Auch Einer

von denjenigen nemlich — — — kurz, man versteht mich.

Wer es darf, hebe den ersten Stein gegen ihn
auf! Ich meinestheils gedenke es nicht zu thun.

Ich traf ihn auf dem Dampfboot, mit dem ich
auf einer Schweizerreise über den Zuger See fuhr.
In der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, die sich
auf dem Verdeck umtrieb, hätte ich ihn schwerlich bemerkt, wenn nicht ein besonderer Umstand mein Auge
auf ihn gelenkt hätte. Es befand sich unter den Passagieren ein junger Mensch, jeder Zoll ein Geschäftsreisender in Baumwolle, Cigarren oder Rothwein, der
sich durch sein vorlautes und eitles Wesen lästig machte.
Er schien gekommen, um über Alles zu spotten, was
er sah und genoß; bald gieng es über den Mittagstisch her, von dem er kam, bald über die Einrichtung
des Boots, bald über den Schweizerdialekt, den er
mit den halb gestoßenen, halb verschwommenen Lauten
des eigenen Idioms unglücklich genug nachzuahmen
suchte; die Berge waren ihm nicht hoch, der See war
ihm nicht breit genug, er vergliech sie zu ihrem Schaden
mit skandinavischen, irischen, amerikanischen, und die
ganze Gesellschaft mußte hören, wie weit er in der
Welt gewesen sei. Er spielte den Kunstkenner, sprach
von Tinten, Lasuren, Clair-obscur, Konturen, versicherte übrigens, die „Schanga-Malachai“ sei mehr
sein „Pangschang“, als die Landschaftmalerei. Dabei
wandte er sich öfters an einen ernsten Mann, den ich
schon an der Wirthstafel in Zug bemerkt, der mit uns
das Dampfschiff bestiegen hatte und der dem Lästigen
ein beharrliches Schweigen entgegenhielt. Durch diesen
Kontrast wurde meine Aufmerksamkeit auf die Erscheinung des stillen Fremdlings hingezogen. Man konnte
seine Züge nicht eben interessant nennen, aber es war
jenes Etwas darin, das man nicht eben häufig findet
und das Wenige zu bemerken pflegen, — jenes Etwas,
wozu man sagen möchte: wieder einmal ein Mensch.
Allerdings lag auch eine Art von Beschattung, etwas
wie ein dunkler Flor darüber. Wenn sein Blick an
den waldigen Ufern, am Rücken und steilen Gipfel
des Rigi aufstieg, oder über die schimmernde Fläche
des hellgrünen Sees hinlief, so meinte ich ihn öfters
mit einem gewissen müden Ausdruck von seiner Bahn
zurückkehren zu sehen, als wollte er sagen: das Alles
könnte schön sein, wenn nur — Was dem Wenn in
seiner Seele folgte, war freilich aus dem Blicke nicht
zu lesen. Der unbescheidene junge Mensch schien es
auf den Schweigenden gemünzt zu haben und ließ einmal ziemlich hörbar etwas von catonischer Würde fallen,
als derselbe einem erneuerten Versuch, ihn in's Gespräch zu ziehen, mit der gewohnten Stummheit begegnete und ihm etwas auffallend den Rücken kehrte.
In Immensee stieg ich in den Postomnibus, der damals nach Küßnacht führte, ein Theil der Dampfbootgesellschaft fand sich hier wieder zusammen, darunter
der Geschwätzige, der dem Stummen gegenüber zu sitzen
kam. Als wir durch die hohle Gasse fuhren, ließ er
einige frivole Witze los, deren Wiederholung dem Leser
billig erlassen wird, machte sich hierauf an die Telltradition, spielte sich als historischen Kritiker auf, indem er einige unverdaute Brocken von „bloßer Sage“
vorbrachte, erklärte die Sage für eine pure Erfindung
der schweizerischen Selbstgefälligkeit, kam von da auf
die nächste politische Vergangenheit zu sprechen, spottete
über die kriegerischen Rüstungen, die im Jahr 1856
die preußische Drohung hervorrief, und ergoß sich nun
in einen Schwall von höhnischen und prahlerischen
Reden, der mir solchen Widerwillen erregte, daß ich
im Begriff war, den Schwätzer mit heftigem Wort
anzulassen. Dieser aber wandte sich plötzlich an den
stillen Mann gegenüber und fragte ihn frech: „Nun,
was sagen Sie dazu?“ Ueber dessen Gesicht war schon
eine Zornröthe gefahren, die Augen funkelten, er erhob
sich und mit mächtiger Stimme rief er: „Was ich dazu
sage? Daß Sie nicht unter gebildete Menschen gehören, daß es gemein ist und Ekel erregt, ein ehrwürdiges Heldenbild, woran seit Jahrhunderten ein
braves Volk hinaufschaut, mit Schmutz zu bespritzen;
die verkehrte Politik eines an Macht überlegenen Staates
um ein Nichts“ — hier, mitten im Zug, Schwung und
kräftigen Schall seiner Rede überfiel ihn plötzlich ein
krampfhafter Hustenreiz, die Stimme überschlug sich in
lächerliche Fisteltöne, knirschend vor Aerger fuhr er in
die Höhe, rieß den Wagenschlag auf, sprang hinaus,
blieb am Tritt, hängen und fiel zu Boden in den
dichten Staub des Weges. Die langsame Bewegung
des Wagens aus einer Steigung des Wegs ließ
unserem Geschäftsreisenden Zeit, den Kopf aus dem
Fenster zu strecken und dem so peinlich unterbrochenen Gegner ein schallendes Hohngelächter nachzusenden, die Mitfahrenden, obwohl sichtbar theilnahmvoll für Letzteren gestimmt, konnten des Lachens
sich doch auch nicht ganz erwehren, und ich selbst, im
Stillen schnell sein Freund geworden, betroffen und
stutzend und für ihn beschämt, konnte ein Zucken der
Lachmuskel nicht unterdrücken. Der Gefallene aber
hatte sich schnell aufgerafft, über und über mit Staub
bedeckt stand er und rief uns mit vernehmlicher Stimme
nach: „Amplificatio, Ignoranten, amplificatio!“ —
Der Kondukteur hatte inzwischen halten lassen, er winkte
ihm, weiter zu fahren, dann sah ich ihn umkehren und
in entgegengesetzter Richtung forteilen. Das Wort gab
mir zu denken; der nächste Sinn war unschwer zu
finden, allein es schien auf einen Zusammenhang sonderbarer Art, auf eine Klassifikation, auf ein System
zu deuten, gab zu rathen, was für ein System das
denn sein möchte, und von da weiter zu rathen über
den ganzen Mann, der mir so würdig und ernst erschienen war, den jetzt ein lächerliches Mißgeschick ereilt,
der dessen offenbar schon viel erlebt hatte und dem das
Erlebte längst ein Anreiz zu seltsamem Denken geworden
sein mußte. Völliges Licht über den Zuruf sollte mir
freilich erst in sehr später Zeit werden.

Inzwischen gab sich der Ungezogene ganz dem Genusse seines unverdienten Triumphes hin, unter
gellendem Gelächter machte er sich in frechen Reden
lustig über den unglücklichen Gegner. „Wo mag er
nun wohl stecken? Ob er nun wohl seine Rede als
Monolog hält, schreibt und herausgibt?“ In diesem
Tone ging es fort. Rasch hatte in mir über den
augenblicklichen Lachreiz die Theilnahme den Sieg
gewonnen, die Geduld gieng mir aus und ich fuhr den
Menschen an: „Herr! nun ist es genug!“ Alsbald bekam ich Beistand von der Gesellschaft, ein Erster,
Zweiter, Dritter stimmte ein, und als das Subjekt
widerbellte, erklärte man ihm, daß es länger nicht im
Wagen geduldet werde. Da nun wenig Aussicht vorhanden war, daß der Bedrohte freiwillig dieser Einladung oder eigentlich Ausladung folgen werde, so
stand offenbar Geringeres nicht bevor, als jener thätliche Akt, den man mit dem Ausdruck „an die Luft
setzen“ zu bezeichnen pflegt. Unterdessen hatte der
Kondukteur vom Bock aus, wo er neben dem Postknecht
saß, längst unwillige Blicke durch das offene Wagenfenster hereingeworfen, er ließ plötzlich wieder halten,
sprang vom Bock, öffnete den Wagen, rief dem Friedensstörer zu, seine Vorschrift befehle ihm, ungesittete
Personen, welche die Fahrgesellschaft beleidigen, aus
solcher auszuweisen; er habe auch über die Schweiz
gespottet und sei „einen unverschamten Mansch“. Da
nun der „Mansch“ nicht zweifeln konnte, daß der
ehrsame Schirrmeister, wenn seinem Befehl nicht freiwillig Folge geleistet würde, in handgreiflichem Einwirken hinreichende Unterstützung bei der Gesellschaft
fände, so blieb ihm keine Wahl, als weichen. Er stieg
aus, der Kondukteur nahm, einige Worte vor sich hinmurmelnd, aus denen ich das minder gewählte „Lausbub“ herauszuhören glaubte, seinen Platz auf dem Bock
wieder ein und bald waren wir in Küßnacht, wo ich
das Dampfboot bestieg, um nach Luzern zu fahren
und dort zu übernachten.

Der See funkelte im Feuer der Abendsonne, die
Thürme der Stadt leuchteten in ihrem Golde, eine
Rosenwolke kränzte das Haupt des Pilatus. Ich vergaß das halb ärgerliche, halb lächerliche Abenteuer des
Reisetags zugleich mit allen Dornen und Nesseln der
menschlichen Lebensreise. Am andern Morgen fuhr ich
mit dem Dampfer ab, der nach Flüelen führte; meine
Absicht war, den herrlichen See in seiner Ausdehnung
zu beschauen, dann weiter zu Fuß bis zur Teufelsbrücke oder bis Andermatt zu gehen, um ruhig die
vielgepriesene wilde Schönheit des Gotthardpasses zu
betrachten. Halb und halb gedachte ich, schon in
Brunnen auszusteigen und auf der kürzlich vollendeten
Axenstraße nach Flüelen zu wandern. Eine der Stationen des Dampfschiffes ist, wie Jeder weiß, der den
See befahren oder seinen Bädeker studirt hat, Weggis
am rechten Ufer. Ich stand am Geländer und sah
zu, wie die Einen aus-, die Andern einstiegen. Da
gewahrte ich unter den Letzteren meinen Mann, den
Mann der Tragödie von gestern. Er sah heute
ungleich heiterer aus; mit rüstigen Schritten betrat
er das Verdeck und grüßte mich ganz unbefangen, als
er mir von ungefähr in's Gesicht sah und den Mitreisenden vom vorigen Tag erkannte. Dieß ermuthigte
mich, ihn zu fragen, woher er komme. „Vom Rigi
herunter,“ war die Antwort. „Wie? in der kurzen
Zeit?“ — „Will nicht viel heißen; gestern Abend hinauf,
in der schönen Mondnacht herunter.“ — „Wie war's?
Schön, nicht wahr? Es war ja ein prächtiger Abend.“
— „Wohl, wohl! Nur viel Bildungsvolk oben! Werden
die Berge bald vollends wegätzen. Fehlt ein Abschreckungs-Bädeker, daß es wieder einsam würde und
stille Menschen ein vertrautes Wort mit der Natur
reden könnten oder von ihr anhören. Wollte auch
Morgens den Kerl nicht erleben, der in alter Schweizertracht den Kuhreigen bläst zum Sonnenaufgang, dann
im Gasthof sein Trinkgeld einzieht; daher ab, fort,
weg noch in der Nacht!“ Damit wandte er sich, flüchtig
grüßend, von mir und hielt sich seitab wie Einer, der
allein sein will. Er war nun wieder der trüb-ernste
Mann und saß so versunken in sich wie gestern. Am
Tisch auf dem Verdeck entspann sich ein lebhaftes Gespräch über eine Umgestaltung des Rütli, die damals
im Plane war; es handelte sich darum, saubere Wege
anzulegen, die drei Quellen in irgend einer Weise zu
fassen, und die Meinungen giengen darüber auseinander, ob es passender sei, nur mit schonender Hand die
gegebene Natur einigermaßen zu regeln oder bei Fassung
der Quellen architektonische Kunstformen anzuwenden,
und wenn dieß, in welchem Styl, klassisch, Renaissance,
romanisch oder gothisch. Mein Mann wurde aufmerksam, blieb stehen und hörte mit sichtbarem Interesse dem wachsenden Eifer zu, womit die verschiednen
Ansichten sich aussprachen, wobei Schweizer und Deutsche,
Herren und Damen in bunter Mischung sich betheiligten.
Er nahm Platz am Tische, ließ sich sogar ein Glas
Wein kommen, zündete eine Cigarre an und man konnte
sehen, daß er sich anschickte, sich lebhaft in's Gespräch
zu mischen. Einer der Herrn erklärte sich soeben für
die Wahl klassischer Formen, für eine Säulenhalle.
Jetzt begann der Ankömmling von Weggis: „Bitte,
mein Herr, verzeihen Sie — Klassisch? ei, das wäre
ja der reine“ — Der Herr fiel ihm in's Wort, diesem
ein Zweiter, dem Zweiten eine Frau, es gab ein krauses
Durcheinander von Stimmen; eine augenblickliche Pause
schien wieder Luft zu gewähren, er setzte wieder an,
das Wort wurde ihm wieder aus dem Munde geschnellt, so noch ein drittes Mal, dann fuhr er auf,
mit einigen starken Schritten auf mich los, faßte mich
ziemlich derb am Arm, zog mich hinweg und sagte:
„Da haben wir wieder das Menschenvolk! Und darunter sind erst noch Schweizer, Republikaner! Selbstregierung bei Menschen, die nicht einmal warten können,
bis ein Mitmensch ausgeredet hat? Reif für Tyrannenstock! Und Sie sind gewiß so klar, nicht zu meinen,
ich sei bös um meinetwillen; ich empöre mich ganz
gleich für Jeden, der plump unterbrochen wird. Durch
alle Nationen, durch alle Stände geht die Unart!
Wenn die Schwätzschüssel aufgesetzt ist: wie junge
Hunde sind sie, die mit den Pfoten in den Milchnapf
tappen! Wie könnten solche Wesen je einen vernünftigen Staat bilden! Blindes, wirres Pack die ganze
Menschenheerde! Der Freiheit unwürdig!“ Während ich
ihn befremdet, nach einer Antwort suchend, ansah, schien
sein Zorn schnell wieder dem stärkeren Interesse am
Gegenstand des Gesprächs zu weichen. „Was sagen
Sie zur Sache?“ fuhr er nach kurzer Pause fort. Ich
gestand, nicht darüber nachgedacht, mir keine Ansicht
gebildet zu haben. Dieß Wort versetzte ihn sichtbar
in eine lehrhafte Stimmung. Mit dem Ausdruck und
Ton, womit man zu gründlicher Behandlung eines
Themas auszuholen pflegt, begann er: „Sie haben
mir Zutrauen eingeflößt“ — Ich bewegte die Lippen
zu einer Erwiderung, er schien zu merken, daß ich
etwas von redlicher Theilnahme bei dem gestrigen Vorfall anzudeuten im Begriff war, und sagte kurz und
scharf: „Lassen wir das,“ dann knüpfte er an seine
vorigen Worte wieder an: „Die vorliegende Frage ist
eigentlich ohne Belang; ich meine im Grund auch,
man sollte das Rütli lassen wie es ist; da aber doch
einmal Hand daran gelegt werden soll, so drängt sich
die Stylfrage auf; ich beschäftige mich gern mit Kunstgeschichte, insbesondere Geschichte der Architektur; sie
liegt noch ganz im Argen; man hat den Begriff des
Wesens der historischen Hauptstyle noch nicht entdeckt,
und wie will man einen neuen finden, wenn man
solchen nicht aus dem rechten Grunde des Begriffes
schöpft? Ich erlaube mir, Ihnen meine Idee vorzutragen; es macht eben Jeder gern Propaganda für
seine Gedanken, seine Entdeckungen. Ich unterscheide
den rein katarrhalischen Baustyl: dieß ist der klassische;
ferner den gemischt katarrhalischen oder den Katarrh- und Frostbeulenstyl: dieß ist der gothische, mit einer
Vorstufe, dem romanischen, mit dessen Ergründung
und schärferer Begriffsbestimmung ich noch beschäftigt
bin; der Renaissancestyl, wie er aus dem römischen
hervorgegangen, gehört einerseits noch zur rein katarrhalischen Form — schon wegen seiner Vorliebe zu Hallen
und Loggien —, enthält aber andererseits Keime, um
aus ihm den Zukunftsstyl, den einzig richtigen, den
absoluten Styl, das heißt den reinen Segensstyl zu
entwickeln.“

Ich starrte den eifrig Vortragenden in großer Verblüffung an; ich mochte unbeschreiblich dumm aussehen.
Er ließ sich nicht stören, sondern fuhr sehr ernst fort:
„Sie erkennen doch, daß im klassischen, das heißt rein
griechischen Styl Alles auf den Ausdruck des Satzes
angelegt ist: hier, auf diesem windigen Peribolos, hier
in diesen zugigen Säulenhallen, hier in diesem kühlen,
lichtlosen oder (wenn der Tempel ein hypäthrischer ist)
erst doppelt zugigen Heiligthum wirst du, mußt du —
wenigstens gewiß, wenn du ein Nordländer bist — dich
verkälten! — Glauben Sie mir, verehrter Herr, der Anblick solcher Räume in einem Gemälde kann allein schon
gefährlich werden. Als ich in Paris zum ersten Mal
die Hochzeit zu Cana von Paolo Veronese sah, als
ich nur in Gedanken mit dieser glänzenden Gesellschaft
in der offenen, luftdurchzognen Halle verweilte, habe ich
mir einen meiner bösesten Schnupfen geholt. Wo soll
man die Stimmung herbringen, ein solches Gemälde froh
zu betrachten, zu bewundern? — Was wir dagegen
aus dem klassischen Baustyl allerdings entlehnen, wie
das Entlehnte echt symbolisch weiterbilden sollen, darüber nachher, wenn ich in meiner Auseinandersetzung
zum wahren Ideal- oder Segensstyl gelange. Um nun
zum gemischt katarrhalischen oder Katarrh- und Frostbeulenstyl überzugehen — er ist für Nordländer geschaffen in einer Zeit der Rohheit, da man nicht wußte,
daß das Geschlossene noch nicht genügt, so —“

Er hatte schon bei den letzten Sätzen begonnen,
langsamer, unterbrochener, zerstreuter zu reden, die
Stimme sank, die Züge verfinsterten sich und es fiel
mir seltsam auf, daß er stark einwärts schielend auf
seine Nasenspitze hernieder sah. Bei den letztgenannten
Worten hielt er plötzlich inne und sagte in gedehntem,
tiefem, dumpfem, eigentlich tragischem Tone vor sich
hin, als wisse er nicht mehr, daß er im Gespräch mit
einem Andern begriffen sei: „Sie glänzt.“

Er lief plötzlich weg, ließ mich ohne alle Entschuldigung stehen und wandte sich dem fast leeren Platz
zweiter Klasse zu. Hier sah ich ihn heftig auf und
ab gehen, dunkle Worte vor sich hinmurmelnd, von denen
ich, behutsam mich nähernd, doch einmal deutlich den
Satz heraushörte: „Den haben mir die Ungeheuer, die
Kellner auf Rigi-Kulm hingelaufen; — also jetzt zum
alten und halbalten ein neuer!“ —

Ich konnte keinen Versuch machen, mit dem Manne
noch einmal anzuknüpfen; Alles sah darnach aus, daß
ich heftig abgewiesen würde. Was der gemischt katarrhalische Baustyl, was der reine Segensstyl sei,
das sollte mir im Schooß des ewigen Dunkels verborgen bleiben, wenn nicht ein glücklicher Zufall mir
noch zum Lichte verhalf. Ich stieg in Brunnen aus,
um einen ruhigen Abend in dem freundlichen Dorfe
zuzubringen, das in die Verengung des Sees so reizend
sich einschmiegt, und entschloß mich nun gleichzeitig, den
andern Tag bis Flüelen auf der neuen Axenstraße
zu gehen, nahm ein Zimmer im nächsten Wirthshaus
und suchte schnell wieder das Freie, um von der Landungsstätte den großen Blick aufwärts und abwärts
über den See, über die wilden und doch am Fuße
so anmuthig bekränzten Ufer zu gewinnen. Auf der
Bank vor dem Hause saß mein Mann; ich hatte nicht
bemerkt, daß er mit mir ausgestiegen war. Er schien
alles Leid vergessen zu haben, denn er spielte wie ein
Kind mit zwei jungen Hunden, deren Hanswurstpossen
ihm sichtbar ein volles, ungetheiltes Vergnügen bereiteten. Ich blieb stehen und hatte meinen Spaß
an dem Anblick. „Sind Sie auch ein Hundsfreund?“
fragte er ganz heiter; ich bejahte es, er ergieng sich in
Bemerkungen über die Rasse der drolligen Gesellen,
die von mehr als gewöhnlicher Kennerschaft zeugten,
er zeigte mir an beiden eine Reflexbewegung, von der
er behauptete, sie komme fast ohne Ausnahme bei allen
Hunden vor; er kratzte nämlich scharf an einer Stelle
der Brust, worauf alsbald der eine Hinterfuß in ein
heftiges, unwillkürliches Scharren gerieth; ich meinte,
es sei dieß keine bloß physiologische Action, der
Hund meine, scharren zu müssen, weil er durch das
Kratzen gekitzelt werde; er bestritt es heftig als eine
„seicht rationalistische“ Deutung, und ich bemerke gelegentlich, daß ich nach vielen seither gemachten Beobachtungen diesem Gelehrten Recht geben muß; wir
plauderten dieß und das über den ehrlichen Gespielen,
Diener, Wächter des Menschen, und mein Mitfreund
des wackeren Geschlechts bedauerte schließlich lebhaft,
daß er ein prächtiges Paar, einen großen Hatzrüd und
einen Rattenfänger habe zu Haus lassen müssen; der
erste sei „ganz ein Charakter, der zweite Charakter mit
Frechheit und Humor“. Ich fragte, ob ich ihn nicht
zu einem kleinen Spaziergang einladen dürfe, die
Abendbeleuchtung sei so schön; er schüttelte lächelnd
den Kopf und sah mit erklärendem Blick auf seine zwei
Hunde. Ich gieng allein.

Später, beim Abendessen, sah ich den seltsamen
Kauz nicht; als ich aber nachher im Vorbeigehen einen
Blick in die allgemeine Wirthsstube warf, entdeckte ich
ihn mitten unter breitschulterigen Bürgersleuten, größtentheils in Hemdärmeln; er lauschte mit glänzenden
Augen den rauhen Rachentönen des lauten Gesprächs
und den wiehernden Jodlern, die es unterbrachen, und
das Durcheinander der Stimmen schien ihn dießmal
durchaus nicht zu belästigen. Das Bild erschien mir
so heiter naiv, daß ich fast bedauerte, nicht dasselbe
Theil erwählt zu haben, denn ich war langweilig genug unter einigen steifen Theegesichtern in der „salle
à manger“ gesessen, wozu ich das früher einfache
Landwirthshaus emporgeschraubt finden mußte.

Ich konnte lang nicht einschlafen, hörte meinen
Wandnachbar in sein Zimmer treten, sich auskleiden
und zu Bett legen. Das Haus war so hörsam, daß
selbst das Nagen einer Maus im Nebenzimmer meinem
Ohre nicht entgieng. Den unbekannten Bewohner desselben hielt ich für längst eingeschlafen, als ich die
Worte vernahm: „Ach, es fängt an.“ Es war die
Stimme meines armen Verkälteten. Was denn auch
wirklich anfieng, war ein scharfes Husten und häufiges
starkes Räuspern und Spucken, das, von tiefen Seufzern
unterbrochen, zu meiner eigenen Qual wohl eine Stunde
dauerte, dann aber einem fürchterlichen Schnarchen
Platz machte, das im ganzen Register einer Orgel sich
hin und her bewegte, oft von stoßenden, plötzlich abschnappenden Tönen und bangen Pausen unterbrochen,
worin der musikalische Schläfer nach Athem zu ringen
schien. Ich hätte ernstlich für seine Lunge gefürchtet,
wenn nicht seine Gesichtsfarbe, gewölbte Brust, Energie
der Bewegungen, wie ich sie während des Tags beobachtet hatte, eine ausdauernde Widerstandskraft verbürgt hätten. Endlich schlief ich doch selbst ein, freilich
nur, um sehr früh geweckt zu werden und zwar durch
ein Auf- und Abgehen meines Nachbars, das mit
Geräuschen wechselte, aus denen ich auf ein ungeduldiges Suchen in Schubladen, auf Tischen, in allen
Geräthen des Zimmers schließen mußte. Das Laufen,
Stöbern wurde immer heftiger, ein Selbstgespräch, das
diese wilden Bewegungen zuerst leis begleitete, wurde
lauter und lauter und gieng dann in wüthende Ausrufungen, endlich in einen Hagel von Flüchen über,
die in der That nicht christlich, vielmehr türkisch, ja
heidnisch zu nennen waren und von einem wüthenden
Stampfen und Wettern begleitet wurden. Ich hielt
es nicht mehr aus, der Mensch schien mir rein toll
geworden, ich kleidete mich flüchtig an, klopfte an seiner
Thüre und trat, in meiner Aufregung die Form vernachlässigend, in's Zimmer, ohne auf das „Herein“
zu warten. Mit zornsprühenden Augen, hochroth im
Gesicht, fuhr der Bewohner auf mich zu, er schien
mich an der Kehle packen zu wollen; plötzlich aber
faßte er sich, stand unbewegt vor mir, sah mich mit
durchdringendem Blick an und sagte ruhig streng:
„Mein Herr, Sie führt ein Bildungsbedürfniß hierherein.“ Das schlechte Gewissen, das ich über meine
Formverletzung hatte, machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: „Ja,“ und fragte nun, was er denn aber
um's Himmels willen eigentlich habe. A. E. — so
wollen wir meinen Reisebekannten von nun an der
Kürze halber nennen — fiel jetzt wieder in seinen
Wuthzustand und schrie mit Donnerlaut: „Meine Brille,
meine Brille! Die Canaille hat sich ja wieder einmal
verkrochen, — vom Schlüssel, dem kleinen Teufel,
vorerst nicht zu reden!“

„Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dieß Objekt
es werth, in solche Wuth zu gerathen? Kennen Sie
denn auch gar keine Geduld?“

Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber
auch dießmal wieder, sah mich an und sagte:
„Schraubenschlüssel? Pfropfzieher?“

„Was soll das?“

„Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich
habe eine Frau; ich lachte sie aus, daß sie die Zeitung
unaufgeschnitten lese und jahrelang eine Schublade
dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur Uebung dieser
Tugend an meinem Rock statt Knopflöcher und Knöpfe
Schrauben und Schraubenmüder tragen, die sich ja ganz
elegant von blau angelaufenem Metall herstellen ließen,
oder auch Pfröpfe, und ich könne jedesmal, wenn ich den
Rock öffnen wolle, jene mit einem Schraubenschlüssel, diese
mit einem Pfropfzieher aufmachen. — O was! ein Weib
ist fähig, über einen Schrank einen Teppich so zu legen,
daß er über die oberste Schublade überhängt und so
oft diese gezogen und geschlossen wird, sich einklemmt!
Mein Herr, das Weib hat Zeit für den Kampf mit
dem Racker Objekt, sie lebt in diesem Kampf, er ist
ihr Element; ein Mann darf und soll keine Zeit hiefür
haben, er braucht seine Geduld auf für das, was der
Geduld werth ist. Ueber die Zumuthung, Beides zu
verwenden gegen das Unwerthe, kann, darf, soll er
wüthen! Sie können doch wissen, daß die elenden
Objekte, diese Igel, diese Nickel, sich nie lieber einhaken, als wenn wir die höchste Eile haben, etwas
fertig zu bringen, was nöthig und vernünftig ist!
Elender Bettel, nichtswürdiger Knopf oder Knäuel
eines Bändels, Lorgnettenschnur, die sich um meinen
Westenknopf wickelt, just wenn es auf der Eisenbahn
auf's Aeußerste eilt, einen klein gedruckten Fahrplan
nachzusehen, ich hab' ja keine Zeit, keine Zeit für
euch! Und wenn ich tausend Blutigel an die Ewigkeit
setze, sie ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch
heraus!“

„Was nützt aber die Wuth?“

„O, geistlos! Hat es Luther nichts genützt — falls
von Nutzen die Rede sein soll —, wenn er den Teufel
fortschalt? Wißt ihr denn nichts von Entlastung der
armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im
Fluchen liegt?“

Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn,
er schoß wüthend im Zimmer hin und her und ergoß
eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme Brille.
Ich suchte inzwischen am Boden herum; ich hob ein
paar Hemden weg, die blank, aber zerzaust umherlagen,
und mein Blick fiel auf ein Mausloch in einem Bretterspalt; ich glaubte darin etwas schimmern zu sehen,
strengte meine Augen an, die sich einer guten Sehkraft erfreuen, und die Entdeckung war gemacht; ich
nahm den schwergeärgerten Mann leicht am Arm und
deutete schweigend auf die Stelle. Er stierte hin, erkannte die vermißten Gläser und begann: „Sehen Sie
recht hin! Bemerken Sie den Hohn, die teuflische
Schadenfreude in diesem rein dämonischen Glasblick?
Heraus mit dem ertappten Ungeheuer!“

Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu
ziehen, die Mühe stand wirklich in Mißverhältniß zum
Werthe des Gegenstands, endlich war es gelungen, er
hielt sie in die Höhe, ließ sie von da fallen, rief mit
feierlicher Stimme: „Todesurtheil! Supplicium!“ hob
den Fuß und zertrat sie mit dem Absatz, daß das
Glas in kleinen Splittern und Staub umherflog.

„Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille,“ sagte
ich nach einer Pause des Staunens.

„Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens
hat ihre Strafe für jahrelange unbeschreibliche Bosheit.
Kommen Sie, da, sehen Sie!“ Er zog seine Uhr
heraus; es war eines der ordinärsten, in der That
gemeinsten Produkte der horologischen Industrie, ganz
Zwiebel. „Statt dieses redlichen, treuen Wesens,“
fuhr er fort, „fungirte früher eine goldene Repetiruhr,
die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet hatte;
sie vergalt dieses Opfer jahraus jahrein mit Tücken
jeder Art, gieng nie recht, benützte arglistig jede Gelegenheit, zu fallen, sich zu verstecken, Gläser zerbrachen
so viele, daß es mich bald an den Bettelstab gebracht
hätte, endlich setzte sie sich mit dem Haken der goldenen
Uhrenkette in Einverständniß, in Verschwörung. Mit
den Haken, mein Herr, hat es nämlich eine eigene
Bewandtniß. Das Tendenziöse, was im Objekt überhaupt liegt — darüber wäre Einiges zu sagen, mein
Herr, aber das ist von langer Hand — das Tendenziöse spricht sich so offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken aus, daß man im Umgang mit diesen
hämischen Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man
denkt: dich kenne ich ja, dich verräth deine griffige,
vor sich selbst warnende Bildung, du wirst mich nicht
überlisten; eben darüber wird man im Gegentheil fahrlässig. Ganz umgekehrt verhält es sich bei so manchen
anderen Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem simplen
Knopf seine Verruchtheit ansehen? Aber ein solcher
Racker hat mir neulich folgenden Possen gespielt. Ich
ließ mich gegen alle meine Grundsätze zur Theilnahme
an einem Hochzeitsschmaus verleiten; eine große silberne
Platte, bedeckt mit mehrerlei Zuspeisen, kam vor mich
zu stehen; ich bemerkte nicht, daß sie sich etwas über
den Tischrand heraus gegen meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, meiner Nachbarin, fällt
die Gabel zu Boden, ich will sie aufheben, ein Knopf
meines Rockes hatte sich mit teufelischer List unter den
Rand der Platte gemacht, hebt sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, der ganze Plunder, den sie trug,
Saucen, Eingemachtes aller Art, zum Theil dunkelrothe Flüssigkeit, rollt, rumpelt, fließt, schießt über den
Tisch, ich will noch retten, schmeiße eine Weinflasche
um, sie strömt ihren Inhalt über das weiße Hochzeitkleid der Braut zu meiner Linken, trete der Nachbarin
rechts heftig auf die Zehen, ein Anderer, der helfend
eingreifen will, stößt eine Gemüseschüssel, ein Dritter
sein Glas um — o, es war ein Hallo, ein ganzes
Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall: die zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt schien in
Scherben gehen zu wollen; mich ergreift die Stimmung
des Erhabenen, ich fasse zunächst eine Champagnerflasche, trete an's Fenster, öffne es, schwinge sie empor,
der Bräutigam fällt mir in den Arm, ich erzürne mich,
es gibt bös Blut, die Braut war ohnedieß halb ohnmächtig, kurz, — ich mag nicht weiter erzählen, denn
nun wurde die Sache komisch.“ —

„Ernst, wollen Sie sagen?“

Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle
gesunden Begriffe verwirrt; ich verzichtete auf weiteres
Eingehen und bat ihn, das Trauerspiel von Haken
und Uhr zu vollenden.

„Ja, so, ja, also: der Haken schliech in einer Nacht
über das Tischchen, worauf ich die Uhr achtsam gelegt,
leise hinüber nach dem Bett, nestelte sich in eine Naht
des Kissenüberzugs ein, das Kissen war mir überflüssig,
ich hob es rasch und warf es an das Fußende des
Bettes, die Uhr nun natürlich mit; in einem prächtigen
Bogen schwang sie sich an die Wand und fiel mit
zersplittertem Glase nieder. Es war genug. Ich zertrat sie feierlich wie diese Verbrecherin von Brille, der
Kobold gab dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie
eine verfolgte Maus, ich kann schwören, daß es ein
Laut war, der nicht im Umfang der physikalischen
Natur liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene Zeigerin der Zeit um niederträchtig geringes
Geld gekauft; betrachten Sie die Gute: bemerken Sie
den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten Zügen;
seit zwanzig Jahren dient sie mir — unberufen, unberufen! — treu und ehrlich, ja ich kann sagen, nicht
Einen Verdruß hat sie mir bereitet. Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter, der Haken wurde zu
schmachvollem Tod in der Kloake verdammt und ich
trage meine redliche Zwiebel an dieser sanftgearteten
seidenen Schnur; Johann, der muntre Seifensieder.“

A. E. war während dieser Darstellung, in deren
Breite er sich zu gefallen schien, ganz ruhig geworden
und fuhr gelassen fort:

„Jetzt das Uebrige! Die übrige Geschichte dieser
schwarzen Morgenstunde!

„Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen
ab, da ich sie anziehen will. Ja, ja, so ein Hemdknopf! Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf; ich
weiß, was ich zu thun, wie ich meine Waffe anzuwenden habe; einen hundertjährigen Eichbaum kann
ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber der Knirps!
Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie will absolut
nicht durch's Knopfloch, und ich soll sie zugleich ebenso
sehr gar nicht anwenden, sondern ganz fein und leicht
mit den Fingerspitzen arbeiten, und indem ich mich
placke, schinde, abrackere, foltere, tödte, das Widersprechende zu leisten, — o lustig! springt die Schmachcanaille erst recht ab! Die Teufel nehmen Besitz vom
Weibe, uns dieß Scheusliche zu bereiten. Ich habe
es von glaubwürdigen, wahrheitliebenden und besonnenen Ehemännern: wegen der Hemdknöpfchen heirathet
man und dann ist es erst recht nichts damit. — Weiter!
— Nur im Vorbeigehen will ich anführen, daß mich
zuerst beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges Armloch
gute fünf Minuten lang insultirt hat, — dabei blieb
ich aber noch ganz ruhig — denn ich kann mich beherrschen, mein Herr! Nun aber sehen Sie diesen
Schlüssel“ — er zog einen kleinen Schlüssel hervor,
der wohl zu seiner Reisetasche gehörte, — „und sodann diesen Leuchter!“ — er hielt mir den metallenen
Leuchter umgekehrt vor's Auge, so daß ich in die Höhlung seines Fußes sah; — „was glauben, was denken,
was sagen Sie?“

„Ja, was weiß denn ich?“

„Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute
Morgen diesen Schlüssel gesucht, — es war zum
Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen Sie, so!“
Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am Bett,
stellte den Leuchter darauf; der Schlüssel fand just,
wie ausgemessen, Platz unter dem Leuchterfuß.

„Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermuthung kommen, wer so übermenschliche Vorsicht üben,
solche Tücke des Objekts zu vermeiden! Und dazu
lebe ich! An solches hündische Suchen muß ich meine
arme, kostbare Zeit verschwenden! Suchen, suchen,
und wieder suchen! Man sollte nicht sagen: so und
so lang hat A. oder B. gelebt, nein: gesucht! —
Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben Sie mir
das!“ —

Ja wohl ist das Leben ein Suchen, sagte ich
mit einem Seufzer, der scheinen konnte den Mühen
des Lebens zu gelten, während er in Wahrheit von
der Langenweile ausgepreßt war, da die breite Beschäftigung mit dem Bagatell mich denn doch zu ermüden begann. Daher denn auch die flache Bemerkung selbst, die nur um jeden Preis nach einem Inhalt
abzulenken suchte.

Ich kam schlecht an. „So, mein Herr, symbolisch?“
sagte er. „Und das soll dann tiefer sein! Ah, Oh!“

„Nun, was denn?“

„Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen Sinn,
darüber, daß das Leben so ein Suchen ist, darüber
klage ich nicht, darüber sollen Sie nicht seufzen. Das
Moralische versteht sich immer von selbst. Ein rechter
Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht darüber, sondern ist glücklich in diesem Unglück der aufsteigenden
und nie anlangenden Linie des Lebens. Das ist unser
oberes Stockwerk. Aber die Zugabe, die Hundenoth
gleichzeitig im untern Stockwerk des Lebens, — davon
ist die Rede. Da ist also zum Beispiel das Suchen,
das so toll, so nervös, so wahnsinnig macht. Man
verfällt ja dabei immer in den Theismus. Der liebe
Gott, der oben herunterschaut, der die Haare auf unserem Haupte zählt, der mich nun stundenlang meine
Brille suchen sieht, — er sieht ja auch die Brille,
weiß recht gut, wo sie liegt, — ist es zum Ertragen,
nun denken zu müssen, wie er lachen muß? — Allgütiges Wesen! Meinen Sie, ein solches würde ferner
den Katarrh zulassen? Leben — Suchen — Spucken!
Da sagen die thörichten Menschen von einem Ausgedienten, von einem Erlösten, von dem sie meinen, er
gehe als Geist um, er spucke! Dummes Zeug, aus
hat er gespuckt! O, wir sind geboren, zu suchen,
Knoten aufzudröseln, die Welt mit Hühneraugen anzusehen, und ach! zu niesen, zu husten und zu spucken!
Der Mensch mit seines Hauptes gewölbter Welt, mit
dem strahlenden Auge, dem Geist, der in die Tiefen
und Weiten blitzt, mit dem Fühlen, das mit Silberschwingen zum Himmel aufsteigt, mit der Phantasie,
die ihres Feuers goldene Ströme ausgießt über Berg
und Thal und sterblich Menschenbild zum Gott verklärt, mit dem Willen, dem blanken Schwert in der
Hand, zu schlichten, zu richten, zu bezwingen, mit der
frommen Geduld, zu pflanzen, zu pflegen, zu wachen,
daß der Baum des Lebens wachse, gedeihe und Himmelsfrucht jeder sanften Bildung trage, der Mensch mit
der Engelsgestalt des ewig Schönen im ahnenden,
sehnenden Busen — ja, dieser Mensch verwandelt in
einen schleimigen Mollusken, zur klebrigen Auster erniedrigt, ein Magazin, ein Schandschlauch für vergährenden Drüsensaft, eine Schnäuzmaschine, im Hals ein
zackig Kratzeisen, ein Nest von Teufeln, die mit feinen
Nadeln nächtelang am Kehlkopf kitzeln, die Augen
trübe, das Hirn dumpf, stumpf, verstört, der Nerv
giftig gereizt und dabei erst nicht als Kranker geltend,
noch geschont — und da soll es einen Gott —!“

Hier gerieth mein Gottesleugner in ein Niesen
und Husten so theilnahmwerther Art, daß ich eine
Bemerkung, die mir auf der Zunge lag: der Katarrh sei denn doch nicht der gewöhnliche Zustand des
Menschen, gern unterdrückte; ich konnte freilich ohnedieß
ahnen, daß ich schlecht damit gefahren wäre. Dagegen wollte ich mich doch nicht enthalten, als der
Paroxismus zu Ende war, vorzubringen: „Aber was
machen Sie denn, wenn Sie ernstlich, schwer krank sind?“

A. E. war inzwischen daran, sich reisefertig zu
machen, wurde über einem Hinderniß, das sich an der
Rückseite seiner Beinkleider zu befinden schien, noch
einmal sichtlich aufgeregt, trat plötzlich hart vor mich,
machte straff wie ein Soldat Rechtsumkehrt und schrie
sehr laut und schroff: „Hier!“

Ganz verdutzt, als ich nun so breit seinen Rücken
vor mir hatte, dachte ich, ob denn dieß der Anfang
des versprochenen Bildungsunterrichts sein solle; er
ließ mir ziemlich Zeit zur Betrachtung, bis der Aufschluß kam: „Sehen Sie die Lappen am Hüftgurt?
sind fünfmal, sage fünfmal beim Schneider gewesen
vor der Abreise; zuerst zu lang oder zu weit, dann
wieder zu kurz oder zu eng, dann Beides noch einmal
so — nun? wie steht's mit der Theologie?“

Ich verstand jetzt, daß ich sehen sollte, wie die
Lappen einander zu nah angenäht waren, die Gürtung
also nicht genug angezogen werden konnte; er war
zufrieden, als ich mein Verständniß kund gab, und
nun schien der Sturm ausgetobt zu haben. Meine
vorige Bemerkung fiel ihm jetzt wieder ein.

„Was haben Sie von recht Kranksein gesagt?
Nun, das ist ja Geduld werth. Das Moralische versteht sich immer von selbst.“

Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt, wobei er, wie ich bemerkte, sehr geschickt zu Werke gieng;
es galt, viele Kleinigkeiten in kleinen Raum zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zu Stande;
Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht die Ursache
des Kriegszustandes sein, in dem er mit dem Bagatell
sich befand. Er sagte mir nun, er wolle seine Reise
auf der Axenstraße am See zu Fuß fortsetzen. Leicht
konnte er sich denken, daß ich wahrscheinlich ebendasselbe
vorhabe; der Gedanke eines Zusammenwanderns lag,
da wir denn doch schon Bekannte waren, nahe genug,
aber es fiel ihm nicht ein, auch nur einen Wink zu
geben, der entfernt einer Einladung gleichgesehen hätte.
Ich dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst vorstelle,
und begann: „Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit,
daß ich mich Ihnen —“

Er unterbrach mich: „Bitte, danke, lieber nicht,
— verzeihen Sie, es ist nicht Maske, nicht Geheimthuerei von mir, gewiß nicht, liebe aber, auf der
Reise wenigstens, Alles klar, frei. Name und Stand
macht Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie
und dergleichen, wir sind eben Jeder ein Ich, eine
Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes Lebwesen;
wir befinden uns besser so.“

Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen
Kauz nichts übel zu nehmen, und da, wie ich gestehe,
meine Neugierde nach Namen und Stand eben auch
nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen, daß
ich auch nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich vor
mir habe. Ich reichte auf der Schwelle die Hand
zum Abschied und A. E. wollte sie eben nehmen, als
ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken sollte;
dieses Werk wenigstens noch gemeinsam zu verrichten,
dagegen schien er denn doch nichts zu haben und so
stieg ich mit ihm in die „salle à manger“ hinab.

Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich
suchenden Blick nach den vier Ecken des Saales, und
zwar auf den Fußboden, warf; der Blick kehrte beruhigt
zurück, als er in der vierten ein kleines Geräthe bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht sein mag;
mit höchst gemüthlichem Tone sagte er: „Der Saal
ist doch ganz ordentlich möblirt,“ und von da schien
eine erträglich gute Laune bei ihm einzutreten. Das
Frühstück stand nach Art der Schweizer-Gasthöfe in
diesen Frühstunden stets bereit und A. E. — nachdem er Honig und Butter heftig weggeschoben hatte
— griff rüstig zu, ich deßgleichen. Wir waren allein
im Saale, doch bald trat ein dritter Reisender ein.
Es war ein Mann von gesetzten Jahren, er trug ein
Staubhemd von ungebleichter Leinwand mit einem
kleinen, über die Schultern hängenden Kragen und
auf dem Rücken einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister, auf seiner Stirne lag ein bemerklicher Wanderschweiß, man sah, er hatte diesen Morgen schon einige
Stunden zurückgelegt; er legte seine Last ab, stellte
den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, nicht
ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der eine innere
Zufriedenheit mit dem gediegenen und nützlichen Geräth
aufdrückte, begab sich rasch an den Tisch, setzte sich an
sein anderes Ende, rückte sich den Stuhl recht nahe,
zog eine Brille hervor, besah sich, was aufgesetzt war,
schien mit der Vollständigkeit der Dinge, die zu einem
englischen Frühstück gehören, sehr einverstanden und
begann mit dem vollen Ausdruck einer Seele, die sich
bewußt ist, daß ihr Leib sein Frühstück redlich verdient
habe, die genußverheißende Arbeit des Schneidens und
Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß der
Mann dem Gelehrtenstande angehören mußte, und seine
etwas bleiche Gesichtsfarbe legte den Schluß nahe, daß
er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden gehören
möge, die durch starke Fußmärsche in Ferien einzubringen suchen, was sie durch sitzende Lebensart das
Jahr hindurch ihrem Organismus Leides zufügen
müssen.

A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien
zum Abmarsch keine besondere Eile zu haben, steckte
sich gemächlich eine Cigarre an und begann zu mir:
„Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, ich vermuthe, daß Sie es zugeben, wiewohl ich es Ihnen
philosophisch eigentlich noch nicht begründet habe, denn
was Sie sicherlich bereits erkannt haben, das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität des Objekts, des
sogenannten Körpers, was die bisherige Physik geistlos
mit Namen wie: Gesetz der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, während es vielmehr aus Einwohnung böser Geister herzuleiten ist.“

Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brodlaib höchst kunstgerecht, wie man es wohl im „Kurmärker und die Picarde“ vom preußischen Landwehrmann verrichten sieht, der Länge nach entzweigeschnitten
und war eben beschäftigt, die Butter schön und glatt
wie mit einem Modellirholz aufzustreichen; er hielt bei
diesen Worten einen Augenblick inne, warf unter den
buschigen Brauen einen sonderbaren Blick nach uns
herüber und fuhr dann nachdenklich in seinem plastischen Geschäfte fort, indem er öfters mit einem Ausdruck von Staunen und Ironie den Kopf hin und
her wiegte. Es kam mir der Gedanke, ob A. E. auf
ihn berechne. Es schien entschieden nicht. Er hatte
auf den Eintretenden nur einen raschen Blick geworfen,
freilich einen scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte
zu blicken, als wäre eine fest greifende Hand darin,
doch nicht ein Zeichen ließ vermuthen, daß er sich
weiter um den Unbekannten kümmere.

„Animos,“ fuhr er fort, — „haben Sie denn
auch nur schon beobachtet, wie das fallende Papierblatt uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft graziös,
die Spottbewegungen, womit es hin und her flattert?
Sagt nicht jeder Zug mit blasirt eleganter Frivolität:
doch noch gewonnen!? O, das Objekt lauert. Ich
setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemuth an
die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu
schreiben, schreibe: ein Härchen in der Feder, damit
beginnt es. Der Teufel will nicht heraus, ich beflecke
die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt auf's Papier,
— dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch
und so weiter, und so weiter, kurz, der schöne Morgen
ist hin. Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht,
so lang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt das
Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm
umgehen wie der Thierbändiger mit der Bestie, wenn
er sich in ihren Käfig gewagt hat; er läßt keinen Blick
von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem;
was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, ist nichts, ist Märchen; nein,
der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß der Mensch
wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich
fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder,
Tintenfaß, Papier, Cigarre, Glas, Lampe — Alles,
Alles auf den Augenblick, wo man nicht Acht gibt.
Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? Wer
hat Zeit? Und wie der Tiger im ersten Moment, wo
er sich unbeobachtet sieht, mit Wuthsprung auf den
Unglücklichen stürzt, so das verfluchte Objekt: plumper
oder feiner, wie es kommt, diabolisch fein zum Beispiel das Eisenfeilstäubchen, das mir in's Auge flog
am Morgen, als ich eine Fußreise antreten wollte,
auf die ich mich lange gefreut, und das mich um's
Auge zu bringen drohte — o, überhaupt: glauben
Sie, wenn ein ordentlicher Mensch reisen will, halten die
Teufel ein ökumenisches Konzil, — Vorschläge — Anträge
— Amendements — zum Exempel: Antrag: Hühnerauge, Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag:
Grimmen auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft einer Dame; Antrag: schlecht Wetter, Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu eng. Doch
nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt
liebt in seinem Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende, schützende Natur einige
Thiere dem Boden gleich färbt, bildet, auf dem sie
leben, sich nähren, damit sie der Feind schwerer entdecke — Raupe, Schmetterling der Baumrinde, dem
Baumblatt, Hase der Erde gleich —, so verfahren
auch gern die Dämonen: zum Beispiel rothbraunes
Brillenfutteral versteckt sich auf rothbraunem Möbel;
doch Haupttücke des Objekts ist, an den Rand kriechen
und sich da von der Höhe fallen lassen, aus der Hand
gleiten, — du vergißest dich kaum einen Augenblick
und ratsch —“

Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines Geräusch von der Seite des dritten Gastes her, sahen
ihn hastig unter den Tisch fahren und mit einem
Körper in der Hand wieder auftauchen, den er mit
großem Schrecken und darauf folgender tiefer Wehmuth betrachtete. Es war sein zuerst mit Butter,
dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes, als korrekt
geschnittenes Brod, und dasselbe war — „natürlich“
würde A. E. sagen — auf die gestrichene Seite gefallen.

Ich unterdrückte nur nothdürftig einen mächtigen
Lachreiz, denn es war doch auch gerade, als ob das
„Ratsch“ und das Fallen des Brodes in einem geisterhaften Kausalitätsverhältniß gestanden wären. A. E.
sah ganz ernst hinüber und nickte sanft mit dem Kopfe,
ohne einen Zug des Spottes, ja eher mit einem Zug
der Theilnahme, als wollte er sagen: das kennen wir
armen Sterblichen. Der Fremde schoß jetzt nicht nur
einen, sondern eine Batterie von Blicken, grimmigen,
auf uns herüber und machte sich höchst verdrießlich an
das Geschäft, dem unheilbaren Schnitten einen entsprechenden Nachfolger hervorzubringen.

A. E. fuhr ruhig fort: „Dann ist es überhaupt
so eine Sache mit dem Ding da, den zwei Dingern,
was Kant die reinen apriorischen Anschauungsformen
nannte.“

„Raum und Zeit?“

„Eben. Was ist der Raum denn Anderes, als die
unverschämte Einrichtung, vermöge deren ich, um den
Körper a hieherzusetzen (— er zeigte es an Tassen,
Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, die etwas dicht
auf dem Tische standen —), vorher b dort weg, um
Platz für b zu bekommen, wieder c da hinweg stellen
muß und so mit Grazie in infinitum —? Und die
Zeit? Das ist dasjenige, was man dazu doch nicht
hat. Denn Donnerwetter und alle tausend Teufel,
leben wir dazu, um zehn Griffe nöthig zu haben zu
dem, was kaum Eines Griffs werth ist!“

Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich
lachend den Kopf hin und her und eine sichtbare Unruhe kam ihm in die Beine.

A. E. war nun gut im Zuge. „Ein andermal,“
fuhr er fort, „sind die Nickel unverschämt in entgegengesetzter Richtung. Jetzt will zusammen, was nicht
zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten
Formen: das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges
Blatt, das zum Aktenstoß Y gehört, beim Ordnen,
Aufbewahren zu unterst an Fascikel Z hinkriecht und
mit hinein in das Schubfach schlüpft und sich über
Tag, Woche oder Jahr nicht finden, sich suchen läßt
unter Verzweiflung, Wuth, Rennen bis zum Wahnsinn?
Dagegen ist so was, wie das bekannte, ewige Unterschlüpfen der Damenkleider unter den Stuhlfuß des
Nachbars nur ein kleiner, zierlich pikanter Spaß des
teufelbesessenen Objekts, doch interessant als allein
schon hinreichend, unsere dumme Physik zu stürzen,
denn wer könnte so etwas mechanisch erklären?“

Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: „Es
wird zuviel!“ stieg mit straffen Schritten auf uns los,
pflanzte sich vor A. E. auf und mit Zornblick rief
er: „Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor der
Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam mein
Butterbrod hinuntergeworfen!“

A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz
gelassenen, ganz kontemplativen Blick und schwieg.
Was werden sollte, wer konnte es wissen? Plötzlich
stieg ihm eine flammende Röthe in's Gesicht, seine
Augen funkelten, er fuhr auf und ich, da ich meinen
Mann eben doch noch nicht so ganz kannte, wurde
schon für den Frieden besorgt, als er mit Sturmschritten,
ja mit Sätzen wie ein Panther quer über das Zimmer
nach einer Ecke schoß, wo das oben zart erwähnte
Geräthe stand, und nun gieng ein Husten, Niesen mit
untermischtem Schlucken, seltsamen, wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so schreckliches Glucksen, Kollern,
Fauchen, Raspeln, Schnarren, Stöhnen, schußartiges
Bellen los, als hörte man die rasende Musik eines
Chors von Höllengeistern. Es dauerte ziemlich lange, bis
diese furchtbare Naturerscheinung vorüber war, dann
richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, griff
nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen zu
mir mit jammernswerth fistulirender Stimme: „Bitte,
haben Sie die Güte, den Herrn zu beruhigen! Guten
Tag beiderseits.“

Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt,
als A. E. so rapid in die Höhe fuhr: dann sah und
hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen des
erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden
einen langen, verwirrten Blick nach. Endlich wandte
er sich gegen mich, zwinkerte mich mit den Augen an
und deutete mit dem Finger auf seine Stirn. Ich
zuckte die Achseln. Er schien dieß für volle Bejahung
zu nehmen, war nun wirklich beruhigt und schritt mit
frischem Eifer an die Erneuerung seines Frühstückwerks.

Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnelle
folgen; es hätte scheinen können, als wolle ich mich
aufdrängen. Ich war doch etwas ungehalten, daß er
so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich besann,
was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch ein
halbes Stündchen noch hinzuziehen, fiel mir ein: Halt,
gefunden! Grobian, deine Strafe soll nicht ausbleiben,
du sollst beschrieben werden! Ich gieng gleich an die
Vorarbeit, machte mir eine Reihe von Notizen in
mein Tagebuch und brach auf, als ich annehmen
konnte, mein wunderlicher Held habe nun genügenden
Vorsprung.

Ich schritt geruhig meines Wegs, beschaute mir
See, Fels und hohe Bergeshäupter, nicht eben zu gehobener Naturempfindung gestimmt, der Himmel war
bedeckt, die Spitzen des Nieder- und Oberbauen, des
Uri-Rothstocks verhüllt, ein schweres Grau lag auf allen
Höhen, Tiefen und Flächen. Dennoch war die Landschaft
nicht tonlos. Eine eigenthümliche Unruhe schien im
See sich zu rühren, der doch kaum von einem Windhauch bewegt wurde: kleine Wellen hoben sich da und
dort, als brennte ein Feuer unter dem großen Becken
und das Wasser käme in's Kochen; das gedämpfte
Rauschen mußte ich mit dem Knistern einer leis anwachsenden Feuersbrunst vergleichen. Seltsam blitzte
da und dort ein scharfer Lichtstreifen aus dem Wasserspiegel auf wie ein zorniger Blick aus einem Auge
schießt. Es war etwas Geheimnißvolles, dumpf Verhülltes rings umher, wiewohl alle bestimmten Anzeichen
nahen Unwetters fehlten. Das verschleiert Drohende,
das sich dunkel zu fühlen gab, führte mir doch die
Sturmbilder aus Schiller's Tell vor die Phantasie.
Versenkt in diese innere Anschauung gieng ich meines
Wegs und hatte einen Lärm, der in mäßiger Entfernung sich hören ließ, mit dem körperlichen Ohre
wohl längst aufgenommen, ehe mir die Sinnesempfindung zum Bewußtsein kam. Es war heftiges, zorniges
Geschrei von Männerstimmen, Hundegebell dazwischen.
Jetzt erschollen die wilden Laute schon ganz nahe und
wie ich um eine Ecke bog, sah ich eine Szene höchst
unerwarteter Art, eine Gruppe, die mich in leidiger
Wirklichkeit an die zwei Ringer, die berühmte und
doch unerfreuliche Antike in Florenz, erinnerte. Am
Boden wälzte sich, ankämpfend gegen meinen Reisebekannten, ein Mensch, der offenbar zu dem Handwägelchen gehörte, welches daneben stand. Es war
ein gedrungener, breitschultriger Kerl von offenbar nicht
geringer Körperkraft, aber die Vortheile, die er vorübergehend im Raufen gewann, halfen ihm nichts;
A. E. war ihm an Stärke gewachsen, an Gewandtheit überlegen, drückte ihn mit gewaltiger Faust zur
Erde, kniete über ihm und schrie dem Ueberwundenen
wüthende Worte zu: „Willst du, Thierschinder, mir
jetzt zugeben, daß es ebenso grausam als dumm ist,
Hunde einzuspannen? Willst du begreifen, daß ein
Pfotenthier nicht zum Ziehen gebaut ist, weil ihm der
Huf fehlt, in den Boden zu greifen? Daß es das
Sechsfache der Kraft aufwenden muß, die ein Hufthier
braucht? Daß der gute arme Hund in seinem Diensteifer dieß Sechsfache noch überbietet, während ihr
Henkersknechte diesen Eifer dazu mißbraucht, noch aufzusitzen, ja, das keuchende Geschöpf mit der Peitsche in
Trab hetzt? Weißt du nicht, daß nach einem Vierteljahr solchen Qualdienstes der beste Hund struppirt ist,
lahm im Kreuz und Sprunggelenk?“ Der Unterworfene
remonstrirte in rauhen Gurgeltönen mit Fluchen und
Schimpfwörtern, aus denen ich nur das sonst schon
gelegentlich vernommene „Kaib“ heraushörte. A. E.
holte zu einer Ohrfeige aus, der eingespannte Hund
in rührender Treue versuchte unter rasendem Gebell
seinem Dränger und Quäler beizustehen, vergeblich,
denn ihn hinderten die Riemen des Geschirrs; im
tollen Durcheinander besann ich mich rasch, daß ich
nicht in tadelnswerther Unthätigkeit des Staunens verharren dürfe, rieß mit vieler Mühe die Raufenden
auseinander, half den wüthenden Fuhrmann, der, befreit, alsbald die Fäuste brauchen wollte, festhalten,
und nach langem, langem Reden gelang es mir, so
viel Ruhe herzustellen, daß ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte. Es ergab sich, daß A. E.
den Fuhrmann in der vorhin von ihm verurtheilten
Situation getroffen hatte: der Hund im Trab, der
Mann mit geschwungener Geißel auf dem Wagen
stehend, der eigentlich dazu eingerichtet war, daß er
mit dem Hunde ziehen sollte. A. E. hatte ihn angehalten, vernünftig zu belehren versucht, der rohe
Treiber hatte ihm alsbald mit Hieben gedroht und so
hatte sich die Szene entsponnen, zu deren Ablauf ich
gekommen war. Ich mußte nun A. E. Recht geben;
der Bote erklärte, er wolle klagen; da er aber begreifen mußte, daß er seinem gewaltthätigen Humanitätslehrer die Nennung seines Namens nicht abzwingen konnte, und da ich ihm auseinandersetzte, daß
durch die Drohung mit Schlägen das erste strafwürdige Unrecht auf seine Seite gefallen sei, verlor sich
sein Schimpfen allmälig in ein Brummen, dann in
Schweigen. A. E. war ganz ruhig geworden und
sagte mit einem Tone voll Gutmüthigkeit: „Wollt Ihr
mir versprechen, einen Esel statt des Hundes anzuschaffen, wenn ich ihn zahle?“ Der Bote schwieg und
sah ihn mit einem Blick an, der zu sagen schien:
Dummer Mensch, wie wolltest du mich kontroliren,
wenn ich's verspräche und nicht thäte? „Hört einmal,“
sagte er, „Ihr seid kein reicher Mann, sonst würdet
Ihr nicht Botenfahren —“ Der Fuhrmann betheuerte,
er komme schwer aus und sei Vater von vier Kindern.
„Nun,“ fuhr A. E. fort, „so will ich Euch einen
Vorschlag machen. Schafft einen Esel an, versprecht
mir, wenn es mit dem Thier gut geht, daß ihr in
der Nachbarschaft bei den Boten herum —“ — „O, die
lachen mich aus!“ fiel der abgeneigte Mann ein.
„Ah bah! man muß das nur nicht fürchten, man
wird immer ausgelacht, wenn man was gutes Neues
einführt; nun also, lobt es den Andern, helft, daß
sie's nachmachen! Im Frühling komm' ich wieder des
Wegs und sehe nach Euch, da steht am Wagen Euer
Name und Ortschaft angeschrieben, ich werde Euch
finden, und wenn Ihr dann einen Esel habt, bekommt
Ihr das Doppelte, und wenn Ihr einen, auch nur
Einen Nachbar persuadirt habt, es nachzuthun, das
Dreifache von dem da.“ Er zog einige Goldstücke
heraus und zeigte sie dem Boten. „Wollt Ihr mir
Euer Wort geben?“ Der Mann schlug ein und die
Goldmünzen glitten in seine rauhe Hand. Gerührt
dankte er mit einem zweiten, herzlichen Handschlag und
nahm Abschied. Er fuhr langsam weiter, neben dem
Hund ordentlich ziehend, und wir sahen noch, wie er
das Gold wieder aus der Tasche zog, betrachtete und
wieder einsteckte.

„In der Schweiz,“ sagte nun mein Begleiter,
„empört mich der Anblick dieser Rohheit doppelt.
Ich bin nicht zum ersten Mal in diesem glücklichen Land.
Manches hat mich da gefreut, am meisten die Schonung des Thiers; Pferd und Rind wird menschlicher
behandelt als irgendwo, und gerade da muß nun
dieser Unfug der Hundefuhren herrschen, eine der
allerschnödesten Formen der Barbarei. — Ach, Herr,
ich komm' halt noch in's Zuchthaus, Sie werden's
sehen, denn ich lang' eben doch noch einmal einen
Thierschinder mit dem Stutzen vom Bock herunter —
schießen kann ich.“ —

Ich gieng neben ihm fort; eine Einladung zum
Anschluß glaubte ich nach dem Vorgefallenen und dieser
einläßlichen Gesprächseröffnung nicht erst erwarten zu
müssen. Wir zogen eine gute Weile schweigend weiter.

„Es ist heute sehr schön Wetter,“ fieng A. E.
endlich an.

Ich mochte nichts einwenden, wiewohl das Wetter
war, wie ich es vorhin geschildert habe, also eben nicht
schön zu nennen.

„Warmkaltlaukühl. Ganz schwacher Nordwest mit
oberem Föhn, beide noch nicht im Kampf. Heut'
wird's noch halten; morgen steh' ich für nichts, ich
denke, er wird herunterkommen.“

Ich kannte den Namen Föhn für Scirocco, wußte
aber nichts von Ober und Unter, und ließ mir gern
auseinandersetzen, daß die elektrisch warme, zu uns
von Süden kommende Luft häufig in der höheren
Schichte erkennbar herrscht, während in der unteren
sogar Ost- und Nordwind gehen kann.

„Sie sind ja ordentlich. Draußen — und der
Föhn ist ja doch überall, in Deutschland, in ganz
Europa, wie hier — draußen glaubt mir's Niemand,
so muß ich immer davon reden und gelte als Narr.
Dem Spott nur etwas vorzukommen, habe ich selbst
mir den Namen Föhn-Phänomenoman aufgetrieben. —
Sind Sie auch so ein Freund vom anspruchlosen
grauen Wetter?“

Ich konnte es glücklicherweise ziemlich bejahen.
„Nicht wahr? Doch besser, als bei Prachtwetter sitzen
wie ein armer Teufel an reicher Wirthstafel, dem das
Herz bebt, wenn er an die Zeche denkt? Vollends,
wenn es föhnhell ist! O, das ist ein bildschönes,
wälsches Weib, die Föhnklarheit, wenn sie da ist, ein
Weib, das mit der rechten Hand schmeichelt und die
linke auf dem Rücken hält mit einem Dolch; — da
meinen die Menschen, wenn so ein unheimlich schöner
Sonntagmittag herunterstrahlt, es sei gut Wetter,
und laufen und strömen hinaus dem Vergnügen nach,
und ich, Kassandra, steh' am Fenster und weiß, daß
sie wie gebadete Mäuse Abends heimkriechen.“

„Ach, lassen Sie ihnen die Täuschung,“ erwiderte
ich, „sie bringt den guten Tröpfen doch ein paar
vergnügte Stunden.“

„Ja, ja! das ist auch wahr! Machen wir's nur
auch so, genießen wir dieß philosophische Wetter, obwohl wissend, daß morgen der dumme Lebtag in der
Luft angehen wird, — haben Sie schon im Schopenhauer gelesen?“

Der Philosoph des Nihilismus und Pessimismus
war damals noch sehr wenig bekannt. Ich wußte
ungefähr von ihm, nichts aus ihm, hatte seine Werke
nie zur Hand gehabt.

„Müssen doch hineinsehen und genau. — Geistreich, aber doch eigentlich nur geistreich. Eben doch
nichtig. Sonderbar: Freude, meint er, sei nur im
Anschauen der Ideen, in der Kunst. Aber er muß
doch sein Buch selbst gemacht haben und das war
Arbeit. Hat er denn da nicht spüren müssen, daß
auch Arbeit froh macht? Der alte Knabe Salomo war
doch nicht dumm, der sagt: Nichts besser, denn daß
der Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit, denn das ist
sein Theil. Dienst, mein Herr, Dienst! Dort liegt's!
Das Moralprinzip müßte lauten: du sollst dienen!
Aber wer kann das begreifen, der bloß Gattungen
der Einzelwesen sieht und hinter ihnen gleich das
Nichts? Der nicht merkt, daß das Thun und Treiben
der Vielen etwas herausgearbeitet hat, das über ihnen
steht, ein oberes Stockwerk, bleibende Ordnungen, ewige
Gesetze, denen zu dienen reine Lust ist, weil dieß
Dienen den Diener in's Zeitlose hinaufhebt? Möchte
sonst immer schimpfen, was das Zeug hält, über die
Qual im unteren Stockwerk! Schwätzt immer von
jenen Uebeln, gegen die es doch der Mühe werth ist
den Willen aufzubieten, weiß nichts von reiner Lust
in reinem Kampf — das Moralische versteht sich doch
immer von selbst —, kennt dagegen die Uebel erst recht
nicht, die ihm gerade Wasser auf seine Mühle wären.
Meint, ein dummer Teufel (sogenannter Wille) habe
die Welt gemacht, und er möchte das immerhin, wenn
er nur begriffe, wie dann ein Lichtgott darüber gekommen ist, der nur mit der Vasallenschaar des Teufels,
mit den Dämonen, nicht mehr ganz hat fertig werden
können; weiß nicht, wo die Dämonen eigentlich sitzen,
die den Menschen auf den Tod hassen dafür, daß er
die Liebe und die vernünftige Arbeit in die Welt gebracht hat und ihnen damit das Spiel verderbt, kennt
nicht, weiß nicht aufzuzählen all' ihren Schabernack,
ihre nickelhaften Teufeleien.“ —

Wir waren inzwischen an der Stelle angekommen,
wo man zur Tellsplatte hinabsteigt, ich machte ihn
aufmerksam und führte ihn die Stufen hinunter. Wir
standen bei der Kapelle und sahen uns das Felsriff an.

„So? Ist das da das, wo der Schiller die dumme
Komödie drüber geschrieben hat?“

„Aber, bitte, Sie haben doch vorgestern den frivolen Spötter im Omnibus —“

„Nun ja, natürlich! Der Wicht hatte ja den inneren
Werth der Sage mitverhöhnt — das Moralische versteht sich doch immer von selbst, da soll mir Keiner
den Schiller antasten, aber wenn man's als Geschichte
vorstellt — als ob's geschehen wäre — geschehen
könnte — und weiß es nun nicht zum wahrhaft, zum
allein Tragischen zu wenden, weiß nicht, was die bösen
Geister treiben, in Wirklichkeit hindern, was sie gegen
das Kühne, Große und Gute vermögen und wie darauf, darauf allein die echte Tragödie zu bauen wäre,
darauf, auf den Grund der Wahrheit!“

„Aber ich bitte, was wäre denn hier die Wahrheit?“

„Nun, das sollte doch klar sein! Was anders, als
daß, wenn man mit der Sage annimmt, Wilhelm
Tell sei aus dem Schiff auf die Platte gesprungen,
man nothwendig auch annehmen muß, daß er ausrutschte und in's Wasser plumpte. Und nachher vollends mit einem Fußtritt das Schiff vom Ufer zurückstoßen? Im Sturm? Ich bitte! Das ist keine Kunst,
sogenannte Tragödien, Dramen des hohen Styls zu
dichten, wenn man den Zuschauern Sand in die Augen
streut! Das ist leichter Idealismus, so hoch daherfahren. Sehen Sie, was ich doch aber auch nicht ausstehen kann, das ist, wenn man die Dinge ungenau
nimmt. Die Sage ist naiv, sie weiß nicht, wie sie das
höhere Gesetz umgeht, der Dichter soll bewußt handeln,
nicht blind, leichtsinnig über den Punkt weghuschen,
wo das wahrhaft Tragische ruht. Das aber ist der
Krieg des Menschen mit den Geistern, dort werden
die wahrhaft erhabenen Schlachten und Wunden geschlagen, dort erfolgen die furchtbaren Niederlagen, aus
deren Schauern das tragische Grundgefühl, das heißt
das ganze Gefühl unserer Endlichkeit emporsteigt,“

„Ja, wie würden Sie denn nun aber die Tellsage
behandeln, wenn Sie glauben, daß sie überhaupt behandelt werden könne?“

A. E. schien nur auf diese Einladung gewartet
zu haben, es schien ihm sehr zu gefallen, daß ich mich
so läßlich und eingehend zu ihm verhielt. „Was vorgeht bis zur Einschiffung Tell's mit Geßler und Gefolge,“ so begann er, „das mag im Wesentlichen stehen
bleiben, wiewohl zum Styl, zur ganzen Behandlung viel und Wesentliches zu bemerken wäre. Jener
Realismus, welcher überhaupt allein der echte Idealismus ist, müßte ja natürlich im Ganzen walten;
diese Hirten sind zu allgemein, zu griechisch gehalten,
sind lauter gebildete Redner und das Gute, das
Muthige gelingt ihnen nur so, als ob es keine Kobolde
gäbe. Doch das sei, ich muß zugeben, daß der Dichter
die Ueberfahrt des Baumgarten und den Pfeilschuß
gelingen lassen muß, um da anzukommen, wo er das
erhaben tragische Mißlingen soll eintreten lassen. Die
Szene des Tellsprungs dürfte nun keineswegs nur
erzählt, müßte dargestellt werden, und mit unseren
theatralischen Mitteln wäre das möglich. Also: Tell
springt, gleitet aus, fällt in's Wasser. Wird herausgefischt, trotz allem Sträuben in den Kahn gezogen.
Geßler ruft mit teuflischem Tone: ‚So, jetzt verklabastert ihm den Sitztheil recht tüchtig!‘ Es geschieht, und
zwar um so wirksamer, da Tell's Hosen bereits durch
die Nässe gespannt sind. Erlauben Sie hier eine
kleine Abschweifung. Ich trage mich mit der Idee,
den antiken Chor in die Tragödie hohen Styls wieder
einzuführen, so auch hier. Der Chor spricht bekanntlich allgemeine Betrachtungen aus und könnte zur
Verbreitung nützlicher Kenntnisse verschiedener Art benützt werden. Hier nun, an dieser Stelle, hätte ein
am Lande befindlicher Chor von Kunstfreunden aus
Geßler's Umgebung — ein Anachronismus, ich gebe
es zu, doch ein poetisch erlaubter — einige Sätze über
die Bedeutung der sogenannten nassen Gewänder in
der Skulptur vorzutragen.“

Ein ganz leichtes Zucken lief hier über seine Züge,
so schwach und so blitzschnell, daß ich schlechtweg keine
Zeit fand, einen deutlichen Schluß darauf zu gründen.

Er fuhr fort: „Nun aber macht die Exekution den
armen Heros so wüthend, daß er mit der Kraft der
Verzweiflung sich losreißt und trotz dem Sturm in's
Wasser springt. In höchster Spannung erwartet der
Zuschauer, ob es ihm gelingen wird, sich zu retten.
Der Dichter darf es annehmen; Tell kann gut schwimmen und eine flache Uferstelle erreichen. Darnach ist
nun in der ersten Szene des vierten Akts die Erzählung abzuändern, worin Tell dem Fischer seine Rettung
berichtet. Folgen die Auftritte wie bei Schiller, auch
der Monolog in der hohlen Gasse und das Weitere
bis zu den Worten: ‚Ein neu Gesetz will ich dem
Lande geben, ich will —‘; hier unterbricht sich Geßler,
aber nicht mit den Worten: ‚Gott sei mir gnädig,‘
denn ihn hat kein Pfeil getroffen; vielmehr hört man
nur eine Bogensehne schwirren, gleichzeitig ein ungemein starkes Niesen in einem Busch und die Worte:
‚Verfluchter Zufall, List und Trug der Hölle!‘ Dieß
kann nicht mißverstanden werden. Tell hat sich ja
natürlich verkältet und verniest seinen Schuß; Geßler
ruft: ‚Das ist das Niesen Tell's, verfolget ihn.‘
Allein Tell hat noch Zeit, sich aus dem Staube zu
machen. Nun muß ich Ihnen eine Notiz mittheilen. Ich
habe vor ein paar Jahren in Wien auf dem Schild
eines Tischlers den Namen Tell mit eigenen Augen
gelesen. Das gibt uns den richtigen, den wahrhaft
tragischen Schluß an die Hand: echte, höhere Ironie des
Schicksals: Tell gelangt auf seiner Flucht nach Wien,
nimmt einen falschen Namen an, erinnert sich an seine
Geschicklichkeit in Holzarbeiten, wird Schreiner, zieht
seine Familie nach und überläßt es den Enkeln, im
Verlauf der Zeit den richtigen Namen wieder zu
schreiben. Die Schlußszene gäbe ein herrliches, herzlich rührendes Tableau: der gerettete, wehmüthig zufriedene Tell mit Weib und Kind in seiner Werkstätte.“

„Und Geßler? Und die Schweiz?“

„Nun, Donnerwetter, die Schweizer in Masse
schlagen das Luder todt, das ist doch gewiß besser als
ein Mord, und ich finde es dumm genug, daß sich die
guten Leute so um ihren Tell wehren, um den Einzigen,
da sie Tausende von Tellen gehabt haben. Doch weiß
ich nicht, ob ich das darstellen würde, das Moralische
versteht sich immer von selbst.“

Ich war nur halb aufgelegt, über diesen erhabenen
Entwurf zu lachen; es grub und bohrte doch etwas
in mir wie ein feiner Dorn, oder eigentlich stachen
zwei Dorne in entgegengesetzter Richtung. Es war
dort bei der Stelle vom Chor und den nassen Gewändern und bei dem flüchtigen Zucken um A. E.'s
Mundwinkel doch etwas in mir vorgegangen, was zum
Bewußtsein heraufdringen wollte. Sollte das nicht
am Ende ein Kapitalschelm sein, der dich zum Narren
hat, wie er ja wohl auch den guten Professor der
Physik zum Narren gehabt hat? Dem widersprach nun
freilich so Vieles, daß der Verdacht, kaum geboren,
wieder erstickt wurde; stellte ich mich aber auf diese
andere Seite, so meldete sich in mir ein Aerger, ein
Verdruß über solches Pflegen und Hegen des Peinlichen, das am Ende doch krankhaft, weichlich, wohl
auch selbstgefällig zu nennen war. Da nun mein
Begleiter durch seinen Idealentwurf für eine bessere
Tragödie Wilhelm Tell wieder auf das leidige Katarrhthema kam und daran fortnörgelte, so steigerte sich
dieses zweite Gefühl allgemach zur Entrüstung. In
der That wurde er nun entsetzlich langweilig, unleidlich
ermüdend. Er klagte die Geschichtsschreibung an, daß
sie, die doch nichts Großes und nichts Kleines im
Gang der Weltgeschichte zu verstehen, zu würdigen
vermöge, ohne die Katarrhe, die dabei mitgespielt
haben, in ihrem Wesen, Verlauf und ihrer Individualität gründlich zu kennen, ihre Pflicht versäume, er
fragte mit Pathos: „Ist auch je Einer in seiner
Genesis, Verwicklung, Ablauf exakt — was doch allein
historisch — zur Darstellung gelangt? Mein vorletzter
zum Beispiel domizilirte zuerst acht Tage lang im
linken Nasenloch, ich hoffte bereits —“

Ich bat ihn um Gottes willen, abzustehen, ich wolle
ja gern Alles glauben, aber er verzichtete nur, um
nun auf's Minutiöseste auszumalen, wie sich just, wenn
man keine Hand frei habe, zum Beispiel einen Kupferstich mit beiden halte, ein heißes Tröpfchen an der
Nase sammle und dann natürlich mitten auf das
Kunstwerk falle; er verbreitete sich des Näheren und
Nächsten speziell über den krampfartigen Hustenreiz,
der gerade nach Lösung eines Katarrhs zurückbleibe;
eine Reihe von Bildern: Kitzeln mit einer feinen Nadel,
einem Roßhaar, Zusammenschnüren mit einem Pechfaden und dergleichen, wurden verwendet, — und so
schien es sich in's Unendliche ziehen zu wollen. Wir
waren jetzt in einen der Tunnels eingetreten, die so
kühn durch die Felswände des Axenbergs gesprengt
sind; A. E. verstummte im Dunkel, während in mir
der angesammelte Verdruß zum Zorn anschwoll. Als
wir heraustraten und mein Begleiter alsbald seinen
Pechfaden wieder aufnahm, als ich hinabsah nach dem
See, wie er am Fuß des senkrechten Felsabsturzes
anschlug, so war mir, als sei mein Grimm mit
diesem Gestein und dieser grollenden Flut Ein Ding
und müsse ich auch so trutzig sein wie der jähe Fels
und so brandig wie der Gischt der anprallenden Woge
aufschäumen, ich stand plötzlich still und sagte in hartem
Ton: „Herr, jetzt ist Heu genug hunten!“ Ich wollte
rasch fortfahren, A. E. hätte mich fast aus dem
Konzepte gebracht, er legte mir bei diesen Worten die
Hand auf den Arm und fiel schnell und munter ein:
„Hunten, Gegensatz von drunten, das ist gut, gutes
Wort, kannte es noch nicht, versteh' es aber;“ jedoch,
einmal im Zuge, fuhr ich fort: „Sie glauben interessant zu reden und reden nur langweilig; Sie gefallen
sich darin, die Wahrheit des Lebens auf den Kopf zu
stellen; Sie haben einen Palast vor sich und nehmen
zum Standpunkt für Ihr Urtheil die Hinterseite mit
dem, was sie verbirgt; was man vergessen soll, bei
dem halten Sie sich auf, was des Denkens nicht werth
ist, darüber studieren Sie, daraus machen Sie ein
System! Was keiner Zeit werth ist, dem widmen Sie
Ihre beste Zeit, was winzig ist, treiben Sie auf und
vergrößern Sie, um recht närrisch zürnen zu können.
Nicht aufgespart, sondern aufgezehrt wird auf diesem
Wege die Kraft des Widerstandes gegen die großen
und ernsten Uebel des Lebens!“

A. E. besah während dieser Worte nachläßig seine
Cigarre, die dem Ende zuneigte; dieß reizte mich, noch
hinzuzusetzen: „Uebrigens rauchen Sie auch zu viel! Lassen
Sie das, und es wird mit den Katarrhen besser werden!“

Er hatte eben den Cigarrenstumpf aus der Meerschaumspitze geblasen, dieser blieb an dem anklebenden
Ende des aufgerollten Deckblattes hängen; er ließ den
Klunker hin und her baumeln und sah diesen Pendelschwingungen ein paar Sekunden zu, schickte dann
einen geruhigen Blick auf mich herüber und sagte:
„So? Tetem? Adjes!“

Er zog den Hut, eilte hinweg und überließ mich
der vergeblichen Anstrengung, in dem freilich sehr schwachen Vorrath meiner Sprachkenntnisse eine Erklärung des
nie gehörten Wortes zu suchen. Es schien mir orientalisch und ich mußte den Versuch aufgeben, da mein
Wissen an dem Gebiete der Sprachen des Morgenlandes rein aufhört. Ein Spott mußte jedenfalls
dahinter stecken. Dazu kam das „Adjes“. Ich verlangte nicht, daß er Adieu hätte sagen sollen, aber
wenigstens: Adje; das s war grob. — Ich suchte
mir den schroffen Abbruch aus dem Sinn zu schlagen,
um mir die Reiselaune nicht zu verderben.

Flüelen war erreicht, A. E. aus meinen Augen
verschwunden. Ich schlenderte erst an der Schifflände,
es unterhielt mich, dem Treiben des Wasserverkehrs
zuzusehen. Ein abgehendes Dampfboot nahm Reisende
auf, die mit der Post über den Gotthard gekommen
waren, darunter drei Jesuiten, die, kaum eingestiegen,
ihr Brevier hervorzogen und, auf dem Verdeck wandelnd, ihre Gebete halblaut ablasen; die Ankunft eines
großen Rachens, der eine als englisch oder schottisch
leicht erkennbare Familie an's Land setzte, zog mich
ab und befreite mich von dem widerlichen Anblick.
Ein würdiger älterer Herr, eine anmuthvolle Frau,
aus deren Schalten mit zwei schönen Knaben zu entnehmen war, daß sie ihre Mutter sein mußte, während
ihre ganze Erscheinung zu jenen gehörte, die sich in
die reiferen Jahre das Gepräge der Jugendlichkeit, der
Jungfräulichkeit bewahren; eine ältere Dame mit
langem, welkem Gesicht und gestrengen, essigsauren,
puritanischen Zügen, offenbar Gouvernante. Alle waren
in Schwarz gekleidet; eigenthümlich wohl stand jener
edlen Gestalt die ernste Farbe, ihr Wuchs war von
der reinsten Schlankheit, es war, als biege sich eine
junge Weide, wenn sie sich zu den Knaben niederneigte.
Ihre Gesichtsbildung war nicht eben regelmäßig schön,
aber durchdrungen und belebt von einem Ausdruck
der rührendsten Güte und Offenheit. Die Gesichtshaut
war blaß ohne Anschein von Kränklichkeit, überhaucht
von jenem Dufte, der an den weichsten Pfirsichflaum
erinnert, und vollkommen gestimmt zu dem glanzlosen
Aschblond der anspruchslos glatt gescheitelten Haare.
Man hätte zu dieser Farbe blaue oder graue Augen
erwartet, sie waren aber braun, dunkel, südlich, doch
ohne einen Funken der Leidenschaftlichkeit, die oft aus
solchen Augen blitzt, vielmehr lag darüber jenes Etwas,
das durch den Ausdruck: beflort, beschleiert nur
mangelhaft bezeichnet wird. Es war das nicht bloß
ein Zug von Trauer, wozu man die Erklärung in
ihrem schwarzen Anzug finden konnte, es waren die
langen Wimpern und ihre beschattende Wirkung, die
großen Augenlider, es war der mandelförmige Schnitt
des ganzen Auges, was jene Art träumerischer Verhüllung
bewirkte, wie man sie wohl bei umbrisch-italienischen
Frauenaugen trifft, aber bei angelsächsischem Blute
nicht zu finden gewohnt ist. Die Lippen waren nicht
zurückgekniffen, wie man es bei Mann und Weib im
englischen Volke so häufig bemerkt und aus der Gewöhnung dieses Organs bei der Aussprache des W
sich leicht erklärt, sondern gesund, voll, blühend, athmend, umspielt von einem Zuge, der mir vor die Seele
führte, was der Edelmann im König Lear zu Herzog
Kent von Cordelia sagt und ihren „reifen“ Lippen.
Schwer rieß ich mich von dem Anblick los, der mich
mehr und mehr gefangen nahm. Aber mein Reiseplan stand fest, ich mußte vorwärts, denn ich wollte
heute noch Amsteg erreichen, dort übernachten, morgen
den Gotthardpaß in seinen wilden Hauptstellen mit
Muße beschauen, etwa bis Andermatt gelangen und
von da die Rückreise antreten, denn meine Zeit war
kurz bemessen; Alles zu Fuß, um ganz unabhängig der
Betrachtung mich hingeben zu können. Mittag wollte
ich in Bürglen machen, im Schächenthal; ich hatte mir
den kleinen Abstecher vorgenommen, um doch auch einmal die Stätte zu sehen, wohin die Sage Tell's
Heimat verlegt und die durch Uhland's Gedicht über
seinen Tod gefeiert ist. Ich gieng rasch durch Flüelen,
nachdem ich noch gesehen hatte, wie die englische Familie sich im ausgeworfenen Netz eines Heeres von
Kutschern verstrickte, wobei die steife ältere Dame die
Rolle der Dolmetscherin in den Unterhandlungen um
den Fahrpreis zu spielen schien. In Altorf wollte ich
erst kurzen Halt machen und einen Imbiß nehmen. Wie
ich da einem Wirthshause zugehe, führt mich der Weg
an einem Trödlerkram vorüber, mein Blick fällt durch's
niedrige Fenster in die Stube und wen erkenne ich da
drin? Meinen A. E., eben eine Brille prüfend, gegen
das Fenster haltend; der Trödler, sichtbar zum Kaufe
zuredend, stand neben ihm. Ich blickte schnell wieder weg,
hatte aber doch Zeit gehabt, zu bemerken, daß es eine
Brille von gediegen altmodischer Gestalt war, und mich
an die Zwiebel zu erinnern, die mir in Brunnen als
redlichere Nachfolgerin einer zertrümmerten Uhr gezeigt
worden war. Zugleich meinte ich, so flüchtig mein
Blick auch gewesen, doch beobachtet zu haben, daß A.
E. mich erkannte und sich umdrehte.

Ich weiß nicht, welche Rührung in diesem Momente über mich kam. Während der Anblick doch eigentlich komisch war, fiel mir Alles ein, was mich an den
Mann angezogen, ja, ich muß gestehen, mir imponirt,
mich sogar in ein gewisses Verhältniß nicht drückender
Unselbständigkeit zu ihm gesetzt hatte; seine Schwächen
und Grillen flößten mir nicht mehr Unwillen, sondern
Theilnahme ein. Es kam mir klarer zum Bewußtsein,
was es doch eigentlich war, das diesen Menschen so
peinvoll empfindlich, so schaallos gegen die kleinen
Uebel des Lebens machte. Ja, ich war jetzt sogar geneigt, den Ausdruck: Vernunftwuth, den er einmal
von seiner durchdachten Leidenschaft gegen diese Dinge
gebraucht hatte, zu verstehen, zurechtzulegen. Kurz, ich
fieng an, zu bereuen, daß ich ihm unfreundlich begegnet war, und es tröstete mich noch ein wenig, daß
ich ein noch härteres Wort, das mir dort am Axentunnel auf der Zunge lag, unterdrückt hatte, nemlich:
alter Kindskopf! Doch, das half nicht viel; ich verzehrte in der That mit mehr Hunger als Frohheit
meine paar Schinkenschnitten und Eier und nahm
ziemlich verdrossen, mit wenig Sinn für große und
kleine Windgelle und Bristenstock, meinen Weg unter
die Füße. Ein Wagen fuhr an mir vorüber, ich
erkannte gleich an einem der Knaben, der neben dem
Kutscher auf dem Bocke saß, die fremde Familie
wieder, ich traute meinen Augen kaum, als mir schien,
ich entdecke im Innern neben der anmuthigen Britin
oder Schottin meinen A. E. Das Fahren an sich
schon war es, was mich an ihm wunderte, denn er
hatte auf der Axenstraße, als ein Reisewagen an uns
vorüberfuhr, gesagt: „Da hocken sie wieder drin im
Kasten, der nach Leder riecht, und haben nicht ein
Fleckchen Raum, um nur auszuspucken,“ wobei er, seiner
Freiheit froh, in stolzem, kühnem Bogen die hiemit bezeichnete That verrichtete; er hatte ferner bei derselben
Gelegenheit das Fahren für die unter allen Umständen
unbequemste, dummste und anstrengendste Art der Fortbewegung erklärt. „Was haben doch die Menschen
für Begriffe von Freiheit,“ rief er aus, „da meinen sie,
frei zu sein, weil sie die Beine nicht rühren!“ So
nahe es nun lag, den Widerspruch, in welchen der
leidenschaftliche Freund freier Bewegung sich dießmal
begeben, aus einer Bekanntschaft mit der Familie zu
erklären, der Zustand meines Gewissens raunte statt
dessen mir ein, er werde sich zur Fahrt entschlossen
haben, um mit gutem Schick an mir vorüberzukommen;
eine Vorstellung, die eben nicht geeignet war, meine
Laune zu verbessern. Daß mein Reiseziel der Gotthard sei, hatte ich A. E. gesagt; daß auch er dahin
strebe, war keine Frage; es schien mir so die Hoffnung genommen, noch einmal mit ihm zusammenzutreffen und eine Aussöhnung zu suchen. Da ich nun
doch einmal zum Nachzügler geworden, blieb ich um so
mehr bei meinem Vorhaben, die kurze Seitenwendung
von der Hauptstraße ab nach Bürglen zu nehmen.

Der Kellner im Gasthof zum „Wilhelm Tell“
sagte mir, wie ich eintrat, ich könne sogleich am Mittagstisch Platz nehmen, das Essen habe begonnen, er
werde mir nachserviren. Ich lege ab, lasse meinen
Anzug säubern, trete ein und mein erster Blick begegnet
dem verlorenen Reisegenossen. Er saß mitten unter
der englischen Familie, dem Alten gegenüber, zu seiner
Rechten die junge Frau oder vielmehr sichtlich Wittwe,
zu seiner Linken die Gouvernante. Die Tafel war außerdem von Fremden so besetzt, daß für mich nur Ein
Platz blieb, und zwar neben dem älteren Herrn und den
zwei Knaben, dem Meidenden und Gemiedenen schief
gegenüber. Er grüßte nicht unfreundlich, doch formell.
Er war im Gespräche mit der Mißeß begriffen. Sie
sprachen italienisch, wohl in der Voraussetzung, daß
Wenige der Tischgäste dieser Sprache kundig seien.
Ohne zu horchen konnte ich wohl vernehmen, daß
einige Fragen A. E.'s sich auf einen Todesfall beziehen
mußten, dessen Einzelheiten ihm wohl unterwegs schon
erzählt worden waren. Ich hörte den Namen Erik.
Aus Ton und Mienen der Dame ließ sich erkennen,
daß das Gespräch sich auf den verlorenen Gatten beziehen mußte; es war der Ausdruck gehaltenen Schmerzes
einer Seele, die mit der Kraft der Sanftmuth schweres
Leiden beherrscht. Tief bewegt hörte A. E. ihr zu,
man sah, daß er diesen Kummer im tiefsten Gemüthe
theilte und ebensosehr die Schönheit des Schmerzes
in dieser anmuthvollen Erscheinung bewunderte. Mit
Blicken wie Blicke der Andacht schaute er zu ihr auf
und wirklich mußte ich mir nun sagen, daß mir nicht
umsonst Cordelia in den Sinn gekommen war, denn
niemals wird Wehmuth und ein gewisses Lächeln, wie
es auf den Lippen, in den Wangengrübchen wohlwollender Seelen zum bleibenden Zuge wird, sich
schöner auf einem Angesicht verschwistern. Nicht minder
herzgewinnend war die sanfte Stimme und der Klang
des Italienischen in diesem Munde. Sie sprach es
nicht völlig rein; der Vokal a nahm eine Färbung
gegen ae an, aber nur eine ganz leise, weit entfernt
von der Quetschung, die dieser reine Laut in der englischen Aussprache sonst erfahren muß. Alle übrigen
Buchstaben kamen ganz lauter und richtig, nur viel
milder, als aus südlichen Organen; es war eine Süßigkeit, Zartheit, Keuschheit in dieser Mischung, in diesem
dämpfenden Lispeln, wobei doch der Bestimmtheit und
Klarheit der Laute ihre Geltung blieb, daß ich mir sagen
mußte, man könnte nicht nur lingua toscana in
bocca romana rühmen, sondern auch lingua toscana
in bocca inglese. Die ältliche Dame hatte inzwischen mit
dem alten Herrn ein Gespräch über Volk und Natur der
Schweiz begonnen, soviel sie auf dieser Reise bis dahin
gesehen, und wandte sich jetzt an A. E. mit der Aufforderung, auch seine Meinung zu sagen. Das Volk
fand sie etwas viereckig und derb. Sie war bei dieser
Anrede vom Englischen in's Deutsche übergegangen und
schien gerne zu zeigen, daß sie dieser Sprache mächtig
sei, deren Töne in ihrem Mund allerdings stark angelsächsische Trübung annahmen. Die Unterbrechung war
ihm sichtbar lästig, es zuckte auf seinem Gesicht und
er diente nun der Fragerin mit einer Vergleichung der
schottischen Hochländer und der Schweizer, die offenbar
zu Gunsten der Letzteren gemünzt war, deren Inhalt
ich aber kaum verfolgen konnte, da sein sonderbares
Lippenspiel meine ganze Aufmerksamkeit anzog. Er
lenkte nämlich das Gespräch wieder in's Englische und
sichtbar trieb ihn der Aerger, die englische Aussprache
zu karikiren. Er zog zum Beispiel bei den Sylben,
wo w und a zusammentreffen, wie bei what, die Mundwinkel um ein Gutes weiter zurück, als üblich, und
brachte so eine Reihe froschähnlich quackender Laute
hervor, welche die beiden Knaben mit offenem Munde
und sichtbar gegen Lachreiz ankämpfend bestaunten,
und mir gieng es nicht besser. Jetzt kam die säuerliche
Dame, die das in ihrem Eifer nicht merkte, auf die
Landschaft zu sprechen und dehnte ihre Vergleichung auch
auf Norwegen aus. A. E. wurde dabei sichtbar unruhig und als sie die Schönheit der Wasserfälle rühmte,
den Rjukanfoß als den mächtigsten, den Ovsthusfoß
als den eigenthümlichsten erwähnte, fuhr A. E. sichtbar
zusammen, erbleichte und das Messer entfiel seiner Hand.

Jetzt wendete sich die aschblonde junge Frau zu
ihm her, näherte ihm mit unaussprechlich sanfter Beugung — Johannes auf Leonardo's da Vinci Abendmahl fiel mir ein — ihr liebliches Haupt und begann
zu flüstern. Ich konnte vernehmen, daß es nicht
englisch und nicht italienisch war, was sie jetzt sprach;
es mußte, wie ich aus einigen Lauten schloß, norwegischdänisch sein.

Der ernste alte Herr hatte inzwischen mit seinen
Enkeln — denn das mußten die Knaben ja sein —
ein Gespräch über Wilhelm Tell begonnen. „Laßt sehen,“
sagte er, „was ihr von Miß Alton gelernt habt,“ und
ich erkannte jetzt, was die steife Dame bei der Familie zu thun habe. Sie war Lehrerin der Knaben
im Deutschen und zugleich Reisemarschallin in deutsch
redendem Land. Diese zeigten sich nicht nur in der
Sage, sondern auch in Schiller's Drama wohl bewandert und die Sprachmeisterin nahm nun Anlaß, in
volleres Licht zu setzen, wie weit sie es in ihrem
Unterricht gebracht habe, sie forderte den älteren, etwa
dreizehnjährigen, auf, auch Schiller'sche Verse in antikem Metrum vorzutragen. Er wählte das schöne
Distichon auf das Distichon, und begann, unterstützt
von der mitskandirenden Lehrerin:

„Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule —“

So weit kam er.

Die Geschichte ist eine strenge Wissenschaft. Sie
kennt nur die Wahrheit. Die Schicklichkeit wird sie
beobachten, so lang es thunlich, ohne ein wesentliches
Stück der Wahrheit zu unterdrücken. Würde diese
leiden, wenn sie jener sich fügte: sie wird, wenn auch
mit Wehmuth, unerbittlich ihre Bahn verfolgen. Zarte
Gemüther, denen diese Strenge unerträglich: sie sind
frei, sie können die ernsten Blätter der Geschichte zuklappen, sie können weiter lesen — nach Belieben.
Es hatte mir geschienen, A. E. sei des lästigen Uebels,
das ihn auf der Reise befallen, ungewöhnlich schnell
los geworden; doch das war Täuschung.

Ein Niesreiz just bei jenen Worten — schnelle
Seitenwendung von der schönen Nachbarin ab —
Taschentuch — vorsichtige Applikation — trotzdem —
der Ueberraschte schien im Drang des Augenblicks versäumt zu haben, eine doppelte Ringmauer von Leinwandfalten um den kleinen Geyser der Nase zu bilden,
— eine ganz dünne Fontäne steigt in zierlichem Bogen und fällt nieder in den soeben mit Kappernsauce
frisch versehenen Teller der gestrengen Dame zur Linken.
Diese zuckt zusammen und rückt mit dem Stuhl. Die
Freundin zur Rechten bemerkt den Vorgang nicht,
wohl aber der Alte, der ein Lächeln unterdrückt, und
sehr wohl die zwei Knaben, die ein helles Lachen nicht
unterdrücken, und nicht minder der Kellner, ein Subjekt mit einem jener Gesichter, die man als ohrfeigenwürdig bezeichnen möchte; er sprach einen abgeriebenen
rheinischen Dialekt und war offenbar nur für die
Sommersaison herbeschrieben, A. E. hatte ihm ab und
zu einen Blick voll Widerwillen zugeworfen; dieser
nahm grinsend den Teller schnell weg und schob einen
neuen hin.

A. E. war verschwunden, als hätte ihn die Erde
verschlungen. Beklommen suchte ich eine Unterhaltung
mit der schönen Frau einzuleiten, vermochte aber in
meiner Beunruhigung nicht, sie fortzuführen, und brach
auf, ehe der Nachtisch kam. Ich erledigte meine Zeche
und war unten im Hausflur angekommen, als A. E.
die Treppe herabgerasselt kam, hinter ihm der Kellner,
der ihm nachrief, er bekomme noch heraus. A. E.
hörte nicht, wollte an mir vorüberstürzen, blieb aber
plötzlich stehen, faßte mich am Arm und zeigte auf
eine Katze, die mit ihrem Jungen auf einem Strohstuhl schlief. Es war ein schönes Thier, von dem
seltenen dreifarbigen Schlage, schwarz, rothgelb, weiß,
und sie hatte beide Vorderfüße um ihr gleichfarbiges
Junges gelegt: eine wirklich rührende Gruppe. „O,
sehen Sie,“ rief A. E., „aber auch wie eine Raphaelische Madonna!“ — Das war Sache eines Moments;
im nächsten sieht A. E. den Kellner vor sich stehen,
der ihm, noch dasselbe Grinsen auf dem Gesicht, womit er vorhin den Teller der Gouvernante gewechselt
und dadurch die leidige Ungeschicklichkeit markirt hatte,
nun das übrige Geld hinhält. Ihm versetzt A. E., die
Faust ballend, mit dem Gelenk des Mittelfingers einen
Stoß unter das Kinn und stürmt aus dem Hause.

Der Kellner war rücktaumelnd auf die Treppe hingestürzt, richtete sich auf, stand zuerst sprachlos und
brach dann in heftiges Schelten aus. Ich konnte
mich nicht enthalten, dem Menschen zu sagen, ihm
geschehe recht; jetzt fährt er wild gegen mich auf, in
verspäteter, fehlgehender Rache hebt er die Faust und
ich versetze ihm eine Ohrfeige. Es stand nun bedenklich, denn am Thürpfosten lehnte der Hausknecht und
der doppelt Geschlagene rief ihn zu Hülfe; dieser jedoch
verharrte in seinem Phlegma und sagte zu mir: „Schad't
nichts, der Herr ist immer naseweiß gewesen, gehört
ihm schon lang eins hinter die Ohren.“ So konnte ich
denn ohne weitere Fährlichkeit abziehen und fragte nicht
nach den Schimpfworten, die mir der Bestrafte nachrief.

So war ich denn wieder allein. Wohl sagte mir
nun mein Gefühl, daß hier im Grunde etwas Trauriges vorgegangen sei; mußte an sich schon ein so
peinlicher Zufall einen Mann, wie ich A. E. kannte,
höchst empfindlich treffen, so waren hier überdieß offenbar Beziehungen zerrissen, deren Tiefe und Zartheit
ich gar wohl ahnen konnte. Allein das Mitleid blieb
ganz im Hintergrund, ich verspürte zunächst keine Nachwirkung in mir, als eine unbezwingliche Lachlust,
mehr allerdings über die Prügelszene am Schluß, als
über die Katastrophe bei Tisch. Ja es wollte mir
kaum gelingen, angesichts der Begegnenden auf der
Straße die Erscheinung der Menschenwürde nothdürftig
aufrecht zu erhalten; einmal, als eben ein paar rothbackige Bauernmädchen vorübergiengen, konnte ich mich
so wenig beherrschen, lachte so laut auf, daß ich die
eine hinter mir sagen hörte: „Was hat auch der Herr,
es ist ja noh niht Suserzit.“ Der trotzige Ernst
der furchtbaren Steinpyramiden, Stöcke, Kuppen, der
schroffen Wände, die mir näher und näher entgegenstarrten, als ich wieder in das Thal der Reuß eingetreten war, sie vermochten nicht, mein muthwilliges
Herz zu bändigen; als ich bei sinkendem Abend in
der Nähe von Klus dem eilenden Bergfluß näher
trat und sein Rauschen mir stärker und stärker in das
Ohr drang, wurde mein Zustand statt ernster nur
närrischer. Das dumme, unsinnnige Wort Tetem
kam mir in's Gedächtniß und es war mir angethan,
daß ich den blöden Laut nicht mehr los wurde. Ein
begegnender Bauer grüßte mich und ich antwortete:
„Tetem“. Ich blieb öfters stehen und starrte in die
dunkel murrende, dem schroffen Felsblock auf gehemmter Bahn entgegengrollende Flut, ich wollte
an diesem Bilde mich zum Ernste zwingen, aber es
half nichts: als hätte ich die kindische Wortform in
den Strudeln gelesen, zöge sie als Resultat meiner Betrachtung aus der wilden Woge, mußte ich denken, sagen:
„Richtig, ja, Tetem!“ Die Felshäupter, Zacken, Zinken,
Ecken hatten Mäuler, nickten und blöckten: „Tetem!“,
„Tetem!“ brummte der Bristenstock, „Tetem!“ kicherte
der schroffe Gitschen, „Tetem!“ gellten die Windgellen.

Ich wurde mir selbst zum Abscheu und fieng das
Laufen an, um mir zu entspringen; was half es?
Nun schlug meine Umhängetasche mit rhythmischen
Schlägen mir an die Hüfte: „Tetem! Tetem!“ Ich
rieß sie von der Schulter, es erschien mir als das einzig Rationelle, sie hoch in der Luft zu schwingen und
zur Strafe sammt ihrem Inhalt an einem Felsen abzuschlagen; der Inhalt fiel heraus, und während ich
mich bückte, die sieben Sachen aufzulesen, erschrack ich
über mich selbst in der Tiefe meiner Seele: „Um
Gottes willen,“ rief es in mir, „der Mensch hat dich
angesteckt, du wirst verrückt!“ Es zogen mir Wolken,
Wallungen über das Gehirn her, und als ich in die
Wirbel sah, in denen das Wasser zwischen den Granitblöcken sich dreht, um dann schäumend vor- und hinabzustürzen, so wurde mir, als wirble und schäume es mir
gerade so in meinem armen Kopfe. Ja, ja! es ist nicht
anders, der Mensch hat dir's angethan! Aber während
ich innerlich so sprach: der Mensch! stellte sich freiwillig die Vernunft ein: der Mensch! O ja, ein
Mensch! ein menschlicher Mensch! Die Stimmung
kam wieder, in welcher ich Bürglen zugewandert war:
Reue über mein hartes Anlassen dort auf der Axenstraße, Rührung, Mitleid, Liebe, und hinter und über
der Liebe Achtung, und je mehr Achtung, um so mehr
wieder Mitleid; kreuzweise durchbohrt von all' den
widersprechenden Gefühlen, aufgeregt im Grunde der
Seele und niedergeschlagen zugleich langte ich in Amsteg an und nur die Ermüdung brachte mir den erwünschten Schlaf, tief und traumlos, wie er nach
tüchtigem Marsch den Wanderer erquickt.

Ich stand früh auf und gieng rüstig meiner Straße.
Mein A. E. schien dießmal wenigstens keine Wetter-Kassandra gewesen zu sein. Die Luft war hell; der
Bristenstock stieg rein gezeichnet in die Höhe und gönnte
dem Auge, mit Wohlgefallen an seinem Kegel empor- und an dem sanft geschwungenen Sattel seiner linken
Abdachung niederzusteigen. Steiler und wilder starrten
die näheren Felsen aus dem bewaldeten Fuße hinan
und schauten ernst auf die sanften Matten, die friedlichen Dörfer herab. Bald offener fließend, bald in
tiefe Schluchten eingewühlt, dumpf tosend und
trommelnd wälzte die Reuß ihre milchig hellgraublauen
Wogen. Manche Stellen nah' am Wege erzählten
eine grause Geschichte von Zertrümmerung der Felswelt des Hochgebirges. Da lagen ganze Haufen wild
übereinandergeworfener Steinmassen, in allen Richtungen der Stellung verworren hingeschüttet und aufgethürmt; hier und da aber ragte ein vereinzelter
Felsblock von ungeheurer Größe, bemoost und etwa
von kleinen Tannen bewachsen, die mit den seltsam
verkrümmten Wurzeln in die Spalten hineinsuchten,
um kümmerliche Nahrung zu finden. Schaute man
nach den Gebirgswänden auf, so konnte man bei dem
einen und andern dieser niedergestürzten Riesen noch
die Stelle entdecken, wo er einst oben hieng, da sich
die Gleichheit seiner Form mit den Umrissen einer
Kluft in dem Felsenkörper, zu dem er gehört haben
mußte, klar erkennen ließ. Mit welchem Donner
mögen einst diese Lasten, Alles rings zerschmetternd,
nieder in's Thal gesprungen sein! In der Nähe von
Wasen fand ich einen solchen Block am Wege, wohl
fünfzehn Ellen hoch, dem das Alles bezwingende Geschick eine seltsame Verknüpfung des Furchtbaren mit
dem Komischen beschieden hatte: er trug ein Kartoffeläckerchen auf seinem Rücken. Ich mußte geradezu
lachen; der Gegenstand schien mir so sehr bedürftig,
poetisch behandelt zu werden, daß ich in Wasen, wo
ich eine Erfrischung einnahm, trotz allem herzlichen
Verzicht auf den Anspruch, ein Dichter zu sein, ein
paar Verse darauf schmieden mußte. Der Leser wird
erfahren, warum ich so unbescheiden bin, dieß anzuführen. Als ich weiter gieng, fühlte ich mich über
Erwarten müde. Ich hatte doch erst dritthalb Stunden
gemacht. Es war eine Schwüle gekommen, die Luft
wurde dunstig ohne Wolken, der Dunst nahm einen
strohähnlich fahlgelben Ton an, verdünnte sich aber
allmälig und wiech einer neuen, sonderbaren, unheimlichen
Helle, da von den Massen im Mittel- und Hintergrund ganz jener bläuliche Duft hinwegschwand, welcher
doch eigentlich allein der Landschaft den malerischen
Schein verleiht, der sie vom Stoffartigen entlastet, zugleich aber die Entfernungsgrade klar unterscheidet und
dadurch unser Raumgefühl ausweitend lüftet und beglückt. Zufrieden aber, daß man doch deutlich sehen
konnte, drang ich vorwärts, denn meiner wartete noch
das Größte: die starrste Felswelt und der wildeste
Kampf zwischen Wasser und Fels auf der Strecke von
Göschenen bis zum Urner-Loch, die schauerliche Schlucht,
die den Namen der Schöllenen trägt. „Kennst du
den Berg und seinen Wolkensteg?“ sang es in mir,
als ich in die Biegung eintrat, welche die Straße bei
dem genannten Dorf links nimmt, — „in Höhlen
wohnt der Drachen alte Brut — es stürzt der Fels
und über ihn die Flut.“ — Die Phantasie läßt sich
den Zwang nicht anthun, sich die Art, wie sich einst
das Wasser diesen Weg bahnte, als einen Jahrhunderte,
Jahrtausende dauernd langsamen Gang vorzustellen,
sie muß sich den Durchbruch wie einen fürchterlichen
stürmischen Gewaltakt denken, sie wirft sich selbst in's
unwiderstehliche Element hinein, stürzt sich tobend mit
ihm auf die trotzenden Riesen, zertrümmert sie, schleudert sich ihre ungeheuren Blöcke in den Weg und
schäumt zornig zischend, brausend, brüllend über das
selbstbereitete Hinderniß dahin.

Bei einer der Windungen des Weges bekam ich
plötzlich einen Stoß, der mich fast zu Boden geworfen
hätte. Auf Geiersittigen war jetzt der Föhn über das
Joch herabgeschossen und schrie wüthend auf, da er
sie an den stahlharten Felswänden zerstieß. Zwischen
sein Aechzen, Pfeifen, Kreischen, Heulen mischten die
klagenden, grollenden Wasser ihr Weinen, ihr Schelten,
ihren Donner; es war, als sei die Hölle losgelassen.
Die Sinne wurden betäubt, die Augen brannten in
ihren Höhlen, es war, als siedete es mir in den Ohren,
als wäre mir höllischer Schwefelbrodem durch alle
Poren der Haut in den Leib gepeitscht, glühte mir
den Schlund herauf und hauchte Flammen aus meinen
heißen Lippen, meine Schritte taumelten und schwankten,
als wäre ich betrunken. Und jetzt, — halt, was sehe
ich? Täuscht es mir der Schwindel vor? Auf dem
Vorsprung eines der granitenen Felsungeheuer eine
Gestalt — ist es möglich? kann ein Mensch dort hinaufgelangen? — und die Gestalt: ich erkenne sie —
A. E! Den Rücken an die Felswand gestemmt, einen
Fuß vorgestellt, die Faust himmelwärts geballt —
der Sturm wühlt in seinen Locken — den leichten
Mantel, den er auf der Wanderung gerollt über die
Schulter getragen, hat er umgenommen, er flattert in
den Stößen und Wirbeln der Windsbraut, und sie
zaust und zaust, bis er ihm vom Leibe gezerrt ist,
dort fliegt er, bleibt an einem Dornbusch hoch an der
Felswand wie eine gespießte Fledermaus hängen —
aber A. E. selbst — man sieht: er spricht laut —
man kann nicht hören —

Ich suchte näher zu kommen, es gelang mir mit
schwierigem Klettern so weit, daß ich einige zusammenhängende Worte wenigstens in den Augenblicken vernahm, wo der Sturm, in seinem Anprall an die
Hindernisse der Felsschlucht wechselsweise nach allen
Richtungen stoßend, von der Stelle, wo A. E. stand,
nach meiner Seite her blies. Ich suche diese Bruchstücke wiederzugeben. Die Gedankenstriche, die ich dazwischen setze, sollen die Stellen anzeigen, wo das
Getöse des Windes und das Rauschen der stürzenden,
schäumenden Wasser mir das wilde Selbstgespräch in
Stücke rieß. Ich habe bisher versäumt, die Erscheinung des Mannes näher zu schildern. Es war mir vom
ersten Moment an eine Aehnlichkeit mit Hölderlin aufgefallen; der Leser kennt wohl das Titelkupfer in der
Ausgabe der Gedichte von 1843; der unglückliche
Dichter ist hier im hohen Alter abgebildet; dieses hat
nicht vermocht, dem fast regelmäßigen Profil seinen
Adel zu nehmen, aber es hat im Bunde mit dem
Wahnsinn die hohe Stirn, die feinen Züge tragisch
zerfurcht; man verjünge diese Züge zu etwa fünfzig
Jahren, denke sie sich überhaupt markiger, die Stirne
etwas weniger steil, doch hoch, weniger gefaltet, doch
nicht ohne einige Furchen über der Nasenwurzel, man
öffne die Augen etwas weiter, lasse sie aber gleich
tiefliegend unter starkem Augenknochen, man ziehe die
Mundwinkel um's Kennen weniger herab, so wenig
nur, daß ein Gepräge von Gewohnheit bitteren Betrachtens nicht ganz aus dieser Linie verschwindet, halte
aber im Ganzen das wohlgebildete Profil fest, man
setze diesen Kopf auf eine muskulöse Gestalt: so kann
man sich eine Vorstellung von dem seltsamen Reisefreund machen, um den mich meine Härte gebracht
hatte; ich muß beifügen, daß mir die Rückführung
erleichtert war, da ich Hölderlin schon zu einer Zeit
gesehen habe, wo jene zwei Feinde seine Erscheinung
noch nicht so sehr zermürbt und gebrochen hatten.
Leicht erkennt der Leser aus dem Bisherigen, daß der
Ausgangspunkt der Seltsamkeiten, die er an unserem
Manne kennen gelernt hat, in einer Grundstimmung,
einer Ideenrichtung liegen mußte, die dem Geiste des
früh verdunkelten Dichters verwandt war, aber ebenso
leicht, daß der stärkeren Männlichkeit in der Erscheinung
des Ersteren etwas im Innern entsprach, was dem
Zweiten ganz fremd war. Hölderlin war humorlos;
ich kann mir nicht denken, daß der unglückliche Dichter
aus dem Ernste jemals in solche Derbheit hätte umspringen können, wie A. E. es liebte. Eben an diese
Derbheiten, an diese Stöße des Zorns und gröblichen
Witze hatte ich schon bisher den tröstlichen Gedanken
geknüpft, A. E. könne nicht der Verzweiflung, nicht
dem Wahnsinn verfallen, wie der wehrlose schwäbische
Sänger. Solche Umsprünge, ja Cynismen wird man
nun auch mitten aus den Worten des tiefsten Seelenwehs in diesem verzweifelten Selbstgespräch heraushören und ich gestehe, daß sie in jenen todesbangen
Momenten mir doch eine gewisse Beruhigung gaben,
es werde nichts Aeußerstes geschehen; so betröstete ich
mich wenigstens bis zu dem Augenblick, wo —

Doch es ist Zeit, den rasenden Redner zu vernehmen, so weit das Brüllen des Sturmwinds, das
Donnern der Wasser es uns vergönnt.

„Apollo — deine Kinder — Söhne des Lichts
— warum nicht — leichten, rhythmischen Aetherschwingungen — — nicht sterben dürfen an deinen
tödtlichen Göttergeschossen — oder warum nicht —
Drachen Python — warum — mit Nadeln todtstechen
— Ameisenhaufen — zu Tode kitzeln — Niesen —
Husten — Schnäuzen — Qualle — Kaulquappe —
widerliche Schnecke — — Und Gott sprach: es werde!
und der Katarrh ward —“

Täuschte ich mich nicht, so konnte ich in diesem
Moment von all' den umgebenden furchtbaren Geräuschen ein ungeheures Räuspern unterscheiden.

„Welt — eine Erkältung des Absoluten — in
der Einsamkeit — spuckte aus und die Welt war —
Die Welt vom Ewigen gehustet, geräuspert —
Schandgallert — Brütnest der Plagteufel — Trichinen des Daseins —“

Jetzt ballte er wieder die Faust gegen einen der
Felsriesen, die ihm gegenüberstanden.

„— — verhöhnst du mich? Urkerl — Schöpfungstagen — immer gleich — undurchbohrbar —
Urlümmel — Schweig! — selbst ein alter Rotzler —
Triefnase — — Mensch doch wenigstens Schnupftuch —“

Er gebrauchte es mächtig.

„Warum — warum, ewiger Gott, der du nicht
bist — dieß tiefe, starke Bewußtsein der Zwecke —
Zusammenhangs — daß Etwas, auch nur Etwas ganz
sei — Durchkreuzung — herrliche Gefühle — Kröten
— über den Weg laufen — Beinstellen — uns,
deren Adlersonnenblick — Ganzes — Harmonie —
Freude — einmal — einmal — Blütenkelch —
Feldwanze darin — Gespenster-Angst, Tag und
Nacht — Herzensbangigkeit, tiefe — unsichtbaren
Feind — Furcht? — Nie, — vor keinem sichtbaren —
Will endlich frei sein — frei — Angstband zerreißen
— in Fetzen vor deine Füße! — Ha! Wie? Du auch
da unten im Wasserstrudel, Nixe mit den Fischaugen?
Kennst mich noch? Glotzst herauf? Soll ich kommen?
Fort! fort! Nicht zu dir, nicht dir zulieb! —
— Suwarow — weiß, — Gebrüll der Schlacht —
wie so wohl, so frei — Gebeine im wüthenden Wasserstrudel bleichen —“

Er that auf der Spanne Raums über dem Abgrund einen Schritt — eine kupferroth glühende Wolke
war über der Schlucht aufgezogen, auf deren Grunde
sich dunkel die wilde Gestalt abhob, über ihm flatterte,
gegen die Sturmwirbel mit rudernden Schwingen anstrebend und zappelnd, ein Rabe — tödtliche Angst um
den Unglücklichen malte mir im Nu das Bild vor,
wie er zerschellt in der Tiefe liege, ein Schmaus den
Vögeln des Himmels, ich mußte ihn retten, suchte
weiter aufzuklettern, gelangte mit äußerster Noth langsam um ein paar Schritte vorwärts, aber jetzt wackelte
unter meiner Fußspitze das schmale, kaum zollbreit
ausgeladene Felsstückchen und unter der greifenden
Hand der kleine Zacken — ein Angstschrei — ich fiel,
ich verlor das Bewußtsein.

Ich erwachte und fand mich in A. E.'s Armen
liegend hart am steilen Ufer der tosenden Reuß, nahe
der Teufelsbrücke. Er goß mir mit der hohlen Hand
eiskaltes Wasser über das Haupt. „Wie steht's?“
Ich tastete an mir herum. „Suchen Sie sich zu
bewegen!“ Ich konnte es, nur in der rechten Hüfte
und linken Schulter fühlte ich scharfe Schmerzen;
er untersuchte und fand nur starke Schürfungen.
Inzwischen sah ich, daß ihm selbst aus einem großen
Riß im Rockärmel das Blut hervorschoß. Er zog den
Rock aus, streifte den Hemdärmel auf und es zeigte
sich eine lange Wunde, von einem großen Dorn oder
scharfen Felszacken gerissen. Er wusch sich den Arm
mit der niedertriefenden Gletschermilch einer Runse,
an der wir uns befanden, und sagte: „Es ist nur eine
Fleischwunde, aber verbinden!“ Er stöberte in seinen
Taschen und ich mußte in allem Elend einen Augenblick lächeln, als neben zwei gebrauchten zwei ungegebrauchte feine Leinwandnastücher zum Vorschein
kamen. Ich half ihm den Verband anlegen und freute
mich, des Gebrauchs meiner Hände fähig zu sein.
Bei dieser Arbeit bemerkte ich eine lange große Narbe,
welche, durchkreuzt von der frischen Wunde, schief über
den rechten Oberarm lief. „Was ist denn aber das?“
fragte ich. — „Ach,“ sagte er, „der Lümmel, der dänische
Dragoner bei Krusau — still davon! Das Moralische
versteht sich immer von selbst!“

Ich richtete mich langsam auf, that ein paar
Schritte und fand, daß ich auch leidlich gehen konnte.
„Wir schleichen nach Göschenen hinunter,“ sagte er,
„kommen Sie.“ — „Warum nicht lieber vorwärts nach
Andermatt?“ — „Nein, nein! dort sitzt es voll von
Fremden; drunten ist's still!“ Mit unendlicher Mühe
wurden die Hindernisse bis zur Teufelsbrücke überwunden; er schob, zog, hielt mich, während ich
weniger kletterte, als auf allen Vieren kroch. Endlich
war die geebnete Straße erreicht, er gab mir den gesunden Arm und mit langsamen Schritten begann
die nun etwas leichtere, doch immer noch schwierige
Wanderung. „Aber wie ist's denn gegangen?“ fragte ich.
„Nun, ich hab' Sie auf einmal gesehen, wie Sie hiengen,
dann vorwärts klettern wollten. Wie ich herabgelangt
bin, das weiß der Himmel, ich nicht mehr. — Sehen
Sie dort!“ — Er zeigte nach der Stelle. „Nicht ein
Pfad, nur ein Ritzenzug im Fels, der mir für Gemsen
zu ungangbar schien, — es gelang mir, just noch im
rechten Augenblick unter Sie zu kommen, — Sie
schreien — gleiten mir an die Schulter, ich packe Sie,
— und nun, dann sind wir eben miteinander heruntergerumpelt, wie's zugieng, weiß ich eben auch nicht
mehr — es ist ja recht gnädig abgelaufen — nicht
immer können die Geister doch das Gute stören. Frau
von Vorsehung, geborene Zufall, hat sich dießmal doch
ganz ordentlich gehalten.“

Wir schwiegen lang, dann fieng er, in den Anblick
der stürzenden Wasser vertieft, an: „Wissen Sie, wo
die Schönheit liegt in dem Vers: ‚Es stürzt der Fels
und über ihn die Flut’? Gar nicht bloß im Klang
der Vokale und Konsonanten und nicht bloß im Kraftstoß der einsylbigen Wörter; nein, hauptsächlich in
der Cäsur, die mitten in das Wort ‚über‘ fällt.
Wie die Woge da — sehen Sie hin — über den glatt
gespülten Felsblock rinnt, so das Wort über den
Vers-Einschnitt.

Eine solche lehrhafte Bemerkung in solcher Stunde
wollte mir im ersten Augenblick schulmeisterhaft erscheinen, aber schnell besann ich mich, daß ich darin
vielmehr ein Zeugniß sokratischer Geisteskraft zu achten
hatte; ich fand die Reflexion fein und richtig und die
heilsame Kühle wissenschaftlichen Denkens drang mir beruhigend in die erschütterte Seele, ja ich meinte zu
fühlen, daß sie von innen auf die zerstoßene, brennende
Haut herausdringe. Ich wollte eben meine Zustimmung aussprechen, als uns ein italienisches Fuhrwerk
begegnete, gezogen von einem Maulthier, das ganz
nach der wälschen Art aufgeschirrt war: rother Federbusch, roth gesäumter Pelzbesatz an den Scheuledern,
um den Hals ein klingelndes Schellenband. Wir
freuten uns des Anblicks. „Das Maulthier sucht im
Nebel seinen Weg,“ zitirte ich. „Ja, wie wir Alle,“
sagte er, „nur stolpert es weniger.“

Wir verfielen wieder in langes Schweigen, Jeder
in sich vertieft und bei der Mühe unserer Bewegung
doppelt wenig zum Sprechen aufgelegt. Die Straße
war jetzt ganz menschenleer.

Indem wir so dahinschliechen, begegneten uns ein
paar Kerle, verlumpte Gestalten, als Landstreicher
leicht zu erkennen, gaben sich ein Zeichen, als sie uns
sahen, und bettelten uns dann mit einem Tone an,
der auch ohne die unheimliche Erläuterung durch die
derben Stöcke, die sie führten, nicht mißzuverstehen
war. Plötzlich war A. E. ganz verändert; bolzgerad aufgerichtet, nicht mehr ein Hölderlin, sondern
ganz Bild des persongewordenen Befehls, herrschte er
die Strolche an, verhörte sie wie ihr gesetzlicher Richter
nach Namen, Herkunft, Stand, kanzelte sie dann als
Lumpen ab und schloß mit der Drohung, sie arretieren
zu lassen, wenn sie ihm noch einmal unter Augen kämen.
Sie standen überrascht und verschüchtert, doch zaudernd.
Jetzt kommandirte A. E. mit lautem und straffem Stoß
der Stimme: „Links um! Vorwärts marsch!“ Es fuhr
ihnen wie ein Blitz in die Beine und sie gehorchten.
Ich sah recht, was die Persönlichkeit allein, auch ohne
Machtmittel, durch das Gewicht des einfachen Imponirens erreichen kann. „Sie können herrschen,“ sagte
ich. — „Es lernt sich ein wenig,“ war die Antwort, „über
Subjekte immerhin, dagegen über Objekt — kaum, —
nicht — nie. — Uebrigens hatte ich den Kerlen am
Gang angesehen, daß sie Soldaten gewesen sein müssen.“

Darauf ruhten wir kurze Zeit an einer Stelle
aus, wo wir auf einen der reißendsten Wasserstrudel
hinabsahen. Wie wir uns schweigend das Schauspiel
betrachteten, kam ein Gegenstand hergeschwommen, in
welchem wir, als er näher war, A. E.'s vom Sturm
geraubten breiten Hut erkannten, obwohl er sich allerdings in sehr erschüttertem Zustande befand. Die arme
Filzgestalt trieb dem quirlenden Kessel hart an einem
der Abstürze zu und spielte hier eine Weile im Kreise.
„Was mag nun der Filz wohl denken, daß das für
ein rasendes Zeug sei, was ihn da umwirbelt?“ sagte
ich. „Und was die wilde Reuß,“ setzte er hinzu, „daß
das wohl für ein Ding sei, das ihr da aufgepackt
ist?“ — „Nun, was neulich der Mutz im Berner Bärengraben dachte; als ein Hut hinunterfiel, hob er ihn
auf, sah ihn lang an, drehte ihn zwischen den Tatzen
um, zerarbeitete ihn gründlich und fraß ihn dann
auf — geben Sie Acht, sie wird's gleich ebenso
machen!“ — Im selben Moment war das Artefact
vom Stromsturz ergriffen und verschwand. „Doch
den Jüngling sah Niemand wieder“ — oder auch:
„Denn die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand,“ zitirte A. E. und setzte lachend hinzu: „Und
so hätten wir uns denn in aller Trübsal doch noch
mit unsern zwei Klassikern beschäftigt.“ Ich hatte bis
dahin vergessen, daß er barhaupt war, und suchte
ihm vergeblich meinen Hut aufzunöthigen, den ich, in
eine Felsspalte geklemmt, wieder gefunden hatte. Die
ruhiger gewordene Luft spielte mit seinem feinen, auf
dem Scheitel etwas sparsam gewordenen, nur um Stirne
und Hinterhaupt reichlicheren Haare. Es wurde mir
eigenthümlich weich zu Muthe, als ich dem so zusah. —
Wir erreichten nun Göschenen. Das Dorf kannte noch
nicht die Unruhe, die da herrscht, seit man den Tunnel
gräbt, wir traten in ein ländlich solides Wirthshaus
ein, machten dem freundlich und mitleidig fragenden
Wirth etwas von einem unglücklichen Kletterversuch
vor und A. E. zwang mich nun in's Bett, verschwand
auf kurze Zeit, kam dann mit einem nassen, ausgewundenen Leintuch, wickelte mich kunstgerecht und sagte:
„So, jetzt ruhen Sie, schlafen ein Stündchen, ich will
inzwischen nach einem Bader umschauen.“ Bald meldete sich, als er hinweg war, der Schlummer bei mir,
nur schickte er sich, ehe er eintrat, eine Reihe todbanger Traumbilder voraus; ich glaubte von Fels zu
Fels in's Unendliche zu stürzen; so müßte es einem
Wasserfall zu Muthe sein, wenn er fühlen könnte; ich
zerschellte tausendmal in einer Minute zu Staub; ich
war der Filzhut, den wir treiben gesehen, ich war zugleich auch sein Träger; das Becken der Reuß, auf
dem ich schwamm, erschien mir als Suppenteller, und
ich wurde für seine Entweihung verurtheilt, mit den
jäh abstürzenden Wogen in die Tiefe geschleudert zu
werden; ich war ein Leichnam, Raben zerhackten mich,
ein Geier schlug seine Krallen in meine linke Schulter,
ein Adler seinen Schnabel in die rechte Hüfte, ein
Felsblock fiel mir auf die Brust, das tosende Wasser
schwemmte ihn weg, fuhr mir zischend in alle Röhren
des Leibes, mein ganzes Inneres fieng an zu rauschen, zu
schäumen, ich wurde selbst zum rasenden Strudel, löste
mich in Schaum auf, im Schaum zerstob der Traum
und ich sank in das reine Dunkel des ganzen Schlafes.

Ich mochte ein paar Stündchen geschlafen haben,
als ich, die Augen aufschlagend, meinen Retter neben
mir sitzen sah. Ich erkannte ihn nicht sogleich, denn er
hatte eine Pelzkappe auf dem Kopf. Er merkte es, zeigte
sie mir her und erzählte, das Glück habe ihn an einen
ländlichen Kleiderkram geführt, wo er sie gefunden.
Sie stand ihm wirklich ganz gut zu Gesichte. „Nun,“
fieng er dann an, „Sie sehen ja ganz frisch aus, jetzt
aus der Wickel! und da ist der Herr Obermedizinalrath von Göschenen.“ Ein echtes Charakterbild von
ländlichem Chirurgen sah ich jetzt erst drüben am Tisch
stehen und Pflaster streichen. „Es wird dem Herrn
gut thun, wie Ihnen,“ sagte der ehrsame Künstler,
legte mir zwei große Pflaster auf und half mich dann
ankleiden. Doch ich hätte der Hülfe nicht mehr bedurft; ich fühlte mich ganz leicht und stark, die tobende
Musik im Kopfe war verstummt; mich drängte es,
meinem Schicksalsbruder an den Hals zu fallen und
Laute des Dankes zu stammeln, aber ich hütete mich
wohl, diesem Gefühle zu folgen; ich wußte, wie es
mir gegangen wäre: ein Pah! und ein paar Sprachspiele von gerettetem Retter und rettendem Gerettetem
wären sicher nachgefolgt, ja bei einer leidigen Neigung
zum schlechten Witz, die ich schon an ihm kannte,
hätte er nicht geruht, bis ein gegabelter Retter-Rettig
zum Vorschein gekommen wäre, und so hätte er die
rührende Szene in eine Lachszene verkehrt.

„Appetit?“

„Ja wohl, ja freilich!“

„Schon besorgt, kommen Sie zu Tisch!“

Der Bader wurde, zufrieden mit seiner Belohnung,
entlassen, wir Zwei traten in ein etwas niedriges Zimmer, das aber mit seiner Täfelung und reinlichen Gardinen einen ganz heimelichen Eindruck machte, der Wirth
erschien und hinter ihm ein Mädchen mit der Suppenschüssel. Ich bemerkte, daß A. E. sie in's Aug faßete.
„Ein Töchterchen?“ fragte er den Wirth. „Eine Nichte,“
war die Antwort. „Ein hübsches Kind,“ sagte ich,
als Beide hinaus waren. „Ich weiß nicht; halb hübsch
oder so oder — halt! so ist's: sie sieht aus, als hätte
sie eine schöne Schwester.“ Ich nahm mir keine Zeit
zum Nachdenken über gemischte hälftige Schönheit und
über Schließbarkeit auf eine schönere Hälfte, denn der
Hunger war groß und ebenso ergieng es sichtlich meinem
Tischkameraden.

Es begann nach Stillung des ersten Bedürfnisses
ein wachsend heiteres, belebtes Gespräch. Ich sah ihn
zum ersten Mal eigentlich hell in seiner Stimmung.
Seine Athmungsorgane erschienen mir unbelästigt, das
starke Ereignis; hatte wohl eine gute Krisis mit sich
geführt. Er fieng wie dort am Axen vom Wetter
an: „Der Föhn legt sich, will sehen, wann der Regen
kommt; ich glaube, viel wird's nicht sein, er wird wohl
dießmal die Hauptmasse des Feuchten drüben überm
Bodensee hinunterschütten. Können Sie denn den
Wind ausstehen?“ Ich hütete mich wie billig, von
der physikalischen Nothwendigkeit der Luftbewegung anzufangen, und A. E. fuhr auch fort, ohne Antwort
abzuwarten: „Geduld bei allem andern übeln Wetter,
aber der Wind ist spezifisch unverschämt, betäubt die
feinsten Sinne, Auge und Ohr, macht durch den unnöthigen Lärm das Hirn trunken, wild, ist wie ein Kerl,
der mich mit Ohrfeigenregen begleitet, mir auf Tritt
und Schritt vorheult, der Teufel sei los, kurz, kann
mich geradezu ganz wüthig machen.“

Dieß war die einzige Andeutung, das einzige,
entfernte, sehr nur mittelbare Geständniß; der Unvernunft der Szene, dir er am Fels aufgeführt. Der
Wink war mir wenigstens hinreichend, um zu schließen,
was übrigens auch sonst der Augenschein zeigte: daß
eine gewisse Befreiung eingetreten sei. Nur nehme
der Leser die Befreiung nicht für wirkliche Besserung:
er würde sich täuschen, wie sich bald finden wird.

Er hatte gestern den Föhn mit einem bösen schönen
Weibe verglichen, jetzt führte ihn das Föhngespräch auf
dieselbe, aber umgekehrte Vergleichung: „Dämonisch reizvolle Weiber sind doch wie der Föhn; sie machen warm,
warm, aber schwül, nicht Sonnenwärme, — elektrisch,
bang, — Schönheit des Tigers — geben die Seele
nicht, haben keine — wurzelt nichts — Liebe und
Katarrh wurzelt im Mann tiefer als im Weib, —
aber, aber, mein Herr—“ Hier begannen seine Augen
zu funkeln und er fuhr mit der Stimme heraus, als
spräche er mit einem Feind — „es gibt Kuren — wenn
erst ein rechter Katarrh dazu kommt — wild — scheuslich —“ Er brach ab, erbleichte, versank in ein Brüten
und sprach mit plötzlich erweichtem Tone vor sich
hin: „O keine Kuren — Heilung erst vom Himmel —
vom Lichtgeist — dann ein gesunder Säbelhieb —“

Er faßte sich schnell, und als wäre ihm mit den
letzten Worten das Stichwort von außen gegeben, auf
ein anderes Thema einzugehen, nahm er die deutsche
Frage auf und trug durch einen sichtbar künstlichen
Akt der Seele seine Erregung auf diesen ganz anderen,
sächlichen Inhalt über: eine Gewaltsamkeit, die ihm
doch so völlig gelang, daß die Kunst zur Natur wurde
und nun die ganz ungeheuchelte Leidenschaft eines
echten Patrioten zum Vorschein kam. Er brach in
bittere Klage aus über die Verachtung, die noch auf
der Nation laste. „Fast gleichen wir ja,“ rief er aus,
„den Juden, die auf Kohlen sitzen, wo das Gespräch
auf ihr Volk führt. Ich hab's Ihnen nicht erzählen
mögen,“ sagte er; „vorgestern Nacht in Brunnen —
ich saß eigentlich gern unter den Schwyzer-Mannen,
obwohl ich sonst das Schreien nicht leiden kann; Luftstimmen, voces non subactae, aber Bruststimmen,
Metall, Korn! Da kommen die Kerle auf die Dinge
zwischen Preußen und Oesterreich“ — (wir sind im
Spätsommer 1865) — „fängt einer an: ‚ja, die
Dütschen! 's ist nüt und wird nüt'; ich fahr' auf,
weis' ihn zurecht, man droht mir, aber da sie sahen,
daß ich keinen Teufel fürchte, haben sie mich in Ruhe
gelassen. — Inzwischen, es kommt jetzt anders, Sie
werden sehen, aus diesem Wirrwarr entsteht etwas.
— So gewiß glaub' ich's, meine es schon zu sehen,
daß mir schon vor den nächsten Folgen bang ist, wenn
das deutsche Reich aufgebaut sein wird.“

„Da sind Sie doch mehr als eine Wetter-Kassandra!
Was für Folgen?“

„Sehen Sie, die Deutschen können das Glück und
die Größe nicht recht vertragen. Ihre Art Idealität
ruht auf Sehnsucht. Wenn sie's einmal haben —
vielleicht erleben wir's, geben Sie Acht, — und nun
nichts mehr zu sehnen ist, so werden sie frivol werden,
die Hände reiben und sagen: unsere Heere haben's
ja besorgt, seien wir jetzt recht gemeine Genuß- und
Geldhunde mit ausgestreckter Zunge —“

Ich erschrack, wollte es nicht glauben, und erschrack
doch.

Und an dieser Stelle angelangt, erlaube mir der
Leser eine kurze Unterbrechung. Seit es nach und nach kam,
wie es nun gekommen, seit Unehrlichkeit, Betrug, Fälschung, Fäulniß so mancher Art tiefer und tiefer in das
Blut unserer Nation sich einfrißt, muß ich täglich dieser
Prophetenworte gedenken. Ja ich bekenne, vielleicht hätte
ich trotz meinem Vorsatz es doch unterlassen, den unbequemen Sonderling zu schildern, wenn nicht diese Weissagung zu melden wäre, die so leidig eingetroffen ist.

A. E. legte mir, den er sehr nachdenklich sah, jetzt
die Hand auf den Arm und sagte: „Nehmen wir's
auch nicht zu schwer; eine anständige Minorität wird
bleiben, eine Nation kann so was überdauern; es bedarf dann ein großes Unglück und das wird kommen
in einem neuen Krieg, dann werden wir uns aufraffen
müssen, die letzte Faser daran setzen und dann wird's
wieder besser und recht werden.“

Ob auch dieß in Erfüllung gehen wird?

A. E. wurde, als dieser schwer lastende Ernst
heraus war, wirklich munter, er gerieth, redselig aufgelegt wie er war, in sein altes Fahrwasser und sein
Schiff fuhr so mit vollen Segeln, daß ich in meinem
Zuhörerkahne daneben von ganzen Sturzwellen übergossen wurde. Wie sollte ich dieses Sturzbad schildern
können! Nur einige Wellen mögen ausgehoben werden.

Die Politik brachte ihn auf die Geschichtsschreibung
und nun gieng's an, nun legte er wieder mit seinen
Marotten los. Er fordere Gründlichkeit und die Frucht
werde sein: Billigkeit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Toleranz,
wahre Humanität. Der Geschichtsforscher müsse vor
Allem eine richtige metaphysische Vorbildung genießen,
müsse sich gute Kenntnisse in der Urgeschichte erwerben.
Ich bekam bei dieser Gelegenheit etwas mehr vom
philosophischen System oder vielmehr eigentlich der
Mythologie des sonderbaren Denkers zu hören, als ich
bisher wußte. Die Natur sei das Produkt eines Urwesens weiblichen Geschlechts. Dieses höchst geniale,
reizvolle, höchst gütige und zugleich höchst leichtsinnige
und dämonische, höchst grausame Weib habe sich mit
Legionen böser Geister verbündet, die sich im Urschlamm
erzeugten. Man solle zusehen, ob nicht alles Thun
und Hervorbringen der Natur weib-artig sei. So
leicht, als die Weiber empfangen, schaffe sie; so ohne
alles Nachdenken, wie ein begabtes Weib geistvolle Gedanken und Plane entwickle, quellen aus ihrer Hand
die unendlichen Formen hervor; so geschmackvoll und
eitel als das Weib sich aufputze, schmücke sie ihre
Wesen; man solle doch nur zum Beispiel die Toilette
der Vögel sehen, die Büsche, Hauben, Klunker, Krägen,
Schweife in allen Formen, namentlich in solchen, die
sich zu Prachträdern aufschlagen: man werde doch
nicht meinen, diese Dinge seien gemacht, damit Niemand sie sehe, es liege ja auf der flachen Hand, daß
das von einer genialen Urkokette stamme; dieß Weib
sei wohl auch gut: sie nähre, pflege, sorge, heile, wie
nur ein Weib es könne; dann aber sei sie plötzlich
total gedankenlos, absolut vergeßlich, ganz so dumm,
wie oft das geistreichste Weib, ja eine reine Gans.

„Von der Sie auch gelegt sind,“ fiel ich ein.

„Ja wohl, ja leider wohl,“ sagte er und fuhr
ungestört fort: „So vergißt sie, daß sie einen Frühling voll Blüthenherrlichkeit hat sprossen lassen, macht
den ganzen Spaß mit einem Nachtfrost hin, vertilgt
ihre eigenen Produkte, läßt ihre geliebten Kinder verhungern, verschmachten, verfrieren; sie flößt der Thiermutter die zärtlichste Liebe für ihre Jungen ein und
leitet den Bärenvater, den Kater an, sie zu fressen;
sie gibt dem besten aller Thiere, dem sehr philosophischen
Thiere, wie Plato es nennt: dem Hunde die Hundswuth zur Mitgift und macht ihn zum Scheuel und
Greuel der Menschen, die er liebt und die ihn lieben;
sie ist mißlaunisch, widerwärtig just wie die Weiber
und wirft neben ihre Künstlergebilde das Warzenschwein, die Kröte, den Bandwurm, die Läuse, Flöhe,
die Wanzen. Kann dieß Alles noch aus purem Dusel
und Unwirschsein erklärt werden, so ist sie nun aber
auch recht eigentlich grausam, so grausam als gütig,
und hier nun erst gleicht sie ganz dem dämonischen
Weibe oder vielmehr hier am deutlichsten liegt der
Beweis, daß dieses Alles nur von einem Weibe herkommen kann, nämlich einem genial boshaften. Ich
habe diesen Zug oft am Weibe bewundert. Macht
das Weib eine rechte Teufelei und man hält es ihr
nun vor, so pflegt sie zu sagen, es sei nicht mit
Ueberlegung geschehen. Das ist denn auch ganz wahr:
eine Bosheit, so raffinirt, wie sie der Mann nur mit
angestrengtem Denken ersinnen könnte, bringt das
Weib ohne alles Nachdenken im Augenblick fertig, satanisch schuldhaft ganz unschuldig; das Weib führt ein
Gift, das ein moralisches und doch ebenso sehr ein
pures Naturgift ist, genau wie die Nattern, Skorpionen, Taranteln; ich habe schon Briefe gelesen von
erbosten Weibern geschrieben: kein Mann, so lang er
auch grübelte, könnte ein solches Arsenal von Nadeln mit
vergifteten Widerhaken zu Stande bringen; den Stich
fühlt man oft im Anfang kaum, dann fängt er an
zu brennen und nach und nach empfindet man sein
ganzes Wesen bis in's Herz hinein vom höllischen
Schierling durchträufelt, durchsickert, durchbeizt. Doch
weiter im Text: inzwischen nun hatten sich im Urschlamm infusorisch, unabhängig vom Fortpflanzungssystem der persönlichen Urgottheit, nämlich eben jenes
Weibs, in der tropischen Hitze der Urwelt Legionen
von bösen Geistern erzeugt, sie boten sich ihr als Gehülfen an und mit ihrer Assistenz erst ist nun das
Ganze aller Scheuslichkeiten, die ganze Welt raffinirter
Grausamkeit fertig geworden, welche die Natur aufweist, die ganze wurstgiftige Wurst des Daseins. Es
ist viel zu mild, die Natur ein allgemeines Wechselmordsystem zu nennen, man soll bedenken, wie die
Thiere ihr Opfer nicht einfach morden, sondern zum
Ueberfluß, zur reinen Wollust stundenlang, tagelang
martern; wissen Sie, daß die Raben einen feineren
Leckerbissen nicht kennen, als die Augen eines jungen
Hasen? — es ist mir gelungen, einmal einen solchen
armen kleinen Tropfen zu retten, hinter dem sie schon
her waren. In Norwegen sah ich in einem Fjord
einen Walfisch stundenlang wie toll aus dem Wasser
emporschnellen, ich erzählte es einem Schiffer, der
fragte mich, ob ich nicht an seiner Brust zwei schwarze
Körper bemerkt habe, ich solle Acht geben, wenn ich
diese Erscheinung wieder beobachte; es sei eine Art kleinerer
Haye, die immer paarweise schwimmen, denen die
Brüste des weiblichen Walfisches die höchste Delikatesse
seien, die sich darin festbeißen und nicht ablassen, bis
das ganze weiche Organ aus seinem tiefsten Sitz herausgenagt sei; das könne taglang, nachtlang dauern
und da springe denn das wehrlose Thier vor wüthendem Schmerz aus der Fluth empor, bis es ermatte
und verende. Und da soll man singen: Wie groß
ist des Allmächt'gen Güte!? Nein, nein, das freilich
ist klar, daß dieß ebenso pein- als freudenreiche Ganze,
dieß kunst- und pracht- und teufeleivolle System nur
von einem höchst intelligenten persönlichen Wesen hervorgebracht sein kann, aber nicht minder klar, daß
dieses Wesen ebenso blind, als weise, ebenso bös, als
gut ist, kurz, daß es nur ein geniales Weib sein kann.
Uebrigens erhellt dieß auch daraus, daß die Natur
schlechterdings nicht mit sich reden läßt, daß man mit
Gründen absolut nichts bei ihr ausrichtet, just wie die
Weiber, die sagen: drum eben, wenn man sie stundenlang widerlegt hat.“

„Zu was brauchen Sie aber noch die Geister?“

„Bitte, mich nicht zu unterbrechen. Der Natur
war etwas Ausnehmendes gelungen: sie hatte endlich
den Menschen gebildet. Mit Hülfe der Geister wurde
er die grausamste aller Bestien, denn ihm diente der
Verstand zur Erfindung ausgesuchter Qualen für Thiere
und seines Gleichen. Allein es geschah ein Strich durch
die Rechnung. Derselbe Mensch erfand, geführt von
einer zweiten, höheren Gottheit, einer männlichen, einem
Lichtgeist, von dem wir ein andermal noch sprechen, nach
und nach Dinge, auf welche das Urweib und die Geister
nicht gefaßt waren: das Recht, den Staat, die Wissenschaft, die begierdelose Liebe und die Künste. Das
Weib war mehr nur verwundert, die Natur ist ja
gut und bös, bös und gut durcheinander; sie hatte es
in unachtsamen Stunden werden lassen und machte
nun große Augen, wie es da war. Aber die Geister,
das Schandschlammprodukt, wütheten und beschlossen
furchtbare Rache. Sie schlüpften in die Objekte. —
Das Weitere wissen Sie, wissen, wie der Mensch nun
geschunden wird, was Alles ihm über den Weg rennt,
wenn er mitten im besten, im vernünftigsten, im zweckmäßigsten Thun begriffen ist, wissen, wie er in Allem
tückisch durchkreuzt, durchbrochen, das Hackbrett ist, worauf kichernd, hohnlachend die bösen Geister spielen.
Es ist nur noch beizubringen, daß es ungenau gesprochen
ist, wenn man das besessene Objekt anschuldigt, statt
den besitzenden Dämon. Dieß ist nur sprach- und
phantasiegemäß; man kann nicht allemal zwei nennen.“

„Aber Sie waren eigentlich an der Geschichte.“

„Ja so, ja! Billigkeit, Gerechtigkeit, Mitleid, Humanität — wenn sie gründlich geschrieben würde.
Wenn ein braver, wenn ein gescheuter, wenn ein
großer Mann unsinnig, zweckwidrig, unrecht handelt,
schwächlich unterläßt, wenn ein Redner, wenn ein
Denker sich in unbegreifliche Widersprüche verwickelt:
wissen wir denn, ob ihm nicht ein Knopf an den
Hosen gerissen war? Wer kann Vernunft bewahren
in diesem Zustand? Ob ihm nicht der Katarrh ein
teuflisches Haarseil durch den Schlund zog, sein Gehirn trübte, bewölkte, versimpelte und nichts ihm zu
denken mehr übrig ließ, als Unsinn, Unrecht, Widersinn? Brannte nicht vielleicht ein Hühnerauge, gab
ihm glühende Dolchstiche von der Zehe aufwärts bis
in's Herz und Mark? O Menschheit, erkenne dieß,
werde klar und du wirst verzeihender, wohlwollender,
edler werden! Menschheit, habe Religion! Ein Held
kann über einen Strohhalm stolpern! Ein Halbgott
an einer Gräte ersticken! Und das ist noch nicht das
Schlimmste, aber ein Vernünftiger, ein Braver kann
zum Fex, zum Troddel, zum Kinderspott, zum bösen
Nickel, zum Schmutzigel, ja zum Verbrecher, zum
Scheusal werden. Kurz der Wahnsinn beherrscht das
Geschehen: die Schuld der Geister, die Schuld der
Teufelsrotte. Und aber trotzdem: sie können die Menschheit placken und schinden, aber nicht mehr unterkriegen,
den Oberbau: Gesetz, Staat, Liebe, Kunst nicht mehr
einstürzen, wir müssen streben, ringen, kämpfen, als
ob sie nicht wären. Ja die Geister selbst und ihre
bösen Werke, obwohl wir sie nicht hindern können,
müssen uns dienen: wir erkennen sie, wir verwenden
sie, namentlich in der Kunst.“

Ich erschrack, weil ich mir denken konnte, nun
werde er erst recht in's Zeug gehen. Denn er war
immer aufgeräumter geworden, ließ sich nicht im geringsten verstimmen durch die schwierige Aufgabe, die
uns ein Theil des gediegenen Mittagessens stellte: alles
Fleisch war hart, wie man es dort zu Lande liebt, aber
A. E. arbeitete mit guten Kieferwaffen munter zu
und half kräftig mit dem feurigen Veltliner nach, der
uns gar wohl that nach unserem Abenteuer. Ich
durfte ihn nicht stören in seinen Tischreden und hörte
denn geduldig weiter.

Er bewegte sich durch das Gebiet der verschiedenen Künste. Zunächst kam die Poesie daran und zwar
das Drama, die Tragödie. Schiller's Tell fiel ihm
wieder ein und er sagte: „Wollen Sie dagegen eine
wahre Tragödie, das heißt eine solche, die den Konflikt der Konflikte, den des Menschen mit den Geistern,
behandelt? Eine Tragödie, die aus der Menschengeschichte den wahren Inhalt destillirt hat? Eine Tragödie, aus der wir die echte Lehre vom Mitgefühl
mit dem armen Sterblichen entnehmen, die echte Humanität schöpfen sollen? Eine Tragödie, deren wahre
Bedeutung doch bis heute noch gröblich verkannt ist? Ich
kenne, darf ich sagen, die ganze Literatur über Shakespeare's Othello. Nirgends auch die blasse Spur von
Ahnung der eigentlichen Intention des tiefsinnigen
Dichters, zu deren Verständniß er uns doch einen so
deutlichen Wink gegeben hat! Was sagt denn Othello
im vierten Auftritt des dritten Akts zu Desdemona?
‚Ich fühle Schmerz an meiner Stirne hier' und wie
erläutert er dieß deutlicher im vierten? ‚Mich plagt
ein widerwärt'ger böser Schnupfen.‘ Beiher ist hier
zu bemerken, wie erbärmlich die Uebersetzer verflachen:
‚Widerwärt'ger!‘ Salt sagt Shakespeare: salzig;
o, Shakespeare ist konkret, nie abstrakt allgemein! o, der
kennt es! — Nun meinen die seichten Köpfe, das sei
bloß Vorwand von Othello, um herauszubringen, ob
Desdemona das Schnupftuch noch habe. Schnupftuch!
Handkerchief! Worüber die gemeinen Seelen noch
lachen! Als ob Shakespeare nicht leicht sonst ein Tuch
hätte setzen können, wenn nicht tiefere Absicht gerade
dieß verlangt hätte! Meint man denn, eine Wuth,
eine That wie des Othello sei aus moralischer Verfinsterung allein zu erklären? Nimmermehr! Der
Schauspieler, der sich ganz in die Tiefe des Dichtergeistes versetzt, wird schon im zweiten Akte bei der
Ankunft auf Cypern durch eine gewisse Dumpfheit,
eine nasale Färbung des Tons fein andeuten, daß sich
Othello auf der stürmischen Seefahrt bedenklich verkältet
hat; nun erwäge man, daß es ihm, schon angeschnupft,
wie er ist, unmöglich gut sein kann, daß er bei dem
nächtlichen Skandal auf der Wache schnell das Bett
verlassen muß; der darstellende Künstler wird also vom
dritten Akt an die Symptome etwas steigern, etwa
auch durch Auftragung von etwas Roth auf dem
Nasenzipfel — (hier fühlte A. E. nachdenklich an
seinen eigenen) — oder, als Mohr, — von etwas
Dunkelblau — oder Grün? — er wird beim ersten
Ausbruch von Heftigkeit gegen Desdemona durch
scharfes, trockenes Husten dem Zuhörer die Ueberzeugung einflößen, daß der Katarrh jetzt in den Hals
getreten ist und allda wie mit einer Nadelspitze kratzt,
kitzelt und krabbelt. Jetzt tritt das eigentliche Katarrhfieber ein, das Hirn ist eingenommen, giftig gereizt,
alles Blut im Kopf, nicht nur die Nase ist roth oder
blau, auch die Ohren sind es — Sie wissen, mein
Herr, wie wüthend und blutdürstig der Mensch ist,
wenn er heiße, rothe Ohren hat —; mit Jago's Scheinbeweisen, stets erneuten Einflüsterungen steigt in gleichem
Schritte dieser traurige Zustand, die Ohnmacht im vierten
Akt, aus bloßer Phantasieaufregung denn doch nicht
erklärlich, ist Beweis einer radikalen innern Verpfropfung, das Uebel ist offenbar in den Magen
niedergestiegen, ist ganz zur höllischen Grippe geworden; von nun an begleite Räuspern, Husten, unendliches Schnäuzen jeden Schritt des Unglücklichen! So
gelangen wir zur Mordszene; hier leiste der Künstler
das Höchste! Othello ist jetzt auf dem Gipfel seines
Leidens; nicht in kleinlich naturalistischer Weise, nein,
ganz im furchtbar hohen Styl werde dieses Aeußerste
des tragischen Zustands dargestellt, es seien Hustenanfälle erhabener Art, die wie Kanonenschüsse explodiren,
endlich wird der Unselige blauroth-grünschwarz im
ganzen Gesicht, er kann mit aller verzweifelten Anstrengung die im Halse sitzenden zähen, schmählichen
Hindernisse nicht herauswürgen, er kann durch den Mund
nicht genug athmen und die ganz verschwollene Nase versagt völlig den Luftdurchgang; er ist am Ersticken; da,
in der Wuth, in diesem Krampf des Lebens, diesem
rasenden Sieden des Gehirns wird er zum Teufel:
soll ich ersticken, so sollst du es auch, so denkt er;
das Schnupftuch! das Schnupftuch! Dieser Ausruf
— (er hat das seinige offenbar verlegt) — zeigt an,
mit welchen Objekten seine tollgewordene Phantasie sich
einzig noch beschäftigt, und jetzt — erwürgt er Desdemona. In diesem Sinn und in diesem allein richtig
aufgefaßt, haben wir im Othello die Tragödie aller
Tragödien, die erste, vollkommenste, ergreifendste Dichtung aller Zeiten. Da erst muß jedes Herz klopfen,
jede Lippe seufzen: o, was ist Menschengröße, Menschenruhm! O, sehen Sie,“ fuhr er heftiger fort, —
„ich selbst — an wie viel Gutem haben mich die
Katarrh-Teufel verhindert, aber zum Bösen, zum
Grauenhaften — ja dazu — damals — damals —
o man bedarf Nachsicht —“

Er stockte, besann und faßte sich und fuhr ganz
nüchtern fort, es falle ihm übrigens nicht ein, irgend
Jemand zu vergöttern. Von den bekannten Flecken
Shakespeare's — Absurditäten, Rohheiten — wolle
er jetzt nicht reden, sondern nur bemerken, daß es ihm
widerfahren könne, gerade in dem Punkte zu fehlen,
worin doch seine wahre Größe bestehe. Er mache
auf eine schwere Unterlassung im König Lear aufmerksam. Der brave Kent lange nach scharfem Ritt
in Cornwall's Schloß an, überreiche den Brief von
Lear, werde alsbald beordert, Cornwall und Regan
nach Gloster's Schloß zu folgen, und zwar Nachts,
erhitze sich hierauf wieder sehr stark in der herrlichen
Schimpf- und Prügelszene mit Oswald, werde dann
von Cornwall in den Block gespannt, liege nun da,
die Füße eingeklemmt, den Leib auf der feuchten Erde,
schlafe sogar in dieser Lage und — kriege bei solcher
Verkältung keinen Katarrh. Nun wäre es aber sehr
geistlos, zu meinen, dieß stehe in keinem Zusammenhang mit dem sittlichen Gehalte der Tragödie. Dieser
Kent, dieses wackere, herzstärkende Mannesbild, vergelte
seines Königs Ungerechtigkeit mit rührender Dienertreue in freiwilligem Stand der Erniedrigung, werde
für ihn beleidigt, schmählich bestraft, aber das größte,
das erhabenste aller Opfer, daß er für ihn einen
Schnupfen, einen Katarrh auf sich nehme: das sei vergessen, dieses Prachtmotiv nicht entwickelt. Von da
an sprang er zu der Skulptur über. Auch hier
äußerte er sich leidenschaftlich gegen das, was er falschen Idealismus nannte, um das Prädikat des
wahren Idealismus dem entsetzlichen Naturalismus
vorzubehalten, den er predigte, von dem er sich aber
vorstellte, daß er mit allen hohen Zügen des klassischen,
hohen Styls vereinbar sei. So rief er unter Anderem aus: „Da stellen uns die Zuckerlecker die drei
Grazien dar in holder, marzipansüßer Umschlingung!
Es ist leicht, es ist wohlfeil, mit so butterweichem
Symbole lügen, das Leben verlaufe sich in ungebrochenen Wellenlinien! Man stelle die Wahrheit dar,
allerdings in mythischem Gewand, in großartiger, geisterhafter Personifikation! Drei furchtbare Weiber, schön
und entsetzlich, grauenhaft schön, bilden, sich umarmend,
eine Gruppe, ein Symplegma! —: der Schnupfen,
der Katarrh oder Pfnüssel (dieß Wort hatte er, wie er
er mir sagte, in der Schweiz aufgefangen; er unterbrach
hier den Zug seiner Rede, verbreitete sich über dessen
onomato-poetischen Werth und behauptete mit komischer Heftigkeit, das Wort sei keltischen Ursprungs,
was ich ihm doch nicht bestritt, obwohl ich es für gut
deutsch hielt) — der Pfnüssel — und die Grippe! Ziel,
des edelsten Künstlers würdig! Hauptaufgabe: die
Nüancen, die Stufen richtig zu geben, abzutonen! Es
bedarf dabei keiner gemeinen Naturwahrheit, man kann
ganz ideal und doch ganz wahr sein, der Ausdruck in
Stirne, Augen, Lippen, Haltung und Bewegung des
ganzen Leibes genügt, wenn er mit zartem Verständniß behandelt wird, vollständig, die verschiedenen
Grundzustände, die Stimmung, die Verdüsterungsgrade
der Nerven, des Gehirns höchst überzeugend auszuprägen; haben doch die Griechen selbst uns den Weg
gezeigt, indem sie die Meduse — vielleicht selbst ursprünglich eine Personifikation des Katarrhs — (er
drohte, die Hypothese durch eine mythologische Untersuchung zu beweisen, doch glückte es mir, dieß wenigstens
abzuschneiden,) — die Meduse früher als scheusliche
Fratze, endlich aber in jenem Wunderwerk aus Palast
Rondanini als ein Weib darstellten, das den Reiz
hoher Schönheit mit den hippokratischen Zügen und dem
Ausdruck dämonischer Bosheit so schaurig entzückend
und entzückend schaurig in sich vereinigt!“

Bei den Griechen angekommen, verfiel er auf die
Architektur. Das Räthsel des „reinen Segensstyls“,
von dem er auf dem Bierwaldstättersee gesprochen,
sollte mir jetzt gelöst werden. Allein meine Aufmerksamkeit war denn doch an der Linie der Ermüdung
angekommen, um so mehr, da ich mit Prämissen jetzt
reichlich genug versehen war, um mir eigentlich selbst
vorstellen zu können, was folgen werde. Dazu kam
aber noch ein besonderer Umstand, den ich angeben
werde; zuerst sei bloß flüchtig gesagt, daß ich nur
obenhin einige Bemerkungen vernahm, wie in den
neuen Styl aus der klassischen Architektur ein System
von kannelirten Pilastern für die Dekoration der Schauseite, ebenso zu dem Kranzgesimse wesentlich die Hängeplatte mit den kleinen Zäpfchen an den mutuli‚ genannt
guttae oder Tropfen herüberzunehmen seien, am Sockel
dann eine Reihe schön und entgegenkommend ausgebreiteter Nastücher auszumeißeln wäre, und so weiter
und so weiter; kurz, alle Formen müssen aussprechen:
hier tritt nur ein, hier soll dir's bequem gemacht
werden, hier darfst du dir normalen „Verlauf“ versprechen und unbehinderte Pflege. — Ich weiß nicht
mehr, wie es sich gab, daß er noch einmal auf die
Poesie zurücksprang. Es summt mir noch halbdeutlich
im Ohre nach, daß er weiterhin auf das Epos zu
sprechen kam und sich rühmte, sein System könne es
wieder beleben, da es eine neue, tiefe, herrliche Mythologie darbiete, und daß er hierauf noch einmal zum
Drama, zu seinem Shakespeare übergieng. Er war
eben beim Hamlet angekommen und eifrig beschäftigt,
auszuführen, wie es doch wieder ein Beleg der Seichtigkeit aller bisherigen Erklärung sei, daß noch Niemand die Grundursache aller Ursachen seines Zauderns,
Stockens, seiner geistigen Obstruktion als eine physiologische erkannt habe; alle Hauptstellen in diesem
unsterblichen Drama verkünden doch mit Flammenschrift: jeder Zoll ein Hämorrhodarius! Er machte
nun Anstalt, das Gesammtbild der Konstitution des
Helden in breiter Ausführung aus den Worten der
Königin zu entwickeln: „Hamlet ist fett und kurz von
Athem“, dieß Alles war eben im Zuge, als das psychologische Ereigniß in mir eintrat, das ich zu melden
habe. Der Tisch war fast voll besetzt mit Schüsseln,
Nebenschüsseln, Töpfchen, Flaschen, Gläsern; ein alter,
steinerner Krug solider Gestalt enthielt das Wasser;
ich hatte ihn wohl bald zehnmal anders gestellt; er
wollte nirgends recht Platz finden: auch A. E., wie ich
wohl bemerkt hatte, war schon lang von ihm belästigt.
Was kann gleichgültiger, nennensunwerther sein?
Aber — auf unbewußten Stufen vorbereitet — sprang
plötzlich ein Etwas in mir empor, eine gewisse Art
von zweitem Gesicht, oder wie soll ich es nennen?
Der Krug war mir kein Krug mehr, sondern ein beseeltes, unverschämtes Wesen, ein Geisterlümmel oder
Lümmelgeist; seine Schnauze war ein unverschämtes
Maul, der erhöhte zinnerne Deckel ein freches Gesicht,
der Griff ein trotzig eingestemmter Arm, dieses Wesen
kroch von Stelle zu Stelle immer dahin, wo es für
uns unbequem stand. Und das Schlimmste war, daß
ich über diesen unseligen neuen Sinn, der mir angehext war, nicht einmal erschrack, wie gestern über die
andern bedenklichen Symptome, sondern ganz mit mir
eins, ganz sicher war und voll Begierde, das unzweifelhaft schuldvolle Wesen nach Recht und Gerechtigkeit zu behandeln: ein Beweis, daß der Prozeß der
Ansteckung sich gänzlich in mir vollzogen hatte. Ich
fuhr auf, ergriff den Sünder, stürzte an's Fenster,
rieß es auf, — aber schnell fiel A. E. mir in den
Arm: „Noch nicht, mein Lieber! Ich weiß schon, daß
Sie schöne Fortschritte gemacht haben in der Bildung,
aber es ist noch nicht ganz reif, vielleicht sogar noch
etwas Schmeichelei dahinter. Warten Sie! Wenn
es Zeit, werde ich das Zeichen geben!“

Wir waren beim Nachtisch angekommen und bei
den aufgetragenen Früchten erinnerte sich A. E. des verkohlten Obstes, das er kürzlich unter den Funden aus
der Pfahldorfzeit gesehen hatte, welche in besonders
reicher Sammlung die Stadt Zürich bewahrt; wir
sprachen vom Kulturzustande der Steinperiode, wie er
sich aus den Resten ergibt, die man nicht lang vorher
in überraschender Menge da und dort im Grunde des
Bodensees und der Schweizerseen ausgegraben hatte,
von den Fortschritten der Technik, die doch schon gemacht waren, als das Metall noch unbekannt war,
von Ackerbau, Brod, Webekunst, Schnitz- und Töpferarbeit. Der Wirth hatte auf unser Gespräch gemerkt
und sagte: „Ich hab' so etwas, ich bringe Ihnen
zum Nachtisch ein extrafeines Messer.“ Wirklich erschien mit den Dessertbrocken ein derber Meißel aus
Nephrit, sehr geschickt in einen Hirschhorngriff eingefügt, einer der werthvolleren Funde, da man
begreiflicherweise Klinge und Griff selten mehr vereinigt findet; A. E., der auf das Thema mit
lebhaftem Interesse eingegangen war, zeigte große
Freude an dem Geräth und der Wirth ließ es sich
abkaufen.

„Ich kann es gut für meine Novelle brauchen,“
sagte er, als der Verkäufer aus der Thüre war.

Er schien einen Moment in Verlegenheit, daß ihm
das Wort entflogen, ergab sich aber schnell in das
einmal Geschehene und fuhr fort: „Eine Pfahldorfgeschichte. — Die kann ordentlich werden.“

„Ja, sind Sie denn auch ein Dichter?“

„Nun, das will ich doch glauben! Wen anders
werden denn die Geister so placken und schinden, als
einen Dichter?“

Pause. Dann sagte er mit einem Ausdruck von
großer Freundlichkeit, ja wahrer Herzlichkeit: „Sie
sollen sie haben, bald vollends ist sie fertig, das Manuskript hab' ich im Koffer mit, der nach Airolo vorausgeschickt ist. Wenn die Arbeit vollendet ist, sollen Sie
eine Abschrift bekommen aus Italien.“

Bei dem Anlaß fiel mir ein, daß ich selbst ein
wenig in Poesie gepfuscht hatte. Ich erzählte ihm
von dem kartoffelnährenden Felsblock, zog mein Blatt
heraus und schickte mich an, ihm meine Verse vorzulesen, nicht ohne erst versichert zu haben, daß ich mich
sehr bescheide, mich als Kollege in Apollo aufspielen
zu wollen. Er unterbrach mich bei den ersten Worten
mit der Frage, ob ich auch die Haufwerke angesehen habe. Ich erfuhr von ihm, daß man so die
wild übereinander gestürzten Felstrümmermassen nennt.
„Wissen Sie auch,“ sagte er, „wie sie das Volk hier
zu Lande heißt?“ Ich verneinte. „Dolmen,“ sagte
er, „das ist keltisch und bedeutet Opfertisch — Sie
wissen doch von den uralten, geheimnißvollen Steinmalen in der Bretagne, Skandinavien, England —
Dolmen sollten nur die Gruppen heißen, wo ein
Felsblock wagrecht über senkrecht stehende hergestürzt
ist, das Gebirgsvolk hier hat das Wort noch, versteht
es nicht und wendet es auf das ganze Haufwerk an.
— Nun haben Sie die Güte, zu lesen.“ So las
ich denn:

Aus des Felsblocks rauhen Spalten
Tönt ein Aechzen, tönt ein Knurren.
„Das zu bieten einem Alten!“
Hör' ich eine Stimme murren.
Soll der Sohn so hoher Ahnen,
Zeuge von der Urzeit Tagen,
Soll der Sprosse der Titanen
Einen Grundbirnacker tragen?
Wild und frei emporgehoben
An des Hochgebirges Wangen
Bin ich einst — schaut hin, dort oben!
Stolzes Riesenkind gehangen.
O die Zeit, da um beeiste
Zacken noch der Sturmwind sauste,
Um mein Haupt der Adler kreiste,
Meinen Fuß ein Meer umbrauste!
Hätt' ich, als herabgewettert
Nieder in das Thal ich krachte,
Deine Hütten gleich zerschmettert,
Menschenvolk, bei dem ich schmachte!
Lieber Staub und Splitter werden,
Träg' als Lehm am Boden liegen,
Als so schmählichen Beschwerden
Länger mich als Dienstmann fügen!
Und so hebt er an, zu drücken,
Ihn durchzuckt ein Krampf, ein Schüttern,
Daß auf seinem breiten Rücken
Die Kartoffelblüten zittern.
Laß das Klagen, laß das Knacken,
Das wird Alles nichts mehr nützen,
Laß geruhig dir im Nacken
Den bescheid'nen Acker sitzen!
Denke nur: auch die Kartoffel
Ist ein Kind der Erdenmutter
Und — erlaub' mir, alter Stoffel —
Schmackhaft namentlich mit Butter.
Mußt dich gar so sehr nicht schämen,
Mußt dich, dicker Trotzkopf, eben
Auch dem Praktischen bequemen,
Das ist Losung jetzt im Leben.
Siehst du, so wird jener, dieser
Wildfang im gesetztern Alter
Noch ein brauchbarer Acciser
Oder Kameralverwalter.

Meine Leistung wollte mir doch wirklich im Vorlesen gar nicht so übel vorkommen und der wartende
Blick, den ich auf A. E. richtete, mochte ziemlich selbstzufrieden aussehen. „Nun, das ist ja ganz nett,“ sagte
er heiter, „aber bitte, werden Sie mir nicht böse, wenn
ich sage: eigentlich nur unter heiteren Freunden beim
Weinglas ostensibel. Die ironischen Abschnappungen
einer poetischen Anschauung, diese prosaisch negativen
Schlüsse sind mehr nur ein Studentenspaß, als Poesie,
wobei ich nur nebenbei bemerke, daß das Wort
Stoffel doch etwas zu hemdärmelig ist. Ich will
Ihnen damit ja nicht weh thun, wenn ich sage: Heine
hat's angefangen und dann in's Giftige getrieben.
Und was Sie von mir lesen werden, kann sich auch
nicht hoch rühmen, man wird es zur ironischen, ja
vielleicht zur satirischen Gattung stellen, mein Talent
geht nicht weit, ich hab' da vorhin im Eifer etwas
dick gethan. Inzwischen bitte ich Sie doch, geben Sie
ein bischen Achtung, ob Sie nicht doch auch Positives,
ich meine: so etwas, was man“ — „Was man Poesie
nennt“ half ich nach. — „Nun ja, falls Sie so etwas
finden, da und dort wenigstens, so dürfen Sie den
Spaß drucken lassen, wenn ich einmal ausgehustet
habe. Mir ist immer vor, es währe nicht mehr lang
bis dahin.“

Das Schlußwort seiner Rede packte mich so, daß
ich, hätte ich überhaupt über seine Kritik empfindlich
sein können, mich und mein Werk ganz vergaß.

Ich drückte ihm dankbar für sein Vertrauen und
wehmüthig die Hand und glaubte billig jetzt wenigstens den Augenblick gekommen, daß wir einander uns
endlich vorstellten. Ich griff nach meiner Brieftasche,
um ihm meine Karte zu geben, und hoffte auf die
seinige.

„Bitte, bitte,“ sagte er, „lassen wir's lieber!
Kommt es Ihnen denn nicht auch hübsch vor, einmal
im Leben nur Mensch zu Mensch?“

Ich verstand und darf sagen: mir that wohl, was
ich entnahm. Eine feurige Freundschaftserklärung hätte
mir so viel, so Schönes nicht gesagt. Von einem
Andern geübt, hätte die Abwehr und Versagung alles
Wissens um Stand und Namen gesucht und eitel erscheinen können; hier wäre nur eine stumpfe Seele
einer solchen Auffassung fähig gewesen.

„Aber wie bekommen?“

„Bitte um eine Chiffre und Wohnort.“ Ich
schrieb und die Sache war abgemacht, worauf A. E.
noch so weit auf sein Opus eingieng, daß er sich sehr
lebhaft der Originalität seiner Erfindung annahm, ja
dafür verwehrte, als hätte ich sie bezweifelt. Das
Pfahldorf- und Steinzeitthema war damals in Karikatur und Schrift schon zu mancherlei Scherzen verwendet worden. Mit einer Leidenschaft, als handelte
es sich um einen wichtigen Ehrenpunkt, rief mein
Freund — so darf ich ihn nun nennen, nachdem er
mir Menschenwerth ohne Rücksicht auf Namen und
gesellschaftliche Stellung zuerkannt hatte — rief mein
Freund aus: „Glauben Sie mir, ich bin darin
neu und ganz selbstständig! Sie werden sehen, die
ganze Dichtung geht tiefsinnig von einer Entdeckung,
die nur mir gehört, von einer Idee über den wahren,
noch immer nicht erforschten Grund aus, warum diese
Menschen auf Seen wohnten; denn Sicherheit gegen
wilde Thiere und Feinde? Ist ja nichts! Fror ja im
Winter zu!“

Der Nachtisch war inzwischen vorüber und der
Wirth brachte Licht zum Cigarrenanzünden. Als
A. E. das Handleuchterchen gefaßt hatte, hielt er es
mir hin mit den Worten: „Da, sehen Sie: ist das
nicht wieder, um sich auf's Tiefste zu empören!“ Er
zeigte mir, daß dem Geräthe das flache Blättchen am
Griffe fehlte, worauf man den Daumen setzen muß,
um es sicher zu halten; das Metall hatte an dieser
Stelle eine runde Biegung, die so wenig Halt bot,
daß es in jedem Moment vorn überzurutschen drohte.
Wie ich ihn kannte, ließ ich mich durch das Maß
seines Zorns über diese Kleinigkeit nicht befremden;
ja, es schien mir einen belehrenden Blick in das Innere
dieses Menschen zu öffnen. Wer über so etwas ergrimmen kann, in dem muß das Gefühl der Zweckmäßigkeit von ungewöhnlicher Schärfe sein. — Uebrigens setzte er noch hinzu, ein solches Produkt sei ein
wahres Bild unserer deutschen Industrie, deren Hauptbestreben es ja doch sei, Alles zweckwidrig zu machen.
Man sollte meinen, sagte er, was Einer fachgemäß
treibt, das müsse er doch verstehen; ja, ja, hübsch umgekehrt! Der Schneider kann erst recht nicht schneiden,
der Sattler nicht polstern, der Schreiner erst recht
keinen Stuhl bauen! Der Erste schneidet einen Kasten
statt eines Rocks, der Zweite bauscht Matraze und Sitz
so, daß du nicht liegen, nicht sitzen kannst, der Dritte
baut den Sessel so, daß du dich mit den Füßen
anstemmen mußt, um nicht unter den Tisch zu rutschen.

Inzwischen war ihm über Eis und Winter das Ziel
seiner Reise, Italien, wieder eingefallen. „Und nun will
ich’s also eben wieder dort probiren,“ sagte er, „bei
meinen lieben Zugteufeln! Denn Teufel sind sie im
Zugmachen; Fenster und Thüren auf! anders thun
sie's nicht! Und die verruchten steinernen Böden! Aber
mein Doktor hat doch Recht: er bleibt dort zwar nicht
aus, aber verläuft milder, unschädlicher. Und eben
dann noch etwas!“

„Was denn?“

„Wissen Sie — es eckelt Einem eben oft am
Menschen, zumeist in der nordischen Kulturwelt,
die so Vieles so ängstlich verbirgt, — Accent durch
Gegensatz: Sie wissen, Sie wissen! Dort aber: naturalia non sunt turpia. Also weniger Eckel.“

Er zog nun eine Landkarte hervor, um mir seinen
Reiseplan darauf zu zeigen. Es war nicht Raum auf
dem Tisch, um sie ganz auszubreiten, die Karte war
aufgezogen, er öffnete die Blätter zunächst so weit,
als der Tisch Platz bot, aber die weitere Verfolgung
der Reiselinie forderte, daß nach und nach die anderen
Abtheilungen aufgeschlagen wurden, und nun gieng
ein Umstellen, ein Aufräumen mit den mancherlei
Geräthen an, womit die Fläche besetzt war. Der
Wirth schien gern zu zeigen, daß er einen reichhaltigen
und schmucken Service besitze, und hatte daher manches
entbehrlich gewordene Gefäß nicht abgetragen; auf
einem zweiten Tisch und einer Kommode standen
Blumenvasen, Tassen und Anderes, in derselben Art
wie jener mit Goldrand und farbigen Mustern verziert, umher; wollten wir auf dem Speistisch abräumen,
so mußte erst auf einem dieser Möbel dieselbe Arbeit
vorgenommen werden, dazu bot aber wieder nur der
Speistisch Raum, den man doch eben leeren wollte,
und so entstand ein Kreislauf höchst verwirrender und
bemühender Art, der endlich in ein leidenschaftlich
wirbelndes Hin und Her übergieng und kein Ende zu
nehmen drohte. Ein Gott schien uns mit Blindheit
geschlagen zu haben, daß uns das einfachste Mittel
nicht einfiel, nemlich abtragen zu lassen. Plötzlich hielt
A. E. inne, während ich in diesem Geschäfte noch fortfuhr. Daß er bei diesem Kreisen der Objekte soeben
noch selbst mitthätig gewesen, schien er rein vergessen
zu haben. Mit Stentorstimme rief er: „Auch gar noch
Fandango? Es ist genug!“

Er klingelte. Der Wirth erschien. „Was kostet
der ganze Service, Alles was hier im ganzen Zimmer
umhersteht?“ Der Wirth fragte: „Wozu?“ und zeigte
sich auf die ungenügende Antwort von A. E., er
möchte ihn eben haben, wenig geneigt, seinen Schatz
zu verkaufen. Doch, da er kaum anders denken konnte,
als, der Gast sei auf diese Gegenstände um ihrer
Schönheit willen erpicht, da ihm dieß schmeichelte und
da er schließlich wohl kein Geldverächter war, so ließ
er sich bestimmen und nannte eine Summe, die eben
nicht bescheiden, doch auch nicht so hoch gegriffen war,
als die kundigere Gewinnsucht eines Städters sie gespannt hätte. Sie wurde ihm rund in Gold ausbezahlt; er striech ein und fragte: „Soll ich auch die
Verpackung übernehmen?“ A. E. sah ihn sonderbar
an, wendete sich gegen mich und sprach feierlich, wie
damals im Wirthshaus zu Brunnen: „Supplicium!
Todesurtheil!“

Er gab mir den Krug in die Hand und sagte:
„Ihnen die Ehre des Vortritts!“

Ich, wie ich nun leider geworden war, gehorchte
mit Pflichtgefühl. Dem Fenster gegenüber stand jenseits der Straße ein mächtiger Granitblock, einst —
wer weiß vor wie viel Jahrhunderten — herabgestürzt
von einem der Felsungeheuer und nun als Damm
und Schranke hier aufgepflanzt, Zeuge einer Zeit, da
es Krüge und Service freilich noch nicht gegeben.
Ich zielte nicht schlecht und der Krug zerschellte an ihm
in zahllose Scherben und Splitter. A. E. belobte
mich und ergriff eine Obstvase; ihr Schicksal war dasselbe. Wir wechselten ab mit Tellern, Platten, Gläsern, was uns nur in die Hände kam. Unten hatte
sich schnell ein Zuschauerkreis von Dorfjugend versammelt und jubelte über das ungewohnte Schauspiel.
Unter großem Gelächter wurde nach jeder Aktion unserer
Kriminaljustiz gerufen: „G'hei abe! G'hei abe!“ A. E.
hatte eben eine hübsche Karaffe aufgenommen, als dieser
Ruf zum ersten Mal erscholl, hatte auch schon zum
Wurf ausgeholt, hemmte aber seine Bewegung, faßte
mit der einen Hand meinen Rockknopf, während die
andere mit dem Gefäß mitten im Schwung hoch gehoben
verweilte, und hielt mir eine kurze Vorlesung über das
Wort, das die Knaben riefen und das ich, der Aussprache folgend, ohne seine Belehrung schreiben würde:
Keien. „G'heien,“ so dozirte er in der geschilderten
Stellung, — „schreibe G, Apostroph, HEI — also
eigentlich geheien — von heien mit Vorschlagsylbe ge
— heißt:

a) Werfen;
b) belästigen (‚laß mi ung'heit' — sagen Oberschwaben
und Schweizer), auch dämonisch verfolgen (‚der
Teufel geheit mich’, sagt Luther);
c) äußerst feine Modifikation des Sinns, die ich
in Schwaben gelernt: es g'heit mich, heißt: ich
habe das Mißgefühl, etwas Angenehmes versäumt, verscherzt zu haben.

„Ob noch eine andere Bedeutung zu Grunde liege,
darüber habe ich lange vergeblich geforscht, glaube
aber jetzt auf der rechten Spur zu sein. Davon ein
andermal.“

Nach diesem Vortrage befreite er den gehobenen
Arm aus seinem Banne, holte noch einmal aus, die
Karaffe flog den Weg ihrer Geschwister und zerplatschte
am Granitblock.

Ich wollte nun in rhythmischer Abwechslung alsbald wieder folgen, als er, den Blick auf unsern Zuschauerkreis geheftet, mir plötzlich in den Arm fiel und
sagte: „Halten Sie inne, bis ich wieder komme.“ Er
eilte hinaus und hinab, ich sah ihn mitten durch den
Haufen der Dorfjungen dringen auf eine Frau zu,
die hinter ihren Reihen stand, ein Kind auf dem Arme.
Sie war dürftig gekleidet, ihr und dem Kind sah der
Hunger aus den Augen. A. E. hatte mit seiner
scharfen Sehkraft offenbar von oben bemerkt gehabt,
daß sie dem tollen Schauspiel mit vorwurfsvollen
Blicken zusah; man konnte schließen, daß seine Anrede
an das Weib etwas darauf Bezügliches enthielt. Ihre
Antwort ließ sich deutlich hören, da der ganze Haufen
mäuschenstill geworden war: „Ja, Herr, wie das Geschirr so flog, dachte ich: wenn ich nur in meiner irdenen Schüssel zu Haus ein paar Schübchen gute
Suppe hätte.“ Ich sah, daß Geldstücke in ihre Hand
glitten, er flüsterte ihr Einiges zu, das sichtbar beruhigend wirkte, wohl aber zugleich eine Bitte enthalten
mochte, nicht weiter zuzusehen; denn sie gieng hinweg
und mit sichtbar aufgeheiterter Miene.

A. E. eilte wieder herauf und sagte sehr munter:
„Vereinbar! vereinbar! so, nun kann es wieder fortgehen!“ Ich holte wieder aus und zum großen Troste
der Versammlung auf der Straße lief denn die Aktion
weiter.

Hinter uns stand der Wirth und sah zu, starr,
sprachlos, „zur Statue entgeistert“.

„Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke;
Müßig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergeh'n.“

Unser Eifer nahm zu, als sich unsere Arbeit dem
Ende nahte, die Bogen, in denen wir warfen, wurden
immer kühner, der Wurf immer sicherer; im Feuer
dieses Thuns bemerkten wir nicht, daß außer dem
Mädchen, das mit dem Wirth uns bedient hatte, noch
Jemand zu ihm getreten war; es war mir nur vor,
als hörte ich hinter mir ein helles Lachen und Klatschen, ich hatte keine Zeit, darauf zu achten. Jetzt
war der feierliche Akt vollendet und wie wir uns zurückwenden, steht bei jenen Zweien eine dritte Gestalt,
ein hohes, bildschönes Mädchen, mit großen, dunklen,
von Freude leuchtenden Augen, in die Hände klatschend
und lachend, wie Kinder im höchsten Jubel lachen.
Schwarze Locken, von silberner Nadel gehalten, fielen
um ihr braunes Antlitz, gefüllt und stolz geschwungen
stieg der Nacken und hielt aufrecht das Haupt mit
seinem reinen Profil empor; man sah wieder eine
Wölbung des Brustbaus, wie sie in unsern nördlichen
Ländern so selten ist: frei, kräftig, ein wohlgebildeter
Raum für das Organ des Athmens.

Wie ich sie näher ansah, tauchte mir erst von
ferne, dann deutlicher eine Erinnerung auf. Um
diese schönen Augen spielte etwas Weiches, man konnte
nicht sagen, in welchen Formen der Augenhöhle und
ihrer Umgebung es lag, nicht wenig trugen die großen
Lider und die langen Wimpern dazu bei; nach kurzem
Suchen kam mein Gedächtniß bei der Dame an, die
ich erst gestern in Bürglen gesehen hatte. Die Aehnlichkeit in diesem Zuge war so stark, daß man leicht
das Unähnliche in Gedanken ausschied; man konnte
sagen: es war diese Erscheinung aus Blond in Schwarz
und Braun, aus dem fein Schlanken in's Vollere, aus dem
zart Durchgebildeten in's kräftig Volksmäßige übersetzt.

A. E. stand erstaunt, in Schauen verloren. „Come
vi chiamate?“ fragte er.

„Cornelia.“

„Siete da Perugia?“

„No, Signore.“

„Da Assisi?“

„No, Signore.“

„Da Arezzo?“

„No, Signore.“

„No, Signore. Io sono da Bellinzona.“

„Fa niente,“ rief er jetzt, schloß sie in die Arme
und drückte der Ueberraschten, die kaum sich sträubte,
einen feurigen Kuß auf die Lippen. Der Wirth sah
verwundert, halb ärgerlich, halb lachend zu dieser
Szene, ließ jedoch geschehen. Man konnte ihm auf
dem Gesichte lesen, daß in seinem Gemüthe zwei
Mächte sich eine ordentliche Schlacht lieferten: das Gefühl der Zweckwidrigkeit des erst Vorgefallenen, der
Unmuth über so verkehrtes Handeln und über die jetzige
Dreistigkeit auf der einen und auf der andern Seite
der Respekt vor Fremden, die sich eine so großartige
Verschwendung erlaubten, und die Lust am Spaße,
den eine Szene, wie die letzte, denn doch jedem Zuschauer bereiten mußte. A. E. wandte sich jetzt mit
der Geberde eines Mannes, dem etwas Vergessenes
einfällt, plötzlich zu ihm, nahm ihn beiseite, fragte
ihn leise etwas, die Antwort des Wirths, der seine
Stimme zum Flüstern nicht gebildet hatte, verrieth,
von was die Rede war: er nannte den Namen einer
Frau mit dem Zusatz einiger weiteren Personalien; es
konnte nur das arme Weib sein, dessen Erscheinung
das kurze Zwischenspiel im großen Töpfedrama herbeigeführt hatte. A. E. machte sich eine Notiz in's
Tagebuch. Der Wirth war jetzt sichtbar so ausgesöhnt, daß er unseres Wohlgefallens an dem Mädchen
einfach sich erfreute; er sagte freundlich: „Meines
Bruders Kinder, der eine Italienerin zur Frau hat
und in Bellinzona wohnt.“

A. E. stand noch einige Augenblicke, die Hand des
schönen Mädchens haltend, fragte, ob er Grüße nach
der Heimat bringen dürfe, sie wurden ihm gern aufgetragen, dann wandte er sich zu mir und sagte: „So,
jetzt lassen Sie uns scheiden und gehen; nach dem
Vernunftakte, nach der religiösen Opferhandlung, die
wir vollzogen, könnte uns ein schöneres Punktum
nicht mehr werden.“ Er nahm seine Sachen um
und an, gab dem Wirth und seinen Nichten noch
herzlich die Hand und gieng voran und ich folgsam
ihm nach. Während er die Treppen hinabstieg, blieb
ich noch bei Cornelia, die mir vor die Thüre folgte,
stehen und sah sie fragend an; sie verstand meinen
Blick, sie las schnell darin, daß er forschte, wie ihr
der Herr gefalle, und sie sagte: „È pazzo, ma pur
simpatico. Pazzi siete tutti e due.“ Es drängte
mich, sie dafür nun meinerseits auch zu küssen, ich
bedachte aber schnell, daß sie „pazzi“ in den Plural
verwandelt hatte, „simpatico“ aber nicht, auch widersprach ein Etwas in mir der Nachahmung in diesem
Fall, kurz ich bezwang die Anwandlung und drückte
ihr nur zum Abschied die Hand.

Ich trat zu A. E. vor die Hausthüre. Der Föhn
hatte sich gelegt, sein Glutsturm schien die Wassermassen, die er mit sich zu führen pflegt, hinter uns
auf die Flächen Deutschlands gejagt zu haben; hier
im Gebirg war nur ein leichter Regen gefallen und
hatte die Luft mäßig gekühlt.

„Ich wollte eigentlich bis Andermatt,“ sagte ich,
doch setzte ich alsbald hinzu: „Nein, es ist wahr, es
ist besser, wir scheiden nun.“ — „Nicht wahr?“ sagte
A. E. mit herzlichem Tone und grundfreundlichem
Blick; — „das Weitere würde nur nachhinken und
beisammen bleiben wir ja doch nicht; den Rest des
Passes mit Teufelsbrücke können Sie ja morgen oder
sonst einmal sehen. Die Novelle also kommt. Addio!“
Er schüttelte mir die Hand, schwenkte mit rascher
Wendung und gieng dahin.

Es konnte mir nicht in den Sinn kommen, auch
nur ein Wort zu sagen, eine Bewegung zu machen,
wodurch ich dem Gefühl Ausdruck gab, das im Augenblick dieses Abschieds über mich kam, obwohl es nach
aller Wahrscheinlichkeit ein Abschied für immer war.
Ich kannte ihn zu gut, um nicht zu wissen, wie wenig
Glück ich mit einem Anlauf zärtlicher Art gemacht
hätte; ich erwiderte stumm den Handdruck und gieng
gleichfalls meines Weges.

Im nächsten Moment fiel mir ein, daß ich nicht
dazu gelangt war, nach dem Sinn des seltsamen
Wortes zu fragen, das mich am vorigen Tage wie
ein Geist verfolgt hatte. Schnell aber wurde ich mir
bewußt, daß dieß darum unterblieben war, weil ich
einen passenden Moment zu der Frage nicht fand,
und weiter wurde mir klar, daß noch etwas Anderes
zu Grunde lag; ich war eigentlich doch nicht dazu
aufgelegt. Alsbald vergieng mir daher auch die augenblickliche Lust, zurückzulaufen und das Versäumte nachzuholen. Ich wäre vor A. E. schlecht bestanden, wenn
ich, vollends nach dem Abschied, einen besondern Schritt
gethan hätte, um zu erfahren, was ein Humorwort
bedeute, das irgend einer geringfügigen Anekdote seinen
Ursprung verdanken mochte. So resignirte ich denn
darauf, jemals noch im Diesseits das Räthsel des
Tetem gelöst zu sehen.

Ich war etwa zwanzig Schritte entfernt, als ich
seine Stimme rufen hörte: „Sie!“

Ich kehrte mich um: A. E. war stillgestanden
und rief mit einem Tone, woraus die helle Frohheit klang, mir zu: „Und sie hat's erst nicht abgewischt!“ Dann wandte er sich und ich sah ihn mit
nervigen Schritten die Straße hinansteigen. Zugleich
erkannte ich am Fenster das dunkle Lockenhaupt Corneliens; sie sah ihm nach, bis er an der nächsten
Biegung der Straße verschwand.

Ich wanderte langsamen Schrittes bergab. Warum
sollte ich nicht gestehen dürfen, daß mir das Auge
feucht wurde, und warum nicht, daß ich zu fühlen
meinte, dieser Tropfen gelte gar nicht allein dem Abschied, sondern wohl mehr noch gerade dem letzten,
komischen Wort und dem, was es mir zu denken gab,
zu denken nicht bloß über den einen Menschen, der
dort über das wilde Gebirgsjoch in die Ferne zog.

Es war etwa zwei Monate später, als ein Packet
an mich kam mit dem Poststempel Venedig. Ich
öffnete sehr begierig und da hatte ich nun die Pfahldorfgeschichte — in sauberer Reinschrift, da und dort
mit Korrekturen von anderer Hand, welche die des
Verfassers sein mußte. Ein Zettel lag bei; ich werde
nachbringen, was darauf geschrieben stand. Es ist ein
gewisses Gefühl von Bedürfniß der Abwechslung, was
mich bestimmt, meinem ferneren Berichte den Abdruck
der Novelle vorangehen zu lassen; ich habe so lang
selbst geredet, daß es Zeit ist, unsern Freund — ich
hoffe, das sei er trotz alledem — ganz zu Worte
kommen zu lassen.

Der Besuch.
Eine Pfahldorfgeschichte
von
A. E.

Wir blicken durch eine kleine Fensteröffnung in
eine Hütte, die uns gar dürftig erscheinen müßte,
wenn wir uns nicht Bau, Ausstattung, Schmuck unserer Räume aus dem Sinne schlagen wollten. Die
Wände bildet ein Flechtwerk, das mit Lehm bekleidet
ist, daran läuft ein Bord, der einen Hausrath von
äußerster Einfachheit trägt, ein roher Tisch in einer Ecke,
einige Stühle von nicht feinerer Arbeit sind zu sehen
und auf dem Estrich, der eben nicht aus Parkettafeln,
sondern aus einem Guß von Thon und Kohlenstaub
über einer einfachen Lage von Planken besteht, erhebt
sich ein Herd, dessen Form auf so höchst ursprüngliche Zustände hinweist, wie Alles, was wir erblicken.
Und dieß Alles gehört keinem armen Manne; die
Matte dort aus Binsengeflecht scheidet das Ganze des
Bodens in eine Schlaf- und eine Wohnstube, die freilich zugleich als Küche dient, und das ist ein Raum-Luxus, den nicht jede dieser Hütten aufweist. Der
wohlhabende Besitzer ist ein ehrsamer Pfahlbürger
des Dorfes, das sich über dem Spiegel des Sees
Robanus, wenige Meilen entfernt von der größeren
Wassergemeinde Turit, erhebt. Er heißt Odgal und
ist augenblicklich abwesend; einige hundert Schritte
entfernt sitzt er in einem Einbaum auf dem Wasser
und ist mit seinen Fischernetzen beschäftigt. Dem Gemach aber fehlt es nicht an einem lebendigen Schmuck.
Eine rüstige, rothbackige Dirne, von munteren Kindern
umgeben, hantirt mit einem schweren runden Stein
auf einer größeren Steinplatte, auf welche sie einen
Haufen von Waizenkörnern geschüttet hat: sie mahlt.
Die Arbeit ist nicht leicht, schwerlich würde auch eine
starke Bauerntochter unserer Zeit die Last des Kornquetschers so leicht heben, so geschickt und leicht handhaben, und wir bewundern dabei ein paar prächtige
Arme, die aus den aufgestreiften Aermeln des einfachen Bastkleids ebenso wohlgebildet als muskulös
hervorglänzen. Etwas Sonderbares erblicken wir freilich auf dem linken Oberarm: ein seltsames Bild, das
ebensowohl einen Kuhkopf, als einen Halbmond vorstellen kann, ist hier mit blauer Farbe eingeritzt und
längst mit der Haut verwachsen. Niemand jedoch
wird sagen, daß es den schönen Arm entstellt! es
sieht eben aus, als hätten die blauen Aederchen, die
diese schimmernd klare Haut durchrieseln, den Einfall gehabt, sich gelegentlich zu einer Art von Verzierung zu gestalten. Also lassen wir uns die tätowirte Schöne gefallen und sehen uns weiter um in
diesem Raume. Drei Kinder, ein Knabe und zwei
Mädchen, treiben ihr Spiel mit einem Eichhörnchen;
das kleinere ist seit einem Jahr erst aus den Windeln
und erfreut sich jetzt zugleich seiner Freiheit; neben
ihm liegt ein Ding, etwas wie ein eigenthümliches
Zaumgebilde, am Boden: es ist der Halfter, womit
der arme Wurm an einem Pfosten festgebunden wird,
wenn die Fallthüre offen ist, die wir jetzt niedergelassen sehen; sie deckt eine Oeffnung, die sich einfach über dem Seespiegel befindet und ursprünglich
zum Fischfang bestimmt war. Man ließ durch sie
einen Korb in's Wasser hinab und durfte sicher
sein, daß er zappelnde Beute mitbrachte, wenn man
ihn nach einiger Zeit aufzog. Seit die Gemeinde stark
über zweihundert Bürger zählt, ist der See so ergiebig nicht mehr, die Oeffnungen aber sind geblieben,
eine Treppe führt hier in's Wasser, um schneller
zum Kahn zu gelangen, als durch die spärlichen und
engen Durchgänge zwischen den Häusern, die man mit
wenig Recht Gassen zu nennen beliebt, und über die
einzige Brücke des Dorfes. Einen eigenthümlichen
Gegensatz zu den Erscheinungen der blühenden Kinder
und der schönen, rüstigen Jungfrau bildet eine unheimliche Alte, runzlich, von gelber Farbe, die grauen
Haare hängen ihr fast ungeordnet über die Stirne;
sie sitzt in einer Ecke und spinnt. Dazu singt sie
in eintöniger Weise — man kann es kaum Melodie
nennen, es ist nur wie ein dumpfes Murmeln — ein
dunkles, uraltes Lied.

„Helft mir spinnen, spinnen,
Heil'ge Spinnerinnen,
Die ihr schwebt im Schilf!
Selinura, hilf!
Faden kam geronnen,
Hast die Welt gesponnen,
Du und deine Feen,
Geister in den Seen!
Tanze, Spindel, tanze
Fäden, feine, ganze!
Wirtel mit Gesumm
Wirble um und um!
Leise rauscht's im Riede
Mir zum Spinnerliede,
Flüstert Zaubersang
Mir zum Spindelklang.“

Dazu hörte man die Welle unter dem hohlen
Bau an den Pfählen plätschern und den Abendwind
raschelnd durch den nahen Uferschilf wehen: eine Begleitung, die gar wohl zu dem geisterhaften Gesange
stimmte.

Ein frischerer, hellerer Klang, von ferne her vernehmbar, unterbrach diese düstere Musik. Es war
ein Jodeln, ganz dasselbe Spiel wechselnder starker Fistelund Baßtöne, wie man es heute noch in den Schweizer- und Tiroler-Alpen oft und gern vernimmt. Das
Mädchen striech sich die braunen Locken aus, die ihr
bei der starken Arbeit über die Stirne gefallen waren,
und aus ihren dunkelblauen Augen, die bisher nachdenklich, träumerisch unter den langen Wimpern darein
geschaut hatten, blitzte die helle Schalkheit hervor. Wie
ein morgendlicher Strahl fuhr jetzt ihre glockenhelle
Stimme durch die nebligen Laute der gespenstischen
Alten:

„Und mein Schatz der kann singen
Und jodeln dazu,
Wenn er ausi thut treiben
Sein Kalb und sein' Kuh.
Ju!
Und e schwarzbrauner Jager,
E lustiges Blut,
Der wär' mir schon lieber,
Mit em Gamsbart uf'm Hut!
Ju! Ju!“

Das Ju denke man sich mit jenem durchdringenden, gezogenen Jodelton gesungen, der fernhin durch
Berg und Thal ausklingt. Man sollte meinen, der
entfernte Sänger werde ihn erwidern, aber von dorther
ließ sich kein Laut mehr vernehmen. Ueber die Züge
der Alten gieng ein Schatten, ihre finsteren Augen
schickten einen stechenden Blick nach dem Mädchen,
ihre Spindel stand still und sie sagte nur die zwei
Worte: „Wieder das?“ „O was ist's denn weiter
auch?“ erwiderte das Mädchen und wandte sich nun
zu den Kindern, die nach Abendbrod verlangten. Nicht
so zierlich wie Werther's Lotte theilte sie mit einem
Steinmeißel einen dunkeln Brodlaib, dessen Rinde in
der That ziemlich kohlich und dessen Substanz eben
nicht so weiß und porös aussah wie bei unserem
leichtverdaulichen Brod, in wenig regelmäßige Schnitten; der Leser begreift, daß Messerklingen von genügender Länge aus Stein nicht herzustellen waren, so
mußte denn bei Körpern, die für ein Holzmesser zu
hart waren, der Meißel die Stelle versehen; man darf
übrigens zugeben, daß Sigune den Druck oder Stoß
von oben, womit er gehandhabt wird, mit so viel Grazie
ausübt, als irgend mit dieser gröberen Bewegung vereinbar ist. Sie nimmt hierauf mit einem Holzlöffel
Butter aus einem thönernen Napf, dessen Hals einige
aufgemalte Zickzack-Linien einfach genug verzieren,
streicht sie mit dem spatelförmigen Stiele zierlich auf
die Brode und sagt dann: „Wartet, weil ihr ordentlich brav gewesen, sollt ihr einen Vorschmack vom
Fest haben.“ Sie holt noch einen andern Topf vom
Borde und schöpft daraus einen braunen Stoff, bei
dessen Anblick die Kinder jubeln: es ist ein Mus
von verkochten Apfelschnitzen mit etwas Zusatz von
Honig. „Gsälz! Gsälz!“ riefen die Kinder und konnten
kaum erwarten, bis die Butterlage mit dem wohlschmeckenden Ueberzuge bedeckt war. Sigune — denn
so hieß die erwachsene Schwester der Kleinen, die ihnen
getreulich seit einem Jahr die todte Mutter ersetzte —
vergaß sich selber nicht; der Alten wurde dann ein
Becher Meth gereicht und auch das Eichhörnchen nicht
vergessen, ihm wurden einige Haselnüsse gespendet, und
so ließ sich denn die ganze Gesellschaft ihr Vesperbrod
schmecken.

„Hixi, Hixi“ rief jetzt das ältere Schwesterchen
Sigunens, „komm' sing mit uns das Märchenlied von
Coridwen einmal wieder!“ Der Knabe stimmte mit
ein, die Alte — ihr Name nicht abgekürzt hieß Urhixidur — war inzwischen munterer geworden und stellte
nur die Bedingung, daß die Kinder ordentlich einfallen; sie versprachen eifrig und so begann denn der
Gesang, wobei der Leser zu merken hat, daß bei den
fünf ersten Strophen je die zweite Zeile vom Knaben,
die vierte vom Mädchen übernommen wird, das Uebrige
aber mit näselndem und zugleich hohlem Tone die
Alte vorträgt.

„Gwyon, dieser kleine Tropf —
Was thut der?
Hat geschleckt vom Zaubertopf.
Wer kommt her?
Kommt hinzu, o weh! o weh!
Coridwen, die starke Fee!
Gwyon, dieses Zwergelein,
Was wird er?
Wird ein flinkes Häsulein.
Wer kommt her?
Coridwen als Hündin schnell
Will zerzausen ihm das Fell.
Daß sie ihn nicht packt am Wisch,
Was thut er?
Gwyon wird im Nu ein Fisch.
Wer kommt her?
Coridwen als Otterthier
Jagt ihn und erhascht ihn schier.
Gwyon, Gwyon, jetzt sei flink!
Was thut er?
Er wird flugs ein Distelfink.
Wer kommt her?
Coridwen stößt auf den Schalk
Gleich herab als Finkenfalk.
Zu entfliehn des Falken Zorn,
Was thut er?
Er wird rasch ein Waizenkorn.
Wer kommt her?
Coridwen wird eine Henn'
Und verschluckt ihn, Coridwen.“

Von ihrer gelungenen Gesangleistung fast noch
mehr, als von dem gern gehörten Märchen beglückt,
jubelten und klatschten die Kinder, während die Alte,
ohne weiter auf sie zu achten, mit verändertem, tiefem,
finsterem Tone den Schluß vor sich hinsang, um den
sich die Kleinen niemals bekümmert hatten:

„Das Korn hat gegoren
Im heiligen Leib,
Da hat sie geboren,
Das Wunderweib,
Die Strahlenstirne, den Taliesin,
Der da schauet allen geheimen Sinn,
Der da blicket hinaus in die Ewigkeit,
Der da ist und war in aller Zeit,
Der Druiden Vater und Geister-Haupt.
Verflucht, wer nicht an Taliesin glaubt!“

Ein Huhn flog herein und pickte die Waizen-Körner auf, die bei der Mahlarbeit zu Boden gefallen
waren. Dieß steigerte den Jubel der Kinder und
eins um's andere riefen sie: „Schluck' das Körnchen,
Henn, Henn, Henn! Coridwen, Coridwen!

Inzwischen ist an der Fensteröffnung ein unbemerkter Zuschauer erschienen, ein Bursch im besten
Jugendalter. Er betrachtet sich mit sichtbarem Wohlfallen die Gruppe und verweilt mit innigen Blicken
auf der mütterlichen Schwester der Kleinen. Nachdem
er manche Minute so ohne Regung gestanden, zieht
er eine Binse hervor und kitzelt mit ihrem Ende Sigunen hinter dem Ohre; sie springt auf, „wart' nur,
wart' Alpin, ich brech' dir den Finger ab,“ ruft sie,
faßt seine Hand und drückt auf das Zeigfingergelenk,
als wollte sie die Strafe vollziehen. Der Bursche grillt
auf und lacht, tritt schnell in die Hütte ein, gefolgt
von einem zottigen Schäferhund, der mit lustigen
Sätzen, wedelnd, bellend, leckend Sigunen und die
Kinder begrüßt, nimmt die Thäterin um den Hals
und klemmt sie in's Ohrläppchen, daß nun das Aufschreien an sie kommt. Dann wird er plötzlich ernst,
setzt sich auf den Herd und sieht sie schweigend an.
„Hast wieder das Gsatzli vom Jäger gesungen oder
nicht?“ „Ja, ja, sie hat's,“ mischt sich mit angeberischem Ton die Alte in's Gespräch, setzt ein
„aber“ ohne Wortfolge hinzu und bricht mit ihrem
Spinnrocken auf, nachdem sie den Wirtel sorgfältig
eingepackt und eingeschoben hat; denn es ist einer von
den kostbaren: nur von Thon, aber niedliche Verzierungen, dazwischen seltsame Runenzeichen sind darauf
eingegraben. Im Abgehen klopft sie mit ihrem Kunkelstecken noch leise an den größten der Kochtöpfe, die
auf dem Bord am Herd stehen, und sieht Sigunen
mit einem Blick dabei an, als wollte sie sagen: „Da
hab' ich zu Haus einen andern!“ Diese lacht und versetzt spöttisch: „Na, ich bin dir nicht neidig auf deinen
alten Krauthafen!“

„Und hab' dir grad wollen eine Freud' machen,
— so etwas für's Fest — aber ich weiß, es g'freut
dich erst nicht,“ sagt jetzt Alpin. Er handelt jedoch
seinem eigenen Worte zuwider und zieht unter seinem
Schafpelz, dessen Wolle nach außen gekehrt ist, eine
Schnur von glänzenden Körpern hervor. „Ah! Ei!
Je, wie nett!“ ruft das Mädchen, das ohne viel Umstände darnach gegriffen hat und dem der freundliche
Geber das kostbare Geschenk leicht in die Hand fallen
läßt. Es ist ein Halsband von aufgereihten Stückchen
aus Bergkrystall; sie sind nicht eben ganz gleich an
Form, aber man sieht, sehr sorgfältig nach annähernder Aehnlichkeit zusammengelesen; sie zu schleifen, bis
sie in ihrer Durchsichtigkeit hell leuchteten, mag mühsam genug gewesen sein, noch viel mühsamer jedoch
das Durchbohren. Sigune weiß wohl, was das Arbeit kostet, mit einem spitzen Splitter von Quarz oder
Feuerstein einen, noch dazu kleinen, harten Körper zu
durchlöchern, ohne ihn zu zerbrechen, und sie kann sich
gar wohl vorstellen, wie manche lange Stunde, beim
weidenden Vieh sitzend, der zärtliche Hirte daran gearbeitet haben mag. Und daß sie Sinn dafür hat, am
Feste, statt mit ihrer alten Schnur von farbigen Thonperlen mit solchem Schmuck zu erscheinen, bedarf keiner
Versicherung. Sie ist nun wohl herzlich gerührt, reicht
auch dem Geber mit den Worten: „Bist immer gut!“
einen Schmatz, der aber spürt, daß er etwas kurz
und oberflächlich ist, er weiß gar wohl: hätte er Sigunen einen Auerhahn oder Gemsbock zu Füßen gelegt und erzählt, wie er ihn auf gefahrvollen Wegen
erschnappt habe, da hätte sie ihn an den Locken gepackt und anders geküßt. Es trat wieder eine Pause
ein und Alpin, als wäre gesprochen, was er soeben
nur gedacht hat, sagt mit weicher Stimme: „Ich mag
halt eben die ordentlichen Thierli nicht umbringen,
sie wollen halt auch leben; und weißt, neulich wieder
— wie ich den angeschossenen Rehbock im Wald gefunden, mit dem Pfeil im Leib, langsam verendet,
aber noch lebig von Hunden angefressen, — seitdem
mag ich schon gar nicht mehr jagen; ja, wenn's auf
ein recht schädliches wildes Thier geht — hab' ich je
den Wolf gefürchtet? — soll ich dick damit thun, daß
ich jüngst den Bären —“ Hier veränderte sich der
Ausdruck seiner milden, hellblauen Augen, er richtete
sich stolz und steil auf und fuhr fort: „Man hat dir's
erzählt — nicht ich — ich mag mich nicht brüsten —
heut sag' ich dir's: sieh, so stand das Ungethüm,
nahm den Kampf an, will mich umarmen — mein
Speer war keiner von den starken — sonst eben gut
genug zur Schippe — ich wag's darauf und ganz
nah' heran, — die Spitze richtig in den Rachen —
schnell nachgebohrt mit aller Kraft — 's war grad
keine Kleinigkeit —“

Er erzählte nicht weiter, sondern rief heftig: „Wer
das kann, der nimmt's auch noch mit manchem Jäger
auf! Komm, Ryno, wir gehen! Gut' Nacht!“ Und
er war hinweg, begleitet von seinem Thiere, das sich
eben nicht gerne von der munteren Gesellschaft zu
trennen schien.

Sigune saß nachdenklich, die Halsschnur in der
Hand wiegend. Es war eben so eine Sache. Alpin
war ihr lieb, aber — Man wußte damals noch nichts
von Ideal und Bauernmädchen pflegen heute noch
nichts davon zu wissen, sonst würden wir sagen: es
schwebte ihr eben ein anderes Ideal vor. Sie hatte
dem guten Alpin noch nie bestimmten Anlaß zur Eifersucht gegeben, aber so viel neckische Bosheit war allerdings in ihr, daß sie ihn oft genug in ihre Gedanken
hineinsehen ließ, und diese lauteten: schlank, behend,
schwarzbraun, blitzende dunkle Augen, Kraushaar,
hübscher Schnurrbart, wo möglich an den Spitzen in
die Höhe gestrichen, überhaupt keck, flott, jägerartig.
Alpin aber war stämmig, langsam, hatte Augen, die
wir als hellblau schon kennen und die gewöhnlich sanft
und nachdenklich blickten, glattes Flachshaar und —
was ihm besonders im Wege stand und allerdings ihm
selbst auch Kummer machte: der Schnurrbart wollte,
obwohl es längst, längst Zeit war, nicht recht kommen,
sondern beharrte darauf, dem dünn bewachsenen Kornfeld nach langer Trockenheit gleich zu sehen. Man
hörte jetzt unten einen Kahn anfahren, anlegen, der
Vater kam zurück, brachte in einem Schaff seinen
Fang, einen fetten Karpfen und ein Prachtexemplar
der Forelle-verwandten Asche nebst einigem Volke niedrigeren Schlags; Sigune halte nicht Zeit, ihren Gedanken
nachzuhängen, Odgal mochte sich den Karpfen heut
Abend schmecken lassen und die Tochter machte sich
ungesäumt an's Geschäft der Zubereitung. Dem Vater
wurde das Geschenk nicht verheimlicht und er schien
es nicht ungern zu sehen.

Wir überlassen sie ihrer Arbeit und folgen dem
aufgeregten Alpin durch ein paar Zwischengänge des
Pfahldorfs nach der Hütte seines Vaters. Es ist kein
guter Abend heute für unsern jungen Freund. Er
findet den Vater öfters niesend und hustend, dazwischen
fluchend über einem Steine sitzen, der seiner bearbeitenden Hand sichtbare Schwierigkeit entgegensetzt. Es
ist ein ovaler Kiesel von der Größe einer starken (damaligen) Männerhand und der alte Ullin ist beschäftigt,
ihn der Länge nach zu durchsägen. Seine Säge besteht aus einem nur zwei Zoll langen Stück Flins,
das heißt Feuerstein, mit unregelmäßig gezahntem
Rande. Der Kiesel soll zwei Aexte geben, aber die
Säge stößt auf eine Verhärtung und kann nicht vorwärts kommen. Schon zwei Tage lang hat sich Ullin
daran abgemüht; jetzt, eben wie der Sohn eintritt,
hat er die Geduld verloren, schleudert den Stein auf
den Estrich und flucht unter einem neuen Nies- und
Hustenanfall: „Hol' euch der höllische Grippo, Stein,
Säge und Nase!“ Dabei stößt er eine Schale voll
Meth um, die er sich eben frisch eingeschenkt hat.
Mit dem süßen und eben nicht schwachen Getränke hater sich unter der sauern Arbeit gestärkt und zugleich
das Kratzen im Halse zu beschwichtigen gesucht. Die
Schale ist ungleich feiner, als andere Arbeiten der
Pfahlbewohner, und aus einem Stoffe geschnitzt, der
dort selten genug war, dem Holze des Buchsbaums,
Erzeugnisses einer wärmeren Sonne. Ullin hatte das
Geräth von einem Freund am Podamursee, wohin es
ein Händler aus fernem Lande gebracht, um die Bälge
von zwölf Edelmardern erstanden. Wer der höllische
Grippo ist, werden wir erfahren; für jetzt müssen wir
dem Gespräche folgen, das zwischen Vater und Sohn
beginnt. Sie hatten eben auch einen Spahn miteinander und nicht erst von gestern her. Der Vater
wollte mit dem Sohn höher hinaus, als dieser mochte.
Das unzureichende Werkzeug, das ihm den Kampf mit
dem spröden Stein erschwerte, brachte ihn jetzt wieder
auf dieses Thema. Gieng es nach seinem Willen, so
sollte der Sohn Fabrikant werden und längst hatte er
ihm vorgeschlagen: entweder sollte er sich in einem
Schnur- und Fadengeschäft, das sich in der großen
Wassergemeinde Turik aufgethan, oder in der weitbekannten Werkzeug- und Waffenfabrik am See Podamur zum Meister ausbilden, um seiner Zeit ein eigenes
Anwesen hier auf dem See von Robanus zu gründen.
Der Leser möge nicht zu sehr staunen, wenn wir von
Fabriken reden in einer Zeit, wo die menschliche Bildung auf einer Stufe stand, wie wir hier sie darzustellen haben. Wo ein Volk doch schon so weit ist,
wie wir hier sehen, da hat immer auch schon eine
Theilung der Arbeit und mit ihr eine Vervollkommnung durch Massenbetrieb Einer Gattung von Arbeit
begonnen. Wohl ist der Bauer auch Fischer, kann
Netze stricken und flicken, ist Zimmermann, spitzt seine
Pfähle selbst mit der Steinaxt, treibt sie mit dem
schweren Holzschlägel in den Seegrund und errichtet
darüber seine vier Wände, ist Wagner, baut sich einen
schwerfälligen Pflug mit hölzerner Pflugschaar, einen
Wagen mit Rädern aus einer, durch schwere Leisten
kümmerlich gefestigten Holzscheibe, wohl kann Frau
und Tochter nicht nur melken, kochen, sondern auch
mahlen, spinnen, mit beinerner Nadel oder mit Fischgräte nähen und auf sehr einfachem Webstuhl, dem
Kegel und Kugeln von Thon als Netzstrecker dienen,
vermag sie Stoffe zu weben, nicht nur einfache, sondern sogar gemusterte von ganz niedlicher Zeichnung;
aber neben solcher Vereinigung von Fertigkeiten in
Einer Hand haben sich doch schon die Anfänge des
Handwerks eingestellt, denn bereits mußte man erkennen,
daß Vervollkommnung Zeit braucht und daß nicht
Jeder Zeit hat, von dem Vielerlei, das er treibt, Jegliches recht zu lernen. Unternehmende und kluge
Männer haben da und dort sogar einen weiteren
Schritt gethan: sie haben begriffen, wie ersprießlich es
ist, wenn man sich zusammen thut zu einerlei Geschäft,
viele Hände in seinen Dienst zieht und in der Theilung wieder eine Theilung vornimmt, indem man je
eine der Arbeiten, die das Ganze in sich begreift, einer
Anzahl dieser Hände zuweist, so daß sie darin eine
ausnehmende Fertigkeit erlangen. So ist drüben am
Podamursee aus kleinen Anfängen ein Anwesen erwachsen, das weit hinein die Lande diesseits und jenseits dieses großen Wassers mit Werkzeugen von Feuerstein und anderem hartem Mineral versorgt; viele
Arbeiter sind beschäftigt und theilen sich, wie gemeldet,
in die Arbeit; die Einen fertigen Pfeil- und Speerspitzen, die Anderen Meißel verschiedener Stärke und
Breite, wieder Andere, und zwar die Geschicktesten,
sind Sägenschläger und es war eines ihrer Produkte,
das wir in Ullins Hand gesehen haben; sie wissen ein
Stück Feuerstein durch wenige geschickte Schläge zuerst
in längliche Splitter zu theilen und dann den Rand
eines Splitters so zu sprengen, daß seine Zacken ungefähr den Dienst der Zähne einer metallenen Sägenklinge verrichten können. Diese kannte man ja noch
nicht, und so hielt man große Stücke auf ein Werk,
das uns gar dürftig erscheinen muß; man muß auch
bedenken, daß kein metallener Hammer, sondern nur
ein kleiner Steinschlegel zu Gebote stand, um die
schwierige Spaltung vorzunehmen. Wie sehr man
doch die Unzulänglichkeit des Geräthes zu fühlen bekam,
haben wir aus Ullin's Geduldermüdung gesehen. Er
wußte aber von einem neuen, großen Fortschritt, der
in dieser Fabrik gemacht worden: die durch Schlagen,
Sprengen hervorgebrachte Form wurde durch Schleifen
auf Granit, auf harten Quarzen geglättet, regelmäßiger gebildet, die Zähne der Säge wurden durch
feilenartige Handhabung desselben Gesteins geschärft,
Alles bekam eine Präzision und Brauchbarkeit, die man
bis dahin bitter vermißt hatte, doch länger konnte
man freilich die Säge, härter Waffe und Meißel nicht
machen. Unbestimmte Ahnungen von künftigen, noch
größeren Fortschritten schwebten aber Ullins denkendem
Kopfe vor und es war sein Lieblingsgedanke geworden,
seinen Sohn in diese große Bahn einzuschieben. Mit
der Schnur- und Fadenfabrik in dem näheren Turik
schien es ihm weniger Ernst zu sein, denn sein Alpin,
obwohl eine stille Natur, hatte bei früheren Anläufen
eine noch stärkere Abneigung gegen diese Art von Arbeit an den Tag gelegt und der Vater selbst dachte
sich in Wahrheit seinen Sohn lieber in einem lustigen
Schlag- und Klopfwerk, als in einem dumpfen Gemache
voll Flachsgeruch und surrenden Häspeln. Aber auch
gegen den andern Vorschlag sträubte sich der Sohn
heute wie immer, ja heftiger als jemals. Denn, gereizt wie er von Sigunen herkam, war er sich eben
jetzt recht bewußt, daß sein Stand auch seine Ehre
habe, und wollte ein Fabrikant so wenig werden wie
ein Jäger. Stand dürfen wir sagen, denn allerdings
war auch das Viehhüten in jener Zeit schon zum besondern Geschäfte geworden wie überall, wo ein Volk
zum Ackerbau vorgeschritten ist. Und da wollte es
einen Mann auf dem Platze; das haben wir aus Alpin's Bärenkampf ersehen, und außer den Bären gab
es nicht nur Wölfe, sondern noch andere, nicht die
Heerde, aber den Hirten bedrohende schreckliche Feinde,
deren einer uns im Verlauf dieser Geschichte begegnen
wird. Schon darum konnte der Hirtenstand nicht
verachtet sein, aber er war es ohnedieß nicht, sondern
etwas Ehrwürdiges. Und Alpin war ein kleiner König.
Er selbst hatte sich das ernsthafte, geruhige, genährige,
stille Rind vorbehalten, unter ihm stand ein Roßhirt,
ein Schafhirt, ein Ziegenhirt und ein Schweinshirt,
den zwar kein Homer den göttlichen Sauhirt Eumaios
nannte, den aber die Welt doch nicht minder in Ehren
hielt, als seine Kollegen, und diese untergeordneten
Herrscher hatten sich wie der Regent selbst noch Hülfskräfte in Form von anstelligen Buben herbeigezogen.
Die erwähnte Gefahr brachte es mit sich, daß der
Hirte oft in den Jäger übergieng, aber darum war
er nicht Jäger von Handwerk. Auch die Jagd, obwohl Jedermann nebenher auch jagte, forderte schon
einen besondern Stand. Der gelegentliche Kampf
gegen die vielen starken und wilden Feinde im Thierreich konnte nicht ausreichen, sie mußten verfolgt werden und da bedurfte es ausdrücklich zu diesem Zwecke
geübter List und Kraft; auch liebte man sehr das
Wildpret, das wird uns gründlich der Festschmaus
bezeugen, von dem späterhin zu berichten ist.

Wir kehren zum einredenden Vater und ablehnenden Sohne zurück.

„Ach, laß, Vater! Wenn ich so bei meinen Thierlein sitze und denke so allerhand über ihre Art und
Thun und kenne sie aus einander und wundere mich,
wie sie doch verschieden sind, und wenn ich so weiter
denke und kommt mir als großmächtig Geheimniß vor,
wie Alles das so sein mag, auch Gras und Laub und
die großen Berge und die Sterne, und wenn ich dann
nicht weiter weiß und blase oder jodle oder blättle — —“

Der Vater unterbrach ihn: „Was nützt mich das
Jodeln und Blätteln!“ Aber Alpin war stolz auf sein
Jodeln und noch mehr auf sein Blätteln und dieß
mit Grund: er entlockte dem Buchenblatt zwischen seinen
Lippen Töne und Melodieen, wie sie jetzt ein Virtuos
auf Klarinette oder Fagot bezaubernder nicht hervorbringen könnte. Und nun war das Gespräch natürlich schon im unebenen Geleise. „Und blättle,“ nahm
Alpin in gereiztem Tone wieder auf, „und denke dagegen, ich sollte zu Zwanzigen klopfen und hämmern
an dem, todten Gestein und mein eigen Wort nicht
hören vor dem Lärm — und so immer das Gleiche
den ganzen Tag — und dann der Herr oder die
Herren — ich arbeite ja dann nicht für mich —
was krieg' ich von denen?“

Geld gab es dazumal, in jenen Gegenden wenigstens, noch keins. Der Vater konnte nichts nennen,
als die Tauschmittel: Geräthe, Kleider, Schmuck,
Vieh, Felle, Wolle, Getreide.

„Und wer hilft mir, wenn ich zu wenig krieg',
und mit dem, was ich krieg', was soll ich anfangen?“

Der Vater fand sich in einige Konfusion versetzt
und antwortete nach einer Pause: „Wieder tauschen
oder aufsparen und Land kaufen.“

„Wozu brauch' ich aber so viel Zeug? Und Land
haben wir ja genug!“

Man war an einem Punkt angekommen, wo kein
Theil weiter wußte. In beiden Köpfen bohrte etwas,
wollte ein Gedanke zur Geburt drängen, der doch unmöglich geboren werden konnte. Zwei Pfahlbauerngehirne, Gehirne, wie sie organisirt sein konnten vor
etwa sechs Jahrtausenden, an dem Punkte einer Vorstellungsreihe angekommen, der sie in logischer Linie
hätte auf die Perspektive weisen müssen: die Arbeiterfrage! Geld! Geldspekulation, Geldhandel, Geld
aus Geld! Banken! Gründungen! —

In der That machten Beide jetzt so unkluge Gesichter, daß ein moderner Zuschauer sich des Lachens
nicht hätte enthalten können. Der Vater nahm zur
Beruhigung seiner so ungewohnt arbeitenden Centralnervenstränge wieder einen langen Schluck Meth. Der
Sohn, dem Schwindel zu entgehen, den ihm das
Stieren in diesen kohlrabenschwarzen Abgrund erregen
mußte, packte jetzt die Sache von einer andern Seite,
die ihm ein klein, ein ganz winzig klein wenig deutlicher vorschwebte:

„Und dann — mithelfen soll ich, daß das Zeug
aufkommt? Und so fortwächst, daß am End’ kein Thal
in diesen ganzen Landen vor dem Pick-, Klopf- und
Hämmer- und Haspelwesen mehr sicher ist? Kein Bächlein lauter und lieblich mehr gehen kann, weil sie's
verschmutzen mit Waschereien und — mit“ (man erkennt, daß er Mühlwerke und Fabriken mit Wassertrieb ahnt und nicht nennen kann, daher setzt er nur
hinzu:) — „und daß am Ende der verstummen muß?“

Mit dem Wort wurde ihm ganz erbärmlich zu
Muthe. Er war Meister auf dem langen Hirtenhorn
so gut, wie im Jodeln und auf dem Buchenblatt. Er
konnte blasen, daß es in die innerste Seele gieng.
Ihm kam in diesem Augenblick das Heimweh, als ob
er schon weit, weit weg in dem steinklappernden
Hämmerwerk wäre. Sein See, seine Schafe, seine
Rinder, voran die Pracht- und Staatskuh, die graue
Lisel, die so sanft blinzte, wenn er sie hinter dem Ohr
kratzte, seine Berge, die fernen silberblitzenden Gletscher
— Alles kam ihm vor, als sehe er es bereits kaum
noch nur ganz ferne — und ebenso ferne Sigunen. —

Auch seine gute Mutter Minona fiel ihm ein, die
draußen am Lande seit einem Jahr im stillen Eichenhaine den ewigen Schlummer schlief. Sie hatte freilich ihrem Alpin auch manchmal eine schwere Stunde
bereitet, da sie ihm mit einem Lieblingsplan anlag,
der dem braven Sohne so wenig einwollte, als die weltmäßigen Ideen des Vaters. Sie wünschte, er solle
studieren. So dürfen wir wohl sagen, da es etwas
dem ganz Aehnliches, was wir so nennen, schon
in jenen Zeiten allerdings gab. In Turik war nicht
bloß die große Schnur- und Fadenfabrik, sondern unter
Anderem auch ein Druidenorden mit seiner Pflanzschule,
einem großen Seminar, und neben ihm eine Bardenschule, die zusammen das bildeten, was wir jetzt eine
Universität nennen. Der Druidenorden mit seiner
klösterlichen Lehranstalt entspricht dem, was jetzt theologische Fakultät heißt; die Bardenschule daneben umfaßt als große, weltliche Fakultät manche Zweige, die
jetzt an mehrere sich vertheilen, als da sind: die juristische, kameralistische, medizinische, philosophische, mit
Kathedern für Naturwissenschaften, Geschichte, namentlich Kulturgeschichte, Metaphysik, Aesthetik, insbesondere
Poetik, die jedoch mit der Musik auch praktisch gelehrt
wird, also mit einer Dichterschule und einem Konservatorium verbunden ist. Wenn wir uns hiemit einiger
moderner Namen bedienen, so wollen wir andurch dem
Leser nicht verwehren, sich den Zustand bemeldeter
Wissenschaften noch etwas primitiv, gewissermaßen steinern vorzustellen. Die Barden waren im Grund
eigentlich ein Zweig des Druidenordens, wir werden
aber im Verlaufe noch Allerhand vernehmen von bedenklichen Spannungen zwischen diesem Zweig und
seinem ursprünglichen Stamme. — Der stolzeste Traum
von Alpin's Mutter war denn, ihr Sohn sollte in
Turik studieren und zwar Theologie: sie hoffte, ihn
einst als Druiden zu sehen, und da stieg ihre Phantasie von Sprosse zu Sprosse; wir würden sagen:
Pfarrer, Diakonus, Superintendent, Prälat, aber darüber gab es noch eine Spitze, zu der sie in ihren kühnsten
Phantasiegebilden schwindelnd emporklomm: Coibhi-Druid! Druidenhaupt! Und das war keine Kleinigkeit,
denn der war Oberpriester und Fürst in Einer Person,
da es Könige zu selbiger Zeit noch keine gab. Der
Coibhidruid war zudem unfehlbar und vernichtend wirkte
sein Bann, der den Getroffenen von den Opfern ausschloß.
So hoch nun aber die gute Minona träumte, Unmögliches träumte sie nicht. Denn der Coibhidruid wurde
(auf lebenslänglich) von seinem Orden gewählt, und
wenn es denn bei der Wahl nur auf Würdigkeit
ankam, warum sollte nicht einst möglich sein, daß — ?

All' diese Hoffnungen gründete sie auf Alpin's
stille und sinnige Gemüthsart. Aber der sonst so lenksame Sohn stemmte sich, wie schon erwähnt ist, dagegen nicht minder fest, als gegen die Pläne des
Vaters. Alpin hatte mehr als Einen Grund gegen
das Geistlichwerden. Der erste, allein schon entscheidende, war: er mochte überhaupt nicht. Warum?
Das konnte er nicht so recht erklären. Das eine Mal
sagte er, der lange weiße Rock sei ihm zu vornehm,
er bleibe lieber in seiner Juppe von Schafpelz; das
andere Mal: die geistlichen Herren wissen Alles so
gar gewiß, davor sei ihm bange. Kurz, er respektirte
die Priester, mochte aber keiner werden. Nun kam
aber freilich noch ein Grund, den er selbst der lieben
Mutter nicht gestehen mochte. Die geistlichen Herren
durften nicht heirathen. Die Mutter aber fieng an,
zu merken, und als sie deutlicher und deutlicher merkte,
stand sie sanft von ihrem Zureden ab, denn sie war
Sigunen gut, sie mochte das frische Mädchen gar gerne
leiden. Der Sohn merkte, daß sie merkte und nicht
ungern sah, und als sie starb, betrauerte er in ihr
nicht nur die Mutter, sondern auch eine Stütze für
den Wunsch seines Herzens.

Davon konnte er nun dem Vater, wie er ihn
kannte, kein Wörtchen sagen. Der Mann, der so weit
hinaus wollte mit dem Sohn, was war von dem zu
erwarten, wenn er ihm sein Herz eröffnete! Es mußte
freilich um jene Zeit auch dem Vater schon zugetragen
sein, was in der Gemeinde kein Geheimniß mehr war.
Er hatte nicht darauf geachtet, weil er nicht hatte achten
wollen; er hatte beschlossen, es für eine Jugendspielerei
anzusehen und todtzuschweigen.

Und nun wollen wir zu dem Gespräche zurückkehren,
das wir nur zu lang unterbrochen haben. Die wehmüthigen Worte vom Kuhreigen hatten den Alten nicht
im geringsten gerührt. Daß dem Sohne vor Weh
die Stimme brechen wollte, merkte er gar nicht. Er
griff eben wieder nach seiner Methschale, hielt sie betrachtend in der Hand und begann, seinem Sohne noch
einen andern Plan zu empfehlen: er solle sich dahin
ausbilden, daß er seiner Zeit eine große Holzschnitzanstalt errichten könne. Es ließe sich, meinte er, wohl
die Quelle erkunden, woher die Schale einst gekommen,
ein ergiebiger Verkehr mit dem fernen Land einleiten,
man könnte geschickte Hände heranbilden, um Geräthe
verschiedener Art mit so zierlichen Gliedern, wie sie
den Rand dieses Runds einfaßten, zu einträglichem
Verkaufe zu schnitzen. Inzwischen kam dem gequälten
Sohn die liebe Natur selbst zu Hülfe. Der Alte hatte
des wirksamen Getränkes nachgerade doch stark über
Durst geschluckt und es kam ein gewisser milder Nebel
über ihn, der sich in der Erscheinung des Lallens oder
sogenannten Zungenschlags äußerte. Er wollte sagen,
er vermuthe oder muthmaße, daß sich mit Schnitzereien
aus Buchsmaser etwas Tüchtiges anfangen, ein gutes
Geschäft gründen ließe. Die Aehnlichkeit der Sylben
in: Muthmaßen, Vermuthen und Buchsmaser wurde
ihm zur Klippe, woran er scheiterte. Er produzirte
Wortmischungen wie Verbuchsmaserung, Vermasmuthbuchserung, Buchsvermuthmaserung, Muthverbuchsmaserung, Masverbuchsmutherung und ähnliche. Dem
Sohne war es nicht darnach zu Muth, daß er hätte
lachen können, aber er nahm die Zeit wahr, sagte
gute Nacht und gieng.

Am Ende des Pfahldorfs standen drei große Ställe
für die Heerden, die untergeordneten Hirten schliefen
auf Heu- und Strohlagern bei dem Gethier, Alpin,
der Oberhirt hatte seine besondere kleine Hütte daneben.
Dorthin schliech er nun in seines Herzens Weh und
streckte sich auf seine Felle nieder. Lange wollte sich
der Schlaf nicht einstellen, als aber endlich die Natur
ihr Recht in Anspruch nahm, ließ sie sich auch durch
ein sonderbares Geräusch, das ringsherum anhub und
immer stärker wuchs, nicht aus ihrer wohlthätigen Ordnung bringen, um so weniger, da dem Schläfer diese
Erscheinung nichts Neues war.

Ehe wir den Ursprung derselben aufsuchen, müssen
wir uns erst nach einer andern Stelle umsehen. Wir
lassen die Nacht bis zum Morgengrauen verstreichen,
begeben uns an's Land und sehen in der Dämmerung
einen schlanken Burschen dem See zuschreiten. Eine
Pelzmütze bedeckt sein dunkles Lockenhaupt; sie ist mit
einer Spielhahnfeder geschmückt, die aus einem Kreise
von Gemshaaren aufsteigt, und sie ist breit verbrämt
mit einer Borte aus zusammengefügten rothen Federn
vom Kopfe des Steinhuhns. Er trägt einen Gürtel,
vorn mit einer großen Erzplatte geschmückt, deren dünne
Fläche mit einer reichen Zusammenstellung von Linien
und kleinen, getriebenen Buckeln verziert ist, — wer
weiß, ob nicht das Urbild des breiten Mittelschilds
am Ledergurt, der heute noch in den benachbarten Gebirgen
Tirols getragen wird und an dessen weiß eingestickten
Verzierungen man ganz ähnliche Zeichnung bemerken
will, wie an jenen uralten Mustern; bei Arthur
aber ist in der Mitte der Ornamente ein Kreis und
im Kreise ein Dreieck zu sehen; an diesem Gürtel
hängt links ein ehernes Schwert in eherner Scheide
und rechts ein breiter, stark kegelförmig in die Spitze
zulaufender Dolch von demselben Metalle. Ein Sack
aus Rehfell hängt auf seinem Rücken, mit einer Schnur
zusammengezogen, der jetzt noch übliche Rucksack unserer
Gebirgsbewohner. Er ist sichtbar gefüllt und wird wohl
nicht leicht sein, doch der Träger erscheint von seiner
Last so wenig als von seinem Marsch ermüdet, das
Haupt hängt ihm nicht vor, sondern steht aufrecht auf
dem schwungvoll aufsteigenden Halse, und rasch, mit
elastischem Schritte bewegt er sich vorwärts nach
dem Seeufer, es ist ein Gang, wie man ihn jetzt
nur noch bei Völkern sieht, deren Füße nicht Schuh
und Stiefel, nur Sandalen kennen. Ein Hund begleitet ihn, ein großer braungestriemter Hatzrüd;
er mochte die Wachsamkeit, den Beistand des treuen
Thieres wohl bedurft haben auf der gefährlichen
Wanderung, die er heute schon mehrere Stunden vor
Tag angetreten.

Das erwähnte Geräusch ist inzwischen zu gewaltiger Stärke angewachsen. Es erinnert bald an das
gebellartige Schreien des Schuhus, bald glaubt man
schmetternde Posaunentöne, bald das schrille Kreischen
großer Sägen zu vernehmen — ein Durcheinander
von Tönen, als brüllte ein Chor von unbekannten,
geisterhaften Ungeheuern.

Der Bursche lächelt und streicht sich den Schnurrbart. Er kennt das. — Auch das wachsame Thier
wird nicht stutzig, scheint längst Gewohntes zu vernehmen.

Nahe dem Ziele führt unsern Wanderer sein Weg
an vier grauen, dunklen Steinmalen vorüber. Sie
scheinen gottesdienstliche Bedeutung zu haben. Eines
derselben besteht in einer rohen, mächtigen Granitplatte,
die wagrecht auf vier ebenso rohen steinernen Stützen
ruht. Es wird wohl ein heiliger Tisch, ein Altar sein.
Rechts davon, etwas rückwärts, befindet sich, senkrecht
als hochragender Steinpfeiler aufgestellt, ein zweiter
Granitblock, unbehauen wie jener; auf seinem Gipfel
erscheint ein Gebilde des Meißels, so unbeholfen, als
es herzustellen ist, wo alle Geräthe selbst noch aus
Stein bestehen und nur der härtere in weicherem arbeitet. Es gleicht der Form, die wir auf Sigunens
Arm eingeritzt gesehen haben: zwei aufgebogene Hörner
stellen wohl einen Halbmond vor, scheinen aber auch
an den Stirnschmuck des Rindes erinnern zu wollen.
Links vom Steintisch, ebenfalls etwas zurücktretend,
ragt ein zweiter Pfeiler, gleich massig und roh, nur
etwas niedriger; er trägt auf seiner Spitze ein Bild,
so ungeschlacht wie jenes, nur etwas erkennbarer; es
ist offenbar ein Molch, was es darstellt. Unbekrönt
dagegen steht in gerader Richtung hinter dem Altare,
tiefer zurückgestellt, als die beiden Seitenpfeiler, ein
dritter, der größte, er besonders altersgrau, rauh und
gemahnend, als schwebten uralte Ahnungen der Völker,
die in unvordenklicher Zeit solche Felsen aufgerichtet,
um seine moosbewachsenen Hüften.

Arthur — so heißt der Wanderer — geht mit
gleichgültigem Blicke vorüber. Er unterläßt es, die
Steinmale mit einem Zeichen der Ehrfurcht zu begrüßen; er beschreibt nicht, wie es der fromme Brauch
verlangt, mit drei Fingern einen Kreis, dann eine
Schlangenlinie auf seiner breiten, wohlgewölbten Brust.
Nach den fernen Gebirgsstöcken, Gräten und Spitzen
ist sein Auge gekehrt. Der breite Glärnisch, der steile
Reiseltstock, der stolze Tödi, die schimmernden Klariden
tauchen ihre Rücken, Jacken und Häupter in den ersten
Strahl der Morgensonne; jene Firnfläche, die jetzt
Vreneli's Gärtli heißt und schon damals von alten
Sagen umwoben sein mochte, leuchtet in rein bläulichem Weiß herüber; weit sind Arthur's Augen geöffnet und ein Ausdruck ist in ihrem feuchten Glanz
zu lesen, der zu sagen scheint, daß schon die Seele
eines Pfahlbewohners im Bilde bestrahlten Hochgebirges
mehr zu fühlen fähig war, als nur Stein, Erde, Schnee
und Eis.

„Halt, wer da?“ schrie eine rauhe Stimme.

„Gut Freund!“

Der Wächter oben an der Pfahlbaubrücke hatte
bei seinem Anruf den Eibenbogen von der Schulter
genommen, einen Pfeil aufgesetzt und lag im Anschlag.
Es war herkömmliche Form, so oft ein Bewaffneter
sich der Brücke näherte, aber dießmal zielte er so scharf,
daß es fast aussah, als könnte es Ernst werden, denn
er hatte die ungewöhnlichen Waffen gesehen; das Erz
schimmerte in der Morgensonne.

„Sag' an, was willt du schaffen
Mit deiner Wehr und Waffen?“ —
‚Will euch lassen in Frieden!‘ —
„Sollst sie wieder haben beim Druiden.“

Man erkennt auch aus diesem Anruf und der Antwort einen bestehenden Brauch, der dem Ankömmling
geläufig sein muß. Er löste Schwert und Dolch von
dem schimmernden hohen Hüftgurt, von dem sie an
zierlichen Ketten niederhiengen, und legte beide Waffen
vor sich nieder. Der Wächter ließ jetzt das bewegliche
Stück der Brücke herab, nahm die Waffen auf und
führte ihn zum Druiden. Wir begleiten die Zwei zu
seiner Wohnung. Sie war inmitten der übrigen
Häuser der geräumigste Bau des Dorfes, eine Art
von Apsis, ein halbkreisrunder Anbau befand sich an
der hintern Seite des Vierecks, man sah schon von
Außen, daß darin mehr Bequemlichkeit sein müsse,
mehr Theilung für verschiedene Zwecke des Thuns
und Lassens, als in den gewöhnlichen Bauernhütten.
Während der Wächter dreimal an der Thüre klopfte,
zog eben Alpin mit seiner Heerde vorüber; es war
die Stunde, wo er austrieb. Er maß den Fremden
mit erstaunten Blicken; als er auf der Mütze die
Spielhahnfeder und den Gemsbart bemerkte, verdunkelte
sich das Licht in seinen weitgeöffneten Augen und zog
sich eine Falte über seine Brauen. Zögernd und noch
ein paarmal sich umsehend trieb er weiter.

„Herein.“ Der Druide saß eben, während im
Hinterraum das Wasser zum Kaffee siedete, behaglich in
seinem pelzverbrämten Schlafrock, und hinter ihm stand
seine alte Hauserin, beschäftigt, ihm die Haare zu ordnen.
Er pflegte den noch reichlichen Naturschmuck seines
Hinterhauptes in Anspruch zu nehmen, um die Kahlheit
seines Vorderhauptes nach Möglichkeit anständig zu
decken. Die Alte wußte die herübergezogenen Stränge
zierlich mit ausgesucht zartem, höchst geläutertem
Tannenharz festzukleben. Der Wächter meldete den
Fremdling. Angus, so hieß der Druide, gebot, ihn
einzuführen, stand auf, nahm seine hohe, spitze Pelzmütze vom Ende eines Hirschgeweihs, das, zum Zweck
eines Aufhängegeräths sehr bequem zugerichtet, an der
Wand angebracht war, setzte sie auf und gab sich eine
Positur, wie sie seinem dreifachen, ja vierfachen
Amte entsprach. Denn er vereinigte in seiner Person
den Priester, Polizeibeamten, Richter und dazu den
Schatzmeister des aus den Abgaben schön sich mehrenden Kirchenguts, das in viel Vorrath an Getreide,
Fellen, Wolle und ansehnlicher Rinderzahl bestand.
Der Wächter führte jetzt Arthur herein, dieser stellte
sich schweigend vor dem Druiden auf in geneigter
Haltung und die Hände über der Brust kreuzend, denn
dieß war die Begrüßungsform, wie die Würde des
Seelenhirten sie forderte. Der ernste Beamte ließ
sich nun vom Wächter Bericht erstatten, die nie gesehenen Waffen näher vorzeigen und eröffnete dann
das Verhör mit einem Hustenanfall. Es war etwas
in dieser Aktion, wodurch sie sich fühlbar von einem
bloßen Naturereigniß unterschied; es war Takt und
Tempo, es war Rhythmus, es war etwas Feierliches,
Erhabenes darin. Arthur kannte das und verharrte
in seiner ehrerbietigen Stellung. „Woher, o Fremdling?“ begann nach dieser musikalischen Einleitung
der Druide. — „Vom See Nuburik“ (— er meint
den See, den wir jetzt den Neuenburger nennen).
— „Was willst du hier bei uns?“ — „Den Bürger
Odgal besuchen, meines Vaters Geschwisterkind.“ —
„Willst du Urfehde schwören, daß du nichts Feindliches willst beginnen?“ Der Druide nahm das Schwert
auf, besann sich einen Augenblick, ob er es für die
Steinstreitaxt, worauf seine Bürger zu schwören pflegten,
wolle gelten lassen, bot es dann Arthur hin und dieser
legte drei Finger auf die Klinge und schwor. Jetzt
erst erlaubte sich der Priester, seiner neugierigen Verwunderung über die Erzwaffen Ausdruck zu geben und
Frage auf Frage darüber zu stellen. Er hatte vorlängst ganz dunkel etwas sagen hören von Geräthen
aus einem neuen, harten, gelbglänzenden Stoffe, die
man in Turik gesehen haben wollte; er hatte es kaum
aufgefaßt und bald vergessen; der Verkehr mit der
Pfahlstadt war eben kein sehr häufiger; jetzt fesselte
der Augenschein nicht wenig seine Aufmerksamkeit.
Arthur gab ihm alle gewünschte Erläuterung. Vor
Jahr und Tag sei ein Fremdling fernher über das
Alpengebirge gekommen zur Gemeinde Nuburik, ein
Handelsmann aus dem Lande, wovon alte dunkle
Kunde gehe, daß da eine wärmere Sonne scheine
und Menschen wohnen, die in allerhand Kunst denen
des Alpenlandes weit vorausseien; der habe Beile,
Hämmer, Meißel und manches Andere aus diesem
blinkenden Stoffe gebracht und gegen Felle, Rinder,
Schafe und Wolle eingetauscht. Dann nach Jahresfrist sei ein Zweiter eingetroffen und habe kunstreichere
Werke aus derselben Mischung zum Verkauf geboten:
Schwerter, Dolche, wie die, welche der Druide hier
sehe, Speer- und Pfeilspitzen, auch Töpfe, Schalen
und außerdem gar feine Dinge, Fischangeln, hübsche
Schmucksachen, zierliche Kämme, Armringe, Heftnadeln,
Halsschnüre aus Kügelchen und Kettchen, die den
Frauen gar wohl gefallen haben. Das sei noch immer
Tauschwaare geblieben, dann seien Männer gekommen,
die auf Saumthieren ganze Lasten der Stoffe gebracht
haben, wie man sie aus den Bergen grabe, schmelze
und aus der Mischung des weißen und rothen, des
Zinns und Kupfers dieß blinkende harte Erz bereite.
Aber auch Gußformen haben sie mit sich geführt und
gezeigt, wie man verfahre, und nun habe man das
gelernt und verfertige selbst alle diese nützlichen und
schönen Dinge. Dann habe man angefangen, in den
eigenen Bergen zu graben, die Metallstoffe gefunden
und seitdem sei nun ein ganz neues Leben dort auf
dem See zu Haus, es komme da den Menschen Alles
leichter vor und sie seien geweckter, beweglicher geworden.
Auf dem großen Nachbarsee Leman und dann in Turik
habe man in den letzten Zeiten diesen wichtigen neuen
Zeug auch kennen gelernt und mit Eifer ergriffen.
Ihm, dem Herrn Druiden aber beehre er sich hiemit
eine bescheidene Gabe für seinen Haushalt demüthigst zu
überreichen mit der Bitte, sie in Gnaden anzunehmen.

Er zog aus seinem Rucksack ein zierliches Messer
hervor, die Klinge hübsch yataganförmig geschwungen,
zierliche Ornamente auf ihrer Fläche, das Heft ungleich feiner, als bei den schweren Steingeräthen, aus
Hirschhorn gebildet.

Der Druide hatte bei jenen Erläuterungen nachdenklich den Kopf hin und her gewiegt. Er zögerte
ebenso nachdenklich, nach dem schimmernden Geschenke
zu greifen. Ein Schatten glitt über sein dickes Gesicht, seine kleinen, tiefliegenden, sonst behaglich glitzernden Augen.

Inzwischen war hinten im Anbau das Frühstück
fertig geworden. Wir haben es als Kaffee bezeichnet
und es war auch Kaffee, nur nicht aus der arabischen
Bohne, sondern aus gerösteten und gemahlenen Eicheln,
ein recht gutes und gesundes Getränke, wie man weiß.
Die Bereiterin dieses Labsals ist dasselbe Wesen, das
wir im Anfang spinnend und singend bei Sigunen
und soeben als Haarkünstlerin gefunden haben, es ist
Urhixidur, die geschäftige Pflegerin, Hausverwalterin
des Druiden und von Geburt seine Base; sie hat sich
bei Arthurs Eintritt zurückgezogen, unter der Arbeit
an der Matte gelauscht, hervorgeschielt und trägt jetzt
auf hölzernem Runde das duftende Getränk herein,
mehr als dieß, ein Ganzes, von dem man sagen
kann, es wetteifre mit der Vollständigkeit eines englischen Frühstücks; denn nicht nur ein Topf herrlichen
Rahmes voll gesellt sich zum Kaffeegefäß, sondern nebst
einem Brodlaib auch gesottene Eier, Butter, Honig
und ein Bärenschinken, ein Theil des Thieres, welches
Alpin kürzlich in so muthigem Kampfe getödtet hat. Sie
ist in dem Moment eingetreten, wo Arthur dem Druiden
das Messer hinbeut, und die ehrsame Schaffnerin findet
es passend, ohne Zögern und mit scharfem Tone zu
bemerken: „Dieß ist auch wieder so eine von den gefährlichen Neuerungen. Soll denn alles gute Alte zu Grunde
gehen?“ Der Druide striech sich verlegen seinen mit
Grau durchschossenen Bart, Widersprechendes gieng in
ihm vor: er schämte sich des Pantoffels, dessen Herrschaft die kecke Einmischung so klärlich an den Tag
legte, die Waffen gefielen ihm eigentlich und noch
mehr das hübsche Messer, zugleich aber mußte er im
Innern der Hauserin Recht geben, denn von Anfang
an, beim Anblick der Waffen schon, hatte ihm so etwas
vorgeschwebt, wie es die vorlaute Alte nun in Worte
faßte. Diese ergriff jetzt ein sauberes, glattes Holzmesser,
trennte damit ein Stück von der Butterform ab und
lobte die guten alten Werkzeuge. Arthur hatte schon
vorher den Schinken in's Auge gefaßt; er war angeschnitten oder vielmehr angemeißelt, was wir ja bereits kennen; man sah deutlich die rohen einzelnen
Eingriffe des unzureichenden Werkzeugs und zum Ueberfluß lag ein solches daneben. Arthur trat hinzu und
schnitt mit sicherem Druck und Zug seines Erzmessers
eine dünne Scheibe des röthlichen Fleisches herunter.
Der Alten funkelten die schwarzen Augen in ihren
tiefen Höhlen, ihre gelbe Haut wurde blaß, das heißt
hellgelb, dann grünlich, dann roth, richtiger orangegelb, sie rieß Arthur das Messer weg, schleuderte es
zu Boden und rief: „Man wird uns auch noch unsere
gute alte Religion zerschneiden.“ Arthur stand schweigend, lächelnd über die rasche Logik und sah den
Druiden an mit einem Blicke, der deutlich sagte:
„Was wirst du nun dazu sagen?“ Der Druide zog
einen mittleren Weg vor — das liebte er — mit gewissen Ausnahmen — überhaupt. Er fühlte, daß
dem Weibe, dessen vorstürzende Leidenschaft ihn vor
dem Fremden beschämte, ein Verweis gebühre, allein
er kannte ihre Wehrhaftigkeit, und zudem, wenn denn
einmal sein ahnendes Gefühl den Besorgnissen der
Alten beistimmte, so konnte er auch nicht umhin, die
so weit gedehnten Folgerungen gutzuheißen. Er beschloß in dieser Verwicklung, der gestrengen Herrscherin
seines Hauses sowohl Unrecht als Recht, das heißt
dem Ankömmling sowohl eine Artigkeit, als auch einen
ernsten Wink zukommen zu lassen. Die Artigkeit lautete:
„Ich nehme die Gabe an, o Fremdling, und gebe dir
deine Waffen zurück.“ Eigentlich fragte er sich, ob er
nicht zu Ehren höflicher Sitte, auch schärferer Bestrafung seiner unbotmäßigen Schaffnerin ihn zum
Kaffee einladen sollte, aber diese las ihm das aufrührerische Vorhaben aus den Augen ab und ein strenger
Blick aus den ihrigen genügte, es nicht zur Ausführung
gedeihen zu lassen. Der Wink aber bestand in den
Worten: „Ich hoffe, daß du unsere heiligen Gebräuche
achtest, und erwarte, daß du heute Abend bei dem
ersten Vorakte des großen Festes, der Betuchung
unserer frommen Jugend, erscheinest.“ Arthur bejahte,
verabschiedete sich und der Druide machte sich an seinen
Kaffee. Er trank mit wenig Behagen dießmal; er
hätte sich sogar fast unterstanden, einen an der Beharrlichkeit Urhixidur's längst erlahmten Widerstand heute
nach langer Zeit wieder zu eröffnen: sie ließ sich's
nicht nehmen, dem redlichen Getränk eine Beimischung
von der Wurzel einer Pflanze, genannt Wegeluge, zu
geben: demselben Vegetabil, das wir jetzt Cichorie
benennen; sie behauptete, es gebe dem Kaffee eine
bessere Farbe und Konsistenz; der Druide meinte:
aber keinen guten Geschmack; es hatte darüber schon
Szenen gegeben; die stärkste, als der würdige Mann
einmal sich so weit vergessen hatte, aufzustellen: die
kleinste Dosis von dieser gemeinen Pflanze gebe dem
Kaffee einen Geschmack von Jauche; darüber war die
Verfechterin guter alter Sitte so wild geworden, daß
von nun an der Muth des Widerstrebenden gebrochen
war. Schweigend, mitunter zwischen den Zähnen
murmelnd, trank und aß er und ebenso die Alte. Einen
giftigen Blick auf sie werfend schnitt er sich mit dem
Erzmesser ein Stück vom Schinken ab, mit einem noch
giftigeren meißelte sie sich einen derben Schnitz davon
herunter und schmatzte zum Essen etwas stärker als
sonst, denn sie wußte, daß der Druide das nicht leiden
konnte.

„Der Fremdling besucht Odgal?“ fragt die Alte.

„Ja,“ antwortet der Druide.

„Kann Sigunen gefährlich werden.“

„Ah bah!“

Doch ließ es einen Stachel in ihm zurück; er
hatte daran noch nicht gedacht. Er war ein entfernter
Vetter von Ullin wie von Urhixidur, die also das
lebendige verwandtschaftliche Band zwischen beiden Häusern vorstellte. Daß diese dem frommen Hirtenjüngling,
wie sie Alpin nannte, wohl gewogen war und ihn bei
Sigunen eifrig unterstützte, haben die Leser schon aus
dem Anfang unserer Geschichte ersehen. So war
ihm auch ihr Hausherr freundlich geneigt, nicht nur
als Verwandter, sondern insbesondere als Freund des
Hirtenstands, in welchem er einen Träger der guten,
gläubigen, alten Sitte und Gesinnung sah. Sigunen's
Muthwille machte ihm weniger Sorge als der Alten,
er scherzte selber manchmal mit der munteren Maid
und mochte dem braven Burschen wohl gönnen, daß
es ihm mit ihr gut werde.

Alpin war inzwischen eine Strecke weit in tiefen
Gedanken mit seiner Heerde hinausgezogen; plötzlich
hielt er, sagte dem Rinderbuben, er solle nur zufahren,
und gieng zurück, anfangs langsam, dann schneller,
dann ward der Gang ein Laufen, endlich ein keuchendes Jagen, so kam er an bei Odgals Hütte und
stand an demselben Fenster, durch das er gestern Sigunen belauscht, geneckt, herzlich begrüßt hatte.

Was mußte er sehen! Arthur saß neben Sigunen,
den Arm um ihren Nacken und sah mit glänzenden
Augen zu, wie sie einen blinkenden Gegenstand in der
Hand wiegte. Es war eine Halsschnur, wie er sie
noch nie gesehen; ein zartes Geflechte von gewundenen
Erzfäden wechselte mit Kugeln fein gegliederter und
verzierter Gestalt von demselben Metall und von Stelle
zu Stelle mit ebensolchen Formen aus durchsichtigem
Bernstein. Entzückt betrachtete sie den wunderneuen
Schmuck und ließ seinen Glanz in der Morgensonne
spielen. Und was dem Armen noch einen rechten
Stich in's Herz geben mußte: daneben auf dem Tisch
lag unbeachtet das Werk seines Fleißes, seines Schweißes,
die Halskette aus Bergkrystall. Zugleich bemerkte er,
daß der Geber des Geschenks einen ähnlichen Schmuck
selbst trug; zwar einfacher: ein Erzgeflechte ohne Zuthat, doch vornehm und prächtig schimmernd auf der
bräunlichen Haut des schlank geschwungenen Halses.
Es war allgemeine Sitte der Männer, einen Halsring
zu tragen, aber um den Hals Alpin's zog sich nur
ein Reif aus geschlungenen gelben Wollfäden: ein
Schmuck, der ihm jetzt gar trocken und ärmlich vorkam trotz dem Klunker von Bärenzähnen, den er kürzlich daran gehängt hatte. Die Kinder jubelten laut
auf, auch sie hatten herrliche Gaben bekommen; das
ältere Mädchen Ohrenringe: da baumelten an feinen
Kettchen durchbrochene Kugeln, in jeder eine kleinere eingeschlossen, — wie es nur möglich war, diese in das
gegitterte Gelaß hineinzubringen! Und wie allerliebst
mußte das immer spielen, klingen, glöckeln, wenn
man's nun im Ohrläppchen trug! Der Knabe war
beschäftigt, einen Boug, will sagen einen Armring an
seinen Arm zu streifen, in dessen schimmernde Oberfläche gar anmuthige Ordnungen spielender Linien
eingegraben waren, ein Gebilde fast so schön wie jenes,
das an Arthur's eigenem Arme funkelte. Das kleinere
Mädchen schüttelte ein Spielzeug von Erzringen, die
an einem Zinnring hiengen, und ergötzte sich an ihrem
Rasseln. Der Vater aber stand unbeweglich, sprachlos
über ein winziges Objekt gebeugt, das er in der Hand
hielt und das ihm wie ein Weltwunder erscheinen
mußte: eine Fischangel, die ihm von nun an die
kümmerlichen Aushülfen von Bein ersetzen sollte; und
was sein Glück bis zur Höhe des Verstummens steigerte, das war eine Gußform für dasselbe Geräthe,
die er in der Linken hielt.

Alpin blieb unbemerkt; er wollte sich still zurückziehen, aber sein Ryno war ihm gefolgt, er schnüffelte
an der Thüre, ihn hörte und witterte Tyras, der gestrenge Begleiter Arthur's, stieß die Thüre auf und im
Nu waren sich beide Hunde in den Haaren. Ein
wildwüthendes Raufen gieng los, während die Familie
und der Gast herausstürzten. Der große Bulle war
dem braven Schäferhund nicht an Tapferkeit, aber an
Kraft überlegen, das zottige Fell des Feindes bot
seinen Zähnen Anhalt und er verbieß sich nach Art
seines Schlages so in dessen Genick, daß Alpin nicht
zaudern durfte: er packte das starke Thier um den
Hals und schleuderte es mit einem mächtigen Schwung
über die Brustwehr des Pfahldorfs; erst der Flug
durch die Luft vermochte die festgeklemmte Zange seiner
Zähne zu lösen, so war Ryno mitgerissen worden und
fielen beide Hunde zusammen in das Gewässer des
Sees. Mit rollenden Augen standen Arthur und
Alpin einige Minuten sich gegenüber, Odgal suchte
seinen Gast zu beschwichtigen, auf Alpin fiel ein Blick
von Sigunen, seltsam gemischt aus Unwillen und zugleich
aus Mitgefühl, und dann doch auch aus Furcht und
Scheu, wie ein Weib sie wohl fühlen mag vor einem
Mann, den sie als gutmüthig kennt, von dem sie
aber weiß, daß er doch auch einmal schrecklich werden
könne. Mitten in seinem Zorn und Jammer schöpfte
Alpin aus diesem Anblick unbewußt eine gewisse Genugthuung, die ihm so viel Halt gab, daß er sich
durch Arthur's drohende Blicke zu keinem Ausbruch
hinreißen ließ. Auch dieser nahm sich zusammen und
schien nachgerade doch zu bedenken, daß hier kein Unrecht geschehen war.

„Auf Wiedersehen!“ sagte Alpin, freilich in einem
dumpfen Tone, der nichts Gutes versprach, wandte
sich und gieng hinweg. Er schritt der Brücke zu, erst
jenseits derselben fiel ihm sein Ryno wieder ein, er
that einen schrillen Pfiff, nach kurzer Zeit erschien das
treue Thier, keuchend, pudelnaß, ganz erschöpft, wollte
am wiedergefundenen Herrn hinaufspringen und mußte,
elend zugerichtet, am Nacken blutend, von dem Versuche abstehen. „Armes Thier!“ er sagte das mit
wenig fester Stimme und es war ihm, als käme ihm
die Nässe aus dem zottigen Fell in die Augen. Langsam zog er mit dem matten Begleiter hinaus seiner
Heerde zu; als er sie erreicht hatte, war sein Erstes,
eine Kuh zu melken und die Wunde des Thieres mit
warmer Milch zu waschen, dann mit welkem Moos
sein Fell zu trocknen; als dieß geschehen, legte er es
wie ein krankes Kind auf ein Rehfell und nun —
dachte er an sich. An wen? An den armen, verlassenen, verrathenen Alpin. Er schliech weg ins Dunkel
eines Gehölzes, warf sich in's hohe Gras, wälzte sich
links und rechts, wie glühende Nadeln arbeitete es in
ihm, ein Schweiß brach ihm aus, er fuhr in Wuth
empor, warf sich wieder zu Boden, betrachtete sich
selbst, wie er so hingestreckt lag, und zu neuer Qual
tauchte jetzt plötzlich das Erinnern einer Wahrnehmung in
ihm auf, die er sich vorher nicht zum Bewußtsein gebracht
hatte. Er sah seine Hosen an, sie waren von grobem
Lodenstoff und eben nicht geeignet, die Gestalt seiner
Beine, die sich eigentlich gar wohl sehen lassen konnte,
vortheilhaft zu zeigen, und nun fiel ihm ein, daß Arthur's Beine doch ganz anders sich ausnahmen; da
sah zwischen Lederhose und gemustertem Stutzstrumpf
das nackte Knie hervor und unbehindert von knorrigen
Falten erschien die sichere Zeichnung des wohlgeschaffenen männlichen Bewegungsorgans in ihrer Kraft
und Schönheit. Jetzt erst wurde es ihm siedend heiß
und abermals warf er sich zu Boden. „Ja! ja! ich
bin ja nur ein stiller, zahmer, dummer Hirte! Ich
hab' keine so gewellten Tanzbeine, trag' ja auch keine
Spielhahnfeder und Gemsbart, nur ein paar blaue
Häherfederl und einen Wisch von Luchsohren-Borsten
an der Pelzkappe, und bin nicht wie ein Mädel mit
glitzernden Ringen aufgeputzt.“ Die Ironie half ihm
nichts, die Kraft des Stolzes brach, eine Flut von
Thränen stürzte hervor; Ryno kam ihm zugekrochen,
wie er so lag; „Komm' her, gutes Vieh,“ sagte er,
„wir sind ja wohl zwei unglückliche Kerle miteinander,“ er duldete ihn neben sich, ja legte den
Arm über ihn, versank nach und nach in ein stumpfes
Brüten und endlich kam über die beiden Verwundeten,
den einen, der im Nacken, und den andern, der tief in
der Seele getroffen war, die Wohlthat des Schlafes.

Der Hirtenbub weckte ihn, es mußte heute früher
eingetrieben werden, denn Alpin durfte bei der abendlichen Feier nicht fehlen. Der Hunger stellte sich ein,
er machte sein einfaches Hirtenmahl kurz ab und
fuhr heim mit seiner Heerde, entschlossen, Arthur für's
Erste zu vermeiden, — und Sigunen? Er wollte sie nie
wieder sehen, ja er dachte gar, dem Vater nachzugeben, sei es, daß er Feuersteinschmied werde, sei es,
daß er zu den Druiden oder Barden nach Turik in die
Lehre gehe; was dachte er Alles, und hinter dem Allem
dachte wieder etwas Anderes in ihm, eine dunkle Stimme,
die er nicht recht verstand, nur daß ihm schien, sie
sage, aus all' den trotzigen Vorsätzen werde nichts
werden. Er fand die Gemeinde in verworrener Aufregung, das Dorf gliech einem Bienenschwarm; Alles
lief durcheinander, der Plankenboden der engen Gassen
polterte von tausend Schritten derb auftretender Mannen. Kurz nach dem unheimlichen Auftritt am frühen
Morgen war die Neuigkeit von der wunderbaren Erfindung, deren Erzeugnisse Arthur mitgebracht, wie ein
Lauffeuer durch die Hütten gesprungen. Man kam,
man sah, man staunte an, man versuchte die Waffen an
Fleisch und Holz, man war entzückt und man schüttelte
doch auch die Köpfe. Das Staunen nahm einen eigenthümlichen Charakter an, als Arthur nun etwas vorzog, was er in Odgal's Hause noch nicht gezeigt
hatte. Es war ein kleines Stückchen Erz, flach, viereckig, es zeigte auf einer Seite das Bild einer Kuh, umgeben von einem System sehr kunstreich in einander verschlungener Linien. Er suchte den sonderbaren Gegenstand zu erklären, er sagte geheimnißvoll, es sei ein neues
Tauschmittel; er nahm einen Ansatz, die Bedeutung
auseinanderzusetzen, allein er stieß auf solches stummes
Stieren, verdrießliches Kopfschütteln, ärgerliches Lachen,
daß er sein Erzstückchen wieder einsteckte mit einem
Gesicht, das sagte: das ist noch nicht für euch. Einige
der Mannen, denen er es gezeigt, sahen ihn von da
an mit gewissen Blicken an, die zu fragen schienen:
Narr oder verdächtiges Subjekt? Es kam noch etwas
dazu, den Luftkreis, der den Fremdling umgab, in
eine gewisse Gespanntheit zu versetzen. Es entfielen
ihm, wenn er so von Neugierigen umringt war, ab
und zu Reden, Andeutungen, die zu denken gaben,
als zum Beispiel: es könne sonst auch noch Manches
anders werden, — es sei nicht gerade Alles für die
Ewigkeit, was jetzt felsenfest scheine, — die Welt sei
weit und wohl nicht überall kommen den Menschen die
Dinge so vor, wie hier zu Land. Der Wächter
wollte bemerkt haben, daß der Ankömmling die Steinbilder am Ufer nicht begrüßt habe, wie jeder ordentliche Heidenmensch doch thue. Noch eine andere bedenkliche Erscheinung gab viel zu raunen und zu munkeln:
Niemand hatte Arthur husten gehört; ein Punkt, dessen
Erläuterung wir allerdings dem Leser noch schuldig,
aber auch mit Nächstem zu geben bereit sind. Darauf
legten besonderes Gewicht ein paar Alte, an deren
Athmungswerkzeugen diese Art von organischer Erschütterung allerdings in regelmäßiger Wiederholung
von Pause zu Pause zu bemerken war: sie liefen zum
Druiden und gaben ihm Alles an, was unheimliche
Bedenken über den Ankömmling erregte, und mit wichtig
aufgezogenen Augenbrauen betonten sie vor Allem
das letztere bedeutungsschwere Phänomen oder vielmehr Nichtphänomen. Der Druide hatte heut keinen
guten Tag, er war schlecht bei Laune zum Voraus:
nicht bloß, weil er sich am frühen Morgen schon bei
seinem Kaffee hatte ärgern müssen — eine Erfahrung,
die uns bekanntlich den ganzen Tag zu vergällen geeignet ist —; nein, es war da noch ein besonderer
Umstand, der ihm die Laune verderbte: die alten
Denunzianten brachten ihm zugleich die Nachricht, daß
auf morgen die zwei Barden angesagt seien, die man
von Turik hergebeten habe, und sie trugen das vor
mit Kopfschütteln und mit Vorwurf in Blick und
Ton. Wir müssen in der Zeit etwas zurückgehen,
dem Leser Licht zu geben.

Die ungewöhnliche Hitze dieses Sommers hatte
einen Theil des Sees trocken gelegt. Ein Pfahlbürger
mit Namen Massikomur, der wie Andere öfters den
Weg zu seinen Aeckern der Abkürzung wegen über
diesen Seegrund nahm, meinte einmal, als er in die
Spalten des gedörrten und geborstenen Schlamms
hineinsah, etwas wie Thonscherben, ein andermal etwas
wie eine rohe Axtklinge von Stein zu bemerken. Er
war ein nachdenklicher, wißbegieriger Mann; er fieng
an, zu graben. Er hackt und hackt und stößt, nachdem er einige Schuh in die Tiefe gelangt, auf größere
Scherben von Töpfen, denen gleich, die man jetzt gebrauchte, aber weit roher an Form, ohne verzierendes
Glied, und wo sich ein solches findet, besteht es nur
in einer Reihe von Vertiefungen am Halse, die sichtbar mit dem Nagel eingedrückt sind; der Thon gröber,
unverarbeiteter und viel schlechter gebrannt, als der
jetzige, die Rundung unförmlicher, als man sie heutzutage herzustellen versteht: jetzt, heutzutage, das heißt
dazumal, als Massikomur lebte, wo die Glasur und
die Töpferscheibe auch noch nicht bekannt, aber doch
die Brennung sorgfältiger, Augenmaß und Hand in
der Formung ungleich sicherer und feiner geworden
war. Ferner finden sich Geräthe und Waffen aus
Holz, Stein, Bein, aber weit nicht so vielfältig und
weit roher als man sie jetzt zu bereiten weiß: die
Pfeil- und Lanzenspitzen aus Feuerstein durchaus nur
gespalten, nicht nach allerneuester, zwar noch seltener
Axt geschliffen; was aus weniger hartem Stein gebildet war, Aexte, Kornquetscher, Meißel von so
plumper Form, daß leicht ersichtlich: wo man den
Schleifstein anwandte, da fehlte die Geduld zu
pünktlichem Gebrauch. Mit Hämmern, Schlegeln muß
es dürftig ausgesehen haben; es finden sich mehrere
Unterkiefer von dem gewaltig großen Bären jener Zeit,
dem Höhlenbären, die sichtbar die Stelle jener Schlaggeräthe versehen mußten. Man entdeckt Küchenabfälle:
Fischgräten, Körner von Himbeeren, Erdbeeren, allerhand Knochen; hier ein ungeheurer Rückgratwirbel!
Den kennt man: er stammt vom Ur, der wohl seltener
geworden, aber noch nicht ausgestorben ist; noch gelingt es wenigstens einmal im Jahr, einen dieser
Riesenochsen in der Grube zu fangen und (langsam
und grausam genug mit den doch immer noch höchst
unvollkommenen Waffen) zu tödten. Stangenstücke
vom Schelch, die Zeugen der Ausgrabung bedurften
keiner Uebersetzung des Worts, noch konnte man,
wiewohl nicht oft, die Wälder vom streifenden
Geweihe des Riesenhirsches rauschen hören; hier ein
Ende zu einem Dolche verarbeitet: „Wir machen
das jetzt feiner,“ sagte der Finder. Aber halt!
was mag das sein: ein ungeheures Stück von glattem Bein, rund, es kann nur Zahnbein sein; dort
noch ein Stück, beide gehörten sichtbar zusammen und
ergeben, da sie Massikomur an einander fügt, das
Bruchstück eines riesenhaften Zahns, der hauerartig
aus dem Rachen eines Thiers herausgeragt haben
muß, und zwar zuerst abwärts gebogen, dann nach
oben gekrümmt; das muß ein Thier von fabelhafter
Größe gewesen sein! Man staunte, man rieth vergebens, denn man wußte nichts mehr vom Mammuth.
Nun tauchten mancherlei Knochen auf von nicht so
über alles bekannte Maß großen, doch sichtbar auch
sehr ansehnlichen Thieren, die man durchaus nirgends
hinzuthun wußte. Unsere Pfahlbürger waren so weit
ganz exakte Osteologen, daß sie genau bestimmen konnten,
ob ein Theil eines Knochengerüstes einem der ihnen
bekannten Thiere angehörte; das Verarbeiten des Beins
zu so mancherlei Geräthen und das beliebte Spalten,
um die Kraft- und Leckerspeise des Marks zu gewinnen,
hatte ihnen eine große Sicherheit des Blicks verliehen.
Aber wer noch kein Nashorn, noch keinen Löwen gesehen
und geschlachtet hatte, wie sollte er das Ganze ihres thierischen Baus sich denken, wie ihre Gattung und Art
feststellen können, wenn er Reste ihrer Knochen fand?

Es war eine willkommene Abspannung von den
Anstrengungen des Staunens, des vergeblichen Rathens,
Sinnens, als man wieder zu Lagen gelangte, woraus
Geläufiges, Wohlbekanntes an's Tageslicht trat. Auf
Getreidebau hatten schon die plumpen Kornquetscher
gewiesen, und nun: siehe da! ein Brodlaib, freilich
nicht so gefällig rund, wie Sigune sie zu kneten wußte.
Und endlich: „Donnerwetter! komm' her, Gwalchmai!“
rief Massikomur seinem Nachbar zu, der soeben auch
den kürzeren Weg über den vertrockneten Seegrund zu
seinem Acker gieng; „sieh' her!“ Gwalchmai eilt herbei
und er hebt ihm eine Schaufel voll verkohlter, kleiner,
halbrundlicher Gegenstände unter die Augen. „Hagel
auch, Schnitzli!“ rief Gwalchmai, denn es waren ja
unzweifelhaft Schnitze von Aepfeln und Birnen, wie
sie heute noch, so und so verkocht, mit würzigen Körnern,
mit Meth angesetzt, die große Rolle des beliebtesten
aller Gemüse, des allgemeinen Nachtischs, des allgemeinen Vesperbrods spielten! Das hieng, um an der
Sonne gedörrt zu werden und Vorrath für den Winter
zu bilden, an allen Dachgesimsen und Fenstern in
Bündel gefaßt herum, wie heutzutage (das heißt dießmal: in den Tagen des Verfassers dieser Geschichte
und seiner Leser) die Maiskolben, das wurde dann in
großen Holztruchen aufbewahrt und die Schnitztruche
war den Kindern eines Hauses das wichtigste aller
Geräthe. Es sammelte sich ein Kreis von Neugierigen;
Zweifler waren darunter, die meinten, das Zeug werde
eben vom jetzigen Dorf einmal hinabgesunken sein; sie
stutzten, als man ihnen die Tiefe wies, aus welcher
der Fund kam, sie verstummten ganz und sperrten
weit den Mund auf, als Massikomur, vor ihren Augen
weiter grabend, zu seiner eigenen Verwunderung auf
Stümpfe von Pfählen stieß in derselben Tiefe, das
obere Ende kohlicht, also das Holz herabgebrannt bis
auf den noch im alten Seegrund feststeckenden Stummel.
Also kein Zweifel mehr: ein altes Pfahldorf! Alt,
wer konnte wissen, wie viele Jahrhunderte! Abgebrannt,
wie einst vielleicht — — man schauderte, denn man
kannte diese Gefahr, wie sie nicht bloß vom Feinde
drohte; strenge Gesetze hüteten ängstlich das Feuer;
wenn Föhn kam, gieng der Bittel um und sah strenge
nach, ob es auf jedem Herd richtig ausgethan sei.
Doch viel größer als der Schauer war das Staunen,
das Gefühl des Dunkels, der Reiz, die Begierde, es
gelichtet zu sehen. Zwar könnte man meinen, es sei
doch keine schwere Aufgabe für die Fassungskraft der
Verwunderten gewesen, sich vorzustellen: der Seegrund
lag einst tiefer, ein Pfahldorf stand darauf, brannte
ab, der Seegrund stieg mit der Zeit durch neue
Schlammschichten und in der neuesten stehen die Pfähle
der jetzigen Gemeinde. Aber man versetze sich billig
in den Kopf eines Pfahlbewohners! Dann versenke
man sich in den Gedanken: Kulturperioden! Ungeheure
Zeiträume! Ewiger Wechsel! Man werfe nur einen
Blick in die Perspektive der Betrachtungen, die sich
daran knüpfen, und man wird begreiflich finden, daß
die Geister gründlich verwirrt, beunruhigt, ja durchschauert waren. — Dem Druiden hatte man gleich
im Beginn Anzeige von diesen Fünden gemacht: er
verhielt sich abweisend, verdrießlich; er kam nicht zur
Ausgrabung; er wollte nichts davon wissen. Auch
die geregelten alten Huster, die wir erwähnt haben,
schüttelten mißlaunisch, mißtrauisch die Köpfe zu der
räthselhaften Entdeckung. Das ärgerte nach und nach
die aufgewecktere Minderzahl der Bürger, man saß beim
Meth zusammen, man murrte, man grübelte, man
berieth. Eine so gestimmte Gruppe von Pfahlmännern
finden wir eines Abends bei Alpin's Vater Ullin im
Gespräche beisammen. „Von dem, was vorher gewesen, will unsereins eben auch was wissen,“ brummt
der hagere Griffith. — „Ja,“ fällt Nachbar Gwalchmai
mit den kleinen, klugen Augen ein, „wir wollen nicht
so ganz im Dunkeln wandeln,“ — „Und in der Zukunft,
was kann da vielleicht Alles noch werden?“ bemerkt
der fortschrittliebende Hausherr und fährt fort: „Wenn
der Druide uns nichts sagen will oder am End' wirklich
selber nichts weiß —.“ — „Gerade das glaub' ich,
daß er selber nichts weiß, er hat ja doch nichts
als Theologie studiert,“ meint der dickbackige Karmor
und lacht. — „So verlangen wir,“ schließt Ullin, „er
solle einen Seanacha aus Turik herberufen; ich weiß
gleich einen, den hat man mir hoch gerühmt, als ich
neulich drüben war, um Häute gegen Meißel zu verkaufen, — Feridun Kallar heißt er —, der wisse mehr
von alten Geschichten, auch von Sonne und Mond, Erde,
Wasser, Feuer, Bäumen und Thieren und Menschenwesen, als irgend Einer. Versteht sich, daß er ein
Meister, ein Pencerdd ist.“

Griffith: „Aber die Barden kann unser Herr nicht
leiden.“

Gwalchmai: „Ja freilich nicht, weil sie mehr
wissen als er! Drum sagt er immer, von Turik wehe
ein schlechter Wind herüber.“

Griffith: „So verlangen wir's erst gerade recht.
Wir wählen eine Deputation, die soll morgen gleich
zu ihm: der Barde muß her!“

„Nehmt mich in die Deputation,“ ruft Karmor,
„ich freue mich schon jetzt drauf, was der alte Hausdrach Urhixidur für Augen macht, wenn wir unsern
Willen vortragen.“

„Ja, ja,“ lachte Gwalchmai, „die gelbe Bohnenstange möchte eben immer für eine Gwyllion gelten,
und ihr Herr läßt es ihr so hingehen, läßt manchmal
selbst so einen Wink fallen, als ob was dran wäre!“

Wir müssen hier einen Augenblick ungern die
Redner unterbrechen. Der Leser wird nicht wissen,
warum Gwalchmai nicht sagt, Urhixidur möchte für
eine Druidin gelten, sondern für eine Gwyllion. Die
Druiden leiteten sich, wie man aus unserer Geschichte
des Weiteren ersehen wird, von Taliesin, als dem
Gründer ihres Ordens, ab, den Druidinnen wollte
man so hohe Abkunft, Erleuchtung von so hoher Lichtquelle nicht zugestehen und nicht absprechen; man gieng
daher einen Mittelweg: sie sollten sich auf ihn zurückführen dürfen, aber auf ihn nur, als er noch Gwyon
war, der eben aus dem Zaubertopf genippt hatte. So
nannte man sie denn Gwyonkind, Gwyonchen, denn
das bedeutet Gwyllion.

Wir kehren zu unserem Gespräch zurück.

„Als ob!“ versetzt Griffith.

„Ja, als ob,“ fährt Gwalchmai fort, „als ob wir
nicht wüßten, daß sie im Examen durchgefallen ist!“

„Ja,“ erläutert jetzt Karmor, „und ich weiß,
warum? Ich hab' mir's neulich in Turik sagen lassen:
sie ist im Prophezeien schlecht bestanden, und da hat
sie nun aber den alten Hafen und sagt, es sei der
Weisheits- und Zauberhafen der Fee Coridwen, und
sie habe ihn von ihr geerbt nebst dem Wirtel, denn
sie sei ihre Ur-Ur-Ur-Urenkelin. Der Pfaff nickt
dazu, als ob er's glaubte, sie hat ihn ganz in ihrer
Gewalt, ja, ja, wir wollen Beide recht ärgern.“

Massikomur, bisher stummes Mitglied dieser Gesellschaft, nahm jetzt das Wort: „Müßt nicht so spotten,
ihr Burger; wir müssen gesetzte Mannsleut sein; ihr
könnt's im Großen doch nicht anders machen, als es
ist, und im Kleinen werden die Druiden eben immer
auch so ihre schwachen Seiten haben. Gegen diese
mögt ihr euch, wenn's der Müh' werth ist, fest hinstellen, aber ohne Bosheit. Wählen wir also Boten,
sie sollen ordentlich und ruhig vorbringen, was wir
für eine vernünftige Forderung halten; es wird ja
gehen.“

Auch Alpin fehlte nicht im Kreise, schon darum
nicht, weil man in der Stube seines Vaters tagte; die
Fünde gaben auch ihm viel zu denken, die scharfen
Reden waren gerade nicht sehr nach seinem Geschmack,
ohne daß er sich übrigens darüber empört fühlte; er
liebte sich eben eine gewisse Ruhe und Stille, daher
gefiel ihm die Gesinnung Massikomur's, und da seine
Worte sichtbar wirkten, so wagte er sich in der Pause, die
entstanden war, seinerseits mit einem Vorschlag heraus.

„Ich meine,“ sagte er, „wir könnten bei der Gelegenheit auch einen Filea, natürlich auch einen Meister,
einen Pencerdd, bitten, daß er uns zum Fest ein recht
schönes Lied dichte. Ich kenne einen aus der edlen
Sängerzunft der Barden, er heißt Guffrud Kullur, ist
erfahren in allen Weisen der Dichtkunst und Musik,
er baut gar so schöne Lieder, die schönsten Reimgesetzel und singt sie mit Cwlwm und Mwchwl, daß es
eine Pracht ist!“ Seine Zuhörer wußten besser, als
unsere Leser, daß die zwei niedlichen Wörter musikalische Sätze und Weisen bedeuteten; Alpin fuhr fort:
„Die Mädel hier singen auch gar so ein schönes Lied
von ihm; ihr müßt's schon gehört haben.“ Es machte
ihm kein Beschwer, zu wissen, daß die Zuhörer gleich
auf Sigunen rathen mußten, denn Keine sang so schön.
Er war verschämt mit seiner Liebe und doch auch stolz
darauf; wir sind ja, wie sich der Leser erinnert, um
einige Wochen zurückgegangen, es stand noch harmloser
zwischen den Beiden. Alpin hörte denn nicht ungern,
daß Massikomur sagte: „Ja, Sigune singt so etwas
gar Schönes, hab's öfter gehört; ist das von dem
berühmten Barden Kullur? Den wollen wir uns erbitten. Alpin fieng jetzt an, eine Melodie zu summen,
und aufgemuntert von Zeichen des Wohlgefallens,
gieng er in Gesang über, begann wieder von vorn
und sang hell bis zu Ende:

„Im Kahne, im Kahne,
Wenn er am Röhricht leise streift,
Das Auge weit und weiter schweift,
Was still ich ahne,
Ich weiß es nicht;
Im Mondenlicht,
Im Nebelschein
Gedenk' ich dein.
Die Welle, die Welle,
Wenn sie so flüstert und so raunt
Zum Herzen, das so träumt und staunt,
So dunkel helle,
Ob sie es weiß?
Ich singe leis:
Im Nebelschein
Gedenk' ich dein.
Im Walde, im Walde,
Im Schatten dort schläft Baum an Baum
Und rauschet auf als wie im Traum;
Dort in der Halde
Ein ferner Klang —
Wie wohl und bang!
Im Nebelschein
Gedenk' ich dein.
Vom Eise, vom Eise,
Vom reinen Schnee, vom hellen Firn
Dort auf des Riesenberges Stirn
Wie Sangesweise
Zieht's in die Brust
In stolzer Lust,
Beim hochher blitzenden Silberschein
Gedenk' ich dein.“

Die Männer faßten schnell die angemessene, ohrgerechte Melodie auf, sangen die letzten Verse kräftig mit,
hielten bis zum letzten Vers die Schlußzeilen gedämpft,
wie sich ziemte, ließen sie aber am Ende mit laut vorbrechendem Jubel erschallen, so daß die Tonwelle mächtig und prächtig über die Wasser des Sees hinaus in's
Weite schwoll und im Wiederhall der nahen Berge verklang.

Massikomur, Ullin und Karmor wurden gewählt,
zogen ihre besten Röcke an, verfügten sich zu dem
Druiden und trugen ihm gesetzt und höflich ihr Sprüchlein vor.

Der Priester machte ein saures Gesicht, als er den
Antrag vernommen. Wir wissen bereits, daß er dem
Winde, der von Turik wehte, nicht zu trauen gestimmt
war, müssen uns aber die Sachen jetzt etwas näher
ansehen. Die Barden waren, wie der Leser sich erinnert, eigentlich eine Zunft im Orden der Druiden.
Man sollte meinen, diese hätten sich mit ihren Kollegen
friedlich in die Wissenschaften so getheilt, daß sie den
Barden das Weltliche überließen, während sie selbst
dem Geistlichen oblagen. Zunächst haben wir zur Vervollständigung des früher Vorgebrachten hinzuzufügen,
daß in der Körperschaft der Barden auch ein Fach
für Erfindung bestand; ein Barde, der sich hiemit
beschäftigte, hieß Priveirdd und da für den Unterricht
in diesen Dingen eine eigene Schule errichtet war, so
können wir sagen: es bestand neben der Hochschule in
Turik ein Polytechnikum. Aus dieser Anstalt waren
die Köpfe hervorgegangen, denen die große neue Garnfabrik in Turik und das große Anwesen für neue
Feuersteinbearbeitungsmethode am Padamursee, von
denen wir Alpin's Vater sprechen hörten, ihre Gründung verdankten. Nicht genug. Unlängst hatte man
bemerkt, daß ein paar unruhige Geister dieser Schule
mit einem Manne, der vom See Leman herübergekommen, viel zusammenstacken und munkelten und daß
sie dann mit ihm hinüberreisten. Man sah es nicht
gern, denn die Stämme, die dort wohnten gegen
Untergang, galten als leichtfertig und neuerungssüchtig.
Das sagte man zunächst besonders den Leuten vom
See Nuburik nach und wollte wissen, sie üben neuerdings einen schlimmen Einfluß auf die am See Leman,
wo es bis dahin den Druiden gelungen war, mit
Hülfe eines Anhangs frommer Bürger das leichtblütige
Völkchen in guter Zucht zu halten. Nun brachten die
Reisenden mancherlei Geräth aus dem wunderbaren
Stoffe, dem Erz, mit herüber. Heftiger Streit begann
in der Wasserstadt Turik, als man die Neuerung kennen
lernte. Man begriff, daß sie die Welt fast auf den
Kopf stellen würde. Die Einen sahen darin den
Untergang aller guten Sitte und Ordnung, und zu
diesen gehörten die Druiden, die Andern eine unendliche Wohlthat, zu diesen gehörten alle Freunde des
Neuen und so auch die Barden; diese warfen sich mit
Feuer auf die Aneignung und Fortbildung der durchgreifenden Errungenschaft.

Nun war es aber eine schwierige Sache zunächst
um die Theilung überhaupt in geistliche und weltliche
Wissenschaft. Die Druiden nämlich beschäftigten
sich auch mit den weltlichen Zweigen und behaupteten, sie seien deren so kundig wie die Barden; die
Barden aber beschäftigten sich auch mit dem Geistlichen, mit Fragen vom Ursprung und von der Regierung des Weltalls, und behaupteten, das gehe sie so
gut an wie die Druiden. Dieselben waren aber zudem in diesen und jenen Dingen so rücksichtslose
Forscher, daß den letzteren die Sache anfieng, nach
allen Seiten sehr bedenklich zu werden. Eben um
jene Zeit hatte es ein großes Aergerniß gegeben. Es
verlautete, ein Barde habe auf dem Lehrstuhl Aeußerungen fallen lassen, welche sehr geeignet seien, den
Glauben an Selinur, ein anderer Aeußerungen, nicht
minder geeignet, den Glauben an Grippo zu erschüttern:
göttliche Wesen, die wir bald näher werden kennen
lernen. Ja noch mehr: mit Schauder erzählte man sich,
ein besonders kühner junger Meister habe sich erfrecht,
Zweifel an der Vernünftigkeit des Wohnens auf Seen,
obwohl nur andeutungsweise, vorzubringen: einer Sitte,
die doch im tiefsten Zusammenhang mit der Religion
stand. Die Druiden wußten aber doch ganz gewiß,
daß diese Götter existirten und diese Wohnweise geboten
hatten; deßwegen gewiß, weil der Oberdruide, der
Coibhidruid, es gewiß zu wissen befahl, er, der ja
nicht irren konnte. Dazu waren denn überdieß die
genannten umwälzerischen Bewegungen in der Abtheilung der Erfinder gekommen: Stoff genug, um zu
befürchten, zu schauern, zu hassen. Gieng das so fort,
verbreitete sich dieser neuerungssüchtige Geist, so war
zu besorgen, daß bald den Menschen nichts mehr heilig
sein und die scharfe Waffe gegen Ungläubige, der
Bann, der Fluch sich abstumpfen werde. Man mußte
sich daher nach einem Rückhalt umsehen, der geeignet
wäre, diesem geistlichen Schwert im Nothfall mit weltlichen Mitteln den gehörigen Nachdruck zu geben. Es
war der Adel, der vorzugsweise kriegerische Stand,
bei dem man diese Anlehnung suchte. Allein der Adel
war in seinen Gesinnungen selbst getheilt. Die Einen
hielten stark zu den Druiden; denn ihre Ansicht war,
ein Orden, der die Götter stütze, stütze auch den Adel,
indem der feinere Menschenteig, aus welchem derselbe
bestehe, mit demjenigen feinsten Teig, aus welchem die
Götter bestehen, auf eine ganz besondere Weise verwandt sei. Die Andern hielten zwar auch große
Stücke auf ihren feineren Teig, doch dünkte es ihnen
löblich, diese Feinheit durch Wissenschaften und Künste
weiter zu verfeinern, und diese hielten zu den Barden
und machten sich weiter nicht allzu viel aus ihrem Unglauben. Bald hatten die Einen, bald die Andern
das Uebergewicht, und so war denn auf die Stütze
des Adels nicht eben stets ein sicherer Verlaß für den
höchsten, den Druidenstand. Nun war noch das
Volk da. Es hatte freilich seinen Namen von: Gefolg,
aber so stark auch das Gefolge der adeligen Herrn,
es war doch natürlich nicht alles Volk Gefolg, und die
Zahl der noch übrigen Fäuste stellte eine Macht vor,
groß genug, um als drohendes Mittel in den Händen
einer Partei zu erscheinen und in äußersten Fällen den
Ausschlag zu geben. Druiden- wie Bardenstand sah
bei der Aufnahme seiner Schüler nicht auf die Geburt,
nur auf Talent und Fleiß, der erstere allerdings auf
noch etwas: auf den Sinn unbedingten Gehorsams;
wen er umklammert hatte, der wurde durch strenge
Beherrschung zum strengen Herrschen erzogen. Hiedurch gelangte der Orden wohl zu großer Macht über
die zu den Volksfäusten gehörigen Volksgemüther, aber
die aufgeweckten Bardenschüler und ihre Meister hatten
eben auch Eltern, Verwandte, Freunde, gar mancher
einfache Mann spürte wohl, daß man mit den nützlichen Erfindungen, die man dieser Zunft verdankte,
nicht schlecht fahre, und an diesem Theil der Volksmenge hatte denn jene zweite Adelspartei einen Rückhalt von beträchtlicher Kraft und Breite. In dem
Zeitpunkt nun, auf welchem unsere Geschichte vorgeht,
bewegte sich das Zünglein der oft schwankenden Wage
merklich nach dieser Seite hin. Der Oberdruide, der
sich den stolzen Namen Mac-Taliesin beigelegt hatte,
war alt und etwas bequem geworden, die alte Rührigkeit des Ordens aus Mangel an Trieb von oben erschlafft und von der jugendlichen Beweglichkeit der
Gegner überholt.

Daß dieser Stand der Dinge sich auch im Dorfe
Robanus verspüren ließ, haben wir ja eben aus den
ziemlich unehrerbietigen Reden erkannt, deren Ergebniß
die Deputation an den Druiden Angus war, und es
begreift sich nun nicht nur ganz, warum er den Boten
ein saures Gesicht machte, sondern zugleich auch, warum er nicht genug Sicherheit in sich fühlte, der unwillkommenen Zumuthung zu widerstehen. Er besann
sich kurz und sagte dann: „Nun ja, meinetwegen!“
Wir werden sogleich noch einen bestimmteren, einzelnen
Grund erfahren, der ihm die Einwilligung erschweren
mußte. Die Deputation zog ab, dieselben Männer
bekamen den Auftrag, sich zur Einladung der Barden
nach Turik zu begeben, die berühmten Meister gaben
freundlich ihr Jawort und auf morgen also, den
zweiten der drei Festtage, vor denen wir stehen, wird
ihre Ankunft erwartet.

Wir haben zurückschreiten müssen, um das Kopfschütteln zu erklären, womit jene frommen Alten dem
Druiden diese Nachricht mittheilten; wir begeben uns
wieder auf die Zeitstelle, von der aus wir diesen
kurzen Abstecher angetreten haben. Angus hat den
Ankömmling aufgefordert, heute Abend nicht beim
Betuchungsfeste zu fehlen, womit die dreitägige Feier
beginnt. In wenig rosiger Stimmung finden wir ihn
beschäftigt, mit Hülfe Urhixidur's seinen Ornat anzulegen. Er hat ihr die verdrießliche Neuigkeit nicht
vorenthalten. „Mich dauern nur die schönen Verse,
die jetzt in's Wasser fallen,“ sagt die Alte. Er hatte
ihr noch etwas vertraut, früher, ehe von der Berufung
der Barden die Rede war. In der gehobenen Stimmung, womit er dem Fest entgegensah, hatte sich eine
lyrische Ader, die einst in den Tagen seiner Jugend
öfters sich verspüren ließ, merkwürdigerweise wieder
geregt, Vers um Vers war ein prächtiger neuer Festhymnus aus seinem Geist hervorgequollen, so oft einer
fertig, hat er ihn der getreuen Schaffnerin vorgetragen und sie hat jedesmal eine sehr günstige Kritik
abgegeben; wie wohlwollend hat er ihr noch vor wenig
Tagen dafür die welke Wange getätschelt und gesagt:
„Bist eben mein gutes altes Durli!“ Und nun war
ein Fremder berufen, wahrscheinlich ein moderner,
phantastischer Dichterling, der ihn um die schöne Frucht
seiner Weihestunden bringen sollte! — „Nein, ich
weiche nicht,“ rief Angus, schwieg eine kurze Weile,
preßte dann den untern Kiefer fest an den obern und
setzte hinzu: „Ich lasse mich nicht verdrängen! Ich werde
mein Werk trotzdem zur Geltung bringen! Wirst schon
sehen!“ Die Alte nickt zufrieden, nestelt weiter am
weißen Mantel und sagt, während sie die Theile mit
einem fein geglätteten Dorn an der Schulter zusammenheftet: „Sollte der Fremdling mit den neuen, unheimlichen Waffen, der heute gekommen, auf seiner Reise nicht
in Turik eingekehrt sein? Der Weg führte ihn doch
darüber!“ — Der Druide schrillte auf; er hatte bei
der Bemerkung einen so heftig zuckenden Ruck gethan,
daß ihm der Dorn in die Haut seiner Achsel fuhr.
Das war eine Fernsicht, die zu denken gab. Gar
vielleicht ein Sendling der Bardenpartei, als Wühler
vorausgeschickt und mit den Gästen fortzuwühlen bestimmt?

Sein Anzug war vollendet und während Urhixidur
im Nebenraum hinter der hängenden Matte ihr Festkleid anlegte, gieng er mit großen Schritten auf und
nieder. Es wollte ihm scheinen, der Boden schwanke
unter seinen Füßen. Freilich war derselbe immer
etwas wacklig gewesen, aber heute kam er ihm wackliger vor als sonst. Eines stand ihm als Ergebniß
seiner Betrachtungen fest: auf den Fremdling wollen
wir ein scharfes Auge haben.

Urhixidur war ebenfalls fertig, seine Begleitung
stand draußen bereit und er schritt hervor, nicht ohne
beim Austritt feierlich zu husten. Alle Kinder der
Gemeinde, die das vierzehnte Lebensjahr erreicht hatten,
standen, zu zwei und zwei geordnet, in ihren Festkleidern
bereit; über bunt gewürfelten Röcken trugen sie kurze
weiße Mäntelchen um die Schultern. Zunächst ihnen
sehen wir die Personen aufgestellt, die von Amtswegen
auf diesem Gang nicht fehlen dürfen; die übrige Gemeinde befindet sich schon am Lande drüben auf dem
heiligen Platz und harrt auf die Ankunft der Festschaar. Der Zug setzt sich in Bewegung. Voran
schreitet der Weibel, das ist der Amtsdiener des Druiden, zugleich der Opferdiener. Er trägt senkrecht einen
langen Stab von Buchenholz, worauf fremdartige
Zeichen eingeschnitten sind. Darauf folgen zwei Bittel,
das heißt Amtsdiener des Gemeinderaths, zugleich
Polizeimänner. Einer derselben ist außerdem Ehegoumer.
Was ein Ehegoumer sei, weiß man in jenen Gegenden
noch heutzutage sehr wohl, die ehrwürdige Sitte, das
ernste Gemeindeamt hat sich bis heute erhalten; es ist
ein Mann, der ein wachsames Auge auf sämmtliche
Ehen der Gemeinde hat, nachspürt, wo Uneinigkeit in
einem Hause aufkommt, den schuldigen Theil erkundet,
warnt, ermahnt, zurechtweist, und wenn er durchaus
gegen Besserung verstockt ist, tüchtig durchhaut. Dem
großen deutschen Dichter, als er die Figur des Mittler
in seine Wahlverwandtschaften einführte, hat ohne
Zweifel diese uralte Form vorgeschwebt, er hat das
Motiv benützt, veredelt und so denn auch den letzteren,
drastischen Zug passenderweise ausgeschieden. Das
Wort kommt von goumen, ein wachsames Auge auf
etwas haben, hüten. Man begreift, daß dieses Amt
eine ansehnliche und muskelstarke Persönlichkeit verlangte: Eigenschaften, die dem Ehegoumer von Robanus
nicht abgiengen und die ihn auch ganz befähigten,
zugleich als zweiter Bittel die Polizei zu unterstützen.
Jetzt folgt, feierlich schreitend, der Druide. Weiß wie
sein Mantel ist sein Unterkleid, sein Haupt ziert eine
hohe, kegelförmige Pelzmütze, festlicher als jene, die
wir als seine häusliche Kopfbedeckung schon kennen:
sie ist von Biberfell und mit handbreitem Aufschlage
von Hermelin geschmückt. In der Hand trägt er einen
Stab mit einem szepterähnlichen Knauf, an dem jenes
Mittelding zwischen Halbmond und Kuhhörnern ausgeschnitzt ist, dem wir schon mehrfach begegnet sind.
Hinter ihm schreitet Urhixidur und neben ihr ein noch
kräftiger Greis mit langem weißem Barte. Sie hat
heute öffentlichen Dienst und ist — man sieht es ihr
an — sich dessen sehr bewußt. Ein langer schwarzer
Mantel mit rothem Gürtel umwallt ihre hageren
Glieder, ein rothes Tuch ist turbanartig um ihr Haupt
geschlagen; die grauen Haare hat sie heute sorgfältig
geflochten, sie hängen ihr in langen Zöpfen über die
Brust. Ihr Antlitz ist heute bemalt: sie hat sich mit
Röthel (Rothstein) Figuren darauf gezogen, Linien,
die von den Schläfen vorlaufend über die Wangen
sich verbreiten und abwärts als in sich gezogene Kreise
endigen; ob sie bloße Ornamente oder von geheimnißvoller Bedeutung, eine Art Runen sind, wissen wir nicht
zu sagen. Die Stelle unter den Augen hat sie dunkelblau gefärbt, wie heute noch die Orientalinnen es
lieben; ihr Auge lag zwar tief und blitzte stechend
genug, um solcher hebenden Folie nicht zu bedürfen.
Das Bemalen des Gesichts war eine eben abkommende
Sitte, wenige alte Weiber hiengen ihr noch an; daß
sie einst geherrscht haben müsse, beweist die Menge
von Rothsteinstückchen, die Massikomur damals unter
den Zeugen der Vergangenheit im alten Seegrund
gefunden hat. Der rechte, hinter das Haupt zurückgebogene Arm der unheimlichen Alten hält den Handgriff eines großen Topfes, zwischen dessen Zickzackverzierungen man dasselbe Zeichen eingegraben sieht, das
wir soeben wieder am Stabe des Druiden erblickt
haben: eine Gefäßträgerin, freilich nicht so anmuthig
wie die Kanephoren auf dem Fries des Parthenon,
nicht so schön bewegt in Linien, wie wir im Orient
und in Sizilien Wasserträgerinnen, ihren Krug auf der
linken Achsel haltend, wandeln sehen; eine seltsame,
wildfremde, gespenstische Erscheinung. Der Greis neben
ihr trug an einer blauen Schnur einen Holznapf, in
seinem Gürtel steckte eine Art von Futteral, ungefähr
jenem gleich, worin unsere Schnitter den Sensenwetzstein tragen. Hinter den Zweien sah man sechs Gemeindeälteste schreiten, auf sie folgte der Zug der Knaben
und Mädchen und ihn beschlossen zwei Wächter mit
Bogen und Speer. Draußen auf dem Platze standen
Männer und Frauen getrennt, doch nicht durch so
starke Zwischenräume, daß die äußersten Flügel der
Bursche und der Dirnen nicht Fühlung miteinander
gehabt hätten. Da gab es Geplauder, Spaß, Neckereien. Alpin mied Sigunen; er mußte sie in munterem Gespräch mit Arthur sehen; es tröstete ihn
wenig, daß sie doch seine krystallene Halskette trug,
denn er dachte, die kostbarere Gabe des schrecklichen
Nebenbuhlers werde für's Hauptfest gespart sein; er
wollte es sich abzwingen, nicht weiter hinzublicken und
that es doch; ihm war, wie es Verdammten sein mag,
wenn ihnen Teufel die himmlische Seligkeit vormalen,
denn wie schön war sie heute! wie leuchtend hob sich
Hals und Kopf aus dem feinen Marderpelz, der ihr
blau und roth gestreiftes Gewand verbrämte! Die
Kugeln und Würfel des Schmuckes aus seiner Hand
kamen ihm vor wie Thränentropfen, die er an ihrem
Halse weinte. Inzwischen machte sich Gwennywar,
Gwydyr's Tochter, in seine Nähe, sein Drittenkindbäschen. Es war der zierlichen Maid etwas mehr im
Herzen als Verwandtenliebe; sie sah, wie Alpin nach
dem Paare hinstarrte. Ihr gab der Teufel ein höllisches Wort ein: „Du, Alpin, weißt, was Sigune heut
im Herausgehen zur Nachbarin Daura gesagt hat?“
— „Will's nicht wissen,“ aber es war ihm gut anzusehen, daß er's doch wissen wollte. „Der Arthur hat
gar so ein schönes, liebes Genick; es steigt so schön
auf und das dunkle Lockenhaar schwebt gar so schön
wie angeflogen daran hinauf.“ — Sie zupfte, während sie das sagte, schelmisch an dem Kragen von
Schwanenpelz, der über ihrer feinen Brust und Schulter
lag. Die schlimme Kröte! In Alpin zischte es auf,
als wäre ihm siedender Schwefel aus der Glutesse
des Höllenpfuhls in die Seele gespritzt. Er ward sich
plötzlich und zum ersten Mal einer äußerst unvortheilhaften Partie in seiner Erscheinung bewußt. Er
trug wie die andern Bursche des Pfahldorfs, was
man im heutigen Süddeutschland einen Hausknecht
oder Johann nennt, das heißt einen Kranz von längeren Locken im Nacken, während die Haupthaare kurz
geschnitten, oder vielmehr, da es damals nur Scheeren
von Bein gab, grausamlich abgezwickt waren. Er
griff sich mit der Hand da hinten hin; ihm blitzte
Selbsterkenntniß auf, ein entsetzliches Licht. In Arthur's Heimat schnitt man sich die Haare aus dem
Nacken; dort wußte man, wie das die Linie der Gestalt herausnimmt, hebt, ihr etwas Ausgewickeltes, Freies
gibt. Noch einmal: ein Giftwort! Den armen Burschen, den sie doch heimlich liebt, so stechen, verspotten,
martern! Und wer weiß, ob sie nicht erst noch lügt?

Der Zug hat inzwischen die Brücke überschritten
und ist am Festplatze angekommen. Wir haben uns
diese Stelle mit ihren geheimnißvollen Steinmalen
schon betrachtet, als Arthur daran vorüberschritt.
Hinter ihr dehnt sich ein Eichenhain aus, vor ihr ein
freier Platz. Die rohe Steintafel, die auf ebenso
rohen Stützen ruhte, haben wir als einen Altar angesehen und darin nicht geirrt; sein Name ist Dolmen
(Steintisch). Vor ihm pflanzt der Bittel, wie der
Zug angekommen, den Stab mit den eingeschnittenen
Runen auf. Der Zug wendet sich inzwischen nach
rechts, bleibt vor dem Pfeiler mit dem Halbmondbilde
stehen, der Priester verneigt sich tief und beschreibt
dieselbe Linie, die das Bild darstellt, mit dem Daumen
auf seiner Brust, die Kinder folgen seinem Beispiel.
Der Zug geht weiter zum rückwärts stehenden massigen
Steinpfeiler. Ihn müssen wir jetzt näher in's Auge
fassen als damals, wie wir mit Arthur vorübergiengen: er steht schief, er neigt sich über, sein Fuß
ruht in einem Felsblock, in dessen Höhlung er wie
in einen Sattel eingelassen ist. Der Zug steht wieder
still, der Druide winkt, alle männlichen Mitglieder,
die drei Diener, die sechs Gemeindeältesten, die zwei
Wächter, treten vor und stemmen mit äußerster Kraft
die Schultern an eine Seite des Pfeilers, jedoch nicht
in rechtem, sondern in spitzem Winkel, sie drücken und
drücken und siehe, er schwankt! Er schwankt nicht nur,
sondern er dreht sich auch! Jetzt wiederholen sie den
Druck, er dreht sich weiter und so fort, bis eine
Kreisbewegung vollendet ist und, da der Druck nicht
wiederholt wird, die Felslast in ihre Ruhe zurückkehrt.
Ehrfurchtvoll spannen sich alle Blicke auf diese Erscheinung, alle Lippen vereinigen sich zu einem murmelnden Gebet, so lang sie dauert, dann umwandelt
der Zug dreimal den ungeheuern Block und schreitet
linkwärts weiter.

Was will, was soll dieses räthselhafteste unter den
Malen, was bedeuten die heiligen Bräuche, die wir
vor und an ihm vollziehen sahen? Niemand weiß es,
Niemand selbst unter eben dem Geschlechte, bei dem
wir uns hier befinden, es müßte denn eine dunkle
Sage Grund haben, die in unserer und rings in
mancher Dorfgemeinde umgieng: es leben in den
größeren Niederlassungen, den Wasserstädten, wo sich
die Druiden- und Bardenschulen befanden, im Schooße
dieser Zünfte noch Männer, welche uralte Erinnerungen
und mit ihnen den Schlüssel des Geheimnisses bewahren. Der Name dieser Pfeiler war Menhir und
der besagt nichts als: Steinsetzung, Steinmal. Am
Ufer bei Turik standen deren zwölf, einen Kreis um
den Dolmen bildend, dunkle Gerüchte giengen um,
daß sie bei verwandten Völkern gegen Abend in ganzen
langen Doppelreihen, bis zu hunderten, ja zu tausenden
stehen. Einige meinten, sie seien zum Andenken tapferer
und verdienter Männer einst hergewälzt und gesetzt,
Andere bezweifelten das und riethen auf dunkle Religionsgeheimnisse, die Meisten dachten gar nichts, Alle
aber betrachteten sie mit dunkler Scheu und Ehrfurcht.

Der Zug verweilt jetzt vor dem Pfeiler mit der
unförmlichen Molchgestalt; der Druide betrachtet dieß
Gebilde mit Schauder, macht mit beiden Händen eine
Geberde, die ein Abweisen, eine Scheue ausdrückt, beschreibt hierauf mit dem Daumen eine Schlangenlinie
auf der Brust, verbeugt sich dann tief und auch diese
Bewegungen werden von sämmtlichen Theilnehmern
des Zuges nachgeahmt. Hierauf schwenkt derselbe linksum in der Richtung des Dolmen ab, auf ihn stellt
Urhixidur feierlich ihren großen Topf, sein Inhalt
muß hochbedeutend sein, wenn er an diesem Orte
ruhen darf; ihr gegenüber setzt der Greis, der im
Zuge neben ihr gieng, seinen Napf auf das andere
Ende des Steintischs, zieht das Holzhalfter aus dem
Gürtel und nimmt daraus einige dünne, kurze, spitze
weiße Beinchen, die er pünktlich nebeneinander auflegt.
Beide bleiben neben dem Altare stehen, die Kinder
stellen sich ihm gegenüber in einem Halbkreis auf und
inmitten des freien Raums ernst und feierlich der
Druide. Ringsherum steht die Gemeinde; zu sitzen
gibt es nichts, nur zum großen Festmahl übermorgen
sind Bänke und Tische, sehr einfache Zimmerarbeit,
im Hain errichtet, der an den Dolmen stößt.

Der Druide räuspert sich und hustet, gemessen,
feierlich. Die Gemeinde folgt seinem Beispiel, ebenso
die Kinder, mit Nachdruck die Knaben, schwächer und
unzulänglicher die Mädchen. Der Druide intonirt einen
Gesang, ein kurzes geistliches Lied, dessen Text wir
nicht hersetzen, weil er in poetischer Kürze nur enthält,
was wir jetzt aus Fragen und Antworten ausführlicher
entnehmen werden.

Mit freundlich väterlichem Tone beginnt nun der
Priester: „Ihr sollt heute zeigen, liebe Kinder, ob ihr
im Glauben fest seid und wohl vorbereitet, aus dem
Kindesalter überzutreten in das Alter des Jünglings
und der Jungfrau, auf daß ihr nicht erlieget den
Versuchungen der Jugend, den Gefahren der Welt,
sondern wandelt als ehrsame Glieder dieser frommen
Heidengemeinde, bis ihr einst das Irdische segnet und
aufgenommen werdet in das Paradies, das da ist im
lichten blauen Zelt über den Sternen.“

Es beginnen nun die Fragen, deren wichtigsten
Theil wir mit den Antworten ihrer Reihe nach hersetzen.

1. Warum wohnen wir auf den Seen?

Weil es Selinur befohlen hat.

2. Woher weißt Du das?

Es stehet geschrieben.

3. Wo stehet es geschrieben?

Auf dem heiligen Buchstab.

Wobei das Kind zu dem oben erwähnten Stab aufschaut und hindeutet.

4. Hat Selinur uns geoffenbart, warum sie
es befohlen hat?

Ja.

5. Hat sie es befohlen aus weltlichen Gründen?

So meinen die thörichten Weltmenschen.

6. Was meinen denn die thörichten Weltmenschen?

Sie meinen, wir wohnen auf den Seen, um Schutz
zu haben vor wilden Thieren und vor Feinden.

7. Warum ist dieses thöricht?

Weil unsere Seen im Winter zufrieren, so daß uns
böse Thiere und Menschen leicht erreichen könnten,
wenn wir sie nicht anders abwehrten.

8. Was ist der wahre Grund, aus welchem
Selinur es befohlen?

Zum Heil unseres Leibes und unserer Seele.

9. Wer ist denn Selinur?

Die große Mutter aller Dinge, die da wohnet im
Monde, die da gesponnen hat auf heiliger Spindel
Erde und Wasser und Luft und Gras und Bäume
und Thiere und Menschen und diesen oft erschienen
ist als weiße Kuh.

10. Was that sie, als sie den Menschen gesponnen?

Sie blies ihm den lebendigen Odem durch die Nase.

11. Was that der Mensch hierauf?

Er nos.

Richtig, liebes Heidenkind, aber man sagt
nicht: er nos, sondern: er nieste.

Der Knabe, ein allerliebster Lockenkopf, wurde feuerroth. Der Druide streichelte ihm freundlich die Wange.
In diesem Augenblick mußte der Junge selbst niesen.
Ein wohlwollendes Nicken und Lächeln gieng durch die
Gemeinde. Der Druide fragt weiter, den nächsten Knaben.

12. Was bedeutete es aber, daß der Mensch
niesen mußte?

Es bedeutete, daß er solle leben und sich bewegen und
eine Seele haben und aber auch unterworfen sein
dem schlimmen Reize, denselbigen aber ausstoßen und
sich läutern, auf daß er werde rein, klar und gut.

13. Wer hat Solches bemerket und zum Uebel
gewendet und will den Menschen damit
verderben?

Der böse Grippo.

14. Wer ist Grippo?

Der Geist der Finsterniß, der große Molch, der da
erzeuget ist im Urschlamm, der Drache aus dem
Pfuhl, der furchtbare Entzünder.

Das Kind blickt mit Schauer nach der Molchgestalt
auf dem hohen Blocke links vom Dolmen.

15. Sollen wir ein so finsteres Wesen hassen
und verachten?

Scheuen sollen wir es und begütigen durch Opfer.

16. Was für Opfer?

Lämmer, Böcke, Stiere.

17. Sind nicht in schweren Fällen noch andere
Opfer nöthig?

Ja.

18. Was für?

Menschenopfer.

19. Wozu sind Menschenopfer außerdem noch
gut?

Wahrzusagen aus den Zuckungen des Sterbenden.

20. Aus welchem besonderen Grunde sollen
wir Grippo scheuen und ihm opfern?

Weil der große Grippo auch ist der Gott des Kriegs
und dem Volke, dem er gnädig, aus dem Hirnreize
des Pfnüssels entzündet die Aergawydd, das heißt
die Schlachtwuth, den Feind aber schläget mit
Stumpfheit und Dumpfheit, die da ist eine Frucht
desselbigen Uebels.

21. Was aber ist dieß für ein Uebel, sofern
es nicht also dienet, sondern uns verderbet?

Es beginnet in der Nase und im Hals und will
nicht heilen und gehet hinab in den Magen und in
alle Gedärme und wird Stockschnupfen, bleibende
Verschleimung, jahrelanger Husten, sei es einfacher
oder Keuchhusten, Glutgift, das da dringet durch alle
innere Haut und Fleisch, Blut, Mark und Knochen,
und tödtet öfters schmachvoll den Menschen im
Wust, der da gleichet dem Urschlamm, woraus
Grippo erzeuget ist.

22. Welchen Schaden nimmt dadurch die Seele
des Menschen?

Sie wird zuerst dumpf und stumpf, hierauf erzeuget
sich, wenn die Augen brennen und die Ohren blauroth werden, Erbitterung, Zorn, Grimm, Wuth,
steigen auf arge Gedanken, Haß, Bosheit, Mord,
Raub und alle Laster, kurz die Sünde.

23. Können wir uns davor schirmen und
retten durch uns selbst?

Ach, nein!

24. Warum nicht?

Weil vor dem Feuerqualm des Gottes sich nicht
gehütet hat Urnar der erste Mensch und hat vererbet auf alle seine Kinder und Kindskinder den
bösen Hang zum giftigen Pfnüssel.

25. Wer allein kann uns helfen?

Die große Göttin, welche liebet die Menschen, die
Weltmutter Selinur.

26. Was hat die große Gottheit gethan zu
unserem Heile?

Sie hat sich unser erbarmet und uns geoffenbaret,
wir sollen wohnen auf den Seen, als da geschrieben
stehet Buchstab Zeile 2.

27. Kann uns die große Mutter ganz bewahren vor dem Uebel?

Nein, es ist zu spät. Aber sie kann das Uebel selbst
zum Guten wenden.

28. Sage mir dieses nun deutlicher.

Wir sollen wohnen auf den Seen, weil allda der
feuchte Nebel über dem Wasser den Pfnüssel zu
regelmäßigen Fristen hervorbringt und aber der
Mondschein, der da ausgehet von der Göttin Selinur
und im Nebel dämmert und wallet, ebendenselbigen
Pfnüssel gesetzmäßig ausbrütet, auskocht, ausheilet.

29. Welches sind diese Fristen?

Vier im Jahre: Anfang März, Anfang Juni,
Anfang September, Anfang Dezember.

30. In welchem Zeitpunkte befinden wir uns jetzo?
Im Anfang der dritten Heilwoche des September,
da in der letzten großen Hust- und Niesnacht das
Uebel sich ersprießlich gelöset hat.

31. Was ist die Frucht solcher Auskochung
und Ausschüttlung?

Leib und Seele wird geläutert und der Geist wird
offen, Selinur zu erkennen, zu verehren und ihr
zu dienen mit guten Werken und viel Gebet.

32. Wen würdiget Selinur besonders solcher
ordentlicher Erkältung und folgender Läuterung?

Fromme Menschen.

33. Wodurch äußert sich der Beginn der jedesmaligen Läuterung?

Durch kräftiges, helles, gesundes und biederes Husten.
Es läuft hier durch die versammelte Gemeinde eine
geordnete Reihe solcher stoßenden Kehlvorgänge, wobei
jene Männer, die wir schon unter dem Namen alte
Huster aufgeführt haben, sich durch besonders feierliche
Aktion auszeichnen.

34. Wer stehet der großen Göttin in diesem
heilsamen Werke noch insbesondere bei?

Die heiligen Feen, ihre Dienerinnen, die schönen,
die weißen.

35. Wo sind diese?
Sie schweben und weben mit den Strahlen des Mondes in den Lüften überall und besonders im Schilf,
im Röhricht der Seen, und singen geheimnißvolle
Lieder und niesen sanft.

36. Hat der wilde Grippo auch Gehülfen?

Ja, die Korrig, das sind die bösen schwarzen Zwerge.

37. Wo wohnen solche?

In der Zugluft.

38. Welche Waffen führen sie?

Feine Binsen, Distelstacheln, Schneidgrasspitzen,
Dorne, Brennnesseln, Büschel aus Raupenhaaren,
Bärte der Gerstenähre, womit sie in der Nase kitzeln,
im Schlunde kratzen und stechen und hinablangen tief
in's Innere des Menschen, Fläschchen voll brennenden Giftes, das sie in die Blutadern spritzen,
Bretter, die sie dem Menschen vor die Stirne
nageln, daß er wird verstöret und seine Seele verfinstert und verblendet, daß sie nicht mehr kann
unterscheiden recht und unrecht, gut und böse.

Der Druide hielt nun einige Minuten inne und man
sah ihm an, daß es ein schwieriger Punkt sein müsse,
zu dem er zaudere überzugehen; dann fragt er weiter:

39. Sind mehr als nur die zwei großen Götter?

Ja, es ist noch ein Gott.

40. Wie heißt er?

Der unbekannte Gott.

41. Was wissen wir von ihm?

Nichts.

42. Woher wissen wir, daß er ist?

Es steht auf dem heiligen Buchstab Zeile 7.

43. Wie sollen wir ihm dienen?

Wir sollen sagen am Schluß aller unserer Gebete:
Sei auch du uns gnädig, unbekannter Gott!
Nachdem dieß letztere Thema in solcher Kürze absolvirt
war, wandte sich der Fragende, sichtbar erleichtert, zu
einem andern, das ihm weniger peinlich zu sein schien.

44. Wie erlangen wir Gehör bei den Göttern?

Allein durch die Druiden, welche sind die Mittler
zwischen der Gottheit und dem Menschen und welche
zweierlei Gewalt haben: den Frommen die göttliche
Gnade zu öffnen, den Gottlosen zu verschließen.

45. Wer hat den heiligen Orden der Druiden
gestiftet?

Taliesin oder Strahlenstirn, der als Zwerg Gwyon
genossen aus dem Wundertopfe der Fee Coridwen,
von ihr verschluckt worden ist als Waizenkorn und
aus ihr geboren als Grundbesitzer aller Gnadengaben des Geistes und solche verliehen hat dem
heiligen Orden, den er gegründet.

Bei Erwähnung des Zwergs Gwyon zuckte etwas
wie verhaltenes Lächeln in den Zügen des antwortenden Kindes und die Gemeinde schien ähnlich gestimmt,
doch alle Gesichter wurden wieder sehr ernst bei dem
Schlußsatze von der Gründung des ehrwürdigen Druiden-Ordens.

46. Was ist die größte Gottlosigkeit?

Zu leugnen, daß Selinur sei und ihre heiligen Feen,
und zu leugnen, daß Grippo sei und seine schwarzen
Zwerge, und nicht zu gehorchen dem Willen der
Götter, der da spricht aus den Druiden.

47. So ein Mensch sich also verhärtet und
verstocket, was soll ihm geschehen?

Die Antwort auf diese Frage war an ein Mädchen
gekommen. Es fieng an:

Er soll werden gepfählet oder —
Hier stockte es, zuckte zusammen und zitterte. Der
Druide nahm es freundlich an der Hand und sagte:
„Wart', liebes Kind, ich helfe dir, sprich nur zugleich
mit mir.“ Gestützt und getragen von der Stimme des
Priesters brachte nun das Kind mühsam die Worte hervor:
oder gekreuzigt oder soll ihm mit Horndolch aufgeschlitzt werden die Brust oder der Bauch und
wann der Druide hat geweissagt aus dem Zucken
seiner Glieder oder Eingeweide, soll er verbrannt
werden vor dem Bilde Grippo's.

48. Was wird aus ihm werden nach seinem Tode?

Er wird verdammt sein in Ewigkeit, sich zu wälzen
im Pfuhle des Schlammes und der Flammen, darin
hauset der böse Grippo, der Wurm der Hölle, und
soll ihm dennoch das Feuer nicht ausglühen den
ewigen Pfnüssel, damit er ist behaftet und gestrafet.

49. Was aber wird werden aus den Gläubigen
und Frommen nach ihrem Tode?

Sie werden wohnen in Ewigkeit im blauen Gezelte
Selinur's und tanzen und singen mit ihren Feen.

Es sei uns erlassen, den Fragen und Antworten
weiter zu folgen; die fernere Reihe derselben beschäftigt
sich mit den Einzelheiten des Gottesdienstes, deren
interessanterer Theil durch unsere Erzählung dem Leser
vor Augen geführt wird. Es waren siebenzig Kinder
und ebensoviele Fragen. Den Schluß machte ein
Gebet, das der Druide vorsprach und die Kinder
nachsprachen. Hierauf tritt der Druide an den Dolmen und spricht: „Ihr sollt nun, geliebte Kinder, das
Zeichen empfangen, daß ihr jetzo gewürdigt seid, einzutreten in die Heilsordnung der großen Mutter Selinur, reif und mündig, zu wandeln durch die Pforten,
die sie gesetzet hat und die da führen zur Läuterung
des Leibes und der Seele.“ Die Kinder, ihm folgend,
stellen sich am Dolmen auf. Jetzt nimmt Urhixidur feierlich den Deckel von ihrem Topf und reicht dem Priester
ein viereckiges Stück feinen Linnens, blau mit weißen
Tupfen; in der einen Ecke ist mit gelbem Zwirn das
Halbmondzeichen der Selinur eingestickt: eine mühsame
Arbeit der Alten, unter Mithülfe einiger geschickter
Mütter vollzogen. Der Priester reicht die Gabe dem
ersten Kinde und so geht die Handlung der Reihe nach
fort, bis das letzte beschenkt ist. Angus zog, als die
Vertheilung zu Ende war, sein eigenes, ebenfalls blaues
und weißgetupftes Tuch und gebrauchte es kräftig und
feierlich. Die Kinder folgten ihm auch in diesem
Akte, doch die Mädchen fast nur scheinbar. Der
symbolische Akt dieser ersten Verwendung war eigentlich feststehendes Herkommen, bei den Mädchen hielt
man aber nicht eben strenge darauf und sah es gerne,
wenn sie das Angebinde nur vergnügt ansahen, kaum
zum Näschen führten und dann einschoben. Das
Weib war, wir dürfen es nicht verschweigen, von den
Pfahlbewohnern nicht eben hoch geachtet; daß es von
der Entzündung der Schleimhäute, welche der Glaube
dieses Volks in so sonderbare Verbindung mit der
Religion brachte, seltener befallen wird und daß sie
bei ihm viel leichter zu verlaufen pflegt, darin sah
man eine gewisse Oberflächlichkeit, um deren willen
man sich berechtigt glaubte, es als ein niedrigeres
Wesen zu betrachten. Nicht daß es unter diesem
verwerflichen Fehlschluße viel gelitten hätte; heimlich im Innern der rauhen Männerbrust fällte das
Gefühl ein zarteres Urtheil, als im Kopfe der dogmatisch beengte und erstarrte Verstand: selbst der
Pfahlbürger sah es denn doch natürlich nicht ungern,
daß das schöne Geschlecht bei Verkältungen von der
Natur milder und schonender behandelt wird als der
Mann, selbst er fühlte, daß er für die Gründlichkeit,
womit die Natur im starken Geschlechte diesen Prozeß
durchzuführen pflegt, denn doch auch sehr der Langmuth und Nachsicht jener bedurfte, die sie ihrerseits
darin nicht ebenso bedürfen. Und so verweilten denn
nicht nur die Mütter, sondern auch die Väter mit
wohlgefälligen Blicken auf den anmuthigen Mädchen,
wie sie der säuberlichen Gabe sich nur als einer Art
von neuem Garderobestück erfreuten.

Jedes beschenkte Kind war, die vorige Ordnung einhaltend, auf seine alte Stelle zurückgetreten, der Halbkreis war wieder gebildet, der Druide trat wieder vor
und redete die Kinder an: „Und jetzo empfanget mit
Andacht an eurem Leibe das heilige Zeichen der Weihe!“

Die Kinder wurden unruhig, mehreren sah man
Spannung und Angst an, sie wurden dafür von den
andern geneckt, die Miene des gestrengen Priesters
selbst zeigte eine gewisse Erheiterung, es zuckte in seinen
Mundwinkeln, durch die Gemeinde, namentlich durch
die Schaar der Dirnen, zog ein anwachsendes Kichern.
Der erste Knabe schritt stolz entschlossen zum andern
Ende des Dolmen, wo der bärtige Alte stand, und
bot ihm den entblößten Arm. Der Greis hatte bereits
eines seiner spitzen Beinstäbchen in den Napf getaucht,
die Spitze erschien nun blau, er faßte den Arm des
Knaben, ritzte ihm die Haut und verweilte einige
Sekunden drehend in der Wunde, der Junge bieß die
Zähne übereinander und verharrte lautlos. Nicht alle
Kinder hielten so fest, wie sie nun nacheinander dran
kamen, unter den Mädchen waren kaum ein paar, die
nicht aufquickten und weinten, worauf jedesmal ein
helles Lachen durch das junge Volk in der Gemeinde
lief. Auch diese Handlung war endlich zum Schlusse
gelangt, das Halbmondzeichen war auf dem letzten
Mädchenarm — noch nicht fertig, aber angelegt. Es
wäre nicht so heiter, nicht mit so wenig Schmerzen
abgegangen, wenn das Ritzgeschäft mit diesem Einen
Mal ganz durchgeführt worden wäre. Die Kinder
mußten in den folgenden Wochen noch mehrmals daran,
dann that es weher, denn für jetzt wurden nur die
Endpunkte des Bildes eingegraben, später erst ward
das Blau, der Saft aus der Pflanze Waid, mit
ätzender Flüssigkeit gemischt und so in die frische Wunde
eingeführt, um sich inniger mit der Haut zu verbinden,
und dann erst zugleich das ganze Bild fertig punktirt,
um nachher auch an diesem neuen Theil die Wiederholung vorzunehmen. Doch die Opfer dieser harten
chirurgischen Einwirkung standen ja in dem glücklichen
Alter, wo man nicht an die Zukunft denkt, jetzt hatten
sie nur noch ein kurzes heiliges Lied zu singen, dann
wartete ihrer zu Hause ein wohlbesetzter Tisch, und
vergnügt suchte nun jedes seine Eltern auf, als nach
Vollendung der Ceremonien Alles nach dem Dorfe
zurückgieng.

Arthur hatte dem zweiten Theile der Handlung keine
Aufmerksamkeit zugewendet, dem ersten aber von Anfang an mit gehaltenem Ernste, zugleich mit einem Ausdruck von Trauer zugesehen und bei den Fragen und
Antworten finster den Kopf geschüttelt. Wir haben
längst gesagt, daß er das Alles kennt; er kennt es
und doch ist es ihm bei diesem Anblick wieder neu
geworden und drückt ihm sichtbar die Seele nieder.
Zu spotten über Dinge, die Andern heilig scheinen,
war nicht seine Art. Einen gewissen Blick, den ihm
der Druide zusandte an jenen Stellen der Fragen, wo
von schweren Fällen, verstockten Leugnern und Menschenopfer die Rede war, hatte er in seiner Unbefangenheit
gar nicht bemerkt. Nun aber kam ein Moment, wo
er sich des Lächelns nicht ganz erwehren konnte. Als
die singenden Kinder gleichzeitig und anhaltend alle
den Mund weit öffneten, fiel ihm auf, daß er in
lauter blauschwarze Höhlen sah. Es war die Heidelbeerenzeit, die Kinder sämmtlich hatten sich's Vormittags im Walde schmecken lassen, und Nachmittags die
Eltern wohl daran gedacht, sie hübsch herauszuputzen,
aber nicht daran, daß sich die Kleinen den Mund ausspülen sollten. Das Kosmetische war eben in dieser
Richtung sehr wenig ausgebildet. Die Erscheinung
fiel auch keinem Menschen außer Arthur auf: um so
mehr wurde sein Lächeln von den Vielen mißdeutet,
die es bemerkten. Das hätte man vielleicht vergessen,
als aber die Gemeinde mit den Kindern heimzog, entfiel ihm ein sehr unbedachtes Wort; die Brust war
ihm zu voll, er konnte nicht schweigen. Gwalchmai
gieng gerade neben ihm, den er als einen der aufgeweckteren Köpfe des Pfahldorfs schon kannte. „Arme
Kinder!“ sagte er zu ihm, „ich denke, die Heidelbeeren
werden ihnen gesünder sein, als der Blödsinn! Wie
ist es nur möglich, daß er noch besteht! Kann man
damit noch ein Volk erziehen? Ist dieß ein Stab und
Schild für den Eintritt in die Welt? Und es wär'
so ein schöner Brauch, einen starken Einschnitt in die
junge Seele zu machen an diesem Wendepunkt!
Was hätt' ich drum gegeben, hätt' mir Einer zu der
Zeit eindringlich, aber einfach gesagt, wo das wahre
Glück zu suchen ist! Und der unbekannte Gott, nun,
was den betrifft —“ Er brach ab, er wußte wohl
nicht weiter. Er gieng vorwärts, ohne eine Antwort
abzuwarten, still vor sich niederblickend wie ein Mann,
in welchem Gedanken gähren und langsam reifen.
Wer außer Gwalchmai seine Worte noch vernommen,
hatte er nicht bemerkt. Es war Alpin, zugleich
aber noch ein Anderer, von dem wir hören werden.

Jetzt kam mit einem Trupp Kamerädinnen Sigune
vorüber, ohne Alpin gewahr zu werden; sie holten
Arthur ein, Sigune nahm ihn an der Hand und
sagte: „Komm' jetzt zu uns, Vetter, wirst einen langen
Magen haben, laß dir gefallen, was unser Tisch bietet.“
Alpin's guter Wille war gewesen, abzuzwingen, was
in ihm stach, bohrte, brannte, trotz alledem wieder in
Odgal's Haus einzutreten und mit breiter Brust sich
vor Sigunen zu stellen auf Gefahr, daß er den tief
Gehaßten dort träffe. Jetzt gab er es auf und rannte
weg, hinaus und dahin, wo er am frühen Morgen
schon Trost gesucht: in die Berge, in die Wälder,
um ihnen auf's Neue sein Leid zu klagen. Er war
da zu fern, um einen Auftritt mitanzusehen, der die
Gemeinde Abends noch einmal aus ihren Wohnungen,
von ihren festlich besetzten Tischen in's Freie trieb.

Ein Verwundeter war im Walde gefunden worden,
ohnmächtig, man trug ihn herein; als er zu sich kam
und die Sprache wieder fand, berichtete er in abgerissenen Lauten, ein Wisent habe ihn beim Holzschlagen
überrascht, angegriffen, mit einem Stoß in die Seite
niedergeworfen, und nur dem Umstand, daß ein zweites
Wild derselben furchtbaren Gattung herbeigekommen
und alsbald ein Kampf zwischen beiden Stieren sich
entsponnen habe, verdanke er seine Rettung; er wäre
sicher in die Luft geschleudert und dann zerstampft
worden; er sei dann fortgekrochen, so weit er konnte,
bis ihn das Bewußtsein verlassen habe. Er hatte
eine breite Wunde unter der linken Brust, das Blut
floß noch immer. Man brachte ihn zum Druiden.
Als wir die Aemter dieses Mannes aufzählten, erschien
es nicht nothwendig, auch die Funktion des Arztes
mitzunennen. In größeren Gemeinden war allerdings
ein besonderer Arzt, ein Barde, ein Naturkundiger
und Mediziner vom Fach. Für kleinere Gemeinden,
wie die unsrige, versah der Druide diese Stelle;
es wurden in Turik von den Barden besondere Vorlesungen für künftige Druiden gehalten, die ihnen das
Nöthigste aus der Medizin und Chirurgie zu eigen
machten. Der Leser ist bereits gewarnt worden, sich
den Stand dieser Wissenschaften in jener Zeit nicht
als einen allzu rationellen zu denken. Immerhin
waren neuerdings bedeutende Fortschritte gemacht worden; die Studienzeit unseres sechzigjährigen Druiden
war aber vor dieselben gefallen. Er hatte zudem, die
Wahrheit zu gestehen, die pastoral-medizinischen und
chirurgischen Vorlesungen etwas unregelmäßig besucht,
indem er dachte, er könne seine Zeit besser anwenden
mit Erwerbung von Kenntnissen solcher Heilungsmiltel,
von denen kräftigere Wirkung zu hoffen sei. Wie diese
Mittel beschaffen waren und wen er hierin zu getreuer
Beihülfe herangezogen, das werden wir nun ersehen.

Alpin kam spät Abends nach Hause. Als er
Ruhe suchen wollte — mit wenig Hoffnung, sie zu
finden —, hörte er in geringer Entfernung einen Einbaum lösen, stand auf, sah hinaus und erkannte Arthur
aufwärts rudernd im See. Jetzt hörte er auch eine
weibliche Stimme fernher vom Saume des Gewässers,
wo der helle Mond in den Nebel über dem Röhricht
schien. Augenblicklich löste er den eigenen Kahn, der
angebunden unter dem Hause lag, fuhr schnell und leise
am Gestrüppe des Ufers hin und hielt im dichteren,
höheren Schilfe, als er so nahe war, daß er deutlicher sehen und hören konnte. In kurzen Kreisen sah
er langsam einen Kahn sich drehen, darin eine dunkle
weibliche Gestalt. Sie sang oder schleppte vielmehr
durch wenige Töne dumpf, einförmig, hohl, einen
uralten Zaubersegen:

„Unser Herr Grippo fuhr über Land,
Im Brande ein Brand.
Brand, du sollst nicht hitzen,
Brand, du sollst nicht schwitzen,
Brand, du sollst nicht schwären,
Noch über dich begehren,
Bis der Weltenmutter die Spindel bricht,
Bis erlischt des ewigen Mondes Licht.“

Nach je zwei Zeilen wurde kurz pausirt und Alpin
glaubte zu sehen, daß die weibliche Gestalt über einem
undeutlichen Gegenstand, der ausgestreckt im Kahne lag,
mit der Rechten, worin sie etwas hielt, das sich im
Helldunkel nicht erkennen ließ, seltsame Handbewegungen machte, senk- und wagrechte und kreisförmige
Linien in der Luft zog. Was es für ein Körper
war, der sich im Einbaum befand und dem diese Gebärden galten, darüber konnte er nicht im Unklaren
bleiben, als er in diesen Pausen ein schwaches Aechzen
vernahm. Er sah Arthur jetzt ganz nahe fahren,
Kahn an Kahn drängen, sich hinüberbücken, die sich
Widersetzende gewaltsam beiseite drücken, etwas Dunkles
in die Höhe richten. „Soll das ein Verband sein?“
hörte er ihn rufen. „Zauber thut mehr denn Verband.“ — „Gieb ihn her, du mordest ihn.“ — „Hinweg, Gottloser!“ — „Du mußt!“ Er ist in den andern
Kahn hinübergesprungen, sie packt ihn an und rauft
mit ihm, ein schnellender Ruck und das hexenhafte Weib
ist beiseite geschleudert, fällt in's Wasser, Arthur hebt
mit der Sicherheit gewandter Kraft den Verwundeten in
seinen Kahn und fährt mit pfeilschnellen Ruderzügen
hinweg. Alpin ließ unthätig Alles geschehen, sah zu,
wie von Geistern gebannt und gefesselt. Jetzt rückt
er hervor aus dem Röhricht. „Hix, Hix!“ ruft er,
„ich komme.“ — „Bist du's, Alpin! Hilf! Hilf!“
Der Alten ist es nach einigem Umplätschern gelungen,
den Rand ihres Kahnes zu erfassen, er hilft der
Zappelnden hinein, läßt die Durchnäßte auf das Fell
nieder, auf welchem vorher der Verwundete gelegen,
und zuckt das Ruder, sie fortzubringen. „Halt, halt!
mein heiliger Mistelzweig, in heiliger Herbstmondnacht
geschnitten mit der heiligen Sichel, dort schwimmt er,“
ächzte die Alte. Alpin gab dem Kahn ein paar
Stöße, fischte ihn heraus und ruderte weiter, dem
Pfarrhause zu. Er trat in etwas Hartes und Scharfes,
das ihm in die große Zehe schnitt, griff hinab und
zog eine Scherbe herauf. Urhixidur stieß einen Schrei
der Verzweiflung aus: „Coridwen! Coridwen! mein
Zauberhafen hin! O hin, hin!“ Sie wälzte sich vor
Jammer im Boot und weinte lautauf, daß es fernhin hallte. Alpin erinnerte sich jetzt, daß er bei dem
Kampfe zwischen Arthur und dem unheimlichen Weib
ein gellendes Schüttern gehört hatte, wie wenn ein
irdener Körper zerbricht. Sie hatte geglaubt, den
Schwingungen des Mistelzweigs mehr Zauberkraft zu
verleihen, wenn sie ihn in dem geheimnißvollen Gefäße mitnahm, und unvorsichtig genug das Heiligthum
einer Wasserfahrt anvertraut. Endlich schwieg sie erschöpft vom Stöhnen und lag stumm, auf einen Arm
gestützt, im Kahne. Auf einmal fuhr sie mit einer
zuckenden Bewegung in ihre Rocktasche und ein neuer
Aufschrei folgte dieser Bewegung: „Auch das, auch
das! Mein Wirtel auch dahin! Heilige Erbstücke! O,
Urururahnmutter Coridwen, du, die aus der Weltenspinnerin eigener Hand die göttlichen Gaben empfangen,
schau' nieder aus den Wolken und hilf rächen, strafen!“
Endlich verstummte auch diese Klage und man legte
an dem Stiegchen an, das in das Haus des Druiden
hinaufführte. Dieser lag schon in so festem Schlafe,
daß das Geräusch ihn nicht weckte, das überdieß von
seinem gewaltigen Schnarchen übertönt wurde. Er
hatte ja sein Amt als Heilkünstler mit so voller Ueberzeugung an Urhixidur abgegeben, ihr den Verwundeten
mit so vollem Vertrauen überantwortet, daß er sich,
als sie mit ihm abfuhr, mit ganzer Seelenruhe zum
Schlummer niederlegen konnte, und der pflegte bei ihm
tief und gesund zu sein. — „Es gibt ein kaltes Bad,
aber auch ein heißes,“ murmelte die Alte, als sie
ausstieg. „Ein gefährlicher Ketzer,“ sagte Alpin, „er
hat auch über unsere Religion gespottet,“ mit diesen
Worten löste er den Wiedring, an dem er seinen
eigenen Kahn nachgezogen hatte, und fuhr heim.

Er mußte wissen, was er that, als er in so gehäuften Brennstoff die Brandfackel dieser Angeberworte
warf, es war ihm gar wohl bekannt, was die Base
bei dem Druiden galt, und er war nicht so blind,
das verborgene sehr Gefährliche in diesem Manne nicht
wenigstens dunkel zu ahnen. Aber er kam sich ganz
zufrieden mit sich vor, sein Gemüth schien ihm ruhig
wie der See, dessen Spiegel kein Lüftchen bewegte.
Es war nur in dem Einbaum so eine sonderbare Unruhe, er wollte in keine regelmäßige Gangart kommen,
er schwankte, und das Vordertheil fuhr manchmal so
eigenthümlich wie ein Ausruf in die Höhe. Das
Wasser gluxte am Holze wie sonst eben auch, aber es
klang heute so seltsam; einmal meinte der Ruderer
gar flüstern zu hören: „Alpin, das war nicht recht!“
Dann kamen dumpfe Töne, die murmelten etwas wie:
krumm, oder: Lump! dann spitze, die thaten wie:
Wicht! Wicht!

Er dachte: dummes Zeug! und legte sich schlafen;
er sagte sich, er habe nun endlich doch einen ruhigen
Schlaf verdient. Kaum lag er auf dem Ohre, so fiel
ihm siedend heiß ein: jetzt pflegt Arthur den Verwundeten sicherlich mit Hülfe Sigunens. Er warf
sich auf das andere Ohr, da fragte plötzlich etwas in
ihm: Alpin, was hättest du thun sollen? Entweder
glaubst du, die Hexe könne mit Zauberspruch und
Mistel besser heilen, dann durftest du ihr den Verwundeten nicht abjagen lassen; oder Arthur mit den
Mitteln, die er anwenden wird, dann mußtest du ihm
beistehen. Ueber das Entweder-Oder in den beiden
Vordersätzen hatte er nun freilich noch niemals nachgedacht und er konnte sich betrösten: wenn man zweifelt,
wenn man nicht weiß, was thun von Zweien, so thut
man am besten nichts. Dennoch wollte der Trost
nicht vorhalten und — auf einmal sprang er auf, und
— etwas hast du ja doch gethan: Pfui! Pfui! und
noch einmal Pfui! Er rief es laut, so laut, daß der
Rinderknecht im Nebenraum aus seinem tiefen Schlaf
emporfuhr und rief: „was gibt's?“ Doch legte sich der
wieder zurück und schlief alsbald weiter, auch Alpin
streckte sich wieder hin, verhielt sich still und blieb so
liegen auf seinem Bärenfell, das nur jetzt kein Fell
mehr war, sondern ein Ameisenhaufen.

Mit dem ersten Morgendämmern gieng er aus dem
Hause. „Auch so früh schon auf?“ grüßte er den
Bittel, dem er begegnete. — „Das trifft sich gut,
Alpin, ich soll dich zum Druiden bestellen.“ Er sagte
das nicht im Befehlton, sondern freundlich und mit
einem gewissen Zwinkern der Augen. — „Später,
später, hab' augenblicks nicht Zeit, der Schafhirt hat
ein paar hustenkranke Hämmel, muß nach dem Vieh
sehen.“ Die Ausrede war nicht so grob, als sie es heutzutage wäre, doch immerhin auffällig und der Bittel
blieb verdutzt stehen. Alpin begab sich in seinen Heerdestadel; es schien ihm, sein Vieh begrüße ihn nicht so
herzlich wie sonst, und seine Lieblingskuh, die Lisi, bog
gar den Kopf zur Seite, als er zu ihr trat; er gab ihr
einen Faustschlag und rief: „Willst auch du mich verachten?“ Das Thier, so rohe Behandlung nicht gewohnt,
sah ihn mit den großen Augen traurig vorwurfsvoll
an, als fragte es: wohin ist's mit dir gekommen?

Er trat heraus, bleich, unschlüssig, gieng wieder
hinein, streichelte die Kuh, dann fuhr er schnell wieder
aus der Thüre. Es muß etwas geschehen! es muß
durchgebrochen werden! rief es in ihm, dunkel, aber
stark. Mit straffen Schritten gieng er nach Odgal's
Haus; er wußte, daß Sigune früh aufstand. Da sitzt
sie auch, das Herdfeuer ist schon angezündet, aber sie
macht sich nichts dabei zu thun; sie hält ein Ding in
der Hand, auf das ihre Augen mit großer Spannung
gerichtet sind, während alle Mienen von einem
Gefühle lebhaften Wohlgefallens zeugen. „Darf man
herein?“ fragt Alpin durch's Fenster. — „Ja, komm'
nur; sieht man dich einmal wieder? Du siehst bleich.“
Sie gab ihm die Hand. „Heut' Nacht hättest dabei
sein sollen drüben im Freihof —“

Wir müssen sie hier einen Augenblick unterbrechen,
um dem Leser ein Wort vom Freihof zu sagen. Wir
befinden uns natürlich in Zeiten allgemeiner Gastfreundschaft, aber auf Pfahldörfern ist eben kein Ueberfluß an
Raum und wenige Familien sind in der Lage, zu
beherbergen. Die wohlhabenderen Gemeinden besitzen
daher ein Haus zur Aufnahme von Fremden, die eine
andere Unterkunft nicht finden können oder nicht wünschen. An Ausstattung, Bedienung ist begreiflich nicht
zu denken, einige Pelze zum Lager sind Alles, für das
Uebrige muß ein Gastfreund sorgen. Hotel können
wir das also nicht wohl nennen; damals sagte man
Freihof. In diesen seinen Wohnraum hat Arthur den
Unglücklichen gebracht, dem im eigenen Hause die
richtige Pflege gefehlt hätte.

Also — „drüben im Freihof,“ sagt Sigune.
„Wir haben,“ fährt sie fort, „den Wunden gepflegt,
Arthur und ich; solltest sehen, wie der verbinden kann,
und ein Glück, er hat auf seiner Reise, die ihm selbst
Anfall und Wunden bringen konnte, gute, kühlende
Salben mitgebracht, aus der Pflanze Selago und Verbena,
und hat sie aufgelegt; der Kranke liegt jetzt in erquickendem Schlaf auf Fellen und weicher Streu.“ — „Gut,
ganz recht,“ sagte Alpin, einen Stich verarbeitend, der
ihm durch die Seele gieng. „Was hast denn aber da?“
Sie hatte den Gegenstand beiseite gelegt. „Da schau'
her,“ rief sie jetzt, „was Neues, Wunderbares! Vetter
Arthur hat uns zu den schönen Sachen gestern Abend
noch das gebracht, nun guck'! Nachher will ich den
neuen Schmuck anziehen und mich so da drin sehen.“
Es war eine ovale Scheibe von Erz mit zierlichem
Griff; Sigune drückte sie ihm in die Hand. „Was
soll's?“ — „Nun, sieh' doch stät auf die Fläche.“ Alpin
schaute und schaute, er sah sich selbst. Verglieche man
dieß Bild mit dem, das unsere jetzigen Spiegel uns
zeigen, so müßte es freilich nur als ein verschwommenes erscheinen; das wäre aber sehr unrichtig, wir haben
das Bild im Erzspiegel mit dem ungleich verschwommenern auf dem Wasserspiegel zu vergleichen, dem
einzigen, das unserem Alpin bekannt ist, und so kommt
es ihm deutlich in einem Maße vor, das alle seine
Begriffe übersteigt. Er läßt den Spiegel fallen,
geisterhaft wird ihm zu Muthe. Er steht so und starrt
vor sich hin, hinaus in's Leere, wie in eine tiefe
Finsterniß. Allmälig taucht ein schwaches Licht in
dieser Finsterniß auf: „Also — also so — von nun
an wird der Mensch sich selbst sehen — zweimal dasein — und dann — wenn er von dem Bild weggeht, wird es doch in ihm bleiben — und er wird
inwendig sich selbst sehen — wird nicht mehr einfach,
nicht mehr ein Einfacher sein — wird sich zugleich
immer auch inwendig fragen, wie er wohl anderen
Menschen vorkomme — und dann — wenn er etwas
denkt oder sagt oder thut, wird man nicht mehr wissen,
ob er's nicht denkt oder sagt oder thut, weil er sich
vorstellt, wie er dabei aussehe, sich ausnehme —“

Er stockte — wie hätte der Pfahlhirte für das,
was ihm in dunkler Ahnung aufdämmerte, die Begriffe
finden können und die Worte für die Begriffe! Wir
Jetzigen freilich könnten ihm gut nachhelfen, wir,
denen so leicht ersichtlich ist, daß mit der Erfindung
und Vervollkommnung des Spiegels eine gründliche
Veränderung in das Seelenleben, in alle Zustände der
Menschheit getreten ist. Verschärfung des Selbstbewußtseins, aber auch eitle Selbstbespieglung und eitle
Bespieglung in Anderen: wie sollte der arme Alpin
diese Bezeichnungen aufbringen und wie all' das Unabsehliche ermessen, das sich aus einer solchen Wendung im
Bewußtseinsstande des Menschen ergeben, entwickeln
mußte! Ihm wurde schwindlig vor dem Bilde der
künftigen Jahrhunderte, das ihm dunkel vorschwebte
und das er nicht erfassen konnte. Er fand noch das
Wort: schillern — ihm scheine, da schillere Alles.
Weiter reichte es nicht. Und nun bedenke man noch
dazu, daß er nicht in der Lage war, mit freiem Gemüthe über dieß Räthsel zu forschen, denn ach! der
Spiegel gehörte Sigunen, war ein Geschenk Arthur's!
Ob sie ihm gefalle, wird sie den Spiegel fragen, und
dann wohl auch, wie Dem und Jenem und einem
Dritten — und wie wird sie dann werden? Nun, den
Namen Kokette lieferte ihm wahrhaftig sein Sprachvorrath eben auch nicht, aber die Sache flimmerte ihm
vor dem innern Blick. Wir werden also billig sein:
es kommt Vieles zusammen, was jetzt in diesem Herzen
umwühlt. Grauen überrieselte ihn, dann kochte ein
Grimm, eine Wuth auf. Mit wilden Blicken fuhr
er in die Höhe, hinaus zur Thüre und schleuderte
den Spiegel in's Wasser. Wie er sich umkehrt, steht
Arthur vor ihm. Er packt ihn an der Kehle und
ruft: „Giftschenk!“ Arthur legt die Hand an sein
Schwert und zuckt es halb aus der Scheide. Alpin
fällt ihm in den Arm: „Nicht so! nicht hier!“ Sigune
war herbeigestürzt, flehte Arthur, hieng an Alpin's
Knieen: „Laßt, laßt!“ Die beiden Feinde vereinigten
sich, sie zu beruhigen, ihr die Vorstellung beizubringen,
als könnte vielleicht mit Worten ausgeglichen werden,
führten sie mit freundlicher halber Gewalt in ihre vier
Wände zurück, eilten hinweg und mit wenigen Sylben
war verabredet, was in schweigendem Einverständniß
schon innerlich beschlossen war. „Steinaxt und Hirschhorndolch gegen Erzschwert und Erzdolch, soll's gelten?“
— „Gut,“ sagte Arthur, „es soll.“ — „Draußen im
Fichtenwald, wo die kleine Lichtung ist, dreihundert
Schritte in gerader Richtung hinter dem Dolmen- und
Eichenhain! Ich hab' erst noch einen Gang zu thun,
in einer Stunde bin ich da!“ — „Du triffst mich.“

Alpin war es so leicht und frei zu Muth, als
wären ihm Centnergewichte von der Brust gefallen.
Er that einen Jauchzer, als er zu Hause seine Steinaxt
genau untersuchte, ob der Stiel auch fest genug sitze,
und unter zwei Dolchen den stärkeren und schärferen
wählte. Aber ein leiser Seufzer folgte dem Jubelruf. Sigune! — doch das war nicht das Schwerste;
Zorn, Grimm war zwar verflogen und die Seele hatte
zum Sorgen und Bangen um sie wohl wieder Raum,
aber das mußte jetzt zurückstehen, denn jetzt galt es
nur Eines: Mann gegen Mann; sie ist Weib, Schicksal ist Schicksal, sie soll's tragen, wie es fallen mag.
Aber, aber! da hieng noch ein böses Gewicht; wie es
abschneiden? Da saß noch ein böser Flecken; was auf
der weiten Welt thun, ihn abzuwaschen? Er war ja
zum Druiden gerufen, nicht eigentlich befohlen, er
konnte wegbleiben, aber das wäre feig, sagte er sich;
heut' wollte er gut machen als gerader Mann,
was er gestern Nacht schlecht gemacht als krummer
Angeber, aber der Vorsatz, der Entschluß zur That,
zum Zweikampf, genügte ja nicht und die gethane
That doch auch nicht, der Flecken der Verdächtigung
stand für sich da, kohlrabenschwarz, er wollte für sich
behandelt, ausgelöscht sein, er blieb sonst hängen, klebte
seinem Gewissen an, wenn er lebte, seinem Namen,
wenn er fiel. Was thun, was thun? — Halt! —
ihm kam Licht — die Wahrheit! Die Wahrheit: sonst
gibt's hier nichts!

Er gieng zum Druiden, ausgerüstet, wie er war,
mit seinen Waffen. Vor der Thüre hörte er drinnen
einzelne Hustlaute von verschiedenen Stimmen. Er
trat ein. Urhixidur war — gottlob! rief es in ihm
— nicht da, sie lag in der Hinterstube tief in einen
Berg von Wolfsfellen versteckt, da sie, für ihre eigene
Person doch mehr auf natürliche Mittel als auf Magie
vertrauend, eine Schwitzkur auf das nächtliche kalte
Bad für gut befunden hatte. Dagegen standen zu
den Seiten des Druiden fünf ältere Männer; sie gehörten zu dem Schlage der „alten Huster“. Der
Druide hatte ein Gesicht, so hart und gespannt, als
wäre es gefroren, man sah auf den ersten Blick: das
war ein Verhörgesicht! Der Schluß: ein Zeugenverhör, und die Huster haben schon deponirt, ergab sich
von selbst. „Es liegen,“ begann Angus, „gegen den
Fremdling Arthur mehrere sehr beschwerende Inzichten
vor als gegen einen Religionsspötter, gegen einen
Götterleugner; von dir, Alpin, ist mir zu Ohren
gekommen, du müssest als Zeuge gegenwärtig gewesen
sein, als er das eine oder andere giftböse Hohnwort
über unsern heiligen Glauben und ehrwürdige gottesdienstliche Handlung fallen ließ; dieß wird bestätiget
durch die Bemerkung, die du in dieser Nacht gegen
Urhixidur gemacht hast, als sie von dem Uebelthäter
ruchlos gestöret worden in dem Heilwerke, das sie in
meinem Auftrag vornahm, als der Frevler sich sogar
erfrecht hatte, diese achtbare Person in's Wasser zu
werfen, als dabei der heilige Coridwentopf zerbrach,
als er ihr den wunden Pflegling raubte und als dich
die Gottheit zu ihrem Retter ausersehen; sag' an,
sprich, was weißt du? Zuerst wiederhole mir die
Worte, die du zu meiner Hausmeisterin gesprochen.“

„Hochwürdiger Vater!“ sagte Alpin, „erlaube mir,
zu schweigen. Mich drückt mein Gewissen, denn ich
habe aus Haß gesprochen, was ich zu Urhixidur über
den Mann gesagt; ich hasse ihn aber nicht, weil ich
nachgedacht hätte über die göttlichen Dinge und mir
zutraute, das zu verstehen, und überzeugt wäre, daß
er darin ein Frevler ist, sondern ich hasse ihn, weil
ich ihn hasse, und nicht der Strafe Anderer will ich
ihn übergeben, sondern ich selbst will ihn strafen, will
es versuchen, ob mir Grippo, der Herr und Gott des
Krieges, vergönnt, ihn zu bezwingen und zu vertilgen.“

„Warum hassest du ihn? Ich will es wissen!“

Alpin stockte. Doch da in einer Gemeinde, die
so eng zusammenwohnt, eine Bewerbung um die Liebe
eines Mädchens, die so beharrlich war wie die seinige,
ohnedieß kein Geheimniß geblieben sein konnte, so vermochte er es, sein inneres Widerstreben zu bezwingen,
und sagte: „Weil er eine Tochter unseres Volks hinwegführen will zu dem seinigen, wo Alles fremd und anders ist und —“

Die Sprache lieh ihm auch hier kein Wort, der
Satz blieb unvollendet. Auch seine Zuhörer hätten
ihn nicht zu ergänzen vermocht mit Worten; woher
sollten er und sie Bezeichnungen schöpfen wie: Ueberbildung, von der Natur abweichende Kultur, Raffinirtheit, Frivolität und dergleichen? aber sehr leicht und
gern ergänzten sie ihn mit erahnenden Vorstellungen,
mit helldunklen Schlüssen, die, von der Prämisse:
Erzwaffen ausgehend, durch eine Kette von unbestimmt
vorschwebenden Mittelgliedern rasch bei der Folgerung:
Gottlosigkeit anlangten. So war denn Alpin's Wort
ganz Wasser auf ihre Mühle, ja mehr Wasser, als er
eigentlich wollte, da gerade dieß ein Punkt war, den
er seinerseits, obwohl gestern noch Angeber, lieber
dahingestellt sein ließ; wir werden ihn in dieser letzteren
Richtung noch näher kennen lernen.

„Was hast du eigentlich vor?“

„Zweikampf; der Fremdling ist einverstanden.“

Die umstehenden Zeugen riefen: „Es sei so! Verhindert es nicht, ehrwürdiger Vater! Es sei Gottesurtheil! Gottesurtheil auch über die Waffen: ob besser
das gute Alte, Stein und Horn, oder der tückisch
schimmernde neue Stoff!“

Angus wiegte bedenklich das Haupt hin und
her; es mochten einige Zweifel sehr realen, physikalischen Inhalts durch dieses Haupt gehen. Er verschwieg sie und faßte die Frage von einer andern
Seite: „Gottesurtheil,“ sprach er, „muß öffentlich und
feierlich sein; Alpin muß anklagen vor der versammelten Gemeinde auf Götterleugnung, Kampfrichter
müssen aufgestellt sein und ich muß vorsitzen.“

„Die Anklage erheb' ich nicht,“ fiel Alpin rasch ein.

Es war noch eine andere Schwierigkeit: Arthur
hatte in der kurzen Zeit doch manche Gemüther gewonnen;
daß es in der Gemeinde das gab, was wir eine Linke
nennen, haben wir aus den Verhandlungen ersehen,
aus denen die Berufung der Barden von Turik hervorgieng. Es war zu befürchten, daß die Einleitung
eines Gottesurtheils auf so schwere Anklage großen
Widerspruch fände. Derselbe Grund aber mußte dem
Druiden starke Zweifel erwecken, ob er einen Prozeß
mit der einfachen Folge der Verurtheilung Arthur's als
Ketzers auch durchzuführen vermöge, ohne seine Autorität und Beliebtheit bei der Gemeinde zu untergraben.

„Kein Gesetz hindert,“ sagte jetzt Morbihan, einer
der fünf Zeugen, „daß Zweikampf auch geheim stattfinden könne und doch sein Ausgang als Gottesurtheil
gelte; unser altes Gesetz ist für den öffentlichen, keines
besteht gegen den geheimen.“ Die Bemerkung wurde
beifällig aufgenommen und unterstützt.

Nach einer Pause sagte, leicht zum Ja bekehrt, der
Druide: „Es sei! Biete deine Waffen!“

Alpin hielt Axt und Dolch hin, ungern allerdings,
denn, was er vorhatte, das meinte er doch eigentlich
nicht in dem Sinn, in welchem seine Waffen nun eingesegnet werden sollten. Der Priester beschrieb das
Schlangenzeichen Grippo's in die Luft und sprach halbsingend in hohldumpfem Beschwörerton:

„Gieb, o
Grippo,
Alter Rohrmolch,
Das; der Horndolch
Sicher steche!
Gieb, o
Grippo,
Urweltsschlammwurm,
Daß im Kampfsturm
Axt nicht breche!
Gieb, o
Grippo,
Lurch im Urstrupp,
Daß Hirnstockschnupp
Feind's Kraft schwäche!

„Und nun zeuch hin, mein Sohn, und schlag' und
stoß' zu in Gottes Namen!“ schloß der Priester.

Alpin trat seinen Gang an. Er war schon einige
Schritte entfernt, als ihm Angus nachrief, er solle erst
seinem ältern Gaisbuben noch aufgeben, daß er heute
noch einmal zu ihm komme. Alpin besorgte dieß noch;
der Druide machte sich mit dem Jungen seit ein paar
Wochen alltäglich zu thun; was? war ein Geheimniß;
doch bemerkte man, daß es musikalischer Art sein müsse;
der Bursche war ein sehr gelehriger Schüler Alpin's
auf dem Hirtenhorn.

„Er ertobte des Muotes,“ heißt es im Nibelungenliede, da Rüdiger von Bechlarn nach schwerem innerem
Kampfe und herzerschütternden Wechselreden das Schwert
zückt, gegen seine Freunde, die Nibelungen, zu streiten.
Der letzte Auftritt hatte Alpin's Seele wieder beschwert; er war eben doch unheimlich gewesen, und
es wollte sich nun etwas in ihm regen, was wider
den Kampf sprach, aber er nahm sich straff zusammen,
spannte seine ganze Seele auf den Gedanken der Entscheidung, die nun einmal dieser Schwüle ein Ende
machen müsse, der Kampfgeist fuhr in ihm auf, er
beschleunigte seine Schritte, und dieß um so mehr, da
er befürchtete, er habe über die Zeit gezögert und
dieß könnte ihm falsch ausgelegt werden. Er war
eingetreten in den dunklen Fichtenwald; er hörte von
fern ein Geräusch wie ein Prasseln, Wischen, Streifen,
kurze Rufe einer Menschenstimme dazwischen, der Wald
gab diese Töne mit dem eigenthümlich verklingenden
Nachhall wieder, als riefe Baum dem Baum eine
Kunde zu, die so fortlaufe bis in unbekannte Fernen.
Aber halt! Was ist dieß? ein brummender, gezogener
Laut ist nun deutlich zu unterscheiden, finster, furchtbar, tief wie aus den Höhlungen der Erde heraufgrollend, — Alpin kennt ihn, es ist das Brummen
des Wisents, er eilt vorwärts, so schnell es nur der
Wald erlaubt, erreicht die Stelle und erblickt —

Wir wenden uns in der Zeit um ein Weniges
zurück. Arthur hatte sich beeilt, den verabredeten
Kampfplatz zu erreichen. Er steht in Gedanken verloren, den Gegner erwartend; auch in ihm spricht
etwas gegen den Kampf und gegen dieses Etwas
wieder die Ehre und der Zorn. So in sich versunken
hört er nicht, daß nahe im niedern Holze sich etwas
erhebt und gegen ihn herbewegt, bis ein dumpfes
Brüllen ihm die furchtbare Gefahr verräth. Es war
der Wisent, der gestern den Bürger des Pfahldorfs
verwundet hatte; Arthur trug — unvorsichtigerweise,
denn er konnte vermuthen, daß das schreckliche Thier
noch um den Weg sei — sein rothes Brusttuch offen.

Der wilde Stier, den unsere Ahnen Wisent nannten,
dessen amerikanischer Vetter Bison dem Leser wohl
bekannt sein wird und der nur an Einem Ort in
Europa durch Hut und Hegung sich noch erhalten hat,
im Walde von Bialowicza in Littauen: der Wisent
ist zwar weit nicht so groß, wie der längst ausgestorbene, damals schon äußerst seltene Stammvater
unseres Rinds, der Ur, der Auerochs, von dem er
jetzt fälschlich den Namen trägt, doch weist eine Höhe
von sieben und eine Länge von dreizehn Fuß, unter
welche freilich seine heutigen Nachkommen stark herabgesunken sind, eben auf kein geringes Kraftmaß hin.
Schwerlich war selbst der riesenhafte Ur ein so gefährlicher Feind des Menschen wie dieses unzähmbar wilde
Geschöpf. Sein Element ist Wuth; man kann nie
wissen, wann sie ausbricht, am sichersten geschieht es
beim Anblick rother Farbe. In jähem Sprunge fährt
das Ungethüm auf Arthur los, er vergißt im schrecklichen Drange des Moments, daß sein Schwert eine
unmächtige Waffe gegen solchen Feind ist, zieht, stößt,
die Klinge trifft schief, schlitzt nur die Haut unter der
wolligen Halbmähne, die den Wisentstier bis in die
Mitte des Leibs umkleidet, er wird von der Wucht
des Anpralls niedergeworfen, schnellt auf und nun
beginnt eine Jagd von Thier auf Mensch, die den
Tapfersten endlich betäuben, lähmen, entseelen müßte.
Es gelingt Arthur, einen jungen Baum im Sprung
zu erfassen, aufzuklettern, der wüthende Feind führt
einen Stoß dagegen, daß der schenkeldicke Stamm
abknallt und der Hingeschleuderte abermals nur seiner
pfeilschnellen Behendigkeit die augenblickliche Rettung
verdankt. Er besinnt sich, daß man vor einem Stier
in scharfen Zickzackbewegungen fliehen muß, weil es
dem Thiere schwer wird, rasch umzuwenden: ein
Mittel, das vielleicht vorhält, so lang ihm die Geistesgegenwart bleibt; aber kein Augenzeuge der verzweifelten
Hetze könnte das hoffen. Fürchterlich an sich schon der
Anblick eines Thieres, an dessen breitgestirntem Haupte
durch den krausen Haarwald die ohnedieß groben
organischen Formen so verdeckt sind, daß es einfach
bloß zur ungeschlachten, blöckischen Stoßwaffe gebildet
erscheint. Tiger- und Löwenkopf hat bei schöner Bildung grundfalsche, blutdürstige Katzenzüge, da mag
dem Schrecken des Angegriffenen noch die Seelenqual
sich beimischen, so viel Wildheit mit solcher thierischen
Schönheit verbunden zu sehen, aber er sieht doch Züge,
das Entsetzen ist nicht so dumpf, wie beim Anblick
dieses Stierkopfs, der wie ein Stück roher Masse aussieht, von dem langen Leibe wie ein Mauerbrecher
vorwärts geworfen, um zu Brei zu zermalmen, was
nicht hart wie Fels und Eisen ist, oder mit Hülfe
der kurzen, nah an den Schläfen aufwärts stehenden
Hörner, was da Lebendiges begegnen mag, und wäre
es der schwere Körper eines Bären, wie einen Ball
in die Luft zu schleudern. Und doch verkünden furchtbare Zeichen, daß eben in diesem formlosen Blocke der
dumpfwilde Geist wohnt, der ihn als seinen Sturmbock, seine Schleuder regiert: Feuerqualm scheint aus
den schnaubenden Nüstern zu sprühen, das tiefe, wie
aus langem Gewölb heraufgeholte Brummen ist nur
noch schrecklicher als Brüllen des Löwen, des Bären,
dämonische Wuth funkelt in dem großen, dunklen Auge,
bei seinem Schwellen und Rollen zeigt sich die Bindehaut, die als weißer Grund dem menschlichen Augenstern seine edle, reine, hebende Umrahmung gibt, als
roth durchäderte Folie und erhöht so mit ihrer Blutfarbe das scheusliche Wuthbild, aus dem Maule hängt
die blaurothe Zunge und ein dunkler Bart schwankt
am Unterkiefer, als hätte der teuflischen Maske noch
ein Stück vom Kopfe des Ziegenbocks gefehlt. Vom
mächtigen langen Leibe wird dieß Haupt in ungeheuren
Galopprucken zum Stoß vorgeworfen und mit der
geschwungenen Zottel des Schweifes scheint sich das
Unthier zu immer erneuter, wachsender Furie zu peitschen. Das war, muß man gestehen, ein Anblick
besinnungraubender Art; Arthur stand auf dem Punkte,
sie zu verlieren, und sobald er sie verlor, mußte seine
Behendigkeit selbst sein Untergang sein, denn eine
einzige seiner blitzschnellen Kehrungen verfehlt — und
sie mußte ihn gerade in die Stoßlinie des fürchterlichen Feindes hineinführen. Bereits ist ihm dieß
widerfahren, er blutet aus einer Streifwunde an der
Stirne, sein Auge umflort sich, er schwankt, er beginnt
zu taumeln. In diesem Augenblick unendlicher Gefahr
ist Alpin erschienen, ein Gedanke wie ein zuckender
Strahl erleuchtet ihn, er nimmt einen Ansatz, springt
dem Ungeheuer auf den Rücken, auf den höckerartigen
Wulst des Widerristes, klammert sich mit mächtigen
Schenkeln fest und stößt mit der Riesenkraft und mit
den sichern Sinnen des Natursohns den starken, äußerst
glatt polirten und spitzen Dolch aus dem Ende eines
Hirschgeweihs, ungehindert von der bauschigen Mähne,
der dicken Haut, den stahlharten Sehnen, zwischen den
Hinterhauptknochen und den ersten Halswirbel hinein,
daß er mit Blitzesschnelle die Verbindung von Gehirn
und Rückenmark zerreißt. Das schwere Thier bäumt sich
empor wie ein Hirsch, schnellt mit einer unwiderstehlichen Schüttelbewegung den tödtlichen Reiter weit weg,
stürzt auf den Rücken, zappelt und verendet. Arthur
sah nur wie durch einen Schleier diese That der Rettung, ein starrer, in allen Nerven gelähmter Zuschauer
stand er wie in den Boden gewurzelt, an einen Baum
gelehnt, und statt dem Retter, der nun bewußtlos
am Boden lag, zu Hülfe zu eilen, sank er jetzt selbst
zusammen und blieb so liegen wie ein Träumender mit
offnen Augen, bis auch ihm die Lider sich schloßen.

Jetzt hört man ein Bellen, kurze, kläffende Laute,
wie die Hunde sie hören lassen, wenn sie einer Spur
nachjagen. Schnell dringt es näher und mit einem
Sprunge, heulend vor Freude, wirft sich Tyras auf
seinen Herrn und leckt ihm die Hände, die blutende
Stirne. Kurz darnach rauscht es wieder durch das
Gehölz und aus den Büschen taucht Sigunens hohe
Gestalt hervor, ihre Haare fliegen, ihre Gewänder
sausen noch von der Heftigkeit athemloser Bewegung,
ihre schönen Arme sind von scharfen Fichtenzweigen,
Stechpalmdornen blutig geritzt, das Brusttuch hat sich
im stürmischen Rennen durch diese dichten Hindernisse
herabgestreift; so steht sie nun, schaut, sieht die zwei
Betäubten am Boden und — wirft sich über Alpin.

Er erwachte, das Antlitz an ihrem weißen, warmen
Busen, von ihren braunen Locken überschattet, benetzt
von ihren reichlichen Thränen.

„Bist du es?“ fragt er.

„Ich bin's,“ antwortet Sigune.

„Ja, hast du mich denn lieb?“

Jetzt verfiel sie in ein tiefes, lautes Schluchzen
und als sie die Sprache wieder fand, da brach es
hervor: „Vergieb! vergieb! gequält, gepeinigt, gefoltert
hab' ich dich im wilden Muthwill, in der grundbösen
Schelmenlaune — Liebe war's — Liebe gegen sich
selbst verkehrt — dein will ich sein — mein sollst du
sein — beisammen, beisammen, treu bis in den Tod!“

Und sie wußte noch nicht, daß er Arthur gerettet.
Alpin wußte es auch nicht mehr, das Geschehene war
ihm rein entschwunden, er kannte nur die Gegenwart
und preßte wie in seligem Traume, auch er nun in
einen Strom von Thränen ergossen, das schöne, reuige
Weib an seine Brust. Mit sanfter Hand schob Sigune
jetzt sein Haupt beiseite, sie erröthete, sie besann sich
auf sich, verhüllte ihren keuschen Busen und schaute
sich nach Arthur um. Ihn hatte nicht eine schöne
Menschenerscheinung, nur das treue Thier aus seiner
Betäubung geweckt; er sah um sich. Wenige Schritte
neben ihm lag das braune Ungeheuer auf dem Rücken,
geisterhaft aufstarrend mit den erloschenen großen
schwarzen Augen. Er entsann sich. Jetzt sah er auch
die Zwei; seine und Sigunens Blicke begegneten sich,
er nickte, raffte sich auf, trat hinüber, legte die Hand
auf Alpin's blondes Haupt und sagte, mit der Linken
auf die Leiche des grimmen Feindes deutend: „Von
Jenem hat mich Dieser gerettet.“ Nun kam auch
Alpin das Gedächtniß wieder, doch mit ihm eine Erinnerung, deren Herbe und Bitterkeit ihm plötzlich die
erschlafften Lebensgeister sammelte, spannte, um Einen
peinvollen Gedanken zusammenzog. Er schnellte vom
Boden auf: „Danke mir nicht,“ rief er, „von Dem
dort habe ich dich gerettet, aber an einen Schlimmeren
dich verrathen; o Götter, Götter! was habe ich gethan!“
Er erzählte mit wenigen Worten, setzte ebenso kurz
die Lage, die Gefahr, die vom Druiden und seinem
Anhang drohte, in's Licht, starrte dann vor sich hin,
einem Menschen gleichend, der eben im Begriff ist, sich
in grenzenlosen Jammer zu verlieren, faßte sich aber
plötzlich im Bewußtsein, daß hier keine Zeit zum Klagen
sei, sann und sann und hatte schnell einen Rettungsplan entworfen. „Es ist,“ sagte er, „nicht weit entfernt eine tiefe Höhle mit mehreren Nebenkammern;
hier kannst du dich den Tag über verbergen; Abends
wird alles Volk um die Barden versammelt sein,
Niemand deine Abwesenheit bemerken, und Nachts
hole ich dich ab und bringe dich fort.“ Rasch überschlug er sich das Weitere. Wohin den gefährdeten
Gast zunächst bringen? Am besten nach Turik; denn
bei dem Stande der Dinge in der großen Wassergemeinde, wie wir ihn schon kennen, war schwerlich zu
erwarten, daß es der Druide versuchen werde, ihn dort
mit einer Anklage zu belangen. Wie aber auf dem
Wege bis dahin vor etwaiger Verfolgung sichern? Es
galt, ihn auf Richtpfaden zu führen. Auf einem Theil
des Weges konnte er diesen Dienst selbst übernehmen,
aber er durfte nicht zu lang abwesend sein. Er gedachte eines treuen, zuverlässigen Freundes auf dem
nahen Gripinsee, seine Hütte war die nächste am Ufer;
zu diesem wollte er ihn am Aaflüßchen hin, das sich
in den Robanussee ergießt, selber begleiten; er sollte
den Flüchtling noch in derselben Nacht über den See
setzen; alle nur Hirten bekannten Wege, die von da
durch Dick und Dünn nach Turik führten, waren dem
Manne bekannt und Alpin durfte vertrauen, daß der
längst Bewährte, durch manche Dienste und Gegendienste verbundene sich gerne bereit finden werde, seinen
Schützling auf diesen geheimen Pfaden sicher zum
Ziele zu geleiten. Den Tag über mußte er den theuern
Neugewonnenen leider allein lassen, man durfte ihn
im Dorfe nicht vermissen, die Bezwingung des Wisents
konnte nicht lang geheim bleiben, eine Fabel mußte
erfunden, dem wartenden, auf Kunde vom Ablauf des
Zweikampfs höchlich gespannten Druiden mußte weiß
gemacht werden, der Gegner sei nicht zu finden gewesen,
dafür plötzlich der gefährlichere Feind erschienen und
glücklich besiegt worden. Einen Schutz, der nicht zu
verachten war, versprach inzwischen der starke, muthige
Tyras und Abends hoffte er doch auf so lang wenigstens abkommen zu können, um dem Einsamen die
nöthige Erfrischung zu bringen. Die Drei wandelten
zur Höhle.

„Kannst du mir verzeihen?“ sagte Alpin.

„Du hast's ja,“ erwiderte Arthur, „mannhaft
wieder gut gemacht, vor dem Druiden und dann im
Walde. Bist bös gewesen, ja wohl, aber ich kenne
die Eifersucht; hab's auch einmal durchgemacht und
noch anders als du, hätte fast einen Mord auf meine
Seele geladen.“ Ein Schatten lief über seine Züge;
er fuhr fort: „Ich hab' in heißer Zeit erster Jugend
ein bildschön Mädchen geliebt aus frommem Hause,
meine Seele war wie ein Sturm, die Jungfrau schwur
mir Lieb' und Treue und am Tag darauf find' ich
sie in den Armen eines jungen Druiden, der eben
von der Schule kam und jüngst geweiht war, ein
hübsch, glatt Bürschchen mit gescheitelten Locken, fast
einer Fee im Mondschein gleich. Und wie ich den
Scheinheiligen einsam finde am Ufer des Sees, pack'
ich ihn an der Brust und halt' ihm seine Sünde vor.
Der entgegnet frech, heuchlerisch und spitzfindig. Ich
stoß' ihn in's Wasser, wie ich aber den Tropf zappeln
sehe, spring' ich nach und zieh' ihn heraus. Das
Mädel hat noch Manchen betrogen, ich aber hab' mich
auf die Jagd geworfen, sie zu vergessen, und wie ich
einmal auf einen Wolf laure, kommt mir der junge
Pfaff in den Schuß, der eben zum heiligen Haine
gieng. Ich hatte die Finger an Pfeil und Sehne und
will schon drücken, erschrecke aber an mir und setze ab.
Bin ein wilder Mensch gewesen, seither hab' ich mich
besonnen und bin stiller. Du aber, Alpin, bist ein
Narr gewesen, wir sind ja Vetter und Base; ist dir
doch auch ein wenig recht geschehen, daß sie dich geplagt hat.“

„Und a schwarzbrauner Jager mit'm Gamsbart
auf'm Hut,“ sagte halbsingend Alpin und deutete
auf den Schmuck an Arthur's Mütze.

„Gefällt mir schon recht,“ scherzte Sigune, „aber
du steckst jetzt einen Büschel von Wisentbart auf die
deine.“

„Komm', Base,“ sagte Arthur, „gieb mir die Hand!“
er ergriff dazu Alpin's Rechte, legte ihnen die Hände
zusammen und darüber seine eigene Rechte. Die Blicke
des braven Paares weilten ruhig und still ineinander,
kein Wort und kein Kuß wurde gewechselt. „Ich
kann's jetzt schon sagen.“ fuhr Arthur fort; „es hätte
meinen Vater gefreut, wenn ich das Bäschen heimgebracht hätte, aber —“ Er nahm seine Erzählung
wieder auf, als hätte er sie nicht unterbrochen gehabt:
„Es träumte mir in der Nacht nach der Wolfsjagd,
ich stehe wieder im Wald und ziele und wolle eben
abschnellen auf den jungen Priester, da fühle ich meine
Hand gehalten und sehe einen Glanz um mich und
neben mir steht Taliesin, der Glanz geht von seiner
Stirn aus und er spricht: ‚Diese soll nicht Pfeil
niederstrecken, sondern neuer Taliesin.‘ Es kam dann
das Erz zu uns und ich erfreute mich noch eine Zeit
der Jagd mit den neuen Waffen, aber der Traum
kehrte öfters wieder, Gedanken wie Blitze sind mir in
manchen Stunden aufgestiegen, unser alter Götterglaube
und Dienst wollte mir vorkommen glanzlos, zerbrechlich, matt, wie Bein und Stein gegen das gediegene
glänzende Metall, das Jagen fieng an, mir zu entleiden —
und nun auf der Reise — drüben in Turik — bei den
Barden — es wurde heller und heller — schicken thut
mich Niemand, als mein Vater zu Odgal, die Verwandten einmal wieder zu begrüßen und nach der
Base zu schauen, aber jetzt, seitdem es mir so wetterleuchtet im Kopf und jetzt seit dem Feste da, wo der
alte Wust mir wieder so gröblich vor Augen geplatzt
ist, jetzt muß ich wandern, wandern, es läßt mir keine
Ruhe, und dann — ja, ich spür's, mir schwant's,
von diesen Tagen, von gestern, von heute an wird mein
Leben — wenn ich's rette — eine Jagd werden —
eine Jagd — ich werde jagen, nach Menschen jagen
und gejagt werden — und —, glaub' mir, Alpin,
zur Liebe hab' ich keine Zeit mehr, auch wenn ich
wollte.“ Die Worte blieben unerläutert und waren
dem Sprecher vielleicht selbst nicht so klar, daß er die
Erklärung dazu hätte geben können. Und nun war
unter all' dem das übervolle Herz noch nicht dazu
gelangt, die Hauptsache, den Dank auszusprechen. Es
geschah erst, als man am Eingang der Höhle angelangt war. Nur erwarte der Leser keinen stürmischen
Gefühlsauftritt. Daß auch Männer sich umarmen
und küssen können, war den Pfahlbewohnern noch rein
unbekannt; hätten sie sehen können, wie das betrieben
wurde zu den Zeiten Vaters Gleim und wie noch
heutiges Tags da und dort Männer sich abschmatzen:
man darf wohl annehmen, sie hätten sich mit Scham
und Schauer abgewendet. Arthur sagte einfach: „Ich
danke dir, dem Feind, mein Leben!“ und begleitete
die Worte mit einem Druck der Rechten, worüber unsereinem das Blut aus den Fingern spritzen würde und
den nur eine Hand aushielt, die fähig war, einen
Wisent mit einem Horndolchstoß niederzustrecken.

Die Höhle war tief und weit und enthielt Nebenhöhlen in sich, die aussahen, als hätte Menschenhand
nachgeholfen, sie zu Wohnungsstätten herzustellen.
Einzelne Thierknochen und Scherben lagen umher; es
gieng eine alte Sage, dort hätten einst Menschen gewohnt. — „Langweilig wird's schon sein,“ sagte
Alpin. Arthur sah an der hohen, dunkelgrauen Wölbung hinauf; „ich bin gern allein,“ versetzte er dann.
„Da hast nun recht Zeit zum Brüten,“ meinte Alpin.
Arthur nickte lächelnd und striech ihm mit der Hand
über die blühende Wange. Eine dunkle Sorge kam
über Alpin, als man sich trennte, obwohl es für ihn
vorerst nicht auf lang war. Ungleich schwerer noch
lag es auf Sigunen. Wer weiß, wann im Leben man
sich wiedersehen wird? Ja wer weiß, ob? Es kamen
ihr Thränen. „Gieb ihm einen Kuß,“ sagte Alpin. Sie
reichte ihn, die gegenseitigen Lippen verweilten nicht
heiß, aber innig in sanfter Berührung. Man trennte
sich, der versöhnte Tyras sah wie fragend zu, als die
Beiden hinweggiengen.

Arm um Hüfte, Arm um Schulter geschlungen,
giengen Alpin und Sigune heimwärts durch den
Fichtenwald bis an die Lichtung des Eichenhains.
Jetzt erfuhr Alpin, wie die Dinge gekommen. Die
Herausforderung war aus Blick und dunklem Wort
leicht zu erschließen, Ort und Zeit blieben ihr verborgen. Was litt sie nun! Wie zerwühlte die Reue,
die Liebe, die Todesangst, die Höllenqual des Schuldgefühls ihre Seele! Jetzt, jetzt fand sie Worte, und
doch weit, weit nicht genug Worte für die Ewigkeit
dieser fürchterlichen Stunde. Sie rennt im Dorf um,
sie fragt Alt und Jung, ob Niemand Alpin und
Arthur habe hinausziehen sehen und in welcher Richtung; Niemand weiß Auskunft, zu Viele darf sie nicht
fragen, denn sie muß Aufsehen vermeiden; da verbreitet sich die Kunde von der nahen Ankunft der
Barden aus Turik; zwei Gemeindeälteste sind ihnen
entgegengeritten, sie werden, vom Druiden feierlich
empfangen, in den Freihof geleitet. Die Thüre dieses
Gelasses wird kaum geöffnet, so stürzt Tyras heraus
und fort über die Brücke an's Land. Sigune hat
einen Führer gefunden! Das Schnobern nach der Spur
seines Herrn hemmt die Schnelligkeit seines Laufes,
Sigune kann ihm folgen und — das Uebrige wissen
wir. Sie standen am Waldsaum, als sie ihre Erzählung — nicht Erzählung, ihr in abgebrochenen
Sätzen gestammeltes Bild vollendet hatte. Alpin schwieg,
sie sahen sich lang in die Augen. „Darf ich bald vier
Pfähle hauen?“ fragte Alpin. Sie drückte ihm die
Hand, die in ihrer Rechten lag, erröthete, zupfte ihn
mit der Linken an seinem Nackenhaar und entsprang.

Alpin, als er im Dorf ankam, wünschte sich Glück,
daß aller Welt Aufmerksamkeit von den zwei berühmten
Fremden hingenommen war. Der Druide, in dessen
Haus ein Festmahl für die Ankömmlinge bereitet wurde,
hatte keine Zeit, Alpin ausführlich zu verhören; es
war also glücklicherweise nicht nöthig, die bereit gehaltene Nothlüge lang anzuspinnen. Urhixidur, die
natürlich schnell erfragt hatte, was im Werke gewesen,
war unsichtbar, ganz, wiewohl ungern, Köchin für
das große Bewirthungswerk, und den Leuten der Gemeinde gegenüber durfte Alpin doch wenigstens nur
ein Stück der Thatsache weglassen, brauchte kaum
eigentlich zu lügen. So völlig hatte man nun allerdings nicht bloß für die Barden Sinn und Ohr,
daß man nicht mächtig aufgeschaut hätte bei der
Kunde von der Erlegung des gefährlichen Wilds
und daß sie nicht wie ein Lauffeuer sich verbreitete.
Zwar der Genickstich war keine unbekannte Tödtungsart, zufällige Erfahrung ersetzte die anatomische Kenntniß, aber man wußte nicht anders, als daß so gewaltige Thiere wie Ur und Wisent erst in Gruben
gefangen, mit Stricken geknebelt sein müßten, ehe an
der Stelle der langsamen Vernichtung ihres zähen
Lebens durch Axtschläge und Speerstiche diese rasche
Abschneidung seines Fadens durch eine ungewöhnlich
starke Faust mit Nachhülfe eines Schlegels zum Eintreiben des Horndolchs versucht werden könnte. Alpin
wurde angestaunt; „da haben wir ja zum Voraus den
Schützenkönig für morgen, so trifft doch Keiner in's
Schwarze!“ hieß es, denn der Morgen des ersehnten
hohen Freudentags war dem jährlichen Schützenfeste
bestimmt. Für Sigunen aber war der allgemeine
Jubel kein kleiner Zuwachs zu dem innern, mit Angst
um Arthur wunderbar verwobenen Jubel ihrer Seele;
wohl kein Jäger, aber doch ein von der ganzen Gemeinde bewunderter Jagdheld! Und wir heiter glänzten
Vater Odgal's Augen! Sigune wußte schon lang, daß
er nichts gegen die vier Pfähle hätte, aber nun: ein
Wisenttödter zum Eidam! Er rühmte sich, einmal
einen Wels mit seinem Flinsspeer gespießt zu haben,
einen hundertpfündigen! Zwei stolze Mannen! Für
die Gemeinde aber erstand noch ein Hebel zur Mehrung
der allgemeinen Freude nicht sowohl aus der Seele,
als aus dem Magen: ein seltener Festbraten für morgen!
Man machte Anstalten, das Wild zu holen; Alpin
beeilte sich, sie zu leiten, damit ja Niemand nach Arthur's Zufluchtsstätte sich verlaufe; im Walde wurde
schnell eine Tragbahre aus jungen Stämmen gefügt,
die man mit starken Wiedschlingen verband, und nicht
weniger als zwölf starke Männer schleppten laut jauchzend die Last des Thieres hinüber in's Pfahldorf.
Mit Augen, die von Stolz und Freude leuchteten,
stand Vater Ullin an der Brücke, als man die seltene
Beute herauftrug. Das war nicht der kleinste Gewinn,
daß Alpin jetzt aus diesen Blicken lesen durfte, der
Papa werde ihn künftig mit seinen Feuerstein-, Faden- und Buchsmaserschnitzfabrik-Ideen in Ruhe lassen.

Wir werden morgen einem größeren Schmause
zusehen, als dem, welcher heute die zwei Barden mit
den Gemeindeältesten im Hause des Druiden vereinigt,
der es — mit wenig Lust — ehrenhalber hat übernehmen müssen, sie zu bewirthen; wir wollen uns
daher nicht dabei aufhalten, wollen die Reisemüden
ruhig ihrem Nachtischschlummer überlassen, noch einige
weitere Stunden überspringen und uns am Abend
nach dem Dolmen begeben, wo bereits die Gemeinde
versammelt ist und dem Priester zu beiden Seiten die
Barden sitzen. Blaue Talare sind ihr stattliches Festkleid, ihre Häupter unbedeckt, mit Eichenkränzen geschmückt. Die Pfahlbürger sind bewaffnet; das war,
ausgenommen die heilige Betuchungsfeier, unzertrennlich von der Festtracht bei allen Volksversammlungen.
Der lange Bogen von Eibenholz hieng über die Schulter,
der Köcher über den Rücken, der Horndolch stack im
Gürtel, nur der Speer, die schwere Steinaxt war zu
Hause geblieben. Die Frauen und Töchter waren
nicht zu sehen. Zwar verbot keine hergebrachte Sitte
ihre Zulassung, das Weib war nur von der politischen
Versammlung, der Landsgemeinde, ausgeschlossen; allein
das schöne Geschlecht hatte damals noch wenig Lust,
belehrende, bildende Vorträge anzuhören, mit rührender
Offenherzigkeit wurde vielmehr gestanden, man finde
dergleichen langweilig.

Nachdem Stille geboten war, erfolgte nun durch
Angus die feierliche Vorstellung der Barden bei der
Gemeinde und an den Seanacha Feridun Kallar die
Einladung, seinen Vortrag zu beginnen. Er schlug
den Vortritt aus. „Nicht ich,“ sprach der freundliche
Mann, „der Sänger sei gebeten, voranzugehen! Es ist
billig, daß die helle, jugendliche Dichtung den Reigen
führe, daß sie in den Seelen den schönen Stimmungsgrund für die ernsten Wahrheiten lege, welche die
Wissenschaft vorzutragen hat.“ Nach kurzem Widerstreben gegen die Ehre, die ihm der ältere Freund
erwies, trat ein jugendlicher Mann vor und bestieg
die Kanzel. Sie war vor dem Dolmen errichtet, ihre
Brüstung mit Tannenreisern geschmückt, darin war eine
Oeffnung gelassen für eine Harfe. Ein Diener trug
das hochgebaute Instrument, die Telyn, hinauf und
stellte sie zurecht. Mit feierlicher Verbeugung, die
Hand auf die Brust gelegt, begrüßte der Dichter die
Versammlung. Erwartungsvolles Flüstern gieng durch
die Reihen. „Groß ist er nicht,“ sagte Bürger Porrex
zum Nachbar Ferrex. „Aber sieh', was für ein edles
Haupt,“ erwiderte dieser und hatte Recht, denn unter
der klaren Stirne wölbten sich in feinem Bogen die
Brauen über den lichtvollen dunklen Augen, die Adlernase deutete auf Feuer und Schwung, und auf die
süße Gabe des rhythmischen Wortes die wohlgeformten,
nur leicht geschlossenen Lippen. „Und wie schön er den
Kopf trägt,“ ergänzte Bürger Liwarch die beiden Andern, denn ungesucht stolz aufrecht stand das bärtige
Haupt auf dem schwungvoll gezeichneten Halse. Der
Mond war jetzt über dem See aufgegangen und warf
seinen ersten, noch matten Schein auf den Filea, den
Sänger-Barden, Guffrud Kullur. Er griff einige
einleitende Töne auf der Harfe und begann seinen
Vortrag. Seine Dichtung war auf eine uralte Melodie
gesetzt, die nur den Aelteren in den Gemeinden noch
geläufig war; im musikalischen Geschmack war seit
einiger Zeit eine Wandlung eingetreten, man liebte
bewegtere Weisen, doch bedurfte der Sinn für den
Werth der alten ernsten Gangart nur einer Weckung und
der Barde war der Mann, solche in's Werk zu setzen:

„Sehe dich im Dunkeln leuchten,
Sehe dich im grauen, feuchten
Nebel sanft und stille brüten,
Samen alles Werdens hüten:
Willkommen, Auge du der Nacht,
Die auf den Wassern träumend liegt,
Gegrüßt im Kranz der Sternenpracht,
Die spielend sich im Weltraum wiegt!
Weiße Schleier seh' ich wehen,
Lispeln hör' ich heil'ge Feen,
Tauchen auf und tauchen nieder,
Singen dunkle, alte Lieder:
Sie wissen, was da ist und war,
Eh' noch ein Menschenkind gelebt,
Dem Geisterblick ist offenbar,
Was werdend in den Nebeln schwebt.
Urgebirge seh' ich ragen,
Aus der Schöpfung ersten Tagen,
Felsenkämme breit geschichtet,
Hörner himmelan gerichtet:
Das schimmert von der Ferne her
Tiefschweigend wie ein Nachtgebet,
Dahinter höre ich das Meer
Im Geist und wie die Brandung geht.“

Hier griff der Sänger gewaltig in die Saiten
denen er bis dahin am Schlusse der Strophen nur
leise, zitternde Akkorde entlockt hatte; eine stürmische
Tonflut brauste durch die stille Nacht und durch die
erschütterten Seelen der Zuhörer, die noch tiefer
schwiegen, als der kaum bewegte Spiegel des Sees im
Strahle des Mondes. Der Barde ließ die mächtigen
Laute noch fortrollen, während er die nächste Zeile
sang, dann gieng er wieder in die zart gegriffenen
Töne über, denen er Pausen ließ, um noch hörbar
unter dem gleich sanften Plätschern der Wellen im Röhricht und dem leisen Rauschen des nahen Haines zu
verschweben und zu verhauchen:

„Brausen hör' ich's allerwegen
Einem neuen Tag entgegen,
Durch die weiten Geisterbahnen
Geht ein Träumen, geht ein Ahnen.
Wir sinnen, wo in weiter Welt
Die Thore wohl geöffnet sind
Und wann wohl seinen Einzug hält
Das längst ersehnte Heldenkind.
Brüte, Nebel, wärme, brüte
Dunkler Keime Wunderblüte!
Einst gelangt die Welt zum Worte
In der Göttin keuschem Horte:
Schon weicht der letzte, leise Spott
Und Zweifel aus des Herzens Grund;
Es ist, als thät' der alte Gott
Mir endlich seinen Namen kund.“

Es folgte eine lange Pause allgemeiner Stille,
nachdem die letzten Töne der Harfe fernhin verzittert
waren. Dann begann ein Flüstern und man hörte
aus demselben da und dort ein tief aus der Brust
geholtes: „O!“, das nicht nach Schmerzlaut klang oder,
wenn nach einem solchen, dann war es der Seufzer,
der sich der Brust entringt, wenn sie in ihren Tiefen
von Sehnsucht und Ahnung erregt ist. Dagegen auf
einer Seite des Halbkreises begannen andere Töne
hörbar zu werden, Laute von jener Gattung, die man
ein Munkeln nennt. Diese Töne mehrten sich, wuchsen,
man bemerkte dann eine Bewegung unter den Leuten,
man sah, wie sie, auf den Druiden weisend, einander
anstießen, hierauf sammelten sich Einige um ihn und
das Ergebniß war, daß er die Rednerbühne bestieg.

Der Hymnus war eigentlich der Gemeinde zur
Entscheidung darüber vorgelegt, ob er ihr gefalle und
sie ihn am Feste gern singen möge. Daß der Druide
sie als ihr Sprecher vertrat, war nur natürlich, dagegen immerhin etwas vom Zaun gebrochen, daß er
nun die Stimmen der Bürger, die ihn da umstanden,
nur so ohne Weiteres für den Ausdruck der Meinung
Aller nahm, wiewohl übrigens streng parlamentarische
Formen der Abstimmung allerdings noch nicht im
Gebrauche waren; kurz, der ziemlich parteiische Obmann betrat nun die Kanzel und sprach:

„Hochgeachtete Gäste, insbesondere hochgeachteter Herr
Bardensänger! Ich weiß, daß ich im Sinne der ganzen
Gemeinde spreche, wenn ich erkläre, daß sie in Eurem
Festgedichte ein Erzeugniß sowohl der religiösen Gefühlsbegeisterung, als auch der tiefen poetischen Stimmung begrüßt, im Inhalt höchst bedeutend, in der
Form fließend, korrekt, meisterhaft. Nur ganz unmaßgeblich, weit entfernt von aller Absicht, diese Blüte
der Dichterphantasie irgend verkleinern zu wollen, möchte
ich mir einige bescheidene kritische Bemerkungen erlauben.
Dürfte es nicht vielleicht denkbar sein, daß ein Festgesang als Hymnus mehr ausdrückliche verherrlichende
Anrede an die Gottheit, zugleich auch und eben im
Zusammenhang damit mehr eigentlichen religiösen
Glaubensgehalt in sich schlöße? Nicht als Dichter darf
ich mich für befugt erachten, diese leisen Ausstellungen
vorzubringen, ich rühme mich nicht, mit der Gabe der
Poesie gesegnet zu sein; jedennoch sind in diesen Tagen
weihevoller vorfestlicher Stimmung Augenblicke für mich
gekommen, wo es mir war, als fühle ich ein Wehen
von oben, vom Gestirn Selinur, und wieder ein Wehen
von den Wassern her, und vernehme eine Stimme, die
da rief: ‚Wage es, mein Knecht Angus, dichte, dichte
mir ein hohes Lied auf's Fest!‘ — Ich habe gehorcht,
ich habe es versucht. Ich bin bereit, die Frucht dieser
schüchternen, doch innigen und muthigen Beflissenheit
dem Urtheil der Gemeinde zu unterbreiten, nicht als
gehässiger Nebenbuhler des geistvollen Barden, den ich
verehre, sondern in der Meinung, es dürften vielleicht
zwei Festgedichte in lieblicher Eintracht nebeneinander
bestehen können und es wäre nicht unpassend, das eine
zum Beginn, das andere zum Schluß der heiligen
Handlung des Opfers zu singen.“

Barde Kullur sprang sogleich, als Angus herabgestiegen, auf die Bühne und betheuerte in ganz heiterem Tone, daß er gern bereit sei, ganz zurückzutreten,
er sei durchdrungen von der Ueberzeugung, daß ein
Druide besser wissen müsse, was in einem geistlichen
Festliede zu sagen sei, als ein Laie, ein Barde; auch
glaube er im Sinne der ganzen achtbaren Versammlung zu handeln, wenn er ihn ergebenst und dringlich
bitte, das Erzeugniß seiner Inspiration nicht länger
den gespannt Harrenden vorzuenthalten, sondern unverweilt vorzutragen.

Jetzt stieg wieder der Druide empor und versicherte, das lasse einestheils seine Bescheidenheit nicht
zu, daß er mit seinem schlichten Werke sich so unmittelbar neben den berühmten Dichter dränge, und
anderntheils bedürfe es zum Vortrag noch einiger
Vorbereitung. Im Bewußtsein nämlich, daß man in
gegenwärtiger Zeit an der Poesie einen gewissen träumerischen Charakter liebe — (er sandte bei diesen
Worten dem Barden einen Blick zu, Kullur bemerkte
ihn und lächelte leicht) — und im Bewußtsein, daß
sein Produkt dagegen durch einen gewissen deutlichen,
mehr nur verständigen, weil dogmatisch klaren Charakter
in seiner Wirkung verlieren könnte, habe er für gut
erachtet, diesen Mangel durch eine größere Fülle musikalischen Schmuckes zu ersetzen; in der That, er lege
fast mehr Werth auf diese Begleitung, als den Text,
indem er — hierin vielleicht fast unbescheiden — sich
schmeichle, durch seine Komposition möglicherweise eine
neue Aera in der Musik hervorzurufen. Die Exekution sei aber nicht leicht, fordere noch weitere Einübung, und es sei jedenfalls noch eine Generalprobe
vorzunehmen.

Niemand widersprach und so blieb denn dieser
Genuß vorbehalten. Angus stellte jetzt den älteren
der zwei Ehrengäste, Feridun Kallar, den Versammelten vor und bat ihn, die Kanzel zu besteigen.

Ernst und doch freundlich ließ der Mann, wie er
nun oben stand, die Augen auf der harrenden Gemeinde verweilen, ein mildes Lächeln spielte um seine
Mundwinkel, die hohe, von krausen grauen Locken
umgebene Stirne verkündigte einen Mann des Sinnens
und Forschens, die etwas gelbliche Gesichtsfarbe störte
nicht im mindesten den Ausdruck von Güte und feiner
Laune, der auf diesen Zügen lag, sondern ließ nur
schließen, daß anhaltende Geistesarbeit die Verrichtung
der Leber etwas beeinträchtigt haben dürfte.

Er begann: „Hochwürdiger Herr Druide! Hochachtbare Gemeindeältesten, achtbare und ehrsame Mannen!
Pfahlbürger! Pfahlkerle! Pfahlekarlier! (Bravo!) Ihr
habt mir die Ehre erwiesen, mich zu einem Vortrag
über die merkwürdigen Fünde einzuladen, die euer
Seegrund zu Tage gefördert hat. Glücklicherweise bin
ich nun in der Lage, euch melden zu können, daß an
unserem See, nur ein paar Stunden von Turik entfernt, gerade dieselbe Entdeckung gemacht worden ist;
nämlich an der Stelle, wo jetzt die ehrenwerthe Gemeinde Milun auf ihren Pfählen wohnt, legte die
große Dürre einen Theil des Grundes trocken, man
sah uralte schwarze Stümpfe hervorragen, Kinder fanden Scherben von Töpfen, brachten sie nach Hause,
die Alten wurden aufmerksam auf die rohe Form, die
arme und ungeschickte Art der Verzierung — es waren,
wie ihr es hier gefunden, bloße Reihen von Eindrücken
mit Fingernägeln während man jetzt doch einige feinere
Linien, ein Zickzackornament einritzt oder aufmalt —,
ebenso auf den zerbrechlichen Thon, der nicht mit feinem
Staub aus hartem Gestein verdichtet war, wie man
es jetzt thut: man grub weiter, fand in Milun wie
in Robanus Knochen von unbekannten ungeheuren
Thieren, insbesondere einen Stoßzahn von einem fürchterlichen Geschöpf, das wie ein trampelnder Berg ausgesehen haben muß; Enden vom Geweih des Riesenhirsches Schelch, Wirbel und Schenkelknochen des Ur
fehlten so wenig, daß man leicht sah, die beiden gewaltigen Thiere müssen damals weniger selten gewesen
sein als jetzt, wo man ihre Gehörne und Köpfe, bringt
einmal das Glück die rare Beute, an die Rathhausthüre nagelt, wie man das in Turik thut und ich
heut auch hierorts gesehen habe. Die menschliche Kunst,
— das konnte man leichtlich schließen, — muß damals
noch weit zurück gewesen sein; wir haben jetzt angefangen, unsere Flinswaffen glatt zu schleifen; deren
fanden sich nur roh gespaltene; man entdeckte keine
Spur von Weberei, die Leute von damals werden
wohl nur das Gerben verstanden haben, also in lauter
Pelz und Leder dahergestiegen sein, und da das Zeug
im Sommer doch arg heiß gibt, so mußten sie entweder sehr schwitzen oder sie giengen um diese Jahreszeit eben fast nur so um, wie Selinur den Menschen
erschaffen hat. Doch ohne Putz müssen sie nicht gewesen sein, denn von jenem Röthel, womit sich jetzt
nur noch wenige alte Leute das Gesicht malen —“
(Gelächter — man hört leiser, dann lauter den
Namen Urhixidur nennen — Angus blickt finster) —
„von jenem Röthel hat man auch dort gar viele Stückchen entdeckt. Und das läßt schließen, daß es an
allerlei anderem Schmuck, wie Federn auf dem Kopf,
buntem Pelzbesatz an Kleidern und Mützen nicht werde
gefehlt haben. Nähen und ein bischen Steppen und
Sticken konnte man schon, aber man sieht aus den
Stichen, daß die Nadeln, die wir jetzt aus Vogel- und
Mausbeinchen, aus Fischgräten so fein herzustellen und
handzuhaben wissen, noch sehr grob gewesen sein müssen.
Auch Halsschnurkugeln und Wirtel aus Thon hat man
gefunden, sogar mit eingeritzten, freilich sehr uranfänglichen Verzierungen. Man hat keine Wagenreste
entdeckt, sie werden nur grobe Schlitten zum Lastführen
gebraucht haben; daß aber keine Trümmer von Pflügen
vorkamen, das kann nicht beweisen, daß jene unsere
Ahnen kein Getraide bauten, kein Brod aßen, das wißt
ihr, denn auch bei euch hat man ja die groben Pumpernickel gefunden, wie dort. Und endlich führte man
im alten Milun kein so armseliges Leben, daß es nicht
so gut wie im alten Robanus schon Schnitzli gegeben
hätte. (Heiterkeit.)

„Nun aber, hochwürdige, hochachtbare und achtbare
Zuhörer, ist das eigentlich kein so gar besonderer,
sondern ein ganz einfacher Fall und hättet ihr keines
auswärtigen Gelehrten bedurft, ihn euch zu erklären,
wenn sonst nichts dabei wäre. Ich kann euch weiter
nichts Neues sagen, als daß wir in Turik durch unsere
vergleichenden Knochenmessungen herausgebracht haben,
die Hausthiere: Rind, Ziege, Schwein, Hund, müssen
dazumal dieselben gewesen sein wie jetzt. Es haben
eben vor uns Menschen mit allerhand Gethier wie wir
auch zusammengelebt, Menschen, die aber nicht so weit
waren wie wir; daran ist ja nichts Wunderbares.
Wie lang es her ist, wer weiß es? So eine Seeschlammschichte von drei, vier und mehr Fuß Dicke,
die braucht schrecklich lang, bis sie fertig ist. Viel
Hunderte von Jahren kann's her sein, daß das alte
Pfahldorf tief unter dem jetzigen über dem damaligen
Seespiegel stand. Es muß verbrannt sein, vielleicht
durch Zufall, vielleicht durch Feindeshand. Still
flutete dann der See darüber und ungezählte Zeitläufe lang schien die flammende Sonne und der sanfte
Mond auf seine Wasser, und still war Alles und stumm
und öde, während in der Tiefe langsam, langsam eine
dünne Lage Schlammes um die andere sich ansetzte
und tiefer und tiefer die Zeugen eines untergegangenen
Lebens begrub. Da kamen einmal Leute, die suchten
sich — wir wissen nicht warum: vielleicht war denen
auch irgendwo ihr Pfahldorf abgebrannt — suchten
sich einen stillen, guten, fischreichen Platz zum Wohnen,
und wählten die Stelle von Milun und wußten nicht,
was da unten begraben sei, und schlugen Pfähle und
vermehrten Jahr um Jahr ihre Familien und Häuser,
und gaben sich Mühe, ihre Geräthe, Waffen, Kleider
immer besser und feiner, ihre Speisen immer schmackhafter zu bereiten, und lernten auch von Mannen aus
andern Städten und Dörfern, mit denen sie im Verkehr waren, und so ist es hier in Robanus auch gegangen und in Turik selbst wohl auch und anderwärts
auch, und so sind wir nun miteinander auf der Höhe
der Bildung angekommen, auf der wir stehen.

„Nun aber hier kommt der Punkt. Die Sache ist
eben nicht wichtig, aber das ist wichtig, was sie zu
denken gibt, und hievon zu reden ist nun freilich der
Mühe werth und will ich's versuchen, so gut ich kann.

„Auf der Höhe der Bildung, habe ich gesagt. Ja,
wir glauben, darauf zu stehen, ihr glaubt's auch, nicht
wahr? So recht auf der Spitze, dem Giebel, Gipfel,
Wipfel der Bildung, und lächelt über die Geschlechter,
deren arme Ueberbleibsel wir nun zu Gesicht bekommen haben?

„Seid versichert: genau dasselbe glaubten jene Geschlechter auch und sie standen auch auf dem Gipfel,
denn die Höhe, worauf sie standen, war für sie Gipfel.
(Stimmen: ‚Oho!')

„Ihr stutzt. Jetzt wartet, jetzt wollen wir einmal
vorwärts schauen! Vor kurzer Zeit haben wir unsere
Webstühle ungleich kunstreicher als früher gebildet, wir
weben die schönen gemusterten Stoffe. Feiner schleifen
wir den Flinsstein für unsere Aexte, Speer- und Pfeilspitzen. Noch viel Wichtigeres hat sich ereignet. Wir
haben durch Austausch und Verkehr mit den Seen
der Nachbarstämme vor Kurzem den neuen Stoff, das
Erz, kennen gelernt, von dem ihr seit gestern erst wißt,
da Odgal's Vetter Sachen davon hergebracht hat. Es
wird nicht mehr lang anstehen, so wird man alles
Geräthe, Schmuck, Waffen daraus bilden. Ein anderes,
ganz absonderliches Ding hat euch wohl der Gast auch
schon gezeigt: die kleinen Erzstückchen, die künftig im
Handel und Wandel für Tauschwaare gelten sollen.
(Lachen rechts und im Centrum, Stimmen: ‚Lumpenzeug! Windige Bröcklein!')

„Man lacht; aber ich bitte: möchtet ihr nicht die
Güte haben, darüber nachzudenken, welche Umständlichkeiten euch dadurch erspart werden? Stier, Ochs, Kuh,
Kalb dahertreiben, um so und so viel Getraide, gegerbte
Häute, Waffen dafür zu bekommen; geht's nicht kürzer
und leichter mit Stückchen Erz, deren Einer leicht ein
paar Hundert im Rucksack trägt? (Stimmen: ‚Thür
und Thor für Betrug! Werden leicht nachmachen sein!‘)
Ei, habt ihr nicht gesehen, daß man den Stückchen
sehr künstliche Stempel gibt, die nicht leicht Jemand
nachmacht? Und noch dient zu wissen: die fremden
Männer haben geheimnißvoll herumgeflüstert, daß sie
noch ganz andere Wunderdinge bald bringen werden:
Tauschstücke aus einem weiß und aus einem hochgelb
glänzenden Körper, der aus den Tiefen der Erde gegraben wird, aber so selten, daß ein Stückchen davon,
in Form gebracht, wirklich ganz wohl so viel Werth
hat, als ein Hammel, eine Kuh, die man dagegen
eintauscht. — Nun, ich sehe wohl, daß euch das Ding
noch zu fremd ist, überlassen wir's der Zukunft, aber
noch etwas Anderes laßt mich erwähnen. Denkt!
schon haben die wandernden Männer von jenseits der
Alpen, die uns das Erz gebracht und gezeigt haben,
wie man es aus Kupfer und Zinn bereitet, uns erzählt, man sei auf einen andern, noch bessern Stoff
gekommen, der sich fertig in den Bergen finde, nur
mit allerhand Erde vermischt, so daß er durch Feuer
aus diesen Zusätzen herausgeschieden werden müsse;
der gebe, wenn man ihn tüchtig schmiede, Waffen und
Geräthe, die noch weniger leicht brechen als die von
Erz, er sei zäher und lasse sich doch auf's Aeußerste härten.
Er sehe nicht so schön gelb aus, nur schlicht grau, blinke
aber doch, wenn er geglättet sei, in einem Glanze, daß
man ihm seine Tugend wohl ansehe. Sein Name sei
Eisen. Bereits haben auch die fremden Händler Sachen
aus diesem Stoffe an den See Leman gebracht, deren
einige zu uns herübergelangt sind. Ich hab' etwas hier.“

Er winkte seinem Freunde Kullur und dieser ließ
ihm einen bereit gehaltenen Korb reichen. „Was meint
ihr, daß das sei?“ rief er, indem er einen Gegenstand
herauszog und emporhielt, dessen Gestalt den Zuhörern
ein reines Räthsel war. Er trat an die nächste Eiche,
stemmte ein Brettchen, das er aus dem Korbe nahm,
gegen ihren Stamm, fieng an zu bohren, griff dann
einen Nagel und eisernen Hammer heraus, nagelte
das durchbohrte Brett an den Baum und sprach, indem
er das erstere Werkzeug wieder vorzeigend in die Höhe
hielt: „Seht, meine lieben Pfahlemannen, das nennt
man einen Bohrer; das ließe sich von Erz nicht so
gut herstellen, es bräche zu leicht; das Uebrige, Nagel
und Hammer, kennt ihr, ihr habt es bis jetzt von
Holz und Horn gehabt, aber das da — was meint
ihr? — das battet doch anders! Denkt nun, was
man Alles wird machen, was Alles aneinander befestigen können, nachdem man diese Sachen hat! Mir ist
unter Andrem der Gedanke gekommen, um wie viel haltbarer man die Wägen machen könnte, wenn man auf
die Stirnseite der Räder, mit der sie am Boden laufen,
ein Beschlag von derselben Masse, einen Reif nagelte;
mit einem solchen Gestell könnte man doch wohl sicherer
fahren, als mit unsern Rumpelkarren auf den wackligen,
zusammengeflickten Rädern! Und also wie viel schneller!
Da wird's gehen! Das wird hinsausen! Und so in
tausend Dingen! Denkt euch nur zum Beispiel das
Sägen! Stellt euch vor: Sägen von diesem hartzähen
Stoff, richtig und scharf gezahnt! Braucht nicht jetzt
ein Mann drei Wochen, bis er aus einem Stamm
sechs Bretter gespalten hat? Das werden Leute sein,
die das Alles erfinden, was sich aus dem Zeug noch
machen läßt! In den Köpfen wird's aussehen! Und
wenn's weiter und immer weiter getrieben wird,
wenn's am Ende gar blitzschnell geht —“

Er stockte und seine Augen starrten aufgerissen,
glänzend in's Weite. Dann lächelte er, er schien sich
durch einen Spaß aus der Wirrniß vorschwebender
und doch unvollziehbarer Bilder befreien zu wollen.
„Zeit,“ fuhr er fort, „Zeit — Zeit — o, das wird
ein Geschlecht sein, da wird man meinen, noch Zeit
herausbekommen zu müssen, wenn man von Robanus
nach Turik fährt! — Ueberhaupt: Zeit! — Was ist
Zeit? (Stimme: ‚Zeit ist eben Zeit!‘) — Nein!
mir scheint: Zeit ist eigentlich — doch halt, daran
kommen wir nachher noch einmal. Jetzt denkt euch
erst, versetzt euch in die unglaublich schnellen, hand- und gedankenschnellen Menschen, die es dann geben
wird, an all' die kunstreichen Sachen, die sie hervorbringen, treiben, haben werden, und fragt euch: wie
müssen wir denen vorkommen, wenn unsere Städte
und Dörfer einmal drunten im Seeschlamm liegen
und sie ausgraben, was von unsern Sachen noch
erhalten sein wird, und sinnen und grübeln und ungefähr herausbringen, wie es bei uns ausgesehen haben
mag?“

Er schwieg. Es wurde eine lange Stille. Die
Zuhörer sahen etwas verblüfft vor sich nieder.

„Grämt euch nicht viel darum! Braucht euch nicht zu
schämen! Die Leute, die uns herausscharren: wir, unsere
Geister werden sie nicht allzu gelb und grün beneiden!
Ueberklug werden sie sein, diese späten Enkel, hastig,
unruhig, fahrig, immer eilig, immer gedrängt. Wie
gemüthlich ist unser Abschiedsgruß, wenn Einer geht:
Lassen's Zeit! Wie schrecklich ist das Pressiren, das
Pressirtsein! So ein Mensch wird nichts mehr geruhig
betrachten, bei nichts mehr mit stillem Sinnen verweilen! Sein Leben wird ein Jagen sein! Er wird
raffen und raffen, um zu genießen! Was für Köche,
was für Zuckerbäcker wird's dann geben! Und es wird
den Menschen dann erst nichts recht schmecken, weil sie
ja doch immer auf's Folgende spannen! Sie werden
endlich nicht mehr raffen, um zu genießen, sondern
um zu raffen! Es wird keine Gegenwart mehr für
sie geben! Und wenn sie sich vormachen, sie haben
eine Freud' am Mädel, so werden sie sich nur anlügen,
denn auch da wird ihnen nichts genug sein! Und
Schneider wird's geben! Denkt euch: die Kleider! Die
Klunker! das Geflunker! O, die Kerle werden kleine
Thürme auf den Kopf setzen, und wenn ihnen der
runde Thurm nicht mehr gefällt, viereckige Schubladen!
Die Weiber werden sich Haarhörner in die Höhe aufstappeln, wie drüben der Tödi, der Titlis und der
Glärnisch mit Breneli's Gärtli. Und werden noch
ganze getrocknete Vögel drauf setzen und Fuchsschwänze,
Schinken und Hasenschlegel! Röcke werden sie tragen,
bald weit wie das runde Haus unserer vornehmen
Herren, bald so eng, daß sie gehen wie in Knieschellen,
und am Ende gar noch ein Gebausch und Gerausch
auf den Hintern nesteln wie einen rasend gewordenen
Hahnenschwanz, denn die Scham wird zum Grippo
sein! (Stimmen: ‚O! O! Pfui!‘ Gelächter.) Aber
halt! halt! Nun seht noch einmal, noch weiter vorwärts, und fragt euch, wenn dann diese Menschengeschlechter auch hinunter sein werden und noch viel
Spätere graben ihre Trümmer aus (— wer weiß:
vielleicht nicht mehr aus den Seen, denn es werden
sich ja die Lebwesenschaaren so vermehren, daß da kein
Platz mehr ist, und übrigens — übrigens — nein,
lassen wir das!) — graben also die Künftigen ihre
Trümmer aus und buchstabiren sich daraus zusammen,
wie's wohl ausgesehen haben möge dazumal in der
Menschenwelt: wie blind und dumm muß dann diese
versunkene Zeit derjenigen erscheinen, welche sie an's
Tageslicht zieht! Und zwar doppelt und dreifach, denn
man kann sich doch wohl denken, daß diese ganz Späten
wieder ernsthafter geworden sind und gern gründlich
nachdenken. Wie und was Alles werden diese Menschen denken! Wer weiß, ob nicht tausend Dinge
geradezu umgekehrt, wie wir sie uns vorstellen! Wer
weiß, was bis dahin Alles erfunden ist, daß die
Menschen leichter von einander lernen und mehr von
der Ferne erfahren! O, ich hab' da schon öfters einen
gar sonderbaren Einfall gehabt. Da droben, die großen
Lichter am Himmel: sie müssen arg weit von uns weg
sein, und da die entfernten Dinge kleiner scheinen als
sie sind, wie groß mögen sie sein! Und, ja — wie?
Sind sie nicht vielleicht eigentlich etwas Dichtes, das
durch die große Macht und Kunst der Gottheit ohne
Stützen so im Freien schwebt? Und was meint ihr,
wär's am End' nicht gar auch möglich, daß auf diesen
großen, beleuchteten Kuchen auch eine Art Leute lebten?
Und gar auch noch, da die Leute hier auf unserem
Kuchen gar so viel Mittel erfunden haben werden,
von einander und von der Ferne zu wissen und zu
erfahren, — was meint ihr, wär's nicht gedenkbar,
daß Die hier und Die dort — was weiß ich, wie und
auf welchen Wegen! — auch von einander erführen
und in eine Art Gemeinschaft mit einander träten!
(Stimmen: ‚Verrückt! Er ist ein Narr!‘) Nicht verrückter, meine Lieben, als denen, deren Zeug ihr kürzlich
ausgegraben, der erschienen wäre, der ihnen gesagt
hätte, was wir jetzt Alles können! — Seht, meine
theuren Mitheiden, und so geht's nun fort und fort
und immer fort. Die Zeit und die Leute bleiben nie
stehen und immer die Folgenden haben die Augen weiter
offen und kommen ihnen die Vergangenen vor wie
junge Katzen, die noch nicht sehen. Und so haben
wir immer neue Gipfel der Bildung, und weil es immer
neue gibt, so gibt es keinen. Dazu hab' ich aber noch
etwas zu sagen. Es ist gar wohl möglich, daß vor
vielen tausend Jahren da oder dort Geschlechter gelebt
haben, die in allen Künsten schon so weit waren, als
man von jetzt an in vielen tausend Jahren sein wird,
und daß all' ihr Reichthum und ihre Pracht und feinen
Werke dann in Wildniß versunken sind, und daß über
dem Schutt die Menschen wieder haben vorn anfangen
müssen. Wär' es so gegangen, so hätten wir also
einen Weg, auf dem die Wesen ziehen und wandern,
der gienge nicht immer bergauf, sondern auch bergab
und bergauf. Aber hin wie her, es ist eben ein Weg,
eine Bahn, eine Bewegung!

„Und jetzt laßt mich auf die Zeit zurückkommen
und noch einmal fragen: was ist die Zeit? Die Zeit
geht weiter. Sie läuft immer, immer fort. Wir haben
das Wort Zeit erfunden dafür, daß Alles immer wechselt. Wenn Alles immer wechselt, ist sich im Wechseln
Alles gleich. Ist also eigentlich nur Eines, das immer
wechselt. (Gähnen. Eine Stimme: ‚Er wird langweilig.‘ Eine andere: ‚Sehr unverständlich.‘) Ja, ja!
habt Recht! Es ist mir eigentlich ebenfalls langweilig.
(Er gähnt). Die Zeit ist eben langweilig. Darum
sollte man in der Zeit aus der Zeit hinaus! Ich will
mich verbessern. Es findet da etwas Eigenes statt,
was mir natürlich eben auch sehr unverständlich ist.
Denkt euch einen Zapfen, woran eine Schnur mit
einem Steingewicht hängt. Treibt die Schnur, daß
sie auf und ab schwingt, endlich in ganzem Kreise.
Denkt euch nun, sie brauche nicht getrieben zu werden,
sondern schwinge von selbst immer fort. Das ist die
Zeit oder sind die Dinge, deren steter Wechsel Zeit
heißt. Auf und nieder, nieder und auf, links rechts,
rechts links, hinum, herum, so heißt's fort und fort in
Ewigkeit. Oder halt! Ich weiß ein deutlicheres Beispiel. Ihr habt doch schon euch selbst oder Einer
dem Andern einen Finger an's Geäder dort am Handknöchel gelegt? Ihr wißt, da pickt, da schlägt etwas.
(Bejahende Gebärden.) Wir sind nicht so dickfest, als
wir meinen, nicht Fleisch und Bein durch und durch,
es läuft etwas Flüssiges in uns um, das uns jeden
Augenblick erst webt, flicht, strickt. Es ist sonderbar,
man sollt's nicht glauben, wenn man so einen Handdruck bekommt, wie ich gestern vom Gwalchmai, daß
ich meinte, meine Hand sei zwischen zwei Balken gequetscht. (Gelächter. Stimmen: ‚Ja, der kann's.‘)
Nun gut, wieder zur Sache! Nun haben unsere Naturgelehrten in Turik herausgebracht, daß dieß das Blut
sein muß, welches in immer gleich wiederkehrenden
Stößen vom Herzen aus, das da liegt (er legte die
Hand unter die linke Brust), nach den Adern gepumpt
wird. Das ist nun eine viel künstlichere Sache, als
die Schnur und der Zapfen, aber wir haben beidemal
etwas, was sich bewegt, und etwas, von dem die Bewegung abhängt oder ausgeht. Gut. Nun wollen
wir das Gleichniß anwenden und sagen: die Schnur
mit dem Gewicht und das Blut in der Schlagader,
das sind die Dinge der Welt und vorzüglich die
Menschen. Es paßt und paßt auch nicht. Die Wesen
der Welt, die da leben und empfinden, sind doch keine
bloße Schnur mit Gewicht, keine bloße Blutwelle,
darum paßt das Gleichniß nicht. Aber sie hängen
ab wie die Schnur vom Zapfen und die Blutwelle
vom Herzen, darum paßt es. Sie hängen ab, weil
sie sich das Leben ja nicht selbst geben und dem Tod
nicht entrinnen, sie hängen ab von etwas, das mitten
in der Bewegung, also in der Zeit fest bleibt, das
zeitlos ist. Ihr seht, ich mühe mich ab, ein Bild zu
finden. Unsere Urahnen haben sich auch drum abgemüht. Da schaut hinüber! (Er wandte sich und zeigte
nach dem Menhir.) Da steht der Wagstein, ihr habt
gestern wieder gesehen, wie er schwankt und sich dreht!
Und so oft ein Sturm geht, seht ihr ihn schwanken,
und kommt ein Wirbelwind, so bewegt er sich im Kreise.
Und nie fällt er, immer kehrt er in seine sichere Ruhe
zurück. Ihr wißt, in Turik stehen deren zwölf, und
Männer, die weither gekommen vom fernen Lande,
haben erzählt, sie haben die Menhir stehen sehen zu
Hunderten und Aberhunderten in langen, mehrfachen
Reihen. Was muß das eine Arbeit gewesen sein,
auch nur Einen herzuschleppen und aufzustellen, als
die Werkzeuge noch so arm waren, wie die Fünde im
Seegrund erweisen! Und warum, wofür hat man sich
so viel Mühe gegeben? Was haben denn jene Alten
in grauer Vorzeit sich selbst und der Mitwelt und der
Nachwelt sagen wollen, als sie so in ihrem dunklen,
ahnenden Wesen diese ungeheuern Blöcke heranwälzten
und sie mit unendlichem Sinnen und Schweiß in
einen rund gehöhlten Sattel oder überdieß auf eine
Steinkugel in diesem Sattel so stellten, daß sie schwanken
und kreisen und nicht stürzen? Nun, ich denke, das
haben sie sagen wollen: die Welt schwanke, schwebe,
kreise und es bleibe doch sicher und unentrückt in sich
der Mittelpunkt, der sie trägt, das ewig Eine, das sie
zusammenhält. Gewiß hätten sie's gern besser gezeigt
und ein Gebild erfunden, das immer, jeden Augenblick
sich bewegt, um sich selbst kreist, denn das thut ja
die Welt, aber sie haben es eben gemacht, so gut sie
konnten. Und predigen wollten sie damit: merk' dir's,
o Mensch! Du bist ein Körnchen im Wagstein der
Welt, du bist nichts ohne den Mittelpunkt, halt an
ihm, denn er allein trägt dich, in ihm allein ist Ruhe,
Grund und Halt. Wolle nicht etwas sein ohne ihn,
lösest du dich ab, so verweht dich der Wind!

„Was folgt? Nun, es ist ja schon gesagt! Die
feinsten unter den Körnchen im Gestein des kreisenden
Felsblocks, im Gewichte, das am Zapfen schwebt, die
zartesten Kügelchen in der Blutwelle, die das Weltherz
treibt, die vorzüglichsten unter den Lebwesen, sie, die
eine Seele haben und ihrer selbst inne werden, sollte
denn nicht ihr Sinn dahin gehen, daß sie sich versenken in das, was zeitlos ist und sich selbst gleich und
außer dem sie nichts sind und ohne das sie versiegen,
verwehen, hineinfallen in den Rachen der Alles verschlingenden Zeit? Aber wie Wenige thun es! Wie
treiben es denn die Meisten? Sie hasten und hetzen
dem vermeintlichen Gipfel zu, der doch keiner ist, weil
viele Gipfel heißt: kein Gipfel, und vergessen das Eine,
an oder aus dem sie schwingen, und das doch immer
Eins und dasselbe bleibt. Es sollen ja freilich wohl
immer neue Gipfel sein, mit andern Worten: der
Mensch soll immer heller und gescheuter werden. Aber
man kann hell und gescheut werden auf zweierlei Art.
Man kann sinnen und sinnen, entdecken und entdecken,
Neues auf Neues erfinden, Alles, nur um immer bequemer zu leben, mehr und feinere Lust zu haben.
Das führt zu den Gipfeln, die ja doch immer wieder
nur Niederungen sind. Die andere Art aber, die ist
ein Sinnen, das geht nach dem Wesen der Dinge und
tiefer und tiefer nach dem Einen in Allem, das nicht
größer, nicht kleiner, nicht höher, nicht niedriger wird,
sondern immer gleich es selbst ist. Und obwohl man
es nie ganz erforscht, ihm nie ganz auf den Grund
sieht, so kühlt doch dieß Sinnen und Forschen die
Seele gar heilsam aus, nimmt ihr die falsche Hitze
und durchwärmt sie dafür mit der Liebe zu dem Einen,
und sie fängt an, auf das, was da wechselt in der
Zeit, herabzusehen wie von einem hohen Berg. Oder
mit andern Worten, da wird man selbst ein Menhir.
Ich glaube, daß in allen Zeiten Männer, die sich also
begründet haben, dastehen wie die gewaltigen Wagsteine zwischen den kleinen Menschlein, die sich an
ihrem Fuß herumtreiben, und daher wohl haben unsere
Urahnen da und dort der beweglichen und doch unentwegten Wagsäulen so viele gesetzt, weil sie wünschten und hofften, daß es viele solche Männer gebe.

„Laßt mich auch ein Wörtlein vom Glück reden.
Glück, denk' ich, ist nur, wenn man also feststeht und
auf diese Weise hell und gescheut wird. Es ist ja
nur aus Blindheit und Gleichgewichtsmangel und Lossprung vom Mittelpunkt, daß die Menschen Thoren
werden und wilde Narren, und lügen, betrügen, stehlen,
ehebrechen, rauben und morden, im Rausch, im Taumel
leben, nach Glück haschen und das Elend erhaschen.

„Gute, brave Stein-, Bein-, Horn- und Holzgemüther! Wackere Seeseelen! Nehmt mir nicht übel, ihr
solltet ein bischen weniger steinern, beinern, holzig und
hornig sein! Der See macht noch nicht selig! Ihr
solltet ein bischen mehr bohren, ich meine mit dem
Bohrer, der da hoben ist. (Er deutete mit dem Bohrer,
den er immer noch in der Hand hielt, nach der Stirn.)
Ihr wollt zu wenig harte Brettchen bohren!

„Ich bitt' euch, wozu ist man denn eigentlich? Wozu braucht es denn eigentlich die Seinerei, die Existirerei? Als, damit Wesen seien, welche das Wesen
wissen? Das Wesen wissen heißt dann auch das Rechte
wissen und thun. Es thut Niemand gut, der nicht
nachdenkt; recht thun heißt, gemäß der Wahrheit handeln, nachdem man sie durch ordentliches Denken herausgebracht. Wer nicht nachdenkt, kommt herunter. Man
findet aber die Wahrheit nicht im Schlaf, da muß
man arg geschüttelt werden. Aller guten Dinge sind
drei. Drei gute Dinge sind: strenge Erziehung, heilsame Stöße des Schicksals und Durst nach Wahrheit.
Man darf wohl fröhlich sein; drei Dinge sind schön:
ein wohlgethaner Mann, ein wohlgethan, hold Weib
und der blaue, lichte Himmel. Drei Dinge sind
schöner: Gesang, edle Sitten und gutes Gespräch.
Drei Dinge sind die schönsten: Erkenntniß, Thätigkeit
und selbstlose Liebe. Drei Dinge sind klein: ein Floh,
ein Zwerg und der Mensch, der nicht sterben will den
Tod des Ich. Drei Dinge sind häßlich: eine Kröte,
die dumpfe Lust und die Angst vor dem Geistlicht.

„Und jetzt laßt mich ein Wörtlein sagen vom häßlichen Knirps Gwyon und von der Fee Coridwen.“

(Gelächter. Man hört Summen von mehreren
Stimmen: — Gwyon, dieser kleine Tropf — dieses
Zwergelein — Häsulein — Hündin schnell — im
Nu ein Fisch — Otterthier — Finkenfalk — Waizenkorn — wird eine Henn', Coridwen, Coridwen —.)

„Weiß schon, daß ihr's gern singt, ihr Kindsköpfe!
Ein Kindermärchen ist euch die heilige Ueberlieferung
geworden, was sie will, habt ihr rein vergessen und
den Schluß des alten Liedes laßt ihr weg, oder wenn
ihr ihn einmal singt, singt ihr ihn falsch, denn wo es
heißt, daß Coridwen gebiert die Strahlenstirn, Taliesin,
da singt ihr: verflucht, wer nicht an Taliesin glaubt.
Selig, heißt es, selig, wer ihn versteht und glaubt!

„Wer ist denn der kleine Tropf, der häßliche Knirps
Gwyon? Der Erdenmensch ist er. Was hat er verschmeckt, als er aus dem Zaubertopf naschte? Den
Geist, denn im Topf war ein Brei aus Kräutern, die
da geben das Schauen, das Durchschauen. Was ist
das für eine Jagd und Hatz, die dann angeht, da
ihn Coridwen verfolgt im Hasen als Hündin, im
Fisch als Otter, im Finken als Falk, im Waizenkorn
als Henne? Nun, was wird's besagen? Den Geist
kriegt man nicht umsonst, der läßt sich nicht nur so
schlecken, da muß man gejagt, geängstet, gebeutelt, getrillt, geworfelt werden, da muß man sich durch alle
Formen durchwürgen, hat sich ja vor der ersten Geburt schon durchwürgen müssen als Has, Fisch und
Fink, da muß man die Todesangst der Kreatur nicht
viermal, nein viermillionenmal schmecken, da muß man
endlich gar verschluckt werden und, wie das Samenkorn abstirbt im Erdschoß, um Aehre zu werden,
absterben dem ersten, frischen, lustigen, bunten Leben,
um aufzustehen als Taliesin, als Strahlenstirn, als
Geistmensch und so im Leben das zweite Leben zu
leben. Wer wird denn die Fee Coridwen eigentlich
sein? Die Erdmutter ist sie, die aber gescheuter ist
als ihre Kinder, die da weiß, wo es hinaus will und
soll mit den Erdwesen, die sie darum mit Plagen und
Jagen durch und durch schüttelt und dann gar verzehrt und neu gebiert als Lichtwesen in der strahlenden
Schönheit der Geistgestalt. Strahlenstirn hat ja freilich wohl gestiftet den Druidenorden, das ist ihm aber
nicht eingefallen, daß er irgend Jemand zu blindem
Ansehen verhelfe, sondern er hat ihn gestiftet, daß er
euch zur Vernunft befreie, indem er euch die wahre
Bedeutung des Ackerbaus zu bedenken anhält. Da ist
nemlich noch etwas hinter dem Waizenkorn. Taliesin
hat auch den Ackerbau erfunden und eingeführt und
damit hat er Gesetz und Ordnung gegründet. Denn
ihr seht doch ein, daß ihr noch Wilde wäret, wenn
ihr keine Aecker hättet, darauf ihr Getreide pflanzt.
Ehe der Mann seinen Acker hatte, konnte er nichts
recht sein eigen nennen und war ein ewiges Prügeln
und Morden um die Früchte des Baumes und die
Beute der Jagd; wie aber die Menschen anfiengen,
den Boden zu bauen, ein Stück Feld zu umgrenzen,
da fieng das Eigenthum an und mußte Gesetz und
Recht geschaffen werden, es zu schützen. Nun aber
seht, wie das wieder zusammentrifft mit dem, was
ich vorher gesagt vom Ersterben und Neuerstehen.
Denn erst seit es auf Grund des Eigenthums Gesetz
und Ordnung gibt, hat es auch andere feinere Dinge
können geben, als da sind die Runen und die edle
Dicht- und Tonkunst und das Nachdenken und Lehren
über das Wesen der Dinge. Wie das Waizenkorn
aus dem Boden vorsproßt und als Aehre in Luft und
Licht hinaufsteigt, so ist aus dem Ackerbau emporgekeimt all' die gute Erfindung und Anstalt, dem Menschen
aufzuhelfen, daß er als Gwyon ersterbe und aufstehe
als Strahlenstirn. Das Alles hat Taliesin gestiftet
und mit dem Allem will er euch gescheut und gut
machen. Er meint's wohl und freundlich und hat
Niemand mit Fluch bedroht, als die, welche sich selbst
verfluchen, weil sie Holzköpfe und steinhart und horndumm bleiben wollen, und wahnsinnig, schändlich und
scheuslich ist es, zu glauben, er halte die Menschen
an, den schrecklichen Gott der Kriegswuth und Pfnüsselverstörung zu ehren mit Menschenopfern, und nun
sagt einmal, ihr Pfahlmanen, ihr Pfählmannen, die
ihr Ketzer und Kriegsgefangene pfählt, kreuzigt, metzget,
lebendig verbrennt, wo steht ihr, auf welcher Höhe
befindet ihr euch, daß ihr glaubt herabzusehen auf die
Ahnen, deren Reste ihr ausgegraben und bei denen
vielleicht, wie roh sie auch waren, doch die grause
Sitte der Menschenopfer noch nicht aufgekommen war?
Ist das der Spitzgipfel, Gipfelspitz, Giebel, Zwiebel
und Gipfel eurer Aufklärung?“

Er konnte nicht enden. Der Druide war schon
an jener Stelle sehr unruhig geworden, wo der Rothstein als Gesichtsfärbemittel erwähnt wurde und das
Geflüster der Zuhörer die Sylben des Namens seiner
guten Haushälterin an sein Ohr trug. Dann als
von möglichen künftigen Hüten thurmartiger Gestalt
die Rede wurde, glaubte er eine Anspielung auf seine
Zipfelpelzmütze, dieß Hauptstück seiner Festamtstracht
entnehmen zu müssen und am unfreiwilligen Schlusse
das Wortspiel mit Gipfel der Aufklärung schien ihm
diesen Verdacht nur ganz zu bestätigen. Es bedurfte
freilich nicht erst dieser persönlichen Stiche, die er mit
Unrecht zu erleiden glaubte, sie verschärften nur die
Empörung, die jeder Theil des Inhalts in ihm anfachen mußte. Immer unruhiger rückte er auf seinem
Ehrenstuhl hin und her und endlich das Wort von
den Menschenopfern schlug dem Faß den Boden aus,
er fuhr auf, Kallar sah ihn nach der Rednerbühne
herstürzen und sagte ruhig: „Ich bin eigentlich fertig
und trete dem würdigen Oberhirten meinen Platz ab“;
so stieg er herunter und Angus stürmte hinauf.

Er nahm sich zusammen, setzte sich in Rednerpositur
und stellte das linke Bein vorwärts, daß der Fuß in
der Oeffnung hervorsah, die für Kullur's Harfe in
der Brüstung gelassen war. Auf dem Schuh war ein
Druidenfuß so zierlich, als man es mit Fischgräte
oder beinerner Nadel vermag, aus den weißen Kielfasern von Gänseflugfedern eingestickt, eine Kunstleistung
Urhixidur's. Die Bauern sahen mit ehrfurchtvoller
Scheue nach dem heiligen Zierrat hin; er ließ ihnen
Zeit dazu und begann dann mit merkbarem Willen,
sich zu mäßigen! „Hochachtbarer Seanacha! Wir sind
Euch edlem Gaste äußerst dankbar für die Aufklärung,
die uns Eure Gelehrsamkeit über den merkwürdigen
Fund hat zu Theil werden lassen. Nicht minder für
einen Theil der tiefsinnigen Betrachtungen, die Ihr an
Eure Aufschlüsse geknüpft habt. Ohne dem hochedeln
Stande der Barden das Kleinste entziehen zu wollen
von der Ehre, die seinem profunden Wissen gebührt,
möchte ich nur rücksichtsvoll andeutend darauf hinweisen, daß das Volksgemüth aus einem andern Theil
dieser Betrachtungen den scharfen, äzenden, Schwärung
zeugenden Saft des Aergernisses, des höchst bedenklichen Anreizes ziehen könnte. Es wurde sich gegönnt
(Kallar lächelte über die kostbare Wendung), die Vermuthung fallen zu lassen, daß künftige Menschengeschlechter nicht mehr auf den Seen wohnen würden;
dieß ist aber ein Hauptstück unserer ehrwürdigen Religion. Der werthzuschätzende Vorredner hat ferner
einige sehr neue Bemerkungen über die Gestirne vorgebracht; er hat dabei zwar jenes herrlichste aller Lichter,
das wir sogar höher als die brennende Sonne verehren, — er hat jenes Lichtes nicht gedacht, worin
selbst das blödeste Auge die sanften und vollen Züge
des Angesichts der Weltmutter Selinur erkennt; aber
sollte die Folgerung zu kühn sein, daß er sie nicht
ausnimmt von der — ich darf sagen: phantastischen
und doch zugleich trivialen Vorstellung, daß die
Himmelslichter eine Art von schwebenden Scheiben
seien, auf welchen gar vielleicht menschenähnliche Wesen
wohnen dürften? Da nun unsere altersheilige Sitte,
auf Seen zu wohnen, und der Dienst der erhabensanften Selinur so unzertrennlich zusammenhängen, so
erlaube ich mir die Frage: Was ergibt sich?“ Er
wurde roth und röther, fieng an heftiger zu gestikuliren
und schlug mit der Faust auf das Brüstungsbrett der
Rednerbühne. „In den übrigen Lichtern verehren wir
die Geisterschaar der Urmutter, der ganze Himmel ist
entweiht, entgöttert! Die Altäre werden stürzen! Die
Vorstellungen der Menschengeschlechter wechseln, hat es
geheißen; so wird ja wohl auch die Grundvorstellung
wechseln, es wird eine Zeit geben, wo unser heiliger
Glaube, der bestanden hat, so lang die Welt besteht,
nicht mehr besteht! Entsetzlich! Nichts ist mehr fest,
Alles wankt und schwankt! Grauenhaft, eine Zeit zu
denken, wo es keine Heiden mehr gibt! — Zeitlosigkeit?
Ewigkeit? — Leeres Wortgetändel! Sich gleich bleibendes Eines, Zapfen mit Hängegewichtschnur, pochender Herzklumpen statt Götter? — Spitzfindige, unerbauliche Menhirdeutung! Gezwungene, bodenlose
Sinnklauberei aus Coridwen's Zaubertopf und leichtfertige Dehnung des erhabenen Inhalts, der dem Geburtswunder Taliesin's innewohnt, armer Versuch, in ihm
etwas Anderes zu sehen, als den Gottmenschen, durch
den unser heiliger Orden sein Ansehen an die Gottheit
knüpft! Auch das ist höchst verdammliche Irrlehre, daß
Coridwen die Erdmutter sei; denn dadurch wird sie
ja an die Stelle der allwebenden Selinur gehoben.
Sie ist nur eine der Feen der Weltmutter gewesen,
allerdings von ihr gewürdigt, einen Strahl ihrer
Schöpferkraft in sich zu tragen und dem Waizenkorn
geheimnißvoll einzuverleiben. Sie ist öfters freundlich
unter Menschen gewandelt; es leben noch Menschen,
die durch Verwandtschaft mit dem von ihr geborenen
Taliesin mit ihr selbst verwandt sind. Sie hat ihren
Zaubertopf vererbt; diese Gemeinde weiß, wo er sich
befand, er ist nicht mehr, Frevlerhand hat ihn zerschlagen. Alles wird zertrümmert, Menschliches vergöttert, die Gottheit gestürzt. Die alte Urnacht kehrt
wieder! Leere! Unendliches Hohl! Nichts! Nichts! Ich
sehe den Fürsten der Nacht, den finstern Grippo lauern
— seine Augen glühen wie Feuerräder — sein Kamm
steigt und brennt feuerroth — Schwefelglut haucht
sein Rachen — sein Drachenschweif ringelt sich — ihm,
dem Schrecklichen, und ihm, dem gottgesandten Ordenshaupte sollen die Menschenopfer versagt sein? Entsetzlich! Nein, nie, nie soll —“

Er hatte stärker und stärker auf das Gesimsbrett
zu trommeln und zu schlegeln angefangen, dann versucht, auf der Bühne sich heftig hin- und herzubewegen;
sie war zu eng, die Leidenschaft erlaubte ihm nicht,
den Bewegungsdrang zu hemmen, er vergaß in seinem
Eifer die offene Stelle in der Reisigbrüstung der Rednerbühne, die ihm doch gedient hatte, seinen Druidenfuß
so bewußt vorzuzeigen, — bei einem zornigen Vorstoß
durchbrach sein dicker Körper die schmale Spalte des
biegsamen Tannenzweiggeflechts, er fiel hinaus und
purzelte zu Boden, fünf Fuß tief etwa.

Die zwei Barden waren die Ersten, die herbeieilten,
ihn aufzuheben, rasch drang ihnen die Gemeinde nach,
schnell umdrängte den unglücklichen Redner ein dichter
Knäuel von Menschen, die sichtbar nicht von Einem
Gefühle getrieben waren, in dem Wirrwarr von Tönen
konnte man Stimmen des Mitleids, frommes Seufzen,
rauhes Murren und Fluchen und nur halb unterdrücktes Lachen wohl unterscheiden, die Aufregung wuchs
und es sah ganz darnach aus, als müsse es hier zu
einem wilden Handgemenge kommen; da erscholl plötzlich eine helle, starke Stimme von oben, von unbekannter Höhe herab:

„Hört, hört! Hört mich! Mich hört!“

Alles schaute empor. Auf dem Wagsteine steht
eine dunkle Gestalt. Jetzt erscheint noch ein Wesen
neben ihr, man hört das Bellen einer mächtigen Hundsstimme. ‚Schweig, Tyras!‘ ruft es jetzt wieder aus
Menschenkehle, in diesem Augenblicke tritt der Mond
aus den verfinsternden Wolken und man erkennt Arthur.

Wie er den Wagstein erklommen, wer konnte es
wissen, denn noch kein Mensch hatte es versucht, der
Stein war hochheilig, aber wäre er es auch nicht gewesen, der hängende, doch steile Felsblock hätte als
unersteiglich erscheinen müssen. Wie dem Frevler die
große, schwere Dogge folgen konnte, das ließ sich nur
durch die bekannte Stemmkraft der Fußmuskeln, die
im starken Ansprung diesem Hundeschlag sogar ein
Klettern möglich macht, zur Noth erklären. Zerfurcht
und bleich von der tiefen Erregung des Augenblicks
und der letzten Erlebnisse erschienen Arthur's Züge noch
bleicher im blassen Lichte des Mondes. Wie ein Geist
stand er da oben, aber schön, hochgewachsen, schlank,
mit großen, weit offenen, leuchtenden Augen. Schauer
fesselte die Herzen, Niemand wagte den Mann anzutasten, dessen Fuß doch so empörend die geweihte Stelle
entheiligte. Stumm blickte Alles nach ihm hinauf,
tiefe Stille trat ein. Nun hebt er wieder an: „Zerreißt mich, zerhackt mich, siedet oder bratet mich lebendig, aber sprechen muß ich, hören müßt ihr mich,
hören!“

Er stockte, er schien schwer den Anfang zu finden
und fuhr dann fort, zuerst im verlegenen, schüchternen,
naiven Tone eines Neulings im Ordnen der Gedanken
und im öffentlich Reden, doch allmälig erwarmend, die
Worte wie in einem Strom rollend, den Ton zum
Donner anschwellend.

„Das kann schon sein, das ist schon möglich, daß
die Sachen da herum um uns, Licht, Luft, Erde,
Bäume, Thiere und Menschen ein Weib geschaffen
hat. Es sieht schon darnach aus, denn da ist schön
und häßlich, gut und grausam, sanft und wild, ordentlich und wieder so unordentlich durcheinander, wie in
Weibes Leben und Weibes Seele, die launisch ist und
sich nicht gleich bleiben kann. Aber nachher ist ein
Manngott drüber gekommen und hat's zu ordnen angefangen. Nur etwas verspätet hat er sich, weil
Männer langsamer sind, und so hat er nicht mehr ganz
fertig werden, hat's nichts mehr ganz richten können.
Ein Manngott, ein herrlicher, ein strahlender. Wo
ist er? Hauset er in der Sonne, von deren Majestät
euer blasser Mondsdienst nichts weiß, nichts wissen
will? Mannheit und Macht ist er, er brauset im
Sturm, er ist der große Athem der Welt, auf der
Donnerwolke fährt er daher. Das ist der unbekannte
Gott, den eure Priester nennen und von dem sie doch
nichts hören wollen!“

Ein Gewitter zog inzwischen am nächtlichen Himmel
auf, schwarze Wolkenberge thürmten sich im Westen.
Man hörte eben bei den letzten Worten das erste ferne
Grollen des wirklichen Donners. Die Männer erbleichten, der Redner erschien ihnen verschworen mit
der geheimnißvollen Naturmacht und die Scheue, die
sich ihrer bemächtigte, schützte ihn vor den Leidenschaften,
die ihn in jedem Augenblick zu unterbrechen drohten.
So fuhr er fort:

„Aber nein, nein! Nicht dunkle, dumpfe Macht
ist er, er ist hell, offen, ganz offen. Licht ist er, er
scheinet durch Alles und in Alles, da ist Alles durchsichtig. Er hat vielleicht auch gar kein Haus, die
Sonne ist nur sein Glanz- und Prachtbild. Er ist
vielleicht, obwohl Mannesart in all' seinem Thun,
doch eigentlich auch kein Mann, denn er ist überall.
Er ist Einer und auch Keiner, er ist Einer und auch
Drei. Drei Dinge ist er: das Sein, der Tod und
der Geist. Er zeuget Alles, wandelt Alles und steigt
auf aus Allem. Darum ist er ein Feuergeist, denn
er brütet aus, verzehret und leuchtet. Die Menschen
suchen seinen Namen und verwirren sich. Es sind
Männer an unsere Seen gekommen von drüben her,
vom weiten Lande gegen Untergang der Sonne, sie
haben sich Gaels oder Gadhelen genannt, die haben
berichtet vom Glauben ihres Volkes, da werde als
oberster aller Götter verehrt Esus, der Schauerliche,
dessen Odem zu vernehmen im stillen, geheimnißvollen
Walde, der aber webe und wehe durch das ganze
Weltall und dessen heiliges Zeichen der Kreis sei, weil
er aus sich lauft und in sich zurück und keinen Anfang
hat, noch Ende. Aber dieser Gott ist ein dunkler Gott
und ein Abgrund. Und es sind andere Männer gekommen noch weiter her von einem breiten Eiland im
großen Wasser, und sie hießen sich Kymren und haben
Wunderbares gesagt von einem Gott, den nannten
sie Hu Gadarn, das ist Hu der Gewaltige. Sie
glaubten, er sei auch die Sonne, und sprachen von
ihm: Licht ist sein Weg und sein Rad, Sonnenschein
sein Wagen und mit Geisterschwingen schwebet er über
den Wassern, groß ist er in Land und Meeren, der
größte in allen Welten. Er habe die große Flut getheilt und die Menschen den Ackerbau gelehrt und er
wolle den Frieden und nur, um ihn zu schaffen, den Krieg,
Gesetz und Ordnung habe er gestiftet, den Gesang, die
Künste den Menschen herabgebracht, und er sei Geber
alles Guten. Als das hörten die Gaels, sprachen
sie, Hu sei nicht der Gott selbst, er sei ein Gottsohn
oder Göttinsohn wie Taliesin, den wir verehren wie
sie, Esus habe die Welt geschaffen und sei eingeboren
in den Hu und habe sie durch ihn geordnet und durchleuchtet. Dieser Hu ist ein Lichtgeist nach meinem
Sinn, aber die Menschen wollen den Geist fangen in
Namen und göttliche Leiber und verdunkeln ihn und
tappen umher in krausem Dickicht. Arm ist die Sprache,
in Banden der Sinn, ich weiß kein Wort, als: der
Geistgott, obwohl er nicht Mann sein kann wie ein
Mensch. Er ist Gesetz, Ordnung, Klarheit. Er ist
in uns, er ist die Gerechtigkeit, die Tapferkeit, die den
Frieden schützt, die Güte, das Mitleid, das Wissen,
die Weisheit. Er ist sie. Wo Dumpfes, wo Wildes
bezwungen wird, da ist er. Er bezwingt auch die
Zeit. Morgen und Abend, Tag und Nacht, Mond
und Jahr sind gleich vor ihm. Da gibt es kein Vorher und Nachher. Er ist das ewig Bewegende in
aller Bewegung. Wer ihn liebt, schüttelt es ab, das
Albgewicht der schrecklichen, gähnenden Zeit und tauchet
auf in das Urlicht, das da zeitlos ist, wie euch der
weise Barde gesagt hat. Wir sind Wellen im unendlichen Zeitmeer, wir sind Nichts, wo wir uns nicht
heben in den Strahl der Ewigkeit. O süßes Zittern,
wenn berührt von der Weltensonne unser Scheitel blitzt!
Wenn sie unser kaltes Wogenherz durchwärmt, unser
Eis schmelzt! Es schmilzt, wenn wir gut sind! Es
schmilzt, wenn wir lassen vom Dumpfen, vom Armseligen, von all' dem, um dessen willen es nicht der
Mühe werth ist zu leben. In was lebt ihr? Im
Schund um Essen und Trinken und schöne Kleider,
um Rinder und Ziegen und Häute, im Zank um nichts!
Wo schwebt ihr? wo schwimmt ihr? Im blitzenden
Weltmeer des Lichts? Ihr schwebt nicht, ihr klebt, im
Sumpfe klebt ihr, im Schlamm zwischen Binsen und
Röhricht — schleimige Schneckenseelen seid ihr! Eckeln
sollte es euch an euch selbst!“ —

Jetzt begann und wuchs ein Murren unter den
Zuhörern, aber nur heftiger schalt er fort:

„Der milde Barde hat's euch sanft und leis gesagt, laut und scharf will ich es euch sagen! Da habt
ihr euch einen Glauben zurecht gemacht oder zurecht
machen lassen, der ein blöder Wahn ist um und um,
von wo man ihn auch mag ansehen. Ihr glaubt,
daß Selinur durch den feuchten Seedunst euch die
Pfnüssel ordne? Nein, ihr glaubt es erst recht nicht.
Thut nicht so! Ihr wißt wohl, daß euch das schnöde
Uebel nur viel hundertmal öfter und ärger heimsucht
in euren feuchten Nestern! Nicht geregelt hustet und
nieset ihr, sondern durcheinander kraus, wirr und
wüst! Klebrige Schalthiere werdet ihr! Die Zähne
frißt euch der Nebel an und im Winter habt ihr die
Fußböden so kalt, daß euch die jückenden Frostbeulen
an den Zehen herumhängen wie Klumpen von Waldbeeren und daß euch vor Fußfrost alles Blut in Kopf
steigt, was eben eine Hauptursache ist, daß ihr nichts
Gescheutes denken könnt! — Die Seele, den Geist
nieset und hustet ihr euch aus dem Leibe! — Wißt
es, schon ist's im Werk, daß wir wegziehen vom See
auf's Land! Fest soll's sein unter uns, auf's Trockene
wollen wir! Man wird dumm über den trüben Wassern,
verschnuppt, hirnverstört, abergläubisch, fürchtet Gespenster, fürchtet den Grippo. Wozu braucht ihr ihn
noch? Wozu noch den schnöden Wurm? Den gibt's ja
nicht, kann's nicht geben. Ist's nicht an der Weibgottheit und an Regimentern von nickelhaften Erdgeistern, die sie in ihrem Leichtsinn walten läßt, ist's
daran nicht genug, um allen Schabernack zu erklären,
mit dem das Leben uns zwickt und zwackt? Brauchen
die bösen Zwerggeister noch ein Oberhaupt, das am
Ende mächtiger wäre, als der Lichtgott, der unter
eurem unbekannten Gotte steckt? Aber all' das dumme
Zeug, ich weiß, warum ihr's euch vormacht. Ihr
ahnt gar wohl, daß noch ein anderer Pfnüssel im
Menschen sitzt, jener, der im Herzen drückt und kratzt
und bohrt. Die Faulheit ist's und der wüste böse
Wille, der nichts wissen mag von der oberen Ordnung,
die der Geistgott gebaut, der Burg, wider welche die
bösen Geister nicht aufkommen. Aber darüber huscht
ihr hinweg und macht's euch leicht, indem ihr's zusammenbringt mit dem Uebel in Hals und Nase und
euch ein flüchtig seichtes Wort vorschwätzt vom Läutern!
Wohl hängt's auch zusammen, aber nicht, wie ihr euch
vormacht. Arger Pfnüssel entschuldigt manche böse
Zornthat, aber nicht jede, das Reich des Guten steht
fest auf eigenen, ewigen Säulen und hängt nicht ab
von den Häuten und Drüsen im Leib, und das Böse
steigt nicht in ihnen auf und läßt sich nicht weghusten.
Die Schuld wegschieben, dem Grippo in die Schuhe,
und das Gut- und Vernünftigwerden von der Selinur
im helldunklen Seenebel erwarten — das ist eure
Eselsbrücke! Eure Sünden nicht redlich ausbüßen, sondern an den Priester hinüberhusten, der sie dann weiterhusten soll und befördern zur Vergebung, das ist euer
Selinurdienst! Nicht kennen wollt ihr euch selbst, fremd
wollt ihr bleiben euch selbst! Alles ertragt ihr eher,
als Wohl und Weh eurer armen Seele mit euch selbst
auszumachen! Weiber seid ihr, nicht Männer, darum
wollt ihr nichts wissen vom Lichtgott, vom Manngott,
vom mannhaften Geistgott, denn der verlangt, nicht
nur um euch herumzuscheinen, sondern in euch hineinzuscheinen, zu durchleuchten den harten Stein, euer
Herz, daß es licht werde, lind und gut und vernünftig und stark in aller Milde und Weichheit! Auf! auf!
heraus aus dem Klebeschleim und Stankschlamm eures
alten Wahns! Er ist gottlos! In euch ist keine Gottesliebe, ihr habt keinen Gottesdienst!“

„Es ist genug!“ rief jetzt der Druide, der von
seinem Falle keinen Schaden genommen, vom Schrecken
sich schnell erholt und mit großer Spannung zugehört
hatte; „es ist genug! Herab mit dem Lästerer!“ Das
Murren in der Gemeinde hatte sich etwas gelegt, als
Arthur von der nicht zu leugnenden Unregelmäßigkeit,
von der ganz rhythmuslosen Häufigkeit des katarrhalischen Uebels und von der Heimsuchung mit Frostbeulen sprach. Die Wahrheit seiner Worte war zu
schlagend, als daß sie nicht ein gewisses Insichgehen
der Gemüther bewirkt hätte. Nun aber, da der Eiferer
mit seinen unzulänglichen Sprachmitteln Anstalt machte,
die sittliche Welt in ihrer Strenge aus der Vermengung
mit dem physischen Uebel zu scheiden, als er zur unbequemen Zumuthung der Selbsterkenntniß und inneren
Umkehr übergieng, wurden die Leute wieder bös, zürnten
sich selbst, daß sie so lange geduldig zugehört, und
warfen — nach Menschenart — diesen Zorn verdoppelt
auf den Urheber der innern Unbehaglichkeit. Die erneuerten Scheltworte des heftigen Strafredners thaten
das Ihrige und der Zuruf des Druiden traf daher
auf eine Stimmung, die reif war, zum Handeln
überzugehen.

„Bogen gerichtet, Pfeil auf, legt an!“ befahl
der Priester. Im Nu lagen jetzt mit wenigen Ausnahmen die Männer der Gemeinde im Anschlag, alle
nach dem verwegenen Jüngling zielend. Sein Hund
verstand, brach in ein wüthendes Bellen aus, er mußte
ihn am Halsband halten, gebot ihm Stille und schrie
dann mit Donnerstimme:

„Halt, halt, halt sag' ich! noch Eines müßt ihr
hören!“

Die Männer sahen fragend den Druiden an, der
sich wie ein Kriegsbefehlshaber an ihre Front gestellt
hatte. „Absetzen!“ kommandirte er. Es konnte nichts
schaden, wenn der Verbrecher durch Weiterreden seine
Schuld noch vergrößerte.

„Wißt ihr denn auch, was die drei Hauptstücke
des wahren Frommseins sind? Die Gemeinde mehr
lieben als sich, die vielen Gemeinden mehr als die
eigene, und alle Gemeinden des Volks, das Eine Sprache
spricht, so lieben, daß man Gut und Blut für sie
zu opfern all' Stund von Herzen bereit ist. Drei
sind der Sümpfe, darin man nicht leben soll: der
Sumpf der Seen, der Sumpf der Schlaffheit und der
Sumpf des engen Pfahlsinns, der von keinem Vaterland weiß. Wißt ihr denn von einem Vaterland?“

Die guten Leute hörten das Wort wirklich zum
ersten Mal. Dem Druiden war es in seiner Studienzeit nicht unbekannt geblieben, aber er hatte sich wohl
gehütet, solchen weltlichen Gegenstand jemals in seinem
Glaubensunterricht und seiner Seelsorge vorzubringen.
Die Männer stutzten und für Arthur war dadurch
eine Pause zum Weiterreden gesichert.

„Nun, ich will's euch sagen. Die fremden Männer, die uns über's Gebirg her die neuen Waffen und
Geräthe gebracht, darunter ist mir der Ein' und Andere
gut Freund geworden, weil ich gern von ihnen hörte
und lernte und auch von ihrer Sprache mir Einiges
merkte, so daß ich über mehr als nur den Kram mit
ihnen verkehren konnte. Die haben mir vertraut, daß
das Volk, von dem sie kommen, ein gar mächtiges
und reisiges Volk sei und ringsum weithin schon alle
Völker bekriegt und in seine Botmäßigkeit gebracht
habe, und daß es, trunken von seinen Siegen, weiter
und weiter seine Hand strecken und nun gar über die
Alpen herübergreifen und unser Land, das unsere Väter
uns vererbt, bekriegen und bewältigen wolle vom großen
Gebirg hinwärts bis zum Podamursee und weiter, viel
weiter in die Gelände hinein, wo die breiten Ströme
durch Berg und Thal fließen, und links weithin bis
an den Leman- und meinen geliebten Nuburiksee und
weiter und weiter bis über das große Wasser zum
Eiland, wo die Kymren wohnen. Sie werden kommen,
die Unersättlichen, die da meinen, sie müssen die Welt
verschlingen! Und ihr? Was sind eure Kriege gewesen
bis heute? Untereinander um nichts und wieder nichts
habt ihr euch zerfleischt! Eure Gefangenen gepfählt,
gekreuzigt, auf jede scheusliche Art gemartert als Opfer
für euer Scheusal von Grippo! Jetzt droht euch allen
der Fremdling! In eure schwebenden Holzhütten wird
er die Brandfackel schleudern, mit seinen Erzwaffen,
seiner Ueberzahl, seiner Kriegsordnung und festem Halt
seiner Schaaren euch zu Tausenden in die Sümpfe
eurer Seen hineinwürgen, eure Weiber und Töchter
schänden und in die Knechtschaft abführen, eure Kinder
wie Zicklein abschlachten! Schon seh' ich im Geiste die
Feuersäulen, höre den Schlachtruf der Feinde, das
Aechzen und Winseln der Sterbenden, der schmachvoll
Mißhandelten! Auf! auf, so lang es Zeit ist! Einen
festen Bund stiftet von Gemeinde zu Gemeinde, von
Stamm zu Stamm! Dem unbekannten Gotte — o,
bei allen Himmeln, er ist auch der Gott des Vaterlands! — ihm an seinem Altare schwört Treue dem
Bunde bis auf den letzten Athemzug! Und fort mit
den Steinwaffen! Meint ihr, ich sei gekommen, mit
dem kleinen Plunder von Schmuck, Spielzeug, Tischmesser euch Spaß zu machen? Waffen! Waffen! Greift
zum Erze! Hier seht mein gutes Schwert! Es funkelt in
der Nacht, ein feurig Bild und Zeichen sei es euch! O, bei
dem Bilde schwört, schwört euch zu eigen dem schwer
bedrohten Vaterland! O, heilig, heilig ist das Vaterland!“

Das Gewitter hatte inzwischen den Himmel mit
Nacht bedeckt, wilde Blitze zuckten aus den übersatten
Wolken, mit greller Helle wechselte rabenschwarzes
Dunkel; soeben erscholl aus unsichtbarem Munde die
mächtige, klangvolle Bruststimme des jugendlichen Redners, jetzt fuhr wieder ein Blitz über ihn hin, wie er
stolz und hoch sich streckend das gezückte Schwert in
der Rechten emporhielt, und wunderbar glühte die
schlanke, ragende, wachsende Gestalt aus dem Schooße
der Finsterniß heraus, daß sie von innerem Feuer zu
lodern schien.

Den Druiden erschütterte nicht dieß große, geisterhafte Bild, die Rede vom Vaterland war es, die ihn
mehr empörte, als alles Andere, so daß er jetzt beschloß, den Augenblick für gekommen zu erklären. Mit
durchdringender Stimme rief er: „Vaterland? Wißt
ihr, wo es ist? Im Himmelszelt bei Selinur und ihren
Feen! Er leugnet das himmlische Vaterland wie die
Götter! Die himmlische Seligkeit dem Schützen, der
ihn herunterschießt! Halt, nein, noch höhere Wonne
im Himmelssaal dem, der ihn lebendig fängt! Her
mit dem Lästerer, dem Götterleugner, dem Gripposohn,
dem — dem —“ Er drückte und preßte, das stärkstmögliche Schimpfwort zu ersinnen und hervorzustoßen,
endlich entrang es sich seinen Lippen: „dem Erzketzer!“ 

Wie aber sollte man den Uebelthäter lebendig
fangen? Woher die Zeit nehmen, Aeste zu einer Leiter
zu fügen? denn am Wagstein hinaufzuturnen, getraute
sich Niemand. Ein Theil der Schützen beschloß so zu
zielen, daß er nur verwundet herabfiele. Als der nächste
der schnell sich folgenden Blitze ihnen ihre lebendige
Scheibe und dem Bedrohten seine Gegner wieder zeigte,
sah Arthur auf's Neue die ganze Männerschaar im
Anschlag. Es war schon ein Bild, das Furcht einflößen konnte. Gegen dreihundert große Bogen, die
Sehnen gezogen bis zum Halse der Schützen, die
Pfeile aufgelegt: zwar nur rohe Feuersteinspitzen, aber
Arthur wußte gar wohl, welche Wunden sie reißen —
diese Waffen haarscharf auf ihn, den Einen, gerichtet:
gar Manchem wäre wohl zu Muth geworden wie dem
Verbrecher vor der Hinrichtung. „Das Schwert her!“
rief der Druide, ihm nach die nächsten Schützen; der
Ruf pflanzte sich wie ein Lauffeuer schnell durch die
Reihen fort; obwohl so überlegen und so aus der
Ferne den Einen bekämpfend, fühlten sie doch Grauen
vor der Waffe und eine Art Bedürfniß, dem Verbrecher, ehe er gerichtet würde, erst seine Ehre, die
Mannesehre des Waffentragens abzusprechen.

„Fürchtet ihr mein Schwert, ihr Tröpfe? Ich
fürchte keinen von euch, auch ohne Schwert! Ringt
mit mir! Hier bin ich!“ Mit diesem Rufe schleudert
der Ueberkühne sein Schwert hinab und springt in
einem weiten Satz ihm nach mitten unter die Männer
hinein, mit ihm sein starker Hund, der wilde Tyras.
Augenblicklich entsteht ein fürchterliches Raufen, Schreien,
Fluchen, dazwischen das Geknurr und Gebell des
wüthend um sich beißenden Thiers, man schlägt, man
zerrt, man sticht mit Horndolchen zu, deren Stöße
glücklicherweise fehlen oder am ehernen Gürtelschild des
schwer gefährdeten Jünglings abgleiten, mit überlegener Kraft hat er Mehrere zu Boden geschleudert,
aber lange kann der ungleiche Kampf nicht dauern;
schon taumelt Arthur, da ist es dem Druiden gelungen,
durch den rasenden Knäuel sich durchzuarbeiten und
seine Stimme hörbar zu machen: „Die Hände, die
Fäuste weg! Mir gehört er, mir, mich laßt sorgen!
Die Bittel und Wächter her!“ Es gelang ihm, den
schon so gut als Verlorenen zu befreien, um ihn —
aufzusparen. „Fesselt ihn mit Stricken!“ Vergeblich
sträubte sich der tollkühne Ringer noch mit seinen letzten
Kräften. „Fort in's Verließ!“ Er wurde abgeführt.
„Erzketzer! Erzketzer!“ scholl es aus hunderten von
Kehlen hinter ihm her, während die Schergen ihn
über die Brücke zum Blockhaus führten, das als Gefängniß diente. Die Eifrigsten der Gemeinde begleiteten sie, Angus selbst gieng mit und ihnen nach
wälzte sich der schreiende Schwarm. In schwerer Lage
waren jene wenigen klarer denkenden Bürger, deren
wir früher Einige beisammen gefunden, um die Berufung der Barden zu beantragen. Sie waren nachdenklich geworden bei Kallar's Rede, Arthur's Feuerworte ergriffen sie, wie er heftiger und heftiger sprach,
wurde es auch ihnen zu viel, sie erhoben ihre Bögen
zwar nur läßig und zum Scheine, aber sie erkannten,
daß ihm nicht zu helfen sei. Rathlos standen die
beiden Barden. Kallar hatte voll Theilnahme sorglich
oft den Kopf geschüttelt, während Arthur sprach, Kullur's Augen hatten geblitzt und sich wieder verdunkelt,
Beide hatten im Gemenge vergebliche Versuche gemacht,
abzuwehren, Beide sahen nun kummervoll dem wilden
Haufen nach, der sich hinter den Wächtern herdrängte.
„Was thun?“ sagte Kullur. „Laß uns nachdenken,“
erwiderte Kallar, „es ist noch eine Frist; ganz rasch
und auf eigene Faust kann der Druide nicht handeln.“
Er faltete gedankenvoll die Stirne, plötzlich schien ihm
Rath aufzutauchen, er flüsterte seinem Genossen einige
Worte zu, sie eilten nach den Sitzen, die sie vor und
nach ihrem Auftreten eingenommen hatten, schienen
einen Gegenstand zu suchen, aufzugreifen und verschwanden dann im Dunkel.

Das Schloß des Gefängnisses war ein schwerer
Holzriegel, der durch einen kunstreichen Knoten aus
dem stärksten Seile so befestigt wurde, daß er als unlösbar gelten konnte. Nur durch Hiebe eines scharfen
Steinbeils hätte ein Unkundiger ihn entfernen können;
dagegen war durch die Wächter gesorgt, denen die
strengste Hut eingeschärft wurde. Die karge Kost wurde
durch eine enge Dachöffnung hinabgelassen; der Bittel,
der hiezu den Auftrag hatte, war auf strenge Wachsamkeit besonders beeidigt.

Wo aber war denn Alpin? Er hatte sich während
Kallar's Rede, das eintretende Dunkel benützend, hinweggeschlichen, hatte einen Korb voll Speise und Trank
aufgenommen, den ihm Sigune an einem verabredeten
Platz im Haine bereit gestellt, und war der Höhle
zugegangen, den einsamen Freund besser zu laben,
als ein Stück Brod, das er morgens beim Abschied
ihm aus seiner Tasche gereicht, und die Beeren
des Waldes es vermochten. Als er nach ängstlichem
Suchen ihn nicht fand, befiel ihn zuerst die schreckliche
Sorge, er möchte entdeckt, in den Wald fortgeschleppt,
ermordet sein, aber eine schlimme, dunkle und dennoch
bestimmte Ahnung trieb ihn zurück nach dem Festplatz;
schon von Weitem hörte er Arthur's gewaltige Stimme
von der Höhe herschallen, stellte sich unbemerkt bei den
hintersten Zuhörern auf und mußte nun, unfähig,
dazwischenzutreten, Zeuge der tödtlichen Gefahr sein,
in die den Freund seine wilde Begeisterung tiefer und
tiefer hineinrieß. Als Arthur herabgesprungen, drängte
er sich mit verzweifelter Gewalt in den Menschenknäuel
hinein; was konnte er ausrichten mit aller Kraft seiner
Arme? Nur Eines: mitten im Stoßen, Zerren, Ringen, Stampfen sieht er das Erzschwert am Boden
auffunkeln, da eben ein neuer Blitz über die tobende
Menge hinzuckt. Man hatte es, als Arthur so plötzlich der hinabgeschleuderten Waffe nachsprang, in der
Wirrniß vergessen. Ein Geist gab ihm ein, es schnell
aufzunehmen, unter seinem faltigen Festrocke zu verbergen und, während man den Ueberwältigten fortführte, mit seiner Beute Sigunen zuzueilen, die bei
der Glut ihres Herdes saß, einsam, tief in Gedanken.
Die Kinder schliefen, Vater Odgal war draußen in
der Versammlung; sie hielt Alpin's Geschenk, die Halsschnur aus Bergkrystallen in der Hand, und ließ sie
im röthlichen Scheine spielen und voll herzlichen Glücks
redete sie mit ihr, als wäre sie ein belebtes Wesen.
Alpin stürzt herein, mit wenigen Worten ist Alles
erzählt, „— und nun, wie helfen? wie helfen?“
schließt er und wirft sich schluchzend an den Hals der
Geliebten. In allem Unglück, in allem peinvollen
Drange des Augenblicks, welch' ein Glück, sich nun
ganz Eins zu wissen im glühenden Wunsche, den Jüngling, der ohne seinen Willen die beiden Herzen so
düster entzweit hatte, zum andern Male zu retten!
„Du bist gut, o, du bist gut,“ rief unter Thränen
das entzückte Mädchen und legte, als er sich unter
erneuten Klagen über die Rathlosigkeit der Lage auf
den Sitz am Herde niederfallen ließ, vor ihn knieend
das lockige Haupt in seinen Schooß. Schweigend verweilten sie manche Minute in dieser Stellung; auf
einmal stand Sigune schnell auf, nahm die Bergkrystallschnur vom Herde, hielt sie Alpin vor Augen
und sagte: „Wer das machen, die Krystalle schleifen,
durchbohren konnte, der kann auch“ — Wir ziehen
vor, nicht zu verrathen, was sie weiter sagte, noch
was Alpin nach einigem Sinnen erwiderte; nur das
Wort sei angeführt: „Ihr Weibsleute seid doch öfters
gescheuter als wir.“ Er nahm das Schwert, der
Abschied war so kurz als zärtlich, und dann eilte er
nach Haus mit den Schritten eines Mannes, der keine
Zeit zu verlieren hat.

Das Gewitter hatte sich verzogen, die Menge vom
Festplatze sich verlaufen, Alles war zur Ruhe gegangen
und der Mondschein lag still auf dem schimmernden
See. In der kleinen Gemeinde — wie viele und
verschiedene heftige Bewegungen wühlten bei stiller
Nacht in den Gemüthern der Schlaflosen und der
träumenden Schläfer! Arthur war übel gebettet in
seinem „Ungemach“ (wie das Nibelungenlied den Kerker
nennt), sein Lager war ein Haufen alten Strohs,
sterbensmüde streckte er sich nieder; Wasser und ein
Brodlaib war ihm verabreicht; er aß einen Brocken,
nahm einen Schluck, legte sich wieder zurück, starrte
eine Zeitlang zur Strohdecke des Raums hinauf, sprach
dann vor sich hin: „Nicht klagen, Schicksal ist Schicksal, bleib' fest, Herz!“ Dann seufzte er noch: „Armer!
Armer!“ Das galt aber nicht ihm selbst, sondern seinem
Hunde Tyras, den er im Getümmel verloren hatte. Die
einförmige Musik der Schritte der Wächter, die draußen
polternd auf und nieder giengen, und die grenzenlose
Ermattung halfen zusammen, die verstörten Nerven zu
beschwichtigen und er sank in tiefen, festen Schlaf.

Der Morgen des feierlichen Tages brach an. Auf
den Vormittag war der erste Theil des Festes, das
Pieisschießen, angesetzt. Alpin durfte um so weniger
fehlen, da auf ihn als den großen Jagdhelden des
vorigen Tages Aller Augen warteten. Ihm zu Ehren,
zum Ruhme der Gemeinde, die einen solchen Jäger
hervorgebracht, und zum Sporn für Alle, ihm nachzustreben, hatte der kunstfertige Bürger Bappabuk dießmal eine Festscheibe von ungewöhnlicher Pracht hergestellt. Auf eine große Fläche, die mühsam genug
aus einigen rauh gehauenen Holztafeln gefügt war,
hatte er das Bild eines Wisent gemalt. Das Braun
des Fells war freilich dunkler gerathen, als die Naturwahrheit erlaubte; er hatte einfach ein Schwarz verwendet, das er sich aus Kohlenstaub zurecht gemacht;
ein Kenner hätte den amerikanischen Bison, nicht seinen
lichtern europäischen Verwandten zu sehen geglaubt.
Aber mit entschiedener Sicherheit des Blicks und der
Hand war nicht nur die Gestalt, sondern mehr noch
die Bewegung erfaßt. Man sah das Thier in wildem
Ansprung, den Kopf zum Stoße gesenkt; daß dieser
von vorn, der Körper aber von der Seite genommen
war, darüber durfte man billig wegsehen; man kannte
und forderte Verkürzungen dortzulande so wenig wie
im alten Egypten und später in Byzanz; übrigens
kam die Kühnheit daher, daß es das Absehen des
Künstlers war, die Augen beide in ihrer ganzen
Schrecklichkeit wiederzugeben. Mit dem röthsten Röthel,
den er auftreiben konnte, hatte er die blutrünstige
Bindehaut, mit der schwärzesten Mischung von Kohlenstaub und Kienruß die Augensterne aufgetragen und
in dieses Schwarz je ein Stück des findbar reinsten
Bergkrystalls eingelassen. Mit Staunen und Grauen
wurde das Meisterwerk begrüßt, als es aufgestellt war.
Die Senkung des Kopfes erlaubte auch, das Centrum
der Scheibe an der Stelle anzubringen, auf welche
Alpin den tödtlichen Stoß geführt hatte: es war ein
rundgeschnittenes Blatt von rothem Zeug, das zwischen
Kopf und Nacken saß. Der erste Festpreis, von Alpin
selbst gewidmet, war das kostbare große Fell des erlegten Thiers. Man säumte nach Betrachtung des
Bilds und dieser ersten aller Ehrengaben nicht länger,
den Ueberwinder des Ungethüms, den edlen Schenker
durch eine Abordnung in seinem Hause abzuholen, auf
dem Festplatz wurde er als Schützenkönig in spe von
jubelnden Stimmen begrüßt. Er sollte den ersten Schuß
haben, er trat zurück, den Aelteren sollte die Ehre
bleiben. Endlich half kein Zögern mehr; Alpin legte
an, zielte unsicher, die Nachbarn schüttelten die Köpfe,
Einer flüsterte: „O je, er verwackelt's!“ Alpin setzte ab,
zielte wieder, schnellte ab und das Geschoß — saß in
der Zottel des kurzen Schwanzes. Der Zeiger, der
sich schon darauf gespannt hatte, zuerst mit närrischen
Sprüngen dreimal um die Scheibe zu tanzen, dann
mit seiner Kelle auf das durchschossene Centrum zu
zeigen, hierauf gegen den Schützen drei grundtiefe
Bücklinge zu machen, er war, als er vorsprang, in
keiner kleinen Verlegenheit; ganz verblüfft stand der
arme Bursch in seiner bunten Hanswurstjacke — denn
so trugen sich die Zeiger schon damals — und seiner
Mütze aus Fellstücken des weißen Berghasen und einem
Fuchsschweif, er konnte sich nicht zu den Spottgebärden
entschließen, die bei schlechten Schüssen üblich waren,
zeigte wehmüthig nach dem Pfeil im Schwanzende und
schliech mit trübseliger Miene hinter seine Schutzwand
zurück. Alpin hatte sich zum Voraus nichts Gutes
versprochen; er besann sich aber schnell, sich über sein
Ungeschick viel mißmuthiger zu stellen, als er war,
schüttelte wie in einem Anfall grimmigen Verdrusses
den Köcher aus, schleuderte den Bogen von sich und
rannte hinweg. Man wollte ihn zurückzerren, gab es
aber bald auf, denn die Mannen wußten als richtige
Schützen gar wohl, daß man's nicht verzwingen soll,
wenn man nicht seinen Tag hat, und so war für
Alpin gewonnen, was er brauchte: Zeit und Verborgenheit. — Billig enthalten wir uns, den Verlauf des
Schützenfestes zu beschreiben; es genüge, zu berichten,
daß den ersten Preis ein Schütze jener Gattung herausschoß, die wir jetzt Kommißschützen zu nennen lieben,
ein Mann, der des Gewinnes wegen auf alle Schützenfeste lief und dessen handwerkmäßig sicheres Auge und
Hand nie eine innere Aufwallung irrte. Den zweiten
Preis, ein Trinkhorn, aus der mächtigen Stoßwaffe
des seltenen Ur mit der saubersten Glättung hergestellt,
gewann ein Normalhuster, welchem Niemand ein Glück
gönnte, das ihm so wenig anstand. Die weiteren
Ehrengaben bestanden in Pfeilen, Köchern, Speeren,
Aexten, auch lebendes Gethier, Gänse, Hühner, ein
Schwein, Kalb, Ziege standen in einer Hürde als
Gewinnste bereit. Der Preise waren viele, denn Jung
und Alt schoß mit; Schützen waren Alle vom siebenzehnten Jahr an und zwar pflichtmäßig. Diese Verpflichtung war ein Stück der Religion und zwar, wie
der Leser vielleicht mit uns findet, kein schlechtes.

Vom nahen Haine ließ während der Schießbelustigung ein Gesang heller Knabenstimmen, begleitet
von Harfentönen und geführt von einer Mannsstimme,
anfangs schüchtern, ungelenk und oft unterbrochen, dann
melodischer und zusammenhängender sich vernehmen.
Dort übte der Barde Kullur die Knaben des Dorfes
zum Vorsingen seines Hymnus ein. Er war zwar,
wie schon erwähnt, auf eine alte, heilige Melodie
gesetzt, aber die Verbindung derselben mit einem neuen
Texte wollte gelernt sein und zudem hatte der Dichter,
vornämlich an den Schlüssen der Strophen, gewisse
höchst stimmungsvolle neue Tonfiguren angefügt. Bei
Festgesängen pflegte ein Knabenchor der Gemeinde vorzusingen und dießmal war denn hiezu eine besonders
gründliche Einschulung vonnöthen. Dem Sänger Kullur
assistirte bei diesem Geschäfte der Gelehrte Kallar und
Beide wußten die Knaben mit so viel Liebe und Humor
zu behandeln, daß sie höchst willig und heiter sich leiten
ließen. Gleichzeitig aber hörte man von einer entfernteren Stelle des Hains mannigfache und verworrene
Laute von eigenthümlich sonderbarer Beschaffenheit,
theils Vokal-, theils eine Instrumentalmusik, wie man
sie niemals vernommen. Woher diese Töne kamen,
wußte man: es war der Druide, der geheimnißvoll
mit den ständigen Musikern des Dorfes und einigen
jüngeren Dilettanten sich an einen entlegeneren Ort
zurückgezogen hatte, um den andern Hymnus einzuüben, den er gedichtet und neu komponirt hatte, aber
welche neue Tonwelt den Ohren bevorstand, das wußte
man nicht, das konnte man aus den verlorenen Klängen
noch lange nicht entnehmen.

Das Schießen wurde sonst mit einem starken Frühstück und Trunk beschlossen, wobei das Volk der Pfahlmänner mit schönen Trinksprüchen in gemüthlichem
Selbstlob nicht Geringes zu leisten pflegte. Dießmal
begnügte man sich mit einem kürzeren Frühtrunk, denn
man wollte die Kraft der Kiefer und den Vorrath
von Rednergeist auf den abendlichen Festschmaus sparen,
der den Gästen zu Ehren noch viel großartiger als
sonst ausfallen sollte. Man verfügte sich also, nachdem das große Trinkhorn einige Male gekreist hatte
und den besten Schützen Hoch ausgebracht war, solid
nach Hause und ließ sich zum Mittagimbiß gefallen,
was die einzelne Küche vermochte. Was vereinigte
Kräfte und ausgebildete Technik der Kochkunst zu leisten
im Stande waren, das gedenken wir pflichtschuldig
in's Licht zu setzen, wenn wir dieser bedeutenderen
Entfaltung zusehen werden.

Die ersten Nachmittagsstunden brachten — nichts;
sie blieben leer. Ein Theil der Mannen legte sich
auf's Ohr und schnarchte, ein Theil und besonders
die ledigen Bursche liebten es, wie heute noch unsere
Bauern und das italienische Volk, am Sonntag Nachmittag einfach den Häusern entlang sich aufzupflanzen,
zu gaffen und gar nichts zu denken. Es war reiner
Genuß des Seins ohne jeglichen Zusatz, vollendete
Poesie der Langweile, gründliches Erschöpfen alles
göttlich Schönen, was im reinen Blödsinn liegt. Da
jedes Bestimmte endlicher Art ist, jedes Interesse den
Geist in's Bedingte führt, so ergab sich hier dem
regungslos brütenden Gemüthe ein reines Weben und
Wiegen im Unendlichen und Unbedingten. Nur die
Jüngeren waren solcher idealen Erhebung noch nicht
ganz fähig. Eine Nelke hinterm Ohr ließ merken,
daß sie gern gesehen wären. Sie zogen den inneren
Gassen den Corso oder Jungfernstieg vor. Wohlhabendere Dörfer sparten sich nämlich einen freien Gang
an der Seeseite längs einer Reihe der äußersten Hütten
aus, den nach außen ein Geländer begrenzte; ein solcher
Spazierweg fehlte auch in Robanus nicht, und hier
lehnten sich denn die jungen Burschen gern an die
Schranken oder setzten sich darauf, gampelten mit den
Beinen und guckten, und die blühenden Töchter der
Gemeinde waren nicht so pfahlhaft trocken von Gemüth, daß sie mit ihrer Erscheinung unbarmherzig
gegeizt und nicht ihrerseits auch geguckt hätten.

Wo mochte wohl der Druide stecken in dieser schwülen,
stillen Zeit nach Tages Mitte? Er war an einem
Orte, wo er nach herkömmlich heiligem Brauch in der
Stunde vor einer Opferhandlung zu verweilen pflegte,
an einer Stätte der Schauer, die kein Fuß eines Ungeweihten je betreten durfte. In der Mitte des Eichenhains, der sich hinter dem Dolmen ausdehnte, war in
Kreisform ein Graben gezogen, der vom übrigen Gehölz einen dichteren Theil absonderte, einen Hain im
Haine, worin die ältesten Eichen standen und ihre
knorrigen Aeste zu einem so verschlungenen Dach ineinanderschoben, daß kein Strahl der Sonne das
geisterhafte Dunkel durchdringen konnte. Der allgemeine Glaube war, hier wehe der Odem der Gottheit
vernehmlicher, als draußen in der offenen Welt, und
verrathe Urgeheimniß dem Ohre des Priesters; nur
scheue Blicke wagte das Volk von Weitem in das verbotene Heiligthum zu werfen und eine dunkle Rede
gieng um, man könne die weiße Gestalt der Selinur
und die gräuliche Unform des Grippo erkennen, wenn
es einem Mondstrahl gelinge, sich in diese Schattenwelt zu schleichen. An Festen, wo Menschenopfer fielen,
trat der Druide mit einem heiligen Eimer in dieß
Dunkel und beschüttete die uralten Stämme mit dem
Blute der Geschlachteten als dem edelsten, den Göttern
besonders wohlgefälligen Safte. Es war lange her,
daß die Gemeinde kein Fest gefeiert hatte, wo diese
werthvollsten aller Opfer gebracht wurden; sie war im
Grunde mehr frieden- und erwerb-, als kriegliebend;
zwanzig Jahre waren verflossen, seit sie an einem
Kampfe mit Nachbarstämmen theilgenommen und ihre
wenigen Gefangenen dem Grippo dargebracht hatte.
Angus war damals noch auf einem Anfangsdienste
und seit er zu der hiesigen stillen Gemeinde versetzt war,
hatte sich kein Kapitalverbrecher finden lassen, der an
der Stelle von Kriegsgefangenen hätte bluten können.
Es war theure Zeit gewesen für den Durst der Götter.

„Hochwürdiger Herr,“ flüsterte eine rabenartige
Stimme. Der Priester trat aus dem Schatten näher
an den Graben. „Bist du's, Hixi,“ sagte er, „du
darfst herein, Niemand sieht es jetzt.“ Er schob das
Brett herüber, das seinem priesterlichen Fuß als Brücke
des Einfassungsgrabens diente, und führte die Alte
an der Hand in's Dickicht. Sie erschrack vor einem
Baumgerippe, das wirklich Grauen einflößen konnte;
es war eine fast abgestorbene Eiche, deren Aeste so
wild verkrümmt waren, daß sie wie im Wahnsinn umherzugreifen schienen, und an deren Stamm ein paar
Risse und Astlöcher sich so zusammenfanden, daß man
eine scheußliche Fratze zu sehen glaubte. Die Rinde
war unten am Stamm kohlschwarz. „Das ist der
Grippo,“ sagte gemüthlich der Druide, „das Schwarze
kommt von altem Opferblut; ist lang nicht gegossen
worden.“ Aber kaum beruhigt fuhr Hixi auf's Neue
zusammen: „Dort, dort — ein Geist!“ rief sie. „Und
das ist Selinur,“ schmunzelte der Druide, „sieh' dir's
an!“ Es war eine Birke, die sich als Gast zwischen
den Eichen befand und deren weiße Rinde ein schwacher
Lichtstreifen traf, der sich durch das dichte Laubdach
hereinstahl. „Nun sieh' auch dorthin,“ fügte er hinzu,
indem er auf eine Stelle im tieferen Dunkel hinwies,
wo das Scheinholz eines verwesten Eichenstumpfes
schimmerte: „da ist auch Strahlenstirn Taliesin.“ Sie
sah sich jetzt beruhigt, neugierig staunend um wie ein
Kind in einer hübschen Puppenstube. Angus führte sie
hierauf an einen mit starken Farrenkräutern und Buschwerk bewachsenen Platz; „da such'!“ sagte er. Sie
streifte die Stauden auseinander und fand einen großen
Topf, auf's Haar gleich dem zertrümmerten Erbstück
der Coridwen. Sie jubelte auf wie ein Kind, dem
der Hase gelegt hat. — Es wurde verabredet, wie es
einzuleiten sei, daß die Wundergabe gleich heut Abend
beim Fest figuriere. Aber Urhixidur's Freude war
flüchtig, sie wurde auf einmal sehr traurig und begann
zu weinen. „Was ist dir, Durli?“ — „Ich möcht'
eben weissagen lernen, ich bin ja nie dazugekommen.“
— „Noch kurze Geduld,“ sprach er, „bald ist Gelegenheit: er soll hübsch zucken und ich werde dich kunstgerecht informieren.“

Sie flüsterten noch Einiges, was der Leser aus
den folgenden Ereignissen so klar erkennen wird, daß
es für jetzt Geheimniß bleiben mag. Die Unterredung
durfte nicht lange dauern, der Priester brachte die getröstete Alte zurück, bei der Fratzeneiche vorübergehend
sagte sie: „Sollst bald wieder einmal begossen werden.“
Angus half ihr über den Graben zurück und sie schliech
auf Umwegen bis zur Dorfbrücke.

Endlich kam der Spätnachmittag und der Abend,
auf den alle Welt sich freute. Wir geben vorerst in
Kürze das Programm der Herrlichkeiten, die in Aussicht standen.

Erstens. Das Opfer. Zum Beginn: Singung des
Hymnus, vielmehr der zwei Hymnen, denn es sollte
ja nach dem Dichtwerke des Barden auch das Erzeugniß des Druiden zur Aufführung gelangen.
Zweitens. Ballet. Das Nähere wird uns seiner
Zeit der Herold, dann der Anblick selber sagen.
Drittens. Großer Festschmaus mit Tafelmusik und
Extrabeleuchtung.

Vom Aufzug am vorletzten Abend unterscheidet sich
der heutige dadurch, daß an der Spitze die Musik geht.
Sie ist ungewöhnlich stark vertreten, wir haben bereits
gemeldet, daß zu den Künstlern vom Fach noch manche
Kräfte beigezogen waren, welche das Spiel der Töne
sonst nur zum Zeitvertreib übten und welche man in
der Schnelligkeit noch etwas gründlicher durchzubilden
gestrebt hatte.

Voraus schritten die größeren Blaswerkzeuge. Da
marschirt selbstbewußt der schon berührte Gaisbub, der
Virtuos auf dem langen Hirtenhorn. Es war zwar
nicht Sitte, der Ziegenheerde den Kuhreigen vorzublasen,
aber der Bursche hatte sich so begierig gezeigt, dieß
Instrument zu lernen, und in Alpin's Unterricht so
viel Eifer und Begabung entwickelt, daß man gern
darüber hinwegsah, wenn er nicht nur außeramtlich
seinen Uebungen sich hingab, sondern auch seine Heerde
eines musikalischen Genusses würdigte, der eigentlich
dem ungleich vornehmeren Rinde vorbehalten war.
Neben ihm stolziert ein Bläser auf dem Stierhorn;
der größte Bullenstirnschmuck, den man auftreiben
konnte, war zum Tonwerkzeug so glatt als möglich
verarbeitet. Der dritte Mann in dieser ersten Reihe
ist ein Trompeter, wobei zu wissen, daß dieß Instrument, ehe das Metall bekannt war, aus dickem Leder
gebildet wurde.

Es folgen drei Pfeifer, doch nicht mit gleichen
Werkzeugen: der eine bläst die kurze Querpfeife, die
man Schwegel nannte; der zweite das Instrument,
das bei den Griechen Syrinx, bei den Pfahlbewohnern
Bündelpfeife hieß: Rohrpfeifen, nach der Tonleiter zu
einer Gruppe geordnet; der dritte weiß einem ungleich
entwickelteren, doch immer noch ursprunghaft unschuldigen
Instrument eine Welt von etwas näslichen, doch innig
rührenden Tönen zu entlocken: es ist der Dudelsack.

Die nächste Reihe bilden drei Krottler. Krott
(der) hieß das Streichinstrument jener Völker: eine
Geige mit drei bis vier Saiten. Kräftig führten
die heiteren Künstler ihre derben Fidelbögen auf und
nieder und ließen dem gezogenen Anstrich scharf gerupfte Risse folgen, die so recht mächtig an das Ohr
der erbauten Hörer schlugen. Nicht daß diese biedere
vorgeschichtliche Fidel dem weichen Elemente verschlossen
gewesen wäre, aber die Saiten waren immerhin etwas
dick und die Roßhaarstränge des Bogens auch; ein
schmelzendes Adagio, das doch wohl nicht fehlen wird,
wäre für sie freilich eine schwierige Aufgabe gewesen.
Da man sich zudem die Töne der Pfeifen auch nicht
sehr flötenhaft vorstellen darf, so fühlte allerdings
auch der Pfahlbewohner, daß das zärtere Tonreich
einer doppelt starken Vertretung bedürfe.

So folgten denn zwei Reihen, also sechs Mann
Blättler. Ihre Kunst war es, die in schönem Bunde
dem Starken und Strengen das Weiche und Milde
paarte, denn wirklich, sie wußten dem zwischen den Lippen
erzitternden Buchenblatt Tonwellen abzugewinnen, denen
der Nerv des Gehörs in der zartesten Schwingung
nachzittern mußte. Diese Töne gliechen dem Summen
und Surren schwärmender Bienen, aber wie arm ist
diese zufriedene Musik der emsigen Thierchen gegen
die melodischen Wechsel des lachenden Scherzes und
sanften langen Weinens, wozu der seelische Menschenathem die grüne Pflanzenfaser bewegte! Alpin, den
wir als Meister aller Blättler schon gerühmt haben,
konnte sich dießmal der Mitwirkung nicht entziehen,
er mußte vielmehr die führende Stimme übernehmen;
es war ihm leid und lieb; wer gewußt hätte, was in
ihm vorgieng, hätte sich leicht erklärt, warum heute
sein Blättchen so besonders ergreifend, so bange und
wieder so wonnevoll erbebte, wenn man es zwischen
den andern Stimmen und Klängen heraushören konnte.

Etwas auffallend war es, daß man in der Anordnung des Zuges dieß Weiche und Milde so unmittelbar neben das Stärkste des Starken gestellt hatte, denn
hinter den Blättlern kamen, mit ziemlich behindertem
Schritte, die Trommler gestiegen, vielmehr zwei
Trommler und ein Pauker. Die Eselshäute waren
natürlich nicht über Messing, sondern über ein Rund
gezogen, das von Schefflerhand aus reinlich weißen
Dauben gebildet und mit rothgefärbten Reifen umspannt war. Die Pauke muß man sich nicht wie die
doppelte Kesselpauke unserer Orchester, sondern wie den
gewaltigen Bau vorstellen, der bei der türkischen Musik
quer wie ein Faß auf dem Bauche geschleppt und auf
der einen Seite mit einem großen Schlegel, auf der
andern mit einem Wedel bearbeitet wird. Eine Schaar
Dorfknaben, die sehr fröhlich die Musikbande begleiteten
und sich ihrem Geschmacke gemäß namentlich zu den
Trommlern hielten, drängte sich am dichtesten um
den starken Mann, der mit derben Fäusten auf dieß
Ungethüm einwirkte. Sie schliechen sich ihm nahe, es
gelang etwan einem der Schelmen, mit seinem Stecken
auf das Paukenfell zu schlagen, er bekam einen Klaps
mit dem Wedel und das gab denn nicht wenig zu
lachen.

Zuletzt kam, einzeln für sich schreitend, ein Mann,
der ganz ausnahmsweise dießmal eine Rolle bei der
Musik übernommen hatte. Es war der Dorfrätscher,
das heißt das Gemeindemitglied, welches mit jenem
Instrument, das man in einigen Gegenden Deutschlands eine Schnarre, in andern aber vermöge uralter
Ueberlieferung aus der damaligen Zeit eine Rätsche
nennt, zweierlei Verrichtungen vollzog. Als Ausrufer
kündigte dieser nützliche Mann die öffentlichen Bekanntmachungen durch die Klapperlaute seines Werkzeuges
an, wie seine Nachfolger in neuerer Zeit mit der Schelle,
als Flurschütz verscheuchte er durch sein Geräusch die
Vögel aus Obstpflanzungen und Aeckern. Die Rätsche
war gewaltig groß, gut zwei Ellen lang; er hätte
keinen Raum gehabt, sie zu drehen und zu treiben,
wenn er zu Dreien gegangen wäre, so beschloß er den
Zug als ungerader neunzehnter Mann. Er blickte
stolz, er fühlte die Ehre, dießmal durch besondere Einladung des Druiden zur Kapelle gezogen zu sein.
Bei der Einübung hatte er sich sehr gelehrig erwiesen
und erprobte dieß schon jetzt durch richtiges und kräftiges Einfallen bei den stärkeren Stellen der uralten
Marschmelodie, unter deren Klängen in gleichem Schritt
und Tritt die Bande daher- und voranzog.

Nicht wenig reizte es die Neugierde der Knaben,
die den Zug umschwärmten, daß einige der Musiker,
namentlich die Bläser, stattliche, von unbekanntem Inhalt strotzende Taschen an der Seite trugen. Diese
lächelten zu den fragenden Blicken, der Gaisbub that
besonders geheimnißvoll und schlug manchmal mit eigenthümlichem Augenzwinkern auf sein gefülltes Umhängsel.

Den Musikern schlossen sich, zunächst unthätig, die
Singknaben an und hinter diesen gieng in dem Festanzuge und mit dem szepterähnlichen Stabe, den wir
schon kennen, der Druide, sehr feierlich wandelnd, mit
scharfgeschlossenen Lippen wie ein Mann, der eines
Vorsatzes voll ist. Die sechs Gemeinderäthe fehlten
auch heute nicht im Zuge, sie waren seine Assistenten
und Zeugen bei der Opferschau. Die Ehrenstelle nach
dieser Reihe nahmen die zwei Gäste, die Barden, ein;
erst nach ihnen folgte dießmal der Weibel, der wieder
dem Bittel und Ehegoumer vorangieng; ihm war jetzt
das Amt zugefallen, dem Sängerbarden die große
Harfe nachzutragen. Und nun erschien jenes Wesen,
das schon im ersten Zuge nicht gefehlt hat: Urhixidur.
Vor Jahr und Tag schon hatte der Druide seiner
werthen Hausmeisterin auch das Ehrenamt einer Opferthierführerin, einer Opfernorne zuzulegen gewußt; nun
war es verjährt und galt wie ein Brauch, der nicht
anders sein könnte. Sie führte mit der Rechten ein
schneeweißes Lamm an einem Rosaband, mit der Linken
an schwarzer Leine ein schwarzes Böckchen. Beide
Thiere waren mit einer Art von Schabraken geschmückt
in denselben Farben und mit einem Saume von gelben
Thonperlen und Fransen eingefaßt. Die Züge der
Greisin hatten heut etwas Entwölktes, sanft Heiteres,
sie wendete sich mit weicher Beugung öfters zu den
Thierchen, wenn sie nicht weiter wollten oder Sprünge
machten, redete sie mit Kosenamen an und streichelte
sie, namentlich das Böckchen, das, anfangs ganz munter,
bald in eine Trägheit verfiel, ja so matt wurde, daß
es sich zu Boden legen wollte. Die Alte konnte zwar
nichts von klassischer Idylle wissen, wir aber, die wir
davon wissen, können anders nicht sagen, als: sie fühlte
und trug sich, ihr Alter schön vergessend, hold wie
eine arkadische Schäferin. Ihr folgte, eine blutrothe
Schürze angethan, der heilige Metzger: der Schlächter
der Opferthiere. Auf der Schulter hielt er die Steinaxt, im Gürtel steckte ein scharfer, schmaler Meißel mit
Hirschhorngriff. Die Klinge bestand aus einem Stein
von ungewöhnlicher Farbe: grün mit graulichen Wolken
durchzogen. Man fand diesen Stein nirgends im
Lande, eine dunkle Sage gieng um, solche Opfermesser
seien kein Naturerzeugniß, sondern eine Wundergabe
der Götter selbst; er hieß daher heiliger Grünstein,
während unsere profane Sprache ihm den Namen
Nephrit gegeben hat. Der Gemeinde voraus, die dießmal, Männer und Frauen, Alt und Jung, am Zuge
theilnahm, giengen heute die neu betuchten und durch
Ritzung besiegelten Knaben und Mädchen, zu vier und
vier marschierend wie die Gemeinde, und fleißig, obwohl meist unnöthig ihre frischen Tüchlein in Gebrauch
setzend. So wallte denn der Zug dahin. Als er
über die Brücke war, fanden Alpin's Blicke in einer
Gruppe von Mädchen am Ufer endlich die Eine, die
sie suchten. Inniger und heißer hauchte er auf sein
Blatt und entzückt sah Sigune herüber.

Der Zug langte am Opferplatz an; ein Flüstern
des Staunens gieng durch die Reihen, je die Vorderen,
am Dolmen Angelangten deuteten, rückgewendet zu den
Folgenden, auf einen Gegenstand hin, der sich auf dem
Steintisch befand. Es war Vielen aufgefallen, daß der
heilige Metzger heute nicht wie sonst den Kübel trug,
der das Opferblut aufzunehmen bestimmt war. Nun
sah man auf dem Altar einen Topf stehen, zum Verwechseln ähnlich dem Coridwenhafen, dem Gegenstande
scheuer Ehrfurcht nicht eben für Alle, doch für die
Meisten in der Gemeinde. Der Priester hat, wie sich
der Leser erinnert, die Zerstörung dieses geheimnißvollen
Gefäßes „durch Frevlerhand“ öffentlich in der Versammlung beklagt. Unter den Vorbereitungen zum Festzuge hatten sich nun verschiedene Stimmen vernehmen
lassen, man werde ein Wunder vorfinden, wenn man
am Steinmal anlange. Sie giengen von einigen alten
Männern aus, Mitgliedern des Gemeinderaths, und
diese beriefen sich wieder auf ein paar alte Weiber
und Kinder. Eine weiße Gestalt, hieß es, sei wie ein
Nebelstreif aus dem heiligen Haine her zum Dolmen
geschwebt und habe ein undeutliches Etwas auf ihn
niedergesetzt, das man, als sie verschwunden, als
Coridwentopf erkannte. Eine Frau habe es gewagt,
ihr hinkendes Kind naher zu führen, und ihm erlaubt,
den Finger an die Wand des Gefäßes zu legen: kaum
gethan, sei das Kind fröhlich aufgesprungen, das lahme
Bein sei geheilt. Man zeigte das Kind, es war dem
wirklich so. Und nun denn sah man wirklich den
Topf da stehen! Als der Druide bei dem Altar anlangte, schien er zu stutzen, hemmte einen Augenblick
seinen Schritt, betrachtete mit weit offenen Augen das
Geräthe, gieng dann vorwärts und trat, nachdem der
ganze Zug in der Ordnung eines Halbkreises aufgestellt war, feierlich vor den Pfeiler mit dem Steinbilde der Selinur. Er sprach ein uraltes Gebet, das
die Weltenmutter anflehte, sich das Opfer gnädig gefallen zu lassen, und dem er heute mit tiefbewegter
Stimme Dankesworte für das Wunder beifügte, das
hier sichtbarlich den Augen des Volkes erscheine. „Du
hast,“ sprach er, „o Göttin, das Gefäß neu geschaffen,
in welchem einst jener geisterfüllte Brei gekocht wurde,
durch dessen Genuß nach wunderbaren Wandlungen
der Zwerg Gwyon zum Taliesin wurde, der unsern
heiligen Orden gestiftet. Du selbst hast uns gewürdigt, in Lichtwolkengestalt diese Neuschöpfung als
Göttergabe herbeizubringen und hier auf deinen Altar
zu stellen, ja noch mehr, du hast seine Wunderkraft
an einem unglücklichen Erdenwurm bethätigt!“
In diesem Augenblick führte die Mutter das geheilte Kind hervor.

„Tanze und springe, du beglücktes Wesen!“ rief
der Priester und das Mädchen umtanzte in rhythmischen
Galoppsprüngen den Altar.

Er vollendete sein Gebet und jetzt führte Urhixidur
das Lamm vor, es wurde am Altare festgebunden und
fiel unter dem sicheren Hiebe des Schlächters. Das
abfließende Blut wurde in dem Coridwentopf aufgefangen. Als das Thier ausgezuckt hatte, öffnete er mit
dem Nephritmeißel seinen Bauch, zog die Eingeweide heraus, der Druide prüfte sie mit strengem Einblick, nickte
dann mit froher Miene und besagte dadurch, daß das
Opfer tadellos, glückverkündend und der Göttin willkommen sei. „Nimm es gnädig hin,“ rief er, „dieß
zarte, gesunde Lammesherz! In ihm sind dir geweihet
alle frommen Herzen dieser Gemeinde!“ Jetzt wurden
die Eingeweide auf das Holz gelegt, das auf der
Dolmenplatte gehäuft war, und das Feuer angezündet.
Als es prasselte, hob der Schlächter den Topf auf
und überreichte ihn feierlich dem Druiden. Langsam
schritt dieser mit seiner heiligen Last hinweg, dem
Haine zu und verschwand in dessen Dunkel. Lautloses
Schweigen herrschte im Kreise. Alles Volk wußte,
daß jetzt im Heiligsten des Waldes der Baum der
Selinur mit dem Opferblute begossen wurde. Nach
kurzer Zeit kam der Priester zurück, das Feuer brannte
noch und jetzt begann der Gesang des neuen Hymnus.
Zur Begleitung hatte Kullur nur die Pfeifer und
Blättler und für einige Stellen das Hirtenhorn beigezogen. Anfangs schüchtern, dann voller und freier
folgte die Gemeinde der führenden Musik, den tragenden Stimmen der Knaben und älteren Männer, denen
die Weise noch in Erinnerung war, das Gefühl des
Ahnungsvollen in den traumhaft tiefen Worten ergriff
sie stärker und stärker und bald schwoll ein Massengesang
heran, so mächtig wogend, wie er aus Stimmen der
heutigen Menschenwelt nimmermehr zu erzeugen wäre.

Als der Gesang ausgeklungen, trat der Druide
vor und begann: „Ich erlaube mir nun, hochgeachtete
Gäste und achtbare Gemeinde, euch den bescheidenen
Versuch vorzuführen, dessen ich vorgestern Erwähnung
zu thun mir die Ehre gab. Der Urheber eines Werkes
ist ein parteiischer Zeuge für seinen Werth. Hört an,
urtheilt, ich unterwerfe mich eurem Ausspruch! Nur
die kurze Bemerkung schicke ich der Produktion noch
vorauf, daß mir wohlbewußt ist, wie dieselbe vielleicht
etwas länglich erscheinen dürfte. Dieß rührt daher, daß
ich glaubte, ein Ganzes zunächst aus zwei Gliedern
bilden und bauen zu müssen: das erste mehr lehrhaft,
um dem Inhalt unseres heiligen Glaubens klaren, verständigen und verständlichen Ausdruck zu geben, das zweite
Glied aber echt lyrisch, um dann auch der Empfindung
ihr volles Recht zu gönnen, denn das Erste ist, daß die
Religion als strenge und deutliche Wahrheit feststehe,
das Zweite, daß diese Wahrheit, nachdem sie den
Menschen ganz durchdrungen, nun auch ganz in Gefühlsleben sich umsetze und verwandle. Uebrigens erwartet, wenn jemals, so gewiß auch dießmal, der
große, furchtbare Grippo seinen besondern Fest- und
Lobgesang. Dieser Pflicht wird mein Hymnus entsprechen und sich so zu einem dreigliedrigen gestalten.
Noch bemerke ich, daß ich die achtbare Gemeinde für
jetzt noch nicht zum Mitsingen aufzufordern für passend
halte. Dem ersten Glied meiner Dichtung zwar ist
eine alte strenge Weise zu Grunde gelegt, in welche
die ehrenwerthen älteren Bürger schnell sich wieder einfinden werden; anders aber verhält es sich mit den
folgenden Gliedern, wo Dicht- und Tonkunst zu ungewohnten Höhen kunstreicherer Bewegung sich aufschwingt und unter dem Mitgesang Ungeübter leicht
die Feinheiten, insbesondere der Instrumentalbegleitung,
leiden könnten. Ich schlage vor, ich rathe: singen
wir gemeinschaftlich das erste, größere, einfachere Glied
meiner Trilogie heute Abend zum Beginn des Festschmauses und überlassen wir es der Zukunft, ob nach
öfterem Vernehmen das Gehör der Gemeinde auch in
die schwierigeren, kunstvoller wechselnden Weisen der
folgenden zwei Glieder sich so eingewöhne, daß sie zum
Volksgesange werden können.“

Es erfolgte ein beifälliges Nicken, er hob die Hand
wie ein Kapellmeister, gab mit den ersten Worten den
Ton an, die Knabenstimmen setzten hell und sicher ein,
nur die Krottler begleiteten die ersten drei Strophen,
bei der vierten und fünften wirkten die Trommler, der
Pauker und der Rätscher mit, bei der letzten fielen
die Blättler ein und ein Finale von Pfeifern und
Hornbläsern setzte das Punktum. Da wir noch ganz
andere Leistungen zu erwarten haben, so genüge es,
zu bemerken, daß ohne Fehl und Mangel der Strom
des Hochgesangs in Ohr und Gemüth der andächtig
lauschenden Gemeinde sich ergoß.

Niemand soll die Nase rümpfen,
Daß wir zwischen Moor und Sümpfen,
Zwischen Schilf und Weidenstümpfen
Auf den Seen seßhaft sind!
Die du webst in Nebelhüllen,
Sanft erhaben in dem stillen
Mondschein thronest, deinem Willen
Folget fromm das Menschenkind.
Doch du hast uns auch belehret,
Deinen Willen uns erkläret,
Deine Gnade sei verehret,
Große Weltenspinnerin!
Du erlaubst, daß in die Zwecke
Unsre Einsicht sich erstrecke,
Zeigst uns, wo verborgen stecke
Deiner Vorschrift tiefer Sinn.
Menschen pfleget zu befallen
Oft ein Uebel, das vor allen
Sie erfaßt mit scharfen Krallen,
Welches Pfnüssel ist benannt;
Kommt und wächst es ohne Regel,
Uebersteiget es den Pegel,
So wird davon Kind und Kegel
Bitterbös und wuthentbrannt.
Wenn es schleichet durch die Glieder,
Beißt und kitzelt hin und wieder,
Wenn es von der Nase nieder
Steigt bis in des Magens Schacht,
Aufwärts wieder dann erbrauset
Zum Gehirn, das gährt und sauset,
Dann im ganzen Menschen hauset
Grippo's finstre Herrschermacht.
Es erwachen, es entzünden
Sich dann in der Seele Schlünden
Alle Tücke, alle Sünden,
Bös Gelüste, dumpf und taub,
Wollust toll und ohne Schranken,
Zorn und Lust zu wüstem Zanken,
Mörderische Haßgedanken,
Diebstahl, Lug und Trug und Raub.
Diesem Uebel nun gebietet
Selinur, die uns behütet,
Die im grauen Seedunst brütet,
Ordnung, Ziel und Mäßigung;
Regelmäßig soll es kommen
Und, ist es einmal entglommen,
Klar verlaufen und uns frommen
So sogar zur Läuterung.

Die Gemeinde hatte sich doch nicht ganz nur lauschend verhalten; einige gesetzte ältere Bürger und
sogar einige alte Frauen hatten es sich nicht nehmen
lassen, nachdem sie sich in die alterthümliche Choralmelodie wieder eingehört, bei der zweiten Strophe einzufallen, die Weiber nicht ohne den gewissen Näselton, der didaktischen Kirchenliedern im musikalischen
Vortrag so gut ansteht, auch nicht ohne die Wagniß,
bei gewissen Uebergängen angenehme Koloraturen anzubringen. Die übrige Gesellschaft aber verharrte
allerdings in der Rolle des bloßen Zuhörers, der gesetztere Theil mit Gebärden und Mienen, die eine
große Genugthuung kund gaben, ganz das Gefühl,
wie wir es dem höchst einleuchtend Klaren gegenüber
empfinden. Auf den jüngeren Gesichtern dagegen erschien ein gewisser Ausdruck, den man in Süddeutschland mit dem Worte zu bezeichnen pflegt: er hat den
Glotzer. Dieser Ausdruck war so weit als möglich
entfernt von irgend einem Zeichen des Urtheils, wir
würden sagen: unbeschreiblich dumm, wenn wir geneigt
wären, über gewisse Zustände, worin wir unfähig sind,
zu irgend einem Gegenstand in ein inneres Verhältniß
zu treten, ein herbes Gericht zu halten. Der Druide hatte
unausgesetzt die zwei Barden fixirt; sie kamen ihm jetzt
entgegen mit sehr aufgeweckten Gesichtern, in denen sich
zwar einige Verlegenheit spiegelte, wie sie zwischen Wahrheit und Höflichkeit durchkommen sollten, ohne doch allzu
ironisch zu werden. Er ersparte ihnen die Schwierigkeit,
indem er leuchtenden Auges bat, sie möchten ihr Urtheil
noch zurückhalten und vorerst auch den poetischeren,
lyrisch und musikalisch bewegteren Nachsatz hören, oder
sozusagen den feineren Giebel seines Aufbaus betrachten.

Er wandte sich, gab wieder sein Zeichen. Ein
Theil der Musiker war inzwischen beschäftigt gewesen,
aus den mitgebrachten Säcken auf eine Schranne, die
sie sich hatten hinstellen lassen, kleinere und größere
Körper, Artefakte ganz unbekannter Art, sorgsam und
geordnet hinzulegen. Wir geben zuerst den Text:

Sende, o Nebliche,
Mondenscheinschwebliche!
Sende das kitzliche,
Prickelnde, bitzliche,
kratzende, kritzliche
Uebel uns nur!
O Selinur!
Pfisala, Pfnisala, Pfeia!
Gleitende, Wehende!
Spindelumdrehende!
Hüte vor Stopfungen,
Stockungen, Pfropfungen,
Rasigen Knopfungen
Gnädig uns nur!
O Selinur!
Pfuisala, Pfuiala, Pfuia!
Schenke, o Schimmernde,
Röhrichtdurchflimmernde!
Lästigen Fließungen,
Hustigen Niesungen
Läuternde Schließungen,
Schenke sie nur!
O Selinur!
Leiala, Fleiala, Fleia!

Die Musik begann je bei den zwei ersten Zeilen
dieser drei Strophen mit einigen stimmungsreichen
melodischen Sätzen, wobei die Blättler ihr Bestes
thaten und nur von den Pfeifern unterstützt wurden.
Das gewisse Helldunkle, Schwebende, Flüsternde, zart
Geisterhafte in diesen Stellen kam wirklich zu gefühlter
musikalischer Geltung. Bei den folgenden Zeilen aber
sprang die Musik in ein Element über, welches die
Welt bis dahin noch nicht gekannt hatte. Statt sich
im Melodischen gedankenlos zu wiegen, wurde sie ganz
nur ausdrucksvoll. Nicht nur, was jedes Wort, nein,
was jede einzelne Sylbe, ja jeder Buchstab sagte, kam
in Tönen, Tonbewegungen, Klangfarben zu unnachahmlich charakteristischer Offenbarung. Zu diesem Zweck
nun bedurfte es auch neuer instrumentaler Mittel; in
einer Reihe geheimgehaltener Berathungen mit dem
Druiden hatte der Gaisbub unter seiner Anleitung
und inspirirt von seinem eigenen eminenten Talent
eine Anzahl ungekannter Zuthaten zu den Tonwerkzeugen, kleine Kunstwerke für sich, geschaffen; für die
Trommler hatte er verschiedene, feinere und gröbere,
rund- und ovalköpfige Schlegelpaare zierlich hergestellt,
die Syrinxpfeifen hatten Ansatzstücke nach Höhe und
Tiefe aus Schilfrohr erhalten, die mittelst feiner Hornhaften schnell angefügt werden konnten; die Löcher der
Schwegeln waren vermehrt, jede hatte zum Abwechseln
drei neue Einsatzstücke bekommen; da es noch keine
Drehbank, also auch keine Schrauben gab, so hatte es
keine kleine Mühe gekostet, es zu bewerkstelligen, daß
diese neuen Theile durch fein geschnitzte, wohl gerundete und geglättete Nüsse und Zapfen dem schnellen
Wechsel mitten in der Produktion bequem und handlich dienten; so hatten ferner die Dudelsackpfeifen, das
Stierhorn und die Ledertrompete verschiedene Mundstücke von breiterer oder schmälerer Oeffnung erhalten;
die größte Sorgfalt aber hatte der junge Tausendkünstler auf sein eigenes Instrument, das lange Kuhreigenhorn verwendet: hier waren die Zuthaten am
reichsten und die Arbeit die feinste, nicht nur verschiedene Mundstücke von ungleicher Weite der becherförmigen Oeffnung, sondern auch Endstücke von verschiedenem Durchmesser der Mündung waren bestimmt, als
Mittel zu vielsagenden Tonschattirungen zu dienen. Nun
begann diese Wunderwelt von neuen Bereicherungen
der Mechanismen ihre ganze Kraft und Fülle zu entwickeln bei den drei gleichreimigen Zeilen in der
Mitte der Strophen, und noch unendlich mehr bei den
aus der Tiefe des Wesens der Sache und der Sprache
mit dunkelgewisser Symbolik des Klanggefühls geholten
Lautfiguren je in der letzten Zeile. Diesem Schlusse
gieng aber in jeder Strophe wieder eine Leistung der
sanften Blättler voraus, denn ihnen war vorherrschend
die Begleitung der Anrufungen der Göttin in der
dritt- und vorletzten Zeile übergeben, schön lösten sie
die Aufgabe, an dieser Stelle in die weichen Modulationen der Versanfänge zurückzulenken, und so bewegte
sich denn die volle, mächtige Orchesterentfaltung zweimal in jeder Strophe durch eine Welt lebendiger
Kontraste zum seelenvollen Schluß. Wie sollte man
nun mit den Mitteln der Sprache sagen können, welchen
Ausdruck das gewisse Spitzscharfe der I und Z in
dem: „kitzliche, bitzliche, kritzliche“ durch die neuen Tonmittel fand! Mehrere Zuhörer mußten unmittelbar
niesen und husten, es fuhr ihnen, wie vom Ohr in
die Seele, so von der Seele flugs in die Nase. Bekannt ist, daß bei den schnuppigen Vorgängen in Nase,
Rachen und Lippen neben anderen akuteren auch gewisse blasende Töne erscheinen; diese höchst feine Nüance
kam in der Exekution des „Pfisala, Pfnisala, Pfeia“ zu
ungeahnter, geradezu hinreißender Geltung. Im folgenden Vers das dumpf Verschlossene, Luftsuchende in
den Reimen „Stopfungen, Pfropfungen, Knopfungen“
— es erdrückte den Hörern fast den Athem, der horn- und lederdunkle Ton des Stierhorns und der Trompete
versetzte das Gemüth mitten in den Engpaß der bang
versperrten Nasenhöhle, und wohlangebrachte Paukenschläge mit den größeren Schlegeln vermehrten die
finsteren Schrecken dieser Gefangenschaft; knarrende
Rätschenlaute, schrille Pfeifentöne, scharfe Fidelbogenrisse, näselnde Dudelsackschnarrungen dazwischen gaben
den momentanen Oeffnungen der Einpressung, diesen
kargen Befreiungen ihr wohlverdientes Recht. Jetzt
folgte das mächtig beredte: „Pfuisala, Pfuiala, Pfuia!“
Hier that das lange Hirtenhorn sein Bestes, nicht ohne
daß Stierhorn und Trommel wieder großartig mitgewirkt hätten; breite, fagotartige Klänge zogen sich mit
gehaltener Energie zu gestreckter Dehnung aus, die
Krottler giengen von ihren kurzen Rupfen zu lang
getragenen Strichen über, Paukenschläge besagten ein
Etwas wie verwerfenden Abscheu, aber gleichsam mit
geistreicher Frivolität wurde dieses Pathos umspielt
von kurzen, neckisch tanzenden Blatt- und Pfeifentönen. Dann nahmen diese weicheren Tonwerkzeuge
einen Uebergang in's Schmelzende und Rührende, womit sie die letzte Strophe, diesen stimmungsvollen
Ausdruck der Lösung, der Befreiung einleiteten. Zwar
nicht sogleich erfolgte dieser Uebergang, gewisse rinnende
und rieselnde Töne, bei den „lästigen Fließungen“
hervorschlüpfend, hatten noch etwas Gehemmtes,
Stockendes, Aengstliches, dann wieder Heftiges; als
die „hustigen Niesungen“ folgten, wurde mit kurzen
Paukenwirbeln, Knarrgeräuschen, punktuellem Pizzicatospiele auf den Fideln, mit einzelnen Hornschmetterungen
noch einmal das nun fernab schwebende Uebel angedeutet,
aber bei den „Schließungen“ begann nach einer Ruhepause ein himmlisch sanftes Adagio flötenartiger Mollklänge, das für seine völlige Entwicklung sich an den
finalen Sylben-Ausklang: „Leiala, Fleiala, Fleia“ wundermild anlehnte; jetzt wurden ja nicht nur die hellen
Vokale ei und a, sondern auch die weichen Konsonanten
L und F aus Buchstaben zu musikalischen Tönen und
offenbarten erst so den geheimnißtiefen Sinn ihrer
Wahl; innige, seligmüde Auflösung, das war das Grundgefühl; die Mehrheit der Zuhörer, der Frauen insbesondere, ergossen sich in wehmüthig sanfte Thränen, ein
kurzer Paukenschlag — und die Aufführung war geschlossen.

Langes Stillschweigen, dann ein gezogenes, tiefgeholtes „Ah!“ und hierauf brach ein Jubelsturm los
ohnegleichen, — zwar nicht allseitig; einige Zuhörer
verharrten in Schweigen, andere brummten, etliche
wenige grunzten, aber diese Verstockten wurden überflutet vom Stimmengewoge der jauchzenden Menge.
Man eilte auf den Schöpfer des Wunderwerks zu,
man umarmte ihn, man rief: „Ueberweltlich!“ Aber er
erwehrte sich; als er zu Worte gekommen, sagte er
sehr ernst: „Wir haben des ernsten Gottes Grippo
noch nicht gedacht! Zuerst das Opfer! Dann das
letzte Glied des Hymnus, den Schluß der poetischmusikalischen Triade!“

Er trat vor den Pfeiler mit dem Molchbild. Er
schaute lang die rohe Steingestalt an mit bedenklich
ernsten Blicken. Er sprach feierlich das Gebet an den
Gott und rief dann Urhixidur zu: „Führe das Opfer
vor!“ Sie stand bei dem Böcklein und schien es mitleidig anzusehen, denn es lag matt am Boden. Sie
zog es in die Höhe, es stand schwank auf den Füßen,
der heilige Metzger that wieder seine Pflicht, dann
ward der Bauch des getödteten Thierchens aufgeschnitten,
der Druide sah hinein und schüttelte bedeutungsvoll
trüb den Kopf. „Der Magen entzündet! Milz und
Leber geschwollen!“ sagte er in dumpfem Tone und
erklärte: „Grippo verschmäht das Opfer, das Opferholz wird nicht angezündet! Der heilige Baum muß
unbegossen bleiben!“

Eine bange Stille lag über allem Volk. „Seinen
Hymnus aber wird er nicht verschmähen, tretet abermals vor, ihr Sänger und Musiker!“ Sie folgten,
sichtbar erschöpft, am meisten der Gaisbub. Ehe sie
begannen, sprach der Druide: „Ich ersuche die hochachtbare und achtbare Gesellschaft, zu bemerken, daß
ich für angemessen erachtet habe, bei diesem dritten
Gliede meines Dreigesangs, das ebensosehr auch als
selbständiger Hochgesang zu gelten hat, die uralt gewichtige Form des Stabreims anzuwenden, und zwar,
was ich nicht zu übersehen bitte und was nicht sehr
leicht war, in dreizeiliger, zum Theil selbst vierzeiliger
Durchführung. Was ihre Klangverhältnisse ausdrücken,
werdet ihr fühlen, wenn ihr mit offnen Sinnen hören
wollt. Hebet an!“

„Du aber, Grippo!
Grimmiger Greifer,
Grunzender Lindwurm,
Dräuender Drache!
Jegliche Dumpfheit,
Dickung und Dämmung,
Die das Gehirn drückt,
Wenn sich der Pfnüssel
Sperret und pferchet,
Spare dem Pfahlmann,
Pfropfe dem Feind ein,
Daß er in Stumpfsinn
Stocke und starre,
Sticke und stiere!
Uns aber lasse,
Liegen im Krieg wir,
Lästigen Uebels
Einziges Gute,
Glühenden Wuthbrand,
Grinsende Zornwuth!
Laß von dem Schnupfen
Uns nur das Schnauben,
Schäumende Toben,
Daß unter Streichen,
Stichen und Stößen
Sterbe der Feind! —
Wähle dein Opfer!
Wir bringen's willig!
Wär' es das Höchste:
Heiß schlagend Manns Herz,
Heische es immer!
Wir zucken Messer
Zwischen die Rippen,
Ziehen es zerrend
Rasch aus des Feinds Brust,
Wildfrechen Frevlers;
Feuer soll flammen,
Blutrothe Zacken
Hoch aus der Beuge
Brennender Scheiter!
Und in die Lohe
Werfen das leckre
Liebliche Mahl wir
Loblieder singend.
Griffolo, Griolo, Grio!
Gruffulu, Grugulu, Gruffu!“

Wir müssen hier jeden Versuch aufgeben, in Worten
zum Ausdruck zu bringen, was bei dieser dritten
Leistung nun noch den Singstimmen zugemuthet war
und welches schäumende Meer von dumpfen, drohenden
murrenden, aufzischenden, schrillen, zum Theil auch
vermittelst grellen Pfeifens durch die Finger hervorgebrachten, dann donnernden, brüllenden, wirbelnden,
dann gedehnt anschwellenden oder wellig geschlängelten,
dann wieder aufschreienden, bellenden, grellrätschenden
Instrumentaltönen losgelassen wurde. Es war dem
Dichter und Komponisten gelungen, ein höllisches Konzert, einen Hexensabbath zu entfesseln, dem in jetziger
Zeit kaum der Gehörsnerv eines Ochsen gewachsen wäre.
Das Unmögliche war wirklich gemacht: diese Musik
erst war ganz und wahrhaft nicht nur entwickelter
Vokal, sondern — wie es der Stabreim mit sich brachte
— sogar entwickelter Konsonant. Die G, die D, die
Pf, die St, die L, wieder die G, die Sch, von
Neuem die St, die W, die H, die Z, die F, die B,
die abermaligen L, endlich noch einmal die G als
Gr wurden — weiß der Himmel, vermöge welcherlei
unaussprechlicher Verwendung der aufgeführten Instrumente mit ihren neuen Zusätzen, wozu noch klappernde
Büschel von Hölzchen, Säckchen voll kleiner Steine und
aus dem Reiche der Fauna getrocknete Gansgurgeln
mitwirken mußten, — alle diese Laute wurden bis zu
vollendeter Charakteristik ihres tiefen Sinnausdrucks
reproduzirt. Die wilde Musik der ungarischen Zigeuner
sei, sagt man, in Noten nicht darzustellen — von
solcher Schwierigkeit war der große Künstler Angus
durch den Umstand befreit, daß es damals noch keine
gab; — sagen wir aber nicht: Noten, sondern: Gesetz —:
nur ein Prophet, der das Senkblei seines Geistes in den
Abgrund noch verhüllter Weltordnungen niederzulassen
vermag, wäre fähig gewesen, dieser ungeheuren Tonwelt
in die Tiefen ihres verborgenen Melodie- und Harmoniegesetzes nachzutauchen. Das Höchste war nun aber auch
hier wieder in den Ausklangsylben geleistet. Die Musik
war wilder und wilder geworden, als sich der Text
zu der Stelle vom Menschenopfer fortbewegte, das dem
Grippo, wenn er es verlange, bereitwillig geweiht sein
solle. Dumpfe Trommelwirbel kündigten das Schreckliche an, ein plötzlicher Schlag schien zu sagen: jetzt
wird dem Feind das Herz aus dem zerschlitzten Leibe
geschnitten! Dann meinte man ein zischendes Reißen
zu hören, tief, dunkel, todesbang klang es hervor, wo
die Worte „wildfrechen Frevlers“ betont wurden, —
dann fieng es an zu lohen, zu prasseln, es war, als
würden Töne zu leckenden Flammenzacken, zu wirbelndem
Rauch, plötzlich bei den Worten: „Das leckere liebliche
Mahl wir, Loblieder singend“ drang, von den Blättlern
und Schweglern vorgetragen, eine weiche Melodie
dazwischen, doch nur um dem Grausen Platz zu machen,
das nun eben bei den so bedeutungsvoll unsprachlichen
Schlußlauten in die Seele des Hörers gepreßt wurde.
In der ersten Reihe derselben, wo der Vokal I herrscht,
sprangen aus dem schwarzen Hintergrunde der geblasenen Tieftöne der zweierlei Hörner und der Trompete
noch eigenthümlich scharfspitze Klänge der höchsten
Pfeifenregister hervor, stärker und schwerer intonirten
diese Blaswerkzeuge, als in der zweiten Reihe (Gruffulu
u. ff.) nun das U in seine tiefsinnige Rolle eintrat.
Schauriger und schauriger wuchsen diese Töne, jetzt
mischten sich in anschwellenden Wirbeln wieder die
Trommeln ein, dann furchtbar knarrend und schnarrend
die Rätsche, nach und nach alle Instrumente und endlich schien der Höllenschlund selbst — „besinnungraubend,
herzbethörend, des Hörers Mark verzehrend“ — alle
seine Schrecken, seine Dämonen, seine Furien auszuspeien. Der Barritus, das Kriegsgeheul der Cimbern
und Teutonen, vor dem die Legionen des Marius
bebten, war ein Spaß dagegen. Ein langer, centnerschwer ahnungsvoller Stierhornton ließ als Finale alle
Welt der Todesbangigkeit, die in diesen musikalischen
Schrecknissen zum Durchbruch gekommen, zukunftdrohend
in's Unendliche hinüberdröhnen.

Als die Zuhörer nach und nach zu sich kamen,
war es, als ob man auf ein Schlachtfeld sähe. Die
Sänger und Musiker lagen halb ohnmächtig am
Boden, der Rätscher wirbelte taumelnd im Kreis, der
Gaisbub wälzte sich, mit Todesschweiß bedeckt, in epileptischen Krämpfen, der Arme hatte sich des Guten zu
viel zugemuthet. In ähnlichem Zustand befanden sich
die Hörer und noch mehr die Hörerinnen. Nur ganz
wenige unter den Männern waren ruhig geblieben und
schienen einfach zu denken, was denn eigentlich das
nun sei, was sie gehört hatten. Weit die Mehrzahl
war außer sich. Von den Weibern lag ein Theil
von Weh und Entzücken geschüttelt halbtodt zappelnd
an der Erde. Andere, im Verein mit der empfänglichen
Mehrzahl der Männer, jubelten, jauchzten, klatschten
sich die Hände fast blutig, schrieen, tobten, weinten,
Einige waren vom St. Veitstanz ergriffen, Andere
tanzten Figuren, die mehr dem Saltarello und der
Tarantella gliechen, die Mehrzahl stürzte, von heiliger
Wuth ergriffen, auf den Meister zu, ihn zu umarmen.
Er aber stand ruhig, hielt sie ab und als er sich nothdürftig Stille geschafft, sprach er: „Ihr habt nun gehört, was wir können! An euch liegt es, ob es künftig
eine Pfahlvolkmusik geben soll!“

Dieses große Wort brachte die Nerven zur Ruhe,
indem es vor das innere Auge ein Zukunftsbild hinstellte, an welchem die Geister still hinaufstaunten. Als
sie, so beschwichtigt, nach Möglichkeit zu sich gekommen
waren, stieg in der Gemeinde die Erinnerung an
das von Grippo verschmähte Opfer und hiemit die
Frage auf, was nun in dieser Rücksicht geschehen solle.
Die Frage wurde laut, durchlief die Reihen und gelangte durch einen Gemeindeältesten an den Priester.
Er schwieg mit geheimnißvollem Ausdruck im Blick
und, als hätte er gar nicht gehört, rief er dann in
ganz gemüthlichem Tone: „Wir haben unsere Seelen
zu tiefem, andachtsvollem Ernste gesammelt, haben sie
hoch, höchst, zum Höchsten empor angespannt, laßt sie
uns nunmehr abspannen! Laßt uns Kinder sein, uns
wie Kinder freuen! Dem Erhabenen folge das heitere
Spiel. Auf zum Haine!“

Gern begleitete ihn die Schaar in eine Lichtung
des Haines, wo sie eine einfache Bühne aufgeschlagen
fand. Die Einfassung war aus Laubwerk, einem Geflechte blattreicher Zweige, hergestellt. Ueber das wenig
erhöhte Podion weg sah man in den natürlichen
Wald, dessen Boden hier etwas aufstieg, so daß sich
der künstliche der Bühne an ihn anlehnte und das
Waldstück bequem für die Handlung verwendet werden
konnte. Ein paar Felsblöcke zwischen den Bäumen
konnten dabei so oder so ganz gut mitbenützt werden.
Was von Musikanten sich wieder emporgerafft hatte,
war vor der Bühne als Orchester aufgepflanzt. Es
war gut, daß eine Trauerkunde, die langsam sich verbreitete, erst gegen Ende der Aufführung das Ohr der
Künstler erreichte: der Gaisbub war gerettet, hatte
aber einen Leibschaden genommen. — Ein Hornsignal
gab das Zeichen zum Anfang. Ein Herold trat auf
die Bühne, lebendiger Theaterzettel; er blies auf seiner
Ledertrompete eine Fanfare und ließ sechs sonderbare
Töne folgen, zwei spitze und einen starkdumpfen, dann
wiederholte er solche in umgekehrter Ordnung: ein Vorbild dessen, was der folgende Titel mit Worten besagte;
er setzte ab und rief: „Wir werden heute die Ehre
haben, unseren hochachtbaren und biederen Gönnern
vorzuführen das Tanzspiel:

Hu — hu — brum — brum — hu — hu!
oder
Entbehrung ist Entbärung,

erfunden und in Szene gesetzt

von

Tanzmeister und Tanzdichter Hopp-Hoppodur.

Das Spiel begann. Ein mächtig großer Bär
trat auf, in jeder Bewegung noch plumper, als Bären
sonst sind. Er setzt sich auf einen Felsblock, streckt
die Vorderfüße sehnsuchtsvoll in die Luft, drückt auf
jede Weise das schmerzliche Gefühl des Alleinseins aus
und ergießt sich in Thränen. In Ermanglung eines
Sacktuchs wischt er sich die Augen und sofort auch die
vom Weinen hörbar affizirte Nase mit den Tatzen,
welche er hierauf an seinem Pelz abreibt. Heftiger
wird das Weinen, es geht in Gebrüll über, heftiger
werden die genannten Wischbewegungen. Plötzlich hält
er inne, starrt in's Weite und verschwindet mit schwerfälligen Sprüngen von der Bühne.

Nach kurzer Zeit erscheint eine Bärin, ungewöhnlich glatt von Pelz, von rundlicher Hüftbildung und
weich von Bewegungen. Hinter ihr Petz. Sie setzt
sich mit vornehmem Anstand auf den Felsblock.
Petz wartet vor ihr auf, ringt die Vorderfüße, fällt
dabei ungeschickt um und wälzt sich wild brummend
am Boden, die Bärin lacht. — Es war wie im italienischen Maskenspiel erlaubt, mit einzelnen Lauten die
Stummheit der Pantomimen zu unterbrechen. — Petz
richtet sich auf, bricht in Thränen aus, wiederholt
die unanständige Art des Abwischens und will die
so gebrauchte 'Pfote der Bärin reichen. Er erhält eine
große Ohrfeige. Geht ab mit traurigem Grunzen.

Die Bärin drückt durch Gebärden aus, daß dieser
Verehrer denn doch an sich eine brave, künftiger Tröstung
nicht unwerthe Natur, vielleicht ein nur noch ungeschliffener Edelstein sein dürfte. Langsam, schüchtern,
ganz niedergedrückt erscheint Petz wieder vor dem süßen
Bilde. Sie fordert ihn auf, zu tanzen. Er versucht
ein Solo auf den Hinterbeinen. Fällt wieder öfters
und überkugelt sich mehrmals, läßt sich durch das
Lachen der Dulcinea nicht verstimmen und versucht
eine neue Methode. Er fängt an, sich wie in einem
Menuet einfach, aber in durchaus reizender Weise nach
der Angebeteten vorwärts und zurückzubewegen und bei
jeder Annäherung, aufgerichtet, eine zierliche Verbeugung
zu machen. Wir müssen hier einschalten, daß der
darstellende Künstler diese Weise, den Hof zu machen,
gründlich der Bärennatur abgesehen hatte und mit
vollendeter Virtuosität wiedergab. Petz war unermüdlich in diesen Pas, wohl fünfzigmal bewegte er sich
auf seinen rutschenden Sohlen hin und wieder. Endlich spiegelt sich Erweichung in den Zügen des so
schmelzend angeschmachteten Weibs. Aber jetzt ereignet
sich leider eine Ungebührlichkeit. Der Bär muß vor
Rührung niesen. Er fällt in seine Unbildung zurück
und gebraucht wie vorhin die Pfoten. Petzin will zu
einer zweiten unsanften Behandlung ausholen, besinnt
sich aber, trabt plötzlich hinweg und erscheint nach
einer Pause, in welcher sich der Verlassene trostloser
Verzweiflung hingegeben, unter dem Jubel der Zuschauer mit einem schneeweißen, roth gesäumten Tüchlein.
Mit Grazie zeigt sie ihm den Gebrauch, mit Grazie
reicht sie es hin, sinnend betrachtet es Petz, man sieht,
daß ein radikaler Prozeß in seinem Geist und Gemüth
vor sich geht und — zum ersten Mal im Leben —
schnäuzt er sich — kräftig, vernehmlich, laut!

Lebhafter Beifall. Der erste Akt ist vorüber. Mit
kühnem Geistesfluge nimmt der Tanzdichter an, eine geraume Zeit, Monate, Jahre seien in der kaum viertelstündigen Pause verstrichen. Hornstöße verkünden den
Anfang des zweiten Aktes; ihnen folgt eine lustige
Melodie von Pfeifen und Blättlein, unter deren Klängen
eine glückliche Bärenfamilie auf die Bühne tritt. Vier
muntere Kinder folgen dem zärtlichen Elternpaar. Der
kleine Bruder und das Schwesterchen Sigunens mit
zwei Nachbarkindern stacken in den Pelzen. Wer je den
Galopp von Bärenjungen gesehen und bemerkt hat,
wie drollig sie dabei mit dem rechten Hinterbein nachschieben, der mußte staunen, mit welcher Meisterschaft
die klugen Kinder das vorstellten; schon in ihrem
Alter zeigte sich die Schärfe der Beobachtung, die Geschicklichkeit der Nachahmung charakteristischer Thiertypen,
wie sie Naturvölkern eigen ist; man weiß, mit welch'
treffender Wahrheit die Indianer in ihren Tänzen
diese naive Kunst üben; kein moderner Pantomime, der
den Joko spielt, wird diese Kinder erreichen. Nun entwickelte sich in diesem Familienkreise ein herzgewinnendes Bild von sorgsamer Erziehung. Die Jungen wurden
von Vater und Mutter gelehrt, das Tüchlein richtig
zu brauchen, einer der Söhne, als er ein Schwesterchen
zauste, vom Papa mit einer Ruthe gestrichen, wobei
er ihn elegant zwischen die Beine nahm und ihm
hinten aufmaß; ein Sturm von Gelächter brach im
Publikum, namentlich unter den Frauen und Mädchen
los, als in einem kritischen Moment die Mama hinaustrabte, mit einem Topfe wiederkam und die kleinere
Tochter zierlich darauf setzte. Nach solchen Handlungen
erziehender Thätigkeit erfolgte orchestischer Unterricht, der
nach einigen drolligen Vorübungen so beschleunigte Früchte
trug, daß die Familie zu einem ordentlichen Tanze schreiten konnte. Es war ein Landler, was sie aufführten, das
heißt jener Tanz, wovon unser Walzer nur ein geistlos weggebrochenes Stück ist: zuerst walzte Papa mit
Mama, dann je ein Brüderchen mit einem Schwesterchen, hierauf lösten sich die Paare, jeder Tänzer schien
sich mit der Tänzerin zu entzweien, eilte ihr nach,
fieng sie, faßte sie an beiden Händen, hielt ihr die
eine hoch und sie schlüpfte, während Beide sich zugleich
drehten, unter den gehobenen Armen durch, dann ließ
er sie wieder los, Tänzer und Tänzerin kreisten jetzt
jedes selbst wieder wirbelnd, umeinander, dazwischen
machten die Tänzer allerhand Kunststücke, sprangen
hoch, patschten sich in der Luft mit den Händen auf
die Fußsohlen, juchzten dazu, ergriffen ihr Diendl wieder und endlich wurde die allgemeine Wiederfindung
und Beglückung mit einem rasenden Schlußwalzer besiegelt. Inzwischen hatten sich aber nach und nach
auf der Bühne selbst Zuschauer eingefunden: ein Wolf,
ein Fuchs, ein Dachs, ein Füllen, ein Wildschwein,
eine Gemse, ein Steinbock, ein wilder Kater, ein
Murmelthier, ein Auerhahn und noch mehreres Waldvolk; sie schienen die Feindschaft unter sich zu vergessen,
fiengen an, das Tanzen nachzuahmen, anfangs täppisch,
unglücklich, dann geschickter, behender, die Musiker waren
längst wieder erwarmt, bliesen und schlugen, was das
Zeug hielt, die Thiere wurden sämmtlich so charaktertreu
gespielt wie die Bären und fügten sich unbeschadet dieser
Besonderheit immer glatter in das Gesetz, das die Tanzverschlingungen beherrschte. Endlich vereinigte sich Alles
zu einem großen — Cotillon würden wir sagen, Volltanz sagten die Pfahlleute, und dieser Volltanz schloß
mit einer höchst korrekt und zierlich durchgeführten
Schnupftuchtour.

Der dritte Akt trat ein ohne eigentliche Pause, doch
nicht ohne nachdrücklichen Einschnitt. Man vernahm
plötzlich ein furchtbares Grunzen, ein eigenthümliches
Schnarchen, Speien, Prusten. Der Tanz stand augenblicklich still. Aufgerichtet horchten die sämmtlichen
Thiere. Ein Drachenungethüm wackelte auf die Bühne,
es spie Feuer, glutroth funkelten seine Augen, ein rother
Kamm bekrönte schrecklich seinen krokodilähnlichen Kopf,
kurze Flügel schwankten auf seinem Rücken, lang hin
starrte sein schuppiger Schwanz. Die Thiere stieben
auseinander, der Drache wirbelt auf der leeren Bühne
um seine Axe, zuerst die Bären sind es, die vorsichtig
wieder den Kopf hereinstrecken, sie wagen sich herbei,
der Petz wirft sich dem Ungethüm rittlings auf den
Hals und bearbeitet seinen Kopf mit den Tatzen, die
Bärin, ermuthigt, steigt auf seinen stachligen Rücken,
die Jungen setzen sich auf seinen Schwanz, in wilderen
und wilderen Kreisen wirbelt das Scheusal. Jetzt geschieht ein kleiner Unschick. Die Drachenmaske war
mühsam und sinnreich genug, doch eben nicht allzu
haltbar aus Leinwand und Bast zusammengestoppelt
und mit dem Nöthigen ausgestattet, um Feuer zu
speien, — der Künstler war derselbe Bappabuk, der
die Festscheibe erbildet hatte. Bis dahin war es nun
ganz ordentlich gegangen, jetzt aber fieng der Drache
auf einmal an, ganz menschlich zu husten, gleichzeitig
fiel ein Kohlenbecken aus seinem Rachen, und eine
Hand fuhr heraus und griff darnach. Dank der Höhe,
auf welcher die Bildung der Pfahlbewohner angekommen war, hatten sie bereits das Bärlappenmehl erfunden; der eine der zwei in dem Balg verborgenen
Bursche, der vordere, dessen Beine in den Vorderfüßen
stacken, hatte neben dem Prusten, Brüllen, Grunzen,
das er im Verein mit seinem Hintermann besorgte,
das Feuerspeien in's Werk zu setzen; er blies den
genannten Staub aus einem Federkiel über die Kohlen;
jetzt verschluckte er sich im Einathmen des Rauchs und
stieß den schwachbefestigten Kohlentopf hinaus. Der
hintere Bursche, unbequem auf dem Bauch liegend,
um dem Rumpfe des Unthiers mit seinem Leib eine
Füllung zu geben, hatte überdieß zwischen seinen Füßen
hindurch, welche die Hinterbeine vorstellten, nach rückwärts ein schwankes, schlankes Weidenstämmchen zu
regieren, das den Grat des Schwanzes bildete; es
war keine Kleinigkeit, diese Stange festzuhalten, als
die Bärchen sich darauf setzten, sie entfiel ihm, zerrieß
die Wandung der künstlichen Form, der Schwanz brach
ab, die kleinen Petze kugelten um. „Thut nichts,
thut nichts!“ schrieen ein paar muntere Bursche aus
der Mitte der Zuschauer, hemdärmelig, die Wämser
resolut über die linke Schulter geworfen; „nur lustig
weiter, kleiner Meilyr, kleiner Cynddelw!“ Man ordnete
den Schaden mit Schnüren so gut es gieng, die zwei
munteren Grippospieler halfen sich weiter so gut sie
konnten, die übrigen Thiere erschienen, nun ebenfalls
ermuthigt, wieder auf der Bühne und es erfolgte ein
rasendes Zausen zwischen dem Drachen und der ganzen
Gesellschaft, dem jedoch gewisse Töne ein so plötzliches
Ende setzten, wie vorhin die Erscheinung des Drachen
dem Rundtanz. Die Töne waren nicht stark, es war
ein feines, hochstimmiges Wimmern; man erkannte den
klagenden, weichen Laut des Kibitzes. Ein paar erlegte Exemplare der Gattung wurden über die Bühne
so geworfen, daß sie fliegend scheinen konnten; das
Wimmern wußte ein Meister im Nachahmen aller
Vogelstimmen, wie Hopp-Hoppodur, hinter der Szene
täuschend genug hervorzubringen. Jetzt aber läßt sich
ein Ton ganz anderer Art vernehmen, ein Ton, der
schwer zu beschreiben ist. War es ein Heulen, ein
Schnarren, Bellen, ein Brüllen? Gewiß war nur,
daß der Ton eine Stärke hatte, als käme er aus dem
Hals eines großen Vierfüßlers. Die Laute waren, in
Sylben dargestellt: „Hu! Hu! Brum!“ Dann folgte
zuerst „Brum“ und die „Hu, hu“ wurden jetzt zum aus- und nachtönenden Schlußklang. Das waren denn die
Töne, welche den Titel des Tanzspiels bildeten, wo sie
nur zugleich nebenher dem Brummen des Bären galten.
Die Thiere standen wie versteinert, der Drache saß aufrecht auf der Wurzel seines nothdürftig wieder befestigten
Schwanzes, der vordere Insaße hatte sich auf die
Schultern des hinteren gesetzt, des letzteren Beine trugen
und hielten mühsam das Ganze und der Schwanz
legte sich zwischen ihnen hervor wie ein langer Frack
über die Bühne. Im damaligen Publikum gab es
keinen Zuschauer, der den Ton nicht ganz gut kannte;
von unsern heutigen Lesern kennen wohl nur wenige
den Ruf der Rohrdommel so gut, sie hätten erst warten
müssen, bis dieser Wasservogel, der Selinur heilig,
nun in Person auf der Bühne erschien und seinen
unheimlichen Geisterruf wiederholte, nicht in Einem
nur, sondern in sechs Exemplaren, die gravitätisch wie
Soldaten eintraten, sich in drei und drei theilten und
nun wie beorderte Leibwachen freien Raum für eine
noch unsichtbare, ehrfurchtsvoll erwartete Persönlichkeit
herstellten. Die übrigen Thiere drängten sich willig hinter
diesen lebendigen Spalieren zusammen. Die gelben,
schwarzgefleckten Bewohner des Röhrichts ließen hierauf wieder ihren seltsamen Brüll- und Klageruf vernehmen, reckten dabei die dicken Hälse lang vorwärts,
zogen sie dann ein und stellten die Köpfe, die jetzt
halslos auf dem Rumpfe zu ruhen schienen, steil aufwärts, daß der Schnabel zum Himmel sah, und so
standen sie nun als unbewegte Schildwachen, allerdings nur auf Einem Bein oder vielmehr „Ständer“,
wie der schulgerechte Jäger sagt. — Stumme, erwartungsvolle Pause. Da wandelt aus dem Wald eine
schneeweiße Kuh hervor und stellt sich mitten in die
Oeffnung der zwei von hier in die Breite der Bühne
auslaufenden Spalierradien. Sie blickt sanft und groß.
Alle Thiere stehen jetzt tief gebückt, der Drache kriecht
vor sie hin und winselt. Sie brüllt weich, lieblich, mit
mütterlichem Tone. Auf einmal erscheint ein munteres
Kalb, ein Scheck; es vergnügt sich in schwerfälligen,
ungeregelten Sprüngen. Das wurde wiederum ganz
meisterlich agirt; der Künstler wußte sich mit ganzer
Seele in das gründlich Unvermittelte, jedes runden
Uebergangs Entbehrende der Scherzbewegungen des
Kuhsöhnchens zu versetzen; bei der Herstellung der
Maske hatte Bappabuk sogar nicht vergessen, in der
Mitte des Schwanzes jenen knopfigen Bug anzubringen,
vermöge dessen dieß Organ des jungen Rinds wie
halbgebrochen aussieht. Wie ward der Sinn dieser
Erscheinung von den Zuschauern verstanden! Da war
keiner so gedankenlos, daß er nicht begriffen hätte, der
Scheck sei die Welt und die plumpen Sprünge seien
die noch bildungslosen Urzustände der Menschheit.
Nun aber richtete sich die Kuh auf, trat auf den
Hinterfüßen hervor, faßte mit dem einen Vorderhuf
ihr Kind am Ohr, mit dem andern den Drachen am
Kamm, stellte sie in die Mitte, bedeutete ihnen, wohl
aufzumerken, holte dann zwei der jungen Bären hervor und forderte sie auf, eine Galoppade zu beginnen,
indem sie ihnen die Tanzschritte vormachte. Die Bärchen machten ihre Sache so hübsch ordentlich, daß nun
die Kuh sie dem Drachen und Kalb als Muster empfehlen durfte. Das neue Paar umfieng sich mit den
Vorderfüßen, trat an und versuchte seine Kunst. Es
gieng zuerst holperig, das Paar fiel sogar zu Boden,
aber es raffte sich auf, schliff glatter und glatter, gieng
in einen Hopswalzer über, jetzt begannen die übrigen
Thiere mit den Beinen zu zappeln, konnten sich nicht
länger halten, faßten sich zum Tanz an und die ganze
Gesellschaft umkreiste nun die aufrecht thronende Kuh;
rascher und feuriger erscholl die Musik, die Thiere
fiengen an, den Tanz mit den verschiedenen Rufen
ihrer Gattung zu begleiten: der Wolf heulte, der Fuchs
ließ sein heiseres Bellen hören, der Dachs knurrte, das
Füllen wieherte, das Wildschwein grunzte, Gemse und
Steinbock mischten zwischen Mäckern ihren pfeifenden
Warnlaut, der Kater rallte, das Murmelthier pfiff
ganz fein, der Auerhahn gab gestoßene, tiefe Krächztöne von sich wie beim Balzen, die Rohrdommeln
blieben nicht zurück, tanzten mit und ließen ihre durchdringenden U-Laute wieder vernehmen, die Bären
brummten, der Drache fauchte, das Kalb muhte und
selbst die ehrwürdige Mutter stimmte anmuthvoll in
das allgemeine Konzert mit ein; die Jugend unter
den Zuhörern sang Schnaderhüpfel dazu, es war lustig.
Es war nun aber auch genug. Bis zur Sättigung
der Geister war es begriffen, daß hier die Unbildung,
ja das Böse dargestellt war, zuerst als Störenfried
der in schöner Entwicklung begriffenen Humanität, dann
überwunden, ja zum dienenden Moment herabgesetzt
von der Weltordnung selbst, die schon durch ihre
Inkarnation als Kuh es erklärt hat, daß sie mit der
Grundlage aller Gesittung, dem Ackerbau, auch die
Bildung, die sanfte, schöne Menschlichkeit gewollt hat.
Ein Paukenschlag bezeichnete wiederum das Finale,
alle Thiere standen plötzlich still, jedes, die heilige Kuh
voran, schlug zuerst eine Pirouette und ließ dieser
Kreiselbewegung eine rein wagrechte Ausstreckung des
einen Beines folgen. Ungeheurer Jubel, als das eigentliche Punktum der Handlung, erlöste nun die Müden
aus dieser Stellung. Stürmisch wurde der sinnreiche,
liebenswürdige Urheber der Schöpfung, der Tanzdichter
Hopp-Hoppodur gerufen. Mit ein paar lustigen Tanzsprüngen hüpfte der philosophische und doch so heitere
Künstler aus den Büschen des Hintergrundes auf die
Bühne, ließ sich hochpreisen, war mit einem Satz unter
den Zuschauern, ergriff die hübsche Gwennywar, die wir
schon kennen als die Schelmin, welche Alpin das
schweißaustreibende Wort Sigunens von Arthur's
schönem Nacken hinterbracht hatte; er zog die gern
Folgende auf die Bühne, führte sie zu einem Landler
auf, das schlanke Fratzenmädel war die erste Tänzerin
des Dorfes und entsprach den Künsten des Meisters
mit reizenden Wendungen, Schritten und Beugungen,
Alles folgte, was junge Beine hatte, ja selbst ein
paar Graubärte konnten nicht widerstehen, ein Tanzlebtag gieng los, wie ihn Dorf Robanus noch selten
gesehen, die müden Thiere wurden jetzt aus Spielern
Zuschauer und unter behaglichem Gucken erlabten sie
mit kräftigen Methzügen die durstige Kehle und die
vielgebrauchten Glieder; der Drache soff beträchtlich.

„Wo steckt denn Alpin?“ fragte ein Bursche Sigunen, die theilnahmlos, gedankenvoll unter den Mädchen
stand. „Weiß nicht,“ versetzte sie, „er wird beim Tischzurichten helfen.“ — „Nun, komm' her, so tanz' mit
mir,“ sagte der Frager und bot ihr den Arm, bekam
aber einen Korb und unter dem Vorwand, nach dem
kleinen Schwesterchen sehen zu müssen, gieng sie nach
Hause. Auch Gwennywar hatte lang nach dem Vermißten umgeschaut, jetzt aber vergaß das junge Quecksilber Alles im Arm ihres bewunderten Tänzers.

Die Greise, mit Ausnahme der erwähnten paar
lustigen alten Knaben, auch die Mehrzahl der Männer
hatte sich nach dem Ende der Aufführung verlaufen,
und diese Müßigen hatten zuerst wieder Zeit, des
Gefangenen zu gedenken, den man unter Schützenfest,
Morgenimbiß und Tanzspiel fast vergessen hatte. Der
Druide, der sonst an Festen beim Schaustück auf seinem
Ehrensitze so behaglich lachend bis zum Schluß verweilte, wie wohl einst der hohe Priester des Dionysos
auf seiner Marmorbank im Theater zu Athen, er war
dießmal bald nach Beginn verschwunden. Heimgekehrte
fanden sein Haus geschlossen. Es hieß, man habe
die Gemeindeältesten hineingehen sehen. Man munkelte
von einem unbekannten Etwas, das gegen den Erzketzer im Werk sein müsse. Was sollte es mit ihm
werden? Strafen bis zu einer gewissen Höhe zu verfügen, lag in der Macht des Oberhirten. Sollte aber
— weiter gegangen werden, so war, wenn es sich nicht
um Kriegsgefangene handelte, aus denen das Loos
die Opfer für Grippo bestimmte, die Gemeinde zu
befragen. Nun — es war Festtag; man schlug sich's
aus dem Kopfe; es hatte ja weiter keine Eile, auf
alle Fälle konnte es um den Sünder nicht viel Schade
sein, wenn er in seinem Käfig einige Tage oder Wochen
tüchtig brummte.

Inzwischen waren vereinigte Kräfte längst beschäftigt, den Festschmaus vorzubereiten. Tische und Bänke
waren im nahen Haine schon aufgeschlagen, Köche und
Köchinnen an einer Reihe von Feuern in voller Thätigkeit. Wir glauben uns verpflichtet, den Speiszettel
zu geben; menu dürfen wir ja nicht sagen, die Pfahlmänner hätten sich geschämt, das wälsche Wort zu
gebrauchen, wenn sie es gekannt hätten, sie verabscheuten
alle unnöthige Entlehnung aus fremden Sprachen.
„Speiszettel“ ist natürlich auch nur poetische Licenz;
das Kunstwerk der Komposition dieses Schmauses stand
klar entfaltet nur vor dem Geiste des Oberkochs Sidutop, minder klar, in gewissem Helldunkel vor dem
Innern seines Gefolges von Köchen und Köchinnen,
und das Publikum befand sich in blindem Autoritätsglauben, man wartete, man vertraute unbedingt und
dachte, es werde schon recht werden; nur Angus, der
Druide, hatte durch Hülfe Urhixidur's einen hellen Einblick in das wohlgegliederte Ganze gewonnen. Dieses
Ganze überblicke man nun und man wird nicht mehr
glauben, daß die Pfahlbewohner schlecht gegessen haben!
Diese irrige Vorstellung zu widerlegen, das ist es,
was wir für Pflicht halten, darum geben wir in
formell präzisirter Ordnung hiemit die Gedankenreihe
Sidutop's, wie sich solche an jenem Abend in der
Körperwelt verwirklichte. Um diesen logischen Zusammenhang nicht zu unterbrechen, lassen wir die
Beleuchtung einzelner Punkte, die vielleicht dem Leser
dunkel sein dürften, in Anmerkungen folgen.

Zuvor ist nur noch von der Beleuchtung zu melden.
In dieser Festnacht sollte es nicht an den Pechfackeln
genügen, die rings um die Tische, in hohe Pfähle
eingelassen, ihr röthliches Licht verbreiteten; zwischen
je zweien derselben loderte in irdenem Becken eine
zartere Flamme von Kienholz und an den Stämmen
der nächsten Eichen hiengen Kränze von Schüsselchen,
worin ölgetränkte Döchte brannten. Knaben waren
aufgestellt, sorgsam diese dreierlei Lichtquellen zu unterhalten, deren Harzgerüche sich angenehm mit dem Dufte
mischten, der aus den Kochkesseln emporstieg. — Und
nun mag denn die Beschreibung ihres reichen Inhalts
folgen.

Anmerkungen.

Ad I, 2. Daß die Menschen der Steinzeit große Liebhaber von Mark waren, geht aus der Menge gespaltener
Knochen hervor, die man in ihren Niederlassungen findet.
In der Kunst des Spaltens hatte zwar Jedermann Uebung,
doch auch hier war bereits eine gewisse Theilung der Arbeit
eingedrungen. So exakt, so glattweg verstand es nicht Jeder
zu machen, wie der Techniker in diesem Fach, der Knochenschlitzer, der hinten in der Feldküche schon seit ein paar Stunden
seine Virtuosität in diesem Zweige der feineren Arbeit entfaltete. Den Knochen senkrecht stellen, den Feuersteinmeißel
haarscharf auf die Axe ansetzen, einen mathematisch geraden
Schlag mit dem Holzhammer darauf führen: es gieng wie
gehext; wer ihm zusah, konnte nur wünschen, es möchten
verwickelte politische Fragen einen solchen Schlitzkünstler finden,
wie es der wackere Meister Binuschnidur war.

Ad I, 2, e. Elch oder Ellen (nicht: „Elenn“, noch
weniger „Elend“; Ellen hieß Kraft, also: das Kraftthier, der
besonders starke Hirsch) war nicht selten, obwohl weit seltener,
als der gewöhnliche Hirsch und das Reh, die auf unserer Liste
fehlen, weil sie für ein Festessen zu gewöhnliche Speise waren.
Das Thier ist von ochsenartig starkem Leibe, auch der Geschmack
seines Fleisches schwebt in einer feinen Mitte zwischen ochsenhaft und hirschähnlich.

Ad I, 3. Die Beliebtheit des edlen Gerichts Kuttelfleck erkennt der geneigte Leser daraus, daß es nicht nur hier,
sondern auch unter II, 2, A, e, ferner II, 2, B, d auftritt.
Eine der Gassen von Robanus hieß zu Ehren dem Hause,
worin die Gekröse kochfertig zubereitet wurden, Kuttelgasse.
Starke Spuren dieser Beliebtheit bemerkt man noch heutzutage
bei den Enkeln der Pfahlbewohner jener Gegenden, wie sich
der Durchreisende bei Lesung der Speisezettel selbst feinerer
Garküchen überzeugen kann.

Ad I, 4. Das Früchte-Einmachen verstand zwar auch
die Hausfrau, aber auch in diesem Gebiete gab es schon
Techniker, gab es Fachmänner. Wir werden den Künstler
nennen, wenn unsere Erläuterungen erst bei seinem Meisterwerk angelangt sein werden. Nicht genannt ist die damals
höchst beliebte Speise Haselnuß, denn sie trat nicht eingemacht
auf, sondern wurde einfach im Naturzustand immer mit dem
Brod aufgetragen und mit ihm gegessen, um ihm feineren
Beischmack zu geben. — Eine Zeile ohne Eintheilungszeichen
nennt als begleitendes Getränke des Voressens: Methbock.
Es war sehr starker Doppelmeth, bestimmt, in zierlichen Holzkelchen zum Voressen nur genippt zu werden, um den Appetit
zu schärfen; eine diätetische Bemessung, an die man sich doch
nicht ängstlich zu halten pflegte.

Ad II, 1, d. e. Es mag Verwunderung erregen, daß
außer Forellen und Aal keine Fische auftreten. Die Erklärung
ist einfach: die Pfahlbewohner aßen jahraus jahrein so viel
Fische jeder Sorte, daß sie bei Festmahlzeiten wenig Werth
auf diese Speise legten. Nur die Forelle und der Aal genossen ein Vorrecht, jene nicht bloß wegen der Feinheit ihres
Geschmacks, sondern wegen der großen Schwierigkeit, sie zu
fangen. Dieses blitzschnelle und höchst vorsichtige Floßenthier
ließ sich ja durch die plumpe beinerne Angel nicht täuschen,
in die Reusen, so grob wie sie damals waren, äußerst selten
verlocken, gleich selten mit der Hand fangen, wenn sie schlummernd in den Höhlungen am Ufer schwamm, und nur ab
und zu gelang es einem sehr geschickten Schützen, — nicht,
den Fisch zu treffen, aber den Pfeil so unter ihm durchzuschießen, daß er aus seinem Waldbach an's Ufer geschnellt
wurde. Den Aal mit Salbei umwickelt zu braten, war eine
neue Erfindung und man wußte den Werth dieser leckeren
Zubereitung allerdings zu würdigen.

Ad II, 2, A, b, δ. Boragen: Borago officinalis,
mit bläulichen Blumen, haarigen Blättern, jetzt fast für
Unkraut geltend, hat einen sehr angenehm häringähnlichen
Geschmack. Durch ihren Genuß gaben sich die Pfahlmänner
die Vorahnung der Gaumenfreude, die der ihnen noch unbekannte Meerfisch im eingepöckelten Zustande uns späteren
Geschlechtern bereitet.

Ad II, 2, A, d, α. Es darf nicht unterdrückt werden,
daß die Bohnen unentfasert auf den Tisch kamen. Die Schüsseln
mit diesem Gerichte sahen daher aus wie eine borstige Perrücke.
Pietät gegen die Altvordern hat diesen Brauch bis heute in
der bürgerlichen Küche jener Gauen fromm erhalten.

Ad II, 2, A, d, β. Erbsen mit Landjägern: Die Erbsen,
wie man sich denken kann, nicht zerrieben, große gelbe Gattung, hart wie Bleikugeln. Die Verdauung war eben eine
vortreffliche. „Mit Landjägern.“ Der Verfasser bedarf Nachsicht. Diese Würste hießen damals wegen ihrer gediegenen
Härte Lederwürste; er hat den modernen Namen vorgezogen,
um dem Kenner das Objekt rascher zu vergegenwärtigen.
Der Ursprung der letzteren Benennung ist von der Philologie
noch nicht erforscht. Schreibt man den Landjägern etwa
besonders gute Zähne zu? Oder vergleicht man die länglich
hagere, flache Gestalt der Wurst mit der Dürrheit, welcher
die Figur der Landjäger durch ihre Streifstrapazen wohl
häufig verfällt?

Ad II, 2, A, d, γ. Rüben mit Schübling. Schübling
heute noch in ganz Süddeutschland bekannte Wurst, nahe Verwandte der Knackwurst. Fischart beehrt sie mit Aufführung,
wo er Gargantua's Speisekammer beschreibt.

Ad II, 2, A, d, δ. Daß das beliebte Sauerkraut schon
jenen Zeiten bekannt war, ergibt sich keineswegs nur aus
dem sicheren Schluß, den man aus der Gemüthlichkeit der
Zustände ziehen darf, sondern auch aus verbürgter Ueberlieferung. „Blunse“: was wir jetzt Blutwurst nennen, war
unbekannt; in die Blutwurst gehört außer Blut Gewürze mit
Speckwürfeln; dieß wäre jenen körnigen Menschen zu künstlich
erschienen, auch wenn sie Gewürze gekannt hätten. Die Blunse,
ein Darmhautrund einfach mit Blut gefüllt, entsprach besser
der Biederkeit ihres Wesens. Doch verschmähten sie nicht,
durch Hinzunahme geräucherten Murmelthierfleischs der Zunge
gleichzeitig einen schärferen Reiz zu bieten.

Ad II, 2, B, a, δ. Gesulzte Spansau: besonders beliebt,
hatte einen gebratenen Apfel zierlich im Maul stecken.

Ad II, 2, B, b, α. Wir haben nur hier die Brühe erwähnt,
weil sie bei dieser Speise extrafein war, und fügen bei dieser
Gelegenheit eine sprachliche Bemerkung bei. Wir sagen jetzt
Sauce, weil wir uns des guten Worts Brühe dadurch beraubt
haben, daß wir es verächtlich von unsauberer Flüssigkeit gebrauchen. Diese Einschränkung hatten sich die Pfahlbewohner
noch nicht beikommen lassen, daher sich auch nicht in die Lage
gebracht, für ein ganz ausreichendes eigenes Wort ein Fremdwort zu entlehnen.

Ad II, 2, B, b, β. Hase, gespickt. Es war nur Einer.
Lampe war damals außerordentlich selten; er hatte zu viele
Feinde, deren nicht die geringsten die Adler und Geier waren,
die auch als Räuber der kleinen Lämmer den Hirten nicht
wenig zu schaffen machten. Das Exemplar, in einer Schlinge
gefangen, war etwas alt, desto neuer die Kunst des Spickens,
die sich am zähen Stoff siegreich bewährte. Der seltene Bissen,
der nicht für Alle sein konnte, war den Gemeindeältesten
vorbehalten.

Ad II, 2, B, b,γ. Wir gestehen, daß der Wisentbraten,
obwohl von einem Stier in den besten Jahren, ziemlich hart
war, allein das andere Fleisch war nicht viel weicher. Die
Pfahlbürger liebten das Weiche, Kätschige nicht, die prächtigen Zähne jener Geschlechter hatten Jahrhunderte hindurch
den schädlichen Einflüssen der Seenebel bis dahin noch fest
widerstanden und insofern war Arthur's Behauptung in seiner
Rede ein Vorgriff. Zu ββ ist zu wissen, daß die Pfahlleute
den Namen: Cotelette noch nicht kannten. Hat doch der Berichterstatter mitzutheilen, daß manches Jahrtausend später, nämlich in seiner Knabenzeit, noch kein Mensch Cotelette, alle Welt
nur Ripplein sagte. Jenes waren nun freilich keine Ripplein,
sondern Rippen. Sie waren mit Speckstückchen und Petersilie
höchst appetitlich belegt, und wurden zuerst nur als Schaustücke, dann zerlegt zum praktischen Gebrauch ausgesetzt. Der
Wisentschwanz (γγ) galt als großer Leckerbissen; auf ein genußreiches Benagen folgte ein genußreicheres Aussaugen. Das
war denn natürlich nicht für Alle, sondern Vorrecht des
Druiden; dieß Hauptstück wurde also ihm allein vorgesetzt
und kunstgerecht machte er sich an die Arbeit.

Ad II, 2, B, c,δ. Armer Arthur! Niemand gedachte
deiner bei den zwei Schnepfen! So sind die Menschen! Während der Geber im Gefängniß schmachtet, wird unter Scherzen
seine Gabe herausgeknöchelt und mit Schmatzen von den
Gewinnern verzehrt! Arthur hatte auch einige Pfeilspitzen von
Erz mitgebracht, in Robanus auf Schäfte gesetzt, war mit ein
paar Burschen auf den Schnepfenstrich gegangen und hatte
den einen Vogel durch den Kopf, den andern unter dem Flügel
in die Seite getroffen. So etwas war mit Steinpfeilspitzen
begreiflicherweise nicht, aber auch so nur einem Falkenauge wie
dem seinen und einer Hand so flink und zugleich so stet wie die
seine möglich. Schnepfen wurden sonst, und natürlich schwer und
selten genug, wie auch die Rebhühner, nur in Netzen gefangen.

Ad III, 2. „Schnitzli“ war ein Lieblingsgericht, wie
schon früher angedeutet. Das Wort wurde in engerer und
weiterer Bedeutung gebraucht, in jener bedeutete es Apfelschnitze, gedämpft mit Speckwürfelchen, und so ist der Ausdruck
hier gemeint. Es darf nicht verschwiegen werden, daß die
Schnitze nicht geschält waren. Auch diese Speise pflegen in
Ehrfurcht vor alter Sitte heute noch die späten Enkel der
Pfahlbürger als Nachtisch gern auf ihre Tafel zu setzen.

Ad III, 3, a. Riniturleckerli. Leckerli sind die heute noch
wohlbekannten Leb- oder Honigkuchen. Sie wurden besonders
schmackhaft in der Stadt Rinitur, dem jetzigen Basel, bereitet.
Die Pfahlniederlassungen waren nicht so außer Verkehr, daß
nicht wandernde Händler ein Produkt der Küche, worin eine
Gemeinde die andere überflügelt hatte, weit ringsum verbreitet hätten. Bald aber wurde dieses Backwerk nachgeahmt
und der Name bezeichnete nicht mehr die Herkunft, nur die Güte.

Ad III, 3, b. Hutzelbrod. Welcher Kenner der deutschen Literaturgeschichte weiß nicht, daß Schiller noch in späten
Jahren dieß Gebäck aus gedörrten Birnen, Mehl, Cibeben,
Mandeln von einer schwäbischen Köchin sich bereiten ließ,
Gästen zu versuchen gab und verlangte, daß sie es loben?
Man sieht nun aus unserem Berichte, daß es uralt ist und
sich von jenen Gegenden über den Podamursee nach Schwaben
verbreitet haben muß. Die Stelle der Mandeln vertraten
damals Haselnüsse, die der Cibeben Brombeeren.

Ad III, 3, c. „Wähen“: uralter Name für Kuchen;
Ableitung dunkel.

Ad III, 3, e, α. Der Leser hat wohl längst die Frage
auf den Lippen, wo denn das Zahmgeflügel bleibe? Hier,
bei diesem Gipfel der Küchenkunst, bei der Pastete, hat er
die Antwort. Im Bauche dieses Prachtgebäudes befanden
sich butterweich gebettet die Mäglein, Leberlein, Herzlein von
Hühnern, Enten, Gänsen, nicht minder Flügel, Schlegel, Pfaffenschnitze, und zwar vereinigt mit „Milken“ (was wir jetzt
Brieschen nennen, die drüsenartigen Knollen am Halse des
Kalbs) und mit Mausschlegeln. Mausbraten wird jetzt infolge
thörichten Vorurtheils vernachlässigt. Warum sollte eine Maus
unappetitlicher sein als eine Ente, eine Sau? Mausfleisch,
insbesondere Schlegelstück, verbindet in feiner Einheit Wildfleischgeschmack mit dem zarten Geschmacke des Nußkerns.
Etwas salzig Prickelndes enthält dagegen der Eidechsenschwanz,
man möchte sagen, er bewirke ein gewisses wuseliges Gefühl
auf der Zunge. — Zu β: „Form“, nämlich zu der plastischen
Gruppe, welche den Deckel des reichen und wohlgefälligen
Ganzen bildete, haben wir nur die Eine Bemerkung, und
auch diese nur für Kenner der Kunstgeschichte: Die Stylgebung des Künstlers stand auf einer Stufe ganz parallel
mit dem Style der Metopen von Selinunt.

Der Name des Künstlers darf so wenig im Dunkel
bleiben, als der des Kochs und des Knochenspalters. Er
hieß Schababerle und nannte sich Hofzuckerbäcker. Es gab
freilich in Robanus keinen Hof, aber der Mann schuf und
bildete an festlichen Tagen für die Tafel des Druiden und
dieser ließ es gerne zu, daß er sich darum den Titel beilegte.
Es ist nachzubringen, daß auch Sidutop auf denselben Grund
hin ähnlich verfuhr; er nannte sich Hofkoch oder Hochwürdlicher Koch; den Knochenspalter Binuschnidur nicht zu vergessen:
er betitelte sich gern Hofknochspalter oder Seiner Hochwürden
Leibschlitzer.

Zur bestimmten Zeit erschien pünktlich der Druide
mit den Gemeindeältesten und den Singknaben. Er
lud die Gemeinde feierlich ein, seinen Hymnus nun
vollstimmig als Tischgebet zu singen, — nur das erste
der drei Glieder, wobei der einfacheren Melodie wegen
die Vorsänger genügten. Die Musiker waren schlechtweg zu sehr erschöpft, das zweite und dritte Glied
vorzutragen, und ohne ihre Mitwirkung war es unmöglich, diese kunstreichen Gefüge mit ganzer Gemeinde
zu singen. Alles Volk hatte sich die alte Weise schnell
wieder im Gedächtniß aufgefrischt und mit wenig Anstoß wurde das ebenso verständige als fromme Festlied abgesungen. Gern setzte man sich jetzt und hob
zum leckeren Mahle die Hände.

Wir überlassen nun die thatlustige Gesellschaft im
Glanze dreifacher Beleuchtung dem Genusse dieser Herrlichkeiten. Es ist lustig, im grünen Haine umstrahlt
von feenhaftem Lichte zu speisen, und unsere Pfahlmänner bedrängte es wenig, daß die drei langen
Tafeln eigentlich keine Tafeln, sondern aus quergelegten Prügeln nicht allzu eben hergestellte Flächen
waren; lagen doch Bastdecken darüber gebreitet, welche
das so ziemlich ausgliechen und den Schüsseln einige
Standfestigkeit gönnten. Nur die Männer sehen wir
vereinigt; das Frauenvolk mußte zu Hause bleiben;
ihnen wurden je nach einem Gang des Festschmauses
die übrig gebliebenen Brocken zugetragen, woraus sich
denn auch die Frage beantwortet, ob denn der Speiszettel für die bloße Hälfte der Gemeinde nicht zu reichlich sei. Die schönere saß in den geräumigeren Häusern
des Dorfes zusammen, unter heiteren Gesprächen auf
die willkommenen Abhübe wartend, und zwar an
solchen Abenden beim Thee. Chinesischer war das freilich nicht, vielmehr ein Sud aus Schlüsselblumen-,
Holder- und Schlehblüte, der mit Meth ausreichend
versüßt wurde. Da war denn der Genuß der schwatzenden Zunge fast gleich hoch geschätzt, wie der schmeckenden, das Gespräch fiel schnell auf dankbare Stoffe,
wie die halb bekannten, halb geahnten Vorgänge in
Odgal's Haus, Sigune, Alpin, der eingethürmte
Fremdling, und man kann sich denken, daß schnell
genug der Mythus sich beeilte, aus dem Einfachen
und dem Dunklen sein buntes und glänzendes Gewebe
zu spinnen. In einem dieser Theezirkel erwartete
man vergeblich die Nachbarin Sigune. Eine Frau
gieng in ihr Haus, sie herbeizuholen, und fand sie
mit Packen beschäftigt; sie wickelte eben einige Speisen:
Schinken, Wurst, Brod mit einer wohlgepfropften
Holzflasche zu einem Päckchen zusammen. „Was
machst?“ sagte die Nachbarin, „was packst da?“ —
„Es ist für Alpin,“ erwiderte sie, „der morgen weit hinaus in den Wald gehen muß nach einem verlaufenen
Rind suchen, auch nach den Wolfsgruben sehen will,
ob keiner sich gefangen hat.“ Auf die Einladung,
gleich zur Gesellschaft mitzugehen, sagte sie mit befangener Stimme, das Kleine sei so unruhig, sie
fürchte, der Scharlach breche aus; wenn das Kind
ruhig werde und ordentlich schlafe, komme sie wohl nach.
Mit einem fragenden Blick entfernte sich die Nachbarsfrau. — Wer nicht nachkam, war Sigune.

Bei den Männern draußen kam über der ernsteren
sächlichen Thätigkeit nur langsam das Gespräch in
Fluß; erst als man beim Mittelpunkte, ja eigentlich
erst als man bei dessen zweitem Abschnitt, dem Bratenstadium, angekommen, wurde es warm und lebhaft,
dann aber schnell anwachsend so mächtig laut wie die
brüllende See; denn die Pfahlbewohner hatten gar
kräftige Stimmen; man hätte sie Luftstimmen heißen
können, weil sie in der That für geschlossene Räume
nicht angethan waren; sprachen hier auch nur Zwei
oder Drei, so hätte ein Menschenkind unserer Zeit mit
seinem gezähmten Organ nicht mehr daneben aufkommen können und bei dem bloßen Anhören der tief
geholten Rachentöne einen Hustenanfall erlitten. Die
Getränke thaten das Ihrige, die Seelen und Kehlen
zu befeuern, und da jegliches Ding, das sich ohne
Einhalt steigert, einen Grad erreichen muß, wo es
umspringt und überschlägt, so trat nun eine Erscheinung ein, die wir am passendsten schildern, wenn
wir am Bilde von der bewegten See festhalten.

Wenn man dem Spiele der Meereswogen zuschaut,
so wird das Auge besonders von der Art gefesselt, wie
sie, auf ihrer Höhe angekommen, sich auflösen. Die
Welle hat zuerst einfache stumpfe Kegelform, dann
wächst sie auf der Seite, woher der Wind weht oder
die Flutbewegung geht, zu einem Schwanenhals an
und bildet auf der entgegengesetzten eine Hohlkehle;
jetzt, wenn sie reif ist, fällt der Kamm des Halses
schäumend über diese Hohlkehle herunter und die furchtbare Tönewelt eines Seesturms rührt nicht zum geringsten Theile von dem Donner dieser niederbrausenden Wasserfälle. Die Auflösung der Wogen beginnt
bald an einer Stelle, die dem Auge des Zuschauers
so entfernt liegt, daß sie ihm als das Ende erscheint,
bald in der Mitte, bald aber auch an zwei Enden
und so, daß die Bewegungen des Zerschäumens nach
der Mitte zugehen und hier zusammentreffen.

So nun begann am einen Ende des mittleren der
drei Tische, an welche die Gesellschaft vertheilt war,
das Gespräch der Männer, auf der Höhe seiner Kraft
angekommen, sich in eine Kraftäußerung anderer und
zwar jener thätigen Art aufzulösen, welche wir durch
das Wort Keilerei zu bezeichnen pflegen; gleichzeitig
nahm derselbe Umsprung seinen Ausgang am andern
Ende, beide Bewegungen wälzten sich fort nach der
Mitte, wo der Druide saß und neben ihm die zwei
Barden die Ehrenplätze einnahmen, und rießen auch
diese würdigen Personen in ihre Wirbel. Die Ursache
des Umsprungs war eine andere am obern, eine
andere am untern Ende. An jener Stelle hatte sich
ein Gespräch über den Werth der beiden Hymnen zum
Zank erhitzt. Dort saß Gwalchmai, den wir bereits
als ein Mitglied jenes Kreises kennen, welcher vom
Druiden die Einladung der zwei Barden von Turik
erwirkte. Er kam mit einem Normalhuster, der ihm
gegenübersaß, einem alten, aber heftigen Manne, in
Streit über den Hochgesang Kullur's. Dieß war Morbihan, den wir als einen der Zeugen wider Arthur
schon im Hause des Druiden gefunden haben. Derselbe nahm sich eifrig des dreigliedrigen Dichtwerks
von Angus an und ließ sich von der Leidenschaft hinreißen, seinen Gegner einen Narren und Schwindelkopf zu schelten, Gwalchmai gab es heim mit: langweiliger und doch dazu giftiger Normalhuster. Dieses
Wort, das wir bisher ohne Fährde gebraucht haben,
war in der damaligen Gegenwart ein gar hartes und
hatte oft genug die Losung zu Schlägereien gegeben;
der Beleidigte ballte die Faust und schlug den Gegner
derb über den Kopf, der war nicht faul und gab es
mit einer Maulschelle heim. Die Zwei saßen sich schief
gegenüber; nun wollte es das Unglück, daß neben
Morbihan Griffith saß, ebenfalls einer aus jener
Gruppe, die wir als eine Art Linke bezeichnen, und
wiederum diesem schief gegenüber Avagddu, ein Mann
der Partei, die wir nun folgerichtig als Rechte bestimmen dürfen; wir werden ihn wie Morbihan in
unserer Geschichte noch weiterhin betheiligt finden.
Diese Zwei hatten sich über die Rede Kallar's ereifert,
Griffith hatte ihn einen zweiten Merlin genannt, was
Avagddu so empörte, daß er den Barden einen tuckmäuserischen Grippodiener schimpfte, hier war der
Mann der Linken der zornigere Theil, schlug mit der
knochigen Faust hinüber und Avagddu blieb den Schlag
nicht schuldig. Nun hatte es aber bei dieser Aktion
zweier Paare, die sich über's Kreuz schlugen, nicht
sein Bewenden, die Nachbarn wollten zuerst Einhalt
thun, bekamen dabei Püffe weg, wurden darüber aus
Friedensstiftern Mitprügler und so lief es denn fort
wie der ununterbrochene Schaumstreifen der überstürzenden Woge.

Am andern Ende war der Ursprung desselben
Aufruhrs nicht ebenso geistiger Art. Hier war einem
biedern Holzhauer ein Unschick begegnet. Wir müssen
eine kulturhistorische Bemerkung voranschicken. Das
Fleisch wurde zerschnitten aufgesetzt. Es gab ja, wie
wir längst wissen, keine ordentlichen Messer und von
fassenden Gabeln konnte ohnedieß nicht die Rede sein.
Ein Vorschneider nahm in der Küche die Zerlegung
vor mit einer der äußerst seltenen Klingen, die
beim Zerschlagen des Feuersteins lang und scharf
genug ausgefallen war, um dieß Geschäft damit
zu versehen; auch so bedurfte es noch besonderer
Kunst und demnach gab es denn auch in diesem Gebiete Techniker. Auf großen Holztafeln wurde die
Flucht der Vorschneidarbeit aufgesetzt und jeder Gast
nahm sich seinen Bissen mit dem Naturwerkzeuge der
Hand. Löffel aber gab es, aus Horn und feinem
Holze gar nicht übel geschnitzt, wiewohl etwas groß.
Man bedurfte sie doch zu Suppe und Gemüs; gewöhnlich holte sich Jeder seinen Schub aus der gemeinschaftlichen Schüssel und führte ihn geradlinig zu
Munde. Bei Festschmäusen aber hatte ausnahmsweise,
um die würzreiche Brühe, die zu den auserlesenen
Fleischspeisen gehörte, mit Ruhe und Verstand genießen
zu können, auch der Einzelne seinen Teller, d. h.
seine mit schwerer Schnitzkunst erträglich konkav gebildete Holzscheibe. Das Abtropfen des Fetts, wenn
der Esser seinen Bissen aus der gemeinschaftlichen
Schüssel zum Mund herüberhob, hatte zu dieser Neuerung den Anlaß gegeben. Nun aber kam es überdieß
auf, daß man sich auch den Fleischbrocken erst auf
eine eigene kleinere Holzplatte nahm und nach persönlichem Geschmack noch etwas mehr in's Spezielle
bearbeitete, als der vielbeschäftigte Vorschneider es gethan. Dieß geschah mit dem Steinmeißel, den Jeder
sich mitbrachte. Ueber das Verfahren haben wir unsern
modernen Leser bereits aufgeklärt: das Werkzeug wurde
am Hirschhorngriff gefaßt, auf das Fleischstück aufgesetzt
und die Hand war hart genug, um als Hammer zu dienen.

Leicht wird man jetzt den Zufall begreifen, der
dem guten Holzhauer begegnete. Seine schwere Faust
schlug etwas zu stark, stieß Meißel und Fleischklumpen
über den Teller hinaus und die Brühe spritzte dem
Nachbar Zimmermann in's Gesicht. Der fuhr auf
und schrie: „Kaib!“.

Der reißend schnelle Hergang muß einen Augenblick mit einer erläuternden Bemerkung unterbrochen
werden, die der Leser billig erwartet. Das Wort
Kaib war Entstellung eines hohen Ehrennamens. Der
oberste Druide hieß, wie man sich erinnert, Coibhi-Druid, Druidenhaupt. Es kam auf, dieß Wort ironisch
anzuwenden, so daß es das Gegentheil seines Sinns
bezeichnete; um den Frevel zu mindern, sprach man
es unrichtig aus, wie wir heute noch mit Wörtern
heiligen Sinns verfahren, wenn wir sie zu Fluch oder
Schimpf mißbrauchen. Man begreift, daß es in einer
Zeit, wo dieser sein Ursprung noch bekannt war, für
ein sehr starkes Scheltwort galt. Kein Wunder denn,
daß dem bespritzten Zimmermann zu der Brühe alsbald noch eine Ohrfeige in's Gesicht flog. Des Zimmermanns nahm sich thatkräftig der Nachbar Fleischer
an, des Holzschlägers der nicht so leibstarke, aber
behende Schneider und das Weitere ergibt sich durch
Vergleichung mit dem Hergang am andern Ende: die
Handlung war im Gang und bewegte sich mächtig in
der entgegengesetzten Richtung.

Wir können also sagen: die Wogenschäumung gieng
von zwei Polen aus, dort einem idealen, hier einem
realen. Noch ehe aber diese zwei Sturzbewegungen
die Mitte erreicht hatten, wurden sie durch zuwachsende
seitliche Strömungen noch wesentlich verstärkt. An dem
einen der zwei übrigen Tische saßen die ledigen Bursche.
Sie waren bereits nicht besonders nüchtern zum Schmause
gekommen und hatten sich dennoch den Meth und Obstsuser tüchtig schmecken lassen. Die Unterhaltung galt
den Ereignissen des Schützenfestes, den besten Schüssen,
den Gewinnen. Manches Hoch wurde ausgebracht, man
rühmte sich gegenseitig in blühenden Trinksprüchen;
das Andenken sagenhafter Schützen aus der Vorzeit
wurde gefeiert, in deren Ruhm die späten Enkel gerne
sich sonnten. Aber man neckte sich auch mit verfehlten
Schüssen und der Neid um glückliche glostete als verborgenes Feuer in manchen Gemüthern. Dabei entzündete sich anderweitiger Brennstoff: Eifersucht um
Mädel, die unter der Decke glimmte und gelegentlich
zum Ausbruch kam. Einer der Bursche, Dubrach mit
Namen, hatte gar ungern gesehen, wie der Tanzdichter
Hopp-Hoppodur die reizende Gwennywar zum Tanz
aufzog, denn sie war seine Flamme. Der heitere
Künstler hatte sich als Junggeselle zu den Burschen
gesetzt, obwohl er um etliche Jahre über sie hinaus
war. Dubrach fieng an, mit Scherznamen wie Tänzerling, Hüpfmeister, Flederwisch herauszurücken, bei
letzterem Wort sprang der behende Mann auf, war
mit einem Satz über dem Tisch, mit einer flinken
Schwenkung saß er dem breiten Spötter auf den
Schultern, hatte die Hände an seinen Ohren, und
zog und zwickte ihn scharf in die Läppchen. Man
lachte, aber es blieb nicht lang beim Scherz, Dubrach
wurde wild, da er den festeingeklemmten Reiter nicht
abzuschütteln vermochte, fand Bundesgenossen, andere
sprangen dem Tänzer bei, die Aufregung pflanzte sich
auf die Uebrigen fort, es gab ein Gezerre und schnell
gieng der Spaß in Ernst, in Thaten über. Nun
brach es aber auch hier noch auf einem zweiten Punkte
los. Zwei Jägdler, schon bejahrtere Hagestolze, die
sich aber ebenfalls zu den Burschen gesetzt hatten, ereiferten sich in einem Gespräch über die Frage, was
als wesentliches Merkmal der Hirschlosung zu bestimmen sei. Der rothhaarige Caractac behauptete, das
wesentliche Kennzeichen sei die Gestalt, bestehend in
einer Reihe verbundener nußförmig runder Körper,
wogegen der spitznasige, schwarze Llywelin festhielt,
das wichtigere Merkmal sei der weißliche Schleim,
womit dieses Gebilde netzartig wie mit Spinnwebe
überzogen sei. Man sieht, es war eigentlich ein Gegensatz von plastischer und malerischer, oder eigentlich
zeichnerischer Auffassung. Da Keiner den Andern überzeugte und Keiner nachgab, so war der Streit zwischen
dem Plastiker und dem Pittoresken oder Skizzisten bald
nahe daran, zu schließen wie der Disput der Völker zu
schließen pflegt, wenn die Gründe und Gegengründe
erschöpft sind. Auf diesem Punkte standen denn eben
die beiden Gruppen, als das Brausen der Schlacht
am mittleren Tisch anhub. Beide vergaßen augenblicklich den eigenen Spahn, dort verlor der Reiter
den Schluß, sprang ab, hinüber mitten in's Gewühl,
nicht minder beeilten sich die Nächsten, die geballte
Kraft vielmehr dorthin zu entladen, die zwei Jägdler
machten es ebenso, dann nacheinander, wie Eisen vom
Magnet angezogen, flogen sämmtliche jugendliche Ansaßen dieser Tafel ebenfalls nach der Mitte hinüber
und schlugen blind darauf, wo es nur hingieng.

Am dritten Tisch saßen Verheirathete, so viel ihrer
am mittleren Tische nicht Platz hatten, ältere, jüngere
durcheinander. Hier hatten sich, kühn genug, einige
Stimmen des Mitleids mit Arthur vernehmen lassen;
zuerst der verständige Massikomur, der Finder der uralten Pfahlzeitreste im Seegrund, hatte es gewagt,
den vermessenen Redner mit seiner Jugend zu entschuldigen; er hatte in ein Wespennest gestochen, eine
milde Rede hatte eine wilde, eine wilde eine wildere
gegeben und so stand auch hier Alles in Feuer und
Flammen, als der Krieg am mittleren Tisch ausbrach
und schnell den zweiten in seinen Krater hineinrieß.
Da war denn auch für Gesetztere kein Widerstehen
mehr und in wenigen Augenblicken die ganze Gesellschaft aller drei Tische nur ein ungeheurer Knäuel
wild bewegter, klopfender und klatschender Glieder,
worin eine deutliche Form, ein deutlicher Ton nicht
mehr zu unterscheiden blieb. Man sah gehobene Arme,
man sah auftauchende Köpfe, in der Luft baumelnde
Beine, man sah breite Rücken und darüber dreschende
Fäuste, aber jegliches Gebilde verschwand blitzschnell
vor dem schwindelnden Auge, das in die Schlünde
der Charybdis zu sehen glaubte.

„Wessen Auge? Da gab es ja keinen Zuschauer!“
O ja, doch! — Wir haben noch keinen Augenblick
gefunden, des Näheren zu erzählen, wie die Wirbel
der Doppelbewegung am mittleren Tische nun dessen
Mitte ergriffen, wo zwischen den zwei Barden der
Druide saß. Der würdige Mann war nicht so überzart, nicht gegenzuwirken, als er von links und rechts
Püffe erhielt; in der That erfreute sich jenes ganze
Zeitalter noch eines hinreichend frischen Natursinnes,
um es nicht gar so fürchterlich zu finden, wenn ein
Druide oder Barde einmal in die Wechselwirkungen
einer Prügelei hineingerissen wurde. Es konnte als
Zufall gelten, daß der Barde Kullur einen seiner ersten
Hiebe zu fühlen bekam, dieser jedoch nahm es — aus
Irrthum oder nicht, bleibe dahingestellt — als Absicht, zog mit der gedrungenen Kraft seiner kurzen,
stämmigen Glieder den großen, etwas fetten und eben
nicht abgehärteten Mann über die Bank herüber und
bearbeitete gründlich seinen breiten Rücken, gründlicher
seinen fetten Sitzmuskel. Es geschah eigentlich nicht aus
Ummuth wegen der Hymnenkonkurrenz, vielmehr im
Grund einfach, weil er ihn und seinesgleichen überhaupt
nicht leiden konnte. Des Weiteren aber verschwanden
Beide in die allgemeinen Wogen des Getümmels und
waren als einzelne Wellen nicht mehr zu unterscheiden.
Anders der Barde Kallar. Er wußte sich mit großer
Gewandtheit nach den ersten Zerrungen und Stößen
aus dem Gewirre zu entwinden, beiseite zu treten,
stand, da Niemand Zeit hatte, ihn zu bemerken, ganz
ruhig an einem Eichstamm und beobachtete mit übergeschlagenen Armen, gelassen lächelnden Lippen das
Schauspiel wie ein merkwürdiges Naturereigniß. Das
ist die Ruhe, welche die Wissenschaft gibt! Er genoß
sie rein, wolkenlos, ohne den geringsten Verdruß über
das heißere Blut seines Collegen.

Jedes Drama hat sein Ansteigen, seine höchste
Verwicklung, aber auch seinen Ablauf, seinen Schluß.
Die Kämpfer sättigten sich, wurden müde, die Schläge
fielen seltener, Ausruf und Schrei begann sich zu
legen und endlich trat Meeresstille ein.

Koch, Knochenschlitzer, Vorschneider mit ihren Gehülfen traten jetzt aus der Schußweite der Küche hervor; sie hatten ein solches Schauspiel nicht zum ersten
Mal gesehen und beeilten sich nun, die zerzauste Matte
wieder zu ordnen, die zerbrochenen Schüsseln und
Krüge wegzunehmen, neue aufzutragen, inzwischen verschnauften die Kämpfer und setzten sich dann geruhig
wieder an ihre Plätze. Sie hatten eine Erfrischung
genossen, die zum jährlichen großen Opferschmaus in
Wahrheit niemals fehlen durfte. Wer möchte sie verdammen? Ist nicht das Essen eine träge Art von
Genuß, der es gar wohl ansteht, in einer Beigabe
mannhafter und aktiv bewegter Art ihre Ergänzung,
ihren höheren Schmuck zu finden? Auch waren sich
die Pfahlbewohner wohl bewußt, daß dieser bewegungsreiche ornamentive Zusatz zugleich ein Ersatz sei für
eine Einrichtung, die ihnen fehlte: gymnastische Uebung;
ihr Speiseplatz wurde so ihr Turnplatz; ihre Körper, eckig
und schwerfällig von harter Arbeit, wurden durch diese
Knetungen (jetzt: massage) geschmeidigt; die Schlägerei
hatte eine muskelbildende — sage griechisch: myoplastische — nebenbei zu erwähnen auch eine entschieden verdauungsfördernde Wirkung; man darf hinzusetzen: sie
vertrat durch den gesunden Schweiß, den sie mit sich
brachte, die Stelle von römisch-irischen Bädern, welche
die Pfahlmänner noch entbehrten; sie badeten in ihren
Seen, aber der Mensch bedarf von Zeit zu Zeit auch
ein Dampfbad. Ja ungleich Höheres noch dürfen wir
behaupten: die Wirkung war auch eine seelenbildende,
denn ein gewisser sanfter Friede, ein calmo di mare
pflegte nach diesen Stürmen auch auf die Gemüther
sich zu senken, und dagegen kamen ein paar Schrammen
und Beulen doch wirklich nicht in Anschlag. Unbedingt war freilich solcher Ruhe des Meeres nicht zu
trauen. Oft folgt ja auf einen Sturm ganz unerwartet ein zweiter; eine müde, scheinbar erstickte
Granatkugel fährt oft noch einmal empor, zerplatzt
und tödtet rings, was ihr begegnet. Nicht bei allen
Mitgliedern der Gesellschaft hatte sich Einnahme und
Ausgabe in der Prügelrechnung befriedigend ausgeglichen. Wer konnte wissen, ob es nicht da und dort
unter der Asche noch unheimlich nachglimme!

Vorerst sollte sich zeigen, daß dieß wenigstens beim
Druiden der Fall war.

Körperlich war zwar auch ihm die Motion im
Allgemeinen ganz gut bekommen. Wir wollen nur
verrathen, was wir bisher noch rücksichtsvoll verschwiegen
haben: sein letzter war nicht so musterhaft verlaufen,
wie es für einen voranleuchtenden Druiden sich ziemte;
er hatte ihm einen rheumatisch krummen Hals zurückgelassen. Die Durcharbeitung, die gründliche Walkung
hatte ihn jetzt kurirt: sein Kopf stand wieder gerade
auf seinem Rumpf. Aber sein Inneres war nicht
gerade, nicht still und weich geworden. Er hatte vor
der motorischen Episode wenig gesprochen, starr vor
sich hin gesehen; jetzt, obwohl er die passive und aktive
Theilnahme an der Kraftäußerung der Gemeinde im
Ganzen als eine wohlthuende nachfühlte, verhielt es
sich doch anders mit einem Bruchstück derselben: im allgemeinen Durcheinander hatte es sich doch seiner Wahrnehmung nicht entzogen, wer es war, der ihm auf
seine Sitzgegend so tüchtig aufmaß; das brannte nun
empfindlich nach, eine prickelnde Glut stieg aus dem
untern Theil seines Organismus empor und traf oben,
in Herz und Hirn, mit dem verhalten gährenden Grolle
zusammen. „Wartet, ihr Barden,“ dachte er, „Schlag
gegen Schlag! Kann ich euch nicht treffen, euern Freund,
euern Gesinnungsgenossen werde ich zu erreichen wissen!“
Er schwieg, bis Alles wieder saß; er selber zog vor
— wie ihm dieß ohnedem der eben bemerklich gemachte
Zustand der Basis seiner Persönlichkeit anrieth —
sich nicht niederzulassen. So stand er, nicht schmunzelnd wie sonst. Die kleinen Augen waren in die
Höhlen zurückgesunken, erst wie erloschen, dann fiengen
sie an, sich krebsaugenartig hervorzutreiben und wieder
zu funkeln. Die Haarstränge, die von hinten über
seine Glatze herübergezogen und festgeklebt waren,
hatten sich losgemacht und ragten unter der hohen
Pelzmütze, die nach den Körperübungen Morbihan
wieder aufgelesen und ihm aufgesetzt hatte, lang und
fetzig, ein verrückter Zackenkranz, hervor. Er hatte
sich das große Trinkhorn mit Methbock füllen und
reichen lassen; es war ein altes Erbstück der Gemeinde
aus der Stirnwaffe eines Urs, das an hohen Festen
umgieng. Er hob es, er rief: „Der großen Göttin!“
stieß ringsum an und that einen tiefen Trunk. „Den
zweiten dem großen, finsteren und heilig zu scheuenden
Urwurm Grippo!“ Er that einen zweiten, noch tieferen
Zug, reichte das Horn weiter und sah dann, als störte
ihn etwas im Fortsprechen, hinter sich nach der Feldküche. Hier gab es eine Bewegung, der Koch Sidutop
kam jetzt herbei und flüsterte ihm etwas in's Ohr.
„Er komme und melde!“ sagte Angus, der Koch eilte
zurück und gleich darauf trat ein Mann vor, todesbleich, zitternd an allen Gliedern, in voller Bewaffnung,
der Speer schwankte hin und her in seiner schlotternden Rechten. „Sprich!“ befahl Angus. Es war
einer der zwei Wächter an Arthur's Gefängniß. Er
stammelte daher: „Seit einer starken Stunde — dort
— unten — oben — neben — in den Lüften —
wo? was? ein Ton — Töne — entsetzlich — ein
Fauchen — Prusten — Schnarren — Rumpeln —
Krähen — lautes Heulen — Brüllen — dumpfes
Murren — o! o! au!“ Die Sprache versagte ihm,
er taumelte an einen Eichenstamm, preßte den Rücken
daran und hielt mühsam so die lummelnden Glieder
aufrecht. Einige kritische Augen meinten zu bemerken,
es sei nicht bloß Entsetzen und Angst, was seine
Organe lähme. Der Druide ließ diesen Zweiflern
keine Zeit zu näherer Prüfung. Er richtete sich steiler
auf und begann feierlich:

„Ihr habt es gehört. Die finstere Gottheit zürnt,
verlangt ihr Recht, schwebt grollend um den Kerker
des Frevlers! Der gewaltige, dunkle Grippo hat zu
lang ein Menschenopfer entbehrt. Darum hat er unser
Böcklein verschmäht. Wunderbares Wehen und Rauschen
habe ich verspürt, Geisterstimmen habe ich vernommen
heut Abend im heiligen Innersten des Haines. ‚Geuß
mich mit Sünderblut!‘ rief hohler Tiefton aus den
Aesten des Räthselgebildes. ‚Versöhne ihn!‘ lispelte es
aus zitterndem Birkenlaub. Fromme Mitheiden! ein
Unheiliger, ein Götterfeind, ein Lästerer weilt in unserer
Mitte. Ihr kennt mich, ihr wißt, ich bin eigentlich
ein Mann der Billigkeit. Ich lasse der denkenden
Vernunft einen Spielraum. Zweifel ist bis an gewisse Grenzen erlaubt. Wir haben Köpfe in der Gemeinde, welche an den heiligen Zahlen fünfunddreißig
und neunundvierzig zu rütteln wagen, betreffend die
Feen der Göttin Selinur und die Zwerggeister des
Grippo. Ich habe diese Grübler nie verfolgt, nur
sanft gewarnt. Ich selbst habe mich durch Zweifel
zum Glauben durchgekämpft. Aber zu viel ist zu
viel. Es darf nicht an den Kern, an die Wurzel,
nicht an die Hauptkapitel gehen. Dieser Fremdling
hat aber unsere allerheiligste Religion in ihren Grundwahrheiten verspottet, schon ehe er in die wildfrechen
öffentlichen Reden ausbrach. Er hat unsere ehrwürdige, hochwichtige Betuchungs- und Ritzungsfeier belacht;
er hat giftscharfe Worte fallen lassen, dahin zielend,
daß unser Glaube keine Kraft mehr habe, die Völker
zu erziehen; sie sind mir von treuen Seelen hinterbracht worden. Ich weiß mehr: er hat einem ehrsamen Jüngling der Gemeinde nach dem Leben gestrebt
in höllischer Eifersucht, da er eine Tochter unserer Gemeinde zu verführen, zu entführen trachtete, die dieser
edle, gottesfürchtige Sohn Odgal's lieb hat und freien
will.“ —

Man schaute umher, Aller Augen suchten Alpin.
Stimmen ließen sich hören: „Wo ist er?“ Die ledigen
Bursche riefen: „Er fehlt schon den ganzen Abend.“
— „Ja, seit dem Festschießen schon.“ — „Halt, er wird
ermordet sein!“ rief eine spitze Stimme aus der Männerschaar. Ein Murren, ein Flüstern gieng durch die
Versammelten, das sich zu tumultuarischer Unruhe
steigerte. Vergebens rief Odgal: „Mein Sohn ist gesund und wohl vom Schützenfest zurückgekommen und
hat zu Hause gegessen um Mittag; wer sollte ihn
denn in der Zwischenzeit ermordet haben, Arthur ist
ja gefangen!“ — „Der Gauner kann verborgene
Helfershelfer haben,“ schrie eine heisere alte Kehle.
Kurzes allgemeines Stillschweigen, dann neues Flüstern,
dumpfer, dunkler, unheimlicher als das vorige; Wechselblicke des Verdachts, gehässige Aufregung von Nachbar
gegen Nachbar, anzügliche Reden unter einander, Alles
zu einem Getöse anschwellend, worin die Mahnungen
einiger Nüchternen, namentlich der Barden, man solle
doch erst nach dem Vermißten suchen gehen, rein überhört wurden. Ein ruhiger Zuschauer hätte bemerken
können, daß eine zusammenhaltende Anzahl von Hetzern
geschäftig war, zu schüren und durch wiederholte Ausrufe: „Mörder! Mörder!“ die aufgescheuchte Phantasie
noch wilder in das dunkle Bild eines vorgestellten
Verbrechens, einer geheimen, schleichenden, bösen Macht
hineinzuverwickeln. Schon fiengen die Vernünftigeren
an, selbst beirrt zu werden, sonst hätte sich doch müssen
eine Minderheit zusammenthun, die stark genug war,
durchzusetzen, was die Barden verlangt hatten: daß
nach Alpin gesucht werde.

Es war der Druide, dem es gelang, mit gebieterischem Befehl sich eine Stille zu erzwingen. „Vielleicht auch Mörder!“ rief er, „aber er ist gerichtet
auch ohne das! Er hat in seiner schamlos frechen
Rede, den heiligen Wagstein schändend, indem er ihn
zu seiner Kanzel machte, unsere Obergöttin zwar gelten
lassen, aber nur in bedenklichem, hinterhältischem Sinn.
Den furchtbaren Grippo hat er geleugnet. Die Lehre
vom unbekannten Gott hat er wahnsinnig ausgedeutet,
sich vermessen, uns eine undenkbare neue Gottheit aufdrängen zu wollen. Und das Abscheulichste: wißt ihr
noch, was er gesprochen von drohendem Ueberfall
fremden Volkes, das unsere Hütten plündern, sengen,
unsere Kinder niedermetzeln, unsere Weiber und Töchter
schänden, in Gefangenschaft führen werde? Da sprach
er von Widerstand durch Menschenkraft ohne Grippo's
Hülfe! Was? Wie? Wer ist der, der uns des Beistands der Gottheit entblößen will, wenn unser Hab
und Gut und Leben und das Leben von Weib und
Kind bedroht ist? Nicht nur ein Ketzer, ein Hochverräther ist er! Ihn, ihn fordern wie die Geistertöne
im heiligen Hain, so die furchtbaren Laute, die über
den Wassern um sein Gefängniß Luft und Ohr
erschüttern!‚ Gebt ihn mir' ruft Grippo, gebt ihn
uns,' seine Geister! Verloren seid ihr, wenn ihr das
Opfer weigert, gerettet, wenn ihr es bringt! Ihr
wißt, daß aus eurem Seelenhirten nicht Leidenschaft
spricht, der Verbrecher ist in aller Form abgeurtheilt;
reiche mir, Dyfuwal, du rechtgläubig Frommer, der
du mir zuerst jene Hohnworte des Erzketzers getreulich
hinterbracht hast!“

Einer der Alten in seiner Nähe erhob sich, ein
hohläugiger Greis, groß und dürr, vom Alter gekrümmt, mit langem, doch sparsamem weißem Barte,
der in zwei Strängen vom spitzen Kinn niederhieng;
er trat an einen hohen Busch, über den eine Bastmatte
gebreitet war, hob sie, wollte hineingreifen, fuhr aber
wie von Scheu überwältigt zurück, denn aus dem
Busche erhob sich eine Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet, ein Weib mit gelbem Gesicht, mit starr, weit
aufgerissenen Augen, hoch in der Hand einen weißen
Stab haltend. Geheimnißvolle Zeichen, eingeschnitten,
mit Roth bemalt, waren darauf zu sehen. Es war
Urhixidur. Dyfuwal überließ ihr ohne Widerrede,
was eigentlich sein Geschäft war. Sie reichte den
Stab dem Druiden, zog eine der Fackeln aus der
Klamme, die sie am Pfahle festhielt, und beleuchtete
den Stab in Angus' Hand. Man konnte jetzt sehen,
daß das Roth der Zeichen aus Blut bestand.

„Hier ist das Urtheil!“ rief der Druide, den Stab
hoch emporstreckend. „Wer sind die Richter?“ riefen
gleichzeitig die zwei Barden, „nur ein Beschluß der
Volksgemeinde kann Todesurtheil fällen.“ — „Das
ist nicht Gesetz, nur Brauch“, rief Angus. „Ererbt,
verjährt, durch die Jahre geheiligter Brauch!“ entgegnete Kullur. Jetzt trat schnell Sigunens Vater,
Odgal, vor und sprach: „Er war mein Gast, verklage ihn, wenn du willst, förmlich vor der Gemeinde,
er soll nicht ungehört, nicht unvertheidigt gerichtet
werden!“

„Das gemeinschaftliche Amt,“ erwidert der Druide,
„ist befugter Vertreter der Gemeinde, ich habe zu den
zwei Aeltesten, die mir in Sachen des Gottesdienstes
zur Seite stehen, vier weitere beigezogen, die vom
Volke gewählten, dem obersten Haupt und Richter,
dem Druiden, an die Hand gegebenen Berather und
Verwalter der weltlichen Dinge — lies, Urhixidur!
lies das Urtheil, das nun dem Verbrecher soll verkündigt werden!“
Sie sagte zuerst in trockenem, litaneiartigem Tonfall das Urtheil her, als läse sie es vom Runenstabe
herunter; in der That war sie sehr schwach in der
Kunde dieser Schriftzeichen, konnte aber Eingelerntes
sehr gut auswendig behalten.

„Im Namen des Coibhi-Druid und kraft der
von Seiner Heiligkeit uns übertragenen Gewalt, zu
herrschen und zu richten, und auf Grund genauer
und gesetzlicher, unter Mitwirkung der für Berathung geistlicher und weltlicher Dinge uns beigegebenen Aeltesten unserer Gemeinde Robanus vorgenommener Untersuchung, auch in Uebereinstimmung
mit dem Wahrspruch dieser unserer Beisitzer erkennen
wir dich, Arthur von Nuburik, schuldig der Lästerung unserer heiligen Religion, der Leugnung der
Götter und zugleich des Hochverraths, und sprechen
das Urtheil, daß du alsbald nach Verkündigung aus
dem Kerker an den heiligen Dolmen sollst geführet
und zu Ehren der furchtbaren Gottheit Grippo und
gemäß dem bejahenden Willen der Weltgöttin Selinur vermittelst Aufschlitzung der Brust und des
Bauches vom Leben zum Tode gebracht werden,
und es soll aus den Zuckungen deiner Eingeweide
die Zukunft unserer Gemeinde Robanus geweissagt
und es soll hierauf dein Leib, todt oder noch lebendig,
zu Asche verbrennet werden.

„So beschlossen in der Gemeinde Robanus und
gezeichnet mit Blut des Böckleins.

Gemeinderath:

Dyfuwal.

Morbihan.

Avagddu.

Gueyrydd.

Gwrtheyrn.

Galgak.“

Angus, Druide,

Pfarrer.

Die Vorleserin verstärkte jetzt ihre Stimme und
gieng in einen andern Ton über, denn sie gelangte
an die poetische Fassung des Urtheils, die nach damaliger Sitte und Gesetz der prosaischen folgen mußte.
Die Anstrengung trieb ihre Stimme in die Höhe, laut
und grell wie ein krächzender Nachtvogel kreischte sie
in gesangartig gezogenen Tönen:

„Fest steht Stabspruch:
Sterbe Frevler!
Steche, schlitze
Scharfe Schneide
Langen Leibschnitt,
Daß man Lung und
Herz und Leber
Zukunftkündend,
Zeichenbringend
Zucken sehe!
Züngle, Flamme!
Zische, zehre
Ihn zu Asche!
Wehe! Wehe! Wehe!“

Diese drei Ausrufe, den hergebrachten Schluß eines
Todesurtheils, stieß sie mit einem Laute aus, so wild
grausig gellend, wie man sich den Schrei des blutigen
Kindes im „Macbeth“ denken muß, das aus dem Hexenkessel steigt; es ruft dreimal seinen Namen so entsetzlich,
daß er sagt: „Hätt' ich drei Ohren, hört' ich dich!“

Kaum war sie zu Ende, so rieß Angus, den
Augenblick benützend, wo Schauer alle Zungen band,
eine Fackel vom nächsten Pfahl, schwang sie, rief:
„Vorwärts!“ setzte sich in Bewegung, ihm nach das
geisterhafte Weib, in der einen Hand den Runenstab,
in der andern die Fackel, die sie vorhin ergriffen
hatte und nun in Kreisen über dem Haupte drehte;
an sie schlossen sich rasch die Gemeindeältesten und
hinter diesen drängte sich Alles, was streng und
feindlich gegen Neuerungen gesinnt war; dagegen die
Barden, die Männer, die wir als eine Art von Linker
schon kennen, die Unentschiedenen, die sich gern einige
Nüchternheit bewahrten: sie Alle bedurften nur wenige
Minuten, sich vom lähmenden Grausen zu erholen,
dann stürzten sie sich nach, abmahnend, klagend, heftig
bemüht, die vorwärts Stürmenden aufzuhalten. Durcheinander schreiend, ziehend und stoßend, zerrend und
gezerrt, wälzte sich der wirre Menschenknäuel über
die Opferstätte hin, wo vor Grippo's Bild ein Scheiterhaufen aufgerichtet stand und röthlich im Fackellicht aufglühte, wo auf dem Dolmen schon der Coridwentopf bereit stand, das Blut des Menschenopfers zu
empfangen, dann weiter der Brücke zu, worüber zuerst
Urhixidur hinraste, die sich auch vor Angus den Vortritt errafft hatte. Mit sausenden Flechten stürmte sie
über die polternden Planken, immer die Fackel schwingend, deren Flamme nun auf den dunkeln Spiegel
des Sees ihren feuerrothen Schein umherstreute —
eine Eumenide, ein höllischer Dämon —, ihr nach
der Druide, die sechs Aeltesten, dumpf erkrachte unter
der wild bewegten, stampfenden Last des nachdrängenden Gewühles der ganze hohle Unterbau des Wasserdorfes, von fern hörte man das Geheul eines Wolfes,
aufgescheuchte Nachtvögel umflatterten krächzend das
wilde Heer; — jetzt sind die Vordersten am Gefängniß angelangt, der eine der zwei Wächter, der auf
seinem Posten geblieben, liegt schnarchend am Boden,
Angus schwingt eine Steinaxt, die ihm unterwegs
schnell gereicht worden, zerhaut den Knoten am Riegel,
reißt die Thüre auf, rennt hinein, ihm folgt augenblicklich Urhixidur und die Aeltesten. —

Ein dumpfes, klatschendes Geräusch wird vernommen, es wiederholt sich schnell und öfters und rasch
vereinigen sich diese schlagartigen Laute zu einer dunkeln,
verworrenen Masse von Gehörseindrücken, die nur von
zappelnden, heftigen Bewegungen im plätschernden,
schäumenden, spritzenden Elemente des Wassers herrühren können. Dazwischen erschallt mehrstimmiges Geschrei, verzweifeltes Hülferufen; die Nächsten, die den
Eindringenden hatten folgen wollen, machen wohlweislich Halt, drehen sich um, schreien nach Kähnen, die
Nachdrängenden, die noch nicht wissen, was vorgegangen,
schieben und stoßen vorwärts, so erleiden noch mehrere
Personen das Schicksal der Zugführer; nach und nach
lichten sich die Geister zum Verständniß, man eilt nach
Einbäumen, kann sie nicht schnell genug lösen, Dieser
und Jener springt aus freien Stücken in's Wasser, um
schwimmend die Hineingestürzten zu retten, Andere
wirft im Gedräng und der Hast um die Kähne der
Zufall in die Wellen und endlich befindet sich der
ganze männliche Theil der Gemeinde in dem wogenden
See, die Frauen sind inzwischen aus den Hütten gestürzt, wehklagen wie ein antiker Chor an den Geländern, eines derselben bricht vom Drucke der Menge
und ein Haufen von Müttern und Töchtern stürzt
hinab, weit und breit ist nun die Wassermasse bedeckt,
durchschossen, durchrauscht von einem dunkeln Getümmel
schwimmender, kähnerudernder, drängender, zappelnder,
lautschreiender Gestalten; aus dem Schlaf aufgeschreckt
flattern schneeweiße Möven über dem tollen Schauspiel
und sagen durch Wimmern und fahrige, verrückte Zickzackflüge ihr Erstaunen über den unbekannten Anblick.
Nur drei Menschen stehen unbemerkt ganz ruhig oben
und schauen auf das Getrieb hernieder; es sind die zwei
Barden und ein Jüngling, der sich so eben erst, stark erhitzt wie von raschem Marsche, zu ihnen gefunden hat
und den wir nicht zu nennen brauchen. Sie flüstern;
kaum vernimmt man die Worte: „— und Tyras hat
sich auch eingestellt, ist mit.“

Anderswo liegt in ihrem Kämmerchen eine Jungfrau mit geschlossenen Augen, mit dem innern Auge
Alles sehend, was sich begibt, und Alles verstehend
und von Lust und von Bangen zitternd zieht sie die
Decke ihres Lagers über sich her und versteckt darin
ihr schönes Lockenhaupt.

Nach und nach wird die Fläche des Sees wieder
sichtbar und ruhig, Lärm und Menschengedräng zieht
sich in's Dorf hinauf, hier beginnt ein Laufen, Poltern,
Herbeischleppen wärmender Pelze, in den Küchen ein
Wasser- und Methsieden, auch diese Unruhe legt sich
allmälig und endlich ist es stille.

Ruhig scheint der Mond auf den befreiten glatten
Wasserspiegel. Nichts ist mehr zu sehen von all' der
Menge von Menschen und Dingen; nur eine Zipfelpelzmütze, der Hauptschmuck des Druiden, treibt einsam,
träumerisch auf den Wellen dahin. —

Drei Jahre sind seit dem Ereigniß vorübergegangen.
Am Ufer sitzt ein junger Mann, neben ihm ein bildschönes Weib. Sie sehen einem Kinde zu, einem
kräftigen Knaben, welcher im Grase mit Blumen spielt
und abwechselnd einen alten Schäferhund an Fell
und Ohren zaust, der es geduldig sich gefallen läßt.
Er hat des Vaters blonde Locken, aber ganz die dunkelblauen Augen und das schelmische Lächeln der Mutter.

Die Beiden sitzen lange schweigend beisammen.

„Wo er wohl sein mag, was wohl aus ihm geworden ist?“ sagt endlich, in Gedanken verloren, Alpin.

„Ach,“ antwortet Sigune, „es ist besser, ich sage
dir's, als daß du es durch Andere erfährst. Gestern
kam mir ein Gerücht zu Ohren, Männer vom Podamur-See, die mit Waaren zu uns gekommen, haben
es herübergebracht; sie sagen, ihnen selbst sei es auch
durch waarentauschende Leute zugetragen und diesen
ebenso aus weiterer Ferne. Es lautet traurig.“

„Sag' nur, ich ahn' es wohl.“

„Weit, weit weg in einem wilden Lande sei er, so
heißt es, von grausamen Menschen erschlagen worden,
weil er ihnen ihre Götter nehmen wollte. Ach, wenn's
so ist, du hast ihn umsonst gerettet!“

Alpin ließ das Haupt sinken, zog dann sein Weib
an seine Brust und unterdrückte ein Schluchzen. Dann
hob er sich und sagte: „Doch nicht umsonst, lieb
Herz! Was er ausgestreut, wird aufgehen. Ist ja
bei uns auch aufgegangen; nicht zu viel, doch Manches.
Der neue Druide haßt und verfolgt die Leute nicht, die
nicht gerad' Alles so glauben.“

„Dem Alten hat doch noch etwas geschwant, als
er an der argen Verkältung mit seiner Alten so hinstarb und ich die Beiden eben doch pflegen mußte; er
richtete sich im Fieber einmal auf, blickte starr nach
oben und stöhnte: ‚Schau' nicht so schwer auf mich hernieder, Geist! vergieb mir.’ Die Alte aber starb unter
Flüchen, die hat mich nicht gedauert.“

„Mich Beide nicht.“

„Du bist im Herzen doch eigentlich auch für's Neue.“

„Weißt, ich kann freilich die Steckköpfe und Mucker
nicht leiden. Was Arthur gemeint, hat mir stückweis
wollen einleuchten, ja sind mir auch schon fast ähnliche
Gedanken gekommen, wenn ich so auf meine Schippe gestützt in's Weite hinaus schaue oder wenn ich im Regen
unterstehe dort in der Höhle, wo Arthur sich verbarg.
Da fällt mir immer ein, was er gesagt hat in der
Nacht, als ich ihn über den See setzte. ‚Warum bist
du denn eigentlich aus deinem Versteck heraus?’ frag'
ich ihn. ‚Ich weiß selbst nicht recht,’ sagt er, ‚und doch,
ich weiß. Als ich in der hohen dunklen Höhle so dasaß, da kam es über mich; es wehte mich an; es rief
etwas über mir hoch herab vom grauen Felsgewölbe
und doch in mir: drüben am Dolmen reden sie jetzt,
rief es, gehe hin, zeuge vom neuen Gott, den du
nicht kennst und doch kennst, sprich, zeuge laut vor
allem Volk! Da ließ es mich nicht; ich brach aus’
Sieh',“ fuhr Alpin fort, „wenn ich nun in der Höhle
sitze, da muß ich dieser Worte gedenken, da meine
dann auch ich ein Rauschen, ein Klingen zu hören und
eine Stimme, die da sagt: eure Götter sind nicht die
rechten und euer Sinn und Leben soll erneuet werden,
wie die Welt erneuet ist, seit dunkle, wilde Menschengeschlechter gewohnt und gehauset in diesen Kammern.
Aber mein Geschmack ist eben nicht, zu schieben und
zu treiben an solchen neuen Gedanken. Ich denk'
halt: manches Alte ist doch auch gut und stille Hirten
muß es doch immer geben, und ich denk' halt: wer
immer Recht behalten mag, es ist immer gut, wenn ein
Theil Leute noch stät, aber ohne Gift am Alten hängt.“

„Ja, drum hältst du's auch mit denen, die sich so
stark gegen die Einführung des Erzes sperren“. Sigune lächelte zu diesen Worten; nachdem Alles gut
geworden, hatte sie, schelmisch wie sie war, ihren
Alpin öfters mit der bewußten Szene geneckt.

Alpin stand auf, hob das Kind auf seine Arme,
beugte sich zu Sigunen nieder, hielt ihr das kleine
Haupt nah unter die Augen und sagte: „Lieb Weib,
ist das nicht ein schönerer Spiegel?“

Sigune bedeckte das Kind und dann den geliebten
Mann mit Küssen.

Als sie wieder aufschauten, sahen sie im Hintergrund den Ehegoumer eilig über die Wiese laufen.

„Gelt du,“ sagte Sigune, „den brauchen wir nie
und nimmer!“

Die Fundstücke, die man aus dem Robanus-Seegrund ausgegraben hat, gehören der Steinzeit an, doch
befinden sich auffallenderweise zwei Ausnahmen darunter: ein Erzschwert, dessen Schärfe so gezahnt ist,
daß es offenbar als Säge gedient haben muß, und
ein großer eiserner Bohrer, beide stark vom Rost angefressen, doch mit Sicherheit noch bestimmbar. An
einigen Dielen, die man an einer Stelle noch ziemlich erhalten beisammen fand, lassen sich Spuren von
Bohrlöchern und von da auslaufend starke Eingriffe
eines rauhdurchschneidenden Werkzeugs erkennen.

In der Pfahldorfgeschichte hat der geneigte Leser
das Manuskript kennen gelernt, das mir aus Venedig
zukam. Der zwei Bedingungen, an welche die Vollmacht zum Abdruck geknüpft war, erinnert er sich aus
unserem Gespräch in Göschenen. Er wird also aus
der Thatsache, daß der Abdruck vorliegt, bezüglich der
einen Bedingung von selbst den Schluß ziehen, daß
ich in der Pfahldorfgeschichte noch etwas Anderes fand,
als nur einen anachronistisch satirischen Scherz. Was
dieß Andere sei, hat A. E. dazumal so bescheiden
angedeutet, als man es irgend von einem Menschen
erwarten darf, der Selbstgefühl, der Charakter hat;
ich würde näher darauf eintreten, wenn ich nicht allen
Schein der Parteilichkeit für meinen Mann vermeiden
möchte; eher ist es von Interesse für mich, auf die
Mängel hinzudeuten, wozu Gelegenheit sich ergeben
wird. Bevor ich erzähle, wie die andere Bedingung
eintraf, will ich noch melden, was auf dem beigelegten
Zettel geschrieben stand; es lautete: „Sollte Ihnen
das Opus in dem Sinne, wie ich damals in Göschenen
gesagt, nicht eben unwerth erscheinen, so mögen Sie
es also vom Stapel lassen, wenn ich todt bin. Dann
müssen Sie aber eine Bemerkung beifügen. Ich habe
in dem Hymnus des Barden ein Gedicht von einem
lebenden Dichter auf eine Weise verwendet, die unverantwortlich ist, wenn ihm nicht eine Genugthuung
gegeben wird, falls der Spaß gedruckt erscheint. Ich
habe seine Strophen erweitert, da verändert, dort
unverändert gelassen. So verlangte es mein Zusammenhang. Es lieber durch ein anderes ersetzen? Das
konnte ich nicht über mich bringen, weil ich einen gleich
guten Grund für den gegebenen Zweck zu legen mich
unfähig fühlte. Aber auf mein heilig Ehrenwort, es
soll kein Diebstahl sein und ebensowenig eine wohlweise
Verbesserung. Wer die Gedichte des Mannes kennt,
der weiß, welches ich meine; wer sie nicht kennt, den
geht diese Bemerkung eben einfach nichts an. Noch
eine andere Unthat habe ich begangen: demselben
Poeten ist das Kahnlied zugeschrieben, das Alpin singt
dort, wo über die Beschickung der Barden berathen
wird. Taugt es nichts, so habe ich sehr gefrevelt.
Es soll für beide Sünden seine Verzeihung, seine
Zulassung eingeholt werden.“ 

Mit Seufzen packte ich das Manuskript zusammen,
als ich es gelesen, und barg es bei den Papieren, die
ich am sorglichsten verwahre. Je mehr es mich rührte,
daß der Mann, mit dem ich menschlich einst in so
eigenthümliche Berührung gekommen, mich nun so
vertraut auch in die Gänge seines Talents blicken
ließ, desto stärker wollte sich der Unmuth in mir
melden, daß er mit seiner Person solch' grillenhaft
heimliches Wesen trieb. Von Zeit zu Zeit überfiel
mich auch einfach die Neugierde, ein paarmal schoß
der Gedanke in mir auf, ich wolle schnell nach Italien
aufbrechen, seine Spuren aufsuchen, seinen Namen
und Stand erkunden. Doch ebenso schnell faßte ich
mich nach solchen Momenten und sagte mir, daß das
kindisch wäre. Und gerade diese Selbstrüge führte
auch wieder zu gerechterer Auffassung jener Grille.
Mußte ich mir gestehen, daß ein solcher Spürungsgang ein kleinliches Thun wäre, so war damit auch
anerkannt, daß es gar so unnatürlich eben nicht war,
wenn der Sonderling die Anhängsel seiner Persönlichkeit, Namen, Heimat, Stand verbarg und nur Mensch
zu Mensch sich stellen wollte. Freilich konnte auch
diese Erwägung nicht immer vorhalten; denn jene
Anhängsel sind ja das Mittel, wodurch Menschen, die
sich kennen gelernt, sich menschlich nahe getreten, einander wieder auffinden können. Warum sollte ich ihn,
warum wollte er mich nicht wiedersehen? Dieß war
denn doch krank. Was konnte dahinter stecken? Hatte
ihm unser Abenteuer in den Schöllenen den Gedanken
des Selbstmords, der ja unheimlich genug aus seinem
Selbstgespräch am schauerlichen Felsrand hervorblitzte,
noch nicht ausgeheilt? Wollte er allein wandeln, um
frei dem Todesgedanken nachzugehen und ungestört,
wenn er reif wäre, ihn zur That zu machen? Bei
dieser Betrachtung überkam mich wieder das Mitleid,
jenes Mitleid, das mich einst zum halsbrecherischen
Kletterwagniß getrieben, das mir beim Abschied die
Thräne ausgepreßt hatte. Und nun ward mir der
Inhalt der Pfahldorfgeschichte zu einer Quelle neuer
herzlicher Rührung. Ich zog sie wieder hervor und
vertiefte mich so recht rein pathologisch in das durchgehende Motiv: die wunderliche Erfindung einer Religion,
einer Mythologie, worin sich Alles um den Katarrh
dreht. Doch wurde durch ein Gefühl anderer Art
dem Mitleid das Gleichgewicht gehalten: der Arme,
der mit diesem lästigen Leiden so fatal verwachsen war,
daß sein Gedankenleben sich gewöhnt hatte, sich halbwahnsinnig um diesen Einen und verwandte Punkte
zu drehen: er hatte es ja doch vermocht, sich so seiner
selbst zu entäußern, daß der Krankheitsstoff als gegenständliches Bild humoristisch ausgeschieden wurde. Das
war denn wirklich kein geringer Akt geistiger Freiheit.
Immerhin komisch war mir allerdings die Stelle in
Arthur's Feuerrede, wo so manches Böse doch als Ausfluß genannten Uebels entschuldigt wird, der Redner
aber fühlt, daß dieß gegen den Strich seines Gedankengangs läuft und sich mühsam in diesen zurückhilft.
Dabei drängte sich mir zugleich die Bemerkung auf,
daß er sich im Verhältniß zum Umfang seiner Grille
im Grund enthaltsam erwiesen habe, denn die Versuchung mußte groß genug sein, sich nicht auf das
eine der sogenannten kleinen Uebel zu beschränken,
sondern durch reichliche Einführung anderer eine Aussicht auf das unabsehliche Gebiet lästiger Durchkreuzungen
menschlichen Seins und Thuns durch den winzigen
Zufall zu eröffnen, mit dem er sich in so großer Ausdehnung und so verbissen beschäftigte. Einzelnes der
Art, was vorkommt, wie das Herabfallen des Druiden
von der Kanzel, ist doch motivirt und zählt also eigentlich nicht in die Sphäre des reinen Widersinns. Diese
Einschränkung durfte ich ebenfalls für einen Erweis
von Freiheit gelten lassen: er konnte eine Menge
komischer Motive aus diesem Gebiete schöpfen, aber
der Zusammenhang seiner Komposition wollte es nicht
zulassen, und als Künstler fügte er sich in dieß Verbot,
während er als Mensch doch gewiß auf Schritt und Tritt
einen starken Reiz fühlen mußte, es zu übertreten.

So schwankte mir Denken und Gefühl hin und
her, bis endlich die allgewaltige Macht der Zeit, die
politischen Ereignisse, die Häufung täglicher Arbeit das
Bild des Mannes und seines Werks mir in den Hintergrund der Erinnerung schoben, aus dem es nun seltener,
doch allemal frisch und lebendig wieder auftauchte.
Des Tages dachte ich weniger daran, aber häufig träumte
mir von Urhixidur, vom Wisentkampf, vom Scheiterhaufen, zu welchem Arthur verdammt war, und ein
andermal schwebte ich schwindelnd über Abgründen,
tosenden Wassern, über mir, hoch am steilen Fels, eine
geisterhafte, titanisch bewegte Gestalt, und oft erwachte
ich dann schweißgebadet im Augenblick, wo ich in die
jähe Tiefe zu stürzen glaubte. Es war in der Nacht,
nachdem die französische Kriegserklärung 1870 bekannt
geworden, als sich mir solche Erinnerungsbilder mit
Vorstellungen, welche diese Kunde mit sich brachte,
wunderlich im Traume verknüpften. Ich befand mich
wieder in der Schöllenenschlucht und sah auf einer
der wilden, steilen Felsenhöhen — nicht meinen Mann,
sondern einen Spahi, einen wilden Sohn Afrikas —
nicht stehen, sondern reiten; der Fels nahm die Form
eines Pferdes an, der Spahi, während sein weißer
Mantel dunkler und dunkler wurde, sich mehr und
mehr ausbreitete und als silbergesäumte Wetterwolke
am Himmel zu flattern schien, spornte es heftig in die
Seite und rief: „Nach Berlin! nach Berlin!“ Jetzt kam
A. E. herbeigeeilt, schrie: „Herab, Pferdsschinder!“ packte
ihn am Bein, der Spahi springt aus dem granitnen
Sattel herab, zieht seinen krummen Säbel, ich stürze
hinzu, wir raufen, und im Handgemenge sehe ich A. E.
stürzen, die blitzende Waffe ist ihm in die Hüfte gefahren, ein Blutstrahl spritzt aus der Wunde, der
Schreck weckt mich auf und erwacht meine ich noch
mein Stöhnen im Traume zu hören.

Am Morgen darauf hatte ich eine kleine Reise
anzutreten in der Richtung gegen Süden. Ich stand
auf dem Perron eines Bahnhofs und sah die Leute
in einen Zug einsteigen, der, von oben kommend, einen
kurzen Halt gemacht hatte. Das Zeichen zur Weiterfahrt war schon gegeben, als ich einen Mann, der sich
etwas verspätet hatte, dem Wagen zueilen sah. Er
erreichte ihn noch, blieb aber mit der Brusttasche seines
nur umgeworfnen Ueberrocks im Griff der Wagenthüre
hängen; ich hörte einen heftigen Fluch und sah zugleich,
wie der Fremde einen zornigen, so gewaltsamen Ruck
mit seinem Kleide that, daß die Tasche rieß: man hörte
trotz dem Prusten des Dampfrohrs die Nähte krachen
und der Inhalt rollte über den Wagentritt auf die
Schienen und über sie hinweg bis an die Grenze des
Perrons. Inzwischen war der Mann im Wagen verschwunden und der Zug fortgesaust. Ich war seiner
nur von hinten ansichtig geworden, aber Gestalt und
Bewegung waren mir bekannt vorgekommen, die Stimme,
der Fluch und das ungeduldige Reißen kamen mir noch
bekannter vor; jetzt beeilte ich mich, die Sachen aufzunehmen; es war eine Brieftasche und eine Cigarrenspitze; mit dem ersten Blick erkannte ich diese Dinge
als Eigenthum A. E.'s, denn wenn sich bedeutende
Stunden in unserem Gedächtniß festsetzen, so gräbt
sich ja gern auch unwichtig Aeußerliches als geläufige
Zubehör der Persönlichkeit in die geistige Tafel mit ein.
Ich begab mich mit meinem Fund auf das Zimmer
des Inspektors. Er öffnete vor meinen Augen die
Brieftasche und zog neben einigen Blättern und Briefen
eine Paßkarte hervor; sie war 1869 ausgestellt nach
Italien (und Sicilien), daneben aber lag ein älterer,
ganz vergilbter Paß von 1865, der wohl mitgenommen
war für den Fall, daß die Paßkarte nicht genügen
sollte. Er lautete ebenfalls nach Italien. Ganz merkwürdig: der Name hieß Albert Einhart; also die
Anfangsbuchstaben ebendie, womit ich mir nur zur
Aushülfe, die Bedeutung: „Auch Einer“ hineinlegend,
bisher den Mann bezeichnet hatte. Alter auf dem
Paß: fünfzig Jahre, Paßkarte demgemäß: vierundfünfzig.
Stand: Vogt außer Diensten. Flugs fiel mir dabei
der Auftritt mit den zwei Strolchen auf dem Gotthardpaß ein. — Den Wohnort wollen wir übergehen: er
thut nichts zur Sache und der Leser, wenn ihn etwa die
Neugierde hinreizte, würde den Mann doch nicht mehr
finden. Ich schrieb auf eine Karte mit meinem Namen:
„Der glückliche Finder, der Reisekamerad von 1865,
grüßt;“ ich bat den Beamten, die Karte zu den Sachen
zu legen; er erklärte, daß er am übernächsten Tage,
wo sich die Ankunft des Eigenthümers in seinem Wohnort als erfolgt mit Wahrscheinlichkeit annehmen lasse,
telegraphiren werde. Der Vorfall machte mir Spaß,
wohlgestimmt reiste ich weiter; allein die Zufriedenheit
hielt nicht lange vor, eine Unruhe kam über mich;
du mußt hin, sagte ich mir, eine Dummheit wär's,
sich länger an die Schrulle eines Eigensinnigen binden;
naturwidrig, barbarisch ist's, daß man sich nicht mehr
sehen soll. Ich entschloß mich und wollte, wieder zu
Haus angekommen, ungesäumt aufbrechen. Allein ich
konnte mich so schnell nicht losmachen. Der Krieg hatte
seine blutige Arbeit begonnen, nahe Verwandte hatten
Söhne im Feld, Schlag auf Schlag folgten sich die
großen, mörderischen Schlachten, es gab zu Hause gar
viel zu thun für Pflege der Verwundeten, für Sanitätszüge, ich durfte, ich konnte mich von meinen nächsten
Umgebungen nicht trennen. Endlich kam der Schicksalstag von Sedan. Die Hoffnung auf das Ende des
Kriegs konnte ich zwar nicht theilen, aber eine Pause
mußte folgen, ich glaubte mich auf einige Tage frei
machen zu dürfen und fuhr ab.

Auf der Station, wo der erzählte Vorfall spielte,
setzte ich einen Zug aus und fragte an, ob die Sachen
abgegangen und Nachricht von ihrer Ankunft eingetroffen sei. Der Beamte zeigte mir den Empfangschein und ich erkannte mit dem ersten Blick die Handschrift. Man kann sich denken, daß ich mich doch
nicht wenig gespannt fühlte, als der Zug am folgenden
Morgen dem Ziele sich näherte. Ich enthielt mich,
Mitreisende mit Erkundigungen anzugehen; ungeschmälert von halbem Vorwissen wollte ich die Wohlthat
genießen, nun den Mann in seiner Heimath, seinen
Lebensbedingungen erst ganz kennen zu lernen. Gleich
nach der Ankunft eilte ich in einen Gasthof und fragte
schon unter der Thüre nach der Wohnung des räthselhaften Freundes. „Sie treffen ihn nicht mehr am
Leben,“ sagte mit schmerzlicher Miene der Wirth. Ich
zuckte zusammen. „Ein blutiger Tod,“ setzte er hinzu; „Tod durch einen Messerstich im Streite mit
einem rohen Fuhrmann.“ — „Hat er Familie hinterlassen?“ — „Er war Junggeselle, eine Verwandte
hielt ihm Haus, Frau Hedwig, eine Wittwe.“ — „Ist
sie noch da?“ — „Sie verbleibt im Hause.“ — Ich
ließ mir Straße und Hausnummer angeben, wies
Begleitung ab und fand mich bald zurecht.

Ich sah an der Nummernzahl, daß ich der Wohnung nahe sein müsse, als mir hart an der Nase ein
Trinkglas vorüberflog und auf dem Pflaster klirrend
zerschellte. Mir war, als streifte mich der Geist des
Verstorbenen. — Das Haus war gefunden und wurde
auf mein Läuten geöffnet; im Flur stürzten zwei
Hunde die Treppe herab auf mich zu, laut bellend,
doch nicht in feindlichem Tone, es war der halbwimmernde Ruf, welchen dieß Hausthier in der Aufregung
der Freude hören läßt. Plötzlich blieben sie vor mir
stehen, blinzten mich an und hängten die Schweife.
Es war ein großer Hatzrüde von der gelbgrau geströmten Rasse und ein borstiger Rattenfänger. Ich
betrachtete sie mir und redete sie wie alte Bekannte
an, denn das waren sie doch, da ihr verlorener Herr
sie mir ja im Geist längst schon vorgeführt hatte. —
„Ach, ihr guten Kerle, gelt, 's ist eben nicht euer
Herr, der kommt nicht mehr.“ Die Thiere winselten leise und giengen mir die Treppe hinauf zur
Thüre voran, die nun geöffnet wurde, ehe ich sie erreicht hatte. Eine Frau im Alter von etwa fünfzig
Jahren, ganz in Schwarz gekleidet, kam mir entgegen;
ich nannte meinen Namen. — „Ach, sind Sie's?“
rief sie, „es war mir doch vor, ich hab's gleich gedacht! Denken Sie, ich bin zusammengefahren, als Sie
schellten! Sie ziehen die Glocke ganz wie der Herr
selig!“ — Sie gab mir die Hand, führte mich in ein
behagliches getäfeltes Zimmer, worin auf dem Fenstersims ein großer Kater ruhte und halbschläfrig nach
mir hersah. Wir standen uns gegenüber und sahen
uns in die Augen. Sie weinte und auch ich konnte
die Thränen nicht unterdrücken. Mit gebrochener
Stimme brachte sie nach einer Pause hervor: „O, wie
ist das unglücklich gegangen! Er hat mir von Ihnen
erzählt, ich weiß, daß Sie die Pfahldorfgeschichte haben,
ich hab' ihm recht Vorwürfe gemacht, daß er so grundlos Geheimniß hielt, er war darin gar so eigensinnig,
doch gegen das Ende ist er milder geworden und als
die Sachen ankamen mit Ihrer Karte, so wollte er
Ihnen schreiben oder Sie besuchen, aber dann verschleppte er es wieder, nun kam das Unglück und
darnach in seinen letzten Stunden hat er noch einmal
von Ihnen gesprochen und mir das Versprechen abgenommen, Sie noch recht herzlich zu grüßen, auch
noch einen Auftrag gegeben, von dem wir ein andermal reden wollen.“

„Und das Unglück? Wie ist es geschehen?“

Wir hatten uns gesetzt.

Sie fieng an: „Mein Vetter war seit der Nachricht von der Schlacht bei Gravelotte —“

Sie wurde durch ein Klopfen unterbrochen. Ein
Polizeidiener trat ein, blieb an der Thüre stehen und
sagte, den Kopf schief haltend und schmunzelnd: „Frau
Hedwig, 's Gewöhnliche!“

Die Frau wurde hochroth bis unter die Stirnhaare, gieng zu einem Schranke, holte Münze heraus
und gab sie dem Polizeimann, der immer noch halblächelnd mit Verbeugung abgieng.

Ich hatte verstanden — das Glas! Also auch sie
— auch diese sichtbar so gehaltene, verständige Frau! —

Sie machte sich beiseite zu schaffen, suchte ihr Gesicht zu verbergen, besann sich aber, trat vor mich,
sah mich fest an und sagte: „Göschenen — ich weiß.“
Mir kam mitten im Weh das Lachen, ihr auch und
sie überließ sich der befreienden Erschütterung, während
ihr noch die hellen Thränen in den Augen standen. Und
so lachten zwei redlich tiefbetrübte Menschen ein Duett.

Der Ernst stellte sich schnell genug wieder ein und
sie erzählte:

„Herr Einhart kam im Frühjahr 1866 von seiner
zweiten Reise nach Italien zurück. Die erste hat er
im Jahre 1860 gemacht. Er hatte Italien früher
sehen wollen; ein Jahr Urlaub von 1847 auf 1848
war, das weiß ich, zuerst für Norwegen, dann für
Italien bestimmt. Damals muß ihn nicht nur ein
Nervenfieber aufgehalten haben, das ihn dort heimsuchte, dort spielt ein Geheimniß, und statt über die
Alpen gieng er in den Kampf für Schleswig-Holstein.
Genug, es gelang ihm zwölf Jahre später, das ersehnte Land endlich zu sehen. Er kam sehr erfrischt
und erheitert zurück, mit ganz besonderer Empfindung
sprach er von den umbrischen Bergstädten, hielt aber
ein paarmal auffallend schnell inne, als ihn die
Schilderung der Madonnen der alten sienesischen Meister auf den dortigen Frauentypus zu sprechen brachte.
Das neue größere Amt, das er um dieselbe Zeit angetreten, nahm nun seine ganze, stets willige Arbeitskraft in Anspruch. Lassen Sie mich für jetzt schweigen
von den Dingen, die nachher kamen, von seinem
Sturz, von der Stimmung, in welcher er die zweite
Reise nach Italien unternahm, auf welcher er im Hinweg Sie kennen lernte. Nach seiner Rückkehr gieng
es im Anfang ordentlich, er lebte gesammelt in seinen
Reiseerinnerungen, manchmal freilich befiel ihn eine
plötzliche Unruhe und es schoß der Gedanke in ihm
auf, er wolle wieder fort, wieder nach Italien. Er
schob es auf das nordische Wetter, es wollte mir
scheinen, es müsse noch etwas Anderes dahinter stecken.
Es kostete mich Mühe, es ihm auszureden. Ab und
zu thaute er auf und sprach dann prächtig über einige
Hauptstellen seiner Reise, über Land und Leute, über
Formen und Farben der südlichen Natur, über Kunstwerke, die er sah, wie sie nicht Jeder sieht, nemlich
mit den eigenen Augen. Dabei fehlte es nicht an
komischen Beobachtungen und Erlebnissen, und so hat
er mir denn auch den großen Opferakt, den er auf
der Hinreise auf dem Gotthard mit Ihnen vollzogen,
heiter und feierlich erzählt. Doch immer kehrten dunkle
Stunden wieder; es mußte mir scheinen, der verschlossene Mann verschweige mir irgendwelche neue
trübe Erfahrungen.“

„Hat er Ihnen auch erzählt,“ fragte ich, „was
jenem Auftritte vorangieng?“

„Nichts,“ war die Antwort. Sie fuhr fort:
„Nun blieben auch neue Verkältungen nicht aus und
warfen sich ihm wie immer auf die Schleimhäute und
da war er dann, wie Sie sich denken können, —
schrecklich —“

Ich unterbrach sie mit der Frage, ob sie ihn auch
schwer krank gesehen und wie er dann sich gehalten habe.

„O, wie ein Lamm,“ war die Antwort; „kein
Wort der Klage. Zweimal hab' ich's erlebt: einmal
Gesichtsschmerz, glücklicherweise vorübergehend; man
hörte kaum ein unterdrücktes Stöhnen; einmal eine
Luftröhrentzündung; dieses Mal sprach man ihm von
möglichem Tode und er nahm es ganz unbewegt auf.
Nur zu beklagen war's, daß er fast alle Pflege abwies.
Ein Kranker sei ein Lump, stieß er aus, der müsse
bescheiden sein und sich hübsch verbergen. Uebrigens
sagte er auch gern, wenn man seine Geduld rühmte:
‚Das Moralische versteht sich immer von selbst. 'Um
jene Zeit nahmen auch seine sehr guten Augen etwas
ab, er wurde fernsichtig, mußte zum Lesen eine Brille,
zu augenblicklicher Aushülfe eine Lorgnette tragen.
Nun kam das häufige Suchen, das ewige Putzen,
wobei er jedesmal über die Heimtücke der Stangen
wetterte, daß sie hindernd über die Gläser hereinfielen,
und, was noch schlimmer war: die Schnur, woran
er das Gläschen trug, that ihm gar so viel Schabernack, fieng sich an einem Westenknopf, schob sich in
die Brusttasche mit ein, wenn er sein Notizbuch hineinstecken wollte, so daß es sich staute, und das immer
am liebsten, wenn die Sache Eile hatte. Herr meines
Lebens, ist er da wild geworden!“

„Kenne, kenne, weiß,“ sagte ich etwas ungeduldig.

„Inzwischen war es in der Welt draußen ja zum
Kriege zwischen Preußen und Oesterreich gekommen.
Sie können sich denken, wie es einem alten Kämpfer
für Schleswig-Holstein zu Muthe war, als die Sache
diesen Gang nahm, als nun die Preußen in Böhmen
einrückten, als Schlag auf Schlag ihre blutigen Siege
folgten. Man sah dem Mann einen schweren inneren
Kampf an, er sprach wenig, ich hörte ihn droben
häufig mit starken Schritten auf und ab gehen. Einmal sagte er: ,’s ist unrecht, aber es wäre schwerlich
anders gegangen;‘ das andere Mal: ‚es wäre schwerlich anders gegangen, aber es ist unrecht, es wird
nachhaltig der öffentlichen Moral schaden.‘ Aus seiner
Abendgesellschaft im Stern kam er meist aufgeregt,
oft verstimmt nach Hause. Wenn ich ihn zu beruhigen
suchte und zur Langmuth ermahnte, konnte er sagen:
‚Es sind eben Parteisimpel, alle bis auf Einen.‘ Er
meinte einen jungen Mann, den Assessor. Schließlich
schöpfte er doch immer wieder Hoffnung. Man konnte
merken, daß ein Umschlag alter Ansichten in ihm vor
sich gieng. Einmal fuhr er bei Tische plötzlich auf,
trat an's Fenster, als sähe er nach dem Wetter und
sagte dann mit einem Tone wie ein Schlafredner:
‚Da ist Hoffnung, ja, ja, — der Spieler in Frankreich — der hilft uns noch — ein guter Krieg korrigirt den schlimmen und die Mainlinie.‘

„Die Jahre,“ fuhr sie fort, „zogen sich so hin,
er warf sich wieder recht auf seine Bücher, die Laune
wurde erträglicher und als ich einen jungen Kater
von ungewöhnlichem Feuer einthat, war er dessen sehr
zufrieden. Dort sitzt das Thier, aber es ist seit seinem
Eintritt in's mannbare Alter sehr langweilig geworden,
ganz rein materiell, der Selige hat einmal behauptet,
er habe den Kerl überrascht, wie er aus seiner Bibliothek Büchner's Schrift: „Kraft und Stoff“ hervorgezogen hatte und studierte. — Im vorigen Jahr kam
wieder ein ganz böser.“

Frau Hedwig nahm mit Grund an, ich wisse hiezu
das Hauptwort zu ergänzen. —

„Ich rieth ihm, den Winter in Rom oder lieber in
Palermo zuzubringen und vorher oder nachher Neapel zu
besuchen, das er noch nie gesehen hatte. Schon öfters,
ja schon in den vorderen Mannesjahren, war man für
seine Brust besorgt gewesen; er muß doch eine sehr
starke Natur gehabt haben, daß die Lunge den Folgen
so vieler Verkältungen so lange zu widerstehen vermochte. Er ließ sich meinen Vorschlag gefallen, ja
mehr als dieß, mir schien aus einzelnen abgebrochenen
Winken dießmal wie früher, nur noch merklicher, hervorzugehen, es treibe ihn neben dem besonderen Reiz, den
das klassische Land auf eine so nordische Natur üben
mußte, noch etwas Einzelnes, Geheimes. Freche Raubanfälle waren damals in Sicilien vorgekommen, das
machte ihm keine Sorge, doch nahm er die Reise
dießmal schwerer als sonst und war viel in Gedanken.
Kurz vor Aufbruch fiel es ihm ein, er wolle das Thal
‚noch einmal‘ sehen, wo er vier Jahre, vom vierzehnten
bis zum achtzehnten, in einer Erziehungsanstalt zugebracht
hat. Er hatte immer gern von jener Zeit gesprochen,
von den alten Klosterräumen, worin die Schule sich
befand, von der Schönheit des Thales, von den alten
Kameraden. Still und sichtbar weich gestimmt kam er
zurück und trat bald darauf die Reise an. Er schien
sich nach den wenigen Lebenszeichen, die mir aus der
Entfernung zukamen, in Neapel, dann in Palermo
ganz munter zu befinden. Ueber Pompeji schrieb er
einen ausnahmsweise langen, gar schönen Brief; durch
den tiefen Ernst seiner Schilderung und Betrachtungen
schien mir etwas wie eine Todesahnung hindurchzuklingen, am Schluß aber sprang er auf seine Weise
in Scherz um, indem er berichtete, er beschäftige sich
jetzt profund mit der Frage, ob die Griechen und
Römer auch Hühneraugen gehabt haben; er habe die
Figuren der Verschütteten, die man durch Gypseinguß
in den Lavamantel gewonnen, mikroskopisch genau
darauf angesehen, aber leider sei die Epidermis zu
sehr zerstört. Von Palermo sollte im Frühling eine
Rundreise durch die Insel angetreten werden, aber
auf einmal kam ein Brief aus Rom, dann lange keiner
mehr, ich dachte, er sitze nun im römischen Gebirge,
als endlich, um die Zeit des Kriegsausbruchs, ein paar
hingeworfene Zeilen aus Assisi anlangten, die mir seine
plötzliche Rückreise anzeigten. Ein paar Wochen darauf
war er da, eigenthümlich verändert. Es war etwas
Geklärtes in seinen Zügen, die Stirne erschien glätter,
der Blick freier und heller, die Mundwinkel neigten
nicht mehr zu dem bitteren Zug nach unten. Er erklärte, er wolle in den Krieg. Ich erschrack, wiewohl
ich es voraussehen konnte; es wäre ein Wunder gewesen,
wenn der Freiwillige von 1848 sich nicht in ihm
geregt hätte. Nach seinem Kraftmaß reichte auch die
Rüstigkeit noch aus, aber mit so unseliger Haut, zu
schweren Verkältungen so entsetzlich geneigt, wie wäre es
möglich gewesen, die Strapazen, namentlich die Beiwachen,
auszuhalten! Mit so schwarzen Farben als denkbar
malte ich ihm das vor und stellte ihm das Gespenst
eines Nervenfiebers in Aussicht. ‚Nervenfieber oder
Schuß,‘ rief er, ‚gleichviel, doch anständig gestorben!‘
Er wollte ein freiwilliges Jägerkorps, ein berittenes,
errichten, gewann Freunde zu Niedersetzung eines
Komite, man wandte sich an das Kriegsministerium,
er schaffte sich ein neues Reitpferd an und nahm bei
einem Rittmeister Lektionen in der Offizierschule. Da
kam mir ein Unfall zu Hülfe: er stürzte auf einem
Ritt und verrenkte den Fuß. Er pflegte auf ebenem,
sicherem Boden äußerst vorsichtig, ja ängstlich, dagegen
auf schlimmen, gefährlichen Wegen ganz tollkühn zu
reiten; so rannte er eines Tags über einen holprigen,
steinigen Abhang, und zwar ohne Anstoß, aber auf
der bequemen Landstraße angekommen, machte er durch
unnöthiges Zockeln sein Pferd unruhig, es scheute an
einem Papierblatt auf dem Wege, stieg, croupirte, fiel
mit ihm und er konnte noch von Glück sagen, daß er
mit verletzten Fußsehnen davonkam. So erfuhr man
es von einem Augenzeugen, er selbst wetterte auf die
bösen Geister, die ihm Solches angethan, während er
doch so vorsichtig sei. Sie können sich denken, wie
schlecht er die Geduldprobe des langen Stillhaltens,
Schonens, nachdauernden Hinkens in so drangvoller
Zeit bestanden hat. Inzwischen wurde das kriegerische
Vorhaben ohnedieß vereitelt, da die Regierung, nachdem
sie sich zuerst geneigt erwiesen, am Ende doch abschlägig
beschied. So war es denn kein Wunder, wenn die
klare und freie Stimmung, die A. E. von der Reise
mitgebracht hatte, nicht vorhielt. Aber es war da
noch etwas Anderes, als Mislaune; wäre es diese
allein gewesen, sie hätte den Siegesbotschaften, wie sie
sich auf dem Fuße folgten, doch nicht zu widerstehen
vermocht. Sie entzückten ihn auch, aber dahinter stieg
ein dunkler Geist in ihm auf, den ich anfangs nicht
enträthseln konnte, der erst nach und nach durch bestimmtere Aeußerungen mir verständlich wurde. ‚Ich bin der
Eulenspiegel,' sagte er einmal, ‚der heult, wann's lustig
bergab geht.' Als der Tag von Sedan kam, rief er,
sichtbar den Jubel der Seele unterdrückend: ‚Ach Gott,
ach Gott! so viel Glück ertragen die Deutschen nicht!‘
Schließlich folgte das klare Wort: ‚Wir werden unser
Ziel erreichen, aber von so viel ungewohntem Gelingen
auch einen schlimmen Butzen davon tragen; wenn der
Tempel aufgebaut ist, gebt Acht, wie sich die Fälscher,
Krämer, Wechsler, Wucherer breit darin einnisten
werden!‘ Am Abend jedoch ließ er frei und hell den
Freudensturm des Herzens hervorschießen und gab seinen
Hunden einen Festschmaus. So trieb es ihn um.
Wo er Schlechtes sah — und es gibt dessen genug
in unserer Stadt, mein Herr, gar Viele wollen schneller
reich werden, als es mit Ehre und Gewissen vereinbar
ist, und die Mehrheit ist gar genußsüchtig, Verbrechen,
Raub, Todtschlag, Brandstiftung häufen sich — da
wurde er noch grimmiger als sonst, beklagte auf's Neue,
was verschmerzt schien, den Verlust seines Amts, seiner
Amtsgewalt —“

Wie sehr es mich drängte, über diesen schweren
Schlag, den sie mir schon angedeutet hatte, Näheres
zu erfahren, wollte ich doch mit Fragen jetzt nicht in
die Erzählung eingreifen; ich sah der Frau an, daß
sie sich dem Schlusse näherte, ihr Athem wurde kürzer —

„Um die Zeit mußte wieder ein Katarrh kommen,
und als er sich erträglich abwickelte, stellten sich bereits
Anzeichen eines neuen ein. In diesem Zustand geht
er eines Tags aus — zum letzten Mal: man brachte ihn
mir ohnmächtig mit einer tiefen Wunde in der Hüfte.“

Sie verfiel in Schluchzen und sammelte sich mühsam, den Bericht zu vollenden. „Er begegnete auf der
Landstraße einem Fuhrmann, der mit grausamen Hieben
ein überladenes Pferd mishandelte. Es war ein Mensch,
den er einst als Vogt wegen derselben Rohheit scharf
bestraft hatte. Zuerst ermahnt er ihn ruhig, bekommt
darauf eine rohe Antwort und der Barbar haut nur
noch wilder auf das Thier los. Einhart entreißt ihm
die Geißel, sie raufen, der Fuhrmann vermag ihn
nicht zu bewältigen, zieht sein Messer und versetzt dem
Pferd mehrere Stiche; jetzt haut A. E. mit der entrissenen Peitsche auf den Wütherich ein, dieser springt
wie ein Tiger gegen ihn und das Messer fährt ihm
in die Hüfte.

„Leute, die des Weges kamen, fanden den Fuhrmann zu Boden gerissen und hier festgebannt vom
drohenden Rachen des Hatzrüden, daneben den Verwundeten; ein Wagen wurde rasch herbeigeschafft, die
Kunde verbreitete sich pfeilschnell, als man ihn durch
die Straßen führte; ein Freund, der Assessor, kam
herbeigeeilt und brachte unsern Arzt schon mit, den er
unterwegs aufgeboten hatte. Wir trugen den Ohnmächtigen auf's Bett, ich und der Assessor, nachdem
mit seiner Hülfe ein Verband angelegt war, verließen
das Zimmer, um durch keinen Laut den Schlummer
zu stören, in welchen nach schmerzhaftem Zucken die
Ohnmacht übergegangen war. Der Arzt hat mir
nachher so erzählt: Nach einiger Zeit schlug der Kranke
die Augen auf, schien mit Verwundern sich in dieser
Lage und den Arzt neben sich zu sehen, besann sich
eine Weile und nickte dann wie Einer, dem Entschwundenes zum Bewußtsein kommt. Er fühlte an
seine Hüfte, nickte noch einmal, nahm dann nach einer
neuen Pause die Hand des Arztes und sagte: ‚Doktor,
eine Gewissensfrage: ‚Ist anzunehmen, daß ich noch einen
kriege?' Der Doktor war in kurzem Kampfe mit sich,
erwiderte dann ruhig den festen, wartenden Blick des
Kranken und sagte: ‚Kaum.' — ‚Ich danke,' versetzte
dieser und zog die Glocke.

„Wir waren indessen schweigend, in tödtlicher Spannung im Nebenzimmer gestanden, traten jetzt leise
hinein, A. E. sah uns der Reihe nach freundlich an
und sagte dann mit schwacher Stimme, aber in ganz
warmhellem Tone: ‚Freut euch mit mir, ich kriege
keinen mehr, ich weiß es vom Doktor da! Ich darf
anständig sterben. Es ist doch so auf eine Art, wie
wenn ich im Kriege gefallen wäre.‘ Der Arzt widersprach nicht. Der Kranke fiel wieder in Schlummer.
‚Warum sollte ich es ihm verschweigen?‘ flüsterte nun
jener uns zu, ‚er ist ein Mann; wir müssen uns
gefaßt halten, er ist unrettbar, jede weitere Behandlung seiner Wunde würde nur die Qual vermehren;
er wird den Tag nicht überleben.‘ Wieder erwacht,
gab A. E. ein Zeichen, daß er ein Wort mit mir
allein sprechen wolle. ‚Frau Base,' sagte er, als die
Andern das Zimmer verlassen hatten, ‚in Plato's
Phädon hat mir immer etwas so gut gefallen: wie
Sokrates den Tod herankommen fühlt, sagt er den
Freunden, sie sollen dem Asklepios einen Hahn opfern;
das möchte ich wohl auch thun.' Ich übernahm den
Auftrag, er sank mit geschlossenen Augen in's Kissen
zurück, schlug sie aber nach einigen Minuten wieder
auf und sagte: ‚Wissen Sie was? wir lassen es, mein'
ich, lieber bleiben, es wäre doch nur eine Nachahmung,
und dann, warum soll der Gockel, der zum Opfer
ausersehen würde, nicht noch eine Weile fröhlich und
stolz scharren und krähen und sein Hühnervolk beherrschen?‘ Die Augen fielen ihm wieder zu, er entschlummerte, schien zu träumen, seine Lippen zuckten,
er sprach: ‚Tief da unten wirbelt die Reuß! Wie tobt
sie! Hinab? Nein!' — Er wachte wieder auf und
fragte: ‚Wo ist er?' — ‚Wer?' — ‚Der Reisekamerad!'
— Er nannte Ihren Namen, kam klar wieder zu sich
und nun hat er mir den herzlichen Gruß an Sie und
den Auftrag gegeben, den ich Ihnen mittheile, wenn
ich Ihnen seinen Nachlaß zeige.

„Die Männer traten wieder ein. Er wurde schwächer
und schwächer, die Zwischenräume tiefen, matten Schlummers länger. Gegen Abend aber richtete er sich mit
unerwarteter Kraft im Bett auf und sprach mit fester
Stimme: ‚Ich hab's erleben dürfen, daß meine Nation
zu Ehren gelangt, und ich will mit Manneskraft die
Angst abschütteln, daß der traurige Ansatz sittlicher
Fäulniß in ihr fortfresse; ein Volk, dem zu Ehren der
Weltgeist den Tag von Sedan eingeleitet hat, kann
nicht so bald verlottern! — Ach, daß ich nicht mitthun
konnte, — bringt Wein!' Ich sah den Arzt an, er
nickte; es wurde Rheinwein gebracht, Jedem ein Glas
gefüllt, er hob das seine, stieß an und trank es kräftig
aus. Dann fiel er in solche Ermattung, daß wir den
letzten Augenblick gekommen glaubten; er begann aber
noch einmal zu phantasieren, er schien sich träumend
in der Schlacht zu befinden und in heißer Bedrängniß
Befehle zu geben, die Stimme war aber zu schwach
zum Ruftone, man vernahm nur gepreßte Laute; die
Worte: Signal — Front — Feuer — Bajonet —
Klumpen bilden! — sind mir, wie fremd auch einem
weiblichen Ohr, im Gedächtniß geblieben, — die Lippen
bewegten sich lautlos noch kurze Zeit, das Haupt sank
zurück, doch nach einer Viertelstunde etwa erwachte er
noch einmal, da unversehens der kleine Hund, der
Schnauz, winselnd auf sein Bett sprang, während
Tyras daneben saß und kein Auge von seinem Herrn
verwandte. Er reichte mir matt die Rechte und sprach:
‚Ich danke Ihnen für alle Treue; droben im Schreibtisch, mittleres Fach, liegt mein letzter Wille.' Mit
der Linken streichelte er dann zuerst den kleinen, dann
den großen Hund, zu dem er noch kaum hörbar
murmelte: ‚Armes, treues Thier, hast mir nicht mehr
helfen können.‘ Nach einer Pause stammelte er noch
wenige Worte: ich meinte zu verstehen: ‚Kommst du,
Erik, führst — an der Hand? Sie nickt —‘ Mitten
in diesen gebrochenen Lauten verschied er. Der zweite
Name, den er genannt, war mir unverständlich geblieben, er klang nicht deutsch.“

Wir schwiegen lang. Ich drängte alle weiteren
Fragen über Persönlichkeit und Leben des Verstorbenen
zurück; es war mir nicht darnach zu Muthe, jetzt
weiter zu reden; ich brach auf. Eine Einladung zu
Tische lehnte ich dankbar ab, bat dagegen am Abend
eintreten zu dürfen, begab mich in meinen Gasthof und
gieng nach Fassung ringend in meinem Zimmer auf und
nieder. Peinlich genug war es mir, in dieser Stimmung
an die Wirthstafel sitzen zu sollen, dennoch mochte ich
nicht allein auf meinem Zimmer essen, es schien mir
noch unheimlicher. Einige Stammgäste und wenige
Fremde saßen am Tische. Unter jenen war ein junger
Mann, dessen Gesicht mir wohlgefiel, ich meinte, einen
Ausdruck von Vernünftigkeit in seinen Zügen zu sehen;
er trug eine Brille, die ihm doch keinerlei Anschein
von Wohlweisheit gab, und fixierte mich ein paarmal
flüchtig, ohne den geringsten Anflug lästiger Neugierde.
Ich brach vor Beendigung der Tafel auf, er folgte
mir und sagte: „Entschuldigen Sie, daß ich als Unbekannter mich Ihnen selbst vorstelle, Assessor N. Ich
habe vom Wirth erfahren, daß Sie gekommen sind,
nach unserem verstorbenen A. E. zu fragen: ich schließe,
Sie seien der Herr, den er auf seiner zweiten italienischen Reise kennen gelernt hat; er hat mir von Ihnen
erzählt. Sie sind wohl begierig, Näheres von ihm zu
erfahren. Nicht eben viel, doch Einiges kann ich Ihnen
mittheilen.“ Das war denn der junge Mann, den
Frau Hedwig erwähnt hatte; ich nahm dankbar sein
Anerbieten an und er schlug mir auf die spätere Nachmittagszeit einen gemeinschaftlichen Gang vor. Bis
dahin streifte ich zuerst planlos durch einige Straßen
der Stadt, immer begleitet von dem Gedanken: diese
Häuser, diese Wege sind das Bild gewesen, das täglich
in sein Auge fiel: daran verspürte ich, wie theuer mir
der Todte geworden war. Tief in Betrachtung versunken
wartete ich dann zu Hause, bis ich abgeholt wurde.
Der Assessor schlug mir einen Gang um die Stadt und
dann zu Einhart's Grabe vor; wir brachen auf und
sobald wir uns außerhalb der belebteren Straßen
befanden, bat ich den jungen Mann, mir zu erzählen.
So erfuhr ich denn die früheren Lebensumstände.

„Ich war Referendär unter ihm,“ begann er, „als
er noch wohlbestellter Vogt war — — Sie wissen, der
alte Titel für unsere Oberamtleute oder Bezirkspolizeidirektoren? — Er war rasch in das hiesige Amt, einen
bedeutenden Wirkungskreis vorgerückt; man hatte ihm
verdenken wollen, daß er auf einer Urlaubreise im Jahr
1848 sich von Norwegen nach Schleswig-Holstein aufmachte und mitkämpfte; er war damals Beamter in
einem kleinern Landkreis, im Jahr nach seiner Rückkehr
aber gelang es ihm, eine große Gaunerbande durch die
Umsicht und die Straffheit seiner Fahndungen zu bewältigen. An einem Kampfe mit den zwei überlegenen
Führern nahm er persönlich Theil und rieß den Einen,
der seine Pistole auf ihn abgefeuert, zu Boden. Bald
darauf wurde er auf den größern Posten hieher versetzt.
Ein Jahr vor seiner Entlassung trat ich als junger
Anfänger bei ihm ein. Haarscharf streng war der
Mann in der Ordnung des Dienstes, ein Minos und
Rhadamant gegen rohe oder frivole Willkürexzesse, gegen
Alles, was nach Zuchtlosigkeit aussah, insbesondere
richtete sich sein Eifer auch gegen die Thierquälerei,
einen Zug von Rohheit, der in unserem Volke leider
sehr stark ist und in dem er ein Hauptsymptom wachsender Verwilderung sah; seine Polizeimannschaft war
streng angewiesen, diese Form der Barbarei scharf zu
überwachen. Dabei ganz unpedantisch, nachsichtig, soweit irgend das Amt es erlaubte, gegen Ausschreitungen
harmloser Art, hülfreich, höchst thätig in Pflege von
Wohlthätigkeitsanstalten, in Verbesserung der Gefängnisse, in Auftreibung von Mitteln zur sittlichen Rettung
Bestrafter, und äußerst mild in der Form, wo nicht
Kampf gegen Trotz und schlechten Willen geboten war,
dann aber, wenn dieß eintrat, voll imponirender Straffheit und wohlbeherrschten, befehlenden Zornes. Der
Mann war nun aber doch wenig beliebt bei der Regierung. Man kannte seine Mücken, die ich Ihnen
nicht zu nennen brauche; man war zur Nachsicht geneigt, obwohl es dabei nicht ohne Ausschreitungen ablief, die am allerwenigsten bei einem Polizeibeamten
vorkommen sollten. Da muß ich Ihnen doch einen
einzelnen Fall erzählen. Die ‚Exekutionen‘, die er an
‚strafwürdigen Objekten‘ vorzunehmen liebte, sind Ihnen
vielleicht bekannt.“

„Ja, ziemlich,“ sagte ich kleinlaut.

„Sie galten gewöhnlich nur leblosen Gegenständen.
Einmal aber hatte ihn ein Hund durch wiederholten
Ungehorsam erzürnt. Er war sonst nur zu gut gegen
Thiere, aber wo es Disziplin galt, verstand er auch da
keinen Spaß und konnte sehr hart sein. In seinem
Grimm packt er den Hund und schleudert ihn aus
dem Fenster. Der Unstern will es, daß das Thier einem
Menschen an den Kopf fliegt und ihn zu Boden wirft.
Der Mensch war zufällig ein Ministerialrath und
Abtheilungschef im Ministerium des Innern. Mit
großer Mühe wurde der schlimme Fall ausgeglichen;
der Herr hatte eigentlich auf Realinjurie klagen wollen
‚wegen Werfung eines Hunds an den Kopf‘. Man sah
durch die Finger, weil der Thäter im Uebrigen ein so
verdienter Beamter war. Auch bei einigen starken Verstößen in Kanzleirechnungen kam er mit leichter Rüge
davon. Uebler vermerkte man allerdings, daß er zu
Hause Philosophie, Literatur- und Kunststudien trieb,
man roch hinter denselben politische Ketzerei. Und hier
lag nun ein bedenklicher Punkt; er war politisch eben
gar nicht so ganz korrekt. Er war von der Freiheitsbewegung der Jahre von 1848 nicht berauscht worden,
aber zu sehr ein Mann des Rechtes, um die Stumpfheit, Rohheit und Heuchelei, die nach ihrem Niedergang an's Ruder kam, nicht von Herzen zu verabscheuen und offen zu verdammen. Sie kennen die
Jahre der schnöden Reaktion, Sie wissen, wie Schleswig-Holstein preisgegeben wurde, Sie werden sich vorstellen,
wie das dem Kämpfer von Bau in die Seele schnitt;
nun kam die Wiederaufrichtung des Bundestags, kamen
die Reden vom christlichen Staat, die Bündnisse zwischen
der Gewalt und ihrer vermeintlichen Stütze, der Hierarchie, die Konkordate, kam die Begrüßung Napoleon’s III. als Retters der Gesellschaft. Ich verfolge
nicht die weiteren Ereignisse in der politischen Welt
bis in den Anfang der sechziger Jahre, denn es war
eine Frage der innern Gesetzgebung, welche zu dieser
Zeit die Katastrophe im Schicksal Einhart's herbeiführte. Es begab sich das Wunder, daß ein Beamter,
und gar ein durch seine Strenge bekannter Polizeibeamter, vom hiesigen Wahlkreis in die Kammer gewählt wurde. Es war dieß sonderbarerweise ebenso
sehr das Werk von Umtrieben der Regierung, als von
Agitationen der patriotisch Gesinnten in der liberalen
Partei; jene, obwohl ihm sonst doch eben nicht hold,
begünstigte in ihm den Mann der strengen Ordnung,
diese den Mann des Rechts und noch mehr des deutschen Einheitstrebens. Die Dinge in Schleswig-Holstein
waren soeben wieder in Fluß gekommen, und man
wußte, daß Einhart zu sagen pflegte, die deutsche
Kaiserkrone liege dort im Küstensand begraben, müsse
dort herausgehauen werden. Einhart nahm die ungesuchte Wahl an und führte seinen Sturz herbei.
Sie erinnern sich, daß damals viel von Wiedereinführung der Prügelstrafe die Rede war. Er stellte
einen Antrag, der sich in den Vordersätzen nachdrücklich
dagegen aussprach, weiterhin aber eine Ausnahme postulirte, und zwar gegen die Mishandlung von Thieren.
In der Kammerrede, worin er den Antrag begründete,
— Sie müßten sie gehört haben wie ich! — es war
ein Feuerstrom und doch Alles wohlbedacht! so mag
Demosthenes auf der Rednerbühne gesprüht und sonnenhell gestrahlt haben — im ersten Theil dieser Rede
nahm er den Ruf der reaktionären Kreise nach Wiedereinführung der entehrenden Strafe zum Ausgangspunkt, ein vernichtendes Bild jener kurzsichtigen Leidenschaft zu entwerfen, welche damals die Regungen alles
berechtigten Dranges der Nation nach einem würdigen
politischen Dasein zerstampfte, welche sich nicht begnügte,
die Propheten maßloser, centrifugaler Freiheit mit
später Strenge zu verfolgen, sondern auch schnöde Rache
gegen Alle sann, die den Gedanken der nationalen Einigung
mit der Energie und Vernunft des Mannes zu verwirklichen
gestrebt hatten. Aezende Ironie wechselte mit Donnerschlägen des reinsten sittlichen Zornes. Wie arme Sünder
saßen die Herren herum, die damals jene Phrase vom
christlichen Staat im Munde führten, gerade diese
und ihre nackte Heuchelei zerrieb er zu Staub im
Mörser seiner Dialektik und seines echten Pathos. Jetzt
ging er zum Bilde der Schmach über, welche die Politik der ‚Feuerlöschanstalt‘ angesichts der Völker Europas über Deutschland gebracht, welche es dahin getrieben, daß ein Zwerg wie Dänemark uns verhöhnen
dürfe. ‚Schmach,‘ rief er, ‚den Seelen, die nichts
von der Ehre einer Nation wissen! — Ihr lächelt und
steckt die Köpfe zusammen? Ich weiß, was ihr flüstert,
ihr meint, ich habe vergessen, wer es zuerst war, der die
schöne Bewegung für Freiheit und Einheit der Nation
entstellt und verderbt hat, aber mit nichten ist das
Unrecht Derer, die dieß verschuldet, euer Recht!‘ —
Jetzt wurde die Front verändert, die Hiebe fielen gegen
die Blindheit und Wildheit, in welcher die Demokratie
durch Unmaß, rohes Treiben, Putsch und Barrikaden
und Mord verwüstet hatte, was so groß, so rein im
Werden war. Bis dahin war Alles Ein Guß aus
glühendem, echtem Redemetall. Nun aber, als diese
Kraftfülle entladen war und als der Redner auf sein
Thema, die Prügelstrafe zurückkam, gerieth er bald
auf eine schiefe Fläche. Was er gegen Wiedereinführung der rohen, menschenentehrenden Strafart überhaupt vorbrachte, war nur vernunftgemäß und gut,
wenn auch mitunter barock. So sagte er, indem er
sie mit der Todesstrafe vergliech, für die er sich erklärte,
unter Anderem, der unschuldig Hingerichtete habe doch
nicht nöthig, sich aus Verzweiflung über das ungerecht
Erduldete umzubringen, aber der unschuldig Geprügelte
müsse ja dieß noch auf sich nehmen. Dann aber, da
es an die Ausnahme gieng, kam mehr und mehr unausgeschiedener Stoff aus den Eigenheiten des Redners
zum Vorschein. Den wahren Satz, daß frühe Thierquäler oft zu Mördern und in politischen Stürmen
zu Blutmenschen werden, stellte er nicht nur als einen
unbedingten hin, sondern stürmte los, als wäre er auch
umzudrehen, so daß folgte, jeder Verbrecher müsse nothwendig zuerst ein Thierquäler gewesen sein. Die Zuhörer
wurden unruhig, fiengen an zu murren, und als er
nun gar verlangte, Thierpeiniger sollen auf öffentlichem
Platz ausgepeitscht werden, wuchs der Tumult zu einem
Gewitter, wie es unsere Kammer nie erlebt hat; rechts
die Männer des Rückschritts, links die Fortschrittsleute,
sie übertobten sich um die Wette, die Einen gegen jene,
die Anderen gegen diese Hälfte der Rede. Einige
Augenblicke war es prächtig, zu hören, wie der Redner
mit seinem mächtigen Organ diesen furchtbaren Lärm
noch überdonnerte; plötzlich aber schlug ihm die Stimme
über, lächerlich hohe Fisteltöne ließen sich vernehmen,
Gelächter mischte sich jetzt in das Geschrei der empörten
Gegner und wüthend stürzte Einhart von der Rednerbühne.“ —

„Das kenne ich von unserer Reise her, kann mir's
sehr gut vorstellen. Und?“

„Die Folgen des unglücklichen Vorgangs ließen
nicht lang auf sich warten. Sein Minister berief ihn,
ließ ihn heftig an, worauf A. E. sagte: „Excellenz
leiden wohl an Katarrh? Kondoliere.‘ Abends am
selben Tage kam ihm ein schriftlicher Verweis zu, so
gesalzen, daß er umgehend sein Entlassungsgesuch eingab. Daheim wollte das Volk sein Haus stürmen,
man warf die Fenster ein, und der Frau Hedwig, die
krank zu Bette lag, flog ein schwerer Stein hart am
Kopfe vorbei. Schnell benachrichtigt, eilte er von der
Residenz nach Hause, am folgenden Abend erneuerte
sich der Sturm, seine Mannschaft war zu schwach, ihn
zurückzuschlagen, und als wieder Steine in die Fenster
flogen, feuerte er sein Gewehr in den Haufen ab und
tödtete einen der Schreier. Es war ein Glück, daß
gleichzeitig die Entlassung da war, da sie auf diese
Handlung unerbeten hätte folgen müssen. Er kam
vor's Schwurgericht, es sprach ihn frei, die Nothwehr
konnte nachgewiesen werden und der Getödtete war ein
Elender aus der Hefe des Volkes.“

„Wie trug er sein Schicksal?“

„Still und fest, doch hat er's nie ganz verwunden.“

„Ich begreife doch immer noch nicht, kann mir
eine Persönlichkeit, die doch so vorwiegend Innenleben
war, als Polizeimann nicht denken. Wie reime ich
den verbohrten Phantasiekampf gegen den kleinen Zufall mit dem Willensstrom einer thätigen Natur?“

„Je nun, in wie Manchem stecken zwei Naturen!
Uebrigens ist doch ein Zusammenhang. Er war eine
befehlende Kraft und eine dichterisch denkende; den befehlenden Mann empörte der Widerstand der unbotmäßigen todten Dinge, denen der dichterisch vorstellende
einen Willen lieh, und den harmoniesuchenden Denker
das Chaos der Durchkreuzungen. Wissen Sie, was
eines seiner ersten Worte war, als er amtlos in der
Welt stand? ‚Auch gut,‘ sagte er zu Frau Hedwig,
‚jetzt les' ich in meinen Büchern, schreibe Etliches nieder,
prügle ab und zu einen argen Thierquäler und exekutionire einiges allzu rebellische Objekt.'“ —

Wir waren an den Kirchhof gekommen und giengen
an der Werkstätte eines Grabmalkünstlers vorbei. „Gerade recht,“ sagte der Assessor, „treten wir einen Augenblick ein.“ Er zeigte mir in der Ecke des Hofes eine
Marmorplatte: „Da, sehen Sie die Inschrift an!“

Sie lautete:
„Hier ruht
nach
—jährigem redlichem Kampfe
gegen das
Albert Einhart, weiland Vogt, fernerhin nur Mensch,
geboren den 1. Juli 1815, gestorben den — “

Ich ahnte dunkel, was die Lücke bedeuten mochte,
aber wie hätte ich die Lösung wirklich finden können?
Der Assessor kam zu Hülfe. „Diesen Grabstein,“ sagte
er, „hat sich A. E. schon bald nach seiner Entlassung
bestellt, damit er einst sein Grab schmücke. Es sollte
heißen: ‚Hier ruht nach (so und so viel) -jährigem
redlichem Kampfe gegen das verfluchte Objekt u. s. w.'
Aber der Tetem erfuhr es und erklärte, dieser Stein
dürfe nie gesetzt werden; o, es gab schreckliche Händel!“

In mir tauchte es auf wie ein alter Traum.
Die Axenstraße, dann der Gotthardpaß standen vor
mir, ich sah die Felsengesichter wieder, hörte sie höhnen:
„Tetem,“ ich sah mich mit meiner Reisetasche wieder
laufen, hörte sie mit dem absurden Laute: „Tetem,
Tetem“ an meine Hüfte schlagen —

„Wie? Was? Tetem? Was ist das? Wer ist das?“

„Verzeihen Sie, mein Herr, Sie sprechen die zwei
E unrichtig aus; es heißt —“

„Aber so sagen Sie mir doch —“

„Die E sind eigentlich so zu sprechen wie in
Flexionssylben, mit dem Nebenlaut eines dumpfen, halb
nasalen A.“

„Nun ja, meinetwegen, also?“

„Der Tetem ist unser zweiter Stadtgeistlicher, ein
hochbeliebter Kanzelredner. Er heißt eigentlich Zunger.
Er ist freisinniger Theolog. A. E. kannte ihn gut,
er unterhielt sich gern mit ihm, denn er ist ein humanistisch wohlgebildeter Mann. Allein das Verhältniß
wechselte zwischen Anziehung und Abstoßung. A. E.
hatte dieser Schattirung im geistlichen Stande gegenüber statt Eines Standpunkts zwei, die sich schwer
vereinigen ließen und, wie es in solchen Fällen geht,
wechselsweise die Oberhand bekamen. Mit seiner schwertscharfen Logik erkannte er leicht die Inkonsequenz, bis
zu gewissen Grenzmarken der modernen Wissenschaft
ihr Recht einzuräumen, an diesen Stellen aber ihr
Halt zu gebieten oder mit schönen Redensarten sich
und Anderen Einklang zwischen ihr und dem Dogma
vorzutäuschen; „überdieß,“ so pflegte er zu sagen, „sind
sie eben doch Heuchler auf alle Fälle, denn auch die
Glaubensstücke, die sie offen für unhaltbar erklären,
müssen sie in Gottesdienst und Seelsorge trotzdem jederzeit
im Munde führen; was hilft da die Hinterthüre des
symbolischen Sinnes? Unwahr ist und bleibt unwahr.“
Dazu kam, daß Zunger immerhin auch ein Geschmäckchen von Wohlweisheit hat. Er ermahnt gern, gibt gern
erzieherische Winke; man bekommt zu fühlen, daß er
der Menschennatur im Grunde nicht viel Gutes zutraut. Allein A. E. war doch auch wieder viel zu
billig und gerecht, um nicht einzusehen, wie man durch
Lebensbedingungen in solch' ein Fahrwasser hineingerathen kann, zu klar, um nicht einzusehen, daß die
Welt ohne Halbheiten nicht durchkommt und daß sich das
Volk in den Händen dieser Halbdurchsichtigen unzweifelhaft besser befindet als unter den Fingern und Fäusten
der Schwarzen. Ich erinnere mich, wie er einmal
sagte: ‚Ach, geht mir mit diesen geweihten Besserungstechnikern!‘ Aber er nahm das Wort schnell zurück: es
müsse eben doch einen Stand geben, so berichtigte er
sich, welcher der Wechselerziehung der Leute ein wenig
nachhelfe, eine Art Sittengoumer. Sie kennen das
Wort? Ich habe es von ihm.“

„Ja wohl, ich auch.“

„Nun,“ fuhr er fort, „so vertrug man sich denn
zwar nicht ohne Ebbe und Flut, doch ganz leidlich.
Ebbe pflegte namentlich einzutreten, wenn ein gewisser
süßer Zug in dem würdigen Manne hervortrat. Zunger
ist musikalisch und singt gern Choräle zur Hausorgel.
Er gibt ab und zu Gesellschaften und schenkt es den
Gästen nicht, beim Thee ein Zwischenspiel musikalischer
Erbauung sich gefallen zu lassen. A. E. war einmal
eingeladen und hatte dieß mitzugenießen. Zunger liebt
ganz besonders das Lied: ‚Wie groß ist des Allmächt'gen
Güte.' A. E. konnte es nicht leiden, nicht ausstehen.
Dieser Kinderbrei, pflegte er zu sagen, reize zu entbrannter Opposition, bei so zuckerigem Lobpreis müsse
es Jedem, der kein Dummkopf sei, gerade recht einfallen, daß in der Natur ebensoviel, wenn nicht mehr
teuflische Grausamkeit als Güte herrsche; gebe es darüber einen Trost, so sei der mit kräftigen Gedanken
mannhaft zu erringen, zu erkämpfen, zu ertrotzen, denn
er ruhe auf einem: trotzdem; solchen Trost sauge man
nicht aus dem Kinderschnuller. Nun, erinnern Sie sich
der Melodie; bitte, vergegenwärtigen Sie sich, wie sie
klingt bei den Worten: ‚Der mit verhärtetem Gemüthe'.
Zwei ausdrucksvolle Noten fallen gerade auf die bedeutungslosen Biegungssylben des Worts: ‚verhärtetem‘, und ebendiese zwei Noten sang Zunger so
gefühlsinnig, so höchst seelenvoll, daß allerdings ein
gründlich komischer Widerspruch zwischen Sinnwerth und
Tonwerth entstand; er schwelgte förmlich in diesem
gefühlten ‚tetem'. A. E. war zum Lachkrampf disponirt. Er versteckte sich, da er dieß Uebel anpochen
fühlte, unter den Zuhörern, aber es schüttelte ihn so,
daß es nicht zu verbergen war, und ihm blieb nichts
als ausbrechen, entwischen, abstürzen. Von da an
führte bei ihm Zunger den Namen ‚Tetem', Frau
Hedwig eignete sich die Nomenclatur auch an, weiterhin ich und Mehrere. Tetem nun erfuhr um dieselbe
Zeit von der verrückten Grabschrift und erklärte, wie
gesagt, er werde nie dulden, daß ein Stein mit solcher
Inschrift auf dem Kirchhof stehe; man muß ja wohl auch
zugeben, daß er es wirklich nicht konnte, nicht durfte.
A. E. aber war darin unbillig, ja unvernünftig, hat
ihm von da an gezürnt, daß er ihm sein ‚schönes‘ Epitaphium unterdrücke, dieß Zeugniß edler und gerechter
Selbstachtung, das er sich nach seinem Tode vor der
Welt auszustellen gedenke. Vom Tetem muß ich rühmen, daß er ihm sein Zürnen nicht nachgetragen, daß
er ihm eine nach Möglichkeit dogmenfreie, nach Kräften
verständnißvolle, ja schöne Grabrede gehalten hat.“

Wir waren auf den Kirchhof eingetreten. Wie
ernst-andächtig hatte ich mir diesen Moment vorausgedacht! Wie anders sollte es kommen! Ich mußte
mir immer den frommen Sänger mit seiner gefühlvollen Partizip-Deklinationsendung und dahinter den
lachkrämpfigen A. E. vorstellen, mit aller innern Anstrengung konnte ich das alberne Bild nicht los werden,
vergeblich sagte ich mir, wie schmachvoll es wäre, wenn
ich lachend an den Todtenhügel träte; das wäre ja,
so ermahnte ich mich, nicht ein entlastendes, rührungsvolles Lachen wie jenes, das mich am Vormittag mit
der guten Frau Hedwig in Einer Stimmung vereinigte, sondern häßlich, mit bösem Gewissen behaftet,
armensündermäßig, wüst, schnöd, ja bübisch; gerade
die grausame Anspannung des Willens gegen eine
solche erniedrigende Naturgewalt wirkte mit dem Reize
des Verbotenen nur doppelt stark auf das blinde
Zwerchfell, damit steckte ich meinen Begleiter an, und
so schritten zwei ernste Männer mit krampfverzogenen
Gesichtern, momentane Ausbrüche des verhaltenen Kitterns erbärmlich verbeißend, an eine Stätte, die sie
mit dem reinen Gefühl der tiefstgesammelten Trauer
zu betreten gewillt waren. Ach, was ist der Mensch!
Zwei Hunde mußten uns zu uns bringen. Einhart's
Lieblingsthiere lagen auf dem Grabe, sie wedelten und
wimmerten, als sie uns sahen, ohne sich von der Stelle
zu rühren. Mit Einem Schlage war durch diesen
Anblick die Stimmung gereinigt, und schnell wiech die
profane Thräne des Lachens dem heiligen Thau, der
vom krystallenen Nachthimmel frommen Gedenkens fällt,
Gedenkens an gute Menschen, an Menschenloos und
an das, was ewig ist.

Als wir hinweggiengen, lockte ich den Hunden und
sie folgten mir. „Sie sind der Erste, dem das gelingt,“ sagte mein Begleiter; „die Thiere schliechen dem
Leichenzuge nach, sie ließen sich nicht abtreiben, seither
machen sie von Zeit zu Zeit den Gang und gehorchen
keinem Befehl, die Stelle zu verlassen, bis sie Nacht
und Hunger nach Hause treiben.“

Der Assessor lud mich beim Abschied ein, mich
am Abend des folgenden Tags im Herrenstübchen des
Gasthofs „zum Stern“ einzufinden, wo ich eine Gesellschaft treffen werde, in welcher A. E. jede Woche
ein paar Abende zugebracht habe. Gern sagte ich zu
und begab mich zu Frau Hedwig.

Ich traf die trauernde Frau im Helldunkel der
Dämmerung ohne Licht. Wie manche Abendstunden
mochte sie so zugebracht haben, still in Gedanken an
den Todten! Sie ermunterte sich bei meinem Eintritt,
ließ die Lampe anzünden und begann Thee zu bereiten. „Er mochte ihn nicht,“ sagte sie dazwischen;
ich gestand, daß ich es darin mit ihm halte, sie schien
das erwartet zu haben und stellte mir ein schweres
geschliffenes Glas hin mit den Worten: „Sie sollen
seinen Wein aus seinem Tischglas trinken.“ Als ich
durch die erhellte dunkelrothe Flut auf den Grund des
Gefäßes sah, fiel mir Justinus Kerner's schönes Gedicht auf das Trinkglas eines Freundes ein, ich gedachte dieser liebenswürdigen Dichternatur, und erfuhr
von Frau Hedwig, daß A. E. in seiner Abendgesellschaft ein paarmal sich für ihn verstritten habe. „Die
Menschen,“ sagte er einmal beim Frühstück nach einem
solchen Zanke, „wissen doch auch von nichts als von
Alternativen! Entweder, oder, so steht's in ihren
Zwischenwandköpfen! Entweder Betrüger oder Narr!
Keiner wollte begreifen, daß der Mann mit einem
Fuß im Geisterwesen stand, mit dem andern heraus
war. Logische Konsequenz fordern von einem Poeten,
dessen bestes Talent ein ungemein herrlicher, grundnaiver und doch freier Phantasiesinn für's Verrückte
war! O, Poeten schweben ja! Es ist ja ein
Schweben!“

Wir saßen eine Weile nun schweigend beisammen,
an der Wand pickte eine Schwarzwälderuhr, am Boden
lagen die Hunde, Tyras zuckte und bellte dumpf im
Schlaf — ob er wohl im Traum wieder für seinen Herrn
kämpfte? — Frau Hedwig, wohl fühlend, wie manche
Fragen ich am Vormittag werde zurückgehalten haben,
begann nun unaufgefordert von sich und von A. E.
zu erzählen. Ich gebe nur in Kürze wieder, was sie
selbst betrifft, da uns hier ein anderes Schicksal beschäftigt. Sie war Drittenkind mit ihm und verlor
frühe einen geliebten Gatten. Dieser Tod brachte ihr
zugleich den Wermuthbecher der Armuth. A.E. war
ihr Retter, er bat sie, sein Haus zu führen, — „und
wie schön ist es, dankbar sein zu dürfen, wenn man
zugleich weiß, daß man nützlich sein kann! Wie sah
es da im Haushalt aus, als ich die Leitung in die
Hand nahm, wie war der Mann vernachlässigt und
betrogen worden! Ach, er konnte ja gar nicht rechnen!
Nur das Addiren gieng noch so halbwegs!“

„Eine schlimme Sache bei einem Beamten,“ meinte
ich, „auch wenn er kein Finanzbeamter ist!“

„Freilich, freilich! es hat doch auch ein wenig zu
seinem Sturze mitbeigetragen, es fanden sich Verstöße schwerer Art in seinen Amtsrechnungen, und
nur halb sah man ein, daß man es hier mit einem
Kind im Zahl- und Geldwesen zu thun habe. Wären
nicht seine vielen Verdienste gewesen, hätte man vergessen dürfen, daß er dazumal die gefährliche Gaunerbande eingefangen, man hätte ihn schon viel früher
fortgeschickt.“

Ich erfuhr weiter, daß A. E. nicht reich, doch
vermöglich war. „Er brauchte blutwenig für sich, viel
für die Armen und“ — setzte sie noch einmal erröthend
hinzu — „Einiges für Exekutionen an aufrührerischen
Objekten, die er seine weisesten, sittlichsten, wahrhaft
gemeinnützigen Handlungen nannte.“

„Weiß, weiß, kenne das,“ fiel ich ein. — „Wir
verstehen uns mit ihm,“ sagte sie lächelnd.

„Und nun kommen Sie, lassen Sie uns in sein
Studierzimmer gehen!“

Wir stiegen über eine Treppe und betraten einen
prunklosen Raum mit Schreibtisch, Bücherschränken,
wenigen Möbeln für die Bequemlichkeit und einigen
Gemälden und Kupferstichen an den Wänden. Sie
öffnete ein verschlossenes Fach am Schreibtisch, zog ein
Blatt heraus und reichte mir es hin. „Das Original,“
sagte sie, „liegt auf dem Rathhaus; es ist amtliche
Abschrift.“ Ich las:

„Ich setze Frau L. Hedwig als Erbin meines
Hauses und Vermögens ein. Ich füge eine Liste
der Armen bei, die sie ferner zu unterstützen hat.
Sämmtliche Papiere, die zu meinen Studien gehören und sich in den Fächern … befinden, vermache ich Herrn … als Eigenthum und überlasse
seinem Ermessen, welche Bestimmung er ihnen
geben will.

Albert Einhart, Vogt a. D.“

„Und also auch das Haus gehört mir,“ sagte sie,
indem sie das Blatt aus meiner Hand zurücknahm und
Thränen ihr in's Auge traten, „das Haus, das er
gekauft und sich zurechtgebaut hat, als er verabschiedet
war; ich bin reicher geworden, als ich bedarf, und
kann dafür mehr an den Armen thun, als mir wörtlich aufgegeben ist.“ — Das Vermächtniß, das unvermuthet mir geworden, war mir im ersten Augenblick
befremdend, ich konnte die Ueberlassung nicht mit dem
Wesen eines Mannes reimen, dem es eben nicht gleich
sah, sich vor irgend Jemand nackt zu zeigen, und Enthüllungen waren von diesen Blättern doch zu erwarten.
Da fiel mir Hamlet ein, wie er sterbend den Horazio
bittet, dem versammelten Volke kund zu geben, wie
Alles gekommen sei, um seinen schwer verletzten Namen
zu retten. Jetzt erfaßte ich, daß dieser seltsam verhüllte, dem tragischen Helden nicht eben unverwandte
Mann doch ein Bedürfniß in sich getragen habe, nach
seinem Tode in richtigem Lichte gesehen zu werden,
und herzlich fühlte ich mich nun geehrt, daß er mich
als seinen Horazio auserlesen.

Während Frau Hedwig die Fächer öffnete, worin
die Papiere lagen, sah ich mich etwas im Zimmer um.
Drei Landschaftgemälde von guter Hand schmückten eine
der Wände: das eine Perugia, das andere die römische
Campagna, das dritte Venedig darstellend; an einer
andern Wand fiel mir ein Bild auf, das durch ein Loch
verunstaltet war. Als ich näher trat, erkannte ich ein
Werk aus der altdeutschen Schule; ein heiliger Sebastian,
von den Pfeilen durchbohrt, schien im Ausdruck ergreifend gegeben, so weit der defekte Zustand errathen ließ,
gewisse Eigenheiten der Form, die leuchtende Kraft der
Farbe, die warme Mürbe des Fleisches schienen mir
auf Zeitblom zu weisen, das Loch aber gieng mitten
durch die Nase und erstreckte sich noch auf die Nasenwurzel, so daß ein sicheres Kennzeichen des Ulmer
Meisters ausgetilgt war; denn dieser ernste, feierliche,
innigfromme, farbensaftige, lebenswahre Künstler hat
ja leider die Grille gehabt, fast alle seine Köpfe mit roth
angelaufenen Nasen und einer knopfigen Anschwellung
der Nasenwurzel auszustatten. „Was ist denn nun aber
das?“ fragte ich. — „Ja, der schöne Zeitblom!“ war
die Antwort, „den der Herr auf einer Reise nach
Schwaben entdeckt und um schweres Geld gekauft hat!
Er schätzte und liebte das Bild nicht nur wegen seines
Kunstwerths, er dachte dabei gern an seine eigenen
Leiden unter den spitzen Bolzen der Lebensübel. Da
fuhr einer der Steine durch, die dazumal, als ich
krank lag, durch's Fenster flogen, der Selige hängte
das Bild nun in sein Studierzimmer und war schlechterdings nicht zu einer Herstellung zu bewegen. Das
geschah keineswegs bloß zum Andenken an die überstandene Gefahr. Er hatte immer seinen Spaß getrieben über die rothe Nase und geschwollene Nasenwurzel. ‚Es werden wohl,' pflegte er zu sagen, ‚die
starken Donaunebel schuld sein, daß in Ulm Jedermann immer Schnupfen hat, alten oder neuen; der
gute Meister wird seine Mitchristen wohl nie in einem
andern Zustande gesehen haben! Das wär' ein Aufenthalt für mich, das Ulm!‘ Nun, als der Stein durchschlug, da gieng, sobald nur Schrecken und Zorn verraucht waren, der Spaß erst recht an: ‚Der Lümmel
hat's verstanden! Radikalkur! Der Sebastian kriegt
keinen mehr! Nun, und der Schütze auch keinen mehr!
Dem ist's fast zu gut geworden!' — So gieng es
fort.

„Da,“ sagte Frau Hedwig, indem sie nun eine
eingerahmte, auf dem Schreibtisch stehende Photographie
mir hinhielt, „das ist ein Bild, das er immer vor
Augen hatte.“ Es war das Porträt eines Mannes in
den besten Jahren, und je mehr ich es betrachtete,
um so tiefer fühlte ich mich angezogen. Selten habe
ich so viel Festigkeit mit so viel Güte in Einem Ausdruck verbunden gesehen. — „Diesem Mann ist zu trauen!“
sagte ich. — „Ja,“ erwiderte Frau Hedwig, „und
dem muß der Verstorbene viel verdankt haben, mehr
als wir wissen.“ Sie konnte nur angeben, daß es
das Bild eines schwedischen Arztes sei, der ihn auf
der norwegischen Reise von einem Nervenfieber gerettet
habe; „aber,“ sagte sie, „da muß noch etwas mitgespielt haben, was ich nie erfuhr, es war etwas Geheimnißvolles in dem Kultus der Pietät, womit er
an diesem Bilde hieng; und ein Jahr vor der zweiten
Reise nach Italien, auf der Sie mit ihm zusammentraffen, erfuhr Einhart den Tod dieses Mannes. Er
schloß sich einen Tag lang ein und man hörte ihn
weinen. Er hat nie aufgehört, ihn zu betrauern.“

Sie nahm ihr Geschäft an den Schubfächern wieder
auf und als sie eine Blätterschichte aus einer der
Laden heben wollte, stieß ihre Hand in der hintersten
Ecke an etwas Hartes, sie zog einen schwarzen Gegenstand heraus und rief bei seinem Anblick: „Ah, dort
stack's? find' ich's wieder?“ Sie reichte mir ein Etuis
hin, aus dem mir, als ich es öffnete, eine Photographie
entgegensah, ein weibliches Brustbild von großer, aber
unheimlicher Schönheit. Ein ganzer Wald von glänzenden Locken umgab wie eine Löwenmähne das wohlgebildete Haupt; ich konnte es nicht bloß auf die
Lichtwirkung schieben, daß mir dieses Haar wie metallisch erschien. Warum wollte mir, wenn mein Auge von
der Betrachtung des Gesichts zu dieser reichen Umkränzung zurückkehrte, mehr und mehr scheinen, als bewegten
sich diese Ringel, als zischelten Schlangen aus ihren
Spitzen? Das konnte nur eine Phantasieübertragung
des Eindrucks sein, den die Gesichtszüge mir machten.
Aus diesen Augen blitzte etwas, auf diesen Lippen,
dieser leicht gehobenen Unterlippe saß etwas, um diese
Mundwinkel spielte etwas, das ich unbewußt in die
Vorstellung Schlange übersetzte. Und doch wieder ein
Gepräge der Tüchtigkeit und eine Anmuth! Aus denselben Augen schien Juno und Aphrodite zu blicken,
auf diesen Lippen sich edler Stolz und freie Gewährung
zu wiegen, auf dieser Stirne, auf dieser fein gebogenen Nase sinniges Denken und heiterer Witz zu thronen.
Während ich in diesen Anblick verloren war, rief Frau
Hedwig: „Halt! hier ist das rechte!“ Unter dem Umschlag eines Papierstoßes war ein Blatt hervorgefallen,
sie hatte es aufgenommen, betrachtete und bot es mir her.
Es war eine Kreidezeichnung, ebenfalls ein weibliches
Brustbild, und ich erkannte im Augenblick die Dame
von Flüelen und Bürglen. Ich hielt beide Bildnisse
nebeneinander in der Hand, Frau Hedwig sah mir
über die Schulter, vertieft wie ich in den vergleichenden Anblick. Unter dem zweiten stand: Σώτєιϱα.
Als ich das Wort aussprach, rief Frau Hedwig:
„Das ist's! So klang sein letztes Wort!“ Ich übersetzte: Retterin. — „Retterin?“ sagte sie, nickte und
wurde sehr nachdenklich. Dann fragte sie mich: „Haben
Sie dieß Weib gesehen?“ Ich erzählte ihr jetzt den
Theil unserer gemeinsamen Reiseerlebnisse, den ihr
A. E. verschwiegen hatte, doch nicht sogleich Alles,
nicht den traurig komischen Abbruch in Bürglen, nicht
die Scene am Felsen. — „Was wissen Sie denn,“
sagte ich, „wenn die Frage nicht unzart ist?“

Eigentlich muß ich gestehen, daß seit Jahren und
jetzt in diesen Tagen stärker denn doch etwas wie
Neugierde im Innern mir umschliech, ob denn dieser
seltsame Mann auch Beziehungen zum Weib — oder
vielmehr, da sich dieß von selbst bejahte — was für
er wohl gehabt habe. Geborener und geschworener
Weiberfeind konnte er nicht sein, die letzten Momente
in Göschenen sprachen zu hell dagegen; aber gewordener? hartgesottener Junggeselle? Und warum? Wie
mochte das mit den zwei Bildern zusammenhängen?

„Wissen?“ sagte Frau Hedwig, „eigentlich nichts,
nur rathen. Rathen aus Andeutungen, die ihm in
bewegten Momenten entschlüpften. Einmal, ja, in
der Zeit vor seiner Entlassung, als ihm eine hiesige
Frau durchaus kuppeln wollte — die Frau des Herrn
Tetem, — gewiß auf wohlgemeintes, besserungseifriges
Zureden ihres Mannes, — da wurde er sehr wild,
sprang dann auf sein Studierzimmer, polterte wieder
herab und hielt mir das eine Bild unter die Augen,
das da (sie zeigte auf die Dämonische), und stieß hervor: ‚Die Valandinne hat mir's vertrieben!' Das
Wort hab' ich dann in seinem altdeutschen Lexikon
aufgeschlagen, Teufelin heißt's. Weiter kein Wort!
Das Eine schien ihn zu reuen. Es war Schlafenszeit, er eilte auf sein Zimmer. Ich hörte ihn oben
laut mit sich selber reden, was er freilich gar oft that.
Es ist schmählich zu sagen, ich habe dann im Vorbeigehen ein wenig gehorcht — ich hörte ihn auf und
ab stürzen, Stühle auf die Seite schleudern — ich vernahm unverständliche Laute, ein Wort kehrte wieder,
das hieß Foß, aber in Zusammensetzungen, die ich
nicht behalten konnte, dazwischen: ‚Schweiß der Scham!'
— ‚Höllischer Hohn!' — Nach einer Pause hörte
ich wieder fremdklingende Namen rufen, eine Zusammensetzung mit Strand, Sjöstrand oder ähnlich, und
mit Hag — ich meine: Baldurshag. Er schrie öfters:
‚O! o!' Er stöhnte. — Dann war es lange still und
dann vernahm ich weiche Laute: ‚Lichtgeist, Friedensbote — frei! frei!' — Wieder ward es stiller, hierauf hörte ich ihn laut kommandieren, ähnlich wie
später in seiner Todesstunde; soweit ich es verstehe,
waren es Rufe, wie wenn einer Truppe auf drangvollem Rückzug vor starker Uebermacht öfters Halt
und erneuerte Gegenwehr geboten wird, dabei hörte
ich eine Mühle und ein Gehölz nennen.“

„Die Kupfermühle bei Krusau,“ sagte ich, „ich
wollte damals, als Sie mir das Aehnliche von seinen
Traumreden kurz vor dem letzten Augenblick erzählten,
nicht mit einer Notiz unterbrechen; ich erinnere mich
noch der Berichte von dem Kampfe bei Bau, A. E.
muß beim rechten Flügel gestanden sein, der sich so
heldenmüthig bis zur Eisengießerei vor Flensburg
durchgeschlagen hat.“

„Nach geraumer Zwischenzeit meinte ich ein leises
Weinen zu vernehmen und wieder das Wort: ‚Gerettet!’ Dann den Seufzer: ‚Spät! — Cordelia, o
Cordelia — warum —' Bei diesen Lauten voll
Innigkeit überfiel mich eine Scham, daß ich horchte,
und ich schliech hinweg. — Es muß in Norwegen
etwas vorgegangen sein, ehe er von dort nach Schleswig-Holstein gieng und verwundet wurde. hat immer
so sichtbar abgelenkt, wenn ich auf das Land zu sprechen
kam oder wenn man ihn gar in Gesellschaft mit Fragen
bedrängte.“

Dunkle Schlüsse aus diesen kargen Spuren ziehend
verweilte ich in der Betrachtung der beiden Bilder.
Es war, als ränne ein milder Geist des Friedens
aus den sanften Zügen des zweiten Bildes und legte
sich beruhigend über die wirren Wogen widersprechender, beängstigender Vorstellungen, die aus dem andern
wie aus einem Hexenkessel brodelnd hervorquollen. Es
war ganz der Ausdruck der Lauterkeit, Güte und Vernunftruhe, der mich vor Jahren an diesem Weibe so herzlich
gerührt hatte, jetzt nur doppelt wirksam im schlagenden
Gegensatze zur wilden Schönheit des Nebenbildes.

„Nun aber,“ fieng Frau Hedwig nach einer Weile
wieder an, „muß da später noch etwas gekommen
sein, irgend ein Unglück, ein Unstern, der Unglück
wurde. Denn nach der Reise, wo er Sie kennen gelernt hat —“

„Eben auf der Reise ist solch ein Unstern vorgekommen,“ fügte ich ein. Sie fragte gespannt und ich
erzählte jetzt den Auftritt in Bürglen und was dann
in der Gotthardschlucht Unheimliches, Erschütterndes
dem närrischen Schlußakte in Göschenen vorangegangen.
Es wäre kindisch gewesen, ihr das Unschickliche, was
dort geschah und den plötzlichen Aufbruch veranlaßte,
zu verschweigen oder mit einem erfundenen Surrogate
zu vertuschen; die Frau hatte ja Salz.

Sie wurde sehr aufmerksam, lachte über das
Komische jenes ersten Vorgangs nicht, schwieg nachdenklich und fragte dann, ob ich keine weitere Spur
von der reisenden Familie entdeckt habe. Ich verneinte. „Er wird gemeint haben, sie meiden zu müssen,“
sagte sie, „ich muß da noch etwas anführen: daß er
nach seiner Rückkehr damals bald wieder in Mißlaune
und Trübsinn verfiel, dazu muß diese Folge des Vorfalls
mitgewirkt haben. Im Anfang eines neuen heftigen
Katarrhs hörte einmal der Bediente, der neben seinem
Studierzimmer zu thun hatte, wie er nach wiederholtem
starkem Niesen tief aufathmend schrie: ‚Ach, gottlob, gottlob! Hier verjagt mich's doch von Himmelsboten,
der vielleicht — Gelt, gutes, dummes Vieh (— das
konnte nur seinem Kater gelten, den er gern bei sich
duldete, wenn er sich schnurrend auf seinem Schreibtisch
niederließ —), gelt, dir ist's gleich, ob ich dich anniese?'“

Wir wetteiferten in Vermuthungen und Verknüpfungen, mußten aber, da uns aller bestimmtere
Anhalt fehlte, unsere Versuche aufgeben. Es war
auch offenbar nicht Ort und Stunde, zu grübeln; das
Gefühl sträubte sich dagegen, an der Schnur der
Reflexion fortzuspinnen, und strebte zurück zur Vertiefung in reine Trauer um den theuren Todten.
Aber eine Beimischung des Geheimnißvollen erhielt
nun dieß einfache Gefühl des innigen Leides. In diesem
Leben mußte ein Sturm gewüthet haben, dessen Gewalt wir wohl kaum ahnten; rettendes, himmlisches
Licht mußte dann erschienen, aber irgend ein Schmerz
nachgeblieben sein, der einen Wolkenschleier von Wehmuth um die Lichterscheinung legte.

Wir saßen noch ein Stündchen in der Nacht beisammen und sprachen von dem Todten. Die gute,
klare Frau erzählte mir noch Manches aus seinem
Leben, seinen Verhältnissen zu manchen Menschen aus
allerlei Ständen. Das Bild der Persönlichkeit wurde
mir runder, voller, ohne mir planer zu werden. Der
andere Tag, der letzte des kurzen Aufenthalts, den mir
meine Zeit erlaubte, war bestimmt, eine erste Einsicht
von den Papieren zu nehmen, die mein Eigenthum
geworden waren.

So betrat ich denn des andern Morgens zu früher
Stunde den stillen Raum, worin der Geist des Verstorbenen mich zu umschweben schien. Die Bücher rings
in den Schränken sahen mich an, als wollten sie mit
mir sprechen, mir vom Zwiegespräch zwischen ihnen
und dem Todten erzählen. Ich fand die staatswissenschaftliche Literatur weit abseits gestellt und nur mäßig
vertreten. Dagegen nahe zur Hand standen philosophische
und schön-wissenschaftliche Werke. Starke Spuren von
häufigem Gebrauch zeigten die Werke des Plato, des
Aristoteles, Spinoza. Kant's, Fichte's, Schelling's,
Hegel's Schriften, die größeren, wie einzelne Abhandlungen, füllten eine Reihe von Fächern: was von
Schopenhauer bis dahin erschienen, fand sich in der
Nähe; den meisten Bänden sah man, wie jenen
Werken der älteren Philosophen, leicht an, daß sie nicht
als müßige Zierde standen. Eine ausgewählte poetische
Literatur reihte sich an diese ernsten Kolonnen, Homer,
Aeschylos, Sophokles, Euripides und neben ihnen
Shakespeare befanden sich griffbequem auf dem Bücherbrett just dem Sitzenden gegenüber; ich schlug im
Vorübergehen den Hamlet auf und fand alle Blätter
zwischen den Linien und am Rand über und über
beschrieben, ebenso Goethe's „Faust“, als ich mich in der
deutschen, solid vertretenen Literatur umsah. Mein
Blick fiel im Streifen auf den Namen Hölderlin; neben
den sämmtlichen Werken in der bekannten verdienstvollen Ausgabe von Christoph Schwab standen die Gedichte in der Sammlung von 1843, mit dem Bildnisse
nach der Zeichnung von Luise Keller, das ich erwähnt
habe, als ich von der Gotthardreise erzählte. Ich
griff nach diesem Bändchen und als ich es aufschlug,
entglitt ein Blatt, das neben dem Stiche lag, ich nahm
es auf und fand mit Bleistift querüber darauf geschrieben:

„Armer Werther Griechenlands! Dein Lieben war
ja wohl hoffnungslos, denn einem Albert, der seine
Braut strenge verschließt, dem unerbittlichen Chronos
war deine Lotte verlobt. — Du führtest zu wenig
Eisen, du Guter, du Schöner, du mein edlerer Bruder
mit dem Heiligenschein des ganzen Wahnsinns um's
Haupt!“

Ich wurde begierig, zu wissen, ob er nicht auch
in J. Paul's Werke etwas eingeschrieben habe, die daneben standen. Und richtig fand ich auf dem weißen
Blatt vor dem Titel des ersten Bandes folgende Verse,
die ich mir sogleich abschrieb:

„O du, dem unter Narrheit, unter Witzen
Der Sehnsucht Zähren an der Wimper blitzen,
In Scherz und Schmerzen schwärmender Bacchant!
Der Kunstform unbarmherziger Vernichter!
Du Feuerwerker, der romanische Lichter
Aufwirft und Wasser, Kies und Koth und Sand!
O du, dem hart am überschwellten Busen
Ein Spötter wohnt, ein Plagegeist der Musen,
Der Todfeind des Erhab’nen. der Verstand!
Grabdichter, Jenseitsmensch, Schwindsuchtbesinger!
Herz voll von Liebe, sel'ger Freude Bringer
Im armen Hüttchen an des Lebens Strand!
Du Kind, du Greis, du Kauz, Hanswurst und Engel!
Durchsicht'ger Seraph, breiter Erdenbengel,
Im Himmel Bürger und im Bayerland!
Komm', laß an deine reiche Brust mich sinken,
Komm', laß uns weinen, laß uns lachen, trinken,
In Bier und Thränen mächtiger Kneipant!“

Der Leser soll sich nicht weiter bemühen, die Büchersammlung mit mir zu durchmustern; erwähnt sei nur
noch, daß mehrere englische, französische, deutsche Werke
nebst Julius Cäsar's Schrift de bello gallico (— ein
Zeichen stack noch im Abschnitt von den Druiden —)
auf eingängliche keltische Studien zu schließen gaben,
die der Verstorbene für seine Pfahldorfgeschichte gemacht
haben mußte. Ob ganz zum Nutzen derselben? schien
mir nicht eben ausgemacht. Manchmal wollte mir
dünken, es sei ihm nicht recht gelungen, die seltsame
Religion, welche er für seine Pfahlbewohner erfunden
hatte, mit den mythischen Vorstellungen, die er seinen
historischen Quellen entnommen, genügend ineinander
zu verarbeiten, verschiedene Zeiten seien zu grell gemischt und es blicke da und dort ein Zug antiquarischer
Belehrung hervor, der einer dichterischen Komposition
so übel ansteht. Doch schwankte ich wieder; gegen
den letzteren Vorwurf ließ sich sagen, daß die gelehrten
Brocken doch eben selbst auch größtentheils humoristisch
gemeint seien. Ich vermochte mein Urtheil nicht abzuschließen. Das ist nun Sache des Lesers.

Ich füge noch hinzu, daß in einem der geschlossenen
Fächer des Schreibtischs auch das Konzept der Pfahldorfgeschichte sich vorfand, ein Manuskript, von Durchstrichen, Korrekturen, Einschiebungen über und über
durchschnitten und übersät. Da ich schon öfters Gelegenheit gehabt hatte, mit Hülfe solcher Blätter in die geheime Werkstätte eines Dichters zu sehen, so konnte mich
dieser Zustand nicht zu der Vorstellung verleiten, die
Arbeit sei wie ein mühsames Mosaik entstanden. Frei
poetische Initiative und häufiges Umändern und Nachbessern schienen mir einander nicht auszuschließen.
Dem Dichter schwebt ein Bild vor wie ein Traumbild,
hell in allen wesentlichen Zügen und doch noch schwebend,
unbestimmt in Umrissen. Zudem ist die Sprache ein
sprödes Material, das nicht leichten Kaufes sich hergibt,
sein dem Prosabedarf dienendes Gefüge zur durchsichtigen Form für freie Anschauung umwandeln zu
lassen. Er sucht und sucht, ringt und ringt, er reibt,
wie man reibt, um einen verdunkelnden Firnis zu entfernen, der über einem Gemälde liegt, endlich gelingt
es der sauern Mühe, herauszuarbeiten, was ganz frisch,
ganz leicht, ganz Ein Guß und Fluß aus eigener
Tiefe von Anfang an vor der Seele stand.

Nun ein Wort von den zu freier Verfügung mir
vermachten Papieren. Es wird wohl gut sein, wenn
ich vom Zufall den Rath annehme, gewisse Stücke
aus denselben dem Leser vorzuführen, ehe ich zur
weiteren Mittheilung übergehe. Sie fielen mir bei
vorläufigem Durchblättern in die Augen und sind so
närrischen Inhalts, daß ich sie lieber gesondert vom
Uebrigen aufdecke, — nicht daß der Leser erwarten
dürfte, im Nachfolgenden ununterbrochenen Ernst zu
finden, bunt genug sieht es überall aus in diesem
Tagebuche — wenn man ihm den Namen geben darf,
denn es ist keineswegs erzählende Buchführung des
Verstorbenen über sein Leben; ein abgebrochenes Hinwerfen von Erlebtem, untermischt mit nachdenklichen
Reflexionen und wetterleuchtenden Einfällen möchte ich
es nennen, und überall, wie man sich denken kann,
wechselt Ernst mit Humor oder schimmern beide durcheinander. Die Dinge aber, die mir da zuerst entgegensprangen, sind von der Art, daß ich besorge, sie
möchten, wenn ich sie nicht getrennt halte, der Stimmung
des Lesers, obwohl sie auf solche Mischung gefaßt ist,
denn doch zu viel bieten. Nur unterdrücken glaube ich
sie nicht zu dürfen, denn ich soll ein Bild von einem
Menschen geben und darf nichts ausscheiden, was bezeichnend ist. So mag denn das vor dem Eintritt
abgethan werden.

Zunächst fielen mir zwischen den Blättern gewöhnlichen Formats zwei zusammengelegte Bogen auf, dickes
Zeichenpapier und ungemeiner Umfang. Ich entfalte
sie und meinem Auge zeigt sich ein Chaos von Linien
auf dem einen, ein noch größeres von Linien und
Farben auf dem andern. In den Feldern dieser krausen
Netze stand Schrift in verschiedenen Richtungen geführt,
wie solche durch die eintheilenden Linien gegeben waren:
senkrecht, wagrecht und über's Kreuz in Diagonalen.
Beide mühsamen Kunstwerke waren unvollendet, man
sah ein Stück ausgeführt, daneben auf derselben Fläche
Versuche, andere Theilungslinien zu führen, die verworrener und verworrener wurden und schließlich erkennen ließen, daß der Künstler nicht weiter wußte,
stecken blieb, erlag. Kleinere Blätter lagen dabei, auf
denen der Unglückliche es mit wiederholten neuen
Anordnungsentwürfen versucht und einzelne Anmerkungen niedergeschrieben hatte. Beide Papierungeheuer
trugen die sehr schön in Fraktur geschriebene Ueberschrift:

System des harmonischen Weltalls.

Mir wurde ganz schwindlig, als ich angefangen,
mich in den Inhalt hineinzulesen, und mit Hülfe des
wenigen Kommentars auf den Beilagen zu einer
ungefähren Vorstellung von der Absicht des Unternehmens gelangte. Ich rannte wie betrunken mit den
zwei Riesentabellen zu Frau Hedwig hinab, hielt sie
ihr vor Augen und fragte: „Kennen Sie denn das?“
— „Ach freilich, freilich!“ war die Antwort, „das
war's ja eben! Ich weiß noch, als wär's heute, wie
er anfieng, sich oben einzuschließen, ganz zergrübelt,
in allen Nerven gespannt aussah, wenn er zu Tische
eintrat, wie er einmal herabgesprungen kam und den
Bedienten fortjagte, ihm einen Reißzeug zu kaufen, —
er müsse eine geometrische Figur ausführen —, dann
wie er ebenso hastig des andern Tags nach einer
Farbenschachtel schickte! Wie es immer ärger mit ihm
wurde, hab' ich dann nicht geruht, bis er mir seine
Arbeit gestand und zeigte. Ich begieng anfangs die
Thorheit, ihm helfen zu wollen, wurde aber selbst
darüber fast verrückt. Und nun erkannte ich, daß es
hohe Zeit sei, ihn herauszureißen, denn wirklich, er
war nah' am Ueberschnappen; so erreichte ich es denn
mit viel Bitten und Drängen, daß er nach Italien
abreiste durch die Schweiz über den Gotthard, und
nun sehen Sie, in dieser Periode haben Sie ihn
kennen gelernt!“

Ich gehe nun mit Seufzen an die Aufgabe, dem
geneigten Leser ein, nach Möglichkeit abgekürztes, Bild
von dem Bilde des harmonischen Weltalls vorzuführen.
Was gegeben werden sollte, war eine klar geordnete
Uebersicht der Durchkreuzungen, denen das Leben und
Thun des armen Sterblichen durch die Tücke jenes
Etwas unterliegt, das wir in Kürze den kleinen Zufall
nennen. Man begreift, daß A. E. seinem Plane gemäß
eigentlich hätte schreiben müssen: Harmonisches Bild
des unharmonischen Weltalls; man begreift aber ebensosehr, daß ein Geschmack wie der seine den ironischen
Ausdruck vorziehen, man ahnt auch zum Voraus, wie
es ihm bei seinem Versuche systematischer Ordnung
ergehen mußte.

Kaum ist die Vorbemerkung nöthig, der Leser möge
sich erinnern, wie A. E. gewohnt war, vermöge einer
poetischen Verwechslung von Objekt und Subjekt die
Stellen und Gegenstände, worin nach seiner Mythologie
die bösen Geister sich einzunisten lieben, so zu tituliren,
als wären sie selbst die bösen Geister oder verwandelten
sich in solche. Fangen wir nun an, die Ober- und Untereintheilungen des Materials, mit welchem
unser Philosoph schaltet, aufmarschieren zu lassen, so
wird der Leser sogleich in eine Art von logischer
Beunruhigung sich gestürzt fühlen. „Hauptarten der
Teufel“ ist die erste Obereintheilung und diese zerfällt in: innere und äußere Teufel. Unter „innere
Teufel“ versteht er die Stellen und Angriffspunkte,
die der Mensch durch seinen Körper (natürlich ebensosehr als geistig höchst leidensfähiges Wesen) dem störenden
Zufall darbietet; unter „äußere Teufel“ die Leiden
verursachenden Gegenstände in unserer Umgebung.
Schon dieß ist verwirrend. Die Eintheilung scheint
nur Störungen im Auge zu haben, die von außen
kommen; sitzen nun in den Organen unseres Leibes
Teufel und ebenso in den äußern Dingen, von denen
die Störung ausgeht, so folgt ja, daß in allen diesen
Fällen ein Teufel einen Teufel plagt. Es entstehen
aber doch viele Leiden direkt aus dem eigenen Organismus, das einzelne Organ erkrankt infolge von
Störungen in irgend einem größeren Funktionsgebiete;
sitzt nun dort ein innerer Teufel, dann wohl auch hier
und somit plagt auch in diesem Fall ein Teufel einen
Teufel, dießmal ein innerer einen innern. Jedoch
kann man sagen, auch Störungen, die zunächst aus
dem Innern des Organismus kommen, seien indirekt
durch Einflüsse der äußern Natur herbeigeführt, dann
kehrt aber das erste der genannten Verhältnisse wieder:
ein (äußerer) Teufel plagt einen (innern) Teufel.
Dieß sind nur Andeutungen, die Reihe der sich ergebenden Skrupel ist unendlich. Genug, der Urheber
wird selbst nicht am wenigsten darunter gelitten haben,
zur Sache!

Als Motto steht ein ziemlich ruchloser Vers:

O Weltgeist, was hast du getrieben!
So gerade zu bauen, so toll zu verschieben!
In deinem weiten Königthum
Wird Alles schief, wird Alles krumm,
Wo nicht Menschen denken und lieben.

Hierauf folgt die Eintheilung und lautet also:

I. Hauptarten der Teufel.

A.Innere Teufel.

Schleimhäute. Zunge. Kehle. Lunge. Zwerchfell.
Magen. Gedärme. Blase. Gelenke. Sehnen. Nerven.
Gehirn. Augen. Nase. Ohren. Haut. Hals. Rücken.
Arme. Finger. Kreuz. Beine. Zehen. Nägel.

Es fällt sehr auf, wie wenig dieß ist. A. E. hätte
ja eigentlich alle empfindungsfähigen Stellen unseres
Körpers, selbst die mikroskopisch kleinste, aufführen müssen.
Er wollte sich auf die vorzüglich gefährdeten beschränken
und diese nur in Bausch und Bogen angeben, wurde
an diesem Verfahren irre, fieng an, mehr in's Einzelne
zu gehen, führte unter Anderem die einzelnen Theile
des Auges auf, z. B. Lid und Wimper (offenbar, um
nachher das peinliche Einstrupfen von Wimperhaaren
anzubringen), er sah im Fortgang ein, daß er in's
Unendliche geriethe, striech wieder aus, schrieb doch
wieder, striech wieder aus und so fort. — Merkwürdig
verloren steht zwischen dem Uebrigen das Gehirn, doch
begreift man die Verlegenheit des Anordners; denn
von der einen Seite wird freilich jeder Eindruck im
Gehirn erst empfunden, und darnach müßte eine klare
Eintheilung zeigen, daß hier Alles im Mittelpunkte
sich sammelt; von der andern Seite gibt es aber doch
auch lokale Leidenszustände des Gehirns und insofern
war dieß Centralorgan unter andere einzureihen. Ersichtlich ist übrigens, daß er unter Gehirn auch die
geistigen Funktionen in der Weise mitinbegriff, daß
er an Durchkreuzungen eines Gedankenzusammenhangs
durch Vorstellungen dachte, die in denselben nicht gehören, an Zerstreutheiten, Gedächtnißirrungen und dergleichen, wie solche sich dann im Sprechen äußern; da
die Zunge aufgeführt ist, so haben wir allerdings das
Material beisammen, um erwarten zu können, daß dann
in der betreffenden Rubrik der entsprechende Zufallsakt,
also z. B. närrisches Vernennen, nicht fehlen sollte.

B. Aeußere Teufel.

a. Unorganisches
und abgestorbene organische Stoffe.

Luft. Wind. Licht. Finsterniß. Nebel. Wasser.
Regen. Schnee. Eis. Erde. Morast. Pfützen. Staub.
Sand. Steine. Gruben. Holzpflöcke. Strohhalme.
Dorne. Härchen. Schreibfedern. Sägmehl. Eisenfeilspähne.

b. Artefakte.

Brillen. Haken. Nägel. Uhren. Zündhölzchen.
Kerzen. Lampen. Münzen. Stiefelknechte. Schnüre.
Bändel. Beinkleider. Hosenträger. Knöpfe. Knopflöcher. Rockhängeschleife. Hut. Armlöcher. Schuhe.
Stiefel. Galoschen. Messer. Gabel. Löffel. Teller.
Schüsseln mit Suppe und Anderem. Papier. Tinte.
Böden, besonders Parketböden. Treppen. Thüren.
Schlösser. Wände. Fenster. Kandeln. Fußbänke. Wägen,
speziell Eisenbahnwägen.

c.Pflanzen.

Blatt. Stengel. Zweig. Ast. Stamm. Wurzeln.
Kirsch- und Trauben- und andere Kerne. Erbsen.
Bohnenfasern. Spitzgras. Brennnesseln.

d.Thiere.

Insekten. Vögel. Mäuse. Rind. Pferd. Hunde.
Katzen. Hasen. Rehe. Hirsche. Roß. Elephant. Würmer.
Fische. Gräten.

e.Menschen.

Kinder. Frauen. Männer. Greise. Stände:
besonders vornehme.

An dieser Stelle wimmelte es von Korrekturen
und Durchstrichen. Man sah in eine wahre logische
Verzweiflung hinein. Der Verfasser fieng an, aufzuzählen, nämlich die Organe, vermittelst welcher uns von
außen durch Menschen verdrießliche Störungen bereitet
werden, sichtbar aber erkannte er, daß er dadurch in
Wiederholungen gerieth, theils mit I. A., theils mit
der folgenden Rubrik: Aktionen.

Immerhin war denn nun eine — freilich sehr
mangelhafte — Uebersicht der Leidensquellen und Leidensstellen gegeben. Nun mußten die Leiden selbst aufgezählt werden, die im Zusammenstoß aller dieser Dinge
den leidensfähigen Theil mehr oder minder empfindlich treffen. Dieß bringt die nächste Haupteintheilung:

II.Aktionen.

A.Der inneren Teufel.

Kratzen. Kitzeln. Niesen. Husten. Schleimen überhaupt. Tröpfchen an der Nase. Rasseln. Orgeln.
Pfeifen. Raspeln. Schnarchen. Sich verschlucken. Lachkrampf. Kolik. Rheumatismen. Hexenschuß. Dumpfheit.
Schlafdruck. Schwindel. Stechen. Glühen. Brennen.
Toben. Brausen. Jücken. Beißen. Bohren. Rutschen.
Stolpern. Fallen. Anstoßen. Danebengehen. Sich verwickeln. Fehlgreifen. Fehlschlagen. Fehltreten. Hühneraugenstich. Ueberschlagen (der Stimme). Fehlsprechen.
Sich vernennen. Bock schießen. Vergessen. Mit sich
reden. Im Schlaf sprechen. Verwechseln.

B.Der äußeren Teufel.

Hier hat es denn, wie wir vorbereitend schon
bei I. bemerkt haben, dem Verfasser große Schwierigkeiten gemacht, daß er Vieles, was der Rubrik I. B. a.
(unorganische und abgestorbene organische Stoffe) entspricht, bereits unter II. A. gebracht hat, als z. B.
Rutschen, Stolpern, Fallen: Ereignisse, die allerdings
öfters ohne erkennbares Einwirken eines äußern Teufels
vorkommen, am öftesten aber doch durch solche herbeigeführt werden, die sich in Schnee, Eis, Steine, Holzpflöcke, Strohhalme verstecken. Auch was die weiteren
Eintheilungen unter I. B. betrifft, so konnte er in
gegenwärtiger Rubrik nicht mehr mit ihnen zurechtkommen, wenn er in dieser letzteren Eintheilungsfelder
ziehen wollte, die den I. B. a. b. c. d. e. logisch
entsprächen; denn es ist doch klar, daß z. B. Sich
verstecken eine Tücke ist, welche von der Schreibfeder,
die unter I. B. a. vorkommt, ebenso häufig verübt
wird, als von der Brille, die unter I. B. b. auftritt.
Er ließ also in dieser jetzigen Rubrik alle Untereintheilung weg und schrieb getrost ohne symmetrische
Ordnung nieder, was ihm eben gerade einfiel, als
z. B.: Sich verstecken. Einhaken. Fallen. Fliegen.
Flattern. Knotenbilden. Zu weit, zu eng sein. Fortrollen. Gleiten, Mitgehen (— ein Randzeichen verweist hier auf ein Beiblatt, das Belege enthält, als
z. E.: ein Jahr lang wird in der Registratur der
letzte Bogen eines Aktenstoßes verzweifelt und vergeblich
gesucht, endlich findet er sich auf dem Grund eines
andern Faszikels; er war beim Verpacken mitgegriffen
worden. Der Leser wird sich erinnern, daß A. E.
dieses hochwichtige Ereigniß auch in Brunnen erwähnt
hat. Folgt noch eine Reihe ähnlicher Trauerspiele).
Klemmen. Ankleben. Ein Loch kriegen. Umstrupfen
(z. B. Regenschirm, Handschuh). Verlöschen, ausgehen.
Dazwischen rennen, reden u. s. f.

Nun fügte er zu den Aktionen A. der inneren,
B. der äußeren Teufel noch eine Rubrik und zwar:

C.Kombinirte Aktionen oder Häufungen.

Man versteht, daß hier das Zusammentreffen von
zwei oder mehreren Unfällen an die Reihe kommt.
Hier war denn aufzuführen z. B. Husten und Hexenschuß vereinigt (Beisatz: „so daß bei jedem Hustenstoß
ein Schmerz durch's Kreuz geht, als führe ein glühendes
Bajonet hinein.“ (Der Verfasser hatte hier im Zorn
einen Fluch beigesetzt, doch sich fassend ihn wieder
gestrichen.) Hier ferner: Katarrh und Kolik (Beisatz:
für letztere rother Wein verordnet, für ersteren verboten); Kolik auf der Eisenbahn. Hut vom Wind
fortgerollt, gleichzeitig eine Galosche vom Fuß verloren,
auch summirt mit Umstrupfen des Schirms, etwa
überdieß mit Hinunterfallen der Brille. Merkwürdigerweise steht unter Anderem ahnungsvoll, als hätte er
vorausgesehen, was ihm auf der Fahrt nach Luzern
widerfuhr: Stimme überschlagen, Hängenbleiben, Fallen
vereinigt. Welche Schwierigkeiten sich hier einer den
andern Theilen parallel entsprechenden Anordnung entgegenstemmten, werden wir sehen; erst müssen wir alles
Material beisammen haben.

Der Verfasser begnügte sich nicht mit den bisher
aufgereihten Rubriken. Als Mann von Geist mußte er
diese nackte Aufzählung von Mißgeschicken, die großentheils nur sinnlicher Art sind, doch ungesalzen finden.
Es fehlte noch eine höhere Beziehung, eine ideale Beleuchtung. Es sollte dargestellt werden, wie die Teufel
lügen, als wären die Künste, womit sie die Menschen
foltern, schöne Künste, als wäre ihre Hölle ein Paradies,
ein Himmel, ihre Folter- und Schmachwelt eine Welt
der Romantik. „Schön ist häßlich, häßlich schön.“
So beschloß er denn, seinem Aufzählungssystem eine
ästhetische Weihe zu geben, ein Afterbild von Weihe
freilich, eine Taufe des Satans, eine Glorie von farbig
schillernden Lichtern aus dem Schwefelpfuhle des Abgrunds. Dieß sollte vollzogen werden durch Zusammenstellung der aufgezählten Uebel mit den schönen Künsten
und deren Zweigen. Dabei schien er es mit der
Architektur und Skulptur ohne Erfolg versucht zu haben,
dagegen mit der Malerei, Musik und Poesie gieng es
ihm sichtbar besser — vorerst nämlich — d. h. im
Konzept, auf den Beiblättern. Hier hat er sich zunächst
seine Rubriken aufgestellt: Malerei mit ihren Zweigen:
Landschaft, Sittenbild, Historie, dazu Untereintheilungen:
Freske, Staffeleibild und Anderes. Musik: Instrumental- und Vokalmusik; in Untereintheilungen steht: Dur,
Moll; verschiedene Taktarten, tempi, Ouvertüre, Symphonie; Lied, Arie; Duett, Terzett, Quartett und so
manches Weitere. Bei Poesie fehlte natürlich nicht die
Hauptunterscheidung: Lyrik, Epos, Drama; bei Lyrik:
Hymne, Dithyrambus, Ode, Elegie, Lied, Ballade.
Bei Epos fand sich die beliebte Eintheilung: ernstes
und komisches nicht, — begreiflich, da in diesem
ganzen System Alles komisch ist, nämlich für uns,
und Alles sehr ernst, nämlich für seinen philosophischen
Urheber. Nicht vergessen waren natürlich die modernen
Formen der epischen Dichtung, Roman und Novelle.
Bei Drama wird in erster Linie die Gliederung in
Exposition, Schürzung und Katastrophe betont, sodann
der Unterschied der Style: klassisch hoher Styl und
modern charakteristischer oder realistischer. Die Eintheilung: Tragödie und Komödie fehlt aus demselben
Grunde, warum diese Stimmungsgegensätze im Epos
nicht aufgeführt sind. — Als Anhang zur Poesie ist
noch die Rhetorik aufgeführt.

Dieß also das Ganze des Materials, das zusammenzustellen war. Wie es nun tabellarisch ordnen? Für
I. A. B. wurden zuerst senkrechte Felder durch Linien
abgetheilt und das Einzelne in Kolonnenform hineingeschrieben. Es machte sich sehr ungleich: für die
inneren Teufel (A.) hatte der Schöpfer dieses Systems,
wie der Leser mit uns schon begriffen hat, keine
nähere Eintheilung finden können. Er hatte es versucht, z. B. indem er setzte: a) Bedeckung, b) Eingeweide, c) Schleimhäute, d) Sinne, e) Glieder,
f) Muskel, g) Nerven, Gehirn u. s. w.; allein er
gab es wieder auf, da er sah, daß sich hier so nicht
trennen lasse, indem doch, um nur Ein Beispiel
anzuführen, die Nase hauptsächlich um Schleimhautleidens willen aufgeführt war, die Schleimhäute aber
unter einer andern Nummer standen. Dagegen die
äußeren Teufel (B.) erfreuten sich ja einer ziemlich reichlichen Disposition. — Nun gieng es an die Aktionen.
Für diese wurden wagrechte Felder abgetheilt, das
Einzelne kam also in ebensolche Linienform zu stehen;
der Papierbogen wurde in derselben Dimension in zwei
gleiche Hälften getheilt, die eine für innere Aktionen,
die andere für äußere. Viereckige Fächer waren jetzt
entstanden und in ihnen sollten je die bezüglichen
Aktionen sowohl mit den betreffenden Organen des
Körpers, als auch mit den äußeren Teufeln sich zusammenfinden. Sie fanden sich auch etwa da und dort zusammen, z. E. Eisenfeilspähne mit Augen oder Härchen
mit Schreibfeder, aber dieß eben nur ausnahmsweise,
im Ganzen entstand lediglich ein kunterbuntes Gemische.
Nun aber die kombinirten Aktionen! Für sie wurden
Linien gezogen, welche die vorigen Quadrate in der
Diagonale schnitten, so daß also nun auch ein System
von Dreieckfeldern entstand. Jetzt sollten denn zum
Beispiel Hexenschuß und Husten aufeinanderstoßen und
zwar ersterer zugleich mit: Kreuz, der zweite mit: Schleimhäute; allein es gieng nicht anders, als vorher, wo
das Einzelne von I. A. B. mit dem Einzelnen von
II. A. B. richtig zusammentreffen sollte: die Sachen
trafen eben nicht zusammen, oder ebenso wie vorhin nur
ganz ausnahmsweise fand sich etwa: Fortrollen mit Hut
und Morast in nachbarlicher Stellung. Und endlich
die Künste! Für diese, das gesammte Gebiet der realen
Leiden überspannende Idealbeziehung wurde wiederum
eine Quereintheilung angeordnet: Diagonalen, die mit
den vorigen sich kreuzen, so daß jetzt sämmtliche Vierecke
nicht mehr nur in zwei größere, sondern in vier kleinere
Dreiecke, dem Kreuzgewölbe gleich, zerfielen. Nun gieng
es aber eben nicht anders, als bei den früheren Eintheilungen. Es war leicht abnehmen, wohin der Schalk
eigentlich zielte, auf Beiblättern war sogar ausdrücklich
vorgemerkt, was zusammentreffen sollte, es braucht dem
denkenden Leser nicht gesagt zu werden, welche Unfälle
mit welchen Formen der Musik, welchen Instrumenten,
ferner mit welchen Formen der Dichtkunst sollten nebeneinander zu stehen kommen. Allein es wollte eben
wiederum nicht gehen; ausnahmsweise wohl auch hier:
z. B. Hals, Kehle, Schnarchen, Fagot trafen zusammen,
aber Anderes, was noch viel klarer sich zusammenfinden
sollte, verirrte sich rein irrationell in andere Kreuzgewölbe. Es ist schon erwähnt, daß unser Tabellenbildner behufs klarerer Unterscheidung auch zu den
Farben griff. Offenbar waren es die Künste, die ihn
dazu gestimmt hatten, dieß augerfreuende Mittel beizuziehen. Ein starkes Blau sollte diesen Pseudohimmel
charakterisiren und war in den starken Strichen der
genannten zweiten Diagonalen repräsentirt; nun wurde
die koloristische Behandlung fortgesetzt; kombinirte Aktionen
feuerroth; einfache Aktionen grün in zwei Schattirungen,
innere Teufel gelb, äußere rothgelb. Die Farben waren
am leeren Rand ungemischt vorgesetzt. Aber nun, da
in allen Feldern Alles zusammentraf, durchdrangen sich
ja alle diese Farben und entstand ein verschwommenes
Schmutzbild, unter dessen Geschmiere man die Schrift
kaum noch lesen konnte. Diese und alle vorhin genannten Uebelstände bestimmten den Künstler, es öfters
auf's Neue mit andern Anordnungen zu versuchen:
l. A. B. wagrecht, II. A. B. senkrecht, die linke
Diagonale (kombinirte Aktionen) rechts, die rechte
(Künste) links, das Einzelne in allen Rubriken umgestellt, das Farbengemengsel durch feine Lasuren
gemildert: — Alles umsonst, das Gewirre und Gekleckse
wuchs und wuchs und spiegelte sich so sichtlich auf den
Hauptbögen und Beiblättern ab, daß aus diesen stummen
Flächen in mein eigenes Gehirn der Wahnsinn herüberzuschweben drohte.

Ich warf den schnöden Papierhaufen zu Boden,
eine gründliche Empörung kam über mich. Ich wußte
doch genug von diesem Menschen, um ihm ein höchst
empfindliches Gefühl des Werthes seiner Zeit zuzutrauen. Man durfte ihn nur eine Stunde kennen,
um überzeugt zu sein, daß sein Geist immer in Arbeit
war. Sein Grimm über die kleinen Zufälle war ja
in seiner besseren Quelle nichts Anderes, als Grimm
über Zeitraub, der auf einer Vergleichung des Werths
der kleinen Außendinge mit dem Werthe seiner Geistesthätigkeit ruhte. So konnte man den Widerspruch
begreifen und verzeihen, daß er eben aus diesem
Grimm bei der Betrachtung jener Dinge sich aufhielt
und eben die Zeit, deren sie nicht werth sind, ihnen
widmete. Aber nun diesen Widerspruch so weit treiben,
sich so schwer an seiner Zeit versündigen: das war
denn doch zu arg, war unverantwortlich, war abscheulich! Mir fiel wieder ein, was ich einst auf der
Axenstraße ihm zu Gewissen geführt, ich hätte den
Todten aus dem Grabe fordern und in Donnerpredigt
wiederholen mögen, was ich ihm schon damals vorgehalten, ich ballte den Papierhaufen zu einer großen
Kugel zusammen und schleuderte sie an die Wand,
als wäre ihre Fläche die Stirne des strafwürdigen
Sünders. Doch dessen schämte ich mich wieder, legte
den Knäuel vor mich hin, sah ihn ruhig an und fand
bei gesammeltem Nachdenken, daß dieser närrische Versuch so ganz unmerkwürdig eben nicht sei, freilich nur im
negativen Sinne, nemlich als abschreckendes Beispiel.
A. E. wollte der Weltordnung — allerdings nur dem
unteren Stockwerk derselben, denn an der Güte des
oberen Stockwerks, des sittlichen Reiches, war er ja
nicht verzweifelt — den Possen spielen, ihr einmal
tabellarisch vor die Augen — als hätte sie solche —
zu rücken, was für eine schlechte Ordnung sie sei.
Also ein geordnetes Bild des Ungeordneten sollte aufgebaut, eine harmonische Uebersicht über alle disharmonischen Durchkreuzungen sollte hergestellt werden.
Wie konnte es anders kommen, als daß das Objekt
auf das Subjekt, der Inhalt auf die Form sich übertrug? Durchkreuzungen sind ja Durchkreuzungen, ich
kann sie nicht berechnen, nicht ordnen, sie laufen von
und nach allen Seiten, sind rein unbestimmbar; so
mußte denn die Uebersicht einer ungeordneten Welt natürlich selbst ungeordnet, das Bild der Disharmonie selbst
disharmonisch werden; es gibt ja keinen Plan für's
Planlose, kein System des Systemlosen. — Ich wollte,
da sie nun in diesem verneinenden Sinne Werth für
mich bekamen, die Papiere doch nicht zerstören, faltete
den Klumpen wieder auseinander, glättete die Bögen,
da fiel mein Blick auf eine Stelle, wo ein Wort stand,
das ein in dunkler Ferne schwebendes Erinnerungsbild in mir auffrischte. Es hieß amplificatio. Ich
sah aufmerksamer nach. Es kam vor bei der Rubrik
Rhetorik. Dort standen einige der Namen, mit welchen
die alte Wissenschaft der Beredtsamkeit gewisse Theile
der Rede lateinisch zu bezeichnen pflegte: exordium,
narratio, reprehensio und dergleichen. Amplificatio
nannte man eine Prachtwendung am Schlusse, worin
der Redner durch eine Fülle von Bildern und Häufung
konzentrirter Beweissätze seine Weisheit noch einmal
tüchtig aufputzt, um so mit einem recht flotten Trumpf
abzutreten. Diese amplificatio sollte nun auf der
Tabelle zu einem Hauptstück kombinirter Aktionen zu
stehen kommen. Und dießmal war es ihm denn wirklich gelungen, das Wort zusammenzubringen mit der
vorhin erwähnten Kombination: Husten, Hängenbleiben,
Fallen. Geheimnißvoller Zug des Menschenschicksals!
Als hätte er es geahnt, was ihm kurz darauf bei
Küßnacht widerfahren sollte! War es ein Wunder,
wenn er uns das gelehrt klassifizirende Wort zurief,
als seine Ahnung so furchtbar sich erfüllt hatte?

Und nun — was konnte ich machen? — nun
dauerte er mich wieder.

Gesondert vom Uebrigen theile ich ferner die unvollendete Skizze eines Singspiels mit, die mir beim
Blättern in die Hände fiel. Die Ueberschrift bezeichnet
dieß Produkt als Singtragödie.

Akt I.

Szene 1. Schreibzimmer.

Personen:

Ein Härchen.
Tinte.
Eine Schreibfeder.
Ein Buch.

Das Härchen, mikroskopisch klein, in einem Tintenfaß befindlich, trägt im dünnsten Sopran eine Arie
vor, Text gerichtet an die daneben liegende Schreibfeder, welche den ausgedrückten bösen Absichten Entgegenkommendes in einer Antistrophe spitz vorträgt,
hierauf entsprechendes Duett.

Demnächst Rezitativ, Baßstimme, ausgehend von
einem Buch auf dem Bücherbrett über dem Schreibtisch. Kichernde Antwort von Geistern in der Tinte.
Duett von Tinte und Buch vereinigt sich mit Härchen
und Feder zu einem gefühlten Quartett.

Szene 2.

Personen:

Hilario, schöner Jüngling.
Die Vorhergehenden.

Man hört Schritte, genannte Geister verstummen.
Hilario tritt ein. Monolog. Hilario liebt auf's
Aeußerste eine Jungfrau Adelaide. Ist schüchterner
Komplexion, hat noch kein Wort gewagt, beschließt zu
schreiben. Tunkt ein.

Härchen und Feder vereinigen sich innig, Hilario wird
nach mehreren Versuchen, mit dem verfluchten Pinsel zu
schreiben, sehr wild, schreibt Grobheiten statt Zärtlichkeiten.

Neue Feder. Fängt von vorn an. Es geht fließend
vorwärts. Beschließt Citat aus Petrarka. Will den Band
herabnehmen, er fällt auf's Tintenfaß, das ganze Schreiben wird schwarz übergossen. Hilario beschließt in Verzweiflung, es doch mit dem lebendigen Worte zu versuchen. Er hofft, der Geliebten im Park zu begegnen,
will wagen, sie anzureden. Ab. Hinter ihm her höllischer Lach-Chor genannter Personen der ersten Szene.

Szene 3. Park.

Personen:

Eine Pfütze.
Ein Hühnerauge.

Arie mit einem gewissen klebrigen Etwas in der
Tonfärbung vorgetragen von der Pfütze, entsprechend
von Instrumenten begleitet.

Ein weißlicher Punkt schwebt herbei; derselbe erweist
sich, näher sichtbar, als Hühnerauge (äußerst giftiger Blick
und Gesammtausdruck). Arie: hornig harter, friktiv
brennender Ton. Text offenbart teuflische Absichten.

Verschwörungsduett zwischen Beiden.

AktII.

Szene 1.

Personen:

Die Vorhergehenden.
Hilario.
Adelaide, selbstbewußte Jungfrau.
Vögel.

Hilario tritt auf, heiter gespannt, das Hühnerauge
schwebt, einen feurigen Faden durch die Luft ziehend, nach
ihm hin, verschwindet in seinem Lackstiefel. Er winselt,
hinkt, fällt in die Pfütze, wird sehr dreckig. In diesem
Augenblick erscheint Adelaide. Lacht sehr, verhöhnt ihn
bitterlich. Beide ab. Triumphchor genannter Objekte,
vermehrt durch Vögel, welche von Bäumen zugeschaut.

Dieß wird genügen, ein Bild von A. E.'s Komposition zu geben; ich darf die Geduld des Lesers nicht
durch weiteren Auszug ermüden. Es genügt, noch zu
erwähnen, daß die Skizze andeutet, Hilario wisse, durch
einen Kampf mit einer Reihe ähnlicher Hindernisse vordringend, endlich doch Adelaidens Liebe zu erringen,
eineselige Stunde werde ihm in Aussicht gestellt; dann
folgt noch eine um Weniges ausgeführtere Szene:

Szene X. Apotheke.

Personen:

Ein Kolben mit Mandelmilchsyrup.
Eine junge Katze.
Ein junger Apotheker.
Hilario.

Arie obgedachten Kolbens: weichlich zäher, doch zugleich tückischer Ton, entsprechender Text. Junge Katze
erscheint; kindlich heiterer Gesang. Duett. Sehr eilig
eintretend Hilario. Aus dem Nebenzimmer kommt der
Apotheker. Hilario bittet sehr dringend um einige
Tropfen Laudanum, der Apotheker verlangt ärztlichen Vorweis, und allzu gewissenhaft (— noch junger Gehülfe —),
da Hilario solchen nicht besitzt, verweigert er die Bitte.
Hilario: „dann Mandelmilch, schnell!“ — Apotheker:
„dieß gern!“ holt den Kolben, stolpert über die junge
Katze, der Kolben liegt zerschellt am Boden. Hilario
rasend ab. Furienhafter, grell-gellender Verhöhnungschor der Scherben und der Katze. Trio mit der Jammerstimme des Apothekers.

Hier brach das Fragment mit einem wilden Fahrstriche
der Feder ab, die dann wie toll in kratzigen, borstigen
Linien auf dem Papier umhergewüthet haben, hierauf etliche
Male senkrecht aufgestaucht worden sein mußte; dieß bewiesen starke, von Spritzaureolen umgebene Tintenkleckse.

Das pathologisch geschnellte Abbrechen war mir
nicht gerade komisch, es gab an Anderes, wenn auch
noch so Verschiedenes, zu denken.

Bei weiterem Durchstöbern stieß ich auf eine Schichte
gedruckter Blätter, auf deren Rand ich Anmerkungen
mit rother Tinte bemerkte. Das Gedruckte konnte nicht
von A. E. verfaßt sein, es war der Anfang eines
Romans, dessen Styl und Inhalt weiblichen Ursprung
erkennen ließ, das Titelblatt fehlte. Auf einem Beiblatt stand von seiner Hand geschrieben: „Das ist keine
Kunst, ideal thun, wenn man Alles ungenau nimmt.
Wart', Blaustrumpf, wart', Gans, ich will dir's einmal zeigen! Meinst du, die Dinge der Welt laufen
nur so glattweg in geölter Kurbel?“

Ich stelle einige Sätze heraus mit den Anmerkungen,
um einen Begriff von diesen Korrekturen zu geben:

„Es war ein lachender Morgen Ende Augusts. Wir
standen reisefertig. Der gute, liebe Onkel! Es war
ihm schwer geworden in seinen Jahren, aber er hatte
sich entschlossen; mein Sehnen sollte erfüllt werden;
er führte mich nach Paris. Die Koffer waren gepackt —

Anmerkung: bis auf einen, den Hauptkoffer, wozu der
Schlüssel verlegt war —

Die Droschke war bestellt —

Anm.: und kam nicht.
Endlich steigen wir in den Wagen —

Anm.: wobei der Onkel fehltrat und umfiel —
Wir sitzen, das Dampfroß schnaubt, die Räder beginnen
zu rollen —

Anm.: das Handgepäck fällt aus dem Netzfach und treibt
dem Onkel den Hut an.

Noch ein Gruß an die liebe Schwester Ida, ein
Schwenken meines Tuchs —

Anm.: wobei das Fenster fällt und mir die Hand einklemmt.
Der Kondukteur coupirt, o, er erschien mir wie ein
Götterbote, der meine Seele nach Elysium einlade —

Anm.: doch der Onkel fand unsere Billette nicht.
Mir gegenüber — o schöner Anfang! ein junger Mann
— in Civil — hat aber etwas edel Kriegerisches,
selbstbewußte Haltung, Blick lebhaft, dabei etwas männlich Herrschendes und doch zugleich so Feines — wohl
Gardeoffizier?

Anm.: worauf besagter Herr den einen und dann den
andern Fuß neben den Onkel auf's Polster hinüberlegt und der Onkel sich sanft beschwert und eine
sackgrobe Antwort bekommt.

Mit ritterlich gefälligem Tone fragt mich der junge
Mann, ob ich erlaube, daß er das Fenster öffne —

Anm.: welches geschieht und worauf dem Onkel eine
Kohlenfaser in's Auge fährt.

Balsamische Morgenluft weht herein, Städte und
Dörfer im Sonnenglanze fliegen vorüber, die Schwalben
schwirren, die Natur taucht, badet, schwimmt beseligt
in sich selbst. Ja, die Natur hat Seele, sie ist doch
immer seelisch besagend. Die Natur ist Geistflüsterung,
der Mensch Geistsprechung, sie ist Geistduftung, der
Mensch Geistblitzung. — Dieß ist ein Gedanke! Ich zeichne
mir ihn in mein Poesiealbum. — Und nun, du Natur
der Natur, goldiger Süden, dufte mir labend entgegen!

Anm.: Sie sucht die mitgenommenen Orangen, der liebe
Onkel hat sie versessen.

Wehe! kann wolkenlos kein Himmel bleiben? Das
lachende Antlitz der Natur trübt sich, ein Strichregen
beginnt zu fallen, sie sinkt sich selbst als weinendes
Kind in die Arme. Aber warum so heftig, deine
Thränen netzen mich zu stark! ‚Ja, bitte, edler junger
Mann, schließen Sie das Fenster —‘

Anm.: welches eingequollen ist, weßwegen der Onkel mithilft. Beide drücken und da es rasch nachgibt,
stoßen sie die Scheibe hinaus.“

Genug und wohl schon allzuviel, der Spaß wäre
geradezu langweilig zu nennen, wenn er nicht auf eine
Steigerung losarbeitete; ich darf nicht verschweigen,
daß diese etwas stark ist, indem die Scherben der Scheibe
auf die Sitze fallen, und da ich eine Pflicht fühle,
die vielleicht zarten Nerven des Lesers zu schonen, so
breche ich ab, wiewohl es an einigen Witzkörnern
im Folgenden nicht fehlt. Uebrigens waren es nur
wenige Blätter; die Nörgelei muß dem Krittler selbst
denn doch entleidet sein oder er muß gefühlt haben,
daß ja jede seiner Anmerkungen die folgende und so
den ganzen Roman aufhob.

Haben diese grillenhaften Phantasieen, wie sie bis
in die Schnurre, die Kinderei ausschweifen, den hartgeprüften Leser verdrossen, geärgert, fast um die Geduld gebracht, so söhnt er sich doch vielleicht mit dem
schiefgewickelten Manne wieder aus, wenn er nun im
Tagebuche die Goldfäden findet, die sich durch das
bunte Garn dieser Wicklung reich und stark hindurchziehen. Das Feinste dieses Goldes ist Denken, philosophisches Denken, „des Menschen allerhöchste Kraft“.
Ob man darum den Mann einen Philosophen nennen
darf, das freilich ist eine Frage: ich enthalte mich, das
Wort darüber zu nehmen, das Tagebuch mag selbst
antworten. Vielleicht ist ein Theil des innern Unglücks
in diesem Leben auf dieser Stelle zu suchen; der Leser
wird Andeutungen finden, die dahin zeigen; vielleicht
trug es zu seiner Verstörung bei, daß die Mischung
der Kräfte in ihm zu bunt war, um der edelsten ein
gerades und ausgewachsenes Gebilde zu erlauben. Und
doch war sie stark genug, ihrer Gegenfüßlerin, der
Phantasie, des Raumes so viel wegzunehmen, daß ihr
dieselbe Hemmung widerfuhr. Freilich ist es mit diesem
bunten Theil des Einschlags an sich schon eben auch
seltsamlich bestellt; der Weber neigt zu sehr zum Zickzack, als daß man ein harmonisches Geflechte von ihm
erwarten könnte, und wir dürfen es ihm wohl immerhin gutschreiben, daß er es dieser Neigung wenigstens
abgerungen hat, die Pfahldorfgeschichte fertig zu bringen,
die doch in einem gewissen Sinn ein Ganzes genannt
werden kann. Dieß ist aber auch das einzige Durchgeführte; da und dort finden sich Fäden für andere
Kompositionen, sie brechen aber ab, sind fallen gelassen, und so kann man schließen, daß auch nach dieser
Seite ein Gefühl des Unglücks über eine unterbundene
Ader in ihm umwühlte; denn er wollte thätig sein,
wollte leisten, wollte der Welt etwas sein. Was ich
Zickzack nenne, dazu gehört auch eine über das Maß
gehende Liebe zum Elemente der närrischen Vorstellung.
Oft mußte ich schon beim ersten Durchlesen an Lichtenberg denken. Obwohl ich einige der stärksten Proben
dieses Zuges vorausgenommen habe, möge sich der
Leser doch erinnern, daß ich ihm nicht die Aussicht
eröffnen konnte, es werde ihm nach überstandener
Geduldprobe im Folgenden nur Vernünftiges geboten
werden; auch des Tollen im ebengenannten Sinne wird
ihm noch Manches aufstoßen. Es wäre in der That
ein verkehrtes Thun, wenn ich eine völlige Ausscheidung
vornehmen wollte, so verkehrt, wie wenn ich frei über
die Reihenfolge der Blätter disponirend versuchen würde,
in das Durcheinander eines Tagebuchs, geführt unter
den Impulsen des Augenblicks von einer tief, heftig
und widerspruchsvoll bewegten Natur, eine logische
Ordnung zu bringen.

Noch finden sich andere Fäden, die der wilden
Farbenmischung einen sehr ernsten Untergrund geben,
schwarz wie die Nacht, wohl auch blutroth. Ich fand
zwischen den Blättern ein schwarz eingesiegeltes Paket.
Ich scheute mich, es in jenen Tagen zu öffnen, die ich
in der Heimat des Verstorbenen zubrachte. Ich ahnte
Erschütterndes und wollte es für jetzt ruhen lassen mit
dem Todten, der es überwunden hatte; ich wollte dem
Ganzen eines abgeschlossenen Lebens in still wehmüthiger
Betrachtung nachschauen, kein Theil dieses Ganzen sollte
mir in dieser Stimmung reinen Schmerzes zur erschreckenden Gegenwart werden. Wie sehr fühlte ich,
daß ich Recht gethan, als ich nachher zu Hause die
Siegel öffnete! Das Räthsel, das jene zwei Frauenbilder uns vorgelegt, es löste sich, wiewohl nicht zu
völliger Helle. Ein zuckendes Schlaglicht fiel auf ein
schweres, ja furchtbares und nach Ueberwindung des
Schwersten immer noch tragisches Stück Menschenleben.
Einen Beitrag zu weiterer Lösung brachte mir später
ein Zufall, von dem ich berichten werde. An der
Stelle, wo im Tagebuch eine große Lücke aufstößt,
werde ich als Herausgeber das Wort ergreifen und
einfügen, was ich durch diesen Zufall erkundet habe.
Alles Dunkel wird freilich auch durch diese Nachhülfe
nicht gehoben. Uebrigens war A. E. in dem Versiegeln
von Stücken, denen er besonders intime Erlebnisse
anvertraut hatte, nicht konsequent. Im offenen Theil
der Manuskripte finden sich der Stellen nicht wenige,
die sich auf den gewitterdunklen Inhalt jener Blätter
beziehen, auf den schrecklichern ihrer Lücke rathen lassen,
und man sieht in einen Zusammenhang, der sich weiterhin durch das Ganze dieses schwergeprüften Lebens als
nächtliche Stimmung ausbreitet. Ein Leser, den auch
der Gedankenernst des Verstorbenen noch nicht mit
seinen Launen, seinem barocken Humor versöhnt haben
sollte, wird, so darf ich wohl voraussetzen, wenigstens
durch Theilnahme an den Stürmen, die durch dieses
Leben gefahren sind, zu größerer Nachsicht bewegt
werden, um so mehr, da doch in der Schlußstimmung,
so viel möglich, die harten Misklänge sich lösen.

Bedauerlich ist, daß man nichts von der Jugendgeschichte des Verfassers erfährt; das Tagebuch beginnt nicht früher, als mit dem Antritt seines
ersten Amtes. Man möchte so gern Aufschluß darüber erhalten, aus welchem Boden ein Baum mit so
krausgebogenen Aesten entsprungen, unter welchen Einflüssen er so knorrig und krumm gewachsen ist. Mir
ziemt jedoch nicht, den Gedanken, die sich der Leser
hierüber bilden mag, mit Schlüssen und Vermuthungen
aus meiner Werkstatt vorzugreifen.

Sehr Vieles habe ich gestrichen, die Blätter könnten
mit weit mehr Recht ein Tagebuch genannt werden,
wenn ich allen Stoff aufgenommen hätte, was doch
gewiß nicht zweckmäßig gewesen wäre. Ein Theil desselben besteht aus einer Masse ganz trockener Notizen.
Es sind in den Abschnitten, welche der Zeit der Amtsthätigkeit angehören, meist Vormerkungen für die Tagesaufgaben, man sieht in ein sehr pünktliches, gewissenhaftes Arbeiten hinein. Außerdem findet sich überall
eine Menge äußerst kleinlichen Zeuges; A. E. zeichnet
sich auf, wo man dieß und jenes Bagatell am besten
kauft, z. B. Hemdknöpfe von richtigem Profil; für die
Reisen besonders ist in dieser Richtung umständlich
vorgesorgt; sehr wichtig wird überall die Frage nach
guten Gasthöfen behandelt, und es läßt sich erkennen,
daß A. E. ein bitterer Feind der Häuser war, die
auf vornehmen, modernen Fuß eingerichtet sind, eifrig
meidet er, was hôtel heißt, und weilt dagegen gern,
wo es noch in gutem patriarchalisch-gemüthlichem Style
zugeht. Geräth er in ein Gasthaus der ersteren Klasse,
so kann man die Zwischenbemerkung finden: „Einen naseweisen Kellner geschüttelt“, oder: „Die Bougies auf die
Straße geschmissen“, oder: „Händel wegen der Zeche“,
während in einem albergo, das er als altgediegen
belobt, Trinkgelder von auffallend splendider Höhe
notirt sind. Für die Städte sind überdieß als Frucht
eines sichtbar eifrigen Nachfragens häufig die Geschäfte bemerkt, wo man den und jenen Artikel des
Reisebedürfnisses gut einkauft, namentlich findet sich
die Fußbekleidung ernstlich bedacht. In Venedig heißt es
einmal: „Wieder eine Stunde bei meinem wackern calzolajo gesessen; guter Alter, enge Werkstätte malerisch;
intelligenter Kopf, begreift den Fuß.“ Zwischen solchen
Notizen liest man einmal: „Da bittet mich eine deutsche
Dame in Mailand, sie mit belehrenden Winken für ihre
weitere Reise auszurüsten. Bereitwillig nenne ich ihr
gute Gasthöfe, gebe ihr den werthvollen Rath, nie anders als mit genügend ausgetretenem Schuhwerk zu
reisen u. s. w., sie sieht mich verblüfft und verstimmt
an und gesteht dann ihre Enttäuschung. Dumme
Menschen! Jetzt meinen die, ich werde mit ästhetischen
Phrasen — ‚Italiens ewig blauer Himmel — entzückendes Panorama — Perle der Plastik — göttliches Gemälde' — und derlei loslegen — Donnerwetter! Wer kann Schönes sehen, Schönes fühlen,
wenn ihn ein Hühnerauge brennt! Wer widrig wohnt,
hat für nichts Stimmung, wer nicht gern zu Haus
ist, den freut auch draußen nichts. Das Höhere versteht sich ja immer von selbst! Für die Basis, die
Vorbedingung, muß gesorgt werden.“ Solcher Zwischenbemerkungen, weil sie doch charakteristisch erscheinen, hätte
ich vielleicht mehr aufnehmen sollen, aber da sie meist
mit so viel trockenem Inhalt verzahnt sind, war es zu
schwierig, sie auszuschneiden. — Zwischen diesen Dingen
liegt in dichten Garben die Ernte wichtigerer Vorstudien
gehäuft: Auszüge aus Reisebüchern, Geschichtswerken,
namentlich aber aus kunsthistorischer Literatur. Man
sieht mit Vergnügen: der seltsame Mensch war so weit
ganz vernünftig, daß er gut einsah, man könne nie zu
wohl vorbereitet auf Reisen gehen. In der That hängt
ja von dieser Stoffsammlung, die dem Naturmenschen
als etwas Todtes erscheint, nichts Geringeres ab als
die Belebung der Stätten, die der Reisende besucht.

Ehe ich an die Veröffentlichung gieng, habe ich
mich nach … begeben und das Ganze des Tagebuchs Frau Hedwig vorgelegt. Man kann sich denken,
wie die Mittheilung der besonders inhaltschweren Abschnitte sie bewegte. Einverstanden war sie mit mir,
daß ich mich nicht scheuen dürfe, auch diese Theile der
Oeffentlichkeit zu übergeben. Sie sind zum Verständniß des Ganzen der Persönlichkeit nicht zu entbehren, und
übrigens hat ja der Tod „eine reinigende Kraft“. Auch
das Wildeste, ja das Grasse erscheint abgekühlt, erscheint
wie unter einem dämpfenden Flor, wenn das Leben
abgeschlossen, wenn es ein Vergangenes geworden ist.

Nur Weniges bleibt mir noch zu erzählen, ehe ich
das Wort an die sprechenden Blätter abtrete.

Mein ganzer zweiter Tag jenes ersten Besuches in
. . . war einer vorläufigen Durchsicht des offenen
Theiles derselben gewidmet; Abends holte mich der
Assessor ab, um mich unserer Verabredung gemäß in
die Gasthofgesellschaft zu bringen, in welcher der Verstorbene ein paarmal jede Woche seine Abenderholung
zu suchen pflegte.

„Spielen Sie Billard?“ fragte mich ganz außer
Zusammenhang mein Begleiter, als wir uns mit einiger
Schwierigkeit auf der stark belebten Hauptstraße vorwärts bewegten.

„Warum? Wird denn heut Abend dort — ?“

„Nein, nein, nur um zu wissen, ob Sie das Spiel
kennen.“

„Wohl, ich habe früher nicht ungern gespielt.“

„Nun, dann wissen Sie, was man Dessin nennt,
mit oder ohne Dessin spielen, — verzeihen Sie mein
rasches Fragen, — ich wollte eigentlich vom Seligen
reden —“

„Sollte der ein leidenschaftlicher Billardspieler — ?“

„Nichts weniger, konnte es wenigstens in Konversationszimmern nicht ausstehen — ‚verklappert uns das
Wort im Munde — macht den besten Gedanken in's
Eckloch' konnte er sagen; — ich bedurfte nur das
Wort Dessin.“

„Wir können es mit Vordenken übersetzen.“

„Recht, also Vordenken. Sehen Sie, gieng man
mit dem Seligen durch diese Straße, da hatte man
seine liebe Noth. Er war so furchtbar heftig gegen
unbequemes Indenweglaufen, er gieng auch sehr
schnell —“

„Jawohl, und straff geradlinig, immer die kürzeste
Linie beschreibend, es schien mir, er könne gar nicht
schlendern, ich bemerkte, daß er, wo irgend möglich,
bei Biegungen des Weges die Sehne des Bogens
gieng —“

„Freilich! freilich! Und im Menschengedränge, da
war es ja nicht möglich, so direkt und rasch nach dem
Ziel zu eilen. — Nun brauche ich Ihnen nicht erst
zu sagen, daß er das sehr wohl begriff, so unvernünftig, so sinnlos ungeduldig war er ja nicht. Er
nahm das Gedränge ganz in Rechnung, faßte mit
seinen scharfen Sinnen das Raumbild mit den darin
sich bewegenden Menschen blitzschnell auf und zog sich
im Geist augenblicklich eine Linie, auf welcher er durch
die gegebenen Lücken wie ein Pfeil hindurchschießen
wolle. Bei dieser Linearberechnung vergaß er nur,
daß der Zufall noch schneller ist, als unsere Strategie,
und in solche Engpässe im Nu neue Wanderer hineinzuschieben pflegt. Wenn nun das geschah, so wurde
er — nicht sogleich, aber bei lästiger Wiederholung —
geradezu wüthend; er erklärte die Eindringlinge für
Menschen, die sich von den Teufeln aufstiften lassen.
Wir giengen einmal just in dieser Gegend hinter drei
Menschen her, welche die Breite der Fußbank einnahmen und uns zu langsam sich vorwärts bewegten.
An ihnen vorüberzukommen, will A. E. einmal, zweimal den Moment benützen, wo sich ein Zwischenraum
zwischen oder neben den Dreien ergab, jedesmal wird
uns der freie Raum verrannt, und als das zum dritten
Mal kam, verlor er die Fassung so sehr, daß er dem
harmlosen, unbekannten Thäter im Anstreifen zurief:
‚Welcher Teufel führt Sie in meine Thermopylen?'
Der Herr schoß mit einem unwilligen Grunzen weiter,
kehrte dann rasch um, holte A. E. ein, hielt ihn an
einem Rockknopf und sagte: ‚Wohin, Herr Leonidas?
nach Fernau?' (unsere Irrenanstalt). — ‚Nein, o
Xerxes, nur zum Hades!' antwortet A. E. sehr ruhig
und ernst. Im Weitergehen sagte er mir, es habe ihm
allen Zorn niedergeschlagen, daß der Herr etwas griechische Geschichte wisse. — Es war kurz vor seinem Tode.“

„Hübsch, daß Sie mir das erzählen,“ sagte ich,
„ein Bild des Lebens —“

„Nicht wahr? Dieß Durchkreuztwerden im Gehen,

‚Wenn aller Wesen unharmonische Menge
Verdrießlich durcheinander klingt.'

Und sein straffes Zielen im Gang ein rechtes Bild
von jenen Menschen, die von einem besonders feinen und
scharfen Gefühl des Zweckmäßigen heimgesucht sind —“

„Ja, zu vordenkende Naturen, die stets übler durchkommen als die glücklich Blinden, welche einfach zutappen,
— Naturen, denen das Leben so schwer wird, weil
ihr Gefühl des Zweckwidrigen ebenso zugeschärft sein
muß wie ihr Gefühl des Zweckmäßigen —“

„Prometheus im Kleinen, nicht vom Geier, sondern
von Spatzen zerhackt —“

Wir waren im Abendzirkel angekommen. Außer
ein paar Herren, deren Namen und Stand ich vergessen, fand ich den Diakonus Zunger (Tetem), den
Oberförster, zwei Aerzte, einen pensionirten Kameralverwalter. Ich wurde natürlich als ein Freund des
Verstorbenen vorgestellt. „Eben recht,“ sagte der Oberförster, „wir sind gerade einmal wieder am Thema.“

Der eine der Aeskulape, — mit Namen Schraz —
der Assessor sagte mir nachher, A. E. habe ihn früher
zum Arzte gehabt, dann „wegen sehr dummer Art von
Verständigkeit“ aufgegeben — dieser Doktor Schraz
hatte behauptet, das verstorbene Mitglied sei ein Gesprächtyrann gewesen, habe nur sich wollen reden
hören. Der Oberförster hatte ihm halb und halb beigestimmt.

„Das erlaube ich mir zu bekämpfen,“ sagte Zunger,
„und es ist — verzeihen Sie, meine Herren, — ungerecht von Ihnen, so zu urtheilen. Der Herr Vogt
wurde mindestens ebenso ärgerlich, wenn man Andere,
als wenn man ihn unterbrach. Erinnern Sie, Herr
Oberförster, sich nicht mehr, wie er damals fortlief,
weil man Ihnen öfters in die Rede fiel?“

„Ja, ja, damals,“ sagte der andere Arzt, „wie
Sie die Geschichte von Ihrer isabellfarbigen Diana
erzählten mit der Wurst und —“

„Und wahr ist's erst noch,“ rief jetzt der Nimrod,
der plötzlich das eigentliche Thema vergaß; er ließ
sich gern anreizen, noch einmal zu erzählen, und nach
einer begeisterten Charakterschilderung seiner Hündin,
die ‚mindestens so gescheut sei wie ein Mensch‘, erfuhren wir denn, daß der Jägersmann dieses edle
Thier einmal ertappte, wie es so ganz unter seine
Würde herabsank, daß es in der Küche eine Bratwurst
stahl. „Und dann?“ riefen die Zuhörer. „Und wahr
ist's und bleibt wahr,“ betheuerte er, seinen langen,
blonden Schnurrbart streichend, „ich nehme Gift darauf, die Diana, wie sie mich sieht, läßt die Wurst
fallen und wird feuerroth im ganzen Gesicht —“

Ich lachte herzlich mit dem Chore, ein erröthendes
Thier war auch mir neu, weit neuer, als die Behauptung dieses Münchhausen, seine Diana könne
veritabel lachen.

Man kam auf A. E. zurück, seine Thierliebe, man
erfreute sich der Eigenschaft, nur Doktor Schraz fand sie
„etwas kindlich“. Dann brachte ihn die Hundsgeschichte
auf das Anekdotenwesen und dieß gab dem wenig
Wohlwollenden Anlaß, den Todten zu beschuldigen,
daß er doch ein gar zu starker Anekdotenerzähler, ein
Meidinger II. gewesen sei.

Jetzt fiel lebhaft der Assessor ein: „Haben Sie nie
bemerkt, meine Herren, daß er in dieser Richtung immer
nur dann loslegte, wenn sich Sondergespräche am Tisch
aufthaten? wenn dann auch das zu laute Sprechen
anfieng? Die Leute zu Einem Gespräch zusammenbringen mit jedem Mittel, — helfe, was helfen mag!
— war das keine gesellige Tugend? Ist unsere Unterhaltung nicht harmonischer geflossen, so lang er uns
so zusammenhielt?“

„Doch jedenfalls über die Maßen nervös hat er's
getrieben,“ meinte der Oberförster; „das führt denn doch
weit, wenn man gar keine Theilgespräche an einem
Tisch dulden will, es hat doch so Mancher mit Dem
und Jenem etwas Besonderes zu reden.“

„Nervös,“ sagte der andere Arzt (er hieß Volkart);
„nun, wenn man will. Oft nennt man normale
Nerven kranke, denn die der Mehrheit sind stumpf und
so erscheint ihr das Richtige als pathologische Ausnahme. Bemerken Sie, wenn Abends in einer Familie
die Lampe aufgestellt wird: die Kinder halten sich die
Augen zu, die Flamme blendet sie. Das ist aber
gesunder Sehnerv und abgestumpft ist der von uns
Alten, der keine Blendung empfindet. Grellem Lichte
kommt aber doch gewiß ein Gewirre von Gesprächen
gleich.“

„Es war eben doch überhaupt eine besondere Art
von Gehirn,“ bemerkte jetzt der Geistliche; „wir dürfen
fast sagen: eine Annäherung an Wahnsinn —“

„Nun, nun,“ versetzte Doktor Volkart; „ja und
nein, nein und ja, jedenfalls nimmermehr bis zu der
Linie, wo es Gegenstand für Psychiatrie wird, —
wer ergründet Gehirnleben!“

Jetzt fuhr Doktor Schraz auf: „Ich wiederhole, was
ich oft gesagt: kein Narr war er, sondern — erlauben
Sie mir das Wort männlich zu bilden: ein Kokett, denn
Coquard sagt nicht ganz dasselbe. Gespiegelt hat er sich
in seiner Seltsamkeit und gespielt mit uns und Allen.“

Das Wort entzündete Aufruhr, es entstand ein
Durcheinander von lebhaften Reden und heftigen Gegenreden; der Widerspruch war fast allgemein, ich bemerkte,
wie der Assessor lächelnd dem Tumulte zusah, und
meinte auf seinem Gesichte zu lesen, was ich ungefähr
auch dachte: daß nämlich der Doktor ein mikroskopisch
kleines Körnchen Wahrheit, das dem Inkulpaten nicht
im mindesten zur Unehre gereichte, zum groben Klumpen
aufgeschwellt hatte. —

Dem Geistlichen gelang es, den wirren Streit zu
beschwichtigen. Mit gehaltener Würde sprach er, nachdem die Ruhe hergestellt war: „Einen Vorwurf freilich
können wir dem guten Manne nicht ersparen: all' diese
Ungeduld beruhte schließlich doch einfach auf Unglauben
an die Vorsehung, an einen persönlichen Gott.“

„Im Krieg schießt man mit Fleiß auf die Leute,“
sagte jetzt ruhig der Assessor.

„Wie? Was? Wie?“

„Ich meine es nur formal logisch,“ versetzte mild der
junge Mann. „Wenn Jemand aus allerlei Gründen,
zum Beispiel wegen der großen und allgemeinen Grausamkeit in der Natur, namentlich aber aus sehr scharfer
Erkenntniß der unendlichen Durchkreuzungen in der Welt
dahin gelangt, daß er dem Einen, das Allem zu Grunde
liegt, die Persönlichkeit absprechen zu müssen glaubt,
so kann man doch nicht sagen, das komme eben daher,
daß er sie ihm abspreche.“

„Und an eine sittliche Weltordnung hat er doch
geglaubt,“ fiel Doktor Volkart so rasch ein, als befürchtete
er von den sprechbereiten Lippen des Kanzelredners
einen längeren Vortrag.

„Ohne Gründer und Hüter!“ rief der eifrig
Mann.

„Ohne Einen, aber mit vielen, sehr vielen!“ erwiderte für den Arzt der Assessor.

„Ja, das ist auch wahr, beim Moralischen war er
streng fest, sagte ja auch so oft: das Moralische versteht sich immer von selbst,“ so unterstützte nun der
ehrsame Oberförster.

Das Gespräch verstrickte sich wieder zu einem Wirrwarr,
worin es stets auf's Neue sich um den Punkt der einen
Frage drehte, ob die Grillen des Verewigten nicht viel
weiter gegangen seien, als zulässig, als mit Vernunft,
Würde und Normalstand der Menschennatur vereinbar
sei. Die ganze Zeit über hatte der pensionirte Kameralverwalter, der unten am Tisch saß, beharrlich geschwiegen.
Ich hatte mir ihn öfters betrachtet. Er gehörte zu jenen
bequemlichen alten Herren, die einen ganzen Abend stockstill in einer Gesellschaft sitzen; die einzige dramatische
Belebung, wodurch sie etwas Wechsel in die absolute
Gleichheit dieses Daseins bringen, besteht darin, daß sie
von Zeit zu Zeit bedächtig die Cigarre aus dem Mund
nehmen, die Meerschaumspitze betrachten, wie weit sie
braun geraucht sei, und sie ebenso bedächtig, ja feierlich wieder in den Mund stecken. So hielt es auch
dieser stumme Herr, mit der einzigen Zuthat, daß er
bisweilen die Hand langsam über seinen Kahlkopf
gleiten ließ, wie um zu prüfen, ob die sorgsam von
hinten herübergekämmten grauen Härchen noch ordentlich liegen. Der Assessor hatte mir, bemerkend, daß
mein Blick öfters mit Behagen auf dem behaglichen
Schweiger verweilte, einmal zugeflüstert: „Ueber diesen
hat der Selige einst zu mir gesagt: ‚der ist so trocken,
ich muß in die Hand spucken, wenn ich nur an ihn
denke; der Mensch feiert ja ordentliche Bacchanalien,
Orgien der langen Weile'; dennoch hat er ihn gern
gehabt.“ Nun, dieser Herr begann jetzt unter allgemeinem Erstaunen über das Wunder, daß man ihn
zu mehr als ein paar Worten ausholen hörte: „Ich
bitte, meine Herren, da hab' ich heut in dem guten
alten Buch Simplicissimus von Grimmelshausen etwas
gelesen, das hab' ich mir wörtlich gemerkt, mir scheint,
es passe hieher: ‚Ich glaube, es sei kein Mensch in
der Welt, der nicht seinen Sparren habe, denn wir sind
ja Alle einerlei Geschöpfe und ich kann bei meinen Bir'n
wohl merken, wann andere zeitig sind.'“

Die Herren wurden nachdenklich und still. Mir schien
das Citat nicht übel, nur zu wenig. Ich gestehe, daß
es mich anwandelte, die Gesellschaft mit der Paradoxie
zu erschrecken, der Selige habe mit seinen angeblichen
Grillen überhaupt Recht gehabt. Ich that es nicht,
ich dachte: für den Hausbrauch ist das Wort des
behäbigen Herrn gerade ausreichend, und was den
Gescheuteren, den Assessor, betrifft, der wird sein Theil
schon von selbst hinzudenken. Das Gespräch verlief
und warf sich dann auf andere Gegenstände.

Das sind die Brocken aus jener Abendunterhaltung,
die ich mir vor Bettgehen aufzeichnete und die ich dem
Leser nicht vorenthalten zu dürfen glaubte. Ich nahm
des andern Tages mit dem Vorsatz, von Zeit zu Zeit
wiederzukommen, gerührten Abschied von Frau Hedwig
und vom Assessor und reiste mit meinem Papierpack
nach Hause.

Es ist noch zu erzählen, daß ich vor ein paar
Jahren im Herbst die Gotthardstraße und den Schauplatz unserer Großthat wieder besucht habe. Den
Wirth in Göschenen fand ich nicht wieder, von den
schönen Bellinzonesen sah ich nichts mehr, der Granitblock gegenüber dem Wirthshause war verschwunden,
die ganze Ortschaft schien italienisch geworden, denn
sie wimmelte von welschen Arbeitern am Bau der
furchtbaren Höhle, die Menschenhand durch die Eingeweide der Granitwelt bohrt: bleiche, traurige Menschen,
die man mit ihrer Hängelampe zu dem dumpfen,
stickluftschwangern Schlunde schleichen sieht, als gienge
es in's Grab. Als ich vom Marsche bis Andermatt
wieder zurückkam und das Dorf rasch durchschritt, kam
mir Jemand nachgelaufen und sprach mich an. Es
war eine wohlgethane Frau von vorgeschrittenen Jahren
in sauberer, ländlicher Kleidung; „ach,“ rief sie, „verzeihen Sie doch, schon heut Vormittag meinte ich Sie
zu erkennen, sind Sie denn nicht der Herr, der anno
Fünfundsechzig dazumal mit dem andern Herrn — ?“
Ich ersparte ihr gern die Mühe, einen Satz zu
vollenden, der die nicht leichte Aufgabe hatte, rücksichtsvoll zu bezeichnen, was Tolles damals geschehen war,
und bejahte um so eher, da ich gleichzeitig die Frau
zu erkennen meinte, die damals mit dem Kind auf
dem Arm so still vorwurfsvoll unserem Beginnen zusah.
„Burgi! Burgi!“ rief sie zurück, „komm' doch, komm'!“
Ein blühendes Mädchen kam nachgelaufen. „Sieh',
das ist der Herr, der kann uns erzählen von unserem
Wohlthäter, der ist mit ihm dagewesen.“ Ich küßte
das Mädchen auf seine erdbeerfrischen, rothen Backen.
„Damals war es ein mageres, bleiches Kind,“ sagte
sie, „und ich ein dürres, hungerbleiches Weib; wissen
Sie denn auch? Ein Kapital, von dem wir einen
Acker und zwei Kühe kaufen konnten; mit Sparen und
Hausen haben wir's dann zu einer kleinen Wirthschaft
gebracht, wir geben jetzt Arbeitern Kantine, aber keine
schlechte, über die unsrige hat's nicht den Krawall
gegeben, — und das Kapital, aus Deutschland ist's
gekommen von dem guten, lieben Herrn, ach, nun
kann ich ihn noch grüßen, ihm tausend, aber tausendmal
danken, sagen Sie ihm: vergelt's Gott sein ganzes
Leben lang und noch im Himmel droben!“ Ich schwieg
vorerst von dem, was seither geschehen, gieng mit der
Frau in ihr Haus, fand in der reinlichen kleinen
Wirthsstube ihren Mann, der mir herzlich die Hand
drückte und ein Glas feurigen Veltliner vorsetzte. Ich
begann zu erzählen und suchte den einfachen Menschen
einen ungefähren Begriff von dem Manne zu geben,
den die Frau so närrisch gesehen und der dann ihr
Retter geworden. Nun hielt ich nicht mehr zurück
mit dem traurigen Ende. In der Ecke saß ein italienischer Arbeiter in verschossener Sammetjacke, er bat mich,
da er die Thränen der tiefbewegten, dankbaren Menschen sah, ihm zu ergänzen, was er nicht verstanden
hatte. „Ah, che bravo!“ sagte er dann und bewegte
die braune Hand nach den dunklen Augen. —

Ich nahm herzlichen Abschied von den guten Leuten
und machte mich auf den Weg, um in Wasen zu übernachten. Unweit des Dorfes fuhr ein Wagen an mir
vorüber, in welchem ich den würdigen alten Herrn
und die zwei Knaben zu erkennen glaubte, die ich einst
in Bürglen an der Tafel getroffen hatte. Es war
an einer Steigung, der Wagen fuhr langsam. Ich
bemerkte, wie die Knaben, nachdem sie aufmerksam
nach mir hergesehen, dem Alten etwas zuflüsterten.
Er ließ halten und fragte mich höflich, ob er nicht im
Spätsommer 1865 das Vergnügen gehabt, mich in
Bürglen an der Tafel zu treffen; er sagte, er erinnere
sich zwar nicht, daß ich damals an der Unterhaltung
theilgenommen hätte, wohl aber, daß ich Herrn Einhart
halb fremd, halb wie ein Bekannter gegrüßt. Er bot mir
an, einzusteigen, ich schlug höflich ab; er mochte mir
aber anmerken, daß ich zwischen Unlust, zu fahren, und
Drang, ihn zu sprechen, im Kampfe stand, und fuhr
fort: „Wir füttern in Wasen die Pferde, werden eine
starke Stunde verweilen; könnten wir uns dort sprechen?“
Ich bejahte gern. Wasen war bald erreicht. Herr
Mac-Carmon, so hatte er sich mir vorgestellt, kam mir
entgegen; schnell war unser Gespräch im Fluß, und
schmerzvoll theilte er mir mit, er sei auf dem Rückwege
nach Schottland von Italien; er habe sich schwer vom
Grabe seiner Tochter getrennt, der ihr Mann, ein
schwedischer Arzt, sieben Jahre im Tode vorangegangen
sei. „Sie ruht neben ihrer Mutter,“ sagte er mit
brechender Stimme, „die auch jung gestorben ist auf
einer Reise, die ich mit ihr nach Perugia, ihrer Vaterstadt, machte. Beide konnten das Klima Schottlands
nicht ertragen und meiner Tochter hat wohl das norwegische den Todesstoß gegeben. Zweimal habe ich
Cordelia zu ihrer Erholung nach Italien gebracht;
wir verweilten den Winter, nachdem wir Sie in
Bürglen getroffen, in den umbrischen Städten, wir
begaben uns vor wenigen Jahren wieder dahin, als
ihre Kräfte sich immer schwächer erwiesen, unsere
Nebel, unsere Winde zu ertragen. Sie war nicht
mehr zu retten, sie starb in Assisi und ruht in
Perugia.“

Ich drückte ihm schmerzergriffen, schweigend die
Hand. „Sprechen wir von Einhart,“ fuhr er nach
einer Pause fort; „Sie kannten ihn doch wohl näher?“
Ich erwähnte zuerst flüchtig, daß ich nach rascher
gegenseitiger Annäherung damals, in Bürglen, durch
augenblickliche Verstimmung mit ihm gespannt gewesen,
erzählte in kurzen Zügen, daß unser Verkehr durch
nachfolgendes neues Zusammentreffen rasch wieder in
Fluß gekommen sei, faßte alles Weitere im Abriß zusammen und berichtete vom blutigen Ende, das der
Unglückliche gefunden. Mac-Carmon sah tief erschüttert
eine Weile vor sich nieder und sagte dann: „Das
also war die Ahnung Cordeliens? — Sie hat ihn
kurz vor ihrem eigenen Ende gesehen, nachdem auf
unserer früheren Reise eine Spur von ihm in Assisi
aufgetaucht, aber schnell wieder verschwunden war.“
Ich sagte, daß ich dieß aus dem Tagebuch entnommen
habe. „Und auch die Ahnung?“ fragte der Schotte. Auf
meine Erwiderung, daß nur ein paar Worte in diesen
Blättern auf einen solchen innern Vorgang dunkel hinweisen, erzählte er mir, als Cordelia in Assisi der
Auflösung nahe im Haus ihrer Tante darniederlag,
sei ganz unvermuthet von A. E. ein Brief eingetroffen
mit der Frage, ob sein Besuch nicht unwillkommen
wäre. Am Abend vorher sei die Nachricht von der
Kriegserklärung zwischen Frankreich und Deutschland
nach Assisi gelangt und in der Nacht habe Cordelia
geträumt, sie sehe den alten Freund verblutend neben
einem Pferde liegen. „Ohne daß wir,“ fuhr er fort,
„eben geneigt wären, an mystische Fernsicht der menschlichen Seele zu glauben, wollte uns unter dem Eindruck der aufschreckenden Kriegskunde dieses Traumbild
doch wie ein prophetisches erscheinen, und die schwere
Stimmung, in die es uns versetzte, hat dann diesem
Wiedersehen eine gar dunkle Farbe gegeben, die ich
doch keine trostlose nennen kann, denn — o, Sie hätten
diesen Abschied zwischen Beiden mitansehen müssen!
— Das war —“ — „Die wenigen Worte der hinterlassenen Blätter lassen mich errathen, was das für
eine Stunde war,“ ergänzte ich die stockende Rede.
Ich meldete ihm jetzt vom Testamente, von der Vollmacht, die es in meine Hand gelegt, theilte ihm mit,
daß ich eben im Begriff stehe, das Interessanteste aus
dem Tagebuch zu veröffentlichen, und ließ nicht unerwähnt, daß ich hier auf Lücken und Andeutungen
räthselhafter Art, auf schweres Dunkel zwischen jähen,
kurzen Lichtern gestoßen sei. „Einige Aufhellung kann
ich Ihnen geben, wenn auch keine volle,“ sagte der
schmerzlich bewegte Mann, „Sie werden dann auch erst
ganz verstehen, warum mir die Worte nicht gehorchen
wollen, ein Bild von jener Scheidestunde zu geben;
wer vermochte es mit trockenem Auge zu sehen, wie
er ihre blasse Hand drückte und mit Thränen bedeckte,
mit welchem Blick seine Augen zu ihr aufschauten! —
Sie sollen, so viel ich zu berichten weiß, erfahren,
was in Norwegen geschehen ist, lassen Sie uns hinaus
in's Freie gehen.“

Ich nahm die nöthigste Erfrischung und trat dann
einen Gang in die nächsten Feldwege mit ihm an,
der uns nahe an der tosenden Reuß hinführte; ihr
dumpfes Donnern in tiefgefressener Felsschlucht war
die rechte Begleitung zu dem, was der Mann mir zu
sagen hatte.

In einer Bewegung, die der Leser im Verfolg
begreifen wird, nahm ich Abschied von Vater und
Enkeln, die in der Nacht noch Flüelen erreichen wollten.
Die Knaben waren schlank emporgewachsen, seit ich sie
das erste Mal gesehen hatte, der eine schon zum Jüngling entwickelt. Sie hatten beide die dunklen, großen,
von langen Wimpern beschatteten Augen der Mutter
und blickten mich an wie einen Vertrauten ihres Kummers,
ich umarmte die Frühverwaisten und küßte sie auf die
reinen Stirnen.

Mit fliegendem Stifte und, ich gestehe es, mit
zitternder Hand zeichnete ich mir in der Herberge auf,
was ich vernommen, und beschloß, nicht, wie ich gewollt, in Wasen zu übernachten. Ich hätte nicht
schlafen können, ich zog einen nächtlichen Marsch bis
Amsteg vor, um durch Ermüdung Ruhe zu finden.
Es war ein dunkler Gang, dunkel von innen wie
von außen.

Freier und heller wurde es in mir, als am andern
Vormittag der Vierwaldstättersee im Gürtel seiner stolzen
Ufer groß, weit, den blauen Himmel spiegelnd vor
meinen Augen sich aufthat. Das sonnige Bild schien
mir zu sagen, daß im unendlichen All doch jeder
Mislaut sich lösen muß, und ich durfte es mir bestätigen, indem ich bedachte, daß auch der umgetriebene
Sohn der Erde, mit dem ich einst dort drüben auf
der Axenstraße gewandelt, doch freien Geistes über den
Rissen und Klüften in seiner Seele schwebte und daß
ihm gegönnt war, mit einer letzten reinen Rührung
im Gemüthe sein Einzelleben dem Weltall zurückzugeben.

Ich hatte zu Schiffe bis Luzern fahren wollen, zog
aber, da ich das Dampfboot voll von Touristenvolk
sah, die Stille und Einsamkeit eines Marsches auf der
Axenstraße bis Brunnen vor und wanderte so meines
Weges, in Erinnerung versunken. Ein Bote begegnete
mir, ein Esel zog seinen kleinen Wagen. Ich erkannte
den Mann jener Szene wieder, die vor Jahren hier
vorgefallen; er war etwas gealtert, sah aber ganz
behäbig aus. Ich sprach ihn an, wurde von ihm
ebenfalls erkannt und nun erzählte er, der sonderbare
und doch gute Herr sei im Frühling 1866 erschienen,
um nachzusehen, ob er Wort gehalten; er habe ihm
seinen Esel gezeigt, dann seien sie zusammen nach der
Ortschaft N. gegangen, einen „Kollegen“ zu besuchen,
der von ihm bewogen worden, ebenfalls seinen Zughund mit dem leistungsfähigen grauen Hufthier zu
vertauschen, dann habe der Herr sie beide in's Gasthaus mitgenommen, bewirthet und ihn reicher beschenkt,
als er versprochen hatte.

Tagebuch.

Also ein Amt! Kann wirken! Recht! Frisch dran!
Viel zu ordnen! Will drein fahren! Sollen mich
spüren!

Wie will ich fertig werden? Kann doch meine
Bücher nicht ganz liegen lassen. Die Zeit zum Lesen
muß her und müßte ich sie an den Haaren herbeireißen. Vier ganze Wochen nicht dazu gelangt, etwas
zu lesen. Da entdeck' ich den Schopenhauer: Die Welt
als Wille und Vorstellung. Schon zweite Auflage.
Die Welt so schlecht als möglich, Produkt des ganz
dummen Urwillens, das Wesen der Dinge Nichts.
Höchstes Ziel Nirwana. Voll von Widersprüchen,
bestechend gut geschrieben, geistreich. Hat doch Tiefe.
Verwandt. Wie hab' ich als Student über dem Nichts
gebrütet! Oft Pistole schon geladen. Klage einmal
dem ordentlichen Kerl, dem Theologen aus Stolpe,
ich zweifle eigentlich, ob Etwas sei. Der räth mir,
Trost bei der Bibel zu suchen, ich sage: wenn ich nur
wüßte, ob es eine Bibel gibt.

Wenn aber Nichts ist, ist doch Schlechtes so wenig,
als Gutes.

Der Unsinn mit dem Nichts kommt nur daher,
daß man zuerst verlangt, die Einheit aller Dinge solle
neben den Dingen auch Etwas sein, und dann sich
darüber erzürnt, daß sie Nichts ist, wenn man die
Dinge, deren Einheit sie ist, von ihr wegdenkt. Es
ist latenter Theismus. Davon kommt Alles her. Man
sieht große Uebel in der Welt, negirt einen persönlichen
Gott, meint aber doch Jemand verantwortlich machen
zu müssen, und stürzt in die Narrheit, ihn heimlich zu
glauben, aber für einen schlechten Kerl zu halten.
Fällt mir der Krämer in Brackniz ein, Dilettant im
Atheismus. Hatte ein Lädchen zu ebener Erde, zwei
Stufen unter der Richthöhe der Straße. Wenn der
Bach anschwoll, lief ihm das Wasser herein, er mußte
dann mit dem ganzen Kram in den ersten Stock
ziehen. Pflegte, wenn's lang regnete und das Uebel
drohte, zum Himmel hinaufzusehen und boshaft zu
sagen: „nun ja, ich kann dir ja den Gefallen thun,
wenn es durchaus sein soll!“ Einmal, als er hinaufziehen gemußt, stellt er sich an's Fenster und spricht,
in den Regenhimmel hinaufblickend: „dir geh' ich noch
mehr zum Abendmahl!“

Um Gottes willen, mein kleiner Finger jückt, linkes
Auge glüht, Nasenzipfel brennt — es kommt ein
neuer!

Zum Trost einen Hund gekauft, junger zottiger
Dachs; seltener Schlag. Heißt Igelmeyer. Neulich
sagt des Oberrichters Sohn: „Gelt, Vater, ohne Hund
wär's doch nix auf der Welt.“ Gut! Wahr!

Dieser Nihilismus und Pessimismus ist eigentlich
Spätprodukt der Romantik, Erscheinung ihres Zersetzungsprozesses, Schopenhauer ist Heine in der Philosophie. Mit Abzug natürlich; der Philosoph ernster,
trauriger. Herkunft der Romantik vom Idealismus.
Der verlangte von der Welt mehr, als sie sein kann,
forderte überspannt. Nun Weltschmerz, Zerrissenheit.
Dann Blasirtheit. Diese nimmt jetzt philosophische
Form an: es ist Alles nichts. Doch Vieles wahr,
viel Recht gegen erbauliche Illusionen. Hauptfehler:
Sie erkennen ganz, wie schlecht es neben so viel
Schönem hergeht im untern Stockwerk, in der Natur,
wollen aber nicht einsehen, daß sich über ihm ein
zweites aufgebaut, das Gesetze hat, fest über der Willkür, objektiv, nichts fragend nach Lust oder Unlust,
und doch Seligkeit gewährend im Dienst, in der Arbeit
am zeitlos Werthvollen.

Die Natur hat sich schwer und wild abgemüht,
bis sie die jetzigen Typen (Gattungen und Arten)
festgestellt hat, an ihrer Spitze den Menschen. Vielleicht kommt noch Einer auf den Gedanken, wahrscheinlich zu machen, daß sie nicht nur formell aussehen,
als wäre eine Form aus der andern entwickelt (wie
die vergleichende Anatomie bei der Thierwelt zeigt),
sondern daß es wirklich real so zugegangen, also auch
der Mensch vorher Thier gewesen ist. Nun hat dann
der Mensch wieder von vorn angefangen, er ist zuerst
jedenfalls nicht viel besser gewesen als ein Thier.
Wüthend, viehisch muß Mensch mit Mensch gerauft haben
um Wohnsitz, Speise, Weib, Macht. Ein Kampf,
dem analog, durch den einst die Typen, die genera
und species geworden sein müssen. Durch eine Reihe
furchtbarer Erfahrungen, in unermeßlicher Zeitdauer
muß dieser Kampf dahin geführt haben, daß allmälig
rechtliche, sittliche, politische Ordnungen sich herausarbeiteten und gründeten, z. B. bis man einsah, daß
es Eigenthum geben muß, durch Gesetze geschützt, daß
die Raserei des Geschlechtstriebs nicht zu zügeln sei,
als durch die Ehe. So entstand eine zweite Welt
in der Welt, eine zweite Natur über der Natur, die
sittliche Welt. Dieß heiße ich für meinen Bedarf das
zweite Stockwerk. Wie nun jene Naturtypen nach so
langen, harten Prozessen festgestellt sind, als wären sie
ewig festgestanden, so die sittliche Ordnung. Sie hebt
sich über die Zeit aus der Zeit heraus, ist ein Unbedingtes, an sich Wahres, man kann ganz davon absehen, es ist auch gleichgültig, daß sie in der Zeit
entstanden ist, — ewige Substanzen, die „droben
hangen unveräußerlich und unzerbrechlich, wie die
Sterne selbst“. Sie sind allerdings auch in einer
Entwicklung begriffen, aber diese trifft nicht ihren
Kern; Eigenthum, Recht, Gesetz, Staat muß immer
und ewig sein. Und das Höchste in diesem Hohen:
die Einrichtungen, Thätigkeiten, die dem Mitleid ihr
Dasein verdanken, und Kunst und Wissenschaft. —
Mir will es aber immer vorkommen, als sei in dem
ersten Stockwerk ein Zorn, ein Gift darüber, daß es
das zweite tragen muß, als sei da — ein — ein
Etwas, ein Rachgeist, Tücke, nach den höheren Wesen,
nach den Zimmerleuten des zweiten Stockwerks mit
Nadeln, mit Pfriemen, haarfeinen Dolchen durch die
Dielenspalten hinaufzustechen — —

Noch so jung, ein Eichbaum in Kraft, und diese
Schmarotzerpflanze an ihn angesogen, die ihn umschlingt, umgarnt und schmachvoll, langsam tödten
wird!

Igelmeyer schon sehr anhänglich. Begrüßt mich
sehr, wenn ich vom Amt komme, geräth dann öfters
in einen bacchischen Wahnsinn vor Freude, umkreist
mich in rasendem Laufe, springt auf Tische, Schränke
in tollen Sätzen. In einer italienischen Reisebeschreibung habe ich auch so etwas Dionysisches gelesen. Der
Verfasser reist mit einem deutschen Grafen, einem
bildschönen jungen Manne, kommt nach Ischia, eine
Alte sieht den Jüngling, geräth in Rausch des Entzückens, holt ihr Tamburin und umtanzt ihn trommelnd
und singend: quanto è bello! quanto è bello!
Er war ihr ein Gott. — So der wieder erscheinende
Herr dem Hund. Ja, Thiere und Völker, die noch
halbe Heiden sind, die wissen's anders, als wir vernunftlederne Aufklärungschriften.

Komisch sind gar nicht bloß die starken Irrungen
der Thiere, wie gestern, da man den Igelmeyer in
der Küche allein fand, vor dem Speiseschrank aufwartend. Ein Thier ist überhaupt den ganzen Tag
komisch in seiner Menschenähnlichkeit, die doch nicht
zum Menschsein reicht. Jede Gebärde, das Gesicht,
die Leidenschaftlichkeit, die Dummheit in der Gescheutheit. Legt man ihnen einen Menschen unter,
so gibt es zu lachen auf Tritt und Schritt. Wer
die Thiere nicht liebt, dem fehlt die Phantasie, diese
Unterlegung zu vollziehen.

Die Thiere sind ungeheuer neugierig wie leere
Menschen. Lieber Gott, was sollen sie auch thun,
womit ihren Tag ausfüllen! — Für die Menschen
gilt: je weniger Wißbegierde, desto mehr Neugierde.

Heute etwas freier. Frühstück geschmeckt. Fällt
mir da am Tisch der Pessimismus und Nihilismus
wieder ein. Habe da einen runden Tisch, trägt mir
loyal meine Kanne, Tasse, Krug, Zeitungen, Schüsseln,
Teller. Denke manchmal, er könnte auch viereckig sein,
aber er ist eben rund und mir doch so gerade recht,
bin zufrieden. Kommt da ein Kerl her und sagt:
„Du bist ein elender Optimist, du sollst den ganzen
Tag daran denken, daß der Tisch nicht zugleich viereckig ist, daß er da aufhört, wo er aufhört, sollst in
das Nichtsein des Vierecks in seinem Rund dich vertiefen, verbohren, verbeißen, sollst ferner täglich und
stündlich erwägen, daß er nicht ewig dauern kann,
sollst also an dem Tisch kein Genüge mehr haben,
sollst ferner von ihm Anlaß nehmen, vom frühen
Morgen bis zum späten Abend dich zu entsinnen,
daß überhaupt Alles im Sein auch nicht ist, nein!
sollst vom Sein absehend in das Nichts hineinstieren
und so denn tagtäglich schon beim Frühstück dich verbittern!“ — Den Kerl soll doch der Teufel holen!

Es ist derselbe Prometheus, der den Menschen
das Feuer, die Technik, das Selbstbewußtsein, das
Denken, die Vernunft, und der ihnen die Illusion
gebracht hat: er gab ihnen die Freude am Augenblick und das Glück der blinden Hoffnung — derselbe. So nimmt es wenigstens Aeschylos. Also
Prometheus, der Vordenkende! Er, der uns das
Vordenken gebracht, er hat es auch durch die Phantasie
begrenzt, begrenzt aus Vordenken darüber, was sonst
folgen würde. Die Illusion ist also ein philosophisches Gut.

Man wird sehen, es taucht gewiß noch Einer auf,
der aus Schopenhauer's blindem Urwillen und der
Vorstellung, indem er sie kopulirt, vollends eine
ganze niedliche Mythologie herausspinnt! Und ich
wette, er wird dabei noch verlangen, man solle ernst
bleiben.

Gestern den rückfälligen störrischen Lumpen Peter
krumm geschlossen, er verdiente Feßlung, doch nicht so
hart. Bin ungerecht gewesen, hab's in der Katarrhwuth gethan. Da sieht man, wohin es Einen bringt.
Dennoch werde ich kein Pessimist. Oberer Stock bleibt.

Welche rasselose Weiber sind doch hier! Schlechter
Hals und Nacken, Schultern und Brustkorb abgenagte
Gansgerippe u. s. f. Was geht's mich an! Das
Weib ist nicht für mich, bin schon mit Fräulein
Schnuppe verlobt.

Höchstens ein Frauenbild im großen Styl könnte
mich aus dem Gleichgewicht bringen — wahrscheinlich
zu meinem Unglück. Ich habe auf der Insel Föhr
friesische Landmädchen gesehen, groß, aufrecht, in Bewegung und Benehmen vom Naturadel alter Völker.
Die altdeutschen Weiber müssen noch stolze Erscheinungen gewesen sein! Fern in Skandinavien muß es noch
mehr dergleichen geben. Auf einigen griechischen Inseln
soll noch altgriechischer Schlag sein, gewiß auch altmorgenländischer im Orient. Nun, und Italien!
Römisches Gebirge — auch mit altklassischen Frauennamen: Valeria, Cornelia und so — man muß
doch hin!

Dort, auf jenen Inseln der Nordsee, hat sich
die schöne Rasse erhalten trotz der Durchsäuerung,
welche die menschliche Natur durch die finstern Zeiten
des Protestantismus erfahren hat; merkwürdig, denn
sonst ist die Scheidung so scharf, daß man nur durch
einen Fluß getrennt verkümmertes Menschenbild in
traurigem Schwarz auf dem protestantischen, stylvolle
Weiber in erhaltener schöner alter, farbiger Tracht
auf dem katholischen Ufer sehen kann. Mehr Heidenthum in der katholischen Welt, also auch noch mehr
Natur, — auch Augen mit Naturglanz, frische Waldkirschen. Doch dafür auch leidenschaftlicher, leicht wild
in Liebe und Zorn; schon die Griechen klagen über
die verrückte Leidenschaftlichkeit ihrer Weiber. — Edler
Schlag und protestantisch tiefe Bildung vereinigt: das
wäre schön. — Auf alle Fälle thut Vorsicht gut.

Man muß eben immer und überall dafür sorgen,
daß man sich selbst behält. „Sich selbst haben ist der
größte Reichthum“, altes Wort von Christoph Lehmann,
† 1630. (Florilegium poeticum.)

Lessing's „Nathan“, Goethe's „Iphigenie“ und
Schiller's „Don Carlos“ sind die drei priesterlichen,
hochreligiösen Dichtungen des Aufklärungszeitalters in
der reinsten, geläutertsten Form seiner Ideen. Dramen
der Humanität, der Menschenliebe.

Alle drei symbolische Gedankenprodukte, das Geschichtliche nur Maske: Orient im Mittelalter, vorgeschichtliches Griechenland, Spanien zur Reformationszeit; überall die Handlung unwahrscheinlich. In allen
drei der Gedanke zur tiefen Gefühlsmacht geworden,
daher trotz der Symbolik alle drei poetisch, tiefwirkend,
am stärksten das dritte, weil das Gefühl Feuer, Leidenschaft. Zweien davon fehlt, echt deutsch, das dramatische Leben, am meisten der „Iphigenie“, die darin sehr
schwach ist; das dritte voll Spannung und Handlung,
dagegen in der Komposition gequält, auch zu rednerisch.

Die Menschenliebe ist im „Nathan“ religiöse Toleranz zwischen Nationen, Religionen, in „Iphigenie“
sittigende, sühnende, fluchlösende Kraft, ausgehend von
der Familienliebe (Schwesterliebe), im „Don Carlos“
politisch, völkerbefreiend, Staat auf Menschenwürde
gründend, mächtig in's Allgemeine wirkend.

Träger: im „Nathan“ ein Greis, im „Don Carlos“
ein jugendlicher Mann, in der „Iphigenie“, echt Goethisch,
ein Weib, reine Jungfrau.

In allen dreien ruht das Werk der Liebe auf Resignation, Frucht schweren innern Kampfes.

In den zwei ersten ist es still wie in einer Kirche
(aber ohne Pfarrer), im „Don Carlos“ laut, doch
die Luft im Mittelpunkt religiös gestimmt auch hier.
(W. Tell reifes Kunstwerk, doch nicht so tief.)

Welches Menschenvolk, das, diese Vernunftwerke
an der Spitze seiner Dichtung und Bildung, heute
noch nicht weiß, was Religion ist! Sie noch in den
Glaubenssätzen sucht! Oder mit ihnen wegwirft!

Goethe hatte zum Drama zu wenig Galle. Schiller
hatte mehr von diesem Desiderat. Shakespeare das
rechte Quantum, und doch gerade bei ihm bleibt die
Galle nirgends als bloßer Stoff liegen (außer im
Timon von Athen). — Ungeläuterter Stoff findet
sich bei ihm auf anderen Punkten.

Goethe hat in die Schlechtigkeit der Menschen schon
in früher Jugend zum Erschrecken hell hindurchgesehen.
Er sagt irgendwo, es sei ein Wunder, daß ihm das
Leben nicht langweilig werde, da ihm die Erfahrung
hierin gar nichts Neues bringe. Seine hohe Natur
hat ihm darüber emporgeholfen, er hat sich an die
Guten gehalten und von da aus — von der „engen
Himmelszelle“ — die Welt angeschaut. Wobei ihm
sein leichtes Frankenblut viel geholfen hat. Nun hat
er aber keine rechte Entrüstung, keinen Zornstoß. „Thöricht, auf Bess'rung der Thoren zu hoffen“ — „haltet
die Narren eben für Narren auch, wie sich geziemt“ —
Aber was sagt er von Schiller?

„Es glühte seine Wange roth und röther
Von jenem Feuer, das uns nie verfliegt,
Von jener Glut, die früher oder später
Den Widerstand der dumpfen Welt besiegt.“

Goethe war in diesem Sinn zu früh objektiv. Der
Dichter soll freilich auch das Schlechte, Dumpfe, Böse
ganz objektiv geben, dennoch soll man ihm anspüren,
daß er es haßt, daß ein Grimm dagegen in ihm kocht.

Gestern ein Gespräch mit einem Dichter von großem
Talent. Der glaubt an Fernsehen, Fernwirken, Geister.
Erzählt mir als ganz beglaubigt eine Geschichte von
einem adeligen Schloß, wo irgend eine Ahnfrau, deren
Bild im Saale hängt, alle Abend zum Essen erscheint
und hinsitzt. „Das ist ein langweiliger und impertinenter Geist,“ sage ich; „der Geist Banquo's, der
weiß, warum er kommt; ein Geist darf erscheinen,
wenn ihn ein Dichter brauchen kann; Punktum.“ —
Es that mir besonders leid, weil es ein Poet ist. Die
Poesie läßt nicht nur in Erfindung von Handlungen,
Begebenheiten, sondern in jedem gefühlten und stimmungsvollen Einzelbilde die Kräfte der Seele und der
Natur zusammenwirken wunderbar, mystisch, die bekannten unumstößlichen Grenzen, Gesetze durchbrechend,
überfliegend. Sie kann Wunderwesen erscheinen lassen,
wie es ihr dient; ihr einziges Gesetz ist das Band des
Zusammenhangs. Ob es außerhalb der Dichtung
Solches gibt — mit dieser Frage verhält es sich so:
es werden wohl Fälle berichtet von mystischen Hinüberwirkungen, die gut bezeugt scheinen. Aber was sollen
wir damit anfangen? All' unser Thun und Denken
ruht unverbrüchlich auf dem Grunde der festen Naturgesetze. Soll ich glauben, die Natur sei bloß ein
fadenscheiniger Vorhang, hinter welchem ein Geisterreich laure, um hervorzubrechen, Niemand weiß, wann?
so wird Alles ungewiß und schwankend; ich weiß nicht,
ob dieser Tisch, dieser Stuhl, dieser Vogel nicht sich
in einen Geist verwandelt oder sein Träger wird; ich
lebe wie im Rausche, die Konsequenzen, wenn ich sie
vollzöge, müßten mich verrückt machen. Es folgt, daß
man sich mit diesen Dingen nicht befassen kann, nicht
befassen soll. Ich sag' allemal, wenn man mir Derlei
bringt: „Mir ist's, als wenn man einem Hund einen
Apfel gäbe: er riecht für ihn nicht, er hat keine Beziehung zu ihm, er kann einfach damit nichts anfangen.“
Nun aber erst der Poet! Uebel, übel, wenn er anfängt, sich in hölzernem Ernst doktrinell, dogmatisch
mit diesen Dingen zu beschäftigen! So viel er sich
damit abgibt, so viel ist es Abbruch an seiner Poesie.
Was er als Phantasieschein betreiben darf und soll,
das betreibt er nun lehrhaft, scheinlos, physikalisch oder
eigentlich hyperphysikalisch. Der Dichter läßt das Centrum alles Daseins aus den Dingen, den Wesen, herausscheinen, glühender, als es je in Wirklichkeit geschieht; in freiem, idealem Spiele durchbricht er für
diesen Zweck je nach Bedürfniß die naturgesetzlichen
Schranken und läßt z. B. inniges Andenken an die
Geliebte magisch in die Ferne wirken. Der Gemeinspruch von der Beseelung der Natur durch die Phantasie
ist ja auch nichts Anderes, als Aufhöhung der Wahrheit, daß der Geist schon in der Natur schlummert,
durch Phantasiemystik. Dieß Alles wird pure, auf
Kosten des freien Phantasiespiels geschäftlich betriebene
Prosa, wenn man sich ernstlich auf den Wunder- und
Geisterglauben einläßt, und jede Viertelstunde, die ein
Dichter diesem traurigen Ernste widmet, stiehlt er seinem
höheren Thun, wo er denselben Stoff frei symbolisch,
im Sinne des gefühlten, ahnungsreichen Symbols
allerdings, zu behandeln hat. — Nicht zu reden davon,
wie dick man angelogen wird, wenn man sich einmal
auf das Zeug einläßt.

Goethe erfährt, daß Hegel eine Vorlesung über die
Beweise vom Dasein Gottes halte, und sagt zu Eckermann, „dergleichen sei nicht mehr an der Zeit.“ Das
hat nun der alte Herr eben doch nicht recht verstanden,
sich gar nicht vorstellen können, was da vorkommt:
das reinste Wasser auf die Mühle seiner eigenen großen
Anschauung: „Das Dasein ist Gott“ — und dieß
als Ergebniß einer Kritik der sogenannten Beweise
von Gottes Dasein. Man kann zum Beispiel nicht
sagen, das Dasein der Welt sei Beweis für das Dasein Gottes. Man muß sagen: „Das Dasein Gottes
ist die Welt.“

Allerdings mit Unterschied. Die Welt ist das Dasein Gottes nicht in ruhiger Weise, sondern so, daß
Gott sein Dasein darin stets verbessert, stets auf’s
Neue eine geringere Form desselben durch eine bessere
beschämt. Gott ist eigentlich eben diese wunderbare und
heilige Unruhe.

Gott ist das Beste in Allem.

Seit ich nichts mehr glaube, bin ich erst religiös
geworden.

Neulich sagt Einer, das sei doch abscheulich, daß
Gott den Juden geboten habe, ganze Städte zu verwüsten, Alles, was männlichen Geschlechts, niederzumachen. Sagt ein Anderer drauf: „Da war eben
der liebe Gott selber noch jung.“ Gut.

Eine der liebenswürdigsten Etappen auf Gottes Weltgang vom Guten zum Bessern ist die Schöpfung des Hundes.

O weh, jetzt hab' ich mich selbst strafen müssen,
weil der Igelmeyer polizeiwidrig gehandelt hat! Wagen
angebellt, Pferde scheu gemacht. Hab' ihn fortgeben
müssen, den guten; froh, daß gut untergebracht. Sie
haben erst so sehr Recht, die Köter, aber man darf es
ja nicht sagen! Alles schnelle Fahren in Städten ist
eigentlich Unfug, Unverschämtheit gegen die Fußgänger,
Beschämung, Beleidigung. Wäre ich mächtiger Tyrann,
in meiner Stadt dürfte nicht im Trab gefahren und
geritten werden. Der Hund ist Polizeimann, höchst
polizeilich gesinnt, er erkennt einfach richtig den Unfug,
nur natürlich das zu begreifen, daß man ihn nicht
verbieten kann, ist ihm zu verwickelt. Er handelt in
der tiefsten Ueberzeugung, recht zu thun, der öffentlichen Ordnung zu dienen. Er schläft nach solcher
That den Schlummer des Gerechten. O, wie rührend
ist so ein gutes, ehrliches Hundsgesicht im Schlaf!

Das Bellen kann sehr störend sein, wohl! aber
viel öfter muß es erfreuen. Es ist so etwas Resolutes
darin. Ein Schuß. Wie oft, wenn ich in Zweifeln
hieng und zappelte, in Brüten klebte, hat es mir wohlgethan, mich erfrischt, gelabt, wenn ich den entschlossenen,
unzögernden, frischweg vorbrechenden Laut vernahm!
Es ist auch der Stolz des Hundes. Ich bin überzeugt, eine Hundsmutter, wenn sie ihren Sohn zum
ersten Mal bellen hört, fühlt dasselbe, was eine menschliche Mutter, wenn sie ihrem Sohn, welcher Theologie
studirt und welcher die erste Predigt thut, mit Mann,
Vetter und Base hineingeht.

Da erfahre ich, daß Einer, sonst ein ordentlicher
Herr, mir einen Polizeidiener besticht, und zwar erst
noch ganz unnöthig, da der Mann doch ganz diensteifrig ist und von selbst bereit war, auf begründete
Klage über störenden Lärm gegen den Nachbar einzuschreiten. Ich habe die zulässig schärfste Strafe gegen
Bestechungsversuch in Anwendung gebracht. — So sind
die Menschen! Der A besticht, der B noch flotter, der
C überbietet Beide, die Menschen in Dienst und Amt
werden verderbt und thun endlich ihre Pflicht nicht
mehr, wenn ein Armer, der nicht bestechen kann, oder
ein Redlicher, der es nicht will, ihrer Dienste bedarf.
— Eine allgemeine Kette der Charakterlosigkeit, der
breiigen Schlechtigkeit. —

Ach Gott, wenn ich doch meinen Katarrh hinausbellen könnte! Doch wieder den ganzen Tag gearbeitet.
Mit welchem Hinderniß, weiß Niemand. Das Hirn
verwüstet, blöd, ein Halbsimpel, möchte nur schlafen,
und muß mich stellen, als wachte ich. Und ein Wetter!
Ja, Deutschland! Ist — das Land, wo man neun
Monate Katarrh und drei ein Tröpfchen an der Nase
hat. — Bruststechen. Doktor fängt an, mich bedenklich anzusehen. Spricht von Urlaub. Was? In meinen
Jahren, mit meiner Kraft? — Bringe doch etwas
vorwärts. Schon Manches aufgeräumt im Bezirk.
Unordnung im Abnehmen. Straßen reinlicher. Spitalverhältnisse geordnet. Gefängnißbau. Strammes Landjägerkorps. — Einfluß auf die Wahlen, den die Regierung mir zumuthete, abgelehnt.

Wenn ich im Amt etwas zu Stande gebracht habe,
vergrabe ich mich doppelt gern in meine Bücher. Der
gelungene Kampf führt mich hoch in den reinen Aether.
Da ist mir dann Spinoza so friedenbringend! Calmo
di mare!

Ich philosophire gern, bin aber kein Philosoph.
Meine Gedanken gehen zu schnell.

Einen Schandschuft von Weinfälscher erwischt. Seinen
ganzen Keller voll herausgerissen, in die Gosse auslaufen lassen! Hätten wir ein strengeres Strafgesetz!
Einst stand auf gesundheitsschädliche Fälschung Todesstrafe! O, wie Aepfel im Herbst sollten mir die
Schurkenköpfe fallen!

Habe dem Halunken gesagt, er habe keine Religion,
und er hat mich angegrinst und erwidert, er habe
mich noch in keiner Kirche gesehen. „Man fälscht die
Religion, wie Sie den Wein“, habe ich gesagt.

Gott ist die Religion.

Die reine Religion begründet reine Ethik, nicht
von außen befohlen.

Also ist Gott das Gute.

Wo das Menschliche waltet gegen das Rohe, Wilde,
Böse, besonders gegen das Grausame, gegen das
Schlechte, da ist Gott.

Insbesondere aber auch, wo geforscht wird.

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ man
kann hinzufügen: „und klar im Geist, ein Denker und
ein Künstler!“ Damit dieß sein könne, muß es eine
Welt geben, dem zu lieb ist sie da. Aber warum gar
so viel des Uebrigen? Es ist nicht anders: Gott hat
einen Untergrund. Jakob Böhme, Schelling, Schopenhauer haben soweit Recht (dunkler Grund, purer
Wille und wie sie es nennen). Er mußte sich — muß
sich — einen undurchsichtigen Unterbau schaffen, um
als Geist aus ihm aufzusteigen, und geräth darüber
so in's Zeug, daß er oft ganz vergißt, es handle sich
erst um einen Unterbau; daher zum Beispiel alle wild
teuflische Grausamkeit in der Natur und im Menschengeschlecht, so weit es bloß Natur. Wo in aller Welt
mag währenddessen das wahre Wesen Gottes stecken?
Das Grundthätige im Universum weiß zum Beispiel
um die Zeit, wo es dem Gattungstrieb seine furchtbare Stärke gibt, nichts davon, daß die Menschen ein
Reich der Sitte gründen müssen, wozu unter Anderem
das Institut der Ehe gehört; es weiß nur, daß jener
Trieb ungeheuer stark sein muß, weil sonst aus —
stille davon! — kein Mensch gezeugt würde; darüber
macht es ihn im Eifer noch stärker, als nothwendig,
und daraus entsteht in unzähligen Kollisionen mit dem
Reich der Sitte unabsehliches, fürchterliches Elend.

Dieß ist die blinde Wildheit in der Natur, sie ist
der schwerste Stein im Wege des Forschens nach dem
Geheimniß der Gottheit. Man ziehe nicht das eigentlich Böse, die Empörungen des Willens gegen die sittliche Welt herbei! Da liegt die Sache ungleich klarer.
Es wäre kein Gutes, wenn kein Böses wäre. Aus
dieser Nothwendigkeit des Bösen als Reiz, Ferment
und als Objekt des Guten folgt nicht im mindesten,
daß der Adler den Hasen, die Katze die Maus stundenlang teuflisch quälen muß, statt die Beute kurzweg zu
treffen. Es ist etwas Dämonisches in der Natur —
es ist nicht anders, das eben ist „der dunkle Grund“,
das traurige Geheimniß im Unterbau. Wem dieß
Wort sonderbar vorkommt, der möge nur bedenken, wie
räthselhaft das ist: aus dem Schooß der Natur kommt
ein Wesen, das die Natur (nicht ganz, aber doch in
Vielem) überwindet. Da nun die Welt keine eigene
Substanz neben und außer Gott haben kann, so folgt:
es ist eine Selbstsetzung und eine Negation und Verbesserung dieser Setzung im absoluten Wesen. Der
Mythus von der Auferstehung Christi, wenn er einen
Sinn hat, muß diesen haben. — Aber es ist und
bleibt eben unbegreiflich: der Mensch findet unter sich
die Natur, als unteren Theil seines Wesens, den er
oft genug verächtlich hinabzwingen muß; da der Mensch
aber doch aus der Natur kommt und Natur bleibt,
so verachtet dann also in ihm die Natur sich selbst.
Der Untergrund zieht sich, erstreckt sich in den Oberbau hinauf, der ihn doch absetzt, entsetzt, der Unterbau setzt sich also durch diesen selbst ab. Ich bin kein
Raubthier und trage doch ein Raubthier in mir, ich
bin ein wandelnder Sichselbsterhöher und Sichselbstabsetzer und darin ein Bild der Welt. — So viel ist
gewiß: das Universum ganz begreifen hieße die ganze
Einheit im ganzen Widerspruch begreifen.

In diesem Dunkel gibt es keine Beruhigung, als
diese: wo Liebe ist, wo Mitleid ist, dann, wo Klarheit ist, da jedenfalls ist Gott. Da ist denn auch
allein wirkliche Lust, und weil alles Gute erarbeitet
sein will, also wahre Lust nur in der Arbeit.

Es ist einer der Grundfehler des Pessimismus,
daß er eudämonistisch von der unmittelbaren Lust
ausgeht, von da aus operirt. Sagt man zum Beispiel: Niemand arbeitet, wenn er nicht muß, so gilt
dieß richtig vom Menschen, so lang er noch im Untergrund, im untern Stockwerk steckt. Die zweite Ordnung, die sich darüber aufbaut, hat nach der Meinung
der Pessimisten keine Bälken, da baut sich kein Objektives, kein Gesetzmäßiges, da kann man also auch
nicht wohnen. O alter Hegel, stylvoller Philister,
der du groß befohlen hast, daß das Subjekt pariren
soll, könnte man das erleben, daß du erständest und
mit deinem Stecken über das substanzlose Geschlecht
kämest!

Wenn die Menschen nur nicht immer auseinandersägen, nur nicht in ihrem Denken immer Alles trennen
würden, was zusammengehört! So meinen sie, sie
hätten die Schlechtigkeit der Welt bewiesen, wenn sie
aufgezeigt haben, daß Illusion Illusion ist! Daß es
ein Wesen gibt, Mensch genannt, dessen Phantasieblick die Natur beseelt, Alles in schönere Farbe, reineres Licht taucht, in der guten Stunde über das Elend
der Welt hinwegsieht, das gehört ja auch zur Einrichtung der Welt, ohne diese edlen Täuschungen ist
ja die Stimmung nicht denkbar, aus der auch das
Gute fließt. Im Guten wird freilich ein Theil der
Täuschung abgeworfen, da muß dem Elend der Welt
hell in's Gesicht gesehen werden, bleiben aber muß die
Hoffnung, die zwar mehr vortäuscht, als erreicht wird,
aber darum nicht ganz Täuschung ist, sondern zur
größeren Hälfte Wort hält, indem sie selbst Ursache
dessen wird, was sie hofft, nemlich als Sporn des
einzig Realen, des Guten.

Das Bäschen auf einen Ball begleiten müssen.
Schrecklich! — Und tanzen thun sie, als sähe man
Hühner im Dünger scharren. — Seit ich dazumal in
Amtspflegers Töchterlein verliebt war, mit ihr Nachts
nach den Sternen sah und darauf ein Gedicht machte,
— ich erinnere mich gut: in horazischem Odenmaß,
und der Schluß hieß:

Ein kurzer Traum war's,
Aber ein schöner —

Und ich schwankte sehr, ob es nicht besser wäre,
zu setzen:
Ein schöner Traum war's,
Aber ein kurzer —
ich weiß es wirklich heute noch nicht — seit damals, als ich so klassisch dichtete und als ich ein paar
Wochen lang heulte, da sie fortreiste, hab' ich triplex
aes circa pectus. Die Liebe kommt mir langweilig
vor. — Seele, den Tag nicht vor dem Abend loben!
Wenn dir ein Weib erschiene, das Styl hat?

Ich muß recht Philosophie treiben, das wappnet
am besten gegen dieß und das, gegen mich, gegen
mein leidenschaftlich Wesen. Auch Stoiker! Man liest
sie zu wenig. Der Mensch ist eine Entelechie. Eine
Burg. Will er recht, ihn kann nichts erschüttern.
Erschüttern wohl, aber nicht brechen. Starke Thürme
schwanken, wenn man läutet, gerade Beweis ihrer
Festigkeit.

Auf dem Ball dann weg aus dem Saal in die
Wirthsräume. Im Nebenzimmer die Gespräche gehört,
die an den Tischen in der Volksstube los waren.
Zwischen den Bürgern unzufriedene Arbeiter, unter
den Bürgern selbst unruhige Köpfe. Die politische
Luft wird schwül. Es flirrt elektrisch. In Frankreich
wackelt Luis Philipp's großer Regenschirm, bekommt
Risse. Wäre gut genug für die Franzosen, aber zu
unritterlich und doch auch gemein, krämerhaft.

Es wird eine große Freiheitsbewegung kommen.
Geschrei nach Republik. Eigentlich wäre auch mein Geschmack Republik, aber eine recht strenge, und die gibt's
nicht mehr. Sie werden nach Republik brüllen und Gesetzlosigkeit darunter verstehen. Alles begreiflich, weil Gesetz
und Ordnung jetzt fast überall in unreinen Händen ist.

O Elend! Es ist freilich wahr: „Der Mensch ist
nicht geboren, frei zu sein.“ Unrecht, ungerechter
Druck erzeugt den Schrei nach Freiheit, und Freiheit
wird alsbald Willkür. Sie wird niedergeschlagen von
der Gewalt und dann fängt das Lied von vorne an,
indem die Gewalt das Unrecht (mit dem schnöden
Vorrecht) herstellt.

Wer das Geheimniß finden könnte, die Strenge,
die Zucht, die der Mensch bedarf, nur in reine
Hände zu legen!

Arme, rathlose Menschheit!

Man wird es sehen, wenn's losgeht, wenn dann
gegen wildes Unmaß die Gewalt wieder an's Brett
kommt, dann wird sie mit der Spreu das Korn ausfegen. Eine anständige Minderheit in der Bewegung,
die da bevorsteht, wird gegen die schlechteste aller Republiken, die Fürstenrepublik: deutscher Bund, diesen
polnischen Reichstag Deutschlands, kämpfen. Die siegreiche Gewalt wird sie noch rachsüchtiger verfolgen,
als die Schreier nach falscher Volksfreiheit. Die Verfolgung der Einheitsbestrebungen ist der schnödeste,
schmutzigste Schmachfleck in der Geschichte unserer Nation.
Wer nicht wollte, daß der Deutsche im Ausland wie
ein Hund verachtet sei, dem war Kerker, dem war
Vertrauern der besten Jugend in feuchtem Mauerloch
gewiß. Der übelriechendste Proletarier, der nach zuchtloser Freiheit schreit, ist so gemein nicht, als jene Gewalthaber, die Hekatomben Menschenglücks und Menschenlebens opferten für die zuchtlose Fürstenfreiheit im
deutschen Bunde.

Ach, vielleicht seh' ich zu schwarz! Geb's der Himmel! Lasse mich, du besserer Stern meines Lebens, mitstreiten, wenn es losgeht, mitstreiten für das Goldkorn
im wilden Schutte, den die Bewegung aufwirbeln wird!

Und doch, wie nobel ist selbst die verrückteste politische Leidenschaft gegen die Gelbsucht der Geldsucht!
Gestern ein paar solche Gesichter in der Gesellschaft.
Zum Erbrechen. Ein grausig Mördergesicht ist flott
dagegen. — Und um was drehen sich die Unterhaltungen dieses Geschlechts! Nicht daß sie vom
Kleinen reden, ist das Niedrige, sondern daß sie vom
Kleinen nicht zum Bedeutenden aufsteigen, vielmehr
umgekehrt jedes Bedeutende in's Kleine zerren. Spricht
man etwas, das Inhalt hat, so übersetzen sie es gütig
nachhelfend erst in's Platte, dann verstehen sie es. —
Ihr liebstes Element aber ist der Klatsch.

Es hilft nichts, mit aller Mühe kann ich das Gemeine nicht begreifen. Ich bin doch gar kein Idealist,
glaube mir auch das Zeugniß geben zu dürfen, daß
ich läßlich bin, eingänglich, ein herzlicher Feind der
Prinzipien-Fanatiker. Ein Gespräch von Hunden,
Pferden, richtiger Konstruktion von Oefen ist mir ganz
recht und gut genug. Aber das Gemeine! Daß ich
durchaus mir nicht abthun kann, alle Menschen für
nobel zu nehmen und mich zu wundern, wenn ich das
Gegentheil finde! — Es wird daher kommen, daß ich
zu sinnlich bin, um Verkünsteltes zu begreifen, denn
das Künstlichste, was es gibt, ist das Gemeine.

Die besseren Menschen sind Gebirgsleute, sie kommen
vom Gebirge her, sind gesunde Gebirgsbauern, das
Thal mit seiner dumpfen Luft drückt auf ihre Lunge.

Das Gemeine ist künstlich, weil der Mensch als
solcher von Adel ist.

Die Menschheit hat sich um dieß Bewußtsein gebracht, indem sie den Adel als besondern Stand geschaffen hat. Diesem hat sie aufgetragen, für sie edel
zu sein, zu vikariren. Eine der schädlichsten, menschheitentwürdigendsten Mythenbildungen, die es gibt,
und doch so begreiflich wie jeder andere Mythus, und
ebenso unvertilgbar.

Große Freiheitsbewegungen der Völker haben einen
ganz andern Charakter, als Einheitsbewegungen. Jene
beginnen mit einer seligen Trunkenheit, diese sind, sollen
sie irgend etwas taugen, auf die prosaische Frage der
zweckmäßigsten Form der Einheit gerichtet. Freiheit
ist heilig, Einheit ist nothwendig. Wer die erste Begeisterung der ersten französischen Revolution erlebt hat,
ist zu beneiden. Aber die Freiheitsbewegung macht
trunken, der Rausch wird in den Mehrheiten ein wüster
und die Schönheit der Bewegung verläuft in Schmutz,
Schlamm, Blut. Die wahre Freiheit ist die Ordnung. Fällt Freiheits- und Einheitsbewegung in Eine
Zeit, so reißt leicht die erste die zweite mit sich in
den Untergang.

Gelingt es unserer Nation noch, die Einheit zu
erringen, so ist sehr zu wünschen, daß bei der Verfassung, die dann zu berathen ist, die Stimmung, die
jetzt anwächst, so wenig als möglich nachwirke. Die
Folge wäre namentlich eine zu milde Strafgesetzgebung. Milde gegen das Verbrechen und besonders
Milde in der Subsumtion verschiedener Schlechtigkeiten
(wie Fälschung, Beschwindlung und dergleichen) unter
den Begriff des Verbrechens würde dahin führen, daß
die deutsche Nation verlumpt.

Rekrutirungsgeschäfte. Tabellenarbeit sehr langweilig. Bei der Musterung und Messung anwesend.
Mich doch erfrischt; der Schlag geht an; Rasse noch
ziemlich. Einige stattliche Bursche, groß und breit.
Wenn ich das erleben dürfte, daß die Lümmel auf
den Reichsfeind, auf die Franzosen klopfen dürften!
Und mit ganz Deutschland! — Armer Traum! Gegenwärtig große Verhandlung im Bundestag um gleiches
Kaliber für die Muskete. Unser Zwergstaat gibt nicht
nach; ist ja Selbstherr, natürlich! Und Kopfbedeckung!
Jeder will einen anderen Kübel. Könnt' ich ihnen
drauf hauen, daß die Reife und Dauben flögen!

Wenn nur meine Gesundheit hält! Ich bin doch
eigentlich nicht „veiclich getân“, wie Hagen von Chriemhildens Knaben Ortlieb sagt. Was will der Doktor
immer? Ich laß mir nicht Angst machen. Spricht
wieder und dringender von einem Urlaub! Soll ich
jetzt, jetzt schon von der Arbeit weg?

Halt! ich folg' ihm. Ein Stück helleres Leben
im Weiten, Freien, Großen kann gut thun. Kann
mich konserviren, erfrischen für die Zeit, die da kommt.

Norwegen. Christiania. Schlimmes kann
doch auch Gutes tragen, zum Beispiel Sorge vor
Emphysem ein freies Jahr. Möchte schon lang Italien
sehen, aber auch Norwegen. Gut, gut, Herr Doktor,
Sie wollen mich nach Italien, aber da ist Juli und
August zu heiß, dagegen in Norwegen die Zeit der
hellen Nächte, also zuerst Norden, dann Süden!
Durchgesetzt und — einmal ein Glück — ein Stellvertreter geschickt zur Hand, Urlaub herausgeschlagen,
fort, fort!

Wie freier schon die Brust, seit ich das Meer
wieder gesehen! Eigentlich zum ersten Mal; denn damals auf Sylt und Föhr habe ich es noch nicht so recht
verstanden, brachte noch nicht Ernst genug. Zuerst groß,
unendlich in Stille. Dann mäßig bewegt, also Alles
sehen dürfen: die Großheit der Horizontale, Helldunkel,
Farbe, Durchsichtigkeit, Spiel der Reflexe und der
herrlichen, schwanenhalsigen Bogenlinien! Die Seele
jauchzte mir. O, da gibt es viel Gott!

Jetzt bald in die Berge! Hinein zu den Asen,
den alten Göttern! Brause mir entgegen, Odin,
Lebensathem! Zerschmettre, Thor, mit dem Donnerhammer meine bösen Geister! Baldur, du Guter, du
Schöner, laß meine Seele nicht zu stolz und wild
werden, wenn sie unter den alten Riesen wandelt,
und führe mir Bragi herbei, seine Gattin Idun an
der Hand mit den Alles verjüngenden Wunderäpfeln!
Du aber meide mich, wie ich dich meide, liebreizende
Freyja! Behüte mich vor ihr, Heimdall! Warne mich
mit dem Gjallarhorn, wenn sie mir naht!

Was erlebt!

Von Christiania nach Kongsberg, dann westlich
hinein, die Bekanntschaft der Schneegebirge machen,
Melfjeld, Liefjeld, Bleefjeld, Riesenhaupt Gousta; den
Tindsee, dann den Rjukanfoß sehen! — Pferd genommen
vom Hofe Vig, guter Rappe; trägt mich lustig an's
Ziel. Ein Kahn mit drei Personen am Ufer des Tindsees, im Begriff abzustoßen; man bemerkt, daß ich mich
nach Fahrgelegenheit umsehe, und läd't mich ein. Ich
lehne nicht ab. Führer nimmt das Pferd zurück. Ein
älterer Herr, ein junger Mann, eine Dame. Stelle
mich vor, wer ich sei, der Herr sich und die Andern.
Gebe kaum Achtung, höre nur, daß der Aeltere Dyring
heißt und daß sie in Bergen zu Hause sind. Denn
welch' ein Weib! Haare, wie ich sie nie gesehen. Nein
metallischer, hochgelber Goldglanz, sonderbar, herrlich
und unheimlich. Fallen geringelt an der Stirn, den
Schläfen herab, darüber rothes Tuch um den Kopf;
hat auf dem Bergausflug dieß Stück Volkstracht angelegt; Kopftuch sonst blau, würde ihr besser stehen;
scheint für Roth gestimmt. Reines Profil, markiges
Kinn, Unterlippe um's Merken voller, als Oberlippe.
Auge zeigt sich noch wenig, läßt einen raschen Blick
aus weiter, freier Wölbung über mich hinschießen,
senkt dann die Lider wie vorher und sie schaut still
vor sich hin; Gestalt groß, zwar noch verborgen unter
faltenreichem Ueberwurf.

Vorderer Arm des Sees in furchtbarer Felsschlucht;
die Gipfel scheinen sich oben zusammenzuneigen. Dunkel,
unterweltlich, dann eine so schmale Spalte, daß eben
nur Raum für die Ruder bleibt, dann in's Offene,
Breite, rechts leuchten die fernen Schneekuppen des
Bleefjelds herein, links stürzt der Gigantenleib des
Gousta herab. Alles Ufer steile, nackte Felswand.
„Rudre du, Goldrun,“ sagt Herr Dyring, „zeig' jetzt,
was du kannst.“ Sie legt den Ueberwurf ab, einer
der Schiffer gibt ihr sein Ruder. Welche Gestalt entwickelt sich, welche Kraft und Gewandtheit in der
Bewegung und wie mächtig schön treten diese großen
Formen, tritt diese energische Schwellung der Hüfte
heraus, wenn sie, das eine Bein kräftig vorgesetzt, das
Ruder zuckt, eintaucht und drehend nachdrückt! —
Wolken, Wind. Schaumbüsche fahren auf an den
unnahbaren, unerbittlichen Schroffen der Ufer. „Und
nicht wahr, jetzt singen Sie uns etwas?“ sagt Arnhelm, der junge Mann. Sie schaut zurück, sieht mit
leuchtendem Blick bejahend den Jüngling an, ein zweiter
fliegt wieder nach mir hin, dann beginnt sie, während
der Wind in ihren Goldlocken wühlt, daß sie bald
langgezogen in der Luft spielen, bald wellig mit aufschimmernden Lichtern das stolzgehobene Haupt umwogen. Stimme gegen Alt hin, düstre Melodie:

„Herr Olaf reitet im weichen Sand,
Im Wellenschaum am Meeresstrand.
Merk' auf, Herr Olaf!
Die Woge spritzet, die Woge rauscht.
Was klinget dazwischen? Herr Olaf lauscht.
Merk' auf, Herr Olaf!
‚Komm', Olaf, zu mir, komm', steige vom Roß!
Komm' zu mir herab in mein grünes Schloß!'
Merk' auf, Herr Olaf!
Es singet so süß, es locket so laut.
Er vergißt zu Hause die treue Braut.
Merk' auf, Herr Olaf!
Er spornt seinen Rappen in's Meer hinein.
Die Sonne geht unter in rothem Schein.
Merk' auf, Herr Olaf!“

Sie ruhte einen Augenblick. Die letzten Töne
hallten lang nach an den Felswänden. Weithin hörte
man das Rauschen der schäumenden Brandungen. Mitten
aus ihnen schien mir jetzt die verhallende Menschenstimme entgegenzukommen, ein Geisterlaut. Mir schwindelte in tiefster Seele. Sie schaute zurück und ihr
Auge, erglänzend im Wiederschein ungewissen Lichtschimmers, der durch die Wolken brach, ruhte zuerst
auf dem einen, dann dem andern der zwei Begleiter — mit einem Ausdruck — o, träfe auch mich
ein solcher Blick! Aber mich übergieng sie, ruderte
wieder einige Schritte und fuhr dann fort im Gesange:

„Und heller und heller das Meerweib singt
Und süßer und süßer die Stimme klingt.
Merk' auf, Herr Olaf!
‚Laß fahren die Welt, laß fahren den Schwarm,
Laß dich küssen und wiegen in meinem Arm!'
Merk' auf, Herr Olaf!
Was sieht er im Strudel? Ein Augenpaar,
Eine schneeweiße Brust, blond Lockenhaar.
Merk' auf, Herr Olaf!
Und er spornt seinen Rappen, der wirft ihn ab
Und er sinkt hinunter in's feuchte Grab.
Merk' auf, Herr Olaf!“

In diesem Augenblick fuhr ein Fisch von seltener
Größe, wohl acht Schuh lang, aus dem Wasser hervor, glotzte sie einen Moment lang an und tauchte
wieder unter, sie schlug ihm mit dem Ruder nach und
rief: „Das ist ein Wels! Hat dich die Gewitterschwüle
heraufgelockt, alter Seeräuber?“

„Auch ein Verehrer,“ sagte Dyring.

Die paar Wörtchen wollten mir unheimlich vorkommen. Ich hatte keine Zeit, zu grübeln.

Sie sang zu Ende:

„Schön Ranild schaut zum Fenster heraus,
Ein nasser Rappe steht vor dem Haus.
Merk' auf, Herr Olaf!
O Rappe, o Rappe, dein Sattel ist leer,
Sag' an, was bringst du für traurige Mär'?
Merk' auf, Herr Olaf!
‚Dein Liebster ist hin, daß Gott sich erbarm',
Ihn wieget die Nixe im schneeweißen Arm!'
Merk' auf, Herr Olaf!
‚Bei den Fischen wohnt er im tiefen Meer,
Die Sonne siehet er nimmermehr.'
Merk' auf, Herr Olaf!“

Wer könnte die Töne dieses Gesangs beschreiben!
Schweres Dunkel, sich verdichtend, anschwellend, war
ihre Grundstimmung. Bei den Lockworten der Nixe
giengen sie in eine schmelzende Süßigkeit über, wurden heißer und heißer, man meinte den wollüstigen
Jubel zu hören, der nach den gezogenen Klagelauten
aus den Wirbeln der Nachtigallstimme auflodert. Sie
sanken in ein tiefes Weh gegen das Ende, aber wirklich am Ende, beim letzten Verse stieg wie ein Geist
aus den gesungenen Thränen des Mitleids ein Etwas
hervor und mischte sich unsagbar mit ihnen, — ein
Etwas — Triumph und Schadenfreude wären ein
plumper Ausdruck; auch wenn ich es umschreiben
wollte „dahin kann ein Weib einen Mann bringen“,
es wäre nackt und roh übersetzt, o, es war unheimlich
und doch unwiderstehlich! — Die letzten Töne verklangen im Echo der Felsen und jetzt sah sie wieder
zurück, dießmal auf mich. Wer kann sagen, was über
ihr Angesicht zuckte! Ein Schatten von Ernst, dann
wieder Lust, Reiz, Wonne, Muthwille, Witzgeist, Spott,
Uebermuth, helles Siegesfrohlocken, das beim Himmel
noch etwas Anderes besagte, als: „so kann ich singen!“
Aber wer hätte das triplex aes circa pectus bewahrt! Ja, so konnte sie singen — und? —

„Jetzt aber rasch an's Land!“ rief Dyring, „es
wird bedenklich; und sitze jetzt zu uns!“ Sie gab das
Ruder ab, die zwei Bootsmänner strebten mit Macht
vorwärts, hinaus aus dem Felsengefängniß, Sanden
zu. Goldrun setzt sich aber nicht, sie schaukelt den
ohnedieß taumelnden Kahn, trunken von Lust schnalzt
sie mit den Fingern, als schlüge sie Castagnetten, und
jauchzt in den brausenden Wind hinaus: Evoë! Evoë!
Ἰάϰχε, Ἰάϰχε! Wie blitzen ihre großen Augen! Noch
muthwilliger als vorhin, halbwild trifft mich ihr
Strahl! — Angst wegen des Sturms kann sie mir
nicht ansehen. Darum kann sie mich nicht auslachen.

Ein entzückend Weib.

Aber warum fuhr mitten im Entzücken ein paarmal der Gedanke in mir auf: stoße sie hinab zu den
schnappenden Fischen, zum phosphoraugigen Wels, da
gehört sie hin!?

Westfjorddalen. Herrliches grünes Thal, Kornfelder, sammetne Matten, Saft und Pracht der Bäume,
ein Tempe, von Bergen umschlossen, und majestätisch
im Silberglanz ragend die Pyramide des Gousta, sechstausend Fuß hoch. Wir wandeln durch's Grüne, an
Hütten, Höfen vorüber. Still, ganz still. Nur der
dumpfe Donner des Hongafosses von dort herüber.
Goldrun ist wie umgewendet. Sanft. Vater und
Mutter früh verloren. Nachdenklich. Dann wieder
heiter. Scherz; versteht selbst meine Lust am schlechten
Witz. Thut mit. Dann wieder ernste Gedanken über
Mensch, Leben, Religion. Sie ist doch gut. Nun an
einem klaren Bach hin, Erlen. „Der Ilissus mit seinen
Platanen ist's nicht, doch anmuthig Denken schwebt
auch hier“, sagt sie. Diese drei Menschen leben in
Plato's Ideenwelt. Dyring ihr Lehrer, Freund des
früh der Mutter nachgestorbenen Vaters. Er hat sie
in die Griechen eingeführt und jetzt athmen sie in der
Bergluft des attischen Philosophen. Arnhelm, Schriftsteller, Dichter, nimmt eifrig Theil an den Lehr- und Gesprächstunden. — Phädrus. Seele am überhimmlischen Ort die Urbilder schauend, das Gute,
Wahre, und leuchtender das Schöne. Herabgesunken
in's Irdische, und nun, wenn sie ein schön Menschenbild sieht: Erinnerung, Staunen, Entzücken, Begeisterung, heiliger Wahnsinn. Wie hat sie's verstanden!
Wahre Liebe erziehende Seelenliebe. Dabei lange
Blicke gewechselt zwischen ihr und Dyring, wie väterlich die seinen, wie dankbar die ihren! Und Arnhelm,
welche reine Glut, womit seine Augen bitten, der
Dritte im Bunde zu sein!

Diese Liebe, die erziehende, die seelenbildende, ist
entsinnlichend, zähmt das dunkle Roß Begierde. Goldrun sagt es ohne Schüchternheit, philosophisch objektiv. Wir giengen um eine Biegung des Wegs, die
Zwei auf Augenblicke zurücklassend. Dieser Gesundheit
des Geistes kann ich nicht widerstehen, fasse ihre Hand.
Ein warmer, langer Druck der ihrigen sagt mir, wie
sie mein Verständniß versteht. „Phile Phaidre,“ sagt
sie lächelnd dazu. „Diotima!“ rufe ich.

Rjukan-Foß, wilde Herrlichkeit des Rauch-Falls. —
Sie hat's gewagt, mit mir den schwindelnden Fußsteg
Maristien hinauf über die fürchterlichen Felswände.
Die Anderen nicht, sind unten geblieben. Sie ist von
echtem altem Gothenblut! Ja, so müssen die altdeutschen Heldenweiber gewesen sein. — Hoch oben. Der
ganze Fluß Maanelv wüthet neben uns herab, tief
unten hinein in schwarzen, zackig umstarrten Höllenschlund, wo er verborgen weiter siedet, donnert, dumpf
hinbrüllt. Wie sie wirbeln, hochauffahrend schwellen,
dem Rauch einer Feuersbrunst gleich, die Dampfwolken
des Wasserstaubs! Schwindellos steht das stolze Weib
und schaut und ihr Auge leuchtet. Und ich schaue sie
an, fasse und küsse sie. Und wie hat sie's erwidert!
Küsse aus der Wurzel gezogen!

Drunten über dem rauchenden Schlund ein dreifacher Regenbogen, glühend, wie ich das Schauspiel
nie gesehen. Verkündigst du Frieden? Du brennst auf
Dampfsäulen aus Schauertiefen, zitterst an schwarzen
Felswänden, schillerst über Todesgrauen — — strahle,
Traumbild, streue Schimmerfarben, male Seligkeit über
den Abgrund!

Schieße noch höher empor, Gousta, und schau' her
unter dem Schneehelm auf mein Glück!

Hinab mit ihr in den Abgrund! — es schoß mir
mitten in der Wonne wie ein Blitz, wie ein langer,
dünner Dolch durch die Seele.

Im Herabklettern gleite ich aus. Sie hält mich.
Nur ein Haar fehlte, und ich zerstäubte, war dahin,
lag als Schutt, als Nichts im finsteren Schachte. Aber
sie lacht. Spottet, bei den Zweien angekommen, über
meine Bleichheit. Bleibt spöttisch den ganzen Tag.
Bleich? War ich bleich vor Todesangst? Warum
blieb ich bleich? Hab' ich je den Tod gefürchtet?

Den Kuß und dann die Kralle,
So sind sie alle.

Pfui!

Fort? — Sie ist wieder gut, strahlt wieder.

Kann die Thiere nicht leiden, mag die Hunde
nicht. Auch kein guter Zug.

Doch wer widersteht! Es geht nach Hardanger.
Und soll ich die Gelegenheit nicht benützen? Welt der
Prachtwasserfälle, Welt der Gletscher und Gletscherketten soll ich sehen, Hardanger-Jökul, Treßfonn, Folgefonn, weiße Riesenhäupter, ragend, schauend über die
Buchten, die grünen Thäler.

Im Gebirge redet leis, flüsternd und laut im
Donnerton die Natur mit sich selbst. Alles spricht.
Selbst innen in den Felsen tönt es von geheimen
Stimmen der eingeschlossen fallenden, steigenden Wasser.
Wie löst sich aber die Zunge im Wasserfall! Vöringsfoß, mächtig. Hochher über alle Berge ragen von
Norden die blauweißen Eismassen des Hardanger-Jökul.
Wir stehen, schauen, hören. „Das sind Jötunstimmen,“
sagt sie, „Stimmen der alten Riesen, die noch erzählen vom Kampfe mit Thor.“ Sie kennt den alten
Götterglauben, die Heldensagen. Ich habe ihr auch
vom keltischen Glauben erzählt und gesagt, er weise
doch eigentlich auf mehr Geist; eine Sage, wie die
von Gwyon-Taliesin, habe die germanische Religion
nicht, man erfahre kaum von Gründung der Civilisation, der Humanität. „Ja,“ sagt sie, „und doch nein.
Keine alte Religion hat eine Götterdämmerung. Verglühen alles Endlichen, selbst dessen, was ewig schien,
ist doch weit, weit mehr als Taliesin; wissen Sie
aus der Edda vom Wettgespräch zwischen Odin und
dem weisheitsberühmten Riesen Vasthrudnir?“

„Nein.“

„Der weiß auf alle Fragen Odin's Bescheid, auf
eine nicht; Odin fragt ihn: ‚weißt du, was ich meinem
Sohne Baldur in's Ohr gesagt habe, ehe er auf den
Scheiterhaufen gelegt wurde?‘ Das weiß der Riese
nicht — Wird ein Wort gewesen sein vom neuen
Leben nach der Götterdämmerung, Wiedergeburt der
Welt, Aufgang der Geistwelt.“

Ich schwieg und dachte: wie konnte ich sie verkennen! Dann sagte ich: „Ja, da liegt Tiefe; im
Uebrigen ist Alles wilder, mannhafter, bergiger als im
Keltischen; Streitbarkeit ist Grundzug, Heldenkampf,
es ist eine Reckenreligion. Doch ist auch ein Geistgott
da, ein Apollo: Bragi, der Skaldengott. Und ein
Zug von weicher, holder Güte, so recht ein grundguter Zug: Baldur, den alle Götter lieben, durch
ihn ist dem Frühling inniges Gemüth geliehen.“

Sie wandte sich heiter zu mir und sagte: „Liebreiz ist ja doch auch, — Freyja, Freyja, die Freundin der Liebenden, die gern ein schönes Liebeslied
anhört.“

Ich sagte: „Ein Lied versuch' ich wohl auch noch
um einen recht guten Kuß.“ Schimmernd erglänzte
die Reihe feiner Goldketten an ihrem Hals, wie sie
sich umwandte. Freyja's goldenes Halsband fiel mir
ein. Sie biegt sich zu mir her, das hohe, stolzfreie
Weib, leuchtend, athmend, ich strecke die Arme aus.
Da zuckt mir etwas durch die Seele, was mich bannt,
ich weiß nicht, welches innere Stocken. Es muß ausgesehen haben wie Schüchternheit, Blödheit. Ich überwinde es, will in ihre Arme stürzen, strauchle über
eine Wurzel und taumle wie ein Tölpel. Sie lacht
laut auf, gellend, und geht vorwärts.

„Und Katzen ziehen Freyja's Wagen,“ rufe ich erzürnt ihr nach. Sie schaut nicht um, man sieht ihrem
Schritt, dem Schwenken der Hüfte an, daß mein Wort
ihr einen Stich gegeben. — Aber wie herrlich schreitet
das Weib! Die kann gehen, was ja doch Tausende
nicht können. Ihr Gang ist hoher Wohllaut. Verloren schau' ich ihr nach.

Natürlich kein Zweifel, daß unser Planet einmal
in Stücke fährt und in die Sonne fliegt oder so etwas.
Und unser Sonnensystem geht eben auch einmal in
Trümmer. Dem Weltall sehr gleichgültig, denn es
entstehen immer neue. Götterdämmerung ist immer.
Der Geist steht aus der Verglühung des Zeitlichen
nie auf oder immer. Es gibt jetzt Wesen, die es
erringen, jetzt über der Zeit zu leben, oder es gibt
keine. Gibt es jetzt solche, jetzt ist immer, es werden
immer solche Jetzt sein, wo zeitliche, empfindende,
denkende Wesen sich erheben in das, was nie und
immer, nirgends und überall ist. Ist es so, so ist es
um keinen Untergang schade. Fragt man: was wird
aus dem ganzen Schatze von Erfahrung, Wissen, Bildung, den das Geschlecht auf unserem Planeten mit
unnennbaren Mühen, in furchtbaren, ungezählte Jahrtausende langen Kämpfen gesammelt hat? Geht er
mit dem Planeten verloren oder ist ein Weg denkbar,
daß er erhalten, anderswo aufgefaßt, dort weiter entwickelt ein Glied bildete in einer unendlichen Kette
geistiger Erwerbungen aller denkbaren menschenähnlichen
Wesen auf allen bewohnbaren Weltkörpern? Die Antwort ist leicht: verloren geht er, undenkbar ist solch'
ein Band, solch' ein Weg. Das scheint trostlos. Ist's
aber gar nicht. Alle ansteigende Bildungsarbeit aller
Geschlechter erreicht ja nie das Ziel. Gibt es kein
Vollglück auf jedem Punkte mitten in der ewig ansteigenden Bahn, so gibt es überhaupt keines. Jeder
Augenblick der Freude, der wahren Freude, also vor
Allem der Freude im reinen Schauen, Forschen und
im reinen Wirken ist aber doch Sein im Ewigen an
sich, greift also aus der Kette heraus, unabhängig von
ihren Bedingungen, Eins mit sich, frei. Jene Schätze
haben ihren Werth in sich selbst gehabt. Was Werth in
sich hat, das beglückt, beseligt. Jeder Mensch, der sich in
die Welt des in sich Werthvollen erhebt, ist in jeder
Minute, in der es geschieht, mitten in der Zeit ewig.
Wie viele Menschen, wie lange Zeit Menschen so des
Ewigen theilhaftig werden, verändert daran gar nichts.
Sind auf andern Weltkörpern menschenähnliche Wesen,
sie mögen sorgen, daß sie ebenso in's Unzeitliche sich
erheben.

So ist es ja auch mit der Frage nach der Unsterblichkeit des Einzelnen. Du möchtest der Zeit nach
ewig leben, mein lieber Piepmeyer? Aber wenn du
auf immer neuen Planeten ewig ein neues Zeitleben
lebst, so kommt es in jedem derselben immer nur darauf an, ob du vermagst, in's Zeitlose emporzusteigen.
Von der endlosen Zeit, mein Lieber, hast du gar
nichts, nicht den geringsten Spaß, sie gähnt dich nur
an, ihr gehören ist nicht besser, als ewige Höllenstrafe.

Wir sind nur Bilder; wirklich, buchstäblich nur
Bilder. Wir werden ja in jedem Moment erst gewoben, gemalt und auch wieder aufgetrennt, ausgewischt. Was jeden Augenblick erst wird, ist doch kein
wahrhaft Seiendes. Wir stehen ja nicht fest, wir
schweben ja nur wie ein Traumbild. Wir scheinen
so solid wie Bein und Eisen, und sind doch so porös,
nur wandelnde Auflösung und Wiederknüpfung.

Wie hoch die Welt sich bäumet,
Wie laut auf breiter Spur
Das Leben schäumet,
Und alle träumet
Der Weltgeist nur.

Das braucht aber Niemand bange zu machen.
Sorge du nur dafür, daß du Bild wirst in einem
zweiten und besseren Sinn. Laß dich nicht bloß von
der Natur hingepinselt, hingestickt sein! Sorge dafür,
daß du Bild wirst, aufbewahrt im Geiste der Menschen.
Sein ist Schein. Das wahre Sein verdient man sich
durch nicht mehr Sein, — wer nemlich gut vorgearbeitet hat. Das kann auch der Geringste machen,
daß ein gutes Bild von ihm in den Seinigen fortlebt.
Der große Mann freilich hat als die Seinigen ein
ganzes Volk, ganze Völker. Aber man braucht kein
großer Mann zu sein; das kleinste Scherflein zum
Kapital der Menschheit wuchert fort und fort. Das
Brod, das ich heut esse, das Kleid, das mich wärmt,
die Gerechtigkeit, die mich schützt im Verein mit Vielen:
vor tausend und tausend Jahren haben schon gute
Menschen daran gearbeitet. Kannst du's so machen,
daß du auch deinen Namen in's Gedenkbuch der
Menschheit einschreibst: gut, aber nicht nothwendig;
mag dein Gedächtniß nach wenigen oder mehreren
oder vielen Generationen erlöschen, geht der Planet
auch unter und mit ihm das Gedächtniß der Größten,
die unsterblich hießen: Werth und Zeit sind ja zweierlei;
in dem Wissen, es werth zu sein, daß man deiner gedenke, bist du ewig, bist wahres, unvergängliches Bild.

Goldrun, du bist eben auch nur ein Bild und
darum noch lange kein zweites, kein wahres. Du
scheinst es in Manchem, jetzt in mir, doch das ist nur
Schimmer. Du schwebst nur. Dein Gerippe wird
einst im Grab faulen, wie jedes andere auch, und in
wem lebst du dann noch?

Ach, was hilft mir alle Philosophie gegen das
Traumbild! Mir schwindelt, wenn ich es schweben
sehe, mein Gehirn wirbelt.

Weiter, weiter! Berg und Thal, Fjord herüber
und hinüber, Buchten, Ströme, Fels, Gebirge, Wasserstürze; gestern unausstehlich launisch, heute wieder
sprühend von Lust, Witz, Reiz. Taghelle Nächte,
Mitternachtsonne, Geisterglut, banges, fremdes Entzücken.

Gestern! O! —Gelandet in Vikör, Noreimssund.
Bauernhochzeit auf Sandven. Tanz. Goldrun verschwindet und erscheint wieder in der Festtracht der
Braut, rother Rock, schwarzes Mieder, reiche Ketten
um Hals und Brust, „Lilienhaube“: Goldkrone voll
schwanker Spitzen, spielender Flitter. Tanzt mit dem
Bräutigam, mit zwei andern hübschen Burschen, mit
Arnhelm, dann allein. Wer kann da vernünftig
bleiben! So hat Herodias des Täufers Kopf weggetanzt. Gehaltene Grazie, dann rascher und rascher,
heißer und heißer, endlich Bacchantin, heilige Wuth
im stolzen Leib, ihre Locken sausen um's hochgetragene
Haupt; so mögen sie in Rom, in Neapel die Tarantella rasen. — Will mich aufziehen, ich danke, will mich
nicht lächerlich machen, will schauen.

Sie endet. Ich trete Kühlung suchend unter die
Thüre. Die Welt brennt im Nachtsonnenlicht, in
Hochglut feurigen Goldes. Ein heißer, rascher Athem
an meinem Ohr und die Flüsterworte: Ovsthusfoß
— in einer Stunde.

Wir hatten am Nachmittage den Wasserfall gesehen. Der Fluß springt im Bogen vom Felskamm,
man steht unter dem Fall unbenetzt, sieht durch seinen
breiten Silberschleier die Welt. Jetzt, in dieser
Stunde, Alles in mystischem Goldglanz, Wasser und
Welt! O, hier! In solcher Grotte! Geborgen! „Die
Welt wird nie das Glück erlauben, als Beute wird
es nur gehascht; entwenden mußt du's oder rauben,
eh' dich die Mißgunst überrascht. — Leis auf den
Zehen kommt's geschlichen — die Stille liebt es und
die Nacht — O, wölbe dich in breitem Bogen, verschwiegner Strom, um uns herum und drohend mit
empörten Wogen vertheidige dieß Heiligthum!“ —

Unerträglich! — Verhext —

Fort, verbirg dich, vergehe! verwehe!

Ein Teufel! ein Teufel! Nur ein Teufel kann
mir das — böse Geister sind — müssen sein —

Und der Hohn seither!

Doch wieder nachgelaufen — Tropf, der ich bin!
Jetzt muß ich laufen wie ein Geist, wie eine arme
Seel, die keine Ruh' hat im Grab und verdammt ist,
umzugehen und zu suchen vergrabenen Schatz, verscherztes Gut. — Natur sperrt sich gegen so viel
gleichzeitigen Vorgang im Gehirn — Denken und
geheimes Hassen —, und aber wiederum doch —

Bergen. Alter Königssitz; jetzt still trotz Handelsverkehr. Eingemiethet in einer „Stube“ der alten Hansekaufleute. Getäfelt, behaglich. Deutsche Erinnerungen.
Tüchtige alte Stadt; bürgerlich, angenehm philisteriös;
Almendingsplätze, zum Theil anziehend langweilig
mit Gras bewachsen. Festung darüber, hoch auf den
mastenreichen Hafen herabschauend. Will arbeiten,
einmal wieder etwas lesen, nur selten hingehen. Es
regnet viel, mir jetzt recht. Goldrun auf der Herreise
lang still, dann voll Spott, höhnte auf Registraturen,
Amtsstuben, Sitzen, Verdorren. — Jetzt still und zahm.

Man hat die griechischen Studien wieder aufgenommen; Phädon, dann soll es an den Oedipus König.
Ich muß doch theilnehmen; man lädt mich sehr ein.

Stille Tage. Gesammelte Abende. Dieser Dyring
ist doch dem wilden Wesen ein Halt. Wie sanft ist
sie, wenn sie an seinen Blicken hängt, auf seine Worte
lauscht! Seine hohe Stirn, sein tiefes Auge breitet
Meeresstille aus. Arnhelm in einer wahren Andacht,
oft wie verzückt. Das Griechische fließt wie Honig
des Hymettus von ihren Lippen; wie ertönt da das
klangvolle oϛ der Endungen!

Merkwürdig, wie der Tod Leben entzünden kann!
Ueber dem Phädon, dem sterbenden Sokrates gibt's
viel zu denken an ihn. Der Tod ist pures Nichts,
sage ich, der Tod ist, wobei man überhaupt nichts
denken kann. Entweder ich lebe, dann bin ich nicht
todt, oder ich bin todt und dann lebt Keiner, der es
bedauerte, daß er todt ist. Man hat Angst davor,
sich einmal todt vorzufinden, aber der Todte sucht und
sieht sich ja nicht. Daher ist es purer Unsinn, an den
Tod zu denken. Wenn nur die Phantasie nicht wäre,
die uns zwingen will, uns vorzustellen als im Tode
lebend und uns todt wissend! Eine Wittwe hat mir
erzählt, sie habe den plötzlichen Tod des Vaters dem
kleinen Töchterchen einen Tag lang verheimlicht, dann
aber das nicht länger gekonnt. Das Kind schweigt
eine Weile und sagt dann: aber da wird der Vater
traurig sein, daß er todt ist! — Genau wie die alten
Völker: Schattenleben im Scheol, im Hades; — todt
und im Tod so viel lebend, um zu wissen, wie unangenehm der Tod sei. — Was ist nun das Uebel?
Es braucht Denken, viel Denken, diese Phantasie fern
zu halten, als stäcken wir lebend im Tod, und zu
begreifen, daß man an den Tod schlechthin nicht denken
soll. So kommt es, daß man vor lauter Denken,
warum man an den Tod nicht denken soll, zu viel
an den Tod denkt.

Das hat nun Goldrun begriffen und mir die
Hand gedrückt und mich hat es hoch gefreut, daß sie
es begriff. Denn Jugend will ja sonst nichts vom
Tode wissen. Vom Alter ja auch nichts. Ich erinnre
mich, wie wir als junge Kerle von ungefähr fünfundzwanzig Jahren einen Kameraden auslachten, der
dreißig geworden. Dummheit, denkt man, so etwas
passirt mir nicht! Man will natürlich fortleben, aber
daß man dabei älter wird, das schiebt man einfach
aus dem Kopfe weg. Und sterben? Seien wir nur
redlich gegen uns: wir sind in Wahrheit Aristokraten
des Lebens und sehen spöttisch mitleidig auf den, dem
das Sterben passirt, eben doch herab wie auf eine
Art von Lump.

Nun hat mich also der Handdruck gar sehr gefreut
und ich habe wieder gedrückt und wir haben uns geküßt und nun ist's wieder im Zug.

Dieser Arnhelm — jetzt gibt er wieder ein Bändchen lyrische heraus. Wird es ihr widmen. Nun ja,
wenn nur ich's nicht lesen muß; — schrecklich! Was
will sie mit dem Süßling? In seinen Blicken nach
Goldrun liegt doch ein Etwas — feucht sentimentaler
Art — so etwas Ansaugendes — hübscher Stutzer,
was man schön nennt, Modejournal-Monatrettiggesicht
mit aufgedrehtem Bärtchen — Wie, eifersüchtig auf
den Wonneflöter? Schäm' dich, Herz!

Wieder verschnupft. Sie meint mich wie armes
Würmlein behandeln zu können. „Ei mit Kandiszucker? — Holderthee? Naß Tuch und wollene Binde
um den Hals?“ Als ob ich ein Mutterkindel wäre!
Spottet auch auf deutsche Verweichlichung, deutsches
Wesen, Volk, doch da bin ich gestern sehr grob geworden. Sonst — es soll Humor sein und man
will doch Spaß verstehen. Muß ich die verfluchten
Hemdkrägen haben und kann nirgends rechte finden.
Die haben ganz den Teufel im Leib, halten nicht
hinten, rutschen über die Kravate heraus, sitzen auf
der bloßen Haut; muß zupfen den ganzen Tag. Sie
sieht Alles mit Sperberblick. Schrecklicher Realismus
des Weibs, Falkenauge der Mädel für Komisches,
für Ungeschicktes im Aeußern.

Das thät' wenig, aber dann wieder bös launisch,
Tage lang; will sichtbar mich doch eifersüchtig machen.
Wie hat sie gestern Dyring's Locken gestreichelt, mit
Arnhelm geäugelt!

Größere gewählte Gesellschaft in ihren Zimmern.
Verehrer, einige Damen. Ihr Wesen vornehm, taktvoll unbefangen, das ganze Benehmen jene gesellige
Kunst, die Natur ist. — Singt alte Balladen, auch
die Olafballade wieder. Dabei Blick nach mir her,
wie damals, Blitz im Auge. Dann Vorlesung aus
Antigone. Dann Odyssee: Gesang von der Nausikaa.
Sie hat nach deutschen Uebersetzungen mit Dyring's
Hülfe gut in's Schwedische übersetzt. Liest abwechselnd
mit ihm vor. Er singend, langweilig, sie mit
ganzem Kothurngefühl, und wie mächtig das Leidenschaftliche in der Tragödie, wie rein und gehalten das
Gefühlte im Epos! — Dann Tanz. Der Arnhelm
nimmt sie doch sehr eng um den Leib. Sie tanzt
auf Verlangen Solo. Pompejanische Tänzerin, —
man meint, wie damals in Hardanger, sie werde jetzt
aufschweben. Ich muß mich abwenden, mir wird
unheimlich. Jetzt heißer und heißer, wieder die sausenden Tarantellakreise. Klatschen, Beifallstumult —
inzwischen — sollte ich mich getäuscht haben? — wie
sie athmend stillsteht, — ein Blick zu Dyring hinüber,
der am Klavier sitzt — von ihm herüber — über
die jungen Leute weg, die ihr die Hände fassen und
tätscheln — nur ein Moment — war das väterlicher
Lehrerblick? War das dankbar töchterlicher Blick der
Schülerin? — Nicht, als wollten sie sich sagen: nippt
ihr immerhin, ihr Fliegen, — wir Zwei — ? —
Nein, fort mit dem Gedanken, fort! Er kommt aus
der Hölle!

Heut' bringt der Arnhelm das Bändchen lyrische.
Bekommt einen Kuß. Kuß doch zu lang für bloß
ornamentalen Kuß! Sie merkt mir etwas an, da geht
der Spott wieder los.

Die Nagelschmiedin.

Was klopfet, was schmiedet das reizende Weib?
Zum Ambos gebeuget den schlanken Leib
Einen zierlichen Hammer sie schwinget;
Dunkle und helle,
Süße und grelle
Lieder zum Takt sie singet.
Das Feuer, es sprühet in blutrothem Schein,
Mitunter wohl spritzet sie Wasser hinein,
Doch schnelle zum Blasebalg wieder
Hebt sie das linke
Füßchen und flinke
Tritt sie ihn auf und nieder.
Wie strahlet, wie blitzet ihr Auge dazu!
Es stähl' einem Engel im Himmel die Ruh'.
Auf der lächelnden Lippen Grunde
Glänzen und gleißen
Schneehell die weißen
Zähnchen ihr aus dem Munde.
Es rollen die Locken ihr über's Gesicht,
Wie blinket und züngelt ihr goldenes Licht!
Das sind ja die funkelnden Schlangen,
Die mit den Ringen,
Die mit den Schlingen
Zauberisch mich gefangen.
Was beugt sich, was lächelt, was strahlet und blitzt,
Was klopfet, was hämmert, was glühet und spitzt
Die Geheimnißvolle, die Arge?
Große und kleine,
Grobe und feine
Nägel zu meinem Sarge.

Will mir mit Arbeit helfen. Einmal doch wieder
Schelling's Abhandlung über die Freiheit vornehmen und
gründlich lesen, vielleicht, wenn ich Gedanken darüber
zusammenbringe, einen Aufsatz schreiben. Richtig bei
einem Antiquar gefunden, da liegt's vor mir: „Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden
Gegenstände“. Landshut 1809. Lang her. Noch unaufgeschnitten; worden wenig Philosophen in Bergen
sein. Goldrun hat's auch nicht erwischt. Die könnte
sich spiegeln; stammt schnurgerad aus dem dunklen
Grund in Gott, den der Philosoph dozirt.

Will nichts werden mit dem Denken und Schreiben.
Wollte schreiben, ehe ich recht gedacht, das mechanische
Thun der Hand dabei sollte mich an der Stange halten,
daß die Gedanken nicht abschweifen. Aber auch dabei
stellen mir die Teufel nach. Alles wie verhext. Will
ich eifrig fortlesen, so wollen zwei Blätter nicht auseinander. Beim Schreiben ist die Nässe der Tinte, und
daß man nicht schon etwas Anderes hat erfinden können,
ein heilloser Umstand. Tags hundertmal ein Fließblatt
einlegen! Darüber vergißt man die besten Gedanken.
Und Sand? Dieß Grüseliche nicht zum Ertragen.
Feder will sich nicht schneiden lassen, und mit Metall
kann ich nicht schreiben. Alles Papier zu glatt; macht
mich nervös, wenn die Feder so rutscht; Spannen in
der Herzgrube. Ich liege in einem Ameisenhaufen.
Tinte auch klebrig. Und verschüttet, zwei wichtige
Seiten im Buch zum Teufel! Drei Blätter zernagt
mir des Hausbesitzers junger Hund, sonst liebenswürdig. Alles fällt. Tisch wackelt. Schreibunterlage
will sich nicht flach legen. Es ist nicht anders, es muß
Teufel geben. Ganze Nester wie Raupennester. Stammen
auch aus dem dunklen Grunde. Hassen den Menschen,
weil er aus der Natur heraus — —

Ja, ja, ich muß eine Mythologie daraus entwickeln,
und dazu eine überzeugende, ja den eigenen Urheber
überzeugende. Doch nicht wie die neuen Pessimisten,
die verlangen, man solle ernst bleiben. Cum grano.
Es soll erlaubt sein, zu lachen, obwohl —

Mythologie? Werde mir bald selbst zum Mythus!
Mich mit dem jungen Schöngeist um das unheimliche
Weib als Trabantenpaar herumbewegen! — Der Fant
ist auch Romantiker. Spricht da neulich mit Phrasenduft von den Uebertritten der Friedr. Schlegel, Zach.
Werner! — Schönfärber. Widerlich! — Dabei ein
gewisses Schillern, ein feuchter Glasglanz im Auge
und das gescheitelte Haar!

Und sie? Und sie? Ein Mensch oder ein Geist?
Solches Metallhaar hat ja doch kein richtiger Mensch.
Ist Schmetterlingsflügelstaub oder Vogelfedernschmelz,
Fischschuppenglanz. Ihre Augen: blau, grau oder
grün? Kann es nicht herausbringen. Es muß eben
doch eine Nixe sein. Aber diese Augen antik, das Weiß
der Bindehaut über den Sternen sichtbar. Das glüht!
Wie die Augen der Juno auf pompejanischem Wandbild.

Truggespenster um mich! — Treibt sich da seit
Wochen eine Figur um mit glattem Elfenbeingesicht
und so einem Strich, einem Pli über die Augen herunter,
als hätte der Mensch als Magnetiseur sein eigen Gesicht
mit der Hand gebügelt; man hält das Ding für einen
Jesuiten. Find' ich in der Dämmerung den Arnhelm
in vertieftem Gespräch mit dem Gespenst, dort in der
Nygaardsallee. Höre im Vorbeigehen die Worte:
„Heilige Symbolik — Mariendienst —“ Sollte das
Bürschchen gar ein Krypto — nun, es wird eben
ästhetische Leckerei sein!

Stachelschweinrauschen! — Sie wird mir immer
unheimlicher. Gehe wieder hin, erzähle ihr die Beobachtung, rede vom Proselytenthum jener widerlichen
Seelen, die sich vom Schimmer des Katholizismus
fangen ließen, Schönheit und Wahrheit verwechselten,
predige ihr vom Ernste protestantischer Bildung, zu
dem sie gehöre und einfach halten solle — ach, wie
man ja immer der Thor ist, bessern zu wollen, wenn
man unwürdig liebt! Sie spricht von Pedanterie —
eine prédilection artistique sei noch nicht blutiger
Ernst, und derlei mehr. Ich sag' ihr, das Wort
habe sie aus einem Brief Wilh. Schlegel's aufgeschnappt, der sei aber auch schon tief genug im Lügenquark gesteckt, nahe genug am Versinken, verlogenes
Pack sei das ganze Gelichter gewesen — Wahrhaftigkeit, rufe ich, Wahrhaftigkeit! mit gehobenem Finger.
Sie wird schnell bös, fährt vom Sessel auf, ruft mit
Furienblick: Prediger! — und dabei in der kurzen
Bewegung ein Rauschen der Kleider, so stark wie bei
sausendem Fluge. — Wenn das Stachelschwein drohen
will, so treibt es den Wald seiner Kiele auf, man
vernimmt dabei ein Rauschen, viel zu stark, als daß
es aus dem Aneinanderschlagen der vielen Hornspieße
erklärt werden könnte, das Thier vermag Luft in die
Röhren dieser Organe zu treiben, um durch den windsbrautähnlichen Ton den Feind zu schrecken. Eine ähnliche Vorrichtung müssen die dämonischen Weiber in
den Poren haben, um bei heftigem Aufzucken Luft in
ihre Gewänder zu pumpen, daß sie geisterhaft rauschen
und sausen. — Sie wird mir physiologisch unheimlich, monströs. Und der Zorn, weil ich an Wahrhaftigkeit mahne! Weiß, warum so beleidigt. Dieß
Weib ist nicht wahr.

Tagelang wieder gemieden. Gestern Nacht am
Haus hin und her gestreift. Sie sang. Das Olaf'slied. Es schmetterte wie Nachtigallenschlag in die
Nacht und dann klang's wieder wie Drohen und
Hohn dunkler Meergeister und wieder wie Mitleid,
o, wie Klage der Okeaniden, die den gefesselten
Prometheus beweinen, — ach, dieß Weib ist doch
entzückend!

Dyring krank. Sie viel mit Arnhelm allein.
Eigentlich nicht hingewollt. Aber es zog mich eben
doch. War mir schwül zu Muthe. Doch eben Sehnsucht! Sehnsucht — Und — gefunden in Arnhelm's
Arm — des Knaben — heiß! heiß! — O, jetzt fort,
fort, hinweg aus der Hölle!

Geschlagen habe ich sie! Aber — o Schmach!
dann — Wie ich sie so gefunden, stürze ich zuerst
schweigend fort, kehre nach kurzem Gang wieder um,
treffe sie jetzt allein, trete vor sie, sag' ihr die Wahrheit;
Metze hab' ich sie genannt. Wie ein schöner gefleckter
Panther springt sie gegen mich auf, stößt etwas heraus
vom Rechte des freien Weibs — ich packe sie an den
Schultern — sie thut einen schüttelnden Ruck mit
solcher Brunhildenkraft, daß ich zur Seite schwankend
den Kopf an einen Schrank schlage („daz ihm sin
Houbet lute an eime Schamel erklank“), jetzt muß ich
mich erwehren, schleudre sie zu Boden und gebe der
Fallenden einen Schlag — sie weint — es reut mich
— ein Weib! — ich werde wieder weich, weil ich sie
weich sehe — hebe sie auf — die Goldlocken umwallen
aufgelöst ihr Haupt und Marmorschultern, ich muß
selbst weinen, — ach, es ist ja so schade um sie! —
bedecke sie mit Küssen, schäme mich vor mir und renne
hinaus und begegne draußen wieder dem Monatrosengesicht mit den Belladonnaaugen, dem Fant, dem gescheitelten Schöngeist-Engelkopf Arnhelm, — ein Lechzen
sichtbar auf seinen Kirschenlippen — und nun aber
endlich aufgepackt und weit, weit fort!

Drontheim. Da wär' ich! Frei! Weit weg!
Wie am Ende der Welt! — Wild auf wilden Wegen
weiter, immer weiter. — Frei? Wenn nur die
Träume nicht wären — auch in's Wachen herein!
Diese beständige Bangigkeit, dieß Weh in der Herzgrube! Ich fürchte keinen Menschen und bin doch so
athemlos zusammengeschnürt — Träume voll Todesangst — ich bin vergeistert, wohne im Reich der
Dämonen.

Hätte mich das Ungethüm zerrissen bei Jostedalsbrä,
mir wäre wohl besser. Die Bärenjagd mitmachen, — ich
hoffte eine Kraftkur für die arme Seele. Im ewigen
Schnee, am Eis der Gletscher: Kühlung, Kühlung!
Will es ohne Schuß wagen mit aufgepflanztem Haubajonet. Bär steht, Stoß fehlt. Die Rothjacke hat
mich mit wohlgezieltem Schusse gerettet. Unkraut verdirbt nicht. Aber Tatzenhieb über die Schulter. Gut,
daß der Doktor die Jagd mitmachte, der Schwede Erik
hat mich in den Gard bringen lassen, verbunden. Wundfieber. Wilde Phantasieen: Goldrun, goldglänzende
Bärin, haut mich über die Brust, schleppt mich hinter
den Obsthusfoß, umarmt mich dort als Meerfräulein,
verwandelt sich plötzlich in den Wolf Fenrir. — Am
andern Tage wieder hell, doch schwach. Der Doktor
gar guter, gesund nüchterner junger Mann. Sitzt an
meinem Lager, der Ton seiner Stimme, der Blick seiner
Augen so ehrlich und beruhigend; erzählt: hat sich als
Arzt in Bergen niedergelassen, holt bald seine Braut
von Schottland herüber. Wird nicht müde, sie zu
rühmen, wie reiches Seelenleben und dabei so sanft,
gut, brav; Vater ein Schotte, Mutter aus Perugia;
heißt Cordelia, „und,“ sagt er, „ist auch Cordelia.“
Malt sich rührend sein nahes Glück aus, — wie die
Zimmer einrichten — Alles. Mir tönt das wie ferne
Glocken, wie alte Sage von der in's Meer versunkenen Stadt. Einfaches Menschenglück! — Für
mich nie!

Geheilt weiter gewandert. Ueber wüste Hochebenen,
todeseinsam. Oft hungernd fortgeschleppt, bis ein ärmlicher Säter mich aufnahm. Ein Schneehuhn flattert
auf, ein Fuchs schleicht, keine Menschenseele. An Bergseen schwerträumend. Hinab? Unter? Nein, weiter!
Ich sehe Gestalten im Geist über diese Wüsten schreiten,
kriegerische, abgemagert, zerlumpt, ungebeugt, ein jugendlich Haupt ihr Führer. König Sverrir, der du mit
deinen kühnen Banden einst hier ringend mit Kälte,
Schnee, Hunger umhergeirrt, Kriegern in Birkenrinde
gekleidet, oft der Verzweiflung nahe, sich fragend, ob
sie sich nicht lieber hoch von den Klippen stürzen oder
gegenseitig tödten sollten, — hast ausgehalten mit deiner
Schaar, ein halb Jahrhundert gekämpft gegen Priesterherrschaft, drunten im Sognefjord in blutiger Seeschlacht gesiegt, — o, so etwas! wer mir das brächte!
— Aber will aushalten! Will mich nicht schämen vor
euch Heldengeistern. Bin Mann.

Hinüber in's Jötunfjeld, von den alten Riesen
gethürmt gegen die Asen, Gipfel an Gipfel, Zacken an
Zacken, ewiges Eis, wüthende Wasserstürze, Hochthal
dazwischen schauerlich schön —, geisterhafte Seen —,
ich schaue empor an den unerbittlichen Krystallen —
fällt mir ein aus der Edda, wie es von Brynhild
heißt:

„Oft geht sie mit Argem
Innen erfüllet,
Eilt ob Eisbergen
Nächtlich dahin —“

Die Wilde in Bergen könnt' ich mir auch so denken.
Muß ich sie überall finden?

Was soll ich aber hier in dem Drontheim da wieder
unter den Menschen? — Einst, welchen Zauber hätte
für meine Phantasie gehabt so uralt, fremd, fern hochnordische Krönungsstadt! — Jetzt, was geht's mich an,
was es hier gegeben hat seit Olaf Trygvessön? Die
Domkirche studiren, ihre alten Königsgräber? Norwegischgothische Zickzackornamente nachzeichnen? Zickzack genug
in mir selbst. — Auf dem Fjord im Sturm gefahren,
hat wohlgethan; doch, wo Wasser, fällt mir der Tindsee
wieder ein, immer, immer —

Ja, wenn's noch Vikinger gäbe! Hinaus auf dem
Wellenroß in Sturm, in blutigen Krieg! Das wäre
für mich!

Warum nicht hinweg? Jetzt auf, fort, hin nach
Italien? Es hält mich mit Geisterknoten; es bannt
mich. Ich mache mir vor, ich müsse Stimmung abwarten, innen austoben lassen, bis Sammlung zu
ruhiger Kontemplation —, als ob man die nicht suchen
müßte durch Weithinwegeilen. Aus den Augen, aus
dem Sinn! Im selben Land ist immer noch in den
Augen. Ist es aber ganz nur Selbstanlügen? Mir
ist immer: es fehlt noch ein Punktum. Ach, immer
noch der unerlöste Geist von damals!

Daß aber doch auch das Denken nichts, gar nichts
helfen will! Besinne mich auf alle Weisheitssprüche
— was ich nur aufgraben kann, aus dem gefrornen
Gedächtniß heraushauen — Sprüche Salomonis, Weisheit der Bramanen, Sakja-Muni’s herrliche Arzneien
gegen die Leidenschaft, Kongfutse’s Weisheit, Sieben
Weise Griechenlands, Plato — ach, über dem fällt
mir der sanfte Gang in Westfjorddalen wieder ein,
unsere Plato-Abende in Bergen, jede Stunde, wo sie
gut war und vernünftig fort, weiter: die Stoiker,
Markus Aurelius, der reine Kühlbrunnen seines єἰς
ἑαυòν —, Goldworte des Neuen Testaments —:
da thaute aus Knabenzeit wieder in mir auf: „Denen,
die den Herrn lieben, müssen alle Dinge zum Besten
dienen,“ — die Augen wurden mir feucht —; mein
Spinoza — Kant — der fiel mir nach langer Zeit
wieder ein, sein ehrliches Schriftchen: „Von der Macht
des Gemüthes, durch den bloßen Vorsatz seiner kranken
Gefühle Meister zu werden“, — u.s.w. u.s.w.
u.s.w. — Und Alles umsonst! Die Leidenschaft ist
eine profunde Sophistin. Was sagt sie? Sie sagt:
Alles ganz wahr und schön, mag auf alle Fälle passen,
nur auf diesen nicht; der ist von absoluter Besonderheit. Das Diese kämpft gegen die Wahrheit und Macht des Allgemeinen, will sich in seiner
zäh gebackenen Dichtigkeit nicht von ihm perforiren
lassen. Ja die Dießheit, das ist etwas gar Dunkles,
Schweres, ein großes Geheimniß.

Und diese Einsicht in den Sophismus der Leidenschaft nützt mir auch nichts, rein nichts, hilft mir
nicht, meine Seele wieder holen, die mir abhanden
gekommen, die nicht mehr mir gehört. Mein Centrum
ist außer mir, heißt Goldrun, wandelt, wo es mag,
mißhandelt mich, entehrt mich. Ich bin nicht mehr Ich.

Dämonisch ist das Weib, dessen Reiz noch fortwirkt, während man sie schon verachtet. — Eine Definition unter anderen, es gibt noch mehrere.

Oft war sie zwischen Herrschsucht, Siegeshohn ganz
unterthänig, mehr als recht.

Der Hochmuth und der Sklavensinn,
Die sind in Einer Schublad' drin.

Den ersten habe ich zu wenig bekämpft, den zweiten
nie benützen mögen. Ach, in der Liebe, meint man
ja, gelte nur Ein Gesetz: unendlich gut sein!

Vertrakte Zufälle führen mich ganz gegen meinen
Sinn und Geschmack an eine Table d'hôte. Rede nach
Gewohnheit, weil ich in der Jugend für meine Zuthulichkeit gar so schwer Lehrgeld gegeben, am Wirthstisch überhaupt nichts, außer wenn Nachbarn mit mir
anfangen. Alles schweigt, nur da und dort kurze gedämpfte Gespräche. Dauert zwei Stunden, hab's Eine
ausgehalten, weil erst nach einer Stunde das Stückchen
Braten kam, das gesunde Nahrung. Dann fort. —
Unendlich rohe und gemeine Sitte, zwei Stunden lang
stumm fressen, den Magen vollstopfen. Kuh an der
Raufe frißt gebildeter.

Wieder hinaus in die Berge. Etwas erfrischt.
Rothmützige, dunkelbraune, schmalaugige Lappen gesehen, Rennthiere weidend. Die haben's gut, still bei
den stillen Thieren mit den sanften Augen. Fressen
auch beide an keiner Table d'hôte.

Es ist gar trocken heiß, wir sind stark im August.
Alles seufzt nach Regen. Alle Abend Wolken, lang
Wetterleuchten und reicht doch nicht, kann doch nichts
werden. So ist's in mir. Es muß noch einen Durchbruch nehmen. —

Endlich! Ein Prachtgewitter. Wie hat mir's
wohlgethan! So mächtig durchschlagen! — Da hat
sich mir unvermuthet die Muse einmal wieder eingestellt.

Es glüht das Land, es lechzet
Die ausgebrannte Au,
Jedwedes Wesen ächzet
Nach einem Tröpfchen Thau.
O Himmel, brich! Entschließe
Dieß Blau aus sprödem Stahl,
Nur Regen, Regen gieße
Herab in's schwüle Thal!
Er hört. Im Westen webet
Und spinnt ein grauer Flor,
Er ballt sich, schwillt und schwebet
Als Wolkenberg empor.
Jetzt mit den Feuerzügeln
Fährt auf der jähe Blitz
Und auf den luft'gen Hügeln
Löst er sein Feldgeschütz.
Heut hat man baß geladen,
Es zuckt wie gestern nicht
In fahlem Schwefelschwaden
Ein stumm verglühend Licht.
Es kracht. In Ketten wandern
Die dumpfen Donner fort,
Von einer Wacht zur andern
Rollt hin das Schlachtenwort.
Was athmet, rauscht und sauset?
Frisch auf! Der Sturmwind naht,
Der Wald erbebt und brauset,
In Wogen geht die Saat.
Schon dampft ein Meer von Würzen
Aus der behauchten Welt
Und satte Wetter stürzen
Auf das geborstne Feld.

Mir auch, mir auch so — Schlag, Sturz, Kühlung !

Gehe spazieren. Fjord prachtvoll. Luft mild.
Selbst Nußbäume. Fluren saftig. Kröne mich mit
Stille, salbe mein heißes Haupt mit Oel des Friedens, alte Krönungsstadt Nidaros!

Will keine Gesellschaft. Am wenigsten die Engländer da, die ich zum dritten Mal in der Speisewirthschaft finde. Verwünschte Sprache. Ein Gott
hat sie im Lachkrampf erfunden und gesagt: eine
Sprache soll sein, die sei zweckmäßig kurz und doch
reich, dadurch fast zur Weltsprache geeignet, aber im
Klang so, als brächte man zum Spaß unanständige
Töne hervor. — Uebrigens kann man die Sprachen
auch so eintheilen: das Englische reine Auster, schleimig mit Seegeruch. Das Italienische Rothwein mit
Orangen. Das Französische Liqueur und Biscuit.
Das Deutsche gutes Roggenbrod mit Rettich und Bier.
Das Holländische ganz Häring.

Doch alles dieß ist auch wieder gleichgültig, denn
jede Sprache hat außerdem noch Nektar im Keller. Da
sind die Dichter die Schenken, ideale Kellner. In der
lächerlichsten aller Kultursprachen hat Shakespeare geschrieben.

Mich einmal wieder über die Menschen empört.
Einige Herren, dabei Vater mit Sohn, am selben Tisch
drüben im Kaffeehaus. Die Unterhaltung geht in
Zoten über, eckelhaft. Man sollte gar nicht mehr
unter die Menschen gehen. — Gewiß enthält das Geschlechtsleben des Menschen reichen Stoff des Komischen. Es wäre abgeschmackt, diese Quelle für Lachen
und Witz verpönen zu wollen. Wo fängt nun aber
das Gemeine, das Wachtstubenmäßige an? Was ist
die Grenzlinie? Habe oft darüber nachgedacht, es ist
schwer finden. Ungefähr so: das Gemeine beginnt,
wo der Stoff nicht mehr durch zufälligen komischen
Kontrast oder durch erzeugten, d. h. durch Witz verflüchtigt wird, sondern wo er als Stoff schon komisch
interessant sein soll. Es muß ein Plus von komischem
Kontrast oder Witz über den puren Stoff da sein. Wie
eckeln mich die Kerle an, die meinen, es sei an sich schon
witzig, wenn man Dieß oder Jenes auf das Geschlechtliche bezieht! Dann das Augenzwinkern, Zunicken:
weißt, wir verstehen, wir kennen das! Dann das
stinkige Bocksgelächter. Diese Schweine in Glacéhandschuhen haben sogar vor dem Vater und Sohn, die neben
einander saßen, Zoten gerissen. Schamlos; es sind Dreckseelen. — Man kann die Menschen nicht keusch machen,
aber die Schamhaftigkeit sollten sie sich erhalten, Mann
wie Weib. Keuschheit verloren ist noch nicht Scham verloren, sonst wäre ja die Ehe etwas Schamloses.
Schamhaftigkeit zum Teufel, so ist die Schwungfeder
zu allem Idealen in der Seele zum Teufel. — Das
Geschlechtsleben ist an sich ehrwürdig, heilig. Der unverdorbene Jüngling verehrt unbewußt in der Jungfrau
das geheimnißvolle Gefäß von Menschenkeimen. Das
Geschlechtliche steht also an sich schlechtweg in keinem
Kontrast zum rein Spirituellen in der Liebe. Der
tiefste Geist kann so Tiefes nicht erfinden, wie das
Wunder der Zeugung. Natürlich jedoch müssen Beleuchtungsmomente eintreten, wo scharfer Kontrastschein
entsteht. Höchsten ethischen Zwecken, Gefühlen gegenüber fällt auf das Sexuelle das Schlaglicht des Thierischen, ja Mechanischen. Man hat über diesen Kontrast gelacht, so lang die Welt steht, auch das reinste
Weib. — Gut, dann lacht! Sucht es aber nicht,
macht nicht Jagd nach solchen Beziehungen, meint
nicht, es sei schon witzig, anzudeuten, daß euch der Geschlechtsprozeß und seine Lust bekannt sei; das ist ja
Koth! Das heißt ja: sich freuen, Thier zu sein, unter
dem Thier, das Thier reißt keine Zoten!

Keuschheit verloren,
Etwas verloren,
In der Ehe etwas gewonnen.
Scham verloren,
Alles verloren,
Die Seele in Schmutz zerronnen.

Ihr Götter, was fange ich an zu fühlen! Himmelsthau: lange Weile! O gegrüßt, das ist Zeichen
der Genesung!

Draußen am Lerfoß gewesen, eine Gesellschaft getroffen aus Christiania, wobei ein Prachtweib, groß,
durchaus stylvoll gebaut. Weg, will nichts davon!
Will kein Rasseweib mehr sehen! Es ist ein Elend,
daß unser Einem kein Weibesgebild gefallen kann,
wo der Teig sitzen geblieben; bei den Rasseweibern ist
er gut gegangen, aber der Teufel hat den Herd
geheizt.

Sammlung wächst, wenn ich nicht ganz irre.
Glaube mich auch gewappnet gegen die heißen und
plastischen Weiber in Italien. Muß nun doch bald
hin, dort Heilung vollenden. Noch eine, zwei Wochen
vorher lateinische Klassiker lesen, wird gut thun. Objektive Sprache; wird kühlen. Dann auf und hin
zum Süden!

Die Träume sind mir doch noch gefährlich. Diese
Nacht vor Einschlafen surrt mir der letzte Vers des
Gewittergedichts im Ohr. Träumt mir, das getränkte
Erdreich öffne sich und ihm entsteige ein nacktes Prachtgebilde. „Dieß ist nicht das Meer,“ sage ich, „du
bist nicht Anadyomene.“ Sie nickt, ich meine das
schöne Weib zu erkennen, das ich draußen am Lerfoß
gesehen. „Laß mich!“ rufe ich. „Komm',“ flüstert sie,
„ich zeige dir Anadyomene.“ Wie magnetisch zieht
sie mich, schwebt mit mir über Gebirge, Meere, der
Himmel wird tiefer blau, Inseln schwimmen, rein gezeichnet, in Azur getaucht; ein Vorgebirge steigt auf,
eine Landzunge in's Meer vorgelagert; „hier ist Knidos,“ spricht die geisterleichte Trägerin, läßt mich vor
einer Tempelhalle nieder, ich trete ein und da steht
sie, die Gewänderablegende, — leuchtend, das Höchste,
was kunstgewordene Natur erschaffen kann. Schauen
will ich, spricht's in mir, und fern bleiben. Da seh'
ich Lebenswärme durch den Marmor rieseln, das Antlitz färbt sich, das Haar wird Gold und ich erkenne
Goldrun. Sie regt sich, winkt. Der Boden wankt.
Ich versinke.

Theurer Phaon!

Hinweggegangen bist du und hergeschritten ist mit
ehernem Fuß der langhinstreckende Tod, im Hades
wandelt der Freund, der Enkel der Hellenen, der Weise,
der Deuter des göttlichen Platon; sterbend hat er dich
genannt und gestammelt: er nun dein Schutz und
Hort. — Geschieden ist der Jüngling, der kurze Blindheit hellem Geist hat angehaucht. — Du zürnest,
zürne nicht länger!

Aber mein Zorn lodert nicht lange Zeit,
Sondern friedlich und sanft ist mein Gemüth.

Also spricht Psappha, die Lesbierinn, also spreche
ich, also sprich auch du, o Freund!

Einsam bin ich, o Guter, wandle seufzend wie
Schatten am Acheron.

Der Mond und die Siebensterne
Sind unter und Mitternacht ist's;
Vorüber ist schon die Stunde,
Ich aber bin ganz alleine. —

Vielfach sind die Bewegungen des Eros, sanft die
einen, gewaltig die anderen, um dich aber, o Freund —:

Eros schüttelt mir wieder so stark das Herz
Wie der Sturm, der im Forste die Eichen bricht.

Ich habe zu seiner göttlichen Mutter gefleht:

Aphrodite, himmlische, thronumprangte
Tochter Zeus, Listsinnende, hör' mein Flehen:
Laß in Gram und schmerzlicher Qual mein Herz
nicht,
Herrscherin, brechen!
Sondern komm,' — —

Und gekommen ist sie, Sperlinge, zierlich flinke,
die eilenden Flügel schwingend, trugen den goldenen
Wagen

Mitten durch den Aether zur dunkeln Erde
Her vom Olympos.

Und Lächeln im unsterblichen Antlitz fragte die
ewig Heitere:

Was für Leid denn wieder mich plage, was denn
Wieder ich rufe,
Was ich meinem schwärmerisch heißen Herzen
Jetzt zumeist ersehne. „Wen soll denn wieder
Peitho deiner Liebe gewinnen, wer denn
Kränket dich, Psappha?“
Sende hin zum zürnenden Freunde Peitho,
Sprach ich, redend sänftige sie das Herz ihm,
Führ' ihn her zu seligen grünen Auen
Lieblichen Strandes. —

Wisse, o Freund, am Sjöstrand dort, am Ufer
des Sognefjords war Baldur's Hag, und Frithiof,
der junge Held, fürchtete nicht des Gottes Zorn und
der gute schöne Gott duldete es, daß er in seinem
Haine Götterstunden lebte mit der süßen Pflegschwester
Ingeborg, König Beli's Kind.

Komm', du Guter, Theurer, komm', Phaon, in die
Arme deiner

Psappha Chrysostoma.

Aus ist's, ich kann nicht widerstehen. Es ist eben
doch ein gutes Weib. Kurze Verirrung des Gefühls
— warum soll man sie schließlich nicht verzeihen?
Wird mit Arnhelm doch nicht zu weit gegangen sein,
und übrigens muß man sie eben überhaupt als Griechin
auffassen. Und ihr Spott war und ist eben Humor.
Solch' ein Weib findest du ja doch nicht wieder! Auf!
Heute noch vorerst Eisenbahn bis Stören, dann weiter
zu Schiff, zu Fuß, zu Pferd, Skyds-Fuhr im rumpelnden Stolkjären, in schaukelnder Carriole, fort, fort
durch Dick und Dünn, fort zu Baldur's Hag! Nach
Haus, ja nach Haus, zu Haus bin ich doch nur, wo
sie ist!

Jetzt schnaube nur, Dampf, und brause!
Jetzt rolle nur, Rad, und sause!
Es geht nach Hause, nach Hause!
Du kannst nicht jagen, o Wagen,
Wie meine Pulse mir schlagen!
Zur Geliebten sollst du mich tragen.
Vorüber, ihr ragenden Stangen!
Verschwindet, ihr Meilen, ihr langen!
Wer ahnt mein Verlangen und Bangen!
Auf den Bänken, wie sie sich dehnen!
Wie sie schwatzen und gaffen und gähnen!
Es ist nichts, wonach sie sich sehnen.
Dort raset der Sturm durch die Tannen,
Zum Dampfe noch möcht' ich ihn spannen,
Daß er rascher mich reiße von dannen!
Hinweg aus dem plappernden Schwarme,
O, hin an die Brust, an die warme,
In die offnen, die liebenden Arme!

Lekanger am Sogne-Fjord. Getroffen. —
Sjöstrand eine Lustaue, als wäre man in Italien.
Fruchtgarten an Fruchtgarten. Vögel girren und schlagen, Eichen und Eschen flüstern, Bäche rieseln, groß
brandet die Woge. Aber welche Berge, welche Schneehäupter ragen herüber wie Ewigkeit in den Moment
der Wonne! Ja hier, hier! Gönne mir mein Glück
in deinem heiligen Hage, deiner alten Friedens- und
Opferstätte, du Jugendgott mit den blühenden Wangen,
gönne mir's, Baldur! Hast's auch Frithiof nicht mißgönnt, als er herübersteuerte von Framnäs, des Vaters
Haus, auf seinem Schiff Ellidi, und sie besuchte, die
Gespielin seiner Kindheit, die holde Ingeborg, ihm verweigert von den stolzen Brüdern Helgi und Halfdan
und verwahrt in deinem Heiligthum!

Selige Tage, nur Tage, denn noch scheint die
Mitternachtssonne unsern Entzückungen.

Wir rudern her und hin am Fjord, hinüber nach
Balholmen an König Beli's Grabhügel, hinüber nach
Vangsnäs, dem alten Framnäs, wo er seine Kindertage lebte, der starke, der liebende, der treue Held.

Welche Großheit wieder, wenn sie das Ruder
schwingt, wenn sie vorgestreckt den starken Druck übt,
dann die Schaufel dreht, das Ruder zurückzieht und
aufrecht wieder in ihrer Gliederpracht steht, herumschaut
und geröthet vom tüchtigen Werk mich mit den großen
Augen anlächelt! So war sie ja auf dem Tind-See,
da hat sie mir's angethan, nur hat sie mich so sonnig
aufgeblüht noch nicht angeschaut!

Gestern Sturm. Wir hatten schwer zu kämpfen.
Wie trotzig stand sie wieder, wie herrlich wühlte wieder der Wind in ihren Goldlocken! Frithiof fiel uns
ein, wie er auf König Helgi's Gebot fort muß, weg
vom heißen Glück, und Jarl Angantyr zwingen, daß
er Schatzung zahle, und wie draußen in offener See
der tobende Schneesturm auf sein Schiff Ellidi gestürzt
kommt. Sie sang aus dem alten Liede:

Helgi läßt die Wogen,
Die schaumgemähnten, wachsen.
Nicht ist's, wie da wir küßten
Die Braut in Baldur's Hag.

Ich nahm die Strophe auf:

Ich saß auf Polstern
In Baldurhag,
Sang, was ich wußte,
Der Königstochter.
Nun soll ich sicher
Ran's Bett betreten,
Ein Andrer aber
Ingeborg's.

Der Sturm warf Regen und Hagel, die Kälte
schüttelte uns. Da lachte sie und sagte: „Auch die
Götter froren; als Frithiof zurückkam, fand er Helgi's
Frau, wie sie Baldur am Feuer wärmte.“ — Wie
verheißend zuckt es dabei über ihre Züge, welcher süße
Frevel spielt auf ihren Lippen!

O ihr Asen hoch im Himmel! O Bragi, o Baldur! Nicht zu Ran, nicht zur dunkeln Hel im Abgrund, nein, als ehrlichen Kämpfer mit den Einherien
zu Walhalla laßt mich einst fahren! — Es wird unheimlich um mich! —

Meine Eisenbahnverse haben wenig Glück bei ihr
gemacht. Sie mag den gerührten Ton nicht.

Diese Nacht, wie ich so die Schlummernde, Hingegossene beschaute, warum kam denn plötzlich ein
Grauen über mich? Ich bin doch so sehr im Vollglück.
Und warum beim Anblick von Dyring's Bild, das sie
auf Medaillon am Busen trägt? Er war doch so eine
platonische Natur, so ernst, so edel!

Warum wächst denn dieß Grauen und muß mir
einfallen, wie Faust in der Helena, die ihm der Teufel
zuführt, ein Gerippe umarmt?

Habe den griechischen Einladungsbrief wieder gelesen. Wo war meine Nase? Zur Lust locken hart
am Grabesrande des väterlichen Freundes? — Und
sollte er, er sterbend sie an mich —, ist's glaublich,
wenn ich mich gewisser Blicke — doch nein, diese
Mißgeburt stoße aus, mein krankes Hirn! — Aber
der Brief! Ein Geflicke aus Lappen der Sapphobruchstücke! —

Mit ihrem Griechisch ist es auch so weit nicht
her, als ich meinte. Dyring und Arnhelm haben ihr
immer geschickt nachgeholfen.

Diese anhaltende alte Angst kommt wieder, diese
Zusammenschnürung der Herzgrube.

Ich meine immer, ich müsse ihr recht fürchterliche
Predigten halten und dafür solle sie mich recht küssen.
Vereinigter, gleichzeitiger Kußregen und Ohrfeigenregen — so steht's hier um's Wetter, dieß wäre meine
Losung.

Könnte jetzt mit andern Versen aufwarten.

Du reizend Ungeheuer,
Neig' her den schönen Leib!
Reich' mir den Kelch voll Feuer,
Du wunderbares Weib!
Willst du mich küssen, drücken,
Werd' ich mich nicht entziehn,
Spür' ich in meinem Rücken
Den Dolch auch immerhin.
Wie salzlos wär' die Liebe,
Wie matt ihr Himmelsgold,
Wenn sie aus Einem Triebe
Allein bestehen sollt'!
Da ist man erst gerühret,
Das ist der rechte Spaß,
Wenn Haß die Liebe schüret
Und Liebe schürt den Haß.
In unsrem Liebesorden
Mag man das Schlichte nicht,
Da möchte man sich morden,
Wenn man sich heiß umflicht.
Sag', welches Erdgeists Laune
Hat dich so stolz gebaut?
Mir graut, indem ich staune,
Ich staune, wie mir graut.
Sag', welcher wilde Dichter
Hat dich, o Weib, erdacht?
In dir die Himmelslichter
Gemischt mit Hadesnacht?
Du winkst mir in den Wagen,
Es ist schon eingespannt,
Zwei Rappen uns wohl tragen —
Du weißt, in welches Land.
Da bin ich schon zur Stelle,
Die Geißel schwinge frei!
Nun im Galopp zur Hölle!
Hurrah, ich bin dabei!

Soll ich's ihr zum Lesen geben?

Ensetzlich! Unmöglich! Und doch! — „So war
ich mit ihm.“

Mit dem Platolehrer! — Sind mit dem Knaben
Arnhelm zwei gleichzeitig, drei so gut als gleichzeitig!
Denn daß sie mit dem jungen Schöngeist auch „so
war“, wie könnt' ich noch zweifeln! — Und hingesagt hat sie's leichtweg, als verstände sich's nur
so von selbst!

Wirklich, er hat's angenommen. Er muß arg
hungrig gewesen sein, der Köter. Mir ist zu Muth,
als nähme kein Hund mehr ein Stückchen Brod von
mir an. Der wenigstens verachtet mich doch nicht.
Bäume, Berge, Schornsteine grinsen auf mich her,
Wasser blinzeln nach mir her und sagen: uns eckelt
an dir!

Sie niederstoßen? — Ein Weib? — Daß ich
ihn erreichen könnte — das Messer bis an's Heft in
die Brust und zwölfmal darin umdrehen! — Einen
Dolch muß ich mir doch anschaffen — einen schönen,
spitzen, langen, recht blank — nur öfters ansehen und
denken —

Lachst du, Heuchlerfratze? Verkreuchst dich in deinen
Fuchsbau drunten und kicherst herauf? Wart, wart,
Larve, man kann auch einen Todten — — Mein
Gehirn siedet, — es rieselt mir so oben herüber —
Schatten, Wolken — auch der triefende Schweiß zurückgetreten, in dem ich von ihr fortstürzte — hinaus
in den Sturmwind — verkältet in's Mark hinein —
böse, böse Mischung —

Hier ist es, wo die Blätter des Tagebuchs auf
eine lange Lücke schließen lassen. In diese Lücke tritt,
was ich von Mac-Carmon in Wasen vernommen habe.
Ich lasse ihn sprechen.

„Mein Schwiegersohn Erik lernte A. E. kennen
auf einer Bärenjagd in den Jostedalsgebirgen und behandelte ihn als Arzt, da er verwundet wurde. Er
schien auch in der Seele wund, — sie kamen sich im
Austausch ziemlich nahe, doch nur aus hingeworfenen
einzelnen Worten konnte Erik auf eine Verstörung
schließen, deren bestimmtere Ursache ihm undeutlich
blieb; einige abgebrochene Reden, die er in der Phantasie des Wundfiebers hervorstieß, legten aber den
Schluß auf eine schwere Erfahrung mit einem Weib
nahe.

„Erik kehrte nach Bergen zurück, wo er sich niedergelassen. Von A. E. wußte er nur, daß er sich
Drontheim zugewendet. Ein paar Monate waren vergangen, da glaubt er Nachts beim Schein einer
Laterne A. E. zu erkennen, der in wildem Laufe
keuchend an ihm vorüberstürzt. Er vernimmt ein
heiseres Fluchen, von Husten und Niesen seltsam, fast
komisch unterbrochen, und erinnert sich, daß A. E.
öfters über Neigung zu katarrhalischen Affektionen geklagt hatte. Der kurze Lachreiz vergieng ihm, als er
im Nachschauen etwas wie einen Dolch in der Hand
des nächtlichen Springers funkeln sah. Er kann noch
wahrnehmen, daß die dunkle Gestalt einem Hause zueilt, das vereinzelt an einem Kanale des Hafens steht;
er sieht Jemand aus dem Hause treten, A. E. den
Begegnenden anhalten, er meint zu beobachten, wie
er den blinkenden Stahl gegen ihn hebt, dann aber
den Ruf zu vernehmen: ‚Nein, nicht dir!‘ Verworrene Laute gedrängter Bewegungen lassen auf ein
Ringen der Beiden schließen, es folgt ein platschender
Schall, wie wenn ein Körper in's Wasser fällt, Erik
ist inzwischen näher gekommen, sieht einen Schwimmenden sich an die gegenüberliegende Kanaltreppe
durcharbeiten, A. E. aber in dem Hause verschwinden.
Es war ihm nicht unbekannt, daß hier eine durch
Schönheit und Geist ausgezeichnete, aber von dunkeln
Gerüchten umsponnene Dame wohnte; er bemerkt Licht
in den Zimmern zu ebener Erde; nach wenigen Minuten
hört er hinter den Fenstern einen Schrei, einen
dumpfen Fall, kurz darauf stürmt A. E. aus der
Hausthüre und sinkt nah an der Schwelle zu Boden.
Er beugt sich über ihn, befühlt ihn, kann kein Blut
entdecken; ‚Nichts, nichts!' hört er ihn hauchen. Er
läßt vorerst von ihm ab, denn ohne Verzug muß erkundet werden, was im Hause geschehen ist. Erik tritt
rasch ein, sieht eine Thüre offen, aus welcher Helle
dringt, und im Zimmer eine weibliche Gestalt am
Boden liegen; eine Dienerin ist um sie beschäftigt,
Erik bemerkt einen Dolch am Boden und ruft: „Hier
ist ein Mord geschehen!“ Bei diesem Laut erwacht die
Hingestreckte und stöhnt: „Kein Mord! kein Mord!
Schweigen! Um Gottes willen, geheim halten!“ Die
Dienerin stottert hervor, sie sei dem Hineinstürmenden
nachgedrungen, habe noch gesehen, wie er unter wilden
Ausrufungen, die sie nicht verstanden, der Herrin einen
Dolch an den Kopf schleuderte, dann sei er fortgestürzt.
Erik nahm den Dolch auf, es war kein Blut an der
Klinge, aber mit Grausen warf er ihn weit von sich,
als er näher hingesehen hatte. An der Stirn der
Dame glaubte er eine kleine Ritzwunde zu bemerken.
Er eilt nun, sich des Ohnmächtigen anzunehmen,
bringt ihn durch Benetzen mit kaltem Wasser aus dem
nahen Brunnen zu sich und schafft ihn, halb führend,
halb tragend, in seine nahe Wohnung, wo er, entkleidet, auf ein Bett gelegt, verworrene und doch nur
zu verständliche Worte fiebernd herauszustoßen beginnt.
‚Unter die Erde verschlüpft, Plato? — Man findet
dich!' — Hier fieng er an mit den Händen Bewegungen zu machen, als hiebe und scharrte er mit
einer Haue. — ‚Haben wir dich? — Grinsest du?
Höhnst mich? Ziehst du die halbverwesten Lippen in
Fältchen zusammen und pfeifst mich aus? Her die
Brust, woran sie gelegen! — So! So! — schon
ziemlich weich! — Pfeifst wieder, loser Schalk? Auch
aus der Brust?‘ Der Phantasirende rührte dabei die
Arme, als stieße und wühlte er, und brach dann in
ein entsetzliches Gelächter aus. Nun sah man seine
Arme und Beine zucken wie die eines Schlafenden,
dem man anmerkt, daß er zu laufen träumt, auf einmal bäumte er sich auf seinem Lager, schien gewaltsam zu schütteln, dann wie mit einem heftigen Ruck
etwas feindlich Umschlingendes hinwegzuschnellen und
man hörte die Worte: ‚Da, kühl' dich, Jesuit!‘ Es
folgte eine Pause, dann keuchte er hervor: ‚Erschrickst,
Sappho? — Nur keine Angst — da hast deinen
Plato!‘ Er hatte dabei den Arm wie zum Schleudern
gehoben, ließ ihn schnell wieder fallen und sank nun
mit schweißbedeckter Stirne matt in die Kissen zurück.

„Am frühen Morgen ließ Erik den Kranken wohlverwahrt in dessen eigene Wohnung schaffen, kehrte
das Nöthige zu seiner Pflege vor und eilte dann zuerst auf den Kirchhof. Hier fand er den Todtengräber in starrem Staunen vor einem aufgewühlten
Grab stehen, darin einen offenen, sichtbar zerschlagenen
Sarg und im Sarg eine Leiche mit zerrissener, breitklaffender Brust. Er vermochte den Mann zu überzeugen, daß es ein gutes Werk sei, diese That eines
Wahnsinnigen geheim zu halten; er glaubte in dem
Einen Falle kein Unrecht zu thun, wenn er seine
Gründe mit einer Summe Geldes unterstützte, die
dem bedürftigen Mann eine Wohlthat war und Niemand ein Uebel brachte. Während der Beschenkte sich
schnell an die Arbeit machte, das Grab wieder zu
schließen, eilte Erik in das Haus, wo der grasse Auftritt vorgefallen war; er fand die Dame im Fieber,
die leichte Stirnwunde erschien etwas entzündet, er
rieth ihr dringend, sogleich den eigenen Arzt herbeizurufen und ihm das Vorgefallene nicht zu verhehlen,
er versicherte sie, daß er selbst für Wahrung des Geheimnisses gesorgt habe und weiter sorgen werde; die
Kranke suchte ihn festzuhalten, Geständnisse schienen
auf ihren Lippen zu schweben, aber er konnte und
durfte nicht verweilen. Erik hatte in diesen Tagen
Alles zu einer Uebersiedlung nach Christiania vorbereitet, wo durch Abgang eines gesuchten Arztes ihm
eine ungleich bedeutendere Praxis in Aussicht stand.
Es war keine Zeit zu versäumen, der Zweck forderte
dringend seine baldige Abreise, es gab viel zu thun,
Anordnungen schnell abzuändern, die vor Kurzem noch
unter andern Umständen getroffen waren. Erik hatte
eben um diese Zeit seine Braut in Edinburg abholen
wollen. Ich selbst mußte ihm unter diesen Umständen rathen, davon abzustehen, ich beschloß, meine
Tochter nach Christiania hinzubringen und die Hochzeit
dort zu feiern. Und in diesem Momente war dem
edlen jungen Manne die Pflege jenes Unseligen aufgebürdet! Er konnte, er wollte ihn nicht im Stich
lassen, zu tief bewegte ihn dieß dunkle Menschenschicksal.
Auf der andern Seite, da er denn einmal die Fürsorge für ihn wie eine Pflicht fühlte, war die Sachlage doch auch nicht ungünstig zu nennen, da ihr
Drang zugleich das Mittel der Rettung aus drohenden
Gefahren darbot; zwar daß der unfreiwillig Gebadete
ausschwatzen werde, war offenbar nicht zu befürchten,
aber wer konnte bürgen, ob von anderer Seite das
Geheimniß bewahrt bleibe? Ob dem Todtengräber nicht
ein unvorsichtiges Wort entfalle, ob sich die verstörte
Dame nicht selbst, ob der Kranke sich nicht verrathe,
wer wissen, wie der andere Arzt, den Erik nicht kannte,
im Gewissenskonflikt sich entscheiden werde? Aufwühlung
eines Grabes, Vergehen an einem Leichnam, — die
Behörden mußten thätig werden, ein allgemeines Aufsehen mußte entstehen und die unheimlichen Folgen
waren nicht zu überschauen. Besser konnte nicht vorgebeugt werden, als wenn man den Mann, auf den
vor Allem das allgemeine Aufsehen sich werfen mußte,
den Thäter, den Kranken hinweg, weit hinwegschaffte
— aus den Augen, aus dem Sinn!

„Erik fand ihn, als er nach wenigen Stunden ihn
besuchte, ruhiger, meist schlummernd, doch stark fiebernd,
ein Typhus war sehr zu befürchten, trotzdem war es
nicht allzu gewagt, ihn zu Schiffe fortzubringen, die
Seeluft konnte sogar heilsam wirken; rasch wurden die
Vorbereitungen getroffen, die Abreise bewerkstelligt, das
Wetter war schön und versprach, es zu bleiben;
wirklich begünstigte es die Dampfschifffahrt um die
Südspitze der Halbinsel und ohne störenden Zwischenfall wurde Christiania erreicht. Für Unterkunft und
Pflege des Kranken konnte ausreichend gesorgt werden,
ein Nebenhaus der Wohnung, die Erik bezog, bot
passenden Raum und ein verschwiegener Krankenwärter
wurde bald gefunden. Sehr glückliche Umstände! Denn
jetzt brach das befürchtete Nervenfieber aus, furchtbar
schüttelte es den Unglücklichen und entsetzliche Phantasiebilder jagten sich in seiner Seele. Er glaubte, das
falsche Weib als Drachen über Eisberge zu verfolgen,
mit ihr vom Rjukansoß durch Felsschluchten in's Innere
der Erde hineingeschlagen zu werden, er verwechselte
sich mit der mishandelten Leiche und glaubte, Goldrun
wühle mit dem Dolch in seiner Brust, dann träumte
er wieder von der Sognebucht, vom Baldurshag, seine
Ausrufungen ließen auf beseligende Bilder schließen,
aber schnell vertauschte sich die Bucht mit dem Tindsee,
er sang Verse von Olaf, den die Meernixe verführt,
plötzlich sah er sich von einem Ungeheuer der Tiefe
verfolgt, rettete sich auf ein Schiff, fuhr als Vikinger
hinaus in die Welt, er ließ Schlachtrufe vernehmen,
er glaubte verwundet niederzustürzen, er röchelte wie
ein Sterbender. Endlich traten die ersten Symptome
der Genesung ein, Erik hatte von Anfang an vertraut,
daß der gute Schatz männlicher Kraft in seiner Natur
die starke Krankheit besiegen werde. Doch drückte ihn
eine dunkle Sorge: er befürchtete Schlimmes von dem
Moment, wo mit der völligen Helle des Bewußtseins
die Erinnerung des wirklich Geschehenen sich einstellen
müsse. Nur zu begründet war die Besorgniß; die
schwachen Versuche, dem Fragenden die Wahrheit zu
verhüllen, konnten nicht vorhalten, die tagende Besinnung
fand den Weg zum Ausgangspunkte seines Leidens,
die kaum erstarkenden Nerven hielten die Erschütterung
des furchtbaren Lichtanbruchs nicht aus: der Rückfall
war da. Erik's Kunst und Sorgfalt hat auch dieß
überwunden; doch nicht allein — ihm stand jetzt eine
Gehülfin zur Seite. Es war seine junge Frau, es
war meine Tochter Cordelia. Ich hatte mein liebes
Kind dem Harrenden herübergebracht. Auf einen
dunkeln Grund war nun freilich das junge Glück der
Neuvermählten gesetzt. Aber nur um so reiner strahlte
der Edelstein dieses braven Gemüthes. Sie war eingeweiht, hatte geschaudert, begriffen, verziehen, denn
das Element ihrer Seele war das Mitleid. Von den
Tagen an, wo der Kranke wieder bei klarem Bewußtsein war, aber noch sehr matt niederlag, machte sie
tägliche Besuche bei ihm im Nebenhaus. Es war zu
erkennen, daß diese Besuche höchst wohlthätig wirkten,
und früher, als man gehofft, konnte er als genesen
betrachtet werden.“

Mac-Carmon wußte mir von A. E. des Weiteren
nichts zu erzählen, was nicht auch aus dem folgenden
Inhalt des Tagebuchs zu entnehmen ist, der den Leser
in die Lage setzt, vom Innern aus zu sehen, was sich
ferner begeben hat, die Dinge in der Beleuchtung zu
erblicken, die von der Seele des Erlebenden ausgeht.

Es bleibt mir als Zwischenredner nur noch übrig,
zu sagen, daß indessen der Winter weit vorgerückt, der
Februar des Jahres 1848 über die Hälfte verflossen
war, und daß ich von Mac-Carmon zum Schluß auch
über das Ende der Urheberin so großer Leiden noch
Kunde erhielt. Bei einer Begegnung mit dem Arzte
in Bergen, der sie behandelte, erfuhr Erik, daß sie
kurz nach jener Nacht an Blutvergiftung gestorben,
daß es gelungen war, die wirkliche Natur ihrer Krankheit und ihrer Ursache, sowie den ganzen Hergang
geheim zu halten, und daß sie neben dem Manne begraben lag, dem die Raserei einer empörten Seele die
Grabesruhe gestört hatte. Und nun mag denn das
Tagebuch wieder sprechen.

Hat sich der Himmel über mir geöffnet? Ist aus
goldenen Höhen ein Engel niedergeschwebt in's Thal
der Fieberträume, in's Land des Bangens und der
Folterqual? — Ich erwache vom Schlummer. Weiche
Hände an meinem Haupt, ein feuchtes Tuch auflegend,
ich fühle so eine sanfte Kühle um meine heiße Stirn —,
über mich gebeugt eine schlanke Gestalt — flüstert mir
zu: „Stille halten, ruhig bleiben, fortschlummern“ —
sie geht hinweg — mit Schritten — nicht Schritten
— berührt sie den Boden? — Mildes Dämmerlicht
im getäfelten Zimmer, gedämpfter, warmgelber Schein
der Abendsonne —

Ich nickte wieder ein — seliger Traum — Traum
wie Raphael's, als er seine Sixtina träumte — Augen
weich beflort, — in beschatteter Höhle aufdämmernd,
— so menschlich gut und so fremd himmlisch — sagen
— was sagen sie? Das faßt kein sterblich Wort, das
nennt keine Zunge, wie es dort ist in jenen Gefilden
— selig — Gefilde der Güte, des Friedens — so
sagen diese Augen. Was stammle ich? Wer bin ich?

Es ist ein Wesen von Fleisch und Blut. Erik's
junges Weib, und heißt Cordelia. Er hat sie an der
Hand mir an mein Qualenlager geführt. Da ist mir
wieder Alles eingefallen — „Ja, ja! — berührt mich
nicht,“ rief ich, — „mir keine Hand — in die Hölle
zu den Teufelsfratzen gehöre ich — grausen soll euch
vor mir“ — „Cordelia,“ sagt Erik, „leg' ihm die
Hand auf die Stirne“ — sie thut es, läßt sie über
meine Locken gleiten, — da fällt mir König Lear ein
— träumend, nur halb bewußt, halb kindisch — erwachend im Arm seines guten Kindes — hat große
Thorheit, schwere Schuld begangen, viel gelitten, in
Sturmnacht umgewüthet, all' seiner Würde vergessen
in Wahnsinn getobt — und jetzt gebettet in Kindesliebe, sanft gepflegt, zu ihm geneigt die Gute, die Reine
— läßt seine armen Locken durch ihre weichen Finger
gleiten —

Und ihre Stimme „sanft, mild und leis, ein köstlich
Ding an Frauen“.

Gestern kommt sie mit einem Zeitungsblatt; „Erik
schickt's Ihnen,“ sagt sie. — Was? Die Welt in
Flammen? Sturmbrausen von Frankreich herüber?
Deutschland aus dem Schlaf geweht — Schleswig-Holstein will frei werden, deutsch —

„Einhart,“ sagt sie, „Sie sollen leben, es gibt zu
thun!“

Ich Elender, ich hatte nur an mich gedacht —
mein Vaterland vergessen! Hab' Alles verdient —
Abgrund von Schuld! Auf nun — da büße, da
kämpfe, da arbeite — da ist die Heilung!

Ich erstarke, ich darf bald fort!

O, du bist gut, ja, du bist gut!
Wie du dich sanft geneiget
Und über mich gebeuget,
Da schwand die Fieberwuth.
O, du bist rein, ja, du bist rein!
Durch deiner Wimpern Schatten
Strahlt nieder auf mich Matten
Ein heller Himmelsschein.
O, du bist mild, ja, du bist mild!
Um deinen Mund dieß Lächeln,
Es kühlet wie ein Fächeln
Aus seligem Gefild.
O, du bist lind, ja, du bist lind!
Von dir, von dir gerettet,
In Liebe weich gebettet
Entschlummr' ich wie ein Kind.
O, du bist still, ja, du bist still!
Dein leises Wort, dein Schweigen
Verbeut dem Höllenreigen
Sein tobendes Gebrüll.
O, du bist gut, ja, du bist gut!
Du bringst die Engelskunde:
Gesunde, Mann, gesunde!
Auf! Lebe! Fasse Muth!

Hamburg. Schwerer Abschied! — Von Cordelien noch ein reiner Kuß. Meine Lippen sind entsündigt! — Nicht Schmerz brüten! Morgen hinüber!

Krusau bei Bau. Dank den ewigen Mächten
im Himmel droben! Es geht los! Wir sind noch
schwach, können die Preußen nicht abwarten — sei's
drum, der Himmel wird weiter helfen!

Kleines Gefecht bei Hökkerup, der Feind aus
Rinkenys vertrieben. Zwar kein Gewinn, der kleine
Sieg kein guter Anfang, der Feind im Vortheil frischer
Rachwuth. Großer Fehler, den selbst ein Laie in der
Kriegskunst leicht erkennt, Freiwillige, Ungeübte hier
als Vorhut auf so wichtigem Posten auszusetzen:
Studenten, Turner, ungenügend bewaffnet, dabei nur
eine Handvoll Linie. Der Feind zur starken Uebermacht ein Regiment Reiter und die Kanonen der
Kriegsschiffe dort im Hafen, — werden hübsch drein
fegen. Sei's auch darum! — Ich darf mich nicht
anlügen, daß mir das Herz nicht klopfe, aber was ist
dieß bischen Angst gegen jene Geisterbangigkeit drüben,
so lang ich in den Banden war! Etwas Beklemmung
vor Fleisch und Blut, was will das heißen gegen die
Seel' und Leib zusammenschnürende Gespensterangst!
Und wie viel leichter zu bezwingen! — Ich will mich
gut halten. Sie haben mich zum Offizier gemacht,
habe das Mögliche gethan, sie einzuüben, zu ordnen.
Meine alte Vorliebe zum Soldatenwesen kommt mir
jetzt zu gute.

Kiel. Wieder einmal ein Koboldstreich der Dämonen. Ich hatte den Kerl so richtig auf's Korn genommen, muß mir der gute Stutzen versagen! —
Kann eben noch den Säbel ziehen und pariren, doch
der Pallasch ist stärker und nun mit dem zerhauenen
Arm unbrauchbar! — Doch was will mein kleines
Leiden sagen — da lagen sie, die Blüte des Landes
— hingemäht! Ich hatte Freunde gewonnen in den
wenigen Wochen. Dieser Karl, ein Jüngling wie ein
Siegfried, da sank er neben mir, reicht mir noch seine
Büchse, da er den Dragoner auf mich herjagen sieht;
sein letzter Blick, im Tode brechend, ich werd' ihn nie
vergessen.

Trost, die Preußen sind da, Wrangel dringt vor.
Mein Urlaub zu Ende, jetzt beruhigt heim! Mit dem
Blut in Bau ist mir aller alte Wahnsinn ausgeflossen.
Das Hirn ist kühl geworden. Aber die versagende
Büchse! Gibt zu denken — Zufallsteufel.

Wieder im Amt. Stete Arbeit. Wohlthat! Wenn
ich nur nicht zusehen müßte, wie die Narrenapostel den
Pöbel berauschen und wie sie die schöne Saat eines
neuen Staatslebens verwüsten!

Waffenstillstand von Malmö. O Pfuhl der Schmach!
— Darüber Barrikaden in Frankfurt — schnöde Mordthaten des Gesindels — niedergeschlagen — und das
ist der Todestag der großen Bewegung. — Wär's der
Sinn, der über den Unsinn gesiegt!

Hier unter den Leuten, man kann kein Gespräch
mehr führen. Die Menschen wissen nur von Partei,
und keine versteht die andere. Ich fasse mich am eigenen
Nasenzipfel. Neulich hörte ich Einen husten, und zwar
auf sonderbare Art. Ich ärgerte mich. Er darf husten,
aber er soll husten, wie ich huste. So ist es auch
mit Speisen. Da ißt Einer ein Gericht, das ich nicht
mag, und mit Appetit. Esel! denke ich und spüre
Lust, ihn zu injuriren. In einer sehr soliden Wirthschaft auf dem Lande ward neulich der Wirth sehr
unangenehm, da ich sein Sauerkraut nicht mochte, das
er mir höchlich anrühmte. — Wenn es nun so steht
mit sonst leidlich vernünftigen Menschen, wie kann
man sich verwundern, daß vollends Halb- und Ungebildete sich nicht in den Andern versetzen können? Da
diese Kunst, sich in die Menschen versetzen, so selten,
so schwer ist, wie begreiflich der blinde Haß, die
Extremreiterei der Parteien! — Wenn sie nur nicht
so schädlich wären!

Die hab' ich doch gekriegt! Spitzbubenrotte mit
kommunistischen Führern. Von Katzenmusiken nach und
nach zu Diebstählen, Einbrüchen. — Dem rothen Peter
die Pistole aus der Hand — geht mir an der Nase
los. Gut gelungen, Alle eingethan. Zu meiner Erbauung im Heinrich VI. den Aufruhr von Hans Cade
wieder gelesen. Wie wahr!

Die Zeit wird stiller. Kann wieder mehr lesen.
Muß auch, denn in der Welt steht's so, daß ich gar
nicht hinsehen mag. Kehre zurück in dich! Ich hoffe,
wieder ganz zu mir zu kommen. Nur von Zeit zu
Zeit ein Schwindel in der Seele, da ist mir, als fiele
ich in den Tindsee. Dann kann ich nicht fortarbeiten.
Ich muß noch ein Ablenkmittel haben. Aeltere Liebe,
Thierwelt.

Hund eingethan; Pudel. Lustig und doch sehr
rationell. Gutes Vieh. Rührend. Wie viel wedelt
doch so ein Hund den Tag über! Wenn man bedenkt,
daß jedes Wedeln eine heitere oder wohlwollende Empfindung ausdrückt, wenn man dann beobachtet, wie
oft ein Hund wedelt: wie viel Herzensfreude, wie viel
Menschenliebe, Güte zieht also den lieben, langen Tag
durch so eine Hundeseele! Auch wie viel Humor, denn
das Wedeln ist ja auch Surrogat für Lachen. Unendlich merkwürdiges Supplement für Mienenspiel, psychographischer Schwanz.

Merkwürdig, doch ganz konstant stehender Zug:
wenn ein Hund in große Freudenbewegung geräth,
wenn er z. B. im höchsten Entzücken auf den ersehnten
wiedergefundenen Herrn losstürzt, muß er mitten im
Sprung einhalten und sich kratzen. Dieß kann erklärt
werden

a) direkt;
b) indirekt.

ad a) Das Entzücken wirkt einfach als Reiz vom
Nervencentrum auf die Haut.
ad b) Die Bewohner des Pelzes, entomologischer
Klasse, spüren bei diesem Reiz Erwärmung
und werden lebendig.

Welche Erklärung ist die tiefere, a) oder b)?

Verhalten des Hunds, wenn ihm ein Fremder
lockt. Da sieht man die Charaktere. Der eine folgt
und schmeichelt: Kalfakter — schlecht. Der andre
fletscht die Zähne, brummt, beißt sogar: Charakter,
aber unschön harter Charakter. Ein dritter, und das
ist der gute Hund, bleibt sitzen, wedelt ganz schwach
und flüchtig und blinzt den Fremden an mit einem
Blick, der höchst verständlich sagt: bedaure — könnte
vielleicht ein ganz angenehmes Verhältniß werden —
habe aber schon einen Herrn — bedaure wirklich. Dieß
ist der schöne Charakter, Würde mit Anmuth; so ist
mein Pudel.

Goethe's Hermann und Dorothea wäre ein Dichtwerk, dem man das Prädikat der Vollkommenheit zuerkennen müßte, wenn nicht Eines darin fehlte: ein
Hund. Gehört doch gewiß in ein Idyll. Goethe
konnte aber bekanntlich die Hunde nicht leiden. Hätte
er sie gern gehabt und selbst einen gehalten, so wäre
gewiß seine spätere Poesie natürlicher geblieben und
namentlich sein zweiter Theil Faust nicht so ganz fleischlos ausgefallen.

Wenn ein Hund seinem Herrn oder einem Freunde
seines Herrn sich bemerklich machen, seine Anwesenheit
ihm anzeigen möchte, kann aber nicht beikommen, weil
der ihm den Rücken bietet, so stupst er ihn ein Weniges
mit der Nase an die Wade. — Mit seinem feinsten
Organ. Wie zart!

Wieder viel geärgert. Das Objekt stellt mir doch
wieder sehr nach. Ein Aktenstück hat sich ruchlos verkrochen, — verzweiflungsvoll gesucht — umsonst. Katarrh mit drei Tagen ordentlichem, dann sechs Wochen
latentem, von keinem Arzt zugegebenem Fieber. Sonntags auf's Land. Mich doch sehr aufgeheitert über einem
Bock. Etliche Buben fahren auf einem Reiberschlitten den
Hügel am Pfarrhaus hinunter, mit großem Hallo, pfeilschnell, sitzen unten ab, ziehen den Schlitten wieder hinauf,
dann wird wieder hinabgerutscht und so fort. Ein großer,
schöner Bock dabei, der sich ganz zur Gesellschaft zählt;
wenn's allemal wieder losgeht und die Buben jauchzen,
springt er hoch, steigt und schlägt zugleich aus wie
ein Pferd und meckert. Das heitere Bild hat mich
ordentlich aufgerichtet. Die Hausthiere rechnen sich
ganz zu den Kindern.

Und kaum wieder da, Montag, so fängt der schnöde
Schabernak wieder an. Amts- und Studirzimmer,
Alles happert, zwickt, klemmt, klebt den ganzen Tag
und Abend. Ein Glas, ein Plättchen, worauf meine
Tasse, dann meine Lampe, begehen hinter einander
dasselbe Bubenstück, sich nicht schieben zu lassen; pappen
fest, es braucht stärkeren Druck, darauf lauert das
Teufelspack, fällt um und schüttet seinen Inhalt auf
meine Papiere. — Sind mit der niedrigen, giftigen
Reaktion in der Welt draußen auch die Privatteufel
wieder ganz los? — — Alles, Alles rings um mich
wie die versagende Waffe im Gefechte bei Bau und
— o Symbolik! — stille!

Das darf ich doch auch sagen: wer nicht intensiv
arbeitet, hat gut predigen über Geduld mit den kleinen
Hindernissen. Wer nur mit halbem Willen an die
Arbeit geht, nicht ganz dabei ist, den macht das Härchen in der Feder, der Tintenfleck, das Verkriechen
nöthiger Blätter, das Uebereinanderrutschen aller Papiere
nicht wüthend, er verliert darüber keinen Gedankenzusammenhang. Ja, es ist ihm wohl gerade recht,
denn er kann sich anlügen, das Mühen mit diesen
knirpsigen Dingen, das Zupfen, Nörgeln, Krabbeln
und Zappeln sei auch gearbeitet.

Abends in der Dämmerung, da kommt's über
mich. Die Nerven werden ruhig. Oft fühl' ich's wie
ein zartes, lindes Wehen. Frieden. Sie erscheint mir,
beugt ihr Haupt über mich, blickt so himmlisch gut,
kühlt mir die heiße Stirne. Erinnerung! — Aber
ich darf nicht, darf ja nicht oft, nicht zu innig mich
hineingeben, — ach, es könnte Sehnsucht werden und
darf ja nicht! — Trauerst du mit mir, Himmelsbild, daß es so gekommen im Vaterland, daß ich dafür, dafür mein Blut vergossen?

Schwarz zu sehen, dazu hätte ich ja wohl Grund
genug. Das erleben! Und ich meine nicht das Aergste,
Sturz in den Abgrund, in's Dämonenreich. Da war
ich schuldvoll, — obwohl doch auch ein wenig, wenig
entschuldbar: warum? mag's mir selber nicht nennen.
Und mein ganzes Leben der ewige Schund, Marterkampf mit den teuflischen Zwerggeistern des kleinen
und doch so furchtbar großen Uebels ist doch auch ein
Abbüßen. Es muß ja ein Nest irgendwo geben, wo
sie brüten, von wo sie ausgehen. Muß weiter nachdenken;
jetzt ernstlicher an meine neue Mythologie gehen. Dunkler
Naturgrund, dort die Eier. Haß gegen den Menschen,
weil er über die Natur aufsteigt, lichte Ordnungen
gründet, Lichtreich. Dort muß es liegen. Richtig. —
Nun mein Amt. Polizei üben ist ein gar enttäuschendes
Thun. Könnte den Pessimisten noch viel Stoff liefern;
hab' oft Eckel an den Menschen, an Allem; aber
sintemalen ihr Stoff ist, ist die Polizei eben auch. Ich
arbeite, und nicht wie ein Karrengaul, ich arbeite
gern. Ich bringe nicht so viel vorwärts, als ich
will, aber ich bringe nicht Nichts vorwärts, sondern
Etwas. Es wird besser in meinem Amtskreis, ich
nütze. Dieß ist Wesen und so lebe ich im Wesen.

Hab' auch oft über das Nichts geträumt, aber es
ist nichts mit dem Nichts. Es kann nicht Nichts sein,
das Nichts kann nicht sein. Zu: Nichts kann man
nicht setzen das Verbum: sein, außer wo man von
einem bestimmten Einzelnen, das war oder zu sein
scheint, auszusagen hat, es sei Nichts mehr oder Nichts.
Weil nicht Nichts sein, weil das Nichts nicht sein kann,
darum, einfach darum ist die Welt. Zu dem Begriffe
des Nichts gelangt man anders nicht als an der
Springstange des Seins. Irriger Weise auch an der
Stufenleiter des Seins, absteigend nämlich. Man geht
von entwickelteren Wesen zu ärmeren, einfacheren herunter
bis zum einfachsten, dem unorganischen Stoff, und unter
diesem, meint man, einmal in's Niedersteigen hineingekommen, sei das Nichts. Da ist auch die Verwirrung
des Zeitbegriffs, während Schopenhauer doch im
Uebrigen die Zeit als bloßen Schein erkennt. Zuerst sind
die Weltkörper entstanden als feuerflüssige Kugeln, ihre
Oberfläche ist erstarrt, bewohnbar geworden, es wurden
Pflanzen, Thiere, niedrige, immer höhere, bis zum
Menschen, da kam Empfindung, in diesem höchsten
Wesen Geist. Darüber vergißt man zwei Dinge:
daß, wenn auf der Spitze der Geist ausschlüpft, er
irgendwie zuunterst als künftige Möglichkeit schon
stecken muß; ferner, daß unser Präteritum unwahr ist.
Vergangenheit und Zukunft finden lediglich keine Anwendung auf das Weltall. Muß die aufsteigende Bewegung
vom sogenannten Stoff zum Höheren und Höchsten
immer gewesen sein (auf andern Planeten) und immer
bevorstehen, wiederkehren, so fällt das Vorher und
Nachher weg und ist ewige Kreisbewegung. Es wird
noch kommen, daß der Nihilismus aufstellt, die Welt
werde sich zurück in's Nichts auflösen; folgt, daß sie
auch in der Zeit einst aus dem Nichts entstanden sei, —
eine Vorstellung, so roh und kindisch, daß sie in keinem
Hirn auftauchen sollte, das nur zwei Minuten lang
philosophisch denken gelernt hat.

Gleich kindisch ist es, dem Universum das Prädikat
schlecht beilegen. Was absolut, was nothwendig ist,
steht unendlich über Gut oder Schlecht. Das Universum ist, weil es ist, und ist so wie es ist, weil es
so ist. Das Prädikat gut oder schlecht ertheilen wir,
indem wir unsern Standpunkt über und außer dem
Gegenstand nehmen und ihn mit andern Gegenständen
vergleichen. Wir können aber aus dem Universum ja
nicht hinaus, es gibt kein Universum neben oder über
demselben, auf das wir uns stellen und das Universum
abschätzen könnten. — Ich kann mein Vaterland verlassen und die Welt sehen, ich kann sie auch durch
Bücher kennen lernen und ich gewinne so einen Standpunkt über meinem Land und seinen Leuten, zu denen
ich selbst gehöre und mit denen ich vorher unkritisch
und selbstzufrieden in der Masse dahinschwamm, so
daß ich sie nun einer Schätzung, einem Urtheil unterwerfen kann. Aber aus dem Universum kann ich nicht
fortreisen, kann nicht andere Universa durch Bücher
kennen lernen, kann es aus keiner Vogelperspektive
sehen. Davon gar nicht zu reden, wie winzig der
Theil des Einen und einzigen Alls ist, den ich übersehe. Gibt es nun da neben dem, was wir gut nennen,
Vieles, was wir übel nennen, was kann ein vernünftiger Mensch Anderes dazu sagen, als: ich übersehe zu wenig, um die Summe zu ziehen, und da
das Universum nothwendig ist, so wie es ist, so wird
es auch recht sein. Recht: das heißt gerichtet nach
absoluter Richtschnur.

Ich hab', glaub’ ich, schon einmal in diese Blätter
geschrieben, dem Pessimismus gehe ein verborgener
Rest von Theismus nach. Sie wollen sich’s nicht gestehen, daß sie den Kinderbegriff von einem Gott nicht
los werden, der zwischen verschiedenen möglichen Welten
wählte. Das beweist eben ihr Schlechtfinden „dieser“
Welt. Gut oder schlecht kann im Grunde nur sein,
was Jemand gemacht hat. Die Welt kann nicht gemacht sein, weil die Kategorie Kausalität nur innerhalb des Ganzen, nicht für das Ganze gelten kann.
Was von selbst ist, ist weder gut noch schlecht, sondern
nothwendig. Es kann Einzelnes im Naturreiche für
mich gut oder schlecht sein, aber nicht vom Naturreiche
bloß (gegenüber dem moralischen Reiche) spricht man,
wenn vom Universum die Rede ist und man es nothwendig nennt, sondern vom Ganzen. Wer dieß Ganze
tadelt, der meint, es sei ein Machwerk. — Eine gute
Arznei gegen die Uebel darin oder eigentlich gegen die
Klage darüber ist und bleibt Beyle’s Satz: ce qui
excuse Dieu, c'est, qu'il n'existe pas. Uebrigens
war der Taugenichts Beyle ein Narr, der trotz diesem
guten, echt religiösen Wort einen persönlichen Gott
glaubte und haßte wie der Krämer von Brackniz.

Nun aber ist die Aufgabe, in dem, was ist, zu
unterscheiden, was sich als wesenhaft bewährt und was
zwar nothwendig, aber nicht wesenhaft, sondern nur
Moment ist, damit Wesenhaftes sein könne. Das vermögen wir. Wesenhaft ist nicht die Materie, das
meint ja auch Schopenhauer nicht. Wesenhaft sind die
Gattungsformen. Wesenhaft ist die Wissenschaft. Wesenhaft ist die Kunst. Wesenhaft aber auch alle redliche
Arbeit. Denn sie ist Arbeit an der sittlichen Weltordnung.

Ob es aber eine solche gibt? Nein, was man so
sagt: „es gibt“, das nicht. Das „es gibt“ ist überhaupt, angewandt auf das wahre Sein, das nichts
Einzelnes ist, ein Unsinn. „Gäbe“ es einen Gott, so
wäre er ein Einzelner, also nicht das Absolute. —
Die sittliche Weltordnung ist nicht außer dir. Sie ist
nur durch dich. Glaube sie und du hilfst sie — mit
allen Guten — machen. Da ist der Glaube die Ursache dessen, woran er glaubt. So ist es mit allem
ethischen Glauben: was er glaubt, macht er. Vom
Glauben im Sinne der positiven Religion ist hier nicht
die Rede, das gehört in ein anderes Kapitel.

So ist es auch mit der Lust. Unser Glaube an
Lust macht Lust. Wie kann man also meinen, man
habe die Lust wegdisputirt, so lang man diesen Glauben
nicht wegdisputiren kann!

Wie wir Studenten waren, giengen wir einmal
draußen vor der Stadt an einer Sumpflache vorüber,
worin ein Schöpfkübel mit langer Stange lag. Will
sich ein knotiger Bursch den Spaß machen, einem
Kameraden rücklings den Kübel über den Kopf auszugießen. Schöpft, hebt hoch und der Inhalt fällt ihm
selbst auf den Kopf. So macht's nach den Pessimisten
der Weltgeist.

Eier von Lustspielen oder Possen. Ein Onkel will
seinen Neffen, lustigen Studenten, der öfters zu viel
trinkt, einmal abfassen. Begibt sich in das Wirthslokal, wo die Studenten sitzen, in ein Nebenzimmer,
um von da im rechten Moment hervorzubrechen und
den Jüngling im Blütezustand seiner Sünde zu ertappen.
Trifft Gesellschaft, trinkt, trinkt fort, und endlich findet
der Neffe, der in's Nebenzimmer tritt, den Onkel vollständig reif, vom Neffen nach Hause geführt zu werden.

In einer Vorstadt von . . . . . traf ich noch einen
alten Briefträger, der halb blind und halb taub war.
Das gäbe Motiv zu mehr als Einem Lustspiel: Liebesbriefe, Schuldbriefe, Scheltbriefe, Amtsschreiben falsch
ausgetragen, — benützt von heiteren Schelmen, Intriganten, es steigt ein ganzes Gewimmel von Ansätzen
zu komischen Verwicklungen aus dem Samenkorn auf.
Wenn ich nur etwas der Art machen könnte!

Junger Mann tritt auf in einem Gasthof. Ist in
die Kreisstadt gereist, um seine Scheidung zu betreiben. Sieht am Fenster gegenüber eine reizende
Erscheinung. Es beginnt ein Roman auf Distanz
während der langen Weile des Prozesses. Zeichen, Briefchen u. s. w. Muß gesteigert, gespannt, auch gelegentlich
exponirt werden, daß er kurzsichtig ist. Endlich Zusammenkunft. Die Unbekannte ist seine Frau. Versöhnung.

Ließe sich nicht die Agnes Bernauer noch einmal
behandeln? Folgendes gäbe eine hochtragische Szene:
Prinz Albrecht ist von Straubing, wo er Agnes im
Schloß geborgen glaubt, Ingolstadt zugeritten, mit
lustiger Begleitung. Macht Halt bei einem Dorf.
Ahnt nichts vom Vorgehen des Herzogs gegen Agnes,
vom Hexenprozeß. Selig in seinem Glück, übermüthig.
Man zecht im Freien, in der Nähe eines Bauernhofs.
An dessen Wand liest Albrecht den Spruch:

Der Mensch hat Kreuz und Leiden,
Dieß schreib' ich mit der Kreiden,
Und wer nicht Kreuz und Leiden hat,
Der wische meinen Reimen ab!

„Wisch' ab!“ ruft Albrecht einem der Begleiter zu.
Dieser sträubt sich — warnt — tiefe Scheue. Der
Prinz will ihn zwingen, vergeblich; „verlangt's nicht,
Herr! Mir hält ein Geist die Hand.“ Albrecht ergreift eine Hellebarde und schürft den Spruch aus.
Im selben Augenblick kommt ein Bote und berichtet,
wie Agnes vertränkt worden ist, mit allen grassen
Einzelheiten des Hergangs. — Albrecht fällt in Ohnmacht.

Schon gut, aber was helfen mir die ungebrüteten
Eier! Ich bringe nichts fertig. Bin ich ein tragischer
Mensch? Nein, ich bin ein richtiger Polizeimann.
Aber es füllt mich nicht aus. Poesie, Philosophie:
bringe nichts fertig. Ich bin ein rüstig marschirender
Stelzfußmann.

Ich glaube, mit der bildenden Kunst befasse ich
mich noch zu wenig. Meine paar Bilder, Kupferstiche,
Galeriegänge auf Reisen in Deutschland genügen eben
nicht. Die bildende Kunst ist mir doch so wohlthätig,
weil ruhig, weil ganzes Gegenüber dem Subjekt. Auge,
stiller, contemplativer Sinn. Heraus aus mir, aus
meiner rings von Brennnesseln zerstochenen Haut, mich
in Objekt versenken — anschauen — das könnte calmiren. Musik? Nein. Verstehe zu wenig und so
wie ich den Faden des Gesetzes im Tönegewirbel verliere, stellt sich das Auge ein und ich denke nichts
als: was haben denn die Kerle, daß sie so reiben,
zwicken, kratzen, schlagen, die Backen aufblasen, oder
die Sänger: das Maul so aufreißen? Aber wo ich
verstehe, da zu pathologisch — Alles aufgewühlt —
tief — Herzbangigkeit, Herzgruben-Geisterspannung
kommt wieder, der Schwindel, der Tindsee. — Ich
muß mich gegen das Gefühlswesen verhärten, mein
Auge muß wie Horn werden gleich dem des Odysseus,
da sein Hund Argos ihn sterbend noch erkennt.

Es ist hohe Zeit, hereinzuholen, Italien zu sehen.
Wenn ich hin könnte! Rom — da sollte Manches in
mir sich setzen. Umbrien, Heimath ihrer Mutter, sehen
— meiden? Könnten zufällig da sein — oder doch hin?

Ich habe Stiche gesehen nach Pietro Perugino und
wenige Bilder von ihm in deutschen Galerieen. Von
Raphael's Jugendwerken die Madonna del Granduca,
wo er noch Peruginesk, in — gewiß sehr unzulänglichem — Stich, — welche keusche Holdseligkeit muß
im Originale sein! — o diese umbrischen Köpfe! Ich
muß doch hin.

Die Alten haben vom Ich, von dem Gespenste des
Ich eigentlich noch nichts gewußt. Die Italiener
werden auch nicht darüber grübeln. Man wird das
also los werden dort? Doch ja nicht so ganz! In dieser
Krankheit ist auch Wahrheit! — Fast allgemein unverstanden ist doch J. Paul's Schoppe geblieben, wie ihn
das Brüten über das Ich wahnsinnig macht! Es ist
eines der tiefsten poetischen Motive dieses Dichters.
Nur fehlt in diesem Brüten eine Unterscheidung. Wenn
ich so Nachts im Bett vor dem Einschlafen über das
Ich nachdenke, fühle ich immer gar gut, wie man
darüber wahnsinnig werden kann. Doch nicht eigentlich, daß Ich ist, ist so seltsam, daß es verrückt machen
könnte, darüber nachzudenken. Die Natur mußte auf
der Spitze ihrer Bildungen den Sprung über sich
hinaus machen, daß sie Wesen schuf, in denen sie sich
selbst erfaßt, in denen also der Zirkel besteht, daß
Erfassender und Erfaßter Eines ist. Aber dieser Ich!
Daß es da Einen gibt, der A. E. heißt, der infolge
Geburt von diesen Eltern, infolge Vererbung aus
unendlicher Ahnenreihe, auf Grund unzählbarer Umstände so und so beschaffen ist, aussieht u. s. w. —
was ist es denn nun mit diesem? Wer ist er? Was
thut er da? O, daran kann man gar nicht hin, das
ist rein unfindbar, rein nicht zu heben, zu erheben!
Warum denn? Nun, weil er eigentlich irrationell,
nun, weil es eigentlich nichts damit ist; dieser Kerl,
dieser Einzeltropf ist undenkbar, daher ist es nichts
Rechtes, ist es nicht geheuer mit ihm, ist er nur ein
Schein und daher muß er auch wieder fort. — Wieder
auch hier das ungeheure Räthsel der Dießheit!

Ich wäre gewiß gesetzter, wenn es nur nicht so
langweilig wäre. — Sitze ich bei Holzköpfen, so reizt
mich ihre Fadheit, Langweiligkeit, wichtige Wohlweisheit
und leerer Ernst, zu salzen, zu versalzen, zu übertreiben, meine Rede auf alle Art in's Leidenschaftliche zu
steigern, um die Klötze zu erschrecken, aufzuregen, aufzuwecken. Natürlich verstehen sie es nicht, meinen, es sei mir
Alles ernst, belehren mich, spotten, werden unangenehm.

Cum grano! Cum grano! Cum grano salis!
Wie Blutwenige verstehen's! Man kann nichts sprechen,
wo sie nicht gleich meinen, es sei Alles buchstäblicher,
dicker, blutiger Ernst. Hören die Obertöne nicht; bei
einem lebendigen Menschen schwirren ja neben dem
Grundton seiner Worte immer noch Obertöne. Daher,
mag er pfeffern so stark er will, es ist nie so schlimm,
als es scheint, läßt Luft, Spielraum, hat etwas Unmaßgebliches, etwas Flüssiges, etwas Strahlenstreuendes.
Und das verstehen dann die guten Leute nicht, wissen
nichts von Hintergrund in der Malerei. Ja, unrechte
Nebenbeziehungen suppliren, das können sie, das thun
sie gern. So ist auch ihr eigenes Reden entweder
ohne allen Oberton oder mit dem falschen der List. —
Das führt auch wieder auf die Parteien in allen
Streitfragen. Kein Mensch von schwingendem Gehirn
hängt niet- und nagelfest an der Hälfte einer ganzen
oder der einen Seite einer zweiseitigen Wahrheit.

Fordert es aber Zweck und ernster Augenblick und
exakte Bestimmung, so wird kein rechter Kerl die Kraft
der Einseitigkeit scheuen.

Noch etwas bereitet mir viel Noth. Wenn ich mich
für einen Satz, irgend eine Vorstellung erwärme im
Gespräch, so schwebt mir oft ein imaginativer Gegner
vor, gegen den ich hitzig werde, mich heftig ereifere,
während der wirkliche Mensch, mit dem ich rede, ganz
mit mir einverstanden ist, oder, wenn nicht oder nicht
ganz, mich dach mit keinem Worte gereizt hat. Das
pflegt nun der nicht zu verstehen, bezieht es auf sich,
und so — wie oft bin ich mißverstanden worden, wie oft
habe ich ordentliche Leute abgestoßen, von mir entfernt!
Die Phantasie thut doch dem Menschen viel Schabernack
an! — Sehr oft hält man mich dann auch für betrunken.

Wenn ich mich unter dem Lärm vieler umgebender
Gespräche mit Jemand unterhalten soll, wenn ich
daher schreien muß, um verstanden zu werden, so
erzeugt sich mir sehr oft aus meinem Schreien die
Vorstellung, ich habe Streit, und ich muß mich dann
sehr zusammennehmen, nicht heftig, nicht beleidigend
zu werden gegen ganz harmlose Mitsammenredner.

Uebrigens habe ich kaum je erlebt, daß mein Nachbar in einem von Gesprächen durchschwirrten Lokale
mir den Gefallen gethan hätte, die Stimme so weit
zu erheben, daß ich ihn verstehen konnte. Mich lassen
sie geruhig die Lunge anstrengen und den ganzen Abend
fragen: „Was?“ — „He?“ — „Wie?“ — O Sinnenrohheit! Sinnenstumpfheit — !

Nestelt sich da gestern einmal wieder in Gesellschaft
Einer an mich an und legt sich mir mit einem Seitengespräch in's Ohr, ja einem subtilen über feine Fragen,
die in Stille bedacht sein wollen; vergeblich bedeute ich
ihm auf alle Weise, daß ich bei einem Gesammtgespräche
betheiligt bin. Ein andermal ebenso auf der Straße
unter Wagengerassel. Und das ist ein im Uebrigen
ganz gebildeter Mensch! — Aber es spreche Niemand
von wahrer Bildung, der ungebildete Sinne hat!

Einmal wieder bei einem Leichenbegängniß gewesen,
im Zuge gegangen; sehr verdienstvoller Mann begraben.
Es war wieder, als zöge man mit einer wandelnden
Kaffeevisite; man schwatzt, gestikulirt, lacht, man mäßigt
nicht einmal die Stimme. Und es sind lauter Männer
aus den gebildeten Ständen! Also nicht einmal so
lang, nicht einmal, wo es doch gilt, den Ernst des
Todes, die Religion des pietätsvollen Andenkens auch
nur wenigstens der Form nach darzustellen — auch
das nicht! Könnt ihr denn auch absolut nur Ordnung halten, wenn ihr den Stock seht? Ein Beamter
gieng neben mir, redete mich immer an und begriff
nicht, warum ich ihm keine Antwort gab. Der wird
mich nun auch für ein Ungeheuer halten, für einen
Schweigtyrannen, während man mich da, wo Sprechen
vergönnt ist, für einen Gesprächtyrannen hält.

Auch die besten Todten haben eine Unart, sie
ziehen beim Begräbniß gern die Freunde zu sich hinunter, indem dabei gewöhnlich Zugluft geht, die Leute
bei den Grabgebeten den Hut abnehmen müssen und
sich verkälten. Wie Unzählige haben da den Tod
geholt! — Ich werde testamentlich verordnen, daß
man an meinem Grabe während sämmtlicher Bestattungsformen den Kopf bedeckt halten darf. Ein Todter
muß nicht anspruchsvoll, muß billig sein.

Ich werde doch oft Menschenfeind, was doch gar
nicht in meiner Art ist. Das Misanthropenwesen ist
im Grund eine affektirte Geschichte aus dem Zeitalter
der Sentimentalität. Es müßte sehr langweilig sein,
die Maske festhalten. Einfach unlogisch; ich bin ein
Individuum der Gattung, ein so kleiner Bruchtheil,
daß ich allein mir doch nicht die Gattung sein kann.
Nun trifft man freilich nur allzu Viele, die bloß
nominell der Gattung, eigentlich dem Thierreich angehören, aber man soll bedenken, daß man Eins in's
Andere rechnen muß, läßlich sein, zuwarten, bis man
auf einen Zähler trifft. Es kann nicht lauter Brocken,
es muß auch Brühe geben. Schiller's „Menschenfeind“
ist eine gesuchte Macherei. In Shakespeare's „Timon
von Athen“ ist's anders, der flieht die Menschen, aber
er braucht sie doch immer, um sie anzuwettern und
anzufluchen. Dieß ist energische Art.

Uebrigens hat man, wenn man es zeitenweis bei
den Menschen nicht mehr aushält, die Thiere. Aus
meiner Kinderzeit freut mich nichts so sehr, als wie
ich eine „Arche Noä“ zum Christtag bekam.

Der Hund — abgesehen vom Amtshund — ist
wesentlich und vor Allem Gassenjodel, eben ganz wie
ein Bub. Dabei furchtbarer Renommist. Sein Fest
ist, hinauslaufen mit dem Herrn, namentlich mit Pferd
und Wagen. Er stürzt, wenn's fortgeht, hinaus mit
wüthendem Lärm, er thut, als wollte er die Welt zerfleischen, ja, das Kantische Ding an sich zerschlitzen.
Hallo! Wir sind da! Hellauf!

Wenn ich mit Caro an einer Wiese vorbeigehe,
so springt er hinein, hält, sieht mich an, und jeder
Zug, Blick, jede Bewegung sagt: Wohlan denn!
Eh bene! Eh bien! — Ich soll mit ihm Fangens
spielen.

Höchst komisch ist das Scharren des Hundes, wenn
er Wasser gelassen hat. Er vergißt vollständig, warum
er es thut, fällt ihm nicht ein, dem Zweck des Zudeckens
gemäß zu verfahren; hält sich für ein Pferd, das
ausschlagen kann, und bellt mit großer Prahlerei.
Also Zweckbewegung zum reinen Ornamentspiel geworden in großem Unterschied von der Katze, der es
Ernst damit ist, rein zu machen.

Die Thiere sind auch sehr eitel. Zeigen, was sie
können: fliegen, springen, apportiren, klettern u. s. w.
Die Katze folgt dem Herrn, der Frau in den Garten,
klettert auf die Bäume und sieht oben herunter: da
guck her! mach's nach, wenn du kannst! Kommt ein
Besuch, so hüpft sie auf den Sopha zu ihm, schmiegt
sich ihm an und sagt mit jedem Zuge: siehst du, das
ist nun unsere Stube! und ich gehöre auch dazu. —
Pferd, Kuh sogar, wissen sehr wohl, wenn sie aufgeschmückt, bekränzt sind.

Ein ganzes Hauswesen wäre schon recht, aber —
aber — wer das erfahren hat! — Und, wenn je ein gut
Weib, ob sie meinen Kampf mit dem Objekt verstünde?
Und wenn das nicht, wenn wohlweis, welches Elend!

Frauen sind die Schützerinnen der Unlogik. Ohne
sie würden die Männer pedantisch. Tausend und
tausend Fälle gibt es immer, wo es nicht die Logik,
sondern der rasche oder der warme Blick thut; mit
der Logik kann man ja kein Ganzes einholen.

Anders, wo es auf Logik ankommt, da können sie
abscheulich werden.

Bist du irgend ein Mensch, der gern nachdenkt,
und willst heirathen, so nimm ja kein Weib, außer
ein philosophisches. Unter philosophisch verstehe ich
hier eigentlich das Gegentheil von philosophisch und
doch auch wieder nicht das Gegentheil. Das Weib
soll nur so viel des Ahnenden in sich haben, daß sie
fühlt: mit Gemeinplätzen ist es nicht gethan. Erwischest
du ein Weib — es mag in weltlichen Dingen noch
so gescheut sein — in göttlichen Dingen platt rationalistisch (von dumm pietistischen nicht zu reden), so gibt
es im besten Fall eine lahme Ehe, wahrscheinlich eine
unglückselige. Das Weib wird dir zuerst langweilig,
dann nach und nach verhaßt werden. Nun ist aber
die Mehrzahl der Weiber natürlich höchst zufrieden mit
der geläufigen Lösung des Welträthsels: der liebe Gott
hat die Dinge eben so gemacht, Punktum. Und da
das Weib äußerst zur Wohlweisheit neigt, ist es auch
fähig, einen Mann, der weiter denkt, lächerlich zu
finden, sogar ihm noch zu predigen. Ergo: du thust
unter Anderem auch darum gut, nicht zu heirathen.

Man darf nur auf der Straße Kinderspielen zusehen
und die kleinen Fratzen beobachten, so wird man den
Satz nicht bestreiten, daß Wohlweisheit ein Hauptlaster
des Weibs ist. Ach, weil „Weibersinn spannenlang ist“,
darum ist ihnen Alles so schrecklich klar! Vielleicht
weil Sokrates gestand, daß ihm nichts klar sei, wurde
Xantippe zu einer Pantoffelmeisterin und zu einem
Drachen.

Aber: incidit in Scyllam — noch viel schlimmer
das Weib, das die Seichtigkeit der Gemeinplätze erkennt,
aber nun den Weg der Unweiblichkeit einschlägt, das
eigentliche Philosophiren anfängt und Blaustrumpf wird.
Nein! nein! still ahnend und bescheiden, im stillen
Ahnen begreifend, daß ein denkender Mann mit Grund,
wenn auch ohne ganzen Erfolg, sich forschend abmüht:
so ist das rechte Weib. Das Weib ist in seinem helldunklen Wesen eine geheimnißvolle Einheit der Weltpole Natur und Geist. Will es zugespitzt aus dieser
Einheit heraustreten, so wird es actu weniger, als es
im Wesen ist, theilt sich, verliert sich, wird unangenehm, widerwärtig. Es gibt eine Dummlichkeit, die
unendlicher Anmuth voll ist. Eine Desdemona, eine
Ophelia webt mitten in dem Traum, worin der Weltgeist dichtet.

Es gibt auch eine mittlere Gattung: ahnende
Weiber mit einzelnen scharfen Gedankenblitzen — die
geistreichen. Es kann scheinen, dieß wäre ja das Rechte.
Aber da sie es zum Ordnen der Gedanken doch nicht
bringen und da sie übrigens sehr gesalzen sind, so sind
sie beunruhigend und öfter bös, als gut. — Man
kommt immer auf's Einfachste zurück: wünsche dir ein
Weib, gut, wiewohl nicht dumm, verständig für die
Welt, ahnungsstill in tieferen Dingen und dann etwa
den Tagmenschen dummlich erscheinend, — thut nichts —.
Es wird auch solche geben, aber sie zu finden müßte
man mehr Glück haben, als unsereiner, und übrigens
ohnedieß — o stille, an solche Sachen sollte ich gar
nicht denken!

Im Elend dieser Zeiten, in dieser Aera der Konkordate, der Staaten, die ihre ganze Aufgabe darein
setzen, „Feuerlöschanstalten“ zu sein, des verrathenen
Schleswig-Holsteins, des entehrten Preußens, des knabenhaften Gedankens, dafür in Neuenburg Lorbeeren zu
holen, nun dieser Dinge in Italien, da Deutschland,
Europa den Spieler in Frankreich groß und größer
werden, sich ganz über den Kopf wachsen läßt, — ich
kann es einem Philistersmann nicht verdenken, wenn
er auf's Heirathen verfällt, um sich in seine vier
Wände warm einzuspinnen, und zu dem Zweck nun
das schrecklich mühsame Geschäft auf sich nimmt, die
schriftlichen Sachen, Taufschein, Leumundszeugniß u. s. w.
herbeizuschaffen. Der Ehebruch einer Frau ist hauptsächlich deßwegen schändlich, weil es sich der Ehemann
damit so sauer hat werden lassen müssen. Für diese
Plackerei sollte er doch billig sein Weib allein haben dürfen.

Wie klafft doch immer die alte Lücke in mir, das
versäumte Italien! In die Kunst, in's Große der
Kunst — hier mich einspinnen, hier mich mit ganzer
Seele häuslich einrichten! Da jetzt im Leben Alles,
Alles so styllos liegt, nichts Durchschlagendes, nichts,
was Hunde vom Ofen lockt. In Italien zwar ein
Hinderniß für mich, daß es jetzt in politischen Geburtswehen liegt. Eben, weil mich das so zwiespältig
bewegt. Bin kein ästhetischer Ruhkopf, gönne der
Nation, daß sie wird. Aber gerade weil mich das
beschäftigt, ich aber dabei nichts zu thun habe und
weil ich als Deutscher den Würfler hasse, dem sie's
verdanken, und ferner, weil ich dort nur der Betrachtung leben will, so weiß ich doch kaum, ob ich
jetzt hinreisen sollte, wenn ich könnte.

Zu meiner armen Seele Stärkung einmal wieder
im Aeschylos gelesen. Agamemnon. Wie Klytämnestra
vom Mord herauskommt, die Axt auf der Schulter,
den Bluttropfen auf der Stirn — wie grausig groß!
— Plötzlich weggeworfen, weil mir — ein Weib einfiel, das ich mir so denken könnte. Mich ermannt,
wieder gelesen und nun frei im Elemente des Großen.

Möchtest du es zum großen Styl bringen in der
Kunst, in der Dichtung? Ich weiß dir ein Rezept
dazu: habe eine große Seele. Wenn man's nur in
der Apotheke bestellen könnte!

Es kommt Alles darauf an, ob Einer ein Kerl ist,
das heißt, ob er Kaliber hat. Wie viele hübsche Sachen
bringt Tieck! Er hat Geist, Witz, viel bildliche Erfindung, Anmuth, schwebendes Spiel, aber er hat kein
Kaliber und so ist er doch eigentlich nicht unsterblich
geworden. Die Zeit ist eben eine starke Worfelschaufel.

Uebrigens führt das zu schweren Fragen. Die
Formalisten werden sagen: gut, so kommt bei den
Künstlern, Dichtern, die Größe haben, zum ästhetischen
Werth ein zweiter, ein ethischer, hinzu. Aber ich bitte!
Die innere Wucht in der Seele der großen Künstler
hat ja doch eben die Formen selbst gestreckt! Das
Große ist doch nicht neben den Formen! Also handelt
es sich doch um eine völlige Einheit zweier Dinge:
„der Gehalt in deinem Busen und die Form in deinem
Geist.“ Oder vielmehr dieses Wort Goethe's ist selbst
dualistisch; Busen und Geist sind die eine Seite,
Phantasie ist die andere, und Form, große, echte Form
ist die Einheit von beiden.

Soll auf einige Wochen nach Schwaben reisen,
städtische Anstalten einsehen, Gefängnißwesen und
Anderes. Auch gut, verluste mich nebenher, möchte
auch bei der Gelegenheit die alte süddeutsche Malerschule besser kennen lernen; Zeitblom muß etwas
von Styl haben und Farbe dem Giovanni Bellini
verwandt.

Einen heiligen Sebastian von ihm aufgetrieben
um viel Geld, das Geld fast so gern ausgegeben wie
für großen Opferakt an rebellischem endlichem Objekt.
Wahr, wahr, auch da ist Styl: Feier, Gesammeltsein
tief in sich vor Gott. Farbe warm verarbeitet, leuchtend.
Aber etwas Geschmackloses, etwas Vertraktes muß hinein,
anders thun sie's nicht, unsere alten deutschen Meister.
Bei Zeitblom außer der eckigen Dürre überall die
dumme, bornirte Schwellung über der Nasenwurzel,
die Nase selbst immer roth angeflogen. Will er, muß
er damit die gewisse Verknopfung im schwäbischen
Wesen ausdrücken?

Meine, sie nun zu kennen, diese Schwaben. Schwerblütig, unvermögend, sich aus sich herauszuleben. Wie
leichtlebig dagegen selbst unsere mitteldeutschen Stämme!
— Und dabei merkwürdig starkes Stammesgefühl.
Meinen, ihre Eigenheiten seien bessere, eignere Eigenheiten, als die Eigenheiten anderer Stämme. Meinen,
sie haben die Gemüthlichkeit gepachtet.

Gemüthlichkeit? Es ist jeder Dialekt gemüthlich
und behüte uns der Himmel vor Dialektlosigkeit! Sie
mögen Recht haben, daß sie durch alle Stände daran
halten. Aber es ist auch Gefahr in diesem Hegen,
es bildet sich ein behagliches einander Mögen und
Gernhaben im engen Kreise, ein Element, aus welchem
schwer zum resoluten Aussprechen der Wahrheit aufgetaucht wird, wenn sie unangenehm ist. Die Vettermichelsgemüthlichkeit liegt so nahe an der unwahren
Höflichkeit, als der weltglatte Bildungsschliff, mag sie
auch am unrechten Orte manchmal grob sein. Man
sollte Jedem, der unfrei im Dialekt hängt, auf zwei
Jahre den Gebrauch desselben bei Strafe verbieten
und nachher wieder erlauben.

Nachdenkliches Wesen, viel Talent, aber stellt das
T und L um, bleibt latent. Sind so gescheut wie
nur irgend Jemand, haben aber wie die Schildbürger
beschlossen, heimlich gescheut zu sein. Will nichts
heraus. Kein Zusammenleben, keine Gesellschaft —
denn verhockte Wirthshauskreise sind nicht Gesellschaft
— kein Gespräch. Man trifft freilich im kleinsten
Winkel vereinzelt unterrichtete Menschen, wenn man
sie anbohrt, oft und viel, — guter Verstand überall.
Aber kein Gespräch, will sagen, kein geselliges, verbreitetes, Städte durchfliegendes Ventiliren neuer Dinge,
die Jedermann interessiren. Kein warmes Wort, kein
lebendiger Ideenstreit über neue Bücher, Theaterstücke,
Kunstwerke, aufregende politische Ereignisse oder Fragen. Scheint mir auch verstockter Eigensinn zu Grund
zu liegen. Machen Gesichter, die sagen: jetzt, weil Jedermann davon spricht, weil alle Welt meint, davon
müsse die Rede sein, jetzt gerade erst recht nicht. —
Sind übrigens auch fremdenscheu, fremdeln.

Auch Gutes in dieser Verstocktheit? Hassen windiger
Volubilität? Flunkerhaften Leichtredens? Gewiß, und
darin viel Recht. Begründeter, gerechter Widerwille
gegen das Umsichwerfen mit vergriffener Sprachmünze
bei so manchen Norddeutschen, gegen die Schwatzvirtuosität und Wohlweisheit des Berliners. — Auch
eine gewisse edle Scham, das Innere nur so geschwind
herauszugeben? Selbstgefühl, das sich gegen Modelebtag sperrt? Ja, auch davon ein Korn, im Uebrigen
Phlegma, oder ist es anders zu bezeichnen? Man
meint oft, diese Leute müssen ja Fischblut haben, wird
irre, wenn man wieder den nachhaltigen Zorn sieht.

Die Schwaben sind zornig. Muß namentlich vom
Neckarwein kommen, der bös macht; hab’s in jenen
Wochen an mir erfahren. Schiller veredelte diesen
Zorn zum Zorn gegen das Gemeine. Das Volk sehr
roh, so viel ich an Sonn- und Feiertagen auf der
Eisenbahn bemerken konnte. Besonders wüstes Fluchen.
Auch wilde Thiermißhandlung. Beamter in Stuttgart,
klarer Mann, fähig, aus Vogelperspektive zu sehen, sagte:
was ein rechter Schwab ist, wird nie ganz zahm. —
Sehr häufig die „oculi truces“ des Tacitus.

Formlosigkeit prinzipiell gemacht: sie gilt für wahre
Natur; Form gilt für affektirt, vor Allem: höher
belebte Form, doch auch einfach richtige Form, zum Beispiel reines Deutsch. Wissen aber doch in Kunst und
Wissenschaft sehr wohl, was große Form ist.

Vieles offenbar auch Folge der langen Abgeschlossenheit vom großen Verkehr. Weltlosigkeit, Versessenheit,
Stagnation. Hauptstadt in einem Kessel, können
nicht oben hinausgucken. Entsteht ein deutsches Reich,
so wird sie vielleicht die Luftdurchströmung wecken;
wird etwa sein, als ob man einen großen Fluß durchleitete. — Doch gewiß langsam.

Halten sich in ihrer Selbstliebe für besonders ehrlich,
solid, reell — während es mit der Gewissenhaftigkeit
in Handel und Wandel, im Handwerk um kein Haar
besser steht als irgendwo in unserer Zeit. Herrschend
selbst in Städten, lang sogar in der Hauptstadt, lumpiger,
fünf Zoll dicker Holzriegelbau, Nomadenzelte. Von diesen
gefälschten Mauern muß ein Geist der Unsolidität in alle
Geschäfte ausströmen. — Hören gern: „biedre Schwaben“. Der wahre Biedermann wird aber die Biederkeit haben, dieß Prädikat nicht anzunehmen, weil es
klingt, als ob die Leute anderswo nicht bieder wären.

Das viele Talent sichtbar in viel Humor. Aber
dieser Humor öfters in's Kleine, eng Lokale verkräuselt.
Lach- und Spottneigung; gefährlich, kehrt sich leicht gegen
wahres wie gegen falsches Pathos. Spottlust dadurch
etwas entschuldigt, daß man sie selbst viel verspottet
und doch viel mit Unrecht. Auch ihren Dialekt verspottet man oft ungerecht; unter all' seiner Unschönheit
ist doch ein feiner Sprachsinn verborgen, ein Ohr, ein
Nerv von viel Schärfe für Sprachfehler moderner
Abschleifung, naturloser Sprachkultur. Habe zum Beispiel niemals den Akkusativ und Ablativ, nie das Her
und Hin, Hier und Dort verwechseln hören.

Beamtenstand habe ich in Mehrheit sehr gewissenhaft gefunden. — Auch die Sitte im Ganzen und
Großen noch etwas intakter, als anderswo. Verkehrsanstalten exakter Dienst. — Viel Tüchtigkeit. — Schulwesen höchst solid.

Summa: Völklein schwer zu begreifen; Gutes und
Schlimmes verknäuelt wie kaum irgendwo. Ueberrascht
aus seiner engen Existenz die Welt auf einmal mit
einem Schiller, Schelling, Hegel. Vielleicht kann man
sagen: unter dem dichten, knorpligen Schildkrötenschild
ein stets gesparter, obwohl auch viel zu sehr gesparter
Schatz von Talent und Kraft. Dieß die mildeste
Ansicht und billigste Entschuldigung. — Nur der Lebtag von der Gemüthlichkeit sehr verdammenswerth,
erregt Ueberdruß.

Das ist übrigens auch wahr: keinen einzigen blasirten Menschen habe ich gefunden, und bin doch mit
Vielen umgegangen. Dieß besagt nicht wenig.

Gemüth ist warmes, inniges Eingehen in Zustände, Thiere, Menschen, Scharfer Gegensatz gegen
die Sinnesart, die mit Begriffen oder Zwecken sich
nur von außen über die Dinge herspannt, daher
humorlos ist und zum Beispiel nicht begreifen kann,
warum ich auf der Straße stehen bleibe, dem Spiel
junger Hunde zuzusehen. Ist sehr arm an Sinn für's
Naive, versteht vom Komischen fast nur das Ironische.
Hierin nun sind die Schwaben sehr gut organisirt,
auch die Bajuwaren; die Franken, zu denen ich mich
rechne, obwohl nahe der alten Sachsengrenze, bin ich
noch so eitel zu nennen. Das Niederdeutsche ist
laugiger, neigt mehr zum schelmischen Aufziehen
(Reineke Vos). — Zum Finden oder Erzeugen des
Komischen gehören zwei Dinge: jenes Eingehen, Mitsein, sich Mitfühlen im Andern, also selbst noch naiv
sein; gleichzeitig aber darüber schweben mit Blick der
Geistesschärfe. Wem das Erste fehlt, der mag lieber
gar keinen Versuch machen, echt Komisches zu genießen,
mag sich mit der sauern Dünnkost des Spottes begnügen.
— Gut, also Gemüth. Etwas Anderes ist Gemüthlichkeit, sie ist verbreiteter Gemüthston, ist Gemüthston als Lokal- oder Provinzialkostüm, namentlich im
Dialekt (zum Beispiel starker Gebrauch von Diminutiven). Nun aber, wenn dieß Ton, Kostüm geworden,
so spricht und thut auch der Spitzbube, der Betrüger,
ja der Mörder gemüthlich. Damit verliert es allen
Werth; konventionell gewordenes Gemüth ist kein
Gemüth mehr. Man kann höchstens sagen: denen,
die doch wirklich Gemüth haben, hält ringsherrschender
Gemüthston das Wesen des Gemüths in stets frischer
Erinnerung und dient ihnen zugleich als Mittel, das
Gemüth in angemessener Sprachform auszudrücken.

Noch Abstecher in die Schweiz. Tüchtige Männer
kennen gelernt, brave, gastfreundliche Häuser. — Schon
auf der Eisenbahn aufgefallen: man sieht mehr ganze
Köpfe als anderswo. Ganz: worüber die zermürbende
Egge der Kultur mit ihren theils nützlichen, theils
charakterebrechenden feinen giftigen Spitzen nicht gegangen ist. Man hört auch gottlob nicht so viel von
Gemüthlichkeit. Was ich von jungen Leuten aus der
Sphäre wissenschaftlicher Bildung kennen gelernt, frisch,
frei von Ironie. — Schulen blühen, Dörfern ein
schönes Schulhaus Ehrensache. Reinlichkeit höchst wohlthuend. — Habe bemerkt, daß die Wahrheit mehr
in's Gesicht gesagt wird, als in unserer verschlissenen
Welt, obwohl oft stroblig rauh; doch wie viel besser
dieß, als nach dem Maul schwätzen! Aber ernste Männer
klagen über den reißenden Fortschritt des Geldgeistes.
Monarchieen, sagt ein Schweizer selbst, ein guter
Republikaner, zu mir, öffnen den menschlichen Leidenschaften mehr Abzugskanäle, zum Beispiel Titel, Adelsdiplome, Hofdienste, Orden dem Ehrgeiz, der Eitelkeit;
hier aber wirft sich aus Mangel an Anderem die
ganze Sinnlichkeit fast allein auf's Geld; dazu das
Unglück, daß unser Land von der unendlichen Reiseflut überschwemmt wird; das ist ein Fluch, das muß
verderben. Ach, schloß er, wir brauchen bald eine
neue, große Bluttaufe, einen furchtbaren Kampf um
unser Dasein; ich vertraue, es sei noch so viel alte
Schweizertugend da, ihn zu bestehen. — Gebe ihm
der Himmel Recht, dem braven Manne! Denn daß
inmitten unserer monarchischen Großstaaten noch eine
Republik besteht, auf altgesunder Grundlage, verständig,
nicht ideologisch, gut konservativ: das soll sein, ist
recht und in der Ordnung. Wenn sie sich nur auch
vor der modernen Demokratie brav hütet! Gerade
einer Republik nichts verderblicher, als der falsche,
abstrakte Freiheitsbegriff!

Wieder zu Haus. kleine Reise will in der Nachkur
nicht vorhalten. Wenn ich mich vom Amt verschnaufe
und meinen Zeitblom ansehe, seinen Ansatz zur Streckung
der Formen und daneben doch das Verwachsene, Unfreie, Verknorrte, so kommt mich's nun erst recht an:
ich sollte eben doch hin, muß hin, muß den freien,
großen Styl in der Kunst endlich einmal anders
schauen, als nur in Gypsabgüssen und Stichen. Ein
unwiderstehlich Sehnen kommt mich an, wie ich da
schreibe: die Formen strecken. In meinem Leben, in
dem Rattenkrieg mit dem kleinen Uebel ist Alles geknittert, gekettelt, genörgelt, gezupft, klein gebrochen,
knopfig genestelt. Strecken! An dem, was dem Auge
große Bahnen gibt, muß ich mich selber strecken. —
Ich muß sehen, wie ich's mache. Muß aber dann,
wenn es gelingt, mit aller Kraft meinen Vorsatz halten,
nach den politischen Werdekämpfen Italiens nicht hinzusehen. Verzeih' mir's zum Voraus, Genius eines
aufstrebenden, geistvollen und liebenswürdigen Volks!

Und ihrer Mutter Heimat sehen, das wird ja
erlaubt sein und nicht zu stark an der Seele zucken,
so daß sie aus der Ruhe der Betrachtung gerissen
würde.

Bravo! Noch einmal Bravo! Zwei Dinge auf
einmal: Neues Amt, größere Kreisstadt und vorher
Urlaub! Doktor wieder brav; schreibt mir Zeugniß:
„Abgearbeitet — akute und chronische Affektion der
Schleimhäute — gestörte Verdauung — mildere Luft
— Bewegung — mildes Klima —“ Wollte eigentlich Kairo, doch läßt mit sich auf Italien herunterhandeln. Regierung willfährig, insbesondere weil ich
dazumal mit dem kommunistischen Gesindel fertig geworden und weil ich die Faust fest auf die verrotteten
Volksbeglücker drücke. — Daß man mich nur nicht
für gar zu brav hält! — Doch für jetzt schon recht!
— Aufgepackt, fort! Von Caro schwerer Abschied, doch
in guter Hand!

Sammlungen von Pfahlbewohnerresten — Bodensee — Schweizerseen — Steinzeit, Bronzezeit. Man
wird ganz zu Hause, haben es auf ihre Weise ganz
bequem gehabt, glaubten sich gewiß auf Bildungshöhe.
— Gedanke einer Pfahldorfgeschichte. Mondsymbole
— halt, daraus kann eine Religion für die Pfahlmenschen herausgesponnen werden!

Desenzano. Muße zum Schreiben, Strafe für meine
Dummheit und vielleicht doch gut, daß ich mich etwas
sammle von der Hast. — Durch die Schweiz gehetzt, will
jetzt nichts von Gebirgsland, vollends wenn vollgestopft
mit Reisegeziefer. Abgeleckte Idylle. Wenn einlassen, dann
brauchte es mehr Zeit, erst im Volk, fernab von den
Gasthöfen, zuzusehen, wie viel noch alter Kern da ist.
Hat mich nur der Splügen gefreut und wie flott der
Postknecht die Zickzackwendungen hinabfuhr nach Chiavenna; das Resolute thut wohl, die hohen Berge sind
auch resolut, aber mir für jetzt zu hart, zu formlos.
Dürste nach anderen, schwungvolleren Erdbildungen,
auch nach großen Wasserflächen, dieß hat mir doch
Norwegen angethan mit seinen zwei Größen: Gebirg
und Meeresbucht. War mir dann der Comersee doch
wieder zu weich, will den Gardasee mit ihm vergleichen
und seinen gestrengeren und doch, wie ich aus Beschreibung weiß, schon südlich plastischen Monte Baldo. Unterwegs in Brescia an zwei Gegenständen hoch erbaut:
Köpfen weiblicher Heiligen von Moretto und antiker
Erzfigur, griechischer Arbeit: Nike. Dort die Züge, hier
die Gestalt — rühren mich noch anders, als Hinz und
Kunz. Weiß warum; — erinnern. — Den Gardasee
hinauf und herab. Meine ich Dummkopf, in Italien
geb's keinen Katarrh, kleide mich zu leicht, fange einen
gründlichen und sitze nun da und kann ihn ausbrüten.
Ufer mit Limonengärten, malerische Steige hinauf
nach Ledrothal, Ortschaften wie Schwalbennester hängend, rechts dann die rein modellirten Formen des
Monte Baldo, sanft geröthet von Morgenlicht, herrliches Blaugrün des Sees, Alles nur wie im schweren
Traum durch verklebten Flor gesehen — hat mich
nicht gekühlt, Nase, Ohren, Augen glühend — das
der Einstand? Du dort oben auf höchstem Berg,
Madonna di Salò, bist gewiß eigentlich die Minerva,
die dort sicher ihren Tempel hatte, warum hast du
mir nicht gnädig Gehirn kühl, Augen klar bewahrt?

Vom Bahnhof aus die Spia d'Italia gesehen,
steht bei Solferino auf der Höhe, wo der blutige
Kampf war. Nicht hinüber! Das nicht sehen! Die
Faust ballt sich mir gegen den glücklichen Croupier,
während doch Oesterreich auch recht geschah für seine
Lumperei. Aber der Croupier wird's auch noch büßen,
das weiß ich. Doch Vorsatz halten! Keine Politik!

Verona. Arme Maulthiere und Esel! Seufzende
Kreatur! — Ihr stammt von dem Gesindel, ihr Thierschinder, das einst dort in der Arena die scheuslichen
Kämpfe ansah. — Für was lauft ihr in die Kirchen?

Das katholische System ist Reklame, Revalenta
arabica, Königstrank, Mailänder Haarbalsam. Kommt
zu mir, ich habe eine Apotheke, euch selig zu machen
ohne eigene Mühe! Was ihr am meisten fürchtet: das
Gewissen und den Tod: ich zieh' euch den Zahn
schmerzlos aus!

Doch nett in San Zeno. Ich trete in der Abenddämmerung ein. Dort in einer Kapelle ein gewöhnliches Kerzenlicht. Ich gehe hin: eine alte Nähterin
näht an einem Röckchen für's Christkind auf morgen
zum Fest, ein alter, dicker geistlicher Herr steht dabei
und fädelt ihr ein, mit großer Brille auf der Nase.

Und nun heut Abend! In der Kapelle der ganze
neue Kindszeug ausgestellt: Häubchen, Kittelchen für's
Christkind. Gedräng dahin von Mädchen, Frauen.
„Ma, quanto grazioso! che carino!“ — Man muß
immer wieder lachen. Die Menschen bleiben Kinder.

Bologna. Akademie. Wie wird mir nun meine
Vorstellung von diesem Pietro Perugino zur Wahrheit!
Zu den Menschen da unten, die in unsagbarer Sehnsucht hinaufweinen, wie, mit welchem Blick der Unendlichkeit neigt aus geöffnetem Himmel die Jungfrau
sich herab! Dabei Alles noch grundnaiv, auch die
mandorla, die Mandelform der Oeffnung des Himmels. Und doch Farbe schon tief warm, leuchtend
von Seele.

Florenz. Hier Nachts im Mondschein! Da
wandle mit Andacht! Wo wären wir ohne diesen
Quellpunkt aller neueren Bildung? Barbaren, nichts
weiter. Dort im Garten lehrten die Griechen. Dann
all' die Dichter und Künstler! Die Geisterluft, die von
hier aus wehte, ist weicher noch, als die Lüfte dieser
Mondnacht.

Es ist wahr, die Renaissance war nur die eine
Hälfte der Wiedergeburt, die andere die Reformation.
Diese die ethische, und wie nothwendig! Eine Halbheit
zwar, auch mit ihrem eigenen Maßstab, dem der Religion, gemessen. Aber durch Halbheiten geht die Geschichte; die Menschheit erträgt nichts Ganzes. Und
wohl der Halbheit, die ein gut Stück vom Centrum,
vom Kern des Ganzen hat! Luther hat viel Unnöthiges
stehen lassen, aber in ihm brannte Centralfeuer, heiliger
Grimm aus heiliger Liebe sprühend. — Deßwegen
gehören auch nicht je wieder zwei Völker so zusammen,
wie Deutsche und Italiener. Die zwei Hälften der
Menschennatur suchen sich. Die Italiener erkennen es
jetzt noch wenig, hassen uns historisch-politisch, aber es
wird schon kommen.

Wie sich's gestreckt hat, weiß ich jetzt, hab's mit
Augen verfolgen können. Kapelle Brancacci in S.
Maria del Carmine: Masaccio, der hat den größten
Ruck gethan im Strecken. Aber wenn mir ist, als
geriethe ich bei diesem Anblick selbst in's Wachsen und
freie Auswickeln, wie eigen rührt mich doch gleichzeitig
die holde Unreife, die liebenswürdige Armuth des
Nochnichtkönnens! Sie hilft ja, den geschlossenen Kern
der Innigkeit streng bewahren, daß er in der entbundenen Form nicht verdunste. Seit ich den Perugino in der Akademie zu Bologna gesehen, ist mir
das erst recht aufgegangen. Nun hier weiter zurück
der herrliche Fiesole! Auch in ihm ist schon Zug
zum Strecken, will da und dort die mündige Form
schon ausschlüpfen — welche große Bahnen in den
Falten des weißen Mantels, der den auferstehenden
Christus majestätisch umfließt — dort in der Klosterzelle von San Marco — aber sein frommes Kinderherz! Welche Welt von Rührung! Wie keusch zusammengehalten !

Und dann, ich kann sagen, wahrhaft gute Stunden
genieße ich in S. Maria Novella. Welch ein edel
freier, heiterer Mensch ist dieser Domenico Ghirlandajo!
Da geht's hinaus in die schöne, sonnige Welt. Und
hinein in das Wärmeliche der Zustände menschlichen
Behagens. Wie köstlich diese Kindsstuben, das Pflegen
der Neugebornen, die Nachfragen der besuchenden
schönen Frauen und Mädchen, die wohnlichen Räume!
Und wieder, welche Würde der Gestaltung schon,
welche ernste Ruhe und adelige Bewegtheit!

Pitti. Madonna del Granduca. Nicht ganz, ihr
Gesicht um einen Hauch schmäler, aber doch sie! O
ja, sie, das ist sie! — Solches Oval, solches Blicken,
Neigen, Beugen — nur Raphael, nur er, und er, als
hätte er sie gesehen!

Der große Grabmalkünstler von San Lorenzo will
mich nicht recht annehmen, stehe dort bald hingerissen,
hoch getragen, bald geärgert. Zu dieser genialen Geistertiefe der übertriebne Wurf und so viel widerwärtige
Gedunsenheit. — Rom abwarten. Dort laß dich
auch von der Antike erst ganz erfüllen, o Seele! Und
von Raphael's ganzer Herrlichkeit!

Oft, wenn ich oben stehe bei dem Kleinod altfrommer Baukunst, bei San Mignato, und herunterschaue auf Thal und Berge und Fluß und Stadt, und
dann auch jenes Wunderbaren gedenke, dessen Schatten
hier umschwebt, des Hölle, Himmel und Welt umfassenden Dante, des Geistes, der einer weitgespannten,
hochgewölbten Kuppel gleicht, und wenn ich dann denke,
wie viel Wildes und Furchtbares doch auch an den
Flächen dieser Kuppel wie mit Glut und Blut gemalt
ist, dann entsinne ich mich auch, wie viel doch gewüthet und gemordet worden ist in dieser sanften,
edlen Stadt. Ja, ich weiß, ich kenne, was Wildes
im Menschen ist. O ebnet mich, ihr weichen Linien!
Singe mich in Schlaf, mild rauschender Fluß! Lindert
mich, ihr Oelbäume, kühlet mich, ihr stillen Cypressen,
und hebet mich, ihr schlanken Pinien mit der leichten,
rundlich geschwungen übergelegten dunklen Krone!

Da beginnt es, in Siena, da sieht man die
traumhaft verschleierten, mandelförmigen Augen. Wie
stimmen sie mit der Madonnenanmuth der keusch hageren
alten Bilder! Ist es etrurisch, umbrisch? Wer waren
diese alten Umbrier? Doch gewiß nicht Kelten, nicht
Gallier; — Iberer? Dunkles, vorgeschichtliches Volk
der Eusken? — Und ihre, ihre Sprache! Lingua Toscana in bocca Romana; nur in ihrem Mund feiner,
ganz leiser, entfernt nicht unschöner Anklang des Englischen, — Stimme einer milden Fee, wenn sie lispelt. —

Gute stimmungsvolle Stadt, nicht nur so reich an
Bildern, selbst Bild an Bild! Die gothischen Paläste,
burgartig, die Zinnenthürme, sie gemahnen den Deutschen deutsch; plaudernd mit deinen freundlichen,
feinen Bewohnern lebt man sich zurück in die alten
Zeiten, ich wandle mit dem guten Simone Memmi,
dem ehrlichen Ambrogio Lorenzetti über den schönen,
eingetieft aufsteigenden, halbrunden Marktplatz und sehe
sie ihre naiven Bilder malen in den Rathhausräumen,
ich begleite den sanften und doch so gestaltenreichen
Duccio nach dem prächtigen Dom und freue mich mit
ihm der leuchtenden Augen, womit das Volk seine
herrliche Tafel betrachtet; ich sehe die reinen Linien
der Marmor-Niellen, Marmor-Intarsien aus feinen
Künstlerhänden in die Platten des Fußbodens rieseln.
Und hier, in der Libreria, schon Raphael näher, schon
seine jugendliche Hand fühlbar in den Fresken! —
Für Hände, die schon Alles los haben wie Sodoma,
so schön er's oft macht, kann ich jetzt, hier, keinen rechten
Sinn in mir aufbringen.

Tiefer hinein in die alte etrurische Welt. Unheimliche Fahrt allein mit spitzbübischem Vetturino. Regen,
Einkehr in Casciano: sitze fieberkrank auf dem Herd
am Kohlenfeuer. Vetturin flüstert mit den Wirthsleuten, ich merke, das; er mich hier über Nacht festhalten, so den ganzen Kontrakt zu seinem Vortheil verwirren, vielleicht morgen mich Banditen in die Hände
liefern will: weigert sich, einzuspannen. Ich springe
wie ein Panther vom Herd und herrsche ihn an, daß
er schnurstracks gehorcht. Kann doch noch befehlen. Und,
Kerl, du ahnst nicht, wohin, wohin mein Sinn steht!

Mondnacht. Dort im Bergegürtel, hoch überragt
von geisterhaften Gipfeln, blitzt silbergrau zwischen
schwarzen Eichen der Trasimenersee auf. Im Röhricht flüstert's von Hannibal und Flaminius. Geisterheer von Reitern jagt die gedrängten Römer hinein
in die Wasser, ich meine das Röcheln der Untersinkenden zu hören zwischen dem Schlachtgeschrei, karthagische,
römische, gallische Rufe wild durcheinander.

Chiusi. Alter Herrschersitz des Porsenna. Heut
Alles grau, schwerer Himmel, wandle durch Hügelland,
Eichengründe nach alten Gräbern. Da — reichbemalte
Grabkammer, kleiner Aschensarkophag mit stämmiger
Figur des Todten. Stilles, stilles Todtenhaus; Geisterstube, ganz wohnlich, ausgestattet mit Allem, was dem
Lebenden einst lieb war; sieht sich an der Wand im
Bilde jagen, ausfahren mit zierlichen, schlanken Rossen.
Todt sein ist doch auch gemüthlich. — Was schwebt
im Halbdunkel? Welche liebe Geistgestalt? Warum so
bleich, da sie ferne noch athmend im frischen Leben
wandelt?

Chieserella bei Citta della Pieve. Jetzt kenne ich
ihn noch besser, den guten Meister Raphael's. Die
Anbetung der Könige. Madonna schaut über das Kind
hinaus zu Boden im reinsten, sinnenden Nichtwissen.
Wie wollt ihr heutigen Nazarener diese holdselige Unschuld zuwege bringen, welche träumend die königlichen
Ehren nicht versteht und nicht, wie königlich sie doch
selbst ist! Männerköpfe in ernste, wehmuthvoll beglückte Andacht ganz versunken. Formen jetzt runder
und voller. — Und wie wenig fragt meine Rührung
darnach, daß dieß Alles Märchen ist! Es ist dennoch
wahr: Wenige wissen wie ich, warum —

Und nun zur Abwechslung Salvator Rosa in
natura: Einkehr in ländlicher Osteria, Wirthschaft in
der Küche, Spieß dreht auf dem Herd; ein Jäger in
hohen Campagnagamaschen mit Hund sitzt beim Wein.
Alle Wände geschwärzt und darüber der rothe Feuerschein der Herdflamme. Hexenhafte Wirthin, höchst
malerischer Schmutz ringsum. — Dann hinaus, weiter,
von Ochsen hinaufgezogen nach Perugia.

Perugia. Da bin ich. Durfte es ja wagen, sie ist
ja nicht da! — Ahnungsvolle alte Stadt, über Bergrücken
kletterndes, durch Schluchten geschlungenes Labyrinth
altergefurchter Häuser, Kirchen, Paläste, Klöster. Lucumonensitz im grauen Alterthum. Dann Römerpomp,
Thor des Augustus, Porta Marzia. Germanenzeit
— ihres Bluts sicher auch ein Tropfen zurück; dann
Mittelalter — Hohenstaufen — im Dom von Assisi
Friedrich II. getauft, hat Kinderjahre dort drüben auf
der Burg verlebt, — dieß Alles auf dem dunklen
alten Grund — wie seltsam Alles, Klang einer alten
Sage, wie wundersam fremd und magisch anziehend.
Auch fürchterliche Zeiten — Bluthochzeit von Perugia!
Alter Marktbrunnen mit den Figuren der pisanischen
Meister, die aus halboffener Knospe der Kunst so frisch
hervorquellen, was plauderst du? Was erzählst du die
ganze lange Nacht, wenn's still ist ringsum? Weißt
noch, wie du prangtest an Astorre's Vermählungstag?
Wie die Mordnacht folgte? Wie Simonetto's Leiche,
den alten Trotz im Angesichte, zum Himmel starrte?
Und wie die zwei Frauen Atalanta und Zenobia die
weißen Gewänder im Blut nachschleppten, als sie giengen, das Herz des sterbenden Grifone zu rühren, daß
er seinen Mördern verzeihe? — Fort von den grausen
Bildern! — Ihr blauen Gebirge, so feierlich violett
am Abend, was habt ihr Alles gesehen! Auf euch
hat Raphael's junges Auge geweilt. — Alter Tiberfluß, wie viel Zeiten hast du geschaut! — Und diese
Welt war das Bilderbuch der Kindheit ihrer Mutter.
In reiner Unwissenheit über das Wilde, was einst in
diesen Gassen, diesen Thälern getobt, wird sie den
Ernst und im Großen das Sanfte, das Ahnungsvolle
eingesogen haben, das rings in diesen tiefen Farben
und gewaltigen Bahnen webt und waltet, wird oft da
oben geweilt haben im Kloster Franzesco del Monte
und hinab, hinaus in's Weite geblickt! Da ist auch das
liebliche Presepio von Pietro Perugino; solchen Bildes
mag sie in der Ferne gedacht haben im nebligen Norden,
als Cordelia in der Wiege lag; wird dem heranwachsenden Kinde, wenn sie vom hohen Schloßthurm
in Edinburg mit ihm hinausschaute auf das graue
Meer, erzählt haben, wie viel blauer und sonniger Alles
sei in ihrer Heimath und welche seligen Augen dort
von Leinwand und Mauer auf fromme Beschauer blicken,
und die Künstlergesichte werden wie ein Märchen in
die träumende Seele des Kindes hineingeleuchtet haben.

Deutschen Kunstkenner getroffen: nennt Perugino
süß sentimental. Man darf ihn nicht an die strengen,
kräftig herben florentinischen Realisten halten, sage ich,
man muß ihn für sich nehmen, sonst thut man ihm
unrecht; seine weiche Welt ist seine Welt.

Das Elternhaus ihrer Mutter erfragt, auch erfahren, daß noch eine Muhme lebt, in Assisi verheirathet. Hinüber! Dort winkt sie schon von Weitem
her über die hohen Mauerbögen, die Franziskuskirche.
Stigmatisirt, heiliger alter Bruder? Gut. Ich auch.
Wir Alle — wer nämlich in Wahrheit lebt. Wundenmale Christi — erfahren haben, was heißt: Mensch
sein. Nur aber fort mit dem Heiligengeruch! —
Warum mußte er heilig werden, genügte es nicht, daß
er gut war? Ich mag ihn, seit ich seinen Hymnus
kenne, jenen Hochgesang, worin er in seinem ehrlichen
Altitalienisch den Allmächtigen preist, daß er geschaffen
hat Herrn Bruder Sonn — misser lu frate Sol
—, der da schön und strahlend ist mit viel Glanz,
daß er uns erleuchte für ihn, und Schwester Luna
und die Sterne, die er am Himmel gebildet hat klar
und kostbar und schön, Bruder Wind und Luft und
Wolken und heiteres und jeder Art Wetter, die den
Kreaturen ihren Unterhalt geben, Schwester Wasser,
welche sehr nützlich und niedrig und köstlich und keusch
ist, und Bruder Feuer, welcher ist schön und lustig
und gewaltig stark, und unsre Mutter Erde, die uns
trägt und führt und hervorbringt mancherlei Früchte
und farbige Blumen und Kräuter. — Und am Schluß
preist er den Herrn noch für den Tod, er ist ihm
weiblich (la morte) und er nennt ihn unsere Schwester.

Die Tante gefunden, gesprochen. Frau Cornelia
Ruggieri. Entfernte Aehnlichkeit, mehr latinisch. Gute
Frau, echt katholisch, doch ohne Gift. Man sei sich
etwas fremd geworden, seit ihre Schwester nach Schottland geheirathet habe und dort zwar nicht förmlich
in's Lager der Unchristen übergetreten, doch, wie man
vernehme, nicht mehr zur Messe gegangen sei. Als
sie dem Tode nahe mit ihrem Mann nach Perugia
kam, habe es sich bestätigt, daß sie der Kirche fremd
geworden, und als sie gar auf dem Sterbebett die
Sakramente nicht nahm, das sei ein Entsetzen für alle
guten Christen gewesen. „Aber,“ fügt Frau Cornelia
weinend hinzu, „ich glaube doch, daß sie Gott Vater
in Gnaden in den Paradiso aufnehmen wird nach
kurzem Fegfeuer, sie war bis zum letzten Augenblick
so carina, tanto, tanto buona.“ — Die Tochter, befürchte man, folge der Mutter nach in der Ketzerei,
man erfahre wenig von dorther, außer neulich sei eine
Nachricht gekommen, daß Cordelia besorglich kränkle;
das Klima Schottlands und Norwegens scheine dem
südlichen Blute nicht zuträglich. —

Wirst du früh hingehen, hinwegschweben in goldgesäumte Wolken, aus denen du mir kamst? Und ich
— dir nachsehen, wie die Apostel auf dem alten
Bilde dort im Kloster, gebräunt von Erdensonne, verlassen, arm, hülflos emporschaun, da die Erde nun
öde, leer, grau, verwaist?

Werde ich Nazarener? Man spürt hier recht, wie
diese alten Bilder es unsern Overbeck, Veit, Steinle
haben anthun können. Bei unsereinem ist aber doch
besser dagegen gesorgt, ja gründlich. — Jetzt auf nach
Rom! Das Große soll mich aufnehmen, umgeben. Da
halt' ich's am ehesten aus, so tief bekümmert, so feierlich bang, wie mir zu Muth ist.

Rom. Es ist wahr, es ist richtig. In Rom erfährt ein nordischer Mensch, daß sich etwas in ihm setzt.
Wenn ich sehr übel aufgelegt, Blut im Kopf, Hirn gereizt,
Augen trüb, brennend, Ohren roth und blau flammend, dann hat mir öfters ein gutes, gut gegebenes
Theaterstück geholfen: Kopf wurde kühl, Augen klar,
Alles, was nicht oben im Kopf sein soll, niedergeschlagen. Aristoteles hat seine ϰαϑαρσις halb physiologisch gemeint und muß genau an diesen Zustand
gedacht haben. Nun, und so wirkt Rom auf die
Grundstimmung. Das Alles ist zu groß, als daß
deine Grillen, deine Ich-Aushegungen, Ich-Brütungen,
Hirnschnaken dagegen bestehen könnten! Sie werden zu
Boden gelegt. Höhere Art von Brausepulver. —
Nun auch namentlich die Campagna. Diese plastische
Erdhorizontale, dahinter doch reingezeichnete Berge,
rechts fern das Meer: da wird der innere Mensch wie
mit einem Modellirholz ausgestrichen, Knöpfe, Warzen,
Buckeln, Raupen in der Seele planirt.

In unserem Klima, seiner Kälte, seinen Scheermesserwinden, strupft, so schneidig angeweht, der ganze
Mensch nach innen um und zieht sich krampfhaft auf
einen Punkt zusammen: das ärgerliche Ich. Da soll
man nicht subjektiv werden! Der Südländer lebt mit
seiner gesund transpirirenden Haut von innen nach
außen, wir von außen nach innen. Doch mit dieser
unserer Krankheit hängt untrennbar auch unser innerer
Reichthum zusammen.

Also noch einmal: doch germanisch bleiben, nur
lernen, nicht nachahmen, sonst flach, abgeflacht, leer
wellenlinig wie die italienisirten, akademisirten Niederländer, denen Rubens und noch viel gröber Rembrandt
die Faust entgegenballte.

Nimm dem Albrecht Dürer seine Ecken, Knorren,
wurmgeringelten Faltennester: gut, versuch's und sieh'
zu, wo du durchschneiden kannst, ohne seine Eigenart
gestrengen Charakters, sein Gefühl des warm Beschränkten und traulich oder herb Geschlossenen, seine
treulich zusammengehaltene Empfindung mitwegzumähen.
Hätte er den freien Fluß der Linie gehabt, den Löwen
des heiligen Antonius schlank, rund, plastisch zu zeichnen, hätte er dann das Ganze gezeichnet wie es ist?
So gutes, warmes Stübchen, Sonnenbild der runden
Scheiben an der Fensterlaibung, Scheere im Riemen
an der Wand, Kürbis an der Holzdecke hängend, ganzer
Raum so gemüthlich ausgefüllt, Spitzhund so schmuckelig hingelagert neben dem zahmen Raubthier, und den
Heiligen so ehrlich vertieft?

Aber jetzt fort mit Vergleichungen, Unterscheidungen!
Sei ganz hier! Wandle unter Göttern im Vatikan!
Wesen aus Einem Stück. Haben keinen Pfahl im Fleisch.

Der Künstler will uns sagen und sagt es ganz
und rund: hier siehst du Wesen, die auf den Höhen
des Olymp und Parnaß wohnen, wo allerdings (den
Aufschmückungen der Dichter zum Trotz) bis in Sommers
Mitte Schnee liegt, die aber dennoch nie einen Katarrh
haben. Die innere unbewölkte Einheit dieser Wesen
mit sich fühlt man nun erst im Marmor ganz, dessen
körnige Textur, auf der Oberfläche durchscheinend, uns
sagt, daß solches System ungestörter seelischer Prozesse
spezifisch von ungestörtem Hautleben ausgieng. — O
Stubenexistenz unserer traurigen Menschheit!

Man hat aber immer seine Lieblinge. Trauer ist
ja dennoch in all' diesen seligen Gestalten. Besagt
Vielerlei, unter Anderem, daß ein solches Volk, das
seine Götter so sich dachte, so bildete, weil es so war,
nicht lang bestehen konnte: „auch das Schöne muß
sterben“. — Besagt mehr, mehr, leise Klage, die
durch alles, alles Leben geht. Aber einige dieser Gestalten sind noch anders, sind ausdrücklich traurig. Da
ist nun der Eros-Torso und der ist mein Liebling.
Selig schöner Halbjünglingknabe, das Antlitz unter
dem Lockenwald niederneigend in wehmuthvollem, ahnendem Träumen. Was meinst du damit, Meister Praxiteles?
Ist Eros dem Tode verwandt? O ja, er ist es, und
nicht bloß, weil ein Ich sterben muß, um im andern
aufzugehen. Liebe ist tödtlich schön. Ihr innigster
Wunsch kann werden: in Einem Moment sich geliebt
wissen und sterben dürfen.

Heute wieder Sixtina. Gewaltensturm im jüngsten
Gericht, urgebirgs-, urweltkräftig. Wohl! Aber M. Angelo
ist eben nicht mein Mann. Verstehe zwar seinen hohen
Zorn, das Herum- und Auffahren seiner Geistmenschen
gegen die Welt, das Wetternde, Schmetternde. Dabei
aber nun diese geschwollene Ueberstärke und die Begierde, die Zeichnungskunst zu zeigen, und zwischen
dem schön Großen das Geschmacklose, das ist und bleibt
widerwärtig. Shakespeare — dem so verwandt —
ist in seinen Absurditäten unschuldiger. Auch in den
Deckenbildern da und dort eine Form, eine Bewegung
abstoßend, ungereimt; sonst — ich bin wohl nicht der
Letzte, der die wahre Großheit hier und das mystisch
tiefaufglühende Feuer fühlt, dieß abgrundtiefe Brüten
dieß sausende Wehen, dieß zuckende Außersichsein des
tiefsten Insichseins der Ahnung. Ich bleibe aber eben
bei meinem Raphael, obwohl ich seine Achillesferse
nun auch kenne, bleibe bei ihm, weil man von keinem
Künstler in der Welt so sagen kann: was er gemacht,
ist schön; — weiß wohl, was man dagegen hat: wird
gar noch eine Zeit kommen, wo ein Künstler nichts
mehr gilt, wenn er Schönes bildet. Pathologisch
fühlen? Es sei darum! — — ich muß noch einmal
hinauf nach Florenz zur Madonna del Granduca —
dann auch vielleicht wieder nach Perugia. —

Nein! besser nicht! — Hinauf nach Pietro in
Montorio! Dort noch einmal die Abendbeleuchtung!
— Zuerst Purpurglut, wie flammt sie über Kapitol,
Forum, Palatinus, Kolosseum! Breite ihn, breite
ihn, scheidende Sonne, den Kaisermantel über die ewige
Stadt, steiget auf im Feuermeer, ihr Riesengeister, die
ihr um diese Trümmer schwebt! — Vergiß nicht,
Seele, Rom war die Geschichte, Rom war die Welt.
Hörst du den wunderbaren Klang in den Lüften?
Stimmen der alten Tage, Klagelaut versunkener Götter.
Und jene Wolke dort — ist es nicht Jupiter's bärtiges
Haupt, das auf sein Kapitol niederschaut? — Und
doch wieder Alles so ruhig sanft; auf Glut- und Blutroth, dann Prachtviolett folgt zarte Rosenröthe, weich
weilend auf Albaner- und Sabinerbergen und dem
rein gezeichneten Sorakte.

Werde Heimweh haben wie Alle. Noch ein Trunk
aus Fontana Trevi. Hast mir oft Kühle in's verglühende Herz gerauscht. Rausche mir so kühlend in
mein künftig Leben. — Seele hat sich hier doch angesogen, eingenistet. So tragisch groß und doch auch
so gut heimatlich! Das bewohnte Rom, das sich
zwischen die erhabenen Trümmer, Paläste, Kirchen gelegt, hat ganz gewöhnliches, ordinäres Aussehen, in
Wohnungen findet man gemüthliches Philisterium, gute
Mütterchen, die dem Gast ein brodo lungo bereiten.
So werden die Straßen, die Häuser bald alte Bekannte. Diese Mischung des Wunderbaren und des
vertraut Gewöhnlichen, dieß erst gibt Rom seinen
Stempel und macht, daß man so anwächst. Und dazu
so viel Stille und die vielen rauschenden Brunnen.
— Mag es Italien gönnen, wenn du Residenzstadt
wirst, aber ich gehe dann nicht mehr hin. Rom ohne
Stille? Nein.

Genua. Der hat schön gewohnt, der alte Doria.
Altersasyl am Golf, von der Stadt gebaut, „ut maximo
labore jam fessus honesta vita requiesceret“.
Edle Renaissance, heitere Fresken von Raphael's
Schüler, Perin del Vaga. Blick über den Garten
mit dem Prachtspringbrunnen nach dem Hafen. Drinnen
altes Bild, sehr verwaschen, doch erkennbar: der alte
Andrea und ein großer prächtiger Kater. Dieser sitzt
auf dem Tisch, der Alte davor, Beide sehen einander an.

Mailand. Bernardino Luini: auch die Holdseligkeit der früheren Meister. Das unsagbar sanfte, liebende
Neigen des Hauptes haben sie hier von Lionardo da
Vinci. Der Johannes dort auf dem herrlichen Abendmahlbilde, wie der sich zu Christus herbeugt! O, ich
kenne dieß Herneigen. Aber der junge Raphael!
Sposalizio: ja diese keusche, kinderreine Grazie, —
dieß noch sehen ist mir wir noch einmal nach Perugia
gehen und ihrer gedenken.

… Da wären wir wieder! Addio, Italia! Alles
nur grau hier, was uns blau vorkommt; Grün frischer,
das ist wahr. Aber jetzt Schlackerwetter, Entlaubung.
Gesichter — doch aber auch fast keins, das nicht verzeichnet wäre, verstaucht wie Zangengeburten, Nasen meist
aufwärts, daß es hineinregnet. Vergiß nicht, Seele, vergiß nicht: wenn die Natur die Menschen individueller
bilden wollte, so mußte sie von der Normallinie abweichen in's Unendliche.

Nimm dich zusammen! Frisch an's Werk! Großes
Amt, gibt viel aufzuräumen. — Wenn ich nur gegen
das Gesindel, das anständig aussieht und der Polizei
nicht verfällt, mehr ausrichten könnte! Welche Charakterwelt! Fuchsschwänzer, Speichellecker und Flegel gegen
den, der nicht wieder leckt, Tuckmäuser mit Biedermannston, gemüthliche Seelen mit Taschen voll Steinen,
auf die Wenigen zu schleudern, die Charakter haben.
Alles soll durch Gunst gehen, Jeder tätschelt den Andern um Gegendienst — Halunkenpack!

Gottlob, tüchtiger Referendär und gute Subalterne.
— Hab's gleich bemerkt bei einer Einladung. Bedarfst
du gute Arbeitskräfte für irgend ein geduldforderndes
Geschäft, so suche die in Frage Kommenden beim Geflügelessen zu beobachten. Wer gern (und säuberlich) nagt,
den wähle, wer sich mühelos die Pfaffenschnitten gönnt,
mit dem wird nicht viel zu machen sein.

Gesuche um Theaterkonzessionen. Die Sache mit
den städtischen Kollegien erörtert. Abgeschlagen. Weiß,
was die Schufte wollen: etwas wie die jetzigen wiener
Vorstadttheater, Variétés- und Café chantant-Schandbühnen in Paris. Wollen die Jugend vergiften. Das
könnten wir in unserer Zeit noch brauchen, daß das Lebensalter, dem es noth thut, die Seele mit dem Hohen und
Reinen und mit giftfreiem Humor zu nähren, sich gewöhnt, schamlose Weiber anzusehen und anzuhören, und
zwar mit Vielen zugleich, wobei Jeder den Nachbar im
Zustand der Begierde, in der Hundsbrunst weiß. Für
die Deutschen gehört: sera juvenum Venus. Dem
Deutschen soll das Weib bis in reife Jahre Mysterium
bleiben, sonst verkommt sein Seelenleben, verlottert,
fault im Kern, wird gemein.

Im Oeffentlichen noch der alte Stand: Pfaffen
überall Oberwasser, Konkordate mehren sich; der Staat,
der im Gefühl seiner Sünden die Kirche zu seinem
Stab macht, wie wird er's büßen müssen! Einzig
rechte, freilich leider nur ideale Formel lautet: der
Staat muß die Kirche zerstören, um die Religion zu
retten. Es können nicht zwei Arme in Einem Aermel
stecken, aller modus vivendi ist nur palliativ, es gibt
kein gesundes Verhältniß zwischen Staat und Kirche,
denn nie wird sie auf Macht verzichten, und Macht
gehört doch nur dem Staate. Aber wie ein viel besseres
Gewissen müßte der Staat haben, wenn er sich getrauen wollte, der einzige Hüter der ethischen Güter
zu werden, wie viel ferner müßte die Gefahr byzantinischer Zustände liegen, die uns in dem Staate drohen
würden, wie er bisher war und wie er ist! Er hat
ein Gewissen wie ein böses Kind, das sich in der Angst
an den Rock einer bösen Mutter hängt. — Und Cavour
drüben: freie Kirche im freien Staat!? Unverschämte
Kirche im feigen Staat!

Im bessern Staat wäre der Geistliche einfach Staatsdiener als Volkspädagog und Kultusverwalter. Jeder
magische Nimbus fiele weg; der Nimbus enthält immer
den Zauberbegriff in sich, und davon geht alle Unmöglichkeit des Friedens zwischen Staat und Kirche aus.

Die Romanen befreien sich kritisch von der Kirche,
aber sie haben keine sittliche Empörung gegen ihre
Lügen, Verderbniß, Blutsinn, Frechheit. Das hatte
Luther, das ist deutsch. Daher bleibt ihnen die Kirche
eine Schachfigur, mit der sie rechnen. Und so werden
sie den Giftkörper, den Kanker nicht los. „Il papato
è un cancro, che bisogna lusingare,“ sagte neulich
ein Minister. Da hat man's.

Weiß der Himmel, daß es der Zeit an Religion
fehlt! Aber was ist Religion? Wie tausendmal ist's
gesagt, und immer vergeblich, daß an diese und diese
übernatürliche Person, behauptete Wunderthatsachen und
dergleichen glauben nicht Religion ist. Ja, wenn man
unter Glauben verstände Glauben an eine sittliche Weltordnung, die wir nicht streng beweisen können! Aber
das meint man ja eben nicht bei dem Wort, sondern
Glauben an genannte Stücke, das heißt an sinnlich Einzelnes, das übersinnlich sein soll. Ein Kind könnte
doch einsehen, daß man das Alles glauben und doch
gemein, niedrig egoistisch, seelenroh, undankbar, lieblos
sein, überhaupt so leben kann, als müßte das Weltall
diesem Ich dienen. Frage dich täglich: bin ich denn
das Weltall? So kannst du dich zur Religion anleiten. Religion ist Opfer der Selbstsucht, Religion
ist: Durchschüttert-, Durchweicht-, Durchmürbtsein vom
Grundgefühl: ich bin ein Nichts im Ganzen, wenn ich
ihm nicht diene! Religion ist daher tragische Freude,
zu dienen. Was die Moral fordert, dazu gibt Religion
die Lust und Kraft, und was ich fehle, nicht leisten
kann: da tröstet mich die Religion durch Gefühl und
Ahnen der unendlichen Wechselergänzung im Ganzen.

Je mehr getreuer Knecht, um so mehr bist du frei
und Herr.

Alle positive Religion unterscheidet sich dadurch von
der reinen, daß sie sinnliche Formen in's Uebersinnliche, Begriffe, die nur dem Endlichen gelten, in's Unendliche überträgt. Der Fluch der Pfaffen auf uns
heißt, richtig übersetzt: seid verdammt, weil ihr vom
Uebersinnlichen nicht sinnlich denkt wie wir!

Geistlichkeit und Geistigkeit sind jedenfalls keine
Synonyma. — Es ist nur das kleine l, was den
großen Strich dazwischen macht. Das l ist hier eine
Schlinge, mittelst welcher in das rein Geistige (sittliche
Volkserziehung) ein Zauberbegriff hereingezogen wird.
Könnten wir den Begriff aufheben, daß die Verwalter
des Kultus und höheren Volkspädagogen Magier seien
(in den sogenannten Sakramenten), so wäre ihnen und
uns geholfen. Ihnen, denn wie viele brave Männer
in diesem Stande werden durch den Machtwahn, zaubern zu können, verführt und verkrümmt!

Religion zu haben, nicht die wahre, sondern was
dafür gehalten wird, gilt jetzt für vornehm. Mit schöngebundenem Gesang- oder Gebetbuch in Predigt oder
Messe! Wenn sie's wüßten, wie falsch sie Recht haben!
Ja wohl, ja wohl, Niemand hat Bildung anzusprechen,
der nicht Religion hat! Das wahrhaft Bildende ist
nur die Religion; der Feinste bleibt ein Wilder ohne sie.
Aber Religion ist eben ein ander Ding, als ihr meint.

Merkwürdig, welche große Rolle in der sogenannten
Religion die Neugierde spielt! Einem gastirenden Prediger nachlaufen: wer kann dem widerstehen! War
neulich ein Jesuit bei uns von großem Ruf als Redner,
Meister in Effekten, Mischung von tragediante und
comediante. Eine Masse von Leuten lief ihm hinein,
die nach dem Stand ihres Urtheils einen solchen Hanswurst gar wohl durchschauen. Wenn doch die Menschen begriffen, daß man solcher Neugierde nicht folgen
darf, ohne Schuld auf sich zu laden! Denn daß ihr
mit freiem Urtheil kommt, das sieht euch Niemand an,
ihr zählt eben in der Menge mit, und helft also mit,
das Ansehen, die Macht des Wahnes, den Glanzerfolg
und Ruhm der Charlatanerie zu vermehren. — Neuerdings findet ein Pasquillroman ungeheuern Abgang.
Unter den Käufern kenne ich manche, die ihn verachten,
aber der Neugierde nicht widerstehen können, ihn zu
lesen, sie vermehren also den Succeß des Schlechten.
„Einer, das macht ja nichts“, aber so denken Tausende.

Der Hund hat etwas der Religion Analoges in
sich, indem er getreuer Knecht ist. — Um dieses Besten
willen ist schändlicherweise sein Name ein Schimpfwort
geworden.

Wie oft in Gesellschaft, die sich für so recht gebildet und interessant hält, bei all' dem Gerede und
Feinthun seufze ich innerlich: wenn doch nur ein Hund
da wäre!

Alle und jede, die in dieser arsenikalischen Zeit
noch nicht so stark an Blutvergiftung leiden, daß sie
nicht durch strenge Diät noch rettbar wären, sollte man
einsperren und zwingen, den Homer zu lesen mit guter
Anleitung, und zwar so oft, so lang, bis sie ihn auswendig wissen. Dann könnte man sie frei lassen. Verdorbene, ironisch Durchsäuerte, Blasirte, die nur Verpfeffertes, Muffiges lesen können, sollte man auf
Zeitlebens einsetzen mit keiner andern Lektüre als Homer:
gute Höllenstrafe.

Ich muß mir mit Anstrengung immer wieder sagen:
vergiß nicht, das Gemeine und Schlechte spielt breit
auf der Oberfläche, ist haußen auf dem offenen Markte,
still in ihren vier Wänden sitzen noch gewissenhafte
Beamte, Gelehrte, Künstler, in ihren Werkstätten Handwerker, in ihren Spitälern Aerzte, und arbeiten ehrlich
und ernstlich, oft um kargen Sold. Der Glaube ist
eine gewisse Zuversicht deß, das man nicht siehet. —

Aber was jene Hetzjäger um Geld und Genuß
eigentlich meinen, dazu reicht mein Kopf nicht, das zu
verstehen. Wer nur begriffe, was sie wollen? Muß
man sich denn so schrecklich Mühe geben, um sich ein
schlechtes Gewissen zu erschinden? Da wäre ein ordentlicher Straßenraub, Mord, Einbruch doch kürzer, rascher,
unterhaltender. Meine Kerle hinter Schloß und Riegel
sind mir oft ganz achtbar, wenn ich an das für honett
geltende Hetzjagdpack denke.

Neulich bringt ein Scheusal im Wahne, die Seinigen vor Verarmung retten zu müssen, Frau und vier
Kinder um. Nun schaudert Alles. Es ist grauenhaft,
aber viel grauenhafter ist mir das Gift, das jetzt wie
ein Geist umgeht und immer tiefer und weiter in die
Massen dringt; davor schauern die Leute nicht, weil
sie Geister nicht sehen können.

Uebrigens hätte ich den Bluthund fixweg zum Tod
verurtheilt. Zurechnungsfähig oder nicht? Als er den
Mordgedanken faßte, da war er unzweifelhaft zurechnungsfähig; es weiß Jeder, daß Mord Verbrechen ist.
Er gab ihm Gehör, er hegte ihn, bis er ihm über den
Kopf wuchs, bis er halb unfrei von der großgenährten
Geburt seines eigenen Gehirnes fortgezogen wurde.
Ebendieß bedeutet der Geisterdolch, der den Macbeth
magisch nach Dunkan's Schlafgemach zieht. Die Umkehrung der Freiheit in Unfreiheit ist also selbst
Schuld.

Ueber Todesstrafe wie oft meine Ansicht gewechselt
für und gegen, gegen und für, bis ich mir's ganz
gemein einfach so formulirt habe —: An der Gewalt
der Abschreckung ist nicht zu zweifeln. Das weiß ich
von mir selbst. Es schlummert in Jedem ein möglicher Mörder. Wenn ab und zu der Satangedanke
in mir aufschoß, einen rechten Hauptschurken abzumucksen, hab' ich mich alsbald darüber ertappt, daß
im selben Moment ein Besinnen eintrat: wie es verbergen, um dem Schaffot zu entgehen? Natürlich nicht
immer vermag es die Abschreckung gegen die Stärke
der Leidenschaft, aber doch in manchen Fällen, nehmen
wir immerhin die wenigeren an. Gut, und nun sage
ich so: wenn ich sechs Mörder dem Schwert überliefert habe und es dadurch erreiche, daß in einem
siebenten Falle die Angst vor der Todesstrafe einen
Menschen abhält, der große Lust zu einem Morde
hätte, daß also ein schon zum Mord ausersehenes
Opfer gerettet wird, so sind doch jene sechs wahrhaftig nicht zu gut gewesen, diese Rettung durch ihren
Tod zu erzielen. Dieß ist eine schlichte und doch gewiß zugleich sehr expediente Rechnung.

Anderes genügt nicht, die Todesstrafe zu rechtfertigen. Sie ist rein juridisch nicht haltbar. Strafe
ist doch Zufügung eines Uebels; das ist nicht die
ganze Definition, aber doch ein wesentlicher Theil derselben. Um ein Uebel zuzufügen, brauche ich ein
Subjekt, dem ich es zufüge, das es empfindet. Ein
Subjekt aufheben heißt aber nicht, einem Subjekt ein
Uebel zufügen. Der Tod ist kein Uebel, das ein
Subjekt empfindet, denn wenn der Tod da ist, ist das
Subjekt nicht mehr da. Etwas Anderes ist die Todesangst. Sie ist das entsetzlichste aller Uebel. Einem
Menschen den Tod auf eine bestimmte Stunde, Minute als unentrinnbar ansagen, das stürzt seine Phantasie in eine Hölle von Qualen, die kein Name nennt.
Diese Qualenhölle will aber als solche das Recht nicht:
es verhängt den Tod, nicht die Todesangst. Also
was das Recht will, ist kein Uebel, und was es nicht
will, das größte, äußerste von allen. Dem ist aber
nicht abzuhelfen, denn sucht man auch auf einen Augenblick den Unsinn festzuhalten, die Justiz dürfte die Ankündigung der Todesstrafe unterlassen, den Verbrecher
im Gefängniß überfallen, wie er sein Opfer überfiel:
das müßte ja eingeführt sein, dem Verbrecher wäre
also diese Methode bekannt und das Bewußtsein der
ungewissen Gewißheit, dieß entsetzliche, grausige Warten
stürzte ihn in denselben Höllenabgrund der Angst, wie
die Ankündigung. Summa: die Todesstrafe ist keine
rechtliche Strafe, aber eine wohlbegründete Sicherungsmaßregel gegen Bestien, vor denen das Menschenleben nicht sicher ist.

Erholt und erquickt nach so viel Grassem, da mich
die bildschönen Nachbarkinder besuchten. — Man ist
froh, wenn man wieder in ein gutes Kindergesicht
sieht. — Am Kindergesicht finde ich dieß das Rührende, daß es so lieblich arm bittend zu sagen scheint:
ich kann ja gewiß nichts dafür, daß ich gemacht bin.
— Eigentlich von Rechtswegen sollte man Jeden vorher fragen, ob er existiren wolle. Dabei müßte man
sein Lebensschicksal wissen, ihm voraussagen, und so
dann fragen: willst du unter diesen Bedingungen zur
Existenz gelangen? Müßte man nun dem Gefragten
ein ganz unglückliches Leben in Aussicht stellen, würde
der wohl Ja sagen? — Hier hebt sich die ganze,
höchst belehrende Vorstellung von selbst auf. Ja,
freilich würde er Ja sagen! Denn unser Satz nimmt
an, er lebe, ehe er lebt, sonst könnte man ihn ja nicht
fragen. Dann hat er ja aber das Leben schon verschmeckt, schon sich angewöhnt, und diesem Reiz widerstehe der Teufel!

Wen der Gedanke unglücklich macht, nach dem
Tode nicht fortzuleben, der müßte eigentlich an die
logische Konsequenz erinnert werden. Es ist doch
Niemand unglücklich darüber, daß er einmal erst angefangen hat, zu leben, daß er vor seiner Geburt
nicht lebte; ebensowenig sollte er darüber unglücklich
sein, daß er einmal aufhören wird, zu leben. Freilich, da ist ein großer Unterschied: in der Zwischenzeit
hat er sich das Leben angewöhnt und das schmeckt
eben ungeheuer nach mehr, mehr! Wohl, aber dennoch
steht jene Logik fest, unwiderlegbar, mathematisch exakt.

„Süßes Leben! Schöne, freundliche Gewohnheit
des Daseins!“ So über die Straße gehen; da kommt
ein alter Kamerad gestiegen. „Ei, grüß' dich Gott!
Was machst auch? Wie geht's? Komm' da herein, wir
trinken ein Gläschen!“ — Ja, daß das einmal aufhören muß, lernt sich nicht leicht.

Aber es ist nicht anders: wenn wir unsterblich
wären, würden wir nicht sterben.

Jeder Mensch ist ein Schwab. Und da ist das
Sprüchwort nicht richtig; es ist nichts mit dem Gescheutwerden im vierzigsten Jahr. Was ein rechter
Mensch ist, wird nie gescheut. Ein dummer Mensch
wird bald gescheut, ein gescheuter bleibt dumm bis an
sein seliges Ende. Das Unglück, ganz gescheut zu
werden, erlebt aber der Mensch erst, wenn er stirbt.
Das einzige absolut richtige Urtheil, das Jeder, auch
der Allerdummste fällt, ist der Tod, denn er ist das
Urtheil, daß der Einzelne nicht die Gattung ist.

Das Alles sind aber nichts als arme Zeitgeschichten.
In jedem Zeitmoment, wo er wahrhaft lebt, lebt jeder
Mensch ewig. Der Dummste kann sich wenigstens
freuen, — ich meine wahre Freude. Da vergißt er
die Zeit und da ist er gescheut.

Wie hoch steht ein spielendes Thier über einer Geldseele, hoch im Idealreich des Zwecklosen! — Jetzt hab’
ich’s, ein Hund muß wieder her, das fehlt mir.

Und die Moden! Auf jedem Schritt über die
Straßen werde ich beleidigt. Karikaturen auf Weg
und Steg. „Jeder nach seinem Geschmack!“ Gut! Nur
zu! Nur zu! Man sieht, was dabei herauskommt! —
Ich finde, daß ein Mensch, der sich ganz geschmacklos
kleidet, ja in seinem Anzug eine förmliche Rebellion
gegen den Geschmack aufthut, eigentlich etwas Aggressives für jeden Begegnenden in seiner Erscheinung hat,
etwas Kränkendes, Injuriöses. Ich meine nicht
alte Herren, die hinter der Mode bleiben, nicht gutartige Narren, die irgend ein Formen- oder Farbenkobold reitet, sondern Stutzer und Stutzerinnen, die
eine rohe Unform der Mode flugs mitmachen und noch
übertreiben. Sie haben einen Ausdruck im Gesicht,
in allen Bewegungen, der stillschweigend dem Mitmenschen zuruft: „Es soll dir doch gefallen! Siehst
du, so mußt du mich nun sehen, magst wollen oder
nicht! Ich schlage dir mit dieser meiner Verzerrung
des richtigen Menschenbilds in's Gesicht und du darfst
nicht mucksen!“

Was folgt? Das folgt, daß es auch in diesem
Gebiet heißt: der Mensch ist nicht geboren, frei zu
sein! Er gebraucht seine Freiheit, die freilich doch nur
die Freiheit des Sklaven, nur Modeknechtschaft ist, zu
nichts, als zur Mißhandlung seiner Mitmenschen!

Ach! nun aber auch in diesem Stück: woher den
Gerichtshof nehmen, woraus ihn bilden, dem man die
Gewalt anvertrauen dürfte, eine Kleiderordnung einzusetzen, nach ihr die wilde Willkür zu maßregeln,
frech Gekleidete flugs zu arretiren!

Sonntagsgetriebe. Da fahren sie; gefahren muß
sein. Nach den Pferden, ob sie es leisten können,
fällt Keinem ein zu sehen, auch keinem Weib. Ich
müßt' mich schon vor so einem armen, lahmen, müden
Thiere schämen, breit einzusitzen und seine letzte Kraft
zu mißbrauchen.

Unglückliche Hundsgeschichte. Dumm genug, einen
Bologneser aus vornehmem Haus zu übernehmen.
Hieß Ida. Demoralisirte Bestie, gehorcht nicht. Gerichtsakt vollzogen. Wieder teuflischer Rank des Zufalls! — Doch zugleich Lenkung höheren Fingers:
muß gerade der Tuckmäuser es sein — heiter, hübsch,
wie das Ministerialräthchen in den Koth purzelt, da
ihm das pelzige Wurfgeschoß an den Kopf fliegt.

Dießmal noch verpflastert. Das Männlein wollte
auf Realinjurie klagen. Steht wieder ab. Sie brauchen mich, weiß. — Bin aber nicht zu Allem brauchbar. Mir ist doch immer vor, es gehe noch einmal
zu bösen Häusern.

Ich tauge eben nicht in Familiengesellschaften.
Kann ja jetzt auch besser Abends zu Haus bleiben,
seit Frau Hedwig Haus hält, und etwas plaudern.
War das eine verfluchte Geschichte bei dem Stadtpfarrer Zunger, wo ich sonst nicht ungern, weil bürgerliche Bildung. Wieder Choralgespiel. Lachkrampf
über dem „verhärteten“. Gerade recht, daß ich durchbrennen mußte, so konnte die treffliche Frau Stadtpfarrerin doch ihr unerträgliches Thema nicht fortsetzen. Will mir kuppeln. „Es ist nicht gut, daß
der Mensch allein sei“ und dergleichen. Hat mich
schon einmal ganz wild gemacht. Frau Hedwig versteht's besser, begreift, daß man mich damit in Ruhe
lassen soll, daß ich einsamer, freier Mensch sein muß,
gesellig nur, wenn ich mag und bedarf. Liebt die
Thiere; hat mir den jungen Kater eingethan, wahrscheinlich echt ägyptischer Abkunft, blaßgelb, geströmt.
Hilft mir, nachdem es nichts war mit der Ida, bessern
Hund suchen.

Vortreffliche, vernünftige Art, diese hülfreiche Base.
Nüchtern, nie aufgeregt. Kann sogar rechnen. Wenn
es nur nicht vier Spezies gäbe, das ist zu viel; ich
bringe es über Addiren nicht mehr hinaus. — Und
hat doch auch Phantasietalent. Lernt; versteht die
Tücke des Objekts und wie gerecht dagegen die Justizakte. Nur in Hemdknöpfchen auch sie, auch sie nicht
ganz zuverlässig.

Gleich zwei neue aufgegabelt, Hatzrüd und Rattenfänger, beide noch jung. Vom ersten Tag an schon
gute Kameraden. Gute moralische Anlagen.

Höhere Thiere, gebildete Hausthiere können doch
recht affektirt sein; versteht sich: naiv affektirt zu ihrem
Zweck. Der Kleine geht nicht gern in's Wasser. Ich
hetz' ihn scharf. Jetzt stellt er sich, als versteh' er
mich falsch und fährt wie wüthend auf einen unschuldigen Wanderer auf der Landstraße los.

Spielen ganz reizend mit dem Kater. Hund ganz
Pierro, Katze ganz Arlecchino.

Außer dem Hunde wohl nur der Elephant lernt das
Deuten verstehen, nie eine Katze, auch kein Affe. Es ist
kein Kleines, von der Spitze des Fingers eine geistige
Linie nach dem Punkte ziehen, wohin er deutet. Es hat
mich einmal ein altes Weib bedient, das es nicht verstand.

Das Heulen des Hunds bei Musik ist ein ganz
anderes, als wenn er aus gewöhnlichem Schmerz
heult. Ich habe einen Hund beim Anblick eines seltenen großen ungarischen Bocks ebenso heulen hören.
Es ist Unglück, nicht Klassifiziren zu können.

Die Katze hat neben dem vielen sich Putzen auch
dieß mit dem Weib gemein, daß sie gern zu Haus
bleibt. Aber noch etwas, was mich oft wirklich erschreckt: die starken Backenknochen; man sehe nach: fast
jeder weibliche Kopf hat darin etwas katzenartiges.
Nicht alle, gottlob! Kenne Ausnahmen.

Der gebildete Hund leidet auch an wahrhaft menschlichen Krankheiten. Die meisten Hunde in besseren
Häusern sind Hämorrhoidarien. Die Katze dagegen
hat Schwierigkeiten im Schlingen, engen Schlund.
Interessanter Polarismus!

Die Menschen fallen mir sehr ein, wenn ich zu
meiner Erheiterung Morgens früh aus dem Fenster
die Nachbarhunde beobachte. Einer wie der andere,
auch die wohlgenährten Lieblinge seiner Familien machen
sich an die Kehrichtfässer und wühlen; dabei haben sie
ein grundschlechtes Gewissen und hängen miserabel den
Schwanz, sie schämen sich ihrer Niedertracht vor ihrem
Herrn, den sie abwesend wissen und sich doch gegenwärtig vorstellen, ja schämen sich vor sich selbst, vor
ihrem besseren Ich, und können doch nicht ablassen.
O, es sind noch lang nicht die übelsten Menschen, die
wenigstens vor sich erröthen, während sie im Kehricht
nach dem alten, schmutzigen Knochen wühlen, den die
Mehrheit für Inhalt des Lebens hält.

Wie viel geben die Schreckmittel der Thiere zu
denken! Neulich erschrack ich, als ich einen Siphon zu
stark drückte und das Wasser zischend, speiend herausfuhr. Fiel mir ein, daß gerade so die Katze thut.
Wer hat nun die Katze gelehrt: du mußt, um dich zu
wehren, thun, daß der Feind meint, es werde ihm
Wasser in's Gesicht gespieen!? Der Siphon war doch
lange noch nicht erfunden, als die Katze wurde. Wer
die Gans: du mußt dich in eine zischende, züngelnde
Schlange oder Drachen verwandeln!? Wer den Hund:
du mußt durch einen Schuß erschrecken!? da doch das
Schießpulver noch lange nicht erfunden war! Dann
im Guten, im Frieden. Als noch gesponnen wurde,
wie behaglich hörte sich der Ton des Spinnrads
namentlich an Winterabenden an, wenn die Familie
gemüthlich beisammensaß! Das weiß die Katze, darum
schnurrt sie, aber es gab doch noch kein Spinnrad,
als die Natur die Katze erfand und die Katze das
Schnurren.

Nil admirari? Nein, nein: omnia admirari!

Symbolik der Thiersprache. Immer zu wenig
beobachtet. Weit mehr Menschenähnlichkeit, als man
glaubt. Viel gelernt aus dem trefflichen Buche von
Piderit: Wissenschaftliches System der Mimik und
Physiognomik. In aller natürlichen Mimik werden
physisch motivirte Bewegungen unwillkürlich verwendet,
um nach Analogie seelische Zustände auszudrücken. Um
zum Beispiel widerlichen Geschmack zu vermindern, entfernt der Mensch den Unterkiefer vom Oberkiefer, denn
das Schmecken ist schwächer, wenn die Zunge sich nicht
an die Gaumenwölbung legt. Und dasselbe thut man,
wenn man moralischen Eckel ausdrücken will. An
solchen Uebertragungen fehlt es auch im Thierleben
nicht. Der Hund leckt sich das Maul aus, wenn er
was Gutes gefressen hat, er thut es auch, wenn er
einen guten Bissen vor sich sieht oder ihm nur die
hoffende Vorstellung davon aufsteigt; er gibt sich Vorschmack. Diese Gebärde trägt er aber nun über auf
Verhältnisse, die für ihn das sind, was für uns
Situationen, welche versprechen, geistig interessant zu
werden. Es nähert sich zum Beispiel ein Unbekannter
— ein Hund meine ich und rede nicht von Hündin,
es handelt sich von Fällen ohne Geschlechtsreiz. Wenn
dieser dem diesseitigen Hund bedeutsam erscheint, so
daß er sich vorstellt, es werde da ein belebtes Verhältniß, vielleicht flotte Rauferei sich ergeben, so leckt
er sich das Maul aus, er gibt sich Vorschmack, nun
also rein symbolisch. — Wie fragt ein Hund? Wenn
er etwas sieht, was er nicht erkennt, so stellt er den
Kopf schief, verändert hiemit den Sehwinkel, um deutlicher wahrzunehmen; dasselbe thut er nun, wenn er
einen Befehl nicht versteht oder seinen Herrn fragt,
ob er noch nicht nach Hause gehe.

Wenn die Katze von einer ganz angenehmen Vorstellung erfüllt ist, stellt sie den Schwanz kerzengerad
aufwärts. Wenn sie angreift, trägt sie ihn von
der Wurzel aus in einem Bogen, von da an einfach
niederhängend; ebenso wenn sie Ansatz zum Scheinkampf, zum Spiele nimmt. Soll aber das Spiel
recht ausnehmend lustig werden, ist sie ganz hanswurstisch gestimmt, dann thut sie von der Seite gesehen
dasselbe, jedoch so, daß von hinten gesehen der Schwanz
zugleich schief steht. Das heißt doch ganz klar: jetzt
soll es einmal ganz schief hergehen!

Es wäre noch viel von dem Ringeln des Schwanzes
zu sagen. Es drückt immer prickelnde Gedanken aus,
ernst schlimme oder humoristisch schlimme. Häufiger
Ersteres.

Ich sah auf einer Dachrinne ein Schwälbchen
sitzen, das flügge war, aber noch nicht jagen konnte.
Es wurde von den Alten geäzt, die mit Tausenden
in der Luft herumschwirrten. Das Junge sah immer
wartend in die Höhe und schüttelte mit der bekannten
Bittgeberde die Flügel, wenn eines der Alten herbeigeflogen kam. Es erkannte aber dieselben auf weite
Ferne, wenn sie sich noch mitten in der schwärmenden
Schwalbenmenge befanden, und dieß Erkennen ließ
sich mit Sicherheit beobachten, denn niemals schüttelte
es die Flügel, ohne daß bald nachher eines der Alten
mit Futter eingetroffen wäre. An was nun aber?
Unmöglich an etwas Anderem, als an individuellen
Eigenheiten in der Flugbewegung, die kein Menschenauge je entdecken könnte. Unbegreiflich! Da fiel mir
aber ein, daß wir unsersgleichen an Eigenheiten der
Handschrift erkennen, die um nichts bestimmbarer sind,
als jene im Flug eines Vogels. Es gibt kein Maß
für die Unterschiede der Führung der Feder bei Schreibung
eines Buchstabs, sie sind nicht minder fein, als der
Bogen oder Haken, wie diese und keine andere Schwalbe
ihn beschreibt, oder die Art der Tragung oder der
besondere Umriß ihres Flügels, und doch, wenn uns
eine Handschrift öfter vorgekommen, wissen wir mit
dem ersten Blick auf eine Briefadresse, wer den Brief
geschrieben. Unerforschliches Wunder der Individualität
und der Sicherheit und Schnelligkeit des Schlusses
aus der sinnlichen Wahrnehmung!

Zu den stärksten Beweisen gegen den Materialismus gehört die Schamröthe und das Genie. Wenn
sich der Mensch schämt, wünscht er, nicht gesehen zu
werden, möchte sein Gesicht verhüllen; so ist sein Gefühl, nicht daß er es irgend in Worten dächte. Was
thut die Natur? Sie pumpt das Blut in die kleinen
Gefäße des Angesichts, um rasch einen rothen Schleier
darüber zu ziehen. Das ist freilich kein eigentliches
Verhüllen, sie kann es eben nicht besser, sie macht's,
so gut sie kann, symbolisch. Wenn nun die Natur
so etwas vermag, wenn in dem, was wir Materie
nennen, so etwas vorgeht, so muß doch die Materie
etwas Anderes sein, als die Materialisten meinen.
Sagte ein Gegner, da handle es sich ja nicht von
getrennter Materie, sondern von solcher, die in den
Zusammenhang aufgenommen sei, welchen wir seelisch
nennen: gut; wie könnte aber Stoff, als purer Stoff
angesehen, je in solchen Zusammenhang treten? — Das
Genie wird geboren. Wird es geboren, so folgt
haarscharf, daß die Natur selbst ein Genie ist. Wendet
da nichts von Vererben ein! Es kann durch Vererbungssummationen nichts werden, was nicht potentialiter in den sogenannten Atomen liegt. Zwei Sätze
stehen gegen einander und wollen in Einklang gebracht sein: Geist ist nicht, wo kein Träger für Geist
(Gehirn). Und: ein Träger für Geist könnte nicht
entstehen, wenn die Materie nur wäre, was wir
Materie nennen. Die Materie, als Gehirn, denkt, ist
Geist, der Geist als Gehirn ist Materie, und umgekehrt.

Materialisten und Spiritualisten: sollte man die
Einen nehmen und die Andern damit herumschlagen.
Die Materie ist und ist nicht; sie wird stets auf's
Neue gesetzt, um in immer neuen Formen in Leben,
Empfindung, Geist aufgehoben zu werden. Es gibt
Materie und es gibt keine. Sie ist das μὴ ὂν. Die
Materie ist nur insofern, als —

Ein Dichter ist immer gescheuter, als er selbst;
freilich auch dummer, als er selbst.

Wir stecken bis über die Ohren im Universum.
Wir haben bei der Weltwerdung mitgethan, oder, da
sie ja ewig ist, vielmehr: wir thun mit. Es sind nur
so Viele, daß die Portion von Mitthun, die auf Einen
kommt, unendlich klein ist, und daher sind wir uns
des Mitthuns nicht bewußt. So können wir auch nur
mit Hülfe schwerer Wissenschaft und nur sehr kümmerlich herausbringen, wie wir beim Bauen unseres untern
Stockwerks, des sogenannten Körpers, verfahren sind
oder vielmehr verfahren. Ueber der Mühe, die der
Aufbau des oberen Stockwerks kostet, haben wir es
vergessen oder vielmehr vergessen es jeden Augenblick.
So können wir uns durchaus nicht besinnen, warum
wir als winzige Theile des Ganzen, doch aber bei ihm
mitbeschäftigt, öfters nicht umhin können, uns krank
zu machen. Daher kommt uns dieß dann rein als
fremde Gewalt vor. Aber es liegt ein großer Trost
darin, es zu erkennen, daß eigentlich wir selbst als
Theile des unendlichen Ganzen es eben nicht anders
fügen konnten, daß also auch der Tod schließlich immer
unsere eigene That ist; dieß Denken befreit, macht frei.

Die Natur ist Phantasie und zwar geregelte.
Unsere menschliche Phantasie ist vorerst ungeregelt.
Wenn sie sich bildet, bringt sie es dahin, der geregelten Phantasie, nemlich also der Natur, obwohl ihr
absolut verpflichtet, in freiem Scheinbild nachzuhelfen.
Denn die geregelte Phantasie bei aller übrigen Sicherheit leidet doch an sehr großen Lücken, lapsus, setzt
ihre Produkte jedem verderblichen Zufall aus und
führt daher ihre Anschauungen nie rein durch, bis sie
sich im Menschen als Künstler erst zur Reinheit sammelt
und aus den getrübten Formen die Urform herstellt.

Da die δóξα unvernünftig und allgemein ist, so
muß, wer besser sieht, nothwendig immer paradox erscheinen. Alle Wahrheit ist paradox. — Man sollte
eigentlich Unterricht darin nehmen, in Gemeinplätzen
zu reden; hätte man es gut gelernt, so wäre man in
Gesellschaft besser gelitten. Es kann den Menschen
nicht angenehm sein, wenn man ihnen zumuthet, auf
dem Kopfe zu gehen.

Auch im Sehen des sogenannten Kleinen hält
man die helleren Menschen für halb verrückt. Im
Ganzen sind die Leute doch eben durch ihre Blindheit
glücklich. Niemand will an einem Föhntag glauben,
daß er die Zeche schon am Abend, in der Nacht,
jedenfalls den andern Tag mit Unwetter zahlen muß.
Die Menschen haben in Mehrheit auch äußerst grobe
Sinne, stumpfe Nerven. Sie geben auch nicht Acht.
Sie wollen durchaus im Zerstreuten, im Dusel leben.
Wer gefälschte Getränke genießt, dem schwebt wohl
dunkel vor, es schmecke etwas Fremdes auf der Zunge,
aber wie gegen den Satan sperrt er sich dagegen, den
Eindruck in's Bewußtsein, in's Nachdenken zu erheben.
Spürt er Tags darauf die nux vomica im Hirn, so
flirrt ihm wohl etwas vor, es sei da oben nicht ganz
richtig, aber reflektiren? O, nur das nicht! — Neulich
war ich im Gespräch mit einem sehr gelehrten und
gescheuten Mann; es kam ihm ein Haar vom Kopf
zwischen die Wimpern und hieng ihm gerade über's
Auge. Es brauchte ungefähr eine Viertelstunde, bis
er etwas bemerkte, dann fieng er an, zu schielen;
man sah ihm an, daß ihn etwas störe, er wurde zerstreut, aber da war keine Rede von so viel Konzentration auf seinen Zustand, daß er auf die Ursache
hätte kommen können. Ich stand auf, zog ihm das
Haar aus den Wimpern und er war sehr verwundert,
daß es ihm nun wieder freier und lichter zu Muthe
war. — Ach, ja freilich, schon gut, daß die Welt
so ist! Wenn die Menschen sehend wären, wo käme
ihr Glück hin, so wie die Meisten sind, unfähig, das
Glück im Unsichtbaren zu finden! Aber wir Wenigen
sind eben auch so, wie wir sind, warum muß also uns
die Menschheit so grimmig hassen, so höhnisch verlachen,
weil wir das Haar vor ihrem Auge sehen?

Und im Gespräch sind sie auch merkwürdig, selbst
abgesehen vom Durcheinanderschreien. Herr N. N. hört
dir gespannt zu, so scheint es. Auf einmal fangen
seine Augensterne an, zu fappeln, zu irren, er hört
nach einer andern Seite. Die Gedanken auch nur
fünf Minuten beisammenbehalten — es wäre ja entsetzlich, nicht zu ertragen! O, dieß Geschlecht kann nur
unter der Fuchtel des Unteroffiziers aufmerken, und
darunter gehört es auch. — Unter den Künsten zwingt
die Musik am wenigsten, die Gedanken zusammenzuhalten, darum ist die Mehrzahl musikliebend. Alle
Menschen sind eigentlich Wiener.

Muß jetzt auch mehr in vornehme Gesellschaft —
— Was ich doch mit der Form auf gespanntem Fuße
stehe! Ich respektire sie eigentlich, ja freue mich an
ihr, weiß jedenfalls ganz gut, wie nothwendig sie ist.
Dazwischen aber habe ich Stunden, wo ich einem
ungeheuren Reiz nicht widerstehen kann, sie vor den
Kopf zu stoßen, ihr auf's Muthwilligste zu zeigen,
daß ich sie als geistlos verachte, weil sie doch gar so
viel Irrationelles enthält und so äußerst zahm ist.
Auch Stunden, wo ich zwar ganz zahm, aber durchaus besinnungslos bin in Beziehung auf sie und
Dummheiten, Vergessenheiten begehe, die unglaublich
sind. Etwas von einer solchen Natur ist in Goethe's
„Tasso“ idealisirt. Der Dichter selbst, in der Lage
wie sein Tasso, hat sich durch die Angewöhnung einer
steifen Würde herausgeholfen. Das ist die beste Entschuldigung für die seltsame Feierlichkeit, die er nach
und nach annahm. Als ein Sohn der Natur und
Phantasie konnte er sich nicht gehen lassen, ohne
Formen zu verletzen; da konnte ihn nur der Zwang
retten, den er sich so lang anthat, bis er ihm saß
wie ein getragener Rock. Seine Steifheit beweist also
ihr Gegentheil in Goethe's Natur. Wer über die
Form erhaben ist, ist ängstlich in ihr.

Es gibt zweierlei Takt: formellen und Herzenstakt. Jener vermeidet das Unschickliche, dieser das
Unzarte. Es ist schwer, den ersten sich zu erwerben,
er lernt sich nur durch lange gesellige Uebung. Es
ist ungefähr wie vier- oder sechsspännig fahren lernen.
Der Taktlose gibt nur auf die zwei ersten Pferde Acht,
und sieht nicht, ob die vordersten irgendwo anrennen;
wer Takt hat, sieht immer auf alle vier oder sechs.
Der Herzens- oder Seelentakt aber läßt sich nicht
erlernen, man hat ihn oder nicht. Man kann
ihn haben und den formellen nicht, man kann diesen
haben, ja sehr haben und keine Spur vom Herzenstakt. Gar Manche fahren ganz sicher und geschickt,
rennen nie an einen Eckstein, aber es gibt unsichtbare Ecksteine, das sind die zartesten Empfindungen
der Menschen, die wir schonen sollen, wir müssen
sie spüren, und der feinste Pferdelenker spürt sie
häufig nicht.

Beide Taktarten vereinigen sich aber äußerst schwer
und selten.

Die formelle lernen besonders die Gelehrten schwer.
Sie spannen sich zum Beispiel im Gespräch mit naivem
Eifer direkt auf den Gegenstand, und bedenken nicht,
wer die Zuhörer sind. Sie können nur zwei-, fast
nur einspännig fahren; es geht immer ungeschickt ehrlich geradeaus auf Beweis, auf Erklärung los. Aehnliches passirt aber auch Phantasiemenschen wie unsereinem; im raschen Bilderzug vergessen sie, wer herumsitzt.

Man meint immer, Einmal dürfe man sich doch
gehen lassen. Falsch! Man darf es nie. Es ist
kein Moment, wo man nicht gegen innern oder äußern
Feind auf der Wacht stehen muß. Die Menschen um
uns, selbst die besten, sie schenken uns keine Blöße.
Selbst in der Liebe darfst du nie dich gehen lassen.
Das liebreichste Weib möchte dich beherrschen. Nie ist
Waffenstillstand. Das Leben ist schwer! Wehe dem,
der nicht in jedem Augenblick geladen, Zündhütchen
auf, Finger am Drücker hat!

Das darf ich diesem Herrn von Y. nicht vergessen,
daß ich neulich, als er mitten im friedlichen Gespräch
so bissig gegen mich ausfuhr, nicht gefaßt war, ihm
die gehörige Antwort zu geben. Wenn ich unvorbereitet mit scharfem Wort angegriffen werde, geht mir
eine türkische Musik im Kopfe los, alles Blut steigt
in's Hirn, die rechte Erwiderung fällt mir ein, wenn
der Mensch fort ist, und wird dann zu einer vortrefflichen
Rede komponirt. So bin ich wehrlos, aber darum
darf ich nicht ehrlos sein. Etwas muß doch geschehen
gegen den, der mich überfallen hat, als mein Gewehr ungeladen an der Wand hieng, ich meide ihn, ich spreche
womöglich nie mehr mit ihm. Blind, wie die Menschen
in ihrer Bosheit sind, weiß ein Solcher dann gewöhnlich gar nicht mehr, was er mir angethan hat und
warum ich mit ihm gebrochen. Wird es ihm kund,
so meint er, ich sei ein Trutzer, ein Nachträger, während ich im Grunde doch mir selbst eine Buße auflege: ich strafe mich für meinen erbärmlichen esprit
de l'escalier dadurch, daß ich mir die Entbehrung
eines Umgangs auflege, der Werth für mich hatte,
worin ich aber jeden Tag unsicher bin, ob ich nicht
auf's Neue in den Fall komme, in der Blöße meiner
Wehrlosigkeit dazustehen. — Es ist sehr fatal. Aber
macht' ich's nicht so, die Menschen würden am Ende
Holz auf mir spalten.

Hat mir Jemand Unrecht gethan, so passirt mir
oft und leicht die Verwechslung, daß ich mich vor ihm
schäme, statt mich für ihn zu schämen; mir ist, als
hätte ich das Unrecht ihm gethan. Anders, wenn es
in meiner Macht liegt, ihn zu strafen; ist dieß vollzogen, so bin ich wieder leicht und frei und verzeihe
mir, will sagen: ihm, gern und ganz das Verübte.
Denn ich strafe eigentlich ungern, wiewohl scharf.

Briefe ohne besondern Inhalt lasse ich nun Frau
Hedwig ganz selber komponiren und unterzeiche nur.
Aber solche, die ich selbst abfassen muß, da ist eben
die alte Noth. O, wie schwer ist ein Brief! Gerade
auch an Freunde! — Man meint: da darfst du dich
ja gehen lassen, es ist ja doch fast wie gesprochen, ist
ja kein Aufsatz, kein Amtsschreiben. Aber was Schwarz
auf Weiß dasteht, ist eben ein ander Ding als das
Gesprochene: hier ist der Ton der Stimme, Blick,
Mienenspiel dabei und bringt zu einem scharfen Wort,
einem stark gesalzenen Spaß die erklärende, versöhnende
Begleitung, während die schwarzen Haken auf dem
Papier abstrakt dastehen und am Leser herumkratzen.
Das mag der Teufel lernen, sich gehen lassen und
zugleich nicht gehen lassen, einen Besuch machen in
Hemdärmeln und doch im wohlgebürsteten und geknöpften Rock! — Zehnmal lieber ein neues Polizeigesetz verfassen oder hundert Paragraphen eines philosophischen Lehrbuchs in Lapidarstyl! Ich schreibe auch
nicht Einen Brief, in den mir nicht etwas Ungeschicktes
hineinkommt. Wie viele habe ich verbrannt, neu geschrieben, ein drittes Mal sogar! Aber es dauert einen
eben oft die Zeit, da bedenkt man dann nicht, daß man
besser jetzt Zeit verliert, als auf Tage, Wochen oder
länger die gute Stimmung, und man wirft den Brief
in die Postlade. Dann fängt die Reue an zu bohren,
zu graben, — dumpfe Spannung, bis die Anwort
kommt, — dann sieht man aus dieser, wie man wehe
gethan. — Nun aber erst noch das glatte Postpapier
und der Racker von Feder! Wie oft habe ich mit
spröder Feder grob geschrieben, wo ich freundlich, und
mit zu weicher schlaff und breiig, wo ich mannhaft
entschieden schreiben wollte!

Verwünschte Kanzleirechnung! — Wieder dreimal
verrechnet, da ich sie nicht zu Frau Hedwig hinübernehmen konnte, mir helfen zu lassen. Menschen, die
das arithmetische Organ haben, können sich in solche,
denen es fehlt, gar nicht genügend versetzen. Es ist
nicht bloß, daß man nothdürftig nur noch addiren
kann; nein, man hat sich so oft verrechnet, daß man
dem ganz Gewissen, dem Ausgemachten nicht traut.
Wenn ich irgend eine Amtsrechnung prüfen soll: ich
weiß wohl, daß zweimal zwei vier ist; aber könnte es
denn nicht ausnahmsweise einmal, zum Beispiel heute
Vormittag, fünf sein? Ein Jammerstand des Bewußtseins, ein tiefinneres Unglück und Elend.

Frau Hedwig, mein guter Privatsekretär, meint,
die Briefe, die ich selbst abfassen muß, könne ich ihr
ja diktiren. Kann ihr aber nicht diktiren, fällt mir
nichts ein, wenn Jemand mit angesetzter Feder wartet.
Neulich soll meinem Pferde zur Ader gelassen werden,
der Bediente bestellt einen festen, auch darin erfahrenen
Hufschmied. Ich sehe zu. Der nörgelt an dem Thier
herum, will den Schnepper hier, dort anlegen, kommt
nicht zum Schluß, nimmt den Johann in eine Ecke,
flüstert mit ihm, und dieser tritt zu mir her und richtet
mir aus: ich möge doch verzeihen, der Hufschmied
könne es nicht verrichten, wenn ich zusehe. Und es
ist ein starker, breiter, nichts weniger als nervöser
Mann! So das geschieht am grünen Holze — — —.

Ich suche und ich fliehe die Menschen, bin gesprächig,
und kann mich so schrecklich erzürnen über ein dummes
Gespräch. Jedes Gespräch, das nicht durch Austausch
nach Erkenntniß strebt, ist dumm. Halt! Da muß
aber: Erkenntniß in fast unerlaubt weitem Sinn verstanden werden. Ich bin ein nur zu großer Freund
von rein närrischen Gesprächen. Sie sind höchst erlaubt, ja von Zeit zu Zeit Pflicht, Pflicht gegen sich
selbst, Pflicht gegen Andere, denn Phantasie will leben.
Und spielend muß alle Unterhaltung guter Gesellschaft
sich bewegen. Doch jede, auch die närrische, führt auf
manchen Punkten immer zu dem Bedürfniß, diesen oder
jenen Begriff klarzustellen. Da gibt es nun aber
Naturen, die sich dagegen sperren, davor verkreuzen
wie vor dem Gottseibeiuns. Nur nicht in dem Nebel
der Flachheit umrühren, nur auf nichts tiefer eingehen,
nur nicht das Messer des unterscheidenden Begriffes an
Gemeinplätze legen! Nur Alles in der Brühe, in der
Sauce der Unbestimmtheit belassen! — Die stumpfe
Denkfaulheit der Menschen. Aber auf diesem Wege
verkommt man. Gesellige Unterhaltung von Menschen
ohne Erkenntnißdrang ist Sumpf. Das Forschen ist
es, was den Menschen zum Menschen macht, ohne
dieses auch keine Moral. Forschen ist die Stahlfeder
im menschlichen Wesen. Was die Franzosen in ihrer
liederlichsten Zeit aufrecht erhalten hat, das waren jene
Salons, wo die Gespräche gepflegt wurden, in denen
unter Scherz, Reiz des Weibes, Würze der Phantasie
nach Erkenntniß, nach Quellen der Wahrheit gebohrt
wurde.

Gesellschaft beim Staatsrath X. Zwei Töchter, eine
sehr schön und hat den Gebrauch der Schönheit nicht
gelernt. Noblesse oblige, aber beauté oblige auch.
Man muß zugestehen: schwer! schwer! Siegesgewißheit auf jedem Schritt und doch streng haushalten!
Freude des Anblicks, des Umgangs für Viele, und doch
den Schatz der Liebe und ihrer Zeichen, jedes Blicks,
jeder Bewegung, jedes Winks, der dahin wiese,
streng nur für Einen vorbehalten — ja schwer! Um
ein schönes Weib schwirrt es in der Luft von Liebesgeistern, die alle an ihm schieben — hinein in die Koketterie. Kokette misbraucht ihr Pfund, ungerechte Haushälterin. Gleicht endlich dem Trinker, der im einen
Weinhaus schon auf's andere denkt, hat beim Malvasier
schon Ueberschuß an Durst nach Marsala — — „ein
Mädchen, das an meiner Brust mit Lächeln schon dem
Nachbar sich verbindet“ — Endlich alt. Was bleibt?

Man sollte schlechterdings Niemand heirathen lassen,
der nicht ein Examen über Erziehung bestanden hat.
Das Wissen allein macht nicht Alles, aber etwas, ja
viel. Es ist Niemand berechtigt, Kinder zu erzeugen,
der nichts von Erziehung weiß.

Die meisten Menschen werden in den ersten Lebensjahren, ja schon in den Windeln verzogen; später,
wenn sie die ersten Kleider bekommen, am schlimmsten
die Mädchen. Man kleidet sie äffisch nach der Mode
der Erwachsenen, preist sie, wie hübsch sie seien, wenn
sie herausgeputzt sind, und schon dadurch werden sie
für immer zu Fratzen. Im Uebrigen verzieht die
Mutter die Knaben, der Vater die Töchter, denn jene
sieht in jenen, dieser in diesen das Erinnerungsbild
der Jugendliebe heranwachsen. Den Knaben wird es
im Ganzen besser, weil es doch in der Schule streng
zugeht und Gehorsam durchgesetzt wird. Es ist doch
wahr, daß mehr Ehen durch das Weib unglücklich
werden, als durch den Mann. Meine nur ja nicht,
Bildung und Moralität einer Familie verbürge dir,
daß die Töchter gut erzogen sind! Gerade in den
Kreisen der Bildung, insbesondere der vornehmen,
werden sie erst recht verzogen. Es ist zwar richtig,
daß die Mädchen wie Pflanzen den Charakter des
Bodens und der Luft annehmen, worin sie stehen,
und daß insbesondere das stille Beispiel der Mutter
mehr wirkt, als Erziehungsakte, aber manchmal braucht
es eben auch bei ihnen ein Donnerwetter väterlicher
Strenge, und daran pflegt es zu fehlen.

Wie mich Alles, Alles dorthin, dorthin führt, ich
mag es zu unterdrücken suchen, wie ich will! Denn
ich weiß ein Weib — eine Oase im Sandmeer.
— Jetzt lange her, daß ich ohne Nachricht bin, seit
der Geburt des zweiten Knaben. Glück gewünscht,
herzlich, kurz. Ach, dorthin kann ich ja nicht schreiben!
Wie oft versucht und ausgestrichen, Feder weggeworfen!
Gewöhnliches? Wie nichtig! Inneres — wie wäre
das möglich? In Thränen schwämme das Blatt! Und
doch ist mir's unheimlich, mein vieles, langes Schweigen. Noch Beruhigung, daß Erik so wenig Freund
von Briefschreiben, als ich, und daß man mich dort
kennt, daß er ja weiß, daß sie, sie weiß — oder auch
ahnt — o nein, Schweigen! Schweigen!

Todt! Erit todt! Erik todt! — Als wäre der
Welt ihr Krondiamant ausgebrochen! — Und sie? —

Wie selten wir uns geschrieben, ich wußte ihn
doch! In dieser Welt der Falschheit, des Eigennutzes,
der Kriecherei, der Ränke — ich wußte, wußte, sagte
mir's tagtäglich: es gibt noch Redlichkeit, Geradheit,
Treue, Opfer, Mannheit: Erik lebt! — An ihm ein
Halt, auf ihn ein Verlaß, eine Ruhe für mein aufgeregt heftig Wesen — Mein Freund, mein guter
Kern, mein Fels, meine Tugend — unsichtbar nahe
— o, Erik todt! — Verwaist — rings kein Freund
mehr! — Und — Soteira? —

Auf! Auf! Lebe noch! Es gibt noch zu thun!
„Herz, mein Herz, halt aus, schon Schnöderes hast
du erduldet.“

Abgeordneter? Gar noch? Ich? Doch es sei —
Ruf des Schicksals — mich aufraffen — aufraffen zu
mehr als Amt — auch aus dem Schlag! — Auf!
— Hab' auch viel auf dem Herzen, es soll einmal
heraus an den Tag, einmal in's Große, Oeffentliche!

Wahlkämpfe. Wahlreden. Zungenfechterei, Komödie. Doch gute Sprechübung. Das Reden geht
ja besser, als ich mir zugetraut hatte, wenn nur genug
Distanz ist. Sobald mir die Leute zu nahe sind, weiß
ich nichts oder bleibe stecken. Sie drücken auf mich,
sind statt bloße Bilder empirische Existenzen, die mich
lästig fragen: Nun, was hast du zu sagen? Wird's
bald? Nun, was weiter? — Das wirft mich aus
dem Denken an die Sache heraus. In jedem Redner
laufen zwei Vorstellungsreihen nebeneinander; die eine
beschäftigt sich mit dem Thema, die andere mit den
sinnlichen Wahrnehmungen während des Redens. Dieß
geht so lang, bis auf die zweite zu viel Accent fällt,
dann wirft er um. Zu viel Accent: Ursache entweder
eine Beobachtung, z. B. dort wird geflüstert, gelacht
oder also die Leute zu nahe. Distanz bringt Objektivität.

Oft meine ich doch, ich vermög' es nicht länger.
Der Schmerz um Erik will im Sturm hervorbrechen
mitten in dem Gewühl; aber dann packe ich ihn und
werf' ihn gewaltsam hinüber zu dem Zorn auf so viel
Schlechtes in unseren Zuständen, zwinge ihn, sich als
Zorn auf das Unrecht solchen Todes mit diesem zu
addiren. Es muß doch gehen. Wenn ich nur nicht
zu heftig werde! Muth! Sei Mann, es gibt zu thun,
sei brav wie Erik!

Alte Devise: Adler, über Wolken der Sonne zufliegend mit Schrift: nunc pluat! — sei mir Vorbild!

Ein Adler flog empor
Hoch, höher, bis hinan, wo fürchterlich
Aus ew'gem Schnee
Die letzten, wildgezackten Alpenhörner ragen.
Da sah er hängen über sich
Ein zweites, schrecklicher gethürmtes
Gebirg von Wetterwolken,
Schwarz, dicht und breit und schwer, zum Bersten satt.
Es drohet Stürme, Güsse, Ströme, Stürze
Von Regen, Hagelkieseln, die das Haupt,
Die breiten Schwingen ihm zerschmettern,
An die Felsennadeln ihn spießen, oder halbzerfetzt
Zu Thal ihn schleudern werden.
Er sieht's und schießt hindurch.
Steil, kerzengrad', dem Pfeile gleich,
Von straffer Sehne stracks emporgeschnellt.
Schon schwebt er über der schwarzen Wand
Im Blau, im strahlenden Aethermeer,
Er schaut der Sonn' in's blitzende Flammenauge,
Er schaut hinab und spricht:
Nun mag es regnen!

Zerfetzt! Am Boden! Was jetzt, wie weiter?

Erst nicht verzagen! Arbeiten! Gutes thun, wirken
ohne Amt, Vereine für Wohlthätigkeit, — Erziehung
Verwahrloster. — Für mich meine Bücher, hab' nun
Zeit. Schreiben — halt! an die Pfahldorfgeschichte!
— gleich aufnehmen! Fortreisen, noch einige Sammlungen sehen von Ausgegrabnem aus der Pfahlzeit —
Studien machen. — Man nimmt an, es seien Kelten —

Das Ueberschnappen der Stimme, das war das
Aergste, das scheusliche Auslachen. Alles Andere ertrüg' ich eher. Teufel!

Es muß ertragen sein. Dabei noch ein Trost.
Jetzt muß ich die Thüre von meinem Amtszimmer in
die Kanzleistube doch nicht mehr knarren hören. Einölen schwierig und half so gut wie nichts. Der pfeifende Knarrton that immer ganz deutlich wie „eo
ipso!“ O, ja freilich, will's ja glauben, es versteht
sich von selbst, daß du knarrst! auch, daß ich gehen
muß! — Noch als ich das letzte Mal dort war, auf
immer Abschied vom Amte zu nehmen, knarrt das
Luder: eo ipso! — Dich, unverschämter Regenpfeifer,
dich bin ich doch nun los — Eo ipso!

Es geht ja vorwärts. Fort, ihr Dämonen, sollt
mich nicht abbringen! — Ich weiß jetzt, ich mach's
wie Luther, der dem Teufel das Tintenfaß an den
Kopf warf! Will noch anders reagiren, als mit
Exekutionen — literarisch — will euch brandmarken
— ein ganzes System gegen euch, euch an den
Kopf! Etwa: „System des harmonischen Weltalls“
oder —

Ich bin zu ehrgeizig, um ehrgeizig zu sein. Ich
habe ein heimliches, sehr verfängliches Verhältniß, eine
unglückliche Liebe zu einer sehr spröden Schönen: der
Nachwelt. Daher geize ich so wenig um die Ehre bei
der Mitwelt, versäume so oft schuldige Aufmerksamkeit
und bin so zerstreut gegen Formen: wie es eben allen
Verliebten zu gehen pflegt. Es ist stolz gesprochen,
ach, zu stolz, denn was habe ich gethan, meine Schöne
zu erobern? Mein Wirken? — Lächerlich geendet!
Da die Pfahlnovelle? Dichterruhm? Pah!

Wie ich das wieder lese — unselige Vergleichung!
— Vier Worte, Laute hab' ich ihr geschrieben:
„O Gott! o Gott!“ — Mehr nicht? Muß sie nicht
einen inhaltvollen Brief erwarten? Wohl zehnmal versucht, verbrannt! Und es wäre doch so natürlich,
wäre Pflicht. Ja, aber daß in jeden Brief etwas
hinein will, — was doch nicht darf, nicht soll —
davon darf kein Hauch — Sie wird wohl errathen,
aber — o Knäuel von Verflechtung!

Arbeit will nicht gehen. Fehlt mir doch gar sehr
Dienst, Pflichtzwang der Stunde. Daher auch die
Teufel wieder in Legionen. Merken wohl meine Absicht, wollen mich vorher aufreiben. Zwei Tage ein
entzündetes Auge. Fliegt mir just eine Mücke in's
rechte, worein mir kurz vorher ein Funke Brennstoff
von einem Zündhölzchen gefahren.

Das Leben ist eine Fußreise mit einem Dorn oder
Nagel im Stiefel. Felsen, Berge, Schluchten, Flüsse,
Löcher, Sonnenglut, Frost, Unwetter, Räuber, Feinde,
Wunden, damit müssen wir kämpfen, das will bestanden sein, dazu haben wir die Willenskraft. Aber
der Nagel im Stiefel: das ist die Zugabe, kommt
außerdem und überdieß dazu, und für den Nagel
bleibt dem Manne, der mit den großen Uebeln redlich
ringt, keine Geduld übrig. Haben denn die Menschen
Zinkblech statt Haut an den Fußsohlen, daß mich darin
Niemand verstehen will? — Oder auch: das Leben ist
eine Schublade, die nicht geht, stockt, staut, spannt —

In meiner Arbeit mag ich oft einen Haufen
Papier, wo ich nothwendig etwas herauszunehmen
hätte, stundenlang nicht anrühren, weil ich weiß, beim
ersten Griff fährt der helle Teufel hinein, Alles schlüpft,
klebt oder entwischt, — was nicht mit soll, geht
mit, was mit soll, geht vom Andern nicht los, die
Feder fliegt zu Boden und spießt sich in's Holz, daß
ich eine halbe Stunde brauche, eine neue zu schneiden,
— der vollendete Pöbelaufruhr. —

Lang, lang nicht unter die Leute gegangen —
was soll mir — ? Frau Hedwig treibt — hat wohl
Recht. Habe mich doch oft vergessen, bin aufgethaut,
wenn ich von Gram und Verdruß zu Stein, zur
starren Maske gefroren unter die Menschen kam, eine
Mehrheit von Augen wirkt erweckend auf mich.

Das war ein Tag! Wetter: oberer Föhn bei
unterem unverschämtem, injuriösem, rechtsverletzendem
Nordwestwind, der mir meinen Hut nimmt, den ich
doch um mein Geld erstanden habe und daher als rechtmäßiger Eigenthümer besitze. Nerven und Gehirn elektrisch durchzuckt, Blut kochend, Haut stechend. Dennoch und auch unterschiedlichen Teufeln zum Trotz den
ganzen Tag scharf gearbeitet. Abends sehr Erholung,
Ausspannung bedurft. In Gesellschaft. Und hier?
fängt erst die rechte Folter an. Zu acht an einem
Tisch, eine Zahl, durchaus nicht zu groß, um recht
gut noch eine gemeinschaftliche Unterhaltung zu erlauben. Beginnt folgendes liebliche Spiel:

A eröffnet mit C ein Sondergespräch, dann E
mit G, dann H mit F, und D foltert mich B, ich
soll mit ihm eines führen. Da jedes dieser vier
Sondergespräche das andere übertrommelt, so fangen
Alle das Schreien an und nun hört man das eigene
Wort nicht mehr. Ich suche auszuwickeln, suche laut
ein Gespräch für Alle auf's Tapet zu bringen, —
vergeblich, Niemand begreift mich.

Nicht genug, weiter! Sie fangen über's Kreuz
an: A mit D, C kräht nach mir (B) herüber, E mit
H, G mit F. Nun ist zum Beispiel in einer der
lieblichen Gruppen von Preußen und Bayern die Rede,
in der Diagonale schlagen den zwei Politikern die
Namen Dante und Petrarka, von anderer Seite Cervelatwurst und Gansleberwurst, in der dritten Kreuzung scheuslicherweise auch noch die Begriffe Aktien und
Prioritäten, in der vierten die Streitfrage über Sängerin Blözke und Grilli auf's Trommelfell.

Noch nicht genug. Eine kurze Pause tritt ein.
D fragt A, welcher Altdeutsch versteht, nach einem
verwickelten Punkte, nämlich: wann das E geschlossen,
wann offen zu sprechen sei. Man sieht, es ist ihm
wirklich darum, belehrt zu werden, den Anderen ist
es auch von Interesse, mir nicht weniger, und Alle
horchen. Während nun der A eben recht im Zug ist,
den Punkt auseinander zu setzen, bricht ihm der D,
der ihn ja eben selbst gefragt hat, in die Rede mit
der Frage, ob er gestern im Konzert gewesen sei, gleich
darauf fängt der C mit mir vom Theater an und so
läuft es fort: Jeder hat vergessen, daß er soeben sich
für einen Zusammenhang interessirte.

Ich schoß auf und fort, zermartert, zerschunden,
zerfetzt, zersägt, zerrieben, zerdroschen, zerwirbelt, zerraspelt in allen Nerven kam ich nach Hause. Das
war meine Abenderholung: nach schwerer Tagesarbeit
noch schwerere am Abend! Möchte das arme Hirn entlasten und muß mir alle seine Saiten zerreißen lassen.

Die Mehrheit der Menschen besteht nicht gerade
ganz aus Betrügern, Räubern, Dieben, Mördern, aber
aus sozialen Ungeheuern, und zwar durch alle
Stände und beide Geschlechter, die Weiber treiben's
ärger, aber die Männer kaum um ein Haar besser.
Was habt ihr dumpfe Geschöpfe nur für eine Vorrichtung in den Hörwerkzeugen, daß ihr das eine Gespräch gegen die andringende Lautmasse der fremden
Gespräche in eurer Auffassung zu isoliren vermögt?
Einen eisernen Rollladen? Einen Ofenschirm von
Sturz? Ei was! nichts habt ihr, grobe, stumpfe, abnorme Sinne habt ihr und konfus im Kopf wollt ihr
sein und bleiben, Alles schlechterdings nur halb denken,
und mich, der ich normale Sinne habe und klar
sein will, mich haltet ihr für ein Monstrum! Ihr
wollt sprechen und gehört sein, ihr wollt hören, und
im Augenblick vergeßt ihr es wieder, weil euch noch
viel lieber als Sprechen und Hören das Wirrsal,
weil der Durmel euer Element ist.

Für richtige Sinne und für wirkliche Bildung gibt
es an einem Tisch, wo nicht so Viele sitzen, daß ein
gemeinsames Gespräch unmöglich wird, durchaus
keinen Einzelnen. Neben einem plätschernden
Brunnenrohr kann man sich unterhalten, denn es
spricht keine Worte, welche die Gesprächsworte durch
Bezeichnungslaute aus einem andern Zusammenhang
kreuzen, neben einem Separatgespräch ist es unmöglich.
Ein Mensch, der gesunde Natur, Disziplin des
Denkens und der Form hat, wird sich also im genannten Fall nie, absolut nie an einen Einzelnen wenden, wissend, daß, sobald er's thut, die Losung zum
allgemeinen Gesprächschaos gegeben ist, er wird
immer nur nach der Mitte, in's Ganze hinein sprechen.

Da nun die Menschen auch hierin wirr, wild,
willkürlich und disziplinlos sind, was folgt? Das
folgt, daß sie nicht einmal der Gesprächfreiheit im
Privatleben werth sind. Das folgt, daß man sie auch
hier in das Joch der parlamentarischen Ordnung einspannen müßte. Das folgt, daß eine Gesprächpolizei
organisirt werden müßte. Macht mich zum Vorstand
und ich verspreche euch, ein Tyrann erster Klasse, ein
Nero, Caligula, Attila, Dschengis-Chan, Tamerlan der
Gesprächszucht zu werden! Aber Strafgewalt müßt
ihr mir geben! Mit Geißeln und Skorpionen will ich
sie züchtigen, die Gespräch-Buschklepper, Gespräch-Strauchdiebe, Gesprächs-Räuber, Gesprächs-Mörder,
Gesprächs-Meuterer, in die Wasser der Urflut will ich
sie zurückstoßen, diese Gesprächs-Ichthyosauren! Und nie
werde ich meine Vollmacht mißbrauchen, nie mir zum
Vortheil anwenden, nein, Anderen soll sie zugute kommen
auf meine Kosten! Ein Leben, das der Gerechtigkeit
gewidmet war, sei Zeuge für meine Betheurung!

Ach Gott, es ist ja auch dieß nur ein schöner
Traum! Ich weiß ja: ein Unsinn! Da aber der Zustand, wie er besteht, auch ein Unsinn ist, so bleibt's
eben dabei: gerade so unfähig, wie einen vernünftigen
Staat zu bauen, ist die Menschheit auch, eine Gesellschaft zu bauen, oder umgekehrt, wie man will!

O Einsamkeit, wie gut bist du!

Dabei bin ich erst gar kein Pedant. Ausnahmsweise muß man auch in die Rede fallen dürfen, namentlich wenn sonst der Augenblick für einen guten Witz
verloren gienge. Aber bei dem Trätschvolk ist die
Ausnahme Regel und der konfuse Lärm Lebenselement.

Wieder lang einsam, hat gut gethan und auch
nicht. Wäre mein guter Rappe nicht — ihm verdanke ich, daß ich nicht einhuzle, einschrumpfe. Besuch manchmal vom Referendär, jetzt Assessor; der nicht
unerquicklich. Gescheut. Wenn nur nicht auch da die
Teufel wären — bleibt aus, wenn ich ihn so recht
herwünsche, kommt dann im ungeschickten Moment —

Rezept: — Wenn du einen Besuch erwartest und
er kommt lange nicht, so nimm kalt Wasser in den
Mund. Es soll bekanntlich hinter den Zähnen gehalten werden, bis es warm ist, um den Mund auszuspülen, sonst verschlägt es sie. Vergiß, ein Gefäß
aufzustellen, wohin du das Wasser ausspucken kannst.
Laß den Diener entfernt sein, der einen Besuch in's
Wartezimmer führen könnte. — In kurzer Zeit wird
es klopfen. Der Mensch draußen hört dich zappeln,
begreift nicht, klopft und klopft. — O, ich habe Einen
gekannt, sehr gebildet, sehr manierlich, der rieß in der
Verzweiflung die Thür auf und sprudelte dem unseligen Besucher die Bescherung in's Gesicht, — bereut innig den schmachvollen Wahnsinn — doch gab
es ein Duell; glücklicherweise ohne Blut abgelaufen.

Ich mag es anfangen wie ich will, es vergeht
keine Woche, ohne daß ich einen oder mehrere Fehler
mache. Und das beim redlichsten Bemühen, es recht
zu machen. Ganz blind. Hintennach, meistens erst
spät, gehen mir dann die Augen auf und senkt sich
mir die Einsicht mit solcher Centnerlast auf die Seele,
daß ich, allein in meinem Zimmer, ja auch mitten auf
der Straße, laut hinausschreien muß, nur irgend einen
Laut bellen, nur um mich etwas zu entlasten. Da
meinen dann die Leute, ich sei verrückt, und muß ich
mich vor meinem Bedienten schämen, wenn er im anstoßenden Raum ist, oder froh sein, wenn gerade
Katze oder Hund bei mir im Zimmer ist, daß er etwa
meinen kann, ich unterhalte mich mit diesen. — Wie
geht es denn nun aber Anderen? Machen sie denn
keine oder gar so viel weniger Fehler? Oder machen
sie ebensoviele, werden sich aber nachher nicht durchsichtig, haben eine Seele von dickem Juchtenleder? —
Oder werden sich durchsichtig, schütteln aber die Last
des innern Vorwurfes federleicht ab? Geht doch kaum!
Warum müssen sie denn also nicht auch schreien wie ich?

Wißt es, ihr Köpfe, mit meinen Fehlern und mit
meinem Wahnsinn hab' ich so gut ein Recht, zu existiren, wie ihr mit euern Fehlern und mit eurem
Kahlsinn!

Fremdlinge auf Erden lachen gern. Das kommt
von ihrem scharfen Auge und von der Höhe ihres
Sehpunkts. Aber es ist ein anderes Lachen, als das
Lachen gemeiner Seelen. — Auch lachen sie gern über
sich selbst.

Du hast lange Weile? Mußt nach Unterhaltung
jagen? — Hast du denn an dir gar keine Gesellschaft?
Kannst du dich gar nicht in Zwei spalten und hat,
wenn du es kannst, der Eine dem Andern gar nichts
zu sagen?

Um mich zu bessern, habe ich schon das Mittel versucht, eine Korrespondenz mit mir selbst zu eröffnen. Ich
schrieb mir sehr weise ermahnende Briefe. Nun wurde
aber der Ich b über die Altklugheit des Ich a verdrießlich, fieng an, unwirsch zu antworten, wurde grob und
gröber, der Ich a blieb ihm die Antwort nicht schuldig,
das Ding machte mir Spaß und endlich gab es eine
vollkommene Zank- und Scheltkomödie. — Larifari! —

Man soll den Idealismusnarren nicht trauen! Sie
sind immer auch böse Narren. Sie werden giftig.
Da sie an alle Welt die Forderung der Vollkommenheit stellen, nur nicht an sich selbst, so ist ihnen nichts
und Niemand recht, sie verdammen, höhnen, hassen,
halten inwendig den ganzen Tag grimmige Monologen,
ballen die Faust offen und im Sack, üben Ränke und
Tücke. Dahin kommt es mit edlen Menschen, denen
die Läßlichkeit fehlt.

Auch den Hamlet macht sein Idealismus bös,
grausam gegen die arme Ophelia. Ein Weib schlecht,
so werden es alle sein. — Ein Engländer hat einen
unserer Shakespeareerklärer, der die Ophelia für eine
leichte Weltdame nimmt, auf Pistolen gefordert. Recht.
Der hat meinen Geschmack.

Was ich immer auf's Neue bewundern muß, ist
das höchst Stimmungsvolle in allen Theilen dieses
Dramas, das doch von Gedankentiefe und scharfer
Bewußtheit strotzt. Das Grundgefühl ist Schwüle;
dieß ist längst erkannt und oft gesagt, aber es ist
nicht bloß Schwüle in dieser bestimmten Situation.
Hamlet geht um wie ein Mensch, der zu enge Schuhe
anhat und sie nicht ablegen kann, dem daher alles
Blut nach Herz und Gehirn schießt und der es daher
in seiner Haut fast nicht aushält, und der richtige
Zuschauer fühlt nicht nur, wie schwer seine Lage,
sondern wie furchtbar schwer das Leben überhaupt ist.
Nur der paradiesisch naive, der beschränkte und der
gewissenlose Mensch lebt leicht, dem tiefer Gehenden
hämmern die Pulse, wenn er bedenkt, welch' ein
fürchterliches Schraubenwerk das Leben ist, das uns
zwischen Fragen einpreßt bis zum Ersticken. Der
Monolog „Sein oder Nichtsein“ ist nach seinem Gedankengehalt sehr überschätzt worden, sein Werth liegt
in der Stimmungstiefe: unerreichbar der Ausdruck des
Brütens, das nicht weiß, wohinaus, des athemlosen
Eingeengt-, Eingeschnürtseins.

Ich bin so schrecklich bedenklich, so sehr Buridan's
Esel, daß mich der Zweifel’, in welchem Laden ich
einen Kamm oder Bürste kaufen, mit welchem neuen
Buchbinder ich es versuchen soll, wochenlang umtreiben,
in ein wahres Elend von Einklemmung zwischen Für
und Wider versetzen kann. Und doch bin ich auch
wieder ganz unbedenklich, gehe frischweg darauf los,
fürchte nichts und Niemand, und weiß ganz gewiß,
daß ich, wäre ich ein Obergeneral und stünde im Felde,
den richtigen Moment für eine Schlacht mit zweifelloser Entschlossenheit ergriffe und drauf schlüge. Auch
das würde mich nicht irren, daß gezweifelt werden
könnte, ob nicht der folgende Tag einen noch günstigeren Moment brächte. Ich würde mir sagen: nach
menschlicher Erkenntniß ist der Moment jetzt günstig,
ob morgen ein noch günstigerer kommt, kann man
nicht wissen, handle ich also jetzt, so habe ich richtig
gehandelt, auch wenn's nicht gut ausläuft und wenn
sich herausstellt, daß es besser gewesen wäre, zu warten.
Daher wäre ich auch ganz fest gegen Reue. — Liest
das einmal Jemand, er mag's für Prahlerei halten,
aber ich weiß, was ich weiß.

Sonst im bürgerlichen Leben und in allen Lagen,
wo es nicht drängt, wo Aufschub nicht Gefahr und
Schaden bringt, zapple ich, wenn Wahl ist, endlos
im Hexenkreise der Abwägung. Wer denkend ist, hat
eben eine lebhafte Vorstellung von den Hindernissen,
von den Möglichkeiten des Mißlingens. Hamlet handelt
freilich gerade da nicht, wo es eilt und drängt, im
Uebrigen gilt für alle solche Naturen sein hartes Wort:
„verzagter Zweifel, welcher zu genau bedenkt den
Ausgang — ein Gedanke, der, zerlegt man ihn, ein
Viertel Weisheit nur und stets drei Viertel Feigheit
hat“. Hamlet ist verklemmt und resolut, beides, —
just so geht mir's, ob mir gleich nicht einfällt, mich
an Geist mit ihm zu messen.

Und auch diese Selbsterkenntnis; hilft mir nichts,
rein nichts. Daß man nicht aus seiner Haut fahren
kann!

In welche führe ich? Ja, da fängt's erst recht an
mit: wer die Wahl hat, hat die Qual!

Nun! in gar keine!

Es wird schlimmer. Nichts um mich und an mir,
was nicht riebe, klebte, zwickte. Es sind keine Ameisen
mehr, es sind Klemmer. Haben mir's wohl extra
angethan, daß ich meine treffliche Arbeit: „System des
harmonischen Weltalls“, nicht vollenden soll, weil großer
Hauptschlag gegen ihr Armeekorps. — Große Singtragödie will auch nicht werden. Dort liegt die
Pfahldorfgeschichte, — skizzirt, kaum angefangen; keine
Stimmung.

Ich werde lebendig macerirt, zerstochen, zerkitzelt,
zernagt, zerkritzelt, zerbröselt, zerstäubt. Seele, wohin?
Wohin? O, eine Leidenschaft! — Die Eine, die
arme, die unterirdische, gute, stille und tiefe, — darfst
sie dir nicht gestehen! — In den Krieg? O, da lebt
man! — „und setzet ihr nicht das Leben ein —“.
Aber in diesen? in den, der sich in Deutschland bald
entspinnen muß? O! —

Frau Hedwig schickt mich nach Italien. Hat am
Ende Recht. Noch Vieles dort noch nicht gesehen. —
Pfahldorfgeschichte mitnehmen, etwa im stillen Venedig
vollenden, war ja einst auch ein Pfahldorf.

Airolo. Ausathmen, ausathmen! O scheuslich,
o Streich in der untersten Hölle ausgeheckt! — Meine
Sehnen müssen ja doch von Eisen sein! — Das absolut
Lächerliche tödtlich tragisch, das Tragische zum Todtlachen! — O, wer aus dem Bewußtsein heraus könnte!
— Hinab in die Strudel! Schnell! — Ja, wenn
nicht da unten — mit den grünen Nixenaugen, sie —
sie — Bist du da?

Gerettet? Heißt man das retten? Oder doch verborgenes Weltgesetz? Daß der gute Mensch sein Leben
wagt und daß der zum Retter wird, der gerettet werden
soll und — wird? Ist jener zu Diensten aufgehoben
für das Leben, zu erklecklichem Wirken? Steht der
Zufall in tiefem, nicht zu übersehendem Zusammenhang? Ich, auch ich zu Zwecken gerettet? Ich? o,
das ist vorbei!

Ist meine Natur unverwüstlich? Stößt das Verzweiflungsfieber im Exekutionsverfahren aus, daß der
Höllenstoff in Scherben dort liegt am Granitblock in
Göschenen! Krise? Aber wozu? Sei's wie es will,
was ist, ist, muß sein.

Immerhin ordentlicher Mensch das, hat's recht
vernünftig mitgemacht. Nur komisch, daß er wissen
und seinerseits angeben zu wollen schien. — als ob
nicht: „Namen sind uns Dunst“. — Cornelia —
Augen — seltsam — nicht weiter denken! Fort —
dem Lago maggiore zu! Tüchtig marschiren! —

Bellinzona. — Dort bei Osogna! Der Reisewagen — mich verborgen — Sie sind es gewesen,
deutlich erkannt — und ich? — Hätte ich nicht doch
gedurft? Thor, Thor, warum nicht hervortreten? —
Nein, nein, es war besser so!

Aber wohin jetzt, wohin? Sie ist dort. Es zieht
mich schwindelnd hin. Und darf doch nicht. Kann
nicht, dürfte nicht, auch wenn ich dürfte.

Assisi. — Und doch hieher — im Fluge. —
Dort bei den hohen, schlanken Säulen des Minerventempels hab' ich sie gehen sehen, schweben — Nacheilen? Halt, nein! Hinab, fort in's Thal, — sie
darf mich nicht entdecken. Muß ihr's ersparen. Nicht
anders möglich: das Grausen von damals hieng doch
wenigstens mit Furchtbarem zusammen, aber jetzt — Ja,
wenn ich ihr Freund, nur ihr Freund wäre, sonst
nichts, — vielleicht nach dem Freund sehnt sie sich
trotzdem, aber — es bleibt dabei, es darf nicht sein.

Habe das Dienstmädchen der Muhme umlaufen
sehen, schien eilig zu suchen, mich zu erkennen, verdoppelt ihre Schritte — sie soll mich nicht finden!

Verborgen im Gedräng der Anbeter in der Kuppelkirche. — Dumpfe, stumpfe Wahnsinnige, Zerrbilder
der Menschheit, die ihr da das Bethäuschen des heiligen
Franziskus anplärrt, das Rosenwunder anglotzt! —
Und doch Wahnsinn — Wahnsinn des Sehnens auch
in mir — Madonna degli angioli!

Hier ist es am besten, in diesem ganz einsamen
Hochthal oben hinter dem Kastell. Dieß Thal und
ich, wir verstehen uns und es verräth mich nicht.
Es ist, als ob diese fast baumlosen Senkungen die
wehmüthigen Gedanken schon manches stillen Menschen
eingesogen hätten, dessen Seele wohl still war, weil
sie auch zu laut war, wie die meinige. Ihr habt
wohl auch schon leises Schluchzen gehört, verschwiegene
Gelände. — Hier bleibe ich bis zur Nacht, dann die
Nacht durch zu Fuß rückwärts und schnell weiter, hinauf,
— wohin?

Hin, wo großes Leben den Todesschlaf schläft —
nach Venedig!

Sag', alter Narr, was rennst du wieder
So kreuz und quer bergauf und nieder?
Was suchst du denn? Laß sein, laß sein!
Die Weite bringt es dir nicht ein,
Im Breiten wirst du's nicht erringen!
Da mußt du in die Tiefe dringen.
Der Weg ist kurz, die Arbeit schlicht:
Fünf Schuh tief, weiter braucht es nicht.

Hab' ja auch kein Handwerk mehr. „Der Mensch
muß ein Handwerk haben.“ — Wohl sagt Nathan:
„Man muß nicht müssen,“ das gilt ganz, wo es
sich um That handelt. Anders ist es mit der Thätigkeit, da heißt es: der Mensch muß müssen. Unglücklich, wen kein Dienst an die Zeit bindet, gerade
seine Freiheit drückt ihn in's Sklavenjoch der Zeit.

Eingefahren um Mitternacht in die Lagunenstadt.
Ganz still, Alles todtenstill. Gerade recht für mich.
Ihr erzählt viel, alte Mauern, in aller Stille viel.
Mancher Mensch ist auch so eine still gewordene alte
Stadt. — Unter der Seufzerbrücke heraus in's Offene.
Der Mond taucht auf. Dogenpalast. Hier Piazzetta,
Markus-Löwe, der heilige Theodor mit dem „cocodrillo“. Stich zu auf den Drachen, hab' auch
ge — — — — still, still, davon still, in's Kühle
schauen, in's graue Silber auf den Wellen!

Der Sarg auf der Gondel nach S. Christoforo
schwimmend — wie still, lautlos — dort unter
Cypressen — am Meere — wie gut — dort ruht
auch Leopold Robert — unsere Schatten würden sich
leis als Verwandte grüßen —

Die Nacht nicht geschlafen, worauf ich mich nach
dem langen Gang nach fundamenta nuove doch gefreut. Zanzare, Moskitos um die Jahreszeit noch!
— Verteufelte Symbole meiner Quälgeister! — Auf
Lido, sagen sie, sei mehr Ruhe vor ihnen. Also
dorthin, in's Einsame, an den frischen Hauch und
Wogenschlag!

Lido. So mit mir allein, doch besserer Zustand,
ein Freund, das Meer. Gänge am Strand. Täglich
Bad, kühlend tief hinein. Warum so unstät, zapplich,
ihr Möven? Meer immer groß stät; auch wenn es
die Löwenstimme erhebt, auch im Sturm: immer
Rhythmus. Machst mich ruhig, Dank, heiligen Dank,
du Großes, du Unendliches! Was Alles liegt begraben
in dir, du aber schlägst und wogest ruhig darüber hin,
wandellos in ewig gleicher Bewegung. Du überlebst,
ich kann es auch überleben. Zerre, zapple nicht mehr,
Seele, halt stille!

Die Pfahldorfgeschichte hervorgezogen. Das Wässerige um mich, Ufergeruch, Schilf, Röhricht, Seegras,
Binsen am Strand bringt Stimmung zum Seebild.

Kann jetzt wieder unter Menschen. Herüber! —
Schöne Wohnung gefunden an der Riva dei Schiavoni.
Auch hier Seeluft, frei, frisch, weit. Kann auch wieder
lachen. Menschen, selbst die schlimmen, doch alle etwas
antik Naives. Puppenspiele drunten, ich stehe gern
mitten unter den Kindern, alten und jungen, schaue
und lache. Der Hanswurst schrauft seinem Widersacher die lange Nase aus dem Gesicht und haut
ihn damit: gut, tief, sehr gut, mir lieber als feine
Komödie. Dalmatiner, Montenegriner, Griechen vor
den Kaffeehäusern, Feß, Pelzjacken, braune Raubvogelköpfe. — Und keine Thierqual, kein Fahrlärm:
Hauptsache.

Alles groß, geschichtlich stylvoll und doch auch
häuslich, heimelig wie bei uns alte Reichsstadt. Die
engen Gäßchen hab' ich besonders gern; Gemüth spinnt
sich ein, wird zu Hause. Freunde gefunden, brave,
heitere Kameraden. Gondolier plaudert mir vor von
Kind und Kegel, auch von seiner Großmutter, liebenswürdig. Und dann wieder die hohen Bilder der alten
Macht und Größe, die lebensvollen, blutwarmen und
doch so adeligen Maler, — die Kirchen, die Paläste;
die Farben, die Reflexe im Wasser. Nun ja, man
kann doch leben. Hinein in die Kirchen vorerst nicht,
brauche Tageslicht, im Helldunkel drohen Gespenster.
Die byzantinischen Starraugen an den Wänden in der
Markuskirche predigen todten Tod im Leben, widerwärtige Mumien.

Gehe vom Arsenal zurück an der kleinen Kirche
St. Martino vorüber, da ist noch einer der Fratzenköpfe mit offenem Rachen für Denunziationen. Hier
gegen Ketzer; Inschrift: Denoncie secrete contro
Bestemmiatori et Irreverenti alle chiese. Ein
Grusel stieg mir auf und nachher mußte ich lachen,
denn ich ertappte mich auf bösem Gewissen. Werden
mich schön verketzern, denoncie, nicht secrete, sondern
publiche in die Zeitungsrachen stecken, wenn der Reisekumpan sich einst entschließt, meine Pfahldorfgeschichte
in Druck zu geben, und wenn sie das Kinderbehör
am Fest, die Katechisation lesen. Und ist doch sehr
harmlos. Ich muß die Religion der Pfahlbewohner
exponiren — die übrigens nicht närrischer ist, als
manche alte Naturreligion —, nun, das darf ich doch
nicht in eigener Person, nicht direkt thun, muß doch
als Poet verfahren, da fällt mir das Motiv ein, es
so in Szene zu setzen. Wüßte durchaus nichts Anderes.
— An sich habe ich, als ich zu Hause für diesen
Zweck das Konfirmationsbüchlein wieder einmal zur
Hand nahm, zweierlei gefühlt. Ganze Klumpen von
logischen Widersprüchen, die den Kindern, sobald sie
zu Verstand kommen, in die Augen stechen müssen, so
daß sich ihr Kopf heftig gegen das Ganze sträuben
wird, daß sie dann nicht mir herauswachsen, sondern
in Widerwillen das Kind mit dem Bad ausschütten
werden. Zugleich aber gewisser ehrlicher, guter Herzton, rührend; man sieht, wie felsenfest diese Theologen
an die ganze Mischung von Sinn und Unsinn glaubten.
Wären wir Neueren so herzfest in der wahren, der
reinen Religion!

Halt, ein Gedanke! Ueber dem: Qui si denunzia!
Alpin soll aus Eifersucht Denunziant an Arthur werden!
Gut, muß sehen, wie ich's verwende.

Den Kirchenlauf nun doch angetreten. Wo freischöne Bilder, ertrage ich auch den Weihrauchgeruch.
Wenn doch einmal Heidenthum, sei es da, wo es seinen
Göttern Herz und Schönheit verlieh. Dabei immer die
Anfänge oder ersten großen Schritte, das Flügelregen
bei noch nicht völliger Flügge so reizend. Dieser
Giovanni Bellini, diese Maria mit den musizirenden
Engelknaben am Throne, dort in der Sakristei von
ai Frari, ist ganz zum innig reinen Verlieben. —
Dann reife Schönheit. Heilige Barbara in S. Maria
Formosa — jeden Tag dahin. Schreckte mich zuerst,
weil die junonische Gestalt mich — ich stürzte hinaus.
Doch wieder gewagt — und nun das Etwas um die
weichbeschatteten Augen — ganz von ihr — wunderbar. Und diese Weichheit durchrinnt als Welle doch
auch die stolze Gestalt — Siegerin über alles Wilde
— Und Palmzweig! Ich habe dein Fächeln gespürt!
— Gehe nun täglich dahin.

Sonst mag ich die Venetianer doch mehr als
Männermaler, trotz Tizian's, Paolo Veronese's, Palma
Vecchio's, Pordenone's, Bordone's Weibern. Suche
meist vergeblich jenes Etwas. Aber ganze Mannheit
fest, sonnenbraun, im Gegenwärtigen zu Haus und
Eins mit sich, keine Sehnsucht, eine zweite Antike.
— Tizian doch auch oft sinnlich brünstiger, als
echte Kunst soll. Doch in der Verkündigung Mariä
zu Treviso und in der Assunta auch das hoch mystisch
„ewig Weibliche“. Apostel unten auf der Assunta —
schon nah' an überreifer Kunst, wenigstens der eine mit
dem theatralisch gestellten rechten Bein; andere herrlich
— nun mit voller Herrschaft über die Darstellungsmittel jenes Nachschauen, das mich so in's Mark hinein
ergreift, Gefühl: die Welt ein Schattenthal ohne sie.

Stehe oft und gern Nachts auf einer der kleinen
Brücken, sehe hinab auf den dunkeln Kanal, da und
dort von Lichtschein überblitzt. Wenn dann eine Gondel
durchfährt, so ganz still, nur selten der Ruf: Sta li!
sonderbar, dann ist mir oft, als liege ich, der da oben
zusieht, zugleich todt in der Gondel, und der Todte
freue sich zugleich der stillen Nachtfahrt.

Hübsch — neulich auf der Fahrt nach Treviso;
ein paar gebildete Venetianer im Wagen; auch ein
Abbate, vernünftiger, klarer Mensch, interessante Ausnahme. Wagenfenster offen, auf dem Bocke sitzt ein
hagerer Pfaff. Wir kommen auf Klosterwesen, Cölibat,
weiter auf anderes Ungesunde der katholischen Kirche
zu sprechen, ganz gesetzt, ernsthaft. Der Pfaff draußen horcht mit halbgewendetem Kopf. Der Wagen
hält einige Minuten. Schaut der Pfaff herein mit
durchbohrendem Blick und ruft mit Stentorstimme:
„Signori, la morte!“ — Er meinte, er dürfe das
Wort nur nennen, so werde es uns wie ein Donnerwetter in die Eingeweide fahren. — Es war nicht
möglich, nicht zu lachen. — Aber belehrend: da sieht
man, an was die Schauspieler den armen, feigen
Menschenpöbel packen. — Fürchte den Tod nicht und
dir kann kein Pfaff bei! —

Einer der Italiener hat etwas höchst Treffendes
gesagt. Ich lobte die Reformation, ich sagte, sie sei
die unentbehrliche sittliche Ergänzung zur Renaissance;
die Italiener sollten sie irgendwie nachholen, sich beeilen,
aus ihrer Kirche hinauszukommen. „Va bene,“ sagt
der Herr, „ma poi anderemo più lontano che voi
Tedeschi, che vi siete fermati nella prima osteria.“
Wie wahr! Wie hat es die Reformation verderbt,
daß sie sich gleich wieder in eine Kirche einschloß mit
Dogmengezänk, wie ein Fußreisender, der im ersten
Wirthshaus hängen bleibt.

Am Rialto, auf dem alten Börsenplatz jenseits
der Brücke, meine ich leibhaft den Shylok zu sehen,
wie sie ihm auf den Bart spucken, wie er hinwegschleicht, den brennenden Haß gegen die Christen in
der Seele. Ja, Shakespeare! — Wenn er Venedig
hätte sehen können, wie es jetzt ist! Das Traumgewordne! O, er hätte es ganz verstanden! Wie
ist er traumwebend! Und zugleich heller, wacher Tag.
Oft ist's, als siedete sein Gehirn vor Phantasiren
und doch ist er ganz bei sich, durchdenkt, ordnet, befiehlt. — Auf der Brücke, in der Dämmerung zurückgehend, glaubte ich ihm selbst zu begegnen. Konnte
seine Züge nicht sehen, nur seine hohe Stirn. Kein
Mensch auf Erden unter allen, die gewesen, den ich
so drangvoll verlange von den Todten erwecken zu
können, um ihn zu sehen, an seinen Lippen, seinen
Augen zu hängen. Und wie würde ich ihn mit Fragen
bestürmen! — Aber es ist gut, daß er uns nicht mehr
erscheinen kann, er würde zu todt gefragt — mit vielen
nöthigen und mit noch weit mehr dummen Fragen.

Pfahldorfgeschichte fertig. Besorge Abschrift für
den Reisekameraden; soll bald abgehen. Etwas doch
zu Stande gebracht! Wie es auch sei, es kann doch
— im Kleinen — ein Ganzes heißen.

Goethe hat gesagt, der Humor sei zwar ein Element
des Genies, aber sobald er vorwalte, begleite er die
abnehmende Kunst, zerstöre und vernichte sie zuletzt.
Dieß ist doch nur dann wahr, wenn man unter „vorwalten“ außer dem Ueberhandnehmen besonders versteht eine Einmischung in das Dichtwerk auf Kosten
der Objektivität. Belehrend ist hierin J. Paul; das
humoristische Ich des Dichters drängt sich zersprengend
in das Bild, das er geben soll. Er verwechselt Dichter
und Gedicht. Er will Narren oder seltsame Begebenheiten vorführen und statt dessen führt er seltsam und
närrisch vor. So wird der reiche, herrliche Geist
ungenießbar und Niemand liest ihn mehr, — leider!
Sollte es aber nicht eine schöne Aufgabe sein, zu
zeigen, daß es auch einen Humor gibt, der dieser
Versuchung widersteht und ein Bild des Närrischen
mit der Objektivität des Künstlers entwirft und durchführt? Zweite verbesserte Auflage J. Paul's, der mit
Unrecht zu den Todten geworfen ist? Auferstandener,
genießbar gewordener J. Paul?

Sei's, wie es kann, geh' hin, mein Kind! Und
ich kann auch gehen. Abschied wie von einer
lieben Heimat. Noch einmal den Colleoni gesehen,
ehern, dunkel ragend im Mondschein. Bleibe mir,
Bild, erinnere mich Zeitlebens an den Schlachttag!
Dürft' ich einen zweiten erleben und dann so ein
eiserner Reitersmann voraus im Pulverdampf: vorwärts! vorwärts! Marsch! Marsch! — Noch einmal
Markusplatz in Mitternacht, im Florlicht des blassen
Gestirns — ob ich noch einmal herkommen werde?
Ich Vergangenheit? — Was bliebe mir noch zu stürmen!
— Zu meinem Fenster von der weiten Lagune her
köstliche Nachtluft, Seeluft. Dort die Inseln wiegen
sich schlafend auf dem weichen, freien, breitergossenen
Elemente im Flimmerschleier der leise singenden Nacht.

Nun wieder zu Haus. Im Winter muß man zu
Hause sein. Ofen. Ohne Ofen doch kein Gefühl des
wahrhaft Heimischen. Völker, wo bloß Kamin herrscht,
haben doch immer irgend einen unheimlichen Zug. —
Des Reisens vorerst wieder genug. Reisen ist Schund.
Reisen heißt, sich über grobe und spitzbübische Menschen
ärgern, von Leuten bedient werden, die zu wenig Zeit
für mich haben, weil sie zu Viele bedienen müssen,
die fortschnurren, wenn ich etwas frage, etwas bestelle.
Reisen heißt in Zimmern wohnen, wo der Stiefelknecht
fehlt oder zu weit, wo der Schrank nicht schließbar ist,
weil der Reisende in Twist oder auch die Gräfin X
gestern aus Versehen den Schlüssel mitgenommen hat,
oder der Schlüssel zwar steckt, aber nicht geht. Reisen
heißt in dummen Betten schlafen (Italien ausgenommen),
auf unsinnig konstruirten Sesseln, in wahnsinnig gepolsterten Coupés sitzen. Reisen heißt schamlos wohnen,
in Gasthöfen nämlich, wo überall die Zimmer nur
durch eine dünne Thüre vom Nachbarzimmer getrennt
sind; der hört also jeden Laut und die Folge ist, daß
man nothwendig meinen muß, er sehe Einen auch,
zum Beispiel nackt beim Hemdwechsel; reisen heißt mit
absurden Menschen sein müssen, wenn man einsam sein
will, am meisten, wenn man mit der keuschen Natur
andächtig verkehren möchte, dagegen einsam sein, wenn
man sich nach Menschen sehnt; reisen heißt ewig packen
müssen, und ein Fürst hat es nur scheinbar besser, ihm
besorgt die Sache sein Marschall durch die Bedienten,
aber wer besorgt ihm seinen Marschall und wer besorgt
ihm, daß er nicht besorgt, sein Marschall besorge es
ihm nicht recht? Dennoch muß man reisen, denn der
Schund stärkt den Charakter. Und übrigens nachher
vergißt man all die Noth und eine Welt neuer Anschauungen — wenn anders man zu schauen wußte
— bleibt. — Nebenher auch Argument gegen den
Pessimismus.

Eine Art zu reisen, ja, die ist Genuß an sich, wohl
der reinste Lebensgenuß, vorausgesetzt gut Wetter, gute,
wohlausgetretene Schuhe und kein Hühnerauge; eine
Fußreise ohne Begleiter außer einem Hund. Nur ja
Niemand mit, und wäre es der Busenfreund, der eigene
Bruder, der eigene Sohn — nicht, nicht! Man hat
ungleichen Schritt, will sich gern nach dem Begleiter
einrichten, vergißt es immer wieder nach wenig Minuten,
und der Eine oder Andere zappelt sich ab, ist gehetzt;
der Eine will einkehren, der Andere nicht, der Eine
reden, der Andere schweigen, dieser gibt nach, und man
verschwatzt die herrlichsten Landschaftspunkte, die schönsten
Beleuchtungen. Es ist Entbehrung, sich nicht mittheilen
zu können, aber dieß negative Uebel viel kleiner als
jene positiven. — Wandern, wandern, seiner Rüstigkeit
froh, Diogenes mit federleichtem Gepäck, schauen, träumen, viel denken und nichts denken, bei Sennen einkehren, im ländlichen Wirthshaus übernachten, wo es
noch einen Hausknecht gibt, der mit der Innigkeit edler
Leidenschaft die Stiefel wichst, in dessen Gesicht nicht
jeder Zug Trinkgeld heißt, — freundlich plaudern mit
Landvolk, mit Hausthieren, schlafen wie ein Sack, in
Morgenfrühe weiter, von Lerche, Fink, Amsel begrüßt
— kurz, man lebt. — Leider geht's in Italien,
wenigstens auf den Hauptlinien, nicht; brennende Landstraßen, zu wenig Feldwege, zu wenig Grün, zu wenig
reinliche und zuverlässige Landherbergen.

Warum fährt es manchmal wie ein Blitz in mir
auf: gleich wieder fort und hin!? Hast Wahnsinn
begangen dort in Assisi! Das einzige Glück für dein
gebrochenes Leben — Nein, nein, so spricht nur der
alte Adam in mir! Besser so, es bleibe des Schmerzes
Reinheit!

Was aber nun thun? Nachdem die Pfahldorfgeschichte fertig ist? Die Reiseerinnerungen niederschreiben? Gar drucken lassen? Pah! Diese Flut
vermehren, unter die Schmierer gehen, die nichts leben
können, ohne es zu schreiben? Wieder etwas komponiren? einen Roman, Drama? Pah! als ob dazu
dein Talent reichte! Und überdieß — aufwühlen?
aufwühlen? — Könnte es ohne das abgehen? — Wie
dann noch den Stoff beherrschen?

Philosophie? Etwas zu bauen suchen? Reicht
nicht. Ueberdieß das Unglück: die Diskreditirung der
Philosophie durch die Systeme. System ist immer
Ausbau eines Gedankens, der als Gedanke Eines
Kopfs, wenn auch auf und über vielen Schultern und
Köpfen, doch immer nur dieses Einen Menschen Gedanke ist. Und trotzdem das Erhabenste, was ein
Mensch leisten kann: Versuch, das Weltall im Begriff
nachzubauen. — Amphibolische Sache.

Er kommt, der Bürgerkrieg. Dialektik darin, die
mich rasend machen könnte. Großdeutsch gewesen lang.
Immer mit Eifer behauptet: ein Theil kann und darf
nicht das Ganze werden, werden wollen. Wird nichts
sein, falsche Anwendung der Logik auf das Reale, das
aus zu vielen Fäden besteht, um direkt logisch vermessen zu werden. Auch das preußische Wesen nicht
leiden können, Essigsäure, Wohlweisheit, Herr Doktor
Gscheutle. Zuneigung zu Oesterreich, wußte nicht, wie
liederlich. Antipathie, Sympathie — keine Politik.
Nun Preußen sehr gute Nase: wittert, daß die deutsche
Kaiserkrone im Dünensand Schleswig-Holsteins verborgen
liegt, dort auszugraben ist. Oesterreich niedlich dran
gekriegt, hineingelockt, um graben zu helfen, — dann
aus der Hand schlagen! — Begreife, es will aus Unrecht ein neues Recht aufstehen. Wohl, aber die
Menschheit würde charakterlos, schlecht, wenn in solchem
Fall Niemand für das alte Recht kämpfte, ob auch
hoffnungslos. Und dann — Politik und Privatmoral
freilich zweierlei; aber Sieg neuer politischer Form,
auf Gewalt gebaut, die durch Listgewebe eingeleitet ist,
doch immer auch von entsittlichender Nachwirkung —
Moral der Nation trägt eine Schlappe davon. Man
wird’s sehen, wenn die neue Form wird — Dennoch —

Die Politik ist doch ein merkwürdiges Gebiet,
Theater, worin wie ein Narr sitzt, wer nicht hinter
die Coulissen sieht. Und was dort hinten spielt, ist
die List. Sie ist keine kleine Kraft, namentlich wo sie
mit sehr vielen und verwickelten Fäden zu schalten hat,
aber sie ist doch ein Element niedriger Art. Viel
sapientia und doch nur quantilla. Die Katze ist
listiger, weit mehr Diplomat als der viel gescheutere
und viel edlere Hund. Verdient ein Staatsmann groß
zu heißen, so verdient er es trotzdem, daß er in
diesem Elemente sich bewegen muß. Den großen Staatsmann führt die Idee, sie ist sein Zweck, die List sein
Mittel, — Edles im Unedlen, Hohes im Gemeinen.
Man muß nur zum Beispiel bedenken, was da Alles
gelogen wird! — Reineke Fuchs — ein Heil, wenn
er zugleich ein Löwe ist. — Doch ist Jedem Glück zu
wünschen, der mit der ganzen krummen Partie nichts
zu thun hat. Was ist Kunst, Wissenschaft, einfache,
gerade Amtsarbeit dagegen für ein reines Element!

Es fängt an, spielt sich in unsere Nähe — glaube,
Hannover wird eingesackt werden — dieß wäre jedenfalls hochkomische Episode — würdig, einen Aristophanes zu finden. — „Bis an's Ende der Tage!“

Kann in diesem Netz messerspitziger Fragen zappelnd nichts arbeiten. Aus Verzweiflung dummerweise
wieder mehr in Gesellschaft. Da die pure Parteikonfusion, links, rechts, überall; mir schwindelt das
Hirn, wenn ich mich in die undialektischen Köpfe versetze. — Noch dummer: nehme gestern einmal wieder
eine Einladung an in patente Gesellschaft. Nobles
Haus, gastfreundlich, aber wie alle. Wer bewirthet,
trägt bei aller Güte doch meist eine Tücke im Herzen;
denkt: das Alles erweise ich euch nun, und ihr dürft
keinen Heller dafür zahlen; aber dafür verlange ich
Eines: ihr sollt euch verkälten. Es werden im Sommer
Fenster, im Winter Thüren aufgerissen, die einen Zug
geben. Der arme Gast zahlt die Zeche nach mit Elend!
o Elend! — 's fängt schon an, beißt in der Nase,
ich spür's. O großer Buchbinder Weltgeist, warum hast
du mich zu fein eingebunden! — In dieser Welt
braucht's Schweinsleder.

Dießmal war's ernst. Schnupfen nicht genug,
Zahnweh, acht Tage Gesichtsschmerz. Zwar darin
doch Fortschritt: doch der Mühe werth. — Und hat
mir über's Aergste draußen in der Welt hinübergeholfen. Blutbad von Sadowa. Entschieden! —
Was jetzt kommt? eine gute Weile schließ' ich die
Augen.

Nach innen fühle ich ein Etwas befördert, beschleunigt, das freilich auch von selbst die Jahre mit
sich bringen. Geht etwas vor in mir. Es ist wie
eine Art Zahnen im Geist. Die Menschen werden mir
durchsichtig. Es fällt mir wie Schuppen vom Auge.
Eigentlich ein gar schwerer Uebergang! Denn seit die
Menschen nackt vor mir stehen, weiß ich erst recht, daß
die Mehrheit Lumpenpack ist. Kommt dazu das sichtbar beschleunigte Wachsthum der Schlechtigkeit in jetziger
Zeit. Es ist schon zum Bitterwerden. War einst so
zutraulich, auch Polizeiberuf machte mich lange nicht
mistrauisch, dachte: das sind Ausnahmen, gieng namentlich gern mit dem Bürger um, der Stand kam mir so
recht kernhaft vor; fragte nicht lange nach Personalien.
Jetzt kann man nicht mehr wohl mit einem Unbekannten
sich einlassen, — vielleicht Gründer, — Sattler, der
Roßhaar herausnimmt, Seegras hineinsteckt, — Fälscher
von Waaren, Lebensmitteln, Kassendieb — und weiß
der Teufel, was Alles.

Dennoch soll man sich nicht verbittern lassen. Wenn
man nicht zählt, sondern wägt, so wiegt ja doch die
anständige Minderheit die schlechte Mehrheit auf; wohl
selbst jetzt noch. Ferner: du darfst kein Menschenverächter werden, weil du nie wissen kannst, wer aus der
schlechten Mehrheit fähig, empfänglich ist, in die Minderheit heraufgehoben zu werden. Die Grenze zwischen
Beiden ist flüssig. Man kann also heiter bleiben trotz
der Weltlumperei, und man braucht diese Stimmung,
eben um jene Grenze flüssig zu erhalten. Umgekehrt
soll man auch der Festigkeit der Grenze von oben nach
unten nicht trauen. Zählst du dich zur guten Minderheit: du magst Recht haben, aber zupfe dich an der
eigenen Nase, besinne dich auf die Blindheit deiner
Jugend, falle nicht in Sicherheit und Dünkel, insbesondere prüfe dich daran, ob du aktiv bist. Hochmuth kommt vor dem Fall. Eine Minderheit, die nur
klagt und schilt, taugt gar nichts, verliert ihren Werth.
Nicht ob moralische Uebel vorhanden sind oder nicht,
ist die Frage, — sie sind immer vorhanden, weil die
Mehrheit schlecht ist, — sondern ob sie bekämpft werden
oder nicht, ob die bessere Minderheit thätig ist oder
unthätig. Ist sie unthätig, so verkommt sie selbst.
Das Menschenbataillon hat eben wie jedes mehr Gemeine als Offiziere. Erst wenn diese faul werden,
steht es schlecht.

Wer die Gemeinheit der Welt, den maschinenhaft
rohen Druck der Verhältnisse in diesem stoßenden Gedräng, wo Alles vom Interesse geschoben wird und
dazwischen die eiserne Schraube der Nothwendigkeit
läuft, wer dieß mit grausam täuschungslosem Auge
gesehen hat wie kein Anderer, das ist Shakespeare.
Die Gröblichkeit der Welt nennt er's einmal, Buckingham
sagt's in Richard III.: grossness of this age; this
age ist aber jedes age. Alle tragische Literatur aller
Zeiten gibt dieß Bild nicht in so unerbittlicher Schärfe;
mit Shakespeare verglichen herrscht überall ideale Beschönigung, die nicht vollkommen ideal ist, eben weil
sie noch beschönigt. Gegen diese Wildschweinwirthschaft
der Welt brennt nun in ihm wie glühend Eisen der
heilige Zorn und läßt er in seinen furchtbaren Tragödien die himmlische Gerechtigkeit mit blitzendem Flamberg durchhauen, und nicht von außen, sondern von
innen. Er weiß sehr wohl, daß es so nicht wird in
der Mehrzahl der einzelnen Fälle, im besten nicht so
leuchtend; aber er vertraut und glaubt, obwohl er es so
wenig beweisen kann als irgend ein Sterblicher, er glaubt,
daß ein solches Gesetz geheimnißvoll, weil ein nicht
übersichtliches Unendliches beherrschend, unserem Auge
oft verschwindend, im Großen waltet, und als Dichter
faßt er diese zerstreuten Strahlen in den Focus eines
einzelnen Falls, der dadurch, wie durch jenes fürchterlich wahre Bild der Welt, hochsymbolisch wird. Dabei
werden die tragisch Betheiligten und schuldig Gewordenen
nicht, nur die Gesellschaft wird gerettet, die Wahrheit
der über alles Einzelne übergreifenden Mächte: Ehre,
Liebe, Recht, Vernunft, Menschlichkeit; unter ihrem mit
so theurem Blute begossenen Baume können nun Unzählige in Frieden leben. Diese Mächte bleiben, während
das Endliche verglühen muß. Shakespeare will durch die
Häufung von Leiden und Leichen in seinen letzten Akten
den Eindruck der Götterdämmerung, des jüngsten Tags
hervorbringen. Daher ruft Kent beim Anblick Lear's,
der die todte Cordelia auf seinen Armen geschleppt
bringt: „Ist dieß das prophezeite Weltende?“ und setzt
Edgar hinzu: „Ist's ein Vorbild jener Schrecken?“
und Albanien: „Des allgemeinen Untergangs?“

Und dieser Unerreichbare ist mit den argen, argen
Flecken behaftet: Aberwitz und eckelhafte Zoten! Der
letztere wird von den Anbetern nicht geleugnet, der
erstere etwa einmal so zugegeben, wie man mit bedientenhafter Art von Respekt ein Mängelchen an
Erdengöttern zugibt. Was ich doch aber auch nicht
ausstehen kann, ist die Pietätsmichelei. An großen
Männern werden zu Götzendienern Alle und Jede, die
keine Spur verwandten Geistes in sich fühlen. So
entsteht der Nimbus. Die Menschen müssen Götter
haben. Es ist wohl wahr, daß die Sprache arm ist,
eine Bewunderung auszudrücken, wie wir sie für so
große Genien fühlen, sie kann fast nicht umhin, zu
vergöttlichenden Namen zu greifen. Aber wer ihres
Geists auch nur ein Tröpfchen in sich spürt, wird darüber nie und nimmer unkritisch werden, ja er wird
gegen wirklich entstellende Flecken noch schärfer losgehen, als bei gewöhnlichen Sterblichen, denn der Bewunderte hat schwerere Verantwortung, als andere
Menschenkinder. Gegen Mittelgut, wofern es bescheiden
ist: mild, gegen Große streng! — Ich hätte gute Lust,
eine Shakespeare-Absurditätensammlung anzulegen —
zur größern Ehre des Dichters. Nichts schadet ja dem
großen Geiste mehr, als wenn man den guten Leuten
zumuthet, ihn mit Haut und Haar zu bewundern;
ihnen soll man sagen: siehst du, das und das ist zugegeben als roh, als abgeschmackt u. s. w., damit plage
dich nicht, damit du die Seele frei bekommst für das
Große, das rein Schöne! — Es ist nicht leicht ergründen,
worin eigentlich das Absurde besteht. Wer vermöchte
den Abgrund von Aberwitz in folgendem Prachtstück mit
Begriffen zu erschöpfen! Romeo im Sonettenstyl über
Rosalinde, da Benvoglio sagt, es gebe schönere Mädchen:

„Wenn meiner Augen frommer Glaube trügt,
Dann, meine Thränen, werdet Feuergluten!
Durchsicht'ge Ketzer, nicht ertränkt in Fluten,
Verbrennt in Flammen, weil ihr schnöde lügt.“

Genommen vom Hexen- und Ketzerprozeß: Wasser- und
Feuerprobe. — Das sagt nun Romeo zwar im euphuistischen Modeton, man kann sich aber darauf verlassen,
daß Shakespeare damit etwas Extrafeines in allem Ernst
zu bieten meinte und daß die Gesellschaft seiner Zeit
es höchlich bewunderte. Und in keinem deutschen Kommentar auch nur ein Wort gegen den vertrakten, hirnverbrannten Schwulst! — Shakespeare ist mit Einem
Bein später aus diesem Geschling heraus, mit dem
andern nicht, noch in seinen reifsten Werken kommen
derart Schnörkel. Zeitgeschmack freilich, aber er hat
sichtbar seinen Gefallen daran; der Zug zum Versalzen, allen phantasiestarken Geistern eigen, verführt
ihn dazu. — Auch Zote war Zeitgeschmack, dennoch
begreift man nicht, wie Shakespeare keinen Eckel davor
haben konnte. Er steht doch über der Wachtstube.

Habe nebenher leider meinen besondern Spaß am
Absurden. Eigenthümlicher Schauer über den Buckel herunter, kitzliches Weh- und Wohlthun, Gänsehautreiz.
Was nicht Gänsehaut macht, ist noch nicht recht absurd.
Möchte eine Abhandlung darüber schreiben, habe aber
den Grundbegriff noch nicht finden können; „Maßverletzung, Grenz- oder Taktverletzung“ ganz oberflächlich. — Auf die Definition müßte eine Eintheilung
folgen. Shakespeare's Absurditäten sind falsche, querköpfige Bilder, krumme Ideenassociationen überreicher
Phantasie. Eine andere Gattung wäre die wohlweise,
die bei ihm nicht vorkommt. Derart habe ich mir
Einiges ausgeheckt, um für ferneres Nachdenken über das
Wesen der Absurdität gute Beispiele bereit zu haben:

Geistreiche Gedanken eines Schulpedanten.

Idee 1. Er hat sich die Lehre gemerkt, daß ein
Dichter Alles individualisiren muß. Schlägt daher
vor, eine Stelle in Schiller's „Wilh. Tell“ zu verbessern oder eigentlich zu bereichern. Monolog in der
hohlen Gasse. Stelle:
„Sonst wenn der Vater auszog, liebe Kinder,
Da war's ein Freuen, wenn er wieder kam,
Denn niemals kehrt' er heim, er bracht' euch etwas,
War's eine selt'ne Alpenblume, war's
Ein selt'ner Vogel oder Ammonshorn —“
Hier einzufügen:
„War's Terebratel oder Belemnit.“
Idee 2. Anmerkung zum Schluß des Monologs:

„Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt!
Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen.“

Die ältesten Uhren waren Sand- oder Sonnenuhren. Es gab übrigens auch Wasseruhren. Häufig
wird Severus Boëtius im Jahre 510 als Erfinder
der Uhren betrachtet, aber er verfertigte nur eine künstliche Wasseruhr. Auch die Uhr, welche der Khalif
Harun al Raschid Karl dem Großen schenkte, war wohl
eine Wasseruhr, mit welcher jedoch Räderwerk in Verbindung stand, denn sie hatte ein Stundenglas, welches
sich alle zwölf Stunden umdrehte. Dem Mönch Gerbert
(später Papst Sylvester II., st. 1003) wird häufig die
Erfindung der Schlaguhren zugeschrieben; er wurde
deßhalb als Zauberer verschrieen; nach Mancher Meinung war jedoch auch dieses Werk nur eine künstlichere Sonnenuhr. Dante zu Ende des dreizehnten
Jahrhunderts beschreibt zuerst eine Schlaguhr. Die
ersten bekannten Gewichts- und Schlaguhren sind von
Dondi in Italien, von Wallingford in England und
von de Wik in Deutschland. Im vierzehnten Jahrhundert hatte man Uhren zuerst in Klöstern, in Städten
waren sie bis zu Ende desselben noch eine Seltenheit.
— Wie viel mehr in Dörfern! Tell lebte im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts; er hat also höchst
schwerlich in einer Stadt (— er besuchte wohl überdieß Städte nur selten —), eher etwa in einem Kloster
eine mechanische Uhr gesehen. Doch ist wahrscheinlicher, daß Schiller nur eine Sand- oder Sonnenuhr
im Auge hat. — Eine Taschenuhr konnte Tell nicht
besitzen. Solche sind entweder von dem Nürnberger
Peter Hele um 1500, oder nach Anderen von dem
Straßburger Isak Habrecht um 1529 erfunden. —
Doch wie, wenn der Dichter dem Schauspieler einen
kühnen Anachronismus hätte nahe legen wollen? Von
großer, ja ungeheurer Wirkung müßte es freilich sein,
wenn der Mime bei obigen Worten eine Taschenuhr
(— um dem Geschichtlichen etwas näher zu bleiben,
nürnberger Ei —) zöge, einen Blick darauf wärfe und
dann straff abgienge.

Idee 3. Aufgabe zu lateinischem Aufsatz:

Spiritum illum, qui dicitur Flibbertigibbetius, in tragoediam nominatam rex Learius innectendo quid sibi voluerit inclytus
poeta Britannicus Shakespearius, eo, quo
decet, acumine enucleetur.

Idee 4. Ibideculus, das heißt: der ebendaselbst
befindliche kleine Mann oder sonstige Gegenstand
gen. masc. Wie viele geistvoll zweckmäßige
Kürzungen dieser Art ließen sich noch in die
Sprachen einführen!

Idee 5. Die Hand ist Prototyp für alle Werkzeuge, die der Mensch erfunden hat. So enthält sie im Nagel auch das Falzbein. Dieß
dürfen wir als Zeichen, Fingerzeig ansehen, daß
der Mensch zum Schreiben, zur Gelehrsamkeit
bestimmt ist, und so gewinnen wir ein neues,
höchst bedeutsames Argument für die teleologische
Weltbetrachtung, für die Theodicee.

Idee 6. Von einem übermüthigen Offizier beleidigt, dichtet derselbe Schulmann zu seiner
innern Satisfaktion den Vers:
„Wie der Soldat, so hat auch der Civil

Denken, Begehren und dann das Gefühl.“

Niemand aber, selbst dieser Schulmeister nicht,
thut's in der Abgeschmacktheit dem Traume gleich.
Der leistet hierin das Ideale. So träumt mir gestern,
ich komme Nachts an mein Haus und sehe vor demselben eine große Versammlung von Männern, schwarz
angethan, Trauerflor am Hut und mit brennenden
Frackzipfeln. Ich frage verwundert, was das bedeute,
und erhalte zur Antwort: Hiemit werde das Leichenbegängniß des Herrn A. E. gefeiert und man nenne
das einen Frackelzug. Ich war sehr erbaut und belehrt, bestaunte sehr die tiefsinnige Wortbildung, zündete
mir selbst den Frackschoß an und gieng mir selbst sehr
andächtig in der Klage mit. Zugleich wie furchtbar
eitel!

Eines haben die Pessimisten auch ausgelassen: das
Lachen. Sie sind ganz humorlos. Eine Welt, wo
so viel gelacht wird, kann so schlecht nicht sein.

Gelacht wird über das Verkehrte, auch das Ruchlose, selbst über die größten Uebel, wenn sie nur irgendwie unter den Gesichtspunkt der Zweckwidrigkeit gerückt
werden können. Vorausgesetzt ist das humoristische
Lachen freier, reiner und universal blickender Gemüther.
Sie lachen im Bewußtsein, daß schließlich das Verkehrteste der sittlichen Weltordnung nichts anhaben
kann, denn eben die so Lachenden sind ihre Schützer,
ihre Retter.

Wir sind von Räthseln umgeben. In dieser Lage ist
es das einzig Vernünftige, als wahr anzunehmen, was
uns am wohlsten thut, sofern es nur unleugbaren
Verstandesgesetzen nicht widerspricht. Dabei ist nur
vorher auszumachen, was wahrhaft wohl thut. Dieß
kann ausgemacht werden, denn es ist aus dem Wesen
der menschlichen Seele und aus dem richtigen Begriffe
der Zeit zu beweisen, daß wahrhaft wohl nur ein
gutes Gewissen thut, das man sich erwirbt durch treue
Arbeit im Dienste der unzeitlichen Güter. Nun werden
wir in dieser Arbeit unendlich bestärkt durch die Annahme, es walte ein unbedingtes Etwas, das aus
streng logischen Gründen nicht Person sein kann, das
dennoch eine Ordnung erwirke und baue in dem verworrenen Wesen, Welt genannt, und zwar auf dem
Unterbau der (auf diesem Auge) blinden Natur und
des blinden Zufalls einen Oberbau, worin sich durch
immer neue Thätigkeit unzähliger Menschen die Sitte,
das Gute, der Staat, die Wissenschaft, die Kunst herstellt. Indem nun diese Annahme uns in der Erwerbung eines guten Gewissens unterstützt, so kommt
dieses unser Wohlbefinden zugleich Andern zu gut und
das ist Grund genug, zu glauben, was wir nie beweisen können.

Was ich mir immer und immer wieder vom Werthe
der Arbeit vorsage, darin bin ich aber gar kein Philister. Gestern Abend kam ein Kauz in die Restauration,
der Vogelstimmen, auch Stimmen mancher Vierfüßler
so ausgezeichnet nachahmte, daß Jedermann vergnügt
wurde und auch ich auf's Heiterste mich vergaß. Es
muß Alles entwickelt werden, was von Fähigkeiten im
Menschen liegt, so auch Seiltanzen, Kunstreiten,
Jongleur- und Ballinistenwesen. — Der heitere Schelm
hatte sichtbar selbst eine Freude an seinen Leistungen,
war ganz dabei. Warum soll das nun nicht auch
gelten? Als der Spaßvogel anfieng, befand ich mich
eben in sehr mißlicher Lage. Saß mir am Tischchen
ein Herr gegenüber, der schickt auf einmal aus der
Zeitung einen höchst bedeutsamen Blick, einen wahren
Couponblick unter der Brille hervor auf mich und sagt:
„Amerikaner 70“. Der Mensch war am Ende wirklich fähig, zu meinen, ich verstehe das! Ich werde in
solchem Fall leicht unangenehm und es hätte bös ablaufen können. Da schlug die Wachtel und befreite
mich. Wer könnte zweifeln, was höher ist, Vogelstimmen nachahmen oder in Papieren machen und
davon sich unterhalten? — Der Künstler gieng
übrigens von einfachen Rufen zu belebten Szenen über:
Plaudern junger Schwalben und Begrüßung der Alten,
Gezänke zwischen Vögeln, ganze Katzenkonzerte, große
Hunderaufereien, kurz: Idylle, Novelle, Eposfragment,
Lyrik, Drama. Wohl interessanter, belehrender, als
manches Professors Vortrag über Zoologie. Jedenfalls
hat der heitere Schelm ein paar Dutzend Menschen in
der Abendstunde aus dem Gestrüpp und Sumpfschlamm
Zeit herausgehoben. Ist er im Uebrigen ein Lump,
er mag es mit sich abmachen; hier wenigstens hat er
mit seiner Arbeit sich ein Verdienst erworben, worüber
sein Bewußtsein ihm ein gutes Zeugniß ausstellen darf.

Ich weiß ein armes Weib von fünfundachtzig
Jahren. Sie hat ihr Leben lang das Geschäft des
Gassenkehrens getrieben, und zwar mit Eifer, mit
Seele. Sie thut über Pflicht; sieht sie auch außer
der Arbeitstunde thierische Abfälle liegen, so springt sie
nach dem Besen. Das Weib ist heiter, gesund in
ihrem Alter, ganz Eins mit sich, ganz zufrieden,
klassisch gediegen. Ihr wird kein Monument errichtet
werden, sie weiß sich aber als nützliches Glied in der
unendlichen Kette wesentlicher menschlicher Thätigkeiten
und ist darin unsterblich.

Von der Dichtkunst erwartet die Mehrheit der
Menschen, sie solle ihnen ihre gewöhnlichen Vorstellungen, nur mit Flittern von Silber- und Goldpapier
aufgeputzt, angenehm entgegenbringen. Da sie in
Wahrheit das gemeine Weltbild vielmehr auf den
Kopf stellt, so wäre kein großer Dichter je berühmt
geworden, wenn nicht die Wenigen, welche wissen,
was Phantasie ist, allmälig einen Anhang gesammelt
und denselben mehr und mehr erweitert hätten. Sie
haben Stein auf Stein in das stehende Wasser der
Meinung geworfen, bis die Wogenkreise den ganzen
Spiegel in Bewegung setzten. Wäre dieß nicht, so
stände heute noch Wieland, Iffland, ja gar Kotzebue
in der Blüte der öffentlichen Gunst, Goethe und
Schiller gälten für Phantasten. Man würde sich nur
größere Dosis von Schauer ausbitten, als die alten
Lieblinge boten, und in diesem Punkt eine Beimischung
aus den Ritter-Romanen vorziehen; Wieland müßte
noch stimulanter werden, als er schon ist. Nun, an
solchen Wielanden fehlt es uns ja nicht. Das merkt
sich jeder Elende, daß er seiner Wirkung sicher ist,
wenn er mit sexualen Reizen operirt, denn wie dickhäutig ein Leser sein mag, Geschlechtsnerven besitzt er
ja doch. Unsere Illustratoren schlagen ebenfalls hübsch
Münze aus diesem Umstand. — Auch Humor will
man haben, aber wenn er kommt, der Wilde, erschrickt
man wie vor einem Geist. Er dürfte wild sein, aber
er soll zugleich zahm, anständig sein. Ja, Poeten
vor tausend oder etlichen hundert Jahren, die durften
im Humor auch den Cynismus wagen, das ist etwas
Anderes, wir aber, wir Menschen der „Jetztzeit“, wir
sind gebildet, und nicht Wenige von uns gehören zur
„guten Gesellschaft“; zwar eine feine Zote, ja das ist
was Anderes, das zieht.

Diesem ebenso anmaßenden wie platten Philistervolk liebt nun die Poesie, die Kunst von Zeit zu Zeit
recht grundsatzmäßig das Phantastische an den Kopf
zu schleudern, damit es merke: die poetische Welt ist
nicht die gemeine. Dieß ist begreiflich, doch soll der
Künstler und Dichter es nicht zum Prinzip erheben
wie unsere Romantiker thaten. Das Ideale stellt die
gemeine Ansicht von Welt und Leben auch dann auf
den Kopf, wenn es die Dinge ganz naturgemäß geschehen läßt. Echtes Kunstwerk hat mitten im Klaren
doch immer Traum-Charakter, ist von „Geisterhauch
umwittert“. Göthe's Gedichte hören sich wie ein leises
Schlafreden, nur um ein Weniges, ganz Weniges
deutlicher. Man kann ihren Inhalt nicht greifen, nicht
an den Fingern abzählen. Der Charakter im Dichterbild wurzelt, so bestimmt er sich ausladet, in geheimnißvollen Naturtiefen und das Schicksal, die Nemesis,
schreitet auch nicht fadengerade, sondern strickt aus gar
vielen Maschen unrechenbar das Geisternetz, worin es
die vermeintlich frei wandelnden Menschen einfängt.
Auch die Zeit ist vor dem Dichter bloßer Schein.
Gloster's Schicksal steckt ahnbar schon im ersten kurzen
Auftritt des ersten Akts des Königs Lear. Goneril
blüht, strotzt in ihrer Bosheit und Frechheit. „Gut,
gut, — der Ausgang,“ sagt Albanien, da sie sich
ihrer klugen Berechnung der Zukunft rühmt. In den
vier Wörtchen liegt die ganze Lehre vom bloßen Scheine
der Zeit. In Goneril's Verruchtheit blitzt schon das
Messer, das sie sich, an der Verzweiflung angelangt,
in's Herz stoßen wird. Also ist auch ihr Selbstgenuß
in ihrer Verruchtheit nur Schein, sie ist schon unselige
Selbstmörderin. — Was könnten die Menschen für
ihr ethisches Leben lernen, wenn sie den Begriff der
Zeit besser studiren würden! Alles Laster, Verbrechen
ist schlechte Logik.

Lust fühlen heißt die Zeit nicht fühlen. Darnach
jagt nun alle Welt. Aber die Lust ist eine große
Kokette; wer sie sucht, den täuscht sie, wer nicht nach
ihr fragt, dem hängt sie an und wird am End' eine
ordentliche Frau. — Das gibt zu denken über Eudämonismus.

Die meisten Menschen wissen sich nicht zu behandeln, daher stehen sie mit sich selbst auf so schlechtem
Fuße.

Vorsehung. Man sollte eigentlich sagen: Nachsehung. Es handelt sich doch vom Zufall. Der Zufall ist eine im Moment ihres Auftretens von keiner
Intelligenz überwachte, rein irrationale, gesetzlose
Schneidung der Linien, auf denen die Natur und die
Geisteswelt ihre Thätigkeiten, jede an sich gesetzmäßig,
ausüben. Nun aber sind alle diesen zwei Gebieten
angehörigen Kräfte stets beschäftigt, den Zufall zu
verarbeiten: das Günstige, das er bringt, zu benützen,
auszubilden, das Uebel zu überwinden, zu heilen, selbst
zum Gute und Guten zu kehren. Einen Mann, der
verdienstvoll wirkt, der Familienvater ist, tödtet ein
Ziegel, der vom Dache fällt. Der Unfall spornt seine
Söhne, der Mutter eine Stütze zu werden, der Staat
strengt Kräfte an, die Lücke auszufüllen. Es kann
auch schlimm gehen, beides nicht geschehen, dann wird
das weitere Unglück Kräfte wecken. Es ist ein unendliches Netz, ein unendliches Weben. Das ganze
Leben, die ganze Geschichte ist Verarbeitung des Zufalls. Er wird in das Reich des Naturwirkens und
des menschlichen Denkens, Willens und Thuns hinein
stetig verarbeitet. Vorher, in seinem Eintreten, ist er
blind, nachher wird er eine von sehenden Augen geflochtene Masche im unendlichen Netze der Thätigkeiten.
Also eigentlich Nachsehung. Aber da die Zeit eigentlich nur Schein ist, so ist das „Nach“ auch falsch, so
falsch wie das „Vor“. Soll man etwa einfach sagen:
Sehung? Zusehung? Nicht das Auge eines persönlichen Gottes, aber unzählige Augen sehen den blinden
Zufall und ihnen dienen unzählige Kräfte, etwas aus
ihm zu machen, was er in seiner Entstehung nicht ist.
In der unendlichen Thätigkeit Aller, den Zufall zu
verarbeiten, sind nun geheimnißvolle Gesetze thätig,
denen die Philosophie der Geschichte mit wenig Erfolg
nachforscht. — Gewiß ist freilich Eines: unendlich Vieles
fällt durch die Maschen in’s Leere, unzähliges Leben
geht elend zu Grunde, ohne daß wir eine Frucht absehen. Da ist nicht zu helfen; darein muß man sich
ergeben; da gibt es keinen Trost, als den: sollen die
blinden Naturgesetze unendliches Leben schaffen und
unendliches Wohl, so geht es nicht anders, sie müssen
auch ihre Opfer haben. — Und erst der meskine, der
ganz knirpsige, lumpige, nüssige Kleinzufall, der niemals Frucht tragen kann, was ist es mit dem? Nun
eben, hier tritt als einzige Auskunft meine Dämonologie in’s Mittel. Aber es wird ja auch gegen die
Dämonen gekämpft. Die Canaillen haben mich doch
nicht untergekriegt, ich habe nie am obern Stockwerk
gezweifelt und treulich daran gebaut, was ich konnte.

Ueber Freiheit und Nothwendigkeit, nachdem ich
mir an der Frage fast das Hirn lahm gearbeitet, bin
ich endlich bei einem ordinären Behelf angekommen,
der mir doch seine Dienste thut. Es sei so, daß es
Wahlfreiheit des Willens nicht gibt. Also schwindet
die Zurechnung; es gibt nicht Schuld, nicht Verdienst,
der Verbrecher muß. Allein, da doch Alles nothwendig, so müssen Die, welche ihn strafen, auch. Sie
strafen ihn, weil sie ihn für zurechnungsfähig, für
schuldig halten, und da sie ihn strafen müssen, so ist
es so gut, wie wenn er es wäre. Geschieht Heilsames,
so freuen sich die guten Menschen und lohnen es, —
nicht alle, doch viele, — als ob es Verdienst wäre.
Sie müssen und der Mann, der sich verdient gemacht,
hat auch gemußt. Aber da beide müssen, so ist es
ebenso gut, wie wenn beide frei handelten. Und so
kann ich ganz getrost nach den gewöhnlichen Begriffen
von Freiheit des Willens leben, befehlen, strafen, loben,
lohnen, und thut die Menschheit recht, sich an dieselben
zu halten; denn da, wenn Nothwendigkeit waltet, nicht
das Eine nothwendig ist, das Andere nicht, sondern
sowohl die Gegenwirkung als die Wirkung, so bleibt
gut gut und schlecht schlecht.

Nur gegen Den soll man nachsichtig sein, der
Schnuppen oder gar Grippe hat, das ist etwas Anderes, da hört die Freiheit in jedem Sinn auf.

Nennt mich neulich ein junger Fant liebenswürdig.
Dieser, Männern gegenüber von Männern gebraucht, unverschämte Ausdruck kommt immer mehr auf. Ich habe
dem naseweißen Geck gesagt: Danke, bin nicht liebenswürdig, bin zufrieden, wenn man Respekt vor mir hat.

In was Alles ich mich nicht gefügt, weiß man
und rechnet mir dick auf. In was Alles ich mich
aber still gefügt, weiß oder bedenkt man nicht.

Ihr verlacht, verachtet mich wegen meines Grimms
über die Kreuzung durch das Kleine. Ihr würdet
mich verstehen, wenn Größe in euch wäre. Ich will
gar nicht stolz reden; — ich meine darum nicht, ich
sei Alexander der Große, Karl, Friedrich der Große,
oder Plato, Aristoteles, Spinoza, Kant, oder ihr sollt
es sein. Aber etwas von Größe, ein Ansatz dazu ist
doch in jedem rechten Kerl. Großen Uebeln begegnet
das Große in ihm groß, der Schund mit dem Kleinen,
dem Winzigen muß ihn empören.

Ich lasse meinen meisten Zorn an Schubladen,
Töpfen, Hemdknöpfen und dergleichen aus. Das
kommt den Menschen zugute, daß so viel Wuth nach
der Seite abläuft. Doch nie den schlechten.

Wer das Leben nach seinem Idealwerthe schätzt,
ich frage, ob der nicht wüthend werden muß, wenn
er auch nur ungefähr überschlägt, wie viel Kraft und
Zeit uns das Bagatell raubt, ich meine das recht
eigentliche Bagatell, das nicht des Nennens werth ist.
Wer von jenem Werthe durchdrungen ist und doch
geduldig bleibt: gut, recht, er soll ein Engel sein.
So lang ich aber nicht sonst Proben habe, daß Einer
engelgleich ist, bin ich so frei, zu glauben, daß er den
Kampf mit dem Bagatell nur darum leicht nimmt,
weil er grobe Nerven hat oder nicht vergleicht, nicht
rechnet. Rechnen wir nur sehr schwach: per Tag
1½ Stunden für An- und Auskleiden und dergleichen, hiezu nur ¾ Stunden für speziellen Kampf
mit Knöpfen und Anverwandten: macht per Woche
105¾ Stunden.) Nehmen wir hinzu, daß nur
Einmal wöchentlich noch speziellere und ganz tragische
Kämpfe sich ereignen, wie verzweifeltes Suchen eines
Blatts, einer Notiz, und bedenken wir, das ein solcher
Vorgang das Hirn, das ganze Nervenleben in eine
ähnliche Betäubung versetzt, wie Verirren Nachts im
Walde, also für einen ganzen Vormittag arbeitsunfähig macht, thut 6 Stunden: Summa in der
Woche 1056¾, Stunden: welche Zahl!*)

Was ich nicht aushalten kann, das ist ein Mensch
ohne Leidenschaft, und ein Mensch, der gemeine Leidenschaften hat.

Nur keine Geschichten, nur keine Szenen! So
denken die Meisten und so zum unendlichen Schaden
der Welt namentlich Staatsmänner. Es soll nichts
aufgerührt werden, es soll Alles beim Alten bleiben,
und wenn ein Kind einzusehen vermag: es kann
nicht beim Alten bleiben, es muß ja doch brechen.
Aber: après nous le deluge!

Das Weib ist schamhafter als der Mann, weil es
weniger unschuldig ist. Das Mädchen weiß das Geschlechtliche weit früher als der Knabe, lernt früh,
wenn auch noch unbetheiligt, das ganze Listgetriebe
des Männerfangspiels kennen, das Weib ist sich des
Geschlechts weit bewußter als der Mann, und hat
dieß Wissen zu verbergen, daher muß es mehr Scham
haben. Dieß ist im geringsten keine Schande für das
Weib. Es erhebt sie. Sie ist mehr Naturwesen als
der Mann, und wird sittliches Wesen, indem sie es
verhüllt, mit Bildungsleben zudeckt.

Bedarf übrigens der Mann weniger Schamhaftigkeit, so ist das lange kein Freibrief für Schamlosigkeit. Ein Mann, der keine Scham bewahrt, ist fertig,
ist hin, er mag dieß und das noch treiben, ja leisten,
aber er ist eben gemein, und gemein ist gemein. Den
Mann, der darin richtig bestellt ist, wird man besonders
daran erkennen, daß er gut unterscheidet, wo Cynismus
berechtigt ist, wo nicht, und daß er gut erkennt: der
gröbste Cynismus ist unschuldiger als der feinste
Obscönismus.

Darin liegt eine große Schwäche des Weibs, daß
es im Gespräch so gern Nebenbeziehungen findet,
Anspielungen, Stiche, Ausfälle, wo davon keine Spur
ist. Der Mann redet gewöhnlich einfach und ehrlich
auf die Sache los und denkt nicht daran, was man
dabei sonst und nebenher noch denken könnte.

Die Frage nach dem Werthe des Weibs ist eine
der zweiseitigsten, die es gibt. Der Mann ist weit
commensurabler. Mit diesem Wort ist sogleich der
Grund der beunruhigenden Schwierigkeit in der Frage
ausgedrückt. Incommensurabler ist das Weib im Guten;
Großthaten des weiblichen Enthusiasmus leuchten in
Menge wie Sterne am Nachthimmel der Geschichte,
incommensurabler auch im Bösen: „o, undistinguish'd
space of woman's will!“ (König Lear IV, 6.) Wie
sieht es mit der Geduld aus? Das Weib ist sowohl
viel geduldiger, als auch viel ungeduldiger, als der
Mann. Jenes z. B. im Katarrh mit Zubehör und
bei Krankenpflege, dieses bei Meinungs- und Willenskreuzungen. Ein Bekannter, der in ganz erträglicher
Ehe lebt, sagt neulich, er habe so rührend schöne
Ideen gehabt, wie er Geduld lernen wolle am sanften
Bande der Ehe; „ja, oha!“ fährt er fort, „hab' sie
wohl lernen müssen, aber anders, als ich meinte: im
Widerstand gegen Ungeduld.“

Gestern an unserem Tisch im Gasthoflokal mischt
sich ein Herr in's Gespräch über das Weib und läßt
sich sehr gemein aus, erlaubt sich auch Zoten. Sonst
formell ganz anständiger Mensch, doch etwas anrüchig
wegen Benehmens in Ehrenfragen. Wir schweigen ihn
an, und fühlbar, da er fortmacht, keimt und wächst
im Kreis eine Neigung, ihm die Thüre zu weisen.
Plötzlich bricht er auf und geht von selbst. Staunen.
Sagt X: „Mir scheint, der Mensch hat einen inneren
Hausknecht — einen Rest von Scham —, der hat
ihn hinausgeworfen.“ Gut.

Nun muß sich aber hintennach in dem Menschen
doch die Vorstellung ausgebildet haben, er sei von
uns hinausgeworfen worden; er münzt es auf mich
und verdächtigt mich politisch in einer Zeitung. „Schmutz
riecht sich selber nur,“ habe ich erwidert.

Menschen, die einander ohne thatsächlich klaren
Grund nicht trauen, trauen sich selber nicht.

Diese Art Menschen kann man auch mit ziemlicher
Sicherheit daran erkennen, daß sie nicht gern allein
sind, obwohl man natürlich den Schluß nicht umdrehen
darf, denn die Mehrheit ist nur aus Leerheit nicht
gern allein. Auch spazieren können sie nicht recht
gehen, denn eine gemeine Seele ist keiner Contemplation fähig.

Man muß arbeiten können, man muß aber auch
müßig gehen können, nur betrachten. In diesen Momenten muß man sich verhalten können, wie bloße
Natur oder eigentlich sich selbst betrachtende Natur.
In glücklichem Wechsel mit Arbeit sind sie so gut,
so werthvoll wie Arbeit.

Vater und Sohn,
an einem See vorbeigehend.

Knabe. Papa, heut Nacht ist der See, glaub' ich,
doch ein bischen unartig gegen mich gewesen.

Vater. Was hat er dir denn gethan?

Knabe. In der Schul hat gestern der Schulmeister
gesagt, was ein ordentlicher Mensch sei, müsse
auch eine ordentliche Beschäftigung haben; darnach
müsse man bei Jedem fragen. Jetzt hat mir's
heut Nacht geträumt, ich komm' an den See
und frag' ihn: „Herr See, mit was beschäftigen
Sie sich?“ Jetzt hat der See gesagt: „Ich beschäftige mich damit, naß zu sein.“ Ist das
nicht ein wenig grob?

Vater. Je nun!

Wenn ich Poetisches gelesen habe, zum Beispiel
Jamben, und komme nachher an Prosaisches, so meine
ich einige Minuten lang, es auch als Jamben lesen
zu müssen. So gieng es mir einmal mit einem
Regierungsschreiben. Zufällig liefen die ersten Zeilen
ganz ordentlich. Ich las:
Es wird hiemit dem Herzoglichen Amt
Auf den Bericht vom sechsten dieses Monats
Betreffs des Paragraphen fünf und zwanzig
Der neuen Polizei-Ordnung — —
So weit gieng's, aber weiter nicht, das Folgende war
nicht in Jamben zu bringen und ich erwachte zur Prosa.
Uebrigens belehrender Beitrag zur Psychologie der
Rhythmik oder eigentlich der idealen Nervenlehre. Fortschwingen des rhythmusfühlenden Nervs. — Da liegt die
Abschrift des Schreibens vor mir, die ich mir zum Andenken genommen habe, — Erinnerung an alte Zeiten.

Nachts hatte ich dann einen recht kindischen Traum.
Ich kam in ein besseres, beglücktes Land, Wohnsitz
hochgestimmter Menschen. Hier wurden alle amtlichen
Schreiben, Regierungs- und Behördenerlasse, Reskripte,
Ausschreiben, Gesetzurkunden, Protokolle, all' Dieses
und Aehnliches in Versen abgefaßt und zwar stets in
einem zum Inhalt passenden Metrum. Einen Staatsanwalt hörte ich im Geschwornengericht die Anklage
gegen einen Mörder in centnerschweren kurzen Stabreimen vortragen. Das Protokoll über den Thatbestand
erklang fürchterlich im Versmaß des Eumenidenchors
des Aeschylos. Der Vertheidiger suchte in weichen
sapphoartigen Strophen zu rühren. Das Strafgesetz
bestand in lastenden Trochäen. Das Dienstreglement
für meine Polizeimannschaft bewegte sich in gemessenen
Dantesken Terzinen. Ein Gesuch um Freinacht bei
Anlaß einer Hochzeit gewährte ich in hüpfenden Anapästen und Daktylen und gieng gegen den Schluß in
Zeilen über, die in freiem Spiele zwischen gebundener
und ungebundener Form dithyrambisch schwebten. Dafür
aber bekam ich einen Verweis von der Kreisregierung
in gemessenen Alexandrinern, worin mir eröffnet wurde,
daß Dithyramben fast eine Einladung zur Trunkenheit
und jeder Art von Exzeß repräsentiren. Daran erwachte ich. Den Verweis überbrachte mir ein in die
toga hirsuta (Zotteltoga) gekleideter Kanzleidiener.
Die Beamten trugen die toga praetexta, untergeordnete mit breitem, höhere mit schmalem, feinem Streifen
oder clavus. — Es war kurz vor den Dingen, die
mich mein Amt gekostet haben, — ahnungsvoll!

Das habe ich doch meist bewährt gefunden, daß
man den Menschen im Schlaf ihren Charakter ansieht.
Seit es Eisenbahnen gibt, hat man mehr Gelegenheit.
Da habe ich nun auch eine Gattung Menschen entdeckt,
die ein Gesicht machen, als kostete ihnen das Schlafen
Mühe. Es sind meist hart arbeitende Leute, denen
der Ausdruck vom Wachen her auf den Zügen stehen
bleibt. Doch nicht bloß, man kann es auch bei gebildeten und sicherlich nicht schwer beschäftigten Menschen beobachten. Das sind nun offenbar Naturen,
denen alle Geistesfreiheit abgeht, denen im Wachen
Alles, selbst die Freude, Geschäft ist, die niemals zu
schweben verstehen, daher entbindet auch der Schlaf
ihre Züge nicht. Ich nenne den Ausdruck ungernig,
sie sehen aus, als schliefen sie ungern.

Es ist auch deßwegen in Ordnung, daß der Mensch
endlich stirbt, er soll sich schon deßwegen gern darein
fügen, weil sich mit der Zeit gar zu viel Sach um
ihn ansammelt. Man erfährt das so recht bei einem
Umzug. Nicht nur Bücher, — Briefe, Blätter, Blättchen, Zeitungsnummern, Büchsen, Schachteln, Salben,
Pulver, tausend Geräthe. Wie oft, alter Narr, willst
du die alte Papiertute hinten in der Schubladenecke
noch einmal hervorziehen, öffnen, finden, daß ein Rest
Holder- oder Wollblumenthee darin steckt, dich besinnen,
ob du ihn wegwerfen willst, ihn noch einmal behalten?
— Mach', geh' fort, nimm Abschied auf einmal von
all' dem Quark!

Ballast! Ein- für allemal zu viel Ballast! — So
stark bin ich nicht, daß mir nicht manchmal eine Sehnsucht aufstiege: nur ein Jährchen lang nach dem Tode
noch auf einem Planeten, wo man keinen Schneider,
Schuster, Schreiner braucht und wo es überhaupt gar
kein Wetter, also auch keinen Katarrh gibt! Nicht
unsterblich, o nein, nur dieß Jährchen! — Aber das
sind schwache Stunden.

Vitam, non mortem recogita! Altes Motto.

Aber man muß den Tod recogitare, um ihn
nicht zu fürchten. Nun ist das nicht die Art der
Menschen. Daß sie in Masse überhaupt auf kein
Uebel gefaßt sind, hat seinen guten Grund. Sie
wären, — so muß der erste Satz von mehreren Sätzen
lauten —, sie wären ja Narren, sich das künftig
mögliche Uebel vorzustellen, sie würden sich nur die
Gegenwart verbittern. Lebe voll und ganz in der
Gegenwart!: das ist ja richtig. Wer würde zum
Beispiel die Geliebte an den Altar führen, wenn er
sich recht darein vertiefte, daß Eines von Beiden vor
dem Andern sterben muß! — Allein der zweite Satz
lautet: Stelle dir das Uebel dennoch vor, sonst trifft
es dich ungefaßt und vor Allem das scheinbar schrecklichste, der Tod. Also Widerspruch zwei gleich wahrer
Sätze. Folgt, daß es eines dritten Satzes bedarf.
Stelle es dir nicht nur vor, sondern durcharbeite,
durchbohre, durchsetze, durchäze es ganz mit klaren
Gedanken, bis du damit fertig bist, dann schwindet
das Drohende des Schattens und du kannst frei die
Gegenwart genießen, bist auf unendlich höherer Stufe,
was das Thier auf seiner ist: sorglos blind für die
Zukunft. „Gefaßt sein ist Alles.“

Schiller hat gesagt, der Tod könne kein Uebel sein,
weil er allgemein sei. Man denke sich einmal, ein
Theil der Menschen müsse sterben, ein anderer nicht,
und Niemand wisse, ob er zur einen oder andern
Klasse gehört: wie entsetzlich! Stelle dir immer vor,
du fallest in der Schlacht, wo das Zusammensterben
den Tod so sehr erleichtert. Das Allgemeine ist nothwendig, ist ein Gesetz. Ein Gesetz fürchten ist kindisch.
Du kannst doch nicht ansprechen, die Gattung zu sein!
Was dir aber sicher hilft, das ist: lebe in der Gattung, im Allgemeinen, dann stirbst du nicht, obwohl
du stirbst, und kannst sagen mit dem Römer: non
omnis moriar.

Träger, schwerfällig trauriger Nachmittag. Unten
im Hofe wird Holz gemacht. Ich muß immer dem
Sägen zuhören. Zuerst ein scharfkratziger Ton, dann
tiefer, breiter, dann kommen hohe Klagetöne des Scheits,
als riefe es: jetzt kann ich nicht mehr lang widerstehen!
es folgen noch einige kurze, gerupfte, schnell in der
Skala sinkende, mürbe Laute und man hört die Klötze
fallen. — So sind mir die Freuden des Lebens durchgesägt worden, eine um die andere, ich höre jetzt noch
die Stümpfe zu Boden rumpeln.

Aber mit dem Holz hab' ich mir doch einen Ofen
geheizt, den ich mir selbst gebaut habe.

Ofen freilich wie er eben sein kann in Anbetracht
der Umstände. Hat einen Riß, raucht. Doch etwas
besser, als keiner.

Eine große Gunst ist mir doch widerfahren: ich
bin im Krieg gewesen, habe ein Treffen mitgemacht.
Habe erfahren, wie es dem Mann in der höchsten
Anspannung aller seiner Kräfte zu Muth ist.

Beklagen, daß ich damals nicht gefallen bin, wäre
gemacht sentimental. Wenn ich aber nur wüßte, ob
mir nicht das noch begegnet, daß ich lächerlich sterben
muß! Es sähe mir ganz gleich. Oder gar ein Krüppel
werden auf solchem Weg? Noch hübscher! Einem Soldaten wird ein Auge ausgeschossen; es geschieht auf
dem Felde der Ehre. Ich wette, ich werde noch ein
Auge durch ein Knallbonbon verlieren.

K. v. Suckow „Aus meinem Soldatenleben“ erzählt von einem Hauptmann, der sich mit ihm aus
Rußland fortschleppte, mit ihm hungerte, und unter
diesen Leiden nicht aufhörte zu rühmen, was für trefflichen Zwiebelkuchen seine Frau machen könne; es sei
sein Leibessen, und wenn er nach Hause komme, müsse
das Erste sein, daß die Theure ihm einen bereite.
Sein Idealtraum gieng nicht in Erfüllung, er hat den
Zwiebelkuchen nicht mehr gesehen, gegessen, ist in Wilna
am Nervenfieber gestorben. Ach, so sterben wir Alle,
Jeder trägt in sich den Traum vom Zwiebelkuchen und
muß in die Grube, eh' er Wahrheit geworden.

Auch ist das ganze Leben ein russischer Feldzug.
Allgemeiner wilder Stoß und Schub im Menschengetümmel ist die Beresinabrücke. Kanonenschläge dazwischen: das Unglück rechter Art, das drastische Uebel;
dieß Glück wäre mir nicht widerfahren. Für mich
Lanzen der Kosakenschwärme, die Wespenstiche des
kleinen Uebels. Das Aergste soll aber doch gewesen
sein ein beständiger, fein messerscharf schneidender Wind,
und — wer nicht fiel, nicht verhungerte, nicht am
Typhus starb — hinsiechend in beständigem Katarrhfieber.

Hab' auch wieder einen, werde mir bald die Füße
zum Mund heraushusten.

Frau Hedwig und der Doktor schicken mich noch
einmal über die Alpen. Will gehorchen; muß Neapel,
Sizilien nachholen — Nachholen? Sonst nichts? —
Gesteh' dir, Mensch, — eine Unruhe, als ob dein noch
etwas wartete — Willst suchen? — Nein! — Doch?

Ich muß, ehe es fortgeht, mein Jugendthal noch
einmal sehen. Wird zum letzten Mal sein. Träumt
mir neuerdings mehr als sonst davon.

Geschrieben in der Felshöhle
am Klosterberg in St…l.

Da bist du ja im Morgenstrahl,
Mein nie vergess'nes Jugendthal!
Der Berge Kranz, die wunderblaue Quelle,
Städtchen und Kloster, Alles ist zur Stelle.
Noch immer steigt gezackt und wild
Empor seltsames Felsgebild,
Burgtrümmer schauen über Höhlenschlünde
Auf stillen Fluß und zarte Wiesengründe.
So oft hab' ich geträumt von dir:
Fast, liebes Thal, erschienst du mir
Als Traum, als Märchen, alte, alte Sage
Vom Morgenland, vom jungen Erdentage.
Hier kennt mich keine Seele mehr,
Fremd seh'n die Leute nach mir her,
Doch bring' ich mit, was Einsamkeit versüßet:
Ein Völkchen, das mich kennt und das mich grüßet.
Laut reget sich ein Knabenschwarm,
Zu zweien manche, Arm in Arm,
Mit hellem Aug' und rosenrothen Wangen
Dort aus dem Kloster kommen sie gegangen.
O Duft, o Kelch der Blüthezeit!
Der Jugend süße Trunkenheit!
Die Liebe weint, der holde Muthwill sprühet,
Die Seele singt, der goldne Himmel glühet.
Wo sind sie hin? Zersprengt, verweht,
Wie Gras des Feldes hingemäht!
Nur wenige Greise sind noch übrig blieben,
Zu zählen, wer noch lebt von all' den Lieben.
Du dort in der gedrängten Schaar,
Du mit dem dunklen Lockenhaar,
Dich kenn' ich näher, munterer Geselle,
Ja, du bist ich auf meiner Jugend Schwelle.
Wie lachte ich das Leben an!
Wie sprang ich jauchzend in die Bahn!
Wie arglos wohnte neben wilden Scherzen
Gesunder Ernst im frischen, schlichten Herzen!
Fern leuchtet Rom und Griechenland
Durch die getheilte Nebelwand,
Von Plato's Silberfittigen gehoben
Schwebt fromm und stolz der junge Geist nach oben.
Wie Licht so hell, wie Schnee so rein,
Gelobt' ich, soll mein Leben sein!
Was wußt' ich von des Weltgangs irren Pfaden! —
Da bin ich nun, und bin so schuldbeladen.
Nicht daß es bleiern mich beschwert,
Ich kenne meines Lebens Werth,
Ich weiß, wie ich gestrebet und gerungen,
Und was der sauren Arbeit ist gelungen.
Doch heute, wo herauf zum Wald
Das alte Klosterglöckchen schallt,
Heut, wo ich aus so ungetheilter Nähe
Dem frohen Knaben in die Augen sehe,
Der ich einst war, der so vertraut,
So schuldlos mir entgegen schaut,
Heut weiß ich nichts von meinem Tagewerke,
Hinthaut der Stolz, es beuget sich die Stärke.
Zur Felsenhöhle wandl' ich hin —
Vor Zeiten träumt' ich oft darin —;
Laß, alt Gestein, mich heut' in meinen Thränen
Ganz still an deine graue Wand mich lehnen.

München. Zuerst einmal hier verweilen, Kunst ansehen. Pinakothek. O Gott, o Himmel, wie trifft mich's!
Da liegt sie unter königlichem rothem Baldachin, konnte
die Kerze nicht mehr fassen, die ihr der weinende Johannes reicht; Alles rings getreulich nach den Formen der
Zeit; Wohnraum, Geräthe, Kultushandlung beim Tod
einer hohen Person, Weihwasser, Weihrauch, Gebetformeln aus dem Buch, die Apostel hartgemeißelte
Köpfe, unfeine Gestalten aus der gröblichen Wirklichkeit, überall voller Schein des Lebens bis hinaus auf
den Reflex der Kohlenglut im Gesichte des Jüngers,
der in's Rauchfaß bläst. In Allen Ein Schmerz, der
Widerklang dieses Todes in diesen ehrlichen Seelen. Und
sie! Seligkeit der Auflösung in den Aether reinen Daseins, Verschweben im seligen Traum! Ein Kopf, Züge
— reiner Krystall für durchscheinendes Himmelslicht!
O, so, so stürbe — — und ich, ich grobe Erscheinung,
ich gemeine Erdbildung, wenn — wenn dieß — wenn
— dabei Zeuge sein, das schauen — Verwehe, Traum!

Pisa. Habe widerstanden, bin nicht östlich hinüber von Pistoja; morgen nach Livorno, zur See
hinunter. — Wie schön hier Alles beisammen: Dom,
Baptisterium, Campo santo, und wie gut ruhig, friedlich ringsum! — Komme mir vor wie der schiefe
Thurm dort, der hält, obwohl geknickt. Im Campo
santo — hätte den ganzen Tag da bleiben mögen,
ja möchte hier wohnen, mich an den rührenden Bildern
freuen wie ein Kind und ganz stille sein.

Pompeji. Die Gypsformen der Todten —
genau in dem Moment, wie sie vor fast zweitausend
Jahren im Todeskampf zuckten. Sonderbar — das thut
sonst der Bildhauer aus Kunstzweck: er fesselt einen
Zeitmoment im Raume. Hier hat die Natur dasselbe
gethan: die Sterbenden erstickend umhüllt, die Umhüllung verhärtet und nach achtzehnhundert Jahren
einem scharfsinnigen direttore degli scavi so die
Gußform dargeboten, die er nur ausgießen durfte.

Ich möchte gerade nicht in einer solchen Todeszuckung nach Jahrtausenden als Gypsfigur wieder aufstehen, übrigens rasch und gewaltsam sterben ist doch
auch so übel nicht.

Gegenwärtige Vergangenheit, vergangene Gegenwart, — aufgehobene Zeit — Traum, wunderbar.
Komme mir selbst vor, als sei ich schon lange gestorben und sehe dort aus einem Denkmal der Gräberstraße mir zu, wie ich nun umgehe, schaue, staune.
Oder als sei ich gerade vor einer Stunde gestorben
und der Tod habe mir noch auf einen Tag Ferien
gegeben, da spazieren zu gehen, als alter Pompejaner
zu schlendern. Wir haben auch in Wahrheit Alle in
allen entschwundenen Menschengeschlechtern schon gelebt und werden leben mit den künftigen. Doch möchte
ich herausbringen können, wie mir zu Muthe gewesen,
als ich noch ein antiker Mensch war, Mensch aus
Einem Guß, ohne Riß mittendurch, ohne mehr Augen,
als nöthig. Aber wenn vielleicht doch auch jene Einfachen — ? Muß untersuchen, ob man an der Zehenhaut nichts mehr entdecken kann. — In Kleinasien,
ja in Aegypten hat man in Schädeln plombirte Zähne
gefunden. Also jedenfalls doch auch schon Zahnweh.
Gibt sehr zu denken.

Droben qualmt der Vesuv. Bin doch hinauf zum
Krater. Empedokles hat sich in den Aetna gestürzt,
das Naturgeheimniß zu ergründen. Könnte man Element werden und zugleich wissen, was Element ist!

Zuerst Corricolo, dann ausgestiegen. Golf. Wie
die Menschen, solche Linien, solche Kurven, solche Farben, solches Rauschen des ewigen Meeres vor Auge und
Ohr, ihr Nachbar-Naturwesen, das Thier, so teuflisch
mißhandeln mögen — o, fehlte mir nicht die Macht!

Sorrent. Alles kocht im Segen, man meint, man
spüre die Frucht des Oelbaums, die Beeren der Traube
sich mit Säften füllen. — Tasso's Wohnung — wir
kennen uns. — An die Marine. In einer Fischerhütte bildschönen Knaben mitgenommen. Sieht dem
putto gleich rechts unten auf Raphael's Sixtina, der
den Kopf auf die Aermchen legt und so küssenswerth
den Zuschauer ansieht. Starke Brise. Wie weit kann
man auf die Klippen jetzt hinaus? „Paolo weiß schon.“
Brandung wilder und wilder, ein göttliches Wüthen.
Wir stehen mitten drin auf einer der durchfressenen
Klippen. Schaumwelt wie ein wahnsinniger Traum,
Riesenfächer ausgebreitet, Federbüsche, breite Wasserraketen aufschießend, bäumende Rosse, Bären, Elephanten, Centauren, Fabelungeheuer, — Gestalt in Gestalt
verrinnend, Zischen, Speien, Pfeifen, Heulen, Klagen,
Jauchzen, Kichern, Johlen, Wiehern, Brüllen, Baß- und
schrille Hochtöne einer Riesenorgel, — Kanonenschüsse,
Donnerschläge, — wir zwanzigmal überschüttet, Paolo's
rothe Mütze fort, in den Strudeln umgezerrt — o, so
wohl, so frei ist mir's nur in der Schlacht gewesen, mir,
der sonst mäßigen Wind nicht erträgt. — Paolo schlägt
die großen dunklen Augen unter den triefenden langen
Wimpern doch etwas ängstlich nach mir auf. „Sei
ruhig, caro ragazzo, uns geschieht nichts. Das
kommt nicht von den Teufeln, kommt von guten Geistern, mir zu Ehren aufgeführt, zur Labung nach all'
der Qual!“ — Ich stürme, wirble, jauchze, donnere
mit, entbunden, frei Alles und Jedes, was Kraftahnung in mir ist. Hohe, herrliche Trunkenheit!

Abends im Albergo geplaudert mit den schönen
Wirthstöchtern und ein paar frischen Burschen aus
Nachbarhäusern. Fällt den jungen Leuten das Tanzen
ein. Ich muß die Kastagnetten dazu schlagen. Es
kommt toller und toller, aber stets anständig, wildes
Feuer, doch ohne einen Hauch von Frechheit. Vom
Saltarello zur Tarantella. Herr meines Lebens, welch'
mänadisches Sausen! — Plötzlich fällt mir Vikör und
die Abendgesellschaft in Bergen ein. Die Kastagnetten
entfallen meiner Hand, ich stürze hinaus, höre hinter
mir sagen: „pare, che il Signor soffre.“ Ja wohl,
ja wohl! — Hinaus in Mitternacht wieder an's Meer.
Es ist still, sanft geworden, Mondlicht. — Habe doch
schlafen können.

Von Castellamar über den Monte S. Angelo
nach Amalfi. Räuber? Warnt mich nicht! Thun mir
nichts. Beglückender Marsch, gerollten Mantel über
der Schulter. Oben oft wie deutsch, Dörfer zerstreut,
Holzhäuser mit steilem Giebel, Meisen schlagen, Buchfinken schmettern ihr Reitersignal, aber dann weit, weit
der Blick hinaus auf diesen, dann auf jenen Golf.
So gelöst, so entlassen! Himmelsluft!

Ravello. Das ist nun aber doch auch ganz wie
ein Traum! Hoch, hoch über dem Golf von Salerno
alte, einst reiche, mächtige Stadt, ursprünglich maurisch.
Paläste, Thürme, Stadthaus, Spitäler, uralter, in Zopfschnörkel entstellter Dom. Baustyl behielt übrigens im
Rococo immer arabische Anklänge, das Gerollte, Geschweifte lenkt in maurische Motive ein. Brunnen mit
geflügeltem Löwen und Adler erzählt von sieben Jahrhunderten. — Nicht zerstört, aber fast ausgestorben.
Große Terrasse weit vorspringend, schwebend auf Felsfläche über der steilen Tiefe. Unten tiefblau der Golf,
Aussicht drüber hinaus wie in's Unendliche. Einsam,
einsam, nur ein paar alte Herren dort, sonnen sich,
sind wohl von den wenigen Nachkommen der stolzen
Familien, gedenken wohl still an vergangene Zeiten
wie an alte Märchen. Dort der Greis ist vielleicht ein
Ruffoli aus dem Prachtpalaste da drüben. — Mein
Leben wird mir auch ein Vergangenes, eine alte Sage
von Einem, der — —

Eigentlich gefällt es mir so ganz doch immer nur
da, wo es traumhaft aussieht. Freilich doch auch im
Deutlichen, Klaren. Aber Beides kann sich ja gut
vereinigen.

Jetzt durch's Mühlthal herab nach dem Golf.
Meer schäumt auf an Felsen und alten Sarazenenthürmen, Gang zwischen Oliven, Johannisbrodbäumen,
Limonen, Orangen, Feigen, Agaven, Piniengruppen,
Himmel bedeckt, laue Luft, Vogelsang aus allen
Zweigen. —

Amalfi. Was ist aus dir geworden, stolze, reiche,
weitherrschende Republik! Dein alter Andreas dort in
seiner Kathedrale, dem verbleichten Reste deiner Pracht,
er hat dich nicht geschützt vor Pisa's, Genua's Schwert
und dem Rachen einstürzender Meerflut. — Da oben
aber im einstigen Kapuzinerkloster, wie wohnt es sich
so einzig still, so frei gehoben! Als Einsiedler da
herabschauen? Nein, nicht Ritter Toggenburg! —
Weiter, Salerno zu, immer am Ufer hin, rechts das
mächtige Rauschen, den ernst stahlgrauen Spiegelglanz
des göttlichen Elements, links ein Paradies zwischen
Fels, strengem Gebirgszug und all' dem herrlichen
Grün mit der klassischen Zeichnung und ernsten, gesättigten Farbe. — Mittags im Nest Minari nach
Kaffeehaus gefragt; weist man mich da zu der Alten.
Enger Raum, Küche und Stübchen zugleich; das Weib
am großen Spinnrad. Ganz gemüthlich geplaudert
und Kaffee gut. Was gibt es behagliches Schwatzen
in Italien mit alten Frauen! Gründliche Kinderunwissenheit. Lebt so da eingesponnen im Engen, um
sich dieß Elysium. Gehört auch in ein altes Märchen.

Salerno. Lang dem Meer zugehört im Bett.
Tempo: stilleres, feierliches Rauschen, dann anschwellen
zu Donnerton. Erzählte viel von Völkern, Griechen,
Römern, Karthagern, Longobarden, Normannen, Sarazenen; sah die Roßschweife wallen, hörte ihr Allah il
Allah! — Aber was raunst du mir, was rufst
du mir? Darf ich bald hin in's ewig Große?

Oder kommt mir noch ein Großes hier auf diesem
geballten Weltstoff? Darf ich's noch erleben und dann
zerschäumen wie die Woge? — Darf ich, — wag'
ich's, zu hoffen? — mein Vaterland noch groß sehen?
— Wohin mich die Wanderschritte tragen, von Deutschland ist wie von einem Nichts die Rede. Jetzt zwar
Respekt vor Preußen. Gestern Abend wieder im Gasthof: Signore è Prussiano? Hab' der Wahrheit die
Ehre gegeben: „nein“, und dann, als ich mein Ländchen
nannte, giengen den Herren alle Begriffe aus. —
Nach Pestum. Schwere, dunkelgraue Wolkenwand,
darunter der Himmel offen, feuchtfett, giftig schwefelgelb glühend. Dunkel auf diesen Hintergrund gesetzt
die alterbraunen Tempel, voran die stämmigen Säulen
des Neptuntempels mit den breit ausgeladenen Wülsten.
Da malt sie der Himmel hin, die Elegie des Völkerschicksals. — Bin doch plötzlich wieder aufgebrochen,
es gieng zu tief jetzt, jetzt, da ich horche, wann die
Sonne in Donnergang aufsteige für mein Volk. Und
- die fiebergelben Menschen, die mich anbetteln, denen ich
nicht helfen kann! Da regt sich die alte Zwecknatur
wieder: entsumpfen, dann Anbau? reißt mich aus der
Betrachtung des Bildes als Bild — in Pein hinweggereist.

Palermo. Fahrt hieher von Neapel in reinem
Aether, alle Götter günstig, Phöbus strahlend, Poseidon
lachend, Delfine umher spielend, in Bogenschüssen sich
elastisch aus den Wogen schnellend, in unmalbarem
Blau schwimmen die seligen Inseln und Vorgebirge.
Es war ein Schweben, keine Erdenschwere mehr.

Das Schönste des Schönen der Monte Pelegrino.
Unter allen Berglinien der Welt eine edler und in
allem Adel leichter gezeichnete kann es nicht geben.
Wie klar und ruhig legt oben die Fläche sich über,
wie anmuthig biegt sich das Profil ein, ehe es hinabrinnt, sich in die Horizontale von Land und Meer
aufzulösen! O, wären die Linien meines Lebens so
wie diese, o, senkte es sich so schön herab, in so reiner
Kurve, wie dieser Berg sich herniedersenkt zum Meere!
Und wäre die Farbe meines Lebens so rein blau wie
das Meer, das ihn wiederspiegelt!

Die Hohenstaufengräber in der Kathedrale kann
ich nicht zum zweiten Mal sehen. Hic situs est
magni nominis Imperator et rex Siciliae Fredericus II. — — Kann nicht zur reinen Anschauung,
nicht zur ungetheilten Stimmung gelangen vor dem
Porphyrsarg. Der Hohenstaufen schiebt sich mir in
die Bildkammer der Phantasie herein, wie ich ihn
einst gesehen, in Formen so schön, als stände er
nicht neben deutscher Alb, — kahl, matt röthlich beleuchtet von der Abendsonne. Verliere mich in die
Frage, ob es geschichtliche Nothwendigkeit gewesen, daß
diese großen Kaiser Stiefväter ihrem Heimatland waren.
Erwäge das vielbesprochene Für und Wider. Es gräbt,
bohrt, sticht in mir, daß unsere Geschichte Gipfel hat,
die keine Gipfel für unsere Nation sind. Alte Pein,
einem belächelten Volk anzugehören, wacht auf. Werde
mir nun selber bös, daß ich angesichts des großen
Gegenstandes Auge und Gefühl nicht rein gegenständlich
stimmen, meinen Vorsatz, die Politik zu lassen, nicht
halten kann. Also eben fort, hinaus wieder an den
Hafen, meinem Liebling, meinem Herzblatt gegenüber,
dem Monte Pelegrino!

Die reinen Heiden sind sie doch! Man muß
zürnen und lachen, lachen und zürnen. Führen da
ihre Heilige als Puppe auf Prachtwagen herum wie
die Alten ihre Götter. Blumenwesen, Feuerwerk mit
Girandola, Musik, große Gugelfuhr. Wer war wohl
einst die heilige Rosalia? Geborene Minerva, Diana,
Juno? — Es sind Kinder, enfants terribles, diese
guten Leute, gestehen nur ganz, sagen nur heraus,
was allerwärts nicht besser ist, nur anderswo mehr inwendig stecken bleibt.

Immer mit einer wahren logischen Beunruhigung
lese ich die Urtheile der Römer und Griechen über das
Christenthum in seinen Anfängen. Es hat der Welt
eine neue Seele eingesetzt. Es ist Religion der Herzlichkeit. Der Stifter war ein Mensch freien, wohlwollenden, lichthellen Gemüths, will uns sanft, liebevoll,
verzeihend, gut. Das hatte keine der Naturreligionen,
es war ganz neu; was Plato, was Stoiker, was
jüdische Sekten lehrten, ist in Manchem verwandt, hat
vorbereitet, aber dieser Einheitspunkt, dieß vertiefte Herz
war das grundeigene Geheimniß des Mannes Jesus,
von dem wir so wenig Geschichtliches wissen; Bergpredigt — himmlischen Geistes voll. Dazu ist gekommen
oder daraus hat sich entwickelt die richtende Einkehr des
Menschen in sich selbst, wie keine frühere Religion sie
hatte, Geist der sittlichen Selbstkritik, begreiflicherweise
zuerst zu negativ, finster dualistische Verwerfung der Sinnlichkeit, doch auch so Grundlage für eine neue Ethik.

Nun war dieser Kern im Ursprung schon getrübt,
mit Mythologie umhängt. Der Stifter selbst schon
glaubt Engel und Teufel, glaubt wiederzukommen
als Königmessias und das himmlische Reich auf Erden
zu gründen. Kaum todt, so vermehrt sich die Mhthenglorie: Wunder, Auferstehung, Christus wird Gottessohn, sein Tod Opfertod nach alter, blutiger, ja grasser
Opferidee, bald dann Maria Göttin. Müßte auch
wunderbar zugegangen sein, wenn zu den jüdischen
Wahnvorstellungen nicht die bekehrten Heiden zeitig die
ihrigen zugebracht hätten: Göttersöhne, Frühlingsgötter, Osiris, Adonis, Mithras, Herkules, dann Urgöttinnen, Isis, Here, Venus, Astarte, Mylitta, Rhea,
Kybele und wie sie heißen, — nachdem im Teufel
schon der Ahriman eingewandert. Dort in Pompeji
die aufgehängten Votivbilder im Tempel der Venus,
kranke Arme, Beine, Hände, Nasen von Zinn, Silber,
Thon, die sie heilen sollte, — sie ersetzen eine ganze
religionsgeschichtliche Abhandlung über christliches Heidenthum.

Nun, wenn ich lese, wie die Römer und andere
Polytheisten über das Christenthum urtheilten, so peinigt
mich ein eigenes Gefühl: ich muß mich vor ihnen
schämen für jene frühen Christen, wie ich mich heute
noch schämen muß, wenn Missionäre den Heiden unsere
Märchen bringen und diese sagen, sie haben das auch
und reichlicher. Durch die beigemischte Trübung wurde
die neue Religion in die grundschiefe Lage der Konkurrenz mit dem Heidenthum gesetzt. Mit Mythologie
konnte das auch aufwarten, und mit einer volleren,
schöneren. Es ist wahr, die christlichen Götter hatten
einen neuen Seelenblick und hoben dadurch dem verborgenen Sinne nach ihre Jenseitigkeit in Immanenz,
hoben also ihre eigene Personifikation wieder auf.
Aber diese Innigkeit verstand kein Römer, kein
Syrier, kein Lydier, kein Aegypter, kein Grieche,
und wenn: es war Niemand da, ihm den letzteren
Sinn zu deuten.

Dazu noch etwas gar Fatales. Die neue Liebeswelt, die neue Religion, aufgegangen in einem unterjochten Volk, wußte und wollte nichts von Staat, von
öffentlichem Leben — heute noch ein- für allemal ein
ungeheurer Mangel des Christenthums. Wollen wir
Bürgerpflichten daraus ableiten: es muß auf mühsamem
Umweg künstlicher Argumentationen geschehen. Man
denke zum Beispiel: zur Vorschule des Mannes für
sein politisches Pflichtleben gehört Gymnastik. Dem
Griechen sagte das auch ohne Wort der Gott am Eingang der Palästra. Wie höchst verzwungen aber sind
Versuche, vom Christenthum aus so etwas als Pflicht
zu deduziren! — Die Alten haßten und verachteten
die Christen darum am meisten, weil ihnen der Staat
gleichgültig, ja Aergerniß war. Allerdings verwickelt
sich das: den heidnischen Staat mußten die Christen
freilich verabscheuen. Aber damit ist jene arge Lücke
nicht hinwegdemonstrirt. Das Christenthum ist an sich
eine apolitische Religion. Die Konsequenz haben wir
heute noch: die Kirche leugnet den Staat und will
den doch vorhandenen beherrschen. Da der Mensch
ein handelndes Wesen und das Christenthum diesem
Wesentlichen seiner Natur abgewendet ist, so hat sich
ergeben, daß es endlich zu einem System von Handlungen wurde, die gegen das System des vernünftigen
Handelns, den Staat, gerichtet sind.

Wie ist es nun mit der mythologischen Trübung?
— Ich nenne sie, diese Bilderwelt der Religion, kurzweg Pigment. — Dieß führt auf eine Betrachtung,
die bei der reinen, verzweifelten Rathlosigkeit anlangt.
Die Sache liegt schlechthin amphibolisch, antinomisch.

Für —: Ohne Pigment keine Religion — denn
Religion muß ja doch eine Gefühlsgemeinschaft sehr
Vieler und ein Kultus sein. Es kann keine farblose
Volksreligion geben. Die Andacht muß etwas zum
Anreden haben, also vorgestellte übersinnliche Person,
Personen und, zum Anschauen, Ansingen, auch Thatsachen. Woher sollte die Kirchenmusik — und Musik
ist doch das Unentbehrlichste zum Kultus — ihren
Text nehmen? — Das weiter zu demonstriren, wäre
vom Ueberfluß. Kurz „Stützen“, wie es Lessing
nennt.

Gegen —: Diese Stützen sind ebenso sehr Spieße
in's Mark der Religion. Der tiefstliegende Schaden
ist: sie dienen als Surrogate für's Wesen; die Menschen, wie sie einmal in Mehrheit sind, meinen, sie
dürfen sich dafür, daß sie an das Pigment glauben,
die Religion ersparen. Da haben wir nun den
„Glauben“, der = Religion gilt. Millionen Seelen,
die nie von einer Ahnung des Unendlichen, nie von
einem Gefühl der erhebenden Tragödie des Lebens
durchhaucht worden sind, gelten nun sich und der Welt
als religiös, weil sie glauben. Diese schnöde Verwechslung hat sich als allgemeines Vorurtheil fixirt,
mit Macht bekleidet, gefoltert, verbrannt, gekreuzigt,
gepfählt, lebendig geschunden, Gedärme aus dem Leib
gehaspelt, geblendet, verstümmelt, lebendig begraben,
erdolcht, gespießt, vergiftet, — es gibt keine so wildviehische und keine so teuflisch durchdachte Grausamkeit,
die nicht die gläubige Verfolgungswuth mit technischer
Vollendung ausgeübt hätte. Bekreuzt euch nicht davor,
stillgläubige Seelen! Das folgt haarscharf aus der
Verwechslung des Pigments mit dem Wesen! Bekreuzt
euch nicht, gebildete Konsistorien! Ihr verbrennt,
kreuzigt, pfählt nicht mehr, aber nun haben wir der
Unzähligen noch nicht gedacht, denen ihr moralisch das
Herz gebrochen, das Gewissen mißhandelt habt, indem
ihr sie in die Wahl stießet: gläubiges Bekenntniß gegen
die eigene bessere Ueberzeugung oder mit Weib und
Kind zum Bettelstab greifen! Und du, zahmer Vermittler, sage nur ja nicht, der todte Glaube tauge
freilich nichts, der Auferstandene müsse Leben in uns
werden, und wie du es sonst schön ausdrücken magst.
Nein! nein! Glauben und Religion sind zweierlei,
und jener hat dieser von je mehr geschadet als genützt. Was „den Glauben beleben“? Nichts da,
fort mit dem Glauben und die Religion kann leben!

Ihr lobt euern Schiller, ihr kennt sein Distichon:

„Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,
Die du mir nennst. Und warum keine? Aus Religion.“

Aber ihr lest es im gewohnten Dusel und seid zu denkfaul, zu begreifen, was es besagt, was daraus folgt.

Also der helle Widerspruch von Für und Gegen.
Und also, wer weiß nun Rath? — Es scheint da
eine Auskunft. Die wohlbekannte: symbolisch nehmen!
Man muß wirklich sagen: es ist dieß die Auskunft
aller edleren Geister von humanistischer Bildung, und
ihre Gemüthslage ist darin nicht so einfach als es
scheint, es ist da ein sehr interessantes Helldunkel. Wir
sind der christlichen Bilderwelt entwachsen, und sie ist
uns zum freien ästhetischen Schein geworden, wie die
alte Mythologie. Doch nein, wir, auch wir stehen
nicht gleich zu beiden. An jene knüpft sich für uns
eine Rührung, die einen Anklang an Glauben hat,
ohne eigentlich Glauben zu sein, — innige Reminiscenz unserer Kinderzeit. Faust am Osterfest, —
Weihnachtsrührung, — und am stärksten: Versetzung
in die Schönheit des Madonnenideals, der heidnischen
Göttin, deren Bild das durchweichte und entzückte Herz
des Mittelalters mit der Ahnung aller Unschuld und
sittlichen Güte echter Weiblichkeit durchläutert hat.

Die Sprache selbst könnte ohne den religiösen
Glaubensapparat des Christenthums rein nicht mehr
auskommen. Könnte die Liebe und könnten die Dichter
die Engel entbehren? Und wo bliebe Goethe's Faust
ohne den Teufel und seine Gesellen? Und wo meine
treffliche Mythologie?

Aber das hilft eben auch nichts, damit ist natürlich auch nicht auszukommen. Es handelt sich ja um
die Masse, um das Volk, das sich auf Symbolik ein- für
allemal nicht versteht. Und da stehen wir vor einer
noch ganz andern, stehen wir erst vor der eigentlichen,
verzweifelten Amphibolie — :

Ein Satz: Die Masse braucht in alle Ewigkeit ein geglaubtes Bilderbuch. Wie viel immer das Pigment
schaden mag, es ist doch auch Stütze. — Religion fort:
auch Moral fort. Gefärbte Religion doch besser als keine.

Anderer Satz: Ein sehr großer Theil des Volks
ist allerdings aus der Bilderwelt herausgewachsen, das
nimmt nun aber zu in geflügelter Progression; noch
ist es nicht die Mehrheit, aber bald wird sie in die
Strömung gezogen sein. Wer nur irgend sich etwas
umsieht, Handwerker, Arbeiter, Kaufmann, wer immer
von Physik und Geschichte auch nur einigen Lichtstrahl
empfängt, ist rein fertig mit Allem, was übersinnliche
Figur, was Regierung des Universums von außen,
was Wunder heißt, kurz mit dem ganzen Pigment.
Nun sind aber alle diese hülflos in's Leere geworfen.
Die gefärbte Religion sind sie los, zur reinen reicht
es bei ihnen nicht, und wenn es reichte, wer reicht
sie ihnen? Niemand. Unsere Priester bieten nimmermehr Religion ohne Pigment, und man muß auf
Grund des ersten Satzes zugeben: es wäre nicht möglich. Eigentlich ist die reine Religion allerdings nicht
farblos. Zur Farbe hat sie nichts Geringeres als die
Weltgeschichte, die mythenlos wahre. Das aber ist
von viel zu langer Hand, mit dieser ungeheuren Palette kann der religiöse Volkserzieher nicht malen, da
braucht es einen idealen Auszug, nämlich eben die
Mythen. Und so fallen denn die Armen in's Leere,
die über das mythisch illustrirte Christenthum hinaus
sind. Es liegt in der That so traurig, daß man
jammern möchte. Die alte Ehrfurcht sind sie los,
für eine neue können sie die Begründung nicht finden.
Moral ruht schlechterdings auf Religion, und da sie
mit der bunten Religion die reine wegwerfen, so werden
sie Lumpenhunde, lassen sich in den Wirbel der Hetzjagd reißen, die jetzt los ist, der Hetzjagd nach dem
Glück, das keines ist. Ihnen sagt Niemand, zeigt
Niemand einfach aus dem innern Wesen der Seele
und aus dem Verhältniß der Einzelseele zur Seele der
Menschheit, das; und warum es keinem Menschen wohl
wird, außer im Guten. Sagt man es ihnen je, so
hängt man doch den Märchenkram wieder daran, den
sie nicht mehr ertragen, und so laufen sie weg.

Weiß der Himmel, wie sehr ich selbst mich oft
sehne, mir von einem guten Redner die ermattende
Seele aufrichten zu lassen, aber da schenkt uns ja
keiner den Farbenzusatz, von dem wir nichts mehr
wollen, der unserem erhellten Auge widersteht.

Wenn die allgemeine Zuchtlosigkeit zunimmt, wenn
sie zu Verbrechen auf Verbrechen führt, wird der Staat
meinen, die bestehende Religion mit Zwangsmitteln
aufrechtzuhalten, wiederherstellen zu müssen. Vergeblich!
Eine in der Auflösung begriffene Religionsform läßt
sich nicht halten; man pflanzt nur Heuchelei. Drakonische Strenge wird gut thun, aber eine Reaktion
in dieser Richtung würde den Staat nicht stützen,
nur noch mehr untergraben; er würde sich nur die
Ruthe der Pfaffengewalt noch lästiger auf den Rücken
binden, und wollte er nachher wieder einlenken, lockern,
so würde ein Ravaillac nicht ausbleiben.

Oft in dieser Noth meines Herzens um die hülflose Menschheit denke ich: ehe Luther kam, ahnte auch
kein Mensch, daß ein solcher Reformator erscheinen
werde. Niemand von Allen, die in das Elend ein
Einsehen hatten, wußte Rath. In solcher Stunde
ist es doch schon mehr als Einmal geschehen, daß der
rettende Genius geboren wurde. Das ist nun freilich
pure Hoffnung, ganz blind, ohne jeden Begriff; denn
alle Begriffe führen ja eben in's Rathlose. Luther
ließ einen guten Theil des Pigments stehen, das bedurfte ja die Mehrheit, und wenn jetzt die Mehrheit
dem entwächst, so ist sie doch nicht die Allheit, ein
Rest Bedürftiger bleibt in alle Zeit. Wie sollte nun
ein neuer Luther etwas schaffen können für Beide:
für Die, welche der Kinderkost bedürfen, und für die
Anderen, die sie nicht mehr verdauen? — Oder bildet
sich vielleicht eine Gemeinschaft für die reine Religion,
die sich allmälig ausdehnt? Nichts, nichts, da ist ja
kein Kultus möglich!

Allerdings ist es eben auch so eine Sache mit den
Lokalen für den Kultus. Gebildete Persönlichkeiten
pflegen sich da zu verkälten. In bitterem Ernste:
kommt uns je ein Retter aus obiger Noth, so denke
ich mir gern, er werde zuerst als Erfinder auftreten,
der eine urwohlthätige Grundlage für die Stimmung
herstellt: Luft in geschlossenem Raum und doch kein
Zug! Wer diese Aufgabe löst, wird einer der größten
Wohlthäter der Menschheit sein. Ist dieß erst entdeckt,
so werden die Menschen milder, launenloser, klarer,
gemüthsfreier, sie werden besser, sie werden edler werden.
Ja, damit wird der erhoffte Reformator beginnen, auf
diesem Grunde wird er aufbauen!

Bin wahrlich kein Freund vom Allegorisiren, aber
wem soll's nicht einfallen: ja, Schwüle oder Zugluft
oder Beides beisammen: so lebt die Menschheit. Wär'
ich ein Egoist, mir könnt's ja Eins sein. Warum
muß ich dieß Sensorium haben, daß mich ihr Loos
so bekümmert, mich nicht schlafen läßt? Die breiige
Föhnluft ihres dumpfen Vorstellungslebens versetzt mir
den Athem und wenn sie die Fenster aufreißt und die
tollen Windstöße verkehrten, abstrakten, fanatischen Ideenzugs hereinläßt, so bestürzt mich für sie die pneumatische
Grippe. O Elend! O Leiden des Mitleids, das nicht
rathen, nicht helfen kann! Ich habe Stunden, wo ich
die träge Seele beneide, die ihr Stück Käs in Ruhe
verzehrt. Bis unter die Nägel brennt mich's, bis in
die Zehen durchzuckt mich's. Dann veracht' ich mich
wieder, daß ich, ich mit den dunklen Flecken auf meinem
Leben, ich vor mir poche, gar ein Jesus patibilis
zu sein! Ach, es ist Zeit, daß ein Ende werde!
Nehmt mich, wiegt mich, lüftet mir die Brust, singet
den Schlaflosen in Schlaf, gute Geister, wo ihr schweben
mögt, in Lüften oder im Meeresschooß! Macht's gnädig,
führt mich noch in eine Reinheit, eine Klarheit und
laßt in Ehren mich enden. — Gute Geister! Einen
weiß ich. Zu ihm seufze ich, rufe ich, wie der Hirsch
schreit nach frischem Wasser.

Was? Was war das? Welcher Abgrund sendet
mir das? — Bist du da — dieß Bild? — Engel
und Boten des Himmels, steht mir bei! — Unter den
Lustwandelnden auf Corso Garibaldi. — Nur etwas
kleiner und kein Metallhaar, sonst ganze Doppelgängerin
— hat bemerkt, wie scheu ich sie ansehe, läßt einen
mürrisch fragenden Blick über mich herlaufen. —
Gesichter hier sind eine Bilderreihe zur Geschichte der
Insel. Dort ein rein latinisches, adlernasiges, hier
noch ein Rest griechischen Profils, jetzt tiefbraun arabischer Typus, jetzt glaubt man schwäbisches Gepräge
aus Hohenstaufenzeit zu erkennen, mitunter glüht Afrika
herüber: äthiopische Wulstlippen und Plattnase, Farbe
fast schwarzbraun, dazwischen aber auf einmal normannisch: da und dort ein weibliches Gesicht blond,
helläugig, selbst mit dem mattsammtenen Hautton nördlichen Klimas — trotz der Sonne Siziliens. Und
nun da — Hat einst ein Normanne, ein wilder
Wikinger, Ururahns Bruder, hier mit einem Meerweib
die Ururahne dieser Erscheinung gezeugt?

Der Traum dieser Nacht sei aufgezeichnet, schnell,
bevor er sich verwischen kann! So gut ich's vermag
nach so viel Grausen, Beben und Entzücken.

Ich wandle wieder auf dem Corso. Der Himmel
wie neulich in Pestum. Die schwere Wolkenwand sinkt
herab und schließt den Spalt, durch den man dort die
Abendsonne im trüben Sciroccogelb leuchten sah. Nacht.
Die Begegnenden sehen sich nicht mehr. Schwül und
schwüler, endlich fast zum Ersticken. So muß es in
und um Pompeji gewesen sein, als der alte Plinius
den Athem aufgab. Jetzt langsam wächst eine Ziegelröthe über den Himmel, geht in feuerrothes Glanzlicht
über. Stille, todesbang. — Horch, welcher Ton? Man
hört ein wehendes Blasen, etwas wie ein Fegen, es
wird zu einem lauten und lauteren stürmischen Speien,
jetzt knallen Donnerschläge dazwischen — jetzt wankt
zuckend die Erde unter mir — ich schaue um und auf,
der Monte Pelegrino hat sich in den Aetna verwandelt,
offen ist die fürchterliche Esse, glutroth fährt die Lohe
aus der Unterwelt empor und rings am schrecklichen
Geisterberg schlängeln sich Lavabäche zu Thal und verlöschen zischend im flammenden Gewässer des Hafens.
Die Feuersäule aber, die zu oberst emporschießt, wölbt
über sich hoch in Lüften eine rabenschwarze Wolke, aus
der ein Regen von Asche, Steinen, Lavaklumpen niederprasselt rings über die bebende Menge, die dort fliehend
auseinanderstäubt, hier in wilden Knäueln sich drängt
und stößt oder Gebete heulend sich am Boden wälzt.
Ich stehe schauernd, aber fest, und schaue in die brausende,
sausende Lohe, still staunend, einsam unter den vielen,
vielen Menschen. Da — was hebt sich aus dem Krater
empor? Ein Drachengespann — es reißt hinter sich
einen Wagen aus dem Schlund — er scheint leer —
dann richtet sich ein Schatten in ihm auf — jetzt schwebt
er wie auf sicherem Boden in ebener Linie durch die Lüfte
— herwärts der Stadt, meinem Standort zu, — ist
das nicht etwas wie eine weibliche Riesengestalt, was
aus ihm emporragt? — — der Wagen senkt sich —
schwebt sinkend näher und näher — deutlicher im
schweflichen Glut- und Blutschein wird die Lenkerin
des Drachenpaars — Augen wie Fackeln brennen aus
ihrem Antlitz — ihre Locken sind von Gold, ringeln
sich aber wie Schlangen, blaue Funken knistern aus
ihren Spitzen, — jetzt wankt mir der Muth, ich denke
an Flucht, die Beine sind mir lahm, angewurzelt stehe
ich, denn das ist ja — sie! sie! das Weib, das mir
die Seele ver— Der Wagen hält in Lüften — ein
Blick — was für ein Blick! Ich kenne ihn! — trifft
mich, streift dann über die Köpfe der Menge hin —;
sie wirft stolz ihr Haupt auf und erhebt die Stimme,
— es ist der Ton, mit dem sie einst jene Stellen des
Olaflieds sang, woraus es hervorklang wie Mitleid
und Hohn zugleich, — nur lauter jetzt, greller, ein
Herrscherton — so mag einst Libussa ihre Schlachtbefehle gerufen haben — „Adoratemi! Sono la santa
Rosalia!“ Das Volk starrt sie an, dann rufen Stimmen:
Auf die Kniee! Seht ihr das Kreuz auf ihrer Stirn?
— und Alles sank auf die Kniee. Ich sehe hin nach
ihrer Stirne und erkenne mit Grausen — — „Betet
nicht an! das ist kein Kreuz! schaut besser hin —
eingeätztes Bild eines Dolchs!“ — Das entsetzliche
Weib wendet den Blick wieder nach mir und herrscht
mir jetzt griechische Worte zu: Ἄνω τὴν κεφαλὴν!
Βλέπε ἄνω! Ich schaue über ihr Gorgonenhaupt
hinweg, hinauf nach dem speienden Krater. Da fliegt
wie eine Rakete emporgetrieben ein schwarzer Körper
zwischen den Flammengarben auf, hält dann im
Schweben still, fängt an mit den Beinen zu gaukeln,
zu zappeln wie ein Hampelmann, tanzt baumelnd,
sich überschlagend eine Weile in den Lüften, kugelt
dann abwärts und herwärts, immer näher, bis er
über meinem Haupte flattert, und beginnt nun mit
kreischender Stimme zu stottern: „Gu — gu — guck
mich an!“ Ich lache, doch verzwungen und angstvoll,
und rufe: „Du bist der Stotterer vom Theater
S. Carlin in Neapel!“ „Oho, oho,“ stammelt es
jetzt, „wie du — du — dumm! Ich bin ja der Pla —
Pla — Plato! der Plato! Kann auch pfei — pfeifen!“
— Er pfiff, der schrille Ton gieng in eine Schelmenmelodie über und es war jetzt, als pfiffen zwei Stimmen,
eine höhere und eine tiefere, und die tiefere schien aus
einem großen Loch in der Brust zu kommen. — O,
ich hatte mir's nur verhehlen wollen, — schon vorher
hatte ich die verzerrten Züge, die halbgrauen, nun
wild flatternden Locken erkannt, die mir einst so ehrwürdig erschienen. Eine Wuth befiel mich mitten in
der Versteinerung, im kalten Schauer, der mir vom
Wirbel zur Fußsohle niederrieselte. „O, ein Gewehr,
ein Gewehr,“ brachte ich mit halb gebannter Stimme
mühsam hervor, „wie einen Geier, wie einen Schuhu
hole ich dich, Schandfetzen, aus der Luft herunter!“ —
„Da, nimm!“ höre ich jetzt eine freundliche Stimme
mir über die Schulter sagen, drehe mich um und in
rothem Hemde steht ein Mann vor mir mit den bekannten Zügen Garibaldi's und reicht mir ein Gewehr,
doch war es auch wieder nicht Garibaldi, sondern der
arme, treue Karl, der mir bei Krusau sterbend seine
Büchse herbot; „da, nimm, sie ist geladen und auch
schon gespannt!“ „O Dank, Dank, Dank!“ Ich ergreife die Waffe, lege an, ziele, drücke — sie versagt!
Nicht plötzlicher Donnerschlag, nicht Kanonenknall kann
erschrecken, wie dieß Ausbleiben eines Schalls, dieser
Nichtschuß mich entsetzte.

Ich erwachte, fuhr auf, eiskalt rann es mir durch
die Glieder, aber schnell wiech die tödtliche Kälte einer
brennenden Fieberglut. Mir war, ich fühle mein
Gehirn in seiner Höhle kochen. Mein linker Arm war
noch ausgestreckt, als hielte er den Lauf des Geschoßes,
mein rechter gekrümmt und der Zeigefinger gebogen,
als läge er noch am Drücker. Ein Krampf spannte
mir alle Muskel auf die Folter. Als ich klarer zu
mir kam, war mein ganzes Wesen nur Ein Sehnen,
nur Ein Seufzer nach Ruhe, Stille, Kühlung. In
diesem Gefühle schlief ich wieder ein. Der Traum
nahm sein Spiel wieder auf und knüpfte seinen Faden
an den ersten Gang, lose, wie er zu thun pflegt.
Ich fand mich unterwegs aus der Stadt. Ich will
jetzt auf meinen lieben Berg hinauf, sagte ich mir,
hinauf nach der Grotte der wahren Rosalia, da will
ich Kühlung suchen. Ich wanderte und wanderte, zwischen
Villen, zwischen Alohecken, Gartenmauern weiter und
weiter und konnte den Weg nicht finden, den Berg
nicht gewahr werden. Da sehe ich unter dem Blätterbusch einer blühenden, hochaufgeschossenen Alo einen
Zwerg sitzen, der mich sinnend, freundlich, mitleidig
ansieht. „Könnten Sie mir nicht sagen, guter Herr
Nano,“ rede ich ihn an, „wo es auf den Monte Pelegrino geht?“ — „Verehrter Herr Pilger, Excellenza irren
sich,“ ist die Antwort, „der Berg ist jetzt umgekehrt
im Meer drunten — wissen Sie nicht, der Aetna hat
ihn weg- und umgedrückt — wenn Sie nur gefälligst —“

In dem Augenblick fühlte ich mich von Wasser
umgeben und sinken. Ich sank tiefer und tiefer, nicht
mit Bangen, sondern voll labenden Gefühles der
Kühlung. Delfine huschten vorbei und sahen mich mit
klugen Augen an, als wollten sie sagen: nicht wahr,
hier ist es gut, hier sind keine feuerspeienden Drachen?
Endlich fühlte ich Grund und der Zwerg stand wieder
neben mir. „Hier,“ sprach er, „hier ist die Grotte.“
— „Das ist ja keine Grotte,“ sagte ich, denn ich
stand vor einem Hochaltar mit vergoldetem reichem
Schnitzwerk, das über den geschlossenen Flügeln des
Diptychon aufstieg. „Thut nichts,“ flüsterte der Zwerg,
den Zeigefinger der linken Hand an die Lippen legend,
indeß er mit der rechten einen Schlüsselbund aufnahm,
der an seinem Gürtel hieng. Er suchte lang, während
ich in gespannter Erwartung nach dem geschlossenen
Schreine hinsah und mich vergeblich bemühte, zu erkennen, was die verwaschenen Heiligenbilder auf den
Flügeln vorstellten. Jetzt zog er aus dem Stahlring
einen silbernen Schlüssel, öffnete, schlug die Flügel
auseinander und —

Hat sich der Himmel aufgethan? Vor mir wölbte
sich die blaue Grotte von Capri, nicht Bild, nicht
Gemälde, sondern Wirklichkeit. Und doch auch wieder
nicht. Denn wohl raunt das Volk von gewissen Felshöhlen an jener Inselküste, es seien Spiriti darin, aber
was leuchtet hier, welch' Unbekanntes, Neues, welchen
Wunderkern umschließen diese blau erglänzenden
Wölbungen? Eine Erhöhung des Felses ragt aus
dem Wasser, wie zur natürlichen Ruhestätte gebildet,
auf weißer Decke, die darüber sich breitet und faltenreich niederfällt, in weißem Gewande, das Haupt auf
weißem Schlummerkissen ruht ein Weib, mir entgegengekehrt, das Angesicht mir gegenüber, halbgeschlossen
sind die von langen Wimpern überschleierten Augen.
Friede wohnt auf ihrer Stirne, ein seliges Lächeln
umspielt ihre Lippen, Verklärung ist dieß Antlitz.
Das magische Licht, das auf Correggio's berühmter
„Nacht“ vom Christuskind ausgeht, auf den Gesichtern
der anbetenden Gruppe wiederscheint und im Dunkel
der Hütte, der nächtlichen Landschaft verschwebt, es ist
stumpf und erdig gegen die Lichtfülle, die von diesem
Himmelsbilde ausströmt und doch nicht blendet, sondern
mondscheingleich das Blau, das vor lauter Leuchtkraft
wie Roth auf das Auge wirkt, zu sanfter Kühle ermäßigt. Ich sollte die Züge dieses Weibes kennen,
sprach es in mir. Nur so wagte ich es im Innern
zu sagen, denn sehr wohl beim ersten Blicke kannte
ich sie. Doch drang es mir über die Lippen: „Soteira!“
flüsterte ich und trat um einen kleinen Schritt näher;
das Wasser, das ihr Felsbett umschwankte, schien zugleich
fester Boden, der dem Fuße Stand und Gang erlaubte.
Sie öffnete jetzt die Augen und ließ sie auf mir ruhen.
Wer beschreibt den Blick! Mir war wie damals, als
sie sich über mich beugte und das feuchtkühle Tuch auf
meine Stirne legte, nur dasselbe Gefühl in's Unmeßbare, in's Unsagbare erhöht. Nun sprach sie, — es
war jener grundgute Ton, der mir einst in's Herz
des Herzens gedrungen —: „Nicht wahr, hier ist es
gut still und kühl?“ — „Ja, du Gute,“ sagte ich,
„aber das ist ein Ort für Reine, da darf ich nicht
bleiben; verzeih', verzeih', daß ich hier eingedrungen;
aber du glaubst nicht, o, du glaubst nicht, wie fürchterlich es droben aussieht im Thale der Schrecken.“ Wie
vorher ruhten diese Augen auf mir mit dem Blick der
Güte und des Mitleids, den keine Zunge nennt. Dann
hob sie langsam den Arm, bot mir die schneeweiße
Hand und sagte: „Reiche die deine, das kühle Lichtblau
hat Alles, Alles abgewaschen.“ Zitternd hob ich die
Hand und faßte die ihre. Sie war kalt, aber nie
im Leben hat der Druck einer warmen, lebendigen
Hand einen Menschennerv und ein Menschenherz so
selig durchzittert, wie mich die Berührung dieser weichen,
zarten Finger, die wie aus Schnee gerundet schienen.
Ich hielt sie fest und flüsterte: „Ewig.“ — „Ja,
ewig,“ hauchte sie.

Ich glaubte sie noch zu halten, als ich erwachte.
Dieß Erwachen! Hinweggespült aus meiner hämmernden Brust ist der Krampf und Brand des Lebens,
sanft geht mein Puls. Ich bin frei.

Aus Wust und Wuth,
Aus Schwefelglut,
Aus athemloser Schwüle
Hinab in Meeresgrund, hinab in's Kühle.
Da ruh’ ich aus
Im Felsenhaus
Von all’ dem Angstgewühle,
Gebadet in der sanften, reinen Kühle.
Im tiefen Blau
Ruht eine Frau,
Lichtweiß auf weißem Pfühle,
Und lächelt selig in der stillen Kühle.
Nah' ich mich ihr?
Sie schaut nach mir,
Fragt mich, ob ich auch fühle,
Wie gut es weilen ist in dieser Kühle.
Reicht mir die Hand,
Daß ich den Brand
Aus meinem Busen spüle
Und mit ihr ewig bleibe in der Kühle.

Aber da bin ich noch und was nun thun? Der
aufzuckende Gedanke, ich müsse nun auf und fort, hinwärts, dorthin — nein! Mein Traum und die Fragen,
die Zwecke der Wirklichkeit: zwischen ihnen ist kein
Verhältniß, keine Gleichung. Auch den Gedanken, mein
Gesicht könne eine Ahnung gewesen sein, halte ich
nieder. Ich mag mich mit keinerlei Fragen einlassen.
Mir ist Alles vollendet. Ich bin. Ich habe das
Gefühl, zu sein. Mit ihr, in ihr. Tief in der blau
schimmernden Grotte. — Die Dinge am Tageslicht
sind mir nun pure Gegenstände, nichts mehr mit mir
verwachsen.

Wenn man nicht weiß, was nun thun, so thut
man vorerst nichts, das heißt, man treibt, was der
Tag bringt. Ich bin einmal in Palermo, will mich
erst noch weiter umsehen. Ich will doch die Einladung
des fremden Herrn annehmen, den ich beim Frühstück
getroffen, mit ihm zwei Bilder von Crescenzio zu sehen,
einem merkwürdigen Maler des Quatrocento, eines im
Hofe des Hospitals, das andere eine Stunde von der
Stadt im Kloster S. Maria di Gesu.

Freske im Kreuzgang des Hospitals: eine Art von
Todtentanz — trionfo della morte. Sieht sich fast
deutsch an, blonde Köpfe, herb individuelle Formen;
Sage von einem flandrischen Meister, doch möglich von
Crescenzio unter frühem nordischem Einfluß. Der Tod
rennt als Gerippe auf magerem Klepper durch die
Luft, Pfeile vom Bogen schießend, Arme und Krüppel,
die ihn um Erlösung flehen, übergehend, Hohe und
Ueppige ereilend. Links eine heitere Gesellschaft: festlich gekleidete Mädchen zum Tanz antretend nach dem
Klang einer Zither, aber schon von Todesblässe überzogen, dabei ein Paar, das verlobt wird. Ihr verlobt
euch gültig, der Tod wird kopuliren. —

Die Fresken im Kloster draußen großentheils verdorben; monochrom. Erhalten eigentlich nur eines
der Seitenbilder: der Leichnam des heiligen Franziskus,
umgeben von trauernden Mönchen und Volk. Der
Meister, schwerlich Crescenzio, hat die streng auf die
Sache losgehende Art des Giotto. Schmerz, andächtig
rührungsvolles Schauen in die stillen Züge des Todten,
diese Affekte in ihrer Einfachheit, ohne Zusatz feinerer
Mischung, aber auch ohne abflachende Rundungen, und
nur um so ergreifender. Die ausgewachsene Kunst
füllt Formen und Ausdruck, spielt aber stets an der
Grenze hin und über sie, wo das fühlbare Zeigen
ihres Könnens beginnt. An der vollen Krone des
Baums, der in Sommers Mitte prangt, findet man
immer schon einige welke Blätter. — Eigenthümlich
hat mich der todte Franziskus berührt, der tiefe Friede
in seinen hageren Büßerzügen. Was ist es, worin er
liegt? Ein gläserner Sarg? Nicht mehr zu erkennen.
— Als Ort wird Assisi zu denken sein. —

Jetzt weiß ich, wohin! — Der Fremde im Rückweg lange schweigsam. Ich auch. „Die Bilder,“
beginnt er endlich, „haben mich seltsam ergriffen, —
auch darum, weil die Szene, die wir zuletzt gesehen,
in Assisi vorzustellen ist. Ich habe eine traurige Nachricht: der Tod zielt jetzt eben in meine Verwandtschaft.“
— Er nennt mir seinen Namen, sein Vaterland
Schweden, seinen Heimatsort Gothenburg und seinen
Stiefbruder — Erik. Dessen Wittwe, ein Juwel aller
Frauen, liege todkrank nieder in Assisi. — Zu Schiff,
zu Schiff!

Neapel. So weit wär' ich. Der Seesturm überstanden, ich wußte gut, daß er mir nichts anhaben könne.
Das Dampfschiff gilt für altersschwach, es müsse noch
dienen, so lang es halte; der Kapitän stand immer an
der Maschine, sah hinab, horchte, ob sie noch gehe. Bald
Alles seekrank außer mir und der Bedienung des Fahrzeugs. Halte mich am Mast und schaue und höre.
Ton durchaus wie von Millionen Trommlern, die mit
anwachsender Schlaggewalt zum Sturme wirbeln, immer wieder von vorn beginnend. Wo möglich furchtbarer das dünne, schneidend scharfe Pfeifen des Winds
in den Tauen, wie wenn Einer auf der scheermesserschmalen Kante von Papier pfeift, — dieß in's Unendliche gesteigert. Wogen — eine Welt; nicht jede
gelingt, die gelungenen herrlich in der Linie ihrer
Hohlkehlen und Roßhalsrücken, drüber die Schaummähnen, die der Sturm flockig hinausbläst. Wälzt
sich eine heran, man meint jedesmal, sie müsse das
Schiff umstoßen oder überflutend begraben, doch sie
nimmt es auf ihre Schultern, dann schießt es in's
nächste Wogenthal hinab. Welches Brausen und
Donnern! Kann sonst den Wind nicht ausstehen; so
gefällt er mir, wie neulich in Sorrent auf der
Klippe: wenn einmal doch, dann auch recht! —
Weinen, Jammern, Beten ringsum. Ich lasse mir
stark den Syrakusaner munden; der Kellner preßt sich,
um einschenken zu können, an Mastbaum oder Wand,
wenn ich dann nicht schnell trinke, ist der Wein fort,
als schlüge Jemand mit Gewalt unten an's Glas.
Nacht, unmöglich oben zu bleiben, ich muß hinab in
meine Koje und wie ich entkleidet bin, beschleicht mich
eine kurze Anwandlung von Feigheit. Was doch
Kleider, namentlich Stiefel, ein Gefühl von Halt
geben! — Da unten ist's unheimlich; an der Schiffwand
höre ich mitten unter dem dumpfen Brummstoß der
Wellen und dem Aechzen aller Rippen des hohlen
Baues manchmal etwas wie Saugen und Gurgeln,
als lutschten da draußen die Mollusken so vorläufig
am Holz in Aussicht auf bessere Speise. Auf der
Treppe sitzt ein großer, schöner Kerl mit langem Bart,
in flotter Uniform, Leibjäger irgend eines vornehmen
Herrn, und weint wie ein Kind; — vielleicht ein
andermal beherzt; sind halbantike Menschen, lassen
Alles heraus. Im Damenkabinet liegt eine seekranke
Frau mit Kind; ruft alle Viertelstund: cameriere!
come sta? Und der sagt jedesmal: cosi, cosi. Die
Laterne hängt in immer spitzerem Winkel von der
Decke; wenn sie mit ihr gar keinen Winkel mehr bildet,
sondern parallele Linie, so sind wir fertig. Kommt
ein Kapuziner und bittet mich, mit halbem Leib in
meine Koje hereinliegen zu dürfen, die unterste von
je dreien; ich erlaub' es, der Kapuzenzipfel kitzelt mich
im Gesicht und überdieß heult und jammert der Tropf,
betet wimmernd den heiligen Antonius an und alle
Heiligen noch dazu. Ich halte nun dem Wurm von
Menschen eine Predigt — die erste in meinem Leben
— ziemlich wohlgesetzt, im Wesentlichen des Inhalts,
er sehe mich, ein Weltkind, ruhig, er solle sich doch
schämen, daß er, der all' Tag und Stund die Erde
als Jammerthal schmähe, den Tod und den Himmel
preise, nun so erbärmlich verzweifle. Hat natürlich den
Teufel gefruchtet, obwohl der Vortrag nicht bloß leidlich gut eingetheilt, sondern auch rhetorisch hübsch geschmückt war. — Gegen Morgen ermattet die Sturmwuth; man kann auf das Verdeck, doch als ich mich
gesetzt und eingenickt, rollt mich ein Ruck wie eine
Kugel das Verdeck entlang. Hat mich gefreut, daß
ich wieder hell lachen kann. — Der Sturm mit all'
seinem Lärm ist mir ganz still vorgekommen in Vergleich mit dem höllischen Traum, mit dem stummen
Brüten in der Luft, das den Larven vorangieng, und
mit ihren Hohnrufen.

Rom. Nur eine Wanderung hier über das Kapitel
hinaus. Morgen vorerst Perugia. — Dum Capitolium
scandet cum tacita virgine pontifex. Horaz hatte
doch Momente. Cum tacita virgine — begleite mich,
Bild der priesterlichen Jungfrau — mit ihren, ihren
Zügen! — Ueber das Forum hinaus ein Stück in
die Campagna, an diesem stillen Abend im Mondschein.
Mein Leben wird Vergangenheit, es ist müdes, weiches
Verdämmern ohne Empfindungsschwäche. Tiefes Weh
nur, wenn ich vergleiche. Trümmer von so Großem —
und mein Dasein niemals mit vollem Band an Großes
geknüpft. Schäme mich vor den Geistern, die hier
schweben. Horaz kann sich doch wenigstens rühmen,
das äolische Versmaß der lateinischen Sprache angeeignet zu haben. Aber die Männer, die Helden!
Und ich? Ja, einmal, einmal, da wollte es werden,
habe gekämpft für ein Vaterland. Kurzer Traum!
Ihr Gewaltigen habt Reiche besiegt, habt die Welt
beherrscht.

Wohl seh' ich auch im Geist, wie blondlockige
Gothenschaaren dort auf den Palatinus hinauf und
in's Kolosseum dringen und die Mauern brechen.
Alte Geschichten. Mein Deutschland schläft wieder,
nachdem eine Halbheit auf zweifelhaften Wegen zu
Stand gekommen. Man muß auch das lernen: hingehen, ohne ein Vaterland erlebt zu haben. Gefaßt,
ganz gefaßt. Und so wird's wieder ruhig in mir,
sanft. Ich sauge eure Größe ein in süßem Diebstahl, ihr Trümmer, athme Heldenluft in großer Stille.

Was haben die deutschen Künstler da drin im
Café Greco? Haschen heftig nach den Zeitungen.
Wird auch der Mühe werth sein! — Mich kümmern
keine Neuigkeiten mehr.

Perugia. Es ist so, sie liegt drüben in Assisi;
man hat sie in die freiere Bergluft gebracht zur
Muhme Cornelia. Ihr Vater, ihre Söhne bei ihr.
Habe an ihn geschrieben, ob ich erscheinen darf.
Mir war nur still und feierlich zu Muthe; jetzt bin
ich nicht mehr so ruhig. Mutharm, schwer, bang,
daß mir fast Arm und Fuß den Dienst versagt, bis
Antwort da ist. — Stehe wieder vor dem Geburtshaus ihrer Mutter, verwechsle sie immer und wenn
ich da nach der Loggia hinaufsehe, sehe ich statt ihrer
Cordelia als Kind dort zwischen den Oleandern herabschauen.

Man erwartet mich, soll kommen, schnell. Mir
wird schon leichter. Ich darf.

Es ist gewesen. Es ist. Ja, wie dort auf dem
Bilde des Kölner Meisters die heilige Jungfrau, so
umgeben von Weinenden, Vater, Kindern, so lag sie.
Und auch wie der selige Geist im blauen Lichtmeer
der verklärten geheimnißvollen Grotte.

Knieend an ihrem Bett — sie weint — weint
sie auch um mich? — Es gibt Krieg, sagt sie. —
Ich wußte nichts von der Welt draußen. — Der
Vater bestätigt: Krieg Deutschlands mit Frankreich. —
Ist die Stunde wieder da, wo in Christiania — ihr
Aufruf — ? Sie mahnt nicht, dießmal nicht. — In
mir Entschluß, augenblicklich. Nun weiß ich meinen
Weg, sage ich, — sie schweigt, sie weint, reicht mir
die Hand, die weiße, bleiche, — hebt sie, nachdem ich
sie lang gehalten, und legt sie auf mein Haupt, segnend, Worte flüsternd, unhörbar, meine Thränen
strömen, — sie bedarf Ruhe — Leb' wohl! leb' wohl!
— Ein sanftes „wohl“ kann ich noch vernehmen —
ein Blick ruht auf mir — ich werd' ihn ewig sehen.
Und du, Erik! — dein Geist über uns — ich sah
ihn freundlich nicken. — Ja, ja, nun weiß ich meinen
Weg. —

Der Erdenstoff verzehrt sich sacht und mild,
Bald ist's vorbei und du bist ganz nur Bild!
Du schwebst hinweg, schon strahlen wie von ferne
In fremdem Glanz der Augen milde Sterne.
Sei, Bild, mein Schild, so lang der heiße Tag
Mich noch umtost mit wildem Stoß und Schlag!
O senke, steigt der dunkle Zorn mir wieder,
Auf mich herab die träumerischen Lider,
Die Blicke, die, dem reinen Kinde gleich,
Nicht wissen, wie so gut sie sind, so weich!
Ganz Geist, kannst du nun allerorten leben
Und auch zu mir, dem Umgetrieb'nen, schweben.
Vielleicht ist doch in nicht zu ferner Zeit
Ein bleibend Haus zur Rast für mich bereit,
Dann schwinge sanft um meinen Todtenhügel
Am stillen Abend deine Geisterflügel.

Hier endigt das Tagebuch. Weitere Aufzeichnungen
haben sich nicht gefunden; nur die Tage der Schlachten
jenes Sommers sind noch eingetragen, zuletzt der
Entscheidungstag von Sedan.