Wurzellocker

Erster Band

Erstes Buch

Die schwüle Luft eines Spätsommertages lag auf der Stadt. Kein Windzug entführte den Rauch, welcher aus ungezählten Essen emporstieg und zu einem Schleier von totem Grau verdichtet über dem ganzen Weichbilde stand. Der Fluß führte wenig Wasser unter den breitspannenden Brückenbogen thalwärts, und das bißchen Kühle, das er auf seinen gelben Wellen mit sich gebracht, verflog schnell, aufgesogen von der Sonne, die, schon seit Wochen unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel herniedersengend, den Blättern der Alleebäume längst die Farbe des Tabaks gegeben und das Erdreich in morschen Zunder verwandelt hatte. Jeder Windzug entführte davon Teile, die sich in inniger Verquickung mit dem Straßenstaub, dem Ruß der Fabrikessen und der Schornsteine auf Menschen, Tiere, Pflanzen legten und den Lungen eines jeden Lebewesens das Atmen erschwerten.

Wem in dieser Jahreszeit Beschäftigung oder Kasse nicht erlaubt hatten, ins Hochgebirge oder an die See zu entfliehen, der suchte in den Feierstunden wenigstens aus den Mauern hinauszugelangen in die luftig gebauten Villenvororte, in die Obstgärten und Weinberge unterhalb der Stadt, vielleicht auch in die ausgedehnten Waldungen im Norden.

Die Menschenwogen, welche sich aus dem rauchigen Centrum in die Naturfrische ergossen, hatten jenen herdenartigen Charakter angenommen, den die Menge zeigt, sobald ein Naturereignis, ein gemeinsames Erleben, oder auch nur verwandtes Bedürfnis sie nach einer bestimmten Richtung treibt. Das Gefühl unerträglicher Schwüle hatte in diesen Tausenden den nämlichen Drang erzeugt: hinaus unter freien Himmel.

Eine Gruppe von drei Menschen trennte sich ab von dem allgemeinen Schwarme: zwei Männer, ein Mädchen. Während die meisten anderen der ausgestreckten Hand eines Wegweisers folgten, der in fünf Minuten die schönste Aussicht, Kegelbahn, Bier, Kaffee und andere Herrlichkeiten verhieß, schlugen diese drei einen sandigen Fußsteig ein, der in den Wald hineinführte.

Einem Mädchen wie diesem begegnet man gern. Frische Wangen, schönes Haar, guter Wuchs. In den Bewegungen die Leichtigkeit und anmutige Weichheit, die nur das junge Weib hat. Helle, freundlich blickende Augen, welche man sich mit Thränen gefüllt sehr rührend vorstellen konnte, Augen, die nicht kokett blickten, aber aus denen unbewußt die rührende Mädchenbitte sprach: finde mich hübsch! Nichts Rätselhaftes, nichts Dämonisches, nichts Mystisches, aber umsomehr gesunde Sinnlichkeit.

So mancher Mann wendete unwillkürlich den Kopf nach dieser Erscheinung, und »ein bildhübsches Mädchen«, das war eine häufige Bemerkung, die Alma Lux hinter sich geflüstert hören konnte. Wahrscheinlich war das gestreifte Sommerkleidchen, das sie gut kleidete, ihr eigenes Machwerk. Aus ihrem Hut mit allzuviel künstlichen Blumen und dem grellfarbigen Sonnenschirm, den sie nicht recht zu handhaben verstand, sprach das harmlose Bestreben des Kindes aus dem Volk, für eine Dame gehalten zu werden.

Von den beiden Männern trug der ältere seinen einfachen, braunen Lodenanzug mit einem gewissen großartigen Selbstbewußtsein zur Schau, als wolle er sagen: wenn ich mich gut anzöge, würde meine Häßlichkeit nur noch grotesker wirken. Und in der That, aus diesen abfallenden Schultern, eckigen Hüften und dünnen Beinen, hätte die größte Schneiderkunst nichts Anmutiges zu gestalten vermocht.

Die Gesichtszüge dieses Mannes, der im Anfang der dreißig stehen mochte, machten freilich manches wieder gut, was der Körper an ästhetischen Sünden beging. Es war das Gesicht eines intelligenten Pudels. Schmale, hohe Stirn, in die rotblondes Haar in lockigen Büscheln fiel. Lebhafte, glänzende, kluge und zugleich gute Augen. Brauen, die sich von der gleichmäßig roten Farbe des ganzen Gesichts nur wenig abhoben. Eine spitze Nase mit weiten, beweglichen Nüstern. Das Untergesicht vorspringend. Oberlippe und Mundwinkel ganz vom blonden Schnauzbart versteckt.

Von ganz anderem Schrot und Korn war der Jüngere. Die lässige Haltung, die Art, wie er seinen ehemals gut gemachten, jetzt abgenutzten Anzug trug, sprachen von dem stolzen Gehenlassen eines Menschen, dem der Stempel guter Herkunft von Natur aufgedrückt ist. Die Haut zart, die Glieder schlank und gut proportioniert, die Züge eigentümlich kapriziös gemischt. Die edle Stirn, das ausdrucksvolle Auge schienen einen Anlauf zu energischer Männlichkeit nehmen zu wollen, doch waren Kinn und Lippen die eines Weibes. Niemand konnte es dem jungen Menschen verargen, daß er das Haar im Nacken lang trug, denn es hatte einen ungewöhnlichen, an matte Seide erinnernden Glanz.

Der ältere der beiden schien des Weges kundig zu sein. Zwar war Doktor Lehmfink kein Autochthone. Seine Wiege hatte in einem schwäbischen Gebirgsstädtchen, nahe der Schweizer Grenze gestanden. Sein Leben war eine Wanderung nach Wissen und nach Brot. Ein eigentliches Heim hatte er auch hier nicht; man müßte denn eine Chambre garnie und einen Schemel vor einem Redaktionspult so nennen. – Seit zwei Jahren lebte er in dieser Stadt. Er schätzte den Platz, wie man eine Schutzhütte zu schätzen weiß im Gebirge, die einem eine Zeit lang notdürftige Unterkunft gewährt.

Und auch sein um etwa fünf Jahre jüngerer Begleiter war ein moderner Nomade. Das holperige Pflaster des nordhannöverschen Nestes, dem er entstammte, hatte Fritz Berting seit Jahren nicht mehr betreten. Er war mit seiner Familie zerfallen, galt den Verwandten als ein verlorener Sohn. Trotz seiner Jugend hatte er seine Füße schon an den verschiedensten Herdfeuern gewärmt.

Sie kannten einander von Berlin her, wo sie sich in litterarischen Kreisen getroffen hatten. Lehmfink besaß eine hohe Meinung von Bertings Begabung. Er liebte den Jüngling mit einer Art schmerzlichen Bewunderung, wie es selbstlose Menschen thun, die in einem jüngeren Genossen jene glücklichen Anlagen finden, die sie in sich selbst zu erziehen einstmals heiß bemüht gewesen sind.

Auch nach seinem Wegzug von Berlin hatte Doktor Lehmfink den jungen Berting nicht aus dem Auge verloren. Vor einiger Zeit erfuhr er durch die Zeitungen, daß ein Drama des jungen Dichters bei seiner Erstaufführung in Berlin in aufsehenerregender Weise durchgefallen war. Er schrieb an den Autor einen Beileidsbrief. Daraufhin war Fritz Berting eines Tages bei ihm erschienen, mit wenig Gepäck, ohne Geld und in Begleitung eines weiblichen Wesens.

Lehmfinks Auffassung von Liebe war nicht eng. Das Leben hatte ihn gelehrt, daß man in allem, was die Beziehungen der Geschlechter betrifft, nicht weitherzig genug urteilen kann. Aber er wußte auch, daß es keine gefährlichere Klippe giebt für den Menschen, der noch keine gefestigte Stellung hat, als ein ernsthaftes Liebesverhältnis.

Er nahm scheinbar Almas Gegenwart als etwas Selbstverständliches hin, stellte keine neugierigen Fragen, forschte nicht, wie die beiden einander gefunden hätten und was ihre Zukunftspläne seien. Lehmfink sah es für Freundespflicht an, zunächst für Fritzens äußeres Unterkommen zu sorgen. Er half eine möblierte Wohnung suchen für die beiden, dann wußte er einen Verleger, der gerade auf Ausschau war nach verheißungsvollen Talenten, zu interessieren für den jungen Dichter. Auf Doktor Lehmfinks Empfehlung hin gab der sonst äußerst vorsichtige Geschäftsmann für einen Roman, den Berting noch nicht einmal zu schreiben begonnen hatte, einen Vorschuß von etlichen hundert Mark.

Fritz Berting hatte die nächsten Wochen dazu gebraucht, sich in der fremden Stadt umzuschauen. Man mußte doch erst in Stimmung kommen, ehe man sich niedersetzte zum Schreiben. Der Verleger hatte nichts wieder von ihm gesehen, seit dem Tage, wo er so unvorsichtig gewesen war, seine guten Scheine in Fritzens Hand zu legen, in der Hoffnung, sie in Gestalt von beschriebenem Papier zurückzubekommen. Dem Freunde gegenüber hatte Berting die Entschuldigung, daß man bei der herrschenden Hitze von keinem Menschen Gedanken und Einfälle verlangen dürfe.

Lehmfink hätte erwidern können, daß er bei jeder Temperatur Tag ein Tag aus sein Pensum abarbeiten müsse; aber er unterdrückte die Bemerkung, denn es kam ihm nicht bei, seine Thätigkeit mit der Bertings zu vergleichen.

So streifte Fritz denn in der Stadt umher, betrachtete die Auslagen in den Schaufenstern, studierte Physiognomie und Wesen der Einwohner, amüsierte sich über ihre Aussprache, die eine Karikatur war des Hochdeutsch, saß in Restaurationen und Kaffees, schlürfte einen Eiskaffee nach dem anderen, las Zeitungen, und ging abends ins Gartenkonzert.

Alma saß derweilen in der gemieteten Wohnung allein. Anfangs hatte sie die Zeit damit zugebracht, seine und ihre Garderobe in besseren Zustand zu bringen. Als sie damit schnell fertig geworden war, dachte sie daran, sich nach Arbeit umzusehen. Das nächstliegendste für sie wäre gewesen, wieder in einem Konfektionsgeschäft Stellung zu suchen, als Probierfräulein oder dergleichen. Zwar war tote Saison, aber mit ihrer Figur konnte sie schon den Versuch wagen. Fritz jedoch wollte davon nichts wissen, er fand diese Art Broterwerb ihrer durchaus unwürdig. Da entsann sich Alma, daß sie in der Zeit, ehe sie in die Konfektion gekommen, Krawatten genäht hatte. Ganz verlernt würde sie das inzwischen auch nicht haben. Sie fragte in verschiedenen Geschäften nach Arbeit und erhielt schließlich einen Posten zugeschnittener Ware überwiesen. Gern hätte sie sich eine Nähmaschine getauft oder geliehen. Aber Fritz legte dagegen ein entschiedenes Veto ein. Bei der Engigkeit ihres Logis würde ihn das impertinente Geräusch der Nähmaschine stören. Alma, die gewohnt war, sich in allen Stücken seinen Wünschen zu fügen, mußte daher die Arbeit mit der Hand verrichten.

Heute hatte Doktor Lehmfink die beiden abgeholt, um ihnen etwas von der Umgebung der schön gelegenen Stadt, von der sie so gut wie noch nichts gesehen hatten, zu zeigen. Die Unterhaltung war nicht gerade lebhaft; Lehmfink trug ihre Kosten so ziemlich allein. Fritz Berting war schon seit einigen Tagen schlechter Laune. Machte das die andauernde Hitze, oder eine ungünstige Besprechung, die neulich in einer angesehenen Zeitschrift über seine Gedichte gestanden hatte, oder endlich die Entdeckung, daß die von dem Verleger vorgeschossene Summe wie der abnehmende Mond unaufhaltsam kleiner wurde; oder waren es diese unangenehmen Dinge vereinigt? Kurzum, Fritz sah die Welt durch eine rauchgeschwärzte Brille und nahm sich nicht die Mühe, diesen Seelenzustand vor seiner Umgebung zu verbergen.

Doktor Lehmfink sprach wie gewöhnlich von Litteratur. Er hatte in früheren Jahren nach dem Dichterlorbeer gestrebt, ohne es weiter zu bringen als zum Litteraten.

Eine von Lehmfinks Liebhabereien war, die Literaturgeschichte nach vergessenen oder bei Lebzeiten irgendwie zu kurz gekommenen Autoren zu durchstöbern, um diese Verkannten nachträglich zu Ehren zu bringen. Schon verschiedene solcher Verschollenen hatte er in Anthologieen und billigen Ausgaben populär zu machen versucht. Er setzte bei solchem Bemühen nur Geld zu und Zeit. Von der Not getrieben, war er schließlich zum Journalismus übergegangen. Bei dem Feuilleton einer politischen Tageszeitung fand er Unterschlupf. Hier mußte er so ziemlich über alles schreiben: Theater, Bücherbesprechungen, Wissenschaftliches. Seine gründliche Bildung kam ihm dabei zu statten, während der hohe künstlerische Maßstab, den er an litterarische Erzeugnisse anzulegen für Pflicht hielt, ihn oft genug in Kollision brachte mit den banalen Forderungen des Publikums, das vor allem Lesefutter will und Sensationelles.

Fritz Berting, hörte nur mit halbem Ohre hin.

Mehr Interesse legte Alma Lux an den Tag. Sie besaß die Bildung der Volksschule, schrieb unorthographisch und kam in ihren litterarischen Interessen nicht über den Kolportageroman hinaus. Aber auf sie wirkte, wie auf die meisten Frauen, viel weniger das Thema, als die Persönlichkeit des Sprechenden.

Doktor Lehmfink war ihr interessant. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen Menschen gesehen, der ihm ähnlich gewesen wäre. Die großen Augen, das strubbelige Haar und die rötliche Hautfarbe seines Gesichts, dazu seine Storchbeine reizten sie beständig zum Lachen. Sie konnte sich gar nicht in die Existenzbedingungen eines solchen Wesens hineindenken, betrachtete diesen Menschen als etwas Neues, Fremdes, Erstaunliches, wie eine Art Schauspiel, das zu ihrem besonderen Vergnügen aufgeführt wurde. Auch wenn sie seine Worte gar nicht verstand, bereitete es ihr doch Genuß, ihnen zu folgen und dabei zu denken, wie freundlich es von diesem hochgelehrten Herrn sei, sich überhaupt mit ihr abzugeben.

Und was ihr Vertrauen zu Doktor Lehmfink unendlich vertiefte, war das instinktive Gefühl, daß er ein anständiger Mann sei, der nichts Unrechtes von ihr wolle. Sie hatte trotz ihrer neunzehn Jahre die Erfahrung gemacht, daß das bei Männern etwas äußerst Seltenes ist. Die Drei hatten ein schmales, mit dünnem Wald bestandenes Thal durchschritten, in dessen Grunde ein seichtes Wässerlein hie und da aufblitzte. Nun stiegen sie durch tiefen Sand zu einer unbedeutenden Erhöhung empor. Der Gipfel war gelichtet und gestattete freien Ausblick.

Da unten über Baumwipfel hinweg sah man die Stadt liegen. Sie füllte das breite Flußthal mit ihren Häusermassen bis zu den jenseitigen Hügelreihen. Im Osten standen, gleich blauen Würfeln, eine Anzahl Berge gegen den milchweißen Himmel, deren Gipfel wie mit dem Messer abgeschnitten schienen. Der Fluß, von zahlreichen Brücken überspannt, trat in gefälliger Kurve aus der Stadt heraus, nur für ein kurzes Stück durch freies Land fließend, dann verdeckten ihn schon wieder Gebäudemassen, Häuserzeilen, Fabriken. Das ganze, weite, muldenartige Thal besetzt von menschlichen Anwesen. Selbst die niederen Höhenzüge, die nach beiden Seiten zurücktretend breiten Bänken fruchtbaren Vorlandes Platz machten, waren besät mit Dörfern, Einzelgehöften, Schlößchen und Landhäusern, die inmitten von Obstgärten und eingehegten Parks lagen. Wo nach Süden das Gelände offen im Anprall der Sonne sich breitete, hatte der Weinbau seinen Platz gefunden. Nach Norden hin aber dehnte sich auf rauhem Hochplateau dunkler Kiefernwald, sandige Heideflächen, sumpfiges Wiesenland.

Und in diesen breiten, prächtigen Rahmen eingebettet, lag die Stadt, halb in ihrem eigenen Dunst und Rauch verhüllt, mit ihren unzähligen Dächern, Essen, Schornsteinen, Giebeln, aus denen hie und da ein schlanker Turm, eine majestätische Kuppel, das Glasdach eines Bahnhofs, der viereckige Kasten einer Kaserne als Ruhepunkt im Wechsel kleinerer Formen auftauchten.

Lehmfink machte den Erklärer. Er benannte die einzelnen Stadtteile, die öffentlichen Gebäude, die Kirchen, die Paläste, die gewerblichen Anlagen, die großen Straßenzüge.

Es war der günstigste Augenblick. Die Sonne, im Sinken von intensiver Farbenkraft, vergoldete die Kirchturmspitzen und die Kuppeln, spiegelte sich in tausend großen und kleinen Scheiben, ließ einzelne Gebäude selbstleuchtend hervortreten, verlieh sogar den Fabrikessen, den großen Steinkästen, den kahlen Brandmauern, einen wärmeren Ton und durchleuchtete die Wolke von Dunst und Staub, die über dem Ganzen lag.

Fritz Berting ließ die blasierte Miene fallen; seine Züge belebten sich bei dem Anblick dieses Bildes voll Mannigfaltigkeit. Er war überrascht. Er hatte da unten gesteckt in einer heißen, engen, wenig sauberen Vorstadtwohnung. Hatte unter Kohlenstaub und Straßenlärm gelitten und schon manch liebes Mal den ganzen Ort verwünscht.

»Nicht wahr, das hättest du nicht vermutet?« fragte ihn Lehmfink.

»Ja, was denn! Das ist ja wirklich eine schöne Stadt!« rief Fritz.

»Wenn man so mitten drin steckt, Berting, merkt man zu viel von den Details und zu wenig von der Physiognomie. Hier aus der Vogelschau sieht man, daß das Ding einen Anfang hat und ein Ende, eine Umgebung, und eine Lage. Und man versteht nun auch den Sinn, nicht wahr? – begreift, daß eine Stadt gerade hier hat entstehen müssen.«

»Und da man als Deutscher, mein lieber Lehmfink, ja natürlich nicht Ruhe hat, bis nicht Zweck und Ursache eines Dinges endgiltig festgestellt sind, erkenne ich diesem Orte jetzt erst Existenzberechtigung zu, erkläre mich mit seinem Dasein ausgesöhnt und einverstanden.« Fritz lächelte ein wenig spöttisch, dann verlor er sich wieder ganz in Gedanken.

Lehmfink wollte in seinen Erläuterungen fortfahren, aber Fritz unterbrach ihn. »Verschone mich mit Namen, Lehmfink, oder gar mit Geschichte! Wenn mir jemand eine Landschaft erklärt, streift er für meine Augen unfehlbar allen Reiz davon ab. – Ist das da unten nicht wie ein persönliches Wesen? So müßte man von irgend einem Punkte aus auf unseren Maulwurfshaufen von Erde herabblicken können! Dann würde man vielleicht die richtige Würdigung haben des Lebens. Distanz ist alles! Das ist ja mein Traum; den höchsten Standpunkt zu finden, von dem aus man mit überlegenem und alles umfassendem Blick ein Bild geben könnte, zwingend durch Wahrheit, erdrückend durch Natürlichkeit. Das müßte ein wunderbares Kunstwerk geben, wenn man das ganze große Leben von solcher Warte aus belauschen könnte.« »Schreibe dieses Buch!« rief Lehmfink lebhaft.»Schreibe uns dieses Buch!«

»Die Stadt müßte man erweitern zu einem Symbol des gesamten Volkes, der ganzen Menschheit. Ach! Man müßte die Dächer da unten aufdecken können, und den Leuten in ihre Stuben blicken und Kammern. Wie sie essen, wie sie schlafen, müßte man wissen, wie sie sich gebärden, wenn sie sich ganz unbeobachtet glauben. Hüllenlos sie sehen bei jeder Bethätigung, in ihren primitiven Leidenschaften sie belauschen, wenn sie lieben und hassen, wenn sie hungrig sind, wenn sie sich voll gegessen haben und getrunken. Wie Neid, Eifersucht und Liebe abwechselnd sie gegeneinander und aufeinander treiben, wie sie sich bald umarmen, bald einander belügen und betrügen und sich den Tod an den Hals wünschen. Durch all die heuchlerischen Hüllen müßte man hindurchblicken können, die sie Geselligkeit, Familie, Gesetz, Sitte zu nennen belieben. Wem das gelänge, die Menschen so im Allerheiligsten der Alltagsprosa zu fassen! Die Tiere, ja die kann man belauschen. Aber der Mensch ist Schauspieler. Es ist so schwierig, menschliche Dokumente, wirklich echte Dokumente zu sammeln!« Fritz seufzte.

»Und was hättest du schließlich davon, wenn du auch ein paar Dutzend solcher Dokumente glücklich in deine Scheuern gesammelt hättest?« meinte Lehmfink. »Den großen Schatz ewiger Wahrheit hättest du damit nicht bereichert. Überlasse doch das Sammeln solch kleiner Augenblickswahrheiten der Wissenschaft. Warum willst du in einem Kehrichthaufen wühlen, lieber Berting, wo dir als Künstler das ganze Weltall zum Tummelplatz frei steht. Früher schrieb man Gedichte über Helden und Götter, über Menschen nur, wenn sie außerordentliche Dinge wollten; jetzt wird nicht mehr das Erhabene geschildert, sondern das Zwergenhafte. Ja, man verläßt das Gebiet des Geistigen und Seelischen vollständig, stellt in den Mittelpunkt einen toten Mechanismus als Symbol: ein Warenhaus, eine Straße, ein Bergwerk und schreibt darüber Dithyramben.«

»Schließlich bedarf die Seele doch des Leibes,« warf Berting ein, »und der Leib wieder des Kleides und der Behausung. Wir sind Sklaven der Sachen, in denen wir leben. Wie die Menschen essen, trinken, schlafen, davon hängt ab, wie sie denken, fühlen und handeln. Diese Grundlage des menschlichen Daseins muß auch die Kunst anerkennen, sie kann nicht, wie sie es bisher gethan hat, nur in den Wolken schweben wollen. Auf die allernüchternste Unterlage des Alltäglichen soll sie ihre glänzenden Muster sticken. Gefühl, Stimmung, Phantasie haben wir; aber das genügt noch lange nicht, um den großen Experimental-Roman zu schreiben, so wie ihn das Ausland hat, wie wir ihn überhaupt noch nicht ahnen. Die Wissenschaft, die Technik, die Soziologie, die ganze Natur, die Welt, alles, was es giebt, müßte man beherrschen, im Detail sowohl wie im Ganzen. Wir haben ein modernes Leben, ein großes, gewaltiges. Überall drängt es sich uns in die Sinne, aber es ist gewissermaßen nur äußerlich da, seine Eindrücke bleiben auf der Netzhaut. Wir sind so von ihm befangen, so von seiner Neuheit betäubt, daß noch niemand dazu gekommen ist, es zu verarbeiten. Und es ist so riesenhaft in seinen Dimensionen, daß die Arbeit fast hoffnungslos scheint, es jemals künstlerisch zu durchdringen. Ja, wenn man den Optimismus hätte und die Arbeitskraft eines Zola!«

»Ich begreife deine Hoffnungslosigkeit nicht,« sagte Lehmfink nach einigem Überlegen. »Daß eine Fülle von Stoff vorhanden ist, der der Verarbeitung harrt, kann man doch für den Künstler unmöglich als Unglück betrachten. Es kommt eben darauf an, den Geist zu erfassen, den höheren Sinn der tausend verwirrenden Einzelheiten um uns her. Wenn der Gelehrte vor dieser Aufgabe erschrickt, so kann ich das begreifen, denn er muß Kleinarbeit leisten und wird sich möglicherweise darin aufreiben. Der Dichter aber faßt zusammen, schenkt uns einen Blick von hoher Warte aus, der uns plötzlich die dunklen Thäler der Empirie aufhellt. Der Künstler kann seinen Standpunkt gar nicht erhaben genug wählen. Ängstliches Forschen, Sezieren, pedantische Wiedergabe der Wirklichkeit überlasse er den Forschern. Ihm ist Freiheit gegeben und Intuition, er soll uns die Harmonie hören lassen aus allen Disakkorden des Lebens, die nur seinem Ohre vernehmbar ist. Muß ich dir das sagen, Bertina!«

»Klingt ganz gut, Lehmfink. Du vergißt nur eins: wir Modernen sind an die Wirklichkeit gebunden mit ehernen Klammern. Unsere Vorfahren hatten es leicht; sie entfalteten einfach die Phantasieschwingen; je höher sie flogen, je mehr wurden sie bewundert. Aber inzwischen ist die Menschheit älter geworden. Die Naturwissenschaft hat sie aus ihren Träumen zum hellen Bewußtsein aufgeweckt. Die Sinne wollen zu ihrem Rechte kommen. Alles schreit nach Thatsachen. Die vorige Dichtergeneration hat sich Mühe gegeben, dem Publikum den Wirklichkeitssinn auszutreiben, alles mußte verhüllt, vergoldet, idealisiert werden. Wir lachen über diese Gestalten, die eine unmögliche Sprache sprechen, von Heroismus triefen und von bürgerlicher Tugendhaftigkeit. Dazu ein Milieu, das kein Milieu ist. Mit einem Worte: Unnatur, Mangel an Mut, Kräfte Originalität. Diesen ganzen falschen Idealismus wollen wir ausfegen. Das moderne Leben ist längst über ihn hinweggeschritten. In der Politik, im Erwerb, in der Technik herrscht der Realismus. Nur in der Litteratur sind wir um ein halbes Jahrhundert zurück. Das Ausland belächelt uns. Wir, die wir uns mit unzähligen Siegen brüsten, die wir uns anschicken, der ganzen Welt ein wissenschaftliches Gravelotte und ein industrielles Sedan zu bereiten, müssen uns einfach verkriechen, wenn man uns nach unseren künstlerischen Thaten fragt. Minnige, innige Butzenscheibenlieder, gedrechselte Professorenromane mit wissenschaftlichen Fußnoten, tönende Jambendramen, falsch nach Schiller empfunden. – Was soll ich noch weiter unser ganzes Elend aufzählen! – Du weißt doch, Lehmfink, wofür wir Jungen kämpfen, daß wir herauswollen aus der Misere. Wenn je eine Revolution berechtigt, notwendig, ja heilig ist, dann diese!« – Fritz Berting ließ seinen Blick über die Stadt gleiten, über das ganze weite von Leben und Arbeit erfüllte Thal. Doktor Lehmfink hätte noch manches zu erwidern gehabt, aber er verschluckte es. Er wollte den Freund nicht aus seinem Träumen reißen. Er sah, daß in jenem ein Entschluß arbeite; und das schien ihm gut zu sein.

Fritz Berting sprach ein Paar Worte, wie zu sich selbst: »Den großen, deutschen, naturalistischen Roman, wer den schriebe! Ein freies, rücksichtsloses Buch! Größer als Stendhal, Flaubert, Balzac und die Goncourts, als Zola und Dostojewskij. Wem das gelänge!« –

Alma blickte ihn mit scheuer Miene von der Seite an. Wenn Fritz so ernst dreinschaute, dann begriff sie den Abstand zwischen sich und ihm. Und das Bewußtsein dieses Abstandes machte sie traurig.

Berting umfaßte das ganze Rund noch einmal mit den Augen, dann nickte er befriedigt.

Sobald man das Weichbild der Stadt wieder erreicht hatte, trennte sich Doktor Lehmfink von seinen Freunden. Er hatte in der Redaktion seines Blattes zu thun, wo heute Abend Konferenz der Redakteure stattfand.

Alma hatte sich bei Fritz eingehängt. Sie war doch ein wenig müde geworden von dem ungewohnten Marschieren. Langsam schlenderten die beiden die Straße hinab; es kam ja wenig darauf an, ob sie eine halbe Stunde früher oder später in ihrem Quartier ankamen. Was wartete ihrer dort, als ein unerträglich heißes Zimmer, ein schmales Abendbrot, das man appetitlos genoß, und später ein Lager, auf dem man sich ruhelos wälzen würde, bis einen in den Morgenstunden bleierner Schlaf ohne Erquickung umfing.

Nicht immer gestattete es Fritz, daß sie sich so bei ihm einhängte. Er liebte die »Vertraulichkeiten auf offener Straße«, wie er das nannte, im allgemeinen nicht. Alma aber wünschte, wie die meisten Mädchen in ihrer Lage, alle Welt solle wissen, daß sie einander zugehörten, daß er ihr Schatz sei. Sie war unendlich stolz auf ihn. Oft genug, während sie so schritten, streifte ihn ihr Blick heimlich bewundernd von der Seite. Er hing seinen eigenen Gedanken nach, vor denen sie großen Respekt hatte. Das Mädchen war schon zufrieden, wenn er nur duldete, daß sie ab und zu seinen Arm ein wenig drückte, um ihm ein verstohlenes Zeichen ihrer Anwesenheit zu geben.

An einer Mauer, auf die ihr Weg sie gerade zuführte, war unter anderen ein großes, rotes Plakat angebracht, auf dem ein Gastwirt sein Gartenetablissement anpries. Heute Abend sollte dort bei »feeenhafter Beleuchtung« ein »Monstrekonzert« von zwei Militärkapellen ausgeführt werden. Alma hatte Halt gemacht und schickte sich an, das Plakat von Anfang bis zu Ende durchzulesen. Fritz zog sie davon weg. »Schauderhaft!« meinte er. Mit einem bedauernden Blick nach dem roten Zettel folgte ihm Alma. In ihrer Phantasie hatte das Gelesene eine starke Wirkung hervorgebracht. Sie glaubte wörtlich an die feeenhafte Beleuchtung, an das Monstrekonzert, und malte sich das Ganze aus als ein Paradies von Schönheit und vornehmem Genuß. Aber sie sagte nichts, obgleich sie sich lebhaft sehnte, nach der Langeweile der letzten Wochen gerade heute ein Vergnügen zu haben.

Fritz kam unerwarteter Weise selbst auf den Gedanken, daß man den Abend dort zubringen könne. »Die Musik wird zwar peinigend sein,« sagte er. »Mißverstandener Wagner und ungarische Rhapsodie im Stile eines Defiliermarsches vorgetragen. Auch auf die Beleuchtung würde ich gern verzichten, ein paar chinesische Lampions in den Bäumen und Fettnäpfchen an den Rasenplätzen. Aber wenigstens werden wir gute Luft haben. Ich bekomme die ewige Cervelatwurst, die uns Frau Klippel jeden Abend besorgt, nachgerade auch satt. Wir können uns schon mal eine Ausschweifung gönnen.«

Alma jubelte.

Man beschloß trotzdem erst nach Haus zu gehen, denn es war gegen sieben Uhr, und das Konzert sollte in der neunten Stunde beginnen.

Der Weg führte durch Straßenzüge, die im freien Felde endigten, an Lattenzäunen vorbei, über liederliches Bauland, auf dem Schutt und Kehricht abgeladen worden war. Dann ein freier Platz, dessen Hintergrund die weitläufige Anlage einer Fabrik bildete. Und wieder kamen Straßen mit häßlichen, graugelben Häuserfronten und hohen, kahlen Brandmauern.

In den Gassen dieses Viertels herrschte freies, ungeniertes Leben. Männer in Hemdsärmeln, Cigarre im Munde und Frauen in lockeren Flanellblusen lehnten zum Fenster hinaus. Ganze Familien hatten sich's auf der Straße gemütlich gemacht, wo sie in voller Öffentlichkeit ihr Abendbrot verzehrten. Kinder balgten sich und trieben mit viel Geschrei wilde Spiele auf dem Bürgersteig. Ein Leierkastenmann drehte sein Instrument und veranlaßte die Hunde der Umgegend zu kläglichem Heulen. Mädchen, modisch aufgeputzt, mit schlecht gepflegtem Haar und unsauberen Händen hatten mit einander zu tuscheln, liefen kichernd über die Straße und schielten gelegentlich nach einer Gruppe junger Burschen, die, Hände in den Taschen und Hut im Genick, an einer Straßenecke standen, und vorläufig auf die Koketterie dieser Schönen nicht zu achten vorgaben. Gerüche aller Art strömten aus den offenen Hausthüren und Kellerlöchern. Die Schaufenster schienen hauptsächlich für die Fliegen da zu sein; Fliegen schwammen in Glocken und klebten schwarzen Rosinen ähnlich am Leim der Tüten und Bänder, die man ihnen als heimtückische Fallen aufgestellt hatte. Was sonst an Auslagen vorhanden war hinter den schmutzigen Glasscheiben, konnte eher abschrecken als zum Kaufen anlocken.

Unter gewöhnlichen Umständen würde Fritz Berting sich beeilt haben, möglichst schnell solchen Eindrücken zu entkommen. Heute verweilte er dabei mit einem gewissen liebevollen Interesse. Es war, als hätten diese schlampigen Weiber, diese groben Männer, die aufgeputzten Mädel, die schmutzigen Kindergesichter, als hätten die häßlichen Häuser, die ganze Straße, ihm irgendwelche wichtigen Geheimnisse zu erzählen. Der Hauch von Armseligkeit und Vernachlässigung aber, der über allem lag, seinen verwöhnten Nerven sonst ein Greuel, gab ihm heute nur den Eindruck einer intim charakteristischen Stimmung.

Alma wußte nicht recht, warum er jetzt in einem fort Halt machte und mit interessierter Miene die gleichgiltigsten Dinge betrachtete. Aber sie hütete sich wohl, ihn darüber auszufragen. So lieb er häufig sein konnte, so empfindlich und unberechenbar war er zu anderen Zeiten. Dann brachte ihn eine Frage, eine Bemerkung, ein Lachen, ganz außer sich.

Alma fürchtete sich vor Szenen. Nicht aus gewöhnlicher Feigheit. Sie ahnte dunkel, daß mit jedem Streit, den sie miteinander hatten, ein Teil des Liebeskapitals unwiederbringlich dahinschwinde, des gemeinsamen Kapitals, zu dem sie sowieso den größeren Teil beisteuerte.

An der nächsten Straßenecke gab es einen großen Menschenauflauf. Ein Mann und ein junges Weib zankten sich. Es war schwer zu erkennen, um was es sich eigentlich handelte, denn die halbe Straße hatte sich im Nu versammelt. Weiber nahmen Partei, Männer lachten und feuerten an, Kinder lärmten dazwischen. Aus allen Fenstern blickten neugierig Köpfe.

Das junge Weib in anderen Umständen, nur leicht bekleidet mit Rock und Nachtjacke, das Haar zerzaust, warf ihrem Manne, einem großen, ungeschlachten Burschen, Untreue vor. Er stand trotzig da, kam nicht zu Worte unter der Flut von Beschuldigungen, die sich über ihn ergoß. Die Frau plauderte alles aus, enthüllte das ganze traurige Familienleben, gab es der Schadenfreude der Zuhörer Preis. Er ballte die Fäuste, bedrohte sie. Da trat sie dicht vor ihn hin, forderte ihn heraus, sie zu schlagen, sie ins Gesicht zu schlagen, vor der ganzen Straße sie zu schlagen, wie er es, wenn sie allein seien, so oft thue. Der große Kerl knirschte mit den Zähnen vor Wut, rollte die Augen und wagte es doch nicht, sie anzurühren.

Fritz Berting betrachtete den Vorgang mit atemloser Spannung. Alles nahm er in sich auf, jede kleinste Veränderung der Züge, die wechselnden, blitzartigen Bewegungen, jede Nuance der Stimmen. Das armselige Weib, wie sie unter der Wucht ihrer Gefühle und im Bewußtsein ihres Rechtes über sich selbst hinaus gesteigert wurde. Wie sie Worte fand von Kraft und Größe, die ihr im gewöhnlichen Leben sicherlich niemals zu Gebote gestanden hätten. Während bei dem brutalen Manne vor diesem unerwarteten Ausbruch großer Leidenschaft die feige Hundsnatur zum Durchbruch kam. – Nichts entging Fritz. Er sah die Physiognomieen der Zuschauer, ihre Lüsternheit; wie sie danach lechzten, daß jener zuschlagen möge, wie sie ein blutiges Schauspiel herbeisehnten.

Alles das nahm der Dichter in sich auf, mit einer gewissen kühlen Befriedigung den Schatz von Dokumenten bereichernd, den er, wo er ging und stand, zu vermehren bemüht war.

Als sich die Streitenden schließlich bei der Annäherung eines Polizisten ins Haus zurückzogen, verließen auch Fritz und Alma den Platz.

›Wahrhaftig!‹ dachte Fritz Berting bei sich, ›man braucht doch nur die Nasenspitze eines Gesichtes zu sehen, um den ganzen Menschen mit Leichtigkeit daraus zu rekonstruieren. Ich kenne die ganze Vorgeschichte, die intimsten Erlebnisse dieser beiden Menschen. Und nicht bloß sie, ihre Sippe, die Klasse, die ganze Straße, die Atmosphäre, das Milieu, in dem sie leben. Es steht klar und deutlich vor mir, als lebte ich seit Jahren mit ihnen zusammen, teilte ihre Genüsse, ihr Elend. Über ihre Gedanken, ihre Regungen, ihre Bedürfnisse könnte ich Rede stehen, bis ins Kleinste.‹

Bei Alma hatte das Erlebte ganz andere Gefühle ausgelöst. Sie kannte solche Szenen, wie die eben gesehene, nur zu gut. Mit geheimem Grauen erfüllte sie dergleichen. Erinnerte es sie doch an ihre traurige Kindheit. In ähnlicher Umgebung war sie aufgewachsen. Armut und Elend tragen überall in der Welt das gleiche Gewand. Schamlosigkeit, Zügellosigkeit, Mangel an Würde blickten durch die Löcher ihres zerfetzten Kleides. Wie genau kannte sie diese Auftritte auf offener Gasse, die rohen Männer, die keifenden Weiber, die gaffende, schadenfrohe Menge, wenn der Jammer der Häuslichkeit herausgeschafft wird wie Kehricht, in dem dann jedermann nach alten Knochen und dergleichen zu wühlen sich für berechtigt hält.

Fritz Berting spann das Erlebnis mit Behagen weiter aus. Ihm hatte es einen noch weit intensiveren Genuß bereitet, als der Anblick der schönen Stadt zu seinen Füßen im Abendsonnenschein.

Als die beiden von dem Ausfluge in ihre Wohnung zurückkehrten, sagte Frau Klippel, die Quartierwirtin, es wäre ein Herr dagewesen, der nach Herrn Berting gefragt hätte und etwas Geschriebenes zurückgelassen habe; außerdem sei auch ein Brief mit der Post gekommen.

Fritz ging ins Wohnzimmer. Er griff zunächst nach dem Brief. Der Umschlag zeigte ihm die Hand seiner Schwester. Schrieb Konstanze auch einmal wieder! – Was darin stehen würde, glaubte er im voraus zu wissen. Ihre Briefe waren sich ja alle ziemlich gleich. Sie enthielten Berichte darüber, was ihr Mann, den sie über alles bewunderte, gesagt und gethan habe, und ermahnende Worte für Fritz, der, seit er sich der Litteratur zugewendet hatte, von der Familie als verlorener Sohn betrachtet wurde.

Fritz hätte die Lektüre des schwesterlichen Briefes, der ihm schwerlich Neues bringen würde, auf später aufgeschoben, wenn nicht der Poststempel Berlin gewesen wäre, der ihn stutzen machte. Sein Schwager Wedner war in einer östlichen Provinzialhauptstadt Regierungsbeamter. Wie kam es, daß Konstanze ihm aus der Reichshauptstadt schrieb? –

Der Brief gab ihm hierüber sofort Aufklärung. Die Schwester vermeldete, daß sie nach Berlin versetzt seien. Wedners brennender Wunsch, ins Kultusministerium zu kommen, sei damit erfüllt. Sonach wäre ihr Mann nun endlich in der Stellung angelangt, in die er seinen religiösen Interessen und seiner ernsten Gesinnung nach gehöre. Daß die Versetzung außerdem auch eine Rangerhöhung und eine nicht unbedeutende Gehaltsaufbesserung bedeute, ließ die Schreiberin mit einfließen. Eines sei ihr nur wehmütig, daß jetzt, wo sie nach Berlin gekommen, Fritz gerade die Stadt verlassen hätte. Dann kamen Fragen, wie es ihm gehe, und die Bitte, ihr doch zu schreiben. Die Verstimmung, die leider zwischen ihm und Wedner bestehe, dürfe nimmermehr auch auf sie übergreifen. Sie wollten doch ja nicht vergessen, daß sie beide einzig noch übrig seien von den Geschwistern. Ganz nebenbei erwähnte die Schwester, daß Fräulein Mariechen Pauli noch immer unverlobt sei.

Fritz mußte lächeln, als er an diese Stelle kam. Konstanze blieb doch immer dieselbe: stets bereit, den Bruder für die Ehe einzufangen, um ihn damit der soliden Bürgerlichkeit wieder zuzuführen.

Eines fehlte Fritz noch zur Vollständigkeit des schwesterlichen Briefes: die Ermahnungen. Sie kamen auch und in unerwarteter Form. Neulich, so schrieb Konstanze, habe Wedner in einem Blatte, noch dazu in einem anerkannt schlecht gesinnten, eine Erzählung von Fritz gefunden. Wedner, der sonst niemals solche Sachen lese, habe hier einmal eine Ausnahme gemacht, um zu sehen, was sein Schwager eigentlich jetzt schreibe. Er sei entsetzt gewesen, habe Fritzens Arbeit eine »Verhöhnung« genannt, »alles dessen, was uns heilig ist«. Sie selbst habe das Blatt gar nicht in die Hand nehmen dürfen, könne nur aus Wedners Entrüstung ihre Schlüsse ziehen. Warum denn Fritz so etwas thue? Ob er denn gar nicht daran denke, daß er aus guter Familie stamme? Wenn der Vater das erlebt hätte, der so auf den Namen Berting gehalten habe. –

Hier hielt Fritz inne. Er war gegen Konstanzens Vorwürfe ziemlich abgebrüht und machte sich im allgemeinen aus ihren mütterlichen Winken nicht viel; wußte er doch, daß die Gute nur ein Echo war ihres Gatten. Von dem Schwager Wedner aber Verständnis oder gar Billigung seiner Kunst zu erwarten, hätte geheißen, vom Maulwurf Sinn für Astronomie verlangen. Fritz wunderte sich über Mißdeutung seines Schaffens von der Seite nicht. Wenn aber die Schwester ihm sagen wollte, was er seinem Namen schuldig sei, brachte sie sein Blut in Wallung.

Über den letzten Teil des Briefes hingegen konnte Fritz nur lachen. Die Schwester erkundigte sich, ob er denn immer noch mit »dieser Person« in Beziehung stünde, mit der er in Berlin gesehen worden sei. Sie könne ihm nicht verschweigen, was Wedner über diesen Punkt gesagt habe: daß, solange Fritz seinen Wandel nicht ändere und nicht ernsthafte Zeichen von Besserung an den Tag lege, an eine Aussöhnung nicht zu denken sei. Außerdem, so fügte die Schwester charakteristischer Weise hinzu, müsse ihm ein solches Leben doch sehr teuer kommen. Wie es denn mit Fritzens Geldverhältnissen stünde? Sie könne doch unmöglich glauben, was in der Verwandtschaft erzählt werde, daß Fritz das Seine schon völlig verthan habe. Er solle nur nicht denken, daß die Familie für ihn eintreten würde; dazu seien sie einmal nicht in der Lage und außerdem habe Wedner gesagt, müsse man es Gott überlassen, Fritz auf den rechten Weg zurückzuführen.

Mit der abermaligen Bitte, recht bald zu antworten, schloß der Brief der Schwester.

Fritz faltete das Schreiben zusammen und legte es in ein besonderes Fach, zu dem er den Schlüssel stets bei sich in der Tasche trug. Er traute der Quartierswirtin nicht, und auch Alma brauchte diesen Brief nicht zu lesen.

Dann summte er sich einen Gassenhauer, suchte die lästigen Gedanken, die ihm Konstanzens Geschreibsel erweckt hatte, loszuwerden.

Auf dem Tisch lag auch noch der Zettel von jenem Herrn, der in seiner Abwesenheit dagewesen war. Fritz nahm ihn zur Hand und trat damit ans Fenster.

Er entzifferte aus der ziemlich unleserlichen Handschrift, daß ein gewisser Karol ihn ersuche, heute abend in ein Bierlokal der inneren Stadt zu kommen; der Tisch, an dem Herr Karol sitzen würde, war genau bezeichnet.

Er kenne Herrn Berting aus seinen Veröffentlichungen, schrieb Karol, und fühle den lebhaften Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft. Auch er sei ein Mann der Feder. Er glaube verwandte Ziele zu haben mit Berting und darum würde es ihm eine Genugthuung bedeuten, sich einmal unter vier Augen mit ihm auszusprechen.

Karol, Karol!– – Fritz strengte sein Gedächtnis an. Er glaubte sich zu entsinnen, den Namen beim Durchblättern sozialistischer Blätter einigemale unter Feuilletons gesehen zu haben. Er hatte die Artikel nicht gelesen, weil er im allgemeinen nicht viel von einer Verquickung der Kunst mit Parteipolitik hielt. Aber ein Gedicht war ihm in Erinnerung geblieben, das auch die Unterschrift »Karol« trug. Es hatte angefangen: »Laßt eure Federn Dolche sein!« und war, wie Fritz bei flüchtigem Durchlesen erschien, stark an Herwegh angelehnt. Und dieser Mann schrieb ihm jetzt, daß er die persönliche Bekanntschaft des Dichters Berting herbeisehne. –

Fritz mußte unwillkürlich lächeln. Er seinerseits sehnte sich nicht nach Begegnung mit diesem Kollegen. Es war zehn gegen eins zu wetten, daß es eine Enttäuschung geben werde.

Von dem Spaziergang etwas ermüdet, hatte er sich auf dem Sofa niedergelassen. Er überlegte, sollte er der Aufforderung Folge leisten? Es war doch eigentlich Arroganz, jemanden, den man gar nicht kannte, einfach zum Rendezvous aufzufordern mit der Behauptung, daß man »gemeinsame Ziele« habe.

Aber gerade das Selbstbewußtsein, das sich in den Zeilen ausdrückte, reizte auch wieder die Neugier, den Schreiber kennen zu lernen. Vielleicht war Herr Karol doch nicht ganz ohne litterarischen Einfluß. Man konnte nicht wissen, ob man sich nicht eine Chance verdarb, wenn man den Mann einfach an seinem Tische vergeblich warten ließ.

Eben war er mit sich ins reine gekommen, daß er den Abend diesem Karol opfern wolle, als aus dem Schlafzimmer Alma eintrat. Sie hatte sich umgezogen, ihr bestes Kleid angelegt.

»Soll ich den Sammethut aufsetzen?« fragte sie, »oder den mit den Mohnblumen?«

Da fiel ihm ein, was er ihr vorhin zugesagt hatte.

»Ach richtig, dein Monstrekonzert! – Entschuldige, Liebling, daraus kann heute nichts werden. Ich muß mich mit einem Herrn treffen, der mir geschrieben hat.«

Das eben noch strahlende Gesicht des Mädchens verdüsterte sich. Die Thränen kamen ihr sofort. Sie schluckte an irgend einem unausgesprochenen Wort und trat ans Fenster.

Fritz setzte ihr vom Sofa her auseinander, daß die Sache von größter Bedeutung für ihn sei. Er erklärte, daß er durch diesen Herrn Karol mit einem angesehenen Blatte in Verbindung kommen werde. Alma glaubte ihm nicht. Sie lebte lange genug mit Fritz zusammen, um sofort zu fühlen, wenn er es nicht ganz aufrichtig meinte.

Ihr Ohr war das der Eifersüchtigen. Alma war eifersüchtig auf jedes Ding, jeden Menschen, mochte es Mann sein oder Weib. Sie war in diesem Falle auch gekränkt. Da schrieb ein beliebiger, wildfremder Herr an ihn und sofort hatte Fritz darüber vergessen, was er ihr versprochen.

Wie hatte sie sich auf dieses Konzert gefreut! Garnicht so sehr der Musik wegen, oder der Beleuchtung, wie er wohl annahm; sondern darauf, mit ihm dorthin gehen zu dürfen, an seinem Arme, überhaupt ihn einmal wieder für sich zu haben einen ganzen Abend lang. Das war nun alles zu Wasser geworden, und seine schönsten Erklärungen änderten daran nichts.

Was bedeuteten Vernunftgründe für Alma. Sie hörte nur das eine aus seinen Worten, daß die Kunst, oder um was es sich sonst handeln mochte, ihm mehr bedeute als sie.

Sie schwieg beharrlich. Das hübsche Gesicht, das man nur immer heiter und aufgeräumt zu sehen gewohnt war, glich auf einmal einem festlichen Zimmer, in dem alle Kerzen ausgelöscht sind.

»Übermorgen ist Sonntag!« sagte Fritz. »Ich wollte längst einmal Lehmfink einladen. Dann gehen wir zusammen aus, Liebchen. Ich will sogar Sekt spendieren. Den haben wir lange nicht getrunken. Denke mal: Sekt!«

So ließ Alma sich nicht beschwichtigen. Sie hatte eine jener Enttäuschungen erlebt, die Frauen nicht leicht vergessen. Fritz kannte sie schlecht, wenn er glaubte, sie mit einem in Aussicht gestellten Sektdiner zu versöhnen. Er begriff überhaupt nicht, um was es sich für sie handelte. Wenn er ihr in diesem Augenblicke gesagt hätte: Ich werde dem fremden Herrn abschreiben, gieb du dein Konzert auf, wir wollen den Abend ganz still hier verbringen – jubelnd würde sie diesem Vorschlage zugestimmt haben. Mit ihm zusammen sein, am liebsten allein! Fühlen, daß man einander zugehöre, die Stunde genießen, die so nicht wieder kam. Übermorgen! – Was war Übermorgen? Er hätte ihr ebensogut versprechen können, daß er sie morgen heiraten wolle, das würde sie nicht getröstet haben über das verlorene Glück, das sie für heute geträumt hatte.

Er trat zu ihr, streichelte ihr die Wange und raunte ihr ins Ohr: »Nicht maulen, Liebchen! Wir können noch oft gehen. Konzerte giebt's viele.«

Aber die Stirn blieb kraus und die Augen voll Thränen. Es war so bitter zu denken, daß er ihr das anthun konnte, gerade ihr! Daß sie ihm so wenig bedeutete, nach allem, was sie gemeinsam durchlebt.

Fritz Berting und Alma Lux hatten einander in Berlin kennen gelernt, etwa vor fünf Vierteljahren. Sie war damals noch nicht lange in der Reichshauptstadt gewesen, in die ein Zufall sie aus ihrer schlesischen Heimat verschlagen hatte.

Ihr Vater war als Aufseher in einer großen Spinnerei angestellt. Sie selbst hatte von der Konfirmation ab der Mutter in der Haushaltung geholfen. Die Familie war stark, das Auskommen schmal und die Frau nicht sonderlich wirtschaftlich. Alma lernte alle Sorgen eines ärmlichen Hausstandes in früher Jugend kennen.

Dann starb der Vater nach kurzer Krankheit. Die Mutter heiratete bald darauf einen jüngeren Mann, der früher Schlafbursche im Hause gewesen war. Alma, empört über das, was ihr wie Treulosigkeit vorkam, verließ die Mutter und trat als Verkäuferin in ein Geschäft ein.

Dort sah sie ein berliner Geschäftsreisender. Er redete dem jungen, bildhübschen Mädchen zu, nach Berlin zu kommen, in der Hauptstadt wolle er ihr eine bessere Stellung verschaffen. Alma wäre vielleicht nicht auf die Lockungen des redegewandten Mannes eingegangen, wären nicht die unerquicklichen Verhältnisse in der Familie gewesen.

In Berlin erwiesen sich die Versprechungen des Reisenden als blauer Dunst. Alma besaß jedoch Besonnenheit genug, sich seinen kupplerischen Plänen zu entziehen. Auf eigene Faust suchte sie sich Beschäftigung.

In einem großen Geschäftshause für Damenkonfektion fand sie feste Stellung. Aber auch hier wurde ihr das Leben schwer gemacht. Ein jugendlicher Commis wollte sie durchaus heiraten, und einer der Chefs näherte sich ihr mit minder ehrenvollen Anträgen. Sie wechselte die Stelle, ohne daß es ihr an dem neuen Platze in dieser Beziehung besser ergangen wäre.

Die Kolleginnen verlachten sie wegen ihrer Sprödigkeit, und die abgewiesenen Männer waren nicht gut auf sie zu sprechen. Aber sie ließ sich nicht irre machen. Was sie daheim in ihrer nächsten Umgebung als junges Ding gesehen, hatte dem Mädchen einen tiefen Abscheu beigebracht vor Leichtsinn in Liebesdingen. Lieben wollte sie, aber nur, wenn der Rechte käme und nur diesen einen. Heute diesem, morgen jenem ohne Liebe sich hingeben, wie sie es bei so manchem Mädchen erlebte, das schien ihr ekelhaft und ein großes Unrecht.

Eines Tages lernte sie Fritz Berting kennen bei einem öffentlichen Balle, den zu besuchen sie sich durch eine Freundin hatte bereden lassen. Er brachte sie abends bis vor die Hausthür und bat um Erlaubnis, sie wiedersehen zu dürfen. Sie sagte nicht nein, und man traf sich von da ab häufig.

Zwar begriff Alma sehr bald, daß es sich bei Fritzens Liebeswerbung auch nicht um Heirat handle; aber es fiel ihr darum nicht ein, ihn mit den Männern, die sich ihr bisher genähert hatten, auf eine Stufe zu stellen. Ihr hatte sich mit seinem Erscheinen ein Traum erfüllt. Der Rechte war gekommen.

Fritz Berting verlangte von Alma, daß sie ihre Stellung als Ladenfräulein aufgebe, er werde für sie sorgen. Sie zogen nicht zusammen. Er besaß damals noch eigenes Vermögen und konnte sich den Luxus gestatten, zwei Wohnungen zu bezahlen. Alma wurde von ihm reichlich mit Kleidern ausgestattet; er wünschte, daß sie wie eine Dame auftreten solle. Auch verlangte er, daß sie ihre Hände schone, damit ihre Fingernägel in »anständigen Zustand« kämen. Sie that ihm den Gefallen, enthielt sich jeder groben Arbeit, obgleich das langweilig genug war; das Nichtsthun lag gar nicht in ihrem Wesen. Aber dieses Mädchen hätte schließlich noch ganz andere Opfer gebracht für den Mann, den sie liebte.

Was Fritz Berting eigentlich sei, womit er den Lebensunterhalt verdiene, hätte Alma damals kaum anzugeben vermocht. Sie kümmerte sich darum auch nicht im ersten Liebesglück. Dann als sie in aller Unbefangenheit über einen Menschen spottete, der aussehe »wie ein Dichter«, sagte er ihr: auch er sei ein solcher, und er kenne keinen höheren Titel. Sie war belustigt über seine Bemerkung, die sie für Spaß hielt, bis sie ein Buch fand, das seinen Namen als Verfasser trug. Neugierig begann sie darin zu blättern. Es waren Verse. Er nahm ihr das Buch weg; davon verstehe sie nichts. Sie erklärte stolz, daß sie auf der Schule manches Gedicht auswendig gelernt hätte. Zum Beweise begann sie zu deklamieren. Aber er hielt sich entsetzt die Ohren zu und rief: mit Uhland könne man ihn umbringen.

Mit der Zeit lernte Alma auch verschiedene seiner Bekannten näher kennen. Das waren die wunderlichsten Leute der Welt. In ihren Reden und Angewohnheiten konnte man sich gar nicht zurecht finden. Ernsthafte Dinge behandelten sie leicht und leichte äußerst ernsthaft. Die Männer waren noch nicht das erstaunlichste; aber die Damen dieses Kreises! Wie sie sich kleideten und über was für Dinge sie sprachen! – Der kleinen Alma blieb oft der Mund offen stehen. Zu schreiben schienen sie mehr oder weniger alle, Männlein wie Weiblein. Und die, die nicht schrieben, malten, traten öffentlich auf, hielten Vorträge vor hunderten und tausenden von Zuhörern.

Alma versuchte gelegentlich zu den Gesprächen auch ein Wort zu sagen; aber da sah man sie erstaunt an, als rede sie in fremder Zunge. Oder man belustigte sich über ihre Aussprache, zog sie wohl gar auf. Fritz saß mit verdrossener Miene dabei, und machte ihr, wenn sie allein waren, Vorwürfe. Sie hielt ihm vor, daß sie doch nichts dafür könne, wenn sie wenig gelernt habe. Er meinte: auf Bildung komme es in diesem Falle gar nicht an, sondern auf Geschmack. Bildung könne sie sich noch jetzt zur Not erwerben, aber Geschmack sei eine Sache der Kultur und des Taktes; die habe man oder man habe sie nicht. Das verstand sie nun wieder nicht; aber das Demütigende fühlte sie wohl heraus. Am meisten aber grämte sie sich, daß Fritz sich ihrer vor seinen Freunden zu schämen schien. Sie verhielt sich fortan ganz stille in Gesellschaft, gab nur noch verschüchtert Antwort, wenn sie direkt gefragt wurde.

So war Alma, obgleich sie mitten drin stand in einem Kreise interessanter, ungewöhnlicher Menschen, doch eigentlich einsam. Sie fühlte sich herausgerissen aus allem, was sie bisher gehabt. Freilich hatte sie ihren Fritz. Er konnte sehr lieb sein und gütig in den glücklichen Augenblicken ihres Zusammenlebens. Manchmal aber war er schroff und kalt, ja geradezu feindlich gegen sie.

Das machte, er hatte Sorgen. Sie merkte es sehr bald, obgleich er ihr nicht Einblick gewährte in seine Verhältnisse. Wie gern hätte sie geholfen! Warum war er nur so stolz? Warum verdiente er sich nichts? Sie stellte ihn einmal darüber zur Rede. Er antwortete ihr: in Deutschland habe alles seinen Marktpreis, nur nicht Verse. Als sie darauf sagte: dann möge er das Versemachen doch lassen und etwas schreiben, das Geld einbrächte, da lachte er bitter auf und nannte sie »Eva«.

Fritz Berting war jetzt ganz in Anspruch genommen von etwas Neuem. Er hatte sich entschlossen, sein Drama »Leiser Schlaf«, das alle Bühnen bisher abgelehnt hatten, auf eigene Kosten zur Aufführung zu bringen.

Er nannte es: einen »letzten Wurf«. Wenn das ein Mißerfolg sei, dann könne er sich eine Kugel vor den Kopf schießen.

Ohne alles zu verstehen, was er sagte, begriff Alma doch, daß es sich für ihn um Großes, Entscheidendes handle. Sie klagte nicht, wenn er fortan durch Proben, Besuche bei Schauspielern und Kritikern und andere Vorbereitungen für den »Tag der Schlacht« ihr immer mehr entzogen wurde.

Fritz Berting hatte auf diese Aufführung, wie auf eine letzte Karte, den Rest seines kleinen Vermögens gesetzt. Mit seiner Familie war er zerfallen. Der Vater, dem Korrektheit über alles ging, hatte ihm niemals verziehen, daß er die begonnene juristische Carriere aufgegeben und zur Bohême übergelaufen war, daß er anstößige Gedichte schrieb und Dramen, die alles andere waren als hofbühnenfähig.

Die Kunst hatte für ihn einen goldenen Boden noch nicht gehabt. Seine Gedichtsammlungen waren in preciösester Ausstattung erschienen und brachten ihm, obgleich sie im Kreise der Kenner nicht unbeachtet geblieben waren, die Herstellungskosten keineswegs zurück.

Dramen zu schreiben, hatte er sehr früh angefangen. Lessing, Schiller, Körner, Laube standen bei seinen Erstlingen Pate. Dann hatte er fünfaktige Römerdramen verfaßt, und die große von der Geschichte selbst geschriebene Hohenstaufentragödie in schlechten Jamben verballhornisiert. Durch Zufall kam ihm Grabbe in die Hände, und nun wimmelten seine Entwürfe von grausamen Lüstlingen und Bluthunden, die sich mit dem Mantel philosophischen Weltschmerzes zu drapieren verstanden. In der Zeit, wo der junge Dichter mit der lebendigen Bühne in erste Berührung kam, beherrschte das französische Sittenstück und seine Nachahmungen das Repertoire. Von da ab ließ er seine Stücke nur noch im Salon spielen. Natürlich handelte es sich um Ehekonflikte. Die Gestalt des allwissenden, die Absicht des Dichters interpretierenden, witzigen Raisonneurs, fehlte auch in Fritz Bertings Komödien nicht.

Diese Einflüsse verblaßten vor einem Gestirn von unerhörter Form und Strahlenbrechung, das damals am Himmel der deutschen Litteratur aufstieg: Ibsen.

Er wirkte wie die Entdeckung eines neuen Erdteiles. Alles war an diesem Dramatiker ungewöhnlich: die Technik, die Sprache, die Probleme, auch seine Persönlichkeit, sein Werdegang. Als eine fertige, gereifte, in sich geschlossene Erscheinung stand er mit einem Male da, auftauchend aus dem Unbekannten. Er war weit mehr als ein Theaterdichter. Wenn auch nur für seine kleine Heimat geschrieben, meinten seine Dichtungen doch die ganze Welt. Er war der Dichter der Epoche, weil er die Sehnsucht nach einer neuen Ethik zu erfüllen schien. Denn bei ihm gab es keine Staatsaktionen, keine Intriguen und Verwickelungen im Sinne des alten Theaters, das Interesse war konzentriert auf das Seelische, die Handlung verlegt in das Gewissen der Menschen. Moralisch waren seine Stücke, aber im Sinne einer neuen, subtileren, freieren Moral als die alte, nach himmlischer Belohnung schielende. Eine Moral, die auf gesundem Egoismus und kühner Selbstverantwortung ruhte. Die moderne, selbstherrliche, dem Gängelbande von Staat und Kirche entwachsene Menschheit wurde gezeigt, nach welchen Grundsätzen sie in Wahrheit lebt, welche Triebe, Bedürfnisse und Ziele sie in Wirklichkeit regieren. In die tiefsten Schichten der sozialen Heuchelei bohrte dieser Dichter hinab, an alles morsche Gestein klopfte er. Ein revolutionärer Dichter, der alte Götzen von ihren Piedestalen warf und an das Heiligste und Verehrteste kühl den Maßstab unerbittlicher Wahrhaftigkeit legte, eine neue Welt mit neuen Gesetzen für Gut und Böse, Schön und Unschön, Gesund und Krank schuf.

Fritz Berting stand zunächst vor dem Phänomen Ibsen wie überwältigt. Dann sah er keine andere Rettung, sich von dem unerhörten Ereignis zu befreien, als es sich von der Seele zu schreiben. Das Drama, das er in dieser Verfassung schrieb, hieß: »Leiser Schlaf«. Er wollte damit zeigen, wie für das empfindliche Bewußtsein des Modernen nicht die groben Übertretungen der landläufigen Moral es sind, die den Menschen zum Schuft machen, sondern die viel feineren Verstöße, die kein Staatsanwalt verfolgt, die moralische Feigheit, die Unterlassung mutiger Thaten. Diese Dinge haben einen leisen Schlaf.

Das Drama hatte wenig äußere Handlung, war aber, wie der Autor glaubte, wirksam durch ungewöhnliche Wandlungen und Enthüllungen im Seelenleben. Leider konnte er jedoch keinen Theaterdirektor zu der eigenen günstigen Meinung bekehren, so verzweifelt er sich auch nach dieser Richtung bemühte.

Schließlich kam er zu dem Entschluß, das Stück in einem gemieteten Saale von selbst engagierten Schauspielern aufführen zu lassen.

Von vornherein stand ein Unglücksstern über Leisem Schlaf. Einer der wichtigsten Darsteller sprang noch während des Einstudierens ab, weil ihn ein berühmter Mime auf seine Gastspieltouren ins Ausland mitnahm. Bis ein Ersatz gefunden war, vergingen Wochen. Darüber rückte der Frühling heran, für das Theater die tote Saison.

Schließlich kam's aber doch zur Aufführung. Das Haus war zwar in Anbetracht der Jahreszeit immer noch leidlich besucht, aber das Publikum trug keine verheißungsvolle Physiognomie, für den, der sich auf das rätselvolle Ding, Premierenschicksal, einigermaßen verstand. Die wenigen Kritiker, die ihren Beruf höher auffassen als den eines Theater-Reporters, waren ausgeblieben. Die Zeitungen hatten ihre grünsten Jungen entsandt, weil sie der Sache nicht viel Wert beilegten. Die für Litteratur und Theater interessierten Laien, auf die der Dichter so sehr gehofft hatte, waren schwach vertreten. Was gekommen, war eine von Neugier und allerhand unsachlichem Interesse angezogene, oder auch durch ziemlich wahllos verteilte Freibillets herbeigelockte Masse von zweifelhafter Verständnisfähigkeit.

Es kamen noch einige nicht vorauszusehende Mißgeschicke hinzu, welche das Publikum von vornherein in eine dem Erfolge gefährliche Stimmung versetzten. Der Schauspieler, den Fritz Berting an Stelle jenes anderen, untreu gewordenen, herangezogen hatte, war um eines Hauptes Länge kleiner als seine Partnerin, die überhaupt aus dem zusammengewürfelten Ensemble körperlich wie geistig stärker hervorragte, als für eine einheitliche Wirkung gut war.

Und dazu ein Publikum, das nicht wußte, was es mit dem Dargebotenen anfangen sollte! Der Dialog zündete nicht, die Situationen ließen kalt, die Pointen fielen unter den Tisch. Es wollte nicht jene Verbindung eintreten, nicht jene Leitung feiner Fäden des Einverständnisses sich anspinnen zwischen Zuschauer, über den Darsteller hinweg, mit dem Dichter im Hintergrunde, die so notwendig ist für den Erfolg eines Abends.

Als der Vorhang zum ersten Male niederging, erscholl einiger Applaus. Aber die Paar Leute, die durch ihre Freibillets, oder weil sie persönliche Freunde des Autors waren, sich verpflichtet fühlten, zu klatschen, wurden, als sie es gar zu eifrig trieben, schließlich durch Zischen zur Ruhe verwiesen.

Im zweiten Akte schlug die Stimmung des Publikums um. Bisher hatte man sich anständig gelangweilt, jetzt aber entstand Husten, unruhiges Hin- und Herrücken und Flüstern; ein böses Omen für den Ausgang der Sache.

Und nun der Höhepunkt des Dramas. Ein Dialog zwischen Held und Heldin, wo die Gegensätze der Naturen in einer leidenschaftlichen Szene aufeinanderplatzten. Es war einer jener Momente, die bei Premieren nicht selten sind. Die Stimmung ist dann wie bei einem Gewitter, schwer, geladen, tragisch, voll höchster Spannung. Dann spricht das Unbedeutendste mit. Ein einziger falscher Ton kann alles verderben. In solchen Momenten hat selbst die grobe Masse ein instinktives Künstlerurteil. Sie weiß es, daß in ihre Hand das Schicksal der Dichtung, ja vielleicht des Dichters gelegt ist. Dieses Bewußtsein von der eigenen Bedeutung macht jedes Ohr feiner hören, jedes Auge schärfer erkennen. Unter Gelächter fiel der Vorhang über dem zweiten Akte. Als er sich zum dritten und letzten Male hob, zeigte es sich, daß die Schlacht verloren sei. Die Leute, die am Ulke Freude haben, hatten nun die Oberhand gewonnen. Die Schauspieler selbst aber gaben das Spielen auf, sagten nur noch ihre Rollen zu Ende.

Der Dichter hatte einige Tage vorher, als er noch des Gelingens seiner Sache sicher gewesen, die Darsteller und eine Anzahl Freunde zur Zusammenkunft in einer Weinstube eingeladen. Das Fest wurde trotz der Niederlage schließlich noch abgehalten, das einmal bestellte Diner verzehrt und dem kalt gestellten Sekt tüchtig zugesprochen. Es herrschte Galgenhumor. Maximilian Nackede, Fritzens ehemaliger Studienfreund und jetziger Dichtergenosse, tröstete den Autor in einer launigen Ansprache damit, daß eben vor manchen Stücken das Publikum rettungslos durchfallen müsse. Er feierte den Abend als einen heiligen Taufakt: die Aufnahme eines neuen Mitglieds in den Orden der Verkannten.

Die Mehrzahl der Erschienenen, Herren wie Damen, bezechten sich. Der Dichter selbst wurde, seiner Sinne nicht mächtig, von einigen ebenfalls stark schwankenden Freunden in früher Morgenstunde nach seinem Quartier geschafft.

Als er dort im Laufe des Vormittags erwachte, fand er an seinem Lager Alma, die das Gelage nicht mitgemacht hatte.

Sie wich nicht mehr von Fritz. Ohne daß er sie eingeladen hätte, quartierte sie sich bei ihm ein. Er legte ihr nichts in den Weg.

Fritz ließ alles gehen, wie es gehen wollte. Gleichgültigkeit hatte ihn befallen, als natürlicher Rückschlag gegen die fieberhafte Aufregung der letzten Wochen.

Den Gnadenstoß gaben ihm die Besprechungen, die über sein Stück in den Zeitungen erschienen. Den Jünglingen von der Kritik war sein Durchfall eine gefundene Gelegenheit, ihren Witz an Dichter und Dichtung auszulassen. Hatten doch diese Herren sämtlich mindestens ein unaufgeführtes Drama im Schubfach liegen, das wie eine feurige Kohle glimmend allen ihren Theaterkritiken zu grunde lag. Es bleibt immer eine Freude, konstatieren zu können, daß ein Rivale zu Falle gekommen ist. Und nun gar hier, wo einer versucht hatte, mit eigenem Gelde seinem überall abgewiesenen Stücke auf die Bretter zu helfen. Wie kam ein Dichter überhaupt zu Geld? – Das war gegen alle Traditionen des Standes. Der »gesunde Instinkt« der Zuhörerschaft wurde belobt, der sich gegen ein solches Experiment aufgelehnt hatte.

Berting lernte die Kollegen von eigentümlicher Seite kennen. Solange er als Lyriker ein verhältnismäßig harmloses, weil wenig einträgliches Gebiet bestellt hatte, ließ man ihn gewähren, hatte ihm sogar gelegentlich ein Wort der Aufmunterung gegönnt. Sobald er aber als Dramatiker nach einem Kranz zu greifen wagte, den jeder im stillen ersehnte, weil er mit dem größeren Ruhme auch die größeren Einnahmen verhieß, ward er verdächtig; man warf ihm Knüppel zwischen die Beine.

Die mißlichen Geldverhältnisse vermehrten die Bitterkeit seiner Lage. Fritz hatte niemals ein Budget gemacht; seitdem er in den Besitz des väterlichen Erbteils gekommen, immer nur aus dem Vollen gelebt. Jetzt war das Kapital verbraucht. Um so zahlreicher liefen die Rechnungen ein, an deren Bezahlung er niemals gedacht hatte. Er wechselte die Wohnung, um den allzu aufdringlichen Mahnern entrückt zu sein.

Eine Sendung von einigen hundert Mark, die anonym ankam, half ihm fürs erste sich über Wasser halten. Er ahnte, von wem das Geld komme. Sein Freund Nackede, der zwar selbst kein Krösus war, aber einige wohlhabende Gönner seiner leichtgeschürzten Muse in Berlin W befaß, steckte unverkennbar dahinter. Die lustigen Verse in verstellter Handschrift, welche die Sendung begleiteten, trugen ganz den Stempel Nackedeschen Witzes.

Schwer genug fiel es, solches Geschenk anzunehmen für einen, der sich noch nicht an das Leben auf anderer Leute Kosten gewöhnt hatte. Aber wenigstens hatte ihm Nackede durch seine graziöse Brücke das Betreten des ungewohnten Weges etwas erleichtert.

Ein Gedanke kam Fritz, an seinen Freund, Michael Baron Chubsky, zu schreiben. Der hatte ihm vor gar nicht langer Zeit von Paris aus geschrieben – mit einem mitleidigen Seitenblick auf die barbarischen Litteratur- und Kunstverhältnisse in Deutschland, denen er glücklich entronnen sei – Paris sei die einzige Stadt, in der ein Mensch von Geist und Geschmack atmen könne. Chubsky, der in drei Sprachen, polnisch, deutsch und französisch dichtete, hatte Fritz – allerdings im Absynthrausche – früher einmal gestanden, daß er, wäre er überhaupt der Freundschaft fähig, wahrscheinlich am ersten noch Fritz Berting mit diesem Gefühl beehrt haben würde.

An den Baron Chubsky also schrieb Fritz, teilte ihm mit, wie kläglich es ihm ergangen sei, daß er sich Berlins gründlich müde fühle, und daß er daran gedacht habe, nach Paris überzusiedeln. Chubsky antwortete mit einer Pünktlichkeit, die man sonst nicht an ihm kannte: er rate dringend ab, nach Paris zu kommen, dort sei gar kein Boden für einen deutschen Autor. Und er, Michael Chubsky, reise eben für einige Monate an die englische Küste, könne also gar nichts in der Sache thun. Zwischen den Zeilen war nur zu deutlich die Besorgnis zu lesen, daß der Freund ihm über den Hals kommen könne.

In dieser trüben Zeit, wo alle Quellen zu versiegen schienen, erfuhr Fritz Berting, was er an Alma besaß. Sie sorgte und dachte für ihn wie eine Mutter.

Er hatte ihr wohl früher in schlechter Laune vorgeworfen, sie erschlage ihn geistig mit ihrem Banausengeschwätz. Und nun wurde es für ihn zur Erquickung, sich von ihr vorerzählen zu lassen. Er fand heraus, daß sie sehr nett zu plaudern verstehe, ja er mußte gestehen, daß sie viel natürliche Beobachtungsgabe und Mutterwitz besitze. Dabei strebte sie nicht an, geistreich gefunden zu werden. Sie redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Die Anklänge an den Dialekt ihrer schlesischen Heimat, die das berliner Leben noch nicht ganz verwischt hatte, gaben ihrer Sprechweise etwas anheimelnd Schlichtes.

Sein Unglück war für sie zum Glück ausgeschlagen. Das Schicksal hatte ihn hilfsbedürftig gemacht. Nun konnte sie zeigen, wie sie ihn liebte. Nun durfte sie ihm dienen und im Dienen herrschen, was im Grunde die Sehnsucht jedes liebenden Weibes ist.

Denn sie wollte seine ganze Liebe haben. Seine Zärtlichkeit bedeutete ihrer Leidenschaft nur ein magerer Brocken. Sie wollte die Seele des Geliebten. Die schnell aufflackernden und schneller verflogenen Regungen der Sinne waren ihr immer nur Abschlagszahlungen auf Höheres.

Auch er solle mit der Zeit von denselben starken Gefühlen erfaßt werden, die sie beseelten, das hoffte sie zu erreichen, indem sie sich ihm unentbehrlich machte, ihn der sanften Gewohnheit des Geliebt-seins unterjochte.

Auch noch von anderer Seite wurde in dieser Zeit für Fritz eine Art Hilfsaktion ins Leben gesetzt. Seine Familie, die nach verschiedenen Todesfällen jetzt nur noch aus der Schwester, deren Mann, dem Gatten der verstorbenen Schwester und den noch jungen Kindern aus beiden Ehen bestand, rührte sich, nachdem man längere Zeit sich um den verloren Gegebenen nicht gekümmert hatte. Sie hatten durch die Blätter von seiner Niederlage als Dramatiker gehört. Der Augenblick schien günstig, den, wie sie annahmen, kleinlaut Gestimmten, der Bohême zu entreißen, ihn dem bürgerlichen Leben wiederzugewinnen.

Sein Schwager Regierungsrat Wedner besuchte ihn in Berlin. Er bezeichnete sich, als Bevollmächtigter der Familie, bereit, mit ihm zu unterhandeln. Die Vorschläge, die man zu machen hatte, waren folgende: Fritz solle das Schreiben lassen, das seinen Namen nur diskreditiere und nicht einmal Geld einbringe; ferner müsse er das Frauenzimmer von sich thun, mit dem er zusammen lebe. Auszahlung, falls solche nötig, wollte der Schwager in die Hand nehmen. Und als letzten Punkt: Fritz sollte zurückkehren zur juristischen Carriere, die er sinnloser Weise verlassen.

Zu dem »Rettungsversuch«, wie der Schwager Regierungsrat das nannte, gehörte auch der Wink, daß man für Fritz eine junge Dame in Aussicht habe, aus achtbarer Familie, nicht ohne Vermögen, die bereit sein würde, über sein Vorleben wegzusehen und es mit ihm zu versuchen.

Dieses in allem Ernst gestellte Ansinnen seiner Anverwandten wirkte auf Fritz empfindlicher als ein Peitschenschlag auf nackte Haut. Das jagte ihn auf aus der Lethargie, die ihn nach seinem Mißerfolge befallen hatte. Nun war es Ehrensache, jenen zu zeigen, daß er ihrer nicht bedürfe, daß er sie mitsamt ihrem traurigen Rettungsversuche verachte. Die nächste Folge der sehr erregt endenden Unterredung war ein unheilbarer Bruch mit seinem Schwager Wedner.

Die Indignation über das Erlebte glühte noch in ihm, während er eine Anzahl Skizzen abfaßte, in denen er die faule Moral, die Heuchelei, die Unnatur des modernen Familienlebens der höheren Stände rücksichtslos geißelte. Und siehe da, diese Federzeichnungen, welche in verschiedenen Blättern sofort Abdruck fanden, verschafften ihm in wenigen Wochen mehr Popularität, als er mit seiner gesamten bisherigen Produktion gewonnen. Noch einen anderen Erfolg hatte die mißglückte Einmischung der Anverwandten in seine Verhältnisse: Fritz Berting war sich seiner Liebe zu Alma erst recht bewußt geworden. In tiefer Empörung stellte er sich auf Seite der Verunglimpften. An sie war er nun mit verstärkten Ketten gebunden.

Am zweiten Tische links vom Eingang der Bierstube, in die er Fritz Berting gebeten hatte, saß der Dichter Karol. Da er die sämtlichen Zeitungen des Lokales bereits durchgelesen hatte, war er jetzt unbeschäftigt und überdachte noch einmal die Worte, die er an den Kollegen von der Feder richten wollte. Er lächelte selbstzufrieden, schon im voraus des günstigen Eindruckes gewiß; denn so rechnete Karol: welcher Mensch und zumal welcher Schriftsteller würde widerstehen können, wenn man ihm seine Dichtungen ins Gesicht lobte.

Er hatte nicht immer seinen jetzigen Namen getragen, eigentlich hieß er Silber. Aber dieser Name paßte nach Ansicht des Trägers nicht recht zu einem deutschen Dichter. In Silber lag ein harter, verdächtiger Metallklang, der sich mit dem Idealismus, den man hierzulande bei dem Sänger voraussetzte, nicht gut zu vertragen schien.

Sein Vater war von Russisch-Polen ins Reich eingewandert, hatte in einer jener rapid aufblühenden Industriestädte des oberschlesischen Kohlenreviers sich niedergelassen. Er handelte mit fertiger Herrengarderobe. Der alte Silber nahm aber auch jeden anderen Verdienst gern mit. Eine Spezialität von ihm war, bei Umzügen, Todesfällen oder auch Konkursen Sachen aufzukaufen, mit denen die Leute augenblicklich nicht wußten, wohin, um sie später mit Profit wieder an den Mann zu bringen.

Der älteste Sohn Siegfried besuchte die Realschule. Der Vater hatte ihn zum Kaufmann bestimmt. Der kleine Siegfried trat schon frühzeitig in ein Verhältnis zur Weltlitteratur; und zwar geschah dies auf nicht ganz alltägliche Weise. Unter dem Trödelkram, den der Vater allmählich in den Hinterräumen seines Geschäftes aufstapelte, befanden sich auch allerlei Bücher. Da gab es ganze Romanbibliotheken, Lexika, Encyklopädieen, Bände von deutschen Magazinen und französischen Revuen, illustrierte Zeitungen, Witz- und Modeblätter. In diese Bücherei höchst gemischter Natur versenkte sich der Jüngling, dem Frühreife und die Wißbegier seines Stammes in hohem Grade eigen war.

In der Schule bekam Siegfried zu hören, daß wir Deutschen eine Litteratur besäßen, die man in eine althochdeutsche Zeit, eine mittelhochdeutsche Zeit und eine neudeutsche Zeit einteile, und daß die großen Dichter der klassischen Periode, Klopstock, Lessing, Wieland, Herder, Schiller, Goethe seien. Siegfried Silber dachte darüber anders. Für ihn gab es nur einen Dichter, der hieß: Heinrich Heine.

Er war auf die vollständige Ausgabe von Heines Werten gestoßen. Sein geistvoller Stammesgenosse stellte ihm alles in den Schatten, was je in deutscher Sprache gesungen und geschrieben worden war. Heine zu erreichen, vielleicht zu übertreffen, wurde der ehrgeizige Traum des jetzt Sechzehnjährigen, der als Commis hinter dem Ladentische seines Vaters mit Bergarbeitern, Dienstboten und schmierigen Polacken um den Preis von Hosen, Stiefeln und Mützen hin und her feilschen mußte.

Neben seinem Ideal, Heine, gab es für ihn auch Götter niederen Ranges. Da waren Gutzkow, Laube, Herwegh, Freiligrath. Die Autoren des jungen Deutschland mit ihrer Schwärmerei für Humanität, Weltbürgertum und Tyrannensturz entsprachen seinem jugendlich freigeistigen Oppositionsdrang.

Es blieb nicht beim Lesen allein. Siegfried Silber fing an, sich mit der Feder zu versuchen. Die litterarischen Sporen wurden im Feuilleton eines heimatlichen Winkelblattes verdient. Dann fiel dem jungen Menschen von ungefähr eine Broschüre Lassalles in die Hände, die auf sein leicht erregbares Gemüt wirkte wie ein Funken, der in eine Pulvermine fällt. Von dem temperamentvoll genialen Erwecker des vierten Standes war die Brücke schnell geschlagen zu dem nüchterneren Karl Marx, und Siegfried Silber damit gewonnen für die rote Internationale.

Der alte Silber war durchaus nicht einverstanden mit der politischen Entwickelung des Sohnes. Er war ein Israelit vom alten Schlage, orthodox und konservativ, der es für die beste Politik hielt, die Leute streiten zu lassen und es mit denen, die im Regimente saßen, nicht zu verderben. Er mißbilligte auch die Beschäftigung des Sohnes mit Litteratur, die er für ein brotloses Gewerbe ansah.

Siegfried aber fühlte, daß er zu größeren Dingen berufen sei als zum Kleiderhandel. Er quittierte den Dienst beim Vater und wandte sich zunächst nach Breslau. Der angehende Litterat erkannte jedoch schnell, daß es in der Provinzialhauptstadt seinesgleichen genug gebe und setzte seinen Stab noch ein Stück weiter westwärts.

Ohne Geld, ohne Verbindungen war er in eine ihm gänzlich fremde Stadt eingezogen. Kühn that er auch den Sprung in das Wagnis einer auf die Feder allein gegründeten Existenz. Zunächst nahm er den indifferent klingenden nom de plume »Karol« an.

Er war fürs erste durchaus nicht auf Rosen gebettet. Sein Vater gewährte ihm keine Unterstützung, weil der Sohn gegen seinen Willen gehandelt hatte. Mit der Begründung eines litterarischen Rufes aber ging es nicht so schnell, wie Siegfried Silber sich das gedacht hatte. Die Blätter radikaler Richtung nahmen zwar seine Gedichte auf, deren revolutionäre Tendenz ihnen zusagte, bezahlten dafür aber kein Honorar. Die sogenannte gutgesinnte Presse aber wies die Feuilletons des kleinen, unbekannten Schnorrers hochmütig ab. Ebenso ging es ihm bei den Bücherverlegern, denen er seine Arbeiten anbot. Die Partei nützte seinen Eifer aus und seine Intelligenz. In den Debattierklubs und im Arbeiterbildungsverein war er ein gern gehörter Redner. Aber alles das brachte kein Geld. Siegfried Silber lernte das Hungern gründlich kennen.

Schließlich half er sich mit dem Abfassen von Zeitungsromanen, die er miserabel bezahlt bekam; mit Übersetzen verdiente er sich auch ein paar Groschen, außerdem schrieb er den Text zu einer Operette. Jeden Auftrag nahm er an. Sogar Gelegenheitsgedichte und Couplets für Tingeltangelsänger entflossen der Feder, die Heinrich Heine hatte übertreffen wollen.

Aber während er so um das tägliche Brot sich abmühte, in einer ganz elenden Wohnung existierte, ließ er den Mut nicht sinken. Vor dem Verzweifeln schützte ihn der zähe Optimismus seiner Rasse. Er war nach wie vor entschlossen, die Welt mit der Feder zu erobern.

Er, der in gar keinem Verhältnis stand zur Gesellschaft, der völlige Outsider, kritisierte, ja verachtete sie im Grunde. Die Menschheit betrachtete er als Material für seine hochfliegenden Pläne. Dabei besaß er nur seine Belesenheit und die Geschäftskenntnisse, die er sich hinter dem Ladentische des Vaters erworben hatte. Seine Bildung war durchaus lückenhaft, er sah die Welt aus der Perspektive des Kaffeehauses. Aber was ihm hier fehlte, ersetzte er reichlich durch Kombinationsgabe, Spürsinn und Findigkeit. Er gehörte zu der Art, denen die Zeitung Surrogat ist für die Eigenanschauung; Menschen, scheinbar ohne Erlebnisse, ohne Erfahrungen, die doch mit Hilfe der argusäugigen Presse von allem erfahren, an allem teilnehmen und über alles zu räsonnieren verstehen. Um die Stadt, in der er lebte, kümmerte er sich ebenso wenig, um ihre Schönheiten, Kunstwerke, Altertümer, Umgebung. Für dergleichen hatte er keinen Sinn. Er war durch und durch Nomade, ohne Heimatgefühl, und darum auch ohne Gefühl für Kulturwerte.

Hingegen sagte ihm sein Scharfsinn, daß gerade hier das rechte Terrain sei zum Ausbau seiner Pläne. Es kam nur darauf an, sich eine Weile über Wasser halten, auf dem Posten zu sein und seine Augen überall zu haben. Dann mußte auch seine große Zeit kommen.

Vor allem hieß es Anschluß gewinnen an litterarische Kreise, sich Freunde machen unter seinesgleichen, womöglich eine Klique bilden, in der, soviel wußte er, das Regiment ganz von selbst auf ihn übergehen würde.

Ähnliche Briefe, wie den an Fritz Berting, hatte er schon einige geschrieben. Bisher mit negativem Erfolge. Die Leute waren einfach nicht gekommen.

Siegfried Silber fing an unruhig zu werden. Sollte er heute wieder der Geäffte sein? Er sah nach der Uhr; die zum Rendezvous vorgeschlagene Stunde war überschritten.

Endlich trat ein hochgewachsener, blonder junger Mensch durch die gegenüberliegende Thür und sah sich suchend im Lokale um. Siegfried Silber erhob sich eiligst.

»Sie sind Herr Berting, ich bin Karol!«

Man verbeugte sich gegenseitig und nahm dann an dem Tische einander gegenüber Platz.

Fritz Berting ließ das Auge etwas erstaunt auf der Erscheinung des Jünglings ruhen, der ihn hierher citiert hatte. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß der Träger des Namens Karol Jude sein könne. Nun sah er es auf den ersten Blick. In Berlin hatten Juden zu seinem vertrautesten Umgang gehört; Fritz war an sie und ihre Art gewöhnt.

Trotzdem frappierte ihn diese Physiognomie, die, offenbar durch keine Kreuzung verdorben, den Stempel echten Semitentums trug. Die Nase stark gebogen, das Gesicht bei breitem Schädel schmal. Stirn und Kinnpartie fliehend, die Ohren spitz und zurückliegend. Dunkel blitzten die mandelförmigen Augen aus dem weißgelben Gesicht hervor, wie aus einer Maske, hatten ein Leben ganz für sich. Der Bart um die roten vollen Lippen, das Haupthaar, das über der Stirn schon dünn wurde, seidenschimmernd lockig.

Eigentlich war das Gesicht nicht häßlich; wie ein Individuum, das den Ausdruck wirklicher Rasse trägt, überhaupt nicht unschön sein kann.

Die schwächliche, schon in der Jugend gekrümmte Figur, und die ausgemergelten Gliedmaßen verrieten die Zugehörigkeit zu einem Volke, das Jahrhunderte der Knechtschaft nicht gebrochen, nur äußerlich gebeugt haben.

Fritz fiel zweierlei sofort stark an dieser fremdartigen Physiognomie auf: der scharf beobachtende Blick, dem doch die Stetigkeit fehlte, und ein spöttisches Lächeln. Dem stand zur Korrektur gewissermaßen die große Höflichkeit und bescheidene Zuvorkommenheit gegenüber, deren sich der Besitzer der aufdringlich funkelnden Augen und des ironisch zuckenden Mundes befliß.

»Was will der eigentlich von dir?« war der Gedanke, den Fritz Berting nicht los werden konnte, diesen forschenden, lächelnden, in steter nervöser Erregung begriffenen Zügen gegenüber.

»Ich hatte mir schon längst gewünscht, den Dichter von ›Leiser Schlaf‹ kennen zu lernen,« begann Siegfried Silber, als sie einander an dem kleinen Tische gegenüber saßen, und der Kellner das Bier für Fritz gebracht hatte.

»Nun fügt es der Zufall – – oder vielmehr, es ist nicht Zufall! In seelischer Beziehung giebt es keinen Zufall. – Es ist etwas Magisches dabei; man kann es eine höhere Art der Anziehungskraft auf immateriellem Gebiete nennen. Wenn ich mich im übrigen auch von allen Vorurteilen frei gemacht habe und mir das Metaphysische eigentlich quantité néligeble ist, so huldige ich auf einem Gebiete doch mit vollem Bewußtsein frommem Glauben. Ich glaube fest, daß es heimliche Beziehungen giebt der Geister, elektrische Ströme vielleicht, welche auf mystische Weise die Sympathie von Mensch zu Mensch vermitteln. Denken Sie doch nur, es ist geradezu wunderbar, ich beschäftige mich im Geiste viel mit Ihnen, habe Ihre Werke gelesen; der Dichter Berting ist mir längst ein geistiger Bruder. Ich sehne mich im stillen danach, ihn kennen zu lernen, unterlasse es aber, an ihn zu schreiben, weil der Brief ein so armseliger Vermittler von Gefühlen ist, vielleicht auch aus Scheu, aus Angst, aufdringlich zu erscheinen. Und da auf einmal erfahre ich, daß Sie in denselben Mauern weilen, wie ich. Auch Sie haben sich geflüchtet vor der Verständnislosigkeit der Banausen. Ich will nicht unzart eingreifen in Ihre persönliche Erlebnisse, Herr Berting. Ich glaube zudem, alles zu wissen. Die Überzeugung, daß zwischen uns eine Art Verwandtschaft nicht bloß in der Auffassung des Dichterberufs, nein auch in den Schicksalen besteht, ist stark in mir. Ich hoffe, daß Sie mir das nicht als Unbescheidenheit auslegen werden, Herr Berting! Ich bin eine impulsive Natur, und Sie haben mich warm gemacht durch Ihre Dichtungen.«

So ging es weiter. Silber erzählte seine ganze Leidensgeschichte mit ungeheurem Wortreichtum und Zungenfertigkeit. Bei Fritz überwog die Belustigung über diesen sonderbaren Kauz, der ihm nach einer eben erst geschlossenen Bekanntschaft bereits alle »Heiligtümer« und »geheimen Blutungen« seines Innern aufdeckte.

Der Dichter Karol trug zunächst die Kosten der Unterhaltung allein. Seine Rede floß dahin, wie Wasser, das in einer Rinne eilig plätschernd bergab schießt. Es ist kein Ende abzusehen, und stauen, daß es eine Tiefe bilde, kann man es auch nicht.

Fritz wußte schließlich kein anderes Mittel, um diesen stetig murmelnden Redestrom zu unterbrechen, als nach der Uhr sehend, zu bemerken, daß er heut abend noch etwas vorhabe.

Sofort zeigte Siegfried Silber eine gänzlich veränderte Miene. Er rückte näher an Fritz heran und sprach auf einmal in nüchtern sachlichem Tone. Es war, als ob ein zweiter Mensch, der Geschäftsmann, urplötzlich aus irgend einer Versenkung seines Wesens emporgestiegen wäre.

Soviel er wisse, sagte Siegfried Silber, sei Berting fremd in dieser Stadt. Fragen, wie es mit seiner pekuniären Lage beschaffen sei, wolle er aus Gründen der Diskretion nicht. Aber, daß er mit Gedichtsammlungen und einem durchgefallenen Stücke keine Schätze erworben habe, liege wohl klar auf der Hand. Die einzige Möglichkeit für den Litteraten, bekannt zu werden und Geld zu verdienen, sei heutzutage nun einmal die Zeitung. Falls Herr Berting, wie er, Karol, annehme, den Wunsch hege, mit der lokalen Presse in Verbindung zu treten, so gestatte er sich hierdurch seine Vermittelung anzubieten.

Fritz erwiderte darauf, daß, falls er mit der Presse hätte in Verbindung treten wollen, ihm dies durch seinen Freud Doktor Lehmfink ein leichtes gewesen wäre. Mit absichtlicher Kühle dankte er für die freundliche Absicht. Er konnte nicht umhin, das Anerbieten und die Art, wie es gemacht wurde, etwas aufdringlich zu finden.

Bei Nennung des Namens Lehmfink zeigte Siegfried Silber eine überraschte, wenig erfreute Miene. Auch er habe die Ehre, Herrn Doktor Heinrich Lehmfink zu kennen. Er wollte wohl noch etwas Ungünstiges hinzufügen, dem spöttischen Zucken des Mundes nach zu schließen; als aber Fritz betonte, Lehmfink sei sein intimster Freund, meinte er einlenkend: »Ein ausgezeichneter Mann, der Herr Lehmfink. Als Charakter sehr ehrenwert, gewiß! Aber ich meine doch, daß er ein wenig altmodisch ist. Seine politischen Ansichten sowohl wie sein litterarisches Urteil sind, gelinde gesagt, rückständig. Sollte Ihnen das entgangen sein, Herr Berting? Das kann ich mir bei einem Beobachter, wie Sie sind, kaum denken.«

Fritz ließ das auf sich beruhen. Silber lächelte und machte eine Bewegung, als wolle er sagen: gehen wir über solche Kleinigkeiten hinweg. Abermals rückte er näher an Fritz heran, und nachdem er sich umgesehen hatte, als fürchte er Lauscher, suchte er mit einem großen Aufwande eindringlicher Beredsamkeit Berting zur Mitarbeiterschaft für ein bestimmtes Blatt zu gewinnen. Sie brauchten eine »erste Kraft« für das Feuilleton, und Berting sei gerade der rechte Mann dafür. Er schreibe, wie man aus seinen letzten Skizzen ersehen habe, einen gepfefferten Stil und gehe rücksichtslos vor in der Kritik der höheren Stände.

Fritz war sich längst darüber klar, welcher Partei sich Silber verschrieben habe. Er erwiderte, daß er nicht die geringste Lust und Anlage in sich verspüre, für ein politisches Blatt zu arbeiten. Er würde sich gelähmt fühlen in seinem Schaffen, wenn er beständig nach einem Chefredakteur oder gar nach der allmächtigen Partei im Hintergrund blicken müsse. Ihm sei im Grunde alle Politik furchtbar langweilig, und er begreife nicht, wie Leute von Geist und Geschmack damit ihre Zeit vergeuden mochten. Auch habe er gefunden, daß Menschen, die sich einer Partei verschrieben, mit der Zeit unrettbar versimpelten. Jede Frage werde dann in das Prokrustesbett des Parteiprogramms gezwängt, wo sie verstümmelt wieder herauskomme. So hätte er es an Leuten verschiedenster Richtungen beobachtet. Am langweiligsten aber sei ihm von allen politischen Phrasen die erschienen, wonach die Massen regieren sollten. Und um vom künstlerischen Schaffen zu reden: er meine, daß politische Tendenz jedes Kunstwerk in seinen Grundbedingungen aufhebe; denn Freiheit sei der Urgrund aller Kunst. –

Auf das Wort »Freiheit« fuhr Silber, der Fritzens Rede mit nervös zuckenden Mienen begleitet hatte, wie ein Stoßvogel los.

»Freiheit!« rief er und erhob theatralisch die Arme, »Freiheit giebt es ja im modernen Deutschland nicht!« … Und nun öffneten sich die Schleusen seiner Beredsamkeit von neuem.

»Wir leben in Zuständen, wie ein mündiges Volk sie krasser niemals gesehen hat. Große Dinge sind äußerlich erreicht, jawohl! Aber ich frage Sie, Herr Berting, was haben wir, die Intellektuellen, durch die Reichsgründung gewonnen? – Das Vaterland ist größer geworden, reicher, mächtiger; was nützt uns das, den Menschen mit geistigen Bedürfnissen! Ich will nicht davon reden, daß man uns nicht heranläßt an die Staatskrippe; ich verlange nichts von den Regierenden als das eine: Geht uns ein wenig aus der Sonne! Freie Bahn dem Talent! Gleiches Recht für den Adel auch des Geistes! Gleichheit vor dem Gesetz steht nur auf dem Papier! Es herrscht im neuen Deutschland schlimmere Stickluft als im dunkelsten Europa! Da ist das Philistertum, das jeden Fortschritt verbarrikadiert wie ein unbewegliches, glotzäugiges Mammut. Da ist die Streberei, die kein höheres Ziel kennt, als Regierungsrat zu sein, oder wenigstens den Leutnant der Reserve auf seine Karte setzen zu dürfen. Überall knieen wir vor dem Erfolge. Wenn man uns nach geistigen Thaten fragte antworten wir: im Jahre 1870 haben wir die Franzosen geschlagen. Oder: wir haben Bismarck. Jawohl, Bismarck! Sein schwindelerregendes Glück in allen Ehren; aber ist er für uns Junge ein Glück? Lastet er nicht auf uns allen wie ein eherner Alp? Was kann im Schatten eines solchen Kolosses gedeihen? Ahnt er etwas von unseren Schmerzen? Was sind wir vor ihm? – Dieser Alte ist unser Fluch. Eine Generation von Greisen hat das Heft in Händen. Sie lassen uns nicht aufkommen. Es ist in der Kunst genau wie in der Politik und im wirtschaftlichen Leben. Eine kleine Kaste von Junkern, Offizieren, Beamten, Priestern giebt den Ton an. Wir sind in ihren Augen Hunde. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, Herr Berting, damit Sie nicht denken, ich übertreibe. Ich hatte einen Freund, der als Freiwilliger diente. Mit Begeisterung war er an die Dienstzeit herangegangen, denn er liebte die Armee, nannte sie das Größte und Glänzendste, was wir besäßen, glaubte an die Phrase, daß die allgemeine Dienstpflicht eine Schule sei für das ganze Volk. Dem armen Kerl sind diese Illusionen bald genug ausgetrieben worden. Ich muß einschalten: mein Freund war von Beruf Journalist, er hatte schon verschiedene aufsehenerregende Sachen veröffentlicht, ehe er eintrat. Der Leutnant, der die Freiwilligen ausbildete, machte sich unausgesetzt lächerlich über den Beruf meines Freundes, sprach von »Federvieh«, von »verfluchter Dintenkleckserei«, von »roten Litteraten« und so weiter. Das ist charakteristisch! Die Intellektuellen werden bei uns verfolgt mit Haß und Verachtung von der hochmütigen brutalen Herrscherkaste. Wir sind ihnen das, was in alter Zeit das fahrende Volk den Schnapphähnen war. Deutschland steckt noch tief, tief im Mittelalter. Ich habe vergessen zu erzählen, daß mein Freund jetzt Sozialdemokrat ist von Überzeugung, und mit der Zeit sicher in unserer Partei eine Rolle spielen wird. Ist es dann ein Wunder, wenn wir, die gebildete Jugend, uns denen zuwenden, die gleich uns geknechtet sind, die wie wir Hunger fühlen, den doppelten Hunger nach Brot und nach Licht. Das Brot können wir ihnen nicht geben, denn wir haben selbst keins; aber Licht wenigstens können wir ihnen von dem unsrigen leihen. Die Herren oben werden es eines Tages bitter bereuen, daß sie die Intelligenz vor den Kopf gestoßen haben. Sie werden es bereuen, sage ich!«

Fritz Berting sah mit Staunen in Siegfried Silber, wie er das sprach, wieder einen ganz neuen Menschen vor sich. Die dunklen Augen glühten in leidenschaftlichem Haß, sein schwächlicher Leib zitterte vor Erregung. So gefiel er Fritz eigentlich besser. Denn diese Anwandlung war echt und ohne Pose. Es war die Empörung eines verbitterten Menschen, der empor will und überall zurückgewiesen wird. Wieviel furchtbare Erfahrungen mochten hinter solchem Hasse liegen? Fritz konnte ihm das nachfühlen; man brauchte nicht Jude zu sein, um den dumpfen Druck zu empfinden, der durch das ganze Land auf den Gemütern der Aufstrebenden lag.

Ein korpulenter Herr im eleganten Sommeranzug, der aus einem Hinterzimmer des Restaurants kam, trat an den Tisch, an welchem die beiden saßen. Es war der Verleger Weißbleicher. Sein ungesundes Gesicht mit der dicken Nase und den Hängebacken erinnerte an die Physiognomie eines fetten Bibers. Auf der Nase balancierte in höchst unbequemer Lage, weil er nirgends Halt fand, ein goldener Klemmer. Als der Mann den Hut lüftete, sah man, daß er nur noch wenig Haar auf dem runden Schädel hatte.

Weißbleicher fragte, ob es erlaubt sei, sich für einen Augenblick bei den Herren niederzulassen. Doch wurde die Frage nur pro forma gethan, denn er hatte dabei schon den Stuhl in der Hand und warf den Hut in die Mitte des Tisches, um von vornherein zu zeigen, daß er mit den beiden jungen Litteraten keine großen Umstände zu machen beabsichtige.

Fritz war wenig angenehm berührt, mit diesem Manne hier zusammenzutreffen. Er hatte Weißbleicher gegenüber kein ganz reines Gewissen. Als Lehmfink vor Wochen mit ihm bei dem allmächtigen Verleger gewesen war, wurde besprochen, daß Fritz Berting sofort mit seinem Roman beginnen solle. Nur unter der Voraussetzung, daß er bald etwas von dem Autor in Händen halten würde, hatte sich der sonst vorsichtige und zähe Geschäftsmann dazu bewegen lassen, Geld auf Vorschuß zu geben. In dem peinlichen Bewußtsein, noch keine Zeile an dem Buche geschrieben zu haben, war Fritz seinem Gläubiger bisher wohlweislich aus dem Wege gegangen. Nun hatte ihn die Nemesis doch ereilt; hier gab es kein Ausweichen.

Breit und protzig saß Weißbleicher da und erzählte über die Badereise, von der er kürzlich zurückgekehrt war. Er habe vorgehabt, Herrn Berting in diesen Tagen aufzusuchen; das heutige Zusammentreffen erspare ihm den Weg.

Wie Fritz erwartet hatte, erkundigte sich der Verleger sehr bald nach den Fortschritten »unseres Romans«. Der Dichter murmelte etwas von großer Hitze, und daß er schlecht disponiert gewesen sei, darum habe das Werk nicht den Fortschritt gemacht, den er selbst gewünscht. Weißbleicher sah ihn von der Seite an und meinte: »Ihr Freund Doktor Lehmfink sagte mir damals: Sie produzierten leicht.« Fritz hätte gern darauf erwidert: daß leichtes Produzieren nicht immer das beste sei, bedachte dann aber noch rechtzeitig seine Schulden, und versicherte, er werde künftighin um so fleißiger sein. Der Verleger gab ihm den Rat, das ja wahr zu machen; denn wenn er mit seinem Buche Geschäfte machen wolle, müsse es zum Weihnachtsmarkte fertig ausliegen. »Ich will versuchen, Sie zu lancieren. Wollen mal sehen, ob wir einem von euch Jungen nicht Bahn brechen können. Ich thu's, weil ich wirkliches Interesse habe an der Bewegung. Verdienen wird man dabei nichts, wahrscheinlich sogar nur zusetzen. Aber, wie gesagt, ich habe nun mal die Liebhaberei für Neues und Originelles und bin von jeher Optimist gewesen.«

Fritz Berting wußte ganz genau, was er von der Glaubwürdigkeit solcher Worte im Munde seines Verlegers zu halten hatte. Lehmfink hatte den Mann ein »notwendiges Übel« genannt. Die listigen Äuglein in dem fetten Gesicht, die der goldne Klemmer nicht ganz verdeckte, verrieten ihn. Seine plumpe Nase war doch fein genug, um unfehlbar herauszuwittern, was auf dem Wege war, Mode zu werden. War es jetzt noch nicht Mode, um so besser! Dann konnte man es billig erwerben. Er sicherte sich die jungen Autoren, von denen er glaubte, daß sie Zukunft hätten. Er that es um der Sache willen, weil er Optimist war, wie er sagte. Diese Begeisterung, entlockte ihm wohl einmal ein paar hundert Mark, wie hier.

Nachdem er Fritz Berting noch einmal gnädig aufmunternd zugenickt hatte, erhob sich Weißbleicher. Schon halb im gehen wandte er sich und sagte: »A propos, Herr Karol! so nennen Sie sich ja Wohl, junger Mann?«

Siegfried Silber beeilte sich, zu versichern, daß so sein Dichtername sei.

»Mir fällt da eben ein, daß sich von Ihnen noch ein Manuskript bei uns herumtreibt. Ich habe neulich hereingeguckt; aber es ist nichts für meinen Verlag. Sie haben sich da ein sehr wenig erfreuliches Thema gewählt. Der Gegensatz zwischen orthodoxen Juden und Reformjudentum. Es mag ganz gut beobachtet sein; aber, wie gesagt, es wirkt peinlich. Das Publikum will nun mal solche unsympathischen Stoffe nicht! Lassen Sie das Manuskript abholen, Herr Karol, ich kann es nicht gebrauchen.« –

Fritz sah, wie Siegfried Silbers bleiches Gesicht noch um eine Nuance bleicher wurde. Ein Blick flammenden Hasses aus den Augen des jüngeren Semiten folgte dem Stammesgenossen, der sich entfernte, ohne den kleinen Bocher auch nur des Lebewohls zu würdigen.

Silber faßte sich jedoch schnell, seine Gefühle verbergend. »Sie haben Glück gehabt, bei Weißbleicher anzukommen,« sagte er nervös lächelnd zu Fritz. »Er hat Renommee und Geld, und gilt für einen smarten Geschäftsmann.«

Fritz Berting war in jener Nacht gar nicht zu Bett gegangen. Nachdem er sich von Siegfried Silber getrennt hatte unter dem Vorwande, müde zu sein, unternahm er einen Gang durch die Stadt, die sich in dieser schwülen Sommernacht belebter zeigte als am Tage.

Vor den hell erleuchteten Gartenlokalen saßen Gäste, Kopf an Kopf. In den breiten, baumbepflanzten Avenuen erging sich das Volk: Arbeiter, Dienstboten, alle jene, die am Tage nicht Zeit hatten, der Stadt zu entfliehen. Dazwischen schlenderte junges Volk einher, Ladenjünglinge, Schüler mit Cigarren und Spazierstöcken, die den Eindruck wirklicher Herren hervorzurufen suchten, was ihnen hin und wieder mit Hilfe des Dämmerlichtes auch gelang. Auf allen Banken, besonders aber auf denen, die weit weg waren von den Gaslaternen, Liebespaare, deren Zärtlichkeit im umgekehrten Verhältnis stand zu der Stärke der Beleuchtung. Von einem Vergnügungsetablissement, das am jenseitigen Ufer des Stromes lag, wurden hie und da Walzermelodieen herübergetragen und brachten Stimmung in die Herzen und Lebendigkeit in die Füße der Mädchen. Fritz Berting schritt durch dieses Treiben ohne Plan. Es zog ihn heut Nacht nicht nach Haus, obgleich er wußte, daß Alma seiner wartete. Sie konnte ihm in dieser Stimmung nichts sein. Das was in ihm entstehen wollte, was nach Ausdruck rang, gestattete keine Rivalität, bedurfte einer stillen, von allen fremden Tönen befreiten Stunde. Er selbst kannte es ja noch nicht einmal genau, das Neue, das sich unklar und verworren in der letzten Zeit und seitdem immer deutlicher gemeldet hatte, Leben heischend, Gestaltung fordernd in seinem Innern. Zwiesprache wollte es mit ihm halten; und dazu mußten sie ganz allein sein, er und dieses unfertige junge Gebilde. Er zitterte davor, wie eine Jungfrau zittern mag vor der Berührung des Mannes, scheu, voll Bangigkeit und voll wonniger Erwartung zugleich. Er suchte einsamere Orte auf, als jene breiten, belebten Alleen waren. Bald hallte sein Schritt auf dem Trottoir langer, wenig belebter Straßenzüge. Vor ihm leuchteten in endloser Linie, allmählich zu winzigen Punkten verschwindend, die Straßenlaternen. Er schritt über einen weiten Platz, als gerade die Glocke vom Turme der alten Kirche Mitternacht verkündete. Darauf geriet er in das Gewirr kleiner, dunkler Gassen und Gäßchen. Der Polizist, der hier auf Wache stand, musterte ihn mit scharfem Blick; in solcher Gegend erweckt ein gutgekleidetes Individuum Verdacht. Ein weibliches Wesen, dessen Züge er im Dunkeln nicht erkennen konnte, flüsterte ihm hastig ein Wort zu, dessen Sinn zu dieser Stunde nicht mißzuverstehen war. Als die enge, von widerlichen Gerüchen erfüllte Gasse plötzlich endete, empfing ihn ein frischer Luftzug. Es war der Strom, der von weither aus den Gebirgsgründen, Wiesen und Wäldern, in denen sich seine Wässer sammelten, diesen erquickenden Hauch in die städtische Schwüle brachte.

Nun wußte Fritz auf einmal ein Ziel für seine Wanderung. Hinaus aus dieser Enge, immer hinwandern am Laufe des Flusses, der ihm vorkam wie ein trauter, gleich ihm nach Einsamkeit dürstender Freund. Unterhalb der Stadt, wo er zwischen flachen Ufern dahinströmte, war eine Stelle, die Fritz liebte. Durch Zufall war er neulich in die Gegend gekommen bei einem Abendspaziergange mit Alma.

Dorthin lenkte er seine Schritte. Die Dunkelheit verhüllte die Häßlichkeit der Schuppen, Kohlenhaufen, Fabriken, Dampfessen, die hier überall die Häuserreihen unterbrachen. Endlich war er außerhalb des Bereichs der Gebäude und schritt auf einem langen Steindamm hin.

Wie viel schöner das alles noch war bei Nacht! Im Wasser spiegelte sich der Mond. Ein leichter Nebel lag über dem jenseitigen Ufer. Es herrschte in der Stille doch ein heimliches Leben und Weben. Die Natur schlummert nicht in den Sommernächten. Aus dem Weidengestrüpp längs des Dammes ertönte der verschlafene Ruf von Wasservögeln. Insekten zirpten im Grase, Nachtfalter umsurrten ihn. Bald hatte er auf der einen Seite freies Feld. Aber hinter ihm der leuchtende Ausschnitt der Himmelsglocke zeigte die Stelle an, wo die Stadt lag, von der sich der nächtliche Wanderer schnell entfernte.

Er atmete auf. Einsamkeit! Das war es was ihm gefehlt hatte in der letzten Zeit. Nicht die Hitze hatte ihn am Schaffen gehindert, wie er dem Verleger gegenüber behauptet; nein! Die Anforderungen, die das Leben an einem stellte, die Zerstreuungen, zu denen es einen stetig verführen wollte; ja selbst Liebe und Zärtlichkeit der Freundin, alles, alles waren ebensoviel Hindernisse.

Fritz Berting gehörte zu den Künstlern, die nicht produzieren können, wenn Menschen um sie sind; deren Erfindungskraft wie gelähmt ist, wenn ein fremdes Auge auf ihnen ruht. Die bloße Anwesenheit eines anderen im Zimmer verursachte ihm peinigendes Schamgefühl, erstickte jeden Gedanken im Keime. Selbst Alma störte ihn, auch wenn sie garnicht sprach, wenn sie nur mit ihrer Näherei dabei saß. Das Mädchen kannte diese Eigenheit, verhielt sich so still wie möglich. Aber dann war es wieder ihr Schweigen, was ihn verdroß. Er lauerte gewissermaßen auf den Moment, wo sie ihn stören würde. Und geschah es, dann warf er ihr vor, durch ihr Verschulden sei ihm wieder einmal der Faden abgerissen. Das gab dann einen wundervollen Grund, an einem solchen Tage die Arbeit ganz und gar ruhen zu lassen.

Von dieser unfruchtbaren Stimmung, die ihn schon seit Wochen in ihrem Banne gehalten hatte, fühlte er sich heute Nacht endgiltig befreit. Schon am Nachmittage hatte er es empfunden, beim Anblick der schönen Stadt, die Lehmfink ihnen gezeigt hatte, daß sich etwas rege, sich melde in ihm, zum Leben befreit sein wolle von ihm. Ein unruhiges, banges, süßes Gefühl, wie es den Menschen befällt, der eine große Idee empfangen hat. Dazwischen hatte er an allerhand andere Dinge gedacht, sich mit verschiedenen Leuten unterhalten, neue Eindrücke aufgenommen. Aber er hatte bei alledem gewußt: das ist nicht das Wesentliche. Viel viel wichtiger war das, was in ihm vorging. Mit Namen konnte er es noch nicht nennen; aber doch war es da und wuchs, ohne sein Dazuthun.

Er ging und ging. Das Plätschern der Wellen ward ihm zur rhythmischen Begleitung seiner Gedanken. Nichts Anregenderes und Vertraulicheres als das strömende Wasser.

Solch ein Fluß ist ein lebendiges Ding, ein Wesen, von eigenem Willen beseelt, und doch ein stiller unaufdringlicher Geselle, ohne Verlangen und Neugier, nur mit sich und seinem Rinnen beschäftigt. Beständigkeit und Wechsel in einem, jung und uralt zugleich. Ein Bild des unaufhaltsamen, rätselhaften, unberechenbaren Lebens.

Die Gedanken eilten, als würden sie von den glitzernden Wellen leicht davongetragen, in unermeßliche Fernen. Rückwärts und vorwärts schaute der Dichter. War sein Dasein nicht wie dieser Strom? Das kleine Stück, welches sich dem Auge darbot, die Gegenwart, hell erleuchtet, dann eine Biegung des Laufes – über das Heute sah niemand hinaus. Und die Vergangenheit, aus den Träumen der Kindheit verschleiert auftauchend, wie ein dünnes, blitzendes Band aus Nebeln. Der Sinn des Ganzen ein Rätsel! Einiges, wo ein Lichtstreif hinfiel, sah man, dahinter Strecken, die grau waren. Bis sich die letzte Spur verlor, in dem Dunkel der Herkunft.

Wo kam er her? Wo ging er hin? Wer war er? –

Wenn Fritz Berting in Augenblicken der Selbstbetrachtung überschlug, was wohl an den sechsundzwanzig Jahren seines Lebens das Außerordentlichste sei, das Wertvollste, dasjenige, was ihm Lust und Verlangen gab, dieses Leben weiterzuführen, so war es das Bewußtsein, ein Dichter zu sein.

Seine Entwickelung war nicht auf ebener Bahn hingegangen. Zum Dichter hatte er sich gebildet im scharfen Gegensatz zu seiner Umgebung. Die Kindheitseindrücke hafteten nicht tief, verliehen seinem Denken und Dichten nicht das Lokalkolorit eines bestimmten Gaus, einer bestimmten Landschaft. Sie konnten es nicht; denn Fritzens Vater gehörte jener Klasse moderner Nomaden an, den Beamten, die heute hierhin, morgen dahin beordert werden durch den Dienst, ihre Zelte abbrechen und aufstellen müssen, nicht wie und wo es ihnen gefällt, sondern nach Bestimmungen, die irgend ein Mensch in irgend einem Ressort weit weg in der Hauptstadt trifft.

Geheimrat Berting war ein Mann von Ehrgeiz; ein Mann, den die Regierung seiner Gewandtheit und Schneidigkeit wegen gern auf schwierige Posten stellte. Von Geburt Hannoveraner, war er nach dem Jahre sechsundsechzig mit fliegenden Fahnen zum Sieger übergegangen. Man hatte ihn zunächst nahe der östlichen Grenze angestellt, in jenen Provinzen, wo Preußen auch im Frieden beständig unter Waffen steht gegen die Polen. Dann war Berting plötzlich zur Schlichtung schwieriger Arbeiterverhältnisse in das westfälische Kohlenbecken versetzt worden. Schließlich langte er wieder in seiner Heimat im Hannoverschen an.

Fritz, der als Kind und als halbwüchsiger Mensch diese Versetzungen mitgemacht hatte, empfing von der wechselnden Szenerie keinerlei starke Impulse. Die Atmosphäre im Vaterhause blieb auch in den verschiedensten Städten immer die nämliche. Wie die Möbel und der Hausrat, die man von einem Ende Deutschlands zum andern mit sich herumschleppte, ungemütlich, steif und langweilig, so waren auch Sitte und Gewohnheit des Hauses ohne Frische, Natürlichkeit und Farbe. Es herrschte in der Geheimratsfamilie der auf die Häuslichkeit übertragene Ton des Bureaus, korrekt, pedantisch, frostig, der Entwickelung einer Individualität, nun gar einer künstlerischen, direkt feindlich.

Später verwunderte sich Fritz oft selbst, woher er eigentlich die »Lust am Fabulieren« habe. Vom Vater gewiß nicht. Das mütterliche Angesicht verschwamm ihm undeutlich in der Erinnerung; ihr Wesen hatte keinen festumrissenen Eindruck hinterlassen. Für das Kind war ihre Persönlichkeit ausgelöscht, als sie früh starb. Aber in späteren Jahren hatte Fritz manchmal die undeutliche Empfindung, daß er der Frau, die ihn die ersten Kinderlieder gelehrt und ihm später schöne Märchen erzählt hatte – soweit der Gatte solche Allotria gestattete – doch mehr für seine Entwickelung verdanke, als sich zahlenmäßig nachweisen ließ.

Zu seinen beiden älteren Schwestern stand Fritz auch nur bestenfalls im Verhältnis der Gleichgiltigkeit. Er versäumte dadurch jenen glücklichen Zustand harmloser und intimster Neigung vom Knaben zum Mädchen, der eben nur zwischen Bruder und Schwester möglich ist; eine Erfahrung, die für den werdenden Mann von größtem Segen werden mag. Fritzens Schwestern waren daran Schuld, daß ihm dieses Glück nicht zuteil wurde. Die jungen Damen betrachteten den jüngeren Bruder mehr oder weniger als höchst unnötigen Ballast für die Familie und als ein Hindernis vor allem für ihren Plan, sich möglichst schnell und möglichst gut zu verheiraten. Beide erreichten diesen Lebenszweck in mehr oder minder vollkommener Weise, und verließen leichten Herzens das Vaterhaus, in dem jetzt nur der alternde Geheimrat und der minderjährige Fritz zurückblieben.

Innerhalb der einzelnen Schulen, die Fritz in den verschiedenen Städten der väterlichen Residenz aufsuchte, bestanden große Unterschiede der Schülerschaft, des Lehrkörpers, der Einrichtungen. Zweierlei nur schien sich an allen Stätten humanistischer Bildung gleich zu bleiben: der pedantische Eifer, mit dem man bestrebt war, den jungen Leuten die Sprachen des Altertums einzupauken, und als Gegensatz dazu: die Vernachlässigung der Muttersprache.

In der Provinzialhauptstadt, in deren höchstem Regierungskollegium der alte Berting schließlich einen Ruheposten erhielt, gab es ein gutes Theater. Fritz, der sich daheim in der steifen Gesellschaft des ältlichen Herrn, der viel an dem Sohne herumzunörgeln fand, nichts weniger als wohl fühlte, wurde zu einem eifrigen Theaterbesucher.

Er sah staunend die Dichter, welche ihm die Trockenheit des Litteraturunterrichts nahezu verekelt hatte, hier in jugendlicher Kraft und Frische auferstehen. Er machte die Bekanntschaft jener Welt von unvergänglicher Gedankenfülle, die den schlichten Namen trägt: Shakespeare. Er lernte nun auch die Dichter unseres silbernen Zeitalters kennen, die das Gymnasium ihm unterschlagen hatte. Dazwischen hinein sah er direkt aus Paris Importiertes oder doch nach Pariser Modell Gearbeitetes. Das Talmi vom Edelmetall zu unterscheiden, war er noch zu jung. Er nahm mit gierigem Appetit alles, was geboten wurde, kritiklos in sich auf.

Die drastische Kraft des lebendigen Theaters übte auf die leicht erregbare Phantasie des jungen Menschen fascinierende Wirkung. Er stand gerade in dem kritischen Alter, wo im Jüngling sich der Mann schüchtern zu regen beginnt. Wo der Körper sich reckt und streckt, der Bart sprießt, die Stimme wechselt. Jene komisch rührende Zeit des männlichen Backfischtums, in der alle Gesetze regelmäßiger Entwickelung plötzlich aufgehoben erscheinen, wo der Junge ängstlich staunt über das, was sich in ihm und an ihm vollzieht wie die Wirkung einer fremden Macht. Eine Periode der scheuen Träume und Wünsche, lächerlicher Einbildungen und dreister Eroberungspläne. Nichts ist da im Gleichgewicht; die Gliedmaßen scheinen einander zu bekämpfen, kein Ebenmaß, weder im Körper noch in den Funktionen; und auch in der Seele herrscht derselbe Anarchismus.

In dieser Zeit meldet sich tief beunruhigend der Trieb zum anderen Geschlecht. Die Liebessehnsucht tritt mit jener elementaren Kraft auf des Naturereignisses, die Hüllen der Schüchternheit und Scham sprengend, rücksichtslos wie alle Lebensprozesse.

Das weibliche Wesen, das Fritzens erste Liebe entzündete, war die Heroine des Theaters. Eine Person von reifen Formen mit ausdrucksvollen Zügen, eine echte, weithin wirkende Bühnenerscheinung. Sie war ungefähr doppelt so alt wie Fritz, verheiratet und hatte Kinder. Was bedeutet das einem verliebten Jüngling! – Er sah in Frau Korsewska überhaupt nicht ein irdisches Weib, für ihn war sie ein Wesen aus einer anderen Welt. Es kann solcher Leidenschaft, über die zu lachen oder entrüstet den Kopf zu schütteln leicht ist, etwas eigen sein wie religiöse Hingebung, eine Inbrunst die nur die junge, unentweihte Seele in solcher Kraft zu empfinden vermag.

Die Briefe des Primaners an diese Dame fanden keine Beantwortung; aber einen dem liebeglühenden Fritz völlig unerwarteten Erfolg hatten sie: der Gatte der Schauspielerin, ein pensionierter Offizier, suchte Fritzens Vater auf und bat ihn, seinem Filius zu raten, nicht soviel Porto anzulegen für Briefe, welche der Adressatin anfangs äußerst belustigend gewesen, auf die Dauer aber doch lästig würden.

Das war einer jener Schläge, die das jugendlich unbewehrte Gemüt treffen, wie Ruten einen entblößten Rücken. Frühe Liebe wurde hier mit roher Hand ausgemerzt gleich einem Verbrechen, statt behandelt zu werden als verzeihliche Verirrung.

Fritz hatte das Unglück, in dieser Krisis an seinem Vater nicht einen Freund zu haben, sondern einen korrekt pedantischen Aufseher. Geheimrat Berting fand dem Fehltritte seines Sohnes gegenüber kein anderes Gefühl als das moralischer Entrüstung. Auf den Gedanken, daß Fritz Schmerzen leide, daß er weniger der Strafe als des Zuspruchs bedürftig sei, kam er nicht. Damit war für den Vater endgültig die Gelegenheit versäumt, das Vertrauen des Sohnes zu gewinnen.

Es wuchs Gras über diese Angelegenheit, die Wunde vernarbte äußerlich; denn in jenem Alter bietet die Natur wunderbare Heilkräfte. Aber bei Fritz blieb, ohne daß er es selbst wußte, etwas verkapselt zurück, ein dumpfes Mißtrauen gegen den Vater, eine allgemeine Verbitterung und frühreife Weltverachtung.

Das Erlebnis bewirkte bei dem Gymnasiasten nicht etwa »Zerknirschung und innere Einkehr«, die der Vater verlangte, sondern höhnischen Cynismus als Reaktion seiner Verzweifelung. Der Besuch des Theaters war ihm streng untersagt; aber er wußte sich anderwärts schadlos zu halten. An Stelle jener ersten idealen Liebe trat ein durchaus realer Liebeshandel. Bei einer drallen Kellnerin fand der junge Mensch Erhörung seiner Wünsche.

Schulden beim Wirt, Händel mit einem eifersüchtigen Freunde der Schönen, Anzeige beim Vater, waren die unausbleiblichen Folgen dieses frühen Liebesverhältnisses.

Geheimrat Berting fragte sich in tiefer Bekümmernis, wie gerade er zu einem so ungeratenen Jungen komme. Daß er vielleicht selbst Schuld habe an den Ausschreitungen des Sprößlings, sagte sich der alte Mann nicht.

Das Maturitätsexamen wurde trotzdem zum Staunen aller Beteiligten bestanden. Hierauf hieß es: sein Jahr abdienen. Fritz trat in Berlin ein, wo er gleichzeitig an der Universität für die juristische Fakultät immatrikuliert war. Er fühlte nicht den geringsten Trieb in sich zum Studium der Rechte; aber sein Vater, von dem er vorläufig noch wirtschaftlich abhängig war, verlangte von ihm, daß er diese Karriere ergreife. Der alte Geheimrat würde das Ansinnen toll gefunden haben, sich mit dem grünen Jungen über die Wahl eines Lebensberufes zu verständigen.

Als Freiwilliger lernte Fritz alle die Vergnügungen bedenklichster Natur kennen, welche Berlin für einen jungen Menschen von ungestümer Sinnlichkeit zu Tages- und Nachtzeiten feilbietet. Der alte Herr fand zwar, daß der Militärdienst etwas teuer zu stehen komme; aber er bezahlte, wenn auch murrend, was von ihm verlangt wurde.

Fritz hatte in diesem anstrengenden Jahre, das ausgefüllt war vom Dienst und den fast noch größeren Strapazen eines ausgelassenen Lebens, weder Zeit für sein Fachstudium noch für irgend welche anderen geistigen Interessen gefunden. Nur zur Musik gewann er ein neues Verhältnis. Durch einen seiner Kameraden wurde er in die Wunderwelt eingeführt, die Richard Wagner heißt.

Dichterische und musikalische Kompositionen, denen dieser große Verführer aller Sinne Leben gegeben, stürmten mit überwältigender Kraft auf den Jüngling ein und betäubten ihn eine Zeit lang allen anderen Stimmen gegenüber. Und Hand in Hand mit dem Komponisten des Tristan kam ein anderer Magier über seine vom Pessimismus schon ergriffene Seele: Schopenhauer. Der eine führte ihn ein in die Schrankenlosigkeit mystischer Urgefühle, der andere lehrte ihn die bewußte Verachtung der Welt und die Flucht ins »Nirwana«. Von dem Verfasser »der Welt als Wille und Vorstellung« war die Brücke schnell geschlagen zu Hartmann, zu Vogt, Moleschott und Büchner. Und nachdem der junge Mensch Blut geleckt hatte beim philosophischen Materialismus, suchte er folgerichtig die Ergänzung solchen Weltbildes in der Naturwissenschaft. Abermals ging ihm eine neue Welt auf mit Darwin und der Evolutionstheorie.

Daß ein Mensch, der so schwere Bissen zu verdauen hatte, nicht Zeit finden konnte, sich auf das Staatsexamen vorzubereiten, lag auf der Hand. Fritz hatte wohl die Unterschriften der Herren Professoren über all die Collegien, die er nicht gehört hatte, in seinem Heft stehen – denn das kontrollierte der Vater – aber sein Kopf blieb völlig unberührt von Pandektenlehre, Civilprozeß und anderen Materien der Rechtsgelahrtheit. Der Geheimrat aber drängte zum Examen; denn er war für den Sohn womöglich noch ehrgeiziger, als er es seinerzeit für sich selbst gewesen.

Fritz wurde sich immer klarer, daß ihn von der Welt des Vaters etwas Unüberbrückbares trenne, das hieß: moderne Weltanschauung. Der Alte stand auf der Seite, die ihm seine siebzig Jahre anwiesen; der Sohn war auf weiter Fahrt begriffen, deren Ende niemand absehen konnte.

Fritz hatte keinerlei Fühlung mit den studentischen Verbindungen, den Couleuren, oder den freien Vereinen. Alles Kommentwesen war ihm zuwider. Dafür verkehrte er in einem Klub, der sich aus Menschen der verschiedensten Berufe und Klassen zwanglos zusammen gefunden hatte. An zwei Abenden der Woche traf man sich, um zu disputieren, Vorträge zu halten und anzuhören, die neuesten Ereignisse des öffentlichen Lebens, der Litteratur und Wissenschaft beim Glase Bier und der Cigarre durchzuhecheln.

Da waren Künstler aller Schattierungen, Menschen der verschiedensten religiösen Bekenntnisse; doch wogen die vor, welche gar keine Religion hatten. Die politische Gesinnung der meisten war radikal. Sozialdemokraten gab es da und Juden – viele waren beides – auch vereinzelte dem Anarchismus nahe stehende Persönlichkeiten. Geistiges Proletariat, ewige Studenten, gescheiterte Journalisten, Menschen, welche alten, abgetragenen Kleidern glichen, deren Farbe und Stoff überhaupt nicht mehr zu ergründen ist, deren Beruf, wenn eine Definition dafür gefunden werden muß, höchstens der war: Zeitgenosse zu sein.

Die Vorträge, welche im verräucherten Hinterzimmer eines obskuren Lokales einer wenig bekannten Gegend des östlichen Berlins abgehalten wurden, die Debatten, die sich daran knüpften, waren, entsprechend der buntscheckigen Gesellschaft, kraus und ungleichwertig genug. Das Panier, das diese Corona zusammenhielt, war jedoch im Grunde kein unedles. Sie hatten eine Hoffnung, einen Glauben, ein Ideal, eine Richtung in die Zukunft. Sie wollten etwas, wenn auch in verworrener Weise, sie träumten von großen Thaten der Kunst und Wissenschaft, ersehnten eine Wandlung der Verhältnisse auf allen Gebieten. So verschieden sie sein mochten nach Herkunft und Lebensgang, eines war ihnen gemeinsam, daß sie die Gegenwart verdammten, und daß sie von der Zukunft Großes erwarteten. Befreiung wollten sie aus den Fesseln des Dogmas, der Schablone, der Konvention, von denen sie sich überall bedrückt und gehemmt fühlten. Ein Durst erfüllte sie nach Freiheit, ein Heißhunger nach Wahrheit und Schönheit. Sie machten von dem Rechte der Jugend reichlich Gebrauch, das Bestehende niederzureißen und groteske Luftschlösser an seine Stelle zu setzen. Sie schlugen Schlachten mit Worten, verdammten allmächtige Staatsleute in Grund und Boden, vernichteten Modekünstler durch ihre Kritik, entthronten wissenschaftliche Theorieen und Systeme, die Jahrhunderte lang gegolten hatten, an einem Abende. Sie gründeten Zeitungen, die es niemals auch nur zum Erscheinen brachten, und beschlossen Theateraufführungen, zu denen außer den stets vorhandenen aufführungsbedürftigen Dramatikern nichts weiter da war.

Aber alles das nicht zum Spaß, sondern in jenem bitteren, fanatischen Ernst der ohnmächtig Einflußlosen, denen nicht gestattet ist, ihren Hoffnungen zu leben.

Es war der uralte Kampf, der von Anbeginn durch die ganze Welt tobt; die Revolution der Jugend, die Empörung neuer Generationen gegen das Althergebrachte, Eingerostete, der knirschende Haß der Aufstrebenden gegen die, welche, auf ihren Erfolgen ausruhend, das Heft in Händen halten.

Weil man an das wirkliche Leben nicht heran konnte, weil man jenseits der Barriere stand, welche von der Praxis die Theorie trennt, ergriff man das einzige Mittel, das zur Verbreitung seiner Ideen übrig blieb: das Wort, das gesprochene wie das geschriebene.

Die einen drückten ihren Schmerz in lyrischen Gedichten aus, die anderen reformierten die Welt durch Leitartikel. Eine Anzahl von ihnen und nicht die wenigsten, legten ihren Protest gegen die bestehende Gesellschaftsordnung in Dramenform nieder.

Fritz Berting bildete in dieser Gesellschaft eine auffällige Erscheinung. Er stammte aus geordneteren Verhältnissen, als die meisten Mitglieder dieses Klubs. Das was ihn zu jenen Bohemiens hinzog, die in Kleidung, Sprache, Manieren seinen von der heimischen Kinderstube her verwöhnten Ansprüchen durchaus nicht genügten, war eben jenes verwandte Bedürfnis nach Befreiung und Selbständigkeit, nach Ausleben und Sich-bethätigen-dürfen.

Das Verhältnis des Sohnes zum Vater wurde immer unerträglicher, je fester der alte Herr auf seinem Willen bestand, daß Fritz die Staatscarriere einschlage, und je deutlicher der junge Mann erkannte, daß die Erfüllung des väterlichen Wunsches gleichbedeutend für ihn sei mit Lebendig-begraben-sein.

Gerade weil Fritz aus einer höheren Schicht der Gesellschaft stammte als seine Genossen, lernte er die Engigkeit der Konvention und die Unduldsamkeit des Vorurteils viel bitterer verspüren, als jene, die, von Anfang an niederer Herkunft, überhaupt nicht deklassiert werden konnten. Als seine erste Gedichtsammlung erschien, erlebte er einen Sturm der Entrüstung in der ganzen Verwandtschaft und Freundschaft. Alte Schulkameraden von ihm, jetzt Offiziere oder Korpsstudenten, ließen ihn, wenn er gelegentlich mit ihnen zusammentraf, durch ihre Zurückhaltung deutlich merken, daß man ihn als einen Verdächtigen betrachte. Er schien in den Augen dieser Leute abgefallen von den Traditionen des Standes, indem er »unter die Litteraten« gegangen war.

Es mußte früher oder später zu einem Bruche kommen zwischen Vater und Sohn. Als Fritz, sobald er mündig geworden, das mütterliche Erbteil für sich verlangte, erhielt er das Geld, welches ihm ja nicht vorenthalten werden konnte, zwar ausgezahlt, aber der Vater machte ihn gleichzeitig darauf aufmerksam, daß, wenn Fritz statt einen soliden bürgerlichen Beruf zu ergreifen, weiterhin in anrüchiger Gesellschaft verkehre und »lascive Bücher« schreibe, er ihn enterben werde. Fritz antwortete einige Zeit nach Ergehen dieser väterlichen Drohung mit der Veröffentlichung einer zweiten Gedichtsammlung, die alles, was der alte Herr an der ersten verwerflich gefunden hatte, in verstärktem Maße aufwies.

Von da ab war das Tafeltuch zwischen ihm und der Familie zerschnitten. Als der Geheimrat ein Jahr darauf starb, fand es sich, daß Fritz im Testament auf das Pflichtteil gesetzt war.

Nun folgten jene Jahre in Berlin, während deren Fritz Berting mit seinen Dramen vergeblich bei den Bühnenleitern, Dramaturgen und Theateragenturen antichambrierte. Der Disputierklub ging ohne Sang und Klang auseinander. Einige wenige von den jungen Leuten rangen sich durch, kamen unter das Notdach einer Redaktion oder ergriffen den ersten besten Beruf als Rettungsplanke. Viele tauchten unter auf Nimmerwiedersehen in der dunklen Woge des berliner Lebens. Fritz machte neue Bekanntschaften. Sein Geld halfen ihm Freunde und noch schneller Freundinnen durchbringen.

Er fragte sich manchmal, wenn er seine Lage bedachte, seine Mittellosigkeit, den geringen Erfolg seiner Dichtungen, ob es nicht doch weiser gewesen wäre, wenn er dem Wunsche seines Vaters folgend, die juristische Laufbahn eingeschlagen hätte. Dann säße er jetzt als wohlbestallter Herr Referendar mit Aussicht auf Beförderung, könnte Leutnant der Reserve auf seine Karte schreiben, wäre Mitglied der guten Gesellschaft und eine geschätzte Stütze von Thron und Altar.

Er mußte zugeben, daß sein Dasein dann ein glänzenderes und bequemeres gewesen sein würde. Und dennoch konnte er nicht bereuen, das andere Teil erwählt zu haben. Es kam ihm vor, als ob – wenn an seinem Leben überhaupt etwas gut und der Achtung wert war – es jener Entschluß sei, mit dem er, vor die Wahl zwischen Philistertum und Künstlerlaufbahn gestellt, sich entschieden hatte für das, was ihm der edelste Beruf dünkte auf Erden: der des Dichters.

Schon lange glitzerte das Mondlicht nicht mehr über den Wellen. Weißlicher Nebel zog herauf aus unsichtbaren Verstecken, wo er im Verborgenen gelauert hatte, und verhüllte allmählich das ganze weite Flußthal. Zugleich lichtete sich der Himmel im Osten. Kälte in der Luft und Feuchtigkeit am Boden kündeten das Ende der lauen Sommernacht.

Fritz kehrte um. Da er nicht wußte, wo er sich befand, hielt er es für das beste, genau auf dem Wege, den er gekommen, nach der Stadt zurückzukehren. Ihn fröstelte in der Morgenluft und er fühlte den Nachtmarsch in seinen Gliedern. Aber er war glücklich.

Das was er in dieser Nacht ersonnen hatte, konnte ihm nicht wieder genommen werden. Es war etwas da, etwas, das mehr bedeutete als Gefühl und Stimmung. Vor seinem inneren Auge stand es. Nur die Hand brauchte er auszustrecken, und er hielt es fest.

Er wußte jetzt, was der leitende Gedanke seiner Dichtung sein würde. Die Kette gleichsam, in die er den bunten Einschlag verweben wollte seiner Empfindungen, der Grundakkord, der durch alles zittern sollte, das Thema, das zu variieren war.

Wenn es überhaupt einen Namen gab, der umfassend genug war für eine so große, so bedeutsame Sache, so lautete er: das Geschlecht.

Wohl wußte Fritz Berting, daß es kühn sei, ein Buch aufbauen zu wollen auf einem einzigen Begriffe; wohl ahnte er die verborgenen Abgründe, die in einem Thema so heikler Natur lauerten. Aber in diesem Augenblicke entzückten Erschauens war er wie der Wanderer, der lange in enger Schlucht einhergeschritten ist und auf einmal vor eine herrliche Fernsicht gestellt wird. Er denkt nicht an die Mühseligkeiten, nüchternen Wegstunden und Gefahren, die ihn von jenen Fernen trennen. Als wäre seine Sehkraft gesteigert, sieht er die fernsten Gipfel und Zacken in herrlichster Beleuchtung vor sich liegen, zum Greifen nahe. Und es erscheint so leicht, das, was man klar erkennt, sich zu eigen zu machen.

Das Geschlecht! War es nicht das größte, fruchtbarste, interessanteste Thema, das man sich wählen konnte? – Lag darin nicht alles eingeschlossen, das Körperliche sowohl wie das Geistige? War es nicht der Punkt, wo der Mensch am engsten und nachdrücklichsten zusammenhing mit der Natur? Seine Abstammung vom Tiere wie seine Verwandtschaft mit Gott, seine Achillesferse, wie seine Apotheose, aus diesem einen Punkte wurden sie verständlich. Es war Kraft und Schwäche, Tragik wie Glück und Erfolg, Liebe, Haß, Kampf, Streben und Untergehen, höchstes Heldentum, tiefste Entartung, Aufblühen und Verwelken des Einzelnen, wie ganzer Familien, Klassen, Völker zu erklären aus ihrem Verhalten als Geschlechtswesen.

Fritz hatte einmal von einem seiner medizinischen Freunde gehört, daß bedeutende Psychiater, ehe sie eine Diagnose stellen, sich zunächst über das Geschlechtsleben des Patienten, als die wichtigste Frage, klar zu werden trachten. War hier nicht ein Fingerzeig für den Dichter? –

Was hatte die Naturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten zu so erstaunlichen Erfolgen geführt? Was hatte sie triumphieren machen über alle Bethätigungen des menschlichen Geistes? Die Schärfe der Beobachtung. Man hatte das, was man mit Augen gesehen, mit Ohren gehört, was man betastet, gerochen, geschmeckt, mit einem Worte, was man sinnlich wahrgenommen, zunächst einmal nüchternen Sinnes konstatiert, und das also untrüglich Festgelegte in Atome zergliedert und es in seinen feinsten Regungen analysiert. Mit Hilfe scheinbar so einfacher Mittel war man zu tiefen Wahrheiten, zu epochemachenden Entdeckungen, ja zur Aufstellung universeller Systeme gelangt.

Wenn nun schon der Gelehrte, der in dem groben Material empirischen Wissens arbeitete, zu so gesteigerten Resultaten gekommen war, mit Hilfe dieser Methode, wie würde da erst dichterische Phantasie und Intuition Hand in Hand mit exakter Beobachtung und Analyse zu neuen Horizonten führen und herrliche, unerhörte Gebilde zu Tage fördern. –

Vielleicht war man hier auf dem Wege zur neuen Kunst. Vielleicht würde die Dichtung, gestützt auf diese Methode, emporsteigen zu ungekannter Höhe. Warum sollte ihr versagt sein, was die Wissenschaft erreicht hatte, während eines halben Jahrhunderts im Sturmschritt Zeiträume zu durcheilen, zu deren Bewältigung früheren Generationen Jahrtausende nicht genügt hätten.

Es kam darauf an, von der Wissenschaft zu lernen, die wertvollen Vorarbeiten, welche die Forschung geliefert hatte, zu verwerten, ihre Methode sich anzueignen. Genau wie der Gelehrte, hieß es, nüchtern sein, sich nicht durch Aberglauben vergangener Epochen das Auge trüben lassen. Vor allem hieß es auch, die sentimentale Empfindsamkeit abstreifen, die uns im Blute lag. Und weiter galt es, sich freimachen von altmodischem Vorurteil, von alledem, was uns unter dem Namen Moral und Religion Fremdes, Unnatürliches und Erkünsteltes anerzogen worden war. Der Naturwissenschaftler und der Philosoph hatten das längst zum alten Eisen geworfen, auch der Dichter konnte damit nicht mehr wirtschaften, wenn anders er an der Spitze moderner Weltanschauung marschieren wollte. Dabei konnte er sehr gut ein Seher bleiben und ein Prophet. Sein Auge sollte, geschärft durch wissenschaftliches Sehen, in alle Abgründe und Tiefen der Wirklichkeit tauchen, statt wie es früher gewesen, verzückt Ausschau zu halten nach dem, was man jenseits der Wolken vermutete. Rücksichtslos mußte der Moderne sein, auf die Gefahr hin, von prüden Seelen schamlos genannt zu werden. Er durfte sich nicht fürchten, vor dem Armeleutegeruch, jenen Dünsten, die auffliegen von Armut und Krankheit, welche die Moralisten als Schmutz und Laster zu bezeichnen beliebten. Er durfte sich nicht schämen, die Seciersäle, die Gefängnisse, die Irrenhäuser zu betreten; denn alle diese Erscheinungen waren wichtige Bestandteile des Lebens, bildeten menschliche Dokumente, eröffneten große Perspektiven, gaben Gelegenheit, die Welt zu zeigen wie sie war, nicht wie Idealisten träumen mochten, daß sie sei.

Freilich, zimperlich durfte man da nicht sein und auf Zimperlichkeit anderer durfte man auch nicht achten. Den Mut mußte man besitzen, sich ganz auszukleiden, nackt hinzutreten vor die Menge. Dann allein durfte man hoffen, durch Wahrheit wie die Natur selbst zu wirken.

Was aber waren die stärksten, echtesten Gefühle des Mannes? Was beherrschte von dem Augenblicke an, wo unter bangen Wehen aus dem Knaben der Jüngling geboren wird, das Denken, Dichten, Schaffen, Wünschen, kurz, das ganze Sein des normalen, männlichen Individuums? – Von Schopenhauer konnte es lernen, wer es nicht aus eigener Erfahrung wußte: der Geschlechtstrieb. Der gewaltige, autokratische Herrscher, der allmächtige, launenhafte Störenfried, der große Künstler, unter dessen unsichtbarem Finger alles Farbe bekommt und Form, der ewig wache Regulator des Leibes wie der Seele.

Diesen Trieb in den Mittelpunkt setzen einer Dichtung, hieß daher nur konform handeln den ewigen Gesetzen des Kosmos.

Im Geschlecht war die Stelle, wo man an die menschliche Natur herankonnte. In allem anderen wußten die Menschen einen schwer zu durchdringenden Panzer von Konvention, Satzung, von erheuchelter Sittenstrenge um sich zu legen. Hier hatte das Gewand eine Lücke, durch die man ein Stück lebendig nackter Menschenhaut durchschimmern sah.

Und nun für das Leben des Einzelnen wie für das große Ganze diesen roten Faden nachzuweisen, der sich oft verborgen der alltäglichen Einsicht, doch für feinere Augen überall sichtbar hindurchzog, die natürliche Unterlage dieser das Dasein bedingenden Gefühle durchleuchten zu lassen durch alles, wie Gold durch ein feines Gewebe; jenseits aller Moral, sachlich wahr und gerecht das Geschlechtsleben zum Zünglein zu machen der Wage, war das nicht eine Aufgabe, würdig des modernen Dichters, der nicht Sänger sein wollte allein und Fabulist, sondern auch Forscher zugleich, Richter und Gesetzgeber im Geistigen wie im Sinnlichen. Der das ganze Leben mit seinem Auge umspannte und sich das Recht herausnahm, jeder Erscheinung gegenüber seine Ansicht zu äußern, und jedem Stoff, mochte er noch so spröde erscheinen, seinen Schöpferodem einzuhauchen.

Die Erkenntnis dieses Naturgesetzes in Fleisch und Blut des Kunstwerkes umzusetzen, darauf kam es jetzt an. Daß ihm das gelingen würde, bezweifelte er im Augenblicke der Empfängnis nicht.

Auf Zehen schlich er sich in das Quartier. Es gelang ihm ins Bett zu kommen, ohne Alma zu wecken. Er schlief sofort ein, und als er spät im Vormittage erwachte, fühlte er sich stark, frisch und zum Schaffen lustig.

Sofort ließ er eine Änderung vornehmen in dem Quartier. Sie hatten nur zwei Zimmer zu ihrer Verfügung. Alma pflegte mit ihrer Nähterei im Wohnzimmer zu sitzen, dort stand auch Fritzens Schreibtisch. Da er aber die Angewohnheit hatte, während des Schreibens gelegentlich aufzuspringen und im Zimmer umherzulaufen, so wäre man in dem ohnehin beschränkten Raume allzusehr beengt gewesen. Er traf also ein Abkommen mit Frau Klippel, wonach Alma gestattet sein sollte, in dem Wohnzimmer der Wirtin jenseits des Ganges zu sitzen und zu nähen. Zugleich ließ er nun die von Alma längst sehnlichst gewünschte Nähmaschine anschaffen. Von da drüben her störte ihn das Geräusch ja doch nicht. Das Mädchen war glücklich über die Nähmaschine und noch mehr über die gute Laune, die plötzlich, sie wußte nicht woher, über ihren Fritz gekommen war.

In den nächsten Tagen und Wochen saß Fritz Berting an dem kleinen, wackeligen Schreibtisch aus Nußbaumholz. Er ging nur ganz wenig aus, und Alma hatte Mühe, ihn zum Innehalten der Mahlzeiten zu bewegen, so versessen war er auf die Arbeit.

Freier und leichter seien ihm die Gedanken noch niemals zugeströmt, deuchte ihm. Seine Einbildungskraft schien unerschöpflich. Ein guter Einfall zog den anderen nach sich, Szene reihte sich an Szene. Die Figuren sprangen wie geharnischte Ritter gewappnet aus der Phantasie hervor. Er schuf wie im Fieber und auch wieder jeden Augenblick der Verantwortung seines Thuns sich voll bewußt, eingedenk des großen Amtes, das der Dichter ausübt. Vater und Freund seiner Geschöpfe, hingerissen, erschüttert, mit ihnen bangend, hoffend und liebend, doch über ihnen stehend, kühl ihre Geschicke abwägend, ein Richter über Gut und Böse, über Wahr und Unwahr, über Schön und Häßlich.

Fritz Berting war ein Neuling im großen Roman. Bisher war er mehr Lyriker gewesen als irgend etwas anderes. Selbst seinen Dramen wurde von Kennern der Vorwurf gemacht, daß sie erfüllt seien von lyrischer Stimmung, daß ihnen der große, herbe, geschlossene Gang der Tragödie abgehe. Seine Prosaskizzen hatte er selbst nur als Vorarbeiten betrachtet. Nun stand er endlich vor der Aufgabe, die ihm seit Jahren vorgeschwebt: dem großen naturalistischen Romane.

Das war freilich ein ander Ding als das leichte Abpflücken einer Stimmung, das Austönenlassen einer Sehnsucht, das Weiterspinnen eines melancholischen Traumes. Hier mußte schwere Arbeit gethan werden. Material galt es heranschaffen aus dem Gedächtnis und der Erfahrung. Da mußte gesichtet, geprüft, eingeordnet werden. Auf dem Fundament positiven Wissens sollte das Ganze ruhen, damit es vor dem Wirklichkeitssinn standhalte. Wollte man den Leser zwingen, an die Welt lustiger Ideen zu glauben, die man aufbaute, so mußte man gestalten mit grobem, haltbarem Stoff, ebenso wie ein Architekt, um einen konstruktiven Gedanken auszuführen, Stein und Eisen, Sand und Kalk braucht. Das Schwierige war, die Materialien so zu verbinden, daß sie nicht den Grundgedanken verdeckten, erdrückten oder ertöteten, sondern im Gegenteil in sinngemäßer Anordnung ihn laut und deutlich zum Ausdruck brachten. Bei einem so groß gedachten Werke waren dem Autor nicht alle Teile gleichmäßig aufgegangen. Oft kamen ihm während des Schreibens Erwägungen, die ihn nötigten, das schon Geschaffene zu ändern und neues einzubauen. Stockungen traten ein. Auf einmal, nachdem eine Zeit lang das Schaffen glatt von statten gegangen war, wie das Abspinnen eines Fadens, gab es einen Knoten. Von seinen Gestalten hätte der Dichter in jedem Augenblicke genau angeben können, wie sie dachten, fühlten, was sie wollten und hofften, planten; aber die Erfindung stockte, und die Phantasie hatte schwereres Arbeiten, wenn es hieß, die äußeren Verhältnisse zu schildern, in denen diese Menschen Tag ein Tag aus lebten.

Als Milieu der Handlung hatte er sich eine große Stadt gedacht. Aber da eine solche doch ein mehr oder weniger umfaßbares Wesen ist, das sich in seinem Umfang der künstlerischen Gestaltung entzieht, hatte er sich innerhalb der Stadt wiederum ein Viertel, und in diesem eine Straße ausgewählt. Und zwar hatte er den Hauptplatz der Handlung in einen Vorort verlegt, ähnlich dem, in dem er augenblicklich lebte. Hier waren die Verhältnisse einfach, ja beinahe primitiv und darum übersichtlich. Die städtische Bevölkerung mit ländlichen Elementen durchsetzt, minder raffiniert, in ihren Äußerungen harmloser und natürlicher, als der Großstadtmensch sich zu geben pflegt. Interessante Gegensätze dazu von reich und arm, von gebildet und ungebildet, von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Hier war gleichsam ein Filter für das Land, das nach der Stadt hereinströmte und zunächst die gröbsten Bestandteile absetzte. Andererseits war hier aber auch der Kehrichthaufen, auf welchen die Stadt all ihr Verkommnes und Verbrauchtes hinausschaffte, all den Müll, der vom Haushalte eines großen Gemeinwesens abfällt. Dazwischen Familien besseren Ursprungs, die der größeren Billigkeit wegen im Vororte wohnten. Fabrikanlagen, die auf dem wohlfeileren Terrain wie die Pilze aufschossen, deren Besitzer oder Direktoren in prunkvollen Villen logierten, während die Arbeiter und Arbeiterinnen die langen grauen Zeilen der Mietskasernen bewohnten. Damit es dem Straßenbilde aber nicht an Buntheit fehle, verkehrten in dieser Gegend besonders gegen Abend Soldaten aller Truppengattungen aus den unweit gelegenen Kasernen; diese Gäste wurden von den Mädchen ebenso gern gesehen wie von den Gastwirten. In den zahlreichen Vergnügungslokalen fand dann zur Nachtzeit eine oftmals recht innige Verquickung dieser verschiedenartigen Elemente statt.

Welch herrlich charakteristischer Hintergrund, wie gemacht für das Thema, das Fritz sich gestellt hatte! Der Stoff lag hier geradezu auf der Straße. Er brauchte nur das Fenster zu öffnen, und es wurden ihm Geräusche zugetragen, die ihn leicht in Stimmung versetzten: der langgezogene Ton der Fabrikpfeife, das Lärmen unbeaufsichtigter Kinder, die sich ungeniert tummelten wie Sperlingsschwärme, das Geschwätz der Weiber von der Gasse, Leierkastenmusik, welche die Mädchen elektrisierte und die Hunde des ganzen Quartiers zu elegischem Geheul veranlaßte. Vieles ging hier in ländlicher Unbefangenheit auf der Straße, unter dem Thürstock, bei offenen Fenstern vor sich, was man sonst bei verschlossenen Thüren und bei herabgelassenen Gardinen vornimmt.

Alles redete seine Sprache zu Fritz von dem Augenblicke ab, wo er sich die Mühe nahm, darauf zu achten; selbst die Gerüche, die nicht immer angenehm aus Kellern, Budiken, Gruben und Gossen aufstiegen. Auch sie verrieten ihm die Geheimnisse der Häuser, die Gewohnheiten ihrer Bewohner. Es gab nichts in seiner Umgebung, das stumm gewesen wäre.

Und selbst das Quartier, das er bewohnte, wurde zur Fundgrube von Dokumenten. Da war die Wirtin, Frau Klippel, eine Person, der man trotz ihres jetzigen vernachlässigten Aufzuges die Spuren ehemaliger Stattlichkeit noch immer ansehen konnte. Der Mann war Eisenbahnschaffner und hielt sich im Dienste den größten Teil des Tages, oft auch der Nacht, außerhalb des Hauses auf.

Frau Klippel lief von früh bis Abend in loser Bluse, die ihre entwickelten Formen kaum verdeckte, mit ungemachtem Haar, in Filzschuhen einher. Richtige Mahlzeiten zu kochen, war sie zu träge. Das tägliche Brot der Familie bestand größtenteils aus Buttersemmeln, Kuchen und sehr viel Kaffee. Das Quartier war stets schmutzig, obgleich die Frau unter dem Vorwande aufzuwischen, zu jeder Zeit auch in die Zimmer der Mieter eindrang.

Fritz hatte Alma anfangs verboten, sich in intimeren Verkehr einzulassen mit Frau Klippel, denn er wußte wohl, daß sie beide, in ihrem vor dem Gesetz nicht legitimen Verhältnis, sich vor Indiskretion ganz besonders zu hüten hatten.

Aber seitdem Almas Nähmaschine in der Wohnstube der Familie Klippel stand, war der Verkehr mit den Leuten nicht zu vermeiden. Die Wirtin brachte oft Stunden damit zu, eines ihrer beliebten Aufwischtücher in der Hand, bei der fleißigen Alma zu stehen, ihr Rat zu erteilen für die Arbeit.

Diese Frau ersparte einem wirklich das Abonnement eines spannenden Romans beim Kolporteur. Sie war wie ein großes Lexikon des Klatsches für das ganze Stadtquartier, das über heikle Familienangelegenheiten die erstaunlichsten Aufschlüsse zu geben vermochte.

Fritz verschmähte es nicht, sich nun doch mit dieser chronique scandaleuse näher zu befassen. Kaum hatte Frau Klippel gemerkt, daß sie bei Herrn Berting mit ihren Berichten Anklang finde, so ließ sie alle Minen springen, gab für ihren Mieter gleichsam Extravorstellungen.

Fritz staunte geradezu. Die Kraft der Einbildung, die diesem Weibe eigen war, ließ die stärkste dichterische Phantasie hinter sich. Aber auch ihre Beobachtungsgabe, das Vermögen, zu kombinieren, aus Kleinigkeiten überraschende Schlüsse zu ziehen und kühne Vermutungen aufzubauen, war beneidenswert. Sie goß ein wahres Füllhorn des Skandals aus. Ihm war, als würde der Kehricht des ganzen Stadtteils vor ihm ausgebreitet.

Frau Klippel sprach den unverfälschten Dialekt ihrer Heimat, der an sich schon geeignet ist, alles ins Ordinäre zu verwandeln. Überhaupt gaben sich in ihrem Charakter die schlechten Eigenschaften ihrer Landsleute ein Stelldichein. Sie war durchaus nicht dumm, im Gegenteil von einer gewissen pfiffigen Intelligenz. Bar jeder Würde und Haltung, genußsüchtig dabei, ohne Energie und Temperament, eifrig im verdächtigen anderer und in hämischer Spottsucht. Ins Gesicht freundlich und stets bereit, sich wegzuwerfen. Farblos und nachgiebig wie Brei, der auf jeden Druck nach allen Seiten hin nachgiebt.

Glücklich war diese Person nur, wenn sie hinter der Kaffeetasse saß und wenn sie ein Opfer fand für ihre Redseligkeit. Ihre Erzählungen hatten etwas vom Puppentheater an sich. Sie führte ihre Personen meist redend ein. Niemals hatten ihre Geschichten ein Ende, aus jeder entwickelte sich wieder ein halbes Dutzend neue. Alles hing da unentwirrbar zusammen, wie ein großer Rattenkönig. Die Erzählerin aber fand sich in diesem Labyrinth immer zurecht.

Für gewisse Erscheinungen des Liebeslebens hatte der auf alles Skandalöse besonders erpichte Sinn dieser Frau überraschend einfache Erklärungen. Und gerade für das, was Fritzens Thema bildete, das Sexuelle, war sie mit einer Art unfehlbaren Witterung ausgestattet. In allen ihren Erzählungen bildete das Verhältnis der Geschlechter gleichsam das A und das O, das Leitmotiv für unzählige Variationen, der natürliche Untergrund, aus dem jede Erscheinung sich ganz selbstverständlich entwickelte und erklärte. Nicht, daß Fritz Berting den Rohstoff, welchen die redselige Person in reicher Fülle vor ihm ausbreitete, hätte direkt in seinen Roman aufnehmen können; aber er verschmähte die geheime Mitarbeiterschaft Frau Klippels an seinem Buche nicht. Denn Fritz erkannte mehr und mehr, daß, wenn er sein Ziel erreichen wollte: ein naturalisches Kunstwerk zu schaffen, er sich nicht scheuen dürfe, sein Auge an jede der unscheinbaren und äußerst seltenen Klinzen zu legen, durch welche uns hie und da gestattet ist, die Natur in ihren intimsten Heimlichkeiten zu belauschen.

Er sprach jetzt manchmal mit Alma über den Plan seines Buches, ja las ihr einzelne Stellen vor und suchte ihre Ansicht darüber zu erforschen. Er wußte zwar, daß Almas Geschmack durchaus ungebildet sei, aber ihm lag auch garnichts an ihrer Kritik; etwas ganz andres wollte er von ihr erfahren.

Verschiedene Physiologen, mit deren Werken er sich beschäftigt hatte, behaupteten: das Weib sei das Geschlechtswesen katexochen. Im weiblichen Organismus habe alles Beziehung zu dieser wichtigen Funktion, für die sie recht eigentlich von Natur bestimmt seien. Alles am Weibe, das Alltägliche wie das mystische Rätselhafte könne aus diesem einen Punkte erklärt werden; im Geschlecht liege ihre ganze Inferiorität, aber auch ihre Größe und Genialität.

Fritz vermutete, daß diese Theorie viel Wahres enthalte. Bei wem anders aber mochte man sich darüber vergewissern, als eben beim Weibe selbst! Es ging ihm jedoch eigenartig mit Alma; sie mochte von diesen Dingen nicht sprechen. Wenn er sie ausforschte über ihre Gefühle, ihre Regungen und Triebe errötete sie, wich ängstlich aus, suchte das Gespräch auf anderes zu lenken. Lachte er sie dann aus wegen ihrer Zimperlichkeit, drang er in sie, Dinge, die zwischen Liebesleuten so natürlich seien, nicht zu verschweigen, dann war sie im stande zu weinen. Einmal nachts unter dem Schutze der Dunkelheit machte sie einen Versuch, ihm alles zu erklären; aber es kam nur ein verwirrtes Stottern heraus, das sie jäh abbrach, um ihr heißes Gesicht bei ihm zu verbergen. Sie müsse sich zu Tode schämen, behauptete sie.

Fritz staunte. Was für ein starkes, ursprüngliches Gefühl doch beim Weibe die Scham war! Alma, die so feurig liebte, deren Lebenselement die Zärtlichkeit war, die sich ihm hundertmal rückhaltlos hingegeben hatte, Alma zog sich scheu zurück, wenn er das, was das alltägliche Brot ihres Verhältnisses war, zu analysieren versuchte. Es schien das mehr als bloß kindische Einbildung.

Er mußte da doch Wohl auf ein Naturgesetz gestoßen sein. Und schließlich hatte ihm Alma durch ihr Verhalten mehr verraten von den verstecktesten Geheimnissen des Weibes, als sie durch noch soviel beschreibende Worte vermocht hätte.


Zweites Buch

Die einzige Zerstreuung, die Fritz Berting sich in dieser Zeit angestrengtesten Schaffens gönnte, war der Verkehr mit seinem Freunde Doktor Lehmfink. Man traf sich des Nachmittags im Café, oder auch abends im Bierhaus. Da wurde über Politik, Tagesereignisse, am meisten aber über Litteratur geschwatzt.

Abends pflegte Fritz zu diesen Zusammenkünften Alma mitzubringen. Er wußte, daß Lehmfink gegen ihre Gesellschaft nichts einzuwenden habe. Da mußte das Mädchen oft stundenlang den Gesprächen der Freunde zuhören und hatte Mühe, das Gähnen zurückzuhalten, das Fritz nicht leiden mochte. Lehmfink, der ihren Augen die Müdigkeit ansah, hob dann wohl die Sitzung auf unter dem Vorwande, selbst müde zu sein, und verschaffte der Ärmsten so die ersehnte Bettruhe.

Selten kam es vor, daß Fritz Berting und Heinrich Lehmfink derselben Ansicht gewesen wären. Was sie einigte, war eigentlich nur das starke Interesse, das beide für Litteratur hegten, obgleich sie auch hier fast immer im Gegensatz der Ansichten standen. Aber gerade diese Verschiedenheit machte den Verkehr anregend, ließ die Unterhaltung niemals in die seichte Bucht der Fachsimpelei geraten.

Gewisse, wie Fritz deuchte, etwas stark rückständige Moralansichten des Freundes schrieb er auf das Conto der kleinen Verhältnisse, aus denen Heinrich Lehmfink stammte. In der altmodischen Art sich zu kleiden, in einer gewissen würdevollen Steifheit der Haltung, in der hypersoliden Lebensführung, hatte jener den deutschen Spießbürger nicht völlig abgestreift, bei aller Weite seines geistigen Horizonts. Und wie in der grotesken äußeren Erscheinung, so erschienen auch in seinem Charakter komische Züge mit Größe und Freiheit des Wesens merkwürdig vermischt. Fritz konnte nicht anders, als diesen wunderlichen Kauz, der ihn durch seine Pedanterie gelegentlich ärgerte, dessen weltfremdes, altfränkisches Wesen ihn oftmals zum Widerspruche reizte, im geheimen doch zu bewundern.

Fritz wußte, daß sein Freund ein Märtyrer war seiner Ehrlichkeit. Ein Mann von dem gründlichen Wissen Lehmfinks, von seiner Belesenheit, seinem Fleiß, würde, wenn er nur verstanden hätte, sich ein wenig anzuschmiegen, fünf gelegentlich gerade sein zu lassen, den Mantel nach dem Winde der öffentlichen Meinung zu hängen, eine ganz andere Stellung im Journalismus wie in der Litteratur haben einnehmen können. So aber war Heinrich Lehmfink einer von jenen wenig beneidenswerten Sklaven der Feder, der für den Tagesbedarf des Publikums seine guten Kräfte anstrengen mußte. Nebenher arbeitete er wissenschaftlich, schrieb Kommentare, gab kritische Ausgaben heraus. Aber auch hier stand der Erfolg nicht im Verhältnis zur aufgewendeten Kraft.

Fritz wußte, daß sein Freund von seinen Honoraren Mutter und Schwester, die von der Witwenpension eines Stadtschreibers leben mußten, unterstützte. Nun fing Lehmfink neuerdings auch noch an, ganz ungebeten von einer alten Schuld abzutragen, die er in Berlin bei Fritz kontrahiert hatte.

Es war das erste Mal in seinem Leben, daß Fritz Berting Geld, welches er verborgt hatte, zurückerhielt. Eigentlich mußte man sich ja scheuen, das von einem Manne anzunehmen, dem es so wenig glänzend erging, wie Heinrich Lehmfink; aber eine Weigerung würde den leicht Empfindlichen sicherlich schwer gekränkt haben. Und in gewisser Beziehung kam dieses Geld wie vom Himmel gesandt für Fritz, der gerade auf dem Grunde seines Beutels angelangt war, als ihm der Freund die ersten hundert Mark von den tausend ehemals erborgten zurückerstattete.

Doktor Lehmfink war in einem schwäbischen Bergstädtchen geboren, das die Einwohnerzahl fünftausend nicht ganz erreichte. Das Städtchen hatte ein Amtsgericht, eine evangelische und eine katholische Kirche und brüstete sich mit seiner Lateinschule. Sein Bürgermeister kam mit einem Ratsschreiber aus.

Ratsschreiber Lehmfink war dem Gehalte entsprechend, das er bezog, ein bescheidener Mann, dem es wie frevelhafter Leichtsinn erschienen wäre, mehr als dreimal in der Woche auf seinem Tische Fleisch zu sehen, oder sich einen zweiten Frack anzuschaffen, ehe sein alter, dessen abgeschabte Stellen von der Frau Ratsschreiber mit Dinte aufgefärbt wurden, ehe dieses kostbare Kleidungsstück nicht so morsch geworden war, daß kein Stich mehr darin hielt. Dieser Mann, den man also nicht gut einen Verschwender und eitlen Gecken nennen konnte, besaß jedoch einen Ehrgeiz, der, wenn man seine Revenuen kannte, immerhin tollkühn genannt werden mußte: er ging nämlich mit dem Gedanken um, seinen Sohn Heinrich studieren zu lassen.

Der Junge war nach drei Mädeln zur Welt gekommen. Vielleicht erklärt die Überraschung über das Faktum, daß, nachdem man hintereinander drei Nieten gezogen, nun doch noch ein Erbe und Stammhalter geboren worden war, vielleicht erklärt der Freudentaumel, der in solchen Fällen jeden Erzeuger zu befallen pflegt, die Wagehalsigkeit dieser Zukunftspläne.

Von dem Augenblicke ab, wo der kleine Heinrich da war, der, wenn alles gut ging, in achtzehn Jahren an den Brüsten der alma mater sich erlaben sollte – stand der Haushalt des Stadtschreibers Lehmfink noch mehr als bislang unter dem Zeichen des Sparens. Vier Kinder durchbringen bei vierhundert Thalern jährlichem Fixum und davon den vierten Teil zurücklegen wollen für den zukünftigen Studiosus, es war ein Rechenexempel, das, trotz seiner scheinbaren Einfachheit, doch immer und immer wieder, ja fast täglich und stündlich, von Vater und Mutter durchgerechnet und äußerst schwer lösbar gefunden wurde.

Dann starben die beiden ältesten Mädchen, zu einer Zeit, da die Diphteritis furchtbare Opfer von dem Kinderbestande des Städtchens forderte. Die Kleinen wurden aufrichtig betrauert von den Eltern; aber nachdem der Trennungsschmerz überwunden war, empfand man, ohne es sich einzugestehen, doch eine Art Entlastung. Das Rechenexempel wurde wesentlich leichter lösbar, seit man statt vier hungriger Münder deren nur noch zwei zu stopfen hatte.

Stadtschreiber Lehmfink hegte vor studierten Leuten eine unbegrenzte Hochachtung. Das Abgangszeugnis von einer Universität erschien ihm als die Eingangspforte zu allen höchsten Stellen der Welt. Was der kleine Subalternbeamte niemals besessen hatte, das sollte sein Sohn wenigstens einmal erreichen: Ehren und Einfluß.

Der väterliche Ehrgeiz schien nicht verschwendet zu sein. Klein-Heinrich erledigte die verschiedenen Stadien des Lesens, Schreibens und Einmaleins-Lernens mit anerkennenswerter Schnelligkeit. Und von dem Augenblicke an, wo er durch die Pforten der Lateinschule in den Tempel klassischer Bildung eingetreten war, bewegte er sich in der oberen Hälfte der Klasse, bis er schließlich aus dem Wettrennen unter zwei Dutzend Klassengenossen als unbestrittener Primus hervorging.

Philologie sollte der Junge studieren, so schlugen die Lehrer dem Vater vor; Heinrich, der mit sechzehn Jahren das Lateinisch in zweierlei Färbung, der archaischen und der ciceronianischen sprechen und schreiben konnte, werde einmal seiner Vaterstadt unsterblichen Ruhm erwerben.

Der Vater Stadtschreiber war natürlich nicht wenig stolz auf seinen Jungen, der in der Klasse über soundsovielen Honoratiorensöhnen saß. Dem jungen Menschen jedoch genügte die ziemlich reichliche Ration von Wissensstoff, die ihm auf der Schule verabreicht wurde, nicht einmal. Es war ein Drang in ihm, sich über den Stundenplan hinweg bekannt zu machen mit dem, was es sonst etwa noch außerhalb der Philologie in der Welt geben mochte. Er ahnte dunkel, daß ihm die Schule da mancherlei unterschlage. Die deutsche Litteratur wurde auch hier stiefmütterlich behandelt. Bücher gab es im väterlichen Hause nicht. Dafür existierte in dem Städtchen ein Buchladen, in dem zwar nur selten ein Buch gekauft, dessen Bibliothek aber um so eifriger benutzt wurde. Vor dem Schunde, der hier den harmlosen Schildbürgern als das Neueste und Beste der Weltliteratur in abgegriffenen, fettklebenden Deckeln verabreicht wurde, bewahrte den jungen Heinrich der schmale Geldbeutel seines Vaters. Für das Lesebedürfnis des Sohnes war in dem Budget des Stadtschreibers ein Posten nicht vorgesehen.

Aber es gab im Rathause ein Zimmer, das den Namen: »Die Bibliothek« führte. Da standen an tausend Bände in schönen, soliden Ledereinbänden. Ein Privatgelehrter, der hier am Orte seine letzten Lebensjahre zugebracht, hatte sie letztwillig der Bürgerschaft vermacht.

Die Stadtväter hatten die Stiftung nicht gut abweisen können, obgleich es manchem der braven Pfahlbürger als Unfug und unverantwortliche Verschwendung erscheinen mochte, daß für so unnütze Dinge wie Bücher ein ganzer, schöner, großer Raum des Stadthauses hergegeben werden sollte. Und der wunderliche Mann, von dem die Bücher gesammelt worden waren, hatte mit ihnen auch noch ein kleines Kapital vermacht, von dem ein Bibliothekar die Zinsen erhalten sollte für die Mühewaltung des Ausleihens. Diesen Posten hatte man dem Stadtschreiber Lehmfink gegeben. Er war leicht auszufüllen, denn es gab in dem Städtchen eigentlich niemanden, der von der Gelegenheit, sich gediegene Litteraturkenntnisse anzueignen, Gebrauch zu machen, die kühne Absicht gehegt hätte. Zwar wurden die schönen Bände von Zeit zu Zeit herausgenommen, aber nur um abgestaubt zu werden; im übrigen schliefen sie auf ihren Regalen so ruhig und ungestört, wie die Gebeine derer, die sie verfaßt hatten.

Bis einer kam, der Sohn des Stadtschreibers und Bibliothekars, der junge Heinrich Lehmfink, der die lichten Geister, die hier unter Staub und Spinngewebe schliefen, befreite und sich zur Gesellschaft aus ihren Gräbern citierte.

Hier lernte der Knabe den wunderlichen großen Wolfram von Eschenbach kennen. Der freie, ritterliche Walther von der Vogelweide wurde ihm vertraut wie ein Freund. Hans Sachsens Vielseitigkeit that sich ihm auf. Mit dem witzigen Fischart machte er gute Bekanntschaft. Vom Simplizissimus empfing er starken Eindruck. Klopstock zu lesen, versuchte er, brachte es aber ebensowenig fertig, wie irgend ein anderer moderner Mensch, der nicht gezwungen ist, diesem verzückten Pathetiker durch die Dunkelgänge seiner Gesänge zu folgen. Klarer und freier wurde ihm bei Lessings Verständigkeit zu Mute. In Wielands liebenswürdiger Gesellschaft fühlte er sich eine Zeit lang wohl. Herder regte ihn an, Schiller begeisterte ihn, bis er in Goethe endlich den Born der Schönheit fand, der unausschöpflich ist. Kant allerdings erwies sich seiner Jugend als eine allzu harte Nuß, dafür nahm ihn Jean Paul mit seinen wunderlichen, traurig lustigen Träumereien ganz und gar gefangen. Schließlich ging er mit den Romantikern aus, die blaue Blume zu suchen. Als geborenem Schwaben traten ihm seine Landsleute: Uhland, Mörike und Hauff besonders nahe. Mit Heinrich von Kleist, Körner, Schenkendorf und Arndt fühlte er Deutschlands Schmach und entbrannte für Befreiung von dem Joche der Fremdherrschaft. Durch die Gebrüder Grimm wurde er in die Wunder der deutschen Märchenwelt eingeführt. Germanischen Witz und Tiefsinn lernte er durch Till Eulenspiegel, Reinecke Fuchs, Münchhausen und andere Volksbücher kennen.

Die Bibliothek schnitt an einer bestimmten Stelle unserer Litteratur ab. Vielleicht war der Stifter in seiner Sammelarbeit durch den Tod unterbrochen worden; vielleicht auch hatte er die späteren Dichter nicht geliebt. Heine gab es da nicht, und auch das »junge Deutschland« fehlte. Dafür waren die großen englischen Epiker von Walter Scott bis Dickens in guter Übersetzung vertreten.

In dieser erlauchten Gesellschaft ein paar Jahre zuzubringen, hätte sich auch für einen anspruchsvolleren Menschen, als dieser Jüngling war, verlohnt. Heinrich Lehmfink befriedigte mehr den ersten Heißhunger der Jugend nach Wissen, als daß er schon jetzt literarischer Feinschmecker geworden wäre. Er nahm alles an, was vor ihm in der Krippe lag. Sein besonderes Glück war es, daß seiner Empfänglichkeit nur auserlesene Kost geboten wurde.

Die Lehrer, eingerostete Philologen alten Schlages, sahen es nicht gern, daß der hoffnungsvolle Schüler sich so eifrig mit »außerwissenschaftlichen Materien« abgab, wie sie die deutsche Dichtung nannten. Zu ihrem Erstaunen mußten sie erleben, daß diese Liebhaberei den Knaben nicht nur nicht schädigte, sondern, wie es schien, in seiner geistigen Entwickelung förderte. Er bestand eine gute Abgangsprüfung.

Nun ging's auf die Universität. Vom Militär kam der junge Mensch frei, seiner schwachen Augen wegen. Die hatte er sich in mancher, bei schlechter Öllampe durchstudierten Nacht fürs ganze Leben verdorben. Vater Lehmfink war geneigt, das für ein Glück anzusehen; jedenfalls grämte er sich keinen Augenblick, daß der Junge die kostspieligen Freiwilligenschnüre nicht auf den schmalen Schultern tragen würde. Der Ehrgeiz des Stadtschreibers ging mehr dahin, ihn möglichst bald in Amt und Würden zu sehen, während Mutter und Tochter in diesem einen Punkt anders dachten; sie hätten ein wenig buntes Tuch ganz gern in der Familie gesehen.

Ein paar Semester lang lag nun der junge Student ganz brav dem Studium der alten Sprachen ob, ohne irgendwelche leichtsinnigen Seitensprünge auf andere Wissensgebiete zu unternehmen. Bis er eines Tages durch Zufall in die Vorlesung seines großen Landsmanns Vischer geriet. Der Autor von »Auch einer« that es dem Jüngling an. Plötzlich wurden alle jene Geister der heimischen Rathausbibliothek wieder wach. Der Student alter Sprachen erfuhr durch einen Lehrer, der bis in die Fingerspitzen hinein ästhetische Persönlichkeit war, daß sich klassische Bildung, moderne Weltanschauung und germanisches Empfinden sehr gut vereinigen lassen. Und wie es geschieht, wenn ein Jüngling das Glück hat, in seinem Lehrer einen genialen Anreger zu finden: es gehen dann der jungen Seele ebensoviel neue Horizonte auf, wie ihr von den erstaunten Augen Schleier des Vorurteils genommen werden. Das Altertum war nicht die ganze Welt; die Philologie nicht die Wissenschaft; mit der Moderne verglichen, schrumpfte die Antike zu einer Vorbereitungsstufe zusammen.

Aber der Meister, der bei dem jungen Manne das ästhetische Schauen geweckt, das Erkennen des Schönen und Großen vertieft hatte, senkte ihm zugleich auch einen beunruhigenden Stachel in die Seele: den Trieb, nicht bloß zu wissen und zu erkennen, sondern auch zu erleben.

Heinrich, der sich daheim nur als Kind der Vaterstadt und besten Falles als Schwabe gefühlt hatte, während das Reich etwas Fremdes, ein geographischer Begriff für ihn geblieben war, begann, angeregt durch das Vorbild Vischers, der Stammeseigenart und Deutschtum großen Stiles in seiner überlegenen Persönlichkeit wunderbar harmonisch vereinigte, sich als Bürger eines weiteren Vaterlandes zu fühlen. Und wie dem Studenten sein Brotstudium nun beschränkt vorkam, so erkannte er auf einmal auch die Winzigkeit des engeren Vaterlandes. Neugier erfaßte ihn nach den weiten Landen, die jenseits der Grenzsteine seiner bisherigen Welt sich dehnten. Und diese Sehnsucht kam schließlich in dem Wunsche zum Ausdruck: das Reich, Preußen, Berlin zu sehen.

Nach Ansicht des Vater Stadtschreibers ein ganz toller Gedanke. Preußen, Berlin! – Das war für diesen Stockschwaben so gut wie Feindesland. Und dazu die Kosten der Reise und des Aufenthalts in einer so großen Stadt! –

Aber Heinrich, der die unwiderstehliche Kraft entwickelte des jungen Tieres, das aus dem Neste will, des Pflanzenkeimes, wenn er die Hülle sprengt, setzte seinen Willen durch gegen das ängstliche Abraten des ganzen kleinstädtischen Basen- und Gevatternkreises.

Berlin machte zunächst einen abstoßenden Eindruck auf den jungen Mann. Heinrich Lehmfink ließ sich durch die ungewohnten Dimensionen, den lauten Trara der Millionenstadt nicht die Fähigkeit der Kritik nehmen. Den Mittelpunkt deutschen Lebens hatte er sich doch etwas anders vorgestellt. Ihm konnten die Gardeleutnants, die in gebückter Haltung, Monocle im Auge, den Säbel schleppend, die Linden herabschleiften, ebensowenig imponieren, wie die dunkeläugige, schnodderig dreiste jeunesse dorée von ›Berlin W‹ und die geputzten Frauenzimmer des Café National mit ihren gemalten Wangen, die den Provinzialen, wenn er sich des Nachts in die Gegend der Friedrichstraße verirrte, lachend zum Mitkommen aufforderten, erfüllten ihn mit Ekel vor den unheimlichen Abgründen des glänzenden Großstadttreibens.

Ganz andere Dinge waren es, die ihn in ihren Bann schlugen. Das alte Schloß, das Zeughaus, das Kammergericht redeten für den, der hören wollte, eine beredte Sprache. Die Denkmäler des großen Kurfürsten und Friedrichs blieben nicht stumm. Dazu Sanssouci und Charlottenburg! Heinrich Lehmfink fing an, zu begreifen, daß diese lärmige, unsolide, brutale, künstlich aufgebauschte Stadt doch einen unvergänglichen Kern von historischer Größe und Schönheit besitze.

Er sah auch das milde Angesicht des greisen Kaisers; und für ihn, wie für jeden, der den alten, vornehmen Mann erblickt, wie er sich hinter seinem Fenster vor der grüßenden Menge, pflichtgetreu selbst in der Höflichkeit, unermüdlich verneigte, blieb dieser Anblick unvergeßlich.

Aber erhaben über alles, was groß und neu, gab es noch eines in dieser Stadt, einen Menschen, der wie ein Naturereignis, wie ein Stück personifizierte Weltgeschichte erschien, einen Mann, den man entweder hassen mußte, oder lieben: Bismarck.

Was hatten sie Heinrich Lehmfink daheim in dem schwäbischen Neste von diesem Bismarck erzählt! Er war für das Kind ein Popanz, für den heranwachsenden Jüngling eine unheimliche, unfaßliche Persönlichkeit gewesen. Der Mann von Blut und Eisen, der preußische Junker, der Erzreaktionär, der Feind aller Freiheit, aller Schönheit, aller geistigen Kultur. Aber sehen wollte er ihn, dieses Phänomen, das wie ein weitragender, alter Baum in der deutschen Erde stand, seinen Schatten werfend, bis in das Leben und Denken eines jeden.

Und er sah ihn. Nachdem er manche liebe Stunde umsonst vor dem Reichskanzlerpalais auf und abgeschritten war, lief er eines Tages auf einsamer Promenade im Tiergarten dem Fürsten gerade in den Weg. Lehmfink erkannte ihn erst, als er ihm beinahe gegenüberstand. Ein fliegender Blick aus den großen, blitzenden, dunkelblauen Augen traf den jungen, verblüfft dreinschauenden Menschen. Ein belustigtes Zucken um das granitene Kinn, die schmalen, vieles verbergenden Lippen.

Heinrich Lehmfink erholte sich nur langsam von dem Erlebnis. Dann kehrte er um, lief eiligst dem Fürsten nach. Er holte ihn ein und kam gerade zurecht, Bismarck ein Paar Damen begrüßen zu sehen. Der junge Mensch schritt an der Gruppe vorbei, und er empfing einen neuen Eindruck. Nie hatte er einen Mann sich ritterlicher vor Frauen verneigen gesehen, wie den gewaltigen Greis. Jetzt sah er erst, daß nicht wilde, ungebändigte Kraft das Charakteristische war an dieser Erscheinung, sondern Leichtigkeit, geistige wie körperliche Freiheit. Die Haut zart wie die einer Frau, das Auge berückend im Ausdruck, die Bewegungen graziös, das Lächeln unendlich fein. Lehmfink trug ein unauslöschliches Bewußtsein davon; etwas Schöneres würden seine Augen nie wieder erblicken, meinte er.

Und er sollte doch noch etwas sehen, das diesem Erlebnis an Schönheit gleichkam und es an erschütternder Wucht übertraf.

Die Hochschulen Deutschlands rüsteten sich, den siebzigsten Geburtstag des ersten Reichskanzlers zu begehen. Auch Heinrich Lehmfink ließ sich in den Fackelzug einstellen, den die Studenten ihrem großen Kommilitonen brachten. Als die Spitze des Zuges das Reichskanzlerpalais erreichte, voran die schwarz-weiß-roten Farben, denen er Sinn verliehen hatte, stand dort am geöffneten Parterrefenster, vom Fackellichte grell beleuchtet, die reckenhafte Gestalt eines Alten im Kürassierrock. Das Haar schlohweiß; denn er hatte, da er die Jugend erblickte, das Haupt entblößt. Und als nun die frische Schar vorübermarschierte, Hurrah rufend und die Schläger schwingend, da lehnte sich der Greis weit über die Brüstung, streckte beide Arme aus, als wolle er der Zukunft Deutschlands die Hände segnend aufs Haupt legen. Der Mann, den Europa den Eisernen nannte, schmolz in diesem Augenblicke dahin in unendlichem Glück und unsagbarem Weh. Meister der Diplomatie, Künstler im Abwägen und Zurückhalten, vermochte er seine Züge nicht zu beherrschen, weinte wie ein Kind.

Von diesem Augenblick ab war der Schwabe Heinrich Lehmfink gewonnen für das größere Vaterland. Er war erst bismarckisch gewesen, nun wurde er deutsch.

In seine Heimat wollte er jetzt garnicht zurückkehren. Seinem Vater zuliebe machte er den Doktor, blieb aber weiter in Berlin, angeblich, um sich auch in den neueren Sprachen zu vervollkommnen. In Wahrheit schwebte ihm ein Plan vor, den er nur in Berlin vollenden zu können glaubte: ein Heldenepos beabsichtigte er zu schreiben, in dessen Mittelpunkt er den Mann stellen wollte, der sich ihm in seiner menschlichen Liebenswürdigkeit durch ein Paar einfache Züge, ein Lächeln, eine Thräne verraten hatte. Er plante ein Gedicht in vielen Gesängen. Die Entstehung des neuen Deutschland von Anfang an würde es besingen, als roter Faden gleichsam sollte sich die Entwickelung seines Helden hindurchziehen, bis sich beide schließlich in der Reichsgründung trafen.

Es bedurfte eines Jahres voll mühevollen, verzweifelten Schaffens und sich Abquälens, voll mutlosen Fallen-lassens und sich immer wieder Anspornens und Aufraffens zur vorgenommenen Arbeit, um Lehmfink zu belehren, daß man mit noch soviel Begeisterung und Liebe aus dem herrlichsten Stoffe doch niemals ein Kunstwerk schaffen wird, wenn man kein Dichter ist.

Ein Geständnis, das zu machen sauer fiel; aber seine Ehrlichkeit rang es sich schließlich doch ab. Ein ganzes Jahr an eine Aufgabe verschwendet, die man schließlich doch nicht hatte lösen können! – Wenn er sich der ursprünglichen Reinheit und Größe seiner Absichten nicht bewußt gewesen wäre, er hätte verzweifeln können.

Sein Scheitern hatte auch eine äußerst ernste materielle Seite. Bisher war Heinrich von seinem Vater unterstützt worden; aber der konnte ihm nichts mehr geben, seitdem das kleine Kapital, das er für die Studien seines Sohnes zurückgelegt, aufgezehrt war. Der junge Mann mußte sich fortan den Lebensunterhalt selbst verdienen. Er that dies, indem er zurückgebliebenen Gymnasiasten Nachhilfsunterricht erteilte.

Damals starb sein Vater. Heinrich eilte nach Haus, kam noch zum Begräbnis zurecht und blieb eine Zeit lang bei Mutter und Schwester. Es hätte nahe für ihn gelegen, nachdem er draußen in der Welt Schiffbruch erlitten hatte, sich nunmehr in der Heimat eingeschränkter, aber sicherer anzubauen. Lehmfink machte auch wirklich einen solchen Versuch, ließ sich als Hilfslehrer anstellen. Aber lange hielt er das nicht aus. Weniger die Kleinheit der Verhältnisse war es, als die Engigkeit der Anschauungen, die Verbohrtheit und Querköpfigkeit, die ganze muffige Atmosphäre des Kleinstadt-Philisteriums, die ihn elend machte. Er hatte da draußen freiere Luft geatmet, hatte große Menschen gesehen, hatte vom Wasser lebendiger, stark fließender Entwickelung getrunken. Es zog ihn mit aller Macht dahin zurück, wo wirkliches Leben pulsierte.

In Berlin, wohin er nach einjähriger Abwesenheit zurückgekehrt war, sah er sich nach journalistischer Thätigkeit um. Wenig vertraut mit dem Zeitungswesen, glaubte er, daß es nur der Gediegenheit des Wissens, gefestigter Ansichten und guten Deutschs bedürfe, um im Journalismus vorwärts zu kommen. Der Brave ahnte nicht, daß solche Eigenschaften bei der Durchschnitts-Tageszeitung eher Hindernis als Empfehlung sind.

Nun war er also gezwungen, von Redaktion zu Redaktion zu gehen und seine Dienste anzubieten. Hie und da bekam er ein Stück Arbeit hingeworfen, das er annehmen mußte, mochte der Auftrag ihm liegen oder nicht. Dabei warf er einen Blick hinter die Kulissen nicht nur der Presse, sondern auch der ganzen großstädtischen Litteratur.

Er fiel aus einer Enttäuschung in die andere. Dieses Berlin, dem die glücklichen Errungenschaften einer ganzen Nation mühelos in den Schoß gefallen waren, das ein blühendes Centrum geworden war für Handel und Wandel, das in der Politik den Ton angab für Europa, dieses Berlin war eine litterarisch armselige Stadt. Was es an Litteratur hervorbrachte, was es auf seinen Theatern darstellte, war entweder direkt herübergeholt von dem Volke, das besiegt zu haben man sich brüstete, oder es wurde von geschickten Machern nach allerhand pikanten Rezepten zusammengebraut.

Heinrich Lehmfink gedachte der Manen großer deutscher Denker und Dichter, die doch schließlich alle unsichtbar an dem Reiche mitgebaut hatten, das jetzt äußerlich größer und mächtiger dastand, als jene es in ihren bescheidenen Träumen erschaut haben mochten. Was war Macht ohne Kultur? was Fülle der Kraft ohne Geist? Was nützte Breite des Unterbaues, wenn dem Ganzen als edelste Krönung die echte, zu den Wolken aufstrebende Kunst fehlte? – Dabei war die Presse voll des Lobes und der Bewunderung für die herrschende Kunst. Kein Wunder! Aus den Feuilletons sproßte diese Afterpoesie ja so üppig hervor; die Kritik düngte den eigenen Boden mit ihrer Zustimmung. Man war Poet, Rezensent, Kaufmann in einer Person. Alles stand zu einander in Fühlung, die Theaterbüreaux, die Feuilletonredaktionen, die sogenannten Dichter. Ihre Interessen waren enger mit einander verflochten als die Schwänze eines Rattenkönigs. Der, welcher nicht Zulaß hatte zu ihrem Klüngel, konnte draußen stehen und die Fäuste ballen.

Aber die Opposition war bereits da. Sie mehrte sich mit jedem neuen Mißbrauch der Machthaber, wartete nur auf ein Stichwort, ein Zeichen, einen Führer. Junge Leute, die aus den verschiedensten Lagern stammend nur darin einig waren: Neues an Stelle des Alten setzen zu wollen.

In dieser Gemeinschaft war es, wo Heinrich Lehmfink und Fritz Berting einander kennen lernten.

Es sollte eine Zeitung gegründet werden; denn man wollte zunächst einmal seine Prinzipien niederlegen, Panier entrollen, ein weithin sichtbares Zeichen für alle Gesinnungsverwandten aufstellen, um dann Sturm zu laufen mit starker Mannschaft.

Dieses jugendliche Projekt wäre wie ungezählte seinesgleichen sicherlich ein schöner Gedanke geblieben, wenn sich nicht zwei Leute gefunden hätten, einer, der das Geld dazu hergab: Berting, und ein anderer, der die Arbeit der Redaktion zu leisten ernsthaft gesonnen war: Lehmfink.

Ungefähr zehn Nummern erschienen, dann ging das Blatt ohne Sang und Klang ein. Das große Publikum hatte sich um das neue Unternehmen nicht gekümmert, weil es von Natur indifferent ist gegenüber allem, was mit Ernst auftritt. Und ernst, bitter ernst war es diesen Jünglingen um ihr reformatorisches Werk. Die wenigen Abonnenten aber, die der Prospekt gewonnen hatte, wußten nicht, was sie mit einem Blatte anfangen sollten, das sich auf der einen Seite sozialistisch-kommunistisch, auf der anderen aristokratisch-individualistisch gebärdete, das für Bismarck und das Germanentum schwärmte und gleichzeitig vaterlandslosen Anarchismus predigte. Ein Blatt, in dem die vierte Dimension spukte, das Übermenschentum, die freie Liebe und der Buddhismus sich ein Stelldichein gaben.

Lehmfink hatte nicht geahnt, daß er mit dieser Gründung nur einen Tummelplatz mehr geschaffen habe für unausgegohrene Ideen. Das Blatt war ein Monstrum und seine Wirkung einem Schlage ins Wasser gleich. Diejenigen, gegen die seine Spitze gerichtet sein sollte, lachten, und das Publikum, soweit es überhaupt Notiz davon genommen, wandte sich, noch verwirrter als zuvor, kopfschüttelnd ab.

Niemand härmte sich groß um das Verschwinden dieses Organes. Fritz Berting, der damals eben in die väterliche Erbschaft eingetreten war, verschmerzte das hineingesteckte Geld schnell. Nur Lehmfink nahm die Sache tragischer; ihm war wirklich eine Hoffnung zu Grabe getragen worden. Mit Hilfe Bertings löste er sich aus einer pekuniären Verpflichtung, die ihm anhing und setzte seinen Wanderstab weiter. Nach Haus wollte er auch jetzt nicht zurückgehen. In dem kleinen Neste kannten einen zu viele Menschen von Jugend auf und würden es einem nur zu bereitwillig unter die Nase reiben, daß man es trotz großer Erwartungen, die man ehemals erregt, doch zu nichts gebracht habe. Er verließ also Berlin; unter welches Notdach er nun kriechen werde, war ihm in seiner damaligen Stimmung beinahe gleichgiltig.

Mit wehmutsvoller Freude begrüßte er seinen Kumpanen Fritz Berting, der nach Verlauf von zwei Jahren desselben Weges verschlagen wurde. Oft hatte er sich in Gedanken mit dem jungen, hoffnungsvollen Menschen beschäftigt.

Es waren gemischte Gefühle, mit denen Heinrich Lehmfink auf den um einige Jahre jüngeren Freund blickte. Zweierlei hatte Fritz Berting vor ihm voraus, zweierlei, das neidlos einem anderen zuzugestehen – und wäre es der liebste Freund – wohl das Schwerste ist, was dem Manne zugemutet werden kann. Fritz war begabt auf einem Gebiete, das zu erobern auch er einmal geträumt hatte, Fritz war Dichter; Lehmfink wußte jetzt, daß er es niemals gewesen sei und niemals werden würde. Und noch ein anderes Patengeschenk war dem jüngeren Manne von einer generösen Fee mitgegeben worden: das Glück bei Frauen. Nicht ohne Bitterkeit fragte sich Heinrich Lehmfink manchmal, wenn er Alma und Fritz zusammensah, was dieser Mensch eigentlich vor ihm voraushabe, geliebt zu werden, wie er geliebt wurde.

Lehmfink erblickte im Weibe die Krone des Lebens. Er hatte sich im Innersten keusch erhalten; darum war ihm ein ungetrübter Blick für die Weiblichkeit bewahrt geblieben. Man hätte von ihm sagen können, daß er das Weib kenne, weil er die Weiber nicht kannte.

Für Lehmfink war Alma ein echtes Weib, gemacht, den Mann zu beglücken, also das Köstlichste, was die Natur hervorbringt. Und er sah mit geheimem Unwillen, daß Fritz Berting diesen Demantstein nicht nach seinem wahren Werte schätzte und behandelte. Was bedeutete es in Lehmfinks Augen, daß Alma von niederer Herkunft war! Sagte ihm doch seine Menschenkenntnis, daß dieses ungebildete Geschöpf das Herz auf dem rechten Flecke habe, und daß in ihrem Wesen die mütterliche Güte des echten Weibes schlummere.

Daß Fritz in wilder Ehe lebte mit dem Mädchen, fand Lehmfink weniger bedenklich, als die Thatsache, daß der junge Mensch sich der Verantwortung, der großen Verantwortung, nicht bewußt war, welche mit einem solchen Verhältnis der Mann auf sich nimmt.

Er wollte dem Freunde ja das leicht erworbene Glück gern vergönnen, aber ihm graute manchmal in Fritzens Seele. Gewiß, es hieß dem Künstler seiner höchsten Gabe berauben, wollte man ihm die Sinnenfreude nehmen. Phantasie, Empfänglichkeit, Schönheitssinn, trieben ihn zum anderen Geschlecht; aber dieselben Eigenschaften Machten ihm auch das Geschlechtsleben zur furchtbaren Gefahr. Es war das heikle Dilemma im Leben des Schaffenden: er braucht das Weib wie das tägliche Brot. Seele und Leib schreien nach Ergänzung im anderen Geschlecht. Und doch mußte ein Verhältnis, das in der Sinnlichkeit allein seine Nahrung fand, mit der Zeit der Versumpfung anheimfallen. Es war Heinrich Lehmfinks innerste Überzeugung, daß ein Künstler, der hier Raubbau treibt, früher oder später an seinem Schaffen schweren Schaden leiden muß.

Denn obgleich er sich selbst nicht für einen Künstler hielt, wußte Heinrich Lehmfink doch, daß Liebe und Kunst aus der nämlichen Quelle stammen, daß Schöpfergabe nur verdichtete Kraft ist des Liebens.

Zweites Buch

Fritzens Roman wuchs inzwischen zu einem Umfange heran, der den Autor selbst in Erstaunen setzte. Jeder Einfall lockte neue Einfälle herbei, so daß es war, als habe er – wie er in der Jugend manchmal gethan – zur Sommerszeit bei Nacht das Fenster geöffnet, und nun kamen die Motten und Schmetterlinge scharenweise herbei, vom Strahle der Kerze angelockt. Jede Gestalt seiner Phantasie hatte noch einen Schweif von Kindern und Kindlein hinter sich, wie auf alten Bildnissen die Fürstinnen-Mütter. Er fand es schwierig, dem Gedränge zu wehren derer, die schon da waren und derer, die Einlaß begehrend, von ihm aufgenommen sein wollten in sein Buch.

Sein Geist brütete in einem fort über diesem Werke, selbst wenn er nicht daran arbeitete. Bei Tag und bei Nacht, beim Essen, beim Ausgehen, überall war er bei seiner Arbeit; wie ein Vogel, der ein Nest hat, keine wichtigere Sorge kennt, als Futter herbeizuschleppen für seine Jungen.

Manchmal fuhr er aus dem Schlafe auf mit einer funkelnagelneuen Idee, die ihm im Traume irgendwoher aus der Dunkelheit des Unbewußten gekommen war. Dann lag er stundenlang wach und sann das Erfundene zu Ende, fiebernd vor Erfinderglück, aber im stillen auch wieder qualvoll beunruhigt und bangend, wie sich das Neue einfügen würde in das schon Stehende.

Oder er sah eine menschliche Physiognomie, die ihn frappierte, wurde Zeuge eines scheinbar bedeutungslosen Vorgangs, las etwas ganz Indifferentes in der Zeitung, hörte ein Wort, das vielleicht garnicht für ihn berechnet war, und sofort wurde ihm ein solch harmloses Erlebnis zum Schlüssel für eine Schatzkammer voll goldener Dinge, deren Fülle ihn beängstigte. Wo anfangen, wo enden, wenn er diese Reichtümer einheimsen wollte in seine Scheuern. Jedes Kunstwerk hatte doch seine natürlichen Grenzen; man mußte sich irgendwie beschränken auf das Mögliche.

Da hieß es denn streichen, kürzen, ändern, nachträglich herausnehmen und wieder einfügen, umstellen, stützen, motivieren. Er kam sich oft vor wie einer, der in ein Riesenfaß keltern soll, und jemehr Trauben er sammelt und auspreßt, desto größer und größer wächst das Gefäß, so daß er verzweifeln muß, es jemals gefüllt zu sehen.

Der Verleger Weißbleicher drängte, er wollte das Manuskript haben. Der Termin, zu dem der Roman ursprünglich fertig sein sollte, war längst überschritten. Für den Weihnachtsmarkt konnte das Buch schon garnicht mehr in Frage kommen.

Weißbleicher war sehr ungehalten. Er hielt Bertings Behauptung, daß ihm der Stoff unter den Händen gewachsen sei, für eine Bemäntelung von Schreibfaulheit. Hatte es irgend welchen Sinn, an einem Roman so lange zu düfteln und zu feilen! Das Publikum wollte ja garnichts künstlerisch Vollendetes. Etwas Neues, Überraschendes, Verblüffendes war die Hauptsache. Auf die Feinarbeit im Einzelnen zu achten, hatte der heutige Leser nicht mehr die Geduld.

Darum erschien es Zeit- und Kraftverschwendung, wenn ein Autor lange an seinem Werke herumbosselte. Haushälterisch sein mit den Mitteln, war ein wichtiges Handwerksgeheimnis. Ein Gedanke genügt für ein Buch; kam einem beim Schreiben ein neuer, so notierte man sich den für das nächste. Auf diese Weise konnte man im Jahre ganz gut seine zwei, drei, ja vielleicht sogar vier Romane schreiben. So wurde man populär, bekam einen Namen. Mühelos ging das, man mußte nur fleißig sein. Ökonomie vor allem! Die Reklame besorgte der Verleger. Dann verdiente man spielend einen Haufen Geld.

Das die Geschäftsprinzipien, welche der Verleger dem jungen Autor als unbedingt zum Erfolge führend, anempfahl.

Fritz Berting hätte über die Ratschläge des emsigen Banausen lachend zur Tagesordnung übergehen können, wenn nicht gerade jetzt die Frage des Geldverdienens abermals brennend für ihn geworden wäre. Rechnungen von Kaufleuten und Handwerkern liefen ein, die bezahlt sein wollten, und in der Ferne drohte schon wieder der Quartalsschluß mit der fälligen Miete. Der Wunsch, durch seine Kunst etwas zu verdienen, wurde Fritz sehr nahe gelegt. Wenn es nur nicht so schrecklich gewesen wäre, ums Geld zu schreiben. Der Gedanke an den Preis lähmte, statt anzuspornen, er tötete die Fähigkeit des Hervorbringens in ihrem Urquell, der Freiheit. Es schien wie eine Sklavenpeitsche, die über einem geschwungen wurde von unsichtbarer Hand.

Schlimmer aber zu ertragen war das, was in einem selbst bohrte und nagte: der künstlerische Ehrgeiz. Er sehnte sich nach Anerkennung, hatte Hunger nach der süßen Speise des Erfolges. Was war ein Künstler ohne die Resonanz der Menge! Was bedeutete der Dichter ohne das Podium der Öffentlichkeit, von dessen Höhe allein er weithin gehört werden konnte!

Und wenn er sich nun seine künstlerische Laufbahn ansah, war sie nicht ein großer Mißerfolg? Wer wußte denn etwas von dem Dichter Fritz Berting? Ein paar Kenner vielleicht, die seine Gedichte gelobt hatten und ihm bestenfalls ein kleines lyrisches Talent zusprachen. An sein verunglücktes Drama wollte er garnicht denken.

Gleichgültigkeit ist schlimmer als Feindschaft und Verfolgung. Denn in der Feindschaft liegt doch wenigstens Beachtung. Niederdrückend, vernichtend ist das Gefühl: man will nichts von dir, du bist überflüssig, du magst sprechen oder schweigen, weinen oder lachen, niemand kümmert sich darum.

Und dazu in den Blättern lesen zu müssen von den Erfolgen anderer! Was für Leute wurden da als große Dichter gepriesen, was für Erzeugnisse als epochemachende Werke! Jede Woche entdeckte die berliner Kritik ein neues Genie. Kaum wurde ein Buch veröffentlicht, ein Stück aufgeführt, so verkündeten die begeisterungsfähigen Propheten der Presse sofort den Anbruch einer neuen Kunstära.

Er kannte die meisten dieser Leute und wie sie mit einander zusammenhingen, wußte, warum der jenen lobte, warum jenes Werk von diesem Kritiker in Grund und Boden verurteilt wurde. Er sah sie leibhaftig vor sich, die Konventikel, Cliquen, Gesellschaften für gegenseitiges Lob, die das herstellten, was dem Publikum als Kunstkritik vorgesetzt wurde, und was die Menge, wenn sie es gelesen, als ihre eigene Meinung annahm.

Fritz Berting sehnte sich nicht nach dem Berliner Hexenkessel zurück. Er war ja mit versengten Flügeln geflohen aus dieser Hölle, in der so mancher seiner Freunde noch brannte.

Wenn Fritz den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen hatte, dann fühlte er sich manchmal in seine Schulzeit zurückversetzt. Wie damals war man nun wieder an sein Pensum gebunden. Freilich jetzt war es ein anderes Arbeiten, ein selbsterwähltes, verantwortungsvolles, klippenreiches. Statt der Censur des Lehrers standen die Selbstkritik, der Zweifel am Gelingen als viel härtere Zuchtmeister im Hintergrunde. Für den Schüler war die Arbeit Zwang, die freie Zeit Glückseligkeit gewesen. Heute waren Arbeit und Freiheit gleichmäßig von Sorgen durchsetzt, und von jenen unsichtbaren Ketten gebunden, welche wir uns selbst, ohne es zu wissen und zu wollen, mit den Jahren schmieden.

Das Leben, das Fritz und Alma führten, war jetzt, wo die kalte Jahreszeit angebrochen, noch einförmiger als im Sommer, wo es doch hie und da ein Spaziergang oder ein Ausflug unterbrochen hatte. Früh kaum erwacht, nachdem man eine Tasse dünnen Kaffees hinuntergestürzt hatte, ging er an den Schreibtisch, sie zu ihrer Nähmaschine. Bis zum Mittag wurde ohne Unterbrechung gearbeitet. Dann eine halbkalte Mahlzeit, die man aus einer nahen Speisewirtschaft holen ließ. Darauf ging Fritz aus, um sich mit Lehmfink im Café zu treffen. Dann wieder ein paar Stunden Arbeit; wenn Fritz es nicht vorzog, auf dem Sofa liegend eine Cigarette an der andern anzuzünden, über sein Buch nachzudenken oder auch Grillen zu fangen, je nachdem seine Laune war.

Des Abends in ein feineres Lokal der inneren Stadt zu gehen, wie man es früher wohl gethan, verboten die Kassenverhältnisse. Man blieb lieber in der wohlfeilen Gegend, in der man gekannt war, und wo man, wenn das Geld einmal ganz ausgegangen, Kredit erhielt.

Wer ihm das vor einigen Jahren gesagt hätte, daß seines Vaters Sohn einmal dahin kommen würde, Abend für Abend in ein Bierlokal zu gehen, wo als Stammgäste Fabrikarbeiter, Handwerksgesellen, Ladenjünglinge verkehrten, eine Gesellschaft, in der der Unteroffizier als Standesperson hervorragte!

Anfangs hatte ihn das Unästhetische dieser Atmosphäre gestört: der Geruch von Bier und Speisen, der Dunst von Fünfpfennig-Cigarren, der ordinäre Ton, der schmuddelige Anstrich des Ganzen. Mit der Zeit aber fand er sich wohl oder übel darein. Manchmal fühlte er sogar ein gewisses, dem Gegensatz zum Gewohnten entspringendes Gefühl des Behagens in dieser Umgebung. Hier konnte er seine Studien ergänzen. Dieses Völkchen ahnte nicht, daß ein beobachtendes Auge auf ihm ruhe; sie zeigten sich völlig ungeniert in ihren primitiven Bedürfnissen und harmlosen Belustigungen, Liebeleien, Eifersüchteleien, gedankenlos sich schlagend und vertragend, wie es einer ohne Erziehung und ohne Sittenkodex aufgewachsenen Klasse eigen ist.

Den ganzen Abend spielte hier ein soeben aufgestelltes Orchestrion allerhand Gassenhauer, oder auch Partieen aus bekannten Opern. Viele lockte das nach »Stadt Paris«. Niemand von den Gästen schien dieses monotone Geräusch als Karikatur von Musik zu empfinden. Und auch Fritz, der doch musikalische Kultur hatte, war bald soweit, daß ihm etwas fehlte, wenn das Instrument wegen Mangels an Gästen einmal nicht in Gang gesetzt wurde.

Fritz und Alma hatten ihren Platz für sich. Sie sprachen mit niemandem, aber bald waren sie mit den Physignomieen der Stammgäste vertraut und hatten allerhand Eigentümlichkeiten an ihnen entdeckt, die zu beobachten harmlose Belustigung gewährte.

Da war ein Liebespärchen, dessen Verkehr darin bestand, daß er wortlos ein Gericht der Speisekarte nach dem andern verschlang, während sie stumm dabei saß, und ohne selbst irgend etwas zu genießen, sich mit seligem Lächeln an dem Anblick seines Appetits sättigte. Ein junger Commis mit durchgezogenem Scheitel im pomadisierten Haar, der die Anknöpfmanschetten unter den Ärmeln hervorzuziehen pflegte und einen großen Glasdiamanten in der bunten Krawatte trug, kam des Büffettfräuleins wegen und ließ dieser fetten, sehr viel gähnenden Schönheit zuliebe namhafte Summen aufgehen. Ein älterer Mann im Arbeitskittel war das Ärgernis von Wirt und Kellner, weil er den ganzen Abend über nur einen Schnitt Bier trank, dazu selbst mitgebrachtes trockenes Brot und Käse verzehrte, dafür aber sämtliche im Lokale ausliegende Zeitungen durchlas.

Alma war groß im Herausfinden solcher Züge. Sie hatte den offenen Blick des Naturkindes, das alles bemerkenswert findet. Fritz mußte sich sagen, daß er im Beobachten ein Stümper sei gegen das Mädchen. Auch die Schlüsse, die sie aus reinen Äußerlichkeiten auf Charakter und Wesen der Menschen zog, überraschten ihn oft durch ihre Richtigkeit. Ihre Sinne waren unblasiert, und dazu besaß sie jene durchaus weibliche Genialität, zwischen sich und der Umgebung sofort ein Verhältnis herzustellen.

Das Mädchen hatte wahrhaftig nicht viel Spaß vom Leben: den ganzen Tag über Arbeit und Plackerei, des Abends als einzige Zerstreuung stundenlanges Sitzen in einem raucherfüllten Raume. Aber sie wußte aus der geringsten Blume noch ihren Honig zu saugen. Wenn sie lachend ihre schönen Zähne zeigte, konnte man nicht gut griesgrämig sein. Es lag etwas Ansteckendes in der Anspruchslosigkeit dieses sonnigen Temperaments. Fritz nannte sie eine »kleine Lebenskünstlerin«, weil sie es so meisterhaft verstehe, sich den Verhältnissen anzupassen und den Augenblick auszukosten.

Alma und Fritz hatten sich, nachdem sie eine Zeit lang in ›Stadt Paris‹ verkehrt, so sehr an das dort aus- und eingehende Publikum gewöhnt, daß ihnen jeder neue Gast sofort auffiel. Und auch sie waren dort bekannte Persönlichkeiten geworden. Daß Alma häufig bewundernd angestarrt wurde, war für Fritz nichts Neues. Solche von Neid nicht immer freien Blicke erhöhten das Glücksgefühl sicheren Besitzes.

Nur eines Abends fand er das Benehmen eines Gastes doch etwas dreist. Ein junger Mann, der erst an einem entfernteren Tische gesessen hatte, von wo aus er Alma unausgesetzt fixiert, erhob sich, als in ihrer Nähe ein Platz frei wurde, und ließ sich dort nieder, in der kaum mißzuverstehenden Absicht, dem Gegenstande seines Interesses näher zu sein.

Er war seiner Kleidung nach zu schließen ein Mann des besseren Arbeiterstandes. Fritz fiel das hastig scheue Wesen des langaufgeschossenen, schmalbrüstigen Gesellen auf, der auch auf seinem neuen Platze keine rechte Ruhe fand. Sobald man ihn ansah, blickte er in eine andere Richtung, wie auf Unrecht ertappt. Dann wieder hob er sein dunkles, tiefliegendes Auge und ließ es glühend auf Alma haften.

Hatte man es mit einem Kranken zu thun? Der Mensch zeigte jene bläulich-weiße Gesichtsfarbe eines, der kürzlich aus einer Anstalt entlassen.

Das Benehmen des Burschen erregte die Aufmerksamkeit auch der anderen Gäste. Alma hatte ähnliche Aufdringlichkeiten sonst mit Gleichmut hingenommen; heute zeigte sie sich peinlich berührt. Röte des Unwillens war ihr ins Gesicht gestiegen.

Fritz wollte dem Wirt ein Zeichen geben, den lästigen Gesellen zu entfernen, aber das Mädchen bat inständig, er möge doch keinen Aufstand erregen; man wolle lieber gehen.

An keinem der nächsten Abende sah man den sonderbaren Heiligen wieder, und Fritz verlor den kleinen Zwischenfall schnell aus dem Gedächtnis.

Der Dichter Karol, alias Siegfried Silber, kam eines Tages zu Fritz. Er brachte ein Paket, das er vorläufig noch in seinem Umschlage ließ. Trotzdem er offenbar bemüht war, indifferent zu erscheinen, konnten die unruhig funkelnden Augen des kleinen Mannes das Interesse nicht gänzlich verleugnen, das er hier an allem nahm.

Fritz Berting war froh, Alma sicher hinter ihrer Nähmaschine jenseits des Korridors zu wissen; ihm lag gar nichts daran, jenen eingeweiht zu sehen in seine häuslichen Verhältnisse.

Er bot dem Kollegen einen Stuhl an. Silber behauptete zwar, es eilig zu haben und um keinen Preis stören zu wollen, er wisse aus eigener Erfahrung, wie peinigend es sei, aus der künstlerischen Stimmung gerissen zu werden, aber schließlich nahm er den Stuhl doch an und blieb sogar ziemlich lange darauf sitzen. Er freue sich so sehr, Herrn Berting einmal allein sprechen zu können, sagte er.

Fritz wußte ganz gut, warum jener das »allein« so stark betonte. Mehr als einmal nämlich war man sich in dem Café begegnet, wo Fritz Berting und Doktor Lehmfink einander zu treffen pflegten. Einmal hatte sich Silber unaufgefordert an den Tisch der beiden gesetzt, aber es wurde ihm zu verstehen gegeben durch kurz angebundene Antworten und frühen Aufbruch, daß man auf seine Gesellschaft keinen Wert lege.

Fritz hatte die Behandlung, die man dem kleinen Manne damals angedeihen ließ, eigentlich ungerechtfertigt hart gefunden. Lehmfink trug Schuld daran, dem, wie er selbst gestand, dieser Kollege im höchsten Grade wiederwärtig war.

»Der kleine Siegfried Silber ist eine Reporternatur,« hatte Heinrich Lehmfink erklärt. »Du brauchst nur seine Augen anzusehen, Berting! Ohne das Taschenbuch zu ziehen, macht er sich beständig Notizen. Zufällige Bemerkungen anderer bügelt er frisch auf, und bringt sie als eigenes Patent in den Handel. Wenn du dich heute mit dem Menschen über ein litterarisches Thema unterhältst, so kannst du es erleben, wie es mir ergangen ist, nach einiger Zeit einen schlechten Aufguß deiner Ideen in irgend einem Feuilleton wiederzufinden. Er hat ja seine Laufbahn im Kleidermagazin des Vaters begonnen; seine litterarischen Gewohnheiten erinnern daran. Er hätte besser gethan, beim Trödlergewerbe zu bleiben; in der Litteratur kann er nur Schaden stiften. Mit seinen emsigen Fingern versucht er sich an allem, am Größten wie am Kleinsten. Nichts giebt es, wozu er nicht den Beruf in sich fühlte. Er wird nie um Einfälle verlegen sein. Ich will ihm nicht Fleiß absprechen und geistige Beweglichkeit, auch ein gewisses Geschick zum Kombinieren ist ihm eigen, ein ganz nettes Jongleurtalent, aber er soll mir den ersten originellen Gedanken nachweisen, der von ihm selbst stammt. Dagegen hat er die feinste Witterung für das, was zeitgemäß ist und was Erfolg verspricht.«

Hier hatte Fritz dem Freunde widersprochen. Nach Erfolg streben sei schließlich nichts Unrechtes, in seiner Weise thue es jeder. Silber aber, dem obskuren Feuilletonisten oppositioneller Organe, die unter dem Sozialistengesetze in steter Gefahr schwebten, kassiert zu werden, könne man nicht gut den Vorwurf machen, daß er Opportunist sei.

Lehmfink hatte gelächelt und erwidert: »Es ist richtig, mit den regierenden Gewalten kokettiert Siegfried Silber nicht; vielmehr drapiert er sich mit dem roten Mantel. Wie lange, wird sich zeigen! Vielleicht thue ich ihm Unrecht; aber ich müßte mich sehr täuschen, er kommt sich als Revolutionär bedeutend und höchst interessant vor. Auch darin schlägt bei ihm die Rasse durch, in diesem Agieren einer freiheitlichen Rolle. Wenn es ihm gar gelänge, eine Märtyrerkrone sich zu erwerben, so wette ich, würde er sie in Gold umzumünzen verstehen.«

Fritz Berting mußte an diese Worte denken, als Siegfried Silber jetzt vor ihm saß, in gesucht devoter Haltung. Ein Mensch, dessen letzte Motive schwer zu ergründen waren. Er kam vom Hundertsten ins Tausendste; erzählte von seinen literarischen Absichten, seinen volkserzieherischen Plänen, sprach von dem Arbeiterbildungsverein, dessen »geistiger Mittelpunkt« er sei. Dazwischen immer Fragen nach der Ansicht des anderen und dann jener lauernde Blick, mit dem er die Antwort gewissermaßen einsaugen zu wollen schien. Lehmfink hatte vielleicht doch nicht so ganz unrecht, obgleich bei dem Urteil über einen Siegfried Silber sein Antisemitismus mit in Betracht zu ziehen war.

Schließlich merkte Silber doch, daß er lange genug geblieben sei. Er sprang auf, bat um Entschuldigung. Es sei ein wahrer Hochgenuß, sich »mit einem Ebenbürtigen« zu unterhalten; ein Glück, das ihm so gut wie niemals blühe. – Dann schnürte er das Paket auf, welches er die ganze Zeit über in den mageren, unruhigen Fingern gehalten hatte, und legte ein Manuskript auf den Tisch. Dies sei sein Roman: »Im Getto«. Es liege ihm außerordentlich viel daran, Herrn Bertings Ansicht darüber zu hören. Er lasse das Manuskript hier und sehe mit Spannung dem Urteil entgegen.

Fritz Berting war nicht gerade entzückt von der Aussicht, sich durch den umfangreichen Stoß eng beschriebenen Papiers durcharbeiten zu müssen. Er ließ das Manuskript über eine Woche lang unberührt liegen, bis er eines Tages, als die eigene Arbeit durchaus nicht in Fluß kommen wollte, nach dem »Getto« griff, erst darin herumblätternd hie und da zur Stichprobe ein paar Zeilen lesend. Dabei wurde sein Interesse rege. Er begann von vorn und legte erst spät abends das dicke Manuskript weg, bis zur letzten Zeile durchgelesen.

Der Roman schilderte die Schicksale eines modernen Juden, der sich vom kleinen, ärmlichen Bocher emporgearbeitet hat, aus eigener Kraft zum reichen, einflußreichen Manne. Trotz seines Erfolges ist das Geschick des Helden ein tragisches. Die Welt beugt sich vor seiner Überlegenheit, man fürchtet ihn, aber liebt ihn nicht, und gerade Liebe ist es, was er sucht. Geheime Neigung treibt ihn zu dem Volke, in dessen Mitte er lebt. Er will nicht ein Fremder bleiben, er will angesehen sein von ihnen als ihresgleichen.

Aber überall stößt er auf Verkennung, Widerwillen, Haß, Verachtung. Ein junges Mädchen aus christlicher Familie, um dessen Hand er wirbt, weist ihn ab. Ein Freund, in dessen Adern blaues, arisches Blut fließt, den er vom Bankerott gerettet, verleugnet ihn schnöde. Er erstrebt ein Ehrenamt in seiner Heimatgemeinde, um die er große Verdienste hat, muß aber erfahren, daß man sein Geld zwar gern annimmt, die Ehren des Vollbürgers ihm zuzuerkennen jedoch nicht gesonnen ist.

Überall die Schranken des Gettos, die noch lange nicht beseitigt sind in unseren Tagen, und die um so drückender und erniedrigender wirken, weil sie nicht mehr als eine weithin sichtbare Mauer, sondern mehr wie eine gläserne Wand Mensch von Menschen, Rasse von Rasse scheiden.

Das Buch schließt damit, daß der Held das zu sein sich vornimmt, wozu ihn die christliche Gesellschaft gemacht hat: ein kalter, gefühlloser Feind und Schädling, ein Vampyr am fremden Blute, kurz, ein Jude, wie er vom Antisemitismus als typisch für das ganze Volk hingestellt wird.

Offenbar hatte Silber viel Selbsterlebtes in das Buch verarbeitet. Darüber verzieh man Übertreibungen und Ungerechtigkeiten. Fritz hatte öfters lächeln müssen über die Verzeichnungen, die dem Autor vor allem dort begegnet waren, wo er das Leben der guten Gesellschaft hatte darstellen wollen. Silber kannte die höheren Stände jedenfalls nur vom Hörensagen. Das vornehme Milieu war aus der Froschperspektive gesehen und mit der Feder des Pamphletisten geschildert. Echt wirkte er nur da, wo er die Geistesverfassung des Helden schilderte, die Zerrissenheit seiner Seele, das Schwanken zwischen Haß und Zuneigung gegenüber dem Germanentum, die Liebe zum eigenem Volke als ganzem, aber auch die instinktive Abneigung gegen den einzelnen Semiten, der durch Erscheinung und Wesen den Volksgenossen an die verhaßten Sklavenketten erinnerte, die man trug. Die tiefe Zwiespältigkeit im jüdischen Charakter war hier von einem geschildert, der sie im eigenen Gemüt erlebt hatte.

Nimmermehr hätte man Silber eine solche Leistung zugetraut. Dies hier war wohl einer von jenen glücklichen Griffen, die dem Künstler nur selten vergönnt sind und immer nur dann, wenn der Geist voll ist von unverarbeiteten Eindrücken, die sich mit Naturkraft in einem Bekenntnisse entladen. Daher die Übertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten, aber auch die Unmittelbarkeit und die Kühnheit des Buches. Das war wirklich mit Herzblut geschrieben, mochte Lehmfink den kleinen Silber zehnmal einen Plagiator nennen, hier hatte er etwas wiedergegeben, was ihm vom Geschick mit brennenden Lettern auf die Haut geschrieben worden war.

Fritz entsann sich noch deutlich der nervösen Geste, mit der Weißbleicher damals Karol aufgefordert hatte, sein Manuskript abzuholen. Jetzt, wo er es gelesen, konnte sich Fritz schon denken, warum gerade dieses Buch peinlich auf Weißbleicher und seine Art wirken mußte. Weil es ein Bekenntnis geheimer Leiden war, weil einer da aus der Schule schwatzte über Dinge, welche alle Eingeweihten kannten, die öffentlich ausgesprochen zu sehen aber doch genierte. Daher des klugen Verlegers mißbilligendes Urteil: »Das Publikum will nun mal solch unsympathische Stoffe nicht.«

Fritz Berting brachte das Manuskript dem Dichter persönlich zurück. Siegfried Silber bewohnte ein winziges Zimmer im vierten Stockmerk einer Mietskaserne. Die Luft war schlecht, und der Raum machte nicht gerade einen sauberen Eindruck. Fritz fand, daß seine eigene Wohnung, die ihm bisher ärmlich genug vorgekommen war, gegen dieses traurige Gelaß gehalten, elegant und komfortabel sei. Dem Bett konnte man nur den einen Vorzug nachrühmen, daß es wenig Platz wegnehme. Ein schmaler Tisch, der noch dazu wackelig war, mußte als Waschtisch und zugleich als Schreibsekretär dienen. Kleider und Wäsche lagen in einer offenen Holzkiste. Ein eisernes Öfchen war zwar da, aber Silber entschuldigte die Kälte im Zimmer damit, daß er nicht zu heizen wage, da der sogenannte Ofen an Stelle von Wärme unerträglichen Rauch verbreite. Der kleine Mann trug über dem Nachthemd von fraglicher Sauberkeit den Winterüberzieher. Er hatte geschrieben. Auf dem wackeligen Tisch lagen die Manuskriptbogen, daneben stand die Theemaschine; außerdem machten Tintenfaß, Haarbürste, einige Hemdkragen, Butterbüchse und ein angeschnittenes Brot sich den Platz auf der Tischplatte streitig. Das einzige prächtige, was es in dem ganzen Räume gab, war ein Bücherbrett mit neuem Konversationslexikon, von dem ein Band, wohl eben benutzt, bei dem Manuskript lag.

Fritz hatte schon manche Bohemien-Wohnung gesehen; er wunderte sich daher nicht allzusehr über das, was er hier fand. Er legte sein Paket auf das Bett und setzte sich selbst auf den einzigen vorhandenen Stuhl. Der Dichter des »Getto« aber war über den Besuch so in Ekstase, daß er es auf dem Bett nicht lange aushielt. Wie er es fertig brachte, sich in dem engen Räume zu bewegen, war ein Rätsel, aber tatsächlich lief er, während Fritz seine Ansicht über den Roman aussprach, hastig auf und ab.

Als Fritz geendet, hielt ihm der Autor mit theatralischer Gebärde die Hand hin zum Einschlagen, und dankte mit Worten überschwänglicher Freude. Nun sei es ihm ganz gleichgültig, ob sein Roman gedruckt werde oder nicht. Was könne dem Stolze, der Genugthuung gleichkommen, daß ein »Eigentöner« ihn anerkenne. Jetzt habe sein Werk die Weihe erhalten, und er scheue sich fast, es nun noch dem profanen Lesepöbel vorzulegen.

Fritz suchte das Gespräch auf anderes Gebiet zu lenken in der Sorge vor weiteren Liebeserklärungen. Aber der geschmeichelte Autor ließ ein Thema, das ihm so gut mundete, nicht ohne weiteres fahren. Immer und immer wieder fragte er: welche Partieen des Buches Fritz am besten gefallen hätten, was er von der und der Stelle, von diesem und jenem Charakter halte. Mit einer Gier, die der Komik nicht entbehrte, stürzte er sich auf jeden Brocken der Anerkennung, der ihm dargereicht wurde.

Ein Paar Tage darauf erhielt Fritz einen Brief von Siegfried Silber, in welchem dieser ihn einlud, einem Vortrage beizuwohnen, den er im Arbeiterbildungsvereine über Heinrich Heine halten wolle. Fritz war sofort entschlossen, die Einladung abzulehnen. Einmal wollte er den allzu beifallssüchtigen Kollegen um keinen Preis in seiner Eitelkeit bestärken, und dann behagte ihm auch das Milieu nicht, in dem der Vortrag stattfinden sollte. Er hegte für den Verfasser des Buches der Lieder, den er in einer gewissen Periode seines Lebens vergöttert hatte, soviel Dankbarkeit und Liebe, daß er ihn nicht gern profanisiert sehen mochte. In Berlin war er mit jenen Bestrebungen flüchtig in Berührung gekommen, welche die Devise: »Die Kunst dem Volke« auf ihr Panier geschrieben haben. Er hatte sich nicht davon überzeugen können, daß hierbei etwas Heilsames herauskomme. Als Mittel zum Zweck war ihm die Kunst zu schade, sie hatte höhere Aufgaben zu erfüllen, als Schulmeisterin der Massen zu sein. Wohl konnte man die Poesie herabdrücken von ihrem erhabenen Sockel, aber nimmermehr den Proletarier zu ihr emporziehen. Denn aller wirklich reine Kunstgenuß setzte ästhetische Kultur voraus, und die war von Menschen nicht zu verlangen, deren Tag im Kampf um das Brot aufging.

Er schrieb etwas Ähnliches an Silber und dankte ihm für seine freundliche Einladung, von der er jedoch keinen Gebrauch machen könne.

Während dieser Briefwechsel geführt wurde, sah Fritz den Dichter Karol täglich von weitem im Café. Man grüßte sich, aber an den Tisch von Berting und Lehmfink wagte er sich doch nicht ein zweites Mal heran, obgleich sein spähender Blick oft genug voll schlecht verhehltem Interesse da hinüber wanderte, wo die beiden saßen.

Eines Tages jedoch, als Lehmfink, abgehalten durch irgend einen Zufall, dem Café ferngeblieben war, kam Silber zu Fritz heran und fragte gesucht bescheiden, ob er sich heute ausnahmsweise an den Tisch setzen dürfe. Diese Bitte konnte nicht gut abgeschlagen werden.

Es war der Tag, an dem abends der Vortrag im Arbeiterbildungsvereine stattfinden sollte. Silber bestürmte Fritz zu kommen. Ganz gut könne er zwar die Auffassung verstehen, wonach die Kunst Kaviar ist fürs Volk; ja, bis zu einem gewissen Grade teile er sie. Denn auch er sei Künstler, habe empfindliche Nerven, und der Gedanke, die Poesie zu erniedrigen, erscheine ihm, als solle eine geliebte Person vor seinen Augen geschändet werden. Aber eins bitte er doch zu bedenken: es handle sich hier um eine »Menschheitsangelegenheit«. Die soziale Frage sei nicht so sehr eine Magenfrage, als das unwiderstehliche Drängen der unteren Schichten empor zum Licht. Der Anteil an den Glücksgütern der Welt sei den Proletariern versagt, solle ihm auch noch der Weg versperrt bleiben, der zu Schönheit führe, zur Freiheit im Geist? – Wenn die oberen Zehntausend dem Sehnen des Volkes nach Erlösung von jahrtausende altem Druck in frivoler Weise mit dem Sozialistengesetze geantwortet hätten, so sei es officium nobile der Intellektuellen, sich der Mißhandelten anzunehmen. Das Höchste müsse man ihnen reichen: die Kunst. Und wenn diese Ärmsten zunächst auch noch unfähig erscheinen sollten, die köstliche Gabe ganz zu erkennen, ihr feinstes Aroma zu genießen, so sei der Wein darum doch nicht verschüttet. Wenn ihnen nur eine Ahnung davon aufgehe, daß es über dem Kampf ums Dasein noch ein höheres Reich gäbe ästhetischer Begeisterung, so wäre schon viel gewonnen. Den geistig Armen ein Fenster zu öffnen nach dieser Richtung hin, das sei die Aufgabe, die er sich gestellt habe, und er glaube nicht ganz unbegabt für solche Mission zu sein. Doch liege ihm unendlich viel daran, von einer hochgebildeten Persönlichkeit zu erfahren, ob seine Methode die richtige sei. Kurz, es würde ihm zur höchsten Genugthuung gereichen, wenn er von Berting, der ihm schon über seinen Roman das wertvollste Urteil gegeben, nun auch über diese Seite seiner Thätigkeit etwas Maßgebendes zu hören bekäme. –

Der kleine Mann besaß eine Art aufdringlicher Beredsamkeit, der man sich schwer zu entziehen vermochte. Fritz Berting lächelte über die Geschicklichkeit dieses Menschen und über die eigene Schwäche. Sich so einfangen zu lassen! – Aber er sagte schließlich zu, schon um der Unbequemlichkeit zu entgehen, gegen den zungengewandten Silber die Gründe seines Fernbleibens noch weiterhin verteidigen zu müssen.

Er begab sich in der neunten Abendstunde nach dem Restaurant, welches ihm als Versammlungslokal des Arbeiterbildungsvereins bezeichnet worden war, ohne sich allzuviel Genuß von dem Abend zu versprechen. In einem kleinen Saale, in dessen Mitte ein langer Tisch aufgestellt war, fand er etwa drei Dutzend Männer versammelt. Man sah ihnen die Arbeiter durchaus nicht auf den ersten Blick an. Nichts war da von groben Manieren, von überlauten Stimmen, nichts vom Schweiß und Staub der Arbeit zu merken, ohne die mancher Gebildete sich den Proletarier nun einmal nicht denken kann. Im Gegenteil! In ihrem ganzen Wesen und Auftreten hoben sie sich vorteilhaft ab von dem formlosen Sich-gehen-lassen des Mittelstandsphilisters. Man hatte es mit Leuten zu thun, die das, was sie sich an Bildung mühsam genug erworben hatten, mit doppelter Sorgfalt wahrten. In der Art, wie sie ihre korrekten Perioden bauten, wie sie jedes Wort mit peinlicher Genauigkeit aussprachen, verriet sich geheime Sorge vor Sprachfehlern, die sie hätten zu Ungebildeten stempeln können.

Siegfried Silber saß am unteren Ende der langen Tafel. Nachdem der Präsident des Vereins ein paar kurze Worte der Begrüßung gesprochen, erhob sich der Vortragende und begann seine Rede.

Er sprach glatt und gewandt, in jenem leichtfließenden, unbefangenen Tone, der von vornherein dem Hörer das angenehme Gefühl der Sicherheit giebt und den Eindruck hervorruft, als schüttle der Redner alles aus dem Ärmel. Im Fluge ließ er zur Einleitung ein paar Jahrhunderte Litteraturgeschichte an den Ohren der erstaunten Hörer vorüberrauschen, nannte einige große Namen: Lessing, Goethe, Herder – die Bekanntschaft mit ihren Werken setzte er als selbstverständlich voraus. Hie und da streifte er auch Geschichte, Wissenschaft und Philosophie. Das alles im Handumdrehen, als operiere er mit einer Laterna magica, die einzelne grelle Bilder auf die Wand wirft, um sie ebenso schnell wieder verschwinden zu lassen.

Die Hörer folgten dem Abbrennen dieses dialektischen Feuerwerks voll Interesse. Einzelne machten sich Notizen. Die meisten hingen wie gebannt an den beredten Lippen des jugendlichen Vortragenden. Hin und wieder entfesselte eine besonders gepfefferte Bemerkung Gelächter oder Beifallsstürme. Bei diesem Publikum fiel nichts unter den Tisch.

Fritz Berting, dem der Vortrag nicht allzuviel Neues bieten konnte, hatte Zeit, sich die Physiognomieen der Hörer zu betrachten. Es waren intelligente Gesichter darunter. Man hatte es offenbar mit einer geistigen Elite zu thun. Mehr aber noch als Intelligenz zierte sie der Ausdruck des Willens, der Aufmerksamkeit, des Ganz-bei-der-Sache-seins. Da sah man keine blasierte, gelangweilte Miene der Übersättigung und auch nicht die stumpfe Gleichgültigkeit derer, die niemals Appetit empfinden. Diese Männer fühlten gesunden Hunger, Neugier im besten Sinne. Sie wollten sich bereichern, etwas davontragen; nicht umsonst wollten sie ihre Feiertagskleider angelegt haben.

Siegfried Silber war ihr Mann. Er würzte den Vortrag mit Anekdoten, Vergleichen, Pointen, verstand es, das litterarische Thema dem Laien mundgerecht zu machen. Gelegentlich ein Citat, ein Vers, ein Stück Heinescher Prosa. Fritz mußte im geheimen lächeln über die geschickte Art, wie der Redner den Stoff für seine Hörerschaft zurechtgestutzt hatte. Der Heinrich Heine, den er schilderte, war mehr der Dichter des »Wintermärchens« und des »Atta Troll« als der des »Liederbuches« und der »Neuen Gedichte«. Silber zeigte den Märtyrer Heine, der um seiner vorgeschrittenen Ideen willen verfolgt wurde vom Haß der Fürsten, Pfaffen und Bourgeois, und im Exil endete. Ein Schicksal, verständlich und ergreifend gerade für diese Hörer. Die Vergleiche, die er zwischen der vormärzlichen Reaktion und dem Drucke zog, der neuerdings wieder auf Deutschland laste, schlugen ein, machten die straff gespannten Saiten politischer Erregung vibrieren, in der sich eine Menschenklasse befand, über welcher das Ausnahmegesetz aufgerichtet war. Er stempelte Heinrich Heine zum Volkshelden, zum großen politischen Kopf, zum Vorläufer der modernsten Freiheitsideen.

Was wohl Lehmfink sagen würde, hätte er diesen Vortrag mit angehört, fragte sich Berting wiederholt. Heinrich Heine zur größten Erscheinung gemacht des geistigen Lebens in Deutschland seit Goethes Tode! –

Aber man hatte nicht den Eindruck, als ob jener bewußt fälsche, oder auch nur übertreibe. Siegfried Silber glaubte an Heines Größe. Für ihn war das, was an dieser in tausend Farben schillernden Persönlichkeit dem Germanen Lehmfink fragwürdig, verdächtig und abstoßend erschien, echt, natürlich und vertraut. Weil selbst in Fragen des Geschmackes das Blut doch schließlich den Ausschlag giebt. Der kleine Siegfried Silber fühlte sich dem Landsmanne verwandt. Für ihn war Heinrich Heine der klassische Interpret seiner eigenen tiefsten Gefühle und Schmerzen.

Fritz war es noch nie so stark aufgefallen, wie durch und durch semitisch Silber eigentlich sei, als heute abend, da er ihn vor dieser Versammlung von deutschen Arbeitern sprechen hörte.

Eine fremdartige Erscheinung: scharfe, markante Züge, das Haupthaar schwarz glänzend, wie das Gefieder eines Raben; durch den dünnen, an der Spitze geteilten Bart die gilbliche Haut hindurchschimmernd. Rote, volle Lippen. Das Weiß der Augen mit der dunklen Pupille doppelt glänzend in der Umrahmung dichter, schwarzer Wimpern; oft blitzte dieses Auge wie ein Dolch, wenn sich das schwere Lid plötzlich hob. Dazu die Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit der Züge; das Drastische der Gesten, der schlaffe Körper mit den mageren Gliedern, unschöne, nervös zappelnde Hände. Viel Theaterpose, wenig Würde, das ganze Wesen an der Oberfläche liegend, aber darum umso kecker, lebhafter und intensiver.

Und dagegen seine Hörer, diese großköpfigen Arbeiter mit den schweren, ausgearbeiteten Gliedmaßen; die Stirnen sorgenvoll, nachdenklich, der Blick gutmütig, träumerisch, das Wesen ernst, zurückhaltend, verinnerlicht und schwerfällig.

Fritz bedauerte in diesem Augenblicke lebhaft, kein Zeichner zu sein, daß er diesen Gegensatz hätte mit ein paar Strichen festhalten können. Diese Hörerschaft und diesen Redner! Das Bild hätte Bände von Rassen-Psychologie sprechen müssen.

Siegfried Silber war die wichtigste Eigenschaft seines Stammes eigentümlich: sich durchzusetzen. Wenn man bedachte, der ganze Mensch war zweiundzwanzig Jahre alt. Seine äußere Lage war ursprünglich auch nicht günstiger, seine Bildung nicht besser gewesen als die seines Publikums. Und hier saßen sie nun, mancher Graukopf unter ihnen, und lauschten andächtig den Worten dieses fremden Jünglings, machten seine Weltanschauung zu der ihrigen, erkannten ihn an als ihren geistigen Führer.

Das entstehende Kunstwerk ist für den Künstler was für die Mutter die unter ihrem Herzen heranwachsende Frucht. Alle Kräfte des Körpers wie der Seele werden nach dem einen Punkte gezogen, wo neues Leben sich entwickelt. Ein natürlicher Schutztrieb lehnt das Schädliche ab, macht gleichgiltig gegen alles, was nicht Bezug hat auf dieses Wichtigste, stößt sogar das sonst Geliebte und Gewohnte von sich.

Fritz Berting war in dieser Zeit heißesten Ringens mit dem Stoffe äußerst empfindlich geworden gegen die Vorgänge und Einwirkungen der Außenwelt. Das geringste Geräusch, ein lautes Wort, ein unangenehmer Geruch im Quartier, ein Mißton von der Straße her, konnten ihn aus dem Konzept bringen. Eine Frage, die ihn nötigte, seine Gedanken von der Arbeit abzuwenden, war im stande, ihn auf Stunden hinaus unfruchtbar zu machen.

Alma hatte infolge dessen keinen leichten Stand. Von dem, was sich in ihm abspielte, ahnte sie nichts; daß Fritz in keinem normalen Zustand sei, sah sie, merkte es täglich und stündlich. Es verging kaum ein Tag, wo er sie nicht zu Thränen gebracht hätte durch sein schroffes, ungerechtes Wesen.

Sie konnte sich den rätselhaften Zustand nicht anders erklären, als daß er krank sei. Gern hätte sie geholfen, wie damals in Berlin nach seiner Niederlage. Sie wollte ihn pflegen, ihm durch ihre Liebe ersetzen, was er verloren, gut machen, was ihm Böses widerfahren war. So verstärkte sie ihre Zärtlichkeit gegen den Geliebten, und vermehrte dadurch nur seinen Widerwillen gegen das, was auf ihn wie lästige Zudringlichkeit wirkte.

Er wußte jetzt, daß er einen großen Fehler begangen hatte, mit Alma zusammenzuziehen. Er hatte sich dadurch selbst die Freiheit unterbunden und eine schwere Last aufgebürdet. Ohne Ehemann zu sein, trug er doch das ganze Joch des Ehestandes.

Was hatte er früher geahnt von den Plackereien, den Ausgaben eines Hausstandes? Was hatte er gar von der Verantwortlichkeit gewußt für ein fremdes Wesen?

Nun war er gebunden. Die intimen Erlebnisse der Liebe, wenn sie auch nicht die Bedeutung eines geschriebenen Kontraktes hatten, waren doch Ketten, die den Menschen unsichtbar an den Menschen fesselten. Selbst wenn diese Erlebnisse flüchtig waren wie die Wellen, von denen die eine verdrängt wird durch die andere, so ließen sie sich doch nicht wegwischen aus dem Gefühle und aus dem Gedächtnis. Von dem Wesen einer Frau, mit der man verkehrte, wie er mit Alma Lux, behielt man etwas im Blute fürs Leben.

Und wenn es auch nur die Gewohnheit gewesen wäre, sie um sich zu haben, ihr Anblick, das Bewußtsein, sie jeden Augenblick herbeirufen zu können.

Dazu all die Dinge, die man von einander wußte, die Geständnisse, die sie ihm gemacht, der unvergeßliche Duft von dem, was sie ihm in der allerersten Zeit ihrer Liebe gewesen, das Opfer ihrer Jungfräulichkeit, ihm gebracht – alles das waren Fesseln!

Er konnte das Mädchen nicht auszahlen für ihre Liebe; sie war keine Dirne. Er konnte ihr auch nicht kündigen wie einem Dienstboten, ihr sagen: so, nun ist die Zeit abgelaufen, geh deiner Wege!

Aber gerade, daß sie ihm so viel war und immer mehr werden mußte, beunruhigte ihn oft aufs äußerste. Was sollte daraus werden? Heiraten! – Damit hätte er das, was ihn jetzt schon drückte, zu einer Bürde gemacht fürs ganze Leben.

Er wußte auch, daß Alma das gar nicht von ihm verlangte, nie verlangt hatte und niemals verlangen werde. Wozu hatte er mehr thun sollen, als von ihm gefordert wurde? Sie durch das Band der Ehe zur Treue zu verpflichten, war nicht nötig. Er traute ihr durchaus; auf ihre Ehrlichkeit, Reinheit und Treue hätte er Häuser bauen wollen.

Aber es gab in diesem Verhältnisse, dem zur wirklichen Ehe nur die rechtliche Sanktion zu fehlen schien, noch andere Schwierigkeiten. Fritz merkte es wohl, daß ihm und Alma von den Menschen keine besondere Achtung entgegengebracht wurde. Da war gleich zu Anfang, als er sich bei der Polizei angemeldet hatte, der Beamte gewesen, der ihn nach den Papieren des »Frauenzimmers« gefragt hatte, dabei etwas von »wilder Ehe« munkelnd. Der Herr von der Steuerkommission, der einige Wochen später auftrat, um sich nach Fritzens Vermögensverhältnissen zu erkundigen, zeigte sich zwar höflicher, schüttelte aber doch auch bedenklich den Kopf. Schriftsteller ohne feste Einnahme, und das Fräulein, Konfektioneuse von Beruf, jetzt ohne Anstellung! – Dieses Paar schien im höchsten Grade verdächtig. Man sah in ihm ein Individuum, auf welches die Behörde ein Auge zu behalten für angezeigt hielt. Das war ein deprimierendes Empfinden für einen, der wie Fritz Berting bisher, im Bewußtsein guter Abkunft und Erziehung, das Gefühl voller Freiheit und Unabhängigkeit genossen hatte.

Unangenehmer fast noch war die Neugier der kleinen Leute zu ertragen, der Händler, Bediensteten, Handwerker, mit denen man täglich in Berührung kam. Bei ihnen herrschte weniger Grobheit als zudringliche Respektlosigkeit diesem interessanten Paare gegenüber. Man lächelte sie verständnisvoll an, wo immer sie auftraten. Auf der Straße wandten sich die Köpfe, gelegentlich wurde ihnen auch etwas nachgerufen. Eines Tages bekam Fritz einen Brief zotigen Inhalts mit Karikaturen, die sich auf ihn und Alma bezogen, anonym zugesandt.

Das Pikante der illegalen Verbindung war es, was die Menschen zu einer mit Neid, Neugier und Lüsternheit stark durchsetzten, moralischen Entrüstung reizte.

Fritz litt darunter mehr als Alma. Er fühlte sich getroffen in seinem gesellschaftlichen Stolze sowohl wie in seinem männlichen Ehrgefühl. Erlebnisse wie diese zeigten ihm, daß er deklassiert sei, daß er und Alma in einem Zustande der Vogelfreiheit lebten. Gern hätte er sich und die Geliebte verteidigt. Aber die Pfeile der Verachtung, die sie beide trafen, wurden von unsichtbaren Schützen abgeschossen. Er hatte es mit einem unpersönlichen Gegner: der öffentlichen Meinung, zu thun.

Alma empfand in diesen Dingen anders als ihr Geliebter. In der Klasse, aus der sie stammte, legte man auf persönliche Ehre geringen Wert. Sie war im Leben genug hin und her geschoben worden, um zu wissen, daß die Menschen überall gehässig, klatschsüchtig und neidisch sind und keinem sein Glück gönnen wollen. Was bedeutete ihr die öffentliche Meinung? Wenn Fritz nur treu zu ihr hielt! Ihr Stolz war, ihm treu zu sein, ihre Ehre, ihn allein zu lieben, und ihr Glück, sich von ihm geliebt zu wissen.

Das Verhältnis zur Quartierwirtin begann seine Schattenseiten zu zeigen. Frau Klippel gehörte zu den Personen, die, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht, unfehlbar die ganze Hand nehmen. Fritz bereute jetzt lebhaft, sich mit ihr auf Unterhaltungsfuß gestellt zu haben. Das Material, das sie ihm für seine Lokalkenntnis geliefert hatte, war teuer bezahlt.

Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß Frau Klippel, ebensogut wie sie Fritz mit der schmutzigen Wäsche des ganzen Stadtquartiers bekannt gemacht hatte, auch über ihn und Alma allerhand Ungeheuerlichkeiten verbreitete. Vielleicht war vieles von der Mißachtung und Neugier, die sie um sich her lebendig sahen, nur Folge der Klatschsucht ihrer Wirtin.

Fritz fand es äußerst schwierig, sich die redselige Person vom Halse zu halten, nachdem er einmal geduldet, daß sie ihre Neuigkeiten bei ihm ablade. Er konnte sich manchmal nur durch Verriegeln der Thüre vor ihrer Zudringlichkeit schützen. Schwerer aber noch rächte es sich, daß auch Alma in eine gewisse Vertraulichkeit mit der Quartierwirtin geraten war. Es hatte sich eingebürgert, daß sie ihre Mahlzeiten mit der Familie Klippel einnahm, so oft Fritz allein auswärts essen ging; und das war in der letzten Zeit öfters vorgekommen. Es erschien so bequem, Alma brauchte dann nicht Toilette zu machen zum Ausgehen, und wurde weniger unterbrochen in ihrer Arbeit.

Aber der hinkende Bote kam nach in Gestalt einer Rechnung von Frau Klippel. Darin stellte die Quartierwirtin für Almas Beköstigung unverschämte Forderungen.

Fritz bezahlte die Rechnung, hielt aber nicht hinter dem Berge mit seiner Ansicht über den Preis. Das gab wiederum Frau Klippel Anlaß zu erklären, daß sie viel zu wenig nehme in Anbetracht der Unannehmlichkeiten, die sie von Mietern habe, über welche die Leute allerhand redeten. Fritz verbat sich dergleichen Anzüglichkeiten.

So gab ein Wort das andere. Bei Frau Klippel war nun einmal die Schütze gezogen, die für gewöhnlich eine Flut schmutzigen Wassers zurückstaute.

Sie wäre eine anständige Frau, betonte sie sehr stark. Mit zweien zugleich es zu halten, sei nicht »komilfo«, das habe sie niemals gethan. Wenn der Herr etwa glaube, daß er Fräulein Lux für sich allein habe, dann täusche er sich gewaltig.

Alma, die im Nebenzimmer war, hatte die überlaut geführte Unterhaltung mit angehört. Sie kam jetzt hereingestürzt, bleich vor Erregung, und fuhr auf die Verleumderin los. Fritz wunderte sich, wie die Entrüstung das sanfte Mädchen verwandelt hatte. Frau Klippel fühlte sich durch Almas Dazwischentreten auch nicht besänftigt, und so gab es denn ein richtiges Weibergezänk. Fritz mußte die beiden schließlich mit Gewalt trennen.

Er führte Alma in sein Schreibzimmer, schloß die Thür ab und suchte das Mädchen zu beruhigen. Ihre Erregung machte sich Luft in einem Strom von Thränen. Fritz tröstete sie; nicht ein Wort glaube er von Frau Klippels thörichten Anschuldigungen.

Da warf sie sich ihm um den Hals und flüsterte in sein Ohr: sie müsse ihm ein Geständnis machen. Fritz erzitterte. Für ihn gab es ein geheimes Schreckgespenst, das einen sehr leisen Schlaf hatte und ihn bei jedem kleinen Zufall, bei jeder noch so entfernten Anspielung in dumpfe Furcht jagte: die Möglichkeit, daß ihr Verhältnis Folgen haben könne.

Darum bedeutete das, was er jetzt zu hören bekam, geradezu eine Erleichterung für ihn.

Alma gestand ihm, sie habe in der letzten Zeit ein paar Mal mit einem alten Bekannten gesprochen. Es sei derselbe Mensch, der sie neulich in »Stadt Paris« so auffällig angestarrt habe. Den Tag danach hätte er sie auf der Straße angeredet, auch sei er, als Fritz gerade ausgegangen, einmal hier im Quartier gewesen zu kurzem Besuch. Doch könne sie beschwören, daß zwischen ihr und Ludwig Glück weder jetzt noch früher irgend etwas Unrechtes vorgefallen sei.

Ängstlich blickte sie auf den Geliebten, was der zu ihrem Geständnis wohl sagen würde. Fritz war durchaus nicht empört, in ruhigem Tone forschte er, wie lange Alma den Mann schon kenne.

Sie erzählte: Ludwig Glück habe, als sie noch zur Schule gegangen, mit ihr und den Eltern in ein und demselben Hause gewohnt. Von Beruf sei er Stuckateur. Ihre Freundschaft hätte anfangs darin bestanden, daß er ihr gelegentlich etwas aus Holz, Thon oder Pappe angefertigt habe. Denn Ludwig Glück sei ein halber Künstler. Später, als sie die Schule verlassen, habe er manchmal Andeutungen gemacht, daß er sie liebe und sie gefragt, ob sie nicht einig werden könnten. Alles in der ehrlichsten Absicht. Sie hätte sich jedoch nicht entschließen können, ihn zu nehmen, trotzdem ihr von den Ihren stark zugeredet worden sei, sich diese Versorgung nicht entgehen zu lassen. Ludwig habe sich die Abweisung schwer zu Herzen genommen und sei auf Wanderschaft gegangen. Dann waren jene Ereignisse in ihrer Familie eingetreten, die sie aus dem Hause trieben und schließlich nach Berlin führten.

Ludwig hatte sie neulich seit Jahren zum ersten Male wiedergesehen. Es war ihm, wie er erzählte, nicht gut gegangen. Krankheit hatte ihn ganz heruntergebracht. Auch hier habe er Monate lang im Krankenhause gelegen, und jetzt suche er vergeblich nach Arbeit.

Fritz erkundigte sich, ob Ludwig Glück jemals Briefe an sie geschrieben habe. Alma zögerte mit der Antwort, bejahte aber schließlich. Er habe eine Zeit lang ziemlich regelmäßig an sie geschrieben. Sie hätte oft lachen müssen über den närrischen Menschen, der soviel Zeit habe, lange Briefe an ein Mädel zu schreiben, das nichts von ihm wissen wolle. Und wenn sie ihm geantwortet hätte, so sei es nur geschehen, um ihm zu sagen, er solle sich die Liebesgedanken aus dem Kopfe schlagen.

Ob sie die Briefe aufgehoben habe? Alma wurde verlegen. Einen oder den anderen besitze sie wohl noch. Aber sie bat, daß Fritz die Dinger nicht lesen möge; sie seien so lächerlich, wie der ganze Ludwig Glück selbst.

Fritz vermutete, daß die Briefe Interessantes enthalten könnten, und bestand darauf, alle zu sehen. Alma entschloß sich endlich, sie zusammenzusuchen und herbeizubringen. Es waren ihrer schließlich doch ein ganzes Päckchen.

Fritzens Auge fand in den Briefen manches, was Alma nicht erkannt, oder wenn sie es erkannt, doch nicht hatte beachten wollen. Vor allem fand er darin echte und tiefe Leidenschaft. Das, was Alma komisch erschienen war, bedeutete nichts anderes, als die verzweifelten Gebärden und Zuckungen einer Liebe, die keine Erwiderung findet. Alle Tonarten hatte der Unglückliche angeschlagen verliebter Sehnsucht, alle Register gezogen der Überredung. Dabei kein falsches Pathos, keine Briefsteller-Phrasen, echte Naturlaute eines überquellenden Gefühles. Nicht selten erhob sich die Anrede zu poetischem Schwung. Die Liebe schien den einfachen Menschen über sich selbst hinaus gesteigert zu haben; hatte ihn getrieben, das Stärkste und Größte, dessen seine Natur fähig war, zu Füßen des angebeteten Wesens auszuschütten.

Alma suchte den Eindruck des Gelesenen mit ängstlicher Miene aus Fritzens Zügen zu erforschen. Fritz las mit wachsendem Interesse. Für ihn waren diese Briefe charakteristische Proben starker, menschlicher Gefühle. Manche Wendung darin erregte seine Künstlerfreude. Das ganze Verhältnis der beiden Menschen lag jetzt, wo er diese Dokumente in Händen hielt, klar vor ihm. Wenn es noch einen unaufgeklärten Punkt gab, so war es Almas Abneigung gegen einen Mann, der so heiß um sie geworben hatte.

Er legte die Briefe zusammen, steckte sie zu sich und meinte, um ihr die Angst zu nehmen, in scherzendem Tone: dieser Glück scheine ein sehr netter Mann zu sein. Warum sie ihn denn nicht geheiratet habe?

Statt darauf zu antworten, begann Alma zu weinen. Wie Fritz denken könne, daß sie sich mit einem anderen Manne eingelassen hätte, brachte sie unter Schluchzen hervor. Sie habe Mitleid gehabt mit Ludwig Glück, das sei alles, was sie je für ihn empfunden. »Der Mensch ist mein Unglück!« rief sie außer sich. »Ich wollte, daß alles aus sein sollte zwischen mir und ihm. Von Berlin aus habe ich es ihm geschrieben, daß ich einen anderen liebte, und daß er nichts mehr zu hoffen habe, daß er mich in Ruhe lassen solle, wenn er ein ehrlicher Mensch sei. Ich dachte, nun würde er sich zufrieden geben. Aber da ist er wieder! Ich weiß nicht, was er will. Niemals habe ich ihn ermutigt. Neulich erst habe ich's ihm ins Gesicht gesagt, daß er mir widerwärtig ist. Mag er sich nur ins Wasser stürzen, der abscheuliche Mensch. Es ist mir ganz gleichgiltig. Als er mich in »Stadt Paris« so anstarrte, da wurde mir ganz Angst. Ich habe die ganze Nacht darauf nicht schlafen können. Ich dachte, du könntest etwas merken, Fritz! Und wie er dann zu mir kam, ganz abgerissen, noch viel magerer als früher, war er mir wie ein Leichnam. Ich habe immer so ein Grauen vor ihm gehabt. Zu denken, daß ich mit so einem – und nun gar seitdem ich dich kenne. Er ist so ganz, ganz anders als du. – Es giebt ja keinen auf der Welt wie du!«

Damit warf sie sich dem Geliebten um den Hals und drohte ihn zu ersticken mit leidenschaftlichen Küssen.

Nun hatte Fritz mehr erfahren, als er gefragt hatte. Einen neuen Beleg hielt er in der Hand, wie er geliebt werde. Auf den Stuckateur Ludwig Glück brauchte er wahrlich nicht eifersüchtig zu sein!

Das schmale, ungesund bleiche Gesicht, die tiefliegenden Augen, die glühend auf Alma gerichtet waren, wie er sie neulich abend, ohne zu ahnen, wen er vor sich habe, gesehen hatte, kamen ihm wieder ins Gedächtnis. Und er empfand in seinem Siegesbewußtsein ein eigenartig mitleidiges Interesse für den armen Kerl.

Während der Wintermonate hatte Fritz Berting so fleißig an seinem Romane gearbeitet, daß er um die Osterzeit ein Manuskript von beträchtlichem Umfang in den Händen hielt. Als er aber den letzten Satz des letzten Kapitels niedergeschrieben hatte und für einen Augenblick aufatmend die Feder aus der Hand legte, wußte er, daß damit die Arbeit noch nicht beendet sei. Das Haus stand zwar in seinen Mauern und war unter Dach gebracht, die letzte Hand jedoch war noch daranzulegen. Er las das Ganze durch, langsam, mit kritischem Blick, ließ es auf sich wirken wie das Werk eines Fremden. Manche Überraschung wartete seiner da. Szenen, von denen er viel gehalten hatte, die er mit Begeisterung niedergeschrieben, enttäuschten ihn in ihrer Wirkung, andere, die er schon fast vergessen, wirkten überraschend durch ihre Kraft. Da galt es zu streichen und zu ändern, Widersprüche auszumerzen. Vieles ließ sich durch Herausholen des Charakteristischen mehr in Wert setzen; anderes mußte der Stimmung wegen gedämpft werden.

Endlich war es so weit, daß sein künstlerisches Gewissen ihm sagte: jetzt ist es genug! Das Werk steht. Hat es Fehler, so sind diese in der Natur des Ganzen begründet, gehören zur Individualität; sie weiter austilgen, hieß vielleicht der Eigenart Abbruch thun.

Er packte also eines Tages die Bogen zusammen und trug sie zum Verleger.

Weißbleicher, der längst auf das Manuskript gewartet hatte, erklärte, sofort setzen lassen zu wollen, damit das Buch, das ja eigentlich im Winter hatte erscheinen sollen, nun wenigstens noch zur sommerlichen Bade- und Reisesaison zurecht käme.

Nachdem er sein Werk aus der Hand gegeben hatte, war es Fritz zu Mute, als habe er von einer Geliebten Abschied genommen. Er fühlte sich zwecklos auf der Welt, das Herz wie ausgeleert. Jetzt an eine neue Arbeit gehen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Er hatte soviel Kräfte an die alte hergegeben, daß ihm zunächst alle Spannkraft fehlte zum Schaffen.

Es war der Wunsch in ihm, ein paar Wochen lang, ein beschauliches Dasein zu führen. Er glaubte sich das Recht zum Ausspannen durch die vorausgegangene Anstrengung wohl erworben zu haben.

Er hatte wieder Freude am Theaterbesuch gefunden. Früher, wo es sein Ehrgeiz gewesen, mit seinen Stücken die Bühne zu erobern, war das Theater für ihn eine unglückliche Liebe gewesen; es wurde ihm bei dieser unnahbaren Spröden nie so recht wohl. Nun, wo er sich das Werben um die Grausame aus dem Sinn geschlagen hatte, bedeutete ihm ein Billet fürs Parkett nichts weiter als die Aussicht, sich einige Abendstunden hindurch angenehm zerstreuen zu lassen. Er wollte in der Stimmung, in der er sich jetzt befand, nichts Aufwühlendes, nichts Überwältigendes.

Von Berlin her war Fritz Berting an die Kämpfe gewöhnt, die der jüngst auf die Bühne gedrungene Naturalismus entfesselt hatte. Davon gab es hier nichts zu spüren. Unter einem alternden Intendanten führte das Schauspielhaus ein beschauliches, von keinem Aufbegehren der Moderne getrübtes Dasein. Man ruhte auf Lorbeeren einer abgeschlossenen, großen Glanzperiode der Komödie aus. Wohl hörte man, daß auswärts Schlachten geschlagen wurden, daß eine Schar jugendlicher Stürmer und Dränger auch Thaliens Tempel berannten, aber bei sich wollte man keine Aufregung haben. Publikum, Kritik und Intendanz schienen stillschweigend einen Packt geschlossen zu haben, die Revolution in ihrer Mitte nicht aufkommen zu lassen. Wenn man eine Premiere brachte, so war es mit einem Stück, das auf so und so viel anderen Bühnen sich als ungefährlich ausgewiesen hatte.

Da gab es keinen Kampf, keine unberechenbaren Entscheidungen; von vornherein stand hier der Erfolg fest. Auf den Gedanken, daß es ein Richteramt auszuüben habe, war das Publikum überhaupt noch nicht gekommen; kritiklos nahm es mit allem vorlieb, was man ihm zu bieten für gut befand. Ihr Urteil über das, was sie am Abend gesehen und gehört, holten sich diese wohlerzogenen Leute dann am nächsten Morgen aus der Theaterbesprechung ihrer Zeitung.

Nach kurzer Zeit übersah Fritz den Stil von Komödie, der hier gespielt wurde. Das Beste daran war die Tradition, von der man sich aus einer besseren Zeit gewisse Reste bewahrt hatte. Es war ein geschlossenes Ensemble da von Schauspielern, in welchem das Mittelgut vorwog. Fritz kannte sehr bald die einzelnen Mimen bis herab zu den Statisten, mit ihren zwei oder drei stets wiederkehrenden Gesten. Ja, selbst die Kostüme und die Requisiten der Bühne wurden ihm alte, gute Bekannte. Es bereitete ihm ein prickelndes Behagen, zu wissen, daß Frau Soundso, wenn sie Rührung darstellen wollte, unfehlbar den und den Augenaufschlag hatte, und daß Herr X, wenn es Leidenschaft zu markieren galt, mit dem Fuße aufstampfte und so schnell zu sprechen begann, daß niemand ihn verstand.

Auch das Publikum zu beobachten, war belustigend. Es bestand zum großen Teil aus Damen. Besonders in den Abonnementsvorstellungen wog das weibliche Geschlecht vor. Fritz war von Berlin her ein kritisches, herrisches, oft sogar übermütiges Parkett gewöhnt, das dem Darsteller wie dem Autor gegenüber seine Wünsche zur Geltung zu bringen wußte. Diese hier wollten nur Unterhaltung und Rührung; etwas fürs Auge und womöglich auch fürs Gemüt. Mit psychologischen Problemen, überhaupt mit allem, was das Denken herausforderte, hätten sie nichts anzufangen gewußt, und vor socialen Stoffen lief ihnen eine Gänsehaut über den Rücken.

Nur in einer Beziehung zeigte man einen Anflug von Temperament, ja von Begeisterungsfähigkeit. Das war in der innigen Verehrung für einzelne Darsteller. Mit den Schauspielern wurde von den abonnierten Damen jeden Alters ein Kultus getrieben, der mit der Kunst wenig, umsomehr aber mit der äußeren Erscheinung der betreffenden Herren zu thun hatte. Der Held, der erste Liebhaber, der Bonvivant, bis herab zu den Episodendarstellern, jeder hatte seine größere oder kleinere Clique von Anhängerinnen, die das Repertoire der Woche nicht etwa daraufhin studierten, welche Autoren zur Aufführung kämen, sondern ob Stücke gegeben würden, in denen ihre Freunde beschäftigt waren. Die betreffenden Mimen aber nahmen die Billets doux, Blumen, Bonbonnieren, gestickten Kissen, und was ihnen sonst von ihren Verehrerinnen ins Haus geschickt ward, gnädigst an, und erlaubten nur zu gern, daß mit ihren Photographieen ein schwunghafter Handel getrieben wurde, ja, ließen sich herab, in die ihnen von zarter Hand zugesteckten Stammbücher niedliche Verse von Baumbach oder Julius Wolff einzuschreiben.

Fritz Berting war durch Silber in diese Verhältnisse eingeweiht worden. Er begriff nun das Vorwiegen des weiblichen Elements, den Erfolg der ältesten Ladenhüter, die immer und immer wieder aufgeführt werden konnten, das starke Einschlagen alles Sentimentalen und Idyllischen, den Mangel an Psychologie und Stilgefühl bei diesem Publikum. Alles war hier auf das Persönliche zugeschnitten. Man ging unter dem Deckmantel scheinbaren Kunstgenusses allerhand pikanten Liebhabereien nach.

Von Siegfried Silber hatte Fritz auch erfahren, daß an einer Hinterpforte des Schauspielhauses allabendlich dem Drama noch ein Satyrspiel folge. Von Blumensträußen, Lorbeerkränzen, Händedrücken, Gewandberühren, ja von Handküssen wurde gemunkelt, die das männliche Geschlecht dort über sich ergehen lassen müsse.

Einer der stattlichsten Schauspieler des Ensembles, der besonders im Ritterstück und der Römertragödie mitwirkte, war Waldemar Heßlow. Er besaß schöne äußere Mittel: hohen, proportionierten Wuchs, ein Gesicht, aus dem sich alles machen ließ, ein kräftiges, nie ermüdendes Organ. Aber er war der Schrecken des Regisseurs. Selten lernte er seine Rolle, niemals vertiefte er sich in sie. Er hatte das ja nicht nötig. Wenn er in enganliegendem Tricot, das die Pracht seiner herkulischen Gliedmaßen zur gewünschten Geltung kommen ließ, oder im strahlenden Brustharnisch wuchtig auf die Bühne trat, seine Stimme je nach Bedürfnis grollen, heulen oder säuseln ließ, hie und da noch ein bedeutungsvolles Stirnrunzeln, einen schmachtenden Blick, eine pathetische Geste einschob, so war er seiner Wirkung sicher. Stimmung, Geist, Stil, Zusammenspiel waren ihm völlig gleichgiltig.

Wenn Waldemar Heßlows Name auf dem Zettel stand, dann konnte der Kassierer sicher sein, eine große Zahl Vorderplätze im Parkett und den Logen an sichere Kunden loszuwerden. Diesem Mimen galt, wenn der Vorhang fiel, der stärkste Applaus, und selbst bei offener Szene rührten sich, wenn Heßlow eine seiner Kraftstellen gehabt hatte, zarte Hände, um dem Vergötterten zu zeigen, daß seine Getreuen zur Stelle seien.

An einem Abende, wo sich dieser Beifall besonders bemerkbar gemacht hatte, begab sich Fritz Berting, nach Schluß der Vorstellung, zu jener Hinterpforte, wo, wie ihm gesagt worden war, diese Ovationen noch intimeren Charakter anzunehmen pflegten.

Richtig, da standen zwei dunkle Mauern vermummter Gestalten. Eine Gasse blieb frei. Erwartungsvoll waren die Blicke nach der kleinen Pforte gerichtet.

Erst kamen einige weibliche Wesen, die man unbeachtet durchließ. Ein Cylinder erschien; schon fuhren die Köpfe zusammen, alles drängte nach der Thür. Aber es war nur der Komiker, ein älterer, korpulenter Mann. Er grüßte höflich, aber keine Hand streckte sich ihm entgegen.

Da endlich kam der Erwartete. Sofort war ein Ring um ihn geschlossen; jede der stürmischen Verehrerinnen suchte ihrem Ideal so nahe wie möglich zu kommen. Die Hinteren drängten nach vorwärts und bewirkten dadurch, daß die vorderen dem Gegenstande der allgemeinen Liebe buchstäblich auf den Leib gedrückt wurden. Waldemar Heßlow nahm alles mit, was sich ihm bot. Den weichen Kalabreser auf dem Lockenhaar, mit hochaufgeschlagenem Mantelkragen, rückte er langsam in der Menge vorwärts.

Auf einmal machte er Halt. »Bitte, meine Damen, durchlassen!« Da diese Aufforderung keine Wirkung hatte, schob er die Nächststehende fast ein wenig rücksichtslos bei Seite, drängte sich durch den Knäuel seiner erstaunten Verehrerinnen und stand vor einer jungen Dame still, die über dem pelzverbrämten Theaterumhang einen Shawl von leuchtender indischer Seide trug. Sie stand im vollen Licht der Bogenlampe ein wenig abseits von dem übrigen Schwarm. Heßlow zog vor ihr den Hut, reichte ihr die Hand und ließ sich in ein Gespräch mit ihr ein. Glühende Augenpaare waren auf die Beneidenswerte gerichtet, die von dem schönen Waldemar in solch unerhörter Weise ausgezeichnet wurde. Jetzt neigte er sich sogar zu ihr herab, huldvoll lächelnd, voll Aufmerksamkeit für das, was sie sagte. Wie er seine Zeit vergeuden konnte an die eine, während so viele andere Herzen zitterten! Abermals zog er vor ihr den Hut, und that das, was ihm sonst geschah, küßte die kleine Hand, die sie ihm reichte. O, verkehrte Welt! Entrüstung malte sich in vielen Gesichtern. Mit einem Kopfnicken, das sehr von oben herab kam, entließ sie den Mimen. Wer war denn diese unausstehliche Person im rotgelben Shawl? Es war an ihr garnichts Besonderes zu entdecken! –

Fritz sah ihr Gesicht deutlich, in dem Augenblick, als sie es zu dem sehr viel größeren Heßlow erhob. Es prägte sich seiner Erinnerung tief ein. Nicht daß es ungewöhnlich schön gewesen wäre, aber es war beinahe mehr, nämlich: interessant. Die Stirn, soweit man sie sah, hoch und gewölbt, die Nase schmal mit ungemein fein geschnittenen Nasenlöchern, der Mund, klein mit schmalen Lippen, klang wunderlich zusammen mit dem zarten Kinn. Und darüber ein Augenpaar, dessen Ausdruck auf den ersten Anblick kaum festzustellen war. Die Figur, durch den Theaterumhang nahezu verdeckt, schien graziös zu sein.

Fritz taxierte das Mädchen auf sechzehn, höchstens siebzehn Jahre. Wie kam sie hierher? Was suchte eine so aparte Persönlichkeit in Waldemar Heßlows Gefolge? Sie sah eigentlich zu vornehm und auch zu intelligent aus für eine blinde Verehrerin des Mimen.

Dann entschwand ihm das Gesicht. Einige derer, die noch nicht in Berührung mit ihm gekommen, drängten sich zwischen Heßlow und die gefährliche Rivalin. Was nun mit ihm geschah, sah Fritz nicht mehr; seine Neugier war vollauf befriedigt. Er schritt nach dem nächsten Halteplatz der Straßenbahn.

Während er im überfüllten Wagen saß, dachte er im stillen an das eben Erlebte. Vor allem das originelle Gesicht des jungen Dinges wollte ihm nicht aus dem Gedächtnis, wie sie so gänzlich unbefangen zu dem langgewachsenen Mimen aufgeblickt hatte. Unwillkürlich regte sich in ihm die Eifersucht. Wie kam gerade dieser Waldemar Heßlow dazu, solches Glück zu machen! –

Während er noch über Liebeslaune und Frauengeschmack nachsann, fiel sein Blick von ungefähr auf ein Gesicht in der Reihe von Fahrgästen ihm gegenüber. Da war der rotgelbe, indische Shawl wieder und das feine Näschen darunter, Waldemar Heßlows Favoritin. Neben ihr saß eine einfacher gekleidete Person, mit der sie sich unterhielt; offenbar das Dienstmädchen, das sie nach Haus begleitete.

Fritz konnte das Gesicht nun genauer betrachten. Sie hatte den Shawl gelüftet, er sah die Form des Schädels, die, wie er vermutet hatte, edel war. Das mattblonde Haar schien nicht allzu reich. Die Gesichtsfarbe war gleichmäßig bleich, an der Schläfe schimmerte blaues Geäder durch die zarte Haut. Er erkannte jetzt das, was ihn auf den ersten Anblick an diesem jugendlichen Kopfe so stark angezogen hatte: er besaß Rasse.

Es war nicht das erste Mal, daß ein Gesicht ihm einen plötzlichen, starken, unvergeßlichen Eindruck machte. Die menschlichen Züge blieben nun einmal das interessanteste Gebilde der Erscheinungswelt. Die meisten Gesichter erzählten ja wie aufgeschlagene Chroniken Eigenschaften, Herkunft und Geschichte ihrer Träger, für den, der Augen hatte zu lesen. Aber bei manchen Menschen war es doch etwas anderes; ihre Gesichtszüge verbargen mehr als sie offenbarten. Sie glichen wertvollen Inschriften in einer Sprache, zu der man den Schlüssel nicht hat. Und gerade dieses Sphinxartige macht sie so anziehend, sehnsuchtweckend und verwirrend.

Auch hier fühlte er sich in dem seltsamen Banne eines menschlichen Antlitzes, dessen Geheimnis ihn tief beunruhigte.

Wenn sie nur ein einziges Mal das Auge voll aufschlagen wollte, wie vorhin, als sie den Schauspieler angeblickt hatte! Aber sie war ganz in Unterhaltung vertieft mit ihrer Nachbarin. Und den Klang der Stimme, den er so gern vernommen hätte, verschlang das Geräusch des Wagens.

Da blickte sie nach seiner Richtung. Fritz sah ein Paar nicht allzu große, zunächst verschleierte Augen, die, als ihr Blick dem fremden begegnete, plötzlich einen scharfen, bohrenden Ausdruck annahmen, daß er den Eindruck hatte, als komme er mit Stahl in Berührung. Dazu vibrierten die feinen Nasenlöcher, und um die schmalen Lippen legte sich ein spöttischer Zug.

Sie sah ihn eine Weile ruhig an, sein Anstarren mit Gleichmut aushaltend, wobei der Zug von Spott sich zur Herbheit verstärkte. Bei der nächsten Haltestelle erhob sie sich und verließ mit ihrer Begleiterin den Wagen.

Fritz Berting stand gleichfalls auf, obgleich er noch nicht an seinem Ziele angekommen war. Die Art und Weise, wie dieses junge Ding seinen Blick erwidert hatte, reizte ihn, festzustellen, was hinter soviel Sicherheit eigentlich stecke.

Sie hatte es nicht weit von der Haltestelle zur Wohnung. Vor einem villenartigen, im Garten zurückgelegen Hause machte sie Halt. Während die Begleiterin mit dem Aufschließen des Gartenthores beschäftigt war, schritt Fritz dicht an dem jungen Mädchen vorbei, ihr ins Gesicht blickend.

Es war, als rufe ihm ihr Blick zu, stehen zu bleiben; etwas Vieldeutiges lag darin. Aber sofort war auch das spöttische Lächeln wieder da, das zu sagen schien: Mich anzureden wagst du ja doch nicht!

Nach einiger Zeit kehrte er um, schritt noch einmal an dem Hause vorbei, und sah gerade noch, wie im Parterre ein paar Fenster hell wurden.

Fritz war unzufrieden. Es kam ihm vor, als habe er sich hier ein wenig blamiert. In früheren Zeiten, ehe er mit Alma zusammenlebte, war er ja manchmal einem Mädchen »nachgestiegen«. Aber daß er sich nicht hatte entschließen können, im entscheidenden Augenblick die Betreffende anzureden, war ihm noch nicht begegnet.

Er traf die junge Dame fortan häufig im Theater. Wahrscheinlich war man schon mehrfach gleichzeitig dort gewesen, ohne daß er sie früher bemerkt hätte. Sie hatte Abend für Abend einen bestimmten Platz inne in einer Parkettloge, wo sie ziemlich versteckt saß.

Fritz hätte gar zu gern herausbekommen, ob sie des Schauspielers Heßlow wegen ins Theater gehe. Aber er kam zu keiner klaren Erkenntnis darüber. Das Fräulein saß auf dem Platz, gleichviel ob der schöne Waldemar mitwirkte oder nicht. Sie applaudierte niemals. Überhaupt benahm sie sich so unauffällig wie nur möglich. Vielleicht war es wirkliches Kunstinteresse, was sie in die Vorstellungen trieb. Wer weiß, sie war am Ende eine Theaterschülerin! Man that ihr Wohl unrecht, wenn man sie mit den Verehrerinnen Heßlows in einen Topf warf. Aber warum war sie dann neulich an der Triumphpforte des Mimen gewesen? Das Rätselhafte, was sie von Anfang an für ihn gehabt, umschwebte auch fernerhin ihre Erscheinung.

Weißbleicher teilte alle Romane in familienblattfähige, die von dem jungen Mann im Buchhandel den Eltern als Weihnachtsgeschenk für ihre erwachsenen Töchter empfohlen zu werden pflegten, ferner in bahnhofsfähige, jene nicht allzu umfangreichen, handlichen Bücher, die, ohne langweilig zu sein, doch nicht gerade unanständig waren, und schließlich in litterarische Leckerbissen, die vom Bücherstand des Bahnhofshändlers schon aus Sorge vor der Zensur ausgeschlossen waren, Bücher, die man auch nicht der höheren Tochter in die Hand gab, welche aber nichtsdestoweniger sicher waren, ihre Liebhaber zu finden.

Der kundige Verleger schmunzelte zufrieden über das ganze fette Gesicht, als er das Manuskript aus der Hand legte.

Jetzt handelte es sich vor allem darum, dem Kinde den richtigen Namen zu geben. Der Titel, den der Autor für den Roman wollte, war nach Ansicht des Verlegers unmöglich. Fritz Berting wollte zwar auf seiner Überschrift bestehen, aber Weißbleicher konnte ihm nachweisen, daß sie bereits verwendet sei; es galt also, einen neuen Titel zu finden. Und da hatte denn der Verleger einen Gedanken, der Roman müsse heißen: »Das Geschlecht«. Fritz machte Bedenken geltend. Der Titel verrate zu viel, schmecke nach Tendenz, sei prahlerisch. Weißbleicher lächelte über so viel Sachunkenntnis. Das sei ja gerade Zweck des Titels, ins Auge zu fallen, die Neugier zu erregen. »Ein richtiger Titel muß magnetische Kraft haben,« sagte der geschäftskluge Mann. »Pikanter Titel ist bereits ein Dritteil Erfolg.«

Das zweite Dritteil des Erfolges mußte seiner Ansicht nach die Ausstattung und der Waschzettel bestreiten. Das letzte Dritteil blieb dann für den Inhalt des Buches übrig.

Fritz mußte sich den Vorschlägen seines Verlegers um so mehr fügen, als er ja auf den Roman einen nicht unbedeutenden Vorschuß erhalten hatte, den ihm Weißbleicher öfter als es angenehm war, vorhielt. »Das Geschlecht« sollte in Prima-Ausstattung herauskommen mit einem intimen Titelbilde. Weißbleicher wollte etwas thun für das Buch.

Seitdem der Verleger in dem Manuskript ein sicheres Pfand in den Händen hielt, für das, was er in diesen Autor an Geld gesteckt hatte, nahm er sich des jungen Mannes auch noch in anderer Weise an. Fritz Berting sollte gesellschaftlich lançiert werden; das war ein nicht zu verachtendes Hilfsmittel für den litterarischen Erfolg. Und besonders wenn man wie Fritz aus guter Familie stamme, ein nettes Äußere habe und die Umgangsformen der höheren Kreise beherrsche, meinte Weißbleicher in väterlich protegierendem Tone, dürfe man sich diese Chance nicht entgehen lassen.

Er sprach dann von einer Frau Hilschius, bei der er Fritz einführen wollte. Die Dame sehe in ihrem Salon eine Menge bedeutender Künstler. Dieses schöngeistige Haus sei das einzige am Orte, wo ernsthaft über Litteratur gesprochen würde.

Dann gab er Fritz ein Buch zu lesen, einen Roman seines Verlages, mit dem er sehr geheimnisvoll that. Der Name des Autors sei ein Pseudonym, unter dem sich eine Dame der ersten Gesellschaft verberge.

Fritz las den Roman und fand ihn herzlich schwach. Er sprach mit Lehmfink darüber, fragte ihn, ob er etwas von dem Buch und der Verfasserin wisse. Heinrich Lehmfink lachte, als er den Namen hörte. Er habe den Roman, der, weil er à clef geschrieben sei, in skandalsüchtigen Kreisen ein gewisses Aufsehen erregt habe, zur Besprechung zugeschickt bekommen. Es sei ein seichtes Machwerk voll Indiskretion, Sentimentalität und Aktualitätssucht.

Fritz hielt mit seiner Kritik nicht zurück, als er dem Verleger das Buch wieder brachte. Weißbleicher war in seiner Geschäftsehre gekränkt, einen Roman, der schon zwei Auflagen erlebt hatte, so scharf kritisiert zu sehen. Es sei eine »mit Herzblut geschriebene Dichtung«, behauptete er. Gerade daß die Verfasserin darin ihr eigenes ungewöhnliches Schicksal niedergelegt habe, mache es zu einem echten »Document humain.«

Dann erzählte er unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit Fritz die Geschichte der Dichterin, eben jener Frau Hilschius, die er als eine Beschützerin der Künste geschildert hatte und die, wie er wohl sagen dürfe, seine intime Freundin sei.

Nach Weißbleicher stammte die Dame aus reicher, angesehener Kaufmannsfamilie. Ungewöhnlich jung hatte sie einen Geschäftsfreund ihres Vaters, einen Sechziger, geheiratet. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter. Als der Gatte früh gestorben war, heiratete die Witwe im Jahre darauf einen Offizier. Die Ehe ging zunächst ganz glücklich. Ein Sohn wurde geboren. Der Mann nahm den Abschied, um seinen musikalischen Neigungen leben zu können. Man machte ein Haus, sah einen Kreis von Künstlern aller Art bei sich. Auf einmal hörte die Welt von einem Ehezerwürfnis. Es gab ein Duell, in welchem der Gatte den Liebhaber, einen Allerweltsmann: Musiker, Theaterdichter, Publizist, verwundete. Dann kam es zum Scheidungsprozeß, der durch Indiskretionen der Presse zu einer Skandalaffäre aufgebauscht wurde. Während der Prozeß noch im Gange war, starb der Gatte. Alle Welt nahm an, daß der, welcher das Glück dieser Ehe gestört hatte, nunmehr die schwer kompromittierte Frau heiraten werde; aber der Liebhaber zog sich zurück, und Frau Hilschius blieb im Witwenstande.

Fritz Berting war erstaunt, nachdem er diese Geschichte gehört hatte, bei seinem Besuche in Frau Hilschius Salon, wohin er in Weißbleichers Gesellschaft ging, eine ältere korpulente Dame vorzufinden, deren Äußeres durchaus nicht an Liebesabenteuer denken machte. Auch sah man ihr die Verfasserin eines sensationellen Romans, von dem der Verleger behauptet hatte, er sei »mit Herzblut« geschrieben, in keiner Weise an. Das einzige an ihrem sonst recht unbedeutenden Kopfe, was nach Genialität aussah, war die Lockenperücke, und diese war mit Kunst unordentlich gemacht.

Fritz Berting kam in eine Gesellschaft von mindestens zwanzig Personen. Es war der Mittwoch der Frau Hilschius, an dem sie von acht Uhr abends an offenes Haus hatte. Die Hausfrau empfing ihn mit den Worten: »Wir kennen Sie ja längst, Herr Berting, wenigstens Ihrer geistigen Physiognomie nach.« – Danach nahm sie ihn bei der Hand und stellte ihn der Gesellschaft vor: »Fritz Berting, der bekannte Dichter, Autor von ›Leiser Schlaf‹, dessen großer Roman ›Das Geschlecht‹ demnächst bei unserem Weißbleicher herauskommen wird.« –

Fritz war zunächst etwas verdutzt über die Epitheta, die man seinem Namen angehängt hatte. Doch beruhigte er sich etwas, als Frau Hilschius ihm die übrigen Anwesenden mit ähnlichen Titulaturen bezeichnete. Da war keiner, der nicht »genial«, »hervorragend«, zum mindesten »berühmt« gewesen wäre. Und niemand von diesen Herren und Damen zuckte mit der Wimper oder sagte etwas dagegen.

Fritz sah da zwei junge Herren mit sehr viel ungekämmtem Haar, die ihn, als er von Frau Hilschius als »bekannter Dichter« eingeführt wurde, mit kritisch erhobenen Augenbrauen mißgünstig von der Seite ansahen. Er schloß daraus, daß er es mit Kollegen von der Feder zu thun habe. Eine Anzahl junger Damen war da, denen man mit der Bezeichnung »Gänschen« kaum unrecht gethan hätte; jedoch versicherte Frau Hilschius von der einen, sie sei eine geniale Malerin, einige waren Klaviervirtuosinnen, ja sogar eine hoffnungsvolle Dichterin war darunter.

Diese letztere, eine junge Dame mit niedlichem, aber völlig leerem Puppengesicht, verwickelte Fritz Berting in ein Gespräch. Sie erzählte ihm, daß sie Gedichte »mache«. Ein Band sei schon heraus, »Epheuranken« heiße er, und ein neuer werde demnächst erscheinen. Ihr Verleger sei Herr Weißbleicher. Sie fragte, ob Herr Berting auch Gedichte habe erscheinen lassen, und als Fritz bejahte, schlug sie sofort vor, daß man die Bände austauschen wolle. Schließlich that sie einen tiefen Seufzer, und indem sie Fritz treuherzig anblickte, rief sie: »Ach, es ist wunderschön, Gedichte machen! Man kann alles sagen, was man im Herzen hat; alle tiefsten Erfahrungen, alle Gefühle und Leidenschaften ausströmen lassen! Finden Sie nicht auch, Herr Berting?«

Fritz, völlig überrumpelt, bejahte. Aber der Nachsatz, der nun kam, setzte ihn noch mehr in Staunen. Mit einem tieferen Seufzer nämlich rief die junge Dame: »Ach, wenn es nur nicht so furchtbar viel Geld kostete!« – Er erkundigte sich teilnehmend, was denn dabei so kostspielig sei. »Haben Sie denn nicht auch für Ihre Gedichte bezahlen müssen?« fragte sie. »Herr Weißbleicher hat mir gesagt, daß alle Dichter das thäten!« –

Diese Worte klärten Fritz Berting mit einem Schlage über eine Erscheinung auf, die ihm bis dahin dunkel gewesen war: die vielen Gedichtsammlungen im Weißbleicherschen Verlage. Und dazu Weißbleicher, der immer behauptete: er lasse sich die Unterstützung junger, aufstrebender Talente viel Geld kosten! – Die Kleine hier hatte in aller Unschuld das wichtigste Geschäftsgeheimnis des beliebten Verlages ausgeplaudert.

Der Mann mit den schlauen Augen in dem fetten Biedermannsgesicht spielte in diesem Salon die tonangebende Rolle. Die Dame des Hauses nannte ihn: »Mein lieber Weißbleicher!« Die Jünglinge mit dem langen, ungekämmten Haar vergaßen gänzlich ihren germanischen Dichterstolz, dienerten mit geschmeidigem Rückgrat, wo immer die Hängebacken, die Glatze und der dicke Leib des allmächtigen Verlegers sich blicken ließen.

Bei der Damenwelt hatte Weißbleicher sich in die tonangebende Rolle zu teilen mit einem dunkelgelockten, noch sehr jungen Manne, dessen bleiches, feines Profil Fritz von Anfang an aufgefallen war. Besonders von den jüngeren waren immer einige um diesen Jüngling zu finden, mit Andacht seinen Worten lauschend.

Fritz erkundigte sich bei einer Dame, die neben ihm stand, wer der junge, sympathisch aussehende Mann eigentlich sei.

»Ich bitte Sie, das ist doch mein Bruder!« sagte die kleine, dunkeläugige Person. Und als Fritz diese Antwort mit einem Gesicht aufnahm, welches deutlich erkennen ließ, daß er so klug sei wie zuvor, rief sie lachend: »Na, dann muß ich mich also vorstellen! Ich bin nämlich die Tochter des Hauses. Der da, den Sie so nett einen ›sympathischen jungen Menschen‹ genannt haben, ist mein Stiefbruder. Dies hier ist der Salon der Frau Hilschius, meiner Mutter, wo sie jeden Mittwoch eine Anzahl berühmter, genialer, hochbedeutender Menschen sieht. Sind Sie nun orientiert, Herr Berting?«

Fritz war betreten über sein Versehen und stammelte einige entschuldigende Worte. Die kleine Dame blickte ihm schelmisch dreist in die Augen. »Na, deshalb keine Feindschaft nich'!« sagte sie mit dem unverkennbaren Accent von Berlin W. »Die Familienverhältnisse sind bei uns etwas verwickelt. Man kann nicht von jedem verlangen, daß er sich das alles umgehend zurecht klaviert.«

Fritz sah, daß die Tochter des Hauses nicht an Verblüffung leide. Er war sehr bald im lebhaften Gespräch mit ihr über die Anwesenden. Sie komme nicht selten von Berlin herüber zu diesen Mittwochen ihrer Mutter, erzählte Annie Eschauer, weil es ihr einen Hauptjux mache, soviel harmlos verrückte Leutchen beisammen zu sehen.

»Meine Mutter ist die gutmütigste Person, die ich kenne,« sagte Frau Eschauer. "Sehen Sie, von dieser Gesellschaft kommt die Hälfte hierher des Büffetts wegen, das es nachher giebt. Die anderen aus Neugier, um des Klatsches willen. Noch andere, weil sie hier Professor Wallberg zu treffen hoffen, der aber heute nicht da ist. Schließlich schickt uns auch Weißbleicher seine zahlungsfähigen Lyriker männlichen und weiblichen Geschlechts. Aber meine gute Mutter denkt, das alles komme der Kunst wegen zu ihr. Sie glaubt wirklich: soviel Nasen, soviel Genies habe sie in ihrem Salon.«

Fritz erkundigte sich, zu welcher Kategorie von Gästen sie ihn eigentlich zähle?

Frau Eschauer rief lachend: »Ach, ich dachte, sie verstünden Spaß! Wissen Sie, Ihnen sieht man auf den ersten Blick den Weißen Raben an. Was Sie hier wollen, weiß ich noch nicht recht; werde mich aber bemühen, es herauszubekommen. Vielleicht haben Sie Absichten auf das blonde Lämmchen mit den ›Epheuranken‹ – wie?«

Sie wurde von der Hausfrau abgerufen. Mutter und Tochter verschwanden im Nebenzimmer, wo offenbar das Buffett zurecht gemacht wurde. Aus den lebhaften Blicken, welche die Jünglinge mit dem langen Haar nach jener Thür sandten, war das mit einiger Sicherheit zu schließen.

Der Sohn des Hauses trat zu Fritz. Er stellte sich selbst vor. »Ich bin Theophil Alois Hilschius.« Darauf erzählte er ungefragt, daß er ein Drama geschrieben habe: »Sulla«. Wann und wo er es einzureichen beabsichtige, fragte Berting den offenherzigen Jüngling. Eingereicht sei es längst, war die Antwort; aber keine Bühne habe bisher den Mut gehabt, es aufzuführen. Ob es denn so außerordentliche szenische Anforderungen stelle, erkundigte sich Fritz. »Das nicht, aber psychologische!« war die stolze Antwort des Achtzehnjährigen. »Übrigens will ich nicht vorgreifen, denn meine Sulla wird nachher vorgelesen werden.«

Weißbleicher kam zu den zweien heran. Er klopfte dem Sohne des Hauses vertraulich auf die Schulter. »Der kann was! Theophil Alois Hilschius! In ein paar Jahren wird die Welt den Namen kennen.«

Der Jüngling trug das Lob mit Würde. Inzwischen wurden die Flügelthüren zum Nebenzimmer geöffnet. Eine Tafel war zum Buffett hergerichtet worden. Man erblickte Braten, Salat, Kompotte, Schüsseln mit süßen Speisen, eine Bowle. Alles drängte dorthin, gelockt von dem erfreulichen Anblick; voran die Dichter.

Fritz blieb im Salon mit Theophil Alois, der ihn von seinem Stücke unterhielt. Es werde demnächst in einer intimen Liebhaberausgabe bei Weißbleicher herauskommen.

Frau Annie Eschauer kam. Sie trug in der einen Hand ein Glas Bowle, in der anderen einen Teller mit einer Kollektion von Leckerbissen. Beides präsentierte sie Fritz. »Ich will gut machen, was ich vorhin verbrochen habe. Seien Sie mir nicht mehr bös, Herr Berting! Kommen Sie dort hinein, wir wollen uns unterhalten. Theophil, hole mir was zu knabbern! Du weißt, ich liebe das Krokante.«

Sie führte Fritz in ein kleines Boudoir, das neben dem Salon lag. Dort strahlte eine aus einem von türkischen Shawls gebildeten Baldachin herabhängende Ampel rötliches Licht aus. Er mußte der Dame gegenüber Platz nehmen. Theophil Alois erschien sehr bald mit Bowle und einem Teller voll Konfekt für seine Schwester. »Brav, mein Junge!« rief Annie, und streichelte dem Stiefbruder das seidige Haar. »Nun kannst du dort hinein zu den kleinen Mädels gehen. Die mit den »Epheuranken« hat schon lange nach einer gleichgestimmten Seele geschmachtet.«

»Mein Bruder ist nämlich ein Wunderknabe,« meinte Annie, »und dabei noch so furchtbar jung. Er nimmt sich selbst entsetzlich ernst, das gute Kind. Doch das haben wir alle in dem Alter gethan.«

»Studiert Ihr Herr Bruder, gnädige Frau?«

»O nein! Er quält sich noch mit dem Abiturientenexamen.«

Fritz entfuhr ein Ausruf des Staunens.

»Ja, sehen Sie, Herr Berting, Theophil behauptet, die Lehrer seien solche Idioten. Sie verstehen ihn allesamt nicht. Der deutsche Lehrer hat ihn durchfallen lassen. Mein Bruder sagt, der Mann gehöre einer anderen litterarischen Richtung an als er. Der arme Junge, die Professoren wollen nichts von seinen Aufsätzen wissen und die Theater nichts von seinen Stücken! Aber das Mutterherz glaubt an sein Genie. Er soll nur das Examen machen, nachher darf er Dichter werden, hat Mama erlaubt.«

»Dichter werden!« rief Fritz. »Der Unglückliche!«

»Sie sind es doch auch!«

»Gerade darum möchte ich jeden jungen Menschen warnen, sich auf so dornenvollen Pfad zu begeben.«

Annie Eschauer nahm auf einmal eine ernstere Miene an. Sie rückte ihm näher und sagte halblaut: »Wissen Sie, Herr Berting, daß Sie etwas ganz ganz Anderes sind, als die Herrn Poeten dort am Buffett, das lehrt mich ein einziger Blick. Ich kann diesen Ekel von Weißbleicher sonst nicht ausstehen; aber daß er Sie uns zugeführt hat, dafür bin ich ihm sehr dankbar.« Fritz sah sie erstaunt an. Was wollte diese Dame? Was wußte sie von ihm?

Es war ein eigentümliches Gesicht, in das er blickte. Etwas Unausgeglichenes lag darin. Die Augen, groß und glänzend, hätten schön sein können, wären sie ruhiger gewesen. Die Nase ein wenig zu kurz für die starkentwickelte Kinn- und Wangenpartie. Die lebhaft gefärbten aufgeworfenen Lippen über weißen Zähnen, und das rotbraune, buschige Haar machten an den Kopf einer schönen Mulattin denken. Die Figur war kaum mittelgroß, untersetzt, der Busen üppig.

Wie in ihrer Erscheinung das Unvermittelte der Mischlingsnatur lag, so schien auch ihr Wesen jäh und unberechenbar. Der Ton ihrer Unterhaltung wechselte zwischen dem Graziösen der Weltdame und der Burschikosität eines berliner Gassenjungen. Dumm war Annie Eschauer sicher nicht. Sie schien geistige Interessen zu haben. Fritz hörte ein Paar recht treffende Urteile von ihr. Aber als er dann näher auf das Thema eingehen wollte, sprang sie ab; ihr Interesse schien flackernd wie die Flamme ihrer unstäten Augen.

Ein schwüler Hauch sinnlicher Verführung ging von ihrer üppigen Erscheinung aus. Sich ein dauerndes seelisches Glück oder auch nur gute Kameradschaft mit ihr zu denken, war schwer.

Es kamen immer neue Gäste. Während Fritz im Tête-à-tête saß mit Annie Eschauer, traten ins Nebenzimmer, das er von seinem Platze aus übersehen konnte, durch die Eingangsthür drei Damen; zwei ältere und eine ganz junge.

Fritz erschrak, als er die Züge der Jungen betrachtete. Diese hohe, gewölbte Stirn, die schmale, rassige Nase, das feine Kinn. Und um den Kindermund genau das spöttisch überlegene Lächeln, das sie neulich im Tramwagen gehabt, als sie seinen forschenden Blick kühl erwidert hatte. Mehr als ein Mal hatte er in der letzten Zeit an diese Begegnung denken müssen. Und nun war es ihm wie eine Vision, als er diese graziöse Figur abermals vor sich erblickte.

Frau Annie fand mit fixem Blick schnell heraus, welcher Gegenstand das Interesse ihres Herrn so plötzlich auf sich lenkte. »Kennen Sie die Kleine da, Herr Berting?« fragte sie. Fritz beeilte sich zu verneinen. Nur eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einer Dame seiner Bekanntschaft habe ihn an dem Fräulein frappiert, und er möchte wohl wissen, wer sie sei.

»Hedwig von Lavan. Theophil schwärmt für sie. Er hat sie in der Tanzstunde kennen gelernt. Sehen Sie, da ist er schon bei ihr!«

Fritz war enttäuscht. Was hatte er in das Gesicht des Mädchens alles hineingesehen von interessanten Eigenschaften; und nun entpuppte sich die Bewunderte als die Tanzstundenschwärmerei eines Gymnasiasten. Wie sie jetzt, behütet von den beiden alten Damen, sich mit Theophil unterhielt, kam sie Fritz auf einmal recht unbedeutend vor. Er begriff nicht seine Eselei, ihr neulich Abend nachgelaufen zu sein. Was konnte man von einem Gänschen erwarten, das für Waldemar Heßlow schwärmte und sich von Theophil Alois Hilschius die Cour machen ließ! –

»Mein Brüderchen hat gar keinen schlechten Geschmack,« fuhr Annie Eschauer fort. »Fräulein von Lavan ist ein niedlicher Käfer, finden Sie nicht auch? Übrigens ist sie Waise.«

»Wer sind denn die beiden Damen, die mit ihr kamen?«

»Ihre Adoptivmütter, zwei Schwestern: Fräulein Ida und Amanda Tittchen. Alte Schachteln, die das Mädel angenommen haben an Kindesstatt. Theophil weiß die ganze Geschichte. Eine von den beiden Alten da ist verlobt gewesen mit dem Vater von Fräulein von Lavan. Die Tittchens haben nämlich Geld. Herr von Lavan, ein alter Schwerenöter, starb, ehe er in den sauren Apfel beißen mußte, Amanda heimzuführen. Es ist die mit dem schwarzen Kleide; sie markiert immer noch die trauernde Witwe. Den besten Coup hat bei der ganzen Geschichte die kleine Hedwig gemacht. Ihr Vater hatte nichts als Schulden, während sie sich in die Erbschaft der Schwestern Tittchen wahrscheinlich nur mit einem Mops oder einem andren Lieblingstier zu teilen haben wird.«

Fritz hatte über Frau Annies belustigender Kritik die eben erlebte Enttäuschung schon ganz vergessen. Er betrachtete sich die Damen Tittchen genauer. Altmodische Erscheinungen, mit großen, aufgedunsenen, gutmütigen Gesichtern. In ihrer Kleidung verleugneten sie, trotz der prächtigen Sachen, die sie auf sich gehängt hatten, die Spießbürgerabkunft nicht. In dieser Gesellschaft von Künstlern schienen sie sich nicht ganz geheuer zu fühlen; sie hielten sich befangen in der Nähe der Thür und betrachteten die fremden Menschen um sich her neugierig-ängstlich aus großen, runden, erstaunten Vogelaugen.

»Ich will Sie den alten Schachteln vorstellen, wenn es Ihnen Spaß macht,« sagte Annie Eschauer.

Fritz ward bei dem Vorschlage nicht ganz behaglich zu Mute. Würde ihn Fräulein von Lavan wiedererkennen? –

Die Tanten lächelten den jungen Mann verlegen an und machten linkische Knixe, als er sich vor ihnen verbeugte. Fräulein von Lavan hingegen sah Fritz ruhig in die Augen. »Ich glaube, wir haben uns schon aus der Entfernung im Theater gesehen,« sagte sie. Dabei hatte sie wieder jenes spöttische Lächeln, das Fritz so deutlich im Gedächtnis geblieben war. Dieser Gegensatz von Jugend und Kaltblütigkeit in einer Person setzte ihn von neuem in Erstaunen.

Er war froh, seine Befangenheit hinter einigen Phrasen über das Theater notdürftig verbergen zu können. Stillschweigend nahm er an, daß die hiesige Bühne ihr über alles gehe. Aber sie übte an den Vorstellungen sowohl wie an dem Publikum eine Kritik, die Fritz äußerst treffend erschien. Sie kannte die Bühnen von Wien und München, und stellte Vergleiche an. Fritz, der sie mit Staunen von Paris und Rom sprechen hörte, als seien diese Städte ihr ganz vertraut, erfuhr, daß sie eigentlich ihr ganzes Leben an der Seite des Vaters auf Reisen verbracht habe.

Hedwig von Lavan besaß ein schwaches, aber dabei wohlklingendes Organ. Sie pflegte nur halblaut, wie verschleiert, zu sprechen. Das gab der Unterhaltung mit ihr etwas Diskretes.

Fritz war angenehm berührt, endlich auf jemanden gestoßen zu sein, der dialektfrei sprach. Wie ein lange vermißter reiner Laut stach ihre Sprechweise ab von dem verdorbenen Deutsch, mit dem die Autochthonen schon bald ein Jahr lang sein verwöhntes Ohr gequält hatten.

Nun sah er auch die grauen Augen, über deren Ausdruck er sich neulich im Unklaren geblieben war. Sie fielen weder durch Tiefe, noch durch Feuer auf; ungewöhnlich ruhig, fest, ja hart war der Blick. Fritz hatte wieder das Gefühl, als komme er mit Stahl in Berührung, diesen kalten, beobachtenden Sternen gegenüber.

Unwillkürlich nahm er sich zusammen in dem, was er sagte, viel mehr als er es vordem Frau Eschauer gegenüber gethan hatte.

Welch ein Gegensatz zu der üppigen, herausfordernden Annie! Hedwig erschien ihm fast wie ein geschlechtsloses Wesen, mit ihrem kaum angedeuteten Busen, den knabenhaft mageren Gliedmaßen und dem schmalen Schädel unter dünnem Haar, in den sich ihr kapriciöses Gesichtchen fortsetzte.

Sie sprachen vom modernen französischen Romane. Mit Fräulein von Lavan traf sich Fritz in seiner Begeisterung für Guy de Maupassant. Sie stellte den unerbittlichen Vivisektor Zola weit über Daudet, den sie langweilig, süßlich und unwahr nannte.

Fritz erkundigte sich, ob sie Balzac kenne. Hedwig verneinte, fügte aber hinzu, sie hätte den Namen oft von ihrem Vater gehört, der Balzac den großen Vorläufer Zolas genannt habe.

»Balzac hat die feinere Künstlerhand,« meinte Fritz. »Aber Zola ist doch der größere Kerl. Eine einzigartige Kombination von Gelehrtem, Dichter, Techniker, Pionier, Politiker, Nationalökonom, wie sie nur das neunzehnte Jahrhundert hervorbringen konnte. Cyklop und moderner Baumeister in einer Person. Sein Bau mag in Einzelheiten Roheiten und kahle Flächen aufweisen, als Ganzes ist er riesenhaft. Balzac ist der intimere, der romantischere dabei, ein Kenner der Sitten und der Gesellschaftsseele, wie es nicht viele giebt.«

Hedwig interessierte sich für Balzac. Da Fritz die Comédie humaine studiert hatte, fast wie ein wissenschaftliches Buch, konnte er ein genaues Bild seiner Eigenart geben. Das Mädchen folgte seinen Worten mit dem Ausdrucke sachlichen Ernstes. »Ich danke Ihnen,« sagte sie, »das ist mir von großem Wert. Ich werde mir auf alle Fälle Balzacs Werke anschaffen.«

Fritz meinte: Die Mühe könne er ihr ersparen. Er besitze diesen Autor in einer guten Ausgabe. Wenn es ihr recht sei, wolle er ihr die neun oder zehn Bände, die es seien, übermitteln.

»Sagen Sie mir, bitte, Ihre Adresse« erwiderte Hedwig. »Ich werde zu Ihnen schicken nach den Büchern.«

Fritz zögerte. Er dachte an Frau Klippels Neugier und an Almas leicht erregte Eifersucht. »Nein, ich bringe die Bände selbst,« rief er. »Wo wohnen Sie?«

»Ich wohne im ersten Stock, Herr Berting,« war die Antwort. »Wenn ich nicht irre, kennen Sie das Haus bereits.« Sie sah ihn an, ohne eine Miene zu verziehen.

Fritz errötete und stotterte dasselbe, was er vorhin schon Annie gegenüber behauptet hatte, von einer ungewöhnlichen Ähnlichkeit mit einer Dame seiner Bekanntschaft. An dem überlegenen Lächeln, das sofort auf ihrem Gesicht erschien, sah er, daß sie ihm nicht glaube, und daß er die Dummheit nur größer gemacht habe. Jetzt fing ihn die Sicherheit dieses kleinen Dinges doch an zu verdrießen. Er sann nach, ob er ihr nicht irgend eine Bosheit versetzen könne.

Nebenan wurde Leben. Die jungen Damen reckten die Hälse und drängten alle nach einer Richtung. Fritz Berting, durch seine Größe begünstigt, blickte über die blonden und braunen Zöpfe hinweg, und erkannte für einen Augenblick ein glattrasiertes Männergesicht.

Der Schauspieler Heßlow hier, der schöne Waldemar Heßlow! –

Gleich darauf erschien die Verfasserin der »Epheuranken« in der Thüröffnung, und rief hochgeröteten Angesichts in das Zimmer: »Er ist da!« worauf sie wieder in der Richtung entschwand, wo soeben der Mime zu sehen gewesen war. Jetzt hörte man auch eine tiefe Männerstimme, die sich wohlgefällig auf den einzelnen Silben wiegte.

»Wissen Sie wer dieser er ist, Fräulein von Lavan?« erkundigte sich Fritz, dabei betrachtete er Hedwigs Miene scharf, was sich wohl darauf malen würde.

Das Mädchen lauschte einen Augenblick. »Ach, Herr Waldemar Heßlow!« sagte sie anscheinend unbefangen.

»Kennen Sie den großen Mann, Fräulein?«

»Natürlich! Er verkehrt bei meinen Tanten.«

»Heßlow ist einer unserer bedeutendsten Schauspieler.«

»Ganz und gar nicht, Herr Berting! Ich finde ihn als Schauspieler herzlich schwach. Er hat mir schon manche Rolle total verdorben.«

Wenn Fritz versucht hatte, sie in Verlegenheit zu versetzen, so war das mißglückt.

In diesem Augenblicke trat Annie Eschauer zu ihnen: »Der schöne Waldemar ist da!« verkündete sie. »Da drinnen wird er von seinen Verehrerinnen gefüttert. Das ist ein Anblick, den sie sich nicht entgehen lassen dürfen, Herr Berting!«

Fritz verbeugte sich vor Fräulein von Lavan und folgte Annie.

Als sie das Eßzimmer betraten, bot sich ihnen ein eigentümlicher Anblick. Am Tische saß Waldemar Heßlow, eine Serviette vorgesteckt, das Haar kühn aus dem großen Gesicht mit der Adlernase nach hinten gestrichen. Hochgerötet; eines Kenners Auge hätte ihm angesehen, daß er eben erst abgeschminkt war. Er kam von der Bühne, wo er eine seiner Renommierrollen, den Grafen Essex, gespielt hatte. Hinter ihm, neben ihm, gegenüber: Damen, die froh waren, ihn bedienen zu dürfen. Er aß und trank mit vollen Backen.

»Hier sind mir zu viele Gänse um einen Gänserich!« sagte Frau Annie. »Kommen Sie ins Rauchzimmer, Herr Berting.«

Sie fanden da die jungen Männer mit dem langen Haar ganz allein. Sie saßen und schwiegen mit verdrossenen Mienen. »Die armen Kerle!« raunte Frau Annie Fritz zu, »der schöne Waldemar hat sie vom Eßtisch verdrängt.« Dann hielt sie ein Dienstmädchen an und befahl ihr, Bowle und Gläser in dieses Zimmer zu bringen. »Warum so düster, meine Herren? Ich kann die Trauerkerzen-Begräbnis-Stimmung nicht ausstehen. Lassen Sie uns eine rauchen!« Dabei öffnete sie ein Wandschränkchen, holte Cigarren hervor und forderte die jungen Leute auf, sich zu bedienen. Sie selbst zündete sich eine Cigarette an, und auch Fritz mußte eine nehmen.

Dann kam die Bowle. Die Tochter des Hauses schenkte selbst aus und setzte sich zu den Langhaarigen, deren Gesichter sich vor den gefüllten Gläsern aufhellten; den Rest von Weltschmerz vertrieb Frau Annie durch ihr Geplauder.

Endlich schien Waldemar Heßlow soweit gestärkt zu sein, daß er es unternehmen konnte, den ›Sulla‹ vorzulesen. Die Mutter des Autors ging durch alle Zimmer, um den Gästen dieses Faktum mitzuteilen. Die jungen Leute im Rauchzimmer warfen noch einen wehmutsvollen Blick auf die Cigarren, welche von vorzüglicher Qualität waren. Wie der Sulla ausfallen würde dagegen, schien sehr fraglich. Aber die Frau des Hauses hatte befohlen, und niemand, am wenigsten die jungen Dichter, wollten es mit dieser mütterlichen Freundin verderben.

Man begab sich in den Salon zurück, wo inzwischen Stühle gestellt worden waren. Waldemar Heßlow saß an einem kleinen Tischchen, flankiert von zwei silbernen Kandelabern, welche die Feierlichkeit des Anblicks erhöhten. Hinter ihm lehnte der Autor, bereit, die Seiten des Manuskripts umzuwenden, die Arme verschränkt, die Stirn runzelnd, in einer Art Gladiatorenstellung, als sei er bereit, den Kampf mit der Bestie Publikum aufzunehmen.

Das Manuskript, das vor Heßlow lag, war bedenklich stark, wie Fritz mit einem schnellen Blicke konstatierte.

Erst ließ der Vortragende die Menge sich beruhigen. Dann als kein Stuhl mehr gerückt wurde, kein Flüsterlaut mehr erklang, begann er: »Sulla, Tragödie in fünf Akten, von Theophil Alois Hilschius.«

Fritz hatte richtig vermutet: fünf Akte, dazu ein Verzeichnis von einigen zwanzig handelnden Personen. Und um das Maß voll zu machen: Verse! Fritz war wütend auf Weißbleicher, daß er ihn darauf nicht vorbereitet hatte.

Waldemar Heßlows Vorlesen war seines Spieles auf den Brettern würdig. Er nutzte sein volles Organ aus, als habe er einen Saal auszufüllen und nicht ein mittelgroßes Zimmer. Er war offenbar ganz in seinem Element. Die jugendliche Phrasenhaftigkeit des Stückes gab ihm Gelegenheit, stolzklingende Tiraden mit dem gehörigen Pathos herauszuschmettern und sich im sentimentalen Tiefsinn langgedehnter Monologe zu ergehen.

Stück und Vortrag schienen nichtsdestoweniger der Zuhörerschaft zu gefallen. Nach Schluß des ersten Aktes hörte man Weißbleichers öliges Organ: »Vielversprechend! Die Exposition klar, die Charaktere interessant angelegt, die Entwickelung fesselnd. Sehr vielversprechend!« Frau Hilschius strahlte und sah sich voll Stolz um. Schon wollte sich eine Unterhaltung hervorwagen; aber Waldemar Heßlow deutete durch ein Räuspern an, daß er Aufmerksamkeit für den weiteren Verlauf der Tragödie erbitte.

Sulla, obgleich »Thatmensch«, besaß eine merkwürdige Neigung zu weitschweifigen Monologen, und verlängerte dadurch sein Leben und das Stück ungemein. Fritz hatte schon wiederholt verstohlen gegähnt, sich dabei besorgt umsehend, ob etwa jemand das Verbrechen bemerke. Aber die meisten Augen waren nach vorn gerichtet, wo zwischen den silbernen Kandelabern Waldemar Heßlow saß, unentwegt Jamben skandierend, wahrend Theophil Seite um Seite umblätterte.

Fritz überlegte, daß er in der Nähe einer Thür sitze, die schwerlich verschlossen sein würde. Er benutzte den Augenblick, wo Sulla den Befehl erteilte, dreitausend Gefangene niederzumetzeln, um, während ein Schauder bleichen Entsetzens über die Zuhörer ging, unbeachtet zu entkommen.

Gott sei Dank, er war draußen! Unwillkürlich richteten sich seine Schritte nach dem Rauchzimmer. Aber wie erstaunte er, als er hier in weißlichen Qualm gehüllt die beiden langhaarigen Kollegen antraf. Vor ihnen stand die geöffnete Cigarrenkiste und die Bowle. Beides machte einen ziemlich leeren Eindruck.

»Ist Sulla tot?« fragte einer der Dichter teilnahmsvoll.

»Nein, er hat noch zwei und einen halben Akt zu leben,« war Fritzens Antwort.

»Wir sind schon nach dem ersten Akte gegangen. Leider ist die Bowle alle, und Bier giebt's hier nicht. Da wird's wohl das Beste sein, wir gehen.«

»Zu Sulla?«

»Gottbewahre! In ein Bierhaus natürlich. Kommen Sie mit?«

Die Dichter erhoben sich, nahmen die letzten Cigarren aus der Kiste, steckten sie ein und gingen.

Fritz Berting, vor die Wahl gestellt, den Sulla weiter über sich ergehen zu lassen, oder mit den Kollegen einige Nachtstunden zu verbringen, zog die gemeinsame Flucht vor.

Am Tage darauf, als er mit Lehmfink im Café zusammentraf, erzählte Fritz dem Freunde von den Erlebnissen im Salon der Frau Hilschius. Im Anschluß daran unterhielten sie sich über das schöngeistige Leben des Platzes, und Fritz äußerte die Ansicht, es sei doch erstaunlich, daß eine so große Stadt in ihren geistigen Interessen so völlig im Rückstand geblieben war.

Heinrich Lehmfink hielt sich lange genug am Orte auf, um übersehen zu können, welche Kräfte fördernd, welche hemmend am Werke seien, dem lokalen Geistesleben die Eigenart aufzudrücken. Mittelmäßigkeit, behauptete er, sei hier das charakteristische Gepräge: in der Kunst, der Gesellschaft, der Politik.

Und dabei waren doch alle Vorbedingungen vorhanden, die eine große Entwickelung hätten hervorrufen können. Herrliche Mittel: Schönheit der Natur, Reichtum, gute Vorbilder, alte Tradition. Doch bei so viel Gunst der Verhältnisse fehlte eines: die Triebkraft des Bodens.

War dieses Erdreich vielleicht übersättigt? War die Kultur im Alter lendenschwach geworden, nicht mehr fähig zur Zeugung? Hatte dieses an sich begabte Volk schon zuviel verausgabt, war es jetzt in das Alter eingetreten der Beschaulichkeit, wo man lieber genießt und das Erworbene vorsichtig ordnet, statt sich noch einmal in den Kampf der Meinungen zu stürzen und alles aufs Spiel zu setzen?

Oder lag es daran, daß durch den Gang der Weltereignisse der ganze Staat herabgezogen worden war von seiner ehemaligen Bedeutung auf ein niedriges Niveau? Mußte das nicht verhängnisvoll auf das Selbstgefühl jedes Einzelnen zurückwirken? Denn in dem verkleinerten, beschnittenen Terrain fehlte dem Strebsamen der Raum, sich auszubreiten; von vornherein wurde dem Drang, sich hervorzuthun, ein Dämpfer aufgesetzt, weil dem Läufer nur eine kurze Bahn vorgesteckt war. Die Eigenart konnte sich nicht ausleben. Die vielen, reichbeanlagten Naturen, die dieser intelligente Stamm hervorbrachte, wurden unterbunden in ihrer Entwickelung. Oder sie wurden ganz verdrängt, gingen ins Ausland.

Der Fluch der Enge lag auf Stadt und Land. Da die hohen Ziele genommen waren, da der Ausdehnung ins Weite ein Damm vorgelegt war, da die großen Aufgaben des deutschen Lebens, die in Angriff zu nehmen man ehemals sich zum Fluche versäumt hatte, von einer jüngeren, kräftigeren, skrupelloseren Nation gelöst wurden, zog man sich beleidigt auf sich selbst zurück, bearbeitete das kleine Gebiet, das einem gelassen worden war, mit peinlicher Sorgfalt, die zur Pedanterie und zur Zersplitterung edler Kräfte ausarten mußte. Der ehemals freigewachsene Baum, in seinem Wipfel verschnitten, trieb eine buschige, zwerghafte Krone, in der ein Ästchen dem andern Luft und Licht wegnahm.

Die äußere Lage des Staates wirkte auch auf die Kultur zurück. Wie in der Politik ließ man die großen Fragen der Zeit in Kunst und Wissenschaft auswärts entscheiden, gewöhnte sich aber daran, über alles spießbürgerlich weise zu raisonnieren und zu moralisieren. Keine großen Ideen beschäftigten die Gemüter; Ideal war: Gemütlichkeit, Bequemlichkeit in Ruhe genießen. Jeden, der sie darin zu stören wagte durch Äußerung neuer Ansichten, blickten sie mißtrauisch, bedenklich von der Seite an und verdächtigten ihn, wenn sie unter sich waren, aufrührerischer Gesinnung halber.

Zwar gab es einen Hof, welcher den Brennpunkt bildete für die gute Gesellschaft; früher war von hier, wenigstens für die Kunst, wiederholt segensreiche Befruchtung ausgegangen. Aber jetzt war man da so ganz beschäftigt mit militärischen Dingen, mit konfessionellen Interessen und mit Rangfragen, daß für ein Mäcenatentum großen Stils Zeit nicht übrig blieb.

Die Kunst, welche einstmals dieser Stadt einen Kuß aufgedrückt hatte, der ihrem Angesicht unvergängliche Schönheit verlieh, war zu einem äußerlichen Zierat geworden. Bei dem weiteren Aufbau, im Aufstellen von Monumenten, bei Errichtung öffentlicher Gebäude, wurde ein Abderitenstreich nach dem anderen begangen.

Selbst auf die Kunst übertrug der Spießbürger sein instinktives Grauen vor Eigenart. Das Kunstwerk sollte »schön« sein. Unter »schön« verstand er das, was ihn amüsierte, seine Neugier befriedigte, seine Sinne kitzelte. Häßlich war das, was stark, neu, ungewöhnlich auftrat, zum Nachdenken zwang und den Menschen in seiner Verdauung störte.

Nur für Musik legte man viel Interesse an den Tag; musikalisch zu sein, gehörte sogar zum guten Ton. Diese Kunstbethätigung entsprach am meisten dem verschwommenen, gedankenlosen Phäakentum dieses genußfrohen Völkchens. Hier machte man im Wagnerkultus sogar der Moderne seine Reverenz; freilich erst nachdem sich der verstoßene Sohn dieses Landes auswärts den Freipaß eines berühmten Namens geholt hatte.

Denn vor allem, was weither kam, lag man auf der Nase. In der Gesellschaft spielten Fremde die tonangebende Rolle. Kein Wunder, daß sich der Ausländer wohl fühlte unter Menschen, deren verwaschene und schmiegsame Individualität es gelassen duldete, daß der Engländer sich unter ihnen stolz als Engländer, der Russe ungeniert als Russe suhlen und aufführen durfte.

Die öffentliche Meinung aber war mit diesen Zuständen durchaus zufrieden. Es ging ja alles gut und glatt, man verdiente Geld, und – worauf man den höchsten Wert legte – die Gemütlichkeit wurde nicht gestört. Die Presse schließlich machte diesen Ton mit; denn wie lange wäre sie »maßgebend« geblieben, wenn sie den Leuten nicht das gesagt hätte, was sie gern hören wollten! –

Heinrich Lehmfink war in seine schwäbische Heimat gereist, um, wie er sagte, Mutter und Schwester, die lange nichts von ihm gesehen hätten, wieder einmal aufzusuchen.

Die nächste Folge davon war für Fritz, daß sich im Café der Dichter Karol, alias Siegfried Silber, mit an seinen Tisch setzte. Allerdings pflegte der kleine Mann pro forma, noch immer zu fragen, ob es auch erlaubt sei, und jedesmal dankte er ausdrücklich für die Genehmigung; doch wohl nur, um zu zeigen, daß er die Abweisung, die ihm einstmals widerfahren war, nicht vergessen habe.

Die langhaarigen jungen Leute, mit denen Fritz neulich gemeinsam aus der Sullavorlesung geflohen war, um mit ihnen dann noch ein paar Stunden im Bierhause Litteratur zu schwatzen, verkehrten in demselben Café. Dadurch, daß Fritz Berting sich mit ihnen grüßte, erfuhr Siegfried Silber, dessen Blicke so leicht nichts entging, und den keinerlei Verschämtheit hinderte, allem, was ihn interessierte, auf den Grund zu gehen, daß Berting im Hause der Frau Hilschius verkehre. Diese Thatsache schien Silber sehr zu interessieren; wiederholt kam er im Gespräche darauf zurück. Wen man alles dort treffe, wollte er wissen, welche Art Person Frau Hilschius wäre, ob sie sehr reich sei. Nach den fernliegendsten Dingen erkundigte er sich. Schließlich mußte Fritz dem Wißbegierigen sogar den Roman borgen, den Frau Hilschius geschrieben hatte.

Berting konnte nicht lange im Zweifel darüber sein, was das zu bedeuten habe. Silber wollte in den Salon der Frau Hilschius eingeführt sein.

Fritz lachte über den Ehrgeiz des kleinen Mannes. Er selbst hatte es eigentlich verschworen, dort wieder hinzugehen. Aber da Silber wirklich viel daran zu liegen schien, mit den Kreisen in Verbindung zu kommen, die bei der schöngeistigen Dame verkehrten, versprach Fritz die Einführung am nächsten Mittwoch zu bewerkstelligen. Im letzten Augenblicke wurde ihm allerdings bange, daß Siegfried Silber mit seinem oft recht vernachlässigten Aufzuge ihn dort blamieren könne. Wie seine Manieren in Damengesellschaft sein mochten, wußte man auch nicht. Als Fritz an das scharfe Mundwerk von Annie Eschauer und an die spöttische Miene von Fräulein von Lavan dachte, that ihm sein Versprechen beinahe leid.

Aber schließlich erwiesen sich solche Befürchtungen als übertrieben. Silber hatte reine Wäsche angelegt für diese Gelegenheit, und weder Frau Annie noch Hedwig von Lavan waren an diesem Mittwoche da.

Frau Hilschius war erfreut, einen »bekannten Autor« mehr in ihrem Salon zu begrüßen; denn als solchen hatte Fritz Berting den Neuling eingeführt. Nur Weißbleicher, der Patron des Hauses, rümpfte die Nase und meinte mit einem mißbilligenden Seitenblicke auf seinen Stammesgenossen: »Solche Elemente« gehörten doch eigentlich nicht hierher.

Fritz konnte nicht finden, daß Siegfried Silber seine Rolle schlecht gespielt hätte. Im Gegenteil! Man mußte nur wissen, aus welchen Verhältnissen der Mensch stammte. Hinter dem Ladentisch seines Vaters hatte er sicher keine Gelegenheit gehabt, sich gesellschaftlichen Schliff anzueignen. Dies hier war sein erstes Debut im Salon. Dafür war die Sicherheit seines Auftretens erstaunlich. Schnell hatte er sich über die Anwesenden orientiert. Die Sterne zweiten und dritten Ranges ignorierte er, unterhielt sich nur mit Leuten, die etwas zu bedeuten hatten. Mit dem Sohne des Hauses, Theophil Alois, freundete er sich an. Als Fritz Berting gelegentlich an den beiden vorüberkam, klangen ihm große Worte über die »Zukunft der deutschen Litteratur« in die Ohren, die einen »Heiland»brauche. – Fritz war keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß jeder der beiden Jünglinge sich selbst für diesen Heiland ansehe.

Als man aufbrach, hatte Silber die Genugthuung, daß ihn Frau Hilschius aufforderte, doch ja in Zukunft ihre Mittwoche mit seiner Gegenwart zu beehren.

Wenige Tage darauf erhielt Fritz durch Weißbleicher, mit dem er der Korrektur seines Romanes wegen jetzt öfters zusammen kam, eine Einladung von Frau Hilschius, bei ihr im intimen Kreise zu Mittag zu speisen. Nur die Familie würde da sein, der Verleger selbstverständlich, und Professor Wallberg.

Fritz hatte diesen Namen schon wiederholt von Weißbleicher mit besonderer Betonung nennen hören, auch andere Leute, besonders die litteraturbeflissenen Damen im Salon der Frau Hilschius hatten den Namen Wallberg mit einer gewissen Ehrfurcht und Scheu in den Mund genommen. Fritz erkundigte sich daher, was es mit diesem Manne so besonderes auf sich habe. Weißbleicher gab zur Antwort: Professor Wallberg sei eine »kritische Koryphäe«, ein Mann, von dem ein paar Zeilen genügten, einen jungen Autor berühmt zu machen. Zwar gehöre der Professor der alten Schule an, aber – und das sagte der kundige Geschäftsmann mit bedeutungsvollem Augenzwinkern – wenn er an einem jungen Autor Gefallen finde, vor allem wenn er bei der Jugend auf das gehörige Maß von Bescheidenheit stoße, lasse er sich auch herbei, einen Vertreter der modernen Richtung zu lancieren. Der Verleger deutete dann noch an, daß zwischen seinem Verlage und dieser Autorität Beziehungen zartester Natur bestünden, die seinen Autoren zu gute kämen.

Frau Hilschius empfing Fritz Berting mit großer Zuvorkommenheit, als er ihrer Einladung folgend mittags um zwei Uhr sich zu Tisch einfand. Von Annie Eschauer wurde er mit der Vertraulichkeit einer alten Bekannten begrüßt. Sie sei auf der Durchreise nach Karlsbad, erzählte sie, und da habe sie um dieses Diners willen einen Tag zugegeben. Während Fritz sich mit den beiden Damen unterhielt, saß Theophil Alois in einsamer Größe auf einem Hocker, Bein über Bein geschlagen, die Hand am Kinn, mit gerunzelter Stirn, düster, als wälze er den Plan zu einem neuen Sulla in seinem Haupte. Bis ihn seine Stiefschwester durch die boshafte Frage, ob er das Lateinisch für morgen schon präpariert habe, zu einem mißmutigen: »Unverschämtheit!»veranlaßte. Beleidigt verließ er das Zimmer. Seine Mutter, deren Liebling er war, ging ihm nach, wohl um ihn zu trösten. Annie lachte und meinte: »Familienszene!« –

Die Unterhaltung zwischen Annie und Fritz wollte eben intimer werden, als Weißbleicher kam. Er setzte sich zu den beiden. Professor Wallberg schien seine Bedeutung dadurch beweisen zu wollen, daß er warten ließ.

Endlich kam der große Mann und entschuldigte die Verspätung damit, daß er den Besuch eines auswärtigen Bühnenleiters – er nannte einen aristokratischen Namen – empfangen habe, der seine Ansicht über ein Theaterstück habe einholen wollen. Er verweilte bei diesem Thema, wie es schien, nicht ungern, da es ihm Gelegenheit gab, noch andere glänzende Persönlichkeiten seiner Bekanntschaft namhaft zu machen.

Der Professor war ein großer, ehemals gewiß recht stattlicher Mann, mit weißem Vollbart. Das noch ziemlich volle Haupthaar trug er ohne Scheitel einfach nach hinten gestrichen, wo es ihm in graugelben Strähnen bis tief ins Genick fiel. Die Gesichtsfarbe war gleichmäßig rötlich. Hinter der goldenen Brille lagen ein Paar graue Augen, aus deren Sprache man nicht recht klug werden konnte. Im Knopfloch trug er eine Ordensrosette, die in vielerlei Farben erstrahlte.

Man ging zu Tisch. Zunächst führte Professor Wallberg die Unterhaltung so gut wie allein. Er sprach von Litteratur, doch hatte alles, was er sagte, mehr oder weniger Bezug auf seine Persönlichkeit. Er erzählte allerhand Anekdoten, citierte Aussprüche berühmter Leute, die beweisen sollten, daß das literarische Leben der letzten Decennien sich um einen einzigen Mittelpunkt drehe, um ihn.

Frau Hilschius hing bewundernd an den Lippen des großen Mannes, Theophil blickte verehrend zu dem grauen Haupt auf, selbst Weißbleicher, der sonst so beredte, schwieg, und dachte vielleicht über die »zarten Beziehungen« nach, die zwischen seinem Verlage und diesem Litteraturpapst bestanden. Einzig Frau Annie machte dem Professor hie und da durch eine Zwischenbemerkung ein wenig Opposition, die Wallberg jedoch abzuschwächen verstand, indem er alles, was Frau Eschauer äußerte, für »allerliebst amüsant« erklärte und durch diesen Freipaß den Pfeilen ihres Witzes von vornherein die Spitze abbrach.

An Fritz Berting hatte Professor Wallberg noch kein einziges Mal das Wort gerichtet, er nahm wohl stillschweigend an, auch in ihm einen Bewunderer zu besitzen. Vielleicht um festzustellen, wes Geistes Kind der junge Mensch, der ihm von Frau Hilschius als Dichter und Verfasser eines demnächst erscheinenden Romans vorgestellt worden war, eigentlich sei, begann er von der modernen Jugend und ihren Bestrebungen.

Der alte Herr sprach sich nicht gerade freundlich aus über den Naturalismus. Er nannte ihn die roheste Art der Kunstübung, ein Zurücksinken in den Zustand der Wilden, ohne die Urwüchsigkeit der Barbarei, vielmehr mit der perversen Raffiniertheit des fin de siècle verquickt. Decadence und Naturalismus seien Erscheinungen, die sich gegenseitig bedingten. Decadence erzeuge Naturalismus, und das mißratene Kind des Naturalismus wiederum sei die Decadence.

»Ach, so etwas Decadence zur Abwechselung ist gar nicht übel« meinte Annie. »Die früheren Dichter sangen mir zuviel vom treuen deutschen Herzen, vom schönen Rhein, von Minne, Tugend und lauter solchen unmöglichen Sachen. Es wurde einem dabei immer zu Mute wie nach Lindenblütenthee. Da lobe ich mir die Jungen, die sind amüsanter. Ich kenne einige Dichter der jüngsten Schule in Berlin, sie gehen bei uns ein und aus im Hause, und ich muß sagen, die Leute sind ganz charmant!«

»Ein echt weiblicher Grund, deshalb die ganze Richtung zu loben,« höhnte der Professor. »Aber mir, Gnädigste, gestatten Sie wohl, mich durch das meinetwegen noch so bestechende Äußere der jungen Autoren nicht beeinflussen zu lassen und der Sache etwas tiefer auf den Grund zu gehen. Es handelt sich beim Naturalismus um mehr als eine bloße Mode; eine Krankheit ist er, eine Seuche, welche die Geister befallen hat. Moralische Verwilderung, krasser Nihilismus! Nichts wird mehr anerkannt, es giebt keine Autoritäten mehr, jede Pietät fehlt, jeder Respekt. Alles alt Bewährte, jede Tradition will diese Richtung vernichten und weiß doch nichts Neues an die Stelle des Alten zu setzen. So handeln Menschen, die das moralische Gleichgewicht verloren haben und darum ihrer Sinne nicht mehr mächtig sind.« –

Professor Wallbergs Stirn und Hals hatten sich dunkel gefärbt bis unter das gelbgraue Haar; in fanatischem Hasse blitzten, seine grauen Augen unter den Brillengläsern hervor.

»Mir kommt es vor,« fiel hier Fritz Berting ein, der Annie Eschauers Augen längst auf sich gerichtet sah mit der deutlichen Frage: ›wirst du hierauf nichts erwidern?‹ »mir kommt es vor, als handle es sich beim Naturalismus nicht um Erkrankung, sondern um den Anfang eines Gesundungsprozesses. Die neueste Revolution in der Litteratur ist mit Nichten ein Kind der Decadence, sie ist Reaktion, berechtigte Reaktion gegen Unnatur und Impotenz der vorigen Generation. Der Naturalismus ist eine Notwendigkeit geworden und wird hoffentlich eine Erlösung werden. Hätten wir ihn noch nicht, so müßte er erfunden werden. Decadence ist eine Erscheinung des Gesellschaftslebens. In diesem Sinne ist Decadence immer da, eben so gut wie es überall verbrecherische Menschen giebt. Der Künstler wird einen solchen Wandlungsprozeß auf dem Gebiete der Sitten mit Interesse verfolgen, ihn eventuell auch verwerten; im übrigen hat Kunst mit Moral nichts zu thun, und der Vorwurf der Immoralität, der so oft gegen uns erhoben wird, geht glatt am Ziele vorbei.«

Professor Wallberg blickte mit maßlosem Staunen auf den jungen Menschen, der es wagte, ihm in solcher Weise zu widersprechen. Weißbleicher hatte, während Fritz sprach, versucht, durch Blicke und Worte ihm verständlich zu machen, er solle seine Zunge in Acht nehmen; erfolglos! Theophil saß mit offenem Munde da. Annie aber, um deretwillen Fritz den hingeworfenen Fehdehandschuh eigentlich nur aufgenommen hatte, nickte ihm lebhaft beistimmend zu.

Frau Hilschius war besorgt um das gute Einvernehmen ihrer Gäste. Sie wußte, daß der Professor Widerspruch nicht vertrage. Darum machte sie den Versuch, das Gespräch auf ein anderes Gebiet zu lenken, begann von bildender Kunst zu sprechen und wiederholte dabei unbewußt einen Artikel, den sie am Morgen in einer bekannten Zeitschrift gelesen hatte.

Aber es dauerte nur wenige Minuten, da war man wieder bei der Litteratur angelangt. Der Professor hatte noch eine Anzahl Vorwürfe auf dem Herzen gegen die junge Richtung, die er sich von der Galle reden wollte, umsomehr, als dieser Fritz Berting, dessen Namen er vordem niemals gehört, ja nun das Visier gelüftet und gezeigt hatte, welcher Schule er angehöre.

Der Naturalismus sei im Grunde gar keine Kunst, behauptete Professor Wallberg. Er verwische die Grenzen zwischen Handwerk, Wissenschaft und Kunst. Die Empirie werde zum Götzen erhoben und die Schönheit von ihrem Throne gestoßen.

Fritz Berting erwiderte: der Naturalismus gehe auf Wahrheit aus und suche darum das Charakteristische auf.

»Nein!« rief der alte Mann und blitzte ihn wütend über den Tisch an. »Nein! Die Entschuldigung kennen wir; sie ist faul! Unter dem Deckmantel Wahrheitsliebe wühlt ihr mit Behagen im Kehrichthaufen und sucht alles daraus hervor, was häßlich, schmutzig und ekelhaft ist.«

»Es giebt überhaupt keine Erscheinung des Lebens und der Natur,« sagte Fritz darauf, »die nicht für das überzarte, empfindliche Gemüt etwas Erschreckendes oder Abstoßendes enthält, ebenso, wie es nichts giebt, woraus die Lüsternheit nicht, wenn sie will, Kapital schlagen kann. Schön und häßlich sind eben relative Begriffe, und liegen im Auge des Beschauers. Die Kunst aber kann Erscheinungen wie Tod, Geburt, Geschlechtsleben, Krankheit nicht entbehren zur Darstellung, weil sie notwendige Teile des Lebens sind und weil sich die Natur darinnen am unmittelbarsten und stärksten offenbart. Die Moderne ist nur mutiger, sie verwirft das Feigenblatt und sie ist auch ehrlicher; Schminke, Schönheitspflästerchen und falsches Haar gehören nicht zu ihren Requisiten.«

In gereiztem Tone unterbrach ihn der Professor. »Und das Ende wird sein, daß die Kunst im Wachsfigurenkabinett anlangt. Es ist nicht nötig, Leichen darzustellen, noch weniger sie zu secieren, das ist nur eine Spekulation auf die Nerven des Publikums. Aber das ist es ja gerade: der Naturalismus will allen anderen Berufen ins Handwerk pfuschen. Einmal führt er sich als Arzt auf, dann wieder geriert er sich als Nationalökonom. Und was ist er im Grunde, wenn man ihn bei Lichte betrachtet? Photograph! Gesteht es doch nur offen ein, daß ihr mit eurer Wirklichkeitstreue, mit dem Geschrei nach Wahrheit, auf eurer Suche nach menschlichen Dokumenten euch die Technik des Photographen zum Muster genommen habt, daß ihr im besten Falle Retoucheure seid, aber niemals frei schaffende Künstler!«

»Den Vorwurf, daß wir die Wirklichkeit wieder zu Ehren bringen wollen,« erwiderte Fritz, der im Gegensatz zu dem Professor sich die Ruhe ziemlich gewahrt hatte, »glaube ich, können wir uns gefallen lassen. Nicht das mechanische Reflektieren der Photographenplatte streben wir an, sondern die Objektivität des Auges, und die Treue der Hand im Wiedergeben. Wir haben Ehrfurcht vor der Natur, wir wollen ihr dienen, ohne ihre Sklaven zu sein. Die bengalische Beleuchtung, mit der die vorige Künstlergeneration so viel gearbeitet hat, verachten wir als Mache. Wir beobachten und ergründen, statt wild darauflos zu fabulieren. Die Naturwissenschaft hat uns die Methode realistischen Sehens und der Determinismus das logische Denken wieder gelehrt, die dem Künstler ganz abhanden gekommen waren.«

»Naturwissenschaft, Determinismus! Behängt nur mit solchen Flicken eure krasse Nacktheit. Der wahre Name für eure Weltanschauung ist Materialismus, Pessimismus, Nihilismus und für eure Schreibweise: Pornographie. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Mit Ekel, mit sittlichem und ästhetischem Ekel nur kann man eines eurer Bücher in die Hand nehmen. Was soll man von einer Jugend erwarten, die nicht allein der Ideale bar ist, nein, die auch noch alles, was früheren Generationen heilig war, in den Kot hinabzieht!«

»O, wir haben Idealismus! Wir haben uns die schwierigere, die undankbarere, die gefährlichere Aufgabe gewählt. Darin liegt unser Idealismus, daß wir den Mut haben, in die Schächte des Lebens hinabzusteigen, dort nach neuen Werten zu graben und in Tiefen zu leuchten, die bisher ängstlich vermieden worden sind. Das erfordert mehr Kühnheit und Entsagung, als die grüne Wiese des Opportunisms abzugrasen. Der Sieg ist auf unserer Seite, weil wir den Bedürfnissen der Zeit Rechnung tragen. Die Zeit ist realistisch und schreit nach Realismus. Ganz große Leute, wie Goethe, sind unsere Helfer.«

»Nun rufen Sie auch noch Goethe an, das ist wahrhaftig Blasphemie!«

»Ich meine nicht den Geheimrat Goethe, ich meine den jungen Wolfgang, der hätte uns verstanden, der stünde, wenn er jetzt lebte, auf unserer Seite. Und Goethe hat auch im Alter nicht Ach und Weh geschrieen, wenn die Jugend über ihn hinausstürmte. Nur das eingerostete Alter bildet ein Hindernis für die Entwickelung. Da wird geklagt über Mangel an Pietät und die Jugend denunciert als unmoralisch. Man soll uns nur einmal sagen, weshalb wir Respekt haben sollen vor der älteren Dichtergeneration! Was hat sie uns denn für Vorbilder geschenkt? Sollen wir vielleicht den Professorenroman bewundern? Vom geschäftlichen Standpunkt aus mag der ja ganz einträglich sein; denn von harmlosen Seelen werden diese Schmöker, die eigentlich nicht viel mehr sind als Indianergeschichten, ja um Weihnachten herum gern gekauft, aber mit Litteratur…«

Hier machte Weißbleicher so deutlich abwinkende Zeichen, während Frau Annie boshaft belustigt kicherte, daß Fritz merken mußte, daß er irgend einen delikaten Punkt berührt habe. Er stockte. An dem Ausdrucke schlecht verhehlten Zornes in den Mienen des Professors sah er, wen er mit seinen letzten Worten, ohne es zu wollen, schwer getroffen habe.

Peinliche Stille entstand.

Aus der allgemeinen Verlegenheit half diesmal Theophil Alois. »Donnerwetter, es ist ja schon zehn Minuten nach drei Uhr!« rief der Dichter des Sulla, dessen Blick auf die Pendule ihm gegenüber gefallen war. Er sprang auf, warf noch einen wehmutsvollen Blick auf das Halbgefrorene, das eben herumgereicht wurde, und eilte von dannen.

Frau Hilschius aber benutzte diese kleine Episode, um endgiltig das klippenreiche Thema der zeitgenössischen Litteratur von der Tagesordnung verschwinden zu machen. Sie stimmte ein Klagelied an über die Einrichtung des Nachmittagsunterrichts und die Überbürdung der Gymnasiasten.

Den Kaffee nahm man in dem geräumigen Salon der Hausfrau ein, wo die Sulla-Vorlesung stattgefunden hatte.

Frau Hilschius, Weißbleicher und der Professor waren bald in ein eifriges Gespräch über die dichterische Zukunft des Wunderkindes Theophil vertieft. Annie aber zog sich mit Fritz Berting in das kleine Boudoir nebenan zurück, in welchem sie schon neulich gesessen hatten.

Für Fritz war es ein eigentümliches Gefühl, einmal wieder nach gutem Diner eine importierte Zigarre zu rauchen und seine Füße auf dem Gewebe eines echten Persers auszustrecken. Annie Eschauer lag bequem im Schaukelstuhle zurückgelehnt und wiegte ihren üppigen Körper langsam in einem gewissen Rhythmus auf und ab. Ihre kleinen, weißen, runden Hände mit den vielen bunten, glitzernden Steinen lagen in unruhigem Spiel bald in ihrem Schoße, bald auf den geschwungenen Lehnen des Stuhles, bald hantierten sie mit einem niedlichen Dolch, der auf einem niedrigen Tischchen neben ihr lag. Sie hatte etwas von einem niedlichen Kätzchen, in ihrer lässigen Ruhe, wie sie Fritz jetzt, ohne das rhythmische Schaukeln zu unterbrechen, mit unbestimmbar schillernden Augen von der Seite ansah, befriedigt lächelte und nach einer Weile behaglicher Betrachtung seiner ganzen Erscheinung sagte: »Wissen Sie, Herr Berting, Sie gefallen mir eigentlich heute noch besser als neulich. Vorhin, wie Sie es dem alten Professor gegeben haben, das war allererster Klasse. Wußten Sie eigentlich, daß der gute Mann einen Roman geschrieben hat, der im alten Phönizien, Assyrien oder so wo spielt, auf den er sehr stolz ist?«

»Nein, ich wußte es nicht. Aber aus seinem Gesicht schloß ich dann allerdings, daß ihm die Lorbeeren von Ebers keine Ruhe gelassen haben mochten. Unhöflich zu sein gegen einen Gast Ihrer Frau Mutter, lag mir gänzlich fern.«

»Ach, es schadete garnichts! Ich habe mich ja gekugelt! Es war höchste Zeit, daß der alte, eingebildete Bonze es einmal richtig gesagt bekam. Diesem Manne wird sonst niemals widersprochen. Alle haben sie Angst vor ihm; er ist ja hier vereidigter Sachverständiger!«

»Ich fürchte, ich werde es auszubaden haben,« erwiderte Fritz, »daß ich eine eigene Ansicht zu besitzen wage. Ich habe es dem Herrn Professor wohl angesehen, er dachte bei sich: Komm du mir nur mal unter die Finger! – Mein armes Buch wird er böse zerpflücken.«

»Ihr neues Buch! Ihr Roman! – Weißbleicher hat mir schon den Titel verraten. Vielversprechend! – Ich bin kolossal neugierig! Erzählen Sie mir doch was von dem Inhalt!«

»Das kann ich nicht, gnädige Frau!«

»Ist es so unpassend?«

»So hatte ich's nicht gemeint. Ich habe geradezu eine Scheu davor, von meinen Sachen zu sprechen; es macht mich verlegen.«

»Sie sind ein sonderbarer Mensch, eine ganz eigentümliche Mischung von – na, ich will Sie nicht eitel machen! Es wäre mir wirklich interessant, hinter Ihre Geheimnisse zukommen; denn Sie haben welche, das sehe ich Ihnen an, gerade weil Sie so unschuldig thun. – Sagen Sie mal, Herr Berting, was wollen Sie eigentlich in diesem Nest? Sie gehören doch nach Berlin!«

Fritz erzählte ihr in Kürze, was ihn von Berlin weggetrieben habe; als äußerer Anlaß, der Mißerfolg seines Stückes, und als tieferer Grund, sein Wunsch nach Einsamkeit. Das berliner Treiben sei ihm völlig unerträglich geworden.

»Unsinn!« rief Annie und richtete sich aus ihrer lässigen Haltung auf. »Sagen Sie mir gegen Berlin nichts! Berlin ist der einzige Ort, wo man lebt. Ich würde es in einer anderen Stadt überhaupt nicht aushalten. Hier zum Beispiel komme ich mir vor, wie so ein Fischchen, das im Glasballon der guten Stube steht, immerfort im Kreise herumschwimmen muß und mit Semmel gefüttert wird. In Berlin, da ist man im Strome. Unter Umständen geht's mal ein bißchen bunt zu; aber das ist doch gerade das Aufregende. Was ist denn weiter dabei, mit einem Theaterstücke durchfallen! Versuchen Sie's noch einmal! Vielleicht giebt's zur Abwechslung einen Schlager. Auf der Börse wechselt's auch, heute macht einer Pleite, zum ultimo hat er eine veine und kommt wieder obenauf.«

»Ich bin hierher gegangen, mich zu sammeln, Ruhe zu haben für eine große Arbeit.«

»Schön! Jetzt ist ihr Roman fertig. Nun kommen Sie nach Berlin zurück! Wenn es überhaupt ein Erfolg sein soll, kann er nur dort creiert werden. Man wird es in Berlin sehr ungewöhnlich finden, daß Sie es ein Jahr lang im Exil ausgehalten haben; wunderweiß welche Erlebnisse werden Ihnen angedichtet werden. Sie werden der interessante Mann, womöglich der clou sein der Saison.«

»Gerade dem habe ich entfliehen wollen, diesem schnellen Auf-den-Schild-erhoben-werden. Was nützt mir die Berühmtheit eines Monats, wenn ich mit einer ernsten Arbeit unbemerkt bleibe.«

»Man wird Sie nicht in der Versenkung verschwinden lassen, diesmal nicht! Dafür stehe ich Ihnen!« rief Annie Eschauer mit einem Blicke, der es ihm heiß und kalt überlaufen machte. »Kommen Sie nach Berlin! Wozu hat man seine Verbindungen! Bei uns verkehren die ersten Leute der Bühne und der Presse. Es kostet mich ein paar Federstriche, und ich verschaffe Ihnen die Bekanntschaft von wem immer Sie wollen. Schreiben Sie ein Stück, es soll angenommen werden; ich setze Kopf und Kragen daran. Es hat Ihnen bisher offenbar nur jemand gefehlt, der sich Ihrer angenommen hätte. Dichter sind unpraktisch, brauchen Bemutterung. Mit Schüchternheit kommt man in Berlin freilich nicht weit. Und wer nun gar in der Provinz lebt, ist ein toter Mann. Noch soviel Talent mögen Sie entwickeln, gemacht können Sie nur in Berlin werden. Also nächsten Herbst auf Wiedersehen! Ich zähle bestimmt auf Sie.«

Fritz gab keine Zusage, er sagte aber auch nicht: nein. Wer längere Zeit berliner Luft geatmet hat, den befällt von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach dem nicht immer gefälligen und gemütlichen, aber jederzeit starken Leben dieser wunderlichen Stadt.

Und gerade Annie Eschauer war die richtige Person dazu, Fritz die Stadt, der er grollte, die er im geheimen aber doch liebte, ins Gedächtnis zu rufen. Annie mit ihrer kecken Lebendigkeit, ihrem schnellen Erfassen und Urteilen, ihrem unverfrorenen Witz, war im Guten und Schlechten eine Repräsentantin des Geistes und Tones, der nur im Tiergartenviertel gedeiht. Es war Berlin selbst, das seine Hand nach ihm ausstreckte. Mit diesen sinnlichen Lippen, die gleich schnell zum Kusse wie zu einer schnodderigen Bemerkung bereit waren, mit diesen ebenso begehrlichen wie kühl beobachtenden Augen, die so ungeniert dreinblicken konnten, lockte ›Berlin W‹ den Ungetreuen in seine Arme zurück.

Die körperliche Nähe dieser Frau beunruhigte ihn stärker, als er für gut befand, sie merken zu lassen. Ihr üppiger Wuchs war ein Appell an die Sinne, die ganze Person umschwebte eine unbestimmte, schwüle Atmosphäre von Wollust. Sie brauchte nichts zu sagen, nichts zu thun, nur wie jetzt das Auge mit seinem unruhig flackernden Glanze unter den schweren, verschleiernden Lidern auf ihn zu richten, und hundertfältige Versuchung wurde in ihm aufgeregt.

»Also, Sie kommen, nicht wahr?«

»Nein, gnädige Frau, es geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Ich bin gebunden.«

»Gebunden – wodurch? Ein junger Mensch wie Sie, unverheiratet! Wenn Sie noch Familienvater wären – aber so! Oder fesseln Sie etwa zarte Bande, von denen man nichts wissen darf – he?«

Ihr Blick hatte für einen Augenblick etwas Lauerndes; aber im Nu lächelte sie auch schon wieder.

»Seien Sie offen, sagen Sie mir, was mit Ihnen ist, Herr Berting! Sehen Sie, ich will auch ganz ehrlich sein. Ihre Einladung zum heutigen Mittagessen habe ich veranlaßt. Ich wollte Sie gern noch einmal sprechen, ehe ich nach Karlsbad reise; denn ob wir uns im Laufe dieses Sommers sehen werden, ist fraglich. Ihr Schicksal interessiert mich. Ich glaube, daß es Ihnen nicht gut ergangen ist in der letzten Zeit; man sieht Ihnen das an. Giebt es garnichts, womit man ihnen zu Hilfe kommen könnte? Sie brauchen deshalb noch nicht diese stolze Miene aufsetzen. Es liegt kein Grund vor, beleidigt zu sein.«

»Ich danke Ihnen, gnädige Frau!« sagte Fritz, dem die letzte ernüchternde Wendung des Gespräches die volle Beherrschung seiner Gefühle wieder gegeben hatte. »Ich brauche nichts! Meine äußere Lage ist geordnet. Ruhe zur Arbeit ist alles, was ich nötig habe, und die finde ich hier eher als in Berlin.«

»Ach, Sie sind langweilig mit Ihrer Ruhe zur Arbeit! – Na, vielleicht ändert sich einmal was in Ihrem Leben. Wenn Sie jemals in die Lage kommen sollten, Hilfe zu brauchen, dann, das bitte ich mir aus, kommen Sie zu mir. Und darauf geben Sie mir mal Ihre Hand!

»Wie kann ein Mann nur solch feine, schlanke, zarte Hand haben!« – –

Fritz Berting hatte sein Fräulein von Lavan gegebenes Versprechen, ihr den Balzac zu bringen, nicht vergessen. Er packte die kleinen, schon ein wenig vergilbten Bände eines Tages zusammen und machte sich damit auf den Weg.

Es lag ihm daran, angenommen zu werden, denn die kurze Unterhaltung neulich hatte ihn begierig gemacht auf mehr. Darum bemühte er sich, das öffnende Mädchen darüber aufzuklären, daß er kein Handlungsreisender sei, oder sonst eine Persönlichkeit, die man so schnell wie möglich los zu werden sucht. Doch war das in diesem Falle gar nicht nötig; das runde Gesicht der drallen Person erstrahlte verständnisvoll, als er seinen Namen nannte. Das Fräulein lasse bitten, hieß es. Um einem leicht möglichen Mißverständnis vorzubeugen, erklärte Fritz noch besonders, daß er nicht zu den Damen Tittchen wolle, sein Besuch gelte lediglich Fräulein von Lavan. Die Vertraulichkeit der Zofe verstärkte sich noch, diskret lächelnd erklärte sie: Fräulein Hedwig habe Auftrag gegeben, Herrn Berting, sobald er komme, zu ihr zu führen.

Fritz betrat mit seinem Paket in der Hand ein schmales, einfenstriges Zimmer. Hedwig von Lavan erhob sich von ihrem Platze am Schreibtisch, schritt auf ihn zu, blickte ihm wie einem Bekannten ruhig und frei in die Augen und reichte ihm die Hand. Dann bat sie ihn, Platz zu nehmen. Sie selbst ging an den Schreibtisch zurück und öffnete dort das Paket, das er ihr überreicht hatte.

Er betrachtete sie, wie sie da stand und einen der kleinen Bände nach dem andern aufschlug, um die Titel zu lesen. Sie trug heute ein eng anliegendes Kleid von grauem Herrentuch, ohne jeden Ausputz und Schmuck, das in seiner Knappheit die Knabenhaftigkeit ihrer Figur bis zur Sprödigkeit hervortreten ließ. Von dem hohen, dunklen Halskragen hob sich das Profil des blassen Gesichtes und die mattblonden Flechten der lockeren Frisur unendlich fein und duftig ab. Es lag nichts von kindlicher Neugier in der Art, wie sie die Bücher durchblätterte und hie und da eine Zeile überflog, eher der gesetzte Ernst des Forschers; jener Ausdruck der Sachlichkeit, der Fritz schon neulich als etwas Besonderes an ihr aufgefallen war, weil man ihn nicht bei dieser Jugend suchte.

Fritz wollte ihr Rat geben, in welcher Reihenfolge sie Balzacs Romane am besten lese, um Verständnis zu gewinnen für das imposante Lebenswerk dieses Schriftstellers.

»Wissen Sie, Herr Berting,« meinte Hedwig, »mir kommt es gar nicht auf das Litterarische an bei einem Buche; mich interessiert der Mensch. Welche Stellung die Litteraturgeschichte einem Autor anweist, ob er berühmt ist, ob seine Sachen standard works sind, das hat mich immer ganz kalt gelassen. Mir ist niemals Ehrfurcht vor den Klassikern eingeflößt worden; ich habe nämlich in meinem ganzen Leben keine einzige Litteraturstunde gehabt.«

»Sie Beneidenswerte! Niemals haben Sie ein Schillersches Gedicht auswendig lernen müssen?«

»Niemals! Mit meiner Schulbildung ist es überhaupt sehr mangelhaft bestellt. Jede höhere Tochter würde mich schlagen in den Elementarfächern.«

»Wie haben Sie es denn fertig gebracht, den Argusaugen des Schulinspektors zu entgehen, gnädiges Fräulein?«

»In den Ländern, wo ich meine Kindheit verlebt habe, giebt es dergleichen nicht. Das Beste, was ich weiß, habe ich vom Fenster des Eisenbahncoupés aus gelernt. Wenn wir reisten, hatte mein Vater Zeit, sich mit mir abzugeben. Er war ein Anreger, wie ich keinen zweiten gekannt habe, ganz ohne Methode sein Unterricht. Bunt, lustig und interessant wußte er alles zu gestalten, und man lernte spielend bei ihm. Das Übrige habe ich mir aus Zeitungen und Büchern zusammengelesen.«

Sie räumte jetzt die Bücher zusammen, die auf ihrer Schreibtischplatte lagen, legte einen Band Balzac besonders, schloß die anderen weg. Dann setzte sie sich Fritz gegenüber.

Er war wieder überrascht durch die Geschlossenheit ihres Wesens. Wo hatte das junge Ding, dessen Haut die Farbe trug der unangetasteten Knospe, diese überlegene Ruhe her, dieses trockene Selbstbewußtsein? – Es war so garnichts von Pose an ihr, jedes Wort, jede Handlung schien selbstverständlich und originell. ›Es muß sehr viel gutes, altes Blut in ihren Adern rollen‹, dachte Fritz bei sich.

Er fragte sie nach ihren Eltern. Bereitwillig erzählte sie ihm die Geschichte ihres Vaters und damit gleichzeitig die ihre. In knapper, charakteristischer Art gab sie nur das Wichtige, alles Detail der Ausmalung des Hörers überlassend.

Herr von Lavan war in den fünfziger Jahren österreichischer Offizier gewesen. Eines Ehrenhandels wegen, der für ihn einen ungünstigen Verlauf nahm, mußte er den Abschied nehmen. Er ging nach Amerika. Drüben nahm er am Bürgerkriege teil, focht auf Seiten der Union, wurde verwundet und in Gefangenschaft geschleppt. Nach Beendigung des Krieges fand er im Buchhandel Unterkunft, verdiente sich ein Vermögen, heiratete eine Deutsche. Ein Zeitungsunternehmen, das er ins Leben gerufen, wurde von den politischen Gegnern zu Grunde gerichtet. Herr von Lavan büßte sein Erworbenes wieder ein. Die Gattin starb wenige Jahre nach Schließung der Ehe. Er ging mit der kleinen Hedwig, seinem einzigen Kinde, nach Europa zurück. Von einem Orte zum anderen reiste das Paar. Herr von Lavan verwertete jetzt seine ungewöhnlichen Erfahrungen und seine große Belesenheit publizistisch. Er war inzwischen Sechziger geworden, und seine Gesundheit begann schwankend zu werden. In Mentone, wohin er sich begeben hatte, um sich von schwerer Niederlage zu erholen, lernte er die Schwestern Tittchen kennen und verlobte sich mit Amanda. Aber nur von kurzer Dauer war der Brautstand. Infolge einer Erkältung erkrankte Herr von Lavan zu Tode. Auf dem Sterbebette übergab er seine Tochter der Fürsorge ihrer jetzigen Pflegemütter. Das einzige, was er dem Kinde hatte hinterlassen können, war ein Manuskript, seine Memoiren enthaltend.

Fritz Berting erkundigte sich, ob diese Memoiren in früherer oder späterer Zeit veröffentlicht werden sollten. Vielleicht würde Fräulein von Lavan selbst die Herausgabe übernehmen, meinte er. Hedwig erklärte, diese Absicht liege ihr ganz fern; die Aufzeichnungen ihres Vaters seien intimster Natur.

»Handelt es sich darin um Politik?« erkundigte sich Fritz.

»O nein, um Politik ganz und gar nicht! Es sind Bekenntnisse. Tante Amanda war schon außer sich, als sie nur ein paar Seiten davon gelesen hatte.« Bei diesem Worte sah Fritz heute zum ersten Male das spöttische Lächeln auf ihren Lippen erscheinen, das er schon kannte. »Und dabei versteht Tante Amanda nicht einmal französisch! Mein Vater hatte die Gewohnheit, vieles französisch zu formulieren. Deutsch, sagte er, sei für gewisse Gedanken zu grob. – Manches ist auch in Briefform geschrieben, an eine Freundin gerichtet. Daß diese Freundin nur eine fingierte Person sei, wollte Tante Amanda nicht glauben. Wenn ich nicht gerade dazu gekommen wäre, als sie das Paket in den Herd steckte, wäre alles zu Asche verbrannt. Sehen Sie, hier habe ich noch ein Andenken davon! Es ist jetzt ein halbes Jahr her.« –

Sie streifte den Ärmel an ihrem dünnen Ärmchen ein wenig empor und zeigte ihm einen rötlichen Streifen, der über das weiße Fleisch vom Handgelenk aufwärts lief.

»Dadurch sind die Blätter nun doppelt mein geworden,« fuhr sie fort. »Ich würde sie niemandem lassen, niemandem! Wenn ich sie veröffentlichen wollte, könnte jedermann sie lesen. Und ich glaube, die anderen Menschen würden auch nicht viel gescheiter urteilen, als Tante Amanda. Ich bin froh, daß ich das ganz und gar für mich habe.«

Sie sagte das mit verächtlichem Stolz. Fritz bemerkte ein schwaches Erröten in ihrem Gesicht, wie ein leichter Hauch über einen Spiegel geht und im Nu wieder verschwindet.

Dann schlug sie eine ganz neue Tonart an. »Sie müssen meine Tanten sehen, Herr Berting! Es sind liebe, alte Dinger! Ich habe beide recht gern. Außerdem würden die Guten sehr gekränkt sein, wenn sie erführen, daß ich Besuch gehabt, den ich ihnen unterschlagen hätte. Beide sind sehr verlegen, aber auch sehr neugierig.«

Sie öffnete die Thür zum Nebenzimmer. Man betrat einen größeren Raum, in welchem, da die Rollläden herabgelassen waren, Halbdunkel herrschte. Die Möbel standen unter Kappen von hellem Stoff. Sie durchschritten die kalte Pracht des Salons und kamen jenseits in ein kleineres, bewohntes Zimmer.

Hier saß die ältere der beiden Schwestern: Ida. Sie war mit Näherei beschäftigt, hatte die Brille auf der Nase und fuhr erschreckt zusammen, als Hedwig plötzlich mit einem fremden Herrn eintrat. Fritz sagte, daß er schon die Ehre gehabt habe, und Hedwig erklärte, wer Herr Berting sei. Aber Tante Ida packte in größter Verwirrung ihr Nähzeug zusammen, flüsterte dem jungen Mädchen etwas ins Ohr, wackelte zur Thür und verschwand.

Hedwig erklärte lachend: »Sie will Amanda fragen, was nun zu geschehen hat. Tante Amanda ist nämlich unser Orakel. Sie ist um ganze drei Jahr jünger als Ida, und darum in Idas Augen ein halbes Kind. Amanda darf das nicht machen und jenes nicht anziehen, weil es sich für ihre Jugend nicht schickt. Ida hält ihre Schwester für eine Schönheit. Abends darf das verführerische Wesen nicht allein auf die Straße gehen. Amanda ist leidend. Ida und der Hausarzt haben ihr das eingeredet. Der größte Teil des Tages geht in Beratungen hin, was Amanda essen und trinken darf, ob man ausgehen soll oder ausfahren, welches Mittel heute eingenommen werden muß. Das ist das Leben, das wir hier führen.«

»Und wie fahren Sie dabei?«

»Ich – ganz gut! Die Tanten sind so sehr mit sich beschäftigt, daß ich ziemlich machen kann, was ich will. Manchmal wollen sie mir verbieten, dieses oder jenes Buch zu lesen; aber ich verschaffe es mir einfach. Auch über die Toilette machen sie mir Vorschriften, die ich nur beachte, wenn sie mir passen. Es läßt sich schon mit ihnen auskommen. Vor den ›feinen Manieren‹ haben sie einen Riesenrespekt. Ihre Jugend müssen sie in ganz beschränkten Verhältnissen zugebracht haben; erst als beide alt waren, ist ihnen durch den Tod von entfernten Verwandten eine Menge Geld zugefallen. Das hat sie etwas aus dem Gleichgewicht gebracht. Nun möchten sie von dem Mammon doch auch Spaß haben; wissen aber nicht recht, wie das anfangen. Haben Sie den Salon nebenan bemerkt? Alles fix und fertig zu Gesellschaften. Aber die Tanten kennen fast niemanden. Mir ist das sehr lieb. Auf diese Weise werde ich nicht gestört. Ich will nur solche Menschen sehen, die mir gefallen.«

Fritz hätte sie gern gefragt, welche Auserlesenen ihr denn gefielen: Waldemar Heßlow vielleicht? Ob er selbst sich dazu rechnen dürfe? Aber jetzt kamen die Tanten.

Neulich im Salon der Frau Hilschius hatte Fritz in Ida und Amanda Tittchen nichts gesehen, als zwei alte Jungfern, die sich aufs Haar glichen, heute, durch die mokanten Bemerkungen Hedwigs aufmerksam gemacht, sah er den Unterschied zwischen den Schwestern genauer.

Ida war das Aschenbrödel. Amanda putzte sich; man sah's ihr an, daß sie sich schonte, sich nichts abgehen ließ an gutem Essen und Ruhe. Ein Spitzenhäubchen mit buntem Bande gab ihrem geröteten Gesicht sogar den Anflug einer gewissen Koketterie. ›Amanda ist vor dreißig Jahren wahrscheinlich garnicht so übel gewesen‹, dachte Fritz bei sich.

Sie starrten ihn beide mit großen, runden Vogelaugen neugierig an. Ein Mann, der Bücher schrieb, war für sie ein Wundertier.

Sie verstünden beide sehr wenig von Kunst, erklärte Ida; aber nun hätten sie durch Frau Hilschius eine Menge berühmter Leute kennen gelernt. Fritz hütete sich wohl, die rührenden alten Dinger über die Bedeutung von Dichtern, wie Theophil Hilschius oder die Verfasserin der ›Epheuranken‹ aufzuklären. Auch als Amanda von Waldemar Heßlow als einem der ersten Heldendarsteller der Gegenwart sprach, zuckte er nicht mit der Wimper.

Sie waren begeisterte Theaterfreunde. Gleich beim Eintreten hatte Fritz die Photographieen verschiedener lokaler Bühnengrößen in den Kostümen ihrer Paraderollen auf dem Vertiko stehen sehen. Der schöne Waldemar war mehrfach vertreten. Mit Stolz erzählte Ida, daß Herr Heßlow ihnen schon zweimal die Ehre gegeben, bei ihnen zu Mittag zu speisen; und Amanda korrigierte die Schwester dahin, daß es schon dreimal gewesen sei.

Hedwig, auf die Fritz blickte, begierig zu sehen, wie sie sich dazu stelle, saß mit dem unschuldigsten Kindergesicht dabei, als sei sie nicht im stande, ein Wässerchen zu trüben. War sie nicht wie ein Wesen aus anderer Welt in dieser spießbürgerlichen Umgebung? Merkwürdig launisch hatte das Schicksal gewaltet, als wolle es einen kapriziösen Streich machen, da es dieses fremde Vögelchen in das Nest der alten Jungfern legte.

Als Fritz sich zum Gehen anschickte, tuschelten die beiden Schwestern eifrig zusammen. Er ahnte, daß es sich um eine Einladung handelte. Keine von beiden wollte sprechen, eine schob es der anderen zu. Endlich faßte sich Ida, als die ältere, ein Herz, trat verlegen errötend vor Fritz hin und bat ihn, am nächsten Sonntag Mittag einen Löffel Suppe bei ihnen einnehmen zu wollen.

Seit einigen Tagen gastierte eine Truppe aus Süddeutschland an dem zweiten Theater der Stadt. Fritz Berting hatte wohl die Berichte der Zeitungen gelesen, die voll des Lobes waren über die Leistungen der Gäste, doch fühlte er wenig Lust, sie mit eigenen Augen zu sehen. Das Repertoire mit seinen derben Volksstücken im Bauerndialekt war nicht nach seinem Geschmack.

Aber eines Morgens schrieb ihm Lehmfink, der inzwischen von seiner Reise zurückgekehrt war, ein paar Zeilen: er habe eine Parkettloge genommen, Fritz und Alma müßten unbedingt abends seine Gäste sein für die Vorstellung. Er kenne die Truppe, es werde frisch und charakteristisch gespielt; das harmlos lustige Stück aber werde ganz etwas für Fräulein Lux sein.

Eine so freundliche Einladung war nicht abzulehnen. Er sagte Alma, sie möge ihre Toilette für den Abend in Stand setzen.

Das Stück, das man sah, war ein ländlicher Schwank, mit eingelegten Chören und Couplets. Das beste daran blieb die Keckheit, mit der Typen aus dem Volksleben in wenigen drastischen al fresco-Strichen festgelegt waren.

Alma und Fritz saßen auf den Vorderplätzen der Parkettloge, während Lehmfink hinter ihnen Platz nahm. Alma hatte sich allerliebst herauszuputzen verstanden. Fritz staunte selbst; was solch ein Mädchen doch, wenn es darauf ankam, aus sich zu machen wußte! – Mehr als ein Operngucker ward auf sie gerichtet.

Heinrich Lehmfink hatte mit der Wahl dieses Stückes gerade das Richtige für Almas Geschmack getroffen. Die Moral der Dichtung war handgreiflich. Das Böse, das anfangs zu triumphieren schien, bekam später die gerechten Rutenstreiche zu kosten. Alma äußerte ungeniert die Empfindungen, welche die drastischen Vorgänge auf der Bühne in ihr auslösten. Jede komische Szene entfesselte ihr herzliches Lachen, jede ernstere Stelle machte sie traurig, ja, rührte sie zu Thränen. Wiederholt drückte sie Fritzens Hand, um ihm zu verstehen zu geben, wie tief ergriffen sie sich fühle, um sich gleich darauf, wenn es etwas Lustiges gab, zu Lehmfink zu wenden und ihm den lachenden Mund und ein strahlendes Augenpaar zu zeigen. In den Pausen saß sie dann ganz verträumt da, wie ein Kind, das sich aus den Wundern eines eben angehörten Märchens nicht wieder in die Nüchternheit des Alltags zurückfinden kann.

Als die große Pause kam, ging Fritz zum Büffett, ein Glas Bier zu trinken, während Lehmfink bei Alma in der Loge blieb. Fritz stand da, sein Glas in der Hand, und blickte gelangweilt auf die nichtssagenden Gesichter des vorüberwandelnden Publikums, als sich ein kleiner Herr mit dunklen Augen und spitzem Bart von dem Zuge trennte und auf ihn zu kam.

»Sie hier, Silber! Ich habe Sie doch gar nicht bemerkt.«

»Aber ich Sie! Freilich sitze ich nicht so vornehm. Ich habe meinen Rezensentenplatz im Parkett.«

»Wie gefällt Ihnen das Stück?«

»Etwas völlig Unlitterarisches ist zur Abwechselung auch nicht übel. Übrigens will ich nur gestehen: ich habe schlecht aufgepaßt; das macht die Nähe Ihrer Loge.«

Fritz begriff nicht sofort, was er meine, und sah ihn befremdet an: »Unserer Loge?« –

»Lieber Berting!« sagte Siegfried Silber vertraulich und verzog den Mund zu einem faunischen Lächeln, »Ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen. Sie sind ein glücklicher Schatzgräber! Das ist eine Barre echten Goldes, die Sie da gehoben haben. Ein unverfälschtes Stück Natur! Ursprünglichste, lieblichste Natur. Diese Frische, diese köstliche, naive Unmittelbarkeit! – Nur allein solches Lachen zu hören, dieses goldige Lachen, ist wie ein Jungbrunnen für die Seele. Noch einmal, meinen aufrichtigsten Glückwunsch.«

Fritz war verlegen, er wußte im Augenblick wirklich nicht, wie er sich verhalten sollte. Er schwankte zwischen einem Gefühl starken Unbehagens über Silbers Zudringlichkeit und der Belustigung über die Ekstase des kleinen Mannes. Und schließlich schmeichelte die Bewunderung für Alma doch auch seinem Besitzerstolz.

»Ich ahnte es ja längst!« fuhr Silber fort, während sie im Foyer auf und ab schritten, »es ist etwas Wunderbares mit diesen Dingen; der Instinkt sagt es einem, ob ein Mann ein Liebling ist der Frauen. Für das Auge des Kenners webt Frauenliebe eine Gloriole um das Haupt dessen, den sie erwählt. Ich fand diesen Widerschein eines heimlichen Glückes sofort heraus an Ihnen, als wir uns kennen lernten. Und heute sehe ich, daß ich mich nicht getäuscht habe. Sie legen mir doch meine Worte nicht als Unbescheidenheit aus, lieber Berting? – Ich bin meiner innersten Natur nach selbst ein Verehrer des Weibes, sodaß mir beim Anblick eines solchen Glückes das Herz aufgeht und meine Zunge gelöst wird. Sie sind nicht ungehalten, nicht wahr?«

Die Klingel ertönte, die Besucher auf ihre Plätze zurückrufend. Man trennte sich eilig.

Fritz lachte in sich hinein. Der Mensch hatte etwas zu Putziges, wie er mit Mund und Augen, dem ganzen beweglichen Gesicht und den zappeligen Gliedmaßen zugleich sprach. Hätte man ihn zurechtweisen sollen, ihm sagen, daß er taktlos sei und aufdringlich? – –

Es ging Fritz eigentümlich mit Silber; in Gedanken ärgerte er sich oft über den Menschen und dachte daran, diese Klette bei günstiger Gelegenheit abzuschütteln. Aber dann, wenn der Augenblick da war, wirkte seine fremdartig groteske Persönlichkeit doch wieder hypnotisierend auf ihn. Die temperamentvolle Art, wie dieser Mensch sich durchzusetzen wußte, hatte suggestive Kraft. Mit manchem Abstoßenden in seinem Wesen mußte die Tragik seiner Herkunft versöhnen, sein hartes, vielumhergetriebenes Leben. Das Bedürfnis, sich selbst darzustellen, die eitle Theatralik seines Wesens, entsprangen der nämlichen Quelle, wie seine gelegentliche Unterwürfigkeit und Schmeichelsucht. Die geheime Furcht kam darin zum Ausdruck, nicht für voll angesehen zu werden. Seine Arroganz war nur eine Schutzwaffe dessen, der bittere Zurücksetzung erfahren hatte. Ein Blick in diese unglückliche, abgehärmte, unstäte, den ewigen Zwiespalt wiederspiegelnde Physiognomie entwaffnete den Spott. Sollte man einen, der so schwer an dem Fluche seines Blutes trug, auch noch mit einem Fußtritt von sich schicken? – Jedenfalls war Fritz Berting froh, daß Heinrich Lehmfink seine Unterhaltung mit Silber nicht angehört hatte.

Nach dem Theater gingen sie in eine Weinstube. Lehmfink war auch hier der Wirt. Man saß in einer gemütlichen Ecke ganz für sich. Erst kamen grüne Gläser, später sogar Champagnerkelche. Fritz und Alma frischten die Bekanntschaft auf mit Leckerbissen, die sie seit Berlin nicht mehr auf ihrem Teller gesehen hatten. Berting kannte seinen Freund Lehmfink gar nicht wieder; so leichtherzig und guter Dinge hatte er ihn kaum je gesehen.

Alma, die im Theater so recht nach Herzenslust hatte lachen und weinen können, trug in Auge und Angesicht den Abglanz seelischer Rührung, und in ihrer Stimme zitterte Ergriffenheit; wie die Wellen noch lange wogen, wenn das aufwühlende Wetter schon längst abgezogen ist.

Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit erzählte Heinrich Lehmfink heute allerhand von sich und seinen Erlebnissen. Fritz Berting kannte das Leben seines Freundes nur den äußeren Umrissen nach; daß es reicher sei an Enttäuschung und Entsagung als an Erfolgen, wußte er. Darum vermied er alles Forschen und Fragen, weil man fürchten mußte, mit noch so schonend abfühlender Hand geheime Wunden zu treffen.

Almas Gegenwart schien Heinrich Lehmfink die Zunge zu lösen. Die beiden hatten ja vom ersten Tage ab herzliches Gefallen an einander gefunden. Daß er keinen Grund zu Eifersucht hatte, wußte Fritz genau. Mit Lehmfink hätte er seine Geliebte unbesorgt eine Reise um die Welt unternehmen lassen.

Sein Freund hegte, soviel Fritz wußte, nur eine ernsthafte Schwärmerei im Herzen, die für seine Schwester. Von Toni sprach er mit Weihe und innerer Beglückung, wie von einer Braut. Er pflegte sie als sein »kleines Schwesterchen« zu bezeichnen, obgleich sie um ein Jahr älter war, als er.

Auch heute spielte in Lehmfinks Erzählungen Toni eine ganz besondere Rolle. Er brachte ein altes Ledertäschchen heraus, das Fritz als unzertrennbar von seinem Freunde schon längst kannte, ohne bisher seinen Inhalt je erblickt zu haben; darin befand sich eine Photographie der Schwester.

Heinrich Lehmfinks groteskes Pudelgesicht erstrahlte in ehrlichem Stolz, als er einen liebevollen Blick auf das Bildchen warf und es dann an Fritz und Alma weiter reichte.

Es war ein durchaus nicht schönes, aber freies und frisches Frauenangesicht, welches die Photographie wiedergab. Dieselbe hohe, gewölbte Stirn, wie der Bruder, eine gerade, kräftig ansetzende, in eine feine Spitze auslaufende Nase, blanke, klugblickende Augen, ein festes, energisches Kinn und ein Mund, den man geneigt gewesen wäre, herb zu nennen, wenn die ein wenig nach oben gezogenen Winkel ihm nicht einen erleichternden Zug von guter Laune gegeben hätten. Fritz Berting fühlte sich durch das Konterfei von Toni Lehmfink an deutsche Frauengesichter auf mittelalterlichen Holzschnitten erinnert. Alma konnte sich gar nicht von dem Bilde trennen. Sie verfiel in tiefe Nachdenklichkeit vor diesem Gesicht. »Muß die gut sein!« wiederholte sie halblaut vor sich hin in beinahe ehrfurchtsvoller Scheu.

»Ein aufgeräumter Kopf und ein reines Herz, das ist meine kleine Schwester!« sagte Heinrich Lehmfink, als er das Bild mit liebevoller Sorgfalt wieder in die Tasche seines Rockes versenkte.

Man kam dann auf ein anderes Thema. Die Zeit, welche Fritz Berting und Heinrich Lehmfink gemeinsam in Berlin verbracht hatten, war eine unerschöpfliche Fundgrube der Erinnerungen für beide.

»Sie haben wieder einmal ein neues dramatisches Genie entdeckt in Berlin,« sagte Lehmfink. »Gestern abend war Premiere, die heutigen Blätter sind voll davon.«

Fritz wußte noch gar nichts von dem großen Ereignis. Er bestellte beim Kellner die letzten Berliner Blätter und überflog die Theaterberichte.

»Habemus papam!« rief Lehmfink, »wenn von dem, was die Herren in ihrer blühenden Phantasie behaupten, auch nur der fünfte Teil wahr ist.«

»Ich kenne den Autor!« sagte Fritz. »Er war einer von den vielen, die am Markte standen und sich anboten. Jetzt sitzt er nun glücklich auch an der Tafel der Anerkannten. ›Von dem gestrigen Premierenabend datiert eine neue Epoche der deutschen Litteratur …‹ Hast du's gelesen, Lehmfink? Und wenn man die Anfänge dieses Jünglings mit erlebt hat! – Er lud alle Vierteljahr uns Freunde ein, sein Neuestes anzuhören. Kein Mensch ging schließlich mehr in die Vorlesungen; denn seine Stücke waren Nieten, Nieten, Nieten. – Dann hat er, wie ich höre, eine Zeit lang Romane und Novellen nach der Elle für Familienblätter geschrieben. Und nun ist er ›der deutsche Ibsen‹, ja andere bemühen gar Molière und Shakespeare zum Vergleich.«

»Ist es möglich, daß du dich darüber erregst, lieber Berting? Solches Lob ist für den Kenner doch schlimmer als der ärgste Tadel.«

»Er besitzt seine Witterung für das Aktuelle, schmeichelt dem Bildungsphilister gleichzeitig und dem Pseudofreigeist. Und nun geht das Stück über sämtliche Bühnen Deutschlands, Hunderttausende werden es sehen. Über Nacht hat dieser Mensch mit einem geschickten Coup gewonnen, was der geheime Traum ist der Besten: Auge in Auge zu stehen dem ganzen Volke gegenüber, überhaupt zu Worte kommen, weithin gehört werden! Die Ungerechtigkeit, die darin liegt, erregt mir die Galle.«

»Ich möchte dir raten, Berting, folgendes zu bedenken: Wie sieht sich die Sache heut abend an, und wie wird sie in zehn Jahren aussehen; oder nimm, um die richtige Perspektive zu gewinnen, einen Zeitraum meinetwegen von hundert Jahren. Wieviele solcher Premierenabende, von denen eilfertige Zeitungsschreiber eine ›neue Epoche der Litteratur‹ datieren, werden dann ins Nichts verronnen sein! – Weißt du, wer mir Trösterin ist all den Ungerechtigkeiten gegenüber, von denen die Welt wimmelt? Die unbestechliche Richterin Zeit! Laß die Kunst sich breit machen, die dem Tagesgeschmack imponiert, laß sie Berge produzieren von seichter aufgeblasener gefälschter Ware! Ein paar Jahre, Jahrzehnte vielleicht, mag sich's halten; dann, kraft Naturgesetzes, muß das hohle Scheinwerk hinab von seiner usurpierten Höhe. Es muß, sage ich, wird wie von unsichtbaren Händen zum Grunde gestoßen. Sieh dir doch die Literaturgeschichte an; aus der Ferne gesehen gleicht sie einem mächtigen Gebirgsstock, mit einzelnen einsam ragenden Höhen. Einmal ist alles ein Hochplateau gewesen, dessen Niveau das der jetzigen höchsten Spitzen war. Das, was das Gerippe des Gebirges einst umgab und verhüllte, ist weggeschwemmt – wohin? Als Dünger in die Thäler, oder auch als unfruchtbarer Sand ins Meer. Der leichte Boden und das lockere Geröll wurden unrettbar zur Tiefe gerissen, während der echte Fels aus dem Urgrund der Dinge heraus höher zu wachsen scheint und die Jahrtausende überdauert.«

»Der Gedanke ist schön, Lehmfink, und wenn du uns deine ›Literaturgeschichte der Verkannten‹ schreibst, wird er ihr sicherlich zu Grunde liegen. – Aber meinem Temperamente genügt dein Trost nicht. Wenn ein solches Gesetz existiert, welches das Echte unfehlbar an den Tag bringt, was nützt das deinen ›Verkannten?‹ – Sie sind tot und merken in ihren Gräbern nichts von der verspäteten Anerkennung. Der Künstler will bei Lebzeiten geliebt sein. Ich will hören und lesen, wie meine Werke einschlagen; ich will den Resonanzboden haben der öffentlichen Meinung, der mir meine Gedanken mit verdoppelter Wucht zurückgiebt. Ich will den großen Genuß auskosten, meine Individualität, das, was ich bin und kann, mir bestätigen zu lassen durch Hunderttausende.«

»Ein begreiflicher Ehrgeiz, Berting! Aber ich weiß doch noch Höheres. Anerkennung, wie sehr sie auch als Sporn wirken mag, bleibt etwas von außen dir Angetragenes, das deine innere Beschaffenheit nicht um einen Deut ändern kann. Ausschlag für das Maß einer Künstler-Individualität, wie schließlich für jeden Schaffenden überhaupt, giebt die Liebe zur Sache, die stille, starke, unbeirrbare Liebe des Menschen für sein Werk, die sich um Erfolg und Triumph nicht kümmert, die wie alle guten Eigenschaften im Verborgenen, ohne Lärm, pflanzenhaft unbewußt am Werke sein muß, um Früchte zu zeitigen. Ich sah neulich, als ich mit meinem Schwesterchen einen Ausflug machte, auf einer Lichtung im Walde einen gefällten Eichbaum liegen. Wir betrachteten uns die Schnittfläche, um zu taxieren, wie alt der Riese etwa gewesen sein könne. Da ergriff mich wirkliche Bewunderung für die treue, fromme Arbeit, die der Baum im Laufe der Jahrhunderte geleistet. In aller Stille, so recht vom innersten Wesenskern heraus, hatte er Jahr um Jahr einen Ring angesetzt. Jetzt erst, da er geschlagen dalag, offenbarte er sein Geheimnis, wie er hatte so groß und stolz und alles überragend werden können. So sollte der Mensch sich selbst aufbauen! – Ich verkenne nicht die Ausnahmestellung des Talentes. Jede Eigenart, jede hohe Begabung ist ein geheimnisvolles Wunder der Natur; aber selbst das Talent braucht ernste, nüchterne Arbeit, wenn aus der bloßen keimhaften Anlage hartes, nutzbares Eichenholz werden soll. Ich glaube nicht an dieses plötzliche Über-Nacht-vom-Himmel-fallen eines Genies. Wer etwas kann, der hat sicherlich den Weg mühseliger innerer Entwickelung hinter sich. Langsames Wachsen bleibt Eichenart. Dieses jähe, staudenartige Emporschießen der Talente und Talentchen, wie es jetzt Mode wird, ist Treibhauskultur. Ruhmsucht treibt die Leute vorwärts zu geilem Wachstum ohne Mark. Unser liebes, urteilsloses Publikum aber und die reklamefreundliche Presse ist sofort bereit, eine solche Pflanze mit den Papierblumen und Pappsternen des Tageserfolges zu behängen. Wie viele haben sie auf diese Weise schon verdorben, die nicht stolz genug waren, ohne die Anerkennung des großen Haufens leben zu können. Glaube mir, Berting, im stillen wachsen, unbekümmert um Liebe und Haß, das ist die Rettung des Künstlers vor dem Moloch Eitelkeit. Man braucht nicht zu sorgen, daß man in der Verborgenheit verkomme, oder daß man ohne Nutzen gelebt habe, weil man nicht alle Tage in den Blättern steht. Wie im Haushalte der Natur nichts ungenutzt unter den Tisch fällt, so geht im Geistigen keine Kraft, keine Leistung jemals verloren. Das Echte setzt sich durch, wenn auch vielleicht spät. Auf Zeiträume kommt es dabei gar nicht an; denn das Echte ist ewig.«

Fritz schwieg, nicht überzeugt zwar, aber doch getroffen durch manches Wort des Freundes, das an die Tiefen der Dinge gerührt hatte.

»Aber wir sind wirklich sehr unhöflich!« sagte Lehmfink mit einem Blick auf Alma. »Nicht eine Viertelstunde können wir zwei zusammen sein, und mitten drin sind wir in der Litteratur!«

Er schenkte die Gläser von neuem voll und trank Alma zu.

Es wurde spät, ehe sie sich in dieser Nacht trennten. Durch ein paar Straßen begleitete Lehmfink die Freunde. Dann kehrte er um, seine in entgegengesetzter Richtung gelegene Wohnung aufzusuchen.

Alma hatte sich bei Fritz eingehängt, sich eng an ihn schmiegend; um diese Tageszeit war man vor indiskreten Blicken ja sicher. Die menschenleeren Gassen hallten keinen anderen Ton wieder als ihre Tritte.

Das Mädchen war aufgeräumt und gesprächig. Sie erzählte von dem Theaterstücke, das man gesehen hatte, wie ein Kind voll Wichtigkeit aufzählt, was ihm besonders gefallen hat. Dann wieder pries sie Doktor Lehmfinks Gastfreundschaft mit begeisterten Worten. Fritz ließ sie gewähren; er war müde und gähnte wiederholt. Einen Teil von Almas Überschwänglichkeit setzte er auf Kosten des Weines, an den sie nicht gewöhnt war. ›Morgen wird es wohl einen kleinen Kater geben!‹ dachte Fritz bei sich.

Nicht weit von ihrem Hause, in einer Gegend, wo der Vorstadtcharakter sich durch schlechte Beleuchtung und schmalen Bürgersteig bemerkbar machte, begegnete ihnen, als sie um die Ecke bogen, ein langaufgeschossener Bursche, der wie aus der Erde emporgewachsen urplötzlich vor ihnen stand.

Alma stieß einen Schrei aus: »Ludwig!« – Fritz blickte aus nächster Nähe in ein hageres Gesicht mit tiefliegenden, dunklen Augen, und wußte im Nu, mit wem er es zu thun habe.

Einen Augenblick schien es, als wolle der Stuckateur Glück die beiden anreden. Er warf einen glühenden Blick auf Alma, seine Lippen bewegten sich krampfhaft. Dann, auf Fritzens energische Aufforderung, Platz zu machen, trat er zögernd zur Seite.

Berting fühlte Almas Arm heftig in dem seinen beben, als sie weiter schritten. »Er kommt uns nach!« flüsterte das Mädchen. Auch Fritz hörte jetzt deutlich in einiger Entfernung Schritte, die ihnen folgten. Das Bewußtsein, Almas verschmähten Liebhaber auf den Fersen zu haben, zu dieser Tageszeit, in einer Gegend, die sowieso nicht zu den sichersten gehörte, war keineswegs angenehm.

Man erreichte jedoch unbelästigt die Hausthür. Fritz schloß schnell auf, ließ Alma eintreten und sah sich dann um. Auf der anderen Seite der schmalen Gasse schritt Ludwig Glück langsam vorüber, das Gesicht Fritz zugewendet. Eine Weile noch sah ihm Berting nach, bis die hagere, gebeugte Gestalt im Dunkel verschwunden war.

Als sie in ihr Zimmer gekommen waren, machte Fritz Licht. Jetzt erst bemerkte er, daß Alma kreideweiß war im Gesicht und am ganzen Körper schlotterte. »Was ist dir, mein Schatz?« fragte er und nahm ihre eiskalten Hände zwischen die seinen. »Gott sei Dank!« hauchte sie. »Ich dachte, er würde dir etwas thun!«

Fritz lachte sie aus mit ihrer Angst. Der Stuckateur Glück machte ihm jetzt, wo sie sicher geborgen waren, nicht mehr den Eindruck eines gefährlichen Menschen. –

Am nächsten Tage, als Fritz Berting von seinem gewöhnlichen Mittagsbrotausgang nach Haus zurückkehrte, fand er dort große Aufregung. Schon im Korridor rief ihm Frau Klippel entgegen: so etwas sei unerhört; das Fräulein bringe sie ins Gerede mit ihren Kerlen.

Fritz schob die fauchende Person beiseite und eilte ins Wohnzimmer, um sich bei Alma die Erklärung zu holen. Das Mädchen war ruhiger als in der Nacht zuvor; nur die großen, unnatürlich glänzenden Augen in dem weißen Gesicht sprachen von Erregung.

Sie erzählte: Vor einer halben Stunde etwa sei Ludwig Glück dagewesen und habe sie zu sprechen verlangt. Da sie jedoch seine Stimme erkannt hätte, habe sie sich wohlweislich eingeschlossen vor ihm. Glück sei nicht gegangen, habe vielmehr an der Thür gerüttelt und Einlaß begehrt. Durch den Lärm angelockt, waren Hausleute herbeigekommen, zwischen ihnen und Glück sei es zum Wortwechsel gekommen. Dadurch hatte sich Alma veranlaßt gesehen, herauszutreten, um Glück zu bitten, er möge sie in Ruhe lassen, sie habe nichts mit ihm zu schaffen und er solle sich entfernen. Das hätte er dann schließlich, nachdem sie ihre Bitte wiederholt und an sein Anstands- und Ehrgefühl appelliert hatte, endlich auch gethan.

Frau Klippel, der es inzwischen gelungen war, sich ins Zimmer einzudrängen, sprach von Hausfriedensbruch, und wollte ihre bekannte Litanei von Beschwerden und Verdächtigungen herunterbeten. Fritz kam ihr jedoch zuvor, indem er erklärte, er hätte sowieso die Absicht gehabt, das Quartier am ersten zu kündigen, nun könne es gleich geschehen.

Die Wirtin war über diese ihr gänzlich unerwartete Aufkündigung doch etwas betreten; so habe sie es nicht gemeint, erklärte sie einlenkend. Fritz jedoch hielt das, was er einmal gesagt hatte, aufrecht.

Man sagte sich, daß solche Vorkommnisse sich jeden Tag wiederholen könnten. Gegen Ludwig Glück mußten irgendwelche Maßregeln ergriffen werden – aber welche?

Sollte Fritz ihm die Polizei auf den Hals hetzen? Kompromittierte man sich dadurch nicht selbst? – Almas Idee war, auf und davon zu gehen, gemeinsam sich nach einer anderen Stadt zu wenden. Davon wollte Fritz nichts wissen; vieles hielt ihn hier, vor allem die Verbindung mit seinem Verleger. Und selbst durch einen Ortswechsel wären sie vor Ludwig Glück nicht sicher gewesen, der ihnen ja überall hin nachziehen konnte.

Berting war eher geneigt, sich mit dem Menschen in Güte auseinander zu setzen. Aus seinen Briefen an Alma hatte Fritz den Eindruck gewonnen, daß Glück einer sei, der vernünftigen Vorstellungen zugänglich sein mochte. Fritz beschloß, Glücks Adresse festzustellen und ihn aufzusuchen.

Auf dem Meldeamte erfuhr er nach einigen Schwierigkeiten, was er wissen wollte. Als er den Stuckateur Ludwig Glück aufsuchte, stellte es sich heraus, daß der Mensch nur eine Schlafstelle innehabe und des Tages über auf Arbeit sei. Seine Wirtsleute konnten jedoch das Lokal angeben, wo er zu verkehren pflegte.

Fritz Berting begab sich dorthin und fand den Gesuchten. Glück saß an einem Tische für sich und las in einer Zeitung. Fritz trat zu ihm und rief den ganz vertieften bei Namen.

Der Stuckateur fuhr auf. Aus dem jähen Erröten des bleichen Gesichtes sah Berting, daß er erkannt worden sei.

»Darf ich mich ein wenig zu Ihnen setzen, Herr Glück? Ich habe in einer Angelegenheit mit Ihnen zu reden.«

Der Gefragte blickte ihn starr an, gab weder ein Zeichen der Zustimmung, noch der Abwehr. Fritz ergriff einen Stuhl und setzte sich. Er war in einiger Verlegenheit; auf alles andere hatte er sich von Glücks Seite gefaßt gemacht als auf Schweigen.

Fritz begann: »Es ist mir mitgeteilt worden, daß Sie vorgestern in meiner Wohnung gewesen sind und dort den Versuch gemacht haben, mit Fräulein Alma Lux zu sprechen – das ist wohl an dem, Herr Glück?« –

Über Ludwig Glücks Züge huschte etwas wie ein Lächeln. Er nickte, sagte aber noch immer kein Wort.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Glück!« rief Fritz, aus der Rolle gelassener Überlegenheit fallend, da ihn das Lächeln reizte. »Unterlassen Sie solche Besuche in Zukunft! Sie haben nun gesehen, daß Fräulein Lux nichts von Ihnen wissen will. Sie werden dort niemals angenommen werden. Das, bitte ich, sich merken zu wollen!«

Glücks Lippen bewegten sich ein paar Mal, ehe er mit leiser Stimme begann: »Ich wollte weiter gar nichts, als Alma etwas fragen. Sich vor mir einzuschließen, hätte sie nicht nötig gehabt. Ein Verbrecher bin ich nicht.«

Der gedrückte Ton, in dem er das vorbrachte, stimmte Fritz milder. Gewaltthätig sah der Mensch wahrhaftig nicht aus.

»Wollen Sie mir vielleicht anvertrauen, Herr Glück, was Sie Alma zu sagen beabsichtigten? Ich kann es ihr ja ausrichten.«

Glück blickte den anderen scheu von der Seite an; offenbar traute er dem Vorschlage nicht. Dann erschien wieder jenes eigentümliche Lächeln auf seinen Zügen. Es war mehr ein nervöses Zucken der Lippen; Fritz sah es jetzt deutlicher.

»Sie können Alma von mir ausrichten,« begann Glück mit seiner schwachen Stimme, »ob sie sich vielleicht noch entsänne, wer sie verteidigt hätte, als ein Kerl sie hinterrücks überfiel – damals – sie wird schon wissen! Ich hab' es deshalb gut in Erinnerung, weil ich noch den Messerstich manchmal fühle, den der Hund mir versetzte. Ob Alma es noch weiß, das fragen Sie sie einmal!«

Der Stuckateur schwieg, wieder zuckten seine Lippen, die Nasenflügel vibrierten heftig, Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Fritz war betreten; so tiefe Gefühle und einen so schlichten Ausdruck dafür hatte er nicht erwartet. Sein unglücklicher Rivale gefiel ihm besser, als es ihm im Grunde lieb war. Was für dunkle, sprechende Augen der Mensch hatte. Wie die verhaltene Leidenschaft seine Züge schön und bedeutend machte! –

»Ich hätte Alma auch noch etwas anderes zu fragen gehabt,« fuhr Glück fort. »Wer damals, als der gute Vater Lux starb, wer damals mit Rat und That geholfen hat? Ich war nur Geselle und verdiente wenig; aber mein letzter Pfennig ist draufgegangen. Alma könnt' es noch wissen, es ist erst sechs oder sieben Jahre her.«

Fritz blickte wie gebannt auf den Sprecher. Wie anders klang die Geschichte dieser Liebe, wenn man sie von seiten des Verschmähten dargestellt bekam.

»Ich habe Alma gekannt, als sie noch kurze Kleider trug,« sagte Glück. »Wie oft habe ich ihr bei den Schulaufgaben geholfen! Das Rechnen fiel ihr sauer; da kam sie zu mir gelaufen. Ich wohnte eine Treppe über der Familie Lux. Es ging bei ihnen ärmlich genug zu. Der Vater war ein braver Mann, der 's gut mit mir meinte. Wäre er am Leben geblieben, manches wäre wohl anders geworden, auch für mich. Die Witwe hat nicht einmal ein Jahr gewartet, ihren Liebsten zum Stiefvater der Kinder zu machen. Alma war da schon größer und verstand ganz gut, was für eine Schmach das sei. Wie oft hat sie sich bei mir ausgeweint! Ich war es, der ihr riet, aus dem Hause der Mutter zu gehen, wo sie so Häßliches täglich mit ansehen mußte. Damals wußte sie ganz gut, daß ich der einzige Mensch war, der es redlich mit ihr meinte. Und zum Dank für alles das, stellt sie sich jetzt, als wäre ich der erste beste, fremde, hergelaufene Kerl, mit dem sich einzulassen Schande ist. Wer mir das damals gesagt hätte!« –

Glück hatte sich in leidenschaftlichen Eifer hineingeredet. Er schien fast vergessen zu haben, wer ihm gegenüber sitze. Fritz hütete sich wohl, ihn zu unterbrechen.

»Ich bin dumm gewesen, dumm und gutgläubig! Ich dachte: das Mädel ist dir sicher. Zum Heiraten war sie noch zu jung, und wir hatten auch kein Geld. Ich wollte mir erst etwas Ordentliches verdienen. Aber weil in einer kleinen Stadt nicht viel zu machen war, ging ich ins Ausland. Ich bin in Rußland gewesen und in Österreich. Schönes Geld hatte ich verdient. Habe aber auch gearbeitet, oft bis in die sinkende Nacht hinein, und früh wieder mit Sonnenaufgang, kaum mir Zeit gegönnt zum Essen. Dann kam meine Krankheit. Beim Militär hatten sie mich schon zurückgestellt, weil ich das Maß über der Brust nicht habe. Ich lachte damals, weil mir nie etwas gefehlt hatte. Aber nun bekam ich auf einmal das Blutspucken. Ein halbes Jahr lang habe ich in Budapest gelegen im Hospital. All mein Erspartes ging damals drauf. Ich bin auch nie wieder das geworden, was ich früher war.«

Glück fuhr sich mit der Hand über die Stirn, auf der der Schweiß in hellen Tropfen stand. Fritz fiel diese Hand auf. Es war eigentlich nicht die Hand eines Arbeiters, mehr die schlanke, nervöse eines Künstlers. Der ganze Mensch, wenn man von seiner ärmlichen Kleidung absah, machte den Eindruck höherer Bildung und verfeinerter Sitten.

»Ich habe viel an Alma geschrieben. Sie antwortete mir selten. Wie oft habe ich sie gebeten in meinen Briefen, zu warten, bis ich wieder käme und sich mit keinem anderen einzulassen. – Dann schrieb sie mir mit einem Male, daß sie sich nach Berlin wenden wolle. Ich warnte vor der großen Stadt. Es war umsonst. Bald darauf kam ihr letzter Brief an mich. Ich sollte ihr nicht weiter schreiben; was ich wolle, könne ja doch niemals werden. Den Brief erhielt ich auf allerhand Umwegen, wahrend ich krank lag in der Fremde. Fast war es mein Tod. Wäre ich doch nur gestorben!«

Er seufzte, seine Lippen zuckten so stark, daß er nicht weiter sprechen konnte für eine Weile. Fritz bemerkte die Thränen in seinen Augen wohl.

»Sie war ein Mädchen, wie es kein zweites giebt! Die und keine andere muß deine Frau werden! sagte ich mir. – Daß es nun so hat kommen müssen!« – – Er bedeckte die Augen mit der Hand.

»Herr Glück!« begann Fritz nach einer Pause. »Ich kann nicht viel zu dem sagen, was Sie mir erzählt haben. Aber eines möchte ich doch bemerken: Alma hat Sie, soviel ich weiß, niemals im Zweifel gelassen darüber, daß sie auf Ihre Werbungen nicht eingehe. Sie sind niemals mit ihr verlobt gewesen.«

»Wer hat das behauptet!« rief Glück erregt. »Ich Esel traute, daß sie mir auch ohne Ring die Treue halten werde. Ich war ihr Freund, ein besserer, als das Mädel je einen gehabt hat und haben wird.«

»Freundschaft bindet nicht fürs Leben. Das werden Sie mir wohl zugeben, Herr Glück!«

»Wie nennen Sie denn das, was Alma jetzt hat?« rief der Stuckateur und fuhr von seinem Sitze auf. »Sind Sie beide etwa ordentlich versprochene Liebesleute? – Antworten Sie mir auf die Frage, mein Herr! Wollen Sie Alma heiraten – werden Sie meine Alma heiraten?«

»Sie haben kein Recht, mich das zu fragen, Herr Glück. Und ich werde Ihnen darauf nicht antworten,« erwiderte Fritz Berting, der nun, da die Rollen sich so unerwartet vertauscht hatten, bleich geworden war.

»Sie wollen meine Alma nicht heiraten!« rief Glück. »Nun weiß ich es!« Seine dunklen Augen leuchteten triumphierend auf.

Fritz war aufgestanden. »Es thut mir leid, Herr Glück, Ihr Ton macht mir ein weiteres Zusammensein unmöglich. Alma hält zu mir und nicht zu Ihnen, das ist alles, was ich Ihnen noch zu erwidern habe.«

»Alma hält zu Ihnen! – Ja, leider! Brüsten Sie sich nur damit, als ob es Ihr gutes Recht wäre. Wilde Ehe nennen wir das, wir gewöhnlichen Leute, wie Sie zwei leben. Vor Gott und Menschen eine Schande! So machen es solche Herren immer! Erst wird ein armes Mädel bethört; sie ist dumm und verliebt, läßt sich verführen. Eine Zeit lang ist sie gut genug zum Zeitvertreib. Dann läßt man sie sitzen. So wird es mit Alma auch kommen, das weiß ich!«

Fritz hatte inzwischen den Ausgang des Lokales erreicht. Glück kam ihm nachgeschritten.

»Richten Sie Alma von mir aus: ich, Ludwig Glück, ließe nie und nimmer von ihr, wenn sie mich auch jetzt von sich treibt wie einen Hund. Ich bleibe ihr treu bis in den Tod. – Richten Sie ihr das von mir aus!«

Den Löffel Suppe, zu welchem Fritz Berting von den Damen Tittchen eingeladen worden war, nahm er Sonntags Mittag in Gestalt eines reichhaltigen Mittagsessens zu sich.

Die Unterhaltung bewegte sich in höheren Sphären, denn die Tanten, im Bewußtsein, einen Schriftsteller an ihrem Tische zu haben, kramten allerhand Litteraturkenntnisse aus. Es stellte sich heraus, daß sie Abonnentinnen waren eines Journallesezirkels, dessen Lebensbeschreibungen berühmter Zeitgenossen, Kunstplaudereien und Theaternotizen, sie mit Eifer verfolgten. Sie glaubten daher ganz auf der Höhe zu stehen in allen litterarischen Fragen.

Fritz ging auf den Ton der Unterhaltung ein. Diese Damen darüber aufklären zu wollen, daß die von ihnen bewunderten Artikel mit Litteratur ebensowenig zu thun hatten, wie die schauderhaften Stillleben an den Wänden des Eßzimmers mit Malerei, wäre höchst überflüssig gewesen. Ein paar zustimmende, übertrieben bewundernde Bemerkungen waren mit ihrer versteckten Ironie für Hedwig von Lavan berechnet, und wurden von dieser auch gewürdigt.

Fritz hatte wieder Gelegenheit, die weltkluge Haltung des jungen Dinges anzustaunen. Die Tanten gaben Hedwig vor Fritzens Ohren allerhand Belehrungen, Ratschläge und Ermahnungen. Sie ließ die gute Lehre ruhig über sich ergehen, lehnte sich nicht auf; höchstens verriet ein unmerkliches Lächeln ihre innere Überlegenheit.

Nach Tisch hätte Fritz Berting nur zu gern mit Fräulein von Lavan unter vier Augen gesprochen; aber mindestens eine der Tanten hielt sich immerwährend in der Nähe der jungen Leute auf.

Man saß im großen Salon, dessen Möbel, heute von ihren Kappen befreit, die ganze schreiende Herrlichkeit ihres roten Sammetplüschs entwickelten.

Nachdem sie dem Kaffee alle Ehre angethan hatte, zog sich Amanda zurück, jedenfalls um ein Nickerchen zu machen. Fritz und Alma blieben unter Idas, der Älteren, Obhut zurück. Aber es schläferte das alte Mädchen gewaltig, wie man aus den immer kleiner werdenden Augen und gelegentlichen, dem Gähnen verzweifelt ähnlichen, krampfhaften Bewegungen ihrer Kinnbacken schließen konnte.

Plötzlich sagte Hedwig mit bedeutungsvollem Blicke zu Fritz: »Haben Sie unseren ›Hausschatz der schönen Künste‹ schon gesehen, Herr Berting?« – Fritz verneinte. Hedwig erhob sich und gab ihm mit den Augen einen kaum merklichen Wink. Er folgte ihr zu dem Tisch in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers. Dort lagen um einen Gummibaum, der in bemaltem Porzellantopf stand, die Prachtbände des Hauses versammelt. Der Hausschatz der schönen Künste erwies sich als ein umfangreiches Sammelwerk von geschmacklosen Farbendrucken mit erklärendem Text. Hedwig schlug den goldverzierten Deckel auf, und Fritz rief: »Ach, wie reizend!« Tante Ida meinte mit schon halb umflorter Schlafstimme von der anderen Ecke des Zimmers her: »Nicht wahr? Es war aber auch sehr teuer!« – –

Hedwig schlug noch eine Seite um, und las den Titel des betreffenden Blattes laut für die sauvegarde, dann sagte sie mit gedämpfter Stimme für Fritz: »Ich habe Ihren Roman, ›Das Geschlecht‹, in der Zeitung angezeigt gelesen. Können Sie mir das Buch nicht verschaffen?« –

Fritz blickte nach der Sofaecke hinüber, bevor er antwortete. Von dort belehrte ihn jetzt ein Schnarchen, daß weitere Vorsicht unnötig sei. »Das Buch wird etwa in vierzehn Tagen fertig gedruckt sein und dann in den Buchhandel kommen,« erwiderte er. »Aber eines halte ich mich doch für verpflichtet, Ihnen zu sagen, gnädiges Fräulein, für junge Damen habe ich es eigentlich nicht gedacht.«

An dem spöttischen Zuge, der sofort auf ihrem Gesichte erschien, sah Fritz Berting, daß seine Bemerkung höchst überflüssig gefunden werde. ›Sie scheinen mich mit einem Gänschen zu verwechseln, mein Herr!‹ wollte das Rümpfen dieses stolzen Näschens sagen.

Um die Beleidigung gut zu machen, erklärte Fritz, er wolle ihr die Aushängebogen seines Romans, die er bereits beisammen hatte, zuschicken. »Ein avant-la-lettre-Exemplar für Sie ganz allein!«

Am Aufleuchten ihrer Augen sah er, daß er damit ihren Geschmack getroffen habe.

Die Vorstellung, dieses zarte Mädchengesicht mit den wissenden Augen in sein Buch vertieft zu sehen, hatte etwas tief Erregendes für Berting. Den Roman in der Hand einer »höheren Tochter« gewöhnlichen Schlages zu wissen, wäre ihm wie unerträgliche Profanierung erschienen; aber wie auf dieses körperlich dem Kinde nahestehende, geistig weit über seine Jahre gereifte, widerspruchsvolle, rätselhafte Geschöpf gerade dieses Buch wirken würde, das erfüllte ihn mit Neugier.

Hedwig erzählte ihm jetzt von ihrer Balzac-Lektüre. Sie hatte von diesem Autor einen starken Eindruck empfangen. Fritz Berting hörte ihr nur mit halbem Ohre zu. Er mußte immer denken: ›Sie wird deinen Roman »Das Geschlecht« lesen.‹ –

In der Ecke die schlummernde Tante. Ringsum die altmodische Umgebung, die Bilder wohlbeleibter Spießbürger und ehrbarer Damen, die von den Wänden mit verwunderten Mienen auf dieses so ganz anders als sie geartete Paar junger Menschen herabblickten. Wie eigensinnig und doch tieferen Sinnes nicht entbehrend das Leben manchmal die Menschen zusammenführte! Es war die Regung eines glücklichen Instinktes gewesen, so deuchte es Fritz, was an jenem Abende nach dem Theater seinen Blick wie fasciniert auf die Züge des jungen Mädchens gelenkt hatte.

Aber länger als ein paar kurze Minuten wurden ihm nicht gegönnt zum Auskosten dieser Situation. Die impertinent laute Vorsaalklingel erscholl, und darüber wachte Tante Ida auf. Wie die meisten Menschen, wenn der Schlaf sie wider Willen überkommt, hatte sie das Bestreben, die Thatsache zu verschleiern, daß sie geschlummert habe.

»Natürlich!« meinte sie, einen Zipfel des unterbrochenen Gedankenganges wieder erwischend, ›Hausschatz der schönen Künste‹ heißt es. Wir bekommen es in Lieferungen, das Heft zu drei Mark.« –

Das Dienstmädchen, deren Posaunenengelgesicht und verständnisvoll schlaues Schmunzeln Fritz schon mehrfach belustigt hatten, trat ein und meldete: »Herr Hofschauspieler Heßlow.«

Ihr auf dem Fuße folgte der schöne Waldemar, Cylinder in der Hand. Die Pracht seiner Glieder war heute in einen schwarzen Anzug von tadellosem Schnitt gehüllt. Er begrüßte die Anwesenden mit wohlüberlegter Nuancierung: Tante Ida bekam eine würdevoll gemessene Verbeugung, Hedwig wurde lebhaft verbindlich mit einem Stich ins Courmacherliche begrüßt, gegen Fritz verhielt er sich höflich zurückhaltend. Dann sah er sich nach dem Tischchen um, das auf der Bühne bereit zu stehen pflegt zum Wegsetzen des Cylinders, fand dieses Möbel auch glücklich, knöpfte seine Handschuhe auf und streifte sie ab, immer mit dem Gesicht nach dem Zuschauer, ernst und mit der der Situation entsprechenden Wichtigkeit, ergriff einen Stuhl, setzte sich, den Kopf stolz zurückwerfend, schlug mit Emphase Bein über Bein, betrachtete dann einen Augenblick sinnend seine Fingernägel, wollte, einem Räuspern nach zu schließen, eben die Unterhaltung eröffnen, als sich die Thür aufthat und Tante Amanda einließ, und so dem Mimen Gelegenheit gab, die Begrüßung einer neu auftretenden Person dem Bühnenreglement gemäß mit Korrektheit auszuführen.

Fritz Berting beobachtete voll Spannung Hedwig von Lavan. Es war doch gar nicht denkbar, daß dieser affektierte Mensch ihr imponieren könne. Sah sie denn nicht die Lächerlichkeit seiner Komödiantenmanieren? Hörte ihr Ohr nicht das falsche Pathos seiner hohlen Deklamierstimme? Wie das im Alltagsleben peinlich wirkte, einer Maskerade gleich im hellen Licht des Mittags!

Aber das spöttische Lächeln, das sonst so locker saß bei Hedwig, erschien nicht auf ihrem Gesichte. Im Gegenteil, Fritz glaubte ein gewisses Interesse, eine Art schwer zu definierender intensiver Aufmerksamkeit in ihren Mienen zu lesen, mit der sie den Blick auf dem Schauspieler ruhen ließ.

Waldemar Heßlow erzählte den Tanten, die mit naivem Entzücken, wie Kinder, an dem Munde des Bewunderten hingen, daß er die nächstens beginnenden Theaterferien wie gewöhnlich zu einer Reise zu benutzen beabsichtige. Vielleicht werde er eine Alpenhochtour unternehmen, um das Bergsteigen nicht ganz zu verlernen. Dann fing er an, mit den Sports, die er betreibe, zu renommieren. Schwimmen, Reiten, Rudern, Fechten, wäre sein Element. Als er sich in dieses Thema vertiefte, wurde sein ganzes Wesen lebendiger und natürlicher; man sah, daß das Pathos und die gezierten Manieren doch nur etwas ihm äußerlich aufgehangenes waren.

Fritz Berting dachte darüber nach, was diesen Menschen wohl bewogen haben könne, zur Bühne zu gehen. Zeitlebens würde er ein mittelmäßiger Schauspieler bleiben, der, um mit Hamlet zu reden, »eine Leidenschaft in Fetzen reißen« mochte, niemals aber »das Wohlgefallen der Einsichtsvollen gewinnen« konnte. Wie ganz anders hätte er den Beruf eines Athleten, eines Preisboxers, Meisterschaftsringers oder Wettläufers erfüllt, mit diesem Körper von nicht alltäglicher Kraft und Schmiegsamkeit, dessen ebenmäßigen Wuchs selbst die modern weiten, sackartigen Kleider nicht gänzlich zu verdecken vermochten. Es strömte wie ein Hauch gesunder, animalischer Kräfte von diesem Manne aus. Ob darin vielleicht die Lösung des Rätsels lag, warum der Mime, trotz aller Geistlosigkeit seines Spieles, solche Triumphe feierte bei den »Gründlingen im Parterre«? –

»Wir verreisen auch!« sagte Hedwig, als Heßlow eine Pause eintreten ließ, um eine Tasse Kaffee anzunehmen, die ihm Tante Amanda errötend anbot. Er war jetzt wieder ganz Akteur, nahm Zucker und Sahne mit Würde und trank seinen Kaffee mit bedeutungsvoller Ausführlichkeit.

»Also die Damen verreisen! Und wohin, wenn man fragen darf, mein gnädiges Fräulein?« Damit wandte er sich an Hedwig.

»Meine Tanten haben von Interlaken gesprochen.«

»Interlaken, bravo! Ich habe auch daran gedacht, ins Berner Land zu gehen. Also würde man sich dort sehen unter Umständen.«

»Wirklich, Herr Heßlow, das wäre reizend!« riefen die Tanten wie aus einem Munde.

»Bereits voriges Jahr fügte es ein glücklicher Zufall, daß wir uns in Norderney trafen,« meinte Waldemar Heßlow, jede Silbe einzeln betonend, als habe er Jamben zu skandieren, »und nun winkt uns der Hoffnungsstern eines fröhlichen Beisammenseins von neuem.«

Fritz beobachtete Hedwig scharf. Das Mädchen sagte nichts, aber er glaubte zu bemerken, daß sie leicht die Farbe wechselte.

Es kam dann zu einer richtigen Verabredung zwischen Waldemar Heßlow und den Damen Tittchen, sich in einigen Wochen in Interlaken zu treffen. Hedwig von Lavan hörte aufmerksam zu mit der Miene des wohlerzogenen Kindes, das an der Unterhaltung der Erwachsenen teilzunehmen sich nicht unterfängt.

Fritz Berting begann sich überflüssig vorzukommen unter Menschen, die so ausschließliches Wohlgefallen an einander fanden. Er nahm kurzen Abschied, unter dem Vorgeben, eine anderweite Verabredung zu haben.

Er ging in schlechter Laune, beherrscht von dem unangenehmsten aller Gefühle, düpiert zu sein.

Was hatte er alles in das Gesicht dieses jungen Mädchens hineingelegt, was alles hinter ihrem Wesen gesucht an Feinheit, Geist und origineller Begabung. Und nun entpuppte sie sich als ein ganz alltägliches Weibchen, abhängig, bethört, verblendet, geschmacklos in ihrer Wahl, bereit, dem ersten besten nachzulaufen, der, ein schönes Stück Fleisch, ihrem Weibesinstinkt imponierte.

Hedwig hatte ihm wirklich eine große Enttäuschung bereitet.

Und er beschloß bei sich, ihr die versprochenen Aushängebogen nicht zuzuschicken. Sie war einer solchen Auszeichnung nicht wert.

Fritz Berting hielt nun das erste Exemplar seines Romans ›Das Geschlecht‹ in Händen. Es war wirklich schwer sich vorzustellen, daß in diesen paar Hundert Druckseiten all das enthalten sein sollte, was er in mancher nachdenklichen Stunde sich an schwerer Arbeit abgerungen hatte. Und eigentümlich war es auch zu denken, daß im Augenblicke nur er, der Schöpfer, das Werk kenne, daß es noch ganz sein Geheimnis sei. Binnen kurzem aber würden vieler Augen über diese Zeilen gleiten, die Augen fremder, gleichgiltiger Menschen, von denen jeder, selbst der unberufenste, dann unwidersprochen mit gerümpfter Nase über ihn zu Gericht sitzen konnte.

Er fühlte das Bedürfnis, aus dem Munde eines Freundes über sein Buch ein Wort zu hören, ein gutes Wort, das ihm gewissermaßen bestätigen sollte, daß das, was in seiner Phantasie nach Dasein gerungen hatte, nun auch wirklich Leben habe, daß es die geheimnisvolle Kraft besitze, die fremde Seele zu ergreifen und zu befruchten.

Mit solchen Gefühlen übergab er seinem Freunde, Doktor Lehmfink, ein Exemplar, in das er zuvor eine warmherzige Widmung geschrieben hatte. Heinrich Lehmfink nahm die zwei Bände in die Hand, blätterte darin mit dem Auge des Bibliophilen, und gratulierte dem Autor zu dem Buche, das schon rein äußerlich den besten Eindruck mache.

Während der nächsten Tage versandte dann Fritz eine Anzahl Freiexemplare. Einige Kollegen aus seiner berliner Zeit wurden bedacht, sein Freund Baron Chubsky in Paris erhielt ein Exemplar. In der Stadt selbst schickte er nur an Frau Hilschius sein Buch, mit einer nichtssagend höflichen Widmung. Weißbleicher hatte ihm geraten, das zu thun. Die Rezensionsexemplare an Zeitungen und einzelne einflußreiche Kritiker wurden vom Verlage aus versandt.

Von Lehmfink sah und hörte Fritz in den nächsten Tagen nichts. Es war ihm nur recht so. Fritz wußte: der Freund liest dein Buch. Er wollte ihn gar nicht sehen, ehe er nicht ausgelesen hatte und ihm das Urteil über das Ganze sagen konnte. Darum ging er auch nicht zur gewohnten Stunde ins Café, um den Freund nicht zu vorzeitigem Sprechen zu veranlassen.

Er legte gerade auf Heinrich Lehmfinks Urteil den allergrößten Wert. Wenn Lehmfink eine Sache lobte, dann war etwas daran. Obgleich selbst kein Künstler, war ihm doch die Kunst eine heilige Sache, und gerade daß er nicht unter den Mitstrebenden stand, gab seiner Kritik größere Unparteilichkeit.

Dann trafen sie sich zufällig auf der Straße. Fritz vermutete, daß der Freund sein Buch nunmehr ausgelesen haben könne, und erwartete eigentlich, daß er davon zu sprechen anfangen werde. Aber Heinrich Lehmfink schwieg sich über den Roman völlig aus. Fritz Berting fragte nicht, um nicht den Eindruck der Ungeduld hervorzurufen; im Innersten jedoch war er etwas beunruhigt durch Lehmfinks Verhalten.

Eines Tages nun erschien der Freund bei ihm in der Wohnung. Ohne große Formalitäten ging er auf Fritz zu. »Guten Tag! Wie geht's? Ist Fräulein Alma da?«

Fritz erwiderte, daß Alma bei ihrer Arbeit sei, und wollte sie rufen. Lehmfink wehrte ab. »Nein! Ich wollte nur wissen, ob sie in Hörweite ist? Ich muß nämlich nun endlich mit dir über deinen Roman sprechen.« Fritz erklärte, daß sich zwischen ihnen und Alma der Vorsaal befände, sich dabei im stillen wundernd, warum sie wohl Lehmfinks Urteil über das Buch nicht mit anhören dürfe.

»Ich habe deinen Roman gelesen, Berting – zweimal gelesen« – – Dann folgte lange Zeit nichts. Heinrich Lehmfink storchte durchs Zimmer, die Arme im Kreuz verschränkt, und machte sein ernstestes Gesicht. Fritzens Herz klopfte, er wurde an jenen Augenblick erinnert, als bei der Premiere seines Stückes sich der Vorhang zum ersten Male hob.

»So versetze mir doch nur um Gotteswillen den Todesstoß!« rief er, »und warte nicht so lange. Also mein Roman taugt wohl nichts – nicht wahr?«

Heinrich Lehmfink blieb vor Fritz stehen, der im Stuhle an seinem Schreibtische Posto gefaßt hatte, und sah ihn an mit seinen großen, glänzenden, ausdrucksvollen Augen, über deren Schönheit man die Häßlichkeit des übrigen Menschen ganz vergaß. Es lag Trauer in diesen Augen, wie in dem ganzen ehrlichen Gesichte.

»Lieber Berting, es steckt in deinem Buche soviel Talent, Geschmack, Phantasie, Stil, überhaupt große Kunst daß es ein Jammer ist, ein Herzensjammer, daß es – nun offen heraus – daß es als Ganzes doch verfehlt ist.«

»Das muß ich sagen!« rief Fritz, »Wenn ein Kunstwerk ein Kunstwerk ist …«

»Weißt du, Berting, wenn ich ein Buch lese, so gebe ich mich zunächst willig hin, lasse mich von dem Autor führen, wohin es ihm beliebt. Ich bin mit einem Worte ein dankbarer Leser. Während des Lesens aber schon melden sich Stimmen, vielleicht auch Zweifel, die erst später, wenn ich das ganze überschaue, mir wirklich zum Bewußtsein kommen. Und dann, wenn das Werk von mir abgerückt ist, sich nicht mehr in mir selbst abspielt, so daß ich unbefangen urteilen kann, dann stelle ich mir vor allem eine Frage, die vor jedem Kunstwerk gestellt werden muß: In welchem Verhältnis hat der Künstler zu seinem Geschöpfe gestanden? – Hat er geliebt? Hat er ernst, groß, rein und keusch geliebt? Trägt die Frucht seiner Liebe – mag ihr sonst auch mancher individuelle und zeitliche Mangel anhaften – Züge tiefer, edler Gefühle?«

»Eine Moralpredigt habe ich nicht schreiben wollen, und ich glaube, der Titel ›Geschlecht‹ erweckt auch nicht diese Erwartung. Für einen Mann wie Professor Wallberg, welcher verlangt, daß die Kunst nur das ›Schöne‹ darstelle, scheidet mein Buch aus der Reihe der Kunstwerke aus, schon durch sein Thema. Aber daß auch du bei der Beurteilung im Stofflichen stecken bleiben würdest, Lehmfink…«

»Mein lieber Berting! Es kann einer aus dem gröbsten Material, meinetwegen aus dem Kot der Landstraße, Gebilde formen, die durch Beseelung uns den Stoff, von dem sie genommen, gänzlich vergessen machen. Es kommt eben darauf an, was einer hineinzulegen hat.«

»Ich habe mein Herz hineingelegt, Lehmfink; was kann ich weiter thun? Wie eine Geliebte ist mir mein Werk gewesen. Es ist ein verflucht ernstes und höchst persönliches Verhältnis, in welchem ich zu diesem meinem Buche gestanden, das kann ich dir versichern!«

»Ich verkenne nicht den Ernst deines Strebens; du hast dich von einem Stoffe losringen wollen. Und vielleicht ist gerade das die Ursache deines Unterliegens. Du standest diesem Stoff nicht frei und unbefangen genug gegenüber, um aus den gährenden Elementen einen Wein zu keltern, der die Hefe der Sinnlichkeit nicht nachschmecken ließe.«

»Sinnlichkeit ist der Nährboden aller Kunst.«

»Aber der Schaffende muß sie in sich überwunden haben; sie darf ihm nicht das Auge trüben. Wenn sie ihm zu Kopfe steigt, wird seine Hand unfehlbar zittern, und sein Werk wird etwas Verzerrtes haben. Wie die Frucht in ihrem feinsten Aroma die Bestandteile des Bodens schmecken läßt, auf dem sie gewachsen, so spiegelt jedes Kunstwerk den Zustand der Seele wieder, die es genährt hat. Was du uns giebst, Berting, ist noch nicht abgegohren…«

»Meinetwegen mag es nicht abgegohren sein; daran liegt mir garnichts! Ich habe etwas Starkes, Neues, Unerhörtes geben wollen. Das Geschlechtsleben in seiner ganzen Wildheit und alles beherrschenden herrlichen Kraft und Unbändigkeit habe ich versucht darzustellen. Den Begriff der Unanständigkeit gebe ich in der Kunst nicht zu. Die Natur, deren Jünger wir sind, kennt ihn auch nicht. Wir Jungen haben den Mut, die Kleider abzuwerfen, nackt hinzutreten vor alles Volk. Wir zeigen das Natürliche, wie es ist, und nehmen dadurch der Lüsternheit den geheimen Anreiz. Ich habe zeigen wollen, daß das Geschlecht im Menschen die Centrale ist, der Urkeim, der Leittrieb, das, wovon sein Leben die Richtung erhält, das, wodurch in letzter Linie unser Denken, Fühlen, Handeln bestimmt wird. Mag den alten Jungfern beiderlei Geschlechts darüber graulich werden!«

»Ich tadle nicht, Liebster, daß du diesen Angelpunkt der menschlichen Natur versucht hast, zum Brennpunkte eines Kunstwerkes zu machen. Aber gerade hier ist das Wie alles. Du wirst mir zugeben, daß das Geschlecht, wie es das Ausschlaggebende ist für den Einzelnen, so für die Kunst das heikelste und gefährlichste Thema. Ein Gebiet, auf dem auf Schritt und Tritt Fallstricke liegen. Wer dieses Land betritt, übernimmt eine große Verantwortung nicht blos für sich selbst. Es liegt im Wesen des Sexuellen, daß es die Augen und Ohren, alle Sinne, von weit her mit Gewalt auf sich lenkt. Dein Werk ist ein Spiegel, der ein Bild in einen anderen Spiegel, das Gemüt des Lesers, wirft. Sicherlich kann das Unreinste rein werden in der Wiederstrahlung einer keuschen Seele. Aber wer einen Brand schildern will, muß sich befreit haben von den Gefühlen, die das Ereignis in ihm weckte. Wer mitten im Getümmel steht der aufgeregten Sinne, ist nicht der Mann dazu, uns reine, abgeklärte Werke zu schenken.«

»Ich bin keine Fischnatur, Lehmfink! Ich erlebe meine Dichtungen und schreibe sie mit Herzblut. Hast du denn nicht herausgefühlt, daß mein Buch persönliches Erlebnis ist?" –

»Natürlich, lieber Freund, ist mir die starke, persönliche Note nicht entgangen. Du zeigst uns die Welt in der subjektiven Beleuchtung deines Naturells, wie es das gute Recht ist des Künstlers. Aber, nun kommt eben mein ›aber‹ – – –«

Fritz blickte gespannt auf den Freund, es war ihm neu, daß Lehmfink sich fürchtete, mit der Sprache herauszurücken.

»Ich möchte nicht gern persönliches einmischen,« fuhr Lehmfink bedachtsam fort, »aber es ist hier nicht zu umgehen. Nicht wahr, Fräulein Alma kann uns sicher nicht hören?"

Fritz wiederholte, was er schon vorhin gesagt hatte: Alma sei außer Hörweite.

»Du wirst mich nicht mißverstehen, Berting, wenn ich sage, was ich auf dem Herzen habe. Ich kann das leichter thun, weil du die Frage, um die sich's handelt, durch dein Buch gewissermaßen selbst zur öffentlichen Diskussion gestellt hast.«

»Nun bin ich allerdings begierig…«

»Du hast in den Mittelpunkt deines Romans das Erotische gestellt. Darum ist das Buch für mich doppelt nachdenklich geworden, denn auch mir ist die Frage, wie der Mann zum Weibe steht, die entscheidende seines Schicksals. Allerdings meine ich damit nicht das Verhältnis zu den Weibern; das ist eine untergeordnete Angelegenheit des Trieblebens. Ich spreche von dem großen Probleme Liebe. Das Wort ist soviel gemißbraucht, daß es einer Münze gleicht, deren Gepräge undeutlich geworden ist. So verstehen auch wir zweie darunter etwas verschiedenes. Beim Lesen deines Romans wurde mir das recht klar. Das ist die Einseitigkeit deiner Weltanschauung und die Achillesferse deines Buches, daß du der animalischen Natur des Menschen ein Übergewicht zugestehst. Und damit folgt mit Naturnotwendigkeit, daß du das Weib herabzerrst. Indem du die Frauen zu Geschlechtswesen stempelst, erniedrigst du die ganze Art, läßt von der Liebe nur die Verliebtheit gelten. Die Frauen werden uns immer genau das sein, was wir ihnen sind. Suchen wir bei ihnen nur sinnlichen Reiz, so werden sie uns mit dem aufwarten, was wir in sie hineinlegen. Gewiß, ich weiß es: ohne Sinnlichkeit keine Kunst! das Geschlecht macht den Mann zum Manne, den Künstler zum Künstler. Aber Sache höchster Verantwortlichkeit ist, daß wir dem Feuer die rechte Nahrung zuführen. Dem einen wird die Flamme zum inneren Heiligtum, das, weil er sie rein bewahrt, sein ganzes Leben durchwärmt und erhellt; den anderen dörrt sie aus bis auf das Mark der Knochen. In der Dichtung bedeutet die Überherrschaft des Erotischen unfehlbar das Sinken des geistigen Niveaus. Leben und Kunst stehen nun einmal in tiefstem organischem Zusammenhang. Ich sprach von deinem Buche, Berting, und nun bin ich auf das gekommen, was gar nicht zur Diskussion stand, und was doch tausendmal wichtiger ist als alle Bücher, das Leben.« –

Hier wurden sie unterbrochen. Eine Thür ging auf der anderen Seite des Korridors. Alma kam ins Zimmer geeilt. Als sie sah, wen Fritz zu Besuch hatte, blieb sie errötend stehen. »Herr Doktor Lehmfink ist bei uns,« rief sie und klatschte vor Freude in die Hände. »Und das sagt mir niemand!«

Über Fritz Bertings Roman fingen nun an, die Urteile einzulaufen.

Zuerst kamen die Blätter, die nur den Waschzettel abdruckten. Den Text hatte Weißbleicher entworfen. Es wurde darin auf das interessante Problem des Romans hingewiesen, angedeutet, daß es sich um heikle Dinge handle, dabei aber nicht mehr verraten als nötig war, die Neugier zu reizen.

Dann erschien in einer litterarischen Revue, die auf dem äußersten linken Flügel der jüngsten Kunstbewegung stand, eine eingehende Besprechung aus der Feder eines älteren berliner Kritikers, dessen Parteinahme für die Jugend einiges Aufsehen erregt hatte. Der Mann begrüßte diesen Roman als ein hoffnungerweckendes Buch. Von einem Autor, der sich mit solcher Kälte und Sachlichkeit an eines der schwierigsten Probleme gewagt habe, und nicht im Stoffe untergegangen sei, könne man Großes erwarten. Er nannte das ›Geschlecht‹ eine hochwillkommene Bereicherung des physiologischen Naturalismus und maß ihm dokumentarischen Wert bei.

Es waren glückliche Augenblicke für den Dichter, als er diese Zeilen las, die ihm sein Freund Doktor Nackede blau angestrichen von Berlin zugeschickt hatte.

Das Lob, das ihm hier erteilt wurde aus bekannter Feder, an weithin gesehener Stelle publiziert, verlieh ihm in vieler Augen den litterarischen Ritterschlag. Er war nun gewissermaßen zünftig geworden, sein Buch konnte keinesfalls mehr totgeschwiegen werden.

Als ob ein Dämpfer auf diese Freude gesetzt werden solle, kam wenige Tage darauf in einem vielgelesenen lokalen Blatte eine Besprechung seines Romans aus Professor Wallbergs Feder. Wallberg ließ keinen guten Faden an dem Buche. Er nannte es die leichtfertige Arbeit eines unreifen Menschen, sprach ihm jeden litterarischen Wert ab, warnte vor solcher Lektüre, welche geeignet sei, die sittlichen Begriffe zu verwirren, und benutzte die Gelegenheit, mit der Moderne, für deren Weltanschauung und Kunstprinzip dieses traurige Machwerk typisch sei, gründlich ins Gericht zu gehen.

Daß Wallberg seinen Roman loben würde, hatte Fritz Berting nicht angenommen, nachdem er neulich an Frau Hilschius Tische die Klingen mit diesem fanatischen Alten gekreuzt hatte. Aber daß der Mann eine so animose Kritik schreiben werde, hatte er doch auch nicht für möglich gehalten. Voll Entrüstung lief Fritz mit dem Zeitungsblatt zu Weißbleicher. Der Verleger, der den Artikel bereits kannte, faßte die Sache jedoch ziemlich kühl auf.

»Schadet gar nichts!« meinte der erfahrene Mann, »schadet gar nichts! Im Gegenteil, der Professor bringt uns die Leute nur auf den Geschmack. Ich kannte einen Autor, der lancierte selbst Artikel, die seine Bücher in Grund und Boden verrissen, in die Blätter. Was die Menschen heute über ein Buch lesen, haben sie morgen meist schon vergessen; daß der Name im Gedächtnis bleibt, ist die Hauptsache. Wenn Professor Wallberg sagt: Ihr Buch wirke demoralisierend, so macht er Ihnen mit dem einen Worte die großartigste Reklame. Ich wette, eine Menge Leute laufen daraufhin zum Buchhändler, die, wenn er gesagt hätte, es sei ein gediegenes Werk, daran nicht dächten.«

Wieweit der Verleger mit dieser Behauptung recht habe, war schwer zu beurteilen. Jedenfalls stellte Fritz Berting fest, daß sein Roman unter der Überschrift »Sensationelle Neuheit« in den meisten Buchläden auslag. Und daß sein Name bekannt zu werden beginne, ersah er aus den Zuschriften, die er erhielt. Tagesblätter forderten ihn zur Mitarbeiterschaft auf. Ein Zeitungsverleger fragte an, ob der Autor von ›Das Geschlecht‹ nicht für sein Blatt, das hauptsächlich von Damen gelesen werde, einen ähnlich spannenden Roman, »nur etwas naiver«, verfassen könne.

Einen Ausbruch begeisterter Bewunderung enthielt ein Brief, den der Dichter Karol an Fritz Berting richtete. Er glich einer Liebeserklärung. Fritz kannte die Art Silbers nun zur Genüge, um einiges von diesem Enthusiasmus auf Konto seiner theatralischen Ader zu setzen. Aber der Brief that dem Autor doch wohl; er war ihm ein Beweis, daß sich dieser Leser ganz von dem Buche hatte ergreifen lassen. Und welchem Dichter deuchte solche Wirkung nicht der beste Dank! –

Am Schlusse seines Briefes fragte Silber an, ob es Herrn Berting recht sei, wenn er in einem Blatte, das ihm weißes Papier zur Verfügung stelle, eine Erwiderung schreibe gegen Professor Wallbergs unqualifizierbare Kritik. Fritz schrieb zurück, daß er dagegen natürlich nichts einzuwenden habe.

Es fügte sich, daß er Silbers Artikel zuerst aus Heinrich Lehmfinks Hand erhielt. Die beiden Freunde saßen im Café beisammen, wie gewöhnlich umgeben von Zeitungen, als Lehmfink die letzte Nummer eines Blattes radikaler Färbung über den Tisch hinweg an Fritz reichte. »Da, unerwartete Ehrung! Herr Siegfried Silber reitet für dich in die Schranken!«

Fritz las den Artikel durch. Er war gepfeffert. Mit ätzendem Hohn begoß der Verfasser den alten Herrn, dem persönliche Voreingenommenheit und die geifernde Mißgunst seniler Impotenz vorgeworfen wurde. In geschickter Weise hatte Silber die Sache so zu wenden gewußt, daß der Tadel der Leichtfertigkeit, Geschmacklosigkeit und Eitelkeit, den Wallberg gegen den Autor des Geschlechts und gegen die ganze junge Richtung geschleudert hatte, ihm mit Zinsen zurückerstattet ward.

»Wird dir nicht bange bei diesem Verteidiger?« fragte Lehmfink.

»Es ist immerhin eine That,« erwiderte Fritz, »einem Manne von dem Einflusse Wallbergs so ungeniert auf die Finger zu klopfen.«

»Wie ich Siegfried Silber kenne, mein lieber Berting, wird er dir die Rechnung für diese Leistung über kurz oder lang präsentieren.« –

Fritz war über seinen Freund Lehmfink wirklich ärgerlich. Was mußte er an Silbers Besprechung herummäkeln; er, der selbst für »das Geschlecht« nichts übrig gehabt hatte als ein absprechendes Urteil. Manches Wort des Freundes war von neulich her in Fritzens Gedächtnis haften geblieben und ließ dort geheime Widerhaken fühlen.

Eigentlich hatte Lehmfink kein Recht, zu urteilen, wie er es gethan. An der Klugheit, Belesenheit und der gründlichen Bildung des Freundes wollte Fritz nicht zweifeln; aber Lehmfink war vielleicht doch zu sehr in der Philologie, von der er ursprünglich ausgegangen, stecken geblieben. Davon haftete ihm die Pedanterie, die Hausbackenheit und ein Rest von Engigkeit an, die es ihm unmöglich machten, dem modernen Empfinden bis in seine äußersten Konsequenzen zu folgen. Daß er keine Künstlernatur war, hätte schließlich nicht ein Hindernis zu sein brauchen, ein Nachempfinder und Kundschafter des Neuen zu werden. Was Lehmfink fehlte, waren die Nerven, die empfindlichen, auf die feinsten Stimmungen eingestellten und auf die subtilsten Reizungen reagierenden Nerven, und damit die letzte Verfeinerung des Geschmackes und der Genußfähigkeit. Die Antike konnte Lehmfink verstehen, die neuere Kunst auch, soweit sie sich in den Bahnen bewegte solid bürgerlicher Weltanschauung; dahinter kam für ihn die Scheidewand.

Es war traurig, bei einem sonst so ausgezeichneten Menschen und treuen Freunde diese Schranke der Anlage zu beobachten. Hier, nicht in seinen äußeren Mißerfolgen, lag wohl die Tragik von Lehmfinks Persönlichkeit. Was Lehmfink schrieb, mochten es Bücherbesprechungen sein, Theaterrezensionen, Essays, literarhistorische oder feuilletonistische Artikel, war gediegene, gründliche, reinliche Arbeit, getragen von Treue und Ernst, hinter jeder Zeile stand die Überzeugung eines ganzen Mannes. Was war es also, was dem Freunde fehlte, um ihn zu einem Kritiker großen Stiles zu machen, für den er so viele wichtige Eigenschaften besaß? Fritz legte sich die Frage wiederholt vor, wenn er vor Lehmfinks Arbeiten eine gewisse Langeweile empfand. Es kam ihm dann wohl vor, als rede jener eine andere Sprache, als stammten seine Sentenzen, trotzdem sie in funkelnagelneuem Druck auf frischem Papier zu lesen standen, aus einer verflossenen Periode. Gehörte Lehmfink nicht vielleicht zu der Klasse jener um ein paar Jahre zu spät Geborenen, die noch viel weniger gelten, als die, welche zu früh in ihre Zeit geboren sind? – Er besaß nicht die weitherzig kühne Lust am Gewagten, die Witterung für das Neue, den instinktiven Spürsinn für das, was Zukunft hat, die dem Pfadfinder auf geistigem Gebiete genau so angeboren sein müssen, wie dem Entdecker von Weltteilen. Er operierte mit Begriffen aus einer überwundenen Ethik, holte seine kritischen Maßstäbe aus der Rüstkammer einer veralteten Ästhetik. Daß es Neuland gäbe, wo für moderne Bedürfnisse moderne Gesetze gefunden werden mußten, wollte seinem konservativen Schädel nicht eingehen.

Ähnlich rückständige Ansichten, aber in minder liebevoller Form, wie Heinrich Lehmfink, äußerte in einem Briefe Fritzens Schwester Konstanze über den Roman.

Fritz hatte seiner Familie wohlweislich kein Exemplar zugeschickt; wußte er doch, daß die Lektüre bei ihnen nur moralische Entrüstung auslösen würde. Nun hatten sie sich den Roman selbst angeschafft; eine Verschwendung, die er ihnen gar nicht zugetraut hätte.

Wie Fritz erwartet hatte, war der schwesterliche Brief voll von Vorwürfen. Alles an dem Buche fand Konstanze tadelnswert: den »gräßlichen Titel« und den »unanständigen Inhalt«. Warum denn Fritz nicht wenigstens ein Pseudonym gewählt hätte? Es sei für die Familie höchst widerwärtig, den Namen Berting in Verbindung mit einer solchen Sache durch alle Zeitungen gezerrt zu sehen. Frau Wedner legte eine Kritik bei, die sie aus einem christlich-konservativen Blatte ausgeschnitten hatte. Daraus könne Fritz ersehen, wie die anständigen Leute über seine Leistungen dächten. Wedner habe gesagt, es sei ihm ganz besonders peinlich, daß sein eigener Schwager jener revolutionären und frivolen Geistesrichtung angehöre, die jetzt aufkomme, da er es sich zur Lebensaufgabe gemacht habe, die Nuditäten in Kunst und Litteratur zu bekämpfen. Dann der Ausruf: »Was würde unser herrlicher Vater dazu sagen!« – Ob Fritz denn alle Pietät abhanden gekommen sei? Ob er denn nicht etwas Rücksicht nehmen wolle auf die Gefühle der Schwester und auf die Stellung des Schwagers? –

Er zerriß den schwesterlichen Brief. Man wußte wirklich nicht, sollte man über ein solches Dokument hirnverbrannten Mißverstehens lachen, oder sich ärgern! –

Rücksicht nehmen? – Pietät? – – Hatte er wirklich der Familie soviel zu danken, daß sie diese Forderung an ihn stellen durfte? –

Sein »herrlicher Vater«! Wie Hohn klang das Wort ihm ins Ohr. Nicht einen Freund und Führer hatte er im Vater gehabt, nein, einen pedantisch verständnislosen Zuchtmeister, der nur immer bestrebt gewesen war, mit der Schere der Korrektheit beim Sohne die Triebe der Eigenart zu verschneiden.

Und die übrige Familie! Das beste, was er besaß, seine Dichterbegabung, hatte er gegen ihre nörgelnde Mißbilligung verteidigen müssen. Immer nur hatten sie versucht, ihn von seinem Wege abzulenken. Nie war ihm ein Wort des Verständnisses, des liebevollen Eingehens auf seine Anlagen, seine Bedürfnisse, von jener Seite gekommen. Nur immer verdächtigt und verkleinert hatten sie ihn, gerade in seinem Besten ihn herabzuziehen versucht.

Er war weder dem Andenken des Verstorbenen Pietät, noch den Lebendigen Rücksicht schuldig.

Schließlich trug ihm das neue Buch auch einen unerwarteten Besuch ein.

Theophil Alois Hilschius erschien eines Sonntags vormittags in Fritzens Zimmer, mit feierlicher Miene, schwarz gekleidet, wie zu einem Leichenbegängnis.

Es stellte sich heraus, daß der Dichter des »Sulla« dem Verfasser des »Geschlecht« seinen kollegialen Glückwunsch darbringen wollte.

Theophil Alois entledigte sich seiner Aufgabe mit Würde. Sah er vielleicht im Geiste schon die Kommentare und Abbildungen, die sich in der Zukunft an ein derartiges Ereignis der Literaturgeschichte knüpfen würden? –

Der junge Mann lobte das Buch. Vor allem habe ihn daran das Physiologisch-Pathologische interessiert. Auch er habe sich mit ähnlichen Problemen getragen. Er sei entschlossen, sich nunmehr dem Gebiete des analytischen Romanes zuzuwenden. Es fehle uns in Deutschland diese Kunstgattung noch ganz und gar. Er werde, um diesem Mangel abzuhelfen, demnächst einen Roman-Cyklus zu schreiben beginnen, der das gesamte zeitgenössische Leben umfassen sollte und auf einige zwanzig Bände berechnet sei. – Fritz Berting mußte die nähere Auseinandersetzung des Planes zu diesem »monumentalen Werke« der »Zeit- und Massenpsychologie«, wie der zukünftige Autor es selbst nannte, geduldig über sich ergehen lassen.

Aber Theophil Alois Hilschius verband mit diesem Besuche noch eine andere Absicht. Er habe seine Maturitätsprüfung bestanden, berichtete er. Fritz gratulierte und erkundigte sich, wohin sich der junge Herr nunmehr zu wenden gedenke. Seine Mutter habe ihm einen Check über dreitausend Mark gegeben, ließ Theophil mit gut gespielter Gleichgiltigkeit fallen. Er solle eine Reise machen. Aber da er gar keine Lust verspüre, allein zu reisen, sei er gekommen, Herrn Berting zu fragen, ob der ihn nicht begleiten wolle, selbstverständlich auf seine, Hilschius, Kosten.

Fritz war über diesen Vorschlag einigermaßen erstaunt. Er erkundigte sich zunächst, wo denn die Reise hingehen solle. Theophil meinte, das sei ihm im Grunde gleichgiltig. Aus Landschaft mache er sich nichts, das Psychologische sei ihm alles. Jedoch wäre er bereit, eine Reise ans Nordkap zu unternehmen, obgleich er das Meer brutal fände. Übrigens habe er einen Brief abzugeben von seiner Schwester Annie.

Frau Eschauer schrieb an Fritz Berting: er habe Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun, wenn er ihren Bruder auf seiner ersten Reife begleite. Sie schlug Norwegen vor. Auf der Rückfahrt sollten die beiden nach Rügen kommen, wo sie mit dem Gatten und einigen Freunden sein würde. Ihre Ansicht über seinen Roman könne sie Fritz nur mündlich sagen. Der Schluß war ein: »Auf Wiedersehen am Strande von Binz!«

Der Plan hatte viel Verlockendes. Er war wie die plötzlich vom Himmel gefallene Erfüllung eines unmöglichen Wunsches, mit dem man gelegentlich schon geliebäugelt hatte. Das Nordland! Was verbanden sich mit dem Begriff für Erwartungen unerhörter Naturschönheit, zauberhafter Stimmung des Primitiven, Urkräftigen, Unentweihten. Und darüber als feinster Duft die geistigen Beziehungen, die den modernen Menschen mit jenen durch ihre großen Dichter plötzlich aktuell gewordenen Ländern verbanden. –

Gerade in den letzten Wochen hatte Fritz Berting einen unbändigen Drang in sich gefühlt nach Natur. Die Stadt war ihm wieder einmal ganz unerträglich geworden. Hitze und Staub des Hochsommers hatten das enge Quartier in ein Infernum verwandelt. Durch Ausflüge, Spaziergänge, Dampfschifffahrten hatte er sich Abwechselung zu schaffen versucht. Aber auf die Dauer langweilte das. Die Umgebung der Stadt, die anfangs durch eine gewisse Anmut und Niedlichkeit seinen Beifall erregt hatte, war ihm eintönig und schal geworden, wie ein süßer Trank ohne kräftiges Aroma. Diese niederen Höhen waren ja nur Ansätze zu Bergen, der Fluß, jetzt wieder ganz seicht, die Karikatur eines Stromes; und die viel gepriesenen Felsen und Schluchten des Duodezgebirges oberhalb der Stadt erinnerten ihn an Theaterkulissen. Und dazu überall die Restaurationen, Haltepunkte, Ruheplätze und Aussichtstürme! Alles bebaut, verschönert, korrigiert, reguliert durch die Menschenhand. Und selbst da, wo aus Versehen ein Stück Natur in seiner ursprünglichen Keuschheit geblieben war, nichts Imposantes. Eine Landschaft, die weder Fleisch war noch Fisch. Nicht Ebene mit der Größe der Einförmigkeit in unendlicher Ausdehnung, und auch nicht Hochgebirge mit der Wucht der Massen und der Klarheit großer Formen und Linien. Es war die Unklarheit des Zwitterdinges, des Überganges vom Mittelgebirge in die Ebene, von Land in Stadt, was dieser Gegend den Stempel des Unbedeutenden, Erkünstelten und Spieligen aufdrückte.

Und Fritz brauchte gerade in dieser Zeit den Anblick von Großem, Ursprünglichem. Seit er sein Buch veröffentlicht hatte, kam er sich so zwecklos vor. Er war auf der Suche nach neuen Impulsen, nach Ausfüllung, nach einem Ersatz für das, was er an Kräften hergegeben hatte. Wohl regten sich Stimmungen in ihm, Töne erklangen, schüchtern klopften Gedanken an; aber verdichtet zur geschlossenen Idee hatte sich davon noch nichts. Ein starker Eindruck von außen, das wußte er aus Erfahrung, machte oft die gährenden, nach einem Mittelpunkte suchenden Elemente sich schneller und schöner zum Kristalle zusammenschließen.

Nichts war in solch kritischer Zeit der Empfängnis, wo die Urzellen heranwuchsen des zukünftigen Kunstwerkes, gleichgiltig, nicht die Luft, in der man lebte, nicht die Bilder, die das Auge aufnahm. Auch darin waren Künstler und Mütter einander ähnlich; Genuß, Stimmung, Beschäftigung, die leichten Strömungen an der Lebensoberfläche, wirkten doch hinab bis in jene geheimnisvollen Gründe, wo die keimende Frucht ihre Säfte aus dem ganzen Organismus an sich zieht.

Zu der inneren Sammlung aller Seelenkräfte, aus der allein eine Dichtung ihren Ursprung nehmen kann, war Fritz Berting in der letzten Zeit nicht gekommen. Er hatte viel des Aufreibenden, Unerquicklichen und Häßlichen erlebt. Da war die ewige Geldfrage, mit ihren empfindlichen Demütigungen im Gefolge. Dann der Kampf mit der Quartierwirtin, die nun, wo es feststand, daß die Mieter ausziehen würden, ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen suchte. Das Erlebnis mit dem Stuckateur Glück trug auch das seine dazu bei, Fritz Berting den Boden unter den Füßen heiß zu machen. Am schwersten aber lastete auf seinen Nerven die trübe, gedrückte Stimmung, in der Alma sich neuerdings befand.

Fritz hatte dem Mädchen gegenüber von der Notwendigkeit gesprochen, zukünftig in getrennten Quartieren zu wohnen. Er war der Ansicht, daß dies für beide Teile besser sei, ein jedes könne dann seiner Beschäftigung ungestörter nachgehen. Auch entgehe man dann leichter dem Klatsch und der Neugier Dritter, von denen sie genug zu kosten bekommen. Fritz hatte sich daraufhin auch schon Quartiere angesehen. Eines, das in der Nähe des Geschäftes lag, für welches Alma arbeitete, schien ihm sehr zweckentsprechend. Wohin er selbst ziehen würde, wußte er noch nicht.

Seinen Vorstellungen, daß man bei einer solchen ja nur rein äußerlichen Trennung viel mehr von einander haben werde, schenkte Alma keinen Glauben. Mit Gründen der Logik war ihr nicht beizukommen. Wenn sie sich überhaupt darauf einließ, mit ihm über den Umzugsplan zu sprechen, so war ihre einzige, stets wiederkehrende Behauptung: »Es geschieht nur, weil du mich satt hast!« – Und ihre trübe Miene und der verzweifelte Blick sagten, daß es ihr mit dieser Furcht wirklich ernst sei. Sie war nicht dazu zu bewegen, sich die Wohnung, in die sie ziehen sollte, auch nur von außen anzusehen. Fritz aber fand es sehr aufreibend, ihren Widerstand zu bekämpfen. Wenn er es mit trotziger Auflehnung zu thun gehabt hätte, wäre ihm das noch lieber gewesen, als diese stummen, vorwurfsvollen Mienen und langweiligen Thränen.

Alma wußte es eben nicht – und man durfte es ihr auch nicht sagen –, wie groß die Gefahr sei, die in dem steten Zusammenleben, in dem Eng-aneinander-gebunden-sein ihre Liebe bedrohte. Wieviel Anmut und Reiz büßte ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre ganze, körperliche Gegenwart ein, dadurch daß Fritz sie oft in den ernüchternden Situationen des Alltagslebens sah. Wie wurde selbst das Feuer ihrer Umarmungen abgeschwächt, weil er sie nicht zu suchen brauchte, sie haben konnte, wann er wollte.

Das arme Ding ahnte nicht, wie begrenzt das Maß sinnlicher Anziehung ist, welches auf die Dauer eine Frau auf den Mann auszuüben vermag. Sie wußte nichts von der Ökonomie des Genusses, welche die Frau üben muß, will sie den Mann für immerdar an sich fesseln. Ein geistiges Sich-in-einander-einleben war bei diesem Paare ausgeschlossen. Alma klammerte sich ängstlich an das Einzige, was ihr von dem Geliebten gewährt wurde, an seine leibliche Gegenwart. Immer inniger wollte sie ihn an sich binden; am liebsten hätte sie ihn Tag und Nacht an ihrer Seite gehabt, im stillen schon argwöhnend, daß er sich zurückziehen wolle von ihr. Daher die verzweifelte Glut ihrer Hingabe. Nur wenn sie nahe bei einander waren, wußte sie, daß er ihr ganz sicher sei. Nichts ahnend trieb sie ein gefährliches Spiel; niemand sagte ihr, daß durch tägliche Auszahlung in kleiner Münze der Liebesschatz, so groß er anfänglich gewesen sein mochte, mit der Zeit unwiderbringlich verrinnen mußte.

Fritz, der als Mann in viel höherem Grade befähigt war, sich über das Liebesverhältnis verstandesmäßig bewußt zu erheben, als das Mädchen, dem ihre Liebe heiligster Lebensinhalt war, Fritz sagte sich ganz nüchtern, daß eine Trennung noch am ersten ihre Neigung verjüngen werde. Das Verlangen zu einander würde wachsen, dem Bedürfnis der Zärtlichkeit neues Blut zugeführt werden. Mit gutem Gewissen konnte er Alma für einige Zeit verlassen; auch ihr würde ja das Beste zu gute kommen von den starken Eindrücken, dem freien, sorglosen Leben, die er da draußen auf dem Meere, im Nordland zu genießen hoffte. Ein feuriger Liebhaber würde er zurückkehren in die Arme seines Mädchens.

Fritz Berting erwartete Großes von dieser Reise. Der Künstler in ihm wollte neue Farben, neue Strahlen einheimsen aus dem ewig mannigfaltigen Spektrum der Natur. Seine Liebe wollte er schützen vor den Gespenstern der Langeweile und des Überdrusses, die ihr schon einigemale drohend gewinkt hatten. Und sein ganzes Dasein sollte ein frischerer Luftzug befreien, vom Spinnweb der üblen Laune, der Sorge und des Zweifels.


Zweiter Band

Drittes Buch 

Seit vierzehn Tagen etwa befand sich Fritz Berting in Binz, wo seine und Theophils Nordlandreise ihren Abschluß gefunden hatte. Annie Eschauer war da mit ihrem Gatten und einem Troß berliner Freunde. Sie stand im Mittelpunkt eines größeren Kreises, wie er sich in der Zwanglosigkeit des Badeaufenthalts leicht zusammenfindet. Der Bankier Eschauer, ein Mann in den Fünfzigern, dessen Prinzip im Geschäft wie im Privatleben sich in die gern von ihm gebrauchten Worte: »nicht unnütz aufregen!« zusammenfassen ließ, legte dem Amüsementsbedürfnis seiner um zwanzig Jahre jüngeren Frau nichts in den Weg. Eifersucht unter Eheleuten rechnete er zu den Gefühlsduseleien, die gleich hinter Gedichtemachen kamen. Daß Annie sich für Kunst interessierte, war in Herrn Eschauers Augen zwar Zeitverschwendung, wie alles, was nicht Geld einbrachte, aber er gestattete seiner Frau diesen »Idealismus«. Sie ließ ihm dafür sein Interesse für Varieté, Ballett, und Nachtcafé. –In Binz langweilte sich Herr Eschauer. Das ewige  Segeln, am Strand Krocket spielen und in den Wald laufen war nicht nach seinem Geschmack. Er verschwand gelegentlich zu selbständigen Ausflügen; und Eingeweihte wollten wissen, daß er dann eine Dame der berliner Halbwelt aufsuchte, die in einem Fischerdorfe der Festlandsküste ihre Sommerfrische verbrachte. Fritz Berting fühlte sich in der Gesellschaft, die Frau Annie um sich versammelt hatte, nicht allzu behaglich. Er empfand einen gewissen mit Beklemmung gepaarten Widerwillen Leuten gegenüber, die das Geld ausgaben, als sei es nichts, und denen es in Wahrheit doch alles war. Ein Mensch wie er, der auch nicht den geringsten Anfang zu einer Million besaß, mußte in solcher Gesellschaft notwendig outsider bleiben. Sein Künstlertum gab ihm keinen Freipaß; denn Bücherschreiben war in ihren Augen eine fragwürdige Beschäftigung, vor allem, wenn man nicht große Honorare zur Entschuldigung seines Metiers anführen konnte. Frau Annie war sehr freundlich gegen Fritz. Sie suchte ihm den Aufenthalt in Binz so angenehm wie möglich zu gestalten, gab ihm vor aller Augen in auffälliger Weise Beweise ihrer Gunst. Es waren da drei junge Leute, Mitglieder der berliner jeunesse dorée, die Annie den Hof gemacht hatten, ehe Fritz und Theophil an diesem Strande gelandet waren, und die sich nun in ihrem Zeitvertreib gestört sahen. Es fehlte nicht an versteckten Sticheleien, die Bezug hatten auf Frau Annies ideale Freundschaft mit einem Dichter. Jene drei  Jünglinge besaßen den schnodderigen Witz des Berliners, der ein Todfeind ist jedes feineren Gefühls. Fritz kannte diesen kalten, cynischen Ton nur zu gut aus alter Erfahrung, er kannte auch die Skepsis, mit der man sich selbst beobachtete, bewachte, zersetzte, kannte den schneidenden Hohn, mit dem man grausam über den nächsten Freund, über die Mitglieder der eigenen Familie herfiel, um sich und der Welt zu beweisen, daß man Zartgefühl als überwundenen Standpunkt betrachte. Einer dieser Herren war verlobt; das heißt, zwei Familien hatten sich dahin geeinigt, daß sich Million mit Million verbinden solle. Die Braut und ihr Anhang waren ebenfalls in Binz. Das junge Mädchen, eine siebzehnjährige Schönheit von rabenschwarzem Haar, Elfenbein-Teint und dem Wuchs einer Gazelle, wurde leider durch starkes Schielen entstellt. Von niemandem bekam sie diesen Fehler öfter vorgeworfen, als von ihrem Bräutigam. Und dieser Gemütsmensch wurde wiederum von der ganzen Gesellschaft mit dem »Um-die-Ecke-gucken« seiner Zukünftigen in sinniger Weise gehänselt. Auch Theophil Alois Hilschius sollte der allgemeinen Spottsucht nicht entgehen. Kaum hatte man entdeckt, daß er das Dichten nicht lassen könne, so wurden bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit Verse von ihm verlangt. Der Dichter des ›Sulla‹ freute sich anfangs über die Popularität seiner Muse. Dann jedoch merkte er die Verhöhnung und zog sich grollend zurück. Einzig in den  Augen des schielenden Mädchens glaubte er ein gewisses, ernsteres Verständnis zu lesen. Man sah in Zukunft Theophil und die Braut öfter allein wandeln, am Strande oder auf einsamen Waldwegen, wo er sie jedenfalls zum Opfer seiner poetischen Eingebungen machte. Für Fritz bedeutete das eine Erleichterung. Er hatte unter Theophil während der letzten Monate schwer zu leiden gehabt. Durch seine Stellung als Reisebegleiter war Fritz an diesen Jüngling gefesselt gewesen. Sie hatten herrliches Wetter gehabt, und die ewige Schönheit von Meer, Küste und Gebirge hatte sich vor ihnen aufgethan, rein und groß wie vor tausend anderen Wanderern. Aber Theophil zeigte sich als einer jener schlimmen Mitreisenden, die einem die schönste Landschaft verekeln können. Entweder er erklärte, oder er kritisierte. Und noch ärger war es, wenn ein besonders schöner Blick, ein Sonnenuntergang über hochgehenden Meereswogen, oder die geheimnisvolle Stimmung einer taghellen Nacht in ihm den Poeten herausforderten. Jedes solche Erlebnis mußte in die Form eines Gedichtes gegossen werden. Fritz Berting würde gar nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, wenn der Reisegefährte seine Einfälle für sich behalten hätte; aber dieser junge Mensch hatte die Eigentümlichkeit, einer Henne ähnlich, mit freudigem Gegacker anzukündigen, daß die Weltlitteratur wiederum um ein neues Opus von Theophil Alois Hilschius bereichert sei. Außerdem hielt er es für Freundschaftspflicht, Fritz jedes Neue, was er empfangen hatte, vorzulegen. Hatte aber Fritz  Berting etwas auszusetzen, dann sprach der Dichter von »Verständnislosigkeit« und schmollte; was, da man nun einmal auf einander angewiesen war, auch nicht zu den Annehmlichkeiten gehörte. Übrigens führte Berting einen Reisebegleiter mit sich, der ihm über Schlimmeres als Theophils Banalität hinweggeholfen hätte: Friedrich Nietzsches »Also sprach Zarathustra«. Als habe er geahnt, daß er durch diesen einen Band auf Wochen hinaus mit Geistesnahrung überreichlich versorgt sei, hatte er kein weiteres Buch seinem Gepäck einverleibt. Auf dem Meere las er den Zarathustra. Wie der Fromme die Bibel oder das Gesangbuch, so schlug er das hohe Lied des großen antichristlichen Sängers auf, an jeder beliebigen Stelle, und berauschte sich an dem gewaltigsten Dithyrambus auf den Menschen. Wunderlich verschmolz ihm der Inhalt des Gedichtes mit der Szenerie um ihn her. Beide waren sie für ihn neu, der Ozean und Nietzsche, und bald wußte er nicht mehr, wer von dem Paare der größere Hexenmeister sei. Etwas Herbes, Salzgeschwängertes, wie der boshaft unberechenbare Seewind, wehte aus diesen Blättern. Ein Riesenhorizont, große, gesammelte Einsamkeit, klare, eisige Luft, darunter die graue, kühle Flut mit der Ahnung unerhörter Wunder in ihrer gefährlichen Tiefe. Und als kühner Wiking nur das eine Boot mit dem einen Manne darin, der das Wort geprägt hatte: »Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß!« – Wie er mit  Bewußtsein hinaussegelte, in seinem Rücken lassend alles, was bisher als Festland gegolten hatte: Staat, Familie, Gott. Hinaus über alle Ziele und Ideale hinweg, in die Einsamkeit hinein des eigenen Gesetzes, ein Voraussetzungsloser, der jauchzend alle Fesseln von sich wirft der Erdenschwere, der nichts mehr lieben, nichts glauben und hoffen will. Mit diesem Lotsen zu segeln, war furchtbar schmerzliche Lust. Emporgehoben wurde man auf die steilsten Höhen der Erkenntnis und Freiheit, um gleich darauf hinabgestürzt zu werden in das Wogenthal engster beängstigender Widersprüche. An wieviel fürchterlichen Klippen ging die atembenehmende, rasende Fahrt in schwindelnder Knappheit vorüber. 
Himmelssüße, lockende Töne unsichtbarer Äolsharfen, auf denen der Meeresatem spielte: der Sirenengesang Nietzschescher Lyrik. Dazwischen Rufe höhnender Seevögel, grausige Schreie wie von ertrinkenden Seelen. Eine ehern einherschreitende gebundene Sprache, gleich dem Rhythmus der Meereswellen, der ältesten Musik der Welt. So tönte es aus diesem Buche, so starrte es einen an, wie das grausam versteinernde, unmenschliche Medusenangesicht des Ozeans. Das war Nietzsche. In dieser Umgebung mußte man das Phänomen Zarathustra erleben. Fritz war es, als würde jeden Tag eine Welt in ihm zerstört und eine Welt aufgerichtet. Seit Richard Wagners Tonschöpfungen zum ersten Male auf ihn eingestürmt waren, hatte er ein solches Wühlen in den Gefühlen, ein solches  Zerren an den Nerven, wie von einer Riesenfaust, nicht gespürt. Auch hier war etwas wie Musik, ein Klingen und Jauchzen, ein Hüpfen und Tanzen, ein Entschweben und Wiederkehren, ein Auseinanderreißen, Gegeneinanderstürmen in Dissonanzen und Zusammenfließen in Harmonieen. Von diesem Werke ging eine große Weihestimmung aus, wie von den heroischen Geschicken eines Trauerspieles. Ein Ton aus diesen scheinbar gottlosen Strophen rührte an die innerste religiöse Natur des Menschen. In Gegenwart eines solchen Riesen selbst schaffen zu wollen, schien undenkbar; auch nicht eine Zeile wäre geglückt. Fritz Berting fühlte sich gelähmt, wie vernichtet in seinem Selbstgefühle. Hier konnte man nur staunen und sich wehren, niemals nachwandeln. Auf lange hinaus würde dieses Erlebnis in ihm nachzittern, ähnlich wie der Wogengang des Meeres den Seefahrer auch auf dem Festlands noch in seinem Takt und Banne erhält. Für einen, der sich mit Zarathustra hinausbegeben hatte in die Einsamkeit grandiosester Menschenverachtung, war es schwer sich zurechtzufinden auf dem Ententeiche alltäglicher Geselligkeit. »Sie sehen aus wie der personifizierte Katzenjammer!« sagte Frau Annie zu Fritz. Eingehend erkundigte sie sich nach seinem Schlaf und seiner Verdauung, mit jener ihr eigenen Mischung von Ungeniertheit und Gutmütigkeit, der gram zu sein schwer war. Sie nannte ihn ihr »Dichterbaby« und sprach davon, ihn an Kindesstatt annehmen zu wollen. Wirklich hatte ihre Sorge für ihn etwas Mütterliches. So war sie unter anderem in Berlin für die Verbreitung seines Romanes thätig gewesen, hatte bekannte Kritiker persönlich aufgesucht und sie gebeten, das Buch zu besprechen. Und auch von Rügen aus schrieb sie Briefe in Fritzens Interesse, ohne daß er sie darum besonders ersucht hätte. Bei einer Mondscheinpartie erkältete er sich. Frau Annie ließ es sich nicht nehmen, ihn zu pflegen. Sie blieb seinetwegen sogar von einer Segelpartie zurück, die sie selbst arrangiert hatte. Unbewacht könne man ein Baby nicht lassen, erklärte sie. Annie Eschauer hatte etwas in ihrem Wesen, das einem alle Dinge leicht und selbstverständlich erscheinen ließ. Der gewagtesten Situation wußte sie durch eine witzige Bemerkung die Spitze abzubrechen. Sie war nicht ohne Geist frivol; dadurch unterschied sie sich angenehm von ihrer Umgebung. Aber der starke sinnliche Eindruck, den sie bei den ersten Begegnungen auf ihn gemacht hatte, war verflogen. Ihre Erscheinung gehörte zu denen, die eines effektvollen Hintergrundes, der bengalischen Beleuchtung bedürfen, um zu wirken. In der schlichten Umgebung von Wald und Flur erschien diese stark passierte Großstadtdame deplaciert. Annie ließ auch hier nicht von der Gewohnheit, sich mit Schmuck zu beladen und die grellsten Farben zu tragen. Leider verrieten Sonnenschein und Seeluft erbarmungslos den kupfrigen Teint ihres aufgeschwemmten Fleisches. Fritz sah sie zum ersten Mal zusammen mit ihrem Manne. Die Art, wie Annie mit diesem kahlen Faun verkehrte, genügte, um einem alle Illusionen zu benehmen. Berting wußte sich Frau Annie gegenüber wunschlos, das erleichterte ihm den Verkehr. Was die Gesellschaft der Badegäste von ihnen denken mochte! – Höchst wahrscheinlich nahm man ein Liebesverhältnis an. Fritz hatte keine Veranlassung, Annies Ehre in den Augen von Menschen reinzuwaschen, die das Unanständige immer für das Wahrscheinlichste halten. Er befand sich in einem Seelenzustande, in dem ihn die Menschen überhaupt nicht wesentlich stören konnten. Solches Phäakendasein hatte er lange nicht genossen. Keine Sorgen, keine aufreibenden Plackereien. Für alle seine Lebensbedürfnisse war gesorgt. Ihm wurde zu Mute wie einem Sohne der Landstraße, der, nachdem ihn die Not tüchtig am Ohre gezaust, sich einmal im lauen, alle Poren öffnenden Bade wohlig strecken darf. Dabei waren die feinsten Organe dichterischer Konzeption in ihm thätig. Die Nerven der tieferen Schichten schliefen nicht, trotz der laffen Trägheit des Körpers. Dort im untersten, unbewußten Triebleben bereitete sich etwas vor, meldete sich Neues zum Leben, klopfte einlaßbegehrend an die Pforte des helleren Bewußtseins. Wie Musik zog es durch seine Sinne, gleich den Tönen eines fernen Konzerts, von dem man nur hie und da eine Schallwelle auffängt. Farben leuchteten auf vor seinen halbgeschlossenen Augen, wie matte Blitze am Horizont. Er kannte diesen Zustand  gespannter Nervenempfindlichkeit nur zu gut, mit dem sich das Nahen der neuen Idee anzukündigen pflegt. Dazu die heitere, warme Spätherbstsonne, die freundlich helfen zu wollen schien, seine Früchte zu reifen. Die still zuschauende Umgebung des verschwiegenen Buchenwaldes, die sanft melodischen Konturen der Rügenschen Küste, als Staffage seiner Stimmungen. –Hie und da grollte in seinem Traum der Donner der unlängst durchschifften Ozeanwogen, leuchteten die Schneewüsten und Felseinsamkeiten der Nordlandsküste hinein. Und das Meer, das er mit Zarathustra-Nietzsche befahren hatte, ließ noch immer seinen rätselhaften Rhythmus in ihm nachklingen. Fritz Berting saß unter einem der großen knorrigen Eichbäume, die auf dem freien Sandplatz vor dem Hotel, als einziger Rest ehemaliger Waldespracht, übrig geblieben waren, als der Portier kam und ihm einen Brief überreichte. Der Poststempel und die etwas ungelenke Handschrift der Adresse sagten ihm, von wem der Brief komme. Alma schrieb:»Mein lieber Fritz!Habe vielen, vielen Dank für die hübschen Karten, die Du mir unterwegs geschrieben hast. Ich habe mich immer so gefreut, wenn eine kam und bin gleich an das  Schaufenster des Buchhändlers gelaufen, wo Du Deine Bücher kauftest. Dort ist jetzt eine große Karte ausgestellt, da konnte ich einige von den Orten finden, wo Du gewesen bist. Habe auch herzlichen Dank, daß Du mir Deine jetzige Adresse mitgeteilt hast, nun kann ich Dir doch endlich auch einmal etwas wissen lassen. Es hat mir so herzlich leid gethan, daß Du nicht ganz wohl warest. Bitte, lieber, lieber Fritz, werde nicht krank! Wenn Dir etwas zustieße, das könnte ich garnicht ausdenken. Leben möchte ich dann auch nicht weiter. Was bin ich denn ohne Dich? – Schreibe mir nur recht bald, oder komme selbst! Ich bin schon ganz krank vor Sehnsucht. Herr Lehmfink fand neulich, als er mich auf der Straße sah, daß ich recht elend aussähe. Das kommt nur von der Sehnsucht, weiter ist es nichts. Nun muß ich Dir noch etwas recht Trauriges erzählen, lieber Fritz. Ludwig Glück schrieb neulich an mich. Es waren nur ein paar Zeilen mit Bleistift. Er lag nämlich wieder im Hospital. Ich möchte doch nur um Christi Barmherzigkeit willen kommen, es gehe mit ihm zu Ende. Ich weiß, Du wirst mir nicht böse sein, daß ich hingegangen bin. Höre nur, wie alles weiter kam. Ludwig hatte wieder sein Blutspucken bekommen. Er war ja so schwach auf der Brust schon als junger Mensch. Der Krankenwärter sagte mir auch gleich, lange habe er nicht mehr zu leben. Ludwig freute sich sehr, daß ich zu ihm gekommen bin. Wir haben dann lange gesprochen von der Zeit, wo er mit uns im Hause lebte,  von meinen Eltern, und allem, was man gemeinsam erfahren hat. Er sagte mir auch noch einmal, wie sehr er mich immer geliebt hat. Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte sehr weinen, wie der arme Mensch so redete. Dann meinte der Arzt, ich müsse gehen, weil es ihn so aufregte. Am nächsten Morgen kam ich wieder, aber da war Ludwig schon tot. Sie sagten mir, er sei gegen Mitternacht heimgegangen. Ich war sehr betrübt. Ludwig ist doch ein guter Mensch gewesen, und ich muß ihm für so manches dankbar sein. Ich bin auch mit zu Grabe gegangen, er hatte ja sonst keine Seele hier, die nach ihm fragte. Wegen eines Grabsteins hätte ich gern an Dich geschrieben, lieber Fritz, ob Du erlaubst, daß ich einen anschaffe, aber ich wußte ja damals Deine Adresse noch nicht. Ich wollte nämlich von dem Gelde, das ich verdiene, ihm einen Stein setzen lassen aufs Grab mit seinem Namen und einem Spruch. Nun machten sie mir aber deshalb viele Schwierigkeiten. Als ich mir keinen Rat mehr wußte, da bin ich zu Herrn Lehmfink gegangen. Der war so freundlich, alles in Ordnung zu bringen. Der Stein ist schon in Arbeit. Herr Lehmfink läßt Dich grüßen. Ach, komme nur recht bald zurück, mein lieber, lieber Fritz. Acht ganze lange Wochen sind es nun schon, mir kommt es vor wie ein Jahr, daß Du weg bist. Die neue Wohnung von mir ist viel hübscher, als  die alte, und die Leute sind auch anständiger hier. Wenn Du nur erst da wärest!Es grüßt und küßt Dich viel tausendmal Deine Dich innig liebendeAlma Lux.« Als Fritz diesen Brief zu Ende gelesen hatte, litt es ihn nicht länger auf seinem Platze unter der Eiche. Er hatte zwar eine Verabredung mit Frau Annie zum Spazierengehen; aber der Gedanke an diese Gönnerin war ihm mit einem Male peinlich geworden. In der offenen Veranda des Hotels, an der er vorbei mußte, um nach dem Walde zu gelangen, saßen einige von Frau Eschauers Bekannten. Die jungen Leute riefen ihn an, er möge zu ihnen hinauf kommen. Fritz dankte und schritt eilig weiter. Er hörte etwas wie: »Annies Dichterbaby« hinter sich dreinschallen und das übermütige Gelächter der Berliner. Diese Menschen wußten nicht, wie sie ihm den Entschluß erleichterten, den er soeben gefaßt hatte, zu reisen. Almas Brief war für ihn gewesen wie ein Ruf. Im Innersten ergriffen fühlte er sich von ihren Zeilen, die für ihn so unendlich viel Unausgesprochenes enthielten. Die ganze Persönlichkeit in ihrer Natürlichkeit, das kindergute Vertrauen, die unaufdringliche Herzensgüte des Mädchens standen dahinter. Noch soviele großtönende Worte hätten ihm nicht die Gewißheit geben können, die ihm dies gab, daß er geliebt werde, daß ein einfaches gutes Herz in Zärtlichkeit und Treue für ihn schlage. Was wollte er noch mehr! –  Fritz hatte eine bewaldete Anhöhe erstiegen, die den Ausblick gestattete auf ein Stück der ins Meer hinausstrebenden Küste. Er setzte sich auf die Bank und ließ seinen Blick der schön geschwungenen Uferlinie folgen. Schlichte, liebliche deutsche Landschaft. Graugrünliches Meer, ein blaßblauer Himmel darüber hin mit weißen Federwolken. Buchenkronen, herbstlich ins Braunrot übergehend, brachten den einzigen lebhafteren Ton in die helle Palette dieses Freilichtgemäldes. Seine Gedanken waren weit weg. Die Eindrücke der letzten Wochen schienen mit einem Male verwischt. Der Brief zauberte ihm das Angesicht des Mädchens, das fast schon zu verblassen angefangen hatte, in greifbarer Körperlichkeit vor die Sinne. Alles was sein Auge umfaßte an Schönheit, gab nur einen Rahmen ab für das Bild der Geliebten. Hier in der Einsamkeit von Himmel, Wald und Meer empfand er es stark und innig: seine schlichte, gute, warmherzige, treue Alma war es, die er liebte. Ein Stück Mensch gewordene Natur war dieses Kind aus dem Volk, rein und gesund wie die Luft. Ein Reinigungsbad, herzstärkende Erquickung würde sie ihm sein in ihrer Frische nach der Übersättigung des raffinierten flauen Schlaraffenlandes, in welchem er jetzt vegetierte. Was bedeutete es ihm, daß dieses Mädchen einen mangelhaft stilisierten und nicht durchweg logischen Brief schrieb! Da doch jede Zeile bewies, daß sie die große weibliche Liebeslogik des Herzens besitze. Fritz Berting erhob sich und ging noch tiefer in den Wald hinein, denn einige hundert Schritte weiter unten hatte er eine rote Toilette durch die grauen Stämme schillern sehen. Er argwöhnte, daß es Annie sei, die sich aufgemacht habe, ihn zu suchen. Er wollte sie jetzt nicht sehen. Schwierig genug würde es werden, ihr begreiflich zu machen, daß er abreisen müsse. Er wandelte auf einem schmalen Pfade, der vielleicht nur ein Wildwechsel war, durch den Urwald. Alles führte ihn zu Alma zurück. In der träumerischen Schönheit, in der natürlichen Frische um ihn her war sie. Das sanfte Rauschen der Baumkronen, der würzige Duft des Mooses, die Kühle des beschatteten Erdreichs, die lustigen, huschenden Schatten- und Lichtflecken an den Stämmen, alles was lieblich, freundlich, heiter und sonnig war, erinnerte an sie. Er dachte an das letzte Zusammensein mit ihr. Es war ein linder Augustabend gewesen. Sein Zug ging kurz nach Mitternacht; es lohnte nicht, zu Bett zu gehen. Zum letzten Male waren sie beisammen in den Räumen, die ihnen über ein Jahr lang Obdach gewährt hatten. In seiner Abwesenheit sollte das Mädchen umziehen. Alma weinte bitterlich. Er setzte ihr wohl zum zehnten Male auseinander, aus welchen Gründen dieser Umzug nötig sei. Alles, was er nur ersinnen konnte, brachte er vor an Trostgründen, um ihr den Übergang in die neuen Verhältnisse zu erleichtern. Er wußte ja, was ihre geheime Furcht war: daß er ihr fremd werden,  daß das Verhältnis gelockert werden könnte, wenn er nicht mehr mit ihr zusammen wohnen würde. Da warf sie sich ihm mit einem Male leidenschaftlich begehrend um den Hals. Das sanfte, schämige Geschöpf wie verwandelt! Plötzlich war sie die Heiße, Liebeglühende geworden, die sich anbot, rückhaltlos fordernd. Mann und Weib hatten die Rollen vertauscht. Er wurde von ihr hingerissen, verführt, überwältigt. Für einmal vergaß er unter ihren trunkenen Liebkosungen alle Vorsicht, angesteckt von ihrem Taumel. Der bittere Abschied war in ein Freudenfest verwandelt. Keine Spur mehr von Klagen und Thränen. Sie schien im Innersten beglückt, ruhig und heiter. Er sah noch den Ausdruck triumphierenden Glückes, hörte den zuversichtlichen Ton ihres: »Auf Wiedersehen, mein Fritz!«, als es zum Abschiednehmen gekommen war in jener linden Augustnacht. Und eine gewaltige, verwirrende Sehnsucht erfaßte ihn, nach jenen Armen, die ihn damals so stark und feurig umschlungen hatten. 
– Bei Tisch erst sah Berting Frau Annie wieder. Die Hotelgesellschaft saß familienweise an kleinen Tischen in dem geräumigen Speisesaale verteilt. Von Anfang an hatte Fritz mit dem Ehepaar Eschauer und Theophil gesessen. Der Bankier war heute abwesend, auf einem jener Ausflüge, über welche die Eingeweihten verständnisvoll lächelten. Fritz hatte Annie gegenüber sein plötzliches Verschwinden am Morgen damit entschuldigt, daß er brieflich  unangenehme Nachrichten erhalten habe. Er sei allein spazieren gegangen, in der Besorgnis, ein schlechter Gesellschafter zu sein. Die Mitteilung, daß er zu verreisen gedenke, wollte er auf diese Weise bei ihr vorbereiten. Übrigens wurde seine Entschuldigung mit skeptischem Lächeln aufgenommen. Bei diesem Mittagessen ging es stiller zu, als man es sonst an Frau Annies Tisch gewohnt war. Es machte fast den Eindruck, als sei sie ernstlich beleidigt, weil ihr verzogener Günstling sich erlaubt hatte, ohne Urlaub selbständig in den Wald zu gehen. Auch Fritz fühlte sich aus einem ganz besonderen Grunde verstimmt und beunruhigt. Bei seiner geplanten Abreise machte ihm der Geldpunkt Schwierigkeiten. Bisher hatte er als Theophils Reisebegleiter gegolten, und sich darum kein Bedenken zu machen brauchen, wenn für ihn alles ausgelegt ward. Wurde dieses Verhältnis nicht durch seinen plötzlichen Aufbruch gelöst? Jedenfalls war der Gedanke nicht angenehm, Theophil um Bezahlung der Rückfahrt zu bitten. Auf der anderen Seite aber wußte er, daß das, was er im Portemonnaie hatte, nicht einmal zu einem Billet dritter Klasse reichen würde. Auch Theophil Alois war heute schweigsam, hüllte sich in den Mantel düsterer Tragik und Gedankenschwere. Daß die von ihm verehrte Schöne eines anderen Braut war, gab ihm neuerdings die Möglichkeit, sich als Mitwirkender in einem »dreieckigen Verhältnis« ganz auf der Höhe des fin de siècle zu fühlen. Die Braut mit ihren Eltern, einem Bruder und dem Bräutigam saßen am Tische nebenan. Theophil Alois hatte seine Blicke daher nur dort drüben. Bei dem jungen Mädchen allerdings war es schwieriger festzustellen, wen von beiden sie anschmachte, ob den Verehrer, oder den Bräutigam; ja, infolge ihrer Augenstellung schien es ihr möglich gemacht, mit beiden zugleich zu liebäugeln. Nach Tisch trafen Fritz Berting und Annie einander auf der Strandpromenade. Er sagte ihr, daß er genötigt sei, abzureisen. Indem er den Versuch machte, möglichst unbefangen dreinzublicken, erzählte er, sein bester Freund Doktor Heinrich Lehmfink sei schwer erkrankt und rufe ihn an sein Lager. Annie sah ihn spöttisch von der Seite an. »Wann haben Sie denn das erfahren?« fragte sie. »Heut früh erhielt ich einen Brief von ihm.« »Ihr Freund schreibt eine merkwürdig ungebildete Handschrift. Ich hätte eher auf eine Köchin geraten oder ein Stubenmädchen, nach der Adresse. – Also ihr armer Freund ist so krank und schreibt Ihnen trotzdem lange Briefe?«Fritz war mehr wütend als verlegen. Er fragte, seit wann denn seine Korrespondenz kontrolliert werde. »Der Brief lag ja den ganzen Morgen über beim Portier. Von welchem Frauenzimmer stammt er denn?«Er überlegte einen Augenblick, ob er die Notlüge noch länger aufrecht erhalten solle; sie erschien ihm seiner und auch Almas nicht würdig. »Der Brief stammt von einem sehr lieben, guten Mädel.« »Und diese Küchenfee, oder was sie sonst ist, befiehlt Ihnen zurückzukehren?«Fritz schwieg verächtlich auf diese Frage. »In Gottes Namen reisen Sie!« rief Annie in giftigem Tone. »Kehren Sie in die Arme dieses edlen Geschöpfes zurück. Welcher Art die Muse ist, von der Sie sich inspirieren lassen, konnte man ja ahnen!«Er blickte sie erstaunt an. Was hatte das zu bedeuten? Annie, die Überlegene, die Kühle, so die Haltung verlierend! – Ihr Gesicht war ganz verändert, die Augen funkelten, um den Mund aber zuckte es verräterisch, als könne sie im nächsten Augenblick in Weinen ausbrechen. Er ahnte dunkel, was es sei, das sie so aus allem Gleichgewicht warf. Diese Erkenntnis stimmte ihn milder. Annie hatte sich inzwischen wieder gefaßt. In einem ganz anderen, beinahe elegischen Tone sagte sie: »Schade! Es war so nett. Ich hatte mich so an Sie gewöhnt, Fritz. Ich dachte, ich könnte Sie gleich von hier mitnehmen nach Berlin.« Er dankte ihr für ihre Güte. Er werde niemals vergessen, was sie an ihm gethan habe. Es thue ihm sehr leid, wenn er jetzt scheinbar wie ein Undankbarer handle, indem er sie verlasse ...  Annie unterbrach ihn mit einem Gelächter, das für Ausgelassenheit, die es bedeuten sollte, sehr unnatürlich klang. Wenn er sich für unentbehrlich halte, dann täusche  er sich gewaltig. Damit er sehe, daß sie seiner Abreise nicht das geringste in den Weg lege, bitte sie um die Erlaubnis, seine Fahrkarte bezahlen zu dürfen. Fritz errötete. Er schämte sich für Annie. Sie war im Grunde eben doch nicht anders als ihre Umgebung. Geld war der Maßstab von allem, gab den Ausschlag in allem. Er dankte für die freundliche Absicht, ihm das Billet zu bezahlen; er besitze aber eine goldene Uhr, die er schlimmsten Falls verkaufen oder versetzen könne. Dann nahm er kurzen Abschied von ihr. Berting mußte an ein Wort denken im Zarathustra. Wie hieß es da gleich im Kapitel von der Keuschheit:»Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu geraten, als in die Träume eines brünstigen Weibes?« –Fritz hatte Alma nichts wissen lassen von seinem Kommen. Die geplante Überraschung gelang vollkommen. Im zeitigen Abend traf er ein, begab sich vom Bahnhof aus sofort in die neue Wohnung, klopfte an die Zimmerthür und trat ein. Er hatte doch nicht gedacht, daß sie sich so freuen würde. Sie wußte buchstäblich nicht, was beginnen, lachte und weinte abwechselnd, umarmte ihn, klatschte in die Hände, umarmte ihn wieder. Dann, als sie angefangen hatte, ihr Glück zu fassen, zeigte sie ihm die Wohnung,  die er ja noch garnicht kannte. Es war alles viel gemütlicher als in der früheren; das Zimmer klein, einfach möbliert, aber sauber. Nebenan befand sich eine Schlafkammer mit schräg abfallender Wand, durch das Dach gebildet. Die Wohnung lag vier Treppen hoch. Das angenehmste daran war, daß die zwei Zimmer ganz für sich lagen. Die Quartierwirtin wohnte am anderen Ende eines langen Korridors. In einer Vase auf dem Tisch stand ein Rosenstrauß. Alma erzählte, daß sie den von Doktor Lehmfink habe. Der Gute habe ihr auch beigestanden gegen Frau Klippel, die beim Umzug noch allerhand Forderungen geltend gemacht hätte. Kurz, sie wisse garnicht, wo sie ohne Herrn Lehmfink in dieser schwierigen Zeit geblieben wäre. Fritz behauptete, eifersüchtig zu sein auf Lehmfink. Er sei deshalb so plötzlich zurückgekehrt, damit Alma ihm nicht gänzlich untreu werde. Das Mädchen faßte seine Worte nicht als Scherz auf. Sie verteidigte sich lebhaft; es sei sehr unrecht von Fritz, so etwas von ihr und dem Freunde zu denken. Fritz mußte sie beruhigen. Morgen früh werde sein erster Gang zu Heinrich Lehmfink sein, ihm zu danken für alles, was er in seiner Abwesenheit für Alma gethan habe. Schnell war diese kleine Wolke des Mißverstehens vorübergezogen. Dann überlegte man, wie man den Abend zubringen wolle. Auf irgend eine Weise mußte Fritzens Rückkehr doch gefeiert werden. Geld war nicht da. Sein letztes Fünfzigpfennigstück hatte Fritz soeben dem Dienstmann gegeben,  der sein Gepäck hierher gebracht. An Stelle seiner goldenen Uhr trug er einen Pfandschein in der Westentasche. Und nun gestand auch noch Alma, daß sie Schulden gemacht habe. Das, was Fritz ihr bei seiner Abreise zurückgelassen hatte, an barem Gelde, war trotz größter Sparsamkeit draufgegangen. Aber glücklicherweise hatte der Kaufmann an der Ecke ein Einsehen gehabt, gab ihr, was für den täglichen Lebensbedarf notwendig war, auf Kredit. Fritzens Hoffnung in dieser schwierigen Lage war Weißbleicher. Der Verleger mußte ihn auszahlen. Er konnte es wohl auch, denn überall unterwegs hatte Fritz mit Befriedigung sein Buch unter den Novitäten ausliegen sehen. Man ließ sich durch die augenblickliche Ebbe in der Kasse nicht die Laune verderben. Alma sprang schnell hinüber in den Kaufmannsladen, besorgte eine Flasche Wein und einige Leckerbissen, von denen sie wußte, daß Fritz sie mochte, und machte sich daran, den Tisch zu decken. Berting lag auf dem Sofa und träumte in den sinkenden Abend hinein. Es war schön, wieder hier zu sein. Vor Almas trauten Zügen war doch etwas über ihn gekommen, wie Heimatsgefühl. Er betrachtete sie durch die halbgeschlossenen Augenlieder. Sie kam ihm reizend vor. Alma mochte annehmen, daß er schlummere. Wiederholt sah er sie vor sich hin lächeln, und während sie leichten Schrittes in dem engen Räume umherging, summte sie die Melodie eines Kinderliedchens vor sich hin. Welch ein glücklicher Mensch sie war! Wie zufrieden in ihrem kleinen Gebiete!Er sann einem Worte nach, das am besten die Eigenart ihrer Persönlichkeit wiedergegeben hätte. Lieblichkeit wäre zu wenig gewesen; es deckte nicht alle ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten, das heimlich Verhüllte, Gedämpfte des Mädchens, in dem, wie in der Knospe die Frucht, das Weib eingeschlossen liegt. Sie stand auf der Grenze, darin lag vielleicht das Geheimnis ihres Zaubers. Ihr Leib mit seinem keuschen Schmelz, so ganz mädchenhaft; aber aus ihren Augen blickte das Wissen des liebenden Weibes. Ihr ganzes Wesen strahlte das Glück wieder gesunder Befriedigung. Sie war mit dem Decken des Tisches fertig geworden. Zuletzt kam noch Lehmfinks Rosenstrauß darauf. Es sah ganz feierlich aus. Fritz erhob sich, er hatte Appetit. Während man aß, ließ er sich von Alma erzählen, wie sie ihre Tage zugebracht habe. Einförmig genug war's gewesen. Und dann die traurige Episode mit Ludwig Glück. Alma verlor einige Thränen, als sie der letzten Unterredung mit dem Unglücklichen gedachte. Aber Fritz hatte doch den Eindruck, als habe der Tod Ludwig Glücks keine tieferen Spuren bei ihr zurückgelassen. Höchstens war das Mädchen durch diesen Verlust bewußter geworden. Vielleicht war die größere Innigkeit ihres Wesens, ihre Zärtlichkeit gegen den Geliebten, auf dieses aufweckende Erlebnis zurückzuführen. Wenn dem so war, dann  hätte er Grund gehabt, dem toten Manne dankbar zu sein. Dieser Schatten beherrschte nur für kurze Zeit die Stimmung. Alma deckte den Tisch ab, nachdem man zu Ende gegessen hatte. Eine Lampe wurde nicht angezündet, obgleich die Dämmerung längst angebrochen war. Sie sprachen von der Zukunft. Fritz wollte sich eine Wohnung suchen. Es zuckte ihm in den Fingern nach der Feder. Geld wollte er verdienen die schwere Menge. Alma sollte es besser haben in Zukunft. Er streichelte ihre Hände und sagte, er werde es nicht dulden, daß sie sich die Finger weiter so zersteche. Alma war still. Sie hatte ihren Kopf gegen seine Schulter gelehnt und blickte träumerisch in die Ferne. Der tief versonnene Ausdruck ihrer Züge fiel ihm auf. Ihre Gedanken mußten weit, weit weg sein. Er zog sie an sich, küßte sie auf Augen und Mund; sie lächelte verloren, als fühle sie es nur wie im Traum. Ein letzter Strahl des scheidenden Tageslichtes fiel durch das einzige Fenster in die kleine Stube. Vor ihnen der Rosenstrauß atmete betäubenden Duft aus. Des Raumes Tiefen waren schon der Dunkelheit verfallen. Die Welt schien zusammengekrochen in eine Nußschale. Er und sie wieder einmal die einzigen Menschen! –Er fühlte das Pulsieren des Blutes durch ihr Kleid. Seine Finger suchten den Gürtel zu lösen. Sie wehrte ihm mit sanfter Hand. Was hatte sie? Was widersetzte sie sich mit einem  Male seiner Zärtlichkeit? Empfand sie keine Sehnsucht nach dem lang entbehrten, hohen Glück? Was hatte sein Mädchen plötzlich so spröde gemacht? –Ein Zittern ging über ihren Leib, sie schlang den Arm um seinen Hals und brachte ihr Gesicht dicht an das seine. Fest und fester preßte sie sich an ihn, suchte bei ihm Schutz, vor ihm selbst gleichsam. Außerordentliches mußte in ihr vorgehen. Wie ein Fieber hatte es sie erfaßt. Schweißtropfen standen ihr auf der Stirn, die Hände waren kalt, heiß traf ihr Atem sein Gesicht. Sie müsse ihm etwas sagen, flüsterte sie ihm ins Ohr. Er erschrak heftig. Nur das nicht! Nur um Gottes willen nicht das! – – –»Ist es ...  bist du?« ...  Zur Antwort schmiegte sie sich nur inniger an ihn, nickte lächelnd mit geschlossenen Augen. Ihm war zu Mute, als müsse er aufspringen und sie von sich stoßen. Ein Abgrund that sich vor ihm auf. Daraus grinste ihn etwas Niegesehenes, Unförmiges, Entsetzliches höhnend an, daß sich ihm die Haare heben wollten. Er durch Alma Vater! Wie das Rollen unterirdischen Donners mahnten ihn furchtbare Möglichkeiten. Alma hielt ihn, da er sich losmachen wollte, fest, herzte und küßte ihn. Nun ihr Geheimnis am Tage war, schien alle Sprödigkeit von ihr gewichen. An jene Stunde innigster rückhaltlosester Vereinigung erinnerte sie ihn, die sie genossen hatten, ehe er abreiste. Damals war es geschehen. Er hörte aus ihren Worten den seligen Triumph des Weibes, das seinen heißesten Wunsch erreicht hat. Nicht der Schmerz des Abschiedes also war es gewesen, wie er Thor geglaubt hatte, was ihrer Liebe an jenem linden Sommerabende die verzehrende, rücksichtslose, elementare Kraft verliehen, die auch ihn völlig berauscht, ihn zum willenlosen Diener ihres Verlangens gemacht hatte. Er hätte es sich ja denken können, denken müssen! Sie strebten ja alle nach diesem einen! Hingabe schien es, freie Hingabe um des Glückes willen, einander anzugehören. Und was sie im Grunde wollten, war: Mutterschaft. Es stieg etwas auf in ihm wie Abscheu, wie Furcht vor ihrem Leibe, der ein unheimliches, grauenerweckendes Geheimnis enthielt. Dort in verborgener Tiefe wuchs etwas heran, ungewollt von ihm, schon ein Teil von ihr, würde bald sich ankünden, Rechte geltend machen, auch gegen ihn – schrecklich!Betrogen kam er sich vor, überlistet. Der Duft der Liebe war dahin, das Grünende, Frühlingsmäßige ihres freien Verhältnisses. Nun kam allerhand Ekelhaftes: Kindesnöte, Familiensorgen. Nun fielen die Blätter der Knospe unrettbar. So war es Naturgesetz. Ihm graute vor der ehernen Unentrinnbarkeit dieser Entwickelung. Er hätte Alma hassen können. Also das hatte der versonnene Blick, die gesättigte Ruhe, ihr ganzes glückseliges Wesen zu bedeuten gehabt! Das war der Sinn des heimlichen Triumphes gewesen, der aus ihren Augen geleuchtet!  Sie hielt ihn noch immer umschlungen. Schwerlich ahnte sie, welchen Sturm widriger Empfindungen und Ängste ihr Geständnis in ihm wachgerufen hatte. Denn niemals werden die Geschlechter einander darin verstehen. Fritz löste die Arme, die um seinen Nacken lagen. Ihre Zärtlichkeit hatte einen sehr bitteren Geschmack für ihn bekommen. Da er noch kein Quartier hatte, mußte Fritz die Nacht bei Alma verbringen. Am nächsten Morgen war sein erstes, auszugehen, um sich eine Wohnung zu suchen. Er brauchte den ganzen Vormittag, bis er endlich etwas gefunden hatte, das seinen Wünschen einigermaßen entsprach. Und schließlich nahm er das Zimmer nur, um das schreckliche Gefühl los zu sein, obdachlos auf der Straße umherzuirren. Ein trauriger Tag! Die Wolken hingen tief; es rieselte. Die ganze Stadt in den fahlen Trauerkrepp gehüllt dichten Nebels. Nirgends ein erfrischender Farbenton; alles stumpf, leichenfarben, als sei das Licht begraben worden. Die Straßen voll Schmutz, die Menschen mit langen, verdrießlichen Gesichtern. Die Häuser kahl, aschfarben. Mit grauem Pinsel war eine Riesenfaust über das Angesicht der schönen Stadt hinweggefahren, hatte Duft und Glanz und Grazie ausgelöscht; man konnte glauben für alle Zeit. War Fritz Berting dazu aus der wehenden Freiheit des nordischen Meeres, aus der Lieblichkeit Rügenscher Landschaft hierher zurückgekehrt, um diese Farblosigkeit, diese trostlose Kälte der Stimmung in rußiger Straßenenge zu finden? –Ein Besuch beim Verleger brachte ihm auch keine Besserung seiner Laune. Weißbleicher gab zwar zu, daß das »Geschlecht« leidlich gegangen sei, so daß für den Weihnachtsmarkt sich der Druck einer neuen Auflage nötig mache; doch wies er dem Autor an der Hand der Bücher nach, er habe bereits soviel Vorschuß auf den Roman erhalten, daß die Summe, die ihm jetzt noch zukomme, nur wenige hundert Mark ausmache. Fritz, der auf ein weit größeres Honorar gerechnet hatte, sagte sich, als er den Verleger verließ, daß er mit dem einkassierten Gelde bei größter Sparsamkeit nicht einmal bis Weihnachten reichen werde, jetzt, wo er die Kosten zweier Haushaltungen zu bestreiten hatte. Was aus alledem noch werden würde? Er mochte sie gar nicht zu Ende denken, die düsteren Möglichkeiten, die von allen Seiten sich auftürmten. Das, was er gestern Abend erfahren hatte, verfolgte ihn überall hin, lag wie ein beängstigender, Vernunft und Lebensmut vernichtender Alp auf ihm. Jetzt in seine Wohnung gehen, auspacken, sich einrichten, womöglich, wie ihm der Verleger geraten hatte, sich hinsetzen und einen neuen Roman beginnen – undenkbar!  Einen Augenblick lang fühlte er sich versucht, in das nächste beste Restaurant zu treten, um sich einen Rausch anzutrinken. Nur vergessen, nur über diese entsetzlich quälende, zermürbende Stimmung hinwegkommen! –Oder sollte er Lehmfink aufsuchen? was nach so langer Abwesenheit ja nur natürlich gewesen wäre. Ob der schon etwas wußte? Er war in der letzten Zeit mehr als einmal mit Alma zusammengekommen. Und wenn er noch nichts wußte, sollte man es ihm sagen? Der Gedanke an Heinrich Lehmfink mit seiner strengen Moral vermehrte Fritzens Unruhe. Durch Alma hatte Fritz erfahren, daß Lehmfink kürzlich von der Stadt weg in einen selbständigen Vorort gezogen war. Er beschloß, ihn dort noch am Nachmittage aufzusuchen. Die Pferdebahn brachte ihn in einer knappen Stunde in das Städtchen. Auf dem Gemeindeamt war die Adresse von Doktor Heinrich Lehmfink schnell festgestellt. Wenn man von den Fabrikessen absah, die hie und da in der schmalen Schlucht auftauchten, war es hier halb wie auf dem Lande. Steinbrüche, Mühlen, einzelstehende Gehöfte, in bunter Abwechselung. In steilem Hange fiel verräuchertes Felsgestein zu einem vielgekrümmten Wasserlaufe ab. Nahe Kohlengruben hatten Ansiedlung der Industrie an diesem Orte begünstigt. Lehmfink hatte sich etwas abseits gesetzt von den Essen und Schlackenhaufen. Er wohnte bei einem Handelsgärtner. Das Haus stand mit dem Rücken gegen den Felsen, nach  Süden lag es offen über einem Gartengrundstück. Man schritt an Obstbäumen, Spargelanlagen und Beerensträuchern vorüber, ehe man an das mit Spalieren überzogene, einfache Häuschen gelangte. Fritz entsann sich, daß Heinrich Lehmfink öfters davon geschwärmt hatte, aufs Land hinauszuziehen, um dem unnatürlichen Stadtgetriebe zu entfliehen. Er habe Sehnsucht nach grünen Fensterläden. Nun hatte er erreicht, wonach er sich gesehnt. Der Freund war nicht zu Haus. Sein Quartierwirt, ein redseliger, älterer Mann erklärte jedoch: der Herr Doktor werde kaum lange auf sich warten lassen. Jeden Morgen fahre er in die Stadt in seine Redaktion und komme zu einer bestimmten Stunde nachmittags zu Fuß wieder zurück. Fritz wurde aufgefordert, den Herrn Doktor zu erwarten und einstweilen Platz zu nehmen. Berting sah sich in dem hellen, geräumigen Zimmer um, das deutlich den Stempel der Mietswohnung trug und dabei doch nicht ungemütlich war. Gut erhaltener Hausrat aus der Biedermeierzeit, dazu eine Büchersammlung, die Lehmfink sich allmählich erworben hatte. Bücher machen jedes Zimmer wohnlich. Es geht von ihrer stummen Anwesenheit eine Sprache aus: das Bewußtsein vielleicht, daß hier Seelen im leisen Schlafe ruhen, Geister, die man jederzeit anrufen kann; sie werden Antwort geben. Die Bildwerke im Zimmer waren Eigentum dessen, der es bewohnte. Da war eine Goethebüste auf dem Schreibtischaufsatze; eine Photographie von F. Th. Vischer  mit eigenhändiger Unterschrift, ein kostbarer Stich nach einem Bismarckbilde von Lenbach, das charakteristische Porträt C. F. Meyers nach Stauffer-Bern und ein Paar Holzschnitte Thomas. Diese wenigen Bildnisse genügten, dem ganzen Raume eine stark persönliche Note zu geben. Man sah es, hier wohnte ein einfacher, in seinen Mitteln beschränkter Mensch, der sich doch nicht zum Verzicht hatte bringen lassen auf den edelsten Schmuck, die Symbole jener Gestirne, die seinem Leben voranleuchteten. Der redselige Quartierwirt behielt recht, Doktor Lehmfink ließ nicht lange auf sich warten. Trotz des Regens war er zu Fuß gekommen. Spaßhaft sah er aus mit seinem verregneten Hütchen, dem Wettermantel von zottigem Loden über dem Jägeranzuge. Sein Vollbart – den er sich inzwischen hatte stehen lassen – triefte. Er sah einem Pudel ähnlicher denn je, und diesmal sogar einem begossenen. Heinrich Lehmfink begrüßte den Freund aufs herzlichste. Er ließ die Thür offen zum Nebenzimmer, damit man sich unterhalten könne, während er sich umzog. Fritz mußte erzählen von seiner Reise. Lehmfink hatte niemals das Meer gesehen. Das sei die schlimmste Seite seiner Armut, daß er, dem Natur und Freiheit über alles gehe, an den Schemel des Schreibpultes geschmiedet sei. »Um einen Schritt bin ich der Natur übrigens doch näher gerückt,« meinte er, nach dem Fenster weisend. »Wenn es nicht gerade nebelt, wie heute, würdest du hinter jenen Fabrikschloten eine ganz nette Hügelreihe aufragen sehen  mit Kiefern, Birken, Akazien. Und auf den Augenblick, wo hier unten die Pfirsichspaliere blühen werden, freue ich mich schon jetzt wie ein Kind.« Dann erzählte er, daß ihm der Verlag des Blattes, für das er schrieb, nun endlich eine langersehnte Erleichterung geschaffen habe. Er brauche nur noch an bestimmten Tagen der Woche in der Redaktion zu sein, und habe dadurch mehr Zeit für seine eigene Arbeit. Worin diese Arbeit bestehe, sagte er nicht. Und Fritz, der ihm anmerkte, daß es sich um Intimes handle, forschte nicht weiter danach. Inzwischen war Lehmfink mit seiner Toilette fertig geworden. Er holte einen Kessel herbei für heißes Wasser, dann den Spirituskocher, Theebüchse und Tassen. Während das Wasser brodelte, zog er aus verborgenen Behältern allerhand Konserven von Fleisch und Fisch. Auch Butter und Brot fanden sich herzu. Es kam eine ganz einladende Mahlzeit zusammen. Fritz staunte über die Hausfrauentalente, die dieser bärtige Junggeselle entwickelte. Später machte Lehmfink Feuer im Ofen und zündete die Lampe an. Dabei erzählte er, sein Wirt sei Witwer, das Haus also ohne Frau. Um so glücklicher, daß er früh gelernt habe, in häuslichen Dingen einigermaßen auf eigenen Füßen stehen. Fritz hatte nimmermehr gedacht, daß dieser Tag, der so trübe angefangen hatte, ein so gemütliches Ende nehmen würde. Der Theekessel brodelte. In dem altmodisch geräumigen Ofen von graublauen Kacheln, der mit Holz geheizt  werden mußte, brauste, bullerte und krachte es gewaltig. Man nahm sich Zeit mit dem Essen, in dem angenehmen Gefühl, keinen Kellner in der Nähe zu haben, der getrieben hätte. Die Unterhaltung bewegte sich auf Gebieten, die den beiden von alters her gemeinsam waren: Kunst, Wissenschaft, Kultur. Natürlich erzählte man sich auch Erlebtes; nur eines hatte man im Laufe des ganzen Abends noch nicht berührt, und das war gerade das, worüber Fritz mit seinem Freunde vor allem gern Rücksprache genommen hätte. Als dann Lehmfink nach beendeter Mahlzeit den Tisch abgeräumt hatte und sich daran machte, aus allerhand vertrauenerweckenden Ingredienzien, wie Citronen, Zucker, Cognac, Rotwein und heißem Wasser für den Novemberabend einen Steifen zu brauen, faßte sich Fritz ein Herz und begann von dem zu reden, was ihm die ganze Zeit über schwer auf der Seele gelegen. Er dankte dem Freunde für seine Hilfe, die er Alma in schwieriger Lage geleistet hatte. Lehmfink lehnte den Dank ab, es sei ihm eine Freude gewesen, etwas für Fräulein Lux thun zu können. Er lobte das Mädchen und ihren echten Herzenstakt, der sich in der Denksteinangelegenheit wieder einmal glänzend bewährt habe. Berting ersah aus Lehmfinks Worten, daß jener ganz unbefangen sei. Man hätte ihm ja Almas Zustand verschweigen können. Irgend eine Pflicht, ihn in diese delikatesten Dinge einzuweihen, lag nicht vor. Aber Fritz fühlte das Bedürfnis, sich dem Freunde mitzuteilen. Die  trauliche Umgebung, Heinrichs aufgeräumtes Wesen, luden ein zu offener Aussprache. Mit wenigen Worten war das gesagt, was soviel enthielt. Gott sei Dank, es war heraus! Viel von der Beklommenheit, die ihm seit gestern Abend angehaftet hatte, schien mit dem Geständnis von seiner Seele genommen. Die Wirkung auf Lehmfink war eine gänzlich andere, als Fritz erwartet hatte. Er zeigte sich nicht erschrocken, auch nicht entrüstet, eher freudig überrascht. Er beglückwünschte den Freund. Fritz blickte ihn verdutzt an, für einen Augenblick zweifelhaft, ob jener nicht Scherz treibe. Aber der Ausdruck des ehrlichen Gesichtes sprach von tiefstem Ernst. »Welch ein Glück für Alma und welch ein Glück auch für dich, Berting!« sagte Lehmfink, und seine Stimme zitterte leicht vor innerer Ergriffenheit. »Aber lieber Freund!« wandte Fritz unsicheren Tones ein, »siehst du denn nicht, welche Last der Verantwortung dadurch auf mich gelegt wird?«»Eine Verantwortung, die dir zum Segen werden wird, wenn du nur die richtigen Konsequenzen ziehst, wenn du nur jetzt endlich thust, was deine Pflicht ist, Berting.« Eine Pause entstand. Fritz wußte nun, was jener meine. Nur um das schwer lastende Schweigen zu brechen, fragte er schließlich mit halblauter Stimme: »Du meinst: heiraten?« –»Du mußt es nun. Darin sehe ich das Gute für dich!« Wieder eine längere Pause. Dann begann Fritz: »Für Alma könnte es vielleicht ein Glück sein, ob aber für mich?« – –»Ich glaube, um dein Glück handelt es sich jetzt gar nicht mehr, lieber Berting. Das ist fast eine Frage zweiter Ordnung geworden. Für dich handelt es sich um die moralische Persönlichkeit, mit dürren Worten gesagt: ob du ein anständiger Kerl bleiben willst.« Berting fuhr auf. »Das ist ein wenig viel gesagt, Lehmfink! Du operierst wie gewöhnlich mit den Begriffen: absolut gut und absolut schlecht, die ich nicht anerkenne, wie du weißt.« Lehmfink fuhr, ohne auf Fritzens Einwand zu achten, fort: »Es mag ja viele Leute geben, die nichts darin finden würden, wenn du das Mädchen mit ihrem Kinde sitzen ließest; ja, mancher wird dich für einen Narren erklären, wenn du mehr thust, als die gesetzlich bestimmten Alimente zu zahlen. Diese urteilen, wie sie es verstehen, aus frivolster Gedankenlosigkeit heraus. Dein eigenes Gewissen sagt es dir, oder wird es dir sagen, was du zu thun hast. Es giebt eine sittliche Ordnung – du lächelst! Ich meinte nicht die Bibel, nicht einmal unsere Gesetzbücher. Das ungeschriebene Gesetz meine ich, von dem Leute wie Kant, Goethe, Shakespeare auch etwas gewußt haben, wenn dir Moses zu alttestamentarisch und Luther zu geistlich ist. Ich meine das primitivste Pflichtbewußtsein, das jeder ungebildete Mensch in sich trägt, das einfache Bewußtsein, daß man für seine Thaten einzustehen  hat. Jeder schlichte Arbeiter würde, wenn er nur einen Funken Ehrgefühl besitzt, das Mädchen heiraten, das er in diese Lage gebracht hat. Thut er es nicht, so werden ihn seine Standesgenossen verdammen. Ich weiß nicht, ob der Gebildete das Recht hat, sich ein minder zartes Gewissen zu leisten als diese Leute.« »Ich glaube, daß du bei deinem Urteil nicht genug meinen ganz besonderen Fall in Betracht ziehst, Lehmfink. Ich gebe zu, daß es in den meisten Fällen Pflicht sein wird, ein Liebesverhältnis durch die Ehe zu sanktionieren, aber nicht in allen. Ich habe Alma nicht glauben gemacht, daß Heirat mein Ziel sei. Sie hat sich selber niemals Illusionen hingegeben in dieser Richtung. Auch jetzt noch erwartet sie das keineswegs von mir.« »Ein Zeichen nur für ihre rührende Bescheidenheit; aber für dich, den überlegenen Teil, noch lange kein Grund, von ihrer Selbstlosigkeit Gebrauch zu machen. Wenn nichts anderes dich dazu triebe, meine ich, müßte es die Großmut sein des Stärkeren.« »Solche Großmut wäre ein Unrecht gegen mich selbst. Du schaust die Sache an, von dem erhabenen Standpunkt des Sittenrichters, der das Persönliche, was hier das Wichtigste ist, übersieht.« »Das Persönliche gerade steht mir im Vordergrunde. Du bist mein Freund, und ich glaube dich zu kennen... « »Wenn du mich zu kennen behauptest, mußt du sehen, daß diese Ehe für mich ein Unglück wäre, ja geradezu meinen Ruin bedeuten würde. Was kann denn dabei herauskommen,  wenn ich wirklich mit Alma aufs Standesamt gehe? Häusliches Elend, Verschärfung der Sorgen um das tägliche Brot. Eine Ehe ohne irgend welche vernünftige Basis, ohne irgend welche Gewähr von dauerndem Behagen oder Befriedigung hätten wir geschlossen. Sichere Versumpfung würde treten an stelle von Freiheit. Wenn du von mir künstlerisch noch irgend etwas erwartest, so kannst du das nicht wünschen. Ich sehe, daß du dort Nietzsche stehen hast. Gieb mir doch einmal den Zarathustra.«  – Es geschah. »Hier im Kapitel von Kind und Ehe steht es: ›Ich, diese Armut der Seele zu Zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu Zweien! Ach, dies erbärmliche Behagen zu Zweien! Ehe nennen sie dies alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel geschlossen. ‹« –Er reichte Lehmfink den Band, der ihn an seinen Platz zurückstellte. »Laß das paradox klingen; aber atmen diese Worte nicht erlebte Wahrheit? Geben sie nicht verblüffende Einsicht in das Leben, wie es nun einmal ist?« –»Ach, lieber Berting, ich kenne meinen Nietzsche! Seine Worte haben etwas mit der Bibel gemein, das einzige allerdings, worin man die beiden mit einander vergleichen mag, nämlich: man kann sie auf Schritt und Tritt mit sich selbst beweisen und mit sich selbst widerlegen. Als Ratgeber taugt Nietzsche gar nicht, höchstens als Wetzstein für den Geist. Wie ein riesiger Scheinwerfer wirft er sein grelles Licht weit hinaus, daß du das Fernstliegende Nieerblickte in tagheller Beleuchtung zu sehen vermeinst;  und trittst du heraus aus dem Lichtkegel, dann stehst du doppelt in der Nacht, bist der Genasführte. Lassen wir Nietzsche aus dem Spiele, wenn es sich um das praktische Leben handelt.« »Gut! Ein Beispiel aus dem praktischen Leben. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wohin thörichte Heirat einen Menschen bringen kann. Besinnst du dich von Berlin her auf Walter Marbitz? Wenn einer, so versprach er doch etwas zu werden. Sein ›Euphorion‹ hat uns allen damals tiefen Eindruck gemacht. Und weißt du, was aus ihm geworden ist? Er schreibt Gelegenheitsgedichte und Anpreisungen für Geschäfte, macht alles, was von ihm verlangt wird, ums Geld; denn er hat eine Familie zu versorgen, der arme Kerl! Er verschwand auf einmal aus unserem Kreise! Man hörte, er habe sein Mädel geheiratet. Ich habe ihn später einmal aufgesucht. Eine richtige Bucht fand ich vor; ihn, Marbitz, an der Seite einer welken Schlampe von Frau, kränkelnde, vernachlässigte Kinder. Er stumpf, völlig versimpelt, von kleinlichen Sorgen zermürbt. Die Familie war ihm zum Bleigewicht geworden, das ihn herabgezogen hatte von der Höhe seiner Begabung.« »Dein Beispiel beweist mir nur, daß Marbitz ein Mensch gewesen von geringem Halt, dessen geistige Kultur auch nicht tief gegangen sein kann, wenn sie sich durch widrige Verhältnisse so schnell wegwischen ließ.« »Nein, Lehmfink, es giebt eben Verhältnisse, die durch ihre Enge, ihren Druck, ihre Unschönheit, den Künstler einfach erdrosseln, ihm Luft nehmen und Licht. Herr Soundso,  der Philister, würde sich in gleicher Lage vielleicht sauwohl fühlen, in dem muffigen Pfuhl häuslichen Elends, das seinen Organen und Bedürfnissen zusagt. Während unsereiner in solcher Atmosphäre nicht atmen, geschweige denn schaffen kann. Wir brauchen eine gewisse Summe von Wohlbehagen, ein Mindestmaß von Schönheit um uns. Wir sind mit anderen Nerven begabt als der Durchschnitt. Dieselben Organe, die in uns stündlich tausend Gedanken, Bilder, Entwürfe subtilster Art produzieren, vermitteln uns auch alle peinlichen, störenden, hemmenden Eindrücke der Außenwelt mit doppelter Schärfe. Die Philister mögen dagegen schreien, so laut sie wollen, es bleibt Wahrheit, daß der geniale Mensch Ausnahme ist, darum herrschen für ihn auch Ausnahmegesetze. Der, welcher die Welt reicher macht durch das, was er aus sich verschenkt, der produktive Mensch, hat ein Recht darauf, sein Wesen entfalten zu dürfen nach den Gesetzen seiner Art. Ja, er hat die Pflicht, das Schädigende, hemmende, ihn Herabziehende fernzuhalten von dem Heiligtum seiner Kräfte. Wie die Mutter ihr Kind instinktiv verteidigt, so der Künstler das, was in ihm heranwächst, den Keimboden seiner Früchte, sein Ingenium. An den hölzernen Pfahl der bürgerlichen Moral gebunden, muß seine Gestaltungskraft verdorren.« »Ich will dir den Unterschied zugeben, den du so sehr betonst, zwischen Genialität und Philisterium, nimmermehr aber, daß für den Genialen andere Gesetze gelten sollen als für die Masse. Mit den höheren Gaben, die ihm verliehen  wurden, sind ihm auch höhere Pflichten auferlegt; das ist so furchtbar klar, daß es wie ein Gemeinplatz klingt. Sieh den dort an« – er wies auf die Goethebüste, »oder auch den hier«, sich nach dem Bismarckbild umwendend, »ich denke, du wirst ihnen das Prädikat ›genial‹ nicht wohl versagen. Was ist das, was bei der Betrachtung ihres Lebens und Wirkens am tiefsten ergreift, so daß wir beten möchten: ›Gott laß uns werden wie sie!‹ Es ist, was sie sich selbst abgerungen haben, der Kampf des Riesen mit dem Riesen, die im eigenen Innern vollführten Herkulesarbeiten. Das hat sie befähigt, die äußere Welt niederzuzwingen und sich unterthan zu machen. Das ist das Heroische, das Fortreißende an ihrem Vorbilde. – Ich sehe dir's an den Augen an, was du einwenden willst. Auch sie haben ihre tolle Zeit gehabt, die beiden, ich weiß es. Gott sei dank, daß sie sie gehabt haben! Aber meinst du, daß wir einen Faust besäßen, oder ein Deutsches Reich in jetziger Verfassung, wenn die zwei Großen da sich nicht ein »Halt« zugerufen hätten? Riesenhaft mag die Versuchung sein, die solchen Naturen im Blute liegt. Wir können etwas davon ahnen beim Anblick eines Byron, oder, nimm ein Beispiel von uns: beim Leben eines Grabbe. Das sind Segen und Fluch, die dem genialen Menschen mitgegeben werden, daß er nur von sich selbst überwunden werden kann, daß er aber auch an sich selbst zu Grunde gehen muß, wenn er sich nicht überwindet. Kein größeres Schauspiel giebt es auf der Welt, als den Hochbeanlagten freiwillig sich beugen zu sehen vor dem allgemeinen  Gesetze. – Ich weiß es, daß das, was ich sage, dir furchtbar hausbacken vorkommt. Du denkst: er weiß es so, wie er es versteht. Ich will es darum hierbei bewenden lassen. Meine Hoffnung ist, daß die Stimmen recht bald in deinem Inneren zu sprechen anfangen werden, die dich auf den einzig guten und ehrlichen Weg weisen können.« Fritz erwiderte nichts. Im Laufe des Gespräches war es ihm ganz klar geworden: sie redeten zweierlei Sprache. Man war auf einem Punkte angelangt, wo Verständigung aufhörte. Alles disputieren nützte da nichts, jeder blieb unüberzeugt auf seinem Standpunkt. Er verzog jedoch noch eine Weile, ehe er ging; Lehmfink sollte nicht denken, daß er beleidigt sei. Man nahm mit der gewohnten Herzlichkeit von einander Abschied. Aber Fritz hatte eine peinliche Vorahnung, als sei der Freundschaft heute schwerer Schaden geschehen. In der neuen Wohnung machte sich Berting daran, auch ein neues Buch zu schreiben. Die Not trieb ihn dazu, er mußte arbeiten, wenn anders er existieren wollte. Und so wartete er diesmal nicht, wie er es in besseren Zeiten hatte thun dürfen, auf Inspiration; er entschloß sich vielmehr, einen bestimmten, durch das Geschick ihm in den Weg gelegten Stoff zu verarbeiten. Das Erlebnis mit dem Stuckateur Ludwig Glück war es, das ihm zum Vorwurf dienen sollte für eine Novelle. Es war ein ganz anderes Arbeiten als bei seinem vorigen Buche, das aus einer starken Stimmung hervorgegangen, zu der sich ein Milieu wie von selbst gefunden und das in seinen besten Teilen einem Bekenntnis ähnlich gewesen. Hier gab es im Anfange weiter nichts, als einen Charakter, der zur Darstellung reizte. Daraus mußte Handlung und alles gesponnen werden. Die Persönlichkeit des Stuckateurs, wie er ihn aus Almas Erzählungen, aus seinen Briefen an das Mädchen und schließlich auch im Gespräche kennen gelernt hatte, stand scharf ausgeprägt vor Fritzens geistigem Auge. Anders war es mit den übrigen Figuren. Begreiflicherweise widerstand es ihm, Alma aus der Natur in das Buch zu verpflanzen. Die Frauengestalt, an der das Geschick seines Helden tragisch scheitern sollte, entstand dem Autor vielmehr aus dem Gesetze des Gegensatzes mit Naturnotwendigkeit als eine Kokette, die den Edelstein echter Neigung achtlos in den Staub fallen läßt. Dadurch aber, daß er dem weiblichen Widerpart diese Physiognomie gegeben hatte, wurde er wiederum veranlaßt, auch den Charakter des Helden umzuwandeln und zu vertiefen. So wuchsen ihm allmählich aus Satz und Gegensatz die Gestalten heran zu Typen ihres Geschlechtes und ihres Standes. Die Nebenfiguren fanden sich von selbst herbei, wie im Bilde etwa ein paar starke Töne, welche die Hand des Künstlers zuerst niedergelegt hat, die Komplementärfarbe ganz natürlich nach sich ziehen. Den ganzen geschlagenen Tag über schrieb Fritz  Berting jetzt. Noch niemals zuvor hatte er so hintereinanderweg gearbeitet. Das Werk gewann mit jedem neuen Abschnitt, den er bezwang, an Interesse für den Autor selbst. Es kam ihm vor, als habe er einen Schritt vorwärts gethan mit dieser Novelle aus dem bloß Physiologischen des »Geschlechts« in die Welt des Psychologischen hinein. Und er fühlte sich von fieberischer Neugier durchglüht, wie er auf diesem neuen Gebiete die Prüfung bestehen würde. In seiner Müdigkeit fand er abends regelmäßig die Entschuldigung, Alma nicht aufzusuchen. Sein Werk war schließlich das Wichtigere; alles andere, Alma eingeschlossen, kam erst dahinter. Geflissentlich hielt er sich alle Gedanken und peinlichen Eindrücke vom Leibe, die ihm hätten die Geschlossenheit der künstlerischen Stimmung stören können. Er hatte darum seiner Quartierwirtin eingeschärft, ihm soviel wie möglich die Besucher vom Leibe zu halten. Eines Tages jedoch kam die Frau und meldete ein Mädchen, das etwas persönlich an Herrn Berting abgeben wolle. Fritz nahm an, daß es Alma sei, der er zwar eingeschärft hatte, ihn nicht aufzusuchen, die aber aus irgend einem triftigen Grunde vielleicht das Verbot überschritten haben mochte. Es war jedoch eine fremde Person, in deren komischen Posaunenengelgesicht er erst, als sie sich nannte, das Dienstmädchen der Damen Tittchen wiedererkannte. Sie überbrachte ein Paket von Hedwig von Lavan. Sie habe Befehl von dem jungen, gnädigen Fräulein, es  Herrn Berting selbst zu geben. Die Damen seien seit vier Wochen von ihrer Sommerreise zurück und hätten schon öfters von ihm gesprochen. Damit verschwand die rundwangige Fee, verständnisvoller denn je lächelnd. Das Paket enthielt ein Manuskript und einen Brief. Hedwig von Lavan schrieb, sie vertraue Herrn Berting die beiliegenden Bogen an. Er solle ihr sagen, ob etwas daran sei. Sie erwähnte, daß sie den Tanten gegenüber ihre Schreiberei als Geheimnis betrachtet zu sehen wünsche, da die alten Damen schwerlich damit einverstanden sein dürften. Ob er sein Urteil schriftlich oder mündlich abgeben wolle, überlasse sie seinem Ermessen; lieber sei ihr das Letztere, da sie dann das Vergnügen haben würde, ihn wiederzusehen. Fritz Berting hatte in der letzten Zeit über Wichtigerem kaum noch an seine Beziehungen zu dem jungen Mädchen gedacht. Jetzt stand ihre Persönlichkeit mit einem Male wieder lebhaft vor ihm. Der Brief, so kurz er war, atmete aus jeder Zeile das eigenartige Wesen der Schreiberin. Selbstbewußt, gescheit, erhaben über Vorurteil und Zimperlichkeit. Das Manuskript war auf feinem Papier, sauber, in einer steilkapriziösen Handschrift geschrieben. Weder Überschrift des Ganzen, noch Kapiteleinteilung waren vorvorhanden. Für den Druck schien es nicht berechnet zu sein, denn beide Seiten der Blätter waren beschrieben. Fritz nahm sich Zeit mit dem Lesen. Das Werkchen eignete sich, in kleinen Dosen genossen zu werden. Es  hatte zum Inhalt den doppelten Briefwechsel einer Braut mit ihrem Verlobten und mit einem Freunde, der ältere Rechte auf sie hat, als der Bräutigam. Keine Zeile erläuternder Text, keine Beschreibung der Personen; die Handlung spielte sich lediglich in den Briefen der drei Menschen ab. Man hatte es mit einem Erstlingswerk zu thun. Aus kleinen Unebenheiten, Ungeschicklichkeiten und Widersprüchen, die hie und da unterliefen, war das zu merken. Abgesehen jedoch von solchen natürlichen Entgleisungen des Anfängers, beherrschte die Schreiberin ihr Thema durchaus. Vor allem staunte Fritz Berting über die Sicherheit, mit der sie die Kunstmittel regierte. Niemals fiel sie aus dem zwanglosen Stile des Briefwechsels. Sie setzte keinerlei große Maschinerie in Bewegung, um ihre Figuren zu charakterisieren, und dennoch lebten diese drei Menschen. Das Auskommen mit den einfachsten Mitteln erschien Fritz als ein untrügliches Zeichen der Begabung. Künstlerischer Takt sprach auch aus der Begrenzung des Themas. Die Geschichte wurde nur geführt bis zum Morgen des Hochzeitstages. Hier schreibt die Braut die letzten, knappen Abschiedszeilen an den Freund. Der Vorhang fällt äußerlich über den dreien, aber der verständnisvolle Leser kann keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, was der weitere Verlauf sein muß. So hatte dieses junge Ding eines der wichtigsten Gesetze moderner Erzählerkunst: das indirekte Charakterisieren, gleich in der ersten Studie gemeistert. Berting beschloß, der Schreiberin das Manuskript persönlich zurückzubringen. Nur wollte er damit so lange warten, bis er mit seinem eigenen Werke zu einem nahen Abschnitte gekommen sei. Dieser wie andere Pläne wurden über den Haufen geworfen durch einen unerwarteten Besuch. Fritz erhielt ein Telegramm aus Köln, von seinem Freunde, Baron Chubsky, der auf dem Wege von Paris nach Krakau sich für ein paar Tage bei ihm ansagte. Zu jeder anderen Zeit hätte Fritz Chubskys Kommen lieber gesehen, als gerade jetzt, wo er mitten drin steckte in wichtiger Arbeit. Aber auf der anderen Seite sah er doch auch dem Wiedersehen voll Spannung entgegen. Es schmeichelte ihm, daß der berühmte Pole um seinetwillen die Reise unterbrechen wollte. Denn wahrlich, Michael, Baron Chubsky gehörte nicht zu den alltäglichen Menschen. Seit man sich zum letzten Male in Berlin gesehen, waren nun schon drei Jahre vergangen. Chubsky hatte sich einen Winter über in der Reichshauptstadt aufgehalten, um den Erfolg seiner Schriften in Deutschland zu betreiben. Mit Stolz fühlte er sich als Kosmopolit, Paris nannte er seine geistige Heimat. Fritz Berting hatte mit dem viel umhergetriebenen Manne manchen Abend im literarischen Disput zugebracht. Michael Baron Chubsky gehörte, wenn auch nicht zu den führenden Geistern, so doch zu den Wetterpropheten und  Zeichendeutern der Moderne. Er machte nicht die Moden, aber er trug sie zuerst; ähnlich gewissen Elegants, die in ihrer Kleidung selbst den neuesten Modejournalen immer noch um eine Nasenlänge voraus sind. Chubsky war einer von denen, die nirgends zu wurzeln scheinen und doch überall zu Haus sind. Zu den exklusivsten buddhistischen Zirkeln von Paris besaß er Zutritt. Er war einer der ersten gewesen, die der modernen japanischen Kunst das Wort geredet hatten. Der galanten Litteratur widmete er ein wissenschaftliches Interesse. Ein Oskar Wilde in London zählte zu seinen Freunden, und Felicien Rops hatte ihm eines seiner extremsten Blätter gewidmet. Männer wie August Strindberg, Ola Hansson, Hermann Bahr, hielten geistigen Verkehr mit ihm. Dabei floß die Ader der eigenen Produktion durchaus nicht reich bei Michael Chubsky. Er hatte einen kleinen Band Gedichte herausgegeben, die stark von der Lyrik Paul Verlaines beeinflußt waren, dann ein paar Bändchen Skizzen und Novellen, mit denen er zwischen Edgar Poë und Huysmans hin und her pendelte. Schließlich stammte aus seiner Feder ein blutiges Drama, das den polnischen Aufstand von 1830 behandelte. Sein Bestes hatte er im Essay geleistet. Der moderne Sexualismus war sein Beobachtungsfeld. Das Perverse, vor allem wo es an das Religiöse grenzt, hatte er nach allen Richtungen hin durchforscht. Bekannt war seine Studie über den Sadismus, und kürzlich hatten Artikel von ihm über die Satanisten Aufsehen erregt. Auch gehörte er zu den  eingeweihtesten Leuten für alles, was auf den Namen Okkultismus Anspruch machen durfte. Verkehr haben mit einem Menschen wie Michael Chubsky hieß: in Verbindung stehen mit allen Richtungen und Schulen, mit allen Künstlern und Gelehrten, die augenblicklich den Ton angaben im litterarischen Weltorchester. Eine Sorge allerdings hatte Fritz Berting: auf welche Weise sollte man diesen Gast unterhalten? Der Baron war einer der verwöhntesten Menschen, die ihm jemals vorgekommen waren. Zwar befand er sich meist in Geldnöten, doch gab das für Michael Chubsky durchaus keinen Grund ab, sich irgend einen Genuß entgehen zu lassen. Seine Familienverhältnisse waren nicht ganz klar; in Berlin war er unbeweibt aufgetreten, doch hieß es von ihm, er sei verheiratet, könne als Katholik jedoch von seiner Frau, die ihn schon in den ersten Monaten der Ehe verlassen habe, nicht geschieden werden. Fast noch anspruchsvoller als in materiellen war Baron Chubsky in geistigen und künstlerischen Genüssen. –Chubsky kam mit dem Nachtschnellzuge an, und Fritz ging zum Bahnhof, ihn zu empfangen. Sie saßen eine Weile im Restaurant des Hotels beisammen, das der Baron zum Absteigequartier gewählt hatte. Der Pole verlangte Absinth und schimpfte laut, als er vernahm, daß man Absinth nicht führe. Fritz erkannte ihn in seiner Passion für dieses Getränk wieder. Überhaupt hatte sich der Pole wenig verändert. Sein  Haar, das er halblang trug, war eine Spur grauer geworden. Seine Haut hatte bereits früher diese Aschfahlheit, die Augen diese blinzelnde Müdigkeit gezeigt. Seine niedere Stirn lief in einen breiten Schädel aus. Die schmalen Lippen wurden vom dünnen, blonden Schnurrbärtchen nur eben bedeckt. Schön waren an dieser femininen Männererscheinung eigentlich nur die feingeschnittene Rassennase und die schlanken Aristokratenhände. Der zierliche Wuchs des Körpers verlor durch schlechte Haltung. Man verabredete die nächste Zusammenkunft in Fritzens Wohnung, sobald der Reisende ausgeschlafen haben würde. Chubsky kam gegen zwölf Uhr mittags. Er klagte über den schlechten Hotelkaffee, den zu trinken er außerstande gewesen sei, und bat um etwas die Nerven Anregendes. Fritz, der sich seinen Kaffee neuerdings selbst zuzubereiten pflegte, braute ihm einen besonders starken Mokka. Den übrigen Tag, bis zum Dunkelwerden, verbrachte man im Umherfahren. Michael Baron Chubsky wollte die Stadt sehen, behauptete jedoch, das Gehen strenge ihn zu sehr an. Mit blasierter Miene lehnte der bleiche Pole gegen die Polster des langsam dahinschleichenden Gefährts, ließ die Gebäude, Plätze, Aussichten an sich vorübergleiten; ganz selten nur schwang er sich zu einer Frage oder zu einer Bemerkung auf. Da beim Aussteigen Chubsky keinerlei Miene machte, das Portemonnaie zu ziehen, blieb Fritz nichts übrig, als selbst den Kutscher zu bezahlen. Um sich und dem Reisenden nach der Ödigkeit dieser Rundfahrt eine Erholung zu gewähren, schlug er den Besuch eines Konzerts oder der Oper vor. Michael Chubsky erklärte jedoch, deutsche Musik gehe ihm auf die Nerven. Man ging also in ein Kaffeehaus. Hier gab es zu Chubskys lebhafter Befriedigung Absinth. Unter dem Einflüsse seines Lieblingstrankes wurde der Pole etwas mitteilsamer. Und Fritz erfuhr dafür, daß er auch hier die Zeche bezahlen durfte, einiges vom neuesten Klatsch der Boulevards und dieses und jenes Intime aus den großen litterarischen Wetterbeobachtungsstationen Europas. Am nächsten Tage erschien Michael Chubsky erst nachmittags in Fritzens Wohnung. Er war in der Bildergalerie gewesen. Sein Urteil lautete kurz und bündig dahin: Die alten Bilder seien langweilig wie überall, und was man von sogenannten Modernen habe, wäre einfach zum Lachen. Er bat zur Erholung seiner verstimmten Nerven um einen Kaffee wie gestern und um etwas zu lesen. Fritz legte ihm verschiedene Bücher hin zur Auswahl und machte sich an das Bereiten des Mokkas. »Von wem ist das hier?« fragte Chubsky plötzlich vom Sofa her, indem er Hedwig von Lavans Manuskript hochhielt. Fritz sagte ein Paar gleichgiltige Worte zur Erklärung; es war ihm im Grunde nicht angenehm, daß jener das Manuskript entdeckt hatte. Chubsky blätterte eine Weile in dem Bogen, dann begann er zu lesen. Er legte sich dazu lang auf das Sofa, nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck Mokka und unterbrach die Lektüre höchstens einmal, um sich eine Cigarette anzuzünden. Fritz hütete sich, den Gast zu stören; bekam er doch auf diese Weise Gelegenheit, die eigene Arbeit weiterzuführen. Nach einigen Stunden erhob sich der Pole, legte das Manuskript auf den Schreibtisch und erklärte: er sei fertig. »Ihr Urteil?« erkundigte sich Fritz. »Ein Dokument! Und zwar eines von jenen in Deutschland ganz seltenen Dokumenten hoher Nervenkultur. Die Manifestation einer herrlichen Vorurteilslosigkeit. Ich möchte wetten, die Schreiberin ist Rasseweib. – Verheiratet oder unverheiratet?«»Ein halbes Kind! Siebzehn Jahr!«»Ich hätte allerhand Erfahrungen vermutet. Das Erotische ist mit kühner Sicherheit, mit Selbstverständlichkeit behandelt, wie sie eigentlich nur Kennerschaft giebt. Hat sie Erlebnisse gehabt?«»Kaum! Als Kind ist sie mit ihrem Vater viel gereist. Vielleicht, daß sie von ihm, der ein sonderbarer Kauz gewesen sein muß, manches erfahren hat, was anderen jungen Gänsen verborgen bleibt. Jetzt lebt sie hier, ängstlich behütet von ein Paar alten Schachteln, ihren Adoptivmüttern.« »Ein neuer Beweis für den alten Satz, daß das Weib in seinem bloßen Instinkt die ganze Wissenschaft  des Sexuellen trägt. – Ich möchte die Person kennen lernen.« Fritz meinte nach kurzem Überlegen, das sei möglich zu machen. Die Bewunderung des Polen für Hedwig von Lavans Talent that ihm im Grunde wohl. So konnte man dem verwöhnten Manne doch wenigstens mit einer ungewöhnlichen Bekanntschaft aufwarten. Der Spätnachmittag war über alledem herangekommen. Fritz schlug vor, sofort aufzubrechen und einen Versuch zu machen, Fräulein von Lavan anzutreffen. Er nahm ihr Manuskript mit. Hedwig war zu Haus, doch befand sie sich leider in Tante Idas Gesellschaft. Dadurch nahm der Besuch einen ganz anderen Verlauf, als Fritz geplant hatte. Das Manuskript ließ er wohlweislich in seinem Überzieher stecken, eingedenk Hedwigs Bitte, die Tanten nichts davon merken zu lassen. Fräulein Ida Tittchen beknickste den Baron mit verlegener Miene bei der Vorstellung. Der machte ihr sein Kompliment und kümmerte sich nicht weiter um die Alte; verwendete vielmehr alle Aufmerksamkeit auf Fräulein von Lavan. Fritz fiel dadurch die Aufgabe zu, die Tante zu unterhalten. Das alte Fräulein stimmte ein Klagelied an. Sie hatten im Sommer ihren Reiseplan ausgeführt, waren in Interlaken gewesen. Amanda wurde jedoch schon auf der Hinfahrt unpäßlich und hatte dann lange das Zimmer hüten müssen. Und nun man aus der Sommerfrische, die  sie hatte kräftigen sollen, nach Haus zurückgekehrt war, konnte sie einen bösen Lungenkatarrh nicht los werden. Der Hausarzt spreche schon wieder von der Notwendigkeit, südliches Klima aufzusuchen. Fritz hätte die Alte nur gar zu gern gefragt, ob Waldemar Heßlow sich ihnen in Interlaken angeschlossen habe – wie ja vor seinen Ohren an dieser selben Stelle verabredet worden war – aber er wagte es doch nicht; denn Hedwigs scharfem Gehör wäre eine solche Frage sicher nicht entgangen, und gerade sie sollte nicht denken, daß ihre Beziehungen zu dem schönen Waldemar ihm Unruhe bereiteten. Während sich Fräulein Ida Tittchen des weiteren über die Erkrankung ihrer Schwester verbreitete, lauschte Fritz mit halbem Ohre nach der Unterhaltung hin, die nebenan geführt wurde. Der Pole und Hedwig sprachen französisch, beide mit tadellosem Accent und mit jener gefälligen Mühelosigkeit, die nur intimste Kenntnis einer Sprache verleiht. Soviel Fritz auffangen konnte, sprachen sie von neuester französischer Litteratur, über deren Wendung ins Christlich-Mystische sich Hedwig von dem Baron unterrichten ließ. Mit einem flüchtigen Seitenblick hatte Fritz konstatiert, daß Hedwig von Lavan in der Zeit, während der er sie nicht gesehen, jedenfalls nicht häßlicher geworden war. Ihre Wangen zeigten eine Kleinigkeit mehr Farbe, ihre Figur schien eine Wenigkeit voller geworden zu sein. Da Fritz die ins Stocken geratene Unterhaltung mit  Ida Tittchen wieder in Fluß bringen mußte, kam ihm die banale Bemerkung auf die Lippen: er finde Fräulein von Lavan recht wohl aussehend. Die Tante freute sich über diese Behauptung. Ihr stiller Kummer war es ja gewesen, daß das Kind, trotz aller Pflege, die man ihm habe angedeihen lassen, nicht mehr hatte zunehmen wollen. Tante Ida erzählte dann, Hedwig habe sich tüchtig Bewegung gemacht und die herrliche Alpenluft gründlich genossen. Sie und Amanda hätten das junge Ding natürlich nicht zu begleiten vermocht; da sei es dann recht angenehm gewesen, daß man an Herrn Waldemar Heßlow einen Gesellschafter gehabt, der Hedwig bei ihren Touren geleitet und beschützt habe. Nun war es heraus, was Fritz zu erfahren gewünscht hatte, und was ihn, da er es endlich wußte, mit einem Gefühle höchsten Unbehagens erfüllte. War es denn anders zu erwarten gewesen! Natürlich verfolgte der schöne Waldemar die Fährte weiter, auf der man ihn bereits früher mit Erfolg hatte jagen sehen. War ihm das groß zu verdenken! –Fritz kam heut abend nicht dazu, das Wort an Fräulein von Lavan zu richten; ihr Kavalier hatte sie gänzlich mit Beschlag belegt. Die Unterhaltung mit Ida Tittchen stockte schon wieder bedenklich, infolge seiner Zerstreutheit. Er fing an, sich etwas lächerlich vorzukommen. Sobald es die Unterhaltung bei dem andern Paare zuließ, erhob er sich und veranlaßte dadurch den Aufbruch. Gespannt war Berting, Chubskys Urteil über Hedwig von Lavan zu hören. Der Pole äußerte zunächst gar nichts, erkundigte sich vielmehr nach einem guten Restaurant zum Soupieren. Fritz schlug jene Weinstube vor, in der er im vorigen Winter mit Lehmfink und Alma nach dem Theater gewesen war. Michael Baron Chubsky ließ sich die Speisenfolge geben und verwarf sie nach kurzem Betrachten. Er stellte sodann selbst ein Menü zusammen, das mit Austern anfing und mit Punsch romain, gefroren, aufhörte. Zu jedem Gang bestellte er den nach seiner Ansicht korrespondierenden Wein. Fritz wurde nicht gerade behaglich zu Mute bei diesen Vorbereitungen. Chubsky hatte nämlich gelegentlich fallen lassen, er sei gerade nicht sehr bei Kasse; seine Reise nach Krakau habe den Zweck, sich eine Erbschaft zu sichern. Als man bei Steinbutt, Sauce Hollandaise, saß, zu welchem Chablis getrunken wurde, begann Baron Chubsky seine Ansicht über Fräulein von Lavan kund zu thun. Er dankte dem Freunde, daß er ihm diese Bekanntschaft vermittelt habe. Er gedenke, die junge Dame nicht aus dem Auge zu verlieren, habe sie sich vielmehr im Geiste notiert. Sie stelle ein jetzt noch äußerst seltenes Exemplar jener Gattung Weib dar, die, wie er glaube, die Zukunft beherrschen werde: jenes höchst sensitive, rassige, differenzierte Nervengeschöpf, mit einer starken Dosis Geschlechtlichkeit versetzt. Fritz meinte, auf ihn habe Hedwig mehr den Eindruck  hoher Verstandeskultur gemacht; als Geschlechtswesen erscheine sie ihm geradezu neutral. »Dann stehen Sie, Pardon, noch in den Kinderschuhen der Physiologie, bester Herr!« rief Chubsky. »Ein Geschöpf mit solchen Augen geschlechtslos! – Alles verhüllt die Natur beim Weibe, nur das Auge läßt sie als ein Fenster bestehen, durch welches der Kenner tief hinein schauen kann ins Triebleben. Das Auge dieser jungen Dame fiel mir sofort auf; es richtet sich auf einen, bohrend wie Stahl. So betrachtet jedes Weib von starker Individualität zuerst den Mann, den Feind ihres Geschlechtes. Dann blitzschnell ein zweiter Ausdruck in diesem wandlungsfähigsten Organe; nicht mehr feindlich, mißtrauisch, nein, neugierig, witternd, abtastend gleichsam. So späht das Weib nach der Männlichkeit bei uns, saugt sie mit Behagen in sich auf. – Ich könnte noch manches über die Augen von Fräulein von Lavan sagen. Sie verraten ungewöhnliche Frühreife, vielleicht sogar Fähigkeit zur Sinnes-Luxurie. Ich weiß kein deutsches Wort dafür; Wollust klingt so grob. Eines steht für mich ganz fest: diese kleine, hagere Person mit der Haut der sich öffnenden Maréchal Niel hat Erlebnisse, nicht bloß Gedanken und Phantasieen. In ihr ist etwas aus den blassen Träumereien der Mädchensehnsucht zur Erkenntnis Erwachtes, wie es nur der Wünsche Erfüllung giebt. Haben Sie nichts von einem Liebhaber gespürt in der Vergangenheit oder Gegenwart dieses Mädchens?«Fritz, der in peinlicher Spannung diesen Worten zugehört  hatte, beeilte sich zu antworten, daß er einen Liebhaber bei Fräulein von Lavan für völlig ausgeschlossen halte; Chubsky habe ja selbst gesehen, in welchem Käfig sie lebe. Vor seinen eifersüchtigen Sinnen tauchte freilich der Gedanke an Waldemar Heßlow sofort auf. Aber er hütete sich, dem Polen gegenüber von diesem Verdachte etwas zu verraten. Haselhühner, zu denen es Sekt, Marke: White Star, gab, unterbrachen den Baron in seinem Thema. Michael Chubsky hatte die blasiert leidende Miene, mit der er tagsüber umherzugehen pflegte, jetzt abgelegt. Er zeigte sich lebhaft und aufgeräumt. Seine Augen glühten, auf feinen Backenknochen zeichneten sich rote Flecken ab. Auch Fritz begann zu fühlen, daß ihm das Blut schneller durch die Adern rolle als gewöhnlich. Man näherte sich mit Bewußtsein jenem beseligten Stadium, in dem die Gefühle leuchtend zu fließen, die Gedanken zu sprühen scheinen, wo die Worte nicht mehr auf die Goldwage gelegt werden. Michael Baron Chubsky plauderte. »Wenn ich aus Paris nach Deutschland komme, habe ich schon vor der Grenze immer das Gefühl, die Witterung möchte ich es nennen, daß ich mich einem Lande von bedeutender animalischer Fruchtbarkeit nähere. Etwas wie der Brodem des Kuhstalles schlägt einem da entgegen. Ihr seid Bauern! Das ist die Erklärung eurer wirtschaftlichen Kraft und eurer kulturellen Schwäche. Die Moderne baut sich auf Nerven auf, Nerven sind getreten an Stelle von Kraft  und Verstand. Auf dem Gebiete der Nervenkultur aber seid ihr zurückgeblieben hinter den Slaven und Japanern, ja selbst hinter euren Vettern, den Anglo-Sachsen und den Skandinaviern.« Fritz widersprach lebhaft. Chubsky ließ sich nicht beirren. »Das ist ja in der Politik der Grund eurer letzten Erfolge. Bei Sedan hat im Grunde die Rückständigkeit der Nerven gesiegt. Der knochige Bauer hat den fin de siècle-Menschen besiegt. Bismarck ist der Abschluß einer Epoche, kein Anfang. Der Heros der Zukunft sieht ganz anders aus. Auch in Deutschland giebt es Vorläufer der kommenden Nervenepoche, aber sie haben in ihren Adern fremdes Blut, fühlen sich selbst als Ausländer unter Euch. Nietzsche gehört zu dieser Klasse. Ein Mann, wie Henri Heine war auch solch ein Mußdeutscher. Selbst Schopenhauer gleicht einem weißen Raben in eurer Mitte, und verstanden haben ihn richtig nur die Franzosen. Wagner zwar ist deutsch, typisch für das deutsche Genie. Ein Riese der Arbeit und der Energie. Aber als Künstler übertreffen ihn Liszt, Brahms und Chopin. Fritz Berting meinte, daß ihm diese Ansichten stark subjektiv gefärbt erschienen; vielleicht, so deutete er an, spiele dabei die politische Anschauung des Barons eine Rolle. Michael Chubsky fuhr von seinem Stuhle auf mit verdüsterter Miene. Sich wieder niederlassend, trank er sein Sektglas leer und stützte das Haupt schwermutsvoll  auf die Rechte. Fritz erklärte, die Absicht, wehe zu thun, habe ihm sehr fern gelegen. »Nein, mein Freund!« rief der Pole mit Emphase und reichte Fritz die Hand, »Sie haben mich nur an einen Traum erinnert, den ich auch einmal geträumt habe, den Traum der Selbständigkeit meines Volkes. Aber vielleicht sind wir Polen zu etwas Höherem bestimmt, als zur äußeren Macht; vielleicht werden wir auf geistigen Schlachtfeldern siegen über alle unsere Feinde. Wir gehen einer Zeit entgegen, wo nicht mehr das am weitesten tragende Gewehr entscheidet über die Geschicke der Völker, sondern die Feinheit der Nervenschwingungen. Wir sind der Sauerteig, der bestimmt ist, die herrschende Afterkultur in Gährung zu bringen. Auch mein grausam gequältes Volk wird bei der großen Wandlung aller Dinge, die vor der Thür steht, eine Rolle spielen. Die unterdrückten Völker, wie die unterdrückten Gefühle, werden da emporkommen, das Traumhafte, das Triebhafte, das Mystische, das Okkulte wird emporkommen. Wir stehen in den Anfängen einer Revolution, nicht einer politischen oder sozialen, deren Zeiten sind vorüber – nein, einer Umwertung der Gefühle. Die Morgenröte des ästhetischen Zeitalters steigt herauf, und dieses wird aufgebaut sein auf Nerven. Die Zukunft gehört der Neurose.« Der Kellner servierte den Mokka und fragte, welchen Likör die Herren beföhlen. Baron Chubsky bestellte eine Auswahl; Fritz hatte Gelegenheit, über sein Detailkenntnis auch auf diesem Gebiet zu staunen. Der Kellner  brachte eine ganze Batterie von Flaschen und Krügen holländischer, französischer, deutscher, italienischer Herkunft. Die schmalen Hände des Barons zitterten leicht, als er die Form der einzelnen Gefäße abtastete. Seine Augen schwammen, er stieß die Worte hastig hervor, wie einer, der im Fieber phantasiert. »Wir werden in Zukunft nicht mehr Künste haben, nur noch Kunst, nicht mehr Genüsse, nur noch Genuß. Düfte, Farben, Töne, alles eins! – Ob ich fêtes galantes lese von Verlaine, ob ich ein Spiel erlebe von Maeterlinck, ob ich Jasmin rieche, ob ich das seelische Parfüm einsauge einer Menschenindividualität – wie vorhin die jenes wunderbaren Geschöpfes – ob ich Chopins Requiempolonaise höre, es ist im Grunde alles dasselbe. Schwingungen sind es der Nerven, Ekstase der Sinne, Hybris, Delirium, Orgiasmus! – Wenn nur eine starke Hand spielt auf meiner Natur, wenn ich nur die Trivialität des Lebens vergesse! So erfassen schon viele den Sinn des Daseins als ein einziges auserwähltes Fest, das wir unseren Nerven geben. Aber erst dann wird die Menschheit die Höhe erklommen haben ihrer steilsten Möglichkeiten, wenn der Schmerz zur sublimen Wollust wird. Die Decadence habe keine Frömmigkeit, behaupten Thoren. Orgiastische Verzückung ist unser Kult, Wollust der Askese. Wieder einmal bricht das Okkulte mächtig hervor, welches der fade Rationalismus aus dem Christentum vertrieben hat. Schon haben wir Kongregationen von Jüngern; sie sind verstreut über das ganze Land hin und her, wie die ersten  Christengemeinden im alten Rom. Kunst, Religion, Gefühls alles fließt zusammen wie ein leuchtender Strom in dem großen, heiligenden Bade des Genießens.« Er nahm eine Flasche Chartreuse zur Hand und ließ Fritz das Funkeln der Flüssigkeit bewundern, das er dem berückenden Glanz des émeraude verglich. Doch meinte er, dieses süßliche Parfüm passe nicht in die Skala ihrer Tischgenüsse. Er griff vielmehr nach einem braunglasierten Krüglein, das den Cherry Brandy enthielt. Die flachen Kristallgläschen füllten sich mit der dunkelkarmoisinroten Flüssigkeit. »Bitter und süß,« meinte der Pole, verzückt von dem Tranke nippend, »es ist die Nuance gewisser halberschlossener Mädchenknospen, die in ihrer Herbheit die Süße des Weibes gerade nur ahnen lassen.« Dann zündete er eine seiner aromatischen Cigaretten an, starrte eine Weile in den weißlichen Dunst und sagte in fast elegischem Tone, seine weiche Hand auf Fritzens legend: »Ich reise morgen früh, mein Freund! Doch will ich Sie nicht am Bahnhofe sehen. Es gäbe nur eine Desillusion nach diesen einzig schönen Stunden. Sie sind vielleicht unzufrieden mit mir, daß ich Ihnen zwei Tage Ihrer kostbaren Zeit durch meine Anwesenheit verdorben habe« ...  Fritz wollte remonstrieren. »Nein, keine Komplimente zwischen uns! Ich bin Ihnen noch etwas zu sagen schuldig, ehe wir uns trennen. Sie haben die Liebenswürdigkeit gehabt, mir Ihr Buch ›Das Geschlecht‹ zuzuschicken. Wollen Sie mein Urteil darüber anhören?«Fritz erwiderte, daß er gespannt sei darauf. »Nun gut! Zunächst sind wir wohl einig über eines: Urteile wie gut und schlecht, schön und häßlich, der alten Ästhetik entnommen, giebt es nicht! Das vorausgeschickt, scheint mir Ihr Buch zu den starken zu gehören. Es hat Knochen und Muskeln; fast liegen sie zu offen am Tage. Die feinen Ganglien fehlen, die blühende Haut, der diskrete Flaum. – Sie verstehen, was ich meine. Auch ist es mir zu sehr nach der Methode des braven Zola gearbeitet. Viel körperliche Beobachtung und Analyse, viel Wirklichkeitssinn, kurz, echte Dokumente haben Sie in Ihre Retorte gethan. Der Forscher kann seine Freude daran haben. Aber mein Freund, bei uns gilt diese Methode längst für überwunden. Die ganze Schule leidet am Mangel von Nuance. Ewig den Fleischton auf der Palette, das geht am Ende auf die Nerven. Wir suchen nach Neuem, nach Blumen, die noch kein Auge gesehen, nach tiefen, unerhörten Erregungen. – Ich will mich ganz demaskieren! Vorher sprach ich von der Religion der Intimen, von einem Geheim-Kult, der sich hie und da vorbereitet in den Kulturzentren der Welt. Er hat seine Märtyrer und Gekreuzigte, dieser Kult, und er besitzt auch seine Propheten und Jünger. Ich bin ein Mensch, der die Seinen nicht vergißt! Auf Sie hatte ich Hoffnungen gesetzt, Berting; große Hoffnungen! Manches Ihrer Gedichte schien mir dafür zu sprechen, daß Sie einer seien, der mit tastenden Fühlern das Neue sucht. Ich glaubte, Sie gehörten zu uns. Einen Namen haben wir nicht, auch keinen geschriebenen Kodex, nicht einmal ein Sakrament. Wir verpflichten durch keinen leiblichen Eid. Wir sind die Gesellschaft der Erleuchteten, unsichtbar über die ganze Welt verstreut, allgegenwärtig. Von heut ab rechne ich Sie zu den Unsrigen. Und so ist mein Aufenthalt hier nicht umsonst gewesen. Ich habe das hohe Glück gehabt, an einem Tage zwei Menschen zu fischen. Ich weiß nicht, wer von euch beiden der Wertvollere ist. Ach, dieses Mädchen hat mir eine unvergeßliche Sensation verursacht! Ein Ton, ein unendlich feiner, tief aufregender Ton zittert in mir nach von jener Stunde. Ich habe ein neues Arom gekostet. Sie wissen was eine audition colorée ist? Ich erlebte das Phänomen in der Nähe dieses Geschöpfes. Wissen Sie, ich hörte ganz deutlich die Rhapsodie von Liszt, so wie sie Rubinstein spielte, und gleichzeitig sah ich das keuscheste Rosa junger Apfelblüten übergehen ins Mattlila des Spätabendhimmels. Dieses sublime Wesen vereinigt den Duft eben geschnittenen Heues und von Patschuli, das Raffinement des fin de siècle und die Urmystik einer Eva. Wahrhaftig, sie ist einzig! Um Hedwigs willen könnte ich Thränen vergießen, daß ich reisen muß. Ich schenke Sie Ihnen. Und ich spreche zu euch beiden: »Kindlein, liebet euch unter einander!« –Er erhob den Sektkelch. »Mein Auge hat euch erkannt; ich habe euch umarmt seelisch.«  Er leerte das Glas und warf es hinter sich. »Nun wollen wir übergehen zur Sensation der Sensationen, zum Absinth!« – Das Erwachen am nächsten Morgen war furchtbar. Schlimmer noch als der physische Katzenjammer war der Abscheu vor dem Leben. Als Fritz Berting sein Manuskript durchblätterte, sah es ihn an wie das Werk eines Fremden; es widerte ihn an, verwirrte ihn. Der Plan, der Zusammenhang der Teile, der höhere Sinn des Ganzen war ihm verloren gegangen. Ein Knäuel verworrenen Garns, wo einst das Muster gewesen war zu einem feinen, planvollen Gewebe. Er warf schließlich tief entmutigt die Blätter in ein Fach seines Schreibtisches. Was nun? Wenn er jetzt einer neuen Krise entgegenging, einem Anfall von Welt- und Kunstekel, wie er sie nicht bloß einmal durchgemacht hatte! – Dagegen gab es kein Mittel, das wußte er. Wie eine Krankheit war das, die heimtückisch den Menschen überfiel und erst wich, wenn sie den ganzen Körper durchschüttelt hatte. Dazu das schreckliche Bewußtsein, daß er in seiner jetzigen Lage solchen Stimmungen nicht nachgeben durfte. Er mußte auf dem Posten sein; es handelte sich um seine Existenz. Ein Gast, der ihm in seinen Träumen schon öfters drohend gewinkt hatte: der Hunger, trat, wenn man die Hände in den Schoß legte, leibhaftig über die Schwelle. Berting fürchtete sich davor, sein Portemonnaie zu öffnen und den Inhalt nachzuzählen; denn von der vorigen Nacht – deren einzelne Szenen ihm in undeutlichen Nebel zusammenliefen – war ihm ein Bild in peinlichster Erinnerung geblieben: der Kellner mit der Rechnung. Als  sich Fritz endlich doch entschloß, Kassensturz zu machen, ergab sich ein Befund, der seine schlimmsten Erwartungen übertraf. Fritz verwünschte den Polen. Was nützten ihm die glühenden Umarmungen und Küsse, mit denen Michael Baron Chubsky sich in früher Morgenstunde von ihm verabschiedet. Er, Fritz, hatte die Zeche bezahlen müssen. Von der Unterhaltung mit dem berühmten Kunstkenner und Vermittler zwischen den Litteraturen Europas war in seinem Kopfe nichts zurückgeblieben, als ein wüstes Tohu-Wabohu. Wahrhaftig, die Ehre, diesen Herrn zu traktieren, kam ihm teuer zu stehen!Der Ärger darüber war das erste belebende Gefühl, das er an diesem trostlosen Tage empfand. Es stachelte ihn soweit auf, daß er sich entschloß, da es mit dem Arbeiten heute doch nichts werden würde, wenigstens auszugehen. Er hatte seit Tagen schon keine Zeitung mehr in Händen gehabt und meinte, daß er vielleicht in den Blättern irgend etwas finden werde, was ihn auf andere Gedanken bringen möchte. Er begab sich in das Kaffeehaus, in welchem er sich ehemals mit Heinrich Lehmfink fast täglich getroffen hatte. Als er das Zimmer betrat, in welchem die Zeitungen aufbewahrt wurden, rief man ihn von einem Ecktische aus an. Dort saßen bei einander: Theophil Alois Hilschius, Siegfried Silber und ein dritter junger Mann. Fritz trat an den Tisch, begrüßte sich mit Theophil und mit Silber  und wurde mit dem Fremdling bekannt gemacht, den man ihm als Marcus Hiesel vorstellte. Siegfried Silber bat Fritz, bei ihnen Platz zu nehmen; seit der Viertelstunde, die man hier sitze, habe man von nichts anderem gesprochen, als von ihm. Sein Erscheinen rette ihn, Fritz Berting, davor, daß man ihn, einem eben gefaßten Entschlusse zufolge, in corpore aufsuche. Fritz blickte erstaunt auf dieses Kleeblatt. Die drei Leute schienen ihm gar nicht recht zusammen zu passen. Siegfried Silber, mit dem Dichternamen »Karol«, trug noch immer den an den Ärmeln glänzenden, mit Flecken aller Art bedeckten, ehemals schwarzen Rock, den man wie eine zweite Haut an ihm kannte. Theophil Alois war tadellos gekleidet; ihn übertraf aber noch an Pflege des äußeren Menschen um ein Erkleckliches Marcus Hiesel. Berting hatte den Namen schon gelegentlich von Frau Eschauer nennen hören. Hiesel war ein Verwandter der Familie Hilschius. Annie pflegte von ihm als von dem »dekadenten Marcus« zu sprechen. Seine Eltern lebten in Wien, waren sehr reich, er der einzige Sohn. Marcus hatte mit zwanzig Jahren eine Reise um die Welt gemacht, und, wie Annie erzählte, wäre die wichtigste Erfahrung, welche er nach Europa zurückgebracht habe, gewesen, daß die Gheishas die einzig möglichen Frauen seien. Fritz sah sich den Jüngling daraufhin mit einem gewissen Interesse an. Das schmale, blasse Gesicht war bartlos, das Haupthaar dicht über dem Ohr gescheitelt, fiel in einer  breiten, glatten Welle über die halbe Stirn und bedeckte die Wange noch ein Stück. Der hohe Kragen, in Vatermörder-Form, und die breit gebundene Krawatte hüllten den dünnen Hals bis zum Ohrläppchen ein. Die Weste von perlmutterschillerndem Seidenstoff, darüber ein Rock mit breitem Sammetkragen, engen Ärmeln, langschößig, wie ihn die Biedermeierzeit liebte. – Schwer war es, sich die Beschäftigung des jungen Mannes vorzustellen. Daß diese Hände von durchschimmernder Zartheit der Haut mit etwas in Verbindung gebracht werden könnten, das den Namen Arbeit verdiente, erschien Blasphemie. Wenn sie, wie hier, ab und zu nach dem Theeglase griffen, so geschah es tastend, zögernd, als schämten sie sich der groben Gegenstände, mit denen sie in Berührung kamen. Ähnlich, wenn Marcus Hiesel den Mund öffnete. Er that es selten, zu wenigen zurückhaltenden Worten, die jungen Tauben gleich, scheu vom Neste aufflogen. Ein Zug herber Resignation zitterte auf den schmalen Lippen; aus seinen Augen sprach hoheitsvolles Mitleid über das Weltgetriebe. Fritz, der Freund Theophil einigermaßen übersah, entging es nicht, daß der Sohn der Witwe Hilschius gänzlich unter dem Banne stand dieser neuen Größe: Marcus Hiesel. Schon trug er den Scheitel über dem Ohre, wenn er auch das Haar noch nicht bis zu der beträchtlichen Länge gezüchtet hatte wie sein Vorbild. Die Krawatte war ihm bis zum Kinn herausgerutscht, und die Weste schien von der des Wiener Vetters abgefärbt zu haben. Auch seine Gebärden strebten nach Weihe und der Gesichtsausdruck nach Tiefsinn. Diese beiden schwiegen sich aus. Um so mehr redete der kleine Silber. Er war nahe an Fritz herangerückt und setzte ihm unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit einen Plan auseinander, zu dessen Gelingen man stark auf Fritzens Mitwirkung hoffe. Es handelte sich um nichts geringeres, als die Gründung einer »Zeitschrift«. Marcus Hiesel zuckte zusammen bei einer so groben Bezeichnung, sein Schatten, Theophil Alois, that ein gleiches, und Siegfried Silber korrigierte sich infolge dessen dahin, daß es sich um ein Unternehmen handle, welches mit einer gewöhnlichen Zeitungsgründung nichts zu thun habe. Fritz, durch eigene bittere Erfahrungen auf diesem Gebiete skeptisch gemacht, meinte: das sei eine wundervolle Gelegenheit, Geld los zu werden. Siegfried Silber belehrte ihn voll Eifer: es komme ihnen ganz und gar nicht darauf an, ein Geschäft zu machen. Die Halbmonatsschrift, die man herausgeben wolle, sei nur für einen exklusiven Kreis von Kennern berechnet und werde das intime Genre pflegen. Die litterarischen Beiträge ebenso wie die Ausstattung müßten den Geschmack des verwöhntesten Liebhabers befriedigen. »Wir wollen ein Blatt gründen, wie es Deutschland noch nicht besitzt, nur auf ästhetischen Prinzipien aufgebaut, esoterisch durch und durch! Ein solches Organ thut uns not, sehr not! Es müßte die Funktionen eines obersten Gerichtshofes in  litterarischen Dingen versehen, müßte dem echten Talent, davon es auch bei uns genug giebt, Gelegenheit schaffen, sich auszuwirken.«  Silber wendete sich mit der letzten Bemerkung an Marcus Hiesel, Zustimmung suchend. Der nickte bedeutungsvoll, ein gleiches that Theophil Alois. Berting meinte, der Plan sei ganz schön, nur bezweifle er, daß sich Leute finden würden, welche ein derartiges Unternehmen finanzieren wollten und könnten. Hier leuchteten Silbers dunkle Augen auf, und mit überlegenem Lächeln sagte er: »Diese Leute sind gefunden. Ich gebe zu, daß solcher Idealismus selten sein mag; hier war er vorhanden und mit ihm die Mittel zu einem Mäcenatentum großen Stiles. Wer unsere hochherzigen Geldgeber sind, muß vorläufig verschwiegen bleiben. Daß aber der Stein im Rollen ist, mag Ihnen dieses hier beweisen.« Er zog aus der Tasche des unsauberen Rockes ein Paketchen Druckbogen, die er vor Berting ausbreitete. »Ich habe nur eine Probe drucken lassen vorläufig, aus meinem Roman ›Das Ghetto‹, der seiner Zeit auch Ihren Beifall fand. Und hier ein Gedicht von unserem Theophil Alois Hilschius. Wir gedenken viel Lyrik zu bringen. Ferner Aphorismen von Marcus Hiesel. Bitte, beachten Sie die Vignetten und Zierleisten. Wir werden dem erlesenen Stile des Ganzen entsprechend den Buchschmuck gestalten. Den Titel haben wir endgiltig festgesetzt, er soll lauten: ›Der Impressionist‹. Soeben hielten wir eine kleine Redaktionssitzung ab. Diese beiden Herren sind meine Mitredakteure. Ein Redaktionslokal wird selbstverständlich  noch gemietet werden. Hier ist übrigens eine Probe zum Umschlag.« Er reichte Fritz ein Stück feinsten holländischen Büttenpapiers, auf dem in mattem Gold der Titel prangte. Während Berting das Blatt betrachtete, hatten sich die beiden Vettern Marcus Hiesel und Theophil Hilschius erhoben. Der junge Wiener hüllte seine schlanke Figur in einen kostbaren Pelzmantel ein, lächelte diskret melancholisch zum Gruß und verschwand mit unhörbaren Schritten, gefolgt von Theophil Alois, der diese Art des beinahe körperlosen Entschwebens nachzuahmen zwar bestrebt war, aber doch nicht völlig erreichte. Kaum hatten die beiden sich entfernt, so schlug Siegfried Silber eine ganz andere Tonart an. Er wolle Berting in das Geschäftliche des Unternehmens einweihen, sagte er, und rückte vertraulich an ihn heran. Die Sache liege ganz einfach so: Frau Hilschius, die für ihren Sohn eine Beschäftigung suche, habe eine Summe gestiftet für das Unternehmen, unter der Voraussetzung, daß Theophil nach außen hin als Redakteur auftrete. Eine gleiche Summe habe der junge Hiesel beigesteuert. Beiden Herren müsse dafür selbstverständlich jederzeit weißes Papier im »Impressionist« zur Verfügung stehen. Die Oberleitung sei ihm, Siegfried Silber, übertragen worden. Nun komme es vor allem darauf an, noch ein paar Schriftsteller von Kaliber zu gewinnen, um der Sache Relief und Rückgrat zu geben. Denn auf den Gedichten von Theophil Alois und den Aphorismen von Marcus Hiesel  könne man eine ernsthafte Zeitschrift natürlich nicht aufbauen. Darum sei es sehr erwünscht, daß Berting die Mitarbeiterschaft annehme. Fritz, der die Leistungen Theophils als Lyriker von der Nordlandsreise her noch in üblem Angedenken hatte, und der von den Hieselschen Aphorismen, nach dem, was er soeben flüchtig gelesen, auch keine große Meinung haben konnte, machte geltend, daß man auf sein Renommee halten müsse, als Litterat. Der Gedanke, in so unreifer Gesellschaft vor die Öffentlichkeit zu treten, war ihm keineswegs sympathisch. Silber schien auf diesen Einwand gefaßt. »Ganz unter uns,« flüsterte er und verzog sein bewegliches Gesicht zu einer listigen Grimasse. »Je weniger diese beiden schreiben, desto lieber wird es mir sein. Ich hoffe in dieser Beziehung auf die solchen Herren angeborene Faulheit. Von Geschäften versteht der eine so wenig wie der andere. Sie figurieren zwar als Mitredakteure, aber ich werde dafür Sorge tragen, daß sie Strohmänner bleiben. Der Kontrakt, den ich habe, wahrt mir volle Selbständigkeit. Die geschäftliche wie die litterarische Leitung liegt in meinem Händen.« »Verdenken Sie mir etwa mein Verhalten, Berting?« fragte Silber, durch Fritzens Miene stutzig geworden. Fritz zuckte die Achseln. »Ich möchte nicht, daß Sie auf falsche Vermutungen kämen. Ganz offen will ich gegen Sie sein. Sehen Sie, ich habe es schwer gehabt! Von meiner Jugend will ich gar nichts erzählen. Denken Sie sich die ärgsten  Demütigungen, die es für einen aufstrebenden Geist giebt, Zurücksetzung, Widerwärtigkeiten jeder Art, und Sie werden mit aller Phantasie zurückbleiben hinter dem, was ich in Wirklichkeit durchgemacht habe. Ich wollte vorwärts kommen, und von Anfang an waren mir die Verhältnisse entgegen. Ihnen, der sie aus ganz anderer Lage kommen, ist es einfach unmöglich, sich dahinein zu versetzen. – Und nun habe ich mich ein Stück emporgearbeitet, ohne Hilfe von irgend einer Seite, ja, im Gegensatz zu meiner Umgebung, in bitterer Feindschaft, kann ich sagen, gegen die ganze Welt. Was habe ich schließlich erreicht? ›Tintenkuli‹ nennen einen die Gemütsmenschen. Die Finger habe ich mir wund geschrieben, Sklavenarbeit verrichtet, jeden Auftrag angenommen, um nur nicht wieder zurückzusinken von der mühsam erklommenen Stufe. Dabei habe ich Zeit gefunden, Sie wissen es, von dem, was ich wußte und konnte, denen mitzuteilen, die gleich mir in bedrängter Lage sind. Aber der Proletarier ist besser daran, als unsereiner. Er empfindet die Fesseln der Armut nicht so stark wie der Intellektuelle; uns reiben sie nicht nur das Fleisch, sondern obendrein noch die feinfühlige, hochstrebende Seele wund. Und von allem das Bitterste, das Bewußtsein, daß man etwas könnte, und nicht herangelassen wird an die entscheidenden Stellen; überall zurückgestoßen, während die Impotenz am Tische sitzt und sich mästet. Ich will empor und ich muß empor! Ich denke, daß Sie das verstehen müssen, Berting!«Man brauchte nur in das blutleere Gesicht mit den  qualvoll zuckenden Lippen, in das leidenschaftlich glühende Auge zu blicken, um zu ahnen, welcher Ehrgeiz diesen Menschen im Innersten verzehrte. Soviel auch sonst an seinem ganzen Wesen Pose sein mochte, hierin war Siegfried Silber echt, in der Weißglut des Temperaments, in diesem verzweifelten Drängen nach vorwärts. »Sehen Sie,« fuhr Silber fort, »es ist von jeher mein Traum gewesen, eine litterarische Zeitschrift großen Stiles ins Leben zu rufen. Schon damals, als ich hinter dem Ladentisch meines Vaters den Atta Troll verschlang, schwebte mir das Blatt, dessen Chefredakteur ich einmal sein würde, in klaren Umrissen vor. Nun mit einem Male rückt mir nach soviel Misere die Möglichkeit nahe, meinen Jugendtraum zu erfüllen. Sie, Berting, haben auch Anteil an dieser Wendung meiner Umstände. Ich werde es Ihnen niemals vergessen, daß Sie mich in das Haus der Frau Hilschius eingeführt haben. Ohnedem würde ich schwerlich erreicht haben, was ich in Händen halte.« »Der Kontrakt ist abgeschlossen?« erkundigte sich Fritz. »Von den Parteien unterschrieben und gerichtlich beglaubigt, das Geld sichergestellt. Ein Unternehmen, so glänzend fundiert, wie es nur sein kann!«Der kleine Mann, unfähig, seine Erregung völlig zu meistern, erhob sich, scheinbar unmotiviert, von seinem Stuhle, um sich sofort wieder zu setzen. »Sagen Sie selbst, lieber Berting, durfte ich mir eine solche Chance entgehen lassen? Diese Mutter, die durchaus ihrem Söhnchen die Gloriole litterarischer Berühmtheit  ums Haupt weben will, und dieser Marcus Hiesel, der nicht weiß, was mit den Millionen seiner Eltern anfangen – sollte man warten, bis diese Jünglinge irgend einem Gauner in die Hände laufen, der sie von der goldenen Last befreit? Mag es immerhin so aussehen, als beutete ich die Eitelkeit aus! Gut, ich nehme das Odium auf mich. Ich gedenke etwas Großes zu machen aus dieser Gründung.« »Wie ich gesehen habe, Silber, lassen Sie Ihren Roman in der Zeitschrift erscheinen.« »Ach ja, mein ›Ghetto‹! Dieses Schmerzenskind, das, wie Sie selbst erlebt haben, Herr Weißbleicher mir zur Verfügung gestellt hat. Aber mit diesem einen Roman und mit den Bagatellen, die mir Hilschius und Hiesel liefern, kann ich nicht auskommen. Was ich für die erste Nummer brauche, wäre eine nicht allzu umfangreiche, stark einsetzende, spannende Novelle, etwas recht in die Augen Stechendes von lebhaftem Kolorit. Am besten etwas, das den Spießbürger ärgert, damit geschimpft wird auf das neue Blatt. Ich habe an Sie gedacht, Berting; Ihr Name steht seit dem berechtigten Erfolge des ›Geschlecht‹ mit unter den meistumstrittenen der jungen Bewegung. Eine Arbeit aus Ihrer Feder würde der Zeitschrift gerade das geben, was uns fehlt: die Folie des Litterarischen. Haben Sie etwas in Arbeit?«Fritz Berting erwiderte zögernd, er habe zwar eine Novelle angefangen, halte sie jedoch nicht für geeignet für den ›Impressionist‹. »Ich würde pränumerando zahlen!« rief Silber lebhaft. »Ich bin so gestellt, daß ich nicht zu knausern brauche im Honorar.« Fritz schwankte. Der Gedanke, sich in den Sold Siegfried Silbers zu stellen, war ihm noch zu ungewohnt, um sofort zuschlagen zu mögen. Auf der anderen Seite schien ihm das Anerbieten verlockender, als er es jenem gern merken lassen wollte. Bar Geld, woher es auch kam, war in seiner jetzigen Lage Hilfe in höchster Not. »Auf welchen Umfang taxieren Sie Ihre Arbeit?«Fritz überlegte. Was er bis jetzt fertig hatte, war seiner Schätzung nach etwa die größere Hälfte. Er nannte den Umfang in einer runden Zahl von Bogen. »Danach würde Ihre Novelle etwa durch die fünf bis sechs ersten Nummern des ›Impressionist‹ laufen. Gerade das, was ich brauche! Können Sie mir nicht in drei Worten den Inhalt der Geschichte angeben, damit ich nur ungefähr orientiert bin, ob sie sich mit dem übrigen Programm verträgt.« Fritz gab ihm, so gut es ihm im Augenblicke möglich war, das Skelett seiner Novelle. »Wird ein Schlager!« rief Silber. »Nun sagen Sie mir bitte Ihren Honoraranspruch, Berting!«Fritz wußte, daß ihn Siegfried Silber für dumm halten würde, wenn er bescheiden auftrat in seinen Ansprüchen. Er nannte den fünffachen Satz von dem, was ihm früher einmal ein berliner Blatt gezahlt hatte für einen novellistischen Beitrag und war gespannt, was der neugebackene  Redakteur zu der Forderung wohl für ein Gesicht machen würde. Siegfried Silber schloß einen Augenblick die Augen. Dann sagte er mit einem Lächeln, das den inneren Triumph nicht gänzlich zu verbergen vermochte: »Sie gestatten wohl, Berting, daß ich diese Summe etwas nach oben zu abrunde.« Alma aufzusuchen, hatte Fritz über alledem wenig Zeit gefunden. Am liebsten noch ging er abends zu ihr, wenn er vom Schreiben müde war. Dann saß er stundenlang in ihrem Zimmer und brütete vor sich hin. Die Lampe durfte nicht angezündet werden. Fritz wollte das helle Licht nicht; es verriet ihm allzu grausam die Veränderung von Almas Erscheinung, die nicht ausgeblieben war. Viel gesprochen wurde nicht an solchen Abenden. Das Mädchen machte wohl manchmal den Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, erzählte von Dingen, die ihn ehemals interessiert oder belustigt hatten, von ihren kleinen Tageserlebnissen im Haus, auf der Straße, oder im Geschäft. Fritz hatte sie ja früher oftmals gebeten: »Erzähle mir etwas!« Aber wenn sie jetzt ungebeten anfing, war ein Seufzer die Antwort, oder auch ein Gähnen. Dann schwieg Alma bedrückt, versuchte in der Dunkelheit wohl verstohlen seine Wange zu streicheln. Wenn er sich aber über die Rauhheit ihrer Hand beklagte,  wagte sie es nur noch mit seinem Haar zu thun. Da konnte er die unzähligen kleinen Risse und Stiche an ihren Fingern, die von der unablässigen Näharbeit herrührten, doch nicht spüren. Alma schluckte in seiner Gegenwart tapfer ihre Thränen herunter. Fritz gab ihr ja genug Gelegenheit, sich unbemerkt auszuweinen. Wußte sie doch, daß Thränen das sicherste Mittel gewesen wären, ihn ganz zu verscheuchen. Mehr denn je war es ihre geheime Angst, daß er sie eines Tages verlassen könne. In ihrer Macht stand es ja nicht, ihn zu binden. Es war sein freier Wille, wenn er kam. Die Klugheit der Liebe sagte ihr, daß sie gerade in dieser Zeit alles fern halten müsse, was ihm Zwang bedeuten konnte. Sowie sie ihm zu Gemüte geführt hätte, daß er Pflichten gegen sie zu erfüllen habe, wäre sie ihm doppelt lästig gefallen. Wenn sie ihm dagegen volle Freiheit ließ, zu kommen und zu gehen, wie es ihm paßte, war die Wahrscheinlichkeit ihn zu behalten am größten. Der Zustand, in dem Alma sich befand, führte sie naturgemäß zu solcher Vorsicht. Jetzt, wo die Verliebtheit der ersten Zeit bei ihm verflogen war, blieb ihr als Waffe allein: Vorsicht. Mehr noch als für sich selbst kämpfte sie für ihr Kind, dem sie den Vater erhalten wollte. Fritz durfte sie nicht verlassen, jetzt nicht!Sie konnte ihm nicht weiter gram sein, auch wenn er sie noch so rücksichtslos behandelte. War sie ihm doch für Großes Dank schuldig. Wie alle Frauen, die einmal glücklich geliebt haben, trug sie das Vergangene als  stets gegenwärtiges Erlebnis in der Seele. Während der vielen Stunden, die sie einsam über ihrer Arbeit saß, hatte sie reichlich Muße zum Nachsinnen. Ihr wenig belastetes Gedächtnis besaß die Fähigkeit, sich jede Szene der Vergangenheit zurückzurufen, daß es war, als erlebe sie sie jetzt. Und sie wurde nicht müde, immer und immer wieder in diesen guten Erinnerungen zu kramen. Langeweile gab es nicht für Alma Lux, mochten ihre Tage äußerlich noch so monoton dahinschleichen, weil sie in der Fülle stand innerer Erlebnisse. Die Mutterschaft begann sie stark in Anspruch zu nehmen. Instinktiv that sie, was für das Werdende gut und notwendig war, mied alles Aufreibende und Aufregende. Ein Leben, wie sie es im früheren Quartier in Gemeinschaft mit Fritz geführt hatte, wäre ihr jetzt Gift gewesen. Sie war im stillen glücklich, daß er keine Zärtlichkeit verlangte von ihr. Schon erwuchs in ihr ein neues Gefühl ihm gegenüber, jene trauliche Zuneigung des Weibes für den Vater ihres Kindes. Ganz anders empfand Fritz. Das geheime Grauen zwar, das ihn befallen hatte, als er erfuhr, welche Folgen ihr Verhältnis gehabt, war einer gefaßteren Stimmung gewichen. Er betrachtete das, was Almas höchstes Glück war, als unabwendbares Mißgeschick. Er wußte, daß er unritterlich handle gegen dieses arme, wehrlose Geschöpf, wenn er sie oft mit einer gewissen verzweifelten Bosheit von sich stieß. Aber er konnte nicht anders. Sie reizte ihn durch die Geduld, mit der  sie seine Launen ertrug, mehr, als es Widerstand und Empörung vermocht hätten. Es gab auch wieder Momente, wo er sie bemitleidete, wo sich etwas wie Dankbarkeit in ihm regte, der Geliebten gegenüber, die sich in schwerer Zeit so treu und anhänglich erwiesen hatte. In solchen Stunden nahm er sich dann vor, gut gegen sie zu sein und Rücksicht zu nehmen auf ihren Zustand. Dann aber, wenn sie ihn durch ein Wort, einen Seufzer, durch ihre bloße Erscheinung an das erinnerte, woran er nicht erinnert sein wollte, fühlte er etwas in sich aufsteigen, wie Wut und Haß. Mit ihren Taubenmienen hatte sie ihn betrogen. Sie hatte das uralte Adam- und Eva-Spiel in neuer Variation mit ihm aufgeführt; anders war es nicht! –Genau wie für sie galt es für ihn, ein Kind verteidigen; wenn es auch keines war von Fleisch und Bein: sein Künstlertum. Klarer denn je sah er es jetzt, die Fortdauer dieses Verhältnisses mußte der Ruin werden seines Schaffens. Dieses stumpfsinnige Zusammenhocken, das fast einer alten schlechten Gewohnheit glich, von der man sich aus Bequemlichkeit nicht trennen will, war tief unter seinem Niveau. Es erniedrigte ihn viel mehr geistig als moralisch. Er fühlte sich nach seinen Besuchen bei Alma ernüchtert, von Selbstekel erfüllt, flügelmüde. Mochte Heinrich Lehmfink zehnmal behaupten, daß es Ehrenpflicht sei, ein Mädchen zu heiraten, das man zur Mutter gemacht; schließlich urteilte auch er eben nur als ein Fernstehender. Sagen konnte man es ihm ja nicht, selbst dem  besten Freunde nicht, wie das, was früher freie Neigung gewesen, jetzt auf dem Wege war auszuarten in Last und Zwang. Wenn Lehmfink hätte verstehen können, wie im Innersten ernüchtert Fritz sich fühlte, auch er würde nicht weiter auf seinen schroffen Ansichten bestanden haben. Denn das, was der Freund als sittliche Forderung aufstellte, war recht eigentlich das Unmoralische, war Sanktion einer Verbindung, die wenigstens von einer Seite aufgehört hatte, Bedürfnis zu sein. Der illegale Verkehr der Geschlechter verstieß höchstens gegen die Gesetze des äußeren Anstandes; herabziehend und die Beteiligten entwürdigend aber war eine Liebe ohne tiefquellendes Verlangen. Die Sinnenfreude war ein für allemal verrauscht zwischen ihnen. Fritz glaubte auch nicht, daß es jemals anders werden könne. Alma, wie sie nun einmal war, würde höchst wahrscheinlich ganz in der Mutter aufgehen, sobald sie ihr Kind an der Brust hielt. Beinahe war es schon jetzt so. Ihre Neigung hatte zwar noch die äußerlichen Gesten der früheren Zärtlichkeit, aber ob sie nicht dem Weibesinstinkt entsprangen, der sich den Vater des Kindes unter allen Umständen als Ernährer erhalten wollte? –Fritz war innerlich schon soweit von Alma entfernt, daß er kühlen Blutes solche Vermutungen hegte. Die einzige Rettung, die es schließlich für beide gegeben hätte, wäre Freundschaft gewesen; aber dazu fehlte als Vorbedingung jene seelische Verwandtschaft, die eine unsichtbare Verbindung herstellt zwischen ähnlich gebildeten  Geistern. Geliebte konnte Alma sein, Magd, Helferin, niemals aber Gefährtin und Vertraute seines Strebens. Vor seinem innersten Erleben, vor der geheimen Schatzkammer seiner besten Gedanken, vor dem, was er selbst das »Heiligtum der Kräfte« genannt hatte, mußte sie ratlos stehen. Selbst wenn er ihr Einblick gewährt hätte, sie würde dort nichts gesehen haben, weil ihr dafür die Augen fehlten. Menschen, die geistig auf so verschiedener Stufe standen, konnten sich höchstens mit den Oberflächen ihres Wesens berühren. Die tiefste, auf Verstehen und Ergründen beruhende Sympathie gab es für sie nicht. Zwischen ihnen stand unsichtbar eine äußerst empfindliche Grenze, die des Geschmackes. Das Vorhandensein dieser Linie wurde meist erst bemerkt, wenn es zu spät, wenn sie schon überschritten war. Und solches Versehen bedeutete, wenn auch noch so naiv begangen, immer einen Stoß in das Nervenleben des feiner empfindenden Teiles. Bis schließlich das Gemeinsame, was beide hatten, aufgezehrt ward von dem, was in ihnen feindlich und unvereinbar war. Fritz sah diese Entwickelung ziemlich klar vor sich, während Alma, die früher wohl manchmal eine dumpfe Ahnung gehabt hatte von dem Widerspruch, der ihr Verhältnis langsam, aber sicher auseinandertreiben mußte, jetzt ihr ganzes Hoffen auf das richtete, was kommen sollte, auf ihr Kind. Sie war naiv genug, zu glauben, daß das Kind ein Band werden würde zwischen ihm und ihr. Sie konnte sich einfach nicht in die Gemütsverfassung des  Mannes versetzen, der nichts tiefer verabscheute und fürchtete, als diese größte aller Verantwortungen. Fritz Berting hatte Heinrich Lehmfink, seit ihrem Gespräche über Alma, nicht wieder gesehen. Ins Café kam Lehmfink nicht mehr, seit er außerhalb der Stadt wohnte; und den Freund aufzusuchen, mit dem er in einer gewissen Spannung auseinander gegangen war, hatte Fritz weder Mut noch Lust gehabt. Im stillen hoffte er immer, man würde sich einmal durch Zufall auf der Straße treffen. Dann wäre es ja ein leichtes gewesen, sich dem alten Kerl anzuschließen und in harmloser Weise alles wieder ins rechte Gleis zu bringen. Aber er bekam den Freund auch nicht mit einer Nasenspitze zu sehen. Bis ihm ein kurzer, offenbar in größter Eile geschriebener Brief Lehmfinks mitteilte: er habe durch seine Schwester Toni bedenkliche Nachrichten über das Befinden der Mutter erhalten und sei auf dem Sprunge, nach Haus zu reisen. Frau Hilschius hatte schon vor Wochen Fritz Berting durch eine Karte davon verständigt, daß sie wieder jeden Mittwoch Nachmittag für ihre Freunde zu Haus sei. Fritz konnte sich nicht recht entschließen, dorthin zu gehen. Die Berühmtheiten, welche die schöngeistige Witwe um sich versammelte, waren ihm vom vorigen Winter her noch in schlimmer Erinnerung. Aber er wollte seine Gönnerin,  von deren Freundlichkeit er mehr als eine Probe erlebt hatte, doch nicht gänzlich vor den Kopf stoßen und ging, seinem Herzen einen Stoß gebend, am nächsten Mittwoch nach dem wohlbekannten Hause. Er fand die Räume schon ziemlich gefüllt. Viele Gesichter waren ihm bekannt. An ihrem kollegialen Lächeln erkannte er die Dichterin der »Epheuranken« wieder. Berting fühlte ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihm ihren letzten Band »Immergrün« zugeschickt, und er war so unhöflich gewesen, nichts darauf zu erwidern, noch schlimmer, er war sich bewußt, nicht einmal hineingeblickt zu haben in das Buch. Auch die langhaarigen Dichter waren zur Stelle, von denen sich übrigens einer Fritz gegenüber inzwischen als Agent einer Lebensversicherungsgesellschaft entpuppt hatte, während ihm der andere als Korrespondent einer Kartonnagefabrik bezeichnet worden war. Die Zahl der blonden und braunen Zöpfe schien gegen die vorige Saison womöglich noch gewachsen. Fritz durchschritt den Salon, Theophil Alois und Marcus Hiesel nur im Vorüberschreiten begrüßend. Zunächst wollte er der Dame des Hauses seine Reverenz machen. Er traf sie im letzten Zimmer mit Weißbleicher und Professor Wallberg, die beide eifrig auf sie einsprachen. Man bemerkte sein Eintreten nicht sofort, und Fritz hörte noch, wie Weißbleicher das Wort »Impressionist« in erregtem Tone wiederholte. Der Professor schien ihm zu sekundieren. Als Fritz sich der Dame des Hauses näherte, erwiderte sie seine Begrüßung mit offenbarer Befangenheit. Weißbleicher blickte ihn giftig von der Seite an, und Professor Wallberg grüßte sehr von oben herab. Darauf eisiges Schweigen. Da es ihm hier nicht recht geheuer dünkte, kehrte Berting in den Salon zurück, wo er der blonden Dichterin von »Epheuranken« und »Immergrün« in die Hände fiel. Sie mahnte ihn mit sanftem Schmollen an die Abmachung, wonach man hatte in Bücheraustausch treten wollen. Fritz dankte ihr zerstreut für die »schönen Gedichte«, mit deren Zusendung sie ihn hoch erfreut habe, er werde sich nächstens revanchieren. Das runde, niedliche Gesichtchen der Blondine verdüsterte sich bei seinen Worten; ganz niedergedrückt sagte sie: »Immergrün« sei ja aber eine Novelle. Worauf er zur Entschuldigung stammelte: der Band liege zu oberst auf dem Bücherhaufen, den durchzulesen er sich bestimmt vorgenommen habe. Inzwischen hatte Fritz ein Paar dunkle Augen und eine scharfgeschnittene Nase für einen Augenblick unter einigen minder markanten Gesichtern auftauchen und wieder verschwinden sehen. Er beendete die Unterhaltung mit der gekränkten Kollegin und eilte nach jener Ecke des Zimmers, um Siegfried Silbers habhaft zu werden. Der sollte ihm erklären, was eigentlich heute hier vorgehe. Denn aus der Art, wie die Menschen, in Gruppen beisammenstehend, wisperten und sich mit gespannter Miene gegenseitig beobachteten, war zu entnehmen, daß irgend etwas Aufregendes in der Luft schwebe. Er fand Siegfried Silber nach einigem Suchen in jenem Boudoir mit der roten Ampel, das Annie Eschauer, wenn sie hier war, so gern aufsuchte. Einer der Langhaarigen, der, welcher im Nebenberufe Agent war, stand vor ihm. Silber hielt einen Stoß Blätter in der Hand, die er eilig durchflog. Man hätte vermuten können, es handle sich um den Abschluß eines Lebensversicherungsvertrages, aber es stellte sich heraus, daß der Dichter dem Herrn Redakteur ein Manuskript angeboten hatte, über dessen Annahme soeben verhandelt wurde. Siegfried Silber faltete die Blätter zusammen, versenkte sie in seine Tasche und klopfte mit einem: »Werden wir gelegentlich einschieben!« dem Autor gönnerhaft auf die Schulter. Dann begrüßte er Fritz. »Die Bombe ist geplatzt,« raunte er, und schob seinen Arm vertraulich unter den Fritzens. »Vorgestern abend habe ich den Prospekt des ›Impressionist‹ auf die Post gegeben, heute bringen ihn schon sämtliche Blätter. Herrn Weißbleicher mag wohl der Morgenkaffee mit dieser Zugabe schlecht geschmeckt haben. Er möchte bersten! Glaubte er doch, das hier wäre seine alleinige Domäne. Frau Hilschius, Theophil Alois seine bestzahlenden Autoren! Und dieser Marcus Hiesel, nach dessen Druckbedürftigkeit er längst geschielt hat! Dazu all die anderen, die ihm fahnenflüchtig zu werden drohen. Einer nach dem anderen kommt zu mir. Die junge Dame, mit der ich Sie vorhin in Unterhaltung sah, hat mich gefragt, ob sie mich morgen aufsuchen dürfe in der Redaktion des  ›Impressionist‹. Was sagen Sie dazu? Auch sie war eine Stütze des Weißbleicherschen Verlages. Wer das gedacht hätte, damals, als er meinen Roman so sans façon ablehnte, der Protz! Jetzt beschwört er Frau Hilschius, sie solle die Geschichte rückgängig machen. Wenn's nur ginge! Ich habe mich vorgesehen! Meinen Kontrakt wirft mir Herr Weißbleicher nicht um.« »Haben Sie meinen Namen in dem Prospekt genannt?« erkundigte sich Fritz. »Selbstverständlich! Sie sind eines unserer Aushängeschilder.«  Er kramte in seinen Rocktaschen. »Ich werde wohl eines von den Dingern bei mir haben – da!«Fritz überflog das Programm des Blattes. An dem blütenreichen Stile war die Feder des Dichters Karol wiederzuerkennen. Man las da von der »Stickluft der Reaktion«, die ausgefegt werden müsse. Von einem »leuchtenden Fanale«, das »auf steiler Höhe weithin sichtbar aufzupflanzen« sei. Vom »Anbruch einer jungen Morgenröte des sich erneuernden Geschmackes.«  Von »Befreiung der Kunst aus den Armen des impotenten Alters durch ein jugendstarkes Geschlecht.« Nun begriff Fritz die Szene, deren Zuschauer er vorhin geworden, Weißbleichers schnaubende Wut und Professor Wallbergs giftige Erregung. Siegfried Silber wurde von Fritz weggerufen; einige Damen wollten ihn sprechen. Er war heute der Vielbegehrte. Fritz hatte Gelegenheit, die proteusartige Wandlungsfähigkeit dieses Menschen anzustaunen. Mit einer  Assurance trat er hier auf, als habe er zeit seines Lebens in ähnlichen Verhältnissen gelebt, niemals mit alten Kleidern gehandelt. Von der Häßlichkeit seines Gesichts schien er ebenso wenig eine Ahnung zu haben, wie von der Schäbigkeit seines Rockes; und wenn er sich ihrer bewußt war, so genierten sie ihn jedenfalls nicht. Die harmlose Einmütigkeit, die ehemals im Salon der Frau Hilschius geherrscht hatte, erschien gründlich gestört. Wie in einem Bienenschwarme, der einen neuen Weisel kreieren will, schwärmte alles erregt durcheinander. Der Einbruch der Jugend war völlig überraschend für das Alter erfolgt. Professor Wallberg, früher hier tonangebend, zu dem Theophil Alois als zu seinem Meister aufgeblickt hatte, dessen sinnige Trink- und Minnelieder die jungen Mädchen auswendig gelernt, dem die langhaarigen Poeten ihre Werke in Dankbarkeit und Verehrung zugeeignet hatten; Professor Wallberg, der Mann der Ordensdekorationen und der Auflagen, der in einer Person Dichter, Feuilletonist und Kritiker war, stand heute völlig vereinsamt da. Die Königin Mode, deren verwöhntes Schoßkind er lange Zeit hindurch gewesen, hatte ihm den Rücken gewandt. Aber Wallberg war nicht der Mann des klein Beigebens. Fritz Berting bewahrte den Wortwechsel, den er mit ihm in diesem selben Hause gehabt, in gutem Gedächtnis. Wenn einer, so war der Alte Fanatiker. Er würde gegen das, von allen Seiten auf ihn einstürmende Neue trotzig den Boden verteidigen, Fuß um Fuß. So stand er da, wie ein zum Kampfe bereiter Stier, mit seinem  fleischigen Nacken, seinem weißgelben Haardach, das Gesicht dunkel gerötet, jeden, der sich ihm näherte, mißtrauisch unter der goldenen Brille hervor auf seine Gesinnung prüfend. Der Professor machte kein Hehl daraus, was er von der neuesten Gründung, die das Tagesgespräch bildete, halte. Worte wie: »secessionistisches Windei« und »litterarisches Gigerltum«, von »Grünschnäbeln«, die »noch nicht trocken« seien, sprudelten ihm im Zorne von den Lippen. Er prophezeite dem Blatte, wie der ganzen Bewegung, ein klägliches Fiasko in allerkürzester Zeit. Fritz Berting fand, daß dem Alten die Rolle des grollenden Entthronten gar nicht so übel stehe. Jedenfalls konnte er einem mehr Sympathie abgewinnen, als Weißbleicher, aus dessen Wesen nichts sprach, als der blasse Ärger eines, der sich ein glänzendes Geschäft von einem noch Schlaueren vor der Nase hat wegschnappen lassen. Schon konnte man den feisten Mann hin und her gehen sehen zwischen den Gruppen der sich Unterhaltenden. Er wollte den Anschluß, den er hier wohl zum ersten Male im Leben versäumt hatte, wieder einholen. Schließlich kam er auch zu Fritz und sagte, mit jener überzeugten Biedermannsmiene, die er stets aufzusetzten pflegte, wenn er log, er interessiere sich ungemein für das neue Unternehmen, das er ganz zeitgemäß finde. Es kam nun der Augenblick, der, wie Annie Eschauer behauptete, für viele der wichtigste war an diesen  schöngeistigen Zusammenkünften: das Aufgehen der Speisezimmerthür. Nachdem der erste Andrang vorüber war, hatte sich Fritz Berting vom Buffett ein Glas Wein verschafft und ein Stück Braten und damit eine ruhige Ecke aufgesucht, von wo aus er die Gesellschaft überblickte. Ihm fehlte Annie Eschauer. Sicherlich hätte sie zu manchem, was hier vorging, ein saftiges Wörtlein zu sagen gehabt. Ihm fehlte auch Hedwig von Lavan; sie wenigstens hatte er heute wiederzusehen gehofft. In einer anderen Ecke saßen an einem Tische bei einander: Theophil Alois, sein Vetter Marcus und ein paar junge Mädchen. Das Wort führte der Wiener. Fritz konnte nicht verstehen, was jener flüsternd hauchte; den Mienen der Zuhörerinnen nach zu schließen aber mußte es sehr interessant sein. Sie hingen an den bleichen Zügen, dem feierlichen Augenaufschlag, den weihevollen Gesten dieses priesterlichen Jünglings. Marcus Hiesel wurde von ihnen versehen mit Speise und Trank. Denn, obgleich schwer zu glauben, auch er schien leiblichen Appetit zu haben und ihn auf dieselbe prosaische Weise zu stillen, wie gewöhnliche Sterbliche. Während das Essen noch im Gange war, erschien Waldemar Heßlow. Er kam vom Theater, wo er zu spielen gehabt hatte. Welch ein Unterschied gegen voriges Jahr! Selbst der schöne Waldemar erfuhr die Treulosigkeit der Mode. Heute rief sein Eintreten kaum mehr als ein: »Ach, da  ist ja auch Heßlow!« hervor. Die Damenwelt, welche damals bewundernd zu seinen Füßen gesessen hatte, stand jetzt im Banne des neu aufgehenden Gestirns: Marcus Hiesel. Mit aller Pracht seines sonoren Organes, mit der Wucht seiner herkulischen Erscheinung konnte der robuste Mime doch nicht aufkommen gegen das geheimnisvolle Etwas, das symbolisch Esoterische, das bezaubernde Fluidum, welches von dem Wesen des jugendlichen Krösus, Marcus Hiesel, ausging, über dessen Erlebnisse in Japan bereits die außerordentlichsten Sagen von Mund zu Munde geflüstert wurden. Fritz Berting konnte sich einer gewissen Genugthuung nicht erwehren, als er in den Mienen des verwöhnten Mannes deutlich die Enttäuschung wiedergespiegelt sah über einen Empfang, der gegen die gewohnten Ovationen stark abfiel. Dieser Heßlow hatte ihm in Gedanken schon soviel unangenehme Minuten bereitet, daß er ihm eine Demütigung von Herzen gönnte. Der Zufall wollte es, daß Waldemar Heßlow, der sich inzwischen einen Teller voll gehäuft und eine Flasche Wein verschafft hatte, auf der Suche nach einem Platze in Fritzens Nähe kam. »Ach, hier ist ja noch ein Stuhl! Darf ich mich vorstellen, mein Name ...  aber wir kennen uns ja! Herr Berting – natürlich! Welch unerwartete Freude!«Breitspurig ließ sich der große Bursche neben Fritz nieder und begann sofort einzuhauen. Er habe einen  Bärenhunger, wie immer, wenn er aufgetreten sei, sagte er. Fritz waren die breiten, kauenden Backen und das gierige Trinken ins Essen hinein widerlich. »Wissen Sie noch, wo wir uns das letzte Mal gesehen haben, Herr Berting? – Eh!«Fritz wußte es sehr genau. »Gehen Sie noch manchmal zu den alten Damen?« erkundigte er sich, immer in der Hoffnung, daß jener etwas ausschwatzen solle über sein Verhältnis zu Hedwig von Lavan. »Nein!« erwiderte Heßlow. »Ich bin in diesem Winter noch nicht dazu gekommen. Unsereiner wird zuviel begehrt. Wenn ich allen Einladungen nachkommen wollte, müßte ich mich einfach zerreißen.« Er aß und trank weiter. Fritz hätte ihn ohrfeigen mögen. »Wer ist denn eigentlich der blasse, junge Mensch dort?« fragte Heßlow, im Kauen innehaltend. Berting folgte der Richtung, die jener mit der Gabel angab, und sah, daß er Marcus Hiesel meinte, den nach wie vor von den jungen Damen Umschwärmten. Fritz übertrieb absichtlich die Bedeutung des jungen Wieners, dessen Mittel und Gaben er in brillantesten Farben leuchten ließ, um sich an Heßlows Ärger zu weiden. »Ich dächte, die Gesellschaft hier wäre gegen voriges Jahr recht zurückgegangen,« sagte der schöne Waldemar in mißmutigem Tone plötzlich. »Was meinen Sie, wollen wir das Lokal mit einem anderen vertauschen?« –Berting hätte unter gewöhnlichen Umständen sich kaum  zu einem tête-à-tête mit Waldemar Heßlow gedrängt; heute beschloß er, seinen Widerwillen gegen den Prahlhans überwindend, sich ihm anzuschließen. Unter allen Umständen wollte er von ihm etwas erfahren über sein Zusammensein mit den Damen Tittchen und Hedwig in Interlaken. Sie gingen gemeinsam fort, ohne mit Abschiednehmen viel Zeit zu versäumen, und suchten ein nahes Bierlokal auf. Fritz mußte zunächst eine Auseinandersetzung anhören über das deutsche Schauspiel. Sie bestand kurz gesagt darin, daß das gesamte Theaterwesen einen Mittelpunkt hatte, der Waldemar Heßlow hieß. Um ihn drehte sich alles: Direktion, Regie, Publikum, Kritik. Eine Weile hörte sich Fritz das mit verhaltenem Spott an, dann eine Pause benutzend, die jener zum Trinken machte, erkundigte er sich nach den Leibesübungen des Mimen, in denen Heßlow, wie bekannt, groß war. Sowie dieses Thema angeschlagen wurde, zeigte der Mann ein völlig verändertes, weit natürlicheres Wesen. Er ließ das Prahlen unterwegs, sprach mit jener Sachlichkeit, welche gründliche Kennerschaft giebt. Berting hatte immer schon vermutet, daß Waldemar Heßlow zu den vielen gehöre, die ihren Beruf verfehlt haben; heute wurde ihm diese Ansicht bestätigt. Es war ein leichtes, ihn nun auf seine Alpenreise vom vorigen Sommer zu bringen. Zu Fritzens Staunen erklärte Heßlow, er sei dabei nicht auf seine Rechnung gekommen. Richtige Hochtouren hätte er mit Fräulein von  Lavan gar nicht unternehmen, nur Anfängerberge machen können. Frauenzimmer sei nun einmal Frauenzimmer! Er werde sich hüten, sich im Berner Oberland wieder mit Damen zu belasten. Nächsten Sommer wolle er in die Hohen Tauern gehen, aber allein. Und er fing an, von den Gletschern und Gipfeln zu schwärmen, die er dort »zu machen« gedachte. Hedwigs Name wurde nicht weiter genannt zwischen den beiden. Fritz sah nach und nach ein, daß seine Unruhe unnötig gewesen sei. Er war mit seinem Verdacht gegen die beiden auf falscher Fährte gelaufen. Vielleicht wurde Heßlows Gefährlichkeit überhaupt stark überschätzt. Kein Zweifel, er gehörte zu der Klasse von Männern, die einen gewissen Eindruck machen, besonders auf junge Mädchen. Und sicherlich ließ er sich weibliche Verehrung gern gefallen – wie Fritz an der bewußten Hinterpforte des Theatergebäudes selbst hatte feststellen können. – Zum systematischen Ausnutzen solchen Erfolges aber war der schöne Waldemar wohl zu schwerfällig und zu bequem. Heßlow hatte nichts in seinem Wesen vom professionellen Verführer der Weiber. Er war ein großer, gutmütiger, robuster, denkfauler Bursche, temperamentlos, mit einer tüchtigen Portion naiver Eitelkeit und mit einem enormen Trinkvermögen begabt. Über die ausgiebige Art, wie er seinen Durst löschte, hatte Fritz an diesem Abend noch Gelegenheit zu staunen. Hedwig von Lavan hatte an Fritz Berting geschrieben: der Arzt habe Tante Amanda nun wirklich nach dem Süden geschickt. Gestern sei sie, begleitet von Tante Ida und einer Krankenwärterin, nach Kairo abgereist. Sie selbst, Hedwig, bleibe vorläufig hier mit Mädchen und Köchin. Dem war noch die Bitte hinzugefügt, Herr Berting möge sie doch bald einmal besuchen, er sei ihr ja noch das Urteil über ihr Manuskript schuldig. Fritz war von dem Briefe wunderlich berührt. Es schien ihm nicht ganz klar, was das Mädchen eigentlich mit soviel Entgegenkommen bezwecke. Was Michael Baron Chubsky im Absinthrausche von ihr gefabelt hatte, war auf Fritzens Einbildungskraft nicht ohne Einfluß geblieben. Besaß sie wirklich von jenen dämonischen Eigenschaften, die der Pole in ihrem Wesen gelesen haben wollte, auch nur ein Gran? –Sie gab ihm ewig Rätsel auf. Auch dieser Brief bei aller Knappheit enthielt solche Rätsel. Welch ein Zeichen von ungewöhnlichem Vertrauen, ihn in Abwesenheit der Tanten zu sich einzuladen! Oder war es mehr als Vertrauen? Wäre der Wunsch, von ihm über ihr Manuskript zu hören, vielleicht nur ein Vorwand? Aber wozu der Vorwand? –Nach einigen Tagen des Schwankens ging er zu ihr. Hedwig war ausgegangen. Aber die pausbäckige Zofe ließ Fritz nicht fort. Das gnädige Fräulein habe gesagt, wenn Herr Berting komme, solle er in ihr Zimmer  gewiesen werden. Sogar ein Buch hatte sie bezeichnet, in welchem er lesen könne, bis sie wieder käme. Neugierig schlug er den dünnen Band auf, der auf Hedwigs Schreibtischplatte seiner gewartet hatte. Es war Paul Verlaines bonne chanson. Fritz entsann sich, mit ihr einmal von diesem Dichter gesprochen zu haben. Er hatte damals wohl gesagt, daß er leider nur wenig von Verlaine kenne. Wie gut sie sich das gemerkt hatte! Und welch liebenswürdige Vorsorge, ihm das Buch herauszulegen! –Er fand jedoch nicht Zeit, sich in das Bändchen zu vertiefen, denn Hedwig kam bald von ihrem Ausgang zurück. Sie begrüßte ihn sehr entgegenkommend, und er hatte vom ersten Augenblicke an das angenehme Gefühl, daß sie sich über seine Anwesenheit freue. Überhaupt kam es ihm vor, als ob ihr Wesen zugänglicher und offener geworden sei. Es lag wohl auch daran, daß die Tanten nicht da waren, deren Ängstlichkeit sie und ihn häufig in eine schiefe Lage gebracht hatte. Hedwig sagte es selbst frei heraus, daß sie froh sei, diesen lächerlichen Zwang auf einige Zeit los zu sein. Tante Ida hätte ihr beim Abschied strenge Verhaltungsmaßregeln gegeben und sogar den Hausarzt beauftragt, sie zu beaufsichtigen. Aber diesem Alten gedenke sie ein Schnippchen zu schlagen; sie wolle ihre Freiheit genießen. Fritz mußte für die nächste Mahlzeit dableiben. Sie saßen einander am Eßtisch, den Hedwig hatte zusammen  schieben lassen, gegenüber. Das pausbäckige Mädchen bediente. Es gab ein kleines Diner von auserlesenen Gerichten. Vor ihnen stand in entzückender Topfhülle ein blühendes Gewächs, welches das ganze Zimmer mit Duft erfüllte. Hedwig von Lavan hatte es verstanden, im Handumdrehen dem bisher völlig stillosen Hausstand der philiströsen, alten Jungfern intime Stimmung zu verleihen. Nach Tisch saß man in ihrem Zimmer. Aus allerliebsten, goldumränderten Meißener Tassen, die mit Familienbildnissen geschmückt waren, wurde Mokka getrunken. Die Tanten hatten diese Tassen als geheiligte Gegenstände im Glasschrank aufbewahrt; Hedwig, minder pietätvoll, konnte nicht einsehen, warum sie dort verstauben sollten, und nahm sie zum täglichen Gebrauch. In einem silbernen Kästchen, einem der wenigen Andenken, das Hedwig von ihrem Vater besaß, führte sie türkischen Tabak, aus dem sie sich Cigaretten drehte. Auch der Gast wurde dazu aufgefordert. Fritz benutzte die Vertraulichkeit der Stunde, ihr von ihrer Novelle zu sprechen. Obgleich nun schon Wochen vergangen waren, seit er sie in Händen gehabt, war ihm der Inhalt doch so gegenwärtig, als habe er sie gestern gelesen. Er bat sich das Manuskript aus. Hedwig holte es aus dem Schreibtisch herbei. Fritz ging Seite für Seite mit ihr durch, machte seine Ausstellungen, brachte Bedenken vor, gab Ratschläge zur Änderung. Er schonte sie nicht, gerade weil er von dem Vorhandensein wirklichen Talents bei ihr überzeugt war. Hedwig saß ihm gegenüber und beobachtete ihn aufmerksam. Sie wandte nicht viel ein, aber ihren nachdenklichen Mienen war anzusehen, daß sie ganz bei der Sache sei und jedes seiner Worte erwäge. Fritz ließ die Bemerkung fallen, er glaube, sie werde gewisse Fehler des Anfängertums abstreifen, sobald sie erst etwas von sich gedruckt sehen würde. Lebhaft fiel ihm Hedwig ins Wort: sich gedruckt zu sehen, sei ja ihr sehnlichster Wunsch; aber sie kenne die Wege nicht, um das zu erreichen. Also das war ihr Ehrgeiz! Eigentlich hätte man es sich ja denken können, daß, wer etwas so Intimes kühn aus sich herausgestellt hatte, wie sie es in dieser Novelle gethan, auch den Mut besitzen würde, damit vor die Öffentlichkeit zu treten. Fritz Berting sann über den Fall nach. Zu Weißbleicher gehen? – Er würde seiner bekannten Geschäftspraxis nach von einem jungen Autor, einer Dame noch dazu, sicherlich eine Kautionssumme verlangen, ehe er druckte. Aber warum denn die Novelle nicht dem »Impressionist« übergeben? – Siegfried Silber besaß Witterung genug für alles Aufsehenerregende. Er würde mit beiden Händen greifen nach einer Sache, die ein starker Beweis von nicht gewöhnlicher Originalität war. Als er Hedwig von dem neuen Unternehmen erzählt hatte, erklärte sie sich sofort einverstanden damit, ihre Novelle dorthin zu geben. Von da ab ging Fritz Berting oft zu Hedwig von  Lavan. Gewöhnlich bat ihn das junge Mädchen, wenn er sich verabschiedet, daß er am nächsten Tage wiederkommen möge. Er kam und wurde schließlich täglicher Gast bei ihr. Sie arbeitete ihre Novelle um, die Winke benutzend, die er ihr gegeben hatte. Und während sie am Schreibtisch über ihren Bogen saß, nahm er gern einen französischen Band zur Hand. Sie hatte eine kleine, auserwählte Kollektion Lyriker von ihrem Vater ererbt, in der hauptsächlich die Parnassiens vertreten waren. Bald nippte Fritz an den feingeschliffenen Versen Soularys, oder er versenkte sich in den dunkleren Sully Prudhomme. Sein Liebling aber wurde Baudelaire, der göttlich freche Künder noch nie zuvor ausgeplauderter Heimlichkeiten der Poetenseele. Es wurde bald zur feststehenden Einrichtung, daß er zu einer bestimmten Stunde am Vormittage kam. Je nach Laune unterhielt man sich dann, oder sie arbeitete, und er las. Manchmal auch trug Hedwig aus freien Stücken Gedichte vor. Verse von Paul Verlaine mußte man aus ihrem Munde hören! Sie las ohne Pathos, schmucklos fast, mit leicht verschleierter Stimme, wie im Selbstgespräch, jenen etwas monotonen Rhythmus des französischen Verses mit seinem melancholischen Grundton, unübertrefflich wiedergebend. Fritz hatte jetzt Zeit im Überfluß. Seine Novelle war fertig; er las bereits Korrekturen für den Abdruck im »Impressionist«. Er befand sich wieder einmal in einer jenen laffen Stimmungen des Unbeschäftigtseins,  wo er sich sonst so fürchterlich zwecklos vorzukommen pflegte. Der Umgang mit einem hochkultivierten Menschen, wie Hedwig von Lavan, war gerade das, wessen er in solchem Zustande bedurfte. Diese fabelhafte Vorurteilslosigkeit und Selbstsicherheit, der angeborene, gute Geschmack, der aus allem sprach, was sie that, waren so unendlich wohlthuend. Das einfachste Kleid schien Stil zu bekommen, weil sie es trug. Eine Blume, die sie ausgesucht hatte, gab dem ganzen Räume sofort etwas Apartes. Eine zweideutige Stelle, unmöglich scheinbar im Munde einer Dame, ward gewissermaßen neutralisiert durch ihren Vortrag. Es ging ein unbestimmbarer, höchst raffinierter, fast musikalischer Reiz von ihr aus. Ihre Nähe entzündete nicht unmittelbar die Sinne; sie wirkte einem Kunstwerke ähnlich, versetzte höhere, kompliziertere Saiten des Empfindens in Schwingung. Ein ästhetisches Behagen, frei von jeder Begierde, empfand man vor ihr. Sie machte an gewisse herbe, übersinnliche Jungfrauengestalten denken in den Bildern der Präraffaeliten. Das, was Michael Baron Chubsky ihr angemerkt haben wollte von »Luxurie der Sinne«, war wohl auf seine Dekadenten-Phantasie zurückzuführen, die überall Hautgout witterte und morbide Gelüste. Fritz überwachte sie genau. Nichts in ihren Blicken, ihren Gesten, ihrem Gange hätte man als herausfordernd bezeichnen können. Sie war ungeniert in allem, was sie  sagte und that, von jener über alle Prüderie erhabenen Freiheit des Wesens, die auf Selbstbewußtsein und Beherrschung der Formen ruht. An Erlebnisse, wie sie ihr der Pole zugetraut hatte, wollte Fritz nie und nimmer glauben. Ihre einstmalige Schwärmerei für Waldemar Heßlow war jedenfalls durch eine Geschmacksverirrung zu erklären, wie sie bei einem ganz jungen Mädchen wohl vorkommt. Jetzt hörte und sah man nichts mehr davon. Weder ging Hedwig abends ins Schauspiel, noch kam Heßlow zu Besuch. Beides wäre in dieser Zeit, wo die Tanten nicht da waren, ja doppelt leicht ausführbar gewesen. Der schöne Waldemar schien eine Episode in ihrem Leben, die abgethan war. Berting sprach zu den ungewöhnlichsten Tageszeiten bei ihr vor, mit Absicht; er fand sie fast immer zu Haus. Und zu empfangen schien sie niemanden anders als ihn. Einmal kam der Hausarzt der Damen Tittchen, der ihr von den Tanten als Wächter bestellt worden war. Da mußte Fritz einstweilen in das nach hinten gelegene Eßzimmer gehen, während Hedwig den alten Herrn vorn empfing. Als sich der Arzt nach kurzem Besuch entfernt hatte, lachten beide herzlich über das gelungene Abenteuer. Tante Ida hatte schon einige Male von der Reise aus geschrieben, die sie, um Amanda zu schonen, in Etappen zurückgelegt hatten. Nun waren sie in Kairo angelangt. Das alte Mädchen klagte in ihren langen, umständlichen Briefen über die teuren Hotels und die Schrecken der Seefahrt. Zwischendurch erkundigte sie sich nach der Küche  und den Vorräten, nach den Nippsachen, nach ihrem Goldfisch, den Familienbildern, dem Kanarienvogel und den Dienstboten. Ob Hedwig denn auch alles genau innehalte, was ihr aufgetragen sei, war eine häufig wiederkehrende Frage. Wenn Ida Tittchen geahnt hätte, wie es derweilen in ihrem sorgfältig gehüteten Altjungfernheim zuging! –Hedwig von Lavan hatte die Wohnung völlig umräumen lassen. Von den Sofas und Armstühlen waren die gehäkelten Netze, von den Tischen und Kommoden die Decken und Deckchen entfernt worden. Einige der schrecklichsten Gegenstände wie künstliche Blumen, grelle Tapisseriearbeiten, der Ballon mit dem einsamen Goldfisch, die Majolikavasen, Attrappen aus Papiermaché, imitierte Bronzen und Japanfächer waren in die Hinterzimmer verschwunden. Der große Salon war seit dieser Ausmerzung ein ganz wohnlicher Raum geworden. Fritz hielt sich viel dort auf. Es war seine Liebhaberei, wenn er meditierte, mit großen Schritten auf und ab zu gehen, nach Belieben stehen zu bleiben, sich in einen Stuhl zu werfen, oder auch, wenn die Gedankenarbeit nicht vorwärts rücken wollte, in einem Buche zu blättern, ja sich irgend einer ganz mechanischen Beschäftigung hinzugeben. Einen solchen Luxus der Bewegung hatte er sich freilich in der letzten Zeit nicht gönnen dürfen, aus Mangel an Raum. Hier brauchte er sich keine Beschränkung aufzuerlegen. Ganze Vormittage verlebte er in dem Salon. Nebenan  saß Hedwig vor ihrem Manuskript, die Cigarette neben sich, aus der sie während des Arbeitens ab und zu einen Zug that. Man lebte in wundervoller Ungeniertheit als gute Kameraden neben einander. Die Dienstboten störten sie nicht mit Neugier. Das pausbäckige Mädchen empfing Herrn Berting an jedem Tage mit demselben verständnisvollen Lächeln, das sie von Anfang an für ihn gehabt hatte. Ein einziges Wesen in der ganzen Wohnung schien nicht einverstanden mit dem Treiben der jungen Leute. Das war ein Bild an der Wand. Eine von den Biedermeierdamen im Salon, überlebensgroß gemalt, sah aus, als wolle sie jeden Augenblick herniedersteigen aus ihrem Goldrahmen und eine vernichtende Moralpredigt halten über die Sittenverderbnis der Jugend. Es war eines jener En face-Bildnisse, bei denen einem die Augen zu folgen scheinen, wohin man sich immer begiebt im Zimmer. Als Porträt war es nicht etwa schlecht, im Gegenteil, äußerst charakteristisch und von schreiender Lebenswahrheit. Ein volles Gesicht auf breitem Unterkinn wie auf einem Postament ruhend. Herabhängende Mundwinkel, schlaffe Wangen, eine knopfige Nase, runde, hochgezogene Brauen, flachliegende Augen, die leer und erstaunt in die Welt hinausblickten. Das angeklebte Haar von dunkler Farbe, bogenförmig die niedere Stirn umspannend. Der dicke Kopf von einem eng geflochtenen Zopf überragt, wie  eine bauchige Terrine mit Knauf. Das Gelungenste aber an dem Porträt war eine Hand, welche, das Geheimnis des Busens prüde verhüllend, über dem Herzausschnitt des Kleides lag. Eine fette, vulgäre Hand mit kurzen, beringten Fingern, die von dem Maler mit Liebe bis in das kleinste Fältchen hinein ausgeführt worden war. Fritz hatte geradezu eine Art persönlichen Verhältnisses gewonnen zu der Dame. In ihrer gespreizten Würde, ihrer satten Selbstgerechtigkeit, ihrer philiströsen Beschränktheit gab dieses Weib irgend eines braven Pfahlbürgers der dreißiger Jahre den Typus einer ganzen Epoche in bestürzender Ähnlichkeit wieder. Hedwig hatte sich auch schon über das Bild belustigt; sie nannte die dicke Dame mit dem erstaunt entrüsteten Ausdruck ihren ›Schutzengel‹. Die erste Nummer des ›Impressionist‹ war inzwischen herausgekommen. Äußerlich machte die neue Zeitschrift einen ausgezeichneten Eindruck. Der Inhalt jedoch wies bedenkliche Ungleichheiten auf. Eröffnet wurde die Nummer mit einem Aufsätze des Redakteurs, »Der Staat als Mäcen«, in welchem Siegfried Silber den Regierungen und den leitenden Kreisen vorwarf, daß sie genau wie auf sozialem Gebiete auch auf dem der Kunstfürsorge mit doppeltem Maß und Gewicht arbeiteten. Ähnlich wie der Sozialdemokrat von ihnen als Bürger zweiter Ordnung betrachtet werde, so sei in ihren mißtrauischen  Augen der Künstler, welcher auf neuen Wegen neuen Zielen zustrebe, von vornherein staatsgefährlicher Absichten verdächtig. Man unterscheide auch hier konservative und umstürzlerische Richtung und verteile danach Begünstigung oder Unterdrückung. Der Verfasser belegte seine Behauptungen mit Beispielen. Konfiskationen von naturalistischen Romanen hatten stattgefunden, ein Aufsehen erregender Prozeß war geführt worden gegen eine Unzahl Dichter der unliebsamen Richtung. Als Gegenstück dazu wurden Beweise von Gunst: Beförderung, Ordensdekorationen aufgeführt, die von hoher Stelle auf solche Autoren herabregneten, welche ihre Feder in den Dienst höfisch-dynastischer Interessen stellten. Der Aufsatz, in gepfeffertem Stile geschrieben, durch und durch polemisch, wäre weit eher für ein politisches Parteiorgan geeignet gewesen als für ein Blatt, das in erster Linie ästhetisch-künstlerischen Interessen dienen wollte. Ein bedenklicher Mangel von Geschmack und Takt offenbarte sich sofort bei dem ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Dann kam ein Stück von Fritzens Novelle und im Anschluß daran ein Kapitel aus Karol-Silbers »Ghetto«. Diese beiden Abschnitte nahmen ihrem Umfange nach weit über die Hälfte des ganzen Heftes ein und beeinträchtigten einander, wie es Fritz wenigstens erscheinen wollte, durch das Zuviel von Erzählung. Sprüche von Marcus Hiesel und Lyrik von Theophil Aloys Hilschius machten den Beschluß. Die Leistungen  dieser beiden Jünglinge waren auf denselben Ton gestimmt. Die Form aphoristisch, fragmentarisch. Aussprüche prophetischer Weltweisheit in mystisch barocker Sprache. Ein ekstatisches Lallen, hinter dessen gesuchter Müdigkeit und geheimnisvoller Wichtigthuerei sich nur für den Naiven Tiefsinn verbergen konnte. Mit Gedankenstrichen zwar hatten die beiden Dichter nicht gespart, Gedanken aber suchte man bei ihnen vergebens. Fritz Berting war enttäuscht von diesem ersten Hefte. Nicht einmal an dem eigenen Beitrag konnte er reine Freude empfinden. Das hatte er nun vor kurzem, vor einigen Wochen erst, niedergeschrieben und schon genügte es ihm nicht mehr, weder nach Form, noch nach Inhalt. So schnell war ihm noch niemals eines seiner Werke fremd geworden. Er glaubte auf einmal einen schon längst geahnten Mangel seines ganzen dichterischen Schaffens zu verstehen; seine Kunst war viel zu sehr Oberflächenkunst. Was hatte er hier gethan? Ein persönliches Erlebnis, das mit Ludwig Glück, ausgestaltet. Es war das altbewährte Rezept des Romanciers, ein Stück Alltagsleben herzunehmen, den Stoff nach einem wohldurchdachten Plane zurechtzuschneiden und die Fabel möglichst klar, folgerichtig, wahrscheinlich und packend herauszuarbeiten. Konnte das die höchste Aufgabe des Dichters sein? Klebte dieser rationellen Art des Schaffens nicht doch etwas an vom Handwerk? Blieb hier der Sänger nicht tief in dem stecken, worüber er sich erheben sollte: in der Prosa? – Man mußte noch viel, viel tiefer bohren können! Es mußte eine Sonde geben, mit der man vordringen konnte bis zu den Gebieten, die in der Seele als unbebautes Neuland des Ackersmannes harrten. Wenn es gelänge, hinabzutauchen bis zu jenen stillen, dem Auge entrückten Reservoiren der Menschennatur, wo alle Triebe ruhten, friedlich wie die Kindlein in dem Teiche, aus dem sie der Storch holte. Dort, wo es kein Gut und Böse gab, von woher Liebe, Verbrechen und Träume, aber auch alle Kraft stammte, aus dem Dunkel des Physischen. Das unbewußte Ich, nicht das denkende und handelnde, sollte zu Worte kommen. Das primitive, pflanzenhaft animalische Sein, das Keimbeet aller Anlagen, Instinkte und Leidenschaften, sollte seine Geheimnisse hergeben. Aber dazu genügte die Form der Prosaerzählung nicht. Damit konnte man analysieren, einen Fall, einen Charakter ausschälen und klar umrissen hinstellen wie eine schwarz-weiße Zeichnung, logisch vieles glaubhaft machen, aber nicht konnte man das Gemüt in jene allerfeinsten rhythmischen Schwingungen versetzen, in denen es, befreit von der Schwere erklügelter Gedankengänge, der Materie entrückt, seiner selbst genießen durfte, hingegeben an primitive Glücksgefühle, aufgelöst in die Urnebel der Schöpfung. Solche Wunder vermochte neben der Musik nur die Lyrik zu wirken. Fritz Berting kehrte zu seiner alten Liebe zurück: zum Verse. Das war es, was schon seit Wochen in ihm gearbeitet, was ihn beglückt, gepeinigt und ihn wie Träume, deren  verfließenden Inhalt man gern im Gedächtnis bannen möchte, tief beunruhigt hatte. Nun wußte er, warum er zur nüchternen Arbeit in diesen Tagen so völlig unfähig gewesen war. Das Neue hatte ihm wie ein aufsteigender Weinrausch im Blute gelegen. Es kam aus Tiefen, zu denen das bewußte Erkennen nicht hinabzudringen vermochte. Wie mit Stimmen sprach es zu ihm, als flüstere die eigene Seele einem etwas ins Ohr, als sei das Ich gespalten, und die beiden Teile hielten Zwiesprache mit einander, vereinigten sich verschämt und zeugten gemeinsam das Neue. Oder wie Meereswellen war es auch, die herangezogen kamen in langer Linie aus der Unendlichkeit an sein Ufer, Kamm hinter Kamm, ohne Anfang und Ende. Und er fing etwas von der Flut ewiger Gefühle auf in das kleine Gefäß, das ihm, er wußte nicht von wem, in die Hand gegeben worden war. Schon lange hatte sich das in ihm vorbereitet. Als er in Gesellschaft des Zarathustraliedes auf hoher See gereist war, hatten sich die ersten zuckenden Kindesbewegungen gemeldet, die ihm verkündeten, daß er empfangen habe. Dann drängten sich allerhand peinliche Erlebnisse dazwischen, schreckten die schüchternen Keime mit rauhem Wirklichkeitswinde zurück. Nun brach es auf einmal aus ihm hervor wie Krystalle. Die fernen Töne sammelten sich zu Melodieen, nach einem rhythmischen Gesetz, das aus ihnen selbst zu stammen schien. So entstanden Reime, Strophen, Gedichte. Noch niemals hatte er so geschaffen, nachtwandlerisch sicher und doch auch wieder gebunden, nur wiedergebend, was eine stärkere Hand auf ihm spielte. Gleichsam tönend wie eine Äolsharfe, der der Atem des Himmels melodische Klänge entlockte. Heinrich Lehmfink schrieb ihm, daß seine Mutter heimgegangen sei. Fritz wußte, wie der Freund an der alten Frau gehangen hatte. Er schrieb im herzlichsten Tone, der ihm zu Gebote stand, einen Beileidsbrief. Dieses Ereignis riß ihn aus dem Zustande augenblicklicher Benommenheit, indem es ihn daran erinnerte, daß es außer Stimmungen und Träumereien auch harte Wirklichkeit giebt in der Welt. Nachdem er einige Tage in der Seele des Freundes getrauert hatte, gewannen jedoch die früheren Interessen wieder die Oberhand: seine Verse und Hedwig von Lavan. Er war eben auf dem Wege zu ihr und suchte die Schaufenster der Blumengeschäfte ab nach einer recht originellen Orchidee; denn er wußte, daß Hedwig an nichts mehr Entzücken hatte als an diesen kapriziösesten aller Luxusblumen, als ihm plötzlich auf derselben Straßenseite Alma entgegenkam. Das Mädchen sah ihn nicht, ging langsamen Schrittes vor sich hinblickend. Fritz hatte kein gutes Gewissen Alma gegenüber, die  er in den letzten vierzehn Tagen überhaupt nicht aufgesucht hatte. Noch wäre es Zeit gewesen, unbemerkt in den Blumenladen zu entkommen, vor dem er gerade stand; doch überlegte er sich's anders. Er wollte etwaigen Vorwürfen die Spitze abbrechen, indem er Alma begegnete, als sei nichts geschehen. Das Mädchen stieß einen Ruf leichten Erschreckens aus, als er ihr den Weg verstellte. Über und über errötend, blieb sie stehen, hielt seine Hand fest. Es fehlte nicht viel, und sie wäre ihm auf offener Straße um den Hals gefallen. Mit zitternder Stimme rief sie ein paar Mal seinen Namen. Ihr Benehmen berührte ihn peinlich. Dieser thörichte Überschwang der Gefühle, dieses Sich-nicht-beherrschen-können! Daß sie es nicht lernte, Grenzen zu empfinden! Immer noch dieselbe Verliebtheit wie am ersten Tage. Was sollte daraus werden?Er ging neben ihr her, indem er sich ihrer Richtung anschloß. »Wo wolltest du hin?« fragte er, nur um etwas zu sagen. Sie zögerte mit der Antwort. Er las Verwirrung in ihren Mienen. Dann sagte sie leise: »Ich dachte an Ludwig Glück. Es ist so traurig, immer allein zu sein mit seinen Gedanken, da du gar nicht mehr zu mir kommst. Deshalb wollte ich an sein Grab gehen. Er hat es auch nicht gut gehabt im Leben.« Mehr noch als der Sinn der Worte sagte ihm ihr Ton, in welchem Zustand der Trostlosigkeit sich Alma befinde. Eine Stimmung von Mitleid überkam ihn jäh. Doch sagte er nichts davon zu ihr. Eine ganze Weile schritten sie nebeneinander her. Mit einem scheuen Seitenblicke stellte er fest, wie sehr sie sich während der letzten Zeit verändert hatte. In dem kurzen, eng anliegenden Winterjackett erschien ihre Figur geradezu entstellt. Auch dem Gesichte hatte ihr Zustand nunmehr seine unverkennbaren Merkmale aufgeprägt. Fritz empfand jenes mit Furcht gepaarte Gefühl ästhetischen Unbehagens, das ihm die Erinnerung an Almas Mutterschaft immer wieder verursachte. Es erschien ihm, als ob alle Menschen auf sie blickten, ja, er glaubte Spott in den Mienen der Vorüberschreitenden zu lesen. Das war unerträglich! Er schlug vor, daß sie den weiten Weg nach dem Kirchhofe fahre; ein Droschkenhalteplatz sei nahe, er könne ihr eine zweiter Klasse besorgen. »Aber du kommst mit, Fritz, nicht wahr?« bat sie. Und die Augen, mit denen sie ihn dabei ansah, aus ihrem gedehnten, bleichen Gesichte, hatten etwas so angstvoll Flehendes, daß er es nicht übers Herz brachte, zu sagen, er habe keine Zeit. Sie hatten eine lange Fahrt. Der Weg war schlecht, und der Kutscher nahm sich Zeit. Alma benutzte die Gelegenheit, wo sie den Geliebten nach längerer Zeit einmal wieder so nahe hatte, um sich dicht an ihn zu schmiegen. Sie wollte ihn küssen, aber er  wehrte ihr ab. Das sei gegen die Verabredung, meinte er, einen frostigen Scherz versuchend. Sie nahm darauf seine Hand, preßte sie erst gegen ihr Herz, dessen heftige Schläge er durch ihre starke Kleidung hindurch fühlte. Dann, in einer jähen Wallung, drückte sie ihre Lippen heftig auf seine Hand. Fritz wurde böse, drohte auszusteigen, wenn sie sich nicht anders benehme. Alma versprach, vernünftig sein zu wollen. Sie bat ihn, das Fenster zu öffnen, da sie vor Hitze umkomme. Ihr Gesicht war in der That dunkelrot. Fritz öffnete beide Fenster. Es war ein unfreundlicher Wintertag, ohne Schnee und ohne Sonne. Der Himmel einer Bleidecke gleich. Graue, gelbe, braune Farben, kein lebhafterer Ton, kein Duft, keine Ferne, harte Konturen, schwere, nahe, drückende Massen. Eine Beleuchtung, wie sie charakteristisch ist gerade für dieses Städtebild, so, wie Canaletto es wiedergegeben hat. Die Fahrt schien endlos. Aus einer winkeligen Gasse bog man in die andere. Fritz blickte mit Absicht zum Fenster hinaus. Die Rauhheit, mit der er Alma vorhin abgewiesen hatte, that ihm leid. Er wollte ihr nicht ins Gesicht blicken, um nicht weich zu werden. Gefühlsduseleien, das hatte er sich vorgenommen, sollten zwischen ihnen nicht mehr vorkommen. Auf einmal kamen ihm die Häuser, die Schaufenster, die Firmenschilder so bekannt vor. Sie fuhren durch die Straße, in der er mit Alma gewohnt hatte. Das Pflaster  war noch genau so holperig, die Thüren eng, die Häuser unregelmäßig und niedrig und die Menschen echte Vorstadterscheinungen wie damals. Ob Alma gemerkt hatte, wo sie sich befanden? Er sah nach ihr hin. Sie saß da, aufrecht, mit großen Augen, denen die Thränen entstürzen wollten. »Fritz – dort oben!« sagte sie mit halberstickter Stimme, als man an dem Hause vorbeikam, in welchem sich das wichtigste Ereignis ihres Lebens vollzogen hatte. Er wehrte ihr nun nicht mehr, als sie den Kopf gegen seine Schulter lehnte und in krampfartiges Weinen ausbrach. Alma beruhigte sich oberflächlich, als man an der Kirchhofspforte hielt. Mit geröteten Augen und Thränenspuren auf den Wangen stieg sie aus. Aber an dieser Stätte fielen Zeichen des Kummers nicht auf. Ein Händler bot ihnen Grabschmuck an. Fritz kaufte einen Kranz, den er Alma übergab. Dann betrat man den Kirchhof, wo sie die Führung übernahm. Fritz kam sich wunderlich genug vor bei solchem Gange. Was hatte er mit Ludwig Glück schließlich Gemeinsames gehabt? Das Bindeglied zwischen ihnen war doch nur Alma gewesen. Glich es nicht einer Geschmacklosigkeit, das Grab dieses Menschen aufzusuchen?Alma schien den Kirchhof genau zu kennen. Sie führte Fritz auf Kreuz- und Querwegen durch das Labyrinth des Gräberfeldes zu einem neueren Teile, der mit seinen unzähligen, flachen Hügeln einem frisch aufgebrochenen Ackerfelde glich. Vor einer der langen Furchen machte Alma Halt. Ludwig Glücks Grabstätte war eine der wenigen in dieser Gegend mit einem Denkstein. Der Name stand darauf und: »Auf Wiedersehen!« Immergrün war angepflanzt, und Blumen in verschiedenen Stadien des Verwelkens lagen auf dem Hügel. Die Stätte machte den Eindruck, als ob sie nicht selten aufgesucht und mit Liebe gepflegt werde. Fritz verließ nach kurzem Aufenthalt den Platz, sah sich in der Nähe um, es Alma überlassend, am Grabe vorzunehmen, was immer sie mochte. Ihm erschien der Totenkult hier besonders widersinnig. Er dachte an das wunderliche Geschick des armen Kerls da unten, dem nun, wo er nichts mehr davon empfand, auf einmal eine Neigung zuteil wurde, um die er zeitlebens erfolglos geworben hatte. Alma jedoch nahm ihre Trauer ganz ernst. Fritz sah sie an dem Grabe niederknieen. Sicherlich betete sie für den, dem bei Lebzeiten Erhörung seiner Gebete an sie Seligkeit gewesen wäre. Langsam schritt Berting den langen Mittelgang in der Richtung zum Ausgang hinab. Nach einiger Zeit holte ihn Alma ein. Sie erschien gänzlich verändert: aufgeräumt, zufrieden, ja geradezu heiter. Rätsel, die sie waren, diese Wesen eines anderen Geschlechtes und einer anderen Logik! – Die Rührung, welche sie wie einen Hochgenuß ausgekostet hatte, schien ihr Gemüt erquickt und ihre Kräfte aufgefrischt zu haben. Fritz wollte für den Rückweg wiederum einen Wagen nehmen, Alma jedoch bat, gehen zu dürfen. Sie schob ihren Arm unter den seinen und begann zu plaudern. Von den tausend Kleinigkeiten ihres Tagelebens erzählte sie, wem sie auf der Straße begegnet sei, was der Kohlenmann gesagt habe, der ihr die Briketts in die Wohnung brachte, von einem Roman, den sie in der Leihbibliothek geholt hatte. Nichtigkeiten scheinbar! Aber Fritz schöpfte daraus doch die Hoffnung, daß sie sich mit der Zeit daran gewöhnen werde, auch ohne ihn glücklich zu sein. Sie kamen an »Stadt Paris« vorbei, jenem Lokale, in dem sie früher Abend für Abend gesessen hatten. Aus Almas zögernden Schritten und sehnsüchtigen Blicken merkte er, daß sie Lust habe, hier einzukehren. Er that ihr den Gefallen. Zu Hedwig heute noch zu gehen, war es doch vielleicht zu spät geworden. Es hatte angefangen, stark zu dämmern. Dieser Abend sollte Alma gehören; sie hatte ihn sich erkämpft. In dem Lokal hatte sich nichts verändert. Derselbe scheunenartige Raum mit seinem flauen Dunst von Speisen und Getränken. Am Schanktisch hinter einer Batterie von Likörflaschen dasselbe immer gähnende, wohlbeleibte Büfettfräulein, das nur lebendig wurde, wenn junge Männer eintraten. Das große Orchestrion spielte auch noch die nämlichen Gassenhauer. Zu ihrer Freude entdeckte Alma, daß der Ecktisch, an dem sie gewöhnlich gesessen hatten, frei war. Dort ließ man sich nieder und wurde von dem Kellner mit einem Schmunzeln des Wiedererkennens begrüßt. Alma schwelgte in Erinnerungen. »Weißt du noch, Fritz!« – hieß es in einem fort. Alles, was man gemeinsam erlebt hatte, schien sie noch einmal lebendig machen zu wollen. Aber Fritz war zerstreut und hörte nur mit halbem Ohre zu. Sehnsucht nach seinem Werke hatte ihn befallen. Jene Melodie, die wie fernes Meeresrauschen seine Tage begleitete, tönte ihm wieder einmal lockend in den Ohren. Alma merkte, daß er ihr entgleite. Sie kannte jene rätselhafte Erscheinung aus mancher bitteren Erfahrung, daß Fritz wohl körperlich bei ihr war und mit der Seele doch weit, weit entfernt von ihr. Seine Kunst besaß ihn dann, eine Rivalin, gegen die sie machtlos war. Fritz drängte zum Aufbruch. Draußen empfing sie das Halbdunkel einer schlecht erleuchteten Straße. Alma wagte die schüchterne Bitte, daß er zu ihr kommen möge. Er ahne ja nicht, wie schrecklich lang und trostlos die Winterabende seien, wie sie sich in Sehnsucht verzehre nach ihm. Bei jedem Schritt auf der Treppe, jedem Ertönen der Vorsaalklingel denke sie, er müsse es sein. Und immer habe sie vergebens gehofft. Die Stimme drohte dem Mädchen zu versagen. Was solle denn werden aus ihr, fuhr sie nach einiger Zeit fort. Keinen Menschen, der sich um sie kümmere! Das Kind fange an, sich zu melden. Wenn auch alles bisher gut gegangen sei, so werde ihr doch manchmal so angst, daß sie nicht wisse, wo aus, noch ein. Und wenn er sie nun auch noch verlasse! – – – Fritz schwieg dazu. Was sie sagte, blieb nicht ganz ohne Eindruck auf ihn; doch überwog das Gefühl des Unbehagens. Gewiß war ihr Zustand beklagenswert; das wollte er gar nicht leugnen. Aber wer hatte ihn denn gewollt? Sie hatte dieses Keimende, das sich nun schmerzhaft zu melden begann, heraufgerufen zum Leben. Sie erntete, was sie gesät. Mutter hatte sie werden wollen. Es war zuviel gefordert, wenn sie beides haben wollte: Mutterschaft und Liebesglück. »Du kommst zu mir, Fritz, heut abend, nicht wahr?« bat sie noch einmal dringlich und faßte mit beiden Händen seinen Arm, als man sich ihrer Thür näherte. Er setzte ihr auseinander, daß es unmöglich sei, da er mitten in einer Arbeit stecke, an der er heute noch schreiben wolle. Dann machte er sich mit Gewalt von ihr los, entfernte sich schnell, erneuerte Bitten und Thränen befürchtend. Es ging nicht anders! Hart mußte er sein gegen sich und sie, um seines Werkes willen. Dann, als er weiterschritt, tauchte vor seinem inneren Auge das feine Profil eines anderen Frauenangesichtes auf. Zugleich vernahm er den gleitenden Rhythmus einer Strophe, nach der er lange gesucht hatte. Beides: Hedwig und die eben gefundene neue Weise empfand er wie ein und dasselbe. Seine Gedichte kamen von ihr und meinten sie. Er überlegte, ob er sie jetzt noch aufsuchen könne. Eine Sehnsucht ohnegleichen nach dieser Freundin hatte ihn mit einemmale erfaßt. Das Haus würde noch offen sein; es war ja erst neun Uhr. Und statt, wie er Alma gesagt hatte, an seine Arbeit zu gehen, eilte er mit beflügelten Schritten zu Hedwig von Lavan. 


Viertes Buch 

Zum zweiten Male erlebte Fritz Berting die Ankunft des Lenzes an seinem jetzigen Aufenthaltsorte. Der Vorfrühling stand der gartenreichen Stadt gut. Wie in einem Treibbeete auf lockerem Untergrunde, in sonniger Lage, trieb und sproßte es zeitig an den Hängen der breiten, fruchtbaren, von sandigen Hügeln umsäumten Thalmulde. Der Strom führte das Schneewasser des Gebirges zu Thale und brachte hie und da noch eine vereinzelte Eisscholle mit, die in seinen lehmigen Fluten allmählich schmolz. Feuchtigkeit stieg von der Thalsohle zu den Wolken auf und stand, in feine Schleier verwandelt, duftig vor dem Bilde. Noch gab es wenig Grün; die Erde lag unverhüllt in der sanften Nacktheit ihrer Linien, einfacher und reiner, ohne die Verkleidung des Laub- und Grasschmuckes. Aus der Ferne blickten metallfarbene Bergkegel herüber wie große, blaue, an der Spitze abgestumpfte Zuckerhüte. In diese Landschaft bequem eingebettet lag die schöne, reiche Stadt. In den alten Teilen mancher Prunkbau, manch stolzes Palais, aus einer Zeit erhalten, wo man den rechten Bau an den rechten Platz zu stellen verstanden  hatte. Massiv, wuchtig, bedeutungsvoll wirkten diese Monumente mit ihrer dunklen Patina, die Wetter und Ruß ihnen zur Erhöhung der Vornehmheit verliehen hatten. An solchen sonnedurchwärmten Tagen, die der Sommer lange voraus in den grauen, unerfreulichen Halbwinter unseres Klimas als vielverheißende Boten hineinschickt, ist es schwer am Schreibtisch zu bleiben. Fritz Berting begann Geschmack zu finden an Ausflügen. Die Eisenbahn brachte einen schnell aus der Stadt hinaus; dann konnte man es ruhig dem Zufall überlassen, wo er einen hinführen würde. Überall gab es etwas in diesem gottgesegneten Lande, das des Weges lohnte; sei es ein unverhoffter Blick auf das weite, häuserbesäte, fruchtbare Flußthal, ein Stück stimmungsvoller Waldlandschaft, ein verschlafenes Dorf oder ein mit monumentalen Resten der Vergangenheit ausgestattetes Städtchen. Fritz hätte gern bei solchen Touren Hedwig von Lavan zur Begleiterin gehabt. Er erzählte ihr von dem, was er unternommen und gesehen, in der Absicht, ihr den Mund wässerig zu machen. Aber niemals sprach sie den Wunsch aus, sich ihm anzuschließen. Man hätte denken sollen, daß sich das Mädchen nach Zerstreuung sehne. Bekannte sah sie außer Berting kaum, höchstens den Arzt, der ihr zum Wächter gesetzt war. Blieb Fritz einmal einen Tag aus, so konnte er sicher sein, am nächsten Morgen von ihrer Hand ein kurzes Billet zu finden, das ihn aufforderte, zum Luncheon zu kommen oder den Abend bei ihr zu verbringen. Fritz brachte ihr außer Blumen häufig auch Bücher mit. Hedwig war bei ihrer Zufallsbildung mit einzelnen der großen Modernen noch gar nicht bekannt geworden. Von höchstem Reize erschien es ihm, zu beobachten, wie Ibsen auf sie wirken würde. Ja, er wagte sogar das Experiment, sie mit Nietzsche bekannt zu machen. Hedwig verschlang die gebotene Kost und schien sie auch zu verdauen. Aber gerade das, was Fritz erwartet hatte, daß sie sich an diese Meister verlieren würde in Bewunderung, trat nicht ein. Sie blieb im Gemüte kühl und unerschüttert der Gespenster-Tragödie gegenüber, sie ließ ihr Inneres nicht überwältigen von der Schönheit des Zarathustra-Liedes. Nur mit dem Verstande schien sie zu genießen, ohne die Seele hinzugeben. Rückhaltloses Bewundern-Können war ihr versagt. Dabei besaß sie doch für Schönheit die feinfühligsten Nerven, reagierte stark und unmittelbar auf jeden Eindruck, war durch und durch ästhetische Persönlichkeit. Welches Organ fehlte ihr denn, daß sie an der Oberfläche des Kunstwerkes haften blieb, unfähig wie es schien, bis zu seiner Seele durchzudringen?Sie gab ihm Rätsel auf über Rätsel. Es war in seinem Verhältnis zu Hedwig etwas, das den vollen Genuß des Beisammenseins nicht aufkommen ließ. Man konnte sich eine aufmerksamere und schneller fassende Schülerin nicht denken, als dieses Mädchen war. Aber an ihrer Wißbegier lag Fritz gar nichts. Viel lieber als ihr Lehrer zu sein, wäre er ihr Schüler gewesen. Er fühlte, daß er von ihr tausenderlei Neues hätte erfahren können, vor allem über ihre eigene Persönlichkeit. Wozu in Büchern suchen, was der Mensch dem Menschen viel unmittelbarer gewahren konnte: das Erkennen und Erleben. Hedwig verstand es, eine Mauer um sich zu ziehen; sie wußte eine Stimmung kühler Sachlichkeit zu verbreiten, die jede Annäherung ausschloß. Man verkehrte äußerlich in der größten Vertraulichkeit, ohne Rückhalt und Gene. In der Art, wie sie über die heikelsten Stellen, ohne eine Miene zu verziehen, hinweglas, wie sie in der Diskussion vor keinem Thema zurückschreckte, lag eine Immunität der Gefühle, die Fritz noch nie an einem weiblichen Wesen beobachtet hatte. Er war es, der auf die Dauer diesen gewissermaßen aller Sinnlichkeit entkleideten, jenseits des Geschlechtlichen sich abspielenden Verkehr nicht mehr ertrug. Er verwünschte die geschwisterliche Wunschlosigkeit ihres Beisammenseins. Er haßte dieses Überwiegen des Verstandesmäßigen in ihrem Verkehr, die langen Auseinandersetzungen über allerhand abstrakte Dinge, wo man sich bestenfalls in der Ähnlichkeit des Geschmackes fand, sonst aber sich nicht näher kam. Er haßte sich vor allem selbst in der Rolle eines trockenen Dozenten. Was hatte er davon, wenn sie seinen Verstand, seine Kenntnisse, seine Belesenheit bewunderte! Er gab und gab, ließ seinen Geist die schönsten Luftsprünge machen ihr zu Ehren und erhielt nichts dafür zurück. Dieses gemeinsame Schweben in den höchsten Sphären  des guten Geschmackes versetzte einem den Atem. Er sehnte sich ordentlich danach, Hedwig einmal die Augen verwirrt niederschlagen, sie erröten zu sehen. Schließlich war sie doch ein Mädchen! Was steckte hinter diesem kühlen Blick, der unerschütterlichen Ruhe ihrer Haltung? Sie war doch nicht bloß Linie, Umriß, Profil! Wo steckte denn in ihr das Weib mit seinen Schwächen? Versteckte sie ihre schwachen Seiten so gut, oder hatte sie keine? –Was fühlte, was empfand ein solches Wesen, wenn sie ganz allein, ganz unbeobachtet war? Gab es hinter ihrer glatten Stirn keine Sehnsucht, keine Träume, keine Sünden der Phantasie? War ihr Blut, das Fritz durch die zarteste Haut, die er jemals gesehen, in dem feinen, bläulichen Geäder der Schläfen rinnen zu sehen vermeinte, war es frei von jeder fieberischen Wallung? – Fühlte sie nichts in seiner Nähe? Sagte ihr keine Stimme ihres Inneren, daß er Mann sei und sie Weib, beide jung? – Fürchtete sie sich nicht vor ihm, sah sie nicht, welches Verlangen heiß in ihm aufschwoll? –Fritz machte bei aller ungestümen Wißbegier doch keinen Versuch, ihrem Wesen das Sphinxgeheimnis zu entreißen. Die vollendete Freiheit, mit der sie sich auf gewagtem Terrain bewegte, schützte sie. Jedes grobe Wort, jede Rücksichtslosigkeit, ohne die es ein Erobern nicht giebt, verbot sich einem Geschöpf gegenüber, das durch das Außerordentliche seiner Lage gleichsam gefeit war. Ob Hedwig von seinen Gefühlen etwas ahnte? – Einmal verriet er sich. Er hatte die Wiedergabe einer  Klingerschen Radierung für sie gekauft und ihr überbracht: »An die Schönheit«, ein Blatt, das er über alles liebte. Hedwig wollte das Bild ihrem Schreibtisch gegenüber anbringen, war auf einen Stuhl gestiegen und hielt es probeweise gegen die Wand. Fritz sollte sagen, ob es so in der rechten Höhe sei. Irgendwie kam der Stuhl ins Wanken, und Hedwig wäre gestürzt, wenn er sie nicht aufgefangen hätte. Für einen kurzen Augenblick lag sie hilflos in seinen Armen. Der Duft ihrer Haut, ihrer Haare, drang unmittelbar auf ihn ein. Er war wie betäubt, stammelte verwirrt einige sinnlose Worte. Sie machte sich los, und als sie auf ihren Füßen stand, lachte sie. Lachen in einem solchen Augenblicke! – – Während er sich mühsam zu fassen suchte, lag auf ihrem Gesichte unverkennbar der Ausdruck von übermütigem Hohn, als denke sie bei sich: ›Du wagst es ja doch nicht!‹ –Von diesem Augenblicke an bekam das Verhältnis für ihn einen neuen schmerzlichen Stachel. Ein Verdacht bemächtigte sich seiner: Wurde hier mit ihm gespielt? Nutzte man ihn aus? War er vielleicht nur ein Lehrer für sie, Führer auf ästhetischem Gebiete, Berater in litterarischen Angelegenheiten? –In ihrer Novelle spielte die Heldin mit einem Manne, wie die Katze mit der Maus, unbarmherzig, cynisch fast. Gab das nicht zu denken? Zwar gehörte Fritz Berting nicht zu denen, die einem Autor alle Sünden, welche er seinen Gestalten andichtet, selbst zutrauen; aber immerhin,  einmal innerlich erlebt, in der Phantasie durchgemacht mußte der Dichter haben, was er gestaltete. Und hier war ein raffinierter, herzloser Frauentypus mit intimer Kenntnis, ja mit innerer Anteilnahme geschildert worden. Kam da nicht vielleicht derselbe lächelnde Triumph, derselbe spielende Hohn zum Ausdruck, mit dem sie ihn neulich im Augenblicke seiner Schwäche betrachtet hatte? –Aber dann wieder von ihrer Liebenswürdigkeit in Bann geschlagen, vergaß er jeden Verdacht. Er sagte sich, daß alles Befremdende an ihr zu erklären sei durch Herkunft und außerordentliche Geschicke. Wahrscheinlich waren Glätte, Kälte, Schlangenklugheit, die sie unnahbar machten, Eigenschaften, welche ihr die Natur zum Schutze mitgegeben hatte. Er hätte sie gern einmal herausgelockt aus sich selbst. Wenn sie auch sicher nicht die Erlebnisse hatte, die Michael Chubsky ihr zutraute, so war doch anzunehmen, daß sie Geheimnisse habe, Geheimnisse des Wesens, der Entwickelung, der Gefühle. Er wollte die Empfindungsseite ihrer Natur erkennen, nicht bloß immer die glatte Marmorfläche ihres Verstandes berühren. Gar zu gern hätte er sie darum hinaus geführt ins Freie. Das ewige Zusammensitzen im Zimmer allein schon gab ihrem Verhältnis eine Art Blutleere. Hedwig war eine gute Fußgängerin. Er wußte es doch, daß sie im vorigen Jahre mit Waldemar Heßlow Bergtouren unternommen hatte. Warum denn verhielt sie sich gegenüber seinen Vorschlägen zu Ausflügen stets ablehnend?  Der Grund, den sie anzuführen pflegte, daß sie dazu vom Hausarzt Erlaubnis haben müsse, erschien Fritz nicht stichhaltig. Sie wußte ja sonst diesem Mentor nur zu gut ein Schnippchen zu schlagen. Durch Fritz Bertings Vermittelung hatte der »Impressionist« Hedwig von Lavans Manuskript angenommen. Der Damen Tittchen wegen, die vorläufig noch nichts von ihrer Schreiberei wissen durften, wählte Hedwig ein indifferentes, männliches Pseudonym, das auszudenken Fritz ihr behilflich war. Der »Impressionist« hatte jetzt seine eigenen Redaktionsräume. Sie bestanden aus Bureau und Empfangssalon. Der Dichter Karol war ein großer Mann geworden. Fritz mußte daran denken, wie er den Verfasser des »Ghetto« – nicht viel länger als ein Jahr war es wohl her – in seiner elenden Bohémien-Bude aufgesucht hatte. Damals war ein Konversationslexikon bei weitem das wertvollste Stück seines Mobiliars gewesen. Heute war er Chefredakteur, empfing die Mitarbeiter in seinem Bureau, während der Salon reserviert blieb für »Damenbesuch«, wie er Fritz vieldeutig lächelnd zu verstehen gab. Auch in Silbers äußerer Erscheinung kam die Veränderung seiner Lage zum Ausdruck. Er hatte den fettglänzenden Rock, ohne den man ihn nie gesehen, mit einem neuen vertauscht. An den Füßen trug er glänzende  Lackschuhe, und aus der bunten Weste stach eine seidene Krawatte von greller Färbung mit einer unechten Nadel hervor. Als sich Berting erkundigte, wie der »Impressionist« gehe, schmunzelte Silber. Das Blatt werde vorläufig wenig abonniert, sagte er, aber viel im Einzelverkaufe verlangt, und was die Hauptsache sei, es werde tüchtig darüber geschimpft. Beim Verlassen der Redaktion begegnete Fritz auf der Treppe einer jungen Dame. Also wirklich! – Silber hatte nicht renommiert mit dem Damensalon, wie Fritz im stillen angenommen. Sie eilte ziemlich schnell an ihm vorüber und hatte den Schleier vor; aber er erkannte trotzdem das semmelblonde Haar und das stumpfe Näschen wieder. Es war die Verfasserin von »Epheuranken« und »Immergrün«. Einige Tage darauf sah er Siegfried Silber im Kaffeehaus. Der kleine Mann kam ihm mit feierlicher Miene entgegen, verbeugte sich und sagte: »Ich gratuliere Ihnen und uns, Berting! Denn heute ist Ihr Geburtstag.« Fritz mußte lachend die Thatsache zugeben. Seit er mit seiner Familie auseinander war, hatte sich niemand um seinen Geburtstag gekümmert. Nur Alma machte eine Ausnahme. Sie hatte es sich auch heute nicht nehmen lassen, ihm in der Frühe ein Alpenveilchenstöckchen zu bringen und ein Paket. Fritzens Wirtin hatte ihr die Sachen abgenommen. Das Fräulein sei gleich wieder gegangen,  erklärte sie, als Fritz sich nach dem Boten erkundigte. Das Paket enthielt einige Krawatten, jedenfalls von Alma selbst genäht, und ein Gedicht, das sie aus irgend einer Sammlung abgeschrieben haben mochte. Später am Vormittag kam ein Livree-Diener, der einen Korb mit auserlesenem Obst für Herrn Berting abgab und einen Brief. Fritz glaubte erst, es sei Frau Hilschius, die ihn so freundlich bedenke, aber die begleitenden Zeilen zeigten Annie Eschauers Handschrift. Annie schrieb, daß sie seit einiger Zeit bei ihrer Mutter zu Besuch sei, um sich von einem berühmten Nervenarzt behandeln zu lassen. Sie schicke ihm in alter Freundschaft diesen Geburtstagsgruß. Wenn er Zeit übrig habe, möge er sie doch einmal aufsuchen. Sie langweile sich sehr, da der Arzt ihr Liegen verordnet habe. Nach der Art, wie man im vorigen Herbst in Binz auseinandergegangen war, schien sich Annie, wie ihm deuchte, die Wiederanknüpfung der Beziehungen doch allzu leicht zu denken. Über eines wunderte er sich im stillen: woher nur wußte Annie seinen Geburtstag? Er konnte sich nicht entsinnen, ihr ihn jemals gesagt zu haben. Als ihm jetzt Siegfried Silber gratulierte, kam ihm sofort der Gedanke, daß er geplaudert haben müsse. Der Chefredakteur des »Impressionist« verkehrte ja viel bei Frau Hilschius, der Patronin des ganzen Unternehmens. »Woher ist Ihnen eigentlich mein Geburtstag bekannt, Silber?« erkundigte sich Fritz. »In einigen Jahrzehnten wird es, so hoffe ich, eine Schmach sein für jeden Gebildeten, dieses Datum nicht zu kennen,« gab Silber zurück. »Vorläufig verrät uns der Litteraturkalender, wo und wann Fritz Berting das Licht der Welt erblickt hat.« »So! – Und hält Frau Eschauer vielleicht den ›Kürschner‹?« –Siegfried Silber war nur einen Augenblick lang verdutzt. Dann lachte er laut auf. »Ich will nicht leugnen, daß ich die Indiskretion begangen habe. Sind Sie mir deshalb gram, Berting? Wenn Sie nur wüßten, wie gut Sie bei der Dame angeschrieben sind! An Ihrer Stelle würde ich sie einmal aufsuchen.« Fritz zuckte die Achseln. Er empfand wenig Lust, jenem zu erklären, weshalb ihm an einem Besuche bei Annie Eschauer sehr wenig liege. Mit schlauem Augenzwinkern fuhr Siegfried Silber fort: »Man weiß ja. Sie haben Glück bei dem anderen Geschlecht. Ich hatte selbst Gelegenheit, Ihnen zu Ihrem Geschmack zu gratulieren, damals im Theater; Sie wissen wohl? Ich werde das reizende Gesicht niemals vergessen. Immerhin, wenn ich mir einen bescheidenen Ratschlag erlauben darf, sollten Sie eine Freundin wie Frau Annie nicht verschmachten lassen in Sehnsucht.« Sprach mehr Arroganz oder mehr taktlose Neugier aus Silber? – Sein Mienenspiel war wie immer schwer zu durchschauen. Bald lächelte er dreist vertraulich, bald nahm er eine unterwürfige Haltung an. Fritz hielt es für besser, die Unterhaltung abzubrechen über dieses Thema. Noch keine Woche war seitdem vergangen, als er eine Einladung von Frau Hilschius zum Mittagessen erhielt. Gern hätte Fritz abgesagt; denn er argwöhnte, daß hinter dieser Einladung niemand anders stecke als Annie Eschauer, die das Wiedersehen mit ihm, wie's schien, erzwingen wollte. Aber er sagte sich, daß er Frau Hilschius nicht vor den Kopf stoßen dürfe. Hatte er doch ihre wiederholten Einladungen zu den Mittwochen unbeantwortet gelassen. Zu seinem Staunen fand er Annie nicht im Empfangssalon; ihre Mutter entschuldigte sie mit erneutem Übelbefinden. Es waren da: der Sohn des Hauses, sein Vetter Marcus Hiesel und Siegfried Silber, also die Redaktion des »Impressionist« vollzählig. Dazu einer von den langhaarigen Poeten, dessen nom de plume Adalbert von Felseneck lautete, während er als Lebensversicherungsagent einfach A. F. Schmidt zeichnete. Schließlich kam auch die blonde Verfasserin verschiedener lyrischer Bände. Diesmal befand sie sich in Begleitung ihrer Mutter, einer wohlgenährten Dame in einem steifen, bei jeder Bewegung krachenden Atlaskleide, die eigentlich nicht sehr wie eine Dichterin-Mutter aussah. Siegfried Silber machte sich Fritz unangenehm bemerkbar, indem er sich als sein intimster Freund aufspielte. Er war in diesem Hause nach wie vor Hahn im Korbe. Bei Tisch erhob sich der bewegliche, kleine Mann und brachte einen Toast aus auf den »Impressionist«, seine Mitarbeiter  und seine Gründer. Das Verdienst jedes einzelnen der Anwesenden um das Zustandekommen des Unternehmens wurde von ihm in blütenreicher Rede gewürdigt. Nicht einmal die finanzielle Fundierung durch Frau Hilschius und Marcus Hiesel blieb unerwähnt. Sein eigenes Verdienst als »Vater der Idee«, wie er sich bezeichnete, versäumte Siegfried Silber nicht, auf einen weithin sichtbaren Leuchter zu stellen. Es war das erste Mal, daß Fritz eine gewisse Sympathie für Marcus Hiesel empfand; man konnte verstehen, daß er unter dem Kollegen Silber litt. Freilich in der Art, wie er trauernd das Gesicht tief in den breiten Rockkragen versenkte, und, die Stirn schmerzvoll runzelnd, leise stöhnte, lag soviel Pose, daß man der Echtheit seiner Seelenqualen nicht recht trauen durfte. Theophil Alois gab sich wie gewöhnlich Mühe, seinem Vorbilde möglichst nahe zu kommen. Diese beiden Jünglinge schienen übrigens auf eine neue Methode verfallen zu sein, der Welt zu beweisen, wie hoch sie sich über alles Grobmaterielle erhaben fühlten. Die meisten Speisen ließen sie unberührt an sich vorübergehen, und an den Getränken nippten sie nur. Frau Hilschius, die sonst voll Bewunderung vor dem der Fleischlichkeit weit entrückten Wesen des Wiener Vetters stand, war im Grunde ihres gutmütigen Herzens betrübt, daß die jungen Leute sich solche Fasten auferlegten. Mit Sorge sah das mütterliche Auge, daß ihr Theophil bei dieser Lebensweise von Tag zu Tag bleicher wurde. Heute erfuhr man auch den bürgerlichen Namen der Dichterin von »Eupheuranken« und »Immergrün«, die Berting neulich so kühn die Treppen zu den Redaktionsräumen des »Impressionist« hatte emporsteigen sehen; sie hieß: Mimi Beierlein. Fritz betrachtete sich die Mutter der niedlichen Blondine mit Interesse. Frau Beierlein sah genau so aus, als wäre ihr eine Unterhaltung über Eierpreise und Dienstbotennöte weit mehr nach dem Herzen gewesen, als die tiefsinnigen Reden über Litteratur, die zwischen Siegfried Silber und ihrem Töchterchen hin und her flogen. Frau Hilschius, neben der Fritz Berting saß, klagte, Annies Befinden mache ihr schwere Sorgen. Worin das Leiden eigentlich bestehe, erklärte sie nicht, nur daß Annie große Schmerzen auszustehen habe, und daß der Arzt die Sache nicht für unbedenklich halte. Umsomehr wunderte sich Fritz, als er aufgefordert wurde, die Kranke nach Tisch in ihrem Zimmer aufzusuchen. Er fand Frau Eschauer in einem halbdunklen Raum auf dem Divan liegend. Auffällig war das den Atem benehmende starke Parfüm in dieser Krankenstube. Annie richtete, um Fritz die Hand zu bieten, den Oberkörper ein wenig auf. Sie sagte mit schwacher Stimme, wie sehr sie sich freue, ihn wiederzusehen, und bat ihn, einen Stuhl zu holen und sich neben sie zu setzen. Als Berting sich erst ein wenig an das Dämmerlicht gewöhnt hatte, erschrak er, welche Veränderung mit Annies Zügen vor sich gegangen war. Die Frau schien in kurzer  Zeit um Jahre gealtert. Die Augen tief umschattet, das Fleisch aufgedunsen, die Haut farblos, das ganze Gesicht wie verwischt. Fritzens Mitleid war nicht erheuchelt. Alles Ärgerliche, was zwischen ihnen vorgefallen in Binz, war vergessen, da er sie so hilflos sah. Er erkundigte sich teilnehmend, was sie so heruntergebracht habe. Annie schien jedoch Fragen nach ihrem Befinden nicht gern zu hören. Es werde vorübergehen, sagte sie; der berliner Winter wäre ihr schlecht bekommen, das sei alles. Hier hoffe sie sich bald wieder herzustellen. Seine Gesellschaft schien sie zu beleben; die Stimme gewann an Kraft, die Züge, anfangs einer Larve ähnlich, belebten sich mit der Zeit. Sie begann von den gemeinsamen Bekannten zu erzählen, die man von Binz her besaß. Freilich war es nicht viel Erfreuliches, was sie da zu berichten hatte. Der Bräutigam des jungen Mädchens mit dem Zungenfehler war falschen Spieles halber um die Ecke gegangen. Ein anderer von der nämlichen Clique war in einen Sittlichkeitsprozeß verwickelt und erschien so schwer kompromittiert, daß die Behörde ihn selbst gegen hohe Kaution nicht freigeben wollte. Und so ging es weiter. Annie sprach von diesen Dingen leichthin, wie man eine bekannte Anekdote um ihrer Pointe willen erzählt. Ihren Gatten erwähnte sie nicht, und Fritz sah keinen Anlaß, sich nach diesem Edlen zu erkundigen. Wiederholt gab Annie zu erkennen, wie sehr sie sich  freue, Fritz bei sich zu haben. Die Langeweile, zu der sie verdammt sei, wäre zu fürchterlich. Nur mit Hilfe von Morphiuminjektionen schlafe sie des Nachts. Und am Tage stehe es nicht viel besser um sie. Lesen dürfe sie auch nicht viel, der Augen wegen. Seine Novelle aber verschlinge sie doch. Fritz hatte schon ein Exemplar des »Impressionist« entdeckt, das neben ihr auf einem Sessel lag. Annie war ganz die Alte, als sie sich jetzt über das Dioskurenpaar: Marcus und Theophil, lustig machte. Vor allem goß sie die Schale ihres Spottes aus über einen Aufsatz ihres Bruders Theophil, der unter dem Titel: »Los vom Weibe!« die Notwendigkeit predigte, »hart bis zur Grausamkeit« gegen das andere Geschlecht zu sein. Er hatte an die Spitze seiner Auslassungen Nietzsches Wort gestellt: »Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!«»Hat man je etwas Possierlicheres gehört!« rief Annie. »Der kleine Theophil! O, er kennt das Weib in- und auswendig. Arme Frauen, Theophil verachtet euch! – Wenn ihm eine Kellnerin einmal einen Kuß verkauft hat, so ist das, ich wette, das größte Abenteuer, dessen er sich rühmen darf. Aber man weiß ja, wer ihn verrückt gemacht hat: der Vetter Marcus mit der bleichen Seele. Ich wollte den guten Jungens vieles verzeihen, wenn sie nur nicht so furchtbar langweilig wären! Neulich hatte ich sie hier alle beide. Denken Sie, daß einer etwas zu sagen gewußt hätte! Sie saßen da, nagten die Lippen, blickten tiefsinnig und sorgenschwer drein, aber einfallen that ihnen nichts. – Da ist mir, weiß Gott, dieser Siegfried Silber lieber. Ein kleiner, krummer  Jude! Aber der hat doch wenigstens etwas aus sich gemacht. Neulich habe ich ihm gesagt, er müsse auf reine Oberhemden halten und dürfe seine Nägel nicht abkauen, wenn er bei Damen Glück machen wolle. Haben Sie bemerkt, wie das gewirkt hat? Das Silberchen hat sein Häuschen sehr nahe zu mir gebaut. Alle seine Geheimnisse beichtet er mir. Kann sein, ich verschaffe ihm sogar eine Frau.« »Geht Silber auf Freiersfüßen?« erkundigte sich Fritz. Annie erklärte jedoch, daß sie aus Gründen der Diskretion hierüber nichts weiter sagen dürfe. Aber Fritz war neugierig geworden. »Ist sie blond?« fragte er. »Natürlich!« war die Antwort. »Und kann das Versemachen nicht lassen?«»Erraten! Aber lassen wir die Leutchen. Erzählen Sie mir lieber etwas von sich selbst, Fritz!« bat Annie und wandte sich auf ihrem Lager so, daß sie ihn ganz sehen konnte. Berting hatte gute Gründe, ihr nichts zu erzählen von dem, was jetzt das tägliche Brot war seines Lebens, von seinem Verkehr mit Hedwig von Lavan. Er berichtete darum nur das Alleräußerlichste, von seiner Wohnung, von den Ausflügen, die er unternommen, und was ihm sonst gerade einfiel. »Hören Sie auf!« rief Annie nach einiger Zeit. »Denken Sie, ich bin ein Bählämmchen? Mir machen Sie doch nicht weiß, daß Ihr Leben in Essen, Schlafen und Spazierengehen besteht!« Fritz erwiderte mit dem Schein möglichster Unbefangenheit: »Doch, es ist so, gnädige Frau. Aus Essen, Schlafen und Spazierengehen; fügen Sie noch viel Schreiben und ein wenig Lesen hinzu, dann haben Sie alles beisammen, was mein harmlos idyllisches Dasein ausmacht.« »Das ist nicht wahr!« rief Annie mit ungewöhnlicher Leidenschaft. »Ich sehe es Ihren Augen an, daß Sie lügen. Außerdem sagen es Ihre Bücher, daß es anders ist. Wer die Weiber so schildert, wie Sie, der hat auch Weiber gehabt. Ich will von Ihren Erlebnissen wissen, hören Sie, Fritz!«Berting war in Verlegenheit, was er hierauf sagen solle. Annie selbst befreite ihn jedoch fürs nächste von der Notwendigkeit, zu antworten. Ein Schmerzanfall packte sie. Das Gesicht verzog sich, sie stemmte die Hände gegen den Leib und schloß die Augen. Fritz sprang entsetzt auf; er hatte das Gefühl, jemanden zu Hilfe rufen zu müssen. Zwischen den halbgeschlossenen Zähnen hindurch stöhnte Annie, er möge bleiben, gleich werde es vorüber sein. Eine Zeit lang lag sie stumm und steif; dann richtete sie sich mühsam ein wenig auf, tränkte ein Tuch mit Eau de Cologne und hielt es sich vor. Das schien sie zu beleben. Mit den peinlichsten Gefühlen saß Fritz dabei. Er begriff nicht, welchen Trost es Annie gewähren könne, ihn zum Zeugen ihrer Marter zu haben. Sie hatte sich jetzt auf dem Divan ganz dicht bis zu  ihm herangeschoben. In ihren Augen flackerte ein unheimliches Feuer. In stehendem Tone fuhr sie fort: »Seien Sie offen, Fritz, sagen Sie mir alles! Sie haben eine Geliebte, ich weiß es. Was ist da weiter dabei! Sie sind ein junger Mensch. Aber erzählen Sie mir von ihr! Ist sie hübsch? Lebt ihr beisammen? Was macht ihr den ganzen Tag? Zankt ihr euch oft? Denn immerfort könnt ihr euch doch nicht lieben. Erzählen Sie, erzählen Sie, Fritz! Sie sehen doch, ich vergehe vor Sehnsucht nach irgend etwas – nach Abwechselung. Es ist so furchtbar, hier liegen zu müssen. Sie haben ja keine Ahnung, wie mir zu Mute ist!«Ihre Stimme war ganz heiser geworden. Sie griff nach einem Flacon, das sie zur Nase führte. Fritz schwieg und blickte wie gebannt in Annies schwer arbeitende Züge. Sie schien mit etwas Größerem noch als körperlichem Schmerz zu kämpfen. Auf einmal wechselte sie den Ton, gequält lächelnd sagte sie: »Ach, ich sehe schon, auch mit Ihnen ist nichts los! Sie wollen einer armen Kranken nicht helfen. Dabei meine ich es so gut mit Ihnen – so gut! Ich würde Ihnen keine Vorwürfe machen, nicht den kleinsten Vorwurf, wenn Sie mir auch das Schlimmste sagten. Ich weiß ja, wie das Leben ist, habe Dinge durchgemacht, Dinge, daß ich mich über nichts mehr wundere. Aber so hier liegen Tag und Nacht, und immer nur seine eigenen Erlebnisse wiederkäuen, das, glauben Sie mir, Fritz, ist zum Verrücktwerden. Ich habe oft an Sie gedacht. Vielleicht hätte  ich in Binz etwas netter gegen Sie sein können. Aber so ist man, wenn einen die Eifersucht quält; da weiß man einfach nicht, was man sagt und thut.« Sie biß die Zähne zusammen; was sie nun sagte, war kaum noch verständlich für ihn. »Es wird sehr bald wiederkommen. – Sie sollen es nicht mit ansehen diesmal. Versprechen Sie mir – Fritz – versprechen Sie mir, kommen Sie wieder! Lassen Sie mich nicht allein. Kommen Sie bald und dann erzählen Sie mir ...  . .« Sie wand sich von neuem und vergrub den Kopf in das Kissen. Gleichzeitig winkte sie ihm mit der Hand, zu gehen. Als Berting von dem Mittagessen bei Frau Hilschius nach Haus zurückkehrte, fand er auf seinem Schreibtische einen mit Bleistift geschriebenen Zettel vor. Heinrich Lehmfink hatte ihn aufgesucht, um seine Rückkehr anzumelden. Heinrich Lehmfink! Er erschien Fritz gleich einem Wesen aus einer anderen Welt. Wie weit hatte er sich in der letzten Zeit innerlich entfernt von diesem alten Freunde. Würde man sich überhaupt je wieder verständigen können? – Und doch zog es ihn mächtig, das ehrliche Gesicht Lehmfinks wiederzusehen, ihm die Hand zu schütteln und  die vertraute Stimme, die ihm so oft guten Rat erteilt hatte, wieder zu vernehmen. Mochte sein Wesen altfränkisch sein, mochten sich seine Anschauungen, verglichen mit denen eines Michael Chubski, ausnehmen wie ein steifer, altdeutscher Holzschnitt neben einem modernen claire obscure, mochte er ein Hinterwäldler sein in seinem Aufzuge, im Vergleich zu Marcus Hiesels fin de siècle-Eleganz, eines hatte Heinrich Lehmfink vor ihnen voraus: er war Original, und er war ein Mann. Fritz überlegte, ob er vielleicht noch heute Lehmfinks Besuch erwidern könne. Die Abende waren jetzt lang. Wenn man mit der Bahn führe, konnte man schnell draußen sein bei dem Freunde. Er machte sich sofort auf. Heute fand er den Weg zu dem Quartiere ohne vorherige Erkundigung. Der Freund war jedoch nicht zu Haus. Fritz unterhielt sich mit dem aufmerksam gesprächigen Quartierwirt, der seinen Namen noch vom letzten Besuche her im Gedächtnis behalten hatte. Da ging eine Thür auf, in deren Öffnung eine schlanke Frau in Trauerkleidung erschien. Ob sie recht gehört habe, fragte sie mit leicht schwäbelnder Aussprache, daß Herr Berting hier sei. Und als Fritz bejahte, lachte sie herzlich auf und sagte, sie sei Toni, Heinrichs Schwester. Toni Lehmfink schien keine Person von vielen Umständen zu sein. Sie schüttelte Fritz kräftig die Hand und forderte ihn auf, ins Zimmer zu kommen und einstweilen mit ihr vorlieb zu nehmen, bis Heinrich zurückkehren werde. Fritz betrachtete sie mit besonderem Interesse. Er hatte  manchmal gelächelt über seines Freundes brüderliche Schwärmerei, die ihm von Verliebtheit nicht weit entfernt zu sein schien. Dieses große Mädchen also war Heinrichs »kleines Schwesterchen«! – Die Photographie hatte doch kein richtiges Bild von ihr gegeben. Tonis Gesicht war eines von jenen, bei denen der lebendige Ausdruck alles ist. Kein Mensch wäre auf den Gedanken gekommen, sie hübsch zu nennen; aber das Hübschsein konnten diese Züge entbehren, da sie den Stempel trugen der Eigenart. Fritz konnte sich in dem Gesichte schnell zurechtfinden, weil er den Kopf des Bruders so genau kannte. Da war vieles sehr ähnlich, vor allem im Schädelbau, in der Augenstellung, in der Farbe von Haar und Haut. Aber alles war auch wieder anders, um eine Nuance feiner, beweglicher, anmutiger, mit einem Worte: weiblicher. Toni hatte vor dem Bruder eine schnelles Vertrautwerden sehr erleichternde Eigenschaft voraus: die Verbindlichkeit. In kürzester Zeit ward es Fritz zu Mute, als kenne er sie seit lange. Sie sagte ihm, daß Heinrich ihr von ihm, als von seinem liebsten Freunde, schon viel erzählt habe, und daß es wirklich ein Ereignis bedeute für sie, ihn nun endlich persönlich kennen zu lernen. Man sprach natürlich von ihrem Bruder. Toni bewunderte ihn offenbar sehr. Und doch lag in ihren Bemerkungen über Heinrich hie und da etwas wie Überlegenheit, ja fast etwas mütterlich Nachsichtiges. Man sah, daß dieses Mädchen selbst dem geliebten Bruder gegenüber ihr Urteil nicht in die Tasche zu stecken gesonnen sei. Es wäre schwer gewesen, ihr Alter zu taxieren. Fritz wußte, daß sie etwa um ein Jahr älter war als Heinrich. Man sah ihr die Dreiunddreißigerin nicht an. Sie schien eine von jenen wetterfesten Persönlichkeiten, gegen deren karg zugemessene Reize die Jahre nicht grausam sind. Dabei wußte man, daß das Leben diese Person nicht eben auf Rosen gebettet hatte. Im Hause des Stadtschreibers Lehmfink war der einzige Luxus der gute Unterricht der Kinder gewesen. Mit Hunger und Wissenschaft waren sie aufgezogen worden. Toni hatte ihr Lehrerinnenexamen früh gemacht und war dann, um Geld zu verdienen, ins Ausland gegangen. Mehrere Jahre lang hatte sie an einer großen Schule in der Nähe von London deutschen Unterricht erteilt. Als der Vater gestorben war, kehrte sie nach Haus zurück, um die Mutter, die niemanden sonst besaß, zu pflegen. Fritz war auf das angenehmste überrascht durch die vollendete Unbefangenheit, mit der sich dieses Mädchen ihm gegenüber gab. Von den engen, kleinstädtischen, subalternen Verhältnissen, aus denen sie stammte, merkte man ihr nichts an. Zimperlichkeit und Unbeholfenheit, die häufig Töchtern aus solchen Kreisen eigen sind, hatte sie wohl draußen in der Welt abstreifen müssen. Dabei war sie doch dem heimatlichen Charakter treu geblieben. Ihr Schwäbisch, das ausgesprochener war als das des Bruders, verlieh allem, was sie äußerte, noch die besondere Traulichkeit des Volkstümlichen. Sie erzählte, daß sie zu dem Bruder gezogen sei, um  ganz bei ihm zu bleiben. Seitdem sie nun auch die Mutter verloren hätte, fehle ihr Heimat und Arbeit. Da sie aber ohne Ziel und Zweck nicht zu existieren vermöchte, habe sie sich vorgenommen, Heinrich das Leben so angenehm und leicht zu machen, wie nur möglich. Sie wollte sich in Zukunft nicht mehr von dem Bruder trennen; es sei denn, daß er einmal heirate, und dazu wäre wohl wenig Aussicht. Mit dem Verwöhnen des Bruders schien sie übrigens bereits einen glücklichen Anfang gemacht zu haben. Dem Zimmer merkte man's an, daß hier eine geschickte Frauenhand ordnend gewaltet hatte. Sie hoffe, sagte Toni, daß sie genug vom Haushalten verstehe, um dem Bruder eine Wirtschafterin zu sein und eine Köchin. Außerdem habe sie das Arbeiten mit der Schreibmaschine erlernt; denn ihr Ehrgeiz gehe dahin, ihm auch Gehilfin zu sein in seinem Beruf. Fritz, der lange nichts über den Stand von Lehmfinks wissenschaftlichen Arbeiten gehört hatte, erkundigte sich, wie es eigentlich mit dem Werke stehe, in das Heinrich im vorigen Jahre vertieft gewesen. »Ach, Sie wissen noch gar nichts!« rief Toni. »Hat er Ihnen denn das nicht erzählt?«Fritz mußte ihr auseinandersetzen, daß man sich lange Zeit nicht gesehen habe, außerdem hätte Heinrich mit dieser Arbeit immer sehr geheim gethan. »Nun, jetzt ist kein Geheimnis mehr darum!« sagte Toni und ging an den Schreibtisch. »Sein Buch ist soeben herausgekommen.«   Sie überreichte Fritz einen starken Band. Er las den Titel: »Deutsche Persönlichkeit«. »Gelt, das ist eine feine Sache, Herr Berting!« rief Toni. Fritz versuchte, in dem Buche zu blättern, doch gelang ihm das nur schlecht, da es noch unaufgeschnitten war. »Für Sie ist ein gebundenes Exemplar da, Herr Berting. Ich weiß es genau. Heinrich hat auch etwas hinein geschrieben. Sie werden es vorfinden, wenn Sie nach Haus kommen; nehmen Sie einstweilen meines.« Toni lief ins Nebenzimmer und brachte von dort ein gebundenes Exemplar zurück. »Das hat er mir geschenkt!« sagte sie voll Stolz. Dann bat sie den Gast, es sich bequem zu machen. Wann Heinrich zurückkomme, sei unberechenbar bei seiner Wanderlust. Aber auf keinen Fall könne sie erlauben, daß Herr Berting gehe, ohne ihn gesehen zu haben. Jetzt müsse er sie jedoch entschuldigen, da sie für ein Abendessen sorgen wolle. –Fritz setzte sich in Lehmfinks lederbezogenen Sorgenstuhl, dem großen Bismarckstiche gegenüber und nahm das neue Buch zur Hand. Vor allem wollte er ergründen, welcher Plan diesem Werke zu Grunde liege, welchem Ziele es zustrebe; denn das wußte Fritz, wenn Heinrich Lehmfink mit einer Arbeit dieses Kalibers vor die Öffentlichkeit trat, dann hatte ihn innere Notwendigkeit getrieben und gewichtiger Ernst ihm die Feder geführt. Er las zunächst die Überschriften der einzelnen Abschnitte. Sie zeigten, daß man es mit einem ganz subjektiven Buche zu thun habe, mit einem Buche, das ein Bekenntnis enthielt. Dieses Bekenntnis war die im inneren Kampfe errungene Weltanschauung des Autors. Doch nicht in dozierendem Tone war hier ein System vorgetragen, auch nicht mystisch verzückt in Prophezeiungen, sondern klar und eindrucksvoll in plastischer Form, die den Künstler verriet. Es war ein Leitmotiv da, welches durch das ganze Buch zu klingen schien, das schon im ersten Kapitel mit dem einleitenden Satze angeschlagen wurde: »Die deutschen Naturen sind von allen die reichsten, und wir werden die führende Nation sein, sobald wir im einzelnen wie im ganzen Selbstzucht üben lernen.« Wie Fritz Berting seinen Freund in diesem Worte erkannte! Selbst im Ästhetischen war für Heinrich Lehmfink die Frage der Fragen: das Sittliche. Fritz schlug ein beliebiges Kapitel auf. Er stieß auf eines, das die Überschrift trug: »Was uns not thut«. Auch hier wurde kein Rezept gegeben; aber der Autor suchte die oft verschütteten Quellen aufzudecken der Kraft, Reinheit und Schönheit, die in unserer Zeit und in unserem Volke liegen. Scharfe Worte fielen dabei gegen die Quellenvergifter. Es wurde den Gebrechen der modernen Geistesverfassung nachgespürt. Es wurde das fin de siècle als ein Gefühl der Unzulänglichkeit nachgewiesen, als ein Sehnen und  Drängen, aus sich und der Zeit herauszukommen, als die müde Todessehnsucht von übersättigten Menschen. Diese Weltanschauung glich einem feinen Glase, das einen Sprung hat. Die Kunst auf solchem Boden gewachsen war im geheimen krank. Den Intellektuellen fehlte Gesundheit und Natürlichkeit. Die Menschen waren veräußerlicht, mechanisiert, gedankenlos, puppenhaft, bei aller Regsamkeit ohne Leben, bei aller Bildung ohne Geist und Tiefe. Wir hatten äußere Produktivität im höchsten Maße, wir besaßen Virtuosen in Überzahl, aber wo blieb bei alledem die Seele? Was uns not thue: Beseelung. Wie war sie zu erreichen? Durch Selbstbesinnung. Verfeinerung der Nerven konnte uns nicht weiter helfen, sondern nur Wille. Dieser Wille mußte auf das Echte gerichtet sein; er würde es, wenn wir wieder ein reines Herz gewannen. Kultur war uns vonnöten, aber nicht der Sinne, sondern des Herzens. Durch Verinnerlichung mußten wir die angesammelten Kulturwerte lebendig machen. Fritz Berting fühlte sich durch manches dieser Worte getroffen; vieles davon war wie gegen ihn persönlich gerichtet. Man würde sich mit diesem Buche noch auseinanderzusetzen haben. Es war eines von denen, die erst recht eigentlich zu leben begannen, wenn man es zugemacht hatte. Es war selbst Persönlichkeit und besaß daher zwingende Kraft. Es war ein stark hassendes und stark liebendes Buch und forderte darum ehrlichen Haß heraus und ehrliche Liebe. Während Fritz in das Werk des Freundes vertieft  war, merkte er nichts vom Fluge der Zeit, bis es schließlich selbst in der Nähe des Fensters so dunkel wurde, daß ihm die Zeilen in einander zu verschwimmen begannen. Er dachte schon darüber nach, ob er nicht doch lieber gehen solle, um nicht lästig zu fallen, als Heinrichs Schritte und Stimme im Flur ertönten. Die Schwester berichtete ihm, wer zum Besuch da sei. Mit einem Ausruf lauter Freude trat er ein. Der längere und stärkere Handdruck, mit dem man sich begrüßte, genügte, um wortlos vieles auszudrücken. Lehmfink sah das aufgeschlagene Buch auf dem Fensterbrette liegen. Er konstatierte lächelnd, daß es Tonis Exemplar sei. »So schnell hast du sie beide kennen gelernt,« sagte er, »meine alte Schwester und mein junges Buch!«Fritz sagte ihm, begünstigt von der Dunkelheit, die offenes Aussprechen immer erleichtert, welch starken Eindruck er von dem empfangen habe, was er soeben gelesen. Der Autor erwiderte nicht viel, aber Fritzens Worte schienen ihm wohlzuthun. Toni rief zu Tisch. Ein kleiner Raum auf der anderen Seite des Flurs war als Eßzimmer eingerichtet. Während des Essens hatte Fritz Gelegenheit, Ähnlichkeit und Gegensatz im Wesen von Geschwistern, bedingt durch Blutsverwandtschaft und durch Geschlechtsverschiedenheit, an einem nicht alltäglichen Menschenpaare zu beobachten. Toni schien die lebhaftere, wandlungsfähigere Natur  von den beiden. Ihr Temperament war impulsiver, ihr Fühlen und Urteilen unmittelbarer. Fritz kannte seinen Freund als einen selten lauteren, treuen, goldechten Charakter; Tonis offenes Naturell ließ dieselben Vorzüge erkennen, strahlte sie jedoch angenehmer, wärmer und gleichmäßiger aus, während Heinrichs rauhe Schale, seine Schwerfälligkeit, sein Eigensinn, einem den Weg zu den Schätzen seines Herzens manchmal schwer machten. Die Geschwister waren miteinander durch gemeinsame Interessen, wie durch gemeinsame Erlebnisse innig vertraut. Es hatte für Fritz etwas Bitteres zu denken, daß ihm ein solches Verhältnis versagt geblieben war. Die losen Beziehungen, die er mit Konstanze aufrecht erhielt, erschienen diesem innigen Zueinanderstehen von Bruder und Schwester gegenüber wie Karikatur. Seinem Blicke entging es übrigens nicht, daß selbst dieses einzigartige Verhältnis eine Seite hatte, die vom Komischen nicht allzuweit entfernt war. Toni, die Heinrich seine »kleine Schwester« zu nennen pflegte, übersah mit ihren hellen Augen den Bruder in mehr als einer Beziehung. Und er, im Vollgefühl männlicher Überlegenheit, hatte keine Ahnung davon. Häufig hielt er es für notwendig, die Schwester über Dinge aufzuklären, die sie, wie Fritz vermutete, viel besser wußte als er, einfach weil sie mehr Mutterwitz besaß. Der Schalk saß ihr im Nacken, das schien klar. Aber ihre Pietät für den geliebten Bruder war so groß, daß sie sich in Gegenwart  eines Fremden nicht mit dem Zucken einer Wimper gegen seine Belehrung auflehnen wollte. Seit jenem gemeinsamen Besuche auf dem Kirchhofe hatten Fritz und Alma einander nicht wieder gesehen. Er wollte ihr das Monatsgeld zur Bezahlung der Miete persönlich in die Wohnung bringen, hatte aber den Gang immer und immer wieder aufgeschoben. Eines Morgens, als er noch bei der Toilette war, kam seine Wirtin ins Zimmer und berichtete, dieselbe junge Person sei draußen, die neulich das Alpenveilchenstöckchen gebracht habe. Ob sie vorgelassen werden solle? Sie sehe recht traurig aus, fügte die Frau in mitleidigem Tone hinzu. Was war zu machen? Der Besuch kam Fritz ebenso unerwartet wie ungelegen. Schnell warf er einen Rock über und sagte, das Fräulein möge kommen. Alma sah sehr bedrückt aus. Er hieß sie sich setzen, und brachte ihr, weil gerade nichts anderes zur Hand war, von dem Obst, das Annie neulich geschickt hatte. Alma lächelte melancholisch, dankte jedoch. Wie er sie so dasitzen sah: bleich, matt, mit gedehnten Zügen, überkam ihn jenes Gefühl unsagbaren Unbehagens, ein Gemisch von Furcht und Selbstvorwurf, das ihr Anblick ihm neuerdings immer verursachte. Man war so gänzlich hilflos, als Mann, ihrem Zustande gegenüber. Man kam sich so dumm vor, so schlecht, und das ganze  Verhältnis so herabgewürdigt, gleichsam ins Fratzenhafte verwandelt. Er wollte sie nicht noch ängstlicher und verlegener machen, als sie offenbar schon war, und tadelte sie darum nicht, weil sie die alte Verabredung, ihm keinen Besuch zu machen, gebrochen hatte. Daß sie irgend eine Frage oder Bitte habe, vermutete er; vielleicht brauchte sie das Monatsgeld. Er setzte sich zu ihr, nahm ihre Hand und erkundigte sich, was sie zu ihm führe. Alma erzählte, anfangs zaghaft, allmählich jedoch an Sicherheit gewinnend, es sei ihr am Tage zuvor etwas begegnet, das sie für notwendig halte, Fritz mitzuteilen. Ein Herr habe sie aufgesucht in ihrer Wohnung, angeblich Vertreter einer Konfektionsfirma, der geschickte Hausnäherinnen suche. Soweit sei die Sache nicht auffällig gewesen; solche Besuche wären ihr auch schon früher vorgekommen; inzeiten guten Geschäftsganges, wie jetzt, suchten sich die Firmen oftmals die Arbeitskräfte gegenseitig abspenstig zu machen. Aber der Herr habe etwas an sich gehabt, fuhr Alma fort, was ihr ihn je länger, je verdächtiger gemacht hätte. Er sei Jude gewesen; aber wie ein richtiger Kaufmann habe er nicht ausgesehen und auch nicht gesprochen. Nach allen möglichen Dingen hätte er gefragt, die mit seiner Offerte gar nichts zu thun gehabt; so zum Beispiel: wer ihr die Wohnung bezahle, ob sie einen Freund besitze, und ob der gestatten würde, daß sie nach auswärts gehe. Um den verdächtigen Menschen los zu werden, habe sie schließlich energisch erklärt, daß sie gar nicht daran denke, sich zu verändern. Aber auch daraufhin sei er nicht gegangen, habe vielmehr erzählt, er komme im Auftrage einer Person, deren Namen er nicht nennen dürfe, einer hochgestellten Dame, die von Almas traurigen Verhältnissen gehört habe, großes Mitleid mit ihr fühle und dafür sorgen wolle, daß es ihr in Zukunft besser ergehe. Dabei habe er Geld blicken lassen. Eine einzige Bedingung stelle die Wohlthäterin, daß Fräulein Lux die Stadt verlasse, und tiefstes Schweigen gegen jedermann sei Voraussetzung. Hier machte Alma eine Pause. Das Erzählen schien sie sehr zu erregen, sie wischte sich wiederholt die Stirn und schöpfte tief Atem. Fritz, der mit gespanntester Aufmerksamkeit ihrem Berichte gefolgt war, bat sie fortzufahren. Sie habe natürlich das Geld zurückgewiesen, sagte Alma. Darüber sei der Herr sehr ungehalten geworden. Viel habe er noch in sie hineingeredet und sie schließlich gebeten, wenigstens reinen Mund zu halten, damit er zum Dank für seine gute Absicht nicht etwa noch Unannehmlichkeiten bekomme. Sie wisse nun gar nicht, was das heißen solle; das ganze Vorkommnis sei ihr äußerst unheimlich. Fritz hatte sofort einen ganz bestimmten Verdacht gefaßt. Er ließ sich den angeblichen Vertreter der Konfektionsbranche von Alma näher beschreiben. Das Mädchen gab eine Schilderung, die wie eine gut getroffene Photographie von Siegfried Silber wirkte. Alma hatte sich alles gemerkt: die beweglichen Züge, die unruhig blitzenden Augen, die spitzen Ohren, die roten, vollen Lippen, die scharf gebogene Nase. Und mit angeborener Nachahmungsgabe ließ sie den ganzen Menschen in Sprache, Haltung, Bewegungen vor Fritz lebendig werden. Jeder Zweifel war ausgeschlossen über die Identität des kleinen Silber mit Almas aufdringlichem Besucher. Aber was um Himmels willen hatte der Mensch gewollt? Welches Interesse konnte Siegfried Silber daran haben, Alma aus der Stadt zu entfernen, Alma, mit der er nie etwas zu schaffen gehabt, die er ein einziges Mal im Theater aus der Ferne bewundert hatte! Was konnte es bedeuten, daß er, der gewiegte Geschäftsmann, für einen so unsinnigen Plan Geld – wie Alma behauptete, sogar viel Geld – übrig hatte?Fritz lobte Alma wegen ihres klugen Verhaltens und sagte ihr, sie solle mit niemandem weiter von der Angelegenheit sprechen. Im Laufe des Nachmittags versprach er ihr, sie zu besuchen. Mit dieser Aussicht, über die sie glücklich war, entließ er das Mädchen. Siegfried Silber nahm zunächst eine erstaunt beleidigte Miene an, als ihn Berting in seiner Wohnung aufsuchte und ihm auf den Kopf schuld gab, er habe unter falschem Prätext Alma dazu zu bringen versucht, für Geld aus der Stadt zu verschwinden. Auf Fritzens kurze Frage, ob er diesen Sachverhalt anerkenne, erklärte Silber nach einigem Zögern, er wolle nicht bestreiten, bei Fräulein Lux  gewesen zu sein und mit ihr gesprochen zu haben; über den Zweck seines Besuches jedoch müsse er jede Auskunft verweigern. Fritz ärgerte die stolze Miene, die der kleine Mann bei diesen Worten annahm, umsomehr, als er diese Haltung für Schauspielerei hielt. Es war ihm nicht entgangen, daß der Mensch bei seinem Eintritte erbleicht war, und daß auch jetzt seine unruhigen Augen höchst unbehagliche Empfindungen ausdrückten. Als Fritz durchblicken ließ, daß er das Zimmer nicht zu verlassen gedenke, bevor er nicht volle Klarheit in dieser Angelegenheit erlangt habe, erwiderte der Redakteur des »Impressionist«: »Ich gebe zu, daß mein Besuch bei Fräulein Lux sonderbar erscheinen mag...  . .« »Nicht sonderbar, mein Lieber!« unterbrach ihn Fritz, »direkt unverschämt!«Ein giftiger Blick traf Fritz aus dunklen Augen. Dann schüttelte sich Siegfried Silber und lächelte. »Wenn Sie mich beschimpfen wollen, Berting, so kann ich das nicht ändern. Aber es trifft mich nicht, nein, ganz und gar nicht!«»Wie kommen Sie dazu, dem Mädchen Geld anzubieten? Das will ich wissen! Wie kommen Sie dazu, in meinen intimsten Verhältnissen herumzuschnüffeln? Sie scheinen ein Spion zu sein. Und hier wollen Sie sich noch aufspielen als der Beleidigte! Nun weiß ich wenigstens, was ich von Ihrem Charakter zu halten habe. Pfui!«Silber nahm mit einem Male eine tief betrübte  Miene an. »Es thut mir sehr leid,« sagte er halblaut und senkte dabei die Augen, »daß ich so von Ihnen verkannt werde. Wenn Sie wüßten, was ich mit meinem, ich will es zugeben, auf den ersten Augenschein etwas ungewöhnlichen und leicht mißzuverstehenden Besuch bei Fräulein Lux bezweckt habe, wenn Sie meine innersten Motive in dieser heiklen Angelegenheit kennten, Sie würden das Wort ›unverschämt‹ zurücknehmen, ich weiß es. Sie würden es zurücknehmen, Berting, und höchstens sagen, daß ich unvorsichtig gewesen, daß ich übereilt gehandelt, daß ich mich von einer, wie soll ich es nennen, übertriebenen Generosität habe verleiten lassen, eine Mission zu übernehmen, die, wenn sie glückte, mir Dank erwarb, da sie mißglückt ist, mir dagegen, wie wir es jetzt sehen, die ärgsten Vorwürfe und Verdächtigungen einträgt, und noch schlimmer, mir einen Freund – so durfte ich Sie doch früher nennen – zu entfremden droht.« Fritz war in Verzweiflung über diesen Schwall von Phrasen. Der Verdacht, daß hinter solchen Entschuldigungen eine raffinierte Intrigue stecke, die beschönigt werden solle, wuchs bei ihm, je länger jener redete. »Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen,« rief Fritz »was Sie für einen Zweck verfolgt haben bei der ganzen Sache? Ich kenne Sie zur Genüge, Silber, um zu wissen, daß Sie nichts thun ohne Nutzen.« »Sie zeigen damit, daß Sie mich eben nicht kennen. Hier war Idealismus im Spiele.« »Idealismus?« »Ja, der Idealismus der Freundschaft.« »Welcher Freundschaft?«»Sie mögen es mir nun übel nehmen oder nicht, Berting; ich sah, oder ich glaubte, zu sehen, daß mit Ihnen in der letzten Zeit eine Veränderung vor sich gegangen sei. Es lastete etwas auf Ihnen, wie eine Benommenheit, ein seelisches Alpdrücken – mit einem Worte, Sie waren nicht mehr der Alte. Ganz besonders habe ich das bemerkt neulich, als wir bei Frau Hilschius zusammen dinierten; auch anderen ist es aufgefallen. Nun können Sie Ihren Freunden doch nicht verwehren, daß sie sich um Sie sorgen. Ich halte das für das gute Recht der Freundschaft, und ich habe mir die Frage vorgelegt, was der Grund sein könne Ihrer Verstimmung. Daß Sie nicht in der glücklichsten äußeren Lage sind, weiß ich; aber ich sagte mir, das kann einen Mann von Bertings Kaliber unmöglich deprimieren. Blieb also nur eines: die Liebe. Wir haben uns über diesen Punkt schon einmal ausgesprochen; Sie werden sich entsinnen. Ich bin soweit Kenner in diesen Dingen, um zu wissen, daß unter Umständen ein Liebesverhältnis für eine fein empfindende Künstlernatur, wie Sie, zur Last, ja zum Ruin werden kann. Von Fräulein Lux wußte ich weiter nichts als das, was man auf den ersten Blick sieht, daß sie hübsch ist. Ich wage aber zu bezweifeln, daß physische Vorzüge allein einem Manne wie Ihnen genügen können. Und sehen Sie, Berting; darauf und darauf allein, gründete sich meine Vermutung, daß Ihr Kummer einen delikaten  Grund habe. Habe ich falsch geraten? Ich glaube nicht! Was ich wollte, und was mir leider mißglückt ist, war einfach. Sie zu befreien von einem Drucke, unter dem ich Sie leiden sah. Das war die gute und selbstlose Absicht, die mich geleitet hat, und die von Ihnen so schmählich mißverstanden worden ist.« »Wissen Sie, daß ich Ihnen kein Wort glaube, Silber!« sagte Fritz, der während der ganzen Rede des Menschen hatte an sich halten müssen, nicht loszubrechen. »Abgesehen davon, daß ich Ihnen nie und nimmer das Recht eingeräumt habe, sich als mein Freund zu gerieren, traue ich auch Ihren selbstlosen Absichten nicht. Sie sind von jemandem geschickt! Und ich glaube zu wissen, von wem. Es wäre mir nur interessant, zu erfahren, welchen Dank Sie von Frau Eschauer erwarten für den Gang?«Silber zuckte zusammen bei der Frage. Es war das erste Mal, daß Fritz ihn die Fassung verlieren sah. Sein beredter Mund war plötzlich verstummt. Der gekrümmte Rücken wurde runder, die Schultern senkten sich tiefer. Es hatte fast den Anschein, als schäme sich der Mensch. »Wenn Sie es nun einmal wissen,« sagte er schließlich kleinlaut, »dann wäre es Dummheit, zu leugnen. Aber um eines möchte ich Sie doch inständig bitten: trauen Sie mir keine niedrigen Motive zu, Berting! Daß ich eine Unbesonnenheit begangen habe, will ich gern zugeben. Wenn Ihnen etwas daran liegt, will ich auch bekennen, daß ich mich in Dinge gemischt habe, die mich nichts angehen. Aber lassen Sie den Verdacht fallen, als hätte  ich um irgend eines Vorteils willen den Gang zu Fräulein Lux unternommen. Er ist mir, das können Sie glauben, schwer genug geworden. Aber sehen Sie, es ist eine Dame im Spiele, eine kranke Dame. Ich habe, wenn Sie denn durchaus mein Motiv wissen wollen, aus Mitleid gehandelt.« »Erst sollte es Freundschaft sein, jetzt ist es gar Mitleid! Was soll man Ihnen glauben?«»Wenn Sie gehört hätten, wie Frau Annie mich bestürmt hat! Ich sage Ihnen, die Frau ist außer sich vor Eifersucht. So, nun wissen Sie alles! Wenn ich Ihnen vorhin nicht die Wahrheit gesagt habe, so geschah das, weil es sich um ein fremdes Geheimnis handelt. Ich hielt es nicht für mein Recht, die Herzensangelegenheiten einer Dame ans Licht zu ziehen. Nun ist es doch geschehen! Ich habe müssen indiskret sein, um mich vor Ihnen zu rechtfertigen. Ich hoffe, Berting, Sie glauben mir nun!«Die letzten Worte wurden mit starkem Pathos gesprochen. Silber hatte seine ganze selbstgefällige Sicherheit wiedergewonnen. Diesem Menschen war nichts anzuhaben. Wie er es verstanden hatte, die Sache so zu wenden, daß er als der Edelmütige dastand! Man hätte mehr als die Spürkraft und Beharrlichkeit eines erfahrenen Detektivs besitzen müssen, um seiner aalglatten Schmiegsamkeit beizukommen. –Auf dem Schreibtisch, vor dem diese Unterhaltung geführt wurde, stand die Photographie eines jungen Mädchens. Fritz bemerkte das Bild erst jetzt und konstatierte,  daß es niemand anders darstelle als Fräulein Mimi Beierlein. Siegfried Silber, dem so leicht nichts entging, fing seinen Blick auf und lächelte selbstbewußt. »Sie wundern sich vielleicht, dieses Bildchen hier zu sehen,« sagte der Redakteur des »Impressionist« und nahm die Photographie zur Hand, die er sorgfältig abwischte und mit einer zärtlichen Geste wieder auf ihren Platz zurückstellte. »Ganz und gar nicht!« erwiderte Fritz. »Fräulein Beierlein ist ja Ihre Mitarbeiterin geworden, wie ich aus der letzten Nummer ersehen habe.« »Ach mein Gott, ja! Was thut man nicht aus Höflichkeit! Das Gedicht ist ja nicht gerade litterarisch, aber es ist doch auch nicht geradezu schlecht. Und eine so allerliebste Verfasserin – Sie verdenken mir das wohl, Berting?«»Bewahre! Ich mische mich nicht in Ihre Angelegenheiten, Silber. Und es wäre mir lieb, wenn Sie das gleiche mir gegenüber beobachteten in Zukunft.« Während der letzten, bewegten Tage war Fritz nicht dazu gekommen, Hedwig von Lavan aufzusuchen. Jetzt holte er es nach, traf sie aber nicht an. Das pausbäckige Dienstmädchen meinte, das gnädige Fräulein sei zum Herrn Doktor gegangen, eine Erklärung, die Fritz schon mehr als einmal zu hören bekommen hatte, wenn Hedwig nicht zu Haus war. Er setzte sich in ihr Zimmer. Auf dem Tische lag ein dicker, roter Band: »The Egoist« von George Meredith. Fritz kannte das Buch, ja, es gehörte zu seinen Lieblingen. Es war eines von denen, die er gern zur Hand nahm, um darin nach Laune einzelne Passagen nachzulesen. Und auch heute that er so. Darüber verging eine Stunde. Hedwig schien recht lange bei ihrem Mentor zu bleiben. Fritz erhob sich zum Gehen. Er hatte bei dem herrlichen Wetter einen Ausflug vor, den er sich nicht entgehen lassen wollte. Am nächsten Morgen fand er die üblichen Zeilen von Hedwig vor. Sie sprach ihr Bedauern aus, daß man sich verfehlt habe, gleichzeitig lud sie ihn zum Essen ein. Fritz hatte für diesen Tag bereits eine Verabredung mit Heinrich und Toni Lehmfink. Er begab sich daher zu Hedwig, um ihr zu sagen, daß er nicht abkommen könne. Sie bedauerte das und fragte nebenbei, ob er für den ganzen Nachmittag und Abend versagt sei. Dann legte sie ihm Fahnen vor von ihrer Novelle. Sie hatte noch niemals Korrekturen gelesen und bat um Unterweisung darin. Fritz blieb zum Luncheon. Hedwig erzählte, daß sie Briefe habe von den Tanten. Danach gehe es Amanda Tittchen besser; die Ärzte hätten ihr die Heimreise gestattet. Man müsse also auf baldige Rückkehr der Damen gefaßt sein. Lachend fügte Hedwig hinzu, sie sei bereits dabei, all  die Scheußlichkeiten, die sie aus den Zimmern entfernt habe, wieder an ihren Platz zu bringen, überhaupt das ganze Hauswesen in die altgewohnten Gleise zurückzuleiten. Das Ende der schönen Freiheit nahe mit Macht heran. Die alten Jungfern dürften um Gottes willen nicht merken, daß während der Abwesenheit der Katze die Mäuse in der Wohnung getanzt hätten. So machte sie sich auf Kosten ihrer Pflegemütter lustig. Fritz berührte dieser Ton unangenehm. Sicherlich waren die Damen Tittchen komische Figuren, aber es schien nicht gerade Hedwigs Sache, mit ihren Wohlthäterinnen Spott zu treiben. War es nicht, als spränge dieses junge Ding mit den Menschen um, wie ein Spieler mit seinen Figuren, ohne jeden Herzensanteil? –Fritz bildete sich ein, die Frauen ein wenig zu kennen. Sie hatten sich ihm in mannigfaltigster Gestalt gezeigt. Allen schien doch gemeinsam: Unmittelbarkeit des Gefühls, die Mitteilsamkeit der wärmeren, offeneren Natur. Aber Hedwig von Lavan warf all seine Kennerschaft über den Haufen. Ihr Wesen und Verhalten gab beständig beunruhigende Rätsel auf. Was hätte er darum gegeben, auf kurze Minuten nur sie mit seinen Blicken durchdringen zu können, um endlich einmal zu entdecken, was hinter der lieblichen Maske ihrer Züge sich verberge. Er hatte manchmal ihren kühlen, grauen Augen gegenüber das Gefühl, Modell zu sitzen. Derselbe überlegene Hohn, mit dem sie die Menschen ihrer Umgebung behandelte,  schien ganz versteckt auch dann um ihre Mundwinkel zu zucken, wenn, sie mit ihm sprach. Unbefriedigter denn je schied er heute von ihr, und der Gedanke, daß er den Nachmittag mit dem Geschwisterpaar Lehmfink verbringen werde, bedeutete ihm in dieser Stimmung geradezu Trost. Heinrich schlug einen Spaziergang vor über die Berge, nach einem beliebten, ganz von Wald umgebenen Ausflugsort, der sich gerade jetzt, wo am Nadelbaum der Maiwuchs sproßte, und die Buche im Schmucke des jungen Laubes stand, aufs beste präsentieren mußte. Während Toni sich für den Gang zurecht machte, hatten die beiden Freunde eine kurze Unterredung. Heinrich erkundigte sich nach Almas Befinden; Fritz gab zur Antwort, daß es ihr gut gehe. Er versuchte, dem wenig behaglichen Thema zu entfliehen! Lehmfink jedoch ließ sich so nicht abfertigen. Er äußerte sein Staunen, daß Fritz noch keinerlei Vorbereitungen getroffen habe, Alma die schwere Zeit, welche immer näher heranrückte, zu erleichtern. Er wies den Freund auf die Größe der Verantwortung hin, die er auf sich nehme, wenn dem Mädchen ein Unfall zustoße. Es war für Fritz wunderlich, hier mit nüchtern verständigen Worten Dinge berührt zu hören, an die er sich nicht einmal in Gedanken herangewagt hatte, von einer Art Aberglauben beseelt, als könne durch das Nicht-darandenken das Unabwendbare hinausgezögert werden. Lehmfink riet, Alma, wenn es erst soweit sein werde,  in einer Frauenklinik unterzubringen. Dann stieß Toni zu den beiden, und damit verbot sich das Weiterführen dieser Unterhaltung von selbst. Sie hatten zu dreien Platz genommen im ländlich einfachen, nur mit einem Holzzaun umgebenen Garten einer Restauration. Die alten Kastanienbäume, deren zart rosagelbe Blättchen eben die klebrigen Hüllen sprengten, gaben noch wenig Schatten. Aber man hatte das Haus hinter sich zum Schutze gegen die Frühlingssonne. Vor ihnen lief die Straße vorbei, dahinter, jenseits des Wassers, erhob sich ein mäßig hoher, steiler Berg, der mit Fichten und Tannen bewachsen war. Von dem felsigen Gipfel leuchteten, einer Mütze gleich von hellgrüner Farbe, luftige Buchenkronen auf silbergrauen Stämmen in den blauen Himmel hinein. Der vordere Teil des Gartens war schon ziemlich besetzt von Gästen, die aus der Stadt gekommen waren, im Wagen, per Rad oder mit der Eisenbahn, die wenigsten zu Fuß; denn die Entfernung war schon ziemlich groß. Fritz und das Geschwisterpaar unterhielten sich damit, die Kommenden und Gehenden bei sich Revue passieren zu lassen, zu beobachten und wohl auch zu kritisieren. Heinrich und Fritz, die über Jahr und Tag in diesem Lande lebten, hatten sich bereits so an die Aussprache der Eingeborenen gewöhnt, daß sie ihnen kaum noch auffiel. Tonis Ohr war minder abgestumpft gegen das Außerordentliche  dieses Idioms. Es gewährte ihr Belustigung, das Völkchen von munteren Ausflüglern in seinen Äußerungen harmloser Gemütlichkeit zu belauschen. Man sprach über die große Verschiedenheit der einzelnen deutschen Stämme. Fritz Berting nahm für die Niedersachsen die reinste Sprache und die feinste Lebensart in Anspruch. Toni trat für Gradheit und kerniges Wesen des Schwabenvolkes ein. Heinrich stellte die Behauptung auf, daß es eine der vielen großen, in der Zukunft zu lösenden Aufgaben sei, einen festen deutschen Typus zu entwickeln, ohne die Stammeseigenart zu verwischen. Doch vertiefte man sich nicht weiter in das Thema. Der Trubel, der ringsum herrschte, ließ eine intimere Unterhaltung kaum aufkommen. Viele Familien hatten ihre Kinder mitgebracht, die spielend zwischen den Tischen hin und her liefen. Hier schien ein Eldorado zu sein für Liebespärchen. Dazwischen sah man Schüler, Touristen und Stadtdamen, die zum ersten Male ihren Teint der Frühlingssonne aussetzten. Die Kellner hatten alle Hände voll zu thun. Der Wirt machte glänzende Geschäfte. Soeben schien wieder ein Eisenbahnzug angekommen zu sein, der neuen Nachschub heranbrachte. Fritz betrachtete sich die verschiedenartigen Gestalten, als sein Blick gefesselt wurde durch ein Paar, einen Herrn und eine Dame, die getrennt gingen von dem übrigen Troß. Diese zierliche Gestalt im schicken, grauen Straßenkleide, der große, bartlose Mensch neben ihr im Bummelanzug mit dem hellen Schlapphut – – – Fritz Berting mußte an sich halten, nicht einen Ruf der Überraschung auszustoßen, als er nicht weiter als zwanzig Schritt von sich, jenseits des niederen Zaunes, Hedwig von Lavan und Waldemar Heßlow vorüberschreiten sah. Er saß wie erstarrt. Der Gedanke, aufzuspringen und jenen nachzueilen, kam ihm zu spät. Schon war die Vision verschwunden. Heinrich Lehmfink wunderte sich über Fritzens verstörtes Aussehen und fragte, ob ihm etwas fehle. Fritz, dem im Augenblick keine andere Entschuldigung einfiel, sagte: er glaube, sich erkältet zu haben; ihm sei nicht wohl zumute. Das Geschwisterpaar zeigte sich ernstlich besorgt und beriet, was zu geschehen habe. Fritz hatte inzwischen einen Entschluß gefaßt. Er wollte unter allen Umständen herausfinden, was das eben Gesehene zu bedeuten habe. Die Spur der beiden hier weiter zu verfolgen, schien zwecklos. Am meisten Aussicht sie zu überraschen hatte man wohl, wenn man sich in der Nähe des Bahnhofs postierte; denn, da sie mit der Bahn gekommen, würden sie wohl auch von dort wieder abfahren. Er erklärte, daß er nach Haus zurückkehren wolle; die Freunde sollten sich jedoch ja nicht durch ihn in ihrem Vergnügen stören lassen. Aber die Geschwister wollten davon nichts hören. Sie begleiteten ihn zum Bahnhof. Fritz verwünschte im stillen ihre wohlgemeinte Fürsorge. Als ob er einen Schlag vor den Kopf bekommen hätte, ging er einher. Hedwig hinterging ihn! Mit diesem widerwärtigen, aufgeblasenen Gesellen Heßlow, der keinen anderen Vorzug hatte als seine muskulöse Figur, hinterging sie ihn. War es denn möglich? Wer weiß, wie oft sie sich hinter seinem Rücken bereits mit dem Schauspieler getroffen haben mochte!Heinrich Lehmfink hatte festgestellt, daß der nächste stadtwärts gehende Zug sehr bald eintreffen werde. Fritz, der seinen vorhin gefaßten Plan, hier auf das Pärchen zu warten, längst wieder aufgegeben hatte, löste ein Billet und saß kurz darauf im Coupé. Er wollte Hedwig von Lavan nicht wieder sehen, nie im Leben wieder! Sie war ihm widerwärtig, ekelhaft, verächtlich. Die Eifersucht erfaßte ihn, schüttelte ihn wie ein Fieber. Er konnte nur den einen qualvollen Gedanken denken: Was treiben die beiden jetzt? – Seine Phantasie malte ihm die äußersten Möglichkeiten körperhaft deutlich vor. Er hätte aufschreien mögen, zähneknirschend die Fäuste ballen vor ohnmächtig blöder Wut. Seine Gedanken, wie zügellose, gierige Hunde, eilten immer wieder zurück zu diesem Bilde in verzweifelter, selbstquälerischer Wollust. Er wußte, daß er lächerlich war, daß seine Eifersucht sinnlos sei, zwecklos und unberechtigt. Welches Recht hatte er denn auf Hedwig? Sie war frei. Wenn sie sich wegwerfen wollte, konnte er sie daran hindern? –Aber daß sie so geschmacklos war, gerade sie! Daß  sie den Unterschied nicht sah zwischen ihm, Fritz Berting, und einem Waldemar Heßlow! Daß sie sich hatte übertölpeln lassen von niedrigster Sinnlichkeit, sie, der er zugetraut, daß sie das feinste Gefühl besitze für Nuance, und die empfindlichsten Künstlernerven. Zu denken, daß man sie hätte haben können! Zu denken, daß man es vielleicht nur versehen hatte durch Zartgefühl! Daß man mit aller Verfeinerung und Geisteskultur schließlich doch den kürzeren gezogen hatte stupider Brutalität gegenüber, die skrupellos auf das eine Ziel losgegangen war und es auf kürzestem Wege erreicht hatte. Als Fritz in der Stadt ankam, stand er vor der Frage, was er nun eigentlich thun solle. Auf dem Bahnhof lauern, bis das Paar zurückkam, und ihnen dann nachlaufen? – Er wollte sich nicht noch lächerlicher machen, als er es schon war. Er ging ins Kaffeehaus und versenkte sich in Zeitungen. Bald fand er jedoch, daß er nicht imstande sei, aus den gedruckten Zeilen irgendwelchen Sinn herauszulesen. Er verließ das Café und begab sich in seine Wohnung. Auf dem Tische fand er noch Hedwigs Brief vom Morgen aufgebrochen liegen. Der Anblick ihrer Handschrift stellte ihm die ganze Persönlichkeit im Nu vor die Seele. Er sah sie an ihrem Schreibtisch in dem kleinen Zimmer sitzen und diese Zeilen auf das Papier werfen, mit ihrem undefinierbaren Lächeln um die schmalen, verschlossenen Lippen. Jetzt hatte dieses  Lächeln schon eher einen Sinn für ihn bekommen; Spott hieß es und List. Wie oft mochte sie sich schon auf seine Kosten belustigt haben! Vielleicht gab es ihren Zusammenkünften mit dem Galan erhöhten Reiz, daß sie ihn betrügen konnte. Vielleicht gehörte sie zu jenen raffiniert grausamen Naturen, die einen Zusatz von Gefahr brauchen, um Wollust zu empfinden. Wie er sie haßte, wie er diese kühlen, grauen Augen, diese glatte Stirn, diese zarte Haut haßte als heimtückische Verführer seiner Sinne! Wenn er das Mädchen hier gehabt hätte, er hätte sie schlagen können, würgen wollen, um ihr zu zeigen, daß auch er brutal, roh, gemein zu sein vermöge, da ihr am Manne das Tier allein zu imponieren schien. Die Erinnerung an manche in ihrer Gesellschaft verbrachte Stunden trieb ihm die Schamröte ins Gesicht. Was hatte er nicht alles in Hedwig hineinphantasiert! Welche Feinheit des Empfindens und des Geschmackes, welche Unberührtheit des Wesens. Für ihn war eine musikalische Wirkung ausgegangen von ihr. Zu Versen hatte sie ihn inspiriert. Diese Verse! – Angeschmachtet hatte er sie wie der grünste Junge. Zu übersinnlicher, sentimentaler Liebe hatte ihn eine Person hingerissen, die, wenn man ihr hinter die Maske blickte, die Instinkte einer Dirne offenbarte. Zu welchen Hoffnungen und Erwartungen sublimster Art hatte er sich nicht verstiegen, verleitet durch ihre  Lieblichkeit, die wie ein zartes Deckblatt die Fäulnis dieser jungen Knospe verbarg. Führer auf geistigem Gebiete hatte er ihr sein wollen. Ihren Geschmack läutern, ihren Horizont erweitern, ihren Stil durchbilden. Das waren einige seiner Absichten gewesen. Wie war sie ihm voll Aufmerksamkeit und Wißbegier gefolgt, hatte alles, was er ihr rückhaltlos bot, gierig aufgenommen, klug sich zu eigen gemacht! Und welche haarscharfe Linie hatte sie dabei zwischen dem Lehrer und dem Freunde zu ziehen gewußt; wie hatte sie mit erstaunlicher Geistesgegenwart verhindert, daß der Lehrer je seine Stellung vergesse, daß er sich Rechte anmaße des Freundes!Hedwig schien sich wundervoll auf die Kunst zu verstehen, Geist und Sinnlichkeit, Lernen und Genießen in getrennten Scheuern zu sammeln. Aber bei all den wütenden Anklagen, die der Eifersüchtige gegen die schleuderte, von der er sich betrogen fühlte, gab es doch auch eine Stimme in ihm, die zur Nachsicht mahnte. War denn Hedwigs Schuld wirklich klar erwiesen?Fritz las noch einmal ihren Brief durch. Sie hatte ursprünglich offenbar die Absicht gehabt, den Nachmittag mit ihm zu verbringen. Vielleicht war die Sache ganz harmlos so verlaufen, daß der Schauspieler Hedwig besucht hatte, nachdem Fritz gegangen, und bei dem schönen Wetter hatten sich die beiden zu einem Ausfluge gefunden. Vielleicht! – Denn warum war ihm der nämliche Wunsch, mit ihr auszufliegen, so oft standhaft verweigert worden? Der Gedanke kam Fritz, sofort in Hedwigs Wohnung zu gehen. Sie konnte kaum zurück sein. Wenn man hörte, welche Erklärung heute für ihr Ausbleiben vorgebracht wurde! – Vielleicht gab das einen Fingerzeig. Der Wunsch, Hedwig nicht so schlecht zu finden, wie er sie sich in der letzten Stunde gemacht hatte, beflügelte seine Schritte. Das pausbäckige Mädchen nahm eine erstaunte Miene an, als Berting an der Thür erschien und fragte, ob Fräulein von Lavan zu Haus sei. Das gnädige Fräulein sei in der Stadt, zu Besorgungen, lautete die nach einigem Überlegen zögernd gegebene Antwort. Wann sie fortgegangen sei, erkundigte sich Fritz. Vor einer Stunde etwa, den ganzen Nachmittag über wäre sie zu Haus gewesen, hieß es. Der Eifer, mehr zu sagen, als gefragt war, allein schon verriet die Lüge. Berting wußte genug. Die Zofe war also mit im Komplott. Er ging. Wohin jetzt? –Einen Augenblick dachte er daran, Alma aufzusuchen. Aber der Gedanke erschien ekelhaft. Sollte Alma ihn trösten, daß er Hedwig verloren hatte? –Schließlich blieb er in dieser Stadtgegend, schlenderte die Straße auf und ab und hielt seine Augen auf die Passanten gerichtet. Es wäre doch interessant gewesen, festzustellen, wann sie zurückkehren würde, ob allein oder in Begleitung. Wer weiß, vielleicht nahm sie den Verehrer gar mit zu sich ins Haus! – Wieder kam die Eifersucht über ihn, diesmal als tiefe, dumpfe Verzweiflung. Sein Stolz lehnte sich kaum noch auf, er knirschte nicht mehr vor Haß und Verachtung, viel lieber hätte er weinen mögen über seine Ohnmacht. Was wollte er noch hier? Sich vergewissern über das, was er ganz genau wußte! Hedwig anhalten, zur Rede stellen, seine Eifersucht zeigen, dem glücklichen Rivalen den Triumph versüßen! –Sinnlos war es, ganz sinnlos, was er vorhatte, und seiner ganz unwürdig. Aber er konnte nicht anders. Es hielt ihn fest, es zog ihn zu seiner eigenen Qual hin zu dem, was Demütigung werden mußte für ihn. Er hatte irgendwo einmal ein Blatt gesehen von einem modernen Meister, die Eifersucht darstellend: einen kahlen, eunuchenartigen Männerkopf, einäugig, stieren, leeren Ausdrucks. Das Bild der Impotenz, des Entmanntseins. Der Künstler hatte das schreckliche Gefühl an der Wurzel gefaßt, den Fluch, die Lächerlichkeit des Hungrigen, der mit wässerndem Munde verdammt ist, dem glücklichen Schmausen anderer zuzuschauen. Die Straßenlaternen brannten schon; Fritz Berting ging noch immer auf und ab. Und wenn er die Nacht auf der Straße hätte zubringen müssen, er wollte es durchsetzen, Hedwig zu sehen. Eine Droschke kam die Straße herauf. Sie fuhr langsam und hielt schließlich. Fritz trat in den Schatten einer vorspringenden Ecke und beobachtete mit verhaltenem Atem. Hedwig entstieg dem Wagen. Er erkannte sie sofort, obgleich sie in einen langen, weiten Mantel von dunkler Farbe gehüllt war. Sie blieb neben dem Wagen stehen und fragte den Kutscher nach dem Fahrgeld. Inzwischen war Fritz aus seinem Versteck vorgetreten. Hedwig suchte beim Schein der Wagenlaterne in ihrem Portemonnaie. Sie bemerkte Fritz erst, als er grüßend vor ihr stand. »Sie!« –»Ja, wenn Sie gestatten! Darf ich Ihnen vielleicht mit kleinem Gelde aushelfen?«»Nein, ich danke! Was wollen Sie denn hier so spät?«»Das möchte ich Sie fragen!«»Ach, ich war nur bei Doktors. Die haben mich so lange aufgehalten.« »Ich denke, Ihr Doktor wohnt gleich hier um die Ecke herum – wie?«Da das Mädchen hierauf nicht sogleich antwortete, fragte er den Kutscher: »Wo kommt denn die Fahrt her?«Der Mann, in der Ansicht, daß ihm vom Preise abgehandelt werden solle, erklärte, billiger könne er es nicht machen bei der Entfernung, und nannte die Stadtgegend, aus der man komme. »Wohnt nicht Waldemar Heßlow dort herum?« fragte Berting halblaut, nur für Hedwig verständlich. Das Mädchen schwieg, drückte dem Kutscher ein Geldstück in die Hand, zog ihren Mantel fester um sich und schritt nach der Gartenthür, die sie aufschloß. Als sie schnell hindurchschlüpfen wollte, vertrat ihr Fritz den Weg. »Ein paar Worte nur!« sagte er. »Was ist denn mit Ihnen heute? Was wollen Sie von mir?« erwiderte Hedwig, wobei ihre Stimme kaum merklich zitterte. »Sie haben den Nachmittag mit Waldemar Heßlow verlebt? Leugnen Sie das?«»Leugnen – wozu? Aber was fragen Sie, wenn Sie es wissen?«»Und sind mit ihm in seiner Wohnung gewesen?«»Warum nicht?«»Was ist das für ein Mantel, den Sie anhaben? Heute Nachmittag trugen Sie den nicht.« »Er ist Heßlows. Ich wollte mich nicht erkälten bei der Nachtfahrt. Morgen schicke ich ihn wieder zurück, oder vielleicht holt er ihn sich selbst. Wissen Sie nun genug?«Damit wollte Hedwig nach dem Hause enteilen. Fritz sprang ihr nach und faßte sie am Handgelenk. »Hedwig, sich so wegzuwerfen! Es ist abscheulich, gemein – ich habe keine Worte!«»Wenn Sie wüßten, mein Lieber, wie Ihnen moralische Entrüstung schlecht steht!«»Ich brauche nur ein Wort zu sagen, und Ihr Renommee ist hin. Sie haben aufgehört Dame zu sein!«»Und ich brauche nur ein Wort zu sagen, und Sie sind lächerlich vor aller Welt. Lassen Sie mich los! Ich will zu Bett gehen. Ich bin müde; dieses Wetter macht müde!« Fritz Berting stampfte mit dem Fuße auf. Er ließ ihren Arm nicht fahren. Wenn er nur irgend etwas gewußt hätte, womit er diese Person hätte verwunden können, so recht tief verwunden!»Denken Sie denn, daß Heßlow Ihnen Treue halten wird? Nicht einmal jetzt ist er Ihnen treu, ich wette.« »Gott, sind Sie geschmacklos und dumm! Wer sagt denn, daß ich mir aus Treue etwas mache?« Sie brach in ein Lachen aus, das heftiger wurde, je länger er ihren Arm drückte. Schließlich gab er sie frei. Hedwig lief schleunigst zum Haus. Als sie auf den Entreestufen stand und die Hausthür aufgeschlossen war, rief sie ihn mit Namen. »Was wollen Sie noch?« fragte er. »Frieden machen. Wollen Sie morgen zum Luncheon zu mir kommen?«»Sind Sie verrückt?«»Kommen Sie doch nur! In spätestens acht Tagen sind die Tanten zurück, und dann geht Fastenzeit an für mich Ärmste. Wollen Sie nicht?«Fritz wandte ihr den Rücken. Er hörte noch ein höhnisches Gekicher hinter sich drein. Er war fertig mit Hedwig von Lavan, das verstand sich von selbst; aber mit dem, was sie ihm angethan hatte, war er noch lange nicht fertig. Es schien ihm das Bitterste,  das Schmachvollste, was er jemals erlebt. Er kam nicht los davon in Gedanken. Es war nicht Eifersucht, mehr ein melancholisches Grübeln, ein selbstquälerisches Immer-von-neuem-durchleben seines Irrtums. Was seinen Stolz am meisten kränkte, sein Selbstbewußtsein am tiefsten erschütterte, war der Gedanke, daß er sich so hatte täuschen lassen. Er glaubte doch Menschenkenntnis zu besitzen und hatte sich immer eingebildet, ein Frauenkenner zu sein. Hier war er genasführt worden wie der allergrünste Anfänger. Eigentlich nur Zufall, plumper Zufall hatte ihm schließlich die Augen geöffnet. Wäre dieser Zufall nicht gewesen, so würde er die Rolle des nützlichen Freundes und schöngeistigen Lehrers, die ihm das Fräulein gütigst angewiesen hatte, ruhig weitergespielt haben. Über ihre Falschheit konnte man noch am ersten hinwegkommen, seit man sie in ihrem wahren Wesen durchschaut hatte. Schlimmer war das Bewußtsein, ein großes Kapital von Hoffnungen, einen Einsatz von Illusionen in sie hineingesteckt und verloren zu haben. Er merkte es jetzt erst, was er bei dieser Katastrophe einbüßte, was mit Hedwig von ihm ging, was sie ihm an guten Kräften gekostet hatte. Gewarnt war er oft genug worden durch Stimmen seines Inneren. Hatte er sich nicht wiederholt selbst gesagt, daß er bei diesem Verkehr mehr gebe, als er jemals zurückerhalten konnte? Aber das Rätsel ihrer Persönlichkeit hatte ihn immer und immer wieder angereizt. Der  Traum, doch noch einmal zum Kern dieses melusinenartigen Wesens durchzudringen und ihre schlummernde Psyche zu wecken, war ihm zum Verführer geworden. Berting liebte die Abrechnungen nicht, weder die pekuniären, noch die moralischen. Auch als er noch im Besitze von Geld war, hatte er ohne Budget gelebt. Aber immer konnte man beim besten Willen nicht darum herum kommen, eine Summe zu ziehen. Ein Gefühl kam über ihn, wie es einen manchmal im Traum quält, als gehe man auf ganz dünner Decke über schwankendes Moorland. Der nächste Schritt schon mochte das Versinken bringen. Weit und breit kein Mensch, dessen Hilfe man hätte anrufen können. Wohin trieb sein Leben? Was hatte er in der letzten Zeit gewonnen? War er nicht viel ärmer als zuvor?»Sublime Sensationen«, wie es Chubsky genannt haben würde, hatte ihm Hedwig von Lavan suggeriert. Hielt er, nachdem dieser Rausch der Nerven verflogen war, irgend etwas Gutes, Erfreuliches in Händen, irgend etwas, woran er sich hätte erheben können? –In einen trostlosen Sumpf hatte ihn ein zwitterhafter Kobold gelockt, um ihn mit verwirrten Sinnen hohnlachend dort im Stich zu lassen. Er hatte Alma verlassen, weil ihm das Mädchen geistig nicht genügte, und weil er meinte, daß sie ihn auf ein tieferes, gesellschaftliches Niveau herabziehe. Bei Hedwig hatte er das zu finden geglaubt, was Alma  fehlte: Haltung der Dame, Kultur des Geistes und Geschmackes. Was hatte er bei diesem Wechsel schließlich eingetauscht? War er gestiegen, oder war er nicht vielmehr jählings gestürzt aus lächerlicher Einbildung zur platten Erde. Bis zur Selbstverachtung herabdrücken konnte einen das schmachvolle Bewußtsein, daß man die treue, in schwerer Zeit erprobte Freundin verachtet, preisgegeben und verraten hatte um eines Wesens willen, das sich, bei Lichte besehen, als Spuk auswies und Phantom. Zu Alma trieb es ihn jetzt mit verjüngter Zärtlichkeit. Fritz sah das Mädchen mit neuen Augen, die gelernt hatten, das Echte zu suchen, weil sie noch schmerzten vom Erkennen des Zerrbildes. Er fand melancholischen Trost in dem Gedanken, seine Untreue gut machen zu können. Alma wußte gar nicht, wie ihr geschah. Sie hatte zwar niemals die Hoffnung gänzlich aufgegeben, daß der Liebste ihr eines Tages zurückkehren würde; denn sie trug ein geduldiges und unverzagtes Herz in der Brust. Der Glaube an die Kraft der Liebe war ihr angeboren. Nie, selbst in der schlimmsten Zeit seiner Vernachlässigung nicht, hatte sie geglaubt, daß sie ihren Fritz für immer verloren habe. Jeden Abend betete sie, daß Gott sein Herz wenden und ihn ihr zurückbringen möge. Nun sah sie ihre Bitte herrlich erfüllt. Sie forschte nicht, wie und wodurch sein Sinn gewandelt worden sei; sie ließ sich an dem genügen, was sie erlebte: daß er wieder zu ihr kam, sie mit Aufmerksamkeiten  überschüttete, und, so gut er es verstand, für ihr Wohlergehen Sorge trug. Ihr Kummer war wie weggewischt, die bitteren Gefühle wie ausgelöscht. Nichts trug sie ihm nach. Über das Vergangene nachzugrübeln, war diesem Geschöpfe ebenso wenig gegeben, wie weit voraus zu sorgen für die Zukunft. Sie lebte auch in ihren Gefühlen aus der Hand in den Mund. Der Geliebte hielt wieder zu ihr, nun war alles gut!Den schmerzhaften Stunden, die bald für sie kommen mußten, sah Alma getrosten Mutes entgegen. Sie hatte einen neuen Grund, sich auf die Mutterschaft zu freuen; durfte sie doch jetzt hoffen, daß das Kind das Band der Neigung zwischen ihr und dem Geliebten fester knüpfen werde. Fritz hatte auf Heinrich Lehmfinks Anregung hin neuerdings Schritte gethan, Alma in einer Frauenklinik unterzubringen. Er stieß jedoch auf verschiedene Schwierigkeiten. Die öffentlichen Anstalten waren wohl bereit, sich eines Falles wie des von Alma Lux anzunehmen, doch wäre das Mädchen dort mit dem Gros untergeordneter Wöchnerinnen aus den niedersten Ständen zusammen gekommen. Privatanstalten aber waren unerschwinglich teuer. Schließlich wurde Fritz durch Lehmfink mit einem jungen Mediziner bekannt gemacht, einem Assistenzarzt an dem größten Krankenhause der Stadt. Es gelang, den Mann für den Fall zu interessieren. Durch Doktor Mosch erhielt Fritz die beruhigende Zusicherung, daß Alma mit besonderer Rücksicht behandelt werden solle. Es war vorauszusehen, daß die Geldausgaben groß sein würden in der nächsten Zeit. Dazu herrschte in seiner Kasse wieder einmal völlige Ebbe. Fritz überschlug alle Möglichkeiten, die ihm blieben, Geld heranzuschaffen. Zunächst dachte er natürlich an den Erwerb aus der Feder. Es war ihm gar nicht nach Dichten zumute. Viel lieber hätte er irgend eine rein mechanische Arbeit verrichtet. Seine Phantasie war vertrocknet; sein Selbstbewußtsein, der Glaube an seine Kraft, gelähmt. Er kam sich vor wie ein Vogel mit gebrochenen Schwingen; nur zu gut wußte er, woher ihm die Wunde gekommen war. Von seiner jüngsten Novelle erschien eben der Schluß im »Impressionist«. Wenn man nun versuchte, diese Arbeit, sobald sie dort frei würde, noch einmal zu verkaufen! Unglücklicherweise hatte er sich jedoch gebunden, die Novelle nicht vor Ablauf eines Jahres anderwärts abdrucken zu lassen. Und dazu stand er sich mit Siegfried Silber seit der letzten Auseinandersetzung nicht gerade auf bestem Fuße. Doch entschloß er sich, an ihn zu schreiben, um die Freigabe der Novelle zu erwirken. In einem kurzen Antwortschreiben lehnte der Redakteur des »Impressionist« ohne Angabe von Gründen diese Bitte ab. Nun blieb nur noch Weißbleicher. An ihn sich zu wenden war ebenfalls peinlich. Der Verleger betrachtete den »Impressionist« nach wie vor als feindlichen Einbruch in seinen Geschäftskreis und hatte Fritzens Beteiligung an dem Unternehmen als eine Art Untreue vermerkt. Berting wunderte sich daher nicht, daß er vom Chef der Firma Weißbleicher äußerst kühl empfangen wurde. Sein Vorschlag, ein Buch von George Meredith für den Verlag zu übersetzen – ein Plan, den er über Nacht gefaßt – fand bei dem Geschäftsmann nur mitleidiges Lächeln. Es stellte sich heraus, daß Weißbleicher von dem großen englischen Romancier überhaupt noch nichts gehört hatte. Da aber gerade vom Übersetzen die Rede war, kam dem Verleger ein Einfall. Er hatte da vor einiger Zeit das Übersetzungsrecht erworben an einem französischen Roman, von dem er sich Erfolg versprach. Eine Dame, der er das Buch zum Übersetzen gegeben, hatte es ihm zurückgeschickt mit dem Bemerken, es sei ihr zu unanständig. Weißbleicher meinte, der Verfasser des »Geschlecht« werde vielleicht weniger prüde sein. Fritz ließ sich das Buch geben. Er hatte von dem Autor schon etwas gelesen. Er war einer von jenen französischen Prosaschriftstellern, die ohne die Ambition Dichter zu sein, leidlich interessante Bücher schreiben. Diese Art beherrscht das Handwerkszeug ihres Metiers in hohem Grade, und sie erreicht mehr als mancher vielleicht begabtere Kollege diesseits des Rheines, weil sie auf den Schultern steht einer Schule, und vor allem, weil sie klug genug ist, in Ermangelung von Eigenart sich auf die Tradition zu stützen. So war auch dieses Buch gut geschrieben und technisch äußerst geschickt gemacht. Daß es frivol war, verstand sich von selbst. Nachdem man eine Zeit lang hin und her gefeilscht hatte, kam der Vertrag zu stande. Fritz nahm mit einem Honorar vorlieb, das nicht im Verhältnis stand zum Umfange des Buches. Er war froh, wieder Arbeit zu haben, wenn sie auch minderwertig war. Das Übersetzen half ihm vielleicht äußerlich wenigstens über seine Verstimmung hinweg. Er füllte Bogen auf Bogen, und Weißbleicher war ganz erstaunt, wie schnell die Sache vonstatten ging. Fritzens Lebensweise schien zurückkehren zu wollen zu jenen Zeiten, wo er mit Alma zusammen in dem Vorstadtquartier bei Frau Klippel gewohnt hatte. Den ganzen Tag Schreiberei, nur in den Abendstunden, die er jetzt regelmäßig bei Alma zu verbringen pflegte, ein wenig der Arbeit abgestohlene Freiheit. Aber damals war es doch ganz anders gewesen; damals hatte er mit tiefer Anteilnahme am eigenen Werke geschaffen. Jetzt war er herabgesunken zum Übersetzer. Nur das Bewußtsein, Geld verdienen zu müssen, konnte ihn an der einmal übernommenen Aufgabe festhalten, die ihm je länger je widerwärtiger wurde. Hie und da sah er Heinrich Lehmfink, der, wenn er zur Stadt kam, selten verfehlte, ihn aufzusuchen. Sie gingen dann, einer alten Gewohnheit folgend, ins Café. Die Zeitungen, welche bei Lehmfink, seit er den Journalismus verlassen hatte, stark in den Hintergrund getreten waren, bekamen neuerdings wieder Interesse für ihn, da jetzt über sein Werk »Deutsche Persönlichkeiten« die Besprechungen zu erscheinen begannen. In dem nämlichen Kaffeehaus hatte der »Impressionist« sein Hauptquartier aufgeschlagen. Siegfried Silber, Theophil Alois und Marcus Hiesel saßen nur wenige Tische von ihnen. Dazu hatten sich neuerdings auch die beiden langhaarigen Poeten aus Frau Hilschius Salon gesellt. Es war nicht ohne Interesse, diese Corona zu beobachten. In der Kleidung herrschte der Stil von Marcus Hiesel vor. Im übrigen regierte Siegfried Silber. Zu Fritzens Belustigung versuchte der kleine Mann, jetzt, wo er es erreicht hatte, Chef einer Clique zu sein, eine gewisse Bourgeois-Würde anzunehmen. Doch blieb sein seriöses Gebaren nur Pose; es gelang ihm schlecht, die angeborene Fahrigkeit und Lautheit mit dem weihevollen Gebaren in Einklang zu bringen, welches Marcus Hiesel in diesem Kreise zur Mode erhoben hatte. Für Heinrich Lehmfink war natürlich der Unterschied zwischen dem Dichter Karol und dem Chefredakteur des »Impressionist« weit auffälliger als für Fritz Berting, der die verschiedenen Stadien dieser Mauserung aus nächster Nähe mit angesehen hatte. Fritz erzählte ihm, was er von Silbers Aspirationen auf die Hand von Fräulein Mimi Beierlein, einziger Tochter einer wohlhabenden Hausbesitzerswitwe, wußte. Lehmfink nickte zufrieden. »Bravo! So mußte es kommen! Erinnerst du dich, Berting, was ich dir hier an dieser Stelle von Siegfried Silber gesagt habe?«Fritz entsann sich sehr gut des erwähnten Gespräches. »Er macht schneller Karriere, der Edle, als ich es selbst seiner Fixigkeit zugetraut hätte!« meinte Lehmfink. Das französische Buch, das Berting übersetzte, war typisch für den Pariser Sittenroman mittlerer Qualität. Das Buch durfte immerhin Anspruch erheben, zur Litteratur gerechnet zu werden, wenn auch nur zu der des Augenblicks. Der Roman war eine von jenen letzten Muscheln, welche die große, naturalistische Woge, die über das französische Schrifttum hingegangen ist, ans Land geworfen hatte. Er atmete nicht den menschlich-animalischen Dunst, den Brodem von Schweiß, Blut, Kohlenstaub, Pulverdampf und von Kloakengerüchen, die aus dem gigantischen Cyklus der Rougon-Macquart aufsteigen. Es herrschte bei diesem raffinierten Epigonen mehr der betäubende Duft des Treibhauses vor. Der Autor war geschmackvoller und lieferte feinere Detailarbeit als der große Al-Fresko-Maler Zola mit seiner dunklen Palette. Und die exakte Wirklichkeitsanalyse eines Stendhal, die solide Gesellschaftskenntnis eines Balzac war hier schon umgeschlagen in impressionistische Nervenzerfaserung und Seelenriecherei. Beim Übersetzen eines Buches lernt man den Autor ganz anders kennen als beim bloßen Durchlesen. Man denkt ihm ja alle seine Gedanken doppelt nach, im fremden und im eigenen Idiome. Man belauscht ihn recht eigentlich in der innersten Werkstätte. Fritz war erstaunt, mit wie wenig Eigenem und mit wie viel geschickter Mache dieses Werk zusammengestellt war. Die Erscheinung gab ihm zu denken. War es heutzutage nicht recht leicht gemacht, ein lesbares Buch zu schreiben? Man mußte nur etwas Phantasie, Kombinationsgabe, Geschmack und Sinn für das Aktuelle besitzen. Man konnte auch ganz gut fremde Autoren für sich dichten lassen. Unendlich war ja der Schatz von Gedanken, Kenntnissen und Beobachtungen, den die Vergangenheit allen zugänglich angesammelt hatte. Wie unsäglich schwer war es dagegen, etwas zu geben, das die persönliche Note trug, etwas, das Aussicht hatte, auch nur einige Jahrzehnte zu überdauern!Er sprach jetzt oft mit Heinrich Lehmfink über solche Fragen. Des Freundes Buch und die Urteile der Presse gaben Anlaß dazu. Lehmfink gehörte nicht zu den Autoren, welche die Zeitungen gierig durchstöbern nach günstigen Urteilen über ihre Werke. Er wollte mit seinem Buche weniger das Wohlgefallen erregen, als auf den Willen des Lesers wirken. Das schwache Echo, welches seine »Deutsche Persönlichkeit« in der Öffentlichkeit fand, hätte ihn erschrecken können. Die politischen Tageszeitungen schwiegen das unbequeme Buch einfach tot. Ihnen paßte es nicht, weil es allen Richtungen bittere Wahrheiten sagte, und weil es nichts grimmiger angriff als Schlagworte, allgemein geltende Doktrinen und Schablonen, Dinge, von denen sie lebten. Die wissenschaftlichen Revuen wollten auch nichts davon wissen; ihnen war  das Buch zu wenig zünftig. Wenn sie es erwähnten, so bedauerten sie den Mangel an Methode darin; nannten den Autor, falls sie höflich waren: einen Dilettanten, falls grob: einen Querkopf. Ein Waschzettel war dem Buche nicht beigegeben; daraus erklärte sich die Ratlosigkeit mancher Feuilletons ihm gegenüber. Man redete daran vorbei, benutzte wohl auch das zu besprechende Werk als Seil, auf dem man dem Publikum allerhand verblüffende Kunststücklein vorführte. Ein Erfreuliches hatte die Aufnahme des Buches für den Autor; sie bewies ihm, wie notwendig es gewesen sei, es zu schreiben. Fritz Berting hielt es für seine Pflicht, die Kultur der Gegenwart, welche Lehmfink seinem Empfinden nach allzu scharf kritisiert hatte, in Schutz zu nehmen. Das scheine ihm ein Fehler an dem schönen und in vielem so gerechten Buche, daß es gegenwartfeindlich sei, daß es unter Mißachtung des Gewordenen in die Vergangenheit flüchte, deren Größe es gegen die Moderne ausspiele. Lehmfink stellte in seinem Werke die Behauptung auf: die letzten Decennien hätten bei allem äußeren Fortschritt schlecht gewuchert mit dem überkommenen Erbe auf geistigem Gebiet. Fritz verteidigte dagegen die Decadence als eine Erhöhung und Verfeinerung unserer Genußfähigkeit und damit als eine Weiterbildung und Bereicherung der menschlichen Natur nach der Geschmacksseite hin. Lehmfink konnte darin einen Ersatz nicht erblicken für das, was wir in Kraft, Gesundheit und solider Bildung zurückgegangen  seien gegen die Weltanschauung der Väter. Er warf der Moderne Seichtheit vor. »Nehmen wir eine Erscheinung heraus: den Naturalismus. Ich klage ihn nicht der Unsittlichkeit, des Schmutzes an; das wäre kein ästhetisches Werturteil. Seine Mängel liegen für mich im Geistigen. Er ist Oberflächenkunst, daher das Milieu seine Force und das Seelische seine Renonce. Gewisse Erscheinungen hat er begriffen, solche, zu denen scharfe Sinne gehören: alles Physiologische zum Beispiel. Der Metaphysik gegenüber versagt er. Seine Kunstwerke haben Breite und doch keinen Horizont. Mir ist beim Naturalismus immer zumute wie in einem großen Saale mit allzuniedriger Decke. Er hat keine Höhe des Glaubens und keine Tiefe des Fühlens, will keine haben. Seine Dramen kennen nicht große, einfache Probleme, die doch nach Hebbel das A und O sind der Tragödie. Sie dringen nicht vor bis an die Wurzel des wahrhaft Erschütternden, zum Ethos; darum reißen sie nicht fort, begeistern, entflammen nicht, sondern verstimmen nur.« Fritz warf dieser Behauptung des Freundes einen einzigen Namen entgegen: »Ibsen«. »Um für Henrik Ibsen ein gerechtes Maß zu finden, muß man ihn nur einmal neben einen anderen Großen stellen: Shakespeare. Dann sieht man sofort, was des Norwegers Stärke und was seine Schwäche ist. Er hat nicht die große, eine Welt umfassende Liebe, den heldenhaften Optimismus, der das Leben bis zu seinen dunkelsten Abgründen durchschaut und es dennoch bejaht. Bei aller Modernität der Probleme ist Ibsen ein alter, schulmeisternder Tüftler, gehalten gegen den ewig jungen Hamlet-Dichter. Und es ist nicht wahr, daß Ibsen uns eine neue Moral gegeben hätte; er hat uns höchstens gezeigt, wo die herrschende morsch und faul zu werden beginnt. Den Ruhm des Arztes will ich ihm nicht abstreiten, des Spezialisten, der ausgezeichnete Diagnosen zu stellen versteht. Aber das gottbegnadete, jugendstarke Ingenium ist er nicht, das uns einen Born der Schönheit und Läuterung aus sich schenkt, wie Dante, Shakespeare, Goethe. Alle diese Großen standen mitten drin im Leben, in ihrer Zeit, ihrem Volke, kämpften, litten, liebten, jubelten, fühlten mit ihren Zeitgenossen. Sie zogen sich nicht zurück in die einsame Höhle der Selbstsucht, wie jener Nordländer es thut, der den Ereignissen kalt, und den eigenen Geschöpfen herzlos gegenübersteht. Was Ibsen in meinen Augen richtet, ist sein Egoismus. Leider hat dieser Ideologe den größten Einfluß gehabt auf unsere Litteratur. Ganz andere Lehrer hätte ich gewünscht für die junge Generation!«»Ich glaube nicht,« sagte Fritz, »daß die Revolution unseres Geisteslebens durch fremde Größen hervorgerufen ist. Gewisse Einflüsse vom Auslande will ich nicht leugnen. Aber die Eruption wäre gekommen auch ohne Zola, Ibsen, Tolstoj und andere.« »Gewiß, sie mußte kommen, ebenso wie die Erhebung des vierten Standes. Der Naturalismus und der Sozialismus sind Geschwisterkinder. Beide haben die Luft gereinigt. Beide hatten Berechtigung als Opposition gegen Verfluchung, Philistertum, Versumpfung des Alters. Solange sie jung und stürmisch waren, konnte man ihnen Sympathie nicht versagen; aber jetzt sind sie beide auf dem besten Wege, selbst fette Bourgeois zu werden. Der wissenschaftliche Sozialismus zeigt genau dieselbe Erscheinung wie die naturalistische Dichtung; er bleibt an der Oberfläche haften. Es ist für Mannigfaltigkeit und Originalität bei ihm kein Raum. Darum wird er auch nie und nimmer imstande sein, uns eine Kunst zu schenken. Das ist der Fluch der radikal demokratischen Systeme, daß sie, die auf Freiheit abzielen, doch schließlich in der Fesselung des Individuums enden müssen, weil der Masseninstinkt, dem sie schmeicheln, das Aristokratische haßt. Tod der Persönlichkeit, nicht ihre Befreiung ist das Ende.« »Nietzsche müßte eigentlich dein Mann sein, Lehmfink. Ich wundere mich, daß du ihn in deinem Kapitel: ›Führende Geister‹ nicht aufgenommen hast.« »Nietzsche hat kein Führer sein wollen und ist auch keiner geworden. Seine Worte sind haarscharfe Messer ohne Griffe; man kann sie nicht nutzen. Er ist Artist von höchster Form. Tänzer, Dichter und darum – Lügner. Wenn ich an ihn denke, habe ich immer die Vision eines wundervollen Feuerwerkes. Ihn in Ruhe zu lesen, ist vielleicht der höchste Genuß, den irgend ein Moderner gewährt. Aber es bleibt eben beim Genuß. Uns Reformator sein zu können, fehlt ihm etwas; das ist: ein Tropfen von Martin Luthers bestem Herzblut, von Luthers  gesunder, starker Bauernart. Nietzsche ist ein Tänzer, wie ich sagte. Er hat auch weder jene Treue, noch jene Glut, die das Leben einsetzt für die Lehre. Er besitzt nichts von der Liebe dessen, mit dem er sich so oft verglichen, Jesu Christi. Er hat keine Inbrunst, und er hat daher auch keine Thaten. Er lebt uns seine Lehre nicht vor; darum wird er Bewunderer haben aber keine Jünger. Denn nur die That reißt fort, das Wort allein läßt kalt.« »Er wollte keine Jünger haben. Er suchte die Größe in der Einsamkeit. Du wirst seiner Bedeutung nicht gerecht, Lehmfink.« »Das Größte, was er uns gegeben hat, ist etwas scheinbar Negatives, eine kritische Leistung. Ich meine die Hiebe, die er gegen die Sklavenseligkeit des Christentums geführt hat. Seine Kritik der Abkehr vom Leben, der Fleischabtötung, der Askese, jener kriechenden Tugend, die noch bezahlt sein will, trifft die Heuchelei ins Kernholz. Dem Gekreuzigten hat er nichts anzuhaben vermocht; aber die knechtsseligen Verwässerer seiner Lehre hat er für alle Zeiten gebrandmarkt mit unauslöschlichem Hohn. Das ist Nietzsches Verdienst um das Christentum.« »Ja, liebster Lehmfink, erhoffst du denn vom Christentum noch irgend etwas? Ist es denn nicht längst tot? Ich kann mir nicht helfen, mir kommt es vor wie ein Petrefakt in unserer Zeit.« »Es ist eine meiner stillen Hoffnungen, Berting, daß das Christentum, nämlich das aus theologischer Umarmung befreite Christentum, einen Grundpfeiler bilden wird des  menschlichen Zukunftsbaues. Und auch davon bin ich überzeugt: das Christentum wird germanischen Gepräges sein, oder es wird nicht sein. ›Die Freiheit eines Christenmenschen‹, die Luther wohl geahnt, die er uns aber nicht zu verschaffen vermocht hat, müssen wir uns noch erkämpfen, nicht in Religionskriegen, aber in geistigen Schlachten. Zivilisation ohne Religion ist nicht denkbar. Es ist ein Mangel der Moderne, eine ihrer Oberflächlichkeiten, daß sie irreligiös ist. Zwei Sünden werfe ich den Jungen vor, zwei Todsünden: daß sie kein Verhältnis gefunden haben zur Religion, und das gleich schwere Verbrechen: daß sie dem Vaterlande kühl gegenüber stehen. Dadurch beweisen sie nicht – wie sie glauben mögen – geistige Überlegenheit, sondern Gedankenlosigkeit und Befangenheit in falschem Freisinn. Aus Religiosität und Heimatsliebe wird der Mensch der Zukunft seine Kräfte ziehen.« »Du vergißt eines, Lehmfink, worauf ich die größte Hoffnung setze.« »Und das wäre?«»Die Kunst!«»Gut, es sei! Die Kunst auch!«»Nein, nicht ›auch‹! – Die Kunst wird das ganze Leben durchdringen, beherrschen, heiligen, oder wir werden niemals eine wirkliche Kultur haben.« »Das wird Sache der Persönlichkeit sein.« »Wieso der Persönlichkeit?«»Kunst wird von Künstlern gemacht, denke ich. Wenn  wir unter den Künstlern wieder Persönlichkeiten haben werden, dann werden wir auch eine Kunst bekommen. Zur Persönlichkeit aber können wir gelangen, das weißt du aus meinem Buche, nicht durch Willkür, sondern durch Selbstzucht. Ihr Modernen habt ein äußerst empfindliches, ästhetisches Gewissen; keiner von euch würde sich eine Sünde des Geschmackes verzeihen. Was euch not thut, ist ein wenig soziales Gewissen. Auch der Künstler muß sich einordnen in das große Ganze, die Gemeinsamkeit. Daraus mag er dann wieder hervorblühen in seiner Eigenart. Einen anderen Weg sehe ich nicht zur Genesung. Also erzieht euch zu Persönlichkeiten, ihr Künstler!«Alma war nun im Krankenhause untergebracht. Fritz erhielt von ihrem Befinden regelmäßig Nachricht durch Doktor Mosch, der ihre Aufnahme dort vermittelt hatte. Es gehe ihr gut, hieß es; sie sehe getrost ihrem Stündlein entgegen und lasse ihn grüßen. Die peinliche Erwartungsstimmung, in der man sich befand, suchte Berting los zu werden durch Arbeit. Abschnitt auf Abschnitt der Übersetzung konnte er dem Verleger abliefern. Seine Erholung war der Verkehr mit dem Geschwisterpaar Lehmfink. Täglich fuhr er jetzt zu ihnen hinaus. Toni und Heinrich Lehmfink gehörten zu den eben nicht häufigen Menschen, die es vertragen, daß man sie in  der vollen Nüchternheit des Alltags sieht. Je näher man sie in der Beschränktheit ihrer Verhältnisse kennen lernte, desto bewunderungswerter erschien die Art, in der sie sich mit dem Leben abfanden. Sie hatten jene stolze Fassung und schlichte Seelengröße, welche die Armut umwandeln in ein Staats- und Ehrenkleid. Es bedeutete für Fritz stets erneuten Genuß, mit dem ungewöhnlichen Paare zu verkehren, Menschen, die sich äußerlich so ähnlich schienen, und die im Grunde doch so sehr verschieden waren. In ihrer Neigung zueinander und Sorge füreinander lag etwas Rührendes und Imponierendes zugleich. Ein Vergleich zu dem traurigen Verhältnis, in dem er zu seiner Familie stand, lag für Fritz sehr nahe. Der Briefwechsel, der zwischen ihm und Konstanze noch ein klägliches Dasein fristete, war so ziemlich das Gegenteil von dem liebevollen Verstehen und Sich-gegenseitig-fördern, das er an Heinrich und Toni so sehr bewunderte. Fritzens häufige Besuche bei seinem Freunde entsprangen nicht zum wenigsten dem Wohlgefallen, das er an Toni Lehmfink fand. Sie war für ihn ein neuer, interessanter Frauentypus. Nicht, daß ihr Wesen mystische Rätsel aufgegeben hätte, im Gegenteil, es war das Anziehende an dieser durchaus unkomplizierten Persönlichkeit, daß sich bei ihr das Äußere mit dem Inneren deckte, daß sie sich in den Grenzen hielt ihrer Herkunft und ihres Geschlechts. Toni war einer von jenen seltenen Menschen, die, ohne ein Mischmasch zu sein aus allerhand blendenden Eigenschaften, doch ungemein  vielseitig sind. Den eigentlichen Regulator ihres Wesens bildete nicht ein scharfer Verstand, auch nicht ein starkes Temperament, sondern der Takt eines feinfühlenden Herzens. Fritz hatte einen harmonischeren Charakter noch nicht kennen gelernt. Der Verkehr mit diesem frischen, ehrlichen Wesen hatte so gar nichts die Sinne Beunruhigendes. Auch das war eine neue Entdeckung für Berting. Er, der die Mutter früh verloren, dem nicht das Glück geblüht hatte, in den Schwestern Freundinnen seiner Jugend zu besitzen, kannte das Weib eigentlich nur als Geschlechtswesen. Seine Erlebnisse mit Weibern, die leichten Siege, die er über sie davongetragen, aber auch seine Beschäftigung mit der Physiologie und der materialistischen Philosophie hatten ihm das andere Geschlecht immer nur von der einen grobsinnlichen Seite gezeigt. Inzwischen hatte er manche neue erstaunliche Erfahrung gemacht an den Frauen, und sein Selbstbewußtsein, Kenner zu sein auf diesem Gebiete, war bis zu einem gewissen Grade erschüttert. Es unterhielt sich so angenehm mit Toni. Ihr ging zwar des Bruders Gelehrsamkeit und Bildungstiefe ab, aber sie besaß dafür zum angenehmen Ersatz geistige Regsamkeit und Humor. Bei ihr lief das Gespräch nicht Gefahr, in eine grundstürzende Kontroverse mit These und Antithese auszuarten, wie es so oft passiert bei Männern von gleichem Bildungsniveau. Toni war imstande, zuzuhören, ohne zu widersprechen, ja sogar zuzustimmen, oder auch die Unterhaltung nur um des Vergnügens  gegenseitiger Mitteilung willen harmlos in leichten Wellen dahinfließen zu lassen. Fritz erfuhr im Verkehr mit der Schwester seines Freundes, daß man zu einem weiblichen Wesen in ein Verhältnis treten kann, an dem Verliebtheit nicht den geringsten Anteil hat. Daß Toni an ihm und seinem Umgang Wohlgefallen finde, war unzweifelhaft. Ihre offene, ungenierte Art zu blicken und zu sprechen, schloß dabei doch alles Herausfordernde aus. Er begann staunend zu ahnen, welches Behagen der kameradschaftliche Verkehr von Mann und Frau zu gewähren vermag. Berting fühlte, daß er zu Toni Lehmfink über Dinge hätte sprechen können, die er selbst Heinrich nicht anvertraut haben würde. Er wußte, daß sie die Tugend diskreter, feinfühlender Teilnahme in hohem Grade besitze. Noch ganz unklar, als eine Sehnsucht nur, stieg in ihm das Bedürfnis auf, sein Herz zu entlasten, ein Geständnis abzulegen. Und wenn von jemand, so glaubte er von Toni Lehmfink, daß sie Verständnis haben werde für das Besondere seiner Lage. Aber Fritz sagte sich auch, daß er sich in dieser Beziehung Zurückhaltung auferlegen müsse. Er kannte Heinrichs Auffassung zu gut, die nicht duldete, daß seiner Schwester gegenüber irgend etwas erwähnt werde, was seiner strengen Auffassung von Wohlanständigkeit widersprach. Nimmermehr hätte der Bruder es gebilligt, daß Toni erfahre, in welchen Verhältnissen Fritz lebe, welche Erlebnisse er gehabt, und welchen Ereignissen er entgegensehe. Einige Tage früher als erwartet, erfolgte Almas Entbindung. Fritz erfuhr das Ereignis durch eine Notiz, die ihm Doktor Mosch zugehen ließ. Alma sei von einem Mädchen entbunden worden; alles wäre normal verlaufen, hieß es. Er war Vater. Wunderliches Gefühl! Wie viele Menschen gab es, die sich nach solchem Glücke sehnten! Was aber sollte er damit anfangen? Für ihn war es nur eine Last, eine Fessel, ein Bleigewicht. Jenes Gefühl des Stolzes, der Wonne, von dem man in den Büchern las, daß es das Herz des jungen Vaters schwellen solle, erschien bei ihm gewandelt ins Gegenteil. Er hätte sich schämen mögen. Und wenn er gar an das dachte, was die Vaterschaft in Zukunft noch an Widerwärtigkeiten für ihn bringen mußte, dann graute ihm. Alma und das Kind zu sehen, fühlte er kein Bedürfnis. Was sollte er auch jetzt bei ihnen! –Früh am Morgen hatte er die Nachricht erhalten, gegen Mittag suchte er Doktor Mosch auf, um von ihm Näheres zu erfahren. Der junge Mediziner gratulierte dem Vater. Das kleine Fräulein, behauptete er, sei eine Schönheit. Ihre Stimme besitze einen wundervollen Klang. Noch allerhand andere angenehme Eigenschaften wußte er dem Säuglinge nachzurühmen. Verspottung hatte Fritz gerade gefehlt! In der ärgerlichsten Stimmung kehrte er nach Haus zurück. Die Arbeit, mit der er sich zu betäuben versuchte, wollte heute auch nicht vom Flecke rücken. So entschloß er sich denn, Lehmfink aufzusuchen. Heinrich mußte die Sache ja doch erfahren. Vielleicht wußte der ein Wort des Trostes für ihn. Er fand das Geschwisterpaar zu Haus. Erst nach einiger Zeit jedoch gelang es ihm, den Freund allein zu sprechen; bis dahin hatte Tonis Anwesenheit das Geständnis unmöglich gemacht. Auch Lehmfink beglückwünschte ihn, in anderer Weise jedoch als Doktor Mosch. Schwer könne er sich in den Seelenzustand eines jungen Vaters versetzen, meinte er. Vor dem Rätsel einer neuen Existenz, die aus unserer Liebe ihren Ursprung genommen, müßten alle kleinlichen Sorgen und peinlichen Gefühle schweigen. Er denke sich das Bewußtsein, einen Menschen erzeugt zu haben, erschütternd und beseligend zugleich, alles in allem wohl das Außerordentlichste, was dem Manne widerfahren könne. Heinrich Lehmfink zeigte sich tief ergriffen; wenn ihm selbst ein Kind geboren worden wäre, es hätte ihm kaum näher gehen können. Fritz war geradezu betreten durch die ungewöhnliche Auffassung des Freundes. Sie wurden in der weiteren Aussprache gestört durch Toni, die mit dem Kaffeezeug zu ihnen zurückkehrte. Berting fühlte, daß er heute ein schlechter Gesellschafter sei, und brach zeitig auf. Toni setzte ihn noch vor dem Gehen in Verlegenheit, indem sie fragte, was ihm fehle;  er mache den Eindruck von Kummer. Er habe Ärger im Beruf gehabt, war seine Ausrede. Heinrich Lehmfink gab ihm ein Stück Wegs das Geleit. Er kam noch einmal auf das vorige Gespräch zurück. Fritz solle nicht etwa denken, daß er das Schwierige seiner Lage verkenne. Er wisse ganz genau, daß jetzt mancherlei Sorgen an ihn, Fritz, herantreten würden. Da möge er vor allem nicht vergessen, daß er Freunde besitze. Wenn er sich etwa in Geldschwierigkeiten befinde, so könne er, Heinrich, wohl verlangen, dasselbe thun zu dürfen, was Fritz einstmals an ihm gethan habe. Berting dankte und meinte, er hoffe, von dem gütigen Angebot keinen Gebrauch machen zu müssen. Am nächsten Morgen erhielt er ein paar Zeilen von Alma, mit Bleistift auf ein Stück zerknittertes Papier gekritzelt. Kaum, daß Fritz den Sinn der Worte herauszubringen vermochte. Alma schrieb, es gehe ihr gut. Sie sei so glücklich. Das Kindchen hätte die Brust genommen. Es habe den Kopf ganz voll krauser Härchen und sehe Fritz ähnlich. Sie danke ihm von ganzem Herzen für alles und hoffe, ihn bald, recht bald zu sehen, um ihm das Töchterchen zeigen zu dürfen. Die paar Worte enthielten die ganze Alma. Sie sich zu denken mit dem Kinde an der Brust, seinem und ihrem Kinde! – – Heinrich Lehmfink hatte schon recht: es war etwas Großes und Ergreifendes um dieses plötzliche Auftauchen eines neuen Lebewesens aus dem Nichts. Er schrieb ein paar Worte an Alma, sagte ihr, sie solle sich nur ja recht halten. Wenn sie irgend einen Wunsch habe, möge sie ihn äußern; er wolle alles für sie thun. Aber besuchen könne er sie jetzt nicht. Das sei, wie ihm der Assistenzarzt gesagt habe, nicht angängig. Mit dem Arbeiten wurde heute wieder nichts. Es war ihm so wunderlich weich und nachdenklich traurig zu Mute, fast zum Weinen. Der Gedanke an die junge Mutter mit seinem Kinde an der Brust verfolgte ihn in jede Beschäftigung hinein. Er ärgerte sich schließlich über sich selbst. Lächerlich geradezu, sich von einer sentimentalen Regung so übermannen zu lassen! –Das Ende war, daß er wiederum zu Lehmfink hinauspilgerte. Da das Wetter schön war und der Tag doch irgendwie untergebracht werden mußte, ging er zu Fuß. Der Freund war zur Stadt gefahren, hatte aber zurückgelassen, daß Fritz, falls er käme, auf ihn warten solle. Er habe ihm wichtige Mitteilungen zu machen. Worauf sich diese Mitteilungen bezögen, konnte Toni nicht sagen. Der Bruder hätte einen Brief erhalten, aber nichts von seinem Inhalt verraten. Doch habe sie den Eindruck, als müßten die Nachrichten gute sein. »Es wird sich um sein Buch handeln,« meinte Fritz. »Wollen wir ein wenig spazieren gehen?« fragte Toni. »Nicht weit, damit Heinrich, wenn er zurückkommt, nicht lange zu warten braucht.« Fritz war einverstanden. Toni machte sich schnell zurecht. Dann ging man. Es war ihr Lieblingsweg, den sie einschlug. Er führte zunächst einen steilen Felshang hinan über ein Hochplateau, von dem aus man eine Rundsicht genoß auf das breite, mit unzähligen Ortschaften besäte Flußthal, in dessen Mitte die Stadt in ihren eigenen Dunst gehüllt lag. Nach der anderen Seite hin dehnten sich Hügelreihen, und dahinter einzelne blaue Kuppen des fernen Gebirgsstockes. Von diesem Punkte aus ging der Weg wieder thalab in einen Grund, dessen Hänge mit uraltem Tannenforst bestanden waren. Toni Lehmfink trug Matrosenhut, leichte Sommerbluse, ein Paar feste Schnürschuhe und einen glatten Rock von starkem Stoff, den sie zum Gehen aufgeschürzt hatte. In diesem Aufzug gefiel sie Fritz am besten. Er paßte zu ihrer Erscheinung, an der wenig Fülle und Weichheit, aber eine gewisse Einfachheit der Linien auffällig war, die in freier Bewegung schön zur Geltung kam. Sie hatte Fritz erzählt, daß sie in England mit Passion Sport getrieben habe. Die Wirkung davon war zu erkennen an ihrem elastischen Gange, ihrer straffen Haltung, an der geschmeidigen Beweglichkeit ihrer Gliedmaßen. In diesen Dingen war sie dem Bruder weit überlegen. Heinrich, der auf Grund seiner Kurzsichtigkeit um die körperliche Schulung des Militärdienstes gekommen war, gewöhnte sich zum Kummer der Schwester immer mehr die schlechte Haltung des deutschen Gelehrten an. War nicht auch Toni ein Beleg für die Wahrheit, die Fritz zu dämmern anfing, daß das von Thoren fälschlich  als »das schwache« bezeichnete Geschlecht, das härtere, dauerhaftere, ja, das eigentlich unzerstörbare sei? Im Schlechten und im Guten hatte er das an allen Frauen, die er näher kennen gelernt, erfahren: an Alma, an Hedwig, an Annie, und jetzt wieder an Toni. Man sprach heute wenig. Toni, die sonst die Unterhaltung selten zum Einschlafen kommen ließ, blieb schweigsam, sodaß es Fritz aufzufallen begann. Doch war das Schweigen zwischen ihnen nicht peinlich. Im engen Zimmer kann zwischen zwei Menschen das Stummsein quälend wirken wie ein unheimliches Gespenst. In freier Natur sprechen tausend andere Stimmen für uns. Fritz ahnte jedoch, daß Tonis Schweigen etwas zu bedeuten habe; es lag Unsicherheit darin und Befangenheit, die man an ihr am allerwenigsten gewöhnt war. Fast schien es, als habe sie eine Frage auf dem Herzen, die nicht den Weg über die Lippen finden konnte. Er sah sie im Gehen einmal von der Seite an, wobei ihre Blicke einander begegneten. Toni errötete. Ob Heinrich gesprochen, ob er der Schwester das Geheimnis des Freundes mitgeteilt hatte? –Und wenn es so war, wie dachte Toni darüber? Welchen Eindruck hatte ihr die Neuigkeit gemacht? Verdammte sie ihn? War sie imstande, ihn und seine Lage zu begreifen? –Sie hatten den waldigen Grund durchschritten und befanden sich wieder auf dem Rückwege. Tonis Schritte wurden langsamer. Mit einem Male  blieb sie stehen. Indem sie Fritz mit leuchtenden Augen ansah, stieß sie hastig hervor: »Heinrich hat mir alles gesagt, Herr Berting!« – Dann schritt sie mit zu Boden gesenktem Blicke eilig weiter. Fritz hätte mehr als eine Frage an sie richten mögen; doch fürchtete er, ihre Schamhaftigkeit zu verletzen. Er ahnte, daß es ihr ungeheure Überwindung gekostet haben müsse, sich ein solches Wort abzuringen. Nach einiger Zeit fragte Toni mit leiser Stimme: »Wie geht es dem kleinen Kinde?«Fritz sagte ihr, daß Mutter und Kind sich, wie er höre, ausgezeichnet befänden. »Sie haben das Kindchen noch nicht gesehen?« rief das Mädchen erstaunt. Er erwiderte, daß er noch nicht Gelegenheit dazu gehabt, und wenn er offen sein solle, die Gelegenheit auch nicht gesucht habe. »Das verstehe ich nicht!« war Tonis Antwort. Fritz suchte ihr zu erklären, daß er gar nicht wisse, wie er sich einem so kleinen Wesen gegenüber benehmen solle. »Das ist unnatürlich!« meinte Toni in ehrlicher Entrüstung. »Nicht beim Manne! Wir kommen uns den Kindern gegenüber einfach hilflos vor. Ein Bekenntnis unserer Schwäche und Einseitigkeit. Oder ist es einer jener Punkte, in denen Mann und Frau einander ergänzen sollen? Wer weiß, die Abneigung unseres Geschlechts  gegen das kleine Kind ist vielleicht von der Natur gewollt. – Meinen Sie nicht?«Toni gab ihm keine Antwort hierauf. Den ganzen übrigen Weg legten sie schweigend zurück. Berting dachte an ein Gespräch, welches er neulich mit Toni Lehmfink gehabt hatte. Es schien ihm eine Art Erklärung zu geben für ihre Auffassung. Sie hatte damals von einer Freundin in England gesprochen, deren Lebensberuf es sei, fremde Kinder, Waisen, oder auch solche von armen Eltern zu sich zu nehmen. Einen edleren Beruf, hatte Toni gemeint, könne sie sich nicht denken. »Kinder zu Menschen machen« – sie hatte diesen Ausdruck gebraucht –, wer dafür leben dürfe, sei glücklich zu preisen. »Aber,« fügte sie mit einem Seufzer hinzu »nicht jede Frau hat dazu die Möglichkeit, wenn es auch im stillen der heiße Wunsch einer jeden ist.«  –Das hatte sie gesagt, als sie noch keine Ahnung haben konnte von seiner Vaterschaft. Was mochte die Erkenntnis, daß er gering achte, was ihr als das Höchste auf der Welt erschien, in dieser stark empfindenden Brust für Gedanken wachgerufen haben. Ihr: »das ist unnatürlich!« war aus voller Seele gekommen. Fast mußte er fürchten, daß Toni ihm seine Äußerung als Gefühlsroheit auslege. Doch beruhigte sie ihn dieser Sorge wegen. Kurz ehe sie in den Garten eintraten, sagte sie: »Ich habe eine große Bitte, Herr Berting! Lassen Sie mich Ihr Töchterchen sehen! Und auch Alma, von der mir  Heinrich viel erzählt hat, möchte ich gern besuchen. Ist das möglich?«Sie hielt ihm dabei die Hand hin. Nur einen Augenblick zögerte er; dann verstand er, daß sie ihm nicht bloß ein Versprechen abnehmen, sondern vor allem ein Zeichen großen Vertrauens geben wollte. Er sagte, daß er sich aufrichtig freue, sie mit Alma und dem Kinde bekannt machen zu dürfen. Man fand Heinrich Lehmfink in der Wohnung. Er umarmte seine Schwester und schüttelte Fritz besonders warm die Hand. »Seht ihr mir nichts an?« fragte er, bedeutungsvoll lächelnd. »Du siehst aus, als hättest du mindestens ein Zehntel des großen Loses gewonnen,«»meinte Fritz. »Dazu gehörte, daß ich in der Lotterie spielte. Aber insofern hast du recht; es ist Glückstorkel dabei.« »Heinrich!« rief Toni atemlos. »Was ist mit dir? Sag's schnell!«»»Ich dachte, man sähe mir's an. Fritz behauptet ja immer, ich hätte etwas Dozierendes an mir. Andere Leute scheinen das auch gefunden zu haben. Es ist mir die venia docendi, auf deutsch: eine Professur angetragen worden für Litteratur« ...  . »Wo?« rief Toni. Heinrich Lehmfink warf einen Blick auf die Photographie F. Th. Vischers, die auf seinem Schreibtische stand; dann sagte er: »In der Heimat!«»Heinrich!« Toni fiel dem Bruder um den Hals. »Die Eltern – Heinrich! – Wenn sie das erlebt hätten!« Sie schluchzte an seiner Brust. Berting trat ans Fenster. Er wollte nicht stören. Wie reich waren Menschen, wie beneidenswert reich, deren erster Gedanke, wenn ihnen Großes widerfuhr, die Eltern sein durften. Es dauerte geraume Zeit, bis alle soweit beruhigt waren, daß Heinrich zusammenhängend erzählen konnte, wie die Sache gekommen sei. Er war selbst völlig überrascht worden durch die Anfrage, die er heut früh von dem heimatlichen Ministerium erhalten hatte. Ein Bekannter, mit dem er ehemals im Vischerschen Kreise zusammengekommen war, jetzt ein Mann in maßgebender Stellung, mochte wohl seine Hand dabei im Spiele gehabt haben. Doch, meinte Lehmfink, dürfe er von sich sagen, niemals um jenes Herrn Gunst gebuhlt zu haben. Und seinem neuesten Buche könne man doch auch kaum ein Schielen nach akademischen Ehren vorwerfen. »Du bist köstlich!« rief Fritz. »Verteidigst dich wohl gar, daß du die Stelle nicht zurückgewiesen hast. Du wärst imstande gewesen, abzuschreiben...  . .« »Wenn ich wüßte, Protektion sei dabei im Spiel, würde ich unbedingt ablehnen.« »O, du, du! Man könnte sich grün ärgern über dich, wenn man sich nicht noch viel mehr freuen müßte, daß es solche Kerle giebt! Leicht hast du es dem Erfolge, weiß Gott, nicht gemacht, dich aufzufinden. Aber warum soll  denn nicht ausnahmsweise einer, der etwas kann, auch ohne jede Reklame zu dem Posten gelangen, auf den er gehört!« –»Eine große Sache ist es und bleibt es, mein lieber Fritz, plötzlich festen Grund zu fühlen unter den Füßen, nachdem man so lange mit den Wellen hat kämpfen müssen, manchmal gleich einem Ertrinkenden; du weißt es ja, wie es mir ergangen ist. Ich denke an Berlin, an unsere gemeinsamen Illusionen und Pläne. – Und du, meine kleine Schwester, was sagst denn du eigentlich? Wirst du nun endlich Respekt bekommen vor dem Bruder?«Toni umarmte ihn von neuem. »Ich bin noch gar nicht zu Verstande gekommen, Heinrich. Was geben wir nur an heut abend? Ich glaube, ich könnte heute über die Stränge schlagen. Was geben wir nur an?«»Berting soll entscheiden,« sagte Lehmfink. Fritz schwieg. Toni begriff, was sein Schweigen zu bedeuten habe. »Nein, Heinrich, wir wollen ganz still beisammen bleiben,« sagte sie. »Das wird schließlich allen am meisten nach dem Herzen sein, vor allem Herrn Berting. Gelt, Sie bleiben? Ich werde für Abendbrot sorgen.« Das war wieder einmal ihre Geistesgegenwart des Herzens. Im Nu hatte sie erkannt, daß dem Freunde nicht nach Feste-feiern zumute war. Toni ließ die beiden Männer für eine Weile allein. »Du bist so still, Berting!« sagte Lehmfink. »Fehlt dir etwas?« »O, nichts! Man ist solch ein fürchterlicher Egoist. Dein Glück sollte mich doch wahrhaftig alles vergessen machen... « »Verzeih! Wie konnte ich nur! – Mit keinem Wort habe ich nach Alma gefragt und der Kleinen. Ich war der Egoist. Verzeihe nur!«»Ach, Lehmfink!« sagte Fritz mit einem tiefen Seufzer, »Schwabenland liegt weit von hier. Nun hat man sich eben erst gefunden, und da heißt es schon auseinandergehen. Das ist der Tropfen Wermut für mich im Becher deiner Freude.« Ein Brief aus Berlin brachte für Fritz große Überraschung. Seine Schwester, Frau Wedner, schrieb ihm, sie seien im Begriff, nach dem Salzkammergut zu fahren, und hätten ihre Rundreisebillets so eingerichtet, daß sie die Fahrt unterbrechen könnten, um Fritz auf ein paar Tage zu besuchen. Berting war sehr wenig erbaut von dieser Aussicht. Es würden verlorene Tage für ihn sein. Denn was hatten sie einander noch zu sagen, die Schwester und er, nach dem, was vorgefallen war? Was hatten sie überhaupt gemein miteinander außer der Blutsverwandtschaft! –Seiner Schwester abzuschreiben, war unmöglich; denn ihrem Briefe zufolge mußten sie jetzt bereits unterwegs  sein. Sie hatten Wohnung im Hotel bestellt: Fritz wurde gebeten, abends dorthin zu kommen. Es war ein wunderlicher Augenblick für Fritz, als er Konstanzens Gesicht seit sieben Jahren zum ersten Male wiedersah. Zuletzt hatte man sich bei der Beerdigung Juliens, der ältesten Schwester, gesehen. Frau Wedner, jetzt Ende der dreißig, gehörte zu den Erscheinungen, die sich gut konservieren. Wenn sie, wie heute, durch die seelische Erregung Farbe und glänzende Augen hatte, konnte sie sogar für anziehend gelten mit ihrer schlanken Gestalt und dem schönen, blonden Haar. Fritz war es sehr lieb, daß sein Schwager bei der ersten Begegnung nicht zugegen war; seine Anwesenheit würde die Befangenheit nur erhöht haben. Man war so schon verlegen genug, Konstanze noch mehr als Fritz. Es wurde zunächst von den fernliegendsten Dingen gesprochen. Frau Wedner war unnatürlich redselig und lachte viel. Fritz erkundigte sich nach dem Befinden Arthurs, seines Neffen, ihres einzigen Kindes. Er erfuhr, daß Arthur in Unterprima sitze. Wedner, der doch gewiß hohe Anforderungen stelle, sei sowohl mit dem sittlichen Verhalten, als mit den wissenschaftlichen Leistungen des Jungen zufrieden. Trotz seiner Jugend huldige Arthur einer sehr ernsten Richtung. Fritz war von Herzen froh, daß Wedners den ernst gerichteten Jüngling nicht mitgebracht hatten, der jedenfalls ein fürchterlicher Musterknabe war. Konstanze erwähnte nebenbei, daß sie sich mit Arthur in Gmünden treffen wollten, wo die Sommerferien gemeinsam verbracht werden sollten. Warum die Schwester, als sie das ungefragt erzählte, erröten mußte, war nicht recht einzusehen. Wo sich sein Schwager heute abend aufhalte, fragte Berting nicht. Früh genug noch würde man sich sehen. Er fand es erstaunlich taktvoll von Wedner, dessen hervorragendste Eigenschaft Feingefühl sonst gerade nicht war, daß er die Geschwister wenigstens für den ersten Abend allein gelassen hatte. Man verabredete für den nächsten Tag, daß Fritz zu bestimmter Stunde ins Hotel kommen solle; den weiteren Tagesplan wollte man dann besprechen. Fritz trug keinen unangenehmen Eindruck von der Begegnung mit der Schwester davon. Es hatte ihn doch etwas wie Heimaterinnerung ergriffen vor Konstanzens Gesicht, das so ganz den Familientypus darstellte. Stimme, Lachen, Gesten, bestimmte Redewendungen erinnerten an längst vergessen geglaubte, bis zur Kinderstube zurückdatierende Dinge und Erlebnisse. Das stand jetzt auf einmal wieder vor ihm, als sei es gestern gewesen. Er glaubte, bei der Schwester ähnliche Gefühle bemerkt zu haben. Konstanze war ja im Grunde eine gutmütige, harmlos freundliche, des Wohlwollens fähige Person, nur durch ihren Gatten in Unduldsamkeit hineingetrieben. Von Fritzens Leben und seiner Kunst hatte man gar  nicht gesprochen. Das war ihm lieb. Der Gegensatz der Anschauungen war so hoffnungslos unüberbrückbar, daß es am besten schien, man unterhielt sich nur über indifferente Dinge. Fritz hatte sich ein gleiches Verhalten Wedner gegenüber vorgenommen. Szenen wie jene in Berlin, wo die Schwäger im Zorne auseinander gegangen waren, brauchten sich nicht zu wiederholen. Bekehren würde ja doch keiner den anderen. Am anderen Morgen kaufte Fritz einen Strauß Rosen und trug ihn ins Hotel, um ihn seiner Schwester aufs Zimmer zu schicken. Er nahm an, daß die Reisenden so früh noch nicht auf sein würden. Als er das Hotel betrat, lief er im Entree seinem Schwager beinahe in die Arme, der mit einem Knaben von etwa sechzehn Jahren die Treppe herabkam. Wedner schien überrascht, Fritz zu sehen und sagte wenig höflich: soviel er von Konstanze wisse, habe man sich doch auf eine viel spätere Stunde verabredet. Berting wies zur Erklärung des früheren Kommens auf seine Rosen. Der bleiche Jüngling blickte ihn mit erstaunt neugierigen Augen an. Die Ähnlichkeit mit Wedner war so groß, daß er in ihm seinen Neffen Arthur erkennen mußte. Er schaffe den Jungen eben auf die Bahn, sagte der Schwager, da er mit einer befreundeten Familie vorausreisen solle. Die Droschke stand auch bereits vor dem Hotel. Wedner trieb zur Eile an, obgleich der Portier versicherte, es sei noch viel Zeit. Fort fuhren Wedner senior und junior, ohne daß zwischen Onkel und Neffe mehr als einige gleichgiltige Fragen und verlegene Antworten gewechselt worden wären. Allmählich wurde es Fritz klar, was dieser sonderbare Vorgang eigentlich zu bedeuten habe. Konstanzens Erröten, als sie erzählt hatte, man wolle sich mit Arthur in Gmunden treffen, Wedners Ärger, daß ihm der Schwager so zeitig über den Hals gekommen war, das Verdutztsein des Neffen, der den Onkel Fritz wie ein Wundertier angestarrt hatte – – Fritz mußte laut lachen, als er endlich die Erklärung zu diesen rätselhaften Erscheinungen fand. Der Junge hatte vor ihm versteckt werden sollen. So gefährlich war er, Fritz Berting, in den Augen seiner nächsten Verwandten! Arthur hätte sich doch vielleicht anstecken können bei dem verlorenen Sohne der Familie, bei dem Onkel, der die schlechten Bücher schrieb. Natürlich steckte Wedner dahinter. An Konstanzens Erröten sah man es ja, wie schwer ihr die Lüge geworden. Arme Schwester! Fritz ahnte, daß sie um seinetwillen manches erleiden mochte von dem Gatten. Das nächste Zusammensein stand naturgemäß unter dem Bewußtsein dieses Erlebnisses. Man aß gemeinsam im Hotel zu Mittag. Fritz ließ keinerlei Verstimmung merken. Konstanzens anfängliche Verlegenheit sagte ihm, wie peinlich ihr die ganze Angelegenheit sei. Der Schwager gab sich Mühe, liebenswürdig zu sein; doch fehlte seiner Höflichkeit der Herzenston. Fritz war  überzeugt, daß Wedner ihm nie verzeihen würde, heute früh bei einer offenkundigen Lüge ertappt worden zu sein. Berting fand, daß sich die Züge des Schwagers nicht zu ihrem Vorteil verändert hatten. Der Fanatiker kam mehr und mehr bei ihm auch in der äußeren Erscheinung zum Ausdruck. Der Blick der tiefliegenden Augen war stechender geworden; der Zug von Eigensinn und Mißgunst um die Mund- und Nasenpartie hatte sich verstärkt. Wedner, der sich früher durch eine breite, aufdringliche Suada ausgezeichnet hatte, war heute ziemlich zurückhaltend, überließ den Geschwistern die Unterhaltung. Gleich nach Tisch ging er. In Fritzens Gesellschaft schien er sich ebensowenig wohl zu fühlen, wie dieser in der seinen. Fritz und Konstanze hatten den Nachmittag für sich. Am nächsten Tage schon wollte das Ehepaar weiter reisen. Berting schlug seiner Schwester vor, ihr die Hauptstraßen und wichtigsten Gebäude der Stadt zu zeigen. Konstanze war damit einverstanden. Sie bewies viel mehr lebendiges Interesse, als er ihr zugetraut hätte. Sowie sie sich frei wußte von ihrem Manne, war sie eine ganz andere Person, empfänglich, ja bis zu einem gewissen Grade freimütig. In einer Kunsthandlung, an der sie vorbeikamen, war eine Ausstellung moderner Bilder. Konstanze sprach den Wunsch aus, hineinzugehen. Auch hier wieder hatte Fritz Gelegenheit, sich über ihr durchaus laienhaftes, aber bei aller Naivität treffendes Urteil zu freuen. Es stellte sich heraus, daß sie überhaupt  noch nichts gesehen hatte von neueren Meistern. Wedner nahm sie nicht mit in Ausstellungen. Auf den Gedanken, daß man als erwachsene Person auf eigene Faust einem Interesse nachgehen könne, schien sie nicht gekommen zu sein. Ihr Benehmen gegen Fritz war ziemlich widerspruchsvoll. Meist wog einfaches schwesterliches Wohlwollen vor, wie es ihr von Herzen kam. Dann plötzlich schien etwas Fremdes aus ihr zu sprechen, etwas Kleinliches, Mißtrauisches. Fritz wußte, woher das kam. Ihr Gatte hatte sie so gut geschult, daß seine Auffassung sie selbst dann hypnotisierte, wenn er nicht zugegen war. Ein paarmal machte sie Versuche, den Bruder auszuholen über sein Leben. Fritz zweifelte keinen Augenblick, daß auch das auf eheherrlichen Befehl zurückzuführen sei. Das Talent zum Schnüffeln kannte man ja an Wedner. Berting hatte etwas Ähnliches erwartet und war daher auf der Hut. Von seinem Geheimnisse durfte Konstanze nichts erfahren, so unnatürlich es auch erschien, der einzigen Schwester das wichtigste Ereignis seines Lebens zu verheimlichen. Aber sein Herr Schwager sollte ihm nicht noch einmal mit dem Vorschlage kommen, Alma mit Geld abzufinden. Konstanze fand, daß Fritz schlecht aussehe; er sei so mager und hohlwangig. Ob er denn genug esse, fragte sie. Im Anschluß daran erkundigte sie sich schüchtern nach seinen Geldverhältnissen. Fritz antwortete, er habe zu leben. Daß er schlecht aussehe, und daß seine Kleider abgetragen seien, wußte er selbst; Konstanze brauchte ihn  darauf wahrlich nicht erst aufmerksam zu machen. Er war zu stolz, der Schwester seine Lage zu bekennen. Zum Abendessen traf man sich mit Wedner. Er befand sich in sichtlich gehobener Stimmung. Wie er sagte, war er mit Gesinnungsgenossen beisammen gewesen zu einer kleinen Konferenz. Was die Zusammenkunft bezweckt habe, deutete er nicht an. Aber Fritz konnte es sich ungefähr denken. Es war wohl das, was Konstanze als »seinen Kampf gegen die modernen Nuditäten« bezeichnet hatte. Fritz war boshaft genug zu erwähnen, daß sie gemeinsam in einer Ausstellung neuerer Meister gewesen seien. Wedner spitzte die Ohren. Was für Bilder man gesehen habe, forschte er. Fritz nannte einige Namen:»Böcklin, Klinger, Liebermann, Stuck!« –Wedner fuhr auf:«Sezession! – Und solchen Schund siehst du dir an, Konstanze!« Ein vernichtender Blick traf sie. Die arme Frau schwieg bestürzt. Daß ihr die Bilder gut gefallen hatten, wagte sie natürlich nicht zu sagen. Am nächsten Morgen hatte Fritz noch eine Stunde allein mit seiner Schwester. War es die Abschiedsstimmung, welche Konstanze weich gemacht hatte? Sie zeigte sich besonders liebreich. Es schien fast, als wolle sie dem Bruder irgend etwas eröffnen, was sie auf dem Herzen hatte. Zu sehen, daß sie unter Wedners unzarter Behandlung leide, war eben nicht schwer. Aber konnte man ihr helfen? – Konstanze hatte sich ihr Schicksal selbst  gewählt. Durch ihre Nachgiebigkeit war sie zum Echo und Schatten geworden des Gatten. Selbst wenn dazu aufgefordert, würde Fritz es abgelehnt haben sich in die Verhältnisse dieser beiden einzumengen. Er vermied daher alles, was die Schwester zu einem Geständnisse hätte ermutigen können. Schließlich kam Konstanze noch mit einer Bitte, die auf Fritz zunächst einigermaßen befremdend wirkte. Sie fragte den Bruder, ob es ihm nicht möglich sei, bessere Sachen zu schreiben. Fritz erkundigte sich, was sie denn von seinen Sachen kenne. Da stellte es sich heraus, daß sie überhaupt noch keine Zeile von dem Bruder gelesen hatte. Wedner verbiete ihr seine Bücher. Dann bedaure er, ihren Wunsch nicht ernst nehmen zu können, meinte Berting. Konstanze ließ das Thema trotz Fritzens deutlicher Verstimmung nicht fahren. Sie verstehe ja gar nichts davon, sagte sie; aber sie denke es sich ebenso leicht, etwas Gutes zu schreiben, wie etwas Schlechtes. Was die anständigen Menschen von einem dächten, sei doch schließlich nicht gleichgiltig. Wedner habe ihr gesagt, es gäbe jetzt eine ganze Richtung in der Litteratur, welche mit Absicht alles Böse, Häßliche, Unanständige beschreibe, um die Menschen zu verführen. Es sei genau dasselbe wie in der Politik mit der Sozialdemokratie, die alles umstürze. Ob denn Fritz zu dieser Menschenklasse gerechnet sein wolle? Und dann möchte sie ihm noch ganz im Vertrauen  sagen, was Wedner ihr verraten hätte, daß man jetzt vorhabe, gegen diese ganze Richtung energisch von oben her vorzugehen. Wedner müsse es wissen; denn er habe Fühlung mit hochgestellten Personen. Fritz solle doch bedenken, in was für Gefahr er sich ganz unnützer Weise begebe. Ein so begabter Mensch wie er habe die Pflicht, von seinen Gaben den rechten Gebrauch zu machen. Außerdem glaube sie auch bestimmt, daß es sich ebenso gut bezahlt mache, ja vielleicht sogar noch besser, so zu schreiben, wie es sich gehöre. Was sollte man nun darauf sagen? Es war so gut gemeint von Konstanze! Sollte man versuchen, sie aufzuklären? Aber wo anfangen?Sie sprachen ja verschiedene Sprachen. Noch während die Wedners da waren, hatte Fritz einen Brief von Alma erhalten, in welchem sie bat, das Krankenhaus doch nun endlich verlassen zu dürfen. Es sei so langweilig, im Bett zu liegen, wenn man sich gesund fühle. Sie denke den ganzen Tag nur immer an ihn, halte es nicht mehr aus vor Sehnsucht, ihm die Kleine zeigen zu dürfen. Berting suchte Doktor Mosch auf und trug ihm Almas Wunsch vor. Der junge Mediziner hatte keine Bedenken, die junge Mutter aus der Anstalt zu entlassen; natürlich müsse sie sich in der nächsten Zeit noch sehr schonen und geschont werden. Im Laufe des nächsten Tages erfolgte der Umzug; gegen Abend kam Fritz, Alma zu begrüßen. Er hätte ihr gern ein Geschenk mitgebracht zur Anerkennung ihrer tapferen Haltung; aber er mußte mit leeren Händen kommen. Die Rechnung der Klinik war erschreckend hoch gewesen. Alles, was er zur Zeit besaß, hatte er hingegeben und war noch einen Teil darüber schuldig geblieben. Seinem Kinde gegenüber konnte Fritz beim besten Willen nicht jenes Gefühl des Entzückens empfinden, das Alma als selbstverständlich voraussetzte. Steif und wortlos stand er vor dem Waschkorbe, in welchem man das Baby in Ermangelung einer Wiege untergebracht hatte. Wenn er etwas empfand gegenüber diesem winzigen Wesen mit dem mißvergnügten Ausdruck seines faltigen Altmännergesichts, so war es Unbehagen, ja eine Art physischen Ekels. Die kleine, warme Stube war erfüllt von der säuerlich faden Ausdünstung des Kindes in der frühesten Lebensperiode. Berting, Gerüchen gegenüber ungemein empfindlich, mußte sich zusammennehmen, nicht Widerwillen merken zu lassen. Alma hantierte mit dem winzigen Bündel von Gliedern und Leinwand, als sei es zeitlebens ihr Beruf gewesen, Kinder zu warten. Ganz ungeniert gab sie der Kleinen vor Fritzens Augen die Brust, wickelte sie aus und ein, versorgte sie mit frischen Windeln, mit jener herzhaften Freudigkeit der jungen Mutter, der alle Unannehmlichkeiten zum Vergnügen werden. Obgleich Alma den Geliebten mit gewohnter Wärme  begrüßt hatte, merkte Fritz doch sehr bald, daß er für sie in den Hintergrund trete im Vergleich zu dem Kinde. In Almas ganzer Erscheinung hatte sich eine Wandlung vollzogen, von der sie selbst wahrscheinlich nichts ahnte, die aber Fritz sofort stark auffiel. Ihre knospenhafte Frische und Lieblichkeit war unwiederbringlich dahin. Und dieser physischen Veränderung, die zunächst in die Augen sprang, schien auch eine Wandlung ihres ganzen Wesens zu entsprechen. Früher war Zärtlichkeit die treibende Kraft in ihr gewesen; die Liebe hatte alle anderen Kräfte und Gaben ihrer Natur gleichsam aufgesogen. Und jetzt durch einen natürlichen Prozeß, in seiner Art ebenso gesetzmäßig wie der ist, durch welchen aus der Knospe die Blüte und aus der Blüte die Frucht treibt, war in Alma die Geliebte zur Ruhe gegangen, hatte der Mutter Platz gemacht. Fritz wußte nicht einmal, ob er das bedauern solle. Es war melancholisch zu beobachten, wie schnell auch hier der anmutige Frühling sich in reifen Sommer verwandelte, von dem der Blätterfall des Herbstes nicht ewig weit entfernt ist. Aber was halfen alle sentimentalen Betrachtungen, wenn man es mit dem nüchternen Leben zu thun hatte! –An die Lebensprosa sollte der junge Vater an diesem Abende auch noch in anderer Weise erinnert werden. Alma setzte ihm auseinander, daß es ihr für die Pflege des Kindes an dem Allernotwendigsten fehle. Das bißchen Babywäsche war von der Wirtin geborgt, die auch einmal  ein kleines Kind gehabt hatte. Aber das langte nicht für die Dauer. Außerdem wünschte Alma sich eine Wiege, eine Badewanne und verschiedene andere Gegenstände, von denen sie sagte, daß sie in der Wochenstube unentbehrlich seien. Fritz hätte lachen können, wenn die Sache nicht einen verwünscht ernsten Hintergrund für ihn gehabt hätte. Woher das Geld nehmen? Und hinter diesen Ausgaben drohten neue, größere: wenn das Kind erst heranwachsen und alles das brauchen würde, was Martin Luther in der Erklärung zur vierten Bitte spezialisiert hat. Alma suchte ihn zu trösten, als er ihr die Schwierigkeiten seiner Lage offen auseinandersetzte. Sie wolle so sparsam leben wie nur irgend möglich. Sie sei ja nun auch wieder kräftig oder werde es wenigstens bald ganz sein. Dann könne sie an ihre Arbeit gehen. Nun es dem Kinde gelte, würde sie doppelt fleißig schaffen. Denn der Kleinen dürfe nichts abgehen; eher wolle sie selbst darben. Mit der Frühpost erhielt Berting eine auf schönem, starkem Elfenbeinkarton gedruckte Anzeige zugesandt. Frau Rentiere Magdalene Beierlein zeigte die Verlobung ihrer Tochter Mimi mit Herrn Redakteur Siegfried Silber an, und Herr Siegfried Silber gestattete sich auf der anderen Seite des Blattes seine Verlobung mit Fräulein Mimi Beierlein, einziger Tochter der verwitweten Frau Magdalene Beierlein, ergebenst kundzugeben. Fritz nahm zwei Visitenkarten und schrieb darauf: ›p. f. ‹ Für manche Gelegenheiten sind die fremdländischen Höflichkeitsformeln äußerst bequem. »Herzliche Glückwünsche« wären ihm in diesem Falle nur schwer aus der Feder geflossen. Der kleine Silber war schon seit Wochen nicht mehr in Fritzens Gesichtskreis getreten. Durch den Lebensversicherungsagenten und Dichter A. F. Schmidt, der unter dem Namen Adalbert von Feldeneck schrieb, hatte Fritz bei einer zufälligen Begegnung erfahren, daß Siegfried Silber sich inzwischen habe taufen lassen. Diese Messe war ihm Rom also doch wert gewesen. Für Berting war die Konfession eines Menschen im Grunde äußerst gleichgiltig. Ihn belustigte nur dieser neue Beweis von Silbers erstaunlicher Wandlungsfähigkeit. Seit den zwei Jahren, wo man sich kannte, war das bei dem Dichter Karol nun schon die wievielte Häutung? –Am Tage darauf erschien der Redakteur des »Impressionist« in Person bei Fritz. Er dankte zunächst für den freundlichen Glückwunsch und erklärte, mit Berting über Geschäfte sprechen zu wollen. Es sei nötig, dem »Impressionist« eine völlig neue Verfassung zu geben. Das hänge zusammen mit den pekuniären Verlusten, welche die Familie Hilschius-Eschauer getroffen hätten, von denen Berting ja wohl gehört haben werde. Fritz hatte nichts gehört. Er war schon seit Monaten nicht mehr in das Haus der Frau Hilschius gekommen. Seit Annies mißglücktem Versuch, sich in seine intimsten  Angelegenheiten zu mischen, hatte er die Beziehungen zu dem ganzen Kreise absichtlich vernachlässigt. Siegfried Silber war äußerst erstaunt oder gab sich wenigstens den Anschein, es zu sein, als er Berting über diese Dinge nicht informiert fand. »Dann wissen Sie also gar nicht, daß Rudolf Eschauer Pleite ist, und daß Frau Annie in der Klinik liegt?«Die schlechten Nachrichten über Annie trafen Fritz weit mehr als die Kunde vom Bankerott ihres Gatten. Daß der Bankier Eschauer zur verwegensten Sorte der Börsenspekulanten gehöre, hatte man schon früher gehört; sein Geschick konnte keinen Anspruch erheben auf Mitleid. Aber Annie, die lustige Annie, hoffnungslos krank! Daß es ihr schlecht gehe, und daß sie Schmerzen leide, hatte er neulich mit eigenen Augen gesehen; doch glaubte er, ihre zähe Lebenskraft werde das überwinden. Nun hörte er von Silber, daß sie an dem qualvollsten Frauenleiden, welches es giebt, unheilbar darnieder liege. Es paßte so gar nicht zu ihrer Person, sie sich mit dem Tode ringend vorzustellen. Fritz vergaß über dieser erschütternden Nachricht allen Groll, den er jemals gegen Annie im Herzen getragen hatte. In den Konkurs Eschauer war Frau Hilschius dadurch hineingezogen worden, daß sie ihrem Schwiegersohne unvorsichtiger Weise ein Kapital anvertraut hatte. Die Witwe sah sich gezwungen, ihre Ausgaben einzuschränken; und der »Impressionist« verlor eine wichtige Geldgeberin. Markus Hiesel, der andere Pfeiler des Unternehmens, war  ebenfalls wankend geworden; auch er wollte sich von dem Blatte zurückziehen, um nach Wien zurückzukehren. Siegfried Silber ließ gelegentlich einfließen, daß er Hiesel die Abstandssumme, welche er im Falle seines Austritts zu zahlen sich verpflichtet hatte, natürlich nicht schenken werde. Theophil Alois Hilschius wollte sich seinem Idol anschließen und in Wien leben. Die Zumutung, zu arbeiten, die ihm bei der Verschlechterung seiner Vermögensverhältnisse von verschiedenen Seiten nahe gelegt worden war, hatte Theophil als seiner durchaus unwürdig mit Entrüstung zurückgewiesen. Durch die letzten Ereignisse hatte sich die Lage des »Impressionist« vollständig verändert. Litterarisch habe das Blatt nur gewonnen, behauptete Silber, dadurch, daß es die beiden impotenten und dabei anspruchsvollen Muttersöhnchen los geworden sei. Es bestehe der Plan, das Unternehmen auf eine gänzlich neue Basis zu stellen. »Ganz im Vertrauen gesagt« – Silber flüsterte das, obgleich sie ganz allein im Zimmer waren – »Weißbleicher interessiert sich für das Geschäft.« Das sei doch kaum möglich, meinte Fritz. Weißbleicher, der ärgste Gegner des »Impressionist«, dem das Blatt die leistungsfähigsten Autoren weggekapert hatte, Weißbleicher, der Silber am liebsten wegen unlauteren Wettbewerbs verklagt hätte! – –»Vielleicht hat er eingesehen, daß er unserer Konkurrenz nicht gewachsen ist, und daß es ratsamer erscheint, uns zum Freunde zu haben,« meinte Silber mit  schlauem Augenzwinkern. »Das Blatt geht in den Verlag Weißbleicher über.« »Und Sie?«»Ich trete in die Firma ein. Finden Sie die Lösung nicht genial, Berting? Weißbleicher versteht das Geschäft, ich die Litteratur. Wir werden uns wundervoll ergänzen. Der »Impressionist« behält seinen Titel, ich bleibe Redakteur. Außerdem gedenken wir dem Verlag eine litterarische Agentur anzugliedern, in der wir Feuilleton-Romane vertreiben wollen. Das Neue, wodurch wir uns unterscheiden von ähnlichen Unternehmungen, ist, daß hier einmal litterarisches Verständnis, wirklich moderne Gesichtspunkte und Geschäftsgeist großen Stiles Hand in Hand gehen sollen. Warum, frage ich, soll es denn in der Litteratur nicht möglich sein, mit dem Geschäft idealen Sinn und mit dem Idealismus Geschäftsroutine zu verbinden? – Das litterarisch-künstlerische Niveau des »Impressionist« soll das denkbar höchste, auserlesenste sein und bleiben; aber den Annoncenteil gedenken wir bedeutend zu erweitern. Vielleicht, daß wir den allerextremsten Naturalismus etwas gegen früher einschränken. Für den Anfang war das ja ganz gut und wirksam. Aber nun ist genug Aufsehen gemacht; jetzt dürfen wir die Tonart um eine Nuance zarter anschlagen. Übrigens entspricht das nur der allgemeinen Entwickelung. Wenn Sie die Blätter aufmerksam verfolgt haben, Berting, muß Ihnen aufgefallen sein, daß der Naturalismus auf allen Gebieten den Höhepunkt bereits überschritten hat, ja zum Rückzug  bläst. Die litterarischen Wetterzeichen deuten schon wieder auf Wind aus einer ganz anderen Richtung. Dem muß eine aktuelle Revue, wie wir sein wollen, selbstverständlich Rechnung tragen. Wir werden, das erkläre ich von vornherein, uns nicht auf eine bestimmte Kunstformel festnageln lassen; wir wollen vielmehr mit Bewußtsein eklektisch sein; unser Programm wird eine gewisse Elastizität besitzen und damit dem Zeitgeist Rechnung tragen. Innerhalb dieser Grenzen aber wollen wir alles pflegen, was stark, neu, originell und zukunftverheißend ist. Natürlich rechnen wir dabei auf Ihre Unterstützung, lieber Berting. Ich hoffe, daß Sie uns Gelegenheit geben werden, Ihren Namen noch bekannter zu machen, als er schon ist. Wir dürfen Sie doch zu unseren Mitarbeitern zählen, nicht wahr?«Fritz dankte für soviel Ehre, lehnte jedoch ab. »Über den Preis, den Ihnen der »Impressionist« für Ihre Novelle gezahlt hat, können Sie doch wahrhaftig nicht klagen!« meinte Silber. »Wir würden denselben Satz weiter zahlen, nur an Sie, heißt das; bei keinem anderen Autor gehen wir so hoch. Ist das nicht eine glänzende Offerte? – He!«Fritz sagte, es sei unnütz, weiter zu verhandeln. »Was haben Sie, Berting?« rief Silber. »Sie haben etwas gegen mich!«Fritz zuckte die Achseln. Er hatte keine Lust, jenem auseinanderzusetzen, daß er alles andere eher ertragen wolle als Abhängigkeit vom Geldsacke des Parvenüs. »Ich kann Ihr Verhalten wirklich nicht verstehen,« fuhr Siegfried Silber fort. »Weißbleicher sagt mir, daß Sie fortgesetzt in Geldnöten seien und hier, wo Ihnen in wohlgemeintester Absicht Gelegenheit geboten wird, Geld zu verdienen, viel Geld ... « Berting erklärte in nicht mehr mißzuverstehender Weise, es bleibe bei dem, was er gesagt habe. Er bat, ihn nicht weiter mit Offerten zu belästigen, die ihm widerlich seien. Wie unter einem Schlage zuckte Siegfried Silber zusammen. Dann sagte er, bleich bis in die Lippen: »Sie sind sehr stolz, Berting, sehr stolz! Früher waren Sie anders. Als ich noch nichts besaß, als niemand etwas von mir wissen wollte, da haben Sie sich meiner angenommen. Jetzt, wo ich mich revanchieren will, stoßen Sie die hilfreich ausgestreckte Hand zurück. Das nenne ich Stolz und nicht einmal klugen Stolz. Daß es Ihnen nur nicht so geht wie Ihrem Freunde, dem Herrn Doktor Lehmfink, der es vor lauter Einbildung und Überhebung zu nichts bringt und im ganzen Leben nicht zu etwas bringen wird ... « Berting lachte laut heraus. Es bereitete ihm das innigste Vergnügen, Silber mitteilen zu können, wozu es Heinrich Lehmfink soeben in der ehrenhaftesten Weise gebracht habe. Der kleine Mann spitzte die Ohren. In seinen beweglichen Zügen las man eine Mischung von Überraschung und Neid und den Wunsch, seinen Ärger zu verbergen. Mit süßsaurer Miene erklärte er, daß Herrn Lehmfink in Anbetracht seiner kümmerlichen Lage solcher Erfolg ja nur zu gönnen wäre. Silber fing an, sich unbehaglich zu fühlen. Er sah nach der Uhr und besann sich auf einmal, daß er »dringende, redaktionelle Geschäfte« zu erledigen habe. Ehe er ging, erklärte er, noch einmal auf seine Bitte zurückkommen zu müssen. Er hoffe, daß Berting anderen Sinnes werden würde. Jedenfalls halte er seine Offerte aufrecht. Zum Abschied drückte er Fritzens Hand lebhaft und lächelte vertraulich, als gehe man im schönsten Einvernehmen auseinander. Dann verschwand er mit eingezogenem Kopfe und gekrümmtem Rücken schnell. Es blieb für Berting nunmehr kein anderer Ausweg, als sich in seinen Geldnöten an Heinrich Lehmfink zu wenden. Schwer genug wurde ihm der Schritt. Er fand es jedoch minder demütigend, seines Freundes Schuldner zu sein, als aus Siegfried Silbers Hand ein noch so schönes Honorar zu empfangen. Lehmfink schaffte sofort das Notwendige, und so kam Fritz in die Lage, Almas Bedürfnisse für die Wochenstube zu befriedigen. Nun überwand er auch seinen Widerwillen gegen die Säuglings-Atmosphäre und ging jeden Tag auf kurzen Besuch in Almas Wohnung. Er war mit dem Verhalten der jungen Mutter nicht zufrieden; sie strengte sich mit allerhand nebensächlicher  Arbeit über Gebühr an. Die Wartung des Kindes allein hätte ihr genug zu schaffen gegeben, und nun hatte sie es sich überdies in den Kopf gesetzt, die ganze Säuglings-Ausstattung auf der Maschine zu nähen. Fritz hielt ihr vor, was der Arzt gesagt hatte, daß in ihrem eigenen Interesse Schonung dringend geboten sei. Alma erwiderte darauf nur, ihr habe niemals etwas Ernsthaftes gefehlt, und es sei unnötig, für Arbeit, die sie selbst verrichten könne, den Kaufleuten Geld an den Hals zu werfen. Mit Passion schnitt sie zu, nähte und säumte sie, als müsse das winzige Ding in der Wiege bereits jetzt auf Jahre hinaus mit Leibwäsche versorgt werden. Sie war von der Manie der jungen Mutter besessen, den kleinen Schreihals zu verwöhnen und darüber schließlich sich selbst zu vergessen. Während sich Alma früher Fritzens Wünschen blindlings untergeordnet hatte, war mit der Mutterschaft ein neuer Geist über sie gekommen. Sie, die ehemals nur selten eine eigene Meinung geäußert hatte, wußte ihm klar zu machen, daß er in dem, was das Kind betraf, nur ein Laie sei, und daß sie sich da nichts hineinreden lassen werde. So war es auch in der Tauffrage. Fritz hielt es im Grunde seines Herzens für äußerst überflüssig, das Kind taufen zu lassen. Für Alma wiederum bedeutete es gar nichts, daß ihr Töchterchen im standesamtlichen Register als Hulda Ernestine Alma eingetragen war – Namen, die sie selbst ausgewählt hatte. – Solange das Kindchen nicht mit dem heiligen Taufwasser benetzt war, galt es ihr  nicht als richtiger Mensch. Sie verlangte Taufe in der Kirche, von einem ordentlichen Pastor in Talar und Beffchen, und Paten sollten auch dabei sein. Fritz sah, daß er hier einem jener weiblichen Wünsche gegenüberstand, die man mit Vernunftgründen am allerwenigsten widerlegen kann. Er schickte sich seufzend in das Unabänderliche und besorgte selbst die Anmeldung bei dem zuständigen Geistlichen. Heinrich und Toni Lehmfink, denen er etwas zaghaft die Patenschaft antrug, nahmen ohne Zögern, ja mit offenbarer Freude an. Heinrich allerdings würde persönlich bei der Tauffeier nicht zugegen sein können, da er seiner Habilitierung halber eine unaufschiebbare Reise in die Heimat unternehmen mußte. Toni führte ihre Absicht, das Kindchen zu sehen, nunmehr aus. Fritz hatte den Besuch bei Alma angemeldet. Ihr zu sagen, daß sie das Kind herausputzen möge, war bei dieser Mutter nicht nötig. Fritz selbst hielt sich fern. Er meinte, daß Toni und Alma, allein gelassen, ungenierter als in seiner Gegenwart, miteinander verkehren würden. Es war derselbe Tag, an dem Heinrich abreiste. Fritz war auf den Bahnhof gekommen zum Verabschieden; dann hatte er die Schwester des Freundes bis zu Almas Thür geleitet. Am Nachmittage fuhr er zu Toni hinaus, um sich von ihr erzählen zu lassen, welchen Eindruck sie von ihrem zukünftigen Patchen gewonnen habe. Auch auf das, was sie von Alma sagen würde, war er natürlich sehr gespannt. Toni erklärte, sein Kommen erspare ihr einen Brief; sie sei eben darüber gewesen, an ihn zu schreiben. Fritz glaubte, zu bemerken, daß das Mädchen heute etwas ungewöhnlich Gedrücktes, Unsicheres habe, was doch sonst gar nicht in ihrer Art lag. Sollte der Besuch bei Alma doch vielleicht eine zu starke Zumutung für sie gewesen sein? –Fast etwas kleinlaut fragte er, wie sie Mutter und Kind gefunden habe. Und zum ersten Male empfand er etwas wie Vaterstolz, als Toni Lehmfink ihm mit Thränen in den Augen sagte, welch glücklicher, von Gott gesegneter Mensch er sei, solch herziges, gesundes, gutes und reines Geschöpfchen sein nennen zu dürfen. Sie schüttelte ihm beide Hände mit der ihr eigenen, unwiderstehlichen Herzlichkeit. »Aber über etwas anderes muß ich ganz ernsthaft mit Ihnen sprechen, Herr Berting!« fuhr Toni fort. »Es betrifft die Mutter. Ich glaube, Alma lebt sehr unvernünftig.« Fritz erwiderte darauf, er wisse das; aber er sei völlig machtlos Almas Eigensinn gegenüber. »Wenn Sie Mutter und Kind lieb haben,« fuhr Toni fort, »dann müssen Sie hier ernsthaft eingreifen. Ich kann nur sagen, mich hat, was ich gesehen habe, sehr besorgt gemacht.« Ob sie glaube, daß Alma leidend sei, erkundigte er sich. Daß sie angegriffen wäre, habe er ja auch bemerkt; aber das sei doch vielleicht nur natürlich. »Ich glaube, Sie nehmen die Sache zu leicht!« erwiderte Toni und errötete dabei über und über. »Ja, mein Gott!« rief Berting, »Doktor Mosch hat mir doch gesagt, es sei alles normal verlaufen!«Toni stand auf und trat ans Fenster, ihm den Rücken zuwendend. Fritz begriff, daß er ihr Zartgefühl verletzt hatte. Das war ihm in der Lebhaftigkeit so herausgefahren. Esel, der er gewesen! Sollte er um Verzeihung bitten? Vermehrte man damit nicht das Peinliche der Situation? –Toni kehrte bald zu ihm zurück. Sie mochte in seiner Miene das Betretensein lesen. »Gelt, Sie nehmen es sich nicht zu Herzen, Herr Berting!« Damit reichte sie ihm die Hand. Was war man für ein gefühlsroher Barbar, gehalten gegen ein solches Geschöpf! –Dieses Mißverständnis zwischen ihnen war vorübergegangen wie der Schatten, den eine Wolke wirft. Tonis Augen strahlten wieder in Freundlichkeit. »Ich möchte Ihnen nicht unnötige Angst machen,« sagte sie. »Aber ich glaube, ein wenig Blick zu besitzen, für Gesundheit und Krankheit; denn ich habe in meinem Leben viel leiden gesehen. Ich will Ihnen ganz offen sagen, Herr Berting, was mir an Almas Fall Sorge macht. Es ist etwas, was ein Arzt, vor allem ein junger, kaum beachten wird; aber wir Frauen sehen in solchen Dingen schärfer, selbst, wenn wir ungelehrt sind. Die junge Mutter giebt zuviel Kraft ab an den Säugling; das ist es. Ich hoffe, noch ist kein Schaden geschehen; aber  höchste Zeit wird es, eine Änderung zu treffen. Ich war eben dabei, Ihnen deshalb zu schreiben. Schriftlich lassen sich dergleichen Dinge leichter sagen ... « Toni hielt einen Augenblick im Sprechen inne und seufzte. Man konnte ihrer Miene die Überwindung ansehen, welche diese Aussprache sie gekostet hatte. »Also, meine Meinung ist die,« fuhr sie fort, »Alma muß die Kleine entwöhnen. So, nun habe ich es Ihnen gesagt, nun wissen Sie es!«Fritz erhob sich. Er dankte Toni von ganzem Herzen für ihren Rat. Sogleich wollte er gehen und das Nötige veranlassen. Toni gab ihm Grüße mit an Alma und das Kind. Er hatte es sich, selbst ganz erfüllt von der Richtigkeit dessen, was Toni ihm auseinander gesetzt, leichter vorgestellt, auch Alma davon zu überzeugen, als er es in Wirklichkeit fand. Das Kind entwöhnen! Die Kleine mit künstlicher Nahrung groß ziehen! – Alma war entrüstet über solches Ansinnen. Wer ihm denn diesen Gedanken eingegeben habe, forschte sie; denn das gehe doch nicht von ihm aus. Fritz sagte ihr, daß Toni Lehmfink ihn auf die Gefahren aufmerksam gemacht hätte, welche das Stillen haben könne. »So, das Fräulein – Fräulein Lehmfink! Das habe ich mir gedacht!«Fritz erwiderte, daß er Toni sehr dankbar sei für den Wink. »Die versteht wohl gerade etwas von der Sache!« rief Alma höhnisch. Alma schwieg beharrlich zu allem, was er weiter vorbrachte. Sie war beleidigt. Fritz verwünschte es jetzt, daß er Tonis Namen genannt hatte. Wer dachte denn aber auch immer gleich an Almas Neigung zur Eifersucht! Er kam in gelinde Verzweiflung. Wieder einmal stand man einer jener Launen gegenüber, wo, wie er aus Erfahrung wußte, weder in Güte, noch mit Gewalt etwas auszurichten war. Schließlich entschloß er sich, Doktor Mosch in dieser Angelegenheit zu fragen. Am heutigen Abend war es jedoch zu spät dazu. Am nächsten Morgen suchte er den Arzt auf. Der junge Mediziner nahm eine ironische Miene an, als Fritz ihm, ohne zu sagen, von wem seine Weisheit stamme, die Gefahren auseinandersetzte, die das Selbstnähren für die junge Mutter im Gefolge haben könne. Auf Fritzens Wunsch kam er sofort mit in Almas Wohnung. Auch Doktor Moschs Urteil lautete schließlich auf Entwöhnung. Er gab an, in welcher Weise der Übergang zur künstlichen Nahrung zu erfolgen habe, damit dem Säugling kein Schaden widerfahre. Alma nahm die Weisungen des Arztes ohne Widerspruch auf. Auch dem Verbot, in der nächsten Zeit mit der Nadel oder gar an der Nähmaschine zu arbeiten, fügte sie sich ohne Murren. Berting war durch ihr Verhalten auf das angenehmste  überrascht; er hatte sich auf eine Thränenszene gefaßt gemacht. Mit dem Erfolge des ärztlichen Besuches konnte er zufrieden sein. Er schrieb ein paar Zeilen an Toni Lehmfink, in denen er ihr mitteilte, daß alles ihrem Ratschlage gemäß geordnet sei. Siegfried Silber hatte an Berting geschrieben. Dem Briefe lagen eine Anzahl Druckbogen bei. Fritz hatte geglaubt, nach der Unterhaltung von neulich seien die Beziehungen zwischen ihm und dem Redakteur des »Impressionist« endgiltig abgebrochen. Aber unter dem Briefe stand zu lesen: »In aufrichtiger Verehrung Karol.« Silber schrieb, er könne nicht umhin, Berting die beiliegenden Bogen zuzuschicken, weil er zu genau wisse, daß ihr Inhalt ihn aufs lebhafteste interessieren werde. Sie stammten von einer Novelle, die der »Impressionist« demnächst bringen wolle. Die Verfasserin sei niemand anders als Fräulein Hedwig von Lavan, die entdeckt und in die Litteratur eingeführt zu haben, Berting das Verdienst zukomme. Der Brief fuhr fort: »Zu meinem Befremden höre ich von Fräulein von Lavan, die ich auf Grund der Einsendung des Manuskripts zu besuchen mir erlaubt habe, daß die junge Dame in keinerlei Verbindung mehr mit Ihnen steht. Ich bedauere das für beide Teile, ohne mir herausnehmen  zu wollen, dem Anlaß dieser Entfremdung nachzuforschen. Jedenfalls bleibe ich Ihnen verbunden dafür, daß Sie mich auf dieses Talent seinerzeit aufmerksam gemacht haben. Die scharfe Beobachtungsgabe der jugendlichen Verfasserin ist geradezu stupend. Diese neueste Arbeit bedeutet eine starke Talentprobe. Das Thema ist heikel; aber der Esprit, mit dem es behandelt wird, versöhnt uns mit dem Gewagtesten. Manche Situationen sind so lebenswahr geschildert, daß man an persönliches Erlebnis glauben möchte, wenn das nicht aus anderen Gründen fast unmöglich erschiene. Jedenfalls wird es Sie, lieber Berting, interessieren, von dieser eigenartigen Federzeichnung Kenntnis zu nehmen. Und ich bin aufs äußerste gespannt, ob unser Urteil, wie über so vieles, auch über die Arbeit von Fräulein von Lavan sich trifft.« Berting hatte beim Lesen dieses Schreibens das Gefühl, daß Schadenfreude dem Absender die Hand geführt haben müsse. Er faßte sofort einen ganz bestimmten Verdacht gegen Hedwigs von Silber so sehr gepriesene Novelle. Und richtig, als er die Druckbogen zu lesen begann, fand er seine Vermutung vollauf bestätigt: Hedwig hatte in diesem neuesten Werke ihn, Fritz Berting, und ihre Erlebnisse mit ihm geschildert. Er war da bis herab auf gewisse Äußerlichkeiten der Toilette genau beschrieben, so daß ihn jeder Bekannte sofort wiedererkennen mußte. Auch Waldemar Heßlow kam in Gestalt eines körperlich robusten, geistig unbedeutenden Operntenors ziemlich durchsichtig dargestellt vor. Die  Heldin war als angehende Schauspielerin eingeführt. Sie amüsiert sich eine Weile damit, den einen Liebhaber gegen den anderen auszuspielen; dann giebt sie beiden den Laufpaß. Fritz konnte sich eines unbehaglichen Gefühles nicht erwehren, als er sich so zum Gegenstande einer nichts weniger als freundlichen Persiflage gemacht sah. Eine wunde Stelle in seiner Erinnerung, die noch nicht lange vernarbt war, begann von neuem zu schmerzen. Nicht daß er für Hedwig von Lavan noch etwas Tieferes gefühlt hätte, aber er schämte sich, daß er sich von einer Person, deren Charakter sich ihm immer unzweideutiger enthüllte, so hatte düpieren lassen. Daß ein Schriftsteller die intimsten Erfahrungen seines Lebens künstlerisch verwertete, war nichts Außergewöhnliches. Alles kam in solchem Falle auf das Wie an. Das hier war ein Abklatsch nach dem Leben. Berting fand in der Novelle ganze Gespräche wieder, die er in Wirklichkeit mit Hedwig geführt hatte. Glich solches Verhalten nicht im Grunde dem indiskreten Vorlesen von Briefstellen, die für keine anderen Ohren und Augen als die des Empfängers berechnet sind? –Wunderlich, daß ihm Hedwig selbst die Augen öffnen sollte über die tiefste Schwäche ihres Wesens. War es nicht ein Charakterfehler, der sie auch als Künstlerin verdarb? Haftete ihr nicht ein großer Mangel an bei aller äußeren Verfeinerung, bei allem Schliff des Wesens, Mangel an Takt, an jenem Takt, der eine Eigenschaft  ist des Herzens, den man vor allem beim Weibe sucht, und der das einfachste, ungebildetste Mädchen auszeichnen kann?Fehlte Hedwig nicht jene Ehrfurcht vor dem eigenen Thun, jene zarte Scheu, welche die Seele ebensowenig den Blicken der Menge preisgeben wird wie den Leib? Jene Schamhaftigkeit des Schaffenden, die das Kunstwerk selbst gewissermaßen zum Schleier macht des inneren Erlebens?Offenheit und Freimut gehörten zur Kunst, gewiß! Aber dies hier ging einen Schritt weiter. Bei Hedwig von Lavans neuestem Erzeugnis hatte man es mit Zuchtlosigkeit zu thun. Diese Erfahrung fiel zusammen mit Gedanken, die Berting gerade in der letzten Zeit stark beschäftigten. Er hatte den französischen Roman nunmehr zu Ende übersetzt und atmete auf, als diese ihn im Grunde anwidernde Arbeit erledigt war. Nun konnte er sich endlich einer Sache widmen, die ihn schon lange im Geiste beschäftigt hatte: Heinrich Lehmfinks Buch. Wenn man die Quintessenz dieses Werkes in ein einziges Wort zusammenfassen wollte, so hieß die Fahne, die darin weithin sichtbar aufgepflanzt wurde: durch Selbstzucht zur Persönlichkeit. Es war nicht immer leicht, dieses Leitmotiv aus jedem einzelnen Teile herauszuhören; der Autor hatte es in die verschiedensten Gewandungen gekleidet. Lehmfink wußte,  daß nichts auf den Leser stärker wirkt, als was er sich selbst aus einem Buche gewinnt. Darum octroyierte er keine Systeme und Lebensregeln, gab keine langatmigen Referate, sondern versuchte durch Lebendigkeit und Mannigfaltigkeit zunächst das Interesse zu fesseln. Vor allem war es das Beispiel der großen, originellen Persönlichkeit, in dem er der Grundidee plastische Gestalt zu verleihen suchte. Aber auch an ganzen Epochen illustrierte er sein Thema, wies nach, wie Mangel an Persönlichkeit und Verfall identisch sind. Die bisherigen Besprechungen hatten nach Bertings Ansicht den Kern des Buches sämtlich unberührt gelassen, mochten sie lobend sein oder tadelnd. Sie hatten nicht die induktive Methode Lehmfinks beachtet und seinen erzieherischen Zweck, sondern sich einfach an das äußerlich Stoffliche gehalten. Der eine Kritiker hatte sich an Lehmfinks Heine-Gegnerschaft gestoßen, der andere an seiner Bismarck-Bewunderung. Ihr subjektiver Gegensatz zum Autor in einer Einzelfrage beherrschte dann die Würdigung des ganzen Werkes. Ein anderer wiederum nahm das Buch einfach für seine Partei in Anspruch, wo doch Lehmfink alles andere hatte geben wollen als die Programmschrift einer bestimmten Richtung. Solchen Mißverständnissen entgegenzutreten, meinte Fritz, sei es nunmehr an der Zeit. Er selbst schien dazu der Berufene. Kannte er doch die Absichten, die Lehmfink mit der Publikation der »Deutschen Persönlichkeit« verfolgt  hatte, wie kein anderer. Waren ja manche Kapitel darin direkt aus Debatten hervorgegangen, die er mit ihm gehabt hatte. Ja, es fanden sich Stellen, die eingestandenermaßen für Berting, oder auch gegen ihn geschrieben worden waren. Fritz beabsichtigte mit dem, was er schreiben wollte, nicht bedingungslos dem Werke zuzustimmen. Lehmfink wäre der letzte gewesen, dem diese Art von Kritik zugesagt hätte. Es galt eine ehrliche Auseinandersetzung von Mann zu Mann. In vielem würde Berting mit dem Buche ebensowenig wie mit dem Verfasser sich jemals einigen können, das wußte er. Über den Wert ästhetischer Kultur, über den Sinn der Dekadenz, die Judenfrage, über Nietzsche und anderes würden sie ewig getrennter Meinung bleiben. Aber konnten solche Differenzpunkte verhindern, daß Berting die Weltanschauung Heinrich Lehmfinks als ein Ganzes auffaßte und würdigte, und daß er dem hohen Ethos, welches das Werk erfüllte, Respekt zollte! –Den umfangreichen Aufsatz, der auf diese Weise zustande kam, schickte Fritz an seinen alten Bekannten, den Schriftsteller Maximilian Nackede in Berlin, der vor Jahresfrist eine litterarische Korrespondenz gegründet und Fritz schon einige Male um Beiträge dazu ersucht hatte. Nackede quittierte umgehend den Empfang des Artikels und erklärte, ihn baldigst bringen zu wollen. Berting hatte sich bei den von Doktor Mosch für die Wochenstube getroffenen Anordnungen beruhigt; er nahm als selbstverständlich an, daß Alma ihnen nachlebe. Aus diesem Wahne riß ihn ein Brief von Toni Lehmfink. Sie schrieb, daß sie Alma aufgesucht und in keinem guten Zustande gefunden habe. Die junge Mutter lasse die Vorschriften des Arztes völlig außer acht. Die künstliche Nahrung für die Kleine verkomme unbenutzt, und die Nähmaschine sei offenbar gebraucht worden. Die Folgen zeigten sich in Almas Entkräftung und auch in einem bedenklichen Stillstand der Entwickelung des Kindes. Fritz wurde gebeten, sofort nach Almas Wohnung zu kommen, wo er die Schreiberin antreffen werde. Der Brief war ihm durch einen Boten überbracht worden. Tonis Brief schien in seiner Knappheit noch allerhand Schlimmes wegzulassen. Fritz war aufs höchste bestürzt und eilte sofort nach Almas Wohnung, das Ärgste befürchtend. Er fand Toni Lehmfink, eine große Schürze vorgebunden, mit Flaschen hantierend. Sie machte ihm, sowie er eintrat, Zeichen und wies auf das Bett. Dort lag Alma sorgfältig zugedeckt und schlief. Die Vorhänge waren herabgelassen; es herrschte angenehmes Dämmerlicht in dem Raume. Dabei strich die warme Sommerluft ungehindert durchs Fenster. Fritz, vom schnellen Gehen noch ganz atemlos, erkundigte sich, wie es stehe. Toni beruhigte ihn; wirkliche Gefahr, hoffe sie, sei nicht vorhanden. Toni war seit gestern abend da und hatte die Nacht auf dem Sofa zugebracht. Das Schlimmste sei der Eigensinn der Kranken, teilte sie Fritz im Flüstertone mit. Gestern habe es eine ernste Szene gegeben. Almas Mißtrauen gegen sie sei ihr gänzlich unverständlich. Fritz hielt es für weiser, Toni keine Erklärung von Almas Benehmen zu geben; er ahnte, daß ihm nichts anderes zu Grunde lag als Eifersucht. Toni gab dem Kinde eben zu trinken. Sie machte den Vater darauf aufmerksam, mit welchem Appetit sein Töchterchen der Flasche zuspreche. Mit freudestrahlender von tiefem Interesse durchglühter Miene stand sie dabei und sah dem Würmchen zu, es hie und da durch einen Handgriff unterstützend. Berting sah in Tonis Zügen, wie sie sich über die Wiege seines Kindes beugte, plötzlich gänzlich neue Eigenschaften und Möglichkeiten. Toni hatte für ihn oft etwas knabenhaft Herbes gehabt, etwas Sprödes, eine gewisse harte Sachlichkeit, zu der sie wohl das Leben erzogen hatte. Hier strahlte ein Neues aus ihr, dessen sie sich offenbar selbst gar nicht bewußt war, ein Urgefühl, das innerste Wesen ihres Geschlechts: die Liebe zum Kinde. Das gab dem großgewachsenen, hageren Mädchen mit den energischen Zügen eine milde Anmut, beseelte das ganze Geschöpf und machte sie beinahe schön. Als das Kind sich satt getrunken hatte, wischte ihm Toni mit einem Läppchen den Mund aus und deckte ein  Tuch über die Wiege. Dann machte sie sich darüber, die Flasche auszuspülen. Schweres Atmen rief sie an das Bett; aber Alma hatte nur im Schlafe geseufzt. Toni rückte die Kissen der Schlummernden ein wenig zurecht und kehrte dann zu dem Kinde zurück. Fritz schaute ihrem Walten eine Weile voll Staunen zu. Mit welcher großartigen Selbstverständlichkeit sie alle Handgriffe that! Wunderbare Wesen, diese Frauen! Das Gewöhnlichste noch vermochten sie zu adeln, wenn sie ihre Seele hineinlegten. Alma mochte ruhig sein! Für sie bedeutete Toni Lehmfink alles andere als eine Rivalin, viel eher eine Bundesgenossin. Toni hatte in Fritz Bertings Leben eine neue Erfahrung gebracht, in sein Empfinden etwas Großes gepflanzt: Achtung vor dem Weibe. Ja, Alma hätte Grund gehabt zu tiefster Dankbarkeit. Ihr Geliebter sah sie in einem reineren und schöneren Lichte, seit Toni sich als Schwester zu ihr geneigt hatte. –Der Tauftag war herangekommen. Alma durfte nicht mit zur Kirche gehen. Es war eine schwere Aufgabe, ihr das begreiflich zu machen; bis zum letzten Tage noch versuchte sie, das Aufstehen zu erzwingen. Während Toni Lehmfink zu einer Besorgung für kurze Zeit in die Stadt gegangen war, hatte Alma das Bett heimlich verlassen und war im Zimmer zusammengebrochen. Toni fand sie ohnmächtig neben der Wiege liegend. Von diesem Augenblicke an war eine schwere Apathie über die Kranke gekommen. Sie nahm an der Taufe kein  Interesse mehr, ließ Toni alles vorbereiten, wie sie es für recht hielt. Der Blumenstrauß, den Fritz ihr brachte, als er kam, um Toni und den Täufling zur Kirche abzuholen, wurde von der Kranken nur mit einem matten Lächeln entgegengenommen. Berting, der noch nichts von der vorausgegangenen schweren Ohnmacht wußte, äußerte auf der Fahrt zur Kirche seine Verwunderung darüber, daß Alma bei dem Abschied von der Kleinen so über alles Erwarten ruhig gewesen sei. Toni sagte, gerade diese Gleichgiltigkeit, so bequem sie auch im Augenblicke sei, mache sie besorgt. Sie bat Fritz, einen zweiten, womöglich älteren Arzt heranzuziehen, da Doktor Mosch den Fall von Anfang an nicht richtig erkannt zu haben scheine. Die Taufe war so nüchtern wie möglich. Der Geistliche eilte mit seiner Rede, da draußen zwei weitere Taufgesellschaften warteten. Die Hebamme war schlechter Laune über eine Feier, bei der es so wenig Paten gab und so einfach zuging. Die große, leere Kirche wirkte andachtertötend. Für Berting wäre die Zeremonie unerträglich gewesen, hätte er nicht Toni gehabt. Sie hielt den Täufling über den Stein; sie antwortete auf die Fragen des Geistlichen mit kräftigem »Ja«; sie bischte die Kleine zur Ruhe, als sie anfangen wollte zu schreien. Wenn an dem sonst völlig stimmungslosen Vorgang doch etwas war, was die Bezeichnung »festlich« verdiente, so ging es von Toni Lehmfink aus, von der Innigkeit und Freudigkeit, mit der sie hier wie überall ganz bei der Sache war. Den Nachmittag verbrachte Fritz Berting auf der Suche nach einem Arzt. Mehrere lehnten den Fall rundweg ab, da die Kranke bereits in Behandlung sei. Endlich fand sich ein älterer Mediziner bereit, die Wöchnerin zu besuchen, unter der Bedingung, daß Doktor Mosch seine Einwilligung gebe. Berting versprach, diese zu schaffen. Er traf Doktor Mosch nicht zu Haus und mußte ihm seine Bitte daher schriftlich hinterlassen. Für die Nacht konnte er ruhig sein; denn Toni hatte versprochen, bei Alma zu bleiben. Frühzeitig sollte er Nachricht erhalten über das Befinden der Kranken. Fritz wartete am nächsten Morgen voll Spannung auf die versprochene Mitteilung, als zu seiner Überraschung Toni Lehmfink selbst in sein Zimmer trat. Er sagte sich sofort, daß Außerordentliches sie zu solchem Gange veranlaßt haben müsse. Die beiden Ärzte hatten sich miteinander in Verbindung gesetzt und waren heut früh an Almas Bett erschienen zur Konsultation. Das Resultat war ein ernstes. Der ältere Arzt hatte entschieden, daß Alma ins Krankenhaus geschafft werde. Wie Toni mit begreiflicher Zurückhaltung andeutete, schien sich bei der Wöchnerin ein Leiden entwickelt zu haben, das einen sofortigen operativen Eingriff notwendig machte. Toni hatte noch dem Transport Almas zum Krankenwagen beigewohnt; dann war sie hierher geeilt, um Fritz zu benachrichtigen. Es war das erste Mal, daß Berting Toni die Fassung verlieren sah. Das Mädchen hatte sich auf seinem  Sofa niedergelassen und bedeckte die Augen mit dem Taschentuch. Fritz ließ sie sich ausweinen. Er begriff, daß ihre Schwäche körperliche Ursachen habe. Die letzten Tage mußten furchtbar anstrengend für sie gewesen sein. Sie hatte sich aufgeopfert. Schmerzlich war es, daß man ihr soviel Güte nicht zu vergelten vermochte. Ja, Fritz mußte sogar mit der Bitte um einen neuen Dienst an sie herantreten. Was sollte mit dem Kinde werden? Wollte Toni ihm diese Sorge abnehmen, wenigstens solange Alma im Krankenhause war? –Der Gedanke an das Kind elektrisierte Toni. Ob sie das kleine Wesen fürs nächste ganz zu sich nehmen dürfe, fragte sie. Berting war beschämt, als Toni ihm für die nur zu gern erteilte Erlaubnis dankte, als widerfahre ihr das größte Glück. Er begab sich nach dem Krankenhause. Dort mußte er lange antichambrieren. Fräulein Lux sei im großen Frauensaale untergebracht, hieß es, und es entspräche nicht der Ordnung des Instituts, männlichen Besuch dort einzulassen. Zufälligerweise traf er den Arzt, den er selbst zu Alma gerufen hatte. Der Herr Sanitätsrat erklärte, die Operation sei normal verlaufen, die Kranke jedoch äußerst geschwächt vom Blutverlust. Über den voraussichtlichen Verlauf der Krankheit sich zu äußern, vermied der vorsichtige Mann. Der Fall sei nicht hoffnungslos; mit dieser wenig tröstlichen Redensart wurde Fritz entlassen. Doktor Mosch, zu dem er sich nunmehr begab, legte vor allem das Bestreben an den Tag, sich von Schuld reinzuwaschen. Er habe den Fall durchaus nicht leicht genommen. Die Kranke sei allein schuld an der Verschlimmerung ihres Zustandes durch Außerachtlassen der ärztlichen Vorschriften. Er gab dann ein Bild des Krankheitsverlaufs, mit sehr vielen technischen Ausdrücken gespickt. Was nützte alles das! Fehler waren begangen worden. Es erschien müßig, sie jetzt noch feststellen zu wollen. Innere Unruhe, wie er sie noch nicht gekannt hatte, trieb Fritz von einem Orte zum anderen. Den Versuch, zu arbeiten, gab er bald auf. Im Café, wohin er sich zum Zeitungslesen begeben hatte, litt es ihn nicht lange. Schließlich lenkte er seine Schritte wieder nach dem Krankenhause. Es erging ihm dort ähnlich wie am Morgen. Über Almas Befinden war nur ganz Allgemeines zu erfahren. Mit der Kranken zu sprechen, sei nicht gestattet; das würde nur in ganz besonderen Fällen den nächsten Anverwandten genehmigt. Berting verwünschte es jetzt, daß er, als man ihn gefragt, welche Beziehungen er zu Fräulein Lux habe, gesagt hatte, er sei ihr Bräutigam. Vielleicht, wenn er sich als Bruder ausgegeben hätte, würde man ihn vorgelassen haben. Die Vorsteherin der Frauenabteilung, ein dürres, altjüngferliches Wesen, mit der zu sprechen ihm endlich gelang, behandelte ihn nichts weniger als achtungsvoll. Fritz kochte innerlich. Es war klar, daß Prüderie ihm den Weg versperrte zu Alma. Doch nahm er sich zusammen; mit Eifer war hier gar nichts auszurichten. Er bat, ob man nicht in diesem einen Falle eine Ausnahme von der Regel machen könne. Die Vorsteherin, durch seine Beharrlichkeit doch endlich schwankend gemacht, erklärte, den kontrollierenden Arzt, der in einiger Zeit kommen müsse, fragen zu wollen; sie selbst könne solche Verantwortung nicht auf sich nehmen. Berting hatte eine weitere Stunde im Sprechzimmer zu verbringen. Es war inzwischen Abend geworden. Endlich kam der Erwartete. Es war ein älterer Herr von knapper, aber nicht unfreundlicher Sprechweise. Fritz eröffnete ihm rückhaltlos seine Lage. Der Arzt lächelte; dann gab er Anordnungen, aus denen Berting ersah, daß sein Wunsch erfüllt werden solle. Eine junge Schwester von sympathischer Erscheinung kam herzu. Sie sei die Pflegerin von Nummer einundzwanzig, hieß es. Fritz, der ihr übergeben worden war, folgte ihr durch einen langen Gang. Als man vor der Thür des Frauensaales angelangt war, faßte er sich ein Herz und fragte, was sie von dem Befinden der Kranken halte. Die Schwester zögerte mit der Antwort. Fritz, der ihr stilles Gesicht voll Spannung beobachtete, glaubte, dort etwas wie Mitleid zu lesen. »Der Herr Sanitätsrat meinte heute früh, es sei nicht aussichtslos,« erklärte sie mit wohllautender Stimme; »aber seitdem ist das Fieber trotz Digitalis und Eisumschlägen  langsam im Steigen. Machen Sie sich darauf gefaßt, daß das Fräulein Sie nicht erkennen wird.« Sie schritt vor ihm durch die Thür. Man trat in einen großen Saal, in welchem, nur durch schmale Gänge unterbrochen, Bett an Bett stand. Es herrschte das Schweigen der Nachtruhe in dem weiten, kahlen Raum, der keinen Anfang zu haben schien und kein Ende. Berting folgte der lautlos vor ihm hergleitenden Schwester durch den langen Mittelgang. Nummer einundzwanzig befand sich in der Ecke. Hohe Bettschirme von dunklem Stoff umgaben Almas Lager, so daß sie wie in einem kleinen Zimmer für sich, abgeschlossen von den übrigen Kranken, lag. Fritz trat an das Bett und blickte forschend in Almas Gesicht. Es zeigte wenig Veränderung. Die Wangen waren hoch gerötet, die Augen ungemein lebhaft, der Atem flog. Man hatte ihr das Haar zu zwei starken Zöpfen geflochten, die ihr auf den Schultern lagen. Sie trug die weite Nachtjacke der Anstalt mit langen Ärmeln. Die Schwester öffnete die Jacke der Kranken am Hals und nahm den Fieberthermometer aus der Achselhöhle. Dann machte sie auf einer mit einem Netz von Linien bedeckten Karte ihren Eintrag und ließ Fritz die Fieberkurve betrachten. Der höchste soeben erreichte Punkt zeigte 41° Celsius. »Das ist wohl sehr hoch?« erkundigte sich Fritz zaghaft. »Der Herr Sanitätsrat hat angeordnet,« erwiderte die Schwester ausweichend, »daß wir, falls einundvierzig Grad überschritten würden, Eisbad geben sollen.«  Sie legte den  Thermometer wieder in die Achselhöhle, dann flößte sie der Kranken einen Schluck Eiswasser ein, schließlich maß sie den Puls und machte auch hierüber einen Eintrag. »Ich gehe jetzt zu einer anderen Kranken gleich nebenan,« sagte die Schwester in gedämpftem Tone; »vielleicht reichen Sie von zehn zu zehn Minuten einen Löffel hiervon« – sie wies auf das Eiswasser –. »Der Durst ist sehr groß. Wenn sonst irgend etwas gebraucht wird, rufen Sie mich, bitte!«Damit verschwand sie geräuschlos; von außen rückte sie den Bettschirm so, daß Berting mit der Kranken völlig unbeobachtet war. Er ließ sich auf dem Stuhle nieder, der neben dem Bette stand, und griff nach Almas Händen. Sie waren glühend heiß. »Alma!« rief er, »Alma!« Die Kranke antwortete nicht. Das schnelle, den ganzen Körper erschütternde Atmen ging weiter. Dabei lag sie ganz still, fast steif, das Auge geradeaus gerichtet wie auf einen fernen Punkt. Er näherte sein Gesicht dem ihren, um zu sehen, ob sie ihn erkennen würde. Aber der Ausdruck ihrer Züge wechselte nicht. Unheimlich war es, das große, weitgeöffnete Auge mit seiner tiefleuchtenden, bis an den Rand schwarzen Iris aus der Nähe zu beobachten. Berting gab nach einiger Zeit den Versuch auf, sich mit der Kranken zu verständigen. Almas Gedanken mußten weit, weit entfernt sein, an einem Orte, zu welchem ihm, dem Gesunden, der Eintritt versagt war. Dabei waren  ihre Sinne wach; denn sie nahm willig, ja mit einer gewissen Befriedigung das gereichte Eiswasser an. Nur für ihre Umgebung schien ihr das Bewußtsein zu fehlen. Noch niemals hatte Fritz Berting an dem Lager eines schwer Kranken gesessen. Als seine Mutter verschied, war er noch Kind gewesen. Sein Vater und seine Schwester Julie waren fern von ihm gestorben. Und ihn selbst hatte Krankheit auch niemals bis an den Rand des Grabes geführt. Was er hier sah, wirkte auf ihn wie eine fremde Welt: das milde, dem Alltag entrückte Wesen der Schwester in seiner stillen Abgeschlossenheit, der große, weite Saal im Dämmerlicht, mit seinen endlosen Reihen einfacher Bettstätten. Wie viele arme Kranke hier wohl mit dem Tode rangen? An wie vielen Lagern saß unsichtbar ein Engel und zählte die zugemessenen Schläge des Herzens, bis ihre Zahl voll war und er das Uhrwerk zum Stillstehen brachte. Wie wenig merkte man äußerlich von den Kämpfen, die sich im Einzelgefecht des Sterbelagers gegen den einen allgemeinen Feind abspielten! Ab und zu nur erklang ein tiefer Seufzer, ein Stöhnen, ein im Fieberdelirium ausgestoßener Ruf oder ein gequälter Hustenanfall durch die Nacht; dann wieder alles still, daß man das Atmen der Nächstliegenden vernehmen konnte. Eine Thür ging; dumpfe Schritte kamen den langen Mittelgang herauf; Schatten von vorüberschreitenden Gestalten malten sich an der lichten Decke. Man machte  nicht weit von Nummer einundzwanzig halt. Fritz hörte ein Rücken, ein Schieben. Es klang, als höben sie etwas Schweres und senkten es dann. Darauf wieder Schritte und Schatten an der Decke; die Thür ging, und alles war wie zuvor. Ein eisiges Gefühl überkam den Lauschenden. Wen mochten sie da in der Stille der Nacht, wie Diebe ihren Raub, hinausgeschafft haben? –Die Schwester kam zurück. Sie maß das Fieber. Mit einem Seufzer reichte sie Fritz den Thermometer. In der kurzen Zeit wieder um ein zehntel Grad gestiegen »Wir müssen baden!« erklärte sie. Fritz sah ein, daß er gehen müsse. Er fragte, wo er sich wohl aufhalten könne, während man Alma bade. Die Schwester riet ihm, in der Morgenstunde wiederzukommen; das Fieber werde dann hoffentlich gefallen sein und die Kranke sich vielleicht bei Bewußtsein befinden. Es war gegen Mitternacht, als Fritz Berting das Krankenhaus verließ. Wohin zu dieser Stunde? – Schlaf würde er nicht finden!Mehrere lange Straßenzüge, einen ganzen Stadtteil durchschritt er, ohne Ziel, ja, ohne recht zu wissen, wo er sich befinde. Er wurde von einem unbewußten Drange getrieben, der Stadt zu entfliehen; es jagte ihn weg von den Häusern, den Menschen. Bald kam er in freie Gegend und schließlich langte er am Ufer des Stromes an. Dem Laufe des Wassers folgend, schritt er auf einem gemauerten Steindamme hin. Blitzartig durchzuckte ihn eine Erinnerung. So war er schon einmal durch die laue Augustnacht geschritten, unter dem lichten Sternenhimmel, genau diesen Weg. Vor zwei Jahren war es gewesen, wenige Wochen, nachdem er mit Alma hier gelandet. Derselbe Mond spiegelte sich in den gleitenden Wellen. Es war alles wie damals. Ein leichter, weißlicher Nebel lag über dem ganzen, weiten Flußthale gebreitet, Häuser, Essen, Gärten und Felder verhüllend. Über der schlafenden Stadt erhob sich, einem matten Halbmond gleich, der leuchtende Himmels ausschnitt. Er allein, ein einsamer Wanderer; neben ihm das still rinnende Wasser, ein Bild des Lebens, unaufhaltsam, rätselhaft, in seiner wechselnden Vergänglichkeit ewig. Wie sich die Gegend heute vieldeutig ausnahm! Wie wunderlich nachdenklich ihm zumute ward!Hier war ihm damals bei nächtlichem Spaziergange der Gedanke aufgegangen zu seinem Buche. Hier war die Inspiration über ihn gekommen mit Kraft, Wonne, Begeisterung, Siegesbewußtsein der neuen Idee. Wo waren diese Gefühle hin? Schienen sie nicht zerronnen wie jene Wellen von damals? –Alles, alles hatte heute nacht einen neuen Sinn für ihn, bekam tiefere Bedeutung, wurde lebendig, weil er die Nähe des größten aller Zeichendeuter gespürt hatte, des Todes. Wie klein, wie lächerlich klein, nichtig und eitel erschien ihm in diesem Lichte gesehen alles, was ihm eben noch so  ungeheuer wichtig gewesen war: sein Streben und Dichten, seine ehrgeizigen Pläne und Hoffnungen! Wie viel größer, ernster und tiefer war das Leben als alle Schilderungen, alle Wiedergaben! Wie versank in solchem Augenblicke das, was er selbst und unzählige seiner Kollegen anbeteten, was sie unter dem Namen »Litteratur« als Beruf, Lebenszweck, Stein der Weisen, Gesetz wie eine Gottheit verehrten! –Hatte er, der Schriftsteller Fritz Berting, je etwas beschrieben, würde er je etwas beschreiben, was nur entfernt heranreichte an den erhabenen Realismus, der über jenem eben verlassenen nächtlichen Krankensaale gelegen hatte?Gab es irgend eine Feder, einen Pinsel, einen Meißel, der das zu meistern vermochte, was sich täglich, stündlich um uns her zutrug? Ein kleiner Handlanger schien die Kunst, verglichen mit dem großen Meister Leben. Die Wellen rauschten und plätscherten genau wie damals. Sie führten ein kurzes Dasein, das nach Sekunden zählte, nur solange sie stiegen und fielen, um neuen und immer neuen Platz zu machen. Zwei Jahre! Zwei kurze, lange Jahre, je nachdem man es nahm. Zwei wichtige Lebensjahre! – Wenn man sie mit dem, was man jetzt wußte, noch einmal hätte von vorn anfangen können! Thor, der er gewesen, doppelter und dreifacher Thor, den Sinn des Lebens überall da zu suchen, wo er nicht war. Heute an Almas Lager, beim Anblick ihrer vom Tode gezeichneten Züge, war es ihm  klar geworden, wie es hätte sein können; daß er den köstlichsten Wein verschüttet hatte, statt ihn zu trinken. Daß das Sterben solch eine große, feierliche Sache sei, war ihm nie zum Bewußtsein gekommen. Was kam auf der ganzen weiten Welt mit der Unendlichkeit ihrer Erscheinungen dem Inhalte gleich der drei Buchstaben: Tod? –Der Genius, der die Fackel löscht, erst erleuchtete den Sinn des Lebens. Wohl hatte Fritz Berting davon hie und da gehört oder gelesen; aber zur erlebten Wahrheit war es ihm erst heut nacht geworden. Empfindliche Kühle, die sich in früher Morgenstunde am Flußlaufe hin verbreitete, hatte Fritz wieder in die Stadt getrieben. Um diese Tageszeit konnte er noch nicht in das Hospital gehen; er beschloß also, müde und übernächtig wie er war, einige Zeit in der Wartehalle eines Bahnhofes, an dem er vorbeikam, zuzubringen. Er blieb, da gerade keine Züge verkehrten, der einzige Gast in dem großen Räume. Irgendwo in einer Ecke schlief der Kellner, den zu wecken er sich wohl hütete. Fahles Morgenlicht, durch ein Oberlichtfenster dringend, stritt mit der Gasbeleuchtung um die Herrschaft. Ein unsäglich fader Geruch von abgestandenem Cigarrenrauch, Getränken und Kohlenstaub lag wie eine trübe Wolke über dem ganzen, öden Lokale. Berting fühlte sich matt, trostlos und körperlich elend. Längst waren die neuen, starken Empfindungen und Gefühle  verraucht, die ihn in der Nacht beseelt hatten. Grau lag die Welt vor ihm, häßlich grau. Sollte man Alma wünschen, daß sie wieder genesen möchte? Durfte man es überhaupt wünschen? –Gesetzt den Fall, das Wunder geschah, sie genas! Würde sie glücklich sein? Würde er sich besser gegen sie benehmen als vordem? Würde das Mitleid, das er eben noch so stark empfunden hatte, anhalten? Würde nicht das nüchterne Alltagsleben mit seiner abstumpfenden Kraft bald die neuerwachsene Liebe auslöschen und ihn gleichgiltig machen? – Was nützten alle guten Vorsätze? Die Natur, das Fleisch war mächtiger. Denn die Menschen hatten genau wie die Dinge den Trieb, mit trägem Gewicht in das alte Gleis zurückzusinken. Nein, wahrhaftig, man konnte Alma das Weiterleben nicht wünschen! Und wenn er ehrlich war gegen sich, wußte er auch, daß er es ihr gar nicht wünschte. Ersehnte er Almas Tod?Er wollte den schrecklichen Gedanken bei Seite schieben, aber der ließ ihn nicht aus seinen Fängen. Wenn er die Sonde hinabsenkte bis auf den untersten Grund der Gefühle, was fand man da? Was lebte tief verborgen unter all der Rührung, dem sentimentalen Mitgefühl für das arme, gequälte Geschöpf dort auf dem Krankenlager? War es nicht der Wunsch, oder wie man es nennen wollte, das Bewußtsein: wenn sie stirbt, bist du frei, frei von einer Last, frei von einer großen Verantwortung? – Berting erschrak in tiefster Seele. Wurde er mit seinen Gedanken nicht zum Mörder? Zum Mörder an dem freundlichsten, gütigsten, liebevollsten Wesen? –Er dachte an die Zeiten zurück in Berlin, wo sie ihm nach seinem Mißerfolge so viel gewesen war, wo er sich an ihrer Tapferkeit, ihrer Treue, ihrem goldenen Frohsinn und Lebensmut aufgerichtet hatte aus tiefer Enttäuschung. Hatte sie ihn nicht damals gerettet vor dem Versinken im Lebensekel? –Und trotzdem wünschte er ihr den Tod? War ein solches Gefühl nicht das unnatürlichste, das verworfenste, abscheulichste, was man sich denken konnte? Mußte man nicht irre werden an dem eigenen Verstande, wenn er solche Gedanken aushecken konnte? –Der Raum, in welchem er bisher allein gesessen hatte, begann sich zu beleben. Reisende traten ein. Der Portier rief den Abgang von Zügen aus. Der Kellner, noch halb verschlafen, näherte sich dem Tisch und fragte, ob der Herr einen Wunsch habe? Fritz bestellte Kaffee. Nachdem er die Tasse hastig hinuntergestürzt hatte, verließ er den Ort. Draußen empfing ihn der herrlichste Sommermorgen. Vor dem Bahnhofe herrschte reges Treiben. ›Alles ist Stimmung‹, dachte Fritz bei sich und verglich die Szenen frischen Lebens um sich her mit den düsteren Bildern der verflossenen Nacht. Die Bahnhofsuhr zeigte sechs Uhr. Er meinte, daß es Zeit sei, in das Krankenhaus zurückzugehen. Er wurde ohne Schwierigkeiten vorgelassen, da man ihn jetzt schon kannte. Die Kranke lag nicht mehr in dem allgemeinen Saale; man hatte sie in einem Zimmer für sich untergebracht, der Bäder wegen, die dort leichter bewerkstelligt werden konnten. Alma war bei Bewußtsein. Die Schwester hatte mit ihrer Voraussage recht behalten. Als Fritz eintrat, erkannte ihn die Kranke sofort, lächelte und machte ihm ein Zeichen mit der Hand. Fritz ließ sich von der Pflegerin berichten, wie der Rest der Nacht verlaufen sei. Drei Bäder waren kurz hintereinander gegeben worden; darauf war die Eigentemperatur stark gefallen. Neuerdings bestand Gefahr in der großen Herzschwäche, die mit stärkenden Mitteln bekämpft werden mußte. Die Schwester verließ das Zimmer, nachdem sie Berting zuvor noch auf den Wein aufmerksam gemacht hatte, von welchem der Kranken bei Schwächeanfällen ein Schluck zu reichen sei. Fritz sah bei der grellen Beleuchtung des vollen Tageslichts, wie abgefallen, hohläugig und gelb die Kranke war. Ihre Züge hatten einen ganz veränderten Ausdruck angenommen. Auch ihre Stimme klang ihm fremd. Sie sprach in merkwürdig erhobenem, gesteigertem Ton. Aus den Wangen war das Blut gewichen. Die Augen hatten den fast überirdischen Glanz behalten, der ihm schon nachts aufgefallen war, diese Augen mit dem tiefen, eindringlichen Blick. Etwas Durchgeistigtes, feierlich Ernstes lag über  der ganzen Erscheinung; wie geweiht erschien sie, gezeichnet von unsichtbarer Hand. Mit Fritzens Hilfe hatte sich die Kranke im Bette aufgesetzt. Er sah, daß sie mit ihm sprechen wollte. Vermutlich machte das Kind ihr Sorgen. Er würde sich nicht gewundert haben, wenn sie das Verlangen ausgesprochen hätte, es zu sehen. Aber dem war nicht so. Sie erwähnte wohl die kleine Alma, und ein Lächeln huschte über ihre Züge, als sie den Namen nannte. Aber dann sagte sie: »Die ist in guten Händen.« Fritz staunte. Wo war die Eifersucht hin, die noch vor kurzem die junge Mutter so ungerecht gemacht hatte gegen Toni Lehmfink? –»Wie fühlst du dich jetzt, Alma?« erkundigte er sich. »Ich bin so müde!« flüsterte sie, »so müde! – Diese Nacht! – Ach, Fritz, was habe ich in dieser Nacht alles gesehen.« Es glitt wie ein Schimmer über ihr Angesicht. Ihr Auge bekam den Ausdruck des Staunens, als sähe es ferne, unerhörte Dinge. So lag sie eine ganze Weile. Dann begann sie von neuem: »Es war jemand an meinem Bette, ein Mann. Er saß neben mir und sprach zu mir.« »Ich war es, Alma,« unterbrach sie Fritz; »ich habe heute nacht lange bei dir gesessen.« Sie lächelte ungläubig. »Nein, nein! Du warst es nicht. Ganz anders sah er aus. Ich glaube, es war  Ludwig Glück. Ich erkannte ihn an der Stimme. Wenn ich nur wüßte, was er sagte!«Es schien Alma zu quälen, daß sie nicht darauf kommen konnte, was der verstorbene Freund zu ihr gesagt hatte. Sie seufzte schwer. Fritz, der sie auf andere Gedanken zu bringen wünschte, meinte: »Du bist hier ausgezeichnet aufgehoben, Alma, und wirft hoffentlich bald gänzlich hergestellt sein.« Alma wandte die großen, glänzenden Augen langsam auf ihn. Der Blick ging ihm durch und durch. »Ach, mein lieber Fritz,« sagte sie, »glaube das nicht! Mit mir wird nichts mehr. Ich bin so müde! Am wohlsten ist mir, wenn ich so sein kann wie heut nacht. Da merkt man nichts von Schmerzen. Und alle die Verstorbenen kommen zu einem. Bald ist es mein seliger Vater, bald ist es Ludwig. Dann wieder steht ein schöner, ein wunderschöner Engel an meinem Lager. Sie sprechen zu mir und sind gut zu mir. Das thut wohl, so wohl!«Fritz bedeckte die Augen. Wie traf ihn dieses: »und sind gut zu mir!« –Die Kranke hatte sich auf ihrem Lager näher an ihn herangeschoben. Sie zog ihm die Hand von den Augen. »Mein lieber Fritz, hast du mich denn ein wenig lieb?«Er biß die Zähne aufeinander und nickte. »Weißt du, Fritz,« fuhr Alma fort, langsam und feierlich sprechend, wie von einem höheren Bewußtsein beseelt und weit über sich hinaus gesteigert, »weißt du, Fritz, es ist gut, daß ich sterbe. Für mich und für dich ist es  gut und auch für das Kindchen. Ich kann dir nichts nützen; denn ich bin nicht sehr gescheit. Eine ganz andere müßtest du haben! Früher habe ich mir gewünscht, du möchtest mich heiraten. Wenn ich's auch nicht gesagt habe, gewünscht habe ich mir's im Herzen. Aber jetzt sehe ich das ganz anders. Wenn man so krank ist, sieht sich alles verändert an. Jetzt weiß ich, daß es gut ist so, wie alles gekommen. Einmal wärest du ja doch von mir gegangen, und das hätte ich nicht ertragen. Nun gehe ich von dir; das ist viel besser.« Er wußte nichts anderes, als an ihrem Lager niederzuknieen, ihre Hand mit Küssen zu bedecken und mit Thränen zu benetzen. »Wir sind sehr glücklich zusammen gewesen, mein lieber, lieber Fritz. Weißt du noch, wie du auf die weite Reise gingst, damals? Die letzte Nacht – der Abschied – weißt du noch?« –Er drückte zur Antwort nur ihre Hand. Sie sprach über sein Haupt geneigt, ganz sanft, wie eine Mutter zu ihrem Kinde. »Denke nur manchmal an mich, mein Fritz! Und mache dir meinetwegen keine Vorwürfe. Wir waren beide sehr jung und unerfahren, als wir uns kennen lernten. Aber ich bereue es nicht und habe dir auch nichts zu verzeihen. Du hast mich oftmals sehr, sehr glücklich gemacht. Und in der letzten Zeit bist du so liebreich zu mir gewesen, so liebreich! Auch das Kindchen habe ich ja von dir, Fritz! – Früher, als es noch nicht da war, wünschte ich  mir einen kleinen Jungen, damit ich jemand hätte, der dir ähnlich wäre. Aber nun bin ich froh, daß es ein Mädel geworden ist. Da hast du nun doch eine Alma, wenn ich auch gegangen bin. Erziehe sie dir nur recht nach deinem Herzen, daß sie gescheiter wird als ich und dir mehr nützen kann! Daß du sie hast Alma taufen lassen, ist so lieb von dir, mein Fritz! Denke nur an mich, wenn du sie rufst! Und später, wenn sie klug sein wird, dann erzähle ihr auch von ihrer Mutter, hörst du!«Fritz wollte vergehen vor Wehmut. Wie schön und rein trat die Seele dieses Geschöpfes, einem lichten Engel gleich, aus ihrer ärmlichen Hülle hervor. Und er, ein Zwerg, ein Krüppel, ein häßlicher Krüppel gegen sie. Gutes und immer wieder nur Gutes that sie ihm. Den größten Dienst aber empfing er von ihr in dieser Stunde: ganz vor sich selbst hatte sie ihn einmal gestellt, in Tiefen der Seele hinein hatte sie ihn geführt, die er nicht kannte. Auf die Kniee zwang ihn ihre Güte und schlichte Größe, zum Bekennen, zur Reue. Er fühlte einen Schmerz, der frei war von jeder Sentimentalität, dem etwas Befreiendes, Religiöses zugrunde lag: Ehrfurcht vor der Größe seines und ihres Schicksals. Hier an diesem Lager, in ihrer Sterbestunde, lernte Fritz Berting eine Liebe kennen, die ihm das Leben bisher versagt hatte; keine Begierde, keine Eigensucht gab es in dieser Liebe. Nichts Häßliches, Herabziehendes stellte sich  mehr zwischen ihn und Alma. Kein Hochmut trennte ihn von ihr; der Unterschied des Standes, der Bildung war tief versunken. Das Kind aus dem Volke war im Angesicht des Todes ebenbürtig jeder Königin. Nur noch ihre Seele erblickte er, und die war angethan mit dem herrlichen Gewande des Mutes, der Treue und der Reinheit. Jungfräulich unentweiht trat sie noch einmal vor ihn hin. Jetzt erst erkannte er sie. Sie war seine Geliebte gewesen; in der Sterbestunde wurde sie seine Braut. Die Schwester war eingetreten. Fritz, der noch immer an dem Lager kniete, hatte es nicht bemerkt. Alma selbst mußte ihn darauf aufmerksam machen. Die Kranke sollte neu gebettet werden. Fritz mußte gehen. Beim Abschied versprach er Alma, in einigen Stunden wiederzukommen. Als er schon in der Thür war, winkte ihm die Kranke. Er eilte zu ihr zurück. Alma legte ihm die Arme um den Hals und drückte ihn an sich. »Vergiß mich nicht!« flüsterte sie ihm ins Ohr, gab ihm einen Kuß und sank dann erschöpft zurück. Berting lief wie einer, der von Sinnen ist, aus dem Zimmer, durch die langen Gänge, bis er, er wußte nicht wie, auf der Straße war. In seiner Wohnung, die er seit vierundzwanzig Stunden nicht betreten hatte, fand er mehrere Briefe vor, unter anderem einen von Heinrich Lehmfink, der ihm in heiterster Laune schrieb, und einen von Maximilian  Nackede, der um weitere Beiträge ersuchte für seine Korrespondenz. Wie weh solche Briefe thaten! Wußten denn die Menschen nichts von seinen Gefühlen? – Er warf sich auf das Bett, angezogen, wie er war, und wandte das Gesicht der Wand zu. Ein wenig nur wollte er ruhen; denn er fühlte sich todmüde. Als er aus bleiernem Schlafe erwachte, sah er an dem Lichte, das schon ins dämmerige überging, sofort, daß es spät sei. Seine Uhr, die er nicht aufgezogen hatte, war stehen geblieben. Ohne sich viel mit Toilettemachen abzugeben, eilte er hinaus. Nur einen Gedanken hatte er: Alma! Würde er sie noch am Leben finden? –Im Anmeldezimmer der Anstalt wurde ihm auf sein zaghaftes Anfragen geantwortet, er könne jetzt nicht zu Fräulein Lux; sie liege in schwerem Fieberdelirium. Man sei eben dabei, es noch einmal mit kalten Bädern zu versuchen. In einer Stunde möge er wiederkommen. Von neuem war er auf der Straße. Ein sehr alltägliches Gefühl beherrschte ihn, ein Gefühl, dessen er sich schämte: Hunger. Seit jener Tasse Kaffee in früher Morgenstunde hatte er nichts zu sich genommen, und jetzt war es gegen sieben Uhr abends. Er ging in das nächste Restaurant und ließ das erste Gericht, das ihm der Kellner vorschlug, kommen. Die Gäste betrachteten ihn erstaunt, wohl seines Aufzuges halber, und machten ihre Glossen. Ach, wie gleichgiltig war ihm, was die Leute dachten! Wie nichtig erschien ihm alles außer dem einen, was sich in diesem Augenblicke vielleicht entschied. Nachdem er hastig verzehrt hatte, was ihm vorgesetzt worden war, eilte er wieder in das Krankenhaus zurück. Man gestattete ihm, im Anmeldezimmer zu warten. Endlos dehnte sich die Zeit; er wußte nicht, saß er Stunden hier oder Minuten. Er versuchte, an alles mögliche Fernliegende zu denken, um nur das furchtbare Bewußtsein zu übertäuben, die Angst, die in ihm hämmerte, den Gedanken: sie ringt mit dem Tode, ruft vielleicht nach dir, und du kannst nicht zu ihr! –Berting ertrug es schließlich nicht länger. Er suchte sich den Weg nach dem Zimmer, in welchem Alma jetzt lag, und fand ihn nach einigem Umherirren. Einzutreten wagte er nicht, legte aber das Ohr an die Thür. Er vernahm gedämpftes Sprechen von drinnen. Almas Stimme war nicht dabei. Nach langem Zögern klopfte er schüchtern an. Man öffnete. Die Schwester trat zu ihm auf den Gang. In ihrem Blicke las er alles. »Vor einer halben Stunde schlief sie ein, ganz sanft und friedlich, wie man selten einen Menschen sterben sieht. Sie können sie sehen.« Was nun folgte, geschah ihm wie im Traume. Er sah sich vor ein Lager gestellt, darauf eine Gestalt lang ausgestreckt lag, die Hände gefaltet über der Decke, die sie bis zur Brust zudeckte, ein Körper, den er kannte, bis in seine letzten Heimlichkeiten hinein kannte. aus vielen vertrauten Stunden. Heute war sie ihm eine Fremde. Der strenge Ausdruck ihrer Züge schien zu sagen: »Ich kenne dich nicht!« Eisig kalt lag sie, weltentrückt, erhaben, unnahbar, vollendet. Ein Furchtschauer überfiel ihn vor der Leiche. Nie hätte er es gewagt, sie zu berühren oder zu küssen. Schön war der Anblick, unheimlich schön. Aber seine Geliebte war das nicht. Von der hatte er Abschied genommen am Morgen, als sie ihn noch einmal zu sich herangewinkt und ihn an ihr warmes Herz gedrückt hatte. Alma lag seit einer Woche unter der Erde. An dem Begräbnis hatte Heinrich Lehmfink, durch seine Schwester telegraphisch herbeigerufen, noch teilnehmen können. Zwischen Toni und Heinrich war Berting hinter dem Sarge dreingeschritten. Weiter hatte ihr niemand das Geleit gegeben. Fritz brachte jetzt den größten Teil seiner Tage bei Lehmfinks zu. Lange würde man einander nicht mehr haben; denn das Geschwisterpaar dachte stark ans Fortgehen. Man wollte die kurze Frist, die einem blieb, nach Möglichkeit ausnutzen. Eine wichtige Rolle in dem Leben der drei Menschen spielte Klein-Alma. Heinrich Lehmfink war nicht ganz frei von jenem Gefühl der Beklemmung, welches die meisten Junggesellen Kindern im Säuglingsalter gegenüber empfinden. Aber  er kämpfte tapfer dagegen an, schon aus Rücksicht auf Toni, die, nachsichtig wie sie sonst war, keinen Spaß verstand, wenn es sich um das Wichtigste handelte, was es für sie auf der Welt gab, um ein kleines Kind. Fritz war seit Almas Tode zu seiner Tochter in ein neues Verhältnis getreten. Ob es Vaterliebe sei, wußte er nicht; darauf kam es schließlich auch nicht an. Ein Gefühl tiefer Rührung und innigen Mitgefühls ergriff ihn, so oft er das komische, alte Köpfchen sah, das faltig ernste Gesichtchen des hilflosen, kleinen Wesens, welches zu fragen schien: Wer hat mich gerufen? – und das doch noch gar nicht einmal wußte, wie sonderbar es auf dieser Welt zugeht. Ganz anders stand Toni zu dem Würmchen. Für sie war die kleine Alma ein wirklicher Mensch. Daß dieses winzige Geschöpf noch gänzlich im unbewußt Pflanzenhaften befangen war, hinderte Toni nicht, ganz ernsthaft allerhand Eigenschaften, Anlagen und Charakterzüge an ihr zu entdecken und dem auf diesem Gebiete etwas skeptischen Bruder triumphierend zu verkünden. Sie behandelte das Kind nicht als seelenlose Puppe, sondern als eine kleine Schwester, mit feinstem, liebevollstem Eingehen auf jede erste Regung der Psyche, die mit zusammengefalteten Flügeln in diesem Wesen schlummerte. Alle jene lästigen und scheinbar widerwärtigen Handgriffe, die ein Kind in so zartem Alter verlangt, erfüllte sie spielend mit jenem unverdrossenen Enthusiasmus, der mütterlichen Frauen eigen ist. Es bestand ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen  den dreien, daß Klein-Alma in Tonis Obhut bleiben solle. Wo auf der ganzen weiten Welt hätte Fritz auch eine aufopferndere Pflegerin finden können für das verwaiste Kind? – Mit tiefer Dankbarkeit mußte er annehmen, was das Geschwisterpaar an ihm that. Er konnte nur hoffen, daß er einmal in die Lage kommen werde, es ihnen heimzuzahlen. Wie seine nächste Zukunft sich gestalten würde, hing noch völlig in der Schwebe. Eines nur stand fest, er wollte arbeiten. Heinrich Lehmfink stand zu Fritzens Gunsten in Unterhandlung mit der Redaktion, in der er früher gearbeitet hatte. Im schlimmsten Falle hätte Berting dort Arbeit genommen, um nur Verdienst zu finden; aber im stillen hoffte er auf das Zustandekommen eines anderen Projekts. Er hatte nach Berlin geschrieben an Maximilian Nackede und ihn gefragt, ob er ihn bei seiner Korrespondenz beschäftigen könne. Berting sehnte sich nicht so sehr nach Berlin zurück, als von dem Orte weg, wo er so viel Schmerzliches erlebt hatte, an den ihn nichts band als die Erinnerung bitterer Ereignisse. Berlin war groß. In Berlin konnte man verschwinden, untertauchen, unbeachtet leben und arbeiten. Weiter verlangte er ja nichts. Heute nun war die Antwort eingetroffen von Nackede. Er schrieb, Fritzens Angebot komme ihm sehr gelegen. Er habe sowieso vorgehabt, sein Unternehmen zu erweitern. Fortan könnten sie sich in die Arbeit teilen. Berting solle  den feuilletonistischen Teil übernehmen, er wolle den politischen und wirtschaftlichen behalten. Das Honorar, das Nackede anbot, war nicht glänzend; aber er stellte gleichzeitig prozentualen Anteil am Reingewinn der Gesamteinnahmen in Aussicht. Zeit zu eigener Arbeit würde ja wohl auch noch übrig bleiben. Fritz Berting bedachte sich keinen Augenblick, hier zuzugreifen. Daß Nackede keine goldenen Berge in Aussicht stellte, sprach für die Solidität seiner Sache. Mit diesem Manne würde angenehmes Arbeiten sein. Nackede war ein klarer Kopf, nüchtern und praktisch, und einer, der sein Handwerk verstand. Von ihm brauchte man dünkelhafte Überhebung nicht zu befürchten. Wie froh war Berting jetzt, daß er Siegfried Silbers Anerbieten damals abgelehnt hatte. Wie viel Demütigung blieb ihm dadurch erspart!Als Fritz an diesem Tage zu den Lehmfinks kam, las ihm Heinrich die guten Nachrichten sofort am Gesicht ab. Zum ersten Male wieder seit Almas Tode war die Freude bei den dreien eingekehrt. Eine wehmütige Freude allerdings, denn sie rückte das Auseinandergehen nahe. Nackede hatte den Wunsch ausgesprochen, Berting möge sobald wie möglich nach Berlin kommen. Fritz hatte sich daher entschlossen, sofort zu reisen. Sein Gepäck war leicht, und Abschied zu nehmen hatte er nur von dem Geschwisterpaar, von seinem Töchterchen und von Almas Grabe. Heinrich und Fritz gingen zu einem Spaziergang in  den nahen Wald. Toni, die bei solchen Gelegenheiten früher niemals gefehlt hatte, war des Kindes wegen zurückgeblieben. »Es ist merkwürdig,« sagte Heinrich Lehmfink, »mein Schwesterchen geht nicht hundert Schritte vom Hause fort, da erfaßt sie schon Angst um das Baby. Daß ein Kind diese Macht hat, das ganze Wesen einer Frau so um und um zu modeln. Mit irgend einer Naturkraft muß es zusammen hängen, dieses magnetische Hingezogen-werden des Weibes zum Kinde. Gut, daß es so ist!«»Ja, sehr gut, wahrhaftig!« rief Fritz. »Was wäre aus meiner Kleinen geworden ohne deine Schwester?«»Ich will dir etwas sagen, Berting! Mir war manchmal bange um mein Schwesterchen. Ein Mädchen wie Toni sich als alte Jungfer zu denken – schrecklich! Nun wird sie noch lange Jahre jung bleiben. Denn es ist eine alte Erfahrung: nichts konserviert die Frauen besser als Mutterschaft. Wunderbar, wunderbar, wie sich das alles gefügt hat!« –Man ging eine Zeit lang schweigend nebeneinander her. Beide waren vom Gefühl des nahen Abschieds bewegt. Man hätte sich noch manches zu sagen gehabt und hegte doch die dem Manne angeborene Scheu davor, tiefere Gefühle offen blicken zu lassen. Endlich begann Heinrich: »Ich muß so viel an Alma denken; dir wird es auch so gehen, Berting. Ihresgleichen werden wir nie, nie wiedersehen. Sie hatte bei aller Schlichtheit und scheinbaren Einfalt doch  jene Genialität des Herzens, die sie zur originellen, einzigartigen, unvergeßlichen Persönlichkeit stempelte. Wir haben alle Grund zu tiefer Dankbarkeit gegen sie. Es ist eine Binsenwahrheit, daß der gute Mensch das ewige Leben hat, und daß nur der wirklich tot ist, der in den Herzen seiner Lieben gestorben ist. Von Alma kann man sagen, daß sie jetzt erst recht eigentlich zu leben beginnt. Sie ist ein Grab an unserem Wege geworden. Solche Gräber sind die wichtigsten Marksteine des Lebens. Es mag grausam klingen, aber: die Lebendigen brauchen Gräber. Den Sinn des Daseins in seiner Tiefe erfassen kann allein der Mensch, der Tote hat, Tote, die nicht tot sind für ihn. »Alles ist groß und gut in der Welt, was uns fühlen macht, daß wir eine unsterbliche Seele besitzen. Darum ist selbst der Tod unserer Lieben gut.« Seit einem Vierteljahre lebte Fritz Berting in einem Vororte Berlins. Die Arbeit an der Korrespondenz seines Freundes Nackede war sehr verschieden von seinem bisherigen Schaffen. Er brauchte weit mehr Zeit und Mühe, als er angenommen hatte, um sich in die litterarisch-kritische Thätigkeit einzuarbeiten. Welch ein Unterschied zwischen dem souveränen Waltenlassen der Einbildungskraft nach selbsterwählten Regeln,  wie er es gewöhnt war vom freien Dichterberufe her, und dem Abarbeiten eines Pensums, das ihm zugewiesen wurde. Wie oft seufzte er über den Stoß von Büchern, der auf seinem Schreibtische lag, und der sich, soviel man auch herunter nahm, immer wieder ergänzte, als ob er von unten her geheimnisvoll wachse. Und wenn noch viel Gescheites dabei gewesen wäre! Aber wie selten waren Werke, bei denen einem das Herz aufging in Freude und in Bewunderung. Er hatte früher doch nicht geahnt, welcher Mißbrauch mit der Erfindung Gutenbergs getrieben wurde. Allmählich erst kam er hinter den Kunstkniff des diagonalen Lesens bei Werken, denen man mit sorgsamem Durchstudieren zuviel Ehre angethan hätte. Hin und wieder aber stieß man doch auf ein Buch, das einen durch Gehalt und Schönheit entschädigte für die Öde der anderen. Da hieß es dann nur, das Herz weit aufmachen und sich ergreifen lassen. Der Widerwille, der ihn anfangs beherrscht hatte gegen den endlos rauschenden, grauen Strom litterarischer Produktion, fing an sich aufzulichten von dem Augenblicke an, als er sein Amt zu begreifen begann. Es kam nicht darauf an, Stück für Stück der ihm vorgelegten Bücher zu prüfen und mit einer Zensur zu entlassen, so etwa, wie es der Lehrer mit den Heften seiner Klasse macht. Die Aufgabe des Kritikers war eine fruchtbarere, konnte wenigstens dazu gemacht werden. Man durfte auch als Rezensent Werte schaffen, schöpferisch sein. Man mußte sich  nur entschließen, in die Tiefe zu bohren, nicht bloß des einzelnen, gerade vorliegenden Buches – das vielleicht gar keine Tiefe hatte – nein, bis zu den Wurzeln, aus denen es entsprungen war. Jedes Werk war schließlich eine Zeiterscheinung, fußte nicht bloß in der Individualität seines Schöpfers, sondern vor allem auch in Zeit, Volk und Gesellschaft. Dafür galt es, das Auge zu schärfen, für diese feinsten Zusammenhänge der Einzelpersönlichkeit mit dem Ganzen. Wichtige Gesetze wurden einem da enthüllt. Die litterarische Detailarbeit des Kritikers bekam, so aufgefaßt, einen großen, soziologischen Hintergrund. Auch hier war das Einfachste das Fruchtbarste. Welch einen komplizierten Apparat von gelehrter Vielwisserei setzten manche der Herren Kollegen in Bewegung! Welches Feuerwerk geistreicher Phrasen wurde täglich in den Feuilletons abgebrannt! Wieviel Gift und Galle wurde verspritzt zum Schaden beider Teile, des Kritikers und des Kritisierten!War denn nicht der einfache Wunsch des Verstehenwollens, die ehrliche Absicht mitzugehen und der gute Wille zu nützen viel natürlicher als das hochmütig frivole Aburteilen, dieses spielerische Jonglieren mit der fremden Arbeit, das schließlich doch nur auf ein Zurschaustellen des eigenen Esprits hinauslief?Auch den Rezensenten führte sein Beruf, wenn er ihn groß auffaßte, ganz von selbst zum edelsten Kern aller menschlichen Betätigung: zur Kunst. So war er auf Umwegen zurückgeführt worden zu der Göttin, die sein Leben regierte. Er wußte es jetzt: Die Kunst zeigt ein sehr verschiedenes Angesicht, je nachdem man ihr dient. Ein keusches Gestirn kann sie sein, welches das ganze Leben nach oben zieht, aber ebensogut auch eine trübe Leuchte über einem dunklen Abgrund. In dieser Periode, wo Berting alle Kräfte zusammennehmen mußte, um sich in den neuen Beruf einzuarbeiten, ruhte das eigene Produzieren. Aber die Zeiten würden kommen, wo auch er wieder innere Gesichte freischöpferisch gestalten durfte. Hie und da meldete sich die geheime Kraft schon. Dann mußte er sich Gewalt anthun, die Ideen, die an seine Thür klopften, zurückzuweisen. Das nächste, was er schaffen würde, mußte ein großes, ernstes Kunstwerk sein, oder er war nicht wert, erlebt zu haben, was er erlebt hatte. Aber noch war es nicht so weit. Man durfte nicht ans Werk gehen, während einem von schweren Erlebnissen noch die Hand zitterte. Man mußte den Eindrücken Zeit lassen, tief hinabzusinken. Der innere Spiegel wollte sich abklären, das Leben seine Lüfte weben zwischen Künstler und Vorbild. Erst mußte das Erlebte für ihn selbst zum Bildnis werden, ehe er es frei und schön aus sich herausstellen mochte. Mit dem Geschwisterpaar Lehmfink stand Berting in regem Briefwechsel. Meist schrieb er an Heinrich, und Toni antwortete. Der außerordentliche Professor Doktor Lehmfink hatte zum Briefschreiben wenig Zeit. Er ließ  dem Freunde immer ein und dasselbe ausrichten, nämlich: er arbeite. Fritz wußte, daß das heißen solle, er sei glücklich. Toni Lehmfink erwies sich als eine sehr treue Korrespondentin. Der äußere Anlaß dieses Briefwechsels war gewesen, Fritz über das Befinden von Klein-Alma auf dem laufenden zu erhalten. Mehr und mehr jedoch entwickelte sich daraus etwas Tieferes. Ihr war jene glückliche Gabe eigen, die man fast nur bei Frauen findet, im Briefe die Seele ganz unmittelbar sprechen zu lassen. Und weil sie keinerlei künstliche Absichten hegte beim Schreiben, nichts wollte, als sich mitteilen, bekam alles unter ihrer Feder Eigenart und Leben. Tonis Briefe wurden immer mehr zum Ereignis für Berting. Gleichzeitig wuchs in ihm das Bedürfnis, dieser Freundin gegenüber sich rückhaltlos auszusprechen über alles, was sein inneres wie äußeres Leben bewegte. Seine Erlebnisse waren neuerdings scheinbar sehr unbedeutende. Obgleich er vor den Thoren einer Millionenstadt wohnte, kam er nur mit wenigen Menschen in Berührung. Am häufigsten noch sah er Nackede. Doch hatten sie, wenn sie zusammenkamen, meist von Geschäften zu sprechen. Maximilian Nackede stellte im besten Sinne den Typus des modernen Berliners dar. Er war frei von jeder falschen Sentimentalität, vorurteilslos, schnell im Begreifen und Handeln, freimütig, wagelustig und nicht leicht zu verblüffen. Er ließ dem Mitarbeiter, nachdem einmal die Grenzen ihrer Gebiete abgesteckt waren, durchaus freie Hand. Fritzens Annahme, daß es sich mit diesem Manne gut arbeiten lassen würde, hatte sich vollauf bestätigt. Häufiger, als er das ursprünglich erwartet, sah Berting seine Schwester Konstanze. Zwar hatte er keinen Besuch bei Wedners gemacht und wollte auch so bald keinen machen; denn er war der Ansicht, daß man mit Verwandten, die ihr Kind ängstlich vor einem wie vor einem ansteckenden Kranken hüteten, den Verkehr nicht allzueifrig suchen solle. Konstanze hatte den Bruder jedoch selbst aufgesucht, sobald sie erfahren, daß er in Berlin sei. Sie kam hin und wieder nachsehen, wie es ihm gehe, aber stets nur auf kurzen Besuch; denn lächerlicherweise durfte ihr Mann nichts davon erfahren, daß sie mit dem eigenen Bruder verkehre. Fritz hatte das Gefühl, daß diese Besuche einem inneren Bedürfnisse Konstanzens entsprangen. Sie war nicht glücklich, die Ärmste! Der Gatte quälte sie mit Pedanterie, Engherzigkeit und mit hochfahrendem Schulmeisterwesen. Und auch der sechzehnjährige Arthur benahm sich durchaus nicht nett gegen die Mutter. Das Bürschchen schien in pharisäischem Hochmut früh mit dem Vater wetteifern zu wollen. Konstanze beklagte sich niemals über Gatten und Sohn; ja, sie war sich der unwürdigen Behandlung durch diese beiden vielleicht gar nicht bewußt. Aber gerade aus dem, was sie verschwieg, konnte man entnehmen,  wie traurig es um ihr häusliches Leben bestellt sein müsse. Immer klarer wurde es für Fritz, daß sein Schwager Wedner unverantwortlich an Konstanze handle. Sie war von Natur ein liebenswürdiges, harmloses, leicht zu lenkendes Geschöpf, durchaus nicht ohne gute, natürliche Anlagen. Manchmal brach der ursprüngliche Freimut ihres Wesens durch alle von dem Gatten ihr künstlich anerzogenen engherzigen Grundsätze sieghaft hindurch, so, als sie die Entdeckung gemacht hatte, daß Fritz ein Kind besitze. Herausgekommen war das durch eine Photographie der kleinen Alma, welche Toni Lehmfink ihm zugeschickt hatte. Fritz war so unvorsichtig gewesen, das Bildchen umherliegen zu lassen, und Konstanze war mit der den Frauen eigenen Spürnase in solchen Sachen darauf gestoßen. Im ersten Augenblicke war Konstanze völlig die Frau ihres Mannes, zeigte sich entsetzt und im höchsten Grade entrüstet. Allmählich jedoch bekam ihr besseres Selbst die Oberhand. Zunächst forschte sie schüchtern nach dem Kindchen und seiner Mutter. Almas Geschick, das ihr Fritz in einfachen Zügen schilderte, ergriff sie. Immer und immer wieder kam sie darauf zurück. Es war nicht gewöhnliche Neugier, was Konstanze in diesem Falle empfand. Eine Art Verständnis brach sich bei ihr Bahn, daß es Verhältnisse im Leben giebt, denen man mit bloßem Aburteilen nicht gerecht wird. Es war ein eigentümliches Gefühl der Genugthuung  für Berting, die Schwester, die ihm durch lange Jahre so gut wie eine Fremde gewesen, nun ganz von selbst sich ihm wieder zuwenden zu sehen. Ob mit der Zeit daraus wirklich fruchtbare Beziehungen erwachsen würden, mußte die Zukunft lehren. Von sonstigen Freunden sah und hörte Fritz Berting wenig. Es war erstaunlich, wie schnell einem gewisse Menschen, die man für wichtig gehalten hatte, im Verlaufe kürzester Frist völlig gleichgiltig wurden. Was bedeutete ihm jetzt Annie Eschauer, Frau Hilschius und dieser ganze Kreis? –Und doch, als er im Annoncenteil einer Zeitung unter den Familiennachrichten las, daß der Bankier Eschauer um stilles Beileid bitte zum Verlust seiner innig geliebten Gattin, die von schwerem Leiden durch den Tod erlöst worden sei, überkam Fritz das wehmutsvolle Bewußtsein, daß er auch in Annie wieder ein Stück seiner Vergangenheit verliere. Ganz andere Gefühle erweckte ihm eine Nachricht, die er auf Umwegen von Hedwig von Lavan erhielt. Siegfried Silber, von dem man neuerdings Artikel über die verschiedenartigsten Materien in der Presse fand, hatte in einer litterarischen Revue einen Aufsatz über »hoffnungerweckende weibliche Talente der neueren deutschen Litteratur« erscheinen lassen. Beim Lesen dieses Artikels ward es Fritz zumute, als ob er den kleinen Silber sprechen höre. Genau der an Übertreibungen und Gemeinplätzen reiche Stil. Wenig  originelle Gedanken, dafür ein spielerisches Kokettieren mit aktuellen Stoffen und Ideenkreisen. Keine Ruhe, keine Sachlichkeit, vielmehr ein stetes sich Überschlagen und Herausstreichen des eigenen Geistesreichtums. Unter den Frauen, von denen Silber am meisten erwartete für unser Schrifttum, nannte er in erster Linie Fräulein von Lavan. – Das heißt, er bezeichnete sie mit dem männlichen Pseudonym, das Berting einst für Hedwig erfunden hatte. – Sie besaß, nach Silbers Behauptung, jene großartige Ungeniertheit, welche es wagte, sich »im seelischen Evaskostüm« vor aller Welt zu zeigen, gleichsam »nur bekleidet mit der keuschen Linie ihrer Kunst.«  Hier spreche endlich einmal das Weib rein als Geschlechtswesen. Zu tiefem Danke sei ihr dafür nicht allein die Litteratur, sondern ebensosehr auch die Wissenschaft verpflichtet. Denn hier sei zum ersten Male eine zuverlässige Enquete über das Triebleben der Frau von einer Kennerin eröffnet. Die gerühmten Vorzüge fand Silber vor allem in dem neuesten Buche der Verfasserin. Es führte den Titel: »Die Unbefleckte«. Der begeisterte Kritiker gab eine detaillierte Inhaltsangabe des Romanes. Danach schien die Forderung, welche die Verfasserin aufstellte, zu sein, daß das Weib sich geschlechtlich ausleben dürfe. Sinnlichkeit heilige jedes Liebesverhältnis, während Ehe ohne Sinnentrieb schlimmer sei als Prostitution. Es war dies an zwei Lebensläufen illustriert. Ein Mädchen wurde geschildert, die, trotzdem sie ihrem  Geliebten mehrere Kinder geboren hatte, »unbefleckt« geblieben war, während ihre Schwester sich in einer Vernunftehe ohne Liebe zur Dirne erniedrigt hatte. Berting trug kein Verlangen danach, das Buch zu lesen. Es mochte immerhin einen wichtigen Beitrag bedeuten zur Frauenpsychologie; ihm graute davor. Er kannte die Verfasserin zu gut. Vor allem wußte er zu genau, was für sie das treibende Motiv war, sich mit solchen Problemen abzugeben, nicht »die rücksichtslose Kühnheit des Wahrheitspioniers«, wie Silber glaubte, sondern Neugier. Hedwig war noch jung; Fritz schätzte sie jetzt auf etwa neunzehn. Siegfried Silber mochte recht behalten mit seiner Prophezeiung, daß Fräulein von Lavan bald zu den führenden Schriftstellerinnen gehören werde. Ihre Beanlagung war unzweifelhaft vielseitig und ihr Wesen ungewöhnlich. Berting hatte den Zauber, den sie auszuüben vermochte, an sich selbst erfahren. Aber daß sie den Typus des Zukunftsweibes darstelle, wie Michael Chubsky von ihr behauptet hatte, glaubte er nicht. Bei aller Klugheit, Schärfe des Verstandes und Kultur des Geschmackes war sie seelisch unfruchtbar, ein impotentes Weib. Ihre Auffassung von Liebe war brutal, öde, verstandesmäßig konstruiert, ihr Begriff von Mutterschaft oberflächlich. Sie operierte gern mit diesen Worten; man hatte aber bei näherem Zusehen doch das Gefühl, daß sie von Liebe und Mutterschaft spreche wie der Blinde von der Farbe. Und was das große Verdienst anlangte, welches Silber ihr nachrühmte, daß sie die dem Weibe eigene Zimperlichkeit in diesen Dingen ganz beiseite gelassen habe, um »das geschlechtliche Martyrium« der modernen Frau in seiner Kraßheit zu enthüllen, so schien dieses Verdienst wirklich nicht groß; Scham brauchte nicht zu überwinden, wer keine besaß. –Die Zeiten waren vorüber, wo ihm das geschriebene Wort an sich imponierte. Durch seine Thätigkeit als Kritiker hatte er Übung bekommen im Durchschauen von Büchern und im Erkennen der Motive und Tendenzen, die hinter den Büchern standen. Immer wichtiger wurde ihm der lebendige Sinn alles Geschriebenen, nämlich die Persönlichkeit, die Seele die Schöpferkraft des Autors, das, was er zu geben, was er Neues zu sagen hatte. Immer mißtrauischer dagegen wurde er gegen das, was ihm früher als das bei weitem Wichtigste erschienen war, das aktuell Litterarische. Was war Litteratur? Eine Sammlung von Schulbegriffen, die heute galten, morgen verworfen wurden. Eine Abstraktion von klugen Köpfen aus so und so viel Beispielen zurecht gemacht und als System ausgegeben; die lebendige Dichtung sah anders aus. Was hatte ein Dichter mit den Moden der Litteratur zu thun? –Durch Nackede war Berting in flüchtige Berührung gekommen mit einigen Vertretern der allerjüngsten Dichtergeneration. Vor kurzem noch hatte er selbst zu diesen Grünsten gehört. Nun stand schon ein neues Geschlecht  fix und fertig da, begierig, ihn und seine Zeitgenossen abzulösen. Ihm ward, als er in diesen Kreis verschlagen wurde, als sei er verdammt, schon einmal Verdautes noch einmal zu essen. Genau derselbe litterarische Kaffeehaus-Klatsch wie damals! Ähnliche Physiognomieen, ähnliche Allüren, der nämliche Geist in wenig veränderter Form. Einige neue Schlagwort waren allerdings aufgekommen. Geblieben war das Geistreich-sein-wollen, das Wichtigthun und die Großmannssucht. Jeder dieser Jünglinge gebärdete sich, als habe er das Dichten überhaupt erst erfunden, als hänge von seinen Einfällen Sein oder Nichtsein der deutschen Kunst ab. Berting merkte, daß er älter geworden sei, und das war in diesem Falle kein unangenehmes Gefühl. Er erfuhr an sich, daß es weniger die Jahre sind, die den Menschen formen, als das, was man in ihnen durchmacht. Er hatte etwas erlebt; das war es, was ihn von den Kollegen schied. Auch diese brüsteten sich zwar mit Erlebnissen. Aber was nannten sie so? –Sie glaubten, das Leben sei ein Spektakelstück, aufgeführt zu ihrer besonderen Ergötzung. Dabei ahnten sie nicht, daß sie mit dem Rücken saßen gegen die Welt, daß das große, ernste Leben, das Leben der Arbeit, der Thaten und der Erfahrungen sich weit, weit weg von ihnen abspielte, ohne sich im geringsten um sie zu bekümmern. Überall wollten sie nur Freude und ästhetischen Genuß, vom Leben genau so wie vom Weibe. Die Weiber  erniedrigten sie zu Dirnen, und auch das Leben machten sie sich zur Dirne. Ihnen tief ins Auge zu blicken, besaßen sie nicht den Mut. Darum enthüllte ihnen weder das Weib seine Schönheit, noch das Leben seine Größe. Berting wußte, daß es eine Zeit gegeben hatte, wo er nicht anders gewesen war als diese. Wenn er sich jetzt sagen durfte, daß er mehr sei als sie, daß er in festerem Boden wurzele, daß er ein tieferes und reineres Verhältnis habe zum Leben und zur Kunst, so fühlte er Grund zu Dankbarkeit. Den Toten und den Lebenden hatte er dankbar zu sein für große Aufopferung, Nachsicht und Geduld. Auch er war mit dem Gedanken ausgezogen, das Leben sei ein Fest, welches man nur zu genießen brauche; aber es war mehr. Wert bekam das Leben erst, wenn es von seinem Träger gestaltet wurde. Ein neues Gefühl wuchs in ihm heran, Ehrfurcht vor dem großen Ethos des Daseins. Die Gesetze des Seins mußte der Mensch anerkennen und sich ihnen unterwerfen, sonst glich er einem steuerlosen Schiff auf hoher See. Berting war auf nichts stolzer als auf sein Künstlertum. Aber das Gottesgnadentum des Dichters wurde nur dem fruchtbar, der sich diese Würde verdiente. Dichten und Leben stehen in innigem, unzertrennlichem Zusammenhang. Alles echte Dichten ist ein geheimnisvolles Rinnen von tief aus dem Innersten quellenden Gefühlen, ein Überfließen von erlebten Dingen. 
