein ganzer Schwarm. Die Erde dröhnte, und die Waffen klirrten. Der Schrei der wilden Tauben gellte unaufhörlich durch den Wald.

»Sacristi, Don Fuerto – war das nicht ein deutscher Laut?! Was geht da vorne vor?!«

»Eine Privatsache, Señor zu dienen – nichts weiter!«

»Aber es war eine Weiberstimme, die um Hilfe schrie! Die braunen Schufte werden doch nicht« –

»Ah bah, Señor – ein Dirnlein aus der Hacienda wird sich im Parke umhergetrieben haben, und man stopft ihr den Mund, damit sie uns nicht verrät! Ich bleibe zurück und werde Obacht geben, daß ihr nichts geschieht – mein Wort zum Pfande! Aber beeilen Sie sich, wenn Sie Juarez noch erwischen wollen – – von Maria di Rio sind bereits Kuriere nach der Hacienda unterwegs!«

Graf Hodegg und der Junker an seiner Seite – Fritz Berger, unser Held – gruben die Sporen tiefer in die Flanken ihrer Gäule ein, die wie der Sturmwind den Weg hinabrasten, gefolgt von einer Halbschwadron reitender Jäger. Sie sahen noch, wie die Indianer das überfallene Mädchen in das Gebüsch schleppten; ein Knebel verschloß Anas Mund – sie vermochte nicht mehr zu schreien, aber der Blick ihrer dunkeln Augen traf in verzehrender Angst den vorübergaloppierenden Berger.

»Herr Graf – Vergebung – aber sollen wir das Mädchen in den Händen der Rothäute lassen?!«

»Junker, wir haben keine Minute zu versäumen – das Kaiserreich steht auf dem Spiel! Die Pamas sind unsre Verbündete und haben geschworen, jedes unnötige Blutvergießen zu vermeiden. Und Fuerto gab uns sein Wort! Man wird das Mädchen knebeln und liegen lassen, bis wir wieder zurück sind – es geschieht ihr nichts! Vorwärts – vorwärts!« . . .

Und weiter brauste die Reiterschar. Ein Schwarm wilder Hühner, die im Gebüsch genistet, flog aufgescheucht vor ihnen von dannen. – –

Fuerto war vom Pferde gesprungen.

»Nichts für ungut, schöne Cousine,« sagte er, seinen breitrandigen mexikanischen Rundhut vom Haupte ziehend. »Man geht etwas stürmisch vor, aber ich gab das Versprechen, daß Ihnen kein Leid geschehen soll, und ich werde es halten. Nur müssen Sie sich gedulden. Die Pamaindianer sind ehrenwerte Caballeros, keine schmutzigen Apachen oder Yaquis; sie werden Sie sicher in ihre Berge geleiten – und dort, Doña Ana, hoffe ich Sie wiederzusehen! . . . Wohanna?!«

Der Häuptling trat aus dem Kreise der übrigen.

»Señor?«

»Wo sind die Sechs, die die Doña nach Iquilisco bringen sollen?«

»Sie stehen an der Brücke bereit; bis dahin führe ich die Señora selbst. Mein Pferd ist stark genug, auch noch ihre leichte Last zu tragen.«

»Gut! Nimm mit, wen du brauchst – die andern mögen mir folgen. Es wird gut sein, dem Ohm mit einem gehörigen Schrecken zu dienen . . . Addio, Cousine, und fürchten Sie nichts – Sie sind in bester Obhut, wenn Sie vernünftig sind! Hasta la vista! . . .«

Er schwang sich wieder auf sein unruhig den Erdboden zerstampfendes Pferd. – – – –

Auch auf der Schloßterrasse der Hacienda hatte sich unmittelbar nach dem Fortgange Anas eine erregte Scene abgespielt. General Escobedo näherte sich soeben Hallstädt, Juarez und Palacio, als einer der Diener in größter Hast aus dem Schlosse stürzte und dem Diktator entgegeneilte.

»Excellenza,« keuchte der Mann, »ein Bote aus Santa Maria di Rio ist soeben eingetroffen« – –

Aber schon folgte der Kurier dem Diener auf dem Fuße – ein stämmiger Kerl mit der Feldbinde der Republikaner um den rechten Arm, über und über mit Staub bedeckt.

»Excellenza – ein großes Unglück,« – und er riß den Hut vom Kopfe. »Der Feind hat unser Heer unweit Zacatecas überrumpelt und vollständig in die Flucht gejagt« – –

Totenbleich im Antlitz hatte Juarez den Menschen an die Schultern gepackt.

»Bist du wahnsinnig?!« schrie er. »Die Kaiserlichen sind noch in Queretaro« –

»Nein, Herr – so wahr ich vor Ihnen stehe: ich spreche die Wahrheit! Irgend ein Schuft hat unsre Bewegungen dem Feinde verraten. General Miramon ist in Eilmärschen von Queretaro aus aufgebrochen. Unsre Armee ist in alle Winde zerstreut worden und überflutet führerlos das Plateau von San Luis« . . .

Ein neuer Zwischenfall unterbrach den Meldenden. In der Hacienda war es plötzlich lebendig geworden – ein ganzer Haufen von Dienern stürzte in wildem Geschrei auf die Terrasse.

»Die Indianer kommen!« – »Die Pamas!« – »Ein Regiment kaiserlicher Jäger jagt durch den Park!« – »Sie sind schon am Gitter des Burggartens!« – »Verrammelt die Thüren!« – »Herr – wir sind alle verloren!« . . .

Die Stimme Escobedos übertönte das Jammern.

»Zum Geier – haltet die Mäuler!« schrie er. »Nur einer soll sprechen! Was giebt es?!«

Waffenklirren, das Schnauben verängstigter Pferde, Stimmengewirr und Kommandorufe aus dem Burggarten herüber gaben ihm Antwort.

»Wir sind verloren,« sagte auch Juarez, gefaßt und kalt. »Gleichviel – wir werden unser Leben teuer verkaufen! Zurück in das Schloß! Lassen Sie die Thore schließen, Don Hallstädt, und die Böller auf den Dächern in Bereitschaft halten! Wir wollen die Herren mit einer Freudensalve empfangen!« . . .

General Escobedo hatte sich dicht an die Seite Hallstädts gedrängt.

»Giebt es keine Aussicht auf Rettung, Señor?« fragte er hastig und leise. »Mein Wort zum Pfande – ich würde es Ihnen nie vergessen!«

Hallstädt hatte mit finsterer Mine zugehört.

»Kommen Sie!« sagte er kurz; dann wandte er sich an die Dienerschaft. »Die Eisen vor Thüren und Thore!« befahl er. »Und öffnet die Waffenkammer! Zwanzig Mann an die Schießscharten!«

Im Augenblick waren seine Befehle befolgt. Die mächtigen Eichenholzthüren fielen in die Schlösser, und starke eiserne Querstangen wurden von innen vorgeschoben. Auf den Dächern der Thürme wurde es lebendig; man lud die Böller, und über die Schießscharten des Mauerwerks hinüber drohten Büchsenläufe.

Hallstädt selbst hatte inzwischen die Generale in seinen Weinkeller geführt. Faß an Faß ruhte hier an den Wänden, und dazwischen lagerten Tausende von Flaschen. Nur ein einziger Diener, der Mayordomo des Hauses, hatte die Herren begleitet.

»Es giebt eine Rettung für Sie, meine Herren,« sagte Hallstädt, »und sie ist nur mit geringer Gefahr verbunden. Von diesem Keller aus führt ein unterirdischer Gang nach einer mir gehörigen Estancia im Walde von Chalapa. Ich habe die Verbindung beim Bau des Schlosses anlegen lassen, um mich vor einem Überfall durch die Indianer zu sichern. Von der Estancia aus können Sie in wenigen Minuten meine Hacienda Jacinto erreichen, wo Sie genügend Kleidung vorfinden werden, um sich unkenntlich zu machen. Das weitere aber muß ich Ihnen überlassen. Geben Sie acht!«

Er winkte dem Mayordomo, der eines der riesigen Fässer – es war leer und nur leicht gezimmert – beiseite schob und damit einen Ring in der Mauer freigab. Der Ring ließ sich drehen, der Quaderstein schob sich zur Seite, und eine tiefe, gähnende Höhlung wurde sichtbar.

»Die Lampen!« befahl Hallstädt.

Der Mayordomo überreichte jedem der Vier eine brennende Laterne.

»Das Licht genügt,« fuhr der Haciendero fort. »Der Weg ist eben und senkt sich nur wenig; verborgene Luftschachte reinigen die Atmosphäre. In zwei Stunden werden Sie bei kräftigem Ausschreiten das Ende des Ganges erreicht haben. Ein Stein verschließt den Ausgang, und wie hier, so muß auch dort der Ring nach rechts gedreht werden. Sie gelangen sodann in den Keller der Estancia; eine Klingel ruft den Wächter herbei, der ohne weiteres thun wird, was sie ihm anbefehlen, wenn Sie ihm diese Zeile von meiner Hand geben.«

Er reichte Juarez ein verschlossenes Couvert.

Es war keine Zeit mehr zu langen Danksagungen. Von oben her hörte man bereits das Knattern der Flintensalven und das Geschrei der im Hofe verbliebenen Leute. Die Vier drückten Hallstädt schweigend die Hand, dann stieg Juarez voran in das Dunkel des Schachts. . . . Lautlos schloß sich der Stein hinter Escobedo. Als letzter hatte er nochmals die Rechte Hallstädts ergriffen und ihm zugeflüstert:

»Ich hoffe mich dankbar erweisen zu können, Señor! Grüßen Sie mir Doña Ana!«

Doña Ana! – Jetzt erst dachte der Haciendero an seine Tochter. Sie mußte im Hause sein – wo sollte sie sonst weilen!? Und doch ergriff Hallstädt mit einem Male eine peinigende Unruhe.

»Hast du die Señora gesehen?« fragte er den Mayordomo.

Der Alte zuckte mit den Schultern.

»Nein, Herr – sie schlug vor zwei Stunden den Weg nach dem Parke ein.«

Hallstädt fuhr zurück.

»Nach dem Parke?! Um Gotteswillen – wenn sie in die Hände« – –

Er beendete nicht, sondern stürzte eilends aus dem Souterrain hinauf in die Wohnzimmer. Die Thore des Schlosses waren zur rechten Zeit verrammelt worden. Auch gegen eine regelrechte Belagerung konnte sich die Burg auf diese Weise wenigstens eine Reihe von Stunden verteidigen. Aber auf eine Belagerung schien es gar nicht abgesehen zu sein, obwohl bereits Schüsse gewechselt worden waren. Der Lärm schwieg – man hörte nur noch einzelne, laut befehlende Stimmen.

Hallstädt hatte die Sorge um sein Kind keine Ruhe gelassen. Kein Mensch wußte, wo Ana weilte; nur das eine stand fest: im Hause war sie nicht. Das Herz des alten Herrn krampfte sich voll banger Ungewißheit schmerzlich zusammen. Er befahl, auf der Höhe des Wartturms die weiße Fahne aufziehen zu lassen, und stieg selbst mit zitternden Gliedern die Wendeltreppe hinauf, die auf die Plattform führte.

Weithin konnte man von hier aus die Umgegend überschauen: den Waldpark mit seinen Hängen und Triften, die Minenlager der Vorberge und die zahlreich in hellem Grün verstreuten kleineren Haciendas des Silberkönigs.

Tief unten im Hofe sah Hallstädt die feindliche Truppe: kaiserliche Jäger und zwischen ihnen Rotten bewaffneter Indianer, an der Kriegsmalerei ihrer Gesichter als Pamas aus der Sierra Gorda erkennbar. Man hatte das Aufziehen der Parlamentärflagge bemerkt; zwei junge Herren hielten zu Pferde in unmittelbarer Nähe des Mauerwerks.

»Señor,« schrie der eine von ihnen, »ich denke, ich darf deutsch reden, da Sie ein Landsmann sind! Wir sind nicht gewillt, Ihnen oder einem der Ihren ein Leid zuzufügen, obwohl wir mit Flintenschüssen empfangen worden sind, als wären wir räubernde Strolche und keine kaiserlichen Soldaten. Aber wir wissen, daß Don Juarez mit einigen seiner Generäle in der Hacienda weilt, und es gelüstet uns, die Herren gefangen zu nehmen. Wir sind in der Übermacht – also bitte, lassen Sie uns ein!« . . .

Hallstädt neigte sich tief über die Mauerbrüstung hinab.

»Auch ich führe keinen Krieg gegen den Kaiser,« rief er zurück. »Ich bin auch bereit, Ihnen das Hans öffnen zu lassen, – doch Sie werden nicht finden, was Sie suchen, meine Herren: Juarez mit seiner Eskorte war hier, aber er ist es nicht mehr! Und nun treten Sie ein – ich habe Wichtigeres mit Ihnen zu verhandeln, als mich die Gefangennahme Ihrer Feinde dünkt« . . .

Die Thore wurden geöffnet. Während die Indianer und das Gros der Schwadron im Hofe, freilich unter Waffen, zum Lagern rüstete, traten Graf Hodegg und der Junker Berger mit sechs Jägern in das Haus.

Siebentes Kapitel.

Don Hallstädt.

Ein Vater, der seine Tochter verloren hat. – Unsern Helden erwächst ein gefährlicher Feind.

In der großen Halle empfing sie Hallstädt.

»Ich kann nur wiederholen, meine Herren,« begann er, »was ich Ihnen sagte: Juarez ist mit den Seinen geflüchtet!«

»Das ist eine Unmöglichkeit, Herr von Hallstädt,« gab Graf Hodegg zurück; »er kann gar nicht entkommen sein; die Berge ringsum sind von unsern Truppen besetzt.«

»So wird er dennoch in die Gewalt der Ihrigen fallen, mein Herr. Die Thatsache, daß Juarez nicht mehr in meinem Hause weilt, steht jedenfalls fest. Bitte, lassen Sie die Räume durchsuchen!« . . .

Hodegg gab den entsprechenden Befehl und wandte sich sodann an Hallstädt zurück.

»Ich bedauere lebhaft, Ihnen Unbequemlichkeiten machen zu müssen,« sagte er, »aber à la guerre comme à la guerre – das ist nun einmal der Krieg. Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle: Graf Hodegg – und dies hier der Fahnenjunker des Regiments, Offiziersaspirant Berger – der Sohn eines deutschen Kameraden, Herr von Hallstädt.«

»Berger?« – und der Angeredete hob den Kopf. »Ein – etwa gar ein Sohn jenes Berger, der ehemals im hessischen Leibregiment diente?«

»Desselben Berger, Herr von Hallstädt, der mit Ihrem verstorbenen Vetter befreundet war.«

»Ah« . . . Der alte Herr strich sich über seine Stirn. Wie wunderlich spielte wieder einmal das Geschick! . . . »Es ist ein seltsamer Zufall, der Sie mir in die Arme führt, Herr Berger,« fuhr er fort; »ich bitte mir späterhin eine Rücksprache mit Ihnen unter vier Augen aus – vorerst aber lassen Sie mich eine Frage an Sie richten, deren Beantwortung einem bekümmerten Vater das Herz erleichtern helfen soll. Meine Tochter, mein einziges Kind, hat in der Morgenfrühe einen Spaziergang durch den Waldpark gemacht und ist bisher nicht zurückgekehrt. Ich fürchte, es könne ihr in der Unruhe des Tages ein Unglück widerfahren sein – – sind Sie ihr nicht begegnet? Sie ist rotblond und dunkeläugig und trug ein weißes Kleid . . .«

Hodegg und Berger schauten sich an . . .

»Das kann nur das Mädchen gewesen sein, Herr Graf,« sagte der neuernannte Junker, »das Señor Fuerto vorhin im Parke festhalten ließ« – –

Wie von plötzlichem Wahnsinn gepackt stürzte sich Hallstädt auf den Sprechenden.

»Fuerto?!« schrie er; »Diego Fuerto, mein Neffe?! Und er – er hat sich an meinem Kinde vergriffen?!« . . .

Mit beruhigender Handbewegung trat Graf Hodegg zwischen die beiden.

»Seien Sie außer Sorge, Herr von Hallstädt,« sagte er; »Señor Fuerto hat uns sein Wort verpfändet, daß er für die Sicherheit des Fräuleins Sorge tragen werde« – – –

In diesem Augenblick erschien der, von dem man sprach, selbst in der Thür der Halle. Ehe Hodegg und Berger ihn zurückhalten konnten, sprang der Haciendero seinem Neffen entgegen und packte ihn an die Gurgel.

»Schuft du – wo hast du mein Kind?!« –

Mit Leichtigkeit schüttelte der Mexikaner den alten Mann ab.

»Was soll das heißen?« fragte er, die Stirne runzelnd. »Ich gehöre zu den Verbündeten Seiner Kaiserlichen Majestät, und Sie, Ohm, haben kein Recht mehr, mich von Ihrem Hofe jagen zu lassen – wie einstmals! Die Zeiten sind andre geworden.«

Hallstädt hob die Hände bittend zu Fuerto empor.

»Diego,« sagte er in flehendem Tone, »lassen wir die Vergangenheit ruhen! Ich will wieder gut zu machen versuchen, wenn ich dir Böses gethan habe. Nur spanne mich nicht länger auf die Folter und sage mir, wo ich meine Tochter wiederfinde! Du siehst ja, wie ich mich sorge um sie!«

Das Auge Fritz Bergers richtete sich drohend, gewissermaßen Antwort befehlend, auf den jungen Mann, der gleichmütig mit seiner Reitgerte wippte.

»Ihrer Tochter wegen bin ich hier,« antwortete er, »ich würde Ihnen in anderm Falle meinen verhaßten Anblick erspart haben. Ihr ist in der That ein Unglück zugestoßen. Eine Rotte der Pamas unter ihrem rebellierenden Häuptling Wohanna hat Doña Ana entführt, ehe ich es verhindern konnte. Aber da man es zweifellos auf eine Erpressung abgesehen hat, so ist nicht zu fürchten, daß man sie mit Unbill behandeln wird. Außerdem steh' ich selbst im Begriff, den Pamas nachzusetzen.«

Hallstädt hatte schweigend zugehört, aber langsam stieg eine heiße Glut in sein Gesicht und seine Hände ballten sich. Auch über die Wangen Bergers flammte ein lichtes Rot.

»Vergebung, Señor,« sagte er zu Fuerto gewendet; »das, was Sie da erzählen, scheint mir den Thatsachen nicht ganz zu entsprechen. Graf Hodegg wie ich waren Zeuge, als Sie das Mädchen im Parke überfallen und knebeln ließen. Sie riefen uns zu, es sei irgend eine Zofe aus dem Schlosse und man werde sie schnell wieder entlassen« –

»Ganz richtig,« fiel Graf Hodegg drohenden Tones ein, »und nur aus diesem Grunde hielten wir uns nicht länger auf, sondern suchten noch des Diktators habhaft zu werden – nur aus diesem Grunde und weil wir Ihrem Ehrenwort vertrauten! Wenn Sie wußten, daß das Mädchen Fräulein von Hallstädt, die Tochter Ihres Ohms war – weshalb wehrten Sie da nicht den räuberischen Absichten der Pamas?!«

»Weil er mit ihnen im Bunde steht,« rief Hallstädt außer sich und hob die Hände wie anklagend gen Himmel; »weil er der Anstifter des ganzen Verbrechens ist – ein Ehrloser, ein niedriger Bube« –

»Genug, Ohm!« schrie Fuerto, und in wildem Jähzorn erhob er die Hand mit der Reitpeitsche gegen den Alten. Aber im Nu hatte Berger ihn gepackt und ihm die Gerte entrissen, sie weit von sich schleudernd.

»Wahrlich, der Greis hat recht!« sagte er scharf. »Wie soll man den nennen, der ein wehrloses Mädchen überfallen und entführen läßt? Der unter dem Deckmantel einer politischen Intrigue erbärmlich selbstsüchtige Pläne verfolgt? Wie anders als einen elenden Schurken?!«

»Brav gesprochen, Berger!« fiel Graf Hodegg ein. »Und nun, mein Herr, keine Ausflüchte weiter! Die Wahrheit wollen wir wissen! Wohin haben Sie die Señora schleppen lassen?!«

Fuerto hatte sich Schritt für Schritt zurückgezogen. Er stand jetzt an der offenen Thür der Halle. Seine Augen sprühten haßerfüllt, seine Stimme bebte.

»Sucht sie Euch, Ihr Herren!« rief er. »Und auch Sie, Ohm: lassen Sie sie nur suchen! Und wenn Sie doch noch meiner Hilfe bedürfen sollten – im Pamadorfe Iquilisco wird man Ihnen jederzeit sagen können, wo ich zu finden bin!«

Er stürzte davon.

»Haltet ihn – haltet ihn! Er muß mir mein Kind wiedergeben – mein einziges Kind!« schrie jammernd der Alte. Hodegg und Berger sprangen dem Mexikaner nach, aber sie kamen zu spät. Fuerto hatte sich auf seinen Rappen geworfen und riß aus der Brustseite seines Lederkollers einen an einer Schnur hängenden seltsamen Gegenstand, ihn hoch in der Rechten schwingend. So sprengte er in den Burghof.

»Auf Eure Pferde, Pamas!« befahl er. »Im Namen Wohannas, Eures Häuptlings! Seht hier sein Stammeszeichen, das er mir gab, damit Ihr meine Befehle befolgt! Die Kaiserlichen sind zu unsern Feinden geworden – sie beschimpfen und schmähen uns und weigern uns den bedungenen Sold! Auf Eure Pferde und zurück in die Sierra!« . . .

Im Augenblick saßen die Indianer auf ihren kleinen Rossen. Das Amulet des großen Atuko, des Stammeshelden der Pamas, das Wohanna aus den Händen seiner Mutter zurückempfangen hatte, sicherte Fuerto unbedingten Gehorsam. Ehe noch Graf Hodegg gleichfalls den Befehl zum Aufsitzen geben konnte, sprengte der Mexikaner mit den Rothäuten unter wildem Geschrei bereits wieder von dannen.

Hodegg wandte sich mit finsterer Miene an Berger zurück.

»Es wäre Thorheit, die Burschen verfolgen zu lassen,« sagte er; »ich kann meine kleine Truppe nicht zersplittern. Wir werden ein andermal Gelegenheit finden, mit diesen braunen Schuften abzurechnen!«

»Aber das Mädchen?« fragte Fritz. »Und der unglückliche Vater?«

»Lieber Berger, Sie sehen doch selbst ein, daß wir uns unter den obwaltenden Umständen nicht weiter um die beiden kümmern können! Ich würde es ja gern thun, aber ich habe gebundene Marschroute und muß noch vor Abend nach Potosi aufbrechen.«

Berger nickte schweigend; er sah ein, daß sich gegen die dienstlichen Vorschriften nicht ankämpfen ließ. Aber sein Herz schmerzte; es schien ihm immer noch, als ruhten die dunkeln, verängstigten Augen des jungen Mädchens hilfeflehend und vorwurfsvoll auf ihm . . . .

Inzwischen war die Patrouille, die die Haussuchung vorgenommen, zurückgekehrt. Man hatte jeden Raum im Schlosse bis auf die Bodenkammern und die Keller durchstöbert – von Juarez und seinen Generälen war nichts zu entdecken gewesen.

Gras Hodegg begriff das nicht; er bat Hallstädt, der sich über den Raub seiner Tochter anfänglich wie ein Verzweifelter gebärdet hatte und dann in vollständige Apathie versunken war, daher um eine nochmalige Unterredung. Aber der alte Herr wehrte ab, sich auf ein weiteres Verhör einzulassen.

»Lassen Sie mich, Herr Graf,« antwortete er. »Ich bin nicht mehr fähig, Ihnen Rede zu stehen. Mein Wort, daß Juarez mit seinem Stabe rechtzeitig geflüchtet ist, muß Ihnen genügen . . . . Sie baten darum, mit Ihren Leuten in der Hacienda übernachten zu dürfen. Es steht Ihnen zur Verfügung, was Sie wünschen – mein Mayordomo hat bereits die nötigen Anweisungen empfangen. Als Gegenleistung bitte ich nur um die Erlaubnis, mit Ihrem Junker dort drüben ein paar Worte im Vertrauen wechseln zu dürfen« . . .

Hodegg sagte selbstverständlich zu, und Berger blieb mit dem Haciendero allein. Der alte Mann hatte nicht in vollem Maße seine Sympathien, aber die vergrämten Züge Hallstädts und sein kummervolles Auge erschütterten ihn doch.

»Ich kenne die Leidensgeschichte Ihres Herrn Vaters,« begann Hallstädt, »wenigstens bis zu einem gewissen Punkte. Mein Vetter Otto hat mir seine Schuld gebeichtet, und obwohl ich nicht dazu verpflichtet bin, für den Leichtsinn seiner Jugend aufzukommen, bin ich dennoch mit Freuden bereit, Ihnen als den Erben Ihres Vaters jene Summe zurückzuzahlen, die Vetter Otto einst – einst von ihm entlieh. Ich kann dies, ohne daß der Verlust mich schädigt – aber ich verlange eine Gegengefälligkeit von Ihnen, junger Herr. Wollen Sie mir diese zusagen?«

»Wenn ihre Erfüllung in meiner Macht steht, Herr von Hallstädt, und Sie nichts Unbilliges fordern – gewiß,« entgegnete Fritz. »Ich gestehe Ihnen offen, daß ich mich aus freien Stücken nicht an Sie gewendet haben würde; ich wollte mein Recht haben, kein Almosen. Und so, wie Sie mir die Rückerstattung der Ihrem Vetter – ich will bei Ihrem Ausdruck bleiben – ›geliehenen Summe‹ zusagen, dünkt mich das gleichfalls kaum anders als ein Almosen. Indessen – sprechen Sie, wenn ich bitten darf: womit kann ich Ihnen dienlich sein?«

Hallstädt haschte nach der Hand des jungen Mannes und hielt sie geraume Zeit hindurch fest.

»Kennen Sie den General Mejia?« fragte er.

»Ja, Señor, und es scheint auch, als habe er Interesse für mich.«

»Um so besser. Mejias Stammeltern waren Pamas – er selbst gilt noch heute den Indios der Sierra Gorda als Abgott. Sie achten ihn mehr als ihren Häuptling. Nur er vermag mir mein Kind zurückzuschaffen. Sagen Sie ihm, er möge sich mit mir in Verbindung setzen; ich bin bereit, dem Kaiserreiche zu einer neuen Anleihe zu verhelfen, die finanziellen Schwierigkeiten des Landes zu ebnen und damit den Thron Maximilians zu stützen – wenn Mejia mir durch Güte oder Gewalt, List oder offenen Krieg mein Kind befreien hilft!«

»Ich will gern Ihren Wunsch erfüllen, Herr von Hallstädt,« erwiderte Berger, »zumal ich das unglückliche Mädchen gleichfalls von ganzem Herzen bemitleide. Aber wäre es nicht zweckmäßiger – gestatten Sie mir diese Frage – wenn Sie selbst mit Ihrem Neffen in Unterhandlung treten wollten? Vielleicht genügen ein paar tausend Pesetos, das Unheil rückgängig zu machen!«

Hallstädt schüttelte den Kopf.

»Nein, mein junger Herr – das genügt Fuerto nicht. Er ist ein abgefeimter Schuft, dem es nicht nur nach meinem Gelde gelüstet, der die Hand meiner Tochter begehrt, der Erbin all meiner Habe. Und mehr noch: sein Schurkenstreich ist zugleich ein Racheakt. Er wollte mich ins Herz treffen – und er traf gut! . . . Mejia allein kann mir helfen; die Pamas haben bisher stets zum Kaiser gehalten, aber es scheint, als habe der schlechte Einfluß Wohannas sie umgestimmt. Ich kenne auch diesen Wohanna. Sein Bruder war ein räuberischer Wegelagerer, dem es zeitweilig Vergnügen machte, unter meinen Rinderherden aufzuräumen, und der mir meinen besten Hirten heimtückisch erschoß. Da legte ich mich eines Tages auf die Lauer und schoß den Burschen nieder. Von dieser Zeit ab haßt mich Wohanna als Todfeind. Er war mehrere Jahre verschollen, aber wenn auch ein Menschenalter verronnen wäre – ein Indios vergißt seine Rache nie. Und so einten sich denn die zwei, Fuerto und Wohanna, mich zu verderben! Und beim ewigen Gott – sie haben es beinahe erreicht!« . . .

Thränen perlten über die Wangen des Greises. Fritz konnte sich eines tiefen Mitempfindens nicht verschließen. Er reichte dem Haciendero die Hand.

»Die Cazadores, zu denen ich gehöre,« entgegnete er, »treffen morgen mit dem Gros der Armee zusammen. Dann werde ich mir eine Audienz bei General Mejia erbitten und ihm Ihr Anliegen vortragen. Ich zweifle nicht daran, daß er Ihnen willfahren wird – und sei es auch nur um der Menschlichkeit willen!«

Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben und wollte sich nun verabschieden. Aber Hallstädt hielt ihn noch einmal zurück.

»Heißesten Dank, junger Freund,« sagte er; »Gott wird Ihnen lohnen! . . . Wann darf ich Ihnen die Schuld meines verstorbenen Vetters auszahlen lassen? Sie steht jederzeit zu Ihrer Verfügung.«

»Ich bedarf des Geldes im Augenblick nicht, Herr von Hallstädt,« erwiderte Fritz. »Ihre Zusage genügt mir. Hätte ich Sie vor acht Wochen sprechen können, dann wäre ich vielleicht heute schon wieder auf der Rückreise nach Europa. Aber mein Geschick wollte es anders. Jetzt habe ich selbst nicht mehr über mich zu bestimmen, sondern mein Herr, der Kaiser. Leben Sie wohl, Señor!«

Er ging – und noch im Abgehen hörte er die jammernde Stimme des Alten:

»Schaffen Sie mir meine Tochter zurück – meine Ana – mein einziges, heißgeliebtes Kind!« . . .

Achtes Kapitel.

Im Kerker.

Marsch nach Potosi und Überfall. – Fritz wird gefangen genommen, doch die Hilfe ist nahe.

Der Mensch denkt – Gott lenkt . . . Fritz hatte die feste Absicht, den General Mejia aufzusuchen, aber er sollte zur Ausführung seines Vorhabens nicht kommen.

Nach kurzer Rast brachen die Jäger des Grafen Hodegg von neuem auf. Hodegg hatte Befehl erhalten, sich bei San Luis Potosi mit dem Gros des Miramonschen Corps zu vereinigen, und rückte mit seinen Leuten im Thale des Rio Panuco nach Nordwesten. Der Fluß war breit, aber das Thal ziemlich schmal; man konnte nur in langer Linie marschieren, da sich die Bergterrassen und Felswände fast bis an das Ufer vorschoben. Wo die Alpenketten zurücktraten, erweiterte sich häufig der Strom zu großen Seen, über die Schwärme von Wasservögeln strichen – zuweilen traten auch dichte Wälder von Balsamtannen bis an das blaue Wasser heran.

Trotz der Karten, die Hodegg mit sich führte, war die Orientierung nicht leicht. Seiner Ansicht nach mußte er noch vor Anbruch des Abends die Hacienda Jacinto erreichen, wo Nachtquartier gemacht werden sollte; aber die Dämmerung fiel bereits in grauen Schatten auf die Berge herab, und damit erhoben sich zugleich vom Flusse aus brauende Nebel, die sich mit unheimlicher Schnelligkeit verbreiteten. Der Reitweg führte seit einiger Zeit durch wildes Gestrüpp; die Erde war dabei so feucht und elastisch, daß die Hufe der Pferde tief einsanken.

Graf Hodegg fürchtete, sich verirrt zu haben. Fritz, mit dem er die Lage besprach, riet ihm, an geeigneter Stelle ein Lager beziehen zu lassen und den Morgen abzuwarten. Und in der That, das war das Zweckmäßigste, denn in diesem Nebelheim war es fast unmöglich, den rechten Weg wiederzufinden.

So wurde denn an einer Lichtung Halt gemacht. Balsamtannen und Bigonien drängten hier den lästigen Unterwuchs aus dem Wege, und der Kiesboden war fester als der schwammige Moorgrund im Walde. Posten wurden ausgestellt und die nötigen Vorsichtsmaßregeln gegen einen etwaigen Überfall getroffen, die Zelte aufgeschlagen und die Wachtfeuer entzündet. Aber sie loderten nicht lange. Man war müde und streckte sich bald zur Ruhe nieder.

Auch Berger, der das Zelt seines Lieutenants teilte. Doch der Schlaf wollte bei ihm nicht so bald kommen. Die Geschehnisse des Tages hatten ihn in Erregung versetzt. Mit dem Augenblick, da er Herrn von Hallstädt gefunden und dieser ihm die Rückgabe jenes Darlehns zugesagt hatte, um dessenwillen er die Reise unternommen, war seine Mission in Mexiko eigentlich erfüllt. Wenigstens der ursprüngliche Zweck dieser Mission, obwohl sich inzwischen die äußern Verhältnisse verschoben hatten. Fritz war nicht mehr freier Herr über sich selbst; er hatte sich von den Kaiserlichen anwerben lassen, und es war selbstverständlich, daß er bei der Fahne bleiben mußte, auf die er den Treueid geschworen hatte. Er sehnte sich vorderhand auch nicht nach Europa zurück; er war jetzt mit Leib und Seele Soldat und ganz von dem Gedanken erfüllt, für die Sache der Monarchie kämpfen und siegen zu dürfen. Hätte man Juarez gefangen nehmen können, so würde damit zweifellos eine einschneidende Wendung in dem Geschick Maximilians herbeigeführt worden sein. Der Kaiser hatte in seiner großen Güte allerdings anbefohlen, Juarez nicht sofort vor ein Kriegsgericht stellen und aburteilen zu lassen, sondern ihn unter Erweisung des höchsten Respekts nach der Hauptstadt zu schaffen; aber schon die Gefangennahme des Diktators mußte der republikanischen Partei einen furchtbaren Schrecken einjagen . . . .

Der erhoffte Streich war mißlungen – Juarez hatte mit seiner Begleitung unbegreiflicherweise flüchten können. Fritz war nicht im Zweifel darüber, daß Hallstädt ihm bei dieser Flucht behilflich gewesen war – der Haciendero hatte im allgemeinen einen wenig günstigen Eindruck auf ihn gemacht. Und unwillkürlich fiel dem sich ruhelos auf seiner Decke Wälzenden wieder die holde Erscheinung der Doña Ana ein, und wieder sah er ihren dunkeln, fragenden und vorwurfsvollen Blick . . . .

Ein Käuzchen schrie in der Ferne – der Schrei eines Moorhuhns antwortete. Fritz erhob sich. Er konnte nicht schlafen; seine Pulse hämmerten und sein Herz schlug stark. Er trat vor das Zelt. Ein wundersamer, berauschend schöner Anblick bot sich ihm hier. Der Nebel schien sich gespalten zu haben; ein glänzender, meilenbreiter Streifen Mondlicht flimmerte durch den grauen Dunst. Schon trieb der erwachende Frühwind aus der Tannenforst eine volle Mischung aromatischer Düfte herüber; stahlblau leuchtete das Wasser, und nur da, wo der Unterwuchs der Algen und Teichgewächse sich nach der Oberfläche drängte, schimmerte es in grünem Metallton. Der Riß im Nebel ließ das gegenüberliegende Stromufer deutlich erkennen. Da stiegen die Berghalden allmählich an, und der Wald in seiner triefenden Feuchtigkeit schillerte in tausend Farben, in unzähligen Mischungen von tiefem Blau und sattem Grün bis zu einem zarten Purpur und einem sanft verlöschenden Violett. Ein paar Flamingos standen gleich vorn im Schilfe, und hoch in der Luft wiegte sich mit weit gebreiteten Schwingen ein Reiher.

Fritz hatte die Arme über der Brust verschränkt und war in den Anblick des eigentümlich schönen Bildes völlig versunken. Und es war seltsam – etwas wie Heimweh überkam ihn dabei – so glaubte er, oder war es ein andres Empfinden, das sein Herz schwer werden ließ?

Ein geller Pfiff – ein lauter Anruf – ganz in der Nähe! Was war das?! . . . Fritz schreckte zusammen und lauschte. Seine Augen weiteten sich, der Ausdruck schärfster Spannung aller Sinne trat auf sein Gesicht.

Irgendwo in der Nähe wurde es lebendig. Man hörte dumpfen Lärm. Die angekoppelten Pferde begannen unruhig zu werden; ein erstes lautes Wiehern weckte schmetternden Widerhall. Nun fiel ein Schuß – noch einer.

Hastig sprang Fritz an das Zelt zurück und riß den Vorhang zur Seite.

»Herr Graf – Graf Hodegg! Wachen Sie auf! Es ist Gefahr im Verzuge!« . . .

Der junge Offizier schnellte empor.

»An die Pferde!«

Aber schon brach es wie ein Gewitter von allen Seiten herein. Es rasselte heran – Waffen klirrten – ein gellendes Viva-Geschrei – dann knatterte und dröhnte es los . . .

»Aufgesessen!« –

Die Lichtung füllte sich mit dunkeln Gestalten – das war der Feind! Ein kurzer Kampf entspann sich. Doch bereits nach den ersten Minuten erkannte Fritz, daß es sich nur um Sterben oder Übergeben handeln konnte, denn immer neue Reiterscharen drängten der ersten nach. Und wieder schloß sich der Nebel dichter. Zu Knäueln ballten sich die Kämpfenden zusammen. Nur vereinzelte Schüsse fielen; man focht mit dem Säbel in der Faust Mann gegen Mann, Brust an Brust, und man focht mit erbittertem Ingrimm.

Fritz hatte sich soeben eines wütenden Angriffs von seiten eines schnurrbärtigen Juaristen erwehrt, als er sah, daß ein gewaltiger Hieb soeben den Grafen Hodegg an seiner Seite treffen sollte. Er fing den Hieb auf – im selben Augenblick aber fühlte er einen wahnsinnigen Schmerz in seiner rechten Schulter und brach ohnmächtig zusammen . . . .

Gänzliche Finsternis umgab ihn, als er wieder zur Besinnung kam. Noch immer spürte er den Schmerz in der Schulter, wenn auch linder, und fühlte zugleich, daß die Wunde verbunden worden war. Aber im Dunkeln ringsumher hörte er ununterbrochen ein schmerzliches Stöhnen und Wimmern – Leidensgenossen mußten neben ihm liegen. Doch wo befand er sich selbst? – Allgemach sammelten sich seine Gedanken, und sein Ohr horchte schärfer. Unter ihm ertönte beständig ein leises Schlurfen und Knirschen – ihm war auch, als ob er sich in Bewegung befände. Zweifellos – er war mit anderen Verwundeten in einen großen geschlossenen Wagen gepackt worden – und nun zuckte es plötzlich wie ein jäher Blitz durch sein Hirn: war er gefangen?! –

Und abermals schwand ihm die Besinnung. Sie kehrte wieder, aber das Bewußtsein war furchtbarer als die Ohnmacht. Brennender Durst verzehrte ihn, stärker schmerzte die Wunde, und immer schrecklicher klangen das Stöhnen und Klagen und die jammernden Laute der Übrigen an sein Ohr . . . Draußen mußte es Tag und wieder Nacht geworden sein – und kein Mensch öffnete diesen langsam vorwärts fahrenden Kerker, in dem auch die Luft entsetzlich drückend zu werden begann . . . Fritz lebte gleichsam unausgesetzt in einem von wirren Bildern erfüllten Halbtraum. Allerhand fieberhafte Erscheinungen huschten an ihm vorüber, eine wilde Jagd gespensterhafter Schatten. Und er hörte Laute, die aus einer fremden Welt zu kommen schienen – das Brüllen wilder Tiere, dazwischen tönenden Sphärengesang, süße Harfentöne und die gellen Schreie von Raubvögeln. . . .

Und plötzlich wurde es Licht in seinem Kerker. Blendende Helle umgab ihn. Das Gefährt hielt auf einem weiten Hofe, den kahle Mauern umschlossen. Man zog die Verwundeten mit rauher Faust aus dem Wagen – man zog auch zwei Tote heraus . . . Fritz taumelte. Die frische Luft des Tages wirkte im Augenblick niederdrückend auf ihn ein. Aber ein Kolbenstoß trieb ihn wieder empor.

»Vorwärts, mein Bursche!« schrie eine derbe Stimme ihn an. Ein paar kräftige Fäuste stießen ihn weiter – und abermals umfing ihn das trostlose Mauerwerk einer engen Gefängniszelle. – – –

Die Kraft seiner Jugend siegte über Krankheit und Tod. Er genas langsam, ohne daß sich ein Arzt seiner angenommen hätte. Von seinem Gefangenwärter erfuhr er auch, welches Schicksal seiner harrte. Er sollte genesen, um – kriegsgerichtlich erschossen zu werden. So wollte es Juarez; die Generäle des Diktators ließen alle Gefangenen erbarmungslos hinrichten, welche Ausländer waren.

Das Kriegsglück ist veränderlich. Dem Siege Miramons war im Handumdrehen eine blutige Niederlage der Kaiserlichen gefolgt. Escobedo hatte die Trümmer seines Heeres geschickt zu sammeln gewußt und die Kaiserlichen unweit der Hacienda Jacinto geschlagen. Miramon mußte sich von neuem nach Queretaro zurückziehen, nachdem ihm der Feind die Kriegskasse mit 25 000 Piastern, viele Geschütze und Munition und 500 Gefangene abgenommen hatte, unter denen sich 200 Ausländer, Franzosen, Deutsche und Belgier befanden.

Diese Zweihundert bildeten das grausige Opfer, das Escobedo den Göttern der Republik darbrachte! –

Eines Morgens hörte Fritz von seinem Kerker aus ein ungewöhnliches Leben im Hofe: Waffenklirren, Kommandorufe, dann das achtmalige Knattern von Flintensalven – Geschrei und Stöhnen . . . . Das Herz drohte ihm stillstehen zu wollen. Räumte man schon auf unter den Gefangenen? –

Auch er begann sich auf den Tod vorzubereiten. Er dachte daran, was ihm der brave Oberst von Leuthen vor seinem Eintritt in die mexikanische Armee gesagt hatte: »Wir sehen täglich und stündlich dem Tode entgegen, und oft genug nicht einmal dem auf dem Schlachtfelde, sondern einem härtern nach schwerer Gefangenschaft.« . . . Ganz gewiß – auch Fritz hätte lieber draußen auf dem Kampfplatze verbluten mögen, als hier zwischen den Gefängnismauern und unter den Schüssen der Henker! Aber auch die Todeswunden, die er hier empfangen sollte, waren Purpurrosen der Ehre; er starb für eine große Idee, für einen edeln Menschen, für ein gekröntes Haupt. Und es war eine gewisse Beruhigung für ihn und schaffte seinem Herzen eine sanft versöhnliche Stimmung, daß er auf diese Weise auch sühnen konnte, was sein unglücklicher Vater gefrevelt hatte wider die Gesalbten der Völker.

In später Abendstunde klirrten die Riegel seiner Gefängnisthüre. Der Wärter erschien mit Licht; ein Mann folgte ihm und diesem ein junges Mädchen, das sich rasch und scheu in eine Ecke des Kerkers zurückzog.

Erstaunt erhob sich Fritz.

»Herr von Hallstädt – seh' ich denn recht?!«

Der Haciendero drückte die Hand des jungen Mannes.

»Ich bin seit drei Tagen in Potosi,« erwiderte er, »und habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um zu Ihnen zu gelangen. Gottlob, daß es mir endlich geglückt ist! Und mir ist noch mehr geglückt, junger Freund. Heute sei es Ihnen gestanden: ich selbst habe Juarez mit seinen Führern aus der Hacienda Panisca entwischen lassen – und ich bin froh darüber, denn diesem Umstande verdanken Sie Ihre Freigabe!«

Fritz trat einen Schritt zurück; ein lebhaftes Rot färbte seine Wangen.

»Meine Freigabe?« widerholte er mit bebender Stimme. »Ich soll wieder frei sein – frei« –

»Frei, wie Sie es vordem waren, mein junger Freund! Escobedo schuldete mir Dank; ich habe mir als Quittung für die Hilfe, die ich ihm bei seiner Flucht gewährte, Ihr Leben und Ihre Freiheit ausgebeten – und beides ist mir gewährt worden. Aber der General wünscht nicht, daß man öffentlich von dieser ausnahmsweisen Begnadigung spricht; man wird Sie in der Nacht durch die Vorstadt Tlaxcala nach der Garita San Francisco führen – von dort aus mögen Sie sich hinwenden, wohin Sie wollen. Und damit Sie nicht zum zweitenmale in die Hände der Feinde fallen, habe ich Ihnen einen Führer mitgebracht, der Berg und Steg der Umgebung auf das Genaueste kennt – jenes Mädchen dort, Merola, eine junge Indianerin und – was noch wichtiger ist – ein Pamakind!«

Er gab dem Wärter einen Wink und ließ zugleich ein Goldstück in dessen Hand gleiten. Schweigend entfernte sich der Mann.

»Ein Pamakind,« wiederholte Hallstädt, »– so sollte es sein. Denn auch von Ihnen verlange ich Dank, junger Herr! Mejia ist von den Juaristen in Queretaro eingeschlossen worden – auf seine Hilfe kann ich also nicht mehr rechnen. Sie allein noch können der Retter meines Kindes sein! Merola wird Sie sicher in die Sierra Gorda bis zu den Wohnsitzen der Pamas geleiten. Dort finden Sie Wohanna und zweifellos auch meinen Neffen Fuerto. Thun Sie alles, was in Ihrer Kraft steht, Ana ihren Händen zu entreißen; versprechen Sie ihnen meinetwegen Berge von Gold – ich bin zu jedem Opfer bereit, um dafür die Freiheit meines Kindes zu erkaufen – zu jedem! Erzählten Sie mir nicht in Panisca, daß Sie bereits früher in persönliche Berührung mit Wohanna getreten seien?«

»Gewiß, Herr von Hallstädt – er diente mir als Führer, zu einer Zeit allerdings, da er noch nicht zu seinem Stamme zurückgekehrt war –«

»Und er ist Ihnen nie feindselig gegenübergetreten?«

»Niemals. Im Gegenteil – ich habe seine Zuverlässigkeit, Treue und Ergebenheit nur rühmen können.«

Hallstädt nickte freudig erregt.

»Um so besser, um so besser, lieber Herr Berger,« sagte er lebhaft; »unter den gegebenen Umständen hoffe ich, daß Sie ein nicht allzu schweres Spiel haben werden! Ihre Bekanntschaft mit Wohanna schützt Sie zudem auch vor hinterlistigen Angriffen der Pamas und sichert Ihnen in gewissem Maße das Vertrauen des Häuptlings. Ich könnte mir gar keinen geeigneteren Sendboten an ihn wünschen als Sie! Lieber junger Freund – ich sehe, Sie schwanken noch! Gilt Ihnen das Leben so wenig?«

Fritz schüttelte den Kopf.

»Wahrlich nicht, Herr von Hallstädt,« erwiderte er mit tiefem Aufatmen; »ich müßte nicht jung sein, wollte ich das Leben nicht schätzen! Und ich bringe Ihnen auch heißen Dank dafür entgegen, daß Sie mir bei Escobedo die Freiheit erwirkt haben. Aber – mit dem Augenblick, da ich nicht mehr Gefangner der Juaristen bin, gehöre ich wieder zur Armee der Kaiserlichen. Ich muß zu meinen Fahnen zurückkehren!«

Hallstädt rang die Hände.

»Seien Sie nicht trotzköpfig, Berger!« rief er aus. »Wenn man Sie niedergeschossen hätte wie die Hundertundachtzig, die man heute früh gerichtet hat – könnten Sie dann Ihrem Kaiser noch dienen?«

»Erst mit dem Tode bin ich des Treuschwures ledig, den ich dem Kaiser geschworen habe,« entgegnete Fritz fest, »und keine Spitzfindigkeit wird mir über diese Thatsache forthelfen. Ich bin der Überzeugung, daß Graf Hodegg meine Ansicht teilen würde, wenn er noch am Leben wäre.«

»Er ist noch am Leben,« sagte der Haciendero. »Die letzten Zwanzig der Gefangenen – Sie ausgenommen – sollen erst übermorgen erschossen werden.«

Ein Strahl heller Freude zuckte über das Gesicht des Junkers.

»Hodegg lebt noch? Und wir können ihm nicht gleichfalls helfen, Herr von Hallstädt? Nichts für seine Befreiung thun?«

»Es ist unmöglich. Escobedo wacht wie ein Bluthund über die Gefangenen. Auch Juarez selbst hat sich einverstanden erklärt, ein Exempel zu statuieren, das die Kaiserlichen einschüchtern soll.«

Unruhig war Fritz in der Zelle auf- und abgeschritten. Nun blieb er dicht vor dem alten Ansiedler stehen.

»Hören Sie zu, Herr von Hallstädt,« begann er von neuem. »Wenn es Ihnen gelingt, auch den Grafen Hodegg in Freiheit zu setzen, dann glaube ich Ihrem Wunsche, mich um Ihre Tochter zu bemühen, willfahren zu können. Hodegg ist mein direkter Vorgesetzter. Er wird nicht zögern, mir unbeschränkten Urlaub zu erteilen, um Ihnen seine Dankbarkeit zu beweisen.«

Eine leise Bewegung des indianischen Mädchens, das sich bis jetzt im Hintergrunde des Kerkers gehalten hatte, ließ die beiden sich umblicken. Merola trat mit bescheidener Gebärde näher.

»Ich hörte den Namen dessen nennen,« sagte sie mit ihrer sanften, melodiös klingenden Stimme, »dem ich mehr als einmal das Essen in seine Zelle bringen konnte. Wenn der Señor Conde vor einem schmählichen Tode gerettet werden soll, so will Merola dabei gern hilfreiche Hand bieten.«

Überrascht schaute Fritz das Mädchen an.

»Woher kennst du den Grafen?« fragte er.

»Sein Wärter in den Kasematten vor der Garita San Francisco war mein Herr. Mein Vater hatte mich ihm vermietet, damit ich mir selbst mein Brot verdienen lerne.«

»Das ist richtig,« fiel Hallstädt ein. »Ich erfuhr durch Zufall, daß Merola ein Pamamädchen sei, und engagierte sie als Führerin für Sie. Pedro Martinez, der Kasemattenwächter, ist ein schlimmer Gauner; er hat hundert Pesetos Entschädigung dafür verlangt, daß ich ihm das Mädchen ausmieten durfte.«

»Pedro Martinez ist zu allem bereit, wenn man ihm die Hände mit Gold füllt,« sagte Merola.

»Da hören Sie es, Herr von Hallstädt!« wandte Fritz mit Lebhaftigkeit ein. »Kann es Ihnen auf ein paar tausend Pesetos ankommen, wenn es sich um das Wohl und Wehe Ihrer Tochter handelt?«

Der Haciendero schwieg. Wieder kämpfte der Geiz in ihm mit dem Herzensempfinden des Vaters.

»Man stellt große Anforderungen an mich,« entgegnete er langsam, »aber – aber ich sagte Ihnen ja schon, daß ich auch gern ein schwereres Opfer bringe. Er ist nur die Frage, ob der Schurke Martinez in der That einwilligt« –

»Er wird es,« erwiderte die junge Indianerin. Nun, da die beiden in spanischer Sprache weiter miteinander verhandelten, lauschte sie mit brennender Neugierde ihren Worten. »Ich weiß, daß es schon längst sein Wunsch ist, nach Brasilien auszuwandern. Wenn ihm der Señor genügend Geld giebt, wird er den kaiserlichen Offizier frei geben und mit ihm flüchten.«

Eine gewaltige Unruhe ergriff Fritz.

»Herr von Hallstädt, die Zeit drängt,« sagte er hastig. »Ich bleibe hier und weiche nicht eher vom Platze, bis Sie mir die Nachricht bringen, daß die Flucht Hodeggs geglückt ist. Nehmen Sie meine Hand und blicken Sie mir in das Auge: beim Andenken meiner Mutter schwöre ich Ihnen zu, daß ich alles daran setzen will, Doña Ana zu befreien und wieder in Ihre Arme zu führen – wenn Sie zugleich mit mir auch meinen Lieutenant, meinen lieben Kameraden, retten können!«

Der Haciendero seufzte tief auf.

»Ich will es versuchen,« erwiderte er, »nicht um Ihrer und meiner und des Grafen willen – nur meiner Tochter zu Liebe! . . . . Merola, komm!«

Neuntes Kapitel.

Iquilisco.

Flucht aus Potosi. – Merola, das Pamamädchen. – Fritz findet Wohanna wieder. – Im Indianerdorf.

Stunden verrannen. Draußen senkte sich die Nacht über San Luis Potosi, in dessen Gassen der Siegesjubel der Juaristen verrauscht war. Berger lag mit offenen Augen auf seiner Pritsche und lauschte. Es war sehr still ringsum, und dann und wann hörte man draußen auf dem Gange den einförmigen Schritt des patrouillierenden Wachtpostens.

War die Flucht Hodeggs geglückt? – Mit sehnender Ungeduld wünschte Fritz die Entscheidung herbei, die auch ihm Freiheit oder Tod bringen sollte. Zuweilen schlich sich ein banges Gefühl in seine Brust. Er war sich bewußt, nicht einen Schritt vom Wege der Pflicht abgewichen zu sein – aber es war ein Weg, der Steine und Dornen voll. Und gerade jetzt, wo er die Freiheit gewissermaßen schon vor Augen gesehen hatte, quoll es übermächtig in seinem Herzen auf – der heiße Drang nach dem Leben. Er liebte Hodegg, der ihm immer mehr ein Kamerad als ein Vorgesetzter gewesen war, den treuen Waffengefährten, den an seiner Seite im Waldthal des Rio Panuco das Blei des Feindes zu Boden geworfen hatte und der nun gleich ihm in Gefangenschaft schmachtete. Und unwillkürlich schlossen sich seine Hände zum Gebet.

Nahende Schritte und Stimmen – Riegelklirren – die Thüre öffnete sich. Im Scheine einer Laterne sah Fritz seinen Wärter, dahinter Hallstädt und das Pamamädchen.

»Geglückt,« sagte der Haciendero auf Deutsch. »Der Graf erwartet Sie an der Kapelle San Ildefonso auf dem Wege nach Santa Maria di Rio. Hier sind Kleider für Sie, und hier sind Ihre Passierkarten! Und nun Gott befohlen, und geben Sie nur bald Nachricht nach der Hacienda Panisca! Denken Sie an mein schmerzzerfleischtes Vaterherz!«

Die Stimme Hallstädts erstickte unter Thränen; er drückte krampfhaft die Hand Bergers.

In Eile wechselte Fritz seine Kleidung und trat dann an der Seite Merolas ins Freie. Mit Wonne atmete er die kühle Nachtluft ein, die Luft der Freiheit. Das Vorzeigen der Passierkarten genügte, um die beiden ungehindert durch die Postenketten und die Thore zu lassen.

Bis zur Kapelle San Ildefonso mußten sie zu Fuß wandern. Aber sie schritten rüstig aus, ohne ein Wort miteinander zu wechseln, so daß sie schon nach dreiviertel Stunden den Wallfahrtsort erreichten. In seiner unmittelbaren Nähe lag eine kleine Posada etwas abseits vom Wege, eine Herberge für Schmuggler und andres lichtscheues Gesindel aller Art. Mit dem Wirt dieses verrufenen Hauses stand Pedro Martinez, der Gefangenwärter der Garita San Francisco, in vertrauter Verbindung, und hier hatte er auch den Grafen Hodegg untergebracht. In einem Hinterzimmer der Schenke fand Fritz den Grafen vor. Junker und Lieutenant umarmten sich herzlich – in Zeiten wie den letztdurchlebten kitten die Bande der Freundschaft sich rasch und unauflöslich fest aneinander.

Man konnte nicht lange beisammen bleiben. Hodegg hatte die Tracht eines Waldgängers angelegt und wollte am folgenden Morgen einen Trupp Arbeiter bis Guomajuato begleiten. Von dort aus hoffte er sich bis nach Queretaro durchschlagen zu können. Mit lebhaftem Interesse hörte er Fritz von dem Auftrag erzählen, den dieser von Hallstädt erhalten hatte.

»Selbstverständlich gewähre ich Ihnen mit Freuden den Urlaub, dessen Sie bedürfen, lieber Berger,« sagte er. »Ihr Aufenthalt bei den Pamas kann übrigens auch für uns von Vorteil sein. Die Pamas haben immer zu den kaisertreuesten Stämmen der Sierra gehört. Wenn unsre Armee nun thatsächlich vom Feinde in Queretaro eingeschlossen worden sein sollte, so ist es wichtig für uns, bei einem etwaigen Durchbruch einen Hinterhalt zu haben. Den könnten die Pamas uns sichern, zumal in der Sierra Gorda auch noch der Oberst Orevalo mit tausend Mann der Unsern steht. Ich bin von Miramon behufs Gefangennahme des Juarez mit unbeschränkten Vollmachten ausgerüstet worden, und kraft dieser Vollmachten erteile ich Ihnen nicht nur den erbetenen Urlaub, sondern ernenne Sie zugleich zum Kurier des Kaisers. Sie wissen, daß dies der offizielle Titel für diejenigen ist, die, mit Aufträgen der Regierung ausgerüstet, in ihrer Diensten Reisen zu unternehmen haben. Versuchen Sie, Orevalo zu erreichen und die Pamas mobil zu machen; ich sende Ihnen, wenn ich glücklich Queretaro erreiche und mit den Generälen Rücksprache genommen habe, nach Iquilisco, dem größten Pamadorfe, einen Boten mit näheren Nachrichten.«

Schüchtern und scheu trat in diesem Augenblicke Merola an die beiden heran.

»Herr, vergieb,« sagte sie, »aber es ist Zeit. Wenn der Morgen dämmert, müssen wir die Vorberge erreicht haben!«

Graf Hodegg zog das Mädchen an sich heran.

»Auch dir hab' ich zu danken, du wackere Kleine,« sagte er in bewegtem Tone. »Du hast Licht in das Dunkel meiner Gefangenschaft gebracht und hast mir die Thore der Freiheit öffnen helfen! Ich danke dir!«

»Nein, Herr,« antwortete Merola verlegen, »danke mir nicht! Was ich that, that ich gern, denn du warst gütig zu mir, und ich habe dich lieb. Alle Heiligen mögen dich schützen!«

Sie küßte Hodeggs Rechte und trat rasch an die Thür zurück. Hastig wechselte der Graf noch einige Worte mit Fritz.

»Haben Sie Geld, Berger?«

»Herr von Hallstädt gab mir fünfhundert Pesetos.«

»Geben Sie mir hundert ab – ich erstatte Sie Ihnen bei Gelegenheit zurück. Die Juaristen haben mich völlig ausgeplündert. Nehmen Sie dafür eine Zeile von mir mit auf die Reise, damit Sie sich nötigenfalls bei Orevalo legitimieren können!«

Er riß ein Blatt aus seinem Notizbuch, warf ein paar Worte auf das Papier und reichte es Fritz. Dann eine letzte Umarmung.

»Gott befohlen, Berger! Es lebe der Kaiser!«

»Es lebe der Kaiser!«

Über die weißen Gipfel der Sierra dämmerte der Morgen herauf, und schon küßte das erste Frührot den ewigen Schnee der Firnen und färbte ihn rosig.

Fritz hatte für sich und seine Begleiterin durch Vermittelung des Wirts der Posada bei der Kapelle San Ildefonso ein paar tüchtige Maultiere gekauft und sich auch mit Proviant versehen. So ging dann die Reise ganz gut von statten. Merola saß nach Männerart auf ihrem Tiere und erwies sich als sichere Reiterin. Je weiter man in das Gebirge vordrang, um so seltener begegneten die beiden einmal einem menschlichen Wesen. Es war daher erklärlich, daß Fritz sich durch Plaudern mit seiner Nachbarin die Zeit so gut als möglich zu vertreiben suchte.

Er erfuhr durch sie allerhand, was für ihn von Interesse war. Die Pamas wohnten nach ihrer Erzählung verstreut in einer Anzahl kleinerer Dörfer der Sierra. Nur ein einziges größeres Dorf gab es in den Bergen, Iquilisco, eine Art Festung, in der sich früher die Priester des Stammes zu versammeln pflegten, wenn die Pamas zu einem Kriege rüsteten, und in deren Nähe noch die Trümmer eines alten indianischen Tempels standen. Nun aber waren die Pamas Christen geworden, und an der Stelle, wo früher die Altäre ihrer blutigen Götzen gestanden hatten, erhob sich jetzt eine kleine, aus Lehm erbaute Kapelle mit einem wunderthätigen Marienbilde. Auch Wohanna kannte Merola noch, und auch von ihm wußte sie viel zu erzählen. Als er flüchten mußte, weil er es verabsäumt hatte, den Tod seines Bruders zu rächen, hatte ein junger Pama aus dem Geschlecht des großen Atuko die Häuptlingsschaft an sich gerissen, aber der Schwächling war nicht mehr als eine Puppe in den Händen der Medizinmänner, die den Stamm beherrschten. Und diese Medizinmänner, die ehedem zur Priesterkaste gehört hatten, setzten alle Hebel in Bewegung, das Volk wieder vom Christentum abspenstig zu machen, um in der Wirrnis heidnischen Aberglaubens eine breitere Grundlage für ihre Intriguen zu haben. Auch die Kaisertreue der Pamas war nicht nach ihrem Geschmack; sie strebten nach der alten Selbständigkeit, die sie in dem Wirrwarr einer wilden politischen Anarchie schneller zu erreichen hofften, als es naturgemäß unter einem straffen Regiment möglich war.

Fritz hörte Merola gern plaudern. Trotz der Naivität ihrer Anschauungen konnte er sich doch recht gut aus ihrer Erzählung entnehmen. Sie besaß einen regen Verstand und sprach das Spanisch ziemlich flüssig. Rührend war ihre Anhänglichkeit an Hodegg. Der deutsche Gefangene hatte es ihr angethan; wenn sie von ihm sprach, glitt ein süßes, melancholisches Lächeln über ihr Gesicht, und ihre Augen leuchteten förmlich auf. Sie war auch behend in der Zubereitung von allerhand Speisen. Dann und wann schoß Fritz ein Wasserhuhn, eine Wildschnepfe oder einen Präriehasen, und Merola weidete beim Mittags- oder Abendlager die Tiere aus und briet sie an einem Spieße aus Eibischholz.

In dieser wonnigen Frühlingszeit bot der Marsch wenig Anstrengungen. Die Morgenluft war von Jasmindüften geschwängert, und auf den grünen Berghalden wuchsen zu Tausenden farbige Blumen, Rittersporn, weiße Euphorbien, blaues Vergißmeinnicht und orangegelbe Asclepien. Am Waldhange traf man im dichten Unterwuchs von Eibisch und wilden Korinthen auch häufig auf üppig blühenden blauen Flieder – die ganzen Bergterrassen glichen einem einzigen, wunderbar schönen Blumengarten.

Erst, als man höher stieg und die Pfade schlechter wurden, nahm der Reichtum der Natur allmählich ab. An die Stelle der Eichen trat Tannenforst, und die grünen Matten des Waldes verschwanden. Hier oben war auch die Luft herber; von den schneeumkrönten Höhen wehte zuweilen ein eisiger Wind herab.

Gegen Abend des dritten Tages erklommen die Reisenden auf schmalem Fußwege das Plateau nördlich von Jalpan. Die Vegetation war noch nicht karg; ein feines, aromatisches Gras, das der Lenz dem Boden entlockt hatte, bedeckte die Halde, auf der überall phantastische Klippen und Felsblöcke verstreut lagen. Tief unter den Reisenden dehnte sich eine grüne, unübersehbare Wildnis aus, Berge und Schluchten und dazwischen ein tiefblau schimmernder See.

»Ist der Herr müde?« fragte Merola, als sie sah, daß Fritz auf seinem Maultier mit krummem Rücken und vornüber geneigtem Kopfe saß.

Er richtete sich straffer auf.

»Nicht gerade müde, Kind,« erwiderte er, »aber wenn ich ehrlich sein soll, so muß ich sagen, daß ich wünschte, wir hätten bald unser Ziel erreicht!«

»Es währt nicht mehr lange, Herr,« entgegnete Merola lächelnd. »Noch ein Nachtlager oben auf der Höhe – und morgen um die Mittagszeit sind wir in Iquilisco! Aber horch! Ist das ein Raubtier?«

Vorhin schon hatte Fritz den seltsamen Laut gehört, ein fernes Brüllen, schnell abbrechend und dann sich von neuem erhebend und allmählich in der Weite verlierend.

»Ein Präriewolf,« sagte er und lockerte seinen Flintenriemen.

»Nein, Herr – die Coyoten haben ein heiseres Bellen, aber das klang – das klang« – –

Sie brach ab, hielt ihr Maultier an und starrte scharfäugig den Abhang empor. In pittoresker Gestaltung erhob sich oberhalb der Felswand das Plateau – scharf und deutlich in seinen zackigen Umrissen sich von dem dunkelblauen Abendhimmel abzeichnend. Und plötzlich schrie Merola auf und sprang zur Erde.

»Señor – bei der Gebenedeiten – wir sind verloren! Ein Jaguar!«

Zwischen den Felsblöcken der Höhe schoß ein gewaltiges Tier hervor, in der Ferne fast schwarz erscheinend – nur bei raschen Wendungen sah man hie und da die gelben Flecke des Felles leuchten. Die Bestie lief in langausholendem Galopp geradeswegs auf die Reisenden zu.

Auch Fritz war von seinem Maultier gesprungen und hatte die Büchse in Anschlag gelegt. Aber ehe er noch zu Schuß kam, dröhnte es von der Nordseite her – zweimal kurz hintereinander, und der Jaguar überschlug sich wie ein getroffener Hase und blieb dann regunglos liegen.

Nun wurde es auf dem Plateau lebendig. Ein Reiterschwarm – durchweg Indianer, wie Fritz auf der Stelle erkannte – brauste den Abhang hinab. Allen voran eine hohe Gestalt in wehendem Mantel und mit langflatterndem, schwarzen, strähnigen Haar.

Der Indios parierte dicht vor Fritz.

»Sieh da, Señor,« rief er, »sehen wir uns also doch noch einmal wieder?!«

»Ich war auf dem Wege zu dir, Häuptling,« entgegnete Fritz, »aber ich glaube, ich würde mein Ziel kaum erreicht haben, wenn uns deine Kugel nicht vor den Zähnen des Jaguars errettet hätte.«

Wohanna lächelte geschmeichelt.

»Der Jaguar hat seit Wochen in unsern Viehherden übel gehaust,« sagte er, »und erst seit drei Tagen sind wir ihm auf der Spur. Der Señor wird verzeihen, daß ich ihm den Schuß nicht gönnte und daß meine Kugel der seinen zuvorkam. . . . Sie wollten mich sprechen, Caballero, und Sie sollen mir ein erwünschter Gast sein. Ich will Sie selber nach Iquilisco geleiten.«

Der Häuptling sprach, wie Fritz wohl merkte, mit geflissentlicher Absicht ein möglichst gedrechseltes Spanisch, wandte das »Sie« in der Anrede an und vermied bilderreiche Wendungen, wie die Indianer sie sonst lieben. Es hatte den Anschein, als wolle er dem Deutschen zeigen, daß er auf einer höheren Kulturstufe stehe als die meisten seiner Stammesgenossen.

»Wer ist das Mädchen?« – und Wohanna deutete auf Merola.

»Meine Führerin, Häuptling,« erwiderte Fritz, »die mich von Potosi aus, wohin ich gefangen gebracht worden war, in die Dörfer deines Stammes geleiten sollte. Sie gehört den euern an, und ich habe ihre guten Dienste schätzen gelernt.«

»So soll auch sie mir willkommen sein!« Er wandte sich an seine Umgebung zurück und gab eine Reihe von Befehlen. Einer der Pamas sprang ab und bot Fritz sein Pferd an; andre luden den Körper des getöteten Jaguars auf – dann setzte sich der ganze Zug in Bewegung.

Nach einem scharfen Ritt von vier bis fünf Stunden erreichte man gegen Mitternacht die Veste Iquilisco. Im hellen Mondenschein nahm sich das Indianerdorf wie eine Märchenstadt aus. Der weiße Marmor der Tempeltrümmer, die überall verstreut waren, leuchtete weithin. Besonders eine hohe, mit Basreliefs von barbarischen Formen bedeckte Säule schimmerte wie Marienglas. Sie stand auf einer kahlen Anhöhe, zu der gewaltige, in den Felsen gehauene Stufen hinaufführten und galt den Pamas noch heute als ein geheimnisvolles Symbol des Mondes, da sie nur in der Nacht Glanz ausstrahlte, am Tage aber weißgrau erschien.

Das Dorf selbst lag, von Lehm- und Steinmauern umgeben, in einer sanften Senkung des Plateaus. Die Häuser bestanden meist aus Tuffgestein, waren klein, niedrig und unregelmäßig gebaut und hatten statt der Fenster oft nur winzige Mauerscharten. Südwestlich des Dorfes lag eine Art Arena, in der sich in den Abendstunden die jungen Männer mit Ringkämpfen, Wettrennen, Speerwerfen und andern sportlichen Vergnügungen zu beschäftigen pflegten, und weiter östlich stand das christliche Kirchlein, das unter der Obhut eines Missionars erbaut worden war.

Trotz der späten Stunde herrschte noch ein lebhaftes Treiben im Dorfe. Vor den Häusern saßen die Weiber und flochten Guirlanden und Matten aus grünen Reisern, während andre das graue Mauerwerk mit frischen Kastanienblüten schmückten, die an langen Stecken aufgereiht waren.

Fritz war erstaunt über das ungewohnte Leben und wandte sich mit der Frage, ob man ein Fest vorbereite, an den Häuptling, der zustimmend, doch wie es schien, ein wenig verlegen, das Haupt neigte.

»Wir sind zwar Christen, Señor,« entgegnete er, »aber manche der alten Sitten haben wir dennoch beibehalten. So das Frühlingsfest, das morgen gefeiert werden soll. Wollen Sie an dem großen Mahle am Abend teilnehmen, so wird es uns eine Freude sein; Sie können dann zugleich sehen, wie wacker sich unsre jungen Männer in körperlichen Übungen bethätigen.« . . .

Man hatte inzwischen das Haus des Häuptlings erreicht, das etwas größer als die übrigen Baulichkeiten war, und auf dessen Dache an langer Stange eine zerrissene Fahne mit unkenntlich gewordenen, vom Regen verwaschenen Farben flatterte. Das Weib des Häuptlings, eine schöne schlanke Indianerin, und eine alte Megäre mit unheimlich verwittertem Gesicht, seine Mutter, begrüßten den Fremden vor der Thüre und führten ihn in das Hauptzimmer des Hauses, in dem Matten auf dem Fußboden lagen, und das in seiner Einrichtung dem Gemache eines kleinen Farmers oder Holzfällers glich.

Die Abendmahlzeit war bereits vorbereitet, und der gebratene Hirschrücken mundete unserm ausgehungerten Helden so gut, als säße er daheim am Tische irgend eines Restaurants. Als Getränk erhielt er außer einem Gläschen Rum freilich nur Wasser; der Weinkeller des Häuptlings schien trotz des zweifellos leidlich kultivierten Anstrichs, den seine Häuslichkeit machte, nicht allzu üppig versehen zu sein. Schließlich wurden die Frauen hinausgeschickt, die Pfeifen angesteckt, und dann nahm Wohanna zuerst zu einer intimeren Unterhaltung das Wort.

»Nun sprechen wir, Señor,« sagte er. »Sie haben einen Auftrag für mich?«

»Nicht nur einen, Häuptling – es sind deren mehrere. Zunächst: wo befindet sich die Tochter Don Hallstädts?«

»In bester Obhut.«

»Was heißt das, Häuptling?! Willst du Umschweife machen? Ich soll mit dir oder mit Don Fuerto über ihre Auslieferung verhandeln. Warum habt ihr das Mädchen geraubt? Um Geld zu erpressen! Ist es nicht so? – Nun wohl – Herr von Hallstädt ist zu großen Opfern bereit; was fordert ihr?«

»Mehr als sein Leben – seinen gesamten Besitz!«

Fritz prallte zurück, und seine Stirn zog sich in Falten.

»Scherzest du, Wohanna, oder treibst du Spott mit mir? – Hallstädt würde es leicht sein, Euch die ganze Polizei des Reichs und eine stattliche Truppenmacht auf die Fersen zu hetzen – aber er zieht es vor, sich mit euch auf friedlichem Wege auseinanderzusetzen. Sei nicht thöricht und komm ihm entgegen! Du bist kein Räuber und Wegelagerer, meine ich, sondern ein Mann, dem man Ehre erweisen muß. Handle danach und wehre dem Einfluß, den Diego Fuerto auf dich auszuüben versucht!«

Wohanna schüttelte den Kopf.

»Was geht mich die Glattzunge an,« erwiderte er. »Ich übe Vergeltung an Hallstädt, der meinen Bruder tötete. Arm soll er werden wie ein Bettler; das ist meine Rache. Fuerto glaubte, ich könne sein Werkzeug werden – nun ist er das meine geworden. Und, Señor – Ihre Drohungen mit der Polizei und den Truppen verlache ich! Hinter mir stehen nicht die Pamas allein – – wollt Ihr Gewalt brauchen, so thut es! Wer schafft euch das Heer, von dem Sie sprechen? Die Truppen des Kaisers haben andres zu thun, als dem Silberkönig der Sierra Gorda Unterstützung zu gewähren.«

»Es ist wahr, aber du vergißt, daß Hallstädt reich genug ist, mit eignen Mitteln ein Corps zu werben, das eure Dörfer niederbrennen, euern Stamm zersprengen kann!«

Es blitzte auf im Auge des Häuptlings.

»Und Sie vergessen, daß die Señora, Don Hallstädts Tochter, in meiner Gewalt ist! Noch ist sie mein Gast, und ich lasse ihr alle Ehren erweisen – fragen Sie sie selbst, ob sie über schlechte Behandlung zu klagen hat! Aber beim Grabe Atukos – wenn man mich zwingen will, sie herauszugeben, dann wird Don Hallstädt in Bälde den Tod seines Kindes beweinen können!«

Fritz schauerte zusammen. Er schaute in das Antlitz Wohannas; es war hart und kalt wie Bronce.

»Also noch einmal, Häuptling: was begehrst du?« fragte er finster. »Die Armut Hallstädts, sagst du. Erkläre dich näher!«

»Es ist rasch geschehen, Señor Hallstädts Vermögen liegt auf der Landesbank in New-Orleans. Durch Diego Fuerto weiß ich genau, wieviel es beträgt. Es sind acht Millionen Piaster. Dazu kommen noch seine gesamten Ländereien; auch diese soll er abgeben und sie rechtskundig seinem Neffen, dem Don Fuerto, verschreiben. Er soll nichts behalten . . . nichts – oder doch: wenn er mit seiner Tochter nach Europa zurückkehren will, so soll er aus unsern Händen das Reisegeld für die Überfahrt erhalten.«

Fritz griff unwillkürlich an seine Stirn. War der Häuptling wahnsinnig geworden? Beim ewigen Gott, fast schien es so! –

»Wohanna – Häuptling, du bist ein Mann in reifen Jahren, bist klug und hast mir selbst einmal erzählt, daß du von einem Advokaten in Tampico erzogen worden seiest – du stehst also nicht mehr auf dem Standpunkte halber Barbarei, sondern weißt, wie es draußen in der civilisierten Welt zugeht. Glaubst du wirklich, daß Hallstädt sich deinem tollen Vorschlage widerspruchslos fügen wird?«

»Er hat die Wahl – entweder er fügt sich, oder er sieht seine Tochter nur als Leiche wieder.«

»Und du fürchtest die Strafe des Gesetzes nicht?«

»Mexiko ist gesetzlos in diesen Zeiten. Was kann man mir thun?«

»Und du fürchtest auch die Rache des Himmels nicht?«

Die Hand des Häuptlings hob sich zu einer abwehrenden Bewegung.

»Hat der Gott der Christen nicht auch zugelassen, daß Hallstädt meinen Bruder aus tückischem Hinterhalt mordete?« fragte er.

Fritz schwieg und zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Er sah ein, daß mit diesem tollen Menschen nicht weiter zu verhandeln war; Doña Ana konnte nur durch List befreit werden.

»Ich werde Gelegenheit finden,« antwortete er, »mit Don Hallstädt über deine Forderungen zu sprechen, und ich denke und hoffe, du wirst noch gefügiger werden. Für jetzt etwas andres. Hast du nähere Nachrichten über die kaiserliche Armee erhalten? Ist es wahr, daß man sie in der Festung Queretaro eingeschlossen hält?«

Wohanna nickte.

»Ja, Señor, und es ist so gut wie unmöglich, die Armee aus der Falle zu retten, in die sie sich selbst gebracht hat.«

»Ich kann deine Ansicht nicht teilen, Häuptling. Auch aus einer von allen Seiten umzingelten Stadt sind im Dunkel der Nacht Ausfälle möglich. Wenn sich die Belagerten nach der Sierra Gorda durchzuschlagen vermögen, sind sie gerettet.«

Wohanna fuhr lauschend empor. Ein lauernder Ausdruck trat auf sein Gesicht.

»Ich verstehe Sie nicht, Señor,« erwiderte er. »Die Berge der Sierra bieten eine kräftige Deckung, aber keine genügende für ein ganzes Heer. Die Verfolger werden es zersprengen und aufreiben.«

»Nicht, wenn die Pamas den Kaiserlichen Schutz gewähren,« sagte Fritz mit erhobener Stimme.

Es zuckte und wetterte wie losbrechender Sturm über die Züge des Häuptlings – aber er wußte sich sofort wieder zu beherrschen, legte die Rechte auf die Brust und neigte das Haupt.

»Die Pamas werden dem Kaiser die Treue halten, die sie ihm gelobt haben. Der Kaiser mag uns rufen – wir werden bereit sein.«

Fritz erhob sich.

»Häuptling,« sagte er, »ich bin des Kaisers Kurier und stehe an seiner Stelle vor dir. Hier sieh meine Beglaubigung! Und nun höre mich. Ich habe den Befehl, in Iquilisco einen Sendboten General Mejias oder des Kaisers zu erwarten, und den weiteren Auftrag, dich zu bitten, die Deinen bereit zu halten, damit sie bei einem Durchbruch der Belagerten den Feind ablenken und sich mit den Kaiserlichen vereinigen können. Zu diesem selben Zwecke soll ich mich mit dem Obersten Orevalo in Verbindung setzen; weißt du. wo er zur Zeit steht?«

»Ich weiß nur, daß er vor zwei Wochen an den Quellen des Piboco sein Lager aufgeschlagen hatte, etwa drei bis vier Tagemärsche von hier. Wenn ich Ihnen dienen kann, bin ich bereit, in Ihrem Auftrage einen Boten an ihn zu schicken.«

»Ich nehme dein Anerbieten um so dankbarer an, Häuptling, als ich die Verpflichtung fühle, in den nächsten Tagen in der Nähe der Señora Ana von Hallstädt zu verbleiben; sie wird des Trostes bedürfen. Kannst du mich zu ihr führen?«

»Es ist spät geworden, und sie wird längst ihr Lager aufgesucht haben. Aber morgen und übermorgen und wann es Ihnen sonst beliebt, Señor, mögen Sie ungehindert mit der Doña Ana verkehren. Im Umkreise von Iquilisco ist sie keine Gefangene.«

Fritz reichte dem Häuptling die Hand.

»Dank, Wohanna,« sagte er. »Und nun laß auch uns zur Ruhe gehen! Ich bin erschöpft und müde – und wir haben morgen früh Zeit genug, das weitere zu besprechen. Bring mich in mein Quartier und schlafe wohl!«

Wohanna hatte sich erhoben und die Thür zum Nebengelaß geöffnet, einen schmalen, kleinen Raum, in dem Merola soeben ein Lager aus trockenem Laub, Fellen und Segeltuch bereitete.

»Mein Haus ist minder groß als das Diligencias-Hotel in Veracruz,« sagte der Häuptling lächelnd, »und auch nicht so bequem eingerichtet wie jenes. Aber man zahlt mir auch nicht. Der Señor ist der Gast Wohannas. Mögen Sie Glückliches träumen unter meinem Dache!«

Er wandte sich um, und in diesem Augenblick sah Fritz, daß Merola, gleichfalls das kleine Zimmer verlassend, ihren Zeigefinger wie warnend erhob und ihn sodann auf den Mund legte.

Zehntes Kapitel.

Das Geheimnis Merolas.

Doña Ana findet Gelegenheit, Fritz ihr Herz auszuschütten, der mit Hilfe Merolas einer Verschwörung der Pamas auf die Spur kommt.

Fritz war so abgespannt, daß er schon nach wenigen Minuten, ohne sich über die warnende Bewegung Merolas klar zu werden, in festen und tiefen Schlummer versank. Der Tag war sonnenhell, als er wieder erwachte. Von draußen herein scholl der Lärm der Festfreude; die Frühlingsfeier hatte begonnen.

Fritz suchte Wohanna auf, der ihn freundlich empfing, frühstückte mit ihm und fertigte den Boten für den Obersten Orevalo ab. Sodann ließ er sich zu Fräulein von Hallstädt führen, die ein zwischen den Tempelruinen liegendes, aus alten Steintrümmern erbautes kleines Haus bewohnte. Drei Vertraute des Häuptlings geleiteten ihn dorthin.

Der Weg war nur kurz, aber es gab für Fritz trotzdem mancherlei zu sehen, was ihn interessierte. In einem großen Gebäude außerhalb des Dorfes, einer Art von Speicher, wurden die Salpetervorräte aufbewahrt, welche die Pamas in den Höhlen der Sierra sammelten und aus denen sie sich ihr eignes Schießpulver fabrizierten. Das war im Unterlande verboten, aber der Kaiser hatte bei seinem Regierungsantritt den Gebirgsindianern die alte Abgabenfreiheit belassen; so durften sie auch Tabak bauen, ohne dafür Steuer zahlen zu brauchen. Und die Pamas schienen leidenschaftliche Raucher zu sein; selbst die jungen Dirnen hatten qualmende Thonpfeifen im Munde. Dafür schienen sie das Laster des Trunks, dem so viele Indianerstämme anheim fallen, nicht zu kennen. Überall sah Fritz fröhliche Mienen und heiter blitzende Augen. Die »Fiesta de Mayo«, das Frühlingsfest der Pamas, gleicht gewissermaßen unserm Ostern, dem jüdischen Laubhüttenfest oder den altrömischen Luperkalien. Straßen, Häuser und Gehöfte prangten in jungem Grün, und auf Weg und Steg traf Fritz auf müßig umherschlendernde, lustig plaudernde und singende Gruppen, die nach der Arena zogen, wo um die Mittagsstunde die Spiele und zugleich auch das große Festmahl beginnen sollten.

Fritz war erstaunt über die Riesenhaftigkeit der uralten Ruinen, die vor ihm aufstiegen – eine Front aus leuchtendem Marmor, hinter der sich ein gewaltiges Viereck anschloß, das ursprünglich in mächtige Hallen geteilt worden sein mußte, denn überall sah man noch die Fundamente, die der Zerstörungswut der spanischen Konquistadoren und den Stürmen der Zeit durch Jahrhunderte getrotzt hatten. Diese Hallen, Säulen, Mauern und halbzertrümmerten Götzenbilder, die zerstörten Altäre, Pilaster und Rostren hatten ehemals zu dem Tempelbau des Gottes Catascotl gehört, des Feuergottes der indianischen Mythologie, und wenn ein Erdbeben die Berge erschütterte, so hatten die alten toltekischen Feueranbeter geglaubt, die Stimme ihres Pluto spräche zu ihnen. –

Mexiko ist vielleicht das ruinenreichste Land der Welt. Gerade in der Zeit, da unsre Erzählung spielt, in der Epoche des Maximilianischen Kaiserreichs, waren ungeheure neue Trümmerfelder erschlossen worden, die blendende Lichter auf die hohe Kulturstufe jener untergegangenen Völkerschaften warfen, die Mexiko dereinst bewohnt haben mußten. Nicht nur der Azteken, der ersten historischen Bewohner des Landes, die einst Cortez unterjochte und in deren Kulturwesen unsre Wissenschaft bereits tiefer eingedrungen ist – sondern von Völkern, die viel, viel früher hier ansässig gewesen sein mußten und deren Städte vielleicht schon in Trümmern lagen, als sich die Azteken mit andern Stämmen der großen Nahuafamilie vom Süden her, aus dem Reiche des Weißen Reihers, der mythischen Urheimat, auf die Wanderschaft machten und das Thal von Mexiko besetzten. In den Urwäldern von Yucatan war bereits in den zwanziger Jahren durch Zufall ein neues Pompeji entdeckt worden, die Ruinen von Uxmal, hundert- und tausendmal großartiger und schöner als alle übrigen Altertümer der Neuen Welt, eine Stadt von Palästen, die unter Schichten von Muschelkalk, auf denen der Wald sich erhob, vielleicht noch zahlreiche Menschenalter länger geschlummert haben würden, wenn eben nicht ein glücklicher Zufall die Entdeckung herbeigeführt hätte. Aber erst unter dem Kaiserreiche begannen die ersten Ausgrabungen, und nun stellte sich heraus, daß die Ringmauern jener alten Stadt den riesigen Umkreis von wenigstens zwölf englischen Quadratmeilen umschlossen. Und gigantisch, wie das Trümmerfeld selbst, war die Arbeit der Ausgrabung, denn es galt, den ganzen Landstrich vom vielverschlungenen Wurzelwerk des Baumwuchses eines Jahrtausends und von gewaltigen Schichten Pflanzenmoders zu säubern. Aus dem Moder aber erstand die versunkene Pracht in gespensterhafter Größe: Reihen von Palästen, Tempelbauten, Statuen, Riesentreppen, Portalen und Säulengängen – cyklopische Bauten, mit Basreliefs und Mosaiken von zum Teil großer künstlerischer Schönheit bedeckt. Und wer hatte diese Riesenstadt erbaut, wer bewohnt, wer herrschte hier? – Bisher hat kein Mensch dies Rätsel lösen können, denn die Tempelinschriften von Uxmal haben keinerlei Gemeinsames mit den westmexikanischen Hieroglyphen. Nun das steht fest, daß die alte Stadt schon in einer Zeit erbaut worden sein muß, zu der auch die ältesten Überlieferungen der amerikanischen Urvölker nicht heranreichen – weit vor der Aztekenherrschaft und von einem Volke, von dem nicht einmal mehr der Schatten eines Namens übrig geblieben ist. Aber ein glänzendes Kulturvolk war es – das beweisen die Trümmerhaufen, die des Menschen Hand und der Grabscheit der Civilisation zwischen den Wurzeln des Urwaldes hervor und aus dem Moder der Jahrhunderte zu Tage gefördert haben.

Die europäischen Zeitungen hatten schon Ende des Jahres 1866 viel von den neuentdeckten Ruinen Yucatans zu berichten gewußt, und daran mußte Fritz denken, als er die Trümmer von Iquilisco vor sich sah.

Innerhalb des Mauernvierecks stand ein Haus, das sich im ersten Viertel des Jahrhunderts ein Missionar, der unter den Pamas thätig gewesen war, hatte erbauen lassen. Fräulein von Hallstädt schien Fritz bereits erwartet zu haben, denn sie stand vor der Thür und winkte ihm – und Fritz eilte ihr beflügelten Fußes entgegen, ihre Hand zu küssen und sie mit herzlichen Worten zu begrüßen.

Doña Ana sah zwar blaß und verhärmt aus, aber doch minder elend, als Fritz erwartet hatte. Schon in aller Frühe hatte man ihr zugetragen, daß ein fremder Weißer im Dorfe erschienen sei, um mit dem Häuptling über ihre Auslösung zu verhandeln – und seltsamerweise hatte sie dabei sofort an den gedacht, den sie im Parke von Panisca zum erstenmale in ihrem Leben gesehen hatte, ohne ein Wort mit ihm wechseln zu können.

Die beiden blieben auf die Bitte des jungen Mädchens hin im Freien und ließen sich auf zwei Marmorblöcken nieder. Sie sprachen deutsch miteinander, damit die stets in ihrer Nähe bleibenden Pamas sie nicht verstehen konnten. Ana erzählte, daß Wohanna sie in der That mit großem Respekt behandle. Sie wurde gut verpflegt und bedient, jedoch auf Schritt und Tritt beobachtet. Eine Flucht ohne männliche Beihilfe war nach Lage der Dinge sowieso eine Unmöglichkeit für sie. Fuerto hatte sie nur ein einziges Mal besucht. Sie hatte ihm indessen auf alle seine Fragen und Anerbietungen keiner Antwort gewürdigt, so daß er schließlich mit wilden Drohungen wieder davongestürmt war. Wo er sich aufhielt, wußte Ana nicht; sie vermutete ihn aber in der Nähe.

Fritz suchte das Mädchen mit schonender Vorsicht in die schandbaren Pläne des Häuptlings und Fuertos einzuweihen.

»Sie sehen, wie scharf die braunen Halunken selbst unser Mienenspiel beobachten, gnädiges Fräulein,« sagte er; »ich bitte also, daß Sie sich in keiner Weise merken lassen, wie nahe Ihnen meine Mitteilungen gehen. Aus Wohanna bin ich noch nicht so recht klug geworden; ich glaube, er verfolgt noch andre Pläne als die einer gemeinen Erpressung – aber ich werde dahinterkommen. Fraglos kann Sie nur eine Flucht aus seinen und Fuertos Händen retten. Aber sie muß mit List und großer Vorsicht eingeleitet werden; jede Gewaltmaßregel zu verfrühter Stunde würde Ihr wie mein Leben bedrohen. Ich hoffe, in Oberst Orevalo einen zuverlässigen Bundesgenossen zu finden; in acht Tagen spätestens kann der Bote, den ich zu ihm geschickt habe, zurück sein. Bis dahin müssen wir uns fügen.«

»Ich thue es mit Freuden, Herr Berger,« entgegnete Ana; »schon der Gedanke, wieder in Freiheit zu kommen, macht mich so glücklich, daß ich Ihnen gar nicht genug Dank sagen kann für die Hilfe, die Sie mir gewähren wollen. Ich sehe selber ein, daß auf dem Wege gütlicher Verhandlungen nichts zu erreichen ist. Die Forderung Wohannas ist wahnsinnig, und fast glaube ich, mein Vater würde eher – mich zum Opfer bringen, ehe er sich von seinen Schätzen und Gütern trennen könnte. Das klingt unkindlich, Herr Berger – es soll es aber nicht sein. Mein Vater hängt mit Leib und Seele an dem schwer Erworbenen, an seinem Golde – das liegt ihm in der Natur, über die keiner von uns hinauskann.« Sie riß von einem Rhododendronbusch, der neben dem Marmorblock wucherte, eine Blume ab und zerpflückte sie gedankenlos. »Sie haben mir erzählt,« fuhr sie fort, »auf welche Weise Sie Ihren Namen meinem Vater in das Gedächtnis zurückgerufen haben. Ich kenne diesen Namen lange, und hundertmal habe ich den Vater gebeten, nach den Erben jenes Lieutenant Berger zu forschen, der durch meinen Oheim so unglücklich geworden ist. Immer wieder verschob er es – unter der Begründung, er wolle selber mit mir nach Europa reisen, sobald die politischen Verhältnisse in Mexiko sich so geklärt haben würden, daß er für seine Besitztümer nichts mehr zu fürchten habe. Du lieber Gott – wann wird Frieden in Mexiko herrschen! Und das Vermögen meines Oheims, das er der Familie Berger verschrieben hat, ist sehr, sehr bedeutend – es beträgt an« –

»Vierzigtausend preußische Thaler, gnädiges Fräulein,« fiel Fritz lebhaft ein, »für mich armen Teufel allerdings ein Kapital! Ihr Herr Vater hat mir die Auszahlung übrigens ohne weiteres zugesagt.«

Eine helle Röte stieg in die Wangen der jungen Dame.

»Da muß ein Irrtum vorliegen, Herr Berger«, entgegnete sie. »Ich weiß zufällig genau, daß mein Oheim Otto Hallstädt, da er keine direkten Erben hinterließ und mit seinem Stiefsohn Diego zerfallen war, seine gesamte Hinterlassenschaft dem Lieutenant Berger und seinen Nachkommen vermacht hat.«

Fritz horchte auf.

»Aber Señor Fuerto erzählte mir,« warf er ein, »daß Otto Hallstädt arm wie eine Kirchenmaus verstorben sei.«

»Er wird seinen guten Grund gehabt haben, Ihnen dies vorzulügen.«

»Und auch Ihr Vater, Fräulein Ana, sagte mir ähnliches!«

Abermals färbte sich das Antlitz des Mädchens dunkler.

»Ich kann Ihnen nur die Wahrheit gestehen, Herr Berger. Und die ist folgende: Mein Ohm Otto kam ganz arm nach Amerika, aber er hatte hier Glück. Er war anfänglich Angestellter in den Minen meines Vaters, kaufte sich dann selbst an, associierte sich später mit dem Vater und hat mindestens ein Vermögen von zwei Millionen Piastern hinterlassen. Dieses Vermögen aber sollte den Bergers als Abtragung einer schweren Schuld zufallen – und mein Vater wurde in dem Testament des Ohms unter weitreichenden Vollmachten zum Vollstrecker jenes letzten Willens ernannt. Sie haben also nicht nur Anspruch auf jene vierzigtausend preußische Thaler, sondern auf erheblich mehr!«

Fritz vermochte nicht sogleich zu antworten. Die Gedanken überstürmten ihn.

»Aber Ihr Vater – Ihr Vater, Fräulein Ana!« stammelte er tonlos, und mit niedergeschlagenen Augen erwiderte das Mädchen kurz:

»Lassen Sie ihn aus dem Spiel, Herr Berger, und seien Sie überzeugt, daß ich die Ausfolgung Ihrer Erbschaft durchsetzen werde, sobald ich erst in Freiheit bin! Sie haben also auch noch persönlich gewichtige Gründe, darauf hinzuarbeiten!«

»Ich würde mich Ihrer ohne die in Aussicht stehende Erbschaft nicht minder warm annehmen, gnädiges Fräulein,« entgegnete Fritz. »Ich bin der Sohn eines Offiziers und weiß, daß die Ritterpflicht zu den am höchsten stehenden Tugenden des Mannes gehört. Aber wir dürfen nichts übereilen. Ich komme täglich zu Ihnen. Noch einmal, Fräulein Ana: Vorsicht und Abwarten!«

Sie reichten sich die Hände. Fritz kehrte wieder in das Dorf zurück, wo ihn Wohanna empfing, um ihn als seinen Gast in feierlichem Zuge mit den Stammesältesten, den Heilkünstlern – Medizinmännern, wie man sie immer noch nannte – und den Beamten dieses kleinen indianischen Reichs, das sich unter allen Bergvölkern Spanisch-Amerikas noch am meisten seine politische Unabhängigkeit erhalten hatte, nach der Arena zu führen.

In fröhlichem Festgetümmel verging der Tag. Vergeblich hatte Fritz nach Merola ausgespäht – er sah sie nicht. Aber in tiefer Nacht hörte er, aus unruhigem Schlummer emporschreckend, ein leises kratzendes Geräusch an seiner Thür. Rasch erhob er sich und öffnete die Thür. Merola stand vor ihm.

»Still,« flüsterte sie ihm zu; »sprich nicht. Herr – laß mich sprechen! Du schwebst in Gefahr – Wohanna meint es nicht ehrlich mit dir! Aber thu so, als merkest du nichts – ich wache über dich, und mein Blick ist hell. Geh nie ohne Waffen aus und sei doppelt vorsichtig, wenn du die Doña im Tempel besuchst!«

Sie huschte davon. Fritz legte sich wieder nieder, aber der Schlummer floh ihm. Die Warnung Merolas kam ihm nicht überraschend. Daß Wohanna irgend welche geheime Absichten gegen ihn verfolgte, glaubte er schon am ersten Abend instinktiv gefühlt zu haben. Aber wie sich dagegen schützen? Fritz war nicht minder in der Gewalt des listereichen Häuptlings als die unglückliche Ana, die er befreien sollte und wollte! Befreien – großer Gott, waren ihm denn nicht selbst die Hände gebunden?! Seine einzige Hoffnung ruhte auf der baldigen Rückkehr des Boten, den er an Oberst Orevalo gesandt hatte. Mit tausend Mann Kaiserlicher getraute er sich schon, es mit der ganzen Bande der Pamas aufzunehmen! –

Die Tage verstrichen. In jeder Morgenstunde ging Fritz zu den Ruinen, um Ana zu besuchen. Stets begleiteten ihn drei Wächter, die sich aber immer in ehrfurchtsvoller Entfernung von ihm hielten. Fritz hatte, um Ana nicht zu beunruhigen, dieser kein Wort von der geheimen Warnung Merolas mitgeteilt; im Gegenteil – er bemühte sich nach Kräften, das arme Mädchen mutvoll und guter Dinge zu erhalten. Und die Hoffnung auf Freiheit, auf Erlösung aus dieser nervenaufreibenden Gefangenschaft wirkte in der That auf das Allgemeinbefinden Anas förmlich belebend ein. In ihre Wangen kehrte allgemach die Röte der Genesung zurück, ihre Augen blickten freier und sorgenloser, ihr Wesen verlor an Niedergeschlagenheit. Sie plauderte oft heiter und unbefangen mit Fritz, während sie mit ihm dabei in dem wildwuchernden Blumenmeer des Tempelvierecks auf und ab schritt. Die Frühlingstage hier oben in der krystallklaren Luft der Berge waren wundervoll, der Himmel fast ewig blau, nur selten einmal mit langen Zügen feiner, schneeweißer Federwölkchen übersät.

In diesen Plauderstunden schaute Fritz der Gefangenen tief in das arme, junge Herz hinein. Er fühlte, daß sie nicht glücklich war. Ihr Vater gehörte gewissermaßen einer andern Menschenart an als sie; die seelische Brücke, die sie mit ihm verband, war so locker, daß sie bei der leichtesten Erschütterung gänzlich zusammenbrechen konnte. Ana stand allein auf der Welt, vereinsamt, nur auf sich selbst angewiesen. Das rote Gold, das ihr Vater so über alles liebte, verachtete sie schon deshalb, weil es ihn so selbstsüchtig gemacht hatte; ihr aber brachte der Reichtum nichts. Unbefriedigt schritt sie zwischen allen Schätzen weiter durch das Leben. Sie hörte es gern, wenn Fritz ihr von Europa, von seiner Heimat, seinem Leben und seinen Zukunftshoffnungen sprach. Und gerade mit seiner Zukunft hatte er sich in dieser Zeit am wenigsten beschäftigt. Vorläufig stand er noch in kaiserlich-mexikanischen Diensten. Was mit ihm werden sollte, wenn das Kaiserreich wirklich zusammenbrach, wußte er nicht. Gelangte er in den Besitz der Erbschaft Otto von Hallstädts, so kehrte er als Millionär in die Heimat zurück – aber auch diese Millionen – darüber war er sich klar – sollten ihm nicht den Kopf verwirren! Er war noch jung; vielleicht ließ sich noch in letzter Stunde sein Lieblingswunsch erfüllen, einer deutschen Armee als Offizier anzugehören. –

Wohanna blieb Fritz gegenüber nach wie vor gleich freundlich und gemessen in seinem Benehmen. Um ihn nicht mißtrauisch zu machen, hatte Fritz ihm gesagt, daß er sofort nach Verständigung mit dem Obersten Orevalo nach der Hacienda Panisca zurückkehren werde, um Hallstädt zu einer persönlichen Verhandlung mit dem Häuptling zu bewegen. Auch nach dem gegenwärtigen Aufenthalt Fuertos hatte er sich erkundigt, ohne ihn erfahren zu können. Wohanna bewegte sich sichtlich in Ausflüchten; er erklärte einfach, daß er nicht wisse, wo sich die »Glattzunge« derzeitig umhertreibe.

Acht und zehn Tage verflossen – der ausgesandte Bote kehrte nicht zurück. Fritz begann unruhig zu werden und bat den Häuptling, einen zweiten Boten nachzusenden. Bereitwillig ging Wohanna auf diesen Wunsch ein – und wieder verstrich Tag um Tag in ertötender Gleichförmigkeit. Anfänglich hatte Fritz das Leben im Indianerdorfe höchlichst interessiert. Er hatte manches Neue kennen gelernt und klagte nicht über Langeweile. Aber je mehr die Unruhe in ihm wuchs, um so stärker sehnte er sich nach Thätigkeit. Auch die Sorge um das Schicksal der kaiserlichen Armee, von der keinerlei Nachricht in die Sierra drang, bedrückte ihn.

Es war in einer schwülen Gewitternacht, und leise rollte der Donner in der Ferne, als Fritz es, wie schon einmal, an der Thür seiner Schlafkammer kratzen hörte. Merola huschte in das Zimmer.

»Steh auf, Herr,« flüsterte sie. »Ich will dich auf geheimem Wege an einen Ort führen, wo du erfahren sollst, was dein Schicksal ist und das des tapfern Heeres, dem du angehörst! Aber laß die Stiefel zurück, damit du leiser auftreten kannst – und was du auch siehst und hörst – gieb keinen Laut von dir, so dir dein und mein Leben lieb ist!«

Sie faßte Fritz an der Hand, und willig folgte er ihr. Das Haus des Häuptlings war wie ausgestorben in dieser Nacht. Kein Laut war zu vernehmen, nur das drohende Rollen des Wetters in weiter Ferne. Merola führte Fritz eine Kellertreppe hinab in einen ganz dunkeln Raum und entzündete hier eine kleine einfache Laterne. Dann stieg man weiter in die Tiefe der Erde, mächtige in den felsigen Boden gehauene Stufen hinab. Im fahlen, unruhigen Schimmer des Lichts sah Fritz rechts und links die feucht schimmernden Wände; die Luft war erstickend heiß, und ein eigentümlicher Schwefelgeruch beengte ihm den Atem. Nun führte die Felsenwölbung geradeaus weiter, der Gang stieg an. Fernes Geräusch ließ sich vernehmen, wie ein heiliger Gesang – stark anschwellend und dann plötzlich verstummend. Aber jetzt hörte man deutlich eine einzelne kraftvolle Männerstimme – und gleichzeitig zitterte ein scharfroter Lichtstreif durch das Dunkel. Irgend etwas Schwarzes, Massiges, Kolossales stieg vor Fritz empor und hemmte ihn am Weiterschreiten.

»Bleib stehen,« flüsterte Merola. »Der Felsblock verschließt die Höhlung – aber lege dein Auge an die Stelle, wo du den Lichtschein siehst – es ist eine Öffnung im Felsen, ein Spalt zwischen den Steinen – und dann schaue und lausche, aber rede nicht!«

Fritz that, wie ihm geheißen worden – doch er hatte Mühe, den Ausruf des Staunens zu unterdrücken, der sich auf seine Lippen drängte. Er sah in einen ungeheuern unterirdischen Raum hinein, eine Höhle von riesiger Ausdehnung. Gewaltig hoch wölbte sie sich kuppelartig, und hier und da an den Seiten gähnten weite Öffnungen, die in Schachte zu führen schienen. Der Schwefelgeruch hatte sich verstärkt, und er war erklärlich; über das Gestein rieselte eine trübe, dampfende Feuchtigkeit – eine Schwefelquelle, die sich in der Tiefe verlor.

Im Hintergrunde der Höhle erhob sich eine furchtbare Gestalt: ein Götzenbild aus schwarzem Stein mit gelben Augen, roh gearbeitet, aber dennoch nicht ohne das Geschick, Grauen zu erwecken. Es war das nationale Palladium der Pamas, ehe sie christlich geworden, der Gott Catascotl, der schreckliche Feuergott, eine Art Moloch, dem ehemals alljährlich zur Sonnenwende eine Anzahl Menschenopfer gebracht werden mußten, damit er nicht seine Stimme erhebe und die Berge erzittern lasse. Ursprünglich hatte das Idol in der Vorhalle des alten Tempels gestanden, und als die Missionäre kamen und die heidnischen Altäre stürzten, war es plötzlich verschwunden. Die Priester und Medizinmänner hatten es beiseite geschafft, und nur in ihrer Nachkommenschaft bewahrte man das Geheimnis des Aufenthaltsorts dieses furchtbaren Götzen, nach dem die Archäologen bisher vergebens geforscht hatten.

Ein schwarzer Marmorblock stand vor dem Palladium, eine Art Opferstein, und vor diesem wiederum ein Mann: Wohanna, der Häuptling. Dreißig bis vierzig andre Männer kauerten vor ihm im Kreise, und vor jedem einzelnen brannte ein kleines Feuer, während in der Mitte des Kreises ein großer brennender Holzstoß lodernde Flammen trieb. Neben diesem Holzstoß stand das einzige Weib der Versammlung und warf in gewissen Zwischenräumen abwechselnd schwarze und rote Beeren in die Flammen; auch das Weib erkannte Fritz auf der Stelle, dies häßliche, zusammengeschrumpfte, fast hundertjährige Indianerweib – es war die Mutter Wohannas, sein böser Geist.

Und der Häuptling sprach:

»Die Stunde naht, da das Reich der Weißen zusammenbrechen wird wie ein Baum, den der Sturm gefällt hat. Der Sturm aber werden wir sein, wir Männer der roten Farbe, und uns Pamas haben die Götter begnadet, den Anstoß zu der gewaltigen Indianerrevolution zu geben, die das ganze Mexiko vom Norden bis zum Süden und von einem Meere bis zum andern überfluten soll. Die Otanis und Mazahuas, die Tarascas und die Stämme der Matlazincas, die Totonacas in der Provinz Veracruz, die Nahuas und Zapotecas und im Isthmus die Völker der Mixes und der Zoques – sie alle sind bereit, sich uns anzuschließen, sobald wir als die ersten zu den Waffen greifen! Und diesmal gilt unser Kriegspfad allen Weißen, die zwischen den Grenzpfählen Mexikos wohnen, des Landes, das unsern Vätern gehörte und das man ihnen stahl, um uns, ihre Söhne, zu Knechten zu machen! Was kümmert uns das neue Kaiserreich, das ein fremder Fürst auf dem heiligen Boden unsrer Götter errichtete – was die Republik des Juarez und seiner Generäle! Dem Kaiser wie dem Präsidenten sei gleiche Vernichtung geschworen – Vernichtung ihren Heeren, ihren Beamten, ihrer Polizei – Vernichtung der ganzen weißen Welt, die sich in unsrer Heimat festgesetzt hat! Der Aufstand wird zünden; Hunderttausende unsrer roten Brüder stehen schon heute zu uns, und neue Hunderttausende werden ihnen folgen. Auch an den Grenzen wird es sich regen – hinauf bis zu den Apachen und Comanchen und Sioux und Pawnees, und im Süden bis zu den Tahamis und den Chocostämmen. Aus allen Teilen des großen Amerika werden die Indianer uns zuströmen und an unserm Vernichtungskampfe teilnehmen, bis wir auf den Trümmern dieser totgebornen Monarchie und der nicht leben könnenden Republik mit unsern alten Göttern wieder das alte Reich errichtet haben! Und ob dann gleich über das Meer neue Eroberer ziehen werden – sie werden es nicht so leicht haben, wie vor vierhundert Jahren, um uns abermals zu Sklaven zu machen!«

Wohanna schwieg eine kurze Minute, um dann von neuem zu beginnen:

»Ich habe Euch noch über die letzten Geschehnisse Bericht abzulegen. Die Kaiserlichen können aus Queretaro nicht mehr entweichen. Sie beabsichtigen einen Durchbruch nach der Sierra Gorda und einen Anschluß an uns und die Truppe des Obersten Orevalo. Das mußte vermieden werden. Ich habe deshalb ihre Boten empfangen und töten lassen. Nur einen behielt ich zurück; er ist zum Opfer bestimmt worden. Desgleichen sind die Boten, die der in unserm Dorfe weilende Kurier des Kaisers an den Obersten Orevalo senden wollte, nicht fortgelassen, sondern zurückgehalten worden. Oberst Orevalo lagert derzeitig in unsrer unmittelbaren Nähe – im Daregothale. Es liegt die Gefahr nahe, daß neue kaiserliche Boten ihn erreichen. Don Fuerto, unser Verbündeter, hat sich deshalb zu ihm begeben, um ihm eine gefälschte Ordre zu überreichen, die ihm befiehlt, sich zum Schutze von Tampico nach der Küste zurückzuziehen. Zu gleicher Zeit hat Don Fuerto sich eine Verbindung mit Queretaro zu verschaffen gewußt, um den Fall der Festung zu beschleunigen. Das Vermögen Don Hallstädts, dessen wir dringend bedürfen, um uns und unsre Bundesgenossen neu zu bewaffnen, ist uns noch nicht völlig sicher. Der Geiz des Mannes ist groß; es ist nicht ausgeschlossen, daß er eher seine eigne Tochter zum Opfer bringt als daß er seine Reichtümer für sie hingiebt. Doch selbst für diesen Fall werden wir Mittel finden, ihn zur Herausgabe seines Goldes zu zwingen. Unsre Späher durchstreifen das Land bis zu den Mauern von Queretaro. Sobald uns Bericht wird, daß Queretaro gefallen ist, stürzen wir uns auf die siegestrunkene republikanische Armee. Das ist das Zeichen für unsre roten Brüder, uns aus allen Himmelsrichtungen zu Hilfe zu eilen. Zu gleicher Zeit wird eine Schar von uns die Hacienda Panisca überfallen und uns die Schätze Hallstädts sichern. Auch mit dieser Aufgabe ist Don Fuerto beauftragt worden; als Beute habe ich ihm den Besitz der Hallstädtschen Minen und die Tochter des Haciendero zugesagt.«

Merola legte in diesem Augenblick ihre kleine Hand auf den Mund Fritz Bergers, um das grimmige Stöhnen zu unterdrücken, das aus der Brust unsres Helden quoll. Er war totenbleich geworden; mit Anstrengung krampften sich seine zitternden Hände an dem feuchten Felsgestein fest. Aber die Vorgänge in der Höhle hielten ihn doch so völlig im Bann des Interesses, daß er sein glühendes Auge nicht von dem Lugloch fortzubringen vermochte.

Ein seltsamer Ton, wie ein Posaunenstoß, dröhnte durch das Gewölbe, und dann vernahm Fritz die schrille, schreiende Stimme des alten Indianerweibes.

»Häuptling, es lodert das Feuer, und die Flammen warten des Opfers! Hundertmal warf ich Beeren hinein, die unsre jungen Weiber zu Füßen der Pyramide von Magapan pflückten, wo Catascotl zum letztenmal seine Stimme erschallen ließ. Jede Beere trank Menschenblut, und bei heiligem Feuer ließ ich sie dörren. Und über jede Beere sprach ich mein Gebet, auf daß der Gott uns erhören, unsre Feinde vernichten und uns siegen lassen möge. Gieb Catascotl das versprochene Opfer, wie unsre Vorfahren es hielten!«

Wohanna winkte und trat seitwärts des Opfersteins aus schwarzem Marmor. Ein alter Indianer im Kreise erhob sich. Er war gräßlich anzusehn mit der blutroten Malerei auf seinem Gesicht, in das die weißen Haarsträhnen fielen. In der Rechten hielt er ein langes, blitzendes Messer.

Die Feueranbeter im Kreise begannen eine eintönige Weise, während man aus dem Dunkel einen gebundenen und geknebelten nackten Mann schleppte und ihn auf dem Opferstein niederlegte.

Mit Grauen erkannte Fritz in ihm einen Weißen. Siedend stieg ihm das Blut zum Gehirn.

»Merola – sie morden einen Menschen!« schrie er auf. Aber in einem neuen gewaltigen Posaunenstoß, ähnlich dem Rufe des Nebelhorns auf hoher See, verklang der gelle Schrei. Angstvoll zerrte Merola den halb ohnmächtigen Fritz den Felsengang zurück. Fritz taumelte – es wogte wie Wolken vor seinen Augen. Todmüde und gleichsam gebrochen an allen Gliedern brach er auf seinem Lager zusammen; er wußte kaum, wie er wieder in sein Schlafgemach gekommen war.

Merola kniete neben ihm und hielt seine Hände fest.

»Herr, komme zu dir,« jammerte sie leise. »Noch eine halbe Stunde, und der Häuptling kehrt wieder zurück! O – warum zeigte ich dir, was dein Auge und dein Herz nicht zu ertragen vermochten!«

Mit Anspannung aller moralischen Kraft richtete Fritz sich auf.

»Zürne mir nicht, Kind,« sagte er. »Ich muß dir dankbar sein, daß du mir die Binde von den Augen nahmst und mir Wohanna in seiner ganzen Falschheit und Schrecklichkeit zeigtest. Aber ich poche weiter auf deine Liebe. Du bist nicht wie jene – du glaubst an den Gott der Christen – nicht wahr, Merola – es ist so?«

»Ja, Herr, es ist so,« schluchzte das Mädchen, »und Nacht für Nacht habe ich zu der heiligen Jungfrau gebetet, daß sie dich schützen möge und den jungen Grafen, der in Potosi gefangen lag, und das weiße Mädchen – –«

»Recht so, Merola,« fiel Fritz ein und umspannte mit heißer Hand die Rechte des Mädchens. »Ich weiß, du bist gut und wirst uns weiter helfen. Hör aufmerksam zu – die Zeit drängt. Wie weit ist es von hier bis zum Daregothale?«

»Einen halben Tagemarsch, Herr – auf flinken Pferden.«

»So werde ich morgen Nacht versuchen, mit Doña Ana zu flüchten – und du wirst uns beistehen. Sorge dafür, daß wir uns Gesicht und Haar färben können und sorge für indianische Kleidung. Wird es möglich sein, uns zwei schnelle Pferde zu beschaffen?«

»Die Pferde des Häuptlings weiden in der Koppel am Piñal, kaum eine Stunde von hier.«

»Schön – aber wer soll uns führen? Du selbst?«

Merola küßte die Hand des jungen Mannes.

»Laß mich nicht zurück, Herr,« flehte sie, »Wohanna ist bereits mißtrauisch gegen mich geworden – er wird mich umbringen lassen, wenn er erfährt, daß ich Euch zur Flucht verholfen habe! Und ich fürchte mich unter diesen heimlichen Mördern und Götzenanbetern. Herr, wenn Euch jemand die Wege weisen kann, bin ich es allein. Ich kenne jeden Steg auf Meilen hinaus, weiß auch, wie wir am schnellsten den Darego erreichen können. Ich will dir eine gute Führerin sein – –«

Sie brach erschreckt ab. Ein leises Geräusch wurde hörbar. »Geh, Kind,« drängte Fritz. »Man kommt zurück! Auf morgen!«

Merola huschte davon.

Elftes Kapitel.

Nachricht aus Queretaro.

Durch Nacht und Neben. – Im Lager Orevalos. – Graf Hodeggs Mission. – Wieder in der Hacienda Panisca.

Die beabsichtigte Flucht bot hundert Gefahren, aber dafür auch den einzigen Weg der Rettung. So, wie die Dinge lagen, konnte Fritz nicht einen Tag länger in Iquilisco verweilen. Gewiß war die Idee eines gewaltigen Indianeraufstands zu Gunsten eines neuen Inkareiches, wie der Pamahäuptling es plante, die Ausgeburt eines fieberhaft erregten Hirns; der Erfüllung dieses Gedankens standen so unabsehbare Schwierigkeiten gegenüber, daß an ein Zustandekommen sicher nicht zu denken war. Eine indianische Revolution an sich aber war keine Unmöglichkeit, konnte das Land in neue unermeßliche Wirren stürzen und mußte vor allem dem Kaisertum den Todesstoß versetzen. Den Kaiserlichen, die vergebens auf die Unterstützung der Pamas und die Hilfe Orevalos gerechnet hatten, Rettung zu bringen, galt Fritz als nächste Notwendigkeit. So wurde denn alles zur Flucht vorbereitet. Merola erwies sich auch diesmal als eine überaus geschickte Helferin. Fritz und Ana hatten alle Ursache, ihr dankbar zu sein – ohne sie wäre eine Rettung aus allen Nöten undenkbar gewesen.

Es war um die nächste Mitternacht, als zwei Mädchen die Ruinen des Catascotl-Tempels verließen. Am Himmel hingen schwere Wolkenmassen; seit dem Gewitter der letzten Nacht war das Wetter unfreundlich geblieben.

Hinter einem Riesenblock aus magnesischem Kalkstein, der unweit des Hauptportals lag, erhob sich schattenhaft die Gestalt eines Indianers.

»Wer da und wohin?« fragte eine Stimme.

Merola lachte leicht und silbern auf.

»Geh, Iwauha – was erschreckst du uns!« sagte sie heiter. »Sind wir Diebinnen? Kennst du Merola und Jaquina nicht? – Und was fragst du nach unserm Begehr? Wer hat uns befohlen, dir Rede zu stehen?«

»Geht's dich an?« grunzte der Wächter ärgerlich. »Ich stehe hier an des Häuptlings Statt.«

»So bleibe stehen, bis dir die Sonne ins Antlitz lacht,« gab Merola zurück. »Wir wollen in die Salpeterhöhlen, da du so neugierig fragst – ist das verboten und seit wann?«

»Schert euch fort und macht, was ihr wollt!« Der Wächter streckte sich wieder neben den Block. Er schien beruhigt zu sein; gerade in letzter Zeit wurde auf Wohannas Befehl mehr als sonst an Salpeter gesammelt, und die meisten der jungen Dirnen benutzten die Nächte dazu, wenn der Haushalt sie frei gab. Der Häuptling zahlte sie gut; in dem einfachen Arsenal von Iquilisco wurde fieberhaft gearbeitet – es fehlte an Pulver.

Und die Mädchen schritten weiter. Sie sprachen kein Wort miteinander. Ein leiser Wind strich über das Plateau; die Käuzchen schrieen. Wie eine schwarze Wand stieg der Piñal vor den beiden auf. Eine Männergestalt löste sich aus dem Dunkel und trat den Mädchen entgegen.

»Gott sei gelobt, Doña Ana –«

»Und Gott schirme uns auch fürderhin,« fiel die Angeredete ein. Sie war mit ihrem braunrot gefärbten Teint ebenso schwer wieder zu erkennen als Fritz, der auch sein blondes Haar geschwärzt und indianische Tracht angelegt hatte.

»Wo sind die Pferde, Herr?« fragte Merola eilends; »hast du sie gefunden?«

»Ja – aber wir haben Unglück gehabt. Einer der Gäule hat sich losgerissen – es bleiben uns nur noch zwei.«

»So setze ich mich mit auf das deine. Es muß gehen; ich bin leicht und gewandt und eine gute Reiterin.«

An den Rand des Waldes schlossen sich die Koppeln für die Pferde des Häuptlings. Sie wurden nicht bewacht; es gab keine Diebe unter den Pamas. In dem kleinen indianischen Reiche herrschte eine ungleich straffere Zucht als im Unterland.

In dem Augenblick, da Merola die beiden angepflöckten Pferde losbinden wollte, schrie Ana leise auf. Jäh wandte sich Fritz um – eine dunkle Gestalt stand vor ihm, ein Indianer – der Wächter, der die flüchtenden Mädchen vorhin angesprochen hatte. Vielleicht hatte ihn die Sorge gepackt, daß die gefangene Weiße entweichen könne, und deshalb war er den Mädchen gefolgt – vielleicht auch nur die Eifersucht, denn es hieß, er habe Merola gern.

So plötzlich tauchte die Erscheinung zwischen den dreien auf, daß Fritz wie Merola einen Moment gleichsam erstarrt dastanden. Aber dann warf sich Fritz mit furchtbarer Gewalt auf den Indianer und riß ihn zu Boden. Seine Hand griff nach dem Messer, um es dem Feinde in die Kehle zu stoßen, denn er fürchtete, der andre werde um Hilfe rufen. Aber er irrte sich; der Indianer stieß keinen Laut aus – groß und stumm und anklagend waren seine Augen auf Merola gerichtet. Und jetzt kannte auch Fritz ihn wieder – das war jener junge Pama, der die Franzosen in die Höhle am Nordhange des Pic von Orizaba geführt, wo sie ihm und Wohanna die Pferde geraubt hatten.

Die kleine Hand Merolas berührte Bergers Schulter.

»Laß ihn am Leben,« sagte das Mädchen, »und feßle und kneble ihn nur!«

Sie warf Fritz die Stricke zu, mit denen die Gäule angebunden worden waren, und kniete dann selbst nieder, um Iwauha ein Stück Tuch, das sie von ihrem Kleide abgerissen hatte, in den Mund zu stopfen. Und seltsam genug; der Pama, der sich anfänglich wie ein Rasender gewehrt hatte, ließ nunmehr alles mit sich geschehen. Nur seine großen Augen wichen nicht vom Antlitz Merolas.

Fritz zog den Gebundenen einige Schritte in den Wald hinein und warf ihn zwischen üppig wucherndes Tamariskengebüsch, das seine Gestalt völlig verdeckte. Dann schwang er sich eilig auf sein Pferd und nahm Merola vor sich. Es war keine Zeit zu verlieren. Die Gäule trugen nur sogenannte Wassertrensen und statt der Sättel kurze, arg zerrissene Wolldecken, an denen Bügel aus Bastgeflecht befestigt waren. Ana mußte nach Männerart reiten; das war ihr nichts neues, sie hatte auf Anraten Merolas auch ihre Kleidung darauf eingerichtet. In den Weidetriften der Hacienda Panisca pflegte sie sich häufig, in knappem Jäckchen und Pluderhosen, rittlings auf ihr Pferd zu schwingen und wie toll über die Wiesen zu jagen.

Man ritt anfänglich langsam und vorsichtig vorwärts. Erst als die drei das Plateau hinter sich hatten, spornten sie die Gäule zu scharfem Trabe an.

Merola wußte gut Bescheid, und da es unausgesetzt bergab ging, so war auch der Weg nicht allzu beschwerlich. Bald nahm die Reitenden dichter Nadelwald auf, der auf der einen Seite zu schroffer Höhe anstieg. Hin und wieder vernahm man den Schrei eines Hirsches oder ein fernes Geheul, aber Fritz hatte glücklicherweise niemals nötig, von seiner Büchse Gebrauch zu machen.

Von Zeit zu Zeit wandte er sich mit einer Frage nach dem Ergehen an Ana. Sie antwortete stets kurz und dankend; es war zweifellos, daß der scharfe Ritt sie anstrengte, aber sie verlor den Mut nicht. Der Weg wurde steiniger und schlechter; es begann leise zu regnen. Als man die ersten Grashalden des Terrassenlandes erreichte, goß es in Strömen vom Himmel. Das war nicht nur höchst unbehaglich, sondern auch gefährlich. Der Weg war durch die dichte Regenwand kaum noch zu erkennen. Auch Merola ängstigte sich; sie wußte nicht, ob sie sich noch auf rechter Fährte befand. Indessen hatte der Regen auch seine gute Seite; er verwusch die Spuren der Flüchtigen, falls sie verfolgt werden sollten.

Als der Morgen zu grauen begann, heiterte der Himmel sich langsam wieder auf. Die Grenze der Nadelholzregion war erreicht. Ginster, Heidelbeeren und Ebereschen wuchsen am Wege. Aber man mußte das Daregothal längst vor sich haben – es war kaum noch daran zu zweifeln, daß man im Regen den Pfad verloren hatte. Fritz getraute sich nicht, seiner Sorge Ausdruck zu geben, nur dann und wann warf er einen mitleidigen Blick auf die arme Ana, die in triefenden Kleidern auf ihrem Pferde hing.

Aus roten Nebelmassen stieg die Sonne empor – und plötzlich stieß der Gaul Fritzens ein schmetterndes Wiehern aus. Ein Felsenpaß öffnete sich vor den Flüchtlingen, eine dunkle Schlucht, und dann lag wie mit einem Zauberschlage ein grünes, sonniges Thal vor ihnen, durch das ein Bergbach rauschend seine Wasser wälzte.

Ein drohendes »Halt!« scholl den Reitern entgegen. Drei Soldaten mit den Feldabzeichen der kaiserlichen Armee sprengten heran. Und tief unten im Thale flimmerte und glitzerte es – Hunderte von Menschen wimmelten bunt durcheinander, der Rauch der Lagerfeuer stieg in die frische Morgenluft – das war das Corps Orevalos.

»Gut Freund!« antwortete Fritz auf das »Halt« der Posten. »Ein Kurier des Kaisers mit wichtigen Nachrichten. Wo ist der Oberst Orevalo?«

Der Oberst hatte die Ankömmlinge bereits bemerkt und ritt in Begleitung mehrerer seiner Offiziere vom Lagerplatz aus an sie heran.

»Eheu – was haben wir denn da vor uns?« rief er erstaunt.

Fritz stellte sich vor, zog seine Brieftasche und überreichte Orevalo als Legitimation seine von Graf Hodegg ausgefertigte Kurierbestallung.

»Zu meinem Leidwesen ist es mir bisher nicht möglich gewesen, Sie zu erreichen, Herr Oberst,« fuhr er hastig fort. »Die Pamas – oder vielmehr ihr Häuptling hat schurkisch und treulos gehandelt; er ist vom Kaisertum abgefallen, will die gesamten Indianer im Territorium sowohl gegen die Monarchie wie gegen die Republik rebellisch machen und hat demzufolge auch die von Queretaro und von mir an Sie gesandten Boten abfangen und ermorden lassen. Sein Bundesgenosse aber, einer der größten Schurken in diesem an Schurken reich gesegneten Lande, steht dort drüben!«

Die ausgestreckte Hand wies auf Diego Fuerto, der der Gruppe der Offiziere, gleichfalls zu Pferde, gefolgt war. Er hatte anfänglich weder Ana noch Fritz in ihrer Verkleidung und mit den gefärbten Gesichtern erkannt und suchte nunmehr, weiß wie Kalk im Antlitz, sein Heil in schleuniger Flucht. Aber schnell wie er waren auch die Offiziere; drei, vier setzten ihm in voller Carriere nach – vom Lagerplatz aus stürmten die zu Hilfe gerufenen Soldaten herbei – man fiel dem schäumenden Pferde in die Zügel, riß Fuerto herab und schnürte dem wahnsinnig Fluchenden Arme und Beine zusammen.

Oberst Orevalo wollte gleichfalls zu ihm hinüber galoppieren, doch Fritz hielt ihn noch einen Augenblick zurück.

»Verzeihung, Herr Oberst,« sagte er, »ehe Sie als Richter Ihres Amtes walten, noch eine Bitte! Diese junge Dame hier ist die Tochter des Haciendero de Hallstädt – auch ihr Schicksal hat jener Schuft auf dem Gewissen. Ich habe sie aus der Gewalt der Pamas retten können und bitte für sie wie für unsre treue Führerin um Obdach.«

»Mit Freuden gewährt,« entgegnete der Oberst. »Viel Komfort kann ich Ihnen allerdings nicht anbieten, Señora, aber meine Marketenderinnen sollen Ihnen wenigstens trockene Kleidung geben und ein Zelt anweisen.«

Er rief eine Ordonnanz herbei, der die beiden erschöpften Mädchen nach dem Lager geleitete.

Fuerto wurde in ein verlassenes Blockhaus am Flußufer geworfen und ein Posten vor die Thür gestellt. Dann ritt auch Fritz nach dem Lagerplatz, wo bei loderndem Feuer ein Frühstück bereitet wurde, das dem Ausgehungerten trefflich mundete. Dabei erzählte er denn von seinen Abenteuern bei den Kaiserlichen und den Pamas, von den Schurkenstreichen Wohannas und Fuertos und dem schließlichen Rettungsweg, den er der braven Merola zu danken hatte. Doch während noch die beiden in Gemeinsamkeit mit den übrigen Offizieren des Corps darüber verhandelten, was man zunächst unternehmen solle, um den in Queretaro eingeschlossenen Kaiserlichen Hilfe zu bringen, trat ein neues Ereignis ein, das alle weitern Dispositionen über den Haufen stoßen sollte.

Die Vorposten hatten das Nahen eines Reiters gemeldet, der von Süden her, von der Seite der Tierra Fria, kam. Er sprengte, von dem Kommandeur der Vorpostenwache begleitet, über die Wiesentrift – ein junger Mann in bestaubter und zerrissener Rancherotracht.

Fritz fuhr, als der Reiter näher kam, erstaunt und erschreckt von seinem Sitze empor.

»Großer Gott,« stammelte er erbleichend, »täuschen mich meine Augen nicht oder ist das in Wahrheit Graf Hodegg?!«

In der That – er war es, und er brachte traurige Mär. Da keiner der in die Sierra Gorda gesandten Kuriere zurückkehrte, so hatte man sich auf jede Gefahr hin zu einem Durchbruch nach dem Gebirge entschlossen. Alles war vorbereitet, und vielleicht wäre der Gewaltstreich geglückt – da aber fand sich in den eignen Reihen ein Verräter, der dem General Escobedo gegen einen Judaslohn den Plan mitteilte und ihm in der Nacht vor dem beabsichtigten Ausfall die Thore der Festung öffnete. Hodegg nannte auch den Namen jenes Schurken, den später die ganze Welt gebrandmarkt hat: es war der Kommandeur des Regiments Kaiserhusaren, der Oberst Miguel Lopez – und ein zweiter Offizier, der Kapitän Jablonsky, war der Helfershelfer bei der Schandthat gewesen . . . Wie stürmte es durch die Brust Fritz Bergers, als er die Namen nennen hörte! Als wäre es gestern gewesen, so deutlich stand jene Nacht in Queretaro vor seinen Augen, da er die Unterhaltung der Beiden im Nebenzimmer belauschen konnte, dieser Elenden, die um schnödes Geld ihren Herrn verrieten und die Uniform, die sie trugen, mit Schande bedeckten. Ohne Schwertstreich mußte sich die kaiserliche Armee ergeben – der Kaiser selbst aber und seine Generale Mejia und Miramon wurden gefangen genommen. Ein Kriegsgericht sollte sie aburteilen, und die Gefahr lag nahe, daß die Juaristen alle drei ohne Ansehn der Person zum Tode verurteilen würden. Einem der Mitgefangenen, dem Obersten Prinzen zu Salm, war es nunmehr geglückt, einen feindlichen Offizier, Hauptmann Villanueva, zu bestechen; Villanueva wollte den Kaiser entweichen lassen, verlangte aber dafür die Summe von fünfhunderttausend Pesetos. Das Geld war nicht aufzutreiben, und so war denn Graf Hodegg mit Villanuevas Hilfe geflohen, um die Bestechungssumme von dem Besitzer der Hacienda Panisca zu erlangen. Ein glückliches Ungefähr hatte ihn unterwegs in das Lager Orevalos und wieder mit seinem alten jungen Freunde Fritz Berger zusammengeführt. Über den schmählichen Verrat von Lopez und Jablonsky herrschte selbst im feindlichen Lager nur eine Stimme. Die schlechten Vermögensverhältnisse des Obersten Lopez waren allgemein bekannt. Von vielen Seiten wurde behauptet, er hätte sich durch das Blutgeld retten wollen, andre wieder meinten, die Furcht vor der Gefangenschaft und dem Tode durch Erschießen wären die maßgebenden Beweggründe für seinen Verrat gewesen, und wieder andre wollten in Jablonsky seinen bösen Dämon sehen. Auch die Juaristischen Offiziere spieen vor den Beiden aus – und mit Schimpf bedeckt, wie von Furien gehetzt, flohen die Verräter aus Queretaro, und Fluch und Schande hafteten sich an ihren Namen . . .

Mit raschen Worten tauschte man seine Eindrücke aus. Graf Hodegg wußte des Kaisers Kaltblütigkeit, seinen Mut und seine Unerschrockenheit nicht genug zu rühmen – »er geht wie ein Held dem Tode entgegen,« so erzählte der junge Offizier. »Übrigens, lieber Berger,« fügte er an, »auch für Sie habe ich noch einen Auftrag. Nachdem ich von Potosi aus unter hundert Gefahren glücklich nach Queretaro gekommen, erzählte ich Seiner Majestät von Ihrem tapfern Verhalten, und da geruhte der Kaiser, Sie zum Lieutenant zu ernennen und Ihnen die silberne Medaille zu verleihen. Patent und Dekoration habe ich natürlich nicht bei mir, aber Sie werden meinem Worte auch so glauben – lassen Sie sich als Kamerad begrüßen!«

Nicht ohne tiefe innere Bewegung nahm Fritz die ihm entgegengestreckte Hand an. Wie gern hätte er sein Leben für den edeln Habsburger in die Schanze geschlagen! Aber kein Blut mehr konnte den Kaiser retten – sondern nur elendes Gold!

Der Entschluß Fritzens stand fest – er wollte Hodegg nach der Hacienda Panisca begleiten, und diesmal mußte der alte Hallstädt seinen Säckel öffnen! Inzwischen hatten sich auch Doña Ana und Merola eingefunden, beide in trockener Kleidung, gestärkt und gekräftigt. Merola war wie närrisch vor Freude, als sie Hodegg wiedersah, stürzte zu seinen Füßen nieder und bedeckte seine Hände mit unzähligen Küssen. Als sie hörte, daß der Graf und Fritz in Bälde nach Panisca aufbrechen wollten, bat sie, die beiden führen zu dürfen, was man ihr selbstverständlich gern gewährte.

Es handelte sich nunmehr nur noch um die Zukunft Anas. Nach der Hacienda wollte sie nicht zurück; die Gefahr eines neuen Überfalls durch die Pamas war auch durchaus nicht ausgeschlossen. Oberst Orevalo erbot sich daher, sie nach der Hafenstadt Tampico zu bringen, wo sie in sicherm Schutze die Entwicklung der weitern Angelegenheiten abwarten konnte. Aber sie selbst war andrer Meinung.

»Nichts von alledem, meine Herren,« sagte sie. »Ich bin Ihnen, den Kaiserlichen, Dank schuldig – und ich kann ihn nicht besser abtragen, als daß auch ich versuche, Ihren Herrscher zu retten. General Escobedo wie der Diktator Juarez sind mir gut bekannt; ich will zu ihnen und zu ihren Füßen für das Leben und die Freiheit des Kaisers flehen!«

Mit Begeisterung wurde der Vorschlag aufgenommen. Ein Detachement des Orevaloschen Corps mit weißen Parlamentärbinden um die Arme sollte Ana nach Queretaro geleiten. Sie war auf der Stelle zum Aufbruch bereit, und in der That, die Zeit drängte. Orevalo ließ ihr ein gutes Pferd stellen und vertraute sie dem Schutze seiner erprobtesten Leute an. Sie verabschiedete sich rasch und trat dann mit Fritz noch einige Schritte abseits, um auch ihm ihr Adieu zu sagen.

»Leben Sie wohl, Herr Berger,« sprach sie mit zitternder Empfindung im Ton. »Sie haben Blut und Leben für mich gewagt – ich werde Ihnen das nie vergessen! Behüte Sie Gott – ich werde zu ihm beten, daß er uns glücklich wieder zusammenführen möge! Und grüßen Sie meinen Vater. Der Himmel über Sie, mein Freund!«

Fest drückte sie seine Hand; dann stieg sie zu Roß.

»Noch ein letztes« – und sie beugte sich vom Pferde herab – »sagen Sie Orevalo, er möge Diego laufen lassen. Selbst die Kugel ist zu gut für ihn. Hasta la vista, Señor!«

Sie winkte mit der Hand und sprengte ihrer Eskorte voran – und lange, lange schaute Fritz ihr nach. Es tönte so seltsam in seiner Brust, als habe eine Geisterhand da drinnen an unbekannte Saiten gerührt.

Doña Ana hatte recht: eine ehrliche Kugel verdiente Fuerto nicht! Die Offiziere traten zu einem Kriegsgericht über den Verräter zusammen: Tod durch den Strang lautete ihr Verdikt. Als Fritz, Hodegg und Merola um die Mittagszeit die Weiterreise nach der Hacienda Panisca antraten, führte ihr Weg sie durch einen nahen Mangohain. Und da hing mit auf den Rücken geschnürten Armen und einem über das Gesicht gebundenen Tuch eine Männergestalt am Baum – regungslos – und ein Schwarm Geier krächzte nebenan im felsigen Grunde.

Die Vergeltung schreitet schnell! –

Ungefährdet gelangten unser Held, Hodegg und das Pamamädchen bis in die Nähe der Hacienda Panisca. Aber in dem riesenhaften Eichenwalde, der das Minenterrain umgab, wurde Merola unruhig. Ihr war, als habe sie plötzlich in der Ferne den Lockruf der Holztaube vernommen – und sie wußte, was das zu bedeuten hatte.

Fritz versuchte, die Ängstliche zu trösten.

»Ich glaube wahrhaftig, auch du fängst bereits an, nervös zu werden, Kleine,« sagte er lachend. »Kann das nicht wirklich eine Holztaube gewesen sein, die ihren Täuberich ruft? Wie sollen jetzt gerade die Pamas hierherkommen?«

»Es ist nicht unmöglich, Herr,« erwiderte Merola kopfschüttelnd. »Wenn sie den nähern Weg jenseits der Paßhöhe gewählt haben und bald nach unsrer Flucht aufgebrochen sind – – da, hört nur – wieder der Taubenschrei!«

»Vorwärts!« kommandierte Graf Hodegg; »in einer halben Stunde sind wir im Parke! Ich kenne den Brückenweg!«

Gewaltig griffen die Pferde aus; Sand und Steine stäubten hinter ihnen empor.

Gottlob – endlich die Schlucht – der Waldpark – und da die Zinnen der Felsenburg! »Ho–i–oh!«

Die Diener stürzten herbei, und schon wenige Minuten später saßen Fritz und Hodegg mit Herrn von Hallstädt in der Halle des Schlosses. Fritz berichtete kurz über das Ergehen und die freiwillig übernommene Mission Anas nach Queretaro. Der alte Herr stöhnte und jammerte, daß er seine Tochter nie wiedersehen würde – aber Graf Hodegg schnitt ihm das Wort ab.

»Sie ist in Queretaro in besserer Obhut als hier, Herr von Hallstädt,« sagte er, »daran ist gar nicht zu zweifeln! Jetzt handelt es sich um etwas andres. Der Kaiser kann gerettet werden, wenn es uns gelingt, eine halbe Million Pesetos als Bestechungssumme flüssig zu machen. Wir sind hier, um sie von Ihnen zu leihen; als Unterlage bringe ich Ihnen ein vom Kaiser selbst vollzogenes Accept mit. Der Hof in Wien wird keinen Augenblick zögern, es einzulösen.«

Das Jammern des geizigen Mannes begann von neuem. Nur mit tiefstem Ekelempfinden konnte Fritz es anhören. Was nützten jenem armseligen Manne all seine gewonnenen Schätze? Ihr Besitz, an dem er mit aller Leidenschaft und allen Fibern seiner Seele hing, hatten ihm sein Kind entfremdet und damit das letzte Glück seines Lebens geraubt. Und auch jetzt, da er mit seinem Golde eine große, gute und edle That begehen, da er ein gekröntes Haupt vor Schmach und Schande bewahren, ein leuchtendes Menschendasein von dem Untergange erretten konnte – auch jetzt wieder krallte der Geiz sich mit Spinnenfingern in seine Seele ein. Wohl ist die Freude am erworbenen Besitz erklärlich, und mit vollem Recht nennt man die Sparsamkeit der Tugenden eine; von allen Lastern aber ist die häßlichste und widerwärtigste, weil alle vornehmen Instinkte in der Menschenbrust hemmende, der Geiz!

Schließlich vermochte Fritz nicht länger das Jammern des Alten zu ertragen; empört sprang er auf.

»Hören Sie zu, Herr von Hallstädt!« rief er. »Ich weiß, daß ich der Erbe Ihres verstorbenen Vetters Otto bin – ich als der letzte und einzige meines Geschlechts! Leugnen Sie es, wenn Sie können – ich werde mir mein Recht zu verschaffen wissen! Mein Erbteil beträgt mehr als jene halbe Million, die den Kaiser erretten soll – ich verlange die Summe aus meinem Besitzstande; Oberst Villanueva, der dem Kaiser die Flucht ermöglichen will, giebt sich zufrieden, wenn Sie dem kaiserlichen Wechsel Ihre Unterschrift zufügen.«

Totenbleich war Hallstädt auf seinen Stuhl zurückgesunken. Er rang nach Atem und vermochte nur unzusammenhängende Laute zu stammeln. Aber er schnellte wie vom Blitze getroffen wieder empor, als Merola, gefolgt von einer Anzahl schreiender Domestiken, in die Halle stürzte.

»Die Pamas!«

Hodegg und Fritz sahen ein, daß sie in der Gefahr dieser Stunde die Initiative ergreifen mußten. Rasch wurde der Befehl erteilt, Thore und Thüren zu schließen, die Ausgänge zu verrammeln, die Waffen zu laden. Ein ungeheures Leben entwickelte sich im Schlosse, während man vom Parke her bereits das Kriegsgeheul der nahenden Pamas vernahm.

Hallstädt zerrte, an allen Gliedern zitternd, Fritz und den Grafen in sein Arbeitskabinett.

»Wir müssen uns retten, meine Herren,« flüsterte er den beiden voll Todesangst zu; »der geheime Gang, durch den ich derzeitig Juarez und seine Generale flüchten ließ, bringt uns ungefährdet nach der Estancia Jacinto. Von dort aus haben wir telegraphische Verbindung nach Potosi und können militärische Hilfe requirieren. So lange aber werden meine Leute sich halten können!«

Er öffnete die Thür seines Geldschrankes und steckte Papiere und einige Rollen Gold zu sich.

»Mein Testament und meine Depotscheine,« sagte er. »Ich trage sie in der Brusttasche – sie gehören meiner Tochter, wenn mir etwas Menschliches zustoßen sollte! – Und nun kommen Sie, meine Herren – ich will Sie in den Keller führen –«

»Noch nicht,« fiel Graf Hodegg ein. »Wir können Ihre Leute nicht ohne weiteres im Stich lassen – wir müssen wenigstens hören, auf was es die verdammten Rothäute abgesehen haben! Darf ich Sie bitten, die weiße Flagge auf dem Turme aufziehen zu lassen, Herr von Hallstädt!«

Hallstädt hatte hundert Einwendungen, aber Hodegg bestand darauf, mit den Pamas zu unterhandeln. So wurde denn die weiße Flagge gehißt, und die drei bestiegen den Turm. Nur der Mayordomo und Merola folgten ihnen.

In den innern Hof hatten die Indianer, da die Eisenthore geschlossen worden und die hohen Mauern mit einer Stachelkrönung versehen waren, noch nicht eindringen können; sie schienen auch zunächst auf eine Verständigung zu warten, denn sie zeigten vorderhand keinerlei Feindseligkeiten, sondern füllten in unabsehbarer Menge den Garten und die Rasenplätze vor dem Waldpark.

Als die weiße Fahne aufstieg, löste sich die Gestalt Wohannas aus dem übrigen Haufen und ritt näher an die Mauer heran.

»Wohanna grüßt euch!« rief er mit lauter Stimme nach dem Wartturm hinüber. »Deutscher, ich wußte, daß Sie hierher flüchten würden, aber meine Augen sind scharf und meine Pferde flink. Ich habe Sie gastlich in Iquilisco aufgenommen, und Sie lohnten mir damit, daß Sie die Geisel entführten, die ich in ehrlichem Kampfe gefangen nahm. Aber der Verrat soll Ihnen vergeben werden und die Señora frei sein, wenn Sie die Thore öffnen lassen. Der Caballero möge wohl überlegen. Mein halber Stamm steht hinter mir. Sturmböcke rennen die Mauern nieder, und eure Verschanzungen retten euch nicht vor der Übermacht. Und wehe euch, fallt ihr lebend in unsre Gewalt! Doch kein Haar soll einem von euch gekrümmt werden, laßt ihr uns freiwillig ein! Ich fordere nichts als eine Unterredung mit dem Haciendero.«

»Er wird mich martern lassen,« ächzte Hallstädt; in die Knie sinkend, »um mich zur Herausgabe meines Geldes zu zwingen! Glaubt doch den Schurken nicht!«

Fritz drängte den Alten zur Seite.

»Wohanna, du lügst!« donnerte er von oben herab. »Treuloser, der du vom Glauben Christi abgefallen bist und dich wieder den alten Götzen zugewandt hast, der du Menschenopfer bringst, um dir deine blutigen Idole gefügig zu machen, der du dem Kaiser, deinem Herrn, den Treueid brachst – ich kenne dich und deine finstern Geheimnisse! Ziehe ab mit den Deinen oder fürchte die Strafe des Gesetzes und des Himmels!«

Gras Hodegg war dicht an die Seite Fritzens getreten.

»In Potosi weiß man bereits von euerm Überfall,« rief auch er mit weithin hallender Stimme; »die Truppen rücken heran, um euch zu zermalmen! Für dich, schurkischer Häuptling, aber ist der Strick schon gedreht –«

Ein Schuß krachte. In blinder Wut hatte Wohanna die Büchse an die Wange gerissen. Mit einem Aufschrei war Merola zur Deckung Hodeggs vor diesen gestürzt – und nun ruhte sie blutend an seiner Brust.

Aber die Schandthat sollte im Augenblick Sühnung finden. Schon lag auch die Büchse Fritz Bergers im Anschlag – und plötzlich warf Wohanna die Arme in die Luft und stürzte lautlos vom Pferde.

Ein tosendes Geschrei folgte – von allen Seiten stürmten die Pamas ihrem getöteten Führer zu, während auch oben auf der Warte des Turms, unter der im Winde wehenden weißen Flagge, ein junges Leben Abschied nahm.

Die Kugel Wohannas hatte gut getroffen. Die brechenden Augen Merolas suchten noch einmal das Antlitz Hodeggs, und ein unbeschreiblich süßes Lächeln huschte um ihren Mund. Und so lächelnd starb sie.

Graf Hodegg bettete sie, den Blick feucht und das Herz zuckend voll tiefer Erschütterung, zur Erde, küßte sie auf die Stirn und löste sodann die weiße Flagge vom Mast, um sie über das tote Mädchen zu legen.

»Wir müssen fort, Herr,« drängte der Mayordomo. »Wenn auch die Pamas nach dem Fall ihres Häuptlings wirklich noch einen Angriff wagen sollten – bis morgen Abend trotzen ihnen unsre Mauern. Dann aber kann das Militär aus Potosi längst hier sein.«

»Vorwärts!« sagte Hodegg, entschlossen und finster. »Der Kaiser wartet auf uns. »Herr von Hallstädt, führen Sie uns!«

Der Alte befand sich in einem Zustande so hochgradiger Nervenerregung, daß Fritz und der Mayordomo ihn stützen mußten, als man die Treppen hinabschritt. Um die übrigen Domestiken nicht zu beunruhigen, war allein dem ältesten Diener, einem vernünftigen Mann, mitgeteilt worden, daß man von der Estancia Jacinto aus Hilfe herbeidepeschieren wollte. Nur im Moment höchster Gefahr sollte auch von der übrigen Dienerschaft der geheime Gang als Fluchtweg benutzt werden. Man wollte die Hacienda nicht verteidigungslos der Zerstörungswut der Indianer überlassen.

Die Laternen waren angezündet worden, der Stein, der den Eingang in den Felsenschacht öffnete, hatte sich zurückgeschoben. Der Mayordomo wollte seinem Herrn den Vortritt lassen. Aber Hallstädts Fuß stockte plötzlich; ein Röcheln quoll aus seiner Brust, fahle Blässe bedeckte sein Gesicht und dann eine tiefbraune Färbung – er griff nach dem Herzen und schlug der Länge nach hin.

Fritz sprang ihm zu Hilfe. Es war vergebens. Die Aufregung der letzten Stunden war für die angegriffene Gesundheit des alten Herrn zu viel gewesen. Ein Herzschlag hatte ihn niedergestreckt.

»Gott sei seiner Seele gnädig,« sagte Gras Hodegg ernst und neigte den Kopf zu einem stillen Gebet. Dann aber verlangte das Leben wieder seine vollen Rechte. »Nehmen Sie die Papiere Hallstädts an sich, Berger,« fuhr der Graf fort, »und händigen Sie sie seiner Tochter aus. Sie ist seine Erbin, und ich hoffe, auch ihr Wort und ihre Unterschrift werden Villanueva genügen. Und nun vorwärts!«

Der Mayordomo hatte die Leiche seines Herrn in eine Ecke des Kellers getragen und leuchtete jetzt den beiden andern voran. Mit leisem Knirschen schloß sich der Stein hinter ihnen.

Zwölftes Kapitel.

Des Dramas Ausgang.

Zu spät! – Die letzten Tage Kaiser Maximilians. – Heimkehr. – Ein Wiedersehen mit dem Marschall Bazaine.

Die breite Heerstraße zwischen San Luis Potosi und Queretaro war in diesen Tagen außerordentlich belebt. Besonders vor »Don Pedros Hof«, einer Straßenschenke ein paar Miglien vor der Festung, herrschte ein ungewöhnliches Treiben. Im Wagenschuppen stand eine ganze Reihe von Pferden und Maultieren angezäumt, und um die roh gezimmerten Tische vor der Hausthür saßen bei Wein und Pulqueschnaps die Treiber und Reisenden und kannegießerten nach Kräften, denn die Politik beherrschte nun einmal alle Interessen.

Es war am Vormittage und glühend heiß; die Zecher hatten infolgedessen ihre Tische in den Schatten unterhalb des Verandabaus gerückt, wo allerdings auch immer noch eine hübsche Temperatur herrschte. Der Wirt der Posada, ein dickes Männchen mit roter Zipfelmütze, stand mitten unter seinen Gästen und machte sich eine Ehre daraus, sie durch allerhand Klatschgeschichten zu unterhalten.

»Santissima!« sagte er plötzlich und legte die rechte Hand als Schutzdecke gegen die Blendung der Sonne über die Augen, »was rast denn da wie toll und voll den Weg hinab? Sind das Kuriere des Juarez, die nach Queretaro wollen? Aber nein – sie tragen keine Uniformen –«

»Sehen mir mehr wie ein paar Strolche aus,« fiel einer der Maultiertreiber ein, und ein andrer schnellte plötzlich erregt in die Höhe:

»Caramba, da seht – das hat ein Unglück gegeben!«

Von den beiden Reitern war der eine gestürzt; Mann und Pferd wälzten sich im Staubpulver der Chaussee. Die ganze neugierige Gesellschaft war aufgesprungen und stürmte im Sonnenbrande nach der Stätte des Unglücks.

»Ein Bein gebrochen, Caballero, oder sonst was geschehen?«

»Cospetto, fragt nicht so dumm!« schimpfte der Gestürzte und klopfte sich den Staub von den Kleidern; »Ihr seht doch, daß mein Gaul nicht mehr weiter kann – ich schenke ihn Euch, wenn Ihr uns ein paar frische Pferde stellen könnt! Tausend Pesetos dafür – aber entschließt Euch schnell, denn wir haben keine Zeit, lange zu warten!«

Eine gewaltige Erregung kam unter die Gäste von »Don Pedros Hof«. Sacristi, was warf der Mann mit dem Gelde um sich! Und Don Pedro selbst, der dicke Wirt, drängte sich an den Gestürzten heran und raunte ihm zu:

»Ich habe zwei flinke Ponys im Stall, Señor – in zwei Stunden könnt Ihr in Queretaro sein. Aber, nicht wahr – tausend Pesetos sagtet Ihr – Ihr habt sie doch bei Euch?«

Statt jeder Antwort griff der Angeredete in die Tasche und hielt dem Padrone zwei Rollen unter die Augen. Sie mußten Goldmünzen enthalten, diese Rollen – Don Pedro hatte für dergleichen eine feine Witterung; er roch gewissermaßen den Mammon.

Das Geschäft war rasch abgeschlossen, und während einer der Treiber die Ponys sattelte, erkundigten sich die beiden Fremden nach den letzten Vorgängen in Queretaro. Schon unterwegs hatten sie gehört, daß Kaiser Maximilian mit seinen Generalen Miramon und Mejia von dem Juaristischen Kriegsgericht zum Tode durch Erschießen verurteilt worden seien, daß man auf Einspruch der preußischen Gesandtschaft die Exekution aber noch verschoben habe.

»Ganz richtig,« sagte der Wirt und nickte lebhaft mit dem Kopfe, so daß der rote Büschel seiner Mütze hin- und herflog; »die Exekution ist verschoben worden – das erzählte auch gestern ein Gendarm, der zum Präsidenten nach Potosi ritt – aber warten Sie mal« – und der Padrone rief zu den Gästen hinüber: »Miguel, erzähltest du vorhin nicht, die Hinrichtung in Queretaro sei nur auf drei Tage verschoben worden?«

»Ja – auf drei Tage,« antwortete der Gefragte.

»Das wäre also – i potztausend,« und Don Pedro schlug sich auf den Schenkel, »heute haben wir ja schon den Neunzehnten – und da wäre ja auch heute schon –«

»Zu Pferde, Berger!« rief einer der Fremden mit erblassenden Wangen. Im Nu saßen die beiden wieder im Sattel, und im Galopp ging es die Straße hinab. Hochauf schlug der weißgraue Staub und hüllte die Reiter in eine dichte Wolke ein.

Zu spät! – Schreckliche Worte! Fritz und Hodegg hatten das Rettungsmittel für den gefangenen Herrscher in der Tasche – das einzige Mittel, das in Mexiko alles vermochte. Kerkerthüren öffnete und Stellen und Ämter schuf – klingendes Gold! Und ohne Rast und Ruh waren sie von der Estancia Jacinto aus nach Süden geeilt, halb tot vor Erschöpfung, hungrig und durstig – und nun sollte es zu spät geworden sein!? – –

In flimmerndem Sonnenglanze stiegen die Felsenhöhen und die weißen Häuser Queretaros vor ihnen auf. Drüben auf jenem Berge lag das Kloster la Crux, durch das der Schurke Lopez die Soldaten Escobedos in schweigender Nacht in die Stadt geführt hatte – und weiter westlich das Kloster Santa Teresita, das Gefängnis des Kaisers. Die Rechte Graf Hodeggs wies hinab auf die Stadt. Jedes Thor, jeder Felsenvorsprung, jeder Baum erinnerten ihn an die glorreiche Verteidigung der Festung, die sich zweiundsiebzig Tage hindurch gegen eine Armee von über fünfzigtausend Mann gehalten hatte und schließlich als das Opfer eines schändlichen Verrats fallen mußte.

»Er war zu gut für dieses Mexiko, mein Kaiser!« rief Hodegg in aufwallender Empfindung. »Zu gut für dieses Land, in dem Bestechung und Treubruch alltägliche Dinge sind und in dem die Schande regiert!«

Ja – es war so: zu gut war Maximilian für Mexiko! – –

Die kleinen Ponys der beiden Reiter brachen fast zusammen, als man das Nordthor der Festung erreicht hatte. Von hier aus konnte man die Ebene südlich des Rio Blanco, der das Thal durchströmt, ziemlich gut überschauen. Hier lag ein vereinzelter Bergkegel, der Cerro de las Campañas oder Glockenberg, auf dem der Kaiser bei Beginn der Belagerung sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Man sah, daß es auf der Höhe von Menschen wimmelte; der Berg glich aus der Ferne einem riesigen Ameisenhaufen.

Eine Wache stand vor dem Thore und ein Offizier trat den Reitern entgegen.

»Wohin, Caballeros?« fragte er, die Cigarette im Munde. »Kommen Sie aus Potosi? Und warum versteckt sich Don Juarez? Es wäre doch wahrlich ein Triumph für ihn gewesen, der Hinrichtung Maximilians beiwohnen zu können! – Schauen Sie hinüber nach dem Cerro de las Campañas – es wimmelt von Neugierigen! Heute früh um sieben Uhr sind da drüben Maximilian, Mejia und Miramon erschossen worden!«

Fritz taumelte, und mit einem Wehlaut sank Graf Hodegg ohnmächtig vom Pferde. – – –

Als ganzer Held und echter Habsburger war Kaiser Maximilian in den Tod gegangen. Dem Schurkenstreich des Obersten Lopez, den General Escobedo an den sich fern vom Schuß haltenden Juarez als »Triumph der nationalen Waffen« meldete, folgte auf republikanischer Seite eine traurige Komödie. Das Kriegsgericht, das über den Kaiser und die beiden mit ihm gefangenen Generale aburteilen sollte, bestand aus jungen Leuten, von denen der älteste das zwanzigste Lebensjahr kaum überschritten hatte – die Anklageschrift selbst aber war geradezu entwürdigend für Juarez. Am 13. Juni wurde im Theater Iturbide zu Queretaro – ein geeigneter Ort für das empörende Schauspiel – das Kriegsgericht eröffnet. Der Kaiser hatte verschmäht, persönlich zu erscheinen und sich durch Krankheit entschuldigen lassen. Aber es war ihm geglückt, vorzügliche Verteidiger zu gewinnen, die mit flammenden Worten auf die Ungerechtigkeit der Verhandlung und die ganze Schande dieses Possenspiels hinwiesen. Vergebens – der Tod des Kaisers war beschlossene Sache, und so lautete denn auch das einstimmige Verdikt auf »schuldig«.

Als der Spruch im Lande bekannt wurde, bemächtigte sich – zu Ehren Mexikos muß es gesagt sein – allerorten eine tiefe Trauer. Zahlreiche Deputationen von Bürgern und Frauen begaben sich nach Potosi zu Juarez und flehten für das Leben des Kaisers – von allen Höfen, aus allen Kulturvölkern der Welt trafen Telegramme mit der Bitte um Begnadigung ein – umsonst, umsonst! Nichts konnte Maximilian mehr retten, als ein paarmalhunderttausend Pesetos, die Bestechungssumme für die Ermöglichung der Flucht – und dies verdammte Geld, ein Pappenstiel, wo es sich um Leben oder Tod eines edeln Fürsten handelte, es war nicht aufzutreiben! –

Am Tage vor der Hinrichtung richtete Maximilian noch ein Schreiben an Juarez, das in jedem Worte die edle Würde Maximilians kennzeichnete und schlagend darthat, wie bergehoch er an Seelengröße seinen Gegner überragte. ». . . Im Begriffe, zu sterben,« so hieß es in jenem Briefe, »weil ich den Versuch gemacht, ob ich durch Einführung neuer Institutionen nicht dem blutigen Bürgerkriege ein Ende machen könne, der seit einer Reihe von Jahren dies unglückliche Land zu Grunde richtet, würde ich mein Leben mit Freuden hingeben, wenn ich wüßte, daß dieses Opfer zum Frieden und zur Wohlfahrt meines neuen Vaterlandes beitragen könnte. Erschüttert von gewaltigen Schicksalsschlägen beschwöre ich Sie in feierlichster Weise und mit der Aufrichtigkeit, die mir die wenigen Augenblicke, welche ich noch zu leben habe, einflößen, kein andres Blut mehr als das meine fließen zu lassen. Ich beschwöre Sie auch, jene Ausdauer, welche ich mitten im Glücke erkennen und loben gelernt, und mit welcher Sie eine heute triumphierende Sache verteidigt haben, bei der erhabenen Aufgabe einer Versöhnung der Geister anzuwenden, um auf einer festen und dauerhaften Grundlage den Frieden und die Ruhe in diesem unglücklichen Lande wiederherzustellen . . .«

Der Morgen des 19. Juni dämmerte herauf, ein tropisch heißer Tag. Plakate an allen Straßenecken kündeten in Escobedos Namen jedem den Tod an, der Sympathien für die Verurteilten bezeugen würde, aber trotz dieser Drohung begleitete die Menge den Kaiser in Trauerkleidung auf den Hinrichtungsplatz und sandte ihm mit thränengefüllten Augen die letzten Grüße zu. In drei Wagen fuhren der Kaiser, Miramon und Mejia nach dem Cerro de las Campañas, wo sechstausend Mann unter dem Gewehr standen. Der Kaiser stieg aus, schüttelte den Straßenstaub von seinen Kleidern und schritt sodann die Front des Exekutionskommandos ab, die Soldaten, von denen ein jeder eine Goldunze als Geschenk von ihm erhielt, bittend, gut auf seine Brust zu zielen. Dann umarmte er Miramon. »General – ein Tapferer wird auch von Monarchen bewundert, und vor dem Tode will ich Ihnen den Ehrenplatz überlassen,« sagte er zu ihm, und zu dem schmerzlich bewegten kleinen Mejia, der unmittelbar vorher sein Weib mit dem jüngsten Kinde im Arm hatte wahnsinnig durch die Straßen laufen sehen, sprach er: »General, was auf Erden nicht belohnt wird, wird es ganz gewiß im Himmel!«

Dann trat er einige Schritte vor, um ein letztes Wort an das schweigende Volk zu richten.

»Ich sterbe,« so sagte er, »für eine gerechte Sache: für die Freiheit und Unabhängigkeit Mexikos. Möge mein Blut das letzte sein, das als Opfer für das Vaterland vergossen wird! Es lebe Mexiko!«

Die Salve krachte – und stumm, von sechs Kugeln getroffen, sank der Kaiser um. Er war auf der Stelle tot.

»Era una alma grande« – »er war eine große Seele« – so hatte selbst einer seiner Feinde ihm nachgerühmt. – –

***

Monate waren verflossen. Die große Tragödie in Mexiko, welche die ganze Welt mit Trauer und Entsetzen erfüllte, hatte ausgespielt. Statt der kaiserlichen Fahnen wehte wieder das Banner der Republik im Reiche der Inkas. Nicht ohne neue Wirren und ohne neues Blutvergießen hatte sich der Umschwung vollzogen, aber im allgemeinen herrschte im Lande doch eine größere Ruhe, als man hätte erwarten können. Die kaiserlich Gesinnten bannte der Schrecken. Auch die Indianer blieben ruhig. Der Tod Wohannas und die Hinrichtung des Generals Mejia, ihres Stammeshelden, hatte alle Kriegsgedanken in den Pamas erstickt; es fand sich auch kein zweiter, der das revolutionäre Riesenwerk, das Wohanna geplant, hätte aufnehmen und durchführen können.

Fritz und Hodegg waren in Queretaro als kaiserliche Offiziere erkannt und gefangen genommen worden. Aber war es auch Ana von Hallstädt trotz flehentlicher Bitten nicht gelungen, Escobedo und Juarez zu einem nochmaligen Aufschub der Exekution zu vermögen und damit vielleicht das Leben des kaiserlichen Märtyrers zu retten, so glückte es ihrer Fürsprache doch, den beiden nach achtwöchentlicher Gefangenschaft die Freiheit zu erwirken. Der Diktator wollte sich gegen die Tochter dankbar erweisen für die Hilfe, die ihm einst deren Vater gespendet hatte, als er in der Hacienda Panisca auf ein Haar in die Hände der Gegner gefallen wäre – und auch der blutige Escobedo trug noch immer ein Gefühl von Neigung für Ana in seinem harten Herzen, obschon er wohl wußte, daß sie ihn nie erhören würde.

Es war nur zu natürlich, daß der unerwartete Tod ihres Vaters Ana tief erschütterte. Was auch Fremdes zwischen ihr und ihm gestanden hatte – es war der Vater gewesen, den sie verloren, und sie weinte dem Toten ehrliche Thränen nach. Graf Hodegg war in der gemeinsamen Leidenszeit, die man durchlebt hatte, so befreundet mit Fritz geworden, daß er sich nicht von ihm trennen wollte, und Fritz wiederum fühlte die Verpflichtung, Mexiko nicht eher zu verlassen, bis er die Erbschaftsangelegenheiten Anas geordnet und diese selbst in Sicherheit wußte. So reiste man denn gemeinsam nach New-Orleans, wo ein geschickter Advokat in verhältnismäßig kurzer Zeit die Regelung der Hinterlassenschaft des verstorbenen Hallstädt besorgte. Noch eine besondere Freude harrte der neuen Freunde in der amerikanischen Hafenstadt: sie trafen eines Tages, als sie in ihr Hotel heimkehrten, den alten Kommandeur der Cazadores a caballo, Oberst von Leuthen, dem es gelungen war, aus der Gefangenschaft von Queretaro zu flüchten, und der sich von hier aus nach Europa einschiffen wollte. Selbstverständlich wurde das Wiedersehen bei einem kräftigen Trunke fröhlich gefeiert.

Es war an einem regenschaurigen Oktoberabend, als Fritz nach kurzem Anklopfen in das Zimmer Anas im Hotel Commercial trat.

»Ich komme soeben vom Advokaten, Fräulein Anna,« sagte er zu dem mit einer Handarbeit beschäftigten Mädchen – er liebte es, ihr an Stelle des spanischen Namens den voller klingenden deutschen mit dem doppelten n zu geben –, »die Angelegenheiten sind so weit geordnet, daß der Verkaufsvertrag in Bezug auf die Hacienda und das Minenterritorium dieser Tage vollzogen werden kann. Der Preis, den Sie erhalten, ist freilich ein mäßiger, dafür zahlt aber der Käufer bar aus, so daß spätere Verwickelungen unmöglich sind. Es handelt sich nun nur noch um die letzte Frage: was soll mit Ihnen geschehen? Ich lasse Sie – was soll ich es verschweigen – ungern in Amerika zurück, und ich habe mich deshalb schon von Queretaro aus nach Deutschland gewandt, um Ihnen dort eine neue Heimat zu schaffen – vorausgesetzt natürlich, daß Ihre Wünsche den meinigen entsprechen.«

Unter leichtem Erröten schlug Ana die Augen zu Fritz empor.

»Lassen Sie es mich gerade heraus sagen, lieber Freund,« antwortete sie, »ich habe dies gütige Anerbieten erwartet. Mit Mexikos blutgetränktem Boden verbinden mich nur trübe und unheilvolle Erinnerungen – ich habe auch keinen Menschen hier, der mir nahe steht – ich sehne mich fort. Und wollen Sie sich auch fernerhin meiner annehmen, wollen Sie ein Freund der Verwaisten bleiben« – und ihre Stimme zitterte, während sie ihm beide Hände entgegenstreckte – »Fritz, der gnädige Gott über uns wird Ihnen Ihre Gutthaten lohnen!«

Fritz hielt des Mädchens Hände fest in den seinen.

»Ich habe schon Lohn genug gefunden, Fräulein Anna,« erwiderte er bewegt, »da ich Sie kennen lernen und Ihnen nach meinen schwachen Kräften Hilfe angedeihen lassen durfte. Fürwahr – heute fühle ich es: es war eine höhere Hand, die mir den Weg nach Mexiko wies! Wäre mein Herz von Goldgier erfüllt, so könnte ich sagen: ich kann zufrieden sein, denn Mexiko hat mich zum reichen Manne gemacht. Aber dieser Reichtum ist das Geringste, das ich mit in die Heimat nehme. Ich bin auch reicher geworden an Erfahrungen, und ich hoffe, sie werden mir in meinem künftigen Leben nutzbringend sein. Mein Freund Hodegg will den Soldatendienst quittieren und sich der diplomatischen Laufbahn widmen – ich selbst aber denke dem Schwerte treu bleiben zu können. Ich bin ein begeisterter Soldat geworden, und vielleicht werden Tage kommen, da ich dem alten Vaterlande drüben besser dienen kann, als ich dem mexikanischen Kaisertum zu dienen vermochte. Und was nun Sie anbetrifft, Fräulein Anna, so hoffe ich, Ihnen vorläufig im Hause meines ehemaligen Chefs ein stilles und freundliches Heim schaffen zu können. Eine halbe Deutsche sind Sie ja schon – vielleicht werden Sie es einmal aus voller Seele und ganzem Herzen!«

Und thränenden Auges entgegnete Ana nichts als:

»Ich hoffe es, Fritz!« – –

Acht Tage später stach von New-Orleans aus der Dampfer »Franklin« in die See. Ana, Leuthen, Hodegg und Fritz befanden sich an Bord des Schiffes. In der Richtung der mexikanischen Küste strichen weiße Nebel tief über die Wasser – und allen vieren war es, als zögen sie aus einem brauenden Chaos sonnenwärts in reinere Lüfte und nach glücklicheren Landen.

***

»Auf Wiedersehen, Marschall Bazaine!« hatte Fritz dem Oberstkommandierenden des französisch-mexikanischen Corps zugerufen, als er sich bei San Rafaëlo auf das ihm gestohlene Pferd geworfen hatte und geflüchtet war.

Und in der That – er sollte den Marschall noch einmal wiedersehen! – –

Es war an einem der letzten Oktobertage im blutigen, ruhm- und siegreichen Jahre 1870. Die bleiche Herbstsonne zauberte etwas wie einen letzten schwermütigen Sommertraum über die Erde und warf verstreute Lichter ihres Goldschimmers auch in ein kleines Gemach des Mairiegebäudes von Verny bei Metz. Es war ein freundlich eingerichtetes Zimmerchen mit einem großen Himmelbett im Hintergrunde und einem gemütlichen Sorgenstuhl am Fenster, in dem, sorglich in Decken gewickelt, ein blasser junger Mann saß.

Das war unser Held aus den stürmischen Tagen von Mexiko, und neben der silbernen Verdienstmedaille Maximilians schmückte nunmehr auch das Eiserne Kreuz seine Brust.

Sein Wunsch, in eine deutsche Armee treten zu können, war in Erfüllung gegangen. Ein preußisches Kavallerieregiment nahm den mexikanischen Lieutenant und ehemaligen Kurier Kaiser Maximilians als Avantageur an – und ehe noch an den Ufern des Rheins die Kriegsdrommeten schmetterten, war Fritz Offizier geworden.

Furchtbar brach über Napoleon das Gottesgericht herein. Der unglückliche Herrscher, der dank der französischen Treulosigkeit auf den Felsen von Queretaro hatte sein Herzblut vergießen müssen, und die arme kaiserliche Dulderin, die Napoleons Wortbruch in unheilbaren Wahnsinn getrieben – sie sollten von stammesverwandter Hand bitter gerächt werden. Und wie Napoleon selbst, so sollte auch seinen hilfsbereiten Vasallen Bazaine, der alles gethan hatte, um Maximilian zu verderben, sein Schicksal erreichen. Nach seiner Rückkehr aus Mexiko blühte ihm zunächst die unzweideutige Ungnade seines Monarchen; den Gerüchten über die kein Mittel verschmähende Geldsucht und die selbstsüchtigen Sonderpläne Bazaines hatte auch Napoleon nicht das Ohr verschließen können. Erst 1869 wurde er wieder in Gnaden aufgenommen und als Kommandeur der Kaisergarde nach Paris berufen. Bei Beginn des deutsch-französischen Feldzugs erhielt er den Oberbefehl über das dritte Corps. Im August 1870 versammelte er, einsehend, daß die Mosellinie nicht mehr zu halten war, und immer noch hoffend, sich bei Châlons mit der Armee Mac Mahons vereinigen zu können, seine Truppen bei Metz. Durch die Schlachten bei Colombey-Nouilly und Mars-la-Tour-Vionville verzögerte sich jedoch der Abmarsch seines Heeres, das am 18. August bei Gravelotte geschlagen und nach Metz hineingeworfen wurde. Bazaine versuchte umsonst, den ihn enger und enger umschließenden Eisenring der deutschen Streitkräfte zu durchbrechen – es blieb ihm endgültig nichts übrig, als sich mit seiner gesamten Macht und allem Kriegsmaterial dem Prinzen Friedrich Karl von Preußen zu übergeben.

Bei Vionville war Fritz verwundet worden. Im Lazarett hatte ihn die Tochter seines Quartierwirts, die nach ihrem gefangenen Bruder suchte, wiedererkannt und dafür gesorgt, daß er seine Rekonvaleszenz in ihrem väterlichen Hause verleben konnte, wo ihn liebevolle und gewissenhafte Pflege umgab. Um Ana von Hallstädt, die noch immer im Hause seines ehemaligen Chefs in Bonn lebte, nicht zu beunruhigen, hatte er ihr anfänglich nichts von seiner Verwundung geschrieben, bis sie es schließlich durch die offiziellen Listen erfuhr. Und so geschah es denn, daß am letzten Oktobertage ein großer Reisewagen vor dem Mairiegebäude von Verny hielt, und daß Fritz die Freundin wenige Minuten später voll jubelnder Herzensfreude begrüßen konnte.

Was hatte man sich nicht alles zu erzählen! – Ana saß Fritz gegenüber am Fenster, und ihm war, als habe sein guter Engel sich eingefunden, um ihm endliche Genesung zu bringen. Er fühlte sich so wohl und glücklich, daß in seine blassen Wangen die erste helle Röte trat. Und voll und goldig schien die Sonne in das Zimmer, und draußen vor dem Hause spielte der Herbstwind mit den schon buntgefärbten Ahornblättern und trieb sie lustig durch die Luft.

Doch plötzlich wurde es lebendig auf der Landstraße. Eine ganze Kolonne gefangener Franzosen rückte an, die nach der Grenze transportiert werden sollten, zum teil ernst und niedergeschlagen ausschauende Leute in zerrissenen und beschmutzten Uniformen, zum teil heitere Burschen, die unbekümmert ihr Pfeifchen rauchten und lachend miteinander plauderten. Jetzt teilte sich der endlos scheinende Zug; man wich rechts und links zurück; Feldgensdarmen sprengten die Chaussee hinab, ein Zug Kürassiere folgte – dann ein geschlossener Wagen – und gerade, als dies Gefährt an dem Mairiehäuschen vorüberfuhr, sah Fritz, der sich in seinem Krankenstuhle aufgerichtet hatte, hinter der trüben Scheibe des Wagenfensters ein blasses, gedunsenes Gesicht – und beider Augenpaare trafen sich – –

Es durchschauerte Fritz. Unter der Sonne Mexikos hatte er vor drei Jahren den Marschall Bazaine zum erstenmale gesehen – blitzschnell huschten die Bilder der Erinnerung an ihm vorüber. Das Felsenthal am Hange des Pic von Orizaba that sich wieder vor ihm auf – er sah die weißen Häuser von San Rafaëlo leuchten, und die Kolonne des französischen Corps rückte staubwirbelnd heran. Und wieder hörte er die schnarrende Stimme des Majors Richebourg und das fettige, etwas asthmatische Organ Bazaines – man spöttelte darüber, daß er sich als »Deutscher« zu erkennen gegeben hatte . . .

Als Deutscher! Jetzt hatte Bazaine die deutsche Faust kennen und fühlen gelernt, der arme Marschall, den man nach Cassel in die Gefangenschaft führte. Es zuckte auf im Herzen Fritz Bergers. Hochmut, Ehrgeiz und schnöde Gewinnsucht – die stolzen mexikanischen Träume Bazaines, der Maximilian stürzen half, weil er selbst nicht zur Herrschaft gelangen konnte – das alles war untergegangen wie des Marschalls glorreiche Armee. Und nichts war geblieben, nichts – nicht einmal die Hoffnung auf bessere Zeiten. Was dem Gefangenen von Metz noch blühte, war der Undank seiner Landsleute, Schmach, Schande, Entehrung, die öde Festungshaft auf St. Marguerite und ein einsamer Tod auf fremder Erde. – –

Und unwillkürlich kehrte der Gedankenflug Bergers nach Queretaro zurück – – schwer ruhte die Hand Gottes auf denen, die Maximilian in den Tod getrieben hatten. –

Ana stand dicht hinter Fritz – ihre Rechte berührte seine Schulter.

»So nachdenklich, Fritz?« sagte ihre liebe Stimme. »Hat der Anblick Bazaines die Erinnerung in Ihnen geweckt?«

Er drückte ihre Hände.

»Ja, Anna,« erwiderte er, »es war so. Aber lassen wir die Vergangenheit ruhen und denken wir an die Zukunft! Wir haben noch ein ganzes langes Leben vor uns, wir sind noch im Lenz. Auch dieser heiße Krieg wird zu Ende gehen, und Gott wird mich schützen. Dann kehre ich zu Ihnen zurück und –«

Unter seligem Lächeln errötend, legte sie ihre Rechte auf seinen Mund.

»Still,« sagte sie leise; »noch sind Sie Patient, lieber Fritz, und ich habe nicht umsonst die weite Reise unternommen. Respekt vor Ihrer Pflegerin! Seien Sie artig und setzen Sie sich – ich hole die Medizin.«

Er gehorchte, und ihr strahlendes Antlitz zauberte gleichsam als Wiederschein auch auf sein Antlitz ein glückliches Lächeln. Er dachte an kommende Zeiten.