Die Büttnerbauer

I.

Der Großbauer Traugott Büttner ging mit seinen zwei
Söhnen zur Kirche.

Die drei Männer konnten sich sehen lassen. Der Büttnerbauer selbst war ein Sechziger, groß, hager, bartlos, rotbraun
im Gesicht, mit graugelbem Haupthaar, das er nach altmodischer Weise lang ins Genick hinab wachsen ließ. Breitspurig und wuchtig trat er mit schwerem Stiefel auf, wie
es ihm, dem Besitzer des größten Gutes im Dorfe, zukam. Seine starken, etwas eckigen Gliedmaßen, die sich ausnahmen wie knorrige Eichenäste, waren in einen Rock von
dunkelblauer Farbe, mit langen Schößen, gezwängt. Die
engen Ärmel behinderten ihn offenbar in der Freiheit der
Bewegung. Dafür war das auch der nämliche Rock, in
welchem der Büttnerbauer vor mehr als dreißig Jahren
getraut worden war. Daß der Rock inzwischen etwas knapp
geworden in den Schultern und über die Brust, störte
den Alten nicht, im Gegenteil! diese Gebundenheit und enge
Verschnürung des Leibes stimmte so recht zu der Weihe und
feierlichen Gemessenheit, die nun einmal zum Sonntagmorgen
gehört. — Auf dem langen straffen Haar trug er einen
Cylinder, den das Alter nicht glatter, sondern recht widerhaarig gemacht hatte.

Der Bauer schritt zwischen seinen beiden Söhnen: Karl
und Gustav.

Karl, der ältere, war in gleicher Größe mit dem Vater,
aber beleibter und fleischiger, als dieser. Auch er rasierte sich,
nach guter Bauernweise, den ganzen Bart. Seine großen,
etwas verschlafenen Augen und die vollen roten Wangen
gaben ihm das Aussehen eines großen gutgearteten Jungen.
Aber, wer sich die Fäuste des Mannes näher betrachtete, dem
verging wohl die Lust, mit solchem Burschen anzubinden. Heute
trug er, wie der Alte, ein dickleibiges Gesangbuch in der Hand.
Auch er war in einen langschößigen Kirchenrock gekleidet, und
trug einen breitkrämpigen Cylinder auf dem runden Kopfe.
Im ganzen war Karl Büttner die wohlgenährtere und um
dreißig Jahre jüngere Ausgabe von Traugott Büttner.

Verschieden von den beiden zeigte sich der jüngere Sohn,
Gustav, Unteroffizier in einem Kürassierregiment. Vielleicht
war es die schmucke Uniform, die seine Figur hob, ihm etwas
Gewandtes und Nettes gab, daß er sich von den beiden plumpen
Bauerngestalten vorteilhaft abhob. Er war etwas kleiner, als
Vater und Bruder, sehnig, gut gewachsen, mit offenem einnehmendem Gesichtsausdruck. Gustav wiegte seinen schlanken
Oberkörper ersichtlich in dem Bewußtsein, ein hübscher Kerl
zu sein, auf den heute die Augen der gesamten Kirchfahrt von
Halbenau gerichtet waren. Nicht selten fuhr seine behandschuhte Rechte nach dem blonden Schnurrbart, wie um sich zu
vergewissern, daß diese wichtigste aller Manneszierden noch an
ihrem Platze sei. Im Heimatdorfe hatte man ihn noch nicht
mit den Treffen gesehen. Zum heurigen Osterurlaub zeigte
er sich der Gemeinde zum erstenmale in der Unteroffizierswürde.

Gesprochen wurde so gut wie nichts während des Kirchganges. Hin und wieder grüßte mal ein Bekannter durch
Kopfnicken. Zum Ostersonntage war ganz Halbenau auf den
Beinen. In den kleinen Vorgärten rechts und links der
Dorfstraße blühten die ersten Primeln, Narzissen und Leberblümchen.

In der Kirche nahm der Büttnerbauer mit den Söhnen
die der Familie angestammten Kirchenplätze ein, auf der ersten
Empore, nahe der Kanzel. Die Büttners gehörten zu der
alteingesessenen Bauernschaft von Halbenau.

Gustav sah sich während des Gesanges, der mit seinem
ausgiebigen Zwischenspiel der Beschaulichkeit reichlichen Spielraum gab, in der kleinen Kirche um. Die Gesichter waren
ihm alle bekannt. Hie und da vermißte er unter den älteren
Leuten einen oder den anderen, den der Tod wohl abgerufen
haben mochte.

Sein Blick schweifte auch gelegentlich nach dem Schiffe
hinab, wo die Frauen saßen. Die bunten Kopftücher, Hauben
und Hüte erschwerten es, das einzelne Gesicht sofort herauszuerkennen. Unter den Mädchen und jungen Frauen war
manch eine, mit der er zur Schule gegangen, andere kannte er
vom Tanzboden her.

Gustav Büttner hatte es bisher geflissentlich vermieden,
nach einer bestimmten Stelle im Schiffe zu blicken. Er wußte,
daß dort eine saß, die, wenn sie überhaupt in der Kirche war,
ihn jetzt ganz sicher beobachtete. Und er wollte sich doch um
keinen Preis den Anschein geben, als kümmere ihn das nur
im geringsten. — Wenn er dorthin blicken wollte, wo sie
ihren Kirchenstand hatte, mußte er den Kopf scharf nach
links wenden, denn sie saß seitlings von ihm, beinahe unter
der Empore. Bis zum Kanzelvers that er sich Zwang an,
dann aber hielt er es doch nicht länger aus, er mußte wissen,
ob Katschners Pauline da sei.

Er beugte sich ein wenig vor, so unauffällig wie möglich.
Richtig, dort saß sie! Und natürlich hatte sie gerade auch
nach ihm hinaufblicken müssen.

Gustav war errötet. Das ärgerte ihn erst recht. Zu
einfältig! Warum mußte er sich auch um das Mädel kümmern!
Was ging die ihn jetzt noch an! Wenn man sich um jedes
Frauenzimmer kümmern wollte, mit dem man mal was gehabt, da konnte man weit kommen. Überhaupt, Katschners Pauline! — In der Stadt konnte man sich mit so einer gar nicht
sehen lassen. In der Kaserne würden sie ihn schön auslachen,
wenn er mit der angezogen käme. Nicht viel besser, als eine
Magd war sie! wochentags womöglich barfuß und mit kurzen
Röcken! —

Er nahm eine hochmütige Miene an, im Geiste die ehemalige Geliebte mit den „Fräuleins“ vergleichend, deren Bekanntschaft er in den Kneipen und Promenaden der Provinzialhauptstadt gemacht hatte. In der Stadt hatte, weiß Gott, das
einfachste Dienstmädel mehr Lebensart, als hier draußen auf
dem Dorfe die Frauenzimmer allezusammen. Er verachtete
Katschners Pauline so recht aus Herzensgrunde.

Und einstmals war die dort unten doch sein Einundalles gewesen! —

Auf einmal zog durch seinen Kopf die Erinnerung an das
Abschiednehmen damals, als er mit den Rekruten weggezogen in
die Garnison. Da hatten sie gedacht, das Herz müsse ihnen
brechen beim letzten Kusse. Und dann, als er wiederkam, zum
ersten Urlaub, nach einjähriger Trennung. — Was er da angestellt hatte vor Glückseligkeit! Und das Mädel! Sie waren
ja wie verrückt gewesen, beide. Was er ihr da alles versprochen und zugesagt hatte!

Er versuchte die Gedanken daran zu verscheuchen. Damals war er ja so dumm gewesen, so fürchterlich dumm!
Was er da versprochen hatte, konnte gar nicht gelten. Und
außerdem hatte sie ihm ja selbst auch nicht die Treue gehalten. —
Was ging ihn der Junge an! Überhaupt, wer stand ihm denn
dafür, daß das sein Kind sei! Er war ja so lange weg gewesen.

Na, mit der war er fertig! Mochten die Leute sagen,
was sie wollten! Mochte sie selbst sich beklagen, und Briefe
schreiben und ihm zu seinem Geburtstage und zu Neujahr
Glückwunschkarten schicken — das sollte ihn alles nicht rühren.
So dumm! Er hatte ganz andere Damen in der Stadt, feine
Damen, die gebildet sprachen und „Hochwalzer“ tanzen konnten.
Was ging ihn Katschners Pauline an, deren Vater armseliger
Stellenbesitzer gewesen war.

Inzwischen hatte der Pastor zu predigen begonnen. Gustav
versuchte nun, seine Gedanken auf das Gotteswort zu richten.
Er war in der Garnison noch nicht gänzlich verdorben worden.
Immer hatte er eine rühmliche Ausnahme vor den Kameraden
gemacht, welche das Kirchenkommando meist zu Schlaf, oder allerhand Unfug benutzten. Er war vom Elternhause her an gute
Zucht gewöhnt, auch in diesen Dingen. Der alte Bauer ging den
Seinen mit gutem Beispiele voran; er fehlte kaum einen Sonntag
auf seinem Platze und verpaßte kein Wort der Predigt. Auch
im Singen stand er noch seinen Mann; freilich mit einer
Stimme, die durch das Alter etwas krähend geworden. Karl
allerdings, der etwas zur Trägheit neigte, war von einem
Kirchenschläfchen nicht abzuhalten. Bald nach dem ersten der
drei angekündigten Teile der Predigt, sah ihn Gustav bereits
sanft vor sich hin nicken.

Nachdem der Gottesdienst vorüber, stand man noch eine
geraume Weile vor der Kirchthür. Der Büttnerbauer sah
mit Behagen, daß sein Gustav der Gegenstand allgemeiner
Aufmerksamkeit war. Alte und junge Männer umstanden den
Unteroffizier. Der Anblick der Uniform erweckte die Erinnerung an die eigene Dienstzeit, oder auch bei den Älteren, an
die Kriegsjahre. Der Büttnerbauer selbst führte die Denkmünzen der beiden letzten Feldzüge. Auch Karl Büttner hatte
seine drei Jahre „weggemacht“, aber, bis zur „Charge“ hatte
es bisher noch kein Büttner gebracht.

Gustav mußte auf viele Fragen Rede und Antwort stehen.
Ob er's nicht bald dicke habe, und wann er nach Halbenau zurückkehre, fragte man ihn. Der junge Mann meinte mit dem
Selbstbewußtsein, das die Uniform den gewöhnlichen Leuten
giebt, vorläufig gefalle es ihm noch so gut bei der Truppe,
daß er nicht daran denke, den Pallasch mit der Mistgabel zu
vertauschen.

Zwei Frauen kamen auf die Männer zu, eine Ältere, im
bunten Kopftuch und eine Jüngere, mit einem schwarzen Hut,
auf dem rosa Blumen leuchteten. Gustav hatte den Hut schon
von der Empore aus wiedererkannt. Vor Jahren, als er noch
mit Pauline Katschner gut war, hatte er ihr den Hut in
der Garnison gekauft und, als er auf Urlaub nach Hause ging,
mitgebracht. — Die ältere Frau war die Witwe Katschner,
Paulinens Mutter.

„Gutentag och, Gustav!“ sagte Frau Katschner. „Gutentag!“ erwiederte er stirnrunzelnd, ohne ihr die Hand zu geben.
Das Mädchen hatte den Kopf gesenkt und blickte errötend auf
ihr Gesangbuch. „No, bist De och wiedermal in Halbenau,
Gustav!“ meinte die Witwe und lachte dabei, um ihre Verlegenheit zu verbergen. „Ja!“ sagte Gustav kühl, und fragte
einen der jungen Männer irgend etwas Gleichgültiges.

Die Frauen zögerten noch eine Weile, wohl eine Anrede
von ihm erwartend. Dann zog das Mädchen, dem das Weinen
nahe schien, die Mutter am Rocke, „Kumm ack Mutter, mir
wollen gihn!“ — Darauf entfernten sich die beiden Frauen.

„Die kennst Du wohl garnich mehr Gustav?“ fragte einer
der jungen Leute mit spöttischem Lächeln den Unteroffizier.
Der zuckte die Achseln, wiegte sich in den Hüften, und gab sich
Mühe, so gleichgültig auszusehen, wie nur möglich.

Nun setzte man sich langsam in Bewegung, ein Trupp
von zehn, zwölf jungen Männern, meist Schulkameraden
Gustavs. Im Kretscham wurde ein Stehbier getrunken, und
die Cigarren in Brand gesetzt. Dann gings wieder auf die
Dorfstraße hinaus. Einer nach dem anderen suchte nun sein
Haus auf, denn die Mittagsstunde war herangekommen. Abends
wollte man sich auf dem Tanzboden wieder treffen.

Das Büttnersche Bauerngut lag am obersten Ende des
Dorfes. Der Bauer und Karl waren bereits vorausgegangen.
Gustav wollte in einen Feldweg einbiegen, der ihn in kürzester
Frist nach Haus geführt hätte, da hörte er seinen Namen
rufen.

Er wandte sich. Katschners Pauline war nur wenige
Schritte hinter ihm. Sie keuchte, beinahe atemlos vom schnellen
Laufen.

Er nahm eine finstere Miene an, und fragte in barschem
Tone, was sie von ihm wolle. „Gustav!“ rief sie, und streckte
ihm die Hand entgegen. „Bis doch nicht so! Du thust ja gerade, als kennt'st De mich am Ende garnich.“

„Ich hab' keine Zeit!“ sagte er, wandte sich und wollte
an ihr vorbei.

Aber, sie vertrat ihm den Weg. „Ne Gustav! Aber,
Gustav, bis doch nicht so mit mir!“ Sie stand da mit fliegendem
Busen und sah ihm voll in die Augen. Er hielt ihren Blick
nicht aus, mußte wegsehen.

Sie griff nach seiner Hand und meinte: „Ene Hand
hätt'st De mir immer geben kennen, Gustav!“

Das sei gar keine Manier, ihm so nachzulaufen und ihn
am hellen lichten Tage anzureden, sagte er, und sie solle sich
wegscheren. Er gab sich alle Mühe, entrüstet zu erscheinen.

Pauline schien keine Furcht vor ihm zu haben. Sie stand
dicht vor ihm. Eine Bewegung seines Armes hätte genügt,
sie bei Seite zu schieben. Aber, er hob die Hand nicht.

„Iber Iohr und Tog is es nu schon, Gustav, daß mer
uns niche gesehn haben! Und geontwortet hast Du och nich,
suviel ich Dir och geschrieben habe. Du thust doch gerade,
als wär'ch a schlechtes Madel, Gustav!“ — die Augen standen
ihr auf einmal ganz voll Thränen.

Heulen! das hatte grade noch gefehlt! Weiberthränen
waren für ihn etwas Entsetzliches. Er war ja sowieso schon
halb gewonnen durch ihren bloßen Anblick, durch den vertrauten Klang ihrer Stimme. Was für Erinnerungen rief
ihm dieses Gesicht zurück! Er hatte so glücklich mit ihr
gelebt, wie noch mit keiner anderen. Sie war doch seine
Erste gewesen. Es lag in dem Gefühle so etwas ganz Besonderes, so etwas wie Heimweh, wie Dankbarkeit für ihre
Güte gegen ihn.— Daß sie jetzt weinte, war schlimm! Er
kam sich schlecht vor und grausam. Das verdroß ihn. Nun
würde er das Mädel schwer wieder los werden, fürchtete er.

Sie wischte sich die Thränen mit einer Ecke ihrer schwarzen
Schürze ab, und fragte: „Was hast De denn egentlich gegen
mich Gustav? Sag mersch nur a enzigstes mal, was De hast,
daß De so bist! —“

Er kaute an seinem Schnurrbarte mit verdüsterter
Miene. Es wäre ein leichtes gewesen, ihr auf den Kopf zuzusagen, sie habe es inzwischen mit einem anderen getrieben.
Aber, in diesem Augenblick, unter den Blicken ihrer treuen
Augen, fühlte er mit einemmale, auf wie schwachen Füßen
dieser Verdacht eigentlich stehe. Er hatte ja die ganze Geschichte,
die ihm von anderen hinterbracht worden war, nie recht geglaubt. Das war ja nur ein willkommener Vorwand für ihn
gewesen, auf gute Art von ihr los zu kommen.

Als sie nun jetzt so vor ihm stand, einen Kopf kleiner
als er, frisch und gesund, wie ein Apfel, mit ihren guten
großen Augen, und den leuchtenden Zähnchen, da befand er
sich wieder ganz unter ihrem Banne.

„Ich habe mich su ärgern missen über Dich!“ sagte sie
leise, und schluchzte auf einmal auf. Die Thränen saßen sehr
locker bei ihr. Zwischen dem Weinen durch konnte sie so lieb
und schmeichelnd dreinblicken, wie eine zahme Taube. Niemand
hatte dem Mädchen diese Künste gelehrt, aber, die raffinierteste
Kokette hatte keine wirksameren Mittel, das Herz eines Mannes
zu bestricken, als dieses schlichte Naturkind.

Plötzlich senkte sie den Kopf, errötend und noch leiser als
vorher, meinte sie: „Willst De Dir nich Deinen Jungen ansehn, Gustav? Er is nu bald een Jahr!“ —

Der junge Mann stand unschlüssig, im Innersten bestürzt.
Er fühlte sehr deutlich, daß dieser Augenblick für ihn die Entscheidung bedeute. Wenn er ihr jetzt den Willen that, mit ihr
ging und sich den Jungen ansah, dann bekannte er sich zur
Vaterschaft. Bisher hatte er das Kind nicht als das seine
anerkannt, sich hinter der Ausflucht verschanzend, daß man ja
gar nicht wissen könne, von wem es sei.

Pauline hatte den Kopf wieder aufgerichtet und bat ihn
mit den Augen. Dann mit ihrer weichen Mädchenstimme: „Ich
ha' dem Jungen nu schun su viel vun Dir vorderzahlt. Er
kann noch ne raden. Aber „Papa!“ das kann er duch
schun sagen. — Komm ack, Gustav, sieh der'n wen'gstens a
mal an! —

Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn nach der Richtung, wohin sie ihn haben wollte. „Komm ack, Gustav,
komm ack mitte!“ so ermunterte sie den immer noch Zaudernden.

Er folgte ihr schließlich. Dabei ärgerte er sich über sich
selbst, daß er so nachgiebig war. Er verstand sich darin selbst
nicht. Es gab in der ganzen Unteroffiziersabteilung keinen
schneidigeren Reiter als ihn. „Remonte dressieren“ das war
seine Lust. Und dabei konnte er so weich sein, daß ihn der
Wachtmeister schon mal einen „nassen Waschlappen“ genannt
hatte. Das war damals gewesen, als seine Charge die
„Kastanie“ den Spat bekommen und zum Roßschlächter gemußt. Da hatte er geweint wie ein kleines Kind.

Pauline schien sich darauf zu verstehen, ihm beizukommen. Sie konnte, wenn sie wollte, sowas recht „Bethuliches“ haben. Sie that, als habe es niemals eine Abkühlung zwischen ihnen gegeben. Kein weiteres Wort des
Vorwurfes kam über ihre Lippen. Um keinen Preis wollte
sie ihn in schlechte Laune versetzen. Ihr Bestreben war, ihn
gar nicht erst zur Besinnung kommen zu lassen. Sie erzählte
von der Mutter, von ihrem Jungen, allerhand Lustiges und
Gutes, brachte ihn so mit kleinen Listen, deren sie sich kaum
bewußt wurde, bis vor ihre Thür.

Pauline wohnte mit ihrer Mutter, der Witfrau Katschner,
in einer strohgedeckten Fachwerkhütte, einem der kleinsten und
unansehnlichsten Anwesen des Ortes. Es war nur eine Gartennahrung, nicht genug zum Leben und zuviel zum Sterben.
Die beiden Frauen verdienten sich etwas durch Handweberei.
Früher war Pauline zur Arbeit auf das Rittergut gegangen,
aber in letzter Zeit hatte sie das aufgegeben.

Pauline hatte ihr eigenes Stübchen nach hinten hinaus.
In Gustav rief hier jeder Schritt, den er that, Erinnerungen wach. Durch dieses niedere Thürchen, das er nur
gebückt durchschreiten konnte, war er getreten, als sie ihn in
einer warmen Julinacht zum erstenmale in ihre Kammer eingelassen. Und wie oft war er seitdem hier aus und ein gegangen!
Zu Tag- und Nachtzeiten, ehe er zu den Soldaten ging und
auch nachher, wenn er auf Urlaub daheim gewesen war.

In dem kleinen Raume hatte sich wenig verändert, während
des letzten Jahres. Sauberkeit und peinlichste Ordnung herrschten
hier. Er kannte genau den Platz eines jeden Stückes. Dort
stand ihr Bett, da das Spind, daneben die Lade. Der Spiegel
mit dem Sprung in der Ecke unten links, über den eine Neujahrskarte gesteckt war, hing auch an seinem alten Platze.

Unwillkürlich suchte Gustavs Blick das Zimmer spürend
ab. Aber er fand nicht, was er suchte. Pauline folgte
seinen Augen und lächelte. Sie wußte schon, wonach er sich
umsah. —

Sie ging auf das Bett zu und drückte die bauschigen
Kissen etwas nieder. Ganz am oberen Ende, tief versenkt in
den Betten, lag etwas Rundliches, Dunkles.

Sie gab ihm ein Zeichen mit den Augen, daß er herantreten solle. Er begriff, daß der Junge schlafe und bemühte
sich infolgedessen leise aufzutreten, den Pallasch sorgsam hochhaltend. „Das is er!“ flüsterte sie und zupfte glückselig
lächelnd an dem Kissen, auf dem der Kopf des Kleinen lag.

Der junge Mann stand mit verlegener Miene vor seinem
Jungen. Der Anblick benahm ihn ganz; nicht einmal den
Helm abzusetzen, hatte er Zeit gefunden. Hinzublicken wagte
er kaum. Das sollte sein Sohn sein! Er hatte ein Kind! —
Der Gedanke hatte etwas eigentümlich Bedrückendes, etwas
Dumpfes und Beengendes legte sich auf ihn, wie eine große
noch unübersehbare Verantwortung.

Sie half ihm, nahm ihm zunächst den Helm ab, rückte
das Kind etwas aus den Betten heraus, daß er es besser
sehen solle, führte selbst seine große Hand, daß er sein eigenes
Fleisch und Blut betasten möchte. Dann fragte sie, sich an
ihn schmiegend, wie es ihm gefalle.

Er erwiederte nichts, stand immer noch ratlos, bestürzt
vor seinem Sprößling.

Jetzt ging ein Lächeln über die Züge des Kleinen, er
bewegte im Schlafe ein paar Finger des winzigen Händchens.
Nun erst begriff der Vater, daß es wirklich ein lebendiges
Wesen sei, was da lag. Der Gedanke rührte ihn auf einmal
in tiefster Seele. — So ein kleines Ding, mit solch winzigen
Gliedmaßen, und das lebte doch und war ein zukünftiger
Mensch, würde ein Mann sein — sein Sohn! Pauline und
er hatten es hervorgebracht; aus seinem und ihrem Gebein
stammte dieses neue Wesen. Das ewige Wunder des Werdens
trat vor ihn in seiner ganzen unheimlichen Größe. —

Gustav merkte, wie ihm die Thränen in die Augen traten,
es würgte ihn im Halse, es kitzelte ihn an der Nase. Er biß
die Zähne fest aufeinander und schluckte die Rührung hinunter; weinen wollte er um keinen Preis.

Pauline eilte derweilen geschäftig auf und ab im Zimmer.
Sie hatte den schwarzen Hut mit den rosa Blumen abgelegt,
die Ärmel ihres Kleides aufgeknöpft und bis an die Ellebogen
zurückgeschlagen und eine weiße Schürze vorgesteckt. Ohne Hut
sah sie noch hübscher aus. Ihr blondes Haar, von selten schöner
Färbung, kam jetzt erst zur Geltung, sie trug es nach Art der
Landmädchen, schlicht in der Mitte gescheitelt und hinten zu
einem Nest von vielen kleinen Flechten verschlungen. Das
schwarze Kleid war ihr Konfirmationskleid. Nur durch Auslassen und Ansetzen hatte sie es zu Wege gebracht, daß es ihre
frauenhaft entwickelte Fülle auch jetzt noch faßte.

Jetzt eilte sie wieder an das Bett. Sie meinte, der Junge
habe nun genug geschlafen, er müsse die Flasche bekommen.
Sie weckte den Kleinen, indem sie ihn sanft aus den Kissen
hob und ihn auf die Stirn küßte. Das Kind schlug ein Paar
große dunkle Augen auf, sah sich verwundert um, und begann sofort zu schreien. Der Vater, der an solche Töne noch
nicht gewöhnt war, machte ein ziemlich verdutztes Gesicht
hierzu.

Pauline meinte, das sei nicht so schlimm, das Kind habe
nur Hunger. Sie nahm eine Blechkanne aus der Röhre. Das
Zimmerchen hatte keinen eigenen Ofen, sondern nur eine Kachelwand, mit einer Röhre, die vom Nebenzimmer aus erwärmt
wurde. In der Blechkanne befand sich ein Fläschchen Milch.
Pauline, auf dem einen Arm das Kind, führte die Flasche zum
Munde, kostete schnell, stülpte einen Gummizulp über den
Flaschenhals. Dann legte sie den Kleinen wieder aufs Bett
dessen Blicke und Hände begierig nach der wohlbekannten
Flasche strebten. Nun endlich steckte sie dem Schreihals den
Zulp zwischen die Lippen. Sofort verstummte das Gezeter
und machte behaglich glurksenden Lauten Platz.

Gustav atmete erleichtert auf. Der ganze Vorgang hatte
etwas Beklemmendes für ihn gehabt. Während Pauline voll
Wonne und Stolz war, konnte er sich einer gewissen Gedrücktheit nicht erwehren. Mit dem Ausdrucke einer Zärtlichkeit, wie
sie nur eine Mutter hat, beugte sich das Mädchen über
das kleine Wesen, dessen ganze Kraft und Aufmerksamkeit jetzt
auf den Nahrungsquell gerichtet war, und richtete ihm die
Kissen.

Erst nachdem der Kleine völlig glücklich zu sein schien,
kam Gustav wieder an die Reihe für Pauline. Sie wischte
ihm einen Stuhl ab mit ihrer Schürze und bat ihn, sich zu
setzen. Er hatte noch immer kein Wort über den Jungen geäußert; jetzt nötigte sie ihn geradezu, sich auszusprechen.

Er meinte, das Kind sehe ja soweit ganz gesund und
kräftig aus. Aber das genügte ihrem mütterlichen Stolze nicht.
Sie begann, ihrerseits das Lob des Jungen zu singen, wie
wohlgebildet er sei und stark. Ja, sie behauptete sogar, er sei
ein Wunder an Klugheit, und führte dafür einige seiner kleinen
Streiche an. Groß sei er für sein Alter, wie kein anderes
Kind, schon bei der Geburt sei er solch ein Riese gewesen. Und
sehr viel Not habe er ihr gemacht, beim Kommen, setzte sie
etwas leiser mit gesenktem Blicke hinzu. Dann erzählte sie, daß
sie ihn bis zum sechsten Monate selbst genährt habe.

Er hörte diesem Berichte von Dingen, die für sie von
größter Bedeutung und Wichtigkeit waren, nur mit halbem
Ohre zu. Er hatte seine eignen Gedanken bei alledem.
Was sollte nun eigentlich werden, fragte er sich. Er hatte
sich zu diesem Kinde bekannt. Als anständiger Mensch
mußte er nun auch dafür sorgen. Burschen, die ein Kind
in die Welt setzen, und dann Mädel und Kind im Stiche
ließen, hatte er immer für Lumpe gehalten. Einstmals hatte
er Paulinen ja auch die Ehe versprochen. Und wenn er sie
so ansah, wie sie hier schaltete und waltete, sauber und nett,
geschickt, sorgsam und dabei immer freundlich und voll guten
Mutes, da konnte ihm der Gedanke einer Heirat schon gefallen.
Daß sie ein durch und durch braves Mädel sei, das wußte er ja.

Aber, überhaupt heiraten! Er dachte an das Elend der
meisten Unteroffiziersehen. Da hätte man sich ja schütteln
mögen bei dem bloßen Gedanken.

Und dann gab es da noch eins: er hätte mit verschiedenen Frauenzimmern in der Garnison brechen müssen. —
Das alles machte ihm den Kopf schwer. —

Pauline fing jetzt an, von ihren eigenen Angelegenheiten
zu sprechen, sie erzählte, wie einsam und traurig der letzte
Winter für sie gewesen sei, die Mutter wochenlang bettlägerig,
dazu kein Geld im Hause, kein Mann in der Nähe, der ihnen
geholfen hätte. Sie selbst durch die Pflege des Kindes abgehalten, viel zu schaffen. Und zu alledem habe er nichts mehr
von sich hören lassen. Was er denn eigentlich gehabt habe
gegen sie, verlangte das Mädchen von neuem zu wissen. Er
wich der Antwort aus, fragte seinerseits, warum sie denn gar
nicht mehr aufs Rittergut zur Arbeit gegangen sei.

Das habe seinen guten Grund, erklärte sie, und sprach
auf einmal mit gedämpfter Stimme, als fürchte sie, das
Kind könne etwas verstehen. Der Eleve dort, habe sich Unanständigkeiten gegen sie erlaubt, deshalb sei sie lieber aus der
Arbeit fortgeblieben, obgleich sie den Verdienst schwer vermißt hätte.

Gustav horchte auf. Das war ja gerade die Geschichte,
über die er gern etwas Genaueres erfahren hätte. Mit diesen Eleven nämlich hatte man ihm das Mädchen verdächtigt. Er forschte
weiter: Was hatte sie mit dem Menschen gehabt, wie weit war
er gegangen?

Pauline zeigte sich im Innersten erregt, als diese Dinge
zur Sprache kamen. Sie sprach in den schärfsten Ausdrücken
über den jungen Herrn, der seine Stellung ausgenutzt hatte, ihr
in zudringlicher Weise Anträge zu machen. Mehr noch als
ihre Worte, sagten es ihm ihre Mienen, und die ganze Art,
in der sie sich äußerte, daß sie ihm treu geblieben sei.

Gustav ließ ihr seine Befriedigung durchblicken, daß nichts
an dem Gerede sei. Nun erfuhr sie erst, daß er darum gewußt
habe. Deshalb also hatte er mit ihr gegrollt! Wer hatte sie
denn nur ihm gegenüber so angeschwärzt?

Er sagte ihr nur, daß er's gehört hätte von „den Leuten“.
Daß die Verdächtigung aus seiner eigenen Familie gekommen,
welche sein Verhältnis mit Pauline niemals gern gesehen
hatte, verschwieg er.

Pauline nahm die Sache ernst. Daß er sie in solch einem
Verdachte gehabt und noch dazu so lange und ohne ihr ein
Wort davon zu sagen, daß kränkte sie. Das Mädchen wurde
auf einmal ganz still. Sie empfand die Ungerechtigkeit und
Erniedrigung, die in seiner Auffassung lag, wie Frauen solche
Dinge empfinden, jäh und leidenschaftlich. Sie machte sich im
Hintergründe des Zimmers zu schaffen, ohne ihn anzusehen.

Ihm war nicht wohl dabei zu Mute. Er wußte zu gut,
wieviel er sich ihr gegenüber vorzuwerfen hatte. — Er blickte
verlegen auf seine Stiefelspitzen.

Es entstand eine Pause, während der man nur die leichten Atemzüge des Kindes, das inzwischen mit seiner Flasche
fertig geworden war, vernahm.

Plötzlich ging Pauline nach dem Bette. Sie nahm den
Kleinen aus den Kissen. „Du hast den Jungen noch gar
niche uf'n Arm gehat, Gustav!“ sagte sie, unter Thränen
lächelnd, und hielt ihm den Kleinen hin.

Er nahm das Kind in Empfang, wie man ein Paket
nimmt. Der Junge blickte mit dem starren leeren Blicke der
kleinen Kinder auf die blanken Tressen am Halse des Vaters.

„Getoft is er och schon,“ sagte Pauline. „Ich ha dersch
ja damals geschrieben, aber Du hast nischt geschickt dazu. Der
Paster war erscht böse und hat tichtig gebissen uf mich, daß
mer sowas passiert wor.“

Gustav war inzwischen ins Reine mit sich gekommen, daß
er Kind und Mutter anerkennen wolle.

Der Junge streckte die kleine Hand nach dem Schnurrbart
des Vaters, Pauline wehrte dem Händchen sanft. „Se sprechen
alle, daß er Dir su ähnlich sähe, Gustav! Wie aus'n Gesichte
geschnitten, sprechen de Leite.“ —

Der junge Vater lächelte zum erstenmale sein Ebenbild
an. Pauline hatte sich bei ihm eingehängt, ihre Blicke gingen
liebend von Gustav zu dem Kleinen. Der Bengel hatte endlich den Schnurrbart des Vaters erwischt und stieß einen
schrillen Freudenschrei aus.

So gewährten sie das Bild einer glücklichen Familie.

II.

Gustav Büttner kam heute viel zu spät nach Haus zum
Mittagbrot. Die Familie hatte bereits vor einer Weile abgegessen. Der alte Bauer saß in Hemdsärmeln in seiner Ecke
und schlummerte. Karl hielt die Tabakspfeife, die er eigentlich
nur während des Essens ausgehen ließ, schon wieder im Munde.
Die Frauen waren mit Abräumen und Reinigen des Geschirrs
beschäftigt.

Die Bäuerin sprach ihre Verwunderung darüber aus,
daß Gustav so lange ausgeblieben. In der Schenke sitzen am
Sonntag Vormittag, das sei doch sonst nicht seine Art gewesen. — Gustav ließ den Vorwurf ruhig auf sich sitzen. Er
wußte wohl warum; seine Leute brauchten gar nicht zu erfahren,
was sich inzwischen begeben hatte.

Schweigend nahm er auf der Holzbank, am großen viereckigen Familientische Platz. Dann heftelte er seinen Waffenrock auf, wie um sich Platz zu machen für das Essen. Die
Mutter brachte ihm das Aufgewärmte aus der Röhre.

Die Büttnerbäuerin war eine wohlhäbige Fünfzigerin.
Ihr Gesicht mochte einstmals recht hübsch gewesen sein, jetzt
war es entstellt durch Unterkinn und Zahnlücken. Sie sah
freundlich und gutmütig aus. Gustav sah ihr von den Kindern
am ähnlichsten. In ihren Bewegungen war sie nicht besonders
flink, eher steif und schwerfällig. Der schlimmste Feind der
Landleute, das Reißen, suchte sie oftmals heim.

Eine der Töchter wollte ihr behülflich sein, aber sie ließ
es sich nicht nehmen, den Sohn selbst zu bedienen. Der
Unteroffizier war ihr Lieblingskind. Sie setzte die Schüssel,
die noch verdeckt war, vor Gustav hin und stützte die Hände
auf die Hüften. „Nu paß aber mal uf Gust!“ rief sie, und
sah ihm schmunzelnd zu, wie er den schützenden Teller abhob.
Es war Schweinefleisch mit Speckklößen und Birnen im Grunde
des Topfes zu erblicken. „Gelt, Dei Leibfrassen Gust!“ sagte
sie und lachte den Sohn an. Sie ließ die Blicke nicht von
ihm, während er zulangte und einhieb. Jeden Bissen schien
die liebevolle Mutter für ihn mitzuschmecken. Gesprochen
wurde nichts. Man hörte das Klappern des Blechlöffels gegen
die irdene Schüssel; denn der Unteroffizier ersparte sich den
Teller. — In der Ecke schnarchte der alte Bauer, sein Ältester
war auf dem besten Wege ihm nachzufolgen, trotz der Pfeife. Am
Ofen, der eine ganze Ecke des Zimmers einnahm, mit seiner Hölle
und der breiten Bank, hantierten die jüngeren Frauen an dem
dampfenden Aufwaschfaß mit Tellern, Schüsseln und Tüchern.

Der Büttnerbauer besaß zwei Töchter. Die dritte Frauensperson war Karls, des ältesten Sohnes, Frau.

Die Büttnerschen Töchter zeigten sich sehr verschieden in
der Erscheinung. Man würde sie kaum für Schwestern angesprochen haben. Toni, die Ältere war ein mittelgroßes
starkes Frauenzimmer, mit breitem Rücken. Das runde Gesicht,
mit roten Lippen und Wangen, erschien wohl hauptsächlich
durch seine Gesundheit und Frische hübsch. Sie stellte mit
ihrem drallen Busen und kräftigen Gliedmaßen das Urbild
einer Bauernschönheit dar.

Ernestine, die jüngere Schwester, war erst vor kurzem
konfirmiert worden. Sie stand noch kaum im Anfange weiblicher Entwickelung. Sie war schlank gewachsen und ihre
Glieder zeigten eine bei der ländlichen Bevölkerung seltene Feinheit. Dabei war sie sehnig und keineswegs kraftlos. Ihren
geschmeidigen, flinken Bewegungen nach zu schließen mußte sie
äußerst geschickt sein. Die Arbeit flog ihr weit schneller von
der Hand, als der älteren Schwester.

Der Schlummer des Vaters wurde respektiert; man vermied das allzulaute Klappern mit dem Geschirr. Am wenigsten
besorgt um den Schlaf des Alten schien Therese, die Schwiegertochter, zu sein. Sie sprach mit tiefer, rauher, etwas gurgelnder
Stimme, wie sie Leuten eigen ist, die Kropfansatz haben.
Therese war eine große, hagere Person, mit langer spitzer Nase,
ziemlich blaß, aber von knochig derbem Wuchse, mit starkem
Halse.

Sie ging jetzt daran, die abgewaschenen Teller in das
Tellerbrett zu stellen. Als sie an ihrem Gatten vorbeikam,
dem der Kopf bereits tief auf die Brust herabgesunken war,
während ihm die Tabakspfeife zwischen den Schenkeln lag, stieß
sie ihn unsanft an. „Ihr Mannsen braucht o ne en halben
Tog zu verschlofa; weil mir Weibsen uns abrackern missen.
Das wär' ane verkehrte Welt. Wach uf, Karle! —“

Karl fuhr auf, sah sich verdutzt um, nahm seine Pfeife
auf, die er langsam wieder in Brand setzte, und blinzelte bald
wieder von neuem mit den Augenlidern. Seine Ehehälfte ging
inzwischen brummend und murrend auf und ab.

Theresens Wut wurde gar nicht durch die Schlafsucht des
Gatten erregt worden an die sie schon gewohnt war. Vielmehr
ärgerte sie sich darüber, daß Gustav von der Bäuerin mit den
besten Bissen bewirtet wurde. Sie war ihrem Schwager überhaupt
nicht grün. Der jüngere Sohn werde dem älteren gegenüber
von den Alten bevorzugt, fand sie. Sie fühlte wohl auch, daß
Gustav ihrem Gatten in vielen Stücken überlegen sei, und das
mochte ihre Eifersucht erregen. Ganz erbotzt flüsterte sie den
Schwägerinnen zu — soweit bei ihr von einem Flüstern die
Rede sein konnte — „de Mutter stackt's Gustaven wieder zu,
vurna und hinta!“

Endlich war Gustav fertig mit Essen. Zur Freude seiner
Mutter hatte er reine Wirtschaft gemacht. Sich streckend und
gähnend, meinte er, daß es in der Kaserne so was freilich
nicht gäbe.

Inzwischen war der alte Bauer erwacht. „War Gustav
doe?“ fragte er, sich mit leeren Augen umsehend. Als er gehört hatte, daß Gustav bereits abgegessen habe, stand er auf
und erklärte, mit ihm hinausgehen zu wollen, auf die Felder.

Der junge Mann war gern bereit dazu. Er wußte sowieso nicht, wie er den langen Sonntagnachmittag verbringen
solle.

Karl ging mit Vater und Bruder aus dem Zimmer, scheinbar, um mit aufs Feld zu gehen. Aber, er verschwand bald. Er
hatte nur die Gelegenheit benutzt, herauszukommen, um auf dem
Heuboden, ungestört von seiner Frau, weiter schlafen zu können.

Der Bauernhof bestand aus drei Gebäuden, die ein nach
der Südseite zu offenes Viereck bildeten. Das Wohnhaus, ein
geräumiger Lehmfachwerkbau, mit eingebauter Holzstube, ehemals mit Stroh gedeckt, war von dem jetzigen Besitzer mit
Ziegeldach versehen worden. Mit dem schwarz gestrichenen
Gebälk und den weiß abgeputzten Lehmvierecken zwischen den
Balken, den unter erhabenen Bogen, wie menschliche Augen,
versteckten Dachfenstern, blickte es sauber, freundlich, altmodisch
und gediegen drein. Die Winterverpackung aus Moos, Laub
und Waldstreu war noch nicht entfernt worden. Das Haus war
wohl versorgt, die Leute, die hier wohnten, das sah man, liebten
und schützten ihren Herd.

Unter einem langen und hohen Dache waren Schuppen,
Banse und zwei Tennen untergebracht. Ein drittes Gebäude
enthielt Pferde-, Kuh- und Schweineställe. Scheune wie Stall
wiesen noch die althergebrachte Strohbedachung auf.

Die Gebäude waren alt, aber gut erhalten. Man sah,
daß hier Generationen von tüchtigen und fleißigen Wirten gehaust hatten. Jeder Ritz war zugemacht, jedes Loch bei Zeiten
verstopft worden.

In der Mitte des Hofes lag die Düngerstätte, mit der
Jauchenpumpe daneben. Am Scheunengiebel war ein Taubenhaus eingebaut, welches eine Art von Schlößchen darstellte; die
Thüren und Fenster des Gebäudes bildeten die Ein- und Ausfluglöcher für die Tauben. Ein Kranz von scharfen, eisernen
Stacheln wehrte dem Raubgetier den Zugang. In dem offenen
Schuppen sah man Brettwagen, Leiterwagen und andere Fuhrwerke stehen, die Deichseln nach dem Hofe gerichtet. Unter
dem vorspringenden Scheundach waren die Leitern untergebracht.
Im Holzstall lag gespaltenes Holz für die Küche, Reisig zum
Anfeuern, und Scheitholz. Das Kalkloch, der Sandhaufen und
der Stein zum Dengeln der Sensen, fehlten nicht.

Der Sinn für das Nützliche und Notwendige herrschte
hier, wie in jedem rechten Bauernhofe, vor. Aber auch der Gemütlichkeit und dem Behagen war Rechnung getragen. Ein
schmales Gärtchen von einem Holzstacket eingehegt, lief um die
Süd- und Morgenseite des Wohnhauses. Hier zog die Bäuerin
neben Gemüsen und nützlichen Kräutern, verschiedene Blumensorten, vor allem solche, die sich durch starken Geruch und auffällige Farben auszeichnen. Und um die Pracht voll zu
machen, hatte man auf bunten Stäben leuchtende Glaskugeln
angebracht. In der Ecke des Gärtchens stand eine aus Brettern
zusammengestellte Holzlaube, die sich im Sommer mit bunt
blühenden Bohnenranken bezog. Im Grasgarten standen Obstbäume, von denen einzelne ihrem Umfange nach zu schließen,
an hundert Jahr alt sein mochten.

Die Thür des Wohnhauses war besonders schön hergestellt.
Drei glatt behauene steinerne Stufen führten hinauf. Die
Pfosten und der Träger waren ebenfalls von Granit. Auf
einer Platte, die über der Thür angebracht war, stand folgender Spruch eingegraben:

„Wir bauen alle feste,
„und sind doch fremde Gäste,
„und wo wir sollen ewig sein,
„da bauen wir gar wenig ein!“

Gustav und der Bauer schritten vom Hause, ohne daß
einer dem anderen ein Wort gesagt, oder einen Wink gegeben
hätte, geraden Weges nach dem Pferdestalle; denn hier war
der Gegenstand des allgemeinen Interesses untergebracht: eine
zweijährige braune Stute, die der Bauer vor kurzem gekauft
hatte. Zum dritten oder vierten Male schon besuchte der Unteroffizier, der erst am Abend vorher in der Heimat eingetroffen
war, das neue Pferd. Er hatte sich die Stute auch schon ins
Freie hinausführen lassen, um ihre Gänge zu beobachten; aber
ein Urteil über das Pferd hatte er noch immer nicht abgegeben,
obgleich er ganz genau wußte, daß der Alte darauf wartete.
Gustav sagte auch jetzt noch nichts, obgleich er prüfend mit
der Hand über die Sehnen und Flechsen aller vier Beine gefahren war.

Die Büttners waren darin eigentümliche Käuze. Nichts
wurde ihnen schwerer, als sich gegen ihresgleichen offen auszusprechen. Oft wurden so die wichtigsten Dinge wochenlang
schweigend herumgetragen. Jeder empfand das als eine Last,
aber der Mund blieb versiegelt; bis endlich die eherne Notwendigkeit, oder irgend ein Zufall, die Zungen löste. — Es
war fast, als schämten sich die Familienmitglieder unter einander Dinge zu besprechen, die sie jedem Fremden gegenüber
offener und leichteren Herzens geäußert haben würden. Vielleicht, weil jedes die innersten Regungen und Stimmungen des
Blutsverwandten zu genau kannte, und seine eigenen Gefühle
wiederum von ihm gekannt wußte.

Vater und Sohn traten, nachdem man das Pferd genügend
geklopft und gestreichelt und ihm die Streu frisch aufgeschüttelt
hatte, wieder auf den Hof hinaus. Hier verweilte sich Gustav
nicht erst lange. Es hatte sich in der Wirtschaft sonst nichts
weiter verändert, seit er das letzte Mal auf Urlaub gewesen
war. Die neu aufgestellten Ferkel und die angebundenen Kälber
hatte er schon vor der Kirche mit der Bäuerin besehen. Man
schritt nunmehr unverweilt zum Hofe hinaus.

Das Gut bestand aus einem langen schmalen Streifen,
der vom Dorfe nach dem Walde hinauslief. Am unteren Ende
lag das Gehöft. Im Walde, der zu dem Bauerngute gehörte,
entsprang ein Wässerchen, das mit ziemlich starkem Gefälle zum
Dorfbach hinabeilte. An diesem Bächlein lagen die Wiesen
des Büttnerschen Grundstückes. Zwischen den Feldern zog sich
der breite Wirtschaftsweg des Bauerngutes, mit alten, tief eingefahrenen Gleisen, holperig und an vielen Stellen von Rasen
überwachsen, vom Gehöft nach dem Walde hinauf.

Vater und Sohn gingen langsam, jeder auf einer Seite
des Weges, für sich. Heute konnte man sich Zeit nehmen,
heute gab es keine Arbeit. Gesprochen wurde nichts, weil
einer vom andern erwartete, daß er zuerst etwas sagen solle.
Bei den einzelnen Schlägen blieb der alte Bauer stehen und
blickte den Sohn von der Seite an, das Urteil des jungen
Mannes herausfordend.

Gustav war nicht etwa gleichgültig gegen das, was er sah.
Er war auf dem Lande geboren und aufgewachsen. Er liebte
den väterlichen Besitz, von dem er jeden Fußbreit kannte.
Der Bauer hatte die Hilfe des jüngeren Sohnes in der Wirtschaft all die Zeit über, wo Gustav bei der Truppe war, aufs
empfindlichste vermißt.

Karl, der eigentliche Anerbe des Gutes und Hofes, war
nicht halb soviel wert, als Arbeiter und Landwirt, wie der
jüngere Sohn.

Sie hatten bereits mehrere Stücke betrachtet, da blieb der
Bauer vor einem Kleeschlage stehen. Er wies auf das Stück,
das mit dichtem, dunkelgrünem Rotklee bestanden war.

„Sicken Klee hat's weit und breit kenen. — Haa! — In
Halbenau hoat noch kee Bauer su an Klee gebrocht. Und der
hoat in Haber gestanda. — Haa! — Do kann sich in April
schun der Hoase drine verstacken, in dan Klee!“ —

Er stand da, breitbeinig, die Hände auf dem Rücken, und
sein altes, ehrliches, rotes Bauerngesicht strahlte vor Stolz.
Der Sohn that ihm den Gefallen, zu erklären, daß er besseren
Klee zu Ostern auch noch nicht gesehen habe.

Nachdem man sich genügsam an dieser Pracht geweidet,
gings langsam auf dem Wirtschaftswege weiter. Nun war das
Schweigen einmal gebrochen, und Gustav fing an zu erzählen.
Im Manöver und bei Felddienstübungen war er viel herumgekommen im Lande. Er hatte die Augen offen gehalten und
sich gut gemerkt, was er anderwärts gesehen, und kennen gelernt von neuen Dingen. Der alte Bauer bekam von allerhand zweckmäßigen Maschinen und Einrichtungen zu hören,
die ihm der Sohn zu beschreiben versuchte. „Bei Leiba, bei
Leiba!“ rief er, ein über das andere Mal, erstaunt aus. Die
Berichte des Sohnes klangen ihm geradezu unglaublich. Besonders, daß es jetzt eine Maschine geben solle, welche die
Garben bände, das wollte ihm nicht in den Sinn. Sämaschinen,
Dreschmaschinen, das konnte er ja glauben, die hatte er auch
schon selbst wohl gesehen, aber eine Maschine, welche die
Garben raffte und band! „Da mechte am Ende ener och a
Ding erfinden, das de Apern stackt, oder de Kihe vun selber
melken thut. Ne, das glob'ch ne! — dernoa, wenn's suweit
käma, da kennten mir Pauern glei gonz eipacken. Si's su
schun schlimm genuche mit a Pauern bestellt. Dar Edelmann
schind uns, und dar Händler zwickt uns; wenn och noch de
Maschinen, und se wullen alles besurgen, dernoa sein mir
Pauern glei ganz hin!“ —

Gustav lächelte dazu. Er hatte in den letzten Jahren
doch manchem bäurische Vorurteil abgestreift. Er versuchte es,
den Vater zu überzeugen, daß das mit den neuen Erfindungen
doch nicht ganz so schlimm sei; im Gegenteil, man müsse dergleichen anwenden und nutzbar zu machen suchen. Der Alte
blieb bei seiner Rede. Zwar hörte er dem Jungen ganz gern
zu; Gustavs lebhafte und gewandte Art, sich auszudrücken, die
er sich in der Stadt angeeignet, machte ihm, der selbst nie die
Worte setzen gelernt hatte, im Stillen Freude und schmeichelte
seinem väterlichen Stolze, aber von seiner ursprünglichen Ansicht
ging er nicht ab. Das war alles nichts für den Bauern.
Solche Neuerungen waren höchstens dazu erfunden, den Landmann zu verderben. —

Sie waren unter solchen Gesprächen an den Wald gelangt.
Hier lief die Flur in eine sumpfige Wiese aus, die in unordentlichen Niederwald überging. Dahinter erhoben sich
einzelne Kiefern, untermengt mit Wachholdersträuchern, Ginster
und Brombeergestrüpp. Der Boden, durch die jährliche Streunutzung völlig entwertet, war nicht mehr imstande, einen gesunden Baumwuchs hervorzubringen. Der Büttnerbauer war,
wie die meisten seines Standes, ein schlechter Waldheger.

Der alte Mann wollte nunmehr umkehren. Aber Gustav
verlangte noch das „Büschelgewände“ zu sehen, da sie einmal
soweit draußen seien. Diese Parzelle hatte der Vater des
jetzigen Besitzers angekauft und dem Gute einverleibt.

Der Bauer zeigte wenig Lust, den Sohn dieses Stück
sehen zu lassen, und mit gutem Grunde. Das Stück lag
brach, allerhand Unkraut machte sich darauf breit. Der Bauer
schämte sich dessen.

„Was habt Ihr denn dort stehen heuer?“ fragte Gustav
völlig arglos.

„Ne viel Gescheits! Dar Busch dämmt's Feld zu sihre,
und a Zeter-Rehe san och allendchen druffe; da kann duch
nischt ne gruß warn.“

Er verschwieg dabei, daß dieses Gewände seit anderthalb
Jahren nicht Pflug und nicht Egge gesehen hatte.

„Will denn der Graf immer noch unsern Wald kofen?“
fragte Gustav.

Der Büttnerbauer bekam einen roten Kopf bei dieser
Frage.

„Ich sullte an Buusch verkofen!“ rief er. „Ne, bei meinen
Labzeiten wird suwas ne! 's Gutt bleibt zusommde!“ Die
Zornader war ihm geschwollen, er sprach heiser.

„Ich meente ock, Vater!“ sagte Gustav beschwichtigend.
„Uns nutzt der Busch doch nich viel.“

Der Büttnerbauer machte Halt und wandte sich nach dem
Walde zu. „Ich verkofe och nich an Fußbreit von Gutte, ich
ne! Macht Ihr hernachen, wos der wullt, wenn'ch war tud
sein. Vun mir kriegt dar Graf dan Buusch ne! Und wenn
er mir nuch su vill läßt bietan. Meenen Buusch kriegt ar
ne!“ Der Alte ballte die Fäuste, spuckte aus und wandte dem
Walde den Rücken zu.

Gustav schwieg wohlweislich. Er hatte den Vater da an
einer wunden Stelle berührt. Der Besitzer der benachbarten
Herrschaft hatte dem alten Bauer bereits mehr als einmal
nahe legen lassen, ihm seinen Wald zu verkaufen. Solche
Ankäufe waren in Halbenau und Umgegend nichts Seltenes.
Die Herrschaft Saland, die größte weit und breit, ursprünglich
nur ein Rittergut, war durch die Regulierung und die Gemeinheitsteilung und später durch Ankauf von Bauerland zu
ihrer jetzigen Größe angewachsen. Das Büttnersche Bauerngut
lag bereits von drei Seiten umklammert von herrschaftlichem
Besitz. Der Büttnerbauer sah mit wachsender Besorgnis dem
immer weiteren Vordringen des mächtigen Nachbars zu. Seine
Ohnmacht hatte allmählich eine grimmige Wut in ihm erzeugt
gegen alles, was mit der Herrschaft Saland in Zusammenhang stand. Verschärft war seine Gehässigkeit noch worden,
seit er bei einem Konflikte, den er mit der Herrschaft wegen
Übertritts des Dammwildes auf seine Felder gehabt, in der
Wildschadenersatzklage abschlägig beschieden worden war.

Man schritt den Wiesenpfad hinab, am Bache entlang.
Von rechts und links, von den höher gelegenen Feldstücken,
drückte das Wasser nach der Bachmulde zu. Das dunkle,
allzu üppige Grün verriet die Feuchtigkeit einzelner Flecken.
Es gab Stellen, wo der Boden unter dem Tritt des Fußes
erzitterte und nachzugeben schien. Der ganze Wiesengrund
war versumpft.

Gustav meinte, daß hier Drainage angezeigt sei.

„Wu sullt ak daderzut 's Geld rauskumma, un de Zeit!“
rief der Büttnerbauer. „Mir warn a su och schunsten ne
fertg! Unserens kann'ch mit su was duch ne abgahn. Drainirchen, das is ganz scheen und ganz gutt for an Rittergutsbesitzer, oder anen Ökonomen; aber a Pauer . . . .“

Er vollendete seine Rede nicht, verfiel in Nachdenken.
Die ganze Zeit über hatte er etwas auf dem Herzen, dem
Sohne gegenüber, aber er scheute das unumwundene Geständnis.

„Es mechten eben a poar Fausten mehr sein, für's Gutt!“
sagte er schließlich. „Mir sein zu wing Mannsen, Karle und
ich, mir zwee alleene. Die Weibsen thäten schun zulanga; aber
dos federt ne su: Weiberarbeit. Mir zwee, Karle und ich,
mir wern de Arbeit ne Herre. A dritter mechte hier sein!“ —

Gustav wußte nun schon, worauf der Alte hinaus wollte.
Es war die alte Geschichte. Daß er dem Vater fehle bei der
Arbeit, wollte er schon glauben. Denn Karl war ja doch nicht
zu vergleichen mit ihm, in keiner Weise, das wußte der selbstbewußte junge Mann recht gut. — Der Vater klagte ja nicht
zum erstenmale, daß die Wirtschaft zurückgehe, seit Gustav
bei der Truppe sei. Aber, das konnte nichts helfen, Gustav
war nicht gesonnen, die Tressen aufzugeben für die Stellung
eines Knechtes auf dem väterlichen Hofe. Ja, wenn's noch für
eigene Rechnung gewesen wäre! Aber für die Familie sich abschinden, für Eltern, Bruder und Schwestern. Für ihn selbst
sprang ja dabei gar nichts heraus. Das Gut erbte ja einstmals nicht er, sondern Karl. —

Er erwiederte daher auf die Klage des Vaters in kühlem
Tone: „Nehmt Euch doch einen Knecht an, Vater!“

Der Alte blieb stehen und rief mit heftigen Armbewegungen:
„An Knacht! Ich sull mer an Knacht onnahma? Ich mecht
ock wissen, wu dar rauswachsen sillte. Achzig Tholer kriegt a
su a Knacht jetzt im Juhre, und's Frassen obendrein. Und do
mechte och noch a Weihnachten sen, und a Erntescheffel. Mir
hon a su schun zu vills Mäuler zu stopfa, hon mir! Wusu
kann ich denne, und ich kennte mer an Knacht halen! — Ne,
hier mechte ener har, dar zur Familie geherte, dan wer keenen
Lohn ne brauchten zahla. So ener mechte hier sen!“

Der Unteroffizier zuckte die Achseln, und der Vater sagte
nichts weiter. Der Rückweg wurde schweigend zurückgelegt.
In dem Gesichte des Alten zuckte und witterte es, als führe
er das Gespräch innerlich weiter. Ehe sie das Haus betraten,
hielt er den Sohn am Arme fest und sagte ihm ins Ohr:
„Ich will der amal a Briefel weisen, Gustav, das'ch gekriegt
ha'. Komm mit mer ei de Stube!“ —

Der Büttnerbauer ging voraus in die Wohnstube. Außer
der alten Bäuerin war hier nur die Schwiegertochter anwesend. Therese schaukelte ihr Jüngstes, das an einem durch
zwei Stricke am Mittelbalken der Holzdecke befestigten Korbe
lag, hin und her. Der Bauer begann in einem Schubfache
zu kramen. „Woas suchst De denne, Büttner?“ fragte die
Bäuerin. „'s Briefel von Karl Leberechten.“

„Dos ha'ch verstackt!“ rief die alte Frau, und kam aus
ihrer Ecke hervorgehumpelt. „Wart ack, wart!“ Sie suchte
auf der Komode, dort lag in einem Schächtelchen ein Schlüssel,
mit diesem Schlüssel ging sie zum Spind, schloß es auf und
entnahm dem obersten Brett ein altes Buch mit vielen Einlagen und Buchzeichen. In dem Buche blätterte sie eine
Weile, bis sie endlich auf das gesuchte Schreiben kam. „Doe
is er!“

Der Büttnerbauer berührte den Brief wie alles Geschriebene
mit besonderer Vorsicht, ja mit einer Art von Scheu. Dann
schob er ihn dem Sohne hin: „Lase a mal dos, Gustav!“

Der Briefbogen hatte großes Quartformat und trug
rechts oben eine Firma: „C. G. Büttner, Materialwarenhandlung en gros & en detail.“ Folgte die Ortsbezeichnung.

Gustav sah nach der Unterschrift. Sein eigener Name
stand darunter: Gustav Büttner. Der Briefschreiber war demnach sein ihm gleichaltriger Vetter, Kompagnon im Geschäfte
des alten Karl Leberecht Büttner. Gustav hatte Onkel und
Vetter ein einziges Mal gesehen in seinem Leben, als sie vor
Jahren dem Heimatdorfe einen flüchtigen Besuch von der
Stadt aus abgestattet.

Dieser Karl Leberecht war ein um wenige Jahre jüngerer
Bruder des Büttnerbauern. Er hatte Halbenau frühzeitig verlassen, als ein großer Thunichtgut. Jahrelang war nichts von
ihm verlautet. Dann tauchte er plötzlich als verheirateter
Mann und Inhaber eines Grünwarengeschäftes in einer mittelgroßen Stadt der Provinz auf. Inzwischen hatte sich sein Geschäft zur „Materialwarenhandlung en gros & en detail“
ausgewachsen.

Die beiden Familien, die eine in der Stadt, die andere
auf dem Dorfe, hatten so gut wie gar keine Berührungspunkte
mehr. Nur bei der Erbschaftsregulierung, vor nunmehr dreißig
Jahren, war man einander auf kurze Frist wieder einmal näher
getreten. In den letzten Jahrzehnten hatte man nur ganz gelegentlich etwas von einander gesehen oder gehört.

G. Büttner jun. also, schrieb im Namen seines Vaters,
daß man die Hypothek, welche von der Erbteilung her noch
auf dem Büttnerschen Bauerngute in Halbenau stand, hiermit
kündige, und daß man den Eigentümer besagten Bauerngutes
ersuche, Zahlung zum Johannitermine zu leisten. Als Grund
der Kündigung war Erweiterung des Geschäftes angegeben.

Der Brief war durchaus in geschäftlichem Stile gehalten,
und enthielt nichts, was darauf hindeutete, daß Schreiber und
Empfänger in naher Blutsverwandtschaft standen.

Vater und Mutter hielten sich hinter dem Sohne, während
er las, und blickten ihm über die Schulter.

„Habt Ihr schon was derzu gethan, Vater?“ meinte
Gustav, als er fertig war mit lesen.

„Wie meenst De?“ fragte der Alte und sah ihn verständnislos an.

„Ob Ihr schon derzu gethan habt, wegen an Gelde? Am
ersten Juli müßt Ihr zahlen.“

„Siehst De Moann!“ rief die Bäuerin. „Ich ho Dersch
immer geseut, De mechtest federn und nach an Galde sahn.“

„Ich bin o schun, und ich ha mich befrogt im a Gald.
Bei Kaschelernsten bi'ch gewast; der spricht, ar wullt mersch
ack gahn, wenn'ch 'n sechsdehalb Prozent versprechen thäte.“

„Das sieht dem Kujon ähnlich!“ rief Gustav. Sein Onkel
Kaschel war der Inhaber des Kretschams von Halbenau. Er
war Witwer, ehemals mit einer Schwester des Büttnerbauern
verheiratet. Er galt in Halbenau, wo Bargeld ziemlich rar
war, für den ersten Kapitalisten.

„Da mechte aber bald Rat werden,“ sagte Gustav nachdenklich. „Sonst werdet Ihr verklagt, Vater!“

„Mei Heiland! Siehste's Moann!“ rief die Bäuerin. „Ich
ho's schun immer geseut iber den Pauer: mir wern noch gepfändt ho'ch ibern geseut, De werscht's derlaben Traugott!“

„Nu dos gleb 'ch do ne von Karl Leberechten!“ meinte
der Alte; aber sein unsicherer Blick zeigte, daß ihm nicht ganz
geheuer zu Mute sei.

„Die werden wohl nich lange fackeln!“ meinte Gustav.

„Siehste Traugott, siehste! Gustav meent och su!“ rief die
Bäuerin. „Su is er aber nu der Vater. Er bedenkt sich,
und er bedenkt sich, und er thut nischt derzu. Er werd's nuch
suweit bringa, daß se 'n 's Gut wagnahmen kumma.“

Der Büttnerbauer warf seiner Ehehälfte einen finsteren
Blick zu. Das Wort hatte ihn getroffen. „Halt de Fresse,
Frau!“ rief er ihr zu. „Was verstiehst denn Du vun a Geschäften!“

Die Bäuerin schien mehr betrübt, als beleidigt, über diese
Worte des Gatten. Sie zog sich schweigend in ihre Ecke zurück. Gustav überlegte eine Weile, welchen Rat er seinem
Vater geben solle. Einen Augenblick dachte er daran, dem
Vater abermals vorzuschlagen, daß er seinen Wald an die
Herrschaft verkaufen möchte. Aber, dann fiel ihm ein, wie
dieser Vorschlag den Alten vorhin erboßt hatte. Er kannte
seinen Vater, den hatte noch niemals jemand von seiner Ansicht abgebracht.

„Ich weiß keenen andern Rat, Vater,“ sagte er schließlich.
„Ihr müßt in de Stadt. Hier weit und breit is doch keen
Mensch mit Gelde, außer Kaschelernsten. In der Stadt, dächt'ch
müßte doch Geld zu bekommen sein.“

„Das ho'ch och schun gedacht!“ meinte der Büttnerbauer
mit nachdenklicher Miene.

Es trat ein langes Schweigen ein. Man hörte nur das
leichte Knarren der Stricke in den Haken und das Knistern
des Korbes, in welchem Therese den Säugling hin und her
schaukelte. —

Jetzt traten die beiden Mädchen ins Zimmer. Toni war
im vollen Staate. Ihre üppigen Formen waren in ein Kleid
von greller, blauer Farbe gezwängt, das vorn etwas zu kurz
geraten war, und so die plumpen, schwarzen Schuhe sehen
ließ. An ihrem Halse blitzte eine Broche von buntem Glase.
Ihr blondes Haar hatte sie stark pomadisiert, so daß es
streifenweise ganz braun aussah. Offenbar war sie sehr stolz
über den Erfolg ihrer Toilettenkünste. Steif und gezwungen,
als sei sie von Holz, bewegte sie sich. Denn die Zugschuhe
der Halskragen und das Korset waren ihr ungewohnte Dinge.
Sie ging einher wie eine Puppe.

Gustav, der in der Stadt seinen Geschmack gebildet hatte,
belächelte die Schwester. Heute Abend sei Tanz im Kretscham
berichtete Toni dem Bruder. Sie hoffte, daß er sie dahin
begleiten würde, darum hatte sie sich auch so besonders herausgeputzt, um vor seinem verwöhnten Auge zu bestehen. — Der
alte Bauer, der allen Putz und unnützen Tand nicht leiden
mochte, brummte etwas von „Pfingstuchse“! Aber, die Bäuerin
nahm die Tochter in Schutz. Am Sonntage wolle solch
ein Mädel auch einmal einen Spaß haben, wenn sie sich
Wochentags abgerackert habe im Stalle, Hause und auf dem
Felde.

Das Abendbrot wurde zeitiger anberaumt, damit die
Kinder nichts von dem Vergnügen versäumen sollten.

Gustav begleitete die Schwester zum Kretscham. Unterwegs erzählte ihm Toni, daß Ottilie, die Tochter Kaschelernsts,
des Kretschamwirtes, in den letzten Tagen wiederholt und
zuletzt heute früh in der Kirche, gefragt habe, ob Gustav nicht
zum Tanze in den Kretscham kommen werde. Der Unteroffizier konnte sich eines Lachens nicht enthalten, sobald er nur
die Kousine erwähnen hörte. Ottilie Kaschel war um einige
Jahre älter als er, aber, als die Tochter Kaschelernsts, wohl
die beste Partie von Halbenau. Gustav hatte sich in früheren
Zeiten gelegentlich sein Späßchen mit ihr erlaubt; er wußte
ganz gut, daß sie ihn gern mochte, aber der Gedanke an ihre
Erscheinung machte ihn lachen. Sie hatten ein Pferd bei der
Schwadron, einen alten Schimmel: die „Harmonika“, dürr,
überbaut, mit Senkrücken; an den erinnerte ihn seine Kousine
Ottilie.

Gustav ließ die Schwester allein in den Kretscham treten.
Er sagte, er werde nachkommen. Oben im Saale glänzten
schon die Fenster, das Schmettern der Blechmusik, untermischt
mit dem dumpfen Stampfen und Schleifen der Tänzer, drang
auf die Straße hinaus.

Gustav lockte das nicht; ihn erwarteten heute Abend ganz
andere Freuden.

Auf Seitenpfaden, zwischen Gärten und Häusern hin,
schlich er sich durch die Nacht. Um nicht angesprochen zu
werden, stieg er, als ihm ein Trupp junger Leute entgegenkam,
über einen Zaun.

Bei Katschners Pauline brannte ein Lämpchen. Sie wartete
auf ihn. Sie hatten nichts verabredet heute früh, und doch
wußten beide, was der Abend bringen würde.

Er klopfte vorsichtig an ihr Fenster. Da wurde auch
schon der Vorhang zurückgeschoben. Eine weiße Gestalt erschien
für einen Augenblick hinter den Scheiben. Ein kleines Schiebefensterchen öffnete sich. „De Thiere is uff, Gustav! Mach
keenen Lärm, de Mutter is derheme.“

Der Unteroffizier zog sich die Stiefeln aus und reichte
sie wortlos dem Mädchen zum Fenster hinein. Dann schlich
er sich, mit den Bewegungen einer Katze, durch die niedere Thür
in das Häuschen. Gleich darauf verlöschte das Licht in
Paulinens Zimmer.

III.

Einige Tage später fuhr der Büttnerbauer im korbgeflochtenen Kälberwägelchen durchs Dorf. Er saß ganz vorn
im Wagen, so daß er den Pferdeschwanz beinahe mit den
Füßen berührte, auf einem Gebund Heu, hinter ihm lagen
eine Anzahl gefüllter Säcke.

Er hatte sich rasiert, was er sonst nur am Sonnabend
Abend that, er trug ein reines Hemd, den schwarzen Rock und
einen flachen Filzhut — sichere Wahrzeichen, daß es nach der
Stadt ging.

Als er am Kretscham von Halbenau vorbeikam, stand
dort sein Schwager, Ernst Kaschel, in der Thür, Zipfelmütze
auf dem Kopfe, die Hände unter der Schürze, in der echten
Gastwirtspositur.

Der Bauer stellte sich, als sähe er den Gatten seiner
verstorbenen Schwester nicht, blickte vielmehr steif gradeaus auf
die Landstraße, während er sich dem Kretscham näherte, und
gab dem Rappen die Peitschenschmitze zu fühlen, damit er sich
in Trab setzen solle.

Der Büttnerbauer war seinem Schwager Kaschel niemals
grün gewesen. Das gespannte Verhältnis zwischen den
Verwandten stammte von der Erbauseinandersetzung her, die
der Bauer nach dem Tode des Vaters mit seinen Geschwistern
gehabt hatte.

Aber der Gastwirt ließ den Schwager nicht unangeredet
vorüberfahren. „Guntago Traugott!“ rief er dem Bauer zu.
Und als dieser auf den Gruß nicht zeichnete, sprang der kleine
Mann behende die Stufen vom Kretscham auf die Straße
hinab, trotz seiner Holzpantoffeln und lief auf das Gefährt zu.
„Holt a mal Traugott! Ich ha mit Dir zu raden. —“

Der Bauer brachte das alte Tier, das, wenn einmal im
Schusse, schwer zu parieren war, durch ein paarmaliges kräftiges
Anziehen der Zügel endlich zum stehen, und fragte mit wenig
erfreuter Miene, was „zum Schwerenschock“ jener von ihm wolle.

Der Kretschamwirt lachte; es war dies eine von Ernst
Kaschels Eigentümlichkeiten, in allen Lebenslagen zu grinsen.
Es gab ihm das etwas Verlegenes, ja geradezu Thörichtes und
Tölpelhaftes — jedenfalls, hatte es der Mann, trotz dieser
Eigenheit, in seinem Leben zu einer gewissen Macht über seine
Mitmenschen gebracht. —

Kaschelernst, wie er meist genannt wurde, verzog also sein
kleines bartloses Gesicht zu einem Grinsen und fragte, statt zu
antworten: „Hast De's denne so eilig, Traugott! Ich wollt'
ack freun, wu De su frih an Tage schun hin wolltest?“

„Ei de Stadt, Hafer verkofen,“ erwiderte Büttner,
ärgerlich über den Aufenthalt, und über das verhaßte Lächeln
des Schwagers, dessen wahren Sinn er am eigenen Leibe
oft genug erfahren hatte. Schon hob er die Peitsche, um den
Rappen von neuem anzutreiben. Aber der Wirt hatte das
Pferd inzwischen am Kehlriemen gefaßt und kraute es in den
Nüstern, so daß der Bauer, wäre er jetzt losgefahren, den
Schwager höchst wahrscheinlich über den Haufen gerannt hätte.

Kaschelernst war ein kleines hiefriches Männchen, mit
rötlich glänzendem, dabei magerem Gesicht. Den feuchten schwimmenden Augen konnte man die Liebhaberei des Wirtes für
die Getränke ansehen, die er selbst verschänkte. Mit dem kahlen
spitzen Kopfe, dem fliehenden Kinn und dem Rest von vorspringenden Zähnen in dem bartlosen Munde, sah er einer
alten Ratte nicht unähnlich. Seine Glatze deckte Tag ein Tag
aus eine gewirkte Zipfelmütze, der Leib war in die Wirtsschürze eingeschnallt, an den Füßen trug er blaue Strümpfe,
in denen die Beinkleider verschwanden.

Er ließ ein „Ho, Alter, ho!“ vernehmen — was dem
Pferde galt — dann wandte er sich mit blödem Lachen an seinen
Schwager: „Wo in drei Teifels Namen nimmst denn Du dan
Hafer her, zum verkefen, jetzt im Frühjuhre?“

„Mir hon gelt allens zusommde gekroatzt uf'n Schittboden,
's is'n immer nuch ane Handvell ibrig fir de Pferde. Ich
dachte ock und ich meente, weil er jetzt on Preis hat, dacht'ch,
De verkefst'n, ehbs daß er wieder billig wird, dar Hafer.“

„Ich kennte grode a Zentner a zahne gebrauchen,“ meinte
der Gastwirt, „wenn er nich zu huch käme.“

„Der Marktpreis sticht ja im Blattel.“

„An Marktpreis mecht'ch nu grode ne zahlen, wenn'ch 'n
vun Dir nahme, den Hafer. Du wirst duch an nahen Verwandten ne iberteuern wullen, Traugott.“ — Kaschelernst
verstand es, ungemein treuherzig dreinzublicken, wenn er wollte.

„Vun wegen der Verwandtschaft!“ rief der Büttnerbauer erregt. „Sechsdeholb Prozent von an nahen Verwandten
furdern, wenn ersch's Geld nötig hat, das kannst Du! —
Gih mer aus 'n Wege, ich will furt!“

Kaschelernst ließ den Kopf des Pferdes nicht los, trotz des
drohend erhobenen Peitschenstils. „Ich will der wos sagen,
Traugott!“ meinte er, „ich ha' mersch iberlegt seit neilich, wegen
der Hypothek von Karl Leberechten. Ich will dersch Geld
mit finf Prozent burgen. Ich will's machen, ock weil Du's
bist, Traugott! Du brauchst's am Ende netig. Ich ha' mersch
iberlegt; ich will Dersch gahn, mit finf Prozent.“

Der Bauer blickte seinen Schwager mißtrauisch an. Was
hatte denn den auf einmal so umgestimmt? Neulich hatte er
noch sechs und ein halb Prozent verlangt, und keinen Pfennig
darunter, wenn er die Hypothek, die dem Büttnerbauer von
seinem Bruder Karl Leberecht gekündigt worden war, übernehmen
solle. Daß Kaschelernst ihm nichts zu Liebe thun werde,
wußte der Bauer nur zu genau. Andererseits lockte das Anerbieten. Fünf Prozent für die Hypothek. — Es war immer
noch Geld genug! Vielleicht bekam man's doch noch um ein
halb Prozent billiger in der Stadt. Überhaupt war es vielleicht besser, sich mit Kaschel nicht weiter einzulassen; er besaß
ja sowieso weiter oben noch eine Hypothek auf dem Bauerngute eingetragen, und leider hatte er ja auch überdies Forderungen.

„No, wie is!“ mahnte Kaschelernst den Überlegenden.
„Sein mir eenig? Finf Prozent!“

„Mir worsch aben racht, wenn'ch 's Geld glei kriegen kennte.“

„'s Geld is da! Ich ha's huben liegen. Da kannst's glei
mitnahmen, Traugott, uf de Post, wenn De Karl Leberechten
auszahlen willst. Also, wie is, sein mer eenig?

Der Bauer simulierte noch eine ganze Weile. Er mißtraute der Sache. Irgendwo war da eine Hinterthür, die er
noch nicht sah. Wenn Kaschelernst die Miene des Biedermanns aufsetzte, da konnte man sicher sein, daß er einen begaunern wollte. „Du soist, Du hätt'st's Geld da liegen;
soist Du?“

„Tausend Thaler und drüber! se liegen bei mer im feuersicheren Schranke. Willst se sahn, Traugott?“

„Also finf Prozent! Kannst De 's ne drunger macha?“

„Ne, drunger gar ne! Und ees wollt'ch der glei noch sagen,
Traugott, bei der Gelegenheit: für meine eegne Hypothek, die'ch
von Deiner Schwester geerbt ha', dos wullt'ch der glei noch
sagen: da mecht'ch von Michaelis an och finf Prozent han,
viere dos is mer zu wing, verstiehst De!“

„Du bist wuhl verrikt!“

„Finf Prozent für beide Hypotheken! hernachen sollst
Du's Geld han. Anderscher wird keen Geschäft ne, Traugott!“

Jetzt riß dem Büttnerbauer die Geduld.

Er hob die Peitsche und schlug auf das Pferd. Der Gastwirt, erkennend, daß es diesmal Ernst sei, hatte gerade noch
Zeit, bei Seite zu springen. Der Rappe bockte erst ein paar
mal, ob der unerwarteten Schläge, dann zog er an. Kirschrot
im Gesicht wandte sich der Bauer nach seinem Schwager um
und drohte unter wilden Schimpfreden. Dabei ging das Geschirr in Bogenlinien von einer Seite der Straße auf die
andere, und drohte in den Graben zu stürzen, weil der Bauer
in seiner Wut abwechselnd an der Hotte- und an der Hüsteleine riß.

Der Kretschamwirt stand mitten auf der Straße und sah
dem davoneilenden Gefährte nach, sich die Seiten vor Lachen
haltend. Er sprang vor Vergnügen von einem Bein auf das
andre, kicherte und schnappte nach Luft. Sein Sohn Richard,
ein sechzehnjähriger Schlacks, hatte die Verhandlungen zwischen
Vater und Onkel vom Gaststubenfenster aus neugierig verfolgt.
Jetzt, da er den Büttnerbauer erregt abfahren sah, kam er
heraus zum Vater, um zu erfahren, was eigentlich vorgegangen
sei. Kaschelernst, dem die Augen übergingen, konnte seinem
Sohn vor Lachen kaum etwas erzählen.

Der Büttnerbauer machte seinem Ärger noch eine geraume
Weile durch Flüche Luft. Am meisten ärgerte er sich über sich
selbst, daß er sich abermals hatte verführen lassen, mit seinem
Schwager Kaschel zu sprechen. Als ob jemals ein Mensch mit
diesem „Würgebund“ etwas zu thun gehabt hätte, ohne von
ihm über's Ohr gehauen worden zu sein. Der war ja so ein
„gerissener Hund,“ mit seinem blöden Lachen. Als ob er nicht
bis drei zählen könne, so konnte dieser Lump sich anstellen, und
gerade damit fing er die meisten Gimpel.

Als Kaschelernst ins Dorf gekommen war, vor Jahren,
hatte er nicht einen roten Heller sein eigen genannt, und jetzt
war er der anerkannt reichste Mann in Halbenau. Der Kretscham, zu welchem ein nicht unbedeutendes Feldgrundstück gehörte, war sein eigen. Er hatte einen Tanzsaal mit großen
Fenstern eingebaut, zwei Kegelbahnen und einen Schießstand
angelegt. Außer dem Schnaps- und Bierausschank betrieb er
den Kleinkram, gelegentlich auch Fleischerei und Getreidehandel.
Alles gedieh ihm. Auch Landverkäufe vermittelte er. Man
munkelte allerhand, daß er seine Hand im Spiele gehabt, bei
Güterzerschlagungen, wie sie in der letzten Zeit nicht selten in
und um Halbenau stattgefunden hatten. Mit den Händlern,
Mäklern und Agenten der Stadt stand er in regem Verkehr;
kaum eine Woche verging, wo nicht einer von dieser Zunft im
Kretscham von Halbenau abgestiegen wäre.

Und zu denken, daß dieser Mensch alles das nur dadurch
erreicht hatte, daß er eine Tochter aus dem Büttnerschen Gute
geheiratet! —

Der alte Bauer gab sich trüben Gedanken hin, nachdem
der erste Ärger verflogen war. Wie war das alles nur so
über ihn und seine Familie gekommen! — Es war doch keine
Gerechtigkeit in der Welt! Der Pastor mochte von der Kanzel
herab sagen, was er wollte: die schlechten Menschen fänden
schon hier auf Erden ihre Strafe, und die guten ihren Lohn;
für ihn und die Seinen stimmte das nicht. Da war es eher
umgekehrt. — Es gab keine Gerechtigkeit auf der Welt!

Das Büttnersche Gut war eine der ältesten spannfähigen
Stellen im Orte. Es war, wie die Kirchenbuchnachrichten auswiesen, stets mit Leuten dieses Namens besetzt gewesen. Lange
vor dem großen Kriege schon hatten die Büttners dem Dorfe
mehrere Schulzen geschenkt. Und unter den alten Grabsteinen
auf dem Kirchhofe war mancher, der diesen Namen aufwies.

Während des dreißigjährigen Krieges, wo Halbenau und
Umgegend mehrfach arg mitgenommen wurden, war mit dem
„großen Sterben“ auch die Büttnersche Familie bis auf vier
Augen ausgestorben. Seitdem gab es nur noch diesen einen
Zweig in Halbenau. Nicht, daß es der Familie an Nachwuchs
gefehlt hätte! aber, entweder heirateten die jüngeren Söhne
nicht, oder wenn sie eigene Familien begründet hatten, blieben
sie doch mit Frau und Kind auf dem Hofe ihrer Väter, halfen
bei der Bestellung und arbeiteten die Frondienste für den
Grundherrn ab. Die Kinder mußten, wie üblich, der Gutsherrschaft zum Zwangsgesindedienst angeboten werden. Man
befand sich ja nicht auf eigenem Grund und Boden; der
Gutsherr hatte die Obrigkeit und besaß Verfügungsrecht über
Land und Leib seiner Unterthanen. Aber, die besondere Stellung
der Büttnerschen Familie, ihre Tüchtigkeit und Nützlichkeit, war
auch von Seiten der Gutsherrschaft respektiert worden. Niemals
war einer aus diesem Gute, wie es in der Zeit der Erbunterthänigkeit den Bauern nicht selten zu geschehen pflegte, in eine
geringere Stelle versetzt worden. Man leistete durch Spanndienste und Handdienste der Herrschaft ab, was man ihr
schuldig war. Großen Wohlstand hatte man dabei nicht sammeln können; dazu war auch die Kopfzahl der Familie meist
zu stark gewesen und der Boden zu ärmlich. Aber, man hatte
nichts eingebüßt an Land und Kraft in den Zeiten der Hörigkeit,
die nur zu viele Bauern herabgedrückt hat zur Unselbständigkeit
und Stumpfheit des abhängigen Subjekts. Und der Hausverband,
die Zusammengehörigkeit der Familie war gewahrt worden.

Unter dem Großvater des jetzigen Besitzers trat die Bauernbefreiung in Kraft. Die Erbunterthänigkeit wurde aufgehoben, alle Fronden abgelöst. Bei der Regulierung verlor das Bauerngut ein volles Dritteil seiner Fläche an die
Herrschaft.

In dem Vater des jetzigen Büttnerbauern erreichte die
Familie einen gewissen Gipfelpunkt. Er war ein rühriger Mann,
und es gelang ihm, sich durch Fleiß und Umsicht, begünstigt
durch gute Jahre, zu einiger Wohlhabenheit emporzuarbeiten.
Durch einen günstigen Kauf verstand er es sogar, den Umfang
des Gutes wieder zu vergrößern. Vor allem aber legte er das
erworbene Geld in praktischen und bleibenden Verbesserungen
des Grund und Bodens an.

Es war kein kleines Stück für den Mann, sich dem Vordringen des benachbarten Rittergutes gegenüber, das sich durch
Ankauf von kleineren und größeren Parzellen im Laufe der
Jahre zu einer Herrschaft von stattlichem Umfange erweitert
hatte, als selbständiger Bauer, zu erhalten. Unter diesem
Besitzer war die Familie, dem Zuge der Zeit folgend, in alle
Windrichtungen auseinandergeflogen. Nur der älteste Sohn,
Traugott, war, als zukünftiger Erbe, auf dem väterlichen Hofe
geblieben. Als der alte Mann ziemlich plötzlich durch Schlagfluß starb, fand sich kein Testament vor. Als echtem Bauern,
war ihm alles Schreibwesen von Grund der Seele verhaßt
gewesen. Gegen Gerichte und Advokaten hatte er ein tiefeingefleischtes Mißtrauen gehegt. Zudem war der Alte einer von
denen, die sich nicht gern daran erinnern ließen, daß sie
dieser Welt einmal Valet sagen müssen. Auch schien jede
Erbbestimmung unnötig, weil als selbstverständlich angenommen wurde, daß, wie seit Menschengedenken, auch
diesmal wieder, der Älteste das Gut erben werde, und
daß sich die übrigen Geschwister murrlos darein finden
würden.

Das kam nun doch etwas anders, als der Verstorbene
angenommen hatte.

Es waren fünf Kinder vorhanden und die Witwe des
Dahingeschiedenen. Traugott, der Älteste, war durch den Tod
des Vaters Familienoberhaupt und Bauer geworden. Der
zweite Sohn hatte vor Jahren das Dorf mit der Stadt vertauscht. Ein dritter war auf der Wanderschaft nach Österreich
gekommen und dort sitzen geblieben. Außer diesen drei Söhnen
waren zwei Töchter da. Die eine war mit dem Kretschamwirt von Halbenau verehelicht, die andere hatte einen Mühlknappen geheiratet, mit dem sie später von Halbenau fortgezogen war.

Im Erbe befand sich nur das Bauerngut mit Gebäuden,
Vorräten und Inventar. Das bare Geld war zu Ausstattungen
der Töchter und zu Meliorationen verwendet worden.

Der älteste Sohn erklärte sich bereit, das Erbe anzutreten,
und die übrigen Erben mit einer geringfügigen Auszahlung
abzufinden, wie es der oftmals ausgesprochene Wunsch des Verstorbenen gewesen war. Aber der Alte hatte da mit einer
Gesinnung gerechnet, die wohl in seiner Jugend noch die Familie
beherrscht hatte: der Gemeinsinn, der aber dem neuen Geschlechte
abhanden gekommen war. Zu Gunsten der Einheitlichkeit des
Familienbesitzes wollte keiner der Erben ein Opfer bringen.

Es wurde Taxe verlangt zum Zwecke der Erbregulierung.
Als diese nach Ansicht der Pflichtteilsberechtigten zu niedrig
ausfiel, focht man die Erbschaftstaxe an, und forderte Versteigerung des Gutes.

Der älteste Sohn, der sein ganzes Leben auf dereinstige
Übernahme des väterlichen Gutes zugeschnitten hatte, wollte den
Besitz um keinen Preis fahren lassen. Er erstand schließlich
das Gut zu einem von seinen Geschwistern künstlich in die
Höhe geschraubten Preise.

Natürlich war er außer Stande, die Erben auszuzahlen.
Ihre Erbteile wurden auf das Gut eingetragen; Traugott
mußte froh sein, daß man ihm das Geld zu vier Prozent
stehen ließ. So saß denn der neue Büttnerbauer auf dem
väterlichen Grundstücke, das mit einem Schlage aus einem
unbelasteten in ein über und über verschuldetes verwandelt
worden war.

Es kamen Kriege, an denen Traugott Büttner teilnahm.
Die schlechten und die guten Zeiten wechselten wie Regen und
Sonnenschein. Aber, die guten Jahre kamen dem Braven
nicht recht zu statten, da er nicht kapitalkräftig genug war,
um den allgemeinen Aufschwung und die Gunst der Verhältnisse auszubeuten. Die schlechten Jahre dagegen drückten
auf ihn, wie ein Panzerkleid auf einem schwachen und
wunden Leib.

Der Büttnerbauer war freilich nicht der Mann, der sich
leicht werfen ließ.

Sein Gut war ausgedehnt, die äußersten Feldmarken lagen
in beträchtlicher Entfernung von dem am untersten Ende
eines schmalen Landstreifens gelegenen Hofe. Der Boden war
leicht und die Ackerkrume von geringer Mächtigkeit. Dazu
waren die Witterungsverhältnisse nicht einmal günstige; denn
nach Norden und Osten lag das Land offen da, vom Süden
und Westen her aber wirkten Höhenzüge ein, Kälte und Feuchtigkeit befördernd, und die warme Jahreszeit abkürzend. Der Acker
trug daher nur spärlich zu, der Emsigkeit und der rastlosen Anstrengung des Bauern zum Trotze. Die Zinsen verschlangen
die Ernten. Die Schulden mehrten sich langsam aber sicher.
An Meliorationen konnte man nicht mehr denken. Wenn der
Bauer auch hie und da einen Anfang machte, stärker zu düngen,
Abzugsgräben baute, an den Gebäuden besserte und flickte,
oder auch neues Gerät anschaffte, so warfen ihn unvorhergesehne Unglücksfälle: Hagelschlag, Viehseuchen, Erkrankungen,
Tod und sonstiges Elend, immer wieder zurück und verdarben
ihm seine Arbeit.

Es war der Verzweiflungskampf eines zähen Schwimmers
in den Wellen, der sich mit aller Anstrengung gerade nur über
Wasser zu erhalten vermag.

In diesem Kampfe war der Büttnerbauer ein Sechziger
geworden.

IV.

Der Büttnerbauer fuhr in der Kreisstadt ein. Er spannte,
wie immer, im Gasthofe „Zum mutigen Ritter“ aus. Nachdem er seinen Rappen in den Stall geführt und selbst versorgt
hatte, begab er sich auf den Markt.

Es war heute der Hauptwochenmarkt. Die Stadt wimmelte
daher von Fuhrwerken und Leuten, die vom Lande hereingekommen waren. Der Büttnerbauer war nicht unbekannt; vielfach wurde er von den Kleinhändlern und Handwerkern, die
bei offenen Ladenthüren in ihren Geschäften standen, angerufen
und gebeten, einzutreten. Aber, er wollte sich heute nicht beschwatzen lassen zu irgendwelchen Einkäufen. Erst wollte er
mit Profit verkaufen, dann würde man weitersehen, ob ein
Groschen zu dergleichen übrig sei.

Auf dem Marktplatze gab es eine jedem Eingeweihten
wohlbekannte Ecke, wo die Käufe und Verkäufe in Getreide abgeschlossen zu werden pflegten. Als sich der Bauer diesem
Flecke näherte, kam ihm einer der Händler sofort mit ausgestreckter Hand entgegen, und erkundigte sich nach seinen Wünschen.
Dann wurde er in den Kreis der dort versammelten Männer
gezogen, man klopfte ihm auf die Schulter, und meinte, er
habe sich recht lange nicht mehr blicken lassen.

Aber, dieses auffällige Entgegenkommen von Leuten, die
er kaum kannte, machte den alten Mann stutzig. Wollte man
ihn hier etwa dumm machen? Als man ihn fragte, ob er
was zu verkaufen habe, antwortete er vorsichtig und zurückhaltend. Dann ging er von dieser Gruppe weg zu einer
anderen. Er wollte sich die Sache scheinbar nur mit ansehen.
Die Hände auf dem Rücken hörte er überall ein wenig zu. Die
Kauflust war groß, besonders Hafer wurde stark gefragt.
Es ward auch manches Geschäft abgeschlossen, nach den Handschlägen zu schließen, die zur Besiegelung jedesmal gegeben
wurden.

Nachdem sich der Büttnerbauer eine Weile hier aufgehalten,
verließ er den Marktplatz wieder. Es waren ihm allerhand
Bedenken gekommen. Bei dieser Art zu handeln, wie sie hier
in so lauter und nachlässiger Weise von den Händlern betrieben
wurde, schien es ihm auf ein Betrügen des Landmannes
herauszukommen.

Heute lag ihm daran, einen möglichst hohen Preis zu
erzielen aus seinem Hafer; denn er hatte vor, mit dem Erlös
eine Kuh anzukaufen zum Ersatz für eine, die er im Laufe
des Winters hatte stechen lassen müssen.

Nun entsann er sich, daß er vorm Jahre in einem Getreidegeschäfte der inneren Stadt für Roggen einen guten
Preis bezahlt erhalten hatte. Das Geschäft schickte ihm seitdem
vierteljährlich seinen Katalog zu. Erst vor ein Paar Tagen
noch war ihm ein solcher Prospekt in die Hände gefallen. Die
Zahlung der „höchstmöglichen Preise“ und die „koulantesten
Bedingungen“ wurden darin versprochen.

Der Bauer meinte, er könne es mit Samuel Harrassowitz
wieder einmal versuchen. War dort nichts zu machen, dann
konnte man den Hafer ja immer noch auf dem Markte losschlagen.

Das Geschäft von Harrassowitz lag in einer ziemlich
engen Gasse, zu ebener Erde. Man trat zunächst in eine
tonnenartige Einfahrt, die in einen gepflasterten Hof ausmündete. Eine Seitenthür führte von der Einfahrt aus in
das Comptoir.

Der Büttnerbauer trat, seinen Hut schon vor der Thür
abnehmend, nachdem er angeklopft hatte, ein. Es war
ein langer, schmaler Raum, in der Mitte durch einen Ladentisch geteilt, hinter dem mehrere Schreiber auf Drehschemeln
an hohen Pulten saßen. Ein junger Mann mit einer
Brille sprang von seinem Schemel herab, kam auf den Bauer
zu und fragte, was er wünsche. Der Alte meinte, er habe
etwas Hafer zu verkaufen. Wieviel es sei, fragte der junge
Mensch, die Feder an seinem Ärmel auswischend.

„Sacke a Sticker zahne kennten's schun sein,“ gab der
Büttnerbauer zurück.

Der Jüngling lächelte darauf überlegen und meinte, daß
sein Haus sich mit „Detail-Einkäufen“ nicht abgebe.

Für den Bauer war die Ausdrucksweise des jungen
Herrn unverständlich. Es gab Frage und Antwort und abermaliges Fragen. Die Schreiber drehten sich auf ihren Sesseln
um und betrachteten sich den alten Mann im altväterischen
Rocke mit spöttischen Mienen.

Darüber war ein mittelgroßer, zur Korpulenz neigender
Mann mit kahlem Kopfe, gebogener Nase und brandrotem
Backenbart von einem Nebenraume aus ins Comptoir getreten.
Sofort fuhren alle Drehschemel wieder herum und die jungen
Leute steckten, mit gebeugtem Rücken, die Nasen eifrig in ihre
Schreiberei.

Samuel Harrassowitz — denn er war es selbst — maß
die Gestalt des Bauern mit spähendem Blicke. Dann trat
er auf ihn zu, streckte die Hand aus, lächelte verbindlich,
und sagte: „Grüß Sie Gott, mein lieber Herr Büttner! Was
steht zu Ihren Diensten?“

Der Bauer war völlig überrascht. Woher kannte ihn dieser
Herr? Er konnte sich nicht entsinnen, dieses Gesicht jemals
gesehen zu haben.

„Ich werde Sie doch wahrhaftig kennen, Herr Büttner!“
meinte der Händler. „Sie sind eine bekannte Persönlichkeit bei uns,
Besitzen Sie nicht ein schönes Gut in Halbenau — nicht wahr?“

Der Bauer stand da mit offenem Munde, starrte jenen
an, der ihm die Allwissenheit in Person schien, und konnte
sich von seinem Staunen gar nicht wieder erholen.

„Kenne Sie! Kenne Sie ganz gut, Herr Büttner! Also,
womit können wir dienen?“

Der junge Mann raunte inzwischen seinem Chef mit halblauter Stimme etwas zu. „Nun und ich hoffe stark, daß
Sie Herrn Büttner den Hafer abgenommen haben, Herr Bellwitz!“ rief der Händler. „Ich dachte . . .“ meinte der so Angeredete. — „Ach was, dachte! Sie denken immer! Verscherzen mir darüber womöglich eine solche Kundschaft. —
Natürlich nehmen wir den Hafer, Herr Büttner! Unbesehen
nehmen wir alles, was Sie uns bringen. Haben Sie den
Hafer mit in der Stadt?“

Der Büttnerbauer brachte mit Rucken und Zerren ein
Säckchen von grauer Leinwand aus seiner hinteren Rocktasche
hervor.

„Ach so, eine Probe! Ist eigentlich gar nicht nötig, Herr
Büttner. Kennen Ihre Ware schon. Prima, natürlich!“

Er öffnete das Säckchen aber dennoch und ließ die Körner
prüfend durch die Finger gleiten. „Kaufen wir! Geben den
höchsten Marktpreis. Herr Bellwitz, gleich einen Mann nach
dem „Mutigen Ritter“ schicken! Der Hafer soll her. — Inzwischen kommen Sie mal auf ein Augenblickchen hier herein,
mein guter Herr Büttner. Sie müssen mir was über den
Saatenstand bei Ihnen da draußen erzählen.“

Der Bauer befand sich, ehe er sich dessen recht versehen,
im Nebenzimmer, einem kleinen Gemache, dessen einziges
Fenster nach dem Hofe hinausführte. Dort wurde er aufs
Sofa genötigt; der rotbärtige Händler nahm ihm gegenüber
am Tische Platz.

„Nun, mein Lieber, wie stehts denn, wie gehts denn in
Halbenau? Ich kenne dort verschiedene Ökonomen. Mittlerer
Boden — was! Liegt auch schon ein bißchen hoch — was?
Sie leiden an späten Frösten. Nachher will das Korn nicht
recht schütten, wenns vorher noch so schön gestanden hat.
Kenne das, kenne die ganze Geschichte. — Also nun erzählen
Sie mir mal. Wie weit ist's mit der Sommerung?“

„Mei Suhn und de Madel stacken heite de latzten Apern.
Hernachen is nur noch 's Kraut. In a Wochen a zwee noch
hin, denk'ch, sein mer fertig.“

„Gratuliere, gratuliere! — Sie haben wohl eine starke
Familie, Herr Büttner?“

„'s langt zu, Herr Harrassowitz, 's langt Se gerade zu,“
meinte der Bauer und lachte in sich hinein. „Mit de Enkel
sein's 'r immer a Mäuler achte, die gefittert sein wullen —
ju, ju!“

„Nun, um so mehr Hände sind dann auch da zur Bestellung und in der Erntezeit — nicht wahr, Herr Büttner?
Eine zahlreiche Familie ist ein Segen Gottes, besonders für
den Landmann. Ich kenne die ländlichen Verhältnisse, ich
kenne sie! Sie mögen mir das glauben, lieber Büttner. —
Und wie steht's denn mit der Winterung?“

Der Bauer berichtete, daß der Roggen gut durch den
Winter gekommen und nur wenig ausgewintert sei. „Ene
wohre Pracht! Wie ene Bürschte, weeß der Hohle, wie ene
Bürschte steht Sie das Korn!“

„Nun, das ist ja hocherfreulich zu hören! Da hätten wir
also die schönsten Aussichten für eine gute Ernte. Da wird
wiedermal schönes Geld unter die Leute kommen! Und hat
der Bauer Geld, dann hat's die ganze Welt.“

„Das mechte och sein — das mechte freilich sein, Herr
Harrassowitz!“ meinte der Büttnerbauer und kratzte sich hinter
den Ohren. „'s Geld is sihre rar gewest. Ne ach Gott, zu
rare ist dos gewest in der letzten Zeit, Herr Harrassowitz!“

„Nun, Sie werden doch nicht etwa klagen wollen, Herr
Büttner! Sie, mit Ihrer schönen Besitzung! — Wie groß ist
denn das Gut, wenn ich fragen darf?“

„Zweemalhundert und a paaren dreißig Morgen, alles
in allen, mit an Buusche.“

„Das wäre ja bald ein kleines Rittergut! Und da wollen
Sie lamentieren! Ich bitte Sie, guter Herr Büttner, was
sollen denn dann die kleinen Leute machen!“

„Ju, wenn ock de vielen Abgaben ne wären, und de
Gemeenelasten und de Schulden.“

„Ich weiß, ich weiß, es lastet vielerlei auf dem Ökonomen
heutzutage. Sind denn die Abgaben und Lasten so bedeutend
in Halbenau?“

Der Büttnerbauer schüttete darüber sein Herz gründlich
aus. Harrassowitz ließ ihn reden; nur manchmal warf er eine
Bemerkung ein, die den einmal warm Gewordenen veranlaßte,
mehr und mehr von seinen Verhältnissen aufzudecken.

Jetzt war der Büttnerbauer bei seinem Hauptbeschwernis
angelangt: seinem mächtigen Nachbarn, der Herrschaft Saland.

„Ja, ja, das glaube ich Ihnen gerne, Herr Büttner!“ rief
der Händler, „solch einen Großgrundbesitzer zum Nachbarn zu
haben, ist kein Spaß! Die Leute sind landgierig, die möchten
die Bauern am liebsten alle legen. Das ist ein wahrer Krebsschaden für unser Volk, die Latifundienwirtschaft. Ein freier,
selbständiger Bauernstand wird immer eine Grundbedingung
für das Gedeihen des ganzen Staates bilden. Wer soll uns
denn die Soldaten liefern — was, he? Die strammen Soldaten für unser Heer, wenn nicht der Bauernstand! — Grenzen
Sie an einer oder an mehreren Seiten mit der Herrschaft Saland?“

Der Bauer erzählte, daß er so gut wie eingeschlossen sei
durch das Dominium. Dann ereiferte er sich über den Wildschaden.

„Schrecklich! aber dafür hat natürlich so ein Graf gar
keinen Sinn!“ rief der Händler mit dem Ausdrucke höchster
Entrüstung, „wenn sichs nur um Bauernflur handelt. Traurige Zustände sind das! Hat Ihnen der Graf denn schon mal
ein Angebot machen lassen wegen Ihres Gutes?“

Der Büttnerbauer berichtete, daß der Graf schon seit
Jahren um seinen Wald handle, aber, daß er ihm nicht einen
Fußbreit abzulassen gesonnen sei. Harassowitz horchte scharf
hin auf diese Angaben. Dann nahm er auf einmal wieder eine
nachdenkliche Miene an.

„Ja, das sind traurige Verhältnisse! Das zehrt am Vermögen, das will ich schon glauben. Da haben Sie doch allerhand Sorgen, mein guter Herr Büttner. — Haben Sie denn
etwa auch Hypothekenschulden auf Ihrem Gute?“

„O Jerum!“ rief der Bauer bei dieser Frage, die mit der
unbefangensten Miene der Welt gestellt wurde. „O Jerum!“
Er fuhr empor von seinem Sitze. „Hypothekenschulden! die
thun freilich zulangen, thun die! Wenn's wos winger warn,
kinnt's och basser sein.“

„Nun, was haben Sie denn so ungefähr drauf stehen?
Ich frage aus wirklichem Interesse.“

Der Bauer rechnete eine Weile. Dann sagte er, die Stimme
dämpfend, mit bedrückter Miene. „A Märker a zweeundzwanzigtausend kennen's schu sein, die druffe stiehn, Herr
Harrassowitz.“

Der Händler ließ ein leises Pfeifen ertönen, zog die
Brauen in die Höhe und wiegte den Kopf hin und her.
„Das ist ein bißchen stark!“

„Newuhr, 's is vill?“ meinte der Alte, ganz in sich zusammensinkend, und trostlos zur Erde blickend.

„Wie in aller Welt wollen Sie denn da die Zinsen herauswirtschaften, Herr Büttner?“ — Harrassowitz nahm ein Stück
Papier zur Hand und begann zu rechnen. „Ja, mein Lieber
das ist ja ein Mißverhältnis! Und da wollen Sie auch noch
davon leben, Sie und Ihre Familie! Das ist ja rein unmöglich.
Da lügen Sie sich einfach in den Beutel, mein Bester!“

„Ja 's is schwer, 's is aben schwer!“ meinte der Büttnerbauer seufzend. „Man mechte manchmal salber zum Thaler
wern, um da Zinsen ock immer richtig zu bezahla. Ees muß
sich abrackern und abschinden muß mer sich, vun Frih bis
Abend. Ne a mal satt essen mechtn man, weil's hinten und
vurne ne zulangen thut. Ne, 's is a Luderlaben, wenn ees
suvills Schulden hat, wie der Hund Flöhe.“

„Und das ertragen Sie so ruhig? Das verdenke ich Ihnen
offen herausgesagt, sehr, daß sie sich für Ihre Gläubiger so
abquälen.“

„Ju, wos soll unserees denne angohn? Ich ha's Gutt
duch glei su verschuldt übernumma. Billiger wullten de Geschwister mir's duch ne iberlassen.“

„Da giebts eben nur ein Mittel, mein Lieber: schmeißen
Sie den Gläubigern die ganze Geschichte hin. Sagen Sie einfach: ich thue nicht weiter mit. Mag's doch ein anderer versuchen, die Zinsen herauszuwirtschaften, ich kanns nicht, ich
hab's satt! — Passen Sie mal auf, was für Gesichter die dann
machen werden. Von denen übernimmt's keiner, verlassen Sie
sich darauf! Die werden dann schon kommen und Sie bitten,
daß Sie doch nur um Gotteswillen weiter auf dem Gute
bleiben möchten, damit ihre Hypotheken nicht ausfallen. Sowas ist schon öfters mit Erfolg gemacht worden. Tragen Sie
selbst auf Subhastation an wegen Überschuldung, dann wollen
wir mal sehen, was für Seiten die Gläubiger aufziehen
werden. Vielleicht erstehen Sie's dann selbst, oder einer Ihrer
Kinder, aus der Zwangsversteigerung zurück, dann sind Sie
einen ganzen Posten Schulden los. Nur nicht ängstlich sein
in solchen Dingen! Das ist ja nur ein Mittel, sich wieder zu
rangieren, wenn man nicht reüssiert hat. Gott sei Dank,
möchte ich sagen, daß so etwas möglich ist!“

Der Büttnerbauer schüttelte den Kopf. Den eigentlichen
Sinn des Vorschlages hatte er wohl gar nicht erfaßt. Sein
Redlichkeitsgefühl sagte ihm jedoch, daß hier etwas nicht in
Ordnung sei.

Er wolle auf seinem Gute bleiben, erklärte er. Er hoffe
auch durchzukommen und seine Zinsen richtig bezahlen zu
können, wenn nur bessere Zeiten kämen, und wenn ihm inzwischen jemand helfend unter die Arme greifen wolle.

Inzwischen waren die Hafersäcke vom „Mutigen Ritter“
herangeschafft worden, und wurden im Hofe abgeladen. Der
junge Mann aus dem Comptoir trat ein und machte Meldung davon. „Da wollen Sie also Ihr Geld gefälligst in
Empfang nehmen, Herr Büttner,“ sagte der Händler. „Vorn
an der Kasse. Ich komme mit Ihnen.“

Der Bauer empfing am Kassenpult das Geld und mußte
über den Empfang quittieren. Das nahm einige Zeit in
Anspruch, da seiner Hand das Schreiben nicht mehr recht geläufig war. Endlich war er mit der schwierigen Prozedur
zu stande gekommen. Trotzdem er sein Geld längst durchgezählt und eingesackt hatte, blieb er noch stehen, zaudernd,
seinen Hut in den Händen drehend, als habe er noch etwas
auf dem Herzen.

Dem scharfen Auge des Händlers war das auffällige
Benehmen des Alten nicht entgangen. Er kam hinter dem
Ladentische vor, wo er mit einem der Comptoiristen verhandelt
hatte. „Nun, Herr Büttner, kann ich Ihnen vielleicht noch
mit etwas dienen? Wir haben auch künstlichen Dünger, ein
reichhaltiges Lager. Haben Sie da keinen Bedarf?“

„Ne, ne!“ meinte der Bauer. „Da mag'ch nischt darvon.
Aber was andres wollt'ch Se noch derzahlen; wenn Se da
vielleicht an Rat wißten. — Mir is ane Hipetheke gekindgt
wurden. Uf Gohanni muß'ch zahlen.“

„Sehen Sie einmal an!“ rief der Händler und stellte
sich erstaunt. „Da werde ich Ihnen wohl nicht helfen können.
Hypotheken, das gehört nicht in meine Branche.“ — Aber, er
nahm den Bauern doch wieder mit in das Hinterzimmer.

„Also eine Hypothek ist Ihnen gekündigt auf den Johannistermin. An welcher Stelle steht sie? wie ist der Zinsfuß?
wie läuft sie aus?“

Harrassowitz stellte die verschiedensten Kreuz- und Querfragen. Dann rechnete er für sich. Der alte Bauer beobachtete
während dessen das Mienenspiel des Händlers sorgenvoll. Er
sah mit Schrecken, daß Harrassowitz in einem fort bedenklich
den Kopf schüttelte und die Brauen in die Höhe zog.

Endlich erhob sich der Mann und trat dicht vor den
Bauern hin, ihm in die Augen blickend, mit ernster
Miene. Er könne das Geld nicht beschaffen, erklärte er.
Er sei Kaufmann und nichts als Kaufmann, und es gehöre
nicht zu seinen Gepflogenheiten, Güter zu beleihen. Aber da
er gemerkt habe, daß der Büttnerbauer ein redlicher und solider
Mann sei, wolle er ihm helfen. Er habe einen Geschäftsfreund, einen durchaus feinen Mann, zu dem wolle er den
Bauern führen, der werde ihm die Hypothek möglicherweise decken.
Aber nur dem Bauern zu Gefallen wolle er es thun, rein zum
Gefallen. Denn er bemenge sich sonst nicht mit dergleichen. —

Darauf ging Samuel Harrassowitz an's Telephon und
klingelte an. „Guten Morgen! Ist Herr Schönberger im
Comptoir? — Möchte ihn auf einen Augenblick sprechen . . . .
Danke!“

Der Bauer sah mit Staunen dem Beginnen des anderen
zu. In seinem Leben hatte er noch nichts von einem Fernsprecher gehört, geschweige denn, eine solche Vorrichtung gesehen.

Harrassowitz stand neben dem Apparate und lachte über
den komischen Schrecken des Alten. „Nehmen Sie mal das
andere Ding an's Ohr, Herr Büttner!“ rief er und hielt ihm
den Hörer hin. „Machen Sie nur! Es beißt nicht.“ Der
Bauer war nicht zu bewegen, den Hörer anzufassen.

Inzwischen kam Antwort.

„Hier Harrassowitz! . . . Ja! . . . 'n Morgen, Schönberger! Herr Gutsbesitzer Büttner aus Halbenau ist hier bei
mir, wünscht gekündigte Hypothek belegt zu haben. Kann ich
mit ihm zu Ihnen kommen?“

Eine längere Pause entstand, während der Harrassowitz
gespannt horchte. Dann lachte er auf einmal laut auf, und den
Bauern höhnisch von der Seite anblickend, immer den Hörer
am Ohr, rief er in den Fernsprecher:

„Der Kaffer braucht ehn, dringend. Feines Massematten. . . . . Ach was! Bist meschuke! — Wie? . . . . Is
besoll. Wir machens in Kippe, natürlich. . . . Versteh nicht!
Der Kaffer ist halb mechulleh. Geb Dir Rebussim. . . . . .
Schön! Bringe ihn. Auf Wiedersehen. Schluß!“

„Das nennt man Telephon oder Fernsprecher, mein
Lieber!“ sagte Harassowitz und klopfte dem Alten mit spöttischem Grinsen auf den Rücken. „Sehen Sie, da haben Sie
wieder was Neues kennen gelernt, und können Ihren Leuten
da draußen was erzählen.“

Man wolle nun zu Herrn Schönberger gehn, meinte er,
und nötigte den Bauern zur Thür.

Das Kredit- und Vermittelungsbüreau von Isidor Schönberger lag am anderen Ende der Stadt, ebenfalls in einem
engen Winkelgäßchen. Harrassowitz trat aber nicht in das
Comptoir, führte den Bauern vielmehr durch den Hausgang in
eine Hinterstube.

Hier saß in einem abgeschabten Lederfauteuil vor seinem
Schreibtische ein fetter Mann, kahlköpfig, mit dunklen großen
Augen, die ihm, aus tiefen Höhlen über die gebogene Nase
hinwegspähend, etwas von einer großen Eule gaben.

„Morgen Schönberger!“

„Morgen Sam!“ Der fette Mann rührte sich nicht auf
seinem Stuhle, mit dem er verwachsen zu sein schien. Harassowitz, unter dem Namen „Sam“ weit und breit in der Handelswelt bekannt, schien die Gewohnheiten seines Freundes zu
kennen. Er rückte selbst Stühle heran, forderte den Bauern
auf, Platz zu nehmen und setzte sich.

„Hier bringe ich Ihnen also meinen Geschäftsfreund, den
Herrn Gutsbesitzer Büttner. Ich kenne den Mann. Er ist
gut. Sie können ihm unbedenklich Kredit eröffnen.“

Schönberger zuckte die Achseln mit verdrießlicher Miene.
Dann begann er mit belegter Stimme, etwas anstoßend
sprechend: In gegenwärtiger Zeit auf Grund und Boden Geld
zu borgen, sei bedenklich. Jetzt, wo Subhastationen an der
Tagesordnung seien, und die Bauern noch öfter pleite machten, als die Industriellen.

„Für den hier garantiere ich!“ rief Harrassowitz. „Das
ist einer vom alten Schrot und Korn. Der ist durch und
durch solid!“ Dabei tätschelte er den Bauern. „Was? der
macht uns nicht bankerott, nicht wahr?“

Aber Isidor Schönberger blieb bei seiner Ablehnung. Er
habe zu viele schlechte Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit.
Habe seine Zinsen nicht erhalten, sei bei Zwangsversteigerungen
ausgefallen und um sein Geld betrogen worden.

„Wenn ich Ihnen sage, daß der Mann Ihnen sicher ist!
wenn ich mich mit meinem Ehrenwort für Herrn Büttner
verbürge! Sehen Sie sich den Herrn doch blos mal an,
Schönberger! sieht der aus, als ob er uns Schaden machen
wollte? Wenn ich sage, er ist gut, dann ist er gut!“

„Wo steht die Hypothek?“ fragte Schönberger, der, im
Gegensatz zum lebhaften Wesen seines Geschäftsfreundes, eine
gleichgiltige apathische Ruhe zur Schau trug.

„Darauf kommts hier gar nicht an!“ rief Harrassowitz.
„Bei einem Gute von über zweihundert Morgen besten Bodens!
Die Hypothek ist todsicher.“

„Weshalb ist sie gekündigt?“ fragte Schönberger.

„Der Bruder hatte sie,“ erklärte Harrassowitz. „Der hat
gekündigt, weil er das Geld im Geschäft braucht. Muß
auch verrückt sein, der Herr, daß er so 'ne Hypothek weggiebt!
— Seien Sie vernünftig, Schönberger, geben Sie das Geld!“

Der fette Mann nahm ein Notizbuch zur Hand, befeuchtete
die Beistiftspitze, dann forderte er den Bauern auf, ihm die
einzelnen Posten der Reihe nach zu nennen.

Es bedurfte einiger Zeit, ehe der alte Mann die Zahlen
in seinem Gedächtnis gefunden hatte. Aber schließlich brachte
er doch alles richtig zusammen.

Da war zuerst die Landschaft mit viertausend Mark,
dann kamen die Geschwister: Karl Leberecht und Gottlieb, die
verstorbene Schwester Karoline, an deren Stelle jetzt ihre Erben:
Ernst Kaschel und seine Kinder, ferner die Schwester Ernestine.
Sämtliche zu gleichen Teilen und mit gleichem Vorrecht. Dahinter kamen immer noch neue Schuldposten, unter diesen Ernst
Kaschel mit siebzehnhundert Mark.

Der Mann im Lehnstuhle saß da mit der ihm eigenen
verdrossenen Miene und notierte jede Ziffer, die sich von den
zagenden Lippen des Alten losrang, mit kühler Ruhe. Weder
Staunen noch Erregung schien sich in den Fleischmassen dieses
gedunsenen Gesichtes ausdrücken zu können „Ist das alles?“
fragte er, als der Bauer endlich schwieg. Der Büttnerbauer bejahte.

„Sie sollen das Geld haben!“ war alles, was die belegte
Stimme darauf sagte.

Harrassowitz sprang von seinem Sitze auf. „Was habe
ich Ihnen gesagt, Büttner! Mein Freund Schönberger ist ein
edler Mann! Sehen Sie, er giebt das Geld!“

„Wieviel hat Ihr Bruder Prozent gegeben?“ fragte Schönberger.

„Vier Prozent“, erwiederte der Bauer.

„Mein Satz ist fünf, bei vierteljähriger Kündigung“ meinte
Schönberger.

Dem Büttnerbauer fiel ein Stein vom Herzen bei diesen
Worten. Er hatte gefürchtet, man werde ganz andere Prozente von ihm fordern.

„Sehen Sie, was ich gesagt habe!“ rief Harrassowitz,
„was für ein Mann Schönberger ist! Fünf Prozent nimmt
er blos. Sie haben ein glänzendes Geschäft gemacht, Büttner!“

Der Bauer fing an, das selbst zu glauben. In seinem
schlichten Gemüte regte sich Dankbarkeit für den Mann, der
ihm in so großer Not geholfen hatte. Er schritt unbeholfen
auf Herrn Isidor Schönberger zu, und pflanzte sich vor ihn
hin. Dann ergriff er die weiße, welke, mit vielen Ringen geschmückte Hand des Mannes und drückte sie mit seiner derben
roten Bauernfaust. „Ich bedank' mich och, Herr Schönberger,
ich sog' meinen schiensten Dank! Und bezahl' Sie's der liebe
Gott! Sie hon mir ane gruße Surge abgenumma.“

Isidor Schönberger betrachtete ihn mit demselben mißmutig verächtlichen Ausdruck, den er für alles auf der Welt
hatte, was sich nicht in Zahlen ausdrücken ließ, und entließ ihn
dann mit kaum merklichen Nicken seines schweren Kopfes.

„Wir gehen jetzt zum Notar, und dann zum Grundbuchführer, Herr Büttner!“ sagte Harrassowitz, als sie in der Hausflur standen. „Gehen Sie nur immer hinaus auf die Straße. Mir
fällt eben ein, daß ich in einer anderen Sache noch ein paar
Worte mit Schönberger zu sprechen habe. Ich komme in einer
Minute zu ihnen.“

Aus der Minute wurden ihrer mindestens zehn. Dann
erschien der Händler und nahm den Bauern unter den Arm.
„Nun kommen Sie mein Lieber! Jetzt machen wir die Geschichte schriftlich, damit Sie Ihre Sicherheit haben und einen
Beleg in Händen halten. Ich führe sie zu meinem Notar, der
macht's Ihnen billig.“

Nachdem man beim Advokaten und auf dem Gerichte gewesen war — wo Harrassowitz, der in diesen Dingen äußerst
bewandert zu sein schien, alles veranlaßt hatte, so daß der
Büttnerbauer nur zu unterschreiben brauchte — ging man zum
„Mutigen Ritter“. Denn die Mittagszeit war inzwischen
herangekommen, und der Bauer wollte heimfahren.

Harrassowitz versicherte dem Alten, daß er ihn nächstens
einmal in Halbenau besuchen werde. Es interessiere ihn, das
Gut und die Wirtschaft mal in Augenschein zu nehmen.

„Kimma Se ack, Herr Harrassowitz! Kimma Se ack!“
rief der alte Bauer, „'s sull mir ane Freide sein!“

Damit drückte er dem Händler treuherzig beide Hände
zum Abschiede.

Der Büttnerbauer verließ die Stadt in bester Laune. Er
hatte die Tasche voll Geld, das er für seinen Hafer eingenommen. Und was noch weit mehr bedeuten wollte, seine
Hypothek hatte er untergebracht. Nun hing ihm auf einmal der Himmel voller Geigen. Es schien keine Sorgen und
Nöte mehr zu geben auf der Welt, die Zukunft lag vor ihm
im heitersten Lichte. Nun würde er sich die neue Kuh anschaffen können! so recht eine nach seinem Herzen, mit langem
Rücken und starkem Euter, womöglich schwarz und weiß gefleckt. Das waren seiner Erfahrung nach die besten Milchkühe. Und dann liebäugelte er über diesen Plan hinaus mit
einem anderen, noch kühnerern: die Scheune umdecken! das
Strohdach kostete zu viel Reparaturen. Noch vor ein paar
Tagen hatte er zu seinem Sohne Gustav gesagt, daß das eine
Ausgabe sei, die er in seinem Leben nicht mehr werde auf sich
nehmen können. Heute stellte er im Geiste schnell einen Kostenanschlag auf, der erstaunlich günstig ausfiel. Es würde schon
gehen! es mußte ja alles gut werden. —

Der Bauer schmunzelte in einem fort und pfiff auch gelegentlich still vergnügt vor sich hin. Etwas wie ein langverhaltener
Jugendübermut kam über den alten Mann. Hätte er einen
Bummler überholt, er würde ihn aufgefordert haben, zu ihm
in den leeren Kälberwagen zu springen, nur um jemanden bei sich
zu haben, dem er seine gute Laune mitteilen könne. Als er an
einem Gasthofe vorüberfuhr, kam ihm der Gedanke, zu halten,
und einen Branntwein zu fordern; das war ein Genuß, den
sich der Büttnerbauer nur alle Jubeljahre einmal leistete.

Er wollte schon das Pferd zum Stehen bringen, da fiel
ihm ein, daß er den Schnaps ja auch im Kretscham von Halbenau trinken könne. Nicht etwa, daß er seinem Schwager,
dem Kretschamwirt, den Verdienst hätte zuwenden wollen! Nein!
Er hatte bei sich beschlossen, den Hallunken zu ärgern. Wie
würde sich Kaschelernst erboßen, wenn er vernahm, daß der
Schwager das Geld doch noch bekommen hatte, und daß ihm,
Kaschelernst, die fünf Prozent auf diese Weise entgingen. —

Der Bauer trieb den Rappen an. Schadenfroh lachte er
in sich hinein. Endlich konnte er den Menschen, der ihm schon
so manchen Tort angethan hatte, doch auch einmal ärgern! —

Er hielt vor dem Kretscham an, und machte sich durch
Peitschenknallen bemerkbar. Sein Neffe Richard Kaschel kam
heraus. Der junge Mensch sah seinem Vater bedenklich ähnlich. Nur etwas länger war er geraten, und zeigte noch nicht
die rote Nase und die schwimmenden Augen des Alten. Aber
dasselbe Rattengesicht war's, und auch dasselbe Lächeln und
Kichern, das bei dem jungen Menschen noch flegelhafter und
zudringlicher herauskam.

Der Büttnerbauer fragte den Neffen, ob der Wirt zu
Haus sei. Der sei gerade aufs Feld hinausgegangen, erwiderte
der Bursche und grinste dazu.

Der Bauer bestellte einen Kornschnaps.

„En guten?“ fragte der Neffe mit unverschämten Lächeln
den Onkel anzwinkernd.

„Verstieht sich, an guten! Was Schlecht's mog ich ne!
Wennt'r und er hat schlechten, den kennt'r salber saufen. Verstiehst De!“ rief der Alte dem Neffen zu.

Der junge Mann, gleich seinem Vater, in Strümpfen und
Holzpantoffeln, verschwand im Gasthofe, um gleich darauf mit
einer Flasche und einem Gläschen wieder zu erscheinen.

Der Bauer goß den Schnaps hinter, machte „brrr!“
und schüttelte sich. „Wos kost' dos?“ rief er und zog den
Geldsack.

Der Neffe meinte mit gönnerhafter Miene, das sei umsonst.

„Was macht 's?“ schrie ihn da der Alte an, mit zorniger
Miene. „Ich wer' Dich glei umsonsten! Ich will keenen
Menschen nischt ne schuldg bleiba, zu allerletzten Eich! Dei
Vater mechte mich am Ende glei verklogen! Dei Vater, wegen
dan paar Pfengen. — Wos macht der Schnaps?“

Der Neffe nannte den Preis. Mit wichtiger Miene öffnete
der Bauer den Geldsack, suchte eine ganze Weile unter den
Münzen herum, immer beobachtend, welche Wirkung soviel Geld
auf den Neffen hervorbringen würde, und ließ ein Goldstück
wechseln.

Nachdem er kleine Münzen zurückerhalten und den Beutel
wieder an seinen Ort gebracht hatte, sagte er scheinbar beiläufig: „De kannst Deinem Alten och derzahlen, ich hätte menen
Hafer gut verkoft, und de Hipetheke hätt 'ch och ungergebracht.
Vun ihn braucht 'ch nu nischt mih, und an Puckel kennt' ar
mir rungerrutscha, kennt ar mir! —“

Damit trieb er den Rappen an und fuhr nach Hause, sehr
mit sich zufrieden. Seinem Schwager würde das brühwarm
berichtet werden; dafür war gesorgt. Dem Kaschelernst hatte
er's mal gründlich heimgegeben.

V.

Ein Reiter ritt in den Hof des Büttnerschen Bauerngutes
ein. Das Pferd war ein alter englischer Vollblutgaul, der
bessere Tage gesehen haben mochte. Sattel und Zäumung waren
armeemäßig. Der Reiter verleugnete in Haltung und Erscheinung den ehemaligen Offizier nicht. Er war ein hagerer
Fünfziger. Seinem wettergebräunten Gesichte gab ein langer
graublonder Vollbart eine wirksame Umrahmung.

Die Töchter des Büttnerbauern waren im Hofe, mit
Mistaufladen beschäftigt. Hochaufgeschürzt, mit bloßen Füßen,
die Gabeln in den geröteten Händen, standen sie auf der Düngerstätte, neben der ein halbbeladener Wagen unbespannt hielt.

„Bin ich hier im Büttnerschen Bauerngute?“ fragte der
Reiter.

„Hier is Büttners!“ antwortete Toni, die Ältere.

„Ist der Bauer zu Haus?“

„Der Vater is uf'n Felde mit Karlen. Se thun de Apern
igeln.“

„Ich möchte mit Ihrem Vater sprechen, in einer Angelegenheit. Am liebsten allerdings im Hause. Könnten Sie
ihn holen?“

Toni stand da mit offenem Munde und gaffte den Fremden
an. Sein großer Bart, die roten Lederhandschuh, die Reitgerte mit dem Silberknauf, alles an ihm kam ihr ungewöhnlich
vor. Sie empfand eigentlich Lust, zu lachen. Darüber vergaß
sie ganz, zu antworten.

An ihrer Stelle übernahm die jüngere Schwester die Vermittelung dem Fremden gegenüber. Ernestine war die Gewecktere
und Lebhaftere von den beiden. Mit einigen kaum merklichen
Griffen hatte sie es verstanden, ihren allzuhoch aufgeschürzten
Rock herabzulassen, so daß wenigstens die von Mist beschmutzten Waden den Blicken des fremden Herrn entzogen waren.
Sie sagte — und gab sich dabei Mühe, Hochdeutsch zu sprechen:

„Wenn Sie den Vater sprechen wollen, wir können ihn
rufen; sie sein nicht sehre weit.“

Damit sprang sie behende von der Düngerstätte hinab
und lief zum oberen Thore. Dort blieb sie stehen, bildete mit
beiden Händen ein Schallrohr und rief: „Karle, gieh, sag's
ack den Vater, er mechte glei amal rei kimma. 's wäre ener
dohie, der mit'n raden wullte. . . . . Ich kann ne verstiehn! . . .
In ju! A Reiter. Mit an Pauer wullt ar raden soit ar.“

Das Mädchen kam von ihrem Posten zurück. „Der
Bruder wird's 'n Pauern sagen“ erklärte sie, „daß er reinkommen soll.“ Darauf nahm sie die Mistgabel wieder zur
Hand.

Der Fremde dankte ihr. Er war inzwischen abgestiegen,
hatte dem Pferde die Zügel über den Kopf genommen, die
Bügel in die Steigriemen hinaufgezogen, und locker gegurtet,
mit Handgriffen, denen man die alte Übung und die Liebe für
das Tier ansehen konnte. Nun fragte er, ob er irgendwo
einstellen könne. Die Mädchen sahen sich eine Weile unschlüssig
an, dann erklärte Ernestine, im Kuhstalle sei noch ein Stand
frei. Sie lief auch sofort zum Stallgebäude und öffnete die
Thür.

Der Fremde folgte ihr, das Pferd am Zügel. Jetzt wo
er sich auf ebener Erde bewegte, kam erst die Größe und
Schlankheit seiner Figur zur Geltung.

Der Vollblüter scheute vor der niederen Thür und
dem Geruche, der aus dem Kuhstall drang. Mit fliegenden
Nüstern und gespitzten Ohren stand der Gaul da und schniefte
in tiefen langgezogenen Tönen. Durch Klopfen und Zureden
brachte sein Herr ihn endlich dazu, die verdächtige Schwelle zu
überschreiten. „Das übrige besorge ich mir schon selbst; danke
Ihnen!“ rief er dann und verschwand, seinem Tiere folgend,
in dem engen Pförtchen.

Bald darauf trat der alte Bauer in den Hof. Seine
Miene verriet Ärger. Er war schlechter Laune, daß man ihn
von der Arbeit abgerufen hatte. Ernestine erklärte ihm, daß
ein Herr zu Pferde da sei. Er sähe aus, wie einer vom Rittergute, meinte das Mädchen, welches, wie es schien, seine Augen zu
gebrauchen verstand. Die Laune des Alten verbesserte sich durch
diese Vermutung nicht. Er fluchte und rief den Töchtern zu,
ein andermal sollten sie solche Leute wegschicken.

Inzwischen kam der Fremde aus dem Stalle heraus, in
gebückter Haltung, um nicht an den Deckstein anzustoßen. Er
begrüßte den Bauern, der die Hände nicht aus den Taschen
nahm, mit Hutabnehmen und erklärte, er sei der neue Güterdirektor des Grafen, Hauptmann Schroff.

Der Büttnerbauer sah den Mann mit wenig freundlichem Ausdruck an. Einer von der Herrschaft! Von der Seite
war ihm bisher niemals was Gutes gekommen.

Da der Bauer sich, wie es schien, nicht dazu herbeilassen
wollte, zu sprechen, fragte Hauptmann Schroff, ob er ins Haus
treten dürfe, er habe mit Herrn Büttner ein Wort unter vier
Augen zu reden.

Der alte Mann ging, statt zu antworten, auf sein Haus
zu. Der Hauptmann folgte.

Im Zimmer trafen sie die Bäuerin. „Frau gieh' naus!“
rief ihr der Bauer kurz angebunden zu. Der Fremde unterließ es nicht, sich bei der Frau zu entschuldigen, er habe Wichtiges mit ihrem Eheherrn zu bereden.

Der Büttnerbauer hatte sich in seine Ecke gesetzt, und sah von
diesen Verließ aus mit mürrischer Miene, den Dingen entgegen,
die da kommen würden. Der Hauptmann holte sich einen Stuhl
herbei und setzte sich dem Alten gegenüber. Er schien das ablehnende Wesen des anderen absichtlich übersehen zu wollen.

„Also, Herr Büttner!“ begann Hauptmann Schroff, und
schlug dabei mit der Reitgerte gegen seine gespornten und gestiefelten Beine, die er lang ausgestreckt hatte, „die Sache ist
nämlich folgende: Mein Chef, der Graf, möchte gern Ihren
Wald kaufen. Es ist ja darüber bereits früher zwischen Ihnen
und meinem Vorgänger verhandelt worden, aber ohne Resultat. Der Herr Graf wünscht nun aber dringend, daß die
Sache endlich einmal vorwärts rückt. Der Erwerb Ihrer Waldparzelle ist uns von ziemlicher Wichtigkeit; ich sage Ihnen das
ganz offen heraus. Das kleine Stück liegt gerade wie ein Keil
zwischen zwei von unseren Hauptrevieren. Eine Verbindung
der beiden Reviere ist aus wirtschaftlichen Gründen dringend
erwünscht. Uns bedeutet dieser schmale Streifen die Möglichkeit, bei den Holzfuhren viele Kilometer zu ersparen. Ihnen
dagegen nützen diese fünfzig oder sechzig Morgen so gut wie
gar nichts. Im Gegenteil, der Wald kostet ihnen höchstens
etwas. Das bißchen Holz was darauf steht, ist kaum der
Rede wert. Der Boden ist entwertet durch die Streunutzung. Und dabei liegen doch Abgaben darauf. Wenn wir
es in unsere Regie bekommen, würden wir sofort Kahlschlag
machen lassen und neu aufforsten. Dabei werden die Arbeitslöhne natürlich nicht einmal herauskommen, so schlecht ist
der jetzige Stand. Sie sehen demnach, Herr Büttner, das
Interesse ist eigentlich auf beiden Seiten. Für uns, die Parzelle zu erwerben, für Sie, das Ding loszuwerden. — Also
werden wir wohl handelseinig werden, denke ich, diesmal.“

„Ich denk's ne!“ sagte der Bauer aus seiner Ecke heraus.

„Aber, ich bitte Sie, bester Herr Büttner!“ rief der Hauptmann und kam dem Alten näher auf den Leib, sich mit Hülfe
seiner langen Beine auf die Ecke zurückend. „Der Graf will
Sie natürlich gut bezahlen, jedenfalls weit über den eigentlichen Wert des Grund und Bodens. Ich habe Vollmacht,
Ihnen einen Preis zu bieten, der in dieser Gegend für Waldboden noch nicht bezahlt worden ist.“

„Ich ha 's an Vater vun Grofen schunstens zweemal soin
lassen, ich verkefe meenen Busch ne; und dos gilt a heite noch!“

„Aber, bedenken Sie doch nur, Lieber, Sie bekommen dadurch Kapital in die Hand. Ich glaube Ihre Verhältnisse sind
derart, daß Sie das ganz gut gebrauchen können.“

„Wie's mir ergieht, oder ne ergieht, das geht niemanden
uf der Welt nischt ne an!“ rief der Alte; das Zittern seiner
Stimme ließ die innere Erregung ahnen.

„Herr Gott! Mißverstehen Sie mich nur nicht! Fällt
mir im Traume nicht ein, mich in Ihre Verhältnisse zu mischen.
Ich habe nur soviel sagen wollen, daß Sie, wenn Sie erst
mal Ihren Wald los sind, alle Kraft auf die Verbesserung
der Felder und der Wiesen verwenden können. Ich glaube,
da ließe sich noch manches thun. Ich bin neulich mal über
ihr Grundstück geritten. Da draußen am Waldesrande liegt
ein ganzer Schlag, auf dem wächst nichts als Unkraut.“

Der Bauer rückte in seiner Ecke unruhig hin und her,
da jener ihn, ohne es zu ahnen, an der verwundbarsten Stelle
traf. Das war ja sein ärgster Kummer, daß er das Büschelgewende schon zum zweiten Male mußte als Brache liegen
lassen, weil es ihm an Arbeitskräften fehlte.

Hauptmann Schroff fuhr unbeirrt fort: „Da ließe sich
sicher noch vieles bessern. Und vor allem! intensivere Wirtschaft mein Lieber, intensiveres Düngen. Aber dazu ist Bargeld nötig. Ich meine, Sie sollten mit beiden Händen zugreifen, wenn Ihnen ein solches Gebot gemacht wird.“ Der
Sprecher merkte in seinem Eifer wohl nicht, wie es in dem
Gesichte des Alten wetterte und zuckte. Das waren ja alles
Dinge, die er nur zu gut wußte, die er sich selbst wie oft
gesagt, die aber im Munde des Fremden als beleidigende Vorwürfe wirkten.

„Und nun noch eins!“ fuhr der Hauptmann fort „etwas,
das auch wieder das gemeinsame Interesse illustriert, welches
Sie wie der Graf, an dem Handel haben. Aus dem gräflichen Forste tritt nicht selten das Wild auf die Fluren hinaus,
wahrscheinlich auch auf Ihre Felder . . .“

Jetzt riß dem Alten die Geduld. Die Erwähnung des
Wildes, das ihm seine Saaten zertrampelte und sein Getreide
abäste, wirkte wie ein Peitschenhieb auf sein bereits hinlänglich gereiztes Gemüt. Hochrot im Gesicht fuhr er auf und schrie
los: „Wullen Se mich etwan zum Narren halen! Kummen
Se und derzahlen mer vun a Wilde! Dos Ungeziefer frißt
unsereenen bale ganz uf. Geklogt ha'ch schun, aber hob 'ch
denn a Recht gekriegt? Fir uns Pauern giebt's ja keene Gerechtigkeit ne gegen de Grußen.“

Grollend setzte er sich wieder auf seinen Platz, verschränkte
die Arme und sah den Fremden mit feindlichen Blicken an.

Der gräfliche Güterdirektor schien mit bäuerlichen Sitten
so weit vertraut zu sein, um zu diesem Zornesausbruch
lächeln zu können. Er meinte in beschwichtigendem Tone:
„Nur nicht gleich so hitzig, mein guter Büttner! Lassen Sie
mich Ihnen das mal in Ruhe erklären. Mein Graf will
einen Wildzaun anlegen längs der bäuerlichen Grenze, so
ein zwanzig Kilometer lang und mehr. Dadurch soll das
Übertreten des Wildes ganz verhindert werden. Aber, dazu
brauchen wir Ihren Wald, weil sonst eine Lücke entstehen
würde in dem Zaun, verstehen Sie! — Also wie stehts, sind
wir handelseinig?“ Der Hauptmann streckte bei diesen Worten
dem Alten die Hand hin. „Wenn es hierbei einen Vorteil
giebt, so liegt er ganz unbedingt auf Ihrer Seite, sollte ich
denken.“ —

Der Büttnerbauer preßte die Lippen auf einander, runzelte
die Stirn und blickte starr geradeaus, er vermied den Blick
des anderen, wie einer, der sich durch Überredungskünste nicht
irre machen lassen will. Gänzlich konnte er sich der Einsicht
ja nicht verschließen, daß ihm hier ein günstiges Angebot gemacht wurde; aber das alt eingewurzelte, bei den meisten
Bauern tief eingefleischte Mißtrauen gegen alles, was von
Seiten der Herrschaft kommt, verhinderte ihn, nüchtern und
vorurteilsfrei zu erwägen.

„Sie sollten Ihren Frieden machen mit der Herrschaft,“
sagte Hauptmann Schroff, als ahne er, was in der Seele des
Alten vorgehe. „Vor allem da Sie es jetzt mit dem jungen
Grafen zu thun haben. Der Zwist, den Sie mit dem alten
Herrn gehabt, könnte doch füglich mit ihm begraben sein. Ich
glaube, es wäre kein Schade für Sie, wenn Sie sich mit uns
stellten. Die Interessen von Bauer und Ritterschaft gehen vielfach Hand in Hand. Schließlich sind es doch verwandte Stände:
Grundbesitzer. Die Größe des Besitzes bedeutet keinen so
enormen Unterschied.“

Dieser Versuch, ihn mit der Gemeinsamkeit der Interessen
zu fangen, machte den Bauer nur aufstützig. Der Mann da
entwickelte ihm viel zu viel Eifer. Nein, so beschwatzen
ließ er sich nicht! Daß der Graf nicht aus Liebe für die Bauern
den Wildzaun errichten wollte, war klar. Wozu das Gerede!
Nur um so fester wurde der Alte in seiner Ansicht, daß er hier
wieder einmal betrogen werden solle.

„Nahmen Se sich ack keene Mihe wetter!“ sagte er in
mürrischem Tone. „Ich verkefe nischt vom Gutte weg. Een fir
allemal, nu ho'ch Se's gesoit!“

Der Hauptmann hatte die ausgestreckte Hand wieder zurückgezogen. Die Sache ging doch nicht so schnell, wie er sich's
gedacht hatte, mit diesem starrköpfigen Alten. „Sie werden
sich's noch überlegen, Herr Büttner!“ meinte er. „Ich kann's
ja begreifen, daß Sie an Ihrem Eigentum hängen. Vollständig vermag ich's zu verstehen, glauben Sie mir das
nur! Man hängt an der eigenen Scholle, ich weiß das aus
eigener Erfahrung. Und das Herz blutet einem, lieber möchte
man sich einen Finger von der Hand hacken lassen, als einen
Acker weggeben vom ererbten Grund und Boden.“ Hauptmann
Schroff hielt einen Augenblick inne. Dem trüben Ausdrucke nach
zu schließen, den urplötzlich seine sonst heiteren und offenen
Züge annahmen, schien eine düstere Erinnerung durch seine
Seele zu ziehen. Er schnipste mit den Fingern, wie um das
zu vertreiben und fuhr fort: „Sehen Sie, man kann darin aber
auch zu weit gehen, ich meine, in jenem Festhalten. Dann wird
eben Starrköpfigkeit und Vernarrtheit daraus. Lieber ein kleines
Gut, als ein großes, das man nicht voll bewirtschaften kann.
Ich kenne Ihre Lage, Büttner! Ich sage Ihnen soviel, aus
meiner eigenen Erfahrung heraus, wenn Sie sich auf Ihren
Willen versteifen, wenn Sie auf diesen Vorschlag hier nicht
eingehen, werden Sie sich nicht halten können auf Ihrem Gute.“

Jetzt hielt sich der Bauer nicht länger. „Ich ho mich
gehalen dreißig Juhre lang, dar Herrschaft zun Trotze! Mich
wardt er ne uffrassen, wiet'r ringsrim alles ufgefrassen hoat,
mich ne! Wenn der Pauer alle wird, wer is 'n dran schuld,
wenn ne die Rittergitter? Auf uns Pauern hackt a alles ei, de
Beamten wie der Edelmann. Nu solln mer och noch 's latzte
Bissel hergahn, dos mer hoan. Vun Haus und Hof mechten
se uns rungertreiba, alles mechten se schlucken, bis mir gar
an Bettelstabe sein. Dazumal, als se teelten — regulieren
thaten se's heeßen — 's is nu schun an Hardel Jahre har,
mei Vater selch hot mer's derzahlt — do hat mei Grußvater an
dritten Teel vun Gutte hergahn missen, an's Rittergut. Und
hernachen wor's immer no nich genug. Do mußte mei Vater
selch no ane Rente abzahlen, wie viele Juhre durch! — Nu
sollt ees denka, mer wär' frei gewurn, weil mer an Hofedienst
und a Fronde los sen. Aber ne! nu kimmt a Edelmann su
vun hinten rim und mechte unsereenem 's Gut abluchsen. Aber,
da giebt's nischt! Mir Pauern sein och nich mehr so tumm.
Mir sein a nimmer de Unterthanen mih vun an gnädgen Herrn.
Wenn mir ne wullen, do brauchen mer ne! Zun verkefen kann
mich keener ne zwingen, och der Graf ne!“

Der Hauptmann hatte diesen Ausbruch bäuerlichen Selbstbewußtseins mit Verständnis und Teilnahme angehört. Sowie
ihn der alte Mann zu Worte kommen ließ, sagte er: „Ich
kann das alles mit Ihnen fühlen, Büttner! Ich habe auch
einmal ein Gut besessen, ein schönes großes, vom Vater ererbtes Rittergut. Ich habe den Grund und Boden, auf dem
ich geboren war, lieb gehabt, so gut wie Sie Ihr Gut lieben.
Genau wie Sie dachte ich damals. Aber die Verhältnisse sind
oft stärker, als unser Wille. Was will man machen! Ein
paar Mißernten und dann die Hypotheken, mein Lieber! die
Hypotheken! Das ist der zehrende Fraß, der den Grundbesitzer
vernichtet. Das ist schlimmer als Feuersbrunst, Hagel und
alle Ungewitter zusammen. Auf überschuldetem Grunde sitzen,
das ist, als ob Dir einer eine Schlinge um den Hals geworfen hätte, und wenn Du die Füße losläßt, hängst Du
drinnen. Da giebt es keine Rettung. Der größte Fleiß, die
größte Sparsamkeit nützen da nichts, Du bist kein freier Mann
mehr, Du hängst von etwas ab, das Du nicht kontrolieren
kannst, und das lähmt Dich. — Mit blutendem Herzen habe
ich meinen Besitz fahren lassen müssen. Sequestration, Zwangsversteigerung, alles habe ich durchgemacht! Sie sehen, mein
guter Büttner, ich kann hier mitreden.“

Der Hauptmann schwieg und strich sich mehrmals erregt
den Bart, ihn von oben nach unten durch die hohle Hand
gleiten lassend. Er seufzte. „Gott schütze Sie, mein Lieber,
vor alle dem!“

Der alte Bauer war stille geworden in seiner Ecke. Die
Worte des anderen hatten Eindruck auf ihn gemacht.

Hauptmann Schroff fuhr fort: „Es ist nicht leicht, als
älterer Mann, ein Stück hergeben von dem, was man durch
ein ganzes Leben sich gewöhnt hat, als sein Eigentum zu betrachten. Sitzt da irgendwo in der Stadt ein Kerl, der
hat eine Hypothek auf Deinem Gute erworben. Und dieser
Mensch, der mit dem Grund und Boden nicht das geringste
zu thun hat, der nicht ackert, pflügt oder säet, der hat nun
Gewalt über Dein Gut. Der kann Dich runtertreiben, wenn
es ihm paßt. Wie eine Ware kommt Dein Eigentum unter
den Hammer. Und das, was Generationen gepflegt und kultiviert und gehütet haben, wie ihren Augapfel, wird nun zerschlagen und zerschlachtet von Fremden. Und draußen sitzen
wir! Als älterer Mann mit Familie, muß man sich nach
Brot umsehen. Das ist nicht leicht, mein Lieber, das ist nicht
leicht!“

Der Hauptmann schwieg und blickte gesenkten Hauptes
zu Boden, als sei dort irgend etwas Interessantes zwischen
seinen Stiefelspitzen zu erblicken.

Auch der Büttnerbauer sagte kein Wort. Der Mann
hatte Recht! so war es, genau so! Wie oft hatte er nicht
ebenso empfunden, wenn er mit Angstschweiß die Zinsen für
seine Gläubiger aufzubringen sich mühte. Der Mann wußte,
wie es zuging, wahrhaftig, der durfte mitreden.

Der Hauptmann riß sich aus seinem Nachdenken. „Nun
wollen wir aber mal von unserer Sache reden, Büttner! Ich
weiß, wie's mit Ihnen steht. Ich gebe Ihnen den wohlgemeinten Rat: verkaufen Sie Ihren Wald! Das ist das
einzige Mittel, das Sie noch retten kann. Zahlen Sie von
dem Erlös einen Teil der Grundschulden ab, sonst bricht Ihnen
eines Tages die Geschichte über dem Kopfe zusammen. Es geht
Ihnen dann wie mir, Sie kommen um alles. Das Angebot,
welches Ihnen der Graf machen läßt, ist kein schlechtes.
Nehmen Sie's an! Ich spreche nicht etwa nur im Interesse
meines Brotherrn, ich spreche zu Ihnen geradezu als ein
Leidensgefährte.“

Der Bauer schwieg eine Weile. In seinem Gesichte
arbeitete es, als bewegten ihn die widersprechendsten Gefühle.
Aber die Feindseligkeit war aus seiner Miene gewichen.
Schließlich erklärte er mit gedämpfter Stimme, wenn er auch
wolle, die Hypothekengläubiger würden es gar nicht zulassen,
daß er das Gut verkleinere.

Auf diesen Einwand war der Hauptmann gefaßt. „Natürlich würden die Gläubiger Einspruch erheben, wenn Sie das
Pfandobjekt vermindern wollten, ohne ihre Genehmigung. Mit
den Leuten muß selbstverständlich verhandelt werden. Ich
denke, wenn man ihnen eine entsprechende Abzahlung zusichert,
werden sie sich bereit finden, die Einwilligung zur Dismembration zu erteilen. Es sind ja wohl lauter nahe Verwandte
von Ihnen, die Gläubiger? Die werden doch so viel Interesse
für die Erhaltung des Gutes beweisen, daß sie sich in diese
notwendigen Maßregeln finden.“ —

Der Bauer schüttelte mit bitterem Lachen den Kopf.
„Han Se ne das Sprichwurt gehert: Blutsverwandte tut
mer heeßen, die Dich am erschten werden beeßen.“

„Steht es so bei Ihnen? Ich kenne das Wort! es liegt
was Wahres darin. Aber in Ihrem Falle, dächte ich, müßten
die Verwandten ein Einsehen haben, wenn nicht aus Familiensinn, so vielleicht aus Egoismus. Die sind doch schließlich auch
daran interessiert, daß das Gut in Ihren Händen bleibt. Denn
können Sie sich nicht darauf halten, dann sind auch die
Hypotheken gefährdet. Auf überschuldetem Besitz arbeitet der
Eigentümer thatsächlich nur für die Gläubiger. Sie schinden
und plagen sich, damit Ihre Verwandten den Zinsgenuß ungestört haben. So liegt die Sache doch in Wahrheit, mein
Bester! Habe ich Recht?“

„Recht han Se! Aber soin Se mal suwos zu an Gleibiger. Die gahn mer de Einwilligung ne, ich glob's ne!“

„Ich will Ihnen mal was sagen, Büttner!“ rief der
Hauptmann, rückte dem Alten ganz nahe, und legte ihm eine
Hand aufs Knie. „Überlassen Sie die ganze Sache mir! Ich
will mit den Leuten verhandeln. Erfahrung habe ich mir ja
gekauft in dieser Art Sachen. Ich glaube, ich werde die Gesellschaft soweit bringen, daß sie Konsens erteilen. Es ist
ja thatsächlich nur eine Formensache. Nennen Sie mir mal
Namen und Adresse der sämtlichen Hypothekengläubiger.“

Der Alte kraute sich den Kopf; er wollte sichtlich nicht
mit der Sprache heraus. Schließlich gab er aber doch dem
Drängen des Hauptmanns nach.

Als der Bauer den Namen „Schönberger“ nannte,
stutzte der Hauptmann. „Mann! Wie kommen Sie zu so
einem?“

Der Büttnerbauer berichtete in umständlicher Weise die
ganze Angelegenheit. Die Kündigung der Hypothek von Seiten
des Bruders, wie er sich dann umsonst nach Geld umgethan,
bis er schließlich in der Stadt das notwendige erhalten habe.

Hauptmann Schroff nahm eine bedenkliche Miene an und
schüttelte unwillig den Kopf. „Die Sache will mir nicht gefallen, mein guter Büttner! — Schönberger! — Was mag
das für ein Menschenfreund sein?“

Der Büttnerbauer meinte, es habe ihm ja kein anderer
Mensch das Geld borgen wollen. Herr Schönberger sei gleich
bereit dazu gewesen, und allzu hohe Zinsen habe er auch nicht
gefordert. —

„Trotzdem! trotzdem!“ meinte der andere. „Oder vielmehr, gerade deshalb! Aus Menschenliebe thut's diese Art
gewöhnlich nicht. — Na, das ist nun nicht mehr zu ändern. —
Also, mal die übrigen Gläubiger!“

Der Bauer berichtete, was sonst noch auf dem Gute an
Schulden stehe.

„Der Hauptgläubiger ist demnach Ihr Schwager Kaschel.
Mit einer Hypothek steht er zudem an letzter Stelle. Der
wäre also der Wichtigste. Was denken Sie, wenn ich mit dem
Manne zuerst Rücksprache nähme? Er wohnt ja hier am Orte;
ist Kretschamwirt, wie Sie sagen.“

„Da mechte aber eener Haare uf'n Zähnen han,“ meinte
der Bauer mit vielsagendem Lächeln, „wer Kaschelernsten kirren
wollte. Dos is a Dreimalgenähter. Und a bieser Hund is
a Lammel gegen dan, das sag'ch Se glei!“

Der Hauptmann meinte, er sei nicht furchtsam von Natur
und er wolle es auf den Versuch ankommen lassen. Er werde
gleich einmal nach dem Kretscham hinüberreiten.

Der Büttnerbauer sagte nichts weiter dagegen.

Sie verließen die Stube. Der Hauptmann zog sich selbst
sein Pferd aus dem Stalle, brachte die Sattelung in Ordnung
und stieg auf.

„Ich bringe Ihnen Nachricht über den Erfolg, Büttner!“
rief er im Abreiten.

Der Büttnerbauer sah dem Reiter eine Weile nach, bis
er die Dorfstraße erreicht hatte und dort hinter Häusern seinen
Blicken entschwand. Es hatte etwas Tröstliches für den alten
Mann, daß dieser vornehme Herr alles das durchgemacht
hatte, wovon er soeben erzählt. Er war ihm dadurch näher
getreten.

Der Bauer stand da mitten in seinem Hofe, die Hand
am Kinn, und simulierte. Was das für eine Welt war! man
fand sich bald nicht mehr ein noch aus.

Ein Hufnagel lag am Boden. Er beugte seinen alten
steifen Rücken und hob das verrostete Ding auf. Man durfte
nichts umkommen lassen. — Er sah sich im Hofe um. Die
Holzverschalung am Westgiebel der Scheune war an verschiedenen Stellen brüchig, an einem anderen Flecke fiel der Putz
von der Wand. Kostete wieder Geld, das herstellen zu
lassen! Die neue Kuh war auch noch nicht voll bezahlt. Zu
alledem rückte der Halbjahrstermin heran, wo wiedermal die
Zinsen fällig waren. Woher das Geld dazu nehmen! Hafer,
Roggen, Stroh, das vorjährige Heu, alles war schon verkauft,
Schüttboden und Banse waren leer.

Auf den Feldern standen ja schöne Früchte. Wenn das
Wetter weiterhin günstig war, würde er sogar eine ausgezeichnete
Ernte machen. — Der Bauer wandte seine Schritte unwillkürlich dem oberen Hofthore zu, von wo aus man die Felder
des Gutes in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken konnte.

Er deckte die Augen mit der Hand gegen die Sonnenstrahlen. Im klaren Mittagslichte lagen die Fluren vor ihm.
Das Kornfeld wogte wie ein grünlicher See mit silbernen
Wogenkämmen. Unabsehbar schien die Menge der Ährenhäupter, die sich da im Winde beugten und hoben in langgezogenen schwellenden und sinkenden Wellen. Und der Hafer,
der eben die Schoßhalme treiben wollte, stand in dichen Beeten,
eine dunkelgrüne lebendige Matte, von ungezählten schlanken
spitzen Hälmchen. Und die Kartoffeln mit saftigem Kraut,
kraftstrotzend, in langen geraden Reihen, sorgsam gejätet und
angehäufelt, daß es eine wahre Lust war für das Auge des
Landmanns.

Das war doch sein Eigentum! Hundertfach hatte er es
dazu gemacht, durch die Arbeit. Da war nicht ein Fußbreit
Land, den er nicht gepflegt hatte mit seinen Händen. Sein
Acker war ihm vertraut, wie ein Freund. Er kannte alle seine
Eigenarten, seine Schwächen wie Vorzüge, bis ins Kleinste
hinein. Er stand zu diesem Boden, dessen Sohn er war, doch
auch wieder wie die Mutter zum Kinde; er hatte ihm von dem
seinen gegeben: seine Sorge, seine Liebe, seinen Schweiß.

Und nun drohten sich zwischen ihn und dieses Stück Erde,
aus dem er und die Seinen Kraft und Nahrung zogen,
nun drohten sich Fremde zwischen ihn und sein Eigentum
zu drängen. Seinem schlichten ungeschulten Verstande stellte
sich die Gefahr dar, wie eine Verschwörung teuflischer Mächte,
gegen ihn und sein gutes Recht. Von der Macht und Bedeutung des mobilen Kapitals, von jenen ehernen Gesetzen,
nach denen ganze Stände und Geschlechter dem Untergange
verfallen, andere emporhebend durch ihren Sturz, ahnte er nichts.
Eines nur hatte er am eigenen Leibe erfahren: er kämpfte und
rang durch ein langes Leben gegen eine Last, die auf ihn gelegt war, er wußte nicht von wem. Und je verzweifelter er
sich aufbäumte gegen das unsichtbare Joch, desto schwerer und
drückender wurde seine Wucht.

Konnte ein Mensch das ahnen, der diese lachenden Fluren
ansah?

Gottes Segen schien auf ihnen zu ruhen. Der Acker
wollte seinem Pfleger so gerne zurückerstatten mit Zinsen, was
er an Liebe auf ihn verwendet. Der Boden wollte dem die
Treue halten, der ihm treu gewesen war.

Halm an Halm drängte sich. Konnte der, dem solche
Ernte in die Scheuer lachte, nicht guten Mutes sein? Durfte
es denn wirklich eine Macht geben auf der Welt, die ihm
diesen Erntesegen, den der liebe Gott doch für ihn hatte wachsen
lassen, streitig machte?

Es kam wie ein großes dunkles Gespenst über die Felder
gehuscht, ohne Beine, und doch schnellfüßig — der Schatten
einer treibenden Wolke. Es löschte allen Glanz von den
Ährenwellen, es wischte die Farbenpracht der bunten Fluren
aus, es legte sich wie ein düsterer Ton über alles. Der Schatten
eilte über Haus und Hof, über die Feldmark in ihrer
ganzen Breite, dem Walde zu.

Der Bauer ließ die Hand von der Stirn sinken; jetzt
brauchte er sie vor den Sonnenstrahlen nicht mehr zu
schützen. Er wischte mit dem Ärmel über die Augen hin und
schneuzte sich.

Toni kam aus dem Hause und meldete dem Vater, das
Essen stehe auf dem Tische. Vom Felde her zog Karl mit
den Pferden herein. Der alte Bauer meinte, sie sollten mit
dem Essen immer anfangen, ohne ihn, er habe noch mit dem
fremden Herrn zu sprechen.

Hauptmann Schroff erschien nach einiger Zeit, er blickte
mißmutig drein. „Es war nichts damit!“ rief er dem Alten
schon von Hofthore entgegen. „Sie haben Recht behalten
Büttner. Ihr Schwager Kaschel — nun, ich will nichts weiter
sagen. Ich bedaure Sie, Mann! — Aus dem Dismembrationsplane kann nun nichts werden. Da bleibt nur noch eins
übrig: mein Graf kauft Ihnen das ganze Gut ab, zahlt die
Gläubiger aus, behält sich den Wald und läßt Sie als Pächter
Zeitlebens auf Hof und Felder sitzen. Einen anderen Weg
sehe ich nicht!“

Da verfärbte sich das Gesicht des Alten. Er richtete sich
zu seiner ganzen Höhe auf, und seinen knochigen Arm ausstreckend rief er zornig:

„Sahn Se den Misthaufen durte? Lieber durt druffe
verrecken, aber 's Gutt gah' ich nich har!“

VI.

Frau Katschner und ihre Tochter, Pauline, hatten Scheuerfest. Frau Katschner hielt auf Sauberkeit und Ordnung in
ihrem kleinen Hause. Sie war viele Jahre lang als Küchenmagd auf dem Rittergute gewesen. Von daher stammten ihre
Manieren, oder, wie man in Halbenau sagte, die „Benehmiche“, durch die sie sich von den anderen Dorfleuten
günstig abhob. Eine Photographie der Gräfin, ihrer ehemaligen Herrin, hing an der Wand, an besonders sichtbarer
Stelle.

Ihre feinere Lebensart hinderte die Witwe jedoch nicht,
gewöhnliche Arbeit zu verrichten, wie jede andere brave Halbenauerin. Es war Sonnabend, der Tag, an welchem in
einem ordentlichen Haushalte gereinigt wird. Frau Katschner
hatte gleich ihrer Tochter die Röcke hoch aufgebunden, sie
schweifte mit einem Hader die Diele. Pauline handhabte am
Boden knieend die Scheuerbürste. In der Mitte des Zimmers
stand ein Holzfaß, dessen Inhalt bereits eine graubraune Färbung angenommen hatte. Pauline wollte eben eine neue Fahrt
warmes Wasser aus der Pfanne herbeiholen, als ihr Blick,
der sich zufällig durch's Fenster in den Garten gewandt hatte,
dort durch etwas Ungewöhnliches gefesselt wurde.

„Mutter! Ne, sahn Se ack! Zu uns kimmt a Gescherre
nuf, gerade ibern Garten. Ja, Himmel, ich glebe, das sein de
Kontessen, Mutter!“

Frau Katschner sprang ans Fenster. „De Kontessen, Herr
Fedelt! — Nu feder aber, Madel!“ Sie ließ sofort ihre
Röcke herab, fuhr in die Holzpantoffeln, trieb das Wasser, das
in einer großen Pfütze auf der Diele stand, mit einem Borstwisch in die Ecke und schaffte das Waschfaß hinter den Ofen.
Das alles war das Werk von kaum einer Minute.

Schon klopfte es an's Fenster. Draußen hielt ein niedriger
Korbwagen, darin zwei junge Damen. Die eine hatte soeben
mit dem Peitschenstiel gegen die Fensterscheibe gepocht. „Ist
wer zu Hause hier?“ hörte man eine helle Stimme rufen.

„Ich wer' naus gihn, Pauline!“ sagte die Witwe. „Mach
Du Dich derweilen a Bissel zurechte, hierst De! Zieh Der
Strimpe an, und a frisches Halstichel, verstiehst De! Ich wer
se schun su lange hinhalen — gieh, feder ack!“

Pauline, die sich merkwürdig befangen und unschlüssig gezeigt hatte, von dem Augenblicke an, wo die Komtessen in
Sicht gekommen, folgte dem Winke der Mutter und verschwand
in ihrer Kammer. Frau Katschner schob das Schiebefenster
zurück, das nach dem Garten hinaus führte. Sie brach in
freudige Rufe des Staunens aus: „Ne aber! Ne sowas! De
gnädigen Kontessen selber! Ich werde sogleich herauskommen.“

Die Damen waren aus dem Wägelchen gestiegen. Eine
von ihnen hatte die Zügel geführt, jetzt warf sie die Leine
dem Groom zu, der hinter ihnen auf der Pritsche gesessen
hatte.

Die Komtessen waren gleich gekleidet, in hellen Stoff, und
trugen breite Strohhüte mit bunten Bändern. Wanda, die
jüngere und größere von beiden, war brünett, mit rassigem
Gesicht, in dem adeliges Selbstbewußtsein ausgesprochen lag.
Ida, die ältere, ein Mädchen von schmächtiger Gestalt, mit
durchsichtiger Hautfarbe und hellem Haar, zeigte weichere Züge.
Ihre stillen großen Augen und der feine Mund klangen zu
eigenartig melancholischer Wirkung zusammen.

Frau Katschner erschien in der Thür und machte ihren
schönsten Knix, wie sie ihn sich ehemals auf dem Schlosse abgesehen hatte.

„Wir wollten sie mal besuchen, Bertha!“ rief Komtesse
Wanda, welche eben darüber war, mit Hülfe des Grooms den
Pony auszusträngen. „Ist übrigens ein eklig schlechter Weg
hierherauf. Bei einem Haare hätten wir umgeschmissen. —
Kann der Pony hier grasen, Bertha?“

Frau Katschner beteuerte unter fortgesetztem Knixen, daß
hier alles den gnädigen Komtessen gehöre, und daß es ihr eine
Ehre sei, wenn der Pony in ihrem Garten Futter annehme.
Nun trat sie an die jungen Damen heran und versuchte, ihnen
die Hand zu küssen, was jene aber zu verhindern wußten.

„Ist Pauline zu Haus?“ fragte die ältere Komtesse.

„Jawohl, Kontesse Ida! Wenn die Damen so gnädig sein
wollen und eintreten . . . es sieht freilich ein wenig unordentlich aus bei uns.“

„Kennen wir schon, Bertha! Faule Ausreden!“ rief die
Jüngere. „Sie behaupten immer, daß es unordentlich aussieht bei Ihnen; dabei ist es das reine Schmuckkästchen. Ich
wünschte blos, bei uns wäre es immer so ordentlich — was
Ida?“ —

„Ach, Du großer Gott, Kontesse Wanda! Die gnädigen
Damen müssen nur verzeihen, wenn man eben arm ist! —
Ordnung und Reinlichkeit, das kostet kein Geld, sage ich immer.
Auf dem Schlosse, bei der gnädigen Herrschaft, da hatte ich's
freilich besser, als jetzt. Das war ein ander Ding — dazumal!“

„Ja, sehen Sie, Bertha! Das kommt alles nur vom
Heiraten!“ meinte Wanda, die unter ihresgleichen berüchtigt
war für ihre kräftigen Bemerkungen, und die sich etwas zu
gute that darauf, daß sie alles heraus sagte, was ihr gerade
in den Sinn kam.

„Ja, ja! die gnädige Kontesse können schon Recht haben,
mit dem Heiraten is es manchmal nich immer was Gescheits.
Obgleich ich mich nicht beklagen kann. Mein Mann is eben
tot, Gott hab ihn selig! Aber man hat viel Sorge davon und
Ärger noch obendrein. Ne, ne! Wer gescheit is, gnädige Kontesse, da haben Se sehr Recht, der heirat' sich keenen Mann!“

Unter solchen Reden war man ins Haus getreten. Hier
sprangen ein paar Kaninchen hinter einen Bretterverschlag.
Wanda wollte eines der Tiere erhaschen, aber das Tierchen
war flinker als sie. Frau Katschner, die Paulinens wegen jetzt
noch nicht das Zimmer betreten wollte, fand hierin eine günstige
Gelegenheit, die jungen Damen noch länger im Hausflur zu
halten.

Sie öffnete das Ställchen. In einer dunklen Ecke unter
einer Heubucht erblickte man eine ganze Kaninchenhecke. Wanda
rief: „Pfui Deibel, wie stinkt 's hier!“ lief aber nichtsdestoweniger in den Verschlag hinein, und zog einzelne Tiere an
den Löffeln heraus. Frau Katschner mußte ihr sagen, welches
Männchen und welches Weibchen seien.

Als das Interesse hierfür erschöpft schien, hielt es Frau
Katschner für angezeigt, die Damen in das Wohnzimmer zu
führen. Pauline kam jetzt zum Vorschein aus ihrer Kammer,
mit gesenkten Augen, über und über errötend. Ihre Befangenheit war womöglich noch größer, als zuvor.

Pauline war in früheren Zeiten ein gelegentlicher Gast
auf dem Schlosse gewesen, als Spielgefährte für Komtesse Ida,
mit der sie ungefähr in gleichem Alter stand. Damals war
man vertraut gewesen mit einander, nach Weise von Kindern,
bei denen sich der Standesunterschied nicht so stark bemerkbar macht. Frau Katschner hatte der Tochter zwar immer
die größte Devotion gegen die herrschaftlichen Kinder eingeschärft, aber beim Spiele war die künstliche Schranke der
Etikette oft genug überschritten worden. Inzwischen hatten die
beiden Komtessen eine Pension für freiadelige junge Mädchen
besucht, aus der sie vor einem Jahre als fertige junge Damen
entlassen worden waren. Sie hatten ihren ersten Winter in
der Berliner Gesellschaft hinter sich. Seit Jahren hatten sich
also die ehemaligen Spielgefährten nicht mehr gesehen.

Auch Ida errötete bis unter das blonde Haar, als sie
Pauline jetzt die Hand reichte. Einen Augenblick hatte sie
erwogen, ob sie das Mädchen umarmen solle. Aber dann
fürchtete sie, es könne gemacht aussehen und wie Herablassung
wirken, und so ließ sie es lieber bei einem Händedruck bewenden.

Wanda hingegen stellte sich vor Pauline hin und musterte
sie von oben bis unten. „Diese Pauline!“ rief sie. „Was
das für ein Weib geworden ist. Wie eine Frau sieht sie aus,
wie die reine Frau! Gar nichts vom Mädel mehr!“

Paulinens Hals, Wangen und Stirn färbten sich purpurn.
Die Komtesse ahnte nicht, welchen Sinn jene ihrer Bemerkung
unterlegen mußte.

Frau Katschners Vermittlertalent half über diesen kritischen
Moment hinweg. Sie sprach und fragte, machte auf dieses
und jenes aufmerksam, forderte die Damen zum Sitzen auf.
Sie erzählte aus jetziger und früherer Zeit, wußte ihre devote
Gesinnung gegen die Herrschaft in das rechte Licht zu rücken.
Mit ihrer Bewunderung für die Erscheinung der Komtessen
hielt sie nicht zurück. Sie war eine Meisterin in der Dienstbotenschmeichelei. Durch gelegentlich eingeworfene Fragen verstand sie es übrigens auch, die jungen Damen zur Aussprache
zu bringen, so daß sie bald allerhand für sie Wissenswertes in
Erfahrung gebracht hatte.

Pauline saß stumm dabei und rührte sich kaum. Auf
dem Mädchen schien irgend etwas zu lasten.

„Famos ist es hier!“ rief eben Wanda. „Überhaupt, die
sogenannten armen Leuten haben es doch gar nicht schlecht!“
Da erhob sich in der Kammer nebenan ein jämmerliches
Quiecken. Pauline wurde sehr unruhig und selbst Frau Katschner
warf einen besorgten Blick nach jener Thür.

„Was haben Sie denn da drinne? Junge Katzen?“ fragte
Wanda. Sie schien große Lust zu verspüren, dem Grunde des
Lärmes sofort nachzuforschen.

„Ach, das ist ja das Kind!“ rief Frau Katschner.
„Gnädige Kontessen müssen entschuldigen!“

„Was! Habt Ihr hier kleine Kinder?“

Pauline saß wie mit Blut übergossen, die Augen in den
Schoß gerichtet.

„Wir wissen eigentlich selbst nicht recht, wie wir zu dem
Kinde kommen,“ sagte Frau Katschner. „Da habe ich eine
Schwester, von der is der Mann gestorben, und da is eine
Tochter, die hat geheiratet, und sehen Sie, der is der Mann
davongelaufen. So ein Lump! nicht wahr? Na, ich hab's ja
vorher gesagt! Aber, wer nicht hören wollte . . . . . Also,
von der is das Kind. — Das arme Ding haben wir derweilen
hier bei uns aufgenommen, weil die sich einen Dienst sucht.
Das is der ihr Kind, ja!“ —

Pauline sah ihre Mutter erschrocken an, ob der Lüge. Das
Mädchen war auf einmal ganz bleich geworden. Gut, daß
Wanda das Gespräch sofort an sich riß und über durchgebrannte Männer und kleine Kinder mit Kennermiene zu
sprechen begann. Pauline schlich sich derweilen aus dem
Zimmer. Gleich darauf hörte man sie in der Kammer das
schreiende Kind beruhigen.

„Na, und sehen Se!“ fuhr die Witwe voll Eifer fort,
„was meine Pauline is, die hat Sie das Kind doch nu so lieb
gewonnen, als wäre 's ihr eigenes. Wie eine zweite Mutter,
mechte man sprechen, is das Mädel zu dem Kinde.“

„Darf man das Kleine einmal sehen?“ fragte Ida.

Frau Katschner lief ins Nebenzimmer und sprach dort
halblaut ein paar Worte mit ihrer Tochter. Bald darauf
kamen beide Frauen ins Zimmer zurück. Pauline trug den
Jungen auf dem Arme.

Das Kind saß da, einen Finger im Munde, nur mit dem
Hemdchen bekleidet, das Ärmchen um den Nacken der Mutter
gelegt, und blickte die fremden Gesichter fragend und neugierig
an. Es war ein dicker gesunder Junge, mit schönen Farben
und kernigem Fleisch. Wer Gustav Büttner kannte, mußte
dessen Augen wiedererkennen; im übrigen sah das Kind Paulinen unverkennbar ähnlich.

Die Komtessen verhielten sich sehr verschiedenartig dem
Kleinen gegenüber. Wanda war äußerst wortreich, lobte und
kritisierte, und gab ihrem Mißfallen Ausdruck, daß der
Junge keine geraden Beine habe. Das sei ein sicheres
Zeichen für „Englische Krankheit“ erklärte sie kategorisch. Frau
Katschner hatte zwar noch nie in ihrem Leben von diesem
Leiden gehört, der Komtesse zu gefallen aber, that sie, als
halte sie das für sehr wahrscheinlich und erkundigte sich,
was man dagegen anwenden müsse. Wanda war offenbar
nicht ganz vorbereitet auf diese Frage, nach einigem Überlegen
entschied sie: „Moorbäder sind das beste!“

Ida betrachtete inzwischen das Kind aufmerksam mit nach
denklichen Augen. Sie lächelte es an, ergriff eines seiner
Händchen und versuchte auf diese Weise, Freundschaft mit dem
Kleinen zu schließen. Während sich Wanda und Frau Katschner
weiter über die Englische Krankheit unterhielten, erkundigte sie
sich nach dem Leben und Treiben des Kindes. Pauline taute
dabei ganz auf. Jetzt wo sie von dem Wichtigsten sprechen
konnte, was es für sie auf der Welt gab, fand sie ihre gewöhnliche Lebhaftigkeit und Offenheit wieder. Das Eis war gebrochen. Nicht mehr die Komtesse stand vor ihr, sondern eine
Frau wie sie, der sie ihr Herz rückhaltlos ausschütten durfte.
Bald wußte Ida alles über das Kind, seine Angewohnheiten
und Liebhabereien. Der kleine Gustav wurde aufgefordert, die
paar Worte, welche er angeblich sprechen konnte, aufzusagen;
wohl aus Ängstlichkeit vor den Fremden versagte er jedoch völlig
mit seinen Sprechkünsten.

Nach einiger Zeit wurde Wanda ungeduldig, sie zog die
Schwester an der Hand; man müsse nun fort. Sie hätten ja
noch ein paar „andre Armenbesuche“ im Dorfe zu machen.

Ida bat Pauline beim Abschiednehmen, sie bald einmal
auf dem Schlosse zu besuchen. Dem Kleinen küßte sie die
Händchen mit einem innigen Ausdruck in ihren stillen Zügen,
wie er nur kinderliebenden Frauen eigen ist.

Der Pony hatte sich inzwischen das Gras des Katschnerschen
Gartens schmecken lassen. Wanda legte selbst mit Hand an
beim Anschirren. Die Komtessen nahmen im Wägelchen Platz.
Wanda ergriff Peitsche und Zügel, der Groom saß hinten auf,
und fort ging's den schmalen Weg zur Dorfstraße hinab.

Pauline brachte das Kind in die Kammer zurück, dann
schürzte sie ihr Kleid wieder auf und machte sich schweigend
an's Scheuern. Frau Katschner nahm die Arbeit nicht wieder
auf, sie beschäftigte sich vielmehr mit dem Zurechtmachen der
Vesper. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick nach der
Tochter, forschend, ob die nicht endlich was sagen würde. Pauline bürstete und rieb, als ob ihre Seligkeit davon abhinge, daß
die Diele rein würde.

Es schwebte etwas Ungelöstes, Schwüles, ein Vorwurf,
zwischen Mutter und Tochter.

„Willst De ne vaspern, Pauline?“ fragte die Mutter endlich. „Ich ha' der dohie wos zurechte gemacht.“

„Laßt ack Mutter! Ich ho' keenen Hunger ne!“ sagte das
Mädchen und vermied es noch immer, die Mutter anzusehen.

Frau Katschner, die am Tische saß, hatte sich ihr Brot mit
Quark gestrichen, von Zeit zu Zeit führte sie mit dem Messer
ein Stück zum Munde. Pauline war inzwischen aufgestanden,
sie stand jetzt am Ofen, den Zuber vor sich auf der Ofenbank.

„Was meenst De wohl, Pauline!“ begann Frau Katschner
von neuem das Gespräch: „wenn mer's, und mir hätten's den
Kontessen derzahlt von Deinen Kleenen, daß der von Dir is,
wos meenst De wohl, wos die fir a Gesichte derzut gemacht
haben mechten — haa?“

„Ich weeß nich, Mutter!“ sagte Pauline nur. Sie wandte
der Mutter den Rücken zu und rang mit Aufbietung aller
Kraft den Hader aus.

„Mit suwas darf man der Art garne kimma. Das vertrogen se ne. Do is glei alle. Das kenn' ich. Die Gräfin,
su ne hibsche Frau, wie das war, aber wenn a Madel, und se
that sich vergassen . . . ne! Da flog se glei naus. Do gab's nischt
uf'n Schlosse. Suwos darf man denen gar nich merken lassen.“

„De Kontesse Ida is immer su gutt gewast — gegen
mich . . .“ meinte Pauline mit stockender Stimme. Das Weinen
war ihr nahe. „Nu hon Sie er suwas vurgeradt Mutter!
Ich ho' mich su schämen missen. Su ane Liege! Ne, ich muß
mich su sihre schämen, muß ich mich! Grade der Ida, die su
gutt is! — Ne, Mutter, das war ne recht vun Sie!“

Pauline ließ ihren Thränen freien Lauf. Sie hatte sich
auf die Ofenbank gesetzt, die Ellbogen auf die Kniee gestützt
und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Frau Katschner war ärgerlich geworden. Sie sei wohl
verrückt, warf sie der Tochter vor; sie hätt's wohl den Komtessen gleich auf die Nase binden sollen, das mit dem Jungen?
Das sei das richtige Mittel, um sich bei solchen Damen beliebt
zu machen! Komtesse Ida mit ihrer Zimperlichkeit sähe gerade
danach aus, als ob sie dem Jungen dann noch was schenken
würde. Und wenn Pauline nächster Tage aufs Schloß gehe,
dann solle sie sich nur ja in acht nehmen mit ihren Reden,
daß sie sich nicht etwa verplappere.

Pauline hörte kaum mehr auf die Vermahnungen, die
ihr die Mutter mit keifender Stimme erteilte. Schließlich
wurde es dem Mädchen zuviel. Sie lief in ihre Kammer,
schloß hinter sich zu, nahm den Jungen aus dem Korbe und
herzte und küßte ihn ab, unter Thränen.

VII.

Vor dem Kretscham in Halbenau hielt ein Einspänner.
Die Kleidung des Kutschers ließ darauf schließen, daß das
Fuhrwerk aus der Stadt komme. Ein rotbärtiger Mann im
grauen Überzieher und karrierten Hosen stieg aus und befahl
auszuspannen. Dann begab sich der Fremde in den Gasthof.

In der Schenkstube befand sich nur Ottilie, die Tochter
des Gastwirts. Harrassowitz betrachtete das Mädchen mit jenem
spürenden Blicke, den er für alle Frauen hatte, mochten sie
hübsch sein, oder häßlich. „Ist der Herr Papa zu Haus?“
fragte er. „Denn Sie sind doch das Fräulein Tochter. Ich
bin Samuel Harrassowitz aus der Stadt, Ihr Herr Vater
kennt mich.“

Ottilie zog einen schiefen Mund, was sie immer that,
wenn sie verlegen war, und meinte, sie werde nach dem Vater
schicken. Sie begab sich in's nebenan gelegene Schnapsgewölbe,
wo ihr Bruder Richard mit Umfüllen von Likören beschäftigt
war, und sagte ihm, wer da sei. „Ach Sam!“ meinte Richard.
„Wer ist denn das?“ fragte Ottilie neugierig. „Sam is
Sam!“ erklärte Richard. „Geh, sag mir's doch!“ „Thun
doch selber fragen, dumme Gans!“ meinte der liebenswürdige
Bruder, streckte dem Mädchen die Zunge heraus und ging,
den Vater zu rufen.

Ottilie kehrte in's Gastzimmer zurück. Sie war nun
doppelt neugierig geworden, wer der fremde Herr sei. Das
Mädchen hatte nicht viel Besseres vor auf der Welt, als sich
um anderer Angelegenheiten zu kümmern. Sie war meist unbeschäftigt, und hatte Zeit, allerhand Gedanken nachzuhängen,
von denen die meisten thöricht waren.

Ottilie war groß und mager, mit unverhältnismäßig langem
Oberkörper, flacher Brust und herausstehenden Hüftknochen.
Weibliche Fülle und Rundung war ihr versagt. Aber aus ihrer
Art, verlegen zu lächeln, den Kopf beiseite zu legen, und dabei
vielsagend dreinzublicken, sprach Gefallsucht, die ihrem reizlosen
Körper zum Trotze, die Blicke auf sich zu lenken trachtete.
Sie hatte wenig vom Büttnerschen Blute in sich. Mit ihrer
unreinen Hautfarbe, der birnenförmigen Kopfform und dem
fliehenden Kinn war sie eine echte Kaschel.

Ottilie machte sich hinter dem Schenktisch zu schaffen.
Vielleicht würde der Fremde sie doch noch einmal anreden.

Harrassowitz that ihr auch wirklich den Gefallen. „Fräulein, wollen Sie sich nicht ein bißchen zu mir setzen; ich bin
hier so alleine.“

Linkisch, mit ihrem scheuen Lächeln, kam Ottilie hinter
dem Schenktische vor. „Ich bin so frei!“ Damit setzte sie sich
an den Tisch.

Sam ließ seine Blicke in unverfrorener Weise auf ihrer
Gestalt herumkreuzen, während sie mit scheinbar niedergeschlagenen Augen, ihn dabei von der Seite anschielend, dasaß.
„Darf ich mir wohl die Frage erlauben,“ sagte er, ihr vertraulich zulächelnd: „Ihre Hand ist noch nicht vergeben?“

„Aber ich bitte sehr, mein Herr!“ rief sie, von ihm
wegrückend, mit einer Miene, der man deutlich absehen
konnte, daß ihr die Frage im Grunde gar nicht unangenehm war.

„Das ist mir eigentlich erstaunlich!“ meinte er. „Ein
solches Fräulein: ledig! Die Tochter von Herrn Ernst Kaschel!
Da wüßte ich manchen jungen Herrn . . .“

Zu Ottiliens großem Leidwesen trat hier der Vater ein,
und die Unterhaltung wurde an der interessantesten Stelle
unterbrochen.

„Guten Tag, Herr Harrassowitz!“

„Guten Tag, mein lieber Herr Kaschel!“

Die beiden Männer lachten sich an, wie zwei, die
einander genau kennen, und schüttelten sich kräftig die
Hände.

„Recht lange nicht mehr bei uns gewesen, Herr Harrassowitz!“

Der Händler blickte dem Gastwirt in die schlauen Augen
und meinte, er wolle sich hier draußen nur mal ein bißchen
nach den „Ernteaussichten“ umsehen. — Kaschelernst lachte
über diese Bemerkung, als sei das der beste Witz, den er seit
langem gehört habe.

Der Wirt schickte Ottilie nach Gläsern, er selbst holte eine
Flasche herbei. Den Getreidekümmel müsse Harrassowitz mal
kosten, das sei was Extrafeines. Er schenkte ein.

Man sprach über die Feldfrüchte, über Wetter und Viehseuche. Aber das waren alles nur Plänkeleien. Die beiden
kannten und würdigten sich. Kaschelernst wußte ganz genau,
daß der Händler nicht um Schnickschnacks willen nach Halbenau
gekommen sei. Einstweilen gefiel es aber beiden, sich mit
solchem Versteckenspiel zu unterhalten.

Sam begann endlich ernsthaft zu sprechen, was er dadurch
andeutete, daß er näher an den Gastwirt heranrückte und die
Stimme senkte. Kaschelernst schickte die Tochter, die sich hinter
den Schenktisch zurückgezogen hatte, hinaus; nun konnte ein
„vernünftiges Wort“ unter Männern gesprochen werden.

Der Händler erkundigte sich nach den Verhältnissen der
verschiedensten Personen: Bauern, Gutsbesitzer, Handwerker.
Kaschelernst kramte seine Kenntnisse aus mit der Miene eines
schadenfrohen Menschen. Man konnte ihm den Hochgenuß
ansehen, mit dem ihn Unglück, Fehltritte und Dummheit seiner
Mitmenschen erfüllten.

Wenn er von einem Bauern erzählte, der vor dem Bankerotte stand, lächelte er. Er lächelte auch, als er berichtete,
daß ein anderer Feuer an seine Scheune gelegt habe. Und
ausschütten wollte er sich geradezu vor Lachen, als er dem
Händler hinterbringen konnte, ein Stellenbesitzer habe sich neulich
aufgehängt, weil ihm die Gläubiger die Kuh aus dem Stalle
weggepfändet hatten.

Kaschelernst schien alle Leute in der Runde zu kennen und
über die Verhältnisse von allen Bescheid zu wissen. Harrassowitz lauschte mit größtem Interesse, ja mit einer gewissen
Andacht, als verkünde jener ein Evangelium, wenn er erklärte:
der Bauer Soundso werde sich nicht länger, als höchstens noch
zwei Jahre halten, oder der und der sei durchaus kreditfähig,
da er einer sicheren Erbschaft entgegensehe.

Man hatte bereits mehrere Glas von dem Kümmel vertilgt, welcher dem Händler zu schmecken schien.

Endlich schien Harrassowitz genug Weisheit eingesogen zu
haben, er erhob sich. Er habe noch einen kleinen Gang in's
Dorf vor, erklärte er.

„So, so!‟ meinte Kaschelernst. „Hier in Halbenau is
doch jetzt nischt zu machen für Sie.‟

„Ach doch! — Ich will mir mal n ansehen.‟

Kaschelernst spitzte die Ohren. Aber beileibe wollte er
sich keine Neugier anmerken lassen. „Welches denne?‟ fragte
er scheinbar nebenhin.

Sam that, als habe er die Frage überhört. „Es soll ein
schönes Gut sein,‟ meinte er, „Felder, Wiesen, alles prima!
Auch die Gebäude im Stande. Natürlich sind tüchtige Schulden drauf. Die Bauern sind ja alle verschuldet. Ich will
mir's mal besehen,‟ damit wollte er gehen.

„Daß Sie sich nur nicht verlaufen in Halbenau, Harrassowitz!“ sagte Kaschel, ihm folgend. „Hier giebt's viele Güter,
große und kleene. Zu wem wollen Se denne?‟

„Auf das Büttnersche!‟

Kaschelernst zuckte mit keiner Wimper, als er den Namen
seines Schwagers hörte. Harrassowitz fixierte ihn scharf. „Kennen
Sie das Gut? Ich interessiere mich dafür.‟

Der Wirt zuckte die Achseln und nahm eine geheimnisvolle Miene an. Er dürfe nichts sagen, meinte er, der Besitzer sei sein Schwager.

„Ihr Schwager, Herr Kaschel!“ rief der Händler, mit gut
geheucheltem Erstaunen. „Das ist mir ja hochinteressant zu
hören! Ich habe dem Manne nämlich Geld verschafft. Das
ist mir sehr lieb, daß Sie mit ihm verwandt sind; sehr lieb
ist mir das! Nun ist mir der Bauer noch einmal so viel
wert, denn Sie werden Ihren Schwager doch nicht sitzen lassen
in der Patsche — was?“

Kaschelernst machte ein ganz dummes Gesicht. Es war
so dumm, daß man die Pfiffigkeit, die sich dahinter verbarg,
leicht merkte. Der Händler lachte hell heraus, und der Wirt
stimmte ein. Sie hatten einander wiedermal erkannt, die
beiden Biedermänner.

„Na, ich will mir's mal ansehen, das Gut Ihres Herrn
Schwagers,“ sagte Harrassowitz, ließ sich den Weg beschreiben
und schritt dann die Dorfstraße hinab.

Sam näherte sich dem Büttnerschen Hofe. Mit prüfendem Blicke musterte er zunächst die Baulichkeiten. Wohnhaus:
Fachwerkbau mit Ziegeldach, konstatierte er. Ställe und Scheune:
nur Strohbedachung. Übrigens schien alles recht gut in Schuß
und wohlgepflegt. Ganz heruntergekommen war der Bauer
also noch nicht.

Der Händler trat durch die offene Thür in den Hausflur
und klopfte an die Wohnstubenthür. Er traf nur die Bäuerin
an, die am Wiegekorbe stand und ihr jüngstes Enkelchen in
den Schlaf wiegte.

Die alte Frau sah den Fremden mit offenstehendem Munde
an. Sam trat mit leutseliger Miene auf sie zu und erklärte
ihr, er sei ein Geschäftsfreund des Herrn Gutsbesitzers Büttner,
und er habe sich immer schon die Besitzung einmal ansehen
wollen.

Der Bäuerin imponierte der Aufzug des Fremden, vor
allem eine blitzende Nadel in der Kravatte stach ihr in die
Augen — von Similibrillanten ahnte die gute Frau freilich
nichts. — Was ihr Mann doch für vornehme Bekannte hatte
in der Stadt! Sie lief nach einem Stuhle, trotz ihrer rheumatischen Lähme. Aber der Händler kam ihr zuvor. Sie solle
sich nur um Gotteswillen nicht bemühen um seinetwillen, wenn
der Bauer auf dem Felde sei, wolle er ihn dort aufsuchen, hier
im Hause möchte er um keinen Preis Störung verursachen.
Es sei alles draußen erklärte die Bäuerin, die Weibsen in den
Runkeln, Karl beim Kartoffelanfahren und der Bauer ganz
draußen am Walde beim Säen.

Der Fremde sah sich im Zimmer um. Er meinte, sie
hätten es recht hübsch und gemütlich hier. Dann untersuchte
er die Holzverkleidung der Wand, indem er daran klopfte. Holztäfelung liebe er, das gäbe im Winter ein hübsch warmes
Zimmer. Auch den Wandschrank mit den bunten Tellern
bewunderte er, von denen er einzelne herabnahm, um sie näher
zu betrachten. Es gab nichts, wofür Sam nicht Interesse gezeigt hätte.

„Sehr nett, ganz riesig nett, hier!“ sagte er und lachte
die Bäuerin freundlich an. „So richtig ehrwürdige, patriarchalische Verhältnisse. Ich liebe das! Sowas hat man in der
Stadt nicht.“

Die Bäuerin war von solchem Lobe auf's angenehmste
berührt. Sie hielt es aber für nötig, die Beschämte zu spielen.
Es sei durchaus nicht schön bei ihnen, behauptete sie, und der
Herr sei es gewiß ganz anders gewohnt. Harrassowitz beteuerte
dagegen, daß es für ihn nichts Idealeres gäbe, als eine gemütliche Bauernstube, das gehe ihm weit über sein Comptoir.

Dann näherte er sich dem Kinde im Korbe, schäkerte mit
dem Kleinen, indem er es unter dem Kinn kitzelte und „Kss,
Kss!“ dazu machte, bis das Würmchen vor Vergnügen lachte
und das dicke Oberbett von sich strampelte. Er lobte das gesunde Aussehen des Kindes, und erzählte, daß er kürzlich eine
Tochter verheiratet habe.

Die Bäuerin war völlig gefangen genommen durch das
vertrauliche Wesen des Fremden. Daß man so vornehm und
gleichzeitig so liebenswürdig sein könne, war ihr unfaßlich.

Als Sam schließlich erklärte, nunmehr auf's Feld hinaus
zu wollen, bat sie ihn, doch ja wieder zu kommen, und geleitete ihn humpelnd bis vor's Hofthor, um ihm den Weg zu
weisen.

Er traf zunächst auf die Frauen in den Rüben. Sie
standen in der Furche und behackten die Pflanzen. Die Hacken
flogen nur so in den steißigen Händen. Von hinten sah man
die drei gebückten Rücken und unter den kurzen Röcken die
sechs bloßen Waden. So standen sie in einer Reihe, wie ausgerichtet, nebeneinander.

Sam war auf weichem Wiesenpfade, ungehört, bis dicht
an die Frauen heran gekommen. Jetzt blieb er stehen und versenkte sich in den Anblick. Er nahm alles mit. —

Endlich räusperte er sich. Sofort standen die drei Hacken still,
die drei Köpfe wandten sich nach ihm um. Sam stand lächelnd
vor den Frauen, breitbeinig, mit vorgestrecktem Leibe, auf seinen
kurzen krummen Beinen. „Guten Tag meine Damen!“ sagte
er. Es sei heute recht warm und sie sollten sich nur nicht
überanstrengen.

Therese, die älteste und redefertigste von den Dreien,
meinte, er solle lieber selber die Hacke zur Hand nehmen, dann
würde er vielleicht etwas von seinem Fette kommen; aber von
ordentlicher Arbeit verstehe er wahrscheinlich nichts. —

Die beiden Mädchen, Toni und Ernestine, kicherten zu
der schlagfertigen Rede der Schwägerin. Sam nahm die Bemerkung scheinbar nicht krumm; lächelnd erwiederte er, er habe
einen anderen Beruf als Rübenhacken erwählt. Dann fragte
er nach dem Büttnerbauer.

Die Frauen musterten den Aufzug des Fremden mit beobachtenden Blicken. Im hellen Tageslichte besehen, zeigte es
sich, daß sein Hemdkragen nicht vom reinsten, und daß auf
seiner hellen Weste verschiedene Fettflecke seien. Toni war
ein harmloses Geschöpf und viel zu phlegmatisch, um sich mit
Kritisieren abzugeben. Aber Therese und die kleine Ernestine
waren um so scharfäugiger. Kaum war er außer Hörweite,
so hielten sie sich über seinen häßlichen Mund, den der rote
Bart nicht genügend deckte, auf, über seine Dachsbeine, ja selbst
die versteckte Lüsternheit seines Wesens war ihrem weiblichen
Scharfblicke nicht entgangen.

Inzwischen kam Karl Büttner, der nebenan die Kartoffeln
anfuhr, herbeigelaufen. Der Vater sei draußen am Büschelgewende, erklärte er dem Fremden, und wies mit dem Peitschenstiele in die Richtung nach dem Walde. Sam betrachtete sich
den hochgewachsenen jungen Mann, fragte, ob er der Sohn
sei, und verlangte schließlich, über die Felder geführt zu werden.

Karl rief seiner Frau zu, sie solle auf die Pferde aufpassen, dann folgte er dem Händler.

Sam umschritt die einzelnen Schläge, hie und da untersuchte er den Boden mit seinem Stocke, an dessen Ende sich
eine lange metallne Zwinge befand. Zwischendurch richtete
er Fragen an seinen Begleiter über die Grenzen des Gutes,
über benachbarte Grundstücke, Wege, Fruchtfolge, Bewässerung,
Aussaat und Erträge. Auch die Verhältnisse in der Familie
schienen ihn zu interessieren. Karl wunderte sich zwar über
die vielen Fragen des Fremden, aber, auf den Gedanken, etwas
zurückzuhalten, kam er nicht. Treuherzig gab er auf alle
Fragen Antwort, so gut er es eben wußte.

So kam man in die Nähe des Waldes. Schon von
weitem konnte man den alten Bauern erblicken, auf lehnan
gelegenem Feldstücke, wie er, einen grauen, bauschigen Sack
vorgebunden, den Samen mit gemessenem Wurfe ausstreute,
den Acker hinab und hinauf schreitend.

Der verwilderte Zustand dieses Schlages, der Nähe des
Waldes wegen, das Büschelgewende benamst, das zwei Jahre
lang brach gelegen, hatte dem alten Manne keine Ruhe mehr
gelassen. Sowie die Bestellung des übrigen Gutes beendet,
war er daran gegangen, dieses Stück wieder urbar zu machen.
Eigenhändig hatte er es umgepflügt und einen Teil davon für
die Aussaat vorbereitet. Da es zu spät war im Jahre, um
hier noch etwas anderes zu erbauen, säete er jetzt wenigstens
noch Gemenge aus.

Im ersten Augenblicke erkannte der Büttnerbauer den
Händler gar nicht. Harrassowitz mußte sich ihm in's Gedächtnis rufen. Nun dämmerte es in den verdutzten Mienen
des Alten. Er schüttelte dem Händler kräftig die Hand.
„Herr Harrassowitz, ich hätt' Se, weeß der Hole, bale ne derkennt. Das is schene vun Sie, daß Sie och mal zu uns
nauskumma — das is racht!“

In der Freude des Bauern lag nichts Erheucheltes. Er
rechnete es dem Städter hoch an, daß er ihn auf dem Dorfe
aufsuchte, und war sogar, bis zu einem gewissen Grade, stolz
auf diesen Besuch.

Der Bauer band sich den Sack ab und gab ihn Karl
zum Tragen. Dann schritt man zu Dreien langsam auf dem
Wiesenpfade dem Gehöfte zu. Karl ging in respektvoller Entfernung hinter dem Vater und dem fremden Herrn drein.

Harrassowitz lobte alles, was er sah. Nach seinem Urteil
war der Boden ausgezeichnet, die Wiesen in bester Kultur und
der Stand der Feldfrüchte ließ nichts zu wünschen übrig.
Dem alten Bauern mundeten die Lobeserhebungen des Händlers
wie Honigseim. Er schmunzelte vergnügt in sich hinein.

„Sie werden eine glänzende Ernte machen, mein guter
Herr Büttner!“ sagte Harrassowitz. „Ich gönne es Ihnen von
Herzen; denn hier in dem Boden steckt Arbeit, das sieht man.“

„Gab's Gott! Gab's dar liebe Gott!“ erwiderte der Alte
und bekreuzigte sich dabei. Es war ihm eigentlich nicht recht,
daß der andere eine solche Prophezeiung ausgesprochen hatte.
Man durfte nichts berufen. „Gebraucha kennten mer schun
ane gute Ernte. Aber, da kann Sie nuch mancherlei für sich
giehn, bis dohie.“ Er seufzte.

Der Büttnerbauer hatte gerade in den letzten Tagen
wieder schwere Sorgen durchzumachen gehabt.

Sein Schwager Kaschel hatte ihm, durch eingeschriebenen
Brief, seine Hypothek von siebzehnhundert Mark gekündigt.
Das hatte wie ein Blitz aus heiterem Himmel gewirkt.
Woher das Geld herbeischaffen für diese an letzter Stelle
eingetragene Hypothek! Mehr noch aber als die Kündigung
hatte den Büttnerbauer ihre Form geärgert, ja geradezu
in helle Wut versetzt. Ein eingeschriebener Brief! War
so etwas erhört! Darin erblickte er eine ganz besondere
Niederträchtigkeit von Seiten seines Schwagers. Ein eingeschriebener Brief! Er hatte da dem Postboten sogar noch etwas
unterschreiben müssen. Und dabei wohnte sein Schwager einige
hundert Schritte von ihm. Man konnte sich vom Büttnerschen
Gute zum Kretscham mit einigermaßen lauter Stimme etwas
zurufen.

Wäre Kaschelernst an jenem Tage dem Schwager in den
Wurf gekommen, es hätte wohl ein Unglück gegeben.

Und das war noch nicht einmal alles. An verschiedenen
Stellen drückte den Bauern der Schuh. Der Viehhändler,
dem die Kuh immer noch nicht ganz bezahlt war, hatte gemahnt. Die Gemeindeanlagen waren fällig für mehrere
Termine. Der Büttnerbauer hatte sein Bargeld immer und
immer wieder überzählt und seinen Kopf angestrengt. Er
wußte keine Hilfsquellen mehr. Er würde schuldig bleiben
müssen, und in der Ferne drohte das Schreckgespenst der
Pfändung.

„Ist es nicht ein wahrer Segen Gottes!“ rief Sam und
blieb vor dem großen Kornfelde stehen, dicht am Hofe. „Hier
wächst doch wirklich das reine Gold aus dem Boden!“

Das Wort löste dem Büttnerbauer die Zunge. Natürlich
fiel er nicht mit der Thür ins Haus. Nach seiner bäuerisch
verschlossenen, mißtrauischen Art fing er an ganz entlegener
Stelle an, und kam dann allmählich seinem Gegenstande vorsichtig näher.

Der Händler ließ sich erzählen. Mit teilnahmsvollem
Gesichte hörte er zu. Als der Bauer schließlich soweit war,
daß er ihm rückhaltslos seine mißliche Lage eröffnete, nahm
Sam eine ernstlich betrübte Miene an. Das thue ihm von
Herzen leid, sagte er. „Ja, was wird denn da werden, mein
guter Büttner? Die Gläubiger werden sich mit bloßen
Versprechungen wohl nicht beruhigen. Was wird denn da
werden?“

„Ja, wißten Sie nich an Rat, Herr Harrassowitz?“

„Ich! — Ich bitte Sie mein Bester, wie könnte ich Ihnen
da einen Rat geben; ich bin Kaufmann. In diesen ländlichen
Dingen weiß ich gar keinen Bescheid.“

„Ich meente — ob Se nich vielleicht — wegen an
Gelde . . .“

„Aber mein verehrter Freund! Wofür halten Sie mich
denn?“

„Ich dachte ack — weil Sie mer duch schun eemal, und
Se han mir dunnemals su freindlich gehulfa!“

„Ach Sie meinen damals mit Schönberger! Ja, sehen Sie,
da lag die Sache günstiger. Da war einfach eine todsichere
Hypothek zu besetzen — aber hier . . . nein, das sind
Sachen, mit denen sich ein reeller Geschäftsmann nicht gern
abgiebt.“

Man ging fortan schweigend neben einander her. Der
alte Bauer in stummer Verzweiflung. Er hatte bei all den
Sorgen der letzten Tage im Stillen immer auf Harrassowitz
gehofft. Wenn alle Stränge rissen, wollte er sich an den
wenden, der würde schon einspringen. Nun war es damit
auch nichts!

Schon war man an das Gehöfte herangekommen und ging
an der hinteren Wand der Scheune entlang, da machte der
Händler plötzlich Halt. „Büttner!“ sagte er, „ich habe mir
die Sache überlegt: Ihnen muß geholfen werden. Einen
Mann wie Sie, der sich so redlich müht, in der Klemme sitzen
zu lassen, das bringe ein anderer übers Herz, ich nicht! Ich
werde Ihnen das Geld verschaffen, obgleich ich selbst noch
nicht weiß, wo hernehmen. Denn ich habe alles im Geschäfte
festgelegt. Unsereiner kann auch nicht immer so, wie er gern
möchte. Aber geschafft muß es werden. Erst mal Ihre
laufenden Schulden! die müssen Ihnen zunächst vom Halse
geschafft werden. Später wird dann auch für die Hypothek
Rat werden. Sagen Sie mir, wieviel die Läpperschulden
ausmachen.“

Dem alten Manne zitterten die Hände vor freudigem
Schreck. Das Glück kam so überraschend, daß es ihm für
Augenblicke das Denkvermögen völlig benahm. Er rechnete,
nannte einige Zahlen, widersprach gleich darauf, faselte unsicher
zwischen seinen eigenen Angaben hin und her.

Sam klopfte ihm beschwichtigend auf den Rücken. „Nun,
nun, mein Guter! Nur keine Aufregung! Wir werden uns
das nachher in aller Ruhe berechnen. Jetzt will ich mir mal
Ihre Gebäude von innen ansehen.“

Man trat in die Ställe. Mit Kennerblick prüfte der
Händler den Viehstand. Eine Kuh hatte die Trommelsucht.
Sam gab gute Ratschläge für ihre Behandlung. Auch die
Scheune besah er sich, prüfte das Gebälk. Selbst in den
Schuppen warf er einen Blick. Er untersuchte, ob die Düngerstätte auch die Jauche halte. Dann betrat er den Garten,
pflückte sich im Vorbeigehen eine Narzisse, die er in's Knopfloch
steckte, ließ sich einen Augenblick auf der Holzbank nieder, die
um den alten großen Apfelbaum gegenüber dem Westgiebel
des Wohnhauses angebracht war.

Nichts gehe ihm über die Traulichkeit des Landlebens,
erklärte er, und musterte das alte, freundliche Haus mit
empfindsamen Blicken; am liebsten gäbe er sein Geschäft auf
und würde selbst ein Bauer.

Inzwischen hatte die Bäuerin drinnen einen Kaffee zurecht
gemacht, wie er im Büttnerschen Hause noch nicht getrunken
worden war. Die wohlbeleibte Frau erschien dann selbst im
Garten und bat mit ihrem schönsten Knix den Herrn zum Vesper.

Es gab Butter, Quark und Honig zum Schwarzbrot.
Sam kostete von allem. Er schmeichelte sich dadurch, daß er
so gar nicht wählerisch war, nur noch mehr im Herzen der
Wirtin ein.

Nachdem er sich satt gegessen und getrunken, lehnte er
sich zurück und entnahm seiner Brusttasche ein Cigarrenetui.
„Es ist doch gestattet, zu rauchen?“ fragte er lächelnd. „Nach
einer guten Tasse Kaffee gehört sich eine Cigarre!“ Dann holte
er aus seinem Rocke eine gewichtige Brieftasche hervor, die er
vor sich auf den Tisch legte.

„Nun vielleicht zum Geschäftlichen, Herr Büttner, wenn's
recht ist?“

Der Bauer hatte inzwischen in einer Ecke des Zimmers
sein Wesen für sich gehabt. Mit Hülfe eines Stückes Kreide
schrieb er dort Zahlen an die braune Wand. Jetzt wischte er
die Zahlenreihe mit dem Rockärmel aus, und trat zu dem
Händler. „A Märker dreihundert wer'ch brauchen,“ sagte er
mit gedämpfter Stimme, „was blußig de Handschulden sen.“

Der Händler klappte die Brieftasche auf und blätterte
darin.

„De Weibsen megen a mal nausgihn!“ sagte der Bauer,
als er bemerkte, daß Ernestine und Therese lange Hälse
machten und die Köpfe zusammensteckten. „Mutter, Du kannst
bleba und Karle och!“ Die drei jüngeren Frauen entfernten
sich darauf schleunigst.

Sam hatte der Tasche ein Paket blauer Scheine entnommen. „Ein glücklicher Zufall!“ sagte er, „daß ich gerade
heute Geld einkassiert habe. Für gewöhnlich pflege ich nicht
soviel bei mir zu tragen.“ Er legte drei Hundertmarkscheine
neben einander auf den Tisch und behielt die übrigen in der
Hand. „Hier wäre das Gewünschte, lieber Büttner! Soll ich
Ihnen vielleicht noch hundert Mark darüber geben, da ich's
einmal hier habe?“

Der Bauer starrte mit großen Augen auf das Geld,
rührte aber keinen Finger und sagte auch nichts.

„Ihnen gebe ich Kredit, soviel Sie wollen, Büttner. Ein
so tüchtiger Wirt wie Sie, mit solch einer Ernte auf dem
Felde! Ihre Unterschrift ist mir so gut wie bar Geld.“

Dem alten Manne drehte sich alles vor den Augen. Er
sah bald den Händler, bald seine Frau an, die neben ihm
stand. Durfte er denn seinen Sinnen trauen! war das nicht
etwa ein Spuk! Hier lag das Geld, das er brauchte, und noch
mehr, auf der Tischplatte, so viel, um ihn aus allen seinen
Nöten zu reißen. Hier saß einer, der ihm die Hilfe geradezu
aufnötigte. Was sollte man davon denken?

In seiner Ratlosigkeit wollte er schon den ältesten Sohn
um seine Meinung befragen. Aber Karl sah dem ganzen
Vorgange mit einer so völlig verständnisleeren Miene zu, daß
der Alte diesen Gedanken schnell wieder fallen ließ. Er blickte
fragend nach seiner Lebensgefährtin hinüber.

Die Bäuerin nickte ihm zu, ermutigte ihn: „Nimm's ack,
Mann! nimm's ack an! Der Herr meent's gutt mit uns —
newohr?“

Der Bauer streckte die Hand aus und wollte nach dem
Gelde greifen.

„Halt! Noch eine kleine Formalität!“ meinte Harrassowitz
lächelnd, und legte schnell sein Taschenbuch auf die Scheine.
„Nur der Ordnung wegen! Wir stehen allezeit in Gottes
Hand und wissen nicht, wie schnell wir abgerufen werden
können. Dann fehlt es nachher an einem Belege. Das wollen
wir doch nicht! Nichtwahr?“

Er hatte dem Taschenbuche einen schmalen, bedruckten
Zettel entnommen. „Tinte und Feder ist wohl im Hause?“
Karl wurde beauftragt, das Gewünschte zu schaffen. „Ordnung
muß sein in allem. Das ist man sich als reeller Geschäftsmann schuldig.“ Sam füllte das Formular mit einigen Federzügen aus. „Also, ich schreibe Mark vierhundert. Es ist doch
recht so?“ Niemand antwortete; der Bauer atmete so schwer,
daß man es durch das ganze Zimmer vernahm. „Dann bitte
ich nur hier zu unterschreiben,“ sagte der Händler, stand auf
und reichte dem Alten die Feder.

Der Büttnerbauer stand eine Weile da, den Zettel
drehend und wendend; mit hülflosen Blicken sah er Frau,
Sohn und den Händler an. „Lesen Sie nur erst, Herr
Büttner!“ mahnte Harrassowitz. „Ungelesen soll man nichts
unterschreiben.“ Der Bauer hielt das Papier mit zitternden
Händen weit von sich ab und studierte lange. „Nur keine
Sorge, mein Guter; es ist alles drin, was drin sein muß,“
witzelte Sam. „Die ganze Geschichte ist in bester Ordnung.
Bequemer kann ich's Ihnen nicht machen. Hier, das Geld!
Sie bekennen: Wert in Bar empfangen zu haben und mir
die Summe am ersten Oktober dieses Jahres zurückerstatten zu
wollen. Da fällt die Ernte dazwischen, bedenken Sie das!
Kulantere Bedingungen kann ich nicht stellen. Das Papier
hier brauche ich zu meiner Sicherung. Eine leere Formalität
weiter nichts, aber sie ist nun mal nötig. Also, bitte!“
Der Alte überlegte noch immer. Seine arbeitenden Züge ließen
auf den schwersten Seelenkampf schließen.

Sam nahm eine finstere Miene an. „Ich glaube gar,
Herr Büttner traut mir nicht!“ sagte er zu der Bäuerin.
„In diesem Falle nehme ich mein Geld lieber zurück. Aufdrängen will ich mich nicht, nein! Ich dachte nur, ich könnte
dem Herrn eine Gefälligkeit erweisen. Aber, wenn er nicht
will.“ . . . . Mit seiner rotbehaarten Hand griff er bereits nach
den Scheinen.

„Traugott!“ rief die Bäuerin und stieß ihren Mann in
die Seite. „Bis ne verrickt! Unterschreib ack das Briefel!“
Dann zog sie ihn am Ärmel, und raunte ihm zu: „Ar wird
glei biese warn, wenn De no lange machst.“

Sie reichte ihm selbst die Feder.

„Hier bitte, an dieser Stelle, Herr Büttner! — Weiter
rechts! . . . . Hier! . . . . Bloß den Namen.“ Der Händler
wies mit dem Finger genau auf den Fleck.

Und so unterschrieb der Büttnerbauer den Wechsel.

VIII.

Pauline ließ volle vierzehn Tage ins Land gehen, ehe
sie der Aufforderung von Komtesse Ida, sie im Schlosse aufzusuchen, nachkam. Sie wäre möglicherweise überhaupt nicht
dorthin gegangen, wenn nicht ihre Mutter sie unausgesetzt dazu angetrieben hätte.

Eines Nachmittags also zog sie ihr Kirchenkleid an, und
setzte den neuen Hut auf, den sie sich von Gustavs Gelde angeschafft hatte. So ging sie, in ihrem Feiertagsstaat, nach dem
Schlosse.

Die Herrschaft Saland lag ungefähr eine halbe Stunde
Wegs von Halbenau entfernt. Ein eigentliches Dorf war nicht
vorhanden; aber das Schloß mit seinen Nebengebäuden bildete
an sich einen stattlichen Häuserkomplex. Ein ausgedehnter Park
mit Rasenplätzen, Teichen, Gebüschen und Baumgruppen umgab das Herrenhaus. Die eigentlichen Grenzen dieses Parkes
waren kaum festzustellen, da er sich in die ausgedehnten Wälder
der Herrschaft verlief.

Pauline ging auf der großen Heerstraße, die unfern
vom Schlosse vorüberfühlte, hin. Sie bog nicht in den breiten
Fahrweg ein, der sich in Schlangenlinien durch den Park zog,
und schließlich über einen jetzt trocken gelegten Wallgraben vor
das Portal des Schlosses führte. Sie wählte vielmehr einen
schmalen Seitenpfad. Das Mädchen war mit den Gebräuchen
und Sitten des gräflichen Haushaltes bekannt. Sie wußte,
daß gewöhnliche Leute vom Kastellan garnicht erst zum vorderen
Portal eingelassen wurden. Für ihresgleichen gab es einen
besonderen Eingang durch das Hinterportal. Sie wollte auch
zunächst nur die gräfliche Wirtschafterin besuchen, Mamsell Bumille, die mit ihrer Mutter gut bekannt war, und die sie selbst
auch kannte von jener Zeit her, wo sie auf dem Hofe gearbeitet
hatte. Mit Mamsell Bumille wollte sie erst Rücksprache nehmen,
und hören, ob Komtesse Ida überhaupt anwesend und ob sie
allein sei. Das Mädchen war sich noch gar nicht im Reinen
darüber, ob sie den Besuch bei der Komtesse nicht schließlich
doch unterbleiben lassen solle.

So näherte sie sich auf Seitenpfaden dem Schlosse, einem
mächtigen Steinviereck mit hohen, kahlen Wänden, kleinen
weißeingerahmten Fenstern und einem klobigen Turm, der jäh
aus einer Ecke aufsprang, wie ein schützender Riese. Von geschmackvoller Gliederung war an diesem Bau nichts zu spüren,
aber das Ganze wirkte durch seine Masse und Wucht imponierend.

Dem Mädchen klopfte das Herz gewaltig. Der Anblick
des Schlosses hatte immer etwas Erdrückendes für sie gehabt. Daß es auch nur ein Bau sei, von Menschen aufgeführt, zur Behausung für Menschen bestimmt, nur größer
und fester als ihre armselige Hütte, ein solcher Gedanke war
ihr noch nie gekommen. Das Schloß war eben das Schloß
für sie. Seinesgleichen gab es nicht auf der Welt, und seine
Bewohner waren höhere Wesen, die, mit gewöhnlichen Sterblichen zu vergleichen, ihr nicht im Traume eingefallen wäre.

Der hintere Thorweg war offen. Pauline gelangte durch
eine gewölbte Einfahrt in den viereckigen Schloßhof, der mit
großen Steinplatten ausgelegt war. Die Innenwände des
Schlosses waren von hundertjährigem Epheu bis zum dritten
Stockwerk dicht überzogen. Nur die Fenster wurden freigelassen von dem dunkelgrünen Geranke. Dicht am Erdboden
zeigten diese Epheustöcke einen Durchmesser von Armesstärke.
Über Thüren und Fenstern waren Hirschgeweihe von beträchtlicher Endenzahl angebracht. Ein Paar dorische Säulen, die
das Portal flankierten, trugen einen steinernen Löwen, der in
aufrechter Haltung dräuend das gräfliche Wappen in seinen
Vorderpranken hielt.

Pauline kreuzte diesen Hof. Sie wagte nicht links noch
rechts zu blicken, ihr war zu Mute, als sei sie auf verbotenen
Wegen. — Gott sei Dank, niemand begegnete ihr! Dann schlüpfte
sie durch eine kleine Pforte in einer Ecke des Hofes, die, wie
sie wußte, auf den Küchengang führte. Hier stand sie nun
klopfenden Herzens und wartete, bis jemand von dem Gesinde
sie bemerken würde.

Ein Mädchen, das aus der Küche kam, sah sie stehen
und forschte, was sie hier wolle. Pauline fragte in schüchternem
Tone nach Fräulein Bumille. Die Bedienstete klopfte an die
nächste Thür. „Mamsell, hier is jemand, der zu Sie will!“
Die Wirtschafterin erschien in der Thür, die Öffnung mit
ihrer stattlichen Figur nahezu ausfüllend.

„Katschners Pauline!“ rief sie. „Sieh eins an! Na
Mädel, läßt Du Dich auch mal wieder blicken. Ich sagte noch
gestern — oder war's vorgestern — sagte ich: was nur mit
der Pauline sein mag. Und Komtesse Ida hat auch schon
befohlen, wenn Pauline Katschner kommt, soll sie gleich zu ihr
geführt werden, nämlich zur gnädigen Komtesse. Na, da komm'
mal rein zu mir, Mädel!“

Die Dame faßte Pauline ohne weiteres an der Schulter
und schob sie in das Zimmer, dessen sich Pauline von früher
her recht gut entsann; es war die „Mamsellstube“. Pauline
mußte sich setzen und erzählen. Für die Bumille war der
Klatsch Lebensbedürfnis. Sie interessierte sich mit seltener
Weitherzigkeit für die intimen Verhältnisse von jedermann;
am liebsten freilich hörte sie Liebesgeschichten.

In der herrschaftlichen Küche stand tagein, tagaus eine
Kaffeekanne am Feuer. Die Mamsell wußte nur zu gut,
welch zungenlösende Wirkung dieser Trank besonders auf ihr
Geschlecht ausübt. Auch vor Pauline wurde heute eine Kanne
aufgesetzt, nebst Kuchen, der ebenfalls für solche Gelegenheiten
stets vorrätig war.

Nun wurde das Mädchen ausgefragt. Vor allein mußte
sie über ihren Gustav berichten, ihren „Bräutigam“, wie die
Mamsell sich gewählt ausdrückte. Was er treibe und ob er
viel an sie schreibe. Die Bumille ging in ihrer Teilnahme so
weit, zu forschen, ob Pauline etwa Briefe von ihm bei sich
habe, und schien zu bedauern, als Pauline das verneinte. Ob
sie denn auch sicher sei, daß er sie heiraten werde, fragte sie
schließlich. Pauline errötete und meinte mit gesenkter Stimme,
sie glaube es.

Die Bumille war eine große, wohlbeleibte Frauensperson.
Ihren grauen Scheitel deckte eine weiße Haube mit lila Bändern.
Das meiste an ihr und um sie, von diesen Bändern anzufangen,
trug das Gepräge des Hängenden. Die Säcke unter den
runden Augen, die schlaffen Lippen zwischen bauschigen Wangen,
das Unterkinn, der Busen — kurz alles an dieser Person
zeigte das Bestreben, sich in schlaffer Fülle bodenwärts zu
senken.

Übrigens wiesen ihre Züge den Ausdruck ungemachter
Gutmütigkeit auf. Sie sprach mit etwas schwerer Junge, was
ihren Redeeifer aber keineswegs beeinträchtigte. Mit erstaunlicher Gedächtnisstärke, besonders für unwichtige Dinge, schien
sie begabt, und von ungewöhnlichem Interesse für die Geheimnisse anderer erfüllt.

Nachdem sie aus Pauline alles wissenswerte herausbekommen, rief sie das Küchenmädchen herbei. „Von dem
Dessert einpacken! Mandeln und Rosinen, Schokolade kann
auch dabei sein!“ befahl sie. „Für den kleinen Gustav was
zum knabbern,“ fügte sie in leutseligem Tone hinzu.

Die Bumille war bekannt für ihre Freigebigkeit. Für
Bettler und Landstreicher war Schloß Saland ein wahres
Eldorado, oder wie es in der Vagabundensprache heißt: eine
„dufte Winde“, wo anständig „gestochen“ wurde. Es war bei
Mamsell Bumille Gesetz, niemanden unbeschenkt von dannen
ziehen zu lassen, so erforderte es die Ehre eines herrschaftlichen
Haushaltes. „Almosengeben armet nicht!“ war ihr Lieblingswort. Und da sie die Freigebigkeit nur auf Kosten ihrer
Herrschaft ausübte, traf das Sprichwort bei ihr auch wörtlich ein.

Pauline wurde mit einer großen Düte. angefüllt mit
Süßigkeiten, die sie in ihre Rocktasche versenken mußte — damit
„die Herrschaften nichts merkten“ — entlassen. Sie bekam
auch Grüße für ihre Mutter mit, die sollte die Wirtschafterin doch bald einmal besuchen. Eine Zofe, von denen es
in diesem Hause eine Menge zu geben schien, wurde angewiesen, Pauline zur der Komtesse zu führen, deren Zimmer
sich im ersten Stockwerke befand.

Pauline folgte dem Mädchen. Zunächst ging es durch
die geräumige Haushalle. Ein Raum, der mit Waffen,
Jagdtrophäen und allerhand fremdartigen bunten und blinkenden
Gegenständen ausgestattet war. Dann die Treppe hinauf!
Pauline fühlte ihren Fuß in weichen Teppichen versinken.
Das rief ihr mit einemmale ihre früheren Besuche mit wunderbarer Deutlichkeit ins Gedächtnis zurück: dieses leichte, wohlige
Gefühl, das der unter den Füßen nachgebende Pfühl giebt,
das sie seit der Kinderzeit nicht wieder gehabt hatte.

Sie stand schließlich im Zimmer der Komtesse, ohne recht
zu wissen, wie sie dahin gekommen.

Ida hatte an ihrem Schreibtisch gesessen. Sowie Pauline
eintrat, erhob sie sich und kam auf das Mädchen zu. Heute,
wo sie in ihrem eigenen Heim war, ohne Zeugen, umarmte die
Komtesse die ehemalige Spielgefährtin. Dann rückte Ida einen
Rohrsessel heran, auf den sich Pauline setzen mußte, sie selbst
nahm neben ihr Platz.

Pauline blieb scheu und fühlte sich befangen, vielleicht
gerade wegen des freundlichen Entgegenkommens der Komtesse.

Früher, als sie beide noch kleine Dinger gewesen waren,
die mit einander getollt und in den Büschen des Parkes
Verstecken gespielt hatten, war Pauline der anderen entschieden
überlegen gewesen, nicht blos durch Körperkraft und Geschicklichkeit, auch durch Findigkeit und Mutterwitz. Das Dorfkind,
vor dessen Augen kein Geheimnis der Natur künstlich verborgen gehalten worden, war in tausend Dinge eingeweiht, die
der Komtesse rätselhaft waren. Das hatte ihr jene natürliche
Schärfe der Sinne und der Instinkte gegeben, wie sie etwa der
Wilde vor dem zivilisierten Menschen voraus hat.

Dieses Verhältnis hatte sich nun freilich in den letzten
Jahren verschoben.

Wer die beiden Mädchen jetzt neben einander sah, Pauline,
in ihr Konfirmationskleid gezwängt, mit plumpen Schuhen,
unter ihrem neuen Hute, dessen aufdringlicher Blütenschmuck
ihre bräunliche Hautfarbe schändete, dazu die schlechte Haltung
des Oberkörpers, der an das, wahrscheinlich viel zu enge,
Korsett nicht gewöhnt war, die Haltung der Arme, die wohl
zur Arbeit kräftig waren, die sich aber hier im Boudoir ihrer
eigenen Kraft zu schämen schienen — und dieser ländlichen
Schönheit gegenüber nun die andere, mit ihrem stolzen Gesichtsschnitt, der edlen Kopfform, den verfeinerten, wie gemeißelten Zügen, dem unbewußten Ausdruck von Überlegenheit in Blick und Lächeln, mit durchsichtigem Teint und
schlanken, weißen Händen, alles gepflegt und gleichsam von
Vornehmheit duftend, wie sie sich leicht und sicher bewegte,
— wer diese beiden Gestalten verglich, mußte die Überlegenheit erkennen, welche alte Kultur dem edel Geborenen,
von Geburtswegen, über den Menschen der großen Masse
giebt.

Die Umgebung paßte zu Komtesse Ida. Dieses Zimmer
mit seiner diskreten Besonderheit schien ein Abdruck ihres
Wesens zu sein. Da war nichts Prunkhaftes, Kokettes oder
Flatterhaftes; und doch war es das Zimmer eines jungen
Mädchens. Dem Blumentische, den Wandbildern, den Photographien auf dem Schreibtische sah man den gewählten Geschmack und die wertende Liebe an, mit der die Besitzerin
alles verschönte, was zu ihr in Beziehung stand.

Allmählich wirkte auch auf Pauline der beruhigende, erwärmende Einfluß dieser Persönlichkeit. Die teilnahmsvolle
Erkundigung der Komtesse nach ihren Schicksalen löste ihr die
Zunge. Ida schien mit ihren Worten, die durchaus einfach
und ohne jede Feierlichkeit waren, viel mehr zu sagen, als
andere Menschen, weil ihre ernsten, milden Blicke jedem Worte
noch eine besondere Bedeutung gaben. Pauline war es zu
Mute, als säße sie vor dem alten Geistlichen, der sie konfirmiert
hatte. Dem hatte man auch alles sagen müssen, man hatte
wollen mögen, oder nicht.

Sie hatten von der Kinderzeit gesprochen, von gemeinsamen Erlebnissen, von den anderen Gespielen. Ida hatte
niemanden vergessen. Sie fragte eingehend nach den alten
Spielgefährten aus dem Dorfe. Fast alle diese Mädchen hatten,
wie es sich herausstellte, schon geheiratet, waren Mütter.

Dann sprang die Unterhaltung wieder zurück auf Paulinens
eigenste Lebensweise. Ida meinte, es sei doch solch ein Glück
für Pauline, daß sie jetzt das kleine Kind ihrer Base zur
Pflege da habe. Ein Glück, erklärte die Komtesse, um das sie
Paulinen beneiden könne. Kleine Kinder zu pflegen, das müsse
doch das schönste sein auf der Welt. Freilich, fügte sie mit
dem Schatten eines melancholischen Zuges um die Augen
hinzu, dazu käme ein Mädchen selten.

Der anderen war das Herz schwer geworden, sobald Ida
von dem Kinde zu sprechen begann. Sie kam sich auf einmal
so schlecht vor. Die Komtesse ahnte ja nicht, wen sie vor sich
hatte. Würde sie nicht aufspringen und sie aus dem Zimmer
jagen, sowie sie erfuhr, was aus ihrer Freundin inzwischen
geworden sei. Denn diese reine, feine Persönlichkeit konnte
doch kaum etwas ahnen von all diesen Dingen und wie es in
der Welt da draußen zuging.

Und das Geheimnis brannte dem Mädchen doch auf der
Seele. War es denn nicht noch viel schlechter, vor jener, die
so gut zu ihr war, eine solche Lüge aufrecht zu erhalten.
Und schließlich war es doch das einfachste Ding von der
Welt! Der Junge war ihr Kind, war denn darin ein Unrecht?
Konnte denn das, was aus Liebe geschehen war, schlecht
sein? Etwas, das so glücklich machte, durfte nicht böse sein!
Und die Komtesse war eine Frau, wie sie. Trotz aller
Vornehmheit mußte sie das verstehen! Sie hatte so liebe
Augen und eine so freundliche Stimme. Daß sie böse werden,
oder gar zanken könne, war ganz unmöglich, sich vorzustellen.

Aber es war so furchtbar schwer, den Anfang zu finden.
Es klang so entsetzlich, ein solches Geständnis. Pauline dachte
wie oft: jetzt wirst Du's sagen! sobald Ida einen Satz zu
Ende gesprochen. Und sie verschob es doch wieder. So ging
es eine ganze Weile fort, das Mädchen begriff immer deutlicher, daß sie fortgehen würde von hier, ohne ihr Herz erleichtert zu haben.

Ida begann davon zu sprechen, daß sie es nicht zu begreifen vermöge, wie eine Mutter ihr Kind von sich lassen
und einer Fremden zur Pflege übergeben könne. Sie fragte
Pauline, was denn die Mutter dieses Kindes für eine Frau
sei, daß sie so etwas über's Herz gebracht habe.

Da fühlte Pauline, daß jetzt der Augenblick gekommen sei,
zu sprechen. Mit kaum vernehmlicher Stimme kamen die paar
Worte heraus, die der andern alles sagten.

Ida verlor für einen Augenblick die Fassung. Da merkte
man auf einmal, was für leidenschaftlich jähes Frauengefühl
unter dieser Decke von guter Erziehung und jahrelanger Gewöhnung verborgen lag. Sie war aufgesprungen von ihrem
Sitze, stand da bis in die Lippen erblaßt, die Hand aufgestemmt auf die Tischkante mit den Knöcheln, atmete schwer und
hastig, und die weiße Hand zitterte.

Keines sprach ein Wort. Pauline saß vor Ida, gesenkten
Hauptes und blickte in den Schoß. Ida betrachtete diese
Gestalt mit eigenartig leuchtenden Augen. Einen Augenblick
kam es wie ein herber, selbstgerechter Zug in ihr Gesicht.
Ihre Nasenflügel flogen, die Lippen schürzten sich verächtlich.
Jetzt war sie das hochfahrende Edelfräulein, das die verworfene Bauernmagd richten wollte.

Aber das war schnell verschwunden. Thränen traten ihr
auf einmal in die Augen, um die Mundwinkel zuckte es.
Mitleid war es nun, was aus jedem Zuge sprach, Mitleid
mit Pauline, Mitleid mit sich selbst, mit ihrem ganzen Geschlecht.

Ida stand noch eine Weile schweigend, mit wogendem
Busen. Allmählich aber fand sie ihre Gemessenheit wieder.
Sie setzte sich, legte ihre schlanke Hand auf Paulinens braunrote derbe. „Da hast Du wohl rechte Freude an Deinem
Jungen, Pauline?“

Pauline konnte nichts sagen, sie nickte stumm.

Ein Brief von Gustav Büttner aus der Garnison war
bei Pauline Katschner eingetroffen. Der Unteroffizier schrieb,
daß er die Absicht habe, nicht weiter zu kapitulieren; so sehr
ihm seine Vorgesetzten auch zuredeten, bei der Truppe zu
bleiben. Die ganze Soldatenspielerei hänge ihm zum Halse
heraus. Nach dem Manöver werde er abgehen und nach
Halbenau kommen. Pauline möchte zu seinen Eltern gehen
und ihnen seinen Entschluß mitteilen.

Pauline war überglücklich. Wie gut Gustav war!

Das Mädchen trug den Brief Tag und Nacht bei sich.
In unbewachten Augenblicken nahm sie ihn vor und las darin.
Jedes seiner Worte war ihr teuer.

Sie hatte sich doch nicht in Gustav getäuscht. Wie oft
hatte ihr die eigene Mutter abgeredet, sich weiter mit ihm
abzugeben, er sei ein Leichtfuß und werde sie ganz sicher sitzen
lassen. Auch andere hatten sie gewarnt.

Gustavs eigenes Benehmen schien eine Zeitlang jenen
Warnern Recht zu geben. Die häßlichsten Dinge waren ihr
von Gustav Büttner hinterbracht worden. Sie hatte an ihm
festgehalten. Sie konnte ja nicht von ihm lassen. Er war ja
der Vater ihres Kindes!

Nun war ihr Vertrauen doch nicht umsonst gewesen.

In diesem Briefe war es ausgesprochen, zwar nicht mit
Worten — das Heiraten war mit keiner Silbe erwähnt —
aber zwischen den Zeilen lag es. Und Pauline wußte in den
Briefen ihres Geliebten zu lesen. Das einfache Mädchen hatte
von Natur jene weibliche Gabe mitbekommen, dort ahnend zu
wissen, wo ihr Verstehen aufhörte.

Gustav verließ im Herbst die Truppe, kam nach Halbenau
zurück. Das hieß soviel wie: sie wurde seine Frau. Sie
wußte es. Alles Nachdenken darüber war unnötig. Es
war so!

Und sie sollte zu den alten Büttners gehen und ihnen
seinen Entschluß mitteilen. Sie hatte er zu seinem Boten
ausersehen für diese Botschaft. Darin allein schon lag alles
ausgesprochen. Die Familie sollte erkennen, daß sie ihm die
Wichtigste sei, der er, zuerst von allen, seine Pläne mitteilte. —

Am nächsten Sonntag Nachmittag begab sich Pauline auf
das Büttnersche Bauerngut.

Sie traf die Frauen allein. Der Bauer und Karl waren
ausgegangen. Die Bäuerin hatte die Gelegenheit benutzt, wo
ihr Eheherr abwesend war, um für sich und die Töchter einen
Sonntagsnachmittags - Kaffee zu brauen. Der Büttnerbauer
sah nämlich den Kaffeegenuß als Verschwendung an und hatte
ein für allemal ein Verbot gegen solchen Aufwand ergehen
lassen. Selbst zum Frühstück gestattete er nur Milch und
Mehlsuppe, wie sie seit Urgedenken seine Vorfahren genossen
hatten.

Die Frauen waren im Bewußtsein des verbotenen Thuns
auf dem Lugaus. Pauline wurde daher schon von weitem
erkannt. Vier Köpfe waren hinter den Fenstern des Wohnzimmers, als sie das Gehöft betrat. „Katschners Pauline!“
hörte sie rufen, und darauf ein Getuschel von weiblichen
Stimmen.

Jetzt wurde sie auf einmal zaghaft, beim Anblick dieser
neugierigen Frauengesichter. Bis dahin hatte sie sich tragen
lassen von der Begeisterung ihres Entschlusses. Erst in diesem
Augenblicke fiel es ihr auf's Herz, daß sie hier ja mit Feinden
und Nebenbuhlern zu thun haben werde.

Trotzdem pochte sie an, wenn auch zaghaft; denn jetzt
war an eine Umkehr nicht mehr zu denken.

Therese öffnete ihr. Mit bloßen Armen und Halse stand
die unschöne, hagere Frau auf der Schwelle und musterte
Pauline mit mißgünstigen Blicken. „Willst De zu uns?“
fragte sie in barschem Tone. Pauline erklärte schüchtern, daß
sie zur Bäuerin wolle. „Se spricht, se wollte zu Sie, Mutter!“
erklärte Therese, ihren kropfigen Hals nach rückwärts ins
Zimmer drehend.

„Nu kimm ack rei, Pauline, kimm ack rei!“ rief die
Bäuerin, bei der die Gutmütigkeit die weibliche Ränkesucht
um ein Gutes überwog.

Pauline trat mit niedergeschlagenen Augen und unsicheren
Bewegungen ein. Daß auch gerade Therese sie hatte einlassen
müssen! Die beiden waren ungefähr gleichalterig und hatten
derselben Klasse angehört. Katschners Pauline hatte immer
eine besondere Stellung gehabt, schon auf der Schule, ihrer
Geschicklichkeit und ihres sauberen Aussehens wegen. Vor
allem aber war sie beneidet worden von den andern um
ihren vertrauten Umgang mit der Komtesse. Therese aber,
die mit Hilfe anderer Eigenschaften, durch: Härte, Kraft
und ein frühzeitig entwickeltes scharfes Mundwerk, eine Rolle
unter den Gleichalterigen gespielt hatte, war stets Paulinens
ärgste Widersacherin gewesen. Das Verhältnis zwischen den
beiden hatte sich eher verschlechtert als gebessert, seit Therese
den ältesten Sohn aus dem Büttnerschen Bauerngut geheiratet,
und Pauline die Geliebte des jüngeren Sohnes geworden
war. Therese hatte nicht wenig dazu beigetragen, die übrige
Familie gegen diese Liebschaft einzunehmen und Paulinen
jede Annäherung an Gustavs Verwandte bisher unmöglich zu
machen.

Das Mädchen schritt zunächst auf die Bäuerin zu, die vor
ihrer Tasse am Tische saß, und reichte ihr die Hand. „Guntag,
Bäuern!“

„Guntag, Pauline, guntag!“

Darauf ging Pauline zu den beiden Mädchen, denen sie
gleichfalls die Hand reichte. „Guntag Toni! — Guntag
Ernstinel!“ Die beiden sahen sie befremdet an, ohne etwas
zu sagen. Toni war ohne Arg. Das schwerfällige, harmlose
Geschöpf hatte keinerlei Stellung zu dieser Familienangelegenheit genommen. Die kleine Ernestine dagegen betrachtete die Geliebte des Bruders halb mit Spott, halb mit frühreifer Neugier.

Trotz ihrer Befangenheit hatte Pauline, mit dem jeder
wissenden Frau in solchen Dingen eigenen schnellen Begriffsvermögen, sofort festgestellt, daß das Dorfgerücht wahr sei,
welches behauptete, Büttners Älteste sei guter Hoffnung. Pauline
kümmerte sich eigentlich wenig um den Dorfklatsch — sie ging
nicht mehr zum Tanz, seit sie den Jungen hatte — aber Nachbarn und Freunde hinterbrachten ihr doch dieses und jenes.
So war schließlich auch diese Neuigkeit zu ihr gedrungen.

Da niemand sie aufforderte, sich zu setzen, blieb Pauline
stehen. Man wartete darauf, daß sie etwas sagen solle, denn,
daß sie ohne bestimmten Zweck hierher gekommen sei, wurde
nicht angenommen.

Das Mädchen hatte die ganze Zeit über die linke Hand
unter der Schürze gehalten. Sie hatte dort Gustavs Brief,
den sie vorlegen wollte, falls man ihr etwa nicht glauben sollte.
Schließlich mußte sie sich entschließen, zu sprechen. Sie begann
mit gedämpfter Stimme, ohne jemanden dabei anzusehen: „Ich
komme, und ich soll och einen schönen Gruß ausrichten von
Gustaven an Euch alle.“

Die Einleitung wurde mit Kühle aufgenommen von den
andern Frauen.

„Und er würde och bald nach Hause kommen,“ fuhr
Pauline fort.

„Uf de Kirmeß! Wenn se'n Urlaub gahn!“ meinte die
Bäuerin.

„Ne, ne! Er wird ganz nach Halbenau kommen.“

„Gustav! derhemde?“

„Er schreibt mir's dohie!“ Damit zog sie die Hand
unter der Schürze vor und hielt triumphierend den Brief in
die Höhe. „Er hat mer's geschrieben.“

„Dos wäre. Gustav vun Suldaten wag!“

„Er hat sich zu sehre ärgern missen mit seinem Wachtmeister. Er will nischt nichmehr wissen vom Soldatenleben.
Nach'n Manöver will 'r nach Halbenau kommen.“

Die Nachricht verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Bäuerin
vergaß auf einmal ganz, daß Pauline eigentlich als eine Verfehmte betrachtet wurde in der Familie. Sie holte das
Mädchen heran und räumte ihr einen Platz neben sich ein.
Gustav, ihr Lieblingssohn, würde nach Hause zurückkehren!
Sie wollte darüber Näheres hören. Pauline mußte erzählen,
was sie wußte.

Therese stand inzwischen bei den Schwägerinnen in einer
anderen Ecke. Sie betrachtete Pauline mit wenig freundlichen
Blicken, und murrte. Die Aussicht, daß Gustav auf den
väterlichen Hof zurückkehren werde, war gar nicht nach ihrem
Geschmacke. Sie war diesem Schwager niemals grün gewesen.
Sie konnte ihm seine Überlegenheit über ihren Karl nicht
verzeihen.

Pauline war jetzt darüber, der Bäuerin eine Stelle aus
dem Gustavschen Briefe vorzulesen. Der Unteroffizier schrieb,
daß es dem Vater wohl auch recht sein würde, wenn er zur
Herbstbestellung ein paar Hände mehr auf dem Gute habe.

Da hielt sich Therese nicht länger. „Woas!“ schrie sie
dazwischen und trat an den Tisch, „Gustav soit und er will
hier bei uns nei! dan grußen Herrn spiel'n, hier uf'n Gutte
rimkummandieren! das mir andern uns glei verkriechen mechten!
das kennte uns grade passen! Da mechten mir am Ende glei
ganz verziehn, Karle und ich. — Und hier sei Mensch . . .“
damit wandte sie sich gegen Pauline, der sie mit den Fäusten
vor dem Gesicht herumfuchtelte, „die denkt am Ende, weil se
a Kind vun'n hat, daß se schunsten zur Familie zahlte. Su
schnell gieht das ne! Wenn mer dan sene Frauenzimmer
alle ufnahmen wollten, dohie, da langte's Haus am Ende ne
zu. Froit ack in der Stadt a mal nach, mit woas für welchen
dar Imgang hoat. Oder denkst De etwan, daß der D'ch
heiraten werd. Bis ack ne su tumm! Der wird a Madel mit
an Kinde nahmen. Lehr' Du mich Gustaven kennen! — Ihr
zwee kimmt ne hier nei, sovill sag'ch . . . vor mir ne!“ . . .

Der wütenden Person ging vor Erregung der Atem aus.
Das letzte war nur noch heiseres Gegurgel gewesen.

Pauline saß da, gänzlich erblaßt, mit weit offenen Augen
starrte sie Therese an. Zu erwidern wußte sie nichts. Sie
war immer so gewesen. Der Rohheit und Ungerechtigkeit
stand sie waffenlos gegenüber.

Übrigens sollte ihr von anderer Seite Hilfe kommen.
Der Bäuerin war die Geduld gerissen; besonders daß Therese
es gewagt, Gustav schlecht zu machen, hatte ihren mütterlichen
Stolz gekränkt. Sowie die Schwiegertochter sie zu Worte
kommen ließ, wetterte sie los: Therese solle sich nur ja nicht
einbilden, daß sie hier etwas zu sagen habe. Dem Bauern
gehöre Gut und Haus und nicht den Kindern. Sie sollten
gefälligst warten, bis die Alten gestorben wären, oder sich
auf's Ausgedinge zurückgezogen hätten, ehe sie zu kommandieren anfingen.

Therese ließ sich den Mund nicht verbieten und redete
dagegen. Die Bäuerin war, wenn einmal aus ihrer gewöhnlichen Ruhseligkeit aufgereizt, auch nicht die Sanfteste. So
gab es denn ein Keifen und Zetern zwischen der alten und
der zukünftigen Büttnerbäuerin, daß man es bis weit über das
Gehöft hinaus hören konnte. Dabei hatte man ganz die
Vorsicht außer acht gelassen, Ausschau nach dem Vater zu
halten. Auf einmal ertönten schwere Fußtritte vom Hausflur
her. Mit erschreckten Gesichtern sahen sich die Frauen an.
Es war zu spät, das Kaffeezeug noch zu beseitigen; schon erschien der Bauer in der Thür, gefolgt von Karl.

Der Büttnerbauer war sowieso nicht in der besten Laune.
Es hatte ärgerliche Verhandlungen gegeben mit dem Gemeindevorsteher wegen eines Geländers, das der Bauer an seiner
Kiesgrube anbringen sollte. Heute war ihm nun von Seiten
der Behörde Strafe angedroht worden, wenn er den Bau
noch länger unterlasse. Das hatte den Alten in seiner
Ansicht bestärkt, daß die Behörden nur dazu da seien, den
Bauern das Leben sauer zu machen. In hellem Zorn war er
zum Ortsvorsteher gelaufen und hatte dort eine halbe Stunde
lang gewettert und getobt. Sein Groll war noch keineswegs
verraucht, als er jetzt bei seinen Leuten eintrat.

Nach einigen Schritten ins Zimmer erblickte er die
Kaffeekanne auf dem Tische. In den betretenen Mienen der
Frauen las er das übrige.

Dann fiel sein Blick auf Pauline Katschner. Er stutzte.
Was wollte das Frauenzimmer hier? Er zog die Augenbrauen
zusammen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, an die Liebschaft seines Sohnes erinnert zu werden!

Die Bäuerin sah, daß die Lage bedenklich wurde. Erst
wenige Tage war es her, da hatte der Bauer erfahren, daß
seine älteste Tochter ein Kind erwarte. Der Auftritt, den
es darüber gegeben hatte, lag den Frauen noch allen in
den Gliedern. Die Bäuerin kannte ihren Eheherrn. Die
Adern an der Stirn schwollen ihm; ein schwerer Sturm war
im Anzuge. Es galt, den Ausbruch zu verhindern.

Sie kam zu ihm herangehumpelt und legte ihm die Hand
auf die Schulter. „Traugott!“ sagte sie, und gab ihrer
Stimme den sanftesten Klang, der ihr zu Gebote stand. „Mir
han'ch ane Neege Kaffee gekucht; bis ack ne biese! Zu aner
Tasse Kaffee an Sunntch Namittage langt's schun noche!“

Der Bauer räusperte sich. Sie kannte seine Gewohnheiten
genau. Das war eine Art von Ausholen; wenn man ihn
erst einmal losbrechen ließ, dann wurde es furchtbar. Die
erfahrene Frau sah ein, daß sie jetzt einen Trumpf ausspielen
müsse.

„Vater!“ sagte sie. „Mir han och ene gutte Nachricht fir
Dich, ane sihre gutte Nachricht von Gustaven. Denk' der ack,
ar hat geschrieben, und ar will vun die Suldaten furt. Schun
uf'n kinftgen Herbst will er nach Halbenau zuricke kimma, dar
Gustav! Was sagst De denn anu, Mann! Freist De Dich ne?
Nu warn mer unsern Jung'n bale wieder ganz in Hause han.“

Die Bäuerin hatte sich nicht verrechnet. Diese Nachricht
wirkte bei dem Alten wie ein Tropfen Öl auf erregte
Wogen. Gustav nach Halbenau zurück! Die Hoffnung, die
er solange im Stillen gehegt hatte und die sich doch nicht erfüllen wollte bisher, weil der Junge zu sehr am bunten Rocke
hing — und nun wurde es doch endlich! Einen solchen Arbeiter
auf das Gut und einen so anschlägigen Kopf obendrein, wie
sein Gustav war, da mußte doch alles wieder gut werden!
Die tief gesunkenen Hoffnungen des alten Mannes stiegen mit
einemmale lustig in die Höhe, als er diese Kunde vernahm.

Der Büttnerbauer machte zwar ein mißmutiges Gesicht,
und brummte etwas, was gar nicht nach Freude klang. Aber
das war nur zum Scheine. Vor der Familie wollte er sich
seine Gefühle nicht anmerken lassen. Darum blieb er auch
nicht lange im Zimmer. Nur zum Vorwande stöberte er in
einer Ecke, als habe er dort etwas zu suchen, dann ging
er zur Stube und zum Hause hinaus. Unter Gottes freiem
Himmel, wo niemand ihn beobachtete, wollte er sich seiner
Freude hingeben.

IX.

Der Sommer hatte nicht gehalten, was das Frühjahr
versprochen. Die Herbstsaaten waren zwar gut durch den
Winter gekommen und hatten sich während eines milden Frühlings kräftig bestockt. Auch die Sommerung war prächtig aufgegangen, daß es im Mai eine Lust war, über die Haferfelder
und die Kartoffelbeete hinwegzublicken. Regen und Sonnenschein folgten sich in gedeihlicher Abwechselung. Das Korn
trieb zeitig seine Schoßhalme. Anfang Juni sah es aus, als
ob es eine ausgezeichnete Ernte geben müsse.

In der Seele manches Landwirtes, der über die schlechten
Erträge der letzten Jahre schier hatte verzweifeln wollen, stieg
die tiefgesunkene Hoffnung auf's neue. Kein Stand ist ja so
auf das Hoffen angewiesen, wie dieser. Von dem Auswerfen
des Samens bis zum Bergen der Frucht schwebt der Landmann zwischen Furcht und Hoffnung; jeder Tag ist von Bedeutung für das Gedeihen, und jede Stunde kann alles
zerstören.

Auf das vielversprechende Frühjahr folgte im Sommer
Kälte und anhaltende Nässe. Die schnell aufgeschossenen
Halme stockten plötzlich im Wachstum. An vielen Stellen
lagerte sich das Getreide. Die Kornfelder sahen aus, als sei
eine Riesenwalze über sie dahingefahren. Licht und Luft fehlte
der Ähre, eine mangelhafte Bestäubung fand statt, von unten
wuchsen Disteln und allerhand Unkraut durch das Getreide
hindurch. Nur hier und da richtete der Wind die Geknickten
wieder auf. Die Ähren standen nicht in freier Luft aufrecht,
dem Lichte zugekehrt, wie es nötig ist für die Entwickelung
jeglicher Kreatur und jeglicher Pflanze; sie senkten sich dem
dunklen, feuchten Erdreiche zu, das ihren Wurzeln wohl
Nahrung zum Sprießen, ihren Häuptern aber nicht Wärme,
Licht und Bewegung zu gewähren vermochte. So kränkelten
die Körner, das Wachstum war ohne Saft und Kern. Da
gab es viele leere Hülsen und leichte Früchte, nnd schädlicher
Rost fraß die welken Körner an.

Auf den Wiesen hatte prächtiges Gras gestanden. Selbst
auf den feuchten und sumpfigen Flecken wuchsen heuer, begünstigt durch das trockene Frühjahr, bessere Kräuter, als
sonst; die sauren Gräser hatten nicht die Oberhand gewinnen
können. Infolge der häufigen Regenschauer war überall ein
dichtes Bodengras gewachsen. Zu Beginn der Heuernte regnete
es anhaltend. Nach alt bewährter Bauernregel ließ man
sich jedoch durch den Regen nicht vom Hauen abhalten. Einmal mußte es ja doch mit Gießen aufhören; der liebe Gott
konnte doch unmöglich wollen, daß der Segen, den er hatte
wachsen lassen, so in Grund und Boden verdürbe.

Aber die himmlischen Schleusen schlossen sich nicht. In
der Kirche wurde eifrig für gutes Erntewetter gebetet — es
regnete unbekümmert weiter. Sieben Wochen lang mußte
schlechte Witterung bleiben; es hatte ja am Siebenschläfer
geregnet.

Als es endlich doch aufhörte, da war es gerade um acht
Tage zu spät. Das Heu war zwar aus weiser Vorsicht in
große Schober gesetzt worden; aber die Nässe war doch durchgedrungen. Als man die Haufen öffnete, dampfte und stank
es. Dumpfe Gährung hatte sich darin entwickelt. Manches Heu
war wie verbrannt. Kein Vieh wollte das verdorbene Futter
mehr anrühren. Statt auf den Heuboden, wanderte es auf die
Düngerstätte, oder in den Stall zum Einstreuen.

Nun schien die Sonne durch volle vierzehn Tage herrlich.
„Der alte Gott lebt noch!“ sagte der Pfarrer von der Kanzel,
„seht, wie hat Er es so herrlich hinausgeführet!“ Die Bauern
hörten sich das mit an; dem Herrn Pastor durfte man ja
nicht widersprechen. Aber in ihren geheimsten Gedanken war
nicht viel von Ergebenheit in die Ratschlüsse des Höchsten zu
finden. „Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am
nächsten“ und „Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf
keinen Sand gebaut“. Das waren ja alles sehr schöne Sprüche,
aber manchmal sah es wirklich danach aus, als ob man
im himmlischen Rate — ebenso wie bei der irdischen Obrigkeit
— recht wenig Verständnis für das besäße, was dem Landmanne frommt. Wie konnte es sonst geschehen, daß jetzt ununterbrochen schönes Wetter war, wo ein solcher Tag, vierzehn
Tage früher, alles gerettet hätte. Nun war das schöne Heu
zu Mist geworden. Mancher schüttelte den Kopf; wirklich, es
ging zu verkehrt zu in der Welt! Man wußte nicht mehr,
was man denken sollte.

Die Kornernte begann. Stroh war viel da, soviel stand
fest. Und wo kein Lager gewesen, konnte man auch mit den
Ähren leidlich zufrieden sein. Aber wo sich das Getreide
zeitig gelegt hatte und nicht wieder aufgestanden war, da sah
es trostlos aus. Jetzt erst beim Mähen merkte man, was das
für ein Fitz und Filz geworden war. Kaum daß die Sense
durchdringen konnte. Noch einmal soviel Zeit, als sonst,
brauchten die Schnitter. Allerhand Übelstände zeigten sich.
An manchen Stellen war das Getreide zweiwüchsig geworden
durch die anhaltende Nässe. An den Ähren fand sich reichliches Mutterkorn. Der Rost und andere Krankheiten hatten
vieles verdorben.

Den August hindurch blieb trockene, milde Witterung. Soviel Einsehen hatte der liebe Gott doch, daß er die Roggenernte
wenigstens nicht auch noch verregnen ließ. Den Lästerzungen und
Nörglern war dadurch einigermaßen der Mund gestopft, und
mancher, der durch die frühere Heimsuchung vor den Kopf
gestoßen worden, machte wieder seinen Frieden mit dem lieben
Gott. Ja, der Herr Pastor durfte von der Kanzel herab sagen:
soviel der Güte und Treue hätten wir gar nicht verdient. —

Es war nicht alles verloren. Die Grummeternte stand
noch aus, vielleicht mochte sie ein wenig die Lücke ausfüllen,
welche das Verderben des Heues in die Futtervorräte gerissen
hatte. Der Hafer stand nicht schlecht. Streifenweise hatte ihn
freilich die Zwergcikade arg mitgenommen. Die Kartoffel
stand üppig, die Knollen waren zahlreich und gut entwickelt.
Wenn der September sie nicht verdarb, mußte es eine gute
Kartoffelernte geben.

Der Büttnerbauer hatte angefangen, sein Korn zu schneiden.
In diesem Jahre bildete Roggen seine Hauptfrucht. Ein
Schlag, wo er besonders dick gesäet hatte, war ihm gänzlich
durch Lager verdorben; an anderen Stellen, wo das Getreide
weniger dicht gestanden, hatte es der Wind zum Teil wieder
aufgerichtet.

Es war eine große Sache darum, wenn der erste Sensenhieb ins Korn gethan wurde. Schon mehrfach in den letzten
Tagen hatte der Büttnerbauer die Felder umgangen, oder war
auch in der Wasserfurche ein Stück hineingeschritten, um die
Ähren auf ihre Reife hin zu prüfen. Farbe des Strohes und
Löslichkeit der Körner wollte ihm noch immer nicht gefallen.
Endlich, eines Abends, gab der Alte die Losung: morgen beginnt die Kornernte!

Karl dengelte die Sensen bis in die sinkende Nacht
hinein. Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen ging es hinaus. Das große Stück dicht am Hofe, welches seiner geschützen Lage wegen zuerst gereift war, kam zunächst daran.

In einer Reihe traten sie an, ohne besonderen Befehl.
Ein jedes kannte seinen Platz von früheren Jahren her. Der
Vater an erster Stelle, hinter ihm zum Abraffen der Ähren
Toni. Darauf Karl, dem seine Frau beigegeben war. Ernestine
hatte die Strohseile zu drehen für die Garben. Die Bäuerin
blieb ihres Leidens wegen im Hause.

Die Sensen sirrten. Bald lag eine ganze Ecke des Feldes
in Schwaden. Als arbeite eine Maschine, so regelmäßig flog
die Sense in der Hand des alten Bauern, in weitem Bogen.
Ganz unten am Boden faßte sein kräftiger Hieb das Korn und
legte es in breiten Schwaden hinter die Sense. Karl konnte
es nicht besser, als der Alte, trotz der dreißig Jahre, die er
weniger auf dem Rücken hatte. Der Abstand zwischen den
beiden Männern blieb der gleiche. Der Sohn trat dem Vater
nicht auf die Absätze, wie es wohl sonst geschieht, wenn ein
junger und kräftiger Schnitter einem alten folgt. Die Frauen
hatten genug zu thun, die Ähren hinter den Sensen abzuraffen
und auf Schwad zu legen.

So hatte man bereits eine halbe Stunde gearbeitet und
der alte Mann hatte noch nicht den Wink zu einer Ruhepause gegeben. Toni fing an, Zeichen von Müdigkeit an den
Tag zu legen. Die Arbeit war dem Mädchen nie besonders
von der Hand geflogen; in ihrem jetzigen Zustande wurde ihr
jede Anstrengung doppelt schwer. „Tritt ack aus, Toni!“
raunte ihr der Bruder zu, „ich wer's Ernestinel ruffen. Mach
Du ack Strohseele.“ Toni hielt inne. Es war die höchste
Zeit; sie war in Schweiß gebadet, blaurot im Gesicht.
Karl winkte Ernestine heran, die an Stelle der Schwester
eintrat. Die Reihe hatte sich geschlossen, ohne daß der
alte Bauer, der mit allem Sinnen und Denken bei der
Arbeit war, etwas von dem Wechsel gemerkt hätte. Ernestine
war eine rührige Arbeiterin. Man sah es den schlanken Gliedern der Sechzehnjährigen nicht an, was für Zähigkeit und ausdauernde Kraft darin steckte.

Als der Büttnerbauer Halt machte im Hauen, weil seine
Sense gegen einen Stein geschlagen, und er die Scharte
auswetzen mußte, bemerkte er, daß seine älteste Tochter nicht
mehr in der Linie war. Sie saß im Hintergrunde und drehte
an Ernestinens Stelle Strohseile. Das Gesicht des Alten verfinsterte sich; er begriff sofort den Grund ihrer Entfernung
— aber er sagte nichts. Die andern benutzten die Gelegenheit,
um sich zu verpusten, während der Vater die Sense schärfte.
Dann gings von neuem ans Werk.

Noch war es nicht acht Uhr des Morgens und schon
brannte die Sonne versengend auf die Schnitter hernieder.
Die Bäuerin kam vom Gute her, sich mühsam mit einem
Korbe schleppend. Sie brachte einen Krug dünnes Bier und
Butterschnitten. Bald saß die Familie auf dem Feldraine,
zum Frühstück vereinigt. —

Nicht immer in neuester Zeit bot die Büttnersche Familie
einen so friedlichen Anblick. Öfters gab es jetzt Zwist und
Streit. Mit Sammetpfötchen hatte der Bauer die Seinen
niemals angefaßt. Er war stets Herr in seinen vier Pfählen
gewesen und hatte von den Rechten des Familienoberhauptes,
nach der Väter Sitte, Gebrauch gemacht. Wenn seine Art
auch rauh und schroff war, ein willkürlicher und grausamer
Herrscher war er nie gewesen. Schlichte Gerechtigkeit hatte er
walten lassen in allem. Neuerdings war das anders geworden.

Nie hätte er sich's früher beikommen lassen, seiner Ehehälfte aus ihrem Leiden einen Vorwurf zu machen, jetzt hielt
er ihr gelegentlich ihre Gebrechlichkeit vor, wie eine Schuld.
Er zeigte sich hart und ungerecht gegen die Kinder. Die
Bäuerin hatte bereits einer Nachbarin geklagt, daß man ihr
den Bauer ausgetauscht habe, daß am Ende gar ein Feind
ihn besprochen haben müsse.

Mit seinem Ältesten konnte der Büttnerbauer gar nicht
mehr auskommen. Karl war langsam im Denken, wie im
Zugreifen. Das war immer offenkundig gewesen; aber der
Alte schien es jetzt erst zu bemerken. Er fluchte und verschwor
sich, die Wirtschaft gehe rückwärts, und daran sei Karl mit seiner
Faulheit schuld. Er drohte ihn zu enterben, wenn das nicht
anders werde. Karl ließ dergleichen ziemlich ruhig über sich ergehen; Ehrgefühl und Stolz waren nicht gerade stark bei ihm entwickelt. Aber Therese nahm die Sache des, Gatten um so eifriger
auf, verfocht sie mit der Leidenschaft des gekränkten Weibes.
Es gab Szenen, wie sie das Haus noch nicht gesehen hatte.
Eines Tages kam die Bäuerin bleich und an allen Gliedern
zitternd, zu Karl aufs Feld hinausgehumpelt, er solle sogleich hereinkommen, der Bauer und Therese rauften in der
Familienstube.

Auch dem Gange der Wirtschaft war anzumerken, daß verhängnisvolle Wandlungen vor sich gegangen waren.

Ein unstätes Wesen machte sich in allem geltend. Über
Gebühr zeitig mußte aufgestanden werden, so daß die überanstrengten Menschen des Abends todmüde waren, und ohne Lust
und Liebe am nächsten Tage sich zur Arbeit erhoben. Am
unrechten Flecke wurde gespart. Der Bäuerin warf der Bauer
Verschwendung vor, wenn sie reichlich und gut kochte; die
Folge war, daß fortan mageres Essen auf den Tisch kam,
und daß sich die Seinen hinter seinem Rücken satt aßen. Auch
dem Vieh wollte er vom Futter abknapsen. Die Pferde,
welche Hafer kaum mehr zu sehen bekamen, sollten doch
doppelte Arbeit leisten. Er, der früher bekannt gewesen war,
als Heger und Pfleger seines Viehes, mußte es erleben, daß
ihm, als er mit den abgetriebenen Mähren durchs Dorf
fuhr, das verfängliche Wort: „Pferdeschinder!“ nachgerufen
wurde.

Dabei gönnte er sich selbst am wenigsten Ruhe von allen,
plagte und schand sich in gottserbärmlicher Weise. Hohläugig
und ausgemergelt lief er einher, daß es ein Jammer war,
anzusehen. Manchmal überfiel ihn, besonders bei der Mahlzeit, eine Schlafsucht, der er nachgeben mußte, er mochte wollen
oder nicht. In der Kirche, wo er früher stets zu den Aufmerksamsten gehört hatte, schlief er jetzt schon im ersten
Teile der Predigt ein. Des Nachts dagegen wachte er oft,
erschreckte die Bäuerin durch Selbstgespräche und wildes Aufschreien.

Jemehr er seine Kräfte nachgeben fühlte, desto verzweifelter versteifte er sich darauf, seinen Willen durchzusetzen. Plötzlich überkam ihn eine Art von Zwangsvorstellung.
Da warf er sich mit allen Arbeitskräften, die ihm zur
Verfügung standen, auf die Urbarmachung einer Halde,
die von einem eingegangenen Steinbruch zurückgeblieben
war. Die Seinigen hielten ihm vor, daß man ja genug
Ackerland besitze und daß die Arbeit zur Zeit an anderen
Stellen brennend notwendig sei. Aber, mit solchen Einwänden
durfte man ihm nicht kommen. Wutentbrannt wies er jede
Widerrede zurück. Eine ganze wichtige Woche im September
wurde so auf das Wegräumen von Schutt und Sprengen von
Steinen verschwendet. Und erreicht war damit nichts weiter,
als daß ein Stück Land mehr da war, das unbrauchbar blieb
für die Bestellung.

Mit aller Welt geriet der Büttnerbauer neuerdings in
Zwist. Ein einziges Wort konnte ihn derartig aufbringen,
daß er alle Besinnung verlor und den Streit vom Zaune
brach. Eines Tages ritt Hauptmann Schroff über das Büttnersche
Gut. Er traf den Bauern bei der Feldarbeit, hielt sein Pferd
an, und redete den Alten in freundschaftlicher Weise an. Der
Alte that, als habe er den Mann noch nie in seinem Leben
gesehen, geschweige denn in vertraulicher Weise mit ihm verkehrt.
Als der Hauptmann sich nach der Lage des Bauern erkundigte,
ihn dabei an das Gespräch erinnernd, das sie im Frühjahr gehabt, da brach gänzlich unerwartet und unvermittelt aus dem
Munde des Alten ein Schimpfen und Wettern los, Verwünschungen und Beschuldigungen gegen die Herrschaft, die ihm den
Garaus machen wolle, so beleidigend und verletzend, daß der
gräfliche Güterdirektor seinem Renner die Sporen gab, machend
daß er von dem alten Isegrimm wegkam.

Mit Gemeinde und Behörde war der Büttnerbauer neuerdings ebenfalls zusammengeraten, und auch nicht zu seinem
Vorteil. Der Dorfweg führte ein Stück entlang der Büttnerschen Grenze. Der Bauer hatte nahe am Wege eine Kiesgrube
angelegt, aus der er seinen Bedarf an Sand zu Bauten und
Wegebesserungen entnahm. Im Laufe der Zeit hatte sich
durch Sandholen und Nachstürzen vom Rande das Loch vergrößert. Es drohte Gefahr, daß Fußgänger und Geschirre,
namentlich bei Dunkelheit oder Schneeverwehung, in die Grube
stürzen und Schaden nehmen möchten. Die Gemeinde hatte
daher das sehr begreifliche Verlangen an den Besitzer der
Kiesgrube gestellt, er möge zwischen Weg und Grube ein Geländer errichten. Der Büttnerbauer kehrte sich überhaupt nicht
an dieses Ansinnen, das er als einen Eingriff in sein gutes
Recht auffaßte. Darauf Beschwerde von Seiten der Gemeinde
beim Landrat. Das Amt dekretierte, der Bauer habe das
Geländer bis zu einem bestimmten Zeitpunkte herzustellen. Der
Bauer ließ den Zeitraum verstreichen, ohne einen Finger zu
rühren. Hierauf Strafverfügung von Seiten der Behörde. Der
Bauer schimpfte und tobte; aber hier half all sein Sperren
nichts. Er hatte sich selbst ins Unrecht gesetzt. Das Anbefohlene mußte schließlich ausgeführt werden, und Strafe hatte
er obendrein zu zahlen.

So that er in allem gerade das, was ihn am meisten
schädigen mußte. Es war als ob der Teufel den alten
Mann geblendet hätte. Die Bäuerin hatte nicht so ganz
Unrecht mit ihrer Klage, daß ihr Bauer behext worden sein
müsse.

Es gab in der That ein Schreckgespenst, das dem Bauern
im Rücken saß, ein Währwolf, der ihn ritt, daß er halb wahnsinnig, nicht mehr wußte, wo ein und aus.

Seit er dem Händler den Wechsel unterschrieben, hatte
der Büttnerbauer keine ruhige Stunde mehr gehabt. Kaum
war Harrassowitz zum Hause hinaus gewesen, hätte er ihn zurückrufen mögen, ihm sein Geld zurückzugeben.

Dabei hegte er keinerlei bestimmten Verdacht gegen
Harrassowitz. Er hatte den Händler nicht anders als freundlich und zuvorkommend kennen gelernt. Aber das Bewußsein, daß
es einen Menschen auf der Welt gab, von dem er abhängig
war, der einen Zettel besaß, auf dem sein Name stand, und
der durch diesen Fetzen Papier sein Schicksal in Händen hielt,
das war der Alp, der auf dem Manne lastete, das war das
unheimliche Gespenst, das des Tages plötzlich vor ihm auftauchte, ihn besaß, wo er ging und stand, und ihn des Nachts
vom Lager aufscheuchte.

In der ersten Zeit, als der Verfallstermin noch in weitem
Felde stand, hatte er sich der Hoffnung auf einen guten Ausgang nicht verschlossen. Wenn die Ernte gut ausfiel, wenn
hohe Preise wurden! Er hatte doch in anderen Jahren manchmal
aus dem Roggen allein an zweitausend Mark erzielt. Warum
sollte denn das nicht auch in diesem Jahre eintreten, wo Korn
seine Hauptfrucht war. Stroh konnte auch verkauft werden,
und vielleicht auch einige Fuder Heu. Auf die Weise konnte
hübsches Geld zusammenkommen, allein aus der Winterung.
Und die Sommerfrüchte behielt er dann zur Deckung des
Winterbedarfes und zum späteren Verkauf.

So rechnete der Bauer im Frühjahre. Dann kam der
erste Rückschlag durch die verregnete Heuernte. Mit dem
Heuverkauf war also nichts; man mußte ja das Wenige, was
man gerettet hatte vor dem Verderben, aufheben für den
Winter. Die Kornernte war inzwischen beendet. Der Büttnerbauer hatte eine Menge Puppen setzen können; sein Feld hatte
voll ausgesehen. Das Getreide war trocken in die Scheune
gekommen.

Der Bauer besaß eine kleine Dreschmaschine und eine
Göpel auf seinem Hofe. Das meiste ließ er freilich im
Winter mit dem Handflegel ausdreschen, nach alter Sitte; das
Stroh blieb beim Handdrusch besser, und dann liebte er auch
nicht die Neuerungen. — Maschine blieb Maschine, wenn es auch
nur ein einfaches Göpelwert war. In diesem Jahre aber ließ
er gleich mehrere Tage hintereinander mit dem Göpel dreschen.
Er mußte ja Korn haben zum schleunigen Verkauf.

Der alte Bauer stand am Siebe, während Karl die
Garben hineinschob und Therese draußen das Pferd antrieb.
Der Bauer nahm selbst das Getreide ab und maß es nach.

Seine Miene wurde düsterer und düsterer. „'s schüttet
ne, 's will ne schütten!“ erklang sein verzweifelter Ruf. Was
nutzte ihm das viele Stroh, wenn der Körnerertrag so gering
war! Und dabei hatte er das Hauptkorn in diesem Jahre auf
vorjährigem Kartoffellande gebaut, das noch reich an Dünger
gewesen. Er hatte es an Sorge und Fleiß nicht fehlen lassen,
und trotzdem kein Erfolg! Es waren die kalten Tage und
Nächte im Anfange des Sommers gewesen, die den Landwirt
um den Ertrag seiner Mühen betrogen hatten. —

Schließlich lag das gesamte Ergebnis der Kornernte in
einem stattlichen Könerhaufen, durchgesiebt und durchgeworfen,
von Spreu und Unkrautsamen sorgfältig befreit, auf dem
Schüttboden.

„Wenn's nu ack an Preis hätte!“ sagte der Büttnerbauer
und schickte den Sohn in den Kretscham. Karl sollte dort ein
Glas Bier trinken und bei der Gelegenheit im Kreisblatte
nachsehen, was der Roggen jetzt gelte.

Karl kam mit der Nachricht zurück, daß Roggen pro erste
Septemberwoche neunzig stehe. Kaschelernst habe gemeint, der
Preis werde in nächster Zeit noch viel tiefer sinken an der
Börse, „von wegen der ausländischen Einfuhr,“ so berichtete
Karl wörtlich, ohne zu verstehen, was das eigentlich heiße.
„Wer klug handeln wolle, der hielte sein Korn bis zum Frühjahr, da werde es schon Preis bekommen,“ habe Kaschelernft
gesagt.

Der Büttnerbauer konnte sich schon denken, mit welch
treuherziger Miene sein Schwager das gesagt haben mochte.
„Halten bis zum Frühjahr!“ Der Schuft! Als ob der nicht
ganz genau wisse, daß der Bauer verkaufen mußte, unter allen
Umständen und zu jedem Preise. Und derselbe Mann, der
ihm hier so freundlichen Rat erteilen ließ, war es, der ihm
die letzte Hypothek Knall und Fall gekündigt hatte. Der alte
Bauer griff sich an den Hals und schluckte, als säße da etwas,
was nicht hinunter wollte.

Der Büttnerbauer machte sich darauf an's Rechnen.
Das war stets als eine geheimnisvolle Sache von ihm behandelt worden. Eine eigentliche Buchführung kannte er
nicht. Das Wichtigste behielt er im Gedächtnis. Er wußte
Ausgaben und Einnahmen, die er gemacht, von vielen Jahren
her auf Heller und Pfennig anzugeben. Aber obgleich er für
gewöhnlich nichts buchte, so machte er von Zeit zu Zeit doch
einmal einen Abschluß. Dann gab es ein höchst umständliches
Rechnen mit Kreide auf einer Tischplatte, oder einer Thür. Die
Sache nahm Stunden in Anspruch. Lange Zahlenreihen wurden
aufgeschrieben, alle vier Spezies bemüht. Den eigentlichen
Sinn aber dieser ganzen Rechnerei verstand nur der Büttnerbauer allein. Es war ein Vorgang, der auch äußerlich wie
ein Geheimnis behandelt wurde, denn er duldete nicht, daß
jemand während der Zeit sich im Zimmer aufhielt. Die Seinen
wußten das. Wenn es hieß: „Der Vater rechnet!“ hielt man
sich wohlweislich fern, denn dann war nicht gut Kirschen essen
mit dem Alten.

Auch diesmal hatte er eine verzwickte Rechnung angestellt.
Das Ergebnis war ein sehr einfaches und in seiner Einfachheit
bestürzendes: Achthundert Mark! Auf mehr kam er nicht.
Das war nicht annähernd genug zur Deckung des Wechsels
und zur Bezahlung der Michaeliszinsen.

Der alte Mann ballte die Faust. Er wußte selbst nicht
gegen wen. Wer war es denn, der die Schuld daran trug,
daß ihm nicht der Lohn seiner Arbeit wurde? Sollte er den
lieben Gott dafür verantwortlich machen, oder sollte er die
Menschen bei dem lieben Gott verklagen? Wer war der Feind,
wo die Macht, die ihn um das Seine gebracht hatte? —

Der Bauer drohte in die leere Luft hinaus. Das war
nicht zu fassen, für seinen Arm nicht zu erreichen: die Mächte,
die Einrichtungen, die Menschen, welche Schuld hatten, daß
sein Schweiß umsonst geflossen war. Irgendwo da draußen,
unfaßlich für seinen ungelehrten Verstand, gab es ungeschriebene
Gesetze, die mit eherner Notwendigkeit auf ihn und seinesgleichen lasteten, ihn in unsichtbaren Ketten hielten, unter
deren Druck er sich wand und zu Tode quälte.

Das Exempel stimmte mit fürchterlicher Genauigkeit. Wenn
er den Wechsel bezahlte, langte es nicht zu den Zinsen, bezahlte er die Zinsen, langte es nicht zum Wechsel.

Die einzige Hoffnung blieb jetzt, daß Harrassowitz Stundung gewährte. —

Noch ehe der Verfalltag eintrat, fuhr der Büttnerbauer
in die Stadt, er wollte mit dem Händler sprechen.

Als der Bauer das Produktengeschäft von Samuel Harrassowitz betrat, wurde ihm gesagt, der Chef sei noch nicht im
Comptoir. Er ging daher fort und kam nach Verlauf von einigen
Stunden wieder. Diesmal wurde ihm mitgeteilt, Herr Harrassowitz sei zu sehr beschäftigt, um ihn anzunehmen. Der
Büttnerbauer ließ sich nicht so leicht abweisen diesmal. Es sei
etwas sehr Wichtiges, „ane gruße Sache“, wie er sich ausdrückte,
wegen der er mit Herrn Harrassowitz zu sprechen habe. Der
Comptoirist, mit dem er bis dahin verhandelt hatte, rief einen
andern herbei, den er „Herr Schmeiß“ benannte.

Der junge Schmeiß schien bereits eingeweiht in die Angelegenheit, denn er fragte den Bauern, sowie er dessen Namen
gehört, ob er etwa wegen Stundung seines Accepts komme.
Der alte Mann bejahte, etwas verwundert über die hochfahrende
Art dieses Jünglings. Man solle doch ein paar Monate
Geduld haben, bat er, bis er seinen Hafer rein habe und sein
Korn vorteilhaft verkauft haben werde.

„Harrassowitz wird sich schwer hüten,“ meinte Schmeiß
darauf. „Nichtwahr! damit sie inzwischen Zeit gewinnen, die
einzigen pfändbaren Objekte zu Geld zu machen, daß er
dann das Nachsehen hat. Wir kennen das! Stundung giebt's
nicht. Wenn Sie nicht rechtzeitig zahlen, müssen Sie die
Konsequenzen auf sich nehmen, mein Lieber!“ —

Mit diesem Bescheide ließ er den verdutzten Alten stehen.

Der Büttnerbauer blieb den ganzen Rest des Tages in
der Stadt. Er hoffte Harrassowitz noch persönlich zu treffen.
Er konnte nicht glauben, daß diese Antwort von dem Händler
ausgehe, auf dessen gutes Herz er baute. Aber Sam blieb
heute unsichtbar für ihn.

Dann kam er auf den Gedanken, zu dem Bankier zu
gehen, der ihm neulich das Geld für die Hypothek gegeben
hatte. Aber auch Herr Isidor Schönberger ließ bedauern,
ihn nicht annehmen zu können.

Unverrichteter Sache, schwerer denn je mit Sorgen belastet,
fuhr der Büttnerbauer am Abend nach Halbenau zurück.

X.

Ein paar Tage darauf erschien derselbe Herr Schmeiß,
welcher den alten Bauern im Comptoir von Harrassowitz abgefertigt hatte, in Halbenau. Er kam mit Lohngeschirr. Neben
ihm auf den Rücksitz saß eine junge Dame. Während er sich
in das Büttnersche Gehöft begab, schwänzelte die auffällig gekleidete Person im Dorfe umher, zum Gaudium der Dorfjugend und der Frauenwelt von Halbenau, die so hohe Absätze, eine solche Taille und derartig weite Puffärmel noch
nicht gesehen hatten.

Edmund Schmeiß, ein mittelgroßer junger Mann mit
flottem Schnurbärtchen und Lockenfrisur, rümpfte die Nase über
den Misthaufen, den er im Büttnerschen Hofe vorfand. „Echte
Bauernwirtschaft!“ sagte er zu sich selbst, mit verächtlichster
Miene. Sein tadellos gearbeiteter Anzug von hechtgrauer
Farbe, sein ganzes Auftreten, waren „prima“, um seinen
eigenen Lieblingsausdruck zu gebrauchen. Kenner hätten vielleicht finden können, daß nicht einmal die äußere Etikette der
Ware besonders fein sei. Seine Manieren waren irgendwoher, wahrscheinlich vom Offiziers- oder jüngeren Beamtenstande erborgt und nicht immer glücklich kopiert.

Die Lebensstellung des jungen Schmeiß genauer zu umschreiben, war nicht leicht. Harrassowitz bezeichnete ihn, wenn
er von ihm sprach, als einen: ‚mir ergebenen jungen
Mann‘. Aber auch für Isidor Schönberger ‚arbeitete‘ er,
ohne daß man genau feststellen konnte, worin seine ‚Arbeit‘
eigentlich bestand. Man pflegte ihn bei Häuser- und Güterankäufen als Strohmann zu verwenden, bei Zwangsversteigerungen trat er als Bieter auf. Wenn ein Kleinkaufmann, oder
Handwerker in ‚momentaner Verlegenheit‘ war, erschien er als
Helfer in der Not. Er war jederzeit bereit, Wechsel zu diskontieren, und Geldsuchenden Darlehen von Dritten zu verschaffen, vorausgesetzt, daß der Darlehnssuchende etwas ‚opferte‘
womit er seine Provision meinte, die niemals gering bemessen
war. Er reiste für allerhand Häuser, deren Firma nicht eingetragen war, und trat als Generalbevollmächtigter von Konsortien
auf, die nicht genannt werden durften, weil sie sich noch im
‚Entwickelungsstadium‘ befanden. Er hatte jederzeit mindestens
ein halbes Dutzend ‚feiner Geschäfte‘ an der Hand; kurz, er war
alles in allem ein äußerst brauchbarer, praktischer, ‚smarter‘,
junger Mann, in vielen Sätteln gerecht, mit den Gesetzen und
der Gerichtspraxis vertraut. Mit Vorliebe legte er sich den
Titel „Kommissionär“ bei.

Edmund Schmeiß also trat um die Mittagsstunde in
die Büttnersche Wohnstube. Er fand die Familie bei Tisch.
Er meinte im Eintreten, man möge um seinetwillen keine Umstände machen. Er selbst machte allerdings auch keine, das
mußte man sagen! Ohne Umschweife auf sein Ziel losgehend,
fragte er den alten Bauern, in Gegenwart der Seinen, ob er
gewillt sei, das heute fällig gewordene Accept zu decken.

Sie waren alle aufgestanden. Erstaunt und bestürzt
blickten sie auf den fremden Eindringling, der sich so unbefangen geberdete. Der alte Mann brauchte einige Zeit, ehe er
die Antwort fand: er habe in dieser Sache doch nur mit Herrn
Harrassowitz zu thun.

„Ach was, Harrassowitz!“ rief Edmund Schmeiß. „Ich bin
jetzt derjenige welcher! an mich haben Sie zu zahlen. Bitte sich
überzeugen zu wollen! Hier das Indossement!“

Der junge Mann hielt dem Bauern das Papier hin, und
hieß ihn, die Rückseite beachten.

Der Bauer sah, daß dort was geschrieben stand, ein Name,
wie es schien. Aber was sollte ihm das! Wie kam dieser
junge Mensch, der ihm niemals einen Pfennig gegeben hatte,
auf einmal dazu, sein Gläubiger zu sein?

Er schüttelte den Kopf und erklärte, nur an Harrassowitz
zu schulden.

Edmund Schmeiß wurde ungeduldig. „Herr Gott! kapieren
Sie denn nicht!“ rief er. „Sie haben acceptiert. Hier ist
Ihre Unterschrift, nicht wahr?“

Der Bauer bejahte, nicht ohne sich seine Unterschrift noch
einmal sorgfältig betrachtet zu haben.

„Bekennen Sie, Valuta richtig empfangen zu haben? —
Ich meine, ob Sie zugeben, das Geld, vierhundert Mark, seiner
Zeit von Harrassowitz per Kassa bekommen zu haben?“

„Ju, ju! 's Geld ha'ch richt'g erhalen vun Herrn Harrassowitz, dohie an diesem salbgen Tische. — Du weeßt's duch
noch, Frau?“ Die Bäuerin nickte. „Ju, ju, lieber Herr!“

„Nun sehen Sie also! Harrassowitz hat Ihr Accept diskontiert. — Man nennt das ein Dreimonatsaccept. — Dann
hat Harrassowitz remittiert an mich. Folglich bin ich jetzt der
Inhaber des Wechsels. Die Sache ist so klar wie etwas!
Sie müßten denn behaupten wollen, daß ich auf ungesetzliche
Weise in Besitz des Accepts gekommen wäre. Wollen Sie das
behaupten?“

Der Bauer stand da mit äußerst verdutzter Miene. Er
verstand kein Wort von der ganzen Sache. Da aber der
Andere so sicher auftrat und so beleidigt dreinblickte, ließ er
schließlich ein zauderndes „Nein!“ hören.

„Darum möchte ich allerdings gebeten haben!“ sagte
Edmund Schmeiß, machte große Augen und runzelte die Stirn.
„Hiermit präsentiere ich Ihnen also den Wechsel. Heute ist
Verfalltag. Ich frage Sie, ob Sie annehmen?“

Der Bauer blickte noch unverständiger drein, als zuvor.
Auf den Gesichtern der Seinen malten sich sehr verschiedenartige Gefühle; aber Schreck und Furcht herrschten vor, diesem
Fremden gegenüber, der durch jenes Stück Papier Gewalt
über den Vater und über sie alle erhalten zu haben schien.

„Ob Sie mich auszahlen wollen, Herr Büttner? Ich
dächte, die Sache wäre doch nicht so schwer zu verstehen!“

Der alte Mann bat sich den Wechsel noch einmal aus.
Er drehte ihn um und um in den zitternden Händen, und
blickte ratlos drein, die Buchstaben verschwammen ihm vor den
Augen. Er mußte sich setzen.

Die Bäuerin trieb jetzt die Kinder aus der Stube, sie
sollten den Vater nicht in seiner Schwäche sehen. Nun trat
sie zu ihrem Gatten. „Bis ack ruh'g, Alter! bis ack ruh'g!“
redete sie ihrem Eheherrn zu.

„Jo, Du mei Heiland!“ rief der Bauer in heller Verzweiflung, mit hoher, weinerlich klingender Stimme. „Wos sull
ich denne? Wos wullen Se denne von mir, dohie!“

„Zahlung! Weiter gar nichts! Zahlen Sie mich aus,
Herr Büttner, dann ist alles in Ordnung,“ erklang die trockene
Antwort.

„Und 's Gald! Wu sull ich denn's Gald harnahmen?
Ich ho's do ne!“

Edmund Schmeiß zuckte die Achseln. Den neuesten Berliner
Gassenhauer vor sich hin pfeifend und mit dem Fuß den Takt
dazu tretend, sah er sich im Zimmer um.

Die beiden Alten berieten sich inzwischen halblaut. Einen
Rest Geld hatte der Bauer noch im Kasten liegen. Es stammte
von dem Korn, das er nun doch vor ein paar Tagen verkauft. Da er aber die Michaelis-Zinsen und Abgaben davon
bezahlt hatte, war nicht viel übrig geblieben. Es langte in
keinem Falle zur Deckung des Wechsels.

Kalter Schweiß stand dem alten Manne auf der Stirn.
Starren Blickes, mit bebendem Unterkiefer, auf dem Stuhle
zusammengebrochen hockend, bot er einen kläglichen Anblick.

Die Bäuerin redete ihm zu. „No, Alter, no! ha ack
Karrasche! Dar Herr werd schun, und ar werd a Brinkel
Geduld han.“

Dann wandte sie sich an den jungen Mann. Mit
schmeichlerisch unterthänigen Blicken und Mienen, streichelte sie
inm ehrfurchtsvoll die Hand: „Newohr, lieber Herr, Se wern
meenen Mann a Brinkel Zeit lan. Mir versprachen och und
mir wern uns Mihe gahn, mir wern alles abzahlen — mit
dar Zeet.“

Edmund Schmeiß erwiderte in kühlem Tone: Das kenne
er schon. Darauf könne er sich nicht einlassen. Er habe den
Wechsel als einen ‚feinen‘ gekauft. Harrassowitz habe ihm gesagt,
Herr Büttner sei ein solider Mann. Er habe sicher darauf
gerechnet, heute sein Geld zu erhalten; habe sich mit anderen
Geschäften schon darauf eingerichtet. Er müsse daher Deckung
verlangen. Falls er sie nicht erlange, sehe er sich genötigt, den
Rechtsweg zu beschreiten.

„Se wern uns doch ne verklag'n wulln?“ rief die
Bäuerin entsetzt aus.

Das sei sein gutes Recht, erwiderte der junge Mann.

„Herr Gutt, in Deinen Himmel droben!“ rief die Frau.
Sie griff sich an den Mund mit zitternden Fingern, jammerte,
leise vor sich hin weinend: „Moan, Moan, was sull denne
anu aus uns warn!“ Der Bauer stöhnte.

Eine namenlose Angst hatte sich der beiden alten Leute
bemächtigt. Ihre Begriffe vom Rechte waren äußerst verwirrte.
Hinter jeder Klage drohte ihnen gleich das Gefängnis. Dem
Richter wie dem Advokaten stand man gleichmäßig schutzlos
gegenüber. Sie sahen bereits im Geiste den Gerichtsvollzieher
ihre letzte Kuh aus dem Stalle führen. Wenn jener es zur
Klage trieb, dann war alles verloren.

Der wackere Büttnerbauer, der in zwei Feldzügen manche
Probe von Beherztheit abgelegt hatte, zitterte wie Espenlaub.
Aller Witz schien den sonst besonnenen Mann verlassen zu haben.
Mit angstvergrößerten Augen, haltlos, jeder Würde vergessend,
hing er, der Sechziger, an den Mienen und Blicken dieses
jungen Menschen, in dessen Wohlgefallen er sein Geschick beschlossen glaubte.

Edmund Schmeiß zog eine umfangreiche goldene Cylinderuhr, deren Deckel er aufspringen ließ. „Ich muß fort!“
rief er, „draußen wartet eine Dame auf mich. Adjeu, Herrschaften!“

Er wollte zur Thür. Die Bäuerin lief ihm nach, hielt
ihn, beschwor ihn, flehte, er möge bleiben.

„Aber, bitte, dann etwas plötzlich! Wenn Sie noch was
wollen. Zeit ist Geld.“

Das Ehepaar beriet von neuem. Der alte Mann erschien
wie schwachsinnig. Er sagte zu allem, was ihm die Frau
vorschlug, ein klägliches „Ich weeß nischt, ich weeß nischt!“

„Ich will Ihnen mal was vorschlagen!“ meinte der junge
Schmeiß, „damit wir mit dieser Sache endlich zu einem
Resultate kommen; denn es fängt nachgerade an, mich zu
ennuyieren! — Geben Sie mir, was Sie an barem Gelde im
Hause haben. Für den Rest schreiben Sie mir ein neues
Accept, verstehen Sie. Der Wechsel mag laufen bis Ultimo
Dezember. Dafür nehme ich natürlich Zinsen. Zehn Prozent
ist mein Satz bei Dreimonatsaccepten und drei Prozent Provision. Das ist noch sehr koulant, in Anbetracht dessen, daß
Ihre Bonität zweifelhaft ist. — Also, einverstanden?“

Der Bauer hatte nichts begriffen; nur soviel glaubte er
zu verstehen, daß er von der Gefahr einer Klage befreit
werden sollte. Er eilte nach seinem geheimen Kasten, schloß
auf und zählte mit zitternden Händen auf den Tisch, was er
an Geld dort vorgefunden hatte. Es kam um eine Kleinigkeit
mehr als hundertundzwanzig Mark zusammen. Edmund
Schmeiß zählte die Reihen blanker Thaler noch einmal durch.
Den Rest von kleinerer Münze schob er dem Bauern hin.
„Nickel nehme ich nicht!“ Dann nahm er einen goldenen Bleistift zur Hand, der an seiner Uhrkette befestigt war, und begann Zahlen niederzuschreiben. „Also hundertundzwanzig
Mark per Kassa erhalten. Bleiben zweihundertundachtzig Mark
in Schuld. Nicht wahr, Herr Büttner?“ Der Bauer bejahte
nach einigem Überlegen. „Mit Zinsen und Kosten, Sie verstehen: Provision und Depotzinsen für Harrassowitz und mich,
alles in allem dreihundertundsechzig Mark. Soviel sind Sie
mir also nach Zahlung der hundertundzwanzig noch schuldig.
Dreihundertundsechzig. Bitte, sich die Zahl zu merken! Nunmehr geben Sie mir ein neues Accept über die eben genannte
Summe — verstanden! Den alten Wechsel vernichte ich dann
vor ihren Augen. So, das ist ein klares Geschäft.“

Er entnahm seinem Taschenbuche ein Formular. „Übrigens,“
sagte er, sich scheinbar unterbrechend, „dreihundertundsechzig
Mark, das ist gar keine Summe. Mir fällt da gerade etwas
ein. Künstlichen Dünger können Sie ja in der Landwirtschaft
immer gebrauchen. Auch Kraftfutter könnte ich Ihnen preiswert besorgen; bei der schlechten Heuernte in diesem Jahre
werden Sie das ja sowieso nötig haben. Ich kann Ihnen
gerade noch etwas Erdnußkuchen abgeben. — Schreiben wir
sechshundert Mark, also! Für die restierenden Mark zweihundertundzwanzig — nicht wahr — liefre ich Ihnen künstlichen Dünger und Kraftfutter. Dann ist die Affaire glatt —
nicht wahr?“

Der Bauer sah den jungen Menschen mit leeren Augen an.

„Verstehen sie nicht, Herr Büttner? Die Sache ist nämlich furchtbar einfach.“ Er rechnete dem Alten das Ganze noch
einmal vor. „Einverstanden?“

Der Bauer bedachte sich eine Weile, dann meinte er kleinlaut, von künstlichem Dünger habe er in seinem Leben nie
etwas wissen mögen und Kraftfutter könne er auch nicht brauchen,
da er sich mit Hülfe des Grummets durch den Winter zu
schlagen hoffe. Er bäte, ihn mit solchen fremden Sachen zu
verschonen.

„Schön!“ sagte Edmund Schmeiß. „Wie Sie wollen,
Herr Büttner!“ Er erhob sich und knöpfte seinen Rock zu.
„Ich glaubte, Ihnen sehr weit entgegengekommen zu sein. Aber,
wenn Sie freilich nicht wollen . . . . . .“

Von neuem schritt er zum Ausgang, wieder holte ihn die
Bäuerin ein, und erreichte mit ihren Bitten, daß er blieb.
„Moan, Pauer, bis ack verninft'g!“ redete sie dem Gatten zu.
„Wenn der Herr und ar kimmt Der su entgegen. Nimm ack Verstand an und greif zu, was er Der gahn werd.“

Der Büttnerbauer saß mit gesenktem Haupte da, keine
Widerrede kam mehr von seinen Lippen. Die Bäuerin eilte
geschäftig, das Tintenfaß herbeizuholen. „Werd Sie och die
Feder racht sein,“ fragte sie in einschmeichelndem Tone den
jungen Mann, um seine Gunst und Huld mit dem Lächeln
ihres alten zahnlosen Mundes buhlend. „Se missen entschuld'gen, bei uns werd ne ofte wos geschrieb'n.“

Edmund Schmeiß füllte eines der Formulare aus. Sowie
der Büttnerbauer seinen Namen darauf geschrieben hatte, zerriß er das alte Accept und reichte dem Bauern die Stücken;
das sei nunmehr erledigt.

Dann ging er. In der Thür noch rief er. „Die Waren
erhalten Sie in der nächsten Zeit in Natura geliefert, Herr
Büttner. Natürlich prima! — Empfehle mich.“

Draußen auf der Dorfstraße erwartete ihn seine Freundin
mit Sehnsucht. Sie hatte inzwischen die Sehenswürdigkeiten
von Halbenau in Augenschein genommen: Kirche, Pfarre, Schule,
das Armenhaus, das Spritzenhaus. Weiter gab es nichts zu
sehen hier draußen. Die Gemeindepfütze war schmutzig von den
Gänsen, die dort Tag ein Tag aus ihr Wesen trieben, die
Häuser meist klein und ärmlich, die meisten nur mit Stroh
gedeckt. Und die Kinder, welche dort im Straßenstaube
spielten, ungekämmt und ungewaschen, mit laufenden Nasen,
waren nach Ansicht der Dame höchstens ekelhaft zu nennen.

Ein Paar Frauen kamen vom Felde herein. Breithacken
auf den Schultern, Henkelkörbe darüber. Junge Burschen
folgten. Schon von weitem faßte man die fremdartige Erscheinung auf der Dorfgasse ins Auge. Die Mädchen steckten
tuschelnd die Köpfe zusammen, die Burschen lachten und stießen
jene an.

Die Städterin war entrüstet über die dörfische Zudringlichkeit, und ließ den Schleier herab.

Nun kam der Trupp heran. Die jungen Männer blickten
der Fremden ins Gesicht, die Mädchen gingen mit unterdrücktem
Kichern vorbei. „Saht ack! Die hat a Mickennetze!“ rief
jemand. Darauf allgemeines Gelächter.

Als Edmund Schmeiß die Freundin einholte, fand er sie
außer sich vor Empörung über die Rohheit des Dorfpacks.

XI.

Gustav Büttner hatte zum letztenmale Dienst gethan.
Ein schwermütiges Gefühl überfiel den jungen Mann, als
er seine „Kastanie“, die braune Stute, die er als Remonte zugeritten hatte, in ihren Stand zurückführte. Er wies den Stalldienst zurück, der dem Herrn Unteroffizier das Pferd abnehmen
wollte, sattelte und zäumte die Stute selbst ab und legte
ihr die Stalldecke mit besonderer Sorgfalt auf. Während er
das Pferd versorgte, suchte das Thier an seinen Rocktaschen
schnuppernd nach dem Zucker, den er ihr jeden Morgen aus
der Kantine mitzubringen pflegte. Sie stieß ihn ordentlich an
mit dem Maule, als wolle sie ihn mahnen, daß er ihr die
fälligen drei Stückchen Zucker endlich herausgeben solle. Heute
war es eine ganze Düte voll. Er verfütterte den Zucker langsam, Stück für Stück. Die Braune schniefte vor Wonne in
langgezogenen tiefen Tönen, blähte die Nüstern und trat vor
Vergnügen und gieriger Wonne von einem Beine auf das
andere, während er daneben stand und ihr den Hals klopfte,
mannhaft gegen die Thränen ankämpfend.

Der Abschied von dem Pferde war das Schwerste. Auch
von einzelnen Kameraden trennte sich Gustav ungern. Aber,
im großen und ganzen — das merkte der junge Mann zu
seinem eigenen Befremden beim Abschiednehmen — waren die
Bande doch sehr lockere und leichte gewesen, die ihn an die
Truppe und das Soldatenleben geknüpft hatten.

Der Herr Rittmeister war auf Urlaub. Das that dem
Unteroffizier von Heizen leid. Vor diesem Manne, der für
ihn das Ideal eines Vorgesetzten gewesen war, für den er
willig sein Leben gelassen hätte, würde Gustav gern noch einmal stramm gestanden haben. Der würde auch sicher zu Herzen
gehendere Worte beim Abschied gefunden haben, als der Premierleutnant, welcher erst vor kurzem zur Eskadron gekommen
und ohne jene vertrautere Beziehung war, wie sie bei längerem
gemeinsamen Dienen sich wohl auch zwischen Vorgesetzten und
Untergebenen entwickeln.

Seine Extrauniform hatte Gustav an einen neugebackenen
Unteroffizier verkauft; er behielt sich nichts zurück, als die
Mütze, ein paar Knöpfe und einen Faustriemen zur Erinnerung
an die Dienstzeit.

„Mit dem Reservistenstocke,“ wie es im Liede heißt, trat
er „die Heimatreise an“. Die Nacht durch lag er auf den verschiedenen kleinen Bahnstrecken, die er benutzen mußte, um von
der Provinzialhauptstadt in diesen entlegenen Winkel zu gelangen. Dann wanderte er ein Stück zu Fuß und traf am
Morgen in Halbenau ein.

Das Dorf trat ihm allmählich aus den Herbstnebeln entgegen, welche die Flur umfangen hielten: Dach um Dach,
Zaun um Zaun, Baum um Baum. Er kannte sie alle. Ein
wunderliches, ihm selbst unbekanntes, wehmütiges Behagen
überkam den jungen Menschen. Fünf Jahre hatte er in der
Kaserne gelebt, hatte ein Heim nicht mehr gekannt. Freilich, mit der Stadt ließ sich das hier ja nicht vergleichen!
aber diese Strohdächer, diese Lehmwände, die bretterverschlagenen Giebel hatten doch etwas in sich, das keine Pracht
städtischer Häuserfronten zu ersetzen vermochte: es war die
Heimat!

Nun bog er in den Weg ein, der nach dem väterlichen
Gute führte. Schon von weitem blickten ihn die Dachfenster
des Wohnhauses, wie große schwermütige Augen an. Aus
der Küchenesse wirbelte gelblicher Rauch in den grauen Herbsthimmel hinaus. Die Mutter kochte also bereits das Mittagbrot, womöglich sein Lieblingsgericht ihm zu Ehren. Hier
kannte er nun jedes Steinchen, jedes Ästchen, jeden Riß
und Fleck im Mauerwerk. Eine geringfügige Reparatur, die
der Vater am Dachfirsten hatte vornehmen lassen, fiel ihm
sofort als eine Veränderung auf. Je näher er kam, desto mehr
beschleunigte er seine Schritte, bis er schließlich fast im Trabe in
das Gehöft einlief.

Er fand die Frauen im Hause. Vater und Bruder
wurden aus dem Schuppen herbeigeholt. Übertriebene Zärtlichkeit herrschte nicht beim Wiedersehen. Nur die Mutter ließ
sich etwas von der Freude anmerken, welche sie empfand, ihren
Liebling wieder ganz im Hause zu haben.

Gustav frühstückte, zog seine guten Kleider aus und machte
sich dann, trotz der überstandenen Reise, gemeinsam mit Vater
und Bruder an die Arbeit.

Gesprochen wurde dabei nichts zwischen den Männern.
Gustav hatte zwar manche Frage auf dem Herzen über den
Stand der Guts- und Geldangelegenheiten, über die er seit
seinem letzten Urlaub zu Ostern nichts wieder vernommen
hatte — denn Briefeschreiben war nicht gebräuchlich unter den
Büttners — aber er bezähmte seine Neugier einstweilen. Er
kannte den Vater zu genau, der das Gefragtwerden nicht liebte.
Wenn sich etwas Wichtiges inzwischen ereignet hatte, würde er
es schon noch erfahren.

Beim Mittagessen fiel dem eben Zurückgekehrten die gedrückte Stimmung der Seinen auf. Kaum, daß gesprochen
wurde über Tisch. Halblaut flüsternd, mit scheuen Blicken
nach dem Vater hinüber, der finster und wortkarg in seiner
Ecke saß, langten die Kinder von den Speisen zu. Die Mutter
sah bekümmert drein. Karl machte sein dümmstes Gesicht, ließ
es sich aber wie gewöhnlich ausgezeichnet schmecken. Therese
sah noch gelber und verärgerter aus, als früher. Bei ihr
konnte Gustav es darauf schieben, daß er zurückgekommen
war. Er kannte die Gesinnung der Schwägerin nur zu
gut. — Toni gefiel dem Bruder gar nicht. Es fiel ihm
auf, daß sie ihm nicht gerade in die Augen blicken konnte.
Ernestine allein schien nicht angesteckt von der allgemeinen
Niedergeschlagenheit. Das Mädel blickte dreist und keck drein
mit ihrem spitzen Näschen und den pfiffigen Augen.

Irgend etwas war hier nicht in Ordnung, das mußte sich
Gustav sagen. Nach dem Essen erklärte er dem Vater, er
wolle sich Stall und Scheune besehen. Er meinte im Stillen,
dem Alten würde es Freude machen, ihm die Tiere und Vorräte persönlich zu zeigen, wie er es bisher nur zu gern
gethan hatte, wenn der Sohn aus der Fremde zurückkam.
Aber der alte Mann brummte etwas Unverständliches zur
Antwort und blieb in seiner Ecke sitzen. Gustav ging also
allein.

Späterhin kam ihm Karl nach. Gustav fragte den
Bruder, was eigentlich los sei mit dem Alten. Karl machte
den Mund zwar ziemlich weit auf, brachte aber nicht viel
Gescheites heraus. Gustav verstand nur soviel aus den unzusammenhängenden Reden des Bruders, daß in der letzten
Zeit Herren aus der Stadt beim Vater gewesen seien, von
denen er viel Geld bekommen habe, und über Kaschelernsten habe
der Bauer gesagt, er solle sich in acht nehmen, wenn er ihn
mal unter die Fäuste bekäme. —

Gustav nahm die erste Gelegenheit wahr, wo er sich mit
seiner Mutter unter vier Augen sah, um sie zu befragen. Da
erfuhr er denn das Unglück in seiner ganzen Größe.

Ihm war im ersten Augenblicke zu Mute wie einem, der
einen Schlag vor den Kopf bekommen hat. Daß die Vermögenslage des Vaters eine mißliche sei, hatte Gustav ja gewußt, aber daß er geradezu vor dem Zusammenbruche stehe,
das war eine Nachricht, die ihn wie ein Blitzstrahl aus
heiterem Himmel traf.

Auch daß ein Unglück selten allein kommt, mußte der
junge Mann an sich erfahren. Die Mutter verhehlte ihm
nicht, in welchem Zustande sich Toni befinde. Gustav geriet
außer sich vor Zorn. Was ihn am meisten erglimmte, war,
daß die Seinen es verabsäumt hatten, den Menschen, von dem
sie das Kind unter dem Herzen trug, zur Rechenschaft zu ziehen.
Nun war der Lump nicht mehr im Dorfe. Man wußte nicht
einmal genau, wohin er gezogen sei. Die Aussicht, ihn zu
belangen, war gering.

Und in solche Verhältnisse hinein sollte er eine junge
Frau bringen! Er hatte ja in der letzten Zeit von nichts
anderem geträumt, als von dem Plane, seine Jugendliebe,
Pauline Katschner, heimzuführen. Er hatte sich gedacht, für's
erste könnten sie auf dem väterlichen Hofe wohnen, bis sich für
ihn ein selbstständiger Lebenserwerb gefunden haben würde.
Und nun drohte hier alles, was eben noch so sicher geschienen,
zusammenzubrechen.

Pauline erwartete Gustav. Er hatte ihr geschrieben, daß
er in den ersten Tagen des Oktober in Halbenau eintreffen
werde.

Das Mädchen ließ sich nicht anmerken, daß sie vor Sehnsucht nach ihm vergehen wollte. Sie verrichtete ihre Geschäfte und Arbeiten mit der gewohnten Sauberkeit, aber
während sie die Nadel führte, am Scheuerfasse stand, oder am
Webstuhle saß, schwärmten ihre Gedanken hinaus in die Zukunft. In der Phantasie hatte sie sich bereits ein trauliches
Heim zurecht gemacht, für sich und Gustav, den Jungen, und
— wer weiß, was mit der Zeit noch dazu kommen mochte.

Sie war nicht mehr das unbedacht liebende Mädchen, das
sich kopflos mit starken Trieben dem Geliebten in die Arme
geworfen hatte; die Mutter hatte in ihr die Oberhand gewonnen. Sie liebte Gustav, den Vater ihres Sohnes, den
zukünftigen Gatten und Beschützer ihres Kindes, mit tiefgewurzelter, warmer, gleichmäßiger Innigkeit.

Sie war so glücklich, daß sie ihn nun ganz wieder
haben sollte. Die letzten Jahre waren schrecklich gewesen, mit
ihren einsamen Nächten, den Zweifeln an seiner Treue und der
quälenden Sorge, daß sie ihn ganz verlieren möchte.

Nun kam er! da mußte ja alles gut werden. Allerdings
waren sie beide arm, und Gustav hatte noch keinen Beruf.
Man würde einen schweren Kampf zu kämpfen haben; aber,
für Pauline bedeutete das nichts. Ihr lag die Zukunft im
rosigen Lichte. Wenn sie nur ihn hatte, den Vater ihres Jungen.
Darin war für sie das Wohl und Wehe des Daseins beschlossen.

Daß sie ihn halten würde für immer, als den Ihren,
ihr allein Gehörigen, bezweifelte sie keinen Augenblick. Sie
war sich des Schatzes von anziehenden Reizen und erwärmender Liebenswürdigkeit, womit die Natur sie ausgestattet hatte,
in naiver Weise bewußt. Ganz umstricken wollte sie den Geliebten
mit ihrer großen Weibesliebe, daß er gar nie auf den Gedanken
kommen könnte, sich ein besseres Los zu wünschen, oder je wieder
nach einer anderen Frau zu blicken.

Der Mutter hatte sie erst ganz zuletzt und nur mit einer
kurzen Bemerkung angedeutet, daß sie Gustav erwarte. Das
Mädchen ließ der Mutter überhaupt nicht viel von ihren Gefühlen blicken. Frau Katschner hatte der Tochter in jener
Zeit, wo Gustav nichts von sich hören ließ, und das Verhältnis
so gut wie aufgehoben schien, zugeredet, von dieser Liebschaft
zu lassen; ja, sie hatte es Paulinen nahegelegt, sich nach einem
anderen Manne umzusehen. Das hatte Pauline der Mutter
nie vergessen. Diese Zumutung hatte sie an der Stelle verletzt,
wo sie am tiefsten und zartesten empfand. Jedem anderen
Menschen hätte sie das vielleicht vergeben, nur nicht der
Mutter; denn die hätte es verstehen müssen, daß es für sie
nur eine Liebe gab, in der sie lebte, mit der sie sterben
würde.

Seitdem war eine Entfremdung eingetreten zwischen Mutter
und Tochter. Die beiden Frauen lebten zwar äußerlich in
Frieden; es gab keine Zankerei und keinen Hader. Mit
Pauline sich zu streiten, war überhaupt schwer, da sie
alles innerlich abmachte und nur mit Blicken Widerspruch zu
erheben pflegte. Aber die Tochter verschloß sich in ihren
wichtigsten Regungen und Gefühlen der Mutter gegenüber,
mit der sie doch scheinbar im vertrautesten Umgang lebte. —

Gegen Vormittag kam Frau Katschner aus dem Dorfe
zurück. Sie hatte eine Leinewand zum Faktor geschafft und
brachte Garn zu neuer Verarbeitung zurück. Sie verkündete die Nachricht, Büttners Gustav sei heute früh in
Halbenau eingetroffen. Pauline erzitterten die Kniee; der
Mutter gegenüber stellte sie sich jedoch an, als ob die Nachricht ihr ziemlich gleichgiltig sei. „So!“ meinte sie, „da wird
er wohl och hierruf kommen in den nächsten Tagen.“

Mit dieser äußeren Kühle stimmte der Eifer nicht ganz
überein, mit welchem sie Vorbereitungen traf für den Empfang
des Gastes. Da wurde gekocht und geschmort. Frau
Katschner, welche von der herrschaftlichen Küche her allerhand
besondere Künste mitgebracht hatte, mußte auf Bitten der
Tochter einen feinen Kuchen backen, zu welchem Pauline selbst
die Zuthaten beim Krämer holte. Dann kam das Kind an die
Reihe. Es wurde mit dem wollenen Kleidchen angeputzt, das
Komtesse Ida der jungen Mutter kürzlich zugeschickt hatte.
Schließlich machte auch Pauline sich selbst zurecht, ordnete ihr
Haar und steckte die Granatbroche an, die Gustav ihr früher
einmal vom Jahrmarkt mitgebracht hatte.

Der Nachmittag zog sich hin in Erwartung des Bräutigams. Zum Kaffee wird er wohl kommen, dachte Pauline bei
sich; daß er zu Hause bei seiner Mutter essen würde, war anzunehmen. Die Vesperzeit verging, er war noch nicht gekommen.
Frau Katschner hatte den Kaffee selbst getrunken, damit er
nicht umkomme, und den Kuchen weggeschlossen. Es wurde
dunkel in der kleinen Stube.

Pauline, die sich den ganzen Tag über lebhafter gezeigt hatte als gewöhnlich, war still geworden. Sie entkleidete den kleinen Gustav seiner Festsachen und brachte
ihn zur Ruhe in die Kammer. Frau Katschner hatte die
Lampe bereits angezündet, als Pauline wieder ins Wohnzimmer trat. „Nu war ar duch ne gekummen, Pauline!“
sagte die Mutter, halb mitleidig, halb neugierig, was
die Tochter nun anstellen werde; jedenfalls war sie nicht
ganz frei von Schadenfreude. Pauline erwiderte nichts; in
ihrer gespannten, trostlosen Miene lag alles ausgesprochen.
Jetzt hielt sie es nicht mehr der Mühe für wert, der
Mutter gegenüber den Schein der Gleichgiltigkeit aufrecht
zu halten.

Nichtsdestoweniger besorgte sie alles, schaffte und ordnete,
wie sie es jeden Abend zu thun gewohnt war. Aber als sie
allein war in der Kammer bei dem schlafenden Kinde, brach
der zurückgehaltene Jammer aus.

Sie saß auf der Kante ihres Bettes. Die Thränen liefen
ihr über die Wangen, unaufhörlich. Daß er ihr das anthun
konnte! Er war im Dorfe! Seit dem frühen Morgen schon war
er da, und zu ihr hatte er den Weg noch nicht gefunden. So
wenig hielt er auf sie, so wenig bedeutete sie für ihn. Das
hatte sie nicht verdient um ihn! —

So saß sie stundenlang. Das Kind störte sie nicht.
Ruhig lag der Junge in seinem Korbe, mit den gleichmäßig
leichten Atemzügen des gesunden Kinderschlummers. Die Kälte,
welche von allen Seiten eindrang in die Kammer, seit im
Nebenraum das Feuer ausgegangen war, fühlte sie kaum.
Ihr Blick war durch die kleinen Scheiben des Schiebefensterchens
hinaus gerichtet in den Garten, der in hellem Mondschein
lag, wie ein Tuch. Die alten Obstbäume zeichneten mit
ihren krüppeligen Ästen verzwickte Schattenbilder darauf. Wie
oft in früheren Zeiten hatte sie hier so gesessen, klopfenden
Herzens in die Nacht hinein wartend, ob er wohl kommen
werde. Sie dachte an jenes erste Mal, wo er vor ihrem
Fenster gestanden. In einer warmen Juninacht war es gewesen; nur seinen Kuß hatte sie bis dahin gekannt. Wie er sie
da um Einlaß gebeten! welche Worte er da gehabt hatte! welche
Gebete und Schwüre! —

Und jetzt, nachdem sie ihm alles gestattet, alles gegeben,
was sie hatte, nachdem sie ihm ein Kind geboren und ihm
durch schwere Zeiten hindurch die Treue gehalten, jetzt brachte
er es über sich, nach langer Trennung, einen ganzen Tag im
Dorfe zu sein und nicht zu ihr zu kommen.

Die Uhr schlug zehn Uhr vom Kirchturme. Sie starrte
noch immer in den Garten. Ihre Thränen waren versiegt.
Eine Art von Kälte war auch über ihre Seele gekommen.
Mochte es sein, wie es war; es war gerade recht so! Sie wollte
den bitteren, feindlichen Gefühlen nicht wehren. Er lag ein Genuß darin, das Unrecht, das einem wiederfuhr, auszukosten und
den in Gedanken schlecht zu machen, der es einem zugefügt.

So also hielt er seine Schwüre! Das war wahrscheinlich
die Art, wie er sie von jetzt ab behandeln wollte. Jetzt, wo
sie das Kind von ihm hatte, wo sie ihm sicher war, hielt er's
wohl nicht mehr für nötig, lieb mit ihr zu sein.

Oder, ob er seine Pläne inzwischen geändert hatte? —
Vielleicht dachte er daran, eine ganz andere heimzuführen. Er
plante wohl gar eine reiche Heirat! — Da war Ottilie Kaschel,
die Tochter aus dem Kretscham, seine Cousine. Die hätte ihn
nur gar zu gern gehabt. Diese alte widerliche Person! —
Aber hieran glaubte Pauline selber nicht recht. So schlecht
konnte Gustav nicht sein! Und außerdem war sie sich ihrer
eigenen Vorzüge doch zu sehr bewußt, die im Wettstreite mit
der häßlichen Kretschamtochter den Sieg davontragen mußten.

Ob sie ihm etwa zu Haus abgeredet hatten. Mit den
alten Büttners stand sie sich ja neuerdings besser; aber da war
diese böse Sieben: Therese. Vielleicht hatte die irgend eine
Verläumdung ersonnen, der Gustav Glauben geschenkt.

Er war ja überhaupt so mißtrauisch! Alles glaubte er,
was ihm von bösen Menschen Schlechtes von ihr gesagt wurde.
‚Übelnehmsch‘ war er auch. Tagelang konnte er wegen einer
Kleinigkeit ‚mukschen‘. Und seine Eifersucht! Wenn ein anderer
sie nur mit einem Blicke ansah, war er sofort außer dem
Häuschen. Pauline mußte lächeln, als sie an einen Vorgang
dachte, beim Kirchweihfest, vor einigen Jahren. Da hatte er
sie einem Tänzer aus den Armen gerissen, und sie vom Tanzsaale weggeführt, weil er gefunden, daß ihr Partner den Arm
zu fest um sie gelegt hatte.

Wie thöricht er sich bei so etwas anstellen konnte! Aber,
ein lieber Kerl war er doch! Sie hatte gut, ihn mit ihren
Gedanken anklagen und sich einreden, daß sie ihn hasse, und
daß sie nichts mehr von ihm wissen wolle; das glaubte sie ja
alles selber nicht. Er war und blieb ihr Gustav, ihr Einziger,
ihr Herzallerliebster. Morgen würde sie sich aufmachen, ihn
aufzusuchen und ihn zur Rede stellen, sei es wo es sei. So
scheu und zurückhaltend das Mädchen sonst war, davor hatte
sie keine Angst. Es war nicht das erste Mal, daß sie ihn zu
sich zurückgeführt hatte.

Nachdem dieser Entschluß in ihr gereift war, fühlte sie
sich sehr ruhig, glücklich geradezu. Sie erhob sich, nahm das
Kind aus dem Korbe, hielt es ab, und machte sich dann an's
Auskleiden. Schnell in die Federn! Die Glieder waren ihr
steif geworden vom langen Aufsitzen in der Kälte.

Sie hatte sich das Deckbett bis an den Hals gezogen
und die Augen geschlossen zum Schlummer, als ein leichtes
Geräusch an ihr Ohr schlug, draußen von der Hauswand kam
es her. Sie fuhr im Bette in die Höhe; den Ton kannte sie.
Alles Blut war ihr in einer starken Welle zum Herzen gedrungen. Noch einmal dasselbe Klopfen an der Lehmwand!
Sie war schon am Fenster und schob den Schieber beiseite.
Richtig! da draußen stand eine dunkle Gestalt. „Gustav?“ —
„Ja!“ — „Ich kumme!“ Schnell ein Tuch über die bloßen Arme
geworfen! etwas an die Füße zu ziehen, nahm sie sich nicht erst
die Zeit. Dann die Kammerthür nach dem Hausgang geöffnet!
so leise wie möglich die hintere Hausthür aufgeriegelt und
aufgeklinkt!

Im Rahmen des Thürstocks erschien jetzt seine Gestalt.
Sie griff nach Gustavs Hand, leitete ihn, damit er in der
Dunkelheit nicht zu Falle komme. Erst als sie ihn drinnen
hatte bei sich, in der Kammer, den Geliebten, warf sie sich ihm
um den Hals, wie sie war, nichtachtend der Kälte und Nässe,
die er aus der Nacht mit hereinbrachte.

XII.

Die von Edmund Schmeiß versprochenen Dünge- und
Kraftfuttermittel trafen in einem großen Brettwagen auf dem
Büttnerschen Gehöfte ein. Der Fuhrmann übergab einen
Lieferschein, der am Kopfe die Firma: Samuel Harrassowitz
trug. Der Büttnerbauer begriff nicht, was das heißen solle.
Er hatte doch mit Edmund Schmeiß gehandelt und nicht mit
Harrassowitz. Der Kutscher, den der Bauer darüber ausfragen
wollte, wußte auch keinen Bescheid zu geben. Er sei von der
Firma S. Harrassowitz beauftragt, seine Fracht hier abzuladen.
Es waren Säcke mit Chilisalpeter und Knochenmehl, und ein
Haufen Erdnußkuchen. Der Fuhrmann ließ sich Empfangnahme vom Bauern quittieren, und übergab dann einen Brief.
Darin bekannte Samuel Harrassowitz, Bezahlung für gelieferte
Dünge- und Kraftfuttermittel durch ein von Herrn Edmund
Schmeiß an seine Ordre remittiertes Accept des Bauerngutsbesitzers Traugott Büttner in Halbenau empfangen zu haben.

Der Büttnerbauer stand ratlos vor dem Papiere. Was
bedeutete nun das wieder! Wieviel schuldete er nun eigentlich
und für was? Und wessen Schuldner war er?

Der künstliche Dünger wurde vom Wagen genommen und
in einer Ecke des Schuppens untergebracht. Der alte Bauer
empfand nichts als Verachtung diesen Säcken gegenüber mit
ihrem salzartigen Inhalte. Was sollte dieses Zeug seinen
Feldern nützen! Das war ja auch nur so neumodischer Unsinn.
Wie konnten einige Handvoll solchen Pulvers ein Fuder Mist
ersetzen, wie neuerdings gelehrte Leute aus der Stadt behaupteten. Mit Ingrimm betrachtete er sich diese Säcke, in
denen sein gutes Geld steckte.

Gustav dachte anders darüber, als der Vater. Er war
während seiner Dienstzeit in vorgeschrittnere Wirtschaften gekommen, als die väterliche war, und hatte die Vorzüge der
künstlichen Düngung mit eigenen Augen wahrgenommen. Er
wußte auch, zu welcher Jahreszeit und auf welche Böden
man die verschiedenen Düngerarten anzuwenden hatte. Der
Vater überließ es ihm, mit dem „Zeugs“ anzufangen,
was er wollte. Über dreißig Jahre hatte er gewirtschaftet,
ohne dergleichen. Er war zu alt, um darin noch umzulernen.

Auch in anderer Beziehung machte sich Gustavs Einfluß
geltend. Die Kartoffelernte hatte inzwischen ihren Anfang genommen. Der Büttnerbauer wollte, wie in den Jahren bisher,
das Ausmachen der „Apern“ mit den Seinigen bezwingen.
Gustav redete ihm zu, er solle Tagelöhner aus dem Dorfe annehmen, wie die anderen Bauern es thaten. Aber der Alte
sträubte sich dagegen, er scheute die Ausgabe; außerdem, behauptete er, würden ihm Kartoffeln gestohlen. Die Ernte zog
sich dadurch endlos in die Länge, denn außer dem Alten, der
die Furchen anfuhr, standen nur acht Hände für das Lesen
der Früchte zur Verfügung. Dabei konnte man Toni, die
nicht mehr allzuweit von der Entbindung stand, kaum mehr als
volle Arbeitskraft rechnen. Der alte Bauer zankte und wetterte, daß es nicht vorwärts rücke. Nächstens werde es frieren
und die Hälfte der Kartoffeln stecke noch im Acker. Dabei
war doch sein eigener kurzsichtiger Geiz und Starrsinn der
Hauptgrund der Verzögerung.

Da kam Gustav auf einen Gedanken; er schlug vor,
Kinder von armen Leuten, Häuslern, Einliegern, Handwerkern,
die selbst kein Land hatten, zum Kartoffellesen anzunehmen
und sie mit einem bestimmten Maß von Kartoffeln zu bezahlen.

Der Gedanke leuchtete dem Alten ein. Auf diese Weise
brauchte kein bar Geld ausgegeben zu werden, mit dem er in
letzter Zeit karger umging, denn je zuvor. Die paar „Apern“,
welche die Kinder mit fortnahmen, fehlten kaum am Ertrage, und
am Stehlen wurden die Kinder auch verhindert, denn sie hatten
genug zu schleppen an dem ihnen Zuerteilten. Gustavs Plan
kam zur Ausführung. Eine ganze Rotte von Kindern armer
Leute wurde angenommen und in wenigen Tagen war die
Ernte beendigt.

Der Büttnerbauer konnte mit dem Ertrage zufrieden sein.
Die Kartoffel war in diesem Jahre gut gediehen. Die Nässe
im frühen Sommer hatte das Wachstum des Kräutichs befördert und die Wärme und Trockenheit des späteren Sommers
war der Entwickelung der Knollen zugute gekommen. Die
Früchte waren zahlreich, groß und gesund. Ein wahrer Segen
für die Armen, deren Hauptnahrung für den Winter gesichert
war. Der Keller unter der Büttnerschen Scheune reichte in
diesem Jahre nicht annähernd, um die Hackfrüchte sämtlich aufzunehmen. Gustav gab daher seinem Vater den Rat, nur
Kraut und Rüben in den Keller zu nehmen, und an Kartoffeln
soviel, wie man für Haus- und Viehstand im Winter voraussichtlich brauchen würde, das übrige aber auf freiem Felde
einzumieten. Der Bauer folgte auch darin dem Rate des
Sohnes. Der plötzliche Preissturz, den die Kartoffel gleich
darauf erlitt — welcher mit der allgemein gut ausgefallenen
Ernte zusammenhing — konnte ihn belehren, daß er recht daran
gethan habe. Für das Frühjahr durfte man mit Wahrscheinlichkeit auf ein Anziehen des Preises rechnen.

Die Herbstbestellung verlief unter günstiger Witterung.
Zeitig bedeckten sich die Felder mit dem zarten Grün des aufgehenden Winterkorns. Ein milder Spätherbst gestattete es,
bis tief in den November hinein zu pflügen. Als die ersten
Flocken niedergingen, konnte der Landmann dem mit Ruhe
zusehen; es war Zeit für den Schnee. Die Ernte war geborgen, der Acker vorbereitet für die Frühjahrsbestellung, und
die Winterung gut aufgegangen.

Mit dem Büttnerbauer war eine Wandlung vor sich gegangen in der letzten Zeit. Er war milder geworden und
friedfertiger gegen die Seinen. Die wilde Hast hatte aufgehört, mit der er während des Sommers die Arbeiten betrieben hatte. Er ließ Frau und Kindern größere Freiheit,
die Weiber durften im Hauswesen wieder schalten. Bis auf
das Vieh herab erstreckte sich seine freundliche Stimmung. Die
Pferde erhielten wieder das ihnen gebührende Maß Hafer
und dankten ihrem Herrn bald dafür durch besseres Aussehen.
Sich selbst gönnte der Bauer jetzt auch wieder Schlaf und
Nahrung. Die guten Folgen davon bekam zunächst die Bäuerin
zu spüren; er erschreckte sie nachts nicht mehr durch Selbstgespräche und unheimliches Umgehen. In der Kirche war er
bald wieder der Aufmerksamsten einer, und der Pastor bekam
ein freundlicheres Gesicht zu sehen, als den Sommer über.

Das waren die segensreichen Folgen von Gustavs Rückkehr in's Vaterhaus. Seit er seinen zweiten Sohn wieder bei
sich hatte, schien der Büttnerbauer wie umgetauscht. Dabei
ließ er es dem Jungen gar nicht mal merken, wie große Stücke
er auf ihn hielt, und was sein Rat und seine Hilfe in der
Wirtschaft ihm bedeuteten. Über den Kopf wollte er sich den
jungen Menschen auch nicht wachsen lassen. Die natürliche
Eifersucht des Alters, das sich von der Jugend überflügelt
sieht, spielte dem Vater mit. Außerdem war Gustav nicht der
Älteste. Karl blieb auch in den geheimsten Gedanken und
Plänen des alten Mannes der Anerbe des Hofes. An dem
in seiner Gegend und seiner Familie eingebürgerten Gebrauche,
dem ältesten Sohne das Gut zu überlassen, hätte er nie und
nimmer rütteln mögen. Karl sollte der zukünftige Büttnerbauer sein und bleiben, wenn ihn auch Gustav jetzt häufig wie
einen Knecht anstellte und behandelte.

Gustav hatte auch die Ordnung der Geldverhältnisse in
die Hand genommen. Davon verstand er nur soviel, wie der
gesunde Menschenverstand einem lehrt. Denn Erfahrung in
dieser Art Dingen zu sammeln, hatte er bei der Truppe kaum
Gelegenheit gehabt.

Er that, vom richtigen Naturtrieb geleitet, das Vernünftigste, was bei der Lage seines Vaters gethan werden konnte,
er zählte zunächst einmal die sämtlichen Schulden zusammen
und stellte ihnen gegenüber die Einnahmen auf, die man als
sicher erwarten durfte. Dann entwarf er eine Art von Schuldentilgungsplan. Die Weihnachtszinsen hoffte er mit Hilfe des
noch unverkauften Hafers zu decken, für den Ostertermin sollten
die Kartoffeln bleiben. Wenn Hafer und Kartoffeln nur
einigermaßen Preis bekamen, hoffte er auf Überschüsse. Freilich,
soviel, wie nötig war, um den Wechsel bei Samuel Harrassowitz zu decken, würde auf keinen Fall übrig bleiben. Da
mußten eben noch andere Quellen aufgethan werden. Vielleicht ließ sich in diesem Winter etwas mehr aus dem Walde
nehmen, als sonst. Dann mußten allerdings die letzten Bäume,
die dort noch standen, dran glauben. Auch daran dachte er,
die zwei Schweine, welche die Bäuerin gewöhnlich um Weihnachten herum schlachtete, die Speck und Schinken für das
ganze Jahr hergeben mußten, zu verkaufen, statt sie in's
Haus zu schlachten. Sowie die Schweine nicht mehr im Stalle
wären, würde ja auch Milch übrig sein, und dann konnte mehr
gebuttert werden. Das Stroh, welches von der Kornernte her
reichlich vorhanden war, mußte auch in Rechnung gezogen
werden. So gab es schließlich eine ganze Anzahl Dinge, die,
wenn richtig verwertet, Einnahmen abwerfen konnten.

Bei dieser Aufstellung war allerdings nicht in Rechnung
gezogen die gekündigte und in naher Zeit fällige Hypothek von
Gustavs Onkel, Kaschelernst. Woher das Geld zur Deckung
dieser Forderung beschafft werden sollte, wußte Gustav ebenso
wenig, wie der alte Bauer selbst. Als der junge Mann zum
Haferverkauf nach der Stadt gefahren war, hatte er sich dort
unter der Hand erkundigt, ob und unter welchen Bedingungen
die Hypothek unterzubringen sei. Dabei hatte er sich überzeugen
müssen, daß solide Geschäftsleute mit Hypotheken an so gefährdeter Stelle nichts zu thun haben wollten. Von einer
Seite zwar wurde ihm das Geld geboten, aber unter so übertriebenen Zinsbedingungen, daß er Halsabschneiderei witterte,
und von dem Geschäfte absah.

Gustav gab sich jedoch dieser Forderung wegen nicht allzu
schweren Besorgnissen hin. Er konnte sich nicht denken, daß
sein Onkel Ernst machen würde mit dem Ausklagen. Nicht
etwa, daß er Kaschelernst eine solche Härte gegen den eigenen
Schwager nicht zugetraut hätte; er kannte den Kretschamwirt
nur zu gut. Nein, er glaubte, daß der es nicht wagen würde,
den Bauern zum äußersten zu treiben. Er mußte doch am
besten wissen, daß bei dem Schwager nichts zu holen war.
Klagte er, so kam es zum Zusammenbruch, und Kaschelernst
verlor dann seine Hypothek, für die er bisher die Zinsen stets
richtig erhalten hatte. Daß der Kretschamwirt daran denken
könne, auf Erwerb des Bauerngutes selbst zu spekulieren, nahm
Gustav nicht an. Weder Kaschelernst, noch der Sohn, waren
Landwirte, und sein schlauer Onkel würde sich wohl hüten, zu
dem, was er schon hatte, sich noch die Last eines größeren
Besitzes aufzubürden.

Er nahm daher die Kündigung der Kaschelschen Hypothek,
die dem alten Bauern so schweres Ärgernis bereitet hatte, gar
nicht ernst. Das war wohl nur ein Schreckschuß oder ein
schlechter Witz, den sich der schadenfrohe Kretschamwirt zu
seinem besonderen Ergötzen gemacht hatte.

Gustav ging hin und wieder in den Kretscham, um die
Stimmung dort zu ergründen. Der Onkel behandelte ihn stets
mit ausgesuchter Zuvorkommenheit. Er lächelte und zwinkerte,
sobald er des Neffen ansichtig wurde, in seiner närrischen
Weise. Aber aus ihm herauszubekommen war nichts. Sowie
Gustav ernsthaft von Geschäften zu sprechen anfing, begann
er zu lachen, daß ihm manchmal die wirklichen Thränen aus den
Augen liefen; so verstand er es, die Sache ins Lächerliche zu
ziehen und den Neffen hinzuhalten.

Wenn nicht die stete Sorge um die Vermögenslage seiner
Familie gewesen wäre, hätte Gustav in jener Zeit ein glückliches und gemächliches Leben führen können.

Wintersanfang ist eine der ruhigsten Zeiten für den
Landmann. Sobald die weiße Decke die Fluren bedeckt, kann
er von seinen Werken ausruhen und dem lieben Gott die
Sorge um die Saaten überlassen. In dieser Zeit, wo die
ganze Natur auszuruhen scheint vom Schaffen und Hervorbringen, wo alle jene treibenden, nährenden, in Saft und
Frucht schießenden Triebe gleichsam eingefroren sind, hält auch
der Bauer eine Art von Winterschlaf. Mehr als andere ist
er ja verwandt mit der Erde, die er bebaut. Er hängt mit ihr
zusammen, wie das Kind mit der Mutter, vor der Trennung.
Er empfängt von ihr geheimnisvolle Lebenskräfte, und ihre
Wärme ist auch die seine.

Ohne Arbeit war freilich auch der Winter nicht. Da gab
es Schnee auszuwerfen, auf den Wegen. Dann war die
Holzarbeit. Der Büttnerbauer machte sich mit Hilfe seiner
beiden Söhne daran, die einzelnen übergehaltenen Kiefern und
Fichten zu fällen, die gefällten zu Klötzern zu schneiden, die
Wipfel und Äste zu Reisighaufen aufzuschichten. Was an verkrüppeltem Holze da war, das nicht zu Nutzstücken verwertet
werden konnte, wurde in den Schuppen gebracht, und dort in
Scheite gespalten und zu Brennholz zerkleinert.

Es gab einen harten Winter. Das Feuer im Kochherde,
der gleichzeitig Ofen für die Wohnstube war, durfte nicht ausgehen. Kohlen zu verwenden, betrachtete der Bauer als Verschwendung; wozu wuchsen denn auch die Bäume im Walde!
So wurde denn tüchtig Holz verkachelt. Zu lüften hütete
man sich wohl, damit ja nicht etwas von der kostbaren Wärme
entfliehe. Gegen Öffnen durch vermessene Hände waren die
Fenster übrigens wohl verwahrt. Im Herbst schon hatte man
die Fensterstöcke und Rahmen mit Moos, Laub, Stroh und
Nadelzweigen sorgsam versetzt. So war das ganze Haus in
einen schützenden Mantel gekleidet, welcher der Winterkälte
den Zugang verwehrte, zugleich aber auch die frische Luft
ausschloß.

Der Tag begann spät, erst gegen sieben Uhr dämmerte
es ja, und der Büttnerbauer drückte jetzt ein Auge zu wegen
des späteren Aufstehens. Wenn das Vieh um sechs Uhr früh
sein erstes Futter hatte, war er zufrieden. Um vier Uhr
nachmittags fing der Abend schon an. Lampen wurden nicht
gebrannt, der Ersparnis halber, nur Laternen und Unschlittkerzen. Wozu brauchte man auch Helligkeit! Das Kochen,
Aufwaschen und Buttern konnte in den paar Tagesstunden
vorgenommen werden. Zum Essen sah man auch im Halbdunkel genug. Gelesen oder geschrieben wurde nicht. Andere
Bedürfnisse kannte man kaum. Mit den Hühnern wurde zu
Bett gegangen. Man dämmerte so dahin, schläfrig und
schweigsam.

Therese war die einzige, die manchmal mit ihrem scharfen
Mundwerke, das auch im Winter nicht eingefroren zu sein
schien, etwas Erregung in dieses dämmerige Dasein brachte.
Vor allem an ihrem Gatten zankte sie herum, der meist mit
der Tabakspfeife im Munde hinter dem Ofen zu finden war.
Karl war im Winter schlimm daran, da konnte er sich, der
Kälte wegen, nicht auf den Heuboden oder ins Freie retten.
Die Ofenhölle war nur eine schlechte Zufluchtsstätte vor der
Galle seiner Ehehälfte.

Gustav wohnte zwar daheim, war aber auch viel in der
Behausung der Witwe Katschner zu finden. Für diesen Haushalt mußte er den fehlenden Mann ersetzen. Holzhacken, Wasserholen, all die schweren Arbeiten nahm er auf sich. Pauline
hatte für den Winter wieder das Weben aufgenommen. Sie
ging mit geheimer Freude an die Arbeit; sie wußte ja, wem
das zugute kam, was sie jetzt webte.

So teilte Gustav seine Zeit und seine Kräfte zwischen den
beiden Familien. Die Seinigen hatten sich darein gefunden,
in Katschners Pauline Gustavs Auserwählte zu erblicken.
Trotzdem fand ein Verkehr zwischen den Bauersleuten und dem
Mädchen nicht statt. Man fragte nicht danach, wann Hochzeit
sein sollte. Das war Sache der beiden; nicht einmal mit den
eigenen Eltern sprach Gustav darüber.

Der Büttnerbauer war kein Träumer. Seine Interessen
waren der strengen und nüchternen Wirklichkeit zugewandt, und
zum Spintisieren und Phantasieren ließ ihm sein angestrengtes
Tagewerk keine Zeit übrig. Aber eines steckte tief in seinem
Wesen: er lebte viel mit seinen Gedanken in der Vergangenheit,
sie war ihm ein steter Begleiter der Gegenwart, der mit beredtem Munde zu ihm sprach. Dieser Hang zum Rückwärtsblicken und Beschauen des Vergangenen wurde in ihm bestärkt
durch die Vereinsamung, in der er sich befand. Denn obgleich
er eine zahlreiche Familie um sich heranwachsen sah, war dieser
Mann doch allein, wollte es sein. Er scheute jede Mitteilung seines Innersten anderen gegenüber, auch wenn sie von
seinem Fleisch und Blute waren. Aber mit den Dahingeschiedenen stand er in lebendiger Beziehung.

Sein erstaunlich frisches Gedächtnis unterstützte ihn darin.
Er vermochte sich Erlebnisse und Personen aus der frühesten
Jugend vor die Seele zu stellen, als seien sie gestern gewesen. Aussprüche der Eltern, ja selbst des Großvaters,
konnte er mit wörtlicher Treue wiedergeben, obgleich der Alte
vor nahezu fünfzig Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Er
war imstande, mit untrüglicher Gewißheit anzugeben, an
welchem Tage in einem bestimmten Jahre man das erste Heu
eingefahren hatte, oder was ihm damals für eine Kuh bezahlt
worden war, oder auch, wieviel der Roggen in dem und dem
Monate gegolten hatte.

Die Vergangenheit bildete aber nicht blos den vielbetrachteten Hintergrund seines Daseins, sie wirkte geradezu
entscheidend auf seine Entschließungen ein. Er war gebunden
in seinem Willen an Thaten und Absichten seiner Vorfahren. Ohne sich dessen selbst recht bewußt zu werden,
ließ er sich leiten von frommer Rücksicht auf Wunsch und
Willen jener Entschlafenen, die für ihn eben Gegenwärtige
waren.

Dabei sprach er fast nie von der Vergangenheit. Das
Sprechen, soweit es nicht einem bestimmten praktischen Zwecke
diente, erschien ihm überhaupt müßig. Das Reden um der
Aussprache willen, die süße Erleichterung des Gemütes
durch Mitteilung, kannte er, nicht, verachtete dergleichen, als
weibisch.

Am ehesten ließ er noch etwas von seinen Gefühlen
seinem Sohne Gustav blicken, der von der ganzen Familie
seinem Herzen am nächsten stand. Das hatte seinen besonderen
Grund. Der alte Mann glaubte in diesem Sohne etwas von
dem Wesen des eigenen Vaters wieder lebendig werden zu
sehen. Die Ähnlichkeit bestand in der That zwischen Enkel
und Großvater. Aber auch sonst gab es verwandte Züge
zwischen den beiden. Wenn der Bauer diesen Sohn auf Feld
und Hof schalten und walten sah, mit energischen Befehlen die
Geschwister anstellend überall selbst mit Hand anlegend, voll
Eifer und Lust an der Arbeit, dann wurde der alte Mann
an den Vater erinnert, der für ihn noch jetzt das Muster
eines tüchtigen Wirtes bedeutete. Und so verband sich mit
dem Gefühle des Vaterstolzes für den Büttnerbauer die geheime Hoffnung, daß durch diesen Sohn der Familie wieder
eingebracht werden möchte, was sie durch schlechte Jahre und
Unglücksfälle mancherlei Art in letzter Zeit eingebüßt hatte an
Vermögen und Bedeutung.

Jetzt im Winter, wo die Arbeit nicht auf die Nägel
brannte, war mehr Zeit als sonst, seinen Gedanken nachzuhängen. Was für Erinnerungen wurden da in der Seele des
Alten wach! was für Gestalten standen da vor seinem rückschauenden Blicke auf und gewannen Leben! —

Da war sein Vater: mittelgroß, breitschulterig, bartlos,
wie alle Büttners vordem, blondhaarig. Er gedachte des
Vaters immer, wie er ihn aus der frühesten Kindheit in Erinnerung hatte, als eines im besten Lebensalter stehenden
blühenden Mannes. Was war das für ein Arbeiter gewesen!
Mit einem Finger hatte der den Pflug ausgehoben und umgewendet. Und dabei war er ein Grundgescheiter gewesen.
Dem hatte niemand ein X für ein U machen dürfen. Deshalb
war es ihm auch gelungen, das Seine zusammenzuhalten und
zu mehren.

Der Großvater des jetzigen Büttnerbauern hatte diesem
Sohne das Gut noch bei Lebzeiten überlassen, und sich auf
das Altenteil zurückgezogen. Der alte Mann fand sich in der
neuen Ordnung der Dinge, welche durch die Bauernbefreiung
und die Gemeinheitsteilung in den bäuerlichen Verhältnissen
entstanden war, nicht mehr zu recht. Er hatte die Zeiten der
Erbunterthänigkeit unter die Gutsherrschaft und die Fronden
durchgemacht. Als junger Mensch hatte er drei Jahre lang
im Zwangsgesindedienst auf dem Gutshofe gescharwerkt. Später
waren von ihm die fälligen Spanndienste für die Herrschaft
abgeleistet worden. Er lebte ganz und gar in den Anschauungen
der Hörigkeit. Der Hofedienst ging allem anderen voraus.
Der Graf, sein gnädiger Herr, konnte ihm sein Gut wegnehmen, wenn er wollte, und einen anderen an seine Stelle
setzen, wie es ihm gerade paßte. Der Herr hatte die oberste
Polizei und Strafgewalt und verfügte über Leib und Vermögen seines Unterthanen.

Das wurde nun mit einemmale alles anders. Der Bauer
sollte fortan ein freier Herr sein, auf eigenem Grund und
Boden. Dabei fiel mit den Pflichten auch der Schutz weg.
den die Gutsherrschaft den Unterthanen gewährt hatte. Viele
Leute, besonders die alten, in der Erbunterthänigkeit groß
gewordenen, konnten sich in diese Änderung der Dinge nicht
finden. Sie hatten gar kein Bedürfnis nach Freiheit empfunden.
Seit Menschengedenken hatten ihre Familien Hofedienste gethan, hatten unter Obhut und Leitung des Edelmannes ihr
Leben zugebracht; Selbständigkeit und Freiheit waren für sie
Worte ohne Sinn. Sie wollten es nicht anders haben, als
ihre Väter es gehabt. Der Gutsherr hatte ihre Kräfte benutzt,
hatte sie vielleicht über Gebühr angestrengt, aber er hatte auch
für sie gedacht, und sie in schlimmen Zeiten geschützt. Das
gebot ihm das eigenste Interesse; sie gehörten ihm ja, waren
seine Leute, ohn deren kräftige Hände sein Besitz wertlos war.
Nun sollten sie auf einmal für sich selber denken und sorgen.
Sie standen auf eigene Füße gestellt, verantwortlich für ihre
Thaten. Gar manchen fröstelte da in der neugeschenkten
Freiheit, und er wünschte sich in das Joch der Hörigkeit
zurück.

So ging es auch dem alten Büttner. Schwere Zeiten
hatte der Mann gesehen. Zweimal waren die Franzosen durch
Halbenau gekommen und hatten geplündert. Was sie übrig
gelassen, nahmen die Kosacken mit, die als Verbündete kamen,
aber ärger hausten als die Feinde. Von dieser Einquartierung
sollte man sich noch lange in der Gegend erzählen. Dann
kam gleich nach dem Feinde ein furchtbares Notjahr mit Mißernte und Hungersnot im Gefolge. Mancher Bauer verließ
in jenen Tagen seinen Hof und ging auf das Rittergut, oder
in die Stadt, um Anstellung zu finden, da er als eigner Wirt
dem sicheren Verhungern entgegensah. Da wurde vielfach
lediges Bauernland von der Herrschaft eingezogen. Der damalige Büttnerbauer sah es daher als eine Erleichterung an,
als bei der Regulierung ein Drittteil seines Gutes der Herrschaft Saland zugeschlagen wurde. Ja, er hätte sich vielleicht
von dem mächtigen Nachbarn, der sich aus einem Beschützer
über Nacht in einen Nebenbuhler verwandelt hatte, ganz aus
seinem Besitze verdrängen lassen, wenn nicht sein Sohn gewesen wäre.

Leberecht Büttner war, im Gegensatze zu seinem Vater,
ein Sohn der neuen Zeit. Er hatte die Freiheitskriege mit
gemacht, als Grenadier. Zweimal war er in Frankreich gewesen, war mit Erfahrungen und voll Selbstbewußtsein aus
der weiten Welt in das Heimatsdorf zurückgekehrt.

Zu Hause nahm er sehr bald das Heft in die Hand. Der
Vater besaß soviel Vernunft, um einzusehen, daß er nichts
besseres thun könne, als der jüngeren Kraft Platz zu machen;
er ging in's Ausgedinge und lebte noch manches Jahr. Aus
alter Gewohnheit nahm er an der Feldarbeit Teil, und ward
eine Art von Tagelöhner bei dem eigenen Sohne. Der jetzige
Büttnerbauer konnte sich noch ganz gut auf ihn besinnen. Ein
kleines gebücktes Männchen mit schiefer Nase und rotgeränderten Augen war er gewesen. Sein gelbgraues Haar hatte
ihm in langen Strähnen um den Kopf gestanden. Sonntags
pflegte er einen blauen Rock zu tragen, der ihm bis an die
Knöchel reichte und eine braun und grün gewürfelte Weste
mit blanken Perlmutterknöpfen. Er wußte den Enkeln mit
hoher, dünner Greisenstimme schauerliche Geschichten zu erzählen,
von der Franzosenzeit und der Kosackeneinquartierung.

Leberecht Büttner verstand es, die neugewonnene Unabhängigkeit, mit der sein Vater nichts anzufangen gewußt hatte,
vortrefflich auszunutzen. Der Aufschwung, den die Landwirtschaft zu Anfang des Jahrhunderts genommen, die Erkenntnis der Bodenpflege, die veränderte Fruchtfolge, die Bekanntschaft mit neuen Kulturgewächsen, begann langsam durchzusickern und verdrängte allmählich auch in diesem entlegenen
Winkel die veraltete Wirtschaftsweise der Väter. Durch die
Aufteilung der Gemeindeweide und die Einschränkung des Viehtreibens und der Streunutzung im Walde wurde der Bauer,
selbst wenn er widerwillig war, zu vernünftigerem Wirtschaften
gezwungen.

An Stelle der Weide trat der Stall, dadurch wurde der
bisher verschleppte Mist für die Felddüngung gewonnen. Man
mußte Futterkräuter anbauen und mit der Brachenwirtschaft
brechen. Hand in Hand damit ging die bessere Wiesenpflege
und die Tiefkultur.

Leberecht Büttner war der erste Bauer in Halbenau,
welcher mit der Dreifelderwirtschaft brach. Er baute eine
massive Düngergrube auf seinem Hofe und führte regelmäßige
Stallfütterung ein für das Vieh; trotzdem konnte man ihm
nicht vorwerfen, daß er neuerungssüchtig sei. Von dem zähkonservativen Bauernsinne hatte er sich den besten Teil bewahrt: wohlüberlegtes Maßhalten. Er überstürzte nichts, auch
nicht das Gute. Seine Bauernschlauheit riet ihm, zu beobachten
und abzuwarten, andere die Kastanien aus dem Feuer holen
zu lassen, nichts bei sich einzuführen, was nicht bereits erprobt
war, vorsichtig ein Stück hinter der Reihe der Pioniere zu
marschieren. Behutsam und mit Vorbedacht ging dieser Neuerer
zu Werke. Er begnügte sich mit dem Sperling in der Hand
und überließ es anderen, nach der Taube auf dem Dache Jagd
zu machen.

Dabei war ihm das Glück günstig. Die jahrzehntelang
gedrückten Getreidepreise begannen auf einmal zu steigen. Der
Absatz erleichterte sich durch die neugefundenen Verkehrsmittel.
Von dem ansteigenden Strome wachsender Lebenskraft und gesteigerten Selbstbewußtseins im ganzen Volke, wurde auch der
kleine Mann emporgetragen. Leberecht Büttner war im rechten
Augenblicke geboren, das war sein Glück; daß er den Augenblick zu nützen verstand, war sein Verdienst. Er durfte zu
einer Zeit wirken und schaffen, wo der Landmann, wenn er
seinen Beruf verstand, Gold im Acker finden konnte.

So arbeitete sich dieser Mann im Laufe der Jahre aus
der Verarmung zu einer gewissen Wohlhabenheit empor. Es
gelang ihm, einen günstigen Landkauf zu machen, bei welchem
er der benachbarten Herrschaft, die ihr Areal nach Möglichkeit
durch Auskaufen kleiner Leute zu vermehren trachtete, zuvorzukommen verstand. Durch diesen Ankauf brachte er das Gut
auf den nämlichen Umfang, wie es vor der Ablösung gewesen
war. Aber während das Bauerngut zur Zeit der Hörigkeit
nicht viel besser als eine Wüstenei gewesen war, hatte er es
durch Fleiß und Einsicht in eines der bestgepflegtesten Grundstücke weit und breit verwandelt.

Leberecht Büttner starb an der Schwelle des Greisenalters eines plötzlichen Todes. Leute, deren ganzes Sinnen
und Trachten aufs Schaffen gerichtet ist, denken meist nicht
gern an's Sterben. Beim Tode dieses sorgsamen, vorbedachten
Mannes fand sich ein letzter Wille nicht.

Traugott Büttner, sein ältester Sohn, war in vieler Beziehung nach dem Vater geraten. Vor allen Dingen hatte er
dessen Zähigkeit, Thatkraft und Emsigkeit geerbt. Aber das
Geschick solcher Söhne, welche eigenartige Väter haben, traf
auch ihn: durch die ausgeprägte Persönlichkeit des Vaters hatte
die des Sohnes gelitten. Jener hatte sich voll ausgelebt, und
im Egoismus der starken Natur nie daran gedacht, daß in dem
Schatten, welchen er verbreite, ein kräftiges Gedeihen für den
Nachwuchs nicht möglich sei. Er war in seinem Bereiche alles
in allem gewesen. Seine Umgebung hatte sich daran gewöhnt,
bei allen wichtigen Entscheidungen auf den Vater zu blicken,
ihn denken und sorgen zu lassen. Leberecht führte das Regiment im Hause, zunächst über den eigenen Vater, der freiwillig
vor ihm zurückgetreten war, später über die Söhne, auch nachdem sie längst zu Jahren gekommen. Unter solchem Drucke
hatte sich Traugotts Charakter nicht frei und nicht glücklich
entwickelt. Er hatte von den Tugenden seines Vaters die Fehler.
Was bei Leberecht Vorsicht war, erschien bei Traugott als
Mißtrauen, während jener sparsam war und haushälterisch,
war dieser zum Geize geneigt und kleinlich. Der konservative
Sinn des Alten war bei dem Sohne in Engigkeit, die Energie
in Trotz und Eigensinn ausgeartet.

Und eines war vom Vater auf den Sohn nicht übergegangen: das Glück.

Leberecht Büttner war ein echtes Glückskind gewesen. Er
trat als junger Mensch zur rechten Zeit auf den Schauplatz,
um das väterliche Gut vor Annexion durch Fremde zu retten,
er kam als reifer Mann in Zeiten, wo Thatkraft und Fleiß
nicht umsonst vergeudet wurden. Sein Sohn war in anderer
Zeit und in veränderter Lage geboren. Er übernahm zwar
ein großes Anwesen im besten Stande, aber unter erschwerten
Bedingungen. Die Vermögenslage, in welche Traugott Büttner
durch die Erbauseinandersetzung mit seinen Geschwistern gekommen, trug den Keim einer großen Gefahr in sich. Alles
kam jetzt auf den neuen Wirt an und auf sein Glück. Es
kamen schwere Zeiten, denen er sich nicht gewachsen zeigte.
Fallende Getreidepreise, sinkende Grundrente, dazu steigende
Löhne und wachsende Ausgaben. Ein schnelleres Getriebe im
Geschäftsleben und erschwerte Kreditbedingungen. Alles verwickelte und verschob sich. Mit dem schlichten Verstande allein
kam man da nicht mehr durch. Die Ansprüche waren gesteigert auf allen Gebieten. Die alte Wirtschaftsweise, wo man
seine Erzeugnisse auf den Markt brachte, mit dem Erlös die
Zinsen und Abgaben deckte, und was übrig blieb mit seiner
Familie verzehrte; diese einfache Art, aus der Hand in den
Mund zu leben, war gänzlich aus der Mode gekommen. Der
neumodische Bauer hielt sich womöglich Zeitungen, las Bücher
über Landwirtschaft, studierte die Börsenkurse und die Wetterberichte. Solche Leute nannten sich dann freilich auch nicht
mehr Bauern, sondern „Ökonomen“ und ließen ihre Söhne
freiwillig dienen.

Traugott Büttner hielt am Alten fest, wie es sein Vater
bis zu gewissem Grade auch gethan hatte. Leberecht Büttner
aber hatte sich dem, was gut und nützlich im Neuen war, nie
verschlossen, und das that Traugott. Er verstand seine Zeit
nicht, wollte sie nicht verstehen. Er haßte jede Neuerung von
Grund der Seele, und brachte es darum niemals zu einer
Verbesserung. Er glaubte die neue Zeit mit Verachtung zu
strafen, und merkte nicht, daß sie achtlos über ihn hinwegschritt,
und ihm den Rücken wandte. Mürrisch hatte er sich auf sich
selbst zurückgezogen, zehrte von seinem Trotze und lebte ein
glückliches Leben nur in der Erinnerung an die „gute alte
Zeit“, die doch ihrerzeit auch mal neu gewesen war.

Manchmal freilich sah er sich doch gezwungen, in das
Licht, von dem er sich grollend abgewandt hatte, zu blicken.
Um so schmerzhafter blendete ihn dann die grelle Tageshelle
der Wirklichkeit. Dann fuhr er auf aus seiner weltentfremdeten Zurückgezogenheit und beging in heftiger Übereilung verhängnisvolle Irrtümer. Sah er dann durch den Erfolg seines
Thuns, daß er verfehlt gehandelt hatte, so versteifte er sich
gegen besseres Wissen auf sein gutes Recht. Aber, im Inneren
war ihm nicht wohl dabei zu Mute, und leicht focht ihn
dann Unsicherheit und Verzagen an. Denn wenn er auch
nach außen hin nicht um eines Haares Breite nachgab und
lieber einen Finger eingebüßt hätte, als ein Zugeständnis zu
machen, so stand er doch vor dem Richter in der eigenen
Brust häufig als ein Fehlender da. Reue und Zerknirschung
war es nicht, was er da empfand. Zum Beugen war sein
Bauernnacken zu steif. Weder vor Menschen noch vor Gott
liebte er es, sich als Sünder hinzustellen.

Des Büttnerbauern Christentum war ein eigenartiges
Gemächte, das vor den Augen orthodoxer Theologen wohl als
eine Art von Heidentum erfunden worden wäre. Sein Verhältnis zu Gott bestand in einem nüchternen Vertrage, der
auf Nützlichkeit gegründet war. Der himmlische Vater hatte
nach Ansicht des Bauern für gute Ordnung in der Welt, für
regelmäßige Wiederkehr der Jahreszeiten, gut Wetter und Gedeihen der Feldfrüchte zu sorgen. Kirchgang, Abendmahl,
Kollekte, Gebet und Gesang, das waren Opfer, die der Mensch
Gott darbrachte, um ihn günstig zu stimmen. War das Wetter
andauernd schlecht, oder die Ernte war mißraten, dann grollte
der Bauer seinem Schöpfer, bis wieder bessere Zeit kam. Von
der Buße hielt er nicht viel. Um das Fortleben nach dem
Tode kümmerte er sich wenig, sein Denken und Sorgen war
ganz auf das Diesseits gerichtet. Was der Herr Pastor sonst
noch sagte, von der Aneignung der göttlichen Gnade, dem
stellvertretenden Opfertode Christi und der Wiedergeburt im
Geiste, das hörte er sich wohl mit an, aber es lief an seinem
Gewissen ab, ohne Eindruck zu hinterlassen. Dergleichen war
ihm viel zu weit hergeholt und verwickelt. Das hatten sich
wahrscheinlich die Gelehrten ausgedacht: die Studenten und
die Professoren, oder wie sie sonst hießen. Er trug ein deutliches, höchst persönliches Bild von seinem Gotte in der Seele.
Er wußte ganz genau, wie er zu dem da oben stand; es bedurfte keines Vermittlers, um ihn zu Gott zu führen. Manchmal in früher Morgenstunde, wenn er auf dem Felde stand,
allein, und die Welt erstrahlte plötzlich in überirdischem Glanze,
dann fühlte er Gottes Nähe, da nahm er die Mütze vom
Haupte und sammelte sich zu kurzem Gebet. Oder ein Wetter
brauste daher über sein Haus und Land mit Blitzschlag und
Donnergrollen, dann spürte er Gottes Allmacht. Oder nach
langer Dürre ging ein befruchtender Regen nieder, dann kam
der Allmächtige selbst hernieder auf seine Erde. In solchen
Augenblicken ließ der Alte etwas wie eine Weihestimmung
in sich aufkommen. Sonst liebte er das Hingeben an Gefühle nicht. Er war kein Beter. Des Abends beim Abendläuten nahm er aus alter Gewohnheit die Mütze ab, sobald
die Glocke anschlug, und sprach sein Vaterunser; das war aber
auch alles. Im übrigen mußte der sonntägliche Gottesdienst
für die Woche aushalten.

Je älter der Bauer wurde, desto mehr zog er sich auf sich
selbst zurück, umgab sich mit einem Mantel von Welthaß und
Menschenverachtung. Und je einsamer er sich so machte, desto
stärker wurde doch in ihm das Bedürfnis, welches tief in der
Brust eines jeden Menschen lebt: sein Leben über den Tod
hinaus fortzusetzen, seine Persönlichkeit nicht untergehen zu
sehen, seinen Werken die Fortdauer zu sichern, daß er nicht
der Vergessenheit anheimfalle, die Erinnerung an ihn nicht
ausgelöscht werde, wie die Fußspur im Sande. Wäre er eine
mystisch angelegte Natur gewesen, so hätte er sein Heil in
der Gläubigkeit gesucht. Aber er war derb und nüchtern,
ein Bauer; alle seine Triebe waren der lebendigen Wirklichkeit zugewandt. Darum konnte ihm die Seligkeit, wie
sie das Christentum versprach, wenig Trost gewähren. Ein
Himmel mit rein geistigen Freuden bot ihm keine Anziehung. Er wollte nicht Verklärung, er wollte Fortsetzung
der Wirklichkeit, an der sein Ich mit allen Fasern hing. Er
war ein Sohn der Erde. Was er hier gewesen, was er
auf dieser Welt geschaffen und gewollt, sollte ewigen Bestand
haben.

Es konnte darum keine bitterere Erfahrung für den alten
Mann geben, als mit ansehen zu müssen, wie sein Lebenswerk
mehr und mehr dem Untergange entgegensteuerte. Von allen
Seiten sah er feindliche Mächte vordringen, die ihm das entreißen wollten, was er aus der Hand seines Vaters als
das köstlichste Erbteil empfangen hatte: sein Gut. Und in
seinem Kummer war ein Stachel verborgen; ein Tropfen gab
dem Kelche den bittersten Beigeschmack: der Selbstvorwurf.
Er wollte es sich nicht eingestehen, aber er mußte es doch
fühlen, das wurmende und brennende Bewußtsein, daß er selbst
die Schuld trug. Solche Erkenntnis kam nur blitzartig über
ihn. Er wußte die selbstanklägerische Stimmung wohl zu
verscheuchen. Andere waren schuld, nicht er! die schlechten
Zeiten, die Verhältnisse. Haß gegen die Welt, das war der
beste Trost, Ingrimm das beste Schutzmittel des Trotzigen
gegen die gefürchtete Reue.

Einen wirklichen Trost hatte er und an diesen klammerte
er sich mehr und mehr mit der verzweiflungsvollen Kraft des
Sinkenden: seinen Sohn Gustav. Wenn jemand ihn retten
konnte, so war der es. Das Zeug hatte der Junge dazu. In
Gustav sah er ein Stück vom Großvater, Leberecht, wieder
lebendig werden.

Ende des ersten Buches.

Zweites Buch.

I.

Eines Tages wurde dem Büttnerbauer ein Schreiben vom
Amtsgericht zugestellt. Es war ein Zahlungsbefehl. Das
Gesuch dazu war von Ernst Kaschel gestellt, welcher Zahlung
seiner siebzehnhundert Mark nebst Zinsen und Kosten verlangte,
widrigenfalls er mit Zwangsvollstreckung drohte.

Die Nachricht schlug wie ein Blitzstrahl ein. Trotz seiner
mangelhaften Kenntnis von der Rechtspflege, begriff der alte
Mann doch sofort, was das zu bedeuten habe. Nun stand es
fest, daß Kaschelernst seinen Untergang wollte; dies hier war
die Waffe, mit der er ihm auf den Leib rückte. Zwangsvollstreckung und in letzter Linie Zwangsversteigerung des Gutes,
darauf hatte der Kretschamwirt es abgesehen.

Der Büttnerbauer hatte in seinem Leben mehr als ein
Gut der Nachbarschaft unter dem Hammer weggehen sehen.
Manchen Bauern hatte er gekannt, der als wohlhabender
Mann angefangen, und schließlich mit dem weißen Stabe in
der Hand aus dem Hofe geschritten war. Zwangsversteigerung!
Der Gedanke daran konnte einem das Blut in den Adern gerinnen machen. Das war das Ende von allem! Der Bauer,
dem das geschah, war gestrichen aus der Liste der Lebenden,
losgerissen von seinem Gute, ausgerodet, hinausgeworfen auf
die Landstraße, wie man ein Unkraut aus dem Acker rauft
und über den Zaun wirft. —

Gustav war der einzige von der ganzen Familie, mit dem
der Bauer von diesem neuesten Unglück sprach. Gustav sah
sofort die Gefährlichkeit der Lage ein. Er sagte sich, daß etwas geschehen müsse, um die angedrohte Maßregel zu verhindern. Zunächst schien es immer noch das vernünftigste,
mit Kaschelernst selbst Rücksprache zu nehmen. Am Ende ließ
er sich doch dazu bringen, Stundung zu gewähren, vor allem
wenn man ihm vorstellte, daß er sein Geld bei einer Zwangsvollstreckung kaum herausbekommen und im Falle der Versteigerung sogar gänzlich einbüßen werde. Dadurch gewann
man Frist, und währenddessen gelang es vielleicht, von anderer
Seite Hülfe zu schaffen.

Gustav ging also noch am selben Morgen, als die Urkunde vom Gericht eingetroffen war, nach dem Kretscham.
Leicht wurde ihm der Gang nicht. Er würde bitten müssen,
auf alle Fälle sich demütigen vor den Verwandten. Dabei
war ihm die ganze Familie widerlich. Seinen Onkel Kaschel
hatte er nie ausstehen mögen. Wenn er an seine Kousine
Ottilie dachte, hätte ihm übel werden können. Und auch mit
seinem Vetter Richard stand er auf gespanntem Fuße, seit er
ihn, als Jungen, einmal windelweich geprügelt. Gustav hatte
den Vetter nämlich dabei überrascht, wie er mit dem Pustrohre
nach einem Huhn schoß, das er an einen Baum angebunden
hatte, als lebendige Zielscheibe. Diese Züchtigung hatte Richard
Kaschel wohl nicht so leicht vergessen.

Gustav traf in der Schenkstube seine Kousine Ottilie.
Er fragte sie, ohne Umschweife, nach dem Vater. Der sei im
Keller mit Richard und ziehe Bier ab, erklärte das Mädchen,
verlegen kichernd. Dann bat sie den Vetter, doch ins gute
Zimmer zu treten. Dieser Raum lag neben der großen Gaststube, und unterschied sich von ihr in seiner Ausstattung eigenlich nur durch ein Paar schlechte Öldrucke, welche den Kaiser
und die Kaiserin darstellten.

Hier mußte Gustav Platz nehmen. Ottilie war übergeschäftig um ihn bemüht, ihm einen Stuhl zurechtzurücken
und den Tisch vor ihm mit einem Tuche abzuwischen. Dabei
blinzelte sie den Vetter mit vielsagendem Lächeln von der Seite
an. Er sei von der Stadt her verwöhnt, zirpte sie mit erkünstelt hoher Stimme, aber er müsse eben hier vorlieb nehmen,
mit dem, was er vorfände. Es sei doch recht langweilig in
Halbenau. Warum sich denn der Vetter nicht öfter mal blicken
lasse. Und zum Tanze sei er noch gar nicht gesehen worden
im Kretscham. Die Mädchen hier seien ihm wohl nicht fein
genug? —

Gustav antwortete kaum auf ihre Bemerkungen. Er
witterte etwas von Eifersucht in dem Wesen der Kousine.
Hübsch war sie nicht, mit ihrem Kropfansatz, der langen überbauten Figur und dem schiefen Munde, der neuerdings eine Zahnlücke aufwies. Doch dafür konnte sie schließlich nichts. Aber,
was für eine Schlumpe sie war! So herumzulaufen! Mit
zerrissenen Strümpfen, zerschlissener Taille, und ungemachtem
Haar. Und sowas wollte die reichste Erbin in Halbenau
sein! Gustav stellte unwillkürlich Vergleiche an, zwischen
ihrer Schmuddelei und der Sauberkeit, die stets um Pauline
herrschte.

Ottilie lief plötzlich hinaus. Er glaubte es sei, um den
Vater herbeizuholen. Eine ganze Weile hatte er zu warten.
Dann kam das Mädchen zurück, aber ohne den Wirt. Sie
brachte vielmehr ein Brett, mit Frühstück darauf. Da waren
verschiedene Flaschen und Schüsseln. Freundlich lächelnd setzte
sie das vor den Vetter hin.

Gustav war ärgerlich. Zwar ein Kostverächter war er
nie gewesen, und bei den Eltern ging es neuerdings schmal
genug her; ein Frühstück nahm er immer gern an. Aber von
der hier bewirtet zu werden, das paßte ihm ganz und gar
nicht. Ihr Anblick konnte ihm jeden Appetit verderben.

Ottilie schien den Widerwillen nicht zu bemerken, den sie
einflößte. Sie schenkte ein, zunächst ein Glas Bier, neben das
sie noch, zur Auswahl, ein kleineres Glas mit rötlichem Inhalt stellte. Dann setzte sie sich ihm gegenüber an den Tisch,
und sah ihm zu, wie er aß und trank, mit dem Ausdrucke
innigster Befriedigung in ihren Zügen.

Es entging ihm nicht, daß sie sich inzwischen eine andere
Taille angezogen hatte. Er mußte unwillkürlich lächeln über
soviel verlorene Mühe. Schöner sah sie in dem rot und gelb
gemusterten Zeuge auch nicht aus, mit ihrer flachen Brust und
der gilblichen Hautfarbe. Das Mädchen that sein Möglichstes,
um den Vetter zum zulangen zu bringen. Nach jedem Schlucke,
den er nahm, schenkte sie nach, so daß der Inhalt des Glases
niemals abnahm.

Gustavs gesunder Appetit hatte bald den anfänglichen
Widerwillen überwunden. Zudem fragte er sich, warum er
die Thorheit dieses Frauenzimmers nicht ausnutzen solle.
Er ließ sich seines Onkels Bier, Schnaps und Schinken gut
schmecken.

Als er sich soweit gesättigt hatte, daß er nicht mehr
imstande war, noch einen Bissen herunterzubringen, schob er
den Teller von sich. Ottilie sprang auf, holte Zigarren und
brannte ihm eigenhändig eine an.

Er bat sie, daß sie nun den Vater aus dem Keller holen
möge. Sie meinte darauf, das habe ja noch Zeit. Man
habe sich doch so mancherlei zu erzählen, wenn man sich so
lange nicht gesehen. Dabei wechselte sie den Platz, setzte sich
an seine Seite. Das wurde ihm doch zuviel des Guten.
Es bedurfte einer sehr energischen Aufforderung von seiner
Seite, daß sie sich bewogen fühlte, endlich den Vater herbeizurufen.

Der Wirt erschien, wie gewöhnlich, in Pantoffeln, die Zipfelmütze auf dem Kopfe, die Hände unter der blauen Schürze.
Hinter ihm sein Sohn wußte die Haltung des Vaters vortrefflich nachzuahmen. Nach Kaschelscher Art begrüßten sie Gustav
mit Kichern und Grinsen, das sich bei jedem Worte, das gesprochen wurde, erneuerte.

„Ottilie! Ich nahm o eenen!“ rief der Wirt. „Vun an
Bierabziehn kann ens schon warm warn. Newohr Richard?“

Der Sohn feixte dummdreist, und schielte falsch verlegen
nach dem Vetter hin. Er mochte an die Lektion denken, die
er von dem einstmals empfangen hatte.

Gustav, um etwas zu sagen, fragte, ob Richard nicht bald
zu den Soldaten müsse. Da erhellten sich die Gesichter von
Vater und Sohn gleichzeitig. Der Alte meinte schmunzelnd:
„Ar is frei gekummen. Ju ju! Richard is militärfrei!“
Gustav sprach seine Verwunderung darüber aus, Richard habe
doch seines Wissens kein Gebrechen. „Nu, mir wußten och
nischt dervon, sulange. Aber, der Herr Oberstabsarzt meente,
er hätte Krampfadern an linken Beene. Ju ju! Krampfadern
thaten se's heeßen. Newohr Richard? Und da wurd' 'r
zuricke gestellt. Nu ich ha' natirlich nischt ne dadergegen,
und der Junge erscht recht ne. Newohr Richard?“ Der alte
Kaschel schüttelte sich vor Lachen. Er schien es für einen besonders genialen Streich seines Sohnes anzusehen, daß er in
Folge seiner Krampfadern militäruntüchtig war. Gustav hätte
gern offen heraus gesagt, was ihm auf der Zunge lag, daß
dem Bengel die militärische Zucht gewiß recht gut gethan
haben würde, aber er unterdrückte die Bemerkung. Er hütete
sich, in diesem Augenblicke, etwas zu äußern, was den Onkel
hätte verdrießen können. Er war ja als Bittsteller hierhergekommen.

Er begann nunmehr mit seinem Anliegen herauszurücken.
Sobald der Onkel merkte, daß von Geschäften gesprochen werden
solle, schickte er Ottilien aus dem Zimmer. Zu Gustavs Verdrusse blieb aber Richard anwesend. Gustav saß an der breiten
Seite des Tisches, die beiden Kaschels ihm gegenüber. In den
Angesichtern von Vater und Sohn, deren Ähnlichkeit hier, wo
sie so dicht bei einander waren, in unangenehmster Weise sich
aufdrängte, lauerte die nämliche, unter blöder Miene verborgene,
dreiste Schlauheit.

Sie ließen den Vetter reden. Lächelnd, hin und wieder
mit den Augen zwinkernd, hörten sie sich seinen Bericht
mit an. Gustav sprach mit Offenheit. Die mißliche Lage
seines Vaters war ja doch nicht mehr zu verbergen. Er erklärte, daß, bestünde der Onkel auf seiner Forderung, der
Bankrott des Bauern sicher wäre. Dann bat er den Onkel,
sich noch zu gedulden. Die Zinsen seiner Forderung sollten
pünktlich gezahlt werden, dafür wolle er sich persönlich verbürgen. Mit der Zeit würde man auch an ein Abzahlen des
Kapitals gehen. Wenn der Onkel es aber zum äußersten
treibe, dann sei das Gut verloren und damit auch seine Forderung.

Gustav hatte sich das, was er sagen wollte, vorher wohl
überlegt. Aber, wie das so geht, er sagte schließlich ganz
andere Dinge und brauchte ganz andere Wendung, als er beabsichtigt. Die Ruhe der beiden, die ihn nicht mit einem
Worte unterbrachen, warf ihm seinen ganzen Entwurf über
den Haufen. Er hatte sich vorgenommen, mit Begeisterung
zu sprechen, hatte den Onkel mit warmen Worten an das
Familieninteresse mahnen wollen. Sollte denn dieses Gut,
das so lange im Besitze der Familie gewesen, unter dem
Hammer weggehen? Sollte der Bauer, als alter Mann, von
Haus und Hof getrieben werden, und mit seinem grauen Haar
auf das Almosen der Gemeinde angewiesen sein? Das könne
doch der Onkel nie und nimmer verantworten! Das werde
er doch nicht mit ansehen wollen! Das sei man doch der
Familie schuldig, solche Schmach zu verhindern! er habe ja
doch eine Tochter aus dem Büttnerschen Gute zur Frau gehabt; um des Andenkens der Verstorbenen willen, möge er
doch seine Hülfe nicht versagen! — So etwa hatte der junge
Mann zu seinem Verwandten sprechen wollen.

Aber, er fühlte es, diesen Rattengesichtern gegenüber, mit
ihrer lauernden Bosheit, war jede Begeisterung weggeworfen.
Durch jedes wärmere Wort mußte er sich lächerlich machen.
Er merkte, wie er immer unsicherer wurde, und wie der Widerwillen gegen das was er sagte, ihm zum Halse stieg. Was
hatten denn diese beiden da in einem fort zu nicken, zu winken
und mit den Augen zu zwinkern. Einer genau, wie der andere,
als bestände eine geheime Verbindung zwischen Vater und Sohn,
als verständen sie ihre Gedanken, ohne einander anzusehen.
Sie belustigten sich wohl gar über ihn? Alles was er hier
vorbrachte, diente am Ende nur ihrer anmaßenden Schadenfreude zur willkommenen Nahrung!

Ziemlich unvermittelt fragte Gustav auf einmal: was der
Onkel eigentlich bezwecke mit seiner Kündigung? Ob er es
etwa zur Subhastation des Bauerngutes treiben wolle, um
das Gut dann selbst zu erstehen?

Kaschelernst wich dieser Frage aus, sich nach seiner Art
hinter ein Lachen versteckend. Aber der Neffe ließ nicht locker,
diesmal. Weshalb er das Geld gekündigt und den Zahlungsbefehl veranlaßt habe, wolle er wissen. Das müsse seinen
ganz besonderen Grund haben, denn der Onkel wisse recht gut,
daß der Bauer im gegenwärtigen Augenblick nicht im Stande
sei, ihn zu befriedigen.

Der Onkel fragte dagegen: ob das nicht sein gutes Recht
sei? Kaschelernst war jetzt selbst etwas aus seinem gewohnten
Gleichmut gekommen. Gustav sah ihn zum erstenmale aus
der Rolle des harmlosen Biedermannes fallen.

Man war inzwischen auf beiden Seiten aufgestanden.
Der Tisch befand sich noch immer zwischen Gustav und den
Kaschels.

Gustav wiederholte noch einmal seine Frage, ob der Onkel
den Zahlungsantrag zurückziehen wolle.

„Ich war an Teifel tun!“ rief Kaschelernst protzig. Der
Sohn kicherte dazu.

Gustav fühlte, daß er seine Wut nicht länger bändigen
könne. Er mußte irgendetwas thun, sich Luft zu verschaffen:
die beiden beleidigen, die Kränkung vergelten.

Er preßte die Stuhllehne vor sich zwischen seinen Fäusten.
Jetzt hatte es keinen Sinn mehr, diesen hier seinen Haß zu
verbergen. Mit bleichen Wangen und der keuchenden Stimme
des aufsteigenden Zornes sagte er: „'s is schon gut so! Ich
hätt' mer's eegentlich denken können. Nu weeß ich's aber,
wie's steht! Ihr steckt mit dem Harrassowitz unter eener Decke.
Na, Ihr seid ene schöne Sorte Verwandte. Ich komme über
Eure Schwelle nich mehr, davor seid'r sicher! Pfui Luder
über solches Pack. — Schamt Eich!“ — Damit ging er, auf
seinem Wege durch das Zimmer an verschiedene Stühle und
Tischkanten anrennend.

Der Kretschamwirt lief dem Neffen nach. Von der Thür
aus rief er hinter ihm drein: „Warte mal! Wart ack Kleener!
Ich ha' noch a Wörtel mit D'r. Wenn d'r und 'r denkt, Ihr
kennt mich lapp'g machen, da seit'r an Falschen geraten.
Dei Vater is immer a Uchse gewast, ar hat keenen größern
in seinen eegnen Stalle stiehn. Sicke dumme Karlen, die brauchen
gar kee Bauerngutt. Ob sei Gutt ungern Hammer kimmt, ob's
d' Ihr alle zusammde betteln gihn mißt, das is mir ganz
egal! Verreckt Ihr meintswegen! Mit Eich ha'ch kee Mitleed
— ich ne!“

Gustav war schon außer Hörweite und vernahm die weiteren Schimpfreden nicht, die ihm der Onkel noch auf die Gasse
nachrief.

Gustav wollte, da er bei dem Kretschamwirt nichts ausgerichtet hatte, seinen Onkel Karl Leberecht Büttner aufsuchen,
und dessen Hülfe anrufen. Freilich war dazu eine Eisenbahnfahrt von mehreren Stunden nötig. Aber er meinte diese
Ausgabe nicht scheuen zu dürfen, denn es blieb thatsächlich
die letzte Hoffnung. Der Onkel war wohlhabend; vielleicht
konnte man ihn dazu bringen, etwas für seinen leiblichen Bruder zu thun.

Ehe Gustav die Garnison verlassen, hatte er sich noch
einen Anzug von dunkelblauem Stoff anfertigen lassen. Pauline fand, daß ihm die neuen Kleider ausgezeichnet stünden.
Auch einen ziemlich neuen Hut besaß er, und ein Paar Stiefeln,
die noch nirgends geflickt waren. So konnte er denn die
Reise guten Mutes wagen. Er wollte bei den Verwandten
in der Stadt nicht den Eindruck eines Bettlers machen. Sie
sollten sehen, daß sie sich der in der Heimat zurückgebliebenen
Familienglieder nicht zu schämen brauchten.

So trat er die Fahrt an. Angemeldet hatte er sich nicht
bei den Verwandten, damit sie ihm nicht abschreiben konnten.
Denn Gustav war sich dessen wohl bewußt, daß man ihm und
den Seinen nicht allzu günstig gesinnt sei, von jener Seite.
Das hatte sich ja auch in der plötzlichen Kündigung der
Hypothek, im Frühjahre, ausgesprochen.

Der alte Bauer hegte nicht die geringste Hoffnung, daß
die Reise seines Sohnes irgendwelchen Erfolg haben könne.
Er hielt nicht viel von Karl Leberecht. Der Bruder war ihm
im Alter am nächsten gewesen, von den Geschwistern. Sie
hatten sich als Jungens stets in den Haaren gelegen. Karl
Leberecht war lebhaft gewesen und geweckt, zu allerhand
Streichen aufgelegt, ein „Sausewind und Würgebund“, wie
ihn der Bauer noch jetzt zu bezeichnen pflegte, wenn er von
dem jüngeren Bruder sprach. Gustav ließ sich jedoch durch
das Abreden des Vaters nicht irre machen. Karl Leberecht
mochte in der Jugend gewesen sein wie er wollte, er hatte es
jedenfalls zu etwas gebracht im Leben. Und er war und
blieb auf alle Fälle der Bruder des Vaters. Vielleicht
schlummerte der Familiensinn doch noch in ihm, und es bedurfte nur der richtigen Ansprache, um ihn zu wecken.

Aus dem Briefe, welchen damals der Vetter — der, wie
er, den Namen Gustav trug — geschrieben hatte, ersah er,
daß das Materialwarengeschäft von Karl Leberecht Büttner
und Sohn am Marktplatze gelegen war. Dorthin richtete
Gustav also seine Schritte. Nach einigem Suchen fand er die
Firma, die in goldenen Lettern auf schwarzem Untergrunde
weithin leuchtend prangte.

Es war ein eigenes Gefühl für den jungen Menschen,
seinen eigenen Namen auf dem prächtigen Schilde zu lesen.
Gustav ging nicht sofort in den Laden hinein, eine geraume
Weile betrachtete er sich erst das Geschäft von außen mit ehrfurchtsvoller Scheu. Das war ja viel größer und glänzender,
als er sich’s vorgestellt hatte.

Das Büttner’sche Geschäft bestand aus einem geräumigen
Eckladen, der mit zwei Schaufenstern nach dem Markte hinaus
blickte und außerdem noch mehrere kleinere Fenster nach einer
Seitengasse hatte. Eine reiche Auswahl von Verkaufsartikeln
lag da ausgestellt: Kaffee und Thee in Glasbüchsen, Seifen,
Bisquits in Kästen, Lichte in Paketen, Südfrüchte, Tabak,
Viktualien aller Art, Spezereien, Droguen. In dem einen
der vorderen Schaufenster saß ein Chinese, der mit dem Kopfe
wackelte. Auf einem Plakate, welches Karawanenthee anpries, war ein Kamel abgebildet, von einem Araber geführt,
auf dem Rücken einen mächtigen Berg von Kästen und Ballen
tragend.

Gustav stand da, staunend. Obgleich er als Soldat
mehrere Jahre in einer größeren Stadt kaserniert gewesen,
war doch das Landkind lebendig in ihm geblieben. Alles
Fremde, besonders wenn es unverständlich war, imponierte
ihm gewaltig. Diese Schaufenster mit den vielen fremdartigen
Dingen, bestärkten ihn in der Vermutung, daß der Onkel
doch sehr reich sein müsse. Und wenn man bedachte: der
Mann stammte aus Halbenau! Hatte das Vieh gehütet und
Mist aufgeladen, wie jeder andere Bauernjunge. Dann war
er davongelaufen, weil er's daheim nicht mehr ausgehalten; wohl
hauptsächlich, weil sein Vater, der alte Leberecht, ihn nicht aufkommen lassen wollte, neben dem älteren Bruder und Erben
des Hofes. So war er denn in die Fremde gegangen, hatte
alles Mögliche erlebt und erfahren, hatte die verschiedensten
Lebensstellungen innegehabt. Markthelfer war er unter anderem
gewesen. Als solcher hatte er in ein Grünwarengeschäft geheiratet und damit den Grund zu seinem Vermögen gelegt.

Ja, in der Stadt da konnte man es noch zu etwas
bringen! In Gustav stieg ein bitteres Gefühl auf, als er sich
hier umsah, und das Leben und Treiben ringsum betrachtete:
den Marktverkehr, die Häuserreihen, die glänzenden Läden. —
Wenn man damit die Öde der dörfischen Heimat verglich!
Er fühlte sich etwas herabgestimmt in seinem Selbstbewußtsein,
und seiner Zuversicht, trotz des neuen Anzugs. Die Verwandten
würden ihn doch am Ende nicht als voll ansehen. — Nachdem er eine Weile vor dem Laden auf- und abgegangen,
entschloß er sich schließlich doch, hineinzugehen.

Eine ganze Anzahl junger Leute war dort thätig. Der
eine von ihnen, ein langer schmächtiger mit einer Brille, fragte
den Eintretenden, was zu Diensten stünde. Gustav nannte
seinen Namen und sagte, daß er mit dem Onkel zu sprechen
wünsche. Der junge Herr sah sich den Fremden daraufhin
genauer mit forschenden Blicken durch seine Brillengläser an.
Der Vater sei leider nicht im Laden, erklärte er.

Also, das war der Vetter! Gustav maß den Mann, der
seinen Namen trug, mit neugierigen Blicken. Ein ziemlich
großer hagerer Mensch von gebückter Haltung stand vor ihm.
Dem Manne sah man es nicht an, daß sein Vater auf dem
Lande geboren, daß alle seine Vatersvorfahren durch Jahrhunderte hinter dem Pfluge hergeschritten waren. Und doch
war in dieser Schulmeistererscheinung eine gewisse Ähnlichkeit
mit den Verwandten nicht zu verkennen. Die Kopfform, die
großen Hände und Füße, der Haarwuchs erinnerte an die
Büttners von Halbenau.

Zwischen den beiden Vettern gab es eine Verlegenheitspause. Sie waren durch das Gefühl bedrückt, in naher Blutsverbindung zu stehen und einander doch unendlich fremd zu
sein. Man maß sich mit spähenden, mißtrauischen Blicken
und wußte einander nichts zu sagen. Gustav, der Bauernsohn,
verachtete im geheimen diesen dürren Bläßling, der Tag ein
Tag aus hinter dem Ladentisch stehen und die Kunden bedienen mußte. Aber seine Verachtung war dabei nicht ganz
frei von einem gewissen Neid, den das Landkind der Überlegenheit des Städters gegenüber selten verwindet. Und Gustav,
der Mitinhaber der Firma : Karl Leberecht Büttner und Sohn,
belächelte seinen Vetter vom Dorfe, mit den unbeholfenen
Manieren.

Ein Paar Leute vom Markt kamen herein, die bedient
sein wollten. Nachdem die Kunden abgefertigt waren, schlug
der Kaufmann seinem Vetter vor, in die Wohnung des Vaters
zu gehen; der „Alte“ werde wohl zu Haus sein. Er gab ihm
einen Lehrling mit, damit er den Weg finde. Unter Führung
eines halbwüchsigen Bürschchens gelangte Gustav so zur Wohnung der Verwandten.

Mit dem Onkel fand sich Gustav schneller zurecht, als
mit dem Vetter. Der Mann war wirklich sein Blutsverwandter. Der große derbknochige Alte mit bartlosem geröteten Gesicht, und buschigem grauen Haar sah dem Büttnerbauer nicht unähnlich. Wäre nicht das gestickte Käppchen auf
dem Kopfe, die Safianpantoffeln und die Kleider von städtischem
Schnitt gewesen, hätte man Karl Leberecht Büttner wohl für
einen Halbenauer ansprechen können. In seinem Augenblinzeln
und dem verschmitzten Lächeln kam die Bauernpfiffigkeit zum
Ausdruck. Auch in seiner Aussprache waren noch heimatliche
Anklänge zu finden. Mit derber Herzlichkeit empfing er den
Sohn seines Bruders.

Der Neffe wurde zum niedersitzen aufgefordert, bekam ein
Glas Wein vorgesetzt, und mußte erzählen, zunächst über die
Familie, sodann von anderen Leuten aus Halbenau, auf die
sich der alte Mann noch besann. Freilich über viele, nach
denen der Onkel fragte, vermochte Gustav keine Auskunft zu
geben; sie waren gestorben, weggezogen, verschollen.

Die Teilnahme, welche der Alte an den Tag legte für
diese Dinge, stärkte Gustavs Zuversicht. Der Onkel hatte noch
nicht allen Sinn verloren für die Heimat; soviel stand fest!
Als der alte Mann sich nach der Lage des Gutes und der
Wirtschaft erkundigte, benutzte Gustav die Gelegenheit, ihm die
Not zu eröffnen, in welcher sich sein Vater befand.

Karl Leberecht Büttner war sichtlich überrascht Er
schüttelte wiederholt den Kopf. „Na sowas! Na solche
Sachen!“ war seine Rede. Daß es mit seinem Bruder
nicht glänzend stehe, hatte er sich ja gedacht, aber daß es so
schlimm sei! . . . . Er seufzte; sein Gesicht nahm einen trüben
Ausdruck an.

Durch diese Anzeichen ermutigt, rückte Gustav mit seinem
Ansinnen heraus: der Onkel solle die eingeklagten siebzehnhundert Mark an Kaschelernst auszahlen, und dafür dessen
Hypothek übernehmen.

Karl Leberecht runzelte die Stirn, zog die Augenbrauen
in die Höhe, und blickte starr vor sich hin, die Backen aufblasend — genau wie es der Büttnerbauer machte, wenn ihm
etwas überraschend kam — dann rückte er sich auf seinem
Sitze zurecht, meinte die Sache sei bös; ließ sich Gustavs Plan
aber doch noch einmal auseinandersetzen.

Gustav sprach mit Lebhaftigkeit und Wärme. Er redete
alles, was er auf dem Herzen hatte, herunter. Dem Onkel
gegenüber wurde es ihm leicht, da stockte ihm nicht das Wort
auf der Zunge, wie neulich vor den Kaschels. Er bestürmte
den alten Mann, er stellte ihm die Sache im günstigsten Lichte
dar, und wunderte sich beim Sprechen selbst über die eindringlichen Worte, die er fand.

Der Alte kratzte sich hinter dem Ohre, sprach von den
schlechten Zeiten und meinte, er habe alles Geld im Geschäfte
stecken; aber er lehnte nicht völlig ab. Seine Einwendungen
wurden immer schwächer. Halb und halb schien er der Sache
gewonnen.

Gustav frohlockte in seinem Inneren; nun glaubte er gewonnenes Spiel zu haben. Er beschloß, die Gunst der Lage
auszunutzen, und bat den Onkel, auch die Zinsen und Kosten
mit zu belegen.

Der Alte sagte nicht ja und nicht nein. Die Sache schien
ihm Unruhe zu bereiten. Er lief im Zimmer umher, kraute
sich den Kopf, rieb die großen Bauernfäuste gegen einander,
fiel beim Sprechen unwillkürlich in den Dialekt seiner Jugend
zurück; der deutlichste Beweis, daß er innerlich erregt war.
„Ne ne! Su schnell gieht das ne! Ihr denkt wohl uf'n
Dorfe, wir hier in der Stadt, wir hätten's Geld, wie Hei.
Wenn's Eich schlacht gieht, mit uns stieht's erscht recht schlacht
mit'n Geschäften. Wenn de Bauern, und se kommen nich in
de Stadt zum Einkaufen, das merken mir gar sehre im Handel.
Geld is gar keens da. Und nu gar ich! Wenn ich auch gerne
mechte, und ich wollte Traugotten helfen, kann ich denn, wie
ich mechte! Unser Geschäft! — Nu ja, die Firma Büttner
und Sohn kann sich sehen lassen.“

Hier machte er in seinem Rundgange Halt und fragte
den Neffen, ob er sich den Laden angesehen habe. Gustav
bejahte und gab seiner Bewunderung unverhohlenen Ausdruck. Dem Alten that das sichtlich wohl, er schmunzelte
über das ganze Gesicht. „Und da sollt'st De erscht mal unser
Lager sahn!“ rief er. „Hernachen da wird'st De Maul und
Nase ufreißen. Na Gustav mag Dr's mal zeigen 's Lager.
Sowas giebt's in Halbenau freilich nich!“ —

Karl Leberecht hegte noch die naive Freude des Emporkömmlings an seinem Glücke. Es war ihm ein Genuß, sich
dem armen Verwandten gegenüber in seinem Wohlstande und
Ueberflusse zu zeigen. Er sprach von dem Umsatze, den er
jährlich habe, von den Leuten, die er beschäftige und den
Löhnen, welche er zahle, er brüstete sich mit seinen Geschäftsverbindungen. Dann erzählte er, wie er von ganz klein angefangen, mit nichts. Er rühmte sich seiner armseligen Herkunft,
und kargte nicht mit Selbstlob. Seiner Tüchtigkeit allein verdanke er es, daß er jetzt so dastehe. Er wolle dem Neffen
mal auseinandersetzen, warum der Büttnerbauer und der ganze
in Halbenau zurückgebliebene Teil der Familie es zu nichts
gebracht habe. Dabei stellte er sich protzig vor Gustav hin,
nnd legte ihm die Hände auf die Schultern: „Siehste! Ihr
Pauern megt noch so sehr schuften und würgen, Ihr megt
frih ufstehn und den ganzen Tag uf'n Flecke sein, Ihr megt
sparen und jeden Pfeng umdrehn, wie Dei Vater 's macht, das
nutzt Eich alles nischt! Ihr bringt's doch zu nischt, Ihr
Pauern! Vorwärts kommt Ihr im Leben nich, eher rückwärts! Und das will ich Dir sagen, woran das liegt: das liegt
daran, daß Ihr nich rechnen kennt. Was a richtger Pauer
is, der kann nich rechnen. Und wer nich rechnen kann, der
versteht och von Gelde nischt, und zu'n Geschäfte taugt er dann
schon gar nischt. Heitzutage muß eener rechnen kennen; das is
die Hauptsache. Sieh mich a mal an! Ich bi in Halbenau
uf de Schule gegangen. Ich ha' och nich mehr gelernt, als dei
Vater. Ich war a rechter Nichtsnutz als Junge, das kannst
De globen! Aber, siehst De, rechnen hab' ich immer gekunnt.
Da war ich immer a Lumich! Siehst De! Und dadermit ha
ich's gemacht. Damit ha' ich mich durch de Welt gefunden.
Und wer bin ich jetzt, und was seid Ihr! — Darum werd't
Ihr Pauern 's och nie nich zu was bringen, weil, daß Ihr
nich ordentlich rechnen kennt.“ —

Gustav, für den diese Auseinandersetzung nicht gerade
schmeichelhaft war, fühlte doch keine Veranlassung, dem Onkel
zu widersprechen. Er kannte nur einen Wunsch, die Zusage
von dem Alten zu erlangen; darum mußte man ihn bei guter
Laune zu erhalten suchen. Er kam wieder auf sein Verlangen
zurück.

Der Onkel klopfte ihm auf die Schulter, und lächelte ihn
freundlich an. Er wolle sehen, was sich thun lasse, meinte er,
und er sei nicht so einer, der seine Blutsverwandten im Stiche
lasse; aber eine bindende Zusage gab er nicht. Er könne nichts
Bestimmtes versprechen, erklärte er schließlich, von Gustav gedrängt; da hätten noch andere ein Wort mitzusprechen.

Im Nebenzimmer hatte Gustav zwischendurch Stimmen
gehört; wie es ihm klang: weibliche Stimmen. Und zwar
schien sich eine ältere mit einer jüngeren Frauensperson zu
unterhalten. Schließlich that sich die Thür auf, und in's Zimmer
trat eine alte Frau, die Tante, wie Gustav richtig vermutete.

Sie war um einige Jahre älter als ihr Gatte. Die
grauen Haare trug sie unter einer Morgenhaube mit lila
Bändern. Sie musterte den fremden jungen Mann aus kleinen Maulwurfsaugen neugierig spähend. Ihr altes verwelktes Gesicht nahm sofort einen beleidigten Ausdruck an, als
sie vernahm, daß er ein Büttner aus Halbenau sei. Mit
diesen Bauersleuten hatte sie nie etwas zu thun haben wollen.
Sie würdigte den Neffen keiner Anrede, nahm den Gatten
bei Seite und redete in ihn hinein, wispernd und hastig, mit
einer Stimme, welche durch die Zahnlosigkeit so gut wie
unverständlich wurde. Gustav konnte nicht verstehen, was sie
sagte, er merkte nur an ihrem ganzen Benehmen, daß die
Tante wenig zufrieden mit seiner Anwesenheit sei. Der Onkel
schien sich vor ihr zu entschuldigen. Sein Wesen machte nicht
mehr den zuversichtlichen Eindruck, wie zuvor. In ihrer Gegenwart erschien er minder selbstbewußt, ja geradezu kleinlaut.

‚Pfeift der Wind aus der Ecke!‛ dachte Gustav bei sich.
Also, der Onkel war nicht Herr im eigenen Hause! Da mußte
er freilich für das Gelingen seiner Pläne zittern.

Bald kamen auch noch die anderen Mitglieder der Familie herbei: der Vetter, welchen Gustav vom Laden her
kannte, und eine Cousine. Eine Anzahl anderer Kinder hatte
geheiratet und befand sich außer dem Hause. Die Cousine war
das jüngste Kind der Ehe, und stand im Anfang der zwanzig.
Sie hätte können hübsch sein, wenn sie nicht die kleinen versteckten Augen der Mutter geerbt hätte. Auch sie hatte kaum
einen Gruß für den Vetter übrig. Das war die richtige Stadtdame! Mit ihrer engen Taille, der hohen Frisur, und den
wohlgepflegten Händen. Wenn Gustav damit seine Schwester
verglich — und das war doch Geschwisterkind!

Es wurde ihm plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Mit
diesen Leuten hatte er kaum etwas mehr gemein, als den
Namen. Die ganze Umgebung mutete ihn fremd an: die
polierten Tische, die Spiegel, die Sammetpolster. Überall Decken
und Teppiche, als schäme man sich des einfachen Holzes. Dort
stand sogar ein Piano, und auf einem Tischchen lagen Bücher
in bunten Einbänden. Wie konnten sich die Leute nur wohlfühlen, umgeben von solchem Krimskrams! Man mußte sich
ja fürchten, hier einen Schritt zu thun, oder sich zu setzen, aus
Angst, etwas dabei zu verderben. Das war doch ganz etwas
anderes, daheim, in der Familienstube. Da hatte jedes Ding
seinen Zweck. Und auch mit den Leuten war man da besser
daran, so wollte es Gustav scheinen; weniger fein waren sie
allerdings als diese, aber sie waren offen und einfach, und
nicht geziert und heimlich, wie die Sippe hier!

Es wurde zu Tisch gegangen. Gustav saß neben dem
Onkel. Das war sein Glück; denn der hatte doch hin und
wieder ein freundliches Wort für ihn. Die Tante ließ es bei
mißgünstigen Blicken bewenden. Vetter und Cousine unterhielten sich die meiste Zeit über mit einem Eifer, als bekämen
sie sich sonst niemals zu sehen. Dem Tone ihrer Unterhaltung merkte man die Schadenfreude an, darüber, daß der
dumme Bauer doch nichts von dem verstehen könne, wovon sie
sprachen.

Gustav dachte im Stillen, daß die Teller wohl nicht so
oft gewechselt zu werden brauchten, aber, daß es dafür lieber
etwas Handfesteres zu beißen geben möchte. Ein Mädchen ging
herum, mit weißen Zwirnhandschuhen und einer Schürze angethan. Sie trug die Speisen vor sich auf einem Brette. So
oft sie anbot, sagte sie: „Bitte schön!“ Gustav fand alles das
äußerst sinnlos. Von der Kaserne und dem Elternhause her,
war er gewöhnt, daß man, ohne viele Umstände zu machen,
aus einem Napfe aß, und sich setzte und aufstand nach Belieben.
Aber hier war man an seinen Stuhl gebannt, mußte warten
und schließlich mit kleinen, zugemessenen Portionen seinen
Hunger stillen. Die Cousine rümpfte überlegen die Nase, als
er während des Essens um ein Stück Brod bat, und zwar
um ein großes, weil das seine schon alle geworden sei.

Nach Tisch, als man beim ‚Stippkaffee‘ beisammen saß,
kam noch ein junger Mann hinzu, der Bräutigam der Cousine.
Ein geschniegeltes Herrchen, um einen Kopf kleiner als die
Braut, welcher die Büttnersche Körperlänge eigen war. Der
wohlpomadisierte junge Mann, mit einer bunten Weste über
dem Schmerbauche, riß äußerst verwunderte Augen auf, als er
einen Fremden in der Familie vorfand. Er beruhigte sich
jedoch, nachdem er in einer Fensternische von seiner Braut
genügende Aufklärung über Gustavs Persönlichkeit erhalten
hatte.

Später zogen sich die Frauen zurück, damit die Männer
von Geschäften sprechen könnten. Frau Büttner hatte zuvor
noch ihrem Gatten mit wispernder Stimme Verhaltungsmaßregeln gegeben.

Gustav befand sich allein mit Onkel, Vetter und dem korpulenten Bräutigam. Man schien zu erwarten, daß er sprechen
solle. Er merkte sehr bald, daß es ganz etwas anderes sei,
vor diesen hier sein Anliegen vorzutragen, als am Morgen,
wo er den Onkel allein hatte. Er fing einen Blick auf, den
sich Vetter und Bräutigam zuwarfen.

Nachdem Gustav eine Weile gesprochen, nahm der Vetter
das Wort. Gustav möge sich nur nicht weiter bemühen, sagte
er, man werde auf seinen Plan nicht eingehen. Dann setzte
er auseinander, warum das Geld nicht gegeben werden könne,
ja, daß es ein „sträflicher Leichtsinn‟ sein würde, wenn man
es geben wolle. Er sprach in Ausdrücken, die der Bauernsohn
kaum verstehen konnte. Das Geld würde „à fond perdu‟ gegeben sein; von „non valeurs‟ und „Damnen Hypotheken“
sprach er; man dürfe nicht „Lebendiges auf Totes legen,‟ erklärte er mit wichtiger Miene.

Der fette Bräutigam nickte Beistimmung, und Karl Leberecht lauschte mit einer gewissen Bewunderung den Auseinandersetzungen seines Sohnes. Er war stolz auf den Jungen,
der so gelehrt sprechen konnte. Der war freilich auch auf der
Handelsschule gewesen; von dort stammten seine schlechten
Augen und die fremden Ausdrücke.

Das Ende war, daß Gustavs Anliegen im Familienrate
abgeschlagen wurde. „Wir können es nicht verantworten, soviel Geld aus dem Geschäfte zu ziehen und in einer verlorenen
Sache anzulegen,‟ so redete Karl Leberecht schließlich seinem
Sohne nach.

Gustav zog unverrichteter Sache ab. Im letzten Augenblicke, als er sich schon verabschiedet hatte, im Halbdunkel
des Flurs, steckte ihm der Onkel noch hastig etwas zu, ohne
daß es die anderen bemerkt hätten. Es war, wie sich später,
bei näherer Besichtigung, ergab: ein Kistchen extrafeiner Havannacigarren.

Nach solchen Erfahrungen sagte sich Gustav, daß an eine
Erhaltung des Bauerngutes nicht mehr zu denken sei. Er war
auf den väterlichen Hof zurückgekehrt, und half dem alten
Manne nach wie vor in der Wirtschaft, aber im Stillen war
er mit sich selbst ins reine gekommen, daß er sein Geschick von
dem der Familie trennen müsse. Er stand nicht allein da,
es gab Personen, die ihm noch näher standen als Eltern, Bruder und Schwestern; er mußte vor allen Dingen für die sorgen, die auf ihn als ihren alleinigen Ernährer blicken durften: für
Pauline und den Jungen. Er war bereits beim Standesbeamten
und beim Pastor gewesen und hatte gemeldet, daß er im Frühjahr seine Braut zu ehelichen beabsichtige.

Aber als Eheleute brauchten sie ein Heim. Auf dem Bauerngute konnte er mit Frau und Kind nicht leben, das war klar.
Der Versorger einer Familie mußte einen festen Beruf haben.
Das Gefühl wachsender Verantwortung lastete schwer auf dem
jungen Mann, machte ihn unsicher in seinen Gefühlen und
unstät in seinen Handlungen. Er ging viel in der Nachbarschaft umher, fragte, horchte hierhin und dahin, blickte auch in
die Zeitungen, immer in der Erwartung, daß er etwas finden
möchte, was ihm zusagte. Er wollte einen Dienst annehmen;
welcher Art, das wußte er nicht einmal bestimmt. Mit allerhand abenteuerlichen Plänen trug er sich; sogar an's Auswandern dachte er.

Pauline hörte ihm ruhig zu, wennn er seine Zukunftspläne entwickelte. Sie wußte ihn zu trösten und aufzuheitern, durch die nie versiegende Güte ihres Wesens. Das
Mädchen ließ sich von seinen Sorgen nicht anstecken. Seit sie
seiner sicher geworden, war große Ruhe über ihr Gemüt gekommen. Als echte Frau vergaß sie in unsicherer Zeit nicht
die Besorgung des Nächstliegenden. Jetzt galt ihr ganzes Sinnen und Trachten der Beschaffung ihrer Ausstattung. Wo sie
wohnen und leben würde, das wußte noch niemand; aber, das
war auch beinahe nebensächlich! Das eine stand fest, — das
war das große Ereignis ihres Lebens, der köstliche Preis ihrer
Liebe und Treue durch soviele Jahre — daß sie ein Paar wurden. Sie war ihm von ganzem Herzen dankbar dafür, daß er
ihr doch die Treue gehalten. Wenn er jetzt auch manchmal
unwirsch war und schlechte Laune zeigte, das beachtete sie kaum;
dergleichen konnte sie nicht einen Augenblick an ihm irre machen.
Sie liebte nicht mehr mit jener jungen, heiß aufwallenden und
leicht gekränkten ersten Leidenschaft; ihre Liebe war die gesättigte, bewährte des befriedigten Weibes, das nur noch eine
Sorge kennt, den Vater ihres Kindes dauernd als ihr Eigentum zu halten. Sie hatte ihren geheimen Ehrgeiz. Sie wollte
nicht, daß Gustav sie ganz ohne Aussteuer nehmen solle. Wenn
bei ihrer Armut das Brautfuder auch nur klein sein konnte,
ganz mit leeren Händen wollte sie nicht kommen. Man sah
sie in jener Zeit viel mit Schere, Zwirn und Elle beschäftigt,
und Leinwand und bunte Stoffe lagen in ihrer bescheidenen
Kammer ausgebreitet. —

Die Kunde war zu Gustav gedrungen, daß auf dem Rittergute die Stelle eines ersten Kutschers frei geworden sei. Er
ging sofort hinüber, um sich darum zu bewerben. Die Nachricht erwies sich als ein falsches Gerücht. Der jetzige Kutscher
dachte nicht daran, seinen gut bezahlten Posten aufzugeben. Bei
dieser Gelegenheit lernte Gustav den gräflichen Güterdirektor,
Hauptmann Schroff, kennen.

Gustav hatte den Namen dieses Mannes mehr als einmal
nennen hören. Der alte Bauer pflegte seine grimmigste Miene
aufzusetzen, wenn er von ihm sprach. Der treibe seinem Herrn
die kleinen Leute vor's Gewehr, wie die Hafen, behauptete
er. Von anderer Seite wieder hatte Gustav günstigere Urteile
über den Hauptmann gehört. Er sei menschenfreundlich und
vertrete seine Arbeiter der Herrschaft gegenüber, hieß es. Eine
Anzahl neuer Arbeiterwohnungen, die erst kürzlich an Stelle
der bisherigen elenden Baracken errichtet worden waren, redeten
das Lob des Güterdirektors.

„Sind Sie etwa ein Sohn des alten Büttnerbauern?“
fragte der Hauptmann.

„Zu Befehl Herr Hauptmann!“

„Giebt es denn auf dem Gute Ihres Vaters nichts für
Sie zu thun?“

Das läge so in den Familienverhältnissen, gab Gustav
ausweichend zur Antwort. Er schämte sich nämlich, daß er, der
Sohn des Büttnerbauern, sich um einen Dienst bewerben mußte.

Hauptmann Schroff betrachtete sich den jungen Menschen
genauer. Seine geweckten Züge und die stramme Haltung bestachen den ehemaligen Offizier.

„Von Ihnen könnte man am Ende mal was Genaueres
erfahren, wie es mit der Büttnerschen Sache eigentlich steht —
was?“

Gustav meinte: mit seinem Vater stehe es schlecht, und
wenn ihm niemand zu Hilfe käme, würde er sich wohl nicht
halten können.

„Genau, was ich Ihrem Vater vor einem halben Jahre
gesagt habe! Aber, wer nicht hören wollte, war er,“ rief der
Hauptmann.

Die Unterhaltung hatte bis dahin auf dem Wirtschaftshofe
des Rittergutes stattgefunden. Der Hauptmann hatte zwischendurch einige jüngere Gutsbeamte abgefertigt. Jetzt meinte er,
Gustav möge ihn in seine Wohnung begleiten, es liege ihm
daran, Näheres über die Angelegenheit zu erfahren.

Man ging auf einem gepflasterten Gange am Stalle entlang. Der Hof bestand aus einem länglichen Viereck. Auf
der einen Langseite standen die Stallungen für Kühe und Zugvieh, gegenüber waren Schweine und Schafe untergebracht.
Quer vor stand die mächtige Scheune mit vielen Tennen. In
der Mitte des Hofes lag die Düngerstätte, von einem Ziegelwall umgeben, eine Schwemme für das Vieh daneben. Ein
eingezäunter Raum war zum Fohlengarten bestimmt. Das geräumige Viereck wurde abgeschlossen durch ein stattliches Haus
mit Valmdach, die Meierei, in welcher sich das gräfliche Rentamt befand. Hier wohnte auch der Güterdirektor. Die neuen
Arbeiterwohnungen bildeten eine Kolonie für sich, umgeben von
Deputatland, das durch den Fleiß der angesetzten Leute bereits
in freundliche Gärten umgewandelt worden war. Vom Schlosse
sah man von hier aus so gut wie gar nichts. Das lag hinter
den dichten Kronen seines Parkes verborgen, als wolle es von
dieser Stätte der Arbeit nichts sehen.

Hauptmann Schroff bewohnte im ersten Stockwerk des
Meiereigebäudes zwei Zimmer. Die Einrichtung war einfach:
lederbezogene Möbel, einige Rohrstühle, ein Bücherbrett, ein
Sekretär. Alles was zum Rauchen gehört, war reichlich vertreten. Die Luft schon verriet, daß hier ein leidenschaftlicher
Raucher sein Quartier aufgeschlagen habe. An den Wänden
waren militärische Enbleme zwischen Jagdtrophäen zu erblicken.
Über dem Schreibtisch hing das einzige Bild, welches das
Zimmer schmückte. Es war ein sorgfältig gemaltes Ölbild,
und stellte einen Landsitz dar. Ein wohnliches Haus, mit einer
Verranda davor. In dem bärtigen Manne, der dort inmitten
seiner Familie saß, war der Hauptmann leicht wieder zu erkennen. Eine Frau in hellem Sommerkleide schien die Mutter
der drei Blondköpfe zu sein. Das Bild hing wohl nicht ohne
Grund an dieser Stelle. Vom Sofa aus, vom Sorgenstuhl,
vom Schreibsessel — wo immer der Bewohner dieses Zimmers
sitzen mochte der Ruhe pflegend, oder bei der Arbeit, — wenn
er den Blick erhob, mußte er auf dieses Bild fallen.

Hauptmann Schroff war Witwer, schon seit einigen
Jahren. Die Blondköpfe des Bildes waren jetzt erwachsene
Menschen, und mußten gleich ihm die Füße unter fremder
Leute Tischen wärmen.

Der Hauptmann bot Gustav Platz an. Dann holte er sich
eine Pfeife aus der Ecke, die bereits gestopft war, und auf ihn
dort gewartet zu haben schien. Mit Hilfe von Streichholz und
Fidibus zündete er sie an und begann mächtige Dampfwolken
zu entwickeln. Darauf warf er seine lange Gestalt in den
Sorgenstuhl, schlug die Beine übereinander und meinte: „Na,
nu erzählen Sie mir mal, Büttner! Ihr Vater ist ein alter
Brummbär. Wenn man dem Manne was Gutes thun will,
schnappt er womöglich noch nach einem. Sie sehen mir aus,
als ob Sie vernünftiger wären — he!“

„Zu Befehl, Herr Hauptmann!“

Der Mann hatte sofort Gustavs ganzes Herz gewonnen.
Er nahm kein Blatt vor den Mund, berichtete das Familienunglück, wie es gekommen war, von Anfang an, soviel er davon
wußte: die Erbteilungsangelegenheit, die Überschuldung des
Gutes, der Kampf des Vaters mit der Ungunst der Verhältnisse, Unglücksfälle, notwendige Anschaffungen, wachsende
Ausgaben, schließlich völlige Verstrickung in die Netze der
Gläubiger.

Hauptmann Schroff strich sich mit der Hand über den
Bart, rückte unruhig in seinem Stuhle hin und her, wechselte
die Beine, und stieß Wolke auf Wolke in die Luft, zwischendurch
seufzte er; es schien, als ob ihn der Bericht keineswegs gleichgültig lasse.

Schließlich warf er die Pfeife weg und sprang auf. Fluchend
lief er im Zimmer auf und ab. „Hatte ich mir's doch gedacht! Heiliges Kreuzdonner . . . . . . Einem ehrlichen

Menschen, der ihm helfen will, traut der Bauer ja niemals! Aber, wenn die Sorte kommt: Harrassowitz, Samuel
Harrassowitz! Wo hat denn Ihr Vater seinen Verstand gelassen, als er dem Teufel den kleinen Finger gab! Weiß
denn Ihr Alter nicht, daß dieser Jude drüben in Wörmsbach das halbe Dorf besitzt. Alles aufgekauft und in Parzellen
zerschlachtet! Nun haben wir den Blutigel glücklich auch in
Halbenau! der Marder im Hühnerstall ist nichts dagegen!
Binnen Jahresfrist ist so einem alles tributpflichtig. Es ist
um . . . . . Was soll denn nun werden, was soll geschehen?“
Er blieb vor Gustav stehen; der zuckte mit trüber Miene die
Achseln.

„Da seht Ihrs mal, Ihr Bauern, daß Ihr an Eurem
Elend allein schuld seid! Euch ist nicht zu helfen! Wie die
Schafe rennen sie ins Feuer hinein. — Ihr Vater ist nun
ein Graukopf; man sollte denken, er hätte sich Weisheit kaufen
können, bei allem, was er erlebt hat. Und so einer geht hin auf
seine alten Tage und unterschreibt einen Wechsel beim Juden.
Es ist um toll zu werden! Immer wieder die alte Geschichte!
Bei Großen wie bei Kleinen. Daß einer mal vom Unglücke
des anderen lernte — nein! Jeder muß die Erfahrung von
vorn an wieder durchmachen, ehe er klug wird. Dann wenn's
zu spät ist, kommen die Thränen — die Selbstanklagen —
wenn's zu spät ist.“

Der Hauptmann war während der letzten Worte stehen
geblieben, seinem Schreibtische gegenüber. Sein Blick war auf
das Bild darüber gerichtet. Die verwitterten Züge des Mannes
nahmen für einen Augenblick einen tief schmerzlichen Ausdruck
an. Mit einer Handbewegung schien er das alles von sich
schleudern zu wollen. Dann setzte er seinen Rundgang fort.

„Ja, was soll denn nun werden, Büttner?“

„Wenn der Herr Hauptmann keinen Rat wissen“ . . . .

„Wenn Ihr Vater damals vernünftig gewesen wäre, als
ich ihn aufsuchte; damals war er noch frei, da hätten wir einen
Handel abschließen können. Aber jetzt, wo ihn der Jude bereits im Sacke hat! — Mein Graf würde mich schön auslachen, wenn ich ihm mit dem Ansinnen käme, das Büttnersche
Gut freihändig zu erstehen. Es ist ja nicht die Schulden
wert, die drauf sind. Wir brauchen ja nur die Subhastation
abzuwarten; denn dazu kommt's ja doch schließlich. Wollen
wir's haben, dann bieten wir eben mit. Ihr Vater hat unter
allen Umständen das Nachsehen. Wir wollen nur den Wald,
das sagte ich ihm schon damals. Uns mit einem Bauernhofe
belasten, dazu liegt gar kein Anlaß vor. So steht die Sache.
Sie sehen, Büttner, ich kann ihnen nicht helfen.“

„Ich habe gehört, daß Harrassowitz eine Dampfziegelei
anlegen will, auf unserem Gute“ sagte Gustav. „So eine
gute Gelegenheit, hat Harrassowitz gesagt, zu einer Ziegelei,
wie bei uns, gäbe es bald gar keine wieder.“

Gustav hatte das ohne Hintergedanken gesagt. Der Hauptmann stutzte bei dieser Bemerkung. „Eine Ziegelei!“ rief er.
„Habt Ihr denn Lehm?“

„Freilich, is Lehm da! Das haben die Leute schon oft
über meinen Vater gesagt, er wäre ein Esel, daß er keine
Ziegeln brennen thäte.“

„Und das hat mein Harrassowitz natürlich sofort herausgefunden!“ rief der Hauptmann in unverkennbarem Ärger
über die Entdeckung. „Setzt uns da womöglich eine Dampfziegelei direkt vor die Nase hin. Das fehlte wirklich noch zu
allem!“

Jetzt fiel es Gustav auf einmal ein, daß die Herrschaft
vor kurzem eine Ziegelei angelegt hatte. Nun begriff er den
Ärger des Hauptmanns. Er war klug genug zu erfassen, daß
dieser Umstand günstig sei, und daß man ihn ausnutzen könne.
Plötzlich leuchteten neue Möglichkeiten vor ihm auf, an die er
nie zuvor gedacht hatte.

Die Laune des gräflichen Güterdirektors hatte sich in den
letzten Minuten wesentlich verschlechtert. Er versetzte einem
Stuhle, der ihm in den Weg kam, einen Fußtritt, daß er in
die äußerste Ecke flog. „Nun haben wir die Bescherung!
Alles wittert so einer aus! alles unterbietet so ein Schuft!
verdirbt uns die Preise, zieht uns die Leute ab, und macht
uns die Kunden abspenstig — verdirbt die ganze Bevölkerung!
Mit der Ziegelei fängt es an, dann kommt eine Stärkemühle,
oder chemische Bleiche — was weiß ich! Schließlich ist die
Fabrik am Orte. Und dann Prosit Mahlzeit! Dann können
wir mit der Landwirtschaft einpacken. Wie ist's denn drüben
in Heigelsdorf! Esse an Esse! Die Wässer verdorben, kein
Mensch mehr als Feldarbeiter zu haben; alles läuft in die
Fabrik. So wird's hier auch noch kommen. Ich sehe schon
die infamen Industriespargel am Horizonte. Alles Rauch und
Kohlendunst dann! Na, da kann sich der Graf ja gratulieren,
dann hat er einen Landsitz gehabt!“ —

Gustav sagte zu alledem nichts. Im Stillen war er nicht
unzufrieden mit dem Gange der Dinge. Besser konnte es ja
gar nicht kommen. Wenn Herrschaft und Händler sich schließlich noch um das Bauerngut rissen, dann konnte ja nur sein
Vater dabei gewinnen.

Der Hauptmann blieb abermals vor dem jungen Menschen
stehen, legte ihm vertraulich eine Hand auf die Schulter.
„Nun, sagen Sie mal Büttner! Sie sind doch Unteroffizier
gewesen, und wie mir scheint, ein anständiger Kerl. Soll
denn nun wirklich Ihr alter Vater vom Gute runter, und
der Jude rein?“ —

Gustav meinte, mit seinem Willen geschehe das gewiß
nicht. Er fing an, jenen zu durchschauen. Ganz so selbstlos
und großmütig, wie der Herr sich anstellte, war er wohl auch
nicht. Es war schon so, wie der alte Bauer neulich in seinem
Ärger gesagt hatte: den Bauern liebten die Großen, wie die
Katze die Maus. —

„Das darf nicht zugelassen werden!“ rief der Hauptmann.
„Das Gut ist schon lange in den Händen Ihrer Familie, wie
ich höre — nicht wahr? — Was soll denn werden, wenn so
unter dem alten bäuerlichen Grundbesitze aufgeräumt wird!
Und wenn erst so einer, wie Harrassowitz einen Fuß drinne
hat, dann ist er bald Alleinherrscher. — Was Sie mir da
von der Ziegelei erzählt haben, Büttner, gefällt mir gar nicht.“

Gustav hatte bei sich beschlossen, den Mann, der so eifrige
Besorgnis für seinen Vater an den Tag legte, beim Worte
zu nehmen. Er erklärte, mit einigen tausend Mark sei alles
gut zu machen. Dann setzte er denselben Plan auseinander,
den er neulich seinem Onkel, Karl Leberecht, vorgetragen
hatte. Der Herr Hauptmann möge doch die vom Kretschamwirt, Ernst Kaschel, eingeklagte Hypothek übernehmen, bat er
schließlich.

„Ich, mein Lieber!“ rief Hauptmann Schroff. „Ich bin
ein armer Teufel, wie Sie. Nur noch schlimmer dran, weil
ich bessere Tage gesehen habe, — Na, lassen wir das! . . .
Jeder hat so sein Teil zu tragen. Nein, von mir erwarten
Sie, um Gotteswillen, nichts! Ich bin nur der Vertreter meiner Herrschaft; darf nichts anderes sein.“

Aber, vielleicht könne sich der Hauptmann beim Herrn
Grafen verwenden, meinte Gustav. Hauptmann Schroff runzelte
die Stirn und strich sich mißmutig den Bart. „Der Graf!
Der ist in Berlin. Der nimmt auch lieber bar Geld ein,
als daß er es ausleiht. Wir haben's auch nicht zum Wegwerfen, wie Ihr Leute Euch einbilden mögt. Die Ansprüche
an so einen Herrn wachsen jährlich, und die Einnahmen verringern sich. In jetziger Zeit eine schlechte Hypothek übernehmen . . . Ich kann meinem Herrn mit gutem Gewissen
nicht zureden.“

Er hatte sich wieder in seinen Stuhl geworfen und sann.

„Ihr Vater hängt wohl sehr an seinem Besitze — was?“
fragte er nach einiger Zeit.

Gustav meinte, der Alte würde den Verlust schwerlich
überleben.

„Ja, ja, das kann ich begreifen!“ sagte der Hauptmann.

Schließlich sprang er auf von seinem Sitze. „Ich will
Ihnen mal was sagen, Büttner! Ich werde die Sache machen!
Ich will dem Grafen schreiben. Versprechen kann ich nichts,
aber ich kann wohl sagen, der Graf thut im allgemeinen, was
ich ihm empfehle. Die Verantwortung ist nicht klein, die ich
auf mich nehme; aber ich will's thun, weil . . . Um der Sache
willen will ich's thun.“ —

Gustav ging vom Rittergutshofe mit viel leichterem Herzen, als er gekommen.

II.

Samuel Harrassowitz saß in seinem halbverdeckten Wägelchen, in welchem er über Land zu fahren pflegte. Auf dem
Bocke der Kutscher mit einer goldbetressten Livree angethan, die
Sam bei irgend einer Zwangsversteigerung billig erstanden
hatte. Er war auf der Fahrt nach Wörmsbach begriffen, ein
Dorf, in dem er verschiedene Häuser und Landparzellen besaß.
Sein Weg führte ihn über Halbenau. Eigentlich hatte es
nicht in seinem Plane gelegen, sich hier aufzuhalten, aber, als
er von weitem den Giebel des Büttnerschen Hauses winken sah,
konnte er der Versuchung nicht widerstehen, einen Abstecher
dorthin zu unternehmen. 'mal sehen, wie die Dinge dort
standen. Auf ein Stündchen kam es ja nicht an. Und ‚stets
auf dem Platze sein‘, das war eines von Sams Geschäftsgeheimnissen.

Außerdem hatte er den Bauernhof und seine Bewohner
nicht ungern, Harrassowitz war einer gewissen Gutmütigkeit
fähig. Er haßte die nicht, welche er schädigte. Auch besaß er
Sinn für die Gemütlichkeit. Er vertilgte nicht gierig; das
war nicht klug, und man verdarb sich den Genuß. Er nahm
sich Zeit, und machte sich öfters das Vergnügen, um seinen
Baum herumzugehen, mit den Früchten zu liebäugeln, ehe er
sie schüttelte.

Er gab dem Kutscher Weisung, von der großen Straße
abzubiegen, und hielt bald darauf im Büttnerschen Hofe.

Die alte Bäuerin erschien in der Hausthür. Sie erschrak,
als sie den Händler erkannte, und vergaß darüber ganz, ihn
zu begrüßen.

„Ist denn mein braver Büttner zu Haus?“ fragte Sam.

Die Bäuerin erklärte, er sei mit Karl im Walde, und
Gustav sei auf's Rittergut gegangen. „Ich bi ack ganz alleene
mit den Madeln,“ meinte sie schüchtern.

„Recht so, Frau Büttner, recht so!“ sagte der Händler
im Aussteigen. „Ihr Mann ist ein fleißiger Mann, immer
bei der Arbeit, trotz seiner Jahre. Das ist brav! Mein
Kutscher kann wohl etwas Hafer bekommen für das Pferd —
nicht wahr?“

Die Bäuerin beeilte sich, zu versichern, daß hier alles zu
seinen Diensten stünde. Sie schickte sofort Ernestinen in den
Stall, um Hafer und Heu für das Pferd des Herrn Harrassowitz zu besorgen.

„Leg' die Decke auf!“ befahl der Händler. „Und laß Dir
überschlagenes Wasser geben — hörst Du! daß er mir nicht
etwa Husten kriegt!“

Nachdem er so für das Wohlergehen seines Tieres gesorgt
hatte, wandte sich Sam wieder an die Bäuerin. „Und mir
machen Sie wohl eine kleine Tasse Kaffee zurecht, beste Frau
Büttner! Ich bin ganz ausgekältet von der Fahrt, und Sie
kochen ja solch ausgezeichneten Kaffee; das weiß ich von neulich.“ Damit trat er ins Haus und klopfte der alten Frau
wohlwollend auf den Rücken.

Die Bäuerin war nur zu froh, Herrn Harrassowitz eine
Aufmerksamkeit erweisen zu dürfen. Der Mann spielte keine
geringe Rolle in den Hoffnungen und Befürchtungen der Familie. Sein Name wurde nur mit gedämpfter Stimme ausgesprochen. Die alte Frau wußte, daß ihrer aller Wohl und
Wehe in dieser Hand lag. Nach Weiberart glaubte sie, daß
man einen Feind dadurch entwaffnen könne, wenn man ihm
schmeichle. Trotz ihrer Lähme, die sich im Laufe des Winters
verschlimmert hatte, lief sie auf und ab, rief den Töchtern
zu, sie sollten sich sputen, ließ das Feuer schüren, setzte selbst
das Wasser an, und schaffte heran, was nur irgend im Hause
an Leckerbissen aufzutreiben war.

Sam entledigte sich inzwischen seines Nerzpelzes, der nach
seiner Angabe von den Mädchen breit am Kachelofen aufgehangen wurde, damit er nicht auskühle. Dann ließ er sich
selbst in der Nähe des Ofens nieder. „Ein hübsches warmes
Zimmer haben Sie hier, Mama Büttnern!“ sagte er in gemütlich scherzendem Tone. „Es geht nichts über die Temperatur in den Bauernstuben. Ich wollte eigentlich erst durchfahren, durch Halbenau; dann dachte ich: mußt doch mal sehen,
was Büttners machen.“

Die Bäuerin wußte kaum, wie sie ihren Dank für soviel
Ehre in Worte kleiden sollte.

„Jetzt im Winter ist ruhige Zeit auf dem Lande,“ fuhr
er fort. „Keine Arbeit auf dem Felde, was? Im Frühjahre
da geht's dann wieder ordentlich los, mit allen Kräften. Sie
haben ja jetzt auch Ihren zweiten Sohn hier, wie ich höre.“

„Se meenen Gustaven?“

„Der bei den Soldaten war bis vor Kurzem; der wird
dem Vater nun wohl tüchtig in der Wirtschaft helfen?“

„Freil'ch! Das mechte aben sein! Aber, er thutt sich sei
Madel heiraten. Und hernachen da will er furt von uns. Ar
spricht, er wullte sei eegner Herre sein. 's gefällt 'n ni mih
zu Hause. Ar gieht, und ar sieht s'ch nach an Dienste im.
Vurden gerade, eh' Se kamen, is er uf'n Huf geganga,
wegen aner Kutscherstelle. Ar spricht, er mechte als Kutscher
giehn bein Grafen, spricht 'r.“

„So so! Zum Grafen will er. Sagen Sie Ihrem Sohn
mal von mir, das soll er lieber bleiben lassen. Herrschaftlicher
Dienst, das ist schlimmer, als Sklaverei. Er mag lieber zu
mir kommen. Ich werde ihm schon was verschaffen. Drüben
in Wörmsbach zum Beispiel, da habe ich gerade eine Stelle,
die wäre für einen tüchtigen jungen Landwirt wie geschaffen.
Haus, Garten, einige zwanzig Morgen Feld dazu. Ich würde
ihm die Pacht billig lassen. Dort könnte er sein Glück machen.
Sagen Sie ihm das von mir!“

Die Bäuerin beknixte jeden seiner Sätze. Inzwischen hatte
sich der Tisch vor dem Fremden mit allerhand Eßbarem bedeckt. Die alte Frau trat zu ihm: „Entschuld'gen Se ack, Herr
Harrassowitz, mir han's emal ne basser. Was mer han, das
gahn mer Se gerne. Nu war'ch den Kutscher ane Bemme
schmieren giehn. Und an Branntwein wird er wuhl och
annahmen. Oder sull'ch 'n ane Neege Kaffee gahn, dem
Kutscher?“

„Thun Sie das, Frau Büttner,“ sagte Hassarowitz lachend,
und kniff dabei die alte Frau in den bloßen Arm. „Man
wird bei Ihnen wirklich verwöhnt.“ Dann hieb er ein, und
ließ es sich schmecken.

Toni brachte die Kaffeekanne herbei und setzte sie auf
den Tisch. Ernestine mußte die beste Tasse aus dem Glasschranke holen. Die Bäuerin schenkte selbst ein. Es war alles
um den Gast bemüht. Dem schien es offenbar Freude zu
machen, sich so aufmerksam bedient zu sehen. Er schlürfte seinen Kaffee, blickte die Frauen vergnügt schmunzelnd durch
seinen goldenen Zwicker an, und richtete hin und wieder eine
Frage an sie. Die Frauen wagten kaum zu antworten, verlegen standen sie im Hintergrunde, und sahen ihm mit ehrfurchtsvollem Schweigen zu, wie er aß und trank.

Sam betrachtete sich die Tasse, aus der er trank. „Dem
Jubelpaare!“ stand darauf in Goldschrift. Die Bäuerin erklärte, das sei ein Geschenk gewesen zur silbernen Hochzeit, die
sie vor etwa fünf Jahren gefeiert hätten. „Dreißig Jahre verheiratet!“ rief Sam. „Eine schöne Zeit! Und je glücklicher
man gewesen, je kürzer kommt es einem vor. — Nicht wahr?
— Ich werde nun auch bald meine silberne feiern. Mein
Ältester ist schon auf Universität. Er studiert Jurisprudenz,
verstehen Sie. Zu Ostern wird er fertig. Ein feiner Kopf,
sage ich Ihnen! Habe mir's aber auch was kosten lassen.
Dem Jungen ist nichts abgegangen.“

Sams Gesicht strahlte, als er von seinem begabten Sprößlinge sprach. Er sah sich selbstzufrieden im Kreise um, und
weidete sich an der stummen Bewunderung, die hier jedem
seiner Worte entgegengebracht wurde. Sein Blick fiel auch auf
Toni. Seine zudringlichen, alles Zweideutige ausspürenden
und aufstöbernden Blicke ruhten so lange auf der Figur des
Mädchens, bis Toni sich errötend abwandte, um sich in einer
dunkleren Ecke etwas zu schaffen zu machen.

Der Händler winkte sich die alte Bäuerin heran. „Wie steht
denn das mit Ihrer Tochter dort, Frau Büttner?“ fragte er,
und gab sich kaum die Mühe, seine Stimme zu dämpfen.
„Verheiratet ist sie meines Wissens doch nicht — he!“ Mit
schnüffelnder Miene spähte er dabei immer nach dem Mädchen
hinüber.

„Ach, Se meenen und Se denken, weil daß se . . . . .“

Und nun folgte eine lange Auseinandersetzung von Tonis
Liebesgeschichte. Es war weniger Entrüstung oder Trauer, was
in den Worten der Mutter zum Ausdruck kam, als Ärger,
daß dem Mädchen eine solche Dummheit passiert war. Beide
Töchter waren im Zimmer und hörten jedes Wort, das die
Bäuerin über den Fall sagte.

Harrassowitz hörte mit einem gewissen Behagen zu, und
nickte hin und wieder mit dem Kopfe. „Ja, ja, so geht's! Die
jungen Dinger sind immer nicht vorsichtig genug. Und ehe
man sich's versieht, ist ein neuer Weltbürger da. Na, man
muß immer noch das Beste daraus zu machen suchen. Haben
Sie denn noch gar nicht daran gedacht, Ihre Tochter als Amme
gehen zu lassen, Mama Büttnern?“

Die Bäuerin verstand nicht, was er damit meinte.

„Nun ja, als Amme! Verstehen Sie nicht? Da kann
sich so ein Mädchen heut zu Tage ein schönes Stück Geld
mit verdienen. Wenn ein Mädel gesund ist und stark, —
verstehen Sie. In den Städten wird das sehr gesucht. Lassen
Sie Ihre Tochter mal dort aus der Ecke herauskommen.“

Das Mädchen zögerte, dem Ansinnen des Händlers Folge
zu leisten. „Toni!“ rief die willfährige Mutter, „De sollst
kommen, herst De ne! Zu Herrn Harrassowitz. Er will
D'ch sahn.“ Toni kam schließlich zum Vorschein; sie wußte
nicht, wohin blicken vor Verlegenheit. Sie lachte krampfhaft, hielt sich den Arm vor's Gesicht und war dem Weinen
nahe.

„So stellen Sie sich doch nur nicht so schrecklich an!“ meinte
er, und musterte das Mädchen, wie etwa der Viehhändler
sich ein Stück betrachtet. „Das sieht ja famos aus! In bester
Ordnung alles, wie's scheint. Spreewälderkostüm wird Ihrer
Tochter ausgezeichnet stehen, Frau Büttner. Das tragen
diese Art Mädchen nämlich meist in Berlin. Weiße Hauben,
kurze grüne, oder rote Röcke, Sammetmieder, schwarze Strümpfe.
Alles hochpatent! Wird dem Fräulein ausgezeichnet kleiden.
— Na, wie steht's, Mama Büttnern?“

Die Bäuerin war in großer Bestürzung über den Vorschlag des Händlers. Erzürnen wollte sie den Mann um keinen
Preis durch eine abschlägige Antwort; dazu war ihre Furcht
vor ihm zu groß. Auf der anderen Seite hatte sie das sichere
Gefühl, daß das, was er da vorschlug, nicht recht und schicklich
sein könne. Sie hätte auch ihr Kind nur schweren Herzens
von sich gelassen.

Harrassowitz verfolgte seinen Plan weiter. „Ich wüßte
eine ausgezeichnete Stelle“, sagte er. „Meine eigene Tochter,
die in Berlin verheiratet ist, erwartet im zeitigen Sommer.
Die Sache ist eigentlich wie gegeben. Da käme Ihre Tochter
in ein hochherrschaftliches Haus, Berlin W Tiergartenviertel,
das Feinste was es giebt! Na, kurz das Mädel könnte sich
gratulieren, wenn sie dorthin käme. — Wie steht's Frau
Büttner, wollen wir die Sache abmachen?“

Der Händler hielt die Hand ausgestreckt, zum Zuschlag.
Da die Bäuerin zögerte, griff er in seine Tasche. „Ich will
auch gleich ein Aufgeld geben, damit Sie sehen, daß mir der
Handel ernst ist.“ — Er ließ ein Geldstück blicken.

Die Bäuerin hatte sich die Sache inzwischen überlegen können.
Die Mutter in ihr war rege geworden. „Nee nee! Herr Harrassowitz!“ rief sie. „Su gieht das ne! Su jählings! Das muß
sich eens duch erscht urdentlich mit seine Leite beraden. Und
das Madel salber mechte duch och gehert wern, ob se und se
mechte.“

„Nu ja! Beredt Euch untereinander!“ meinte Sam und
steckte sein Geldstück wieder ein. „Ich werde gelegentlich mal
wieder nachfragen, dieserhalb.“ —

In diesem Augenblicke hörte man kräftige Tritte draußen
am Thürpfosten, wie von einem, der sich den Schnee von den
Füßen tritt. Die Thür öffnete sich und Gustav trat ein.

Er kam vom Rittergutshofe, wo er mit Hauptmann Schroff
gesprochen hatte. Vor der Thür sah er das Gefährt des
Händlers stehen und erfuhr vom Kutscher, wer im Hause sei.
Sofort schoß ihm das Blut in den Kopf. Erregt trat er in's
Zimmer, er hatte den Feind noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen.

Seine Überraschung war groß, als er den Händler erblickte. Den Burschen hatte er sich ganz anders vorgestellt.
Unwillkürlich wollte er etwas von der teuflischen Bosheit, die
er dem Menschen zutraute, auch in seiner Erscheinung wiederfinden. Dort, dieser kleine fette Mann, kahlköpfig, mit rotem
Kotelettenbart, das sollte der berüchtigte Samuel Harrassowitz
sein, von dem man erzählte, daß er viele Menschen zu Grunde
gerichtet habe! —

Gustav fühlte auf einmal das Bedürfnis, dem Manne
seine ganze Verachtung zu zeigen. Der sollte sich um keinen
Preis einbilden, daß er sich vor ihm fürchte. Er wußte selbst
nicht, woher ihm der Übermut kam. Als ob der Fremde gar
nicht im Zimmer sei, feuerte er seinen Hut in die Ecke und
rief: „Wo ist der Vater?“

Harassowitz betrachtete sich den jungen Menschen. „Das
ist also Nummro zwei, der gewesene Unteroffizier. Gratuliere
Mama Büttnern, Sie haben einer gesunden Rasse das Leben
geschenkt. Solche Leute können wir brauchen.“

Die Bäuerin war auf ihren Sohn zugeschritten, und
machte ihm verstohlene Zeichen, daß er den Gast begrüßen
solle. Als Gustav das nicht zu verstehen schien, sagte sie ihm
halblaut, wer es sei.

„Wie alt sind Sie denn junger Mann — he?“ fragte
Sam.

Gustav hielt es nicht der Mühe für wert, zu antworten.
Jetzt erkannte die Mutter, daß mit Gustav nicht alles in Ordnung sei. Sie glaubte, er sei angetrunken. Außerdem wußte
sie, daß Gustav dem Händler nicht grün sei. Sie fürchtete das
Schlimmste. In der Wut war er unberechenbar, gerade wie
der Vater.

Sie trat daher zu dem Händler und antwortete, statt
des Sohnes: „Siebenundzwanzig is er, Herr Harassowitz —
ju ju, siebenundzwanzig. A strammer Kerle nich wahr, Herr
Harrassowitz?“ Dazu lachte sie gänzlich sinnlos, aus Angst.
„Und su a gutter Sohn wie der is, Herr Harrassowitz!“ fuhr
sie fort. Abwechselnd lächelte sie den Händler an, um ihn bei
guter Laune zu erhalten und warf dann wieder dem Sohne
flehende Blicke zu, daß er nichts Unbesonnenes unternehmen
möge.

Gustav hatte inzwischen an den Speisen auf dem Tisch,
dem kriechenden Wesen der Mutter und den verängstigten
Mienen der Schwestern erkannt, wie tief sich die Seinen vor
dem Fremden gedemütigt hatten. Eine dumpfe Wut erfaßte
ihn plötzlich, gegen dieses fette Gesicht. Wie der Bursche dasaß, protzig und sicher, sich die guten Sachen seiner Mutter
schmecken ließ! Den würde er mal auf den Trab bringen. Auf
Unterhandlungen wollte er sich gar nicht erst einlassen; denn
mit der Zunge war einem so einer ja natürlich über. Hier
konnte nur ‚ungebrannte Asche‘ helfen.

„Ich höre Sie sind auf dem Rittergute gewesen“, sagte
Harrassowitz, sich im Kauen nicht unterbrechend. „Um sich nach
einer Kutscherstelle beim Grafen umzuthun — war denn
da was?“

„Gustav! Herr Harrassowitz fragt Dich, ob's De . . . Was
suchst De denne Junge?“

„Ich suche meinen Stock, Mutter!“ sagte Gustav mit bedeutungsvollem Blicke nach dem Fremden hinüber. „Wo habe
ich denn meinen Stock gleich . . . . Ach, hier is 'r!“

Sam war während des Letzten rege geworden. Er hatte
ein schnelles Begriffsvermögen. Gustavs Mienen- und Gebärdenspiel war auch äußerst sprechend in diesem Augenblicke.
Der Händler sprang auf die Füße, riß seinen Pelz vom Ofen
und suchte die Thür zu gewinnen, so schnell wie möglich. Die
Mutter war dem Sohne in den Arm gefallen, der holte aus,
konnte aber nicht zuschlagen, weil er sonst unfehlbar die alte
Frau getroffen hätte.

So gelang es Sam, unversehrt in's Freie zu gelangen.
Die Frauen standen jetzt um Gustav und beschworen ihn, Vernunft anzunehmen. Er ließ den Stock sinken. Seine Wut
hatte sich schnell gelegt, sowie er den Feind in seiner ganzen
Erbärmlichkeit gesehen. Der Anblick dieses Männchens, wie
es mit erhobenen Händen, kläglich schreiend, sich ein paarmal um sich selbst gedreht hatte, war zu drollig gewesen.
Gustav brach noch nachträglich in ein unbändiges Gelächter
aus. Er mußte sich die Seiten halten vor Lachen. Und ansteckend wie die Lustigkeit nun einmal wirkt, lachten die Mädchen
schließlich auch mit.

Die Bäuerin humpelte hinaus, um des Händlers womöglich noch habhaft zu werden, und ihn um Verzeihung für die
Unthat des Sohnes zu bitten. Aber, es war zu spät; der
Wagen fuhr bereits in schneller Gangart aus dem Hofe.

III.

Kaschelernst war in die Stadt gefahren. Der Hauptzweck
seiner Fahrt war, Besorgungen und Bestellungen für die Gastwirtschaft zu machen. Da er bei dieser Gelegenheit hauptsächlich mit Bierbrauern, Cigarren-, Wein- und Likörhändlern zu
thun hatte, die bei Geschäftsabschlüssen gern etwas springen
lassen, befand er sich bereits am frühen Nachmittage in stark
angeheiterter Stimmung. Kaschelernst pflegte sich jedoch nie
bis zu voller Besinnungslosigkeit zu betrinken. Auch heute
schwankte er zwar bedenklich auf seinen kurzen Beinen, und sein
Rattengesicht hatte eine bläuliche Färbung angenommen, aber
im übrigen hatte er seine fünf Sinne völlig beisammen,
und vor allem war seine Durchtriebenheit nicht im geringsten geschwächt, durch die selige Stimmung.

In solcher Laune machte er sich auf, seinem Geschäftsfreunde Sam einen Besuch abzustatten.

Herr Kaschel aus Halbenau war ein gern gesehener Gast
in der Getreidehandlung von Samuel Harrassowitz. Wenn er
angemeldet wurde, ließ ihn Sam stets ohne weiteres in das
kleine Hinterzimmer führen. Der Kretschamwirt pflegte meist
wichtige Nachrichten vom Lande zu bringen.

Auch hier wieder bekam Kaschelernst sein Gläschen vorgesetzt. Man sprach von diesem und jenem. Der Kretschamwirt hatte schon mancherlei Interessantes ausgekramt. In
seiner Stellung, als Wirt eines vielbesuchten Gasthauses, erfuhr er vielerlei, was anderen verborgen blieb. Heute hatte
er sich etwas Besonderes bis zuletzt aufgespart. Eine Nachricht, die, wie er mit verschmitztem Augenzwinkern sagte, sie
beide angehe: der Saländer Graf wolle dem Büttnerbauer auf
die Beine helfen.

Der Händler schnellte von seinem Sitze empor. „Das wäre
doch ein starkes Stück!“

„Es is genau su, wie ich's sage!“ meinte Kaschelernst.
„Der Graf will mich auszahlen. Büttnertraugott soll drinne
bleiben im Gute. Su is es!“

Harrassowitz stieß eine Verwünschung aus. Dann fragte
er, ob Kaschel das genau wisse; es beruhe vielleicht auf einem
falschen Gerüchte. Der Gastwirt erklärte dagegen, der Graf
lasse mit ihm unterhandeln, wegen Übernahme seiner Hypothek. „Mir kann's ja schließlich recht sein,“ meinte Kaschelernst mit pfiffiger Miene. „Mir kann's schon ganz recht sein,
wenn der Graf mich auszahlt; auf die Weise komme ich doch
zu Gelde.“

„Sie wären auch ohnedem zu Ihrem Gelde gekommen,
wenn wir das Geschäft zusammen gemacht hätten!“ rief der
Händler wütend. „Und was Schönes zu verdienen hätte ich
Ihnen außerdem gegeben, Kaschel! Das wissen Sie ganz gut!
Das hier ist vollständig gegen die Verabredung. Nun kommt
der Bauer wieder auf die Füße. Verfluchte Gauner, die Aristokraten. Überall müssen sie sich einmischen. Wie kommt der
Graf dazu, sich um dergleichen zu bekümmern! Verdirbt ehrlichen Leute die Preise!“

Harrassowitz war in diesem Augenblicke ehrlich entrüstet.
Er empfand die Hülfe, die der Graf leisten wollte, als ein persöhnliches Unrecht, als unerlaubtes Eingreifen eines Unbefugten in seine Domäne.

Kaschelernst lächelte stillvergnügt und rieb sich die Hände.
Er freute sich an Sams Ärger. Dann trank er sein Glas
aus und meinte: „Ja, da wird's am Ende diesmal doch nischt
werden.“ Damit erhob er sich zum Gehen.

Sam blieb in ärgerlichster Stimmung zurück. Der Gedanke, daß ihm das Büttnersche Bauerngut entgehen sollte,
war äußerst schmerzlich. Er hatte im Geiste bereits über
dieses Gut verfügt, als sei es sein Eigentum. Unter anderem waren Unterhandlungen angeknüpft, wegen einer Dampfziegelei, welche er auf dem neuen Besitz anzulegen gedachte.
Ferner hatte er sich überlegt, welche Stücke er abtrennen
und veräußern und welche er behalten wolle. Das Hauptgeschäft aber hatte er mit dem Walde vor. Den sollte ihm
die Herrschaft Saland für teueres Geld abnehmen. Alle
diese bereits eingefädelten Pläne drohten nun in Nichts zu
zerfallen, durch das, was er soeben von Kaschelernst erfahren
hatte. Denn wenn der Graf wirklich für die Schulden des
Bauern eintrat, dann wurde nichts mit der Subhastation,
auf die es der Händler in erster Linie abgesehen hatte. Er
hatte schon eine Menge Arbeit in diese Sache gesteckt und
nun sollte alles das auf einmal verloren sein. Das war sehr
ärgerlich!

Aber, Sam pflegte sich niemals lange zu ärgern. Ärger
kostete Zeit, und ‚Zeit ist Geld.‛ Er schätzte das Geld viel
zu hoch, um es auf etwas Verlorenes zu setzen. Lieber strengte
er seinen Verstand an, überlegte, ob sich hier nicht doch
noch etwas machen lasse, und bald hatte er das Richtige gefunden.

Wozu war denn Edmund Schmeiß da! Von der Gewandtheit und dem Schneid dieses jungen Mannes hatte er
mehr als eine Probe erhalten. Edmund Schmeiß war auch
hierfür der richtige Mann.

Der Plan des Händlers war folgender: Der Besitzer
der Herrschaft Saland war Rittmeister und stand in Berlin.
Sam kannte den jungen Grafen zwar nicht persönlich, aber
er wußte, daß er ein vornehmer Herr sei, der sich nicht
sonderlich viel um die Gutsangelegenheiten kümmerte. Im
Sommer und Herbst lebte der Graf ein paar Wochen mit seiner
jungen Frau auf der Herrschaft, die übrige Zeit hielten ihn Dienst
und Geselligkeit in der Reichshauptstadt fest. Mit den Einzelheiten der Landwirtschaft seines großen Besitzes konnte der junge
Herr sich wohl kaum befassen; dazu waren die Beamten da. Ihm
war jedenfalls die Rente die Hauptsache, und er war schon
zufrieden, wenn er nur möglichst wenig Arbeit und Sorgen
durch den Besitz hatte. Es war ferner anzunehmen, daß der
Graf über die Verhältnisse bei den kleinen Leuten und Bauern
mit denen er grenzte, nur sehr unvollkommen unterrichtet sei.
Was er etwa darüber wußte, wurde ihm jedenfalls durch
seine Leute zugetragen. Überhaupt sah er alle Verhältnisse wahrscheinlich durch die Augen der Angestellten. Was
konnte er eigentlich für ein Interesse an dem Büttnerbauer
haben? Dem Grafen irgendwelche Teilnahme an der Erhaltung eines kräftigen Bauernstandes zuzutrauen, so naiv
war Samuel Harassowitz nicht. Er kannte doch die Kavaliere! Wahrscheinlich spekulierte der Graf auf den Wald des
Bauerngutes, der Jagd wegen. Jedenfalls war hier irgend ein
ganz realer, egoistischer Zweck im Hintergrunde, welcher diesen
großen Herrn veranlaßte, dem Bauern anscheinend hülfreich
unter die Arme zu greifen.

Wie nun den Grafen daran verhindern? Die Sache war
äußerst brenzlich, und mußte mit größter Vorsicht angefaßt werden.

Solche Aristokraten waren hochfahrend, stark von sich eingenommen, und liebten nicht, daß man sich ihnen aufdränge. Auf
der anderen Seite waren sie leichtlebig und rasch in ihren Entschließungen; ließen sich leicht bereden und fortreißen. Vor
allem aber kam es ihnen bei jedem Geschäfte darauf an, daß
es sich in netter gefälliger Form darbot, daß die Etikette gewahrt wurde.

Sam besaß soviel Selbsterkenntnis, um sich zu sagen,
daß, wenn er selbst nach Berlin führe, um mit dem Grafen
zu verhandeln, dabei schwerlich etwas herauskommen werde.
Er hielt sich zwar durchaus nicht für unfein; aber, er
wußte, daß Leute wie der Graf, besonders, wenn sie Offiziere sind, einen schwierigen Geschmack haben; kurz und gut,
es schien ihm besser, seine Person im Hintergrunde zu halten.
Edmund Schmeiß — das war ganz etwas anderes! Das war ein
‚proper‘ aussehender junger Mann, immer ‚patent‘ angezogen,
und mit ‚noblen‘ Manieren, überhaupt ‚prima!‘ Sam hatte
immer seine geheime Freude gehabt an dem forschen Auftreten
seines Günstlings. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß
der Kommissionär auch das Wohlgefallen des Grafen, schon
durch seine Erscheinung, gewinnen werde.

Edmund Schmeiß wurde also ausersehen, nach Berlin zu
reisen. Zuvor natürlich einigte man sich über die Provision,
wie das unter vorsichtigen Geschäftsleuten üblich ist.

Sam vereinigte immer gern mehrere Geschäfte, wenn es
sich machen ließ. Da er sich nun einmal in die Kosten gestürzt hatte, seinen Kommissionär nach Berlin zu schicken, gab
er diesem gleich noch ein paar andere Aufträge mit. Man
hatte Geschäftsverbindungen mit Berlin. Schmeiß bekam Order,
verschiedene Freunde von der Produktenbörse aufzusuchen, und
ein wenig auszuhorchen, über dieses und jenes. Überhaupt
hätte Sam gern etwas über die Stimmung im Kreise der Eingeweihten erfahren. Besonders für Weizen interessierte sich
der Händler gegenwärtig lebhaft. Die Berliner Berichte
lauteten seit etwa acht Tagen stehend: „Weizen ruhig, bei ziemlich behauptetem Preise.“ Aber, Sam traute nicht. Das war
wohl nur die Stille vor dem Sturm. Der Markt litt nicht
unter starkem Angebot, und trotzdem kein Anziehen der Preise!
Roggen litt unter Glattstellungen, Gerste war still. Wahrscheinlich dachte eine Anzahl großer Firmen, im Trüben fischen
zu können; etwa die niedrigen Notierungen zu benutzen, um im
Stillen Deckungen auszuführen, und dann mit einem Male,
wenn sie genug hatten, die Preise zu schnellen. Es wäre recht
interessant gewesen, hinter die eigentlichen Absichten der maßgebenden Leute im Weizengeschäft zu kommen. Wenn man
das Ziel des Manövers rechtzeitig erfuhr, konnte man sich in
seinen Manipulationen danach richten.

Edmund Schmeiß reiste also nach Berlin ab.

Zunächst versah er sich in einem Modemagazin mit einem
neuen Cylinder, rotbraunen Handschuhen und einer Kravatte
von prächtiger Farbe. Er meldete sich nicht an; denn da
riskierte man eine Ablehnung. Er wollte überraschen, wenn
es sein mußte, überrumpeln! Die Mittagsstunde schien ihm
die beste Zeit für seinen Besuch. Er nahm eine Droschke
erster Klasse, der Kutscher sollte vor der Thür auf ihn warten —
man durfte nichts versäumen, was guten Eindruck machen
konnte — und fuhr nach „den Zelten“, wo, wie er durch das
Adreßbuch ersehen hatte, der Graf seine Wohnung hatte.

Fast gleichzeitig mit ihm fuhr ein Coupé vor. Der
Diener sprang vom Bock und öffnete den Schlag. Ein
Ulanenoffizier stieg aus und eine Dame. Der Herr gab dem
Kutscher noch Weisungen und schritt dann der Dame nach,
in's Haus.

Edmund Schmeiß hatte die Szene mit Neugier verfolgt
und sich die Physiognomien genau eingeprägt. Er trat an
den Wagen heran, nahm den Hut ab und fragte den Kutscher,
wer das gewesen sei. Der Kutscher nannte den Namen seiner
Herrschaft.

Der Kommissionär war zufrieden, nun wußte er doch,
daß der Graf zu Haus sei. Er sah sich noch einmal Wagen
und Pferde an. Die Geschirre, die Livreen, bis herab auf
die Bockdecke und die Handschuhe von Kutscher und Diener,
alles vom Besten, geschmackvoll und gediegen.

Edmund Schmeiß ließ ein paar Minuten verstreichen,
während der er auf dem Trottoir auf und ab ging, und begab
sich dann in's Haus. Ein Kammerdiener öffnete auf sein
Klingeln. Der Kommissionär hatte eine gleichgültig überlegene
Miene vorbereitet, von der er annahm, sie müsse auf einen
Bediensteten Eindruck machen. Der Diener, ein großer bartloser Graukopf, mit der gemessenen Haltung eines Lords, warf
einen einzigen prüfenden Blick auf den Fremden, und erklärte
darauf, der Herr Graf seien nicht zu Haus. Damit wollte er
die Thür schließen, aber der Kommissionär, fix im Auffassen,
wie im Handeln, hatte sich zwischen Thür und Angel gestellt,
so daß jener nicht zumachen konnte. „Sagen Sie dem Herrn
Grafen,“ rief er mit einer Stimme, die berechnet war, auch
in den Zimmern gehört zu werden, „ich hätte dem Herrn
Grafen wichtige Nachrichten von der Herrschaft Saland zu
bringen. Hier ist meine Karte.“

Der Kammerdiener las die Karte, betrachtete sich den
Mann noch einmal, zuckte die Achseln und verschwand
darauf.

Nachdem man den Agenten eine geraume Zeit hatte
warten lassen, erschien der alte Diener wieder. Sein Benehmen
hatte an Geringschätzung zugenommen. Die Herrschaften wären
jetzt beim Luncheon, erklärte er, der Graf ließe dem Herrn
aber sagen, wenn er mit ihm sprechen wolle, möchte er in
einiger Zeit wiederkommen.

Edmund Schmeiß überlegte. Sollte er gehn und in einer
Stunde wiederkommen? Vielleicht war man da wieder nicht zu
Haus für ihn. Das war wohl nur eine Finte, um ihn auf
gute Manier los zu werden! Nein, er blieb! Nun hatte er
sich einmal den Eintritt erzwungen in das Quartier; diesen
Vorteil wollte er nicht wieder fahren lassen.

Er erklärte dem Kammerdiener, daß er hier warten wolle,
bis das Luncheon vorüber sei. Der Diener maß ihn mit
einem verächtlichen Blicke. „Wenn Sie wollen — hier, bitte!“
Er öffnete eine Thür. „Hier können Sie warten.“

Der Kommissionär sah sich in einem schmalen, einfenstrigen
Zimmer, einer Art Garderobe. Es hingen Pelzmäntel und
andere Kleidungsstücke an einem Rechen, unter einem Regal
stand Schuhwerk. Ein Schlafsofa war aufgestellt, an den
Wänden hingen Bilder und Photographien, die offenbar ausgemustert waren. Geheizt war der Raum nicht.

Obgleich das Ehrgefühl bei Edmund Schmeiß nicht sonderlich entwickelt war, fühlte er sich doch für den Augenblick nicht
angenehm berührt, als er bemerkte, wohin man ihn gewiesen
hatte. Seine Eitelkeit war gekränkt. Trotz des neuen Cylinders
und des pickfeinen Aufzuges hatte ihn dieser großbrodige Schuft
von einem Kammerdiener nicht für voll angesehen. Er besah
sich in einem Stehspiegel, der in einer Ecke des Zimmers
stand, und wohl eines Sprunges wegen hierher verbannt
worden war. Seiner Ansicht nach war alles ‚prima‘ an
ihm. Er hätte ebensogut ein Offizier in Civil, ein Baron, ein
Graf sein können. Was solche Lakaien doch für eine Witterung
haben mußten! —

Aber, Schmeiß war nicht der Mann, der sich durch peinliche Empfindungen für längere Zeit niederdrücken ließ. Die
Behandlung, die ihm zu Teil geworden, war sicher nicht freundlich zu nennen, aber, das mußte man schließlich aufs Geschäft
schlagen; er sah auf das Resultat, und da war der unzweifelhafte Erfolg zu verzeichnen, daß es ihm gelungen war, in die
Nähe des Grafen zu gelangen, der ihn nun doch nicht mehr
abweisen lassen konnte. Den Leuten auf den Leib rücken, das
war beim Geschäfte immer das Schwierigste und das Wichtigste.
Nun er einmal hier war, schien ihm der Erfolg so gut wie
sicher.

Er hatte sich auf das Schlafsofa gesetzt, und sah sich
im Zimmer um. Dort auf dem Tische standen verschiedene
Lampen von Bronce, Majolika, ein paar von Berliner Porzellan, Prachtstücke aus der Königlichen Manufaktur. So ein
Winter in Berlin mußte dem Grafen eine Menge Geld kosten,
mit Familie, Dienerschaft, Equipage und dazu erste Etage in
„den Zelten.“ Schmeiß machte einen Überschlag.

Seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, durch Geräusche
aus dem Nebenzimmer. Er hörte Tellerklappern und Stimmendurcheinander. Aha, das Eßzimmer! Er konnte weibliche
Stimmen unterscheiden. Man schien sich gut zu unterhalten,
es wurde viel gelacht. Der Kommissionär wechselte den Platz,
um besser zu hören. Mit Grafen und Komtessen hatte er
noch niemals zu Tische gesessen; es interessierte ihn doch,
etwas davon aufzuschnappen, wie diese Art sich eigentlich unterhalten mochte, wenn sie unter sich war.

Schmeiß hatte ein scharfes Gehör, trotzdem konnte er anfangs kaum mehr verstehen, als einzelne Worte und Sätze,
die aus dem Zusammenhange gerissen, keinen Sinn ergaben.
Man schien abgespeist zu haben, er hörte wenigstens kein
Tellerklappern mehr. Die Unterhaltung wurde in lebhaftester
Weise geführt. Er konnte jetzt einzelnes verstehen, weil er inzwischen gelernt hatte, die Stimmen zu unterscheiden.

Es schienen recht gleichgiltige Dinge, von denen sie sprachen.
Ein paar Namen hatte der Lauscher auch schon herausgehört.
Eine „Wanda“ schien da zu sein und eine „Ida“; jedenfalls
also der Graf mit seinen nächsten Angehörigen.

Jetzt rückte man mit den Stühlen, man erhob sich. Es
klang dem Kommissionär fast, als würde ein Tischgebet gesprochen, worüber er sich nicht wenig wunderte. Gleich darauf
hörte er eine männliche Stimme sagen: „Herr Graf, der Herr
ist auch noch da!“ — „Welcher Herr!“ fragte jemand. Darauf
hörte der Kommissionär seinen eignen Namen nennen. „Was
will der Mensch nur!“ hieß es. Gleichzeitig ertönte übermütiges Frauenlachen. „Schmeiß“! hast Du gehört? „Schmeiß“
heißt der Mensch!“ Ein Kichern und dann: „Möchtest Du
Frau Schmeiß heißen, Ida?“ — Das übrige verlor sich in
Gelächter.

Edmund Schmeiß war errötet, was ihm selten begegnete.
Die Kränkung hatte gesessen. Er knirschte mit den Zähnen.
Wer ihn jetzt gesehen hätte, würde haben ahnen können,
wessen dieser Mensch fähig, wenn er beleidigt war.

Die Thür vom Korridor wurde gleich darauf geöffnet,
der grauköpfige Kammerdiener trat ein und teilte mit, der Herr
Graf wolle Herrn Schmeiß jetzt annehmen. Der Kommissionär
fuhr sich schnell noch einmal mit der Hand über den Schnurrbart zog die Manschetten unter den Ärmeln vor und folgte
dem Diener.

Der Graf empfing ihn in seinem Zimmer. Er war ein
großer, schlanker Herr. Sein Kopf schien älter, als seine Figur.
Das blonde Haar lichtete sich bereits stark. Die Nase war
lang und etwas zu spitz, um schön zu sein. Die Augen
leuchteten groß und freundlich; sie waren das einzig Lebhafte in dem bleichen etwas verlebten Gesichte, dem auch der
Schnurrbart nichts martialisches gab. Der Graf trug den
Interimsrock.

Edmund Schmeiß hatte zunächst das unangenehme, ihn
bedrückende Gefühl niederzukämpfen, einem vornehmen Manne
gegenüber zu stehen. Aber das war nur vorübergehend, er beschloß, sich durch nichts imponieren zu lassen. Vornehmheit,
gut! die wollte er jenem lassen; aber ob der Mann so klug
sei, wie er, das würde sich erst noch ausweisen.

Der Graf erwiederte die tiefe Verbeugung des Fremden
mit einem Kopfnicken, wies auf einen Stuhl, zum Zeichen,
daß er Platz nehmen möge, und setzte sich selbst. „Nun, also
Herr“. . . . . . Der Graf dehnte das „Herr“, nach dem
Namen suchend. „Schmeiß ist mein Name,“ ergänzte der
Kommissionär. „Ganz recht, Herr Schmeiß! also was führt
Sie zu mir?“

Edmund Schmeiß hatte einen Fuß vorgesetzt und stemmte
den Cylinder auf das Knie. Dann begann er mit Manieren,
die zwischen Unterwürfigkeit, schnüffelnder Neugier und dreister
Zudringlichkeit unausgesetzt wechselten, den Zweck seines Kommens
in seichter, dabei glatt fließender Rede, wie sie den Handlungsreisenden eigen ist, auseinanderzusetzen.

Der Graf hörte ihm eine Weile mit gelangweilter Miene
zu; er feilte inzwischen an seinen Fingernägeln. Als er mit
allen zehn Fingern durch war, blickte er auf und meinte, in
leicht näselndem Tone: „Ja, mein Bester — ich weiß nicht —
Sie haben behauptet, Sie brächten mir Nachrichten von Saland
— unter dieser Voraussetzung allein habe ich Sie angenommen.
Ich sehe wirklich nicht ein, was das hier eigentlich soll!“

„Doch Herr Graf! der Herr Graf wollen wir nur gütigst
gestatten, auszureden. Ich meine nämlich, daß die Interessen
der Herrschaft Saland mit meinem Vorschlage sehr eng verknüpft sind. Der Wald des Büttnerschen Bauerngutes grenzt
mit dem der Herrschaft, liegt wie ein Keil in dem Forst des
Herrn Grafen eingesprengt . . . .“

„Das weiß ich selbst, wahrscheinlich genauer als Sie!“
meinte der Graf, welcher ungeduldig zu werden anfing. „Um
diesen Wald handle ich schon seit Jahren. Ich werde wohl
nun endlich mal dazu kommen. Um lumpige fünfzig oder
sechzig Morgen handelt es sich, glaube ich.“

„Der Herr Graf werden aber viel zu hoch bezahlen. Wir
würden dem Herrn Grafen den Wald billiger verschaffen.“

Der Graf musterte den Sprecher mit erstaunter Miene.
Erst jetzt sah er sich den Menschen richtig an, der sich mit
solcher Unverfrorenheit an ihn herandrängte. Das schien ja
ein possierlicher Bursche zu sein! Der Graf lachte. „Wer
sind Sie denn eigentlich, Verehrter! Ich wollte Ihnen blos
bemerken, daß ich keine Zwischenhändler brauche, wenn ich mit
einem meiner Bauern handeln will.“

„Herr Graf! Ich komme nicht im eignen Namen, das
würde ich mir nicht erlauben. Ich bin Kommissionär. Ich
komme im Auftrage der Firma Samuel Harrassowitz. Der
Name ist Ihnen gewiß bekannt Herr Graf. Eine große Getreidehandlung, der Inhaber ist ein feiner und durch und durch
reeller Geschäftsmann.“

Bei Nennung des Namens „Harrassowitz“ stutzte der Graf.
Er war aufgestanden und suchte etwas auf der Schreibtischplatte. „Mir schreibt hier mein Güterdirektor“ . . . . . Er
wühlte in einem Berge von Papieren, die einen etwas ungeordneten Eindruck machten. „Ich kann den Brief gerade nicht
finden.“ Den Späheraugen des Kommissionärs entging die
Nachlässigkeit, mit der der Graf in den Papieren stöberte, nicht.
„Na, egal! Hauptmann Schroff schreibt mir, daß dieser —
dieser . . . . den Sie eben nannten . . . .“

„Harrassowitz!“ beeilte sich Schmeiß zu ergänzen, der schon
bemerkt hatte, daß das Namensgedächtnis des Grafen ziemlich
mangelhaft war.

„Ganz recht! Dieser Harassowitz soll sich ja mit Güterschlächterei befassen.“

Jetzt hielt es Edmund Schmeiß für zeitgemäß, einen
Trumpf auszuspielen. Er erhob sich mit gekränkter Miene, und
sagte: „Ich bedaure, daß der Herr Graf so falsch berichtet
sind. Harrassowitz ist ein Ehrenmann durch und durch. Er
ist mein Freund!“ Er knöpfte seinen Rock zu, wie er es auf
dem Theater von beleidigten Helden gesehen hatte, und machte
ernsthaft Miene, zu gehen.

Menschenkenntnis war gerade nicht die starke Seite des
Grafen. Er war arglos und gutmütig von Natur. Der Gedanke, jemanden gekränkt zu haben, war ihm peinlich. Er
meinte in beschwichtigendem Tone: „Na, bleiben Sie nur,
bleiben Sie! Die Sache wird wohl nicht so gefährlich sein.“

„Ja, aber „Güterschlächterei“ ist ein schwerwiegendes Wort,
Herr Graf! Wenn ich mir meinen Freund Harrassowitz dazu
denke. — Ich will ihm die Bemerkung des Herrn Grafen lieber
nicht hinterbringen.“

Der Graf merkte die versteckte Drohung nicht, die in
diesen Worten liegen sollte. Völlig arglos sagte er: „Die
Sache ist nun gut! Setzen Sie sich wieder, und echauffieren
Sie sich nicht unnötig!“

„Wollen der Herr Graf mich weiter anhören?“ fragte
Schmeiß, mit gut geheuchelter Miene eines Verletzten, der sich
zur Versöhnung bereit finden lassen will. Im Innern triumphierte er.

„Ja, bitte, fahren Sie fort! Was wollen Sie denn eigentlich, oder was will Ihr Harrassowitz von mir? Das verstehe
ich immer noch nicht. Da ist dieser Bauer, dieser. . . . dieser
. . . . in Halbenau.“

„Büttner! meinen der Herr Graf, jedenfalls.“

„Jawohl, Büttner! Ein alter, ehrlicher Kerl, wie mir
scheint, dem die Zwangsversteigerung droht, wie Hauptmann
Schroff schreibt. Der Mann soll mit ein paar tausend Mark
zu retten sein.“

„Gestatten der Herr Graf, daß ich hier unterbreche! Die
Erfahrungen, die wir mit dem alten Büttner gemacht haben,
sind etwas anders geartet. Wir sind der Ansicht, daß der Herr
Graf verlockt werden sollen, einen Unwürdigen zu unterstützen.
Der Herr Graf sollen Ihr gutes Geld hergeben für eine Sache,
die, gelinde ausgedrückt, sehr zweifelhaft ist. Das ist der
Plan, hinter den wir gekommen sind. Und um das zu verhindern, Herr Graf, bin ich nach Berlin gereist.“

Schmeiß beobachtete, während er mit der Miene des moralisch entrüsteten Biedermannes sprach, die Züge des Grafen mit
einer Aufmerksamkeit, der nichts entging. Wenn dem Herrn
das hier glatt einging, dann konnte er noch eine ganze Portion
mehr vertragen. Der Graf ließ seine Augen mit dem Ausdrucke höchster Überraschung auf dem Sprecher ruhen, er hatte
den Mund halb offen, und sah in diesem Augenblicke nicht besonders geistreich aus. „Kennen Sie denn diesen — diesen
Büttner so genau?“ fragte er nach einigem Besinnen.

„Wir haben genügende Erfahrung mit dem Manne, ich
kann sagen, mit der ganzen Familie gemacht, um erklären zu
dürfen, wir kennen die Sippschaft gründlich.“

„Mein Güterdirektor lobt mir die Leute in seinem Briefe.“

„Das Urteil des Herrn Hauptmann Schroff scheint mir —
nun, ich will nichts gesagt haben, weil der Herr Graf etwas auf
den Herrn zu halten scheinen. Aber, nachdem er über meinen
Freund Harrassowitz derartig geurteilt hat, kann mir sein
Urteil nichts mehr gelten! Der Herr Graf werden das verstehen!“

„Der alte Bauer soll durch Familienunglück in Bedrängnis geraten sein, glaube ich.“

„Durch schlechte Wirtschaft und weiter nichts, Herr Graf!
Der alte Mann ist ein liederlicher Wirt und leider auch ein Trinker.
Die Söhne sind noch schlimmer, und bei den Töchtern jagt ein
uneheliches Kind das andere. Wollen sich der Herr Graf nur
erkundigen, dann werden Sie schon erfahren, daß ich nicht
übertreibe. Ich bin selbst in dem Hause gewesen, ich kenne
die Leute. Auf diese Weise ist die Wirtschaft natürlich immer
tiefer heruntergekommen. Jetzt sitzt der Mann in Schulden
bis über die Ohren. Harrassowitz ist er Geld schuldig, auch
ich habe an ihn verloren. Wir sind mit dem Manne gründlich betrogen worden, weil wir ihn für reell hielten. Wir
werden unser Geld einbüßen. Und so geht es verschiedenen
ehrlichen Geschäftsleuten. Auch mit seiner eigenen Familie hat
er sich überworfen. Der eigene Schwager hat ihn ausgeklagt.
Der Herr Graf wollen nur mal nachfragen lassen. Die ganze
Sache ist oberfaul!“

Der Graf schüttelte den Kopf. „Wenn das so ist — dann
läge die Sache ja in der That etwas anders. Aber, warum
ist mir denn das so dargestellt worden?“

„Die bekannte Großmut des Herrn Grafen soll ausgenutzt
werden. Man denkt vielleicht: der Herr Graf ist weit weg, in Berlin, und auf ein Paar tausend Mark kommt's ihm nicht an. Man
rechnet mit der Menschenfreundlichkeit des Herrn Grafen. Aber,
hier wäre Generosität, so schön sie auch sonst ist, nicht am
Platze. Gesetzt den Fall, der Herr Graf reißen den Mann jetzt
heraus — übrigens ist das mit ein paar tausend Mark keineswegs gethan; ich weiß, daß der alte Büttner namhafte Posten
schuldet, bei Leuten, die sich noch gar nicht gemeldet haben —
also, wenn der Herr Graf jetzt auch bezahlen, werden immer noch
Forderungen nachkommen. Das ist wie ein Sieb, wo das Wasser,
das man hereingießt, durchläuft. Und wenn der Bauer jetzt auch
noch soviel verspricht, in Jahresfrist ist doch wieder alles beim
Alten. Dann ist neuer Bankerott da. Der Herr Graf werden nichts
als Ärger und Verdruß gehabt haben und Ihr Geld einbüßen.“

„Das ist doch wirklich traurig!“ sagte der Graf, und dem
Tone, in welchem er das sagte, war abzuhören, daß es ihm
von Herzen kam.

„Ja, es ist tieftraurig!“ echote Schmeiß.

„Solchen Menschen ist dann allerdings nicht zu helfen.“

„Ganz sicher ist solchen Leuten nicht zu helfen, Herr
Graf,“ sagte Edmund Schmeiß mit wichtiger Miene und
ernsten Blicken. „Ganz sicher nicht! Da wird soviel geschrieben in den Blättern über die traurige Lage des Bauernstandes.
Besonders die Blätter einer freieren Richtung, die demokratischen
Organe, sind da immer schnell bereit, dem Großgrundbesitz die
Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Magnaten werden
angeklagt, den Bauern zu ruinieren, „aufsaugen,“ wie es da
heißt. Von „Bauernlegen“ wird gesprochen. Aber, daß die
Bauern meistens selbst an ihrem Untergänge Schuld sind, das
sagt niemand. Die Leute treiben's danach! Der Bauernstand
geht an sich selbst zu Grunde, Herr Graf, nicht durch den Großgrundbesitz. Hier an dem alten Büttnerbauern haben wir einen
schlagenden Beleg dafür!“

Edmund Schmeiß hatte die letzten Sätze mit einer gewissen
Feierlichkeit in Ton und Gebärde gesprochen, als decke er seine
innerste Gesinnung auf. Bei dem Grafen waren solche Worte
nicht verloren. Auch an ihn waren Klagen und Forderungen,
welche die Neuzeit gegen den Großgrundbesitz erhebt, herangeklungen, und hatten ihn verdrossen. Diese Verteidigung der
Magnaten klang ihm angenehm in den Ohren.

„Was diese demokratischen Blätter sagen, ist alles Gewäsch!“ erklärte er. „Was verstehen denn diese Leute von der
Bauernfrage! Die mögen nur erst mal auf's Land hinausgehen
und sehen, wie's dort zugeht, ehe sie ihre roten Artikel schreiben.
Ja, wirklich solche Leute, Redakteure und überhaupt Zeitungsschreiber, die müßten alle mal zur Strafe ein paar Wochen
das Feld bestellen — was? Die Art Leute hinter dem Pfluge,
oder beim Düngerladen, wie denken Sie sich das?“

Der Graf geruhte zu lachen über seine eigene heitere Bemerkung, und Edmund Schmeiß verfehlte nicht, mitzulachen;
auch er fand den Gedanken hochkomisch. Die Unterhaltung hatte
entschieden einen wärmeren Ton angenommen, und der Graf
war nicht mehr so unnahbar und von oben herab, wie zu
Anfang.

„Nicht wahr? Da kann einem doch niemand einen Vorwurf daraus machen, wenn man solch einen Mann seinem
wohlverdienten Schicksale überläßt?“ fragte der Graf schließlich.

„Im Gegenteil, Herr Graf!“ rief der Kommissionär.
„Ich meine, es wäre unverantwortlich, wenn man hier einen
Finger zur Hilfe rühren wollte. Diesen Leuten ist eben nicht
zu helfen, und kein vernünftiger Mensch wird wagen, dies von
dem Herrn Grafen zu verlangen.“

Schmeiß hatte nun keine große Mühe weiter, den Grafen zu
überreden. Leute von geringem Urteil, und großer Gutmütigkeit, wie der Graf, sind leicht zur Härte zu verführen. Der
Graf ärgerte sich bereits, daß seine Güte wieder mal hatte
mißbraucht werden sollen, und er gedachte, seinem Güterdirektor
diesen Versuch nicht zu vergessen.

Der Kommissionär ging von ihm, mit dem Bewußtsein,
seine Aufgabe in glänzender Weise gelöst zu haben. Und außerdem kam noch die angenehme Genugthuung befriedigter Eitelkeit
hinzu. Der Graf hatte ihn schließlich gar nicht mehr schlecht
behandelt. Sogar eine Cigarre war ihm vor dem Weggehen
angeboten worden.

Mit gehobenem Selbstgefühl verließ Edmund Schmeiß
das Haus, und dem prickelnden Gedanken, daß diese Aristokraten zwar äußerlich recht vornehm, im Grunde aber doch
fürchterlich dumm seien.

IV.

Eines Tages, als Gustav die Dorfgasse hinabging, begegnete ihm Hauptmann Schroff zu Pferde.

„Gut, daß ich Sie treffe, Büttner!“ sagte der Hauptmann.
„Ich wollte eben zu Ihnen. Ich habe Nachrichten in unserer
Sache. Leider keine guten! Kommen Sie ein paar Schritte
mit mir. Die Stute steht nicht gerne.“

Gustav schritt neben dem Reiter her, welcher weiter berichtete:

„Der Graf will nicht! Rundweg abgelehnt meinen Vorschlag, nachdem er erst Lust gezeigt, und ich in Folge dessen
unserem Rechtsanwalt schon Auftrag gegeben hatte, mit dem
Kretschamwirt zu verhandeln. Nun ist auf einmal Kontreordre gekommen von Berlin, sogar auf telegraphischem Wege.
Was da vorgegangen sein mag, soll der Teufel wissen! Auf
lumpige zweitausend Mark kommt's dem Grafen doch sonst
nicht an! Können Sie sich denken, was passiert sein kann,
Büttner?“

Gustav vermochte auch keine Erklärung zu geben.

„Ich habe sofort noch einmal an den Grafen geschrieben,
weil mir die Sache am Herzen lag. Er hat mir äußerst kurz
geantwortet, und mich bedeutet, daß, wenn er „nein“ sage, das
nicht „ja“ heiße. Dadurch ist die Sache für mich natürlich
erledigt. Ich habe mich zu fügen. Traurig ist das allerdings,
tieftraurig!“

Der Hauptmann blickte mit düsterem Gesicht in die Ferne,
seine Miene war voll Gram. „Der Teufel verblendet den
großen Herren die Augen!“ sagte er, mehr für sich, und biß
die Zähne aufeinander.

Die Stute begann unter ihm nervös hin und her zu
tänzeln; er hatte sie in Gedanken zu fest gehalten. Er ließ,
als er den Grund erkannte, ganz mechanisch die Kandarenzügel locker und zog die Trense etwas an. „Hoo, hoo!“ rief er,
dem Pferde zuredend, und klopfte es am Widerrist. „Ja, da
ist nun nichts weiter zu machen, mein guter Büttner!“ sagte
er nach längerem Schweigen. „Ich wenigstens kann nichts
mehr thun, mir sind die Hände gebunden. Nahe geht mir die
Sache, das kann ich wohl sagen! Auf dem Laufenden können
Sie mich immerhin erhalten, verstehen Sie, Büttner. — Nun,
Gott befohlen!“

Damit gab er der Stute einen unmerklichen Schenkeldruck.
Die krümmte den Hals, schob das Hinterteil unter und trug
den Reiter in gleichmäßig wiegenden Galoppsprüngen die Dorfstraße hinab.

Gustav blickte ihm mit Wehmut nach. Er war so sehr
Kavallerist geblieben, daß er selbst in diesem Augenblicke, wo
ganz andere Sorgen und Kümmernisse ihm näher lagen, doch
noch Raum fand für das Gefühl des Neides dem Manne
gegenüber, der ein solches Pferd reiten durfte. Er verfolgte
den Reiter mit seinen Blicken, bis er ihm hinter den Häusern
verschwunden war. Dann wandte er sich seufzend, um nach Hause
zu gehen, und dem Vater die schlechten Nachrichten zu überbringen.

Der junge Mann fühlte sich sehr niedergedrückt. Die Aussicht, die ihm Hauptmann Schroff eröffnet, war so wunderbar gewesen, daß er wirklich geglaubt hatte, es werde nun
alles gut werden. Er hatte seine Pläne für die Zukunft ganz
auf das Gelingen dieses Planes gestellt, und nun war in
elfter Stunde alles gescheitert!

Auf den alten Bauern machte die Nachricht keinen tieferen
Eindruck. Er hatte ja nicht an eine Wendung zum Besseren
geglaubt.

Der alte Mann hatte sich wieder ganz in sich selbst
zurückgezogen. Niemand, selbst Gustav nicht, wußte, ob er
überhaupt noch etwas hoffe. Scheinbar ließ er die Dinge
gehen, wie sie gehen wollten. Selbst die Nachricht vom Gericht,
daß Termin zur Zwangsversteigerung angesetzt sei, schien ihn
nicht merklich zu erregen.

In der Wirtschaft ging alles seinen gewohnten Gang
weiter. Hier merkte man gar nicht, welches Verhängnis
drohend über dem Gute hing. Die Frühjahrsbestellung wurde
wie alljährlich vorbereitet. Karl fuhr Dünger auf den Kartoffelacker und Jauche auf die Wiesen. Die Frage, wer die Früchte
ernten werde, stellte man nicht. Man that seine Arbeit und
schwieg. Die Maschine schnurrte weiter, weil sie einmal im
Gange war. Wenn nun plötzlich eine fremde Hand eingriff
und sie zum Stillstand brachte, was dann? —

Der alte Bauer schien mit einem gewissen Trotz dieser
Frage aus dem Wege zu gehen. Reden ließ er auch nicht
mit sich darüber. Gustav bekam zu hören, daß er ein „grüner
Junge“ sei, als er einmal davon zu sprechen anfing, was
eigentlich nach der Subhastation werden solle.

Und dabei lag die Notwendigkeit, daran zu denken, so
nahe. Wer konnte denn wissen, wer der Ersteher des Gutes
sein und was er mit Haus und Hof anfangen werde. Sie
mußten gewärtig sein, ihr Heim auf dem Flecke zu verlassen;
dann würden sie obdachlos auf der Straße liegen, wohl gar
der Armenfürsorge anheimfallen.

Gustav geriet auch in Anderem mit dem Alten in
Widerspruch. Der Büttnerbauer steckte noch immer Geld in
das Gut, obgleich es bereits an allen Ecken und Enden zu
mangeln begann. Der junge Mann war der Ansicht, daß
jetzt keine Verbesserungen mehr vorgenommen werden dürften,
da es doch feststand, daß der Besitz nicht mehr der Familie
erhalten werden könne. Aber der Bauer schien es sich in den
Kopf gesetzt zu haben, der verlorenen Sache noch möglichst
viel nachzuwerfen. Er schaffte einen neuen Pflug an, besserte
an den Wegen, stopfte Löcher im Fachwerk des Scheunengiebels und sprach sogar davon, den Kuhstall umdecken zu
lassen. Darüber kam es zwischen Vater und Sohn zu einem
heftigen Auftritt.

Die Folge war, daß der junge Mann sich mehr denn
je von zu Hause wegsehnte. Jeder Tag vermehrte seine Einsicht, daß hier alles unhaltbar geworden sei. Wozu sein Geschick noch länger an das seines Vaters knüpfen, der zu alt
zu sein schien, um noch Vernunft anzunehmen. Im Elternhause wurde es immer öder und trauriger. Der alte Bauer
lebte ein Leben völlig für sich. Wie ein böser Hund fuhr
er aus seiner Hütte, bereit, jeden zu beißen, der ihn in
seiner Verdrossenheit störte. Die Bäuerin weinte viel und
hatte an ihrem Leiden zu tragen. Therese zankte mit Karl.
Toni sah in schwüler Gleichgültigkeit ihrer Entbindung entgegen. Bei Ernestine begannen sich unter dem Einflusse all
des Widrigen, dessen das junge Ding Zeuge geworden, Eigensucht und Vorwitz in nicht gewöhnlichem Grade zu entwickeln.

Gustav hielt sich infolgedessen dem Elternhause, das ihm
die Hölle auf Erden zu werden drohte, so viel wie möglich
fern. Um so mehr war er bei Pauline Katschner zu finden.
Sie und der Junge mußten ihm jetzt Eltern und Geschwister
ersetzen.

Der Termin der Hochzeit rückte näher und näher, und
Gustav hatte noch immer keine Stellung gefunden. Er dachte
manchmal daran, ob es nicht das beste sei, auszuwandern.
Man sah es ja: die Verwandten alle, die von Halbenau weggegangen waren, hatten es zu Vermögen und Ansehen gebracht. Im Dorfe konnte man nie und nimmer zu etwas
kommen. Die Heimat war ihm vergällt und verekelt durch so viel
traurige Erlebnisse. Also, nur fort! Den Staub von Halbenau
von den Füßen geschüttelt und anderwärts sein Glück versucht!
Aber, das war leichter gedacht als ausgeführt. Zunächst einmal: wo sollte er hingehen? In die Stadt! Wer stand ihm
dafür, daß er dort Arbeit fand. Und dann mit Weib und
Kind wanderte es sich nicht so leicht, als wenn einer nur den
Ranzen zu schnüren und den Stab in die Hand zu nehmen
brauchte. Und schließlich war Gustav auch ein zu guter Sohn,
um trotz seines augenblicklichen Zerwürfnisses mit dem Vater,
seine alten Eltern leichten Herzens im Stiche zu lassen. Die
kränkelnde Mutter, den alten Mann, der bei seinen Jahren vom
Großbauern zum obdachlosen Bettler herabsteigen sollte! Es
war ein Jammer! Und Gustav erschien es oft wie Feigheit,
daß er gerade jetzt die Seinen verlassen wollte.

In dieser Zeit thaten sich plötzlich für den jungen Mann
ganz neue Aussichten auf.

Schon seit einiger Zeit hatte Gustav, der die Zeitungen
jetzt eifrig nach Stellen angeboten durchforschte, gelesen, daß ein
gewisser Zittwitz, der sich „Aufseheragent“ nannte, seine Vermittelung anbot für junge Leute, welche nach dem Westen auf
Sommerarbeit gehen wollten. Durch Bekannte hatte er weiter
gehört, daß derselbe Agent eine Art Arbeitsvermittelungsbureau
in der Stadt aufgethan habe, daß er auch die Dörfer in der
Runde besuche, um Mädchen und junge Männer zu mieten.

In dieser Gegend war die Sachsengängerei noch unbekannt.
Es war das erste Mal, daß ein Agent aus den westlichen
Zuckerrübendistrikten hier gesehen wurde. Die fabelhaftesten
Gerüchte gingen dem Manne voraus. Man versprach sich
goldene Berge. Die Leute, welche nach Sachsen zur Rübenarbeit gingen, hieß es, könnten sich im Laufe eines Sommers
dort ein Vermögen erwerben. Andere wieder sagten, diese
Agenten seien nicht besser als Sklavenhändler, und die Mädchen
und Burschen, welche ihrem Lockrufe folgten, sähen einem
schrecklichen Lose entgegen.

Gustav hatte, als er noch bei der Truppe war, die Sachsengänger alljährlich, im Frühjahr, durch die Stadt ziehen sehen,
von einem Bahnhof zum anderen, auf Möbelwagen: Weiber
und Männer zusammengepfercht mit ihren Ballen und Laden,
oder auch herdenweise durch die Straßen getrieben, wie Vieh.
Fremdartige Gestalten waren das gewesen, Polacken, schmutzig,
zerlumpt. Er hatte die Gesellschaft aus tiefster Seele verachtet,
und nie bisher war ihm der Gedanke gekommen, sich diesen
zuzugesellen.

Eines Tages nun fand er am Spritzenhause in Halbenau
einen Anschlag, auf welchem der Aufseheragent Zittwitz mitteilte, daß er im Kretscham angekommen sei und Anmeldungen
von Mädchen sowohl, wie jungen Männern, zur Sommerarbeit
in Sachsen annehme.

Gustav, der eigentlich auf dem Wege zu seiner Braut begriffen war, las den Anschlag ein paarmal aufmerksam durch.
Sich anbieten! Nein, das wollte er nicht. Er hätte den schön
geführt, der ihm, dem gewesenen Unteroffizier, hätte zumuten
wollen, unter die Runkelweiber zu gehen. Aber, anhören
konnte man sich schließlich doch mal, was der Agent zu sagen
hatte; das verpflichte ja zu nichts.

Vor dem Kretscham schon merkte man, daß hier etwas
Besonderes heute vor sich gehe. Leute gingen und kamen. An
der Thür stand ein Haufe junger Burschen, Hände in den
Taschen, Cigarren im Munde, welche die Mädchen, die zahlreich in den Gasthof strömten, bekrittelten und verhöhnten.
Gustav schloß sich dieser Gruppe an. Jetzt hineinzugehen,
schämte er sich doch.

Er stellte sich also zu den Burschen. Es wurde viel gespuckt, bramabasiert und geflucht. Der Kerl da drinnen mache
die Mädel ganz verrückt, hieß es. Das Blaue vom Himmel
löge er herunter, und einige habe er auch schon bald so weit,
daß sie unterschreiben wollten. Er suche sich die jungen und
hübschen aus. Verheiratete wolle er gar nicht haben. Da
könne man sich ja ungefähr vorstellen, was er im Schilde
führe. Es folgten düstere Andeutungen. Einer wollte in
einer Zeitung gelesen haben, wohin derartige Mädchen verschwänden.

Gustav hörte sich das Gerede eine Weile mit an, dann
meinte er, man solle doch lieber hineingehen und dem Burschen
auf die Finger sehen bei seinem Geschäfte. Sie würden wohl
noch Mannes genug sein, ihn, falls er im Trüben fische, aus
dem Orte hinaus zu besorgen.

Einige von den jungen Leuten folgten ihm in den Kretscham.

Die große Gaststube war gedrängt voll Menschen. Dem
Eingange gegenüber saß der Agent an seinem Tische mit Schreibzeug und Papieren. Um ihn her standen und saßen alte und
junge Männer. Die Mädchen hielten sich mehr an der
Wand, sie schienen verschüchtert und wollten sich nicht recht
herantrauen.

Der Aufseheragent war ein Mann von behäbigem Äußeren,
mit braunem Vollbart, in einem Anzug von brauner ‚Jäger‘wolle, der ihn wie ein Sack einschloß und nichts von weißer Wäsche
sehen ließ. Auffällig an ihm waren die großen lebhaften schwarzen Augen.

Er war soeben im Wortwechsel mit ein paar jungen
Männern begriffen, welche Soldatenmützen trugen, und die,
wie Gustav schnell erkannte, nicht aus Halbenau waren. Die
jungen Leute behaupteten, das seien Schundlöhne, die jener
anböte, dafür brauchte niemand die weite Reise zu machen.
Verhungern könne man hier so gut wie anderwärts, umsonst.

Der Agent ließ die beiden eine Weile reden. Er saß an
seinem Tische mit gelassener Miene, er schien seiner Sache sehr
sicher zu sein. Er gebrauchte seine Augen, indem er die einzelnen Gesichter um sich her scharf beobachtete.

Jetzt schlossen sich auch Einheimische den beiden auswärtigen
Schimpfern an. Für solche Löhne könne man kaum sein Leben
fristen, hieß es, geschweige denn etwas verdienen, oder zurücklegen. Da wolle man doch lieber daheim bleiben bei sicherem
Brod.

Nun erhob sich der Agent von seinem Platze, er ging
unter die Leute. Vor einem der Haupt-Klugredner blieb er
stehen. Er solle ihm doch einmal erzählen, was er verdiene,
sagte er in vertraulichem Tone. Der junge Mensch war etwas
verblüfft, und wollte nicht recht mit der Sprache heraus, dann
nannte er einen Satz; andere widersprachen, soviel verdiene
der nicht, hieß es. Es gab darüber ein Hin und Her. Der
Agent ließ die Leute ausreden, und blickte mit überlegenem
Lächeln drein. Dann griff er wieder ein, den Widerspruch, in
den sich der junge Mann verwickelt hatte, geschickt benutzend,
machte er ihn lächerlich, so daß er bald die Lacher auf seiner
Seite hatte.

Eine ernstere Miene aufsetzend, hielt er darauf eine kleine
Ansprache. Die Leute sollten nur Vertrauen zu ihm fassen,
sagte er. Er sei als Freund zu ihnen gekommen. Er wisse,
wie es dem kleinen Manne um's Herz sei in diesen schweren
Zeiten. Sei er doch selbst aus dem Arbeiterstande hervorgegangen, habe sich durch seiner Hände Werk emporgearbeitet.
Aber, stolz sei er nicht geworden.

Der Mann besaß eine gewisse breite Gemütlichkeit, etwas
volkstümlich Biedermännisches in Worten und Gebärden, das
zum Herzen des kleinen Mannes sprach, und ihm auch hier
schnell die Gemüter eroberte.

Unter den Anwesenden waren viele Tagelöhner, Dienstleute, kleine Stellenbesitzer, lauter armes Volk, das um seine
Existenz rang. Auch ein paar Armenhäusler waren zur Stelle.
Die meisten hatten sich wohl nur des Zeitvertreibs wegen
hierher begeben, um mal zu sehen, was ein ‚Aufseheragent‛
eigentlich für ein Ding sei, und „ob der Karle wos lus hatte.“

Getrunken wurde viel. Hinter dem Schenktisch stand
Kaschelernst, der die Pfennige eben so gern von den Armen
nahm, wie von den Reichen. „Kleinvieh macht och Mist,“
pflegte er philosophisch zu sagen. Richard ging umher an den
Tischen und nahm die leeren Gläser in Empfang, setzte volle
auf und kassierte. An den erhitzten Gesichtern und den lauten
Stimmen konnte man merken, daß einzelne schon zu viel des
Guten gethan hatten.

Agent Zittwitz hatte sich inzwischen in eine abgelegenere
Ecke des Raumes begeben, wo mehrere Mädchen beisammen
saßen, ängstlich und ratlos, wie ein Völkchen junger Hühner.
Der Aufseheragent pflanzte sich vor sie hin und suchte sie
durch freundliche Blicke und Worte zu kirren. Er pries ihnen
die Vorzüge seines Kontraktes. Seine Anpreisung war geschickt
auf den weiblichen Sparsamkeits- und Ordnungssinn berechnet.
Sie könnten ihren ganzen Lohn zurücklegen, da sie alles geliefert bekämen und keinerlei Ausgaben hätten. Die meisten
Mädchen brächten im Herbst ihre dreihundert Mark zurück,
er kenne auch welche, die es bis zu fünfhundert gebracht
hätten. Viele Mädchen verdienten sich auf diese Weise ihre
Ausstattung.

Die Mädchen sagten nicht viel, aber ihren Mienen war
es leicht abzusehen, daß sie große Lust hatten, der Lockpfeife
des Fremden zu folgen.

Gustav hatte sich anfangs nicht viel darum gekümmert,
was in jener Ecke vorgehe. Er war darüber, den Kontrakt
durchzulesen, welchen der Agent ausgelegt hatte. Es befanden
sich noch keine Unterschriften darunter. Als er dann nach der
Mädchenecke hinüberblickte, erkannte er zu seiner nicht geringen
Verwunderung seine eigene Schwester, Ernestine, die sich in
der Gruppe befand. Sie saß unter den Vordersten und folgte
den Reden des Werbers mit gespannter Aufmerksamkeit. Wollte
die sich etwa gar verdingen? Er trat hinter den Agenten; er
wollte doch einmal genauer feststellen, was der den Mädeln
eigentlich vorschwatze.

Der Werber war gerade dabei, auseinanderzusetzen,
welche Lebensweise ihrer in Sachsen harre. Sie wohnten
gemeinsam in besonderen Häusern, auch Kasernen genannt.
Ihre Betten und Kleider könnten sie sich mitbringen, für
alles andere sei gesorgt. Die Lebensmittel bekämen sie geliefert. Früh, ehe es zur Arbeit ging, setze man sich seinen
Topf an. Ein Mädchen bleibe zurück, um nach dem Feuer zu
sehen und die Töpfe zu rücken. Den Abend hätten sie ganz
für sich, ebenso den Sonntag.

Der Mann verstand es, das Leben der Sommerarbeiter in
der angenehmsten Weise zu schildern. — Dann begann er von der
Arbeit zu sprechen, für die sie gemietet würden. Er meinte, die
sei leicht, jedenfalls ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was man
in dieser Gegend von den Frauen verlange. Rüben hacken und
verziehen, zur Erntezeit Getreide abraffen und binden, und im
Herbste Kartoffeln ausmachen und Rüben roden. All' die
schweren und unappetitlichen Verrichtungen, die sie zu Haus
thun müßten, wie: misten, jauchen, graben, dreschen, melken,
karren und die Egge ziehen, fielen da weg. Auch würde meist
in Akkord gearbeitet, ohne Aufsicht von Seiten der Dienstherrschaft. Ganz frei sei man und ungebunden. Könne es
etwas Schöneres geben! Und im Herbste kehre man dann mit
dem ganzen reichen Lohne des Sommers, frohen Mutes in
die Heimat zurück.

Der Werber machte eine Pause. Er hatte die Stimmung
so gut vorzubereiten verstanden, daß er nur noch die Hand
auszustrecken brauchte, und er hatte die Mädchen alle.

Da trat Gustav vor und sagte er wolle mal ein paar
Fragen stellen. „Bitte schön!“ meinte der Agent. „Dazu bin
ich hier, um Rede und Antwort zu stehen. Jemehr Sie fragen,
desto angenehmer ist es mir.“ Er sagte das mit größter Zuvorkommenheit, betrachtete sich den jungen Mann jedoch gleichzeitig mit forschenden Blicken, die nicht frei von Argwohn waren.

„Wir haben ja hier alle gehört“ begann Gustav und
wandte sich mehr an die anwesenden Männer, als an die
Frauen, „wie schön dort alles ist, wo der Herr uns hinbringen
möchte, und wie dort alles gut ist, viel besser als hier bei
uns.“ Er stockte. Das freie Sprechen war ihm etwas völlig
Ungewohntes. Einen Augenblick lang gingen ihm die Gedanken
aus. ‚Du bleibst stecken!‘ Dachte er bei sich. Dann nahm er
alle Willenskraft zusammen und fand das verlorene Gedankenende wieder. „Solch ein Land möchten wir wohl alle kennen
lernen, wie es der Herr da beschreibt. Aber ehe ich den
Kontrakt unterschreibe und mit dem Herrn Aufseheragenten
dorthin gehe, da möchte ich doch vorher von ihm noch eins
wissen: nämlich, warum denn die Leute dort, die Burschen und
die Mädel aus dem Lande, von dem uns der Herr erzählt,
warum die denn nicht auf Arbeit gehen wollen, und sich das
Verdienst mitnehmen? Oder giebt's dort etwa keine Arbeiter
nicht? Das glaub ich doch nicht!“ —

Die Anwesenden waren diesen Worten mit Spannung gefolgt. Die Männer gaben ihren Beifall zu erkennen. Das
war einleuchtend! Büttner hatte recht! Es war doch auffällig, daß die Leute in jener Gegend sich den Vorteil entgehen lassen sollten, der ihnen hier angepriesen wurde. Man
war neugierig, was der Agent hierauf zu antworten haben würde.

Der zuckte die Achseln und lachte. Er schien der Sache
einen harmlosen Anstrich geben zu wollen, indem er sie auf
die leichte Schulter nahm. „Ihr Leute!“ rief er: „Ihr müßt
Euch das nicht so vorstellen, wie hier! Bei uns im Westen,
das ist eben eine ganz andere Sache.“ . . . . Dann erzählte
er von der Fruchtbarkeit des Bodens und der intensiveren
Wirtschaftsweise in jenen Distrikten, welche eine große Menge
von Menschenkräften erfordere, mehr als meist zur Hand seien.

Die Erklärung verfing nicht bei den Leuten. Der Mann
mochte noch so schön und gelehrt sprechen, die klare Frage,
welche ihm vorgelegt worden war, hatte er nicht beantworten können. Irgend einen Haken hatte die Geschichte
also doch!

Gustav gab dieser Stimmung Ausdruck, indem er fragte,
ob etwa die jungen Leute dort sich zu fein dünkten zur Feldarbeit, daß man so weit hinausschicken müsse, bis zu ihnen,
nach Arbeitern. —

Der Agent erklärte, die Leute dort seien durchschnittlich
wohlhabender als hier im Osten. Viele gingen auch in die
Städte und widmeten sich anderen Berufen, als gerade der
Landwirtschaft.

„Da haben wir's!“ rief Gustav, welcher den Mann nicht
ausreden ließ. „Da hört Ihr's! Wie ich gesagt habe! Die
Sache ist genau so: wir sollen eben das machen, was denen
dort nicht paßt. Wozu die sich zu gut vorkommen, dazu werden wir geholt. Ne, das paßt uns auch nich — nichwahr?
Wir sind nich schlechter, hier, als irgend wer andersch!“

Gustav sah sich fragend im Kreise um. Die Männer
riefen ihm zu, daß er recht habe. Der Werber, welcher
merkte, daß die Dinge eine ungünstige Wendung für ihn
zu nehmen begannen, rief mit erhobener Stimme: man
solle ihn nur anhören, er werde alles haarklein erklären.
Aber schon hatte er die Aufmerksamkeit verloren. Man
schwatzte laut durcheinander und murrte. Für dumm solle
man die Halbenauer nicht halten, hieß es. Im Sacke wollten
sie die Katze nicht kaufen. Das sei der reine Menschenfang,
der hier getrieben würde, rief einer von den jungen Leuten
mit Militärmütze.

So flogen die Redensarten hin und her. Jetzt redete
mancher von der Leber weg, der sich's zuvor nicht getraut
hatte. Der Agent gab das Spiel noch nicht verloren, er trat
an einzelne heran, setzte ihnen zu, eiferte, widersprach, wollte
berichtigen. Er hatte gut sich abmühen, er fand keinen Glauben
mehr. In diesen einfachen Köpfen war das Mißtrauen rege
geworden, und mit Engelszungen ließ sich ihnen der Argwohn
nicht wieder ausreden.

Wer jetzt noch Lust hatte, den Kontrakt zu unterschreiben,
wagte es nicht mehr, aus Angst, sich vor den Dorfgenossen
lächerlich zu machen. Die Mädchen gingen eine nach der
anderen hinaus, besorgend, es möge hier wohl noch gar zur
Rauferei kommen.

Agent Zittwitz packte schließlich mit ärgerlicher Miene seine
Papiere zusammen, und verschwand.

Die Männer blieben noch beisammen. Gustav Büttner
war der Held des Tages. Das war etwas ganz Neues
für ihn. Das Bewußtsein, von seinesgleichen anerkannt zu
werden, hob sein Selbstgefühl. Er war so ganz unvorbedacht
dazu gekommen; er wußte selbst nicht, wie ihm geschehen. Der
blaue Dunst, den dieser Agent den Leuten vorgemacht, hatte
ihn verdrossen, und da hatte er frei herausgesagt, was er für
recht hielt, ohne Haschen nach Bewunderung. Der Erfolg, den
er gehabt, setzte ihn selbst in Erstaunen. Die Aufmerksamkeit,
deren Gegenstand er gegen seinen Willen geworden, that ihm
aber doch wohl, bekam schließlich etwas Prickelndes, Berauschendes für seine wenig verwöhnte Eitelkeit.

Und die Umgebung sorgte dafür, daß dieses Gefühl sich
steigerte. Man feierte den Sieg, brüstete sich damit, dem Aufseheragenten das Geschäft gründlich gelegt zu haben. „Ja,
wir Halbenauer!“ . . . hieß es. Die Begebenheit wurde noch
einmal durcherlebt, breitgetreten, ausgeschmückt. Die Schnapsflasche machte die Runde. Bier wurde bestellt; bald gab
dieser, bald jener eine neue Auflage zum besten.

Auch Gustav durfte sich nicht lumpen lassen, er ließ anfahren. Dabei machte er sich's zum besonderen Scherz, jedes
Glas einzeln heranbringen zu lassen, nur um das Vergnügen
zu haben, seinen Vetter Richard Kaschel auf seinen Wink
springen zu sehen. Hinter dem Schenktisch erschien jetzt auch
Ottilie. Sie schielte nach dem Vetter hinüber und lächelte ihm
mit schiefem Munde zu. Er hob das Glas, und ihr zutrinkend,
rief er: „Auf Deine Schönheit!“ Ein schallendes Gelächter
der Burschen antwortete. Ottilie zog sich, scheinbar gekränkt,
von der Bierausgabe zurück.

Während man noch den schlechten Witz bejubelte, trat ein
Fremder in's Zimmer. Seinem Aufzuge nach war er ein
wandernder Handwerksbursche, auf dem Rücken den ‚Berliner‘,
den ‚Stenz‘ in der Hand.

„Kenn Kunde!“ begrüßte ihn einer von den jungen Leuten,
der auch einmal auf der Walze gewesen war, und die Kundensprache beherrschte.

„Kenn Kunde!“ kam es aus dem Munde des Wandersmanns zurück.

„Na, Kunde, wie is der Talf gewesen?“

„Denkst De, ich wer' Klinken putzen! Ne, dazu is meinen
Ollen sei Sohn zu nobel.“

„Na, Kunde, nobel siehst De grade nich aus. Du wirst
wohl schmal gemacht han! Oder bist De gar verschütt gegangen?“

„Ich und verschütt gehn! Nich mal Knast gemacht ha'
'ch. Mei Lebtag nich! Ich hab' freilich meine' Flebben in
Ordnung. Willst se sehn?“

„Ich bin keen Teckel nich! Laß Deine Flebben, wo se
sind. Willst' en Soruff, Kunde?“

„Freilich mecht'ch ä Nordlicht putzen. Hier is aber, weeß
der Hole, ene dufte Winde.“

„Hast wohl lange Leg' um kauen müssen?“

„Pikus machen kann mer nich alle Tage auf der Walze.
Meine Kluft is och mieß, die Trittchen hier sind ganz verrissen und ne reine Staude hab' ich vor drei Wochen angehabt.“

„Na, laß Dich vom Bruder schmieren, Kunde!“

„Wenn ich man Messume hätte.“

„Hier, trink mal!“

„Prost, edler Menschenfreund!“

Gustav hatte sich den Mann, der eben das Glas zum
Munde führte, inzwischen mit Aufmerksamkeit betrachtet. Den
mußte er doch kennen. Himmeldonnerwetter! war das nicht . . . . .
Wenn das nicht Häschke war, wollte er sich hängen lassen!
Häschke, mit dem er zusammen eingetreten war bei der zweiten
Schwadron. Freilich, der Vollbart veränderte ihn, und die
Vagabundenkleidung. Aber, an den lebhaften Augen, der
Stimme und den Bewegungen, erkannte er den ehemaligen
Kameraden wieder.

„Häschkekorl!“ rief Gustav und unterbrach damit die
Unterhaltung der beiden Kunden.

Der Handwerksbursche fuhr herum. „Büttner! Hol' mich
der Teufel. Büttnergust!“

„Gleich, noch ein Bier für meinen Kameraden!“ rief
Gustav nach dem Schenktisch hinüber.

Nun ging ein eifriges Fragen los von beiden Seiten.
Drei Jahre und ein halbes war es jetzt her, daß sie einander
nicht gesehen hatten. Denn Häschke war nach beendeter Dienstzeit herausgegangen, während Büttner kapituliert hatte.

Häschke hatte sich neben Gustav setzen müssen. Nun
mußte er von seinen Erlebnissen berichten. Er war von der
Truppe aus zunächst in seine Heimat, das Königreich Sachsen,
zurückgekehrt. Von Profession war er Schlosser und hatte
für's erste bei einem Meister seines Handwerks Arbeit genommen. Dort war seines Bleibens aber nicht lange gewesen.
Er hatte Krach bekommen mit dem Meister. Nun war er gewandert, hatte dabei einen guten Teil Deutschlands gesehen.
Im Westfälischen war er hängen geblieben, eines Mädels
wegen, sagte er. Dort hatte er sich in eine Maschinenwerkzeugfabrik verdungen. Bald darauf war Strike ausgebrochen,
und er hatte seinen Stab weitersetzen müssen. Einige Monate
lang hatte er beim Nordostseekanalbau Arbeit gefunden. Nachdem er den Winter über in einer posenschen Zuckerfabrik als
Heizer Verwendung und Unterschlupf gefunden, lag er jetzt
wieder auf der Landstraße.

Gustav Büttner war mit diesem Häschke besonders
befreundet gewesen. Sie hatten zusammen die Leiden der
Rekrutenzeit durchgemacht. Waren auf derselben Stube
und in dem nämlichen Beritt gewesen. Daß Büttner bald
zum Gefreiten befördert wurde, während Häschke Gemeiner
blieb, hatte keine eigentliche Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet. Häschke war und blieb einer der beliebtesten und
angesehensten Kameraden, obgleich ihm die Vorgesetzten nicht
wohl wollten, seines losen Maules und seiner Leichtfertigkeit
wegen. Mutterwitz und Gewandtheit brachten ihn bei seinesgleichen desto mehr zur Geltung.

Jetzt wurden alle diese Erinnerungen wieder aufgefrischt.
Vom schnauzigen Wachtmeister und vom schneidigen Herrn
Rittmeister erzählte man sich, und mancher lustige Streich aus
dem Manöver und dem Garnisonsleben wurde an's Tageslicht
gezogen.

Häschke war natürlich Gustavs Gast. Als er erfahren
hatte, daß der Weitgereiste heute noch nichts Ordentliches in
den Magen bekommen, bestellte Gustav Butterbrot und Wurst
für ihn.

Auf diese Weise war der Nachmittag vergangen. Die
hereinbrechende Dunkelheit mahnte zum Aufbruch. Gustav
dachte mit geheimer Besorgnis an die hohe Zeche, die er gemacht hatte. Aber er hütete sich wohl, davon etwas merken
zu lassen. Im Gegenteil! Den Kaschels wollte er grade mal
zeigen, daß es ihm auf ein paar Mark nicht ankomme. Und
er bestellte für die ganze Gesellschaft noch einen Korn zum
„Rachenputzen!“

Als man den Kretscham verließ, schloß Häschke sich Gustav
an. Sobald sie ohne Zeugen waren, begann der Handwerksbursche zu klagen, wie schlecht es ihm gehe. Seit vierzehn
Tagen sei er in kein vernünftiges Bett gekommen. Die letzten
Sparpfennige waren in den Pennen draufgegangen. Die
Kleider fingen an zu zerreißen und die Füße schmerzten in
dem elenden Schuhwerk. Er sah in der That abgerissen genug
aus. Er fragte Gustav, ob er ihm nicht aus alter Kameradschaft etwas vorschießen könne. Dann wolle er die Eisenbahn
benutzen oder — wie er sich in der Kundensprache ausdrückte —
„mit dem Feurigen walzen“, und ihm von seiner Heimat aus
das Erborgte zurückerstatten.

Gustav hatte das Gewissen bereits gepeinigt wegen der
heutigen Zeche. Das war von den Ersparnissen gegangen, die
er für die Hochzeit bestimmt hatte. Es wurde ihm schwer,
dem alten Kameraden die Bitte abzuschlagen, aber, es ging
nicht anders! Er war nicht mehr ganz nüchtern, wie er jetzt
erst merkte, wo er sich in freier Luft befand, aber er fand
noch soviel Überlegung, dem anderen zu erklären, daß er nichts
ausleihen könne, er sei selbst nicht in der besten Lage und
wolle nächstens heiraten.

Häschke bat, daß er ihm dann wenigstens Unterkunft für
ein paar Tage verschaffen möge. Er wolle sich seine Sachen
in Stand setzen und seine Füße ausheilen lassen. Wenn er
sich wieder etwas herausgemacht haben würde, werde er seine
Straße weiterziehen.

Diese Bitte konnte Gustav unmöglich abschlagen. Er
überlegte: bei den Eltern war ja Platz. Häschke behauptete,
mit jedem Fleckchen, und sei es auf dem Boden oder im
Schuppen, zufrieden zu sein, und wenn es nur eine Bucht wäre
von Heu. Gustav erklärte, es werde sich wohl noch ein Bett
für ihn finden.

Er brachte also den Fremden mit nach Haus. Dort saß
die Familie bereits beim Abendbrot. Die Angetrunkenheit
löste Gustavs Zunge. Mit größerem Wortreichtum, als man
sonst an ihm gewohnt war, stellte er den Fremdling als einen
ehemaligen Kameraden und Freund vor, dem man Obdach gewähren müsse.

Die Frauen blickten verdutzt auf den bärtigen Wanderburschen, der in der trüben Beleuchtung des schwachen Öllämpchens nicht grade vertrauenerweckend sich ausnahm. Der
alte Bauer sagte nichts; ihn brachte jetzt nicht so leicht mehr
etwas aus seiner verstockten Gelassenheit. In früheren Zeiten
würde er dem schön gekommen sein, der ihm solch' einen Strolch
in's Haus gebracht hätte. Aber, jetzt nahm er auch das mit
in den Kauf zu dem übrigen. Die Bäuerin war gewiß nicht
erbaut über den Gast; doch wagte sie nichts zu äußern, aus
Furcht, Gustav zu reizen. Therese war die erste, welche Worte
fand. Als Gustav fragte, wo ein Lager für den Fremden zu
finden sei, meinte sie trocken, drüben bei den Schweinen stehe
noch ein Koben leer. Eine Bemerkung, welche ihr Gatte Karl,
nachdem er den Sinn erst begriffen, so ausgezeichnet fand,
daß er in ein Gelächter ausbrach, welches an diesem Abende
nicht mehr enden zu wollen schien.

Gustav erbleichte vor Zorn. „Dann wird Häschke eben
in meinem Bette schlafen!“ sagte er. „Mir soll keiner nachsagen, daß ich einen Kameraden auf der Straße hätte liegen
lassen. Komm, mei Häschke!“

„Und wu wirst Du denne schlafen alsdann, Gustav?“
fragte die Mutter besorgt, da sie sah, daß der Sohn ernst
machen wollte mit seinem Vorhaben.

„Mutter, ich weeß schon an Fleck für mich!“ sagte Gustav.

Und in der That, es gab in Halbenau einen Platz für
ihn, wo er freudige Aufnahme fand, zu Tages- und Nachtzeit.

V.

Obgleich gerade Gustav es gewesen war, der dem Aufseheragenten das Geschäft in Halbenau gelegt hatte, ließ
ihm doch der Gedanke an den Mann und was er gesagt hatte,
keine Ruhe. Er hatte neulich die ganze Sache als Schwindel
und Menschenfang bezeichnet, aber im Stillen gedachte er jetzt
mit heimlich zehrender Sehnsucht der goldenen Berge, die jener
in Aussicht gestellt hatte. Wenn nun doch etwas an der Sache
war! — Gänzlich aus der Luft gegriffen konnte das alles
unmöglich sein. Gustav entsann sich der gedruckten Formulare,
die der Mann vorgezeigt hatte; sogar Stempel von Behörden
waren darauf zu sehen gewesen.

Der junge Mann befand sich in eigentümlicher Lage.
Seine Seelenstimmung war geteilt. Die Anerbietungen des
Agenten lockten; auf der anderen Seite scheute er sich, wieder
in den Bannkreis des Mannes zu geraten, den er soeben mit
Erfolg bekämpft hatte. Und schließlich schämte er sich auch
vor den Dorfgenossen, die sein Auftreten im Kretscham mit
erlebt und Beifall geklatscht hatten.

Er hielt sich dem Werber vorläufig ferne, aber in den
Blättern verfolgte er die weiteren Schritte des Mannes mit
Spannung.

In allen Ortschaften ringsum rührte Zittwitz die Werbetrommel, und wie es den Anschein hatte, mit großem Erfolge.
Seine Kontrakte bedeckten sich allmählich mit Hunderten von
Unterschriften.

Es lag etwas Ansteckendes in dieser Bewegung. Man
wollte sich einmal verändern, wollte sein Glück in der Ferne
versuchen. Der Agent schilderte die Verhältnisse da draußen
im Westen in verlockenden Farben. Und wenn der Mann
vielleicht auch Schönfärberei trieb, seines Geschäftes wegen,
schließlich schlimmer als daheim konnte es dort wohl auch nicht
sein. Und der Gedanke, zu wandern, ein Stück Welt zu
sehen, packte die Gemüter mächtig. Die Fremde lockte mit
ihren unklaren, dem Auge im bläulichen Dunst der Ferne
verschwimmenden Dingen. Das Frühjahr stand vor der Thür;
da sind die Hoffnungen leicht erregbar in der Menschenbrust. Da wachsen und quellen heimliche Wünsche, ein unverständlicher Drang treibt, ein süßes und beunruhigendes Gefühl quält den jungen Menschen und reizt ihn zu Neuem,
Unentdecktem. Der tief in die Menschennatur gesenkte Trieb,
sich zu verändern, der Wandertrieb, regte sich.

Wie die Zugvögel kamen sie zusammen. Einer sagte es
dem anderen; überall in den Schenkstuben, des Sonntags vor
der Kirche, bei gemeinsamer Arbeit, wo immer Menschen zusammenkamen, wurde das Für und Wider eifrig besprochen.
Die Hoffnungsfreudigen steckten die Verzagten an; wer bereits
unterschrieben hatte, suchte Gefährten zu werben. Wie der
Schneeball im Rollen wuchs die Bewegung.

Schon reute es manchen jungen Mann und manches
Mädchen in Halbenau, daß sie neulich die Anträge des Aufseheragenten abgelehnt hatten. Heimlich gingen sie dorthin, wo
er neuerdings sein Quartier aufgeschlagen hatte, um sich seine
Worte doch noch einmal mit anzuhören.

Eines Abens befand sich denn auch Gustav Büttner auf
dem Wege nach dem benachbarten Wörmsbach, wo, wie er aus
den Zeitungen ersehen hatte, Zittwitz heute sprechen wollte.
Gustav hatte daheim keinem Menschen etwas gesagt, von seinem Vorhaben. Niemand in Halbenau sollte etwas davon
wissen, er wollte sich gänzlich im Hintergrunde halten; wenn
irgendmöglich, wollte er vermeiden, von dem Agenten selbst
gesehen zu werden.

Im Gasthof zu Wörmsbach bot sich dem Eintretenden ein
ganz anderes Bild dar, als neulich in Halbenau. Der Aufseheragent saß auf einem erhöhten Podium, neben ihm ein
junger Mann, welcher schrieb. Seinen Vortrag schien Zittwitz
bereits gehalten zu haben. Hin und wieder richtete er noch
ein Wort der Erläuterung an die Menge, oder beantwortete
Fragen einzelner, die an ihn herantraten. Er schien von
Männern aus der Versammlung unterstützt zu werden, die von
Tisch zu Tisch, und von Gruppe zu Gruppe mit Zetteln gingen,
und den Leuten zusetzten, sie sollten unterschreiben. Besonders
rührig darin zeigte sich ein gewisser Wenzelsgust, der für gewöhnlich als arbeitsscheues Individuum bekannt war. Dieser
Mensch lief hier mit wichtiger Miene geschäftig umher, und redete
den Leuten zu, sie dürften sich eine solche Gelegenheit zur Arbeit um keinen Preis entgehen lassen.

Hin und wieder trat ein Bursche, oder ein Mädchen
an das Podium und sprach mit dem Agenten. Waren sie
handelseinig geworden, dann ließ sich der Schreiber die Personalien angeben, füllte ein Formular aus, und der Neugeworbene setzte seinen Namen unter den Kontrakt. Von Zeit
zu Zeit verlas der Agent dann mit lauter Stimme die Namen
und knüpfte daran Worte der Ermunterung an die, welche noch
zauderten.

Doch spielte sich nicht alles so ruhig und geschäftsmäßig
ab. Starke Gefühle, Leidenschaften und Triebe arbeiteten
versteckt unter anscheinender Ruhe und Stumpfheit, in dieser
Menge.

In Gustavs Nähe stand eine alte Frau und ein junges
Mädchen. Wie aus ihren Worten zu merken, war die Greisin
die Großmutter des kaum sechzehnjährigen bildhübschen Dinges.
Die Alte hatte Thränen in den Augen und redete voll Eifer
auf die Enkelin ein. Die blieb stumm, und blickte mit einem
gewissen verinnerlichten Trotz in ihren kindlichen Zügen nach
dem Podium hinüber, wo eben neue Sachsengänger sich
meldeten.

„Ne, Guste!“ sagte die alte Frau mit zitternder Stimme,
das Mädchen mit ihrer runzeligen Hand liebevoll tätschelnd,
„De werst uns duch su was ne oanthun wellen. Was sillte
denn aus dan kleenen Kingern warn, dernoa? Gieh! Bleib
ack bei uns, Guste! Weeß mer denne, wie's da draußen sen
mag.“

Dann sah sich die Greisin hilfesuchend im Kreise um:
„'s is ane Sinde und ane Schande, su a Madel, mitnahmen!“ Und sich dem Mädchen wieder zuwendend: „Gleb
mirsch, Guste, Dir wird's ei der Fremde bange wer'n nach
der Heemde.“

In geschwätziger Greisenart erzählte sie jedem, der es
hören wollte, von ihrer Not. Ihre Tochter, die Mutter des
Mädchens, lag schon im siebenten Monat, an's Bett gefesselt.
Der Schwiegersohn war als Steinmetzger im Gebirge, hatte
einen Haufen kleiner Kinder. Und nun wollte die Guste
auch noch fort, welche bisher die Stütze des ganzen Haushalts
gewesen war. „Raden Sie er ack zu!“ bat sie die Umstehenden. „Uf mich Altes thut se ne hieren. Se soit, se will sich
a Sticke Geld verdienen mit a Riebenhacka. Ich ha' gesoit,
iber se gesoit ha' ich: Guste, 's is duch ane Sinde und ane
Schande, su a Madel, su a jung's Madel alleene ei de Fremde
lofa. Was sull denne aus uns warn hernach'n.“

Die Greisin blickte in hilfloser Verzweifelung von einem
zum anderen. Während sie noch ihr Leid klagte, war die
Enkelin unvermerkt von ihrer Seite gewichen. Bald darauf
sah man ihr rotes Kopftuch in der Nähe des Podiums, und
nach einiger Zeit verlas der Agent ihren Namen unter den
Angeworbenen.

Gustav erlebte mit Staunen, wie flott hier das Geschäft
des Werbers ging. Freilich, in Wörmsbach lagen die Verhältnisse auch anders, als bei ihnen in Halbenau. Wörmsbach und
seine Bewohner genossen nicht gerade den besten Ruf in der
Nachbarschaft. Hier hatte es ursprünglich viele wohlhabende
und selbständige Bauern gegeben. Eine Zeit lang nahm der
Ort einen Aufschwung, der die Nachbardörfer in Schatten
stellte. Aber die junge Generation hatte angefangen, auf
dem ererbten Wohlstande auszuruhen. Das Spiel, der ärgste
Verderber des Bauern, war aufgekommen, und der Trunk
hatte sich dazu gesellt. An Stelle des Reichtums trat die Überschuldung. Die Güter der Bankrottierer kamen unter den
Hammer und wurden zerkleinert. In keinem Orte der ganzen
Umgegend spielte die Güterschlächterei und der Bodenschacher
eine solche Rolle, wie in Wörmsbach. Samuel Harrassowitz
aus der Kreisstadt war hier kein Unbekannter.

An einem Tische für sich saß eine Anzahl Männer, die
sich durch ihre Kleidung von den Dorfleuten abhoben. Der
Gensdarm mit einem graden schwarzen Schnurrbart, neben
ihm ein dicker Mann mit rotem Vollbart im braunen Lodenrock — in dem Gustav einen der Inspektoren der Herrschaft
Saland wiedererkannte — dazu zwei Leute in Jägertracht, gräfliche Revierförster.

Gustav erfuhr von einem neben ihm stehenden jungen
Manne, weshalb die Beamten hier seien. „Zum uffpassen!“
Neulich habe es bereits einen großen „Spektakel“ gegeben,
da seien ein paar Mägde und ein Holzarbeiter von der
Herrschaft davongelaufen und hätten sich dem Agenten verdungen.

Die Augen des Berichterstatters leuchteten vor Schadenfreude, als er erzählte: „Da sull nu der Schandarm und
er sull helfen uffpassen. In hellen Haufen lofen se weg
vun der Herrschaft und och von den Pauern. Is denen
schun recht, sag 'ch, was zahlt 'r sicke Hungerlöhne, daß
unserener ne laben kann dermitte und ne starben.“

Gustav sah sich den kleinen verwachsenen Burschen etwas
näher an. Das war wohl ein ‚Sozialer‘, wie es hier auch
schon welche gab. Er fragte jenen, wer er sei, und was er hier
wolle. Er sei Ochsenknecht auf dem Rittergute, sagte der Kleine.
„Ich ginge och glei. Ich ha' das Luderlaben satt. Glei macht
'ch mitte nach Sachsen. Wenn 'ch ack ne verheirat' wäre! Und
Zittwitz spricht: Frau und Kinder dirfte ees ne mitnahmen,
spricht er.“

Inzwischen schien sich die Zahl der Arbeitsuchenden erschöpft zu haben. Der Aufseheragent erhob sich und fragte,
ob sich weiter niemand melde, sonst werde er für heute Abend
die Liste schließen. Dann verließ er das Podium und mischte
sich unter die Menge. Hier und da blieb er stehen an den
Tischen, redete einzelne Leute an: er habe gerade noch eine
Stelle frei auf einem ausgezeichneten Gute, sie sollten sich nur dazu
halten, jetzt noch vor Thoresschluß ihr Glück zu machen. So
schritt er von Tisch zu Tisch.

Als er Gustavs ansichtig wurde, stutzte er. Einen Augenblick schien er zu überlegen, wo er dieses Gesicht wohl schon
gesehen hätte. Er warf dem jungen Manne einen mißtrauischen
Blick aus seinen dunklen Augen zu. Dann aber, als habe er
sich eines anderen besonnen, hellten sich seine Züge plötzlich
auf. Wohlwollend reichte er dem erstaunten Gustav die Hand,
und meinte in vertraulichem Tone, wie zu einem alten Bekannten: „Recht so, daß Sie auch hier sind! Haben sich's
also doch überlegt! Kommen Sie nur mit mir nach vorn,
mein Bester! Von Ihrer Art kann ich gerade noch einen gebrauchen.“

Gustav erwiderte dem Agenten, daß er sich irre, wenn er
ihn für einen Arbeitsuchenden halte.

„Wer spricht denn von Arbeit! Leute Ihres Schlages,
stellt man doch nicht zum Rübenhacken an. Für Sie habe ich
ganz was anderes in petto. Sie sind Unteroffizier gewesen —
nicht wahr?“

Gustav bejahte verdutzt. Woher wußte der Mensch das
bereits?

„Ihnen würde ich einen meiner Kontrakte verkaufen,
verstehen Sie!“ sagte der Agent, näher an den jungen
Mann herantretend, mit gesenkter Stimme, andeutend, daß
die anderen das nicht mit anzuhören brauchten. „Das
heißt soviel: ich übergebe Ihnen einen Auftrag, den ich
von einem kleineren Gute erhalten habe, in eigene Enterprise, verstehen Sie wohl! Sie besorgen sich die Leute selbst,
und gehen dann als Vorarbeiter, oder Aufseher, mit ihnen
hinaus.“

Gustav schüttelte den Kopf. Er verstand durchaus nicht,
was jener meinte.

„Die ganze Sache bedeutet nämlich für Sie ein glänzendes
Geschäft, mein Lieber! Sie verdienen pro Kopf drei bis vier
Mark Provision, je nachdem! Außerdem bekommen Sie Ihren
Vorarbeiterlohn, und im Herbst eine schöne Gratifikation, wenn
die Arbeit zur Zufriedenheit ausgeführt ist. Ich dächte, so
etwas sollte man nicht ohne weiteres von der Hand weisen.
Also, wie steht's, sind wir einig?“

Der Händler hielt die Hand ausgestreckt. Gustav sah
ihn nur verwundert an. Das kam alles so Hals über
Kopf! —

„Hier! lesen Sie sich mal das Ding hier durch! Das ist
ein Vorarbeiter-Kontrakt. Die Wirtschaft, für die Sie Leute
zu engagieren haben würden, ist ein Vorwerk. Vier bis fünf
Männer und eine Mandel Mädchen etwa würden genügen.
Lesen Sie sich das mal durch! Ich komme nachher wieder
zu Ihnen. Dann wollen wir weiter sprechen. Wir werden
schon handelseinig werden. — Sie sind ja ein heller Kopf!
Das habe ich neulich in Halbenau gemerkt.“ Damit klopfte
er Gustav auf die Schulter, blickte ihn verschmitzt lächelnd von
der Seite an, als wolle er sagen ‚wir verstehen uns!‘ und
ging dann zu anderen.

Gustav blickte in das Papier, welches er ihm gelassen
hatte. Darin stand, daß der Vorarbeiter N. N. sich verpflichte,
mit einer Anzahl kräftiger Männer und Mädchen auf das Gut
X. zu kommen, um dort gewisse Arbeiten auszuführen. Es
folgten die einzelnen Arbeiten und die Lohnbedingungen. Gustav
las die lange Reihe von Paragraphen nicht durch. Sollte er
sich mit dieser Sache auch nur von Ferne einlassen? Er und
Leute anwerben im Auftrage eines Fremden, für ein Gut, das
er gar nicht einmal kannte, ja, noch schlimmer, für Verhältnisse,
die ihm gänzlich neu waren.

Und wenn der Gewinn noch so hoch sein mochte, der dabei heraussprang, mit solchen unsicheren Dingen wollte er sich
nicht bemengen. Es war etwas in ihm, eine warnende Stimme
— mit Worten hätte er dem gar nicht Ausdruck geben können —
ihm war es, als müsse dem Handel etwas Unrechtes zu Grunde
liegen, und als begehe er eine Leichtfertigkeit, wenn er sich
dazu hergebe.

Als der Agent zu ihm zurückkam, gab Gustav ihm den Kontrakt zurück, sagte, er habe sich überzeugt, daß das nichts für
ihn sei, und wollte gehen.

Zittwitz faßte den jungen Mann am Ärmel, um sein
Forteilen zu verhindern. „Sie haben die Sache noch nicht
richtig verstanden; daran liegt's, mein Guter! Setzen wir uns
dorthin, ich werde Ihnen die Geschichte mal beim Glase Bier
haarklein auseinandersetzen. Und wenn Sie dann nicht mit
beiden Händen zugreifen, dann soll Sie und mich der Teufel
frikassieren!“ Er führte Gustav in eine ruhige Ecke. Dort
setzte er sich und bestellte zwei Glas Bier.

„Also, was wollen Sie! Was gefällt Ihnen nicht an dem
Kontrakt?“ fragte der Agent in seiner eindringlichen Weise.
Er hatte sich dicht vor Gustav hingesetzt, dessen Aufmerksamkeit gewissermaßen durch seine Körpernähe erzwingend. „Was
haben Sie auszusetzen? Welche Punkte wünschen Sie anders?“

Gustav, welcher sich schämte, einzugestehen, daß er den Kontrakt gar nicht durchgelesen hatte, gab als Entschuldigung an,
daß er heiraten wolle.

„Das paßt ja ausgezeichnet!“ rief der Agent, „dann
bringen wir die junge Frau mit!“ und als errate er
Gustavs nähere Verhältnisse: „und auch die Kinder, wenn
schon Familie da ist. Das läßt sich alles einrichten, beim Aufseher heißt das! Bei dem gewöhnlichen Arbeiter, versteht sich,
wird dergleichen nicht geduldet. — Sehen Sie, mein Lieber,
Sie haben ja keine Ahnung, wie schön und angenehm Sie dort
alles vorfinden. Ein Haus ganz für sich, für Sie und
die Arbeiter. Sie führen die Oberaufsicht. Kein Mensch
hat Ihnen da was 'reinzureden in Ihren Kram. Natürlich
auf Ordnung müssen Sie halten. Nun, das sind Sie ja vom
Militär her gewöhnt. Ihre Frau versorgt den Herd, während
die Mädel auf Arbeit gehen. Ist das nicht ein herrliches
Leben? Kann man sich was Selbständigeres, Freieres denken,
für einen unternehmenden, strebsamen jungen Mann wie Sie,
— he!“

Dabei klopfte er Gustav freundschaftlich auf die Schenkel.
Der wandte ein, daß er die Arbeiten vielleicht gar nicht verstehe, zu denen er die Leute anstellen solle.

„Verstehen Sie das Mähen?“

„Ja!“

„Verstehen Sie das Binden?“

„Ja!“

„Und das Setzen?“

Abermals „ja!“

„Nun und das bißchen Rüben verhacken, verziehen und
roden, ist ja ein Kinderspiel. Außerdem ist dort natürlich auch
ein Inspektor, der Sie in dem Notwendigsten unterweisen
wird. Ihre Pflicht ist vor allem, das Zusammenhalten und
Beaufsichtigen der Leute; verstehen Sie! Sie sind gewissermaßen der Korporalschaftsführer.“

Die Worte des Agenten verfehlten nicht einen gewissen
Eindruck auf Gustav hervorzubringen. Was der da sagte, berührte sich mit seinen eigenen geheimsten Wünschen. Schon
wußte er nicht mehr, was für Einwände er jenem noch entgegensetzen sollte.

„Die Sache ist Ihnen noch fremd, mein Lieber!“ fuhr der
Agent fort. „Ich will Ihnen mal was im Vertrauen sagen!
diese Art des Arbeitskontraktes und der Arbeiteranwerbung
überhaupt, das ist die moderne Wirtschaftsweise. So wird's
in Amerika gemacht, auf den Plantagen und Farmen. Und in
Zukunft wird's bei uns überall so werden. Das ist die moderne
rationelle Wirtschaftsweise.“ — Der Mann schien besonders stolz
auf diesen Ausdruck zu sein, denn er wiederholte ihn noch einigemale. — „Das ist überhaupt das einzig Rationelle so! Beide
Teile kommen dabei auf ihre Rechnung. Der Arbeitgeber
macht sich seinen Anschlag, bestellt sich dann, was er braucht
an Arbeitskräften; der Agent besorgt ihm die Leute, so viel
wie er braucht, auf den Kopf. Und der Arbeiter — nun
der fährt auch nicht schlechter dabei. Der bekommt seine
Leistungen auf Heller und Pfennig in bar ausbezahlt. Beide
Teile wissen ganz genau, was sie von einander zu fordern
haben; dafür ist der Kontrakt da. Der eine giebt das Geld,
der andere seine Kräfte. Das Geschäft ist klipp und klar, wie
ein Rechenexempel. Alles wird auf Geld zurückgeführt, gerade
wie in Amerika! Ist das nicht viel praktischer und rationeller
so? Früher da bekam das Gesinde Geld überhaupt nicht zu
sehen. Da gab's freie Wohnung und Verpflegung und höchstens
noch Deputat. Das waren die sogenannten patriarchalischen
Zustände. Unter uns gesagt die reine Sklaverei! Jetzt giebt's
das nicht mehr. Jetzt wird alles nach amerikanischem Muster
gemacht. Das nennt man das moderne Wirtschaftssystem, verstehen Sie! Aber, alles das sage ich Ihnen nur ganz im
Vertrauen.“ —

Dem jungen Mann brummte der Kopf von dem, was er
gehört hatte. Ihm wurde bange zu Mute diesem Menschen
gegenüber, mit seiner aufdringlichen Beredsamkeit.

Zittwitz hatte sich, nachdem er diesen Trumpf ausgespielt,
erhoben. Er habe noch mit jemandem zu sprechen, sagte er,
wolle aber bald zurückkommen.

Gustav wartete nur, bis er den Agenten in eifrigem Gespräch mit ein paar jungen Leuten am anderen Ende des
Saales vertieft sah, dann entfernte er sich so schnell wie
möglich. Den Kontrakt des Agenten hatte er aber doch zu sich
gesteckt.

Inzwischen waren aus den zwei bis drei Tagen, die
Häschke hatte auf dem Bauerngute bleiben wollen, um seine
Sachen in Stand zu setzen und seine Füße auszuheilen, volle vierzehn Tage geworden. Der Wanderbursche hatte es ausgezeichnet
verstanden, sich bei den Bauersleuten wohlgelitten zu machen.
Selbst die Gunst des alten Bauern hatte er sich zu erobern
gewußt, indem er sich unentbehrlich machte. „Wozu bin ich
denn Flammer von Religion?“ sagte er, womit er meinte, daß
er sich auf Schmiedearbeit verstehe, und er müsse doch abarbeiten, daß er hier „treife wohne.“ —

Und so machte er sich über die Ackergerätschaften, die
Pflüge, Eggen, und die Handwerkszeuge, sah nach den Schrauben, schweißte, hämmerte, nietete und schärfte. Kurz, er brachte
alles in Schuß für die nahe Frühjahrsbestellung.

Die Herzen der Frauen gewann Häschke durch seine
gute Laune und seine schnodderigen Witze. Im Büttnerschen
Hause war die Fröhlichkeit lange Zeit ein unbekannter Gast
gewesen. Jetzt wurde sogar gesungen — allerdings nur wenn
der Bauer außer Hörweite war. Es stellte sich heraus, daß
Häschke sangeskundig war, und Ernestine hatte eine hübsche
Stimme. Da sangen sie manchmal zweistimmig, allerhand neue
und lustige Lieder, die der Wandersmann von der Walze mitgebracht hatte. Am schönsten aber war es, wenn er von seinen Reiseerlebnissen erzählte. Vielleicht nahm er es mit der
Wahrheit nicht immer genau. Er wußte von wunderlichen
Fahrten, Glücksfällen und Abenteuern zu berichten. Jedenfalls
verstand er, spannend zu erzählen und seine Lügen geschickt
auszuschmücken. Die Frauen glaubten ihm auf's Wort; mit
offenem Munde und leuchtenden Augen hörte ihm Ernestine
zu, wenn er von den Wundern der Fremde berichtete. Häschkekarl hatte wohl schwerlich etwas vom ‚Mohren von Venedig‘
vernommen. Aber auch er wußte, belehrt durch die Schlauheit des Instinktes, daß man, durch Erwecken ihrer Teilnahme
an Gefahren und außerordentlichen Erlebnissen, das Wohlgefallen
der Frau am sichersten erregt.

Erstaunlich schnell hatte Häschke es auch verstanden, sich
aus einem zerlumpten Bummler in einen schmucken und leidlich anständig aussehenden Menschen zu verwandeln. Viel
trug zu dieser Mauserung bei, daß er sich seinen struppigen Vagabundenbart hatte abnehmen lassen. Faden, Nadel
und Schere borgte er sich, und für ihn fand sich auch
unter den Vorräten der Frauen dieses und jenes Stück
Zeug. Karl Büttner mußte eine ‚Staude‘ hergeben, wie
Häschke das dem Leibe zunächst gelegene Kleidungsstück benannte, der Schuster mußte ihm die ‚Trittchen‘ neu besetzen; den ‚Wallmusch‘ die ‚Kreuzspanne‘ und die ‚Weitchen‘
flickte er sich selbst mit den Tuchresten, welche er von den
Frauen erhalten hatte. Der Erfolg war, daß er mit einer
etwas scheckigen, aber, nach seiner eigenen Auffassung ‚duften
Kluft‘ umherging.

Als der Büttnerbauer zum ersten Male mit der Egge
auf's Feld hinausfuhr, ging Häschke mit. An einzelnen Stellen
war der Frost noch im Boden und erschwerte die Arbeit. Der
zugereiste Handwerksbursche wußte sich auch hier nützlich zu
machen. „Nehmt mich als Knecht an, Vater Büttner!“ meinte
Häschke in dem vertrauten Tone, dessen er sich seinem Wirt
gegenüber zu bedienen Pflegte. Und der alte Bauer sagte
nicht „nein!“

Gustav kam in dieser Zeit nicht mehr auf den väterlichen Hof. Er ging dem Alten aus dem Wege. Neuerdings
brauchten Vater und Sohn nur drei Worte zu wechseln, und
der Streit war fertig. Gustav meinte, das könne er sich ersparen; ändern würde er ja zu Haus doch nichts mehr an dem
Gange der Dinge.

Er hatte ganz genug mit seinen eigenen Angelegenheiten
zu schaffen. Die Trauung war nunmehr festgesetzt, auf den
nächsten Sonntag. Das Paar selbst wollte von jeder Feierlichkeit, mit Ausnahme der kirchlichen, absehen. Aber, Paulinens Mutter blieb darauf bestehen, daß man den Hochzeitsgästen etwas vorsetzen müsse. Frau Katschner verstand, von
ihrer Dienstzeit in der herrschaftlichen Küche her, einiges vom
feineren Braten und Kochen. Sie wollte sich die Gelegenheit,
ihre Künste einmal im hellsten Lichte zu zeigen, nicht entgehen
lassen. Nach der Trauung in der Kirche sollte es also einen
Schmaus bei ihr im Hause geben.

Am Morgen, nachdem Gustav in Wörmsbach gewesen
war, kam Ernestine zu ihm. Sie wolle mit nach Sachsen
auf Rübenarbeit gehen, erklärte sie dem Bruder, ohne viele
Umschweife.

Gustav lachte die kleine Schwester aus, sie sei wohl närrisch geworden, meinte er; der Vater werde sie jetzt gerade
fortlassen, wo er alle Hände nötig brauche.

Das Mädchen erklärte dagegen mit einer Redefertigkeit,
die man ihrer Jugend schwerlich zugetraut hätte: Die Eltern
hätten kein Recht, sie zurückzuhalten, wenn sie gehen wolle.
Hier halte sie es nicht mehr aus! Sie wolle sich selbst etwas
verdienen. Sich nur immer für andere abzuquälen, ohne je
einen Pfennig Verdienst zu besehen, habe sie satt. Sie sei nun
erwachsen und wolle sich nicht länger als Schulkind behandeln
lassen. Kurz, sie werde mit den anderen fort auf Sommerarbeit gehen.

Gustav sah sich das kleine schmächtige Persönchen mit
Staunen an. Man hatte sich in der Büttnerschen Familie
daran gewöhnt, Ernestine immer noch als ein halbes Kind anzusehen, weil sie eben das Nesthäkchen war. Aber heute merkte
er, daß sie den Kinderschuhen in der That entwachsen sei.

Er hielt es trotzdem für seine Pflicht, ihr abzureden. Sie
könne doch gar nicht wissen, wie es da draußen sei, und was
ihrer dort warte, sagte er. Aber da lachte das Mädchen den
großen Bruder einfach aus. Das dürfe er doch zu allerletzt
sagen, meinte sie, mit altklug-schnippischer Miene. Er habe sich
ja selber dem Agenten verpflichtet, und er wolle ihm ja sogar
Arbeiter verschaffen.

Der Bruder faßte das Mädchen am Arme. Woher sie das
habe, wollte er wissen. Einige Freundinnen von ihr waren
am Abend zuvor in Wörmsbach gewesen, die hatten die
Nachricht mitgebracht: Büttnergustav habe sich dem Agenten
Zittwitz verpflichtet, und wolle mit Arbeitern nach Sachsen
gehen.

Gustav war im höchsten Grade aufgebracht. Er schimpfte
auf den Agenten und verschwor sich, die ganze Sache sei
dummes Gerede. Ernestine schrie er an, sie solle sich auf
der Stelle packen, er werde den Teufel thun! Überhaupt
wolle er mit der ganzen Geschichte nichts zu schaffen
haben.

Ernestine schien gerade keine allzugroße Angst vor dem
Zorne des Bruders zu haben. Sie war von zu Hause her
gegen das Wüten der Männer abgebrüht. Sie ließ ihn austoben. Dann meinte sie mit ruhiger Miene, sie wisse auch noch
im Dorfe eine Anzahl anderer Mädchen, die gern mitgehen
würden, besonders wenn sie wüßten, daß sie unter Gustavs
Aufsicht kämen. Der Bruder erwiderte ihr, es falle ihm gar
nicht ein, mit einer Herde Gänse in's Land zu ziehen; da
möchten sie sich einen anderen dazu aussuchen.

Aber, die kleine Ernestine ließ sich nicht so leicht werfen.
Ein Plan, der sich einmal in diesem Köpfchen festgesetzt hatte,
wurde auch zu Ende geführt. Der Bruder möge ihr nur den
Kontrakt geben, den er von dem Agenten bekommen habe,
das Übrige solle er ihre Sache sein lassen. Sie werde schon
für die Unterschriften sorgen.

Gustav hatte sich die Sache in der vorigen Nacht hin und
her überlegt. Pauline hörte sein Seufzen und unruhiges
Wälzen neben sich. Der Agent hatte ihn mit seinem Vorschlage einen wahren Feuerbrand in die Seele geworfen. Vielleicht war hier eine Gelegenheit, sein Glück zu machen! Und
auf der anderen Seite: war nicht die Verantwortung eine allzugroße? Würde er sich der Aufgabe gewachsen zeigen? —
Das waren Fragen, die er allein nur entscheiden durfte; er
konnte Pauline keine Erklärung geben.

Als seine junge Schwester jetzt vor ihn trat mit ihrer unbefangenen Sicherheit, da kam es ihm vor, als sei das der
Anstoß, auf den er nur gewartet habe, um sich über seine
eigene Verzagtheit hinwegzusetzen. Es war vielleicht das Beste
so! Er übergab dem Mädchen den Kontrakt des Agenten.
Mochte die Sache nun gehen, wie sie gehen wollte! —

Schon am Tage darauf erschien Ernestine wieder vor
dem Bruder. Sie hatte nicht weniger als elf Mädchen gewonnen. Und wenn man ihr ein paar Tage Zeit lasse,
meinte sie, mache sie sich anheischig, noch ein halbes Dutzend
anzuwerben.

Gustav wußte anfangs nicht recht, ob er sich über diesen
Erfolg freuen solle. Jedenfalls stand jetzt fest, daß er das begonnene Unternehmen weiterführen mußte. Er befand sich,
ohne sich des Sprunges recht versehen zu haben, auf einmal
jenseits des Grabens.

Die Mädchen waren ihm also sicher. Es galt nun, die
Männer, welche der Kontrakt verlangte, zu schaffen. Es
sollten, den Vorarbeiter eingeschlossen, ihrer vier bis fünf sein.
Gustav sann hin und her. Er überschlug alles, was er von
jungen Leuten im Dorfe kannte. Kaum einer war da, dem
er Lust und Befähigung für seine Zwecke zutraute.

Aber, es war merkwürdig! Als ob sich so etwas durch
die Luft, wie ein Ansteckungsstoff mitteilen könne! Kaum
zeigte sich Gustav heute auf der Gasse, da redeten ihn die
Leute auch schon auf sein Unternehmen an. Das Gerücht
hatte bereits vergrößert. Er suche dreißig Mädchen — einer
sprach sogar von fünfzig — mit denen er nach Sachsen gehen
wolle.

Auch einzelne spöttische Mienen bekam er zu sehen. Es
war noch in zu frischem Gedächtnis, wie er neulich dem
Agenten entgegengetreten war. Und nun war er zu einem
Helfer eben dieses Mannes geworden! Das mußte man mit
in den Kauf nehmen! Aber, es wurmte ihn im Geheimen,
daß mancher ihn nun für wankelmütig oder doppelzüngig
halten mochte.

Nun boten sich ihm auch, ganz ohne sein Dazuthun, zwei
junge Leute an. Der eine war auf einem der benachbarten
Rittergüter Stallbursche gewesen und jetzt ohne Stellung,
der andere wies sich als gewesener Schmiedegeselle aus,
ebenfalls arbeitslos. Bei dem Stallburschen war Gustav
zweifelhaft, ob er ihn mieten solle. Der junge, kaum
siebzehnjährige Mensch, mit seinen langen, knabenhaft mageren Gliedmaßen sah nicht gerade wie ein strammer Feldarbeiter aus. Aber er bat so inständig, angenommen zu
werden, versprach, sein Möglichstes an Fleiß zu leisten,
daß Gustav ihm schließlich den Willen that. Der Schmiedegeselle machte den Eindruck eines kräftigen, handfesten
Burschen.

Zu Gustavs nicht geringer Überraschung trat auch Häschke
an ihn heran und wollte angeworben sein. Seit jenem Abende,
wo er den ehemaligen Kameraden auf den Bauernhof gebracht,
hatte Gustav nicht mehr viel von ihm gesehen. Er hatte sich
schon gewundert, daß dieser Sausewind soviel Seßhaftigkeit an
den Tag legte; denn über zwei Wochen war er jetzt schon in
Halbenau. Und als er Häschkes Fleiß und Betriebsamkeit von
den Seinen rühmen hörte, wollte er seinen Ohren kaum trauen.
Was war denn auf einmal in diesen Menschen gefahren, daß
er so gänzlich umgetauscht erschien!

Als Häschke jetzt mit diesem Ansinnen kam, lachte ihn
Gustav anfangs aus. Das war wohl gar ein schlechter Witz
dieses Tausendsasas! Aber Häschke drang allen Ernstes darauf, angeworben zu werden. Gustav hielt ihm vor, daß Feldarbeit gar nicht sein Beruf sei. Häschke erwiderte, er verändere
seine ‚Religion‘ ganz gerne einmal, und er wolle mit Gustav
„mang die Zuckerrüben“ gehen.

Gustav wollte den ehemaligen Kameraden nicht abweisen.
Schließlich war Häschke ein fixer Kerl und offener Kopf. Er
hatte schon mancherlei gesehen von der Welt und mochte sich
in schwierigen Verhältnissen wertvoll erweisen.

Gustav begab sich mit dem Kontrakte, unter dem nun
schon eine ganz stattliche Anzahl von Unterschriften prangte,
zu dem Agenten, der jetzt, nachdem er die Dörfer der Umgegend zur Genüge bereist, sein Hauptquartier wieder in der
Kreisstadt aufgeschlagen hatte.

Als er das Büreau betrat, empfing ihn Zittwitz mit
dem Ausrufe: „Sehen Sie, ich habe es Ihnen ja gesagt, daß
wir handelseinig werden würden. Nun zeigen Sie mal her!“
Damit ließ er sich den Kontrakt reichen.

Der Agent nickte zufrieden. Daß ein paar Mädchen mehr
darauf standen, als verlangt — durch Ernestinens eifriges
Werben — war ihm nicht unlieb; denn, meinte der erfahrene
Mann: ein oder das andere Frauenzimmer bleibe im letzten
Augenblicke doch noch weg, oder laufe auch während des
Sommers aus der Arbeit. Da sei es vorsichtiger gehandelt,
wenn man von Anfang an ein paar mehr mitbringe, als unbedingt verlangt seien.

„Jetzt wollen wir mal die Reiseroute feststellen!“ sagte
Zittwitz und nahm das Kursbuch zur Hand. „Sie reisen am
Montag früh. Die Gutsverwaltung hat schon geschrieben, daß
sie sehnlichst auf die Leute warte. Natürlich mit dem ersten
Zuge! Da können Sie Abends bereits in Welzleben sein. Ich
werde Sie anmelden, dann finden Sie jedenfalls Geschirr vom
Vorwerke auf dem Bahnhof. Sorgen Sie dafür, daß die
Mädel nicht zu viel Gepäck mitschleppen. Die möchten womöglich am liebsten das ganze Bett, Töpfe, Stühle, was weiß
ich alles, mitnehmen. Eine Lade und ein Federbett, das ist
das Äußerste, was gestattet wird. Überhaupt, den Frauenzimmern halten Sie den Daumen aufs Auge, den Rat gebe
ich Ihnen. Ich bin früher selbst als Vorarbeiter gegangen.
Da muß man ein eisernes Regiment führen, am besten mit
dem Stocke, sonst hat man verspielt mit der Gesellschaft. Lumpenpack ist es ja doch meistens, was so von zu Hause wegläuft!“

Was der Mann heute sagte, klang ganz anders, als was
Gustav bisher aus diesem Munde vernommen hatte. Überhaupt schien er an Freundlichkeit und Entgegenkommen bedeutend nachgelassen zu haben, seit er den Kontrakt mit den
Unterschriften in Händen hielt.

Gustav hatte kaum Zeit, über die Wandlung in dem
Wesen des Agenten nachzudenken, ihm ging im Kopfe herum,
was jener über den Termin der Abreise gesagt. So kurz hatte
er sich die Frist nicht gedacht. Auf den Sonntag war seine
Hochzeit angesetzt, am Tage darauf schon sollte es also fort
gehen! Das schien sehr kurz anberaumt, aber es war vielleicht das Beste so. Ein rascher Abschied hatte auch sein
Gutes. Wozu das lange Hängen und Haften an den alten
Verhältnissen, die doch einmal aufgegeben werden mußten! —

Der Agent zeigte ihm die Reiselinie auf der Karte. Gustav
bat um Angabe der Zugverbindungen, die er sich aufschreiben
wollte.

„Und nun wollen wir mal das Reisegeld berechnen. Hinund Rückfahrt haben Sie nämlich frei mit Ihren Leuten,
natürlich vierter Klasse! Das ist ein weiteres gutes Geschäft
das Sie machen.“ Gustav dachte bei sich, daß das eigentlich
selbstverständlich sei; sagte aber nichts. — Der Agent berechnete die Billetpreise, und händigte Gustav das Geld gegen
Quittung aus.

„Nun wären wir eigentlich fertig!“ sagte der Mann.
„Halt! noch eins! Was haben Sie sich denn an Bindegeld
von den Leuten geben lassen?“

Gustav erwiederte mit einigem Befremden, daß er sich
nichts habe geben lassen; die Leute, die er angeworben hätte,
besäßen ja nichts, oder so gut, wie nichts.

Es sei üblich, meinte Zittwitz, mit überlegenem Lächeln,
sich für das Anwerben ein Handgeld geben zu lassen. Umsonst
sei auf der Welt nichts und für seine Bemühungen wolle
man doch auch einen Lohn haben. Dann sagte er — und bebeobachtete dabei Gustavs Mienenspiel scharf — das Kaufgeld für den Kontrakt wolle er ihm bis zum nächsten Monate
stunden, wo er es ihm von seinem Vorarbeitergehalte abzahlen
möge.

Gustav sah den Agenten verdutzt an, ob dieser Rede. Der
erwiederte den Blick des jungen Mannes mit Kälte. Er verstehe wohl nicht recht, meinte Gustav; von irgend einer Bezahlung, die er zu leisten habe, sei doch vorher nicht die Rede
gewesen.

„Weil das ganz selbstverständlich ist, mein Lieber!“ rief
Zittwitz mit einer ungeduldigen Bewegung. „Denken Sie denn
ich schinde mich für nichts und wieder nichts ab! fahre auf
den Dörfern herum! lasse mich von den Leuten ärgern, und
stecke alle mögliche dummen Redensarten ein.“ Dabei warf er
Gustav einen feindlichen, nicht mißzuverstehenden Seitenblick zu.
Er hatte den Vorfall im Kretscham von Halbenau also doch
nicht vergessen, vielweniger vergeben. — „Nein, mein Lieber!
Ich verlange meine Provision. Das ist Geschäftsusance; so
nennt man das. Daran ist gebunden, wer mit uns handeln
will. Da muß man sich eben vorher erkundigen. In's Maul
schmieren können wir's nicht jedem einzeln. Da hätte man
viel zu thun! — Oder, dachten Sie vielleicht, daß ich Ihnen
so einen Kontrakt, wie den hier, umsonst ablassen würde? —
Schenken, vielleicht, aus Freundschaft? — he! Dann sind Sie
sehr naiv, mein Bester! Heutzutage ist alles Geldgeschäft.
Pro Kopf des Arbeiters — ob Mädel oder Kerl ist eins —
bekomme ich von Ihnen fünf Mark. Das ist die Taxe. Davon
zahlen Sie mir die Hälfte zu Johanni, die andere zum Schluß
der Arbeitsperiode. Sie werden schon wissen, wie Sie den
Leuten gegenüber auf Ihre Kosten kommen.“

Gustav begriff nun endlich, daß er über's Ohr gehauen
sei. Im ersten Augenblicke überkam ihn das Gelüste, diesem
Spitzbuben die ganze Geschichte vor die Füße zu werfen. Zittwitz hatte sich auf seinem Stuhle umgedreht und war in
irgendwelche Schriftlichkeiten vertieft. Gustav sah nur seinen
breiten Rücken. Wenn der Mann ihm nur wenigstens offen
als Feind entgegengetreten wäre! Aber dieser kalten Geringschätzung, diesem überlegenen Hohn gegenüber, fühlte er sich
gänzlich ohnmächtig.

Der junge Mann würgte und schluckte an seinem Ärger,
dann bat er um Gehör. „Ach Gott, Sie sind noch hier!“
sagte der andere und wandte sich um, mit gut geheucheltem
Staunen. „Also, was wollen Sie noch? Aber bitte schnell!
ich habe nicht viel Zeit, wie Sie sehen.“

Gustav begann mit einer von Ärger und innerer Erregung rauhen Stimme, in abgehackten Sätzen auseinander
zu setzen, er habe nichts davon gewußt, daß er den Kontrakt bezahlen müsse; man habe ihm die ganze Sache gegen
seinen Willen aufgenötigt, und er wolle von dem Geschäfte
absehen.

Der Agent unterbrach ihn. „Das dürfte Ihnen wohl
übel bekommen, mein Lieber!“ fagte er in trockenstem Tone.
„Hier steht Ihre Unterschrift. An die halte ich mich. Wer
etwas unterschreibt, was er nicht kennt, ist ein Narr! Außerdem haben Sie eine ganze Anzahl Leute zum Unterschreiben
veranlaßt; an die sind Sie ebenfalls gebunden. Man wird
sich an Sie halten von beiden Seiten. Es giebt in unserem
Gesetz ein Wörtchen das heißt: ‚Kontraktbruch‛; das wird bekanntlich streng geahndet.“

Gustav war nicht im Stande, diese Behauptung zu widerlegen. Er fühlte, ohne es beweisen zu können, daß er im
Recht und jener im Unrecht sei. Aber, bei dem, was in letzter
Zeit seinem eigenen Vater widerfahren, lag das Recht so
deutlich auf Seite des Unterliegenden, und das Unrecht auf
Seite des Siegers — und trotzdem nahmen Samuel Harrassowitz
und Ernst Kaschel das Gesetz für sich in Anspruch, während
es den Bauern im Stiche zu lassen schien — daß sich bei dem
jungen Manne alle Begriffe von Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit zu verwirren drohten. Das Recht war wohl nur denen
etwas nütze, die es zu verdrehen verstanden!

Der Agent hatte sich wieder seiner Arbeit zugewandt. Er
ließ Gustav in den bittersten Gedanken stehen und warten.
Sollte er's darauf ankommen lassen, ob jener es wirklich so
weit treiben würde, ihn wegen Kontraktbruchs zu belangen?
Die Sorge, sich vor dem Gesetze schuldig zu machen, war
es weniger, die ihn bedrückte, als das Gefühl der Verpflichtung denen gegenüber, die sich ihm verdungen hatten.
Wie sollte er vor diesen bestehen? Was wäre das für eine
Schande gewesen vor dem ganzen Dorfe, wenn er jetzt die
Flinte ins Korn warf Und zu alledem, war er denn
dann nicht wieder brotlos, ohne Stellung und Beschäftigung.
Traurig genug! Aber, es war so! es blieb ihm keine Wahl;
er mußte sich den Bedingungen fügen, die ihm der Agent
vorschrieb.

„Wie steht's, Büttner?“ fragte Zittwitz, gelegentlich von
seiner Korrespondenz aufblickend, nicht ohne Spott im Ton.
„Sind Sie noch nicht im Reinen mit sich? Die Sache wird
durch's Überlegen nicht anders.“

Gustav drehte seine Mütze in der Hand und blickte vor
sich, zu Boden.

„Fünf Mark pro Kopf! Die Hälfte zu Johanni, die
andere zu Martini. Billiger kann ich's nicht machen. Also,
wie steht's? Soll ich den Kontrakt mitsamt den Unterschriften
an einen andern verkaufen? — he! Das kann ich nämlich auch,
wenn mir's Spaß macht. Oder, wollen Sie Vernunft annehmen?“

Gustav nagte die Lippen gesenkten Blickes, und druckste noch
ein wenig. Dann sagte er mit einer verlorenen Handbewegung,
ohne aufzublicken: „Wenn's sein muß! Aber, recht is es nich!“

VI.

Der Sonntag war herangekommen, an welchem Gustavs
und Paulinens Hochzeit begangen werden sollte.

Es war eine kleine und einfache Hochzeitsgesellschaft, die
sich in der Kirche zu Halbenau um den Altar versammelt hatte.
Die Eltern des Bräutigams fehlten. Es war ein schwerer
Tag für die Büttnersche Familie. Tonis Stündlein war da.
Die Wehen hatten bereits eingesetzt. Die Bäuerin wollte ihr
Kind in schwerer Stunde nicht allein lassen. Der alte Bauer
war, ohne ein Wort zu sagen, in früher Stunde aus dem Hof
gegangen, dem Walde zu. Sein Feststaat, den ihm die Frauen
für die Trauung zurechtgelegt hatten, war unberührt in der
Kammer liegen geblieben. Aber Karl, Therese und Ernestine
waren zur Stelle.

Unter den Freunden des Bräutigams fiel Häschkekarl
auf. Er war wie ein feiner Herr angezogen, in schwarzen
Sachen, mit weißem Vorhemdchen und Manschetten. Sogar
einen schwarzen Hut, wenn auch nicht den neuesten, hielt er in
der Hand. Woher der Vagabund sich diese Pracht verschafft
hatte, wußte nur er allein.

Die Braut war in weißen Mull gekleidet. Das Kleid
hatte sie sich mit Hilfe einer Freundin, die in der Stadt das
Zuschneiden erlernt hatte, selbst angefertigt. Städtische Blasiertheit würde vielleicht die Nase gerümpft haben über den Staat
dieser ländlichen Braut. Von Zierlichkeit und Anmut war
da keine Rede. Das helle Kleid verstärkte noch die Derbheit
ihrer entwickelten Gestalt. Und doch war es eine Freude,
dieses Paar zu sehen. Gesund waren sie und schlicht; echte
Bauernkinder!

Pauline trug keinen Brautkranz im Haar. Der alte
Pfarrer hielt streng darauf, daß kein Mädchen, der es
nicht zukam, mit dieser Auszeichnung vor den Altar trete. Die
kranzlosen Bräute waren nicht selten in Halbenau, denn der
Leichtsinn der jungen Leute war groß. Der Pastor pflegte an
die Paare, welche die Freuden der ehelichen Verbindung
vorausgenossen hatten, ernste Worte des Tadels zu richten.
Aber heute unterließ er das; zur Verwunderung vieler, denen
diese Art der öffentlichen Vermahnung immer einen angenehmen
Kitzel bereitete. Der Geistliche kannte Pauline gut. Sie war
einst sein Liebling gewesen unter den Konfirmanden. Er
wußte, daß sie nicht leichtfertig war. Auch kannte er ihre
Verschämtheit und ersparte ihr darum die öffentliche Blosstellung ihres Fehltritts.

Frau Katschner hatte auf ihre Erscheinung so viel Putz
verwendet, als es ihr bei ihren ärmlichen Verhältnissen
möglich war. Sie hatte heute ganz besonderen Grund, stolz
und voll Befriedigung dreinzublicken. Befand sich doch in der
Hochzeitsgesellschaft niemand Geringeres, als Fräulein Bumille,
die Wirtschaftsmamsell vom Schloß.

Die Bumille glich mit ihrem hochgeröteten Gesicht, dem
bauschigen Seidenkleide und dem hängenden Unterkinn einem
aufgeblähten Puter. Bei jeder ihrer schwerfälligen Bewegungen
krachte und knitterte die umfangreiche Maschine ihrer Toilette. Auf dem wogenden Felde ihres Busens hatte eine
Goldbroche in Form eines Rades Platz gefunden. Zwischen
den hellen Handschuhen und den allzu eng anschließenden
Ärmeln drängte sich eine Wulst rosalichen, gepreßten Fleisches
hervor. So saß diese prächtige Dame, als ein rechtes Renomierstück, unter den einfachen Dorfleuten. Durch Blicke, Haltung und jene eigenartigen Geräusche, die von ihr ausgingen,
schien sie jedermann einschärfen zu wollen, daß sie Fräulein
Bumille, die Mamsell vom Schlosse sei, und daß der ganzen
Gesellschaft durch ihre Nähe eine nicht geringe Ehre widerfahre.

Es wurde viel geweint von Seiten der Frauen; wie meist
bei Trauungen. Der alte Pfarrer machte es aber heute auch
ganz besonders schön. Auf das Schneuztuch, welches Pauline über dem Gebetbuch gebreitet hielt, fiel manche Thräne.
Auch Gustav war ergriffen, und, weil er diese weiche Stimmung eigentlich verächtlich fand, schließlich mehr ärgerlich, als
erhoben.

Nach der Trauung ging man zu Fuße nach Frau Katschners kleinem Hause. Wie immer auf dem Lande, wurde viel
Zeit vertrödelt mit Herumstehen und Schwatzen. Einzelne junge
Leute gingen wohl auch noch in den Kretscham, ehe sie sich in
das Hochzeitshaus begaben.

Dort gab es den ganzen Nachmittag über zu essen und
zu trinken für die Hochzeitsgäste, die Freunde und Nachbarn,
welche aus Neugier und auch um der guten Bissen willen auf
ein Stündchen eintraten.

Da das Häuschen die Fülle der Gevattern nicht zu fassen
vermochte, traten viele hinaus in den Garten. Die bevorzugten Gäste saßen drinnen im Zimmer um den runden Tisch.

Hier war es, wo Fräulein Bumille den andachtsvoll
lauschenden Dorfweibern von dem neuesten freudigen Ereignisse im gräflichen Hause berichtete: Komtesse Wanda hatte
sich in Berlin verlobt, im Sommer sollte die Hochzeit sein.
Da würde die Gegend etwas zu sehen bekommen! Denn der
Graf wollte der Schwester die Hochzeit ausrichten. Der
Bräutigam sei Offizier und Prinz und noch dazu ein schwer
reicher. „Ja, unsere Wanda!“ sagte Fräulein Bumille und
ließ ihre geheimnisvolle Maschinerie krachen und knistern,
„unsere Wanda! die hat's inwendig! Die macht's garnich
unter'n Prinzen, habe ich immer gesagt. Die Wanda, die
war schon als Kind was ganz Appart's. Wie sie noch ganz
klein war, da kam sie immer zu mir in die Küche gelaufen. „Mamdell“, sagte sie, „Mamdell!“ so sprach sie nämlich. „Gieb mir ein Stückchen Kuchen; aber groß muß es
sein.“ Das sagte sie, und da war sie noch ein ganz kleines
Ding. Paßt ä mal auf, habe ich da gleich gesagt, die macht's
nich unter'n Prinzen.“

Frau Katschner bestätigte jedes Wort durch ein Kopfnicken,
und die Frauen von Halbenau lauschten offenen Mundes den
mancherlei Heimlichkeiten, welche die Mamsell aus dem Leben
ihrer Herrschaft mitzuteilen, sich herabließ.

Gegen Abend ging Fräulein Bumille. Damit verlor das
Fest seine eigentliche Weihestimmung. Die Lustigkeit trat ungehindert in ihre Rechte.

Häschkekarl hatte nun freies Feld. Wo er auftrat, gab
es Ausgelassenheit und Gelächter. Er hatte sich bereits den
ganzen Nachmittag über mit einem Schwarm Burschen und
Mädchen in Haus und Garten umhergetrieben. Jetzt saß er
draußen im Apfelbaume, eine alte Militärmütze schief auf dem
Kopfe, mit einer falschen Nase im Gesichte, sang Lieder und
gab Schnurren zum besten. Mancher derbe Witz mochte da
mit unterlaufen, nach dem Wiehern und Gröhlen der Burschen
und dem unterdrückten Gekicher der Mädchen zu schließen.

Bei anbrechender Dunkelheit hatte sich Pauline aus der
Hochzeitsgesellschaft zurückgezogen. Flink ward in der Kammer
das Kleid gewechselt und nach dem Jungen gesehen. Dann
lief sie, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen, nach dem
Büttnerschen Hofe.

Die Alten waren nicht zur Hochzeit gekommen, darum
wollte sich die junge Frau ihnen selbst vorstellen, als ihre
Tochter.

Sie trat in die große Stube. Niemand schien zu Haus
zu sein, alles war dunkel. Schon wollte sie wieder hinausgehen, als sie gegen das lichte Fenster einen Kopf und ein
paar Schultern erblickte. Sie erkannte an den Umrissen den
alten Bauern.

Pauline war heute in erregter und gerührter Stimmung,
darum wagte sie etwas für ihre sonstige Scheu Außerordentliches. Sie ging auf den alten Mann zu und sagte ihm, daß
sie nun mit Gustav getraut sei. Dabei umarmte und küßte
sie ihn. Im Augenblicke selbst, wo sie das that, erschrak sie
über ihre Kühnheit.

Als sie die Wange des Alten berührt, hatte sie dort ganz
deutlich etwas Feuchtes gefühlt. Der Büttnerbauer weinte! —

Pauline fühlte es wie einen Stich in der Brust. Hier
saß der alte Mann, von allen verlassen, in seinem Kummer.
Wie lange mochte er schon so gesessen haben!

Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt; denn sie liebte
und verehrte ihn wirklich, wenn auch bisher nur aus der
Ferne. Aber, es fiel ihr nichts ein, womit sie sein Herz hätte
erfreuen können.

Schließlich fragte sie mit stockender Stimme nach der
Bäuerin. Im rauhen Tone erwiderte ihr der Bauer, das
Weibsvolk sei oben in der Kammer.

Pauline zündete erst noch die Lampe an, damit er doch
wenigstens nicht im Dunklen sitzen solle, und lief dann die
Treppe hinauf zum zweiten Stock, um die Bäuerin und Toni
zu begrüßen.

Auf der obersten Stufe der Holzstiege angelangt, hörte
sie Töne, die der jungen Frau alles Blut zum Herzen trieben.
Sie blieb mit zitternden Knieen stehen und lauschte atemlos:
dünnes, quäkendes Geschrei.

Tonis Kind war angekommen.

Es war ein feuchtwarmer Aprilmorgen, an welchem die
Sachsengänger aus Halbenau aufbrachen, zur Reise nach dem
Westen. Ein Himmel wie Wolle. Hin und wieder matte
Sonnenblicke, wie verschlafen, durch grämliche Nebel.

Auf einem Leiterwagen kauerten sie bei einander, Männer
und Weiber, mit ihren Habseligkeiten. Die Mädchen saßen auf
Laden und Federbetten, die Burschen hatten leichtere Bündel
zwischen den Knieen. Vorn beim Kutscher, auf einem bevorzugten
Platze, saß Pauline, ihren Jungen im Schoße, neben ihr Ernestine.

Gustav ging umher, die Uhr in der Hand, und hielt besorgt Umschau. Drei von seinen Mädchen fehlten ihm; sie
waren in ihren Wohnungen nicht aufzufinden, wahrscheinlich
hielten sie sich versteckt. Der Entschluß, in die Fremde zu
gehen, mochte sie nachträglich gereut haben. Von einer hieß
es, daß sie sich einem anderen Trupp angeschlossen habe, der
bereits zeitiger die Fahrt nach den Rübengütern angetreten
hatte. Der Aufseheragent hatte also Recht behalten: es brannten
immer einige durch.

Gut, daß Gustav noch den fünften Mann gefunden hatte
in der Person eines polnischen Arbeiters. Rogalla, so hieß
er, saß jetzt mit unzufriedener Polenmiene in einen Schafpelz
gehüllt, mit langem, schwarzem Haupthaar und Schnurrbart,
wie ein fremder Vogel unter den blonden Halbenauerinnen, und
kaute Tabak.

Der frühen Stunde zum Trotze, hatte sich doch eine ganze
Anzahl Leute aus dem Dorfe zusammengefunden, um Abschied
von den Wanderern zu nehmen. Da wurde im letzten Augenblicke noch alles mögliche herbeigeschleppt: Kleidungsstücke, Bettzeug, Eßwaren. Auch einige junge Burschen hatten sich einfunden, wohl ihrer Mädchen wegen, die in die Fremde gingen.

Den meisten wurde der Abschied schwerer, als sie es sich
anmerken lassen wollten. Wer konnte wissen, was ihrer da
draußen wartete! Und auch den Zurückbleibenden war das
Herz schwer. Mancher junge Mann zagte, daß ihm die Geliebte, die er widerwillig ziehen ließ, in der Fremde die Treue
brechen möchte. Manche Mahnung und Warnung wurde da
noch durch Blick und Händedruck mit auf die Reise gegeben,
ohne Worte, zu denen es keine Zeit mehr gab.

Der einzige von der ganzen Gesellschaft, dem es leicht
um's Herz zu sein schien, war Häschkekarl. Heute hatte er
wieder seinen buntscheckigen Vagabundenanzug angelegt. Den
Hut verwegen auf einem Ohre, ein rotes Halstuch statt eines
Kragens, sah er einem Stromer verzweifelt ähnlich. Jetzt wo
es auf die Reise ging, fühlte er sich erst wieder wohl, und
behaglich. Und diesmal sollte er noch dazu in guter Gesellschaft
walzen. Eine ganze Mandel „Schicksen“ waren mit — so
nannte er die Mädchen — da würde sich's schon leben lassen.
Er summte ein Wanderlied vor sich hin. Als der kleine Gustav
auf Paulinens Schoß unruhig wurde, und zu schreien anfing,
brachte er die ,Quarre‘ durch eine seiner drolligen Grimassen
schnell wieder zur Ruhe.

Die Büttnerbäuerin war auch herausgehumpelt, ihrer
Lähme zum Trotze. Zwei von ihren Kindern gingen ja mit
hinaus in die Fremde. Gustav, ihr bester Sohn, und Ernstinel,
ihre Jüngstgeborene.

Die alte Frau hatte es bisher gar nicht recht glauben
wollen, daß aus diesem abenteuerlichen Plane etwas werden
solle. Zu so vielen Sorgen und Kümmernissen der letzten
Zeit kam nun auch noch die Zersplitterung der Familie! Das
war zu viel! Als sie den Wagen sah mit den Wanderern
und dem Gepäck, drohten sie die Kräfte zu verlassen. Zum
Abschied hatte sie nur ein sinnloses Gestammel: „Ne, ach Gutt!
Gustav! Ne, ach Gutt, Pauline! Paßt ack auf's Ernstinel
uff. Ne, ach Gutt — ach Du lieber Herr Gutt! — Nene —
was wern mer ack alles noch derlaben!“

Gustav mußte es den Frauen überlassen, von der Mutter
zärtlichen Abschied zu nehmen. Er war ganz von der neuen
Pflicht in Anspruch genommen, die schon wie eine schwere
Verantwortung auf ihm lastete, und ihn hart und ungesellig
erscheinen ließ.

Er glaubte, daß sie nun nicht länger warten dürften,
wenn sie den Zug nicht versäumen wollten. Er schwang sich
auf den Wagen und gab den Befehl zur Abfahrt.

Die Peitsche des Kutschers hob sich, die Pferde zogen an.
Noch ein Händedruck, ein Schluchzen, ein Winken, ein Mützenschwenken. Im Trabe ging's durch's Dorf. Vor den Häusern
standen Leute, welche den Wanderern ein freundliches Wort
zuriefen. Dann zeigte das letzte Gehöft des Dorfes, der
Büttnersche Hof, seine Giebelseite. Gustav blickte noch einmal
dort hinüber. Er hatte den Vater nicht gesehen vor der Abreise. Ganz in der Frühe heute wollte er noch zu ihm gehen;
aber, dann hatte er's doch gelassen. Als Vorwand, war ihm
die Geburt von Tonis Kind gerade recht.

Er trieb den Kutscher zur Eile an. Jetzt auf einmal war
es ihm, als könne er nicht schnell genug von der Heimat wegkommen.

An bekannten Feldern ging's vorbei, an Bäumen, Steinen
und Wasserläufen. Nun zog sich der Weg ein Stück durch
den gräflichen Wald. Dann hatte man die Halbenauer Flur
verlassen.

Eine Stunde darauf saßen sie eng zusammengepfercht in
einem Wagen vierter Klasse, mit fremdem Volk, Sachsengänger
gleich ihnen, die schon weither kamen aus dem Osten. Unheimliches Gesindel mit braunen Gesichtern, das unter einander
eine unverständliche Sprache redete.

Als Pauline mit einem dieser schmutzstarrenden, kraushaarigen Frauenzimmer den schmalen Sitz teilen mußte, verlor
sie alle Fassung, nachdem sie vorher tapfer mit dem Heimweh
gekämpft hatte. Sie nahm ihren Jungen dicht an sich, und
haschte nach Gustavs Hand.

Das war fürwahr eine traurige Nachfeier ihrer Hochzeit!

VII.

Der Termin zur Zwangsversteigerung war herangekommen.
Subhastationen waren im Bezirke dieses Amtsgerichts nichts
seltenes gewesen in der letzten Zeit. „In diesen Zeitläufen
fallen die Bauern wie Fliegen von der Decke, wenn es Winter
wird,“ hatte erst kürzlich ein Kenner geäußert. Man war im
allgemeinen ziemlich abgestumpft gegen bäuerlichen Bankerott.

Immerhin machte es einiges Aufsehen, als bekannt wurde,
daß das Büttnersche Bauerngut unter den Hammer kommen
solle. Einmal weil es ein großes Grundstück war, das nicht,
wie die meisten anderen seiner Art, heruntergewirtschaftet und
ausgeraubt war. Dann gab es aber auch noch Nebenumstände,
die den Fall interessant machten. Man wußte, daß die Herrschaft Saland um das Bauerngut gehandelt hatte, und nachdem der Handel so gut wie abgeschlossen gewesen, davon zurückgetreten war. Das gab zu allerhand Vermutungen Anlaß.
Die Herrschaft hatte sich bisher noch nie einen Bauern, der
‚wackelig‘ wurde, entgehen lassen, und hatte, nach der Behauptung
kleinerer Güterhändler, die Preise des Grund und Bodens
auf diese Weise nicht wenig in die Höhe geschraubt. Es
war auffällig, daß sich die Herrschaft bei diesem Bauerngute,
welches ihr geradezu vor der Nase lag, so zurückhaltend benahm. — Ungewöhnlich wurde der Fall auch dadurch, daß der
betreibende Gläubiger kein anderer war, als der eigene Schwager
des bankerotten Bauern. Was konnte der Mann für ein Interesse an dem Untergange seines Schwagers haben, fragte
man sich unwillkürlich. Wollte er das Gut aus der Subhastation billig erstehen? Und wozu sollte er, als Besitzer einer
großen Gastwirtschaft, sich mit so bedeutendem Grundbesitz belasten? —

In der Gerichtsstube begannen sich von früh neun Uhr
ab einzelne Leute einzufinden. Meist waren es Neugierige,
Gerichtsbummler, die selten bei solchen Anlässen fehlen.

Die eigentlichen Interessenten saßen drüben im Löwen.
Der Gasthof lebte geradezu von den Gerichtsverhandlungen.
Denn dort pflegten vor und nach den Terminen Freund und
Feind einzukehren. Dort stärkten sich die Parteien zu schwerem
Gange. Dort tranken Richter, Staatsanwalt, Verteidiger,
Zeugen und Schöffen ihren Schoppen in derselben Stube und
vom nämlichen Fasse, nachdem sie sich drüben vielleicht im
Rechtsstreite bis auf's Messer befehdet hatten.

Auch Samuel Harrassowitz trank hier sein Bier. Er saß,
wie gewöhnlich, auf seinem Platze am Fenster, von dem aus
er den schmalen Platz zwischen Gasthof und Gerichtsgebäude
überblicken konnte.

Edmund Schmeiß saß neben dem Händler. Er trug einen
neuen Anzug von hauptstädtischem Schnitt zur Schau, den er
sich bei seinem letzten Aufenthalt in Berlin hatte anfertigen
lassen. Er bestellte sich einen Cognac, „aber fine champagne,
garçon!“ fügte er näselnd hinzu.

Jetzt traten zwei Herren ein. Der Bankier Isidor Schönberger, fett, mit weißem Gesicht und um so schwärzerem Haar.
Bei ihm war Bruno Riesenthal, der junge Advokat, der sich
kürzlich in dem Städtchen niedergelassen und seiner Fixigkeit
wegen hier bereits eine nahmhafte Praxis gefunden hatte. Die
Herren schienen einander sämtlich gut zu kennen. Zum Gruße
zwinkerten sie einander nur mit den schlauen Augen zu. Schönberger setzte sich mit verdrossenem Gesicht. Riesenthal kramte
in seiner Advokatenmappe. Die Unterhaltung wurde halblaut
geführt, denn an den Nebentischen saßen Leute, deren man
nicht sicher war.

„Heute is der Kaphroh dran!“ sagte Schönberger.

Harrassowitz nickte.

„Machst Du de Massematten?“

„Kairousche!“

„Bis jetzt ist keine Konkurrenz da,“ damit mischte sich
Edmund Schmeiß in das Zwiegespräch.

„Konkurrenz!“ meinte Sam und nahm eine verächtliche
Miene an. „Konkurrenz giebt's nich!“

„Wird der Graf sich ganz fern halten?“ fragte der Advokat,
halblaut.

„Der Graf is besorgt!“ flüsterte Schmeiß. „Dafür steh'
ich! Und das andere sind alles Schnorrer!“

In diesem Augenblicke ertönte vom Pflaster draußen
Pferdegeklapper und Wagenrasseln. Ein offener Jagdwagen
mit zwei guten Pferden davor hielt vor dem Löwen. Die
vier Männer machten lange Hälse. Sam stieß einen Fluch
aus. Er erkannte in dem langen bärtigen Manne, der selbst
die Zügel geführt hatte, den Güterdirektor des Grafen, Hauptmann Schroff. Der kleine Grauhaarige war wohl ebenfalls ein
Beamter der Herrschaft Saland.

Die ‚Konkurrenz‘ war also dennoch gekommen!

Sam stand auf, ohne sein Glas geleert zu haben. Jetzt
galt's die Ohren steif halten! So leichten Kaufes, wie er
spekuliert hatte, würde er nun doch nicht zu dem Gute kommen.
Aber, Sam gab nichts verloren. Wann wäre er jemals in
schwieriger Lage verzagt, oder um Mittel und Wege verloren
gewesen! Er besaß den ganzen rücksichtslosen, katzenzähen Optimismus seiner Rasse.

Er hatte den Kretschamwirt von Halbenau vor einiger
Zeit mit seinem Wägelchen einfahren sehen; den suchte er
jetzt auf.

Kaschelernst und Harrassowitz hatten ein längeres Gespräch
im Flur des Gerichtsgebäudes. Die Unterhaltung endete damit,
daß Sam die Hand ausstreckte, und Kaschelernst grinsend einschlug und „abgemacht!“ sagte.

Die Gerichtsuhr hatte zehn geschlagen. Wer sich bis dahin noch im Löwen aufgehalten hatte, kam nunmehr herüber,
nicht allzu eilig, falls er mit dem Gerichtsgebrauche vertraut war.

Aus Halbenau waren eine Anzahl Leute eingetroffen,
Freunde der Büttnerschen Familie. Der alte Bauer selbst
hatte sich fern gehalten, aber Karl Büttner war gekommen.
Er blickte unverständig drein, wie gewöhnlich. Die Bedeutung
dieses Tages für ihn und seine Familie war dem Denkfaulen
schwerlich klar geworden.

Hinter den Schranken erschien jetzt der Amtsrichter mit
dem Kalkulator. Sie nahmen am grünen Tische Platz.

Nun nahm der Termin seinen üblichen Verlauf. Zunächst
wurden die Interessenten festgestellt. Harrassowitz, der in
diesen Dingen zu Hause war, wie der Fisch im Wasser, verlangte Vorweisen der Kaution. Da würde man ja gleich sehen,
wer als ernsthafter Bieter in Betracht komme. Vor allem
interessierte es den Schlaukopf zu wissen, ob jene beiden,
der Güterdirektor und der Rendant des Grafen, mit Geldmitteln versehen seien. Er hatte bereits seinen Geschäftsfreund,
den Kommissionär Schmeiß, vorgeschickt, der sollte sich den
Herren in möglichst harmloser Form nähern, und sie zum
Lüften ihrer Maske bringen. Aber die beiden hatten sich
zugeknöpft und den diplomatischen Künsten des jungen Schmeiß
gegenüber unzugänglich verhalten. Sam paßte genau auf.
was der Hauptmann zeigen würde, als er daran kam, Kaution vorzuleben. Staatspapiere, ein ganzes Paket! Der
Mann war also gewappnet und nicht etwa aus bloßer Neugier hier erschienen.

Nachdem Namen und Personalien der Interessenten mit
gerichtsüblicher Umständlichkeit erfragt und aufgeschrieben waren,
wurde zur Feststellung des geringsten Gebotes übergegangen.
Dann forderte der Richter zur Abgabe von Geboten auf. Er
hatte eine zweistündige Pause angesetzt, innerhalb deren geboten
werden konnte.

Der Gerichtssaal leerte sich wieder; nur einige wenige
Leute blieben zurück, die hier eben so gut wie anderwärts ihre
Zeit mit Nichtsthun verbringen zu können, meinten. Der
Richter arbeitete an seinen Akten. Der Kalkulator schrieb
das Protokoll aus, in der Ecke nickte der Gerichtsdiener. Der
Geist der Langeweile und der Schläfrigkeit hatte sich über den
Raum gesenkt.

Der Richter war ein älterer Beamter. Wie viele Grundstücke waren nicht schon im Laufe der langen Praxis unter
seinem Hammer weggegangen! Die Verhandlung pflegte unter
seinem Vorsitz glatt, ohne Stocken, wie eine gut geölte Maschine, zu laufen. Nüchtern, geschäftsmäßig und trocken erklangen seine Fragen.

Was kümmerte es ihn, wer schließlich der Ersteher wurde!
Sache des Juristen war es nicht, Mitgefühl zu empfinden; das
hätte ja höchstens seine ‚strickte Objektivität‘ trüben können. Für
ihn existierte das Stück Erde, welches zufälligerweise einem gewissen Traugott Büttner gehörte, nur insofern, als es durch ein
in ,legaler Weise‘ herbeigeführtes Zwangsversteigerungsverfahren
in ,forensischen Konnex‘ getreten war zum Gesetz und damit
zu ihm, dem Diener des Gesetzes. Dadurch war für den
Juristen ein Zaun abgesteckt, innerhalb dessen er sich von rechtswegen bewegen durfte. Wenn er sich's hätte einfallen lassen,
den Zaun zu überschreiten, tiefer zu blicken, als seines Amtes
war, dann würde er vielleicht entdeckt haben, daß dieses Stück
Erde, welches heute unter den Hammer kam, doch noch etwas
mehr als ein bloßes Subhastationsaktenstück sei. Er würde
gefunden haben, wenn er das ,legale‘ Gewand der Sache zu
lüften sich die Mühe gegeben hätte, daß er nichts Geringeres
als das Wohl und Wehe einer Familie, daß er Menschenschweiß und Menschenblut zu ,meistbietender Versteigerung‘
brachte. Und daß so das ,von Rechtswegen‘ eine eigentümliche Bedeutung gewann.

Der Saal füllte sich allmählich wieder, als die zweistündige Pause sich ihrem Ende zuzuneigen begann, und das Bieten
nahm seinen Anfang. Zunächst erfolgten einzelne Gebote,
gleichsam tropfenweise; denn keiner der Interessenten wollte dem
anderen seinen Eifer merken lassen. Bankier Schönberger hatte
angeboten mit einer Summe, welche gerade die Höhe seiner
Hypothek erreichte. Dann überbot ihn Harrassowitz.

Jetzt begann sich der gräfliche Rendant an der Bietung
zu beteiligen. Zuerst langsam, dann in immer schnellerer
Folge überboten sich Sam und der Rendant mit Beträgen
von geringem Umfang. Der Händler legte kühlste Ruhe an
den Tag; die Hände in den Taschen, wiegte er sich auf den
Absätzen und suchte den Gegner durch seine überlegen spöttische
Miene in Verwirrung zu setzen. Der gräfliche Beamte, ein
Graukopf, mit glatt rasiertem Gesicht, war unruhig. Die
Gebote kamen zaghaft und hastig von seinen Lippen. Mehrfach sah er sich nach Hauptmann Schroff um, der weiter
hinten unter den Zuschauern mit sichtlicher Spannung dem
Gange der Versteigerung folgte.

Auf diese Weise hatten sich die beiden bis an die letzte
Hypothek herangetrieben, welche Ernst Kaschel gehörte. Der
Gastwirt war im Saale anwesend, bot aber nicht mit. Harassowitz hatte soeben geboten. Der Rendant bat um eine kurze
Hinausschiebung des Zuschlags, lief nach hinten und besprach
sich mit dem Güterdirektor. „Bis zur Höhe der Schulden,
nicht wahr, ging der Limit?“ fragte er. Der Hauptmann
stand mit gerunzelter Stirn und überlegte. „Hundert Mark
darüber,“ sagte er dann. „So viel will ich noch zulegen;
mehr kann ich nicht!“

Der Rendant ging wieder an die Schranken und machte
sein Gebot. Sam überbot ihn, lächelnd.

Die Spannung unter den Zuschauern hatte einen hohen
Grad erreicht. Die Sympathien der meisten waren auf Seiten
der gräflichen Beamten. Der Rendant bot noch einmal mit
zitternder Stimme. Die Schulden waren mit seinem Gebote
um hundert Mark überschritten.

„Noch Fünfzig!“ rief Harrassowitz und sah den Gegner
herausfordernd an.

Es entstand eine Pause. Der Richter sah nach der Uhr.
„Wenn keine weiteren Gebote abgegeben werden, schließe ich
die Subhastation.“

Kein weiteres Gebot erfolgte.

„Demnach ist Herr Samuel Harrassowitz Meistbietender
geblieben. Ich frage, ob Einwendungen gegen Erteilung des
Zuschlages an Harrassowitz, erhoben werden? — Einwendungen werden nicht erhoben! — Die Erteilung des Zuschlages wird morgen um elf Uhr verkündet werden.“

VIII.

Während in der Stadt sein Gut versteigert wurde, pflügte
der Büttnerbauer seinen Acker. Schon bei frühestem Morgengrauen hatte er die Ochsen aus dem Stalle gezogen, hatte sie
vor den Pflug gespannt und war hinausgefahren bis dorthin,
wo Wald und Felder grenzten.

Die Bäuerin war seit einer Woche bettlägerig. Toni hatte
mit dem Säugling zu thun. Auf Theresens Schultern lastete,
seitdem die Sachsengänger das Dorf verlassen hatten, ganz
allein die Sorge um das Hauswesen.

Der Bauer wollte heute das Büschelgewende beackern.
Dem verwilderten Schlage — gleichsam das Stiefkind des
Gutes — galt doch im Grunde seine eifrigste Sorge. Der Gedanke, daß ein Teil seines Besitzes vernachlässigt und unbenutzt
daliege, ließ ihm keine Ruhe, quälte ihn wie einem Kranken
die offene Wunde. Den Schlag mußte er wieder urbar machen,
noch in diesem Sommer. Hafer wollte er darauf säen, als
die wenigst anspruchsvolle Frucht. Vor der Aussaat aber
sollte der Boden noch einigemale mit Pflug und Egge um
und um gewendet werden.

Es wollte ein wundervoller Frühjahrstag werden. Der
Boden dampfte von dem warmen Regen, der in der Nacht niedergegangen war. Laue Fruchtbarkeit schwebte greifbar über der
Scholle. Überall drängte und sproßte junges Leben zum Tage
empor. Die Wiesen waren bereits mit dem ersten verschämten
Grün beschlagen. Die Wintersaaten standen dicht und üppig,
in vielverheißendem, saftigem Dunkelgrün.

Mit dem Pflügen ging es langsam genug vorwärts in
dem zähen Lehm, der seit Jahren keine Pflugschar gefühlt
hatte. Brombeerranken und andere Schmarotzer des verwilderten
Landes bedeckten die magere Ackerkrume, und wichen nur
ungern dem Pfluge. Kiesel und Feldsteine stemmten sich gegen
die Schar. Und dazu ein Paar träge Ochsen vorgespannt!
Die Zeiten, wo er Pferde im Stalle gehabt, waren für den
Büttnerbauer vorbei.

Der alte Mann fluchte nicht, trotz der Langsamkeit der
Tiere. Sein Trotz war stumm. Mit zusammengebissenen
Zähnen blickte er starr geradeaus über die Rücken der Ochsen
Die Hand am Sterz, in der Linken Leine und Peitsche, so
schritt er hinter dem Pfluge. Wenn er die Lippen öffnete,
dann war es höchstens zu einem „Hüü“ oder „Hoo.“ An
der Anewand angelangt, hielt er die Ochsen durch einen
Ruck der Leine an, hob den Pflug aus, wendete ihn und
fuhr eine neue Furche an, genaue Richtung haltend. Er
pflügte noch, wie ein Jüngling, mit starker Hand und scharfem
Augenmaße.

Die Sonne rückte höher. Der Dampf über den Auen
hatte sich verflüchtigt. Klar lag jetzt Halbenau unter ihm,
das er von seinem erhöhten Stande überblicken konnte. Haus
für Haus, bis hinab zur Kirche. Schon begannen sich die
Fruchtbäume hie und da zu schmücken mit weißen Perrücken.
In langen, schmalen Streifen zogen sich die Güter der Bauern,
Halbhufner und Gärtner vom Dorfe nach dem Walde zu, vielfach
durch Raine und Gräben in viereckige Stücken und Streifen zerlegt, in vielen Farben leuchtend, bald braun, bald grün, bald gelblich oder gräulich, je nach der Frucht und der Bodenart. Ein
scheckiges Bild, wie ein Stück Zeug mit vielen Flicken darauf.
Und am Feldrande ein Kranz von Niederwald, der lichtgrün
und lila schimmerte, mit seinen hellen Stämmchen von
Birke und Erle. Dahinter der Kiefernwald, im männlichen
Ernste seines dunklen Nadelkleides. Und darüber hin der
Frühjahrshimmel, mit einzelnen schwimmenden Wolken von
milchweißer Farbe.

Der Bütterbauer sah nichts von der Schönheit, die sich
rings um ihn breitete. Sechzigmal war er Zeuge geworden
des Frühjahrswunders. Sechzigmal hatte sich für ihn die
Flur geschmückt mit gleicher Pracht. Er war kein emfindsamer Naturschwärmer; dafür gab es in seiner trocknen Bauernnatur keinen Raum.

Frühjahr, das bedeutete für ihn: Erwachen aus der kalten,
finsteren, öden Winterszeit, zum sonnigen, klaren milden Sommer;
wo man nicht länger gezwungen war, mit müßigen Händen
im Zimmer zu hocken, wo man hinaus durfte auf den geliebten Acker, die Zeit, da man die Glieder in emsiger Arbeit
rührte, wo man aber auch die Früchte seiner Arbeit sehen
durfte, wie sie heranwuchsen und gediehen, der Ernte entgegen.

Auch in diesem Frühjahr schien die Sonne warm und
belebend. Sie wärmte auch die Glieder des Alten und brachte
sein Blut in schnellere Strömung. Das Neuwerden in der
Natur rief selbst in seinem verbrauchten Körper eine Steigerung aller Kräfte, eine unbewußte Spannung der Lebensenergie
hervor. Aber, es war diesmal anders als sonst. Etwas war
erstorben in dem alten Manne, lag wie mit Eis und Schnee
des Winters zugedeckt, war nicht grün geworden mit dem
Erwachen des Frühlings ringsum: die Hoffnung.

Es hatte seinen guten Grund, warum er die Zähne so
fest zusammengepreßt hatte, und die Augen so starr geradeaus
gerichtet hielt, zwischen die Köpfe seiner Tiere. Hätte er die
Blicke hinabschweifen lassen über Felder und Wiesen, hinab
nach seinem Hause und Hofe, sie wären wohl übergegangen
von salzigen Thränen. Und der Trotz, der Grimm, die
Menschenverachtung, die allein ihm die Kraft gaben, diesen
Tag zu ertragen, möchte dahingeschmolzen sein vor der Übergewalt des Schmerzes, den ihm der Anblick seines Eigentums
heute bereiten mußte.

Sein Eigentum!

In diesen Stunden entschied es sich, wer künftighin Herr
dieser Wiesen und Felder, dieses Hauses und Hofes, sein würde.
Drüben in der Stadt, vor Gericht, unter Leuten, die seinen
Acker nicht kannten, von Fremden, kalten, gleichgültigen Juristen,
wurde der Würfel über sein Eigentum geworfen. Heute noch
war er hier Herr, und morgen konnte einer kommen, der ihn
hinaustrieb aus seinem Hofe, ihn auf die Straße setzte, mitsamt den Seinen, und das alles kraft eines Stückes Papier.

Das war also der Erfolg seines Lebens! Jetzt, wo er
sich dem Greisenalter näherte, wo man sich nach Ausruhen auf
vollendetem Lebenswerk sehnte, wo man Recht und Besitz und
Gewalt gern hätte übergehen sehen in die Hände der Nachkommen, wo man als Lohn und Dank für sorgliche Verwaltung des Familiengutes nichts weiter verlangte, als Pflege
und Achtung und ein ruhiges Eckchen im Heim, von dem
aus man das Weiterblühen und Wachsen noch ein Weilchen
mit ansehen konnte — jetzt mußte der Büttnerbauer, statt
dieses wohlverdiente Altenteil zu erwerben, erleben, daß
alles, was er von den Vätern übernommen, was er verwaltet,
woran er an seinem Teile geschaffen hatte, ihm aus den
Händen gerissen, unwiederbringlich an Fremde dahingegeben
wurde.

Wenn der Vater das geahnt hätte! Er, der recht eigentlich den Besitz zu dem gemacht hatte, was er war, zu einem
selbständigen, freien Bauerngute. Wenn Leberecht Büttner
hätte ahnen können, was jetzt, dreißig Jahre nach seinem Tode,
aus seinem Werke werden sollte! Dieser Mann, der den
Familienbesitz in schwerer Zeit angetreten, der die Nachwehen
der Kriegszeiten und der jüngst überwundenen Hörigkeit durchzukosten hatte, der Zeit seines Lebens mit einem mächtigen
und beutelustigen Nachbar zu ringen gehabt, und der, all
diesen Gefahren und Nöten zum Trotze, sich selbst zu einem
wohlhabenden, unabhängigen Wirte emporgearbeitet und sein
Gut zum bestgepflegtesten der ganzen Gegend gemacht hatte;
wenn der Mann hätte voraussehen können, was aus der Erbschaft, die er den Seinen hinterließ, sich für Unsegen entwickeln
würde! —

Traf den Büttnerbauern die Schuld, daß alles so gekommen, wie es gekommen war?

Traugott Büttner hatte sicher viele Versehen begangen,
mancherlei verdorben durch Eigensinn und beschränkten Trotz.
Viel Schaden hätte abgewendet werden können, wenn ihm Beweglichkeit des Geistes, höhere Bildung und besseres Verstehen der
Zeit und ihrer Bedürfnisse eigen gewesen wäre. Aber, größere
Fehler, als die seinem Stande eigentümlichen, durften ihm mit
Recht nicht vorgeworfen werden.

Er war Zeit seines Lebens ein nüchterner, ordentlicher
Mensch gewesen, ein thätiger Wirt und sorgsamer Haushalter.
Sein Benehmen war bäuerlich derb, oft bis zur Rauhheit
derb, aber seine Sitten waren rein geblieben. Was hatte er
sich vorzuwerfen! War er etwa ein Trinker gewesen? —
Hatte er Haus und Hof verspielt, wie so mancher Bauer es
that? Hatte er durch liederliche Wirtschaft, oder durch Zank
und Streit mit den Nachbarn, durch Prozesse, das Seine vergeudet? — Dem Staate, der Gemeinde, der Kirche hatte er geleistet, was er ihnen schuldig war. Seine Knochen hatte er
in zwei Kriegen für das Vaterland zu Markte getragen. Sonntäglich war er zur Predigt gegangen und viermal im Jahre
hatte er den Tisch des Herrn aufgesucht. Die schlechten Jahre
waren von ihm hingenommen worden, und für die guten hatte
er Gott gedankt. Mit seiner Ehefrau hatte er sich vertragen;
nie war es zu mehr als zu Scheltworten gekommen zwischen
ihnen, was bei Bauersleuten etwas heißen will. Die Kinder
hatten sie schlicht und recht aufgezogen, nach dem Worte:
„Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.“

Überhaupt, das war die Summe dieses Lebens: der
Bauer hatte das Seine gethan, so gut oder so schlecht er
es vermochte, in den Grenzen seines Standes, gemäß der
Weltanschauung, mit der er geboren und in der er aufgewachsen war.

Und nun war es wie ein Strafgericht, wie eine Vergeltung furchtbaren Unrechts über ihn und die Seinen gekommen,
ohne daß er doch gewußt hätte, von wannen und wodurch.
Wofür büßte er, welche Sünde hatte er zu sühnen, mit soviel
Elend? Wo lag der Anfang des Unglücks? Wann und
wo hatte er den Schritt gethan, der unvermeidlich das Verderben nach sich ziehen mußte? War es nicht vielmehr eine
Kette von tausend winzigen Gliedern, ein ganzes Netz von unsichtbaren Maschen, an dem er Zeit seines Lebens unbewußt gearbeitet, und das ihn jetzt verstrickte zu unrettbarem Untergange?

Oder, lag die Schuld nicht tiefer und ferner? Reichte sie
nicht zurück, über die sechzig Jahre dieses Lebens, in die Zeiten
der Väter und Vorväter?

Hatte Traugott Büttner nicht das Gut aus dem väterlichen Erbe erstanden unter Bedingungen, die für ihn den Erfolg von vornherein unterbanden! War das nicht der anfangs kaum beachtete Riß, welcher am Ende zum Zusammenbruch des Gebäudes führte; der scheinbar unbedeutende Rechenfehler, der, von Jahr zu Jahr weiter geführt, schließlich das
Ergebnis der ganzen Rechnung falsch ausfallen ließ! Oder
hatte Leberecht Büttner, dieser vorsichtige Wirt und Mehrer
des Vermögens, etwa selbst den Grund zum Untergange des
Familiengutes gelegt, als er dessen Grenzen erweiterte, neues
Land zum ererbten hinzuerwarb? Hatte er damit vielleicht
dem Ganzen eine ungesunde Entwickelung, einen allzu großartigen
Zuschnitt, gegeben; hätte er nicht, statt auf Erweiterung des
Besitzes zu sinnen, lieber das einmal Besessene so ertragreich
wie möglich gestalten sollen? Hatte er nicht durch diese Verrückung der Verhältnisse seinem Nachfolger eine gefahrvolle
Erbschaft hinterlassen, doppelt gefahrvoll, wenn dieser Nachfolger ihm nicht gleichkam an Einsicht und Rührigkeit?!

Oder, lag das Versehen nicht außerhalb der Familiengeschichte überhaupt! Waren es nicht vielmehr die Verhältnisse,
die Entwickelung, der Gang der Weltereignisse, die auch auf
dieses winzige Zweiglein am großen Baum des Volkes gewirkt
hatten? Stand nicht auch dieser kleine Ausschnitt aus dem
Menschheitsganzen unter den Gesetzen des Prozesses von Werden und Vergehen, dem das Völkerleben wie die Geschichte der
Familien und des einzelnen unterworfen sind! —

War vielleicht jenes große Ereignis der Bauernbefreiung
im Anfange des Jahrhunderts, dessen Zeuge noch Leberecht
Büttner als junger Mensch gewesen, zu spät eingetreten? War
dieser mächtige Ruck nach vorwärts nicht mehr im Stande gewesen, das Bauernvolk aus der Jahrhunderte alten Gewöhnung
an Unselbständigkeit und Knechtsseeligkeit herauszureißen?
Oder war die Aufhebung der Frone zu schnell, zu unmittelbar
gekommen? Hatte sie den Bauern nur äußerlich selbständig
gemacht, ohne ihm die zum Genusse der Freiheit nötige Erleuchtung und Vernunft gleichzeitig geben zu können? Waren
die, durch viele Geschlechter großgezogenen Laster: des Mißtrauens, der Stumpfheit, der Beschränktheit und der tierischen
Rohheit, doch so tief in Fleisch und Blut der Kaste übergegangen,
daß sie unausrottbar immer von neuem durchbrechen mußten,
und so den Untergang des ganzen Standes herbeiführen
würden? —

Oder spannen sich die Fäden jenes Gewebes von Unrecht,
Irrtum und Unglück, die den einzelnen mit dem Ganzen ebensogut verweben, wie Rüstigkeit, Aufschwung und Gedeihen
eines Volkes segensreich das Einzelgeschick befruchten und
fördern — reichten diese unsichtbaren Wurzeln, die uns mit
dem tiefsten Grunde der Vergangenheit unseres Geschlechts verbinden, nicht noch viel viel tiefer hinab in die Vorzeit? War
der große Krieg daran schuld, der das deutsche Volk zum
Bettelmann gemacht, und seinen Boden zu einer Einöde? Aber,
war nicht schon vor dem großen Kriege schweres Unrecht am
deutschen Bauern begangen worden? Drangsal und Vergewaltigung, die ihm zu Luthers Zeiten den Kolben und den
Dreschflegel in die Hand nehmen ließen, zum Aufruhr gegen
die Großen der Welt, in denen er die Macht verkörpert sah,
die ihn am meisten bedrückte: der Feudalismus.

Und lag der letzte und tiefste Grund der Unbilden, die
dem Bauern durch alle Stände widerfahren, mochten sie sich
Fürsten, Ritterschaft, Geistlichkeit, Kaufmanns- Richter- und
Gelehrtenstand nennen, nicht noch viel weiter zurück in der
Entwickelung? War da nicht in unser Volksleben ein Feind
eingedrungen, der für Kolben und Flegel unerreichbar war,
der mit noch so derben Fäusten nicht aus dem Vaterlande
getrieben werden konnte, weil er körperlos war, ein Prinzip,
eine Lehre, ein System, aus der Fremde eingeschleppt, einer
Seuche gleich: der Romanismus!

War denn nicht der deutsche Bauer frei gewesen ehemals?
Frei, wie der Baum, der Halm, ein Gewächs des freien
Grund und Bodens, verantwortlich nur vor seinesgleichen, gebunden nur durch die Gesetze der Markgenossenschaft. Nur
die Gemeinde und ihre Rechte hatte er über sich, deren Lehnsmann er war, die ihm ein Stück der freien Wildnis zuwies,
damit er es urbar mache, und sich darauf ernähre.

In jenen natürlichen, urwüchsigen Zeiten, die noch nichts
von den knifflichen Definitionen der Gelehrten, vom pedantischen
Schreibwerk der Juristen, ahnten, war Besitz und Eigentum
noch eins; Thatsache und Recht fielen da zusammen. Wer
den Boden dem Urwalde abrang, der erwarb ihn, machte ihn
zu seinem Eigen. Die Ernte gehörte dem, der den Acker bestellt und die Aussaat gemacht. Arbeit war der einzige Rechtstitel, welcher galt. Jeder Nachfolger mußte sich die Hufe und
die Frucht von neuem erwerben durch seiner Hände Werk.

Und nun drang ein fremder Geist von jenseits der Alpen
ein und verwirrte und verkehrte diese einfachen erdgewachsenen
Verhältnisse. Abgezogene Begriffe, aus einer toten Kultur
gesogen, wurden an Stelle des selbstgeschaffenen gut erprobten
deutschen Rechtes gesetzt.

Dieser fremde römische Geist war der Verderber. Überall drang er ein, wie eine Krankheit. Bald beherrschte er
Staat, Kirche, Schule und Gerichte. Formalismus und Scholastik
waren seine übelgeratenen Kinder.

Am schwersten aber sollte unter dem fremden Produkt
der leiden, welcher von allen am wenigsten davon wußte und
verstand: der Bauer.

Alle anderen Stände verstanden es, sich das fremde
System zu Nutze zu machen. Ritter und Kaufmann wußten
seine Maximen zu verwerten, sich nur zu gut dem praktischen
Egoismus anzupassen, der das Grundprinzip des römischen
Rechtes ist. Und seit den Zeiten der Scholastik ward Haarspalterei und wirklichkeitsfremdes Definieren und Konstruieren
die Lieblingsbeschäftigung der deutschen Gelehrtenzunft.

Dem freien deutschen Bauernstande aber grub das fremde
Recht die Lebenswurzeln ab.

Denn der Begriff des römischen Eigentums lief dem
schnurstracks zuwider, was für den deutschen Ansiedler gegolten
hatte. Nun wurden in trocken formalistischer Weise Recht
und Thatsache getrennt. Fortan konnte einem ein Stück Land
gehören, der nie seinen Fuß darauf gesetzt, geschweige denn,
eine Hand gerührt, um es durch Arbeit zu seinem Eigen zu
machen. Jetzt gab es gar viele Rechtstitel mit fremdklingenden
Namen, kraft deren einer Eigentum erwerben und veräußern
konnte. Den Ausschlag gab nicht mehr die lebendige Kraft
des Armes, sondern erklügelte, in Büchern niedergeschriebene,
tote Satzung. Am Grund und Boden konnte fortan Eigentum entstehen durch Eintragung in Bücher. Es konnte
ernten, wer nie geackert und gesäet hatte. Es gab Rechte an
fremden Sachen, Einschränkungen des Eigentumsrechtes durch
Dritte, die sich so drehen, deuten, nutzen und ausdehnen ließen,
daß der Eigentümer bald wie ein Mann war, der sein Feld
auf der öffentlichen Landstraße liegen hat. Das Verpfänden
und Belasten des Grund und Bodens ward in ein System
gebracht, das den Urgrund aller menschlichen Verhältnisse, die
Scholle, einem Handelsartikel gleichstellte. Es wurde möglich,
daß einer durch Beleihung stiller Mitbesitzer eines Stück
Landes ward. Dann mußte ihm der Eigentümer einen Teil
der Erträge abgeben, die er durch seine Arbeit dem Boden
abgerungen hatte, und jener genoß in der Ferne ohne Mühe
die Früchte fremden Bodens und fremden Schaffens.

So hatte sich das undeutsche Recht, mit seinem egoistischkalten, verstandesmäßigen Formalismus wie ein Lavastrom
über die heimischen Einrichtungen ergossen, alles mit starrer
Kruste überdeckend, und auch die grünende Freiheit des bäuerlichen Ansiedlers auf Nimmerwiederkehr vernichtend.

Der Büttnerbauer wußte von der Geschichte und Entwickelung seines Standes nichts. Kenntnis und Interesse für
das Vergangene sind gering beim Bauern; auch hat er
wenig Standesbewußtsein, keinen Zusammenhalt mit Seinesgleichen. Ihn kümmern nur die Nöte und Bedürfnisse, die
ihm gerade im Augenblicke auf den Nägeln brennen. Er weiß
von der Welt und ihrem Gange meist nur das notdürftige,
was er in der Schule erlernt, was er selbst erlebt und erfahren hat, und zur Not das Wenige von der Vergangenheit,
was ihm die Eltern mitgeteilt haben.

Traugott Büttner hatte nur ein dumpfes Gefühl, eine
dunkle Ahnung, daß ihm großes Unrecht widerfahre. Aber,
wer wußte denn zu sagen: wie und von wem! Wen sollte
er anklagen? Das war ja gerade das Unheimliche, daß es
eine Erklärung nicht gab. Das Verderben war gekommen
über Nacht, er wußte nicht von wannen. Menschen hatten
Rechte über ihn und sein Eigentum gewonnen, Fremde, die
ihm vor zwei Jahren noch nicht einmal dem Namen nach
bekannt waren. Er hatte diesen Leuten nichts Böses angethan, nur ihre Hülfe, die sie ihm aufgenötigt hatten, in Anspruch genommen. Und daraus waren, durch Vorgänge und
Wendungen, die er nicht verstand, Rechte erwachsen, durch
die er diesen Menschen hülflos in die Hände gegeben war.
Er mochte sich den Kopf zermartern, er konnte das Ganze nicht
begreifen.

Eines blieb als Untergrund aller seiner Gedanken und
Gefühle: ein dumpfer schwelender Ingrimm. Ihm war unsagbares Unrecht geschehen. Sein Mund verstummte; hätte
er ihn aufgethan, es wäre eine Klage erschollen, die kein
Richter dieser Welt angenommen hätte.

Ende des zweiten Buches.

Drittes Buch.

I.

Die Sachsengänger waren an ihrem Bestimmungsorte eingetroffen. Leiterwagen vom Rittergute Welzleben hatten sie
an der Station abgeholt und nach dem Vorwerke Habeldamm
gebracht. Hier waren sie vom Inspektor in ihre Kaserne eingewiesen worden.

Am nächsten Morgen bereits ging's mit der Feldarbeit
los.

Die Rüben waren eben erst aufgegangen; an ihnen gab
es also noch keine Arbeit. Die Mädchen wurden daher mit
Behacken des Wintergetreides beschäftigt, während die Männer
bei der Frühjahrsbestellung zu helfen hatten.

Es waren völlig neue Verhältnisse hier im Westen, in
welche diese Ostländer ganz unvermittelt versetzt wurden. Weit
und breit fruchttragende ebene Fluren. Feld an Feld, Schlag
an Schlag, die das Auge kaum zu übersehen vermochte, durchquert von gradlinigen Kunststraßen und Obstalleen. Jede Handbreit Land war hier ausgenutzt. So kostbar schien dieser
Boden, daß man keinem wilden Baum, keinem Strauch in der
Feldmark das Leben gönnte. Nirgends fiel der Blick auf Unland. Sorgfältig waren die Steine aus dem Acker entfernt.
Am Horizonte fehlte der Kiefernbusch, der im Osten fast überall das landschaftliche Bild einrahmt. Kein Wald, kein Gebüsch, keine Hutung zu erblicken. Wenig Wiese; die Ackerscholle beherrschte hier alles. An Stelle des buntscheckigen
Planes von winzigen Fleckchen und Streifchen, wie es die
Sachsengänger von ihrer Heimat her gewöhnt waren, breitete
sich hier das Zuckerrübenfeld mit den endlosen Reihen der
gedrillten Rübenpflänzchen; giftgrüne Streifen auf dunkelbraunem Untergrunde.

Und nun erst die Bestellung! Spatenarbeit kannte man
hier nicht, der Handpflug war an vielen Stellen vom Dampfpfluge verdrängt. Das Getreide wurde mit der Dampfmaschine
ausgedroschen, die Saaten mit der Drillmaschine bestellt. Und
in der Wirtschaft war auch alles nach neuestem Zuschnitt.
Das Rindvieh bekam Rübenschnitzel als Futter. Trotz der
vielen Kühe und großartigen Ställe, war die Milchwirtschaft
doch nur unbedeutend. Das Vieh kam von auswärts in großen
Transporten herein und stand nur zur Mast da. Kälber
wurden nicht angebunden. Nur des Düngers wegen schien
man Rindvieh zu halten.

Und die Dörfer! Da kam man sich vor, wie in der Stadt.
Die Häuser eng bei einander, den Nachbarn gleichend, wie
ein Ei dem anderen, weißgetüncht, kahl, mit Ziegeln abgedeckt. Kein Fachwerk, keine Holzgallerie, kein Strohdach.
Hin und wieder war einmal der Ansatz zu einem Gärtchen
zu erblicken, hinter steifem Staketenzaune. Der Grasgarten,
die Obstbäume, die der ärmste Häusler des Ostens gern
um sein Anwesen hat, fehlten ganz. Und wo waren die
Düngerstätten, das Göpelwerk, der Taubenschlag, die Entenpfütze? Diese Menschen hier nannten keine Kuh, kein Schwein,
kein Federvieh ihr eigen.

Dabei schien es hier eigentliche Armut nicht zu geben.
Die Leute ließen sich nichts abgehen. Sie gingen einher in
städtischer Kleidung. Bloße Waden gab's hier freilich nicht
zu sehen; selbst die Kinder liefen nicht barfuß.

Die wenigen Bauern waren große Herren. Sie ritten
und fuhren einher, wie die Rittergutsbesitzer, wohnten in großen
stattlichen Häusern und schickten ihre Kinder zur Schule in
die Stadt. Wenn sie untereinander waren, redeten sie sich
mit „Sie“ an, und an einem Tische mit seinem Gesinde
wollte von diesen großen Herren auch keiner mehr zum Essen
niedersitzen.

Da es keine Berge hier zu Lande gab, die Bäume in
der Landschaft selten und die Kirchtürme klein und unansehnlich waren, so hätte es eigentlich nichts in die Augen
Fallendes gegeben, wären nicht die Essen gewesen, die sich
allerorten neugierig und gleichsam waghalsig emporreckten.
Hier eine von einer Zuckerfabrik, dort von einer Ziegelei oder
Brennerei.

Auch auf dem Vorwerke Habeldamm gab es solch eine
Esse, die zur Brennerei gehörte. Der Wirtschaftshof wurde
von lauter neuen einstöckigen Gebäuden gebildet. Wie auf dem
Präsentierbrett lag das ganze da, mit seinen blitzblanken gekalkten Wänden, hellroten Ziegeldächern, mitten in den grünen
Rübenfeldern, die sich bis dicht an die Gebäude zogen. Eine
Feldbahn verband das Vorwerk mit dem Hauptgute Welzleben. Eine größere Bahn ging in weiter Kurve über andere
Rübengüter nach der Zuckerfabrik. Diese Fabrik war ein
Aktienunternehmen der umliegenden Grundbesitzer.

Etwas abseits vom eigentlichen Wirtschaftshofe lag die
Wohnung der Wanderarbeiter, die „Kaserne“, wie sie kurzweg
bezeichnet wurde. Es war ein mäßig großes, einstöckiges Haus,
„genau nach der polizeilichen Vorschrift erbaut“, wie der Inspektor nicht zu bemerken verfehlte, als er Gustav mit seinen
Leuten einwies. Zu ebener Erde befanden sich zwei saalartige Räume, der größere für die Mädchen zum Wohnen
und Speisen, der andere für die Männer bestimmt, ferner eine
Küche mit neumodischem Herd und eine Wasch- und Spüleinrichtung. Im ersten Stock waren die Schlafräume untergebracht, die Mädchenkammer getrennt von der der Männer,
durch die Wohnung des „Aufsehers“, wie Gustav jetzt tituliert
wurde.

Der Inspektor, ein jüngerer Herr, dessen Schnurrbart
und schneidiger Ton keinen Zweifel darüber aufkommen ließ,
daß er Reserveoffizier sei, führte Gustav in sämtlichen Räumen
umher, übergab ihm den Hauptschlüssel, und machte den Aufseher darauf aufmerksam, daß man sich von Seiten der Gutsverwaltung für jede „Schweinerei“, die hier etwa vorkommen
würde, an ihn halten werde.

Gustav fand die Einrichtung, in der sie fortan hausen
sollten, weit besser, als er's erwartet hatte. Die kasernenartige Einteilung des Hauses heimelte ihn, wie eine Erinnerung
an die Soldatenzeit, an. Pauline hätte sich freilich mehr
Traulichkeit gewünscht in ihrer Stube, die außer Bett, Schrank,
Tisch und Stühlen nichts enthielt. Aber man mußte schließlich froh sein! Hatte man doch ein Dach über sich, und eine
Diele unter den Füßen. —

Mit dem Küchenherde konnte sie auch zufrieden sein.
Gut, daß ihr die neumodischen Kochvorrichtungen vom Rittergute daheim einigermaßen bekannt waren. Der Inspektor hatte
sie darauf hingewiesen, daß hier das zukünftige Feld ihrer
Thätigkeit sein werde. Die Kartoffeln werde sie wöchentlich
zugemessen erhalten für die „ganze Gesellschaft“. Was sie damit anfange, sei ihre Sache. „Darum können wir uns nicht
auch noch scheren; da hätten wir viel zu thun!“ hieß es in
kurzer schneidiger Ansprache.

Von den Arbeitern fanden sich nicht alle sofort in die
neuen Verhältnisse.

Der Pole Rogalla räsonnierte laut, allerdings auf polnisch,
was niemandem etwas that, weil niemand es verstand. Bedenklicher war, daß er sich weigerte, in dem gemeinsamen
Männerschlafsaale zu übernachten. Häschke sprach die Vermutung aus, daß dem Pollacken die gewohnte „Bucht mit den
Reichskäfern“ fehle. Gustav redete ein Wörtlein deutsch mit
dem Polen. Rogalla suchte daraufhin zwar die gemeinsame
Bettstatt auf, in der Nacht aber stahl er sich hinweg. Er
mußte irgendwo eine seinem Geschmacke mehr zusagende Schlafstätte ausfindig gemacht haben.

Auch einige von den Mädchen stellten sich äußerst gefährlich an. Vor allem ein Schwesternpaar Helfner. Sie
stammten aus dem Armenhause. Helfners waren eine berüchtigte Familie in Halbenau. Gustav hatte sich daher
längere Zeit bedacht, ob er das Schwesternpaar mitnehmen
solle. Aber sie hatten die heiligsten Versprechungen gegeben,
sich gut aufführen zu wollen. Jetzt fanden sie alles schlecht:
die Wohnung, das Essen. Die Arbeit war ihnen zu viel.
Als Gustav sie etwas scharf 'rannahm, verschwanden sie in
einer Kammer und schlossen die Thür hinter sich zu. Da
blieben sie und kamen nicht zur Arbeit. Gustav war ratlos.
Männer zu kommandieren, das hatte er als Unteroffizier
gelernt, aber mit widerspenstigen Frauenzimmern fertig werden, das war noch ein ander Ding. Pauline konnte ihm
dabei nicht helfen, sie war zu weich, um ihresgleichen zu beherrschen.

Da fand der Aufseher unerwartete Hilfe und Unterstützung in seiner kleinen Schwester. Schon auf der Reise
hatte es sich gezeigt, daß Ernestine unter den Mädchen die
Führerrolle an sich gerissen habe, obgleich sie eine der jüngsten
war. Die anderen, unter denen manches bärenstarke Frauenzimmer sich befand, beugten sich doch der Energie und Klugheit dieser kleinen Person. Jetzt war Ernestine die einzige,
die sich Eingang zu den aufsäßigen Schwesternpaare zu verschaffen wußte, ja die Helfners schließlich dazu bewog, die
Arbeit aufzunehmen.

Eine äußerst brauchbare Zugabe für den Aufseher bildete
auch Häschke. Das war ein hartgesottener Sünder, der schon
durch manches enge Loch in seinem Leben hindurchgekrochen
sein mochte, der mit allen Hunden gehetzt war. So einen
konnte man hier gebrauchen. Dabei war Häschkekarl ein
grundgutmütiger Geselle und seinesgleichen gegenüber stets zur
Hilfe bereit. Aber Häschkes freundschaftliche Gesinnung verwandelte sich sofort in's Gegenteil, wenn er es mit einem
Höhergestellten zu thun hatte. Da wurde aus diesem lustigen
Bruder ein mißtrauisch hämischer Geselle.

Auf den Inspektor hatte Häschkekarl sofort seinen ganzen
Haß geworfen. Er lag Gustav in den Ohren, daß er sich von
dem „Affen“ ja nichts gefallen lasse. „Der großschnäuzige
Kerl“ werde sie noch lange nicht „dumm machen“.

Sehr schnell hatte es Häschke hingegen verstanden, sich
drüben im Vorwerk beim Gesinde gute Freunde zu machen.
Von dort brachte er allerhand interessante Nachrichten mit:
Herr Hallstädt, der Besitzer von Welzleben, sei mehrfacher
Millionär. Sein Vermögen habe er durch Rübenwirtschaft und
Zuckerfabrikation gemacht. Er selbst sei ein Geizhalz, aber
seine Söhne, die Offiziere waren, sorgten dafür, daß das Geld
ihres Alten unter die Leute komme. —

Auch über den Herrn Inspektor wußte Häschkekarl allerhand zu berichten. Den Knechten gegenüber sei der ein
Wüterich, gegen die Mägde hingegen oftmals nur allzu freundlich. Im vorigen Jahre sei der Mann aber mal an den
Richtigen gekommen. Ein Knecht, der nicht mit sich hatte
spaßen lassen, habe hinter dem Pferdestalle eine Unterredung
unter vier Augen mit dem Inspektor gehabt. Danach hätte
der junge Herr acht Tage lang das Zimmer gehütet, während
der Knecht auf Nimmerwiedersehen vom Hofe verschwunden
sei. Die Großmagd aber, die den Inspektor gepflegt, habe
ganz eigenartige Dinge über den Körperzustand des Kranken
zu berichten gehabt.

Die Wanderarbeiter kamen übrigens nur wenig mit dem
Beamten in Berührung, mit Ausnahme von Gustav, der sich
täglich bei ihm den Dienst zu holen hatte. Die Arbeiten wurden
meist in Akkord gegeben. Der Stücklohn spornte selbst die
Trägeren an, soviel wie möglich zu leisten. Besonders die
Mädchen waren groß in ihrer Emsigkeit. Selbst das Schwesternpaar Helfner wußten die Mitarbeiterinnen, welche aus der
Trägheit einzelner Mitglieder keine Einbuße erleiden wollten, zur Thätigkeit anzuhalten. Von den Männern drückte
sich nur der Pole Rogalla soviel wie möglich um die Arbeit
herum.

Eines Tages kam ein offener Wagen von Welzleben her
auf das Vorwerk zu gefahren. Das sei Herr Hallstädt, hieß
es. Gustav gab gerade mit seinen Leuten auf einem großen
Rübenschlage den jungen Planzen die erste Hacke. Herr Hallstädt ließ auf dem Wege halten, und betrachtete sich das Arbeiten
eine Weile. Soviel man auf die Entfernung erkennen konnte,
war er ein älterer Herr mit grauem Backenbart, der eine
Brille trug. Das war also der reiche Herr Hallstädt-Welzleben, ihr Brotherr!

Gustav erwartete bestimmt, der Herr werde ihn rufen
lassen, oder werde selbst zu ihm und den Leuten herankommen.
Sie standen doch bei ihm in Brot und Arbeit, sie bestellten
doch seinen Grund und Boden. Auf sein Geheiß waren sie so
viele Meilen weit hierher gekommen. —

Aber Herr Hallstädt-Welzleben ließ nach einer Weile
weiterfahren, ohne Gruß, ohne ein Wort mit seinen Arbeitern
gewechselt zu haben.

Häschkekarl spuckte aus. Das war Wasser auf seine
Mühle. Die Großen taugten alle nichts; überall war es dieselbe Geschichte! Und Gustav mußte an die Worte des Agenten
Zittwitz denken: ,Der eine gibt die Goldstücke, der andere seine
Kräfte. Das ist ein Geschäft, klar und einfach. Alles wird
auf Geld zurückgeführt. Das nennt man das moderne Wirtschaftssystem‘. So ungefähr hatte der sich geäußert, und er
schien Recht behalten zu sollen.

Jeden Sonnabend erhielt Gustav den Lohn für die Arbeit
der Woche ausgezahlt. Ein Bruchteil des Geldes wurde zurückgehalten, als Deckung für den Fall, daß ein Arbeiter
den Dienst vorzeitig verließ. Auch Strafgelder waren vorgesehen, und im Kontrakte fehlte die Klausel nicht, daß jeder
Arbeiter ohne weiteres entlassen werden könne, ohne Anspruch
auf Lohn, falls er sich den Anordnungen des Arbeitgebers
und seiner Beamten nicht füge. Kurz, man war, wie Häschke
sich ausdrückte: „in seinem Felle lebendig verkauft“.

Mit der Ernährung der Leute gab es im Anfange
Schwierigkeiten. Die Feuerung war frei, Kartoffeln lieferte
das Gut. Um alles Übrige sollten sich die Wanderarbeiter
selbst kümmern. Auf den, Vorwerke war ein Wächter angestellt, der gleichzeitig Kramhandel betrieb. Von diesem Manne
hätten die fremden Arbeiter von jeher genommen, hieß es.
Die Waren dieses Kleinhändlers waren schlecht, seine Preise
aber um so höher. Der Mann wußte nur zu gut, daß er
weit und breit keinen Konkurrenten hatte. Auf diese Weise
gingen die Sparpfennige der Sachsengänger für Nahrungsmittel
drauf. Gustav sah das voll Verdruß, aber was wollte man
machen!

Da war es Häschkekarl, der Vielerfahrene, welcher Rat
zu schaffen wußte. Eines Nachmittags bat er sich ein paar
Stunden Urlaub aus, borgte etwas Geld von Gustav, und
erklärte, er wolle sich mal ein bißchen in der Gegend umsehen.
Spät Abends erschien er wieder in der Kaserne, einen vollgepackten Sack auf dem Rücken schleppend.

Er hatte Einkäufe gemacht. Nun legte er eine Vorratskammer an, und verkaufte den Arbeitsgenossen die Waren zum
Einkaufspreise. Für seine Mühe nahm er keinen Verdienst;
er erklärte, der Ärger jenes gaunerischen Krämers sei ihm
Lohnes genug.

Das Kochen besorgte Pauline, die nicht mit auf's Feld
ging. Sie hatte Arbeit genug. Den Jungen, der jetzt in's
dritte Jahr ging, und schon ganz hübsch laufen konnte, hatte
sie stets um sich. Das Kind mußte ihr viel ersetzen.

Die junge Frau sah trübe Tage. Ein wirkliches Heim
fehlte ihr. Die Arbeit zwar war nicht schlimm, daran war sie
gewohnt; aber das Zusammenleben mit so vielen Fremden
störte das Glück der jungen Ehe. Von Gustav hatte sie so
gut wie nichts. Früh um vier schon stand er auf und trieb
die Leute hinaus. Den Tag über war man getrennt, er auf
dem Felde, sie in der Kaserne. Oftmals kamen sie nicht
einmal zum Mittagessen herein, ließen sich's hinaustragen
auf's Feld. Abends kam er dann nach Haus, abgehetzt,
sorgenvoll, mürrisch. Frau und Kind sah er nicht an, riß sich
die Kleider vom Leibe, warf sich ins Bett und schlief wie ein
Toter. Es gab Tage, wo man kaum ein Wort mit einander
wechselte.

Ganz anders hatte sie sich das Leben an seiner Seite
gedacht in der Ehe. Denn wenn sie auch vorher einander
nicht fremd gewesen waren, so legte Pauline, als echtes Landkind am Althergebrachten, Frommen und Ehrwürdigen festhaltend, der kirchlichen Trauung doch noch ganz besondere
Wirkungen bei. Das Ehegelübde vor dem Altare, meinte sie,
mache den begangenen Fehltritt gut, beglaubige ihren Bund,
trage die Gewähr eines ganz besonderen Segens in sich. Nun
durften sie sich mit gutem Gewissen lieb haben; während der
Genuß bisher, so süß er auch gewesen, doch immer den Nachgeschmack eines Vorwurfs gehabt hatte.

In diesen Erwartungen schien sich die gute Seele getäuscht zu haben. Gustav war ihr fremder geworden, als
er ihr zuvor gewesen. Wann wäre es früher jemals vorgekommen,
daß er für ihre liebevolle Annäherung nur eine kurze unfreundliche Abfertigung gehabt hätte!

Sie weinte oft heimlich. Auch zur Nachtzeit, wenn er
mit einer, selbst noch im Schlafe düster verdrossenen Miene, in
seinem Bette lag. Zu wecken wagte sie ihn nicht. Durch
ihren Kummer wäre sie ihm nur lästig gefallen. Er war ja
selbst nicht glücklich. Daß er so häßlich gegen sie war, kam
nur davon her, daß er so viel Sorgen hatte. Ihm zu Liebe
wollte sie ja alles ertragen, selbst die Entfremdung von ihm.

Pauline verschloß ihren Kummer ganz in sich, versteckte
ihre Thränen vor ihm und war darauf bedacht, ihm nur ein
lächelndes Angesicht zu zeigen. Aber er, in jenem Egoismus,
den die Vielgeschäftigkeit und Arbeitsüberbürdung groß zieht, sah
weder ihr Lächeln noch die Thränen, die darunter verborgen
waren.

Sie sorgte dafür, daß er alles so gut finden möchte, wie
sie es herzurichten im stande war: das Bett, die Kleider, das
Essen. All ihre große zurückgewiesene Frauenliebe wandte sie,
in Ermangelung eines besseren, den Dingen zu, die ihn umgaben.

So vergingen die ersten Wochen in der Fremde.

Eines Tages gab es eine unangenehme Überraschung für
den Aufseher: Rogalla, der Pole, war verschwunden. Seinen
Arbeitsgenossen fehlten verschiedene Kleidungsstücke, und Häschke
machte die Entdeckung, daß seine Vorratskammer um eine
Wurst und zwei Speckseiten ärmer war.

Wo mochte der Vogel hin sein? Das Gerücht behauptete,
er habe auf einem anderen Rübengute, wo nur polnische
Arbeiter in Sold waren, Arbeit angenommen. Man stellte
keine Nachforschungen nach ihm an, denn er war ein liederlicher, lästiger und fauler Bursche gewesen. Mochte er bei
seinesgleichen bleiben!

II.

Zwei Monate waren vergangen, seit das Büttnersche Gut
unter den Hammer gekommen war. Samuel Harrassowitz
schaltete und waltete jetzt hier als unumschränkter Herr und
Gebieter. Er hatte den alten Bauern vorläufig auf seinem
ehemaligen Hofe gelassen. Er nahm auch keine Miete von den
Leuten, aus dem einfachen Grunde, weil sie nichts mehr hatten,
wovon sie ihm hätten Quartiergeld zahlen können. Außerdem waren die Büttners, wie er es selbst zugab: „alte brave
Leute“, denen er das „Almosen gern gönnte“. — Er ließ die
Felder von dem alten Manne bestellen; auf diese Weise konnte
der etwas von dem Gelde, was er noch auf Wechsel schuldete,
abarbeiten.

Mancherlei Veränderungen nahm der Händler in der
Wirtschaft vor. Zunächst führte er die Ochsen weg; die konnte
er gerade an einer anderen Stelle gut gebrauchen. „Sie
kommen schließlich auch mit Kühen aus; was, mein guter
Büttner?“ sagte er in seiner biedermännisch aufgeknöpften
Weise zu dem Alten.

Der Büttnerbauer erwiderte nichts hierauf. Er nahm
überhaupt jeden Befehl des neuen Herrn schweigend und mit
undurchdringlicher Miene hin.

Nun war er also soweit gekommen, daß er mit Kühen
aufs Feld fahren mußte, wie die Kleingärtner und Stellenbesitzer. Als Knecht eines Fremden bestellte er jetzt den
Acker, der einstmals sein gewesen. Wenn man Grimm und
höllische Schmerzen aussäen könnte, was wäre da für eine
Saat aufgegangen auf diesen Fluren! —

Im Obstgarten, der das Haus umgab, ließ Sam tüchtig
aufräumen. Die alten Krüppel von Apfelbäumen machten zu
viel Schatten, und trügen ja doch nur saures Zeug, das man
nicht los würde, hieß es. Die Bäume hatte der Großvater
zu Anfang des Jahrhunderts gepflanzt, er war ein Obstheger
gewesen, und die späteren Generationen hatten den Segen
seiner Fürsorge geerntet. Jahr ein Jahr aus pflegten die
,alten Krüppel‘ zu tragen, ihre harten kernigen Sorten, wie
sie dem Klima angepaßt waren. Die Bäuerin hatte davon
abzubacken gepflegt; Weihnachtsäpfel hatte man gehabt, und
mancher späte Apfel hielt sich bis tief in's Frühjahr hinein,
als angenehme Beigabe zur Alltagskost.

Nun sollten die alten treuen Stämme dran glauben.
Der Bauer und Karl mußten selbst Hand anlegen, die Bäume
umzusägen und die Stöcke zu roden. Der Büttnerbauer verrichtete auch dieses Werk schweigend, aber in seiner Hand die
Säge schien zu knirschen, als sie sich in das spröde Holz
einfraß.

Toni hatte inzwischen das väterliche Haus verlassen müssen,
denn Sam erklärte: soviel Mäuler dürften auf seine Kosten
nicht gefüttert werden. Zudem paßte es jetzt mit der Ammenstelle. Frau Achenheim, seine Tochter in Berlin, hatte Sam
zum Großvater gemacht. Toni sollte den Sprößling ernähren,
und wurde zu diesem Behufe eines Tages nach Berlin befördert. Und diesmal war kein Gustav zur Stelle, die
Schwester zu schützen. Tonis eigenes Kind wurde Theresen
übergeben, welche diesen Familienzuwachs mit geringer Freude
begrüßte.

Man mußte es Sam lassen, es hatte alles Art, was er
unternahm. Er verstand es, im großen Stile zu verfügen.
Das Kleinste, was er anordnete, schien von langer Hand vorbereitet und ordnete sich vortrefflich in das Gefüge seiner
Operationen ein.

Auch mit Karl Büttner hatte er seine besonderen Absichten. Zunächst ließ er es zu, daß der junge kräftige Mann
dem Vater bei der Frühjahrsbestellung half. Sobald diese besorgt war, erklärte der Händler dem Bauernsohne, daß er seine
Dienste nunmehr entbehren könne, und daß er mit samt seiner
Familie auszuziehen habe.

Karl war also vom väterlichen Hause und Hofe vertrieben ! Was nun beginnen? Karl Büttner stand der Zukunft
ratlos gegenüber. Er hatte nichts gelernt; nur in der Soldatenzeit war er von der Heimat weggekommen. Einen anderen Beruf als den bäuerlichen zu betreiben, daran hatte er, als des
Büttnerbauern Ältester, nie gedacht.

Der Ärmste hatte es schwer. Er war um das väterliche Erbe gekommen, er wußte nicht wie! Seine Frau machte
ihm das Leben auch nicht leichter, seit er ein Bettler geworden
war. Täglich bekam er jetzt von ihr zu hören, daß sie betrogen sei mit ihm. Daß er ein „dummer Karle“ sei, das
habe sie freilich immer gewußt, aber sie habe doch wenigstens
geglaubt, einmal Bäuerin zu werden durch ihn. Nun mußte
der Unglückliche ihr für diese Enttäuschung herhalten.

Karl suchte eine Zeitlang nach einer Thätigkeit. Sein
Suchen bestand darin, daß er ratlos umherlief und sich als
Kutscher anbot. Aber man stieß sich meist an seiner starken
Familie, und sein ungeschicktes Auftreten hatte auch wenig
Bestechendes. Bald gab er das jedoch auf und saß nur noch,
unter dem Vorgeben in den Blättern zu suchen, in den
Schenken umher. Therese, die ihm alsbald anmerkte, daß er
Bier und Schnaps genieße, wurde durch diese Entdeckung
auch nicht freundlicher gestimmt.

In dieser Not trat wiederum Sam als Helfer auf. Er
wolle ihm eine von seinen Wirtschaften in Wörmsbach verpachten, sagte er zu Karl.

Karl Büttner ging nach Wörmsbach, um sich die Stelle
anzusehen. Es war ein kleines Anwesen, ein elendes Überbleibsel von einem Bauerngute, welches Harrassowitz bis auf
diesen Rest vereinzelt hatte. Die Gebäude waren gänzlich verfallen und drohten jeden Augenblick Einsturz. Nur noch die
kahlen Lehmwände standen da, und durch diese blickte an
manchen Stellen schon das Tageslicht hindurch. Was an
Möbelstücken und Gerätschaften früher etwa da gewesen sein
mochte, war längst herausgeschleppt. Fast ebenso schlimm, wie
auf dem Hofe, sah es auf den Feldern aus. Das Meiste
war Schwarzbrache. Jahrelang hatte niemand hier bestellt.

„Ein schönes Feld der Thätigkeit für einen jungen Mann“,
sagte Sam. „Sie werden das schon in die Höhe bringen,
Büttner, da sind Sie ganz der Mann dazu!“ — Den Pachtschilling für den ersten Termin wollte Sam gütigst stunden,
und zur Anschaffung von Vieh, Saatgut und Inventar Geld
vorschießen.

Karl Büttner war leicht zu bereden, besonders von einem
wie Samuel Harrassowitz, der schon klügere seinem Willen
unterthan gemacht hatte; so wurden die beiden handelseinig.

Karl siedelte also mit Weib und Kind und den wenigen
Habseligkeiten, die er sein nannte, nach Wörmsbach über.
Therese, die sonst nicht zu weichen Stimmungen neigte, weinte,
als sie das neue Heim erblickte. Der windschiefe Giebel, die
zerbrochenen, hie und da mit Papier verklebten Scheiben, das
Strohdach, welches aussah, wie ein struppiger Pelz, in dem
die Motten sich niedergelassen! Und erst drinnen in den Stuben:
die verschimmelten Wände, die morschen Dielen, ein Herd,
zwischen dessen Kacheln das Feuer durchleuchtete!

So sahen die Räume aus, in denen sie in Zukunft
hausen sollten! —

Eines Tages kam ein kleiner Herr nach Halbenau, begleitet von einem halbwüchsigen Bürschchen. Sie trugen sich
mit Rollen, Holzkästchen, Mappen und einer langen Kette.
Wo das „ehemalig Büttnersche Bauerngut“ gelegen sei, fragten
sie. Man wies ihnen den Weg. Sie begannen die Felder
zu umschreiten, der Knabe mußte kleine Pflöckchen einschlagen
und hatte die Maßkette zu ziehen. Drei Tage lang arbeiteten
sie in dieser Weise, schrieben Zahlen an die Pflöckchen, und
machten Einzeichnungen in eine Karte.

Der Mann verschwand wieder, aber, seine Pfähle blieben
stehen.

Am Sonntag Nachmittag gab es dann eine wahre Völkerwanderung nach dem Bauerngute. Die Halbenauer kamen,
sich das abgesteckte Land zu besehen. Einzeln und in Gruppen
schritten sie auf den Rainen und Feldwegen auf und ab.

Der Büttnerbauer sah das vom Hofe aus. Die Zornader schwoll ihm. Was wollte das Volk denn hier! Die zertrampelten das Gras und liefen womöglich über die Saaten.
Er ging vor den Hof, und rief den ersten besten, der ihm in
den Wurf kam, an, was er hier zu suchen habe.

„Ich will a Morgen a zweee kefen, morne!“ sagte der, und
ging seines Weges weiter.

Hier sei kein öffentlicher Weg, schrie ihn der alte
Mann an.

„Nu, Traugott, stell D'ch doch ne su an!“ meinte der
andere, einer seiner Nachbarn. „Morne wollen se duch Deine
Felder eenzeln versteigern. 's hat ja im Blattel gestanda!“

Also, das war es: Vereinzelung des Gutes! — Der alte
Mann stand eine ganze Weile, wie erstarrt. Dann setzte er
sich langsam in Bewegung, mit schleppenden Schritten, als ziehe
er eine schwere unsichtbare Bürde hinter sich drein.

Ein Trupp Dorfleute kam ihm entgegen, vom Felde. Sie
sprachen laut; offenbar unterhielten sie sich über die bevorstehende Landauktion. Als sie des Alten ansichtig wurden, verstummte ihr Lärmen; schweigend, mit verlegenen Mienen eilten
sie an ihm vorüber.

Dann kamen wieder zwei, ein alter und ein junger:
Kaschelernst und Richard.

Der Kretschamwirt blieb stehen, als er in gleicher Höhe
mit seinem Schwager war. „Gu'n Tag Traugott!“ Kein
Gegengruß erfolgte. „Du, Traugott!“ meinte Kaschelernst,
scheinbar harmlos plaudernd, „Dei Korn stieht aber heuer gutt.
Kreiterwetter! das is a Staatskorn, da warn a hibsch Paar
Schock uf'n Morgen kimma. Was meenst De? nich!“

Der Büttnerbauer sagte nichts, warf aber dem Schwager
einen so sprechenden Blick zu, daß der ihm unwillkürlich den Weg
frei machte und ihn weiter gehen ließ. Dann rief er dem Alten
nach: „Du Traugott! zur Ernte kannst De mir helfen kimma.
Ich will D'ch och bezahl'n. Ich mechte 's Korn sinsten am
Ende ne Herre warn, suviel stieht's 'n druffe. Willst De uf
Erntearbeit kimma — hee?“

Der Bauer ging weiter, ohne sich umzusehen.

„Nu ja, ich meene ock, Traugott! Du weeßt am Ende
noch gar niche, daß 'ch das Kornsticke dahie von Harrassowitzen
gekeft ha'. 's is a hibsches Sticke, a Schaffel a zehne gruß.
Ju, ju, das ha' ich mer genumm'n! Na, dacht'ch wenn se's
Büttnersche Gut eemal versteigern tun, da wirscht De Dir och
e Sticke nahmen kennen — warum denn ne! Da bleibt's duch
wenigstens in der Familie.“

Nun war der Alte doch stehen geblieben, mitten auf dem
Wege, starr und steif, mit offenem Munde. Kaschelernst
hatte das Kornstück gekauft! — Kaschelernst im Besitze seines
besten Ackers! —

„Ju ju, Traugott, das Korn is meine!“ sagte der
Kretschamwirt näher zu seinem Schwager herankommend.
„Ich bedank' mich och schienstens bei Dir', daß Du den
Acker so schiene bestellt hast. Schienes Korn, sehr schienes
Korn!“

Richard, der sich bis dahin die Hand vor den Mund gehalten hatte, platzte jetzt auf einmal heraus.

Der Bauer stand da, steif wie ein Stock.

Kaschelernst im Besitze dieses Kornstückes! — Das erschien
von allem, was ihm bisher wiederfahren, das Ungeheuerlichste.
Sein Gesicht begann sich zu verändern. Die Augen leuchteten
in dunklen Lichtern, die Nüstern blähten sich auf, die Lippen
hoben sich, wie bei einem wilden Tiere, das sich auf den Feind
stürzen will. Aus seinem Munde kam ein knurrender Laut:
„Hund — Huund … . . . . .“

Das Lachen des Neffen verstummte vor der Miene des
Alten, der mit geballten Fäusten auf sie zukam.

„Huund — Hunde! Ich zerschlag' Eich de Knuchen —
Ich zerschlag' . . . . .“

Der Sohn suchte Deckung hinter dem Rücken des Vaters.
Da aber Kaschelernst es vorzog, sich in schnellster Gangart vor
seinem Schwager zurückzuziehen, so war bald ein Zwischenraum zwischen Traugott Büttner und den Kaschels entstanden. Nach einiger Zeit wagten es die Braven wieder, Halt
zu machen.

Büttner war gleichfalls stehen geblieben, und drohte
keuchend mit der Faust nach jenen hinüber. „Wenn 'ch, und
ich find' D'ch Kaschel! De Knuchen zerschlag' 'ch D'r. Hund
Du!“

Der Kretschamwirt rief eine höhnische Bemerkung dagegen.
Der Bauer kam ihnen von neuem nach. Worauf sich das
tapfere Paar abermals zurückzuziehen begann.

Da bückte sich der Alte und hob Steine auf, lief ein paar
Schritte, ausholend, schleuderte nach jenen. Er traf nicht, denn
er war viel zu erregt, um zu zielen. Kaschelernst und Richard
machten sich aus dem Staube und waren bald hinter den ersten
Dorfhäusern verschwunden.

Inzwischen waren die Leute auf den Vorgang aufmerksam geworden, kamen von allen Seiten herbei, um sich an dem
interessanten Streit zwischen den Verwandten zu weiden. Man
umstand den alten Mann.

Traugott Büttner stand da mit dunkelrotem Kopfe, wirrem
Haar, ohne Mütze, die er beim Laufen eingebüßt hatte, am
ganzen Leibe bebend vor Wut. Er schüttelte die Fäuste noch
immer nach jener Richtung, wo die Kaschels verschwunden
waren. Allmählich löste sich seine Zunge. Zwischen rauhen
und schrillen Tönen wechselnd, dumpf knurrend und sich überschreiend, brachte er wilde Flüche und Verwünschungen vor.

Einige jüngere wollten sich schlechte Scherze erlauben
mit dem alten Manne, der ganz außer Rand und Band geraten schien. Aber ein paar von seinen Altersgenossen besaßen
Anstandsgefühl genug, das nicht zuzulassen. Sie suchten den
Tobenden zu beruhigen, der sich inzwischen schon ganz heiser
geschrieen hatte, und den nur noch die Wut vor dem Zusammenbrechen bewahrte. Er wiederholte dieselben Schimpfworte immer und immer wieder, schien kaum mehr zu wissen,
was er schrie. Die älteren Leute nahmen sich seiner an, führten ihn nach seinem Hause. —

Die Bäuerin, die noch immer das Bett hütete, merkte
wohl, daß der Bauer unwirsch und einsilbig sei, noch mehr
als sonst. Aber das Unglück der letzten Zeiten war so groß
gewesen, ein Schicksalsschlag hatte den anderen übertroffen,
daß sie schon gar nicht mehr nach Neuem fragte.

Die alte Frau war schwer mit Elend geschlagen. Ihr
Mann hatte doch wenigstens seine Arbeit; er konnte den
Kummer da draußen im Acker vergraben. Aber sie lag hier
oben allein, ohne ein Glied rühren zu können. Die Kinder
waren nun alle aus dem Hause, in der Fremde. Keine
Menschenseele hatte sie zur Pflege. Hin und wieder kam einmal eine mitleidige Nachbarsfrau, nach ihr zu sehen. Dann
hatte sie wenigstens für kurze Zeit jemanden, mit dem sie
weinen konnte; das war ihr einziges Labsal. Zu ihrer Gicht
war noch Wassersucht getreten, die sie gänzlich bewegungslos
machte. Sie sehnte sich aufrichtig nach dem Tode.

Die Bäuerin, welche des Nachts nur wenig schlief, traute
ihren Sinnen kaum, als sie in der auf diesen Sonntag folgenden Nacht plötzlich den Bauern aufstehen und sich ankleiden
sah. Wo er zu dieser Stunde hin wolle, fragte sie ihn. Eine
Kuh sei krank, erwiderte er, und ging.

Sie verfolgte seine Schritte und vernahm mit ihrem,
durch das lange Stilleliegen geschärften Gehör, in der tiefen
Nachtstille, daß er sich unten mit den Geschirren zu schaffen
machte. Und nach einiger Zeit war es ihr, als höre sie ihn
mit einem Gespanne den Hof verlassen.

Was sollte alles das vorstellen? Mitten in der Nacht
aufzustehen und zur Feldarbeit zu gehen! War der Bauer
am Ende gar übergeschnappt?

Früh beim Morgengrauen erst kam er zurück, schmutzbedeckt und erhitzt, wie von angestrengter Arbeit. Er kleidete
sich aus, legte sich noch einmal zu Bett und schlief bis tief
in den Tag hinein. Die Bäuerin konnte sich nicht entsinnen,
je zuvor etwas Ähnliches an ihrem Eheherrn erlebt zu haben. —

Im Kretscham sammelten sich inzwischen die Bieter. Heute
sollte ja, laut Zeitungsanzeige, die Vereinzelung des ehemalig
Büttnerschern Bauerngutes stattfinden. Halbenau machte Feiertag an diesem Montage. Denn wenn auch nicht jeder bieten
konnte, so wollte doch jeder zum mindestens dabei gewesen sein.

Es kamen etwa sechzig Morgen in kleineren Parzellen
zur Versteigerung. Den Bauernhof mit einem Areal von
etwa vierzig Morgen nahm der Besitzer von der Auktion aus,
ebenso den Wald. Ein Stück von zehn Morgen hatte der
Kretschamwirt bereits vorher erstanden; zu einem auffällig
niedrigen Preise, wie gemunkelt wurde. Nun, er war ja gut
Freund mit Samuel Harrassowitz! —

Die Stimmung war eine angeregte, es schien Kauflust
vorhanden. Der Händler kannte seine Leute, wußte womit man
den kleinen Mann ködert. Der Landhunger war auch bei den
Halbenauern ausgeprägt. Die ärmsten Schlucker, die sich das
Geld womöglich hatten zusammenborgen müssen zur Anzahlung,
wollten diese Gelegenheit, zu eigenem Grund und Boden zu
gelangen, nicht ungenützt vorübergehen lassen; die Erwägung,
ob sie jemals im stande sein würden, nur die Zinsen des Kaufgeldes herauszuwirtschaften, bewegte diese Köpfe nicht. Kaufmännisch zu verfahren, oder auch nur ihren Vorteil im voraus
zu bedenken, war nicht die Sache von Leuten, die aus der Hand
in den Mund lebten und nichts zu verlieren hatten.

Mit Spannung sah man der Ankunft des Händlers entgegen, ohne den die Auktion nicht beginnen konnte. Endlich
kam das Wägelchen, auf dem Bocke der Kutscher, mit dem
blauen Rocke und der silbernen Tresse am Hute, die in Halbenau
nicht mehr unbekannt waren. Harrassowitz hatte den jungen
Advokaten Riesenthal mitgebracht, der ihm die Kontrakte mit
den Käufern gleich fix und fertig machen sollte.

Mit freudigem Blicke überschaute Sam die Schar der
Kauflustigen. „Die Kerle sein wie verrickt!“ raunte ihm
Kaschelernst zu, als er den Geschäftsfreund am Wagen begrüßte.

„Recht so!“ meinte Sam. „Wir wollen ja auch nichts
verschleudern.“ —

Nach einiger Zeit begab man sich hinaus auf's Bauerngut. Die Versteigerung sollte an Ort und Stelle vorgenommen werden. Der Anblick des Feldes und der Früchte, die
darauf standen, würde die Kauflust noch erhöhen, taxierte Sam.
Der Händler und der Gastwirt gingen etwas hinter dem allgemeinen Troß drein.

Auf einmal gab es ein Recken der Hälse und Zusammenstecken der Köpfe, Rufe des Staunens, untermischt mit Gelächter! „Was giebt's denn?“ fragte Harrassowitz. Die Leute
wiesen auf ein Stück frisch gepflügten Ackerlandes.

Kaschelernst stieß einen Ruf des Schreckens aus, lief ein
paar Schritte vorwärts, blieb dann stehen, mit rotem Kopfe
und weit geöffnetem Munde, ähnlich wie am Tage zuvor sein
Schwager, Traugott Büttner. Von dem pfiffigen Lächeln, das
er sonst zur Schau zu tragen pflegte, war in diesem Augenblicke
keine Spur zu entdecken.

Die Leute kicherten und nickten einander schadenfroh zu.
Das war Kaschelernsten einmal gesund!

Wo gestern Abend noch eine dunkelgrüne Kornsaat geprangt hatte, lag jetzt braune Stürze.

Das hatte der alte Büttner in einer Nacht mit dem Pfluge
umgeackert.

III.

Die Sachsengänger waren mit ihren Arbeiten rüstig vorwärts geschritten. Den Rüben war bereits die dritte Handhacke gegeben worden. Der trockene Sommer hatte die Reife
des Getreides stark gefördert; bereits Ende Juni verkündete
die weißgelbe Farbe der Kornähren die herannahende Ernte.

Die Erntezeit bedeutete für die Wanderarbeiter eine Änderung
ihrer ganzen Arbeitsweise. Bis dahin hatten sie hauptsächlich
in Stücklohn gearbeitet. Es war ihnen überlassen worden, sich
Beginn und Dauer der Arbeitszeit selbst zu legen. Erwerbsbeflissen wie sie waren, hatten sie bei grauendem Tage die
Arbeit aufgenommen und niemals vor sinkender Nacht aufgehört, nur mit kurzen Unterbrechungen für Frühstück, Mittagbrot und Vesper. So hatten sie durch große Emsigkeit schöne
Einnahmen erzielt. Und die Güte der Arbeit hatte doch nicht
unter dem Eifer, möglichst viel vor sich zu bringen, zu leiden
gehabt, denn Gustav Büttner stand als strenger Aufseher hinter
ihnen. Gustav setzte seinen Ehrgeiz darein, daß bei seiner
Gruppe nicht über Schleuderarbeit geklagt werden durfte.
Das Auge des schneidigen Herrn Inspektors schien oft genug
nach einer Gelegenheit zu Tadel, oder gar zu Lohnabzügen,
zu suchen, wenn er plötzlich an die rübenhackenden Leute herangesprengt kam; aber bis dahin hatte er keine Möglichkeit gefunden, seine wohlwollende Absicht auszuführen.

Anders gestaltete sich die Sache, als die Erntezeit herankam. An Stelle des Stücklohnes sollte nun, laut Kontrakt,
Tagelohn treten. Die Arbeiter, die sich ausgerechnet hatten,
daß sie nun nicht mehr den guten Verdienst haben würden, den
sie bei der Akkordarbeit erzielen konnten, sahen der Änderung
des Lohnsatzes mit Unlust entgegen. Es war darüber schon
viel hin und her gesprochen worden unter den Leuten. Man
hatte es dem Aufseher nahe gelegt, wegen Aufhebung dieses
Vertragspunktes mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Aber,
Gustav hatte erklärt, was geschrieben sei, sei geschrieben, und
an dem Kontrakte dürfe nicht gerüttelt werden. Darüber erhob sich Murren unter den Leuten, einzelne erklärten, im Tagelohn würden sie faulenzen.

Häschke gab das Gelegenheit, seinem Herzen gründlich Luft zu machen. Er schimpfte auf den Arbeitsherrn und
seine Beamten, gebrauchte Worte wie „Lohnsklaverei“ und
„Ausbeutung des Arbeiters,“ — Gustav warf ihm daraufhin
vor, er sei ein „Roter“. Häschke nahm den Vorwurf pfiffig
lächelnd hin; die „Roten“ seien noch nicht so schlimm wie die
„Goldnen“, meinte er. —

Eines Tages kam der Inspektor an die Arbeiter-Gruppe
herangeritten und teilte ihnen in protzig barschem Tone mit,
daß morgen, mit beginnender Roggenernte, der Tagelohn in
Kraft trete. Er erwarte pünktlichsten Beginn der Arbeit bei
Sonnenaufgang und größten Fleiß; Bummelei werde er nicht
dulden. Schließlich drohte er mit Lohnabzügen und Fortjagen
auf der Stelle. Damit sprengte er an der Reihe entlang, daß
den Leuten Sand und Erdklöße in's Gesicht flogen.

Häschke blickte dem jungen Beamten mit einem eigentümlichen Lächeln nach. „Daß De Dich nur nich geschnitten hast,
Kleener!“ meinte er. „Wenn wir früh vor fünfen antreten,
so is das freiwillig. Sollen wir Überstunden machen, dann
megt Ihr uns hübsch drum bitten. So steht de Sache, Freundchen!“

Am nächsten Morgen war ein Teil der Arbeiter nicht
dazu zu bewegen, vor fünf Uhr zur Arbeit zu gehen, trotz
Gustavs bald drohendem, bald gütlichem Zureden. Der Stimmführer dieser Aufsäßigen war Häschkekarl. Im Kontrakte stehe
nichts davon, daß sie zu Überstunden verpflichtet seien. Der
Arbeitstag laufe von fünf Uhr früh bis sieben Uhr Abends.
Ungebeten würden sie nicht eine Minute länger arbeiten, als
sie es nötig hätten.

Gustav war in übler Lage. Er konnte Häschke nicht widerlegen, und wiederum durfte er, als Aufseher, eine Auflehnung
gegen die Brotherrschaft nicht dulden. Was aus alledem entstehen konnte, war nicht abzusehen. Schwerer denn je drückte
die Verantwortung, die er für soviele Köpfe übernommen, auf
ihn. Er versprach schließlich, die Wünsche der Leute dem Inspektor vortragen zu wollen. Dadurch beruhigten sich die erregten Gemüter etwas.

Während der Mittagspause ging er auf's Vorwerk, zum
Inspektor. Der Beamte riß erstaunte Auge auf, als er den
Aufseher zu ungewohnter Zeit bei sich eintreten sah. Als er
vernommen hatte, um was es sich handle, geriet er in maßlose Wut.

„Was! Ihr wollt Forderungen stellen? Das ist Betrügerei!
Was steht im Kontrakte? Ich kann Euch allezusammen entlassen — ohne weiteres! Überstunden! Nicht einen Pfennig
zahle ich mehr. Wer Morgen früh nicht Punkt vier Uhr auf
dem Posten ist, dem ziehe ich drei Mark ab. Rasselbande!
Mit Euch wird man wohl noch fertig werden! —“

Gustav hörte sich das Schimpfen des erbosten Menschen
nicht bis zum Ende an, machte kurz Kehrt und verließ das
Zimmer.

Gustav war Anfangs im Zweifel gewesen, ob die Forderungen, welche er im Namen seiner Leute gestellt, auch wirklich
berechtigt seien; nunmehr war er fest entschlossen, der Überhebung des Beamten seinen Trotz entgegenzusetzen. Als er
zu den Arbeitern zurückkehrte und ihnen brühwarm berichtete,
wie er behandelt worden sei, brach das Gefühl langverhaltener
Erbitterung bei allen durch. Häschke sprach die Ansicht der
Mehrzahl aus, als er erklärte, daß die gebührende Antwort
hierauf nur Niederlegen der Arbeit sein könne.

Obgleich Gustav die ihm und seinen Leuten widerfahrene
Ungerechtigkeit tief empfand, erschien ihm der Gedanke einer
Arbeitseinstellung doch bedenklich. Häschke hatte nicht Unrecht,
wenn er ihm hohnlachend vorwarf, ihm säße noch die „Vorgegesetztenangst“ vom Militär her in den Gliedern. Der Plan,
die Arbeit niederzulegen, kam Gustav ungeheuerlich vor; das
grenzte an Desertieren, an Meuterei. Er wollte und konnte
so etwas nicht gutheißen.

Aber, Häschke stellte ihm die Sache mit beredtem Munde
noch einmal vor: man war in seinem guten Rechte. Der
Inspektor war es, welcher den Kontrakt brechen wollte, nicht
sie. Wenn sie sich hierin nachgiebig zeigten, würden bald
noch andere ärgere Übergriffe von Seiten des Arbeitsgebers und
seiner Beamtenschaft erfolgen. Es handele sich hier nicht blos
um die paar Groschen, um deretwillen der Streit entbrannt
war, sondern um die Sache. Sie dürften der Ehre halber nicht
klein beigeben, denn das könnte aussehen, als hätten sie Furcht.
Der Aufseher aber müßte in erster Linie für seine Leute und
ihre Rechte eintreten, denn nur in diesem Vertrauen wären sie
ihm hierher gefolgt. Im Stiche dürfe er sie nicht lassen. —

Mit solchen, aus Gustavs Ehrgefühl berechneten Gründen,
kam Häschke zu seinem Ziele. Im Stiche lassen, wolle er sie
nimmermehr, erklärte der Aufseher. Und Ungerechtigkeit würde
er nicht dulden.

„Hurra, jetzt machen wir ‚Strikke‘!“ rief Häschkekarl.

Er wisse genau, wie dergleichen gemacht werden müsse,
behauptete er. Wenn die Arbeiter nur wüßten, was sie wollten, und unter einander fest hielten, dann könne es gar
nicht fehlen, dann müßten schließlich die Aussauger, die Brotherren, klein beigeben. Dann diktiere der Arbeitnehmer seine
Forderungen. Häschke nannte das mit geheimnisvoller Miene:
„Boykott“!

Er hielt eine Art von Ansprache an die Leute, die gespickt war
mit hochtrabenden Redensarten aus unverdauten Zeitungsartikeln.
Seiner Zuhörerschaft imponierte er mit diesen dunklen Wendungen
gewaltig. Je weniger sie verstanden, desto stärker fühlten sie
sich überzeugt. Die Mädchen hatte er sowieso auf seiner Seite,
denn die waren dem Schwerenöter alle zugethan. Selbst die
nüchterne, überlegte Ernestine zeigte sich für den Plan, die
Arbeit niederzulegen, begeistert.

Das Ende war, daß die Sachsengänger vom Felde abzogen,
und das bereits gemähte Getreide unaufgestellt liegen ließen.
Sie begaben sich in die Kaserne.

Es herrschte jene gehobene Stimmung unter ihnen, wie
sie in der Schule nach einem gelungenen Streiche zu folgen
pflegt.

Die Männer legten sich in's Gras vor das Haus und
zündeten ihre Cigarren an. Die Mädchen hatten sich in ihren
Schlafsaal im ersten Stock zurückgezogen, zu Näh- und Flickarbeit. Bald ertönte Gesang von hellen Frauenstimmen durch
die geöffneten Fenster. Ernestine war die Chorführerin. Nach
einiger Zeit antworteten unten vom Rasen her tiefere Töne;
Häschkekarl leitete den Männergesang. Und so löste ein Lied
das andere ab; die Mädchen stimmten an, die Burschen
fielen ein.

Auf einmal erschienen Köpfe von außen an den Fenstern
des Schlafsaales. Die Burschen waren es, die mit Hülfe der
Dachrinne und eines Simses dahinauf geklettert waren. Die
Mädchen stoben schreiend auseinander. Nur Ernestine fand
Geistesgegenwart genug, die Fenster schnell zu schließen und
zu verriegeln. Häschke und seine Kumpanen stiegen, nachdem sie genugsam Grimassen geschnitten und sich an dem
Schrecken, den sie eingejagt, geweidet hatten, wieder zum Erdboden hinab.

Nach dieser Heldenthat legten sie sich von neuem auf den
Rasen, rauchten ihre Pfeifen, die Hände unter dem Kopf, die
Beine übereinander geschlagen, und ließen sich von der Sonne
bescheinen, deren Strahlen an der kalkgetünchten Wand abprallten. Auf einmal wurden die Faulenzer von wohlgezielten
Wasserstrahlen getroffen. Schreiend und sprudelnd sprangen
sie auf und konnten über sich gerade noch die lachenden Mädchen
verschwinden sehen.

So gab es noch mancherlei Kurzweil und Schabernack an
diesem Nachmittage. Man hatte sich nun einmal in ein Unternehmen eingelassen, dessen Ausgang zweifelhaft war, und in
verwegenem Galgenhumor meinte man, daß es auf ein paar
Dummheiten mehr oder weniger nicht ankomme.

Einer war, dem sehr wenig nach Lachen und Scherzen
zu Mute war: Gustav. Das junge Volk hatte nichts zu verlieren; die waren ohne Verantwortung. Was bedeutete es
ihnen, wenn sie brotlos wurden? Aber er, der für Weib und
Kind zu denken und zu sorgen hatte! —

Gegen Abend ließ der Inspektor sagen, er wünsche mit
dem Aufseher zu sprechen. Gustav begab sich hinüber. Häschke
legte ihm noch ans Herz, er solle „die Ohren steif halten“ und
„auf keinen Fall klein beigeben“.

Der Inspektor empfing den Aufseher auf ganz andere
Weise, als zu Mittag. Von der hochfahrenden Miene war
nichts mehr zu sehen, sein Ton war wesentlich freundlicher, er
bot Gustav sogar einen Stuhl an, was noch nie bisher vorgekommen war.

Kein Zweifel, der Ausstand der Wanderarbeiter kam ihm
äußerst ungelegen. Man hatte auf den ausgedehnten Besitzungen des Herrn Hallstädt noch mehrere Abteilungen von
Sachsengängern in Lohn; wenn nun der Ausstand zu den
anderen Gruppen übersprang! Jetzt, wo gerade die Ernte auf
dem Felde stand und geborgen sein wollte! Wo sollte er
denn jetzt andere Leute herbekommen? Ringsum herrschte Arbeiternot.

Der Inspektor verlangte von Gustav, er möge noch einmal
auseinandersetzen, was die Leute eigentlich wollten; Mittags
habe er es nicht ganz verstanden.

Der Aufseher wiederholte seine Forderungen.

Der Inspektor kratzte sich hinter dem Ohr. Wenn's nach
ihm gehe, sagte er, würden die Arbeiter alles bewilligt bekommen, was sie verlangten, aber Herr Hallstädt habe sehr
bestimmte Ansichten und auf eine Bezahlung der Überstunden
im Tagelohn werde er niemals eingehen.

Gustav meinte, dann könne er ja mal zu Herrn Hallstädt
nach Welzleben gehen.

Aber davon wollte der Beamte durchaus nichts wissen.
Er riet dringend davon ab, ja, er warnte davor. Der Aufseher würde damit gar nichts erreichen. Herr Hallstädt sei
völlig unzugänglich und habe ein für alle Mal verboten, daß
die Arbeiter direkt mit ihm verhandelten.

„Sie sind ja ein vernünftiger Mann, Büttner!“ sagte der
Inspektor. „Treiben Sie die Sache nicht auf die Spitze!
Reden Sie mal mit Ihren Leuten. Sie haben ja auch noch
andere Mittel in der Hand. — Ich meine, als Aufseher haben
Sie ja schließlich großen Einfluß. — Ich denke, wenn wir
zweie einig sind, werden wir mit der Gesellschaft schon fertig
werden. Herrn Hallstädt wollen wir lieber nicht erst einmischen, das hätte keinen Zweck. — Also ich denke, wir sind
einig! — Ich werde auch dafür Sorge tragen, daß Sie am
Schlusse der Arbeitszeit eine anständige Gratifikation erhalten,
Büttner!“ —

Aber Gustav ließ sich nicht so leicht kirren. Wenn er
auch nicht so viel Scharfblick besaß, um sofort herauszufinden,
wie schwach in Wahrheit die Position des Gegners war, so
bewahrte ihn doch seine Redlichkeit davor, auf Vorschläge einzugehen, die ihm nützten, aber seine Leute schädigten.

Mit trotziger Zähigkeit, ein Erbteil seines Vaters, hielt
er, ohne sich auf die Redensarten des anderen einzulassen, an
seiner Forderung fest. Alle Ungeduld nutzte dem Inspektor
nichts, seine Vorstellungen drangen in diesen harten Bauernschädel nicht ein.

So ging man auseinander, ohne daß es zu einer Einigung
gekommen wäre.

Am nächsten Morgen schliefen die Streikenden aus.
Während die Gespanne des Vorwerks an der Kaserne vorüberratterten, legten sie sich noch einmal gemütlich auf's
andere Ohr.

Häschkekarl war in übermütigster Laune. Die Sache ging
ausgezeichnet. Drüben auf dem Hofe hatte er in Erfahrung
gebracht, daß der Inspektor in größter Schwulität sei. Wer
sollte ihm die Ernte einbringen? Das Getreide mußte ja auf
dem Halme faulen, wenn die Hände der Sachsengänger feierten.
Häschke hätte am liebsten die Gelegenheit benutzt, um noch ganz
andere Forderungen zu stellen. Nur um Gotteswillen nicht
bescheiden sein! Den Arbeitgebern seine Bedingungen diktieren!
Der großbrodigen Gesellschaft mal zeigen, daß der Arbeiter am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts kein Fronknecht mehr
sei. Es war Zeit, daß der kleine Mann seinen Vorteil wahrnahm; bisher hatten die Großen, die ,Lerchenfresser‘, nur
immer von allem das Fett abgeschöpft.

Aber derartige Ansinnen scheiterten an Gustavs maßvollem
Sinn. Er wollte nichts haben, als was sie mit gutem Rechte
fordern durften. Die politischen Prinzipien, die sein Freund
Häschke bei dieser Gelegenheit durchsetzen wollte, ließen ihn
kalt. Das waren gefährliche Ideen, die jener auf der Landstraße aufgelesen; von denen hielt man sich besser fern. Ohne
es zu wissen, vertrat der Bauernsohn die angeborene konservative Gesinnung des Landmannes, dem vagierenden Kinde der
Straße gegenüber, das in Pennen, Fabriksälen und Versammlungen sich mit einer auf Umsturz gerichteten Anschauung
erfüllt hatte. —

Noch im Laufe des Morgens erschien der Inspektor persönlich in der Kaserne. Er verlangte den Aufseher nochmals
zu sprechen.

Die Verhandlung währte diesmal nur kurze Zeit. Die
Forderungen der Arbeiter wurden bewilligt. Eine Stunde
darauf schon hatten die Leute ihre Arbeit wieder aufgenommen.

IV.

Die Wanderarbeiter waren in der Weizenernte beschäftigt.
Das Feldstück gehörte zu den Außenschlägen des Vorwerks
und lag ziemlich weit von der Kaserne entfernt. Der Aufseher hatte daher angeordnet, daß Mittags nicht heimgegangen
werde. Um das Essen für die Leute auf's Feld zu bringen,
wurde meist eines der Mädchen entsandt. Heute war Ernestine
daran.

Als die Turmuhren der Nachbarschaft ihre zwölf Schläge
thaten, warf man die Sensen hin. Jeder suchte sich ein Fleckchen im Straßengraben. Dort ruhten sie, die Männer, mit
den Jacken unter dem Kopfe, die Mützen über dem Gesichte,
zum Schutze gegen die Augustsonne. Die Frauen mit bloßen
Armen und Füßen, in ihren bunten Kopftüchern. So lagen
sie im grellen Mittagslicht und warteten auf das Mittagsbrot.

Zum Reden hatte niemand Lust. Bleierne Schläfrigkeit
lastete auf den Ermatteten. Es war nichts Kleines, von früh
um vier Uhr bis Mittags, mit einer Unterbrechung von nur
einer halben Stunde, Getreide mähen, abraffen, binden und
aufstellen.

Häschke hatte sich nicht mit in den Graben gelegt zu den
anderen; unbemerkt war er bei Seite getreten. Erst langsamer, so lange er im Gesichtsfelde der Genossen war, dann
mit weitausgreifenden Schritten, wie einer, der mit Eifer einem
ersehnten Ziele zustrebt, eilte er in der Richtung nach der
Kaserne hinab.

Nach einiger Zeit erblickte er die Gestalt, nach der er
schon lange ausgeschaut hatte: Ernestine, die in zwei Henkelkörben das Essen herantrug.

Häschkekarl stieß einen Freudenschrei aus und eilte ihr in
langen Sätzen auf dem Feldwege entgegen.

Sie hatte die Körbe niedergesetzt, sobald sie den bärtigen
Burschen auf sich zukommen sah, erwartete ihn, die Hände auf
die Hüften gestemmt. Erschreckt schien sie nicht. Im Gegenteil! Sie lachte über das ganze Gesichte, zeigte ihre Perlenzähnchen. Er umfaßte sie, hob sie, drehte sie ein paar mal
um und um und raubte ihr einen Kuß, ohne daß sie, wie
es den Anschein hatte, in solchem Verfahren etwas Ungewohntes erblickt hätte.

Sie zupfte sich das rote Kopftuch zurecht, das ihr zurückgerutscht war und meinte dann, er solle ihr die Körbe tragen
sie habe sich nun genug damit geschleppt. Häschkekarl war der
Letzte, um solch eine Bitte zu verweigern; aber eigentlich hätte
er die Hände lieber frei behalten.

Sie setzten sich in Bewegung. Das Mädchen ging mit
leichten Schritten vor ihm her.

Seine Augen verschlangen ihre Gestalt. Was machte es
ihm, daß ihre Füße bestaubt waren, daß ihr einfaches Kleid
die Spuren der Feldarbeit an sich trug. Sein Blick durchdrang die Hüllen, erkannte das Weib, das er begehrte, so wie
sie war.

Häschke, der Leichtfertige, hatte seine Meisterin gefunden.

Um Ernestines willen war er in Halbenau geblieben, um
ihretwillen hatte er sich den Sachsengängern angeschlossen; nur
um dieses Mädchens willen hatte er es so lange bei einer Beschäftigung ausgehalten.

Die kleine Ernestine war sich der Macht vollkommen bewußt, die sie über den Mann ausübte. Trotz ihrer siebzehn,
verstand sie es, seine Wünsche im Zügel zu halten. Er hatte
das Ziel seines Verlangens noch nicht erreicht.

Ernestine hatte stets ihren Kopf für sich gehabt. Eine
gewisse Selbstachtung war ihr eigen, die sonst nicht ein hervorstechender Zug bei Landmädchen ist. So, wie Toni, sich
wegwerfen, an den ersten besten, das sollte ihr nicht passieren!
— Sie hatte ihn gern, ganz gewiß! Aber das äußerte sich
nur in einer Art munteren Kameradschaftlichkeit. Auch in ihr
steckte ein jungenhafter Zug, wie in vielen Mädchen, ehe die
Frau zur Entfaltung gelangt ist. — Sie hatte bisher seinen
Anträgen gegenüber die Besonnenheit nicht verloren.

So gingen die beiden auf dem Feldwege hin. Sie kehrte
sich gelegentlich lachend nach ihm um. Es machte ihr Spaß,
ihn unter der unwillkommenen Last der Körbe einherschreiten
zu sehen.

Ernestine hatte eine Gerstenähre aus dem Felde gerauft
und kitzelte ihn damit an der Nase, bis er niesen mußte. Ehe
er die Körbe niedergesetzt, war sie schon zehn Schritte und
mehr von ihm entfernt. Die Hitze war groß; er verspürte
keine Lust zu einem Wettlaufe mit der Leichtfüßigen.

Häschke machte gute Miene zum bösen Spiel und versuchte, während sie so dahinschritten, ein Gespräch im Gange
zu halten. Aber sie lachte nur zu allem, was er sagte.

So war sie nun! Wie ein Fisch: wenn er sie zu halten
glaubte, entschlüpfte sie ihm glatt und geschmeidig. Eine harte
Probe für den Erfolggewöhnten! —

Schon einige Male hatte er sie eingeladen, Sonntags mit
ihm nach Haderbaum hinüber zu gehen, zum Tanze. Ein
Tänzchen in Ehren, was war da weiter dabei! Er hatte den
Vorschlag so harmlos, wie nur möglich, vorgebracht. Doch
Ernestine war nicht auf den Kopf gefallen. Sie tanzte für
ihr Leben gern; aber man wußte schon, daß sich das Mannsvolk damit nicht begnügte.

Auch heute war all die Beredsamkeit, mit der Häschke ihr
das Parkett, die Militärmusik, die Getränke und die sonstigen Genüsse des Festes schilderte, an sie verschwendet. Sie sagte nicht
ja und nicht nein, kicherte nur und summte sich ein Liedchen.

Der Bursche kochte vor Wut. Er hätte das Frauenzimmer auffressen mögen. Wenn sie nur nicht so verdammt
niedlich ausgesehen hätte!

Nicht weit vom Wege standen ein paar große Roggenstrohfeimen, weit und breit in der baumlosen Gegend sichtbar.
In Häschkes Kopfe blitzte beim Anblick der mächtigen Strohhaufen ein Gedanke auf.

Stehen bleibend, meinte er, hier könne man sich ein wenig
im Schatten verschnaufen. Mit dem Mittagsbrot habe es
keine solche Eile, die anderen würden ihnen nicht davonlaufen.

Sie traten in den Schatten der Feimen. Er stellte die
Körbe bei Seite und sagte: „Hier is gut sein, Mädel!“
Damit umfaßte und küßte er sie nach Herzenslust.

Sie ließ sich das eine Weile lachend gefallen, dann aber
setzte sie sich zur Wehr. Er sollte sich mal seinen kratzigen
Bart abnehmen lassen, meinte sie.

„Ich thu 's glei, Ernstinel!“ sagte er, sie immer noch
festhaltend und ihr verliebt in die Augen blickend. „Aber, Du
mußt mir och was zu Gefallen thun!“ —

„Was denne?“

„Du weeßt schon!“ —

„Du bist ein schlechter Kerl!“

„'s is nich schlecht, wenn man sich lieb hat.“

„Laß mich!“

„'s sieht uns ja keen Mensch hier — Ernstinel!“ —

Sie wehrte ihn mehr mit ihrem kühlen Blicke ab, als mit
ihren Händen. Der starke Bursche konnte nichts gegen das
Mädchen ausrichten. Sie hatte keine Spur von Furcht vor
ihm. Er mußte die Hände von ihr lassen.

Sie lachte ihn aus. Wie ein Strahl Wasser in eine heiß
lodernde Flamme wirkte das auf seine Leidenschaft.

Er warf sich ins Stroh, verzweifelnd, das Gesicht gegen
den Boden, als wolle er nichts mehr sehen.

Das Mädchen stand neben dem Liegenden. Er sollte keine
Faxen machen, meinte sie; die anderen würden sich wundern,
wo sie blieben.

Er sagte, zu den anderen werde er nicht mehr zurückkehren; er wolle fortlaufen, sie sei zu schlecht gegen ihn. Er
fand Töne echter Verzweifelung.

Sie kniete neben ihn nieder und streichelte ihm den
struppigen Kopf. Er drehte ihr sein rotes Gesicht halb zu und
schlang die Arme um sie.

Er werde sich ein Leid anthun, schwor er, wenn sie ihn
nicht erhöre.

„Was willst De denne?“ fragte sie, während er sie mit
starkem Arme schon halb zu sich herabgezogen hatte,

„Red' nich so dumm, Ernstinel!“ flüsterte er ihr in's Ohr.

Und damit lag sie nur noch halb widerstrebend neben ihm
im Schatten der Strohfeime.

Es gab unter den Wanderarbeitern mancherlei Streitigkeiten und Ränke, aber auch Zuneigung und Eifersucht.

Gustav, in seiner Stellung als Aufseher, bekam davon
wenig zu merken. Die Liebeleien, die es etwa unter den jungen
Leuten geben mochte, wurden vor ihm nach Möglichkeit verborgen.

Die drei männlichen Arbeiter, die nach der Flucht des
Polen noch da waren, vertrugen sich untereinander leidlich.
Häschke hatte durch Anlagen und Erfahrung so sehr die Oberhand, daß ein Aufkommen gegen ihn ausgeschlossen war. Welke,
der gewesene Stallbursche, war eine harmlos ehrliche Haut.
Von den Mädchen wurde er vielfach gehänselt. Er that ihnen
den Gefallen, verlegen zu werden und sich zu ärgern, was
man bei seiner hellen Hautfarbe leicht am Rotwerden erkennen
konnte. Fumfack, der ehemalige Schmiedegeselle, war ein großer
ungeschlachter Geselle, stark wie ein Bär, schwerfällig, wortkarg.
Er war im stande einen geschlagenen Tag zuzubringen, ohne
seinen Mund zu öffnen, außer zum Essen und Gähnen. Des
Nachts wußte er sich um so entschiedener durch furchtbares
Schnarchen Gehör zu verschaffen. Fumfack hatte eine Liebschaft.
Die Sache war schon älteren Datums. Wahrscheinlich hatte
er sich den Sachsengängern nur angeschlossen, um die Geliebte
zu bewachen. Eine Vorsicht, die in Anbetracht der außergewöhnlichen Häßlichkeit seines Schatzes, beinahe überflüssig erscheinen konnte. Übrigens machte sich dieses Verhältnis sehr
wenig bemerkbar. Sie flickte ihm seine Sachen und hob die
Hälfte ihrer Lebensmittel für den starken Esser auf. Darauf
schienen sich in der Woche die Beziehungen dieses Liebespaares
zu beschränken. Am Sonntage führte er sie aus. Aber auch
da schien der Verkehr nicht besonders lebhaft. Man sah die
Beiden, wie sie hintereinander, er voran, dann sie auf seiner
Spur, langsam und wortlos durch die Getreidefelder zogen.

Sonst schien es weiter keine Liebespaare zu geben. Welke
hatte wohl hie und da einen Versuch gemacht, sich ein Herz
zu erobern. Aber er war nur ausgelacht worden. Den
Mädchen erschien er zu jung; noch keine Spur von Bart war
bei diesem Kieckindiewelt zu entdecken.

Der weitaus Beliebteste und Begehrteste bei den Mädchen
war Häschke. Aber er ließ sie zappeln, schien keiner seine besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen.

Der Aufseher war damit sehr zufrieden. Er kannte Häschken
von der Garnison her. Wenn einer Glück bei den Frauenzimmern
gehabt, so war es dieser Schwerenöter gewesen. Daß ihm die
Rübenmädel nicht gut genug waren, wie es schien, war ein
Glück: man hätte sonst nur Abenteuer erlebt.

Übrigens schien sich Häschkekarl anderwärts schadlos zu
halten. Der Aufseher fand eines Nachts beim Revidieren des
Männerschlafsaales Häschkes Bett leer. Er that, als habe er
nichts gesehen. Recht gut, daß dieser glänzende Kater außer
dem Hause auf Liebespfaden schweifte! —

Gustav Büttner, der sich für gewöhnlich eines gesunden
und festen Schlafes erfreute, lag während einer hellen Mondnacht ausnahmsweise wach im Bette. Der Junge war laut
gewesen, und der Vater hatte Paulinen helfen müssen, das
Kind zu beruhigen; darüber hatte er nicht wieder einschlafen
können.

Während er so dalag, vernahm er an der Hauswand ein
Geräusch, das ihn stutzen machte. Er setzte sich im Bette auf
und lauschte hinaus. Es klang wie ein Hinabschürfen an der
Mauer, dann ein Stapfen auf dem Erdboden; aber alles nur
gedämpft, kaum vernehmbar.

Gustav dachte sofort an Häschke. Der Vagabund stieg wohl
aus! Dann war es vielleicht besser, man untersuchte die Sache
gar nicht erst, um nicht eingreifen zu müssen.

Jetzt, neues undeutliches Geräusch! Leichtes Rütteln und
Knarren! Aber, diesmal kam es von einer anderen Stelle,
mehr aus der Richtung, wo die Mädchen schliefen.

Die Wohnung des Aufsehers war so gelegen, daß sie die
Schlafzimmer der Burschen und Mädchen trennte. Eine Verbindung mit dem übrigen Hause fand für die Mädchen nur
durch die Aufseherwohnung statt. Das war alles von dem
Erbauer sehr klug erdacht. —

Gustav erhob sich, schlich in gebückter Haltung an's Fenster.
Draußen lag die Landschaft wie am Tage, im Vollmondlicht.
Trotzdem konnte er zunächst nichts Verdächtiges erkennen. Erst
als er sich soweit aufgerichtet hatte, daß er durch das Fenster,
den Streifen Rasen dicht am Hause zu überblicken vermochte,
sah er dort eine männliche Gestalt. Der Bursche arbeitete mit
gebeugtem Rücken, wuchtete, schien etwas im Boden zu befestigen. Dann erhob er sich plötzlich und blickte am Hause in
die Höhe.

Jetzt wo das Mondlicht hell auf seinem Gesichte lag, erkannte ihn Gustav deutlich: es war Häschke.

Er schien mit jemandem im ersten Stock in Unterhandlung
zu stehen; denn er machte Zeichen mit der Hand nach aufwärts.

Der Aufseher war im höchsten Grade gespannt, was nun
weiter erfolgen werde. Er drückte sein Gesicht ganz an die
Scheiben. Jetzt erkannte er, an der Mauer hängend, einen
Gegenstand, wie einen Strick, dessen unteres Ende Häschke in
der Hand hielt.

Eine Strickleiter! Der Halunke wollte einsteigen! — Dem
Aufseher schoß das Blut zu Kopfe. Das waren Streiche, wie
man sie wohl im Manöver ausgeführt hatte. Bei Nacht in
die Mägdekammer, wenn der Bauer am Abend zuvor den
Schlüssel dazu abgezogen hatte. Gustav hatte mal mit Häschke
zusammen auf einem Gutshofe gelegen, wo der Inspektor besonders streng war. Wie zu den Mägden kommen? Da hatte
Häschke, der nie um ein Mittel verlegen war, die Kühe im
Stall losgebunden, daß mitten in der Nacht alles brüllend
im Hofe herumlief. Der Inspektor, in seiner Not, holte
selbst die Mägde herbei, zum Anbinden des Viehes. Während
dessen waren Häschke und Gustav in die Kammer gelangt,
hatten sich da gut versteckt. Nun waren sie da, wo sie sein
wollten. —

Während Gustav an diesen wohlgelungenen Streich aus
einer vergangenen Zeit zurückdachte, stieg ihm gleichzeitig der
Ärger auf, daß Häschke es nun versuchte, ihn zu hintergehen. Das ging doch wirklich zu weit! Der Aufseher beschloß,
dem Burschen einmal gründlich auf's Dach zu steigen.

Er wollte nur warten und zusehen, was jener noch weiter
angeben werde. Bei der Gelegenheit würde man vielleicht auch
herausbekommen, wer die eigentlich sei, der seine Zeichen galten.

Da auf einmal erschien in Gustavs Gesichtsfelde eine
neue Gestalt. Gegen die helle Hauswand hob sich ein schmaler
Schattenriß ab. Erst sah es aus, als schwebe die Gestalt
in der Lust, dann erkannte man, daß sie sich vorsichtig an
den Stricken zum Boden hinabließ.

Der Aufseher wollte seinen Augen nicht trauen. Das
war . . . . ja, wahrhaftiger Gott! das war: seine eigene
Schwester! —

Gustav war so bestürzt, daß er zunächst gar nichts that.
Wie festgebannt harrte er auf seinem Platze aus. Ernestine
und Häschke! — War denn das zu glauben! Ernestine, die er
kaum als etwas anderes angesehen, als ein Kind. — Und
Häschke! —

Er sah sie behende an der Strickleiter hinabklettern. Jetzt
schwebte sie frei über dem Boden, ließ los, der Mann fing sie
auf, in seine ausgebreiteten Arme, trug sie ein paar Schritte
fort, ehe er sie frei gab. Gustav konnte deutlich ein Kichern
von unten vernehmen.

Der Bruder starrte regunglos auf die beiden. Daß er
das nicht zeitiger gemerkt hatte! Merkwürdigerweise bildete das
zunächst sein größtes Ärgernis. Höchstwahrscheinlich war es
eine alte Geschichte, stammte womöglich schon von Halbenau
her. Die beiden trieben es schon lange hinter seinem Rücken.
Und er hatte nichts gemerkt! Das erboste ihn geradezu. — Denen
wollte er den Spaß versalzen und das gehörig!

Und nun mußte er sehen, wie sie sich im Mondschein umarmten und küßten. Ernestine warf dem bärtigen Häschke die
Arme um den Nacken und drückte sich an ihn. Das kleine
Ding schien sich auf die Kunst zu verstehen! Wie sie schnäbelten. — Hol sie der Teufel! —

Gustavs Gefühle waren äußerst geteilte und verwirrte.
So etwas, wie Eifersucht, regte sich bei ihm. Dann stiegen aus
der Ferne Erinnerungen an verbotenes Liebesglück auf. Was
die da unten thaten, war ja so begreiflich!

Aber, auch der Bruder regte sich in Gustav. Hatte er nicht
für seine Schwester einzustehen? — Sie war kaum siebzehn Jahre
alt, und Häschke war ein alter Sünder! Hol sie der Teufel
alle beide! Sie hatten ihn schön an der Nase herumgeführt!
Lachten wohl gar da unten über seine Dummheit und machten
ihm lange Nasen, womöglich!

Er sah die beiden jetzt Arm in Arm den Weg nach den
Feldern einschlagen.

Jetzt war es höchste Zeit, etwas zu thun! Gustav erwachte
aus seiner Erstarrung. Er warf sich schnell ein Paar Sachen
über und fuhr in die Stiefeln. Darüber erwachte Pauline.

Sie fragte ihn, wohin er wolle, jetzt, mitten in der Nacht?
Gustav antwortete ihr in barschem Tone, daß jemand ausgestiegen sei. Mit erschreckter Miene, fragte sie: wer?

Er wollte ihr nicht sagen, daß es Ernestine sei, aus einer
Art von Schamgefühl für seine Schwester. Er habe das
Mädchen nicht genau erkennen können, sagte er, aber Häschke
sei dabei gewesen.

Pauline hatte Licht gemacht. Sie stand vor ihm. In ihren
Zügen spiegelten sich Bestürzung und Angst. Sie bat ihn zu
bleiben, versuchte es sogar, ihn zu halten. Er stieß sie von sich.
Es sei seine Pflicht, als Aufseher, so etwas nicht durchzulassen,
sagte er rauh. Damit ging er. Sie lief ihm nach bis zur
Thür. „Thu ock 'n Ernstinel nischt ne!“ das waren die
letzten Worte, die er hörte.

Er lief die Treppe hinab. Die Hausthür war nur angelehnt. Dabei war der Aufseher der einzige, der einen Hausschlüssel führte, und er hatte am Abend abgeschlossen. Aber,
natürlich Häschke hatte da mit dem Nachschlüssel gearbeitet!
Alle hintergingen ihn. Seine eigene Frau wußte von der
Liebschaft. —

Namenlose Wut überkam ihn. Wenn er die beiden jetzt
traf! . . . Er stürmte blindlinks in der Richtung vorwärts, wo
er sie hatte verschwinden sehen. Aber er hatte zuviel Zeit
vertrödelt; sie waren bereits verschwunden. Trotz der tageshellen Beleuchtung konnnte er das Paar nirgends entdecken.
Er nahm, auf gut Glück einen Feldweg an, auf dem er sie vermutete.

Er hätte es sehen müssen, längst! Sogar Pauline wußte
ja darum, schien sogar unter einer Decke mit den beiden
zu stecken; das wurmte ihn am meisten. Wer weiß, wer
da alles noch eingeweiht war! Er war der einzige, der
nichts gemerkt hatte, er war der Dumme! — Ein schöner Aufseher war er! — Wo hatte er denn seine Augen gehabt?

Er stürmte auf dem Feldwege immer weiter. Bei einer
Wegekreuzung wurde er zum Stillstehen und Überlegen gezwungen. Er mußte sich sagen, daß er der beiden auf diese
Weise schwerlich habhaft werden würde. Wo konnten sie hin sein?
Er sann nach. Wo gab es denn in dieser Gegend ein passendes
Versteck? — Halt, das war's: Der Schuppen! — Dort waren
sie und nirgends anders! Daß ihm das nicht gleich eingefallen war!

Der Schuppen war ein alter baufälliger Kasten, mitten
im Felde gelegen. Er diente dazu, allerhand Ackergeräte zu
bergen, und den Feldarbeitern, wenn sie plötzlich von Unwetter
überrascht wurden, Obdach zu gewähren.

Gustav war seiner Sache sicher. Er glaubte bestimmt,
die beiden dort anzutreffen, und spornte seine Schritte zur
größten Eile an. Bald lag der Schuppen vor ihm, hell vom
Mondlicht beleuchtet; ungesehen heranzukommen, war unmöglich.

Er war nur noch wenige Schritte von dem Gebäude entfernt, als sich die Thür öffnete. Ein bärtiger Kopf erschien
für einen Augenblick und fuhr blitzschnell zurück.

Mit einem Satze war der Aufseher an der Thür, und
wollte sie aufreißen. Er stieß auf Widerstand. Von drinnen
wurde zugehalten. Gustav legte sich gegen die Thür. Umsonst! Er rief: man solle ihm aufmachen. Drinnen wurde
geflüstert, aber eine Antwort kam nicht, und geöffnet wurde
auch nicht.

Da überkam ihn der Zorn. Er trat einige Schritte zurück, nahm Anlauf, warf sich mit der ganzen Wucht seines
Körpers gegen die Thür. Die Haspen sprangen aus dem
dünnen Mauerwerk, das morsche Holz barst, die ganze Thür
fiel in Stücken zusammen. Der Aufseher war im Schuppen.

Die drei Menschen standen einander gegenüber, keuchend,
die Männer kampfbereit, jeder den Angriff des anderen erwartend, das Mädchen erschrocken sich an den Geliebten
klammernd.

Es kam auf eine Kleinigkeit an, und hier wäre Blut geflossen. Gustav befand sich in wilder Erregung. Eine drohende
Bewegung des Gegners, ein Wort des Widerspruchs, und er
hätte zugeschlagen.

Aber Häschke, der die Lage schnell erkannte, hütete sich
wohl, den anderen zu reizen. Mit Ernestinens Bruder in Frieden
auszukommen, war jedenfalls rätlicher, als es auf einen Kampf
ankommen zu lassen. Er ließ Kopf und Arme sinken, stand
vor dem Aufseher mit der Miene des ertappten Sünders.

Der Schlaukopf hatte richtig gerechnet; Gustav war durch
die nachgiebige Haltung entwaffnet.

Aber, irgend etwas mußte geschehen, das fühlte Gustav
deutlich. Er fing an zu fluchen; die beiden standen wie
unter einem Hagel. Der Geist seines Vaters war über den
jungen Menschen gekommen; er stieß Schimpfreden und Flüche
aus, die er als Kind, wie oft, aus dem Munde des Alten
vernommen hatte.

Das Mädchen fand zuerst Worte der Erwiderung. Sie
wären nicht schlecht, und sie hätten nichts Böses gethan; sie
seien „ordentliche Liebesleute“. — Die Worte flossen dem kleinen
Dinge auf einmal äußerst beredt von den Lippen. Häschke
brauchte gar nichts zu sagen; er hörte mit Staunen, wie sie seine
eigenen Gründe, die sie noch vor kurzem bestritten, jetzt mit
Eifer gegen den Bruder ins Feld führte. Wie schnell diese
Frauenzimmer lernten! —

Gustav rief ihr zu, sie sei ein dummes Mädel! und die
Liebesgedanken werde er ihr schon austreiben.

Die Schwester lachte ihm in's Gesicht. Kein Mensch
könne ihnen verbieten, sich lieb zu haben, am wenigsten er;
er habe es ihnen ja vorgemacht.

Gustav war starr über die Unverfrorenheit des siebzehnjährigen Dinges. Er fühlte, daß er mit solchem Mundwerke
schwerlich fertig werden würde. Ohne sich auf eine Widerlegung einzulassen schrie er sie an: „Jetzt kommst Du mit mir!
Marsch! Ich wer' Dich“ . . . Damit nahm er sie am Arme
und führte sie zur Thür, wie eine Gefangene. Häschke folgte.
So schlugen sie den Heimweg ein.

„Laß mich ack gihn, Gustav!“ sagte Ernestine nach einiger
Zeit; der Bruder hielt ihr Handgelenk in seine Faust gepreßt, wie in einen Schraubstock. „Ich lof' Der nich dervon.
Ich ha' ja nischt Unrecht's nich gethan!“

Er ließ ihren Arm fahren. Sie schritten weiter neben
einander her. Gesprochen wurde lange Zeit nichts zwischen den
dreien.

Gustavs Zorn war längst verraucht. Die natürliche Gutmütigkeit hatte die Oberhand gewonnen. War es denn wirklich
so schlimm, was die beiden gethan hatten? —

Häschke mochte etwas von der Wandlung ahnen, die in
dem Sinne des anderen vor sich gegangen. Er nahm das
Wort, erkärte, daß er Ernestinens Bräutigam sei und daß sie
sich heiraten wollten.

Gustav meinte darauf nur: Das kenne er schon! Wer
weiß, wie vielen Mädeln Häschke bereits die Ehe versprochen
habe. Er müsse doch verrückt sein, wenn er seine Schwester
einem solchen Vagabunden zum Weibe gebe.

Man war inzwischen in die Nähe der Kaserne gekommen.
Möglichst geräuschlos stiegen sie die Treppe hinauf. Häschke
schlich sich in die Männerkammer. Gustav nahm die Schwester
mit sich in die Aufseherwohnung. Dort wartete ihrer Pauline,
mit besorgter Miene.

Der Aufseher war unwirsch, er gab seiner Frau keine Antwort auf ihre Fragen.

Die beiden Frauen wechselten einen Blick des Einverständnisses, den der Mann nicht bemerkte.

Die Verstimmung dauerte ein paar Tage; Gustav sprach
nicht mit Häschke, die Schwester behandelte er wie die schlechteste
seiner Arbeiterinnen. Des Nachts stand er zwei- dreimal auf,
untersuchte den Männerschlafsaal, horchte an der Thür der
Mädchen.

Am meisten hatte Pauline unter seiner Laune zu leiden.
Sie sei mit den beiden im Bunde, behauptete er. Von irgend
welchen Erklärungen und Entschuldigungen wollte er nichts
wissen. Wenn man ihm sagte, Häschke meine es ehrlich und
werde Ernestinen heiraten, bekam er einen roten Kopf und
schrie die Leute an: er kenne Häschkekarln, er habe drei Jahre
mit ihm gedient; auf weiteres ließ er sich nicht ein.

Mitten in diese Erregung fiel ein Brief aus der Heimat,
von Frau Katschner an Pauline.

Die Witwe schrieb:

„Liebe Tochter!

Ich ergreife die Feder, um Dir zu schreiben. Hier
ist es jetzt sehr einsam ohne Euch und gehen allerhand
Dinge vor sich. Die gnädige Herrschaft aus Berlin
sind wieder auf dem Schlosse mit den gnädigen Kontessen und Fräulein Bumille habe ich auch besucht und
läßt Dich schön grüßen. Kontesse Wanda ist nun richtig
versprochen mit ihrem Bräutigam neulich ist er auch schon
in Saland gewesen bei ihr. Er ist ein kleiner Mann der
Bräutigam, die Wanda ist nicht hübsch mit ihm, sagt Fräulein Bumille, wir freuen uns aber sehr daß es ein Prinz
istt Die Hochzeit soll allerdings großartig und sehr fein
werden, sagt Fräulein Bumille, mit Essen und Trinken
natürlich da soll nichts abgehen und Herrschaften aus Berlin
und die hohen prinzlichen Verwandten und Freundschaft.
Wir werden da etwas zu sehen bekommen und das ganze
Dorf wartet schon darauf im Herbst soll es sein. Nun
muß ich Dir noch etwas anderes sagen, nämlich dem Traugott Büttner haben sie doch den Hof weggenommen und
das ganze Gut, was die Gläubiger sind. Und die alten
Leute sind nun ganz alleine, weil daß doch die Toni weg is,
nach Berlin sagen sie, aber kein Mensch weiß was von der
Toni schreiben thut se nich. Die Leute reden alles Mögliche!
Ihren kleinen Jungen hat sie zur Therese gegeben was auch
nich schön is die Leute haben sich alle gewundert. Karl
und Therese sind nämlich jetzt in Wörmsbach, die haben's
doch auch nicht dazu. Den alten Leuten natürlich geht es
gar nicht gut Traugott Büttner is so stille und simeliert
in einer Dur die Leute sagen es wäre nicht richtig mit
ihm, sprechen sie. Allerdings hat er viel Kummer und
Herzeleid erlebt und ärgern hat er sich auch sehr müssen.
Die Bäuerin ist sehr geringe geworden, so geringe, wie die
Frau is! Ich sagte über Buschlobeln am Sonntag sagte ich:
Die löscht aus wie ein Licht, habe ich gesagt. Sie hat
schon das Wasser in den Beinen und zu beißen und zu
brechen haben sie allerdings auch nichts auf dem Bauerngute, weil ihnen doch Herr Harrassowitz alles weggepfändt
hat. Überhaupt die Ochsen hat der auch weggenommen, das
kannst Du Gustaven sagen. Die Not ist groß wenn nicht gute
Menschen helfen, wissen wir nicht was der liebe Gott noch
verhängen mag über die armen Menschenkinder. Die Büttners
was die alten Leute sind waren doch immer so fleißige und
ordentliche Leute, das sagt ein jeds und nu sowas zu erleben!
Die Leute sagen auch hier im Dorfe, daß sich Kaschelernst
schämen müßte denn der soll doch bloß den Bauern reingebracht haben und kein anderer. Ich schließe hiermit und
wünsche daß es Euch immerdar gut gehen möge und alle
gesund bleiben wie es mir auch geht Deine liebe Mutter.

Clementine Katschner.“

Der Brief machte Eindruck auf alle, die ihn lasen. Die
Nachrichten aus der Heimat waren spärlich geflossen. Der
Büttnerbauer nahm die Feder ungern zur Hand, zu allerletzt
gewiß zu einem Briefe.

So hatte man denn von den wichtigen Ereignissen der
letzten Zeit höchstens von weitem etwas vernommen, durch
Briefe, die an andere Sachsengänger aus der gemeinsamen
Heimat kamen.

Gustav hatte sich viel mit geheimen Sorgen um den
Vater und seine Angelegenheiten getragen. Die letzten Ereignisse waren von ihm ja vorausgesehen worden. Aber nun
kam die schwere Erkrankung der Mutter noch zu allem Jammer
hinzu.

Der Vater um Haus und Hof gebracht! Die alten
Leute gänzlich allein in ihrer Not! — Es war ein Elend, wie
es größer nicht sein konnte!

Frau Katschners beredter Brief machte die Runde bei
den Familienmitgliedern. Man sprach über die Vorgänge in
der Heimat und beriet, was geschehen solle. So wurden die
Zwistigkeiten, die eben noch geherrscht hatten, in den Hintergrund gerückt.

Man kam zu dem Schlusse, daß es das Beste sei, den
Eltern eine Summe Geldes zu schicken. Sie legten zusammen
von ihren Ersparnissen. Auch Häschkekarl bat, beisteuern zu
dürfen. Sein Geldstück wurde nicht abgewiesen.

Gustav erlebte noch eine besondere Genugthuung: als
unter den Mädchen bekannt geworden war, wie schlecht es den
Eltern ihres Aufsehers gehe, sammelten auch sie, ganz im
Stillen, unter sich und brachten ihm eines Tages ein ganz
stattliches Sümmchen, das er mit nach Halbenau an die alten
Leute schicken möge.

Eine Versöhnung fand nicht statt zwischen Gustav und
Häschke. Aber mit der Zeit sprach der Aufseher doch wieder
mit dem Geliebten seiner Schwester.

V.

Die Büttnerbäuerin war gestorben. In den letzten Tagen
hatte sie über unerträglichen Frost geklagt; der Bauer mußte
des Nachts bei ihr liegen, um die Erkaltende zu wärmen.

Eines Mittags, als der Bauer vom Felde zurückkehrte,
fand er sie auf dem Gesichte liegend, mit ausgebreiteten Armen.
Er faßte sie an; sie war kalt. Mehrere Stunden mochte sie
wohl schon so gelegen haben. Keine Spur von Lebenswärme
war mehr an dem steifen Körper zu entdecken. Die eine Gesichtsseite hatte sich bläulich verfärbt.

Der alte Mann stand wie erstarrt vor der Leiche seiner
Lebensgefährtin. Er warf sich nicht über die Tode, liebkoste
nicht die leblose Hülle. Und doch hatte er sie geliebt, mit echter
starker Liebe. Wie im Leben, hielt sich auch dem Tode gegenüber
sein Gefühl fern von Überschwang. Es hatte Tage gegeben,
wo die Gatten kaum ein Wort mit einander gewechselt. Wochen
und Monde waren vergangen ohne Kuß und Umarmung.
Harte Worte von Seiten des Mannes, Thränen auf Seiten der
Frau waren nichts Seltenes gewesen. Und doch hatte innige
Treue die beiden Menschen verbunden, wie ein unsichtbares
Band. Unter rauhen Formen wurde diese Liebe gewahrt, als
etwas Stilles und Keusches, von dem man nicht viel Aufhebens macht, weil es so selbstverständlich war.

Der Bauer blieb sich treu in seiner schlichten Gesinnung
für die Lebensgefährtin, bis zum letzten. Keine Klage, kein
Haarausraufen, als er jetzt vor ihrer Leiche stand. Ein tiefer
Seufzer und ein paar Thränen, die ihm über die Wangen
liefen, ohne daß er es recht wußte; das war alles.

Dann machte er sich daran, für die Entschlafene zu thun,
was noch für sie gethan werden konnte. Er drückte ihr die
Augenlider herab, hob den schweren Körper aus dem Bette,
reinigte die Leiche, und kleidete sie in ein frisches Hemd. —
Alles, ohne eine Spur von Grauen vor der greifbaren Nähe des
Todes zu empfinden. Dann ging er in's Dorf, meldete den
Tod beim Standesbeamten an, bestellte den Sarg und besprach
im Pfarrhaus den Tag der Beerdigung mit dem Geistlichen.

Der Leichenzug fiel über Erwarten stattlich aus, Jung
und Alt beteiligte sich, Kränze waren gespendet worden, aus
freien Stücken trug ein Gesangverein eine Arie am offenen
Grabe vor.

Es zeigte sich, daß die Büttnersche Familie doch noch manchen
Freund besaß in Halbenau. Es kam in dieser auffälligen Teilnahme etwas, wie Demonstration, zum Ausdruck. Das Schicksal des Büttnerschen Bauerngutes hatte Aufsehen erregt, und
Manchen, der auf überschuldetem Grund und Boden saß, mit
Bangen erfüllt, daß es ihm früher oder später auch so ergeben
möge. Am Bieten hatte man sich zwar eifrig beteiligt, als
das Bauerngut zerkleinert wurde; aber es gab doch nur wenig
Leute in Halbenau, die nicht in ihrem Herzen für den bankerotten Bauern gewesen wären, gegen seine Ausbeuter. Dieses
Gefühl, das sich offen nicht hervorwagte, machte sich in Ehrenerweisungen für die verstorbene Bäuerin Luft.

Man war gespannt, ob Kaschelernst zur Beerdigung erscheinen werde. Aber der schlaue Kretschamwirt mochte etwas
von der Stimmung, welche im Dorfe herrschte, gewittert haben,
er kam nicht. Er hatte Ottilie entsendet, die einen Kranz auf
den Sarg legen mußte.

Hinter dem Sarge schritt der Witwer, neben ihm Therese
und Karl. Das war alles, was von der ehemals zahlreichen
und angesehenen Büttnerschen Familie jetzt noch in dieser Gegend
übrig war.

Der Pfarrer ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, die
Herzen zu rühren. Er war ein alter Praktikus, und wußte,
daß außergewöhnliche Unglücksfälle nahezu die einzige Gelegenheit sind, wo man den harten Bauerngemütern beikommen kann.

Karl Büttner schluchzte wie ein kleines Kind. Bei dem
alten Manne schien der Thränenquell versiegt zu sein. Der
Geistliche sprach von ihm, als von einem, mit dem Gott der
Herr besondere Dinge vorhaben müsse, da er ihm so harte
Prüfung auferlege, wie einstmals dem Hiob. Wenn er aber
dem unerforschlichen Ratschlusse des Herrn stille halte, werde er
auch wieder zu Ehren gebracht werden, wie dieser Knecht
Gottes. —

Die letzten Tage der Bäuerin waren nicht ohne jeden Sonnenblick gewesen; von den Kindern aus der Fremde war Geld
gekommen und Briefe. Fast zur nämlichen Zeit hatte auch
Toni, die bisher wie verschollen gewesen, wieder einmal geschrieben und gleichfalls Geld geschickt.

Was Toni schrieb, war zum Teil nicht recht verständlich; die Schreibkunst war nie dieses Mädchens starke Seite
gewesen. Sie wäre nicht mehr Amme, teilte sie mit. Welcher
Art ihre Lebensstellung sei, war nicht gesagt. Aber sie mußte
doch wohl ihr Auskommen haben, sonst würde sie nicht haben
soviel abgeben können. Für ihr Kind, das bei Theresen
untergebracht war, schickte sie auch etwas mit.

Nachdem das Begräbnis vorüber war, kehrte alles schnell
in die alten Geleise zurück. Äußerlich merkte man kaum, daß
eine Lücke entstanden war.

Der Bauer ging Tag für Tag seiner gewohnten Arbeit
nach. Er mußte alles in allem sein; zur Feldbestellung kam
jetzt auch noch die häusliche Arbeit. Der Ersparnisse halber,
machte er nur noch einmal am Tage Feuer. Er nährte sich
schlechter, als das Vieh, lebte von altem Brot, das er trocken
verzehrte, und kalten Kartoffeln. Fast nie kam ein herzhafter
Bissen auf seinen Tisch.

Dabei arbeitete der alte Mann angestrengter denn je. Es
war, als ob er irgend etwas in sich betäuben wolle, durch die
Anstrengung.

Mitten in der Nacht stand er manchmal auf, wenn man
kaum die Hand vor den Augen sehen konnte, zog sich an,
nahm Hacke, Sense, oder ein anderes Werkzeug auf die Schulter
und ging damit auf's Feld hinaus.

Es litt ihn nicht daheim; ohne Menschen war das Haus
wie eine Totenkammer. Er war gewiß nicht furchtsam von
Natur, hatte sich niemals vor Gespenstern gefürchtet; aber jetzt
überkam es ihn manchmal wie Grauen. Die Erinnerung an
vergangene bessere Zeiten sprach aus jedem Winkel. Die Gedanken an das, was gewesen, was nie wiederkehren konnte,
waren die Gespenster, die hier umgingen. Vor dem, was
sein eigenes Hirn ausbrütete: den Vorwürfen, den betrogenen Hoffnungen, den Selbstanklagen, floh der alte Mann.
Er rannte hinaus auf den Acker, wie ein Besessener, hackte,
wühlte dort, als wolle er etwas einscharren, etwas, das er
verbergen mußte, vor den eigenen Augen.

Bei solchem Hundeleben verfiel der Körper des Greises
mehr und mehr; er war nur noch ein Skelett. Das Haar
stand ihm in langen grauen Strähnen um den Kopf. Sich
den Bart abzunehmen, lohnte nicht mehr. Die nächste Folge
davon war, daß er Sonntags nicht mehr in die Kirche kam.
Denn unrasiert sich in der Kirchfahrt blicken lassen, war für
einen Halbenauer undenkbar.

Bald führte er ein vollständiges Einsiedlerleben. Die einzigen lebenden Wesen, mit denen er noch etwas zu thun hatte,
waren die beiden Kühe, die Harrassowitz auf dem Hofe gelassen hatte. Menschliche Gesichter wollte er so wenig wie
möglich sehen. Er hatte wohl das dumpfe Gefühl, hervorgewachsen aus der eigensten Erfahrung, daß die größte
Unbill, das schwerste Unrecht, dem Menschen nur vom
Menschen zugefügt wird. — Er haßte seinesgleichen, und hielt
sich von jeder Berührung mit dem feindlichen Geschlechte
fern. Bot ihm jemand einen Gruß, dann stellte er sich
taub. Und wer ihn etwa anredete, konnte erleben, daß er,
statt Antwort zu erhalten, den Rücken des Alten zu sehen
bekam.

Was eigentlich in der Seele dieses Mannes vorgehe, wußte
niemand. Der Pastor machte ihm einige Zeit nach dem Begräbnis der Bäuerin seinen Besuch, an einem Sonntag Nachmittage. Er fand den Bauern im Werkeltagskleide im Hofe,
mit einer Arbeit beschäftigt. Das wäre in früheren Zeiten
auch nicht passiert! — Der Pfarrer drückte ein Auge zu, über
die Sonntagsarbeit, und betrat mit dem Alten die Wohnstube.

Der Hirt verstand es, das Gespräch gar bald auf geistliches Gebiet hinüberzuleiten. Das Elend, in dem sich der ehemalige Gutsbesitzer jetzt befand, gab dem Seelsorger Anlaß,
auf die Nichtigkeit alles Irdischen hinzuweisen, und den Sinn
auf die ewigen Güter zu richten. Der Geistliche erinnerte
den Bauern auch an sein Alter, und daß er vielleicht bald vor
einem Höheren werde Rechnung ablegen müssen. Er fand bewegliche Worte, der Herr Pastor. —

Der alte Mann sagte nicht ja und nicht nein dazu. Mit
verdrossener Miene saß er in seiner Ecke. Er schien das seelsorgerische Bemühen des Pfarrers als eine Belästigung zu empfinden, in die man sich wohl oder übel schicken mußte.

Seine Religiosität war niemals über eine äußerliche Kirchlichkeit hinausgekommen. Nun er nicht mehr zur Kirche ging,
kam das Heidentum zum Vorschein, das tief in der Natur des
deutschen Bauern steckt. Was kümmerten ihn die überirdischen
Dinge; von denen wußte man nichts! Der Boden, auf dem er
stand, die Pflanzen, die er hervorbrachte, die Tiere, die er nährte,
der Himmel über ihm mit seinen Gestirnen, Wolken und Winden,
das waren seine Götter. Jene anderen, morgenländischen,
hatten doch etwas mehr oder weniger Fremdartiges für ihn.

Als der Geistliche schließlich von dem Bauern wegging,
wußte er nicht, ob er Eindruck auf das Gemüt des Mannes
gemacht habe, oder nicht.

Einer anderen Persönlichkeit, die sich dem Alten nähern
wollte, um ihn in seiner Verlassenheit zu trösten, ging es nicht
viel besser. Frau Katschner erschien eines Tages auf dem Büttnerschen Hofe, ging in's Haus und guckte in alle Zimmer. Da
sie niemanden antraf, that sie sich ein Gütchen im Durchschnüffeln
der verwaisten Räumlichkeiten. Dann begab sie sich hinaus auf's
Feld, wo sie den Bauern alsbald beim Kleehauen traf.

Er schien völlig vertieft in seine Arbeit. Ehe sie an ihn
herantrat, betrachtete sie ihn sich eine Weile voll Mitgefühl,
das nicht frei war von selbstischem Behagen. — Der Ärmste!
man sah ihm den Witwer recht an. In seinen Beinkleidern
war ein Loch, das man auf zwanzig Schritt leuchten sah. Er
war gewiß recht unglücklich! Keine sorgende Pflege! Nun erfuhr
er, was es hieß: ledig sein. —

Die Witwe räusperte sich und suchte in ihr: „Guntagoch,
Büttnerbauer!“ soviel Freundlichkeit und Teilnahmegefühl zu
legen, wie nur möglich. Kein Gegengruß kam, er sah nicht
einmal auf von seiner Arbeit. Aber die Witwe Katschner war
nicht so leicht abzuschrecken — sie war sich ja ihres guten
Zweckes bewußt. — daher that sie, als bemerke sie seine abweisende Haltung gar nicht.

Sie begann damit, zu berichten, daß sie kürzlich einen
Brief von Paulinen bekommen habe. Der Alte handhabte die
Sense in gleichmäßig abgerundetem Schwunge, als gäbe es
auf der Welt nichts, als den Klee und ihn. Die Witwe, die
sich zu diesem Gange eine gute Schürze vorgebunden und ein
neues Kopftuch angelegt hatte, sah ihm zu. Das mußte man
sagen, er war immer noch ein kräftiger Mann, trotz seiner
Sechzig, aber fürchterlich anzusehen, mit seinem langen Haar
und den zolllangen Stoppeln um den Mund. Ganz abgemagert war er und hohläugig. Er härmte sich gewiß, sehnte
sich nach einer mitleidigen Seele. Wahrscheinlich hatte er
nichts Ordentliches zu essen, und keine Abwartung. Wahrlich,
hier war es die höchste Zeit, daß eine Frau eingriff! —

Sie entfaltete den Brief und fragte, ob er nichts von seinen
Kindern in der Fremde wissen wolle. Darauf hielt der Bauer
im Hauen inne. Frau Katschner entnahm daraus die Erlaubnis, vorzulesen.

Der Brief enthielt Nachrichten über das Ergehen der
Sachsengänger. Am Schlusse schrieb Pauline, daß sie im
Herbst alle nach Halbenau zurückkehren wollten.

Die Witwe faltete den Brief sorgfältig zusammen und
steckte ihn ein. Dann seufzte sie und wischte sich die Augen
mit einem Zipfel ihrer blau und weiß gedruckten Schürze.
„Ju Ju!“ sagte sie, 's is och gutt su! Wenn se ack bale zuricke kimma wellten! 's is ne schiene uf der Welt so alleene —
nee 's is och ne schiene!“ Hier ließ sie eine Pause eintreten; wohl
für jenen, zum Überlegen des Gehörten. Dann mit besonderem
Blicke auf den Mann: „Ich ha' schon manch a lieb's Mal bei mer
gedacht, der Büttnerpauer muß es duch firchterlich eensam han,
ha'ch gedacht. Den muß duch ordentlich bange sen, ha'ch gedacht!
— So alleene, wie der is uf der Welt. — Is ne a su, Pauer?“

Statt der Antwort nahm der Alte die Sense wieder auf
und fuhr fort, Klee zu hauen, als sei niemand da.

Frau Katschner mußte endlich abziehen.

Sie war ziemlich kleinlaut, und im Innersten gekränkt,
daß ihre gute Absicht, den Einsamen zu trösten, auf so undankbaren Boden gefallen war.

Inzwischen neigte sich der Sommer seinem Ende zu. Die
Ernte war eine ungewöhnlich reiche gewesen. Der Roggen
hatte volle Ähren mit vielen und schweren Körnern getragen,
das Stroh war lang und reichlich, auch Hafer und Kartoffeln
versprachen guten Ertrag.

Bittere Gefühle waren es, mit denen der alte Mann in
diesem Jahre den Erntesegen betrachtete. Wo er bestellt und gesäet hatte, ernteten andere. Täglich fuhren jetzt die Wagen der
kleinen Leute, die sich ein paar Morgen vom Büttnerschen Gute erstanden hatten, durch den Bauernhof. Für die vielen Parzellen, die
bei der Vereinzelung entstanden, war dies der einzige Abfuhrweg.

Auch auf den Feldern, die sich Harassowitz für sich selbst
zurückbehalten hatte, standen schöne Früchte. Es war von vornherein klar, daß der ehemalige Büttnerbauer die Ernte allein nicht
werde bewältigen können. Eines Tages erschienen denn auch Helfer.

Sam hatte Leute aus dem Dorfe angenommen, als Erntearbeiter. Darauf kamen Leiterwagen, in denen die Garben
abgefahren wurden, nach Wörmsbach, hieß es, wo der Händler
ja noch mehr Land besaß. Dort stand eine Dreschmaschine,
die ihm das Korn ausdrasch. Das gedroschene Getreide wurde
nach der Stadt gefahren in die Speicher des Händlers, das
Stroh auf dem Felde in Feimen gesetzt.

Das Haferhauen gab Sam in Akkord. Aber den Hafer ließ
er nicht wegschaffen, der wurde in die Scheune gebanst. Der
alte Büttner sollte ihn mit dem Göpel ausdreschen; da war
gleich für eine Winterarbeit gesorgt.

Mit den Hackfrüchten verfuhr der Händler noch einfacher.
Das Hacken, Lesen und Einmieten machte ihm viel zu viel
Umstände. Er verkaufte die einzelnen Furchen meistbietend an
die Dorfleute. Nur soviel Kraut. Rüben und Kartoffeln behielt er, wie für das Vieh während des Winters unentbehrlich war.

Diesem Manne schien jedes Unternehmen zu glücken. Soetwas hätte nur ein Bauer versuchen sollen, der wäre sicher
zu Schaden und darüber noch zu Spott gekommen.

Wenn Samuel Harrassowitz im Gasthof bekannt machen
ließ, daß Auktion sei, dann kamen alle gelaufen. Die bloße
Thatsache, daß Sam im Orte war, schien das Geld in den
Taschen locker zu machen.

Er machte es den Leuten aber auch leicht; er war wirklich ein ‚kulanter‘ Geschäftsmann. Jede Art von Bezahlung
nahm er an. War es nicht in Geld, dann in Naturalien,
oder auch durch Abarbeiten. Unter Umständen fand er sich auch
bereit, ein Stück Vieh an Zahlungsstatt anzunehmen. Das
gab er dann womöglich wieder einem anderen, mit dem er
in Geschäftsverbindung stand, in den Stall. Und Kredit gewährte er auch jederzeit. Diese Eigenschaft wurde von den
Landleuten besonders an ihm geschätzt. Nur im äußersten
Notfalle klagte er einen Schuldner aus, und dann sicher nur
einen, bei dem noch etwas zu holen war. Die Leute, die nichts
mehr besaßen, ließ er mit Zwangsvollstreckungen in Frieden.
Die mußten ihre Schuld abarbeiten, und er sorgte dafür, daß
der Posten niemals gänzlich getilgt wurde.

Auch den alten Büttner behandelte der Händler jetzt ganz
wie seinen Arbeiter. Er schalt ihn gelegentlich, nannte ihn
faul und dumm, ein andermal wieder lobte er ihn, je nachdem seine Herrenlaune gerade war.

Der alte Mann nahm das mit jener mürrischen Gelassenheit hin, die ihm neuerdings zur zweiten Natur geworden zu sein schien. In seinem Wesen war etwas geknickt, ausgelöscht für immer; es war, als habe er kein Ehrgefühl mehr im Leibe.

Dergleichen Behandlung hätte ihm früher einmal jemand
bieten sollen! Heiler Haut wäre der nicht vom Hofe gekommen.
Und jetzt ließ er sich schmähen von dem Fremdling! —

In sein Dasein, in sein ganzes Treiben und Thun war
etwas Zweckloses, Widersinniges gekommen: er arbeitete für
seinen Peiniger, ernährte mit seiner Händewerk nur das starke
Raubtier, das ihm das Blut aussaugte.

Es gab kein Entrinnen! Harrassowitz hielt ihn an vielen
Ketten. Er war der Schuldner des Händlers geblieben, auch
nachdem er sein Gut an ihn verloren. Es war ein Akt der
Gnade, wenn der neue Herr den Alten im Hause ließ. Fiel
es dem Besitzer ein, ihn hinauszuwerfen, dann brauchte er
nicht einmal zu kündigen. Gelegentlich damit zu drohen, verfehlte Sam nicht. Er war, in seiner Art, ein Kenner des
deutschen Bauern. Er wußte, wie zähe diese Sorte an der
Scholle klebt, wie ihr zur Erde gewandter Blick sie dumpf
und blöde macht, unfähig, Vorteil von Nachteil zu unterscheiden.

Sam wußte nur zu gut, daß der alte Büttner sich lieber
das Herz aus dem Leibe würde reißen lassen, als daß er die
Stelle verlassen hätte, die seine Vorfahren besessen, die er
selbst durch ein Leben innegehabt. Die Angst, vom Hofe getrieben zu werden, band den Alten, wie ein ungeschriebener,
aber darum nicht minder wirksamer Kontrakt, an den neuen
Besitzer des Bauerngutes.

Es war eine Art von Leibeigenschaft. Und gegen dieses
Joch waren die alten Fronden, der Zwangsgesindedienst, die
Hofegängerei und alle Spann- und Handdienste der Hörigkeit, unter denen die Vorfahren des Büttnerbauern geseufzt hatten,
federleicht gewesen. Damals sorgte der gnädige Herr immerhin
für seine Unterthanen, mit jener Liebe, die ein kluger Haushalter für jedes Geschöpf hat, das ihm Nutzen schafft, und es
gab manches Band gemeinsamen Interesses, das den Hörigen
mit der Herrschaft verband. Bei dieser modernen Form der
Hörigkeit aber fehlte der ausgleichende und versöhnende Kitt
der Tradition. Hier herrschte die parvenuhafte Macht von
gestern protzig und frivol, die herzlose Unterjochung unter die
kalte Hand des Kapitals. —

Man mußte dem Händler eines lassen, er arbeitete geschickt, mit ‚Diskretion‛, ja, mit einer gewissen Eleganz. Sam
besaß das Talent seiner Rasse in hohem Maße, anderer Arbeit zu verwerten, sich in Nestern, welche fleißige Vögel mit
emsiger Sorgfalt zusammengetragen, wohnlich einzurichten. Und
die Natur hatte ihm eine Gemütsverfassung verliehen, die es
ihm leicht machte, sich um das Geschick der fremden Eier nicht
sonderlich zu grämen.

Man rechnete Sam nach, daß er bereits jetzt, durch den
Verkauf einzelner Parzellen, für den Preis gedeckt sei, den er
bei der Subhastation geboten hatte.

Eines Tages im Frühsommer waren eine Anzahl fremder
Arbeiter und ein Geometer nach Halbenau gekommen. Sie
hatten sich auf die große Wiese, die zwischen dem Büttnerschen
Hofe und dem Walde, ungefähr in der Mitte des Grundstückes
lag, begeben. Hier, an der dachartig abfallenden Lehne, fingen
sie an, abzustecken. Dann wurde der Rasen abgeschält, der
Humus, der zunächst unter der Grasnarbe lag, auf besondere
Haufen geworfen, und schließlich in der tiefer gelegenen
zähen Thonerde ein umfangreiches Viereck von Metertiefe
ausgegraben.

Hier sollte die Dampfziegelei hin, die Harrassowitz zu
gründen gedachte.

Es sei ein allgemeines Bedürfnis für die Gegend, hatte
Sam erklärt; weit und breit bekäme man keine vernünftigen
Ziegeln zu kaufen. Er halte es für seine Pflicht, etwas für
die Hebung des Ortes zu thun, durch Einführung der Industrie.
Nun sollten die Halbenauer einmal sehen, was jetzt für Geld
unter die Leute kommen werde! —

Die Grundmauern zum Ringofen schossen schnell aus dem
Boden empor, das Gebälk zum Trockenschuppen wurde gerüstet, die Schlämmbassins angelegt, und schließlich die einzelnen Teile der weitläufigen Anlage mittelst schmaler Schienenstränge verbunden. Über dem Ganzen reckte sich bald die
Ziegeleiesse höher und höher empor; ein ungewohnter Anblick, der die Halbenauer staunen machte. Nun bekamen sie
doch auch eine Dampfesse in den Ort.

Täglich gab es jetzt Veränderungen auf dem Grundstücke.
Eines Tages, im Herbst, erschien ein gräflicher Revierförster
mit seinen Leuten auf der zum Büttnerschen Gute gehörigen
Waldparzelle. In wenigen Tagen ward mit den verkrüppelten
Kiefern, Wachholderbüschen und Stockausschlägen aufgeräumt
und Kahlschlag hergestellt.

Die Herrschaft Saland hatte nun doch den Wald des Bauerngutes angekauft für ein Geld, das dem Bauern, hätte er es zur
rechten Zeit gehabt, über alle Nöte hinweggeholfen haben würde.
Gleichzeitig war auch das ,Büschelgewende‛, dessen Urbarmachung dem alten Manne so viel sauren Schweiß gekostet hatte,
an den mächtigen Nachbarn gekommen. Nun war das Loch zugemacht, das bisher die beiden gräflichen Reviere: Halbenau
und Saland, getrennt hatte. Im Frühjahr sollte die ganze
Fläche zugepflanzt werden.

Traugott Büttner sah alle diese Dinge. Keine Klage
kam über seine Lippen. Es war, als habe er sich selbst Schweigen auferlegt. Was in seinem Inneren vor sich ging, erfuhr
kein Mensch.

Er glich einer Pflanze, die man schlecht versetzt hat,
und die nun in verwahrlostem Zustande dahinsiecht; sie vegitiert noch, aber in ihren Säften geht sie zurück. Er glich
auch einer Maschine, die ohne treibende Kraft doch weiter
arbeitet, weil der Schwung von früher her noch ein Weilchen
vorhält, ehe sie aussetzt.

Für Schmerz war er scheinbar unempfindlich geworden,
abgestumpft durch das Zuviel, gleich dem Boden, der allzustark getränkt, keine Nässe mehr in sich aufnimmt.

Die da meinten, er sei gefühllos, irrten sich. Er fühlte
gar wohl das Unrecht, das ihm widerfuhr. Die Demut und
Schmerzensseligkeit eines Hiob war seiner halsstarrigen Bauernnatur nicht eigen. Weit davon entfernt war er, mit dem
Knechte Gottes aus dem alten Testamente zu sagen:

„Ich bin nackend von meiner Mutter Leibe gekommen,
nackend werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei
gelobet!“

Wenn er auch scheinbar zum stumpfen Lasttier herabgesunken war, das die Schläge gleichgültig hinnimmt, so blieb
sein innerer Trotz doch ungebrochen. Menschenhaß und Verachtung
waren seine Tröster, Groll seine Nahrung; die einzige die ihn
noch in Kraft erhielt. Aber die Qualen, die er ertrug, waren
um so brennender, weil er nicht den Schrei der Wut fand,
sich von ihnen zu entlasten.

VI.

Nachdem das Manöver vorüber, hatte der Graf Urlaub
genommen, um die Hochzeit seiner Schwester Wanda auszurichten. Große Vorbereitungen wurden in Schloß Saland zu
diesem Feste getroffen. Der Adel der Nachbarschaft, die Magnaten der Provinz waren geladen. Aus Berlin waren Freunde
des Bräutigams und Kameraden des Wirtes eingetroffen, und
immer noch erschienen neue Gäste.

Es war ein Fest für die ganze Gegend. Die kleinen
Leute nahmen die Gelegenheit wahr, einmal gründlich blauen
Montag zu machen. Täglich gab es in Saland jetzt etwas zu
sehen. Einmal hieß es, ein Wagen sei angekommen, mit sechs
Pferden davor, Kutscher und Diener dazu mit feuerroten Röcken.
Natürlich lief man da von der Arbeit fort, um das Wunder
zu begaffen. Dann wieder gab es ein Feuerwerk. Leute in
einem entfernten Dorfe sahen davon den Schein gegen den
nächtlichen Himmel und glaubten, es müsse ein Schadenfeuer
sein. Die Sturmglocke wurde angeschlagen, die Feuerwehr
allarmiert. Die Feuerwehren der Ortschaften, durch die man
kam, schlossen sich an. Und so erschien schließlich eine ganze
Anzahl Spritzen vor Schloß Saland. Als man wahrnahm,
daß es gar kein Feuer gab, schimpfte man weidlich.

Der Graf erfuhr von dem falschen Alarm und ließ den
Leuten Bier geben aus der Schloßbrauerei, damit sie, statt
des Feuers, wenigstens ihren Durst löschen möchten. —

Die fabelhaftesten Gerüchte durchschwirrten die Luft; es
hieß: am Hochzeitstage solle Geld unter die Menge geworfen
werden, im Schloßhofe werde am Vorabend der Trauung
ein gebratener Ochse und ganze Schweine und Kälber zur allgemeinen Speisung ausgelegt werden, und dazu würde aus
einem Riesenfasse Wein fließen.

Eine Art von Fieber hatte sich der Bevölkerung bemächtigt.
Die Arbeit schmeckte den Entnüchterten nicht mehr; man erwartete voll Spannung außergewöhnliche Dinge.

Auch Karl Büttner war von Wörmsbach herübergelaufen,
um sich das Feuerwerk mit anzusehen. Er kannte einige von
der Feuerwehrmannschaft von der Truppe her. Man nahm
ihn mit, als es zur Bierverteilung kam. So gelangte er zu
Bier und Cigarren, er wußte nicht wie! —

Das hatte ihm gefallen! Am nächsten Vormittage lief er
schon wieder nach Saland, gegen Theresens Willen. Er
hoffte im Stillen auf einen ähnlich glücklichen Zufall, wie
ihn der vorige Abend gebracht.

Diesmal fiel zwar nichts für ihn ab, aber er wurde Zeuge
eines merkwürdigen Schauspiels.

Im gräflichen Park befand sich eine Wiese, beschattet von
prächtigen Eichen und Linden. Hier auf ebener Rasenfläche
überraschte Karl eine wunderliche Gesellschaft. Eine Anzahl
Burschen sprang da herum, wie die Müller anzusehen, von oben
bis unten weiß. Auf den Köpfen trugen sie bunte Mützen,
um die Hüften farbige Gürtel. Sie hielten in ihren Händen
Dinger, großen Fliegenklatschen nicht unähnlich, damit warfen
sie sich kleine Bälle zu, über ein Netz weg, das quer über
den Rasenplatz gespannt war. Dazu schrieen sie unverständliche
Worte, gestikulierten eifrig, und liefen manchmal wie besessen
hin und her.

Das war sehr possierlich mit anzusehen. Die Burschen
selber aber schienen die Sache mit großem Ernst und Eifer
zu betreiben.

Karl hatte die Spielenden von weitem für Knaben gehalten, die sich mit dergleichen Narreteien die Zeit vertrieben.
Als er näher kam, erkannte er jedoch, daß es erwachsene
Männer seien. Er schloß sich einer Gruppe von Dorfleuten
an, die, hinter einem Boskett stehend, dem Treiben der Vornehmen zusahen.

Auf der Parkwiese war eine größere Gesellschaft versammelt: Herren und Damen. Man saß und lag umher auf
Korbstühlen und Bastmatten. Zwischen den Bäumen waren
Hängematten gespannt. Eine Dame, die sich in einer solchen
hin und her schaukelte, nahm sich wie ein roter Farbenklecks
aus, gegen das Grün des Rasens. Man trank, rauchte,
nahm Erfrischungen zu sich, stand in Gruppen bei einander,
lachte und schwatzte, in nachlässiger Weise. Ein Konzert
fremdartiger Formen und Farben: die Damen in hellen
Toiletten, wie exotische Blumen! Ein üppiges, farbenschillerndes Bild, von niegesehener Eigenart entrollte sich vor den
Augen des Landsvolkes. Karl stand da und riß große unverständige Augen auf.

Eine Frau, die gelegentlich auf Scheuerarbeit in's Schloß
kam, machte die Erklärerin. Sie wußte, welcher der Bräutigam sei: dort der kleine, mit dem schwarzen Schnurrbärtchen.
— Karl hatte sich einen Prinzen bis dahin auch ganz anders
vorgestellt.

Jetzt hörten sie auf zu spielen. Großes Durcheinander
herrschte auf dem Platze. „Nu hat eene Parte gewunnen!
Desderwegen thun se su brillen,“ erklärte die Frau, sichtlich
stolz, daß sie so gut über die Sitten der Großen unterrichtet
sei. „Itze wern de Frauensmenscher och glei losmachen, paßt
a mal uff!“

Richtig! es traten zwei Damen mit auf den Plan. „Saht
ack, das is se! das is unse Wanda — das is de Braut!“

Nun sah man auch die Damen voll Eifer auf dem Rasen
hüpfen. Es wurde viel gelacht und gejubelt. Das Brautpaar spielte auf einer Seite; sie verloren. Wanda tadelte den
prinzlichen Partner oft genug und ließ ihn nach den verlorenen Bällen springen.

Ein kleiner Alter, mit einem Leinewandsack auf den Rücken,
hatte lange wortlos dem Spiele zugesehen, aus matten rotumränderten Augen. Dann sagte er plötzlich: „die sein verrickt
in Koppe!“ damit ging er kopfschüttelnd von dannen.

„Racht hat 'r!“ sagte ein anderer. „De Grußen sen alle
verrickt, alle mitenander sen die verrickt, de Grußen! Hot ees
suwas gesahn! Die mechten wos Gescheitres macha, als dohie
su rimkalbern, und an lieben Herrngutt de Zeet stahlen.“

Die Frau, welche vorher Erklärungen gemacht hatte, widersprach. „Nu is 's etwan nich asu?“ hieß es da. „Gabt der
Art eene urndtliche Arbeet ei de Hand und 'r sollt sahn, wie se
sich daderzut astellen warn!“

Karl blieb noch eine ganze Weile dort stehen. Das Treiben
gefiel ihm, wenn er den Sinn auch nicht verstand.

Auf dem Rückwege kehrte er ein. Bei dieser Gelegenheit
traf er einen Bekannten, der ihm erzählte: morgen sei Jagd auf
dem Herrschaftlichen, da gebe es gute Bezahlung und gewöhnlich
auch Anteil am Jagdfrühstück für die Treiber; es würden
noch Treiber gesucht. Karl, den besonders das Jagdfrühstück
lockte, ging auf die nahe Oberförsterei und meldete sich als
Treiber.

Am nächsten Morgen fand bei klarem Frühherbstwetter die
Jagd statt. Es galt vor allem den Fasanen, aber auch Birkwild, Rebhühner, Rehböcke und Hasen sollten zum Abschuß
kommen.

Karl Büttner ging in einer langen Reihe von Treibern,
mit einem Stocke bewaffnet. Der Fasane wegen, die sich gern
übergehen lassen, gingen die Treiber so eng, daß sie sich fast
die Hände reichen konnten. Sie waren angewiesen, ganz langsam, schrittweise, vorzugehen, wenig Lärm zu machen und mit
ihren Stöcken auf die Büsche und jungen Bäumchen zu klopfen,
um das Wild locker zu machen. Von Zeit zu Zeit ertönten,
von einem am Flügel marschierenden Forstbeamten geblasen,
Signale; dann machte die ganze Kette Halt, um auf ein neues
Signal wieder loszuschreiten.

Die Fasane waren zahlreich, da im Herbst zuvor wenig
abgeschossen worden war. Bei dem warmen Wetter lagen die
Vögel fest, oft flogen sie den Treibern unter den Füßen auf.
In einem fort ertönte das Gackern der Hähne. Dann, sobald
die Vögel über die Schützenkette strichen, Schüsse, oft ganze
Kanonaden! Es war ein herzerquickendes Schauspiel für das
Auge des Waidmanns, wenn der Fasanhahn in die Luft
stieg, dann in gerader Linie abstrich, im Glanze seines
prächtigen Gefieders, mit dem langen Stoße. Darauf ein
wohlgezielter Schuß, gut vorgehalten; der königliche Vogel
klappte zusammen, die ganze Pracht hatte ein jähes Ende gefunden! —

Auch der Treiber bemächtigte sich gar bald das Jagdfieber.
Aller Mahnungen des Forstpersonals, sich stille zu verhalten,
ungeachtet, schrien sie laut, jeden Treffschuß bejubelnd.

Nach dem fünften Treiben fand Frühstückspause statt.
Tische und Bänke waren herbeigefahren worden. Am Feuer,
das auf einem Waldwege angezündet worden war, wurden
große eiserne Töpfe und kupferne Kessel mit Speisen und Getränken gewärmt. Die Schützen ließen sich nieder, einige Diener
vom Schlosse bedienten.

Karl hatte unter den Jagdgästen einen ehemaligen Vorgesetzten wiedererkannt, der sein Rekrutenoffizier gewesen war.
Inzwischen war der damalige Leutnant zum Major vorgerückt und nach Berlin zur Garde versetzt worden.

Karl konnte den Entschluß nicht recht finden, den Herrn
anzureden. Wer weiß, ob der ihn kennen würde? Und dann
wurde er womöglich ausgelacht! — Aber nach dem Frühstück wuchs sein Mut. Die Speisereste waren unter die Treiber
verteilt worden; Karl hatte gierig geschlungen. Auf irgend
eine Weise war auch eine Flasche starken Likörs vom Tische
der Schützen unter die Treiber geraten. Karl hatte einige
Schlucke von dem ungewohnten Getränk genossen; er befand
sich infolgedessen in gehobener Stimmung.

Mit mehr Freimut, als ihm für gewöhnlich eigen war, trat
er vor seinen ehemaligen Vorgesetzten hin, schlug die Hacken zusammen, legte die Hand an die Kopfbedeckung, sagte seinen Namen
und erzählte, daß er Rekrut beim Herrn Major gewesen sei.

Der Offizier betrachtete sich den großen ungeschlachten
Burschen eine Weile, dann schien ihm die Erinnerung zu kommen.

„Waren Sie nicht anfangs rechter Flügelmann der Abteilung?“ fragte er. Karl bejahte. „Aber nachher mußte ich
Sie in's zweite Glied stecken, weil Sie mir die ganze Gesellschaft umschmissen. Denn Sie waren doch der Rekrut, der immer
rechts und links verwechselte — nichtwahr?“ Karl antwortete
durch ein verlegenes Grinsen auf diese verfängliche Frage.

Der Major erzählte nun den anderen Schützen allerhand
Streiche von dem Rekruten Büttner. Er that sich auf sein
ausgezeichnetes Gedächtnis etwas zu gute. Dann erkundigte
er sich nach Karls jetziger Beschäftigung, ob er verheiratet sei,
Kinder habe, und so weiter.

Während des nächsten Treibens hatte Hauptmann Schroff,
welcher Zeuge der Unterhaltung gewesen war, dem Major die
Geschichte der Büttnerschen Familie berichtet. Andere Herren
traten hinzu, der Fall wurde hin und her besprochen. Über
den ländlichen Wucher ward manch kräftiges Wörtlein gesagt. Karl Büttner, als der älteste Sohn des ausgewucherten
Bauern, wurde, ohne es zu wissen, zum Märtyrer gestempelt;
auf einmal stand er im Mittelpunkte des Mitleids und der
Sympathie.

Der Major veranstaltete schließlich eine Geldsammlung
für seinen ehemaligen Rekruten. Es gingen ebensoviele Goldstücke ein, wie Herren da waren. Der Major drückte dem erstaunten Karl die Summe von hundert und vierzig Mark in
die Hand, mit dem Wunsche, daß er sich damit ein wenig
„aufrappeln“ solle.

Karl vergaß das Danken, so überrascht war er.

Die anderen Treiber steckten die Köpfe zusammen. Schon
regte sich der Neid. So viel Geld verdiente man auf rechtmähige Weise ja nicht in vielen Monaten.

Hauptmann Schroff war ungehalten, daß man dem Manne
das Geld so ohne weiteres ausgehändigt hatte; doch konnte
er nichts mehr daran ändern. Er ermahnte Karl wenigstens,
er möge keinen Unfug damit anstellen.

Aber der hörte und sah nichts mehr, starrte nur immer
die Goldstücke in seiner Hand an. — War das ein Glück! Er
vermochte es kaum zu fassen.

Die Jagd ging weiter. Karl Büttner wurde jetzt auch
von den Treibern ganz besonders beachtet. Er hatte selbst
keine Schnapsflasche mitgebracht; dafür beeilten sich die anderen ihm ihre ‚Neegen‘ anzubieten. Es war gut für Karl, daß
die Dämmerung herankam und damit das Ende der Jagd,
denn er war so berauscht, daß er sich kaum noch auf den
Füßen zu erhalten vermochte.

Es gehörte nicht viel dazu, um Karl betrunken zu machen.
Heute hatte das ungewöhnliche Glück, das ihm so unversehens
in den Schoß gefallen war, dazu beigetragen, ihn zu berauschen. In der seligsten Laune trat er mit den anderen
Treibern den Heimweg an.

Als man an einem Gasthof vorüber kam, hieß es: Büttnerkarl müsse etwas zum besten geben. Karl zögerte. Eine
Stimme warnte ihn, die Gaststube zu betreten. Er sehnte sich
eigentlich nach Haus, um seiner Frau das Geld auf den Tisch
zu legen. Was die für Augen machen würde!

Therese hatte ihn zwar in der letzten Zeit schlechter denn
je behandelt; dumm und faul und einen Freßsack hatte sie ihn
genannt, der nichts weiter könne, als fressen, saufen, und sie
belästigen. — Nun wollte er ihr's mal zeigen! Er konnte doch
noch was anderes! Soviel Geld, wie er heute mitbrachte,
hatte sie wahrscheinlich noch niemals beisammen gesehen. Es
drängte ihn, zu Theresen zurückzukehren, an deren Überraschung er sich weiden wollte.

Aber die anderen setzten ihm zu. Da waren verschiedene
lustige Brüder darunter, die er gut leiden mochte. Man warf
ihm vor, er sei ein Geizkragen. Mit einer ganzen Tasche voll
Gold wolle er nicht mal ein paar Groschen für Branntwein
springen lassen, das sei einfach ruppig. Karl glaubte, diesen
Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen zu dürfen; er trat in die
Schenkstube, schlug auf den Tisch und verlangte Korn für die
ganze Gesellschaft.

Als er nach einigen Stunden die Schenke verließ, war
Karl zwölf Mark losgeworden. Er war schwer betrunken,
lallte und heulte wie ein Kind. Von zwei Leuten mußte er
geführt werden, die ihn bis nach Wörmsbach, vor sein Haus,
brachten. Die beiden Führer klopften an die Hausthür, bis
Therese den Kopf zum Fenster hinaussteckte und ärgerlich fragte:
wer da sei. Die Männer setzten den Besinnungslosen auf die
Thürschwelle und entfernten sich schnell. Sie verspürten nicht die
geringste Lust nach einem Zusammentreffen mit der bösen Sieben.

Therese schleifte den Betrunkenen in's Zimmer. Sie war
außer sich. Nun fing Karl noch an, zu saufen. Das hatte
wirklich gefehlt zu allem Unglück!

Sie entkleidete ihn, um ihn in's Bett zu schaffen. Als
sie ihm die Beinkleider herunterzog, hörte sie ein Klirren und
Klappern. Sie untersuchte die Taschen. Dabei fiel ihr das
Geld in die Hände. Sie suchte alles zusammen, legte es auf
den Tisch, und zählte: hundert und achtundzwanzig Mark.

Zunächst war Therese erschrocken. Wie kam Karl zu
dem Gelde? —

Sie schrie ihn an, er solle ihr antworten. Er hatte nur
ein unverständliches Grunzen. Noch einmal zählte sie das
Geld durch; es blieb dabei.

Einstweilen mußte sie sich damit beruhigen, bis er nüchtern
sein würde.

Ob er's gefunden hatte? — Daß er es verdient habe,
war nicht anzunehmen. Oder war es geschenkt? — geborgt? — oder . . . . . Nein! Das war undenkbar! Anders,
als ehrlich, hatte sie ihn nie gekannt.

Auf alle Fälle mußte soviel Geld gut aufgehoben werden!
Therese dachte lange nach, über einen sicheren Ort. Dann
fiel ihr etwas ein: am Ofen war eine Kachel locker geworden,
man konnte sie herausnehmen und wieder hineinsetzen; das
hatte sie neulich entdeckt. Dort würde schwerlich jemand
suchen. — Sie stieg auf einen Stuhl, hob die Kachel aus,
legte das Geld sorgfältig eingewickelt in das Loch und setzte
die Kachel wieder an ihre Stelle.

Karl erwachte erst im Laufe des Vormittags von seinem
schweren Rausche. Noch länger als gewöhnlich brauchte er
heute zum Überlegen. Wo war er gestern gewesen? was war
ihm zugestoßen? wie war er nach Haus gekommen? — Er sann
und sann. Die letzte feststehende Thatsache, die aus dem
Nebel auftauchte, war die Jagd. Nach und nach kamen ihm
einzelne Momente ins Gedächtnis zurück: das Frühstück, als
ein besonderer Lichtpunkt, der Major, und damit das Geldgeschenk.

Hatte er das alles etwa geträumt? — Aber er glaubte sich
noch ganz genau der einzelnen Geldstücke zu entsinnen; er
hatte sie ja in seiner Hand gefühlt. Es fiel ihm auch ein,
daß er sie in seinen Tabaksbeutel gethan und in die Tasche
gesteckt habe.

Er griff nach seinen Hosen, sie lagen mit seinen übrigen
Sachen am Bette. Der Beutel war da, auch ein Rest von
Tabak darin, aber das Geld fehlte!

Therese war inzwischen in Haus und Stall thätig gewesen. Sie that die Arbeit für zweie. Erst hatte sie Karls
Kleider gereinigt, die Kinder versorgt, und schließlich das Vieh
gefüttert.

Sie besaßen zwei Ziegen, außerdem standen ein paar
Kühe im Stalle. Harrassowitz hatte sie eingestellt, damit sie
für den Fleischer fett gemacht werden sollten. Wahrscheinlich
hatte Sam die Tiere zum Pfande für eine Schuld angenommen;
nun ließ er sie hier mästen.

Nachdem Therese noch eine Karre mit Krautblättern für
das Vieh hereingebracht, wollte sie daran gehen, das Mittagbrot anzusetzen. Als sie in das große Zimmer trat, hörte sie
nebenan in der Kammer schluchzen. Sie riß die Thür auf;
da saß Karl auf seinem Bette, halbangezogen und heulte.

Therese stemmte die Hände auf die Hüften und wollte
eben anfangen, loszuwettern. War der Mensch denn verrückt
geworden? Da saß er und plärrte wie ein kleiner Junge! —

Auf einmal aber mußte sie lachen. Er sah zu dumm aus
mit seinem roten Kopfe, dem offenen Hemde, aus dem die
haarige Brust hervorsah, wie er so auf der Bettkante saß, der
große Kerl, und mit schief verzogenem Munde die Thränen
laufen ließ. Dazu barmte er: „Mei Geld! mei Geld! Se
han mersch gestohlen!“

Therese trat an ihn heran, stieß ihn nicht gerade sanft
gegen die Schulter. „Dummer Kerl! her uff, zu natschen!“

Karl sah sie unverständig an. „Ich hatt' se dohie in
Tobaksbeitel, ane ganze Hanfel Goldsticke. Nu sen se weg! Die
schlachten Karlen han's genummen!“ Er wollte von neuem aufheulen.

„Halt's Maul! Dei Geld is gutt uffgehoben.“

„Soi mer ack, wu's is?“

Therese antwortete nicht auf seine Frage. Nach einiger
Zeit meinte sie: „Soi Du mer lieber, wie's Du zu suvills Geld
gekummen bist?“

Karl erzählte ihr darauf mit vielen Wiederholungen und
Unterbrechungen den Verlauf des gestrigen Tages. Von dem
Augenblicke an freilich, wo er zum zweiten Male Schnaps für
die ganze Gesellschaft bestellt hatte, konnte er sich auf nichts
mehr besinnen.

Therese ärgerte sich, daß so viel von der Summe bereits
draufgegangen war. Nun war sie erst recht entschlossen, ihn
nicht wissen zu lassen, wo das übrige sich befinde; sonst
würde das am Ende auch desselben Weges gehen.

Sie war längst mit sich im Reinen, was von dem Gelde
angeschafft werden solle: Ein paar Ferkel zur Mast, für die
Kinder neue Kleider; die liefen in Lumpen herum, daß es eine
Schande war. Dieser Goldsegen kam ihr wie gerufen in's
Haus.

Als Karl in Erfahrung gebracht hatte, daß sie das Geld
an sich genommen, verlangte er Herausgabe. Sie fuhr ihn an,
er sollte aufstehen und machen, daß er zur Arbeit komme, alles
andere werde sich später finden.

Karl war zu schwach, um seinem Willen Geltung zu verschaffen. Hände und Kniee zitterten ihm. Er mußte froh sein,
daß Therese ihm etwas zu essen vorsetzte. Nachdem er gegessen,
saß er am Tische und brütete. Sein Geld wollte er wieder
haben! Ihm war es geschenkt, folglich war es sein, und sie
hatte kein Recht darauf! —

Sie veranlaßte ihn, aufzustehen, drückte ihm eine Hacke
in die Hand und gab ihm einen Schubkarren mit; er
solle Kartoffeln graben gehen auf dem Felde. Karl gehorchte
stumm.

Er begann zu hacken, aber bald wurde ihm die Arbeit
sauer. Der Rücken schmerzte. Seine Gliedmaßen waren schwer
von der nächtlichen Schlemmerei. Ihm war gar nicht wie
Arbeiten zu Mute heute. An dem Bummelleben der letzten
Tage hatte er Gefallen gefunden; er wollte heute nochmal
blau machen. Wozu nutzte das schlechte Leben! Besaß er denn
nicht außerdem jetzt einen ganzen Haufen Geld, wenn Therese
's ihm auch nicht herausrücken wollte. Sein war's doch! Mochte
die sich ihre Kartoffeln selber ausmachen!

Er warf die Hacke in den Karren, wandte dem Felde den
Rücken und ging querfeldein auf Saland zu. Dort war heute
gewiß wieder was Extraes los.

Als er an den herrschaftlichen Parke kam, traf er eine
Anzahl Leute, die gleich ihm das Hochzeitsfest der Komtesse
zum Vorwande nahmen, nichts zu thun, und auf Außergewöhnliches erpicht, in der Nähe des Schlosses umherlungerten. Auch einige von Karls Saufbrüdern von der vorigen Nacht waren darunter. Sie begrüßten ihn mit Hallo,
schlossen sich ihm an, in der Annahme, daß er Geld bei
sich habe.

Dann traten Männer mit Soldatenmützen und Denkmünzen auf. Einer von ihnen fragte Karl Büttner, ob er sich
nicht am Fackelzuge beteiligen werde. Karl hatte davon noch
nichts gehört. Man erklärte ihm, die Militärvereine der Umgegend würden dem Brautpaare Abends einen Fackelzug bringen.
Karl, aufgefordert, mitzumachen, sagte nicht: nein!

Die Fackelträger stellten sich in einer entlegenen Ecke des
Parkes auf. Der Ehrenvorsitzende des Kriegerbundes, Hauptmann Schroff, ordnete den Zug. Karl bekam eine Fackel in
die Hand gedrückt. Es solle am Schlosse vorübergezogen
werden, hieß es.

Der ganze Bau war bis zum dritten Stockwerk hinauf
taghell erleuchtet. Mächtige Holzstöße brannten zu beiden
Seiten. In Pfannen und Becken loderte Pech. Die mächtige
Fassade, der klobige Eckturm, die Fensterreihen und Erker lagen
in rote Glut getaucht. Das Ganze schien eine große Feuersbrunst und war doch nur ein Freudenspiel. Nun brach der
Fackelzug aus den Gebüschen und Baumgruppen des Parkes
hervor; wie eine feurige Schlange näherte sich's dem Schlosse.

Von der breiten steinernen Freitreppe, die vom erhöhten
Parterre des Schlosses in den Park hinabführte, sah die Hochzeitsgesellschaft dem Schauspiele zu. Herren mit Epauletten und
Ordenssternen, Damen mit Spitzen, Brillanten, weißen Pelzkragen und Mantillen. Greise Häupter, liebliche Mädchengesichter! Ein Flor von hellen duftigen Toiletten! Dazwischen
der Ernst des Frackes, und das Blitzen der Uniformen. —

Karl war es, als träume er. Wie eine Erscheinung aus
anderer Welt, ein Wunder, nie gesehen, von ungeahntem, unbegreiflichem Glanz, stand dieses Bild auf einmal vor den erstaunten Augen des Dorfkindes. Als wär ein Vorhang weggerissen und er dürfe einen Blick thun in den Himmel, war ihm
zu Mute. Er konnte nur starren und starren. Das Bild stand
da, lebendig, in tagheller Beleuchtung; ringsherum war Nacht.

Der Zug machte Halt. Jemand sprach. Der Bräutigam
verneigte sich und schüttelte einigen Deputierten die Hände.
Die Braut winkte mit ihrem weißen Arme. Dann schrie
eine Stimme: „Hoch!“ Hunderte fielen ein und schwenkten
die Hüte. Karl schrie aus Leibeskräften mit. Ihn hatte es
auf einmal wie Begeisterung erfaßt. Feierlich war ihm zu
Mute; er mußte gegen das Weinen ankämpfen. Kommandoruf! Die Spitze setzte sich in Bewegung. Die einzelnen Rotten
marschierten im Gleichtritt vorüber, den Kopf stramm nach
rechts gewandt, wie bei der Parade. Noch einmal sah Karl
das Bild, jetzt zum Greifen nahe. Die einzelnen Gesichter
ganz deutlich, den bloßen Arm einer Dame, die Bärte der
Männer. Wie sie da standen, lächelten, sich unterhielten, kaum
zu ihnen hinabblickten.

Dann war der Traum vorüber, der Vorhang wieder gefallen. —

Der Zug marschierte um das Schloß herum, über die
steinerne Brücke, bog von hinten in den Schloßhof ein. Die
Fackeln wurden in den Wallgraben zusammengeworfen.

Auch in dem steingepflasterten Schloßhofe brannten Pechpfannen und Holzstöße. Tische und Bänke waren hier in
langen Reihen aufgestellt. Der Graf ließ die Fackelträger
bewirten.

Karl war bereits berauscht, nur vom Sehen. Nun hätten
die größten Wunder geschehen können, es hätte ihn nicht sonderlich in Erstaunen gesetzt.

Sie bekamen zu essen: Braten, dazu wurde Wein kredenzt. Karl dachte bei sich, so ungefähr müsse es im Himmel
zugehen. —

Ein Mann mit einem Jägerhute auf dem Kopfe und einer
breiten farbigen Schärpe um den Leib, hielt eine Ansprache,
an die „Kameraden“. Andere Reden, Hochs und Hurras
folgten. Später erschien der Graf, gefolgt von Offizieren und
Herren mit Ordenssternen. Der Schloßherr sprach einige
Worte des Dankes. Wiederum Hochs und Hurras und noch
mehr Wein.

Karl hatte nur noch das Gefühl unaussprechlich seligen
Wohlbehagens. So etwas hatte er noch nie erlebt und würde
er nie wieder erleben.

Von da ab kam er nur noch augenblicksweise zum Bewußtsein. Auf einmal stand er mit anderen Leuten zusammen
im Parke, vor der steinernen Freitreppe, die jetzt leer war.
Die hohen Fenster des ersten Stockes waren erleuchtet. Man
hörte Musik von drinnen. An den Fenstern vorüber huschten
Schatten; sie tanzten.

Nun saß er auf einmal in einem rauchigen Zimmer. Vor
Tabaksqualm vermochte er seinen Nachbar kaum zu erkennen.
Auf dem Holztische vor ihm stand ein Schnapsglas, daneben ein Fläschchen. Rings um ihn her Gesichter, und vor
jedem eben solch ein Gläschen und Fläschchen. „Büttner bezahlt de Zeche, der hat's gruße Gald,“ hieß es. „Ich —
ich — ha nischt ne mih, de Frau hat's!“ Ein lautes Gelächter
erscholl.

Karl stand auf, schlug auf den Tisch, und wollte den
Freunden erzählen, wie ihn Therese um sein Geld gebracht
hätte; da schwanden ihm die Sinne, er stürzte hin.

Als er erwachte, lag er im Straßengraben, über und
über mit Tau bedeckt. Am Himmel zeigten sich rötliche Streifen.
War es Abend oder Morgen? Er befühlte seine Glieder.
Der Kopf schmerzte ihm.

Einige Zeit darauf befand sich Karl Büttner auf dem
Wege nach Haus. Die Mütze fehlte ihm, er hinkte, über die
Backe lief ihm eine blutunterlaufene Strieme. So humpelte
er weiter, die Zähne auf einander gebissen, die Fäuste geballt. Sein Hirn war noch umnebelt; kaum daß er begriff,
wo er sei.

Aber er hatte einen Gedanken, der sich seines gesamten
Sinnens und Denkens bemächtigt hatte, ein Ziel auf das er
mit der stieren Wut des Betrunkenen losging: sein Geld!

Er wollte das Geld zurück haben. Seine Frau hatte es
ihm weggenommen. Es gehörte ihm. Heraus damit! —

So kam er mit blutunterlaufenen Augen heran. Er
schwankte und turkelte, aber er näherte sich seinem Ziele.

Es war bereits heller Tag, als er vor das Haus
kam. Die Thür war verschlossen. Er donnerte mit schwerer
Faust dagegen. Therese steckte den Kopf zum Fenster hinaus.
„Bist De's? — Schwein!“ Damit warf sie den Flügel wieder
zu. Er lehnte da eine ganze Weile, rüttelte an der Thür,
brüllte um Einlaß.

Endlich öffnete sie. Er stürzte ihr halb in die Arme.
Sie fing seine schwere Last auf, bewahrte ihn so vor sicherem Sturze. „Wo hast De gesteckt, de ganze Nacht? —
De stinkst nach Schnapse!“ Damit stieß sie ihn durch den
Gang, vor sich her. Er strebte, die Thür zum großen Zimmer
zu gewinnen. „Nich hiernei giehst De! Daß D'ch de Kinder
sahn, besuffen wie's De bist!“

Sie wollte ihn in die Kammer stoßen, aber er stemmte
sich zwischen die Thürpfosten. Es entstand ein Ringen
zwischen den Ehegatten. Sie glaubte, seiner leicht Herr werden zu können, wie bereits manch liebes Mal, in früherer Zeit
sich zur Wehr zu setzen, hatte er noch nie gewagt.

Aber sie fand einen ganz anderen in ihm, heute. Er
drang auf sie ein. Den wuchtigen Hieben seiner schweren
Fäuste vermochte sie nicht Stand zu halten. Sie versuchte
loszukommen von ihm, er hielt sie wie in eiserner Umklammerung. Sie schrie und wehrte sich, wie eine Verzweifelte.
Aber, es gab kein Entkommen. Er hielt sie mit einer Hand
und gebrauchte die andere wie einen Hammer. „Mei Geld!“
gröhlte er, zwischen den einzelnen Schlägen: „Mei Geld! Gieb
mei Geld raus?“

„'s Geld kriegst De ne!“ sagte sie mit weißem Gesicht.

Der Kampf ging weiter. Therese war keine schwächliche
Frau; sie brachte ihn mehrfach zum Wanken. Aber gegen
seine ungeschlachten Kräfte konnte sie auf die Dauer doch nichts
ausrichten.

Karl Büttner glich einem wilden Tiere in seiner Wut.
Niemand hatte ihn je so gesehen: das Gesicht gänzlich verzerrt, mit geiferndem Munde, und funkelnden Augen. Das
war nicht mehr der vom Vater ererbte trotzige Bauerngrimm
— zum Tiere war der alte Traugott Büttner nie geworden,
auch im Zorne nicht. — Das mußte von weiter her kommen.
Zurückgedämmte Wildheit brach hier durch, niedere Triebe
stiegen aus einem dunklen lang verdeckten Abgrunde ursprünglicher Verwilderung auf. —

Therese hielt sich tapfer. Bleich wie Leinewand, stöhnte
sie mit versagender Stimme: „s Geld kriegst De ne! Und
wenn De mich tutschlägst!“

Er raufte ihr das Haar, riß ihr die Kleider in Stücke.
Dann faßte er sie plötzlich mit beiden Armen um den Leib,
hob sie aus und warf sie zu Boden, wie ein Bündel. Er
stolperte dabei, fiel über sie hin, lag auf ihr und schrie ihr
in's Ohr: „Mei Geld! giebst De mei Geld raus?“

Sie lag da mit geschlossenen Augen. Schon griff er
nach ihrem Hals, um die Ohnmächtige zu würgen, als er sah,
daß Blut unter dem Haar hervordrang: ein dünner roter
Faden, der über die Stirn, an der Nase hin, nach dem Munde
zu eilte.

Da hielt er inne; hiervor erschrak selbst die bestialische
Wut. Er erhob sich, betrachtete sie. Die Frau sah schrecklich aus, mit ihrem zerfetzten Haar und dem entblößten
Busen.

Er zog sich unwillkürlich vor dem zurück, was er angerichtet hatte. Ihm ward schwül; die Beine versagten ihm
plötzlich den Dienst. Er schlug auf das Bett hin. In
wenigen Minuten schnarchte er, die Glieder weit von sich
streckend.

Nach einer Weile fing Therese an, sich zu regen. Sie
öffnete die Augen, bewegte die Arme, richtete sich mühsam
auf. Nach dem Kopfe tastend, entdeckte sie das Blut. Sie
wischte es ab, so gut sie konnte.

Dann erhob sie sich ganz, befühlte ihre Gliedmaßen.
Sie konnte noch stehen und gehen, wenn auch mit argen
Schmerzen.

Nebenan heulten die Kinder. Therese öffnete die Thür
zur Hälfte und rief ihnen zu: sie sollten stille sein, gleich würde
sie kommen.

Dann fiel ihr Blick auf den schlafenden Karl. Der Kopf
war ihm über die Bettlehne gesunken. Sein Gesicht war bereits blaurot. Er röchelte.

Sie betrachtete ihn einen Augenblick, dann griff sie
unwillkürlich zu, um ihn aus der gefährlichen Lage zu befreien. Sie hob seinen schweren Kopf und schob ihm ein
Kissen unter. Nicht gerade mit zarter Hand, aber doch in
sorgender Frauenweise, that sie das.

Dann untersuchte sie ihren Leib und ihre Kleidung.
Beschunden war sie und zerfetzt, ein ganzes Büschel Haare
hatte er ihr ausgerauft, aber totgeschlagen hatte er sie doch
nicht.

Und das Geld hatte er auch nicht, und sollte es auch
nicht bekommen; nun erst recht nicht!

Ein Lächeln des Triumphes flog über das Gesicht des
tapferen Weibes.

VII.

Die Herbstarbeiten hatten für die Sachsengänger angefangen:
Kartoffelhacken und Rübenroden. Der Oktober war feucht gewesen. Der schwere Boden hatte sich vollgesogen mit Nässe,
die Ackerscholle war zäh und klebrig.

Rübenroden ist schwere Arbeit. Sie hatten sich dazu in Gruppen geteilt. Ein Mann ging an der Spitze, um die Erde mit
dem Spaten zu lockern. Das ihm zunächst folgende Mädchen zog
mit jeder Hand eine Rübe aus und klopfte sie gegeneinander, bis
sie von Erde befreit waren. Die nachfolgenden Mädchen schlugen
dann den Rüben mit dem Hackmesser die Blätter ab.

Diese Arbeit mußte äußerst sauber geliefert werden. Der
Inspektor kam häufig und kontrollierte. Gustav hatte seine
liebe Not mit den Mädchen, die oft genug Erdreste an den
Runkeln sitzen ließen, und zu viel, oder auch zu wenig, von
dem grünen Kopfe der Rübe abschlugen.

Im Hintergrunde drohte die Fabrik, die nur allzuschnell
mit der Klage über mangelhafte Lieferung da war. Der Besitzer machte dann dem Inspektor Vorwürfe, der nahm den
Aufseher vor, der Aufseher schließlich schalt die Arbeiter. Und
so kam das Ungewitter im Instanzenwege endlich bis zu den
armen Runkelmädchen, über deren Häuptern es sich grollend
entlud.

Abends kehrte man todmünde von der anstrengenden Arbeit
in die Kasernen zurück, durchnäßt, mit beschmutzten Kleidern.
An den Stiefeln und Röcken klebte das Erdreich. Selbst die
ordentlichsten Mädchen konnten jetzt nicht mehr reinlich zur
Arbeit antreten.

Es hatte sich der geplagten Menschenkinder eine große
Sehnsucht nach der Heimat bemächtigt. Man setzte dem Aufseher zu, daß er um baldige Entlassung aus dem Dienst einkommen solle.

Im Kontrakte war ein Termin nicht genannt; es stand
darin nur, daß die Wanderarbeiter bis zur Beendigung der
Rübenernte zu bleiben hätten.

Die Ausbeute war in diesem Jahre reichlich gewesen: die
Köpfe groß und schwer; die Pflanzen hatten nur wenig durch
Auswachsen und Faulwerden gelitten. Das Gut mußte, laut
Kontrakt, ein bestimmtes Quantum Rüben an die Fabrik liefern.
Diese Bedingung war erfüllt. Der Rest der Rübenernte sollte
eingemietet werden. Hierzu waren die Weiber nicht nötig;
das Bewerfen der Rübenmieten mit Erde besorgten besser starke
Männerhände.

Der Inspektor erklärte, auf Gustavs Ansuchen, sie zu entlassen: Herr Hallstädt gestatte den Mädchen heimzukehren, die
Männer jedoch müßten bleiben, bis die letzte Rübe eingemietet sei.

Gleichzeitig wurde von Seiten der Gutsverwaltung der
Versuch gemacht, Gustav mit seinen Leuten für den nächsten
Sommer anzuwerben. Der Inspektor ließ sich zu leutseligem
Wesen herab, als er mit diesem Ansinnen kam. Statt des
hochfahrenden Vorgesetztentones, den er bisher den Wanderarbeitern gegenüber gehabt, schlug er auf einmal mildere Weisen
an, suchte sich dem Aufseher gegenüber als Kamerad aufzuspielen.

Aber bei Gustav verfingen diese Künste nicht. Er hatte
das zweideutige Verhalten des Mannes, der sich jetzt als
Arbeiterfreund gab, von der Ausstandszeit her noch zu gut
im Gedächtnis; auch wünschte er sich keinen zweiten Sommer,
wie diesen. Er lehnte daher das Anerbieten rundweg ab.

So reisten denn die Mädchen in ihre Heimat zurück.
Gustav ließ seine Frau und den Jungen mit ihnen fahren.
Pauline hatte sich in der letzten Zeit totunglücklich gefühlt.
Die Häuslichkeit fehlte ihrem Ordnung und Ruhe bedürftigen
Sinn. Sie sehnte sich nach der Mutter und ihrem kleinen
Häuschen in Halbenau zurück. Manche Thräne hatte sie heimlich verschluckt, um Gustav nicht durch ihr Leid noch trüber zu
stimmen.

Ernestine war leichten Herzens. Unter allen Mädchen
hatte sie am meisten zurückgelegt vom Verdienst. Was sie
mit Häschke verabredet habe, erfuhr niemand, aber es war
anzunehmen, daß sie einig seien. Er hatte ihr seine Ersparnisse übergeben, als eine Art von Unterpfand, daß er sie nicht
sitzen lassen werde. Man munkelte, er wolle zunächst in seine
Heimat zurückkehren, um sich dort nach festem Erwerb umzusehen, dann würde er Ernestinen nachholen und Hochzeit mit
ihr machen.

Das andere Liebespaar machte es ähnlich. Fumfack wollte
nach beendeter Rübenarbeit wieder zu seinem Schmiedegewerbe
zurückkehren. Mit dem von ihm und seiner Braut verdienten
Gelde hatte er vor, sich selbständig zu machen. Dann sollte
geheiratet werden.

Von der ganzen Gesellschaft blieb nur einer im Westen
zurück, das war Welke, der ehemalige Stallbursche. Der hatte
eine Stelle als Kutscher bei einem Fabrikanten der Nachbarschaft
angenommen.

Die vier Männer arbeiteten noch ihre Aufgabe ab. Endlich war die letzte Schaufel Erde auf die große Rübenmiete
geworfen. Nun konnten auch sie reisen.

Gustav hatte zum Schluß noch eine häßliche Auseinandersetzung mit dem Inspektor. Die Gratifikation, welche ihm im
Frühjahr in Aussicht gestellt worden war, sollte ihm jetzt vorenthalten werden. Und in seinem Kontrakte stand doch, er
solle eine Extravergütung erhalten, falls man mit den Leistungen
seiner Leute zufrieden sein würde! — Nun war es außer allem
Zweifel, daß diese Gruppe mehr und besser gearbeitet hatte,
als irgend eine andere. Aber jetzt, wo Gustav erklärt hatte,
daß er im nächsten Jahre nicht wiederkommen würde, gab man
ihm zu verstehen: man habe keinen Anlaß, ihm die Gratifikation auszuzahlen.

Gustav war empört über diese Ungerechtigkeit. Er verlangte, mit Herrn Hallstädt persönlich zu sprechen. Aber auch
jetzt noch wurde der Gutsherr wie ein Gott hinter Wolken
gehalten; Herr Hallstädt sei nach dem Süden verreist,
hieß es.

Das war Wasser auf Häschkes Mühle. Längst hatte er
gewarnt, Gustav solle sich vorsehen. Aber der war natürlich
wieder der Dumme gewesen in seinem Vertrauen auf die Großen.
Nun hatten sie ihn doch übers Ohr gehauen. So waren die
Reichen ja alle! Wenn sie einem armen Luder das Fell über
die Ohren ziehen konnten, das war ihnen ein wahrer Hochgenuß! —

Gustav hatte früher auf Häschkes Brandreden nichts gegeben. Wenn er ihn dergleichen in Gegenwart der anderen
äußern hörte, hatte er ihm wohl das Maul verboten. Jetzt
sagte er nichts. Der Gedanke kam ihm, daß Häschkekarl
vielleicht nicht so unrecht habe.

Häschke hatte schon immer auf Gustav eingeredet, er
müsse ihn auf der Heimatreise begleiten. Vielleicht gefalle
es ihm dort und sie fänden ein gemeinsames Unterkommen
für die Zukunft. Häschke hatte sich, seit Gustav um sein Verhältnis zu Ernestine wußte, unwillkürlich vertraulicher zu ihm
gestellt; er nannte Gustav neuerdings „Schwager“, und der
hatte sich nicht dagegen gesträubt.

Gustav ging schließlich auf Häschkes Plan ein. Warum
sollte er den Umweg nicht machen? Er bekam auf diese
Weise ein Stück Welt zu sehen, vielleicht fand er sein Glück
dabei. Die Zukunft war ja immer noch ungewiß für ihn.

Er schickte sein Geld und die überflüssigen Kleidungsstücke
an Pauline nach Halbenau, behielt sich nur soviel, daß er ungefähr vierzehn Tage lang damit auskommen konnte. Dann
verschafften sich die beiden ihre Arbeitszeugnisse, und ließen
sich ihre sonstigen Papiere von der Behörde abstempeln. Denn
die Hauptsache beim Reisen sei, daß man die „Flebben“ in
Ordnung habe, erklärte der in solchen Dingen erfahrene
Häschke.

So machten sie sich eines Tages im Anfang November
auf die Reise, den ‚Berliner‘ auf dem Rücken und den ‚Stenz‘
in der Hand, als echte und rechte Wanderburschen. Ein paar
Tage marschierten sie auf der großen Landstraße. Des Nachts
schliefen sie in der ‚Katschemne‛, die Häschke, der diese Fahrt
schon einmal ‚abgetippelt‘ hatte, genau kannte. Da sie ‚Asche‘
hatten, gab der ‚Penne-Poos‘ auch gerne eine ‚Hulke‘, daß
sie nicht ‚Bankarbeit machen‘ mußten, wie die Kunden das
Schlafen auf der Diele bezeichnen. Die Herbergen zur Heimat vermied Häschke, denn dort war es langweilig, da wurde
des morgens und abends gebetet, und ‚Soruff‘ bekam man
nicht einmal, wenn man ihn bezahlte. Da zog er sich die
Katschemnen, oder wilden Pennen vor, dort gab es immer
was zu sehen und zu hören und Schnaps so viel man
wollte.

Dann trat schlechtes Wetter ein. Häschke schlug daher
vor: „mit dem Feurigen zu walzen“, um seine Kleider zu
schonen. Sie wandten sich der nächsten Eisenbahnstation zu
und lösten sich Billets; dritter Klasse, auf Häschkes Rat. In
der vierten reiste jetzt wieder allerhand Gesindel: Polacken
und Russen, nach der Heimat zurück, und da konnte man am
Ende gar ‚Barach‘ auflesen.

Häschkekarl war in prächtiger Laune. Die Erinnerung
an die alte Stromerherrlichkeit war neu in ihm erwacht.
„Fremd machen“, wie er das Feiern von der Arbeit nannte,
und so dritter Güte durch die Welt kutschieren, das war
etwas für seinen leichten Sinn. Und dazu noch das Bewußtsein, einen ganzen Sommer durch bei einer Arbeit und
bei einem Mädel ausgehalten zu haben, das hob sein Selbstbewußtsein mächtig. Sie waren ein Paar rechte Kerle, er und
Gustav. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie zusammen sich nicht durch die Welt finden sollten!

Das nächste Ziel ihrer Reise war eine große Handels- und Industriestadt im Königreich Sachsen. Mit einer gewissen Wichtigthuerei deutete Häschke seinem Wandergenossen
an, daß er dort Freunde habe. Gustav irrte nicht in der Annahme, daß er damit Parteigenossen meine.

Häschkes politische Gesinnung war Gustav schon lange
verdächtig gewesen. Einmal hatte er ihn direkt zur Rede gestellt: er sei doch nicht etwa ein „Roter“? Häschkekarl hatte
darauf vielsagend gelächelt und vor sich hingepfiffen. Die
Roten seien gar nicht so schlecht, war seine endliche Erklärung,
die wollten nur das Beste der Menschen. Und gelegentlich
hatte er versucht, dem Freunde ein kleines gelbes Büchlein in
die Hand zu drücken; da werde er alles drinnen finden, was
man wissen müsse, meinte er, das sei besser, als der Katechismus.

Aber Gustav hatte diesen Versuch, seine Gesinnung zu
verderben, mit Entrüstung zurückgewiesen. Von der Kanzel
herab und von den Vorgesetzten war ihm eingeprägt worden,
daß es nichts Gefährlicheres gebe auf der Welt, und nichts
Verabscheuungswürdigeres, als jene Partei, die alle göttliche
und menschliche Ordnung umstürzen wolle. Vom Elternhause
her brachte er zudem einen Abscheu mit gegen alles, was Politik
hieß. Der alte Büttnerbauer hielt keine Zeitung und war nie
in seinem Leben zur Wahlurne gegangen. Gustav war darin
echter Bauer geblieben, daß er alles Parteiwesen verachtete und
verabscheute.

Seit er im vorigen Frühjahr die Heimat verlassen, hatte
sich seine Anschauung auch hierin verändert.

Im Westen hatte er eine gänzlich neue Wirtschaftsweise
kennen gelernt, leichtere bequemere Lebensführung, ganz andere
Arbeitsbedingungen, als daheim in dem abgelegenen Dörfchen.
Das Verhältnis des Gesindes zur Herrschaft, des Arbeiters
zum Arbeitgeber, war hier ein viel loseres. Die Arbeitskraft
schien eine Ware. Das Geld bildete die einzige Beziehung
zwischen Herr und Knecht. Die Maschine besorgte vieles,
wozu man daheim viele Hände brauchte. Der Grundbesitzer
stand kaum noch in einem persönlichen Verhältnis zu seinem
Boden; Landmann konnte man ihn nicht mehr nennen. Er war
mehr mit einem Kaufmann oder Unternehmer zu vergleichen;
vom wirklichen Ackerbau verstand er vielleicht gar nichts. Die
Bodenarbeit überließ er den fremden Arbeitern, die von Beamten bewacht wurden. Der Grundbesitzer schien hier kaum
noch eine Person; hinter ihm standen andere Mächte: die
Fabrik, die Aktie, das Kapital, die zwischen den Besitzer und
sein Stück Erde traten.

Und in eine ganz andere Welt wiederum hatte Gustav
Einblick gewonnen, während der Tage, die er mit Häschke auf
der Walze gewesen. Da hatte er den fünften Stand kennen
gelernt, das unheimliche Heer der Obdachlosen, der Ausgestoßenen, der Verkommenen, die hinter der bürgerlichen Gesellschaft als ein neuer Stand heranrücken. In eine eigenartige Welt hatte er da geblickt. Diese Menschenklasse, auf die
der Bauernsohn als auf Landstreicher und Verbrecher herabgeblickt hatte, waren eine Zunft für sich, besaßen ihre eigene
Sprache, ihre Gebräuche, ihre Standesehre sogar.

Und wo stammten die meisten von ihnen her? Von
bäuerlichen Vorfahren. Das Land war ihre Wiege gewesen.
Die Männer, die im Anfange des Jahrhunderts dem deutschen
Bauern die Freiheit schenkten, hatten wohl nicht gedacht, daß
die Enkel des seßhaftesten Standes nach wenigen Generationen
die Landstraße bevölkern würden. Die Gabe der Freizügigkeit
war für viele das gewesen, was ein starker Luftzug für einen
schwächlichen Körper ist. Freiheit hatten diese Unglücklichen
nur allzuviel; sie waren vogelfrei. Losgerissenen Blättern
glichen sie, die verloren umhergewirbelt werden. Trümmerstücke der modernen Gesellschaft! Treibendes Holz auf den
Wogen des Wirtschaftslebens! Entwurzelt, ausgerodet aus dem
Heimatsboden, und nun unfähig, irgendwo neue Wurzeln zu
treiben.

Nicht alle waren verdorbene Landleute. Jeder Stand
hatte seinen Tribut an die Landstraße gezahlt. Brotlose
Fabrikarbeiter, heruntergekommene Kaufleute, stellenlose Beamte,
entlassene Sträflinge, Bettler von Profession, Arbeitsscheue,
Invaliden, fahrende Künstler. — Die wenigsten waren zünftige
Handwerksburschen, wie sie in früherer Zeit durch das Land
reisten von Meister zu Meister, um ein Stück Welt zu sehen
und ihre Fertigkeit zu vermehren. Nicht die Arbeitslust, die
Not, hatte diese hier auf die Straße getrieben.

Allen war das eine gemeinsam: die Heimatlosigkeit. Von
der Scholle waren sie getrennt, deren mütterlich nährende
Kraft nichts ersetzen kann. Das waren die wirklich Enterbten,
denn sie hatten nicht, worauf jeder von Geburtswegen Anspruch
hat, ein Stück Erde, darauf er seine Füße ausruhen, auf dem
er leben und sterben darf. —

In den Pennen hatte Gustav Reden mit angehört und
Dinge gesehen, die ihm die Haut erschaudern machten, obgleich er
vom Dorfe und der Kaserne her doch nicht gerade verwöhnt war.

Unter diesen hier, galt kein Gesetz, als das der Gaunerei,
keine Ehre, außer der Vagabundenpfiffigkeit, Genuß und Vorteil waren die einzigen Autoritäten, die anerkannt wurden,
Rechtlichkeit und Frömmigkeit wurden verlacht. Wie konnte der
auch rechtlich sein, der nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren
hatte, wie konnte fromm und gut sein, der, dem Tiere gleich,
ohne Gerechtigkeit, ohne Achtung, ohne Liebe, war. Die Begriffe von Gut und Böse, von Eigentum, Recht und Ordnung
mußten sich verschieben und in ihr Gegenteil verkehren für
Existenzen, die in der Luft schwebten, die den Zusammenhang mit ihresgleichen den Boden unter den Füßen, den Untergrund aller Gesellschaft, verloren hatten.

In Gustavs Gemüt hatten die Erlebnisse der letzten Zeit
einen unklaren Bodensatz zurückgelassen. Es ging doch ganz
anders zu in der Welt, als er sich's früher vorgestellt hatte,
ganz anders, als es ihm seine Lehrer und Instruktoren
gesagt. Viel Ungerechtigkeit gab es, von der man sich nichts
hatte träumen lassen. Die Güter waren sehr ungleich verteilt
unter den Menschen.

Wenn sie auf ihrer Wanderung an prächtigen Rittergütern, stattlichen Kirchen, prunkhaften Fabrikantenvillen vorüberkamen, da hatte Häschke wohl mit der Faust hinübergedroht
nach jenen stolzen Gebäuden, einen Fluch hervorgestoßen und
ausgespuckt.

Gustav hatte ihm darin nicht nachgeahmt. So schnell
wollte er nicht den Glauben an jene Autoritäten aufgeben, die
sein ganzes bisheriges Leben beherrscht hatten. Aber der
Kinderglaube an die weise Einteilung und gerechte Ordnung
aller Dinge hatte einen Stoß erlitten. In sein Blut war ein
Stoff getragen worden, der, wenn einmal aufgenommen, nicht
mehr zu tilgen ist.

Die neuen Ideen hatten noch keine feste Gestalt angenommen bei ihm; er fürchtete sich vor dieser Weltanschauung.
Aber er konnte es nicht verhindern, daß sich ihm die Dinge in
die Augen drängten, und daß er sich selbst neuerdings auf
Gedanken ertappte, die ihm noch vor kurzem verbrecherisch erschienen wären.

Gustav und Häschke fuhren in die Stadt ein. Schon
lange hatte man an den vereinzelten Häusern mitten im Felde,
den Bauplätzen und halbfertigen Straßenreihen, den Feuermauern, Essen und Etablissements aller Art, die Stadt gemerkt.
Aus dem Kohlendunst, der, einer düsteren Wolke gleich, am
Horizonte stand, konnte man schließen, daß es ein industrielles
Centrum sei. Sobald man in den mächtigen Bahnhof mit
seiner glasbedachten Halle eingefahren war, übernahm Häschke
die Führung; er war auf diesem Pflaster wohlbekannt.

Das erste, was er that, war, sich an einer Straßenecke eine
Zeitung mit Wohnungsanzeiger zu kaufen; darin hatte er bald
gefunden, was er suchte: „Schlafstellen für Handwerksburschen
und Zugereiste noch zu haben bei Müller auf der Feldstraße“.

Häschke kannte die Feldstraße nicht. Aber es war erstaunlich, wie er sich durch die große Stadt zum Ziele fand. Einzweimal wurde gefragt — nicht der Polizist, „denn der wird
Dir bloß grob, wenn Du keinen guten Rock anhast!“ — erläuterte Häschkekarl.

Bei Müller auf der Feldstraße mußten sie vier Treppen
steigen. Der Mann war in der Fabrik, die Frau zeigte die
Schlafstellen.

In einer Dachkammer, deren Decke schräg abfiel, standen
fünf Betten, so eng nebeneinander, daß die hinteren Schlafburschen über die Betten der vorderen steigen mußten. Zwei
Betten waren besetzt, „an junge Leute, die auch Arbeit suchen“,
wie die Frau mit einem Blicke auf die Berliner der beiden
sagte; sie hatte die Fremden mit Kennerblick sofort richtig
eingeschätzt.

Man mußte, um zu der Dachkammer zu gelangen, durch
das Familienzimmer der Vermieter gehen. Zwei nicht gerade
saubere Kinder krochen auf der Diele umher, ein anderes
lag im Schlafkorb. Die Frau sah leidend aus und abgehärmt.

Häschke fragte nach dem Preis des Bettes. „Zwei Mark
die Woche!“ lautete die zaghafte Antwort. Häschke meinte, das
sei viel, handelte aber nicht. Den gutmütigen Gesellen dauerte
die Frau. Man wurde handelseinig.

Die Wanderburschen legten die ‚Berliner‛ ab und suchten, sich fein zu machen; man war ja in der Stadt! Die
Wirtin gab dazu ihr eigenes Waschbecken her; auch ein Stück
Seife und ein Handtuch fand sich herzu. Man war schnell
in gutes Einvernehmen mit der Frau gekommen. Häschke hatte
das Wohlgefallen der Mutter durch kleine Späßchen mit den
Kindern zu erobern verstanden.

Die beiden verspürten Hunger. Häschke entsann sich
einer Kneipe, in der er früher, als er hier als Schlosserlehrling gearbeitet, oft verkehrt hatte. Dort würde man auch
allerhand erfahren, was in der Welt vorgehe.

Man befand sich im Fabrik- und Arbeiterviertel der
Stadt. Auch jene Kneipe entsprach der Umgebung: nüchtern
einfach, für die Verhältnisse des kleinen Mannes berechnet.
Häschke rekognoszierte, ehe man eintrat, das Schild. Es war
noch der alte Name; also würde wohl auch der alte Geist hier
walten.

Man betrat das Lokal. Häschke gab sich als ein alter
Kunde der Wirtschaft zu erkennen. Der Wirt schmunzelte verständnisvoll und erklärte, sich seiner noch ganz gut zu entsinnen.

Während der bestellte Imbiß für die beiden zubereitet
wurde, setzte sich der Wirt zu ihnen an den Tisch. Er schien
ein geistig reger, gut unterrichteter Mann zu sein. Häschke
erfuhr von ihm, im Laufe einer Viertelstunde, alles, was er
wissen wollte.

Die Lage des Arbeitsmarktes war eine gedrückte, zur Zeit.
Für Zugereiste gab es so gut wie gar keine Anstellungsaussichten. Besonders in der Maschinenbranche, nach der sich
Häschke erkundigt hatte, gingen die Geschäfte ganz flau. Die
Fabriken arbeiteten nur, um nicht schließen zu müssen. Die
großen Unternehmer wollten die Krisis benutzen, sich einer Anzahl Arbeiter zu entledigen, und dann die Löhne der übrigen zu
drücken. Dazu gab es eine Menge Arbeitsloser, die sich von
Tag zu Tag durch Zuzug aus den Kohlenrevieren vermehrten,
wo seit einem Monat Strike herrschte. Große Demonstrationen
der Arbeitslosen hatten bereits stattgefunden, fast jeden Abend
gab es Volksversammlungen, die Polizei hatte zu thun.

Kurz, es ging allerhand Interessantes vor! Der Wirt
schmunzelte wiederholt bei seinem Berichte. Ihn erregten
diese Dinge durchaus nicht; er fuhr unter allen Umständen
gut. Je mehr Unzufriedene, desto stärker der Besuch seines
Lokales. —

Alles war hier darauf berechnet, dem Proletarier zu
schmeicheln; kein Bourgeoisblatt war zu erblicken, nur Zeitungen einer bestimmten politischen Richtung. Hier bekam
Gustav zum erstenmale in seinen Leben Blätter in die Hand,
welche er nur aus Verwarnungen der Vorgesetzten dem Namen
nach kannte, die er nie anders als mit Abscheu und Entrüstung hatte
nennen hören. In einem Kasten, unter Glas, lagen Parteischriften.

Der Wirt war vertraulicher geworden, sobald er gemerkt,
daß er in Häschke einen sicheren Genossen vor sich habe.
Gustav hörte mit Staunen der Unterhaltung zu. Noch niemals hatte er so freie Reden gehört. Die urteilten über
Personen, Behörden, Einrichtungen, die er für unantastbar
gehalten hatte, mit einer Geringschätzung, daß ihm eine
Gänsehaut nach der anderen über den Rücken lief. Er verstand nicht alles, was sie sagten, denn sie brauchten Ausdrücke und Wendungen, die ihm nicht geläufig waren. Noch
war ihm alles das neu und unheimlich, und doch zog es
ihn an.

Abends ging es in eine Volksversammlung. Gustav
hatte noch nie einen so mächtigen Saal gesehen. Der war
höchstens zu vergleichen mit der verdeckten Reitbahn in der
Kaserne. Der Raum wurde erleuchtet durch einzelne runde
Lampen, die in der Höhe schwebend, das ganze mit mildem
weißlichen Licht übergossen, so hell, daß man jedes einzelne
Gesicht bis in die entfernteste Ecke des riesenhaften Raumes
erkennen konnte. Tausende waren da versammelt. Man saß
an Tischen, hatte sein Glas Bier vor sich stehen. Viele, die
keinen Platz zum Sitzen gefunden hatten, stauten sich unter
den Gallerien, die ebenfalls, bis zur dritten Empore, mit
Menschen gefüllt waren.

Und am unteren Ende des Saales auf einem erhöhten
Platze, wie auf einer freien Bühne, saßen einige Männer,
die Einberufer der Versammlung, neben ihnen ein Polizist; die
einzige Uniform in der großen schwarzen Menge.

Gustav verstand nichts von den Vorgängen. Häschke erklärte ihm, daß sie „ein Komitee bildeten“. — Es schienen alles
Männer aus dem Volke zu sein, ihrer Sprache und Kleidung
nach zu urteilen. Auch der Mann, der jetzt sich zum Worte
meldete, war ein Arbeiter, ein „Entlassener und Arbeitsloser“,
wie er selbst sagte. Er sprach wohl eine Stunde lang. Die
Tausende lauschten seinen Worten mit atemloser Spannung;
man konnte nicht andächtiger einer Predigt zuhören. Gustav
ward es zu Mute, als befände er sich in der Kirche.

Da brach die Menge auf einmal in ein Gelächter aus,
über eine Bemerkung des Redners; darauf Beifallsrufe aus
Hunderten von Kehlen. Von da ab wurde der Vortrag
häufig unterbrochen, durch Zustimmung. Hin und wieder
hörte man auch ein Zischen, aber das wurde sogleich durch
verstärktes Bravorufen, Trampeln und Händeklatschen übertäubt. Als der Redner endlich geschlossen hatte, brach ein
solcher Lärm los, das Gustav Schlimmes zu fürchten begann.

Das Tosen legte sich im Nu, als der Vorsitzende sich erhob, zu ein paar Worten. „Jetzt hat er die Diskussion eröffnet“ erklärte Häschke dem Neuling.

Verschiedene aus der Versammlung traten auf das Podium. Wieder waren es nur ganz einfache Leute. Mancher
unter ihnen sah ärmlich aus und herabgekommen. Die meisten
erklärten sich als „arbeitslos.“

Und wie sprachen diese Männer! — Gustav konnte es
gar nicht begreifen. Bettler und Stromer schienen es zu sein,
wie er manchen von seines Vaters Thür gewiesen hatte. Und
nun mußte er mit Beschämung erkennen, wie ihm diese einfachen Männer überlegen waren. Wie wußten sie die Worte
zu setzen, ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen!

Sie schilderten ihr Elend, berichteten von den Erfahrungen,
die sie in der Fabrik, im Bergwerk, auf der Straße, gesammelt
hatten. Von der Unbarmherzigkeit der Reichen sprachen sie
und der Härte der Arbeitgeber. Dann schilderten sie den
Jammer in ihren Familien. Und von diesem düsteren Hintergrund hob sich um so leuchtender ab das Bild der Zukunft:
ihre Forderungen, die kühnen Hoffnungen und Erwartungen
dessen, was da kommen sollte, der Ausgleich, die Vergeltung,
das Glück, das irdische Paradies, welches ihnen prophezeit
worden war, von ihren Lehrern, dessen Glanz sich in ihren
glühenden Augen spiegelte.

Die Worte dieser Männer griffen Gustav an's Herz. Er
fühlte die Not, die sie schilderten, als sei es seine eigene. Er
war ganz auf ihrer Seite. Eine Ahnung ging ihm auf von
dem, was sie beseelte.

Es war die gemeinsame Sache. Ein Geist, eine Hoffnung,
eine Idee sprach aus ihren Blicken, beherrschte ihre Mienen,
Bewegungen und Zungen. Eine Idee erfüllte sie, stärkte ihren
Mut, entflammte ihre Begeisterung, ihr Hoffen, erhob sie
über sich selbst, ließ jeden einzelnen mehr erscheinen, als
er war.

Es lag etwas Ansteckendes in dem gleichen Fühlen so
vieler; als habe sich der Luft etwas mitgeteilt von dem
Empfinden eines jeden Kopfes, das vereinigt wieder zurückwirkte auf den einzelnen. Auch Gustav verspürte diese geheimnisvolle Wirkung des Massengeistes auf sich. Es lebte
Großes und Erhebendes in dem Bewußtsein, sich eins zu
wissen, in Hoffen und Wollen, mit Tausenden.

Auch ihn erfaßte die Sehnsucht nach dem, was jene
erstrebten, das sich mit Worten kaum ausdrücken ließ, und
das doch unausgesprochen aus jedem Auge hier leuchtete.
Sie tappten unsicher umher, ihre Worte widersprachen sich;
sie widersprachen auch einander gegenseitig in ihren Reden,
stammelnd suchten sie nach Ausdrücken, um das zu sagen,
was in ihrem Herzen lebte, unklar und verworren, was in
jedem dieser Köpfe eine andere Gestalt angenommen. Und
doch war etwas Gemeinsames da, das in der Tiefe der Gemüter schlummerte: die Sehnsucht nach dem Glück.

Elend waren sie und verkommen. Die Gegenwart war
für sie eine dunkle Höhle, weit abgelegen von aller Schönheit
der Oberwelt. Ihre Augen waren starr auf jenes kleine ferne
Loch in der Höhe gerichtet, durch welches Licht und Sonnenwärme zu ihnen drang; dort hinauf wollten sie. —

Gustav übersah die Versammlung. So viel ernste Männerköpfe! Die meisten bleich, sorgenvoll, schmerzgeprüft. Konnte
man sich vorstellen, daß diesen nicht ihr Recht werden
sollte? —

Eines war ihm an diesem Abende klar geworden: schlecht
waren diese Menschen nicht. Nicht Bosheit und Niedertracht
beherrschte sie; sie trieb ein Streben, das auch ihn beseelte,
wie jeden anderen Sterblichen: das Verlangen nach Besserung.

Inzwischen hatte ein neuer Redner das Wort erhalten.
Es war ein kleiner kränklich aussehender Mann. Er sprach
mit heiserer Stimme, die dort, wo Gustav saß, kaum zu vernehmen war. Er schien erregt und leidenschaftlich, mit ein
und derselben, immer wiederholten hämmernden Handbewegung
stieß er seine abgerissene rauhe Rede hervor. Etwas von „Kapitalismus“ und „Bourgeoisregierung“ drang an Gustavs Ohr.

An den hinteren Tischen wurde man unruhig. „Lauter!“
rief jemand dem Redner zu. Der Mann erhob die Stimme
und sagte nunmehr deutlich vernehmbar: „Wie kann man von
Behörden, oder Regierung, Abstellung unseres Notstandes erwarten, wenn die auf's engste verbunden sind mit der blutsaugerischen Unternehmerclique, ja, wenn die nur die Handlanger sind des Kapitalismus . . .“

Während er diese Worte in die Versammlung rief, hatte
sich der Polizeioffizier erhoben. Er setzte den Helm auf und
erklärte die Versammlung für aufgelöst.

Die meisten Anwesenden waren gleichzeitig von ihren
Plätzen aufgesprungen. Das Rufen von tausend entrüsteten
Männern ertönte wie ein einziger Schrei des Zornes. Ein
Sturm, ein Tosen, erhob sich, in dem die einzelne Stimme verschlungen wurde, wie die kleinen Wellen von der zur Flutwelle aufgepeitschten Brandung.

Gustav erbebte. Was würde jetzt werden! In den Gesichtern umher las er Ingrimm und trotzige Entschlossenheit.
Was konnte der entfesselten Wut dieser Tausende widerstehen?

Der Polizeioffizier stand unbeweglich vorn auf dem
Podium, er musterte das tobende Meer zu seinen Füßen,
scheinbar unerschrocken. Der Vorsitzende verschaffte sich durch
Winke und Zeichen soviel Ruhe, daß seine Aufforderung, ruhig
auseinander zu gehen, gehört ward.

Zwar wurden Fäuste geschüttelt, manch haßerfüllter Blick
traf den Vertreter des Gesetzes da oben, manch halbunterdrücktes giftiges Wort erklang; aber dabei blieb es. Allmählich, in größerer Ruhe und Ordnung, als man es bei
einer solchen Menschenfülle für möglich gehalten hätte, setzte
sich die Menge in Bewegung und räumte den Saal.

Draußen auf der Straße freilich war erst zu erkennen,
wie gut die Versammlung all die Zeit über bewacht gewesen
war. Im Lichte der Gaslaternen blitzten Pickelhauben. Einzelne Berittene sprengten auf und ab und hielten den abströmenden Zug in steter Bewegung.

Gustav hatte das Bewußtsein, etwas Großes erlebt zu
haben. Eine Ahnung war ihm aufgegangen, daß es Kämpfe
gab in der Welt, von denen er daheim, wenn er hinter den
Pferden einhergeschritten war, sich nichts hatte träumen lassen.
Ein Vorhang war weggerissen worden vor seinen Augen,
der ihm eine ganze Welt verborgen gehalten hatte.
Die nächsten Tage brachten neue Erlebnisse.
Er ging mit Häschke in die Arbeitsnachweisbüreaus und
in die Fabriken. Da sah er in langen Reihen die Arbeitsuchenden stehen: Männer, die ihre Fertigkeiten, ihre Kräfte,
anboten, wie eine Ware. Er hörte die geschäftsmäßigen kalten
Fragen der Büreauchefs, er sah die verzweifelten Mienen der
Abgewiesenen, vernahm unterdrückte Seufzer und wilde
Flüche.

Dann wohnte er noch anderen Volksversammlungen bei.
Er hörte die Rede eines berühmten Reichstagsabgeordneten
der Arbeiterpartei. Durch Häschke lernte er einzelne Genossen
kennen. Er bekam einen Begriff von dem Dasein einer weitverzweigten mächtigen Verbindung, einer Macht, die weit hinein
reichte, in alle Verhältnisse.

Und je mehr er sah, je mehr zog ihn an, was er kennen
lernte. Es war, als sei er an den Rand eines Strudels geraten. Er fühlte, daß er da hinabgerissen werden sollte,
widerstrebte und wurde doch in den verfänglichen Kreis hineingetrieben.

Als Soldat hatte er mehr als vier Jahre in der Stadt
zugebracht; aber wo hatte er seine Augen damals gehabt! Jetzt
erst, schien es ihm, wisse er, wozu er überhaupt lebe. Bis dahin hatte er hingedämmert ohne Sinn und Verstand. Er
sah auf einmal die Welt mit ganz anderen Augen an. Hier
allein in der großen Stadt war das Leben des Lebens wert,
wo jeder Augenblick neue Erlebnisse, neue Erfahrungen, brachte.

Aber dieses schöne Leben fand sein Ende. Eines Tages
beim Überzählen seiner Barschaft entdeckte Gustav, daß er kaum
noch so viel habe, um nach Hause reisen zu können. Die letzten
Tage hatten viel gekostet. Da war mancher Groschen für die
arbeitslosen Genossen draufgegangen.

Häschke hatte auch nichts mehr, aber er nahm Vorschuß
und konnte so Gustav aushelfen.

Eines Tages trennten sie sich. „Mach's gut, Schwager!“
sagte Häschkekarl zum Abschiede. „Und wenn Dir's in Halbenau nich gefallen will, dann denk' an Häschken. Ich wer'
Dir 'n Platz hier warmhalten.“

VIII.

Auch nachdem er seinen schweren Rausch ausgeschlafen,
verlangte Karl Büttner mit hartnäckigem Eigensinn von Therese, sie solle ihm sein Geld herausgeben. Die Behandlung,
die ihr von seiner Seite wiederfahren, hatte die standhafte Frau
so wenig entmutigt, daß sie sich nach wie vor weigerte, ihm
zu sagen, wo sie das Geld versteckt halte.

Unter der Hand erkundigte sich Therese nach ein paar
Ziegen. Neuerdings hatte sie beschlossen, Ziegen von dem Gelde
zu kaufen. Jetzt noch Schweine aufzustellen, war zu spät im
Jahre, damit wollte sie bis zum nächsten Frühjahr warten.

Karl war wie umgewandelt. Ein neuer Zug schien in
sein Wesen gekommen zu sein, der ihm früher gänzlich fremd
gewesen: Tücke. Man hielt ihm sein Geld bevor — gut! Seine
Antwort darauf war, daß er sich auf die faule Haut legte.

Ein Freund von angestrengtem Arbeiten war er niemals
gewesen, aber jetzt stellte er sich an wie ein stätischer Gaul.
Bis in den Vormittag hinein wälzte er sich im Bette, dann
verlangte er zu essen. Wenn das Gewünschte nicht gleich
kam, oder nicht nach seinem Sinne war, fluchte und schimpfte
er. Therese war nur noch seine Magd.

Früher, wo Karl die Gutmütigkeit in Person gewesen,
hatte Therese ihn oft geplagt mit ihrer Streitsucht; immer hatte
sie den Ruhseligen unter ihren energischen Willen zu ducken
verstanden. Jetzt wendete sich das Blättchen. Jetzt wollte er ihr
zeigen, daß es auch umgekehrt gehe; er hatte Wohlgefallen
am Schlechtsein gefunden.

In Karl hatte all die Zeit über etwas geschlummert,
etwas wie die versteckte Wildheit des Stieres, die nur ausbricht, wenn die Gelegenheit sie hervorlockt. In diesem Bauernsohne lag eine Summe von tierischer Kraft angesammelt, wie
sie seine Vorfahren im harten Ringen mit der Natur wohl
gebraucht; aber ihm waren alle jene edleren und feineren
Gaben versagt geblieben, die den Landmann zu einem guten
Wirt und Hausvater, zu einem Pfleger und damit in höherem Sinne zu einem Überwinder der Natur machen. Solange
er in guter Obhut gewesen, unter der strengen Fuchtel des
alten Bauern, auf dem väterlichen Gute wie ein Knecht gehalten, waren die wilden Seiten seines Wesens nicht hervorgebrochen, aber jetzt, wo er losgerissen von der Heimat, den
Boden unter den Füßen verloren hatte, in Verhältnisse geworfen
war, denen er mit seiner gering entwickelten Intelligenz nicht
gewachsen, fiel er, mit Notwendigkeit, in jene angeborene Rohheit zurück.

Geschlagen hatte er seine Frau noch nicht wieder seit dem
Zweikampfe, an jenem Morgen. Er hatte sich, als er die
Folgen seiner That gewahr geworden, doch vor sich selbst entsetzt. Dann kamen wieder Augenblicke, wo sie ihn durch
ihre spitzen Redensarten, denen seine plumpe Zunge nicht gewachsen war, zum Grimm reizte. Da juckte es ihm in den
Fingern, loszuschlagen. Aber das Bewußtsein, daß er neulich
haarscharf daran vorbeigegangen war, zum Gattenmörder zu
werden, hielt ihn immer wieder zurück.

Es ging wenig erquicklich zu in dem Haushalte der beiden;
zum häuslichen Unfrieden kam auch noch Krankheit. Die
Kinder legten sich der Reihe nach. Das Achtmonatskind,
welches Therese von Toni zu Pflege überkommen hatte, siechte
von dem Augenblicke an, wo die Mutter es verlassen hatte.
Therese sagte wie oft: „Wenn ack der Racker blußig starben
wullte, daß Ruhe wirde!“ — Aber, ihre Thaten waren besser,
als ihre Worte. Manchmal trug sie das elende Würmchen
eine halbe Nacht lang im Zimmer umher, und suchte es in
Schlaf zu wiegen.

Karl fing jetzt an, des Abends regelmäßig auszugehen.
Es hatte sich herumgeredet, daß Büttnerkarl im Besitze einer
größeren Summe Geldes sei. Wie immer hatte das Gerücht
vergrößert. Karl fand daher in den Schenken Kredit.

Therese war außer sich. Sie lief bei den Leuten umher
und verbreitete, Karl besitze von dem Gelde keinen Pfennig
mehr. Aber der Eifer, mit dem sie das erzählte, machte ihre
Behauptung unglaubwürdig. Ihr Mann bekam nach wie
vor Schnaps geschenkt, soviel er nur wollte.

Auch den Kretscham von Halbenau besuchte Karl öfters.
Kaschelernst kicherte vergnügt, sobald er des Neffen ansichtig
wurde. Mit der Miene des teilnehmenden Verwandten erzählte
er ihm auch gelegentlich, was „der Alte“ mache. Seinen
Vater hatte Karl noch nicht wieder gesehen, seit er im Frühjahr nach Wörmsbach gezogen war.

Natürlich war Kaschelernst äußerst neugierig, zu erfahren,
wie es mit des Neffen Gelde stehe. Bald hatte er auch herausbekommen, daß Karl da nicht 'ran dürfe. Die Geschichte ergötzte
den alten Gauner auf's Höchste; dergleichen Angelegenheiten
waren ganz nach seinem Sinne.

Eines Tages kam er mit geheimnisvoller Miene an Karl
heran, tuschelte ihm in's Ohr: wenn er noch etwas von
seinem Gelde sehen wolle, möge er sich dazuhalten; Therese sei
drauf und dran, ein paar Ziegen davon zu kaufen.

Karl lief spornstreichs nach Haus. Diese Nachricht hatte
den Trägen in Aufruhr gebracht. Therese Ziegen kaufen,
von seinem Gelde! — Jetzt wollte er's heraushaben von ihr!

Aber auf dem Wege von Halbenau nach Wörmsbach hatte
er Zeit, sich die Sache zu überlegen. — Wenn er was sagte,
würde sie's merken, und er hatte wieder das Nachsehen. Diesmal wollte er's schlauer anfangen. Sie hielt ihn zwar für
dumm; zehnmal am Tage bekam er einen „Uchsen“ an den
Kopf geworfen, aber nun wollte er sie grade mal überlisten. Er beschloß, zunächst den Mund zu halten und zu
warten.

Am nächsten Morgen zog Therese die Sonntagskleider an,
band eine frische Schürze darüber und legte ein buntes Kopftuch an. Sie wolle mal zum „Duchter“ gehn, wegen der Kinder,
erklärte sie. Er möchte die Töpfe auf dem Herde beobachten
und gelegentlich rücken, damit's nicht überkoche. Der freundliche
Ton, in dem sie das sagte, war verdächtig.

Er paßte genau auf jede ihrer Bewegungen auf. Ob sie
das Geld schon bei sich hatte? — Sie ging in die Kammer
nebenan. Er lauschte. Fast klang es, als steige sie auf einen
Stuhl. Sie rückte etwas. Dann konnte er ein schwaches
Klimpern vernehmen. Das war das Geld!

Nach einiger Zeit kam sie wieder in's Zimmer. Nun wolle sie
aber gehen, sagte sie, sie habe sich nur noch ihr Sacktuch geholt.

Er ließ sie durch die Thüre schreiten; aber dann war er
auch sofort hinter ihr drein. Noch ehe sie in's Freie gelangt,
hielt er sie am Arme. Auf der anderen Seite des Hausflurs
war ein leerer Stall; eben der Ort, den sich Therese für ihre
Ziegen ausersehen hatte. Dahinein riß er sie, schob den
hölzernen Riegel vor, sobald er sie drin hatte.

„Giebst De's Geld raus!“ knurrte er. „De hast's ei der
Tasche stacken. Ich weeß 's!“

Sie leugnete ihm in's Gesicht.

„Mach kee Gefitze nich! Ich ha's gehiert, wie De's eigesteckt
hast.“

Sie wollte an ihm vorbei, dem Ausgange zu. Aber er
umfaßte sie rechtzeitig, schleppte sie nach dem Hintergrund des
Stalles.

„Giebst De's har!“

„Ne, Dir ne!“

Er suchte ihr mit einer Hand die Arme festzuhalten und
mit der anderen in ihre Kleidtasche zu gelangen. Sie setzte
sich zur Wehr, biß und kratzte. In der Dunkelheit des Stalles
funkelten ihre Augen, wie die einer Katze. Karl brüllte
auf, ihre Nägel in seinem Halse brannten wie Feuer. Er
schüttelte sie ab. Dann warf er sich mit der ganzen Wucht
seines schweren Körpers auf sie, daß sie stöhnend zusammenbrach.

„Giebst De's raus?“

„Ne, im Leben ne!“

Nun kniete er auf ihr, ihren Leib mit dem Knie niederstemmend. Ihre Hände drückte er mit seiner Riesenfaust zusammen, daß sie gänzlich wehrlos dalag. Mit der freien
Hand suchte er in ihren Kleidern. Aber Therese lag auf dem
Geldtäschchen; noch in dieser verzweifelten Lage wußte sie
den Schatz mit ihrem Leibe zu decken. Er konnte nicht dazu
gelangen, so sehr er sich auch mühte.

Darüber wurde er toll vor Wut. Blindlings griff er in
die Kleider, zerfetzte alles, was ihm zwischen die Finger kam.
Therese wand und bäumte sich, aber was vermochte sie gegen
die entfesselte Raserei dieses Wilden!

„Giebst De's nu?“

Sie konnte nicht mehr sprechen, spuckte ihm statt der Antwort ihren Geifer in's Gesicht.

Da griff er mit einer Tatze zu, vor der alles wich. Ein
Ratz — das Sonntagskleid in Fetzen!

Jetzt fühlte er's; hier im Futter saß es. Die Nähte
sprangen. Das Ledertäschchen mit dem Stahlbügel kam zum
Vorschein. Nun hielt er's in Händen. Er stand auf.

Aus der Ecke kam eine Jammergestalt hervor: halb nackt,
blutend, mit hängendem zerfetzten Haar. Seine Frau! —

Er schob das Geldtäschchen schnell in die Tasche, sprang
nach der Thür und lief aus dem Hause.

Eine Stunde darauf saß er im Kretscham von Halbenau.

Inzwischen waren die Frauen von der Wanderarbeit
im Rübenlande nach der Heimat zurückgekehrt. Pauline war
mit ihrem Jungen zur Mutter gezogen, wartete hier auf
Gustavs Rückkehr. Ernestine wohnte wieder auf dem Bauernhofe beim alten Vater.

Ernestine war sehr verändert zurückgekehrt aus der Fremde.
Sie hatte sich im Laufe des Sommers ein gewisses hochnäsiges
Herabblicken auf ihre Umgebung angewöhnt. Den heimischen
Verhältnissen brachte sie ganz unverhohlene Verachtung entgegen. Sie sagte es auch jedermann, der es hören wollte,
daß sie es in Halbenau nicht lange aushalten werde.

Sie war im Besitz größerer Geldmittel als irgend ein
anderes Mitglied ihrer Familie. Und sie hielt gut Haus damit.
Die anderen Rübenmädchen brachten ihr Erspartes schnell unter
die Leute; Kleider, Schmuck und allerhand unnützer Tand wurde
gekauft. Manch eine ließ sich auch ihre mühsam erworbenen
Groschen von einem Burschen abschwatzen, oder man verjubelte die Ersparnisse gemeinsam. Die Tanzereien und Gelage gingen in diesem Winter besonders flott im Kretscham
von Halbenau; die ,Runkelweiber‘ hatten Geld in's Dorf
gebracht.

Ernestine Büttner war viel zu vernünftig und zu berechnend, um sich an solchem Treiben zu beteiligen. Sie machte
sich daran, mit ihrem und Häschkekarls Gelde, eine Ausstattung zu besorgen. Das Mädchen kaufte Stoffe ein und
Leinwand. Mit Pauline saß sie oft bis spät in die Nächte
hinein in Frau Katschners Behausung über die Nadel gebückt. Schwerlich ahnte ihr Bräutigam Häschke, wie energisch,
praktisch und sparsam das Regiment sein würde, unter das er
kommen sollte.

Auch dem Vater gegenüber wollte Ernestine ihre Selbstständigkeit zur Geltung bringen. Der alte Bauer hatte
sich noch nicht darein gefunden, in ihr etwas anderes zu
sehen, als das jüngste Kind. Sie sollte sich seinem Willen in
allen Stücken fügen, wie er es von jeher von seinen Kindern,
ganz besonders aber von den Töchtern, verlangt hatte.

Er nahm als selbstverständlich an, daß Ernestine die
häuslichen Arbeiten übernehmen würde, welche seit dem Tode
der Mutter arg vernachlässigt waren.

Aber Ernestine, die von ihrem Bräutigam gelernt hatte,
daß Kinder den Eltern nicht mehr zu gehorchen brauchten,
that nur, was ihr paßte. Den Befehlen des Vaters antwortete
sie mit Achselzucken, spitzen Worten, oder auch Vorwürfen.
Der alte Mann bekam von der Tochter zu hören: er sei ja
selbst daran schuld, daß sie nichts mehr hätten, nicht einmal so
viel, um sich eine Magd zu halten. Er habe ja das Vermögen
durchgebracht mit liederlicher Wirtschaft. Nun sei Haus und
Hof in fremde Hände geraten durch seine Schuld, und sie, die
Kinder, könnten betteln gehen.

Der Büttnerbauer mußte das mit anhören, und seinen
Kummer in sich hineinschlucken. Jetzt warf ihm sein eigenes
Kind das schwere Unglück, das ihn getroffen hatte, auch noch
als Vorwurf in's Gesicht.

Ernestine wußte nicht, was sie that! — Jene naive Grausamkeit der Jugend war ihr eigen, die in dem alten Menschen
etwas Unangenehmes, Unnützes, Lästiges sieht. Was wußte sie
denn von dem, was in der Seele des Vaters vorging, der
am Abende des Lebens sein ganzes Lebenswerk: Arbeit, Sorge,
Hoffnung, in nichts zerrinnen sah! —

Sie setzte den väterlichen Befehlen ihr schnippisches Besserwissen entgegen. Wiederholt betonte sie, es sei nur ihr
guter Wille, nicht ihre Pflicht, wenn sie für den Vater
etwas besorge; seine Magd sei sie nicht! Sie habe es in
der Fremde besser kennen gelernt. Und wenn er sie etwa
zwingen wolle, dann werde sie auf der Stelle gehen; sie habe
keine Pflicht, ihm zu gehorchen, da er ihr das Erbteil verthan
habe.

Der Büttnerbauer hatte in den letzten Monaten gelernt,
vieles zu ertragen. Es schien fast, als wolle er auch den
Rutenstreichen, die ihm seine Jüngstgeborene erteilte, geduldig
den Rücken hinhalten.

Eines Tages aber besann er sich auf seine Mannes- und Vaterwürde. Ernestine hatte sich geweigert, die Grube
hinter dem Hause auszuschöpfen; diese Art Beschäftigung sei
unter ihrer Würde erklärte sie. Das brachte bei dem Alten
das Maß zum Überlaufen. Seit Menschengedenken hatten im
Büttnerschen Hause die Frauen diese Arbeit versehen. Nun
wollte das junge Ding hier sich auf einmal gegen die althergebrachte gute Sitte auflehnen! — Diesmal machte der Bauer
von seinem hausväterlichen Rechte Gebrauch. Er holte den
Haselstock aus der Ecke hervor, den Ernestine aus der Jugendzeit gar wohl kannte; der hatte auf ihrem und der Geschwister
Rücken gar manchen Tanz aufgeführt. Das Mädchen war
klug genug, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. Sie
kannte den Vater in der Wut. Schleunigst machte sie sich
an die ekelhafte Arbeit; der Alte stand mit dem Stocke daneben, als Wache, bis sie die ganze Grube ausgetragen
hatte.

Ernestinens Antwort auf diese Demütigung war, daß
sie, ohne ein Wort zu sagen, aus dem väterlichen Hause
wegzog; ihre sieben Sachen nahm sie mit sich. Sie wohnte
fortan im Dorfe zur Miete. Der Vater dürfe sie nicht zwingen,
bei ihm zu leben, erklärte sie, da er ihr nichts zum Leben
gebe. —

So fand Gustav die Verhältnisse, als er nach Halbenau
zurückkehrte.

Er wohnte einstweilen mit bei Frau Katschner. Sein erster
Gang, nachdem er Frau und Kind begrüßt hatte, galt dem
Bauerngute.

Was hatte sich da alles verändert seit dem Frühjahre, wo
er in die Fremde gegangen war: Das Gut in fremde Hände
übergegangen, zerstückelt, ausgeraubt! Scheune, Keller, Stall
leer! Im Hause alles verwahrlost und verwildert! Die Mutter
gestorben! Dazu die Kinder alle fortgezogen! Karl mit seiner
Familie in ein anderes Dorf, Toni in die Stadt. Und nun
zum letzten noch Ernestinens Auflehnung!

Gustav, der den Vater seit einem halben Jahr nicht gesehen, fand ihn furchtbar verändert. Der Alte war teilnahmslos und stumpf geworden. Selbst die Rückkehr seines
Lieblingssohnes riß ihn nicht aus seinem dumpfen Hinbrüten.

Sein Leben war schlechter, als das eines Hundes. Seit
Ernestine das Haus verlassen, war nicht mehr gekocht worden. Kohlenvorräte und Holz fehlten. An Eßwaren gab
es nur halberfrorene Kartoffeln und faulendes Kraut im
Keller. Der alte Mann lebte von Milch, in die er sich etwas
Brod schnitt. Sein Bart war ihm langgewachsen, umgab,
als gelbgraue struppige Krause, das ausgemergelte Gesicht.
Die Augen lagen in tiefen dunklen Höhlen. Seine Kleider
starrten von Schmutz. Er ging nicht mehr aus dem Hofe.
In der Kirche hatte man ihn seit Monaten nicht gesehen.
Wenn er Menschen auf den Hof zukommen sah, rannte er
hinauf in die Dachkammer, schloß sich dort ein und gab auf
noch so lautes Klopfen und Rufen keine Antwort.

Dem Sohne fiel das Herz vor die Füße, als er diese
Dinge wahrnahm. Viel zu helfen war hier nicht! Das Gut
konnte er dem Vater ja doch nicht zurückerobern. —

Gustav sorgte dafür, daß wenigstens Vorräte in's Haus
kamen. Dann machte er einen Versuch, Ernestine zum Vater
zurückzuführen; aber der scheiterte an dem Eigensinn des
Mädchens.

Gustav veranlaßte infolgedessen Paulinen, täglich einige
Stunden auf das Bauerngut zu gehen, dem Vater das
Essen zu bereiten und auch sonst für seine Notdurft zu
sorgen.

Weihnachten war herangekommen. Eine Woche vor dem
Christfeste kam ein Brief an mit dem Poststempel: Berlin. Toni
schrieb an Ernestine, sie werde zum Heiligenchrist nach Halbenau kommen. Ihr ‚Chef‘ habe ihr Urlaub gegeben, damit sie
sich zu Hause auskurieren solle. Sie habe nämlich vom vielen
Stehen geschwollene Beine bekommen, daß sie kaum noch Schuhe
über die Füße ziehen könne.

Ernestine ließ Tonis Brief unter den Freunden und Verwandten herum gehen. Es war auf feinstem rosa Papier geschrieben und duftete süß; der Inhalt war Kauderwelsch.
Schreiben schien Toni auch in Berlin nicht gelernt zu
haben.

Niemand freute sich sonderlich auf Tonis Kommen. Die
Geschwister hatten sie schon so gut wie vergessen. Man wunderte sich höchstens, wo sie das Geld zu der weiten Reise
hernehme.

Eines Tages, in der letzten Woche vor dem Feste, kam
Therese von Wörmsbach nach Halbenau herüber. Sie suchte
Gustav und Pauline auf, und erzählte, Tonis Kind sei am
Tage zuvor gestorben. Sie war hauptsächlich nach Halbenau
gekommen, um bei den Familienmitgliedern eine Beisteuer für
das Begräbnis zu erbitten.

Man empfand es allgemein als Segen, daß das Würmchen gestorben.

Ernestine und Pauline gingen mit zum Begräbnis. Sie
waren beide noch nicht bei den Geschwistern in Wörmsbach
gewesen. Als sie zurückkamen, konnten sie nicht genug davon
erzählen, wie traurig es dort sei. Das Haus: eine Hütte
die jeden Augenblick einzustürzen drohte, die Kinder, elend
und zerlumpt, Karl dem Trunke ergeben und schlecht gegen
seine Frau, Therese völlig herunter von dem Jammerleben!

Die Schwägerin war nie beliebt gewesen bei den Büttners,
ihres streitbar zufahrenden Wesens wegen. Aber jetzt beklagte
man sie allgemein. Was war aus der rüstigen, thatkräftigen
Frau geworden! —

Toni kam kurz vor dem Feste mit dem Postwagen an.
Sie begab sich ohne weiteres nach dem Elternhause.

Aber der alte Bauer, der eine Frauensperson in städtischer Kleidung, gefolgt von einem Burschen, welcher den Koffer
trug, auf den Hof zuschreiten sah, schloß die Hausthür ab, und
zog sich in die Dachkammer zurück, aus der er so bald nicht
wieder zum Vorschein kam. Er hatte in dem ‚Fräulein‘ die
Tochter nicht wieder erkannt.

Toni war darauf zu Frau Katschner gegangen, wo sie
Pauline und Ernestine traf.

Das Erstaunen der beiden über Tonis Aufzug war nicht
gering. Wenn jemand bäuerisch ausgesehen hatte, so war es
Toni gewesen; jetzt kam sie als Stadtdame wieder.

Dick schien sie immer noch zu sein, aber die rotbraune
Farbe war von ihren Wangen gewichen. Das Haar war gepflegt und zu einer hohen Frisur aufgesteckt, über die Stirne
fiel es in vereinzelten Fransen, fast bis auf die Augenbrauen herab.
Ihr Mieder mußte ziemlich eng sein, nach der Art zu schließen,
wie sie sich steif bewegte. Sie hatte den mit Seide gefütterten
Mantel, den Hut mit Straußenfeder, Muff, Handschuhe und
Schirm abgelegt, und ließ diese Pracht nun von den Frauen
bewundern. Von jedem Stücke nannte sie bereitwilligst den
Preis.

Frau Katschner war auch hinzugekommen. Es wurde
Kaffee gekocht. Toni bildete den Mittelpunkt des Interesses.

Man erzählte ihr, daß ihr Kindchen gestorben sei. Zeichen
allzu großer Bestürzung gab sie nicht zu erkennen. Einige
Thränen hatte sie wohl dafür übrig. Dann meinte sie: die
Kinderkleidchen, die sie aus Berlin mitgebracht, für das Kleine,
wolle sie nun Paulinen schenken.

Die Witwe Katschner wollte dafür, daß sie den Kaffee
schenkte, auch etwas zu hören bekommen. Toni wurde aufgefordert, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Sie that es in der
Weise beschränkter Menschen, die sich einbilden, daß gerade
ihnen Dinge passiert seien, die keinem anderen Menschen
wiederfahren könnten. Halb und halb sprach sie noch den
heimischen Dialekt; in der altgewohnten Umgebung legte
sie schnell ab, was sie sich etwa an großstädtischen Redewendungen angewöhnt hatte. Sie schwatzte alles durcheinander.

Zuerst war sie Amme gewesen, in jener von Samuel
Harrassowitz ihr verschafften Stelle. Das wäre wunderschön
gewesen, erzählte Toni. Sie machte eine Beschreibung von
ihrem Spreewälder Kostüm. Täglich sei sie mit dem Kinde
im Tiergarten gewesen, bei gutem Wetter zu Fuß, bei schlechtem
im Wagen.

Ernestine fragte, warum sie denn nicht in der Stellung
geblieben sei, wenn sie es da so gut gehabt.

Toni meinte, sie hätte da nicht essen und trinken dürfen,
was sie gewollt, vom Arzte hätte sie sich auch in einem fort
untersuchen lassen müssen, und als das Kind eines Tages
Brechdurchfall bekommen habe, sei die Herrschaft sehr böse geworden und habe sie entlassen.

Dann sei sie eine Zeit lang ohne Stellung gewesen, habe
„als privat“ gelebt, wie sie sich ausdrückte, bis ihr Freund ihr
endlich die jetzige Stellung verschafft habe.

Was denn das für eine Art Verdienst sei, forschte die
wißbegierige Frau Katschner.

Toni wußte Wunderdinge darüber zu berichten. Sie sei
in einem sehr „feinen Lokale“. In der Mitte des Lokales
befinde sich ein Ding, ganz aus Glas, wie ein Häuschen —
sie gab sich vergebliche Mühe einen Kiosk zu beschreiben — da
drinnen stehe sie und verkaufe Würstchen an die Gäste; das
Paar koste zwanzig Pfennige. An einem Abende verkaufe sie
manchmal tausend und mehr. Dazu habe sie ein Kostüm an;
sie beschrieb es: Sammetmieder, roten Rock, bloße Arme und
eine dreifache Kette von silbernen Münzen um den Hals. Sie
sei auch schon so photographiert worden; die Photographie
habe sie im Koffer mit.

Ernestine, die schon lange mit verhaltenem Spotte den
Erzählungen der älteren Schwester zugehört hatte, meinte jetzt
in wegwerfendem Tone: Würstchen verkaufen, das sei was
Rechtes, dazu brauche man nicht nach Berlin gehen!

Aber Toni erklärte voll Eifer, ihre Stellung sei eine sehr
feine, sie bekomme viel Trinkgelder, die Herren unterhielten
sich oft mit ihr und machten viel Spaß. Zweimal in der
Woche habe sie Ausgehtag. Dann erzählte sie von Cirkus,
Theater, Bierkonzerten, Bällen.

Die Wunder der Großstadt hatten außergewöhnliche Bilder
in die Phantasie dieses Landkindes geworfen. Der neuen
Eindrücke waren zuviel gewesen; alles hatte sich in dem Kopfe
der Thörin verzerrt und verschoben. Nun, wo sie versuchte
eine Beschreibung von ihren Eindrücken und Erlebnissen zu
geben, wußte sie nicht, wo anfangen, fand keine Ausdrücke für
Dinge, die sie niemals begriffen, nur, wie der Wilde die
Wunder der Civilisation, erstaunt angestarrt hatte.

Dann fing sie an von ihren Kleidern zu erzählen. Drei
hatte sie zum Ausgehen, dazu zwei Hüte, und Strümpfe und
Hemden, dutzendweise.

Ernestine rückte unruhig auf ihrem Platze hin und her;
daß Toni, der sie sich stets überlegen gefühlt hatte, jetzt als
große Dame auftrat, verdroß sie. Wovon Toni denn all' den
Aufwand bestreite, verlangte sie zu wissen.

Ihr Freund bezahlte ihr alles, erklärte Toni, mit Selbstgefühl.

„Mag 'n schener Freind sen das!“ höhnte Ernestine.

Voll Eifer setzte Toni auseinander: „Er is sehre gutt mit
mer. 's Reisegeld hat er mer och geschenkt. Weil 'ch, und de
Fisse thaten mer duch su schwellen; da is 'r selber zum Chef,
und hat 'n um Urlaub gebaten für mich. Su gutt is dar mit
mer.“

Sie blieb bis über das Neujahr in Halbenau. Wohnung
hatte sie schließlich doch beim Vater genommen.

Mit jedem Tage, den sie in der Heimat zubrachte, fiel
von dem großstädischen Wesen, das sie anfangs aufrecht zu
erhalten versuchte, etwas mehr ab. Der Putz war nur
oberflächlich aufgeworfen, wollte nicht recht haften bei diesem
echten Bauernkinde. Ein paar Tage lang lief sie völlig
scheckig umher: halb Bauernmagd, halb Stadtfräulein. Ihr
modisches Kleid hochaufgebunden, daß man die schwarzen
Strümpfe sah, war sie im Stalle anzutreffen, saß sie auf
dem Melkschemel, die Milchgelte zwischen den Knieen.

Dann fand sie in einer Lade auf dem Boden einige ihrer
alten Kleider, die dort geblieben waren aus früherer Zeit; die
legte sie an. Nun war sie wieder ganz die alte Toni.
Höchstens, daß ihre Wangen und Arme noch nicht die ehemalige braunrote Färbung angenommen hatten.

Jetzt fühlte sich Toni wieder ganz in ihrem Elemente
Längst war es ihr ein Dorn im Auge gewesen, zu sehen, wie
die Kühe bis an die Euter im Miste standen; da mußte mal
ordentlich ausgeräumt werden! — Eines schönen Vormittags
machte sie sich daran, mistete den Stall, karrte den Mist auf
die Düngerstätte, und streute dem Vieh neu ein.

Des Sonntags ging sie in den Kretscham zum Tanze. Dort
war sie mit ihrem Seidenkleide und durch den Ruf des außergewöhnlichen Glückes, das sie gemacht, die gefeiertste und begehrteste Tänzerin. Und Toni war harmlos genug geblieben,
sich über diesen Erfolg von Herzen zu freuen.

Ernestine rümpfte die Nase über die Aufführung ihrer
Schwester. Auch für Gustav war das Wiedersehen mit
Toni peinlich. Er hatte genug vom Leben kennen gelernt, um
zu wissen, daß sich ein Mädchen auf anständige Weise nicht
soviel Geld verdient, wie Toni verthat.

Toni selbst begriff nicht, warum die Geschwister ihr so
kühl begegneten. Sie hatte erwartet, daß die Ihrigen sie mit
Jubel aufnehmen und sich an ihrem Glücke freuen würden,
und war nun erstaunt, als sie auf Zurückhaltung stieß. Aber
sie war nicht dazu veranlagt, sich Skrupel zu machen.

Aus Berlin kam ein Geldbrief an Toni an. Sie lief
damit bei den Verwandten umher, zeigte ihnen, in naiver
Freude, wie ihr Freund sie bedacht habe. Sie beschenkte
Theresen für ihre Mühe um das verstorbene Kind, und
sprach davon, dem Vater etwas zuwenden zu wollen. Kurz,
sie gefiel sich der Familie gegenüber in der Rolle einer
Gönnerin.

Am Morgen vor Tonis Abreise, rief der alte Bauer
seinen Sohn Gustav beiseite; er hatte offenbar etwas auf
dem Herzen. Nach einigem Drucksen, wie es seine Art war,
fing er an, den Sohn auszuforschen: woher Toni die schönen
Kleider habe und wie sie zu soviel Geld käme.

Gustav merkte bald, worauf der Vater hinauswollte. Er
hielt mit seiner Ansicht über Tonis Erwerbsquellen nicht hinter
dem Berge.

Der alte Mann griff in die Tasche, holte etwas in Papier Gewickeltes hervor, packte es sorgfältig aus; es waren:
zwei blanke Goldstücke.

„Dos hoat se mer gegahn, de Toni. Iche mog's ne behalen, ich ne! Gieb's Du's er zuricke! Ich mog sickes Gald ne!“

Damit ging er von dannen.

Toni weinte, als Gustav ihr das Geld zurückgab; sie
hatte es doch so gut gemeint! —

IX.

Karl kam neuerdings nur noch nach Haus, um seine
Räusche auszuschlafen.

Therese hoffte anfangs, es werde ihr gelingen, ihm im
bewußtlosen Zustande das Geld abermals abzunehmen. Aber
Karl war durch die früheren Erfahrungen gewitzigt. So oft
sie auch seine Taschen durchstöberte, sie fand nichts darin.
Jedenfalls hielt er das Geld außerhalb des Hauses verborgen.

Wenn der Trunkenbold erwachte, schwankte er zwischen
Stumpfsinn und Tobsucht hin und her. Sobald er seinen
Anfall bekam, mußte Therese die Kinder vor ihm verbergen,
für deren Leben sie zitterte.

Im Kretscham zu Halbenau war Karl jetzt ein häufiger
Gast. Richard Kaschel, sein Vetter, war neuerdings Karls
Vertrauter geworden.

Richard übertraf seinen Vater wohl noch an boshafter
Verschlagenheit. Den Büttners den Garaus zu machen, das
war, ohne daß sie sich dazu verabredet hätten, die geheime
Wollust dieser beiden.

Der alte Kaschel hatte, obgleich er eine Büttner geheiratet,
ja, obgleich er seinen Wohlstand Büttnerschem Gelde verdankte,
doch immer einen tiefeingewurzelten Haß gegen diese Familie
gehegt. In seiner guten Zeit war Traugott Büttner dem
Schwager durch jene Kraft und Würde überlegen gewesen,
die den ehrlichen Mann vor dem Ränkeschmied auszeichnet.

Inzwischen war der ehemalige Büttnerbauer ruiniert
worden. Nur noch eine Frage der Zeit schien es, wann der
Erbe des größten Bauerngutes im Orte der Armenversorgung
anheimfallen werde. An ihm noch sein Mütchen zu kühlen, war
unmöglich. Ihm konnte ja nichts mehr genommen werden;
er war von allem entblößt, was einem Menschen Ansehen und
Bedeutung verleiht auf der Welt.

Aber auch das gute Gedeihen der Büttnerschen Kinder war
stets ein Stachel in der Seele des Kretschamwirts gewesen. Er
haßte vor allem Gustav. Der Mensch schien sich, allem Unglück
zum Trotze, das seine Familie betroffen, wacker durch die Welt
zu schlagen.

Gustav bildete auch den Gegenstand stummer Wut für
Richard Kaschel. Die Prügel, die er einstmals von dem Vetter
erhalten, waren unvergessen.

Aber an Gustav konnte man nicht heran; der verkehrte
nicht im Kretscham. Auch von Ernestine bekam man nicht viel
zu sehen; es hieß, sie habe einen Bräutigam in der Fremde und
werde bald heiraten. Toni war wieder nach Berlin zurückgekehrt,
nachdem sie den Ort durch ihr Auftreten in Aufregung versetzt
hatte.

Nun blieb noch Karl. Der schien allerdings die schiefe
Ebene ganz von selbst hinabzugleiten. An den reißenden Fortschritten, die Karls Verlotterung machte, hatte das edle Paar:
Vater und Sohn Kaschel, seine helle Freude.

Richard Kaschel hatte außerdem noch einen besonderen
Grund, sich für Karl zu interessieren.

In Halbenau wurde trotz der Armut seiner Bewohner
viel und verhältnismäßig hoch gespielt. Ein nach dem Hofe
hinaus gelegenes Hinterzimmer im Kretscham bot willkommene
Gelegenheit zu jeder Art lichtscheuem Treiben. Dort flogen die
bunten Blätter oft ganze Nächte hindurch. Es war bekannt, daß
ein Halbenauer Bauer dort Haus und Hof und alles Hab
und Gut, im Laufe weniger Jahre verspielt hatte.

Richard Kaschel gehörte zu der Spielerzunft. Der Vater
wußte um das Treiben des Sohnes Bescheid. Er hatte versucht ihn abzuhalten vom Spiel. Aber das Bürschchen, das
dem Alten längst über den Kopf gewachsen war, hatte geantwortet: der Vater habe ja seine Kümmelpulle; da möge er ihm
gefälligst die Karten lassen.

Eines Abends, als Karl in den Kretscham kam, setzte sich
Richard wie gewöhnlich zu dem Vetter an den Tisch. Nachdem Karl bereits sein zweites Fläschchen Korn geleert, fragte
ihn Richard, ob er Lust habe, ein Viertel Schwein zu gewinnen.

Karl begriff zunächst nicht, was jener damit meine.
Der Vetter erklärte ihm, im Hinterzimmer säßen zwei fremde
Herren, die Lust hätten, ein Spielchen zu machen. Der eine
habe eine Gans mitgebracht, der andere ein Paar Magenwürste,
er selbst, Richard, wolle ein Viertel von dem eben geschlachteten
Schweine setzen; es fehle ihnen aber der vierte Mann. Wenn
Karl nichts anderes bei sich habe, könne er auch Geld setzen;
die Herren würden das schon erlauben. Dann schilderte er
die Herrlichkeiten, die man gewinnen könne, ließ Speckseiten
und Würste vor den Sinnen des bereits Halbberauschten aufmarschieren.

Karl hatte beim Militär hin und wieder Karten in Händen gehabt, seitdem nicht mehr. Aber Richard versprach zu
helfen; sie zwei wollten die beiden anderen tüchtig ausnehmen,
raunte er dem Vetter ins Ohr.

Der Gedanke an den fetten Einsatz erschien verlockend.
Karl taumelte in's Hinterzimmer. Die beiden Fremden saßen
bereits da. Über dem ganzen Zimmer, das von einer Hängelampe beleuchtet wurde, schwebte es wie bläulicher Dunst.

Karl wußte, daß er betrunken sei. Aber er befand sich
in jenem Stadium des Rausches, wo alles selbstverständlich
erscheint, wo alle Bedenken leicht wie Rauch verfliegen. ,Du
wirst diesen Kerlen mal zeigen! Du wirst ihnen mal zeigen . . .‘
dachte er bei sich.

Dann saß er am Tisch, die Faust voll Karten; das war
der Schellenkönig und das die rote Zehne! — O, er kannte
sie noch ganz genau die Karten, wußte auch ihre Namen! —

Ihm gegenüber der Fremde hatte einen schwarzen Bart,
in den sich, auf der einen Gesichtsseite, ein dunkelrotes Muttermal verlief. Karl wurde ganz zerstreut durch dieses Abzeichen;
er mußte unausgesetzt darauf starren.

„Karle, Du bist am Ausspielen!“ mahnte der Vetter.

„Gegen solche Karten ist nicht aufzukommen,“ sagte der
andere Fremde, ein kleiner bartloser Mann, dessen Kopf, wie
mit Mehlstaub bestreut erschien. ‚Das ist also ein Müller!‘
dachte Karl. Aber als der Mann seinen Kopf in's Licht vorbeugte, sah man, daß sein Haar von Natur so grau sei.

„Herr Büttner hat die Partie gewonnen,“ hieß es.

Richard zeigte eine Magenwurst vor, die hatte Karl gewonnen. Der lachte vor Vergnügen über das ganze Gesicht.
Er hatte es ja gleich gesagt, daß er die Kerle reinlegen würde.

„Jetzt woll'n mer um de Knöppe spielen!“ rief Richard.

Der mit dem Muttermale griff in die Tasche und legte
eine Hand voll Silber auf den Tisch. Ein gleiches that der
Graukopf. „Ich bin auch versehen“ erklärte Richard Kaschel
und klopfte protzig auf seine Tasche.

Karl brachte das Ledertäschchen mit dem Stahlbügel hervor. Er lächelte verächtlich. Jetzt sollten die Fremden mal
sehen, was er für ein Kerl war! Mit ungeschickten Fingern
holte er die einzelnen Goldstücke heraus. Es waren noch
fünfzig Mark; das übrige war vergeudet.

„Noch'nen Nordhäuser vorher!“ sagte Richard, „den gebe
ich.“ Er holte aus dem Wandschranke ein Flasche hervor,
schenke die Gläser voll und stellte die Flasche auf den Tisch.

Das Spiel begann von neuem. „Der guckt durch a Astloch!“ sagte jemand. Karl lachte über die Bemerkung, weil
er die anderen lachen sah. Diesmal hatte er verloren.

„Immer glei bezahlen! Da giebt's nich lange Qualen!“
meinte der Gewinner. Fünf Mark hieß es, habe Karl auszuzahlen. Richard wechselte ihm ein Goldstück gegen Silbergeld ein.

Nachdem Karl mehrere Male hintereinander verloren
hatte, kam eine Art Besinnung über ihn. Er erhob sich,
wollte nichts von weiterem Spielen wissen. Aber Richard
ließ ihn nicht fort. „Die lachen iber Dich, wenn De weglefst. Bleib ack hier, Karle! Ich werd' D'r schon helfen.
Diesmal schmier'n mer se an; paß a mal uff!“

Karl ließ sich bereden und blieb. „Noch einen Nordhäuser, meine Herren?“ fragte Richard. „Auf einem Beine
steht nur der Storch!“ Karl wollte zeigen, daß er sich nicht
lumpen lasse und rief dem Vetter zu: „Schenk ei! Eemal
rim! Den gab' ich!“ —

„Aber richtig bedienen müssen Sie, Herr Büttner! Sonst
is es keen Spiel nich!“ meinte der Graukopf.

„Ihr wart mich wuhl 's Kartenspielen lahren, Rotzleffel,
die d' 'r seid!“ rief Karl den Mitspielern zu.

Die beiden Fremden wollten etwas erwidern, aber Richard
winkte ihnen mit den Augen ab.

Wiederum hatte Karl verloren. Da schlug er auf den
Tisch und brüllte: „Betrogne Karlen seid 'r, daß d' 'r 's wißt!
Betrogen hat 'r mich! Gaht mer mei Gald raus, Hunde!“

Die Fremden waren aufgestanden. Karl fuhr fort, auf
den Tisch zu hämmern und sein Geld zu fordern. Sein Vetter
trat auf ihn zu. „Halt 's Maul! Schrei nich su laut! Se
hieren's sunst vorne.“

„Du hast mer an Dreck zu befehlen!“ Damit hatte Richard
auch schon einen Schlag von Karls Riesenhand in's Gesicht,
daß er sich aufheulend die Backe hielt.

Die beiden anderen Männer sprangen auf Karl zu, ihm
in den Arm zu fallen. Er schleuderte sie gegen die Wand,
ergriff einen Stuhl und schlug blindlings drauf los. Die
Hängelampe, von einem Stuhlbeine getroffen, riß vom Flaschenzuge ab, fiel auf den Tisch, wo sie zerbrach.

Inzwischen waren Leute durch den Lärm herbeigerufen
in's Zimmer gedrungen: der Hausknecht, Gäste, der alte Kaschel.
Man umringte Karl, der noch immer um sich schlug, wie ein
Wilder.

Die neu hinzugekommenen hatten keine Ahnung, um was
es sich eigentlich handle. Man sah nur, daß es eine Rauferei
gab; das erweckte sofort die Lust, mitzuthun. Richard hatte
sich aus Karls gefährlicher Nähe zu retten gewußt und spornte
nun die anderen vom Hintergrunde aus an, zuzugreifen und es
,dem Hunde‘ mal ordentlich zu geben.

Es wurde gerungen. Der Tisch fiel um, Gläser zerbrachen. Plötzlich dröhnte und krachte es. Karl hatte sich
Platz geschafft, drang durch den schmalen Gang in die Hausflur. Dort standen auch schon Leute, die sich ihm entgegenwarfen. So von allen Seiten umringt, an Armen und Beinen
von einem Dutzend Fäusten gepackt, ward er endlich wehrlos
gemacht.

Man wußte nicht recht, was mit ihm anfangen! Die
meisten ahnten nicht, was eigentlich der Anlaß zu dem Krakeel
gewesen sei. Jemand riet, ihn vor die Thür zu schaffen. Der
Vorschlag fand Beifall. Karl wurde zur vorderen Thür geschleppt. Hier gelang es ihm, ein Bein frei zu bekommen, das
er gegen den Thürflügel einstemmte. Man drängte und drückte,
aber der große Körper war nicht freizubekommen.

Richard Kaschel wußte Rat. Der Thürflügel wurde durch
eine eiserne Stange abgehalten, die hob Richard aus; sofort
gab die Thür nach. Karl stürzte mit samt seinen Angreifern die Stufen hinab auf die Straße.

In dem allgemeinen Durcheinander, das nun in der
Dunkelheit entstand, wurde ein Schlag und der Fall eines
schweren Körpers so gut wie überhört.

Man lief in's Gastzimmer zurück, erzählte sich gegenseitig, unter Geschrei und Gelächter, die Heldenthat, die
man verübt. Kaschelernst lief umher zetternd und klagend,
über den Schaden, der ihm am Mobiliar angerichtet worden
sei. Um das Schicksal des Hinausgeworfenen kümmerte sich
niemand.

Nach einiger Zeit brannte einer der Gäste seine Laterne
an und machte sich auf den Heimweg. Gleich darauf kam er
mit verstörtem Gesichte wieder in's Zimmer zurück. Draußen
liege einer in einer Pfütze Blut, berichtete der Mann.

Man eilte hinaus. Karl Büttner lag da einige Schritte
von den Stufen. Der Schnee um ihn her war dunkel gefärbt.

Man untersuchte ihn; er war bewußtlos. Das Blut
floß aus einer Wunde am Kopfe.

Ein Messerstich war es nicht. Es sah mehr aus, als
habe ihn ein Hieb mit einem stumpfen Instrumente über
den Schädel getroffen.

X.

Eines Tages im Februar erschien Harrassowitz auf dem
ehemahligen Büttnerschen Bauernhofe. Er war in Gesellschaft
eines städtisch gekleideten jungen Mannes.

Der Händler fand die vordere Hausthür verschlossen.
Er ging daher um das Haus herum, durch den Schnee, nach
dem hinteren Eingang, aber auch dort war die Thür, verriegelt. Harrassowitz pochte und rüttelte an Thür und Fensterladen; als das nichts nützte, legte er sich aufs Pfeifen und
Rufen. Jemand mußte doch im Gehöft sein; es führte ja
keine Spur in dem frisch gefallenen Schnee zum Hofthor
hinaus. —

Endlich erschien der graue Bart des alten Büttner, oben
in der Dachluke. Er hatte sich, seiner Gewohnheit gemäß,
eingeschlossen. Jetzt freilich, wo er den Eigentümer des
Hauses und Gutes selbst vor der Thür sah, mußte er wohl
oder übel aufmachen.

Sam war wütend über das lange Warten. Bei ihm
sei es wohl nicht ganz richtig im Kopfe, schrie er den alten
Mann an, als der barhäuptig in der Thür erschien. Er solle
mal gefälligst sofort alles öffnen; hier sei jemand, der sich das
Haus ansehen wolle.

Nun ging es an eine eingehende Besichtigung des Ganzen.
Vom Keller bis hinauf auf den Boden wurde jeder einzelne
Raum beschritten und besehen.

Der Fremde nahm es sehr genau. Er klopfte an die
Wände, untersuchte das Holzwerk, blickte in die Essen und
Öfen. Vielerlei fand er auszusetzen.

Im Keller stand Wasser. Sam, der selbst niemals
drin gewesen war, erklärte unverfroren: den Keller habe er
immer trocken gefunden, bisher; das müsse zufällig eingedrungenes Schneewasser sein. Er wandte sich an den alten
Büttner mit der Aufforderung, ihm das zu bestätigen. Traugott Büttner erklärte in mürrischem Tone: so lange er lebe,
habe in diesem Keller im Frühjahre stets Wasser gestanden. —
Der Händler biß sich auf die Lippen und warf dem Alten gerade keinen freundlichen Blick zu.

Auch sonst wurde mancherlei mangelhaft befunden. Die
Öfen taugten nach Ansicht des fremden Herrn nichts, während
Harrassowitz beschwor, sie heizten ausgezeichnet. Die Dielen
sollten an vielen Stellen schadhaft sein. Das Dach sei reparaturbedürftig, die Treppe wackelig. Von der Holzstube wollte
der Herr gar nichts wissen, die müsse er herausreißen lassen
und durch Ziegelwände ersetzen.

Kurz das Haus war, wenn man den Worten des Mannes
trauen durfte: „ein Loch“, in das man eine junge Frau unmöglich führen konnte.

Harrassowitz meinte, mit einigen hundert Mark mache er
sich anheischig, aus diesem Hause ein wahres Eldorado zu
schaffen, „komfortabel und hochherrschaftlich“.

„Eine Hundehütte ist das Ding!“ rief der Fremde, der
die starken Ausdrücke zu bevorzugen schien. „Fünftausend
Mark muß ich hier gleich reinschmeißen; bloß was das ausmisten kostet. Natürlich geht das vom Kaufpreise ab!“

Der Händler schwor dagegen, beide Hände zur Beteuerung erhebend, dann könne kein Handel zu Stande kommen;
er dürfe nicht eine Mark vom Preise ablassen.

So wurde hin und her gefeilscht zwischen den beiden.
Auf den alten Büttner, der gesenkten Hauptes dabeistand,
Rücksicht zu nehmen, schien man für überflüssig zu halten.

Nachdem man Haus und Hof gründlich besichtigt, wobei der Fremde alles so schlecht wie möglich machte, während
Harrassowitz seinen Besitz nach Möglichkeit herausstrich, ging
es hinaus, zur neu angelegten Ziegelei. Büttner wurde nicht
aufgefordert, mit dorthin zu kommen.

Nach Verlauf von einer Stunde etwa kamen die Herren
in das Gehöft zurück. Sie begaben sich in die ehemalige Wohnstube der Büttnerschen Familie. Sam verlangte Tinte und
Papier, und schimpfte, als das nicht zu haben war.

„Sie können derweilen raus gehen!“ sagte er zu dem alten
Manne. „Aber, halten Sie sich in der Nähe auf, bis ich Sie
rufen werde.“

Traugott Büttner ging in den Stall. Die Gesellschaft
der Tiere war ihm lieber, als die der Menschen. Die Tiere
waren unverständig, stumpf und gutmütig. Die kaltblütig-grausame Art, seinesgleichen zu martern, hatte der Mensch vor
der Kreatur voraus. —

Der alte Mann saß bei den Kühen auf einem Melkschemel. Er hatte den Tieren neues Futter vorgeworfen.
Gemächlich kauend standen sie da, blickten ihn während des
Fressens hin und wieder an, furchtlos; sie kannten ihn ja.

Durch die offene Stallthür konnte man, über den Hof
her, vernehmen, wie jene drüben in der Stube sprachen.
Sie schienen noch nicht einig. Es ging lebhaft zu beim
Handeln.

Der Bauer versank tiefer und tiefer in Brüten. Eine
„Hundehütte“ hatte der Herr sein Haus genannt! Daß der
Mensch nicht stumm geworden war, für solche Lästerung!

Er, der Büttnerbauer, mußte doch wohl sein Haus kennen und
wissen, was es wert war; es gab kein besseres im ganzen Dorfe.

Die Grundmauern mußten uralt sein. Der Vater hatte
einmal gehört von einem, der es verstand: die Mauern
stammten aus Zeiten, die noch lange lange vor dem großen
Kriege lagen. Die Holzstube, welche der Fremde herausreißen
wollte, war von Traugotts Großvater aus starken trockenen
Tannenbrettern und lärchenen Pfosten eingebaut worden, und
mochte noch manches liebe Jahr über dauern. Den Dachstuhl
hatte Leberecht Büttner neu zimmern lassen; da war kein
Balken der sich gesenkt oder gebogen hätte.

Er selbst, Traugott Büttner, hatte viel Arbeit, Sorge und
Kosten auf das Wohnhaus verwendet. Es war stets sein Stolz
gewesen, daß es so stattlich sei; er hatte seinen Ehrgeiz darein
gesetzt, das von den Vätern überkommene Heim in Ordnung
und Stand zu halten.

Er hatte dieses Haus lieb, wie man ein lebendes Wesen
liebt. Wenn er vom Felde hereinkam, blickte es ihn schon von
weitem an, freundlich und vertraut, wie eine Mutter. — Es war
ja auch die Mutter von vielen Generationen, die in ihm geboren und groß geworden, denen es Obdach und Behausung
gewährt hatte.

Er kannte dieses Haus, wie er seine Ehefrau gekannt hatte.
Er liebte es nicht nur in seinen Vorzügen und guten Seiten,
er liebte es in allen seinen Eigenheiten und Heimlichkeiten, die
nur ihm offenbar waren. Er liebte es nicht zum mindesten
der schweren und bangen Stunden wegen, die er unter seinem
Dache durchlebt hatte.

Und nun kam da einer her, ein Fremder, und nannte es
eine: „Hundehütte“!

Es war nicht Zorn, was der Alte empfand, auch nicht
Ärger. All' die jäh aufwallenden, heißen Gefühle waren ausgelöscht in ihm. Mehr ein Staunen war es, ein Verwundern
über das, was ihm wiederfuhr. Der Geist der streitbaren
Auflehnung, der ihn früher oft zu seinem Schaden beseelt,
hatte einer dumpfen Verdrossenheit Platz gemacht.

Er war still und nachdenklich geworden. Den Leuten im
Dorfe wurde er dadurch unheimlich. Wenn er in seinem
Kummer gerast, oder zur Schnapsflasche gegriffen hätte, würden
sie sich weniger gewundert haben, als über dieses stille „Simelieren“ des Bauern.

Er konnte neuerdings über einem Worte, einem Erlebnisse, stundenlang grübeln. Es war, als ginge er im Kreise,
wie ein Tier, das den Göpel drehen muß. Sein Geist
klebte fest und zäh an den Dingen, konnte sich nicht aufschwingen zu Gedanken, sein Wille sich nicht mehr aufraffen zu
Thaten. Der ehemals so thätige Mann war im stande, halbe
Tage in völligem Nichtsthun zu verbringen.

Dann hielt er Selbstgespräche. Zu starkem Fluchen und
Schimpfen, wie ehemals, brachte er es nicht mehr. Aber er
bekam es fertig, ein und denselben Satz zehnmal und mehr vor
sich hin zu sagen, immer schneller, immer lauter; bis er über
sein eigenes Sprechen erschrack, sich scheu umsah, ob jemand
da sei, und nach einiger Zeit in seine gewöhnliche Stumpfheit
zurückversank.

Auch jetzt wieder hatte er sich in einen Gedanken verbissen: jener fremde Herr, dessen Namen er nicht einmal
kannte, hatte sein Haus eine Hundehütte genannt. Und
nun sagte er das Wort vor sich hin, mit rauher Stimme:
„Hundehütte, Hundehütte, Hundehütte . . .,“ daß die Kühe
im Fressen innehielten und sich umsahen nach dem närrischen
Alten.

Vom Hause her ertönte jetzt lautes erregtes Sprechen,
als ob sie sich dort stritten. In der Hausthür erschien der
Fremde. Er war im Begriffe seinen Pelz anzuziehen, hinter
ihm kam Sam, suchte den Mann festzuhalten.

„Zwanzigtausend Mark für so eine Hitsche ist Unverschämtheit!“ schrie der Fremde. „Ich weiß ganz genau, was
Sie in der Subhastation gegeben haben dafür.“

„Aber was ich inzwischen hineingesteckt habe, Herr Berger!
wollen Sie das, bitte, nicht vergessen.“

Der Fremde stand immer noch in der Thür, er hatte
inzwischen den Ärmel gefunden, schien auf dem Sprunge, fortzugehen.

„Schön: reingesteckt! Rausgenommen haben Sie, dreimal
so viel als Sie gegeben haben! Und nun soll ich Ihnen für
den Hof und das bißchen Ziegelei zwanzigtausend Mark geben!
— Verrückt müßte ich sein! Viertausend Thaler gebe ich!
Nicht einen Pfennig mehr!“

„Kommen Sie nur ins Haus, Herr Berger!“ mahnte der
Händler und suchte den erregten Mann hereinzuziehen. „Wir
werden schon handelseinig werden!“ dabei klopfte er ihm auf
die Schulter.

„Sie sind ein Halsabschneider!“ schrie Berger, folgte aber
dem Händler doch ins Haus.

Es dauerte wiederum eine geraume Weile, dann erschien
Harrassowitz in der Hausthür und rief den Bauern herein.

Er stellte ihn dem Fremden vor. „Das ist hier der
alte Büttner, der frühere Besitzer. Ein braver Mann! Ich
kann ihn nur empfehlen. Wir sind stets gut mit einander
ausgekommen, nicht wahr, Büttner?“ Dabei stieß er den
alten Mann vertraulich an.

Büttner sagte nichts. Er stand da gesenkten Hauptes und
blickte auf die Diele.

„Ich habe nämlich an diesen Herrn hier soeben verkauft,“
fuhr Harrassowitz fort; er schien in bester Laune, rieb sich
vergnügt schmunzelnd die Hände. „Das ist also hier Ihr neuer
Herr, Büttner! Herr Berger wird die Ziegelei in Betrieb
nehmen, und gedenkt, hier zu wohnen. — Es wird gut sein
für Sie, Büttner, wenn Sie sich mit ihm stellen.“

„Das Haus entspricht durchaus nicht meinen Ansprüchen,“
meinte der neue Herr, sich mißmutig umblickend. „Meine
Frau kommt von der Stadt und ist's ganz anders gewöhnt.“

„Es wird der jungen Frau mit der Zeit ganz gut hier
gefallen in Halbenau; passen Sie mal auf, Herr Berger!
Hier ist's ganz nett, man versteht hier auch zu leben. Und
gesund ist's! Die Leute werden alt hier zu Lande! Wie zum
Beispiel Herr Büttner hier!“

Der Fremde zuckte die Achseln, dann meinte er, sich an
den Alten wendend: „Ich würde Sie unter gewissen Bedingungen im Hause behalten. Eine Kammer können Sie
meintswegen haben, obgleich eigentlich viel zu wenig Platz ist.“

„Büttner nimmt mit allem vorlieb,“ sagte Harrassowitz,
sich einmischend. „Sie müssen nur wissen, der Mann hat
Zeit seines Lebens hier gewirtschaftet, da wäre es immerhin
hart, wenn er Knall und Fall fort müßte. Ich habe auch
Erbarmen gehabt mit ihm, obgleich ich's nicht eigentlich nötig
hatte. Das ist eben schließlich eine Art von Anstandspflicht —
gewissermaßen.“

Der neue Besitzer machte eine ungeduldige Bewegung.
„Zwingen dazu kann Sie ja niemand!“ rief der Händler.
„Wenn Sie den Alten drin lassen, so ist das eben ein Akt
der Barmherzigkeit, und Herr Büttner muß Ihnen zeitlebens
dankbar dafür sein — nicht wahr, Büttner?“

„Meinetswegen!“ sagte Berger und erhob sich. „Ich will
gestatten, daß der Mensch hier wohnen bleibt, in einer Dachkammer. — In die Hausordnung haben Sie sich natürlich zu
fügen, Büttner! und ich darf erwarten, daß Sie keinerlei
Störung verursachen. Die Wohnung sollen Sie frei haben; ich
verlange als Entgelt, daß er den Garten versorgt, und die
häuslichen Arbeiten übernimmt: Holzspalten, Austragen der
Grube, Kohlenklopfen und so weiter. Eventuell werde ich ihn
auch in der Ziegelei beschäftigen, wenn er dazu nicht schon zu
alt ist. Natürlich ist dieses Verhältnis meinerseits jeder Zeit
kündbar.“

„Das scheint mir nur billig und gerecht!“ rief Harrassowitz. „Sie können lachen, Büttner! Machen Sie nur nicht
ein so finsteres Gesicht, Mann! So trifft's nicht jeder!“

„Das scheint ein alter verstockter Bursche zu sein!“ sagte
Berger zu dem Händler, als sie das Haus verließen.

„Was wollen Sie,“ meinte Sam. „Er ist halt 'n
Bauer!“

XI.

Ernestine überbrachte eines Tages ihrem Bruder Gustav
einen Brief von Häschke. Dabei erzählte sie, daß sie in der
nächsten Zeit Halbenau verlassen werde, ihr Bräutigam habe
eine Wohnung gemietet und wolle sie nun heiraten.

Eigentlich hatte Ernestine gewünscht, daß die Hochzeit in
Halbenau stattfinden solle; aber Häschke hatte gemeint, da müsse
man sich womöglich kirchlich einsegnen lassen, und „den Mumpitz“ mache er nicht mit. Ernestine fand sich schließlich darein.
Sie war schon so weit von der fortgeschrittenen Weltanschauung
ihres Bräutigams angesteckt, daß sie sich aus solchen altmodischen Gebräuchen, wie kirchliche Trauung und Taufe, nichts
mehr machte. Da sie außerdem praktisch war, sagte sie sich,
daß man durch Weglassen dieser Ceremonien Geld ersparen
könne, welches anderweit besser zu verwenden sei.

Häschke berichtete in seinem Briefe an Gustav, daß er in
einer Maschinenfabrik Anstellung als Schlosser gefunden habe.
Er setzte dem Freunde zu, daß er's ihm nachmachen solle.
In der Stadt sei doch ein ganz anderes Leben, als in dem langweiligen Dorfe. Auf einen grünen Zweig werde er in Halbenau doch niemals kommen. Wenn Gustav ihm Auftrag gebe,
wolle er sich für ihn um einen Dienst bemühen. Gustav solle
ihm sofort seine Papiere einsenden. Er werde ihm schon etwas
Passendes ausfindig machen. Gediente Unteroffiziere hätten
immer Aussicht, genommen zu werden.

In Gustav rief dieser Brief geradezu eine Gährung hervor.

Seit er neulich auf dem Rückwege aus der Rübengegend
das Leben der großen Stadt wieder einmal gekostet hatte, war
ihm die geheime Sehnsucht danach nicht wieder aus der Seele
gewichen.

Es bedurfte nicht viel Zuredens von Seiten Häschkekarls, um diese Träume und Wünsche, beunruhigend und verführerisch, wie sie nun einmal für das Landkind waren, lebendig
zu machen.

Der Abend vor allem, wo er in Häschkes Gesellschaft jener
großen Volksversammlungen beigewohnt, hatten sich unauslöschlich seinem Gedächtnisse eingeprägt. Die Tausende, welche in
atemloser Spannung den Worten ihrer Führer gelauscht, die
eindringlichen Worte, welche die schlichten Arbeiter gesprochen,
der mächtige sinnberauschende Applaus, wenn einer das rechte
Wort gefunden, die Disziplin, die Opferwilligkeit, der Korpsgeist — nichts von den tiefen Eindrücken, die er in jenen
Tagen in sich aufgenommen, war dem jungen Manne abhanden gekommen.

Was er da gesammelt hatte an neuen Erfahrungen und
Gedanken, was er damals, weil es zu viel auf einmal gewesen,
nicht hatte verarbeiten können, war doch in ihm geblieben,
hatte sich gesetzt und verdichtet, zu einer neuen Weltanschauung.
So wie er gewesen war, konnte er nie wieder werden; er
hatte in geistigem Sinne seine Unschuld verloren. Er fühlte
es selbst, bei den unbedeutendsten Anlässen, daß er mit anderen
Augen in die Welt sehe.

Vor allem aber war eine tiefe Sehnsucht in ihn gekommen,
die ihm keine Ruhe mehr ließ, die Sehnsucht, heraus zu gelangen aus der Enge seiner bisherigen Umgebung, Neues zu
sehen und zu erleben, seinen Gesichtskreis zu erweitern, teilzunehmen an dem Leben der großen Welt.

Diese Sehnsucht trieb ihn aus seiner Heimat weg, in
die Stadt. Dort war das wahrhaftige Leben allein! In
der Stadt fand man Anregung und Gesellschaft. Dort erfuhr
man, was vorging in der weiten Welt. Da ging einem eine
Ahnung auf von dem, was man selbst wollte und sollte. Da
war man unter Tausenden und Abertausenden, und doch ein
selbstständiger, freier Mensch.

Auf dem Lande glichen die Arbeiter dem Lasttiere, das
seine Arbeit verrichtet, sein Futter vertilgt und nur erwacht, um von neuem zur Arbeit getrieben zu werden. So
dämmerten die meisten Leute auf dem Dorfe dahin, stumpf
und gelangweilt, ohne viel mehr nachzudenken, als das
liebe Vieh.

Nein! solch ein Leben wollte er nicht weiter führen! Wenn
man einmal starb, wollte man doch wenigstens sich sagen können,
daß man gelebt habe.

Er hatte ja früher die Heimat geliebt — er liebte sie
noch — aber, es war zu vieles vorgefallen, in den letzten Jahren, was ihm die Freude an dem Heim vergällt
hatte.

Ja, wenn er's so hätte haben können, wie sein Großvater
Leberecht — dem er, wie die Menschen behaupteten, in vielen
Stücken ähnelte — wenn er auf freiem Gute hätte selbständig
schalten und walten dürfen, als sein eigner Herr, da hätte
er wohl jede Arbeit auf sich nehmen wollen, wäre sicher
gewesen, etwas Rechtes vor sich zu bringen. Aber so, wo
das Glück der Familie vernichtet war! Wo einer hätte wieder
ganz von vorn anfangen müssen! wo ihm, dem Bauernsohne,
nichts übrig blieb, als sich als Tagelöhner oder Knecht zu
verdingen! —

Nein! da wollte er doch lieber ganz von dem Orte weg
gehen, wo er und seine Vorfahren einstmals bessere Tage gesehen hatten. In der Stadt kannte ihn wenigstens keiner!
Da konnte ihn niemand verhöhnen, daß er hatte herabsteigen
müssen, daß er, der einstmals kommandiert hatte, nun selbst
dienen mußte.

Was er früher nicht für möglich gehalten haben würde, der
Abschied von der Heimat, wurde ihm jetzt nicht einmal schwer.
Die Wurzeln, die ihn einstmals so fest mit diesem Boden verbunden hatten, waren eben eine nach der anderen durchschnitten
worden; er war jetzt auch so ein loser Baum, den man leicht
ausheben und verpflanzen kann.

Mehr und mehr fing er an, seiner dörfischen Umgebung
überdrüssig zu werden, ja sie im Grunde seines Herzens zu
verachten. Auf dem Dorfe war man wie in einem dunklen,
engen, dumpfen Zimmer, in welches das Licht höchstens durch
Ritzen und Klinzen eindringt. Da draußen, in der Welt, in
der Stadt, da winkte das große rauschende Glück, das Vergnügen, die Freiheit, die Selbständigkeit! —

So gab er denn seiner Schwester Ernestine, als sie Halbenau verließ, seine Papiere mit, die sie Häschke übergeben
sollte.

Das Mädchen ging der Zukunft leichten Herzens entgegen. Sie hatte bereits der vorige Sommer der Heimat
entfremdet. Sie lebte längst mit ihren Gedanken und Plänen in einer neuen Welt, die mit dem ländlichen Heim wenig
gemein hatte. Ein Vaterhaus, von dem sie hätten Abschied nehmen müssen, gab es ja für die Büttnerschen Kinder
nicht mehr.

Um die Zukunft machte sich die leichtherzige Ernestine
wenig Sorge. Häschke verdiente jetzt zwanzig Mark in der
Woche. Mit der Zeit hatte er Aussicht, Monteur zu werden,
so schrieb er selbst. Außerdem konnte man zur Verbesserung
des Einkommens ja auch Kostgänger und Schlafburschen aufnehmen. Ein größeres Quartier war darauflos schon gemietet
worden.

Das Mädchen würde vielleicht nicht einmal vom Vater
Abschied genommen haben, wenn nicht Gustav es ausdrücklich
von ihr verlangt hätte.

Der Abschied war kühl und steif. Ernestine, die doch
sonst nicht gerade auf den Mund gefallen war, wußte dem
Vater kein liebes Wort zu sagen.

Der alte Mann brachte es auch zu keiner herzlichen Äußerung dem letzten Kinde gegenüber, das nun von ihm ging.

Karl war, nachdem man seine Wunde im Kretscham notdürftig gewaschen und verbunden hatte, in seine Behausung
nach Wörmsbach geschafft worden.

Nachdem ihm der Arzt das dichte Haar rings um die
Wunde abgeschnitten hatte, fand sich, daß die Schädeldecke stark
verletzt war. Es mußte geradezu ein Wunder genannt werden,
daß er mit dem Leben davon gekommen war. Die Heilung
ging langsam von statten.

Seine Frau leistete in dieser Zeit Übermenschliches. Der
Kranke war trotz seine Schwäche nicht leicht zu pflegen, er
delirierte stark. Die Nahrung mußte ihm auf künstlichem Wege
zugeführt werden.

Therese hatte sich bis dahin nie sonderlich um die Krankenpflege gekümmert; jetzt ließ die Not sie auch diese Dienste
erlernen.

Sie mußte dazu die Kinder versorgen, das Hauswesen im
Gange erhalten, dabei kein Geld im Hause! Denn Karl hatte
in der Periode seiner Liederlichkeit alles bis auf einen kleinen
Rest verthan.

Und nun kam das Frühjahr heran; da hätte das Feld
bestellt werden mögen. Wovon sollte man denn die Pacht an
Harrassowitz bezahlen?

Sam war schon einmal dagewesen. Er zeigte sich sehr
ungehalten. Wenn es nicht besser werde, müsse er sie heraussetzen. Säufer und Nichtsthuer könne er nicht gebrauchen.

Was blieb für Therese da anderes übrig, als selbst das
Feld zu bestellen! Die Kühe hatte Harrassowitz inzwischen
weggenommen. Sie spannte sich also vor die Egge. Der
älteste Junge, kaum sechs Jahre alt, mußte mit Hacke und
Schaufel hantieren.

Es galt die größten Anstrengungen, denn wenn Harrassowitz sein Wort wahrmachte, dann blieb ihnen nichts, als das
Armenhaus.

Daß Karl jemals wieder zu vollen Kräften kommen werde,
war unwahrscheinlich. Auch nachdem die Kopfwunde verheilt
war und das Fieber nachgelassen hatte, blieb ein allgemeiner
Schwächezustand zurück. Die Sprache hatte gelitten; bestimmte
Laute vermochte die Zunge überhaupt nicht mehr zu bilden.
Das Gedächtnis war geschwächt. Karl, der sich niemals durch
besondere Geistesgaben ausgezeichnet hatte, war völlig zum
Trottel geworden.

Eines Tages, als Therese vom Felde heimkehrte, fand sie
den Kretschamwirt von Halbenau bei Karl sitzen. Kaschelernst
schien bereits eine ganze Weile mit ihm gewesen zu sein. Was
die beiden zusammen gesprochen, erfuhr Therese nicht.

Der alte Kaschel machte einen durchaus vergnügten Eindruck.

Er spielte sich ganz auf den Unbefangenen; meinte, er
sei nur im Vorübergehen mal eingetreten, um zu sehen, wie
sie eigentlich lebten. Was zu essen hatte er mitgebracht —
auch ganz zufällig, wie er behauptete — einige Würste und
einen Schinken. Die ließ er da, damit Karl davon esse und
wieder zu Kräften kommen möge.

„Er is wie a Bissel dumm in Koppe!“ sagte Kaschelernst
zu Theresen, als er in sein Korbwägelchen gestiegen war. „Er
meent, er kann sich uf nischt nich mehr besinnen, meent er.“
Dabei beobachtete er, durch sein verschmitztes Lächeln hindurch,
Theresens Miene genau. „Weeß er denne gar nischt mehr, wie
er damals hingefallen is, in der Besoffenheet und sich das
Luch in Kupp geschlagen hat? — he!“

„Ar is ne gefallen!“ erwiderte Therese. „Ibern Kupp
ha'n se'n gehaun.“

„Soit Karl su?“

„Ne! ar soit's ne, weil daß er vun nischt ne mih was
weeß.“

„Wer soit's denne?“

„Nu, was de Leite sen, die soin's alle, 's hätt' 'n eener
ibern Kupp gehaun.“

Kaschelernst schnalzte mit der Zunge. „De Leute raden
vill, was ne wahr is. — Desderwegen!“ . . . . Vergnügt
schmunzelnd fuhr er von dannen.

Wenige Tage darauf erschienen zwei Herren vom Gericht
bei Karl Büttner. Es handelte sich um die Voruntersuchung
gegen Richard Kaschel.

Karl wurde auf's eingehendste vernommen. Viel war
freilich nicht aus ihm herauszubekommen. Er wußte nur noch
wenig von jenem für ihn so verhängnisvollen Abend im
Kretscham zu Halbenau. Darüber, wie er zu der Wunde
am Kopfe gekommen, vermochte er nichts Stichhaltiges anzugeben.

Immerhin belasteten die Aussagen anderer Zeugen den
jungen Kaschel soweit, daß es zur Verhandlung kam.

Es ward festgestellt, daß es Streit gegeben habe, zwischen
Karl und seinem Vetter. Ferner wurde ausgesagt, daß Richard
Kaschel es gewesen, der die Leute aufgefordert habe, den Betrunkenen hinauszuwerfen. Das Gravierendste aber war, daß
mehrere Zeugen sich besinnen konnten, die eiserne Stange,
die zum Festhalten der Thür diente, in der Hand des Angeklagten gesehen zu haben. Daß aber Richard den Schlag geführt habe, der Karl verletzt haben sollte, wollte niemand beschwören.

Der Angeklagte selbst behauptete, er sei nicht mit draußen
gewesen vor dem Kretscham, habe vielmehr die eiserne Stange,
auf Befehl seines Vaters, sofort wieder eingelegt.

Der alte Kaschel, der unbeeidigt vernommen wurde, bestätigte die Aussagen seines Sohnes.

Der Angeklagte wurde freigesprochen.

Die öffentliche Meinung schrieb trotzdem dem Gastwirtssohne
die That zu.

Man schimpfte weidlich auf die Kaschels, und verwünschte
sie. Erst hatten sie den alten Büttner ruiniert, ihn von Haus
und Hof gebracht, und nun hatten sie ihm auch noch den
Sohn für Lebzeiten elend gemacht.

Aber solche Worte fielen nur hinter dem Rücken der Kaschels.
Ihnen etwas in's Gesicht zu sagen, wagte niemand; sie waren
zu gefährlich.

Richard Kaschel zeigte sich, nachdem er hier mit einem blauen
Auge davon gekommen, anmaßender und übermütiger denn je.
Das Spielen setzte er fort. Er ging oft weit über Land, oder
fuhr in die Stadt, um seiner Leidenschaft zu fröhnen.

Dem alten Kaschel wurde unheimlich zu Mute dabei.
Mehr als einmal schon hatte er ein Loch zustopfen müssen für
den hoffnungsvollen Sprößling.

XII.

Nun begannen große Umwälzungen im Bauernhofe.
Baumeister und Zimmermann erschienen. Im Wohnzimmer
wurden die Dielen aufgerissen, die alten erblindeten Fensterscheiben durch neue große und glänzende ersetzt. Dann kamen
die Ofensetzer. Der alte Kachelherd mit Backröhre und Pfanne,
der zwei Zimmer geheizt hatte, auf dem die verstorbene Bäuerin
das Essen für die Familie, zugleich mit dem Angemenge für das
Vieh, zubereitet hatte, wurde weggerissen und an seine Stelle ein
städtischer Porzellanofen gesetzt. Die Küche kam in den Nebenraum. Maler nnd Tapezierer erschienen. Die Holzverkleidung
ward von den Wänden gerissen, gemalt und geweißt wurde, und
in die Zimmer für die zukünftige junge Frau kamen sogar
Tapeten.

Der neue Herr kam öfters von der Stadt heraus, und
trieb die Handwerksleute zur Eile an; er wollte bald einziehen.

Der Büttnerbauer wurde von einem Winkel in den anderen
getrieben. Er war wie ein altes Tier, dem aus Gnade das
Leben gelassen wird.

Überall im Hause herrschten die Handwerker. Schließlich zog sich der Alte mit einem Bündel Sachen in einen
Bretterverschlag auf den Boden zurück, um dort zu hausen.

Auf dem Felde war's ein Gleiches. Überall Neuerungen! —

Die Ziegelei wuchs und dehnte sich aus. Jetzt hatten
sie ein neues Lehmlager entdeckt, das noch besseres Material
enthalten sollte, als das erste. Dort wurde abgegraben. Herr
Berger, der neue Besitzer, ließ einen Schienenstrang von der
Grube nach der Ziegelei legen.

Das ganze Gut ward verbitzelt. Die großen Schläge, einstmals des alten Bauern Stolz und Freude, waren in lauter
schmale Streifen zerteilt, auf denen kleine Wirte ihre vier,
fünf verschiedenen Früchte bauten.

Auch im Walde gab es Veränderungen. Schon im Herbste
hatte der gräfliche Oberförster Kahlschlag machen und Hügel
zur Kultur auswerfen lassen. Kaum war der Schnee gewichen,
wurde mit der Anpflanzung begonnen.

Der alte Mann haßte all das Neue, das vor seinen
Augen entstand. Es lag so etwas Aufdringliches, Vorwitziges
in dem, was diese jungen Leute anstellten.

Vierzig Jahre hatte er nach der Väter Weise gewirtschaftet, und nun über Nacht, plötzlich, ward alles umgestürzt,
das Oberste zu unterst gelehrt, seine Arbeit verwüstet, als sei
sie nichts wert.

Sein Lebenswerk wurde für nichts geachtet. Die Spuren
seiner Thätigkeit waren ausgewischt. Das, was jeder Mensch
als mächtigsten Trieb und Sporn zum Handeln iu sich trägt,
der eigentliche Erreger alles menschlichen Strebens und Schaffens,
das Verlangen nach irdischer Unsterblichkeit, der Wunsch, in
seinen Werken das ewige Leben zu haben — dieses Denkmal,
das jeder Tüchtige sich zu errichten strebt, damit Kinder und
Kindeskinder seiner gedenken, auf daß sein Wesen und Wollen
nicht von der Vergessenheit Nacht verschlungen werde —
dieser Abdruck seiner Persönlichkeit, der in diesem Grundstück:
Haus, Hof, Feldern, Wiesen und Wald, eingeschlossen lag, war
zerstört; fremde Hände hatten in wenigen Monaten das zur
Unkenntlichkeit verändert, was er und seine Vorfahren im
Laufe eines Zeitraumes, der nach Generationen gerechnet werden mußte, in Treue und Liebe und Frömmigkeit aufgerichtet
hatten.

Die Zeit war über ihn hinweggeschritten.

Nun wurde er in die Ecke gestellt, ein verbrauchtes altmodisches Gerät. Er war ein Baumstumpf, der mit samt
den Wurzeln ausgerodet ist; so lag er auf dem Boden, dem
er, als er in voller Kraft und Blüte gestanden, seinen Schatten
gespendet hatte. Die tausendfältigen Beziehungen, die jeden
mit der Mitwelt verbinden, die unzähligen Würzelchen, mit
denen wir jeden Augenblick Kräfte saugen und Kräfte zurückgeben, waren durchschnitten. Er war unnütz geworden für sich
und die anderen. Er konnte aus der Welt gehen, und nirgens
würde eine Lücke klaffen.

Zweck- und ziellos ging er umher, im Dorfe, über die
Felder, durch den Wald. Wann wäre das früher jemals
vorgekommen! Da hatte jeder Gang sein Ziel, da wurde er,
außer Feiertags, niemals unbeschäftigt angetroffen. Aber, was
sollte er jetzt anfangen? wofür seine Hände rühren?

Die Leute redeten ihn an, einzelne aus Mitleid, die meisten
aus Neugier; sein Wesen war allen ein Rätsel.

Aber, da man fast nie eine Antwort von ihm erhielt,
unterblieb das Anreden mit der Zeit. Die Kinder lachten
wohl über die struppige Erscheinung des Alten, liefen ihm
nach; auch Erwachsene wagten hie und da eine Spottrede
hinter seinem Rücken. Aber in's Gesicht ihn zu höhnen,
wagte niemand; das Elend hatte noch nicht ganz die Ehrfurcht gebietende Würde aus der Erscheinung des Greises
gelöscht.

Der Pfarrer stellte den alten Mann auf der Straße und
ging eine Strecke mit ihm. Da gab es zarte Vorwürfe zu
hören, daß Büttner nicht mehr zur Predigt und zum Tische
des Herrn komme. Der Bauer zuckte verdrossen die Achseln,
blieb dem Seelsorger die Antwort schuldig.

Ein andermal traf Büttner mit dem Güterdirektor des
Grafen zusammen. Hauptmann Schroff hielt sein Pferd an
und begrüßte den alten Mann. Der Hauptmann beklagte, daß
alles so gekommen wäre. Nun das Bauerngut nicht mehr
für ihn zu haben sei, habe der Graf seinen Sinn geändert.
Er bereue jetzt, den Juden hineingelassen zu haben. Die neue
Nachbarschaft sei dem Herrn Grafen ein Greuel. —

Der Hauptmann sah wohl selbst ein, daß solche Reden zu
spät kamen und niemanden etwas nützen konnten. Er drückte
dem Alten die Hand, überließ ihn seiner Einsamkeit.

Was wollten die Leute von ihm? Der Alte verachtete sie
im Grunde seiner Seele alle. Alles Reden war sinnlos, alles
Mitleid verschwendet! Jedes Wort der Teilnahme bedeutete
eine Erniedrigung für ihn. Nur in Ruhe sollten sie ihn
lassen, das war das einzige, was er noch von ihnen verlangte.

Auch dem Sohne eröffnete sich der alte Mann nicht. Der
gehörte ja auch zu den Jungen, zu dieser neuen Generation,
die keck über ihn hinweggewachsen war.

Gustav war ja auch diesem Boden entstammt, aber er
war nicht so fest mit ihm verwachsen, daß er das Verpflanztwerden nicht überstanden hätte. Er stand jetzt im Begriffe,
sich in neuen Verhältnissen ein neues Heim aufzurichten für sich
und die Seinen.

Soeben war von Häschke eine Antwort eingetroffen. Er
hatte eine Stelle für den Freund gefunden. Gustav sollte in
einem großen Hause der inneren Stadt die Vizewirtsstelle
übernehmen.

Es war ein verantwortungsreicher Posten. Im Hinterhause befand sich eine Kartonagenfabrik, die über hundert
Leute beschäftigte. Im Parterre des Vorderhauses war ein
Bankgeschäft, im ersten Stock eine Versicherungsgesellschaft;
alles in allem wohnten in dem weitläufigen Gebäude einige
zwanzig verschiedene Parteien.

Gustavs ausgezeichnete Militärpapiere hatten den Ausschlag
gegeben, als er zu dieser Stellung gewählt wurde. Häschke
riet, daß er sofort annehmen solle; es gäbe eine ganze Anzahl
anderer Bewerber für den Posten.

Für Gustav war es nichts Kleines, sich hier zu entscheiden.
Vieles daran war verlockend: die feste Anstellung, das auskömmliche Gehalt; übergroße Anstrengung war mit einem
solchen Posten auch nicht verbunden und man behielt Zeit
übrig für sich und die Seinen.

Auf der anderen Seite gab es mancherlei Unerquickliches
an einer solchen Stellung. Man brachte mit seiner Arbeit
nichts Bleibendes vor sich, woran man seine Freude hätte haben
können. Die Aussicht, Höheres zu erreichen, sich selbst vorwärts zu bringen, war ausgeschlossen. Man war der Diener
von tausend beliebigen Leuten. Und was Gustav als das
Schwerste erschien: er wurde herausgerissen aus dem von
Jugend auf gewohnten Leben. Vom Acker weg wurde er in
ein städtisches Souterrain verpflanzt, in das vielleicht die Sonne
nicht einmal am Tage drang. Wie würde er, wie würde Pauline, das ertragen?

Erst jetzt, wo er vor die Entscheidung gestellt war, merkte
er, was er vorhatte: daß er einen Strich mache unter seine
eigene Vergangenheit, daß er mit der vielhundertjährigen Überlieferung seiner Familie breche, daß er im Begriff stehe, aus
einem Landmann ein Städter zu werden.

Er besprach die Sache mit Pauline. Sie überließ ihm,
wie in allen wichtigen Fragen, auch diesmal die Entscheidung.
Ihr genügte, bei ihm bleiben zu dürfen, alles andere solle ihr
recht sein.

Schließlich erkannte Gustav, daß es eine Wahl für ihn
gar nicht mehr gebe; er mußte annehmen. Der Winter hatte
die Ersparnisse des vorigen Sommers verschlungen. Als Aufseher wieder in die Rübengegend zu gehen, hatte er verschworen.
In der Heimat gab es keine Beschäftigung für ihn, wenn er
nicht tagelöhnern wollte. Er mußte also nach dem greifen,
was sich ihm bot, um sich und die Seinen vor Mangel zu
bewahren.

Die Stelle war durch Todesfall erledigt, und Häschke
hatte geschrieben, daß Gustav so bald wie möglich antreten
müsse. Es hieß also, in wenigen Tagen packen und Abschied
nehmen.

Ein Plan war in Gustav gereift: er wollte den Vater
auffordern, mit ihnen in die Stadt zu ziehen.

Gustav war sich nicht im Unklaren, was er damit
auf sich nehme. Es würde nichts Leichtes sein für alle
Teile; der alte Mann war schwierig, würde kein bequemer
Hausgast sein. Besonders in der Stadt war das nichts Kleines,
wo man enge aufeinander saß, wo alle die mannigfaltigen
Abziehungen des ländlichen Berufes fehlten.

Aber es mußte sein! Pauline sowohl, wie Gustav, waren
sich klar darüber, daß sie den Vater nicht in seinem Elend
allein lassen durften. Was sollte aus ihm werden in Halbenau, wenn sie nun auch fortgingen? Wenn es niemanden
mehr gab, der sich um die Notdurft des Alten kümmerte!
Das Armenhaus war der wahrscheinliche Abschluß.

Eine solche Schande wollte man nicht auf sich laden. Der
Familiensinn, der bei Gustav nicht völlig untergegangen war,
sprach mit. Soweit war es mit den Büttners doch noch nicht
gekommen, daß man das Familienoberhaupt hätte in Schmutz
und Armut verkommen lassen mögen, ohne eine Hand zu
rühren. Die Leute würden mit Fingern auf solch' unnatürliche
Kinder gewiesen haben. Diese Schmach wollte Gustav seinem
Namen nicht anthun.

Als sie jedoch mit dem Vater davon sprachen, stießen sie
auf Widerstand. Er wolle nicht in die Stadt, erklärte er.

Sie hielten ihm vor, was seiner in Zukunft in Halbenau
warte: das Einliegerelend, die Abhängigkeit von wildfremden
Menschen, die ihn als ihren Knecht behandeln und ihm, wenn
es ihnen paßte, den Stuhl vor die Thür setzen würden. Und
was, wenn er krank würde! Wer würde ihn pflegen?

All das hielten sie ihm vor. Ob es Eindruck auf ihn
mache, oder nicht, war nicht zu ersehen. Er sagte nicht: ja und
nicht: nein, trug seine gewöhnliche mürrisch verschlossene Miene
zur Schau.

Gustav machte einen Versuch, ihn beim Ehrgefühl zu
packen. Sollte er sich bei seinen Jahren noch als Tagelöhner
verdingen? Wollte er wirklich in die Ziegelei gehen auf
Arbeit? Er der ehemalige Großbauer: Ziegelstreicher! Oder
wollte er gar der Gemeinde zur Last fallen? —

Aber auch hierauf zeichnete er nicht. Er schüttelte nur
den Kopf und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.
Es schien fast, als hege er einen wohlüberlegten Plan, einen
Entschluß in seinem Innern, den er niemandem verraten wollte.

Seine Kinder drangen noch einmal in ihn. Sie stellten
ihm dar, wie schön er es bei ihnen haben werde. Man wolle
ihm ein Stübchen ganz für sich lassen. Häschke habe von
einem Gärtchen geschrieben, das Gustav mit im Stand zu halten
hätte; diese Arbeit solle er übernehmen, damit er doch seine
Beschäftigung habe. — Es verschlug alles nichts. Man
konnte zweifelhaft werden, ob er überhaupt die Worte höre;
seine Züge waren leer, seine Augen schienen auf etwas gerichtet: weit, weit in der Ferne, das nur er sah.

Gustav gab es schließlich auf, dem Vater noch länger zuzureden. Wenn der nicht wollte, dann brachten ihn zehn
Pferde nicht von der Stelle. Er war eben ein Büttner! —

Aber Pauline ließ die Hoffnung noch nicht fahren, den alten
Mann zu überreden. Sie war, seit sie Gustav geheiratet, der
besondere Liebling des Alten geworden. Ihr gegenüber hatte
er hie und da sogar etwas von seinem Kummer blicken lassen.

Die junge Frau sprach den Schwiegervater noch einmal
unter vier Augen, mit jener innigen, schlichten Herzlichkeit, die
ihr zu Gebote stand, meinte sie: sie wollten's ihm auch so
gut machen, als er sich's nur denken könne.

Sie hoffte, ihn vielleicht mit der Kost locken zu können.
Sie wolle ihm so kochen, wie er's gewohnt sei, von der Mutter
her, und wie sie wisse, daß er's gern habe.

Da traten dem Alten plötzlich die Thränen in die Augen;
mit einer Weichheit, die man sonst nicht an ihm gewohnt war,
sagte er: „Ne, ne! Pauline, laß ack! Du bist gutt! — Ich
weeß, Ihr meent's gutt mit mir alen Manne. Aber, laß
ack!“ . . . .

Dann versank er in Nachdenken.

Sie wagte es, seine Hände zu ergreifen und sie zu
streicheln. Noch einmal stellte sie ihm dann vor, wie viel
besser er's haben könne, wenn er bei seinen eigenen Leuten
bliebe, als unter Fremden.

„'s is alles eens, Pauline!“ war seine Antwort. „Mit
mir is eemal nischt nich! Mir nutzt nischt nich mih! Ich were
bale ganz alle sen!“

Sie meinte dagegen: er werde noch manches Jahr erleben; er sei ja rüstig und nehme es noch mit manchem
Jungen auf.

„Ne, ne! ich ha's 'n dicke! Ich ha's 'n schun ganz dicke!
— De Mutter is nu och tut. 's is ne schiene su alleene ei
der Welt.“

Er schnäuzte sich und wischte die Augen; beides mit der
Hand. Dann fuhr er fort: „Gieht Ihr ack! und laßt mich
Ales in Frieden. Ihr sed jung! Ihr wißt ne, wie's unsereenem
zu Mute is. Ihr kennt's ne wissen. Das kann niemand nich
verstiehn, wie's unsereenem um's Harze is. — Su manchmal,
Nächtens — su alleene — und an Tage och, su verlassen!
Mer mechte sich winschen, daß de Sunne gar ne nich scheinen
thate. Alles is eenem zuwider! Ne, ne! das verstieht niemand
ne, der's ne derlabt hat! — Laßt mich ack! Ich wer' schun a
Platzel finden; is ne ei der Welt, dann is am Ende, kann
sen, haußen.“

Pauline schluchzte laut auf, als sie den alten Mann so
sprechen hörte.

„Ju, ju! Su is! Ich glob', ich wer mich ne lange mih zu
schinden han. — Ich will Der och noch was mitgahn, Pauline, zum Adenken, eh' daß 'r gieht.“

Damit ging er nach seinem Bretterverschlag auf den Boden
und kam nach einiger Zeit, den Arm voll Kleidungsstücken,
zurück.

Da war eine wattierte Puffjacke der Bäuerin, eine seidene
Schürze, die er mal seiner Braut zum Geschenk gemacht hatte,
etwas Leibwäsche der Verstorbenen und noch Kleinigkeiten
aus dem Nachlasse der Bäuerin, mit denen er Paulinen beschenkte.

Auch Gustav sollte bedacht werden. Der Alte schleppte
seinen Schafwollpelz herbei, den er seit dreißig und mehr
Jahren führte.

Pauline weigerte sich, den Pelz für ihren Mann anzunehmen; den müsse der Vater behalten, damit er im Winter
was Warmes habe.

„Ich wer' keenen Winter mehr sahn!“ sagte der Bauer.

Da er böse zu werden drohte über ihre Weigerung,
nahm sie den Pelz schließlich an, zum Schein. Sie wollte
ihn der eigenen Mutter übergeben, die ihn einstweilen aufbewahren und dem Alten bei beginnender Winterszeit zurückstellen sollte. —

An einem Sonntag Morgen in der Frühe nahmen Gustav
und Pauline Abschied von Halbenau. Ihre Abreise hatte
manchen Freund und manche Freundin herbeigelockt. Frau
Katschner schwamm in Thränen. Sie mußte der Tochter
heilig versprechen, daß sie nach dem alten Büttner sehen
werde.

Die Witwe hatte im Stillen noch nicht alle Hoffnung
aufgegeben, daß ihr noch ein zweites Mal die Freuden des
Ehestandes zu teil werden möchten. Im geheimsten Kämmerchen ihres Herzens regierte kein anderer, als Traugott
Büttner allein.

Der alte Mann war nicht erschienen, um von seinen
Kindern Abschied zu nehmen. Die Leute sagten, er sei auf
dem Wege nach der Kirche gesehen worden.

XIII.

Am Sonnabend Abend war der alte Büttner zum Dorfbader gegangen und hatte sich seinen Bart abnehmen lassen.
Sonntags, beim Morgengrauen, nahm er seine Feiertagskleider
aus der Lade, den langschößigen Tuchrock, der zur Hochzeit
neu gewesen war, die Weste mit den Perlmutterknöpfen, den
Cylinder, der ihm nun auch schon an dreißig Jahre Dienste
gethan hatte, und der trotz alles Streichens mit dem Rockärmel
nur immer widerhaariger wurde.

Traugott Büttner ging zum Tisch des Herrn.

In seinem Feiertagsstaat, das Gesangbuch in der Hand,
schritt er die Dorfstraße hinab. Er blickte nicht rechts noch
links, nur auf seinen Weg.

Andere Altarleute, die ihn überholten, blickten ihm erstaunt
in's Gesicht.

Ja, war denn das wirklich der Büttnerbauer! Oder war
es sein Geist? Die bleichen Wangen, nicht mehr vom Bart
versteckt, zeigten jetzt erst ihre ganze hohle Magerkeit.

Er erwiderte keinen der vielen Morgengrüße, die ihm von
allen Seiten geboten wurden. Sein Gang war langsam,
aber fest, die Blicke hielt er starr geradeaus gerichtet.

Man steckte die Köpfe zusammen. „Saht ack! Büttnertraugott gieht beichten!“ — Er war eine ungewohnte Erscheinung geworden in der Kirchfahrt.

Beim Hauptgottesdienste, der der Kommunion folgt, nahm
Büttner seinen altgewohnten Kirchenplatz ein. Vieler Augen
waren auf ihn gerichtet; es war, als ob nach langem Krankenlager einer wiederum unter Menschen geht. Selbst der Geistliche schien unter dem Eindrucke zu stehen, daß heute ein besonderer Gast in ihrer Mitte weile; er sprach einige Male
mit Betonung nach jener Richtung hin, wo der alte Mann saß.

Der hörte der Predigt vom ersten bis zum letzten Worte
mit Aufmerksamkeit zu. Beim Schlusse des Gottesdienstes
opferte er seinen Groschen, wie er es von jeher gethan, so
oft er das Abendmahl genossen.

Man wollte ihn anreden, als er aus der Kirche trat.
Alte Freunde drängten sich an ihn heran. „Nu Traugott!“
hieß es: „wu hast denn Du su lange gestackt?“

Er schien für die Frager keine Zeit zu haben. Mit
eigenartig ernstem Blicke sah er die Leute an, schüttelte den
Kopf, wandte sich und ging. — Mancher, der jetzt kaum darauf
geachtet, sollte sich später daran erinnern. — „Grade als ob 'r
D'ch durch und durch buhren wullte; und duch als ob 'r ganz
wu andersch hin säke,“ schilderte ein Zeuge nachmals diesen
Blick. Dann sei er auf einmal verschwunden, aus der Menge
der Kirchgänger; keiner wollte wissen, wie das geschehen. —

Traugott Büttner schritt auf seinen ehemaligen Hof zu.
Heute war das Haus menschenleer; des Feiertags wegen
arbeiteten die Handwerker nicht.

Er ging in die Kammer, legte die Feiertagskleidung ab
und zog die Werkeltagskleider wieder an. Dann legte er die
guten Sachen sorgfältig zusammengefaltet auf einen Stuhl,
das Gesangbuch zu oberst auf das Bündel.

Nachdem er das besorgt, begab er sich in den Stall. Er
steckte den Kühen Futter auf, reichlich, für zwei Mahlzeiten. Den
Schweinen schüttete er Trebern vor und goß einen Rest von
Milch darüber, zu einer rechten Feiertagsmahlzeit. Darauf sah er
sich noch einmal um, wie um sich zu überzeugen, daß alles beschickt
und in Ordnung sei. Dann machte er die Thüre hinter sich zu
und schritt zum Hofe hinaus, auf dem Wege hin, der nach
dem Walde führt.

Nach einer Weile machte er Halt, wandte sich um.
Hatte er etwas vergessen? — Er wollte nur das Dach
noch einmal sehen, unter dem er Zeit seines Lebens gehaust
hatte. Dort ragte der freundliche Giebel über die Scheune
hinweg.

Der alte Mann hielt die Hand über die Augen, um sie
vor den blendenden Strahlen der Frühjahrssonne zu schützen.
Er stand da eine Zeit lang, betrachtete alles noch einmal ganz
genau; das würde er nicht wieder sehen! —

Dort auf den Scheunenfirsten war schon wieder mal das
Stroh lose geworden; es sträubte sich wie unordentliches
Haar nach allen Richtungen. Daß er das gar nicht bemerkt
hatte, bisher! — Nun, der Neue würde das schon in Ordnung
bringen!

Ihn fröstelte auf einmal.

Warum stand er denn hier eigentlich? Was wollte er
denn? — Ja richtig! Nur schnell! Je eher, je besser! Wozu
hier stehen und gaffen? Das nützte ja doch nichts! Aber das
Strohdach . . . . Er hätte gar nicht gedacht, daß der Wind so
stark gewesen wäre, neulich! — Er war selten hier heraus
gekommen in der letzten Zeit, weil ihn die Ziegelei ärgerte.
Ach, diese Ziegelei! Das ganze Gut war schimpfiert. Dort
blickte die Esse vor; er mochte gar nicht hinblicken!

In weitem Bogen umging er das Bauwerk; bis er hinter
der Ziegelei wieder auf den Hauptweg des Gutes kam.

Wie viel tausend und abertausendmal in seinem Leben
war er diesen Weg hinausgeschritten! Zu allen Jahreszeiten,
ledig und mit Bürde, allein, oder in Gesellschaft der Frau,
der Kinder, mit den Gespannen. Vom Büttnerschen Hofe kam
der Weg, führte durch Büttnersche Felder und Wiesen, lief in
den Büttnerschen Wald aus. Eine halbe Stunde und mehr
konnte der Bauer geradeaus schreiten, ohne von seinem Grund
und Boden herunter zu kommen.

Hier war er umgeben von den Zeugen seines Lebens und
Wirkens. Jener klobige Steinblock erinnerte ihn an die tagelange schwere Arbeit, mittelst der er ihn aus dem Acker gehoben.
An dieser Ecke war er in früher Jugend bewahrt worden vor
Unfall, wie durch ein Wunder: die Pferde waren scheu geworden, hatten den Knaben geschleift; als der Vater desselben
Weges kam, sich den Tieren entgegenwarf und so des Kindes
Leben rettete. Dort jenen wilden Rosenstrauch hatte er stehen
lassen, während rings alles Gebüsch gerodet wurde, der Hagebutten wegen, aus denen die Bäuerin ein schmackhaftes Mus
zu bereiten verstand. — Hier hatte jeder Fußbreit Landes Bedeutung für ihn, jedes Hälmchen erzählte ihm eine Geschichte.

Jetzt verließ er den Hauptweg, schlug einen schmalen Gang
zwischen zwei Feldern ein. Dabei stieß er auf einen frisch gesetzten Grenzstein. Das war die neue Einteilung! — Alles hatten
sie ihm durcheinander geworfen: die Grenzen, die Schläge, die
Fruchtfolge.

Da war ein Stück mit junger grüner Saat. Hafer konnte
das nicht sein. Ja, zum Tenfel, was war denn das? — Der
Bauer blieb stehen, bückte sich, betrachtete sich die Hälmchen
genau. Das war ja Gerste! — War der Mensch verrückt,
hier Gerste zu bauen, auf diesem nassen Zipfel! Der würde
sich mal wundern im Herbst, was er hiervon ernten mochte!
Er mußte doch seinen Acker kennen. Hier gerade war undurchlässiger Tonboden, und immer Nässe. Da wollte solch
ein Esel Gerste bauen! — Der Alte lachte grimmig in sich hinein.

Aber er hatte ja noch was vor heute. Richtig! —

Ein kleiner Schauer lief ihm den Rücken hinab. Nur die
Furcht nicht Herr werden lassen! Die Sache war schnell vorüber,
wenn man's richtig anfing. Er überzeugte sich durch einen
Griff in die Brusttasche, daß das, was er brauchte, auch da sei.

Was sie wohl sagen würden, wenn sie ihn erst gefunden
haben würden! — Was seine Peiniger da sagen würden!
— Kaschelernst, der Hund! Dort lag sein Feld. Sein Korn
schien gut zu stehen heuer. Wie er ihm im vorigen Jahre
die Saat umgestürzt hatte, das war doch mal ein gelungener
Streich gewesen! — Der Schimmer eines Lächelns flog über
die verbissenen Züge des alten Mannes.

Jetzt mußte er Halt machen; er war zu schnell gegangen.
Nur Ruhe! Er kam noch zeitig genug! Er warf einen Blick
auf das Dorf, das man von hier aus in seiner ganzen Länge
übersehen konnte, bis zur Kirche hinab. Eben begannen sie
dort zu läuten; es war wohl zum zweiten Gottesdienste.
Büttner nahm unwillkürlich die Mütze vom Kopfe, faltete die
Hände, betete ein Vaterunser. Dann seufzte er tief und wandte
sich wieder zum Gehen.

Ob sie ihm wohl ein christliches Begräbnis gestatten würden?

Daß er als Christ gestorben und nicht wie ein Heidenmensch, das mußten sie doch einsehen! Die ganze Gemeinde
und der Pastor hatten ihn ja in der Kirche und am Altar
gesehen. Das mußte doch gelten!

Es war ja am Ende nicht recht in den Augen der
Menschen, was er that, und eine Sünde vor Gott dem Herrn
war es auch. Aber, konnte er denn anders? Tausendmal
hatte er's erwogen. Wie viele schlaflose Nächte waren darüber
hingegangen seit jener, wo ihm der Gedanke zum ersten Male
gekommen! Es war damals gewesen, als seine Frau unbeerdigt im Hause lag. Er selbst hatte die Tote gewaschen und
angekleidet. Still hatte sie dagelegen und zufrieden, im Leichenhemde. Da war ihm beim Anblicke des friedlichen Angesichts
seiner Lebensgefährtin zum ersten Male der Gedanke gekommen, wie viel besser es doch die Toten hätten, als die Lebenden.
Gar nicht schrecklich war der Tod; er hatte etwas so Natürliches und Gutes. Seitdem ließ ihn die geheime Sehnsucht
nach der Ruhe nicht wieder los.

Anfangs hatte ihn oft gegraust bei dem Gedanken, wie
doch ein solches Ende wider Natur und Sitte sei. Er
scheute vor der Ausführung zurück. Allmählich aber hatte
er sich an die Vorstellung des Grauenhaften so gewöhnt,
daß seine Pulse kaum schneller gingen, so oft er daran
dachte.

Es gab ja keinen anderen Weg! Sie hatten ihm alles
zerstört, was den Menschen an's Leben fesselt. Richtig hinausgedrängt war er worden ans seinem Hause, aus seinem Besitz,
aus allen seinen Rechten. Den Boden hatten sie ihm unter
den Füßen weggerissen. Wenn sie's gekonnt hätten, sie hätten
ihm gewiß auch Licht und Luft genommen.

Ein Bettler war er. Aber in's Armenhaus sollten sie
ihn doch nicht bekommen. Die Freude wollte er ihnen nicht
machen, den ehemaligen Büttnerbauer im Armenhause zu
sehen. Nun würde er 's ihnen gerade mal zeigen, daß er
seinen Kopf für sich hatte. Mit guten Lehren und Ratschlägen
waren sie immer schnell bei der Hand gewesen, aber ihn zu
retten, hatte keiner den Finger gerührt. Er verachtete sie alle,
die ganze Sippe! Daß er nun endlich keine Gesichter mehr zu
sehen brauchte, war ihm ein langersehntes Glück. Sie ließen
einen ja doch nicht in Frieden, wie tief man sich auch verkroch,
sie kamen einem nach, überallhin, die geschwätzige neugierige Art.
Man mußte schon ganz aus der Welt gehen, um Ruhe zu
haben. Und nach seinem Tode würden sie wahrscheinlich erst recht
klug reden. Das hätte er nicht thun sollen, würden sie sagen.
Ein großes Gezeter würden sie anheben. Er kannte sie ja,
wie sie waren, kaltherzig und gleichgültig, so lange einer zappelt,
und dann, wenn ihm der Atem ausgegangen, wenn er verröchelt war, dann kamen sie herbeigelaufen, umstanden das
Opfer mit Thränen und Seufzern und Redensarten.

Aber das sollte ihn nicht bekümmern, das hörte er ja
alles nicht mehr! — Er that, was er für recht hielt. Hier durfte
ihm keiner mehr was 'rein reden. Mit sich selber konnte man
anfangen, was man wollte. Wer einem nichts gab, hatte
einem auch nichts zu befehlen! —

Jetzt war er seinem Ziele schon ganz nahe. Dort am
äußersten Feldrande stand der Baum; ein wilder Kirschbaum,
schlank gewachsen. Ein Haufen Steine, aus dem Felde zusammengelesen, lag darunter. Die Krone stand in voller
Blütenpracht, leuchtete weithin, wie eine weiße Haube. Dahinter lag das Büschelgewende.

Der Alte machte Halt. Was war denn hier vorgegangen?
Erdhäufchen an Erdhäufchen, in langen schnurgerade ausgerichteten Reihen! und die grünen Quirle, die aus den Haufen
hervorlugten: junge Fichtenpflanzen!

Hatten sie ihm das Büschelgewende also doch zugepflanzt! —
Wie viele Tage und Stunden mühevoller Arbeit, mit Pflug
und Egge, steckten in dem Boden! Und diese Arbeit war für
nichts und wieder nichts gewesen. Was er im Laufe eines
Lebens der Wildnis entrissen, hatte die gräfliche Forstverwaltung in wenigen Tagen zupflanzen lassen.

Also auch dieses Zeugnis seines Schaffens war vernichtet;
so hatten sie ihm denn alle Maschen seines Lebenswerkes aufgelöst.

Er stand und starrte die grünen Spitzen der Fichtenpflänzchen an. Eine dumpfe Wut stieg in ihm auf.

Da fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, wie sinnlos sein
Ärger sei; er brauchte sich ja nicht mehr zu ärgern. Nichts auf
der Welt ging ihm mehr was an, wie er keinem mehr was anging.

Noch einmal empfand er die ganze Wonne des wirklich
Einsamen, den Stolz, die Verachtung des Bedürfnislosen, der
im Begriffe ist, das letzte abgetragene Gewand von sich zu
werfen.

Er war mit hastigen Schritten an sein Ziel gelangt.
Hier stand der Kirschbaum, mit dunklem, glänzendem, wie
poliertem Schafte, bis in's kleinste Ästchen von zierlichen Blütenkelchen bedeckt. Die ersten Bienen schwärmten bereits in der
Krone.

Traugott Büttner achtete nicht auf das Summen und
den Duft. Er maß den Baum mit prüfendem Blicke. Hier
der unterste Ast war stark genug. Wenn er auf den Steinhaufen stieg, konnte er ihn erreichen. Eine Schlinge — dann
die Füße losgelassen, und dann . . . . . .

Wieder lief ihm ein Frösteln durch alle Glieder. Ein
Druck am Halse, als würde er ihm zugeschnürt, ein würgendes
Gefühl im Unterleibe; die Beine drohten, ihm den Dienst zu
versagen.

Er mußte sich, von Schwäche übermannt, an den Stamm
lehnen. Vor den Augen flimmerte es ihm. Er stand da mit
offenem Munde, stieren Blickes. Es war zu fürchterlich, was
er thun wollte: Hand an sich selbst legen! Fürchterlich! —
Wenn ihm das einer in der Jugend gesagt hätte, daß er
so enden werde!

Er betete ein Vaterunser, das erleichterte ihn. Dann
richtete er sich auf; der Furchtanfall war vorüber.

Er wollte sterben; tausendmal hatte er sich's überlegt. Es
war nicht das erste Mal, daß er mit dem Stricke in der Tasche
hier draußen stand. Bisher hatte ihn immer noch der Gedanke an seine Kinder abgehalten, das Letzte zu thun. Sie
sollten ihn nicht so hängen sehen. —

Nun waren sie fort. Was die anderen sagen würden, die
Fremden, war ihm gleichgültig.

Heute wollte er's mal zu Ende führen. Er war ja gut
zum Sterben vorbereitet: war zur Beichte gewesen, hatte das
heilige Abendmahl genossen; Gott mußte ihm seine Sünde
vergeben. —

Jetzt stand er auf dem Steinhaufen, der Strick saß fest
am Aste, er brauchte nur den Kopf durch die Schlinge zu
stecken. —

Noch einmal hielt er inne. Sein Blick flog über die
Felder und Wiesen zu seinen Füßen. Das war sein Land, er
starb auf seinem Grund und Boden. Sein Auge suchte das
Vaterhaus; da unten lag es, winkte zu ihm herüber aus blühenden Baumkronen.

Fast unbewußt streifte er die Schlinge über den Kopf.
Wenn er sich nun mit den Füßen abstieß, war's geschehen.

Noch ein Vaterunser!

Der Strick würgte ihn schon am Halse. Er fühlte die
Steine unter sich rollen. Unwillkürlich suchte er eine Stütze
mit den Füßen. Umsonst! Er hatte den Grund verloren,
sein Körper wurde lang.

Was war denn das an seinem Halse? Ein Band mit
eisernen Stacheln! — Sie rissen ihm den Körper in Stücke!
Hing er denn? Er sah ja noch alles, ganz deutlich: dort,
die beiden Leute, zehn Schritt von ihm. —

So helft mir doch! Schneidet mich ab! Seht Ihr's denn
nicht! —

Nichts! Sie rühren sich nicht.

Der Wind spielt mit ihren Haaren, sie haben große, stille
Augen. Der eine ist sein Vater, er erkennt ihn ganz genau,
der Vater mit dem langen, gelben Haar, bartlos. Und das
kleine gebückte Männchen daneben ist der Großvater. Ein
uralter Mann, mit schiefer Nase und rotumränderten Augen.
So stehen sie da und sehen ihm ernst und schweigend zu.

Er will mit ihnen reden. Wenn nur das Band am
Halse nicht wäre. — Hülfe! Helft mir! —

Jetzt kommt der Vater heran. Vater! — So jetzt wirds
leichter. — Was sind das für große, schwarze Vögel . . . . . . .

Der Wind schaukelt den Körper hin und her. Die Bienen
im Kirschbaum lassen sich deshalb in ihrem Geschäfte nicht
stören. Der Kopf mit dem grauen Haar hängt tief auf die
Brust herab. Die weit aus ihren Höhlen hervorquellenden
Augen starren die Scholle an; die Scholle, der sein Leben gegolten, der er Leib und Seele verschrieben hatte.