Die Erbschleicherinnen

Erstes Kapitel.

In dem Damenabteil zweiter Klasse des durchgehenden Wagens Ala-Berlin waren alle Vorhänge zugezogen und die blauen Lichtschirme über der trübflackernden Oellampe heruntergeklappt. Es war zwischen fünf und sechs Uhr morgens; draußen begann es zu dämmern, der Regen klatschte gegen die Scheiben und trommelte auf dem Dache des Wagens.

Auf der kürzeren der beiden Polsterbänke lag eine sehr dicke ältere Dame ausgestreckt. Ihre Frisur hatte sich aufgelöst, und zwei dünne Zöpfchen baumelten über die Lehne hinaus vor der polierten Tür des Toilettenkämmerchens auf und nieder wie zwei ansehnliche Rattenschwänzchen. Sie hatte sich die Taille und das Korsett aufgeknöpft, eine Reisedecke über sich gebreitet und die Füße in formlosen schwarzen Samtpantoffeln stecken, von denen jedoch der eine heruntergefallen war und einen schwarzen Strumpf sehen ließ, aus dem die große Zehe ziemlich weit herausschaute. Diese gute Dame schnarchte fürchterlich. Sie hatte den Mund weit offen, und ihre feisten Hängewangen wackelten gleichmäßig im Takt, den der rasselnde Zug just angeschlagen hatte.

Jetzt gab es einen kleinen Ruck, der Zug bog in eine Kurve ein und schlug gleichzeitig einen andern Rhythmus an, flott hüpfende Anapästen nach der Melodie weiland König Ludwigs: »Wenn der Mut in der Brust seine Spannkraft übt«. Diese plötzliche Veränderung schien die dicke Dame in ihrer Behaglichkeit zu stören; der Mund schnappte zu, sie warf das Haupt mit einem tiefen Seufzer auf die andere Seite und stieß mit dem linken Fuß aus.

Die unglückliche junge Dame, welche auf demselben Polster am Fenster die ganze Nacht aufrechtsitzend in arger Bedrängnis hatte verbringen müssen, fuhr, von dem kräftigen Stoß in die rechte Hüfte getroffen, erschreckt zusammen, rieb sich die Augen und blickte verstört umher. Ein trauriger Blick streifte ihre umfangreiche Nachbarin, sie seufzte, zog sich die Handschuhe aus und begann ihr Genick, das ihr von dem langen Sitzen mit vorgebeugtem Kopf ganz steif geworden war, mit den Fingern zu reiben. Dann schob sie die Vorhänge ein wenig auseinander und schaute hinaus. Grau, grau! Weite Ebene ohne Baum und Strauch. Der Regen drückte den Rauchschweif aus der Lokomotive zu Boden nieder, daß er wie aufgeleimt auf dem öden Ackerfeld zur Seite des flachen Bahndammes klebte. Trostlos!

Fröstelnd drückte sie sich wieder in ihre Ecke, kreuzte die Arme über der Brust und gähnte. Sie schloß die Augen; aber an Schlaf war in ihrer unbequemen Stellung doch nicht mehr zu denken, und als bald darauf ein langgezogener, wehklagender Pfiff der Lokomotive anzeigte, daß sie sich einer größeren Station näherten, richtete sie sich wieder auf und schob die Gardine zurück.

»Du, Kathi,« klang's da vom gegenüberliegenden Polster her, und gleichzeitig bekam sie einen leisen Puff gegen das Knie, »magst nimmer schlafen?«

»I möcht' schon, aber die laßt mich ja net!« gab die also Angeredete zurück und deutete mit einem drollig bekümmerten Blick auf ihre schnarchende Nachbarin. »Die ganze Nacht hat s' mi pufft mit ihre Elefantenfüß.«

»Ja, und schnarchen tut s' wie a Nilpferd«, erwiderte das andere junge Mädchen, das noch lang ausgestreckt dalag und gähnend die Arme aufwärts reckte.

»Na weißt, Lizzi, du kannst doch net klagen. Wie hast denn du dees ang'stellt, daß di so bequem niederg'legt hast?« versetzte die große Kathi. »I hätt' mi net traut, wo doch die Dame da sich z'erst ausg'streckt hat.«

Lizzi richtete sich leise kichernd auf, winkte die Schwester näher heran und flüsterte ihr, sich zu ihr hinüberbeugend, ins Ohr: »Du, des ham mir schlau g'macht: z'erst hab' ich bloß a biß'l die Knie 'raufzogen und dann nach 'er halben Stund hab' i ein Bein vorg'streckt und wieder nach 'er halben Stund dees andre – und dabei hab' i mi g'stellt, als ob i fest schlafen tät, hab' an tiefen Schnaufer getan und mi auf die andre Seiten 'rumgedreht, daß s' hat meinen müssen, i wüßt' von nix. I hab's wohl g'hört, wie's Au geschrien und g'schimpft hat, aber was kann denn i dafür, was i im Schlaf tu'! Mit beide Füß bin i auf ihr drauf g'legen, aber z'letzt is ihr dees doch z'viel worden und nah hat's ihre magern Steckerln fei 'runter tun müssen, siext's!«

Mit schadenfrohem Gekicher wandten sich die beiden verschlafenen Mädchenköpfe einer hageren, mittelalterlichen Dame zu, die in höchst unbequemer Stellung, den Kopf wie eine geknickte Lilie vornüber hängen lassend, halb hockend, in der rechten Ecke lag.

»A geh, du bist a rechte Kecke«, sagte Kathi, mit einem halb neidischen, halb bewundernden Blick an der jüngeren Schwester herabsehend, die sich eben anschickte, ihre verdrückten Gewänder glattzustreichen.

Da hatte jene das Loch im Strumpf der dicken Dame entdeckt und packte eifrig unter neuem Gekicher die Schwester am Arm. »Uijegerl, Kathi, da schau!« flüsterte sie, auf die große Zehe deutend, »geh, nimm fürchterliche Rache und kitz'l dees Ungeheuer a weng an der Fußsohl'.«

Kathi fuhr ordentlich entsetzt zurück über eine solche Zumutung. »O mei, na, dees brächt' i net fertig!«

Lizzi zuckte die Achseln, streckte vorsichtig eine Hand vor und da – kribbel, krabbel – war die finstere Tat vollbracht! Die dicke Dame zuckte zusammen und stieß einen unwilligen Laut aus, der wie das Aufbellen eines großen Hundes im Traume klang, schnarchte aber gleich darauf ruhig weiter. Lizzi war von diesem geringen Erfolg ihres Unternehmens nicht recht befriedigt und wollte eben zu stärkeren Reizmitteln übergehen, als der Zug hielt und gleichzeitig die dürre Dame in der andern Ecke sich zu regen begann.

»Wo sind mer denn?« rief Lizzi halblaut, indem sie sich dem Fenster zuwandte und die Gardinen zurückzog. Sie rieb sich noch einmal die Augen, und dann buchstabierte sie den Namen »Bitterfeld«.

Die beiden Mädchen traten an die Tür und blickten, einander umschlungen haltend, hinaus. Etwas Oederes hatten sie in ihrem Leben noch nicht gesehen als diesen Bahnhof in der grauen nebligen Morgendämmerung, diese Fabrikessen und diese traurige Ebene dahinter.

»Du, Kathi,« begann Lizzi, nachdem sie eine ganze Weile stumm hinausgeschaut hatten, »da wohnen auch Menschen! Unbegreiflich! Net amal begraben möcht' ich mich hier lassen. Je, was is denn, was hast denn, Kathi?«

Kathi weinte. Große Tränen liefen ihr über die blassen Wangen. Es zuckte ihr um Nase und Mund, und vergeblich suchte sie sich zu beherrschen. Es half auch nichts, daß sie eiligst das verknüllte, feuchte Taschentuch hervorzog und sich heftig schneuzte. Sie mußte ein paarmal laut aufschluchzen. Dann zog die jüngere Schwester sie neben sich auf den Sitz nieder, schlang ihren Arm unter dem ihrigen durch, drückte sich eng an ihre Seite und fragte liebevoll: »Ja, was is denn mit dir, Kathi, was hast denn alleweil wieder? Jetzt sind mer doch bald da – das Weinen hilft doch auch z'nix mehr.«

»Freilich wohl, weiß schon,« schluchzte das große Mädchen, mit beiden Händen vor den Augen, »recht dumm is; aber mer weiß doch net, wie's kommt unter lauter fremde Leut'. Die ganze Nacht fahrt man immer weiter weg von der Heimat und nachher, wann mer d' Augen auftut und 'nausschaut, nah liest ma: Bi–i–i–itterfeld! Dees klingt so – so hoffnungslos.«

Lizzi machte einen schwachen Versuch die törichte Schwester auszuspotten, aber es gelang ihr schlecht, denn ihr standen selbst die Augen voll Tränen, und nun sie die Schwester darauf aufmerksam gemacht, kam es ihr selbst so vor, als ob in dem Namen »Bitterfeld« eine böse Vorbedeutung liegen müsse. So streichelte sie also nur still der Kathi über den Handrücken und half ihr weinen.

Die lange hagere Dame, die durch Lizzis Tücke so schnöde um ihre Nachtruhe gebracht war, begann jetzt munter zu werden, setzte sich steif aufrecht und starrte mißbilligend die weinenden Schwestern von der Seite an, als ob sich so etwas in ihrer Gegenwart nicht schicke. Dann holte sie Kamm und Taschenspiegel hervor und begann ihre spärlichen Stirnlöckchen zu frisieren. Jetzt trapste ein Mann über das Wagendach und löschte die Lampe aus, denn es war allmählich leidlich hell geworden, und dann gab's einen Ruck, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Davon wachte auch die dicke Dame auf. Mit Anstrengung brachte sie sich in sitzende Stellung, schaute sich blöde und verschlafen um, sperrte ungeniert ihre üppige Fülle wieder in die bergenden Hüllen ein und verschwand dann, sich mühsam durch die enge Pforte drängend, in dem kleinen Kabinett – ein Anblick, der so lächerlich war, daß selbst die säuerliche Dame in der Ecke ein flüchtiges Grinsen nicht unterdrücken konnte und Lizzi trotz ihrer Tränen laut herauskicherte. Erst als die dicke Dame nach einigen Minuten von ihrem Morgenausflug zurückkehrte, bemerkte sie, daß ihr der rechte Pantoffel fehle. Sie zog einen Kneifer hervor, quetschte ihn auf das breite Näschen, spähte am Boden umher und setzte sich dann resigniert auf ihren Platz. »Ach, liebes Fräulein,« begann sie, »hätten Sie wohl die Freundlichkeit …«

Ehe sie noch ausreden konnte, hatte Lizzi schon den Verlorenen unter der Bank entdeckt und sich danach gebückt.

»Danke schön, mein Kind, danke«, sagte die Dicke dann freundlich und klopfte dem Mädchen, als es sich erhob, auf die Schulter. »Je kiek, was ist denn das, wir haben wohl gar geweint?«

»Ja, ein bissel schon«, erwiderte Lizzi verlegen lächelnd, indem sie sich wieder neben die Schwester setzte.

»Hm, hm, hm,« machte die Dame, und dann bückte sie sich ächzend herab, um den Pantoffel über den Fuß zu streifen, dabei ward sie der herausschauenden großen Zehe gewahr und brummte ärgerlich: »Tje süh! Die gewebten Strümpfe taugen auch rein gar nichts. Lauter nichtsnutziges Zeugs, was man so kauft. Die selbstgestrickten sind doch immer noch die besten.«

Die Anstrengung des Bückens und der Zorn über die Leichtfertigkeit des Strumpfwirkergewerbes hatten der guten Dame einen hochroten Kopf eingetragen, und als sie sich pustend wieder aufrichtete, konnte sie bemerken, daß die beiden großen Mädchen mit Mühe das Lachen verbissen.

»Tja,« rief sie in gutmütiger Entrüstung sich auf die Knie schlagend, »darüber lacht ihr junges Volk nu; wahrscheinlich könnt ihr selber gar keinen ordentlichen Strumpf mehr stricken.« Die Kathi wollte etwas einwenden, doch ließ sie die freundliche Dame nicht zu Worte kommen, sondern fuhr mit einer begütigenden Handbewegung lächelnd fort: »Laßt man gut sein, Kinnings, es ist mir lieber, ihr lacht mich aus, als daß ihr Tag und Nacht sitzt und heult. Jawoll, ich hab' schon gleich ein Aug' auf euch gehabt, wie ihr gestern abend in München eingestiegen seid. Wie ich euch da hab' Abschied nehmen sehen von der alten Frau … Igittigitt, so was von Tränen – das war schon gar nicht mehr schön! Da hab' ich mir gleich gedacht: na, die reisen auch nicht zu ihrem Vergnügen, und in Schwarz gehen sie auch – das werden woll so 'n paar arme Würmer sein, die zum erstenmal in die weite Welt hinaus sollen und ihr Glück probieren. Hab' ich da recht in?«

Die beiden Schwestern nickten traurig und sahen einander an, und dann entschloß sich die ältere, die zaghafte Kathi, Antwort zu geben.

»Jawohl, 's is schon so, gnädige Frau haben ganz recht, wir sind Waisen. Der Vater is schon lang tot, den hab'n wir gar net gekannt, und d' Mutter is erst kürzlich g'storben. Die alte Frau, die uns am Bahnhof bracht hat, dees is unser alte Dienerin, die schon zwanzig Jahr lang bei uns g'wesen is. Geld hab'n mir keins, und da soll'n wir halt jetzt zu reiche Verwandte in Berlin, die wir noch gar net kennen. Und da is uns halt … net wahr, Lizzi?« Sie fuhr sich wieder mit dem Taschentuch über die Augen und drückte die Hand der Schwester.

»Aha, so ist die Geschichte also. Na, und da is euch nu 'n bißchen bang vor«, versetzte die Alte teilnahmvoll. »Na, Kopf hoch, Kinnings, das wird jawoll allzu schlimm nicht werden. Es ist ganz gut, wenn man in jungen Jahren ein bischen in der Welt herumkömmt. Ich bin auch mit achtzehn Jahren schon zu Verwandten nach Carracas in Venezuela geschickt worden, also noch 'n bischen weiter als bloß von München nach Berlin. Igittigitt! Was hab' ich da geheult! Und dann wurd's doch ganz fidel – und dann kriegt ich ja auch bald meinen seligen Mann da draußen. Ich bin nämlich die Frau Konsul Thormälen aus Hamburg, und jetzt komm' ich eben zurück von Besuch bei meinem Schwiegersohn. Der hat 'n Geschäft in Mailand. Tja, so kommt man herum in der Welt. Das ist ganz nett, dabei bleibt man hübsch mobil. Na, nu kommt mal her, setzt euch hier zu mir, nu wollen wir mal erst 'n bischen frühstücken und dann woll'n wir uns was erzählen – dabei kömmt man auf andre Gedanken.«

Sie holte aus ihrer Reisetasche eine Flasche Wein mit Glas, belegte Brötchen, sowie einiges Obst hervor, und die beiden Schwestern ließen sich denn auch nach einigem bescheidenen Zögern bewegen, an der frühen Mahlzeit – es war kaum sechs Uhr – teilzunehmen. Die Butterbrote waren wohl ein wenig trocken geworden, das hinderte aber nicht, daß sie mit gutem Appetit verzehrt wurden. Der schwere Wein erwärmte ihnen das Blut und löste ihre Zungen, so daß bald eine lebhafte Unterhaltung im Gange war. Die steife, hagere Dame in der Ecke blickte einigermaßen neidisch hinüber; sie hatte säuerlich dankend die freundlich angebotene Mahlzeit abgelehnt.

»Na, nun sagt mir auch mal, wie ihr heißt, Kinnings,« fragte die Frau Konsul im Laufe des Gesprächs; »die Welt ist ja schließlich gar nicht so groß, und man findet überall Beziehungen heraus.«

Die beiden jungen Mädchen empfanden die Wißbegier der alten Dame durchaus nicht als unangenehme Zudringlichkeit, sondern waren im Gegenteil recht froh, von sich und ihren Verhältnissen sprechen zu dürfen, und so hatten sie bald ihre ganze einfache Lebensgeschichte zum besten gegeben. Sie hießen Katharina und Elisabeth Mödlinger, der Vater war ein viel an deutschen Theatern herumgekommener Sänger und Schauspieler gewesen, die Mutter, eine Norddeutsche, Tochter eines höheren Beamten, die dem schönen Manne und liebenswürdigen Künstler aus romantischer Neigung gefolgt und dadurch mit ihrer bürgerstolzen, tugendhaften Familie ganz zerfallen war. Auch als nach wenigen Jahren einer glücklichen Ehe der Gatte in München starb, hatte sich die wohlhabende Familie nicht mehr viel um die Frau gekümmert, so daß sie sich und ihre beiden Töchter nur in harter Arbeit, durch Unterricht in Sprachen und Musik, leidlich anständig durchzubringen vermocht hatte. Die Mutter war erst vor wenigen Monaten gestorben, ohne Vermögen zu hinterlassen, und nun waren sie darauf angewiesen, die ihnen angebotene Zuflucht im Hause des ältesten Bruders ihrer Mutter, des Geheimrats und Professors Doktor Riemschneider in Berlin anzunehmen, der durch eine Heirat mit einer reichen Kaufmannstochter sehr wohlhabend geworden war und keine Kinder hatte.

Die Frau Konsul Thormälen besann sich: »Riemschneider, hm, nee, Riemschneider kenn' ich nich. Ich kenn' sonst viele Menschen in Berlin, aber unter der Gelehrtenwelt freilich … die Leute halten sich gar so exklusiv. Unsre Bekannten sind alle Kaufleute oder Industrielle, auch ein paar Beamte natürlich, sogar zwei Offiziersfamilien – so was hat man ja immer in die besseren Kreise. Aber wartet mal: was ist denn die Frau Professor Riemschneider für eine Geborene?«

Die beiden Mädchen besannen sich, konnten aber nicht auf den Namen kommen, und sie wußten nur, daß der Vater der Tante eine Leinenfabrik oder so etwas in Bielefeld gehabt hatte.

»Na seht ihr, den hätt' ich nu sicher gekannt!« sagte die alte Dame. »Vor Professoren und so etwas hab' ich selbst 'n bischen Bange, besonders vor den glattrasierten, die einen so über die Brille ankieken. Aber heutzutage gibt es ja auch unter solche Leute ganz menschliche Individibums, hehehe! – Das wird wohl allzu schlimm nich werden, und wenn der Mann viel Geld und keine Kinder hat, na, denn würd' ich mich an eurer Stelle fein und schlau aufs Erbschleichen verlegen.«

»O mei!« rief Kathi ganz erschrocken.

Die dürre Dame rümpfte verächtlich die Nase und murmelte etwas vor sich hin, während Lizzi vergnügt auflachte und sagte: »Wissen S', Frau Konsul, dees trau'n wir uns net. Der Onkel hat uns vor a paar Jahr in München b'sucht, das erste und einzige Mal, und da hab'n mir so Angst kriegt, daß mir uns gar net amal zum lachen getraut hab'n, wann er uns so wohlwollend über d' Brillen ang'schaut hat. Wissen S', dees is so aner.«

»Was is er denn für ein Professor?« warf die Alte dazwischen.

»Jurist, glaub' ich«, erwiderte Kathi.

Da räusperte sich die Hagere in der Ecke und sagte mit spitzer, hoher Stimme das eine Wort: »Kirchenrecht«.

»Hu!« machte die Frau Konsul komisch erschrocken, und starrte die Sprecherin an, »Sie kennen ihn also?«

Die zuckte die Achseln und rümpfte wieder die Nase. »Ein so berühmter Name in der wissenschaftlichen Welt! Persönlich habe ich leider nicht die Ehre. Aber ich habe Beziehungen zu nahestehenden Kreisen."

Die beiden Mädchen hatten sich in die Ecke gedrückt und flüsterten miteinander, und die Frau Konsul rückte ihnen nach, klopfte Kathi auf den Arm und lachte gutmütig.

»Na, man keine Bange, Kinnings, das Fräulein da wird jawohl nicht gleich petzen. Und dann« – fuhr sie leiser fort, denn sie mochte jetzt auch nicht mehr gern von der gefährlich dreinblickenden Dürren gehört werden – »mit dem Erbschleichen da hab' ich natürlich man Spaß gemacht; am besten ist's immer, man kann sich auf eigene Füße stellen. Ob man 'n Mann kriegt, das ist schließlich auch 'ne unsichere Geschichte, wenn man kein Vermögen hat. Aber ihr habt doch gewiß etwas gelernt, und Talente müßt ihr doch auch haben von den Eltern her, so was ist schließlich auch 'n Vermögen.«

Die Schwestern sahen einander zweifelnd an, und Lizzi erwiderte nach kurzem Bedenken für beide: »Ich glaub', damit ist's grad net weit her bei uns, gelt, Kathi? G'lernt hab'n mir schon was, aber vom Klavierspielen hat d' Mutter grad außerm Haus schon g'nug g'habt, und daß wir uns für die Bühne ausbilden lassen hätten, dees hat's net leiden mög'n, weil's sonst mit die vornehmen Verwandten draußen im Reich gleich gar g'wes'n wär'.«

»Hm, hm,« machte die Alte nachdenklich, »na, da heißt's eben abwarten und Tee trinken. Zum Davonlaufen ist's ja immer noch Zeit, wenn's anders gar nicht mehr gehen will. Wenn ihr mal nicht mehr ein und aus wißt, dann schreibt mal an mich, Kinnings. Für so hübsche junge Mädchens, wie ihr seid muß sich doch schließlich immer noch irgendwo ein warmes Plätzchen finden lassen.«

Die Schwestern waren sehr gerührt über die ihnen so warm entgegengebrachte Teilnahme, und Kathi nahm mit vielem Danke die ihr überreichte Visitenkarte der Frau Konsul entgegen und brachte sie sorgfältig in ihrem Umhängetäschchen unter.

Wittenberg und Jüterbog waren passiert, und der Eilzug näherte sich der Reichshauptstadt. Die Sand- und Kiefernheide verschwand, und es begann das weite Gebiet der Vororte mit ihren Villenkolonien und Fabrikschloten. Immer häufiger und aufgeregter schrillten die Pfiffe der Lokomotive, so oft der Zug über die zahlreichen Weichen hinwegrasselnd an den kleinen Stationen vorübersauste. Kathi und Lizzi hatten beide die Fensterplätze eingenommen und schauten eifrig hinaus. Der Regen hatte aufgehört, aber die Sonne war noch nicht durchgedrungen. Grau und unfreundlich blieb's da draußen wie bisher, und mit keinerlei landschaftlichen Reizen vermochte die neue Heimat das Herz der frischen Ankömmlinge für sich einzunehmen. Sie hatten nicht übel Lust, sich aufs neue ihrer trostlosen Stimmung hinzugeben, aber sie schämten sich vor ihrer freundlichen Hamburger Trösterin, und dann war es auch hohe Zeit, ein bißchen Toilette zu machen. Mit dem angefeuchteten Taschentuche wurden die Augen geputzt, das zerzauste Haar ein wenig glattgestrichen, die Hüte aufgesetzt und das Handgepäck zurechtgelegt. Und nun donnerte der Zug in die mächtige, weite Halle des Anhalter Bahnhofes hinein.

Die dürre Dame verließ zuerst mit einem steifen Kopfnicken das Kupeé und hüpfte auf den Bahnsteig hinunter. Dann ergriff die Frau Konsul die beiden Mädchen bei der Hand, drückte sie fest und sagte herzlich: »Nanu atjüs, Kinnings. Fliegt in die Arme eures liebenden Onkels – soll mich sehr freuen, wenn wir uns mal wiedersehen. Macht's gut, und Gott schütze euch!« Damit drängte sie die gerührt ihren Dank stammelnden Mädchen zu der schmalen Tür hinaus.

Da standen sie nun auf dem Bahnsteig und schauten ängstlich rechts und links um, aber die hohe, steif emporgestreckte Gestalt ihres Onkels, sein würdevolles Haupt mit dem grauen Backenbart und der goldenen Brille konnten sie nirgends entdecken. Schon wollten sie dem Ausgang zuschreiten, um nach der Wohnung des Professors zu fahren, als eine große, sehr starke Dame mit einem etwas grobknochigen Gesicht, sehr nobel in Plüsch und Seide gekleidet, auf sie zurauschte und sie fragte, ob sie nicht die Schwestern Mödlinger aus München seien. Auf ihre Bejahung legte die Dame ihre fleischigen Züge in möglichst freundliche Falten und sagte: »Dann heiße ich euch in eurer neuen Heimat willkommen. Ich bin eure Tante, liebe Kinder; euren Onkel müßt ihr schon entschuldigen, er ist gestern abend erst spät von einem Souper bei Seiner Exzellenz dem Kultusminister nach Hause gekommen und hat sich eine kleine Indigestion zugezogen.« Sie beglückte jede der Nichten mit einem kühlen Kuß auf die Wange, und dann fuhr sie fort: »Ihr habt doch hoffentlich euren Gepäckschein nicht verloren – nein? So, das, ist recht, daß ihr ordentlich seid; junge Mädchen sind oft so …« Ein jämmerliches, dünnes Gequiek verhinderte sie an der weiteren Ausführung ihrer Betrachtung, und gleichzeitig schwirrte ein kleiner weißer Wollkloß auf vier Beinen ein-, zwei-, dreimal um sie herum und wickelte die rote Schnur, an der er befestigt war, spiralförmig um ihr schwarzseidenes Gewand.

»O, mein armer kleiner Dolli, was haben sie dir wieder getan?« rief die Geheimrätin in jenem mitleidigen Jammerton, wie man zu ganz kleinen Kindern spricht. »Wollen wir die bösen Menschen hauen? Hau, hau!« Dabei machte sie die Gebärde des Klapsens in unbestimmter Richtung und holte dann mit einiger Anstrengung ihren Liebling unter ihrem Kleidersaume hervor, worunter er sich in seiner Angst verkrochen hatte. Lizzi sprang herbei und wickelte sie aus der Umschlingung der roten Schnur heraus, denn sie sah ganz richtig voraus, daß der Tante ohne diese Hilfeleistung allerlei Schwierigkeiten und Verlegenheiten erwachsen mußten. »Danke schön, mein Kind«, sagte die große Dame, als sie ihr Kleinod glücklich auf den Armen hielt, und dann untersuchte sie durch ängstliches Betasten das kleine Hundevieh. »Gott sei Dank, du habchen tein Beinchen debrochen, du binschen ganzchen heil, mein süßer Verzug! – Hier stelle ich euch meinen Freund Dolli vor; das heißt, eigentlich heißt er Joli – parce qu'il est si joli, vous savez – ihr versteht doch wohl Französisch? Die Menschen sind immer so gräßlich roh so kleinen, zarten Geschöpfen gegenüber – nicht wahrchen, mein Schneeballchen? Du binschen so klein und niedlich, daß man dich gar nicht sieht.«

Kathi hielt es für angemessen, dem süßen Joli einige Höflichkeit zu erweisen und sagte: »Je, du bist aber a nett's Viecherl«, indem sie das weiße Wollknäuel an derjenigen Stelle zu streicheln versuchte, wo sie den Kopf vermutete. Aber da kam sie übel an. Mit einem wütenden, schrillen Geknurr fuhr das stumpfe Schnäuzchen aus dem Lockenwust heraus, und die spitzen Zähnchen schnappten nach ihren Fingern, die sie kaum schnell genug zurückziehen konnte. Die Geheimrätin lachte hell auf – ein sonderbares Lachen war es, so etwa: »Bruh hi-i-i-i-i-i! Pfui, du böser Süßling, wer wird denn gleich! … Ja, da seht ihr, mein Joli ist nicht wie andere Hunde, daß er sich von jedem ersten besten schön tun ließe, ihr müßt euch sein Vertrauen erst verdienen. – Geh, sei gut, Mama hat zu tun.« Und damit setzte sie das kleine Ungeheuer sorgfältig wieder auf den Boden und winkte einen vorübergehenden Gepäckträger herbei, um ihm die Besorgung des Gepäcks ihrer Nichten aufzutragen.

In diesem Augenblick bemerkten die beiden Mädchen ihre korpulente Reisegefährtin, die, mit einer Menge Handgepäck beladen, dicht an ihnen vorbeiwatschelte.

»O, Frau Konsul, darf ich Ihnen net 'was abnehmen?« rief Lizzi aus, indem sie ihre freie Hand dienstbereit ausstreckte, um eine Hutschachtel zu ergreifen.

»Ja, wenn Sie so gut sein wollen, mein Kind; da, bitte, nehmen Sie das.«

Sei es nun, daß die Frau Konsul das Band der Hutschachtel zu früh losgelassen oder Lizzi ungeschickt zugefaßt hatte, kurz und gut, die umfangreiche Pappschachtel fiel herunter und unglücklicherweise gerade auf das Hinterteil des liebenswürdigen Joli, der just im Begriff war, einen neuen Rundlauf um die junonische Gestalt seiner Herrin anzutreten. Der »Süßing« stimmte ein noch ärgeres Wehgeschrei an als vorhin, und die Geheimrätin flog ihm zu Hilfe, indem sie die Hutschachtel mit dem Fuß weit fortstieß und, sich rasch herniederbeugend, ihren Liebling in die Arme nahm. Sie richtete sich hoch auf und maß die Uebeltäterin, während sie Joli fest an ihren Busen drückte, mit einem vernichtenden Blicke.

»Sie hätten Ihren Koffer doch wohl irgendwo anders hinschleudern können, meine Dame, als gerade auf mein unschuldiges Hündchen«, knirschte sie empört.

Die Frau Konsul bekam einen roten Kopf, blickte ihre Gegnerin fest an und versetzte prompt: »So, meinen Sie? Erstens mal Pflege ich meine Sache nicht zu schleudern, und zweitens ist das gar kein Koffer, sondern man bloß eine federleichte Hutschachtel, wo Ihr miserabler Köter durchaus keinen Schaden von nehmen kann, selbst wenn ich sie faktisch geschleudert hätte! – Empfehle mich, Frau Geheimrätin; es war mir angenehm, Ihre werte Bekanntschaft zu machen.«

Die Professorin blickte der rasch davonstapfenden kleinen Dame mit verächtlich aufgeworfenen Lippen nach. »Ordinäre Person!« murmelte sie. »Wie kommt ihr bloß zu solcher Bekanntschaft?«

Lizzi war inzwischen vorausgeeilt und hatte die so übel behandelte Hutschachtel aufgenommen. Sobald die Frau Konsul sie eingeholt hatte, riß sie ihr das Gepäckstück aus der Hand und sagte: »Lassen Sie man gut sein, mein Kind, ich will Sie Ihrer lieben Tante nicht entziehen. Wünsche viel Vergnügen und … Ja, was ich sagen wollte, verliert man ja meine Adresse nich, man kann doch nich wissen …«

»Wie meinen S', Frau Konsul?«

»Na, ich meine man!« Und mit einem freundlichen Abschiedsblick, von vielsagendem Zwinkern begleitet, schob die dicke Dame eilig dem Ausgange zu.

Zweites Kapitel.

Der Geheimrat Professor Doktor Riemschneider bewohnte die erste Etage eines vornehmen, neuen Hauses am Schöneberger Ufer. Die bunte Marmorpracht des Einganges und das vergoldete Treppengeländer imponierte den an die Münchener Einfachheit gewöhnten Schwestern ganz gewaltig, und Lizzi konnte sich nicht enthalten, bewundernd auszurufen: »Jesses, Kathi, schau, dees is aber nobel! Wenn ich da an unsere finstere Münchner Stieg'n denk', ui jeh! Gehört das Haus dem Onkel?« fragte sie die vorausschreitende Geheimrätin.

Die wandte sich, geziert lächelnd, zu ihr und erwiderte: »Nein, so weit haben wir's noch nicht gebracht. Wir wohnen hier nur zur Miete und schrecklich teuer, kann ich euch sagen. Ach ja, das bringt unsere Stellung so mit sich! Die Leute sind zu beneiden, die keine so kostspieligen Rücksichten zu nehmen brauchen. Wir müssen eben entsprechende Räumlichkeiten haben für größere Gesellschaften, und die nehmen natürlich den meisten Raum in Anspruch. Vor einem Jahr, als wir hierherzogen, konnten wir ja freilich nicht wissen, welch ein trauriges Ereignis uns nötigen würde, euch zu uns zu nehmen. Wir haben gleich auf drei Jahre gemietet – da werdet ihr euch eben solange behelfen müssen. Ihr müßt nicht etwa denken, daß wir euch jeder ein Schlafzimmer und einen Salon zur Verfügung stellen können. Ich habe euch das Zimmer der Stütze zum Schlafen eingerichtet – die hab' ich natürlich jetzt entlassen, denn wenn man zwei junge Nichten ins Haus bekommt, nicht wahr, braucht man doch wohl keine fremde Hilfe mehr. Ihr seid ja auch, Gott sei Dank, nicht verwöhnt! – So, da wären wir, liebe Kinder. Willkommen in der neuen Heimat! Putzt euch, bitte, die Schuhe recht ordentlich ab, erst auf dem Kratzer und dann auf der Bürste, und dann tretet ein bißchen leise auf, falls euer armer Onkel noch schlummern sollte; er hat eine recht böse Nacht gehabt. Dreimal ist ihm übel geworden. Ich habe auch kein Auge zutun können – ich denke, ich werde mich auch noch 'n bißchen hinlegen.«

Sie waren inzwischen vor der prächtig geschnitzten eichenen Korridortür angekommen, und ein junges, etwas verdrossen aussehendes Dienstmädchen in weißer Latzschürze und einem Hamburger Häubchen auf dem Kopfe hatte auf das energische Klingeln der Gnädigen geöffnet.

Nachdem sie die Prozedur der Fußreinigung nach Vorschrift und unter Aufsicht der Tante vollzogen hatten, traten die jungen Mädchen ein. Der Vorraum war stockfinster, denn die Gasampel, die ihn erleuchten sollte, war heruntergeschraubt bis auf ein Nichts von einem Flämmchen.

»Machen Sie doch Licht, Minna«, fuhr die Geheimrätin im Flüstertöne das Mädchen an. »Sie haben wohl wieder keine Streichhölzer mitgenommen? Sie wissen doch …«

»Der Jas brennt ja noch«, erwiderte Minna etwas schroff, indem sie auf einen Stuhl stieg und den Gashahn an der Ampel aufdrehte.

»Ich hab' Ihnen doch hundertmal gesagt«, begann die Geheimratin etwas lauter, dämpfte aber gleich darauf die Stimme wieder herab und fuhr fort: »Mit Streichhölzern natürlich, da sparen Sie, weil es Ihnen eine kleine Mühe macht, aber das teure Gas wird verschwendet wie unsinnig.«

»Herrjott, Madamken, so kleene wie des Flämmchen war, da können Sie sechs Stunden für 'n Dreier brennen.«

»Minna, Sie werden wieder unverschämt – ein anständiges Benehmen werden Sie wohl nie lernen! Dieses ordinäre ‹Madamken› habe ich mir doch ein für allemal verbeten.«

»Nu ja, von mein'swegen kann ich ja auch ‹jnädige Frau› sagen. Mich is es ja schließlich einjal.«

Die Geheimrätin stieß einen verzweifelten Seufzer aus und wollte eben die Eigenart dieses dienstbaren Geistes vor ihren erstaunt dreinblickenden Nichten entschuldigen, als eine Tür sich öffnete und die hohe Gestalt des Professors scharf, wie aus schwarzer Pappe geschnitten sich vom Tageslicht abhebend, auf der Schwelle erschien.

»Ah, da seid ihr ja endlich«, rief er, den Nichten beide Hände entgegenstreckend: »Na, kommt nur herein und laßt euch anschauen, meine lieben Kinder.« Damit zog er sie über die Schwelle in sein prächtig ausgestattetes Studierzimmer hinein und führte sie bis dicht an eines der hohen Fenster.

Und seine Gattin trat hinter ihn, strich ihm mit der Hand zärtlich über die Schulter und flötete: »Aber nein, Adolfchen, wie lieb von dir! Hast du dich trotz deines leidenden Zustandes herausgemacht, um deine Nichten zu begrüßen! Ist dir auch wirklich besser?«

»Ja, danke, liebe Ida, ich befinde mich den Umständen nach leidlich. Ich habe vor einer halben Stunde einen Löffel doppelkohlensaures Natron eingenommen.«

»Doch wieder Natron!« rief Ida besorgt; »du weißt doch, das verschleimt den Magen auf die Dauer. Du hättest lieber den heißen Umschlag noch eine Stunde lang auf dem Unterleibe liegen lassen sollen.«

»Nun ja, mein Herzchen, freilich«, wehrte der Professor die Gattin milde ab. »Euer liebes Tantchen ist immer gleich so besorgt um mich, hehe! Aber ich werde mich ja wohl mit Gottes Hilfe auch so erholen; ich konnte euch doch nicht mein Haus betreten lassen, ohne euch herzlich willkommen zu heißen. Potztausend, wie seid ihr gewachsen! Und beide fast gleich groß! Ich muß gestehen, hehe, ich weiß gar nicht mehr, welches die Katharina und welches die Elisabeth ist.«

Er sprach Elisabeht aus und glaubte offenbar etwas sehr Scherzhaftes gesagt zu haben, denn er schnitt sehr merkwürdige Grimassen und japste dazu mit sonderbar nach innen gezogenen Schluckstönen. Vermutlich sollte dieses eigentümliche Geräusch ein herzliches Gelächter vorstellen, denn seine zärtliche Gattin fiel sofort mit ihrem lauten, harten »bru-hi-i-i-i-i« ein, das sie aber plötzlich erschrocken abbrach, als sie bemerkte, wie das ledergelbe, langfaltige Gesicht des Geheimrates sich rötete und der Atem ihm röchelnd in der Kehle stecken blieb. Seine zarte Konstitution schien der ungewohnten Anstrengung eines Heiterkeitsausbruches nicht gewachsen zu sein.

»Adolfchen, du tust dir Schaden, denke an dich!« mahnte sie besorgt, indem sie den großen Mann bei beiden Schultern packte und liebevoll auf den nächsten Stuhl, einen weiten, bequemen Ledersessel, niederdrückte. »Ihr müßt euch in acht nehmen, daß ihr euren lieben Onkel nicht mutwillig zum Lachen reizt,« wandte sie sich an die Nichten, »er hat ein so heiteres Gemüt, aber seit er vor drei Jahren die Brustfellentzündung gehabt hat, muß er sich sehr in acht nehmen, daß die inneren Teile nicht erschüttert werden. Aber wir wollen doch ablegen – macht's euch bequem, liebe Kinder, und hängt eure Sachen gleich ordentlich draußen auf. Da, bitte, ihr könnt meinen Mantel auch mit hinausnehmen. Das Futter bitte nach außen kehren.«

Stumm, auf den Zehen fast, schlichen die beiden Mädchen über den weichen Teppich nach der Tür, um ihre bescheidenen Jacken und Hüte sowie den kostbaren, innen mit gestepptem bronzefarbenem Atlas gefütterten Samtdolman der Frau Tante aufzuhängen. Außer einem leisen »Grüß Gott« beim Eintritt war bisher noch kein Laut über ihre Lippen gekommen. Auch während der Fahrt in der Droschke hatten sie keine drei Worte zu sprechen gebraucht, da es der Tante am Herzen lag, sie zunächst einmal mit den vortrefflichen Eigenschaften, Tugenden, Lebensgewohnheiten, Liebhabereien und kleinen Schwächen ihres Joli, des »Süßings«, eingehend bekannt zu machen. Nun standen sie also draußen in dem mattgelb erleuchteten Vorraum allein und drückten leise die Tür hinter sich zu. Mit kläglichen Mienen guckten sie einander in die Augen.

Lizzi puffte die Kathi in die Seite: »Na du, was meinst?«

»I möcht' wieder heim, i fürcht mi so!« Und das große, starke Mädchen, das aussah, als ob es junge Bäume ausreißen könnte, machte ein gar jämmerliches Gesicht und schien nicht übel Lust zu haben, wieder in Tränen auszubrechen.

»A so geh, Kathi, sei stad«, raunte ihr die Lizzi zu, ob ihr gleich selber nicht viel lustiger zumute war, und drückte den vollen Arm der älteren Schwester zärtlich an sich.

Sie standen gerade vor einem Spiegel, und wie sie, zufällig beide gleichzeitig aufschauend, ihre kräftigen Gestalten eng aneinander geschmiegt darin erblickten, hellten sich ihre trüben Mienen auf. Sie bogen die Schultern zurück und reckten die Brust heraus, dann atmeten sie beide gleichzeitig tief auf, lehnten Wange an Wange und standen so ein kleines Weilchen im Anblick ihres Spiegelbildes verloren. Und dann, als ob sie daraus Trost geschöpft hätten, küßten sie sich und gingen wieder in das Studierzimmer des Professors hinein.

Der Großwürdenträger der Wissenschaft war allein. Die große, breitschultrige, aber doch schon ein wenig schwächlich vornüber gebeugte Gestalt in einen langen Schlafrock gewickelt, schritt er in dem hohen, rings mit Bücherregalen umstellten Zimmer langsam einher, gerade auf die Nichten zu. Seine schlaffen, bleichen Züge hellten sich auf, als er die hübschen Kinder, Arm in Arm, hereintreten sah. Er blieb dicht vor ihnen stehen und musterte sie, über die Brille guckend, mit wohlgefällig gespitzten Lippen: »Aha,« begann er gedämpften Tones, »so präsentiert ihr euch gleich ganz anders. Man sieht doch wo und wie, hehe! Uebrigens wir haben uns ja noch gar keinen Kuß gegeben. Also, mein liebes Käthchen – meine liebe Elisabeth, nochmals herzlich willkommen! Und möge euch mein Haus in Wahrheit eine neue Heimat werden.« Er warf einen raschen Blick über die Brille nach jeder der drei Türen und dann zog er erst die Kathi und dann die Lizzi väterlich an sich und küßte sie bedächtig auf den Mund.

Die beiden Mädchen ließen sich's stumm gefallen, wenn sie auch die schmalen, bläulichen Lippen des Oheims etwa mit denselben angenehmen Gefühlen ihrem Mund sich nähern sagen, wie die Zange eines Zahnarztes oder einen Löffel voll bitterer Medizin. Und dann nahmen sie auf die Aufforderung des großen Mannes auf dem Sofa Platz, während er sich ganz in der Nähe auf dem Drehsessel vor seinem Schreibtische niederließ.

»So, nun wollen wir uns einmal etwas erzählen«, begann der Geheimrat, indem er die Beine übereinanderschlug und die Schlafrockenden über die Knie breitete. Er fragte nach ihrem Befinden, nach ihrer Reise, und die Mädchen antworteten kurz und schüchtern. Dann hatte die Unterhaltung vorläufig ein Ende, und der Professor saß nachdenklich da, rieb sich langsam die schmalen, durchsichtigen Finger und begann erst nach geraumer Weile wieder, die hohe Stirn runzelnd und die schlaffen Wangen in lange Falten legend: »Mnja – was ich sagen wollte. … Es ist ja ein sehr trauriges Ereignis, das mir und meiner lieben Frau die Freude verschafft, euch in meinem Hause zu sehen. Der Tod eurer guten Mutter, obwohl nur eine Erlösung von langem Leiden, wird natürlich nicht verfehlt haben, euch, meine lieben Kinder, sehr nahezugehen. Es war ihr nicht vergönnt, euch angemessen versorgt zurückzulassen, in gesicherten äußeren Verhältnissen, meine ich. Nach dem schroffen Bruch mit ihrer ganzen Familie durfte sie sich allerdings nicht wundern, wenn sie nach dem Tode ihres Gatten auf ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten angewiesen blieb. Eure liebe Mutter war sehr …, wie soll ich sagen: stolz ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Diejenigen von uns, die Gott mit weltlichen Gütern gesegnet hat, wären ja selbstverständlich bereit gewesen, ihr in ihrer Not beizustehen, aber sie zog es leider vor, ihrer Familie gegenüber überhaupt nichts davon zu erwähnen.«

Da der Onkel hier eine kleine Pause machte, die er benutzte, um sich die Nase zu putzen, so hielt es Lizzi für angemessen, einige Worte einzuwerfen, und sagte ganz bescheiden: »Aber, lieber Onkel, wir hab'n doch nie e' Not g'litt'n.«

»Nun ja, wenn ihr auch nicht habt Hunger leiden müssen,« sagte der Geheimrat ein wenig ungeduldig: »ich meine nur, ihr hättet es doch immerhin besser haben können, wenn eure liebe Mutter nicht in ihrem Trotz … mnja, de mortuis nil nisi bene! Ich weiß nicht, wie meine gute Schwester euch die Verhältnisse dargestellt haben mag – jedenfalls seid ihr nun erwachsene Mädchen, mit denen man wohl diese Dinge besprechen kann. Du bist zwanzig, liebe Käthe, und du achtzehn, liebe Elisabeth, nicht wahr?«

Kathi nickte nur bestätigend mit dem Kopfe, aber Lizzi berichtigte eifrig: »Doch net ganz, lieber Onkel, mein Geburtstag is erst heut über acht Tag!«

»So, so, so,« versetzte der Geheimrat, etwas mühsam lächelnd, »da werden wir also die Freude haben, ein kleines Familienfest zu begehen? – Hmn ja, was ich sagen wollte: der Ernst des Lebens ist ja auch an euch, meine lieben Kinder, schon herangetreten, und ich halte es daher für angemessen, ganz offen mit euch zu reden. Ich weiß ja nicht, ob eure liebe Mutter mit euch von der Vergangenheit gesprochen hat und wie sie euch das Verhalten ihrer Angehörigen dargestellt hat, aber ihr werdet jedenfalls wissen, daß ich der einzige von ihrer ganzen Familie war, der, ohne daß von ihrer Seite aus irgendwelche Annäherung erfolgt wäre, gelegentlich seiner letzten Anwesenheit in München den ersten Schritt zur Versöhnung getan hat, obwohl gerade ich – das darf ich wohl sagen – sowohl in meiner früheren Stellung als Konsistorialrat, wie auch in meiner jetzigen als Lehrer des Kirchenrechtes vielleicht mehr Ursache gehabt haben dürfte, mich durch die unbesonnene Heirat meiner guten Schwester verletzt zu fühlen, als sonst irgend jemand von ihrer Familie.«

Der Professor hatte, ohne zu stocken, dieses Ungeheuer von einem Satze bewältigt und lehnte sich nun, ein wenig erschöpft zwar, doch ersichtlich befriedigt, in seinen Sessel zurück. Er blickte die beiden Nichten triumphierend, eine um die andere, an, also, daß die armen Hühner kaum zu atmen wagten. Sie hatten von ihrem längst verstorbenen Vater nie etwas anderes als Gutes gehört und konnten darum schlechterdings nicht begreifen, wie ihre Mutter durch die Heirat ihre Verwandten verletzt haben sollte, aber zu fragen getrauten sie sich natürlich nicht.

Sobald der Onkel wieder zu Atem gekommen war, räusperte er sich aufs neue und ließ sich weiter also vernehmen: »Es freut mich, konstatieren zu können, daß eure Mutter meine gute Absicht anerkannt hat. Sonst hätte sie wohl auch nicht in ihrem letzten Brief die Sorge für eure Zukunft gerade in meine Hand gelegt, wenn auch allerdings die Erwägung ins Gewicht fallen mochte, daß ich kinderlos und, nach bescheidenen Begriffen wenigstens, in guten Verhältnissen bin. Nun aber, meine lieben Kinder, komme ich zu dem wichtigsten Punkt, mnja …, ich halte mich für moralisch verpflichtet, euch von vornherein die Illusion zu nehmen, als ob ihr nun etwa in das üppige Heim eines reichen Mannes gekommen wäret und euch einem schwelgerischen Müßiggang hingeben könntet. Ich bin erstens einmal nicht der reiche Mann, für welchen ich vielfach angesehen werde, denn ich muß euch sagen, daß die Brüder meiner lieben Frau es nicht verstanden haben, das ererbte Geschäft des Vaters auf der alten Höhe zu erhalten und infolgedessen vielfach meine finanzielle Unterstützung in Anspruch zu nehmen genötigt sind. Wäre das aber auch nicht in dem Maße der Fall, so würde ich es doch für pädagogisch unrichtig halten, euch durch einen Luxus zu verwöhnen, der weder mit eurer gegenwärtigen Lage noch mit euren zukünftigen Aussichten im Verhältnis steht. Ich werde es mir angelegen sein lassen, euch zu nützlichen Studien anzuleiten, und eure liebe Tante wird das ihrige dazu tun, euch zu tüchtigen, bürgerlichen Hausfrauen und Müttern zu erziehen. In diesem Sinne, meine lieben Kinder, heiße ich euch also nochmals unter meinem Dache herzlich willkommen.«

Damit erhob er sich langsam von seinem Sessel und ging mit ausgebreiteten Armen auf die Nichten zu, die ebenfalls, wie auf Kommando, aufstanden. Er spitzte eben die schmalen Lippen zu einem abermaligen väterlichen Kusse, als durch die linke Seitentür Frau Ida im schwarzseidenen Kleide hereingerauscht kam, wodurch sich der Professor bewogen fühlte, sein Vorhaben aufzugeben.

»Mein Gott, Adolfchen, wie siehst du denn aus?« rief die stattliche Dame, rasch auf ihn zutretend und wie beschwörend die Hände faltend: »Ganz aufgeregt! Du hast gewiß wieder zu lange gesprochen. Du weißt doch, das tut dir am frühen Morgen nie gut, und besonders, wenn du etwas mit dem Magen hast. Du hast gewiß vergessen, daß du um elf dein zweistündiges Publikum hast? Du mußt dich wirklich mehr schonen, Adolfchen! Komm, leg dich noch ein Stündchen; ich will dir einen Pfefferminztee kochen, der tut dir immer so gut.«

»Ja, wenn du meinst, liebe Ida«, versetzte der Geheimrat schwach und ließ sich folgsam von der zärtlichen Gattin nach der gegenüberliegenden Tür führen. An der Schwelle wendete er sich nochmal um und fragte: »Ja, habt ihr denn auch schon Kaffee getrunken, ihr Mädchen?«

Die Schwestern verneinten, und Frau Ida rief: »Was noch keinen Kaffee? Ich dächte, ihr hättet in Wittenberg Zeit dazu gehabt. Die Köchin soll euch schnell welchen wärmen, kommt nur mit ins Eßzimmer.«

Während die Geheimrätin ihren Gatten zu Bette brachte und die Köchin den Kaffee wärmte, blieben die Schwestern allein und hatten Muße, sich in dem großen Eßzimmer umzusehen. Außer dem stattlichen, geschnitzten Eichenbüfett, dem Ausziehtisch und zahlreichen hochlehnigen Stühlen waren keine Möbel darin, aber die Wände waren ganz bedeckt mit großen Photographien klassischer und frühchristlicher Skulpturen und Bauwerke unter Glas und Rahmen. Die Mädchen vertrieben sich die Zeit damit, diese Photographien zu besehen, dabei gähnten sie einmal über das andere, denn sie waren gar sehr müde, und die dargestellten Gegenstände interessierten sie wenig.

»Jesses, jesses, aber auch gar net a bißl 'was Netts!« seufzte Kathi nach längerem Stillschweigen ganz verzweifelt.

Lizzi legte die Stirn in Falten und stimmte ihr wehmütig bei: »Du, weißt, mir scheint, hier im Haus wird's überhaupt net viel Lustiges geben. Der Onkel – ui je, der red't wie a Buch, da 'traut man sich kein Wörtl z' sag'n! Jetzt bin ich bloß neugierig auf unser Zimmer. Grad ins Bett leg'n möcht' ich mi und vierundzwanzig Stund schlafen wie a Ratz!«

»Ja, dees wann mer dürften«, rief Kathi matt lächelnd, und ihre sanften grauen Augen leuchteten auf vor Begehrlichkeit.

Bald darauf brachte die Minna den Kaffee und teilte ihnen mit, daß sie beauftragt sei, sie nach Beendigung ihres Frühstücks auf ihr Zimmer zu führen.

Die Schwestern wurden um so rascher damit fertig, als sich der Kaffee als eine jämmerliche, dünne Brühe erwies, dergleichen sie aus den Händen ihrer braven alten Gretl niemals empfangen hatten.

Auf ihr Klingeln erschien die Minna wieder und erkundigte sich freundlich, wie es geschmeckt habe. Und dann, als die Schwestern etwas verlegen, da sie nicht gewohnt waren, zu lügen, »Danke, ganz gut« geantwortet hatten, flüsterte ihnen die Minna leise kichernd zu: »Die Herrschaft trinkt 'n stärker. Die Frau Jeheimrätin war extra in der Kiche und hat der Kechin jesagt, sie sollte man nich erst nei ufbrüh'n, sondern den alten ufwärmen und 'n bißken Wasser mang planschen, damit daß et nich so lange dauerte. Na, wissen Se, iberhaupt: was die Frau Jeheimrätin is! So ville Jeld – und dabei so 'n Jeizkragen! Na, ick danke! Wenn se ihre feine Jesellschaften geben, denn wird man so jeaast mit 's Jeld, und unsereinen, was 'n anständijer Dienstbote is und sich 'n janzen Tag schinden und abrackern muß, uns jönnt se nich mal de Butter aufs Brot. Det heeßt, ick habe nischt jesagt! Sie wer'n ja schon selber sehen. Na, nu kommen Se 'mal, ick werde Ihnen die betreffende Reimlichkeit zeijen. Wie lange bleiben denn die jung'n Damen da, wenn man fragen derf?«

»Ich weiß net, kann schon sein, für immer«, antwortete Kathi verlegen, und die Minna schlug die roten Hände verwundert zusammen und sagte mitleidig: »Ne – is wahr!? Na, det heeßt, mir jeht's ja nischt an, aber wenn Se det aushalten, denn kennen Se mehr verdragen wie andere Leite. Was de Dienstmädchen sind, die haben mehrenteils schon nach een, zwee Monate jenug! – Det heeßt, wissen Se, der Herr Jeheimrat, des is 'n janz juter Mann – er kann man bloß nicht immer so wie er wohl mechte.« Damit schritt sie vergnügt kichernd zur Tür hinaus.

Die beiden Mädchen folgten ihr auf dem Fuße. Erst ging's ohne Aufenthalt durch einen üppig ausgestatteten Salon, dann kam das ziemlich finstere, sogenannte »Berliner Zimmer« mit einer breiten Glastür nach dem Salon und einem großen Fenster in der abgestumpften Ecke nach dem Hof hinaus – es stellte wohl so eine Art Wohnzimmer zweiter Klasse dar – und dann betraten sie einen langen, schmalen, fast ganz finsteren Gang, der mit Schränken und sonst allerlei Hausgerät so erfüllt war, daß nur eine schmale Gasse frei blieb. In diesem Gang öffnete das Mädchen eine Tür und lud die jungen Damen ein, näherzutreten, mit den freundlichen Worten: »So, bitte. Des war' nu also Ihr Schlafzimmer. Sehr breit machen derfen Sie sich nu freilich nich, für zweie is es en bißken jedrange. Die Stütze, die hatt' es ja besser, die schlief hier alleene. Jott sei Dank, daß se weg is, so 'n quatsches Frauenzimmer wie des war! Den Schrank hab'n wer missen 'raussetzen von wejen die zwei Betten. Sehn Se, da draußen in'n Jang, steht er janz bequem, jleich die Tire jegenüber, damit Se nich lange ins Hemde 'rumlaufen brauchen, wenn Se sich morjens 'n andres Kleid holen wollen. In die Kommode is auch 'ne Masse Platz, bloß mit die Waschtoilette, da missen Se sich 'n bißken inrichten, wissen Se. Da kennen Se ja immer mit abwechseln, daß immer eene noch 'n bißken liejen bleibt, bis die andre sich jewaschen hat. So, nanu machen Se sich's bequem, Freileinchen, und wenn Se sonst noch was wollen, vielleicht Wasser oder so was, denn drücken Se jefälligst zweemal uff 'n Knopp. Zweemal bin ick, eenmal ist de Kechin.«

Den beiden Schwestern sank das Herz, als sie sich in dem engen, unbehaglichen Raume umsahen, der sie nun für unabsehbare Zeit beherbergen sollte und der nicht einmal die bescheidenen Bequemlichkeiten aufwies, die sie von der mütterlichen Wohnung her gewohnt waren. Zwischen den beiden Betten blieb nur ein zwei Schritt breiter Gang frei, der außerdem durch ein quer vor das Fenster gestelltes Tischchen und einen alten Polstersessel, sowie zwei Rohrstühle so ziemlich ausgefüllt war, und den noch übrigen Raum nahm der Waschtisch und die Kommode ein.

Ach, die Kathi, die sich gern mit ihrem Handarbeitskram so recht behaglich breit machte, und die Lizzi, die sich so gern schmökernd auf dem Sofa räkelte, wo sollten die da bleiben? Es dauerte eine ganze Weile, bis sie von dem sprachlosen Entsetzen sich so weit erholten, um ein paar Bemerkungen austauschen zu können.

Es zuckte der Lizzi krampfhaft im Gesicht, sie hätte am liebsten laut aufgeschluchzt, aber sie verbiß sich tapfer die Tränen und sagte, grimmig lächelnd: »Du, weißt, die Müh', unsere Koffer auszupack'n, die könn' mir uns hier spar'n. Das beste is, mir gehn ins Bett.«

»Ja, aber wenn d' Tante nachher was von uns will?« wandte Kathi zaghaft ein.

»Dees is mir ganz gleich, ich schlaf' jetzt«, versetzte Lizzi und riß mit einem energischen Ruck die ganze Reihe ihrer Taillenknöpfe auf einmal auf.

Zwei Minuten später lag sie schon im Bett, und Kathi folgte etwas langsamer ihrem Beispiel.

Aber nein, das war doch auch für ihre Engelsgeduld zuviel! Wütend stieß sie mit ihren Füßen gegen die untere Bettwand und rief mit ausbrechenden Tränen: »Ja, was denken denn die Leut', dees is ja a Bettlad wie für ein zwölfjähriges Dirndl! G'rad 'nausfluchen möcht i jetzt. Die ganze Nacht sitzen müssen, und jetzt kann mer net amal seine Baner ausstrecken. Dees, wann i g'wußt hätt'! I glaub', i hätt' lieber den dalketen Tauerl g'heiratet, der mir so lang nachg'stieg'n is, den vom Hirschenwirt, weißt?«

»Und ich,« schluchzte die Lizzi, sich im Bett halb aufrichtend, »i möcht' gleich katholisch wer'n und ins Kloster gehn!«

Und beide schlugen sie halb närrisch vor Zorn und Verzweiflung auf ihre Deckbetten los und schluchzten um die Wette, bis endlich die Müdigkeit doch ihr Recht forderte und sie allmählich einschlafen ließ – freilich mit aufgezogenen Knien, jämmerlich zusammengekrümmt in den kurzen Kinderbetten, die Unglückswürmer, die sie waren.

Drittes Kapitel.

Die zungenfertige Minna hatte mit ihrem Urteil über ihre Herrschaft nicht so unrecht gehabt. So viel war den guten Mödlinger Mädeln schon nach achttägigem Aufenthalt in ihrem neuen Heim klargeworden. Der Onkel Geheimrat war allerdings ein guter Mann, aber er konnte eben nicht so wie er wollte, das Vollbringen stand bei der stattlichen Frau Ida. Nicht etwa, daß sie ihr Uebergewicht in plumper Weise zur Anwendung gebracht, den großen breitschultrigen und dabei doch so schwächlichen Mann herumgestoßen hätte nach ihrem Belieben – o nein, im Gegenteil! Mit sanfter Flötenstimme und freundlichem Lächeln bewog sie ihn zu tun, was sie begehrte, und wollte er auf den ersten Wink nicht gleich folgen, so genügte wohl ein schiebender Druck mit den Fingerspitzen, um ihn in der gewünschten Richtung fortzubewegen. Obwohl die Geheimrätin ihren Mann eigentlich wie ein unmündiges Kind behandelte, verstand sie es doch vortrefflich, zugleich stets die verehrungsvoll zu ihm Aufblickende zu spielen und seiner Eitelkeit, allen seinen kleinen Schwächen so zu schmeicheln, daß er selbst die mancherlei häusliche Plackerei, der sie ihn unterwarf, nur als einen Beweis ihrer zärtlichen Sorge um ihn empfand.

Ja, sie war eine kluge Frau, diese starkknochige, hochbusige Dame mit dem immer geröteten Gesicht und den nicht eben feinen Zügen. Sie hatte als Kind eines reichen Industriellen die übliche gute Erziehung höherer Töchter genossen mit Schweizer Pensionat, Musik-, Malunterricht und allen sonstigen Schikanen. Da sie aber weder besondere Talente, noch einen besonderen Geist besaß, so wäre sie ganz und gar in der Schablone des hohlen Bildungsphilisteriums steckengeblieben, wenn nicht ihr Ehrgeiz, ihre Weltfindigkeit sie befähigt hätten, sich für ihre besondere Stellung als Gattin eines hervorragenden Gelehrten das dafür passende geistige Kostüm zurechtzuschneidern. An seine wissenschaftliche Domäne, das Kirchenrecht, rührte sie wohlweislich nicht, dagegen suchte sie in literarischen und künstlerischen Dingen ihrem Wissen wie ihrem Geschmack einen mehr gelehrten Anstrich zu geben. Sie las mit Todesverachtung die langweiligsten Werke über frühchristliche Kunst wie die ödesten Traktate der Goethephilologen, besuchte nur das alte Museum, sprach mit verblüffender Sicherheit über den Einfluß Giottos auf die Malerschulen von Pisa, Siena, Venedig und so weiter und heuchelte eine innige Schwärmerei für Bach, trotzdem sie durchaus unmusikalisch war. Alle neue Kunst galt ihr, wie es sich für die Gattin eines deutschen Gelehrten geziemt, als ernsthafter Beachtung unwert, und nur zugunsten der neuerdings in Mode gekommenen dichtenden Professoren machte sie eine Ausnahme. Ueber die großen Befreiungstaten der wirklich führenden Geister der modernen Revolution in Kunst und Literatur wiederholte sie mit überlegenem Lächeln die auswendig gelernten Urteile stumpfsinniger Autoritäten. Sie verschmähte es auch, die ungesunden, frivolen, Sitte und Moral gefährdenden Erzeugnisse dieser Modernen kennen zu lernen – natürlich mit Ausnahme der gelben Bände aus Paris, die sie ja lesen mußte, um sich mit Fug darüber entrüsten zu können. Im Hause befliß sie sich, das Musterbild einer deutschen Gattin und Hausfrau darzustellen. Sie stand früh auf und sah in der Wirtschaft selbst nach allem, sie führte ein strammes Regiment über die Dienstboten, die nicht nur bezüglich ihrer Leistungen, sondern auch bezüglich ihres sittlichen Wandels ihrer strengen Aufsicht unterworfen waren. Sie wurden sogar in regelmäßigen Zwischenräumen in die Kirche kommandiert. Unbegreiflicherweise aber erntete die gnädige Frau für diese mütterliche Fürsorge von diesem modern entarteten Geschlecht so wenig Dank, daß sie sich alle paar Monate nach neuen Hilfskräften umsehen mußte. Die »besseren« Mädchen, die schon in feinen Häusern gedient hatten und mit den Anforderungen solcher vertraut waren, die waren ihr zu selbstbewußt und zu teuer, und die billigen Mädchen vom Lande, mit denen sie es immer wieder aufs neue versuchte, die waren dumm und ungeschickt, redeten roh und aßen viel; da mußten sie denn von früh bis spät unterwiesen, ermahnt und getadelt werden, worüber sie denn gemeiniglich noch früher die Geduld verloren als ihre eifrige Herrin.

Die strenge Mustergattin und Hausfrau besaß nur zwei weibliche Schwächen, das waren ihre Vorliebe für kostspielige, auffallende Kleidung und ihre Vergötterung des kleinen vierfüßigen »Süßlings«. Für die erste Leidenschaft, die sich mit ihrer sonstigen Sparsamkeit doch gar nicht vereinen ließ, gab sie die Vorliebe ihres Gatten für lebhafte Farben als Entschuldigung an. In dunklen, eintönigen Kostümen sehe er sie kaum, erklärte sie seufzend, er sei ja immer noch so zärtlich verliebt in sie wie als Bräutigam, und da müsse sie schon ein übriges tun, um sich möglichst jung und hübsch zu machen, und dem Geschmacke ihres treuen alten Anbeters nach Möglichkeit entgegenkommen. Joli oder Dolli, der »Süßling«, aber war dazu auserkoren, auf seine kleine Person alle mütterliche Zärtlichkeit ihres Herzens gehäuft zu sehen, welche auf ein eigenes Kind zu verschwenden ihr versagt geblieben war. Wie die meisten kinderlosen Frauen ward auch die Professorin in ihrem Wesen immer entschiedener altjüngferlich, je älter sie wurde. Zu rechter fraulicher Zärtlichkeit war sie nicht veranlagt, und der würdige Geheimrat mit seiner trockenen steifbeinigen Galanterie wäre auch einer andern, weicheren Frau gegenüber nicht der Mann gewesen, eine solche zu entzünden und dauernd in Brand zu erhalten. Da war denn der seidenhaarige passive Bologneser der rechte Nothelfer. Er war verwöhnt wie der einzige Sohn eines Kommerzienrats und durfte sich alles, aber auch einfach alles erlauben. Sogar wenn er die Einfassung der kostbaren Plüschvorhänge im Salon zerriß oder bei seinen Spaziergängen über erreichbare Tischplatten hinweg wertvolle Gegenstände herunterwarf, wurde er nur durch einen ganz leichten Klaps bestraft, wogegen sich über die unglücklichen Dienstboten, die es an der nötigen Aufmerksamkeit für ihn fehlen ließen, die volle Schale ihres Zornes ergoß. Mehrmals am Tage pflegte die gesamte Weiblichkeit des Hauses aufgeboten zu werden, um nach Jolis Ball zu suchen, und wehe dem, der nicht bereitwilligst unter die Betten kroch oder mit dem Besen sorgfältig genug unter allen Möbeln herumfuhr!

Die angedrohte mütterliche Erziehungstätigkeit der Tante den beiden Waisen gegenüber beschränkte sich denn auch in den ersten Tagen im wesentlichen auf die sorgfältige Unterweisung in der Behandlung dieses Kleinods, und sie mußten es für einen besonderen Beweis von Vertrauen und als unverdiente Gunstbezeigung ansehen, daß sie zur Hilfeleistung bei Jolis Morgentoilette, die in einem warmen Bade mit nachfolgender gründlicher und dabei zarter Kämmung und Bürstung bestand, zugelassen wurden, sowie daß es ihnen auf Spaziergängen verstattet war, den Süßling abwechselnd an seiner roten Leine führen zu dürfen. Die großen Mädchen wären freilich lieber mit dem gewohnten flotten Schritt durch die Straßen gelaufen, um Berlin kennen zu lernen, anstatt mit diesem tyrannischen Hundsvieh an jedem Eckstein oder Baumpfahl stehenzubleiben, den er just seiner Beachtung würdig hielt, oder ihn bei diesem schmutzigen Novemberwetter auf den Arm nehmen zu müssen, wenn die Tante erklärte, daß er müde sei, oder die Begegnung mit ungebildeten großen Hunden ihn in Gefahr brachte; aber sie waren immerhin Diplomatinnen genug, um nicht durch eine unkluge Weigerung vorzeitig die Gunst der Tante aufs Spiel zu setzen. War es doch schon ein gefährliches Wagnis gewesen, sich über die Kürze der Betten zu beklagen! Die große Kathi hatte in der Tat auch eine etwas längere Bettstelle erhalten, wenn auch nur eine ganz billige, eiserne, und Lizzi war wenigstens eine neue in Aussicht gestellt worden für den Fall, daß sie noch um einen halben Kopf wachsen sollte; doch war ihr gleichzeitig anempfohlen worden, nicht etwa durch unmäßiges Recken und Strecken im Bett solches Wachstum mutwillig zu beschleunigen. Für solch freundliches Entgegenkommen waren sie ja immerhin der Tante schon zu einigem opferfreudigen Dank verpflichtet.

Der Onkel hatte sich im Laufe der ersten Woche bereits zweimal zu einer besonderen Liebenswürdigkeit aufgeschwungen, indem er die bayrischen Nichten einmal ins Zeughaus und das andere Mal ins Sedanpanorama geführt hatte, bei welch letzterer Gelegenheit er sie sogar mit einem Glase Bier nebst belegten Brötchen traktierte. Er selbst besaß zwar nicht den geringsten militärischen Geist und war auch noch nie zuvor in diesen Ruhmestempeln des Preußentums gewesen. Er hielt es aber wohl für pädagogisch wichtig, die jungen Gemüter gleich anfangs der schneidigen, stählernen Luft auszusetzen, die um den Hohenzollernthron weht. Er glaubte sie so am sichersten vor schwächlichem Heimweh zu bewahren.

Nichtsdestoweniger vergossen die armen Mädchen noch jeden Abend wenn sie zu Bett gingen, gar reichliche Tränen, und selbst das billige Zugeständnis, daß die Linden vom Brandenburger Tor bis zum Lustgarten erheblich interessanter seien wie die Münchener Ludwigsstraße von der Feldherrnhalle bis zum Siegestor, konnte sie nicht davon abhalten, mit heißer Sehnsucht ihres sonnigen Heims in der Adelgundenstraße, drei finstere Treppen hoch, zu gedenken.

Oft schon hatten sie ihre kleine Barschaft überzählt und überlegt, ob sie damit wohl nach München zurückkehren und irgend etwas unternehmen könnten, aber sie waren ja so jung und unerfahren, so weich und nachgebend veranlagt, daß sie doch nun und nimmermehr gewagt hätten, irgendeinen von ihren kühnen Plänen zur Ausführung zu bringen, und wenn Lizzi eines Abends zornflammend, die schönen blauen Augen voll Tränen, erklärte, sie sei fest entschlossen, morgen heimlich eine Schachtel Schwefelhölzer zu kaufen und den Phosphor dem tückischen Joli in die Milch zu schaben, der sie zum großen Vergnügen der Tante tüchtig in den Finger gebissen, als sie ihn durch Krabbeln und Pieken zu necken gewagt hatte, so war das offenbar nur eitel Ruhmredigkeit.

Ihr enges Schlafzimmer hatten sie mit ihren paar Habseligkeiten und den zahlreichen Andenken an die geliebte Mutter ganz vollgepfropft, und doch hatten sie vieles noch in den Kisten auf den Boden stellen lassen müssen aus Mangel an Raum. Die Tage verbrachten sie meist in dem halbdunklen Berliner Zimmer, Handarbeiten machend oder die langweiligen Bücher lesend, die die Tante ihnen gab, und nur wenn sie Klavier spielen wollten, durften sie in den Salon, wo der fast nie benutzte, arg verstimmte Kapssche Stutzflügel stand. Aber wehe ihnen, wenn sie bei einem Forte oder gar Fortissimo die kräftigen Muskeln ihrer Handgelenke mit wünschenswerter Energie arbeiten ließen! Sofort erschien dann die Tante auf der Schwelle und flehte um Schonung für das kostbare Instrument, das eine so rohe Behandlung nicht gewohnt sei.

Zwar hatte Lizzi gleich bei der ersten Begrüßung ihrem Onkel verraten, daß über acht Tage ihr achtzehnter Geburtstag sei, und auch sicherheitshalber die Kathi angestiftet, sowohl die Tante als den Onkel im Laufe dieser Tage noch mehrmals daran zu erinnern, aber dennoch sah sie mit banger Sorge ihrem Festtage entgegen, denn all die geschickten Andeutungen hatten, soweit sie bemerken konnte, keinen sonderlichen Eindruck auf Geheimrats ausgeübt. Es wäre ihr doch zu schrecklich gewesen, ihren ersten Geburtstag in der Fremde so ganz ohne Sang und Klang, ohne Gugelhupf und Blumen und nachfolgendes Kaffeekränzel verleben zu müssen. Freilich war für den Tag schon eine besondere Festlichkeit angekündigt, aber das war eine große Gesellschaft zum Souper, die sie gar nichts anging und sicherlich nur noch mehr dazu beitragen konnte, die Gedanken der Tante, die schon tagelang vorher über die Arbeit und Unruhe stöhnte, welche die nötigen Vorbereitungen ihr verursachten, von ihrer unbedeutenden Person abzulenken. –

Sie wachte an ihrem Wiegenfeste eine halbe Stunde früher auf als gewöhnlich, und wußte die Zeit, bis Kathi erwachte, nicht besser anzuwenden, als indem sie die Nase tief in das Federkissen steckte und leise vor sich hinweinte. Darüber wäre sie beinahe wieder eingeschlafen, wenn nicht zur üblichen Aufstehezeit die Kathi zu ihr ins Bett geschlüpft wäre und ihr, gleichfalls weinend, unter herzlichen Küssen ihre Glückwünsche dargebracht hätte.

Es war nur gut, daß das Waschwasser so eiskalt war, das verwischte bei den Schwestern die Spuren der reichlich vergossenen Tränen, so daß sie mit leidlich frischen Gesichtern am Frühstückstisch erscheinen konnten. Sie waren die ersten und – o Freude: auf Lizzis Teller lag ein halbes Dutzend Briefe, die alle den Poststempel »München« trugen. So war sie also doch noch nicht vergessen, nicht ganz einsam auf der Welt mit ihrer Kathi. Ein halbes Dutzend Herzen schlugen da unten im lieben Vaterlande noch für sie, das war nun wenigstens außer Zweifel gestellt.

Mit froher Hast erbrach sie ihre Briefe. Da schrieb die Anna Neumayer, die Cenzi Barmbichler, die Pepi Seidl, die Senta Tatzelberger, lauter Schulfreundinnen und Kränzelschwestern – lauter kindisches dummes Zeug, aber so lieb klang's, so herzig und voll ungeheuchelter Teilnahme. Die alte Gretl hatte auch geschrieben, drei kleine Seiten voll, und wie mochten ihr die sauer geworden sein, denn die Federarbeit war nicht ihre Sache und die Rechtschreibung durchaus von eigenster Erfindung. Sie schrieb, daß sie einstweilen, bis sich etwas Besseres für sie fände, einen Platz als Spülerin in einer Wirtschaft am Lehel angenommen habe. Als Köchin sei sie den Herrschaften alleweil zu alt, und sie würde wohl lange warten müssen, bis sie wieder einmal in ihrer Kuchel stünde. Und dann kamen wehmütige Erinnerungen an die liebe, selige Frau Mutter und zum Schluß die Bitte, daß ihre lieben Mädeln in Berlin nicht gar zu hochmütig werden und auch die alte Gretl nicht ganz vergessen sollten. Und zum Beschluß war da noch etwas, das sich hart und schwer anfühlte. Daraus kam eine schöne bunte Glückwunschkarte und eine Photographie zum Vorschein.

Auf der Rückseite der Karte stand in steifer, großer Handschrift, die zum mindesten einen zukünftigen General erraten ließ, dieses Verschen:

»Ob du auch fern im Preußenland,
Stets bleibt mein Herz dir zugewandt,
Ob blau und weiß, ob schwarz, weiß, rot,
Ich bleib' dir treu bis in den Tod!
Benno Tatzelberger.«

und die Photographie stellte einen forsch dreinblickenden Kadetten dar.

Es war gut, daß die Tante immer noch nicht erschien, denn nun konnte die glückselig errötende Lizzi ihre Liebesgabe doch ungeniert ans Herz drücken und sich mit Kathi weidlich auskichern über die allerliebste Keckheit dieses militärischen Anbeters. Sie hatte sich zwar eigentlich aus dem dummen Buben gar nichts gemacht, ihn kaum mehr als zwei- oder dreimal gesehen und keine Ahnung von dieser noblen Eroberung gehabt, aber jetzt freute sie es doch unsinnig, das unerwartete Liebeszeichen, und sie beschloß sofort, ihm als Gegengabe ihr Bild zu schicken, woran sie sonst nie gedacht hätte. Ueberhaupt die Tatzelbergers! Daheim hatten sie immer ein bissel über sie gespottet, über die Senta, weil sie so romantisch tat, und über den Benno, weil er seine kleine dicke Nase so hoch trug. Sie hatten ihn immer nur »Herr von Tatzelberger« genannt, die Mädchen unter sich. Nein, es blieb richtig: in der Not lernt man erst seine wahren Freunde kennen.

Brief und Bild des Kadetten waren schon sicher in Lizzis Tasche geborgen, als die Tante Ida am Frühstückstische erschien, und zwar mit zwei Blumentöpfen bewaffnet, einem Myrtenstämmchen und einem blaßvioletten Chrysanthemum. Sie lächelte holdselig und küßte die Lizzi auf beide Wangen.

»Herzliche Glückwünsche, mein liebes Kind!« rief sie mit ungewöhnlicher Wärme, »möge dir der Himmel noch manche fröhliche Wiederkehr dieses Tages in unserm Hause bescheren! Oder nein, das darf man der aufblühenden Jungfrau doch wohl nicht wünschen! Ich will lieber sagen, möge dieser Myrtenstock dir recht bald Blüten genug treiben, um ein Kränzchen für dein Köpfchen herzugeben!«

Dabei lächelte sie sehr süß und strich der Lizzi über das prachtvolle, weichgewellte, kastanienbraune Haar, eine Zärtlichkeit, zu welcher sie sich bisher noch nie aufgeschwungen hatte. Und dann fuhr sie, auf die beiden Blumentöpfe deutend, fort: »Bitte, nimm vorläufig mit diesem kleinen Angebinde vorlieb. Das Myrtenstöckchen kannst du ja in deinem Zimmer behalten, du wirst es wohl nicht gern von dir lassen; aber das Chrysanthemum gibst du doch wohl lieber bei mir in Pension auf den Blumentisch im Salon, da hat es sorgfältige Pflege und mehr Licht, weißt du. Eine Torte habe ich dir nicht extra angeschafft, es gibt ja heute abend beim Souper Süßigkeiten genug, und wozu müssen Kinder an ihrem Geburtstage sich den Magen verderben? bruh hi-i-i-i-i!"

»Du bist wirklich sehr freundlich, liebe Tante«, begann Lizzi stammelnd, förmlich gelähmt vor Schreck über so viel unerwartete Güte.

»Ach, das ist noch nicht alles!« unterbrach die Geheimrätin lebhaft ihre Dankesbezeigung. »Ich habe mir noch eine ganz besondere Ueberraschung für dich ausgedacht, die dir gewiß Freude machen wird. Du weißt, dein Onkel kann Schwarz nicht leiden, und da ist das seidene Halbtrauerkleid, das ich mir vor vier Jahren um meine teure selige Mutter anschaffte, noch so gut wie neu. Ihr müßt ja doch jetzt noch ein ganzes Jahr lang schwarz gehen, da wird dir das sehr zustatten kommen. Ich weiß eine sehr billige Näherin, die ins Haus geht, da kann sie es gleich mitmachen für dich, wenn wir das nächstemal Schneiderei haben. Nun wollen wir aber erst Kaffee trinken. Ihr geht mir nachher hübsch zur Hand, nicht wahr? Ihr glaubt gar nicht, was man alles zu bedenken hat für solche große Gesellschaft.«

Den Onkel sah Lizzi erst eine Stunde später wie gewöhnlich, denn er mußte sich durch einen verlängerten Morgenschlaf für die bevorstehenden Anstrengungen des Abends stärken. Er empfing die beiden Schwestern allein in seinem Studierzimmer und gratulierte Lizzi auf seine Weise recht herzlich. Dann führte er sie an der Hand hinter das große Bücherregal, das zwischen den beiden Fenstern quer ins Zimmer hineinragte und befragte sie ganz heimlich, indem er etwas verlegen seine Linke in die Tasche versenkte, in welcher er das Portemonnaie zu tragen pflegte: »Sag mal, liebe Elisabeth – wieviel hat sie dir gegeben?«

Lizzi blickte mit ihren großen blauen Augen sehr erstaunt zu ihm auf: »Ich weiß nicht, lieber Onkel, wen du meinst.«

»Na, meine Frau natürlich,« versetzte er etwas ungeduldig, und dann zeigte er ihr von weitem sein Portemonnaie und fügte erklärend hinzu: »Ich meine, hat sie dir nicht …«

»Nein, bloß zwei Blumenstöck' und ein alt's Kleid hat s' mir geb'n«, fiel Lizzi prompt ein.

»So, so, so«, murmelte der Professor, und dann rieb er sich gedankenvoll mit den Knöcheln die hohe Stirn.

»Mnja, da bin ich nun übel dran! Die Bedürfnisse junger Mädchen sind mir fremd, hehe, aber ich möchte doch – mnja …« Er öffnete sein Portemonnaie, blickte stirnrunzelnd eine Weile hinein und erfaßte mit raschem Entschluß ein Geldstück und drückte es ihr in die Hand.

»Da, kauf dir etwas dafür, mein Herzchen!« Und mit einer sehr lebhaften Gebärde wehrte er jeglichen Dank vornehm ab.

Lizzi schielte auf ihre offene Hand hinunter. Es war ein Zehnmarkstück, und sie freute sich sehr darüber, obwohl es ein wenig trinkgeldmäßig verabreicht worden war. Sie trat wieder zu der hinter dem Regal harrenden Kathi, während der Oheim im Zimmer auf und ab ging.

Jetzt blieb er plötzlich vor den Schwestern stehen, ergriff sein glattrasiertes, langes Kinn mit der Hand und ließ sich nach einigem Räuspern folgendermaßen vernehmen: »Ein freundlicher Zufall will es, daß dein Geburtstag, meine liebe Elisabeth, mit dem Tage zusammenfällt, an dem ihr zum erstenmal in die Gesellschaft eingeführt werden sollt. Ihr könntet einwenden, daß euch die Trauer um eure liebe Mutter verbiete, an rauschenden Festlichkeiten teilzunehmen; aber um eine solche handelt es sich in der Tat nicht. Es verkehren in meinem Hause nur ernste Männer und edle, feingebildete Frauen, ich darf wohl sagen, die beste Gesellschaft Berlins. Das Erlebnis dieses Abends wird euch also zum erstenmal den vollen Einblick in unsre Lebenssphäre eröffnen, die von nun an ja auch die eure werden soll. Ich möchte, daß ihr mit vollem Bewußtsein die Schwelle eurer zukünftigen Heimstatt überschreitet, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich möchte euch demnach empfehlen, euch bescheiden beobachtend zu verhalten, damit ihr lernt, euer eigenes Benehmen nach dem Vorbilde der Damen unsres Kreises einzurichten. Hier könnt ihr mir nun allerdings einwenden, daß ihr ja auch in München gesellig gelebt und überhaupt von eurer lieben Mutter die unter den Umständen bestmögliche Erziehung genossen hättet; aber darauf müßte ich euch doch zu bedenken geben, daß erstens einmal die Kreise, in denen ihr euch dort bewegtet, sowohl ihrer sozialen Stellung als ihrer geistigen Bildung nach erheblich unter den unsrigen standen, und daß zweitens überhaupt eure süddeutschen und speziell Münchener Umgangsformen durch ihre – hmm ja – ich will einmal sagen unbekümmerte Ungezwungenheit doch erhebliche Differenzen aufweisen mit dem, was wir hier den guten Ton zu nennen gewohnt sind. Ich will euch gewiß eure Unbefangenheit nicht rauben, meine lieben Kinder, aber ich halte es doch für meine väterliche Pflicht, euch auf alles aufmerksam zu machen, was zu eurer Vervollkommnung beitragen kann – und so möchte ich denn auch die Gelegenheit ergreifen, euch darauf hinzuweisen, daß ihr euch allmählich einer reineren Sprache befleißigen müßt. Zwar bin ich persönlich ein Freund eures traulichen Idioms, aber dennoch, meine ich, könnte euch der Gebrauch desselben im Umgange mit der höheren Gesellschaft als ein Bildungsmangel ausgelegt werden, was ich doch in eurem eigensten Interesse vermieden sehen möchte.«

Hier machte der Professor eine Pause. Doch schien sich seine Beredsamkeit bei weitem noch nicht erschöpft zu haben, denn er legte die Stirn in Falten, wie wenn er über weitere weise Ermahnungen nachdächte, und die dünnen Finger seiner Rechten strichen ausgespreizt an den langen Falten seiner bleichen Wangen herab und krauten abwechselnd in den beiden kurzen, grauen Backenbärten, wie sie immer zu tun pflegten, wenn sein Hirn eine wohlgesetzte Rede vorbereitete. Die Mädchen hatten sich schon längst daran gewöhnt, die langatmigen Auseinandersetzungen ihres Oheims mit stummer Ergebung über sich ergehen zu lassen. Sie saßen da, mit den Händen im Schoß gefaltet, wie in der Kirche und senkten ihre hübschen Köpfchen andächtig zur Seite – ja, wenn sie dazu imstande gewesen wären, dann hätten sie auch noch die Ohren hängen lassen.

Eben tat der Geheimrat seinen Mund auf, um in seinen ebenso interessanten wie nützlichen Auseinandersetzungen fortzufahren, als die Tür aufging und seine Gattin raschen Schrittes hereintrat.

»Sieh, Adolf, wen ich uns da bringe! Das nenne ich eine freudige Ueberraschung, nicht wahr?« rief sie noch auf der Schwelle, während sie einen Mann von ungewissem Alter am Aermel hinter sich hereinzog, bei dessen Anblick der Professor mit einer Geschwindigkeit vom Sessel emporfuhr, die ersichtlich eher dem Schrecken als der freudigen Ueberraschung entsprang. Die beiden Mädchen erhoben sich ebenfalls, froh der Unterbrechung, und warteten gleichgültig ab, ob sie vorgestellt oder hinausgeschickt werden würden.

Der Fremde war ein dicker Herr, etwa von derselben Größe wie die Geheimrätin und auch mit derselben breiten, glänzenden Nase begabt. Ueber den kleinen blöden Augen saß ein Paar grauer Augenbrauen, die es verschmähten, dem Bogen des Stirnbeins zu folgen, und vielmehr wie zwei umgekehrte Ausrufzeichen nach der umfangreichen kahlen Schädelplatte hinaufwiesen. Als Gegenstück zu diesen Brauen schmückten die kurze Oberlippe zwei ebenso graue und just so starre, schwunglose Schnurrbartstriche, nur daß deren Spitzen abwärts wiesen. Die Unterlippe war löffelförmig vorgeschoben, wie man es bei den geborenen Kommerzienräten so häufig findet. Der kurze Hals steckte in einem hohen, steifen Kragen, der ansehnliche Spitzbauch trotz des naßkalten Novembertages in einer sommerlichen Pikeeweste, über welche eine dicke Uhrkette, mit schwerem Petschaft und andern Berlocke geschmückt, herabbaumelte, die watschelnden Beine in weiten, großkarierten Hosen und der etwas gekrümmte Oberkörper in einem erstaunlich kurzen, dunklen Röckchen, das überall zu eng zu sein schien. Und als nun diese schwerwiegende Persönlichkeit dem Professor mit mattem Lächeln die Hand schüttelte, kam aus dem gewaltigen Körper ein gar schwächliches Stimmchen hervor, näselnd und kurzatmig dazu: »Tag, lieber Professor, erstaunt, mich hier unangemeldet zu sehen, nicht wahr? Hatte Geschäfte in Luckenwalde – da dacht' ich mir, was kann da sein, wirst mal 'ne Spritze 'rüber machen – Schwesterchen umstoßen. Es geht euch doch gut, nicht wahr? Frage! Euch geht's ja immer gut! – Pardon, sehe, ihr habt Besuch. Darf ich bitten …« Und damit verbeugte er sich kurz gegen die beiden Schwestern und richtete einen fragenden Blick auf den Geheimrat.

Dessen bestürzte, nichts weniger als erfreute Miene war seiner scharf beobachtenden Gattin keineswegs entgangen. Sie warf ihm einen strafenden Blick zu und ergriff für ihn das Wort, da er immer noch nicht zu sich kommen zu wollen schien. »Das sind unsre Münchner Nichten, du weißt doch, die Kathi und die Lizzi Mödlinger.« Und dem großen Herrn auf den runden Rücken klopfend, stellte sie ihn den knicksenden Schwestern als ihren Bruder Emmerich Vogel, den jetzigen Besitzer des väterlichen Geschäfts, vor.

Der Professor fühlte sich durch die energisch aufmunternden Blicke seiner Gattin endlich bewogen, einige Worte der Begrüßung zu stammeln, von denen jedoch der liebe Schwager wenig Notiz nahm, dieweil er ganz in die wohlgefällige Betrachtung der beiden Schwestern vertieft war. Er klemmte seinen goldenen Zwicker auf die breite Nase und neigte seinen dicken Kahlkopf abwechselnd der Kathi und der Lizzi zu.

»Das ist ja reizend – das ist ja ganz scharmant! Also meine verehrten Schwiegernichten, hehe, ich bin entzückt über die Bekanntschaft!« näselte er blöd lächelnd, und dann schüttelte er ihnen beiden die Hand. Sie bekamen ordentlich einen Schreck, die Mädchen, als seine fleischige, feuchtkalte Hand so mit schlaffem Druck die ihrige ergriff!

Auf die freundliche Aufforderung der Frau Professorin, es sich doch gemütlich zu machen, setzte man sich. Aber besonders gemütlich wurde es trotzdem nicht – wenigstens kam es den beiden Schwestern so vor, die allerdings kaum Gelegenheit fanden, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, da die Tante Ida fast allein sprach und den Bruder Emmerich scheinbar absichtlich kaum dazu kommen ließ, sich mit einer Frage an sie zu wenden. Der Geheimrat saß gleichfalls stumm und ergeben da und ließ nur einmal einen unartikulierten Laut vernehmen, der einem unterdrückten Schmerzensschrei ähnlicher war denn einer freudigen Zustimmung, als seine Gattin, Bruder Emmerichs fette Hand tätschelnd, mit einer gewissen freudigen Innigkeit um seine Anwesenheit bei der heutigen Abendgesellschaft bat.

Als der Besuch gefragt wurde, ob ihm nicht ein kleiner Imbiß angenehm sei, ergriffen die beiden Mädchen die Gelegenheit, um diensteifrig hinauszustürzen.

Sobald sie außer Hörweite waren, packte Lizzi die Schwester bei den Armen, schüttelte sie heftig und rief mit zornfunkelnden Augen: »Jesses, jesses, wann i jetzt bloß an' wüßt', dem i a paar Watsch'n geb'n könnt'! Ein' Zorn hab i, sag i dir! … Jeh, Katherl, sag mir bloß, san denn dees aa Menschen hier? Dees is ja a ganze Menagerie beisamm'. Und der schöne Onkel Emmerich, dees is vollends a g'selchter Aff'! Herrgottsakra, grad' 'naus fluchen möcht' i!«

Kathi hielt ihr erschrocken den Mund zu. »Ich bitt' dich, Lizzi, sei stad, net so laut. Wenn uns die Tante hört!«

Lizzi stampfte mit dem Fuße. »Soll s' doch! Ich glaub', i stell' heut noch was an, daß s' mi 'nausschmeißt.« –

Die Schwestern hatten sich um die Beteiligung am zweiten Frühstück herumzudrücken gewußt und hielten sich, während desselben mit Abstauben beschäftigt, nebenan im Salon auf. Da hörten sie denn, wie die Gattin und der Schwager abwechselnd auf den Professor einredeten, der nur hin und wieder ein langgedehntes »Hmnja«, tiefe Seufzer und schwache Einwendungen verlautbaren ließ. Und als nach Ablauf einer weiteren Stunde etwa Herr Emmerich Vogel sich in Begleitung seiner Frau Schwester entfernte, da trat der Geheimrat mit wirrem Haar und unruhig zuckenden Gesichtsmuskeln aus seinem Zimmer hervor und lief mit großen Schritten, die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt, durch die ganze vordere Zimmerflucht mehrmals hin und her.

Kathi war just allein im Salon, während Lizzi in ihr Zimmer gegangen war, um ihr kummervolles Herz an ihre Münchner Freundinnen auszuschütten. Und als der Geheimrat der Nichte ansichtig ward, an der er schon ein paarmal achtlos vorbeigelaufen war, trat er plötzlich rasch auf sie zu, legte ihr seine Linke zitternd auf die Schulter und flüsterte heiser und aufgeregt: »Ah, mein liebes Käthchen, da bist du ja. Entschuldige, ich habe dich nicht gesehen. Hast du vielleicht was gehört – vorhin, da drinnen?«

»Nein, lieber Onkel«, versetzte Kathi ängstlich erstaunt. »Warum meinst?«

»Oh nichts, es ist ja auch ganz gleich«, rief der Professor und versuchte zu lachen. Und dann fügte er rasch hinzu: »Sag mal, wie gefällt dir mein Schwager?«

Kathi blickte verlegen zu Boden und ließ nur ein ungewisses »Oh!« vernehmen.

Und der Oheim fiel eifrig ein: »Nicht wahr, ein schrecklicher Mensch! Ich sage dir, Kind, er bringt mich um – er zieht mich aus – ewig hat er seine Hände in meinen Taschen! Und ich kann mich nicht wehren, weil ihm die Ida hilft.«

Und dann sank er matt in die Ecke des nahen Sofas, faßte mit der zitternd ausgestreckten Hand die Nichte beim Kleide und zog sie zu sich heran. Er umklammerte ihren Leib mit seinen Armen und lehnte seinen Kopf an ihre Brust.

Sie fühlte, wie ihm das Herz schlug, und hörte, wie ihm der Atem röchelnd aus und ein ging, und von plötzlichem Mitleid ergriffen, strich sie ihn über sein langes, graues Haar, indem sie erschrocken flüsterte: »Oh mei, was hast denn, was is dir denn, lieber Onkel?«

Da umklammerte er sie noch fester und sagte, ohne zu ihr aufzublicken, mit bebender Stimme: »Nicht wahr, du bist mein liebes Kind, Käthchen, du wirst mich deiner Tante nicht verraten? Ich bin ein unglücklicher Mann! Sie können meinen Tod nicht erwarten! Aber, nicht wahr, du bleibst bei mir – du stehst mir bei – du hast mich ein wenig lieb? Ich will dir auch alles vermachen, was mir die Raubvogels noch übriggelassen haben, wenn du bei mir bleibst.« In diesem Augenblick näherte sich ein plump stampfender Schritt der Tür, und der Professor fuhr auf, stieß erschreckt die Kathi von sich, daß sie fast den Blumentisch umgestoßen hätte, und drängte sich zwischen Sofa und Tisch durch hastig nach der entgegengesetzten Seite hinaus. Dabei trat er unglücklicherweise auf den kleinen Joli, der auf dem langhaarigen Angorafell vor dem Sofa friedlich und unbeachtet geschlummert hatte.

Mit dem entsetzlichem Wehegeschrei sprang der Süßling auf die Füße und humpelte unter dem Tisch hervor. Und der Geheimrat, anstatt seine Missetat zu bereuen, schritt ihm nach, faßte ihn scharf ins Auge und versetzte ihm, von plötzlicher Wut erfaßt, einen zweiten wohlgezielten Tritt, der das Unglückstier sofort über die Schwelle hinweg in das offene Speisezimmer beförderte, wo er noch eine ganze Strecke weit auf dem Bauche über das glatte Parkett hinwegschlitterte, bis ein Tischbein seinem Fluge Einhalt tat.

Das Hündchen quietschte ohrenzerreißend, die Minna, die eben mit Geschirr hereingetreten war, kreischte laut auf, und der Professor stürzte in sein Studierzimmer und schlug krachend die Tür hinter sich zu.

»Nee, so'n Feetz!« rief das robuste Dienstmädchen kreuzfidel und lachte, daß die Gläser, die sie auf dem Präsentbrett trug, gefahrdrohend zusammenklirrten. »Beim Herrn Jeheimrat rappelt's. Aber auch so mit den Köter umzujehen! Na, der kann sich frei'n, wenn die Jnädige zu Hause kommt; denn was der Hund is, wissen Se Freilein,« wandte sie sich grinsend durch die offene Tür an Kathi, »die Karnalje petzt! – Nanu, Freilein, was is denn mit Sie? Worum weinen Sie denn? Ist der Olle etwa jejen Ihnen ooch ausfällig geworden?«

Kathi wandte sich achselzuckend stumm ab und drückte ihr Tuch gegen die Augen.

Viertes Kapitel

Die jungen Damen aus München wußten nicht, daß, wenn in Berlin zu einer Abendgesellschaft um acht Uhr eingeladen wird, die Gäste zwischen neun und zehn Uhr erst zu erscheinen pflegen. Sie traten pünktlich um acht Uhr in den Salon, in ihren einfachen, halbseidenen Trauerkleidern mit dem billigen Jettschmuck zwar nichts weniger als fein, aber doch immerhin recht hübsch aussehend. Die Lizzi besonders konnte so unvorteilhaft gekleidet sein, wie sie wollte – und sie war in der Tat in dieser Beziehung nachlässiger, als sie hätte sein dürfen – sie blieb doch immer reizend; denn sie war prächtig gewachsen und besaß in den frischen Farben und zarten Formen ihres Gesichts, ihren prachtvollen, großen dunkelblauen Augen und besonders in ihrem überaus üppigen Haar von seltener, kastanienbrauner, ins Rötliche spielender Farbe einen natürlichen Schmuck, gegen den die vereinten Künste der Schneiderin und Putzmacherin wenig ausrichten konnten.

Kathi war weit weniger hübsch. Sie war ein wenig zu groß und hielt sich nicht recht gerade. Auch war die Nase etwas zu klein geraten und der Teint nicht so rein und rosig wie der Lizzis; dafür aber besaß sie einen wunderhübschen kleinen, weichen Mund und prächtige Zähne darin, und ihre grauen Augen konnten, wenn sie lebhaft an etwas teilnahmen, sehr ausdrucksvoll leuchten. Sie trug ihr lichtbraunes Haar leicht gewellt und zwei dicke Flechten rund um die Stirn gelegt, eine Frisur, die zu ihrer einfachen, hausmütterlichen Erscheinung und ihrem stillen Wesen sehr gut paßte.

Die Gaslüster waren noch gar nicht einmal angezündet, nur eine einzige große Petroleumlampe brannte im Salon, als sie hereintraten. Und weiterschreitend fanden sie im Eßzimmer die Tante im tiefsten Negligé, den ältesten Morgenrock umgeworfen, beschäftigt, den beiden Lohndienern Verhaltungsmaßregeln zu geben.

»Ah, da seid ihr ja schon fix und fertig!« rief sie ihnen entgegen. »Das ist gut; da kann mir eine von euch gleich bei der Toilette zur Hand gehen. Die Minna ist zu entsetzlich dumm! Lieschen, willst du so gut sein? Käthchen kann ja derweilen das Lampenanzünden beaufsichtigen und die Honneurs machen, falls irgend so ein grüner Student etwa zu früh kommen sollte.«

Kathi bekam einen gelinden Schreck, denn sie fühlte sich der Aufgabe, fremde Herren zu empfangen, keineswegs gewachsen und hätte das Ehrenamt lieber auf die gewandtere Schwester abgewälzt, aber die Tante war schon mit Lizzi zur Tür hinaus, ehe sie noch drei Worte zu ihrer Entschuldigung vorgebracht hatte.

Nach Verlauf einer halben Stunde etwa war alles zum Empfang der Gäste bereit. Die Gasflammen in den Kronen brannten ebenso wie auch die buntbeschirmten Lampen, ja die Lohndiener hatten sogar schon ihre weißbaumwollenen Handschuhe angezogen; aber es schlug drei Viertel, ehe die Flurklingel zum erstenmal ertönte. Kathi fuhr zusammen. Sie hatte keine Ahnung, auf welche Weise sie wohl eine Unterhaltung in Gang bringen sollte, wenn etwa so ein unglücklicher verfrühter Jüngling, Hörer ihres Oheims und zukünftiges Kirchenlicht, ihr eine Viertelstunde lang zur Beschäftigung anvertraut werden sollte. Aber es war kein Student, den der Diener jetzt hereinließ, sondern vielmehr – Herr Emmerich Vogel.

Vorgestreckten Hauptes watschelte er herein. Er trug wiederum ein weiße Weste, tief ausgeschnitten, und einen unglaublich engen Frack, auf dessen linkem Atlasaufschlag der Stern irgend eines exotischen Ordens, den er sich einmal als Andenken von einer weiteren Reise mitgebracht haben mochte, en miniature erglänzte. Seine porzellanharte Hemdenbrust ward in der Mitte von einem großen Brillantbouton zusammengehalten, und er duftete auf zehn Schritte nach ungewöhnlichen Essenzen. Blöde sah er sich im Zimmer um und schritt dann rasch auf Kathi zu.

»Ah, meine reizende Schwiegernichte – und ganz allein!« näselte er mit seiner dünnen Tenorstimme, indem er ihr seine feuchtkalte Rechte entgegenstreckte. »Das ist ja scharmant! Hat mir furchtbar leid getan, daß ich heute morgen nicht länger das Vergnügen hatte. Wäre mir bei Gott angenehmer gewesen, als die langen Reden des guten Professors anhören zu müssen.«

»Der Professor hat ja kaum ein Wort gesagt,« wollte Kathi entgegnen, aber sie besann sich noch rechtzeitig und sagte statt dessen nur: »Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen!« Sie hatte sich das vorher während der einsamen Wartezeit so eingeübt, damit ihr nicht etwa ein »Bitt' schön, mög'n S' Ihnen net niedersetzen« herausfahren sollte.

Nun saßen sie also. Herr Emmerich Vogel hatte sich einen niedrigen Fauteuil dicht neben sie herangerückt. Er rieb seine fleischigen Hände auf den Kniescheiben trocken, zwischen die er den Klapphut geklemmt hatte, und blickte dabei unangenehm grinsend der Kathi ins Gesicht, die unwillig errötend die Augen niederschlug. Dann rieb er sich mit den Handflächen die Ohren und zupfte sich an den beiden unförmlich großen Ohrlappen. Nachdem er sich hierauf noch mit dem rotseidenen Schnupftuch über die glänzende Platte gewischt und das graue Bärtchen vorsichtig betupft hatte, schien er so weit in Ordnung zu sein, um eine animierte Konversation in Gang zu bringen.

»Na, nu sagen Sie mal, wie gefällt's Ihnen denn im Reichshauptstädtchen? Schon viel herumgekommen?.Fleißig Theater besucht? Was mitgemacht?«

»O nein, wir haben ja Trauer.«

»Ach so, ja, pardon, ich vergaß. Na, da wird Sie meine Schwester wohl zur Entschädigung durch die Museen geschleift haben. Hehe, darin ist sie groß!«

Kathi verneinte wieder und sagte ihm, daß sie außer dem Zeughaus, dem Sedanpanorama und dem Zoologischen Garten noch nichts gesehen hätten.

»Ah, oh! das ist aber nicht recht!« rief Emmerich Vogel mitleidig, indem er den Kopf auf die linke Seite neigte, das linke Auge zukniff und sich am rechten Ohrlappen zupfte. »Wenn Sir mir erlauben wollen, Sie abzuholen, werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, meine schönen Schwiegernichten ein wenig herumzuführen in den nächsten Tagen. Tante Ida wird wohl erlauben, daß ich meine verwandtschaftlichen Rechte geltend mache, und die jungen Damen meiner Obhut anvertrauen. Ich bin zwar immerhin ein etwas jugendlicher Onkel – hehe – hehe – hihihi …«

Er schien diese Behauptung so außerordentlich witzig zu finden, daß es eine ganze Weile dauerte, bevor er sich von seinem Lach- oder richtiger Meckeranfall wieder erholen konnte.

Kathi fand den Gedanken, mit einem solchen Beschützer allein in Berlin umherzulaufen, gräßlich, aber als wohlerzogenes Mädchen sagte sie natürlich: »O, das wär' fei' nett; aber i glaub' net, daß die Tante es erlauben wird.«

Herr Emmerich klopfte ihr vertraulich aufs Knie und flüsterte kichernd: »O, das lassen Sie nur meine Sorge sein, mit Schwester Ida werde ich schon reden! Wenn nur der Geheimrat keine Sperenzien macht. Wissen Sie, der ist eigentlich kein Umgang für junge Damen, hehe! Himmlischer Vater, ist der Biedermann langweilig! Das muß ja für junge, lebenslustige Mädchen, wie ihr beide seid, zum Auswachsen sein, nicht wahr? Na, na, mir könnt ihr's ja ruhig zugeben. Diskretion Ehrensache, hehe.«

Herrgott, jetzt fing er schon mit »ihr« an! Kathi rückte unwillkürlich ein ganzes Stück von ihm fort und starrte ihn erschrocken an, während sie gleichzeitig eifrig protestierte: »O nein, dees is aber g'wiß net wahr! Der Onkel is sehr gut, und zu mir b'sonders.«

Der Schwiegeronkel klemmte rasch seinen Zwicker auf die Nase und sah Kathi sonderbar lauernd von der Seite an. »So, so, wirklich?« sagte er erstaunt. »Haben Sie ihm geholfen sein Herz entdecken, hehe? – Ja, freilich – warum auch nicht? Ein so hübsches Mädchen wie Sie, Fräulein Käthchen, das bringt ja die schwierigsten Sachen fertig! – Was haben Sie übrigens für eine allerliebste kleine Hand!«

Er haschte danach, um einen raschen Kuß darauf zu drücken, aber die erschrockene Kathi riß sie ihm energisch fort und erhob sich rasch von ihrem Sessel, trat an den Tisch vor dem Sofa und schlug mit einer heftigen Bewegung das erste beste der dort liegenden Prachtwerke auf, da sie ihrem Zorn in Worten nicht Luft zu machen wußte noch wagte.

Er erhob sich gleichfalls und trat zu ihr. »Aber was denn, was denn, Fräulein Käthchen – wer wird denn gleich so sein! Das heißt: ja, eigentlich haben Sie recht: man küßt ja nur alten Damen die Hand, junge hübsche Nichten sollte man als wohlmeinender Onkel doch eigentlich auf den Mund küssen dürfen.«

»Naa, i mag net!« rief Kathi leise und drängte energisch den sich ihr bedrohlich Nähernden fort.

»Na aber, wie ich das finde!« rief Herr Emmerich Vogel schwach lachend, und dann klopfte er, um seine üble Laune zu verbergen, mit dem Klapphut gegen die Tischplatte und versuchte zu pfeifen.

In diesem Augenblick ertönte draußen zum zweitenmal die Flurglocke, und fast gleichzeitig trat der Geheimrat in Frack und weißer Binde, sehr bleich von der Aufregung des Morgens, aus seinem Studierzimmer, und von der andern Seite seine Gattin herein, prachtvoll gekleidet in bordeauxrote Seide mit echten Spitzen. Lizzi folgte ihr auf dem Fuße. Sie hatten kaum Zeit, den Bruder und Schwager zu begrüßen, als auch schon die Flügeltüren von den Lohndienern aufgerissen wurden, um die ersten Gäste einzulassen.

Im Laufe der nächsten halben Stunde trafen dann die meisten der Geladenen ein. Kollegen des Geheimrats, meist von der juristischen und theologischen Fakultät, mit ihren Frauen und einigen wenigen Töchtern, dann einige jüngere Dozenten, Doktoren, die sich erst habilitieren wollten, und ein paar Studenten, die durch Empfehlungsbriefe eingeführt waren. Ein vereinzelter Gardeleutnant, Sohn eines geadelten wirklichen Geheimrats, hob sich mit seinem goldgestickten Kragen von dem öden Einerlei der schwarzen Fracks wirkungsvoll ab, ebenso wie die drei geladenen jungen Mädchen, welche wie auf Verabredung alle ganz weiß erschienen. Bis um zehn Uhr etwa war die erlauchte Gesellschaft von fünfundzwanzig Personen beisammen.

Die Diener reichten Tee mit süßem Gebäck herum, der von den Herren stehend und durch den unter den Arm genommenen Klapphut behindert, genossen werden mußte. Die Damen hatten es besser: sie saßen wenigstens – die älteren Würdenträgerinnen in einer Reihe auf dem Sofa und den breitesten Fauteuils hingepflanzt, die fünf jungen Mädchen, im Alter von achtzehn bis dreiundreißig Jahren auf den graziösen Lackstühlen. Dafür wurden sie aber auch von dem stärkeren Geschlecht mit Verachtung gestraft, indem niemand von den Herren daran dachte, sich ihnen zu nähern bis zu dem Augenblicke, wo es zum Souper ging. Nur der einsame Leutnant hielt es für seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, sich mit Todesverachtung zwischen die jungen Damen zu stürzen, von denen er keine einzige kannte. Nachdem er sie alle fünf, die überreife Tochter des theologischen Dekans mit dem melancholischen Ziegengesicht nicht ausgenommen, gefragt hatte: »Laufen gnä' Fräulein gern Schlittschuh?« oder »Gehen gnä' Fräulein oft ins Theater?« und dergleichen, ließ er sich endlich auf den Klaviersessel zwischen den beiden trauernden Münchnerinnen nieder, um die Sonne seiner Huld doch auch über die jungen Damen vom Hause scheinen zu lassen. Er guckte die Kathi an, er guckte die Lizzi an; die letztere schien in höherem Grade sein Wohlgefallen zu erwecken. Aber er war viel zu wohlerzogen, als daß er nicht die ältere zuerst angeredet hätte.

»Sind gnädiges Fräulein schon lange in Berlin?« begann er sinnig.

»Eine Woche grad«, erwiderte Kathi. Sie saß steif aufgerichtet auf ihrem goldenen Stuhl und hielt die Hände im Schoß gefaltet.

»Oh?« sagte der Leutnant, und dann drehte er gedankenvoll an seinem Schnurrbärtchen. »So kurze Zeit erst?« fuhr er dann lächelnd fort; »darf ich fragen, wo gnädig' Fräulein zu Hause sind?« »Aus München«, versetzten Kathi und Lizzi wie aus einem Munde.

»Aus München?« rief der Leutnant, seine kleinen, wasserblauen Augen zu ihnen erhebend. »Ah, fideles Städtchen – war ich auch mal. Wissen Sie: Königsschlösser ansehen, mal Karte abgehen auf allerhöchsten Bergen. War riesig nett; aber das muß ich sagen: die Bedienung im Hofbräuhaus ist miserabel. Sie nehmen mir doch meine Offenheit hoffentlich nicht übel? Das Bier is ja magnifique, aber im übrigen – nee!«

»Ja freilich, wann S' net selber schaun, daß S' was krieg'n«, lachte Lizzi achselzuckend und begann unwillkürlich an ihrem Batisttüchlein herumzuzupfen.

Der Leutnant reckte seinen dünnen roten Hals aus dem fürchterlich hohen Goldkragen heraus und schnarrte: »Wirklich reizend!« indem er gänzlich unbestimmt ließ, was er reizend fand. Dann trommelte er ein Weilchen leise auf dem Klavierdeckel herum und fragte mit einem neuen Anlauf die Lizzi: »Sind gnä' Fräulein vielleicht auch musikalisch?«

»O ja, ein bissel schon.«

»Spielen Sie vielleicht Klavier?«

»Ja!«

»Singen Sie vielleicht auch?«

»O ja.«

»Können Sie auch jodeln? Das finde ich zu nett!«

Lizzi konnte es nicht mehr aushalten. Sie stieß die Kathi leicht in die Seite und lachte: »Geh, Kathi, jetzt red' du amal, daß 's mi net gar zu arg angreift.«

Die Kathi konnte sich nicht helfen, sie mußte auch lachen. Es war zu fad. Und so kicherten die beiden trauernden Schwestern miteinander und ließen den schönen jungen Herrn ohne Antwort, so daß der am gescheitesten zu tun glaubte, wenn er auch ins Blaue hinein mitlachte.

Die benachbarten jungen Damen in Weiß horchten neugierig auf und rückten näher. Was in aller Welt mochte da passiert sein, daß in diesen heiligen Hallen tatsächlich drei junge Menschen lustig waren? Und Fräulein Elvira Zanthier, die als keck berüchtigte Tochter des Pandekten-Professors, fragte die Münchnerinnen mit neidischem Lächeln nach der Ursache ihrer Heiterkeit.

Der Leutnant ergriff für sie das Wort. »Die gnädigen Fräuleins können jodeln«, versetzte er immer noch lachend. »Wär' doch sehr nett, wenn sie uns was zum besten geben wollten.«

Die jungen Damen in Weiß stimmten dem Leutnant vollkommen bei, mit Ausnahme von Fräulein Rümpelmann, der Dekanstochter, welche für einen solchen ungebildeten Vorschlag nur ein verächtliches Lächeln hatte. Geistreiche Bemerkungen wurden weiter nicht ausgetauscht, aber wenigstens kamen doch die jungen Damen unter sich ins Gespräch. Die Münchnerinnen erregten schon um ihrer Sprache willen das lebhafteste Interesse dieser Professorentöchter, und die Mödlingers ihrerseits waren glücklich, einmal wieder wenigstens mit Altersgenossinnen reden zu können. So waren sie denn in jener Ecke bald in lebhaftestem Geschwätz, bei dem auch der Leutnant nicht sonderlich störte. Er wurde beauftragt, der Herrin des Hauses den Vorschlag zu unterbreiten, daß sie doch ihre Nichten etwas singen lassen möchte.

Die Frau Geheimrätin war nicht wenig erschrocken über diesen kühnen Vorstoß aus dem Lager der Jugend. Es was bisher noch nicht vorgekommen, daß in ihrem Salon bei Gelegenheit eines so feierlichen Empfangsabends musiziert wurde, und sie hielt es daher für sicherer, bevor sie eine solche Neuerung wagte, das Gutachten der weiblichen Autoritäten einzuholen. Frau Professor Zanthier, noch eine ziemlich jugendliche und lebhafte Dame, entschieden die hübscheste in dem Kreise, rief laut: »Ja, warum denn nicht? Der Herr Leutnant trägt gewiß den Dolch im Gewande, in Gestalt einer Flöte, nicht wahr? Sonst wüßte ich nicht, wer hier ausübend musikalisch ist.« Worauf Frau Professor Rümpelmann, die, wenn ihre Tochter einer Ziege glich, mindestens den Ehrentitel einer Giraffe beanspruchen durfte, mit süßem Lächeln erwiderte: »O, bitte, meine Tochter ist sogar sehr musikalisch. Sie hat den besten Unterricht genossen und singt wirklich sehr hübsch – das kann ich wohl sagen!« Da auch die anderen Damen nichts einzuwenden hatten, erhob sich die Geheimrätin, um das Klavier zu öffnen und die Lichter anzuzünden.

Sie nahm ihre beiden Nichten ein wenig beiseite und flüsterte ihnen zu: »Wie kommt denn nur der Leutnant darauf, daß ihr etwas vortragen sollt? Könnt ihr denn überhaupt etwas Ordentliches? Ihr habt euch doch hoffentlich nicht vorgedrängt! Natürlich muß ich erst Fräulein Rümpelmann auffordern. Sie hat den besten Unterricht genossen. Also seht zu, daß ihr euch nicht gar so sehr blamiert.« Und dann wandte sie sich laut an die Gesellschaft und verkündete, daß Fräulein Rümpelmann ihnen das Vergnügen machen wollte, etwas vorzutragen.

Es war erstaunlich, mit welcher Eile einige der älteren Herren, die im lebhaften Gespräch mit Kollegen umhergestanden hatten, auf diese verlockende Eröffnung hin in das Studierzimmer des Hausherrn verschwanden, wo sich bereits ein kleine Korona ehrwürdiger Häupter zu weisem Gedankenaustausch versammelt hatte. Allen voran der hochgebietende Herr Dekan, Professor Rümpelmann selbst. Es blieben außer den Damen, dem Leutnant und Herrn Emmerich Vogel, der sich mittlerweile an Frau Professor Zanthier herangeschlängelt hatte, nur einige der jüngeren Herren zurück, um des musikalischen Genusses aus nächster Nähe teilhaftig zu werden.

Herr Emmerich Vogel bot sich galant dem Fräulein Rümpelmann zum Notenumwenden an, allein das Fräulein benötigte seiner nicht, da sie gar keine Noten mit hatte. »Mama ist so musikalisch, die begleitet mir alles auswendig«, sagte sie mit gespitztem Munde, und dann hüpfte sie mit tändelnden Schrittchen zum Flügel, während ihre Mutter, die Giraffe, ihr rauschendes Seidengewand um den Drehstuhl herum ordnete.

Mutter und Tochter berieten sich ein Weilchen im Flüsterton, und dann reckte die erstere den langen Hals schmachtend quer über die Klaviatur hin und schlug präludierend einige Akkorde an.

Fräulein Rümpelmann begann, die Hände vor sich im Schoß gefaltet und mit weitaufgerissenen Augen den ihr zunächststehenden Emmerich Vogel fixierend, ihren schmelzenden Gesang.

»Uech wollt' moine Lübo …«

Da erscholl plötzlich aus dem Nebenzimmer, wo das Gespräch der gelehrten Herren trotz Mendelssohn leise weiter gesummt hatte, ein laut dröhnendes »Hohohohoho!«

Mutter und Tochter hielten erschrocken inne und wandten die langen Hälse gleichzeitig zur Tür des Studierzimmers zu.

»Oh, aber ich muß doch bitten!« rief die Frau Dekanin halblaut und sah sich empört nach der Hausfrau um.

»Achten Sie nicht darauf, liebe Frau Professor«, suchte die Geheimrätin, zu ihr tretend, die musikalische Mutter zu beruhigen. »Es ist nur Professor Rufus, Sie wissen, er hört recht schwer, der alte Herr.« Damit schritt sie ins Nebenzimmer, um dem Heiterkeitsausbruch des berühmten Archäologen Einhalt zu tun.

Die Studenten sahen sich sämtlich bewogen, die Bilder an den Wänden oder das Futter ihrer Klapphüte höchst eingehend zu besichtigen, und auch die jungen Mädchen hatten Mühe ihr Lachen zu unterdrücken, besonders Lizzi, die den starren Blick der Ziege gerade auf sich gerichtet fühlte.

Sobald im Nebenzimmer die Ruhe hergestellt war, griff die Dekanin wieder in die Saiten, diesmal etwas energischer, und ihr hochgewachsenes Töchterchen begann aufs neue:

»Uech wollt', moine Lübö ergösse süch
All' ün oin oihn-züges Woort.«

Die junge Dame sang mit »vül Empfündung«. Ihre dünne, schrille Stimme stand in wirkungsvollstem Gegensatz zu ihrer düsteren Aussprache, und da ihre Töne nicht von Natur vibrieren wollten, so bemühte sie sich, diesen Mangel durch ein tief zu Herzen dringendes Gemecker zu ersetzen, welches, was immer man auch dagegen vom gesangstechnischen Standpunkte einwenden mochte, doch jedenfalls mit ihrer Erscheinung auf das glücklichste harmonierte.

Lizzi erstickte fast. Die Augen standen ihr voll Tränen, so außerordentlich gerührt war sie. Sie hatte fast schon ihr halbes Taschentuch aufgekaut, ehe noch die ergreifende Produktion zu Ende gekommen war. Auch die gesetzte Kathi hatte alle Mühe, nicht laut herauszuplatzen, besonders als der Leutnant bei dem höchsten Ton so schmerzhaft das Gesicht verzog, daß ihm der Schmachtscherben aus dem Auge fiel.

Die beiden Weißgewaschenen hatten es leichter, da sie der Himmel mit unmusikalischen Ohren begnadet hatte, doch wurden auch sie bis zu einem gewissem Grade von der krampfhaften Heiterkeit der übrigen Jugend angesteckt. Mißbilligende Blicke vom Sitze der Mütter her wiesen sie in die Grenzen des sogenannten Anstandes zurück.

Der Gesang war beendet. Schwaches Händeklatschen und beifälliges Gemurmel seitens der Damen belohnte die Künstlerin. Einer der an den Wänden verstreuten Studenten klatschte so heftig, daß ihm der Chapeau entfiel, welche Gelegenheit seine Kommilitonen nicht vorübergehen ließen, ohne in ein recht ungebildetes Gelächter auszubrechen. Schließlich konnte doch einem einmal der Hut herunterfallen!

Während die älteren Damen noch die strahlende Giraffe zu dem Erfolge der Ziege beglückwünschten, kam plötzlich aus dem Nebenzimmer der berühmte Archäologe Professor Rufus herausgeschossen und rief schon von weitem, beide Hände vorstreckend: »Schönsten Dank, mein liebes Fräulein! Wirklich sehr schön vorgetragen! Was war das doch gleich? Kam mir so bekannt vor!« Er schüttelte der geschmeichelten Sängerin beide Hände und blickte zu ihrer ansehnlichen Höhe empor. Ein breites Lächeln verklärte sein rosiges, glattrasiertes Gesicht.

Die Mutter antwortete für die Tochter: »Von Mendelssohn, Herr Professor! Früher sang ich immer die zweite Stimme; aber seit ich den chronischen Katarrh habe, singt es das Kind Solo. Es ist eigentlich ein Duett, wissen Sie.«

»Mendelssohn, ach jawohl, Mendelssohn, den hab' ich gut gekannt!« rief der kleine Professor, seinen schönen, weißlockigen Gelehrtenkopf hinten überbeugend, als ob er das Porträt des verblichenen Tonmeisters irgendwo oben an der Zimmerdecke erblickte. »Ich erinnere mich noch sehr wohl der musikalischen Abende bei dem hochseligen Friedrich Wilhelm IV. Sie haben ihn wohl nicht mehr gekannt, liebes Fräulein? hohohohoho!« Er schlug wieder seine olympische Lache an, welche das ganze weite Gemach erzittern machte. »Wollen Sie uns nicht noch etwas zum besten geben? Ich liebe die Musik so sehr, hohoho!« Und damit drehte er sich auf dem Absatz herum und verschwand wieder im Nebenzimmer.

Das ließ sich die Ziege nicht zweimal sagen. Ein kurzer Blickwechsel mit der Giraffe genügte, um die Walze in Gang zu setzen. Es folgte Nummer 2 des Repertoires: etwas Neckisches zur Abwechslung:

»Mutter, Mütterchen, ach seu nücht böse,
Da-aß i-ich i-in de-en Wald gögangen.«

Lizzi war nahe daran in Krämpfe zu verfallen, und der Leutnant versetzte sich offenbar so lebhaft in die Seele des Jägers, der die im Walde verirrte Ziege küssen mußte, daß er, wie von einem plötzlichen Schüttelfrost gepackt, auf seinem Stuhle bebte. Einer der Studenten vermochte sich nicht länger aufrechtzuerhalten, sondern fiel auf einen Sessel in der Nähe der Tür und verbarg verschämt sein Antlitz in beiden Händen. Die Macht des Gesanges offenbarte sich auf wunderbare Art! Kaum ein Auge blieb trocken. In so vortrefflicher Weise wußte die Sängerin die reizende kindliche Schalkhaftigkeit, welche der Dichter und der Komponist in ihrem anspruchslosen Werke versteckt hatten, zum Ausdruck zu bringen! Und wenn nicht kurz vor Schluß des Liedchens die Flügeltüren sich geöffnet hätten, um einen verspäteten Gast einzulassen, so hätte die Begeisterung wohl sogar vorzeitig die Schranken der Sitte durchbrochen.

Aber die neue Erscheinung lenkte, obgleich sie bis zur Beendigung des Gesanges bescheiden an der Tür stehen blieb, die allgemeine Aufmerksamkeit dermaßen auf sich, daß sie sogar den zitternden Leutnant erstarren machte und die halbtote Lizzi wieder ins Leben zurückrief.

Es war eine Dame in mittleren Jahren, deren Gesichtszüge außer einer entschieden spitzen Nase durchaus nichts Auffälliges an sich hatten. Sie war weder besonders groß noch besonders klein, weder besonders dick noch besonders dünn. Einfach eine ziemlich nett aussehende Dame, wie man deren häufig in Gesellschaften und anderswo zu treffen pflegt. Es war lediglich ihr Kostüm, das ihr den Charakter des Ungewöhnlichen verlieh. Ein Kostüm im verwegensten Sinne des Wortes, das sicherlich weder einem Pariser noch einem Wiener noch sonst einem modernen Modejournal entnommen war. Der unscheinbare Körper stak nämlich in einem Musselingewande mit kurzer Empiretaille, welches über und über mit üppiger Stickerei von Goldflittern bedeckt war. Um den ziemlich tief ausgeschnittenen Hals herum stand ein auf Drähte gezogener Kragen, aus ebenfalls mit Flitter besetztem Spitzenstoff, steif ab. Die ganz kurzen Puffärmel ließen die hageren roten Arme bis über die Ellbogen entblößt, den Unterarm und die Hände bedeckte ein Paar viel zu weiter und ziemlich schmutziger Handschuhe aus ehemals weißem Batist, gleichfalls mit Flitterornamenten verziert. Auf dem gepuderten Haar trug die Dame ein altes, goldenes Münchner Ringelhäubchen, über das, von einer Brillantagraffe an der Seite gehalten, drei rosa Straußfedern herabnickten. Die hohe Taille wurde von einem goldenen, mit bunten Steinen geschmückten Gürtel umspannt, von dem an ebensolcher Kette ein bunter runder Federfächer herabhing, und unter dem kurzen Saum des leichten Gewandes schauten die nach oben gekrümmten Spitzen der gleichfalls goldgestickten Schuhe hervor. Dank der wunderbaren Erscheinung dieses späten Gastes hielt sich nach Beendigung des neckischen Liedchens der Beifall in immerhin mäßigen Grenzen. Wieder kam der liebenswürdige Professor Rufus aus dem Nebenzimmer hereingeschossen und rief noch auf der Schwelle: »Brava, brava, danke sehr, liebes Fräulein! Dieser Mendelssohn war wirklich ein Liebling der Musen und der Grazien, hohohoho!«

Aber das homerische Gelächter blieb dem berühmten Archäologen zur Hälfte in der Kehle stecken, sobald er der goldglitzernden Erscheinung gewahr ward, die jetzt eben bis in die Mitte des Zimmers gelangt war und von der Hausfrau mit etwas verlegenem Lächeln begrüßt wurde.

»Darf ich die Herrschaften bekannt machen?« sagte Frau Ida: »Herr Professor Rufus – Frau Majorin von Goldacker.«

»Ah!« rief der kleine Gelehrte, sich galant verbeugend, »ich stehe geblendet vor so viel Glanz, hohohoho! Gnädige Frau haben da ein Kostüm! Archäologen haben zwar in Toilettenfragen keine Meinung; aber in diesem Falle – hohoho!«

»Ich bin auch sehr stolz auf dieses Stück, Herr Professor«, versetzte die Majorin und drehte sich langsam herum, um sich von allen Seiten bewundern zu lassen. »Dieses selbe Kleid hat Josephine Beauharnais als Braut getragen. Die Kaiserin Eugenie hat es bei ihrer Flucht aus Paris in der Eile nicht mitnehmen können, und da ist es denn später mit andern Kostbarkeiten unter den Hammer gekommen. Ich war so glücklich, es aus dritter Hand erwerben zu können.«

»Aber, mein Gott, hier ist doch kein Maskenball!« flüsterte die Frau Professor Zanthier hinter ihrem Fächer ihrer Nachbarin, der Geheimrätin Pütz, zu.

Und diese würdige Dame beugte sich zu ihr und erwiderte: »Ja, haben Sie denn von dieser verdrehten Schraube noch gar nichts gehört? Sie ist eine reiche Witwe und hat die Passion, historische Kostüme zu sammeln und sie selber zu tragen. Uebrigens, seien Sie vorsichtig, meine Liebe: sie ist eine Verwandte von Riemschneiders.«

Nachdem auch der Hausherr die Majorin begrüßt und einige Worte der Bewunderung über ihr Kostüm geäußert hatte, wurde sie von der Geheimrätin zum Sitze der Mütter geführt und einigen Damen vorgestellt. Es war erstaunlich, zu sehen, mit welcher Kunst diese weiblichen Spitzen der Gelehrtenrepublik, diese hochthronenden, edlen Hüterinnen guter Sitte, die kleine, harmlose Majorswitwe im Gewande der Josephine Beauharnais süß und doch zugleich niederträchtig erhaben anzulächeln verstanden! Die Majorin war durchaus nicht dumm genug, um nicht zu merken, daß dieses kunstvolle Lächeln nichts anderes besagen sollte, als: wir sind wohlerzogen genug, um dich als Mitgast in unsrem Kreise zu dulden, im übrigen aber erlauben wir uns, dich mindestens für verrückt und deinen Geschmack für höchst unpassend zu halten. Aber Frau von Goldacker war bereits unempfindlich geworden gegen solche Beredsamkeit weiblicher Augensprache und, wie alle von einer großen Leidenschaft beherrschten Menschen, freudig bereit, jegliches Märtyrertum auf sich zu nehmen. Sie nahm mit ebenso glückselig strahlender Miene mit ihrem verstaubten geflickten Flitterstaat unter diesen würdevollen Trägerinnen stumpffarbiger Seiden- und Atlasroben Platz, wie nur irgendeine frischgeadelte Bankiersgattin ihre kostbare Robe von Worth in Paris zum erstenmal bei einem Feste zur Schau tragen kann, für das ein Prinz von Geblüt sein Erscheinen zugesagt hat.

Während der Hausherr mit seinem Spannzettel die Runde machte und jedem der Herren den Namen seiner Tischdame zuflüsterte, zog die Geheimrätin ihre Nichten beiseite und sagte: »Wenn ihr wirklich durchaus noch etwas vortragen wollt, dann beeilt euch aber jetzt. Wir haben nur noch auf die Majorin gewartet mit dem Souper. Die kommt regelmäßig zu spät – natürlich, weil sie nie mit ihren verdrehten Toiletten fertig wird. Ist aber auch das letztenmal, daß ich sie zu so was eingeladen habe! Das hat man davon, wenn man auf die Verwandten seines Mannes soviel Rücksicht nimmt!«

Obwohl diese Aufforderung weder in der Fassung noch im Tone hervorragend freundlich zu nennen war, bestand Lizzi doch darauf, nun erst recht zu singen, denn es reizte sie jetzt, nach dem schauderhaften Gemecker der Ziege ganz besonders den Leuten zu zeigen, daß sie doch etwas Besseres vermöchte. Die Kathi hatte Angst, aber Lizzi stieß sie förmlich auf den Klavierstuhl.

»Jetzt singa mir amaal dees vom letztn Fensterln, weißt«, raunte sie der Schwester zu, und gab ihr dabei noch einen derben Puff gegen die Schulter. »Und daß d' den Jodler fein mitsingst, dees sag' i der. Sonst zwick i di in Arm, daß d' grad nausschreist!«

Und obwohl außer Emmerich Vogel und dem Gardeleutnant, die erwartungsvoll zu ihnen aufblickend sich an den Flügel lehnten, niemand geneigt schien, ihnen zuzuhören, sondern vielmehr der gemischte Chor aller vorhandenen dreiundzwanzig brummenden, knarrenden, quiekenden, quäkenden Männer- und Frauenstimmen just zu einem kräftigen Forte angeschwollen war, ließ sich doch die Lizzi nicht abschrecken, ihr G'sangl anzustimmen. Und wirklich, es gelang ihr nicht nur mit ihrem klaren, jugendfrischen Sopran das laute Stimmengewirr zu übertönen, sondern sogar nach wenigen Takten schon sich Ruhe und Aufmerksamkeit zu erzwingen. Ungeziert, munter und frischweg sang sie:

»A Bleami im Miada, a Bleami am Huat,
Oft hat's der Bua g'sagt un des gfallet eahm guat.
No heunt werd er schaugn, heunt hon' is grad gnua.
Und a paperlgreanes Bandl, dös steht wohl dazua.
Ja, dös steht wohl dazua!«

Und nun fiel die Kathi mit ihrem weichen Alt etwas zaghaft, aber glockenrein mit ein:

»Holdiri diö diri, holdiri diö diri« u.s.w.

Die Gesichter der Studenten, die bisher mit stumpfsinniger Resignation dreingeblickt hatten, hellten sich mit einem Schlage auf, Herr Emmerich Vogel wiegte sich graziös auf den Zehenspitzen und blinzelte die Sängerinnen verliebt an, der schmucke Leutnant zwirbelte vergnügt lächelnd an seinem Schnurrbärtchen herum und bewegte die Lippen, als ob er mitsingen wollte – ja, aus dem Nebenzimmer strömten sogar, einer nach dem andern auf den Zehen über den Teppich schleichend, die ehrwürdigen, hochmögenden geheimen Räte, ordentlichen und außerordentlichen Professoren und Doktoren herein, und einige von ihnen verschmähten es sogar nicht, ihre ehrwürdigen Häupter im munteren Dreivierteltakt mitschwingen zu lassen. Auf seiten der Damen schien weniger Übereinstimmung zu herrschen. Frau Professor Zanthier lächelte zwar wohlgefällig, und die verwitwete Majorin Josephine Beauharnais ließ sogar mitten in den Gesang hinein kleine unterdrückte Schreie des Entzückens erschallen, aber die Geheimrätin Pütz und die Frau Doktor Georgi und die Frau Professor Cholevius und die Frau Konsistorialrätin Schlegel und wie die steifrückigen Spitzen der Gesellschaft alle heißen mochten, sahen einander immer bedenklicher von der Seite an und lächelten immer säuerlicher, und die Giraffe gar reckte ihren Hals so lang und steif sie irgend konnten aus der Halskrause heraus, und ihre schlaffen Lippen zuckten bedrohlich und zielten gerade auf die spitze Nase der Josephine Beauharnais, als ob sie bei deren nächster unvorsichtiger Beifallsäußerung zu spucken gedächten. Die für gewöhnlich quittengelbe Ziege lief bedenklich rot an und trat, um ihrem Groll doch irgendwie Luft zu machen, dem ihr zunächst sitzenden Fräulein Zanthier, welche allzu unbefangen ihr Wohlgefallen zu äußern sich erdreistete, auf den Fuß.

Es folgte ein zweiter und ein dritter Vers, beim letzten Jodler schloß Lizzi mit einem durchdringenden Juchzer wirkungsvoll ab. Der Erfolg war ein durchschlagender. Die gesamte Herrenwelt, sogar die bescheidenen Studenten nicht ausgeschlossen, drängte sich um die beiden Münchnerinnen und überbot sich in Komplimenten, allen voran der liebenswürdige Professor Rufus, der seinem Vergnügen durch ein wahrhaft bacchantisches, dröhnendes »Hohohoho!« Ausdruck gab. Auch der hochragende theologische Dekan, Professor Rümpelmann, der Gatte der Giraffe und Vater der Ziege, versuchte sich bis zu den hübschen Sängerinnen durchzudrängen, wurde jedoch durch das energische Dazwischentreten seiner Gattin an der Ausführung solch frevelhaften Vorhabens verhindert.

»Rümpelmann, du vergißt dich!« raunte seine tiefgekränkte bessere Hälfte ihm zu. »Solche Produktionen gehören in ein Café chantant. Ich begreife nicht, wie die Geheimrätin so taktlos sein kann, ihren Nichten so etwas zu erlauben. Ich erwarte von dir, daß du dich mit diesen Mädchen nicht weiter einläßt.«

Hatte sie bemerkt, daß die Geheimrätin in ihrer Nähe stand und deshalb absichtlich ziemlich laut gesprochen? Jedenfalls war jener die Bemerkung über das Café chantant nicht entgangen. Sie erbleichte, und als gerade die Nichten, dem allgemeinen Drängen nachgebend, sich zu einem neuen Vortrag anschickten, rief sie laut: »Darf ich bitten, meine Herrschaften, zum Souper!«

Ein allgemeines »Ah« des Bedauerns. Der Knäuel schwarzbefrackter Gestalten um den Flügel herum entwirrte sich, und jeder eilte, seiner ihm zugeteilten Dame den Arm zu reichen. Die Hausfrau eröffnete mit dem Geheimrat Pütz den Zug. Ihr Gatte folgte mit der aufgeregten Dekanin Rümpelmann, und so ging es fort nach Alter und Würde, bis zum Schluß der Gardeleutnant mit Fräulein Elvira Zanthier, Herr Emmerich Vogel mit Kathi und ein glückstrahlender Student mit Lizzi am Arm ins Eßzimmer hineinmarschierte. Zwei überzählige Studiosi schritten mißvergnügt hinterdrein, denn jeder von ihnen hatte sich im stillen Hoffnung auf Lizzi gemacht.

Es dauerte eine ganze Weile, bis jedermann an der langen, glänzenden Tafel seinen ihm bestimmten Platz gefunden hatte, und die glitzernde Majorin von Goldacker vermehrte die allgemeine Verwirrung noch dadurch, daß sie ihrem Tischherrn, dem Professor Cholevius, einfach davonlief und sich rücksichtslos durch den Knäuel der jüngeren Herrschaften am untern Ende der Tafel hindurchdrängte, um zu den Nichten des Hauses zu gelangen. Sie schloß die beiden Mädchen in ihre Arme und küßte sie auf beide Wangen und rief dazwischen so laut, daß man es bis an das untere Ende der Tafel hören konnte: »Eure Tante hat es nicht für nötig gefunden, uns miteinander bekannt zu machen. Da muß ich mich schon selbst vorstellen. Ich bin die Frau von Goldacker. Irgend etwas werdet ihr doch wohl schon von mir gehört haben – und sehr bös bin ich, daß ihr mich noch gar nicht aufgesucht habt. Ich höre, ihr seid schon acht Tage in Berlin. Unverzeihlich! Wo ich doch die einzige Verwandte hier bin außer Professors. Ihr wißt doch, mein Vetter Alfred, der in Amerika ist, hat eine Riemschneider zur Frau, welche eine rechte Nichte eures Onkels und gleichzeitig Andergeschwisterkind mit der zweiten Frau des Bruders meines Mannes war – also eine doppelte Verwandtschaft! Ich bin entzückt, daß ihr so nette Mädchen seid, und wenn ihr mich nicht morgen früh gleich besucht, dann sollt ihr mal sehen! Ich habe übrigens schon gehört von euch durch eine Dame, die im selben Kupeé mit euch von München hierhergefahren ist. Nette Geschichten, ihr Erbschleicherinnen, ihr!« Und lustig lachend klopfte sie die beiden Schwestern auf die Wangen und schwebte wieder zu ihrem verlassenen Tischnachbar zurück. Mittlerweile hatte männiglich seinen Platz gefunden. Das Stimmengewirr war verstummt, und man wartete nur auf die Frau Majorin, um sich setzen zu können. Das Wort von den »Erbschleicherinnen« mußte von jedermann an der Tafel gehört worden sein. Einige von den Herrschaften lachten auch ganz ungeniert darüber, während andre ein wenig bedenklich lächelnd in den Mienen der Gastgeber zu lesen versuchten.

Die beiden Schwestern erstarrten beinahe vor Schreck, denn sie sahen die Blicke der Tante mit einem so feindseligen Ausdruck auf sich gerichtet, daß sie alles Unheils gewärtig sein durften. Zum Ueberfluß fragte auch noch der schwerhörige Professor Rufus seine Tischnachbarin, Frau Zanthier, ganz laut, was denn die Dame in dem antiquarisch interessanten Kostüm so Komisches gesagt habe?

Die Antwort der Professorin ging glücklicherweise in dem Geräusche der schurrenden Stühle und raschelnden Gewänder beim allgemeinen Niedersitzen ungehört unter.

Einen solchen Schrecken hatten die beiden Schwestern bekommen, so aufgeregt klopfte ihnen das Herz, daß sie keinen Löffel Suppe hinunterzubringen vermochten und zunächst gar nicht hörten, was ihre Tischnachbarn zu ihnen sagten. Erst nachdem sie ein paar Gläser Wein getrunken und die mehr in Fluß geratene allgemeine Unterhaltung die Aufmerksamkeit der Tischgäste von ihnen abgelenkt hatte, erholten sie sich so weit, um sowohl an den auserlesenen Gerichten, wie an der Unterhaltung ihrer Herren Geschmack zu finden.

Die Lizzi saß im heftigsten Kreuzfeuer, denn nicht nur der Herr Gregor Krajesovich von Nemes-Pann – sie hatte den pompösen Namen von der Tischkarte abgelesen, die auf seinem Weinglase lag – ihr erwählter Kavalier, sondern auch Herr Emmerich Vogel, der die Kathi, seine Dame, schrecklich vernachlässigte, redeten ununterbrochen auf sie ein, und sogar die weitersitzenden Herren, der Leutnant links und der Privatdozent Doktor Georgi rechts, lagen nur immer auf der Lauer, um ihr irgend eine Frage oder Artigkeit zuzuschreien, sooft ihren Nachbarn nur für einen Moment der Unterhaltungsstoff auszugehen schien. Das Durcheinander lauter Stimmen mit Begleitung von Messer- und Tellergeklapper machte Lizzi anfangs ganz wirr im Kopf, und sie wußte kaum selbst, was sie auf alle die hageldicht einschwirrenden Fragen antwortete. Doch gewöhnte sie sich daran bald genug, und das Kosten von allen den zahlreichen Weinen – es waren wohl sechs oder sieben Sorten im Laufe des Soupers, die den Gästen vorgesetzt wurden – übte auch bald genug seine Wirkung auf sie aus. Sie fand ihre angeborene kecke Unbefangenheit wieder und versetzte das ganze untere Ende der Tafel durch ihre drolligen Antworten und oft ganz witzigen Bemerkungen in die heiterste Laune, besonders durch die oft recht derbe Zurückweisung, die sie den zudringlichen Galanterien des Herrn Emmerich Vogel zuteil werden ließ. Sie amüsierte sich ausgezeichnet und hatte bald ganz vergessen, wie unangenehm steif, albern und geziert ihr alle diese Leute anfangs erschienen waren. Fräulein Zanthier und Fräulein Cholevius, die beiden jungen Damen in Weiß, schienen doch ganz nette, bei näherer Bekanntschaft mehr versprechende Mädchen zu sein, deren dringender Aufforderung, sie doch zu besuchen, sie bald folgen wollte. Selbst der Gardeleutnant war, abgesehen von seinem Schmachtscherben und seinen stereotypen Redensarten, gar nicht der fade Geck, als welcher er ihr anfangs vorgekommen war. Und ihr Nachbar gar, der edle Gregor Krajesovich von Nemes-Pann, entpuppte sich als ein feingebildeter, gewandter und unterhaltender junger Mann. Er war Mediziner und gedachte in nächster Zeit schon sein Staatsexamen zu machen, um dann wieder in seine Heimat an der ungarisch-serbischen Grenze zurückzukehren. In diese ihm sehr wenig zusagende Gesellschaft von Juristen und Theologen war er nur dadurch verschlagen worden, daß er von einem Wiener Freunde seiner Familie, der ein Studiengenosse des Professors Riemschneider gewesen war, ein Empfehlungsschreiben an diesen mitbekommen hatte. Er studierte nun schon zwei Jahre in Berlin und hatte in jedem Jahre einmal in diesem Hause Besuch gemacht, worauf er ordnungsmäßig je einmal eingeladen ward. Lizzi konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit diesem hübschen und klugen jungen Manne in vertraulich gedämpftem Tone allerlei nicht eben schmeichelhafte Bemerkungen über die Würdenträger am oberen Ende der Tafel, ja sogar über ihren bedeutenden Oheim und die gestrenge Tante selbst auszutauschen.

Auch die gute Kathi hatte allmählich ihren Schreck verwunden und ihre Schüchternheit ein wenig abgelegt. Freilich wollte sich anfangs etwas wie Neid in ihr regen, als sie sehen mußte, wie ihre jüngere Schwester sich im Sturm alle Herzen eroberte und die lebhafte Teilnahme der gesamten erreichbaren Herren auf sich vereinigte; aber dann war's ihr doch wieder lieber, daß ihr auf diese Weise wenigstens die Unterhaltung Emmerich Vogels erspart blieb, der sich fast ausschließlich an Lizzi wendete mit seinen faden Scherzen und onkelhaften Vertraulichkeiten. Sie fand auch bald eine angenehme Entschädigung in der Unterhaltung ihres Nachbars zur Rechten, des Doktors Georgi, der als begeisterter Alpinist auch das bayrische Hochland sehr genau kannte und daraus einen auch dem scheuen Mädchen vertrauten Unterhaltungsstoff zog.

Man war bereits beim Eis und beim Champagner angekommen, als ein schallendes Gelächter am untern Ende der Tafel die Aufmerksamkeit der ganzen Tischgesellschaft erregte. Sämtliche Gespräche wurden unterbrochen, und aller Blicke wandten sich der Lizzi Mödlinger zu, die lieblich errötend von ihrem Platz an der unteren Schmalseite der Tafel aus an alle ihr entgegengehaltenen Spitzkelche der Reihe nach anstieß.

»Beim Zeus!« rief Professor Rufus laut und beugte sich, die Hand, um besser zu hören, vor die linke Ohrmuschel haltend, über die Tafel. »Beim Zeus, wir Greise hier oben möchten auch gern unser Teil haben von der Heiterkeit der blühenden Jugend da unten, hohohoho! Darf man fragen, was da unten so fröhlichen Anstoß erregt? hohoho!«

Emmerich Vogels dünne Stimme krähte die Antwort hinauf: »Wir stoßen an auf die Berliner Hühneraugen. Fräulein Lizzi meint« …

»Naa, naa, net sagen!« schmollte Lizzi und versuchte ihren Nachbar, indem sie ihn leicht beim Arm schüttelte, am Weiterreden zu verhindern.

»Ich glaube auch wohl, es wäre besser, wenn du uns mit diesen Scherzen verschontest, lieber Emmerich«, rief die Hausfrau spitz und scharf ihrem Bruder zu, während sie zugleich mit einem wahrhaft vernichtenden Blick die reizende Nichte, auf die jetzt aller Augen erwartungsvoll gerichtet waren, zu zerschmettern suchte.

Aber Emmerich Vogel ließ sich nicht abschrecken, sondern krähte laut über die ganze Tafel hin: »Nein, das müssen Sie hören, meine Herrschaften. Fräulein Lizzi sagt zu niedliche Sachen. Der junge Herr hier mit dem Namen, den man unmöglich behalten kann – Sie entschuldigen, Herr Kraxelowitsch und so weiter – also der Herr sprach von den slawischen Völkerschaften da unten herum, wo er zu Hause ist, und er behauptete, mit denen wäre es ungefähr so wie mit den Russen: wenn man sie bloß ein bißchen abkratzte, so käme der Barbar zum Vorschein; worauf Fräulein Lizzi erwiderte – Sie entschuldigen, ich kann es nicht so ganz richtig sagen wie sie: ›Ja, und wennst' dem Berliner die Lackstieferln ausziegst, nachher siegst's, wo ihn die Hühneraugen plagn‹.«

Das Gelächter, welches diesen Witz belohnte, war allgemein, nur die Giraffe und die Hausfrau, die einander gerade gegenübersaßen, rümpften die Nasen und tauschten Blicke des Einverständnisses aus.

Mitten in der allgemeinen Heiterkeit erhob sich Herr Emmerich Vogel und klopfte an sein Glas.

»Um Gottes willen!« rief der Geheimrat Riemschneider unwillkürlich halblaut und sandte einen hilfeflehenden Blick zu seiner Gattin hinüber, denn er konnte sich von dem Unterfangen des gefürchteten Schwagers nichts Gutes erwarten.

Aber der hatte bereits, ehe seine ebenfalls geängstigte Schwester noch irgend einen Rettungsversuch unternehmen konnte, die Schleusen seiner Beredsamkeit geöffnet.

»Meine Damen und Herren! Obwohl ich mich als einfacher Kaufmann in diesem auserlesenen Kreise gelehrter Männer und tiefsinniger Frauen – Pardon, ich bitte mich nicht mißzuverstehen, ich wollte sagen hochsinniger Frauen – obwohl ich mir, wie gesagt, in diesem Kreise eigentlich hilflos wie ein Waisenknabe vorkommen müßte – ich bin übrigens auch ein Waisenknabe, wir sind beide arme Waisen, ich und meine liebe Schwester Ida – so glaube ich mich doch berufen, sowohl in meiner bescheidenen Eigenschaft als naher Verwandter des Hauses Riemschneider, wie auch infolge des freundlichen Zufalles, der mich heute unter die blühende Jugend versetzt hat … glaube ich mich, äh, wie gesagt, unter diesen besonderen Umständen dennoch berufen, äh – das Wort zu ergreifen, um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß das Haus Riemschneider heute nicht nur die Ehre hat, so viele berühmte Namen unter seinem Dache vereinigt zu sehen, sondern auch gleichzeitig sozusagen ein freudiges Familienereignis feiert.«

Hier machte der Redner eine kleine Pause, die er seiner Gewohnheit gemäß benutzte, um sich die Ohren zu reiben und an deren Lappen zu zupfen. Der Hausherr räusperte sich bedenklich und ließ einen ängstlichen Blick um den Tisch schweifen, wobei es ihm nicht entging, daß einige der Damen ihre Gesichter auffallend plötzlich hinter ihren Fächer verbargen. Wangen und Nase seiner Frau hatten schon fast die Farbe ihres seidenen Gewandes angenommen.

»Ein freudiges Familienereignis sage ich,« fuhr der Redner mit erhobener Stimme fort, indem er die Rechte auf den Tisch stemmte und den linken Daumen in die Tasche der weißen Weste versenkte. »Obwohl Ihnen allen bekannt sein dürfte, daß der Himmel die langjährige glückliche Ehe unseres verehrten Gastgebers nicht mit der gewünschten Nachkommenschaft gesegnet hat. Sie werden es daher begreifen, mit welcher Freudigkeit meine liebe Schwester auf den Gedanken ihres Gatten einging, den verwaisten Töchtern seiner Lieblingsschwester in seinem Hause ein neues, trautes Heim zu bereiten und damit zugleich die Lücke in ihrem von jeher mütterlich fühlenden Herzen auszufüllen. Ich glaube in Ihrer aller Sinne zu sprechen, wenn ich die Fräulein Kathi und Lizzi Mödlinger als die gewissermaßen vom Himmel gefallenen lieblichen Töchter des Hauses in unserer Mitte freudig willkommen heiße! Zu einem solchen herzlichen Willkommengruß bietet die heutige festliche Gelegenheit um so mehr Veranlassung, als meine reizende Nachbarin zur Rechten heute ihren achtzehnten Geburtstag feiert. Meine Damen und Herren, ergreifen Sie Ihre Gläser und stimmen Sie mit mir ein in den Ruf: Fräulein Lizzi, die schönste Zierde des Hauses Riemschneider, das liebliche Münchener Kindl, ab heute hoffnungsvolle Berlinerin, lebe hoch – hoch, hoch!«

Die ganze Tischgesellschaft erhob sich und stimmte laut in den Ruf ein und dann kamen sie alle mit den Sektgläsern in der Hand zu der hold errötenden, strahlenden Lizzi herunter, um mit ihr anzustoßen und ihr Glück zu wünschen. Nur die Giraffe und die Ziege begnügten sich damit, ihr von weitem steif zuzunicken und sich dann rasch wieder zu setzen. Die Majorin von Goldacker ließ es wieder an Küssen und Umarmungen nicht fehlen und brachte durch ihre raschen Bewegungen in dem dichten Gedränge die Augen verschiedener Herren und Damen in nicht geringe Gefahr, mit den rechts und links ausschlagenden spitzen Drahtecken ihres Flitterkragens in schmerzhafte Berührung zu geraten. Die ältesten und steifsten Würdenträger fanden für das liebliche Geburtstagskind einige freundliche Worte, und der große Archäologe mit der homerischen Lache ging sogar in seiner Liebenswürdigkeit so weit, Lizzi väterlich auf den Scheitel zu küssen und sie aufzufordern, ihn doch einmal zu besuchen, um unter seiner Führung die antike Abteilung des Museums kennen zu lernen.

Selbst die Frau Geheimrätin hatte es über sich vermocht, ein liebevolles Lächeln über ihre breiten Züge auszugießen und die Nichte auf beide Wangen zu küssen, während sie dabei laut ausrief: »Also nochmals meine herzlichsten Glückwünsche, mein geliebtes Kind! Du weißt ja, wie gut ich es mit dir meine.« Ihrem Bruder aber flüsterte sie etwas abseits von dem allgemeinen Gedränge mit zornsprühenden Augen zu: »Lieber Emmerich, ich glaube, du mußt betrunken sein. Diese taktlose Anspielung auf meine Kinderlosigkeit …! Und außerdem: ein solches Wesen mit diesem Mädchen zu machen, das sowieso schon vor Eitelkeit platzt und sich nicht zu benehmen weiß. Na, wir sprechen noch miteinander, mein Lieber.« – –

Das Souper ging jetzt sehr rasch zu Ende. Es war gerade Mitternacht, als die Hausfrau die Tafel aufhob und die Herrschaften in derselben Ordnung, in der sie gekommen waren, den Rückmarsch in den Salon antraten. Lizzi und ihr schöner Herr Gregor Krajesovich von Nemes-Pann gingen als die letzten hinterher. Er funkelte sie mit seinen schwarzen Augen verliebt an, und sie hing sich fest an seinen Arm und lachte: »Gel Sie, jetzt wenn mer tanzen könnten, des war fei lustig!"

»Ach ja!« flüsterte er mit einem feurigen Seufzer zurück. »Aber nicht hier unter diesen steifen Perückenstöcken, wo es so nach gelehrtem Staub und Schweinsleder riecht! In einem großen, glänzenden Ballsaal mit aufregender Zigeunermusik, wie bei mir daheim. O, gnädiges Fräulein, da möchte ich mit Ihnen über glattes Parkett fliegen, immerzu, Sie gar nicht wieder loslassen aus meinen Armen! O, ich bitte, werden wir uns wiedersehen? Wir, müssen uns wiedersehen! Aber nicht hier. Bitte, sagen Sie schnell, wo? – ich bitte dringend.«

Man sagte sich allgemein »Gesegnete Mahlzeit«, und auch Herr von Krajesovich schüttelte, auf der Schwelle des Salons angekommen, Lizzi die Hand und drückte sie dabei fest in der seinigen.

Lizzi blickte verwirrt zu Boden und flüsterte: »Ja, ich weiß net, ich bin ja hier zu fremd.«

»Können Sie morgen um zwölf Uhr an den großen Stern im Tiergarten kommen?« flüsterte der schöne Serbe ganz leise und eindringlich. »O bitte, Sie dürfen nicht nein sagen – es handelt sich um mein Lebensglück!«

Lizzi fühlte sich wie berauscht und willenlos. Ganz im Banne seiner feurigen Augen flüsterte sie zurück: »Ich will's versuchen.«

In diesem Augenblick kamen Kathi, der Leutnant und die Fräulein von Zanthier und Cholevius auf sie zu und baten sie, doch noch ein Lied zum besten geben zu wollen.

Sie trat mit Kathi beiseite, um sich zu beraten, als der vorlaute Emmerich Vogel bereits der Gesellschaft verkündigte, daß die Schwestern noch etwas singen wollten.

Allein er hatte noch kaum zu Ende gesprochen, als die Frau Professor Rümpelmann ihren langen Hals emporreckte, dem Gatten und der Tochter einen Wink gab und mit ausgestreckten Händen auf die Herrin des Hauses zurauschte, um sich zu verabschieden.

»Wir können leider nicht länger bleiben, meine liebe Frau Geheimrätin, unsre Stunde ist gekommen. Es war ganz reizend bei Ihnen. Herzlichen Dank! Die Herrschaften werden sich durch unsern Aufbruch hoffentlich nicht stören lassen.«

Aber die Herrschaften ließen sich doch stören. Es wäre ja zu sehr gegen den guten Ton gewesen, nach dem Aufbruch der ältesten Dame noch lange zu verweilen. Es vergingen kaum zwanzig Minuten, und jeder der Herren hatte von dem Geheimrat seine Heimwegszigarre und die Minna unten an der Haustür ihre Trinkgelder in die Hand gedrückt bekommen. Auch Herr Emmerich Vogel, der seine verwandtschaftlichen Vorrechte benutzen wollte, um die Gesellschaft der hübschen Nichten noch etwas länger zu genießen, war von seiner Frau Schwester mit sanfter Gewalt hinausgejagt worden. – –

Als die Pendüle im Salon halb eins schlug, war die Familie Riemschneider allein. Der Geheimrat rauchte noch seine Zigarre. Er hatte Kathis Hand gefaßt, tätschelte sie zärtlich und war in bester Laune.

Da trat seine Gattin in die Mitte des Zimmers und wandte sich mit einer königlichen Handbewegung an die beiden Nichten: »Ihr könnt jetzt zu Bett gehen, ich hab' noch mit den Leuten zu tun. Gute Nacht.« Und dann trat sie einen Schritt näher an Lizzi heran und sagte mit spöttisch zusammengezogenen Lippen: »Nun ich denke, das Geburtstagskind wird wohl mit seinen heutigen Triumphen zufrieden sein! Ich habe ja gar keine Ahnung gehabt von deinen verborgenen Talenten. Wenn du jodeln kannst wie eine Tirolerin von Profession, so mag das ja zu deinem Privatvergnügen oder auf hohen Bergen ganz angebracht sein, aber in meinen Salon passen dergleichen Kunstleistungen nicht. Ich möchte es nicht wieder erleben, daß ich aus dem Munde meiner Gäste in meinem Hause das Wort Café chantant hören muß. Ueberhaupt, meine liebe Elisabeth, muß ich dir sagen, daß ich mich schwer in dir getäuscht habe. Du hast noch gar keine Ahnung, wie sich ein gebildetes junges Mädchen unsrer Kreise zu benehmen hat! Wie du mit dem jungen Manne kokettiert hast, den wir dir als Tischnachbar zugeteilt hatten, das war geradezu unanständig – ganz abgesehen von deinen wenig zartfühlenden Witzen über die Berliner. Da ist man ja gar nicht sicher, ob du dir nicht über deinen Onkel und mich ähnliche Scherze erlaubst! Ich habe für dich erröten müssen. Etwas will ich ja deiner Jugend und Unerfahrenheit, deiner geschmeichelten Eitelkeit zugute halten; aber das sage ich dir: ehe ich nicht eine völlige Wandlung in deinem Charakter wahrnehme und wenigstens den aufrichtigen Willen zu einem ernsten sittlichen Lebenswandel – eher werde ich dich an unsern Gesellschaften nicht mehr teilnehmen lassen. Ich weiß mich hierin mit eurem Onkel vollkommen eins.«

Lizzi war dunkelrot geworden. Ihre Lippen bebten, und ihre Augen standen voll Tränen. Sie schritt rasch auf den Geheimrat zu, ergriff ihn beim Handgelenk und fragte mit bebender Stimme: »Ist das wahr, Onkel?«

Der arme Mann blickte hilflos und ängstlich zu seiner Gattin hinüber und erwiderte stockend: »Hm, ja, mein liebes Kind – in diesen Dingen – ich weiß nicht – da muß ich doch wohl die Verantwortung meiner Frau« …

Frau Ida ließ ihn gar nicht ausreden. Sie wies gebieterisch nach der Tür und rief mit triumphierendem Lächeln: »Es wird dir wenig helfen, die Gutmütigkeit deines Onkels gegen mich anzurufen. Ich rate dir in deinem eigenen Interesse, es ruhig hinzunehmen, was ich über dich bestimme. Uebrigens: die Frau Majorin von Goldacker hat da ein gewisses, sehr häßliches Wort fallen lassen, welches auf die Absichten, mit denen ihr unser Haus betreten habt, nicht gerade das beste Licht wirft – davon reden wir ein andermal. – Gute Nacht, Käthchen. Mit deinem Betragen bin ich zufrieden. Fahre so fort und suche auf deine Schwester veredelnd einzuwirken. – Ach, da ist ja mein Dolli – da binschen du ja, mein Süßling!«

Die Minna hatte eben die Flurtür geöffnet und den kleinen weißen Haustyrannen, dem sie bei Gelegenheit des Hinausleuchtens der Gäste noch den Genuß eines kurzen nächtlichen Spazierganges verschafft, hineingeschoben. Mit putzigen, kleinen Sprüngen und leisem Freudengewinsel zottelte das Tierchen auf seine Herrin los. Die Geheimrätin lag trotz ihrer bordeauxroten Seide und echten Spitzen halb ausgestreckt auf dem Boden und drückte den Süßling zärtlich an ihren üppigen Busen. »Haben wir uns endlich wieder, mein Wonnevieh! Hast du dich so gebangt nach Mutterchen, nicht wahr, mein süßer Kleiner? Die bösen Menschen, nicht wahr? Hau, hau! Dollichen wünscht Mutterchen allein für sich.« Da lachte Lizzi kurz und spöttisch auf, packte Kathi fest am Arm und zog sie, ohne jemand »Gute Nacht« zu sagen, rasch zur Tür hinaus.

Fünftes Kapitel.

War die Lizzi in einer Wut gewesen den Abend in ihrem Schlafzimmer! O du Grundgütiger! Wenn die Frau Geheimrätin nur ein halbes Dutzend von dem Schwalle ausgewählter Liebenswürdigkeiten hätte genießen können, mit denen das tiefgekränkte Geburtstagskind sie bedacht hatte! Nachdem es sich aber also gründlich ausgesprochen hatte, wurde sein Schlummer von keinerlei unruhigen Träumen mehr gestört, während Kathis liebendes Schwesterherz, dem Lizzi ihren ganzen rachedurstigen Groll anvertraut hatte, sich noch einen großen Teil der Nacht hindurch in schweren Sorgen abquälte.

Kathi war sehr erstaunt, als sie am nächsten Morgen davon erwachte, daß Lizzi, während sie sich wusch, ganz hell und munter sang, als ob sie sich in der heitersten Stimmung von der Welt befände.

»Geh, geh, was hast denn?« fragte Kathi erstaunt, nachdem sie ein Weilchen dem wunderlichen Treiben der Schwester zugeschaut hatte, die sich im Walzertakt in den Hüften wiegte, während sie ihre Gliedmaßen mit dem Schwamm bearbeitete. »Hast denn deinen Zorn etwa schon vergessen?«

»Ja Schnecken!« versetzte Lizzi lachend, »von meinem Zorn sollt's ihr alle noch saubere Stückln derleben.« Und während sie sich abtrocknete, begann sie mit noch lauterer Stimme den Jodler anzustimmen, mit dem sie gestern die Gesellschaft entzückt hatte.

»Aber Lizzi, obs d' still bist?« rief Kathi ängstlich. »Die Tante schlaft g'wiß noch. Wenn du s' aufwecken tätst – – jessas na!«

»Soll s' doch,« gab jene übermütig zurück, »drum sing i ja grad, daß s' sich recht giften soll.«

Bald danach, als Lizzi mit ihrer Toilette etwas weiter vorgeschritten war, begann Kathi von neuem: »Du, geh her, Herzl, jetzt sag mir amal aufrichtig: dees war doch g'wiß bloß G'spaß, was d' da gestern abend g'sagt hast, daß d' mit dem Dings da, dem schwarzen Herrn durchbrennen willst?«

»Nein, dees is schon wahr«, versetzte Lizzi ernsthaft. »'s is schon alles abgemacht. Unsre Heiratsanzeige kriegt's ihr fein druckt von Philippopel aus zug'schickt. Dort lassen wir uns als praktischer Arzt und Geburtshelfer nieder.«

»A geh, schwätz net so dumms Zeug daher«, fuhr Kathi ärgerlich auf. »'s is wirklich wahr. Nix wie Sparifankerln hast im Kopf. Wie kann a vernünftigs Mädel überhaupts nur dran denken, so an Mann zu heiraten, dem sein Namen ka Mensch merken kann. Weißt 'n denn du noch?«

»Freili wei ich 'n,« versetzte Lizzi volltönend: »Gregor Krajesovicherl von Nemes-Spanferkel. Wenn dees net leicht zum b'halten is!«

Kathi mußte lachen, und die Sache mit dem schönen Serben kam ihr gar nicht mehr so arg gefährlich vor, da die Schwester schon Witze über seinen Namen machte.

Gleich darauf stimmte Lizzi ein neues lustiges Lied an und öffnete dabei die Tür zum Korridor, um ihre Stiefeln hereinzuholen. Sie waren noch nicht geputzt, da die Minna nach den Anstrengungen des gestrigen Abends heute auch die Zeit verschlafen haben mochte. Und da sang Lizzi mitten in ihr »Hollderidiödiri« lautschallend in den Korridor hinein: »Minna, wo san denn jetzt meine Knöpfstieferln hin? Holldriholldiridiö!«

Horch, da regte es sich nebenan in dem geheimrätlichen Schlafgemach. Sie konnte deutlich das liebliche Organ der Tante erkennen, das sich offenbar nicht in einem frommen Morgengebet erging. Hochbefriedigt zog sie die Tür wieder zu und machte eine vorläufige Pause in ihren Gesangsübungen. –

Die Tante erschien erst am Frühstückstisch, als die beiden Schwestern bereits mit ihrem Kaffee fertig waren. Sie war etwas bleich und verschwollen im Gesicht. Sie begrüßte die Kathi mit einem Händedruck, die Lizzi mit einem leichten Kopfnicken, dann setzte sie sich stumm an den Tisch, nahm ihren Joli auf den Schoß und machte ihm in einer Untertasse etwas Milch und Zucker zurecht, bevor sie sich selbst einschenkte.

Während der Süßling mit seinem rosigen Zünglein die Milch aufschleckte, rief die Geheimrätin die Lizzi heran und begann also: »Kannst du es dir nicht vorstellen, mein Kind, daß eine ältere Dame nach einer so anstrengenden Nacht wie die gestrige, das Bedürfnis fühlt, morgens etwas länger zu schlafen?«

»Ja, liebe Tante«, versetzte Lizzi tonlos und schaute starr und steif mit großen, kummervollen Augen gerade auf des Süßlings Schnäuzchen.

»Dann sehe ich nicht ein, warum du gerade in früher Morgenstunde in so lärmender, unpassender Weise nach deinen Stiefeln rufen mußt. Ihr habt ja den elektrischen Knopf in eurem Zimmer, wenn ihr das Mädchen braucht.«

»Ja, liebe Tante!«

»Ueberhaupt finde ich, daß du nach allem, was ich dir gestern sagen mußte, heute keine besondere Ursache zu so lauter Heiterkeit hast.«

»Ja, liebe …, ich wollte sagen: nein, liebe Tante.«

Das Hündchen war jetzt mit seiner Milch fertig und bemerkte mit Mißfallen den immer gleich starr auf sich gerichteten Blick der jungen Dame. Die Tante begann aufmerksam zu werden. Sie runzelte die Stirn und machte eine Pause. Joli knurrte.

Dann, nachdem sie ein Paar Schlucke Kaffee zu sich genommen hatte, begann die Geheimrätin aufs neue: »Es ist heute Sonntag.«

»Ja, liebe Tante.«

»Da solltest du doch eigentlich den Drang in dir fühlen, das Gotteshaus zu besuchen, um deine Reue über dein gestriges Betragen vor den Thron dessen zu bringen, der Herz und Nieren prüft.«

»Ja, liebe Tante, wenn du befiehlst«, versetzte Lizzi, immer noch mit unerschütterlicher Ruhe stocksteif am Tisch stehend und den immer nervöser werdenden Hund fixierend.

»Befehlen!« fuhr die Tante unwillig auf. »Es versteht sich von selbst, daß ich dir nicht befehlen kann, die Kirche zu besuchen, wenn du nicht selbst den Drang dazu in dir spürst. Ich denke doch, daß eure Mutter euch so erzogen haben wird …«

»Nein, liebe Tante!«

Die Geheimrätin wurde jetzt sehr unruhig und blickte Lizzi drohend an: »Was soll das heißen: ja, liebe Tante, nein, liebe Tante! Ich glaube gar, du willst deinen Spott mit mir treiben! Käthchen komm her, antworte du mir: hat euch eure Mutter nicht zum Kirchenbesuch angehalten?«

»Nein, liebe Tante«, brachte Kathi leise hervor. Und dann, als sie sah, daß die Tante den Kopf aufwarf und sie gleichfalls mißtrauisch fixierte, beeilte sie sich errötend und verwirrt hinzuzufügen: »Die Mama is nie in d' Kirch gang'n, außer in die katholischen, wenn a schöne Musik g'wesen is. Es tat sie net erbau'n, hat s' g'sagt. Und wann's uns erbaut hätt, hätt'n mer schon nei'geh'n dürf'n; aber 's hat uns net erbaut – da sin mer halt heraußen blieben.»

»Ja, aber mein Gott, da seid ihr ja aufgewachsen wie die Heiden!« rief die Geheimrätin entsetzt, indem sie beide Hände auf den Tisch fallen ließ.

»Ja, liebe Tante«, versetzte Lizzi prompt.

Aber jetzt konnte es der Süßling nicht mehr aushalten. Ihr starrer Blick machte ihn rasend. Er sprang von dem Schoße seiner Herrin mit einem kühnen Satz auf den Tisch und schoß auf Lizzi zu. Dabei war er so ungeschickt, den Rahmtopf umzuwerfen, und da Lizzi sehr rasch zurücktrat, so purzelte er, sich in der Luft überschlagend, über den Rand des Tisches herunter. Obwohl er ganz ohne Schaden auf seinen vier Beinen angekommen war, erhob er ein jämmerliches Wehgeschrei, und gleichzeitig kreischte auch die Geheimrätin auf, welcher die sogenannte Sahne unfehlbar den himmelblauen Morgenrock verdorben hätte, wenn sie nicht mit überraschender Gelenkigkeit zur Seite gesprungen wäre. Zornflammend, hochrot im Gesicht, stand sie mitten im Zimmer und rief, die Rechte gebieterisch nach der Tür ausstreckend:«Geht alle beide, macht, was ihr wollt! Ich mag von euch nichts mehr wissen.»

Mit gesenkten Köpfen schritten die beiden großen Mädchen hinaus. Und sobald sie außer Hörweite waren, fiel Lizzi der Kathi um den Hals, drückte sie stürmisch an sich und lachte wie toll: »Brav bist, Katherl, gut hast's g'macht! Jesses hat si die 'gift!« Und sie tanzte herum und klatschte in die Hände. Dann rannte sie nach dem großen Schrank im Korridor, holte hastig die Mäntel und Hüte hervor und kicherte dabei: »Du, jetzt geh'n mer spazier'n.«

Die brave Kathi ließ alles mit sich machen. Sie war wie betäubt. Nun hatte sie gar, ohne es zu wissen und zu wollen, auch mitgeholfen, die strenge Tante zu kränken! Aber die Lizzi hatte eine Art und Weise mit ihr umzuspringen – sie konnte nicht widerstehen. Und dann dachte sie auch, sie dürfte die Leichtsinnige nicht aus den Augen lassen, sonst liefe sie am Ende wirklich mit dem Herrn von Spanferkel, oder wie er hieß, davon.

Ein paar Minuten später standen die beiden Mädchen unten auf der Straße – zum erstenmal allein, seit sie in Berlin waren. Sie schlenderten zunächst ohne Zweck und Ziel am Ufer des Landwehrkanals entlang und dann über die Brücke an der Magdeburger Straße. Es war ein trüber Tag. Der erste Schnee trieb in spärlichen großen Flocken träge vom grauen Himmel hernieder und zerschmolz, sobald er den Boden berührte. Eine dünne, glitschige Schmutzschicht bedeckte die Steinplatten des Trottoirs. Die Damen trugen die Kleider hochgeschürzt und die Herren die Kragen der Ueberzieher aufgeschlagen. Ein ungemütliches Wetter war's. Allein Lizzi stiefelte vergnügt und unternehmungslustig vorwärts und zog Kathi am Arm mit sich.

Vor der Litfaßsäule an der Ecke der Bendlerstraße blieben sie stehen und begannen die verlockenden Ankündigungen aller Art zu studieren, was sie nie gedurft hatten, wenn sie mit dem Onkel oder der Tante gingen. Was es doch alles zu sehen gab in der Reichshauptstadt: Opernhaus, Schauspielhaus, Deutsches Theater, Viktoria-Theater, Zirkus Renz, Walhalla, Friedrich-Wilhelmstädtisches, Blumensäle, Orpheum, Quargs Baudeville, Reichshallen, Wintergarten, Skating Ring, Goldne Hundertzehn, Neueste Siege Richard Mohrmanns über den Bandwurm, Gorilla im Aquarium, Tanzinstitute, antisemitische Volksversammlung auf Tivoli, »Lieber August, kehre zurück zu deinen trauernden Eltern. Alles vergeben!« usw., usw.

Ja, wer das alles genießen durfte! Da könnte man sich vielleicht mit seinem Schicksale versöhnen! Aber dazu gehörte Geld und Freiheit, just die beiden Dinge, die sie nicht besaßen.

Eben wollten sich die beiden Mädchen mit einem Seufzer abwenden und weiterschreiten, als sie zwischen ihren beiden Köpfen, dicht an ihren Ohren eine Männerstimme flüstern hörten: »Na, ihr Kinderchen, wohin gehen wir denn heute abend?«

Die Schwestern fuhren erschrocken zusammen und liefen, ohne sich umzusehen, geradeaus davon, so rasch sie ausschreiten konnten, ohne gerade zu traben. Aber der Unverschämte folgte ihnen auf den Fersen, und eine Minute später hörten sie wieder dicht hinter sich eine hohe näselnde Stimme: »Na aber, wer wird denn gleich ausreißen, meine Damen! So laßt euch doch wenigstens von vorn ansehen.« Der Herr keuchte – eine so ungewöhnlich rasche Gangart hatte er anschlagen müssen. Jetzt machte er gar zwei große Sätze, um die gar so raschen Mädchen zu überholen.

»Donnerwetter!« rief er unwillkürlich, sobald er ihre Gesichter gesehen hatte, und auch die Mädchen blieben mit einem halberstickten Ausruf des Erstaunens stehen, als sie sich so unvermutet, Herrn Emmerich Vogel gegenüber sahen.

Er spielte den Unbefangenen, so gut es gehen wollte, und schlug ein recht gewaltsam klingendes Gelächter an. »Der Witz ist gut!« krähte er. »Lauft ihr vor eurem lieben Schwiegeronkel davon, als ob der Teufel hinter euch her wäre. Habt ihr mich denn nicht gleich an der Stimme erkannt!«

»Ei freilich!« versetzte Lizzi schnippisch, indem sie die Kathi heimlich mit dem Ellbogen puffte. »Grad so gut, wie Sie uns gleich von hinten kennt hab'n. Deswegen sind mir ja grad so g'schwind davon!«

Herr Emmerich verbeugte sich ironisch. »Danke schön, Fräulein Lizzi. Sie wissen einem doch immer etwas Liebenswürdiges zu sagen. Darf man fragen, was die jungen Damen vorhaben?«

Die Schwestern sahen einander unsicher an und wußten nicht, was sie erwidern sollten. Die Kathi stieß die Lizzi und die Lizzi die Kathi an.

»Also bloß 'n bißchen bummeln gehen?»rief Onkel Emmerich, verschmitzt lächelnd. »Darf ich wagen, Arm und Geleit euch anzutragen? Ich finde es unverantwortlich von meiner Schwester gehandelt, euch so allein in Berlin herumlaufen zu lassen.«

»Ja, net wahr!« gab Lizzi spöttisch zur Antwort. »Das mein i auch. Was hätt uns beispielsweise jetzt net alles zustoßen können, wenn Sie net grad der fremde Herr g'wesen wär'n.«

»O, o, o, Sie glauben doch nicht etwa …!« Dem dicken Herrn ward es augenscheinlich ungemütlich. Er machte sich an Kathis Seite heran und jammerte kläglich: »Stehen Sie mir bei, Fräulein Kathi. Ihre Schwester ist mir heute zu scharf. Sagen Sie mir doch, wo Sie hinwollen. Sie finden ja doch nicht allein.«

Da fiel Kathi die Frau Majorin von Goldacker ein, die sie so dringend eingeladen hatte, und behauptete frischweg, daß sie im Begriff seien, diese Dame zu besuchen, die ganz nah in der Matthäikirchstraße wohne. Herr Emmerich Vogel ließ es sich nicht nehmen, die jungen Damen zu begleiten. Die Viertelstunde Wegs, die sie bis dahin hatten, benützte er geschickt dazu, nicht nur einen Bericht über das Strafgericht vom gestrigen Abend, sondern auch sonst noch allerlei Mitteilungen über ihre Verhältnisse und zukünftigen Aussichten aus den Mädchen herauszulocken. Viel war da freilich nicht mitzuteilen, denn die nackte Tatsache für die armen Waisen war eben die, daß sie, wenn sie nicht im Ehestande ihre Zuflucht fanden, ganz und gar auf die Güte des wohlhabenden Onkels angewiesen blieben. Zwar lebte noch ein Onkel ihres Vaters, ein verabschiedeter Oberstleutnant in München, aber der war nicht der Mann, sich mit jungen Mädchen zu befassen und besaß außerdem selbst nichts. Die entfernteren Verwandten von Vaters- wie von Muttersseiten kannten sie gar nicht.

»Hm, hm«, machte der wohlwollende Beschützer nachdenklich, als er so viel herausgebracht hatte. Und dann lächelte er verschmitzt, legte der Kathi seine fleischige Hand auf die Schulter und sagte: »Da kann man euch halt eben nur viel Erfolg zum Erbschleichen wünschen.«

»Um Gott's willen! Lassen S' mi aus!« rief Kathi weinerlich. »Daß S' net etwa gar dees dumme Wort noch amal daherbring'n vor der Frau Tante. S' is scho so schlimm g'nug, daß d' Frau Majorin dees gestern g'sagt hat. Dees is nur G'spaß gewes'n, wissen S', von einer Dame, die mit uns im Kupee g'fahren is. Da könn' mir doch nix dazu! Sagen S' dees nur der Tante, wenn s' fragt.«

»Schön, schön, wird gemacht!« lachte Emmerich Vogel und klopfte Kathi beruhigend auf den Arm. »Meine Schwester wickle ich um den kleinen Finger: die tut euch nichts, wenn ihr mich auf eurer Seite habt, und der Geheimrat – ach, du lieber Gott! – der tut doch alles, was seine Frau will. Also seid gescheit, Kinder, und stellt euch gut mit der Frau Geheimrätin und vor allen Dingen mit mir; dann werde ich als Schutzengel über euch schweben. Guten Morgen! Wir sehen uns wohl bei Tische wieder. Ich speise heute bei Schwagers.«

Damit waren sie vor dem Hause der Majorin angekommen. Die Schwestern traten ein, und sobald sich die Haustür hinter ihnen geschlossen hatte, packte Lizzi die Kathi fest am Arm und raunte ihr zu: »A netter Schutzengel, dees! Dem hätt i doch kein Sterbenswörtl g'sagt. Der wird grad hingeh'n und unsre Sach' führ'n! Wo dir doch der Onkel selber g'sagt hat, daß der z'widere Mensch alleweil die Hände in sei'm Sack hätt. Dees wär schon ganz was Neu's, wenn ein Erbschleicher dem andern helfen tät!«

Kathi fuhr ärgerlich auf: »Ja, wenn's d' gar so gscheit bist und alles besser weißt, warum hast nachher du net g'red'?«

»Weil i an was anders denkt hab«, erwiderte Lizzi lächelnd. Und dann streichelte sie die Schwester und fügte, liebenswürdig bittend hinzu: »Geh, sei stad, dir kann er ja doch nix antun. Du bist ja alleweil fromm und brav. Sei net bös! – Siegst, da wohnt s' ja schon, die Majorin.«

Auf ihr Klingeln erschien ein jugendlicher Diener und erwiderte auf ihre Frage, ob die gnädige Frau zu Hause sei, er glaube, sie sei in der Kirche. Ob er vielleicht die Karten hineinnehmen solle?

Sie hatten keine Karten bei sich und nannten ihren Namen, worauf der Diener ohne erst hineinzugehen, ihnen achselzuckend den Bescheid gab, daß die gnädige Frau vor zwölf Uhr nicht empfange. Sie möchten wiederkommen.

Die Schwestern wollten sich eben zurückziehen, als eine der in den Vorflur mündenden Türen aufging und die Frau Majorin selbst hinauslief: »Die Stimmen kenn' ich doch? Kommt nur herein, ihr Mädchen, für euch bin ich immer zu Hause.«

Sie traten ein und wären in dem finstern Raum fast über einen großen Haufen zusammengerollter Teppiche gestolpert, ehe sie die Tür erreichten, welche Frau von Goldacker geöffnet hielt. Ehe sie sich des versahen, bekamen sie jede einen Kuß versetzt, und dann wurden sie über die Schwelle gezogen. Erstaunt blickten sie um sich. So etwas hatten sie noch nicht gesehen. Sie glaubten sich in dem Lagerraum eines Antiquitätenhändlers zu befinden. Es war ein großes, saalähnliches Gemach, ungeheizt, die Luft dumpf und staubig. Von der Decke hingen zwei große Kirchenkronleuchter von ganz verschiedenem Stil so tief herab, daß ein Menschenkind von Kathis Größe schon nicht ungefährdet darunter durchgehen konnte. Der Erker, der aus der rechten Ecke des Saales vorsprang, wurde flankiert von zwei ohne Sockel auf dem Parkettfußboden stehenden Kirchenengeln, überlebensgroß aus Holz geschnitzt, mit Oelfarbe grell bemalt, aber vielfach geborsten und zerschunden. Diese Engel schienen als Vorhanghalter dienen zu sollen, aber die verschossene Rokokodrafterie, welche in ungeschicktem Faltenentwurf den Erker einrahmte, konnte augenscheinlich ebensogut ohne die hölzernen Vogelscheuchen auskommen, wie diese ohne sie. In dem Erker hingen zwei bunte Ampeln, welche zweifelsohne dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und außerdem einem Dreimarkbasar entstammten. Verschiedene weitere schadhafte Posaunenengel baumelten ohne ersichtlichen Zweck an Stricken oder messingenen Ketten an verschiedenen Stellen im Erker und im Saale von der Decke herab. Einer derselben, der sich in höchst unanständiger Stellung hintenüberwarf, lag sogar über einer Vase mit verstaubten künstlichen Blumen, als sollte er ein Elfchen vorstellen, das sich auf den Blütenkelchen zur Ruhe gebettet hatte. Ein etwas sonderbares Motiv für einen so massiven Holzbengel. An den Wänden hingen, sich auf der nichtssagenden Tapete nicht eben vorteilhaft ausnehmend, etliche Ahnen derer von Goldacker und dazwischen einige nachtschwarze altitalienische Heiligenbilder, wie man sie in Rom oder Venedig auf dem Trödel zu erstehen pflegt. Altdeutsche Truhen, ein wirklich schöner, großer Schrein mit reicher Schnitzarbeit und eine Anzahl meist nicht sehr vertrauererweckend aussehender Stühle vervollständigten das wunderbare Tohuwabohu der Saloneinrichtung.

»Ja, nicht wahr, da staunt ihr!« rief die Majorin mit stolzem Lächeln. »Das habe ich aber auch alles selbst arrangiert. Diese dummen Tapezierer haben gar keinen Geschmack! Na, nu kommt nur hier herein, da ist es gemütlicher!«

Sie folgten ihr in ein schmales, einfenstriges Zimmer, in welchem es womöglich noch kunterbunter aussah als in dem Saal. Hier war alles Rokoko und Empire, und alle Möbel so echt, daß noch nicht einmal die Löcher in den Polsterbezügen gestopft und die vielen abgebrochenen Leisten, Schnörkel, ja sogar Füße und Beine an Tischen und Stühlen festgeleimt waren. Nahe dem Fenster stand ein geschweifter Schreibtisch mit hohem Aufsatz, von schöner eingelegter Arbeit in Elfenbein. Er war über und über bedeckt mit Papieren. Auf dem winzigen Raum, der zum Schreiben noch übrig blieb, lag ein angefangener Brief, welcher bewies, daß das Möbel benutzt wurde. Aber trotzdem stand es offenbar auf recht wackeligen Füßen. Ein zusammengeknülltes Papier und eine eingedrückte Streichholzschachtel waren unter das eine Bein geklemmt, um das Ding einigermaßen standhaft zu machen. Ueber diesem Schreibtisch hingen die Bildnisse des verewigten Majors und seiner Gattin in jugendlichen Jahren und über dem von Motten arg mitgenommenen steifen Sofa ein großer Gobelin mit ausgeblichenen Farben, dem ein bißchen Flickarbeit auch sehr notgetan hätte. Eine Kommode und ein kleiner Wandschrank waren mit Uhren, Vasen, Porzellanfiguren und anderen Nippes bedeckt.

Die Majorin forderte den Besuch sehr freundlich auf, Platz zu nehmen. Aber das war leichter gesagt als getan, denn die auch hier zahlreichen Stühle erweckten auf den ersten Anblick keine große Meinung von ihrer Solidität. Nach einigem Zögern hatten sich beide Mädchen gleichzeitig für das Sofa entschieden und setzten sich mutig darauf nieder. Aber sie hatten dies ehrwürdige Möbel offenbar überschätzt. Es wehrte sich mit einem entrüsteten Knacks gegen die süße Last.

»Ja, Kinder, was denkt ihr denn?« rief die Majorin ernsthaft, als sie die Schwestern erschrocken aufspringen sah. »Zwei von eurer kräftigen Rasse sind zuviel. Eine trägt es gut und gern! Bleiben Sie da sitzen, Kathi, und Sie, Lizzi, setzen sich hierher.« Sie holte einen flachgepolsterten sehr steifen Stuhl mit hoher Lehne herbei und schlug einladend mit der Hand auf den Sitz, so daß ihm eine ansehnliche Staubwolke entquoll. »Hier sitzen Sie ganz sicher, mein Herzchen, falls Sie nicht etwa die Absicht haben, sich damit hintenüberzulehnen und auf den Hinterbeinen zu schaukeln. Das kann er nicht vertragen. Dieser Stuhl hat im Palais der Gräfin Kosel gestanden. Sie wissen doch …«

»Nein, bitte, von der weiß ich nix«, antwortete Lizzi.

»Na, schad' nichts. Ich glaube, es war eine ziemlich leichtsinnige Person.«

Jetzt erst, nachdem sie ihre erste flüchtige Umschau in den merkwürdigen Räumen beendet hatten, fanden die Schwestern Muße, ihre Aufmerksamkeit der Eigentümerin all dieses kostbaren Plunders zuzuwenden. Gütiger Himmel! War das wirklich dieselbe Frau, die gestern als Josephine Beauharnais aller Augen geblendet hatte? Sie trug einen sehr alten Morgenrock von unbestimmter Farbe und ebenso unbestimmbarem Schnitt, mit einer etwas schmuddeligen Rüsche um den Hals. Auf diesem Morgenrock sowohl wie auf ihrer höchst primitiven Frisur hafteten zahlreiche kleine Federchen. Auch war der Puder, den sie gestern daraufgetan hatte, noch unvollkommen entfernt, so daß auch ihre Hautfarbe schwer zu bestimmen war. Ihr kleines, mageres Gesichtchen erschien rauh und rot, und an der Spitze der scharfen Nase schwebte gar ein Tröpfchen. Kein Wunder übrigens! Denn, obwohl die gute Dame versichert hatte, daß es hier gemütlicher sei, übertraf die Temperatur dieses Zimmerchens jene des Salons wohl nur um wenige Grade. Die Majorin stellte jetzt einen Topf, den sie wohl die ganze Zeit über mit sich herumgetragen haben mußte, auf den Tisch, und die beiden Mädchen sahen mit Erstaunen aus diesem Topf, einem gesprungenen Bunzlauer mit weiter Oeffnung, die melancholische Physiognomie einer gekochten Karpfenschnauze emporragen. Die Majorin bemerkte die Richtung ihrer Blicke und sagte, indem sie mit ihrem Zeigefinger der Karpfenschnauze einen Stups gab, so daß sie auf kurze Zeit unter den Rand des Gefäßes verschwand:«Das ist etwas sehr Gutes: Karpfen in Bier. Das hatten wir gestern zu Mittag. Es ist gerade noch ein Kopfstück übriggeblieben. Das will ich einem von meinen armen Kranken hinbringen, damit er doch auch merkt, daß Sonntag ist. Ich habe nämlich einige Arme, die ich mit Nahrungsmitteln und alten Kleidern unterstütze – natürlich nur gut empfohlene, christliche Leute. Wenn ihr euch an Werken der Barmherzigkeit beteiligen wollt, so will ich Pastor Werkmeister eure Adresse geben. Der weiß immer würdige Objekte nachzuweisen. Ihr werdet ihn gewiß auch gern mögen. Er hat so gute Manieren und gesellige Talente: er spielt das Harmonium und bläst die Flöte wirklich sehr nett. – Na, nu erzählt mir mal was! Euer Vater war ja wohl Schauspieler, nicht? Wißt ihr, Riemschneiders sagen immer nur so obenhin »Künstler« – als ob Schauspieler durchaus was Schlimmes sein müßte. Ach, du liebe Zeit! Ich habe auch schon sehr ehrenhafte Schauspieler kennen gelernt – ich bin sogar mit einer der älteren Damen vom Schauspielhause sehr befreundet. Aber die Riemschneiders stecken ja voller Vorurteile. Habt ihr denn auch von eurem Vater das Talent geerbt? – Ach, das wäre reizend! Ich veranstalte nämlich mehrmals im Winter Kostümfeste mit kleinen Aufführungen und so was … Ach, da fällt mir ein: jetzt hab' ich ja zwei echte Münchnerinnen erwischt, da will ich doch schleunigst meine großartige Idee zur Ausführung bringen. Denkt euch: eine Kirchweih im Gebirge, bei der die Damen, als ländliche Kellnerinnen gekleidet, die Herren bedienen. Eine famose Idee, wie? Ihr sollt mal sehen, da sagt kein einziger Leutnant ab.«

»Jee, dees is wahr! Dees wär nett!« unterbrach endlich Lizzi begeistert den Redefluß der Majorin.

Aber Kathi beeilte sich etwas bedächtiger einzuwerfen: »Ja, nett wär's schon, aber i mein, dees wird doch net recht angehn – wegen der Trauer wissen S'.«

»Ach ja, richtig«, rief die Majorin lebhaft und gab der Karpfenschnauze, die sich inzwischen vermöge der Elastizität ihrer fleischigen Fortsetzung wieder über den Rand des Topfes gearbeitet hatte, einen abermaligen Stups. »Das hatt' ich ja ganz vergessen. Was machen wir denn da? Ich kann doch meine Feste nicht ohne euch geben; denn so hübsche Mädel, wie ihr seid, laufen mir nicht alle Tage ins Haus. Wißt ihr was, ich lade ja doch nur lauter Leute ein, die ihr nicht kennt und die euch nicht kennen. Es braucht's ja keiner zu erfahren! Eure selige Mutter wird's euch gewiß nicht krumm nehmen, wenn ihr lustig seid, so lang ihr jung seid. Ich kann ja auch der Sicherheit halber mal mit Pastor Werkmeister über den Fall sprechen. Der wird gewiß einen guten Rat haben – er ist die rechte Hand von Stöcker, wißt ihr. Nein, und dann mein Bubi, der wäre ja geradezu untröstlich, wenn er nicht mit euch tanzen könnte! Eure Trauer wird für den betreffenden Tag aufgehoben, und wenn ich bis ans Konsistorium gehen sollte! Oder seid ihr vielleicht katholisch? Dann telegraphiere ich an den Papst. Basta! Als eure Verwandte fühle ich die heilige Pflicht, euch süßen Dinger gehörig herauszustellen. Bei den langweiligen Riemschneiders verstaubt ihr mir ja ganz. Zu nette Tierchen seid ihr!»

Und mit diesem Ausruf sprang sie vom Stuhl auf, warf erst Lizzi, dann Kathi ihre mageren Arme heftig um den Nacken und küßte sie beide begeistert auf den Mund, wobei Lizzi sich eines leichten Schauders nicht erwehren konnte, denn sie fühlte, wie das Frosttröpfchen von der Nase der Majorin auf ihre Wange überging.

Ohne jedoch abzuwarten, ob die jungen Damen sich für diese feurige Anerkennung ihrer Reize zu bedanken oder sonstwie zu äußern beabsichtigten, nahm sie alsbald mit immer gleicher Zungenfertigkeit eine neues Thema auf.

»Ach Gott, ja! Was mir einfällt. Ihr habt ja meinen Bubi noch gar nicht gesehen! Der wird Augen machen! Ihr glaubt gar nicht, was das für ein Strick ist und was er für ein Tendre hat für hübsche junge Mädchen! Gerade wie sein seliger Vater, wißt ihr.« Dann lief sie nach der Tür, die in die rückwärtigen Gemächer führte und rief hinaus: »Rudi – Bubi!!« Da keine Antwort erfolgte, drückte sie auf den Klingelknopf, wohl eine halbe Minute lang und befahl dem ob dieses aufregenden Läutens mit verstörtem Antlitz herbeieilenden Diener, den jungen Herrn sofort zur Stelle zu bringen.

»Verzeihen, gnädige Frau, der junge Herr sind auf dem Boden und probieren Kostüme an.«

»Schadt nichts! Soll kommen wie er ist!« gab die gnädige Frau energisch Bescheid, um dann zu den Mädchen gewendet, ohne jegliche Atempause weiterzuschwatzen: »Der Rudi ist nämlich ein süßer Bengel. Ihr werdet ja gleich selbst sehen. So entwickelt für seine Jahre! Und daß er so viel Schönheitssinn hat, das ist wirklich eine wahre Gottesgabe! Er soll ganz jung heiraten, damit er gar nicht erst Zeit gewinnt, auf Abwege zu geraten, wißt ihr. Und dann, wenn ich den Rudi erst glücklich unter der Haube habe, dann heirate ich selber wieder – ich sehe gar nicht ein, warum nicht, nicht wahr? Ich bin ja erst siebenunddreißig Jahre alt. Und wenn ich hübsch angezogen bin, kann ich sogar noch jünger aussehen, nicht wahr? Man ist immer so alt, wie man aussieht. Aber das nächstemal möcht' ich lieber einen Maler haben. Der Major war ein guter Mann. Wir haben zwölf Jahre recht glücklich miteinander gelebt; aber er hatte keinen Sinn für meine Sammlungen – aber auch absolut gar keinen, sag ich euch! Das war der einzige Punkt, über den wir uns manchmal zankten. Er sagte immer, er wolle keinen Mühlendamm in seinem Hause haben. Der Mühlendamm ist nämlich, wenn ihr's nicht wißt, hier der Ort, wo alle Trödeljuden beisammen wohnen. Eigentlich beleidigend, nicht wahr? Aber sonst war er doch ein sehr guter Mann.«

Sie warf eine Kußhand nach dem Porträt hinauf und fuhr fort: »Diesmal müßt es schon ein Mann von Geschmack sein – schon meiner Kostümfeste wegen. Vermögen braucht er nicht zu haben – das habe ich. Und sogar noch genug, um meinen Rudi standesgemäß zu versorgen. Wenn ich keinen Maler kriegen kann, nehm' ich auch einen Pastor – wenn er Sinn für Antiquitäten hat! Ich habe einen sehr sanften, nachgiebigen Charakter, wißt ihr. Lebenslustig bin ich auch. Und körperlich fehlt mir gar nichts. Ich bin so abgehärtet – was Schnupfen ist, weiß ich gar nicht.«

Wie um diese letztere Behauptung zu bekräftigen, fuhr sie sich in diesem Augenblick mit dem Schnupftuch nach der Nase und beseitigte dadurch gerade rechtzeitig eine neue tropfenförmige Feuchtigkeitsansammlung.

Jetzt wurde im Nebenzimmer ein schlurfender Schritt hörbar, und die Majorin eilte auf die Tür zu und riß sie weit auf.

»Endlich!« rief sie laut. »Da habt ihr meinen Bubi!« Und, ihr mageres Gesichtchen von edlem mütterlichen Stolz verklärt, zog sie ihren Einzigen über die Schwelle herein. Die Erscheinung dieses Jünglings übertraf die kühnsten Erwartungen der Schwestern. Kathi fuhr vom Sofa auf und starrte mit offenem Munde den Märchenprinzen an, während die respektlose Lizzi kaum schnell genug ihr Taschentuch zur Nase führen konnte, um ihr Lachen zu verbergen.

Der Bubi erwies sich als ein junger Mensch von etwa siebzehn, achtzehn Jahren. Seine Füße steckten in einem Paar grüner Samtpantoffeln, seine dünnen, langen Beine in ockergelben Trikots, die vom Knie an in Ermangelung jeglicher Waden betrübte Falten warfen. Um seinen schmalen Oberkörper schlotterte ein weites Wams von braunem gepreßten Samt mit geschlitzten Aermeln, welches um die Taille von einem gleichfalls viel zu weiten Ledergürtel lose zusammengehalten wurde, von dem eine lederne Tasche und ein Dolch herabhingen. Auf dem spitzen, schmalen Kopfe trug er ein umfangreiches rotes Barett, von dem eine grüne und eine weiße Straußfeder über die linke Schulter herabwallte. Das blasse Gesicht war dem der Mutter sehr ähnlich und bewies seine Männlichkeit vorläufig nur durch die jenem Alter eigentümlichen Wimmerln und Finnen.

»Da, meine jungen Damen, habt ihr einen Edelknaben, der bereit ist, eurer Schönheit zu huldigen«, rief die Majorin. »Ganz reizend steht dir das, mein Rudi. Nur ein bißchen zu weit ist dir's noch. Hier sind die schönen Münchnerinnen, von denen ich dir schon erzählt habe. Geh, mach dein Kompliment.« Der schlottrige Edelknabe legte die Hand aufs Herz, verbeugte sich artig vor den beiden jungen Mädchen und sagte, liebenswürdig grinsend: »Mama hat nicht übertrieben.«

Da klatschte die glückliche Mutter in die Hände und rief begeistert: »Na, was habe ich gesagt: ist er nicht nett?!«

Jetzt konnten weder Lizzi noch Kathi mehr an sich halten. Sie platzten beide mit lustigem Gelächter heraus. Mutter und Sohn schienen sich aber dadurch eher geschmeichelt als gekränkt zu fühlen, und für die jungen Damen, die jetzt schon ein halbe Stunde gesessen, ohne zu Worte zu kommen, war es wenigstens eine heilsame Lungenmotion. Sie merkten, daß sie bei diesen Leutchen, so verdreht sie auch erscheinen mochten, doch wenigstens reden durften, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, und das brachte sie ihnen in einer Stunde näher, als sie ihrem bedeutenden Onkel und der strengen Tante in acht Tagen gekommen waren.

Die gute Majorin zeigte ihnen von ihren Schätzen an alten Schmucksachen, seidenen Brusttüchlein, gestickten Häubchen und dergleichen so viel sie unten im Zimmer zur Hand hatte, und fand kein Ende in der Beschreibung der reichen Kostümschätze, die an acht langen Riegelgalerien auf dem Boden aufgespeichert waren. Der minnige, finnige Jüngling beschäftigte sich inzwischen damit, die hübschen, großen Mädchen abwechselnd verliebt anzuschauen und zur Probe mit allerlei buntem Kram zu schmücken. Für einen Sekundaner, der er war, betrug er sich wirklich sehr frei und gewandt.

Im Laufe des lebhaften Hin und Hers der Unterhaltung fragte Kathi die Majorin, wer denn die Dame sei, die ihr das gefährliche Wort »Erbschleicherinnen« eingeblasen habe?

»Ach, das war die Eveline Rohr,« versetzte Frau von Goldacker, »die Tochter des verstorbenen Superintendenten. Ein gräßliches Frauenzimmer! Sie doziert hier Kunstgeschichte an verschiedenen Dameninstituten. Die wollte euch bloß was anhängen, weil die Lizzi die ganze Nacht mit den Füßen auf ihr 'rumgetrampelt hätte. Geschieht, ihr ganz recht. Alte, eklige, spinöse Jungfer! Laßt euch darum keine grauen Haare wachsen.«

»Ja, aber d'Tante Ida hat schön g'spitzt, wie s' dees gestern g'hört hat«, sagte Kathi, die Stirn' in sorgenvolle Falten legend. »Jetzt traut 's uns erst recht nix Gut's mehr zu.«

»Ach Gott, ihr armen Kinder!« rief die Majorin. »Da hab' ich wohl recht was Dummes angerichtet? Uebrigens, da fällt mir was ein: laßt euch vor dem Herrn Vogel warnen. Der ist gewiß auf die Nachricht von eurer Ankunft gleich hergekommen, um zu sehen, was ihr für Menschenkinder seid, und ob ihr ihm nicht etwa gefährlich werden könntet. Denn der spekuliert selbst auf die fette Erbschaft. Das väterliche Geschäft hat er durch seine Dummheit beinahe ruiniert, und seine Versuche, sich durch eine reiche Heirat wieder aufzuhelfen, sind alle fehlgeschlagen. Dreimal hat er sich schon auf eigene Faust verlobt, aber dann hat's seine Schwester immer wieder rückgängig gemacht, weil ihr keine reich und fein genug für den kostbaren Emmerich war. Sie hat auch schon mehrmals Partien für ihn vermitteln wollen, aber da haben immer die Damen gedankt, wenn sie ihn kennen lernten. Wenn der etwa merkt, daß ihr bei dem Onkel einen Stein im Brett habt, dann könnt ihr euch nur in acht nehmen. An eurer Stelle würde ich mich jetzt erst recht aufs Erbschleichen verlegen. Euer Onkel ist sehr zugänglich für Schmeichelei, und ins Herz der Tante führt am Ende auch ein Weg – via Joli nämlich.«

»O mei, da is g'fehlt!« kicherte Lizzi. »Dees Dreckerl hat mi schon durchschaut. Da gibt's nix mehr!«

In diesem Augenblick hub eine altertümliche Pendüle, auf der unten der Tod mit Sense und Stundenglas und oben ein Genius mit der Fackel in Bronze angebracht war, zum Schlagen aus.

»Jesses, schon halb zwölf!« rief Lizzi. »O mei, wie die Zeit vergeht! Da müss'n mer mach'n, daß mer weiterkommen.« Und mit merkwürdiger Unruhe drängte sie zum Aufbruch, tat rasch die Sachen von sich, mit denen Rudi sie geschmückt hatte, zog hastig ihren Mantel an und trieb auch die ganz verwundert dreinschauende Kathi unter lebhaften Augenzwinkern zur Eile an. –

»Je, was hast denn nur, Lizzi?« fragte Kathi, als sie fünf Minuten später wieder auf der Straße standen. »Wir haben doch nix zu versäumen?«

»Weißt, die Luft war so schlecht da drin«, erwiderte Lizzi seltsam verlegen, ohne die Schwester anzusehen. »Komm, geh'n mer noch a bissel spaziern im Tiergarten. Mir sin schon lang nimmer richtig g'laufen.« Und damit schob sie ihren Arm unter den der Schwester und zog sie, weit ausschreitend, mit sich fort.

Als sie in der Tiergartenstraße angekommen waren, machte Lizzi unschlüssig Halt, und dann fragte sie ein vorübergehendes Dienstmädchen um den Weg nach dem großen Stern. Dann beschleunigte sie, die bezeichnete Richtung einschlagend, das Tempo noch mehr.

Kathi vermochte kaum mit ihr Schritt zu halten. Nach wenigen Minuten schon blieb sie ganz außer Atem stehen und keuchte: »I glaub', du bist narrisch, Mädel. Was is denn dees für a Vergnügen, bei dem Wetter umanander z'rennen wie b'sessen!?«

Lizzi blieb stehen und drückte ihre Hand aufs Herz. »U je, i bin so aufg'regt!« sagte sie leise. »Ich bitt' dich, Katherl, schau amal auf dei' Uhr.«

»Ja, was hast denn? Fünf Minuten auf zwölfe is.«

»Fünf Minuten auf zwölfe?!« rief Lizzi und griff sich mit beiden Händen an den Kopf.

Es war jetzt ganz einsam um sie her. Der Schnee wirbelte in immer dichteren Flocken herunter, und so oft ein Windstoß durch das entlaubte Gezweig fuhr, schüttelte er nasse, kalte Schauer auf den durchweichten Weg herab. Die Sonne war nur noch als blasser, fahlgelber Fleck hinter dem dichten Nebelschleier zu erkennen. Lizzi setzte sich langsam wieder in Bewegung und schritt voraus, ohne sich nach Kathi umzusehen. Aber schon nach wenigen Sekunden blieb sie stehen, lauschte mit der Hand am Ohr hinaus und sagte, als Kathi sie einholte: »Du, i mein', i hätt's zwölfe schlagen hör'n.« Sie war ganz blaß geworden, und ihre Brust wogte heftig auf und nieder.

Da packte Kathi die Schwester bei beiden Armen und schüttelte sie. »Geh, du dummes Ding, du. Glei sagst, was d' hast.«

Und Lizzi fiel ihr um den Hals, schmiegte sich an sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Naa, i trau mi net. I möcht' heim. I hab' nasse Füß!«

Und auf dem ganzen Heimweg bekam Kathi kein Wort mehr aus ihr heraus.

Sechstes Kapitel.

Als die beiden großen jungen Damen eine halbe Stunde später bei Geheimrats die Klingel zogen, war ihnen doch ein wenig so zumute wie ein paar ungezogenen Schulmädeln, die mit einem bösen Gewissen heimkommen. Die Minna öffnete ihnen die Tür und setzte eine äußerst wichtige und geheimnisvolle Miene auf. Ohne dazu aufgefordert zu werden, folgte sie doch den beiden Schwestern bis in ihr Schlafzimmer nach und sagte, die Augen weit aufreißend: »Sie, Freilein, da muß wat passiert sind. Un von Sie war ooch die Rede. Det hab' ick deitlich jeheert.«

Die Schwestern sahen einander an und zuckten die Schultern. Sie waren viel zu gut erzogen und vornehm denkend, um gern auf Dienstbotenklatsch zu hören; aber in diesem Falle war doch die Neugier zu stark, und Lizzi konnte sich nicht enthalten, wenn auch möglichst gleichgültigen Tones zu fragen: »So, so, Sie horchen also an die Türen?«

»I Jott bewahre!« lachte Minna verächtlich auf. »Direkt jehorcht hab' ich ja nich 'nmal. Wissen Se, es war heite allens 'n bisken späte jeworden, vonwejen, weil ick mir verschlafen hatte, und da kam ick erst um elfen dazu, in Salon reene zu machen. Un die saßen derweile drinne in Herrn Geheimrat seine Stube un hörten mir ja nich.«

»Wer denn?« warf Lizzi ein.

»Na, der Olle un die Jnädige mitsamst ihren scheuen Bruder. Ick habe doch Watte in die Ohren vonwejen mein Zahnreißen, aber det hätte 'n Tauber heern missen, so 'n Radau, wie die jemacht haben! Die beeden, der Herr Vogel un unse Jnädige, die konnten ja nich 'mal abwarten, bis eener fertig war. Da red'te immer eener mang den andern mang wie in de Judenschule, daß der Herr Jeheimrat jar nich jejen ankonnte. Aber am Ende wurd' er doch unjemietlich. Da hab' ick wat jehört von wejen seine leiblichen Nichten, un daß die ihm doch näherständen als schutzlose Waisen, wie seiner Frau ihre Verwandte, die de alt jenuch wären, um daß se alleene für sich sorgen könnten. Un denn hat die Frau Jeheimrätin anjefangen zu weenen – na wissen Se, wenn so eene erst zu weenen anfängt, da kennen Se sich denken! Der Herr Jeheimrat, der hatte sich uff't Soffa jeschmissen, dat et man so bumste. Un was der Herr Vogel is, der zog nu ooch sanfte Saiten uff. Verstehn könnt' ick ja nischt mehr – die blieben in ei'm Jesumse und Jestehne. Na, un denn hab ick mir rasch dinne machen missen, wie ick se uff die Tire zukommen heerte. Die Jnädige is mit 'n Herrn Vogel un mit 'n Joli fort. Un der Herr Jeheimrat liegt immer noch uf sein Soffa, jloob ick.«

Da die Schwestern sich auf diese interessanten Mitteilungen nicht weiter äußerten, so zog die Minna bald ab, unzufrieden vor sich hinbrummend. Sobald sie aber hinaus war, sagte die Kathi in drollig-traurigem Tone: »Ach, mir armen Hascherln! Jetzt dürf'n mir uns aber gratulier'n.«

»Was meinst denn, was g'wes'n is?« fragte Lizzi.

»Na, der Onkel hat halt aufbegehrt geg'n sei Frau, wie s' ihm wieder a Geld abdruck'n woll'n hat für ihr'n Bruder. No, mir wern's schon an die Folgen g'spürn, ob er was von uns g'sagt hat.«

Lizzi nickte nachdenklich. Und dann fuhr sie plötzlich heraus: »Geh m'r nei, frag'n m'r doch 'n Onkel selber. Wer weiß, wann m'rs wieder so gut treff'n, daß m'r alleinig mit ihm z'Haus sin.«

Und mit sanfter Gewalt zog sie die zaghaft widerstrebende Schwester mit sich fort. Aber weiter als bis in den Salon brachte Lizzi sie nicht. Uebrigens wurde die nun auch selbst bedenklich. Sie hatte ihren ganzen Schneid für heute schon verbraucht, und zumal, da sie vor ihrem ersten Stelldichein so schmählich Reißaus genommen, fühlte sie sich nicht mehr auf der Höhe ihrer Tatkraft. Sie schlich auf den Zehen über den dicken Teppich nach der Tür des Studierzimmers und horchte. Und wie da drinnen kein Laut zu vernehmen war, kehrte sie zur Schwester zurück und sagte: »Weißt was, mir wissen von nix und tun, als ob gar nix vorg'fall'n wär'.«

Sie tuschelten noch eine Weile leise miteinander, und dann öffneten sie das Klavier und begannen mit halber Stimme zu singen. Nach was Lustigem war's ihnen nicht zumut. Lizzi hub an:

»I hab' a kloans Hügerl so hübsch in der Näh',
Und auf dem kloan Hügerl steht a Kreuzerl in d' Höh.
Und unta dem Hügerl, da liegt ebbas hint,
Was i auf der ganzen Welt ja nirgends mehr find' –
Was i auf der ganzen Welt ja nirgends mehr find'.«

Bei der Wiederholung des letzten Verses versagte ihr plötzlich die Stimme. Sie drückte ihre rechte Hand auf die Augen und sank leise aufschluchzend in den nächsten Sessel. Kathi verstand sie. Sie erhob sich rasch, kniete neben ihr nieder und legte den Kopf an ihre Brust. Die Erinnerung an ihre tote Mutter war zu stark und plötzlich über sie gekommen. Sie hielten einander weinend umschlungen und vergaßen alles rings um sich her.

Da tat sich leise die Tür auf, und die hohe, vornübergeneigte Gestalt des Geheimrats erschien auf der Schwelle. Langsam schritt er auf die Nichten zu und legte ihnen seine Hände auf die Köpfe, ohne zu sprechen. Die Mädchen blickten auf und trockneten rasch ihre Tränen. Dann erhoben sie sich und reichten dem Onkel stumm die Hand. Sie hatten ihm ja heute noch gar nicht »Guten Morgen« gewünscht.

Der Geheimrat lächelte matt. »Nun, nun, meine lieben Kinder, was habt ihr denn? Ich wollte mich eben an eurem Gesang erfreuen. Aber mir scheint, ihr seid nicht recht in der Stimmung. Wollt ihr mir nicht sagen, was euch so traurig macht?«

Kathi blickte mit immer noch zuckenden Lippen zu ihm auf. Sie sah in ein bleiches, verhärmtes Gesicht. Viel tiefer und schlaffer als sonst erschienen heute die langen Falten, und ein paar Strähnen des dünnen grauen Haares, das immer so sorgfältig gekämmt und gescheitelt war, hingen gar wild in die hohe Stirn hinein. Sie trat erschrocken einen Schritt zurück und rief: »Aber naa, wie schaust denn du aus, Onkel? Bist um Ende krank?«

Der Geheimrat strich sich über die Stirn: »So, sehe ich schlecht aus? Hmnja, das ist wohl möglich. Ich habe die Nacht schlecht geschlafen. Mein Magen, wißt ihr, der macht mir immer zu tun nach solchen späten Tafelrunden, hehe, – und dann habe ich auch …«

Er unterbrach sich, sah sich scheu um und blickte auch durch die noch offenstehende Tür in sein Zimmer hinein. Dann wandte er sich von der Schwelle aus wieder an die Mädchen: »Meine Frau ist noch nicht wieder zurück, nicht wahr?« Und als sie verneinten, winkte er ihnen, ihm in sein Zimmer zu folgen. »Wollt ihr mir nicht ein wenig Gesellschaft leisten? Mir scheint, hier im Salon ist noch gar nicht geheizt, oder irre ich mich? Meine Frau kommt mit so wenig Wärme aus; ich brauche immer sechzehn Grad, wenn ich mich behaglich fühlen will.«

Er ließ die Schwestern an sich vorbei und drückte die Tür hinter ihnen ins Schloß. Dann klappte er die langen Schöße seines schwarzen Rockes auseinander und lehnte sich fröstelnd an den warmen Ofen. Er forderte die Nichten auf, sich auf seinen Diwan zu setzen, und dann begann er nach mehrfachem Räuspern: »Ich höre, ihr habt heute meiner Cousine, der Frau von Goldacker, euren Besuch gemacht. Mein Schwager hat es erzählt – nein, nein – ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß ihr bei ihr verkehrt. Sie hat ja ihre Eigenheiten, das ist wahr. Man lacht viel über sie in der Gesellschaft – aber sie ist im Grunde ihres Herzens eine gute Frau. Sie sieht so gern junge Leute um sich, und wenn es euch Freude macht, an ihren Festlichkeiten teilzunehmen, so will ich euch durchaus nicht daran hindern. Mein Gott, ich weiß ja, daß für junge, lebenslustige Mädchen in meinem Hause nicht viel …« Er stockte, seufzte tief auf und begann seine Fingernägel zu besehen.

Da die Mädchen nichts zu sagen wußten, entstand eine ziemlich lange Pause. Dem Geheimrat lag offenbar etwas ganz anderes am Herzen. Er wußte nur nicht recht, wie er es herausbringen sollte. Er blickte bald die Lizzi, bald die Kathi scheu über die Brille hinweg an und trommelte mit seinen Fingernägeln rückwärts gegen den weißen Kachelofen. Da schlug die große Regulatoruhr mit tiefem, volltönendem Summen eins. Der Geheimrat fuhr wie erschreckt zusammen und machte einige große Schritte ins Zimmer hinein. Dann reckte er sich auf und zupfte mit einigen kurzen Rucken seinen Rock zurecht. Er schien endlich einen Entschluß gefaßt zu haben, setzte sich zwischen die beiden Mädchen auf den Diwan, ergriff Kathis Hand und begann endlich stockend: »Ich habe euch etwas zu sagen, meine lieben Kinder, und da wollte ich die Gelegenheit ergreifen, da wir gerade einmal allein sind … Ich habe ja sonst natürlich keine Geheimnisse vor meiner Frau; aber in diesem besonderen Falle … das heißt, ich muß mich darauf verlassen können, daß ihr niemand ein Wort davon sagt. Auch nicht etwa an eure Freundinnen in München etwas davon schreibt. Wollt ihr mir versprechen …?«

»Aber gewiß, Onkel, mir werd'n ganz g'wiß nix sag'n«, beeiferten sich die beiden Mädchen eine um die andere zu versichern und zu beteuern, denn sie waren natürlich außerordentlich begierig, des Oheims Geheimnis zu erfahren.

Er drückte mit der leicht zitternden Rechten ihre Hände, sah sie beide noch einmal ernsthaft prüfend an, und dann holte er aus seiner Brusttasche einen Brief hervor und sagte: »Seht, hier habe ich einen Brief geschrieben, jetzt eben – an den Justizrat Kugler, worin ich ihm mitteile, daß ich ihn morgen vormittag besuchen würde, um – nämlich, um mein Testament zu machen.«

Er räusperte sich und reckte mit einem wunderlichen Lächeln sein Haupt aus dem Kragen heraus und sah dabei die Nichten so gewissermaßen herausfordernd von der Seite an, so daß sie sich bewogen fühlten, ihrem Erstaunen in kurzen, zaghaft abgebrochenen Sätzchen Ausdruck zu geben.

Der Professor strich der Kathi über den Scheitel und klopfte der Lizzi beruhigend auf die Hand, indem er sich bemühte, unbefangen dreinzuschauen.

»Na, lieben Kinder, es ist nicht etwa, weil ich an das Sterben dächte …, das heißt, in meinem Alter muß man ja überhaupt das Ende immer vor Augen haben, und meine Gesundheit läßt ja manches zu wünschen übrig – trotzdem hoffe ich zu Gott, daß wir uns noch einige Jahre des Lebens miteinander erfreuen dürfen. Was diesen plötzlichen Entschluß in mir gereift hat … es war ja vielleicht nur ein übermütiges Scherzwort der Frau von Goldacker – sie ist manchmal etwas – wie soll ich sagen – unbesonnen in ihren Ausdrücken – also wie gesagt, meine liebe Frau kann sich gar nicht darüber beruhigen, daß die Majorin euch Erbschleicherinnen genannt hat. Es war ja entschieden unpassend, in großer Gesellschaft dergleichen zu äußern, aber es liegt mir selbstverständlich fern, euch deswegen irgendwelche unlautere Absichten zuzutrauen. Ich habe im Gegenteil daraus Anlaß genommen, über eure Lage und meine Pflicht euch gegenüber nachzudenken. Da bin ich denn zu dem Entschluß gekommen, ein neues Testament zu errichten, das euch für alle Fälle sicherstellt.«

Die Mädchen machten eine Bewegung, als ob sie ihm dankbar die Hände küssen wollten, doch er wehrte sie leutselig lächelnd ab und beeilte sich fortzufahren: »Es existiert nämlich ein letzter Wille aus dem Jahre dreiundachtzig. Ich hatte damals bereits die Hoffnung aufgegeben, daß der Himmel meine Ehe mit Kindern segnen würde, und mich deshalb veranlaßt gesehen, die Brüder meiner Frau in erster Linie zu bedenken. Mein Schwiegervater war ein reicher Mann, wie ihr vielleicht gehört habt. Ihm verdanke ich also zunächst die sichere Basis meiner materiellen Verhältnisse. Nach seinem Tode übernahm dann sein ältester Sohn Emmerich das Geschäft, während der jüngere, Adalbert, sich zum Künstler berufen fühlte.«

»Von dem hab'n m'r ja noch nie was g'hört!« platzte Lizzi heraus.

»So, in der Tat?« rief der Professor mit einem etwas verlegenen Gesichtsausdruck. »Hmnja, das ist nämlich … meine liebe Frau spricht allerdings zu Fremden nicht gerade häufig von diesem Bruder. Er hält sich in Düsseldorf als Maler auf, aber ich muß gestehen, ich habe selbst noch nie ein Bild von ihm gesehen. Er hat zu seiner Ausbildung zwar die halbe Welt bereist, aber es scheint ihm an der rechten Energie zu fehlen, um seinen Ideen Ausdruck zu geben. Seine Familie hat ihn ja immer für ein bedeutendes Talent gehalten – ich kann, wie gesagt, nicht darüber urteilen. Jedenfalls hat er das väterliche Vermögen durch seine künstlerische Tätigkeit keineswegs vermehrt. Und außerdem durch eine unkluge Heirat … er hat zwei Kinder, von denen das eine das Unglück hat blödsinnig und das andere verwachsen zu sein. Das ist ja nun sehr traurig, und ich habe ihnen ja auch meine Hilfe nicht vorenthalten. Dem älteren Bruder, den ihr ja kennt, ist es auch nicht geglückt, durch seine geschäftlichen Unternehmungen das Ansehen der alten Firma zu heben oder auch nur auf der Höhe zu erhalten, während es mir durch Gottes Güte und die Gunst der Verhältnisse gelungen ist, das Meinige zu vermehren. Ich habe mich daher auch der Pflicht nicht entzogen, meine Schwäger nach Kräften zu unterstützen, obschon sie ihre Lage wohl zum größten Teile selbst verschuldet haben. In diesem Sinne habe ich denn auch mein erstes Testament errichtet. Aber schließlich – sunt certi denique fines, wie der Lateiner sagt – es hat alles seine gewissen Grenzen.«

Er lachte nervös auf und strich sich mit den schmalen zitternden Fingern mehrmals über die Stirn, welche ein feinperliger Schweiß bedeckte. Die Schwestern saßen da und wußten nichts zu sagen, sondern blickten nur mit großen Augen erwartungsvoll zu ihm auf. Er zog ihre Arme unter die seinen und fuhr fort: »Seit ich die Freude habe, euch bei mir zu sehen, ist es mir klargeworden, daß ihr mir als Kinder meiner Schwester und gänzlich mittellos dastehende Waisen denn doch nähersteht als die Angehörigen meiner Frau, die sich gegen mich …«

Er brach ab und verstummte für eine ganze Weile. Dann ließ er die Arme der Nichten los, erhob sich mit einem Seufzer von seinem Sitz und stellte sich wieder an den warmen Ofen.

Endlich nahm er den Faden seiner Rede wieder auf. Aber das Sprechen schien ihm schwerer zu werden, und seine Finger machten sich nervös zu tun, während' er also fortfuhr: »Ich will nicht, daß das Odium auf euch sitzen bleiben soll, das dem Worte Erbschleicherinnen anhaftet; darum habe ich mich entschlossen, freiwillig und beizeiten dieses Testament zu euren Gunsten zu errichten. Erwartet keine große Erbschaft, denn mein Vermögen ist durch die Inanspruchnahme der Familie Vogel schon beträchtlich zusammengeschrumpft. Und außerdem versteht es sich, daß ich vor allen Dingen eurer Tante ein sorgenfreies Alter sichern muß. Sie ist mir immer eine treue, aufopfernde, ich darf wohl sagen, musterhafte Gattin gewesen. Wenn sie für ihre Brüder so lebhaft eintritt, auch wenn sie es vielleicht nicht verdienen, so ist das ja nur erklärlich und sogar rühmlich. Ich möchte auch euch, meine lieben Mädchen, bitten, nicht vorschnell sie etwa der Härte oder der Ungerechtigkeit zu zeihen, wenn sie, wie beispielsweise gestern abend … sie kann allerdings manchmal etwas heftig werden, aber …«

In diesem Augenblick schlug der Regulator die halbe Stunde an. Der Geheimrat hielt erschrocken inne, blickte auf die Uhr und sagte hastig: »Mein Himmel, schon halb zwei. Meine Frau kann jeden Augenblick zurückkommen, und ich möchte doch nicht, daß sie … Ach, liebe Elisabeth, du bist ja die Flinkste. Dir will ich diesen Brief anvertrauen. Stecke ihn schnell in den nächsten Kasten. Aber gib ja acht, daß meine Frau dich nicht dabei trifft. Ich möchte nicht … hmnja, spute dich, mein Kind!«

Damit übergab er Lizzi den Brief und drängte sie hastig nach der Tür. Sobald sie hinaus war, sank er matt und an Gliedern wie im Fieber zitternd auf den Diwan nieder und stöhnte: »Ich weiß nicht – mir ist so – ich fühle mich heute gar nicht recht … Ach, diese Aufregungen! – Bleib du bei mir, mein Kind. Laß du mich nicht allein mit dem Schwager Emmerich und – mit ihr!«

Und der große breitschultrige Mann neigte sich matt gegen das Mädchen und ließ den Kopf auf seinen Busen sinken. Und Kathi drückte ihn an sich, streichelte ihm über die grauen Locken und redete ihm tröstend zu, wie eine Mutter dem erwachsenen Kinde.

Unterdes war Lizzi schon die Treppe hinuntergesprungen. Sie hatte sich gar nicht die Zeit genommen, einen Hut aufzusetzen oder gar einen Mantel anzuziehen, sondern einfach ein altes Umschlagetuch der Tante, das zufällig im Vorflur auf einem Stuhle lag, ergriffen und eiligst um Kopf und Schulter geworfen. Niemand begegnete ihr auf der Treppe, und auch auf der Straße, die sie vorsichtig hinauf und hinab spähte, konnte sie die Tante nicht gewahr werden. Unangenehm war's nur, daß dieser langweilige Portier immer und ewig an seinem Guckfenster saß und jeden, der aus und ein ging, kontrollierte. Er hatte ihrem sonderbaren Aufzug recht verwundert nachgeschaut.

»A rechter z'widerer Mensch«, brummelte Lizzi halblaut vor sich hin, während sie durch den wirbelnden Schnee dem Briefkasten an der Ecke der Genthiner Straße zuschritt. »Gar net amal a bissel durchbrenna kann m'r da, wenn m'r möcht'.«

Sie hatte vorhin beim Nachhausekommen die Stiefeln aus- und dünne Halbschuhe angezogen. Mit denen lief sie nun leichtsinnig durch den nassen Matsch auf dem Trottoir. Sie ward es jetzt erst gewahr, wie übel beschuht sie war. Und sie raffte den Saum ihres Kleides hoch und stelzte auf den Zehen vorwärts.

So, da war der Briefkasten. Aber da war auch – Lizzi fuhr der Schreck ordentlich in die Knie, und beinahe wäre sie, ohne ihren Brief abzuwerfen, umgedreht und im Laufschritt heimgerannt. Es war aber schon zu spät. Mit großen Schritten kam er von der andern Seite der Genthiner Straße über den Fahrdamm herübergesetzt, daß der Schmutz nur so aufspritzte – er, der edle Gregor Krajesovich von Nemes-Pann. Da stand er schon vor ihr, und sie streckte die Linke, in der sie den Brief noch hielt, furchtsam abwehrend gegen ihn aus, und die fünf Finger ihrer Rechten krampften sich, einen Halt suchend, in die Röcke ein. Ihr frisches Gesicht glühte lieblich verschämt unter der Umrahmung des alten Umschlagtuchs hervor, auf dem der Schnee noch haftete wie ein leichter, weißer Schleier. Drollig-ängstlich hatte sie die Augen zu ihm aufgeschlagen, und große Tautropfen zitterten an den Spitzen der langen Wimpern.

»Aber mein liebes Fräulein,« keuchte der schöne Serbe, »warum sind S' nicht gekommen? Ich habe halbete Stund in Schnee und Schmutz am Großen Stern gewartet. Und jetzt spazier' ich schon wieder halbete Stund beiläufig hier vor Ihrem Haus herum. G'wiß war Ihnen das Wetter zu schlecht? O, Sie wollten mir Brief schicken, nicht wahr? Geben S' her!« Und er griff hastig nach dem Brief, den sie noch immer in der abwehrend vorgestreckten Linken hielt.

»Nein, nein, nein!« rief Lizzi ängstlich und beeilte sich, den Brief rasch in den Kasten zu stecken. »Wie soll ich denn an Sie schreiben, ich weiß ja Ihre Adreß gar net.«

»O, Sie wollten nicht kommen und nicht schreiben?« sagte der junge Mann traurig. »Sie hatten mir doch versprochen …«

»Ich war auch dort'n«, flüsterte Lizzi, die Augen niederschlagend. »Das heißt, daß i net lüg: beinah'; aber wie i 'n Großen Stern von weit'n g'sehn hab', hab' i mi doch net traut. 's wär halt doch net recht g'wes'n.«

»Net recht? Aber liebes, gnädiges Fräulein, warum denn, i bitt'? Glauben etwa von mir … O, aber was seh' ich? Kleine Fußerln werden ganz nasse. Hier dürfen S' Ihnen nicht stehenbleiben – kann ich als Arzt nicht erlauben.« Und damit legte er den rechten Arm leicht um ihre Hüfte und drängte sie sanft in die Toreinfahrt eines der nächsten Häuser.

Das Tor war geschlossen, lag aber doch wenigstens so weit zurück, daß ein kleiner vor Schnee und Nässe geschützter Raum davor übrigblieb. Dort ließ er sie los und versuchte ihr in die Augen zu schauen, die sie aber hartnäckig niedergeschlagen behielt.

»Ich hab' so Angst!« sagte Lizzi und wollte wieder davon.

Aber er ergriff sie bei der Hand und hielt sie fest. »Mein liebes Fräulein, haben doch Einsehen, i bitt'! Wenn ich zu Herrn Professor komme, kann ich nur elende, steife Visiten machen, Sie am Ende gar nicht sehn. Hat also gar keinen Zweck für uns beide, nicht wahr? Und wir wollen uns doch bissel kennen lernen? Was meine Wenigkeit betrifft, so gibt gar keine Hoffnung mehr auf Besserung, denn auf Ehre: war ich nie so unsinnig verliebt in ganzem Leben!«

»Is wahr?« fragte Lizzi und blickte mit ungläubig-scheuem Lächeln groß zu ihm auf. »A gehn S', dees is g'wiß bloß so daherg'redt.«

»Fräulein Lizzi, schauen S' mich an. Wenn ich doch schwöre: ich liebe Sie und will alles daransetzen, daß Sie die Meinige werden!« Er stand so dicht vor ihr, daß sie seinen warmen Atem auf ihrem Gesichte verspürte.

»O mei, wenn jetzt die Tante käm'!« murmelte Lizzi, angstvoll auf die Straße hinausspähend und das Kopftuch fest mit der Hand zusammenraffend.

Da legte er plötzlich seine Hände auf ihre Oberarme und flüsterte leidenschaftlich bewegt: »Lizzi, sag'n S' doch, i bitt': können S' mir nicht ein klein winziges bisserl gut sein?«

Und halb geistesabwesend gab sie zur Antwort: »Ja, warum denn net?«

Er drückte ihr die Arme fest an den Körper und wollte sie näher an sich ziehen, indem er sich gleichzeitig zu ihr herniederbeugte. Da drehte sie ihren vermummten Kopf rasch von ihm weg und suchte das Gesicht an ihrer linken Schulter zu verstecken, indem sie kindisch bittend flüsterte: »Naa, bitt' schön, net küssen! Ich kenn Sie ja noch gar net! Lassen S' mi gehn.«

»Das sag' ich ja!« rief der Edle von Nemes-Pann in gelinder Verzweiflung. »Wir müssen einander doch treffen, wenn wir uns wollen kennen lernen! Sind Sie denn jetzt nicht so heruntergelaufen, weil mich vom Fenster auf der Promenaden g'sehn haben?«

»O nein, so was dürfen S' von mir fei net glaub'n«, rief Lizzi schier entrüstet und machte sich von ihm los. »Ich bin bloß so g'schwind herunter wegen den Brief vom Onkel, weil die Tante doch net wissen soll, daß er a neus Testament machen will, wissen S'! O jegerl, jetzt hätt' i bald was g'sagt!« Und sie schlug sich erschrocken auf den Mund und sah bittend zu ihn auf. »Gehn S', Sie, Herr von Krajesovich, net wahr, bitt' schön, Sie sag'n g'wiß nix!«

Er mußte lachen über das drollig-ängstliche Gesicht, die in Falten gezogene Stirn und die großen flehenden Augen. Vergebens suchte er eine ernsthafte Miene aufzusetzen und einen drohenden Ton anzuschlagen. »Aber mein gnädiges Fräulein,« sagte er, »natürlich sag' ich das Frau Geheimrätin wieder, was Sie für falsches Katzel sind!«

»O nein, bitt' schön, o nein!«

»Ja, schauen, jetzt können Sie bitten! Wenn mir versprechen, daß wir uns recht bald wiedersehen und daß mir ein bisserl gut sein wolln, dann will ich mich noch bedenken, ob ich vielleicht mit dem Ausplauschen noch warten soll.«

»Ein schlechter Mensch sind S'!« schmollte Lizzi. »Wie soll'n denn wir uns treff'n können?« Aber fast im selben Augenblick hellte sich ihr Gesicht auf, sie legte den Finger auf den Mund und fuhr eifrig fort: »Wissen S' was mir einfallt? Die Frau von Goldacker, die S' gestern auf der G'sellschaft bei uns g'seh'n hab'n, die hat mi recht gern. Da trau' i mi schon eher a Wörtl fall'n z'lassen, wissen S', daß s' uns z'sammen einlad't. Sie brauch'n nur an B'such z'machen, ich wer' ihr schon sag'n, wegen wem daß S' kommen.« Und im Vorgenusse ihrer gelungenen List kicherte sie lustig in sich hinein.

Der junge Serbe stand vor ihr und verschlang sie mit glühenden Blicken. Es war recht gut, daß das Wetter so abscheulich war. Da gingen erstens einmal überhaupt nicht so viel Menschen vorüber, zweitens nahmen sie sich nicht Zeit, stehenzubleiben; aber ein paar anzügliche Bemerkungen über das sonderbare Liebespaar waren doch schon gefallen, nur daß weder Lizzi, noch ihr Anbeter etwas davon gehört hatten. Er atmete schwer zwischen geschlossenen Zähnen und breitete seine Arme aus, wie um sie an seine Brust zu drücken. Aber er bezwang sich. Er stopfte die geballten Hände mit einem Ruck in die Taschen seines Ueberziehers hinein und knirschte fast wütend mit funkelnden Augen etwas Serbisch vor sich hin, was ebensogut heißen mochte: »Jetzt bring' ich dich um, du nichtsnutziges Ungeheuer«, als auch »Jetzt fress' ich dich auf vor Liebe, du süßes Mädel!«

Und Lizzi verstand ihn ganz richtig, denn sie erwiderte höchst treffend: »Jetzt lassen S' mi aus, i muß heim.«

Er nötigte ihr noch seine Visitenkarte mit der Adresse für dringende Fälle auf, drückte ihr noch einmal fest die Hand, und dann ließ er sie laufen. –

Gehen war das auch nicht mehr zu nennen. Die Rocksäume und die Strümpfe bis hoch hinauf mit Schmutz bespritzt, ganz rot im Gesicht und außer Atem, zog sie zwei Minuten später die Glocke bei Geheimrats. Tante Ida in eigener Person öffnete ihr.

»Wo kommst du denn her?« rief ihr die hohe Dame mit strengem Ton entgegen. »Putz dir die Füße ab – wie siehst du denn aus! Und meinen Schal hast du umgenommen – was fällt dir denn ein? Ist das eine Manier, so auf die Straße zu laufen? Glaubst du vielleicht, daß sich das für eine Geheimratstochter schickt? Wenn ihr bei mir im Hause wie Töchter gehalten sein wollt, so bitte ich mir auch aus, daß ihr euch wie anständige junge Damen benehmt.«

Mit zornigem Eifer hatte Lizzi ihre feinen Schuhe auf der Bürste vor der Tür abgeschrubbt, während die Geheimrätin auf der Schwelle stand. Jetzt schritt sie mit fest aufeinandergepreßten Lippen und zuckenden Nasenflügeln an ihr vorüber in den Vorflur, riß das nasse Tuch ab, warf es auf den Stuhl und wollte durch die Tür nach dem Berliner Zimmer abgehen, als die Tante sie mit ein paar raschen Schritten einholte und hart beim Arme ergriff.

»O bitte sehr, erst möchte ich doch Antwort haben«, herrschte sie sie an. »Deine Schwester sagt, du hättest einen Brief in den Kasten stecken wollen. Was ist das für ein Brief, den das Dienstmädchen nicht einstecken darf?«

»Dees is mei Sach!« versetzte Lizzi trotzig.

»Oho, mein Fräulein, so fangen Sie an!? Geheime Korrespondenzen hinter meinem Rücken dulde ich nicht, verstanden?«

Durch die laute Stimme herbeigelockt, erschien der Geheimrat selbst auf der Schwelle seines Studierzimmers und fragte ängstlich, was es denn gebe? Hinter ihm wurde die plumpe Gestalt Emmerich Vogels sichtbar, der mit vorgestrecktem Halse hinauslauschte.

»Dein Fräulein Nichte schreibt heimlich Briefe, nachdem sie kaum acht Tage in unserm Hause ist!« versetzte Frau Ida in heller Entrüstung.

»Aber meine Liebe,« begütigte der Professor, »rege dich doch nicht so auf, ich bitte dich. Es war ja ein Brief von mir. Die gute Elisabeth war so freundlich …«

Die Geheimrätin sah ihren Gatten scharf an, daß er plötzlich stockte. Dann rümpfte sie kaum merklich die Nase und schob Lizzi vor sich her in das Berliner Zimmer und drückte die Tür hinter sich ins Schloß.

»Was war denn das für ein wichtiger Brief?« höhnte sie scheinbar gleichgültig.

Lizzi zuckte die Achseln. »Ich weiß net.«

»Hm!« machte die Tante. »Es ist doch mindestens auffallend, daß ihr in meiner Abwesenheit einen solchen Diensteifer für euren Onkel an den Tag legt! Die Minna ist ja da. Ich sehe nicht ein, warum du bei solchem Wetter ohne Hut und Mantel hinaus mußtest und dir Schuhe und Strümpfe und alles beschmutzen. Aber jetzt wird mir manches klar! Und die Kathi sitzt drin beim Onkel auf dem Sofa und heult ihm etwas vor, haha! Geh jetzt und zieh dich um, damit du wenigstens anständig zu Tisch erscheinen kannst.« Damit rauschte sie zur andern Seite hinaus.

Lizzi gab sich keine besondere Mühe, die Türen auffallend leise zu schließen, als sie in ihr Schlafzimmer ging. Sie hatte eben ihre nassen Strümpfe und Schuhe wütend in eine Ecke geschleudert, als Kathi hereintrat.

»Jesses, Lizzi, jetzt hat s' di doch erwischt! Du hast doch nix g'sagt von dem Brief?«

»Eher stirb' i, eh die etwas aus mir herausbringt!«

»Ach du arme Maus, jetzt darfst d' di g'faßt machen!«

»A was, mir is jetzt alles gleich!« Und Lizzi umarmte die Schwester und flüsterte ihr ins Ohr: »Du, weißt, jetzt hab' ich 'n doch g'sehn! Der liebe Kerl: zwei Stund' is er bei dem miserablen Hundswetter 'rumg'stieg'n und hat auf mi paßt. Das vergeß i ihm nie! Und so lieb hab i ihn, so arg lieb – grad a'beißen könnt' i 'n!« Und sie preßte die Schwester stürmisch an sich.

»Geh, Lizzi, i glaub', dir fehlt's gewiß!« rief Kathi erschrocken. »Du kennst 'n ja kaum. Bis nach Ungarn, oder wo er daheim is, wirst doch net gleich mit ihm gehn woll'n. Weißt d' denn überhaupts, ob er's ernst meint?«

»Er hat's geschworen bei seiner Ehr'!« versetzte Lizzi mit funkelnden Augen. Und dann kniete sie vor ihrer Kommode nieder und wühlte hastig aus dem untersten Schubkasten ein paar rote Strümpfe hervor. Dann setzte sie sich auf ihr Bett und fuhr mit energischem Ruck in den linken Strumpf zuerst hinein und lachte dabei übermütig: »Siehgst es, jetzt zieg' ich extra mit z' Fleiß die Feuerroten an, daß sich d' Tante recht gift'. Rot ist die Liebe. Aebbäbäh!«

Und sie streckte ihre niedliche Zunge lang heraus.

»A rechter g'schnappiger Fratz bist«, rief Kathi kopfschüttelnd; aber lachen mußte sie doch.

Siebentes Kapitel.

Es gab heute zum Mittagessen die schönen Reste von gestern abend, nur daß eine Suppe hinzugefügt war und die dürftigen Ueberbleibsel des Putenbratens in der Gestalt von Backhähndl mit Reis erschienen. Der Geheimrat hatte nur ein wenig Suppe zu sich genommen und den Lachs sowie den Gemüsegang mit Beilage verschmäht.

»Aber lieber Adolph, du mußt doch etwas essen!« rief Frau Ida eindringlich und versuchte, ihm ein Stück von dem zarten Putenbraten aufzunötigen.

Er hielt seine Hände über den Teller und sagte, durch das viele Nötigen schon ein wenig ungeduldig geworden: »Aber liebe Ida, wie oft soll ich dir denn sagen: ich habe keinen Appetit – mir ist überhaupt nicht wohl heut.«

»Aber du solltest dich doch zwingen. Es werden nur die Nerven sein. Freilich, kein Wunder – bei diesen ewigen Aufregungen – und wenn kein Mensch Rücksicht nimmt!« Sie seufzte und warf einen bedeutsamen Blick auf ihre beiden Nichten.

Kathi saß zur Rechten des Onkels und als die Minna ihr nun die Schüssel darreichte, spießte sie ein Stückchen Brustfleisch auf die Gabel und tat es schnell, ehe er es verhindern konnte, dem Onkel auf den Teller.

»Aber liebes Kind …«

»Geh zu, Onkel, sei gut, probier's amal. Der Indianer tut d'r nix. A so a zart's Vögerl.«

»Hehe«, platzte Schwager Emmerich heraus. »Indianer ist gut!«

»No ja, dees heißt m'r doch n' Indian. Wie sagt's denn ihr dazu? – Und a bisserl Soß dazu – so is recht.«

Der Geheimrat gab den Widerstand auf und ließ sich's lächelnd gefallen, was die Kathi für ihn tat, ja, er schnitt sich sogar das Fleisch klein und führte einige Stücke davon zum Munde.

Tante Ida verbarg nur mühsam ihren Aerger, und Lizzi entging es nicht, daß sie mit ihrem Bruder, der ihr gegenübersaß, Blicke wechselte, die sagen zu wollen schienen: Jetzt siehst du's doch wohl selbst, daß ich mich nicht getäuscht habe. Auf jede mögliche Weise umschmeicheln sie den schwachen Mann. Rasch und doch langweilig genug ging die Mahlzeit zu Ende. Daß der Professor wirklich leidend war, konnte ihm jeder ansehen. Die Damen waren mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, und so versandete die Unterhaltung immer mehr, trotz Schwager Emmerichs Bemühung, den Munteren zu spielen.

Nach Tische gingen sie alle in den Salon, auch der Geheimrat, trotzdem seine Gemahlin ihm vorstellte, daß es für seinen Zustand geraten sei, sich ein wenig niederzulegen.

»Aber liebe Ida, ich kann mich ja im Salon auch ausstrecken, wenn ihr erlaubt«, wandte der Geheimrat matt ein. »Ich hoffe, die Mädchen werden ein bißchen musizieren. Ich höre sie so gern.«

»Habt ihr gehört, der Onkel will, ihr sollt ihm was vorsingen«, fuhr Frau Ida die Nichten hart an. »Ich darf wohl bitten, daß ihr etwas anständigere Piecen wählt als gestern. Nicht diese ordinären verliebten Sachen.«

»Auf'n voll'n Magen sing'n, dees soll net g'sund sein«, versetzte Lizzi trotzig.

Die Tante zog ihre dicke Nase kraus, trat dicht neben Lizzi und raunte ihr ins Ohr, aber immerhin laut genug, daß Herr Emmerich Vogel es ganz gut verstehen konnte: »Es schickt sich durchaus nicht, von seinem vollen Magen zu reden, wenn man eben von Tische kommt. Anständige junge Mädchen stopfen sich überhaupt nicht so voll.« Lizzis Augen funkelten kampfbereit, und sie gab ihr mit mühsahm unterdrücktem Zorn zur Antwort: »Eß ich dir vielleicht zu viel?«

Die Geheimrätin maß die Kecke mit einem wütenden Blick und trat, den Kopf ärgerlich in den Nacken werfend, von ihr fort.

Ihr Gatte hatte sich eben auf dem Sofa niedergelassen. Sie berührte ihn mit der Hand an der Schulter und sagte mit boshaftem Lächeln: »Hast du gehört, lieber Mann, Lizzi kann nicht singen, sie hat zu viel gegessen.«

Der Professor lachte matt auf: »Haha, freut mich, wenn es dir so gut schmeckt, mein Kind. Vielleicht spielt uns Käthchen etwas vor? Kannst du nichts von Chopin? Den hab' ich so gern?«

»O ja, lieber Onkel!« versetzte Kathi und begann eilig in ihren Noten zu kramen. »Dees heißt, 's wird wohl schlecht gehn, ich hab' die Sachen lang net g'übt!«

Sie suchte eines von den leichteren Nokturnos hervor und begann zu spielen. Aber gleich bei den ersten Tönen erhob Joli, der, von niemand bemerkt, auf einem Polstersessel irgendwo geschlummert hatte, ein jämmerliches Gewinsel.

Die Geheimrätin lachte laut, als ob sie dieses unmelodische Duett höchlich ergötzte und rief: »Mein armer kleiner Süßling! Garstige Musik, nicht wahr? Tuling deinen Ohrchen weh'!« Lizzi entdeckte den Störenfried zuerst, schob ihn ziemlich unsanft von seinem Faulbett herunter und wollte ihn aus dem Zimmer hinausjagen, indem sie mit ihren Röcken hinter ihm drein wedelte. »Obs d' 'nausgehst, du Hundsviech, du miserables unmusikalisches!« schalt sie ärgerlich auf das faule kleine Zotteltier ein, das anstatt zur Tür hinaus, vielmehr seiner zärtlichen Herrin zustrebte.

Die Geheimrätin stürzte ihm auch sogleich zu Hilfe, nahm ihn auf den Arm, küßte ihn innig und sagte mit einem bösen Blick auf Lizzi: »Es wäre auch wohl nicht nötig, das arme Tierchen mit solchen Ausdrücken zu traktieren. Er versteht das sehr wohl, und du kannst dich nicht wundern, wenn er dir nicht folgt. Du hast schon ganz seinen Charakter verdorben. – Komm, mein Herzblatt, Mutterchen bringt dich in deine eigene Baba! Nirgends lassen sie dir Ruhe, nicht wahr?« Damit trug sie ihre süße Last hinaus.

»Wird d'rs net z' kalt wer'n, Onkel?« fragte Kathi besorgt, ehe sie wieder zu spielen anhub. Und Lizzi lief nach dem nächsten Thermometer und stellte fest, daß nur dreizehn Grad Reaumur im Zimmer waren.

»Ja, du hast recht, das ist etwas zu wenig für mich«, sagte der Geheimrat, sich mühsam erhebend. »Ich will mich lieber in meinem Zimmer etwas niederlegen und die Tür auflassen. Ich weiß nicht, was das ist, mir ist ganz schwindlig.« Kathi und Lizzi eilten gleichzeitig auf ihn zu und stützten ihn bei seinem Gang ins Nebenzimmer. Sie waren eben an der Schwelle angelangt, als Frau Ida aus dem Berliner Zimmer wieder hereintrat. Sie schritt ihnen rasch nach und fragte aufgeregt, was denn das bedeuten solle? Lizzi wollte sie aufklären, aber sie ließ sie gar nicht ausreden, sondern schob sie unwillig beiseite und sagte, selber den Arm ihres Gatten in den ihrigen ziehend: »Ach so, ich sehe schon: ich rate dir vergebens, was zu deinem Besten dient; aber natürlich, wenn deine lieben Nichten es wünschen, dann tust du es gleich. Ich werde wohl hier bald ganz überflüssig im Hause sein.«

»Aber nei, was denn?« sagte Kathi kopfschüttelnd, und dann seufzte sie leicht auf und kehrte in den Salon zurück und setzte sich wieder ans Klavier. Alle Lust zum Spielen war ihr vergangen. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und starrte zum Fenster hinaus.

Herr Emmerich Vogel trat leise hinter sie, beugte seinen dicken Kopf über ihre Schulter und flüsterte ihr ins Ohr: »Da haben Sie was Schönes angerichtet, Fräulein Kathi. Lassen Sie nur um Gottes willen den Alten zufrieden – mein Schwesterchen ist riesig eifersüchtig!«

Kathi antwortete nicht, und es entstand eine lange Pause, während deren sie im Nebenzimmer die gedämpfte Stimme der Tante mit weinerlichem Ton auf den Geheimrat einreden hören konnten. Herr Vogel spitzte am meisten die Ohren, und nach einer Weile begann er wieder, indem er Lizzi kordial unter dem Arm faßte und Kathi die Hand auf die Schulter legte: »Macht euch nichts d'raus, Kinder. Schwesterchen wird sich schon dran gewöhnen. Du lieber Himmel, so alte Herren haben eben immer eine Schwäche für die liebe Jugend weiblichen Geschlechts, besonders wenn sie so hübsch ist wie ihr. Na, und ungefährlich ist er ja auch – hehehe!«

»Warum spielst du denn nicht?« erscholl es scharf mahnend von da drinnen.

Und Kathi nahm gehorsam ihr Nokturno in Angriff, während Lizzi sich ärgerlich von Herrn Vogel losmachte und sich in die Sofaecke setzte.

Der Schwager Emmerich zog sich einen Sessel möglichst in ihre Nähe und versuchte durch allerlei Manipulationen mit seinem Zwicker; durch leises Räuspern, Ohrenzupfen und verliebte Grimassen ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber Lizzi tat, als merkte sie nichts, als wäre sie ganz in das Spiel ihrer Schwester vertieft. Sie spitzte auch wirklich die Ohren, so sehr sie konnte, aber weniger nach dem Flügel, als nach dem Studierzimmer hin. Die Tante gehörte zu jenen zahlreichen Damen, welche musikalische Produktionen in ihren Salons als den angenehmsten Deckmantel für intimere Gespräche anzusehen pflegen. Es hätte schon ein Musikant von Namen sein müssen, der sie zu schweigender Andacht, wenn auch nur erheuchelter, hätte veranlassen können. Die allerdings nicht gerade hervorragende pianistische Leistung Kathis hinderte sie dagegen keineswegs, ihrem gekränkten Herzen ihrem Mann gegenüber Luft zu machen, und zwar ziemlich laut. Trotzdem vermochte Lizzi nur hin und wieder einige Worte aufzuschnappen, aus denen sie sich aber immerhin den Inhalt des Gespräches einigermaßen zusammenreimen konnte. Die Geheimrätin setzte offenbar ihrem Gatten gehörig zu, daß er ihr verraten sollte, was das für ein wichtiger Brief gewesen sei, den das Dienstmädchen nicht in den Kasten stecken durfte, und wollte seinen Ausreden keinen Glauben schenken. Dann schien sie sogar zu weinen: »Hinter meinem Rücken … angesponnen …, gar kein Vertrauen mehr …« das konnte Lizzi gerade noch verstehen.

»Was haben Sie für reizende kleine Füße!« hörte sie auf einmal Herrn Emmerichs Stimme flüstern. Statt aller Antwort zog sie ihr Kleid weit über die Kniee und drehte ihm noch entschiedener den Rücken zu, indem sie gleichzeitig ihr Fazzinettlein aus der Tasche riß und sich heftig die Nase putzte. Sie merkte bereits, daß ein Schnupfen im Anzug sei. Hatte sich also richtig doch was geholt!

Herr Emmerich bückte sich zu Boden und nahm etwas vom Teppich auf.

»Hm, das ist ja interessant!« hörte ihn Lizzi sagen. »Ei, ei! So kommt man hinter Ihre Schliche!« Sie drehte den Kopf ein wenig über die Schulter und bemerkte zu ihrem Schrecken die Visitenkarte ihres Anbeters in seiner Hand. »Geb'n S' her!« sagte sie ärgerlich und versuchte, sie ihm mit einem raschen Griff zu entreißen.

Er war aber flinker und verbarg die Hand mit der Karte auf den Rücken. »Hoho!« grinste er schadenfroh. »So ohne weiteres rück' ich die nicht wieder heraus.« Und er schob seinen Sessel weit zurück, hielt die Karte gegen das Fenster und las schmunzelnd: »Gregor Krajesovich, Edler von Nemes – Pann, cand. med., Berlin NW., Marienstraße 24. Mhm – das war ja wohl Ihr Tischnachbar von gestern abend? Ja, ja, da haben Sie freilich recht, sich die Karte geben zu lassen zur Sicherheit. Den Namen kann ja auch sonst kein Mensch behalten! Lizzichen, Lizzichen!«

»I bin net Ihr Lizzichen, daß S' 's wissen!« knirschte Lizzi wütend und erhob sich vom Sofa. Sie ging nach der andern Ecke des Zimmers hinüber, wo der Ofen stand, um zu versuchen, ob's dort nicht ein wenig wärmer sei. Er schlich ihr auf den Zehenspitzen nach, und dann, ihr die Karte von weitem zeigend, flüsterte er: »Also, was krieg' ich dafür, Fräulein Mödlinger?«

»Gar nix'n, was denn sonst?« versetzte sie achselzuckend.

Das Nokturno war zu Ende. Kathi erhob sich vom Klavier und ging zu ihrer Schwester nach dem Ofen hinüber. Herr Emmerich hielt sie unterwegs auf und raunte ihr zu: »Pst, Fräulein Kathi, wissen Sie schon das Neueste? Als Verlobte empfehlen sich: Herr Kandidat der Medizin, Gregor Kraxilowitsch …«

»Jesses Maria, woher wissen denn Sie …« fuhr es Kathi unversehens heraus.

Herr Vogel grinste triumphierend: »Hui – also die Braut kennen Sie schon? Na aber, da wird sich meine Schwester freuen! Und der Geheimrat wird Augen machen!«

Wie schrak die gute Kathi zusammen. Da war sie schön eingegangen. Sie biß sich auf die Lippen und sah Lizzi groß und ängstlich an. In diesem Augenblick trat die Geheimrätin aus dem Nebenzimmer herein. Sie wischte sich noch einmal flüchtig mit dem Taschentuch über die Augen und sagte: »Nun, schon fertig? Willst du nichts mehr spielen?«

»'s wird schon so finster, Tante. I kann d' Noten nimmer sehn«, erwiderte Kathi leise.

»So«, sagte Tante Ida, vollends hereintretend. »Da könnten wir ja Licht anstecken, obwohl – 's ist ja kaum drei Uhr.«

»Nee, laß doch!« rief ihr schöner Bruder munter. »Ein Schummerstündchen ist gerade so nett. Erzählen wir uns doch was. Laß lieber noch 'n bißchen einheizen, wär' doch gemütlicher.« »Herrgott, seid ihr eine frostige Gesellschaft«, spottete die große Dame. Und dann drückte sie auf den elektrischen Knopf, um die Minna herbeizuklingeln.

»War wirklich sehr nett gestern bei euch«, begann Emmerich die Unterhaltung. »Besonders bei Tisch da unten an unsrer jugendlichen Ecke. Der junge Mann da mit den feurigen Augen und dem schwarzen Schnurrbart, der Fräulein Lizzi so eifrig die Cour machte – wie hieß er doch gleich?«

»Ach so, der mit dem langen Namen«, versetzte die Geheimrätin, gleichgültig mit den Achseln zuckend. »Was ist mit dem?«

»Oh – scheint ein schneidiger Herr zu sein.«

»Ein Mediziner. Paßt eigentlich gar nicht in unsern Kreis. Aber da er mal Besuch gemacht hatte – es bleibt einem ja weiter nichts übrig, wenn die jungen Leute Empfehlungen mitbringen. Ich halte mir sonst diese unklaren Existenzen gern vom Leibe.«

»Unklare Existenzen? Wieso?«

»Na, diese Studenten aus Rußland, Polen, diese Slowaken, Rumänen und so weiter – da kann man nie wissen! Das sind alles Revolutionäre, Nihilisten und so was.«

»A, das ist aber interessant, nicht wahr, Fräulein Lizzi? So was Romantisches, das mögen Sie auch gerne.«

»A was, lassen S' mi aus mit Ihrem sekanten G'frag!« rief Lizzi, ungeduldig mit dem Fuß aufstampfend, und blitzte den lästigen Menschen aus ihren blauen Augen drohend an.

Die Geheimrätin richtete sich hoch auf und sagte in strengem Ton:

»Lisbeth, was soll das wieder heißen? Ich muß doch bitten, daß du dich gegen meinen Bruder nicht in dieser Weise …«

»Dann sag ihm, daß er mi g'fälligst in Ruh laßt!« unterbrach das gekränkte Mädchen sie heftig. »I brauch' niemand' um Erlaubnis z' fragen, wenn i ein' gern hab'n will – und den am allerwenigsten.« Sie wies mit dem Finger auf den dumm lächelnden Emmerich, und dann verschränkte sie die Arme trotzig über den Busen.

Die Geheimrätin war außer sich und fuhr sie laut an: »Das wird ja immer besser! Was ist denn das nun wieder, mein Fräulein? Soll das etwa heißen, daß du gestern gleich die erste Gelegenheit benutzt hast, um dich mit deinem Tischnachbar einzulassen? Das ist denn doch … ich glaube nicht, daß dein Onkel dergleichen gutheißen wird.«

Und mit großen Schritten eilte sie auf das Studierzimmer zu, um ihrem Gatten von der neuen Schandtat Mitteilung zu machen, als da drin eine Frauenstimme laut aufkreischte und gleich darauf die Minna in den Salon gelaufen kam, zum sonntäglichen Ausgang fein geputzt, mit Muff und Pelzkragen. »Herrgott, was gibt's denn? Was ist denn das für eine Manier?« rief die Geheimrätin.

»Ach Gott, ach Gott, Madam! Hab' ich mir erschrocken«, stieß die Minna kurzatmig hervor. »Eben wollt' ich ausjehen, wie't klingelte. Ich hab' mir nich erst lange uffjehalten mit'n Nach's-Apparat-sehen, weil Se doch jewöhnlich nach Tische bein Herr Jeheimrat in die Stube sind. Un wie ich nu 'rinkomme, da seh' ich 'n Herrn Jeheimrat auf de Diele liegen – un riehrt sich nich.«

Mit einem halberstickten Angstschrei stürzte die Geheimrätin an dem Mädchen vorbei in das Studierzimmer, ihr Bruder und die beiden Nichten hinter ihr her. Es war, wie die Minna gesagt hatte. Der alte Herr lag auf dem Bärenfell vor seinem Diwan, zwei oder drei Schritt weit von dessen Rande entfernt, so daß der Kopf beim Fallen eben noch eine Stütze gefunden hatte. Der Oberleib war auf diese Weise ein wenig aufgerichtet geblieben, das Kinn gegen die Brust gedrückt, die Arme waren weit auseinandergebreitet, wie wenn sie im Fallen noch nach einem Halt gesucht hätten. Die Finger der rechten Hand bewegten sich noch, zitternd in den braunen Pelz hineingreifend. Die Augen waren halb geschlossen. Das Kinn durch den Druck gegen die Brust über die Oberlippe hinaus vorgeschoben, der Mund dadurch fest geschlossen. Durch die Nase tönte ein unheimlich schnarchendes Röcheln. Im übrigen lag der große Körper wie tot da.

Frau Ida warf sich über ihn und jammerte laut auf: »Himmlischer Vater, was ist das? Er stirbt ja! Mein Gott, mein Gott! Wie ist das bloß … Adolfchen, was ist dir? Kennst du mich nicht?« Sie ergriff seinen linken Arm, um den Oberkörper aufzurichten. Er war ganz steif und fiel wie eine leblose Masse wieder herab.

Mit neugierig aufgerissenen Augen trat die Minna herzu und machte sich wichtig. »Des is der Schlach. So war't bei mein' Jroßvater jerade – jawoll, des is der Schlach, da jibt's keen Streit.«

»Seien Sie still jetzt!« herrschte sie Herr Vogel gedämpften Tones an. »Laufen Sie lieber und holen Sie einen Arzt.«

»Nein, nein, nicht die Minna!« rief die Geheimrätin. »Geh du selbst, aber schnell. Und wenn Doktor Peters nicht da ist, dann bringst du den ersten besten, nur schnell, beeile dich.«

»Jawohl, liebe Ida, jawohl. Rege dich nur nicht so auf«, versetzte der Bruder, machte aber noch keine Miene zu gehen, sondern klopfte ihr mit der einen Hand beruhigend auf die Schulter, während er mit der andern seinen Zwicker auf die Nase drückte. Und dann beugte er sich herab, um das Gesicht des Professors besser sehen zu können. »Herrgott, das sieht ja … ja, ich glaube wirklich, das ist ein Schlaganfall. Er hat gewiß aufstehen wollen und zu uns in den Salon kommen. Dabei muß es ihn getroffen haben. Daß wir aber auch gar nichts gehört… ja freilich, das Fell ist weich.«

»Willst du denn nicht gehen?« fuhr die Geheimrätin auf und gab ihm einen leichten Stoß gegen das Knie. »Lauf doch nur, lauf!« Worauf er sich endlich einigermaßen eilig in Bewegung setzte.

Kathi und Lizzi waren bislang schreckensbleich zur Seite gestanden und hatten kein Wort zu sagen gewagt. Als aber nun Minna den ganz vernünftigen Vorschlag machte, den Kranken aus seiner halbsitzenden Lage zu befreien und auf den Diwan zu legen, da griffen sie sofort mit zu. Minna erfaßte ihn unter den Schultern, die beiden Mädchen bei den Beinen. Und so hoben sie den schweren Körper auf das Ruhebett. Die Geheimrätin stand untätig dabei, nur abgebrochene Jammerlaute ausstoßend und mit den Händen wirr um den Kopf herumfahrend.

Sobald der Kranke lang ausgestreckt lag, öffnete sich der Mund von selbst ein wenig, und das unheimliche Röcheln hörte auf. Kathi trat an das Kopfende des Lagers und beugte sich zu dem Onkel hernieder. Sie strich ihm einige über das Gesicht gefallene dünne Strähnen des grauen Haares aus der Stirn. »Lieber Onkel, komm' doch wieder zu dir! Hörst mi denn? Kann i dir denn gar nix helfen?« Eine Träne fiel aus ihrem Auge auf seine wachsbleiche Wange. Sie wischte sie zart mit der Spitze ihres kleinen Fingers fort. Da schaute die Tante auf, die schluchzend vor dem Ruhebett in die Knie gesunken war und stieß zwischen dem Schluchzen heftig hervor: »Geh weg, du – faß ihn nicht an! Ihr seid dran schuld – ihr sollt ihn beide nicht anrühren.«

»Aber, liebe Tante, was haben denn wir …« wollte Kathi traurig erstaunt einwenden, doch auf ein Zeichen, das ihr Lizzi machte, brach sie ab und trat ein paar Schritte zurück.

Lizzi ging zu ihr und zupfte sie am Aermel. »I mein', an kalt'n Umschlag sollt' ma' mach'n. Geh'n S', hol'n S' a Wasser, Minna!« flüsterte sie.

Da wandte sich die Tante nach ihnen um und sagte, mit der Hand nach der Tür weisend: »Was habt ihr da zu tuscheln? Geht hinaus … ich kann euch hier nicht sehen! Das habt ihr zu verantworten! Nicht eine Stunde kann man euch mit ihm allein lassen – gleich müßt ihr die Zeit benutzen, um ihn aufzuregen. Mein armer, armer Mann, was haben sie dir bloß …« Neues Schluchzen erstickte ihre Stimme, und sie begann wieder ganz verwirrt und zwecklos den leblosen Körper da vor ihr zu betasten.

Lizzi ergriff die Schwester bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer, ohne ein Wort zu sagen. Sie blieben aber nebenan im Salon und spähten von Zeit zu Zeit durch die Tür, die sie ein wenig offengelassen hatten.

Es dauerte ziemlich lange, bis Herr Vogel mit einem Arzt zurückkehrte. Es war nicht der Sanitätsrat, ihr Hausarzt, sondern ein jüngerer Herr, der aber ohne viel Worte zu machen das Nötige rasch und umsichtig anordnete. Der Kranke wurde zunächst zu Bett gebracht und eine Eisblase beschafft, die ihm auf dem Kopf liegen sollte, Tag und Nacht, unter fortwährender Erneuerung. Der junge Arzt erklärte, daß wahrscheinlich Stunden, vielleicht sogar Tage vergehen könnten, ehe der Professor wieder zum Bewußtsein erwachte, und daß sich vorher die Folgen des Schlaganfalls nicht übersehen ließen. Er glaube aber, daß eine linksseitige Lähmung vorhanden sei; ob auch Gefahr für seinen Verstand oder gar für sein Leben bestehe, darüber eine Meinung zu äußern, sei wertlos. Die Hauptsache sei vorderhand, daß der Kranke unter steter Aufsicht bleibe, um fortlaufende Beobachtungen über Puls, Atmung und Temperatur anzustellen und bei den ersten Anzeichen des zurückkehrenden Bewußtseins sogleich ärztlichen Beistand herbeizurufen.

»O, ich will keine Sekunde von ihm weichen«, beteuerte die Geheimrätin und drückte ihre geballte Rechte fest an den Busen.

Der junge Arzt hob nur die Augenbrauen ein wenig und streifte sie kurz mit einem etwas mißtrauischen Blick. »Pardon, gnädige Frau,« sagte er kühl, »das geht nicht. Sie müssen natürlich schlafen, essen und sich Bewegung machen, wie jeder andre Mensch auch, sonst würde der Wert Ihrer Pflege nur beeinträchtigt werden. Ich sehe, Sie haben erwachsene Töchter, die werden sich gewiß gern mit Ihnen in die Aufgabe teilen. Wenn Sie zu dreien sind, wird keiner zu sehr übermüdet. Ach, bitte, meine Damen.«

Er winkte den beiden Schwestern, die trotz des Verbotes mit in das Schlafzimmer gegangen waren und bescheiden an der Tür standen, näherzutreten, und gab, ohne die versuchten Einwendungen der Geheimrätin zu beachten, die nötigen Anweisungen für die Nacht. Darauf empfahl er sich und versprach, am Abend noch einmal umzuschauen.

Auch Herr Emmerich Vogel empfahl sich bald. Er fühlte sich überflüssig und mißliebig bei jedermann, selbst bei seiner Schwester; denn soviel er sich auch Mühe gab, aufrichtiges Mitgefühl zu erheucheln, ihr gegenüber richtete er damit nichts aus – es wußte ja niemand besser als sie, wie außerordentlich gelegen ihm ein plötzlicher Tod des Schwagers gekommen wäre – und jetzt war sie denn doch mehr angstvolle Gattin als gute Schwester.

Es war ein trüber Abend, eine unheimliche Nacht – der Tod ging um im Hause und machte alle Schatten schwärzer, dämpfte die Schritte und die Stimmen und ließ alle Herzen bänglich klopfen. Die beiden Schwestern saßen dicht beieinander untätig herum, bald da, bald dort, und wußten nicht, wie sie über die langsam dahinschleichenden Stunden hinwegkommen sollten. Sie kannten den Tod. War es doch kaum ein paar Monate her, daß sie seinen eisigen Hauch im eigenen lieben Heim verspürt, und nun war er ihnen nachgezogen in die kalte Fremde, und sie erkannten ihn wieder an allen seinen pedantischen Eigenheiten. Ja, so tickte die Uhr, wenn ein Liebes im Hause zu sterben kam, so tönten die Stundenschläge aus dem unteren Stockwerk, auf die man sonst nie geachtet, durch die schweigende Nacht herauf, so ganz besonders drohend lauerte die Finsternis in allen Ecken des Zimmers, und die Lampe wollte durchaus nicht heller brennen und flackerte nur kurz und ängstlich auf, wenn man sie höher schraubte. Aber damals waren sie vorbereitet, sie hatten das Ende vorhergesehen, das zugleich die Erlösung von langen Leiden für ihre arme Mutter war. Diesmal schien es ganz plötzlich zu kommen, und sie mußten untätig dabeisitzen und sich's stumm gefallen lassen. Viel trauriger war es damals, aber nicht so spukhaft erschreckend wie jetzt.

Ihre Hoffnung, durch ein neues Testament des guten Onkels ihre Zukunft einigermaßen gesichert zu sehen, war nun vielleicht vernichtet. Sie sprachen es nicht aus, aber sie dachten beide daran, wenn sie unter plötzlich ausbrechenden Tränen einander in die Augen sahen.

Bald, nachdem der Arzt zum zweitenmal dagewesen war, suchten die Schwestern ihr Lager auf. Der Kranke lag immer noch ohne Bewußtsein und unbeweglich, und nur der Atem verriet, daß noch Leben in ihm sei. Die Tante hatte sich hartnäckig geweigert, sich von ihnen in der Nachtwache ablösen zu lassen. Trotzdem konnten sie beide so bald nicht einschlafen. –

Die Uhr hatte im Berliner Zimmer eben drei geschlagen, als Kathi aus einem schreckhaften Traum, in Schweiß gebadet, auffuhr. Eine grausige Sterbeszene hatte sie durchlebt. Das entsetzliche Röcheln klang ihr immer noch im Ohre nach, wie sie, in ihrem Bette schon halb aufgerichtet, sich von Schlaf und Schrecken zitternd loszuringen suchte. Aber was war das? Sie wachte nun doch wirklich? Vom Nebenzimmer her ertönte es ganz deutlich – sie legte ihr Ohr an die Wand – ja, das war dasselbe furchtbare Röcheln, das sie im Traume gehört hatte! Und rasch entschlossen machte sie Licht, schlüpfte in ihren Morgenrock und ging, ohne die ruhig schlafende Lizzi zu wecken, nebenan in das Schlafzimmer des Onkels.

Der lag noch immer gerade so da, wie sie ihn am Abend zuletzt gesehen hatte, nur daß die Eisblase von seinem Kopfe heruntergerutscht und zwischen Schulter und Ohr in das Kissen eingesunken war. Und auf dem Bett daneben lag die Tante unausgekleidet, in ihrem Schlafrock, den Mund weit offen – und schnarchte laut. Das war's, was Kathi den bösen Traum verursacht hatte!

Das Eis im Beutel war ganz geschmolzen. Sie huschte nach der Küche und füllte ihn aufs neue. Dann holte sie sich aus ihrem Zimmer ihre Reisedecke, wickelte sich fest darin ein und setzte sich so am Fußende des Krankenbettes nieder. Das Schnarchen der Tante, das nach einigen kurzen Erholungspausen immer von neuem kräftig einsetzte, bewahrte sie sicher vor dem Einschlafen. –

Der Tag begann bereits zu grauen, als der Kranke plötzlich eine Bewegung mit dem rechten Arm machte, dann den Kopf langsam auf die Seite drehte und endlich die Augen aufschlug. Kathi sprang sofort zu, um ihm den Eisbeutel wieder zurechtzuschieben, und beugte sich hoffnungsfreudig erregt über sein Gesicht.

Er starrte sie an, lang und blöde, und dann wurde er unruhig und versuchte zu sprechen. Aber es kam nur ein undeutliches Lallen aus seinem Munde.

O, wie tat das Kathi weh, so mitansehen zu müssen, wie der arme Mann sich quälte und doch kein deutliches Wort zu formen imstande war! Sie ergriff seine Hand, drückte sie warm und sagte, ihren Mund seinem Ohr ganz nahe bringend: »Brauchst di net z' fürcht'n lieber Onkel, i bin bei dir.«

Es huschte etwas wie ein Lächeln über seine welken Züge, und dann fielen ihm die Augen wieder langsam zu, und er murmelte leise und zufrieden: »Hmnja«.

Achtes Kapitel.

Auf die Nacht voll Angst und Schrecken folgte ein trüber Tag voll banger Sorgen. Der junge Arzt, den gestern der Zufall ins Haus geführt hatte, war schon am frühen Morgen wiedergeholt worden, und später am Tage war dann auch der alte Sanitätsrat erschienen und hatte mit dem Kollegen seine Ansichten ausgetauscht. Die Herren glaubten gute Hoffnung geben zu können. Der Geheimrat war wieder bei Bewußtsein, er erkannte die Gesichter um sich herum und hatte nur die Herrschaft über die Sprache noch nicht wiedererlangt. Bei den einfachen Wünschen, die er äußerte, fehlte ihm häufig das nächstliegende Wort, und er setzte dafür nach einigen vergeblichen Anläufen, es zu finden, oft mit heftigem Nachdruck ein andres an die Stelle, das aus einer weit entfernten Begriffsreihe stammte. Die Frauen in der Umgebung des Kranken waren natürlich nicht wenig entsetzt über diese Wahrnehmung und glaubten schon, er habe den Verstand verloren. Die Aerzte erklärten jedoch übereinstimmend, daß dergleichen Erscheinungen schon bei ganz geringfügigen Gehirnblutungen häufig aufzutreten pflegten, ohne daß die geistigen Kräfte irgendwie in Mitleidenschaft gezogen würden. Es sei sehr wohl denkbar, daß dies Uebel nach einiger Zeit von selbst verschwände oder doch mindestens sich erheblich besserte. Dagegen würde sich gegen die vorhandene Lähmung der linken Körperhälfte, deren Wesen und Ausdehnung noch nicht festzustellen sei, vermutlich nicht viel ausrichten lassen. Die größte Gefahr liege in einer etwaigen Wiederholung des Schlaganfalls, und um diese abzuwenden, sei es durchaus notwendig, daß der Professor längere Zeit jeder geistigen Anstrengung und besonders jeder starken Gemütsbewegung aus dem Wege gehe, und daß seine Angehörigen mit eifriger Sorge darauf bedacht seien, ihm alle vermeidbaren Aufregungen fernzuhalten.

Die Geheimrätin war allein mit den beiden Aerzten im Studierzimmer, als sie ihr dies Ergebnis ihrer Besprechung mitteilten. »Wann meinen Sie denn, daß er seine Vorlesungen wieder wird aufnehmen können?« war die erste Frage, die sie an die Herren richtete.

»Vorlesungen! Mein Himmel, Sie denken schon wieder an Vorlesungen?« rief der kleine Sanitätsrat. Er schüttelte den dicken Kopf und kratzte sich mit breitem Lächeln hinterm Ohr. »Ich will ja die Möglichkeit gern zugeben, daß er in einem halben Jahre, vielleicht sogar schon in kürzerer Zeit wieder so weit ist, um ohne Anstoß reden oder wenigstens lesen zu können; aber besser wär's schon, wenn er sich gleich pensionieren ließe. Wenn er sich wieder mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, liegt doch die Gefahr der Ueberanstrengung immer nahe.«

»Aber wenn er sich nicht mehr wissenschaftlich beschäftigen soll …« jammerte Frau Ida. »Das hält er ja gar nicht aus. Er ist doch auch erst neunundfünfzig. Und geistig so frisch – was soll er doch bloß anfangen?«

Der Sanitätsrat zuckte die Achseln. »Ja, was ist da zu sagen? Jedenfalls sind Sie doch so gestellt, daß Sie die Kollegiengelder nicht unbedingt zum Leben nötig haben, hehehe! Sie haben weder Kind noch Kegel – gehen Sie doch auf Reisen! Ihre Mittel erlauben's Ihnen ja. Gehen Sie zum Beispiel den Winter nach Rom, da findet unser verehrter Professor angenehme Zerstreuung und wissenschaftliche Anregung zugleich. Im Sommer dann in irgend eine schöne Gegend im Gebirg oder am Meer, wo er seinen Körper kräftigen kann. Nicht wahr, was meinen Sie, lieber Kollege?«

Der junge Arzt hatte sinnend am Fenster gestanden. Jetzt trat er achselzuckend näher und sagte: »Es scheint mir ziemlich müßig, jetzt schon für die Zukunft Vorschriften machen zu wollen; aber wenn Ihre Mittel es Ihnen erlauben, so ist es jedenfalls sicherer, wenn der Herr Professor sich ganz von seiner öffentlichen Tätigkeit zurückzieht. Ich höre, daß die beiden jungen Damen, die Sie im Hause haben, dauernd bei Ihnen bleiben sollen. Die Nichten des Herrn Professors, nicht wahr? Nun, wenn ich mir nach so kurzer Beobachtung eine Meinung erlauben darf – ich glaube, daß unser Patient gerade jetzt keine bessere Gesellschaft finden könnte als diese jungen Damen. Das ältere Fräulein ist jedenfalls eine ausgezeichnete Pflegerin, sehr umsichtig und verständig, und das jüngere scheint mit seinem mehr heiteren Temperament …«

Die Geheimrätin reckte sich auf und fiel ihm etwas scharf ins Wort: »Sie scheinen zu vergessen, Herr Doktor, daß die Pflege des kranken Gatten doch wohl zunächst Sache seiner Gattin ist. Wir haben vor drei Jahren unsre silberne Hochzeit gefeiert. Mein Mann ist viel leidend gewesen – aber über Mangel an Pflege hat er sich noch nie zu beklagen gehabt. Und ob die Anwesenheit von jungen Mädchen im Hause, die selbst noch fortwährend der Aufsicht bedürfen, gerade geeignet ist, Aufregungen fernzuhalten, das – das …« Sie hüstelte nervös und ließ den Satz unvollendet.

Der junge Arzt sah sie scharf an. Er bemerkte, wie ihre schmalen Lippen vor innerer Erregung zuckten, und wie ein feindseliger Blick ihn streifte. Er wartete noch ein Weilchen, ob sie vielleicht noch etwas hinzuzufügen hätte, ehe er höflich und kühl das Wort nahm. »Pardon, gnädige Frau, ich will mich gewiß nicht in Dinge mischen, die mich nichts angehen, aber ich war heute morgen, als Sie mit Ihrer Toilette beschäftigt waren, allein mit dem Fräulein am Krankenbette und da hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, wie Ihr Herr Gemahl ganz offenbar die Anwesenheit seiner Nichte wohltuend empfand. Er folgte ihr mit den Augen, wenn sie sich im Zimmer umherbewegte, und lächelte sie so dankbar an, wenn sie ihm eine Handreichung tat. Wenn sie sprach, war er ganz Ohr, und … ich muß überhaupt sagen: ihr ganzes liebenswürdiges Wesen, ihre stille, anmutige Art dem Kranken gegenüber …«

»Sie sind ja ganz begeistert von dem Mädchen«, unterbrach die Geheimrätin ironisch. »Es freut mich sehr, Herr Doktor. Wenn sie ihre Pflicht tut dem Onkel gegenüber, dem sie so viel verdankt, so ist das wohl nur recht und billig. Ich kann ja auch natürlich nicht immer um ihn sein. Hat Ihnen das jüngere Fräulein Nichte vielleicht gleich etwas vorgetanzt oder vorgesungen, daß Sie von der sich auch so rasch ein günstiges Urteil bilden konnten?«

»Es scheint, ich habe das Unglück, von Ihnen mißverstanden zu werden«, sagte der junge Arzt mit einer kurzen Verbeugung. Er reichte dem älteren Kollegen die Hand und wollte sich zum Gehen wenden.

Der Sanitätsrat hielt ihn fest und klopfte ihm, gemütlich lachend, auf den Arm. »Aber, Liebster, Bester, wer wird denn empfindlich sein? Uebrigens, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Der Herr Kollege hat ganz recht: wenn wir Mannsleute anfangen, alt und klapprig zu werden, dann ist es uns eine wahre Wohltat, frische, fröhliche Jugend um uns zu sehen – besonders weibliche, so zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, hehehe! Ja, ja, verehrte Frau Geheimrätin, das ist nun mal nicht anders. Ich wenigstens möchte mir, wenn ich mich mal zur Ruhe setze, nichts Besseres wünschen, als mit so ein Paar hübschen, flotten Mädels gemütlich in der Welt herumzukutschieren – und Ihr Herr Gemahl wird für so was auch nicht unempfänglich sein. Wenn er seine Nichten zum Beispiel nach Rom führt – denken Sie bloß, wie schön er da dozieren kann, hehehe!«

»Sie unterschätzen meinen Mann doch wohl etwas, Herr Sanitätsrat«, versetzte die Geheimrätin mit hochmütigem Zucken der Nasenflügel.

Doch der kleine Herr verstand ihre Absicht gar nicht und fuhr laut und offenbar vergnügt fort: »Ach, Larifari, lehren Sie mich die alten Herren kennen! Mein junger Herr Kollege hat ganz recht: ein besseres Rezept können wir unserem verehrten Patienten gar nicht verschreiben als geistige Ruhe und vergnügte jugendliche, anspruchslose Gesellschaft.«

»Anspruchslos!« Frau Ida warf das Wort ihrem alten Hausarzt so scharf und spitz entgegen, daß er betroffen aufblickte. Aber sie ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern fügte nach einer kurzen Pause nur ironisch lächelnd hinzu: »Ich hätte zwar nicht geglaubt, meine Herren, daß Ihre Konsultation darauf hinauslaufen würde, daß Sie über zwei junge Mädchen in solchen Enthusiasmus geraten, die Sie kaum fünf Minuten gesehen haben; aber da die Wissenschaft in diesem Punkte einig ist, so muß ich mich natürlich fügen. Soll ich vielleicht die jungen Damen hereinrufen, damit Sie ihnen Ihre Instruktionen geben können?«

»Aber, meine liebe, beste Frau Geheimrätin,« rief der kleine Sanitätsrat erstaunt, »ich glaube gar, Sie fühlen sich – ja, wie soll ich sagen – gekränkt, oder …«

»Lassen Sie nur«, wehrte die beleidigte Dame ab und führte ihr Tuch an die Augen, um Tränen abzuwischen, die vorläufig allerdings noch gar nicht vorhanden waren.

Der jüngere Arzt empfahl sich nun schweigend, und auch der Sanitätsrat zog sich nach einigen vergeblichen Versuchen, die Geheimrätin versöhnlich zu stimmen, ein wenig ärgerlich zurück. Er war durch die Schilderung seines Kollegen und durch die eifersüchtige Verstimmung der Geheimrätin auf die jungen Mädchen, die er vorher nur flüchtig begrüßt hatte, erst recht neugierig geworden und benutzte die Gelegenheit, während Frau Ida grollend in den vorderen Zimmern blieb, um die Nichten am Krankenbett zu finden.

Sie gefielen auch ihm ausnehmend gut, und nachdem er ihnen seine Verhaltungsmaßregeln gegeben hatte, nahm er die Kathi beiseite – der Kranke war wieder eingeschlafen und hörte nichts – und ermahnte sie mit freundlichen Worten, getreulich auszuhalten, auch wenn die Eifersucht der Tante ihr vielleicht manchmal das Pflegeamt ein wenig schwer machen sollte. – –

Die Geheimrätin aber war, sobald die beiden Aerzte das Zimmer verlassen hatten, aufgeregt in den Salon getreten, wo Herr Emmerich Vogel bereits ihrer harrte.

»Ich weiß schon,« rief er ihr mit einem etwas schadenfrohen Lächeln entgegen, »die Tür war ja nur angelehnt – habe das meiste hören können. Die beiden Mädels scheinen eine besondere Anziehungskraft für Mediziner zu besitzen, hehe! Vorgestern war der schwarze Polack, oder was er ist, gleich hin in die Lizzi, und heute der andere Jünger Aeskulaps in die Kathi – das ist doch mal klar!«

Frau Ida ging mit großen Schritten auf und nieder und zerrte ihr Taschentuch zwischen beiden Händen umher. »Das geht nicht so weiter«, murmelte sie halblaut vor sich hin. »Die Mädchen müssen aus dem Hause – und zwar so bald wie möglich!«

Herr Emmerich riß erstaunt die Augen auf: »I, was tausend – du wirst doch nicht jetzt deinen Mann mit solchen Geschichten aufregen!«

»Was hat ihn denn so aufgeregt, daß ihn der Schlag traf?« rief die Schwester, dicht vor ihn hintretend, mit zornfunkelnden Blicken. »Sie haben ihn gegen mich aufgehetzt, sie haben jede Gelegenheit benutzt, um sich durch ihr Getue und Gehabe bei ihm einzuschmeicheln, die undankbaren, hinterlistigen, heuchlerischen Frauenzimmer, die! Wenn ich bloß wüßte, was sie gestern hier hinter meinem Rücken mit dem armen Manne angestellt haben!«

»Na, na!« grinste Herr Vogel. »Du gehst entschieden zu weit, Schwesterchen! Was werden sie getan haben? – Sie werden gesagt haben: »Lieber Onkel, sei doch so gut und bedenk uns in deinem Testamente, für den Fall, daß dich heute nachmittag der Schlag rühren sollte.«

Frau Ida trat mit einer unwilligen Gebärde von ihm fort. »Ich finde deine Scherze sehr geschmacklos«, sagte sie verächtlich. Und dann auf der Lehne des Stuhles trommelnd: »Du solltest mir lieber einen guten Rat geben, wie ich die gefährlichen Geschöpfe los werde auf gute Art. Wohin damit?«

»Hab' ich auch schon dran gedacht«, versetzte der Bruder, indem er sich listig lächelnd die Ohren rieb. »Laß sie ruhig im Hause und den alten Herrn seine Freude an ihnen haben. Vielleicht macht er wirklich noch ein Testament zu ihren Gunsten – dann heirate ich die Kathi und Brüderchen Adalbert, der große Künstler, läßt sich scheiden und heiratet die Lizzi – ganz einfach.«

»Ich glaube, du bist verrückt!« rief die Geheimrätin und schritt rasch auf die Tür des Berliner Zimmers zu.

»Kann ich gar nicht finden!« lachte er. »Damit wäre uns doch allen geholfen.«

Sie verließ das Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu würdigen.

Am Abend desselben Tages mußte Herr Emmerich Vogel abreisen und zwar in recht gedrückter Stimmung, da er das Darlehen, um dessentwillen er gekommen war, nicht hatte erhalten können. Sein letzter Versuch, die Schwester zu überreden, ihm auf ihre eigene Verantwortung das Geld zu geben, war mißglückt. Hätte er sie nicht durch seinen schlechten Scherz, wie sie es nannte, so sehr gekränkt, so würde sie sich vielleicht haben verleiten lassen, ihm wenigstens zu geben, was ihr an flüssigen Mitteln zu Gebote stand; so aber wandte sie mit Recht ein, daß sie ja nicht wissen könne, wann der Kranke wieder imstande sein würde, selbst geschäftliche Anordnungen zu treffen, und daß sie bis dahin jedenfalls mit ihrem baren Gelde sorgfältig haushalten müsse, denn ihre Unterschrift genügte nicht, um etwa Geld aus der Bank zu ziehen. Sie hatte ihn überhaupt mit großer Entschiedenheit darauf aufmerksam gemacht, daß er sich daran werde gewöhnen müssen, fortan ohne die Hilfe des Schwagers durchzukommen; denn wenn der Professor, was ja sehr wahrscheinlich war, genötigt wäre, sein Amt niederzulegen und dadurch einen beträchtlichen Teil seines Einkommens einzubüßen, so würden sie den Rest wohl selbst aufbrauchen, zumal wenn seine Gesundheit einen längeren Aufenthalt im Auslande erfordern sollte. Und dazu noch die Sorge für die beiden armen Nichten, die er sich auf den Hals geladen – nein, nein, es könne von der Hilfe in dem bisherigen großen Maßstäbe nicht mehr die Rede sein. Wenn er sich anders nicht zu helfen wisse, dann solle er nur das Geschäft aufgeben.

»Das heißt einen Dummen finden oder Bankrott erklären!« war der Bruder wütend aufgefahren.

Frau Ida hatte nur die Achseln gezuckt und sich durch gute just so wenig wie durch böse Worte von ihrem entschiedenen Nein abbringen lassen.

Er hatte weder den Schwager noch die beiden Mädchen noch einmal zu Gesicht bekommen, und die Abschiedswünsche, mit welchen er die drei bedachte, mochten nicht eben die freundlichsten gewesen sein. – –

Für die beiden Schwestern hatte der Streit zwischen Tante Ida und ihrem Bruder das Gute im Gefolge, daß er den eifersüchtigen Groll der Tante wenigstens für den Augenblick von ihnen ablenkte. Kathis Hilfe bei der Pflege des Gatten war ihr sogar angenehm, denn der Schreck und der Aerger der letzten vierundzwanzig Stunden hatten ihr ein heftiges Kopfweh eingetragen, so daß sie beim besten Willen nicht imstande gewesen wäre, viel für den Patienten zu tun. So schaltete denn zunächst Kathi fast allein im Krankenzimmer, nur am Nachmittag, während einiger Stunden, von Lizzi abgelöst. – –

Aber das war nur eine Stille vor dem Sturm. Am nächsten Tage schon brach das Verhängnis herein. Es war etwa um die Mittagsstunde. Die Geheimrätin war bei ihrem Gatten, Kathi hatte sich ein wenig niedergelegt und Lizzi saß, in einem Buche blätternd, in des Onkels Studierzimmer, als draußen ein kurzes Klingeln ertönte und fast gleichzeitig ein Geräusch aus dem an der Innenseite der Flurtür angebrachten Blechkasten anzeigte, daß der Briefträger etwas hineingeworfen habe.

Noch ehe das Mädchen durch den langen Gang von der Küche her nach vorn kommen konnte, war Lizzi draußen, um zu sehen, was es gebe. Der Schlüssel zum Briefkasten steckte im Schloß, wie gewöhnlich, und Lizzi nahm den Inhalt heraus und betrat damit rasch wieder das Studierzimmer. Es kam ihr plötzlich der Gedanke, daß vielleicht ihr feuriger Liebhaber an sie geschrieben haben könnte, und sie überflog hastig die Aufschriften der verschiedenen Briefe und Drucksachen. Nein, es war nichts für sie dabei, und sie wollte eben die Sachen auf den Schreibtisch legen, als ihr Blick von dem aufgedruckten Stempel des obersten Briefes gefesselt wurde: »Justizrat Kugler, Rechtsanwalt und Notar«.

»Jesses!« entschlüpfte es ihr unwillkürlich, und sie führte die Hand nach dem Herzen, das plötzlich rasch und heftig zu klopfen begann. Sie überlegte einige Augenblicke, und dann, als sie draußen auf dem Flur eine Tür gehen und rasche Schritte sich nähern hörte, griff sie nach dem Brief und verbarg ihn in ihrer Tasche. Unmittelbar darauf trat die Minna ins Zimmer.

»Des hat doch jeklingelt? Haben Sie vielleicht aufjemacht, Freilein?«

»'s war bloß der Briefträger«, erwiderte Lizzi, vom Schreibtisch zurücktretend und nach dem Fenster zuschreitend, damit das Mädchen ihr nicht ins Gesicht sehen sollte, denn sie fühlte, daß sie rot wurde.

Die Minna trat näher und griff nach den Postsachen, indem sie fragte, ob sie sie nicht gleich mit nach hinten nehmen sollte.

»Nein, nein, lassen Sie's nur da liegen«, versetzte Lizzi, sich rasch umwendend.

»Aber die Jnädige hat doch befohlen, daß ick ihr die Postsachen immer jleich bringen soll.«

»Net ins Krankenzimmer, 's könnt am End doch den Onkel aufregen.« Und damit nahm sie dem Mädchen die Sachen aus der Hand und legte sie auf den Schreibtisch zurück.

»Na, wie Se meenen«, erwiderte Minna, mit einem neugierigen Blick zu Lizzi emporschauend. Sie bemerkte offenbar ihre Verlegenheit und machte sich ihre Gedanken darüber. Mit einem dreisten Grinsen trollte sie sich hinaus.

Lizzi war ganz verwirrt. Jetzt ging das Mädchen jedenfalls hin und meldete seiner Herrin, daß der Postbote etwas gebracht habe. Vielleicht machte es gar eine boshafte Bemerkung, denn es bildete sich wahrscheinlich ein, daß das Fräulein sich einen Liebesbrief herausgesucht habe oder so etwas. Sollte sie nun hier mit diesem Brief in der Tasche ruhig sitzen bleiben und abwarten, bis die gestrenge Tante hereinkam, um den Einlauf durchzusehen? Sollte sie etwa gar ihre Fragen über sich ergehen lassen, während ihre brennenden Wangen ihr böses Gewissen verrieten? Dieses verwünschte Erröten! Ganz heiß war ihr! Nein, so durfte sie der Tante nicht unter die Augen kommen! Und sie huschte eilenden Schrittes auf den Zehen nach ihrem Schlafzimmer. – –

Kathi lag halb angekleidet in festem Schlaf auf ihrem Bette. Zwei Nächte hindurch hatte sie nur wenige Stunden geschlafen – sie hatte die Ruhe so nötig! Aber Lizzi war zu aufgeregt, sie wußte sich allein keinen Rat. Sie mußte die Schwester wecken – und sie berührte ihre Schulter und rief ihr leise ihren Namen ins Ohr.

Sofort fuhr Kathi auf, öffnete mit Anstrengung die Augen und lallte schlaftrunken: »Gleich, gleich, i komm schon.«

»Ich bin's, Kathi, sei net bös!« flüsterte Lizzi, indem sie sich aufs Bett setzte und ihre Arme um die Schulter schlang. »I hab so Angst – i muß dich wecken.« Und dann erzählte sie mit fliegenden Worten, was sie getan hatte.

Kathi verstand nicht gleich. Es währte eine geraume Weile, ehe sie begriff, worum es sich handle. Dann aber riß sie die Augen weit auf und rief fast laut: »Lizzi, um Gottes willen, was hast da ang'stellt! Glei trägst den Brief wieder hin. Du bringst uns ja ins Unglück.«

»Aber naa, sei doch nur g'scheit!« beharrte Lizzi und schüttelte in ihrem Eifer die Schwester bei den Schultern. »Denk doch nur, was die Tante anfangt, wann der Notar in dem Brief was vom Testament machen g'schrieben hat! Da wär's aus mit uns, net wahr? Was soll denn auch sonst drinstehn?«

»Aber, Lizzi, dees wenn aufkommt – nachher haben mir an Brief unterschlag'n!«

»A geh zu, wie soll denn dees aufkommen? Wir schreib'n an den Herrn Justizrat, daß den Onkel der Schlag g'rührt hat und daß er kein Brief net lesen darf. Er möcht warten, bis er wieder g'sund is. Sixt es – da is der Brief. Geh, sei stad, sperr'n du in dei' Schatulln nei'. Geh, sag ja! Hast den Schlüssel net im Sack?« Damit sprang sie auf und wollte die Tasche von Kathis Rock untersuchen, der an einem Haken an der Tür hing.

»Lizzi, nein – i mag net – dees is net recht!« rief ihr die Schwester nach, indem sie die Bettdecke zurückwarf und sich anschickte, aufzustehen.

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Die Geheimrätin stand auf der Schwelle, nur einen Schritt von Lizzi entfernt, die in ihrem tödlichen Schreck leise aufschrie und den Brief, den sie noch in der Hand hielt, auf dem Rücken zu verbergen suchte.

Es was zu spät. Die Tante hatte auf den ersten Blick den Brief in ihrer Hand wahrgenommen. Sie trat herein, drückte die Tür hinter sich ins Schloß und packte Lizzi fest am Arm.

»Was ist das? Was hast du da vor mir zu verstecken? « sagte sie streng, und ihre stahlblauen Augen blitzten die Schuldbewußte drohend an.

»Nix, gar nix«, erwiderte Lizzi tonlos und schaute hilfeflehend nach der Schwester um, während sie, trotz des festen Griffs der Tante, den Brief in ihre Kleidertasche zu stecken suchte, die sich aber unglücklicherweise auf der andern Seite befand.

»Aha!« stieß die Tante voller Entrüstung hervor. »Es ist also wirklich wahr! Kaum acht Tage bist du im Hause, und schon fängst du hinter meinem Rücken heimliche Korrespondenzen an. Die Minna meldet mir, daß Briefe da seien, ich will hin und danach sehen, höre Stimmen in eurem Zimmer – und muß nun eine solche Entdeckung machen! So eine bist du also! O, ich habe dich gleich durchschaut, trotz deiner gekränkten Unschuldsmiene! Der Brief ist von einem Herrn.«

Lizzi zuckte die Achseln.

»Von dem Studenten jedenfalls, von dem du dir schon hast die Visitenkarte geben lassen.«

»Nein!«

»Du lügst, ich sehe es dir an!«

»Ich lüg' net!«

»Warum gibst du ihn mir dann nicht?«

Lizzi preßte die Lippen fest aufeinander, ohne zu antworten.

Inzwischen war Kathi aus dem Bett gestiegen. Mit gefalteten Händen trat sie einen Schritt auf die Schwester zu und sagte leise: »Geh, Lizzi, gib doch den Brief her. Es ist doch kein Unrecht …«

Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber Lizzi kam ihr zuvor, indem sie sich mit einem heftigen Ruck von dem Griff der Tante losmachte und in den schmalen Gang zwischen den beiden Betten sprang. Sie zog im nächsten Stuhl herbei, wie um sich dahinter zu verschanzen, und dann stieß sie trotzig hervor: »Gib dir kei Müh, Kathi, i hab doch g'log'n. Der Brief is vom Herrn Krajesovich von Nemes-Pann – und dees is mei Brief, und den brauch i net herz'geben.« Und damit zerknüllte sie das Schreiben in ihrer Hand und suchte mit zitternden Fingern nach der Tasche auf der Rückseite ihres Kleides.

Die Geheimrätin atmete laut. Sie umklammerte mit beiden Händen die Lehne des Stuhles, der zwischen ihr und dem trotzig blickenden Mädchen stand und konnte sich nicht enthalten, ihn in ihrer Wut stark gegen den Boden zu stoßen. Sie erschrak über ihre eigene Heftigkeit, indem sie des Kranken nebenan gedachte, und zwang sich zu einem verächtlichen Lächeln.

»Also auf diese Weise lohnst du unsere Wohltaten, undankbares Mädchen! Nicht nur leichtsinnig, kokett, intrigant, auch noch trotzig und verlogen bist du! Schön, behalte deinen Brief; aber das sage ich dir: in meinem Hause bist du am längsten gewesen! Ich werde Mittel und Wege finden, dich anderswo unter strenger Aufsicht unterzubringen.«

Da vermochte Kathi nicht länger an sich zu halten. Sie trat hinter die Tante, legte ihr eine Hand auf die Schulter und rief, ohne sich durch Lizzis abwehrende Blicke beirren zu lassen: »Glaub's doch net, 's is ja alles net wahr. Der Brief is ja vom Herrn Justizrat Kugler.«

Aufs äußerste überrascht, wandte Frau Ida ihr zornrotes Antlitz Kathi zu.

»Was in aller Welt habt denn ihr mit dem Justizrat Kugler zu schaffen?«

»Der Brief is ja net an uns«, antwortete Kathi stockend. »Die Lizzi hat g'meint, weil doch der Onkel so krank is – daß er sich net aufreg'n soll – 's war am End besser, du tät'st den Brief gar net erst lesen, weil's doch der Onkel net hat haben wollen, daß du was wissen sollst …«

»Was soll ich nicht wissen?« brauste die Geheimrätin auf. »Jetzt will und muß ich den Brief sehen. Eine Verschwörung mit meinem Mann hinter meinem Rücken!« Der Zorn erstickte ihr fast die Stimme, sie vermochte nur noch die Hand gebieterisch gegen Lizzi auszustrecken.

Die holte das zerknüllte Schreiben aus der Tasche und warf es auf ihr Bett. Sie schien jetzt ganz ruhig und gefaßt zu sein, ja sie vermochte sogar zu lächeln, indem sie zu Kathi hinübersprach: »Na, weißt, du bist a rechts Kamel, Katherl; hätt'st mi doch allein in der Patsch'n sitz'n lassen, war g'scheiter g'wesen. Jetzt derf'n m'r alle zwei unsre sieb'n Zwetschgen z'sammenpacken.«

Während Lizzi sich so mit Galgenhumor von ihrer Angst zu befreien suchte, hatte die Tante den Brief erhascht, geglättet und den Umschlag aufgerissen. Jetzt faltete sie das Blatt auseinander und las, in der Aufregung unwillkürlich halblaut vor sich hin murmelnd:

»Hochverehrter Herr Geheimrat!

Vergebens habe ich Sie gestern zu der von Ihnen bestimmten Stunde erwartet und vermute daher, daß Sie sich nicht wohl befinden. Sollte Ihnen an der raschen Erledigung der Sache gelegen sein und es Ihnen Unbequemlichkeiten machen, mich während meiner Büreaustunden aufzusuchen, so bin ich gern erbötig, die Beurkundung Ihres letzten Willens in Ihrer Wohnung aufzunehmen.«

Hier brach die Geheimrätin ab. Ihre Brust wogte heftig. Ihre Nasenflügel bebten. Die Hand mit dem Schreiben sank in ihren Schoß und zitterte dermaßen, daß man in dem tiefen Schweigen, das für ein Weilchen in dem Zimmer herrschte, das Papier knittern hörte. Endlich hatte sie sich soweit gefaßt, um wieder Worte zu finden. Leise und heiser vor Zorn begann sie: »Es ist also wirklich wahr! Mein Bruder hat recht gehabt. Es gibt keine Schändlichkeit, die man euch nicht zutrauen könnte! Die Kränklichkeit eures Onkels macht euch bange, und da konntet ihr euch nicht genug beeilen, euren erbschleicherischen Plan zur Ausführung zu bringen. Die nächste beste Stunde, wo ihr mit dem kranken, schwachen Mann zusammen seid, der so weichherzig und harmlos ist wie ein Kind, die benutzt ihr, um ihn zu überreden, ein neues Testament zu euren Gunsten zu machen! Deshalb hattest du es so eilig, den Brief selbst in den Kasten zu stecken – ohne Stiefel, ohne Hut auf die Straße zu laufen – der Brief war an den Justizrat gerichtet. Deshalb mußtest du« – sie wandte sich von Lizzi an Kathi – »mit solchem aufopfernden Eifer dich zur Pflege drängen.«

Kathi erblaßte und rief: »Nein, dees ist zu arg, dees is …«

»Und jetzt begeht ihr gar noch eine Unterschlagung!« rief die Wütende, ohne auf Kathi zu hören. »Man sollte euch sofort den Gerichten übergeben. Ich möchte nur wissen, wie ihr bei eurer Jugend dazu kommt, in dieser raffinierten Art und Weise … Hat eure Mutter euch vielleicht noch vorgebildet für eure edle Lebensaufgabe?«

Kathi stieß einen unterdrückten Schrei der Empörung aus, und Lizzi trat gar einen raschen Schritt vor und erfaßte mit beiden Händen den Stuhl, als wollte sie ihn der Verleumderin ins Gesicht schleudern. Die große, starke Dame wich ängstlich zurück und stammelte: »Wollt ihr euch etwa noch tätlich an mir vergreifen? Ihr solltet doch wenigstens bedenken, daß nebenan ein Todkranker liegt.«

»Ja freili, dees sollten Sie bedenken, Frau Geheimrätin!« rief Kathi, gleichfalls einen Schritt auf sie zutretend, mit flammendem Antlitz.

Frau Ida öffnete rasch die Tür und trat auf den Korridor hinaus. Dabei stieß der Türflügel unsanft gegen Minna, so daß das Mädchen erschrocken zurückprallte und nun, sich die Stirn haltend, die eine Beule wegbekommen hatte, gerade vor seiner wutschnaubenden Herrin stand.

»Sie haben gehorcht!« zischelte die Geheimrätin das ganz verdutzte Mädchen an, und dann versetzte sie ihm eine rasche, kräftige Ohrfeige und schritt, ohne sich um sein Gejammer und Geschimpf weiter zu bekümmern, nach den Vorderzimmern. Lizzi und Kathi folgten ihr auf dem Fuße, letztere wie sie ging und stand, im Unterrock und gestrickter wollener Jacke.

Sobald sie im Salon angekommen waren, warf die Geheimrätin sich in einen Sessel und betupfte mit dem Taschentuch ihr erhitztes Gesicht. Kathi, die Augen voll Tranen, zog Lizzi am Arm hinter sich her und trat mit ihr dicht vor sie hin. Jetzt konnte sie die Sprecherin machen. In ihrer gerechten Entrüstung vergaß sie all ihre Schüchternheit.

»Wir lassen unser Mutter net beschimpfen!« rief sie, die geballte kleine Faust gegen ihr wildklopfendes Herz drückend. »Kei Wort is wahr von allem, was S' g'sagt hab'n. Ganz von selber is der Onkel draufkommen, a neues Testament z'machen, weil er's endlich amal müd g'worden is, sich von Ihnen und Ihrem Bruder um a Geld plagen z'lassn. So, jetzt wissen Sie's!«

Frau Ida war für einen Moment ganz blaß. Wie ein Blitz mochte vor ihrer Seele die Erkenntnis aufleuchten, daß dies die Stimme der Wahrheit sei. Aber gerade, wenn dies die Wahrheit war, durfte sie sich ihr am allerwenigsten beugen. Das fühlte sie instinktiv. Wenn sie auch nur das geringste zugab, wenn sie sich einschüchtern ließ von dem Zorn dieser Mädchen, dann war's geschehen um ihre Machtstellung über ihren Gatten. Sie lachte höhnisch auf und rief gebieterisch: »Kein Wort weiter. Ich weiß jetzt, was ich von euch zu halten habe. Spielt ihr nur noch die Gekränkten! – Ich glaube euch kein Wort. Mein Mann sollte freiwillig … ha, lächerliche Idee!«

Sie erhob sich rasch und ging einigemal im Zimmer auf und nieder. Dann blieb sie stehen, wandte sich den Schwestern zu und sagte, verhältnismäßig ruhig: »Es versteht sich wohl von selbst, daß ihr jetzt nicht mehr im Hause bleiben könnt. Ich werde sofort an einen Verwandten schreiben, der Gymnasiallehrer in einer kleinen Stadt in Pommern ist. Dem werde ich für euch eine entsprechende Pension zahlen, und dann mag er sehen, ob er mit euch fertig wird. In die Großstadt und gar in die gute Gesellschaft der geistigen Aristokratie gehört ihr nicht. Lernt etwas Tüchtiges, daß ihr euch selbst durchs Leben helfen könnt. Von meinem Manne habt ihr nichts mehr zu erwarten. Darauf könnt ihr euch heilig verlassen!«

Kathi starrte die Tante entsetzt an. Ihre schreckliche Hilflosigkeit kam ihr plötzlich zum Bewußtsein. Sie hatten ja keinen Ort in der Welt, wo sie mit irgendwelchem Recht eine Zufluchtsstätte beanspruchen durften. Kein Geld, um auf eigene Hand davonzugehen und sich irgendwelche, wenn auch noch so bescheidene Unterkunft zu suchen. Die paar hundert Mark, die ihnen als einziges mütterliches Erbteil aus dem Verkauf der Möbel geblieben waren, hatte der Onkel in Verwahrung genommen, und die Tante brauchte sie nicht herauszugeben, wenn sie nicht wollte. Sie mußten also über sich verfügen lassen, wie man über einen Hund verfügt, der einem lästig wird. Die Tränen stiegen ihr auf, und sie schaute ratlos der Schwester in die Augen.

»Komm, sei stad, Kathi«, sagte Lizzi, indem sie die Schwester mit sich aus dem Zimmer zu ziehen suchte. »Mir packen augenblicklich unsre Koffer. Net eine Stund länger bleib'n m'r da! Dees lassen mir uns net gefallen und wenn m'r betteln gehn müßten! I bitt schön, Frau Tante, geb'n S' uns unser Geld 'raus.«

»Das werde ich nicht tun!« versetzte die Geheimrätin scharf. »Euer Onkel hat gewissermaßen doch die moralische Verantwortlichkeit für euch übernommen. Ich werde euch nicht die Mittel dazu geben, um damit durchzubrennen, wer weiß wohin, und vielleicht gänzlich zugrunde zu gehen!«

»Schön, 's ist recht. Dann geh'n m'r ohne Geld!« rief Lizzi scheinbar ganz gleichgültig und zog Kathi mit sich aus dem Zimmer. Sie hatte schon ihren Plan fertig, und sobald sie in ihrer Schlafstube waren, riegelte sie die Tür hinter sich ab und entwickelte ihn der weinenden Kathi. Sie wollten sofort ihre Sachen packen, nach dem Bahnhof fahren, sie dort in Verwahrung geben und dann an die Frau Konsul Thormälen in Hamburg telegraphieren, ob sie kommen dürften. Bis die Antwort postlagernd eintraf, wollten sie spazierengehen und sich bei dem schönen Wetter – es war heute der erste klare Tag, seit sie in Berlin waren – auf eigne Hand ein wenig in der Reichshauptstadt umsehen. Wenn die Frau Konsul sie haben wollte, dann würde ihr Geld ja wohl ausreichen, um nach Hamburg zu gelangen, schlimmstenfalls vierter Klasse. Sie hatte noch die zehn Mark, die sie zum Geburtstag geschenkt erhalten, und außerdem war ihnen von dem Reisegeld noch etwas übriggeblieben. Sie verfügten zusammen über dreiundzwanzig Mark zweiundsiebzig Pfennige. Sollte Frau Thormälen ihnen abtelegraphieren, dann wollten sie die gute Majorin von Goldacker ersuchen, ihnen das Reisegeld bis München vorzustrecken. Wenn sie erst einmal wieder daheim waren, dann würden ihnen ihre Freundinnen schon durchhelfen, bis sie irgend eine Stellung gefunden hätten, als Ladnerinnen oder selbst als Kellnerinnen, wenn's sein müßte.

Die gute Kathi war ganz kleinlaut geworden. Sie drückte ihre Bewunderung für Lizzis Energie aus, aber sie fand nicht den Mut, einen solchen raschen, entscheidenden Entschluß zu fassen. Sie hielt es für ihre vornehmste Pflicht, jetzt zunächst trotz aller Widerwärtigkeiten bei dem kranken Onkel auszuhalten, und bis er außer Gefahr war, getreulich die Aufgabe zu erfüllen, die der Arzt ihr vorgeschrieben hatte. Soviel sich auch Lizzi bemühte, sie anderen Sinnes zu machen, all ihr Bitten, Schelten, ihre Tränen selbst blieben ohne Erfolg. Aber auch Lizzi beharrte fest auf ihrem Entschluß, und schließlich blieb Kathi nichts weiter übrig, als ihr beim Einpacken behilflich zu sein.

Nach kaum einer Stunde hielt bereits die Droschke vor der Tür, welche die Kühne nach dem Lehrter Bahnhof bringen sollte. Sie schleppte selbst mit Minna, die sich gleichfalls verschworen hatte, noch heute das Haus zu verlassen, ihren Koffer die Treppe hinunter, und Kathi folgte mit dem Handgepäck nach. Auf der Straße fielen sie sich noch einmal um den Hals und sagten sich mit einem innigen Kusse Lebewohl. Und als Lizzi schon im Wagen saß und zum letztenmal der Schwester die Hand drückte, lächelte sie noch unter Tränen und sagte: »Sei stad, Katherl, i geh jetzt amal Quartier machen. Wenn 's Nestl warm herg'richt is, dann schreib ich, und du kommst nach. Gel, Herzl? Vielleicht is gar 's Krajesovicherl so freundlich, mich gleich zu entführen. Weißt, der is ganz nah bei die Türken z' Haus, da schaff'n m'r für unser Katherl an Pascha mit drei Roßschweifen an. Also lustig, alt's Katherl, allweil fidel! – Kutscher, fahren S' zu!«

Neuntes Kapitel.

Das Abschiedsherzeleid machte Lizzi nicht allzulange zu schaffen. Als sie auf dem Lehrter Bahnhof angekommen war, ihr Gepäck zur Aufbewahrung gegeben und nach Hamburg telegraphiert hatte, kam sie sich in ihrer Selbständigkeit so bedeutend und mit ihren zwanzig Mark in der Tasche so reich vor, daß sie, ohne irgend vor der Abenteuerlichkeit ihres Unterfangens zu erschrecken, oder sich um die gänzlich ungewisse Zukunft Sorge zu machen, vielmehr nur mit kindlichem Uebermut die berauschende Freiheit der Gegenwart genoß.

Der Telegraphenbeamte hatte ihr gesagt, daß in zwei Stunden spätestens Antwort da sein könne, und dann hatte sie sich nach den Zügen erkundigt, die nach Hamburg gingen und dritte Klasse führten. Ihre Mittel erlaubten ihr ja jetzt sogar dritter Klasse zu fahren. Als sie so alle Vorbereitungen getroffen hatte, verließ sie den Bahnhof und steuerte aufs Geratewohl über den weiten Platz stadtwärts. In dem knapp anliegenden grauen Regenmantel, der von oben bis unten mit riesigen Perlmutterknöpfen zugehalten wurde, den Trauerflor um den Arm, die Hände in die kleinen Vordertaschen versenkt, Regenschirm unter den Arm geklemmt, Kuriertäschchen umgehängt, schwarzes Filzhütchen mit Federstutz und grauem Schleier auf dem Kopfe, sah sie unternehmend und hübsch genug aus, wie sie mit ihren gewohnten großen Schlitten so flott und frei einherstiefelte. Sie hatte das letzte Mittagessen im Hause der Tante stolz verschmäht, und nun stellte sich ein ganz gehöriger Hunger ein. Da sie nicht die geringste Lokalkenntnis besaß, so war die Frage, wie sie den stillen sollte, nicht so ganz leicht zu lösen. In der Gegend, wo sie sich befand, gab es überhaupt keine Restaurants. Sie stand mitten auf dem Königsplatz und starrte eine Minute lang das goldstrotzende Scheusal, Siegessäule genannt, ohne besonderen Genuß an. Vor ihr dehnte sich der Tiergarten aus. Ein Spaziergangs bei dem prächtigen Sonnenschein wäre unter anderen Umständen ganz verlockend gewesen. Zurzeit aber deuchte ihr eine einfache Kalbskotelette im Magen erstrebenswerter. Um sich nicht etwa in dem weiten Parke zu verlaufen, hielt sie sich an der bebauten Seite und folgte der Sommerstraße bis zum Brandenburger Tor und bummelte dann etwas langsamer die Linden hinauf. Hier gab es ja nun Restaurants die Hülle und Fülle. Aber die sahen mit ihren Spiegelscheiben und all dem Prunk der Einrichtung, den sie durch diese wahrnehmen konnte, so abschreckend vornehm und teuer aus, daß die Lizzi sich nicht hineintraute. Nachdem sie bis zur Friedrichstraße hinuntergegangen war, bog sie, die Linden aufgehend, in diese ein, und als sie zwischen Dorotheen- und Mittelstraße auf ein kleineres Restaurant mit Münchener Bier stieß, trat sie kurz entschlossen ein.

Lauter Männer saßen darin, und eine abscheuliche Atmosphäre, aus Speisendunst und Tabaksqualm gemischt, schlug ihr erstickend entgegen. Sie wäre am liebsten gleich wieder hinausgelaufen. Aber das hätte doch zu dumm ausgesehen! So ließ sie sich am ersten besten freien Tisch nieder und verlangte die Speisekarte. »Menü a 1 Mk.« stand darüber. Suppe, Gemüse mit Beilage oder Fisch, Braten mit Salat und Kompott und Speise oder Butter und Käse. Von den Fleischgerichten sogar mehrere zur Auswahl. Das alles für eine Mark. Da hatte sie's also gut getroffen. Sie entschied sich für Krebssuppe, Schellfisch mit Butter, Gänsebraten und Zitronenauflauf. Dann knöpfte sie in froher Erwartung eines fürstlichen Diners ihren Mantel auf, zog die Handschuhe aus und schlug den Schleier zurück.

Es schien hier doch selten eine Dame sich hineinzuverirren, oder war es am Ende, weil sie so auffallend hübsch war, daß fast alle diese Herren sich nach ihr umwandten und sie mit ihren dreisten Blicken in Verlegenheit setzten? Es war nur gut, daß der schmierige Kellner ihr sehr bald die Suppe aus einem blinden, wie Blei aussehenden Blechgefäß in den Teller goß. Da konnte sie sich mit dem Essen beschäftigen und brauchte die Augen nicht aufzuheben. Was sich Krebssuppe nannte, war ein geschmackloser, lauwarmer, verdünnter Kleister, mit schlechtem Fett und rötlichem Farbstoff versetzt, ein Zeug, das sie trotz ihres Hungers nicht auszulöffeln vermochte. Das verschwindend kleine Stückchen Schellfisch war hart und trocken, wie ein weißer Kreidefels aus dem gelben See der schlechten geschmolzenen Butter hervorragend. Desto bedeutender nahm sich der Gänsebraten aus. Doch erwies sich seine Größe als eine schmähliche optische Täuschung. Ein raffinierter Querschnitt durch das ganze Knochengerüst, von fast verbrannter Haut überzogen, von dem Lizzi mit größtem Fleiß kaum vier oder fünf Bissen Fleisch abzulösen vermochte. Das Ganze schwamm in einer mehligen, braunen Tunke, die nicht eben den Wohlgeschmack erhöhte. Auch der oft aufgewärmte, vertrocknete Zitronenauflauf mit der dünnen Weinsäure vermochte das hungrige Mädchen nicht für die vorausgegangenen Enttäuschungen zu entschädigen. Aber das Pschorrbräu war wenigstens gut, und sie aß viel Brot dazu. Dann beeilte sie sich zu zahlen und verließ hastig das Lokal.

Ohne Zweck und Ziel ging sie die Friedrichstraße wieder zurück, blieb vor jedem Laden stehen, sah mit naiver Bewunderung jeder auffallend gekleideten Dame nach und benahm sich überhaupt ganz wie das Mädchen aus der Fremde. Mit Eifer studierte sie die Anschlagsäulen und besonders die Theaterzettel. Es wäre doch eigentlich zu dumm, dachte sie sich, wenn sie von Berlin fort sollte, ohne daß sie ein einziges Mal im Theater gewesen wäre. Auf der Gesellschaft beim Onkel Professor hatte sie soviel vom Deutschen Theater und besonders von seinen Sternen Joseph Kainz und Agnes Sorma gehört. Und gerade für heute war Grillparzers »Weh dem, der lügt!« angezeigt und jene beiden Namen unter den Mitwirkenden. Sollte sie nicht den Tag ihrer Freiheit dazu benutzen, sich einmal einen Genuß zu verschaffen, der ihr sonst vielleicht nie wieder im Leben geboten wurde? Aber diese Preise! Sieben Mark fünfzig – sechs Mark – vier Mark fünfzig, bis herunter zu einer Mark für die Galerie. Eine Mark konnte sie wohl dranwenden, es ging ja noch ein Personenzug spät abends nach Hamburg, und das Geld reichte immer noch, auch wenn noch Abendessen dazukam. Sie drehte und wendete den Gedanken in ihrem Kopfe herum, während sie sich von dem auf und nieder flutenden Menschenstrom der belebten Straße forttragen ließ. Bei jeder Anschlagsäule blieb sie stehen, um den Zettel des Deutschen Theaters durchzulesen. Und beim drittenmal stand der Entschluß bei ihr fest, heute abend für eine Mark »Weh dem, der lügt!« zu sehen. Das mußte doch ein Stück sein, das ihr selbst die bösartige Tante nicht verbieten konnte. Der Titel klang schon so moralisch. Sie war über ihren Entschluß so stolz, wie wenn sie sich einen Orden für Tapferkeit vor dem Feinde errungen hätte und den sie zum erstenmal auf stolz geschwellter Brust im Sonnenschein spazierenführte. Sie trug, den Kopf noch einmal so hoch, und ihr lieblich volles Gesicht mit den frischen Farben leuchtete unter dem grauen Schleier so überaus lustig hervor, daß manch bewundernder Blick sie traf und gar viele Leute stehenblieben, um dem reizenden großen Mädchen nachzuschauen. Die Einfachheit ihrer Kleidung und die Unbefangenheit ihres Auftretens gewährten ihr auch ausreichenden Schutz vor den Zudringlichkeiten seitens der Männerwelt, die sonst gerade in diesem Teile der Stadt für ein auffallend hübsches Mädchen zu befürchten sind.

Als die zwei Stunden abgelaufen waren, es war gegen vier Uhr, kehrte sie nach dem Lehrter Bahnhof zurück. Es war noch keine Antwort von Hamburg eingelaufen. Sie bekam anfänglich einen gelinden Schreck. Was sollte sie anfangen, wenn die Frau Konsul Thormälen etwa gar nicht daheim war? Sie konnte doch nicht nach Hamburg reisen ganz aufs Ungefähr. Sollte sie nicht doch vielleicht zunächst die freundliche Majorin von Goldacker aufsuchen und sie um Aufnahme bitten, bis sie eine briefliche Antwort von Frau Thormälen erhalten hatte? Aber nein, dann hätte sie gewiß nicht heute abend ins Deutsche Theater gedurft; und das hatte sie sich einmal so fest in den Kopf gesetzt, als ob von der Ausführung dieses Vorhabens ihre ganze Zukunft abhinge. Sie genoß im Bahnhofrestaurant eine Tasse Kaffee, ruhte sich eine halbe Stunde aus und fragte dann wieder am Telegraphenamt nach. Noch keine Antwort! Da schlug sie zum zweitenmal den Weg zum Brandenburger Tor ein und dachte: jetzt ist schon alles eins. Um elf geht der letzte Zug – bis dahin hab' ich »Weh dem, der lügt!« gesehen, und bis dahin muß ein Telegramm da sein.

Diesmal ging sie nicht die Linden hinauf, sondern bis zum Potsdamer Tor und bog dann in die Leipziger Straße ein. Sie war noch nie am Abend durch die Hauptverkehrsstraßen gekommen, und als sie sich in den schwarzwimmelnden, brausenden Menschenstrom hineingleiten ließ, da empfand sie jenes Gefühl bänglicher Lust, mit welchem ein Binnenländer zum erstenmal bei starkem Wellenschlag ein Seebad nimmt. Durch ihre entschlossene Befreiungstat hatte sie sich selbst mündig gesprochen. Nicht mehr trottete sie wie ein Kind ängstlich am Schürzenbande eines fremden Willens zwischen den Bretterzäunen der sogenannten Erziehung einher. Sie stand allein auf weitem Plan, frei zu gehen, wohin sie wollte, stark genug, ihre Ellbogen zu gebrauchen in den ungeordneten Schlachtreihen rücksichtsloser Kämpfer ums Dasein, frei auch, sich von einem gefälligen Strome unbekannten Zielen zutragen zu lassen. Das war nicht eine Entdeckungsreise in Berlin, ein harmloser Spaziergang durch die Leipziger Straße, das war das brandende Leben selbst, in das sie mit keckem Sprunge hineingetaucht war, ohne seine Tiefe zu kennen, seine verborgenen Klippen zu ahnen. Und so wenig sie wußte, daß diese Leipziger Straße auf dem Spittelmarkt endet, und daß von dort die Gertraudenbrücke über die Spree führt, so wenig wußte sie, an welche Küste sie der Strom setzen würde, von dem sie sich jetzt treiben ließ. Aber sie war guten Mutes, sie hatte in dem reinlichen, mit glatten Kacheln ausgelegten Bassin der höheren Töchtererziehung schwimmen gelernt, was konnte ihr das fremde Gewässer auch anhaben, mochte es gleich noch so tief sein?

Nein, Furcht hatte sie nicht, und die Aufregung, in welche der Lärm des Verkehrs, das drängende Gewühl rastloser Menschen ihre Nerven versetzte, nahm alle ihre Sinne zunächst wie ein angenehmer Rausch gefangen. Sie wollte möglichst viel auf einmal beobachten. Sie hatte die Augen und die Ohren überall und wollte doch nicht auffallen mit ihrer kindischen Neugier, nicht als ein dumm erstauntes Gänschen aus der Provinz entdeckt werden. Das war nicht leicht. Und als sie sich eine halbe Stunde lang so zweck- und ziellos durch den Menschenstrom hindurchgeschlängelt hatte, da kam ihr auf einmal ihre gänzliche Verlassenheit peinvoll zum Bewußtsein. Nicht nach mütterlicher Aufsicht, nach freundschaftlicher Führung sehnte sie sich, sondern die Erkenntnis quälte sie, daß sie ein gänzlich nutzloses Ornament an dieser gewaltigen, in ehrlicher Anstrengung laut schnaufenden, hart donnernden Arbeitsmaschine sei. Diese Hunderte und aber Hunderte von Männern und Frauen jeden Standes und Alters, bis zu halben Kindern herunter, welche mit ernsten Gesichtern und dem raschen Schritt derer, für die Zeit Geld ist, an ihr vorübereilten, die beschämten sie und lenkten ihre Gedanken auf eine Bahn, die sie bisher noch nie betreten hatte. Was bedeutete denn ihr Dasein für die Allgemeinheit der menschlichen Gesellschaft? Wovon leitete sie ihre Berechtigung zum Genusse dieses Daseins ab? Was hatte bis zum heutigen Tage ihr Sinnen und Trachten ausgemacht? Für welche Leistung durfte sie von der Zukunft den Lohn fordern? Sie hatte Regen und Sonnenschein, wie just der Himmel ihn schickte, über sich ergehen lassen und war gewachsen, groß und stark geworden und blühte nun wie eine Lilie auf dem Felde, ohne Zweifel lieblicher anzuschauen, als der alte König Salomo in aller seiner Herrlichkeit. Sie hatte die guten Menschen, die sie liebten, wieder liebgehabt und mit mehr oder minder Eifer gelernt und getrieben, was man von ihr verlangte. Aber aus ihrem eigenen Willen und Wesen heraus hatte sie noch nichts getan, noch nichts erstrebt, was ihr als eine nützliche Arbeit im großen Kontobuche des Lebens gutgeschrieben werden konnte. Nichtigkeiten über Nichtigkeiten hatten ihr müßiges Gehirn erfüllt, keine schöpferische Leidenschaft noch ihr Herz bewegt. Eine kleine Heimlichkeit mit einem Kadetten oder einem Studenten, die Sehnsucht nach einem schwer erreichbaren Vergnügen, ein klein wenig Angst vor den Folgen eines harmlosen kecken Streiches, das waren bisher so die Sonntagsereignisse ihres friedlichen Seelenlebens gewesen, während sie sich alltags darauf beschränkte, zu existieren und so nett zu sein, wie es ihr natürlich war. Und wenn ihr Leben glatt weiter verlief, auf neuen Schienen und gutgeschmierten Rädern, wie es müßige Töchter der höheren Stände zu verlangen pflegen, so bedeutete es eben weiter nichts als Essen, Trinken, Schlafen und die Zeit hinbringen in mehr oder minder angenehmer Gesellschaft, bis vielleicht eines Tages ein fremder Mann auf die kühne Idee kam, dies hübsche Nichts an sein Herz zu ziehen, ihm den Ertrag seiner Arbeit in den Schoß zu schütten und es noch obendrein wie eine Heilige oder Heldin zu verehren, wenn es ihm mit den unvermeidlichen Schmerzen Kinder gebar. Und wenn sich so ein merkwürdiger Mensch nicht fand – was dann? Es ging dem sinnenden Mädchen eine Ahnung auf, eine wie traurige Lächerlichkeit in diesem energischen modernen Leben die Frau bedeute, die nichts ist, nichts will und nichts kann. Blühen, Frucht tragen und vergehen – im günstigen Falle – am Boden wurzeln, dem Zufalle preisgegeben, gänzlich auf dem Standpunkte der Pflanze verharrend, während die Mitgeschöpfe gleicher äußerer Prägung schon eine zehnmal höhere Stufe der Entwicklung erreicht haben! Nein, sie wollte sich mit einem solchen Blumenschicksal nicht bescheiden. Sie wollte nicht Dame sein und vegetieren, sondern als Mensch unter Menschen frei ihre Kräfte regen.

Sie begann sich zu prüfen. Was hatte sie denn nützlich Verwendbares gelernt? Just etwas zu wenig, um andere zu lehren oder gar aus ihrem Wissen eine Wissenschaft zu machen, und doch schon zu viel, um es noch auf die Dauer auszuhalten in einer der weiblichen Berufsarten, die nur eine geschickte Hand oder aber einen offenen Kopf und die vier Spezies voraussetzen. Ja, wenn sie irgend eine freie Kunst hätte ausüben können – der hätte sie sich mit ganzer Seele hingegeben, in der hätte sie ernsthaft arbeiten wollen; aber hatte sie denn irgend ein ausgesprochenes Talent, drängte es sie denn unwiderstehlich zu künstlerischer Gestaltung? Sie tuschte ein wenig, sie spielte ganz nett Klavier und sang sogar ungewöhnlich hübsch. Nun ja, musikalisch war sie ganz entschieden; vielleicht war aus ihrer Stimme etwas zu machen. Die war ja nur klein, aber eine fleißige Uebung und gute Schulung konnte sie ja stärken. Wenn die Frau Konsul Thormälen oder die Frau von Goldacker oder sonst ein wohlhabender Freund die Mittel vorschoß, so konnte sie es ja damit versuchen. Und wenn sie auch keine große Sängerin wurde, so gab sie doch schließlich eine brauchbare Gesangslehrerin ab. Freilich, das Beispiel ihrer eigenen Mutter zeigte ihr ja, was dabei herauszukommen pflegte. Wenn man sich nicht gerade einen großen Namen machen konnte, herzlich wenig. Ja, wenn Talent und Kraft zur Bühnensängerin ausreichten – aber so hoch wagte sie sich gar nicht zu versteigen.

Bei dem Gedanken an die Bühne fiel es ihr wieder ein, daß sie ja heute abend das Deutsche Theater besuchen wollte. Sie fragte sich durch bis zur Schumannstraße, und als sie nach langer Wanderung sehr müde dort ankam, war es bereits sechs Uhr geworden und die Kasse eben eröffnet. Sie kaufte sich ein Galeriebillett und dann ließ sie sich völlig erschöpft auf einer der Polsterbänke im Vestibül nieder. Sie war ganz heiß von dem langen Weg, und der Kopf wirbelte ihr von dem ungewohnten Lärm, der stundenlang ihre Ohren umbraust hatte. Sie schloß für ein paar Minuten die Augen, riß sie aber erschrocken wieder auf, als sie merkte, daß sie dabei einschlafen würde, trotz des Kommens und Gehens, des Auf und Zu der Türen und des kalten Luftzugs, der dann jedesmal hereinströmte. Schlafen konnte sie hier doch unmöglich, schon der Taschendiebe wegen nicht, die nach ihrer Vorstellung selbstverständlich in einer Stadt wie Berlin allgegenwärtig waren. So blickte sie denn mit angestrengter Aufmerksamkeit umher. Viel war nicht zu sehen, denn nur vereinzelt kamen zu dieser frühen Stunde die Leute an die Kasse.

Aber jetzt wurde ihr Blick gefesselt von einer auffallenden Erscheinung. Ein junges Mädchen hatte sich eben ein Billett gekauft und wandelte nun, um die Zeit totzuschlagen, zwischen den Säulen auf und ab. Es war mittelgroß und sehr schlank. Eine recht abgetragene Plüschjacke umschloß formlos den Oberkörper. Von dem grünen Tuchkleid hing an der Seite ein Stück abgetretenen Saumes unordentlich herunter. Ein kleiner Kragen um den Hals und ein schief auf den Kopf gestülptes Mützchen waren von dem gleichen billigen Pelzwerk. Aber das schmale, bleiche Gesichtchen, das zwischen diesem Pelzwerk und einem Wust zerzauster, dunkelbrauner Locken hervorleuchtete, nahm sofort Lizzis Teilnahme gefangen. Es sah so düster und energisch aus, trotz der weichen, etwas schlaffen Züge. Um das etwas zu kleine, puppenhaft geschweifte Mündchen hatten sich zwei Falten eingegraben, die von schweren jungen Leiden erzählten und die großen, tiefliegenden Augen, in denen ein verhaltenes Feuer fast unheimlich glühte, blickten finster und wie verächtlich umher. Ihre dichten schwarzen Brauen waren über der schmalen, feingeformten Nase fast zusammengewachsen, und das aus dem schmalen Oval des Umrisses etwas zu spitz hervortretende Kinn zeugte von trotziger Entschlossenheit. Die farblosen, welken Wangen und die nicht ganz reine Haut machten es schwer, das Alter des Fräuleins zu bestimmen. Lizzi, wie alle Frauen geneigt, ihresgleichen lieber älter als jünger zu machen, schätzte sie auf fünf- oder sechsundzwanzig. Als die junge Dame sich so aufmerksam beobachtet sah, stutzte sie, blickte Lizzi scharf an, schritt dann rasch auf sie zu und setzte sich mit einem kurzen Kopfnicken neben sie. Sie holte aus ihrer Tasche ein Reclambändchen hervor und begann mit düster zusammengezogenen Brauen zu lesen. Lizzi konnte das Titelblatt sehen. Es waren die »Gespenster« von Ibsen.

Aber nicht lange las das Mädchen, dann schüttelte es sich und murmelte vor sich hin: »Brrr, eklig kalt!« und dann wandte es sich mit der Frage an Lizzi, ob sie vielleicht eine Uhr bei sich habe?

»Nein, ich habe keine Uhr bei mir«, bemühte sich Lizzi rein hochdeutsch zu antworten. »Aber ich mein, 's müßt schon bald halber sieben sein.«

»So spät schon? Da wär's hohe Zeit hinaufzuklettern. Sie haben wohl Parkett?«

»Nein, dees grad net – Galerie«, erwiderte Lizzi zaghaft und errötend.

»So so«, lachte die Fremde und zeigte eine Reihe scharfer kleiner Zähnchen. »Dann kommen Sie nur mit mir hinauf, wenn Sie etwas fremd sind. Auf dem Olymp sind die freien Geister zu Hause. Auf den teuren Plätzen bläht sich das Herdenvolk, das stumpfsinnige Protzentum. En avant, Fräulein, excelsior!«

Sie lachte wunderlich vor sich hin und schritt voran, und Lizzi folgte ihr auf dem Fuße, ein wenig verschüchtert durch das seltsam harte Wesen dieses Mädchens, aber doch froh, eine Gefährtin gefunden zu haben, mit der sie ein wenig schwatzen konnte.

Oben angekommen, warf die Unbekannte einen Blick in den Zuschauerraum und sagte: »Bah, wir haben noch Zeit. Es scheint heute nicht so schlimm zu werden. Stehen müssen wir noch genug. Kommen Sie! Nehmen Sie hier Platz.« Und sie führte sie nach der Treppe zurück, setzte sich auf deren oberste Stufe und hieß sie ihrem Beispiel folgen. Dann holte sie wieder ihre »Gespenster« aus der Tasche und schickte sich an zu lesen.

»Haben Sie keine Lektüre bei sich?« wandte sie sich an Lizzi, und als diese verneinte, fuhr sie lächelnd fort: »Sie kennen also die Technik des Galeriebesuchs noch nicht. Man muß manchmal eine Stunde vorher schon am Platze sein, wenn man in die vorderste Reihe kommen will. Die Zeit kann man gut ausnutzen, um sich zu bilden. Lieben Sie Ibsen? – Sie werden doch Ibsen kennen?«

Lizzi besann sich ein Weilchen, und dann fiel ihr auf einmal ein, daß das ja der stadtbekannte, wunderliche Herr mit dem gesträubten Haupthaar und den steifen, grauen Bartkoteletten sei, den man in München tagtäglich um zwei Uhr nach dem Cafs Maximilian wandeln sehen konnte. Sie sagte das der Fremden. Aber gelesen habe Sie nichts von ihm. Das sei doch auch wohl nichts für junge Mädchen.

Die andre zog verächtlich die Mundwinkel herunter. »Nichts für junge Mädchen! Erst recht – bitter und gesund ist er. Ich studiere jetzt die Regine. Ist ja nur 'ne kleine Rolle; aber so schön verzwickt, so hübsch angefault. So was reizt mich immer am meisten.«

»Ah, Sie sind wohl selbst Schauspielerin?« fragte Lizzi neugierig.

»Nein«, versetzte jene. »Ich bin leider Malerin. Aber das ist eine dumme Kunst. Flach in des Wortes verwegenster Bedeutung. Um Stilleben oder fette Möpse zu malen mein lebelang, dazu bin ich nicht stumpfsinnig genug. Und zur Malerei großen Stils fehlt mir's am Können. Das kostet auch barbarisch viel Geld. Teure Modelle kann ich nicht bezahlen. Außerdem: einem Frauenzimmer glauben sie ja so was doch nicht. Ich möchte es mit der Bühne versuchen. Da kann man doch sein bißchen Persönlichkeit einsetzen, kann sich austoben, wenn man wirklich was herzugeben hat – und dann verhungert man auch nicht so leicht wie bei der faden Kleckserei. Was sind Sie denn?«

Wenn ihr plötzlich gesagt worden wäre: »Ich sehe Ihnen an, Sie haben schon einmal silberne Löffel gestohlen«, so hätte die arme Lizzi kaum mehr erschrecken können, als jetzt über diese Frage. Das herbe, entschiedene Wesen dieses Fräuleins, ihre männlich-derbe Art, sich auszudrücken, flößten ihr eine Art scheuer Bewunderung ein. Sie würde sie gewiß tief verachten und kein Wort mehr an sie verschwenden, wenn sie ihr gestände, daß sie nichts sei, rein gar nichts, außer einer jugendlichen Person weiblichen Geschlechts. Und so stammelte sie denn tief errötend: »Ich bin – ich wollte mich auch für die Bühne ausbilden, aber …«

»Na aber, – was denn?« drängte die Fremde. »Papachen und Mamachen erlauben's wohl nicht?«

»Ich hab' keine Eltern mehr.«

»Na, dann wohl eine gräßliche alte Tante?«

»Ja, dees schon, aber der bin ich grad heut davong'laufen.«

»Bravo!« lachte das Fräulein und musterte Lizzi mit lebhafterer Teilnahme. »Da scheinen Sie also Talent zu haben! Das hätt' ich Ihnen gar nicht zugetraut. Sie sehen noch so verwünscht unreif aus, nehmen Sie mir's nicht übel! Viel zu rund und weich und hübsch. Damit erreichen Sie entweder gar nichts oder es wird Ihnen viel zu leicht gemacht. Sie duften ja ordentlich nach Illusionen, wie ein Baby nach Milch. Haben Sie denn schon die Kinderkrankheiten durchgemacht? Ich meine so die erste bis xte Liebe. Herrgott, wie Sie rot werden! Hahaha! Ich mein' es gar nicht böse. Erzählen Sie mal. Mir können Sie alles sagen. Ich bin abgebrüht wie 'n alter Pope. Was wollen Sie denn jetzt zunächst anfangen?«

»Ich möcht' heut nacht noch nach Hamburg«, antwortete Lizzi zaghaft.

»Nach Hamburg? Sie wollen doch nicht etwa gar nach Amerika durchbrennen?« rief das Fräulein mißbilligend.

»O nein, g'wiß net!« beeilte sich Lizzi zu versichern. »'s is nur, weil ich in Hamburg eine alte Dame kenn', die mir vielleicht helfen tät.«

»Ach was, Unsinn! Lassen Sie nur die alte Dame aus dem Spiel. Wenn Sie zur Bühne wollen, dann sind Sie hier grade am rechten Ort. Haben Sie Geld?«

»Ja, ich hab' beinah noch zwanzig Mark.«

Die Fremde lachte aus vollem Halse. »Na, wissen Sie, Kindchen, aus Ihnen kann noch was werden. Sie scheinen ja ein famoses Mädel zu sein! Zwanzig Mark! Hahaha! Kommen Sie, Kapitalistin, es ist höchste Zeit, daß wir hineingehen. Sie müssen mir mehr erzählen von sich. Ich werde Sie unter meine Flügel nehmen. Uebrigens, damit Sie doch wissen, mit wem Sie 's zu tun haben: meine Name ist Milka Grönroos, und ich bin aus Finnland.«

»Lizzi Mödlinger aus München.«

Fräulein Milka beugte steif den Kopf und näselte, den Studententon nachahmend: »Angenehm!« Dann aber zog sie freundlich ihren Arm unter den eigenen und betrat mit ihr die Galerie, die sich unterdessen schon ziemlich gefüllt hatte. Trotzdem fanden sie aber noch in der vordersten Reihe Platz. Lizzi ließ sich nicht lange bitten, der neuen Freundin ihre kurze Lebensgeschichte zu erzählen, worauf jene ihr mehr offenherzig als höflich versicherte, daß diese Geschichte recht gewöhnlich und uninteressant sei. Und dann setzte sie, nachdem sie ein Weilchen nachgedacht hatte, ernsthaft hinzu: »Ja, Kindchen, was man mit Ihnen anfangen soll, das weiß ich wirklich nicht. Sie gefallen mir eigentlich recht gut. Den Männern werden Sie jedenfalls noch viel besser gefallen. Und das ist schlimm, wenn Sie die Kunst ernst nehmen wollen. Vorläufig scheinen Sie mir allerdings keine Ahnung von der Kunst zu haben, Sie grünes Münchner Kindl, Sie. Wenn ich Ihnen meine Geschichte erzählte, würden Sie mir wahrscheinlich gleich in Ohnmacht fallen.«

Lizzi war doch ein wenig gekränkt über den Ton, den Fräulein Milka anzuschlagen beliebte. Sie verzog ihren Mund und sagte ärgerlich: »Für so a dumm's Ganserl brauchen S' mich doch net z' halten. Und vor die Männer fürcht' ich mi schon gar net, daß Sie's nur wissen!« fügte sie stolz hinzu. »Was wollen denn Sie überhaupts damit sag'n, weg'n 'm Hübschsein, daß dees g'fährlich wär'? Sie sind doch selber net so wüst, daß S' kein Angst haben brauchen.«

»Ich! o, ich war sogar einmal schön; aber das liegt schon in der Vergangenheit. Jetzt bin ich überhaupt fertig mit den Männern. Die haben jetzt Angst vor mir, wenn ich will! Aber freilich, bis man so weit kommt, das kostet … Na, Sie werden's ja auch durchmachen müssen. Das gehört so mit zur Theaterschule, wissen Sie.«

»Was denn?« fragte Lizzi betroffen. »Meinen S' etwa, daß ein anständiges Mädchen …«

»Beim Theater eine Unmöglichkeit sei?« ergänzte Fräulein Milka rasch. »O nein, nicht absolut. Aber die großen Künstlerinnen, die haben alle nichts getaugt. Muß also doch wohl nötig sein, daß man sich erniedrigt, um erhöht zu werden.«

Lizzi war froh, daß jetzt das Klingelzeichen ertönte. Die Finnin war doch so schrecklich mit ihren Erfahrungen und mit ihrer höhnischen Weisheit. Der Vorhang ging auf, und es dauerte gar nicht lange, so hatte Grillparzers herb-liebliche Dichtung und besonders Joseph Kainz als Koch Leon mit seiner heißsprudelnden Beredsamkeit und seinem wunderbar reichen, die Nervenenden gleichsam weich bürstenden Organ alle ihre Sinne dermaßen gefangen genommen, daß sie gar nicht mehr wußte, wo sie war, und das Gespräch von vorher, überhaupt alles, was sie den Tag über so heftig bewegt hatte, gänzlich vergaß.

Im zweiten Akt wurde sie vom Aufgehen des Vorhanges an, wo das wilde Waldmädchen mit seinen nackten Füßen und dem wüsten, langen Haarschopf auf der Rasenbank liegt, durch Agnes Sormas köstliches Spiel so aufgeregt, daß sie, ohne es zu wissen, die Mimik und die Gesten der Künstlerin auf der Bühne unwillkürlich nachahmte, so daß ihre Nachbarn auf der Galerie aufmerksam wurden und ein allgemeines Kichern und Sichanstoßen entstand. Sie lachte nie, selbst nicht über den polternden Bärenhumor, den Pittschau als rotköpfiger Riese entwickelte. Aber ihre Wangen glühten, ihre großen, weichen Augen strahlten vor Begeisterung, und wenn ihr eine Stelle besonders gefiel, wenn ein Ton oder eine mimische Nuance der Schauspieler sie besonders traf, so packte sie das Fräulein Grönroos am Arm und drückte und kniff sie so stark, daß jene mehr als einmal leise »Au!« rufen mußte.

Als der Akt vorüber war, klatschte sie wie toll, und die Tränen liefen ihr stromweis über die Wangen, obwohl in dem Stück gar nichts besonders Rührendes passiert war.

»Allmächtiger Gott, Kindchen, was heulen Sie denn?!« rief Fräulein Milka, indem sie ihr mit ihrem eigenen Taschentuch die Zähren abwischte.

»I weiß net, was dees is,« versetzte Lizzi selig lächelnd, »ich kann m'r net helfen, 's is halt gar so schön. Dees wenn i könnt, ui je!«

»Sie werden's einmal können«, sagte Milka leise, indem sie ihr warm die Hand drückte. »Sie haben die Begeisterung, die ganz goldechte. Ich habe Sie beobachtet. Sie haben ja die ganze Komödie mitgespielt. Beneidenswertes Mädchen! Sie haben eine Zukunft vor sich, auf die hin Sie getrost hungern können.«

Die beiden Mädchen hatten sich während der Pause auf ein Paar gerade freie Sitzplätze gesetzt. Milka ließ Lizzis Hand nicht los. Sie war ganz verliebt in sie und redete fortwährend auf sie ein. Sie war wirklich sehr klug, hatte alles gelesen, viel gelernt und war ganz durchtränkt von jenem Fin de siècle-Titanismus, der im Gefühl der brennenden Scham über seine Ohnmacht, des dumpfen Schmerzes über die zertrümmerten Ideale, den Hohn zu seinem Schutzpatron, das Nichts zu seinem Gott erkoren hat. Lizzi vermochte dem hohen Flug ihrer Gedanken nicht zu folgen. Sie hörte auch nur mit halbem Ohre hin, noch ganz verloren in der Märchenwelt dieser eigenartigen Dichtung, die ihr da in so wunderbarer Verkörperung auf der Bühne lebendig geworden war.

Wie eine Schlafwandelnde ließ sie sich nach Schluß der Vorstellung von ihrer neuen Freundin die Treppe hinunterführen. Von dem vielen Laufen und dem langen Stehen taten ihr die Beine weh, und die schlechte Mahlzeit, die sie heute genossen, hielt natürlich auch nicht von zwei bis zehn Uhr abends vor. Aber dennoch war sie noch kaum zum Bewußtsein ihres Hungers und ihrer Müdigkeit gekommen. Sie empfand nur eine matte Sehnsucht, sich jetzt sogleich von lieben mütterlichen Händen sich auskleiden und in ein schönes Bett bringen zu lassen. Schlafen – und weiterträumen – und glücklich sein!

Drunten im Vestibül gerieten sie in den dichten Schwarm der langsam hinausdrängenden Theaterbesucher hinein, und die dummen Alltagsbemerkungen, die faden Witze, die abscheulichen Berliner Organe schwirrten beleidigend wie Ohrfeigen um Lizzis wirres Haupt.

Auf einmal klang eine bekannte Stimme an ihr Ohr. Sie wandte sich erschrocken um – und war plötzlich wieder in die Wirklichkeit versetzt. Niemand anders als ihr Gregor Krajesovich von Nemes-Pann war's, der da vor ihr stand und, artig seine Pelzmütze lupfend, sie anredete.

»Ist es möglich, Fräulein Mödlinger? O, das ist aber reizend! – Pardon, darf ich bitten, mich der Dame vorzustellen?«

Lizzi wies mit der Hand auf Fräulein Grönroos und murmelte etwas ganz Unverständliches. Sie hatte in der Verwirrung sogar den Namen ihrer neuen Bekanntschaft vergessen. Plötzlich zog sie sie am Arm rascher vorwärts, als ob sie in dem Gedränge ihrem Anbeter entfliehen wollte.

Da flüsterte ihr Fräulein Milka zu: »Sie, Liebchen, tun Sie mir einen Gefallen – nehmen Sie mich mit; ich habe so lange kein warmes Abendbrot gegessen, und ein Gläschen Sekt müssen wir doch auch trinken auf unsre neue Freundschaft. Ihr Freund da scheint ja ein scharmanter Herr.«

Gregor war schon wieder an ihrer Seite. »O, ich bitte, die Damen werden mir doch erlauben, sie zu begleiten?«

Lizzi drückte ängstlich Fräulein Milkas Arm, was diese als eine Aufforderung betrachtete, ihr zu Hilfe zu kommen.

»Ja, gewiß, gern!« antwortete sie, indem sie den schwarzbärtigen Galan einladend anlächelte. »Wir wissen nur selbst noch nicht, wohin. Schlagen Sie doch etwas vor!«

Herr von Nemes-Pann hob ganz verdutzt seine dichten schwarzen Brauen in die Höhe. Und dann blickte er, wie um Aufklärung bittend, Lizzi an.

Die sah ihm ängstlich in die Augen und schüttelte den Kopf. »Nein, nein, dees geht net. I muß ja auf 'n Bahnhof. Um elf Uhr fahrt der Zug.«

»Der Zug! Ja, wollen denn gnädiges Fräulein verreisen, i bitt'? Doch nicht etwa ganz fort von Berlin?«

Und wieder ergriff Milka für die zaghafte das Wort und sagte: »Jawohl, mein Herr, ganz fort von Berlin. Sie hat sich mit ihrer Tante gezankt, und jetzt will sie zu irgend einer alten Dame in Hamburg, die sie kaum kennt. Es ist nur gut, daß wir einen Freund treffen, der mir helfen kann, ihr das auszureden. Haben Sie je so einen Unsinn gehört? Ein junges Mädel, das zur Bühne will, geht von Berlin fort und nach Hamburg. Lassen Sie sich das nicht gefallen, wenn Sie ihr Freund sind. Da haben Sie sie, reden Sie ihr einmal ins Gewissen.«

Damit gab sie Lizzi einen leichten Stoß und blieb einige Schritte zurück, um die beiden sich ungestört aussprechen zu lassen.

Gregor nahm Lizzi bei der Hand und zog sanft ihren Arm durch den seinen. »Aber, liebes Fräulein,« sagte er ganz verwirrt, »versteh' ich doch kein Wort. Ich bitte dringend, erklären Sie mir.«

Lizzi berichtete in ihrer Verwirrung das Vorgefallene ziemlich unklar, so daß er nicht gleich daraus klug wurde. Und als er endlich durch vielfache Fragen aus ihr herausgebracht hatte, was sie mit sich anzufangen gedenke, da redete er ihr sehr entschieden von ihren unklaren Plänen ab. Die Absicht, zum Theater zu gehen, nahm er, als aus der kindlichen Begeisterung über das eben gesehene Schauspiel entsprungen, gar nicht ernst, und den Gedanken, bloß auf eine telegraphische Anfrage hin zu einer so gut wie fremden Dame in aller Nacht nach Hamburg zu fahren, erklärte er für ganz sinnlos. Sie könne ja gar nicht wissen, ob die Aufforderung ihrer flüchtigen Reisebekanntschaft, der Frau Konsul Thormälen, nicht nur eine freundliche Redensart gewesen sei. Zum mindesten müsse sie doch der Dame erst einmal brieflich ihre Lage schildern und sie um ihren Rat bitten. Wenn sie sie dann aufforderte, zu ihr zu kommen, so sei es etwas andres. Außerdem hätte sie sich doch erinnern sollen, daß sie in Berlin selbst Freunde hätte, die ihr doch wohl näherstünden, als jene Reisebekanntschaft.

»Ach, Sie meinen die Frau von Goldacker?« versetzte Lizzi mit einem Seufzer. »Ja, an die hab' i freilich auch schon denkt. Aber wissen S', die is doch verwandt mit dem Onkel und da könnt's doch am End' …«

»Nein, ich meinte einen Freund, der Ihnen noch viel, viel näher steht!« fiel Gregor flüsternd ein und drückte ihren Arm an sich.

Es überlief Lizzi heiß, und sie fand keine Antwort.

Schweigend gingen sie ein Weilchen nebeneinander her, und sie waren bereits an der Weidendammer Brücke angekommen, als Gregor fragte, was denn nun zunächst einmal geschehen solle?

»Niedersitzen möcht' i; i hab' so Hunger«, erwiderte Lizzi kläglich.

»Aber, mein Himmel, so gehen wir doch soupieren!« rief Gregor. Er ließ ihren Arm los, faßte sie um die Taille und drückte sie zärtlich an sich. »Armes, liebes Fräulein, nein, verhungern sollen Sie wenigstens nicht!« Und er blieb mit ihr stehen, um Fräulein Milka herankommen zu lassen.

»Nun, fahren wir noch nach Hamburg?« fragte die lachend, indem sie sich ohne Umstände an des schönen Serben linken Arm hing.

»Nein, jetzt wollen wir erst einmal gut soupieren.«

»Bravo!« rief Milka. »Sie laden mich hoffentlich auch dazu ein?«

»O, mit dem größten Vergnügen, mein gnädiges Fräulein!« versicherte Gregor, konnte sich aber doch nicht enthalten, sie von Zeit zu Zeit ein wenig mißtrauisch von der Seite anzusehen.

Wenige Minuten später waren sie in der Dorotheenstraße und stiegen in den Keller des Restaurants Zeppenfeld hinunter. Gregor hatte dieses Lokal gewählt, weil man da unten an kleinen Tischen in abgeteilten Nischen speisen konnte. Es war zunächst recht unfreundlich kalt und das Gas tief heruntergeschraubt, weil sich gerade keine andern Gäste mehr da befanden. Er wählte eine Nische mit einem Ofen und bestellte zunächst einmal ein tüchtiges Feuer zur äußeren und eine Flasche Burgunder zur inneren Erwärmung. Dann wählte er, da die Damen ihm ganz freie Hand ließen, aus der Speisekarte ein Fischgericht, Schneehühner und Chateaubriand mit Sauce Béarnaise, und ließ eine Flasche Pomery kaltstellen.

Lizzi trank, ehe noch der Fisch kam, zwei Gläser von dem feurigen Chambertin ziemlich rasch hintereinander aus. Davon wurde ihr alsbald so warm, daß sie ihren Mantel auszog. Fräulein Grönroos dagegen war auf keine Weise zu bewegen, ihre Plüschjacke abzulegen. Sie flüsterte Lizzi zu, daß sie sich in der alten roten Bluse, die sie darunter verbarg, unmöglich sehen lassen könne. Der Fisch war ausgezeichnet und zauberte im Verein mit dem Burgunder alsbald eine äußerst behagliche Stimmung unter den drei Tischgenossen hervor. Lizzi aß mit wahrer Andacht. Ihre Augen glänzten, und sie lächelte bald die Freundin, bald den Freund holdselig an, ohne jedoch sich an der Unterhaltung viel zu beteiligen.

Welch ein glücklicher Zufall war's doch, der ihr diese merkwürdige Finnländerin zugeführt hatte! Allein hätte sie sich nimmer getraut, mit ihrem Anbeter soupieren zu gehen; aber so zu dreien war es doch reizend und gar nicht einmal so schlimm. Milka kannte ja das Leben so genau! Unter ihrem Schutz konnte ihr doch gewiß nichts passieren. Was für ein Glückskind sie doch war, daß dieser prächtige junge Mann sich gleich so in sie verliebt hatte! Zu nett war er. So gewandt im Benehmen, galant gegen die Damen und so klug. Er blieb dem Fräulein Milka keine Antwort schuldig, wie scharf sie ihn auch vornahm. Die war mit den Männern fertig!? Ja, Schnecken! Sie hatte eben bisher noch keinen Krajesovich von Nemes-Pann kennen gelernt! Der würde es ihr einmal ordentlich zeigen, was ein ganzer Mann sei! Ganz stolz war sie auf ihren Gregor. Die redeten von Idealismus und Naturalismus, von Zola und Dostojewski, vom Panslawismus und der Propaganda der Tat, von Autosuggestion und Perversität, von Dekadenz und Neurasthenie, von Egoismus und Altruismus usw. Die arme Lizzi kam sich schrecklich dumm vor. Von allen diesen schönen Dingen hatte sie nie etwas gehört, und das ewige »ismus, ismus« schwirrte ihr in den Ohren, wie etwa die volltönenden Endsilben: »ados, mados, dados«, wenn man dem Gespräche pathetischer Spanier lauscht.

Schließlich aber, als bereits die Schneehühner vertilgt und der Braten mit dem Sekt erschienen war, ohne daß man ernstlich versucht hatte, sie mit an der geistreichen Unterhaltung teilnehmen zu lassen, begann sie eifersüchtig zu werden auf Fräulein Milka, nicht nur weil sie ihren Gregor dermaßen mit Beschlag belegte, sondern auch weil sie jetzt, wo der Wein und der Eifer der Diskussion ihr die Wange rötete und die Augen glänzen machte, wirklich gefährlich schön aussah. Und sie schlug mit zwei Fingern laut auf den Tisch und sagte in possierlichem Zorn: »Ihr redt's immer von iß muß und i muß alleinig essen! Jetzt wann's net bald von was anderm red't, nachher geh i!«

»Keine Rettung mehr«, lachte Gregor. »Der letzte Zug nach Hamburg ist fort. Aber Fräulein Lizzi hat recht, reden wir menschlich. Er schänkte die Gläser voll des perlenden Göttertranks und stieß mit Lizzi an. »Ce que nous aimons!« sagte er leise. »Aber austrinken, i bitt!«

Während sie die Kelchgläser leerten, sahen sich die beiden jungen Menschen fest in die Augen, und als bald darauf Fräulein Milka in sicherer Ahnung dessen, was kommen mußte, sie auf ein paar Minuten allein ließ, da stand Gregor auf, zog die Vorhänge zu und trat vor Lizzi hin, indem er ihr beide Hände entgegenstreckte.

Sie senkte den Kopf, aber sie wußte, daß es kein Entrinnen mehr gab. Sie wollte ja auch gar nicht entrinnen. Die Stunde war ja so schön! Das Blut rann ihr heiß und rasch durch die Adern – und sie hatte nie in ihrem Leben so gut gegessen und in so geistreicher Gesellschaft! Wenn sie jetzt hätte einsam und verlassen auf harter Holzbank in die Nacht hinein fahren müssen, ins finstere Ungewisse – o weh! Statt dessen saß sie nun warm, satt und selig und fühlte den festen, zwingenden Druck der Freundeshand. Und willig ließ sie sich zwingen. Langsam erhob sie sich und legte sich einfach in ruhiger Hingabe an seine Brust. Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände, bog ihn zurück und versenkte seinen dunkelglühenden Blick in das leuchtende Blau ihrer Kinderaugen, und dann heftete er seine Lippen auf die ihren zu einem langen, lautlosen Kusse. Und dann küßte er sie auf Augen, Wangen und Ohren und hielt sie an den Schultern von sich ab und schaute sie selig lächelnd an. Und dann preßte er sie fest an sich und biß sie ins Ohrläppchen und flüsterte heiß: »O du, du, du – hast du mich lieb?«

Und sie reckte wie suchend die Arme empor, bis sie sein Haupt in ihren Händen hielt, und stumm, nur selig lächelnd lechzten ihre halbgeöffneten Lippen ihm entgegen.

Er war zufrieden mit der Antwort und dankte ihr mit neuen Küssen. Und dann setzten sie sich wieder, rückten ihre Stühle nahe aneinander, und er legte seinen Arm über ihre Schultern.

Gleich darauf steckte Fräulein Milka den Kopf durch den Vorhang und sagte neckisch: »Darf man eintreten?«

Gregor nickte nur mit dem Kopfe, und Lizzi blieb ruhig in ihrer Stellung, ohne sich zu schämen.

Milka schlüpfte herein, küßte Lizzi flüchtig auf das prachtvolle, kastanienbraune Haar und sagte: »Auf so was könnt' ich nun neidisch sein!« Dann kehrte sie auf ihren Platz zurück, trank ihr Glas auf einen Zug aus und rief mit krampfhafter Lustigkeit: »Also sprechen wir von der Liebe.«

»O, Fräulein Milka, ich fürchte …« begann Gregor bedenklich. »Sie sehen gerade so aus, als ob sie eine Gotteslästerung auf Ihren Lippen hatten.«

»Ei, bewahre«, lachte die Schöne, die Mundwinkel herabziehend. »Ueber die Toten soll man nur Gutes sprechen.«

»Ueber die Anwesenden auch«, erwiderte Gregor, sein Liebchen an sich drückend.

»Geben Sie mir noch ein Glas Sekt!« sagte Fräulein Milka, ihr Glas über den Tisch reichend und dann, als Gregor es gefüllt hatte, stieß sie an Lizzis Glas an und fragte mit versteckter Ironie: »Wie denken Sie denn über die Liebe, Fräulein Mödlinger?«

Lizzi fuhr wie aus einem Traum empor, strich sich mit beiden Händen das Haar aus der Stirn und sagte in müder Trägheit: »Gar nix denk i, müd bin i! Bringt's mich heim.«

Heim? Ja, das war die schwere Frage! Gregor suchte ratlos Milkas Blick und las darin einige boshaft leichtfertige Gedanken. Er schüttelte den Kopf und zog die Brauen zusammen.

Die Finnin zuckte die Achseln und trommelte ein Weilchen, ihre Lippen nagend, auf den Tisch. Dann sagte sie: »Wenn Sie sie nicht ins Hotel bringen wollen, kann sie ja bei mir übernachten, schlecht und recht.«

»Willst du, Lizzi?« fragte Gregor.

Sie nickte nur mit dem Kopfe. Sie war ganz fertig – auf einmal. Gregor steckte ihr noch die Tasche voll Rosinen und Mandeln, und dann zahlte er und half ihr in ihren Mantel hinein. Schwer hing sie an seinem Arm, als er sie die Treppe hinauf und auf die Straße führte. Er nahm eine Droschke und sie stiegen alle drei ein. Milka bestand darauf, auf dem Rücksitz zu sitzen. Die Liebenden namen also den Vordersitz ein und hielten sich fest umschlungen während der langen Fahrt.

Weit draußen in der Landsberger Straße wohnte das Fräulein. Eine halbe Stunde wohl fuhren sie bis da hinaus. Sie sprachen kein Wort, und küßten sich nur immer wieder, während die Finnländerin mit weit offenen Augen, nichts sehend, vor sich hinstarrte.

Wie sie Abschied genommen, was Gregor dabei gesagt und wie sie dann die vier Treppen hinaufgekommen, das wußte Lizzi nicht. Nun saß sie auf einem alten, zerschlissenen Sofa in dem fremden, kalten Zimmer, und in dem matten Schein der flackernden Kerze schimmerten von den Wänden gespensterhafte Gebilde, nackte Körper von Männern und Frauen, roh hingestrichen auf ungerahmter Leiwand. Es roch nach Firnis und Terpentin und nach kaltem Zigarettenrauch.

»Uh, sperr 's Fenster auf!« stöhnte Lizzi und taumelte vom Sofa empor.

Fräulein Grönroos tat ihr den Willen. Und dann half sie ihr beim Ausziehen und räumte ihr ihr eigenes Bett ein. Und als sie ihr gute Nacht bot, küßte sie sie auf die weißen, vollen Schultern und murmelte mit geschlossenen Zähnen: »So schön wie du – und so jung – und so entzückend dumm! – Ach was – vorbei!«

Sie ließ das schwere Mädchen, das sie heftig an sich gerissen hatte, in die Kissen fallen und lief an das offene Fenster. Da stand sie noch lange und sah über die Dächer hinweg in die sternenklare Nacht hinauf.

Zehntes Kapitel.

Fräulein Grönroos war schon auf, als die Durchgängerin am andern Morgen um halb neun erwachte. Die Wintersonne schien ins Zimmer und blendete Lizzi, so daß sie nur blinzelnd die Lider öffnete. Und da sah sie ihre Wirtin in einem sehr abgetragenen, dunkelroten Schlafrock, der einmal ein Prachtstück gewesen sein mochte, mit müdem, schleppendem Gang im Zimmer herumzuschleichen. Sie hielt eine Zigarette zwischen den Lippen und wischte mit einem alten, feinen Taschentuch den Staub von den Haufen von Malgeräten, Büchern und allerlei Weibertand, der Tisch und Stühle bedeckte. Sie wollte wohl für ihren Gast eine ausnahmsweise Sauberkeit herstellen – denn die schien für gewöhnlich nicht ihre Sache zu sein. Sie blies von Zeit zu Zeit eine Rauchwolke durch die Nase und schüttelte ihr Tüchlein aus dem Fenster.

Lizzi folgte ihren eckigen und doch nicht amnutlosen Bewegungen eine geraume Zeitlang, ohne noch zu wissen, ob sie wache oder träume. Es war ihr gar nicht klar, wo sie sich befinde und was das für eine schlanke, rote Gestalt sei, die dort auf lautlosen Sohlen einherhuschte. Allmählich erst ward sie sich bewußt, daß sie sich in einem fremden Bette befinde, in einem recht schlechten obendrein, schwitzend unter einem arg schweren Federsack. Da riß sie gewaltsam ihre Augen weit auf, richtete ihren Oberkörper in die Höhe und fragte ängstlich: »Ja, was is denn jetzt dees – wo bin i denn?«

»Na, ausgeschlafen, mein Fräulein?« rief Milka, sich rasch nach ihr umwendend. »Himmlischer Vater, wie sehen Sie denn aus? Mir scheint, Sie wissen gar nicht mehr, wie Sie hierhergekommen sind?« Und damit setzte sie sich zu ihr aufs Bett und fuhr ihr mit allen zehn Fingern durch die üppige Fülle ihres wüst und wirr um die Schultern hängenden Haares.

»Autsch!« quiekte Lizzi, »dees tut fei weh!«

»Hollah, haben wir etwa gar Haarweh von gestern abend?« lachte die Gastfreundin. »Ja, ja, Kindchen, wir hatten ein bißchen viel getrunken. Na, nur nicht gleich traurig, das tut ja nichts. Aber nun sputen Sie sich ein bißchen mit der Toilette, sonst überrascht uns Ihr Freund womöglich noch im tiefsten Negligé. Ich habe Ihnen schon frisch Wasser eingegossen und ein reines Handtuch habe ich sogar auch noch aufgetrieben. Sie müssen sich halt so behelfen. Besser hab' ich's nicht. A la guerre comme à la guerre. Warum laufen Sie auch Ihrer lieben Tante davon, haha!«

»Wo ist denn die Kathi?« sagte Lizzi kläglich und rieb sich mit den Fäusten die Augen.

»Die Kathi? Ist das Ihre Zofe? So was gibt's bei mir nicht.«

»Was denn, d' Kathi is doch mei Schwester. Hab i 's Ihnen denn net g'sagt?«

»Ah so, ja, ich erinnere mich. Das ist die Brave und Sie sind die Böse.«

Da fing auf einmal Lizzi furchtbar zu weinen an. So arg, daß sie der Bock stieß, wie man zu sagen pflegt. Fräulein Milka war ratlos, wie sie sie trösten sollte. Sie jammerte nur immer nach ihrer Kathi, und daß sie sie nun wohl nie wiedersehen würde, und daß sie überhaupt keinem der Ihrigen wieder unter die Augen treten könnte.

»Ach, Sie sind aber doch ein kleines Schaf!« rief die Grönroos schließlich ungeduldig. »Was ist denn so Schlimmes geschehen? Sie scheinen von gar nichts mehr zu wissen. Sie waren ein ganz klein bißchen bezecht; aber in allem Anstand, heißt das. Und Ihr Schatz – ja hören Sie, das ist ja der reine Tugendspiegel. Tüchtig abgeküßt habt ihr euch, aber sonst weiter gar nichts. Ich kann's beschwören, haha! Wollen Sie ihn denn mit der verweinten Augen empfangen, wenn er jetzt kommt?«

»Was, daher will er kommen?« rief Lizzi erschrocken. »Naa, naa, dees mag i net – i lauf davon!«

»Ach was, Unsinn. Sie können doch wirklich weiter gar nichts wie davonlaufen. Und wenn Sie einmal davongelaufen sind, dann machen Sie nichts wie dummes Zeug.« Sie hieß sie sehr energisch aufstehen und dann führte sie sie nach dem mehr als einfachen, eisernen Waschtisch, und als Lizzi mit verlegener Miene dastand und nach einem Schwamm suchte, tauchte sie die Hälfte des Handtuchs ins Wasser und fuhr ihr damit ohne weiteres ins Gesicht.

Diese tatkräftige Behandlung brachte das arme Kind endlich wieder so weit zu sich, daß es ohne weiteren Aufenthalt sich vollends abspülte und seine Kleider antat. Dann rief Fräulein Milka ihrer Wirtin, die nach einiger Zeit mit dem Kaffe erschien und einheizte. Eine abschreckend häßliche alte Hexe war das, diese Wirtin, und die dünne, schwarze Zichorienbrühe, die sie als Kaffee ausgab, vollkommen ihrer würdig. Sie machte sich unnötig viel im Zimmer zu tun, musterte Lizzi mit dreister Neugier und stellte im gemeinsten Berliner Dialekt Fragen an sie, die das gute Kind zum Glück nicht verstand.

Fräulein Milka wurde schließlich ungeduldig und rief: »Jetzt machen Sie aber, daß Sie hinauskommen, Frau Rösicke. Ich dulde nicht, daß Sie anständige Damen, die bei mir zu Besuch sind, in dieser Weise belästigen.«

»Sie dulden det nich?« echote die Frau, indem sie die Hände in die Hüften stemmte und ein schiefes Maul zog, »I, det wird ja immer besser! Herrjeeses nee! Riskieren Sie man jo keene Lippe. Sie sind m'r ieberhaupt noch zehn Mark vons letzte Monat schuldig. Mir wundert bloß, det ick Ihnen nicht schon längst gekindigt habe. So eene, wie Sie sin … daß man sich da ieberhaupt noch lange mit uffhält! Wie so 'ne Prinzessin hat se sich und dabei keen janzet Kleed uff 'm Leibe und keen Jroschen in de Tasche. Aber natierlich ejal die Näse hoch! Jawoll doch, ick jeh schon – aber Sie wer'n noch balde jehn, kann ick Ihnen sagen.«

Sie warf die Tür hinter sich zu, schimpfte noch eine ganze Weile draußen fort und machte ihrem Zorn weiterhin durch ein höchst überflüssiges Gepolter in der Küche Luft.

»So 'was müssen Sie Ihnen von der alten Hex g'fall'n lassen?« rief Lizzi ganz entrüstet, als die Alte hinaus war. Milka zuckte gleichmütig die Achseln und zündete sich eine neue Zigarette an. »Es ist einmal so«, sagte sie mit bitterem Lächeln. »Wenn man kein Geld hat, dann geht meistens auch die persönliche Würde zum Teufel. Besonders wenn man ein alleinstehendes Frauenzimmer ist.«

»Ja, aber hab'n denn Sie niemand und gar nix?«

»O, ich habe sogar noch Eltern und Muhmen und Basen, Sippen und Magen die schwere Menge. Aber die wollen nichts mehr von mir wissen. Mein Vater, der Herr Pastor, hat mich verstoßen und verflucht, weil ich die Schande über sein graues Haupt gebracht habe – wie's im bürgerlichen Trauerspiel bekanntlich heißt. Ich zeigte ja nicht einmal Reue, so verstockt war ich in meinem sündhaften Idealismus. Ich sage Ihnen, Kindchen, ich habe etwas erlebt! - Ich glaubte an den Mann wie an einen Gott. Er hatte das Feuer der Erkenntnis für mich aus den Himmel gestohlen, und ich wärmte mich daran. Ich kroch behaglich in der hellen Glut herum wie der Salamander im Märchen. Ich betete ihn an, meinen Prometheus, und lachte der ganzen Welt ins Gesicht. Er hat mir Millionen in den Schoß geworfen – an geistigen Schätzen. Und wie er alles verschwendet hatte, da war ich stärker als er. Und da sahen wir einander ohne Glorienschein. Jetzt gefiel es ihm nicht mehr, mit mir zu hungern und in elenden Dachkammern zu hausen. Es eröffneten sich ihm Aussichten für die Zukunft. Da ließ er mich sitzen und ging davon. – O ja – gewiß, es tut weh, so 'was! Aber schließlich: Kann es denn überhaupt anders sein? Die rasende Leidenschaft, die körperliche Entbehrung bei fortwährender geistiger Anstrengung hatten mich jämmerlich heruntergebracht. Ich bin ja auch jetzt nicht viel mehr als Haut und Knochen und ein loses Bündel Nerven. Aber damals war's noch viel schlimmer. Soll ein Mann sich eine glänzende Zukunft verderben, um sein Leben lang so ein welkes, ausgepreßtes Geschöpf mit sich herumzuschleppen, das in seiner elenden Liebesgier ihm nicht einmal seinen Schatten gönnt!? – – Ich bin darüber weggekommen. Ich bin ihm gar nicht mehr böse, o nein - dankbar bin ich ihm: Alles was da drin steckt, was mir Leib und Seele zusammenhält, wovon ich lebe, alles stammt ja von ihm!« Sie schlug sich vor die Stirn und versank schweigend in wehmütige Erinnerungen. Dann zog sie ihre schwarzen Brauen finster zusammen und fuhr leiser und doch mit heftigem Nachdruck zu erzählen fort. »Und dann kam die Zeit der tiefsten Erniedrigung – aber dabei setzte ich wenigstes wieder Fett an! Und dann – das ist jetzt drei Jahre her – wurde ich großjährig und bekam ein kleines Kapital von viertausend Rubel ausbezahlt. Damals warf ich mich auf diese jämmerliche Kunst. Der Meister, der an mir etwas verdienen wollte, behauptete, ich hätte Talent. Sehen Sie das Zeug da. Glauben Sie nicht auch, daß der Mann gelogen hat? Darum will ich's eben jetzt mit der Bühne probieren. Aber die Stümperei ist mir verhaßt. Ich will an mir arbeiten, bis ich selbst weiß, was ich kann und solange meine paar Rubel noch reichen. Wenn die zu Ende sind, dann vogue la galère! So, Kindchen, da haben Sie meine Geschichte – nehmen Sie sich ein Beispiel dran, haha!« Lizzi hatte mit offenem Munde zugehört und keinen Laut zu äußern gewagt. Wie erstarrt saß sie da, nur daß sie's von Zeit zu Zeit kalt überlief und sie schüttelte wie ein jäher Schreck. So also sah das Leben aus!

Das war das Schicksal eines Mädchens, das im stolzen Kraftgefühle seiner Jugend dem Zuge seines Herzens folgte? Im Anhören dieser traurigen Beichte fiel wie ein Blitz die Ahnung der wahnwitzigen Ungerechtigkeit der herrschenden Anschauung von Frauenehre in die Dämmerung ihrer Kinderträume hinein. Also entweder in sklavischer Demut sich ducken unter die Flügel der Glucke Familie, furchtsam jeder Aeußerung des freien Willens, ja selbst des eigenen Denkens aus dem Wege gehen, oder aber, wenn man es vorzog, sein Schicksal selbst zu bestimmen, von Hohn und Verachtung verfolgt, namenlosem Elend entgegengehen – das hieß Frauenlos! Niemals hatte sie von solchen Dingen gehört, niemals Bücher gelesen, die mit reinlicher Grausamkeit die Nachtseiten des Lebens schilderten, auch jetzt verstand sie nur halb, was alles von furchtbarem Herzeleid sich verbarg in diesem kurzen Lebensabriß – und doch fühlte sie schon die wuchtige Bedeutung dieser Stunde, die sie zum erstenmal an den Rand des großen Abgrunds geführt hatte, an dem Millionen ihr Leben lang dahintaumeln und in den aber Millionen hinabstürzen. Und wunderbar: in ihre Angst mischte sich ein Gefühl kindischen Stolzes – wie stand sie nun, mit ihrer frischen Erkenntnis, der ahnungslosen Schwester gegenüber? O, jetzt wußte sie viel mehr als Kathi! Die durfte jetzt überhaupt gar nicht mehr mitreden.

Vorläufig freilich wußte sie selbst nichts zu reden. Sie fühlte tief die unendliche Ueberlegenheit dieses unglücklichen Mädchens, und darum wagte sie nicht einmal, ihrem Mitgefühl Ausdruck zu geben. Sie reichte ihr nur stumm die Hand hin. Und Milka griff dankbar danach und lehnte ihre weiche Wange daran. – –

Es war etwa zehn Uhr, als Gregor eintrat, von der widerlichen Zimmervermieterin mit unterwürfigen Knicksen und einem Schwall anzüglicher Redensarten hereingeleitet.

Sobald die Alte hinaus war, drückte er Fräulein Grönroos die Hand, und dann öffnete er die Arme weit, seinem Liebchen entgegen. Aber Lizzi flog ihm nicht um den Hals, wie er es wohl erwartete, sondern streckte ihm nur errötend die Hand hin.

»Aber Lizzi!« rief er ein wenig befremdet, »so kalt heut? Hast du schlecht geschlafen?«

Sie erschrak über das »Du« und blickte verlegen auf.

»Nein, i dank schön, ich hab' schon ganz gut g'schlaf'n. Fräulein Grönroos war so freundlich und hat mi in ihr Bett legen lassen Sie selber hat am Kanapee g'schlaf'n. I hätt's ja g'wiß nett g'litten, wenn i net gestert abends so ganz matsch g'wes'n wär'. I muß mi wirklich schämen. Bitt schön, denk'n S' nur nix Unrecht's von mir, Herr Krajesovich.«

»Aber, was ist denn das! Soll ich vielleicht wieder gnädiges Fräulein sagen? O, da muß ich doch sehr bitten – meine kleine Lizzi!« Und damit nahm er sie ohne weiteres beim Kopf und strafte sie lachend mit einigen raschen Küssen ab.

Sie machte sich ängstlich von ihm los und wischte sich mit ihrem Tüchlein das Gesicht ab. Sein Schnurrbart war feucht gewesen.

Er schüttelte verwundert den Kopf und wollte sich neben sie auf das alte Sofa setzen; aber da rückte sie gleich so scheu fort, daß er es aufgab und sich ein wenig ärgerlich einen Stuhl herbeiholte. Bevor er sich setzte, ließ er seine lebhaften schwarzen Augen einen raschen Spaziergang durch das Zimmer machen. Die außerordentliche Dürftigkeit der Einrichtung, die Unbehaglichkeit und Unordnung schien ihn peinlich zu überraschen, die Bilder an den Wänden ihn geradezu zu erschrecken.

Milka sah ihm das an und scherzte: »Ja, lieber Doktor Faust: in dieser Armut welche Fülle, in diesem Kerker welche Seligkeit! können Sie hier nicht deklamieren wie in Gretchens Zimmer, und meine Pinseleien da an der Wand werden Ihnen auch nicht gerade sinnig, minnig vorkommen. Shocking, nicht wahr? Na, wir brauchen uns ja nichts vorzumachen: die Anatomie gehört bei mir so gut zum Handwerk, wie bei Ihnen. Das sind so meine Klassenextemporalien. Was sagen Sie dazu?«

»O, ich bin ja ganz Laie in diesen Dingen«, erwiderte er etwas verlegen, indem er, ohne näherzutreten, den Blick über die rahmenlos, an der Wand hängenden Aktstudien in Kohle und Öl schweifen ließ. »Jedenfalls für eine Dame sehr kühn und … prüde sind Sie nicht!«

»Nein, das können Sie von mir nicht verlangen«, lachte Milka hart auf. »Das ist eine meiner vielen negativen Tugenden. Scheußlich brutal hingehauen, nicht wahr? Sagen Sie's nur geradeheraus. Das ist gar nicht einmal ein Tadel für uns moderne Kraftfanatiker – für ein bleichsüchtiges Malmädchen nun vollends nicht. Mein Professor hat mich sehr gelobt dafür. Uebrigens, Pardon: wollen Sie rauchen? Sie sind nicht schlecht – das ist der einzige Luxus, den ich mir gestatte.« Damit schob sie ihm eine Schachtel Zigaretten über den Tisch zu.

Er bediente sich, rauchte ein Paar Züge und lobte den Tabak. Dann trat eine etwas beängstigende Pause ein.

Während die Malerin noch über einen Vorwand nachsann, unter welchem sie das Liebespaar allein lassen konnte, ermannte sich Gregor soweit, um an Lizzi die Frage zu richten, was sie denn nun zu tun gedenke?

Lizzi seufzte tief auf. Sie biß sich auf die Lippen und richtete die von neuen Tränen verschleierten Augen in stummer Frage auf ihren Anbeter.

Milka kam ihr zu Hilfe und sprach: »Das Vernünftigste wäre, wir beide mieteten uns zusammen ein Paar hübsche Zimmer und studierten fleißig darauf los; das heißt, wenn es Ihnen überhaupt noch ernst ist mit dem Gedanken, zur Bühne zu gehen. Mittel und Wege kenne ich schon. Zunächst würde ich Sie selbst in Behandlung nehmen, versuchen, Ihnen den Dialekt etwas abzugewöhnen und Ihnen ein paar Deklamationsstücke einstudieren, mit denen Sie sich vor irgend einem ordentlichen Lehrer hören lassen können. Aber da ist ein kleines Hindernis vorhanden! Wir haben alle beide kein Geld.«

Gregor machte ein langes Gesicht und ließ nachdenklich seinen Schnurrbart durch die Finger gleiten. Er merkte, daß das Fräulein ihn erwartungsvoll ansah, und so begann er denn etwas verlegen: »Ja, wissen Sie, wenn Sie allerdings kein Geld haben … hm – ich würde mir ja gern die Freiheit nehmen, den Damen anzubieten, aber … Ich stehe im Examen, wissen S', und so groß ist mein Wechsel auch nicht. Bitte, nehmen nicht übel, aber überhaupt die Idee mit der Bühne …« Er brach errötend ab und suchte Lizzis Blick. Und dann rückte er ihr näher und sagte: »Aber du wolltest doch versuchen, bei der Frau von – wie hieß sie doch?«

»Frau von Goldacker?« rief Lizzi, sich an die Stirn greifend. »Ja, gewiß, da möcht' i hin. Aber mei' Sach' is doch noch auf 'm Bahnhof, und wenn jetzt d' Frau Konsul von Hamburg telegraphiert hat – o mei', i weiß gar nimmer, was i anfangen soll. I möchte der Kathi a Brieferl schick'n, daß s' mit mir hingeht zu der Majorin und für mich a Wört'l einlegt – ich weiß net, i trau mi net, i schäm mi so, wenn s' mi fragt, wo i d' Nacht über g'wes'n bin. Was sag i denn da?«

»Sie sind nicht sehr höflich, Fräulein Mödlinger«, sagte Milka leise, indem sie den Mund zu einem schmerzlichen Lächeln verzog.

Erschrocken blickte das arme Kind zu ihr auf. Die Augen standen ihr ganz voll Tränen. Sie ergriff Milkas Hand und sagte traurig: »Ach, bitt schön, net bös sein: I weiß ja gar nimmer, was i red.«

»Da haben wir die Bescherung!« rief Fräulein Grönroos nervös, machte sich von Lizzi los und stand auf. »Mein Gott, Kind, wenn Ihr Mut so kurz von Atem ist, dann kehren Sie doch in Gottes Namen reumütig zu Ihrem Geheimrat zurück oder gehen Sie meinetwegen ins Kloster. Mir scheint, ich habe Sie überschätzt. Sie sind eben einfach ein hübsches Mädel, in das man sich verliebt, und weiter gar nichts.«

»Aber, mein Fräulein, ich muß doch bitten!« begehrte Gregor auf.

Milka, die eben nach dem Fenster hinschritt, drehte sich auf dem Absatz herum, trat dicht vor Gregor hin und zeigte ihm, verächtlich lächelnd, ihre kleinen Zähne.

»Ach, mein guter Herr,« sagte sie, die Schultern hochziehend und ihn fest anblickend, »bitte, sich nur nicht zu ereifern. Ich bin einmal so offenherzig. Sie sind ja ein gescheiter Mann und scheinen die Welt zu kennen: da werden Sie sich wohl selbst sagen können, daß ich unsre liebe Lizzi da ganz richtig taxiere. Also behandeln Sie sie auch danach. Richten Sie Ihre sogenannte Leidenschaft nach den Verhältnissen ein. Bis jetzt haben Sie sich recht gut benommen – das bißchen Küssen hat ja nichts auf sich. Aber von nun an seien Sie vorsichtig. Bedenken Sie, daß ihr beide vor einer Entscheidung steht. Sie wollen Ihr Examen machen und dann in Ihrer Heimat in alle die ganz fremden Verhältnisse zurückkehren, wo Ihnen ernsthafte Verpflichtungen gegen ein deutsches Mädel am Ende doch recht unangenehm werden könnten. Für eine letzte Studentenliebe haben Sie also den Gegenstand nicht gerade glücklich gewählt. – Na, und unsre Kleine da, die quält sich jetzt elend ab und zermartert ihr Herzchen und ihr Hirnchen, was mit ihr werden soll. Gestern hat sie noch ihr Jahrhundert in die Schranken gefordert und heute scheint sie mir schon bereit, in Sack und Asche Buße zu tun. Es ist ja möglich, daß ich mich täusche, daß sie doch den Teufel im Leibe hat – ich meine, das Zeug zu einer Künstlerin. Wenn das der Fall ist, na, dann wird sie schließlich auch mit Ihnen fertig. Wenn aber nicht, dann ist sie eine, die geheiratet werden will und muß. Haben Sie mich verstanden?«

»Vollkommen, mein gnädiges Fräulein«, sagte Gregor, sich vor ihr ironisch verbeugend. »Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, daß Sie sich diese Mühe geben mit meiner Wenigkeit.«

»O, bitte, ist gern geschehen«, versetzte Milka leichthin. »Aber nun macht, daß ihr fortkommt. Es wäre übrigens nett von euch, wenn eins oder das andre mir mal Nachricht geben wollte, was weiter daraus geworden ist.« Sie holte Lizzis Mantel herbei und hielt ihn ihr ausgebreitet entgegen.

Auf diese energische Aufforderung hin konnte Lizzi natürlich nichts andres tun, als hineinschlüpfen und sich empfehlen. Sie wußte gar nicht mehr, was sie aus dem merkwürdigen Fräulein machen sollte. Hatte sie sie denn wirklich gar so sehr gekränkt? Sie fühlte sich ihr doch zu so großem Dank verpflichtet. Was hätte nicht alles passieren können, wenn sie ihr nicht gestern abend ihren Schutz hätte angedeihen lassen! Aber Angst hatte sie doch auch vor ihr, vor ihrer ironischen Ueberlegenheit, vor ihrem raschen, scharfen Urteil. Und so beeilte sie sich in ungeschickten Worten ihren Dank zu stammeln, um nur bald fortzukommen.

Milka küßte sie noch einmal zum Abschied und sagte mit einer verhaltenen Wärme im Ton, die Lizzi tief zu Herzen ging: »Es war vielleicht doch gut, daß Sie die erste Nacht Ihrer gefährlichen Freiheit bei mir zugebracht haben. Wenn Sie glücklich werden – was so die gebildeten Töchter höherer Stände glücklich sein zu nennen pflegen – dann löschen Sie mich aus wie eine fatale Erinnerung. Wenn es Ihnen aber so schlecht ergeht, wie es sich gehört für einen Menschen, der etwas Besonderes will, dann tun Sie sich einmal wieder nach Milka Grönroos um. Ich glaube, ich habe Talent zur Freundschaft mit den Elenden, die nicht geistig arm sind.«

Nachdem ihr auch Gregor ziemlich kühl und förmlich gedankt und Lebewohl gesagt hatte, schob sie die beiden zur Tür hinaus und begleitete sie bis zur Treppe, um ihnen die Zudringlichkeiten der Frau Rösicke zu ersparen, die, wie sie ganz richtig vermutet hatte, schon draußen auf der Lauer lag. –

Gregor führte sein Liebchen am Arm bis zum Alexanderplatz und fuhr von dort mit ihr auf der Stadtbahn nach dem Lehrter Bahnhof. Sie waren nicht allein im Kupee, aber auch, wenn sie es gewesen wären, würde doch schwerlich eine sehr zärtliche Unterhaltung in Gang gekommen sein, denn Lizzi hatte Angst vor dem hellen Tage und vor den Menschen, vor ihm und vor sich selber. Und ihm gingen Milkas Worte im Kopfe herum. Ja, wahrhaftig, sie hatte recht, diese verteufelt kluge Person! War's nicht wirklich eine unverantwortliche Dummheit von ihm, jetzt mitten im Examen mit diesem jungen Dinge anzubandeln, aus dem noch dazu gar nicht klug zu werden war? Er war ja doch kein frivoler Bösewicht, und als er sich in sie verliebte, war sein einziger Gedanke gewesen, dies süße, fröhliche Geschöpfchen zu seiner Frau zu machen. Wäre sie ihm heute morgen gleich stürmisch um den Hals Hals gefallen und hätte sich damit freudig zu der vollzogenen Tatsache von gestern abend bekannt, so hätte er sicherlich schon das entscheidende Wort gesprochen. So aber, mit ihrer kindischen Angst, mit ihren Tränen, kam sie ihm recht – ja, er konnte es nicht anders nennen – recht gewöhnlich vor. Eins von diesen deutschen Durchschnittsmädchen, die nur, wenn sie einen Schwips haben, witzig und temperamentvoll werden, sonst aber sentimentale Mollusken sind. So blieb denn die Schicksalsfrage ungetan.

Auf dem Postamt des Lehrter Bahnhofs fand Lizzi endlich eine Antwort von Hamburg. Sie lautete: »Mutter einige Tage verreist. Erbitte brieflich Näheres, da Sie mir unbekannt. Thormälen.«

Ratlos zeigte sie ihrem Gregor die Depesche. Und der drehte seinen Bart zwischen den Fingern und sagte: »Da siehst du – wenn wir uns gestern nit getroffen hätten! Zum Teufel hinein, das wäre schlechter Witz gewesen, wenn du mit ganzem Gepäck bei dem Herrn Thormälen abgestiegen wärst, der dich gar nicht kennt! Jetzt müssen wir doch wohl zur Frau van Goldacker, denn zu deiner Nihilistin wirst du wohl nicht wieder hin wollen."

»Nihilistin?« fragte Lizzi ganz entsetzt.

»Aber ohne Zweifel hat sie doch ganz das Exterieur«, lachte Gregor. »Wenn Du mit der zusammenleben solltest, würde sie dich lehren, Sprengbomben fabrizieren.«

»Ah, geh zu, dees is net recht, so was z' sagen, wo's doch so gut zu mir g'wesen is.«

»Hui! nun ja, das mag sein wie will – jedenfalls ist diese Person kein Umgang für dich.«

Lizzi zuckte die Achseln und verzog schmollend den Mund. Nun wollte der sie auch schon gängeln und schulmeistern wie ein kleines Kind. Niemand schien ihr ein Recht auf Freiheit zugestehen zu wollen. Sie war eben nur »ein Mädel zum Verlieben«, wie die kluge Milka gesagt hatte. Das Wort brannte ihr auf der Seele wie ein frisches Schandmal. Aber es stachelte auch ihren eingeschlafenen Trotz wieder auf. O, sie sollten schon sehen, wie sie sich in ihr getäuscht hätten! Als ob sie nur dazu da wäre, in der Welt herumgestoßen und hin und wieder abgeküßt zu werden! O, sie wollte ihnen schon zeigen! – das heißt – augenblicklich freilich wußte sie gar nicht, was sie wollte.

Gregor löste ihr zurückgelassenes Gepäck aus und setzte sie in eine Droschke. Er gab dem Kutscher die Adresse der Majorin und bezahlte ihn im voraus. Dann schied das Liebespaar mit einem ziemlich kühlen Kuß und dem Versprechen, einander zu schreiben. – –

Frau von Goldacker wohnte hochparterre; aber dennoch hatte Lizzi, als sie bei ihr die Klingel zog, so starkes Herzklopfen, als sei sie mindestens vier Treppen hoch gestiegen. Der dumme Diener öffnete ihr die Tür und grinste sie freundlich an, da er sie wiedererkannte.

»Tut mir sehr leid, die gnädige Frau sind nicht zu Hause,«

»Nicht zu Hause?« echote Lizzi verzweifelt. »Ja aber, du mein Herrgott, i hab' doch mei ganz's Gepäck drunten im Wag'n. Wo soll i denn hin damit?« rief sie weinerlich und stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf. »Is 's denn wirklich wahr, daß gar niemand z' Haus is?«

Der Diener lächelte dumm. »Der junge Herr is zu Hause. Wenn Fräulein den vielleicht sprechen wollen? Aber er darf nich aus de Stube. Er hat en furchtbaren Schnuppen.«

»Dees is m'r ganz egal«, sagte Lizzi mit zuckenden Lippen. »Sind S' nur so gut, und schaffen S' mei Sach 'rauf, und nachher möcht' i mit dem jungen Herrn sprechen.«

Der Diener zögerte noch einige Augenblicke, ehe er sich endlich entschloß, ihren Wunsch zu erfüllen und ihre Habseligkeiten aus der Droschke herauszuschaffen. Er setzte sie einstweilen in den Korridor und ließ dann Lizzi in das Prunkgemach eintreten.

Das war heute ebenso kalt und ebenso verstaubt wie am letzten Sonntag, und die großen Kirchenengel hatten immer noch keine angemessene Beschäftigung gefunden. Lizzi hatte nicht den Mut, sich einer der zahlreichen Sitzgelegenheiten zu bedienen, denn sie mochte nicht Gefahr laufen, ihren Eintritt in dies Haus mit einem Einbruch zu feiern. Sie fürchtete die böse Vorbedeutung. Unruhig schritt sie durch den weiten Raum, bald zum Fenster hinausschauend, bald die Altertümer betrachtend. Ihr war ungefähr zumute wie im Vorzimmer eines Zahnarztes, wenn man noch zweifelhaft ist, ob das Urteil des Schrecklichen auf Plombieren oder Extrahieren lauten wird. Herrgott! Wenn die Majorin nun nichts von ihr wissen wollte! Dann blieb ihr ja nichts übrig, als sich entweder der Tante Ida oder dem bösen Gregor auf Gnade und Ungnade zu ergeben.

Es klopfte leise an der Tür zum Nebenzimmer.

»Herein!« rief Lizzi laut.

Aber es folgte niemand ihrer freundlichen Aufforderung. Dagegen versuchte eine jammervoll heisere und nasal obstruierte Stimme sich hinter jener Tür verständlich zu machen, was ihr jedoch nicht gelang. Daraufhin hielt es Lizzi für erlaubt, die Tür zu öffnen.

Sie trat in das kleine Boudoir der Majorin und sah sich dem Sohne des Hauses, dem Stolz der Mutter, dem Erben aller ihrer Reich- und Altertümer, dem einzigen Bubi, dem süßen Rudi gegenüber. Er sah wieder einmal bezaubernd aus – ja, noch schöner als das erstemal! Seine Füße steckten in Filzparisern, seine langen Beine in zu kurzgewordenen grauen Hosen, sein Oberkörper in einer abgetragenen Lodenjoppe. Um den Hals trug er einen wollenen Schal gewickelt. Um die bleichen Wangen, von denen die linke arg geschwollen war, ein ehemals weißseidenes Tüchlein, das auf dem Scheitel seines edlen Langschädels verknotet war und zwei ansehnliche Oehrlein oder Hörnlein bildete. Seine unglückliche Nase war rot und geschwollen, und seine hellblauen Aeuglein standen ihm voll Wasser. Aus den Ohrwascheln schauten die Enden zweier Wattepfröpfe hervor.

Der Unglückliche führte eine tadellose Verbeugung aus und sagte – oder vielmehr er deutete an, was er sagen wollte, denn der Ton, welcher von der geschwollenen Backe zurückprallte und in der verstopften Nase keine Resonanz fand, gelangte in einem Zustand an die Außenwelt, der kaum etwas Menschliches mehr an sich hatte. »Gnädiges Fräulein verzeihen, ich leide an heftigem Katarrh. Ich darf nicht aus dem geheizten Zimmer heraus.«

So wenigstens glaubte Lizzi zu verstehen. Unter einfacheren Verhältnissen hätte sie wohl mitleidlos die Komik dieses katarrhalischen Jünglings empfunden, da sie aber selbst in so ungewöhnlicher Verfassung war, nahm sie die seinige schlechtweg als gegeben hin und versetzte ganz ernsthaft: »O, bitt' schön, dees macht nix. Kommt denn Ihre Frau Mutter net bald heim?«

»Mama inspiziert die Volksküche. Aber wenn ich vielleicht mit etwas dienen kann …?«

»Nein, dank' schön, i hab' gar kein' Hunger. Wenn nur d' Frau Mutter recht bald kommen möcht', daß i wüßt', ob i bleiben derf.«

»Dableiben – hier– bei uns? Ach, das wär' ja – ha–hatschi! – P–Pardon, das wär' reizend!«

»G'sundheit! Was haben S' g'sagt?«

»Das wär' reizend«, widerholte er, mühsam nach Luft schnappend und seine verquollenen Aeuglein gewaltsam aufreißend, um ihr einen süßen Blick zu spenden.

»I bin nämlich durchbrennt, daß Sie's nur wissen«, erklärte Lizzi und schüttelte in ihrem Eifer den süßen Bubi am Arm. Er starrte sie halb ungläubig, halb bewundernd an, während er den geröteten Endknollen seiner Nase in dem feuchten Taschentuch verbarg, und stöhnte: »Durchgebrannt? O, das ist aber großartig, reizend, p–pardon – ha– hatschi! – Das kommt nämlich davon, weil ich neulich so lange in den verfluchten Trikots herumgelaufen bin.«

»Je, Sie armer Tropf, Sie haben aber an Katarrh derwischt! – Sagen S', glauben S' denn, daß mi d' Frau Mutter dab'hält? Können S' mi denn überhaupt unterbring'n? Habt S' denn so 'was wie a Bett für mich?«

»O, Fräulein Mödlinger«, röchelte der unglückliche Rudi begeistert. »Für Sie würde ich freudig mein eigenes Bett hergeben, und wenn ich in der Hundehütte schlafen müßte! O, Mama muß Sie aufnehmen! Ich werde sie zwingen, wenn sie nicht will.«

Lizzi war so gerührt durch des guten Jungen verschnupften Enthusiasmus, daß sie auf einmal zu weinen anfing. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und schluchzte: »Sie sind sehr gut, Herr von Goldacker – die wahren Freund' find't m'r doch immer erst im Unglück. Sie wissen gar net, wie wohl Sie mir tun. Ach, Sie kennen das Leben nicht! Das Leben ist sehr grausam, besonders gegen ein alleinstehendes junges Mädchen. Sie als Mann können das gar nicht nachempfinden.«

»O doch!« flüsterte Rudi, die dürftigen Augenbrauen wichtig emporziehend, und gab den leichten Druck ihrer Hand warm zurück. »Verlassen Sie sich auf mich, ich werde Ihnen beistehen, und wenn die ganze Welt … ha – hatschi! – Ohhh – dieser gräßliche Schnupfen!«

»Ich will nämlich zur Bühne gehen«, fuhr Lizzi fort, nachdem sie dem Freunde Zeit gegönnt hatte, die unangenehmen Folgen des letzten Niesens zu beseitigen.

»Zur Bühne? O, das ist reizend!« stöhnte Rudi; »dann geh' ich auch zur Bühne. Mama sagt, ich wäre der geborene Romeo.«

»Ach ja, dann will ich die Julia studieren«, sagte Lizzi, ihre Tränen trocknend. Und sie reichte ihm aufs neue die Hand und drückte die seine warm zur Bekräftigung des löblichen Vorsatzes.

In diesem Augenblick trat die Majorin herein. Sie hatte sich, auf die alarmierende Meldung des Dieners hin, noch gar nicht einmal die Zeit genommen, Hut und Mantel abzulegen.

»Mein Gott, Kinder, was soll denn das bedeuten?« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Ihr beide in Tränen aufgelöst? Was ist denn um Gottes willen los? Ist am Ende der Onkel Riemschneider tot? Ich hab' schon in der Zeitung gelesen, daß ihn der Schlag getroffen hat. Und Sie, Lizzi, sind mit Sack und Pack hier eingerückt? Ja, sagen Sie bloß …«

Da schritt Rudi feierlich auf die Mutter zu und röchelte pathetisch:

»Mama, eine Unglückliche steht um Obdach flehend vor deiner Schwelle. Und wenn du mich nicht selbst aus dem Hause treiben willst, so … ha–hatschi!«

»Du wirst jetzt zunächst einmal augenblicklich zu Bett gehen und zum Schwitzen einnehmen, mein Sohn«, sagte die Majorin ungerührt und schob ihren Bubi energisch zur andern Tür hinaus.

Und als sie nach einer kleinen Weile zurückkehrte, da beichtete Lizzi alles haarklein – nur den Herrn Krajesovich von Nemes-Pann und was er mit der Geschichte zu tun hatte, ließ sie aus. Und die gute Frau von Goldacker war sehr ergriffen, nannte die Geheimrätin einen giftigen Drachen, schloß Lizzi an ihr Herz und versprach, für sie zu sorgen.–

Eine halbe Stunde später schon saß Lizzi am Schreibtisch der Majorin und schrieb ihren ersten Brief an Kathi. Der fing so an:

»Geliebtes Schwesterherz! Ein finster gähnender Abgrund liegt zwischen dem Gestern und dem Heute. Gestern war Deine Lizzi noch ein unwissendes Kind – heute – o Kathi, Du kennst das Leben nicht! Möchte der gütige Himmel es Dir ersparen« –


Elftes Kapitel.

In welchem die Majorin ein wenig Vorsehung spielt und das Krajesovicherl bedenklich wird, zusamt einer kurzen Nachricht von den Leiden des jungen Rudi.

Die Majorin von Goldacker war wirklich eine gute Frau. Die übliche aristokratische Frömmigkeit, welche im Schlepptau irgend eines strebsamen Geistlichen Konzerte und Bazare zu wohlthätigen Zwecken, öffentliche Theeabende mit leichtem Gebäck, dünnen Butterschnitten und Gott wohlgefälliger Unterhaltung arrangiert, würdige, das heißt körperlich und sittlich reine Arme besucht, unter geistlicher Leitung stehende Vereine unterstützt und Lose für Kirchenbauten nimmt, die trug zwar auch sie mit derselben wohlanständig gemilderten Selbstgefälligkeit zur Schau, wie die meisten Damen ihres Standes, aber bei ihr war die Mildthätigkeit doch Herzensbedürfnis. Trotz ihres vertrockneten, etwas kümmerlichen Aeußeren zählte sie in der That erst die siebenunddreißig Jahre, die sie sich gab, in ihrem Denken und Empfinden aber war sie sogar noch jünger. Ihre guten Werke entsprangen ebenso wie ihre Thorheiten einer fast kindlich zu nennenden Begeisterungsfähigkeit. Hätte sie mehr gelernt gehabt und einen tieferen Geist besessen, so hätte sie mit ihrer ästhetischen Naschhaftigkeit, ihrer Sammelwut, ebenso wie mit ihrem stets dem Mitleid offenen Herzen weit Wertvolleres ausrichten können, als es so geschah, und dann wäre es ihr auch nicht so leicht passiert, wie jetzt gar oft, daß sie bei jeder kleinen Enttäuschung, die sie an den Menschen erlebte, von der Höhe ihres Enthusiasmus gleich in oft geradezu komische Ungerechtigkeit herabpurzelte.

Ihrer liebenswürdigen Schwäche für die Schönheit hatte es Lizzi wohl zumeist zu danken, daß sie von der guten Frau mit offenen Armen aufgenommen wurde. Wie die frommen Leute im Märchen das feenhaft schöne Findelkind, so betrachtete die Majorin das blühende robuste Münchener Mädel als eine direkte Sendung der ihr wohlgesinnten himmlischen Mächte. Wäre die Lizzi rechtschaffen garstig gewesen, dann hätte die scharfe Dressur des Anstandsgefühls, in der die Majorin aufgewachsen war, ihr höchstwahrscheinlich verboten, eine Durchgängerin, von deren sittlichen Qualitäten sie eigentlich gar nichts wußte, bei sich aufzunehmen. Daß ihrem leichtentzündlichen Bubi aus der vertraulichen Nähe so blühender jungfrischer Weiblichkeit Gefahr erwachsen könnte, bekümmerte sie keinen Augenblick. Im Gegenteil – sie freute sich schon darauf, ihn sterblich verliebt zu sehen. Das passierte ihm nämlich öfters und sie fand ihn in solchem Zustande ganz besonders süß. Sich anspinnende Liebesverhältnisse zu beobachten, Brautpaare um sich zu sehen und Ehen zu stiften, das gehörte nämlich auch zu ihren Passionen.

In der engen, vollgepfropften Wohnung einen unerwarteten Gast unterzubringen, und noch dazu einen, der sich auf voraussichtlich längere Zeit hier heimisch zu machen wünschte, das war wahrlich keine leichte Aufgabe. Aber die Majorin löste sie mit einer gewissen Genialität. Hinter dem unvermeidlichen Berliner Zimmer befand sich nämlich noch ein kleiner, fensterloser Raum, der sein Licht durch die Glasthür der Veranda empfing. Dieses Zimmerchen diente im Sommer gewöhnlich zum Speisen, wenn keine Gäste da waren, und bei den winterlichen großen Festen als traulicher Zufluchtsort für liebende Pärchen. In diesen »Cul de sac«, wie sie es nannte, wußte sie mit großer Verschmitztheit die schüchternen Herren und die Damen, welche sie in Verdacht hatte, einer Veränderung ihres Civilstandes nicht abgeneigt zu sein, hineinzulocken, um sie alsbald mit schadenfroher Grausamkeit ihrem Schicksale zu überlassen. Drei Verlobungen wären auf diese Weise schon beinahe zu stande gekommen und die letzte, vierte, die wirklich öffentlich erklärt wurde, war leider wieder zurückgegangen. Seitdem hatte die Majorin eine heftige Abneigung gegen den »Cul de sac« gefaßt und ihn zu einer Art Wintergarten degradiert, der jedoch, weil sie keine glückliche Hand und keine Geduld für Blumen hatte, mit den ruppigen Strünken und dem dürftigen Blattwerk, das allein die zahlreichen Blumentöpfe erfüllte, einen recht kümmerlichen Eindruck machte. Um so leichter wurde es ihr, das Stübchen preiszugeben. Fast der ganze Plafond desselben wurde von einem auf vier orientalischen Säulen ruhenden Baldachin eingenommen, der aus einer erzbischöflichen Residenz stammen sollte. Unter dem Baldachin stand an der äußeren Wand ein zierliches, kleines Rokokosofa, davor ein schwerer Tisch mit Marmorplatte aus den zwanziger Jahren. Die Wand über dem Sofa bedeckte ein schadhafter Gobelin. Ein hoher, chinesischer Wandschirm rechts und eine künstliche Epheuwand links, in deren Grün wunderlicherweise einige Orangen, Attrappen aus Pappe, mit Draht befestigt waren, schützten das Sofaplätzchen vor neugierigen Blicken, wie vor dem Zug von der Glasthür her. Sessel und Taburetts in den verschiedensten Stilen, eine geschnitzte Kleidertruhe, fast schwarz und morsch im Holz, eine Chiffonniere mit Meißner und chinesischem Porzellan besetzt, ein paar hölzerne Kandelaber, zwei Meter hoch, die zu beiden Seiten der Eingangsthür standen, und statt der Kerzen bunte Illuminationsgläschen auf ihren Armen trugen, einige von der Decke herabhängende chinesische Stofflaternen und schließlich, neben einigen schlechten gerahmten Kupferstichen, eine italienische Wanddekoration aus getrockneten Südfrüchten, einem Tambourin und einer Mandoline ohne Saiten bestehend – all dies wunderbare Sammelsurium erfüllte den winzigen Raum. Der Marmortisch wurde hinausgeschafft, das kleine Sofa beiseite gerückt und unter dem Baldachin ein wackeliges altes, aber schön geschnitztes Bettgestell aufgeschlagen, das bisher unbenutzt auf dem Speicher gestanden war, und mit Hilfe von flüssigem Fischleim und einigen Nägeln von Frau von Goldacker höchst eigenhändig in brauchbaren Zustand versetzt. Da aber für das Gestell weder Rahmen, noch Matratze, noch Betten zur Hand waren, mußte sie zu allerhand sinnreichen Listen ihre Zuflucht nehmen. Die herausziehbare Polsterung eines Schlafsofas, das sich in Rudis Zimmer befand, wurde auf vier ungefähr gleich hohe Schemel innerhalb der Bettstatt niedergelegt, die tiefe Höhlung, die einige geplatzte Federn verursacht hatten, durch ein paar alte Shawls ausgefüllt und statt des nicht aufzutreibenden Keilkissens aus einem Stück alten Läuferstosses ein zweckentsprechendes Pentaëder oder dreiflächiges Prisma von leidlicher Elastizität hergestellt, und über den ganzen frommen Betrug ein Laken von unschuldiger Weiße gebreitet. Ein Kopfkissen war vorhanden und einige, in das nötige Weißzeug eingenähte Reisedecken vermochten ganz gut den Mangel eines Deckbetts zu ersetzen. Ein einfaches Waschgeschirr wurde gekauft und auf der altersschwarzen Truhe aufgestellt, am Tage jedoch, um die Harmonie nicht zu stören, hinter dem chinesischen Schirm versteckt. Die Majorin war außerordentlich stolz auf ihr Werk und nannte es ein Schlafgemach für eine Prinzessin.

Lizzi schlief auch tatsächlich sehr gut darin. Das geheimrätliche Bett hatte sie noch nicht verwöhnt, und außerdem konnte sie sich in ihrer ganzen Länge ausstrecken, was doch immer die Hauptsache blieb. Nur ein Uebelstand machte sich gleich von vornherein recht unangenehm bemerkbar – das war die Kälte. Lizzi liebte die frische Luft und das Stübchen war klein. Da mußte denn oft die ins Freie führende Glasthür geöffnet und die ganze winterliche Kälte hereingelassen werden. Zwar befand sich ein eisernes Oefchen in dem Zimmer, aber das verbreitete sofort eine höchst unangenehme Hitze nebst üblem Geruch, so daß man doch gleich wieder genötigt war, die Thür zu öffnen; und dann hielt wieder die Wärme keine zwei Stunden vor. Ueberhaupt der Geruch! Frau von Goldacker öffnete nur selten ein Fenster, so daß der Duft all der aufgehäuften Altertümer und des schwer davon zu entfernenden Staubes alle Räume des Hauses schier atembeklemmend erfüllte. Da sie selbst auf die Reinlichkeit keinen übergroßen Wert legte, so bemühten sich auch die Dienstboten, die ehrwürdige Staub- und Schmutzpatina der Möbel und Stoffe möglichst zu schonen. Leider ging die gütige Hausfrau in ihrem Idealismus sogar so weit, gegen die Freuden der Tafel völlig gleichgültig zu sein. Es wurde, gerade herausgesagt, recht schlecht bei ihr gegessen. Auch daß kein ordentliches Instrument vorhanden, war für Lizzi, die gern fleißig geübt hätte, recht schmerzlich, und der Umstand, daß auf dem alten Wiener Clavicymbel die Königin Luise gespielt haben sollte, vermochte sie für den Mangel an Ton nicht zu entschädigen.

Aber was wollten alle diese kleinen Uebelstände und Seltsamkeiten bedeuten gegen das Glück, daß sie nun doch wieder eine Art Heim besaß unter Menschen, die ihr mit Liebe entgegenkamen und die, weitentfernt sie ihre Abhängigkeit, ihre Armut, ihre Unbedeutendheit fühlen zu lassen, im Gegenteil ihr für ihre Anwesenheit dankbar waren, wie für ein unverdientes Geschenk und sie mit Schmeicheleien überhäuften. Und dann, was das Beste war: ihre geliebte Kathi so nah zu haben, daß sie sich mehrmals in der Woche sehen und sich auf Spaziergängen oder auch daheim nach Herzenslust ausschwatzen konnten. –

Die Besserung des Onkels machte jetzt gute Fortschritte. Er war wieder vollständig im Besitz seiner Geisteskräfte und die Lähmung stellte sich als nicht ganz so schlimm heraus, wie man anfänglich gefürchtet hatte. Nur die Sprachstörung war noch nicht gehoben und bereitete dem armen Patienten selbst die allergrößte Sorge. Er verzweifelte an der Möglichkeit, seine Lehrtätigkeit je wieder aufzunehmen und hatte sich mit dem Gedanken, seine Professur niederzulegen, bereits vertraut gemacht. Als Frau Ida, um ihn von seinen trüben Gedanken abzulenken, ihm einen längeren Aufenthalt in Italien vorschlug, hatte er Kathi, sobald er mit ihr allein war, in rührender Weise seine Befriedigung darüber ausgedrückt, daß er nun doch wenigstens im Stande sein werde, ihr eine schöne und nachhaltige Freude zu bereiten. Auch nach Lizzi hatte er sich erkundigt und sich mit der Auskunft zufriedengegeben, daß man sie eine Freundin in Hamburg habe besuchen lassen, damit sie während der Zeit seiner Krankheit nicht im Wege sei. Tante Ida verhielt sich immer noch eisig kalt gegen Kathi, aber sei es nun, daß sie durch deren festes Auftreten ihren unwürdigen Beschuldigungen gegenüber doch eingeschüchtert war, oder weil sie fühlte, daß sie die guten Dienste der Nichte während dieser schweren Zeit nicht entbehren konnte – jedenfalls hatte sie sich inzwischen davor gehütet, mit ihr zu zanken und ihr auch stillschweigends die Freiheit gelassen über ihre Zeit zu verfügen. Daß Lizzi bei der Majorin untergekommen, hatte sie sichtlich geärgert, wenn sie auch nur ein paar gleichgültige Bemerkungen darüber gemacht hatte. Die gute Kathi lebte in der steten Furcht, daß sie in ihrer Rachsucht gewiß alles aufbieten würde, um die Verhaßte aus ihrem freundlichen Asyl zu vertreiben.

Die böse Ahnung erfüllte sich rasch genug. Lizzi war kaum vierzehn Tage im Hause, als Frau von Goldacker eines Vormittags sehr aufgeregt von einem Besuch bei Riemschneiders zurückkehrte. Sie hatte bisher nur immer ihren Diener hingeschickt, um Erkundigungen über das Befinden des Professors einzuholen. Jetzt aber hatte sie es für an der Zeit gehalten, selbst vorzusprechen, in der Erwartung, nun doch endlich als Verwandte an das Krankenbett gelassen zu werden und auch in der Hoffnung, Gelegenheit zu finden der lieben Tante Ida über ihr abscheuliches Verhalten den Nichten gegenüber einmal gründlich die Meinung zu sagen. Ins Krankenzimmer hatte sie nun zwar nicht vordringen, wohl aber die Geheimrätin sprechen können. Die hatte kaltlächelnd ihre Anklagen angehört und zu dem begeisterten Lobe Lizzis nur höhnisch den Mund verzogen, um, nachdem Frau von Goldacker sich ganz außer Atem geendet, kurz und scharf zu erwidern, daß sie über den wahren Charakter ihres Schützlings bald genug zu ihrem Schaden aufgeklärt werden würde. Und dann, beim Abschied, als der Besuch schon auf der Schwelle stand, hatte sie scheinbar gleichgültig die Frage hingeworfen, ob ihr denn Lizzi auch erzählt habe, wo sie die erste Nacht nach ihrer Flucht zugebracht, nachdem sie mit ihrem Freunde, dem Studiosus von Krajesovich allein im Deutschen Theater gewesen sei. Frau Professor Rümpelmann und Fräulein Tochter, die auch im Theater gewesen, hätten die beiden Arm in Arm auf der Straße gesehen. Eine Verwechslung sei ausgeschlossen, denn die beiden Damen hätten sich absichtlich unter einer hellen Laterne in der Karlsstraße nach dem Pärchen umgedreht und es starr angeblickt, seien aber von ihm in seiner verliebten Versunkenheit gar nicht bemerkt worden. Wenn es der Frau Majorin Spaß mache, ein so verdorbenes Geschöpf bei sich zu beherbergen, so wolle sie sie in ihrem Vergnügen nicht stören.

Die gute Frau von Goldacker war so ehrlich, Lizzi sofort die ganze Anklage wortgetreu zu wiederholen, ohne etwa den Versuch zu machen, sie durch unbestimmte Fragen in eine Falle zu locken. Und Lizzi vergalt Ehrlichkeit mit Ehrlichkeit und teilte ihr rückhaltlos die ganze Wahrheit mit. Auch daß sie sich habe küssen lassen, verschwieg sie nicht. Frau von Goldacker glaubte ihr ohne weiteres und machte ihr nur sanfte Vorwürfe darüber, daß sie ihr nicht eher gebeichtet habe, wenn sie es auch begriff, daß sie ihr damals, als sie um Aufnahme bat, das bedenkliche Abenteuer zu verschweigen für richtig hielt. Ihrer korrekten Denkungsart mußte es freilich als sündhaft erscheinen, wenn ein junges Mädchen aus den besseren Kreisen sich von einem jungen Manne, der noch nicht ihr Verlobter war, küssen ließ und sie bemühte sich auch, dies Lizzi mit mütterlicher Strenge klar zu machen; aber der Ernst der Predigt wurde doch durch zärtliches Mitgefühl bedeutend gemildert. Ihrem romantischen Sinn behagte im Grunde genommen das Abenteuer gar sehr und wob eine Art Gloriole um Lizzis hübschen Kopf. Sie war sogar ein klein bißchen neidisch, die gute Majorin, wie es minder schöne Frauen auf die Abenteuer ihrer bevorzugteren Geschlechtsgenossinnen immer sind. Bei ihr daheim in Pommern, im weitesten Umkreis des väterlichen Gutes trieben sich keinerlei Krajesovicher herum, und feine Kellerrestaurants mit Nischen gab es erst recht nicht. Auch in ihrer blühendsten Mädchenzeit war sie höchstens von langweiligen Vettern geküßt worden, und auch das nur unbedeutend. Jetzt hieß es die Sünde wieder gut machen. Wenn Herr von Krajesovich, der Edle von Nemes-Pann überhaupt ein Epouseur war, der ernstlich in Frage kommen konnte, so mußte er dran glauben! Sie fand es unverantwortlich, daß er bisher noch nicht Besuch gemacht habe und beschloß, falls er das nicht binnen drei Tagen thäte, ihn ernstlich an seine Pflicht zu erinnern. So feierlich versprach sie, für Lizzi wie eine Mutter zu sorgen, daß das gute Kind nicht wenig erschrak.

»Du liebst ihn doch?« fragte die Majorin ziemlich nebenher am Ende ihrer ernsthaften Unterredung, bei welcher von beiden Seiten reichliche Thränen vergossen worden waren.

Und Lizzi fuhr ordentlich erschrocken zusammen bei der unvermuteten Frage, besann sich ein Weilchen und erwiderte endlich ziemlich unsicher: »I mein schon.« – –

Ja, liebte sie ihn denn eigentlich wirklich? Lizzi wälzte während der nächsten vierundzwanzig Stunden diese schwierige Frage in ihrem Gehirn herum, ohne doch eine völlig zufriedenstellende Antwort darauf zu finden. Er war gewiß ein recht lieber Mensch und wenn er nicht so brav gewesen wäre, hätte es ihr an jenem gefährlichen Abend recht schlimm ergehen können. Sie war ihm von Herzen dankbar für seine edle Zurückhaltung. Das war einmal eins. – Und dann war doch auch der Abend zu schön gewesen – der schönste ihres ganzen Lebens! Erst die Vorstellung im Deutschen Theater, die sie in ein wunderbares, unbekanntes Märchenland versetzt hatte – und dann das gute Essen, die feurigen Weine – und gar das süße Dessert von Küssen! Daß ein Mann mit einem so wilden, schwarzen Schnauzbart so warm und weich, so – vornehm busseln könnte, hätte sie eigentlich nicht gedacht, Auch das sprach dafür, daß er etwas recht Besonderes sein mußte. Oft noch des Nachts im Halbschlaf oder auch tagüber in wachen Träumen spürte sie jenes leise Zucken und Schwellen der Lippen, das als süßester Nachgeschmack von wirklich guten, echten Küssen zurückzubleiben pflegt. Und in solchen Stunden sehnte sie sich fast schmerzlich danach, ihren schönen schwarzen Gregor wieder zu sehen und wieder ihren Kopf so vertrauensvoll an seine Schulter lehnen zu dürfen, in hingebender Erwartung der guten Gaben, die sein Mund austeilen würde. Trotz alledem aber konnte sie sich nicht recht als seine Frau vorstellen, besonders wenn sie daran dachte, daß sie ihm ja dann in das unbekannte ferne Land folgen müßte, wo die Leute nicht einmal deutsch, viel weniger münchnerisch verstanden. Daß sie durch eine rasche Heirat aller Sorgen für die Zukunft enthoben und besonders von der Bevormundung unangenehmer Tanten befreit war, das war freilich eine herrliche Aussicht. Aber war's nicht doch noch schöner und ehrenvoller zugleich, wenn es ihr wirklich gelang, sich auf eigene Füße zu stellen, durch Fleiß und Talent sich Geld und Ruhm zu erringen? Sie hatte nämlich den Gedanken zur Bühne zu gehen, der an jenem Abend im Deutschen Theater so heftig von ihr Besitz ergriffen hatte, noch keineswegs aufgegeben, wenngleich die bequeme Behaglichkeit, die sie für den Augenblick gefunden, ihn ein wenig in den Hintergrund gedrängt hatte. Das Endergebnis ihrer sorgfältigen Beratung mit ihrem Herzen war, daß sie vorläufig nächst dem Andenken an ihre Mutter und ihrer Kathi allerdings den Gregor am meisten liebte, aber doch möglichst ruhig abwarten wollte, wie sich diese Geschichte von selbst weiter entwickelte. Ihr gesundes, natürliches Gefühl sträubte sich gegen den Gedanken, durch freundliche Hilfe wohlmeinender Damen in die Ehe hineingeschoben zu werden, und darum mochte sie es auch nicht leiden, daß Frau von Goldacker an Gregor schrieb, um ihn, wie sie es nannte, an seine Pflicht zu mahnen. So raffte sie sich denn zwei Tage nach jener Unterredung selbst dazu auf, dem Herrn Kandidaten ein Briefchen zu schreiben – mit »Sie« und in recht kindlichem Stile – in welchem sie ihm mitteilte, daß sie sich in ihrem neuen Heim recht wohl fühle und daß sie sowohl, wie Frau von Goldacker sich sehr freuen würden, wenn er sie einmal besuchte. – –

Am andern Tage schon ließ sich Herr Krajesovich von Nemes-Pann zur etikettemäßigen Visitenstunde bei der gnädigen Frau melden. Lizzi war spazieren gegangen und die Majorin wie gewöhnlich noch in ihrem alten Morgenrock. Die Gelegenheit war aber so wichtig, daß sie es doch für angemessen hielt, ein würdigeres Gewand anzulegen. Der junge Mann, der sehr elegant angezogen war und seinen Paletot draußen abgelegt hatte, mußte daher recht lange in dem kalten Salon warten und etlichermaßen zähneklappernd die lackierten Engel und sonstigen Kostbarkeiten bewundern, bis endlich die Dame des Hauses erschien in einem rauschenden Seidenkleide, weitbauschig und mit Watteaufalte auf dem Rücken, welches augenscheinlich aus der Zeit der Pompadour stammte.

Sie hatte Mitleid mit ihm und lud ihn in ihr geheiztes Schreibstübchen nebenan ein, denn er sah ganz blaß und steif aus, sei es nun, daß er nur äußerlich fror oder daß ihm überhaupt bei diesem Gange nicht recht wohl zu Mute war.

»Sie finden Fräulein Mödlinger nicht zu Hause,« begann die Majorin, sobald die ersten Förmlichkeiten ausgetauscht waren und sie sich im warmen Zimmer gegenüber saßen. Und dann fügte sie lächelnd hinzu: »das ist mir auch, offen gestanden, sehr lieb, denn ich möchte Sie doch erst ein wenig ins Gebet nehmen, mein lieber Herr, ehe ich Ihnen das Kind anvertraue. Sie hat mir alles gesagt, müssen Sie wissen – auch von dem Souper und – na und so weiter.«

Gregor zuckte leicht zusammen und konnte sich nicht enthalten in seiner Muttersprache etwas vor sich hin zu brummeln, was auf Deutsch wahrscheinlich »ach verflucht!« oder so etwas Aehnliches hieß. Dann setzte er mit etwas nervösen Fingern seinen Schnurrbart auf, zwang seine Miene zu einem liebenswürdigen Lächeln und sagte mit heuchlerischer Unbefangenheit: »O, Gnädige, was wollen Sie? Das ist die Liebe!«

»Ja, die Liebe, das ist ja eine ganz schöne Sache,« rief die Majorin, indem sie ihm lächelnd mit dem Finger drohte. »Aber sind Sie sich auch bewußt, daß man ein anständiges junges Mädchen nicht so mir nichts, dir nichts abküßt, wenn man nicht ernste Absichten hat?«

Dem guten Gregor war offenbar sehr unbehaglich zu Mute. Er guckte eifrig auf seine blanken Stiefelspitzen hinunter und stammelte verlegen: »O, meine Gnädigste – wie können glauben! Ich habe Fräulein Mödlinger gleich auf ersten Blick serr – serr äh. … Wir haben uns ganz zufällig getroffen – ganz zufällig, versichere auf Ehre – und gnädiges Fräulein hatte solchen Hunger – war doch Kavalierspflicht. …«

»Sie sollen sich auch gar nicht entschuldigen, daß Sie ihr etwas zu essen gegeben haben,« unterbrach Frau von Goldacker sein Gestotter. »Beantworten Sie mir nur gefälligst eine Frage. Wissen Sie, daß sie gar kein Vermögen hat?«

»Jawohl, sie hat mir gesagt!«

»Na, sind Sie denn in der Lage, eine Frau zu ernähren?«

»Bitte, wie befehlen? Ach so, pardon – ja …, das heißt – nein. Ich will sagen, mein Vater ist serr wohlhabend, aber er wird mir nicht genug geben zum heiraten. Ich bin im Examen. Ich will Arzt werden, Sie wissen. Und wenn ich selber genug Geld verdiene, dann will ich versuchen. …«

»Ja, aber wie lange kann denn das noch dauern?« fiel ihm die Gnädige rücksichtslos ins Wort.

»O, ich hoffe gar nicht lange: ein, zwei …«

»Drei, vier, fünf Jahre!« ergänzte die Majorin ungeduldig. »Und inzwischen soll das arme Mädchen hier sitzen und warten, und Sie kurieren derweilen die schönen Damen in Belgrad oder so wo. Ja, mein lieber Herr, was denken Sie sich denn dabei?«

Er wußte nichts zu erwidern und blickte nicht eben allzu geistvoll drein.

Die Majorin seufzte tief auf und strich mit einiger Heftigkeit über ihr seidenes Gewand, so daß es förmlich drohend knisterte. Sie besann sich ein Weilchen, bevor sie weiter sprach: »Wissen Sie was: schreiben Sie an Ihren Herrn Vater und stellen Sie ihm die Sache ordentlich vor. Vielleicht gibt er Ihnen dann gleich so viel, daß Sie mit bescheidenen Ansprüchen haushalten können. Ein junger Arzt muß ja doch verheiratet sein, wenn er Vertrauen finden will. Wenn Sie mir das versprechen, dann will ich Ihrem weiteren Verkehr mit Lizzi nicht in den Weg treten – das heißt natürlich: in gewissen Grenzen.«

Er küßte ihr die Hand, versprach, was sie wünschte und bedankte sich für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen.

So war denn vorläufig der Friede geschlossen und sie plauderten noch ein Viertelstündchen unbefangen über dieses und jenes, bevor Gregor sich erhob, um seinen Besuch abzubrechen. Gerade als er durch den kalten Salon der Ausgangsthür zuschritt, hörte er draußen im Flur Lizzis lustiges Gelächter, in welches eine zweite, männliche Stimme hineinklang.

»Da haben wir sie ja!« rief die Majorin, indem sie an ihm vorbei nach der Thür eilte. »Nun werden Sie doch noch etwas da bleiben?« Und sie steckte den Kopf aus der Thür mit den Worten: »Lizzi, Rudi, kommt geschwind einmal herein, es ist jemand da!«

Neugierig wie zwei Kinder, die einen guten Schenkonkel aus der Provinz zu finden erwarten, kamen die Gerufenen herein, Rudi noch mit seiner Büchermappe unterm Arm, Lizzi im Mantel und Regenschirm. Die scharfe Luft draußen hatte ihre Wangen gerötet und nun noch die Verlegenheit der Ueberraschung – sie sah wirklich reizend aus.

Gregor trat ihr rasch zwei Schritte entgegen und hob unwillkürlich seine beiden Arme empor, wie um sie an die Brust zu ziehen. Doch als er sah, wie sie mit scheuem Blick auf die beiden Zeugen ihm nur schüchtern die Rechte entgegenstreckte, nahm auch er sich zusammen und begnügte sich damit, ihr die Hand zu drücken.

»Grüß Gott,« sagte Lizzi leise und sehr verschämt.

Und er, ihre Hand noch festhaltend, versetzte lächelnd: »Ja, nun wird mir gnädiges Fräulein Lizzi gewiß serr bös sein, daß ich nicht früher gekommen bin. Aber du – Sie können mir glauben, es war mir unmöglich. Ich habe so viel zu thun!«

Lizzi war bei dem »Du« erschrocken zusammengefahren. Frau von Goldacker hatte es lächelnd bemerkt und kam ihr zu Hilfe, indem sie ihr sowohl wie Gregor wohlwollend auf den Arm klopfte und sagte: »Ihr braucht euch gar nicht zu genieren, meine jungen Herrschaften.« Und dann zog sie ihren Bubi am Aermel herbei und stellte vor: »Herr Rudolf von Goldacker, Obersekundaner – Herr Doktor von Krajesovich.«

»Pardon, so weit sind wir noch nicht. Gnädige Frau Mutter greifen hoher Prüfungskommission vor – nur cand.med. vorläufig.« Damit reichte er dem jungen Manne die Hand entgegen.

Rudi that, als bemerkte er es nicht und verbeugte sich nur steif ein klein wenig, um sich dann, ohne ein Wort zu sprechen, mit seinem Schulsack hinauszutrollen.

Die Majorin beachtete sein Benehmen nicht weiter und forderte das Liebespaar auf, doch wieder in die warme Stube hereinzukommen.

Lizzi entledigte sich rasch ihres Hutes und Mantels und ging hinaus, um die Kleidungsstücke im Flur aufzuhängen.

Da trat ihr in dem engen finstern Raum Rudi entgegen und flüsterte dicht an ihrem Ohr, so dicht, daß sie sein aufgeregtes Atmen wahrnehmen konnte: »Wer ist der Herr? Von dem hab' ich ja noch nie was gehört!«

»Mama hat ihn dir ja vorgestellt,« entgegnete Lizzi kurz, indem sie einen Schritt von ihm zurücktrat und ihm, ein wenig unangenehm überrascht, ins Gesicht sah. Sein schroffer Ton hatte sie verletzt.

Rudi ging ihr wieder nach, und während sie noch ihre Sachen an den Haken hängte, ergriff er sie beim Handgelenk und flüsterte: »Soll das etwa dein Zukünftiger sein?«

»Was geht denn das dich an?« versetzte Lizzi ärgerlich, indem sie mit einem Ruck ihre Hand von seinem Griff befreite.

Und er stand rasch atmend und die hellblauen Aeuglein fast drohend aufreißend, vor ihr und sagte: »So, das geht mich also nichts an? Ich denke, wir haben doch Brüderschaft getrunken, und wir wollten doch wie Bruder und Schwester … ich dachte doch … ich hab' dir doch auch von mir alles erzählt; und überhaupt …«

»A geh, du bist ein dummer Bub'!« unterbrach Lizzi kurz sein aufgeregtes Gestammel und ging, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, ins Zimmer der Majorin. –

Solange die wohlwollende Beschützerin anwesend war, konnte natürlich weder eine besonders tiefsinnige noch hervorragend zärtliche Unterhaltung zwischen den Liebenden in Fluß kommen. Lizzi war wie auf den Mund gefallen und ärgerte sich über sich selbst, daß sie so dumm dabei saß, während Gregor mit krampfhafter Anstrengung über Theater und Kunst, über das Wetter, die Aussichten fürs Schlittschuhlaufen und dergleichen sprach. Und als nach etwa zehn Minuten dieser überflüssigen Wortmacherei die Entreeklingel ertönte, unterbrach sich die Majorin mitten in ihrem Satz und alle drei horchten gespannt hinaus in der Hoffnung auf eine gnädige Aufhebung der fruchtlosen Sitzung.

Der Diener kam und meldete Herrn Pastor Werkmeister an.

»Ah, sehr angenehm!« rief die Majorin vergnügt vom Sofa aufhüpfend. Und dann nahm sie Lizzi beiseite und forderte sie mit einem schlauen Lächeln auf, derweilen mit ihrem Gregor sich in das Berliner Zimmer nebenan zurückzuziehen. Es werde ihnen wohl beiden augenblicklich wenig an der Bekanntschaft des Pastors gelegen sein.

Die Liebesleute beeilten sich, diesem freundlichen Rate zu folgen, und Gregor benutzte die Gelegenheit, um sich eilfertig zu empfehlen, da er nur noch wenige Minuten Zeit habe.

Der Diener, der eben noch mit Tischdecken beschäftigt war, zog sich alsbald diskret zurück, und nun war das Pärchen endlich allein. Das erste war natürlich, daß Gregor seine Lizzi beim Kopfe nahm und nach allen Regeln der Kunst abküßte. Dazu benötigte er mindestens fünf Minuten, während deren der sonore Baß des geistlichen Herrn nebenan die gedämpfte musikalische Begleitung zu der sinnigen Pantomime abgab. Schließlich mußte doch aber auch wieder ein Wort geredet werden. Es war Gregor, der zuerst das selige Schweigen brach, indem er Lizzi neckend den Vorwurf machte, sie habe ihn da in eine schöne Falle gelockt,

»Was denn, was is denn?« fragte Lizzi unbefangen.

»Ja, siehst du, Schatzel meiniges,« versuchte er zu lachen, »ich weiß doch noch gar nicht, wie lange dauern wird, bis ich eine Praxis habe, um eine kleine Frau zu ernähren – und du willst doch gut genährt werden, nicht wahr? Was mein Vater sagen wird, der Herr Vicegespan, wenn ich jetzt schon komm' und will heiraten – o du guter Herrgott! Wie kann ich denn so unverschämt sein und mich jetzt mit dir verloben, wo doch noch kann viele Jahre dauern, bis wir heiraten. Aber die Frau von Goldacker natürlich, die möchte am liebsten bei dem Herrn Pfarrer da drin gleich die Traurede bestellen, O, überhaupt, mein lieber Schatz, es ist doch zu furchtbar dumm, daß wir uns sollen nur hier sehen unter dem Schutz von hoher Geistlichkeit und verehrter Frau Majorin.«

Lizzi hatte mit wachsendem Erstaunen zugehört, ihre Augen wurden immer größer und ihr Gesicht immer länger. Sie drückte ihre heißen Wangen zwischen ihre beiden Hände und strich sich das Haar aus der Stirn, und dann fragte sie kleinlaut: »Ja, was is denn jetzt dees, san m'r denn jetzt net verlobt? I man' doch, abbusselt ham m'r uns scho g'nug!«

»A geh, du bist ein kleiner Narr,« versetzte er, etwas mühsam lächelnd, indem er sie am Ohrläppchen zupfte. »Warum hast du auch der Gnädigen gleich alles sagen müssen! Heimliche Liebe ist doch viel, viel schöner, und jetzt wissen wir gar nicht, was wir sind. Wenn wir sagen verlobt, so ist es gelogen, denn ich kann mich nicht verloben, ehe ich weiß, wovon ich heiraten will. Es gibt ein Weaner G'sang'l, das heißt:

›Der Mensch, der Mensch, der Mensch ist kein Krawat, Kra–wat,
Er lebt, er lebt allein nicht von Salat, Sa–lat.
Er will auch sein gut's Bibi Babi ham, ham, ham,
Sonst demoliert der Kerl eam alles z'samm!‹«

Die Hände in die Hosentaschen versenkt, stand er vor ihr, summte die Melodie leise durch die Zähne und wippte dazu im Takt auf den Fußspitzen und Hacken hin und her.

Lizzi wandte sich rasch ab, trat ans Fenster und rieb die weiße Stirn gegen den Riegel. Ihre vollen Lippen zuckten halb vor Schmerz, halb vor Aerger, und sie verspürte nicht übel Lust zu weinen.

Er wartete eine ganze Weile, daß sie etwas sagen sollte. Als sie aber hartnäckig schwieg, trat er hinter sie, legte den Arm um sie und küßte sie leise auf den Nacken. »Nicht wahr, mein Schatzel will doch auch so ein gut's Bibi Babi haben?«

»A lassen S' mi aus, i mag gar nix mehr von Ihne wissen!« schmollte sie, indem sie sich mit einer brüsken Bewegung seinem Arm entzog. Dabei schaute sie zufällig in schräger Richtung durchs Fenster und bemerkte Rudis düster gespanntes Gesicht hinter dem Fenster seines kleinen Zimmers, welches dicht neben der Eingangsthür gleichfalls nach dem Hof hinaus lag und dessen Außenwand mit der des Eßzimmers einen rechten Winkel bildete. »Da, jetz hat uns der Rudi g'sehn,« fügte sie ärgerlich hinzu und trat dann drei Schritte vom Fenster weg.

»Der Rudi? Wer ist das?« fragte Gregor ziemlich gleichgültig. »Ah so, der Schulbub'.«

»Jawohl, der Schulbub'!« versetzte Lizzi spitz. »Aber der meint's ehrlicher wie Sie, mein Herr.«

»Oho, ein Konkurrent?« lachte Gregor. »Das wird ja ganz gefährlich! Komm, Schatzel, sei nit so bös. Jetzt nennst du mich gar schon ›Sie‹! Kannst du mich denn gar nicht mehr leiden?«

Und Lizzi sagte knapp und klar: »Nein!«

Er versuchte die Sache ins Scherzhafte zu ziehen, aber sie schaute so ernsthaft böse drein, daß er es aufgab. So streckte er ihr denn endlich mit einem tiefen Seufzer seine Hand hin und sagte: »Also, dann leb' wohl, Lizzi. Ich will mir alles noch einmal gründlich überlegen und auch an den Herrn Vicegespan schreiben, und dann sprechen wir uns wieder, nit wahr? Aber allein – im Tiergarten oder bei deiner Freundin, der verdrehten Malerin. Komm, einen Kuß zum Abschied.«

Aber sie wollte nicht. Sie gab ihm nur die Hand und zuckte die Achseln, als er »auf Wiedersehen« sagte. Damit ging er hinaus. – –

Frau von Goldacker mußte gehört haben, wie die Thür ins Schloß fiel, denn gleich darauf steckte sie den Kopf herein und rief leise: »Bist du allein, Kind? Komm herein und sag dem Herrn Pastor guten Tag.«

Lizzi strich sich wieder mit der Hand über die Stirn, holte tief Atem und zwang sich zu einem überaus freundlichen Lächeln, während sie gleich darauf das Zimmer der Majorin betrat und ihren Knix vor dem fremden Herrn machte.

Pastor Werkmeister war ein großer, stattlicher Mann mit einem frischen, germanisch-ehrlichen Gesicht. Glatt rasiert, mit kurzem, hellbraunen Kotelettenbart. Da er ganz schlicht civil gekleidet war und sogar die übliche goldne Brille fehlte, so sah er nicht unbedingt pastoral aus, eher wie ein Mittelding zwischen Hotelier und Sportsman.

»Da, lieber Herr Pastor, da sehen Sie das Findelkind, das mir der liebe Gott beschert hat,« rief die Majorin enthusiastisch, nachdem sie Lizzi vorgestellt hatte.

Der geistliche Herr ließ seinen Blick mit unverhohlenem Wohlgefallen auf dem großen Mädchen ruhen und dann sagte er: »Man sieht, gnädige Frau, Sie haben bei unserm Herrgott einen Stein im Brett und Ihr Schönheitssinn ist höheren Ortes auch schon bekannt, hahaha!« Dann neigte er sich gegen Lizzi und fügte mit weltmännischer Gewandtheit hinzu: »Denken Sie, mein gnädiges Fräulein, die Frau Majorin hat die ganze Zeit über nichts andres gethan, als mir von Ihnen etwas vorgeschwärmt, und jetzt sehe ich, daß sie diesmal wenigstens nicht übertrieben hat in ihrer bekannten liebenswürdigen Begeisterung.«

Das war ein hübsches Kompliment und Lizzi quittierte darüber mit einem Erröten, das sie nur noch reizender erscheinen ließ. Der Pastor gefiel ihr überhaupt gut, und der flotte, harmlos scherzende Ton, den er der ganzen Unterhaltung zu geben wußte, sagte ihr just zu, um ihren frischen Schmerz verwischen zu helfen. Sie schämte sich der bitteren Enttäuschung, die sie eben erlebt hatte. Sie wollte sich nichts merken lassen, nicht als genasführtes Gänschen bemitleidet werden. Und es gelang ihr wirklich so gut die Unbefangene zu spielen, daß die Majorin wie auch der junge Geistliche von ihrem natürlichen Humor, ihrer munteren Anmut ganz entzückt waren. Der Pastor blieb ziemlich lange und vergaß über der angenehmen Unterhaltung ganz und gar, daß er eigentlich in Armenangelegenheiten gekommen war. Erst als ihn die Majorin zur Flurthüre begleitete, beim Abschiednehmen, erinnerte er sich daran.

Sobald die beiden hinaus waren, sank Lizzi auf den nächsten Stuhl, legte ihren Kopf in die hohlen Hände auf den Tisch und murmelte leise vor sich hin: »O, mein Gott – jetzt hab' i aber gut Komödi g'spielt!« Und die Thränen stürzten ihr unaufhaltsam aus den Augen.

Gleich darauf trat Frau von Goldacker wieder herein, hochrot im Gesicht von all der Aufregung der letzten Stunde. Sie war außerordentlich vergnügt, tänzelte in dem engen Stübchen herum und klatschte in die Hände. Lizzis sonderbare Stellung, in der sie unbeweglich verharrte, schien ihr gar nicht weiter aufzufallen. »Kind, du bist ja ein ganz gefährlicher Racker!« rief sie lustig. »Weißt du auch, daß du unsrem guten Pastor ganz und gar den Kopf verdreht hast? Ein wahres Glück, daß du Braut bist! – Na, wie ist dir denn jetzt zu Mute? Daß die Sache zwischen euch im reinen ist, das hab' ich dir ja gleich angesehen, wie du so strahlend hereinkamst. Was machst du denn da? Heulst du ein bißchen? Ja, ja, das hat man so: das ist das Glück! – Wo steckt denn bloß der Bubi? Warum hat sich denn der Schlingel gar nicht sehen lassen?«

Und wie der Wirbelwind rauschte die lebhafte Dame in ihrem verschossenen Pompadourkostüm hinaus und, alle Thüren hinter sich offen lassend, in das Zimmer ihres Sohnes hinein.

Der saß auch am Tisch, einen kleinen Spiegel in der Hand, und quetschte mit einem Uhrschlüssel seine unglückseligen Wimmerln aus, wahrend ihm die hellen Thränen über die Backen liefen.

»Ja, Herrgott himmlischer Vater, was ist denn mit dir los, Bubi?!« rief die zärtliche Mutter ganz entsetzt bei diesem traurigen Anblick. »Komm zu Tisch, die Suppe ist schon da.«

»Ich habe heute keinen Appetit, Mama,« schluchzte der große Bursche, indem er sein Handwerkszeug auf den Tisch legte und sich eiligst die Augen trocknete.

»Ja, aber sag mir bloß, Junge, warum weinst du denn? Ist dir in der Schule was passiert?«

Und mit hohler Grabesstimme erwiderte Rudi pathetisch: »O nein, Mutter, darum weint ein Mann nicht.«

Jetzt ging der Majorin ein Licht auf. Sie rang die Hände ineinander, schüttelte den Kopf und seufzte: »Ach, du Grundgütiger – Gott sei Lob und Dank, daß sie wenigstens verlobt ist! Mein armer süßer Bubi!« Und sie drückte seinen strohigen Blondkopf an ihr grünseidenes Mieder und ließ ihn dort sich ausschluchzen.

Zwölftes Kapitel

In welchem Lizzi die Gunst der bethränten Königin erwirbt und dankenswerte Aufklärungen über das Wesen der wahren Tugend, wie der wahren Schauspielkunst empfängt.

Lizzi erschien an jenem Tage, nachdem ihre Thränen versiegt waren, von einer ganz ungewöhnlichen Weichheit und Zärtlichkeit, nicht nur gegen ihre mütterliche Beschützerin, sondern auch gegen den traurigen Bubi. Sie bat ihn in so herzlicher Weise um Verzeihung für ihr schroffes Anfahren, daß er nicht mehr den Gekränkten spielen konnte. Ihre geschwisterliche Aussprache endete vielmehr damit, daß er ihr aufs neue ewige Treue schwur als Freund und Bruder und ihr das Versprechen abnahm, ihre Freuden und Leiden künftig mit ihm zu teilen und ihm nichts zu verschweigen, was irgendwie ihr Wohl und Wehe berührte.

Trotz dieses unbedenklich gegebenen Versprechens fiel es Lizzi gar nicht ein, ihren schlimmen Argwohn gegen die Ehrlichkeit ihres Liebhabers Rudi oder seiner Mutter zu verraten. Es war ja immerhin möglich, daß die Ueberraschung angesichts des unvermuteten energischen Eingreifens der Majorin ihn verstimmt und dadurch auch die Wärme seines Gefühls für Lizzi etwas herabgedrückt hatte. Sie wollte deshalb noch nicht gleich an der Solidität seiner Absichten verzweifeln. Sie war auch viel zu stolz, um etwa voreilig das Mitleid ihrer Freunde anzurufen. War sie doch jetzt eine junge Dame, die das Leben kannte, da mußte sie sich vor schwachherzigen Kindereien doch ängstlich hüten. Sie ließ also der guten Majorin das Vergnügen, sie als glückliche Braut zu behandeln, und bat sie nur, um möglichem Unheil vorzubeugen, in ihrem Bekanntenkreis nicht von der Sache zu sprechen, ehe nicht Gregor selbst es für an der Zeit hielt, die Verlobung öffentlich bekannt zu machen, das heißt also, bis er die Staatsprüfung bestanden und sein Doktordiplom in der Tasche hätte.

Unter diesen Umständen war Frau von Goldacker doch einigermaßen erstaunt darüber, daß Lizzi am selben Tage noch sie lebhaft an ihr Versprechen erinnerte, ihre Freundin vom Hoftheater ersuchen zu wollen, ihr dramatischen Unterricht zu erteilen.

»Ja, aber Kind,« rief die Majorin verwundert, »was soll dir denn jetzt noch der dramatische Unterricht helfen? Ich denke, du solltest froh sein, daß du deine Bühnenlaufbahn aufgeben darfst, haha! Und wer weiß, ob es deinem Bräutigam angenehm ist?«

»Ah was, 's is doch immer gut, wenn m'r was g'lernt hat!« sagte Lizzi fest. »Wenn's auch nur wär, um mir mein' Dialekt abz'gwöhnen.«

»Aber nein, das wäre ja ewig schade drum, der steht dir so gut. Pastor Werkmeister hat es auch gesagt.«

Doch Lizzi wollte keinen Einwand gelten lassen. Sie beharrte so fest auf ihrer Bitte, daß die Majorin endlich versprach, sie morgen gleich ihrer Freundin vorzustellen. – –

Fräulein Amanda Orjes war eine Dame von etlichen vierzig Jahren, einst eine gefeierte Schönheit und besonders von der weiblichen Jugend angeschwärmte Darstellerin sentimentaler Heldinnen. In den letzten Jahren aber war sie etwas stark geworden. Ihr Organ war zwar immer noch klangvoll und weich, jedoch ihre Art zu deklamieren, mehr Gesang als menschliche Sprache, sagte dem veränderten Geschmack des Publikums nicht mehr zu. So war denn ihr Rollengebiet während der letzten zehn Jahre immer kleiner und kleiner geworden, und jetzt spielte sie nur noch die bethränten Königinnen. Sie war längst pensionsberechtigt, aber da sie immer noch stattlich genug aussah, Kronen mit Würde trug und mit ihrem fünffüßigen Jamben-Singsang sogar Schlachtenlärm und Glockengeläute hinter der Scene siegreich übertönte, so behielt man sie trotz ihrer seltenen Verwendbarkeit wie ein teures Erbstück pietätvoll bei.

Sie bewohnte eine halbe dritte Etage von drei Zimmern in einem älteren Hause der Mohrenstraße. Ein altes kleines verschrumpfeltes Mütterchen in den Siebzigern öffnete die Thür, als am andern Morgen Frau von Goldacker mit Lizzi ihren Besuch machte, und gab auf deren Frage nach Fräulein Orjes den Bescheid, daß Amanda jeden Augenblick heimkommen müsse. Sie sei nur auf ein Stündchen in die Hedwigskirche gegangen – den katholischen Dom Berlins. Das alte Weiblein, das ganz wie eine Magd aussah, war wirklich die Mutter der bethränten Königin, und sie hatte sich, trotzdem sie bereits ein Vierteljahrhundert lang bei ihrer Tochter in Berlin lebte, ihren heimatlichen Wiener Dialekt treu bewahrt.

»Ah, die gnädige Frau von Goldacker und das liebe gnädige Fräulein Tochter! Je, da wird die Amanda ihr Freud hab'n. Aber bitt recht schön, spazier'n S' nur eini. Kann ich Ihnen denn net a bisserl was vorsetzen? Einen Wein vielleicht? Ich hätt einen recht einen schönen süßen Tokayer. Oder vielleicht einen Kaffee, weil's heut gar so viel kalt is – er war gleich firtig – oder am End einen Punsch – mir hab'n auch einen ungemein feinen französischen Likör.«

Das gute Frauchen gebärdete sich so untröstlich, als die Damen durchaus nichts annehmen wollten, daß diese schließlich, um sie nur still zu kriegen, um einen Schnaps baten. Sobald die Alte zum Zimmer hinaus war, holten Frau von Goldacker und Lizzi mit größter Hast ihre Taschentücher hervor und führten sie mit einem gleichzeitig ausgestoßenen entsetzten »O – püh!« an die Nasen.

»A Pelutza! was stinkt denn da nur a so?« konnte sich Lizzi nicht enthalten, ziemlich laut auszurufen. »Das is ja g'rad, wie wenn…«

»Ja ja, das sind die Katzen!« ergänzte die Majorin, heftig mit ihrem Taschentuch den penetranten Geruch abwehrend. »Denke dir nur, sie hält sieben Katzen, die gute Orjes! Sieben Katzen und keinen Kater! Und trotzdem, trotz strengster Aufsicht kommen sie alle sieben mindestens zweimal im Jahre in die Wochen. Aber mehr wie sieben dürfens doch nie werden, und da muß denn jedesmal die junge Generation, soweit sie sie nicht verschenken kann, ersäuft werden. Sie soll hierfür ein eigenes Blechgefäß mit einem Deckel haben. Die böse Welt sagt ihr nach, daß sie den Massenmord immer nachts vornehme unter heißen Reuethränen und Bußgebeten. Sie soll immer tags darauf zur Beichte gehen. Und der Arzt muß ihr dann ein Zeugnis ausstellen, daß sie wegen hochgradiger seelischer Erregung mindestens eine Woche lang nicht auftreten dürfe. Das wird aber wohl Verleumdung sein. Daß sie eine richtige alte Jungfer ist, das ist freilich wahr, und eine fromme Schauspielerin mag wohl auch etwas sehr Seltenes sein, da lassen natürlich die bösen Zungen ihren Mutwillen dran aus. Ein bißchen komisch ist sie ja freilich, die gute Orjes; aber du mußt nicht denken, daß sie jetzt in ihren alten Tagen etwa die Sünden einer leichtfertigen Jugend abbüßte. Sie soll wirklich immer so brav und fromm gewesen sein, obwohl sie ihre Carriere in Wien beim Ballett angefangen hat. Ach Gott, du hättest sie nur sehen sollen als junges Mädchen! Ich kann mich noch gut drauf besinnen. So schön war sie! Ach, und in ihren großen Rollen als Gretchen, als Klärchen, als Julia, als Luise – zu nett, sage ich dir! So mädchenhaft – und dann mit solchem Schwung – so was gibt es heute gar nicht mehr! Heute sind die jungen Schauspielerinnen alle so – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – so unfein. Das soll immer alles gerade so sein, wie im gewöhnlichen Leben – von der höheren Poesie haben sie gar keinen Begriff mehr. Besonders in den neuen Theatern. Dieser Kainz – hu! Ein anständiger Mensch kann überhaupt nur noch ins königliche Schauspielhaus gehen.«

Lizzi hatte inzwischen Zeit gehabt, sich in dem kleinen Salon der keuschen Künstlerin umzusehen. Wenn nicht in einer Ecke des Zimmers auf einer schwarzen Holzsäule die Büste der jugendlichen Amanda gestanden wäre und an der Wand drum herum die zahlreichen verblaßten Atlasschleifen mit Widmungen in Golddruck und Stickerei, so hätte man allerdings nicht geglaubt, sich im Heim einer Bühnenkünstlerin zu befinden. Die Bilder an den Wanden waren meist religiösen Inhalts, geringwertige Stahlstiche und Oeldrucke. Nur die äußere Schmalseite des Zimmers zeigte einen ausgeprägt weltlichen Charakter, indem die Mitte der Wand von der lebensgroßen Photographie eines hohen Militärs, die Brust mit Ordenssternen bedeckt, eingenommen wurde. Mehrere kleinere Bilder zeigten denselben hohen Herrn in Civil und in Uniform in verschiedenen Stellungen, in ganzer Figur, als Kniestück und als Brustbild. Dazwischen, teils gerahmt, teils auf kleinen Staffeleien, verschiedene Kostümbilder von Fräulein Orjes selbst. In einem kleinen Glasschrank waren neben allerlei überflüssigem bric-à-brac eine Anzahl von Kostbarkeiten zur Schau gestellt, prunkend und unbenutzbar, wie es Jubiläumsgeschenke oder die Gaben fürstlicher Huld zu sein pflegen: ein Album und eine Schreibmappe aus Juchtenleder mit vergoldeten Metallbeschlägen und großen bunten Steinen verziert, ein Schreibgerät von Malachit in Bronze montiert, ein reich emailliertes Flacon, ein Rosenkranz, aus Türkisen und kostbarem Holz zusammengesetzt, einige etwas altmodisch gewordene Schmuckgegenstände und dergleichen mehr.

Auf einer hübschen eingelegten Kommode in Zopfstil stand unter einem Glassturz eine bunt bemalte Marienstatuette und drum herum eine Menge meist nicht eben geschmackvollen Kleinkrams, wie ihn alte Damen allmählich um sich zu versammeln pflegen. Auf dem runden Sofatisch mit der verschossenen Plüschdecke lagen verschiedene Prachtwerke und Goldschnittbändchen herum, meist Anthologieen für die deutsche Jungfrau, zuckersüße Lyrik, breiweiche Epik: Schulzes »Bezauberte Rose«, Redwitz' »Amaranth«, Putlitz' »Was sich der Wald erzählt«, Jensens »Die braune Erika«, Storms »Immensee«, Bodenstedts »Shakespeares Frauengestalten« und Oesers »Aesthetische Briefe an eine Jungfrau«.

Lizzi hatte all die Büchertitel gelesen und war dann von ihrem Sofaplatz aufgesprungen, um neugierig unter all den Nippes umher zu stöbern und besonders den Inhalt des Glasschranks in Augenschein zu nehmen. Auf der Kommode hatte sie auch eine Parfümflasche entdeckt und sich trotz dem Warnungsruf der Majorin rasch eine tüchtige Portion ihres Inhalts auf ihr Taschentuch gegossen, als Gegengift wider das schreckliche Katzenodeur.

Jetzt arbeitete sich auch die Majorin hinter dem Sofatisch hervor und trat zu Lizzi an den Glasschrank.

»Weißt du, Kind,« flüsterte sie ihr wichtig zu, »das ist ihr Reliquienschrein. Die Sachen da hat sie alle von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen Georg Viktor bekommen. Das ist der Herr, von dem die vielen Bilder da hängen. Schon ein älterer Mann, wie du siehst. Der soll die Orjes sehr gerne gemocht und ihr nach jeder neuen Rolle was Hübsches geschenkt haben. Was sonst die Leute redeten, das ist alles nicht wahr gewesen. Aber wie der Prinz vor fünf Jahren zu seinen Ahnen versammelt wurde, da bildete sich die arme Amanda ein, er wäre aus unglücklicher Liebe zu ihr gestorben. Seitdem trägt sie nur Schwarz und geht noch einmal so viel wie früher in die Messe. Ja, liebes Kind, du mußt darüber nicht lachen: alte Jungfern haben eben meistens irgend solche komische Ideen; aber sie ist sonst eine so gute, brave Person – da drückt man halt ein Auge zu.«

Lizzi kicherte in ihr Taschentuch. Sie hatte sich das Heim einer berühmten Bühnenkünstlerin ganz anders gedacht. Mit argem Herzklopfen war sie hergekommen. Noch bis spät in die Nacht hatte sie die Bruchstücke aus klassischen Rollen, die sie während der letzten vierzehn Tage eifrig memoriert hatte, sich wiederholt vorgesprochen, um doch einigermaßen für die Prüfung gerüstet zu sein. Nun aber, da der Schalk in ihr die Oberhand gewonnen, war ihre ganze kindische Angst verschwunden.

Jetzt endlich kam Mütterchen Orjes wieder herein, vorsichtig ein chinesisches Theebrett in den zitterigen Händen balancierend, auf dem eine Likörflasche mit französischem ›Crême de Cacao‹, zwei grüne Gläschen mit aufgemalten Blümchen und zwei kleine Teller mit Biskuits und Bonbons sich befanden. Sie entschuldigte sich weitläufig, daß sie so lange habe warten lassen, aber die Gläser seien so verstaubt gewesen und die Bonbons habe sie nicht finden können. Die Damen nippten ihr Schnäpschen und ließen sich auch überreden, je eins von den uralten, verhärteten Pralinés zu genießen.

Glücklicherweise kehrte bald darauf Fräulein Amanda aus der Kirche zurück und betrat, sobald sie abgelegt hatte, in einem schwarzen Seidenkleide von etwas veralteter Machart das Empfangszimmer, um mit großer Herzlichkeit ihre Gäste zu begrüßen. Drei von ihren Lieblingen, eine Zebra-, eine Angora- und eine Kartäuserkatze, wirkliche Prachttiere, hatten es sich nicht nehmen lassen, sie hineinzubegleiten und rieben sich, sobald sie sich gesetzt hatte, schnurrend und mit steif aufgerichteten Schwänzen an den Beinen der Herrin. Das Mütterchen zog sich wieder in die Küche zurück.

Das Gespräch drehte sich natürlich zunächst um die Katzen. Lizzi gewann sich durch aufrichtige Bewunderung ihrer Schönheit sofort das Herz der Künstlerin, die denn auch mit großer Teilnahme einen kurz gefaßten Bericht über die bisherigen Schicksale des hübschen Kindes entgegennahm. Die Majorin erklärte nun den Zweck ihres Besuches und bat Fräulein Amanda, sich aus Freundschaft für sie ihres Schützlings anzunehmen.

»Sie wollen wirklich zur Bühne gehen, mein liebes Kind?« rief die bethränte Königin mit leise bebenden dunklen Tönen, indem sie Lizzis Hand ergriff. »Wissen Sie denn auch, welche Gefahren in diesem Beruf der unbehüteten Jugend drohen? Und besonders einer Schönheit, wie die Ihrige? O, mein liebes Kind, wenn nicht die Not oder ein unbezwinglicher innerer Drang Sie treibt, so lassen Sie sich warnen, den dornenvollen Weg der Künstlerin zu betreten. Geben Sie die Illusion auf, als winkte Ihnen nur die herrliche Aufgabe, die keuschen, edlen Frauengestalten der klassischen Dichter zu verkörpern. Es würde Ihnen nicht erspart bleiben, Ihr reines Gemüt zu besudeln durch die Darstellung vieler dieser abscheulichen modernen Rollen von häßlichen Leidenschaften erfüllter, durchaus unsittlicher Charaktere. Wenn auch Ihr Vater der Bühne angehört hat, so kennen Sie doch, soviel ich weiß, das Theater nur vor den Coulissen; aber hinter den Coulissen sieht es ganz anders aus – und nun gar auf den kleinen Bühnen, wo Sie doch wahrscheinlich anfangen müßten! Da kann man wirklich sagen: Begehre nie und nimmer zu schauen …«

Frau von Goldacker unterbrach ihre elegische Predigt, indem sie ihr mit schlauem Lächeln bedeutete, es sei mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß aus dem Plan, zur Bühne zu gehen, doch nichts werden würde, indem das gute Kind begründete Aussicht habe, durch einen gewissen Jemand seinem natürlichen weiblichen Beruf zurückgewonnen zu werden. Es wolle eigentlich nur zu seinem Vergnügen die Kunst der edlen Rede üben.

Lizzi verzog den Mund und machte ein ziemlich böses Gesicht zu solcher Indiskretion; desto freundlicher lächelte aber die trauernde Amanda und forderte Lizzi, indem sie ihr die Wangen streichelte, auf, etwas zu deklamieren.

Sie gehorchte, ohne sich lange zu zieren, stellte sich in die Mitte des Zimmers, gerade unter den kleinen Kronleuchter und faltete kindlich die Hände über dem Schoß. Selbstverständlich wählte sie »Johannas Abschied« aus dem ersten Akte der Jungfrau von Orleans. Jetzt war die dumme Angst doch wieder da! Sie fühlte, wie sie dunkelrot wurde und die Blutwellen ihr, atembeklemmend, bis in den Hals hinauf schlugen. Ja, im ersten Augenblick hatte sie sogar die Anfangsworte vergessen. Sie kniff die Augen zu, holte tief Atem – und da fielen sie ihr wieder ein. Leise und zaghaft begann sie:

»Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften,
Ihr traulich stillen Thäler, lebet wohl!
Zerstreuet euch, ihr Lämmer auf der Heiden,
Denn eine andre Herde muß ich weiden,
Euch lass' ich hinter mir auf immerdar!«

»Aber Sie bringen ja alles durcheinander, mein Herzl!« unterbrach sie hier die stattliche Künstlerin, indem sie beschwörend den Arm erhob.

Lizzi schämte sich furchtbar und sagte kläglich, ganz wie ein kleines Schulmädel: »I weiß net, heut in der Früh hab' i's doch noch so gut kennt,«

Und die bethränte Königin lehnte sich milde lächelnd in ihrem Sessel zurück und sprach ihr mit wohltönender Stimme den Anfang vor:

»Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften,
Ihr traulich stillen Thäler lebet wohl!
Johanna wird nun nicht mehr auf euch wandeln,
Johanna …«

»Johanna sagt euch ewig lebewohl!« fiel Lizzi rasch und laut ein. Jetzt war sie im Zuge und brachte ohne weiteren Anstoß den ganzen langen Monolog zu Ende. Zuletzt, von der Stelle an: »Und wenn im Kampf die Mutigsten verzagen,« wurde sie sogar ganz wild, begann heftig zu gestikulieren und schrie, daß die Krystallprismen am Kronleuchter aneinander klirrten.

»Das Schlachtroß steigt und die Trompeten – klingen!« schmetterte sie mit voller Kraftentfaltung ihrer gesunden Lungen heraus. Und dann blieb sie rasch und tief atmend stehen und ihre, durch die Erregung weit und glänzend gewordenen Augen funkelten erwartungsvoll die Tragödin an.

Die gute Majorin war ganz begeistert. Es war ihr unmöglich zu warten, bis Fräulein Orjes ihr Urteil abgegeben, sondern sie klatschte, sobald Lizzi geendet hatte, in die Hände und rief: »Bravo, bravo! Nein, aber Lizzi – das hätte ich dir ja gar nicht zugetraut. Ganz ohne Souffleur – ohne stecken zu bleiben! Und dann diese Keckheit! Und das Organ! Herrgott nein, angst und bange kann einem dabei werden, wenn du so loslegst. Nun, was sagen Sie, liebes Fräulein? Hat sie nicht Talent? Was hab' ich Ihnen gesagt? Mit achtzehn Jahren! Ist Ihnen so was schon vorgekommen? Ach und jodeln kann sie, das müßten Sie erst einmal hören! Geh Lizzi, trag doch einmal das Schnaderhüpfl vor. Du weißt schon, das mit dem komischen Text, den ich immer nicht verstehe.«

Hier machte die begeisterte kleine Dame eine Atempause, so daß Fräulein Amanda endlich zu Worte kommen konnte. Mit einem milden Lächeln bedeutete sie der Majorin, daß die Fähigkeit zu jodeln nicht unbedingt ein Kennzeichen sei für das Vorhandensein eines Talentes zur dramatischen Darstellung. Material besitze das junge Mädchen ja freilich in hervorragendem Maße, nämlich die stattliche Erscheinung, das bewegliche Gesicht mit den sprechenden Augen und das gesunde kräftige Organ. Damit würde sich wohl etwas machen lassen, wenn sie auch über das eigentliche Talent nach dieser bloßen Stimmprobe noch nicht urteilen könne. Vorläufig handle es sich hauptsächlich darum, ihr den Dialekt abzugewöhnen, was wohl allein mindestens ein halbes Jahr erfordern würde. Hier bemerkte Fräulein Amanda, daß Lizzi ein langes Gesicht machte und betrübt die Mundwinkel herabzog. Da erhob sie sich, legte ihr mit einer großen, königlichen Geste die Hände auf die Schultern, sah sie mit zur Seite geneigtem Haupte liebreich an und sagte: »Erschrecken Sie darüber, mein liebes Kind? Sie haben sich das Zur-Bühne-gehen doch wohl ein wenig zu leicht vorgestellt. Heutzutage gibt es ja freilich viele junge Mädchen, die sich zur Künstlerin berufen glauben, bloß weil ihnen ihr unbändiger Sinn das stille häusliche Leben eines deutschen Mädchens langweilig erscheinen läßt und weil sie einen zügellosen, frivolen Lebensgenuß davon erhoffen. Diese Mädchen studieren freilich nichts andres als die Kunst, ihre körperlichen Vorzüge in das rechte Licht zu setzen und glauben den größten Erfolg errungen zu haben, wenn sie einen reichen Liebhaber finden. Diese Art läuft ihren Eltern davon und bittet bei irgend einem Possen- oder Operetten-Theater um Aufnahme. Gage bekommen sie meistens gar nicht, sie sind schon froh, wenn sie nur in möglichst indecenten Kostümen herausgestellt werden. Und wenn sie dann jemand gefunden haben, der ihre Garderobe bezahlt, so vertraut ihnen der Direktor auch Rollen an. Wenn sie dann im Laufe der Zeit überhaupt etwas lernen, so lernen sie es nur durch Nachahmung, durch Routine – also wie Affen, nicht wie denkende Menschen. Wer aber eine wahre Priesterin des Schönen werden will, der muß jahrelang studieren, ehe er nur den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit wagt und auch dann das ganze Leben hindurch rastlos an sich arbeiten. Es ist meine Pflicht, Ihnen das zu sagen, mein liebes Fräulein, damit sie nicht etwa in die Versuchung geraten, einem schönen Phantom zuliebe, das in der Wirklichkeit sehr häßliche Züge zeigt, das echte und natürliche Glück der Frau von sich zu weisen.«

Hiermit drückte die bethränte Königin einen weihevollen Kuß auf Lizzis Stirn und dann fügte sie in leichterem Tone hinzu: »So mein liebes Kind, jetzt machen Sie mir aber wieder ein fröhliches Gesicht. Und wenn Sie zunächst einmal die Kunst der Rede erlernen wollen, so stehe ich Ihnen gerne zu Diensten.«

Die Majorin hatte mit gefalteten Händen und andächtiger Miene, wie in der Kirche, den goldenen Worten der edlen Priesterin des Schönen gelauscht. Sie war so gerührt davon, wie es weichherzige Frauen immer werden, wenn sie eine Trau- oder Grabrede hören und sie dankte der Künstlerin für die genossene Erbauung durch einen stummen Händedruck. Dann fragte sie sie etwas zaghaft, wie viel sie denn wohl für die Stunde nehmen würde?

Fräulein Orjes lehnte jede Bezahlung vornehm ab. Es wurde vereinbart, daß Lizzi zweimal in der Woche zu ihr kommen sollte. Und dann brachen die beiden Damen auf und verabschiedeten sich unter lebhaften Beteuerungen ihrer Dankbarkeit.

Recht kleinlaut und gedrückt stieg Lizzi die Treppen hinunter. Sie hatte sich eine Bühnenkünstlerin ganz anders vorgestellt und hätte statt der langen, erbaulichen Predigt weit lieber eine eingehende Kritik ihres Vortrages gehabt. Warum hatte sie ihr nicht wenigstens den Monolog selbst vorgesprochen, damit sie gewußt hätte, wie sie es meinte? Wenn das so weiter ging, wenn sie immer nur Katzen riechen und Predigten hören sollte, so konnte sie sich von dem Unterricht nicht viel versprechen. Und nun war es vollends noch ein geschenkter Gaul – da hieß es gar, fein stille sein und ungemessene Dankbarkeit an den Tag legen. Die Majorin hielt ihr das auch den ganzen Weg über vor, erschöpfte sich in Lobsprüchen über die edle keusche Sinnesart der schnöde verkannten Künstlerin und pries das Glück, das ihr gerade eine solche Lehrerin zugeführt habe. Lizzi stimmte recht einsilbig bei. Das einzige Gute, was ihr bis letzt bei der Sache herausgekommen zu sein schien, war, daß Fräulein Amanda ihr ihren Freiplatz im Schauspielhause zur Verfügung gestellt hatte und daß auch die Majorin die Notwendigkeit öfteren Theaterbesuches trotz der Trauer einsah. – –

Schon am nächsten Abend hatte sie übrigens Gelegenheit, ihre Lehrerin in einem Wildenbruchschen Stücke auftreten zu sehen. So naiv sie sich auch noch dem ungewohnten Genusse überließ, so wenig sie sich kritisch Rechenschaft zu geben wußte, so fühlte sie doch mit ihrem angeborenen Kunstinstinkt sofort den großen Unterschied zwischen dem Stil der Darstellung hier im Königlichen Hause und dort im Deutschen Theater. Dort war ihr alles neu, eine berückende Offenbarung einer fremden Wunderwelt gewesen, hier spielte man Komödie wie in München auch, das war halt Theater schlechthin. Nicht etwa, daß ihr das Stück mißfallen hätte, nein, im Gegenteil! das leidenschaftliche Pathos, die bilderreiche Sprache, die starken, theatralischen Effekte, besonders der bewegten Massenscenen imponierten ihr ganz gewaltig. Aber es ging ihr doch nicht so ans Herz, wie dort in Grillparzers grotesk-heiterem Märchenspiel. Sie konnte sich ganz gut vorstellen, daß auch sie im prächtigen Kostüm da oben herumagierte und mit klangvollem Organ die Luft erschütterte. Sie hatte ebenso kräftige Lungen, wie alle diese Herren und Damen. Aber sie sah nirgends den Schauspieler hinter der vom Dichter geschaffenen Gestalt verschwinden, sie konnte sich nicht so klein, so elend in ihrem Nichts empfinden, wie jenen andern Leistungen gegenüber. Und sie ahnte ganz richtig, daß dies wohl der wahre Prüfstein sei, mit dem der geborene Künstler die Gestaltungskraft eines andern zu ermessen vermöge. Auch wenn ihr nicht ihr eigenes Gefühl gesagt hätte, daß Fräulein Amanda Orjes von all den unnatürlichen Mimen da oben die unnatürlichste sei, so würden die höhnischen Bemerkungen ihrer Nachbarschaft, die sie in den Zwischenakten erlauschte, sie darauf gestoßen haben.

»Die Orjes singt heute wieder die schönsten Opernarien!« sagte eine junge Dame vor ihr, wahrscheinlich eine jüngere Kollegin, zu ihrem Nachbarn, einem schwarzlockigen jungen Herrn mit sehr hoher Stirn und rassig gebogener Nase.

Und der erwiderte noch schärfer: »Sagen Sie lieber, sie jault wie ein Hofhund bei Vollmond.«

»Ja, ja, die Tugend allein thut es freilich nicht,« pflichtete ein älterer Herr bei, der sich in selbstbewußter Pose an die Brüstung der Parkettloge lehnte. »Es wäre wirklich höchste Zeit, daß sie sich in ein Kloster zurückzöge oder ein Mädchenpensionat eröffnete. Es ist nur schade um ihre schönen Arme und ihre pompösen Schultern. Hat sie denn noch kein Bildhauer ausgehauen, diese – monumentale Geistlosigkeit?!«

Die ganze Parkettloge kicherte und der boshafte Ausspruch des hervorragenden Kritikers wurde sofort eifrig weitergetragen. –

Friedrich, der Diener der Majorin, erwartete nach Schluß der Vorstellung Lizzi am Ausgang des Theaters, schritt, in seinem langen, erbsengelben Ueberzieher sehr bedeutend und vertrauenerweckend ausschauend, in angemessener Entfernung hinter ihr drein, begleitete sie in der Pferdebahn bis zum Potsdamerplatz und von dort zu Fuß nach Hause. Sie hütete sich natürlich, ihrer mütterlichen Freundin von den Bosheiten zu berichten, die sie über ihre bewunderte Amanda vernommen hatte und die Majorin schob ihre Einsilbigkeit, ohne sich weiter Gedanken zu machen, auf ihre große Ergriffenheit und kindliche Zurückhaltung.

Lizzi schlief schlecht in dieser Nacht und beschloß, trotz der geheimen Angst, die sie im Grunde vor Fräulein Grönroos hatte, doch diese Bekanntschaft weiter zu pflegen und mit ihr, so oft es irgend anging, das Deutsche Theater zu besuchen, sei es auch nur auf einem Stehplatz der Galerie.

Am andern Tage hatte sie die erste Unterrichtsstunde bei Fräulein Orjes. Sie blieben bei der Jungfrau von Orleans. Lizzi mußte ein Stück lesen, dann wies ihr die Lehrerin alle ihre Fehler in der Aussprache nach, las ihr dasselbe Stück richtig vor und ließ sie es so lange wiederholen, bis sie zufrieden war. Die Sache war ungefähr so interessant, wie die ersten Klavierübungen und eine starke Probe für Lizzis Geduld. Ihr musikalisches Ohr und ihre angeborene Nachahmungsgabe machten es ihr aber leicht, die Lehrerin zufrieden zu stellen und sie nahm sich vor, durch Aufmerksamkeit und guten Willen die langweilige Sprachreinigungskur nach Möglichkeit abzukürzen.

Zwar hatte sie diese erste Stunde hindurch mit heiligem Ernste den Offenbarungen der berufenen Priesterin gelauscht, jenes Herzklopfen, jene leichten Schwindelanfälle zu erdulden gehabt, welche empfindliche Naturen unter dem Eindruck einer neuen und bedeutungsvollen Situation stets zu befallen pflegen, aber es lag durchaus nicht in ihrem Wesen, sich durch die Scheu vor irgend welcher Autorität einen Sack über den Kopf ziehen zu lassen, wie es der Herdenmensch ohne Widerstreben duldet. Ein junger Mann, der sich zum erstenmal hat rasieren lassen, mag ungefähr mit denselben Gefühlen den Barbierladen verlassen, wie Lizzi, als sie, von ihrem erbsengelben Sicherheitswächter gefolgt, aus ihrer ersten dramatischen Unterrichtsstunde heimging. Die Empfindung des Stolzes über den Eintritt in einen neuen, wichtigen Lebensabschnitt vermischte sich unbehaglich mit dem Bewußtsein, eine etwas komische Rolle gespielt zu haben.

Um sich von dieser Verstimmung zu befreien, verfiel Lizzi auf ein drastisches Mittel. Die Majorin war ausgegangen und da benutzte sie die gute Gelegenheit, ihrem brüderlichen Anbeter Rudi einen Bären aufzubinden. Sie erzählte dem guten Jungen Wunderdinge von ihrer ersten Lektion. Fräulein Amanda habe ihr eine kupferne Blumenvase als Helm auf den Kopf gestülpt und einen eisernen Ofenschirm als Schild in die Hand gegeben, um sie in die rechte Begeisterung zu versetzen. Die sieben Katzen hätten alle in einer Reihe auf dem Sofa gesessen und zugehört – damit sie sich an das Publikum gewöhnen sollte. Und als Rudi, der all den Unsinn glaubte, sie bat, ihm doch einmal vorzumachen, was sie gelernt habe, da deklamierte sie ihm Johannas Abschied vor, getreulich im Stile ihrer Lehrerin, dessen komische Eigenheiten sie schon nach der einen Probe von gestern abend ganz richtig erfaßt hatte – nur ins Groteske übertrieben, selbstverständlich.

Der Spaß gelang um so besser, als der unschuldige Rudi ihn gar nicht merkte, sondern alles für blutigen Ernst nahm. Er war so erschüttert durch Lizzis Kraftentfaltung, daß er am Schluß ganz überwältigt vor ihr niederkniete und um die Erlaubnis bat, der erste sein zu dürfen, welcher der großen Künstlerin durch Handkuß seine Huldigung erwies.

In der lateinischen Stunde des nächsten Vormittags erlebte aber der junge Kunstkenner infolge mangelhafter Cicero-Präparation einen bösartigen Hineinfall.

Dreizehntes Kapitel.

In welchem die Kathi wie auch die Lizzi teils frei-, teils unfreiwillig sich fleißig in guten Werken üben.

Berlin, Sonntag den 3. Dezember 1883.

»Liebste Lizzi!

»Heut ist Sonntag und ich darf Dich nicht besuchen. Ich muß mich hinsetzen und Dir schreiben, obwohl ich in zehn Minuten bei Dir sein könnte. Es ist auch jetzt wirklich bald zu arg! Also denk Dir, so geht's mir! Du besinnst Dich doch noch, wie die Minna eine Watschen kriegte, an dem Tag, wo Du fortgingst. Natürlich kündigte sie am 15. und am 1. ist sie fort. Wenn ich die Tante gefragt hab nach dem neuen Mädel, hat sie immer gesagt, sie hätt noch nichts Passendes gefunden und am 1. in der Früh stellt sie mir vor, es war doch eigentlich recht unnütz, sich jetzt noch die Plag zu machen, so ein dummes Frauenzimmer ›anzubändigen‹ – so hat sie gesagt und das hätt ein Witz sein sollen. Ich hab aber gar nicht arg gelacht, weil ich doch gleich gemerkt hab, wo sie hinaus will – und richtig, nachher hat sie so lieb zum lächeln angefangen und hat mir's schön stad vorexpliziert, daß wir doch jetzt bald nach Italien gingen und gar keine Gäste mehr bei uns sähen, da könnt ich die paar Wochen das bißl Arbeit schon selbst verrichten. Wir hätten's ja daheim bei der lieben Mama auch thun müssen. Das ist schon ganz recht und bei unsrer lieben Mama haben wir es ja auch gern gethan, aber bei so reichen Leuten, wie Geheimrats, wo sie nachher wieder so viel Wesen von ihrer Feinheit machen und wo man sich grad zusammennehmen muß, daß man keinen faux pas macht, da ist meiner Ansicht nach so was der reine Geiz. Aber was soll man thun, wenn man doch einmal darauf angewiesen ist, Wohlthaten anzunehmen? Ich hab also nichts weiter sagen können und am Freitag ist also die Plag angegangen. Die Köchin natürlich, die mantelt sich gewaltig auf, weil sie eine »perfekte« ist und sich nicht für Hausarbeit verdingt hätt. Aus lauter Gnad und Barmherzigkeit hat sie sich herabgelassen, den Gang und die Schlafzimmer auszuwischen und mir beim Kehren in den Vorderzimmern zu helfen. Dafür kriegt's sechs Mark mehr im Monat, aber das andre muß alles ich machen, Nachtgeschirr ausleeren, aufbetten, Zimmer putzen, das Essen auftragen, Lampen richten und auf die Gangthüre passen – dieses ist jetzt mein Lebenslauf! Hinaus komm ich nur, wenn ich einen Brief forttragen oder das elende Hundsviech spazieren führen muß. Für mich hab ich gar keine Zeit mehr übrig, denn wenn ich mit der Hausarbeit grad nichts zu thun hab, muß ich beim Onkel sitzen und ihm vorlesen. Heut hat die Köchin ihren Ausgehtag, da darf ich gar nicht aus dem Haus, aber nächsten Sonntag ist mein Ausgehtag und wenn mich die Frau Geheimrätin dann nicht fortlaßt, dann kündige ich zum 1. Januar. Lieber geh ich bei ganz fremden Leuten in Dienst als Stubenmädel, als daß ich mich von der chikanieren laß. Der gute Onkel kann mir auch nicht helfen, der traut sich ja nicht, wenn er auch möcht, und aufregen soll man ihn auch nicht. Wenn ich bei ihm sitz und ihm die Zeitung oder einen Roman vorlese, kommt die Tante alle fünf Minuten hereingelaufen und spitzt, ob wir uns auch nichts andres erzählen, weil sie immer Angst hat, daß ich von Dir und von dem Testament anfange. Aber daß Du bei der Frau von Goldacker bist, das hab ich ihm gestern endlich doch gesagt, wie er mich wieder nach Dir frug. Der hat geschaut, kann ich Dir sagen und hat was sagen wollen, hat's aber nicht recht herausgebracht, weil's mit seiner Sprach noch sehr schlecht steht. Ich hab ihm nur gesagt, daß Du Dich mit der Tante gezankt hattest, worauf er seinen gelähmten Arm aufgehoben und immer so mit der Hand geschüttelt und was dazu vor sich hingemurmelt hat, daß mir ganz angst geworden ist. Ich weiß nicht einmal, ob er schon alle seine Gedanken richtig beisammen hat, etlichemal ist es mir schon so vorgekommen, als ob er von dem Testament was sagen wollt, aber dann hat er immer irgend ein Geräusch bei der Thür zu hören vermeint und gleich aufgehört zum reden. Ja, mein liebes Lieserl, mit unsrer Erbschaft da ist's fein gefehlt! Allein ausgehen, das wird er wohl nimmer mehr können. So ist er nie ohne Aufsicht. Den Notar zu sich ins Haus zu bitten, das traut er sich ja nimmer und dann soll's ja auch im nächsten Monat schon nach Italien gehen und da kann seine Frau ganz mit ihm anstellen, was sie will. Ich mein jetzt ganz gewiß, daß sie mich nicht mitnehmen will und glaub, sie plagt mich grad deswegen so arg, damit ich froh sein soll, wenn ich aus dem Haus komm. Ach, liebste Schwester! ist es nicht schrecklich, daß es mir so ergehen muß? Womit habe ich das verdient? Du hast es ja gut! Du hast Dein Talent, womit Du zur Not Dir selber durchhelfen kannst und außerdem gar noch einen Bräutigam, oder doch so gut wie Bräutigam! Was macht denn das Krajesovicherl? Hast Du's wieder gesehen? Noch eins muß ich Dir schreiben: Die Tante macht jetzt immer Anspielungen, daß ich doch wohl meine Dankbarkeit bezeigen und zu Weihnachten was schönes arbeiten würde. Ich bitte Dich, wo soll ich dazu noch die Zeit hernehmen? Ich habe ja auch kein Geld, um Zuthaten zu kaufen! Weißt Du, ich möcht an unsern Großonkel, den Oberstlieutenant von Mödlinger schreiben, ob der mich nicht am End doch brauchen könnt. Der alte Herr ist gar so einsam und verlassen und am End hat er doch noch so viel, daß ich auch mit satt werde. Es wär doch alles besser, als wie sich irgendwo hinstecken zu lassen, wo es der Tante Ida beliebt.

So, jetzt weiß ich Dir nichts mehr zu sagen. Behüt Dich Gott, liebe Lizzi, grüße die Frau Majorin und schreib auch einmal

Deiner armen Schwester

Kathi.«

Lizzi weinte heiße Thränen des Zorns und des Mitgefühls über diesen langen Brief und dann lief sie damit zur Frau von Goldacker und las ihn ihr vor.

Die gute Dame war ehrlich entrüstet und nicht verlegen um etwelche schmeichelhafte Beinamen für die Frau Geheimrätin. Sie versprach, in den nächsten Tagen schon zu ihr gehen und ihr gebührend ihre Meinung sagen zu wollen. Wenn sie es durchsetzen könnte, bis zum Professor selbst vorzudringen, der ja bereits wieder aufzustehen und einen Teil des Tages auf dem Sofa zuzubringen im stande war, so wollte sie sich nicht scheuen, die Geschichte mit dem Testament und das Benehmen seiner Gattin zur Sprache zu bringen. Aber dazu war freilich bei der Wachsamkeit und Energie seiner Gattin wenig Aussicht vorhanden.

Mit wie kühnem Mute, mit wie edlen Absichten auch die gute Majorin sich am andern Tage auf den Weg gemacht hatte, so kleinlaut kehrte sie zurück. An der Eisenstirn der Geheimrätin prallten alle Versuche vernünftiger Ueberredung ebenso ab, wie die ausgesuchtesten Grobheiten. Sie war weder zu rühren, noch zu überzeugen. Sie spielte die unschuldig Gekränkte, die trauernde Gattin, die man im eigenen Hause, ohne Rücksicht auf ihren frischen Schmerz brutal überfiel. Käthchen hätte es sehr gut bei ihr, und sie begriffe wirklich nicht, was ein Mädchen in ihrer Lage, das es doch zu Hause wahrlich nicht besser gehabt habe, denn noch alles verlange. Ihrer Meinung nach sei es doch schon eine That höchst seltener christlicher Gesinnung, daß sie dieses Mädchen überhaupt noch im Hause dulde und sogar noch mit Freundlichkeit behandle, nachdem sie es als höchst abgefeimte Erbschleicherin entdeckte. Daß dieses sanfte Käthchen nach allem, was sie, die Geheimrätin, an ihr Gutes gethan und trotz allem, was sie ihr zu verzeihen hätte, sich hinsetzte und Räubergeschichten von schlechter Behandlung erzählte, um ihr, der leichtgläubigen Majorin, Mitgefühl zu erregen, das beweise doch nur aufs neue, daß sie sich in ihrem Charakter nicht getäuscht habe. Man sehe jetzt erst ein, wie recht die Familie Riemschneider gethan habe, sich von dieser Frau Mödlinger zurückzuziehen. An ihren Kindern hätte man den lebendigen Beweis, was bei solchen Leidenschaftsehen herauskäme. Die Mädchen seien eben vergnügungssüchtig, eitel, verlogen und arbeitsscheu, wie fast alle diese sogenannten »Künstler«. Nun sollten sie sehen, wie weit sie mit dieser väterlichen Erbschaft kämen im Leben. Eine christlich denkende Frau dürfte jedenfalls solche verderblichen, phantastischen Neigungen nicht unterstützen. Mit dieser letzten Bemerkung hatte sie offenbar der Majorin einen Hieb versetzen wollen dafür, daß sie Lizzi dramatischen Unterricht nehmen ließ. Und das hatte die Majorin, die sich in allererster Linie für eine christlich denkende Frau hielt, dermaßen gekränkt, daß sie unvorsichtigerweise mit Lizzis angeblicher Verlobung aufgetrumpft hatte. Ein Arzt und Sohn eines Vicegespans würde doch wohl selbst in den Augen der höchst korrekten Frau Geheimrätin als eine würdige Partie gelten, und sie zweifelte sehr, ob es ihr so leicht gelingen werde, Käthchen anständig unter die Haube zu bringen, wenn sie dabei beharrte, sie Magddienste verrichten, sich ihre Hände zerarbeiten und ihre geistige Ausbildung vernachlässigen zu lassen.

Frau von Goldacker hütete sich übrigens wohl, von diesem letzten Teile ihrer Unterredung Lizzi etwas zu verraten, um so mehr, als die Antwort der Frau Ida weder für Lizzi noch für sie selbst besonders schmeichelhaft gewesen war. Sie hatte ihr nämlich höhnisch ins Gesicht gelacht und zuversichtlich behauptet, diese Liebelei mit dem schönen Serben sei nur eine Seifenblase, die bald genug platzen werde, sie möchte sich nur auf eine wenig erbauliche Ueberraschung gefaßt machen.

Den Professor hatte die Majorin natürlich nicht zu Gesicht bekommen und auch die Kathi selbst nur auf ein paar Minuten in Gegenwart der Tante sprechen können, wobei sie sie zu dem großen Kostümfest eingeladen hatte, welches sie bald nach Weihnachten zu geben beabsichtigte. Dies und die Herausgabe der Lizzi gebührenden zweihundertsiebzig Mark aus dem Erlös der Münchener Versteigerung war alles, was sie durch ihren Besuch erreicht hatte – abgesehen davon, daß sie jedenfalls Kathis Lage nur noch verschlimmert hatte. Bei dieser Gelegenheit hatte übrigens die Geheimrätin auch der Kathi fünfzig Mark von ihrem Vermögen ausgehändigt – zu Auslagen für Weihnachtsgeschenke!

Die nächsten Wochen im Hause der Majorin gestalteten sich so unruhig, daß Lizzi kaum die Zeit fand, ihre Aufgaben für Fräulein Orjes zu lernen. Die Wohlthätigkeitskonzerte, die Theeabende im christlichen Verein junger Männer mit belegten Butterschnitten und erbaulichen Ansprachen frommeifernder Aristokraten, die Bazare und ähnliche Veranstaltungen zum Besten der Weihnachtsbescherungen für arme Kinder häuften sich in dieser letzten Zeit so, daß oft mehrere dergleichen auf denselben Tag fielen. Lizzi erregte überall einige Aufmerksamkeit, da bei allen diesen frommen Festlichkeiten die entschieden hübschen Mädchen eine Seltenheit waren. Bei einem Bazar wirkte sie in einem der schönsten oberbayerischen Bauernkostüme, das die Majorin besaß, als Verkäuferin mit und hatte einen so großen Erfolg, daß die übrigen jungen Damen vor Neid fast barsten. Und Lizzi war weltlich und eitel genug, sich hierüber ganz unbefangen zu freuen. Daheim wurden gleichzeitig die Vorbereitungen für das Fest, welches am Sylvesterabend stattfinden sollte, eifrigst betrieben. Mehrere Nähmädchen waren den ganzen Tag mit Ausbessern und Umändern von Kostümen beschäftigt, denn die Majorin stellte der Mehrzahl ihrer Gäste selbst die Anzüge, in denen sie erscheinen sollten. Vormittags über kam die Entreeklingel fast gar nicht zur Ruhe und das kleine Empfangszimmer wimmelte beständig von Gardeoffizieren, Referendaren, und besonders von jüngeren und älteren Mädchen, mit oder ohne Müttern, welche von der Majorin eingeladen worden waren und über die bei dem Feste zu übernehmenden Rollen mit ihr Rücksprache nehmen wollten. Ohne Lizzis Hilfe wäre die gute Dame jetzt kaum fertig geworden, denn es war eine wahre Sisyphusarbeit, in diesem Wirrsal von Ansprüchen und Wünschen einigermaßen Ordnung zu schaffen und seine Absichten durchzusetzen, ohne rechts und links die kleinen Eitelkeiten zu verletzen, die lieben Vorurteile zu kränken und Bosheit zu ernten, wo man nur eitel Freude säen wollte. Die Abfertigung der Besuche war noch bei weitem die angenehmste und leichteste Arbeit. Das Schrecklichste war die Erledigung der Korrespondenz, die sich auf allermindestens ein halbes Dutzend Briefe täglich belief. Kaum eine von den jungen Herrschaften, von den Damen besonders, gab sich mit der ihr ursprünglich zugedachten Rolle sogleich zufrieden und die zuerst übersendeten Kostüme wurden fast regelmäßig wieder zurückgeschickt. Das Fräulein von X. hatte das Fräulein von Y. besucht und bei der Gelegenheit entdeckt, daß jene ein neueres und kostbareres Gewand zugeteilt erhalten habe, als sie selbst. Fräulein von X. sah nicht ein, warum sie durchaus als Vogelscheuche erscheinen sollte, und schrieb infolgedessen einen höflichen Absagebrief an die Majorin mit irgend einer ganz vagen Entschuldigung. Die spinöse junge Frau von W. war entrüstet über die Zumutung, in einem Direktoiregewande erscheinen zu sollen, welches eine ganz schamlose Entblößung von ihr fordere, während die schon etwas reifere Frau von Z. um die Erlaubnis bat, die Taille ihres goldgestickten Patrizierinnenkostüms um eine Hand breit tiefer ausschneiden zu dürfen. Man sei im sechzehnten Jahrhundert eben nicht prüde gewesen, und sie halte es bei einer solchen Gelegenheit für ihre Pflicht, ihre modernen Vorurteile der historischen Treue zum Opfer zu bringen. Fräulein von P., die lang und dürr war, wie ein Besenstock, und in einem lebenden Bilde als Hexe mit einer Maske figurieren sollte, hatte sich's plötzlich in den Kopf gesetzt, als Amor mit kurzer Tunika und Flügelchen erscheinen zu wollen und die kleine, dicke, rotwangige Superintendententochter, Fräulein M., welcher der Amor oder vielmehr Puck zugedacht war, schrieb sehr betrübt, sie müsse die Rolle leider dankend ablehnen, da Mama ihr nicht erlauben wolle, ihre Waden zu zeigen. Ein paar zweifellose Thränenflecke, auf dem sonst so sauber geschriebenen Briefchen, bezeugten die Tiefe ihres Schmerzes. Thatsache war, daß fast sämtliche Damen die Aechtheit der Kostüme nicht zu würdigen wußten, sondern vielmehr an ihrem ehrwürdigen Duft, ihrem unkleidsamen Schnitt, den verschossenen Farben und der oft freilich recht auffallenden Flickarbeit Anstoß nahmen. Auch die patenten Herren machten zum großen Teil Schwierigkeiten und erklärten, sich lieber vom Maskenverleiher ausstaffieren lassen, als sich mit dem alten, von Motten zerfressenen Plunder behängen zu wollen. Es kostete viel Ueberredungskunst und nicht wenig Tinte, um alle diese Entrüstungen zu beschwichtigen, diese Eitelkeitswunden zu bepflastern und unter dem bunt zusammengewürfelten Heerhaufen nur einigermaßen wieder Manns- und Weibszucht herzustellen. Jede Beruhigung bedeutete aber freilich nur einen Waffenstillstand und die Majorin wußte sehr wohl aus bösester Erfahrung, daß besonders widerspenstige Geister oft noch am Vorabend des Festes sich aufbäumten und kalt lächelnd den Erfolg des Ganzen in Frage stellten. Aber diesmal erleichterte Lizzis Hilfe der Majorin die schwere Aufgabe doch wesentlich, denn wo deren Ueberredungskunst versagte, sprang Lizzi mit einem Scherz, einem übermütigen Machtwort helfend ein.

Lizzi war sehr froh, daß die atemlose Geschäftigkeit dieser Zeit vor Weihnachten ihr alle weiblichen Handarbeiten unmöglich machte. Sie haßte das Sticken und Stricken, das Häkeln und sonstiges Gebastel. Nur eins war ihr leid, daß sie vor lauter Wohlthätigkeitsveranstaltungen keine Zeit mehr fand, zu ihrem eigenen Wohl etwas zu thun. Sie war gar nicht mehr ins Deutsche Theater gekommen und hatte ihre Absicht, mit Milka Grönroos wieder anzuknüpfen, nicht ausführen können. Auch ihren sogenannten Bräutigam, das Krajesovicherl, hatte sie nicht ein einziges Mal mehr zu Gesicht bekommen, obwohl die Majorin ihn schriftlich eingeladen hatte, sich doch ja auf dem Bazar einzufinden, wo Lizzi als Verkäuferin thätig war. Er hatte sich schriftlich entschuldigt mit seiner angestrengten Vorbereitung zum Examen, die er durchaus nicht unterbrechen dürfe. Lizzi selbst nahm den Bösewicht, trotzdem sie sich schwer gekränkt fühlte, aufs eifrigste in Schutz, was jedoch nicht verhindern konnte, daß die Majorin Verdacht schöpfte und mit einigem Bangen der hämischen Prophezeiung der Geheimrätin gedachte.

Lizzi war so unvorsichtig gewesen, der Majorin nicht zu verschweigen, daß ihre finnische Freundin allem Anschein nach eine Nihilistin oder so etwas Aehnliches sei, und die gute Dame, welche als stockkonservative Royalistin und gläubige Christin selbstverständlich der Ueberzeugung war, daß solche Leute mit dem leibhaftigen Satan auf du und du stehen müßten, wollte infolgedessen durchaus nichts davon wissen, daß ihre Schutzbefohlene mit einer so gefährlichen Person in näheren Verkehr trete. Trotzdem faßte sich Lizzi wenige Tage vor Weihnachten ein Herz und bat die Majorin inständig, ihr doch zu erlauben, Fräulein Grönroos zu ihr zu bringen und sie für einen der Festtage einzuladen. Sie stellte ihr lebhaft vor, eine wie große Wohlthat sie gerade diesem einsamen, verhärmten Geschöpf damit erweisen würde, wenn sie es einmal wieder hineinschauen ließe in das sonnige Behagen eines friedlich frohen, christlichen Heims. Damit könnte sie wirklich ein Gott wohlgefälliges Werk der Barmherzigkeit thun und vielleicht sogar eine irrende Menschenseele vor der Verzweiflung retten. Diesem letzten Argument vermochte Frau von Goldacker nicht zu widerstehen. Im Grunde genommen war sie übrigens auch sehr begierig, sich mit eigenen Sinnen zu überzeugen, was für eine Art Menschenkinder denn diese schrecklichen Ungläubigen und Umstürzler in der Nähe besehen seien. Wenn es ihr gelänge, sie zu bekehren – ein herrlicher Gedanke! Sie wollte auch Pastor Werkmeisters Beistand anrufen, falls ihre Kräfte nicht ausreichten. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß irgend jemand Pastor Werkmeister widerstehen könnte, und sei er der verstockteste Bösewicht. Hatte er doch erst kürzlich durch seine Redegewalt und sein herrliches Organ sogar einen als rettungslos aufgegebenen Trunkenbold bis zu Thränen gerührt und ihm das Versprechen abgerungen, nie mehr seine Frau prügeln zu wollen!

Am 22. Dezember durfte sich Lizzi auf den Weg nach der Landsbergerstraße machen. Frau Rösicke, die scheußliche Alte, empfing sie, obwohl sie sie gleich wieder erkannte, mit äußerst mißvergnügter Miene, wies nur mit dem Daumen über die Achsel nach der Stubenthür und sagte: »Jehn Se man rinn, wenn Se warten wollen. Det Freilein wird woll gleich wiederkommen.«

Lizzi folgte dieser freundlichen Aufforderung und fand zu ihrem Schrecken, daß das Zimmer noch ungeheizt und unaufgeräumt, trotzdem es bereits zwölf Uhr war. Und außerdem war die abscheuliche Luft von einem dicken Tabaksqualm erfüllt, der sich in wolkigen Ballen wie flüchtend davonwälzte, als sie die Thür öffnete.

Nein, sie konnte es in dieser Atmosphäre unmöglich aushalten, Sie öffnete das Fenster weit, trotzdem es draußen bitter kalt war, und dann wehte sie heftig mit dem Thürflügel, um den Rauch hinauszujagen. Die angenehme Wirtin stand draußen im Gang und schimpfte über den Zug, der ihr die ganze Wohnung auskühle.

Da wurde Lizzi sehr böse und schrie, ohne sich in ihrer Thätigkeit stören zu lassen, das keifende Weib laut an: »Wann S' die Kält'n net mögen, warum machen S' denn dann net eher d' Fenster auf? I kann nur net begreifen, wie Fräulein Grönroos a solche schlampige Wirtschaft dulden kann! Um Mittag noch net amal 's Zimmer z'samm'g'richt und ka Feuer im Ofen. Schamen S' Ihne net?«

»Wie meenen Se?« fuhr die Alte grimmig auf. »Schämen soll ick mir! Jawoll doch – as wi icke – he! Un von wejen Feier – nee, is nich, mein Joldkind! Erst berappen, sonst jibt et keen' Kien und keen' Spon. Von die hab' ick mir lange jenuch vor'n Narren halten lassen. Nu hab' ick et aber dicke! Zum Ersten muß se 'raus! Der Deibel soll mir holen, wenn ick nochmal mir mit so 'n Frau'nzimmer einlasse, die nich mal 'ne anständige Herrenbekanntschaft hat. Also riskier'n Se man jo keene Lippe – wenn Ihnen det zu kalt is da drinne, denn kennen Se ja ooch wieder jehen! Wejen meiner brauchen Se sich nich weiter uffzuhalten.«

Lizzi hatte von dem ganzen gemeinen Wortschwall nur so viel verstanden, daß Fräulein Grönroos bei der Alten Schulden habe. Kurz entschlossen zog sie ihre Börse, entnahm ihr eine Doppelkrone und drückte sie dem Scheusal in die rasch ausgestreckte Hand mit den Worten: »Da, so jetz geben S' aber a Ruh und machen S' a tüchtigs Feuer rein. Ich wer' Ihne helfen beim Aufräumen.«

Frau Rösicke hielt das Goldstück gegen das Licht und steckte es dann, befriedigt grinsend, in ihr Portemonnaie.

»Na, sehen Se,« sagte sie freundlich, »uff die Art lass ick mit mir reden. Ick hab' et mir doch gleich jedacht, det Sie 'n anständiges Mächen sin. Det' hab ick gleich an den feinen Herrn jemerkt, der Ihnen neilich abjeholt hat. Aber natierlich so 'n ollet, dürret Jestelle, wie de die is …«

Lizzi wartete das Ende ihrer Meinungsäußerung über Fräulein Grönroos gar nicht ab, sondern schlug die Thür dem widerlichen Weibe vor der Nase zu und machte sich hurtig daran, aufzuräumen. Bald erschien auch Frau Rösicke mit Holz und Kohlen und stopfte so viel in den kleinen Ofen, als hinein gehen wollte. Dann holte sie Scheuerlappen, Besen und Staubtuch und ging Lizzi immerhin flink genug zur Hand. Es dauerte keine zwanzig Minuten, so war das öde unfreundliche Gemach wenigstens aus dem Gröbsten gereinigt und in das wüste Durcheinander herumliegender Kleidungsstücke, Bücher, Malgeräte u.s.w. einige Ordnung gebracht. Das Feuer prasselte lustig, und jetzt schloß Lizzi das Fenster und komplimentierte die geschwätzige Alte hinaus. Ein Veilchensträußchen, das sie unterwegs gekauft hatte, stellte sie in einem Glase Wasser auf den Sofatisch und dann schaute sie sich befriedigt um, im voraus die freudige Ueberraschung der armen Milka genießend. Aber es dauerte noch geraume Zeit, ehe sie heimkehrte, und Lizzi benutzte die Langweile, um die garstigen Studien, die sie damals nur mit scheuen Blicken gestreift hatte, genauer zu besichtigen. Auf der Staffelei stand ein halbfertiges Bild. Es stellte eine fast bis zu den Hüften entblößte Frauengestalt dar, entsetzlich mager, stocksteif in der Haltung. Das Gesicht, welches unverkennbar, wenn auch hart und schlecht gemalt, Milkas eigene Züge trug, starrte mit unheimlich weit aufgerissenen Augen den Beschauer an, leichenblaß mit grünlichen Lichtern und braunen Schatten. Das kleine, feine Mündchen mit viel zu dunkelroten Lippen war ein wenig geöffnet und zwischen den weißen Zähnen kroch eine grün und gelb gefleckte, kleine Schlange hervor, mit roten Augen und schwarzer, gespaltener Zunge. Mit der einen Hand raffte die Gestalt ein schleierartiges, schwarzes Gewand mitten über dem Leibe zusammen und in der anderen hielt sie zwischen steif ausgespreizten Fingern eine langstengelige weiße Lilie. Der ganze Hintergrund war zinnoberrot verschmiert. Lizzi vermochte das Bild nicht lange zu betrachten. Es überlief sie eiskalt. Wie man nur so etwas Scheußliches malen konnte! Sie ergriff das nächste beste umherliegende Reclam-Bändchen und setzte sich damit in die Sofaecke. Es war Ibsens »Nora«. Sie hatte noch nie ein im wahren Sinne modernes Stück auf der Bühne gesehen, noch auch gelesen. Es war ein Ereignis für sie, in einem ernsten Schauspiel der wirklichen Sprache des Lebens zu begegnen. Die Vorstellung schoß ihr durch den Kopf, wie unendlich drollig es sich ausnehmen müßte, diese Nora oder diese simple Frau Linden reden zu hören, wie sie bei Fräulein Orjes reden lernte. Ohne daß sie eigentlich sich dessen recht bewußt war, begann sie schon von der dritten oder vierten Seite an mit halber Stimme laut zu lesen. Sie konnte sich ganz gut als Nora denken.

Sie hatte eben den zweiten Akt begonnen, als Fräulein Grönroos endlich heimkehrte. Lizzi war fast mißvergnügt über die Störung, so sehr fesselte sie das Drama, und sie empfing die Herrin der Wohnung wie einen lästigen Gast. Fräulein Milka blieb, ihren Augen nicht trauend, einige Sekunden in der Thür stehen, ehe sie hereintrat und mit großen Schritten auf Lizzi zuwankte. Es war ihr auf den ersten Blick anzusehen, daß ihr nicht wohl war. Sie stützte sich mit der Hand matt auf den Tisch beim Vorwärtsschreiten, und auf ihrem schmalen, welken Gesichtchen wechselte jähe Röte mit kalkigem Weiß. Sie atmete schwer von der Anstrengung des Treppensteigens. Und als sie vor Lizzi stand und ihr beide Hände zum Willkommen entgegenstreckte, erfaßte sie ein plötzlicher Schwindel, die Kniee brachen unter ihr zusammen und mit einem dumpfen Schmerzenslaut sank sie vor ihr zusammen. Lizzi erschrak nicht wenig und griff ihr rasch unter die Achseln, um sie aufzurichten.

Da stöhnte Milka leise auf: »Nein, lassen Sie mich da liegen. Ich weiß nicht, was mit mir ist. Ich – ich glaube, ich freue mich so sehr, daß Sie da sind. Sie sind ja jetzt wieder zu Hause in Ihrer anständigen Gesellschaft – ich dachte gar nicht an die Möglichkeit, daß Sie je wieder zu mir kommen könnten. Ich bin gar nicht gewohnt, Damenbesuch zu empfangen – es kümmert sich ja überhaupt kein Mensch um mich – es ist mir ja auch ganz recht so. Aber das ist schön von Ihnen, daß Sie gekommen sind – und gerade heute. Sonst wär's heute schon geschehen.«

»Ja, was denn?« rief Lizzi, beugte sich liebevoll über sie, nahm ihr das Pelzmützchen ab und streichelte ihr wirres, dunkles Haar.

Da drückte Milka ihren Kopf in Lizzis Schoß, ein paar vergebens unterdrückte Schluchztöne wurden laut – und dann konnte sie sich nicht mehr halten. Ihr tiefer Kummer löste sich endlich in Thränen auf.

Lizzi ließ ihr Zeit. Sie that keine Frage und fuhr nur immer fort, sie leise zu streicheln. Endlich hob Milka ihr feuchtes Gesicht empor und versuchte zu lächeln.

»Gräßlich dumm, nicht wahr, daß mir so 'was passieren muß! Es ist sonst gar nicht meine Manier, zu heulen – wahrhaftig nicht! Achten Sie nicht weiter drauf – ich bin gleich wieder in Ordnung. Wenn Sie nicht gekommen wären, hätte ich es hinuntergewürgt wie so manches vorher – und das da wäre mir nicht passiert.« Dabei holte sie ihr Taschentuch hervor, wischte sich die Thränen ab und richtete sich mühsam auf.

Lizzi zog sie neben sich auf das Sofa nieder und nun erst fragte sie, was ihr geschehen sei?

Milka verzog bitterlich den Mund und erwiderte tonlos: »Ich bin eben wieder mal gegen eine Wand gerannt. Es ist bloß wieder einmal alles aus für mich. Ich hatte mich nämlich endlich zu einem Entschluß aufgerafft. Es sollte mir mit der Schauspielerei nicht so ergehen, wie mit der Malerei. Sie wissen ja, daß ich nie ein Bild fertig bekommen habe. Nun wollt' ich es mit der Bühne einmal praktisch und geradezu probieren, wie andre vernünftige Frauenzimmer. In diesen letzten vierzehn Tagen bin ich bei fünf Berliner Direktoren und Agenten gewesen und hab' ihnen etwas vorgespielt. Sie haben mir alle dasselbe gesagt: ich hätte gar kein Organ, auf der dritten Bank würde mich schon kein Mensch mehr verstehen. Heute war ich gar im Ostendtheater. Dieselbe Geschichte – nur daß der ehrliche Mann noch hinzusetzte, ich möchte mich doch entschließen, fett zu werden, dann könnte sich auch vielleicht die Stimme etwas runden, denn die wäre so spitzig wie meine Ellbogen und so dünn wie meine Beine! – Na, ich denke, jetzt darf ich ja wohl die Hoffnung aufgeben und meinem Ehrgeiz die ewige Ruhe gönnen. Eine Mastkur erlauben mir meine Mittel nicht. Denken Sie, der Bankier, der mein kleines Kapital in Verwahrung hatte, hat Bankerott gemacht! Gestern haben sie ihn eingesteckt.«

Was war da zu sagen! Wie zu trösten, zu raten solchem Schicksal gegenüber! Ins blanke Nichts starrte dieses unselige Geschöpf hinein. Einfach zum Hungertode verurteilt, wenn keine Hilfe kam. Aber woher sollte die kommen? Selbst wenn sie sich entschloß, Almosen anzunehmen, auf wie lange konnten die ihr helfen? Aber natürlich gab Lizzi das nicht offen zu, sondern brachte eifrig all den banalen Trost zusammen, den gutherzige Menschen immer so bereit zu haben pflegen. Sie gab ihrer Hoffnung Ausdruck, daß die wohlthätige Frau von Goldacker sich ihrer annehmen werde, und meinte, die Theaterdirektoren hätten ganz recht, sie sollte sich nur erst ein paar Wochen ordentlich füttern lassen, dann würde sicherlich auch ihr Organ sich kräftigen. Sie sollte nur zunächst einmal gleich mitkommen und bei ihr daheim zu Mittag speisen, die Verantwortung wolle sie gern auf sich nehmen. Und dann brachte sie ihre Einladung für das Weihnachtsfest an und erzählte von dem Kostümball, der in Aussicht stand und ihr so viel zu schaffen machte. Damit kam sie auf sich selbst zu sprechen, berichtete von all den jüngsten Bethätigungen ihres frommen Eifers, schilderte ihr in drolliger Anschaulichkeit die Majorin und ihren verliebten Bubi, den Pastor Werkmeister und andre häufige Gäste des Hauses und erwähnte schließlich, so nebenbei, verschämt fast, ihres dramatischen Unterrichts bei Fräulein Amanda Orjes.

Milka hatte etwas zerstreut, matt lächelnd zugehört, aber dabei lauschte sie doch mit plötzlicher Teilnahme auf. »Bei der Orjes nehmen Sie dramatischen Unterricht?« fragte sie ungläubig. »Nein, Sie gutes Kind, wie kommen Sie denn auf die Idee? Wenn ich nicht schon halb tot wäre, so würde ich mich darüber tot lachen – aber ich bin zu schwach dazu, entschuldigen Sie mich.«

Lizzi errötete wie auf einer argen Dummheit ertappt und entschuldigte sich, indem sie die Majorin vorschob. Auf einmal leuchteten ihre Augen auf und sie wandte sich lebhaft Fräulein Grönroos zu.

»Hören S', da fällt mir was ein,« rief sie lebhaft. »Jetzt, dees wär' g'scheit: Sie geben mir selber Unterricht – in der modernen Manier heißt das – und ich zahl's Ihnen – ja aber gewiß zahl' i. Da hab'n S' doch gleich an Anfang zu ei'm Verdienst. Und wer weiß, am End find't sich noch mehr und Besseres dazu. Wissen S', ich empfehl' Sie schon weiter, wenn ich mit Ihnen z'frieden bin.« Sie lachte hell und packte sie an den Schultern, um sie aus ihrer stumpfen Teilnahmlosigkeit aufzurütteln. »Na, ist dees net ein guter Gedanke? Bei der Amanda lerne ich den höheren Ton und bei Ihnen studier' ich die Sachen, wo d' Leut vernünftig daher reden. Hier »Nora«, da hab'n mir's gleich, damit fang'n m'r an. Sie, dees g'fällt m'r, dees wär' was für mich.«

Milka gab sich alle Mühe, von dem Plane entzückt zu erscheinen und versprach, was Lizzi von ihr begehrte. Nur heute gleich mitkommen wollte sie nicht, sie hätte ja kein einziges anständiges Kleid mehr anzuziehen. Aus demselben Grunde könnte sie auch keine Einladung annehmen.

Aber Lizzi wollte auch das nicht gelten lassen. Sie versprach für Beschaffung eines präsentablen Gewandes Sorge tragen zu wollen und legte als Vorschuß auf das Unterrichtshonorar zwanzig Mark auf den Tisch, teilte ihr auch mit, daß sie der Wirtin bereits ebenso viel ausbezahlt habe.

Milka erhob sich vom Sofa, stieß Lizzi, die sie festhalten wollte, heftig zurück und schwankte durch das Zimmer nach dem Fenster hin. Sie drückte die Stirn an die kalten Scheiben und dann sagte sie mit einer matten Handbewegung nach der Thür deutend: »Gehen Sie, lassen Sie mich allein, ich bitte Sie! Ihre Güte bringt mich um. Ich bin so etwas nicht gewohnt. Das Geld muß ich nehmen – es bleibt mir ja nichts weiter übrig, aber zu spät kommen Sie doch. Hier ist für einen rettenden Engel nichts mehr zu holen, weder eine Seele noch ein Leib. Bitte, gehen Sie. Vielleicht hören Sie noch einmal von mir. Jedenfalls danke ich Ihnen, daß Sie noch einmal hier reine Luft geschaffen haben – und auch für das Feuer.«

Vierzehntes Kapitel.

In welchem es eine schöne Bescherung gibt

Lizzi sah wohl ein, daß sie die Unglückliche nur quälen würde, wenn sie noch weiter auf sie einzureden versuchte, und so sagte sie denn nur herzlich »Auf Wiedersehen!« und schlich traurig hinaus.

Einige Tage vor dem Fest sagte die Majorin beim Dessert ganz unvermittelt zu Lizzi: »Ich wundere mich übrigens, daß du mich noch gar nicht gebeten hast, dir deinen Bräutigam zum heiligen Abend einzuladen. Oder hast du gemeint, das verstände sich von selbst?«

Lizzi wurde rot und protestierte eifrig. Sie fühlte, daß sowohl Frau von Goldacker wie ihr Bubi in diesem Augenblick den Ausdruck ihres Gesichtes scharf beobachteten. Es entstand eine kleine verlegene Pause.

Dann begann die Majorin aufs neue: »Ich habe natürlich nichts dawider, im Gegenteil – ein Bräutigam gehört unbedingt unter den Christbaum. Also, ich werde heute noch schreiben. Aber das sage ich dir, wenn er wieder ablehnt wie neulich, dann ist's aus mit uns.« Auf ihren Wangen zeigten sich rote Zornesflecke und sie strich etwas nervös mit den knochigen Fingern die Brotkrümchen neben ihrem Teller zusammen. »Ich bin dem Herrn freundlich genug entgegengekommen. Er kann aber nicht von mir verlangen, daß ich ihm nachlaufe! – Herrje! Bubi, was fällt denn dir ein, rappelt's bei dir?«

Der Bubi hatte nämlich urplötzlich ziemlich derb auf den Tisch geschlagen. Mit einem ganz roten Kopf saß er da und rollte die Augen. »Pardon, Mama,« gab er kurzatmig zur Antwort. »Ich meinte nur …«

»Was denn, mein Sohn?«

»Nein, nachlaufen thun wir ihm nicht!«

»Ui jegerl, Rudi,« platzte Lizzi heraus: »Gar so g'schwollen brauchst a net daher z' reden. Was bild'st denn du dir ein von wegen 'm Nachlaufen? Meinst vielleicht, daß ich ihm nachlauf'?«

»Zankt euch nicht, Kinder,« rief die Majorin streng über den Tisch hinüber. Und dann, eine Viertelstunde später, nachdem die Tafel aufgehoben war, nahm sie die Lizzi heimlich beiseite und sagte: »Hör mal, Kind, ich werde nicht recht klug aus dir. Liebst du den Mann nun eigentlich oder nicht?«

Lizzi sagte nur: »Oh!« und zwar mit einem recht zweifelhaften Gesichtsausdruck. Die Majorin zuckte die Achseln und ging mit verschränkten Armen ein paarmal auf und ab. Dann blieb sie wieder vor Lizzi stehen und sagte: »Das ist übrigens jetzt ziemlich Wurst. Aber da ich mich einmal mit der Sache eingelassen habe, so bin ich gewissermaßen mit kompromittiert, wenn er sich nicht bald erklärt. Jeder anständige Mensch verlobt sich zu Weihnachten – das kannst du nach den Feiertagen in allen Zeitungen sehen. Also müssen wir ihn einladen, um ihm die Chance zu geben.«

»Aber liebe Tante,« wandte Lizzi bescheiden ein – sie hatte sich in letzter Zeit daran gewöhnt, die Majorin »Tante« zu nennen – »das thät' ja grad ausschaun, als ob ich von ihm absolut was g'schenkt hab'n möcht'. Na, und dann überhaupts – mir g'fallt's net recht. Wenn er net von selber kommen mag, soll er's halt bleib'n lassen.«

»Kind, das verstehst du nicht,« versetzte die Majorin, ihre schwachen Brauen wichtig hochziehend. »In der anständigen Gesellschaft heiraten die Männer fast nie von selber. Sie müssen immer ein bißchen energisch dazu gestupst werden.«

»Jesses!« entfuhr es Lizzi.

»Ja, so ist es einmal,« bekräftigte die Majorin. »Außerdem mußt du bedenken, daß du dich hast küssen lassen. Du kannst also überhaupt nicht mehr zurück.«

Lizzi machte ein sehr erstauntes Gesicht und rief ganz erschrocken: »A geh, naa, wegen so a paar Busseln.«

Die Majorin nahm eine sehr strenge Miene an und sagte spitz: »Liebes Kind, so redet eine junge Dame der guten Gesellschaft nicht. Das ist laxe Moral. In München mag man meinetwegen zu seinem Vergnügen busseln. Bei uns zu Lande ist das eine ernste Sache.« Damit schritt sie hoheitsvoll aus der Thür und ließ die gänzlich verwirrte Lizzi allein, damit sie Muße fände über ihre »laxe Moral« nachzudenken und in sich zu gehen.

Der heilige Abend war gekommen. Bis um sechs Uhr war die Majorin mit Lizzi bei der Bescherung für arme Kinder in einem Krippenverein anwesend. Dann kehrten sie heim, um ihren eigenen Christbaum anzuzünden. Kathi hatte schon eine halbe Stunde lang in Junker Rudis Gesellschaft auf sie gewartet.

Lizzi umhalste sie stürmisch, als sei sie ihr nach einer langen Abwesenheit wieder zurückgekehrt. Sie hatten sich wirklich in den letzten vierzehn Tagen nur ein einzigesmal auf ein kurzes Stündchen gesehen, und die Geheimrätin hatte gar noch viel Wesens daraus gemacht, daß sie Kathi die Erlaubnis erteilt, den heiligen Abend außer dem Hause zuzubringen.

»Was hat sie dir geschenkt?« war Lizzis erste Frage nach der Begrüßung.

»O, zwanzig Mark und Stoff zu einem schwarzwollenen Kleide.«

»Is wirklich wahr? Alle Six, dees is fei' nobel für ein Stubenmädel, wo erst drei Wochen im Dienst is!« rief Lizzi mit bitterer Ironie. »Na und der Onkel?«

»Der hat mir noch gar nix geben. Weißt, mir is so vorkommen, wie wann er mir hätt' den ganzen Tag was sag'n woll'n. Aber sei' Frau hat uns kane zwei Minuten lang allein g'lassen, weil S' gewiß a g'merkt hat, daß 'n Onkel was druckt. Wie i hab' Abschied nehmen woll'n, da hat s' g'sagt, ich sollt 'n net stör'n, weil er grad schlaft. I glaub's fei' net, daß er g'schlaf'n hat, denn weißt, um die Zeit is er g'wöhnlich grad am allermuntersten. Für dich hab' ich aber nix mitkriegt.«

Lizzi zuckte die Achseln: »Meinst vielleicht, von der hätt i was erwart'? A geh zu, red'n m'r von was anderm.«

»Ja, recht hast,« versetzte Kathi rasch, zog Lizzis Arm durch den ihren und begann mit ihr umherzuwandern. Sie waren im Berliner Zimmer miteinander allein geblieben, während die Majorin im Saal mit Hilfe ihres Bubi die Kerzen anzündete.

»Eins mußt m'r sag'n, du: is dees wahr, daß heut abend der Herr Krajesovich kommt und daß gleich Verlobung g'feiert wer'n soll?«

Lizzi blickte zur Seite und that möglichst gleichgültig. »Eing'laden is er,« erwiderte sie, »und zug'sagt hat er auch. Aber mit dem Verloben, weißt, dees wird net so g'schwind geh'n – ha!«

»Aber der Rudi hat's doch g'sagt, ganz bestimmt. Und a G'sicht hat er dazu aufgesteckt, ich sag' d'r so giftig, als wenn er di mit samt dei'm Schatz glei umbring'n möcht'. Was hast denn nur ang'stellt mit dem Buben? Der is ja rein närrisch. Dem hast a 'n Kopf verdreht, du schlecht's Ding, du! I weiß gar net, wies d' mir vorkommst; du mußt doch furchtbar aufg'regt sein? Ui jegerl, wann i mi heut verloben sollt', i meinet, i laufet wie damisch umanand'.«

Da ließ Lizzi die Schwester los und setzte sich mit einem Seufzer auf dem Drehsessel vor dem Klavier der Königin Luise nieder. Sie stützte ihren Kopf auf die Hand und pochte mit ihrer Fußspitze nervös auf den Teppich. »I weiß selber net, wie m'r z' Mut is,« begann sie nach einer kleinen Pause. »Sag mir nur, Katherl, was soll i jetzt anfang'n, wann er mir wirklich an feierlichen Antrag macht?«

»Ja, was is denn jetzt dees?« rief die Schwester verwundert. »Hast 'n denn epper net gern? Ich hab' g'meint, ihr seids schon völlig im reinen mit 'nander?«

»Gel, jetzt fangst du a no mit die dalketen Busseln an,« schmollte Lizzi in weinerlichem Ton. »Kann denn i da was dafür? Dees is von weiter nix kommen, als weil i den Abend den vielen Wein trunken hab'. Was wär' denn sonst, wenn dees net wär'? I hab' 'n ja nur dreimal g'sehn, und so an wildfremden Mann kann m'r do net glei heiraten.«

»Ja, wennst du 'n doch aber liebst!«

»Na ja, i mag 'n schon ganz gern leiden, aber … weißt, die ganze G'schicht g'fallt m'r nimmer. I hab' d'r's bisher net sag'n mög'n – aber seit sich d' Majorin so arg d'rum ang'nommen hat, schaut er mi mit ganz andre Aug'n an. I wär' recht froh, wenn er gar net kommen möcht'. Sixt's, er is am End' doch a Fremd's. Wenn's a Landsmann wär', thät' i mi gar net weiter b'sinnen. Aber denk doch nur, a ungarischer Serbe, dees is bald a so wie a Kineser. Thät'st denn du epper so ein' nehmen?«

Kathi besann sich nicht lange und erwiderte, ihre Hand mütterlich auf Lizzis Schulter legend: »Na weißt, wann i net wüßt', daß ich 'n über alles in der Welt lieb hätt', thät' i nein sagen – unbedingt!«

»Ja, aber d' Majorin thät' nachher sag'n, i wär' unmoralisch!« rief Lizzi händeringend.

In diesem Augenblick ertönte die Entreeglocke. Lizzi sprang auf die Füße, packte die Schwester erschrocken bei beiden Armen und flüsterte: »Dees is er. I lauf' davon. I mag 'n net seh'n. I sperr mi in mei' Zimmer ein. Sag du 'm, i hätt' Zahnweh.«

Kathi mußte lachen und wirklich das zappelige Ding mit aller Gewalt festhalten, damit es nicht davon lief. Endlich versprach Lizzi zu bleiben und vernünftig zu sein, unter der Bedingung, daß Kathi den ganzen Abend nicht von ihrer Seite wiche.

Da ließ der Diener auch schon Herrn Krajesovich von Nemes-Pann eintreten. Der junge Herr war kaum weniger befangen, als die beiden Mädchen, welche nur schüchtern knicksten und es gänzlich ihm überließen, die Unterhaltung zu eröffnen.

Es wurde dem guten Gregor sichtlich schwer, auch nur die nächstliegenden Redensarten zu finden. In seiner Verlegenheit machte er sich ungewöhnlich viel mit seinem Schnurrbart zu thun und was er sagte, war nichts weniger als geistreich.

Sie atmeten alle drei erleichtert auf, als ein Viertelstündchen später die Majorin mit einer großen Kuhglocke, die sie einmal als Andenken aus den Alpen mitgebracht haben mochte, das Zeichen zum Beginn der Bescherung gab. Gregor reichte den beiden Mädchen die Arme und führte sie, steif wie zu einem feierlichen Diner, in den glänzend erleuchteten Saal. Rudi, der hinter seiner halb geöffneten Zimmerthür gewartet hatte, bis sie vorbei waren, schloß sich ihnen leise auftretend an. Zuletzt kam Friedrich, die Köchin und das Stubenmädchen.

Sämtliche Kerzen auf den beiden Kronleuchtern brannten und der vom Fußboden bis zur Decke reichende Tannenbaum erstrahlte im Glanze von mindestens hundert Wachskerzchen und funkelte feenhaft durch den Widerschein des dicht über die Zweige hinübergesponnenen Silberdrahtes. Rings in dem weiten Raume waren mehrere größere und kleinere Tische verteilt, weiße Damastservietten darüber gedeckt und Armleuchter darauf gestellt, um die ausgebreiteten Gaben zu beleuchten. Die gute Frau von Goldacker hatte wirklich etwas sehr Hübsches zu stande gebracht und so komisch genau sie auch oft in Kleinigkeiten war, wenn es galt ihren Nächsten eine Freude zu machen, so scheute sie keine Kosten.

Das Harmonium war für die Gelegenheit in den Saal gebracht worden, und bevor jemand an seinen Tisch treten durfte und schauen, was ihm das Christkind gebracht, setzte sich die Hausfrau an das Instrument und stimmte das allbekannte Weihnachtslied »Stille Nacht, heilige Nacht« an. Sie selbst sang mit heller, etwas scharfer Stimme, vom Chor jedoch nur mäßig unterstützt: denn die Dienstboten scheuten sich in Gegenwart ihrer Herrschaft von ihren Lungen ausgiebigen Gebrauch zu machen, Rudi hatte überhaupt keine Stimme und die beiden großen Mädchen genierten sich vor dem ausländischen Eindringling. Lizzi machte kaum den Mund auf beim Singen und konnte sich nicht enthalten, ihren eventuell Zukünftigen ein wenig mißtrauisch anzuschielen. Er machte in der That ein etwas sonderbares Gesicht – nicht etwa höhnisch, nein, vielmehr etwa so, wie ein Europäer, der zum erstenmal zwei Samoaner zum Gruß ihre Nasen aneinander wetzen sieht und den Entschluß faßt, aus Höflichkeit demnächst ihrem Beispiele zu folgen. Natürlich sang er nicht mit, da er weder Text noch Melodie kannte, aber Lizzi glaubte doch ein leises Gebrumm zu vernehmen, welches wahrscheinlich seinen guten Willen bezeigen sollte.

Als der Gesang beendigt war, wies die gütige Hausfrau jedem den Tisch, wo er die für ihn bestimmten Gaben fand. Den Rudi geleitete sie selbst an der Hand nach seinem Platze. Lizzi fand eine Menge hübscher und nützlicher Dinge vor, die, wenn sie auch nicht eben kostbar waren, doch bewiesen, wie liebevoll die gute Majorin ausgekundschaftet hatte, was sie an kleinen Notwendigkeiten sich am meisten wünschte. Sie fiel ihr gerührt um den Hals und küßte sie in herzlicher Dankbarkeit. Jetzt war sie wieder ganz das Kind am Weihnachtsabend und hatte im Nu ihre Bangigkeit und Kümmernis vergessen. Leise aufjauchzend zeigte sie Kathi ihre Herrlichkeiten und wies ihr dann die Dinge, die für sie selbst bestimmt waren und von denen die Majorin das meiste bezahlt hatte, weil sie zu Fräulein Grönroos' Bestem gar zu tief in ihre Kasse gegriffen. Dann bewunderte sie den reichen Gabentisch Rudis und verfehlte nicht, ihn eindringlichst auf ihr Geschenk aufmerksam zu machen, einen Bierkrug mit dem Münchner Kindl darauf.

»Sixt es, das bin i,« lachte sie, auf die Figur des Mönchleins deutend und dann packte sie den schlanken Jüngling am Arm und schüttelte ihn tüchtig. »Ja, Rudi, was machst denn du für a G'sicht? Freust denn du dich gar net?«

»O ja, ich freue mich schon,« gab er mit dumpfer Grabesstimme zur Antwort. »Es war sehr freundlich von dir, daß du sogar an mich gedacht hast.«

Lizzi hörte den versteckten Sinn aus diesen Worten nicht heraus. Ihr fuhr schon ganz etwas anderes durch den Kopf. Sie ließ den Bubi ohne Antwort stehen und lief auf Gregor zu, der die ganze Zeit über etwas verlegen lächelnd beiseite gestanden war. Sie zog ihn an der Hand nach ihrem Tisch, wo, unter einer Serviette verborgen, ihr kleines Geschenk für ihn lag. Es war ein hübsches, mit Seide gefüttertes Portefeuille, in dessen innere Seite sie mit Goldfaden seinen Namenszug gestickt hatte. Dann hatte sie auch ein Bild von sich hinein gesteckt, ein freilich nicht sehr gutes Photogramm, auf dem sie ein bißchen gar gewöhnlich aussah.

Gregor dankte ihr mit einem Handkuß und dann holte er aus seiner Tasche ein Etui hervor und stammelte etwas verlegen, indem er es ihr überreichte: »Hab' ich mir auch erlaubt – kleines Andenken …«

Lizzi öffnete es hastig und stieß ein lautes »Ah!« freudiger Ueberraschung aus. Es war ein ganz schmaler goldner Armreif mit sechs grünen Steinen in einfachster Fassung darauf.

Die Majorin und Kathi traten neugierig näher, die Brautgabe zu besichtigen und die Dienstboten in ihrer Ecke des Saales steckten tuschelnd die Köpfe zusammen. Sie hatten sich natürlich längst über die einzig mögliche Erklärung für die Anwesenheit dieses Fremden geeinigt. Ein Bräutigam im Hause am Weihnachtsabend – das war besonders für das weibliche Personal ein äußerst interessantes Ereignis.

Dies war der kostbarste Schmuckgegenstand, den Lizzi je besessen hatte und sie zeigte ihn ganz glücklich überall herum, stolz über die Bewunderung, die er fand. Nur Rudi hatte die Lippen fest zusammengebissen und hatte nichts gesagt, aber sie achtete nicht weiter darauf in ihrer Erregung. Wenn Gregor sie in dieser Stimmung vor aller Ohren gefragt hätte: »Willst du die Meine sein?« so hätte sie höchstwahrscheinlich ja gesagt. Er that aber nichts dergleichen, sondern bewegte sich nur unfrei und befangen im Zimmer herum und fühlte sich offenbar in dem Bestreben, sich in die fremden Sitten zu fügen und möglichst liebenswürdig zu sein, recht unbehaglich.

Nach einer Stunde etwa ging man zu Tische, ohne daß er eine Gelegenheit gesucht hätte, das entscheidende Wort zu sprechen. Und als es Frau von Goldacker kurz vor dem Aufbruch gelang, die Lizzi auf einen Augenblick allein zu erwischen, konnte sie sich nicht enthalten, ihr zuzuflüstern: »Weißt du, ein ganz einfaches goldenes Ringlein ohne Stein hätte ich passender gefunden. Na, mach' deine Sache gut und gib ihm Gelegenheit. Der junge Herr kennt sich, scheint's, in den Landessitten nicht aus.«

Just als die Herrschaften den Gang überschritten, um sich ins Eßzimmer zu begeben, ertönte die Entreeglocke.

»Ah, vielleicht noch ein verspäteter Postbote,« rief die Majorin und ging selbst die Thür zu öffnen.

Es war der Pastor Werkmeister, der mit Lebhaftigkeit sein spätes Kommen entschuldigte. Amtsgeschäfte hätten ihn so lange aufgehalten. Jetzt erst erinnerte sich die Majorin, daß sie den Pastor, der keine Familie in Berlin besaß, schon vor einiger Zeit aufgefordert hatte, den heiligen Abend bei ihr zu verbringen. Sie bat die kleine Gesellschaft noch für einige Minuten in den Saal zurückzukehren und eilte davon, um noch ein Couvert für den vergessenen Gast auflegen zu lassen.

Der Pastor schüttelte Lizzi wie einer alten Freundin die Hand, behauptete, sich außerordentlich zu freuen, auch Kathis Bekanntschaft zu machen und bat dann, dem fremden Herrn vorgestellt zu werden. Da keine der Schwestern hierzu Miene machte, besann sich Rudi auf seine Pficht als Vertreter der Hausfrau und besorgte die gegenseitige Vorstellung der beiden Herren.

Sie sahen einander ein wenig verwundert an und hätten offenbar beide gerne gewußt, in welchen Beziehungen der andere zur Herrin des Hauses oder zu den beiden jungen Damen stand, denn Rudi hatte nur die Namen ohne weitere Erläuterung genannt. Jeder wartete ab, ob nicht der andere den Anfang zu einer Unterhaltung machen werde. Da aber keinem etwas Gescheites einfallen wollte, so entstand eine recht unbehagliche Pause, welcher endlich Lizzi dadurch ein Ende machte, daß sie den Pastor zu ihrem Tische geleitete und ihm ihre Geschenke zeigte. Der geistliche Herr war so liebenswürdig, eine lebhafte Teilnahme an den Tag zu legen. Er nahm diesen und jenen der zierlichen Toilettengegenstände in die Hand und lobte den guten Geschmack. Und dann griff er nach dem Etui und schickte sich an, auf den Verschlußknopf zu drücken, als er bemerkte, daß Lizzi eine Bewegung machte, wie um ihn daran zu verhindern.

»O, darf man das nicht sehen?« fragte er lächelnd.

Lizzi wurde ein wenig rot und dann sagte sie mit raschem Entschluß: »Da is ja eh nix drin. Ich hab's schon an. Da, schaun S', dees hab' i von dem Herrn da!« Und dabei hielt sie ihm ihr Handgelenk entgegen, an dem bereits der goldene Reif mit den grünen Steinen prangte, und deutete gleichzeitig mit einer leichten Kopfbewegung über die Schulter hin auf den unweit hinter ihr stehenden Gregor.

Pastor Werkmeister hatte ihre Hand erfaßt, während er das Armband aus der Nähe bewunderte, und hielt sie etwas lange fest – ganz in Gedanken. Er wußte nicht recht, wie er es anstellen sollte, um herauszubekommen, wer »der Herr da« denn nun eigentlich sei. Aber schließlich – eine bescheidene Frage konnte man ihm nicht verübeln. Er ließ langsam die Hand des Mädchens sinken und sagte: »Wohl ein alter Freund Ihres Elternhauses aus München?«

»O nein!« versetzte Lizzi rasch. »Wir kennen uns erst seit ganz kurzem. Bei mei'm Onkel haben wir uns z'erst gesehen und seither nur ein-, zweimal troffen. Ja, sehn S', Herr Pastor, bei die einen geht's halt g'schwind mit der Freundschaft und bei die andern langsamer – dees is halt so, gelt, Gregor?«

Der Angerufene trat einen Schritt näher, lächelte etwas gezwungen und sagte: »O, das wird Hochwürden gar nicht wundern. Er ist ja auch schon guter Freund, nicht wahr? Und kennt dich doch erst kürzer wie ich.«

Der Pastor erbleichte. Das war eine Weihnachtsüberraschung, von der er sich nichts hatte träumen lassen. Er war mit großer Freude der Einladung der Majorin gefolgt und hatte sich vorgenommen, die Stimmung des trauten Familienfestes zu benutzen, um womöglich einen Einblick in Lizzis Herz zu bekommen. Nun saß da schon ein andrer darin. Das war bitter! Er nahm sich zusammen, so gut es gehen wollte, und murmelte verlegen: »Entschuldigen Sie, Herr … Ich wollte mir durchaus kein Urteil anmaßen. Ich – also dann darf ich wohl…«

»Herr Pastor,« fiel hier Rudi laut ein, »wollen Sie sich meine Sachen nicht auch ansehen?«

Er vermochte kaum einen Seufzer der Erleichterung zu unterdrücken und wandte sich, ohne seinen Satz zu vollenden, eifrig an den Sohn des Hauses. Fast im selben Augenblicke erschien die Majorin und rief zu Tische.

Kathi benutzte die Gelegenheit, um Lizzi unbemerkt tüchtig in die Seite zu puffen und ihr zuzuflüstern: »Jesses, was machst denn du nur für G'schicht'n? Schämst di denn gar net? Mir sagst, du willst nix'n mehr wissen von dei'm Schwarz'n und jetza nennst'n beim Vornamen und dutzt'n a no! Was soll jetzt der Herr Pfarrer von dir denken? Und was willst denn nachher sagen, wenn er dir zur Verlobung gratuliert? Er hat so scho halbet dazu ang'fangen!«

Lizzi zuckte die Achseln und gab trotzig zurück: »No sag' i halt: net wahr is.«

»So – ja was bist denn du nachher? Sei Schatz? Dees kannst doch 'm Pfarrer net sag'n.«

»Warum denn net? Evor i lüg'.«

»A, geh zu, du wirst dei' Lebtag net g'scheit.«

Pastor Werkmeister hatte sich beeilt, der gnädigen Frau seinen Arm zu bieten. Sie hatte jedoch dankend abgelehnt, mit dem Bemerken, daß heute die jungen Paare zusammenhalten müßten, und ihn an Kathi gewiesen, um an seiner Statt den Herrn Sohn an ihre Seite zu kommandieren. Der kleine Zug ordnete sich rasch zum zweitenmal, die Hausfrau mit Rudi voran, dann der Pastor mit Kathi, und zuletzt die Verlobungskandidaten.

Gregor blieb absichtlich etwas zurück, um, als sie gerade die Schwelle überschritten, Lizzis Arm fest zu drücken und ihr zuzuraunen: »Lieber, herziger Schatz! Find ich serr komisch, nicht wahr?«

»Was denn komisch?« gab sie verwundert zurück.

»Daß Pastor jetzt denkt, wir wären verlobt, haha!«

»Das find ich gar nicht komisch, Herr von Krajesovich,« stieß Lizzi zornig zwischen den geschlossenen Zähnen hervor, indem sie dabei einen nichts weniger als zärtlichen Blick von oben an ihm herabgleiten ließ, mit einem Ausdruck und einer Kopfbewegung, wie keine Schauspielerin ein vornehm abweisendes Gekränktsein besser hätte darstellen können.– –

Der Pastor sprach das Tischgebet und dann setzte man sich zu der landesüblichen Weihnachtsmahlzeit nieder, bei welcher der Karpfen den feststehenden ersten Gang bildet. Wenn ein Fischessen schon im allgemeinen wegen der damit verknüpften Lebensgefahr nicht gerade geeignet ist, zu lebhafter Unterhaltung anzuregen, so schien die Beschäftigung des Grätensuchens heute doch ganz besonders lähmend auf die Sprechwerkzeuge zu wirken. Die Frau des Hauses war befangen, weil sie den geistlichen Freund nicht erwartet hatte und nun nicht wußte, wie sie ihm gegenüber die Erscheinung des fremden Gastes erklären sollte. Der Pastor selbst war noch vor Ueberraschung einigermaßen geistesabwesend und richtete zweimal kurz hintereinander dieselbe gleichgültige Frage an Kathi. Diese wiederum besaß sowieso keine hervorragende Unterhaltungsgabe. An Rudis schöner Seele nagte das grünäugige Scheusal Eifersucht und machte ihn überhaupt für menschliche Gesellschaft ungeeignet. Der schöne Serbe fühlte sich in diesem trauten Familienkreise so wenig zu Hause, wie nur irgend denkbar, und vermochte weder die Vorliebe für weihnachtliche Karpfen noch Verlobungen mit den Anwesenden zu teilen. Und Lizzi endlich nahm Aergernis an allen und allem, nicht zum mindesten an sich selbst. Der alte Trotz regte sich in ihr, mit dem sie von Kindesbeinen an zu kämpfen gehabt hatte, und machte sie so zapplicht und nervös, daß eine kaum bezwingbare Lust sie überkam, irgend welchen groben Unfug zu ihrer Abkühlung zu verüben. Die Rotweinflasche über das reine Tischtuch hinzugießen, oder dem Pastor einen Karpfenkopf in die Rocktasche hineinzupraktizieren, dem schönen Gregor plötzlich einen der langen Zipfel seines Schnauzbartes aufzuwichsen, oder so etwas dergleichen. Sie fühlte es ganz deutlich, wenn sie jetzt nicht bald eine himmelschreiende Dummheit anstellte, dann fing sie an zu heulen – und die Blamage wäre doch zu fürchterlich gewesen!

Nachdem der Karpfen ohne Unfall, aber auch ohne hervorragende Genußfreudigkeit bewältigt war, machte sich die kleine Tafelrunde an die festliche Gans heran. Mit den Gänsen passierte gewöhnlich ein Unglück in dem Haushalt der Majorin. In diesem Falle nun hatte die Köchin, trotzdem sie, um die große Verantwortlichkeit nicht ganz allein tragen zu müssen, das gnädige Fräulein mit auf den Markt genommen hatte, just die würdige Stammmutter eines zahlreichen Geschlechts jüngerer Gänslein erwischt, die vermutlich in dieser selben Stunde Herz und Magen andrer frommer Christen erfreuten. Die Ehrfurcht, die man dem Alter schuldig ist, vermochte nicht zu verhindern, daß das Mißfallen über das leibliche Teil der Verewigten bei sämtlichen Anwesenden unzweideutigen Ausdruck fand. Die Kauwerkzeuge wurden mit einer Energie in Bewegung gesetzt, welche sämtliche Muskeln des Gesichtes in Mitleidenschaft zog. Man sah peinvoll zusammengezogene Brauen, durch die schwierigsten Kinnbackenverrenkungen in Mitschwingung versetzte Nasenspitzen, in langsamem Takt sich auf und nieder bewegende Ohrmuscheln und kannibalisch gefletschte Zahnreihen. Lizzi, die sich als Mitschuldige fühlte, that, als ob sie nie ein so vorzügliches Gansel gekostet habe, und schluckte, um sich nicht an den unästhetischen, zahnathletischen Uebungen beteiligen zu müssen, die Stücke ungekaut hinunter und spülte mit großen Schlucken Weines nach.

Die Majorin legte, wie schon früher erwähnt, kein großes Gewicht auf die Tafelfreuden; aber da es ihr in diesem Falle unmöglich entgehen konnte,, daß sie ihren Gästen denn doch etwas zuviel zugemutet hatte, so fühlte sie sich veranlaßt, zu ihrer Entschuldigung etwas vorzubringen. Sie wandte sich an Lizzi, räusperte sich und sprach: »Du sagtest mir doch, mein liebes Kind, daß du in München deine Mama immer auf den Viktualienmarkt begleitet hättest und ein angeborenes Verständnis für Gänse besäßest. Es scheint, daß dich dein Scharfblick diesmal im Stich gelassen hat. Man sollte doch meinen, daß die Symptome der Jugend bei den Berliner Gänsen in derselben Weise hervortreten, wie bei den Münchnern. Darf ich dir vielleicht noch 'n Stückchen anbieten?«

»Ja, bitt' schön,« sagte Lizzi resolut. »Gar so jung mag ich die Ganseln net amal.«

Entsetzt ob solcher Tollkühnheit hielten sämtliche übrigen Anwesenden einen Augenblick mit dem Kauen inne und starrten Lizzi mit einem Gemisch von Grausen und Bewunderung an, wie etwa einen Zuschauer in einer Menagerie, der plötzlich den Wunsch äußern würde, den Löwenkäfig betreten zu dürfen. Der gute Bubi besonders zeigte ein so ängstlich besorgtes Gesicht und sperrte in hilflosem Schrecken seinen Mund so weit auf, daß Gregor, der ihm gerade gegenübersaß, sich ein kurzes Auflachen nicht versagen konnte.

Lizzi sah ihn mißbilligend von der Seite an und dann gewahrte sie, der Richtung seines Blickes folgend, Rudis Gesicht, welches nunmehr einen komischen Ausdruck mühsam verhaltenen Zornes hatte. Da packte sie plötzlich die so lange unterdrückte Begier, was anzustellen, so unwiderstehlich, daß sie im Nu einen ihr gerade erreichbaren Rotweinpfropfen ergriff und ihn Rudi, ohne lange zu zielen, ins Gesicht warf. Er traf ihn gerade auf die Nase, prallte zurück und flog unglücklicherweise just in eine Sauciere hinein, einen kleinen Sprühregen von Fett über das Tischtuch verspritzend.

Bubi griff erschrocken an die Nase und dann fixierte er wütend den ungeniert lachenden Krajesovich, als ob er der sichere Schütze gewesen wäre. Kathi kicherte und Hochwürden wußte nicht recht, ob er mehr mißbilligend oder belustigt dreinschauen sollte. Frau von Goldacker aber war einfach entrüstet und rief, indem sie das Tranchierbesteck, mit dem sie just der Großmutter ein Bein absägen wollte, ermattet sinken ließ, über den Tisch hinüber: »Pfui, Lizzi, schämst du dich nicht? Solche Kindereien schicken sich doch für dein Alter nicht mehr. Was kann denn mein Sohn dafür, daß du uns eine alte Gans gekauft hast?«

Die Sünderin ließ ihre Hände in den Schoß sinken und schlug mit einem sehr drolligen Ausdruck die Augen nieder, ohne etwas zu erwidern.

Gregor wollte ihr unter dem Tisch aufmunternd die Hand drücken, erfuhr jedoch eine sehr entschiedene Zurückweisung. Aller Blicke waren jetzt erwartungsvoll auf Lizzi gerichtet. Sie fühlte das, obwohl sie nicht aufschaute. Ihr war jetzt etwas besser, nachdem ihre nervöse Ueberspannung sich in der Unthat mit dem Pfropfen entladen hatte. Nur das allgemeine Stillschweigen berührte sie peinlich, und auf einmal hob sie den Kopf, blickte lieblich lächelnd umher und sagte: »A geht's, red'n m'r von was anderm.«

Die ganze Tischgesellschaft, selbst den schwergekränkten Bubi und die Majorin nicht ausgeschlossen, brach in ein herzliches Gelächter aus, und damit war endlich der seltsame Bann gebrochen, der bisher keine Feststimmung hatte aufkommen lassen wollen, Pastor Werkmeister besonders konnte sich gar nicht wieder beruhigen. Er lachte, daß ihm die Augen feucht wurden, und während er sich mit dem Taschentuch darüber tupfte, drückte er seiner Nachbarin die Hand und flüsterte ihr zu: »Ihr Schwesterchen ist wirklich allerliebst.«

Eine Blutwelle ergoß sich über Kathis Wangen und versetzte ihr für einen Augenblick den Atem. Schüchtern äugte sie von der Seite zu dem frischen, stattlichen Mann empor, der ihr so wohl gefallen hatte, wie noch nie ein Mann beim ersten Begegnen. Und wieder war es die bevorzugte Schwester, welche, ohne sich im geringsten darum zu bemühen, auch ihn durch ihre Lieblichkeit gefangen hatte! Wie er sie ansah! Solche Augen hatte ihr noch nie ein Mann gemacht. Sie liebte ihre Lizzi so von Herzen, sie war so selbstlos von Natur – und doch, jetzt packte sie etwas … nein, sie wollte sich nicht erniedrigen! Und sie nahm alle Kraft zusammen und eröffnete ein Gespräch mit ihrem Nachbar. Es glückte ihr, und sie waren bald in lebhafter Unterhaltung.

Auch der Edle von Nemes-Pann war aufgetaut und begann allmählich das unbehagliche Bewußtsein, hier nicht recht am Platze zu sein, von sich abzuschütteln. Er hatte sich auch Mut gemacht, indem er von dem bösartigen Kunstgetränk, welches die harmlose Wirtin für Wein hielt, mehrere Gläser hinunterstürzte. Die Unglücksgans wurde zudem bald von einer leidlich wohlgelungenen, süßen Speise abgelöst, zu welcher sogar eine Flasche Sekt, wenn auch nur Unstrutsekt, spendiert ward. Nun war eine lebhafte, allgemeine Unterhaltung im Gang, an der einzig der Bubi sich nicht recht beteiligen wollte.

Frau von Goldacker fragte Gregor nach seinen heimatlichen Weihnachtsgebräuchen. Er gab ihr eine kurze, anschauliche Schilderung, und dabei kam es heraus, daß die Bevölkerung bei ihm daheim griechisch-katholisch sei.

»Sind Sie denn etwa auch griechisch-katholisch?« warf die Majorin zaghaft ein.

Er nickte lächelnd mit dem Kopf. »Gewiß, Gnädige, ich bin orthodox getauft.«

»Das ist ja schrecklich!« fuhr die Majorin naiv heraus, hielt sich aber fast gleichzeitig mit einem erschrockenen »Pardon« den Mund zu.

»O, fürchten Sie nichts, Gnädigste,« lachte Gregor gutmütig. »Ich glaube nicht, daß es meine Seele beschädigt hat. Hab' ich jedenfalls von meiner Konfession bisher keinen Gebrauch gemacht und keinen Popen bemüht,«

Die süße Speise wurde eben zum zweitenmal herumgereicht und Friedrich bot sie just Herrn von Krajesovich an.

»O, bitte, nehmen Sie doch noch etwas,« nötigte die Hausfrau, »Oder lieben Sie Schlagsahne nicht?«

Er machte eine ablehnende Handbewegung und erklärte, daß er selten Süßigkeiten genieße.

»Aber ein Christ sind Sie doch wenigstens?« nahm die Majorin mit kühnem Gedankensprung den Faden wieder auf.

Lizzi häufte sich einen großen Berg Schlagsahne auf den Teller und Pastor Werkmeister unterbrach sein Gespräch mit Kathi, um sich, auf Gregors Antwort begierig, ein wenig über den Tisch hinüberzulehnen. Der junge Herr strich sich lächelnd den Schnurrbart und erwiderte nach kurzem Besinnen: »Das kommt auf die Auffassung an, nicht wahr, Hochwürden? Das Wesen des Christentums ist doch die Liebe – nicht? Sehr wohl: ich glaube an die Liebe!« Und dabei sah er Lizzi mehr verschmitzt als zärtlich von der Seite an,

Lizzi that, als ginge sie diese Sache nichts weiter an, und schmauste eifrig ihre Schlagsahne mit Mohn und Schwarzbrot.

Pastor Werkmeister aber gefiel das nicht. Er wurde rot, setzte eine ernste Miene auf und sagte, dem Serben frei ins Auge sehend: »Gegen Ihre Definition des Christentums habe ich nichts einzuwenden. Es kommt nur darauf an, was für eine Art Liebe Sie meinen?«

Ohne Besinnen versetzte Gregor: »O, natürlich die freie Liebe!«

Mit einem leisen Entsetzensschrei lehnte sich Frau von Goldacker in ihrem echten Stuhl zurück, daß es nur so krachte, und dachte nicht daran, ein Schaumflöckchen, das an ihrer Nasenspitze hängen geblieben war, zu entfernen,

»Die freie Liebe?« flüsterte sie entsetzt, indem sie ihren Sohn anstarrte und dabei ihre Hände auf die Ohren deckte. »Sie meinen doch nicht etwa…«

»O nein, die freie Liebe, welche die Sozialdemokraten predigen, wird der Herr wohl schwerlich meinen,« suchte Pastor Werkmeister zu Hilfe zu kommen.

Gregor wandte sich ihm lebhaft zu: »Gewiß nicht, wenn Sie an Anarchie und gar Kommunismus in der Liebe denken. Aber ich glaube nicht, daß irgend ein anständiger Mensch das wirklich will – am wenigsten bei den Sozialdemokraten. Ich glaube, dieses Ideal existiert nur in der allerfeinsten Gesellschaft.«

Die Majorin ließ ihren Löffel sinken, schob ihren Teller zurück und schaute Herrn von Krajesovich entsetzt an.

Gregor lachte. »Hab' ich etwas sehr Schreckliches gesagt, nicht wahr? Aber hab' ich nicht recht? Kennt man nicht die allerfeinste Gesellschaft, die serr, serr reichen Menschen, die nichts zu thun haben, als sich zu amüsieren? Die eleganten Lebemänner und die großen Weltdamen? Nun, ist nicht wahr? Sind sie nicht Kommunisten in der Liebe? Fragen Sie jemals, wem gehört der Mann, wem gehört die Frau? Ist ihnen irgend etwas heilig?«

Die Majorin, die er bei dieser Frage liebenswürdig lächelnd anblickte, wußte nichts zu antworten, und der Geistliche nahm wieder für sie das Wort.

»Ja, da haben Sie freilich recht; aber ich verstehe nicht recht, wie Sie sich für die sogenannte freie Liebe begeistern können, wenn Sie doch die Heiligkeit der Ehe anerkennen?«

»Pardon!« versetzte Krajesovich rasch. »Ich finde gar nicht, daß die Ehe heilig ist – ich meine – unbedingt. Sie ist nur eine gesetzliche Form; aber die Liebe ist heilig, und wenn die heilige Liebe in der Ehe ist, dann ist die Ehe heilig – wenn nicht, dann nicht. Ist serr einfach! Das Gesetz und die Religion und die Moral, welche die unheilige Ehe unterstützt, ist schlecht. Und eine gute Liebe ohne Ehe ist viel besser, als eine schlechte Ehe ohne Liebe. Ist auch serr einfach.«

Die Majorin rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, schüttelte seufzend den Kopf und ließ ihre erschrockenen Augen zwischen ihrem Sohne und den beiden jungen Mädchen hin und her wandern. Rudi schoß düstere Blicke nach dem Serben hinüber. Lizzi löffelte ruhig an ihrer Speise weiter und Kathi blickte erwartungsvoll zu ihrem Nachbar auf.

Der Pastor ließ nicht lange auf seine Antwort warten. Er lächelte ein wenig überlegen und sprach: »Sie sagen da nichts Neues. Die schönen Theorieen bekommen wir alle Tage zu hören von unsern jungen Herren, die sich für freie Geister ausgeben. Das klingt ganz gut, hat aber für die Praxis gar keinen Wert; denn sobald Sie diese Theorie von der heiligen Liebe zum Gesetz erheben wollten, würden Sie sofort die Anarchie einreißen sehen, die Sie doch selbst verurteilen. Diese unruhige, genußsüchtige Jugend von heute will nichts mehr wissen von Pflicht und Verantwortlichkeit, darum spottet sie über das bürgerliche Gesetz gerade so gern, wie über die geoffenbarte Religion, und treibt dafür ihren Götzendienst mit philosophischen und poetischen Schlagworten. Sie gehören wohl auch zu den Uebermenschen, die sich jenseits von Gut und Böse fühlen?«

Der ironische Ton, in welchem das vorgebracht wurde, verletzte Gregor. Er zuckte leicht die Achseln und sagte: »Ich weiß serr wohl, es ist schwer, von den geistlichen Herren eine einfache Antwort auf eine einfache Frage zu bekommen. Ich frage Sie: Ist eine Ehe heilig, die aus frivolen, materiellen Gründen geschlossen ist, und wo der Mann die Frau prostituiert und die Frau den Mann herunterzieht, oder wo sie beide sich unglücklich fühlen und ihren Kindern ein schlechtes Beispiel geben – ist eine solche Ehe auch heilig? Und Sie antworten mir: Sie bilden sich wohl auch ein, daß was Besseres sind, wie andre Leut. Sagen Sie, gnädige Frau, oder meine jungen Damen, glauben Sie auch, daß die göttliche Weltordnung verlangt, sie müßten sich jedes Schicksal in der Liebe – oder sagen wir Ehe – gefallen lassen, was Ihnen der Zufall bringt? Wenn Sie fühlen, daß Sie unschuldig gemißhandelt werden, werden Sie nicht weglaufen? Die meisten von Ihnen werden doch überhaupt verkauft, und selbst wenn Sie einen Mann heiraten, in den Sie serr verliebt sind, wie wollen Sie wissen, ob er so ist und so bleiben wird, wie Sie ihn denken. Wir spielen ja alle bißchen Komödie, wenn wir geliebt werden wollen. Die Wahrheit kommt immer erst nach der Hochzeit heraus. Nun, ich frage: wenn man einen großen Irrtum einsieht, ist es recht, ein ganz gewisses Unglück für das ganze Leben auf sich zu nehmen, oder ist nicht besser, seine Kraft zu retten für einen neuen Versuch? Wenn eine dumme Sitte die Menschen zwingt, in die Ehe hineinzurennen wie Narren, so muß doch erlaubt sein, zur nächsten Thür wieder hinauszulaufen, wie vernünftige Leut'. Und Ihnen, Hochwürden, will ich ein Wort sagen: es ist so schwer gemacht, daß der richtige Mann und die richtige Frau sich herausfinden in der Masse, daß wir alle serr froh und dankbar sind, wenn wir nur einigermaßen das Richtige getroffen haben. Ist gar keine Gefahr, daß alle Paare auseinanderlaufen, um etwas Besseres zu suchen. Müh' ist viel zu große und Resultat zu unsicheres. Was nur einigermaßen sich gut verträgt, sage ich, das bleibt zusammen.«

Ein allgemeines Stillschweigen folgte dieser langen Rede, Selbst der geistliche Herr, der doch der Berufenste gewesen wäre, hielt es nicht für angezeigt, darauf zu erwidern. Er setzte eine kühl abweisende Miene auf und wechselte einen verständnisinnigen Blick mit der Frau des Hauses. Die Majorin verstand die Aufforderung, die darin lag, und erhob sich.

»Ich denke, wir heben die Tafel auf,« sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln. »Ich kann nicht finden, daß die Richtung, die das Gespräch genommen hat, zu der Stimmung paßt, die eine christliche Familie am heiligen Abend beherrschen sollte. Sie scheinen auch in Ihrem Eifer ganz vergessen zu haben, daß sich zwei junge Madchen und ein unschuldiger Knabe unter Ihren Zuhörern befinden.«

Der unschuldige Knabe trat mit einem raschen Schritt an seiner Mutter Seite heran, ergriff sie fast rauh am Arm und stammelte, bleich vor Erregung, mit zuckenden Lippen: »O, Mama, bitte – ich bin kein Kind mehr. Ich verstehe sehr gut, was dieser Herr meint. Ich will – ich werde…« Das Ende des Satzes verlor sich in ein undeutliches Gemurmel. Ein Paar Sekunden noch zögerte Rudi und schien etwas sagen zu wollen. Die Finger seiner Rechten ballten und spreizten sich, wie in einer Art Krampf – und plötzlich lief er aus dem Zimmer und machte die Thür unsanft hinter sich zu.

In peinlicher Verlegenheit schauten die Zurückgebliebenen einander an. Sie standen noch immer um den Tisch herum und warteten auf eine Aufforderung der Hausfrau, in den Saal zurückzukehren.

Lizzi war die erste, Worte zu finden.

»Ja, was is denn?« rief sie in naiver Verwunderung. »I glaub', der Rudi spinnt a bißl! Der versteht doch zum mindesten amal gar nix'n von dem Sach. Und überhaupts, ich weiß gar net, was wollt's. Dees war doch ganz richtig, was der Herr g'sagt hat.« Und dann wandte sie sich mit ihrem schönsten Hochdeutsch an Pastor Werkmeister und sagte: »Ja, haben Sie denn etwa »Nora« nicht gelesen? Dieses Meisterwerk von Henrik Ibsen?«

Der Pastor mußte wider Willen lächeln, denn sie brachte das so großartig und drollig vorwurfsvoll heraus. Nur mit Mühe vermochte er den Ton seelsorgerischer Würde zu bewahren, indem er ihr erklärte, daß dergleichen keine gesunde Lektüre für ein junges Mädchen sei.

Lizzi begehrte sofort auf: »Aber bitt schön, erst recht is das g'sund! D' Männer freilich, die möchten, daß wir von gar nix wissen, damit S' uns nur recht bequem anlügen können, daß wir all's glaub'n und uns all's g'fallen lassen soll'n. Die ganz dummen Gäns, die mögen's am liebsten. Ihr werdt's schon sehen, Ihr werdt's so weit treiben, daß überhaupts ka g'scheits Mädel mehr heiraten mag.«

»Bravo, bravo, serr gut!« rief Gregor freudig aus, indem er Miene machte, Lizzi zu umarmen.

Sie wich ihm aber aus und sagte, ihm mit dem Zeigefinger auf die gestärkte Hemdenbrust tippend: »Und daß Sie's nur wissen, mei' Lieber, wenn i amal heirat' und das Wunderbare kommt net, da lauf' ich auch davon. Grad' wie die Frau Nora.«

»Serr gut, serr gut!« lachte Gregor und küßte ihr stürmisch die Hand. »Hab' ich doch nicht ganz umsonst gepredigt. Haben Sie gehört, gnädige Frau, was Fräulein gesagt hat?«

»Ich habe es mit Schrecken gehört!« versetzte die Majorin leise. Und dann schritt sie rasch nach der Thür und forderte ihre Gäste auf, in den Saal zurückzukehren. Die Kerzen wurden alle wieder angesteckt. Behagliche Wärme und heller Glanz erfüllten den weiten Raum, dessen Buntscheckigkeit und Stilmängel in dem weihnachtlichen Festaufputz wirklich anmutig phantastisch wirkten: aber die Stimmung war doch zu gründlich verdorben – die freudige, gedankenlose Gemütlichkeit war geflohen vor dem winterkalten Hauch gesunder Weltweisheit, den der Fremdling mit hineingebracht hatte.

Gregor fühlte wohl, daß er Spielverderber geworden sei. Es traute sich eigentlich niemand mehr mit ihm zu reden, und Lizzi, die aus reinem Trotz sich zu ihm hielt und ihn desto entschiedener auszeichnete, je schnöder ihn die übrige Gesellschaft ihre Abneigung empfinden ließ, Lizzi mußte Bann und Acht mit ihm teilen.

Das sollte nicht sein. Er entschloß sich kurz, ging auf die Hausfrau zu, sobald er sie allein in einer Ecke des Zimmers beschäftigt sah und sagte: »Ich sehe, gnädige Frau, ich habe das Unglück, Ihnen zu mißfallen. Bitte, erlauben mir, mich zurückzuziehen.«

»O, Sie wollen schon gehen?« versetzte die Majorin sehr kühl.

»Es ist wohl besser,« sagte er ernst. »Es war serr freundlich von Ihnen, mich einzuladen und ich danke Ihnen serr vielmals, gnädige Frau, aber ich kann nicht aus Höflichkeit meine Ansichten fälschen. Fräulein Lizzi hat mich ja auch verstanden. Das ist die Hauptsache. – Ich habe die Ehre!« Er verbeugte sich respektvollst vor ihr, etwas kühler vor dem Pastor, reichte Kathi die Hand und schritt dann etwas zögernd auf Lizzi zu.

Sie kam ihm auf halbem Wege entgegen, hing sich an seinen Arm und sagte laut: »Ich begleite dich hinaus.« –

Die Thür hatte sich kaum hinter ihnen geschlossen, als die Majorin mit einer energisch fortweisenden Handbewegung ausrief: »Dieser Mensch kommt mir nicht mehr ins Haus.«

Weder Pastor Werkmeister noch Kathi wagten darauf etwas zu sagen, aber Kathi sah mit leise zuckenden Lippen zu dem hohen Manne auf, der selbst ihre stattliche Größe noch um ein Beträchtliches überragte, als erwartete sie, daß er sich des Verkannten annehmen sollte.

Er bemerkte ihren bittenden Blick nicht. Er schien vielmehr nach dem Gang hinauszuhorchen, und als man nach wenigen Minuten, während deren kein Wort gewechselt wurde, die Entreethür schließen hörte, sagte er leise zur Majorin: »Soll ich nicht einmal hinübergehen und sehen, was unser Rudi macht? Ich fürchte, da ist etwas nicht in Ordnung,«

Sie drückte ihm warm die Hand. »Ja, thun Sie das, lieber Freund. – Wir verstehen uns.« –

Draußen im Gang fand er Lizzi. Sie stand mit dem Rücken an die Entreethür gelehnt und drückte beide Hände vor ihre Augen.

»Was ist Ihnen, mein liebes Fräulein?« fragte er in seinem wärmsten Tone. »Weinen Sie doch nicht. Ich glaube, es ist zu Ihrem Besten, daß alles so gekommen ist. Wenn Sie zu mir Vertrauen fassen können, so sprechen Sie sich aus. Vielleicht kann ich Ihnen auf den Weg helfen. Fürchten Sie nicht, daß ich als Geistlicher in Sie zu dringen versuche; aber als Freund und als Mann, der auch die Welt und das Leben kennt, möchte ich Ihnen zur Seite stehen dürfen.«

Lizzi hatte schon längst die Hände von ihren Augen genommen und blickte ihm halb unmutig, halb verwundert ins Gesicht.

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen, Herr Pastor. Da schaun S', ich weine gar nicht und einen guten Rat brauch' ich auch nicht. Dank schön.«

Damit machte sie ihm einen schnippischen Knix und kehrte in den Saal zurück.

Der Pastor aber fuhr sich über die hohe Stirn und schaute ihr tiefaufseufzend nach. Dann betrat er Rudis Zimmer. Er hatte vergessen anzuklopfen und so überraschte er den Sohn des Hauses, wie er, eine Faust auf den Tisch gestemmt, die andere drohend emporgereckt, die Augen rollend dastand und halblaut vor sich hin knirschte. Er konnte sich nicht enthalten, kurz aufzulachen und auszurufen: »Aber bester Rudi, was machen Sie denn da? Tragieren Sie den Räuber Moor?«

Rudi würdigte ihn keiner Antwort. Er warf sich auf sein kleines Sofa, stützte den Kopf in die Hände und starrte vor sich hin.

Der Pastor setzte sich zu ihm, legte ihm einen Arm um die Schulter und sprach ihm halb väterlich, halb scherzend zu.

Da auf einmal unterbrach der Jüngling seine wohlgemeinten Ermahnungen, indem er kräftig auf den Tisch schlug und ihn herausfordernd anblickte. »Herr Pastor, sagen Sie mir, was würden Sie thun als Mann von Ehre, wenn man Ihre Schwester beleidigt hätte?«

»Waas?«

»Nun, Gott sei Dank, ich kenne meine Pflicht!«

Fünfzehntes Kapitel.

In welchem der Heldenjüngling Rudi nach Blut lechzt und dem Erzengel Gabriel die Nase abschlägt, Kathi ihr Herz entdeckt und ein bedrohlich Unwetter sich über Lizzis Haupt zusammenzieht.

Schon um elf Uhr des andern Morgens erhielt Lizzi einen Brief von Herrn Krajesovich von Nemes-Pann, den er noch gestern nachts geschrieben und in aller Frühe in den Kasten geworfen haben mußte. Es war ein feiner, kluger und auch warmherziger Brief, in dem er ihr auseinandersetzte, wie der peinliche Vorfall des Abends ihm über die Unmöglichkeit ihres jetzigen Verhältnisses vollends die Augen geöffnet habe. Die Frau Majorin habe es ja ohne Zweifel sehr gut gemeint, indem sie ihm ihr Haus geöffnet, um ihm die Gelegenheit zu geben, eine Verlobung herbeizuführen, nach den in der gebildeten europäischen Gesellschaft geltenden Regeln. Aber gerade dadurch, daß sie ihn so mit sanftem Zwange gewissermaßen mit der Nase auf diese Regeln gestoßen, habe sie es ihm unmöglich gemacht, ein entscheidendes Wort zu sprechen. Was er da gestern geredet habe von der freien Liebe, das sei seine wirkliche Herzensmeinung und nicht nur etwa gesagt gewesen, um die Gesellschaft zu seinem Vergnügen zu schokieren. Er habe ja auch zu seiner Freude gesehen, daß sie ihn ganz richtig verstanden. Wenn er jetzt als approbierter Arzt in seine Heimat zurückkehre, so trete er ja auch, wie die deutschen Studenten sagten, ins Philistertum ein und werde, wie jeder andre Mann in Amt und Würden gezwungen sein, sich den Anstandsregeln der Gesellschaft im allgemeinen zu fügen. Höchst wahrscheinlicherweise werde er sich auch einmal unter Beobachtung der üblichen Formen verloben, aber sicherlich nur mit einer Dame, die er vorher gründlich genug kennen gelernt habe, um seiner und ihrer Liebe und des Zutreffens aller übrigen Vorbedingungen einer guten und vernünftigen Ehe sicher zu sein. Mit ihr sei er ja aber, das müsse sie selbst zugeben, über das allererste Vorbereitungsstadium noch nicht hinausgekommen. Er habe sich in sie verliebt und sie habe an ihm ein wenig Gefallen gefunden – darauf hin aber könnten sie beide doch nicht ihr Lebensschicksal aneinander knüpfen, ohne sich eines sträflichen Leichtsinnes schuldig zu machen. Nicht etwa, daß sein Gefühl für sie schon erkaltet sei; aber sein Geist sei durch die Vorbereitungen zum Examen so völlig in Anspruch genommen, daß sein Gefühlsleben keinen Spielraum mehr besitze. Er dürfe also noch gar nicht wagen, zu bestimmen, was seine Neigung eigentlich wert sei. Indem sie sich gestern in jenem komisch-peinlichen Mißverständnis so furchtlos auf seine Seite gestellt, habe sie ihm bewiesen, daß ihr Geist frei genug sei, um der Vernunft Gehör zu geben und sich fremder Beeinflussung zu erwehren. Darum könne er nun auch, ohne Furcht sie zu verletzen, ganz offen die Bitte aussprechen, sich selbst und ihn als frei zu betrachten. Sie sei ja noch so jung und stehe mitten in ihrer geistigen Entwickelung drin – da dürften sie sich ja beide noch Zeit lassen. Er werde höchstwahrscheinlich schon bald nach Berlin zurückkehren, um in einer Assistentenstellung seine Kenntnisse zu vertiefen und seine Geschicklichkeit auszubilden. Wenn sie dann beide einander nicht vergessen, sondern die schöne Erinnerung treulich gehegt und gepflegt hätten, dann werde sie ihm vielleicht erlauben, sie wieder zu sehen, und dann könnte sich ihr Verhältnis in verantwortlicher Freiheit zur echten Liebe auswachsen. Inzwischen wollten sie gute Freunde bleiben, ohne einander zu suchen, sich nicht aus dem Wege gehen und sich aus der Entfernung von ihrem Thun und Treiben Nachricht geben.

Mit klopfendem Herzen hatte Lizzi den langen Brief zu Ende studiert, dann ein Weilchen still nachgedacht, ein paar gerührte Thränchen vergossen – und dann war die Geschichte ausgestanden. Sie war wieder froh und zufrieden und fand im Grunde ihr Krajesovicherl jetzt liebwerter denn je zuvor. Ja, sie bewunderte ihn, sie war stolz auf ihn – und überdies sicher, daß kein vernünftiger Mensch sich seiner zwingenden Beredsamkeit verschließen könne. Du lieber Himmel, was war das für ein Abend gewesen! Nie hätte sie geglaubt, daß diese liebe Frau von Goldacker so bitterböse werden könnte. Wie eine Verbrecherin hatte sie sie behandelt und der Pastor, der verdrehte Bubi, ja selbst ihr Katherl hatten ihr dabei geholfen. Sie mußte jetzt lachen, wenn sie an die großen betrübten Augen dachte, die die Schwester ihr beim Abschied gemacht, als Pastor Werkmeister mit ihr abgezogen war, um sie heim zu geleiten, und wie sie beide mit so wehmütigem Tone sie dem Schutze Gottes empfohlen hatten, als sei sie eine unglückliche Verlorene, die nur durch das direkte Eingreifen der himmlischen Mächte vielleicht noch zu retten sei. Sie hatte den Geist des Unglaubens ins Haus getragen, sie hatte sich auf die Bank gesetzt, da die Spötter sitzen und war den Lockungen der bösen Buben gefolgt. Unter den Begriff der bösen Buben hatte die Majorin übrigens im Verlaufe ihrer Strafpredigt auch Fräulein Grönroos eingereiht, weil Lizzi auf ihre Anregung hin die Bekanntschaft mit der gefährlichen modernen Litteratur gemacht habe, der nichts mehr heilig sei. Das war von ihrem Eintreten für Nora hergekommen – und darauf hin hatte die Majorin die Erlaubnis, Fräulein Grönroos bei sich im Hause empfangen zu dürfen, wieder zurückgezogen. Sie habe nach der traurigen Erfahrung des heiligen Abends genug von ihren freisinnigen Freunden. Lizzi hatte sich im Bett nochmals alles ernsthaft überlegt, was ihr vorgeworfen worden war, aber sie vermochte es beim besten Willen nicht einzusehen, was Gregors oder auch Ibsens höchst würdige Ansichten über die Ehe denn Gotteslästerliches oder Lasterhaftes in sich schließen sollten. Und da sie trotz ehrlicher Anstrengung ihr Gewissen nicht zum Beißen zu reizen vermochte, so überließ sie sich endlich in glücklicher Selbstzufriedenheit ihrem gesunden jugendlichen Schlaf.

Am andern Morgen hatte sich, trotzdem draußen heller Sonnenschein über einem wunderschönen Wintertag lachte, die düstere Miene der Majorin noch nicht aufgeklärt und dem schlimmen Abendsegen war eine kaum weniger bewegliche Frühpredigt gefolgt über den Text: »Du sollst dem Sohne des Hauses, das dich hegt, den Kopf nicht verdrehen.« Lizzi hatte nur große Augen gemacht und die Verteidigung als nutzlos aufgegeben, innerlich jedoch sich gräßlich gegiftet über den dummen Buben. Nun aber hatte sie ja ihren wundervollen Brief – ihre Freisprechung!

Stolz und zuversichtlich ging sie damit zur Tante Goldacker und reichte ihn ihr zum Lesen. Die Majorin setzte sich damit ans Fenster und machte sich begierig darüber her, während Lizzi sich auf einen Stuhl in der Nähe sinken ließ, die Hände im Schoß faltete und das Gesicht der Lesenden beobachtete. Es dauerte wohl eine Viertelstunde, ehe sie damit zu Ende kam, denn sie war nicht stark im Handschriftenlesen, und besonders erbaut schien sie von dem Inhalt auch nicht zu sein, nach ihrem sonderbaren Mienenspiel zu schließen.

Als sie endlich damit fertig war, erhob sie sich und warf das Schreiben – drei Bogen feinsten Papiers waren es – mit einem so zornigen Ruck auf ihren Schreibtisch, daß zwei Blätter davon herunterflatterten. Dann kreuzte sie die Arme unter der Brust und begann aufgeregt im Zimmer hin und her zu schreiten.

Erschrocken war Lizzi von ihrem Stuhle aufgefahren und stammelte verwirrt: »Je, was is denn, liebe Tante? Ich mein doch …«

»Empörend ist es,« fiel Frau von Goldacker ein. »Einfach empörend! Das ist nun der Dank dafür, daß man sich dazu hergibt … Warum zeigst du mir das überhaupt? Eine solche Unverschämtheit! Also ich bin daran schuld, daß aus der Sache nichts werden kann – das hat der junge Herr mit seiner Gescheitheit also glücklich herausgekriegt! Haha – es ist wirklich reizend! Ich habe ihn mit Gewalt verkuppeln wollen und das verletzt sein Zartgefühl – darum muß er dich blamieren, nicht wahr? Jetzt soll ich mich wohl schämen und dich um Entschuldigung bitten, daß ich mich hineingemischt habe? Deshalb gibst du mir das zu lesen, nicht wahr? Ja, sag mir bloß, was bist denn du für ein unglaubliches Menschenkind? Schaust drein, wie die liebe Unschuld selber und verdrehst allen Leuten den Kopf. Meinem armen Bubi habe ich gestern nacht noch kalte Umschläge machen müssen. Pastor Werkmeister hat ihn ins Gebet genommen und herausgekriegt, daß er wie närrisch in dich verbrannt sei. Das sage ich dir, Mädel, wenn du meinen Bubi nicht zufrieden läßt …! Ja, ja, ich will dir's ja glauben: du hast dir nichts Böses dabei gedacht, aber … du lieber himmlischer Vater, womit habe ich das verdient? Das ist nun schon die fünfte Verlobung, die ich protegiert habe und aus der nichts wird! Mein Haus muß ja förmlich in Verruf kommen. Na, es soll bloß wieder jemand wagen, mir mit solchen sapperlotschen Liebesgeschichten zukommen. Ich werfe jeden hinaus, der sich hier verloben will – außer meinem Sohn und mir selber!«

Lizzi wartete noch ein kleines Weilchen. Aber da die Majorin ihre zornige Beredsamkeit vorläufig erschöpft zu haben schien, wagte sie endlich ganz zaghaft die Frage, ob sie denn nun auch hinausgeworfen werden sollte.

Die Majorin wurde rot, setzte sich und dachte nach. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß sie doch wohl ein bißchen Unsinn geschwätzt habe in ihrer Aufregung. Ein wenig scheu blickte sie zu Lizzi hinüber, die, auf ihre Entscheidung wartend, an der geschweiften Kommode lehnte, so traurig und demütig und lieblich anzuschauen. Ihre harten Worte thaten ihr schon leid, Sie streckte ihr die Hand entgegen und sagte sanft: »Ach was, ich kann dich doch nicht auf die Straße setzen, Kind! Was wolltest du denn mit dir anfangen?«

Lizzi trat langsam näher, begann mit ihrer Schürze zu spielen und erwiderte bescheiden: »Ja, jetzt bin ich doch ganz frei, liebe Tante, und da muß ich schauen, daß ich mir mein Brot verdien'. Ich will halt fleißig studieren, daß ich recht bald auftreten kann,«

»Also du willst wirklich zur Bühne gehen?«

»Ja, du siehst ja doch selber, daß ich sonst zu nixn was taug'.«

Die Majorin konnte sich nicht helfen, sie mußte das liebe Mädel an sich ziehen – es war gar so hübsch und rührend herausgekommen! Sie nahm sie auf den Schoß und küßte ihr die Wangen und begann still zu weinen, richtig so, als ob sie die arme Unschuld gekränkt und nun um Vergebung zu bitten habe. Und als sie schließlich die wohlthätigen Thränen wieder trocknete, seufzte sie tief auf und sprach: »Ach du lieber Gott, was bin ich doch trotz meiner Jahre für ein hilfloses Geschöpf! Sei mir nicht böse, Kind. Ich weiß wahrhaftig nicht aus und ein. Ich muß wirklich heiraten. Ich sehe es ein, damit ich jemand habe, der mir aus solchen Schwierigkeiten heraushilft. – Ich will mit Rudi sprechen – er ist doch wenigstens ein Mann.«

Damit schob sie die schwere Last sanft von sich, las Gregors Schreiben von der Erde auf und ging damit davon, um den Rat ihres Herrn Sohnes einzuholen. –

Bubi benahm sich großartig. Weit entfernt, erstaunt oder verlegen zu sein über das Amt, das seine Mutter ihm zumutete, gebärdete er sich vielmehr, als habe er nur darauf gewartet, daß sie sich bei ihm Rats erholen werde und als sei die Rolle des Beichtvaters und Vormundes die ihm natürlich zukommende.

»Ich werde diese Sache in Ordnung bringen, Mama,« hatte er sie mit männlicher Festigkeit beschieden und war dabei nur um eine Schattierung bleicher geworden als gewöhnlich. Dann hatte er den neuen Paletot mit den schwarzen Krimmeraufschlägen angezogen, den ihm das Christkindl gebracht und der weise auf Zuwachs berechnet war, sowie die dito pelzgefütterten Handschuhe – und war davon gegangen, ohne seiner erstaunten Mutter weiter Rede zu stehen über seine Absichten.

Hätte sie seinen furchtbaren Entschluß geahnt, er hätte nur über ihre Leiche sich den Weg ins Freie bahnen können!

Herr Krajesovich von Nemes-Pann war nicht wenig erstaunt, als er in dem Augenblick, wo er gerade sein Zimmer verlassen wollte, um zum Essen zu gehen, von seiner Fileuse die Karte des Herrn Rudolf von Goldacker eingehändigt erhielt. Er bat den jungen Herrn einzutreten und sagte: »Ist wirklich serr freundlich von Ihnen, daß sich die Mühe machen, mich aufzusuchen. Solche Förmlichkeiten wären doch gar nicht nötig, ich bitte Sie.« Damit streckte er ihm die Hand entgegen, seine schlanke, weiße, aristokratische Hand.

In der ersten Verwirrung erhob Rudi die große schwarze Bärentatze, zog sie aber gleich darauf wieder zurück, versteckte sie auf dem Rücken und sagte: »Pardon, ich bin nicht gekommen, um Höflichkeiten zu – zu …« Er konnte das Wort nicht finden, um die Phrase abzurunden und wurde ein wenig rot. Er reckte sich empor so lang er konnte, würgte ein wenig, holte tief Atem und dann stieß er rasch die Worte hervor, die er sich unterwegs überlegt hatte: »Mein Herr, Sie haben meine Mutter und meine Schwester beleidigt, Sie werden mir Genugthuung geben.«

Unwillkürlich trat Gregor zwei Schritte zurück. Er war so aus den Wolken gefallen, daß er nicht gleich eine Antwort fand. Ein schlechter Witz war das nicht, das konnte er dem bleichen Knaben vom Gesicht ablesen, das vor Erregung zuckte. Er bezwang also seine Lachlust und erwiderte nach kurzem Besinnen: »Aber mein lieber junger Herr, ich verstehe wirklich nicht, was Sie wollen. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Erzählen Sie mir, was ist vorgefallen. Rauchen Sie? Hier sind Cigaretten.«

Rudi lehnte stumm ab. Er wollte sich auch nicht setzen und wiederholte nur noch einmal: »Sie haben meine Mutter und meine Schwester beleidigt, ich bin ihr einziger Schutz, Sie werden mir …«

»Pardon,« unterbrach ihn Gregor. »Sie sprechen immer von Ihrer Schwester. Ich habe doch gar nicht die Ehre.«

»Fräulein Mödlinger hat mir erlaubt, mich als ihren Bruder zu betrachten,« versetzte Rudi ernsthaft.

»O, Sie kommen im Auftrag von Fräulein Mödlinger?«

»Nein, ich komme in gar keinem Auftrag; aber ich kenne meine Pflicht! Meine Mutter hat mir Ihren Brief zu lesen gegeben. Sie werden also verstehen …«

»Ah so – ich verstehe,« fiel Gregor ein. Er konnte sich eines leichten Lächelns nicht mehr erwehren. Er schritt ein paarmal im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor dem jungen Helden stehen und sagte sehr freundlich: »Seien Sie mir nicht böse, mein lieber Herr von Goldacker, aber sind Sie nicht etwas zu jung, um diese Dinge zu beurteilen?«

Jetzt wurde Rudi dunkelrot und er fühlte, wie ihm die Kniee zitterten. Es war nur gut, daß der neue Paletot so lang war, um sie zu verdecken. Davor hatte er Angst gehabt, daß Herr von Krajesovich die Sache von dieser Seite nehmen würde, aber die Antwort, die er sich für den Fall zurechtgelegt, wollte ihm nicht über die Lippen. Es wurde ihm plötzlich sehr heiß und er mußte nach der Lehne des nächsten Stuhles greifen, um sich aufrecht zu erhalten. Er murmelte nur etwas Unverständliches vor sich hin.

Gregor lächelte wieder, legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und sagte: »Ich bewundere Ihren Charakter, mein junger Herr, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß Frau Mutter serr zufrieden sein wird mit diesem Schritt. Wenn sie sich beleidigt fühlt durch meinen Brief, so thut mir serr leid und werde ich um Entschuldigung bitten. Aber gegen Fräulein Mödlinger habe ich vernünftig und anständig gehandelt, und kann ich nicht zugeben, daß Sie darüber urteilen. Gehen Sie, junger Freund, seien Sie gescheit. Wissen Sie denn überhaupt, wie man solche Geschichten anfängt? Wollen Sie mich auf meinem Zimmer prügeln oder haben Sie Schießgewehr in die Tasche gesteckt?«

»Ich werde Ihnen meine Zeugen schicken,« knirschte Rudi dumpf.

»Das muß eigentlich zuerst geschehen,« versetzte Gregor gutmütig. »Aber was wollen denn für Zeugen schicken, bitte? Erwachsene Männer können doch für solche Dummheiten nicht finden. Und von mir können doch nicht verlangen, daß ich hier Konferenz abhalte mit Schulbuben – pardon, wollte sagen, junge Herren vom Gymnasium.«

»O – ich kenne so viele Offiziere von der Garde, die mir mit Vergnügen …«

»Geben Sie sich keine Mühe,« unterbrach ihn Gregor munter. »Die Herren würden Sie auslachen.«

Rudi keuchte vor Wut und das Schlimmste war, er fühlte sich in diesem Augenblick so schwach, daß er mit nicht eben würdiger Plötzlichkeit Platz zu nehmen genötigt war. Er schnaufte und würgte, und dann sprang er mit Anstrengung aller Kraft auf die Füße und stieß heiser hervor: »Wenn Sie sich weigern, sind Sie ein Feigling.«

Gregor brauste auf: »Sie sind ein …« Aber er bezwang sich. Nachdenklich drehte er ein kleines Weilchen seine Schnurrbartspitze zwischen den Fingern, dann zog er seine Uhr hervor und sagte lächelnd, aber entschieden: »Sie entschuldigen, mein Herr, ich pflege um diese Stunde zu speisen. Wenn Sie mir erwachsene Zeugen schicken können, so stehe ich zu Ihrer Verfügung. Erwachsene, bitte. – An Ihre Frau Mutter werde ich schreiben, mich zu entschuldigen.«

Rudi war schon an der Thür gewesen, aber das Wort fuhr ihm in die Glieder. Er stolperte zwei rasche Schritte vorwärts und erhob bittend die beiden Riesenpatschen. »Sie werden doch nicht meiner Mama …« stammelte er, seine Aeuglein weit aufreißend: »die würde es ja nie erlauben – ich wollte sagen natürlich – niemand kann mich hindern meine Pflicht zu thun! aber meine Mama – natürlich. … Wenn Sie das thun, dann – hm – aber Sie werden das nicht thun!« Er warf seinem mitleidig lächelnden Gegner noch einen halb drohenden, halb bittenden Blick zu und dann taumelte er hinaus und so rasch ihn seine schlottrigen Kniee tragen wollten, die Treppe hinunter.

Er kehrte in der nächsten Destille ein und genoß einen Cognac, wodurch er einigermaßen wieder in Besitz seines Heldenbewußtseins gelangte. Auf dem langen Heimwege hatte er Zeit genug zu überlegen, wen von seinen Bekannten er auffordern könnte, ihm in seinem Ehrenhandel zu sekundieren. Die Kommilitonen der Obersekunda, von denen es einige mit Freuden gethan hätten, waren von vornherein abgelehnt und die Dutzende von Gardeoffizieren, mit denen er geprahlt hatte – ja, wenn er sie so namentlich vornahm, einen nach dem andern, mußte er sich doch gestehen, daß die Aussicht, sie für seine Sache zu gewinnen, recht gering sei. Sie würden dann doch auch seine Gründe erfahren wollen, wenn sie sich überhaupt auf etwas einließen. Konnte er diesen Herren, die ihm schließlich doch nicht gar so nahe standen, verraten, daß der verwünschte Serbe seine angebetete Lizzi, seine sogenannte Schwester genasführt habe? Machte er dadurch die Sache nicht nur schlimmer? Jetzt wußte doch wenigstens nur Pastor Werkmeister davon. Der Pastor konnte den Ungläubigen und Verteidiger der freien Liebe auch nicht ausstehen – aber Geistliche dürfen mit Ehrenhändeln nichts zu thun haben. – Eine ganz verzwickte Lage war es, in die er sich da gebracht, das sah er jetzt wohl ein. Er hätte dem Kerl einfach eine Ohrfeige geben, davongehen und das weitere abwarten sollen. Dann hätte er erhobenen Hauptes heimkehren dürfen mit dem Bewußtsein, die gekränkte Ehre seiner Damen gerächt zu haben. So aber … Es war doch ein entsetzliches Schicksal, siebzehn Jahre alt und Obersekundaner und dabei mit dem Mute des Löwen und dem Ehrgefühl des Edelmannes begabt zu sein!

Daheim hatten sie schon mit der Suppe auf ihn gewartet und er wurde für sein Zuspätkommen gescholten – vor IHR! Empörend! Aber die Stunde sollte kommen, wo sie ehrfurchtsvoll zu ihm aufblicken sollte, als zu dem Rächer ihrer Ehre. Und während er die laue Suppe mit düster zusammengezogenen Brauen hineinlöffelte, rauschte es leise durch seine Seele wie ferne Harfenaccorde und aus tiefsten Schmerzen geboren entrang sich seinem fiebernden Gehirn ein Gedicht, das also begann:

Mädchen, Mädchen, und du schlägst
Nicht die Augen nieder?
Wenn du meiner Wunden pflegst,
Sprechen wir uns wieder!

Ah, nun hatten ihn also seine erste Mannesthat und sein erstes großes Herzeleid zum Dichter gemacht! Er fühlte ordentlich, wie seine Seele sich weitete, wie er wuchs an innerer Bedeutung und wie die feinsten und edelsten Gefühle zusehends empor keimten, gleich Kressensamen, den man mit ungelöschtem Kalk düngt. Er rückte und reckte sich auf seinem Stuhle, um sich in würdige Positur zu setzen. Man mußte es ihm doch ansehen, zum Donnerwetter, was er für ein Kerl war! Unbegreiflich, daß ihn niemand fragte, wo er denn eigentlich gewesen sei! Selbstverständlich hätte er es den schwachherzigen Frauen um keinen Preis verraten – aber wie wenig Menschenkenntnis mußten sie doch besitzen, um nicht zu bemerken, daß er unmöglich von einem gewöhnlichen Tiergartenspaziergang heimgekehrt sein könne. Oder sollten wirklich seine Mienen so wenig ausdrucksvoll sein? –

Schon bei Tische hatte die Majorin sich auffallend zerstreut gezeigt, viel geseufzt und sich öfters mit ihrem Tüchlein die Augen betupft. Nachher hatte sie sich zu ihrer gewöhnlichen Mittagsruhe auf ihr Zimmer zurückgezogen, war aber schon nach einer halben Stunde, zum Ausgehen angekleidet, bei Lizzi eingetreten und hatte ihr eröffnet, daß sie Pastor Werkmeister aufsuchen wolle, um ihm ihre Zweifel und Sorgen anzuvertrauen. Bei ihrem Sohne guckte sie nur hinein, um ihm flüchtig adieu zu sagen.

Rudi war die ganze Zeit über in seinem engen Gemach herumgetrottet wie ein junger Bär im Zwinger und hatte hin und her überlegt und spintisiert, wie er sich wohl aus seiner vertrackten Lage am besten herauswickeln könnte, ohne daß jedoch die Erleuchtung über ihn gekommen wäre. Sobald aber seine Mutter fort war, litt es ihn nicht länger in seinem Gefängnis. Er ging in den Saal hinüber, wo des Festtags wegen geheizt war. Da hatte er wenigstens mehr Platz, seine Gedanken spazieren zu führen. Außerdem wollte er die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, um sich unbeobachtet ein wenig einzupauken, für den Fall, daß Herr von Krajesovich Schläger oder krumme Säbel der Pistole vorziehen sollte. Das Schwert, welches sein Vater im französischen Feldzuge geführt und welches als Wanddekoration in seinem Zimmer hing, nahm er mit hinüber. Fechtunterricht hatte er schon als Untersekundaner genossen. Die beiden tiefhängenden Lüstres, sowie der große Christbaum nahmen ziemlich viel Platz im Saal fort und er mußte daher sein Gefechtsfeld auf einen freien Raum vor dem Erker beschränken.

Halblaut kommandierte er sich selbst: »Auf die Mensur! – Bindet die Klingen! – Los!« Im flotten Spiel des Handgelenks ließ er die Klinge durch die Luft pfeifen. Er war immer ein ganz geschickter Fechter gewesen. Sein Unglück war nur die Schwäche seiner Muskeln. Der Arm wurde ihm bald müde und das Handgelenk begann zu schmerzen; aber er mußte darüber hinweg zu kommen suchen. Bis zur völligen Erschöpfung wollte er aushalten. Er warf seinen Rock ab und begann einen neuen Gang, indem er eine Kombination von Hieben sich ausdachte und halblaut vor sich hin kommandierte, und dann wieder eine neue – und so fort, bis ihm der Arm matt herabsank. Aber er gönnte sich kaum eine Minute zum Verschnaufen, dann legte er wieder los. Er wurde hitzig und bildete sich ein, dem verhaßten Gegner wirklich gegenüber zu stehen, seine Hiebe zu parieren und auf seine Blößen zu lauern. Hui – da sauste eine Prim herab! – Ha, die war pariert! Schnell eine Terz nachgeschlagen! Die war nur unvollkommen pariert. Die Spitze seines Säbels ritzte gerade noch die rechte Wange des Gegners. Er sah Blut fließen und wurde wild. Er fühlte seinen Arm erschlaffen – aber auch der Gegner war verwirrt durch das Gefühl, daß ein heißes Bächlein an seiner Wange herabrieselte. Es galt den Augenblick zu ergreifen und mit einem letzten gewaltigen Hiebe den Rest seiner Kraft wirksam auszugeben. Gegen die Regel machte er eine halbe Voltige nach links und holte zu einer gewaltigen Quart aus.

Herrgott, was war das? Ein Knacks, ein leichtes Gepolter – und da lag eine Nase, eine ausgewachsene, rötlich glänzende Nase auf dem Boden. Wie in aller Welt hatte er dem verfluchten Krajesovich mit einer Tiefquart die Nase abschlagen können? Er ließ den Säbel sinken, rieb sich die Augen, über die ihm der Schweiß zu rinnen begann und dann blickte er sich verwundert um. Der lebensgroße Engel zu seiner Rechten wackelte immer noch sanft nachpolternd auf seinem Postament und in seinem fröhlich dreinblickenden, pausbäckigen Gesicht fehlte das edle Glied, welches soeben zu Boden gefallen war.

Zum Unglück trat in diesem Augenblick Lizzi, von dem merkwürdigen Geräusch herbeigelockt, herein und hatte nicht sobald die Sachlage erkannt, als sie in ein lautes Gelächter ausbrach.

»Jesses, Bubi!« rief sie lustig. »Jetzt fangt der am heiligen Weihnachtstag mit die Engerln zum raufen an. Ui jegerl, dem schönen Gabriel hast gar d' Nasen abg'schlagen. Hast denn gar kei' Angst net vor dem himmlischen Strafgericht?«

Die Rechte leicht auf des Vaters Schwert gestützt, die hölzerne Nase in der Linken abwehrend gegen sie ausstreckend, stand der schwitzende junge Held vor ihr und sagte traurig-vorwurfsvoll: »Du solltest lieber nicht spotten, Lizzi – du am allerwenigsten! Du weißt ja nicht, für welchen Kampf ich diese Muskeln stähle.« Und er bog den linken Arm zusammen, wie um einen gewaltigen Biceps furchtgebietend schwellen zu lassen. Es schwoll aber nichts. Das Jägerhemd hing in schlaffen Falten um den mageren Oberarm, und das ungezogene Mädchen lachte nur noch lauter.

»Lache nicht, Lizzi!« fuhr der tief Gekränkte sie rauh an: »das habe ich nicht um dich verdient und du wirst es vielleicht bald genug zu bereuen haben – wenn mir etwas Menschliches passiert.«

Lizzi konnte sich beim besten Willen nicht beherrschen. Sie prustete nur so heraus und mußte sich auf den nächsten Stuhl setzen, weil es sie wie ein Krampf überfiel.

»Um Gottes willen hör auf, dees bringt mi um!« stöhnte sie atemlos.

»Pfui!« rief Rudi entrüstet, indem er wütend den Säbel zu Boden schleuderte.

»Ja, was denn? Geh zu, ich glaub', du spinnst! I wer' doch noch lachen dürfen, wannst a so a dalkets Wesen anstellst.«

Mit bebenden Lippen und zitternden Händen, die Engelsnase drohend emporgehoben, trat er dicht vor sie hin und knirschte: »Nein, das darfst du nicht! Du weißt nicht, was du thust. Ich bin bereit, deine Ehre mit meinem Blute abzuwaschen und du lachst wie über einen schlechten Spaß.«

Höchlichst erstaunt blickte Lizzi zu ihm auf und sagte: »Ja, was is denn dees für a strohdumms G'wäsch? Was weißt jetzt du von meiner Ehr? Und abz'waschen gibt's da fei' nix. A no! Mögst net lieber 'n Dokter fragen, daß er dir was verschreibt geg'n Wurm im Hirn? Was schaust mi denn so wütig an? – Na 'etzt a so was! Mögst mir net a bißl deutlicher sag'n, was d' willst mit meiner Ehr?«

»Willst du vielleicht die Schande auf dir sitzen lassen, die dir dieser Mensch mit seinem Briefe angethan hat?«

»Was denn, was denn? Was hätt' denn mi kränken soll'n von dem Brief? Das war ein recht ein lieber, feiner, g'scheiter, anständiger Brief. Und wenn ich den Herrn Krajesovich von Nemes-Pann vorher net g'mocht hätt', nachher hätt' ich mich in den Brief alleinig verlieb'n könn'n. Mit jedem Wort hat 'r recht und wannst dees net einsiegst, nachher bist … ja, was thut d'r denn weh, was machst denn für Grimass'n?«

Rudi schlug sich vor die Stirn und schaute drein, wie einer, dem die Ernte verhagelt ist – die Ruhmesernte seines Heldenmutes. »Ach, du lieber Gott,« jammerte er trostlos: »was soll ich denn jetzt bloß … ich habe ihn natürlich sofort gefordert wegen Beleidigung meiner Schwester. Ich war persönlich bei ihm und habe ihn Feigling geschimpft zur Sicherheit, damit er sich nicht etwa einfallen läßt zu kneifen. Jetzt kann ich doch unmöglich zurück zoppen!«

Lizzi sprang vom Stuhl auf und schlug die Hände zusammen. »Was, Bubi, is wirklich wahr? Duellieren willst dich wegen meiner? A geh, so was – da möcht' m'r ja förmlich stolz wer'n! A schneidiger Kerl bist!« Und sie trat dicht vor ihn hin, legte den linken Arm um seine Schulter und streichelte ihm mit der Rechten die heißen Wangen.

Rudi war glücklich. Sein edler Eifer fand herrlichen Lohn. Mit Wonne ließ er sich die Liebkosung gefallen und sagte nur stolz bescheiden abwehrend: »Aber ich bitte dich, Lizzi, so was ist ja nicht der Rede wert. Einfach Kavalierspflicht. Wenn du dich wirklich nicht beleidigt fühlst …«

»Nein, nein, ich geb' d'r's schriftlich, daß ich im Gegenteil kreuzfidel bin, weil ich mei' Freiheit wieder hab'. Naa, naa, mei' liebs Brüderl, schieß'n braucht's net und die Engerln darfst am Leben lassen wegen meiner.«

»Aber meine Mutter hat er ja auch beleidigt,« meinte Rudi bedenklich.

Doch Lizzi fiel rasch ein: »A was, dees macht nix, die gibt d'r's a schriftlich, daß s' sich net getroffen fühlt. Glaubst vielleicht, die wird's leid'n, daß ihr Einziger weg'n erer solchen Dummheit auch nur ein Tröpferl Blut riskiert? – Naa, naa, dees gibt's net.«

»Aber ich habe ihn Feigling geschimpft!«

»Dees macht a nix, dees hat 'r eh net glaubt und wahr is a net. Dees kannst schon wieder z'rücknehmen, auf meine Verantwortung.«

Bubi seufzte tief auf. Es war ihm doch ein großer Stein vom Herzen – und der Lorbeer blieb trotzdem! Er war sehr glücklich und seine junge Mannesbrust dehnte sich vor Stolz und Seligkeit. Im Ueberschwang seiner Gefühle wagte er es, seine beiden Hände auf Lizzis Schultern zu legen und ihr tief in die Augen zu blicken. »Ach Lizzi,« seufzte er herzbrechend.

»Ja, was is denn, wie schaust denn du mi an? Bist doch wohl recht froh, daß d' glücklich wieder herauß'n bist aus der Patsch'n.«

»O nein, im Gegenteil!« beteuerte er feurig. »Wäre mir eine wahre Wonne, für dich meinen letzten Blutstropfen zu verspritzen. Aber sag mir nur eins – ehrlich bitte: fühlst du dich jetzt wirklich ganz frei? Bist du froh, daß du ihn los bist?«

»Ja, ich glaub's bald selber,« lachte Lizzi. »Die Freiheit ist doch das Beste, wenn m'r noch so jung is wie wir, gelt? Zum Heiraten is noch lang Zeit, mein' i.«

»Wirklich? – Ach, Lizzi – dann …«

»Was denn – dann?«

»Dann darf ich vielleicht hoffen?« flüsterte er mit trunken schwimmenden Aeuglein, indem er einen Schritt zurücktrat und bittend die Hände faltete.

Sie sah ihn belustigt fragend an und zuckte die Achseln.

Da sank er plötzlich vor ihr auf die Kniee nieder, breitete die Arme aus, wie um sie zu umfangen und stammelte selig: »Ach Lizzi, jetzt darf ich's dir sagen: ich liebe dich, ich liebe dich wahnsinnig, ich bete dich an – ich werde noch heute mit meiner Mutter sprechen.«

»Jesses, jesses, schauts den Bubi an!« rief Lizzi, klatschte in die Hände und sprang ausgelassen im Zimmer herum. »Macht mir eine richtige Liebeserklärung – und noch dazu in Hemdärmeln!« Und dann lief sie wieder zu ihm, fuhr ihm mit allen zehn Fingern ins Haar und brachte seinen wüsten Schopf in noch genialere Unordnung.

Er haschte nach ihren Händen und hielt sie fest, um sie mit Küssen zu bedecken. Und dazwischen flehte er: »Ach Lizzi, lach mich doch nicht aus – du thust mir so weh damit! Es ist mir heiliger Ernst – du weißt ja nicht, wie ich dich liebe! – Und wenn ich gegen die ganze Welt kämpfen müßte – wenn ich noch zehn Jahre warten müßte …«

»I dank schön,« lachte Lizzi und riß sich mit Mühe von ihm los. »Da wär' ich ja bereits eine steinalte Jungfer! Geh' sei g'scheit, du armer Narr. Bist ja jünger wie ich!«

»Nicht einmal ein volles Jahr! Das Alter macht es ja überhaupt nicht. Die innere Reife …«

»Und mit seiner Mutter will er reden – o du himmlischer Vater! Die wenn i wär' – ich wüßt' scho, was i sag'n thät'.«

Er rutschte ihr auf den Knieen nach und rief mit Würde: »O, deshalb brauchst du dich nicht zu ängstigen. Meine Mutter ist in dieser Beziehung eine sehr vernünftige Frau. Sie wird mich verstehen.«

In diesem Augenblick ertönte draußen auf dem Gang die elektrische Klingel und schnitt Lizzis Lachausbruch kurz ab. Rudi sprang auf die Füße und beeilte sich seinen Rock anzuziehen, während Lizzi die Engelsnase, welche Bubi in der Begeisterung fortgeschleudert hatte, vom Boden aufnahm und in die Tasche steckte. Sie horchte nach der Thür hinaus und flüsterte: »Ui jeh, wenn jetzt d' Mama heimkommt – und wir hab'n net amal d' Nasen wieder anpappt.«

Aber es war nicht die Majorin, sondern Kathi, welche Friedrich gleich darauf in den Saal treten ließ.

Lizzi lief ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen und schmiegte sich zärtlich an sie. »Je schau, Katherl, du, dees is g'scheit! Hu, was du für a Kält'n mit herein bringst. Geh, zieh dich aus, heut is amal schön warm daherin. Ja, was is denn dees, wie schaust denn du aus? – I glaub' gar, du hast g'weint?«

Kathi nickte fast unmerklich und sagte: »I hab' nur a halbe Stund Zeit und da bin i g'schwind g'sprungen, daß ich dir erzähl' …«

Sie warf einen Blick auf Rudi, der, ärgerlich über die Störung, etwas abseits stand. »O bitte sehr,« sagte der junge Mann. »Ich will nicht stören.« Er raffte das Schlachtschwert des Vaters vom Boden auf und verließ mit einer gemessenen Verbeugung vor den jungen Damen das Zimmer.

Sobald die Schwestern allein waren, fiel Kathi der Lizzi um den Hals und brach in Thränen aus.

»Ja, was is denn, was hab'n s' d'r denn wieder gethan?«

»Fort muß i, aus 'm Haus, aus Berlin fort,« schluchzte die Große. »Glei' nach Neujahr reisen s' nach Italien und ich soll fort zu ei'm Vetter vom Onkel, der Gymnasiallehrer in einer ganz kleinen Stadt is, in Pommern glaub' ich. Morgen kommt er her und da woll'n s' glei' den Handel abschließen – grad als wie wenn m'r an Hund verkauft.«

»A geh, Katherl,« tröstete Lizzi, »was wirst denn da drum weinen! Sei froh, daß d' von dem alten Drachen fortkommst und daß du zu irgend 'm ixbeliebigen fremden Mann hingehst, dazu können s' dich doch net zwingen! Wart nur, bis die Frau von Goldacker heimkommt, nachher wer'n m'r schon schau'n. Du wollt'st ja doch zum Großonkel Mödlinger?«

»Nein, i mag nimmer. I kann überhaupts nimmer fort von Berlin.«

»Weg'n meiner? – Ach du liebs Herzl, da darfst d' dich net kümmern. I wer' jetzt a Schauspielerin und wo mi da der Wind hinblast, dees weiß der liebe Himmel.« Und dann erzählte sie ihr alles, was an diesem ereignisreichen Tage vorgefallen war, von ihrer glücklichen Entlobung angefangen bis zu dem vereitelten Duell und Bubis feierlicher Werbung. Sie holte auch Gregors Brief und las ihn der Schwester vor. Und über all dem wichtigen Geschwätz in eigener Angelegenheit hatte sie bald gänzlich vergessen, daß das arme Katherl Trost und Hilfe suchend zu ihr gekommen war. Erst als die Schwester daran erinnerte, daß die halbe Stunde um sei und sie heim müsse, fiel's ihr wieder ein zu fragen, warum sie denn nun eigentlich nicht von Berlin fortwolle?

Kathi ließ sich lange bitten; aber schließlich kam's doch heraus: sie hatte sich gestern abend sterblich in Pastor Werkmeister verliebt. Ganz traurig war sie gewesen, den ganzen Abend über, weil sie deutlich zu bemerken geglaubt hatte, daß der geistliche Herr es auf Lizzi abgesehen habe. Aber dann beim Heimbringen, habe er so lieb und freundlich zu ihr gesprochen, daß sie wieder Hoffnung geschöpft habe, und deshalb möchte sie jetzt nicht von Berlin fort.

»Ja, hat er denn was von der Lieb g'redt?« fragte Lizzi eifrig.

»A geh, wie kannst denn nur so was denken. Er hat mir erst von der Ableitung der deutschen Weihnachtsgebräuche aus dem heidnischen Julfest, und nachher von den wirksamsten Mitteln zur Bekämpfung der Trunksucht in den Arbeiterkreisen erzählt. Aber so schön hat er geredt, so lieb! Ich habe ihn ganz verstanden.«

Lizzi schaute die Schwester mit offenem Munde an und schüttelte den Kopf. »Hm, komische Leut seids. Mein verflossenes Krajesovicherl hat glei' nach der ersten Stund um ein Rendez-vous gebeten.«

»Ja, bei dir is dees halt ganz was anders,« lächelte Kathi durch ihre Thränen. »Du verlobst und entlobst dich dreimal an ei'm Tag, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Aber weißt, mit so ei'm geistlichen Herrn, dees is doch ganz an andere Sach.«

»Ja, hast denn du überhaupt den rechten Glauben, um an Pfarrer z'heiraten?« fragte Lizzi nach etlichem Besinnen sehr ernsthaft.

Und Kathi versetzte ebenso ernsthaft mit einem begeisterten Augenaufschlag: »O, dees is mir alles gleich. Wann er mi nur mögen möcht', nachher glaub' i alles, was er selber glaubt und noch viel mehr.« –

Die Mädchen hatten in ihrem Eifer nicht gehört, daß schon vor geraumer Weile die Entreeklingel ertönt war und fuhren wie ertappt auseinander, als plötzlich die Thüre aufging und die Majorin hereintrat, gefolgt von dem Diener mit der Lampe.

»Guten Abend, Kathi! Ich habe schon gehört, daß Sie da sind,« sagte sie leichthin; die beiden Schwestern nur mit einem Blick streifend, indem sie raschen Schrittes auf die noch unabgeräumten Gabentische zuschritt. »So im Finstern habt ihr gesessen? Das ist ja der reine Verschwörwinkel, da. Laßt euch nicht stören, ich suche nur was.«

Lizzi lief rasch hinter ihr drein und legte den Arm um ihren Rücken. »Warum denn net gar, stören! 's is nur gut, daß d' heimkommen bist, liebe Tante. Du mußt uns raten. Wir sind ganz verzweifelt.«

»Nix sagen, i bitt dich, nix sagen!« rief Kathi, nun gleichfalls näher tretend.

Und Lizzi lachte: »Naa, du Schaferl, von dem sag i schon nix. I glaub, du hast schon ganz vergessen, wegen was d' kommen bist.« Und dann erzählte sie der Majorin in aller Kürze, was die Tante Geheimrätin über Kathi beschlossen hatte. Zu ihrer größten Verwunderung nahm sie die Neuigkeit ohne besondere Erregung auf. Kaum, daß sie zuzuhören schien. Mit unruhigen Fingern kramte sie auf dem Tisch herum und als sie gefunden hatte, was sie suchte, wandte sie sich wieder zum gehen und sagte, leicht mit den Achseln zuckend, nur: »Ja, was soll ich denn dabei thun?«

Lizzi öffnete die Augen weit vor Erstaunen und als die Majorin schon die Thürklinke in der Hand hatte, sprang sie ihr nach und rief in ängstlich flehendem Ton: »Aber liebe Tante, was is denn? Magst uns net wenigstens an Rat geben?«

Mit ironischem Lächeln, kalt und gleichgültig, versetzte Frau von Goldacker: »Was braucht ihr meinen Rat! Ihr seid ja viel klüger als ich, ihr werdet euch schon herauszuhelfen wissen.« Damit ging sie hinaus und machte die Thüre unsanft hinter sich zu.

Sprachlos vor Erstaunen sahen die beiden Mädchen einander an. Endlich flüsterte Kathi ganz leise der Schwester ins Ohr: »Hast du was mit ihr g'habt?«

Lizzi zuckte die Schultern. Sie biß ihre Zähne aufeinander, ballte ihre kleinen Hände zu Fäusten und trommelte damit auf die Kante des nächsten Tisches. Und dann kam auf einmal der Geist des kindischen Unfugs über sie. Sie schwänzelte nach der Außenthür, drehte sich dort kurz um und wiederholte die seltsamen Abschiedsworte der Majorin genau mit ihrem Ton und ihrer Miene.

Kathi lief ihr nach und hielt ihr ängstlich den Mund zu. »Jesses, Lizzi, sei stad, i bitt dich! Wenn's dees hört dadrinn! Na, i mach', daß i fortkomm'. Mußt m'r schreib'n, was g'wesn is, i trau mi nimmer her. O mei lieber Herrgott, was wird jetzt nur no aus uns zwei arme, gottverlass'ne Woaseln wer'n! Da mocht' m'r sich doch glei an Zuckerhut kauf'n, daß m'r an Strick zum aufhängen krieget!«

»Recht hast, Katherl, recht hast!« stimmte Lizzi sehr weich bei, indem sie ihre Wange zärtlich an der der Schwester rieb. »Aber sei nur stad. I schaff' scho Rat.« Und damit geleitete sie sie auf den Gang hinaus und verabredete mit ihr, daß sie sich morgen um die Mittagstunde treffen, oder aber, wenn sie nicht loskommen könnten, schreiben wollten.

Ganz verwirrt und niedergeschlagen kehrte Lizzi in den Saal zurück und zerquälte sich den Kopf, um eine Erklärung für das sonderbare Benehmen der Majorin zu finden. Nach einiger Zeit erst wagte sie, das kleine Arbeitszimmer zu betreten, um sie gerade heraus zu fragen. Das war leer. Ebenso das Eßzimmer. Im Schlafzimmer war sie auch nicht. Aber da begegnete ihr das Hausmädchen und das gab ihr die Auskunft, daß die gnädige Frau bei dem jungen Herrn sei. Sie ging wieder in den Saal zurück, öffnete vorsichtig die Thür nach dem Gang ein wenig und lauschte hinaus. Richtig, da hörte sie die beiden Stimmen. Der Bubi jammerte und seine Mutter – ja, ob sie ihn schalt oder tröstete, das war nicht zu unterscheiden.

Geräuschlos schloß Lizzi die Thür und dann begann sie eine nachdenkliche Wanderung um den Christbaum herum. Auf einmal blieb sie stehen, riß eine kleine, mit Fruchtgelee gefüllte Wurst vom Baum ab, biß hinein und murmelte halblaut vor sich hin: »Jetzt möcht' i doch glei wetten, daß s' der Pfaff aufg'hetzt hat.«

Und gleichsam, als ob dieser Erklärungsversuch ihr eine gewisse Beruhigung gewährte, verspeiste sie den Rest der Wurst, streichelte sich den Magen und machte behaglich: »Hmm!«

Ja der Pfaff – sie meinte natürlich Pastor Werkmeister – der hatte freilich etwas damit zu thun! Aber nicht so, wie Lizzi meinte. Wenn sie eine Ahnung gehabt hätte, welchen Verlauf seine Unterredung mit der Majorin heute genommen, dann hätte sie sich über nichts gewundert!

Sechzehntes Kapitel.

Handelt von Verschwörungen, Hintertreppen und geistlicher Liebe. Ein sehr aufregendes Kapitel, sintemalen Lizzi sich zum drittenmal nicht verlobt und dennoch am hellen Tage Polterabend feiert.

Kaum ein Wort hatte die Majorin während des Abendessens mit Lizzi gewechselt, aber feindselige Blicke hatte sie genug aufgefangen. Und der Heldenjüngling Rudi war auch just nicht dagesessen wie einer, der auf Freiersfüßen geht und guter Hoffnung voll ist. Die Mama paßte ihm überdies noch scharf auf den Dienst und schlug jedesmal, so oft er seine wässerigen Aeuglein verliebt auf seinem holden Gegenüber ruhen ließ, mit Messer und Gabel auf ihrem Teller Zapfenstreich, so daß er eiligst die feurigen Pfeile seiner Blicke wieder hinter dem Vorhang seiner gelben Wimpern versteckte. Und nach Tische wußte die Gestrenge das junge Paar sehr einfach dadurch zu trennen, daß sie sich mit ihrem Sohne in den Saal zurückzog, während sie Lizzi mit Briefschreiben und Kostümflickerei für einige Stunden Beschäftigung gab. Einen kühnen Versuch Lizzis, eine Aussprache herbeizuführen, wies sie kurz zurück.Sie werde morgen alles Nötige erfahren.

Und dieser Morgen kam. Ein sonnenheller, krystallen glitzernder Wintertag. Um elf Uhr wurde Rudi spazieren geschickt, ohne daß es ihm vorher gelungen war, allein ein Wort mit Lizzi zu wechseln. Um halb zwölf Uhr klingelte es, und Friedrich führte ohne vorherige Anmeldung die Frau Geheimrätin Riemschneider und einen fremden Herrn herein, einen untersetzten, kleinen Mann mit kurz geschorenem grauen Haar, ebensolchem Vollbart und goldener Brille. Die Zusammenkunft war also offenbar schon schriftlich verabredet.

Lizzi neigte nur ein ganz klein wenig den Kopf gegen die Tante Ida, um über deren eisiges »Guten Tag« zu quittieren. Dann wandte sie sich mit fragendem Ausdruck dem alten Herrn zu, welcher mit einem buntleinenen Sacktuch hastig seine Brillengläser putzte, die ihm beim Eintreten in die warme Stube beschlagen waren. Mit blöden Blauaugen starrte er sie an. Er war offenbar sehr kurzsichtig. Aber Frau von Goldacker schien es nicht für nötig zu halten, sie vorzustellen, sondern gab ihr nur einen nicht mißzuverstehenden Wink. Da war nichts zu thun, sie mußte sich hinaustrollen. Aber giften that sie sich! Sie blieb in dem kleinen Nebenzimmer dicht an der Thür stehen und horchte. Wenn man sie so behandelte, dann brauchte sie sich auch nicht hervorragend anständig zu benehmen, kalkulierte sie.

Sie traute ihren Ohren nicht. Mit süßen Schmeicheltönen dankte die Majorin der Frau Geheimrätin, die sie doch oft ausgesprochenermaßen für den Tod nicht ausstehen konnte, für die große Freundlichkeit ihrer Bitte um eine Unterredung entsprochen zu haben, trotzdem sie sich so wenig liebenswürdig gegen sie benommen. Sie habe leider nur zu bald einsehen müssen, daß sie sich im Charakter Lizzis völlig getäuscht und daß die Geheimrätin vollkommen recht gehabt habe, sie so eindringlich vor ihr zu warnen. Und dann dämpfte sie die Stimme und Lizzi vermochte nur noch einzelne Worte zu verstehen, von mangelndem Taktgefühl, vom Herrn Krajesovich mit der saloppen Moral, vom Bubi, vom Duell und vom Kopfverdrehen. Das war also ihr Sündenregister und man schickte sie hinaus, um ihr die Gelegenheit, sich zu verteidigen zu entziehen. Abscheulich war es! – Sie wollte nichts mehr hören.

Doch da wurde eine sonore Männerstimme laut. Der fremde Herr hatte also das Wort ergriffen. Sie wollte doch gerne wissen, was der eigentlich bei der Geschichte zu thun hätte. Und so blieb sie noch ein Weilchen.

»Ja warum nicht?« hörte sie ihn sagen, »Wenn gnädige Frau mir das Teufelsmädel anvertrauen wollen. Bisher habe ich immer nur schwer zu traktierende Jungens in Behandlung gehabt. Ein paar problematische junge Damen – na, ist doch eine kleine Abwechslung in dem öden Einerlei unseres Krähwinkeldaseins. Da kann mal meine Frau ihre Künste spielen lassen. Ich sage Ihnen, die hat eine Energie – ha, süperbe! Und damit die beiden jungen Damen beisammen sind … ich kann nur sagen, Fräulein Käthchen macht einen recht vorteilhaften, sanften Eindruck. Jedenfalls gibt es bei uns nichts erbzuschleichen, hahahahaha!«

Jetzt flötete die Geheimrätin etwas Unverständliches, aber Lizzi hatte schon genug gehört. Sie sollte mit Kathi zusammen aufs Land, in die Besserungsanstalt, zu dem Herrn Gymnasiallehrer. Oho! So ohne weiteres ließ sie sich doch nicht verschicken. Die sollten einmal was erleben! Und sie huschte leise hinaus auf den Gang, zog sich im Hui an – und fort war sie. Sie hatte das Stelldichein mit Kathi an der Ecke der Bendler- und Tiergartenstraße verabredet, aber die Schwester war noch nicht zur Stelle, als sie Schlag zwölf dort anlangte. Da fiel ihr ein, daß sie höchst wahrscheinlich in Abwesenheit der Tante den Onkel nicht werde allein lassen dürfen, und rasch von Entschluß, wie sie war, kehrte sie um und eilte, so schnell sie konnte ohne gerade zu laufen, nach dem Schöneberger Ufer. Sie wollte die gute Gelegenheit, dem armen Onkel Riemschneider doch wenigstens Lebewohl zu sagen, sich nicht entgehen lassen. Ob sie dabei ertappt wurde, war ihr jetzt gleichgültig. Mehr wie hinausgeworfen konnte sie nicht werden – und daran begann sie sich allmählich zu gewöhnen.

Ganz außer Atem zog sie die Klingel bei Geheimrats. Kathi selbst öffnete ihr und war so erschrocken, sie vor sich zu sehen, daß sie sie gar nicht herein lassen wollte. Lizzi mußte sie mit Gewalt beiseite schieben, um sich den Eintritt zu erzwingen. Und dann zog sie sie mit sich in das Berliner Zimmer und erzählte ihr in fliegender Hast, was sie soeben von der gegen sie angezettelten Verschwörung der Tanten erlauscht hatte, und was sie dagegen zu unternehmen gedachte. Sie wollte abermals durchbrennen, auf ein paar Tage mit Fräulein Grönroos zusammenziehen und sich durch einen Theateragenten ein Engagement besorgen lassen, bei einer reisenden Gesellschaft, wenn's sein müßte. Alles, meinte sie, sei doch besser, als sich willenlos in die Sklaverei verkaufen lassen. Von ihrem Gelde hatte sie noch einige siebzig Mark und sie war der Ansicht, daß sie davon mindestens einen Monat leben könne. Kathi aber sollte heim nach München und schauen, ob sie nicht beim Großonkel unterkommen konnte, bis sie eine Beschäftigung gefunden hätte, die sie auf eigene Füße stellte.

Aber Kathi wollte von diesen kecken Plänen durchaus nichts wissen. Durchbrennen und eine untergeordnete Stellung annehmen, das dürfe sie nicht, denn sie müsse vor allen Dingen sich strengstens davor hüten, irgend etwas zu thun, was sie in den Augen der Welt zur Frau eines Geistlichen ungeeignet machen könne. Und weit von Berlin fort wollte sie auch nicht gehen. Sie müsse den Geliebten zum mindesten in erreichbarer Nähe haben.

Jetzt wurde aber Lizzi ganz wild. Sie schalt die Schwester grad heraus eine Närrin und erlaubte sich einige kräftige Bemerkungen über Pastor Werkmeister, der höchst wahrscheinlich die Hauptschuld trage an der plötzlichen Sinnesänderung der Majorin – und wie sie denn überhaupt so kindisch sein könne, gleich von lieben und heiraten zu reden, nachdem sie den Mann ein einziges Mal gesehen und er auch nicht die leiseste Andeutung gemacht habe, als hätte er dergleichen mit ihr im Sinne. Und nachdem sie ihr dergestalt ihre Meinung gesagt hatte, war der Gegenstand für sie erledigt und sie unterbrach Kathis betrübte Widerrede rücksichtslos, indem sie auf die Thür zuschritt und sagte: »Jetzt geh' i amal zum Onkel.«

Kathi lief ihr nach und wollte sie zurückhalten. Sie stellte ihr vor, was es für eine fürchterliche Scene geben könnte, wenn die Tante sie hier überraschte und wie das den kranken, alten Herrn aufregen müßte. Aber sie ließ sich nicht abhalten, sondern schritt rasch durch den Salon hindurch und klopfte an die Thür des Studierzimmers.

Ein leises »Herein« antwortete ihr und sie trat über die Schwelle, von Kathi auf dem Fuße gefolgt. Der Professor saß in dem großen, ledernen Lehnsessel am Fenster und las in einem Buche. Er hatte seinen langen Schlafrock an und seine Beine waren trotz der Wärme im Zimmer mit einer Decke umwickelt. So mager war sein Gesicht geworden! Die wachsbleiche Haut der Wangen durchscheinend, das lange Haupthaar fast weiß. Es gab Lizzi einen Stich ins Herz, ihn so traurig verändert, so gealtert wieder zu finden nach so wenigen Wochen. In tiefer Bewegung schritt sie auf ihn zu und streckte ihm mit einem herzlichen »Grüß Gott, lieber Onkel!« die Hand entgegen.

Er ließ das Buch in den Schoß sinken und blickte blöd zu ihr auf. Dann huschte ein Lächeln des Erkennens über seine welken Züge. Er griff nach ihrer Hand, drückte sie matt und sagte: »Ach, sieh da, die El– El– Eleonore!«

»Elisabeth willst du sagen, lieber Onkel,« kam ihm Kathi zu Hilfe, indem sie rasch hinter seinen Stuhl trat und ihm über die Schulter strich. »Die Lizzi möcht' nur g'schwind Abschied nehmen von dir, weißt.«

»Ja, ja – ich weiß schon – die, die Lizzi, das sag' ich ja. – Hmnja – das ist sehr schön von dir, mein Kind – ich habe gar nichts vergessen – o nein, ich habe immer gedacht, ob die …« Er konnte wieder das Wort nicht formen. Nur ein langes »Llll« vermochte er zu lallen, dann gab er es auf und vollendete, indem er errötete vor Scham über seine Schwäche: »Ob das gute Kind nicht einmal kommen wird, um sich nach mir zu – v–v–verteidigen.«

Er war sich offenbar bewußt, wieder ein falsches Wort gebraucht zu haben und schaute mit bebenden Lippen Lizzi halb ängstlich, halb ärgerlich an. Das griff ihr so ans Herz, daß sie nicht mehr an sich zu halten vermochte. Sie sank neben seinem Stuhle in die Kniee, brach in Thränen aus und wimmerte, indem sie seine zitternde, gelähmte Linke ergriff und mit Küssen bedeckte: »Ach lieber guter Onkel, net wahr, du bist mir net bös? Du weißt, daß ich nix Böses gethan hab'. Ich bin doch wirklich net Schuld dran, bei Gott! – Bitte – bitt' schön, sag's doch, daß du mi net auch für schlecht hältst.«

Der Professor sah sich unruhig, wie Hilfe suchend, nach Kathi um und flüsterte: »Ist sie nicht da? Ist sie ganz bestimmt fort?«

Kathi nickte nur und begann ihm beruhigend über den Kopf zu streichen.

»Ah!« seufzte er erleichtert. »Das ist schön. Ihr wißt, sie ist sehr gut – meine – meine Frau, aber sie weiß ja nicht … das mit dem Te– Te– Temperament. – Ich will's doch noch machen, jawohl – hnmja – wenn ich ganz gesund bin. Geht schon viel besser. – Nicht doch, Kind, nicht doch weinen, du – du bist ja auch gut – ich weiß. Käthchen kommt mit nach Rom – hmnja – wir wollen sehr lustig sein.« Er versuchte zu lachen und trommelte mit den mageren Fingern der Rechten auf dem Buchdeckel. Dann ließ er den Kopf langsam vornüber sinken und starrte die immer noch leise weinende Lizzi nachdenklich an. Plötzlich hellte sich seine Miene auf und indem er seine Rechte Lizzi auf den Kopf legte, sagte er: »Ich will etwas für dich thun, dafür, daß du nicht mit nach – nach Dings – nach Idealien – reisen darfst. Warte!« Und er versuchte sich von seinem Stuhl empor zu raffen.

»Laß doch, Onkel, laß doch,« rief Kathi, ihn sanft niederdrückend. »Soll ich etwas für dich holen?«

»Ja, Kind, bitte,« versetzte er, von der kleinen Anstrengung schon ermattet. »In meinem Schreibtisch – rechts oben, da ist ein – so ein …« Er zeichnete ein längliches Rechteck in die Luft und holte dann aus seiner Schlafrocktasche ein Schlüsselbund hervor, aus dem er mit zitternden Fingern den rechten hervorsuchte.

Kathi nahm ihm den Schlüssel ab, öffnete die bezeichnete Schublade und zeigte ihm verschiedene Gegenstände daraus vor. Er wurde ganz ungeduldig darüber, daß sie nicht gleich das Rechte brachte und vermochte es doch nicht genauer zu beschreiben. Endlich brachte sie ein längliches Büchlein mit graublauem Deckel zum Vorschein. Das war's. Er begehrte Feder und Tinte und dann füllte er mit vieler Mühe eines der im Buche enthaltenen Formulare aus. Mit ziemlich fester Hand schrieb er in Zahlen erst und dann in Worten »Eintausend Mark« und setzte seinen Namen unter den Check. Nur auf Lizzis Namen schien er sich durchaus nicht besinnen zu können. Er setzte mehrmals an und dann gab er es ärgerlich auf und sagte verlegen: »Deinen Namen kannst du selbst hierhersetzen. Das Schreiben wird mir schwer heute.«

Die beiden Mädchen sahen sich ängstlich an und Kathi wagte endlich zu sagen: »Ja, i weiß net, lieber Onkel, was dees is. Darf m'r dees auch?«

»Ja, gewiß,« versetzte er ungeduldig, indem er Lizzi den Schein in die Hand drückte. »Ich werd' Euch doch nicht be – be … Einfach bei der Deutschen Bank präsentieren. Wenn Ihr aber denkt …« Und mit plötzlicher Heftigkeit riß er Lizzi den Schein wieder aus der Hand und setzte aufs neue zum Schreiben an. Es gab einen Klex.

»Da, das kommt davon,« rief er heftig und schickte sich eben an den Schein zusammen zu ballen, als draußen die Flurglocke ertönte.

Alle drei fuhren erschrocken zusammen wie ertappte Sünder. Ohne daß jemand es aussprach, hatten sie die Gewißheit, daß das die Tante sein müsse. Kathi nahm dem Onkel rasch das Checkbuch und die Feder ab, verschloß ersteres in den Schreibtisch und steckte ihm das Schlüsselbund wieder in die Tasche. Der Schein war seiner zitternden Hand entfallen. Lizzi hob ihn auf, küßte noch einmal seine beiden Hände, trotzdem er ungeduldig abwehrte, und dann sprang sie auf die Füße und sah Kathi hilfeflehend an.

»Komm nur g'schwind,« flüsterte die, nahm sie bei der Hand und zog sie zum Zimmer hinaus. Sie rannte mit ihr durch den Salon in die Berliner Stube, durch den langen Gang bis zur Küche. Dort küßte sie sie flüchtig und schob sie, der höchst erstaunten Köchin nicht achtend, zur Hinterthür hinaus.

Lizzi sprang die enge steile Treppe hinunter, als ob die Polizei mit dem Ruf »Haltet den Dieb!« hinter ihr her wäre. Aber der Schreck war ihr so in die Glieder gefahren, daß ihr die Kniee zitterten. Auf dem ersten Absatz mußte sie einen Augenblick niedersitzen. Sie drückte verzweifelt die Fäuste in ihre Augenhöhlen und biß die Zähne fest aufeinander. Was in aller Welt hatte sie denn begangen, daß sie so hart gestraft wurde. Tausend Mark – ein ganzes Vermögen nach ihren Begriffen – sollten ihr in den Schoß fallen – und da kam wieder diese Frau, ihre unversöhnliche Feindin dazwischen. Sie griff in ihre Manteltasche und holte das zerknitterte Papier hervor. Der Klex hatte sich beim heftigen Zusammenraffen auch auf der andern Seite abgedrückt. Wie zwei Ochsenköpfe ungefähr sah es aus – oder auch Teufelsfratzen – jedenfalls hatte das Ding zwei Hörner und war sicher keinen Pfennig wert!

Schrecklich, schrecklich – unfaßbare Grausamkeit des Schicksals! – Sie wollte das Papier doch wenigstens behalten zum Andenken an die Güte des armen Onkels. Da hörte sie oben auf der Treppe Schritte, raffte sich eilends auf und verließ durch das Hofthor das Haus.

Lizzi hatte nicht übel Lust, gar nicht mehr zur Majorin zurückzukehren. Ihr kleines Vermögen trug sie ja bei sich. Und weshalb sollte sie Rudis dummverliebtes Geäugel noch länger über sich ergehen und sich von der gnädigen Frau als Verbrecherin behandeln lassen? Sie fühlte sich freilich vollkommen unschuldig – sie hatte in diesem Falle nicht einmal den Schein eines Unrechts auf sich geladen, wie damals, als der Zusammenstoß mit Tante Ida erfolgte; aber ihre sieben Wochen alte Lebenserfahrung hatte sie bereits darüber aufgeklart, daß von erzürnten Frauen niemals Gerechtigkeit zu erwarten ist, am wenigsten von einer Frau, in die sich niemand verliebt gegenüber einer solchen, in die sich alle verlieben! Je ruhiger und vernünftiger sie über die ganze Sache nachzudenken versuchte, desto unbegreiflicher wurde ihr der Zusammenhang. Ihre moralischen Qualitäten änderten sich doch nicht dadurch, daß der Gegenstand ihrer Neigung nicht wie ein grüner Junge, sondern wie ein besonnener, ehrlicher Mann handelte? Daß der Herr von Krajesovich sich nicht Hals über Kopf verloben wollte, wurde ihm als Verbrechen ausgelegt, und daß ihr eigener Sohn sich sofort bereit erklärte, gewissermaßen zur Sühne, diese Dummheit statt seiner zu begehen, das wurde gar ihr, dem unschuldigen Opfer, als Verbrechen ausgelegt!. Die Majorin hatte doch von Anfang an Bubis Verliebtheit durchschaut und sogar ein herzliches Vergnügen daran gefunden, welches sich in allerhand kleinen Neckereien unzweideutig äußerte. Es war doch gänzlich unfaßbar, wie diese warmherzige, doch sonst durchaus nicht kleinlich denkende Frau sich auf einmal so in diesen Urwald von Unsinn verirren konnte. Ein Irrlicht mußte sie da hinein gelockt haben, und das konnte ihr niemand anders aufgesteckt haben, als dieser verwünschte Pfaff, indem er sie seiner Gönnerin als eine verlorene Seele darstellte, welche eine moralische Ansteckungsgefahr ins Haus hinein brächte.

Soweit war sie mit ihren Folgerungen und auf ihrem Wege bis zur Matthäikirche gekommen, als plötzlich an ihrer linken Seite eine bekannte Männerstimme sie aus ihrem Sinnen aufschreckte. Sie blickte auf und erkannte in dem Herrn, der ihr soeben »Guten Tag« geboten hatte, den Pastor Werkmeister. Kurz und unfreundlich gab sie ihm seinen Gruß zurück.

»Welch ein glücklicher Zufall,« begann der Geistliche, an ihrer Seite bleibend. »Sie sind auf dem Heimwege, nicht wahr? Ich wollte mir auch eben erlauben, bei Ihnen vorzusprechen, in einer wichtigen Angelegenheit.«

»Ja, bitt' schön, Sie finden Frau von Goldacker jetzt bestimmt daheim, in einer halben Stund' geh'n wir zu Tisch,« sagte Lizzi gleichgültig.

»Ja, aber es handelt sich um Sie, mein verehrtes Fräulein,« versetzte der Pastor. »Ich wollte Sie eigentlich sprechen, und zwar womöglich allein. Die Frau Majorin hätte mir das vielleicht nicht gestattet, aber nun ich das Glück habe, Sie hier zufällig zu treffen, darf ich mir vielleicht die Bitte erlauben, einen kleinen Umweg mit mir zu machen. Es liegt mir wirklich sehr am Herzen.«

Lizzi sah überrascht zu ihm auf. Er sprach so eigentümlich bewegt und sein entschieden hübsches, männlich offenes Gesicht war von tiefer Röte bedeckt. Ob das nur die frische Kälte machte – oder vielleicht der heilige Eifer? Ein Verdacht stieg in Lizzi auf und sie konnte sich nicht enthalten, ihm Ausdruck zu geben durch die ironische Frage: »Ach, Sie wollen mich wohl bekehren? Meine Seele retten noch geschwind vor Tische?«

Er bewegte verneinend den Kopf und warf ihr einen Blick so voll ernster Betrübnis zu, daß sie nun ihrerseits errötend die Augen niederschlug.

»Was habe ich Ihnen gethan, mein liebes Fräulein, daß Sie so …« Er brach seufzend ab und nach kurzem Nachdenken fuhr er fort: »Ah, ich kann mir denken … hat vielleicht die Frau Majorin, als sie gestern von ihrem Besuch bei mir zurückkam, irgend etwas geäußert, was Sie verletzen mußte?«

Lizzi antwortete nicht, aber an ihren vibrierenden Nasenflügeln, an der Art, wie sie ihre Lippen nagte, mußte er wohl bemerken, daß er mit seiner Vermutung das Richtige getroffen habe. Und er fuhr wärmer und geläufiger also fort: »Wenn es zu einer unliebsamen Auseinandersetzung gekommen ist, dann fürchte ich allerdings, daß ich die Ursache davon bin. Meine gestrige Unterredung mit der Frau Majorin hat mir eine schlaflose Nacht eingetragen. Ich fühle, daß ich Ihnen eine Erklärung schuldig bin, mein liebes Fräulein, und deshalb bin ich auch gleich gekommen. Bitte, hören Sie mich an.«

Lizzi nickte leicht mit dem Kopfe. Sie war nun wirklich sehr neugierig. Außerdem bemerkte sie, daß sie bereits achtlos an der Thür ihres Hauses vorübergegangen waren.

»Darf ich Sie vielleicht bitten,« fuhr Pastor Werkmeister fort, »mir zuerst zu sagen, was gestern geschehen ist, nachdem die Frau Majorin von mir zurückkam. Ich möchte die gute Dame nicht gern unnützerweise bloßstellen. Sie können mir wirklich Vertrauen schenken, Fräulein Mödlinger. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, was Sie mir auch sagen mögen, ich will es bewahren, wie ein Beichtgeheimnis.«

Das klang so seltsam feierlich und der Mann war so tief bewegt – der konnte unmöglich ihr Feind sein. Und so erstattete sie ihm unumwundenen Bericht von allem, was gestern nachmittag und heute früh im Hause vorgegangen war, und hielt auch nicht mit dem Geständnis zurück, daß sie seinem Einfluß die sonst unerklärliche Sinnesänderung der Majorin zuschreibe.

Der Pastor hatte ihre Erzählung mehrfach mit kurzen Aeußerungen seines Erstaunens, seines teilnehmenden Unwillens unterbrochen. Ohne daß sie wußten, wer eigentlich die Richtung angegeben habe, waren sie mittlerweile bei einem einsamen Fußweg des Tiergartens angekommen. Als sie ihre kleine Erzählung beendet hatte, blieb er stehen und streckte ihr beide Hände entgegen. Seine Augen blickten sie groß und feuchtglänzend an und sie fühlte sich sanft gezwungen, ihre Rechte aus dem kleinen Pelzmuffchen herauszuziehen und sie dem warmen Druck seiner beiden großen Hände für längere Zeit zu überlassen.

»Aber, mein liebes Fräulein,« rief er heftig bewegt, »das ist ja Wahnsinn! Das haben Sie alles über sich ergehen lassen müssen – und zwar um meinetwillen! Mein Gott, mein Gott, was sind doch die Frauen …! Ja, Sie haben ganz recht gehabt, ich bin thatsächlich daran schuld; aber nicht so, wie Sie meinen. Und jetzt muß ich reden um Ihretwillen. Ich darf die Majorin nicht mehr schonen. Also hören Sie. Frau von Goldacker kam gestern nachmittag, offenbar in heftiger Aufregung, zu mir, um mich in Ihrer Angelegenheit um Rat zu fragen. Durch den Brief des Herrn Krajesovich glaubte sie sich selbst ebenso beleidigt, wie Sie. Sie habe die Herbeiführung einer Verlobung zwischen Ihnen in der herkömmlichen anständigen Form für ihre Pflicht gehalten, und nun werde sie zum Dank dafür von dem Herrn wie eine frivole Kupplerin behandelt. Und Sie, mein liebes Fräulein, hielt sie durch die Absage dieses Herrn für schwer kompromittiert. Ich habe mir, bei Gott, alle mögliche Mühe gegeben, ihr die Unvernunft solcher Ansichten klar zu machen. Ich muß Ihnen ganz offen gestehen, daß mir persönlich der serbische Herr keinen sehr günstigen Eindruck gemacht hat, und Sie werden begreifen, die Verschiedenheit unsrer Ansichten, überhaupt das so ganz Fremde in seinem Wesen … Aber darauf kommt es ja natürlich hier gar nicht an. Und ich vermag auch wirklich in seinem Absagebrief nichts zu finden, was Ihre Ehre kranken könnte, oder was dem Herrn selbst zur Unehre gereichte. Daß die gute Frau von Goldacker sich etwas verletzt fühlte – nun ja, das sind so kleine, weibliche Schwächen. Ich gab mir die redlichste Mühe, sie von ihrer vorgefaßten Meinung zurückzubringen. Es schien aber wenig Eindruck zu machen, was ich ihr sagte. Sie war auffallend zerstreut. Und auf einmal brach sie in Thränen aus und sagte: da könnte ich nun sehen, was man einer schwachen, schutzlosen Frau mit einem weichen, arglosen Herzen alles zuzumuten wage. Ich war wirklich schon ganz verzweifelt. Aber beste gnädige Frau, wer mutet Ihnen denn etwas Ungebührliches zu? rief ich sie an, nehmen Sie doch nur Vernunft an! – Und was erwiderte sie mir? Na, da sehen Sie, nun sagen Sie es ja selbst. Es ist wirklich, um den Verstand zu verlieren. Ich fühle es jetzt zu deutlich: ich muß unbedingt wieder heiraten. Ich kann nicht warten, bis mein Sohn selbständig wird. Was raten Sie mir, lieber Herr Pastor? Oder glauben Sie, daß ich jetzt schon zu alt und zu garstig bin, um noch einem Manne gefallen zu können – einem Manne nämlich, der nicht nur auf mein Vermögen ausgeht? – Sie werden mir zugeben, liebes Fräulein, die Situation war für mich ein wenig – wie soll ich sagen – genierlich. Als Seelsorger konnte ich ihr doch nur zureden, ihren Frieden da zu suchen, wo ihr Herz sie hinzog, und als höflicher Mann konnte ich ihr doch auch nicht sagen, sie wäre zum Heiraten zu alt oder zu häßlich. Und nun wurde sie über meine Zustimmung so gerührt und erregt – ich wußte gar nicht wie …«

»Und da hat s' g'sagt: bitt schön, möchten S' net vielleicht gar selber so freundlich sein und sich meiner erbarmen?« fiel ihm Lizzi lustig in die Rede. »Nein, wissen S', das wundert mi gar net. Mir hat s' schon eh g'sagt, daß s' gern einen Geistlichen heiraten möcht, wann s' kein' Maler derwischen könnt. Na, dees is jetz gut! Was haben denn Sie d'rauf g'sagt. Herr Pfarrer?«

Er war wieder rot geworden und kraute sich verlegen in seinem Backenbarte. »Ach, mein liebes Fräulein,« sagte er, »ich habe ja an dergleichen gar nicht gedacht. Meine Gedanken waren ganz wo anders. So direkt, wie Sie meinen, hat sie mich natürlich auch nicht herausgefordert, aber ich hätte es doch merken müssen, worauf sie hinaus wollte, wenn ich nicht, wie gesagt. … Erst später, nachdem sie in heller Wut mein Zimmer verlassen hatte, fiel mir die Binde von den Augen und ich sah, welch eine Dummheit ich angerichtet hatte.«

»Ja, thut's Ihnen denn jetzt leid, möchten Sie s' denn gern heiraten?« fragte Lizzi naiv. Sie dachte an Kathi und blickte ihn mit ihren großen Augen ein wenig traurig und dabei sehr gespannt an.

»O, nein, nein, nicht um alle Millionen!« rief der Pastor mit komischer Entschiedenheit. »Nein, denken Sie nur, was ich für eine fürchterliche Dummheit begangen habe! Bloß um dem peinlichen Gespräch eine andre Wendung zu geben, ließ ich mich hinreißen, ihr zu gestehen, daß ich seit vorgestern Abend eine heftige Neigung zu einem jungen Mädchen gefaßt habe, das ich in ihrem eigenen Hause kennen lernte.«

»Ist das wahr?« rief Lizzi aufs freudigste überrascht, indem sie unbefangen eine Hand auf seinen Arm legte und ihn mit großen lachenden Augen anstrahlte.

»Bei Gott, das ist wahr!« versicherte er mit feierlichem Ernst. Und dann bemächtigte er sich wieder ihrer Hand und drückte sie fest zwischen seinen beiden. »Ich habe Tag und Nacht seither an nichts andres denken können. Das liebliche Bild wollte nicht von mir weichen. Soviel ich mir auch vorhielt: das ist ja unmöglich – dieser plötzliche Rausch, der da über dich gekommen ist, kann nicht das Rechte sein. Aber ich weiß es jetzt, es ist doch das Rechte. Dies heiße tiefe Gefühl, das plötzlich mein ganzes Inneres so gänzlich erfüllt hat, das ist wirklich die Liebe, nach der ich mich schon lange gesehnt habe. Die erste ernste Liebe eines Mannes, der längst kein Kind mehr ist. Ich weiß, es ist unzart, es ist vermessen, so zu Ihnen zu sprechen – zu Ihnen, der noch das Herz blutet von der frischen Wunde einer schmerzlichen Enttäuschung. Es wäre mir gar nicht eingefallen, jetzt schon mich Ihnen zu offenbaren, wenn nicht zufälligerweise ich die unschuldige Ursache dieser unglückseligen Eifersucht geworden wäre, die sie jetzt schon wieder vertreiben will aus dem kaum gefundenen Heim.«

»Ah, wissen S', deswegen können S'schon frei von der Leber weg reden,« rief Lizzi lustig. »Mi druckt gar nix mehr. Ich bin nur froh, daß ich mei Freiheit wieder hab' und daß mein serbischer Freund ein solch vernünftiger Mensch is.«

Und der geistliche Herr vergaß aller seiner Würde und rief mit bebenden Tönen, trunken wie ein Jüngling, die zitternden Arme ausgestreckt, sie zu umfangen und an seine Brust zu pressen: »Dann darf ich es also wirklich wagen, Ihnen zu gestehen, liebes, süßes, einziges Mädchen, daß ich Sie liebe mit aller Kraft meiner Seele? Können Sie mir Hoffnung geben, daß Sie …«

»Ich?!« fiel ihm Lizzi ins Wort und starrte schier versteinert mit schreckensweiten Augen zu ihm auf.

Er aber wußte sich ihre Miene nicht zu deuten. Eitel und siegesgewiß, wie alle starken Männer, mochte er wohl glauben, dieses »Ich« sei der Ausdruck seligen, mädchenhaften Erschreckens gewesen über die große Auszeichnung, die ihr zu teil wurde. Oder auch, er dachte gar nichts und konnte es einfach nicht länger aushalten. Kurz, er schloß seine Arme um ihre üppige Gestalt und drückte sie fest an sich.

»Nicht doch, nicht doch, lassen S' mi aus,« klagte Lizzi weinerlich.

Aber er hielt sie so fest, daß sie sich nicht loszureißen vermochte und sprach ihr tröstend zu, wie einem kleinen Kinde. »Fürchte dich nicht, Geliebte. Hier ist weit und breit kein Mensch. Niemand sieht uns als nur Gott allein und der hat seine Freude daran, wenn zwei Menschenherzen sich zum ewigen Bunde finden, und zwei warme Lippenpaare das Bündnis besiegeln im ersten bräutlichen Kuß.«

Herrgott, wie schön der Mann reden konnte! Lizzi ward es ganz wirr im Kopf. Es ruhte sich so gut und warm an dieser breiten Brust und er hielt sie so fest und sicher. »Elisabeth,« hörte sie ihn dicht an ihrem Ohr flüstern, »glaubst du, daß du mir wieder Liebe schenken kannst?«

Mühsam suchte sie ihrer Verwirrung Herr zu werden. Er drückte sie so, daß sie kaum zum Sprechen Luft hatte und sie stammelte kurzatmig: »Aber, Herr Pfarrer – naa, i bitt Ihne! – dees geht doch net, dees kann doch net wahr sein. Mich kennen S' doch schon lang und Sie haben doch von einer gred't, die S' erst am heiligen Abend …«

Er ließ sie gar nicht ausreden und unterbrach sie mit heißem Flüstern: »Ja, gewiß, so ist es auch. Ich habe dich schon immer reizend gefunden, mein geliebtes Mädchen, seit ich dich zum erstenmal sah. Aber kennen gelernt habe ich dich doch erst vorgestern abend. Da hab' ich zum erstenmal einen Blick in deine Seele thun dürfen. Als jener Mann über die ernstesten und heiligsten Dinge zu spotten wagte – o, ich habe wohl bemerkt, wie weh dir das that und wie du es doch für deine Pflicht hieltest, seine Partei zu ergreifen und so klug und mutig gegen uns alle auftratest. Da hab' ich erkannt, welch schöne Seele in diesem lieblichen Körper wohnt. Da mußte sich mein Schicksal erfüllen. Ja, du süßes Kind, ich liebe dich!« Und dann bedeckte er ihr Mund und Wangen mit brennenden Küssen, soviel sie sich auch sträubte und flüsterte heiß: »Glaubst du mir nun? Willst du die Meine werden?«

Lizzi wußte nicht, ob es Schreck oder Zorn war, was sie auf einmal so gewaltig packte und ihr die Kraft verlieh, sich aus seiner festen Umarmung loszureißen. Sie trat ein paar Schritte von ihm zurück, streckte abwehrend die Hände gegen ihn aus, stampfte zornig mit dem Fuß auf und knirschte mit funkelnden Blicken: »Was nennen S' mi denn alleweil du? Sie, i verbitt mir das!«

Pastor Werkmeister fiel aus allen seinen Himmeln und machte ein Gesicht, das der Ausdruck maßlosen Erstaunens nicht eben geistreich erscheinen ließ. Sprachlos starrte er sie an.

Plötzlich traten Lizzi die Thränen in die Augen. Sie preßte mit beiden Händen ihr Muffchen ans Herz, blickte zum Himmel auf und jammerte verzweifelt: »Ui jegerl, jegerl, lieber Herrgott, womit hab i nur dees verdient? Ich hab' doch ganz g'wiß an nix Böses denkt – und da kommt der Mann daher und dutzt mi mir nix, dir nix und küßt mi auf öffentlicher Promenad. Dees is doch scho wirklich zu arg!«

»Aber liebes Fräulein Mödlinger,« stotterte der Pastor verwirrt, »ich glaubte doch ein Entgegenkommen. … Ich bitte Sie, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie gekränkt habe. Ich bin wohl zu rasch – mein Gott, die Leidenschaft … ich glaubte doch in Ihren Augen zu lesen …«

»A was,« fuhr Lizzi ärgerlich auf. »Ich hab' g'meint, Sie reden von meiner Schwester.«

»Von Ihrer Schwester?!« Er machte ein Gesicht, als ob er sich auf gar keine Schwester besinnen könne. »Ja, mein Gott, fühlen Sie denn gar nichts für mich? Können Sie mir gar keine Hoffnung geben?«

»Nein, nein – ich mag nicht, ich kann nicht,« stieß sie scharf und atemlos hervor. Mit niedergeschlagenen Augen stand sie vor ihm und ihre Brust wogte heftig. Dann wandte sie sich entschlossen von ihm ab und schritt rasch davon, den Weg, den sie gekommen waren, zurück.

Mit großen Schritten eilte er ihr nach und flehte sie an: »Rauben Sie mir doch nicht alle Hoffnung, ich kann ja nicht ohne Sie leben!«

»Nein, i mag net, lassen S' mi los. I darf net – nie nie, um kein Preis!«

Und damit raffte sie ihre Röcke zusammen und setzte sich in Laufschritt. Eine Strecke weit verfolgte er sie weit ausschreitend. Wenn er hätte traben wollen, hätte er sie mit leichter Mühe eingeholt. In der großen Querallee waren aber Leute. Da gab er's auf. Doch Lizzi trabte fast unausgesetzt bis zum Eingang der Matthäikirchstraße. Und erst, als sie ihn dort nicht mehr hinter sich sah, verfiel sie in einen ruhigeren Schritt. –

Friedrich öffnete ihr mit vertraulichem Grinsen die Thür. »Au weh, Fräulein, heute jibt's aber was. Die Herrschaften sind schon beim Braten!« flüsterte er schadenfroh. Die Sklavenseele wußte wohl schon, daß sie in Ungnade gefallen sei und da meinte sie, den Respekt als überflüssig beiseite lassen zu dürfen.

Lizzi würdigte ihn keiner Antwort. Sie legte hastig ihre Sachen ab und betrat das Eßzimmer. Eine Entschuldigung murmelnd, setzte sie sich auf ihren Platz. Ihre Wangen glühten, ihre Augen glänzten, und ihr Busen wogte immer noch heftig von dem raschen Lauf.

Rudi verschwendete umsonst seine feurigsten Blicke an sie. Sie hielt hartnackig die Augen auf ihren Teller gesenkt und sprach kein Wort.

»Du wirst wohl entschuldigen, wenn wir ohne dich angefangen haben,« sagte Frau von Goldacker kalt und scharf, sobald der Diener hinaus war, um die Suppe für Lizzi zu holen. »Du wirst wohl nicht verlangen, daß wir dir zu Gefallen das ganze Diner verderben lassen.«

Lizzi zuckte nur leicht die Achseln. Ui je, wenn sie schon ihr bescheidenes Mittagessen »Diner« benannte, da mußte sie freilich sehr böse sein!

»Wir konnten ja nicht wissen, ob du überhaupt wieder zu kommen beabsichtigtest,« fuhr die Majorin nach kurzer Pause fort. »Ich wollte dich dem Herrn Oberlehrer Doktor Hartmann vorstellen, der so liebenswürdig sein will, dich und deine Schwester in Pension zu nehmen, bis ihr eine anständige Lebensstellung gefunden haben werdet. Aber da warst du ausgeflogen, niemand wußte wohin. Darf man vielleicht fragen, wo du warst?«

»Ich war mit Herrn Pastor Werkmeister im Tiergarten spazieren,« versetzte Lizzi kurz und warf ganz verstohlen einen scharf beobachtenden Seitenblick auf die Majorin.

Sie sah, wie sie zusammenzuckte, wie Messer und Gabel in ihren Händen zitterten bei dem vergeblichen Bemühen, ein offenbar sehr hartes Stück Huhn zu zerkleinern. Die Köchin hatte nun einmal kein Talent fürs Geflügel!

»Wie kamst du denn dazu, mit Pastor Werkmeister …« stieß die aufgeregte Dame tonlos hervor.

»Ich traf ihn zufällig auf der Straße und er bat mich um eine Unterredung.«

»So, wirklich? Was wollte er denn von dir?«

»Er wollte mich heiraten.« –

Erst sprachloses Erstaunen. Die Majorin zitterte am ganzen Körper derart, daß sie Messer und Gabel loslassen und die Hände auf den Schoß legen mußte. Und Bubi ward leichenblaß und klammerte sich mit beiden Händen an die Tischkante. Plötzlich sprang er auf, schlug mit den Knöcheln auf den Tisch und keuchte ganz außer sich: »Das ist – das ist eine Gemeinheit. Ich werde …«

Da trat Friedrich mit der gewärmten Suppe herein und Bubi plumpste wieder auf seinen Stuhl zurück, daß es nur so krachte. Es war einer von den echten. Er griff eilig nach seinem Besteck, um sich vor dem Diener nichts merken zu lassen, aber er brachte keinen Bissen mehr hinunter. Seine Mutter ebensowenig.

Eine Schicksalsfrage schwebte ihr auf den Lippen und drückte ihr schier das Herz ab vor Ungeduld. Der Friedrich mit seinen neugierigen Blicken war recht unangenehm und die Lizzi aß so langsam, pustete an jedem Löffel voll so lange herum.

»Sie können das hier abnehmen,« sagte die Majorin endlich, »und gleich den Pudding bringen. Inzwischen kann die Köchin für das Fräulein etwas Braten wärmen.«

Sobald Friedrich mit dem Tablette hinaus war, that die Majorin ihre schwere Frage: »Nun – und? Da hast du dich wohl nicht lange besonnen?«

»O nein,« versetzte Lizzi, ironisch, lächelnd. »Gründlich hab' ich'n abfahr'n lassen. Der traut sich net wieder.«

Rudi sprang abermals von seinem Stuhl auf und zwar so ungeschickt, daß das wacklige alte Möbel umstürzte und die hohe, morsche Lehne abbrach. Er rannte um den Tisch herum auf Lizzi zu, stammelte allerlei unzusammenhangenden Unsinn und wollte sich vor ihr niederwerfen, um seinem überschwänglichen Danke Ausdruck zu geben.

Seine Mama aber war schnell genug bei der Hand, um die Ausführung dieses Vorhabens zu verhindern. Sie nahm ihn einfach beim Kragen und führte ihn aus dem Zimmer. Es war gut, daß sie diese Ablenkung bekommen hatte, sonst wäre sie wahrscheinlich vor freudiger Ueberraschung der Lizzi gleich um den Hals gefallen.

Das merkwürdige Mädchen benutzte das kurze Alleinsein dazu, um vor Vergnügen auf seinem Stuhle zu hüpfen. Der aber fühlte sich zu alt, um noch auf solche Scherze einzugehen. Außerdem war er ein Bruder des jenseits eben zu Schaden gekommenen und entschloß sich darum kurz, dessen Schicksal zu teilen. Seine beiden bresthaften Vorderbeine gingen aus den Fugen und mit einem kurzen Krach sank er mit seiner süßen, aber doch schweren Last vornüber unter den Tisch.

Die Sache kam Lizzi so überraschend, daß sie sich eines erschrockenen Aufschreis nicht erwehren konnte. Und im selben Augenblick traten von rechts die Hausfrau und von links der Diener herein.

»Aber Lizzi, was machst du denn da unter dem Tisch?« rief die Majorin erstaunt, und Friedrich war trotz seines mehrjährigen Verkehrs in herrschaftlichen Häusern nicht gebildet genug, um seine plebejische Schadenfreude angesichts dieses merkwürdigen Stilllebens zurückzuhalten. Er prustete laut heraus und ein wahres Wunder war's, daß er dem gefallenen Fräulein nicht die Puddingschüssel unter dem Tisch servierte. Bei einem Haar wäre sie von dem Tablette heruntergerutscht.

So endete Lizzis dritte Verlobung. Die Majorin warf ihr zwar hinterher vor, sie müsse überhaupt kein Herz haben, wenn sie einen Mann wie Pastor Werkmeister zurückweisen könne, aber innerlich war sie doch dem sonderbaren Mädchen innigst dankbar dafür, daß es sie so prompt und wirksam an dem Undankbaren gerächt hatte. Und sie wurde auf einmal wieder sehr freundlich und wollte durchaus nichts davon hören, daß Lizzi sogleich ihre Sachen packte und davon ging. Zum mindesten müßte sie noch bei ihrem Zauberfest mitwirken. Das versprach sie denn auch. Und damit war vorläufig der Friede zwischen den Damen des Hauses wieder hergestellt.

Die Kosten mußte der Heldenjüngling Rudi bezahlen. Er war nun der allerseits in Ungnade gefallene und wurde angewiesen, seinen gekränkten Stolz möglichst viel in freier Luft spazieren zu führen.

Siebzehntes Kapitel.

Erzählt, wie Lizzi die Bekanntschaft ihres neuen, grimmen Kerkermeisters macht und wie sie mit ihm umspringt, des weiteren auch, wie sie unvermutet zu Vermögen kommt. Zusamt etlichen Betrachtungen über Wahrheit, Lüge und Schulmeisterei.

Am andern Tage kam ein Brief von Kathi. Das arme Ding hatte arge Schelte gekriegt von der Tante Ida, weil sie wieder einmal ihre Abwesenheit benutzt habe, um ihren armen, kranken Mann aufzuregen. Es sei doch schrecklich, daß sie keine Stunde lang das Haus verlassen könne, ohne die Gewißheit, daß hinter ihrem Rücken erbschleicherische Attentate begangen würden. Im Hinblick auf die nahe Erlösung aus der abscheulichen Sklaverei und um nicht etwa die Schwester durch ein unvorsichtiges Wort mit hineinzuziehen, hatte Kathi auch diese häßliche Verdächtigung schweigend hingenommen. Die Köchin hatte nichts gesagt von Lizzis Flucht über die Hintertreppe. Sie werde auch später nichts verraten, denn sie stehe treu zu ihr und könne, wie alle Dienstboten, die geizige, ewig unzufriedene Herrin nicht leiden. Und dann berichtete Kathi ein Näheres von dem Eindruck, den sie von ihrem zukünftigen Herbergsvater, dem Oberlehrer Doktor Hartmann empfangen habe. Er hatte bei ihnen zu Mittag gespeist und nach Tische sie zu einem kleinen Spaziergang aufgefordert. Bei dieser Gelegenheit habe sie zu ihrer freudigen Ueberraschung bald herausgefunden, daß er nichts weniger als ein beschränkter, hochmütiger Schultyrann, sondern im Gegenteil ein höchst warmherziger, vernünftiger und heiterer Mensch sei. Im Handumdrehen hätte er ihr Vertrauen soweit gewonnen, daß sie ihm rückhaltslos ihre ganze Lebens- und besonders die Leidensgeschichte der letzten Wochen anvertraut und sich auch Mühe gegeben habe, die böswilligen Anschuldigungen gegen sie, Lizzi, als elende Verleumdungen darzustellen. Sie beschwor zum Schlusse die Schwester, doch ja ihre tollen Pläne aufzugeben und mit ihr zu Doktor Hartmann zu gehen, wo sie es ganz gewiß gut haben würden. Er sei übrigens auch ein großer Litteraturkenner und Theaterfreund, von dem sie gewiß viel Nützliches lernen könnte. Morgen nachmittag wolle er sie zu einem Spaziergang abholen. Sie solle sich nur nicht fürchten und ganz offen gegen ihn sein. Er werde ihr ganz bestimmt auch gefallen.

Lizzi hatte den Brief erhalten, als sie gerade von ihrer Unterrichtsstunde bei Fräulein Orjes zurückgekehrt war. Das klang ja alles recht schön und gut; aber die liebe Kathi war halt ein bißchen sehr bescheiden in ihren Ansprüchen – und jetzt gerade von Berlin fortzugehen, wo ihr Plan, sich der Bühnenkunst zu widmen, just anfing, einigermaßen greifbare Gestalt zu gewinnen – das wäre doch am Ende auch Leichtsinn gewesen. Die bethränte Königin war nämlich mit ihren Fortschritten sehr zufrieden. Ihr musikalisches Ohr befähigte sie, die ihrem Münchener Schnabel so fremden Laute der hohen Tragödiensprache ohne Mühe nachzuahmen. Schon nach den wenigen Stunden, die sie gehabt hatte, vermochte sie Verse fast ganz dialektfrei zu recitieren. Nur mit der Prosa haperte es noch und ihre Anstrengungen, auch im täglichen Umgang reines Hochdeutsch zu sprechen, blieben bisher noch ziemlich vergebliche. Das Münchener Kindl schlug immer wieder siegreich durch. Aber immerhin war doch ein Anfang gemacht und ein Ende abzusehen. Wenn sie Zeit gehabt hätte, noch ein paar Monate hindurch neben dem Stelzengang des Fräulein Orjes mit Milka Grönroos das moderne Drama mit seiner Wirklichkeitssprache und seiner Betonung des Charakteristischen an Stelle des sogenannten Schönen fleißig zu studieren, so getraute sie sich wohl, bis zum nächsten Frühjahr wenigstens ihre Sprechwerkzeuge richtig handhaben zu können. Dann gedachte sie für den Sommer ein Engagement an einer kleinen Bühne anzunehmen, um das Stehen und Gehen zu erlernen – und dann, meinte sie, müßte die Künstlerin wohl fertig sein.

Sie setzte sich hin, um der Schwester sogleich zu antworten. Aber sie kam über die Eingangsredensarten nicht hinweg. Das, was die Kathi am allermeisten anging, konnte sie ihr doch nicht schreiben. Ihr die Begegnung mit Pastor Werkmeister mit dem ganz unvermuteten, aufregenden Ausgang wahrheitsgetreu zu berichten, das wäre doch zu grausam gewesen. Wenn sie seine Werbung auch abgelehnt und ihn auch, sogar ziemlich deutlich, auf die Schwester hingewiesen hatte, so blieb doch die Thatsache bestehen, daß er ihr seine Liebe gestanden und sie sogar in leidenschaftlicher Hingerissenheit geküßt hatte. Wenn das Kathi erfuhr, dann würde sie in ihrer Engelsgüte ganz gewiß sich für die Schwester opfern wollen und vielleicht selbst darüber elend hinsiechen. Was hätte es denn auch viel geholfen, wenn sie, Lizzi, von vornherein erklärte, den Mann nicht zu lieben? Er liebte ja doch einmal sie und hatte keinen Gedanken für die Schwester übrig. – Und noch etwas Schlimmes kam hinzu, etwas wirklich Beängstigendes: die robuste Lizzi hatte thatsächlich eine fast schlaflose Nacht hinter sich und der sie ihr eingebracht hatte, war niemand anders als eben dieser Pastor Werkmeister. Vorher hatte sie ihn gar nicht beachtet, wenn auch immer recht angenehm gefunden; aber in der Einsamkeit ihres Schlafzimmers klang ihr sein schönes, weiches Organ berauschend in die Ohren und sie fühlte sich von seinen zitternden Armen heiß umfangen und ihre Lippen öffneten sich schwellend im Nachgenusse seiner Küsse. Alles, alles, was er gesagt und wie er es gesagt, war aus tiefster Seele, aus ernster männlicher Ueberzeugung emporgequollen – so sprach die wahre Liebe – so mußte sie von einem selig überraschten Mädchenherzen nachempfunden werden! Hätte sie gestern von Kathis Liebe nichts gewußt, so würde sie diesem mächtigen Ansturm der Leidenschaft wohl nicht widerstanden haben. Sie hätte sich willig dem Zauber des Augenblicks hingegeben und den starken Zauberer selbst gewiß bald lieb gewonnen, so lieb, wie er es verdiente! War sie denn aber nun sicher? Konnte sie wirklich der Gedanke an die Schwester dauernd beschützen vor der starken Versuchung, die reiche Gabe anzunehmen, die ihr geboten wurde? Der armen Schwester entzog sie ja in Wirklichkeit nichts. Sie gingen nur beide leer aus, wenn sie nicht annahm. Aber auf der andern Seite konnte sie doch nicht erwarten glücklich zu werden mit dem Bewußtsein, ihre treue, gute Kathi um ihre schönste Hoffnung betrogen zu haben. Jetzt schon plagte sie ja ihr Gewissen; bloß weil sie sich einem süßen Traume hingegeben und sich einmal das Hindernis als nicht vorhanden vorgestellt hatte.

Wenn nun aber Kathi die ganze Geschichte von jemand anderm erfuhr? Dann gewann ja ihr Schweigen ein ganz schlimmes Aussehen. Zwar hatte sie der Majorin das Versprechen abgenommen, jedermann gegenüber das Geheimnis zu bewahren; aber welche Frau hält denn solche Versprechungen! Und gar die schwatzhafte Majorin! Ob es nicht am besten war, dem Pastor selbst ganz offenherzig zu schreiben: es thut mir herzlich leid und Ihre Liebe rührt mich sehr, aber meine Schwester liebt Sie noch viel mehr. Wenden Sie sich doch lieber an diese. Aber nein, das war brutal und wäre der zartfühlenden Kathi gar zuwider gewesen; hätte ihr auch nichts genützt. Wenn sie nur den Pastor gar nicht wieder zu sehen brauchte! Aber der war sicherlich nicht der Mann danach, sich so leicht abschütteln zu lassen. Und wenn sie ihn noch öfters wiedersah, dann mußte er ihr gefährlich werden. Sie fühlte, daß das gar nicht anders möglich war. – Schrecklich, schrecklich! Wie in aller Welt sollte sie sich aus dieser Zwickmühle heraushelfen? Und niemand, dem sie sich anvertrauen konnte! Fräulein Grönroos vielleicht? – Ach Gott, die würde ja hohnlachen, wenn sie hörte, daß es sich um einen Geistlichen handelte! – Aber sie wollte doch zur Grönroos gehen, an die sie die Feiertage über kaum mehr gedacht hatte. Sie würde sie wenigstens auf andre Gedanken bringen. Sie wollte sich mit heißem Eifer auf das Studium stürzen, vielleicht gewann sie dadurch Klarheit oder gar – Vergessen.

Am frühen Nachmittag stellte sich wirklich der Doktor Hartmann ein, um Lizzi zum Spaziergang abzuholen. Die Majorin lud ihn zwar sehr freundlich ein, sich doch lieber im warmen Zimmer und bei einer Cigarre mit Lizzi auszusprechen, aber davon wollte er nichts wissen. Seine Mittel erlaubten ihm so selten einmal nach der Reichshauptstadt zu kommen, daß er jede Stunde ausnützen müsse, um etwas zu sehen. Jede Straße, jedes Schaufenster sei ihm als Kleinstädter interessant. Am 1. Januar müsse er ja schon wieder heim und dann könnte es Jahre dauern, ehe er Berlin wieder einmal zu sehen bekäme. Die Majorin lud ihn sehr freundlich ein, an ihrem Sylvesterfest teilzunehmen. Sie hätte auch ein Kostüm für ihn bereit, falls er sich nicht genierte, seine Kniee zu zeigen – ein Paar wunderbar echte Tiroler Lederhosen, denen man es auf den ersten Blick glauben mußte, daß sie über fünfzig Jahre in einer Familie gewesen waren, samt Lodenjoppe, Wadenstrümpfen und allem Zubehör. Nur auf die Nägelschuhe müsse er ihrem Parkettboden zuliebe verzichten. Der Oberlehrer nahm mit Vergnügen an und versprach, daß seine Kniee der Familienhose Ehre machen sollten. Seine Bedenken wegen der Stilwidrigkeit einer goldenen Brille wurden auf die leichte Achsel genommen. Bei ihrem letzten Fest sei der Lieutenant Graf Pfordten-Bombst als athenischer Jüngling sogar mit einem Monocle erschienen, und man habe sich auch daran im Laufe des Abends gewöhnt.

Lizzi hatte sich, als der Besuch angemeldet wurde, davon gemacht, um sich ein andres Kleid anzuziehen. Sie wollte doch einen möglichst günstigen Eindruck erwecken, umsomehr, als der Herr bisher nicht viel Gutes von ihr gehört haben mochte. Und als sie nun hereintrat in ihrem knapp sitzenden, schwarzen Seidenkleide, hübsch frisiert, rund und rosig, da riß der Herr Oberlehrer freilich die Augen auf. Er hielt ihre Hand eine ganze Zeit lang in der seinigen und weidete sich mit ungenierter Bewunderung an ihrem Anblick. Endlich faßte er sein Urteil in die bedeutungsvollen Worte zusammen: »Na – da muß ich wirklich sagen …!«

Lizzi errötete geschmeichelt und kicherte vergnügt über diesen eigenartigen Willkomm. Und der Oberlehrer fiel mit einem lauten Lachen ein, als hätte er einen ausgezeichneten Witz gemacht.

Fünf Minuten später standen sie schon zusammen auf der Straße und schlugen die Richtung nach dem Brandenburger Thor ein. Er sah sie fortwährend von der Seite an und dann eröffnete er das Gespräch mit den Worten: »Jetzt wollt' ich bloß, daß uns irgend ein Bekannter aus Pyritz-Kyritz begegnete! Jöses, Jöses, der Neid!«

»Wieso?« fragte Lizzi naiv.

»Na, Kindchen,« versetzte er vergnügt und kniff sie dabei leicht in den Arm. »So was gibt's doch bei uns nicht! Meine Frau wird Augen machen!«

»Na,« dachte Lizzi bei sich, »da hat sich die Tante Ida aber schön brennt, wenn's meint, daß s' uns an recht an strengen Zuchtmeister rausg'sucht hätt'. Wenn sei Alte net schlimmer is wie der, na werd' ich's Gruseln fei net lernen.« Und sie lachte ihn freundlich an und sagte: »Na und vor meiner schwarzen Seel' hab'n S' kei Angst, Herr Professor?«

»Ei, woher denn!« gab er lustig zur Antwort. »Das Fräulein Käthchen hat mich schon vollkommen beruhigt über die schwarze Seele. Na, wie gesagt, meine liebe Alte wird sich freuen. Die frißt euch einfach auf.«

»Ja, was denn, is denn so bös?«

»Nein, im Gegenteil. Nur auf hübsche junge Mädchen ist sie ganz wild. Wir haben nämlich keine Tochter, nur drei nichtsnutzige Rangen von Jungens.«

»Was? Bub'n sind im Haus? Hoffentlich doch nur ganz kloane?«

Er bemühte sich ihr nachzusprechen: »Ganz kloane? Nu, der kloanste ist dreizehn und der größte sechzehn. Und wenn sie sich nicht alle drei in euch verlieben, dann kriegen sie einfach Prügel.«

Lizzi blieb stehen und schaute den kleinen Herrn verwundert an. »Na dees muß i sag'n, Sie hab'n Kurasch, Herr Professor. Wissen denn Sie net, daß mi d' Frau Majorin grad weg'n ihrem Bubi seiner Verliebtheit 'nausthun will? Ja sag'n S', wenn wir jetzt aber Ihre Bub'n net mög'n, krieg'n nachher wir d' Prügel?«

»Ich denke, das wird nicht nötig sein. Eine Liebe ist doch der andern wert, nicht wahr?«

»Ui jesses, wann die Tante Ida unsern Diskurs mit anhören müßt!« lachte Lizzi ausgelassen.

»Pscht,« machte der Oberlehrer und sah sich ein wenig ängstlich um. »Nicht so laut, es gibt merkwürdige Zufälle. Denken Sie, ich kenne die Tante Ida nicht? Der macht man ein bißchen was vor, um ihre Gefühle zu schonen. Uebrigens – gestern gegen Abend habe ich noch mit dem armen Geheimrat eine Unterredung unter vier Augen gehabt. Da hat er mir sein Herz ausgeschüttet, so gut es gehen wollte mit seinem Sprachfehler. Geweint hat er, wie er mir erzählt hat, daß er ein Testament zu euren Gunsten machen wollte und wie das verhindert worden ist. Und das ganze Leidwesen mit der Familie Vogel – ich hab' mich wahrhaftig zusammennehmen müssen, daß ich nicht auch mitgeheult hab'. Das Käthchen hat er so lieb – und Sie auch, Fräuleinchen – ja, wirklich. Er soll es gar nicht wissen, daß die Käthe auch zu mir soll. Er freut sich schon so drauf, sie mit sich nach Italien nehmen zu können. Ich hab' zwar der Geheimrätin versprochen gehabt, nichts davon zu verraten, aber das hab' ich einfach nicht übers Herz gebracht.«

»Also haben Sie's ihm wirklich g'sagt, daß d' Kathi net mitgeht? Ja, wie hat er's denn aufg'nommen?«

»Ach – schrecklich war's. Es hat ihn so aufgeregt, daß er fast kein Wort mehr hat richtig finden können. Aber er traut sich ja nichts gegen seine Frau, die setzt ja alles durch. Und dabei thut sie immer so süß und liebevoll. Es ist empörend mit anzusehen – und doch, wer kann wissen, ob es ihr nicht wirklich Ernst ist? Was man so Liebe nennt, zeigt eben ein gar verschiedenes Gesicht und in der Psychologie der Frauen hört überhaupt die Logik auf – das heißt ausgenommen bei meiner: die ist gut, die ist logisch. Es gibt überhaupt für mich nur eine Frau – und das ist meine. Kommen Sie, Fräulein Lizzi, wollen wir nicht irgendwo einkehren in einer Konditorei und ihr eine Postkarte schreiben? Ich schreibe ihr täglich zwei bis drei Postkarten und jeden dritten Tag einen Brief.«

Sie waren gerade am Potsdamer Platz angekommen und traten bei Josti ein. Sie fanden einen Platz in der glasgedeckten Veranda und der Oberlehrer bestellte Kaffee und Apfelkuchen mit Schlagsahne. Dafür ließe er sein Leben, erklärte er begeistert. Und dann schrieb er mit Bleistift eine Postkarte an Frau Dr. Barbara Hartmann in Pyritz:

»Geliebtes Bärbelchen!

»Im schwarzen Seidenkleide – tout Berlin zum Neide – Sitzt hier an meiner Seite – Die schönste Augenweide. Von Mödlingers die Lizzi – die Jüngste und ich bitt' sie – Dieweil grad Mokka kost i – Mit ihr im Kaffee Josti – Dein Wohl darin zu trinken – Verzeih die Verse hinken – Doch munter auf zwei Beinen – geht es dem ewig Deinen

G. H.«

Er legte eine kindliche Freude über diese Improvisation an den Tag, die Lizzi mit Hinzufügung eines schönen Grußes unterzeichnen mußte und vertraute ihr bei der Gelegenheit an, daß er Poet, Komponist, Sänger, Pianist, Mimiker, Gymnastiker und Spezialist für Naturheilkunde und Massage in einer Person sei. Ganze Bände habe er schon mit Lyricis und Dramaticis angefüllt, aber bisher noch nichts veröffentlicht, weil er immer gewissenhaft das horazische nonum prematur in annum befolgt habe – aber nach neun Jahren hatten ihm seine Sachen immer selbst nicht mehr genügt. Von seinen eigenen dramatischen Versuchen kamen sie dann auf das Theater im allgemeinen und auf Lizzis Bühnenpläne im besonderen zu sprechen. Er war als junger cand. phil. selbst eine Zeitlang bei einer reisenden Gesellschaft als erster Liebhaber thätig gewesen und hielt sich seitdem für einen alten Praktikus in Theaterdingen. War auch in Pyritz der nicht zu umgehende Regisseur aller dramatischen Veranstaltungen seitens des Gymnasiums und der besseren Bürgerkreise. Wenn Lizzi wirklich Talent besaß, so konnte das keine bessere Förderung erfahren als gerade durch ihn.

Sie war so freundlich zu thun, als ob sie davon fest überzeugt sei, obwohl sie aus seinen Urteilen über die Berliner Theater bereits herausgemerkt hatte, daß er in der langen kleinstädtischen Verbannung von dem Strome moderner Anschauungen kaum berührt worden war und den Maßstab für die gegenwärtigen Leistungen der Bühnenkunst doch wohl verloren habe. Aber ein liebenswürdiger, herzlicher Mensch blieb er auf alle Fälle, und Kathi hatte ganz recht, man mußte ihm Vertrauen schenken. So weihte sie ihn denn in alle ihre Pläne ein und erwähnte auch der Rolle, welche sie Milka Grönroos in ihrer theatralischen Erziehung zugeteilt hatte.

Von diesem Fräulein hatte Doktor Hartmann noch nichts gehört. Er fragte Lizzi weiter aus. Die Beschreibung, die sie von ihr gab, reizte seine Neugier aufs höchste. Ein weiblicher Freigeist, künstlerische Zigeunerin und Nihilistin obendrein – so etwas hatte er noch nie mit Augen gesehen! In seiner kleinen Stadt galt er selber für einen revolutionären Kopf. Sein stark pietistisch angehauchter Direktor traute ihm nicht über den Weg, und in der Bürgerschaft gab es Leute, die ihn für einen Narren oder ein Genie hielten – was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Das schmeichelte ihm gar sehr. Er wollte gar zu gern etwas Besonderes vorstellen und hütete sich ängstlich, den guten Leuten zu verraten, daß er sich seiner gänzlichen Harmlosigkeit recht wohl bewußt war, besonders dann, wenn aus Zeitungen oder neuen Büchern der respektlose Geist der Modernen ihm heiß und kalt entgegenwehte und ihm eine Gänsehaut um die andre über den soliden Leib jagte. Es hatte einen prickelnden Reiz für ihn, solch einen furchtlosen fin de siècle-Menschen kennen zu lernen, und nun gar ein junges Mädchen, welches mit Explosivkörpern, die er kaum unter Glas zu betrachten wagte, so rücksichtslos umsprang, wie seine Frau mit den Morgensemmeln! Er äußerte den lebhaften Wunsch, die merkwürdige Finnin kennen zu lernen, und Lizzi hatte nichts dagegen einzuwenden.

So machten sie sich denn nach der Landsbergerstraße auf. Sie fanden Fräulein Grönroos daheim. Um die Kohlen zu, sparen, lag sie mit ihrem alten Schlafrock angethan im Bett, las und rauchte. Ohne besonderes Erstaunen sah sie den fremden älteren Herrn mit hereintreten und reichte ihm ihre schmale, durchsichtige Rechte zum Willkomm hin.

»Sie erlauben wohl, daß ich bleibe, wo ich bin,« sagte sie, ehe noch Lizzi Zeit gefunden hatte, ihren Freund vorzustellen. »Es ist hundemäßig kalt hier. Behaltet nur eure Ueberkleider an und macht euch ein bißchen Bewegung, daß ihr keine kalten Füße kriegt. Ich wärme mich an meinem Nietzsche. Ich sitze hier im Funkenregen seines Geistes und lasse mir es wohl sein. – Lizzichen, bitte, geben Sie dem Herrn was zu rauchen. Es ist sehr hübsch von Ihnen, daß Sie mich doch nicht vergessen haben. Ich dachte schon … äh nitschwo! Haben Sie Ihr bißchen Christentum mit Marzipan und Honigkuchen gefüttert, auf daß es stark werde wider die Anfechtung? Wen bringen Sie mir denn übrigens da? Ist das etwa schon wieder ein Bräutigam – oder nur ein Theaterdirektor?«

Lizzi stellte ihn lachend einfach als Doktor Hartmann vor und fügte hinzu, daß dieser Herr den Mut habe, sie bei sich aufzunehmen, trotzdem sie nun bereits zum zweitenmal wegen Erbschleicherei und Männermords in Acht und Bann gethan sei. Und im Anschluß daran berichtete sie kurz, was ihr seit dem letzten Besuch alles widerfahren sei und verschwieg nur, ebenso wie vorher dem Oberlehrer gegenüber, die jüngste Verwickelung mit dem Pastor. Sie wollte nicht, daß die Grönroos sich über ihn lustig machen sollte – dazu war ihr der Mann zu schade.

Doktor Hartmann hatte sich währenddessen neugierig in dem ungemütlichen Raume umgesehen. Die Spuren von Lizzis jüngstem Ordnungsversuch waren längst verwischt, das alte Chaos wiedergekehrt. Durch den dicken Tabaksqualm vermochte er kaum die Bilder an den Wänden zu erkennen, nur die dem Bett zugekehrte Staffelei bekam von der elenden, schmutzigen Petroleumlampe ein wenig Licht ab. Und darauf stand Milkas letztes Werk, das halbnackte Weib auf rotem Grunde, aus dessen Lippen die Schlange hervorkroch.

Das Fräulein bemerkte, wie der alte Herr in ratloser Verwunderung dies seltsame Gemälde anstaunte und rief mit einem schwachen Versuch zu lachen: »Ja, nicht wahr, das ist was Rares? Hier bitte, nehmen Sie doch die Lampe, sehen Sie sich es genauer an, Sie sind gewiß Kunstkenner, vielleicht gar Sammler. Kaufen Sie mir das Ding ab, ich gebe es billig.«

Doktor Hartmann bekam einen solchen Schreck über die Zumutung, dies schauerliche Gemälde zu kaufen, daß die Lampe, die er ihr eben aus der Hand genommen hatte, bedenklich ins Wackeln geriet.

»Ich und Bilder kaufen – o Jöses!« Und nachdem er sich das Kunstwerk noch ein Weilchen scheu betrachtet hatte, wagte er die Frage: »Sagen Sie, Fräulein, was – was stellt denn das eigentlich vor?«

»Ja, was stellt das vor?« echote die Grönroos. »Die Wahrheit oder die Lüge, was Sie wollen!«

»Na, dann doch wohl eher die Lüge,« mischte sich jetzt Lizzi ein. »Ein so ein garstig's Weibsbild – hu, da graust's einem ja! Net wahr, Herr Doktor, ein sehr moralisches Bild? Daß m'r von der Lug recht abg'schreckt soll werden.«

»Hm, ja – ich meine auch die Lüge wäre der richtige Titel,« gab jener zögernd zu.

»Ich möchte mich jetzt gerade für die Wahrheit entscheiden!« trumpfte Milka auf. »Die Lüge müßte rund und fett und rosig sein. So verführerisch im drum und dran, daß man die Hauptsache, die Schlange gar nicht gewahr würde. Aber die Wahrheit – das ist so ein eckiges Knochengerassel von einem Frauenzimmer, vor dem jedermann davonläuft. Auch wenn die Schlange in ihrem Munde nicht da wäre, um anzudeuten, wie sie beißen kann und verwunden auf den Tod. Die Schlange ist also eigentlich überflüssiger, allegorischer Plunder, vieux jeu. Ich werde die Schlange auskratzen und der Dame lieber ein großes Vorlegeschloß durch die Korallenlippen bohren. Dann wäre es doch wenigstens klar, was das Ding vorstellen soll, nicht wahr, Herr Doktor? Eine menschenfreundliche Mahnung an die hoch zu verehrenden Zeitgenossen, dem Weibsbild endlich einmal gründlich das Handwerk zu legen – oder vielmehr das Mundwerk. Seht sie euch doch an! Die spitzen Schulterknochen, eitel Haut und Beinwerk. Und diese kümmerlichen, schlaffen Brüstlein – das ist der Götze Wahrheit, vor dem ein paar Narren immer noch Weihrauch verbrennen! Oder ich könnte auch eine ganz geschlechtslose Wahrheit meinen; aber die müßte einen Zettel aus dem Munde hangen haben, darauf zu lesen: 2 × 2 = 4. Das ist die eigentliche Wahrheit, kreuzbrav und nützlich. Aber für die wär' die Farbe zu schad, das wäre eine Holzschnittwahrheit. – Sie, Herr Doktor, wissen Sie wirklich keinen Kommerzienrat, der mir das Ding abkauft? Sie müssen wissen, es ist das allererste Bild, das ich fertig gemacht habe – heißt das, was ich so fertig nenne. Und es wird auch das letzte bleiben, also eine Seltenheit ersten Ranges, haha! Außerdem Selbstporträt – nur ein bißchen idealisiert natürlich. Ich bin damit bei den Kunsthändlern herumgelaufen, aber es will's keiner bei sich aufhängen. Wenn Sie mir keinen Käufer verschaffen, dann kann ich mir nicht einmal Rattengift kaufen. Und Sie sehen doch, wie sehr ich der kräftigen Nahrung bedarf.«

Dabei streifte sie den Aermel ihres Gewandes und ihres Nachthemdes hoch und reckte ihren Arm empor, der wirklich nur noch ein mit Haut überzogener Knochen war.

Der gute Oberlehrer war so erschrocken, daß er sich gar nicht hinzusehen traute und Lizzi konnte sich nicht enthalten, einen Schrei des Entsetzens auszustoßen. Sie hatte sich zu Milka aufs Bett gesetzt und warf sich nun über sie und flüsterte: »Aber naa, naa, i bitt' Sie, net a so wild daher reden. Is denn gar so schlimm? Gar kei' Hoffnung mehr? Müssen S' denn wirklich – Hunger leiden?«

»Nicht so drücken, Liebchen,« stöhnte Milka matt lächelnd unter Lizzis stürmischer Umarmung. »Ich bin ein bißchen schwach auf der Brust. Sie sehen ja, ich habe noch zu rauchen. So lange geht's immer noch. Ich habe die letzten Tage von Brot und billiger Wurst gelebt. Aber die Wurst kann ich schon nicht mehr sehen. Ich will es jetzt ein paar Tage lang mit der Volksküche versuchen. Die war mir bisher zu luxuriös. Aber es ist doch besser, ich mache ein paar Tage früher ein Ende mit einer kräftigen Bohnensuppe im Magen, als daß ich warte, bis das Licht von selber ausgeht, aus Mangel an Fett. Außerdem bin ich eitel. Ich möchte doch, daß mein Körper nach der Trennung von seiner sogenannten Seele einen einigermaßen vorteilhaften Eindruck mache.«

»Ja ist denn das Geld ganz hin, was ich Ihnen letzt geb'n hab'?« fragte Lizzi rücksichtsvoll flüsternd.

»Das hat mir alles mein Drache abgenommen. Fünf Mark habe ich bloß übrig behalten, um mir vergnügte Feiertage damit zu machen.«

»Und i hab' Sie da elend und allein sitzen lassen und gar net einmal an Sie gedacht,« klagte Lizzi, »Ich bin ein selbstsüchtiges, herzloses Frauenzimmer. Jesses, und wenn i denk', daß ich um ein Haar reich g'worden wär'! Tausend Mark hätt' i jetzt haben können, wenn der Deixel net die Frau Geheimrätin fünf Minuten z'früh heimg'führt hätt'.«

»Was ist das?« meldete sich der Oberlehrer aus seiner finsteren Ecke, in welche er sich in ängstlicher Biedermannsscheu vor dem häßlich nackten Jammer zurückgezogen hatte, der sich ihm in dieser kalten Kammer enthüllte. Auch die Grönroos richtete sich neugierig empor und bat Lizzi zu erzählen. Doktor Hartmann mußte ihr erst heilig versprechen, der Tante Ida nichts zu verraten, bevor Lizzi sich entschloß, ihr Geheimnis preiszugeben. Und dann entnahm sie zum Beweise der Wahrheit ihrem Portemonnaie das vielfach zusammengefaltete Stückchen Papier, das sie zum Andenken dort aufheben wollte und reichte es dem Oberlehrer hin.

Der entfaltete es mit wichtiger Miene und beguckte es von vorn und von hinten durch seine goldene Brille. »Hm, hm, richtig, eintausend Mark. Das nenn' ich Schicksalstücke,« brummte er, indem er das Papier zurückreichte. Er hatte nie in seinem Leben einen Check gesehen und war unwissend wie ein Kind in solchen Dingen.

Fräulein Milka bog sich mit einem Ruck vor und entriß ihm das Papier: »Erlauben Sie mal,« rief sie etwas erregt. »Laß doch mal sehen!« Sie hielt es gegen die Lampe und überflog den Inhalt. Dann lächelte sie verächtlich und schlug mit ihrem Taschentuch, das auf dem Deckbett vor ihr lag, nach Lizzi: »Fräulein Mödlinger, Sie sind ein kleines Schaf, nehmen Sie mir es nicht übel. Da, nehmen Sie die Lampe, irgendwo werden Sie Feder und Tinte finden. Setzen Sie sich an den Tisch, schreiben Sie auf die Linie, wo die Klexe sind, schön deutlich Ihren Namen hin, dann ist die Geschichte in Ordnung.«

Lizzi traute ihren Ohren nicht und wollte es durchaus nicht glauben, daß sie wirklich für dies beklexte Papier tausend Mark herausbezahlt kriegen würde. Und nachher meinte sie, die Grönroos wolle sie am Ende gar zur Urkundenfälschung verleiten. Und als ihr endlich auch dieser Zweifel benommen war, da wollte sie wenigstens die beiden garstigen Tintenflecke, die wie Ochsenköpfe aussahen, ausradieren.

Darob ergrimmte schließlich Fräulein Milka, sprang aus dem Bett wie sie war, in zerrissenen Strümpfen, Hemd und Schlafrock, stippte die Feder in die Tinte, drückte sie Lizzi energisch in die Hand und hieß sie ihren Namen schreiben. Das verschüchterte Kind hätte sich nicht im mindesten gewundert oder beklagt, wenn sie eine Watschen obendrein bekommen hätte. Das Fräulein verpflichtete sich übrigens gleich morgen früh selbst mit Lizzi an die Kasse der Deutschen Bank zu gehen, um das Geld zu erheben.

Lizzi tanzte vor Freude im Zimmer herum und klatschte in die Hände. »Jesses, jesses naa, dees Papierl hätt' i bald wegg'schmissen. Dees is ja rein wie g'schenkt! Und Sie haben mir's g'schenkt, Fräulein Milka, jawohl. Geh'n S' her, tanzen m'r amal miteinander.« Und sie faßte frischweg die vergeblich Widerstrebende um den Leib und wirbelte sie ein paarmal auf dem Fleck herum.

Die Grönroos fiel keuchend vor Mattigkeit rücklings über ihr Bett, als sie das freudentolle Mädchen losließ. Und der gute Doktor Hartmann rang die Hände und stöhnte leise vor sich hin: »O Jöses, Jöses nein! Geniert euch doch ein bißchen, meine Damen!«

»Was stell'n m'r denn jetzt an?« rief Lizzi unternehmend. »Kinder, a Gaude muß dees geb'n! Ihr könnt's essen, was ihr wollt's, und Schlampancher trink'n, soviel ihr mögt's, i zahl' alles. Der Frau Majorin schick'n m'r an Dienstmann, daß i heut' gar nimmer heimkomm', und nachher geh'n m'r ins Theater, dees heißt, natürlich m'r fahr'n Droschken erster Klass. Und d' Milka wird nudelfett g'macht und nachher – na wart' S' no, 's fallt m'r scho noch was ein. Richtig, ins Deutsche Theater geh'n m'r.«

Der Herr Oberlehrer machte schwache Einwendungen, weil seine Kasse, und Milka, weil ihre Garderobe dergleichen nicht erlaube. Lizzi erklärte, daß sie dann einfach auf die Galerie gehen wollten, schon zur Erinnerung an ihre erste Bekanntschaft. Nun wurde der alte Herr mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt, damit Milka ihre Toilette vervollständigen konnte, was sehr bald geschehen war. Und dann machten sich die drei Herrschaften auf den Weg. Der Schulmann war riesig stolz mit seinen zwei Mädchen am Arm. Sie gingen zunächst noch einmal in eine Konditorei, wo die halb verhungerte Milka mit Schokolade bewirtet wurde und der Oberlehrer abermals Apfelkuchen mit Schlagsahne aß. Nachdem sie also sich leiblich gestärkt hatten, nahm sich die Nihilistin bedeutend menschlicher aus, und der kleine Herr, der droben in dem kalten, verräucherten Zimmerchen eine wahre Heidenangst vor ihr gehabt und sich kaum den Mund aufzuthun getraut hatte, wurde jetzt ganz munter und gesprächig. Er war bald im lebhaftesten Disput über philosophische und ästhetische Fragen und merkte es gar nicht, daß die radikale Finnin eigentlich nur aus Höflichkeit sich Mühe gab, seine etwas veralteten Anschauungen zu bekämpfen. Nur einmal wurde sie ein wenig grob, als er mit selbstgefälligem Schmunzeln über seine eigene Gefährlichkeit scherzte. »O Jöses, wenn das mein Direktor wüßte, was ich hier für hochverräterische Ansichten laut werden lasse, er würde mich sofort als Verführer der Jugend denunzieren. Ich bin ihm so schon zu fortschrittlich, obgleich ich meinen Jungens gegenüber natürlich manches für mich behalten muß.«

Da fuhr Fräulein Milka zornig heraus: »Eine Schande ist es, eine erbärmliche Feigheit! Immer wieder wagt man es, neue Geschlechter mit dem alten Kohl zu füttern, der wahrhaftig schon bald fürs liebe Vieh ungenießbar geworden ist. Was jeder denkende Mensch sich längst an den Schuhsohlen abgelaufen hat, das soll die Grundlage der Erziehung für neue, denkende Menschen abgeben. Schämt ihr euch denn gar nicht eurer Heuchelei? Ihr habt ja Angst, alle zusammen, vor dem Denken. Verdummen wollt ihr die Menschheit und nicht erleuchten. Darauf läuft euer ganzes Latein hinaus. Chinesen wollt ihr erziehen, damit es nachher die Machthaber leicht haben, ihre gebildeten Unterthanen der höheren Stände mit ihren Zöpfen aneinander zu binden. Und wir Unglücklichen, die wir Mut und Kraft zum eignen Denken in uns fühlen, wir müssen die zeugungskräftigsten Jahre unsres Lebens hinopfern, Hirn und Nerven aufzehren in der groben Arbeit des Einreißens von alten Trümmerhaufen, des Urwaldlichtens. Wenn wir endlich freie Bahn vor uns sehen, und anfangen wollen, was Neues hinzustellen auf den mühsam gewonnenen Bauplatz, dann sind wir alt und müde geworden und haben die Kraft nicht mehr und die Hoffnung. Wann werdet ihr uns endlich einmal ein Geschlecht erziehen, ihr Schulmeister, das gesund und stark und mit leichtem Gepäck ins Leben hinaustritt; das gleich damit anfangen kann, neu aufzubauen, weil es voll Glaubens an sich selbst und an die Menschheit sich auf den freien Plan gestellt sieht und endlich einmal die harte Kärrnerarbeit gethan findet!«

Der gute Oberlehrer saß ganz geknickt da, wie ein gescholtener Schulbube. »Ja, aber die historische Grundlage?« wagte er endlich schüchtern einzuwenden. »Man muß doch wissen, wie die Jahrhunderte vor uns gedacht haben. Wie kann man denn einen richtigen Maßstab gewinnen für das Neue, wenn man nicht in sich die ganze Entwickelung mit durchgekämpft hat!«

»Ja, das wäre auch ein rechtes Unglück,« fuhr Milka höhnend dazwischen, »wenn einmal der demütige Respekt vor dem Alten aufhörte, nicht wahr? Natürlich soll die Jugend die Entwickelungsgeschichte kennen lernen, aber es wäre wirklich an der Zeit, daß ihr Schulmeister einmal diese Dinge mit überlegenem Humor behandeltet. Doziert doch die Geschichte der menschlichen Dummheit und Niedertracht! Dann werdet Ihr den jungen Menschen Heiterkeit und Mitleid anerziehen. Menschen, die dazu dressiert werden, die Dummheiten ihrer Vorväter zu verehren, müssen ja Kinder oder Greise bleiben ihr Leben lang. Verständnis für die Gegenwart ist wahrhaftig wichtiger, als das für die Antike. Und ihr lehrt die Gegenwart verachten und zieht die Grenzlinie zwischen dem gebildeten Menschen und dem Pöbel da, wo der Respekt für die Gegenwart beginnt. Ihr zieht euren Jungens Scheuklappen über die Augen und bohrt ihnen künstliche Gucklöcher nach hinten hinaus, wo der Schädel am dicksten ist. Ja, ja, wie ich schon sagte: Chinesenzucht, darauf läuft euer ganzes Bestreben hinaus.«

Hier fiel endlich Lizzi ungeduldig ein: »Ja, liebstes Fräulein, dees is zwar alles sehr schön und interessant, und Sie haben so unrecht net, aber mir kommen ganz b'stimmt z'spät zum Theater, wann S' jetzt net aufhören.«

Damit war denn die Diskussion vorläufig beendet, und sie brachen lachend auf, um sich »Romeo und Julia« anzusehen. Einen Dienstmann mit einem Billet an die Majorin, der die Hausschlüssel nach dem Theater bringen sollte, hatten sie schon vorher abgeschickt. –

Der gute Oberlehrer war ordentlich erschrocken über den ungezogenen, wilden Buben, den Kainz aus dem Romeo machte. Aber da Lizzi und die Grönroos ihn über die Maßen herrlich fanden, so glaubte er es schließlich selber. Er hatte halt einen heillosen Respekt vor diesen modernen Menschen gekriegt. – Nach dem Theater mußte er ein üppiges Abendessen in einem Münchener Bierhaus im Gesamtbetrage von vier Mark und siebzig Pfennigen aus seiner Tasche auslegen, da Lizzi, die Kapitalistin, so viel Kleingeld nicht bei sich trug. Er mußte auch noch eine Droschke für die Finnin spendieren, während er Lizzi zu Fuß heimbrachte. Nichtsdestoweniger versicherte er ihr aus voller Ueberzeugung, daß dies einer der schönsten Tage seines Lebens gewesen sei. Er umarmte sie väterlich und versprach morgen vormittag wiederzukommen, sobald er den eingehenden Bericht an sein Bärbelchen abgelassen habe.

Lizzi stahl sich möglichst geräuschlos ins Haus hinein und schlief die Nacht ganz ausgezeichnet.

Ob sie wohl ebenso gut geschlafen hätte, wenn sie gewußt hätte, daß an diesem selben Nachmittag, der sie nicht nur im Bewußtsein ihrer Macht gestärkt, sondern ihr auch noch tausend Mark unvermutet in den Schoß geworfen hatte, der Herr Pastor Werkmeister bei Kathi gewesen war, um sie zur Vertrauten seiner glühenden Liebe zu ihrer Schwester zu machen, und sie um ihre Fürsprache zu bitten? Wie hatte dem armen Mädchen das Herz geklopft in bang-sehnlicher Erwartung, als der angeschwärmte Mann sie um eine Unterredung unter vier Augen bat und wie war dieses heiße, sehnsüchtige Herz plötzlich still gestanden vor namenlosem Schmerz, als der Mann ihr mit so beredten Worten seine Liebe zur Schwester schilderte! – Alles, alles in der Welt für Lizzi! Schönheit, Liebe, Bewunderung, Talent – alles für sie! Und ihr, dem armen Aschenbrödel, ward nicht mal ihre erste, heimliche Liebe gegönnt. Zu Magddiensten, zur Selbstaufopferung war sie gut genug! Und sie opferte sich, als müßte es so sein. Geduldig hörte sie den Mann an, wie er mit fiebernder Begeisterung von seiner Leidenschaft sprach. Sie drängte gewaltsam die Thränen zurück und zwang sich zu reden und zu lächeln sogar. Ihr Bestes versprach sie zu thun für den Mann, der ihr das Grausamste angethan hatte!

Und in der nämlichen Nacht, als Lizzi lustig kichernd über die neue, leichte Eroberung, die sie an dem fröhlichen alten Herrn aus Pyritz gemacht, einschlief, um süß zu träumen von dem Veroneser Liebespaar, vermochte Kathi kaum ein Auge zuzuthun. Und am andern Morgen um halb sieben Uhr schon rüttelte die Köchin sie am Arm und riß sie aus ihrem unruhigen Halbschlaf. Aufstehen, reine machen, einheizen! Das gäbe schön was von der Geheimrätin, wenn sie um acht Uhr die Zimmer noch nicht warm fände!

Achtzehntes Kapitel.

Vom großen Kehraus in der Sylvesternacht und von dem Kavalier-Meeting auf dem Stettiner Bahnhofe.

Das große Zauberfest war glänzend verlaufen. Erst um zwei Uhr am Morgen des 1. Januar waren die letzten Gäste fortgegangen und drei Uhr war es gar geworden, ehe die todmüde Hausfrau samt Kindern und Gesinde ihr Lager aufzusuchen im stande war. Rudis Zimmerchen war heute als Damengarderobe benützt und Lizzis Schlafgemach seiner früheren Bestimmung als Plauschwinkel für Liebende wiedergegeben worden. Nun hatte man in der Eile die Möbel wieder umgestellt und das sonderbare Bett aufgemacht. Gelüftet hatte man auch ein wenig, denn der enge Raum war dick von Cigarettenrauch gefüllt. Das wüste Durcheinander in den vorderen Räumen spottete einfach jeder Beschreibung. Die Gebeine im Kampf gefallener Antiquitäten waren zu Haufen in den Winkeln aufgeschichtet. Es gab schwerlich viel mehr als ein halbes Dutzend unversehrt gebliebener Sitzgelegenheiten in den Gesellschaftsräumen. Gläser aller Art mit Bier-, Bowlen-, Wein- und Selterswasserresten standen auf Tischen und Simsen überall herum. Viele davon waren umgefallen und hatten ihren Inhalt über Tischtücher und Fußboden ergossen, manche zerbrochen. Die Stearinlichter auf den großen Lüsters waren bis auf Stümpchen heruntergebrannt und zeigten alle auf der rechten Seite dicke tropfsteinförmige Protuberanzen, welche die Zugluft hervorgerufen hatte. Da die Majorin nicht die genügende Anzahl Lichtmanschetten besaß, so hatte die Mehrzahl der Kerzen ihren Ueberfluß in tropfbar-flüssiger Gestalt auf den Parkettfußboden, beziehungsweise auf die Frisuren, Schultern und Rücken der Damen und Herren, mit besonderer Bosheit aber auf die kostbaren Uniformen etlicher Gardeoffiziere ergossen – wahrscheinlich zur gerechten Strafe dafür, daß sie nicht im Kostüm erscheinen wollten. Die stattliche Gattin eines Generals, welche ihre üppigen Reize der gebührenden Anerkennung nicht hatte entziehen wollen, war sogar durch einen großen Fladen Stearin mitten auf dem achtunggebietenden Rücken dekoriert worden. Wie das Siegel eines Gerichtsvollziehers nahm es sich dort aus, hatte ein Lieutenant schnöde bemerkt und noch schnöder hinzugefügt: »Eigentlich toll – Lebensmittel dürfen doch nicht gepfändet werden!« Der General war nämlich berühmt wegen seiner Schulden. – Vergessene Handschuhe, verlegte Fächer und Schnupftüchlein, abgetretene Tüllsäume und besonders Cigarrenstummel – Dutzende von Cigarren und Cigarettenstummeln – waren in allen möglichen Ecken, Winkeln, Falten, Löchern und sonstigen schattigen Gelassen verkrochen, verfitzt, verschlungen, daß man Ostereier nicht hätte listiger verstecken können. Auf dem Harmonium hatte eine falsche Spanierin ihr Tamburin liegen lassen. Einem der Engel hatte jemand einen gefundenen Zwicker auf die Nase geklemmt, und unter einem Haufen trauriger Stuhlrückstände leuchtete bei näherem Zusehen sogar die rote Seide eines Strumpfbandes hervor.

Aber herrlich war es doch gewesen. Wenigstens hatten es alle Gäste der strahlenden Hausfrau beim Abschied versichert, trotzdem es nicht zu leugnen war, daß die Güte des Soupers entschieden nicht auf der Höhe der lebenden Bilder gestanden, daß die eiskalte Sauce den etwas überreifen Hasenbraten nicht gerade verbessert hatte und daß die Bowle einfach ein Gesöff gewesen war. Aber die Menge hübscher Mädchen und stattlicher Frauen, deren nordgermanisches und noch dazu meist blaues Blut durch Hitze, Wein und Tanz und besonders durch das sans-gêne, welches das Kostüm zu geben pflegt, erwärmt und in ungewöhnlich rasche Bewegung gesetzt worden war, ließ alle die kleinen Mängel der Verpflegung, sowie die tragisch-komischen Unglücksfälle unter der Stearintraufe und beim unvorsichtigen Niedersitzen vergessen und nötigte selbst den blasiertesten jungen Herren die Anerkennung ab, daß es wirklich sehr nett gewesen sei und daß man sich unter solchen Umständen sogar mit den jungen Damen »unsrer Kreise« famos amüsieren könne.

Die Königin des Festes war natürlich wieder Lizzi gewesen. Sie sah aber auch wirklich bildhübsch aus in ihrem weißen, griechischen Gewande, die prachtvollen Arme, den feinen Hals, die blendenden Schultern und die zartschwellende Büste zum erstenmal in ihrem Leben den bewundernden Blicken einer großen Gesellschaft preisgebend. Als so eine Art Weihnachtsengel mit großmächtigen goldenen Flügeln hatte sie den begleitenden Text zu den lebenden Bildern deklamiert und so schön gesprochen, daß kaum ein Mensch merkte, wie holperig die Verslein waren, welche die gute Majorin selbst verbrochen. Alles hatte sich nach Beendigung der Vorstellung beglückwünschend um sie herum gedrängt und fast keiner hatte versäumt, ihr seine Entdeckung mitzuteilen, daß sie für die Bühne wie geboren sei. Ein wahrer Rosenblätterregen von Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien träufelte ununterbrochen auf sie herab. Beim Tanze riß man sich um sie, und nicht nur sämtliche Herren von der ältesten Excellenz bis zum jüngsten Lieutenant, sondern sogar die meisten Damen verliebten sich in das lustige, frische, strahlende Mädchen. Auch Kathi kam heute abend zu Ehren. Sie sah in ihrem Tirolerkostüm sehr hübsch aus und machte besonders bei den ältesten Herren und jüngsten Mädchen viel Glück. Freilich begannen die meisten Leute die Unterhaltung mit ihr mit den Worten: »Nein, was haben Sie für eine reizende Schwester!« Aber dann fand man sie doch auch um ihrer selbst willen sehr nett, besonders nachdem sie mit Lizzi zusammen etliche »G'sangeln« zum besten gegeben hatte. Zum Tanzen war sie jedoch nicht zu bewegen – sie fühlte sich ja doppelt in Trauer, nicht nur um die Mutter, sondern viel mehr noch um den Verlust ihrer süßesten Hoffnung. Lizzi war beinahe bös darüber geworden, daß sie ihr nicht »die Hälfte von der Sünd'« durch Beteiligung abnehmen wollte. Pastor Werkmeister würde ihr schon Absolution erteilen – neckte sie gedankenlos. Sie dachte überhaupt an nichts in ihrem seligen Taumel, weder an Pastor Werkmeister noch an die tote Mutter – am allerwenigsten an Sünde. Bubi, der sich in seinem Ritterkostüm mit pappenem Helm, Harnisch und schlotternden Drahtmaschen-Beinlängen nicht eben imposant ausnahm, trotzdem er sich einen großen schwarzen Schnurrbart angeklebt hatte, Bubi litt natürlich entsetzliche Qualen der Eifersucht, während der muntere Oberlehrer, der als bebrillter Tiroler Holzknecht so unecht wie nur irgend möglich aussah, im Gegenteil vor Vaterfreude über das ganze Gesicht strahlte. Er betrachtete Lizzi schon für so gut wie sein Kind. Und morgen früh um halb elf Uhr wollte er ja mit den beiden großen Fräuleins heimreisen.

Kathi logierte seit zwei Tagen auch bei Frau von Goldacker – und das war so gekommen. Als am Tage nach der großen Gaudi Lizzi der Verabredung gemäß mit Milka und Doktor Hartmann bei der Filiale der Deutschen Bank an der Potsdamerstraße zusammengetroffen war und auch anstandslos die tausend Mark ausbezahlt erhalten hatte, war ihnen in der Thür die Geheimrätin Riemschneider in eigner Person begegnet, um eine größere Summe zur Reise abzuheben. Lizzi hatte sich vor Schreck sogleich in Trab gesetzt, aber der Oberlehrer, der in der ersten Verwirrung ihrem Beispiel folgen wollte, war von der Gestrengen am Aermel festgehalten und so genötigt worden, Rede zu stehen. Er hatte sie tief gegrüßt und sich umständlichst nach ihrem und ihres Gatten Befinden erkundigt, ihre Frage, was er denn mit den beiden jungen Damen bei der Deutschen Bank da zu schaffen habe, geflissentlich überhörend. Und als er der Antwort nicht länger ausweichen konnte, war er auf die unglückliche Ausrede verfallen, er habe soeben sein Vermögen in »Laurahütte« angelegt. Die Geheimrätin hatte dies nicht im mindesten scherzhaft gefunden, sondern war mit einem drohenden Blick hineingestürmt, um sofort den Herrn am Schalter einem Verhör zu unterwerfen. Da war denn die ganze Geschichte herausgekommen und die Folge davon war, daß erstens einmal der arme Gatte sehr deutlich die Meinung gesagt bekam für seine unverantwortliche Schwäche diesen raffinierten Erbschleicherinnen gegenüber und zweitens statt Lizzis, die nun einmal ihren Raub in Sicherheit hatte, die unglückliche Kathi das Gewitter ihres Zornes über ihrem Haupte austoben und sich wegen Vorschubleistung zu dem verbrecherischen Ueberfall der Schwester aus dem Hause weisen lassen mußte. So hatte sie denn für die zwei Tage bis zur Abreise des Oberlehrers gleichfalls bei der Majorin einen Unterschlupf gefunden.

In Lizzis Zimmerchen hatte man ihr das Polster eines alten Schlafsofas auf den Fußboden gelegt und mit Hilfe einiger Kissen und Decken notdürftig ein Bett hergestellt. Da aber Lizzi nicht leiden wollte, daß die ältere Schwester wie ein Hund zu ihren Füßen schlief und Kathi wiederum auf den vorgeschlagenen Tausch nicht eingehen wollte, so hatte der edle Wettstreit damit geendigt, daß sie beide in einem Bett schliefen. Und die gute Kathi nahm die Kleine zärtlich in ihre Arme und ließ sie mit dem Kopf auf ihrer Brust einschlafen – die glückliche Kleine, die ihr ihr Alles geraubt hatte! – – –

Als die beiden Schwestern in der Frühe des 1. Januar der Majorin Gute Nacht sagten, fiel ihr Lizzi stürmisch um den Hals, küßte sie auf beide Wangen und sprach: »Ach, liebe Tante, ich dank' dir so – es war zu schön! Aber weißt', jetzt kann i nimmer fort – i mag net, i kann net, i kann wirklich net! Alle hab'n sie's g'sagt, daß ich für die Bühne geboren wär' – und da wär's doch ein rechter Unsinn, net wahr, wenn i jetzt aufs Land gehen thät und nix mehr hören und sehen könnt' vom Theater. Dees wär' doch ausgerechnet Selbstmord!« Das Wort »ausgerechnet« hatte sie sich heute abend von den Lieutenants angewöhnt. »Wenn du mich nimmer behalten magst, dann kann ich ja auch so für mich wohnen. Ich hab' ja jetzt mei klein's Vermögen.«

»Ich laß dich ja auch gar nicht fort, mein herziges, einziges Schätzel!« rief die Majorin, indem sie sie fest an sich drückte, und dabei liefen ihr vor Uebermüdung und vor Rührung die Thränen schon die Backen hinunter. »Zu reizend sahst du aus mit deinen goldenen Flügeln, du süßer, fetter Weihnachtsengel. Ich bin recht schlecht zu dir gewesen, nicht wahr? Sei mir nur nicht böse – und bleib schön bei mir. Ich bitte dich! Nach dem Erfolge des heutigen Abends müßte es doch mit dem Kuckuck zugehen, wenn du nicht in drei Monaten spätestens verlobt wärst – und wie! Mit deinem Alleinwohnen, das ist natürlich Unsinn. Dreihundert Mark hast du ja schon der Grönroos geschenkt. Na, du wärst bald fertig mit deinem Gelde. Nein, nein, das ist alles Unsinn, basta! Du bleibst hübsch da, und die Käthe … Gut Nacht, mein liebes gutes Käthchen. Wenn ich nur Platz hätte, behielt ich dich auch da. Nun packt euch aber ins Bett, Kinder. Und daß du mir ein bißchen Trab schläfst, Käthe! Um neun Uhr wird aufgestanden. Gute Nacht!«

Kathi war während dieses Gefühlsausbruches der Majorin mit gesenktem Kopf beiseite gestanden, hatte sich dann stumm ergeben mit abküssen und zu Bett schicken lassen. Aber in der Einsamkeit des Schlafzimmers, als sie der Schwester die goldenen Spangen von den Schultern und den goldenen Gürtel von der Taille losnestelte und den in kraftvoller Schönheit prangenden Mädchenkörper herausschälen half aus seinen Hüllen, da überfiel sie ihr Schmerz allzu gewaltig. Sie brach überwältigt auf dem Rande des Bettes zusammen und schlug die Hände vors Gesicht.

Lizzi kniete erschrocken vor ihr nieder und flüsterte zärtlich: »Ach geh, lieb's Herzerl, was hast denn?«

Kathi tastete mit der Linken nach ihrem Kopfe – die Thränen verschleierten ihr so den Blick – und dann stieß sie, mühsam ihr Schluchzen unterdrückend, mutig hervor: »Wannst hier bleibst, nachher mußt doch den – den Herrn Pfarrer heiraten. Er liebt dich doch einmal so – es wär' ein Unrecht – und er is doch gewiß besser, wie die Affen all mitsamm. Und – und dann – und dann thät'st auch mir a rechte Freud' damit machen. Ich möcht'n so gern glücklich seh'n.«

All die Tage über hatte sie sich mit Vorwürfen gequält, weil sie ihr Versprechen an Pastor Werkmeister noch nicht erfüllte. Es wollte einmal nicht gehen – sie brachte nicht einmal den Namen über die Lippen. Und ebenso hatte Lizzi die beiden Briefe, welche sie in diesen Tagen von dem Pastor erhalten, ängstlich vor Kathi verborgen. Daß er bei der Schwester gewesen war, wußte sie nicht und sie meinte, ihr den großen Schmerz ersparen zu müssen. Sie glaubte ihrer selbst sicher zu sein. Der stattliche Mann mit dem lebhaften Auge und dem schönen Organ gefiel ihr zwar sehr gut und seine glühende Liebe, die nicht locker lassen wollte, schmeichelte ihrer Eitelkeit nicht wenig. Aber er war halt doch geistlich und sie weltlich – ach, so weltlich! Ein Pastor und eine Schauspielerin – daraus konnte ja nimmermehr etwas werden! Nein, nein, wenn der Pastor sah, daß es ihr mit ihrer Kunst Ernst war, ebenso wie mit ihrer Zurückweisung seines Liebeswerbens, so mußte er sich ja als gesitteter Mensch zufrieden geben, Kathi brauchte nie etwas davon zu erfahren und konnte in der Einsamkeit das Ideal ihres Mädchentraumes ungestört weiter hegen, bis es allmählich verblaßte und vielleicht einem andern Platz machen mußte. Es gab ja in diesen kleinen Städten fast immer einen netten, jungen Arzt – auch die Apotheker sollen manchmal sehr liebenswürdige Herren sein. Als Münchnerin war sie schon des in Norddeutschland so beliebten Dialektes wegen sicher, nicht unbeachtet zu bleiben. In dieser Weise hatte Lizzi die Schwester wohl versorgt und glaubte damit ihr Gewissen beruhigen zu dürfen – was war denn nun das auf einmal!?

Lizzi sprang erschrocken auf die Füße, drückte Kathis Haupt an ihren Busen, streichelte sie zärtlich und sagte, halb scherzend, halb selbst zum Heulen geneigt: »Aber, so geh zu, bist wohl ganz närrisch, du gute Seel', du! Laß mir doch den Pfarrer aus'm Spiel – i mag'n ja gar net! Bei Gott, kannst m'r's glauben, i nehm d'rn net fort!« Sie versuchte zu lachen, aber das Herz schlug ihr so rasch und heftig vor Mitleid mit der armen Schwester, deren Körper, vom heftigsten Schluchzen geschüttelt, jetzt an dem ihren bebte, daß ihr das Lachen kläglich in der Kehle stecken blieb.

Kathi vermochte nicht zu reden und so fuhr Lizzi noch ein kleines Weilchen fort, ihr beruhigend über das Haar zu streichen. Dann ließ sie sie aus ihren Armen, half ihr aus dem echten, alten Mieder mit dem silbernen Geschnür und sagte: »Geh, Herzerl, mach, daß d' ins Bett kommst – mei Rücken friert.«

Kathi ließ alles mit sich geschehen, und ein paar Minuten später steckten die beiden Schwestern bereits unter der Decke. Aber mit dem Gutenacht sagen und Stillesein ward nichts erreicht. Sie konnten alle beide so rasch keinen Schlaf finden. Und nachdem sie wohl eine Viertelstunde lang stumm dagelegen und Kathi sich ein klein wenig beruhigt hatte, begann sie von neuem am Ohr der Schwester zu flüstern: »I glaub' dir's schon, daß d's gut meinst, aber wenn i amal fort bin und du hast'n hier ganz alleinig für dich und er kommt immer wieder und laßt net aus mit seiner Lieb, nachher wirst's schon g'spüren, daß doch nixn hilft, was m'r sich a vornimmt. Ich will dir net gram sei, wirklich net, der allerbeste Mann wär' m'r grad gut g'nug für dich.«

»Aber woher weißt denn nur, daß er…«

»Er hat m'r's ja selber g'sagt und er hat mi bitt, daß i für ihn a Wörtl einlegen sollt bei dir. I hab's ihm versprochen, und siext d' es, darum …« Sie vermochte den Satz nicht zu vollenden.

Auch Lizzi war sprachlos, ins innerste Herz getroffen von so übermenschlicher Selbstlosigkeit. Sie kroch ganz nahe zu Kathi heran, schlang die Arme um sie und weinte an ihrem Halse wie ein großes Kind, das recht schlimm gewesen ist und es nun mit seiner gütigen Mutter wieder recht machen will.

Lange sprach keine der Schwestern ein Wort, und als endlich Lizzi sich wieder beruhigt und einen Entschluß gefaßt hatte, einen guten, braven Entschluß, da fand sie, daß Kathi inzwischen eingeschlafen war.

Am andern Morgen um neun Uhr wurden die Schwestern durch lautes Klopfen an der Thür geweckt. Heillos früh kam es ihnen vor, und das Aufstehen wurde ihnen sehr sauer. Lizzi sprang zuerst aus dem Bett und beeilte sich sehr mit ihrer Toilette.

»Bleib du noch a bisserl liegen, Kathi,« sagte sie. »Du hast ja alles fix und fertig packt, aber i muß noch …«

»Ja, was is denn jetzt dees, du bleibst doch hier?« rief Kathi erstaunt.

»Nein, i geh' scho mit,« versetzte Lizzi sehr entschieden. »I verlaß dich net – red nix, heut nacht' hab i mir alles überlegt und jetzt weiß i, was i z'thun hab'. Der Pastor muß seh'n, daß i's ernst mein', sonst laßt er mir kei' Ruh mit seiner Lieb, und so schlecht bin i amal net, daß i meiner Schwester den einzigen Mann fortnimm, den s' selber gern hab'n möcht'. Nein, nein, was a d' Leut von mir sag'n mög'n, so schlecht bin i net.« Und mit nervöser Hast suchte sie zusammen, was sich von ihren kleinen Habseligkeiten noch herumtrieb, warf es bunt durcheinander, wie es gerade kam, obenauf in ihren Koffer, und dann schlug sie mit einem Krach den Deckel zu. »So, jetzt san m'r fertig. Auf nach Pyritz!«

Kathi mochte einwenden, was sie wollte, Lizzi hörte auf nichts. Es war nur gut, daß die Majorin sich entschuldigen ließ, wenn sie nicht zum Vorschein komme. Sie fühle sich wie zerschlagen und könne nicht aufstehen. Ließe glückliche Reise wünschen.

»Gott sei Dank!« sagte Lizzi, »davor hab' i mi g'fürcht'. Jetzt schreib' i erst von Pyritz aus.«

Um dreiviertel zehn Uhr saßen die beiden Mädchen bereits in der Droschke. Aber just in dem Moment, wo der alte Schimmel anziehen wollte, sprang Bubi die steinernen Stufen hinunter und rief: »Halt, halt, ich fahr' mit!« Es half alles nichts. Er wollte sich's durchaus nicht nehmen lassen, die Damen zum Bahnhof zu begleiten. So mußten sie es denn dulden, daß er sich noch mit hineinquetschte.

Aber auf dem Bahnhof harrte Lizzis eine Ueberraschung, an die sie wahrlich nicht gedacht hatte. Nicht nur der Oberlehrer, der natürlich schon eine halbe Stunde lang mit dem Eisenbahnfieber des Kleinstädters ihrer geharrt hatte, sprang, zwei kleine billige Blumensträußchen in der Linken schwingend, leichtfüßig die Treppe hinunter ihnen entgegen, als sie aus dem Wagen stiegen, sondern da eilten auch noch von rechts und links zwei andre Herren auf sie zu, gleichfalls mit Blumensträußen, aber größeren Formates bewaffnet. Das war Pastor Werkmeister, der gestern früh den Junker Rudi auf der Straße abgepaßt und ihm die niederschmetternde Nachricht von der geplanten Flucht entlockt hatte und – Herr Krajesovich von Nemes-Pann, dem Lizzi selbst ein paar freundliche Abschiedszeilen geschrieben hatte.

Allgemeines Erstaunen, allgemeine Vorstellung und allgemeine Verlegenheit. Stille Wut Bubis, daß er der einzige sein mußte, der ohne Strauß erschienen war. Die Anwesenheit des Serben bedrückte den Pastor sichtlich, und die Anwesenheit des Pastors ärgerte den Serben. Bubis Augen blitzten Dolche gegen beide – denn bei dieser letzten traurigen Gelegenheit wenigstens hatte er sicher gehofft, der einzige zu sein. Lizzi selbst lächelte ein wenig dümmlich von einem zum andern und steckte ihre Nase fortwährend in die schönen Blumen, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Die arme Kathi konnte beim Anblick ihres still Geliebten, der natürlich nur für Lizzi Augen hatte, ihre Thränen kaum zurückhalten. Nur der Doktor Hartmann war in bester Laune. Er sprang davon wie ein Jüngling, um die Fahrkarten und das Gepäck zu besorgen, und als sie dann alle sechse auf dem Bahnsteig dem Wagen zuwandelten, da flüsterte er der Kathi vergnügt zu: »Großartig, was? Versammlung sämtlicher Liebhaber nebst obligater Blumenovation. Jöses, nein – gerade, wie wenn eine berühmte Künstlerin abreist.«

Lizzi genierte sich ein wenig vor Herrn von Krajesovich, weil sie dritter Klasse fuhren. Aber als sie erst glücklich ihren Platz gefunden, ihr Handgepäck verstaut und die Schaffner die Thüren zugeschlagen hatten, da faßte sie wieder Mut und begann sogar ein wenig den trübseligen Humor der Situation zu genießen. Sie beugte sich zum Fenster hinaus, wünschte dem Krajesovicherl alles Glück zu seinem nun nahe bevorstehenden Examen, lud den Pastor ein, sie doch einmal in Pyritz zu besuchen, und im letzten Augenblick hieß sie sogar den Bubi auf das Trittbrett klettern, um einen schwesterlichen Abschiedskuß in Empfang zu nehmen. Der arme Kerl schaute zwar furchtbar verkatert und nichts weniger denn appetitreizend aus, aber diese Genugthuung glaubte sie ihm doch schuldig zu sein.

Bubi streifte seine beiden Nebenbuhler nur so ganz obenhin mit einem Blick, aber in diesem Blick lag eine Welt von Stolz und Seligkeit – denn Gregor und der Pfarrer erhielten nur Händedrücke!

Und dann ertönte die Trillerpfeife des Zugführers. Die Maschine zog an. Da versetzte Lizzi der Kathi einen leichten Puff und flüsterte ihr zu: »Du, g'schwind, jetzt schau dir'n noch amal an.«

Und Kathi steckte gehorsam den Kopf zum Fenster hinaus und winkte mit feuchten Augen zurück. Dann drückte sie sich in ihre Ecke und that, als ob sie schlafen wollte.

Lizzi mußte doch noch einmal hinausgucken, und da flogen mit einem Ruck drei weiße Tücher aus den Taschen und wurden heftig geweht, solange der Zug in Sicht blieb.

So, das war nun also ausgestanden! Mit einem leichten Seufzer setzte sie sich wieder. Der gute Doktor tätschelte ihr väterlich die Hand. »Na, Herzweh, Lizzichen?« fragte er, freundlich lächelnd.

»O nein,« wehrte sie eifrig ab: »'s is mir nur a bißl, i weiß net recht wie – so fad.«

»Vielleicht eine Schinkenstulle gefällig? Als praktischer Mann habe ich auch daran gedacht. Was kann das schlechte Leben helfen!«

»Na, i dank' recht schön,« sagte Lizzi, und da gruben sich auch schon ihre weißen Zähne kräftig in das Butterbrot hinein. »Du, Kathi, magst net a was? Du hast a nix zum Kaffee 'gessen.«

»I kann net,« sagte Kathi ganz leise und deckte eine Hand über die Augen.

»Hmm, der Schinken is fei gut!«

Neunzehntes Kapitel

In welchem berichtet wird, wie den bösen Erbschleicherinnen das Brot der Verbannung anschlägt und für Kathi auch einmal ein guter Bissen abfällt

Grüne Ostern auf den Weizenfeldern von Pyritz! Und im Gärtchen des Oberlehrers Doktor Hartmann, draußen vor der Stadt, hauchte der frisch aufgehackte Boden den kräftigen Frühlingsodem aus, jenen starken Lebensduft, der nach langem nordischen Winter von den stuben- und ofenmüden Nerven alljährlich wieder mit derselben staunenden Lust genossen wird, wie etwa ein verseuchter Magen, der zuviel diniert hat, vor freudigem Erstaunen hüpft, daß nach einer tüchtigen Fußwanderung ein derbes Stück Bauernbrot mit Butter so sehr viel besser schmecken kann, als alle Trüffelpasteten der Welt. Die Stachelbeersträucher leuchteten ebenso lustig grün, wie die frisch gestrichenen Stakete, und der junge Rasen war gelb getüpfelt mit Butterblumen, Löwenzahn, Ranunkeln und Himmelsschlüsseln. In des ersten Lenzes Teppichweberei herrscht nun einmal so ein bäurischer Geschmack.

Der Oberlehrer und seine Gattin waren jetzt viel in ihrem Gärtchen beschäftigt, er mit Hacken und Umgraben, sie mit Säen, Jäten und Harken. Sie griff aber auch oft genug selbst zum Spaten und handhabte ihn mit Kraft und Gewandtheit, denn das geliebte Bärbelchen war nichts weniger wie eine Nippsache, als welche das niedliche Diminutiv anzudeuten schien, sondern vielmehr eine äußerst robuste Dame, starkknochig, muskulös und wohlgepolstert, dabei reichlich einen Kopf größer als ihr Gatte, schwarzhaarig und dunkeläugig, mit Adlernase und sogar mit einem ziemlich fest hingestrichenen Schnurrbärtchen ausgestattet. Wer die Frau ansah und wußte, daß sie dreifach Mutter war, der wußte auch, daß das drei Mordsbuben sein mußten. Dabei war sie aber doch sanfteren Gefühlen keineswegs unzugänglich, im Gegenteil, sie schwärmte für Musik und Poesie, besonders für die ungedruckte ihres Mannes, und konnte zu Zeiten noch für diesen ihren Lieblingsdichter eine fast mädchenhafte Verliebtheit an den Tag legen.

Seit nun gar die beiden Münchnerinnen im Hause waren, hatte ihr manchmal schlummerndes Talent zur Zärtlichkeit sich schier bedenklich entwickelt. Sie verwöhnte die beiden Mädels ganz unverantwortlich und trieb es in dieser Beziehung sogar noch ärger, als der Oberlehrer selbst. Ganz Pyritz war überhaupt außer Rand und Band, besonders seit Lizzi in einer Dilettantenaufführung von Wildenbruchs »Quitzows«, welche der Oberlehrer veranstaltet hatte, die »Dörte« gespielt und damit alle Welt bezaubert hatte, sogar jene jüngeren und jüngsten Mädchen nicht ausgenommen, welche seit Lizzis Anwesenheit eine zweifellose Erkaltung in dem Gebaren ihrer Liebhaber bemerken mußten. In den obersten Klassen des Gymnasiums grassierte die »Lizzitis« und als Folgekrankheit davon die Dichteritis in geradezu schreckenerregender Weise, Und der Name Elisabeth Mödlinger fand sich sogar schon mehrfach in den Protokollen der Lehrerkonferenzen verzeichnet als Ursache eines Duells zwischen zwei Primanern, wie als Veranlassung zu einem gefühlvollen Ständchen, welches Zusammenrottung auf der Straße, eine allgemeine Holzerei zwischen der Sekunda und der Prima und sonstige nächtliche Ruhestörung nach sich gezogen hatte. Der Direktor, ein Mann ohne jeden Humor, der nur Sinn für zweite Aoriste und die Verba des Heischens hatte, weshalb er auch allgemein »der Heischer« hieß, machte dem armen Doktor Hartmann seit einiger Zeit das Leben recht sauer, indem er ihn für die Verwilderung der Sitten, wie für die irregeleitete Phantasie der klassisch zu bildenden Pyritzer Jugend verantwortlich machte und schließlich gar unverblümt die Entfernung des reizenden Mediums von ihm »heischte«, welches die jungen Geister dermaßen in Aufruhr brachte. Die ganze Komödienspielerei hatte er schon als einen groben Unfug betrachtet, besonders weil auch mehrere Gymnasiasten dabei mitwirkten, welche die ganze Zeit über sich durch Unaufmerksamkeit in der Klasse auszeichneten. Eine Tragödie des Sophokles in griechischer Sprache, die Frauenrollen von wohlgebildeten Jünglingen dargestellt, das hätte er sich gefallen lassen, aber wie ein Gymnasiallehrer sich dazu hergeben konnte, das Werk eines lebenden Autors in Scene zu setzen, wenn es gleich ein patriotisches war, das begriff er schlechterdings nicht. Gern hätte er diesen unruhigen Doktor Hartmann fort empfohlen, aber der Mann war schon zu lange am Ort und bei der Bürgerschaft sehr beliebt, da durfte er so etwas nicht wagen; denn das Gymnasium war ein städtisches und der Bürgermeister konnte ihn aus Rache selber fortempfehlen. Die übrigen Herren Kollegen beneideten den Doktor Hartmann um seine liebenswürdigen Pensionärinnen und hätten sogar die kleinen Chikanen des Direktors gern mit in den Kauf genommen, wenn sie ihm die Mädels hätten abspänstig machen können. Uebrigens hatten Hartmanns noch in keinem Winter soviel Kollegenbesuch bekommen, als seit die beiden Münchnerinnen im Hause waren, und sich auch sonst veranlaßt gesehen, weit geselliger zu leben, als je zuvor. So kam es, daß die recht bescheidenen Unterhaltungsgelder, welche die Geheimrätin und die Majorin für die Schwestern ausgesetzt hatten, nicht nur keinen Vorteil gewährten für den Haushalt des Oberlehrers, sondern daß sogar dessen kleiner Etat überschritten werden mußte. Aber das bekümmerte den alten Herrn wenig. Nie war er so jugendlich und guter Laune gewesen, als in diesen Monaten, in denen er aus einem Gymnasiallehrer fast völlig zum Dramaturgen, Regisseur und Mimiker geworden war. Er erteilte nämlich mit einem wahren Feuereifer Lizzi dramatischen Unterricht – einen Unterricht, der für den ersten Versuch in diesem Fache gar nicht so übel ausfiel. Er fühlte sich ungemein glücklich als Lehrer eines so reichen Talentes und kam allmählich sogar zu der Ueberzeugung, daß er seinen wahren Beruf verfehlt habe. Er hätte sicherlich als Schauspieler, und zwar im Liebhaberfache, Hervorragendes geleistet. Und wenn nicht die Rücksicht auf sein Bärbelchen und auf seine drei Buben ihn zurückgehalten hätte, so wäre er vielleicht gar im stande gewesen, den Schulmeister jetzt noch an den Nagel zu hängen, sich den würdigen grauen Bart abzurasieren, das Haupthaar schwarz zu färben und irgendwo draußen im Reiche einen Thespiskarren schieben zu helfen.

Die gute Kathi kam übrigens, trotz der allgemeinen Schwärmerei für Lizzi, auch nicht zu kurz. Ihren großen Erfolg als Schauspielerin und die meist recht kindischen Huldigungen der Gymnasiasten, die Fensterpromenaden, Gedichte, die Serenaden und Prügeleien gönnte sie ihr ohne Neid. Sie fand soviel Liebe im Hause des Oberlehrers, als sie brauchte, um glücklich zu sein. Frau Bärbelchen war ihr innigst zugethan und die beiden jüngeren Buben Willi und Theodor hingen mit rührender Zärtlichkeit an ihr. Und unter den älteren Freunden des Hauses hatte sie sogar einen stillen, aber unzweifelhaften Anbeter gefunden. Das war der dicke Mathematikprofessor Doktor Schumacher, ein eingefleischter Junggeselle mit einer bedenklichen Vorliebe für alkoholische Getränke. Der war auf einmal merkwürdig solide geworden und in der Klasse zerstreuter als irgend einer seiner Schüler. Die boshaften Primaner behaupteten, daß er jedesmal tief aufseufze und mit verschwimmenden Aeuglein träumerisch zum Fenster hinausschaue, so oft in der Trigonometrie von Sinus und Kosinus die Rede sei. Mochte dies auch übertrieben sein, so war es doch Thatsache, daß er in den letzten Monaten ganz ungemein häufig bei dem Kollegen Hartmann, mit dem er sonst fortwährend auf dem Kriegsfuße gestanden, auf Abendbesuch kam, den weitesten Lehnstuhl einnahm und mit furchtbarer Beharrlichkeit sitzen blieb, bis die Hartmanns sich dermaßen angeödet fühlten, daß sie die Flucht ergriffen oder ihn hinauskomplimentierten, weil sie zu Bette wollten. Kathi war die einzige, die gutmütig genug war, hin und wieder noch bei ihm auszuharren und Teilnahme an seiner Unterhaltung zu heucheln. Niemals hatte der Biedermann bei solchen gelegentlichen tête-à-têtes auch nur ein Wörtchen geäußert, das Liebe ahnen ließ oder im entferntesten nach Courmacherei geschmeckt hätte. Ob er wohl ahnte, daß es mit Kathis Freundschaft und Geduld sofort aus sein würde, sobald er ein deutliches Wörtlein wagte? Solange er aber »fein stad« blieb, konnte sie ihm ja das Vergnügen gönnen, durch ihre bloße Nähe sich beglückt zu fühlen. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß sie in dem kleinen Nest mit dem Mathematikus ins Gerede kam, doch traute ihr im Ernste wohl kaum jemand einen so sonderbaren Geschmack zu, und so hatte der dicke Herr Spott und Neckerei so ziemlich allein auf sich zu nehmen. Im übrigen machte Kathi sich in Haus und Garten nützlich, beschäftigte sich viel mit Handarbeiten und übte fleißig Klavier. In den Gesellschaften der Honoratioren war sie wegen ihres hübschen Spieles eine ebenso gesuchte Persönlichkeit, wie die jüngere Schwester mit ihrem Gesang und ihren Deklamationen. Sehr auffallend war es, daß aus ihr ganz plötzlich eine fleißige Kirchgängerin wurde. Die Pyritzer Geistlichkeit war es wohl kaum, die eine solche Anziehungskraft auf sie ausübte. Der Lizzi, die sie anfänglich ein wenig damit aufzog, erklärte sie mit frommem Eifer, daß für heimatlose Waisen doch nichts näher liege, als sich einen sicheren Halt und Hort gegen alle bitteren Erfahrungen des Lebens in den Heilswahrheiten der Religion zu suchen. Lizzi dachte sich ihr Teil, schwieg und ließ sie gewähren,

Sie zog es vor, an schönen Sonntagen mit dem Oberlehrer oder mit seinem ältesten Buben Georg in Feld und Wald herumzustreifen. Daheim war sie sehr fleißig. Sie las alles, was sie an dramatischer Litteratur auftreiben konnte, und lernte eine ganze Menge Rollen, die ihr oder dem Lehrer für sie passend erschienen. Sie behielt außerordentlich leicht auswendig und hatte sich in den drei Monaten bereits ein recht ansehnliches Repertoire erworben. Aber das blieb freilich ein totes Wissen, solange es ihr nicht möglich war, auf einer wirklichen Bühne im Zusammenspiel ihre Darstellungskraft zu erproben. Trotzdem ganz Pyritz sie verwöhnte wie eine Prinzessin, sehnte sie sich doch gar bald wieder in die Welt hinaus. Ein mächtiger Drang nach Bethätigung ihrer Kraft war über sie gekommen und ihrem Ehrgeize genügte es nicht mehr, Nr. 1 in Pyritz zu sein. Die Huldigungen der Gymnasiasten hörten sehr bald auf, ihr Spaß zu machen. Sie schienen ihr im Gegenteil fast kränkend für eine junge Dame, die bereits so hervorragenden Persönlichkeiten, wie einem Dr.med. Krajesovich von Nemes-Pann – er hatte nämlich inzwischen sein Examen glücklich bestanden – und einem Pastor Werkmeister den Kopf verdreht hatte. In einem hübschen, mit Plüsch überzogenen und mit Messingbeschlägen verzierten Kasten bewahrte sie alle ihre Liebesbriefe auf. Da waren die Münchener Kindererinnerungen mit dem Kadetten Benno Tatzelberger als Schlußstein obenauf, mit einem weißen Seidenbande umwunden, dann kam Gregor, von dem freilich außer seinem langen Absageschreiben nur noch zwei kurze, aber sehr hübsche Briefchen aus jüngster Zeit vorhanden waren. Der letzte davon aus Nagy-Becskerek datiert, wo sein Vater Vicegespan war und er sich zunächst niederzulassen gedachte. Das dritte Päckchen, rot umschnürt, enthielt die ernsthaft feurigen Ergüsse des Pastors Werkmeister. Sie hatte ihn zwar schon mehrmals in kurzen, ängstlich stilisierten Briefchen gebeten, nicht mehr in diesem Tone an sie zu schreiben. Ihr Herz gehöre ganz und gar der Kunst, und sie fühle sich auch einer solchen Liebe wie der seinigen gar nicht würdig. Sie sei ein eitles Kind der Welt, in dessen innerem Leben die himmlischen Dinge bisher eine gar geringe Rolle gespielt hätten, und passe durchaus nicht in ein stilles Pfarrhaus. Und dann hatte sie die gute Gelegenheit ergriffen, um mit dem kühnen Uebergang: »Ja, wenn ich so wäre, wie meine Schwester!« auf Kathis Frömmigkeit und Häuslichkeit ein Loblied zu singen. – Aber das hatte alles nichts geholfen. Der verliebte Pfarrer verlegte sich nun darauf, ihr in langen Abhandlungen, die schon mehr Broschüren zu nennen waren, auseinanderzusetzen, daß Liebe notwendig Liebe erzeugen müsse, und daß ein Herz, das ganz von Liebe erfüllt sei, notwendig Gott wohlgefällig sein müsse. Dann erging er sich des langen und breiten über den Wert der Dogmen, den er selbst nicht hoch anschlagen könne, wenn er ehrlich sein wollte, und bewies ihr, daß das A und O des Christentums doch immer die Liebe sei, und daß notwendig die egoistische Liebe des einzelnen Menschenpaares sich in einer wahren Ehe auswachsen müsse zu einer Gott und Menschheit und auch den Feind umfassenden Liebe. Sie sollte sich doch nur ja nicht etwa dem Wahne hingeben, als ob ein christliches Familienleben die Fröhlichkeit verbiete. Gerade das Gegenteil sei der Fall, denn ein fröhlicher Mensch habe es viel leichter gut zu sein, denn ein sauertöpfischer Eiferer. Und so ging es Seiten über Seiten fort – und für Kathi fielen nur am Schluß ein paar freundliche Zeilen und ein Gruß ab. – Lizzi fühlte sich der Aufgabe, auf all dies vernünftig und erschöpfend zu antworten, nicht gewachsen. Drum schrieb sie lieber gar nicht. Da half aber auch nichts; denn nun kam nach einigen Wochen ein fieberheißes Schreiben voll Sehnsucht und Verzweiflung. Wenn ihr das stille Leben in einem deutschen Pfarrhause nicht zusage, so wolle er seine guten Verbindungen benutzen, um eine Stellung im Auslande zu erlangen, ja, schlimmstenfalls, wenn ihr der geistliche Stand gar so verhaßt sei, so könne er sich sogar entschließen, den Priesterrock auszuziehen und etwas andres zu werden. Er habe ja ein kleines Vermögen, damit könne er ja vielleicht eine Privatschule errichten oder auch sich der Journalistik in die Arme werfen. Er sei ja schon bei hervorragenden konservativen Tagesblättern und Zeitschriften als Mitarbeiter thätig. Wenn ihm das Glück günstig sei, werde es ihm gewiß gelingen, eine einträgliche Redakteurstelle zu erhalten. Zum Schluß fragte er dann an, ob er nicht ihre Einladung, sie zu besuchen, demnächst einmal ernst nehmen dürfe. Und darauf hatte Lizzi, wieder die verfänglichen Zukunftsfragen übergehend, erwidert, daß ihre Schwester und sie – sie stellte Kathi immer voran in ihren Briefen an den Pastor – sich sehr freuen würden, ihn nach Ostern in Pyritz begrüßen zu dürfen. Sie hoffe bis dahin auch über ihre Zukunft einigermaßen im klaren zu sein, denn sie gedenke sich demnächst von Fachleuten prüfen zu lassen und womöglich irgendwo aufzutreten. Die böse Lizzi hatte sich nämlich einen ganz hinterlistigen Plan ausgeheckt. Sie wollte, sobald der Pastor seine Ankunft anzeigte, nach Berlin entwischen, unter dem Vorgeben, daß ihr gerade ein Agent ein Engagement nachgewiesen habe. Vielleicht machte Kathi doch Eindruck auf ihn, wenn er ein paar Tage mit ihr allein zubrachte. Vielleicht merkte er es bei der Gelegenheit endlich, wie sehr er von ihr geliebt wurde, und lernte sie dadurch mit andern Augen ansehen. Lizzi fürchtete sich gar sehr vor der feurigen Beredsamkeit des Mannes. Sie war eitel und hatte heißes Blut, und es war sehr leicht möglich, daß sie der Versuchung erlag und den Widerstand aufgab, wenn er die Gelegenheit fand, wieder so zu ihr zu sprechen, wie damals im Tiergarten. Das durfte nicht sein – sie wollte um jeden Preis ihrem Vorsatz treu bleiben und Kathis Liebesopfer nicht annehmen. – – Das letzte Päckchen im grünen Bande enthielt das Vers- und Prosagestammel der grünen Jugend, die sie in ihren Zauberkreis gezogen hatte. Darin war Rudi von Goldacker mit zahlreichen Nummern glänzend vertreten, sowie etliche interessante Autographen der Pyritzer Intelligenz letzter Generation. Aber dies Päckchen nahm sie leicht, wie Fastnachtsscherze. – – –

Der Oberlehrer machte mit seinen drei Buben über die Feiertage eine Fußpartie. Lizzi war schon zu Beginn der stillen Woche nach Berlin gereist, um sich prüfen zu lassen. Frau Bärbelchen hütete also mit Kathi das Haus. Da kam am Dienstag nach Ostern eine Depesche an den Oberlehrer, in welcher Pastor Werkmeister seine Ankunft mit dem Nachmittagszuge des heutigen Tages anzeigte. Kathi wollte sofort abtelegraphieren – sie wußte ja doch, daß er nur Lizzis wegen kam – aber Frau Bärbelchen machte es ihr klar, daß ihn die Antwort nicht mehr erreichen könne, da er um halb elf Uhr schon abfahren müsse. Außerdem hatte Lizzi geschrieben, daß sie wahrscheinlich am Mittwoch zurückkehren werde. Also sollte sich der Herr Pastor nur ruhig auf ein oder zwei Tage an ihrer Gesellschaft genügen lassen. Sie seien ja doch schließlich »auch nicht von Pappe«, wie sie sich derb ausdrückte und morgen kämen ja überdies ihre vier Mannsbilder bestimmt heim. Wenn das gute Käthchen gewußt hätte, daß Lizzi mit der Frau Oberlehrer sich heimlich verschworen und listig die Schlinge zurecht gelegt hatte, in der der Pfarrer sich fangen sollte! Lizzi hatte ihm nämlich kurz vor ihrer Abreise auf seine erneute Anfrage, wann er kommen dürfe, geschrieben, daß sie zu einem Probegastspiel in die Provinz gehen, aber zu den Feiertagen bestimmt wieder zurück sein werde. Der arme Mann hatte keine Ahnung, daß sie acht Tage lang mit ihm zusammen in den Mauern der Reichshauptstadt weilte, ganz gemütlich bei Frau von Goldacker logierend, die sie aber gleichfalls samt ihrem Bubi zur Verschwiegenheit verpflichtet hatte.

Kathi hatte furchtbares Herzklopfen, als sie eine Viertelstunde vor Ankunft des Berliner Zuges schon wartend auf dem Bahnsteig stand. Jedes Anschlagen der Signalglocken durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag, und als schließlich gar der Zug sichtbar wurde, pfiff und sein Tempo verlangsamte, da fing sie an zu zittern, ihre Kniee wollten sie kaum mehr tragen und ihre Zähne schlugen wie vor Frost aufeinander, obwohl es ein schöner, warmer Tag war.

Nun hielt der Zug, und aus einem Abteil zweiter Klasse stieg der bewußte große Herr mit dem frischen glatten Gesicht und der Kotelettenandeutung, der schon bei der Einfahrt sich weit aus dem Fenster gebeugt und mit sehnsüchtigen Augen den Bahnsteig abgesucht hatte. Er war nicht im stande, seine Enttäuschung zu verbergen, als er Kathi allein sah, obschon er ihr herzlich die Hand drückte und kühn behauptete, sich ganz außerordentlich zu freuen, sie nach so langer Zeit und anscheinend so frisch und munter wiederzusehen. Und dabei war sich Kathi bewußt, daß sie käsweiß und sicherlich recht katzenjämmerlich aussah.

Dann kam die unvermeidliche Frage: »Ihr Fräulein Schwester ist doch hoffentlich nicht krank – daß sie nicht mitgekommen ist?«

»O nein, dank schön,« erwiderte Kathi stockend. »Der Lizzi geht's sogar sehr gut, aber sie is gar net da. Ich denk' aber schon, daß s' morgen wieder kommt.«

Der Pfarrer erbleichte. »Nicht da? Ja, mein Gott, sie schrieb doch … Wo ist sie denn?«

»In Berlin.«

»In Berlin!?« Er machte ein sehr langes Gesicht. »Ja, dann verstehe ich aber gar nicht … Das thut mir wirklich sehr leid – ich habe mich nur schwer frei machen können und muß morgen abend schon wieder zurück sein.«

Kathi wagte einen scheu bittenden Blick. Der Pfarrer wandte etwas verlegen die Augen zur Seite und wurde rot. Also hatte er doch wohl keine große Uebung im Lügen – und er log gewiß. Wenn Lizzi da gewesen wäre, hätte er sicherlich morgen abend nicht zurück sein müssen! O, wie bitter schluckte sich diese Gewißheit hinunter und die Kehle wollte es ihr zuschnüren, das Herzeleid. Aber sie nahm sich zusammen so gut sie konnte, um ihm nicht gleich in der ersten Stunde etwas vorzuheulen, und brachte mühsam heraus: »Morgen mittag kommt ja Doktor Hartmann mit seinen Buben wieder heim. Die haben über die Feiertag eine Fußpartie um die Madüe gemacht und da wer'n s' schon was zum Erzählen haben. Ganz lustig wird's wer'n, passen S' nur auf! Mit mir allein freili – dees glaub i schon, daß Ihne dees a bisserl z'fad wär.« Der traurige Ton, in dem sie das sagte, ging dem Pfarrer denn doch zu Herzen. Er wandte sich zu ihr – und sah, was er angerichtet hatte. Wie ein furchtsames gescholtenes Kind stand sie vor ihm, das große, stattliche, hübsche Mädchen. Er reichte ihm die Hand, drückte sie warm und sagte, wirklich beschämt, mit innigem Tone: »Aber mein liebes Fräulein, ich bitte Sie, wie können Sie so sprechen! Es wird mir eine große Freude sein, mit Ihnen diese Stunden … Und dann können wir ja auch …« Er stockte wieder. Er hatte sagen wollen: »soviel von Lizzi sprechen,« verbesserte sich aber schnell: »und Sie müssen mir viel von sich erzählen. Und nun sagen Sie mir, bitte, wo komm' ich hier am besten unter?«

Sie nannte ihm den Namen des ersten Gasthauses des Städtchens, dessen Hausknecht schon ungeduldig seiner Beute harrte. Der Pfarrer winkte den Mann heran, übergab ihm sein Handköfferchen und ließ sich nach dem draußen wartenden Omnibus geleiten.

»Ja, jetzt weiß ich nicht,« sagte er lächelnd, »ob ich Sie auffordern soll, mitzufahren. Ist es schwer zu finden zur Villa Hartmann? Ich muß mich doch erst ein bißchen säubern, ehe ich der Frau Oberlehrer meine Aufwartung machen kann.«

»Ja, wissen S', dees is ganz am andern End,« erwiderte Kathi, »Wenn's Ihne recht is, fahr' i schon mit und wart' auf Sie, daß ich Sie nachher 'nausführen kann.«

Er half ihr in den Rumpelkasten hinein, setzte sich neben sie und dann holperten sie los. Die paar freundlichen Worte, die er ihr gegönnt und das Glück, mit ihm allein fahren zu dürfen, röteten Kathis Wange vor Freude und ließen ihre Augen strahlen. Das Gerassel auf dem schlechten Pflaster, das Klirren der Scheiben machten eine Unterhaltung fast unmöglich, und so begnügte sich der Pfarrer damit, mit offenen Augen ein wenig von der fernen Schwester zu träumen und dabei die gegenwärtige Schwester unverwandt von der Seite anzublicken.

Sie fühlte seinen Blick auf sich ruhen und es überlief sie heiß. Ihr Atem ging immer rascher und rascher. Sie zog die Unterlippe zwischen ihre Zähne und biß leise zu, um sich besser zu beherrschen, und dann drehte sie ein ganz klein wenig den Kopf nach ihm hin und schlug die Augen auf. Ihre Blicke begegneten sich. Und sie richtete ihren Kopf noch mehr auf, ließ ihre Lippe zögernd aus den Zähnen gleiten, hob ein wenig das Kinn und lächelte glückselig. Ihr halb geöffneter Mund zuckte leise. Vielleicht hatte sie etwas gesagt, vielleicht auch nur etwas gedacht und unbewußt die Worte geformt. Aber es bedurfte gar keiner Worte – bei dem Gerassel wären sie ja doch unverständlich gewesen – dieses Lächeln, dieser Blick bedeuteten ja das klarste und bündigste Geständnis. Und was Lizzis eifrigste mündliche und schriftliche Andeutungen nicht vermocht hatten, das brachte die stumme Beredsamkeit dieser strahlenden grauen Augen mühelos zu stande. Pastor Werkmeister wußte nun auf einmal, daß dies liebe Geschöpf ihm mit Leib und Seele angehöre, daß es beim ersten Liebesworte, das er sprach, ja wenn er nur die Arme ihm entgegen breitete, sich still an seine Brust schmiegen und selig sein würde. Er wußte nichts zu sagen, die Entdeckung kam so völlig überraschend; aber er war innerlich bewegt – er wandte sich wie beschämt zur Seite und streckte seine Linke nach ihren Händen aus, die sie gefaltet im Schoße hielt. Da blieb sie ruhen, bis die kurze Fahrt zu Ende war und der Oberkellner vom »Deutschen Hause« die Thür aufriß.

Kathi wollte vor dem Hause auf und ab gehen, bis er fertig war, aber das wollte er auf keinen Fall dulden. Er nötigte sie mit in das Gastzimmer hineinzukommen, geleitete sie selbst an einen von den wenigen anwesenden Gästen etwas entfernten Tisch, drückte ihr ein illustriertes Journal in die Hand und verließ sie dann mit dem Versprechen, sich möglichst zu beeilen.

Kathi hatte alles ohne ein Wort des Widerspruchs mit sich geschehen lassen. In Hut und Jacke, den Regenschirm quer über den Schoß gelegt, saß sie da und guckte in das aufgeschlagene Blatt hinein, ohne sich bewußt zu sein, ob das Bild, was sie da vor sich hatte, eine Sauhatz im Mittelalter oder etwa die feierliche Einsegnung irgend eines fürstlichen Herzensbundes vorstelle.

Da hörte sie Schritte auf sich zukommen, strich sich verwirrt über die Stirn und blickte auf. Vor ihr stand Professor Schumacher, der dicke Mathematikus, ihr standhafter Anbeter. Da drüben an dem Tisch, von dem er hergekommen war, saßen der Herr Amtsrichter, der Herr Apotheker und der Herr Stadtverordnete Kupferschmied Grotjan, hatten ihre Skatkarten verkehrt auf den Tisch gelegt und starrten alle drei neugierig zu ihr hinüber.

»Guten Tag, Fräulein Mödlinger!« sagte der Professor, Kathi die Hand reichend. »Sie hier im Deutschen Hause? Das ist ja – ein freudiges Ereignis. Sie haben wohl Verwandtenbesuch bekommen, wenn ich fragen darf?«

»O nein,« erwiderte Kathi rasch. »Dees is ja der Herr Pastor Werkmeister von Berlin. Aber verwandt sin m'r net, m'r hab'n en bloß dort kennen g'lernt und – na, da b'sucht er uns halt!«

»Ach so,« sagte der dicke Professor nur, als ob er mit dieser Erklärung vollkommen zufrieden wäre. Er stand da, ergriff den nächsten Stuhl bei der Lehne und wiegte ihn nachdenklich auf und ab. Seine merkwürdige Denkerstirn – sie hatte die Form eines sphärischen Dreiecks und war für gewöhnlich stark gerötet – färbte sich noch um eine Schattierung dunkler, und die Ader, welche wie eine mathematische Hilfslinie von der Spitze des Dreiecks ungefähr nach der Mitte der Basis hinübergezogen war, trat auffallend stark hervor. Kathi bemerkte es wohl, sie sah ihm ja gerade ins Gesicht – aber sie dachte sich doch nichts dabei. Und er sagte auch nichts. Nach einer ganzen Weile erst kam es ziemlich stockend heraus: »Dann wird es Ihnen vielleicht nicht angenehm sein, wenn ich heute abend mir erlaube …«

Kathi errötete. Freilich wäre es ihr lieber gewesen, den Abend mit dem geliebten Manne allein zu verleben, aber die gute Sitte zwingt ja den gebildeten Menschen in solchen Fällen zu lügen. Sie sagte also, daß er sich doch nicht abhalten lassen möge zu kommen, und daß der Herr Pfarrer sich gewiß sehr freuen werde, seine Bekanntschaft zu machen.

Der Professor wußte nichts mehr vorzubringen, so murmelte er denn eine Entschuldigung und kehrte wieder zu seinen Skatgenossen zurück.

»Sie reizen, Herr Professor,« sagte der Kupferschmied.

Der dicke Schumacher schaute lange in seine Karten hinein, ehe er mit einem tiefen Seufzer komisch betrübt sein »ich passe« hervorbrachte.

»Sie mauern aber auch ewig! Riskieren Sie doch mal was!« meinte der Herr Amtsrichter vorwurfsvoll. »Na, ich spiele Herzensolo.« –

Wenige Minuten später kam Pastor Werkmeister frisch gewaschen und gebürstet und mit reinen Manschetten versehen wieder herein und Kathi ging ihm rasch entgegen. Sie war unschlüssig, ob sie ihm den Professor bei dieser Gelegenheit vorstellen sollte. Aber da er keine Miene machte, näher zu treten, sondern sich nur zu einer kleinen Abschiedsverbeugung halb auf dem Stuhle herumdrehte, so ließ sie es bleiben und schritt mit einer leichten Neigung des Kopfes hinaus.

Jeder dritte Mensch in Pyritz kannte sie natürlich bereits und fast keiner der Begegnenden versäumte es, dem stattlichen Paare nachzuschauen. So wie sie die Kleinstädter bereits kannte, wußte sie bestimmt, daß heute abend noch ihre Verlobung mit dem fremden geistlichen Herrn in allen Familienkreisen verkündigt werden würde. Das war ein süßer Gedanke – aber es war unrecht, ihm nachzuhängen, und sie begann nun selbst von Lizzi zu sprechen.

Eine übermäßig eifrige Briefschreiberin war Lizzi nicht. Acht Tage war sie fort und hatte erst eine Postkarte und einen flüchtigen Brief geschrieben. Der hatte aber dafür auch eine sehr wichtige Nachricht enthalten. Ein Theateragent, dem ihre Persönlichkeit wohl gar sehr gefallen haben mußte, hatte sich so eifrig für sie bemüht, daß der Direktor des Deutschen Theaters sich in der That dazu herbeiließ, ihr eine Stunde seiner kostbaren Zeit zu schenken und sie eines Mittags auf der Bühne einige Proben ihrer Kunst vorführen ließ. Sie hatte ihm den Abschied der Jungfrau vordeklamiert und dazu hatte der Direktor »na!« gesagt und über das ganze Gesicht gelacht. Dann hatte sie »Meine Ruh ist hin« und »Ach neige, du Schmerzensreiche« aus dem »Faust« vorgemimt, dabei aber selbst gefühlt, daß es ihr nicht so recht gelang. Und dann war sie auch durch das schreckliche »na!« und durch die spöttisch-neugierigen Gesichter einiger Herren und Damen vom Theater, die zuhörend in den Coulissen herumstanden, ganz aus der Stimmung gebracht worden. Die wirklichen Thränen, die ihr nach dem »Ach neige« in den Augen standen, waren nicht so sehr aus der Hingabe an die Rolle, aus Gretchens bitterem Herzeleid, wie aus dem Aerger über die selbstgefühlte Unzulänglichkeit entsprungen. Der Direktor hatte, als sie ihm, vom Boden aufstehend, ängstlich das Gesicht zuwandte, noch viel vergnügter gelächelt als vorher, und durch seine funkelnden Brillengläser niederschmetternd lustige Blitze auf sie geschossen.

»Sie sind offenbar der Ansicht, mein liebes Kind, daß der Faust das Gretel in München oder doch wenigstens in Pasing aufgetrieben hat.«

Damit hatte er sie stehen lassen und hatte sich zu einigen Herren, Regisseuren und Schauspielern, gewendet, um leise mit ihnen etwas zu verhandeln. Sie hatten sie alle so merkwürdig angeschaut und dann wieder die Köpfe zusammengesteckt und miteinander geflüstert und die Achseln gezuckt und bedenklich geblickt und die bedeutenden Häupter geschüttelt, daß ihr so Angst geworden war, als sollte sie gleich zu Galgen und Rad verurteilt werden. Und dann war der Direktor auf sie zugetreten und hatte gefragt, ob sie vielleicht singen könne? – Ja, singen könnte sie schon – na, dann sollte sie einmal was singen und zwar ein oberbayerisches oder sonstiges Volkslied in einem Alpendialekt. Ob sie nicht zum Beispiel das: »A Deandl is verwichen, hin zum Pfarrer g'schlichen« kenne.

Ja, das könne sie singen, aber sie wisse nicht, ob sie einen Ton in der Kehle habe. Und dabei waren ihr die Thränen herausgestürzt und sie hatte zu schluchzen angefangen – da hatte ihr der Direktor freundlich auf die Schulter geklopft und sie geheißen, sich zu beruhigen. Wenn sie ihnen recht nett was vorsinge, dann wollten sie ihr die gutgemeinte »Jungfrau« und sogar das Gretl von Pasing verzeihen. Die Herren hatten auch ganz geduldig gewartet, bis sie sich ausgeschluchzt, und dann hatte sie die Hände im Schoß gefaltet und schlecht und recht, das heißt so gut es unter den betrüblichen Umständen gehen wollte, das alte wohlbekannte Lied gesungen. Und da waren alle Herren um sie herumgestanden und der und jener hatte ihr die Hand gedrückt und sich ihr vorgestellt, und der Herr Direktor hatte »hm hm« gemacht und den Theaterdiener mit einem Auftrag fortgeschickt. Und endlich hatte er den Mund aufgethan und gesagt: »Wissen Sie, mein Kind – den Schiller und den Goethe, den wollen wir uns mal noch versparen, aber zu etwas anderm können wir Sie, glaub' ich, schon gebrauchen. Ich laß Ihnen da die Rolle vom »Annerl« aus dem Pfarrer von Kirchfeld holen, den gedenke ich nächstens wieder aufzunehmen. Lernen Sie mir die geschwind auswendig und kommen Sie nächsten Dienstag früh um zehn Uhr zur Probe, da wollen mir weiter sehen.« – »Darf ich net vielleicht noch a bissel was aus der »Nora« …?« Aber da hatte er sie fast grob unterbrochen und auf nichts mehr eingehen wollen – damit war es aus gewesen. Und nun saß sie und lernte die Anna Birkmeyer und harrte mit Zittern und Zagen dem Dienstag entgegen. –

Der Pfarrer hatte Kathi ihren Bericht geben lassen, ohne sie mit einem Worte zu unterbrechen. Er konnte sich eines tiefen Seufzers nicht erwehren, als sie zu Ende war und es klang recht betrübt, als er zu scherzen versuchte: »Ja, da wird einem wohl weiter nichts übrig bleiben, als ihr am Dienstag kräftig die Daumen zu drücken. Der Theaterteufel hat sie nun doch einmal in seinen Klauen, haha! Ach übrigens, heute ist ja Dienstag – die Entscheidung ist vielleicht schon gefallen.«

Kathi blickte ihn scheu von der Seite an – er schaute recht ernst und traurig drein. Er fühlte wohl, daß der Ausfall der heutigen Probe auch die Entscheidung darüber bringen sollte, ob er seine Liebeshoffnungen für immer begraben müsse oder nicht. Acht Tage war sie in Berlin gewesen, ohne ihn etwas davon wissen zu lassen. Nur an ihr Theater hatte sie gedacht! Und er seufzte abermals. Sie waren nun bei dem Häuschen des Oberlehrers angekommen. Es galt sich zusammennehmen, eine heitere Miene aufsetzen, der Hausfrau liebenswürdig begegnen. Und er zeigte sich stark, er brachte das alles ganz gut fertig. Ein glücklicher Gedanke von Kathi war es, daß sie gleich nach dem Kaffee vorschlug, etwas zu musizieren. Da brauchte er nicht zu reden und durfte im Zuhören seinen Gedanken an die Entfernte nachhängen. Und dann ließ er sich auch überreden, selbst etwas zu singen. Er hatte eine kräftige, ziemlich geschulte Baritonstimme und sang Schumannsche und Schubertsche Lieder mit gutem Ausdruck. Kathi war so glücklich, ihn begleiten zu dürfen, und über das Lob, das er ihr spendete – und wenn er gar einmal im Eifer ihren Arm oder ihre Schulter berührte, dann überlief es sie heiß. –

Spät am Abend stellte sich auch der dicke Schumacher ein. Er hatte schwer mit sich zu kämpfen gehabt, ob er hingehen sollte. Aber er mußte wissen, wie er daran war und ob er in diesem geistlichen Herrn einen Nebenbuhler zu fürchten habe. Ach, er sah es gleich bei seinem Eintritt Kathis Miene an, daß dieser große, schöne Mann der Beglückte war, dem sie ihr ganzes Herz geschenkt hatte, daß nichts mehr für ihn zu hoffen sei. Nie hatte er das stille Mädchen so gesehen, so lieblich durchglüht von Glück, die grauen Augen so leuchtend in seliger Hoffnung. Nicht etwa, daß sie ihm unfreundlich begegnet wäre, daß sie ihn hätte merken lassen, er käme ungelegen – nein, im Gegenteil. Weit herzlicher und unbefangener als sonst begegnete sie ihm. Und das war das allerschlimmste – deutlicher konnte sie es ihm nicht zeigen, daß sie einen andern liebte! Es war ihm sehr recht, daß bald wieder gesungen wurde. Zwar war er mit dem Pastor in ein politisches Gespräch geraten und hatte mehr geredet denn gewöhnlich, aber lieber war es ihm doch, unbeachtet in schweigendes Brüten versinken zu dürfen, und das konnte er um so besser, als die beiden Herrschaften nun Duette versuchten und die Hausfrau sich verschiedentlich draußen zu schaffen machte.

Es war gegen elf Uhr, als es der Pfarrer für an der Zeit hielt, aufzubrechen. Kathi begleitete ihn hinaus und der Professor sah sich einen Augenblick mit Frau Hartmann allein. Sie hatte ihm längst angemerkt, was in ihm vorging, und sie hielt ihn an der Hand zurück, drückte sie warm zwischen ihren beiden und sagte: »Ach ja, mein lieber Herr Professor – das ist schwer so was, nicht wahr?«

Des Mathematikers Stirn wurde dunkelrot und er wandte hilflos die Augen zur Seite.

»Der Herr ist also doch wohl deswegen gekommen?« fragte er nach kurzem Zögern ganz leise.

Und Frau Hartman« erwiderte ebenso: »Ach nein! Der Herr ist eigentlich wegen Lizzi gekommen. Aber schließlich macht das keinen Unterschied, denn wie es mit unsrer Kathi steht, das…«

»Ja, ja,« seufzte er mit einer abwehrenden Handbewegung. »Glauben Sie nur ja nicht etwa, daß ich mir einbilde… Bloß, wenn man so alt geworden ist ohne irgend … Na, dann muß es auch so gehen. Wünsche wohl zu schlafen und – und vielen Dank auch. Ich werde jetzt nicht mehr so oft kommen. Es hat ja keinen… Gute Nacht also!« Damit hastete er hinaus.

In der offenen Hausthür sah er Kathi und den Pastor stehen, Hand in Hand. Sie ließen sich los, als der dicke Mathematiker daher gewatschelt kam, und Kathi trat zur Seite, um ihn vorbei zu lassen.

»Gel'n S', Herr Professor, Sie sind so freundlich und bringen 'n Herrn Pfarrer heim?« rief ihm das Mädchen noch nach; dann hörte er sie die Hausthür zuschlagen. Sie hatte versäumt, ihm die Hand zu geben zum Abschied und er hatte sie nicht daran zu erinnern gewagt. Er begleitete seinen glücklichen Nebenbuhler, dem die Liebe dieses prächtigen Mädchens so in den Schoß gefallen war, ohne daß er einen Finger darum rührte, bis an seinen Gasthof, und unterwegs sprachen sie von Schulreform und von den neuesten Entdeckungen auf dem Monde, denn es war eine helle Frühlingsnacht und ein wenig Astronomie des dicken Schumachers wissenschaftliches Sonntagsvergnügen. –

Die Frau Oberlehrer wunderte sich, warum denn die Kathi gar nicht wieder hereinkam. Sie ging hinaus und ließ die Thür auf, damit etwas Licht in den dunkeln Gang hinausfiele. Da stand ihr Liebling im Finstern an die Mauer gelehnt und drückte die Hände vor die Augen.

»Was ist dir denn, Kathichen, du weinst doch nicht etwa gar?«

Wortlos fiel das große Mädchen ihr um den Hals und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter. »Hat er was gesagt?«

Kathi schüttelte den Kopf.

»Hat er dich…?«

»Nein, nein, nix, gar nix. Aber so glücklich wie heut kann i in mei'm ganzen Leben nimmer sein. Und jetzt is mir alles eins! – Ob 'n jetzt die Lizzi nimmt oder net, mich hat er doch auch gern – dees weiß i jetzt amal ganz g'wiß.«

»Mein gutes Käthchen – ich glaub', ich glaub', es kommt noch besser! Geh jetzt und träume süß.« –

Das that sie.

Zwanzigstes Kapitel.

In welchem für die Münchner Mädeln die Herrlichkeit einen glücklichen Anfang und diese wahrhaftige Geschichte einen glücklichen Ausgang nimmt.

Am andern Morgen fand Kathi, als sie von einem kleinen Spaziergang mit dem Pastor heimkehrte, zwei Briefe vor. Des einen Aufschrift zeigte Lizzis große steile Kinderhand, und den öffnete sie zunächst. Er war nur drei Seiten lang:

»Liebstes Katherl!

Gleich überschlagen möcht' ich mich dreimal in der Luft vor Freude! Umeinandergestupft haben mich die Herren auf der Probe, daß ich gar nimmer aus und ein gewußt und gemeint hab, ich hätt hundsmiserabel gespielt. Aber wie's aus gewesen ist, da hat mir der Herr Direktor die Backen gestreichelt und gesagt: ›Na, das war sehr nett, Kleine. Ich denke, wir probieren es einmal.‹ Denkt's Euch bloß: am Samstag ist schon die Aufführung und auf dem Zettel wird zu lesen sein: Anna Birkmeier, ein Dirndl aus St. Jakob … Lizzi Mödlinger a. D., welches aber weder außer Dienst, noch aus Dummheit, sondern vielmehr als Debüt bedeuten soll. Einen Kontrakt hab ich vorgelegt gekriegt, wonach ich, wenn ich am Samstag gefalle, mit dreihundert Mark monatlich auf zwei Jahre engagiert werden soll. Denkt's Euch nur, dreihundert Mark und am Deutschen Theater in Berlin! Ist das nicht zuckrrrig? Natürlich müßt's Ihr alle kommen. Ich zahl's! Zwei Proben werden noch gemacht meinetwegen, und wegen dem österreichischen Dialekt muß ich noch zu einem von den Herren hin, der sich auskennt darin. Er macht den Wurzlsepp. Grüß Dich Gott, Katherl, und schreib, wann Ihr kommt. Es umarmt Dich

Deine überglückliche

Lizzi.«

»Nachschrift. Sollte am Ende gar der Herr Pastor gekommen sein, dann sag ihm einen schönen Gruß, und er möcht mir nicht bös sein – und Du auch nicht.«

Kathi hatte den Brief erst für sich überflogen und dann der Frau Hartmann und dem Pfarrer vorgelesen. In der Nachschrift hatte sie sich aber eine kleine Korrektur erlaubt. Statt: »einen schönen Gruß« las sie: »einen rechten schönen Gruß« und die letzten vier Worte ließ sie ganz fort. Sie freute sich von ganzem Herzen über Lizzis gute Aussichten und wünschte ihr den allerbesten Erfolg, um so mehr, als sie dann hoffen durfte … Aber nein, sie wollte den selbstsüchtigen Gedanken nicht zu Ende denken. Sie wurde ganz rot und griff eiligst nach dem andern Brief, während der Pastor und die Frau Oberlehrer noch über die Sache weiter sprachen.

Sie konnte den Poststempel nicht entziffern und die Hand kannte sie auch nicht. Eine Schrift war das – ach! Sie ging ans Fenster und begann mühsam zu buchstabieren. Eine Viertelstunde beinahe brauchte sie zu den vier eng beschriebenen Seiten. Und als sie endlich damit fertig war, knüllte sie ärgerlich das Papier zusammen und warf es heftig auf den Boden.

»Ja Käthchen, was gibt's denn? Was hast du denn? Du bist ja ganz …« sagte Frau Hartmann erstaunt. Sie hatte das sanfte Fräulein noch nie so bös gesehen.

»A was, da kann m'r sich auch giften über so eine …« Und sie stieß mit dem Fuß nach dem Brief, daß er bis unter das Sofa flog. »Ein Heiratsantrag ist's. Ja Schnecken, der könnt' m'r grad passen!«

»Was denn?« rief Frau Hartmann neugierig, »Doch nicht etwa hier aus Pyritz vom dick…?«

Kathi unterbrach sie rasch, indem sie errötend den Pastor mit einem verlegenen Blick streifte: »A was denn, geh'n S' zu. Der macht doch so Dummheiten net! 's ist vom – i mag's gar net sag'n, Sie wer'n mich auslachen.«

Frau Hartmann wollte sich unter das Sofa bücken, um das zerknüllte Schreiben hervorzuholen. Aber da fiel ihr Kathi rasch in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr: »Naa, bitt' schön, lassen S' 'n nur liegen, ich steck's nachher schon ins Feuer, 's ist vom Herrn Emmerich Vogel.«

»Emmerich Vogel?« rief die große Dame laut. »Nein, ist die Möglichkeit! – Du, da steckt was dahinter – oder sollte man wirklich glauben, daß du den Menschen so … hihi! Ich kenn' ihn ja nicht – aber was du mir so erzählt hast, da würde ich auch danken. Verkracht soll er ja doch auch sein.«

Kathi setzte sich auf den nächsten Stuhl und stieß ärgerlich mit den Fußspitzen aus und dann sagte sie so vor sich hin: »Wenn m'r nur aus Rom amal die Wahrheit zu hören bekäm' über den armen Onkel. Der Herr Vogel schreibt, es ging ihm recht schlecht und er würde wohl kaum den Sommer noch erleben. Der thät' grad nach mir fragen, der saubere Herr, wenn er net auf eine Erbschaft spekulieren thät'. Der Onkel meint's ja so gut mit mir, so gern möcht' 'r mir was verschreiben – und 's ist doch bei Gott net wahr, daß mir uns aufs Erbschleichen verlegt haben! Lieber möcht' i schon kein Pfenning krieg'n, wenn i wüßt, daß s' den armen Mann wieder so plagen deswegen. Wenn er wirklich ein neues Testament g'macht hat, nachher hätt'n m'r ja kei ruhige Stund' mehr vor der Frau Tante. Die thät's auf der Straß' ausschrei'n, daß mir Erbschleicherinnen wär'n. Ui jegerl, wenn i d'ran denk', was s' mit mir für a wüst's Wesen g'macht hat, wie's aufkommen is mit der Lizzi ihre tausend Mark'ln – o mei! Lieber möcht' i betteln geh'n, als wie an so an schiechen Kerl … Nehmen S' mir's net in Uebel, Herr Pfarrer, i kann m'r net helfen, i hab' an solchen Zorn auf den Menschen, i kann's gar net sag'n. I hab's ihm scho immer deutlich g'nug zeigt, daß i nix mit ihm z'thun hab'n will. Dees is überhaupts a Beleidigung, mi d'rnach noch z'fragen, ob i 'n heiraten will! Grad als ob er m'r gar noch a Ehr damit anthät, schreibt er – und die allergrößt' Frechheit is, daß er auch noch glei sein Bruder für d' Lizzi empfiehlt, den Troddel den schlacketen, der seine Knochen immer nummeriert hab'n muß, daß er's nur net verliert. Zwei Kinder hat er, eins ist bucklet und 's andre blöd und von seiner Frau müßt er sich überhaupts erst scheiden lassen. Jesses, jesses, dees war a nette Gaude! I antwort' gar net auf den Fetzen.«

Nein, diese Kathi! In einen solchen Zorn hatte sie sich hineingeredet – und sie schien gar nimmer aufhören zu wollen. Ein herzliches Gelächter des Pastors brachte endlich ihren Redefluß zum Stillstand. Ganz erhitzt war sie. Ihre Schuhspitzen hatte sie schon fast abgestoßen und daß ihr Sacktüchel nicht in Fetzen gerissen war bei dem heftigen Herumzerren, das war ein reines Wunder. Sie erinnerte Pastor Werkmeister auf einmal so lebhaft an Lizzi. Gerade so hätte die auch aufbegehren können, wenn ihr jemand zu nahe getreten wäre. Gar nicht zugetraut hätte er ihr diese Lebhaftigkeit, dieses Sprühfeuer in Blick und Miene. Die sanfte stille Kathi, wie ähnlich sie doch ihrer entzückenden Schwester sein konnte! Ja, ja, es gibt so stille Menschenkinder, die man erst einmal in der Trunkenheit des Zorns oder der Liebe gesehen haben muß, ehe man sich eine halbwegs richtige Vorstellung von ihrer Seele machen kann.

»Ja, was lachen S' denn nur a so?« schmollte Kathi, indem sie stirnrunzelnd zwischen dem Pastor und der Frau Oberlehrer hin und her blickte, denn die letztere hatte alsbald mit eingestimmt in die Heiterkeit des Gastes.

Frau Hartmann zog Kathi von ihrem Stuhle auf und umarmte sie stürmisch.

»Ich muß dir einen Kuß geben, Herzchen,« sagte sie und führte diesen Vorsatz sofort gründlich aus, ohne sich auf eine weitere Erklärung der merkwürdigen Notwendigkeit einzulassen.

Und Pastor Werkmeister sah zu und rief munter: »Ja, potztausend, das möcht' ich auch!«

Da lief Kathi blutrot zum Zimmer hinaus.

»Ach, das thut mir leid, jetzt habe ich sie aber wirklich böse gemacht,« sagte der Pfarrer etwas verlegen.

Und die Frau Oberlehrer versetzte mit eigentümlicher Betonung: »So, glauben Sie?« –

Um Mittag etwa kehrte Doktor Hartmann mit seinen drei Buben von der Fußwanderung um die Madüe zurück. Da gab's ein Erzählen und eine Freude über Lizzis Brief und ein Beratschlagen, wie man es wohl einrichten könne, um bei der Aufführung des »Pfarrer von Kirchfeld« zugegen zu sein. Uebrig hatten sie es ja wahrlich nicht, die guten Hartmanns, und die Reisekosten von Lizzi geschenkt nehmen mochten sie auch nicht gern, denn es war doch noch sehr die Frage, ob das Engagement wirklich zu stande kommen würde. Und ihre tausend Mark würden bei ihrer leichtsinnigen Großmut auch nicht weit reichen. Die schenkte sich ja das Hemd vom Leibe fort, wenn sie noch mehr Freundinnen wie Fräulein Grönroos fand! Aber der Oberlehrer war im Grunde nicht minder leichtsinnig. Er entschied sich kurz dafür, am Sonnabend mit Gattin und Kathi nach Berlin zu fahren. Er wollte bei der Gelegenheit für einen ausgewählten Band seiner Gedichte einen Verleger suchen. Das Honorar dafür würde schon die Reisekosten decken, meinte er zuversichtlich.

Am Nachmittag reiste Pastor Werkmeister wieder zurück, von Kathi und dem Oberlehrer an die Bahn begleitet, und beide trugen sie ihm eine Menge schöner Ausrichtungen für Lizzi auf. Er wollte aber davon nichts wissen.

»Geben Sie's ihr nur lieber schriftlich,« sagte er wehmütig lächelnd. »Ich glaube, es ist nicht meines Amtes, die junge Künstlerin in ihren Vorbereitungen für den entscheidenden Abend zu stören. Aber am Sonnabend bin ich selbstverständlich auch im Theater. Auf Wiedersehen also! Und schönsten Dank für die freundliche Aufnahme, Herr Oberlehrer. Und Ihnen auch, mein liebes Fräulein.«

Er drückte ihr sehr warm die Hand und sah ihr einige Sekunden lang tief in die Augen.

Sie hielt den Blick aus und öffnete errötend die Lippen.

Wie wunderschöne weiße Zähne doch das liebe Mädchen hat! das war der letzte Eindruck, den Pastor Werkmeister aus Pyritz mit fortnahm. Dann setzte sich der Zug in Bewegung. –

Bis wenige Minuten vor Beginn der Vorstellung hielten die Majorin von Goldacker und Kathi am Samstag abend bei Lizzi in der Garderobe aus. Sie waren in einer furchtbaren Aufregung – die beiden Damen nämlich, welche Trost zu spenden und den Mut aufrecht zu erhalten gekommen waren, während Lizzi selbst bis zum letzten Augenblick so übermütig scherzte und lachte, daß die alte bucklige Garderobiere mißbilligend den Kopf schüttelte über solch unpassendes Benehmen. Ein solcher Grasaff, der noch nie auf der Bühne gestanden und die hohe Ehre genoß, auf dem Deutschen Theater seine ersten Gehversuche anzustellen, nahm sich solchen Uebermut heraus! Das konnte nicht gut enden!

Die Majorin fühlte sich heute ganz als Mutter der Debütantin, und hatte sich's natürlich auch nicht nehmen lassen wollen, ihr aus ihrer Sammlung die besten und echtesten Stücke zu ihrem Kostüm als Annerl herzuleihen. Sie war daher nicht wenig gekränkt, ihre Lizzi abends in der Garderobe in einem andern Rock und Mieder zu finden, ganz gewöhnlichen neuen und gut sitzenden Kleidungsstücken. Die Direktion hatte ihr die echten Sachen einfach verboten, weil sie doch nicht wie eine Vogelscheuche herausgehen sollte. Auch von dem prächtigen Geschnür war ihr nur wenig gelassen worden, weil sie doch einmal ein ganz armes Dirndl und nicht etwa eine reiche Bäuerin vorstellte. Schließlich blieb eigentlich nur die seidene Schürze vom Eigentum der Majorin übrig, und diese gute Dame konnte sich nicht enthalten, in der Mißachtung ihrer Altertümer eine üble Vorbedeutung zu sehen. Im übrigen interessierte sie natürlich das Treiben hinter der Scene auf das lebhafteste. Ihre Erwartungen wurden aber arg enttäuscht. Sie hatte geglaubt, so ungefähr hinter jeder Coulisse so ein leichtes Dämchen mit einem eleganten Kavalier schäkern zu sehen und wer weiß was noch für angenehm aufregende Greuel. Von alledem gab es jedoch nichts, es ging vielmehr sehr still und ernsthaft zu. Theaterarbeiter in Leinwandkitteln huschten auf Filzsohlen einher und auf der Bühne wie hinter dem Prospekt liefen einige finsterblickende Gestalten auf und ab, gedämpft vor sich hinmurmelnd, die offenbar ihre Rollen noch einmal durchgingen und für gar nichts andres Sinn hatten.

Kathi kam sich ungefähr so vor, als ob sie von der unglücklichen Schwester kurz vor der Hinrichtung in der Gefängniszelle Abschied zu nehmen habe und ihr grell aufgeschminktes Gesicht mit den dicken schwarzen Strichen um die Ränder der Lider und den Scharlachtupfen in den Augenwinkeln flößte ihr geradezu Grauen ein.

Dann erschien der Regisseur, beschaute sich Lizzi stirnrunzelnd von allen Seiten und meinte, es sei gut so. Dann ersuchte er die beiden Damen höflich, aber entschieden, sich nunmehr schleunigst zu entfernen. Er geleitete sie selbst nach der kleinen eisernen Thür, die vom Bühnenraum ins Parkett führt. Kein Mensch beachtete sie unterwegs.

Als sie das Klingelzeichen zum Aufziehen des Vorhangs vernahm, verließ Lizzi die Garderobe, um ihren Auftritt zwischen den Coulissen abzuwarten. Ihre Lustigkeit war nur eine Art Fieberdelirium gewesen. Sie war in einer furchtbaren Aufregung. Alle ihre Pulse hämmerten, als wollte das Blut die Adern sprengen, und das Mieder beengte sie, obwohl sie sich gar nicht arg geschnürt hatte, dermaßen, daß sie kaum zu atmen vermochte. Sie hielt sich an dem Holzgerüst einer Coulisse fest, um nicht umzusinken und starrte in die hell beleuchtete Scene hinein. Aber es schwamm ihr vor den Augen, nur in ganz unbestimmten Umrissen vermochte sie die beiden Gestalten da zu erkennen. Von dem, was gesprochen wurde, verstand sie kein Wort. Die Scene zwischen dem Grafen Finsterberg und dem Pfarrer, die wohl noch kein Mensch besonders kurzweilig gefunden hat, schien ihr überhaupt gar kein Ende zu nehmen, und wenn ihr jemand zugeflüstert hätte: »Sie haben ja Ihren Auftritt versäumt, machen Sie, daß Sie raus kommen,« so wäre sie sicherlich in die Scene hinausgestolpert und hätte coram publico zu heulen angefangen. Ihre Kniee zitterten ihr, die Beine wollten sie nicht mehr tragen und sie sah sich angstvoll nach Hilfe um.

Ein alter Theaterarbeiter, der sie schon eine ganze Zeit lang mißtrauisch und mitleidvoll beobachtet hatte, ergriff sie beim Arm und führte sie, oder schleppte sie vielmehr beinahe, nach der Garderobe zurück. Kaum dort angekommen, mußte sie sich fürchterlich übergeben. Der alte Mann hielt ihr den Kopf und die bucklige Garderobiere das Waschbecken vor.

»So is recht, Freileinchen, man immer raus mit de wilde Katze, des wird Ihnen jut thun,« sagte der Coulissenschieber mit unerschütterlicher Ruhe.

Aber die Garderobiere machte ein bitterböses Gesicht und flüsterte dem Alten zu: »Na, wissen Se, Plaschke, das muß ich sagen, unser Direktor hat auch manchmal Einfälle, wie'n olles Haus. Passen Se auf, die schmeißt die Vorstellung.« Und dann brummte sie noch leiser vor sich hin: »Ich bin überhaupt engagiert, um Künstlerinnen zu bedienen und nicht zum kleine Kinder warten. So 'ne Schweinerei!«

Es dauerte wohl eine Viertelstunde, bis Lizzi sich einigermaßen wieder erholt hatte und die Spuren des Unglücksfalles mittels Puder und Schminke aus ihrem Gesicht getilgt waren. Aber etwas leichter war ihr jetzt doch zu Mute. Sie konnte wenigstens wieder klar aus den Augen schauen und freier atmen. Als sie wieder auf die Bühne hinauskam, war gerade die Scene mit der Begegnung der beiden Chöre zu Ende. Die Kirchfelder Hochzeiter kamen die Treppe hinuntergestiegen und die letzten Töne ihres Schelmenliedes verhallten. Die Damen vom Chor starrten im Vorbeigehen der Lizzi neugierig ins Gesicht. Sie nahm sich krampfhaft zusammen – man sollte ihr nichts anmerken.

Nun war nur noch eine Scene abzuwarten, dann mußte sie hinaus. O Gott, und über diese gefährlichen Stufen hinunter und über den Steg! Ganz bestimmt würde sie irgendwo hängen bleiben, hinunterpurzeln zum Gaudium der Zuschauer und mit einer blutigen Nase ihre Laufbahn als Bühnenkünstlerin eröffnen und – vielleicht auch beschließen. Wie fing doch gleich ihr Auftrittslied an? Herrgott, sie hatte ja alles vergessen! Sie dachte an diese und jene ihrer langen Reden – aber nur ein paar zusammenhangslose Zeilen fielen ihr ein, wie wenn sie an ein Buch dächte, das sie einmal vor Jahren gelesen. Und sie lief wieder nach der Garderobe und holte ihre Rolle herbei. Richtig, richtig: »Dö Fischerln im Bach und d'Vögerl am Boam, dö wissent, wo's hing'hörn …« Ja, wahrhaftig – und sie gehörte in die Kleinkinderbewahranstalt, aber nicht auf die Bretter, die die Welt bedeuten! Jetzt konnte es höchstens noch zwei Minuten währen, bis sie hinaus mußte und singen – ach, singen! Die Zunge klebte ihr schon wieder am Gaumen, obwohl sie eben noch einen Schluck Wasser getrunken hatte. – Und wahrhaftig, da war schon der Herr Inspizient und flüsterte ihr zu: »Gehen Sie 'rauf, Fräulein, es ist Zeit.«

Sie drückte dem Inspizienten ihr Rollenheft in die Hand und begann hastig die schmale Stiege emporzuklettern, die auf die Felspartie hinaufführte. Auf der dritten Stufe schon stolperte sie und stieß sich empfindlich am linken Knie.

»Los, los, los!« raunte ihr der Inspizient von unten zu. »Wenn Sie den zweiten Vers anfangen, gehen Sie erst raus.«

»Au, mei Knie! I Hab' mi doch so g'stoßen! – Wie fangt's denn an?« jammerte Lizzi kläglich.

»Man keinen Beinbruch vorschützen, Sie! Herrjott, Herrjott – nu singen Se doch!«

Und Lizzi drückte die Hand gegen den heftig wogenden Busen, holte tief Atem und begann:

»Dö Fischerln im Bach
Und d' Vögerln am Boam,
Dö wissent wo s' hing'hörn
Und hab'n ihr Dahoam.
Nur 'n Menschen treibts G'schick
Oft hinaus in die Fremd,
Wenn er glei vor Hoamweh
Und Herzload dakämmt,
Duliödiö diridiö!«

So, das war glücklich heraus, aber jammervoll kurzatmig und schluckrig mußte es geklungen haben – wenn es überhaupt geklungen hatte. Lizzi mußte von gar nichts. Sie sah nur den Inspizienten unten stehen, wütend gestikulierend und heiser: »Raus, raus, raus!« flüstern. Krampfhaft krallten sich ihre Finger in das Bündel ein, das sie in der Rechten trug, und dann schritt sie hinaus auf die taghell beleuchtete Scene. Und nur ganz leise, mit halb erstickter Stimme, vermochte sie den zweiten Vers zu singen:

»Dahoam hat mi ang'lacht
Beim Bacherl der Steg –«

Sie stand gerade auf dem kleinen Steg und umklammerte zitternd mit der linken Hand das Geländer. Au, das Knie that so weh!

»Dö Häuserln im Dörfl,
Jed's Stoanderl am Weg –«

Sie wagte drei Schritte vorwärts zu gehen, bis wo das Geländer zu Ende war.

»Doch weit von dahoam
Schaut jetzt fremd alles her –«

Sie wagte aufzublicken und sah in das dunkle Haus hinein, wo eine schwarze Menschenmasse dicht gedrängt bei einander saß. Lauter Henkersknechte, mitleidlose Bestien, die sich ein Vergnügen daraus machen würden, sie auszulachen, wenn's jetzt nicht weiterging. Und Pastor Werkmeister saß auch mitten drin. Wie der sich freuen würde, wenn sie sich auf ewige Zeiten blamierte! Das Herz schlug ihr in der Kehle und sie sang weiter:

»Als ob i schon selber
Vergangen lang wär'.
Duliö …«

Der Jodler erstickte im Halse, sie brachte ihn nimmer zusammen.

»Du, Deandl!« hörte sie plötzlich eine Stimme, und sie erhob erstaunt den Kopf. Wer hatte denn hier vor all den Leuten mit ihr zu reden?

»Hat's dich leicht a bei der Falten, 's Unglück, weilst so traurig singst?«

Mein Gott, ja, der Mann hatte recht. Ob sie's ihr denn alle ansahen, die Leut' da drunten, wie völlig verdattert sie war? Ach so, richtig, das war ja der Wurzlsepp aus dem Stück. Sie mußte ihm jetzt antworten; aber was denn nur? Der Mann da unten im Kasten schrie ihr etwas zu und sie schnappte ein oder zwei Worte davon auf. Das Summen in ihren Ohren hörte plötzlich auf, es war ihr, wie wenn etwas wie eine Blase irgendwo in ihrem Kopfe gesprungen wäre, wonach es ihr leicht und hell darin ward. Und auf einmal konnte sie reden: »'s is ma wohl nie gut gang'n, ab hitzt weiß i gar nimmer was wer'n wird.«

Sepp (bietet ihr den Krug).

»Trink eins!«

Annerl (legt die Hände ans Mieder).

»I dank' schön, i kann net.«

Sepp.

»Dir verschnürt 's Mieder ja völlig die Red', bist g'wiß g'loffen wie nit g'scheit?«

Annerl.

»Ah na!«

So, jetzt war sie völlig darin, ganz und gar nur die Anna Birkmeier. Und daß sie das alles erst kürzlich auswendig gelernt, kam ihr gar nicht zum Bewußtsein. Es war ihr überhaupt alles wie im Traum. Sie redete darauf los und wußte nicht was und wie. Und dann stand sie auf und ging mit dem Wurzlsepp davon und der Vorhang fiel – und draußen hörte sie ein ganz merkwürdiges, dumpfes Geräusch, wie wenn ein heftiger Platzregen auf einem dünnen Pappdach trommelt.

»Ja, was is denn jetzt dees?« fragte sie erstaunt, aus ihrem Traum auffahrend, den Kollegen Wurzlsepp.

»Die Leute klatschen halt, mein Kindchen,« sagte der Herr mit wohlwollendem Lächeln. »Ja gelt, da sperrst die Ohren auf! Das gilt für dich auch mit.«

»Ui jegerl, muß i jetzt naus und an Knix machen?«

»Um Gottes willen, das gibt's hier net,« rief der Wurzlsepp, ihr nacheilend und sie am Arme festhaltend, denn sie war gleich auf die Bühne gelaufen in ihrer freudigen Aufregung.

»Ja, hab' ich denn wirklich alles richtig gesagt? Hab' ich denn gut gespielt?«

»Wie ein Engerl hast g'spielt, mein Herzel. Und g'sungen hast so rührend, daß m'r's selber fast schwummrig wor'n is.« »Ah na, is wirklich wahr?« rief Lizzi, ungläubig die Augen aufreißend. Und als er bestätigend nickte, quietschte sie laut auf vor Vergnügen, klatschte in die Hände und drehte sich dreimal auf dem Absatz herum, daß ihr die Röcke bis über die Kniee flogen.

Der Herr Direktor kam gerade dazu, jagte sie lachend von der Bühne herunter, wo sie den Arbeitern im Wege stand, klopfte sie freundlich auf die Schulter und sagte: »Na, na, na, nur nicht gleich Purzelbäume schießen; es ist noch nicht aller Tage Abend, aber bis jetzt war's sehr hübsch. Es ist eine warme Stimmung im Publikum. Ein paar gefühlvolle Damen haben gleich beim Auftrittslied die Taschentücher 'rausgezogen. Fahren Sie so fort, Mödlingerin – jetzt geht's weiter.«

Und es ging gar glücklich weiter. Beim ersten Auftreten zwar saß ihr jedesmal der verwünschte Angstknödel in der Kehle, aber sobald sie ein paar Worte herausgebracht hatte, ging es auch wieder glatt weiter. Am Schluß des ersten Aktes gab es wieder einen starken Beifall. Und die Schnaderhüpferln, die sie beim Beginn des zweiten zu singen hatte, gelangen ihr so gut, daß sie bei offener Scene lebhaft beklatscht wurde. War das ein Gefühl! Als ob die tausend Hände, die sich da draußen regten, sich alle unter ihre Füße breiteten und sie zu den Wolken emporhöben. Sie wandelte gar nicht mehr auf festem Boden und eine Kraft, eine Lust, ein Uebermut kam über sie – sie hätte jetzt der Tante Ida einen Nasenstüber geben mögen, so couragiert wie sie auf einmal geworden war! Und ihre übermütige Stimmung paßte so recht für die lustige Scene mit der alten Brigitte.

Der dritte Akt sollte ihren Triumph entscheiden. Roseggers reizendes Liedchen vom Deandl, das fragt, ob's es Büberl lieb'n derf, sang sie so allerliebst, daß ein wahrer Beifallssturm durch das Haus brauste und Brigitte ein ganzes Weilchen warten mußte, ehe sie zu reden anheben konnte. Bei dem langen Selbstgespräch verfiel sie in einen etwas eintönigen Singsang und merkte das auch selbst ganz wohl. Aber was konnte sie dafür, daß der Dichter den schlechten Geschmack hatte, mitten in seinen frischen Dialog hinein eine ganze Seite Phrasenwerk einzusticken – wie aus einer sentimentalen Kalendergeschichte herausgerissen! Sie schlug ein viel zu geschwindes Tempo an, bloß damit die Geschichte ein rasches Ende haben sollte, denn jetzt kam ja die reizendste Scene des ganzen Stückes, die zwischen ihr und dem Michl, und sie wußte ganz genau, daß sie die nicht schlecht spielen würde.

Und sie gelang ihr ausgezeichnet. Die ganze flotte Lieblichkeit, die schalkhafte Lust am Unfug, die von Natur in ihrem Wesen lag, kam, ganz unverdorben durch komödiantische Routine, zum herzerquicklichen Ausdruck. Und als sie das Gebetbuch an ihre Brust preßte und mit aufsteigenden wirklichen Thränen sagte: »Michel, du bist a grundguter Bua«, da ging eine Bewegung durch das ganze Haus, ein Rücken, ein Rascheln, unterdrückte leise Ausrufe, vorsichtig verlegenes Geschneuz, ein allgemeines tiefes Aufatmen – – und das glückliche Kind da oben auf der Bühne verspürte es wohl, wie zwischen ihr und der fremden Menschenmenge da draußen im Hause ein dichtes Netz von elektrischen Drähten ausgespannt lag, fühlte, daß ihm die Macht gegeben war mit einer einfachen Handbewegung, mit einem leichten Hauch seines Mundes alle die Herzen höher schlagen zu machen.

In diesem Augenblicke wußte Lizzi, daß sie zur Künstlerin geboren sei und daß nichts sie mehr von dem Wege abbringen könnte, den sie heute mit Zittern und Zagen betreten. Alle Angst war von ihr genommen und auch die langen Reden mit dem Pfarrer, mit denen sie selbst innerlich nichts anzufangen wußte, gelangen ihr wenigstens äußerlich ganz gut.

Schon nach dem dritten Akt war der Direktor mit strahlender Miene auf sie zugekommen und hatte gesagt: »Na, mein Fräuleinchen, jetzt können wir meinetwegen den Kontrakt unterschreiben. Das Tageblatt ist weg und der Börsencourier lacht übers ganze Gesicht.«

Und dann waren die Kollegen und Kolleginnen von allen Seiten auf der Bühne zusammengeströmt, so viel ihrer im Hause anwesend waren, hatten sich ihr vorstellen lassen und ihre Glückwünsche dargebracht – natürlich mit Ausnahme einiger Damen, die selbst gerne die Rolle gespielt hätten. Agnes Sorma, zu der sie gestern noch wie zu einem unerreichbaren Ideal aufgeschaut, hatte sie umarmt und ihr viele schöne Sachen gesagt, und von Kainz hatte sie gar einen Kuß gekriegt. Sie flog überhaupt von einem Arm in den andern, ohne zu wissen, was mit ihr geschah. Die Kollegen waren alle so lieb und gut, sie hätte sie am liebsten alle hintereinander abgebusselt – bloß den Wurzlsepp nicht, der sah zu scheußlich aus, wie ihm die dicken Schweißtropfen so über das greulich verschmierte Antlitz rannen.

Als die Komödie aus war, wurde die Bühne gestürmt von ihren Lieben und Getreuen. Außer Kathi und der Majorin erschienen jetzt auch Herr und Frau Doktor Hartmann, die bethränte Königin Amanda Orjes, und zum Schluß gar noch der gänzlich aufgelöste Bubi. Trotz der strengen Hausordnung ließen die beiden Mannsbilder, das alte und das junge, sich nicht abhalten, mit den Damen gleichzeitig in Lizzis Garderobe einzubrechen, sehr zum Entsetzen der buckligen Ankleiderin, der solche Familientage hinter den Coulissen etwa ebenso unpassend dünkten, wie einem Meßner Hundebesuch in der Kirche. Das Annerl war bereits abgelegt, aber die Lizzi noch nicht wieder angezogen. Im Unterrock und Leibchen stand sie noch da und rieb sich heftig mit einem alten Handtuch die Schminke vom Gesicht. Mit einem Juchzer sprang sie der kleinen Gesellschaft entgegen und fiel einem nach dem andern um den Hals. Das war eine Seligkeit und ein Jubel und des Glückwünschens und Umarmens und Küssens gar kein Ende! Immer wieder nahte von hinten die Bucklige mit dem zum Ueberstreifen aufgehobenen bürgerlichen Gewande, und immer wieder entwischte ihr Lizzi unter den Fingern, um noch was Neues von Wichtigkeit ihrem aufgeregten Geschwätz hinzuzufügen. Schließlich setzte sie sich gar hin und zog ihren linken Strumpf halb herunter, um der andächtigen Versammlung die Stelle unterhalb des Kniees am Schienbein zu zeigen, wo sie sich so empfindlich gestoßen hatte beim ersten Auftritt.

»O mei, dees thut fei weh,« sagte sie kindisch den Mund verziehend und sich mitleidig streichelnd. »In der Aufregung hab' i's gar net g'spürt, aber jetzt möcht' i, daß dees a schön's blau's Fleckerl gäb', dees gar nimmer verschwinden thät. Wißt's, i mein, dees hat m'r Glück bracht, daß i so g'stürzt bin.«

»Aber, Lizzi, schamst di denn gar net,« flüsterte Kathi ihr zu, indem sie sich breit vor sie hinstellte. »Der Bub schaut ja her wie net g'scheit!«

»Ah was, der schaut m'r nix runter,« versetzte die Lose leichthin, indem sie ihr hübsches Knie wieder verschwinden ließ.

»Geh'n S' zu, Frau Puhlmann, mein Kleid, mi friert's schon.«

»Na, ich dächte auch,« zischelte die Alte, »'ne halbe Stunde steh' ich hier schon. Ich habe meine Zeit auch nich jestohlen!« Und dabei warf sie ihr den Rock über den Kopf und gab ihrem Aerger noch kräftigeren Ausdruck dadurch, daß sie beim Zuhaken die Lizzi herumriß, wie ein Bündel Stroh.

Wenige Minuten später stand das neueste Mitglied des Deutschen Theaters schon fix und fertig in Hut und Mantel da, und die kleine Gesellschaft setzte sich in Bewegung. Jetzt erst fiel es Lizzi ein, nach Fräulein Grönroos und dem Pastor zu fragen, die doch auch im Theater gewesen waren, und sie bekam den Bescheid, daß diese beiden am Ausgang auf sie warteten.

»Jesses, die Milka!« rief Lizzi. »Der müßt' ich doch z'allererst um 'n Hals fallen. Der verdank' ich ja am allermeisten.« Und sie lief so rasch voraus, daß die andern gar nicht zu folgen vermochten. Fräulein Orjes fühlte sich gekränkt. Sie war doch schließlich ihre Lehrerin und bei ihr hatte sich Lizzi noch gar nicht bedankt. Auch der Oberlehrer war ein klein bißchen verstimmt, denn er meinte doch das Meiste zu ihrer Ausbildung beigetragen zu haben.

Am Ausgang fanden sie Pastor Werkmeister und Lizzi, aber kein Fräulein Grönroos. Die war davongelaufen, ohne so recht einen Grund anzugeben, warum sie an dem festlichen Abendschmaus, zu dem Frau von Goldacker die ganze Gesellschaft eingeladen hatte, nicht teilnehmen wollte.

Lizzi war auf einmal ganz niedergeschlagen. »Der hab' ich am End net g'fallen,« sagte sie kleinlaut. »Der Herr Pfarrer sagt's auch, das s' ihm schon den ganzen Abend über so merkwürdig vorkommen is, wie s' neben ihm g'sessen is.«

»Ach was, laß' sie laufen, die wird bloß neidisch sein,« rief die Majorin, indem sie sie beim Arm ergriff und mit sich fortzog.

Sie nahmen zwei Droschken und fuhren davon. Lizzi war sehr still unterwegs. Das ging ihr im Kopf herum, warum die Grönroos wohl fortgelaufen sein mochte. Sie hatte ihr doch ein neues Kleid geschenkt, in dem sie sich ganz gut in Gesellschaft sehen lassen konnte.

Erst beim Abendessen lebte sie wieder auf. Die Majorin hatte sogar ein paar Flaschen Sekt spendiert und der Herr Oberlehrer hielt so eine schöne Rede auf sie in Knüttelversen, unvorbereitet, wie er sich hatte. Das heißt, seine Gattin wußte es anders, denn sie hatte ihm kurz vor dem Theater die Rede, die noch von Pyritzer Luft inspiriert war, überhören müssen. Auch Pastor Werkmeister sprach einige sehr hübsche Worte, und zwar auf ihre Lehrmeister. Fräulein Amanda meinte natürlich, er würde mit einem Hoch auf sie enden, und bereitete sich schon auf eine kleine Bescheidenheitskomödie vor. So war es aber nicht gemeint gewesen. Er sprach vielmehr von der herrlichen Gottesgabe der frischen, fröhlichen, unverdorbenen Natur, die sie befähigt habe, ein Kind jenes urwüchsigen, prächtigen deutschen Volksstammes, welchem sie selber angehörte, so echt und ergreifend darzustellen. Er sprach von dem goldenen Herzen, welches wie eine Glocke nur leicht angeschlagen zu werden brauchte von verwandten Gefühlen, um mit goldenen Tönen andre Herzen zu rühren. Er sprach von dem Erbe des schönen Talentes, das sie ihrem Vater verdanke, und welches getreulich zu verwalten und zu vermehren die gesunde, vernünftig freie Erziehung ihrer Mutter ihr so leicht gemacht habe. Und er schloß also: »Mit dem Segen eines edlen Priesters schloß die schöne Dichtung, die Sie heute mitgestalten halfen. Möge es einem andern Priester erlaubt sein, Sie in der Welt der Wirklichkeit auch mit einem Worte des Segens zu begrüßen. Die Welt des schönen Scheines wird von jetzt an vielleicht Ihre wirkliche Welt bedeuten. Wenn Sie Ihren Beruf hoch auffassen wollen, so ist es ja auch ein priesterlicher Beruf, wenn er auch weit abseits führt von dem Wege, der den Frauen im allgemeinen gewiesen ist. Möchten Sie Ihr Glück da finden, wo der innere Beruf sie hingestellt hat. Möchten Sie die Kraft finden, das reiche Erbe, das Ihnen zu teil ward, treu zu verwalten, und möchten Sie nie bereuen, daß Sie …« Er vermochte den Satz nicht zu vollenden, seine Stimme bebte vor innerer Erregung und er schloß rasch mit einem leisen »Gott segne Sie, Fräulein Lizzi«.

Den Champagnerkelch, den er in der erhobenen Hand hielt, stellte er, ohne zu trinken, so rasch auf den Tisch nieder, daß der Fuß abbrach und der perlende Wein sich über die Tafel ergoß. »O, ich bitte um Entschuldigung!« hauchte er mit verlegen niedergeschlagenem Blick.

Niemand sprach ein Wort, denn sie alle ahnten, welch tiefer Schmerz die Seele des Mannes bewegte, der mit seinem Segen zugleich seiner schönsten Hoffnung den Abschied gab. Selbst das gekränkte Fräulein Orjes war ergriffen – und Kathi standen gar die hellen Thränen im Auge. Lizzi aber erhob sich langsam, schritt um den Tisch herum und trat dicht vor den Pastor hin, der immer noch hoch aufgerichtet dastand. Sie wollte ihren Dank stammeln, aber die Stimme versagte ihr, und so drückte sie ihr Gefühl denn einfacher und ebenso verständlich dadurch aus, daß sie ihre Arme auf seine Schultern legte und sich ganz leise an ihn schmiegte.

»Bitte – bitte, nicht – ich kann nicht mehr!« flüsterte er ihr ins Ohr und drückte sie sanft von sich ab.

Es war gegen zwei Uhr, als die letzten Gäste aufbrachen, und Lizzi fiel todmüde in ihr Himmelbett; aber schlafen konnte sie doch nicht. Ihre Rolle ging ihr im Kopfe herum die ganze Nacht, und im unruhigen Halbschlummer hatte sie alle die fürchterlichen Aengste des Lampenfiebers noch einmal durchzumachen. Der Morgen dämmerte bereits, als endlich wohlthätige Bewußtlosigkeit ihre schwarzen Engelsfittiche über sie breitete. Bis nach elf Uhr lag sie in festem Schlaf.

Die Majorin hatte schon in aller Frühe den Friedrich nach dem nächsten Zeitungskiosk geschickt, um alle Morgenblätter zusammenzukaufen, und als die Uhr elf schlug, ohne daß sich in Lizzis Zimmer etwas regte, da konnte sie es vor Ungeduld nicht mehr aushalten, sondern lief hinein, schüttelte die Langschläferin am Arm und rief: »Du, Lizzi, steh doch endlich auf. Großartige Kritiken!«

Da wurde sie aber schnell munter und in einer Viertelstunde war sie angezogen. Ein ganzer Haufen von Zeitungen und verschiedene Briefe lagen auf ihrem Platz am Kaffeetisch. Waren doch schon zwei Posten eingelaufen! Sie machte sich über die Kritiken her und quiekte einmal über das andre vor Vergnügen, wenn sie wieder einmal auf einen kräftigen Superlativ stieß. Ueber den Pfarrer von Kirchfeld war ja nichts Neues mehr zu sagen. Die Besprechungen waren alle kurz und galten nur der Darstellung, in erster Reihe natürlich der glücklichen Debütantin. »Reizende Erscheinung – verblüffende Sicherheit des Auftretens für einen ersten Versuch – Töne echtester Empfindung – unzweifelhaftes Talent, wenngleich abzuwarten sein wird …« in dieser Tonart ging das so weiter die ganze Berliner Presse hindurch.

Zwei-, dreimal überflog sie strahlenden Auges die ihr gewidmeten Zeilen, die die Majorin schon vorher zur Bequemlichkeit blau angestrichen hatte, und dann seufzte sie drollig auf und sagte überzeugt und befriedigt: »So, jetzt wär' also die Lizzi Mödlinger schon amal berühmt. O mei, ob's dees wohl auch in die Neuesten Nachrichten schreiben? Die Münchner wer'n schau'n!«

Dann erst nahm sie die Briefe zur Hand. Sie waren alle aus Berlin. Ein paar Lieutenants, die sie bei dem Sylvesterfest der Majorin kennen gelernt hatte, schickten ihre Visitenkarten mit herzlichem Glückwunsch, und dann kam ein längerer Brief, den mußte sie aufmerksam lesen, denn es stand »Milka Grönroos« darunter. Sie hielt das Schreiben mit einer Hand vor ihre Augen, während sie mit der andern die Semmel in den Kaffee stippte und von Zeit zu Zeit abbiß.

Da stieß sie plötzlich einen lauten Schrei aus, taumelte wie vor den Kopf geschlagen in ihren Stuhl zurück und starrte mit entsetzensweiten Augen in den Brief hinein, der in ihrer ausgestreckten Hand zitterte.

»Mein Gott, was ist denn?« rief die Majorin erschrocken und nahm ihr das Blatt aus der Hand.

»Sie ist tot – lies!« stöhnte Lizzi und erhob sich mühsam von ihrem Sitz. »Bitte, laß mir eine Droschke holen – ich muß gleich hin. Vielleicht ist … Ach Gott, nein, die schreibt net bloß so, die thut's.« Und damit wankte sie hinaus, um sich anzukleiden für den schweren Gang.

Unterdessen las die Majorin:

»Meine liebe Lizzi!

Verzeihe mir, daß ich gestern nach der Vorstellung nicht mehr mit euch fröhlich sein konnte. Ich hätte nur euer Vergnügen gestört und mir die Sache unnötig schwer gemacht. Daß ich Deinem Triumphe beiwohnen durfte, hat mir noch eine wirkliche herzliche Freude gewährt. Du hast ihn verdient und ich beglückwünsche Dich aufrichtig dazu. Freilich, eine große Kunstleistung war das noch nicht, denn Du brauchtest Dich nur einfach gehen zu lassen – Deine liebenswürdige Natur that das Beste für Dich; aber das andre wird auch kommen, davon bin ich fest überzeugt. So ungefähr denke ich mir, muß sich wohl der Genius im Wickelkissen benehmen. Wer zum Schaffen geboren ist, der nützt sein Gehirn nicht im Grübeln ab. Verzeihe mir, wenn ich mit einem schrillen Mißton in die Jubelaccorde hineinfahren muß, die Dir morgen früh noch in den Ohren klingen werden; aber Du warst die einzige Menschenseele, die sich in diesen letzten Monaten liebevoll herabgeneigt hat zu meinem Elend, darum mußt Du alles wissen.

Also höre: Gestern nachmittag trat ganz unvermutet in mein Zimmer jener Mann, den ich nie mehr im Leben zu sehen erwartet hatte, jener Mann, dem ich mein höchstes Glück, die Freiheit meines Geistes, aber auch mein tiefstes Elend verdanke – ein gänzlich heruntergekommener, vom Trunk verwüsteter Mensch. Wie er mich aufgefunden hat, weiß ich nicht. Kurz und gut, er forderte Geld von mir – und ich gab ihm, was ich hatte. Da wollte er weich werden und die Erinnerung an den kurzen süßen Rausch heraufbeschwören, der mich in seine Arme getrieben hatte. Aber das machte ihn mir vollends ekelhaft und ich wies ihm die Thür. Bis es Zeit war, ins Theater zu gehen, hatte ich eine reichliche Stunde zum Nachdenken. Mein Entschluß war gefaßt, bevor ich das Theater betrat. Dein Triumph konnte ihn nur in mir bestärken und mir das Ende leichter machen. Ja, das Ende! Du hast mühelos erreicht, wonach ich mein Leben lang in heißem Bemühen gerungen habe. Ich sehe es jetzt endlich ein, daß ich gar nicht das Recht hatte, so hartnäckig nach dem Lorbeer des Künstlers zu streben. Dich, Du süßes, harmloses Geschöpfchen, das mit den Schwalbenflügelchen der Einfalt so lustig in die blaue Luft hinaufflattern kann, Dich haben böswillige Menschen Erbschleicherin gescholten! – Nein, ich bin in Wahrheit eine Erbschleicherin gewesen, mein Leben lang: der Kunst habe ich was abschmeicheln und abtrotzen wollen – ich, die ich zu ihrer edlen Familie nur in aller entferntester Verwandtschaft stehe, als ein mißratener Bastard der Wissenschaft und eines unbekannten Vaters! Du aber darfst von dem, was Du legitim ererbt hast, aus dem Vollen leben – und weißt es gar nicht anders. Ich danke Dir ehrlich, daß Du mir geholfen hast, das einzusehen. Ich habe nie in irgend einer Kunst auch nur das Geringste erreicht – und so müßte es notwendig auch immer bleiben. Einen neuen Weg einzuschlagen, dazu ist es für mich zu spät. Meine Kraft ist gänzlich verbraucht; also mache ich lieber kurzen Prozeß. Morgen früh bin ich tot! Thu mir die Liebe und besorge das Nötige – Benachrichtigung der Eltern u.s.w. Die Adressen habe ich aufgeschrieben. Meinen elenden Körper möchte ich am liebsten der Anatomie zum Geschenk machen; soll er aber verscharrt werden, dann sorge wenigstens dafür, daß man mein Andenken nicht mit frommen Lügen verhöhnt. Im übrigen setze ich Dich zu meiner Universalerbin ein. Das soll kein schlechter Witz sein. Die paar Bilder und Bücher magst Du meinetwegen in den Ofen stecken, aber mein Andenken wirst Du vielleicht in Ehren halten können, und die Erinnerung an manches ernsthafte Wort, das ich Dir über die Kunst und das Leben gesagt habe, nicht gering schätzen, weil es von mir kam. Von klein auf habe ich es zu hören bekommen, daß ich kein Herz hätte. Mag sein; aber die Wahrheit habe ich doch immer inbrünstig lieb gehabt – und ich glaube auch Dich, Du Gute. Leb wohl und ›Dank für das bißchen Feuer!‹

Milka Grönroos.«

Lizzi war Hals über Kopf davongefahren. Unterwegs aber fiel ihr ein, daß es doch wohl nötig wäre, für die Verhandlungen mit der Polizei und andre mögliche Schwierigkeiten sich einen männlichen Beistand mitzunehmen. So fuhr sie denn zunächst nach dem Hotel, in welchem Hartmanns mit Kathi abgestiegen waren. Die Herrschaften waren bereits ausgegangen. So blieb ihr nichts übrig, als den Auftrag zu hinterlassen, daß der Herr Oberlehrer sofort ihr nachkommen möge, sobald er heimkehrte, und allein nach der Landsbergerstraße hinauszufahren. –

Frau Rösicke, umgeben von einer ansehnlichen Schar alter und junger Weiber aus dem Hause und der nächsten Nachbarschaft empfing sie mit schrecklichem Gejammer und Geschimpfe. Das hätte ihr das Frauenzimmer bloß zum Tort angethan. Wie sollte sie denn jetzt bloß das Zimmer noch vermieten, wo es morgen doch in allen Zeitungen stehen würde, daß sich eine drin umgebracht hätte. Anständige Leute gingen in den Tiergarten, wenn sie sich erschießen wollten. Dazu hätte man nun so lange Geduld gehabt mit der übergeschnappten Person, die weiter nichts konnte, als die Miete schuldig bleiben und die ganze Wohnung mit Terpentin und Tabaksrauch einstänkern. In dieser Tonart ging es noch eine ganze Weile fort und der Chor der andern Hexen stand der würdigen Vorsängerin würdig bei. Noch war es Lizzi nicht gelungen, in Milkas Zimmer einzudringen und erst das Versprechen einer guten Belohnung bewog Frau Rösicke, ihr die Weiber vom Halse zu schaffen.

Nun war sie endlich mit der Toten allein. Die lag im Bett, nur mit ihrem alten Morgenrock zugedeckt, da die Zimmervermieterin schleunigst ihr Deckbett in Sicherheit gebracht hatte. Der Kopf war etwas zur Seite geneigt und an dem feinen Gesichtchen kaum eine Veränderung zu bemerken, außer dem stehen gebliebenen Schmerzenszug. Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten, der Mund auch noch geschlossen.

Lizzi trat zaghaft näher, es überlief sie so kalt, daß ihr die Zähne aufeinander schlugen und es dauerte eine ganze Zeit, ehe sie wagte, den Morgenrock zurückzuschlagen. Das Nachthemd war am Halse nicht zugeknöpft und ließ die ganze Brust frei. Sie hatte sich ins Herz geschossen – und gut getroffen. Der Tod mußte wohl fast augenblicklich eingetreten und die Blutung eine sehr schwache gewesen sein. Einige Flecken im Hemd und ein paar bereits erstarrte Tropfen auf der weißen Haut – das war alles. Es war auch nicht das Blut, noch die kleine, kaum bemerkbare Wunde, vor der Lizzi sich so entsetzte, daß ihr selber fast das Herz still stand und der Atem versagte – nein, es war der trostlose Anblick dieses elenden Körpers selbst. Das war ein Mädchen von siebenundzwanzig Jahren, das mit seiner Schönheit und mit seinem Geiste eine Welt sich hätte zu Füßen sehen können – und nun durch Hunger und namenloses Elend so herabgekommen war! Deutlich konnte man das ganze Knochengerüst durch die bläulichweiße Haut schimmern sehen. Die Höhlungen über dem Schlüsselbein waren so tief, daß eine Kinderfaust bequem darin Platz hatte und ihre Brüste waren nur welke Hautfalten.

Lizzi schlug ihre Hände vor das Gesicht und das Grauen schüttelte sie so, daß sie sich nicht aufrecht zu halten vermochte. Sie sank neben dem Bett in die Kniee und zog, ohne aufzublicken, den Morgenrock wieder über die Leiche. So gab es also doch wohl so etwas wie eine ewige Feindschaft zwischen der Leiblichkeit und dem Dämon Geist. Das höchste Leben des Geistes verzehrte den Körper mit seiner Glut von innen heraus, er zerstörte sein eigenes Gefäß, während er unermüdlich die Steine herbeischleppte zu dem weiten, hohen Tempelbau, in welchem der starke befreite Geist der Menschheit in ferner Zukunft wohnen sollte. Der heitere Genuß, das liebliche Erdenparadies, welches die gesunde Sinnlichkeit sich schafft, das war den einsamen stolzen Denkern nicht beschieden. Sie kreuzigten sich selbst, wenn es die blöde Menge nicht that! – –

Lizzi ging von dem Totenbett dieser Selbstmörderin, die in Verzweiflung und ohne die kindlichen Hoffnungen des Glaubens gestorben war, davon wie aus einem feierlichen Hochamt, sich ernst und demütig ihrer eigenen Kleinheit bewußt und doch voll frommer Dankbarkeit gegen ihr Geschick, das ihr den furchtlosen Adlerblick des freien Geistes gnädig versagt hatte. – –

Zwei Tage später begruben sie Milka Grönroos ohne geistliches Geleite, wie sie es gewünscht hatte, und nur Lizzi und ihre Schwester folgten dem schmucklosen schwarzen Sarge bis zur engen Grube und warfen ihm ein paar Hände voll Erde nach.

Doktor Hartmann und Frau waren schon am Sonntag abend wieder heimgereist, da Montag die Schule wieder anfing, und hatten sich betrübten Herzens entschließen müssen, auch Kathi zurückzulassen, die nun mit der Schwester zusammen eine bescheidene kleine möblierte Wohnung in der Nähe des Deutschen Theaters bezog. Da hausten sie bald ganz glücklich und zufrieden miteinander. Kathi kochte und Lizzi studierte fleißig. Nicht nur die paar Rollen, die ihr zugeteilt worden waren, sondern auch noch andre, für die sie sich besonders geeignet glaubte. Vorläufig hatte sie allerdings wochenlang nur im Pfarrer von Kirchfeld zu thun, der aber durch die Anziehungskraft, die sie ausübte, häufig gegeben werden konnte. Später fielen noch einige zweite Backfischrollen in modernen Salonstücken und dritte Hofdamen in klassischen Werken für sie ab, die sie alle zur Zufriedenheit spielte, ohne sich natürlich darin besonders hervorthun zu können. Unter ihren Kollegen war Lizzi bald der allgemeine Liebling, und die Einladungen zu Gesellschaften und Bällen, zur Mitwirkung bei Wohlthätigkeitsveranstaltungen und dergleichen regneten nur so auf sie hernieder. Auch an Blumenspenden und Annäherungsversuchen eleganter Herren fehlte es durchaus nicht; aber die Versuchung war für Lizzi keine große. Sie war viel zu zufrieden mit ihrem Dasein und mit der herzlichen Teilnahme, die ihr von allen Seiten entgegengebracht wurde, als daß sie sich nach besonderen Aufregungen gesehnt hätte. –

Nur eine schwere Stunde, eine ernstliche Versuchung hatte sie gehabt – und zwar gleich in der ersten Zeit ihres Alleinwohnens mit Kathi. Pastor Werkmeister, der die Schwestern öfters besuchte, hatte eines Tages Lizzi allein daheim gefunden, und da war seine Leidenschaft, die er sich so lange zu bekämpfen ehrlichste Mühe gegeben hatte, doch noch einmal mit furchtbarer Gewalt zum Ausbruch gekommen und hatte Lizzi unwiderstehlich mit hineingerissen in ihre schäumenden Wirbel.

Sie hing willenlos an seinem Halse und duldete seine glühenden Küsse, und als er immer wieder, immer drängender die Schicksalsfrage that, da rief sie endlich, ganz außer sich vor Erregung: »Was willst du denn, was fragst du denn? Du hast mich ja toll gemacht. Ich kann ja nicht mehr … Mach doch mit mir was du willst – ich kann dich ja nicht so leiden sehen! Aber verlang nur das nicht von mir, daß ich meine Kunst aufgeben soll. Ich kann nicht, ich darf nicht heiraten und einem Manne gehören. Ich bin ja frei – ich kann mich ja verschenken – aber von meiner Kunst laß ich nicht – die ist mir heiliger als alles andre!«

»Ja versteh ich dich denn recht, soll ich denn meinen Beruf aufgeben und nur der Mann von Fräulein Mödlinger sein?«

»Nein, nein, nein!« jammerte sie verzweifelt und hielt den Kopf mit beiden Händen. »Das will ich nicht – du bist zu gut dazu. Ich möcht schon lieber, daß du mich verachtest, als daß du dich so unglücklich machst.«

Da hatte er sie plötzlich mit einem unterdrückten Aufschrei losgelassen, ganz entsetzt angestarrt – und war dann wortlos davongegangen. Sie waren an der Grenze angekommen, die die freie Künstlerin von den festgewurzelten Moralbegriffen der bürgerlichen Welt trennt. Hier verstanden sie sich nicht mehr, und selbst das Fieber der Leidenschaft vermochte den Mann nicht über diese Grenze hinauszutreiben. Es war aus zwischen ihnen. Er kam nicht wieder. –

Wenige Wochen bevor Lizzi in die Ferien ging, empfingen die Schwestern die Nachricht vom Tode ihres Onkels, Geheimrat Riemschneider. Und am andern Tage schon traf ein Schreiben vom Oberlehrer Hartmann ein, worin er ihnen – zu ihrer Erbschaft gratulierte! Noch wußte die Geheimrätin nicht, daß ein zweites Testament doch wirklich existierte. Der Oberlehrer hatte es selbst aufgesetzt, nach dem Diktat des Kranken, damals in Berlin am Sylvester des vorigen Jahres, als er zum letztenmal mit seinem Vetter allein gewesen war. Er und die Köchin hatten als Zeugen unterschrieben und beide ihr heiliges Ehrenwort gegeben, nichts davon zu verraten. Für Kathi waren fünfundzwanzigtausend Mark und für Lizzi neunzehntausend Mark ausgesetzt worden. Das übrige, immer noch gegen hunderttausend Mark betragende Vermögen war der Witwe verblieben und einige kleinere Legate für wissenschaftliche Stiftungen abgefallen.

Es brauchte gar nicht des eifrigen Zuredens der Gebrüder Vogel, um ihre Schwester zu bestimmen, dies Testament anzufechten mit der Begründung, daß der Verstorbene zur Zeit der Abfassung nicht im vollen Besitze seiner Geisteskräfte gewesen wäre. Sie fiel aber gründlich damit durch, denn das Zeugnis der Ärzte sowie des Oberlehrers bestätigte das Gegenteil. Tante Ida zog es vor, nach dieser Blamage Berlin zu verlassen und zu ihrem lieben Bruder Emmerich zu ziehen, welcher das Geschäft hatte liquidieren müssen und sich drein ergab, sich von seiner Schwester mit durchfüttern zu lassen. Auch die Versuche, sich durch eine reiche Heirat aufzuhelfen, erneuerte er nicht wieder. Über die durchtriebenen Erbschleicherinnen und den sauberen Vetter Oberlehrer, der das in ihn gesetzte Vertrauen so schändlich getäuscht hatte, herrschte zum mindesten vollkommene Übereinstimmung zwischen der Witwe und ihrem Bruder, wenn auch im übrigen ihr Zusammenleben nicht immer ein Idyll zu nennen war.

Während der Theaterferien trennten sich die Schwestern. Lizzi ging mit einer Kollegin, mit der sie sich sehr angefreundet hatte, und deren Mutter in die bayerischen Berge, während Kathi die Majorin in ein Nordseebad begleitete. Und im August wurde von dort aus, auf feinen Karton gedruckt, eine Anzeige verschickt, in der sich der Diakonus licentiatus theologiae Bernhard Werkmeister und Fräulein Kathi Mödlinger als Verlobte empfahlen. Die Lizzi war fast so glücklich darüber wie die Braut selbst.

Leichten Herzens kehrte sie im September nach Berlin zurück, in Begleitung ihrer guten alten Gredl, die ihr jetzt wieder echt münchnerisch kochen durfte. Sie hatte in diesem Winter noch einen großen Erfolg in Anzengrubers »G'wissenswurm«. Besonders die reizend naive Stelle, wo sie auf die Frage des alten Bauern, was sie eigentlich zu ihm führe, zu antworten hat: »Ich soll halt a weng erbschleichen,« erregte jedesmal den größten Jubel, und der Spitzname »Erbschleicherin« blieb im Kreise ihrer Kollegen und nächsten Freunde auf ihr sitzen. –

Auf die Dauer wollte jedoch ihrem Ehrgeiz das ewige Deandl-spielen nicht genügen, und so unterzeichnete sie denn einen Vertrag mit einem ersten Wiener Theater. Dort ist sie heute noch als eines der beliebtesten und meist beschäftigten Mitglieder. Man will sie neuerdings viel in Gesellschaft eines sehr hübschen Ungarn oder Serben, was er nun sein mag, gesehen haben, der sich kürzlich erst in Wien als Arzt niedergelassen hat und man munkelt … ja, was sagen die Leute nicht alles einer so hübschen und feschen Schauspielerin nach! Es wird wohl nicht wahr sein.

In ihrem Schlafzimmer hat Fräulein Mödlinger an der dunkelsten Wand ein Oelbild hängen mit einer grünseidenen Gardine darüber. So lustig sie sich auch immer in guter Gesellschaft zu geben pflegt – sie hat doch auch ihre ernsten, nachdenklichen Stunden. Und dann zieht sie den grünen Vorhang beiseite und schaut sich das Bild an und fragt sich: ist es nun eigentlich die Wahrheit oder die Lüge – dies magere Weib mit den feinen roten Lippen, zwischen denen die garstige Schlange hervorkriecht?

Ach, gute Lizzi Mödlinger – du wirst das wohl nimmer entscheiden!