Das verlorene Paradies

Vielgelästeter, vielumwimmerter Herbst – der jedem Griesgram und Weltschmerzler zum Motto dienen muß –, grauer Entblätterer, nebelumwallter, feuchtkalter, schwermutsschwangerer Todesbote – verzeih den kurzsichtigen, hinter kalten Mauern Verbannten, die dir nie in das frische, männlich trotzige Antlitz geschaut und keine Ahnung haben, daß es dasselbe ist, dessen wonniges Lächeln sie vor wenigen Monaten entzückte. Die ernste Größe des Vollbrachten verklärt deine Züge, du zerstörst nicht das Werk deiner Jugend, bändigst nur weise den ungezähmten Trieb und bereitest dich vor zu dem geheimnisvollen Schlummer, den sie Tod nennen, um phönixgleich, ewig derselbe, von neuer Jugend schwellend, daraus zu erstehen.

Die vielverschlungenen Täler, die Schluchten und Halden erglühen in buntem Farbengemisch, zwischen der Buchen flammenden, sich türmenden Kuppeln drängt sich der goldig flatternde Ahorn, während die beständigen treuen Fichten und Tannen den ernsten Grundton angeben. – Kräftiger Weingeruch steigt auf vom frisch gefallenen Laub und ein Farbenspiel beginnt im Frühsonnenschein, das jedes Pinsels spottet! Hallen dann noch die Laute fröhlichen Gejaids durch den Forst, das Geklapper und Hallo der Treiber, der Anschlag der Hunde, der Klang des Hifthorns, das langsam vergrollende Knattern der Gewehre, dann rühren sich fröhliche, kräftige Stunden.

Das junge Mädchen, dicht an den hundertjährigen Buchenstamm sich drückend, den leuchtenden Blick auf die durchsichtige Dickung vor sich gerichtet, die Wangen vor Erwartung gerötet, die zierliche Büchse schußbereit in den kleinen, aber kräftigen Händen, genoß sichtlich mit allen Sinnen diese kräftige, würzige Lust der Jagd, des köstlichen Morgens, jugendlichen Vollgefühls!

Die üppigen blonden Zöpfe unter dem grünen verwetterten Hütchen hatten sich gelockert und lagerten sich nun auf der grünen Lodenjacke, die dolmanartig über die Schulter der schönen Gestalt hing.

Der Trieb bewegte sich gerade auf sie zu, links und rechts fielen Schüsse, seine Rauchschwaden schwebten zwischen den Buchenstämmen. Ihre Erregung wuchs sichtlich, oft atmete sie hoch auf, den Kopf etwas nach rückwärts beugend. So oft ein neuer Schuß fiel, stampfte sie mit dem roten Juchtenstiefel, der bis zur halben wohlgeformten Wade reichte, auf den Boden. Sie war mit ganzer Seele bei der Sache, offenbar ebenso weit entfernt von jeder weiblichen Koketterie oder Emanzipationssucht als von dem sentimentalen Gefühle, dadurch ihre Weiblichkeit zu verletzen.

Plötzlich spannten sich ihre jugendlichen Züge, die der Flaum der reifen Pfirsich bedeckte, ein grausamer Ernst lagerte sich darauf – vorsichtig hob sie die Büchse in Wangenhöhe. – Zwischen dem Gestänge der Dickung trabte ein Fuchs – blieb stehen – sicherte – dann wieder vorwärts in ahnungslosem Hundstrabe, gerade auf die Jägerin zu.

Als der Schuß krachte, lag der Rote schon am Boden, die Rute zum letztenmal schwenkend. Ein lautes Bravo erschallte durch den Buchenwald aus männlicher Kehle.

Das Mädchen lauschte selbstzufrieden, während es eine neue Patrone aus dem Gürtel nahm und in den Lauf steckte. – Dann begann der Konflikt der Neugierde, das erlegte Wild zu besehen, mit der strengen Vorschrift, den Stand vor Ende des Triebes nicht zu verlassen.

Das Mädchen stellte sich auf die Fußspitzen und lugte auf die Beute.

Da begann ein Höllenlärm im Bogen, die Hundemeute schien auf einen Punkt konzentriert. Das helle Geläute schlug die Richtung zu dem Nachbar ein, jetzt stürmte es krachend durch die Buchenschonung – eine Rauchwolke flog empor – der Nachbar hatte geschossen – gefehlt wohl! Der Lärm wandte sich. Ein Rudel Rehe polterte daher, angsterfüllt, die Hälse weit vorgesteckt – ein Muttertier stürzte vor die Jägerin – das Kitz drückte sich angsterfüllt an dasselbe. Die Jägerin stand regungslos. Ihr Blick richtete sich lauernd nach rückwärts auf den Bock mit hohem, gebräuntem Gehörn, der sie hinter einem Buchenstamm hervor sorgfältig musterte. Ein kläffender, die Fährte verfolgender Dachshund machte der Spannung ein Ende, der Bock sprang seitwärts. Die Jägerin feuerte in rascher Wendung, das Tier brach mit den hintern Läufen zusammen und mühte sich, schlecht getroffen, in qualvoller, kreisförmiger Bewegung.

Wieder ertönte das nämliche Bravo, aber diesmal lächelte das Mädchen nicht; ratlos starrte es auf den Todeskampf des Tieres, auf das Unglück, das es angerichtet – sprang hinzu und wandte das Antlitz vor dem brechenden Auge.

»Georg, komm doch! Das arme Tier!« rief es dann in angstvoll flehenden Tönen.

»Ist der Trieb ja noch nicht zu Ende! Nur liegen lassen! Kommt nicht mehr auf!« war die Antwort.

»Abscheulich!« flüsterte das Mädchen fast weinerlich und hob das Gewehr zum Gnadenschuß.

Da vernahm es Tritte hinter sich und setzte ab, sich wendend. Ein großer, junger Mann, das Gewehr unter dem Arme, stand vor ihm.

»Hast du deinen grausamen Bruder gehört?« fragte es.

»Warum grausam? Das ist die Jagd, der Sport! Und du liebst ihn ja so sehr, Kitty,« erwiderte dieser, ohne Miene zu machen, den Wunsch des Mädchens zu erfüllen.

»Gewiß liebe ich ihn! Aber deshalb bin ich noch lange nicht gefühllos! Willst du, oder willst du nicht?« Kitty sprach diese Worte mit gereizter Energie.

»Nicht mehr nötig,« erwiderte der junge Mann. »Das arme Ding hat bereits ausgelitten.«

»Das arme Ding!« Die junge Dame wandte sich rasch zu dem verendeten Tier und beugte sich über dasselbe, das geperlte, starke Gehörn prüfend.

»Ein Kapitalbock! Du bist mir wohl neidisch, aber ich lasse mir die Freude nicht verderben. Sieh nur die Stangen! Eine Abnormität. Georg hat ihn gefehlt – jawohl! Gott, wird Papa eine Freude haben! Nein, das Glück, das Glück! Ein so dummes Mädel einen solchen Bock schießen!«

Die junge Dame hatte sich auf den Boden gekniet, betrachtete das gefallene Wild und prüfte das Geweih mit kindlicher Freude. Keine Spur mehr von Mitleid oder Reue, der Bock war ja jetzt verendet und schreckte sie nicht mehr mit seinen Todeskrämpfen.

»Na, freust du dich denn gar nicht ein wenig mit? Tu' doch wenigstens so!« wandte sie sich an den jungen Mann, der sie aufmerksam beobachtete. »O, dieser Jagdneid der Männer!«

»Ich – und Jagdneid! Das ist ja die reinste Schmeichelei aus deinem Munde.«

»Ja, das ist wahr, du bist ja ein schrecklich langweiliger Jäger! – Ich meine, wenn ich mich freue, solltest du es auch …«

»Tue ich auch immer, Kitty, immer! Nur wundere ich mich, daß du dich so freuen kannst über dieses Häufchen Unglück,« erwiderte der junge Mann.

»Natürlich, jetzt kommt die Moralpauke! Für ein Mädchen paßt die Jagd nicht. Das soll immer mit niedergeschlagenen Augen und gefalteten Händen umhergehen und zusammenschrecken, wenn eine Flinte knallt. Blut soll sie gar nicht sehen können, ohne in Ohnmacht zu fallen. – Aber ich bin nun einmal anders – warum denn nicht auch das einmal? Mich freuen alle die Sachen, das Reiten, Fahren, Jagen, Pferde, Hunde. – Deshalb kann man doch mädchenhaft denken und fühlen. Glaubst du das nicht?«

Es lag ein Vorwurf in dieser Frage.

»Ich weiß, daß du so denkst und fühlst – und eben darum – doch, es ist wirklich lächerlich, dir vor einem geschossenen Kapitalbock eine Vorlesung halten zu wollen, anstatt dir, wie es sich von einem Kavalier ziemt, den Bruch auf den Hut zu stecken.«

Der junge Mann brach einen herabhängenden Buchenzweig. »Ich werde wohl nie mehr dazu Gelegenheit haben!« Dann schnitt er ihn mit dem Messer zurecht und steckte ihn auf das Hütchen der Dame neben den Adlerflaum.

Einen Augenblick schwiegen beide. – Kitty beugte ganz demütig das Köpfchen und ließ sich schmücken, dann hob sie es und reichte dem jungen Manne die Hand.

»Ich danke dir, Franz! So oft ich das Geweih ansehe, werde ich an dich denken! – Also wirklich übermorgen schon – in die häßliche Grube? O, mich schaudert's, wenn ich daran denke, hier in dem göttlichen Licht …«

»Mich gar nicht. Ich liebe sogar diese häßliche Grube.«

»Ah, höre doch nur auf, ich weiß schon! Die Arbeit liebst du, das Schaffen!« erwiderte das Mädchen mit spöttisch bombastischer Betonung. »Und alles, was dieser Welt nicht angehört, verachtest du – und doch bist du auch nicht für sie geschaffen, sondern für die unsrige, für die Welt der Lebensfreude, des Vergnügens! Und ich hasse das Geschick, das es anders gewollt! – Jawohl, lache nur! Ich hasse auch diese Welt der Arbeit, die dich wieder verschlingt auf ein Jahr – die keine Freunde kennt, kein frohes Lachen …«

Kitty sprach mit leidenschaftlicher Wärme.

»O, da irrst du dich aber doch – du kennst sie gar nicht. Ich wette, du bist noch nicht einmal in Schwarzacker eingefahren,« erwiderte der junge Mann.

»Denke auch gar nicht daran! Ich mache immer einen Umweg, um diesen schwarzen, bleichen Männern nicht zu begegnen,« entgegnete Kitty.

»Wenn ich dich aber bitten würde – zum Abschiede –, mit mir die Grube zu besuchen, deren Herrin du einst sein wirst – morgen noch?«

»Ja dann – zum Abschied. Wenn ich mich aber fürchte?«

»Eine Amazone! Eine Jägerin! Eine Reiterin, Furcht?« Ein spöttisches Lächeln erschien auf dem Antlitz des Mannes.

»Ja, du hast recht. Abgemacht! Wir fahren morgen ein.«

Der junge Mann zog die kleine nervige Hand an seine Lippen, doch er zögerte, sie zu küssen, frisches Blut befleckte sie.

Kitty zog sie verdrossen zurück, ein schlimmes Wort drängte sich auf ihre Lippe, da tönte dicht hinter ihr eine rauhe Stimme: »Wenn ihr immer plaudert, nützt mir das Stehenbleiben freilich nichts mehr!«

Ein Mann in Jagdtracht trat zwischen den Buchen vor, das Ebenbild des andern, welcher bei Kitty stand, nur schlanker, seiner in Form, chevaleresker im ganzen Auftreten. Das Antlitz hatte trotz einer gewissen militärischen Schärfe, wozu der buschige, wohlgepflegte Schnurrbart wohl am meisten beitrug, etwas Verschwommenes, Verlebtes. Es fehlte ihm die männlich derbe Energie, die sich in dem des Jüngeren auf Kosten des aristokratischen Wesens ausdrückte. Die beiden waren Brüder, Freiherren von Prechting auf Gittenberg, Gutsnachbarn, Verwandte und heute Jagdgäste des Grafen Seefeld auf Schloß Vals. Der ältere, Georg, seit einem Jahr Majoratsherr, Besitzer der Herrschaft Sittenfeld. Der Nachgeborene, Franz, hatte vor einem Jahre die Bergbau-Akademie in Freiberg absolviert und war im Begriffe, nächster Tage seinen ersten Dienst als Ingenieur in einer rheinischen Grube anzutreten.

Es war nur wenig Allodvermögen da, als vor einem Jahre der alte Prechting gestorben, dessen ganzes Streben Zeit seines Lebens die Vergrößerung seines Grundbesitzes war.

Der nachgeborene Franz mußte sich selbst sein Brot verdienen. Von Jugend auf den väterlichen Grubenbetrieb vor Augen, begeisterte sich der aufgeweckte, derbe Junge für den Bergmannsberuf.

Der alte Prechting, ein aufgeklärter Mann, welcher mit scharfem Sinn den drohenden Schritt einer neuen Zeit aus weiter Ferne vernahm, sträubte sich nicht dagegen. Wer weiß, ob er nicht einmal dem Leichtfuß Georg, der seine Jugend bei den Husaren in vollen Zügen genoß, eine Stütze sein konnte!

Sittenberg war ja fast ausschließlich ein Grubenbesitz, ebenso wie das benachbarte Vals, und der höchste Wunsch des alten Barons gipfelte in der Vereinigung beider Besitze durch eine Verbindung seines Erstgeborenen Georg mit der einstigen Erbin von Vals, Komtesse Kitty; die ziemlich weitläufige Verwandtschaft war kein Hindernis.

Daß Georg seine große Idee nicht im geringsten förderte und sich als Husarenleutnant in alle möglichen kostspieligen Verbindungen einließ, anstatt der blonden »Cousine« auf Schloß den Hof zu machen, während der fünfzehnjährige herzensgute Franz dort der erklärte Liebling war, der treue Gefährte Kittys, das fraß dem Alten am Leben. Ihm, dem besitzlosen Nachkömmling, wird der Graf nimmer sein einziges Kind, die Erbin von Millionen, zur Gattin geben, dazu kannte der alte Preehting zu gut die Vorurteile und Schwächen seines eigenen Standes. Er hätte es ja auch nicht getan, und so wird ein anderer, klügerer kommen, als sein leichtsinniger Georg, und die reiche Erbin heimführen. Der alte Freiherr starb über dieser Sorge.

Georg von Prechting betrachtete den Rehbock.

»Donnerwetter! Diesmal ging ich etwas zu weit in der Galanterie, dir den Kapitalbock zu schicken – und ein Fuchs! Du fängst an, uns Männern gefährlich zu werden, Cousine!«

»Darauf kommst du erst jetzt?« erwiderte Kitty nicht ohne Koketterie.

»Allerdings!« erwiderte Prechting mit einem losen Lächeln auf seinen Bruder blickend. »Wie kannst du denn zur besten Zeit deinen Stand verlassen, du Hauptjäger?«

»Ich sah die Verlegenheit Kittys. Eine Dame kann doch keinen Bock knicken, erwiderte dieser gereizt.

»Nun, dann läßt sie ihn eben liegen. – Was er für ein weiches Herz hat, der Franz«, wandte sich Georg lachend an Kitty.

»Das gefällt mir grade an einem sonst so starken Manne! Es ist auch wahr, man verwildert ganz mit der Jagd.«

»A pah, sie härtet ab wie jeder Sport! Wir würden nette Weichlinge werden ohne sie.«

»Das heißt, der Sport ersetzt euch die Arbeit,« bemerkte Franz.

»Auch das, wenn du willst,« entgegnete der ältere. »Ich wenigstens kann jetzt mit jeden Schmiedegesellen konkurrieren, was Hunger und Durst betrifft.«

Die Jagdgesellschaft näherte sich lärmend. Der letzte Bogen war gemacht und schon glühte der Wald im Purpur der sich neigenden Sonne.

Kitty eilte plötzlich in die Dickung und kam mit dem Fuchs heraus, den sie triumphierend an der Rute den Herren entgegenhielt.

Treiber in zerlumpten Kleidern, geschossenes Wild auf dem Rücken, kamen daher, eine Hundemeute sammelte sich bellend, raufend, um den Rehbock Kittys. Die Herren besprachen ihre Erlebnisse, zündeten sich frische Zigarren an und boten sich die Kognakflasche. Munteres Leben erfüllte den schweigenden Wald! Auf den gebräunten Gesichtern blühten die Rosen der Gesundheit, die muskulösen, durch den Sport abgehärteten Körper atmeten physisches Wohlbehagen.

Graf Seefeld, dessen scharfgeschnittenes Antlitz, von einem schneeweißen, bis an die Brust wallenden Bart umrahmt, in der köstlichsten Jugendfarbe prangte, begrüßte den Erfolg seiner Tochter mit kräftigen Ausdrücken.

»Verdammtes Mädel, das! Wenn die nicht für einen Jungen geht! A was, für einen! Für zwei geht sie!« Darauf pflegte er mit Vorliebe anzuspielen, seinen Verdruß dahinter verbergend, ohne männliche Nachkommen zu sein.

Franz von Prechting unterschied sich auffallend von der ganzen Gesellschaft, mit seinem ernsten, etwas bleichen Antlitz, dem großen durchgeistigten Blick seiner braunen Augen. Trotz der Kraft seiner Glieder trat das Physische bei ihm mehr zurück, das bei den übrigen sich hervordrängte.

Er blieb auch immer vereinzelt, die Worte, die man an ihn richtete, klangen mehr konventionell, wie an einen Fremden gerichtet, und das war er auch in diesen Kreisen – der künftige Ingenieur! In wenigen Tagen gehörte er einer anderen Welt an, die einem so fern lag wie der Sirius – wozu da noch eine Verbindung anknüpfen?

Gräfin Kitty fühlte das mit weiblichem Scharfsinn heraus und entschädigte ihn reichlich auf dem Heimweg durch ostensive Unterhaltung. Sie nahm jetzt schon einen Vorbereitungskurs über die morgige Einfahrt, für die sie jetzt auf einmal Feuer und Flamme war.

Der alte Graf kehrte sich wiederholt nach dem Paare um, da er aber immer nur technische Erklärungen hörte, war er völlig beruhigt.

Franz und Kitty waren Jugendgespielen, bei der intimen Freundschaft der Väter gab sich das von selbst. Georg war bereits bei der Truppe, als Kitty zwölf Jahre alt war. Der ständige Hinweis des Vaters auf seine spätere, von dem Bruder völlig verschiedene Lebensstellung verfehlte nicht, den Jungen frühzeitig ernster zu stimmen. Das Nachdenken über gewisse Unterschiede, unbegreifliche Ungerechtigkeiten und Notwendigkeiten des Lebens, begann bei ihm in Jahren, in welchen es sich sonst nicht zu regen pflegt. Die Mutter war ein Jahr nach seiner Geburt gestorben, so fehlte auch das ausgleichende versöhnende Element der Mutterliebe.

Das grade Gegenteil war bei Kitty der Fall. Das einzige Kind, Stammhalterin, war sie der Mittelpunkt des Hauses. Der alte Graf trachtete in einem leicht begreiflichen Egoismus den herb empfundenen Mangel eines Sohnes völlig durch Kitty zu ersetzen und gab der Erziehung, nachdem auch seine Gattin früh gestorben, unwillkürlich einen mehr männlichen Anstrich; daß dadurch das Selbständigkeitsgefühl, der Eigenwille des Kindes sich bedenklich stark entwickelte, war unabwendbar. Und der alte Graf hatte seine Freude daran, hatte es ja auf Vals Gelegenheit genug, sich auszutoben und dieser Überfülle an Kraft ledig zu werden. Daß auf diese Weise mit der Zeit in diesem Mädchengemüt eine Leidenschaft, ein ungezügeltes Temperament sich heranbildete, das später zur ernsten Gefahr werden konnte, daran dachte er nicht.

Franz wirkte da vortrefflich auf sie ein mit seinem überlegenen Ernst. An ihm brach sich ihr Übermut, ihr trotzigherrisches Wesen, so jung er war, ein Kind noch wie sie selbst. An ihm lernte sie wenigstens die Schranken kennen, die auch ihr, dem verwöhnten Kinde des Glückes, gesetzt waren, einen eisernen männlichen Willen, und unbewußt empfand das Mädchen doch schon so weiblich, daß es ihm im stillen Dank dafür wußte und sich immer inniger an ihn anschloß.

Franz kam auf die Schule, Kitty brachte den Sommer auf Schloß Vals, den Winter in der Stadt zu. Der alte Graf konnte das Kind nicht entbehren. Wie er glaubte, unmerklich, lenkte er ihre Aufmerksamkeit auf den Vetter Georg. Doch in ihrem ausgeprägtem Eigenwillen fühlte sie sofort die Bestimmung heraus und lehnte sich dagegen auf. Georg erleichterte ihr die Lage, indem er, mitten im Genußleben stehend, gar nicht daran dacht, sich irgendwie zu binden.

Kam dann in den Ferien Franz nach Hause, überhäufte sie ihn mit Freundschaftsbeweisen, die, wenn sie auch teilweise eine gewisse Absichtlichkeit verrieten, zuletzt zu warmen Gefühlsausdruck wurden.

Sie bemühte sich jedoch vergeblich, den sich rasch entwickelnden Jüngling für ihre Liebhabereien zu gewinnen, ihren Sport en miniature, den sie schon als Kind trieb. Wenn er ihr dann mit einer seinem Alter weit vorgeschrittenen Überlegung erklärte, daß alle diese Dinge nur für die reichen Leute seien, aber nicht für ihn, der einmal sein Brot durch Arbeiten verdienen müsse, dann war sie sichtlich entrüstet über diese Ungerechtigkeit, welche völlig Gleichberechtigten aus ihr unverständlichen Gründen so verschiedene Lebenslose zuteilte, und sah mit einem mitleidigen Grauen auf den Jugendgefährten, der ihrem Begriffe nach einer entsetzlichen Zukunft entgegenging.

Sein Brot verdienen! Arbeit! Diese Worte verkörperten sich für sie einzig in den bleichen, gebückten Gestalten der Grubenarbeiter ihres Vaters, deren Anblick sie stets sorgfältig auswich.

Kam dann einmal Baron Georg in schmucker Husarenuniform nach Vals geritten, stets voll heiterer Laune, zu allen Tollheiten aufgelegt, konnte sie sich trotz alles gegen den Bevorzugten eingebildeten Grolles eines sympathischen Gefühls nicht erwehren. Er war schön, gesund, heiter, ein vollendeter Kavalier; eine glänzende Zukunft lag vor ihm. Seines Lebens Horizont zeigte kein Wölkchen, sein Anblick erweckte nur heitere, lebensfrohe Gedanken, und sie mied sorgfältig jedes Leid, nur im Anblick schon, wie das Kranke, Häßliche.

Die letzten Jahre trennten sie immer mehr von Franz, der sich während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes in Sittenfeld entweder hinter seine Bücher oder in die Sittenfelder Kohlengruben verkroch, während sie zu Roß, zu Wagen oder mit der Flinte am Rücken sich umhertrieb.

Seit langer Zeit zum erstenmal wieder beteiligte sich Franz an einer Jagd, und sie zweifelte nicht daran, daß er es ihr zuliebe tat, vor seinem endgültigen Scheiden von der Heimat.

Bis jetzt war er immer noch der Baron Prechting, der Standesgenosse, der Nachbar – damit war es jetzt zu Ende, wenn sie auch nicht daran dachte, ihre Gesinnung gegen ihn zu ändern. Er verließ für immer ihre Welt, und wenn er einmal wiederkam, kam er als Fremdling.

Wenn sie jetzt daran dachte, packte sie etwas wie Trennungsweh. Eigentlich stand sie außer dem Vater niemand nahe als Franz, das kam ihr jetzt erst so ganz zur Besinnung, und was sie an ihm immer auszusetzen, zu bespötteln hatte, seine ernste Lebensauffassung, seine ihr völlig unbegreiflichen, ganz außerhalb ihre Sphäre liegenden Interessen, sein schlichtes, derbes Wesen, dem die ihr gewohnte gefällige Form mangelte – das alles schien ihr jetzt, im Augenblicke des drohenden Verlustes, in ganz anderem Lichte.

Es war ihr jetzt ein Bedürfnis, einen kleinen Ausschnitt zu erhalten aus der Welt, welcher Franz von nun an angehören sollte, ahnend, daß ihre Phantasie ihn gar oft aufsuchen werde. So lauschte sie jetzt auf dem Heimwege aufmerksamer denn je seinen Erklärungen und kam nicht zu Ende mit Fragen.

Franz war zuerst überrascht und dann froh bewegt, bei ihr auf solch unerwartetes Verständnis zu stoßen. Er sprach sich in eine Begeisterung hinein, in eine Kühnheit der Hoffnungen, welche hinwiederum auch Kittys leicht bewegliche Seele mächtig erregte. Jetzt konnte sie den morgigen Tag kaum noch erwarten. Die Einfahrt in Schwarzacker erschien ihr jetzt als das reizvollste Abenteuer, dem sie je entgegen gegangen.

Schloß Vals, dicht am Rande einer steil in ein waldiges Tal fallenden Hochebene gelegen, war einer der ältesten Herrensitze des Landes. Die Stile mehrerer Jahrhunderte vereinigten sich in ihm zu einem bizarren Bau von malerischer Willkürlichkeit. Die gewisse, von modernen Baumeistern mit vieler Mühe gesuchte Patina des Altertums wirkte ausgleichend auf die sonst schroffen Übergänge, so daß das Ganze trotz allem organisch entstanden schien.

Der Reichtum des Besitzers sorgte dafür, daß die Unbequemlichkeit der Bauart nicht fühlbar wurde. Hinter den bemoosten alten Mauern und Steinbastionen fand sich neben der gediegenen Schlichtheit längst vergangener Zeiten der raffinierteste Luxus der Gegenwart, der jedoch nirgends in Weichlichkeit und Geziertheit ausartete. Alles trug ein mehr männliches Gepräge. Der Kultus des Sports drückte dem Ganzen seine Siegel auf, es roch nach Pferden, Hunden und Lederzeug. Der englische Stil war der herrschende in Lebensweise, Dienerschaft, Stall und Salon, bis herab zur Kleidung und den einfachsten täglichen Gebrauchsgegenständen.

Die Herren machten Toilette zum Diner, eine Sitte, die der Uneingeweihte nach anstrengenden Jagdtagen, müde, hungrig, als ein lästiges Opfer empfindet, die aber für den Lebemenschen, abgesehen von der Etikette und der physischen Annehmlichkeit, eine wohlberechnete Genußerhöhung in sich schließt, indem er dadurch den sonst rein animalen Kultus des Magens wesentlich verfeinert und veredelt.

Komtesse Kitty erschien in einfacher dunkler Toilette, hoch geschlossen, gereifter und doch mädchenhafter. Sie hatte mit dem Kleide auch sich selbst verändert. Das laute, ungebundene Wesen war jetzt einer vornehmen Würde gewichen, das ebensowenig affektiert erschien als das erstere. Vorher war sie pikant, jetzt war sie schön, und diese gesunde Härte der leicht gebräunten Haut stach vorteilhaft ab gegen das durchsichtige, kränkliche Antlitz der englischen Gesellschaftsdame, die sie begleitete.

Die Herren waren größtenteils Offiziere aus der benachbarten Stadt und das Zivil saß ihnen wie gewöhnlich nicht recht zu Leibe, nur Georg von Prechting war tadellos in seinem, den zierlichen Wuchs zeigenden Smoking, während Franz im puritanisch geschlossenen Gehrock, unter welchem mächtige Muskeln spielten, einen völlig bürgerlichen Eindruck machte.

Als er seinen Platz auf der unteren Seite des Tisches suchte, wo er ihm als den Jüngsten und auch dem Range nach zukam, machte ihn Georg mit einem Lächeln, das ihn verdroß, aufmerksam, daß er den Ehrenplatz einnehme, neben der Komtesse. »Zum Abschied wohl,« fügte er bei.

Franz schämte sich des Gefühles, das in diesem Augenblick in ihm aufstieg und das Blut ihm bis auf die Stirn trieb.

Die Hand Kittys, die er küßte, strömte jetzt berückenden Duft aus.

Man machte kein Hehl aus einem Riesenappetit und das Menü war für Jäger bestimmt, raffinierte Reizmittel waren überflüssig. Kräftig und vortrefflich war die Parole des Koches.

In dem stimmungsvollen, eichengetäfelten Speisezimmer, dessen Wände Jagdtrophäen aller Art schmückten, an der mit köstlichen Weinen und Speisen besetzten, mit jenem vielgestaltigen, ehrwürdigen Geräte, welches nur das Alter und der Reichtum eines Hauses schaffen kann, gedeckten Tafel entwickelte sich rasch jene glückliche Stimmung, die nur unter der dreieinigen Herrschaft der Jugend, der Gesundheit und des Wohlstandes ihren ganzen Reiz entfaltet.

Die Arbeit des Tages bildete natürlich den Mittelpunkt des Gespräches. Würzige Waldesluft wehte über den Tisch, die Augen blitzten auf bei der Erinnerung an frohe Weidmannsstunden, Humor und derber Scherz purzelten mit Has und Reh und Fuchs im lustigen Durcheinander, bis einmal zufällig das Wort »Pferd« fiel. Da ruhte der Wald, die Büchse wurde an den Nagel gehängt und im Feld und Buschwerk erdröhnte der Hufe hohler Klang. Die Rennbahn prangte in vollem Festesschmuck. Die berühmte La Flèche, die Simonstocher, rang mit Arme, dem großen Doncastersohn aus der Little Sister zu Sandown Park, um den Preis der Eclipfe Stakes, dieses Riesenrennens, daß eben vor kurzem in der ganzen Sportwelt so gewaltiges Aufsehen gemacht.

Georg von Prechting war selbst auf dem Sattelplatz. Sein sonst etwas erschlafftes Gesicht bekam plötzlich einen scharf markierten energischen Ausdruck. Die Augen blitzten leidenschaftlich bei der Schilderung des großen Tages. Im Anfange lag May Duke voran, erst nach einem Viertel Weges begann El Diablo vorzurücken, alle antworteten auf den Vorstoß, mit Ausnahme Medicis, der auf Speed geritten wurde. Ein wildes Rufen der Begeisterung ging über den Platz, als La Flèche zu El Diablo aufzuschließen begann, das aber dauerte nur wenige Sekunden, da zog schon wieder May Duke an sie heran und Orme legte sich neben die große Gegnerin.

Lautlose Stille herrschte im Zimmer, kein Messer, kein Glas wurde berührt, selbst der Diener, ein alter Reitknecht stand wie erstarrt mit der gefüllten Platte.

Kitty war ganz blaß geworden, ihr glänzendes Auge ruhte auf Georg, den der Eifer förmlich verklärte. Sie hatte ihren Nachbar völlig vergessen, der sich selbst nicht der allgemeinen Spannung entziehen konnte.

Die Situation bei Einbiegen in die Gerade war die, daß vorn die Vierjährigen May Duke und El Diablo gingen, denen Orme und La Flèche folgten. Plötzlich aber änderte sich das Bild, Schlag auf Schlag. Im Nu war es mit La Flèche zu Ende, wie der Sturm fegte Orme vor.

Kitty stieß einen lauten, sonderbaren Schrei aus und ihre kleinen Händen ballten sich.

Medicis aus dem Hintertreffen hinter ihm her und in wenigen Sekunden waren die beiden führenden May Duke und El Diablo abgetan. Es war nur mehr ein Zweikampf zwischen Medicis und Orme, und Orme siegte um einen Kopf.

Alles atmete erleichtert auf. Der Diener servierte wieder. Die Gläser leerten sich Orme zu Ehren.

Dieser würdige Abschluß der unvergleichlichen Reihe Doncaster – Bend Or – Ormonde – Orme! wie Georg erklärte.

Franz von Prechting beobachtete aufmerksam Kitty. jetzt glühte sie und ihre Augen, loderten in sinnlicher Glut. Die nervöse Leidenschaft dieses Orme war auf sie übergegangen.

Sie beteiligte sich jetzt eifrig an dem lebhaften Gespräche der Herren, welches das so kräftig angeschlagene Thema nicht mehr verließ, und verriet eine Fachkenntnis, die jedem Jockey Ehre gemacht hätte. Graf Seefeld war selbst Züchter und erging sich mit einem Feuereifer über Abstammungs- und Zuchtverhältnisse, die Anwesenheit der Damen völlig außer acht lassend.

Die Perle seines Stalles war der Zuchthengst »St. Gatien« aus dem Graditzer Gestüte. Er konnte nicht zu Ende kommen mit der Erwähnung seiner Vorzüge und sprach sich in hellen Zorn, daß man das Pferd in Deutschland viel zu wenig schätze und nicht eine einzige der Petrarchstuten zu ihm schicke, während in England diese Blutmischung so sensationell eingeschlagen.

Kitty war sichtlich schon abgehärtet in Bezug auf solche sportlichen Auseinandersetzungen. Die Herren betrachteten sie offenbar als Genossin und dachten nicht einmal an das Unschickliche des Gesprächs für das Ohr eines Mädchens. Nur die bleiche Engländerin gewann um eine Nuance mehr Farbe und schlug die langen, blonden Wimpern nieder.

Der schwere Rotwein erhitzte die Phantasie. Man schwärmte von neuen Erfolgen, gab die tollsten Reiterstückchen zum besten, und zuletzt beschloß man in der jetzt einmal geweckten Sehnsucht nach neuer Betätigung seiner Kunst, für den morgigen Tag eine Schnitzeljagd abzuhalten unter Führung Georgs als Master.

Kitty war entzückt und beschwor den Grafen, sie zum erstenmal auf Wildrose teilnehmen zu lassen. Es erhob sich ein solcher Sturm des Beifalls unter den Herren, daß der Graf wohl oder übel seine Zustimmung gegen mußte. Sie sprang auf und küßte den Vater stürmisch. Alle ihre Bewegungen, das erhitzte Antlitz, die blitzenden Augen verrieten eine ungezähmte Leidenschaft, welche die Herren entzückte und für morgen einen herrlichen Anblick versprach.

Da steckt Rasse drin! Höheres Lob konnte in diesem Kreise Kitty nicht gezollt werden.

»Hast du dein Versprechen für morgen ganz vergessen?« fragte Franz, als sie sich wieder neben ihn setzte.

Sie erschrak förmlich vor seiner Stimme, die, seit man bei der Tafel saß, nicht gehört worden war. Hatte sie doch eine andere Absicht, als sie die Anordnung ihres Vaters, nach welcher Georg neben ihr zu sitzen kam, änderte und Franz zum Nachbarn wählte, die Absicht, ihn vor allen anderen Gästen, besonders aber vor Georg auszuzeichnen. Warum interessierte er sich aber auch gar nicht für solche Dinge? Ihr zuliebe schon? Und jetzt fängt er mit dem unglückseligen Versprechen an, in Schwarzacker einzufahren, in die häßliche Kohlengrube, in dem Augenblicke, wo ihr sehnlichster Wunsch sich erfüllt, das erste Feld reiten zu dürfen. Anderseits las sie in seinen Augen Bitte und Vorwurf. Es war der letzte Tag – für immer vielleicht – Mitleid regte sich in ihr mit dem Verbannten.

»Offen gesagt, ja! In meiner Freude über Papas Erlaubnis, morgen mitreiten zu dürfen, habe ich wirklich die Grube ganz vergessen.«

»Die Grube? – Was für eine Grube denn?« ertönte es von allen Seiten zugleich.

»Die Cousine wollte morgen mit mir in Schwarzacker einfahren«, bemerkte Franz.

»In Schwarzacker? Kitty? In das Kohlenloch? Was soll sie denn dort?« fragte Georg lachend.

»Na, ich denke, die Besichtigung eines so herrlichen Besitzes bietet des Interessanten genug!« entgegnete Franz.

»Aber doch nicht für eine Dame, noch dazu, wenn sie darüber ihr erstes Feld versäumen sollte! Lieber Franz, quäle doch Kitty nicht so. Sie hat absolut keine bergmännische Veranlagung.

»Aber vielleicht das Verlangen und gewiß die Pflicht, als künftige Herrin von dreihundert Arbeitern sich ein Bild von ihrer Hantierung, von ihrem Wohl und Wehe zu machen!« entgegnete Franz, erregt von dem Bemühen des Bruders, seinen Vorschlag ins Lächerliche zu ziehen.

»O weh! Wenn du so anfängst, schweige ich. Übrigens ist ja, glaube ich, jede Debatte unnötig. Was willst du, Kitty?« sagte Georg, siegesgewiß lachend: »Schwarzacker – oder das Feld?«

»Schwarzacker!« erwiderte Kitty, zum allgemeinen Staunen.

Georg zuckte die Achseln und lächelte spöttisch Franz zu. Dann kam ihm plötzlich der Zorn.

»Kannst du dafür gutstehen, daß Kitty unter dem störrischen Volke, das uns alle haßt, nichts Unangenehmes passiert, daß sie nichts Peinliches sieht oder hört?«

»Gewiß, das kann ich sicherer, als an manchem anderen Ort,« erwiderte Franz, auf das unpassende Gespräch von vorhin anspielend, »die Leute werden sich nur freuen über den unerwarteten Besuch…«

»So? Und die Gefahr? Kannst du auch dafür stehen?« fragte Georg, ärgerlich über seine Niederlage.

»Jedenfalls mit ruhigerem Herzen, wie du als Leiter der geplanten Schnitzeljagd. – Übrigens will ich nicht den letzten Tag meines Hierseins dir ein Vergnügen rauben, Kitty…«

Der Hinweis auf den letzten Tag entschied die Wahl Kittys völlig.

»Es bleibt dabei, ich fahre morgen ein. Am Ende ist das ja auch ein Sport. Fünfhundert Meter unter der Erde! Wer weiß, ob nicht mehrere der kühnen Herren sich das überlegen würden.«

Allgemeiner Widerspruch.

»Wir fahren alle mit ein!« schlug Leutnant, von Strehlen vor.

Allgemeine Akklamation.

Die Zweifel Kittys, das Neue, Absonderliche des Vorschlages reizte.

Kitty wurde feuerrot, zu spät sah sie ihren Fehler ein. Franz rechnete gewiß nicht auf so große Gesellschaft.

»Ich glaube nur,« erwiderte er, sichtlich peinlich berührt, »daß die Herren ihre Rechnung nicht dabei finden werden.«

»Wenn Kitty sie findet!« bemerkte Georg spöttisch. »Übrigens mache ich den Vorschlag, daß wir das Nützliche, nach meinem Bruder Franz, mit dem. Angenehmen verbinden und einen gemeinsamen Ritt nach Schwarzacker unternehmen. Das heißt, wenn die Herren Arbeiter uns dieses kapitalistische Vergnügen nicht zu sehr übelnehmen. Du mußt das ja wissen, Franz! Oder wirkt schon deine Anwesenheit beruhigend, des Arbeiterfreundes?«

»Nenne mich immer so,« erwiderte Franz, »ich bin es auch und muß es sein, gerade in meinem Fache, in welchem uns alle gemeinsame Gefahr und Mühe verbindet, vom Direktor bis zum letzten ›Schlepper‹«.

Das verschiedenen Herren unbekannte Wort »Schlepper« gab Anlaß zu Fragen, die zuletzt den ganzen Betrieb umfaßten.

Franz wußte überall Bescheid und wußte das vielgestaltige Grubenleben so lebendig und interessant zu schildern, daß er nicht minder gespannte Zuhörer fand, wie eben Georg mit seinen Exlipse-Stakes.

In dem behaglichen, jetzt von dem köstlichen Aroma des Mokka und der Havanna erfüllten Räume, in welchem eben noch Orme und St. Gatien Triumphe feierten, wirkten die von Franz heraufbeschworenen Bilder aus der Arbeiterwelt der Grube doppelt drastisch. – Diese ewig feuchten Schächte tief unter der Erde, die Arbeit »vor Ort« mit gekrümmten Rücken, in einer dumpf übelriechenden Luft oder im eisigen Wasser bis an den Gürtel! Dieses finstere Leben, dessen Sonne das ärmliche Grubenlicht, dieser tragische Tod tückisch lauernd in allen Winkeln!

Diese Männer in der Fülle der Kraft und der Gesundheit wurden unwillkürlich schweigsam. Ein peinliches Gefühl, von dem sie sich selbst nicht Rechenschaft geben konnten, regte sich im Innersten, die ständig heitern Stirnen wurden ernst.

Kitty hatte den Kopf auf den Arm gestützt und betrachtete Franz: Oft lief ein Frösteln durch ihre Glieder, oder sie bedeckte die Augen mit der Hand. Nur Georg von Prechting tändelte gleichmütig mit dem Messer, blickte auf die Decke und seufzte schwer auf, um sein Unbehagen zu zeigen.

»Du bringst ja eine recht angenehme Stimmung herein,« begann er endlich. »Warte doch ab bis morgen. Da kannst du uns das alles ja ad oculos demonstrieren. Übrigens ist das alles nicht so schlimm, weißt du,« wandte er sich an die Gräfin, »die Leute wissen es ja nicht anders und finden sich in ihrer Welt ganz leidlich zurecht. Das Törichte ist nur, sie aufklären zu wollen über eine andere, für die sie einmal nicht geschaffen sind, und ihnen den Glauben an die Erreichbarkeit aufzudrängen.«

»Das mag ja sein, Georg,« erwiderte Kitty, »anderseits kommt es mir vor, als ob die in dieser andern freudigen Welt Lebenden die Verpflichtung hätten, sich wenigstens in dieser dunkeln, mir nach der Schilderung deines Bruders so grauenhaft etwas umzusehen und wenn sie ihnen zu dunkel, zu grauenhaft scheint, etwas Licht hineinzubringen und Freude!«

Kitty wunderte sich über sich selbst. Sie hatte bis zu dieser Stunde noch nicht an solche Dinge gedacht. Der ernste und doch so milde Blick des Mannes an ihrer Seite hatte die Worte aus dem innersten ihrer Seele auf ihre Zunge gelegt und jetzt, nachdem sie dieselben gesprochen, fühlte sie plötzlich, daß sie ein unzerreißbares Band knüpfen zwischen ihm und ihr. Die Augen wurden ihr feucht, als sie den Dank las in den seinigen.

Georg hatte eine neue Schlappe erhalten, die man ihm zu gönnen schien, dem versteckten Lächeln nach, das hier und da auf einem Mund erschien.

»Du bist ja heute eine so gelehrige Schülerin, wie soll das erst morgen werden?« sagte er, während seine Stirn sich rötete. »Aber das schadet nichts,« setzte er mit einem scharfen Blick auf seinen Bruder hin. »Der erste Ritt auf der ›Wildrose‹ wird diese kleinen Grillen aus deinem Köpfchen treiben. Bei solchem Beruf zum Lebensgenuß das keine Gefahr.«

»Wer weiß,« meinte Kitty, »man könnte ja auch diese Welt, in der wir leben, einmal satt bekommen.«

»Das will ich ja nicht leugnen! Oft schon dagewesen! Aber na, dann trollt man sich eben gleich für immer, aber man tauscht doch nicht eine schlechtere dafür ein.«

»Wenn sie einem etwas böte, was diese Übersättigung aufhöbe, das Leben wieder lebenswert machte, warum nicht?« bemerkte die Gräfin.

Franz setzte das Weinglas an die Lippe und trank es leer. Kitty hatte jetzt einen ganz fremden, strengen Ausdruck.

»Zum Beispiel?« fragte Georg, seinen stattlichen Schnurrbart hinausreichend, mit zusammengekniffenen Augen.

»Das weiß ich nicht,« entgegnete Kitty, sichtlich verwirrt,

»Zum Beispiel, das Bewußtsein, etwas wirklich Ersprießliches zu leisten für die Menschheit,« bemerkte Franz zu Kitty.

»Daran dachte ich wirklich nicht,« entgegnete Kitty. »Ich weiß überhaupt gar nichts von solchen Dingen, ich denke bloß, daß das Glück nicht an unsere Welt allein gebunden ist, daß es etwas gibt« – sie wurde verwirrt, verlegen.

»Ach, ich kann mich nicht so ausdrücken. Georg hat wirklich recht,« fügte sie plötzlich in leichtfertigem Tone hinzu, »wer wird denn von so ernsten Dingen reden!«

Der Duft einer Ananasbowle drang wie ein Gruß aus dem Süden plötzlich aus dem Nebenzimmer. Sie beeilte sich, die sorgsame Wirtin zu machen, sichtlich froh, aus der Stimmung gerissen zu werden, und bald blinkte der köstliche Trank in den zarten Gläsern.

Man trank sich lachend »Glück auf« zu und der düstere Eindruck war halb vergessen.

Franz selbst beteiligte sich mit einer an ihm sonst ungewohnten Lebhaftigkeit an der Unterhaltung, die mit jedem Glase des feurigen Trunkes mehr von der frühern Fachmäßigkeit einbüßte und nun in liebenswürdiger Willkür dahinfloß.

Kitty kam es sichtlich schwer an, sich auf einen nicht mißzuverstehenden Augenwink der Engländerin, welche auch die Champagnerbowle nicht aus ihrer Zurückhaltung herauslockte, sich von der lustigen Gesellschaft zu trennen. Doch der alte Graf hielt einmal streng darauf.

Trotz aller Galanterie wollte man noch einige Stunden den verschmitzten Geistern, welche der Bowle entstiegen, freie Bahn lassen. Es wurde ohnehin schon da und dort leise gezischelt und unterdrückt gelacht, ein sicheres Zeichen, daß es für die Damen Zeit war, sich zu entfernen.

Kitty glühte, als sie auf ihr Zimmer kam, sie öffnete das Fenster und ließ den kühlen Nachtwind um ihre heiße Stirne streichen.

Über den schwarzen Buchenwald zuckte eine purpurne Lohe auf und ab und mitten aus ihr erhob sich pinienartig eine Rauchsäule gegen den Nachthimmel – das war der Atem der Grube »Schwarzacker.«

Sie sah die bleichen rußigen Männer auf- und niedersteigen in den dunkeln Höhlen, um die Schätze der Tiefe zu gewinnen, von denen der Reichtum ihres Hauses stammte, die mit Pferden gefüllten Ställe, die kostbaren Räume des Schlosses, jede Freude, jede Luft, die sie genoß.

Nie dachte sie daran bis jetzt! Franz war daran schuld mit seinen großen Schilderungen. Wozu das? Wozu sie stören in ihrem harmlosen Glück?

Und doch horchte sie ihm andächtig zu und freute sich darauf, morgen all das Elend selber zu schauen.

Was sie doch alles für törichtes Zeug schwatzte – man könnte ja einmal diese Welt, in der sie lebte, satt bekommen! – Wo alles Freude und Licht war? – Wie denn? Warum? Und die andere dort, welche diese häßliche Rauchwolke ausstößt, könnte das bieten, was diese Übersättigung aufhöbe? – Was dachte sie denn nur dabei?

Lange starrte sie ohne klare Gedanken in die Nacht hinaus – da formte sich ihr ein sonderbares Bild! – Eine kleine ärmliche Stube,, ein junges Weib sitzt vor einer Lampe, arbeitend, in der Wiege neben ihr schlummert ein Kind. Sie hörte deutlich das Ticken der Uhr an der Wand. – Vergebens strengte sie sich an, wo sie die Stube und das Weib gesehen. – Da tritt ein großer Mann ein im Grubenkleid, in seiner Hand die brennende Lampe. – Das junge Weib springt auf und sinkt an die Brust. Er umfaßt sie, küßt sie – jetzt hebt er das Haupt, Franz von Prechting! – und das Weib mit den glückstrahlenden Augen an seiner Brust – sie selbst – Kitty!

Das Herz pochte ungestüm. Da erschallte das lärmende Gelächter der zechenden Gäste herauf – das Bild verschwand – und Kitty lacht hell auf mit, während sie hastig das Fenster schloß.

Sie lachte noch still vor sich hin, als sie schon hinter den kostbaren Spitzen ihres Betthimmels lag mit offenen Augen.

Das wäre eine lustige Maskerade! – Die Augen schlossen sich, aber das Lächeln blieb über die lustige Maskerade.

*

Es war eben Schichtzeit! Das Glöckchen im Schachthause ließ seinen geschwätzigen Ton weithin vernehmen. Auf dem schwarzen Wege, welcher zwischen wuchernden Schutthalden vom Werk herabführte in das Arbeiterheim, drängte sich die abgelöste und die ablösende Mannschaft Kein Wort, kaum ein flüchtiger Gruß wurde gewechselt. Wie die schwarz in der Luft sich abhebenden gewaltigen Triebriemen, vom Maschinenhause lautlos sich kreuzend, herüberlieben in den Schachtturm, so bewegte sich die dunkle Schar aneinander vorüber, auf und ab in mechanischer Rücksichtslosigkeit. Die vor dem grellen Tageslicht erbleichenden schmutzig gelben Flämmchen, der bei jedem Schritte sich schwingenden Grubenlampen erhöhten das Düstere des Auftrittes. Plötzlich stockten die Züge, die Abgelösten stießen sichtlich gerade da, wo der Weg am engsten war, auf ein Hindernis. Die Heraufkommenden wandten sich; der Ruf »Obacht« ging nach rückwärts.

Man drängte sich, reckte sich und schob sich. Da tauchten Pferdeköpfe auf, eine ganze Kavalkade! Der Graf? Die Gräfin! ging es durch die Reihen.

Das war noch nicht dagewesen, geradezu eine Verletzung der Alltäglichkeit, welche diese Leute wohltätig einschläferte, ihre Begierden tötete.

Die wenigsten hatten den Herrn der Werke und seine Tochter in der Nähe gesehen, man sprach nur immer von seinem unermeßlichen Reichtum, von der »Märchenpracht« des Schlosses. Man hatte nichts für ihn, und nichts gegen ihn, er stand völlig außer aller Gesichtskreis. Selbst die Unzufriedenen dachten nicht daran, ihn für irgend einen Mißstand verantwortlich zu machen, für schlechte Löhne, Gedinge. Daran waren lediglich seine Beamten schuld, die ihn wohl selbst übervorteilten. Auch der allgemein sich regende Haß gegen den Tyrannen »Kapital« fand an ihm sein geeignetes Objekt. Der Arbeiter rechnete ihn nicht zu dieser Klasse, er war und blieb der »Graf.« Der Vorzug der Geburt erschien den Leuten in viel milderem Licht, als der des plumpen Geldes. Ein unbewußter Idealismus sprach hier mit.

Die Leute drängten sich auf die Seiten, einen schmalen Gang freilassend für die Reiter. Man übersah die übrigen über dem Grafen und Kitty.

Ein stattlicher Herr! Sein joviales Gesicht, in dem keine Spur von Härte oder Stolz zu lesen war, sein freundlicher und doch vornehmer Gruß gewann ihm alle Herzen, und erst die junge Gräfin! Sie nickte jedem zu und schwenkte von weitem schon die Hand. Und wie schön sie war, und wie sie auf dem Pferde saß! Man lachte ihr von allen Seiten ins Gesicht. Der Anblick war zu lustig, und das nagelneue Zaumzeug und die Pferde!

Man dachte in diesem Augenblick nicht an Neid, an gewisse Vergleiche, unwillkürlich freute man sich an diesem frohen, schönen Bild aus einer andern Welt, vor dem sich an einer Biegung rasch wieder die qualmenden, eintönigen Kohlenhalden schlossen.

»Na, das haben wir ja gut getroffen!« bemerkte Georg von Prechting, als sie die Arbeiter glücklich passiert hatten und sich dem Schachthause näherten.

»Und hast du nur einen gehässigen Blick bemerkt?« fragte Franz.

»Das haben wir wohl deiner Begleitung zu danken,« meinte Georg.

Kitty kühlte mit dem Taschentuch die glühenden Wangen, noch ging ihre Brust hoch.

»Offen gesagt, ein bißchen bange war mir auch. Es war mir, als müßte ich vom Pferde heruntersteigen. Aber die Leute sind ja reizend! Ich glaube immer, man muß sie sich nur näher anschauen, wir kennen sie zu wenig und sie uns.«

»Damit hast du alles gesagt, Kitty. Wir kennen sie zu wenig und sie uns. Wir durchforschen das Innere von Afrika und kennen eine Welt nicht, in deren Mitte wir leben,« bemerkte Franz, während er absaß und Kitty aus dem Sattel hob.

Das ganze Werk geriet in Aufregung. Ein solcher Besuch war unerhört in den Annalen von »Schwarzacker.«

Der Direktor kam eilig aus dem Bureau, den Herrn Grafen zu begrüßen. An der Tür der umliegenden Werkstätten drängten sich rußige Köpfe.

Die jungen Herren in ihren eleganten Reittrachten nahmen sich sonderbar aus inmitten der verbrauchten Schuppen und Baulichkeiten, der wie Ameisen hin und her eilenden Arbeiter, des tosenden Lärmes, der aus dem Sortierhaus herausdrang, der flammenden Schmiedeessen, an welchem dunkle Schatten sich hin und her bewegten.

Kitty, die in ihrem Reitkleid aus dunkelblauen Cheviot als eine tadellose Amazone erschien, ergriff gerne den gebotenen Arm ihres Führers Franz. Ein banges Gefühl erfaßte sie jetzt schon bei den unzähligen, fremden Leuten, die sie umdrangen, dem dumpfen Rollen der Hunde, den schrillen Pfiffen der Dampfpfeifen, dem Surren des großen Schwungrades im Maschinenhause. Etwas Drohendes, Dämonisches lag für sie darin und doch Prickelndes, ihre Neugierde Reizendes.

Der alte Graf begab sich auf das Bureau, er hatte eine unüberwindliche Scheu vor der Tiefe. Die Herren begaben sich in das Ankleidezimmer, um die nötigste Grubentoilette zu machen, während Kitty von der Frau eines Steigers in wenigen Minuten in einen strammen Hauerjungen verwandelt wurde.

Sie vergaß ganz ihre Bangigkeit über dem drolligen Anblick im Spiegel. Die schwarze Filzkappe auf den widerspenstigen, hinaufgebundenen Zöpfen kleidete sie vortrefflich und rasch hatte sie ihrem kleinen Kollegen, der sie durch das Fenster beobachtete, die charakteristischen Bewegungen abgelauscht, das absichtlich geschwärzte Gesicht vollendete die Verwandlung.

Als die Herren in ihren Leinenanzügen aus dem Ankleidezimmer traten, gingen sie achtlos an dem frechen Jungen vorüber, der, die Daumen in die weiten Taschen gehakt, mit gespreizten Beinen vor ihnen stand und sie angrinste.

Als jetzt Franz herauskam mit der brennenden Lampe, im abgenutzten Arbeitskleide, nach seiner Gewohnheit etwas vornübergebeugt, da stutzte Kitty und vergaß ihre Rolle. So sah sie ihn gestern nacht in dem sonderbaren Bilde, über welches sie so lachen mußte – gerade so' – und es war ihr, als müsse sie tun, was sie gestern getan, ihn umfassen, ihn halten – ihn …

Franz fiel das sonderbare Wesen des Jungen auf, er trat auf ihn zu, da reichte sie ihm eine kleine schneeweiße Hand.

»Kennst du deinen Kollegen nicht einmal?«

»Kitty!«

Franz dämpfte noch zur rechten Zeit seinen überraschten Ausruf. Niemand achtete auf den schmutzigen Jungen, der mit Franz sprach.

»Jetzt gehören wir ganz zusammen! Freut dich das?«

Franz drückte innig ihre Hand. »Ich werde es dir nie vergessen, Kitty.«

Man rief nach Kitty, man fragte nach Franz nach der Komtesse. Da trat der Hauerjunge hervor.

»Gentleman, I am ready!«

Die Heiterkeit war groß. Man war jetzt schon Franz dankbar für die famose Idee, über die man sich gestern geärgert. Komtesse Kitty als Hauerjunge; das war eine Pikanterie, gegen welche eine Schnitzeljagd verschwinden mußte.

Selbst Georg von Prechting imponierte die Idee, er hatte Kitty noch nie solche Schmeicheleien gesagt, und was die vollendete Amazone bis jetzt noch nicht bewirkt, brachte der Hauerjunge zustande. – Es stieg der Gedanke auf in Georg, daß es höchste Zeit sei, dieses reizende Geschöpf einzuheimsen.

Der Beamte führte die Gesellschaft zu dem Fördergerüst. Eine Gruppe Arbeiter wartete eben auf den Fahrstuhl. Zitternd, in hastiger Eile, aber völlig lautlos glitten die schwarzen Seile auf und ab, an denen die eisernen Fahrgerüste hingen, nur die Lichtblitze im abgeschliffenen Geflecht ließen überhaupt die Bewegung erkennen.

Kitty drückte sich ängstlich an Franz, auf die schwarze Schachtöffnung deutend, aus der ein kalter Wind heraufzog.

»Da hinunter? O wie schauerlich!«

Auch die Herren wurden schweigsam, trotz ihres oft bewährten Mutes. Das Ungewohnte, die Schauer der Tiefe ließen einen kalten Strom den Rücken herunterrieseln.

Jetzt drang ein leiser Lichtschimmer herauf und lief über die von feuchtem Schleim überzogene Verzimmerung des Schachtes, und plötzlich wie eine Erscheinung stieg der Förderkorb in die Höhe mit seinem dicht gedrängten schwarzen Insassen, in der gelben Beleuchtung der Grubenlampen.

Ein Klingelzeichen, der Korb schnappte ein. Die Männer traten heraus, die durchnäßten Kleider klebten an den mageren Körpern. Jetzt hieß es einsteigen! Kitty mußte alle ihre Energie zusammennehmen; ohne Franz an ihrer Seite, das fühlte sie, hätte sie es nie vermocht. Auch die schlechten Witze der Herren klangen gezwungen. Georg war der einzige, der eine solche Fahrt schon mitgemacht.

Das Gitter legte sich vor den Eingang. Der Mann am Signal gab das Zeichen. Ein Schwung nach aufwärts, der Kitty einen Schrei entlockte, dann schoß das Gefährt abwärts. Das triefende Zimmerwerk schien aufwärts zu fliehen, Wasser rieselte an den Wänden, von unten herauf ein dumpfes Rollen und Brausen.

Kitty schloß die Augen und klammerte sich an Franz. Jetzt war es herrlich, als ob sie mit ihm auf- und davonflöge!

»Es ist gleich vorüber!« tröstete Franz.

»O, wie schade!« erwiderte sie wie traumverloren.

Mit einem, elastischen Schwung hielt der Korb. Eine niedere gewölbte Halle nahm die Gesellschaft auf. An einem Pfeiler hing ein großes Kruzifix, an dessen Stamm eine rote Ampel brannte.

Dem Ernst des Ortes konnte sich niemand entziehen.

Kitty betrachtete jetzt die Arbeiter, welche die gefüllten Hunde auf Schienen zum Förderkorb schoben, mit einer gewissen Ehrfurcht.

Dem Beamten folgend, beging man die nächste Strecke. Sie war sauber ausgezimmert und erlaubte den aufrechten Gang. Das »Glück auf« der entgegenkommenden Arbeiter wurde unisono beantwortet.

Hier in der Tiefe von fünfhundert Meter unter dem Getriebe der Erdenbewohner machte sich ein Gefühl natürlicher Zusammengehörigkeit geltend, über das man oben im Licht gelacht hätte.

Kitty machte die sonderbarsten Beobachtungen. So fiel es ihr auf, daß alle die Kavaliere in ihren schmutzigen Grubenanzügen, mit ihrer gebückten Haltung, dem schleppenden Gang, sich äußerlich in nichts von den Arbeitern unterschieden, deren eckiger, unschöner, ihr Auge verletzender Anblick ihr stets so peinlich war. Das gab ihr, die ihrer ganzen Entwicklung zufolge, in den letztern eine besondere, von der Natur selbst minder bevorzugte Rasse erblickte, viel zu denken.

Donnerartiges Rollen drang immer näher. Sie drängte sich enger an Franz. Ein Pferd, in dem engen Raum bei dem Licht der Lampen riesengroß erscheinend, war vor einen ganzen Zug gefüllter Kohlenhunde gespannt, der sich, wie eine schwarze schillernde Schlange auf den Schienen, in der Mitte der Strecke, ihren Windungen folgend, dahinbewegte. Sie dachte der »Wildrose« in ihrer mit Porzellantafeln ausgelegten »Box« und der übrigen edeln Rosse im väterlichen Stalle und verglich deren Schicksal mit dem des armen, zu ewiger Nacht und Finsternis verurteilten Geschöpfes.

Überall ein willkürliches Schicksal, das allen Lebenden von Geburt aus zugeteilt schien. Warum? Nach welchem Recht? Zu welchem Ziel? Sie schauerte bei dem Gedanken, daß es auch sie anders hätte treffen können.

Der Beamte bog in einen Schacht ab. Kohlengasgeschwängerte Luft hemmte den Atem und jedes Aufrichten des Kopfes wurde mit einer Beule bestraft.

Franz erklärte Kitty den Aufbau des Gesteins, die Schichtenlagerungen, die Verzimmerung. Plötzlich sahen sie sich allein. Die übrige Gesellschaft war wohl in einen Seitenschacht oder einen Abbau verschwunden.

Kitty lachte darüber. »Jetzt können wir allein umherkriechen! Laß sie nur laufen! Das ist ja reizend! Tief unter der Erde wie einst vor Jahren oben im Buschwerk des Parkes, bei hellem Sonnenlicht …«

»Komm, Franz, ich will ja gar nicht, daß wir sie finden.« Sie zog ihn seitwärts in einen finstern Gang.

»Und wenn wir uns verirren? Ich bin hier nicht so bekannt wie zu Hause,« erwiderte Franz zagend.

»A pah, dann irren wir halt einige Stunden umher! Wir kommen früh genug wieder in die langweilige Oberwelt.«

»So sprichst du, Kitty, und du liebst sie ja so.«

»Heute einmal nicht! Heute liebe ich die Unterwelt, in der ich dein Kamerad sein darf, jeder Etikette zum Trotz. Beide einfache Arbeiter, weiter nichts.«

»Könntest du dich denn in diese Lage hineindenken, ohne Entsetzen?« fragte Franz.

»Warum nicht?«

»Allerdings, du sprachst gestern auch davon, doch knüpftest du eine Bedingung daran.«

»Welche denn?« fragte Kitty.

»Wenn sie dir etwas Besonderes bieten würde, etwas, was dir die andere Welt nicht bietet, so sagtest du.«

»Ich ja, ich erinnere mich und jetzt weiß ich, was ich meinte mit dem Besonderen!«

»Wirklich, Kitty?« Franz wandte sich plötzlich und beleuchtete mit der Lampe ihr Antlitz.

Sie lächelte spitzbübisch unter der Filzkappe hervor, die ihr schief auf den blonden Gelock saß.

»Einen guten Kameraden!« Das Lächeln verschwand. »Wie du, Franz,« setzte sie dann innig hinzu.

Franz lachte kurz auf und marschierte weiter. Ein kleines gelbes Sternchen tauchte auf, in blauem Dunst erstrahlend, unendlich ferne scheinbar. Franz beschleunigte seine Tritte, er fürchtete jetzt die Einsamkeit mit Kitty, deren Haupt sich jeden Augenblick auf seine Schulter legte, wenn es galt, sich tiefer zu bücken.

Der dumpfe Schlag eine Hacke, das Rascheln und Rieseln sich lösender Kohlen wurde laut. Der Gang wurde immer enger, die Luft immer dicker. Sie kamen »vor Ort«, wie der Bergmann den Platz der Arbeit nennt. Ein bärtiger Mann lag seitwärts gebeugt in einer Höhlung des Gesteins und löste in dieser Stellung mit der Spitzhacke die Kohlen. Die Flamme des Lämpchens, welches von der niedern Wölbung herabhing, trieb ihr Lichtspiel in den flammenden Kohlenwandungen der Höhle.

Das war ein Märchen für Kitty, dieser lichterfüllte Ausschnitt inmitten der nächtlichen Umgebung. Ein wonniges Gefühl durchschauerte sie, das sie an die Kinderstube erinnerte, und sie legte die Hand auf die Schulter ihres Begleiters. »Sieh nur!« lispelte sie und ihre Lippen streiften sein Ohr.

Er ergriff schweigend ihre Hand. So standen sie lange, bis der Arbeiter sich etwas erhob. Die nackte ruß- und schweißbedeckte Brust glänzte.

Er wischte sich mit dem Rücken der Hand die triefende Stirn.

Dieser Anblick weckte Kitty aus ihrem Traume vom verwunschenen Schloß, dem sie sich erlösend nahte mit ihrem Ritter – da war nichts als rauhe Wirklichkeit.

Mit gespannter Neugierde betrachtete sie die jetzt wieder zusammengekauerte Gestalt, wie etwas Unbegreifliches, Fabelhaftes!

»Glück auf!« rief Franz.

Der Mann sah erstaunt auf und erwiderte den Gruß.

»Was wollt ihr denn da?«

Er hielt sie offenbar für Arbeiter. Kitty war jetzt stolz darauf und drückte die Kappe weit in das Gesicht.

»Wir haben uns vergangen. Wo kommt man denn da auf Strecke 16?« fragte Franz.

Der Mann gab die Richtung an.

»Rasten wir ein wenig,« meinte Kitty.

Der Mann betrachtete sich bei dem weichen Ton der Stimme die Ankömmlinge näher.

»Ah, so, ihr gehört zu den Herrschaften? Haben grade nach euch gefragt.« Dabei schob er diensteifrig das Gestein zurecht, zu einem bequemen Sitz.

»Das Fräulein Gräfin, nicht wahr? Das ist schön, daß Sie sich auch einmal zu uns herunter trauen. Ist gar nicht so übel da, was? Ein Schluck Schnaps gefällig?« Dabei bot er die irdene Flasche.

Kitty setzte sie mutig an die Lippen, um keinen Preis hätte sie den Mann kränken wollen. Das häßliche Getränk trieb ihr das Wasser in die Augen, verzerrte ihre Züge, trotz aller Kraftanstrengung diese Wirkung zu verbergen.

Franz fragte nach dem Verdienst. – Drei Mark täglich, im Durchschnitt! – Nach der Familie. – Eine Frau mit sechs Kindern!

Der Mann faßte Zutrauen zu Franz, als er erfuhr, daß er einen Bergmann vor sich habe, und wurde in seiner schwerfälligen Weise gesprächig.

Er deckte sein ganzes dürftiges Leben auf, Freud und Leid. Wie seine Frau vor wenigen Monaten erkrankte und das älteste, ein Mädchen von zwölf Jahren, das ganze Hauswesen führte. Er mußte seine schöne Wohnung mit zwei Zimmern aufgeben und hat sich mit einem beholfen, Uta die Krankheitskosten zu decken. Das kleinste war vor einigen Wochen gestorben. Es hat ausgesehen wie ein Prinz, so zart, und hat die grobe Kost nicht ausgehalten und den ständigen Wasserdampf in der Stube. Und der Kaffee ist wieder aufgeschlagen um zehn Pfennig und wird immer schlechter. Eine neue Familie ist eingezogen im Hause, aus Böhmen, die alles durcheinander bringt. Der Mann immer besoffen, die Frau ein Zankeisen, und was die Kinder da alles zu sehen und zu hören bekommen. Aber sonst sei es schon zum Leben, wenn nur daheim wieder alles gesund ist und ihm kein Unglück zustößt, wie seinem Zimmernachbar vor etlichen Tagen, den sie mit zerschlagenen Füßen nach Hause brachten zu seiner Frau und drei kleinen Kindern.

Kitty horchte gespannt den schlichten Worten des Mannes. Sie wagte keine Zwischenfrage. Unsagbares Grauen packte sie vor den Bildern, mit denen er die enge Höhle füllte, dann wieder stumme Bewunderung der Gelassenheit, mit der er sein Schicksal trug.

Sie übersah in ihrer Unerfahrenheit den falschen Maßstab, den sie anlegte. – Als er den Unfall seines Kameraden schilderte, da war es ihr, als ob sich die Höhle mit seinem Blut füllte, das für sie vergossen ward für ihre tausenderlei Bedürfnisse, ihre Freuden und Vergnügen. Und nicht einmal gesprochen wurde in ihrem Hause von dem unglücklichen Mann und seinen darbenden Kindern.

Das trieb ihr die Schamröte in das Gesicht. Nie mehr wird sie froh und frei genießen können, immer wird sie der Qual denken müssen, aus der ihr Reichtum quillt, dieses auf dem Rücken liegenden Mannes in dem Kohlenloch, des verstümmelten Unglücklichen. – Sie faßte die besten Vorsätze, wie sie Glück und Freude bringen wollte in diese finstere Welt, die sie jetzt mehr haßte und verabscheute denn je.

Gleich jetzt wollte sie damit beginnen. Sie durchsuchte die Taschen, aber sie waren leer, ihre Börse war im Reitkleide geblieben.

Franz erriet ihre Absicht und drückte sich erhebend dem Arbeiter ein Geldstück in die Hand. Für den Schnaps, fügte er, das Ehrgefühl der Leute wohl kennend, hinzu.

Die Dankesworte des Mannes waren für Kitty nur der Vorgeschmack eines neuen köstlichen Sportes, dem sie jeden andern opfern wollte in ihrer schnell aufschäumenden Leidenschaftlichkeit.

Frans: schlug den angewiesenen Weg ein.

Kitty atmete erleichtert auf, als sie sich mit ihm allein sah.

»Weiß denn mein Papa, wie es da herunten aussieht? Wie diese Männer sich quälen müssen?« fragte sie.

»Natürlich weiß er es.«

»Aber er ist doch sonst so gut, so herzlich, wie kann er das zulassen? Das verstehe ich nicht.«

»Soll er diese Schätze ruhen lassen? Das wäre ja noch schlimmer. Sie bilden ja neue Werte, von denen wieder Tausende sich nähren. Das ist das Gesetz der Arbeit, unter dem die ganze Menschheit steht, ohne das sie zugrunde, gehen müßte.«

»Außer uns, den Reichen, den Glücklichen, wir stehen natürlich nicht darunter,« entgegnete Kitty.

»Ebenso, Kitty, Ebenso! Ihren Besitz für das Gemeinwohl so nutzbringend zu verwenden als möglich, das heißt, durch ihn möglichst viel Arbeit und zwar lohnende Arbeit zu schaffen, nicht ihn als willkürliches Machtmittel zu betrachten im törichten Kampfe gegen die Arbeit – das ist das Arbeitsgesetz der Reichen, das sie auch ungestraft nie verletzen.«

»Das kann ich nicht verstehen, aber eines kann ich, wenn ich einmal der Herr bin, die Ställe leeren, die unnützen Diener alle entlassen, alles Entbehrliche verkaufen und mit den armen Leuten teilen. O, das müßte ein Vergnügen sein, wie ich noch keins genossen!«

»Das wäre ebenso töricht als nutzlos«, entgegnete Franz »Du kannst deine Pferde behalten und deine Dienerschaft und alles Schöne was du besitzen wirst, und trotzdem ein Engel sein für deine Arbeiter! Grade du als Frau!«

»O, wie das, Franz, wie das? Lehre mich das?«

»Das brauche ich dich nicht zu lehren, Kitty, dein gutes Herz wird das schon besorgen.«

»Nein, Franz, von dir will ich es wissen.«

Sie standen plötzlich vor einer mannshohen Öffnung, welche in ihrer Verzackung einem gotischen Fenster glich. Die Kohle bildete hier eine mächtige Schicht und wurde terrassenförmig abgebaut. Man bückte in eine scheinbar unermeßliche Tiefe, in welcher die Grubenlichter der Arbeiter wie Irrlichter umhertanzten, während diese selbst in dem bläulichen Kohlenneben wie riesige Schatten in grotesker Bewegung sich ausnahmen. Das Rasseln der von Terrasse zu Terrasse geschütteten Kohle, der dumpfe Hackenschlag und das Stampfen einer irgendwo aufgestellten Maschine zu Ventilations- oder Wasserbeförderungszwecken vermischte sich zu einer charakteristischen Arbeitssinfonie.

Kitty blieb lange versunken in den eigenartigen Anblick. Sie setzte sich auf die Kante des natürlichen Fensters, von welchem eine Leiter nach abwärts führte, und hielt sich an Franz fest.

»Sprich, Franz, hier wird es sich für immer in meine Seele graben! Was kann ich tun für diese Armen? Wie ihr Los verbessern? Wenn du selbst sagst, diese Arbeit hier unten muß geschehen.«

»Ja, sie muß geschehen! Und hier unten kannst du, brauchst du nichts zu ändern, Kitty. Auch ist diese Arbeit kein Unglück, keine Qual, wie häßlich und hart sie dir auch scheinen mag. Oben wäre dein Feld, in der Familie des Arbeiters. Da ist für ihn oft die Hölle. Schaffe ihm ein menschenwürdiges Heim, von dem sein Körper, sein Geist Erholung findet, in dem er sich als Mensch fühlt und atmet, nicht als Tier, das nur unterkriecht, um sich vor der Unbill der Witterung zu schützen. – Sorge für die Erziehung der Kinder, sei selbst die Lehrerin der Frauen. Betrachte alle als zu deiner Familie gehörig und lasse allen zugute kommen, was du an Schätzen des Geistes und Herzens vor ihnen voraus hast. Lasse dich nicht irre machen durch verfehlte Versuche, durch Undank, durch das Lachen der Welt, die dich vielleicht eine Närrin nennen wird. – Kurz, Kitty – was spreche ich denn lang – lerne diese Menschen kennen und lieben, dann findest du sofort das Rechte und du wirst ein Glück genießen, von dem du bis jetzt keine Ahnung hast.«

Kitty sah andächtig zu ihm auf. Sie hatte das Gefühl, als sollte diese Minute nie enden, als sollte sie nie mehr sprechen, sondern immer in die guten lieben Augen sehen und seine Stimme hören, seine innigen Worte.

»Hast du mich begriffen, Kitty?« fragte er.

»Ich fühle es ja jetzt schon, das hohe Glück, nur wenn du davon sprichst, Franz,« begann sie dann plötzlich in einem feierlichen Tone, sich dicht zu ihm beugend. »Kannst du dir das denken? – Ich oben, nach deiner Idee waltend, Segen, Glück spendend! Du hier unten die Arbeit fördernd, die Mittel schaffend, überall helfend ordnend.«

»Beide feindliche Welten, die des feinen Lebensgenusses und die der Arbeit, verbunden zu einem Paradies!« fuhr Franz fort, vom Traume Kittys geblendet.

»Ja, zum Paradies, Franz! Aus dem uns niemand vertreiben soll!«

»Kitty!« Franz faßte zitternd die beiden Arme, die sich um seinen Hals schmiegten. »Es ist uns ja für immer verschlossen, das Paradies!«

»Franz, mit einem Wort sprengst du seine Pforten.« – Jetzt war es kein Umschmiegen mehr, sondern feste Umklammerung.

Franz bebte in seinem Innern; er liebte Kitty ja schon lange und stand jetzt vor der Erfüllung eines Traumes, den er seit Jahren mit aller Energie zurückgedrängt.

Er kannte aber auch die schnell aufflammende Leidenschaft Kittys. Die mächtigen Eindrücke der neuen Welt, in die sie zum erstenmal an seiner Seite eingetreten, hatten ihre lebhafte Phantasie erregt. Die heilige Begeisterung, die sie erfaßte, konnten neue Eindrücke abschwächen, und aus ihren Augen zuckte ein Strahl, der, so verführerisch er war, einen Augenblick das Wort auf seine Lippen bannte, das sie so glühend zu hören begehrte. Nur einen Augenblick – dann betäubte auch ihn, den Starken, der Atem ihres Mundes, ihres Haares, das seine Stirne berührte. Er riß sie stürmisch an sich, daß sie wie ein Kind in seinen Armen lag und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Die Filzkappe fiel in die Tiefe, das Goldhaar löste sich und das Rauschen und Tosen in der Tiefe schwoll ins Unendliche und tausend Lichter tanzten einen Reigen um sie.

»Das Paradies, Franz,« flüsterte Kitty.

Franz erwachte aus seinem Taumel. Ein jäher Gedanke kam ihm, aber mit vollster Klarheit.

»Kitty, willst du mir folgen?«

»Wohin?« fragte sie, immer noch betäubt, mit halbgeschlossenen Augen.

»Hinaus in die Welt, der ich von nun an angehören werde!«

»Was kümmert dich jetzt noch diese Welt?« erwiderte sie in weicher Hingabe, sanft ihm entgegenlächelnd.

»Doch, Kitty, ich darf sie nicht aufgeben, aus unzähligen Gründen nicht, wenigstens auf Jahre nicht. – Sprich, Kitty, willst du mir folgen?«

Seine Miene, der Ton seiner Stimme ließen Kitty an seinem Ernst nicht zweifeln, und doch waren ihr die Worte völlig unverständlich.

»Du willst mich doch nicht zu einer Ingenieurfrau machen?« sagte sie in scherzendem Tone.

»Ja, das will ich, das muß ich! Nicht für immer, aber für Jahre. Ich kann nicht der Mann meiner Frau sein.«

»Aber, Franz, du kennst doch den Vater! Nie wird er das zugeben.«

»Weil er meinen Stand zu schlecht hält für seine Tochter – und du fühlst grade so, Kitty. Sag' ehrlich, du fühlst grade so?« drang er in das Mädchen.

Kittys Blick flog den Weg voraus in die Zukunft. Sie übersah das ganze enge Leben, das ihr so lichtlos schien, wie diese Höhle – damit kam ihr der Unmut. Warum verlangte er ein so törichtes, maßloses Opfer, wenn er sie liebte? Sie wollte ja gerne alles tun, was er ihr eben in so unvergeßlichen Worten geraten, aber er selbst sagte ja, daß sie deshalb kein Pferd aus ihrem Stalle wegzugeben brauche. Anderseits las sie in seinem Blicke, fühlte sie in der Erregung seines ganzen Wesens eine Liebe, die wohl eines Opfers wert und auch berechtigt war, eines zu verlangen, aber sie war zu ungeübt im Opfern.

Sie fühlte sich ernüchtert und schämte sich doch, es ihn merken zu lassen, nachdem sie einmal so weit gegangen.

»Gehen wir, Franz! Wir brauchen beide Luft und Licht! Ich ersticke hier!« sagte sie.

Franz durchschaute sie mit bitterm Schmerz und ließ sie frei. Jetzt hatte er sie für immer verloren.

Kitty rief einem Arbeiter zu, er solle ihr den Weg zeigen. Sie wollte nicht mehr allein sein mit Franz.

Der Mann stieg die Leiter herauf und reichte ihr hilfreich die Hand. Franz folgte. – Sie stieg von Terrasse zu Terrasse, und als der Arbeiter vor einer Seitenstrecke angelangt, welche direkt zur Förderung führte, sich entfernen wollte, forderte Franz selbst seine Begleitung.

Ohne ein Wort zu wechseln, bestiegen sie das Förderwerk, zugleich mit zwei Arbeitern, die erst auf Kittys ausdrücklichen Wunsch einstiegen.

Kitty setzte sich sichtlich ermattet auf die Bank. Es fröstelte sie jetzt in dem feuchten Kleide. Sie haßte jetzt mehr denn je diese Welt, aus der sie eben emporstieg, sehnsüchtig nach dem ersten Lichtstrahl spähend.

Oben erwarteten sie die Herren, man war bereits in lebhafter Besorgnis.

»Ich dachte, du weißt genau Bescheid,« bemerkte Georg mit einem spähenden Blick auf Kitty. »So war es zum mindesten unvorsichtig, dich von uns zu trennen. Du siehst sehr ermattet aus,« wandte er sich an Kitty.

Diese hatte ihre ganze Elastizität wieder gewonnen im Sonnenschein, der lustig in die Halle spielte. Sie habe sich köstlich amüsiert und das Werk jedenfalls gründlicher kennen gelernt als die Herren.

Als sie in wenigen Minuten wieder in ihrem Reitkleide erschien, jedes Fältchen tadellos, konnte niemand den Sturm ahnen, der eben in dieser scheinbar so ruhigen Brust getobt.

Die Pferde wurden vorgeführt. Allen sah man die helle Freude an, weiche sie, der Unterwelt gründlich entronnen, im Sattel empfanden. Kitty tummelte »Wildrose« im Hofe umher. Ihre Erregung teilte sich dem edlen Tiere mit, dessen Extravaganzen den Herren geradezu Besorgnis einflößte, doch Kitty war von einem wilden Reitgeist beseelt und hatte das Bedürfnis, dem Tiere ihre unbedingte Herrschaft zu zeigen.

Mit hochgeröteten Wangen und wogender Brust hielt sie zuletzt das zitternde, schäumende Pferd und empfing mit sichtlichem Wohlbehagen die unbegrenzte Huldigung der Genossen, Franz einen Blick zuwerfend, den dieser wohl verstand.

Die beiden Prechtings ritten nach Sittenfeld zurück.

»Wir sehen dich doch noch auf Seefeld vor deiner Abreise?« sagte sie, Franz die Hand reichend; sie zitterte und aus ihrem unter dem Schleier stets auf ihn gerichteten Blick las er etwas wie Aufmunterung.

Ein Strahl von Hoffnung stahl sich in sein Herz, der ihm keinen Zweifel ließ, daß er es wirklich an Kitty verloren. Er sagte zu, indem er ihre Hand küßte.

Kitty voran, herrlich anzuschauen mit dem wehenden Schleier, in dem festen, tadellosen Sitz, sprengte die Gesellschaft zum Werk hinaus, der in vollem Herbstschmuck prangenden Landschaft zu, in welcher dieses wie ein häßlicher schwarzer Fleck erschien.

Franz gab sich den Tag und die folgende Nacht den mannigfachsten Gedanken hin.

Der Vorgang in der Grube war für eine Dame wie Kitty doch zu bedeutungsvoll trotz aller Verwandschaft, als daß sie darüber so leicht hinwegkommen sollte. Ein Teil ihrer Weiblichkeit war in seiner Hand geblieben, daran war nichts zu ändern.

Der erste Kuß, dieses erste Aufwallen des Blutes an der Brust eines Mannes ist nur einmal zu vergeben! – Sie wird, sie muß ihrem Vater alles bekennen. Dieser wird empört sein über die Durchkreuzung seines Lieblingsplanes, zuletzt aber doch dem geliebten Kinde nachgeben. Er wird ihn zur Rede stellen, von ihm dasselbe verlangen wie Kitty, daß er einer Lebensstellung entsage, die für eine Komtesse Seefeld nicht passend ist, daß er, der Mittellose, zuerst vom Schwiegervater sich abfüttern, dann der Mann seiner Frau werden soll. Ja, er wird das alles noch für eine befremdende Güte und Großmut seinerseits ausgeben und ihm wohl merken lassen, daß ihn nur die Umstände, schlimmer vielleicht, sein gewissenloses, Kitty kompromittierendes Vorgehen dazu veranlaßt.

Darauf durfte er aber nicht eingehen, wenn er nicht alle Achtung vor sich selbst einbüßen wollte. Er mußte wenigstens, so lange Kitty nicht selbständig war, seine Existenz selbst machen, und vor allem, Kitty durfte sich nicht einer Stellung schämen, die ihn ehrenvoller dünkte, als seine sonstige im Hause des Schwiegervaters.

Er war sich völlig klar, was er morgen dem alten Grafen zu sagen habe – und doch fand er keine Ruhe. In seinem Innersten rumorte der Zweifel, ob nicht Kitty seinerseits ein Opfer verlangen könne, ja, wenn er an die Verwirklichung des Paradieses, von welchem sie gesprochen, um ihr gemeinsames für Hunderte heilsames Wirken dachte, dann mußte er sich sagen, daß mit diesem Opfer mehr geleistet war als mit dem, welches er von Kitty forderte.

Wenn sie ihm morgen, unbeeinflußt von der gehobenen Stimmung, in der sie sich heute befand, beim Anblick all des Fremdartigen, für ihre verwöhnten Begriffe Entsetzlichen in die Hand versprechen würde, die da unten entworfenen Pläne an seiner Seite getreulich durchzuführen, sie zu ihrer Lebensaufgabe zu machen, dann – dann war er ein Selbsthäftling, wenn er das Opfer nicht brachte. – So schwankte er die ruhelose Nacht hindurch zwischen Furcht und Hoffnung. – Sah er Kitty vor dem Abbau in seinen Armen, in der vollen Hingebung des liebenden Weibes, so hoffte er – sah er sie voll neuerwachten Lebensdranges, mit blitzenden Augen und hochgehender Brust auf der »Wildrose« davonsprengen, so fürchtete er.

Mit dem Frühstück brachte der Diener einen Brief. Ein Bote von Vals habe ihn gebracht, Herrn Baron Franz selbst zu Händen. – Kittys Handschrift!

Er wendete ihn lange hin und her. Es handelte sich wohl um Verhaltungsmaßregeln gegenüber dem Vater, der von allem schon wüßte oder um herbe Vorwürfe über seine Halsstarrigkeit! Oder sie hatte Angst, daß ihn der kühle Abschied gestern bestimmte, sich nicht mehr sehen zu lassen.

Plötzlich riß er den Brief heftig auf.

»Lieber Vetter!

Wir waren gestern rechte Kinder.«

Franz lachte hell auf und ballte das Papier zusammen. Er holte aus, um es in die Ecke zu schleudern – dann glättete er es wieder sorgfältig und las weiter:

»die abenteuerliche Fahrt in die Unterwelt, die ja reizend war, hat mich so außer Rand und Band gebracht! Jetzt habe ich die Folgen zu leiden. Ich liege im Bette mit Katarrh und Fieber! – Unser Traum vom Paradiese war sehr schön, ich werde ihn nie vergessen, aber ich bin, offen gesagt, viel zu oberflächlich, wetterwendisch, um ihn zu verwirklichen. Dagegen verspreche ich dir, bei unserer alten Freundschaft, alles zu tun, was in meinen schwachen Kräften steht, das Los der Leute zu verbessern und auch bei meinem Vater dahin zu wirken. – Ganz verloren sollen die Stunden nicht sein, die wir da unten zugebracht. Alles übrige bitte ich der armen, mit sich selbst sehr unzufriedenen Kitty zu verzeihen. Sie ist ein wildes Füllen, ohne Zucht und Führung … danke Gott, der dich vor dem Wildling bewahrt und wenn wir uns einmal wiedersehen sollten, was ich sicher hoffe, kein Groll, keine Verstimmung – und nun ›Glück auf!‹ Ich kann dich mit dem besten Willen nicht empfangen.

Vergiß nicht ganz

deine treue Cousine
Kitty.«

Franz blickte lange auf die phantastisch verschlungene Unterschrift »Kitty«. Er verfolgte durch ihre Windungen hindurch ihre liebe Gestalt bis zurück in ihre erste Kindheit. Die Augen wurden ihm feucht und die Lippen preßten sich fest zusammen.

Als er sich erhob und den Brief faltete, war sein Antlitz ruhig und gefaßt.

»Besser so! Sie hat mich vielleicht vor einer Schwäche bewahrt.«

Der Abschied vom Bruder war kühl, Verhältnisse und Anschauungen bildeten von jeher eine Scheidewand zwischen beiden.

Das »Laß dich bald wieder auf Sittenfeld sehen« Georgs klang sehr nüchtern. Kein Wort von Kitty, und doch fühlten beide, daß der Name zwischen ihnen lag.

Als Franz in der Equipage des Bruders zur Bahnstation fuhr, blickte er rechts auf Schwarzacker. Eine schwere massige Wolke lag, von der feuchten Atmosphäre am Aufsteigen verhindert, über dem Werk. Er sah deutlich die Treibriemen des großen Schwungrades wie Spinngewebe die Luft durchkreuzen und hörte, vom Wind herübergetragen, die Signale der Förderung.

Da wandte er sich nach links, über dem purpurnen Buchenwald erhoben sich blitzend die Türme vom Schloß Vals.

Und doch wird ihr Bück unzähligemal herüberschweifen auf die geschwärzten Hallen, den düstern Turm, der wie ein Wahrzeichen sich erhebt, des ewigen Gesetzes der Menschheit, von dem er gesprochen, und die mannigfaltigen Stimmen Schwarzackers werden sich in ihre Freuden mischen und sie erinnern an den Schatz, den sie so leichtsinnig vergeudet im Schoß der Erde; – das erste Liebesstammeln des Weibes! Und inmitten des Lusttaumels wird das Heimweh erwachen nach dem verlorenen Paradies, das ihr jetzt nur mehr ein reizendes Spiel scheint ihrer Phantasie. – Sein Bild wird sich heben aus einer Tiefe ihrer Seele, die sie selbst noch nicht kennt, die nur überdeckt war von all dem gleißenden Tand, an dem ihr goldenes Herz gehangen. Und wenn einst diese lockere Decke berstet, wird sie es mit bitterem Weh blinken sehen, unerreichbar tief, und darüber wird die öde Leere sie angähnen.

Arme Kitty!

*

Die Bewohner des Arbeiterviertels waren nicht wenig erstaunt, eines Tages das Schloßfräulein, dessen Besuch in der Grube schon alle Gemüter erregt, von einem mit zwei schweren Körben bepackten Bedienten gefolgt, mitten in ihrem engen Gemeinwesen zu sehen.

Scharen von Kindern und Frauen sammelten sich vor den Häusern, in welche sie eintrat.

»Was ist denn der in den Kopf gefahren?«

»Druckt's doch einmal das Gewissen, die Schloßleut'! Angst haben's! 's Maul wollen's uns stopfen? Was will's denn eigentlich da drinnen? Daß er no mehr sauft der Petri! Wenn's mal was geben, geben sie's g'wiß den falsch'n! Das is halt wieder was Neues, uns in Topf 'nein schaun, nachher schmeckt's wieder besser daheim!«

Das ging so von Munde zu Munde. Der Boden war nicht im geringsten vorbereitet für eine Liebessaat.

Kam dann Kitty heraus, deren vornehme Erscheinung und geschmackvolle Toilette in dieser Umgebung doppelt zur Geltung kam, dann machte den trotzigen harten Reden ein hündisch kriechendes Wesen Platz, vor dem Kitty, von Widerwillen erfüllt, die Augen niederschlug. Sie ging völlig wahl- und planlos umher, bis ihre Taschen und die Körbe geleert waren.

Sie überhäufte den kinderlosen Trunkenbold ebenso mit ihren Wohltaten, wie den schwer bedrängten fleißigen Familienvater.

Sie kam in die ärmlichen, übelriechenden Stuben mit zurückgehaltenem Atem, das parfümierte Taschentuch in der Hand, drängte den erstaunten Leuten ihre Gaben förmlich auf und eilte wieder hinaus.

Sie gab den Gesunden kostbaren Wein aus dem Schloßkeller, den Kranken für sie unbrauchbare Kleidungsstücke, wie es ihr gerade in die Finger kam.

Sie verstand nicht die ungefügen Dankesworte der Leute, die gepreßten Tränen und kummervollen Händeküsse. Die Leute hinwiederum nicht ihre hastigen Fragen, ihre fremdartigen Ausdrücke.

Hatte sie ihren sonderbaren Rundgang beendet, schüttelte sie den garstigen Staub aus ihren Kleidern und eilte, ohne umzusehen, dem Schlosse zu.

Sie hinterließ keine Spur von Wärme und empfand selbst keine.

Das sollte ein Paradies sein! Wie kindisch war doch ihr Traum. Wenn sich Franz auch so enttäuscht fühlt von seiner neuen Welt – dann, armer Franz!

Das einzige Motiv ihrer wiederholten Gänge war das ihm gegebene Versprechen. Das wollte sie wenigstens halten.

Bald wurden dieselben immer seltener und in wenigen Wochen überließ sie dem Direktor des Werkes eine Summe zur freien Verwendung für die Bedürftigen.

Georg und der Vater errieten leicht, woher dieser plötzliche Wohltätigkeitstrieb stammte. Ersterer war klug genug, Kitty vorderhand mit keinem Antrag zu belästigen, er wußte nur zu gut, daß diese Gemütsstimmung eine rasch vorübergehende sein werde.

Kitty, welche fürchten mußte, daß die Abreise des Bruders das Zeichen für ihn sein werde, um ihre Hand zu werben, war ihm dankbar für diese Zurückhaltung.

Die in Schwarzacker verbrachten Stunden zitterten doch heftig in ihr nach und des jungen Mannes Bild wollte nicht weichen.

Da half auch der nervöse Eifer nichts, mit dem sie sich von neuem dem Sport hingab, nicht die aufgeregteste Jagd, nicht der kühnste Ritt.

Was Franz während seiner Fahrt zur Bahn geträumt, war jetzt schon teilweise eingetroffen. – Der Anblick des Werkes, die tausend Stimmen, die von dort herüberdrangen, weckten von neuem die Erinnerung. Und doch mußte sie sich sagen, daß sie recht gehandelt. Sie war keine Frau für den ernsten, ihr an Charakter – sie machte sich kein Hehl daraus – weit überlegenen Mann, hier nicht und dort nicht, wo er sich jetzt befand. Das Gefühl, welches sie zu ihm zog und dort in der Grube so ganz übermannte, war nur eine schnell aufflackernde Leidenschaft, bedingt durch den langjährigen intimen Verkehr, zum Ausbruch gekommen, unter ganz abnormen Umständen. Das ganz begreifliche Abschiedsweh, das Mitleid mit seiner Lage hatten den Hauptanteil daran.

Diese Überzeugung, welche sie sich selbst aufdrängte, brachte sie jedoch nicht im geringsten dem Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Georg näher.

Er war ihr sympathisch. Sie bewunderte seine körperliche Gewandtheit, seinen Mut, sein chevalereskes Auftreten. So äußerlich betrachtet, paßten sie ja vortrefflich zusammen, aber nicht die leiseste Stimme in ihrem Innern sprach für ihn. – Er jagte mit ihr, ritt mit ihr, machte ihr den Hof, unterhielt sie. Wozu dieses Verhältnis ändern? Wenn sie einmal, in der ihre Ruhe immer wieder störenden Szene von Schwarzacker, Georg an die Stelle des Bruders setzte, da stieg ihr eine Blutwelle in das Gesicht.

Das Opfer einer kühlen Familienabmachung zu sein, dagegen sträubte sich ihr selbständiger Sinn.

Sie war froh, als sie mit dem Vater Schloß Vals verließ, um wie alljährlich die Wintersaison mit ihrer vielgestaltigen Zerstreuung in der Großstadt zuzubringen. Es war eine Flucht vor sich selbst.

*

Gräfin Kitty sollte heuer zum erstenmal die Gesellschaft besuchen. Man war sehr gespannt auf ihr Erscheinen. Bis jetzt kannte man sie nur als musterhafte Amazone.

Sie selbst versprach sich viel davon, obwohl Vetter Georg alles tat um ihr von vornherein die Freude daran zu verderben, indem er ihr die unsterblichste Langeweile prophezeite. Sie glaubte ihn zu durchschauen, er fürchtete, sie würde seinem Einflüsse entwachsen, Eindrücke gewinnen, Bekanntschaften machen, die seinen Plänen gefährlich sein könnten. Aber das hoffte, wünschte sie gerade – neue Anregungen, neue Freuden!

Dieses ewige Stall- und Sattelleben bedurfte notwendig einer Auffrischung, und sie war noch zu jung, um nicht das Bedürfnis zu haben, auch auf anderm Terrain zu glänzen, gefeiert zu werden.

In der letzten Zeit ließ sich Georg von Prechting auffallend wenig im Seefeldschen Palais sehen. Der Zirkus Cinelli, welcher sein Winterquartier in der Stadt aufgeschlagen, nahm ihn völlig in Anspruch.

Kitty hatte denselben wiederholt mit dem Vater besucht und Georg jedesmal im Kreise seiner früheren Regiments-Kameraden dort gesehen. Immer an der bewußten Ecke, neben dem Stalleingang.

Die Herren begaben sich während jeder Pause in die Stallungen, aus welchen ein verführerischer Geruch herausdrang.

Er fand nicht einmal Zeit, sie m der Loge aufzusuchen und doch wäre es ihr sehnlichster Wunsch gewesen, auch einmal hinter die Geheimnisse des orientalischen Vorhanges zu kommen, welcher den Stalleingang verdeckte. Das Gespringe in der Arena reizte sie längst nicht mehr.

Sie nahm sich stets vor, sich zu rächen, auf dem ersten Balle, wo sie sich begegnen sollten.

So gleichgültig er ihr im Grunde genommen war, die Gewohnheit fesselte sie an ihn – und noch etwas, was sie sich hartnäckig nicht gestand – er war sein Bruder! Er vermittelte eine gewisse Verbindung mit dem Jugendfreunde, die ganz zu missen, ihr schmerzlich gewesen wäre.

Das Generalstabspicknick, einer der vornehmsten Bälle der Saison, sollte ihr erstes Debüt sein. Kitty besprach schon Wochen vorher mit ihrer Schneiderin die Toilette. Madame Bernard meinte, man sei gewöhnt, ein junges Mädchen, welches zum erstenmal die Welt betritt, in schlichten Farben, möglichst einfach zu erblicken.

Kitty gab widerwillig nach, als aber die wichtige Stunde der Probe kam, fühlte sie sich unglücklich in dem weißen, mit Veilchen drapierten Kleide. Sie machte auch wirklich mit ihren vollen, infolge der ständigen körperlichen Übungen, für ihr Alter fast etwas zu herben Formen, den Eindruck, als ob sie daraus gewachsen wäre.

Madame Bernard selbst mußte das zugeben. – Das Kleid wurde sofort abgelegt und Kitty übernahm die Wahl.

Als Graf Seefeld am großen Abende in das Boudoir der Gräfin trat, erkannte er kaum die hohe Erscheinung, welche ihm entgegentrat. Das war kein Mädchen, das war eine voll erblühte Frau! Aus diesen Augen sprach nicht die ängstliche jungfräuliche Unruhe einer Novizin, sondern die volle Zuversicht, die Siegesgewißheit des reifen, erfahrenen Weibes.

Das Goldhaar, in einen griechischen Knoten geschürzt, ließ den edel geformten Nacken frei, unten dessen blühender Weiße kräftige Muskeln spielten. Die kleine Hand hielt den Fächer wie eine Reitgerte.

Alle guten Ratschläge, alle Verhaltungsmaßregeln blieben dem Grafen in der Kehle stecken.

Und doch war er entzückt von seinem Kinde. Da steckt Rasse darin! Da werden sie gucken, mit ihren blutarmen Dingerchen, die Herren Standesgenossen! Das war der glänzende Erfolg seiner rationellen Erziehung.

»Wenn der Georg heute nicht anbeißt, dann bekommt er sie überhaupt nicht mehr,« schwor er sich im Stillen.

»Tritt nur stramm auf, Mädel, und zeige den Laffen, daß du überall fest im Sattel bist!« ermahnte er noch zu allem Überfluß Kitty.

Sie zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, als sie, am Arm des Vaters, den Ballsaal betrat.

Die Herren, welche Kitty noch nicht kannten, zerbrachen sich im ersten Augenblicke den Kopf über die neue phänomenale Erscheinung, die wie aus dem Nichts auftauchte. Ehe man sich Aufklärung verschaffen konnte, bildeten die schon seit einer Stunde auf ihrem Posten stehenden Sportgenossen von Vals einen undurchdringlichen Ring um sie, in welchem Kitty zu ihrem Verdrusse Georg nicht entdeckte.

Das war stark! Er wußte, daß sie kam! Sie rechnete sicher auf ihn und ihre Rache. Es verdarb ihr die Laune von vornherein.

Die Hoffnungen der übrigen Herren, daß der neue Stern doch endlich freigegeben werden müsse, wurde vereitelt. Der Ring der Freunde wurde durch einen andern ersetzt, durch einen selbstleuchtenden; der Stern war jetzt der Fixstern, welcher alle andern im Saale befindlichen mit astraler Kraft an sich zog. Die ganze ordensgeschmückte Generalität bewegte sich um Kitty.

Die Damen verfolgten nicht minder aufmerksam den ganzen Auftritt.

War auch der Name Seefeld einer der besten des Landes, so ging denn doch die Liebenswürdigkeit etwas zu weit, vor allem stand das Auftreten und die Allüren der jungen Dame, welcher doch als Novizin mehr Bescheidenheit zukam, durchaus nicht im Einklang mit dem hocharistokratischen Namen. – Das kam ja herein wie eine Primadonna mit solcher Prätension! Man sprach von Kraftadel, unweibliche Erziehung, und beruhigte sich erst etwas, als man bei dem Mitleide angelangt war, mit dem frühe der Mutter beraubten Kinde.

Kitty bildete auch einen in die Augen springenden Kontrast mit ihren Altersgenossinnen. Diese dürftigen Gestalten mit ihren hingebenden Blicken, ihren ängstlichen Bewegungen, diese noch nicht erschlossenen Mädchenblumen, mit dem kindlichen Hauch der Festesfreude auf den geröteten Wangen, ja selbst die schon erprobte feuergeübte Garde mußte weichen vor ihrer sieghaften Jugend, von der ein eigenartiger Hauch des Lebens ausging. Weiblicher Reiz war hier vereinigt mit männlichem Kraftgefühl.

Kitty begeisterte anfangs der unzweifelhafte Erfolg, aber die Abwesenheit Georgs ernüchterte sie rasch wieder. Gerade er hätte ja Augenzeuge sein sollen.

Warum sie das so lebhaft wünschte, warum sie ihn so vermißte, war ihr selbst nicht klar. Sie sollte ja froh sein, daß er sie in Ruhe ließ, seinen Vorteil nicht besser ausnützte! – O, diese jugendlichen Gewohnheiten, wie können sie zur lästigen Fessel werden.

Sie war keine leidenschaftliche Tänzerin, diese mädchenhafte Hingabe mit gesenktem Blick und geröteten Wangen, welche sie rings um sich bemerkte, war nicht ihre Sache, noch weniger dieser brennende Ehrgeiz, die Tanzkarte zu füllen. Sie mußte lächeln über die prüfenden Blicke der Mütter in die Liste, über die glückstrahlenden, dankbaren Gesichter, wenn wieder ein Eintrag geschah. Es war ihr, als habe sie das alles schon längst durchgemacht und satt bekommen, und sie erteilte mit einer Sicherheit Körbe, die für ein erstes Auftreten verblüffend war.

Dann kamen die endlosen Vorstellungen, welche Papa in seiner kurz angebundenen Weise besorgte. Die prüfenden Blicke, die langweiligen, ewig sich wiederholenden Fragen all der Exzellenzen bis herab zu den Hauptmannsfrauen.

»Sie haben sich gewiß recht gefreut auf den ersten Ball? Ach, es ist ja auch die schönste Erinnerung im Leben. – Es muß doch recht einsam sein in Vals, für eine Dame so allein! – Schadet Ihnen das viele Reiten nicht? In Ihren Jahren? – Wie machen Sie es denn mit dem Fleisch auf dem einsamen Schloß,« fragte ein besorgte Hausfrau.

»Wir braten und essen es,« erwiderte Kitty in ernsthaftem Tone.

Als aber eine ältere Dame sie frage – »Wo steckt denn heute Ihr Lehrmeister Baron Prechting?« erwiderte sie unmutig errötend: »Er wird wohl eine bessere Verwendung für den Abend haben.«

Man war enttäuscht von Kitty. Sie war keine Frau, welcher gegenüber ein freier pikanter Gesprächston zulässig war und auch kein junges Mädchen, an dessen harmloser Freude man sich miterquicken konnte. Selbst ihre alten Sportgefährten von Vals erkannten in diesem hochmütigen Wesen, in dieser kalten Schönheit, die feurige, lebenslustige Kitty nicht mehr. – Die Hitze, das Gedränge verursachten ihr Kopfschmerz. Sie zog sich in eines der kleinen im Rokokostil gehaltenen Apartements zurück, welche sich an den Ballsaal anschlössen. Zum erstenmal in ihrem Leben sehnte sie sich nach Einsamkeit.

Das also sollte die ersehnte Abwechslung sein? Diese krampfhaft, konventionelle Welt, in der jedermann eine andere Rolle spielt, nur nicht seine eigene? Dieser lächerliche Mädchenmarkt? – – Wie war es doch herrlich dagegen in Vals, auf der Wildrose über Hecken und Gräben! – Sie war ja keine besondere Naturschwärmerin, aber jetzt tauchte deutlich die buntfarbige Heide mit dem tiefblauen Himmel drüber, der sonnige Buchenwald vor ihr auf – und noch etwas – das war doch zu komisch – hier! – Schwarzacker!!! Ja, Schwarzacker! Die garstige Grube mit ihrem monotonen Lärm!

Von ihrem Sitze aus blickte sie durch eine Reihe von Räumen in den Tanzsaal. Die Portiere bot einen schmalen Ausschnitt, im grellen Licht von hundert Gasflammen, welche jetzt, als sie lange darauf hinstarrte, sich auf und ab zu schwingen schienen.

Dieser Anblick rief ein anderes Bild wach, das ihrem jetzigen Ideengange sehr nahe lag. Sie stand wieder mit Franz vor der Schachtöffnung und blickte auf die phantastische Welt unter sich. – Gerade so tanzten die Lichter!

Sie schloß die Augen und beugte sich zurück. – Wo war er jetzt? – In dem kleinen Grubennest am Rhein – vielleicht auch auf einem Ball, unter kleinen, unbedeutenden Bürgermädchen.

Da wird sich rasch eines finden, das sich glücklich preist, ihn begleiten zu dürfen in seine rauhe harte Welt! – Ein blondes, braves Mädchen, mit sanften, blauen Augen, die nicht reitet und fährt und jagt wie ein Mann, die seine Nähe, seinen Anblick, seine treue innige Liebe all dem Glänze der Welt vorzieht, allen Picknicks und Bällen, wobei man sich so vortrefflich amüsiert – so ein dummes, gutes – glückliches deutsches Mädchen!

Als sie die Augen wieder öffnete, flimmerte und zuckte es, wie von unzähligen gekreuzten Klingen – Tränen füllten sie – und durch dieses Geflimmer hindurch näherte sich ihr jemand – durch die leeren. Räume. – Ein Säbel klirrte, Stiefel knarrten auf dem Teppich – die Gestalt erschien ihr ganz schwarz, unkennbar. Wenn es jetzt Georg wäre! – und er träte vor sie hin und würbe um ihre Hand? – Sie würde sie ihm reichen, nur um der Qual ledig zu werden der Erinnerung, um sich an Franz zu rächen, der sie so leicht aufgegeben – um – – da stand er wirklich vor ihr, Georg – in der kleidsamen, blauen Husarenuniform mit dem überlegenen Lächeln unter dem sorgfältig gepflegten Schnurrbart.

In dem Gefühle ihrer Verlassenheit freute sie sich über sein Kommen, zugleich aber packte sie die Angst – jetzt wird auch das andere eintreten, was sie sich eben gedacht.

»Großartig! Bezaubernd!«

Georg hatte das Monokel eingeklemmt und beobachtete sie, auf seinen Säbel gestützt. Kitty war innerlich entrüstet über diese banale Huldigung – diesen kalten beobachtenden Blick hinter dem blitzenden Glas – der ebensogut einem schönen Pferde hätte gelten können.

»Wahrlich, Kitty, ich bin entzückt, baff!«

»Und vor allem ebenso entsetzlich langweilig, wie die ganze Gesellschaft da draußen,« bemerkte Kitty. Das Herz zog sich ihr zusammen – »so entsetzlich, so entsetzlich und –!«

Georg ließ sein Monokel fallen.

»Habe dich wohl in süßen Träumereien gestört?«

»Hast du auch,« erwiderte Kitty mit einer heftigen abwehrenden Bewegung.

»Welcher Art, wenn ich fragen darf?«

»O, da würdest du nur lachen darüber, und das will ich mir doch lieber ersparen. Übrigens, wo kommst du denn her, mit deiner höchst geistreichen Galanterie? Vom Zirkus wohl?«

»Ich kann's nicht leugnen.«

»Natürlich! Und das sind les beaux restes deines Geistes, die du für mich gerettet! Miß Arabella, das große Wunder, hat dich wohl so völlig ausgeplündert?« sagte Kitty, mehr aus Übermut, der Langweile satt, als aus bestimmter Absicht. Deshalb fiel ihr auch der Eindruck auf, den ihre Worte auf Georg machten.

Er kaute an dem Schnurrbart – ein schlimmes Zeichen! Die Stirn zog sich in Falten. »Du irrst, Kitty,« sprach er in schroffem Tone, »Miß Arabella, das große Wunder, wie du sie nennst, bedarf meiner Bewunderung wahrlich nicht.«

Kitty erhob sich jäh von ihrem Sitze, in ihrem Auge flammte es auf. »Aber ich bedarf sie, willst du sagen! Das ist ja reizend – unartig!«

Georg bekämpfte mit Mühe seine Erregung. »Du scheinst etwas sehr gereizt! Du mißverstehst mich! Ich vermutete in deiner Bemerkung ein gewisses Vorurteil gegen die Dame, welches ich widerlegen wollte. Dasselbe ist ja bei deiner völligen Unkenntnis der Verhältnisse sehr begreiflich. Der Sinn, welchen du hinein legtest, lag meinen Worten völlig ferne. – Darf ich dir jetzt meinen Arm anbieten?«

Kitty zögerte. Ein Gedanke stieg in ihr auf, der sie mächtig reizte.

»Ich mache eine Bedingung.«

»Im voraus gewährt – zur Versöhnung,« entgegnete Georg.

»Du widerlegst meine Vorurteile praktisch, indem du mich einmal in den Zirkus mitnimmst und mit Miß Arabella bekannt machst.«

Georg war sichtlich verlegen. »Aber, Kitty, für eine Dame deiner Stellung ganz unmöglich.«

»Mit einer ›Dame‹ bekannt zu werden?« entgegnete Kitty spöttisch. »Welche Vorurteile!«

»Der Papa wird es einfach nicht dulden. Es handelt sich ja nicht um Miß Arabella, sondern um das ganze Völkchen, um den leichten Ton, der dort herrscht.«

»Ach, ich bin nicht so empfindlich, das weißt du ja, Georg, und ziemlich abgehärtet von Hause her. – Ich kann mich ja in der hohen Reitkunst ausbilden wollen, Stunden nehmen. – Da haben wir's ja! Da wird Papa auch nichts dagegen haben. – Also willst du?«

»Ich glaube nicht, daß Miß Arabella Stunden gibt,« versuchte Georg noch einmal einzuwenden.

»Wenn du dich für mich verwendest – gewiß.«

Georg verwünschte in seinem Innern seine Unbedachtsamkeit. Er glaubte ein unerfahrenes Mädchen vor sich zu haben und sah sich nun völlig durchschaut; anderseits fühlte er sich geschmeichelt von der eifersüchtigen Regung, welche Kitty nicht verbergen konnte. Er hatte gewichtige Gründe, dieselbe vorderhand nicht weiter anwachsen zu lassen.

»Nun ja, – ich verspreche es dir – dieser Tage – nur um deine Neugierde zu befriedigen. Wer kann dir heute eine Bitte abschlagen?«

Sie nahm seinen Arm.

Das schöne Paar erregte Aufsehen bei seinem Erscheinen. – Daher das geradezu verletzende schroffe Benehmen der Gräfin, die Abweisung der Tänzer! Sie wartete nur auf ihn – aber das läßt man sich doch nicht so anmerken! Das kommt so, wenn ein Mädchen ohne Mutter aufwächst!

Graf Seefeld war freudig überrascht. Er zweifelte keinen Augenblick, daß sich heute noch sein Lieblingswunsch erfüllen werde. In seiner drollig-derben Weise rückte er Georg geradezu auf den Leib, machte Anspielungen, die beiden höchst peinlich waren.

Das Souper vereinigte alle alten Bekannten von Vals an einem Tisch und es entwickelte sich an demselben bald eine so laute Unterhaltung, daß dieselbe die Aufmerksamkeit des ganzen Saales auf sich zog.

Kitty war jetzt bester Laune. Rings umgeben von bekannten Gesichtern, sah sie sich in das gemütliche Speisezimmer von Vals versetzt und vergaß ganz, daß sie der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit war.

Der Kreis an ihrem Tische vergrößerte sich immer mehr und umfaßte die Elite der Gesellschaft. Kitty machte es einen kindischen Spaß, all die Anstrengungen zu beobachten, die gemacht wurden, eingeführt zu werden.

Georg war vollauf mit Vorstellungen beschäftigt. Der zündende Erfolg Kittys, alle die feurigen Blicke, die an sie verschwendet wurden, die heiße Atmosphäre in der Nähe eines schönen, gefeierten Weibes, im vollen Zauber ihrer Reize, erhitzte auch sein Blut.

Bei Gott, sie war schön, begehrenswert! Die Erbin von Millionen! – Sie liebte ihn, seit einer Stunde wußte er es gewiß – und er durfte das entscheidende Wort nicht sprechen. – Warum nicht? – Weil er ein Dummkopf war und einen verhängnisvollen Namen genannt – Arabella!

Er liebte dieses schöne, verführerische Weib, das ihm ungewohnten beharrlichen Widerstand leistete, mit einer Leidenschaft, über die er hinaus zu sein glaubte. – Aber was sollte daraus werden? Eine Verlobung mit Kitty wäre für ihn ja ein erwünschter Anlaß und vor allem ein moralischer Zwang, mit der Reiterin zu brechen, sie nie mehr zu sehen – und heute, eben jetzt fühlte er sich reif zu diesem Opfer. – Aber er hatte es sich selbst unmöglich gemacht. Er war gezwungen, Kitty selbst mit ihr bekannt zu machen, seinen Verkehr fortzusetzen. – Das machte vorderhand jeden entscheidenden Schritt unmöglich.

Kitty verweilte absichtlich lange dabei und schwärmte von dem Künstlerleben, als hätte sie bereits einen Einblick in dasselbe getan. Dadurch lockte sie unwillkürlich die Herren aus ihrer Reserve. Pikante Ausschnitte, denen eigene Anschauungen zugrunde lagen, wurden gemacht.

Ein junger Offizier wußte Genaueres über die höchst abenteuerliche Lebensgeschichte Arabelles zu erzählen. Ein Gemisch von Romantik und Pikanterie.

Georg korrigierte seine Angaben und verriet sich als sehr genau unterrichtet. Hier und da nahmen seine Bestrebungen, die Künstlerin im besten Lichte darzustellen, sichtlich wider seinen Willen, eine so erregte Form an, daß man, allgemein peinlich berührt, das Gespräch abzubrechen suchte.

Der höhnische Blick Kittys, die jetzt, nachdem sie erreicht, was sie wollte, nur mehr Zuhörerin war, brachte ihn vollends aus der Fassung. – Graf Seefeld setzte den Bitten seiner Tochter betreffs des Zirkusbesuchs nur geringen Widerstand entgegen – so war seine letzte Hoffnung verschwunden.

An einem Tische neben der Gesellschaft saß ein junger Mann in Zivil. Obwohl seine Toilette tadellos war, unterschied er sich doch mit seiner nachlässigen Haltung, den Kopf auf die rechte Hand gestützt, dem verworrenen, etwas gelockten Haupthaar, in welchem seine weißen, auffallend schmalen Finger wühlten, von den militärisch strammen Erscheinungen rings umher mit dem peinlich abgezirkelten Äußern.

Kitty fiel einmal flüchtig seine Einsamkeit inmitten des geselligen Treibens auf. Ein junger Mann in Zivil konnte sie nicht weiter interessieren, sie hatte geradezu eine Abneigung gegen alle Frackträger, mit ihrem saloppen Wesen, ihren unschönen, nachlässigen Bewegungen. Mann und Offizier waren bei ihr nachgerade gleichbedeutende Begriffe geworden.

Einmal aber, mitten im Gespräch, ganz zufällig, begegnete sie dem starr auf sie gerichteten Blick dieses Mannes. Es war sonderbar! Sie konnte nicht, so rasch sie wollte, ihr Auge abwenden. Es lag etwas in dem gelblichen, regelmäßigen Gesichte, mit den tiefen schwarzen Augen, unter einer auffallend niedern kantigen Stirn, das sie fesselte.

Unwillkürlich stellte sie, als sie sich umwandte, Vergleiche an in ihrer Umgebung, und es schien ihr auf einmal, als seien alle diese Gesichter einander auffallend ähnlich, junge und alte, die mit dem schwarzen und die mit dem blonden Schnurrbart. Der Blick aus allen genau derselbe. Ja, nicht nur an ihrem Tische, nein, im ganzen Saale, so weit sie sich umsah, als habe sich eine riesige Familie hier zusammengefunden – und nur der eine dort gehöre ihr nicht an.

Jetzt war sie gezwungen, hinzusehen, und wenn sie sich abwandte, fühlte sie den Blick auf sich ruhen.

Diese ihr aufgezwungene Beunruhigung verdroß sie.

»Kennst du den Herrn dort an dem Tisch?« fragte sie endlich Georg.

Der wandte sich brüsk um.

»Ach, das ist ein Maler,« sagte er dann in geringschätzigem Tone. »Ein Herr Makowsky. Ein ganz verrückter Kerl« – und setzte sein abgebrochenes Gespräch wieder fort.

Die übrigen Herren warfen rasch einen Blick auf den Einsamen, weiter war keine Rede davon.

Kitty stand der Kunst völlig fern, wie der ganze Kreis, in dem sie lebte.

Sie hatte keinen Begriff von ihrer Bedeutung als Kulturelement, ebensowenig von den Genüssen, die sie zu vergeben hat.

Höchstens das Theater ragte wenigstens äußerlich als Unterhaltungsmittel, als gewohnter Versammlungsort der Gesellschaft, in ihre Sphäre hinein, aber auch hier konnte von einem, künstlerischen Genießen, von feinerer Auswahl nicht die Rede sein. Literatur stand nur unter französischer Marke Einlaß, auf die sehr zweifelhafte Empfehlung der Valser Freunde oder Georgs. Bedürfnis wenig, Zeit sehr beschränkt. Doch hielt die Pensionatserinnerung den allgemeinen Begriff noch aufrecht.

Am entferntesten jedoch lag ihr das Gebiet der darstellenden Kunst. Es fehlte ihr völlig der Schlüssel zum Verhältnis derselben. Ihr ständig reger Verkehr mit der Natur, ihre mehr auf das Sinnliche, körperliche gerichtete Entwicklung mochte daran schuld sein. Der Bauer ist aus demselben Grunde ein Kunstverächter. – Kunst ist ein Surrogat für Natur, je mehr wir uns von dieser entfernen, desto notwendiger wird sie uns.

Zwar drang wiederholte Kunde aus der Künstlerwelt an das Ohr. Berühmte Namen, Extravaganzen und Tollheiten, welche man belachte. Aber berühmt und unberühmt, das ganze Völkchen war nicht salonfähig, gehörte nicht zur »Gesellschaft.« Sie hatte auch noch nie gehört, daß ein junger Mann aus guter Familie diesen Beruf gewählt.

Sie ärgerte sich über ihr Interesse an dem Menschen, über sein unanständiges Herüberstarren, und doch beschäftigte er sie derart, daß ihre Zerstreutheit auffallen mußte.

Die Musik begann wieder. Die Paare verließen den Soupiersaal. Kitty machte Georg ein Zeichen, daß sie sich anzuschließen wünsche. Sie fühlte sich unbehaglich unter diesem Blick.

Georg ergriff mit Eifer die Gelegenheit, gefällig zu sein, und reichte Kitty seinen Arm.

Er mußte dicht an dem Maler vorbei. Kitty empfand ein eigentümliches Angstgefühl, sie blickte zu Boden und drängte ihren Begleiter möglichst rasch vorbei. Doch der junge Mann trat ihnen förmlich in den Weg.

»Herr Baron, darf ich Sie bitten, mich der Komtesse vorzustellen?«

Es lag etwas in seinem Wesen, was eine brüske, sichtliche in der Absicht Georgs liegende Abweisung unmöglich machte – etwas Überlegenes, Zwingendes.

Makowsky bat Kitty um eine Tour. Diese Kühnheit imponierte ihr. Obwohl sie es für höchst unpassend hielt, mit einem Maler zu tanzen, konnte sie seine Bitte doch nicht abschlagen. Alles Absonderliche reizte sie, und absonderlich war der Mensch, anders wie alle. Georg war starr und übergab seine Dame mit einer ärgerlichen Bereitwilligkeit.

Als sie ihren Arm in den seinen legte, bereute Kitty faßt ihr Unternehmen – es war ihr noch nie so unbehaglich.

»Ich muß mich entschuldigen, Gräfin,« begann der Maler. »Ich beobachtete Sie vorhin auf eine höchst unpassende Weise und es entging mir nicht, daß Sie sich verletzt fühlten.«

»Und womit wollen Sie sich denn entschuldigen?« entgegnete Kitty.

»Mit meinem Beruf, Gräfin. Sie boten einen Anblick der mich in dieser farblosen Öde ringsum bannte.«

»Eine farblose Öde nennen Sie das? Und ich bekomme Kopfweh von all der Farbe.«

»Das glaube ich Ihnen! Sehen Sie nur diese blaue Stange vor uns mit dem mörderischen roten Streif, der mir die Kehle zuschnürt, und neben ihm das stechende grüne Kleid! Wie kann der Mann …«

»Generalmajor Graf P. …« flüsterte Kitty, überrascht von dem ungewohnten Sprechen ihres Begleiters.

»So!« erwiderte dieser kurz. »Das ist es ja, was so schmerzt, diese Brutalität der Farbe und mitten darin ein mit feinstem Geschmack abgetöntes, tadelloses Bild, wie Gräfin, mit Meisterhand geschaffen – ich mußte Sie ansehen, Sie bewundern.«

Die ganze Art des Ausdrucks, der Anschauung, war Kitty völlig fremd. Dieser ihr unbegreifliche Sinn für Farbe, diese intensive Wirkung derselben auf einen Mann. Das war eine spontane Huldigung ihrer Schönheit, wie ihr bisher noch nicht zuteil wurde, und sie mußte der schalen Bewunderung Georgs denken. Großartig! Paff!

»Sie sprechen ja wie der Besitzer eines Modemagazins!« sagte sie dennoch spöttisch.

»Sie malen nicht?« fragte Makowsky.

»Wie kommen Sie auf diese Idee?«

»Treiben gar keine Kunst, als Dilettantin wenigstens?«

»Doch, eine große Kunst!«

»Wußte ich es doch! Musik, nicht wahr?«

»Sie raten schlecht.«

»Also Dichterin? Allerdings, wie konnte ich auch die größte Kunst zuletzt nennen!«

Kitty mußte lachen. Das war zu komisch! Sie eine Künstlerin!

»Und meine Kunst nennen Sie grade nicht – die Reitkunst! – Ah so, das ist ja keine Kunst in Ihren Augen!« versetzte Kitty, verletzt durch das spöttische Lächeln des Malers.

»Nein, Kunst nicht, aber eine erwerbenswerte Fertigkeit – und in Ihnen steckt eine Künstlerin!«

Er sprach das mit scharfer Betonung, mit einem Blick, der ihr Innerstes aufsuchte.

»Ich weiß nicht, auf welchem Gebiet, ist auch ganz gleichgültig – es handelt sich nur um die Empfindung…«

Die Paare vor ihnen waren abgetanzt. Makowsky legte seinen Arm um ihre Taille.

Er war ein vortrefflicher Tänzer, nur erschreckend nervös. In seiner schmalen Hand pochte es so unheimlich und das Auge wechselte immer seinen Ausdruck.

Sie mußte um Gnade bitten, ein Schwindel erfaßte sie.

Makowsky führte sie zu einem Diwan in dem nebenliegenden Gemach.

Sie knüpfte das Gespräch wieder an.

»Wie können Sie denn wissen, daß ich künstlerisch empfinde? Wie Sie das nennen.«

»Das fühle ich, Gräfin. Wie einen elektrischen Strom – wie den Mond…«

»Fühlen Sie den Mond?« fragte Kitty.

»Gewiß! Ein jeder fühlt ihn, nur ist sich nicht jeder der Schwankungen seines innersten Wesens so bewußt wie der Künstler. Diese geheimnisvolle Wechselwirkung von allem und jedem …«

»Gott sei gedankt! Das muß ja ganz ängstlich sein, schmerzhaft geradezu,« meinte Kitty.

»Oft, gewiß! Aber anderseits bietet diese Empfindungsfähigkeit Genüsse, die alle Schmerzen überwiegen.«

»Ach, wenn Sie wüßten, wie gesund ich bin! Nerven, sage ich Ihnen, wie ein Bauernmädchen!«

»Um so beneidenswerter sind Sie, Komtesse, weil um so genußfähiger. Lernen Sie nur erst dieses Zauberland kennen, des Unbewußten! Wo alles Bedeutung gewinnt, an dem Sie jetzt achtlos vorübergehen, und alles Bedeutung verliert, dem Sie jetzt noch welche zuschreiben. In dem jede Blume spricht, jede Wolke, der Abend, die Nacht, der Morgen! – Die Führerin dahin fehlt Ihnen nicht, sie blickt aus Ihren Augen mir entgegen – die Phantasie. Nicht wahr, Sie haben eine starke Phantasie?«

Kitty mußte immer in diese sprechenden Augen sehen, obwohl ihr Leuchten geradezu Kopfschmerz verursachte, wie eine auf und ab zuckende Flamme. Auch die transparenten, feingegliederten Hände, welche in ständiger Bewegung waren, fesselten sie. Und doch hätte sie viel darum gegeben, sich diesem Manne rasch entziehen zu können.

»Sie irren sich wieder, Herr von Makowsky. Ich bin vollständig phantasielos. Wie ich Ihnen schon sagte, eine ziemlich gute Reiterin, weiter gar nichts.«

»Sie kennen sich selbst nicht, Gräfin. Warum zogen Sie sich vorhin in das einsame Gemach zurück? Warum schlossen Sie die Augen?«

Kitty machte eine unwillige Bewegung. »Wie kommen Sie dazu, mich derart zu beobachten?«

Der Maler ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen.

»Das Recht müssen Sie jedem der hier Anwesenden zugestehen. Weil Ihre Seele dieser schalen Umgebung entfliehen wollte – irgend wohin! Aufs Pferd! In die freie Gottesnatur hinaus! Was weiß ich! – Das ist Phantasie! Sie wollen morgen den Zirkus besuchen. Nicht in einer langweiligen Loge unter dem Publikum, um verbrauchte Scherze zu belachen, sondern um einen Blick zu werfen in eine bunte, fremde Welt, von der Sie sich einen besonderen Reiz erhoffen. Das ist Phantasie! Ihre Seele ist unbefriedigt von Ihrer jetzigen Atmosphäre und sucht sehnsüchtig nach einer andern, nach Unbekannten!«

»Sie sind wirklich unheimlich, Herr von Makowsky,« sagte Kitty in gezwungen scherzendem Tone. Im Grunde genommen war es ihr Ernst mit dieser Bemerkung.

»Zürnen Sie mir, wenn ich Sie auf die Ihnen allein heilsame Atmosphäre aufmerksam mache, in der Sie sich wie neu belebt fühlen werden?«

»Und die wäre nach Ihrer Meinung?« fragte Kitty.

»Ich sagte es Ihnen ja eben.«

»Ah so, ja! Wie nannten Sie es nur? Das Zauberland – des …«

»Des Unbewußten!«

»Wissen Sie keinen andern, verständlicheren Namen dafür?«

»Das Zauberreich der Kunst, der Phantasie – des Übersinnlichen, das keine Grenzen kennt, nie ausgenossen werden kann …«

»Und wie soll ich den Weg dahin finden? In meiner Umgebung hat man ja gar keine Ahnung, wo es überhaupt liegt.«

»Ja, das ist allerdings wahr! Da haben Sie recht! Sie bedürfen eines Führers …«

»Was malen Sie denn eigentlich?« fragte jetzt Kitty bei den letzten Worten des Malers sich rasch erhebend.

Die Musik war verstummt, der Tanz beendet. Einzelne Paare betraten, um sich abzukühlen, den Raum.

Kitty spähte nach Georg und dem Vater, nach Hilfe vor dem entsetzlichen Mann, der ihr ganzes Innere durchschaute und aufwühlte.

»Haben Sie wirklich noch nicht von dem verrückten Makowsky gehört?« fragte der Maler, unbekümmert um seine Umgebung.

»Offen gesagt, nein! Bis eben zuvor – Baron Prechting …« sie stockte.

»Von ihm sprach, von dem verrückten Makowsky …« Kitty wurde feuerrot. Sie brachte diesem Manne gegenüber, der alles durchschaute, nicht die einfachste Notlüge zustande.

»O, sagen Sie es nur, Komtesse! Der Baron hat auch ganz recht von seinem Standpunkt aus. Denken Sie sich einmal eine bunte Wiese, bunter, als Sie je eine erblickt. Die Blumen die in unserm Nebellande nur kümmerlich sich durchringen durch das Gras und bei diesem Kampfe ihren ganzen Farbenreichtum einbüßen, in der vollen Pracht, einer glücklichen Zone. Blaue, purpurrote, weiße Sterne, violettsamtene Glocken auf zierlichen Stengeln, sich kräftig abhebend vom saftigen Grün. Die Sonne geht auf, über dem flachen Horizont, drei singende Mädchen im duftigen Florgewand, einander die Hände reichend, schreiten heran, im Glorienschein des nahenden Gestirn. Die Blumen duften ihnen entgegen, kehren ihnen die Blüten zu…«

»Das ist der Morgen, die Geburt des Lichtes!« erwiderte Kitty, welche das phantastische Bild in dem glänzenden Auge, in dem sich verklärenden Antlitz des Sprechers zu erblicken glaubte, selbstzufrieden.

»Sehen Sie! Sehen Sie!« rief Makowsky so laut, daß einige Vorübergehende erstaunt sich unwandten und Kitty leise, warnend, seine Schulter berührte.

»Das ist aber einfach verrückt von diesem Herrn von Prechting, oder … Waren Sie schon in einem Bergwerk?«

Kitty zuckte zusammen, die Frage erschreckte sie und regte aber zugleich die heftigste Neugierde.

»Gewiß! Papa besitzt selbst eines in Vals,« erwiderte sie heftig.

»Ach ja, ich vergaß! Nun dann! Es ist Dämmerung, Nacht beinahe. Alle Formen lösen sich. Die dampfenden Halden, die gespenstischen Schlote und langgestreckten Gebäude. Da und dort ein Lichtblitz, die Purpurglut einer Esse. Auf einsamem Wege ein Paar. Ein Arbeiter hält sein Mädchen dicht umschlungen, das intensive Licht der Grubenlampe am Gürtel, wirft seinen Schein über ihr seliges Gesicht, das seine tief beschattet. Wie würden Sie dieses Bild nennen, Komtesse?«

Die Stimme des alten Grafen erlöste Kitty von der Antwort, welche dieser unheimliche Mensch, das fühlte Kitty, sich erzwungen hätte.

»Ja, wo steckst du denn nur immer, Kitty?« – Der alte Herr war sichtlich ärgerlich über das Verhalten seiner Tochter. Er beachtete kaum die Verbeugung des jungen Mannes.

Kitty fühlte sich verpflichtet, ihn darüber aufzuklären, wen er vor sich habe.

»Herr Makowsky!« stellte sie den jungen Mann vor. »Eine unserer ersten künstlerischen Notabilitäten.«

»Das nicht, Komtesse. Ihr Herr Papa würde sich gewiß sehr wundern, in diesem Falle meinen Namen noch nicht gehört zu haben,« bemerkte Makowsky.

»Na, deshalb, weil ich Ihren Namen noch nicht kenne, können Sie getrost eine künstlerische Notabilität sein. Ich bin, offen gesagt, auf diesem Gebiete gar nicht au fait. Ich weiß nicht – ich komme wirklich nicht dazu – und dann fehlt mir auch wirklich jegliches Verständnis.«

Kitty schämte sich über die Offenheit des Vaters, die ihr vor einer Stunde gewiß nicht aufgefallen wäre.

»Um so mehr muß ich das hohe Interesse und den feinen Sinn bei Ihrem Fräulein Tochter bewundern!« meinte Makowsky.

»Bei der!« sagte der Graf, lachend auf Kitty zeigend, »feinen Sinn für die Kunst? Na, das ist mir ja das Allerneueste! Wenn ein wildes Pferd oder eine neue Flinte mit Ihrer Kunst was zu tun hat, dann gebe ich es zu.«

Kitty war mit Glut Übergossen. Noch nie in ihrem Leben fühlte sie sich so beschämt. »Du gehst denn doch zu weit in deinem Scherz, Papa,« erwiderte sie. »Wenn ich auch in dieser Beziehung viel versäumt habe, was ja am Ende nicht meine, sondern die Schuld meiner Erzieher wäre – so hat es mir doch nie an warmer Empfindung gefehlt für alles Gute und Schöne. Herr Makowsky muß mich geradezu für ungebildet halten, deiner Schilderung nach …«

»Beruhigen Sie sich, Komtesse, das ist nicht mehr möglich,« entgegnete galant der Maler.

Kitty warf ihm einen dankerfüllten Blick zu.

»Für ungebildet? Weil du nichts von der Kunst verstehst? Das wäre nicht übel! Nicht wahr, Herr Makowsky, das glauben Sie ja selbst nicht. Aber sehen Sie, so ist meine Tochter! Jede Woche für etwas anderes begeistert! Einmal ist es die Jagd, dann sind es Pferde, auch die Kohlengrube war schon an der Reihe. Morgen kommt der Zirkus daran und dann wahrscheinlich – Ihr Atelier.«

Graf Seefeld lachte in seiner gewohnten lärmenden Weise.

Kitty standen die hellen Tränen in den Augen.

»Das finde ich ganz begreiflich, Herr Graf, so geht es allen Phantasiemenschen, und ich würde es mir zur größten Ehre schätzen, wenn mein Atelier Ihrem Fräulein Tochter auf dieser wechselvollen Reise vielleicht einen kurzen Ruhepunkt bieten darf,« entgegnete Makowsky, im Begriffe sich zu empfehlen.

»Nach all den müßigen Spielereien? Dazu dürfte Ihnen ihr Atelier doch zu gut sein,« sagte Kitty bitter.

»Im Gegenteil, Komtesse, ich bitte so sogar nach all den durchaus nicht müßigen Spielereien. Es wirkt dann besser, ja, Sie müssen kommen! Sie sind mir noch den Namen schuldig unter dem Bilde.«

Sie reichte ihm die Hand. Er hielt sie länger als nötig in der seinen.

»Ich komme!« sagte sie bestimmt.

Makowsky empfahl sich.

Kitty kehrte mit dem Grafen in den Saal zurück.

»Du machst aber sonderbare Bekanntschaften,« bemerkte dieser. »Man geht doch nicht auf das Generalstabspicknick, um sich eine Stunde lang mit einem Herrn Makowsky zu unterhalten! Wie so ein Mensch nur dahin kommt!«

»Das begreife ich allerdings auch nicht,« sagte Kitty in einem spöttischen Tone.

»Hast du den Maler endlich angebracht?« sprach Georg sie an. »Das Volk kenne ich! Alles Reklame! Morgen wird in allen Zeitungen stehen, daß der ›berühmte‹ Makowsky mit der Gräfin Seefeld einen Walzer getanzt.«

»Da irrst du dich wohl! Sein Ehrgeiz ist in dieser Beziehung nicht sehr groß.«

»Aber seine Einbildung, willst du sagen.«

»Na, so lassen wir den Leuten ihr unschuldiges Vergnügen.«

Kitty konnte dem Kotillon nicht ausweichen. Sie wurde überschüttet mit Buketts und schönen Worten. Vergebens sah sie sich nach Makowsky um, er war nicht mehr im Saale und sie empfand ein freudiges Gefühl darüber.

Kaum war der Tanz zu Ende, drängte sie nach Hause, sie sei ermüdet, habe Kopfweh.

Graf Seefeld war aus zwei Gründen sehr unzufrieden mit dem Abend.

Georg zögerte ganz unbegreiflicherweise mit einer Werbung. Das heutige Benehmen Kittys, ihr Interesse an dem Maler, so bedeutungslos es auch an und für sich war, ließ ihn fürchten, daß seine Erziehung doch nicht ganz fehlerfrei und ohne Bedenken war. Zur Weltdame besaß Kitty unbedingt keine Anlagen.

Georg gab sich schon der Hoffnung hin, seine Cousine habe über den Makowsky und sein Geschwätz das Zirkusprojekt vergessen; dann wollte er dem Maler ja noch dankbar sein.

Er begleitete die Seefelds bis zur Equipage in der Einfahrt.

Kitty war in der besten Laune. Sie hatte ihr Kopfweh längst wieder vergessen. Grade jetzt wollte sie das Zirkusleben kennen lernen. So geht es allen Phantasiemenschen! sagte Makowsky. Sie wird das jetzt alles in anderm Lichte sehen, in künstlerischem Lichte, dem dieser Mann erst ihre Augen geöffnet.

»Also morgen zu Cinelli! Ich erwarte dich, Georg!« rief sie dem Verblüfften noch aus dem abfahrenden Wagen zu.

In Kittys glühendem Haupte jagten sich die Gedanken: Es gibt also noch eine andere Welt, eine dritte, die auch Franz nicht kennt, in die man sich retten könnte im Notfalle. Die Welt der Kunst, der Phantasie – des Übersinnlichen, wie er sagte. Und der von ihm nur leise gelüftete Vorhang, der diese jedem profanen Auge verschloß, ließ sie ein phantastisches Bild schauen in leuchtenden Farben, gegen welches alles um sie her welk erschien, grau in grau.

*

Kitty war den andern Tag noch mit ihrer Toilette beschäftigt, als ihr schon Georg von Prechting gemeldet wurde. Der Name riß die ganze bunte Kette von Gedanken, mit der sie eben ein so reizendes Spiel trieb, jäh entzwei. – Was wollte sie denn im Zirkus? – Das Blut stieg ihr in das Gesicht, indem ihr die Erinnerung kam, was sie dort wollte. – Eine Kunstreiterin beobachten als Nebenbuhlerin! – Wie ihr das heute lächerlich, erbärmlich vorkam! – und gestern hatte sie ein lebhaftes Interesse daran. Also lag etwas zwischen gestern und heute! Eine Nacht! Aber eine Nacht, wie sie noch keine erlebt. Wenn man das alles malen könnte, was sie gesehen! Daran dachte sie auch noch nie: – einen Traum malen!

– Armer junger Mann, was sind dagegen deine Entwürfe!

– Und das alles einem schildern können, der es dann auf die Leinwand bringt! Einem? Das geht doch nicht! Einem Manne! Dem müßte man ja ganz nahe stehen, sein zweites Ich sein – sein Genius. Allen großen Männern steht einer zur Seite. Sie hat ihn auch schon auf Bildern als Allegorie gesehen, immer eine weibliche Gestalt.

Georg drängte. Es sei höchste Zeit, wenn man noch in die Probe kommen wollte.

O, dieser langweilige Zirkus! Wenn sie jetzt in das Atelier Makowsky eilen und ihm die Bilder der Nacht offenbaren könnte! – Da sollte er ihr lauschen, wie sie gestern ihm, und was er gestern wohl nur aus schmeichelnder Höflichkeit gesagt, das würde er heute begeistert rufen: Sie sind eine große Künstlerin, Komtesse! Und warum sollte sie nicht hingehen in Begleitung des Vaters? Das wäre ja doch viel schicklicher als mit Georg in den Zirkus. Ihr Entschluß war rasch gefaßt.

Sie traf Georg bei dem Vater. Ein erregtes Gespräch wurde bei ihrem Eintritt plötzlich abgebrochen. Sie war der Gegenstand – kein Zweifel!

Die starke Erregung, die sichtlich im Vater noch nachzitterte, die Befangenheit Georgs, dessen Scherze sehr erzwungen schienen, ließen sie nicht zweifeln. Ein Gedanke kam ihr, der ihr Innerstes empörte: Papa hat dich eben diesem Manne aufgedrängt und er …

»Ich gehe nicht in den Zirkus,« sagte sie energisch.

Georg zuckte die Achseln. Es lag kein besonderes Bedauern darin.

»Warum auf einmal nicht?« fragte der Graf mit einer ihm sonst ungewohnten Strenge.

»Ich habe es mir überlegt, es paßt sich nicht für mich.«

»Hat dir das Herr Makowsky beigebracht?« fragte der Graf.

Kitty fühlte, daß sie errötete. Die Ahnung des Vaters, die sie in seinen Augen las, trieb ihr das Blut und ermahnte sie zugleich zur Vorsicht.

»Dieser arme Mensch! Was soll der noch alles verbrochen haben,« sagte sie in leichtem Tone, »daß er mich eingeladen hat, sein Atelier zu besuchen?«

»Nun, ich finde, das paßt sich weit weniger für dich,« meinte der Graf.

»Ein Atelier besuchen? Mit dir? Ja, warum denn? Das verstehe ich nicht.«

Graf Seefeld war ärgerlich über die Blöße, die er sich gegeben. »Aber heute doch nicht gleich,« erwiderte er polternd. »Was soll sich denn der eitle Mensch einbilden!«

»Ja, aber wer spricht denn davon?« erwiderte Kitty in echt weiblicher Verschlagenheit, sofort einstehend, daß jetzt nicht die rechte Zeit sei, ihr Vorhaben auszuführen. »Wenn dir so viel daran liegt, gehe ich auch in den Zirkus

»Mir daran liegen? Du weißt ja selbst nicht, was du willst! Jeden Tag was anderes! Dein plötzliches Abspringen von der Idee ist doch auffallend.«

»Wenn Kitty einmal nicht will! – Ich will gewiß nicht lästig fallen,« bemerkte Georg.

»Kitty geht – und damit fertig! Sie muß sich einmal dieses wetterwendische Wesen abgewöhnen. Sie ist kein Kind mehr.«

»Gut, dann gehen wir. Wie ihr aufgeregt seid! – Du hast wohl Miß Arabella auf meinen Besuch schon vorbereitet?« wandte sie sich an Georg. »Und die Dame hat allergnädigst zugesagt? Da darf ich freilich nicht zögern.«

Der Graf hielt in seinem Rundgang inne und warf einen scharfen Blick auf Georg: »Das wird wohl nicht nötig gewesen sein.«

»Kittys Einbildung, weiter nichts,« bemerkte Georg verlegen.

Die beiden gingen.

»Was habt ihr denn so eifrig gesprochen, als ich eintrat?« fragte Kitty, als sie auf der Straße waren.

»Ach, Geschäftliches!« antwortete Georg ausweichend.

»Halte mich doch nicht für so albern. Ich will dir sagen, wovon ihr gesprochen. Von unserer Heirat!«

»Kitty!« Georg blieb einen Augenblick stehen, als ob er umkehren wollte. »Wie kannst du so etwas sprechen, auf offener Straße?«

»Gerade auf offener Straße. So ersparen wir uns ein unausbleibliches Tete-a-tete, das für uns beide lächerlich und peinlich zugleich wäre.«

»Damit willst du sagen …?«

»Daß du keine Angst zu haben brauchst. Ich heirate dich nicht, Georg!«

Georg verblüffte diese Offenheit, trotz seiner reichen Erfahrung. So einfach hatte er sich die Lösung dieser Frage, die ihn seit Wochen beschäftigte, doch nicht gedacht. Auch die materiellen Vorteile, welche er mit Kitty verlor, waren ihm jetzt in ihrer ganzen Bedeutung gegenwärtig. »Weil du einen andern liebst, nicht wahr?« sagte er.

Jetzt war das Verblüfftsein an Kitty. »Wer sagt das?«

»Ich! – Franz liebst du!«

Kitty empfand einen heftigen Schmerz bei Nennung dieses Namens, anderseits atmete sie erleichtert auf. Sie fürchtete einen andern zu hören und erschrak zugleich selbst über diese, ihre Furcht, zu welcher nicht der geringste Anlaß war. Wie sollte Georg darauf kommen, daß sie …

»Das ist nicht wahr!« erwiderte sie. »Ich liebe Franz als meinen besten Freund und Verwandten, weiter nichts …«

»Und eure Verirrung in Schwarzacker – den letzten Tag?«

»Georg, ich muß dich bitten …«

»Nun, ich habe mich vielleicht falsch ausgedrückt. Euer Zurückbleiben, sollte das wirklich ganz unabsichtlich …?«

»Ah so – das meinst du?«

»Was denn sonst?« fragte Georg spöttisch.

»Lassen wir das Gespräch! Du hast recht, ich hätte es nicht beginnen sollen, aber mein Widerwille gegen diese geheime Familienabmachung trieb mich dazu.«

»Von deren Wichtigkeit du eben keine Ahnung hast. Unter Umständen muß man der Familie aber ein Opfer bringen.«

»Und du wärest stark genug zu diesem Opfer, wie du es nennst?«

»Ich hoffe es, Kitty.«

»Ich aber nicht, ich nicht! Zu diesem Opfer nicht. Aber zu einem andern.«

»Zu welchem?«

»Zu einem Opfer wahrer Liebe – alles, alles, wenn es sein müßte!«

Georg stutzte. »Was hättest du denn zu opfern, wenn du Franz –«

»Immer mit Franz!« entgegnete Kitty ärgerlich. »Du bist ja auf einmal sehr brüderlich gesinnt.«

Georg fühlte, daß er zu weit gegangen. »Nun, ich meine nur – aber von wem sprichst du denn, wenn nicht von Franz?«

Kitty hüllte sich tiefer in ihren Pelz und schwieg. Dieses Gespräch inmitten des Straßenpublikums, wobei man jede Erregung sorgfältig verbergen, selbst die Miene beherrschen mußte, erschöpfte sie geradezu, außerdem war sie nahe daran, den reinsten Unsinn zu schwatzen, den sie dann später gewiß bereuen würde.

Sie waren vor dem Zirkus angelangt.

Herr Cinelli, der Besitzer, ein älterer Herr in tadelloser Reittoilette, begrüßte Georg wie einen alten Bekannten und warf Blicke auf seine Begleiterin, vor welchen diese entrüstet die Augen zu Boden schlug. Erst als Georg ihm seine Cousine vorstellte, verwandelte sich der Unverschämte in den gewandtesten Kavalier.

Er schien kein rechtes Vertrauen zu haben auf den vormittäglichen Besuch des Zirkus, noch dazu in Gesellschaft Georg von Prechtings.

Von drinnen ertönten abgebrochene Musiktakte, das Klatschen der Peitschen, Kommandorufe – Herr Cinelli zog den schweren Vorhang zur Seite und forderte Kitty mit einer galanten Verbeugung zum Eintritt auf.

Die Musik stimmte eben eine Polka an. In der Arena ritt eine Dame auf einem überaus edel geformten Rappen die hohe Schule.

Arabella – kein Zweifel! Sie war so mit ihrem Pferde beschäftigt, daß sie die Eintretenden nicht beobachtete.

Die an und für sich unästhetischen Bewegungen des Körpers, welche die Gangart des Pferdes aufnötigte, wurden mit einer so vollendeten Grazie ausgeführt, daß Kitty kein Auge mehr davon wandte. Das edle Tier zitterte nervös bei der leisesten Berührung der Gerte, der samtglänzende Hals war mit flockig schneeweißem Schaum bespritzt.

»Der ›Mohammed‹ macht sich, Baron, was?« bemerkte Cinelli.

»Wenn man ihn so reitet!« erwiderte Georg.

Die Reiterin blickte auf und winkte Georg mit der Hand zu.

»Wo stecken Sie denn so lange? Beim Cousinchen natürlich.«

Sie bemerkte offenbar Kitty nicht, welche diese Worte wie ein Pfeil trafen.

Er hatte also mit dieser Person schon über sie gesprochen! Über die aufgedrungene Braut wohl seine schlechten Witze darüber gemacht! Sie war jetzt doppelt froh, daß sie ihm auf dem Herwege unumwunden die Wahrheit gesagt.

Georg verwünschte m seinem Innern die Unvorsichtigkeit Arabellas. »Ich habe ihr schon oft von deinem Reittalente erzählt,« versuchte er Kitty aufzuklären.

Diese gab ihm keine Antwort.

Arabella führte die schwierigsten Figuren aus: Passade, Kurbette, Pirouette und Durchsprung.

Selbst Kitty vergaß über ihre Bewunderung den Unmut. Was war dagegen ihr Reiten, auf das sie sich so viel zugute getan? Also nicht einmal auf diesem Gebiete leistete sie etwas? Ob das Makowsky auch eine Fertigkeit nennen würde?

Arabella hielt dicht vor ihnen.

Georg, um einer weiteren Gefahr auszuweichen, trat rasch auf die Seite und stellte Kitty vor: »Meine Cousine, Gräfin Seefeld.«

Arabella verneigte sich im Sattel. »Da habe ich mich ja schön blamiert! Verzeihen Sie, Gräfin. Aber der Herr Baron hat mir so viel von Ihnen erzählt. Wir sind ja sozusagen Kolleginnen.«

Sie reichte Kitty auf eine kordiale Weise die Hand, welche dieselbe augenblicklich verletzte, aber ihr ganzes Wesen war so bestrickend liebenswürdig, die Bewunderung Kittys so groß, daß sie nicht zögerte, dieselbe zu ergreifen. Diese Dame war doch wirklich etwas, eine gefeierte Künstlerin, und sie war nichts, ein unbedeutendes Geschöpf. Dieses erdrückende Gefühl hatte sie noch nie, wie jetzt.

Arabella fragte sie, ob sie nicht den Mohammed reiten wolle, er ginge wie ein Lamm.

Kitty war glücklich, daß sie kein Reitkleid angezogen, so hatte sie eine Ausrede. Sie hätte sich zu Tode geschämt, vor dieser Meisterin sich zu zeigen.

Doch Arabella ruhte nicht. Sie hatte drei Reitkleider zur Verfügung in ihrer Garderobe.

Auch Georg drängte. Sie seien ja doch hergekommen, um zu reiten. Arabella werde ihr gewiß reichlich Rat erteilen.

Da kehrte ihr Selbstgefühl zurück. Sie war wirklich eine gute Reiterin und – sie konnte nicht dagegen ankämpfen – sie fühlte sich lebhaft hingezogen zu Arabella. Als diese sich aus dem Sattel schwang und ihr den Arm bot, um sie in ihre Garderobe zu führen, konnte sie nicht widerstehen.

Im Stall ging es lebhaft zu. Die Pferde wurden gefüttert, Zaumzeug geputzt, ein Clown unterrichtet, mit verschränkten Beinen wie ein Türke auf einer Kiste sitzend, zwei schwarze Pudel, während zwei andere eine komische Duoszene übten und sich mit Ohrfeigen traktierten. Papageien krächzten, an der Raufe kletterten zwei Affen umher und warfen mit gestohlenen Nüssen nach ihnen. An einen Schimmel mit ausgetretenem breitem Rücken gelehnt, stand ein junges Mädchen in Trikot, einen Regenmantel um die Schulter geworfen, in eifrigem Gespräch mit einem Offizier. Im Stande daneben sang ein junger Bursche ein französisches Lied zur Arbeit.

Kitty war entzückt von diesem bunten Bild. Arabella hatte Mühe, sie in die Garderobe zu bringen, aber in einer Stunde war Ballettprobe und die Manege nicht mehr frei.

Ein kleiner Bretterverschlag von einer offenen Gasflamme beleuchtet und geheizt, nahm sie auf. Reitstiefel aller Art, Sporen, Reitstöcke lagen in wirrer Unordnung umher, kaum einem dürftigen Spiegel, einigen Schminktöpfen und andern Toilettegegenständen Platz gewährend. An der Bretterwand klebten rahmenlose Photographien von Pferden und Artisten. Ein großer Strauß von weißem Flieder auf der Toilette erfüllte den ganzen Raum mit seinem Duft; Kitty erkannte sofort die Karte Georg von Prechtings auf der Krause angeheftet.

Arabella bediente ihren Gast mit der größten Aufmerksamkeit. Nebenan, nur durch eine Bretterwand getrennt, war die Garderobe des Ballettkorps, welches aus den Reiterinnen formiert war. Ein betäubender Stimmenlärm drang herüber. In einer Stunde war Kostümprobe.

Kitty hatte unzählige Fragen an Arabella. »Wie kann man einer so großen Künstlerin einen solchen Raum anweisen?«

»Ja, das ist so, Gräfin. Die Rampe der Manege ist die Grenze unserer Herrlichkeit.«

»Aber nicht wahr, Sie würden um alles in der Welt Ihrem Berufe nicht entsagen?«

»Warum nicht? Wenn ich mich für die ganze Zukunft gesichert wüßte.«

»O, das kann nicht Ihr Ernst sein.«

»Sie haben gut reden! Wenn man so glücklich ist, so reich! Aber wir? Wenn uns heute etwas zustößt – wer sorgt für uns?«

»Ich bitte Sie, Miß Arabella, sprechen Sie mir nicht von dem Glücke der Reichen! Das kenne ich nun wieder besser. Das langweiligste, was Sie sich denken können. Sie hielten es keine drei Tage bei mir aus.«

»Bei Ihnen gewiß! Ich glaube, wir paßten ganz gut zusammen.«

»Wirklich? So kommen Sie doch nach Vals, so lange Sie wollen.«

»Ich muß arbeiten, Komtesse.«

»Arbeiten? Wie das häßlich klingt. Sie arbeiten doch nicht! Ach, wie beneide ich Sie um Ihre Arbeit! Diese Reisen! Überall gefeiert! Das ganze herrliche Künstlerleben! Und das wollten Sie aufgeben um eine nüchterne Versorgung?«

»Entschuldigen Gräfin, aber Sie denken recht kindlich darüber.«

»Das ›Cousinchen,‹ nicht wahr? Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam, Ihnen das so rasch zu vergessen. Das ist sonst gar nicht meine Art! Was wird er Ihnen alles erzählt haben von dem Cousinchen! Daß er sie heiraten muß! Daß ihm das sehr unangenehm ist!«

»Aber Gräfin!«

»O, sagen Sie es nur ungeniert! Ich habe ihn eben selbst über diesen Punkt völlig beruhigt. Sie wissen ja doch alles! Er verehrt Sie, ich glaube fast mehr –«

Kitty empfand einen ihr erst später verständlichen Wunsch, Arabella in ein engeres Verhältnis zu Georg zu drängen. Sie vergaß darüber völlig ihre Stellung, das Unweibliche ihres Unternehmens, doch von jeher gewohnt, augenblicklichen Stimmungen zu folgen, schüttete sie jetzt ihr Herz vor Arabella aus, die, viel mehr Takt besitzend, diesen Erguß eher zurückdrängte als ihn förderte.

Das mausgraue Reitkleid saß ausgezeichnet. Der Lärm nebenan schwoll ins unendliche. Einige Worte drangen herüber, die Arabella bestimmten die Garderobe mit der Gräfin möglichst rasch zu verlassen.

Georg war nicht wenig erstaunt über das vertraute Verhalten Kittys zu Arabella. Er war im Zweifel, ob er sich darüber freuen oder ärgern sollte. Er beobachtete aufmerksam die beiden Reiterinnen. Arabella hatte ein zweites Pferd bestiegen. – Wie Kitty doch verlor neben ihr! Diese gehärteten Formen, so edel wie die Mohammeds, und das strohgelbe dichte Haar! Das ihn verzehrende, überlegene Lächeln um die scharf geschnittenen Lippen! Der ganze Anblick versetzte ihn in einen sinnlichen Rausch. Kitty war eine schöne, vornehme Erscheinung, aber eben dieses Berauschende fehlte ihr. Er empfand nichts bei ihrem Anblick. Der keusche Reiz unberührter Jugend, der über Kitty trotz ihrer freien Erziehung immer noch gebreitet war, wirkte längst nicht mehr auf ihn. Arabella hatte denselben unwillkürlich, ohne im geringsten ausschweifend zu sein, an den Planken des Zirkus abgescheuert. Tausend bewundernde, lüsterne Augen hatten ihn längst aufgesogen, das rein Animale kam nicht mehr zum Vorschein und das wirkte so mächtig auf Georg, der dieselbe Häutung, nur noch intensiver, längst durchgemacht.

Kitty vollführte tadellos die schwierigsten Evolutionen. Arabella war begeistert und spornte sie zur äußersten Entfaltung ihrer Reitkunst.

Das ganze Personal, die Ballettmädchen mit ihren bei Tage so fadenscheinigen Kostümen, die beiden Clowns mit den schwarzen Pudeln, alles hatte sich unterdessen gesammelt und applaudierte laut den Leistungen Kittys, worüber diese entzückter war als über alle Schmeicheleien ihrer Kavaliere, die sie je zu hören bekommen.

Erst abends vor dem gefüllten Zirkus seine Kunst zeigen zu dürfen unter donnerndem Applaus, das müßte herrlich, göttlich sein! Als sie wieder in der Garderobe war, um das Kleid zu wechseln, glühte sie vor Eifer. Das war ja schon die Welt der Phantasie, von der Makowsky geschwärmt – der Kunst! Und Arabella, die einen so hervorragenden Platz in ihr einnahm, konnte sie verlassen einer Versorgung halber. – Nein, das machte sie ihr nicht weis – nur um eines, um dasselbe, von dem sie vorhin so unvorsichtig mit Georg sprach – um einer großen Liebe willen war das möglich. – Diese Überzeugung erhöhte nur ihr Interesse. Die Protektorin zu sein dieser romantischen Liebe, deren Gegenstand sie sehr wohl kannte, erschien ihr jetzt ein neuer Lebensreiz.

»Sie lieben meinen Vetter?« platzte sie ganz unvermittelt heraus.

Arabella fand diese Zumutung geradezu spaßhaft. – Sie schätzte Baron Prechting als einen liebenswürdigen Kavalier, als ihren eifrigsten Bewunderer, aber von Liebe könne keine Rede sein. Damit sei es unbedingt gar nicht so schlimm in ihrem Stande, als die Leute gewöhnlich glaubten. Sie seien alle viel zu abgehärtet, zu derb dazu.

»Aber er liebt Sie – das weiß ich bestimmt!« erklärte Kitty, verdrossen über die Kälte der Reiterin. Es entging ihr nicht, daß das stark gepuderte Antlitz Arabellas errötete.

»Das wäre sehr schlimm,« meinte sie, »wohin soll das führen?«

»Nun, warum? Alles schon dagewesen! Theater und Zirkus spielen eine große Rolle im hohen Adel.«

Arabella verlor völlig ihre Kaltblütigkeit.

»Wie können Sie nur so sprechen, Komtesse! Ich und Baron Prechting! Ich möchte mich auch gar nicht eindrängen in eine solche Familie. Da bin ich mir viel zu gut dafür,« setzte sie in einem herben Tone hinzu.

»Ach was! Eindrängen! Wenn man liebt? Glauben Sie, ich würde mich besinnen, mich abhalten lassen durch irgend etwas –?«

»Wirklich? Würden Sie sich die Kraft zutrauen, einem Manne, den Sie lieben, überall hin zu folgen? Ins Elend, wenn es sein müßte?« fragte Arabella.

Kitty beunruhigte diese Frage, das Gewissen erwachte. Sie dachte wenige Wochen zurück – um so energischer klang ihre Antwort.

»Gewiß! Wenn ich eine starke Liebe empfände, mein einziges Glück darin sähe –«

»Ja, Komtesse, Ihnen traue ich das wirklich zu,« erwiderte Arabella in herzlichem Tone. »Aber die Männer denken anders über diese Dinge.«

»Meinen Sie? Nun, wir werden ja sehen! Ich weiß selbst nicht warum – ich kenne Sie doch erst seit einer Stunde – aber Sie gefallen mir. Ich könnte irgend etwas tun für Sie! Mir ist, als ob ich Ihnen Dank schuldig wäre.«

»Mir Dank?«

»Ja doch – doch! Wir wollen Freundinnen sein, für alle Fälle.« Sie reichte Arabella die Hand.

Sie bedurfte jetzt dringend einer Freundin, irgend einer Zuneigung und Arabella war ihr sympathischer als alle ihre Bekannten. Weitere Rücksichten kannte sie nicht.

Als die beiden zu Georg kamen, bemerkte dieser sofort in ihrem ganzen Wesen eine Vertraulichkeit, die ihn Schlimmes befürchten ließ.

Kitty hatte wahrscheinlich wieder irgend eine Torheit begangen. Sie mußte Arabella versprechen, in die Abendvorstellung zu kommen.

»Ich danke Ihnen herzlich für die Ehre, die Sie mir erwiesen mit dem Besuche Ihrer liebenswürdigen Cousine,« sagte sie zu Georg. »Wir sind Freundinnen geworden.«

»Das geht ja verdammt rasch bei den Damen,« meinte Georg, dem es gar nicht scherzhaft zu Mute war.

»Unter Umständen schon,« bemerkte Kitty, mit einem Lächeln gegen Arabella, das Georgs Befürchtung fast zur Gewißheit machte. Dem tollen Mädel war alles zuzutrauen.

Das Ballett begann und füllte die Manege.

Georg entfernte sich mit Kitty.

Ihr Schweigen beängstigte ihn, das war sonst nicht ihre Art, besonders bei so neuen Eindrücken, die sie eben empfangen haben mußte.

Er selbst fürchtete sich, den Namen Arabella auszusprechen, obwohl er sich mehr denn je damit beschäftigte.

Da begann sie plötzlich, ohne ihn anzusehen: »Rate einmal, über was ich mit Arabella gesprochen in der Garderobe?«

»Über Pferde natürlich, Reiten, Zirkusleben!« erwiderte Georg.

»Ach nein! Über dich! Nur über dich! Über deine Liebe!«

Georg war fassungslos. Dieses Geständnis übertraf seine schlimmsten Erwartungen. Er mußte vor einem Ladenfenster stehen bleiben, um wenigstens den Vorübergehenden seine Erregung zu verbergen.

Einen Augenblick besann er sich, dann sagte er in mehr zurechtweisendem Tone: »Ein sehr unpassender Scherz für dich, Kitty.«

»Ist aber kein Scherz, voller Ernst! Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, daß sie dir gleichgültig ist?«

»Darüber bin ich dir keine Rechenschaft schuldig,« erwiderte Georg scharf.

»Als deiner, aus Familienrücksichten bestimmten Braut auch nicht?«

»Ich verlasse dich, wenn du noch ein Wort sprichst.«

»Wenn ich dir aber sage, daß ich mich für Arabella, für eure Liebe sehr interessiere, daß ich gar nichts so Unbegreifliches darin sehe. Verläßt du mich dann auch?«

Sie gingen jetzt durch eine völlig verlassene Allee. Vorsicht war nicht mehr so nötig. Georg, welcher in seinem Zorne wirklich einige Schritte vorausgeeilt, blieb stehen.

»Aber ich bitte dich um alles, Kitty! Wie kannst du nur ernstlich denken? Wirst doch nicht glauben –«

»Daß du Arabella zu deiner Frau machen kannst? Warum nicht? Wärst du der erste unseres Standes? – Wenn du sie wirklich liebst!«

»Ah, jetzt verstehe ich dich erst! Du willst mich beiseite räumen, damit Franz freie Bahn hat bei Papa.«

»Wie abscheulich! Ich dachte nicht an Franz.«

»Wirklich nicht?«

Georg sah seiner Cousine scharf ins Auge.

»Nicht an Franz? An wen denn?«

Kitty hielt seinen Blick nicht aus.

»Als ob man an irgend jemand – als ob man nicht ganz uneigennützig –«

Sie verwirrte sich immer mehr.

»Nein – ganz uneigennützig handelt kein Weib wie du. – Also – Kitty – wäre es denn möglich –«

»Was denn nur? Du machst mich ja selbst ganz verwirrt. Was denn? Sprich!«

Georg drehte seinen Schnurrbart, nickte mit dem Kopfe und antwortete nicht.

Seltsame Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Oft hatte es den Anschein, als ob er etwas sagen wollte, aber keine Wort kam über seine Lippen. Und Kitty eilt jetzt, daß er kaum Schritt halten konnte.

»Also heute abend im Zirkus! Sei nicht gar so unbesonnen.«

Mit diesen Worten verließ er sie vor dem väterlichen Hause.

*

Graf Seefeld war sehr erfreut über die heitere Stimmung, in welcher seine Tochter zurückgekehrt. Die künstlerischen Anwandlungen von gestern waren total verflogen. Gerne ging er auf die Bitte Kittys ein, abends mit ihr den Zirkus zu besuchen.

Georg von Prechting war auf seinem Posten.

Als Arabella auf Mohammed in die Manege geritten kam, winkte sie Kitty mit der Gerte zu und diese war stolz auf die Blicke, welche von allen Seiten auf sie gerichtet waren.

Jetzt in vollem Lichterglanze, bejubelt von der Menge, erschien sie ihr noch herrlicher, bewundernswerter, und als sie als Schlußeffekt die sogenannte Schule über der Erde ritt, Mohammed, schaumbespritzt sich kerzengerade auf die Hinterfüße erhob und die Reiterin nur noch durch Zauberkraft in den Sattel gebannt schien, um gleich darauf, unter dem Jubel der Menge, dem Rauschen der Musik, durch die Manege zu jagen, da loderte ihre Begeisterung hoch auf. Sie hob sich vom Sitze um Beifall zu klatschen und rief laut den Namen Arabellas, unbekümmert um die Bedenklichkeit und das Geflüster in ihrer Umgebung.

Dreimal erschien Arabella, huldvoll sich verneigend, während Mohammed, auf eine leise Berührung ihrer Gerte, sich auf die Knie niederließ.

Kitty blickte triumphierend im Kreise umher, auf die unzählig sich regenden Hände. Sie genoß den Erfolg mit der neuen Freundin.

Da fiel ihr gerade in der Loge gegenüber ein Herr auf, welcher, nachlässig zurückgelehnt, keine Hand rührte. Sie nahm ärgerlich das Opernglas und sah hinüber – Makowsky!

Sein Blick war starr auf sie gerichtet wie damals auf dem Balle. Jetzt verneigte er sich leise und um den schönen Mund zog wieder dasselbe liebenswürdige, schmerzliche Lächeln.

Sonderbar! Anstatt sich über ihn zu ärgern, über seine Kaltblütigkeit, ärgerte sie sich über sich selbst, über ihren Enthusiasmus. Gewiß verlachte er sie deshalb.

Das war ein sonderbarer, fremdartiger Zustand von diesem Augenblick an. Jede Bewegung, welche sie machte, stand in Beziehung zu ihm, kam nur in Betracht als eine von ihm gesehene. Ihr Blick war blind, inmitten all des Lichtes, bis er wieder zu ihm zurückkehrte. Die Spaße der Clowns, das Gelächter des Publikums klang wie aus weiter Ferne. Auch an Arabella dachte sie nicht mehr, nur eine ungeheure freudige Unruhe ergriff sie. Ob ihm wohl der Seehundpelz gefalle und das kleine rote Hütchen? Er studiert wohl eben jetzt die Zusammenstellung!

Die Pause begann. Die Herren erhoben sich in den Logen, auch Makowsky. Er ging dem Stalle zu.

Georg von Prechting kam herüber, auffallend förmlich, Kitty drängte es in den Stall. Sie habe Arabella versprochen zu kommen.

Die Herren mußten sie wohl begleiten.

Es war ein dichtes Gedränge in dem schwülen, von einigen Lampen nur matt erhelltem Gange.

Jeder wollte einen Blick werfen in diese geheiligten Räume, womöglich ein Wort, einen Blick wechseln mit einer Künstlerin, einem Ballettmädchen. Mancher fühlte sich als Sportsmann und betrachtete mit affektiertem Kennerblick die Pferde.

Der Menschenstrom riß Kitty fort. Sie hatte ihren Begleiter verloren und spähte in der Menge umher. Warum gab er nicht acht auf sie? Sie empfand in Wahrheit einen bitteren Schmerz darüber.

Jetzt stand sie vor der Garderobe Arabellas.

Sie war verschlossen. »Das Fräulein hat Umzug«, erklärte ihr ein Bedienter.

Kitty war froh darüber, so gewann sie Zeit.

Plötzlich stand der Maler dicht vor ihr, wie aus dem Boden gezaubert und begrüßte sie.

Es gelang ihr nicht, ihre Freude zu verbergen.

»Nun, sind Sie befriedigt von Ihrem Ausflug in die Zirkuswelt?« fragte er sie.

»Ach, ich bin nie befriedigt. Das ist ja mein Unglück! Immer große Erwartungen – und dann – Warum haben Sie denn vorhin nicht geklatscht, bei Miß Arabella? Ihre Leistung war doch großartig.«

»Wirklich? War sie das? Ich weiß nur, daß sie mir wiederholt Ihren Anblick entzogen. Und da soll ich klatschen?«

»Sie kennen wohl Miß Arabella gar nicht,« fuhr Kitty errötend fort, ohne scheinbar die Schmeichelei des jungen Mannes zu beachten. »Ein reizendes Wesen!«

»Finden Sie?«

»Aber Sie müssen es doch vor allen finden – als Maler.«

»Nein, als Maler eben nicht – viel zu nüchtern.«

»Ach, das ist wieder so etwas aus dem Unterbewußten, was ich nicht verstehe.«

»Indem Sie es sagen, beweisen Sie, daß Sie es verstehen, Gräfin, oder wenigstens fühlen.«

In diesem Augenblick trat Arabella heraus, als Anführerin der Amazonen, in einer großen Reiterschlacht – die nächste Nummer.

Blonde Locken umwallten den glitzernden Panzer, der ihre tadellose Form umschloß. Ein geschürztes Pardelfell zeigte mehr den stolzen Gliederbau, als er ihn verhüllte. Das Antlitz war etwas stark geschminkt. Die scharf markierten Augenbrauen, die künstlich gefärbten, purpurnen Lippen verliehen ihr etwas Maskenhaftes, Starres.

Kitty war entzückt von dem Anblick.

Arabella kam auf sie zu und drückte ihr wirklich amazonenhaft die Hand.

»Das ist schön, daß Sie Wort: gehalten.«

»Jetzt wird er sich rasch bekehren,« dachte sie. Sie kam sich jetzt so entsetzlich klein und unbedeutend vor.

»Das gäbe ein Bild! Nicht wahr, Herr Makowsky,« sagte sie in einem Tone, welcher Arabella auffiel.

»Höchstens ein Aushängeschild für eine Maskengarderobe,« bemerkte lachend die Kunstreiterin. »Aber – Sie werden entschuldigen – ich habe Eile! Treten Sie doch ein wenig in meine Garderobe, wenn Sie plaudern wollen, das Gedrängel ist ja unausstehlich.«

Mit echtamazonenhafter Bewegung, mit der Lanze sich Raum schaffend, verschwand sie in der gaffenden Menge, nur der Helmbusch flatterte darüber.

Der Maler und Kitty standen dicht vor der offenen Garderobe. Makowsky übertrat die Schwelle. Kitty zögerte, bis ein neuer Anprall der Menge sie förmlich hineintrieb.

Niemand achtete darauf, man hielt sie wohl für eine Zirkusdame.

»Wir haben ja noch Zeit, kommen Sie nur.«

Der Maler ließ die Türe zufallen.

Kitty fühlte das Unschickliche dieser Absonderung, noch dazu in diesem Räume, der erfüllt war von aufdringlichen Wohlgerüchen, unordentlich hingeworfenen weiblichen Kleidungsstücken und Toilettegegenständen.

»Ich habe Sie heute erwartet,« sagte Makowsky.

»Heute schon? Sie sind sehr zuversichtlich.«

»Und doch waren Sie schon auf dem Wege zu mir.«

»Nein, das war ich nicht –«

»So hatten Sie doch wenigstens den festen Willen zu kommen, konzentrierten sich ihre Gedanken darauf! Nur ein Hindernis trat dazwischen.«

»Sie vermuten das natürlich.«

»Nein, ich weiß es bestimmt. Um elf Uhr waren Sie fest entschlossen.«

Kitty verlor ihre mühsam erhaltene Fassung. Der beängstigende und doch so süße Bann kam wieder über sie, nur intensiver in diesem schwülen, engen Räume. Sie mußte sich setzen.

»Um elf Uhr? Ja – um elf Uhr! Aber –«

»Wie ich das wissen kann? Ich fühle es! Ich werde es immer fühlen, wenn Sie sich in Gedanken mit mir beschäftigen.«

»Wenn sich jemand mit Ihnen in Gedanken beschäftigt, so fühlen Sie das?«

»Nicht jemand – Sie – nur Sie, Komtesse.«

»Ja, warum gerade ich?«

»Das ist schwer zu sagen. Ich kenne die geheimnisvolle Kette nicht, die unsere Gedanken verbindet. Vielleicht schmieden wir sie selbst, vielleicht besteht sie von Ewig.«

»Sie sind leidend! Sie sollten sich mehr schonen. Ich fühle nie so.«

»In dieser Atmosphäre, in der Sie leben, das glaube ich! Sie durchdringt kein feines Gefühl. – Sie müssen kommen, Gräfin. Ich kann nicht mehr arbeiten, wenn Sie nicht kommen.«

Es klang wie ein Befehl aus seinen Worten.

»Ich komme! Ja, ich komme! Aber jetzt muß ich gehen. Mein Vetter wird mich suchen – wenn er mich hier findet –«

»Anstatt Miß Arabella, wird er sehr enttäuscht sein!«

»Herr Makowsky!«

»Warum? Das ist ein Weib für ihn! Jedem das Seine!«

»Ich ersticke hier!«

Kitty öffnete die Türe. Georg von Prechting wollte eben eintreten. Er prallte zurück, als er Makowsky erblickte.

»Sie hier?«

»In der Garderobe Miß Arabellas,« sagte Makowsky in einem spöttischen Tone, welcher Georg nichts weniger als versöhnlich stimmte. »Ich wollte nur Ihre Cousine aus dem lästigen Gedränge retten.«

»Arabella lud mich ein, einzutreten, Herr Makowsky leistete mir Gesellschaft. Ich wußte, daß du mich hier suchen würdest, das ist doch sehr einfach!« erklärte Kitty, welche gerade in diesem Räume sich Georg überlegen fühlte.

Sie hatte sich nicht verrechnet. Georg reichte ihr ohne weitere Kritik den Arm.

»Papa ist sehr ärgerlich. Die Vorstellung hat ja schon längst wieder begonnen. Du scheinst das ganz übersehen zuhaben.«

Wirklich war der Stall schon längst geleert, von draußen klangen die Zurufe der Reiterinnen, das Hallo des Publikums.

Makowsky empfahl sich mit so gewandter Harmlosigkeit, daß Georg selbst ihn bewundern mußte.

Dieser sprach kein Wort über den Vorfall zu Kitty und geleitete sie in die Loge zum Vater.

»Ich habe mich verspätet und wagte mich nicht mehr durch all die Leute allein,« entschuldigte sie sich.

»Nur meine Schuld, lieber Onkel,« sekundierte zu ihrer Überraschung Georg. »Ich hätte ja wissen können, wo sie steckt – bei Ihrer Meisterin natürlich, Miß Arabella.«

Damit war der Graf zufrieden. Wandte aber selbst kein Auge von dem herrlichen Weibe mit dem üppigen Blondhaar, welches eben, die Lanze über dem Haupte schwingend, in kühnen Wendungen und Bewegungen durch die Manege flog, gefolgt von einer dichtgedrängten Reiterinnenschar.

Von der andern Seite sprengten die Männer herein, stahlgepanzerte, tadellose Reitergestalten.

Der Kampf entbrannte. Blitzende Schwerter und Rüstzeug. Prächtiges Farbengewoge! Ein sinnverwirrendes Drängen von Pferden und Menschenleibern. Anfeuernde Zurufe. Alles gehüllt in eine goldglitzernde, scharfen Geruch ausströmende Staubwolke. Dazu das Keuchen und Wiehern der Pferde, das Tosen und Brüllen des erregten Publikums.

Das war herrlich! Eine wilde Freude!

Kitty mußte sich zurückhalten um nicht laut mitzurufen. Sie verfolgte mit leuchtenden Augen das bewegte Schauspiel, die überall aufleuchtende Gestalt Arabellas.

Bald stand sie im Sattel, die Lanze schwingend, bald beugte sie sich tief zur Erde nieder. In immer neuen Wendungen zeigten sich die edlen Glieder. Aus den sonst so gutmütigen Augen brach jetzt ein wildes Feuer, die sonst so gelassenen Züge waren jetzt bis zur Verzerrung angespannt. – Eine Kriegsgöttin! Eine Walküre! – Das war Kunst! Das konnte er selbst nicht leugnen.

Unwillkürlich sah sie hinüber.

Er saß wie früher, regungslos, ohne die Hand zu rühren. – Das verdroß sie. Das tat er absichtlich. Woher nur diese Geringschätzung der schönen Arabella, gerade bei ihm, den Schwärmer für alles Schöne? Weil sie Kunstreiterin war? Was kümmerte das ihn, den Vorurteilslosen?

Nie wird sie ihn verstehen und er sie auch nicht. Was er sich nur für Vorstellungen machte von ihrem Wesen! Wenn er wüßte, wie verwandt sie in ihrem Innersten, Neigungen und Bedürfnissen mit dieser verachteten Arabella war! Und doch, er irrt sich nie, er weiß, er fühlt alles! Er weiß, daß sie jetzt an ihn denkt.

Sie versank so in Gedanken, daß sie erst eine verhältnismäßige Ruhe, die eingetreten war, daraus weckte.

Die Manege war leer, das Publikum verließ den Zirkus.

Georg erschien nicht mehr. Sie bestieg mit dem Vater die bereitstehende Equipage.

»Das soll so ein Makowsky malen! Das wäre gescheiter, als eine Grube und einen armen Teufel von Arbeiter,« sagte Graf Seefeld, sichtlich noch immer das Bild Arabellas vor Augen.

Kitty antwortete nicht.

In diesem Augenblick erhellte sich förmlich ihr Inneres. Jetzt verstand sie plötzlich die Worte des Malers. Und ein stolzes Gefühl der Überlegenheit schwellte ihre junge Brust über die ganze Hohlheit ihres bisherigen Lebenskreises, die ihr aus den Worten des Vaters entgegenklang.

*

Makowsky hatte den ganzen Entwicklungsgang seiner Kunst, welcher von den Laien gewöhnlich als ein höchst absonderlicher, noch nie dagewesener kopfschüttelnd angestaunt wird, während er nur die so und so vielte nach ewigen Gesetzen sich vollziehende Wiederholung längst vergangener ist, mit all den unvermeidlichen Schmerzen und Opfern an Nervenkraft mitgemacht.

Überdrüssig der alten auf der Akademie eingetrichterten Formen und Anschauungen folgte er glaubensvoll der revolutionären Strömung seiner Zeit, die, sich rückwärts stauend, viel Gischt und Schaum aufrührend, nach der Quelle zurücktrachtete, von der jede Kunst ausgegangen – der Natur!

So löblich und notwendig dieser Vorgang war, um den Strom nicht völlig verflachen und versanden zu lassen, so gefährlich und uferbedrohend war dieses plötzliche Stromdrama. Da wurde auf nichts geachtet, alles unterwühlt, unterwaschen fortgeschwemmt, auch die weisesten Schutzmittel gegen die entfesselte Leidenschaft blind wütender Elemente. Und das Wellchen trieb es wie die Woge.

Makowsky war ein Rufer im Streit. Er ließ alle seine Kollegen hinter sich in Verhöhnung uralter Kunstgesetze. Er sah das Natürliche nur mehr im Häßlichen, Niedrigen, in der absoluten Plattheit.

In seinem Kampfeseifer, in seinem Haß gegen das Alte, Überkommene sah er hierin fälschlich das Unterscheidungszeichen gerichtet – »écrasez l'infame!«

Er hatte nur eine furchtbare Feindin in seinem eigenen Innern, die ihm bitter zu schaffen machte – eine starke, glühende Phantasie!

Mit ihr rang er Tag und Nacht einen wahren Heldenkampf. Jeden Fußbreit Land mußte er sich erkämpfen. Sie gaukelte ihm verführerische Bilder vor, während sie ein Höllengelächter aufschlug über seine trostlose Leinwand. Sie drängte sich frech zwischen ihn und jede Wirklichkeit, fälschte das Licht, fälschte die Farbe, fälschte die Form. – Sie war die Erbsünde der Kunst, die ihn vergiftete. – Glücklich hatte er sie in Fessel geschlagen, er dünkte sich frei – der rosige Duft wich und er sah der Natur in das entschleierte Angesicht. Die uralte Lüge von der Schönheit war aufgedeckt, es war wirklich häßlich das Angesicht und er freute sich darüber und wühlte immer tiefer in seinen Zügen.

Jetzt arbeitete er im Schweiße seines Angesichts. Und doch äffte ihn immer noch der Schein. Ein Blatt unter dem Mikroskop und mit bloßem Auge betrachtet, welch phantastische Lüge! – Diese verruchten Kompositionen in der Natur von himmelstrebenden Bergen mit harmonischen Konturen, blauen Bergseen, grünen Matten, idyllischen Heimstätten, als ob ein alter Professor sie gemacht. – Und dann das Verblüffendste – die geheimen Stimmen alle, das Flüstern im Dämmerlichte der Abende, im Morgensonnenschein, in blauen Mondnächten, im Feld und Flur und Wald und See!

Dieses unausrottbare Ammenmärchen von der Weltenseele, das einen förmlich einlullt, einen Dinge sehen und fühlen läßt, die gar nicht da sind. Unmerklich löste sich ein Arm seiner schönen Gefangenen und legte sich ihm schmeichelnd um den Hals. Die Berührung war zu süß, er konnte sich ihrer nicht wehren und ihr flüsternder Mund berührte so lebenswarm sein Ohr.

»Sei kein Tor, du kannst nicht schaffen ohne mich. Ich webe im Licht, in der Farbe, in der Form, ohne mich ist alles tot. Ich bin das Wesen der Dinge, diese selbst nur ihr Schein. Die Sonne, die hinter jener vergoldeten Flöhe versinkt ist für dich verloren ohne mich! Ohne mich blüht dir keine Blume zu Dank, rauscht dir kein Meer Größe in die Seele, spricht das schönste Auge nicht. Auch ich hasse die Lüge, so lange ich gesund und mich nicht Fieber schüttelt und liebe die Wahrheit.«

Unmerklich schmuggelte sich die Verbannte wieder ein. Zwar hielt Makowsky an der gefundenen Wahrheit fest, aber er sah sie schon in wechselvoller Beleuchtung. – Er glaubte in den unendlichen Tönen des Lichtes die verständlichste Sprache seiner Kunst zu erkennen.

Die Formen wurden immer dämmerhafter, nebensächlicher. Mit der Dämmerung kamen die Träume und die Träume entfesselten völlig die Gefangene, die ihn nun, sich rächend, in wollüstigen Schlingungen ganz umwand. Die Natur wurde ihm zum Gleichnis, er rettete sich aus den Schlingen der Skeptik um sich in die der Mystik zu verstricken – die alte Geschichte.

Da er sich bei dieser Umwandlung eine realistische Technik bewahrt, galt er nicht als Abtrünniger, sondern im Gegenteil als der Herold einer neuen Ästhetik – als die lebendige Wiederlegung des von den Alten unablässig gelallten Ammenmärchens vom Kultus des Häßlichen in der neuen Kunst.

Noch stand er auf festem Boden und unternahm von da aus seine kühnen Flüge; aber er kehrte immer nervöser, immer erregter davon zurück.

Sein neues künstlerisches Streben übertrug sich auch seinem bürgerlichen Leben. Er interessierte sich für alle transzendentalen Bestrebungen einer ermatteten, sensationslüsternen Zeit. Anfangs rein aus malerischen Rücksichten, dem mystischen Kolorit zuliebe, welches dieselben ihrer ganzen Umgebung verliehen – später, nachdem sein zerrüttetes Nervensystem selbst darauf reagierte, als Gläubiger.

Im progressiven Zusammenhang mit dieser Geistesrichtung stand ein stark ausgeprägter Genußsinn, eine überreizte Sinnlichkeit, wie eben zu jeder Zeit derartiger Drang nach Entkörperung unter irgend einer Form aus leicht begreiflichen Gründen das gerade Gegenteil bewirkt.

Kitty hatte einen starken Eindruck auf ihn gemacht, als er sie zum erstenmal erblickte. Infolgedessen mußte mehr dahinter stecken, als es den Anschein hatte. Er konnte sich doch unmöglich für eines dieser oberflächlichen Geschöpfe interessieren, aus einer Gesellschaft, auf welche er mit souveräner Verachtung herabsah.

Daß gerade diese gesunde Sinnlichkeit Kittys, welche in so vornehmer, veredelter Form ihm völlig fremd war, des auf ihn wirkenden Reizes Ausgang und Ursache war, daran dachte er nicht in seiner Überhebung. Als er sich dann von der Gegenseitigkeit des Eindruckes überzeugt, deren wahre Gründe er ebensowenig erkannte, war für ihn kein Zweifel mehr an ganz absonderlichen metaphysischen Beziehungen zwischen ihm und dem Mädchen.

Er ließ denn auch sofort den ganzen Geheimapparat seiner neuen Wissenschaft, welcher in der Liebe zu allen Zeiten eine große Rolle gespielt, mit allem Raffinement spielen.

Magische Blicke, Prophezeiungen und Fernwirkungen, die ganze verführerische Sinnlichkeit der Mystik.

Mit dem sichtlichen Erfolge einer die Seele kaum berührenden Taschenspielerei wuchs die männliche Begierde, der Ehrgeiz ein in jeder Beziehung so bevorzugtes Wesen zu beherrschen.

Er gestand sich das alles natürlich nicht ein und nannte von Anfang an diesen Vorgang – Liebe! Und zwar Liebe, wie er sie immer ersehnt. Blitzartig aus dem Chaos aufsteigend, dunkel in ihren Ursachen – eine elementare Zwangserscheinung.

Seine entflammten Sinne, welche an der Schönheit Kittys reichlich Nahrung fanden, vervollständigten die mannigfache Selbsttäuschung.

Kitty mußte sein werden! Der Gedanke an die gesellschaftliche Kluft entlockte ihm nur ein mitleidiges Lächeln, er gab nicht einmal zu, daß sie ihn besonders reizte.

*

Makowsky Atelier war bereitet, Kitty zu empfangen, wie ein heidnischer Tempel für die jugendlichen Opfer seiner Mysterien.

Weichliche Üppigkeit des Orients gesellte sich in dem von einem sanften blauen Lichte erfüllten hohen Raume mit altgermanischer Mystik. Schwellende Diwans, kunstvolle Wanddraperien in den bunten Farben persischer Teppichstickerei, wechselten mit starren Vertäfelungen, aus welchen in farbigen Reliefs verzerrte blutige Märtyrergestalten blickten.

In einer gerundeten Nische stand eine hölzerne Madonna aus der Zopfzeit in golden verschnörkeltem Rock und blauem Mantel, davor ein venezianischer Betstuhl. Ein Buch in Elfenbein gebunden lag aufgeschlagen auf dem grünen Samt der Lehne. Zwei hohe schmale Glasmalereien in Spitzbogenform sorgten für stimmungsvolle Beleuchtung, während dicht daneben auf dem Hintergrund eines verblichenen Damastvorhanges von tiefem Purpur die weißen Marmorglieder einer Huldgestalt sich abhoben. Hier lag eine Laute, dort ein aufgeschlagenes Buch, auf einem kostbaren Mosaikschrank florentinischer Arbeit lagen bunte Muscheln von grotesken Formen, in welchen tausend Lichter spielten, Durch eine halbgeöffnete Portiere blickte man in einen kleinen rotbeleuchteten Raum. Ein Lager, von einem Tigerfell bedeckt, war sichtbar, davor ein niederes maurisches Tischchen, ein Nargileh darauf. Die Auswahl der Bilder war für Kitty getroffen. Die Spuren seiner rein naturalistischen Periode waren sorgfältig entfernt. Die düstern Arbeitergestalten in stumpfen Farben, die sterbenden Elenden, die hungernden Kinder, die endlosen Kartoffeläcker mit dem fahlen Himmel darüber, die rohen Küsse und plumpen Berührungen Liebender in blauen Gradlhosen und zerlumpten Röcken. Dafür wurde die »Geburt des Lichtes« – der Titel Kittys war bereits gedruckt unter dem Bilde zu lesen – in die günstigste Beleuchtung gerückt, paradiesische Gefilde mit verschlungenen Paaren, unter Myrten und Zypressen, Verkündigungen und Verzückungen. Um so auffallender wirkte mitten darin das Grubenbild mit dem Liebespaar, ein Übergangswerk, welchem er sonst keine hohe Bedeutung beilegte. Drei Tage waren bereits vergangen seit seinem Zusammentreffen mit Kitty im Zirkus. Heute kam sie! Mußte sie kommen! Er hatte alle seine Gedanken auf sie konzentriert, wiederholt ihren Namen gerufen. Wenn er sich in dem venezianischen Spiegel sah, betrachtete er mit Wohlgefallen sein Bild. Sein Antlitz war bleich, abgespannt. Das dunkle Auge leuchtete wie ein Glühwurm aus tiefen Schatten. Seine weiße schmale Hand brachte das schwarze Haar noch mehr in Unordnung und der herbe leidende Zug um die Mundwinkel verstärkte sich. Das schwarze Samtwams in spanischem Schnitt wirkte stimmungsvoll. Er trat mit einem schweren Seufzer an die Staffelei. Ein sonderbarer Entwurf stand darauf. Auf einem dicht mit Lilien bewachsenen Hügel, in diese förmlich hineingebettet liegt ein junger Ritter, seine sehnigen Glieder umschmiegt ein Kettenpanzer aus blankem Stahl. Seine Lage ist die eines Gekreuzigten. Die bloßen Hände und Füße sind mit purpurnen Rosen in den weißen Grund geheftet. Sein jugendliches Antlitz verklärt ein wollüstiger Schmerz. Über ihn hin, über die milchweißen Lilien in tiefblauer Luft, schlingen duftige Frauenleiber bacchantische Reigen. Ihr rötlich blondes Haar fällt wie ein Goldregen auf ihn hernieder, dem die halbgeöffneten durstigen Lippen des Gefesselten entgegenschwellen.

Es war das eine Idee, welche sein absonderlicher Gemütszustand der letzten Zeit erzeugt, eine weichliche Liebessehnsucht, die ihm beständig verführerische Frauengestalten vorgaukelte. Nirgends fand er Ruhe davor. Sie peitschten ihn mit seidenen Haarsträhnen, hauchten ihm betäubende Düfte zu. Er kämpfte bis zu Ermattung gegen diesen Höllenspuk. Er sehnte sich zurück nach dem idyllischen Zustand der Unschuld und lauschte zugleich den lüsternen Lockungen. Dieser seelische Zustand nahm Gestalt an. Er sah das weiße Lilienfeld, dessen Duft mit dem wollüstigen Atem der Huldinnen rang, er erschien sich gekreuzigt darin als ritterlicher Märtyrer, die mystische Rose durchbohrte ihm Hände und Füße. Er war begeistert von seinem Werk, das an Orginalität alles übertreffen sollte, während er technisch streng nach moderner Anschauung durchgeführt war, die Idealität des Gegenstandes, die Darstellung nicht im geringsten beeinträchtigt.

Da er sein Modell in der Erwartung Kittys auf einige Tage entlassen hatte, war er in seiner Arbeit aufgehalten. Er wollte nur die Rose vollenden, die wie ein Wundmal brannte in der rechten Handfläche des Jünglings. Aber sein Pinsel zitterte, er war unruhig, und das Blut stieg ihm in den Kopf. Das muß enden, wenn er ihn nicht verzehren soll! Er muß ein Weib nehmen! Dieses wüste Leben, ist sein früher Tod. Ein Weib wie diese Gräfin Kitty! – Schön, gesund wie ein Bauernmädchen, empfänglich für seine Ideen und doch ein Spielzeug in seiner Hand. – Ein Weib – wie – warum denn nicht Gräfin Kitty selbst? – Aristokratin? – Ist er nicht auch Aristokrat, nicht nur in der Kunst, in seinem ganzen Fühlen und Denken! – Sie liebte ihn, das hieß in seiner Sprache: er reizte sie! Dieser alberne Georg von Prechting, der ihr als Gatte bestimmt erschien, war gewiß kein Hindernis, außerdem schmachtete er bereits in den Banden Arabellas! – Also nur noch der Vater? Da werden allerdings Worte nie etwas wirken – nur Taten. Doch das Mädchen war jung, trotz ihrer freien Erziehung ganz unerfahren, und vor allem es fühlte sich unglücklich in seiner jetzigen Sphäre. Wenn sie nur kommt! – Diese neue fremdartige Welt wird ihre Wirkung nicht verfehlen auf ihre ohnehin schon erregte Seele. Da meldete der Diener den Grafen Seefeld. Makowsky war trotz aller Vorbereitung verwirrt. Sollte er das Bild mit dem gekreuzigten Ritter verbergen oder stehen lassen? Dem alten Grafen war ja leicht eine beruhigende Erklärung zu geben – und der Gräfin Kitty? – Er rückte es in ein besseres Licht und ließ es stehen. Dann nahm er Pinsel und Palette – er wollte bei der Arbeit überrascht werden. Kitty trat zuerst ein. Er ging ihr mit der Palette in der Hand entgegen. Sie war sichtlich überrascht von dem mannigfachen Anblick, fand sich nicht zurecht. Selbst der Graf starrte mit offenem Munde die Wände entlang. Sie erwartete wohl, in ein ärmliches Stübchen zu kommen, mit einem Kochherde und einer Staffelei als Einrichtung.

»Ich erwarte Sie, Komtesse!«

Kitty hätte keine Ansprache in eine für die Umstände so passende Stimmung versetzt, als gerade diese, welche sie sofort an ihre noch unausgesprochene, aber trotzdem so enge Beziehung zu diesem Manne erinnerte.

»Diesmal war wohl kein Magie nötig,« erwiderte sie, »ich versprach es Ihnen ja und ich pflege mein Versprechen zu halten. Wie schön es bei Ihnen ist. Ich habe noch nie ein Atelier gesehen! Was es da alles zu fragen gäbe!«

»Sie können gar nicht genug fragen, Gräfin.« – Makowsky übte sein Hausrecht und küßte Kittys Hand.

Ihre Blicke begegneten sich und ruhten länger, als es die Sitte erlaubte, aufeinander.

Graf Seefeld war so überrascht von diesem unerwarteten Interieur, daß er von all dem nichts hörte und sah. »Donnerwetter! Wo leben Sie denn eigentlich? In einer Kirche? Einem Museum oder einem Harem?« begegnete er in seiner lauten Weise, an alle Gegenstände näher herantretend und dieselbe durch sein Monokel betrachtend.

Kitty trat vor das Bild, an dem Makowsky eben gearbeitet; sie wandte sich rasch ab.

»Haben Sie gar kein Mitleid mit dem armen Ritter?« fragte Makowsky, zu ihr tretend.

Da faßte sie Mut und betrachtete das Bild.

»Eine Vision,« erklärte der Maler. »Ein Sommernachtstraum!«

»Den ich nicht verstehe,« erwiderte Kitty.

»Was verstehst du nicht?« fragte Graf Seefeld und trat vor das Bild. »Das ist doch sehr einfach! Irgend eine alte Legende! Ein schwer verwundeter Kreuzfahrer, dem Kettenpanzer nach, der – der – nun der irgend einen verrückten Traum hat. Allerdings ein sehr unpassender Traum für einen Kreuzfahrer, von – von – nun, wie nennt man nur das heidnische Gesindel?«

»Von Houris, meinen Sie wohl, Herr Graf,« sagte Makowsky.

»Ja, ganz richtig! Die Houris! Die türkischen Engel! nämlich heißen so! – Nun, was sagen Sie jetzt zu meinem Kunstverständnis?« Er lachte lärmend.

»Allen Respekt, Herr Graf.«

»Wirklich? Ist es so, wie Papa sagt?« fragte Kitty.

»Ganz so. Eine uralte Legende. Vom Kreuzfahrer, dem der böse Feind verführerische Bilder vorgaukelt, um ihn abzulenken vom Wege des Heiles! Wir sind alle solche Kreuzfahrer, der Erlösung harrend.«

»Und war kann sie bringen, die Erlösung?«

»Eine schöne Jungfrau, irgend eine verwunschene Königstochter, die der Ritter erlöst,« bemerkte der Graf. »Das weißt du nicht einmal?«

Kitty errötete tief.

»Ich bewundere Sie immer mehr, Herr Graf,« entgegnete Makowsky. »Eine schöne Jungfrau, eine verwunschene Königstochter, die der Flitter erlöst! Ja so heißt es, Komtesse, in diesen Märchen, ganz so.«

Sein Blick senkte sich tief in das Antlitz Kittys.

»Ja, was weiß dieser Sausewind von Märchen. Da kommen Sie gut an! Ein Buch war ihr von jeher ein Greuel.«

»Lassen Sie es nur gut sein, Herr Makowsky, ich kenne das Märchen sehr wohl von der verwunschenen Prinzessin, die der Ritter erlöste,« bemerkte Kitty.

»Aber das muß ich Ihnen sagen,« fuhr der Graf unbehindert fort, »ich hätte dem jungen Eisenfresser da etwas Gescheiteres träumen lassen. So etwas von seiner heimatlichen Burg daheim. Ein Humpenstechen im Waffensaale oder meinetwegen auch von seiner Liebsten daheim, einem sittigen deutschen Fräulein. Aber natürlich, das zieht besser – das!« Dabei zog er mit seinem Finger einen Kreis um die Frauenleiber. »Das ist immer modern.«

Kitty trat zur Seite. Sie kannte Papa; um einen seiner »guten« Witze anzubringen, vergaß er jede Rücksicht auf ihre Gegenwart. Die Worte des Malers, deren Sinn nicht mißzuverstehen, hatten sie ohnehin so bewegt, daß sie der Fassung bedurfte. Aber sie kam nicht zur Ruhe. Sie stand jetzt vor der Nische der Madonna. Blaue und rote Lichter zitterten auf der in kindlicher Einfalt einer glücklichen Zeit geschnittenen Gestalt im blauen Mantel. Milde warnend hob sie den schlanken Zeigefinger der rechten Hand. Auf der gepreßten Lehne des Betstuhles lag das elfenbeinerne Büchlein aufgeschlagen, als ob sich eben jemand erhoben aus andächtigem Gebet.

Die Poesie ihres religiösen Kultus – die Seefelds waren ein altes katholisches Adelsgeschlecht – war ihr nie zum Bewußtsein gekommen in der rein formellen, nüchternen Ausübung desselben, welche sie, der Mutter frühzeitig beraubt, gewohnt war, und jetzt in dem Atelier eines Malers wurde sie plötzlich davon ergriffen. Es war ihr, als müsse sie hinknien und die hohe Himmelskönigin um Hilfe anflehen gegen den Sturm in ihrem Innern. Doch da schreckte sie schon die edle Nacktheit einer Göttin aus ihrer frommen Stimmung und trieb ihr Blut. Der Vater sprach mit Makowsky über die mannigfaltigen Waffen, die an den Wänden köstliche Gruppen bildeten. Sie mußte sich setzen. Vor ihr lag die Laute auf einem altertümlichen Stuhl, ein aufgeschlagenes Buch. Was war daran besonderes? Und doch wirkte es so wunderbar! Hier sitzen und träumen im Dämmerlichte! Er spielte die Laute, liest Legenden und Märchen aus dem vergilbten Buche, von der verwunschenen Prinzessin – die er – sie sprang plötzlich auf und trat zu den Herren. Sie standen eben vor dem Grubenbild, von dem Makowsky auf dem Ball erzählt hatte.

»Wie kann man denn nur solch ein Bild da hereinstellen? Mir verdirbt es den ganzen Tag, wenn ich es im Leben zu sehen bekomme!« bemerkte der Graf.

Kitty starrte regungslos auf das Bild. Ein ihr selbst unerklärlicher Schauer rieselte ihr durch alle Glieder bei dem Anblick des sich zärtlich umschlingenden Paares. In dem von dem Lichte der Lampe in des Mannes Hand grell beleuchteten weiblichen Antlitz las sie eine selige Hingebung, welche in dem die Mannesgestalt verschlingenden Düster der Umgebung doppelt erschütternd auf sie wirkte. Aus welchen Tiefen sie dieses Empfinden holte, war ihr selbst nicht klar.

»Wunderbar!« sprach sie gelassen in einem langen Tone, der das so oft mißbrauchte Wort für Makowsky zur begrenzten Huldigung machte.

»Was ist wunderbar,« fragte der Graf, »du große Kunstkennerin?«

»Nichts!« sagte Kitty mit einem Blick auf Makowsky, welcher diesem seinen völligen Sieg verbürgte.

»Nun, das meine ich eben auch,« meinte Graf Seefeld. »Aber diese Waffen sind wunderbar, die mußt du dir ansehen! Da kannst du wirklich etwas lernen. Aber ich habe es mir ja gleich gedacht! Es wird nicht so schlimm sein mit deinem Kunstenthusiasmus. Die Sprünge der Arabella interessieren sie mehr als alle Bilder und Waffen der Welt, glaube ich.«

»Und so ein albernes Persönchen lassen Sie ihr Allerheiligstes betreten!« spöttelte Kitty.

»Das haben Sie ja noch gar nicht betreten,« erwiderte Makowsky.

Kitty stutzte.

»Haben Sie denn gar nichts Sportliches? Pferd, Hund, Jägerei?« fragte in diesem Augenblick der Graf.

Makowsky zögerte, nachdenklich. »Doch,« sagte er dann, als ob ihm plötzlich ein vortrefflicher Gedanke gekommen wäre. »Bald hätte ich es vergessen. Das wird Sie sehr interessieren, zwar nicht von mir …« Er kramte eilig in einem Haufen Wappen umher, welche in einer Ecke lehnten.

»Hier, sehen Sie einmal diese Sammlung an. Vortreffliche alte Kupfer! Sport und Jagd! Das beste, was Sie sehen können.«

Makowsky warf die Mappe heftig auf den Tisch, daß eine Staubwolke aufwirbelte, und hob den Deckel. Eine Sauhatz von Snyders fesselte sofort die Aufmerksamkeit des Grafen. Makowsky wollte wieder weiter blättern.

»O, nicht so rasch! Nicht so rasch! Das muß ich mir sehr genau ansehen! Davon verstehe ich etwas mehr. Donnerwetter! Pferde auch? Von Ridinger! Habe den Namen schon gehört. Bitte lassen Sie mich nur machen und vertreiben Sie meiner Kitty unterdessen die Zeit. Das geht mir alles zu rasch bei dem Mädel.«

Er nahm Platz und bereitete sich vor zu einer eingehenden Betrachtung.

»Sie sind mir ja noch den Namen schuldig zu dem Bilde, Komtesse,« sagte Makowsky.

Kitty folgte ihm.

»Ihre Kritik begeisterte mich,« flüsterte der Maler vor dem Grubenbild.

»Meine Kritik?«

»Es war nur ein Wort, aber es kam aus Ihrer tiefsten Seele.«

»Ja, das kam es auch! Und dort werden Sie auch den Namen finden.«

Makowsky hatte ihre Hand ergriffen. Beide blickten auf das Bild.

Kitty erzitterte in ihrem Innersten. Sie dachte an Franz! Grade so ruhte sie einen Augenblick an seiner Brust im Schein des Grubenlichtes, und dann kam die Ernüchterung, die kalten vernünftigen Worte aus seinem Munde. Sie empfand wieder dieselbe Erregung wie damals! Nein, das war nicht Liebe, nicht die Liebe, die sie dort auf dem Bilde erblickte, nicht die Liebe – da erlosch der Gedanke.

»Nein, ich finde ihn nicht,« sagte sie, wie ermattet vorn Ringen nach einem Ausdruck ihres Empfindens.

»So will ich ihn nennen,« flüsterte Makowsky leidenschaftlich, »die Erlösung!«

Kittys Hand zuckte in der seinen. »Auf die der Kreuzritter harrt, in den weißen Lilien,« setzte Kitty hinzu, ihr gerötetes Antlitz dem jungen Manne völlig zukehrend.

»Ausgezeichnet, Herr Makowsky! Bin Ihnen wirklich sehr verbunden!« rief der Graf, dem »die Vistion« die beiden völlig verdeckte. »Da steckt Rasse drin, das lasse ich mir gefallen.«

»Nicht wahr, Herr Graf!« erwiderte Makowsky.

»Und jetzt kommen Sie in mein Allerheiligsten,« flüsterte er Kitty zu, die ihm willenlos folgte.

Er schob die türkische Portiere zur Seite und trat in das kleine Gemach in rotem Lichte. Dieses fiel durch eine runde Kuppel im Mittelpunkt der gewölbten Decke und schien von einem glühenden Rubin auszugehen, der dort von Amoretten umflattert eingelassen war. Die Wände bedeckten Gobelins, Amor und Psyche sowie das Urteil des Paris darstellend, der Fuß sank in weiche Teppiche. Kitty zögerte, einzutreten. Dieser schwüle Raum ängstigte sie – als aber plötzlich wie durch Zauberkraft der eine Gobelin sich teilte, konnte sie einen lauten Ruf der Überraschung nicht unterdrücken. Sie erblickte eine Muschelgrotte, in überraschendem Kontraste von meergrünem Lichte durchflutet. Aus einem Wasserbecken, in dessen Wasserfläche der ganze Lichteffekt sich konzentrierte, erhob sich ein feiner grünschillernder Strahl, der sonderbarerweise zwischen den nach oben in grotesken Formen sich schließenden Wänden sich verlierend, nicht wiederkehrte, während ein, einer herrlich schillernden Tritonsmuschel entsprudelnder Quell das Bassin zu nähren schien. Marmorne Stufen führten aus demselben zu einem erhabenen Thronsitz, eine Muschelschale von Tritonen gehalten. Ein Purpurmantel quoll heraus in reichem Faltenwurf, als ob er des Trägers harrte.

»Das ist traumhaft schön!«

Kitty starrte auf das phantastische Bild. Auf der Bühne hatte sie ja derartiges oft gesehen, aber da störte sie immer in ihrem ausgesprochenen Wirklichkeitssinn der Gedanke an die Dekoration, an den maschinellen Apparat dahinter. Aber das war Wirklichkeit! Es gab noch mitten in dem langweiligen Leben solche Märchenwinkel! Die Grotte erweiterte sich für sie in das Unendliche. Sie ward ihr das Symbol der Phantasiewelt, nach der dieser Mann an ihrer Seite so heiße Sehnsucht erweckte in ihrer Brust! Jetzt war ihr alles klar! Darum fühlte sie sich stets so unbefriedigt trotz aller Genüsse des Reichtums. Darum konnte sie Franz nicht folgen in seine Welt, weil sie ein unstillbares Weh in sich trug nach einer ganz andern, ihr von Anfang an zur Heimat bestimmten. Da lag sie vor ihr in mystischem Lichte und unnennbares Glück wehte heraus. Wer sollte ihn einnehmen, den leeren Thron? Wer ihn umwerfen, den köstlichen Purpur? Makowsky las die Frage in ihren glänzenden Augen. Er nahm sie bei der Hand und führte sie die Stufe hinauf.

Sie folgte ihm wie im Traume.

Makowsky riß den Purpur weg und warf ihn ihr über die Schultern.

Sie wehrte sich nicht. »Nun bin ich wirklich die verwunschene Königstochter!« sagte sie lächelnd.

»Die ihren Ritter erlöst?« fragte Makowsky, auf den Marmorstufen vor ihr knieend und ihre Hand leidenschaftlich fassend.

»Der sie selbst befreit von niedern Gewalten,« ergänzte Kitty.

»Wahrheit, Gräfin? Wollen Sie wirklich Königin sein in diesem Reiche? Meine Königin? – oder nur Märchen?«

»Kitty! Kitty! Ja, wo steckst du denn? Das mußt du dir ansehen! Es ist ja wirklich eine Schande, daß man davon gar nichts weiß als Sportmann! – Verkäuflich, Herr Makowsky, die ganze Geschichte?« rief in diesem Augenblick der Graf mit einer Stentorstimme.

»Da haben Sie des Märchens Ende, den Ruf in das öde Land der Wirklichkeit,« sagte Kitty den Mantel abstreifend.

»Es soll nie ein Ende nehmen, wenn Sie nur wollen. Wollen Sie, Gräfin? Wollen Sie um jeden Preis?«

Er umfaßte stürmisch ihre Hüfte.

Ein Taumel ergriff sie, darin vibrierte noch immer des Vaters Stimme. »Ich komme gleich!« stammelte sie, ihm antwortend, während sie mit schwachen Kräften die entfesselte Leidenschaft Makowskys zurückwies.

»Aber komm doch hierher! – Hierher!« – Es klang jetzt wie ein Hilferuf. – So schön! So märchenhaft schön!«

Ein glühender Kuß verschloß ihre Lippen. Sie riß sich gewaltsam los und schwankte die Marmorstufen hinab, den Purpur nachschleppend, der sich an ihr Kleid geheftet.

»Sie müssen, Gräfin, um jeden Preis!« flüsterte Makowsky, ihr folgend. »Für uns beide gibt es keinen Willen mehr.«

Kitty wandte hastig dem Eingang den Rücken, unter welchem ihr Vater erschien.

»Nun, das gefällt mir wieder weniger,« sagte er, sich umsehend, ohne die Erregung seine Kindes und Makowsky zu bemerken. »Etwas theatralisch! Das müssen Sie selbst zugeben, Herr Makowsky. Aber das gehört wohl zum Geschäft. – Für die fahrenden Engländer und Kunstmäzene. Mir haben Sie mit dem Ridinger mehr Freude gemacht.«

»Das sind so kleine Privatliebhabereien von uns Künstlern,« bemerkte Makowsky, sich rasch fassend.

Der Graf drohte lachend mit dem Finger. »Herr Makowsky, ich glaube, Sie sind ein großer Schwerenöter. Wie oft haben Sie denn schon gekniet vor diesem Throne, als erlösungslustiger Ritter?«

Kitty wandte sich auffallend rasch.

»Herr Graf,« versetzte Makowsky, mit einem diesem unbegreiflichen Eifer, »ich muß mich gegen eine solche Auffassung meiner Liebhabereien entschieden wehren.«

»Na, na, man kennt euch Künstler schon! Aber für wen halten Sie mich denn eigentlich, lieber Makowsky? Ich bin doch kein Sittenprediger! Da müßte ich mich gut ausnehmen!«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Graf, daß diesen Platz, so lange er besteht, nur ein weibliches Wesen eingenommen,« sagte Makowsky mit einem für den Grafen geradezu komischen Ernst.

»Aha! Na ja! Aber ich bitte, regen Sie sich doch nicht auf, ich will gewiß der Glücklichen nicht zu nahe treten.«

»Die Glückliche – ist Ihre Tochter, Komtesse Kitty,« erwiderte Makowsky scharf; etwas Feindseliges leuchtete aus seinem Blick.

Graf Seefeld stutzte einen Augenblick. Jetzt erst fiel ihm die die Blässe und die Erregung Kittys auf.

»Höre, Kitty, was du in der letzten Zeit schon alles vorgestellt!« – Es klang mehr herber Spott als gute Laune aus den Worten des Grafen –, »an dir ist eine Komödiantin verloren gegangen.«

»Eine Künstlerin gewiß,« bemerkte Makowsky.

»Seien Sie so gut! Sie glaubt Ihnen sofort.«

»Glaube ich auch, weil ich es fühle! Bisher bot sich mir allerdings keine Gelegenheit dazu. Übrigens keine Sorge, Papa, ich bin zu gründlich verdorben für dieses Fach,« fügte sie gezwungen lachend hinzu.

»Gott sei Dank, Kitty,« erwiderte sichtlich erleichtert der Graf. »Eine Malerin! fürchterlich!«

»Nun, eine Dame kann Künstlerin sein, ohne eine bestimmte Kunst auszuüben. In ihrem ganzen Sehen, Denken, Fühlen.«

»Blaustrumpf, meinen Sie?« entgegnete der Graf. »Nun, dazu hat Kitty wirklich nicht die geringste Anlage. Aber jetzt wollen wir gehen, wir haben Herrn Makowsky lange genug aufgehalten und – es ist keine Luft für uns – es legt sich förmlich auf die Brust und verwirrt uns die Sinne. Offen gesagt, Herr Makowsky, Sie werden mich auslachen, für sehr ungebildet halten – aber für was diese Malereien gut sein sollen – ich begreife es nicht. Da lob' ich mir wieder den Sport, den Wald, die frische Heide! Das erhält frisch und gesund. Die denkt nämlich grade so! Alles andere sind nur Schrullen! Jeden Tag eine andere! Glauben Sie es mir, Herr Makowsky!« Er legte seine schwere Hand auf die Schulter des Malers und schüttelte sie so derb, daß der schwächliche Mann fast seinen Standpunkt verlor. Der Graf verließ rasch die Grotte, der Atem versagte ihm in dem engen, schwülen Räume.

»Lassen Sie nur Papa seine Meinung. Ich bleibe Ihnen doch treu,« sagte Kitty, dem Maler die Hand reichend.

Er ergriff sie und hielt sie fest, ohne Erwiderung, dann schlossen sie mit einem gegenseitigen Blick einen ewigen Bund inmitten dieser phantastischen Traumwelt, deren hohle Lüge Kitty im Rausche ihrer erregten Sinne nicht erkannte.

Auf Georg von Prechting hatte die offene Erklärung Kittys auf dem Wege nach dem Zirkus eine entscheidende Wirkung. War einerseits für ihn eine vorteilhafte Partie verloren, seine Eitelkeit verletzt, so fühlte er sich anderseits frei und, trotz allem, wie von einem schweren Druck erlöst. Er empfand nichts für Kitty. Sie war ein verwöhntes, schlecht erzogenes Kind in seinen Augen. Ihre Vorliebe für Franz von Kindheit auf war ihm ein Dorn im Auge. Ihr plötzlich erwachtes Interesse an dem Maler Makowsky war für ihn geradezu eine Beleidigung. Trotzdem wäre er, von Jugend auf gewohnt, rings um sich her derartige Herzensangelegenheiten den Familieninteressen untergeordnet zu sehen, vielleicht über all das hinweggekommen, wenn er nicht zu seiner eignen Überraschung selbst von einer starken Leidenschaft ergriffen worden wäre, von einer wirklichen Leidenschaft zu einem Weibe, über die er sich längst erhaben dünkte – zu Arabella, der Kunstreiterin! So sehr er sich auch Mühe gab, seinem Verhältnis zu ihr eine ihm geläufige Erklärung zu geben, alles umsonst! Er liebte sie mit dem ganzen Ungestüm eines reifen, erfahrenen Mannes, der viel erlebt, aber nie geliebt. Arabella hatte als Artistenkind, von Jugend auf zu ihrem Berufe bestimmt, eine reiche Lebensschule durchgemacht. Ihr ward strenge Arbeit, die ihren Körper und ihr Gemüt abhärtete und beide eher vor verderblichen Einflüssen bewahrte, als, wie vielseitig bei dem ungebundenen Wanderleben angenommen wird, solchen aussetzte. Ihr ganzes starkes Temperament ging in dem Ehrgeiz auf, in der Ruhmsucht ihres Standes. Aus dem Sattel, beim Tageslicht, war sie praktisch nüchternen Sinnes und ließ sich den Kopf nicht verrücken von abendlichen Erfolgen und nachfolgenden Huldigungen. Sie war stolz auf ihre Verdienstkraft, die ihr Selbständigkeit verlieh, und sah mit Verachtung auf ihre Kolleginnen herab, welche diese einem augenblicklichen, schmählichen Vorteile opferten und damit zugleich den Ruf ihres Standes gefährdeten. Kurz, eine echte Amazone, auch in ihrer Geringschätzung des männlichen Geschlechts. So legte sie auch der Umwerbung Prechtings keinen großen Wert bei, duldete sie aber, weil er ihr sympathisch war. Besaß er doch in ihren Augen schwer wiegende Vorzüge. Schöner Mann, verwegener Reiter, klingender Name – sie hatte nie Gelegenheit, über andere nachzudenken – dabei nicht aufdringlich, von einer gewissen Achtung für ihren Stand durchdrungen. Das genügte vollkommen für einen angenehmen Verkehr die Wintersaison hindurch. Weiter dachte sie nicht – bis Kitty ihr die Augen öffnete. Wenn er sie wirklich liebte, lag die Sache anders. Warum sollte sie nicht zugreifen, wenn sich ihr das Glück einer gesicherten Existenz bot? Warum nicht Baronin Prechting werden? Ja, sie war sich bewußt, diesen Mann recht glücklich machen zu können. Sie paßten ganz vortrefflich zusammen, eine Neigung, einen Sinn! Die Baronin spielen, davor war ihr nicht bange. Wem stand sie denn im Wege? Dieser Gräfin gewiß nicht, im Gegenteil! Ein paar Verwandte? Was kümmerten sie die! Also? Von diesem Augenblick an veränderte sie ihr Benehmen gegen Prechting. Warum sollte sie nicht ebenso wie ihre Geschlechtsgenossinnen in den Salons der Residenz berechtigt sein, von allen Waffen Gebrauch zu machen, die Natur und Kunst ihr verliehen, einem Manne zu gefallen. Der alte Kampf begann, nur mit ungleicher Kraft. Arabella stand über den Verhältnissen, leidenschaftslos, das Ziel beständig im Auge.

Prechting ging es wie allen Männern, welche Jahre hindurch ihr leichtfertiges Spiel getrieben mit der Liebe, sie rächte sie an ihm durch doppelten Ansturm. Familien- und Standesrücksichten boten nur einen schwachen Widerstand, nachdem er einmal seinen Zukunftsplan betreffs Kittys aufgegeben. Er machte noch einmal den schwachen Versuch, Arabella der stattlichen Reihe seiner ebenso leicht gewonnenen als aufgegebenen Favoritinnen als weiteres Opfer zuzugesellen, in der frivolen Hoffnung, wieder zur Vernunft zu kommen, wenn er den Becher der Lust mit ihr geleert. Der energische Widerstand, auf welchen er stieß, erhöhte nur seine Leidenschaft, und wenn sie auch im Grunde genommen sich von der, welche ein tadelloses Rassepferd in ihm erregte, wenig Unterschied, so war sie doch wie diese – er ging noch vor kurzem beim Ankauf einer Orlow-Tochter, aus der berühmten Melitta des Graditzer Gestüts bis an die äußerste Grenze seiner Leistungsfähigkeit – zu jedem Opfer reif. Eines Abend, nachdem sie ihn in einem perlgrauen Reitkleide, auf einem Vollblut-Trakehner entzückt hatte, warb er in dem engen Bretterverschlag ihrer Garderobe mitten unter dem Wirrwarr ihrer Toilette um ihre Hand.

Kitty kam völlig verwirrt, fassungslos von ihrem Atelierbesuch nach Hause. Der alte Graf wirkte mit seinem Gepolter über diesen verrückten Schmierer und Phantasten, zu welchem man sich ein für allemal nicht herablassen solle, nichts weniger als heilsam. Sie schloß sich in ihr Zimmer ein, warf sich auf die Ottomane und starrte gegen die Decke. Wie war es denn möglich, daß es so kam! Daß er es wagen durfte! – Nein, so nicht, das ist Lüge! Sie wußte, daß es so kommen mußte, sie sehnte sich danach. – Er wagte nichts, er tat nur, was er tun mußte – seine glühende Liebe bekennen! Sie stieg nicht herab zu ihm, sondern er erhob sie auf diesen symbolischen Thron, von dem aus ihre jetzige Welt bedeutungslos, entsetzlich roh erschien. Es war keine Laune, wie Papa glaubte, sondern eine heilige Begeisterung über sie gekommen, eine höhere Einsicht – eine starke, zu allem entschlossene Liebe. Schon einmal hatte sie, alles vergessend, an der Brust eines Mannes gelegen, wonnetrunken ein Liebesbekenntnis gehört. Damals war es ein Taumel, die abenteuerliche Umgebung war daran schuld, sie war ihrer Sinne nicht mehr mächtig in der Stickluft der Grube. Und wenn es wieder so wäre? Die Umgebung war noch abenteuerlicher, noch sinnverwirrender – zum zweitenmal! Dann war sie einfach ein schlechtes, ehrvergessenes Mädchen, viel schlechter, viel niedriger als diese Arabella, die Kunstreiterin. – Nach dem, was vorgefallen, konnte sie keinem andern Manne angehören. – Aber dasselbe ist ja schon einmal vorgefallen! – Nein! Dasselbe nicht. Aus der Umarmung des Jugendfreundes in der Grube war sie ohne Makel hervorgegangen. Sie konnte ohne verletztes Schamgefühl daran denken – eben weil sie nicht wirklich liebte, sagte sie sich selbst – die des Malers entehrte sie auf immer, wenn ihr nicht als Rechtfertigung die Ehe folgte. Sie stand auf, entschlossen, dem Vater alles zu gestehen. Dann kam die Angst wieder über sie. Wenn sie Georg ins Vertrauen zöge? Er wird sie auslachen! Warum denn? Da stand er vor ihr in seiner blauen Husarenuniform, wie vor einer Woche auf dem Balle eine männliche, kraftstrotzende Erscheinung. Neben ihm ein kleiner, magerer Mensch mit hohlen, bleichen Wangen, fieberndem Blick, wirren Haaren! Aber so sah doch Makowskv nicht aus, und doch war es Makowsky, und sie begriff, daß Georg lachen mußte.

Sie verscheuchte rasch die häßliche Vision – Arabella? – Im ersten Augenblick stieß sie sich daran, eine Kunstreiterin zu ihrer Vertrauten in einer so intimen Angelegenheit zu machen. Aber sie war doch wenigstens ein weibliches Wesen, noch dazu ein sehr erfahrenes, kluges, das einzige weibliche Wesen, dem sie sich offenbaren konnte. Auch war sie die einzig mögliche Mittelsperson zwischen ihr und dem Geliebten. Da war ihr jetzt Makowsky, mußte er ihr jetzt sein. Vielleicht war es besser, wenn er selbst mit dem Vater sprach, oder wenn sie beide nicht sprächen und der Gewalt der Vorurteile eine andere Gewalt entgegensetzten – die Tat! Auf flüchtigen Pferden! Solche Entführung hatte sie immer mit Herzklopfen gelesen. Da kam ihr der Gedanke, daß Makowsky ja nicht einmal reiten könne! Ein unangenehmer, ihr peinlicher Gedanke! Wie schwer man sich doch von angeborenen Anschauungen loslöst!

Kitty hatte seit dem Zusammentreffen mit Makowsky in der Garderobe den Zirkus nicht besucht; absichtlich, um sich dieser Stallatmosphäre zu entwöhnen. Außerdem hatte das geringschätzende Urteil Makowsky über Arabella bewirkt, daß sie ihre Vertrautheit mit der Reiterin längst bereute. Doch all diese Bedenken mußten jetzt schwinden, sie fühlte sich zu hilf- und ratlos den Verhältnissen gegenüber. Zum Glück wußte sie den Gasthof auf dem Zirkusplatz, in welchem Arabella wohnte, nachmittags war sie dort sicher zu treffen. Sie schlich sich aus dem Hause mit dem bedrückenden Gefühl, als ob sie jetzt einen schlimmen Pfad beträte.

Der »Adler« war ein Gasthof niedern Ranges. Im Parterre eine Kneipe, aus der wüster Lärm und Biergeruch drang. Stallknechte aus dem Zirkus trieben sich vor dem Eingange umher, Pferdehändler mit Peitschen in der Hand, geschminkte Mädchen. Kitty lief förmlich Spießruten mitten durch dieses Volk, das die vornehme Dame in kostbarem Pelz mit frecher Neugierde betrachtete. Sie hatte noch nie in ihrem Leben ein solches Haus betreten. Vor der Treppe, die ein schmutziger, abgetretener Läufer bedeckte, zögerte sie. Wie konnte sie eine Person, die hier wohnt, zu solchem Zwecke aufsuchen! Eine Gräfin Seefeld! – Die ganze Ungehörigkeit ihres Beginnens war ihr plötzlich klar. Makowsky wäre gewiß empört darüber. Schon wollte sie umkehren. Ein junger Mann sprang die Treppe herauf, in auffallend derbfarbiger Toilette, eine Reitgerte schwingend.

»Wohin, mein schönes Fräulein?« fragte er keck, Kitty den Weg versperrend.

Sie floh die Treppe hinauf, von dem rohen Gelächter des Menschen verfolgt. Jetzt mußte sie zu ihr, nimmer hätte sie allein gewagt, dieses Haus zu verlassen. Sie fragte einen schmierigen Kellner, der ein Glas Bier heraufbrachte, nach Miß Arabella.

»Kommen Sie nur mit!« sagte er.

Dann ging er noch eine Treppe höher. Der Kellner riß eine Tür auf.

»Nun, Kerl, kannst du nicht klopfen?« rief eine Stimme darin.

Kitty stand vor der erstaunten Arabella, die eben im Begriff schien, einen großen, vor ihr stehenden Korb zu packen. Das geräumige Zimmer mit den gemeinen, verwetzten Möbeln, auf welchen sich die ganze aufgestapelte Garderobe der Kunstreiterin in chaotischem Durcheinander umhertrieb, das Überbleibsel eines unsauber gedeckten Mittagstisches, das noch ungemachte Bett, Arabella selbst in einer nicht sehr reinen Morgenjacke und rotseidenem Unterrock – das alles entsetzte Kitty. Der Nimbus war zerstört, der für sie Arabella umgab. Wenn das im ganzen Reiche der Kunst so wäre! Ein blendender Schein und dahinter die gewöhnlichste Wirklichkeit! Blitzartig zuckte der Gedanke in ihr auf, die blaue Grotte … Aber was hat denn diese Person mit der Kunst zu tun? – Sie war entschlossen, kein Wort über Makowsky zu sprechen.

»Ja, wie kommen Sie denn hier herauf?« fragte Arabella, eben einige Trikots zusammenfaltend. »Und wie ich aussehe! Aber Sie sehen ja …«

»Daß Sie packen,« ergänzte Kitty, »um in einen andern Gasthof zu ziehen! Aber wie konnten Sie es nur hier so lange aushaken?«

»O, der Gasthof ist ganz gut! Warum?« meinte Arabella. »Deshalb packe ich nicht ein.« – Sie lächelte so verschmitzt.

»Sie verreisen also?«

Arabelle nickte mit dem Kopfe.

»Aber die Saison ist ja lange noch nicht zu Ende im Zirkus! Ein anderes Engagement angenommen?«

Arabella nickte wieder. Eine eigentümliche Bewegung ging durch ihr Antlitz, ein lächelndes Weinen. Sie streckte Kitty mit einer raschen Bewegung die Hand hin. »Haben Sie mich noch ein bißchen lieb, Komtesse?«

Die Worte klangen so treuherzig, die feuchten Augen Arabellas ruhten mit so innigem Ausdruck auf Kitty, daß diese ihre beabsichtigte Zurückhaltung völlig vergaß und die dargereichte Hand ergriff.

»Das tut mir herzlich leid und ich glaube immer, es wird einem gewissen Jemand noch mehr leid tun.«

Arabella lachte jetzt unter Tränen, die ihr über die gepuderten Wangen herunterkollerten. »Nein, Sie verraten mich nicht, Liebe, das weiß ich, und Sie haben ja auch gleich zu mir, den ersten Tag, Vertrauen gefaßt. Ich kann Sie nicht anlügen. Eben wegen dieses gewissen Jemand reise ich …«

»Wegen meines Vetters? Haben Sie sich mit ihm überwerfen?«

Arabella schüttelte verneinend das Haupt. »Im Gegenteil, wir reisen zusammen.«

Kitty wurde feuerrot.

»Denken Sie nichts Schlimmes – das heißt, vielleicht ist das für Sie grade das Schlimmste. – Ich werde Ihre Cousine.«

Kitty versagte die Stimme vor Erstaunen. Unzählige Gedanken kreuzten ihr Gehirn. Sie suchte den Zusammenhang, die Folgen dieser Nachricht für ihr Verhältnis. – Dieser nüchterne Georg! Was die Liebe alles vermag. – Auch ein bitteres Gefühl mischte sich hinein. – Sie gab er auf für diese Kunstreiterin! Aber rasch wich es einem andern. »Jedem das Seine!« sagte Makowsky. Beinahe wäre sie die Gattin dieses Mannes geworden – sie mußte ja Arabella dankbar sein. Er wies ihr den Weg, den wahre Liebe geht…

»Sie können es nicht fassen, nicht wahr?« begann Arabella. »Eine Kunstreiterin die Cousine von Gräfin Seefeld. Aber Sie werden sehen, ich mache Ihnen keine Schande. – Ich bin ein gutes Ding, glauben Sie mir, ich kann mich in alle Verhältnisse fügen.«

Kitty war verlegen, sie wollte Arabella nicht kränken.

»Davon bin ich überzeugt,« erwiderte sie verwirrt. »Aber Sie werden mein Erstaunen begreifen, so plötzlich … War denn mein Vetter schon hier? In diesem Zimmer?« fügte sie dann in sonderbarer Verbindung hinzu, indem sie sich scheu umsah.

»Ich verstehe Sie,« erwiderte Arabella, ihrem Blick folgend. »Sie wollen sagen, dieser Anblick hätte ihm wohl den Geschmack an mir verdorben! – Aber sehen Sie, man wird so ohne Heimat, immer auf der Reise … Das wird alles anders. Übrigens kann ich Ihnen schwören, daß er nicht hier war. Ich empfange keine Herrenbesuche.«

»O, ich wollte Sie nicht kränken, es war eine dumme Frage! Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen, Fräulein Arabella, von ganzem Herzen! Jetzt müssen wir ja Freundinnen sein und – und Vertrauen haben zueinander, als so nahe Verwandte …« Kitty sprach das alles wie geistesabwesend, mit einem ganz andern Gedanken beschäftigt.

»Müssen ist ein schlimmes Wort,« meinte Arabella, »wenn es Ihnen nicht von Herzen kommt…«

»Aber es kommt mir ja von Herzen. – Ich stehe ja so allein – ich habe ja niemand …«

»Dem Sie vertrauen können, wollen Sie sagen? – Und Sie brauchen jemand – grade jetzt, nicht wahr?«

Kitty schwieg.

»Sie sind deshalb gekommen? – Ja, warum sind Sie denn gekommen, hierher? Jetzt müssen Sie auch offen sein! Soll ich Ihnen darauf helfen? Sie haben einen Herzenskummer? – Doch nicht – heiliger Gott – doch nicht…«

Kitty brach in helles Schluchzen aus und warf sich in ihrer qualvollen Hilflosigkeit an Arabellas Brust.

Die Arme der Kunstreiterin umschlossen sie zärtlich. »Sprechen Sie, Komtesse, sprechen Sie! Ich bin keine Plaudertasche und vom Leben verstehe ich gerade genug, um raten zu können – solange guter Rat hilft.«

»Ach, Sie wissen ja schon alles!« schluchzte Kitty.

Arabella nickte bedenklich mit dem Kopfe. »Also wirklich? Ich hoffe noch immer, daß ich mich täuschte das ist schlimm, sehr schlimm!«

Kitty erhob jäh ihr verweintes Antlitz. »Schlimm? – Sehen Sie, bei mir sagen Sie schlimm! Was ist denn daran schlimm? Weiß Gott, was Sie meinen!«

»Sie lieben den Maler Makowsky, mit dem Sie neulich in meiner Garderobe waren.«

»Nun ja, und was ist denn daran Schlimmes?«

»Weil dieser Maler nicht für Sie paßt, weil es ein Unglück ist, wenn Sie sich mit ihm einlassen,« erklärte Arabella in festem Tone.

Das hatte Kitty nicht erwartet. Dieses Urteil war eine Anmaßung im Munde Arabellas.

»Wie können Sie das beurteilen? Was wissen Sie von Herrn Makowsky?« erwiderte sie in herrischem Tone.

Arabella ließ sich nicht beirren. »Da haben Sie recht, ich weiß gar nichts von ihm. Aber ich habe ihn gesehen, und das genügt mir.«

»O, ich verstehe Sie! Er hat Ihnen nicht gefallen. Ja, allerdings, daß er Ihr Ideal nicht sein kann, das begreife ich. Wie töricht von mir, bei Ihnen auf ein Verständnis zu hoffen. Da ich aber einmal die Ungeschicklichkeit begangen, mich zu verraten, möchte ich Sie doch bitten, sich etwas näher zu erklären.«

Kitty glaubte durch ein plötzlich angenommenes hochfahrendes Wesen ihre so leichtsinnig gefährdete Stellung wahren zu müssen.

»Gerne, Gräfin, so ehrlich als ich es vermag. Herr Makowsky mag ja ein ausgezeichneter Mensch und ein noch ausgezeichneterer Künstler sein. Davon will ich ihm gewiß nichts nehmen. Aber er ist nervös, krankhaft überreizt, ein Phantast! Er bringt Sie in eine Welt, die für Ihr kerngesundes, frisches Wesen ein Verderben ist.«

Kitty lachte hell auf.

»Sprechen Sie nur deutlich! Die für solch ein unwissendes Landkonfekt, das nichts als reiten und jagen kann, nicht paßt. – Sie würden mir wohl irgend einen Landjunker zum Gatten aussuchen.«

»Das nicht, aber einen braven, wackern Mann Ihres Standes. Gesund und unverdorben wie Sie, der Ihren unruhigen Geist heilsam zu beschäftigen und mit seinem treuen Herzen den köstlichen Schatz zu heben weiß, der sich in Ihrem Innern birgt, ohne daß Sie es selbst wissen. – Eine tüchtige Gutsherrin sollen Sie werden.«

Kitty hatte die Lippen in der Erregung eingezogen und klopfte zornig mit den kleinen Füßen auf die Diele.

»So! Und das sagen sie mir alles, eben im Begriffe, mit einem Manne sich zu verheiraten, der gewiß noch weniger zu Ihnen paßt? – Warum haben Sie sich das nicht besser überlegt? Allerdings, Sie setzten mir bereits Ihre Theorie auseinander. Sie wollen sich sicher stellen. Das scheint Ihnen wohl eine Entschuldigung zu sein.«

Arabellas Stirne zog sich in Falten, heftiger Unmut malte sich in ihrem Gesichte. »O, pfui, Gräfin, wie können Sie mir so etwas zumuten! Weil ich ein armes Mädchen bin? – Glauben Sie, ich würde Ihren Vetter heiraten, wenn ich nicht genau wüßte, daß wir vortrefflich zueinander passen. – Jawohl das tun wir auch! Da ändert der Stand nichts daran. Er kann keine andere Frau brauchen, Ihr Vetter, als so ein derbes Ding wie ich bin. Das wird Ihnen schon noch klar werden. Aber wenn ich so sehe, wie ein so liebes herrliches Geschöpf, geschaffen zum Glück und glücklich zu machen, kopfüber in sein Verderben springt. Gräfin Kitty, ich meine es ja so gut. Wenn ich auch nicht so fein erzogen bin wie Sie, ein ganz ungebildetes Ding, das Leben kenne ich doch ein bißchen besser und vor allem, das Herz habe ich am rechten Fleck.«

»Ja, das haben Sie, Arabella,« sagte Kitty, beschämt von der Offenheit des Mädchens. »Und darum sollen Sie auch nicht so hart urteilen und mir raten und helfen, – Wir lieben uns! Damit sind alle Ihre Einwände, so vernünftig sie auch klingen mögen, vernichtet. Wir lieben uns und lassen nicht mehr voneinander. Wir müssen uns angehören. Daran ist nichts mehr zu ändern. – Und jetzt raten Sie!«

Arabella war außer sich. »Da gibt es nur einen Rat. Herr Makowsky hält bei Ihrem Vater um Ihre Hand an.«

»Und wenn er ihn abweist? Er weist ihn ab.«

»Dann – ja dann –« Arabella ging mit Reiterschritten im Zimmer umher.

»Dann geht es einfach nicht.«

»Wirklich? Und wenn Georg noch einen Vater hätte und er sagte ›nein‹ zu eurer Verbindung, würden Sie dann morgen nicht in die weite Welt fliehen?«

»Das würde ich wahrscheinlich nicht, weil es dann auch ein Unglück gäbe. Aber er hat keinen Vater mehr und wir fliehen nicht, wir weichen einfach der müßigen Neugierde der Leute aus und lassen uns im Auslande trauen. Außerdem setzt Georg nicht seine Existenz aufs Spiel, seine Ehre!«

»Sie sprechen von allem, nur nicht von der Liebe.«

»Das ist keine Liebe, ein garstiges Fieber ist's! Das packt einen so auf einmal. Schwingen Sie sich in den Sattel und reiten Sie sich's weg.«

Kitty fuhr sich mit der Hand über die glühende Stirne, atmete tief auf und schlug plötzlich einen völlig veränderten Ton an.

»Ich glaube selbst, Sie haben recht. – Ich will Ihr Mittel versuchen. Aber jetzt muß ich gehen. – Also!« Sie legte den Finger auf den Mund. »Gegenseitig, nicht wahr! Und auf Wiedersehen in Vales als Cousine! Papa nehme ich auf mich! Lassen Sie sich nur gleich sehen nach Ihrer Rückkehr. Und ich danke Ihnen!«

Sie reichte Arabella die Hand.

Ihr unsicherer Blick, die Glut Ihrer Wangen ließen diese nichts Gutes ahnen.

»Wollen Sie mir versprechen, daß Sie nichts unternehmen, bis wir zurück sind? In einem Monat längstens! Sie müssen es mir versprechen!« bat Arabella.

»Ja, das verspreche ich! Ein Monat ist ja rasch vorbei. Viel Glück auf den Weg. Grüßen Sie mir Georg! Wohin flieht – wollt' ich sagen, geht ihr denn?«

»Nach Wien, Komtesse,« erwiderte Arabella ängstlich in Kittys Antlitz forschend. »Und in einem Monat sind wir Nachbarn – dann wollen wir zusammen reiten und jagen. Also auf Wiedersehen, Cousine.«

Sie eilte mit einer ängstlichen Hast aus dem Zimmer, Arabella verblüfft über den unerklärlichen Umschwung ihrer Stimmung zurücklassend.

Jetzt kümmerte sie sich nicht mehr um die gaffenden Männer auf den Gängen und ihre zudringlichen Blicke. Sie floh aus dem Hotel mit glühendem Antlitz.

Sie rechnete auf die lockere Moral der Kunstreiterin und mußte sich nun von dieser an ihre Ehre mahnen lassen! Das war eine bittere, aber wohlverdiente Schmach. Wie konnte sie denn nur von diesem Wesen Verständnis hoffen! Krankhaft, nervös nannte sie ihn! So erscheint jedes Genie dem gewöhnlichen Menschen. – Ein braver wackerer Mann ihres Standes! – Eine tüchtige Gutsherrin« Das war eine Anspielung auf Franz! Georg hatte geplaudert. – Ja wenn sie das noch könnte. Wenn er ein Feuergeist gewesen wäre, ein Makowsky, von seiner heißen, alle Schranken durchbrechenden Liebe erfüllt, dann wäre sie als seine Braut emporgestiegen aus Schwarzacker.

Was tat sie denn? Was wollte sie denn Böses? Nachdem Georg Sie verschmäht, einer Zirkusdame zuliebe, Franz aus kleinlichem Eigensinn, war sie bereit, dem Manne alles zu opfern, der wahre, große Liebe für sie empfand, der sie in eine ihr bisher unbekannte Welt führte, gegen welche die Georgs und die seines Bruders eine öde Wüste war.

In der Größe des Opfers, das sie bereit war, zu bringen, sah sie die Größe ihrer Liebe. – Die elementare Entwicklung derselben flößte ihr kein Bedenken ein. Bei allen außergewöhnlichen Menschen trifft das ein.

Wenn sie noch eine Mutter hätte, sie würde sie gewiß verstehen – aber der Vater!? Das einzige Kind, die Erbin. – Doch er liebte sie ja über alles! Er wird wüten, sie verhöhnen, und zuletzt – doch nachgeben. – Sie erinnerte sich einiger ähnlicher Fälle, von denen sie schon gehört. Ja, sogar der gewaltsamen Entführung, einer Prinzessin aus dem königlichen Hause und der erfolgten Versöhnung der hohen Eltern mit dem bürgerlichen Gatten.

Man bewunderte damals selbst in ihren Kreisen die Standhaftigkeit der Liebenden und ergötzte sich an der Romantik des Ereignisses. Niemand sprach von verletzter Ehre, und die verzweifelten Eltern lebten jetzt in innigem Verkehre mit dem kühnen Schwiegersohn.

Georg selbst, dieser mit allen Vorurteilen seines Standes behaftete Kavalier gab ihr das Beispiel, wie alle Rücksichten weichen müssen der Liebe.

Es dunkelte schon, als sie den kleinen Park betrat vor dem Seefeldschen Palais.

Ein kalter Nebel lagerte sich um die schwarzen Akazienstämme und ließ das Licht der großen Kandelaber vor dem Eingange kaum durchdringen.

Ein Mann kam ihr entgegen vom Hause her. Er war nicht zu erkennen im dichten Nebel.

Sie wollte nicht gesehen werden und trat hinter einen Baum. – Makowsky – das Herz stand ihr still. Er kam vom Vater, er hatte um ihre Hand angehalten. Er ging langsam, in Gedanken versunken, düstere Gedanken. – Sie sah ihn nie mehr wieder! – Das durfte nicht sein!

Plötzlich stand sie dicht vor ihm. Er prallte jäh zurück.

»Sie kommen von meinem Vater?«

»Ich war so töricht. – Er hat mich ausgelacht – die giftigen Farben hätten mich wohl toll gemacht. – Vielleicht hat er recht! Ich fühle, daß man's werden kann.«

»Und Sie sprachen nicht von mir? Von dem was sich in der Grotte zwischen uns ereignet?«

»Haben Sie keine Sorge, Komtesse – kein Wort! Ich bin sehr diskret, obwohl ich manches nicht begreife.«

Eine höhnische Gereiztheit ihr gegenüber klang aus den Worten, welche Kitty heftig beunruhigte.

»Nicht begreifen, sagen Sie?«

»O, ich begreife am Ende alles, ich bin erfahren genug, aber doch, eine Dame Ihres Standes – Braut – und so unternehmend!«

Makowskys herbes Lächeln schnitt Kitty durch die Seele.

»Braut? Von welcher Braut sprechen Sie?«

»Von der Braut Baron Prechtings.«

»Die Braut Baron Prechtings ist eben mit ihrem Bräutigam auf dem Wege nach Wien, um sich trauen zu lassen.«

»Arabella?« fragte Makowsky.

»Und mein Vater sagte Ihnen, daß ich –?«

»Daß morgen schon Ihre Verlobung offiziell bekannt gemacht werde.«

»O, Arabella, wie danke ich dir! das gibt eine süße Vergeltung!« frohlockte Kitty, empört über das rücksichtslose Vorgehen des Vaters.

»Frohlocken Sie nicht zu frühe, Gräfin! Man wird rasch einen andern Freier finden.«

»Und wenn dieser mir untreu wird, wieder einen, nicht wahr! Und wieder einen! – und Sie glauben wirklich, daß ich mich einlassen würde in diesen eklen Handel? – Sie würden ruhig zusehen –?«

»Ich würde nur auf ein Zeichen warten – zur Befreiung, Gräfin.«

Makowsky trat dicht zu ihr und flüsterte die Worte in ihr Ohr. »Zögern Sie nicht lange! jeder Tag erschwert sie.«

Kitty erschrak vor dem Antrag, den sie doch erwartet. »So meint' ich nicht, so nicht.«

»Und doch gibt es keinen andern Ausweg. Ihr Vater wird sich nur der Notwendigkeit fügen.«

»Und meine Ehre?« Kitty klang die Stimme Arabellas in das Ohr.

»Verhandelt werden wie eine Sklavin, das ist ehrlos, nicht – dem Geliebten folgend, allem trotzen. Oder glauben Sie, ich könnte mir diese Liebe aus dem Herzen reißen, auch wenn Sie dem Gesetze nach einem andern angehören? Glauben Sie, daß Sie es könnten? Daß ein verbrecherischer Befehl eines lieblosen Vaters die geheimnisvolle Kette lösen könne, die uns verbindet? Was dann? Können Sie überhaupt, einem anderen Manne angehören, nach dem was sich zwischen uns ereignet? Gerade die Ehre ruft Ihnen tausendfach zu, was Ihnen allein noch zukommt, wenn es die Liebe nicht tut.«

Kitty sträubte sich gegen die verführerischen Worte und sog sie so gierig ein. Die Nähe des Geliebten wirkte wieder so betäubend, erschlaffend auf sie, während der Gedanke an die Härte des Vaters, an die Zukunft, sie völlig in seine Arme trieb.

Makowsky sah ihre Schwäche und verstärkte den Angriff durch neue glutvolle Erklärung.

Jetzt galt es für Kitty, dieselbe für immer abzuweisen, oder mit rücksichtsloser Entschlossenheit das Äußerste zu wagen.

Sie klang so wahr, so innig, in so lockenden Tönen, das verheißene Land wirkte so verführerisch, während der kalte, häßliche Nebel zwischen den schwarzen Stämmen, ihr das Abbild der Zukunft schien. – Die Wahl konnte nicht zweifelhaft sein.

»Was auch geschehen mag – dein auf immer!«

»Und wir fliehen!«

»Wenn es sein muß – ja!«

»Und das Zeichen, Kitty? Ich kann das Haus nicht mehr betreten.«

Kitty schwieg. – Der Verrat im eigenen Hause, an dem Vater trat schwarz vor ihre Seele.

»Ein rotes Licht im Zimmer, um diese Stunde – einfach ein Schirm über der Lampe – bedeutet den Entschluß. Zur selben Stunde des nächsten Tages die Ausführung. Ich harre deiner in einem Wagen, hier um die Ecke« – drängte Makowsky.

Kitty rang nach einem Entschluß. Plötzlich riß sie sich ohne Antwort los und eilte im Nebel rasch verschwindend dem Hause zu.

»Hätte dieser alberne Graf mich nicht verhöhnt – ich glaube, ich hätte es nicht getan. Es ist doch so eine Sache,« murmelte Makowsky, auf die Straße tretend, die Spuren der wilden Leidenschaft noch auf den Wangen, im feuchtglänzenden Auge, die eben alle seine Nerven durchzitterte.

*

Gral Seefeld erhielt am andern Morgen von Georg von Prechting folgenden Brief:

»Lieber Onkel!

Vor allen bitte ich dich um ruhig Blut. Die Sache ist lange nicht so schlimm, als sie dir im ersten Augenblick scheinen wird. – Ohne längere Redensart! Ich bin auf der Reise nach Wien, um mich dort mit unserer gefeierten Arabella trauen zu lassen. – Ich kann nicht anders. Ich liebe sie und bin überzeugt mit ihr glücklich zu werden. Kitty wird die Kunde eher Freude als Leid bereiten. Du kennst ja ihre Jugendliebe, die völlig zu ignorieren, eigentlich weder mir noch dir zukam. Ich rate dir dringend, lasse umgehend Franz kommen! Er allein ist imstande, Kitty vor einer Torheit zu bewahren, welche schweren Kummer bringen würde über dein Haus, und damit auch über mich. – Aber mit Vorsicht, sowohl Franz gegenüber, welcher den Zweck seiner Berufung nicht ahnen darf – du kennst ja seine Empfindlichkeit – als auch gegen Kitty. Sie darf unter keinen Umständen von diesen Zeilen etwas erfahren. Ich gebe mich der Hoffnung hin, durch den Rat, welche dieselben enthalten, den Kummer, den ich dir zu gleicher Zeit damit bereite, zum Teil wieder gut zu machen.

Stets dein treuer Neffe
Georg.«

Georg hatte sich denn doch in dem Alter des Grafen verrechnet, indem er im Beginn seiner Hiobspost ruhig Blut empfahl!

Vor zehn Jahren, da hätte er getobt, wie ein gereizter Löwe, hätte wahrscheinlich ein paar Pferde zuschanden geritten, oder wäre gar mit. dem ersten Zuge nach Wien gefahren, um den leichtsinnigen Burschen noch vor dem Altar, von seiner sauberen Braut zu trennen. – Aber heute knickte er einfach zusammen unter der Last der Ereignisse.

Gestern hielt ein Maler, ein Herr Makowsky, um Kitty, des Grafen Seefelds einzige Tochter an! Heute heiratet ein Baron Prechting eine Kunstreiterin!

Das war zu viel für seinen alten Kopf. Er sah darin kein zufälliges Zusammentreffen mehr, sondern ein Zeichen, daß seine Zeit vorüber, daß eine andere nahe, von der er nichts mehr wissen wolle. Der Zusammenbruch alles dessen, was ihm teuer war und ehrwürdig.

Er hatte überhaupt nur den ersten Teil des Briefes gelesen. »Trauen zu lassen.« Was kümmerten ihn alle weiteren Entschuldigungen, Erklärungen.

Immer wieder las der Graf die eine Zeile: »Um mich mit unserer gefeierten Arabelle trauen zu lassen.« Mit »
unserer!« Was soll das heißen? Allmählich stieg ihm eine andere Röte als die des Zornes in das Antlitz. – Das Verständnis dämmerte in ihm auf, dieses sonderbaren »unserer.« In diesem Mädchen verkörperte sich das einzige Ideal seines ganzen Lebenskreises, die rohe körperliche Kraft und Fertigkeit, die im Sport den besten Ausdruck fand, die tierische Genußfreudigkeit, ohne jedes ernste Ziel – das Ideal, weiches alle andern, erhabenen, die einst den Adel groß gemacht, ihm seine innere Würde verliehen, verdrängte. Hatte er das Recht, sich zu beklagen, daß ein Glied desselben ihm zum Opfer fiel? War er nicht der Mitschuldige? Huldigte er je einem andern? Kannte er je ein anderes? – Er las weiter: – »er allein ist imstande, Kitty vor einer großen Torheit zu bewahren« – diese Worte erschreckten ihn fast noch mehr, trieben den Schweiß auf seine Stirn. – Nach dem, was sich vor einer Stunde ereignete, konnte er sie nicht mißverstehen. Kitty wußte um den Antrag Makowskys, war einverstanden damit! Im Atelier – in der Grotte – ihre Verwirrung! – Sein einziges Kind, die Erbin von Vals, einverstanden mit dem Maler! – Er schleuderte den Brief auf den Tisch und ließ seinem Zorn freien Lauf, die Hände ballend, vor sich hingrollend, verzweifelnd lachend – dann wurde er plötzlich wieder nachdenklich. – Wie sie nur dazu kam, so abtrünnig zu werden? Alle ihre Grundsätze, die er ihr von Kind auf eingepflanzt über Bord zu werfen – alle ihre Ideale! – die Ideale Georgs, seine Ideale – eine vortreffliche Hundemeute, eine berühmte Pferdezucht – eine gute Jagd! Wenn in ihr plötzlich das Bedürfnis nach andern Idealen erwacht – es gab andere, es mußte andere geben, er fühlte es jetzt wie noch nie – war sie deshalb so verdammenswert? Waren sie am Ende doch dort zu finden in dem bunten Wirrwarr des Makowskyschen Ateliers? In den tollen, sinnverwirrenden Bildern? In der üppigen, schwülen Grotte mit dem Thron aus Pappe? Nein nimmermehr! – Seine ganze gesunde Natur sträubte sich dagegen. Dort nicht! Das war alles krank, weichlich. Das schlich sich wie Gift in das Blut seines Kindes. Lieber noch das andere! Da lag doch noch Kraft darin, Natur, Gesundheit!

Lieber Arabella als Makowsky! – Franz! – Ja, das wäre der Mann! – Er stand vor ihm in seiner schlichten ernsten Männlichkeit, und wie ein Blitz durchleuchtete es ihn das ist's! Das Ideal, nach dem dieser getrachtet, Arbeit, Pflichtbewußtsein! Etwas Positives leisten, mitschaffen an der großen Kulturarbeit der Zeit. Je größer die Kraft, desto größer die Pflicht. – Und diesen Mann hatte er Vermögensrücksichten geopfert, obwohl er wußte, daß Kitty ihn Georg vorzog. – Also war er allein schuld, er hatte ja kein Recht mehr, seinem Kinde Vorwürfe zu machen! Her mit Franz! Er wird alles gut machen! Kitty wird erwachen wie aus wüstem Traume und glücklich sein. – Eine Vaterliebe ergriff ihn zu Franz, dem Retter! – Ja, er sah jetzt eine Fügung des Himmels in den Ereignissen. Und Kitty sollte überrascht werden – nicht weil er etwa eine Torheit fürchtete – was für eine Torheit denn? Daß sie sich den Kopf von dem Phantasten etwas verdrehen ließ? Den wird der Franz gleich wieder zurechtrücken. Nein – nur um ihr eine rechte Freude zu bereiten.

Er faltete den Brief, zufrieden lächelnd, zusammen, und ging selbst, so jeden Verrat vermeidend, um die Depesche aufzugeben an »seinen Franz.«

Kitty empörte das völlige Schweigen des Vaters über Makowskys Antrag. Er mußte sich doch denken, daß irgend ein Anlaß dazu auch von ihrer Seite gegeben worden sei. Er interessierte sich nicht einmal für ihr innerstes Empfinden, das kam überhaupt nicht in Frage. – So erwartete sie mit heller Schadenfreude die Nachricht Georgs betreffs seiner Vermählung mit Arabella. Was hatte er für einen Grund, dieselbe dem Vater zu verbergen? Ja, sie dachte bereits darüber nach, ob dies nicht der geeignete Augenblick sei, ihre Liebe zu Makowsky offen zu gestehen und um seine Einwilligung zu bitten. Der Vorwurf, sein Kind beinahe einem Manne geopfert zu haben, welcher ihr die nächst beste Kunstreiterin vorzog, mußte ihn entwaffnen. Doch der Vater war stets in bester Laune, von einer ihr so ungewohnten Herzlichkeit, daß sie sich lebhaft beunruhigt fühlte. Es lag eine Gefahr in der Luft! Die als Äußerstes geplante Flucht erschien ihr in dem verschiedenartigsten Lichte. Bald völlig berechtigt, einem rücksichtslosen Vater gegenüber, reizvoll in ihrer romantischen Abenteuerlichkeit, als Gewähr für eine über alles Menschliche erhabene Liebe, bald ehrlos, verbrecherisch, als eine ungeheure Gefahr, in deren Abgrund sie nicht einmal zu schauen wagte.

Nach drei Tagen wurde der Zustand unerträglich. Sie hatte erfahren, daß der Graf mehrere Depeschen erhalten. Unbedingt von Georg. Warum schwieg er ihr gegenüber? War es ihm am Ende gelungen, Georg von der Ehe mit Arabella noch im letzten Augenblick abzuhalten, auf daß er reuig zu seiner Tochter zurückkehre? Ihr Blut empörte sich bei dem Gedanken. Da war sie zum Äußersten nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet.

Am Abend des dritten Tages nach der Unterredung im Park trug die Lampe in Kittys Zimmer einen roten Schirm. Um jeden Preis mußte der Geliebte von der ihm drohenden Gefahr unterrichtet werden. Zu schreiben wagte sie nicht, noch weniger einen Besuch im Atelier! Es sollte sich ja nur um eine kurze Zusammenkunft handeln, noch dachte sie nicht an Flucht.

Der nächste Tag brachte ihr den Beweis, daß sie die schmachvolle Wahrheit geahnt. Wieder war eine Depesche eingetroffen. Sie machte auf Papa den heitersten Eindruck, ja, er ließ sich sogar zu unklaren Anspielungen auf eine freudige Überraschung hinreißen, die sie anfangs zwar etwas verwirrten, zuletzt aber doch nicht anders gedeutet werden konnten. Als er nachmittags das Haus verließ, hielt sie sich völlig berechtigt, in seinem Zimmer nach der Depesche zu suchen. – Lange vergeblich. – Endlicht entdeckte sie im Papierkorb einige Fetzen. Sie setzte sie sorgfältig zusammen. Es war nicht die letzte Depesche, aber völlig genügend: »Unmöglich vor Donnerstag abend. Prechting.« Da stand es! Erbärmlichster Verrat, den je ein Vater ersonnen. Er wird den Elenden mit den glänzendsten Versprechungen zurückgelockt haben. Arabella wird mit Geld entschädigt worden sein. Sie war ja praktisch, verstand ihren Vorteil, und am Ende konnte es ja auch nach dem »beim alten« bleiben. Und das alles, diese Fülle von Gemeinheit, um sie dem Geliebten für immer zu entziehen, der sich ihrer erbarmt, der sie herausziehen will aus diesem ekeln Sumpf, in dem sie geboren und gelebt, aber um keinen Preis untergehen will. Eine zornige Energie erwachte jetzt in ihr. Sie dachte nicht an Flucht, offen wollte sie dem Vater und Georg gegenübertreten, ihm den schmachvollen Betrug vorhalten, ihre Liebe zu Makowsky bekennen, jetzt hatte sie ein Recht darauf, über sich selbst zu verfügen, und niemand soll es ihr mehr streitig machen. Makowsky soll heute alles erfahren, daß sie entschlossen sei, offen in den Kampf zu treten, auf jede Heimlichkeit und List zu verzichten. – Sie war glücklich, zu diesem Entschluß gelangt zu sein; ihrer ganzen Natur sagte diese offene Kampfesart mehr zu. Der Wiener Schnellzug traf um sieben Uhr ein. Um sechs Uhr wird sie Makowsky sprechen, das wird ihr doppelten Mut verleihen. – Nicht zögernd, zitternd, im Gefühle des Unrechts, kämpfend mit der Scham, legte sie, als es dunkel wurde, den roten Schirm zum zweitenmal um die Lampe, sondern in dem Bewußtsein, in einen völlig berechtigten Kampf zu treten um ihr Heiligstes, das man mit rohen Händen anzutasten wagte. – Und mit einer Sicherheit, die ihr andernfalls gewiß gefehlt hätte, begab sie sich Schlag sechs Uhr zu dem Stelldichein. – Den Hauptweg vermeidend, schlich sie durch den Park.

Wie damals, als sie mit Makowsky zusammentraf, lag ein kalter, feuchter Nebel zwischen den Bäumen. Da hielt ein Wagen vor dem Parktor, eine Kutschenschlag ward zugeworfen. Sie versteckte sich rasch hinter einem Baume. Ein Mann kam eilig dem Hause zu – ein großer Mann! – Sollte er mit einem frühern Zuge gekommen sein? Dann wird man nach ihr fragen, ihre Abwesenheit bemerken! Anderseits mußte sie Makowsky sprechen. Sie mußte wissen, ob es Georg war! Als gewandte Jägerin schlich sie eilig von Stamm zu Stamm. Jetzt traf ihn das durch den Nebel dringende Licht des Kandelabers vor dem Portale. Das war nicht Georg. – Der Mann war groß und auffallend breit. – Noch einen Sprung näher. – Ein Ästchen krachte unter ihren Füßen. Er wandte sich – sie sank in die Knie vor Schreck – Franz! – Kein Zweifel, Franz! – Ihr ganzes Gebäude; das sie mit innerer Genugtuung aufgetürmt, stürzte dröhnend zusammen. Das heilige Recht, der falsche Georg, der gewissenlose Vater, der entbrennende Kampf um den Geliebten, nach dem sie sich förmlich gesehnt – alles vorbei! nur die Schuld blieb – die Sünde!

Der Jugendfreund, an dessen Herzen sie schon geruht, nahte, sie zu retten, gerufen vom ratlosen Vater. Jetzt käme es an sie, das Lügen und Heucheln – von dem Stelldichein kommend mit einem andern, dem sie Liebe geschworen, vor Franz hinzutreten – ihm alles gestehen, seine Vergebung zu erflehen – wofür? – Was hatte sie verbrochen? – Oder einfach tun, was sie getan, wenn Georg gekommen wäre, ihr Recht behaupten, um ihre Liebe kämpfen. Was kümmerte sie der Mann, welcher sie um kleinliche Rücksichten aufgegeben! – Franz war nicht mehr zu sehen, und noch lag sie auf den Knien und rang mit sich selbst. Da wurde es laut im Hause. Man empfing ihn. – Oder sollte am Ende schon ihre Abwesenheit entdeckt sein? Plötzlich sprang sie auf und floh hinaus auf die Straße, wie ein gehetztes Wild, um die Ecke. Die schwarzen Umrisse eines Wagens waren im Nebel erkennbar. Sie eilte darauf zu. Der Schlag öffnete sich. Zwei Arme umfingen sie stürmisch, ein heißer Kuß flammte auf ihren Lippen.

»Bist zu bereit?«

»Ich bin's, Geliebter! Ich muß!«

Dann ward es Nacht in ihr, um sie, das Rollen des Wagens zum Donner, das Leuchten der Straßenlaternen zum Blitzen, und zitternd, frierend schmiegte sie sich immer enger an den Geliebten.

Vals hatte noch nie eine so ruhige Sommersaison gesehen. Man hörte kein Hundegebell, kein fröhliches Halali, keinen Schuß im Walde, die lustige Gesellschaft von einst war nicht mehr zu sehen. Vals glich einem Trauerhause, aus dem man das Liebste, Teuerste vor kurzem erst hinausgetragen.

Um so kräftigeres Leben pulsierte in Schwarzacker. An allen Enden und Ecken wurde gebaut, Altes niedergerissen. Ein zweiter Kamin erhob sich neben dem alten geschwärzten und stieß mit frischen Lungen eine mächtige Rauchsäule gegen den Himmel. Die Arbeiterzahl war beinahe verdoppelt und es hatte den Anschein, als ob die Leute sich rascher hin und her bewegten, die Augen freundlicher, mutiger blickten aus den rußigen Gesichtern, wie vor einem Jahre. Neue Jugend schien über das alte Werk gekommen mit seinem neuen Leiter Franz von Prechting.

»Du darfst mich nicht verlassen, Franz, nur unter der Bedingung folge ich deinem Rat in dieser schweren Stunde.«

Diese Worte des Grafen Seefeld bestimmten Franz, die oberste Leitung von Schwarzacker zu übernehmen.

Die schwere Stunde! – Einige Tage nach Kittys Flucht kam ein Brief aus Florenz, in welchem sie ihr Vergehen zu entschuldigen versuchte, die Schuld daran dem Vater selbst aufbürdete. Daran schlossen sich leidenschaftliche Schilderungen ihrer Liebe zu Makowsky, zuletzt die Bitte um den väterlichen Segen zu einer ehelichen Verbindung, doch vermochte sie sichtlich den Übergang von trotziger Willensbetätigung zu einem weichern, versöhnlichem Tone nicht zu finden und verfehlte daher die beabsichtigte Wirkung.

Dieser Brief vernichtete die letzte schmerzliche Regung über den Verlust des einzigen Kindes und ließ mehr den gerechten Zorn, die Erbitterung in dem Grafen zurück über die ihm angetane Schmach.

Der Rat Franzens – welchem es wenigstens gelungen war, den Grafen in der ersten Wut von dem törichten Schritte einer gerichtlichen Verfolgung des flüchtigen Paares abzuhalten – ging dahin, sich in das Unabänderliche zu fügen, durch möglichst rasche Eheschließung einen nutzlosen öffentlichen Skandal zu verhindern. So tiefen Kummer ihm auch der wahnsinnige Schritt Kittys bereitete, so sehr er auch überzeugt war, daß sie denselben zu ihrem Unglück getan, bei der Gesinnungsart Kittys durfte er, abgesehen von der Zwangslage, keinen andern geben.

Graf Seefeld verwarf ihn. Er habe kein Kind mehr, Nie werde er dulden, daß sein Vals nach vielhundertjährigem Besitz seines Hauses in die Hände dieses dahergelaufenen Schurken falle, der sein Kind verführt. Er sprach von Enterbung. Auch Georg sei für ihn verloren. Dabei erfuhr Franz zum erstenmal den Schritt seines Bruders. Er habe nur ein Wesen mehr, ihn, Franz! Den er in die Welt habe hinausziehen lassen, wie einen Handwerksburschen, in seiner Verblendung. Aber jetzt wolle er alles wieder gut machen, er müsse bleiben, die Leitung Schwarzackers bis auf weiteres übernehmen.

Franz weigerte sich entschieden, triftige Gründe bestimmten ihn dazu.

Der Graf tobte über den Widerstand, den er auf allen Seiten fand, weinte über seine Verlassenheit.

Franz blieb standhaft, es stand zu viel für ihn auf dem Spiel.

Nun sprach der Graf die für ihn entscheidenden Worte. Er machte sein Bleiben zur unablässigen Bedingung, unter welcher allein er seine Einwilligung zu Kittys Vermählung geben wolle. So blieb Franz.

Graf Seefeld fuhr in derselben Nacht nach Vals. Niemand erfuhr von Kittys Flucht, man vermutete sie bei dem Vater.

Einige Wochen später wurde die Vermählung der Gräfin Kitty Seefeld mit dem Maler Paul Makowsky öffentlich bekannt gemacht. Zu einer weitern Annäherung und Aussöhnung ließ sich der Graf auch durch Franz nicht bewegen. Auch nachdem die Makowskys nach zwei Monaten in die Residenz zurückgekehrt waren, bestand keinerlei Verbindung zwischen ihnen und Vals. Der Graf verbot, den verhaßten Namen in seinem Hause auszusprechen. Ebenso hielt er es mit Georg und seiner Frau, die sich schon nach wenigen Wochen in Sittenfeld häuslich niederließen. Freilich konnte er nicht umhin, bei der Anstandsvisite, die Georg notgedrungen mit Arabella in Vals machte, sich offen zu gestehen, daß ihm die schöne Frau ganz gut gefallen habe. Er hatte sich die Person ganz anders gedacht; unverschämt auf ihre neue Stellung pochend, tüchtig aufgedonnert. Anstatt dessen kam ihm eine vornehme aber höchst einfach gekleidete Dame, mit einer von Herzen kommenden Ehrerbietung entgegen, deren Ansichten so vernünftig und klar, deren Äußerungen über die bedenklichsten Dinge, besonders in Beziehung auf Kitty, von bewundernswertem Takte waren. Jetzt, nachdem ihm mit Kitty das Unglück widerfahren, betrachtete er die Heirat Georgs mit einer gewissen Schadenfreude. Beide waren Mesalliancen der schlimmsten Art in seinen Augen, die zu nichts Gutem führen konnten, wenigstens rächte sich die Untreue Georgs an ihm selbst. Diesen Glauben nahm ihm der Besuch vollständig, und wenn er auch zu gutartig war, um sich darüber zu ärgern, so brachte er es doch nicht über sich, seine Schroffheit abzulegen und Arabella als Verwandter entgegenzukommen; er hätte darin auch eine Ungerechtigkeit gesehen in bezug auf Kitty. So blieb es bei dem ersten Besuche und es bestand keine weitere Beziehung zwischen Vals und Sittenfeld.

In seiner Verlassenheit schloß er sich innig an Franz an. Er wußte, wie auch er im geheimen trauerte um Kitty, und in der Tiefe seines Herzens, wo die Liebe zu seinem Kinde nicht erloschen war, keimte der Gedanke, Franz könne einmal, wenn er nicht mehr war, die einzige Stütze seines unglücklichen Kindes sein. Die notwendige Folge dieser innigen Beziehung war, daß er sich rasch dem ihm bisher fremdartigen Ideenkreise des jungen Mannes anbequemte, gewissermaßen sein Schüler ward. Er lernte jetzt seinen Besitz, der bisher für ihn nur eine reichliche Einnahmequelle war, erst kennen und lieben. Ebenso überzeugte er sich von der unverantwortlichen Vernachlässigung, der schlechten bisherigen Wirtschaft seiner Beamten, welche mit der Zeit auch den größten Reichtum gefährden mußte. Besonders »Schwarzacker« war in einer entsetzlichen Verfassung und durch sinnlosen Raubbau, Vernachlässigung selbst der gesetzlichen Vorschriften bei dem Abbau, geradezu gefährdet.

Franz griff mit Energie ein und wußte auch den Grafen lebhaft für seine Reform zu interessieren. Beide waren täglich auf dem Werke zu sehen. Ihr reger Eifer, ihr warmes Interesse teilte sich dem unbedeutendsten Glied dieses komplizierten Körpers mit. Ein mißlicher Umstand, welcher einst ein Hauptmotiv der bekannten Heiratspläne der Frechlings und der Seefelds war, machte sich jetzt bei näherer Einsicht und intensiverem Betriebe des Werkes immer mehr geltend. Die Seefeldsche Grube Schwarzacker und die Prechtingsche Sittenfeld bildeten ein fortlaufendes Kohlenflöz, die wirtschaftliche Trennung infolge verschiedener Besitzer erschwerte von je her den Abbau. Waren die Gruben in einer Hand, unter einer Leitung, mußte ihr Wert bedeutend wachsen. Dieser Übelstand machte sich immer mehr geltend, je mehr man sich von beiden Seiten der Grenze näherte, und hatte jetzt seinen Höhepunkt erreicht.

Franz arbeitete einen völlig neuen Wirtschaftsplan aus, gegründet auf die Idee einer Betriebseinigung, der verglichen mit dem bisherigen, ungeheure Vorteile bot, und legte ihn seinem Bruder wie dem Grafen vor.

Georg erklärte, er habe keinen Anlaß, dem Grafen entgegenzukommen, der gegen seine Gattin eine so abweisende Haltung bewahre. Der Graf weigerte sich entschieden, geschäftlichen Interessen seine Ansichten zu opfern, Irgend welcher Bedingung sich zu fügen. Das ganze Projekt schien rettungslos verloren, zur Verzweiflung Franzens.

Eines Tages war er eben im Zeichnungsaale von Schwarzacker bemüht, dem Grafen die unabweisbare Notwendigkeit einer Vereinbarung mit Sittenfeld zu beweisen, da kam eine Dame den Weg herauf, dem Werke zugeritten – die Baronin Prechting. Graf Seefeld war an das Fenster getreten und betrachtete mit Behagen die herrliche Reiterin. Seit langer Zeit war ihm der Anblick versagt. Die Tränen traten ihm ins Auge, er dachte an Kitty. Eben dieser Gedanke weckte ihn aus seiner Betrachtung.

»Was will die Person auf Schwarzacker? Empfange du sie, Franz,« sagte er verdrossen. »Wird ihr selbst lieber sein.«

Damit wollte er sich entfernen, doch Franz ließ ihn nicht.

»Sie bringt nichts Schlimmes und daß sie dich nicht mit Bitten belästigt, dafür stehe ich ein. Es sähe ja aus, als hättest du Furcht vor ihr.«

Da sprang Arabella schon draußen aus dem Sattel mit einer Gewandheit und Grazie, die dem Grafen einen lauten Ausruf des Beifalls entlockte. Dann nahm er plötzlich, mit für Franz komischem Zwang, eine schroffe Haltung an.

Arabella trat ein mit ihrem gewohnten Reiterschritt, sich vor dem Grafen tiefer verneigend, als es ihr zugekommen wäre.

»Sie werden erstaunt sein, mich hier zu sehen,« begann sie, »aber da es sich um Dinge handelt, welche mir wichtiger erscheinen als die Umstände, die mich fern halten sollen, muß ich Ihnen wohl lästig fallen.«

Graf Seefeld bot ihr, eine verworrene Phrase murmelnd, Platz an; doch Arabella hatte sich bereits über die aufgeschlagene Zeichnung gebeugt, welche das Profil des ganzen Kohlenflözes von Schwarzacker und Sittenfeld darstellte.

»Sehen Sie nur, Herr Graf,« sagte sie, mit dem Griff des Reitstocks die Stelle bezeichnend, an welcher Franz den beabsichtigten Durchschlag mit roter Schraffierung markiert. »Wir liegen ja da wie zwei feindliche Maulwürfe voreinander, die sich den Weg versperren. Wenn wir zusammen hier fördern können, ersparen wir uns ja die Hälfte der Arbeit. Wir können uns frei bewegen, während wir jetzt förmliche Schleichwege einschlagen müssen, um zu unserer Kohle zu gelangen. Warum sollen wir uns nicht, wenigstens vierhundert Meter tief unter der Erde, die Hand reichen, wenn uns schon am Tageslicht Verhältnisse daran verhindern, die hier unten längst nicht mehr wirken.«

»Das ist sehr klug gesprochen, sehr klug,« entgegnete betroffen der Graf. »Sie scheinen ja vortrefflich orientiert zu sein, für eine Frau sehr ehrenwert! Die Sache läge ja hauptsächlich in meinem Interesse –, aber eine so kluge Frau wird auch begreifen, wie peinlich es ist, darüber zu reden, aber eben weil Sie so klug, so einsichtsvoll…«

»Es ist Ihnen wohl weniger peinlich, wenn ich Ihre Gedanken selbst ausspreche,« sagte Arabella. »Diese kluge Frau wird gewisse Bedingungen setzen, Sie wird verlangen, daß die Hand, welche ihr vierhundert Meter unter der Erde gereicht wird, sich auch am Tageslicht ihr nicht mehr entziehe. Sie wird einen Handel machen wollen, Vorteil gegen Vorteil! Sie wird sich auf diese Weise in das gräfliche Haus einschmuggeln wollen. Um Sie darüber zu beruhigen, bin ich eben selbst gekommen, ohne Wissen meines Mannes. Ja, ich will einen Handel machen, ich verhehle es nicht, aber einen ganz andern als Sie vermuten. Das Objekt des Handels sind auch zwei Hände, aber nicht unsere zwei Hände, Herr Graf. Darüber beruhigen Sie sich, Herr Graf. Ich schwöre Ihnen, zwischen uns soll oberirdisch sich nichts verändern, so lange es nicht Ihr eigener Wille ist!«

»Ich bin ein schlechter Rätsellöser, Baronin,« entgegnete der Graf.

»Nun, so will ich deutlicher sein. Diese Hand« – sie wies auf die Rechte Graf Seefelds – »und eine andere, welche schon längst sich sehnt, sich in die Ihre zu legen raten Sie noch nicht? – Ihres Kindes Kittys!«

Des Grafen Antlitz verfinsterte sich, er machte eine abweisende Gebärde.

»An dem Tage, an welchem diese beiden Hände sich ineinander legen, steht dem Durchschlag auf Strecke zwölf von Schwarzacker nach Sittenfeld nichts mehr entgegen. Ist die Bedingung zu hart? Vermuten Sie noch eine Falle dahinter? Eine List?«

»Onkel, schlag ein!« rief begeistert Franz. »Nie wurde ein besserer, glücksverheißenderer Vergleich geschlossen.«

Der Graf war sichtlich bewegt, doch verdroß ihn die Überrumpelung, gerade von dieser Seite. »An mir ist es nicht, die Hand zu bieten.«

»Das sollen Sie auch nicht,« entgegnete Arabella.

»Sie waren bei ihr, haben mit ihr darüber gesprochen? Ach, ich vergaß, Sie sind ja alte Bekannte – Vertraute sogar. – Nun, da werden Sie wahrscheinlich auch wissen, daß Frau Makowsky sich durchaus nicht heraussehnt aus ihrem neuen Feenreich, nach dem langweiligen Vals.«

»Ist nicht so schlimm mit dem Feenreich, als Sie sich denken, Herr Graf. Ich glaube, es hat schon bedenkliche Risse bekommen.«

»Sie ist nicht glücklich, wollen Sie sagen? Jetzt schon?« Der Graf stellte die Frage heftig, seine ganze Zurückhaltung vergessend.

»O, das will ich nicht sagen, wenn sie sich auch erst an die bekannten Launen eines großen Künstlers gewöhnen muß. Jedenfalls kann von einem reinen Glück nicht die Rede sein, solange sie mit ihrem Vater nicht ausgesöhnt ist.

»Wissen Sie das aus ihrem eigenen Munde?«

»Ja!«

»Nun, dann geben Sie ihr den guten Rat, sie soll tun, was ihr einzig geziemt, hierher eilen, sich mir zu Füßen werfen, um meine Verzeihung flehen. – Sie werden ihr ja schon oft guten Rat erteilt haben?«

»Das habe ich auch, und hätte sie ihn befolgt, wäre ihrem Vater ein großer Kummer erspart geblieben.«

»Wirklich? Das hätten Sie? – Ja, ich glaube jetzt fest, daß Sie das getan haben. – Nun, so gebe ich Ihnen die Ermächtigung, ihr auch diesen zu geben. Das ist alles, was ich tun kann.« Der Graf ging erregt im Saale auf und ab.

»Aber ich kann nicht tun, was Sie verlangen.«

»Warum nicht?«

»Weil die ehemalige Kunstreiterin nicht die geeignete Vermittlerin ist zwischen Kitty und ihrem Vater. Solche kranken Seelen sind äußerst feinfühlig, Herr Graf.«

Der Graf betrachtete verwundert Arabella. »Nicht feinfühliger als Sie, Nichte – eine kerngesunde, brave Seele! – Hier, meine Hand, Arabella. Wir wollen einen Vergleich schließen. Die Scheidewand soll fallen zwischen Schwarzacker und Sittenfeld, nicht nur unter, sondern auch über der Erde. Zeuge sei der hier.« Er wies auf Franz. »Das Siegel ein Kuß von deinen schönen Lippen, Nichte …«

»In handfester, reinster Prägung!« ergänzte freudig Arabella, den Grafen herzhaft küssend.

»Und jetzt, Kinder,« sagte er mit zitternder Stimme, »schafft mir Kitty her.«

»Herr Schwager, das ist Ihre Aufgabe. Ich wüßte keinen bessern Sachwalter!« sagte Arabella zu Franz gewandt, dessen helle Freude über die glückliche Wendung durch diese Äußerung sehr beeinträchtigt schien.

»Ja, du Franz, mußt sie mir bringen. Wenn sie dich sieht, muß die Erinnerung in ihr erwachen an ihre glückliche Jugend, an die Heimat, an ihren alten Vater, der zwar viel an ihr gefehlt, aber sie auch über alles geliebt hat. – Franz, ich weiß alles! Schlage mir's nicht ab – eben deshalb darfst du es nicht.«

»Denke an den Durchschlag, Schwager! Er findet an dem Tage statt, an dem du Kitty bringst!« sagte Arabella.

»Und ein Freudenfest wollen wir feiern, wie Schwarzacker noch keines erlebt, an diesem Tage! Ich habe es, bei Gott, satt, das traurige Leben!« jubelte jetzt Graf Seefeld.

Franz sagte schweren Herzens zu. »Und er soll natürlich mitkommen?«

Das wird wohl sein müssen! Hm! An ihn habe ich dabei eigentlich gar nicht gedacht, an den …« Die Zornader schwoll auf der geröteten Stirn des Grafen. »Aber höre, Franz, betteln, betteln tue ich um beide nicht, hörst du? Daß du nur keine Dummheiten machst! Reuig, ihr schweres Unrecht einsehend, müssen sie kommen, sonst lieber nicht! Besonders er – er! Das Volk bildet sich am Ende noch ein, man müsse sich eine Ehre daraus machen! Na, du kennst mich ja, Franz! jetzt geht, Kinder, so etwas muß man mit einem Schwertstreich durchhauen. Nichte –« er reichte Arabella die Hand – »mir ist's, als könnten wir noch recht gute Freunde werden. Grüß mir den Georg! Er soll sich bald sehen lassen auf Vals.«

Er eilte rasch, als ob er einen Rückfall fürchtete, aus dem Zeichensaale.

Arabella machte Franz Vorschläge betreffs einer Betriebsleitung, welche einen praktischen Einblick in die Verhältnisse und geradezu überraschende technische Kenntnisse verriet.

Franz war so zerstreut, daß er ihr kaum folgen konnte. Plötzlich unterbrach er sie mitten in ihrer Auseinandersetzung, sich auf die Karte lehnend, mit der Frage: »Sagen Sie mir nur eins! Wie haben Sie Kitty getroffen?«

»Sehr verändert! Aus der tollen Komtesse ist in der kurzen Zeit eine geistreiche, höchst interessante Dame geworden, ganz ätherisch, wie der Makowsky sie malt, mit den bleichen Gesichtern, aus denen große Märchenaugen blicken, als ob er sie verzaubert hätte! – Nehmen Sie sich in acht, Herr Schwager! Sie ist gefährlicher als je!"

»Ja, Sie haben recht, Arabella, nichts ist gefährlicher als das Mitleid mit einem Wesen, das man einst – verehrt. Aber er? Er trägt sie doch auf Händen? Sie hat ihm doch alles geopfert, sie muß ihn ja unendlich lieben?« fragte Franz erregt.

»Er trägt sie auf Händen wie einen kostbaren Stein, auf dessen Besitz man stolz ist, dessen Ausstrahlung das Auge gierig einsaugt, wie ein Götzenbild, von dessen Zauber er Heilung hofft. Er malt nur sie seit Monaten, in allen erdenklichen Auffassungen, Kostümen, Wendungen, und es kommt mir vor, als ob diese beständige Spannung der Nerven, diese ständige Pose, dieser Kultus ihrer Schönheit erschlaffend auf sie wirke. Aber am Ende, sie fühlt sich glücklich in dieser Hingebung ihres ganzen Wesens, und das ist die Hauptsache.«

»Die Hingebung einer schönen Sklavin! Das glaube ich nimmer! Diese frische duftige Heideblume muß verdorren in dieser schwülen, kranken Luft!« Franz vergaß ganz die Anwesenheit seiner Schwägerin. Bitterer Vorwurf, wilde, unmögliche Gedanken gärten in ihm. – »Sie muß heraus! Aufs Pferd! Auf die Jagd! Wenn ich bedenke, daß ich vielleicht mit schuld bin durch meine Geringschätzung von dem allem! Ich muß heute noch zu ihr – sofort! Ich will ihm sagen …« Eine jähe Leidenschaft blitzte auf in dem sonst so milden, ernsten Auge, die Fäuste ballten sich, ein Kampfgelüst schwellte die Brust.

»Nein, Schwager, so gehen Sie nicht!« sagte Arabella die Franz scharf beobachtete, ihn bei der Hand fassend. »Sie müssen als Freund kommen; wenn Sie das nicht können, wage ich es! – Jetzt aber reiten wir zusammen zu Georg und setzen den Vertrag auf. In acht Tagen kann der Durchschlag stattfinden, dann feiern wir das große Friedensfest.«

»Arabella, ich bewundere Sie!« sagte Franz, sie mit wahrer Andacht betrachtend.

»Weil Sie mich zuerst verachtet; – sehr einfach!«

»Nicht verachtet, das ist nicht meine Art, aber nicht gekannt.«

»Wir kennen uns alle nicht, daß ist ein großes Übel in der Welt. Daher alle Verbitterung, aller Haß, alle Enttäuschung. Ein ewiges großes Mißverständnis! Die Geschichte vom Turm zu Babel!«

Franz mußte sich sagen, daß sie nur zu recht habe. Er war doch gewiß kein Junker, eher von etwas zu freien Anschauungen für seinen Stand und seine Stellung. Er achtete den geringsten Arbeiter, wenn er seine Pflicht tat, aber gegen seine Schwägerin hatte er bisher ein unbezwingbares Vorurteil. Er mied jeden Verkehr mit Sittenfeld fast so sorgfältig wie der Graf. – Der Grund? Sie war eine Kunstreiterin! – Er kannte diesen Beruf nicht im geringsten, aber er war gewöhnt, darüber Ungünstiges zu hören, verächtlich darüber zu denken; er ertappte sich beschämt über derselben Schwäche, die er an andern so oft gerügt. Sein Ritt an Arabellas Seite nach Sittenfeld verstärkte nur dieses Gefühl. Sie verriet nicht minder eine reife Lebenserfahrung, praktischen Sinn, als ein gutes Herz. Als sie aber dem Grubenhaus in Sittenfeld sich näherten, wurde Franz der überraschendste Anblick. Georg in hohen, schmutzigen Stiefeln und Joppe, ein Notizbuch in der Hand, mit Stentorstimme Befehl austeilend, zwischen aufgeschichtetem Grubenholz herumstolpernd, da und dort selbst Hand anlegend. Georg, der nie anders zu sehen war als in tadellosem Reitkostüm, mit Handschuhen und Reitpeitsche, der keinen andern Weg kannte auf Sittenfeld als den zu den Stallungen – das war eine unglaubliche Veränderung, und niemand hatte das vollbracht als diese Frau an seiner Seite, die ehemalige Kunstreiterin!

Georg kam ihr mit lautem Hallo entgegen. Die helle Freude über das Wiedersehen blitzte aus dem gebräunten Antlitz, dessen Männlichkeit jetzt ein stattlicher Vollbart nur erhöhte. Erst als er Franz erkannte, wurde seine Haltung gemessen. »Was verschafft mir denn die Ehre deines Besuches?« fragte er nicht ohne Bitterkeit.

»Das glücklichste, segensreichste Ereignis, das vielleicht je in unserer lieben Heimat sich ereignete,« entgegnete Franz.

»Oho«, meinte Georg, »da müßte ich doch auch etwas davon wissen!«

»War gar nicht nötig,« sagte Arabella verschmitzt. »Du hättest es wahrscheinlich gar nicht geduldet. – Ein Mann hat mich geküßt.«

»Laß die Scherze, Arabella! Mein Herr Bruder könnte sie bei dir gleich ernst nehmen.«

»Ist kein Scherz, Georg – Onkel Seefeld.«

Georg prallte förmlich zurück vor Erstaunen.

»Er besiegelte damit den neuen Vertrag zwischen Schwarzacker und Sittenfeld. Vetter Franz war Zeuge. Hast du jetzt noch was dagegen?«

»Ich dagegen – wenn der alte Seefeld …«

»Mich wirklich geküßt? Feste, sage ich dir!«

»Ja, das glaube ich, wenn er's schon getan; Bella, was bist du für eine Zauberin! Ich glaube gar, du hast auch Franz schon bekehrt, weil er dich so verzückt ansieht.«

Da reichte ihm Franz die Hand vom. Pferde herab. »Georg, verzeih! Das steckt einmal im Blut wie ein Gift. Du weißt es ja selbst, ich habe geglaubt, es glücklich angebracht zu haben, da stehe ich vor dem erbärmlichsten Rückfall. Aber ich glaube, deine Gattin hat mich endgültig geheilt.«

Die beiden Brüder drückten sich zum erstenmal im Leben herzlich die Hand. Zwischen ihnen fiel schon jetzt die Scheidewand, welche eine verkehrte Erziehung, gegenseitige Verkennung ihrer selbst und Unduldsamkeit aufgerichtet.

Noch an demselben Tage wurde der Vertrag fertiggestellt zwischen den Gruben Schwarzacker und Sittenfeld für alle Zeiten, zu Nutz und Frommen der Besitzer. Und morgen galt es – Kitty!

Franz fühlte sich mit Gerechtigkeit gewappnet wie noch nie, nur so konnte er es wagen, Makowsky gegenüber zu treten.

*

Kitty kehrte nach einem Monat als Frau Makowsky aus Italien nach M. zurück. Es wäre ihr feige erschienen, dieser naserümpfenden Gesellschaft, der die nähern Umstände ihrer Heirat längst kein Geheimnis mehr waren, auszuweichen, anderseits erfüllte sie der glühende Ehrgeiz, eine hervorragende Rolle in ihrem neuen Lebenskreise zu spielen. Sie hatte auch schon von Fürsten der Kunst gehört, in deren Salons zu verkehren jeder Fürst von Geburt sich zur höchsten Ehre rechnet. Solch ein Fürst sollte ihr Paul werden, an ihrer Mitwirkung sollte es nicht fehlen, das Zeug dazu hatte er ja. Da stieß sie gleich im Beginn auf ein völlig unerwartetes, ihr ganz unbekanntes Hindernis – auf Geldmangel. Die »Vision«, auf welche Makowsky große Hoffnung setzte, war bis jetzt unverkäuflich. Die übrigen fertigen Bilder hatte er in der Eile, um die Flucht zu ermöglichen, um eine verhältnismäßig geringe Summe verkauft, die der italienische Aufenthalt so ziemlich aufgezehrt. Von allen Seiten liefen veraltete Forderungen ein, man rechnete auf die reiche Mitgift der Gräfin Seefeld. Die Enttäuschung Kittys war herb. Im Reichtum aufgewachsen, vor jeder Sorge bewahrt, hatte sie sich darüber nie Gedanken gemacht. Alle Bedürfnisse und Wünsche befriedigt zu sehen, galt ihr als selbstverständlich. Außerdem übertraf ja Makowskys Heim ganz Schloß Vals an Luxus und Glanz. Die kleine Wohnung mit gemieteten Möbeln, welche sie einen Stock höher bezogen, bildete schon einen schneidenden Kontrast, der ihr weh tat, und jetzt bestürmten sie die kleinlichsten Haushaltungssorgen, denen sie völlig ratlos gegenüber stand. Eine Todesangst befiel sie. Ohne Ahnung unzähliger solcher Existenzen, überschätzte sie die Gefahr, und die entsetzlichsten Bilder der Armut, des äußersten Elends woben sich in ihr Gehirn, Bilder, wie sie nur einmal im Leben gesehen, auf ihren Gängen durch das Arbeiterviertel von Schwarzacker.

Trotzdem stand eines bei ihr fest: nie und nimmer würde sie sich entschließen, den Vater um eine Unterstützung zu bitten – lieber das Äußerste!

Ihr Gatte lachte über ihre engherzige Ängstlichkeit, erklärte ihr, das sei nun einmal so im Künstlerleben. Ja, grade diese schwankende Unsicherheit, dieses ewige Ringen und Hoffen, dieser bunte Wechsel von Erfolg und Mißerfolg, Reichtum und Armut gäben ihm diesen charakteristischen Reiz. Ein reicher Künstler, der seine Coupons abschneide oder seine Güter bewirtschafte, sei ein Unding. Die Bewohner vom Genieland müßten erhaben sein über diese kleinlichen Dinge.

So gab sie sich Mühe, mitzulachen, in jeder peinlichen Lage das Komische herauszufinden, mit dem Gatten auf künftige ungeheure Summen zu rechnen für noch ungemalte großartige Bilder, und wenigstens im kleinen Stile ein Haus zu machen. Kollegen, rücksichtslose Bewunderer Makowskys, junge unreife Leute waren die ersten Gäste. Kitty stieß sich anfangs an ihren rüden Manieren, ihrer Sprache, dem ganzen fremdartigen, ihr unsympathischen Wesen. Der Unterschied zwischen dieser Gesellschaft und der in Vals war doch zu groß. Allmählich jedoch vergaß sie das alles über der Vergötterung, die sie mit Paul, dem Meister, trieben. Selbstverständlich war sie ja die Göttin in diesem Kultus.

Diese zersetzende Kritik an allem Bestehenden, diese Verhöhnung alles dessen, was ihr vor kurzem noch das Wichtigste schien, der ganzen Umgebung, in der sie aufgewachsen, des Reichtums, jedes Standesunterschiedes, der Religion, der Sitte, ja, selbst der legitimen Ehe, schmeichelte jetzt ihrem Ohre, und wenn es galt, auf den Trümmern von dem allen der freien Kunst einen Thron zu erbauen, von welchem aus diese die ganze Welt beherrschen sollte, als die höchste, einzig wertvolle Lebensbetätigung, half sie begeistert mit. Solchen Ekstasen folgte jedoch stets eine beängstigende Ernüchterung. Dann versagte ihr oft der Atem in dem überfüllten dunstigen Atelier. Sie klopfte an den von gesteifter und bemalter Leinwand geformten Wänden der Grotte und schauerte zusammen bei dem hohlen Klang, kratzte an der vergoldeten Lehne des Thrones, bis der Gipsstaub herunterrieselte. Der Rubin in der Kuppel des maurischen Kabinetts, der das märchenhafte Licht ausströmte, war gemeines Fensterglas. Der Gobelin war aus groben, von Makowsky übermalten Rupfen. Die massiven Schwerter, die Rüstungen und Schilder waren aus kunstvoll bronziertem Gips oder Pappe, die alten Meister Kopien.

Makowsky machte nicht den geringsten Hehl daraus. Echte derartige Kostbarkeiten kann der albernste Geldprotz sich verschaffen, aber aus dem Nichts, aus Lappen und Trödel das alles hervorzuzaubern, dazu gehört künstlerische Phantasie. Es gelang ihm jedoch nicht, sie völlig darüber zu beruhigen. Die vornehme Gediegenheit der Heimat wirkte noch zu sehr in ihr nach.

Paul arbeitete trotz seines scheinbaren Gleichmuts wie im Fieber; abgesehen von seiner persönlichen Genußsucht, litt sein Eigendünkel, sein Künstlerstolz entsetzlich, in solcher Blöße da zu stehen vor der verwöhnten Aristokration. Er wollte ihr ja im Gegenteil zeigen, daß all der reiche Besitz ihrer Familie, der Ruhm eines ehrwürdigen Namens ein Bettel sei gegen die Schätze, die in seinem Pinsel ruhten, gegen Künstlerruhm. Er wollte damit nicht täuschen, nicht lügen, er glaubte selbst daran mit leeren Taschen.

Kitty war in wenig Monden zum Weib erblüht, die infolge jugendlicher Abhärtung etwas zu strengen Formen hatten in jäher Leidenschaft die letzte Vollendung erhalten. Um den frischen, edelgeschwungen, nie ganz verschlossenen Mund, mit den etwas sinnlichen Lippen, legte sich jener geheimnisvolle Zug, von dem schwer zu erraten, ob er dem Schmerz oder der Wollust entstammt. Auf ihren Wangen verglomm eben der letzte Schimmer der gesunden Färbung, welche Landleben und Sport ihr verliehen hatte. In dem großen blauen Auge, aus dem einst das sinnliche Behagen eines Kindes blickte, flackerten jetzt unstete Lichter.

Makowsky trieb Götzendienst mit ihrer Schönheit, er konnte sich nicht satt sehen daran. Er bewunderte sie in unzähligen Beleuchtungen und Stellungen, drapierte und probierte, wie an einem Modell. Es war ein dumpfes, schweigendes Betrachten, das, so sehr es ihr auch schmeichelte, doch wieder etwas Verletzendes an sich hatte. Erst wenn er dann in plötzlich begeisterter Wallung nach dem Pinsel griff und die Sitzung begann, wich dieses schmerzliche Gefühl einem unendlich beseligenden, fast traumhaften. Oft saß sie ihm stundenlang, ohne daß ein Wort fiel. Nur dann und wann näherte er sich leise, wie um sie nicht zu wecken, verzog eine Falte des Gewandes, oder rückte sanft das Haupt, den Arm. Das waren die glücklichsten Zeiten. Irgend etwas Großes, Gewaltiges mußte daraus erstehen, ein Werk, das ihn über alles erheben, an das Ziel führen mußte. Davon war sie durchdrungen, wenn sie auch nicht begriff, wozu die verworrenen Skizzen dienen sollten, die immer wieder sie zum Gegenstand hatten, während eine große Leinwand, die er schon vor Wochen aufspannen ließ, immer noch gespenstisch weiß im Atelier stand.

Fragte sie ihn um seine Pläne, so gab er unbestimmte Antworten. Er müsse sich erst selbst wieder zu fassen beginnen, in Stimmung versetzen, er trachte nach etwas, das in ihr sich ihm offenbaren müsse. Darum durchwühle er förmlich ihr ganzes Wesen. Oder er wies sie gereizt ab, sie solle ihn nicht stören, sie begreife seinen Zustand doch nicht – dieses qualvolle Ringen! Das kränkte sie dann am meisten, dieses Ausgeschlossenwerden aus seinem Ideenkreis, und die Ahnung stieg in ihr auf, der reinen Äußerlichkeit des Kultus, den er mit ihr trieb. Wenn er sie am Ende grade so malte, so studierte, wie alle jene verachteten Mädchen, die ihn zu seinen Nymphen, Genien und Heldinnen um Lohn gesessen, nur als Sache, als Form? Wenn er die Geliebte darüber vergäße? Wenn nicht die Begeisterung, die Liebe den Pinsel führte, sondern nur das Interesse des Künstlers? Ein kalter Schauer durchrieselte sie bei diesem Gedanken.

Eines Tages kam Arabella grade zu ungelegener Zeit. Ein Bild, welches Makowsky an eine Ausstellung gesandt, kam unverkauft zurück, zugleich meldeten sich dringende Forderungen.

Paul war aufs höchste erregt und wie immer in diesen Fällen nicht sehr rücksichtsvoll. Er machte zum erstenmal die Bemerkung, Kitty habe das Unglück in das Haus gebracht.

Kitty brach in Tränen aus, Makowsky tobte, sich selbst und seine Äußerung verfluchend, im Zimmer umher. Seine Nerven seien so überreizt, das müsse sie begreifen lernen. Dann stürzte er ihr zu Füßen, bat um Verzeihung und endete mit einer glühenden Liebeserklärung.

In diesem Augenblick wurde Arabella vom Dienstmädchen gemeldet. Kitty ließ sie ins Atelier führen, um sich zu sammeln. Sie kam wohl als Spionin, vom Vater gesandt. Natürlich, die Kunstreiterin war ihm gut genug, ihr Gatte nicht. Dieser Gedanke empörte sie von neuem gegen den Vater. Oder hatte sie am Ende von ihrer mißlichen Lage erfahren und kam sie aus Mitleid? Das war noch schöner!

Sie empfing dieselbe mit einer herablassenden Freundlichkeit. Doch die von Herzen kommende Innigkeit, mit welcher Arabella ihr entgegenkam, allen häßlichen Verdacht zerstreuend, ihre naive Bewunderung des kostbaren Ateliers stimmte Kitty rasch versöhnlicher. Im Grunde genommen hatte sie ja eine unbändige Freude über den Besuch und tausend Fragen schwebten auf ihren Lippen. Gierig atmete sie das ihr so wohlbekannte Parfüm à la Jokei ein, dessen Duft jetzt das Atelier füllte und gewaltsam verdrängte Bilder heraufbeschwor.

Sie erfuhr zu ihrer Genugtuung, daß Arabella mit Vals in keinerlei Beziehung stehe, daß sie sich darüber aber gar keine Sorge mache, sondern glücklich und zufrieden mit ihrem Georg in Sittenfeld lebe. Dann folgte eine breite behagliche Schilderung ihres Lebens, welche Kitty lebhaft erregte und zu trüben Vergleichen veranlaßte. Von Jagden und Ritten, aber auch von ihren Bestrebungen als Gutsherrin, von dem neuen Bergwerksprojekt Franz von Prechtings, für das sie sich, bisher leider ohne Erfolg, lebhaft interessiere. Das alte, genußfrohe, frische Leben, das sie einst in so vollen Zügen genossen, lag wieder voll Sonnenschein vor Kitty, ja, Arabella schien es sogar zu verstehen, dasselbe mit ernsten Bestrebungen harmonisch zu verbinden. Sie sprach ja wie ein Bergmann. Franz war wohl ihr Lehrmeister, er half ihr wohl zu dem Paradiese, das sie einst zusammen geträumt. Es war kein Neid, der in ihr aufstieg, aber bitteres Weh – Heimweh! Doch dazu war jetzt keine Zeit, jetzt war es an ihr, das Glück zu schildern! Das war allerdings schwieriger Arabella gegenüber, die davon wenig verstand. Sie zeigte ihr vor allem die gefälschten Sehenswürdigkeiten: das maurische Zimmer, die Grotte. Aber Arabella prüfte sofort alles auf ihre Echtheit und erklärte dann unumwunden, das sei ihr Geschmack nicht. Sie müsse ersticken in dieser atemnehmenden Fülle. Dann griff Sie nach den unzähligen Skizzen und Bildern in welchen Paul sie verewigt. Daraus mußte sie doch sehen, wie er sie anbetete.

Arabella bemerkte nur, daß dieses ewige Sitzen und Sichabguckenlassen ihr Tod wäre. Dann kamen die entsetzlichen Fragen, warum Sie kein Reitpferd halte, wie sie den Sport denn gänzlich entbehren könne, nach ihrer Wohnung, ihrer Gesellschaft.

Kitty war glücklich, als sie, ermüdet, angeekelt von all den Lügen, all dem Heucheln, wieder allein war. So lange sie in diesen Verhältnissen lebte, war eine Anknüpfung an die Vergangenheit, nach der sie sich im geheimen sehnte, eine Unmöglichkeit, die Quelle unzähliger Verlegenheiten, Erniedrigungen. Diese wird sich ihr aber immer wieder aufdrängen. Arabella wollte wiederkommen. Sie hatte sogar um die Erlaubnis gebeten, Georg mitzubringen. Franz wird kommen – der Vater über kurz oder lang eine Anknüpfung suchen, dann muß die Lüge ihrer Existenz offenkundig sein, wenn nicht bis dahin etwas geschehen. Es war die Pflicht ihres Gatten, sie davor zu bewahren.

Es kam zu erregten Auftritten. Die ersten gegenseitigen Vorwürfe wurden laut. Er: Du wirst nie begreifen, was künstlerisch schaffen heißt! Du hemmst durch die kleinlichen Sorgen den Flug meiner Phantasie! Du bist und bleibst eben Kitty!

Sie: Du darfst mich nicht dem Gespötte der Leute preisgeben! Du darfst nicht dulden, daß meine Familie recht behält, wenn sie unsere Ehe verurteilt! – Dann wieder, selbst erschreckt von der innersten Kälte ihrer Vorwürfe: Du bist ein großer Maler, allen über, wenn du nur willst. Wenn du dich nur aufraffst zur Arbeit, dich nicht ganz verlierst in Träumen.

Unzähligemal nahm er einen verzweifelten Anlauf. Doch was er heute entwarf, löschte er morgen wieder aus. Es war ein entsetzliches Ringen, und was das schlimmste war, die Idee setzte sich in ihm fest, daß mit Kitty sein guter Genius gewichen. Er war zu sehr in Bann der Sinne geraten. So erklärte er sich's. Das Unbewußte verschloß ihm seine Tore. Daran war die gröbere Atmosphäre seines Weibes schuld, die ihn völlig umschloß. Er behalf sich mit dem Verkaufe kleiner Skizzen, deren Herstellung ihn noch mehr von einer großen Idee ablenkte. Selbst seine Bewunderer machten bedenkliche Mienen zu diesem völligen Versiegen seiner Produktivität.

Da kam es plötzlich über ihn, wie immer aus seiner Stimmung heraus: eine weite phantastische Landschaft mit fremdartigen Wäldern, Wiesen mit leuchtenden Blumen, von Silberflüssen durchzogen, auf welchen eine Herde Schweine weidet. Die Sonne geht unter – alles in Purpur und Violett getaucht. Er selbst sieht von einer öden, mit Dornen und Gestrüpp bewachsenen Höhe hinab auf das verklärte Land, auf einen Stab gestützt, in zerfetztem Gewande, ein Bündel auf dem Rücken. Ein Weib sitzt neben ihm, abgewandt, zusammengekauert, das Antlitz mit den Händen bedeckend, eine Jammergestalt. Die Glut der untergehenden Sonne überströmt das Paar – »Das verlorene Paradies« modern gedacht.

Er schreckte anfangs zurück vor dem Leitmotiv, das er sich selbst nicht leugnen konnte. Das verklärte Land, aus dem er vertrieben, war seine sorglose Vergangenheit, die freie, von keiner Sorge des Lebens geknebelte Phantasie. Das weinende Weib an seiner Seite – Kitty. Das Gewand der Armut, in das sie gekleidet war, das Symbol der angstvollen Zukunftsträume, die Kitty heraufbeschwor, das Bündel am Rücken, das harte Los der Arbeit um das Brot, dem er entgegen ging, verbannt aus der schönen Traumwelt. Der Gedankengang empörte ihn selbst. Das alles war ja nicht der Fall, alles fixe Idee, daß Kitty ihn daraus vertrieb, die drohende Armut. Aber warum sollte er diese sonderbare Idee nicht dankbar benutzen? Es war ja immer so, daß ein an sich bedeutungsloser Anblick, ein geringfügiges Ereignis die größten Entwürfe in ihm weckte. Daß er aus dem geliebten Lande nicht vertrieben, bewies ja zur Genüge eben diese Idee. Die Leinwand war zu klein. Die Landschaft sollte durch ihre Unermeßlichkeit wirken, in das Endlose sich vertiefen, die Figuren im Vordergrund in halber Lebensgröße sich zeigen – ein Monumentalwerk sollte erstehen, eine Licht- und Luftstudie in riesigen Verhältnissen.

Er schloß sich ein, auch Kitty durfte das Atelier einige Tage nicht betreten, bis wenigstens der rohe Entwurf fertig gestellt war. Sie wagte keinen Widerspruch und wartete mit klopfendem Herzen. Sein völlig verändertes Wesen ließ sie das Beste hoffen. Das Auge hatte wieder den früheren tiefen Blick, den sie so lange vermißt, sein ganzes Wesen atmete Milde, Zufriedenheit.

Als sie endlich vor die riesige Kohlenzeichnung trat, fand sie sich nicht zurecht, und doch wirkte die weite Landschaft, von welligen in endlose Ferne verschwimmenden Linien begrenzt, großartig auf sie. Die Gestalten im Vordergrunde waren bereits massiver gearbeitet. Der sehnsüchtige Gram des Mannes war jetzt schon in der ganzen Bewegung meisterhaft ausgedrückt, ohne daß man sein Gesicht sah. Doch Kittys Blick blieb an der weinenden Frau haften. Sie saß der Landschaft abgewandt auf dem rauhen Pfad, in ihren Schmerz versunken.

Kitty hatte ein banges Gefühl. »Was soll das?« fragte sie.

»Doch sehr einfach,« erwiderte er verlegen. »Zwei Scheidende, zwei arme Teufel, welche den letzten Blick werfen auf die verlassene Heimat.«

»Zwei Verbannte, nicht wahr?«

»Auch das, wenn du willst. Ich nenne es: ›Das verlorene Paradies.‹«

Kitty zuckte zusammen, blitzartig entstand in ihr ein längst verwischtes Bild: Schwarzacker – in der mystisch beleuchteten Höhle – Franz! Dort träumte sie von einem Paradiese. Aus dem uns niemand vertreiben soll. – Es ist uns ja für immer verschlossen, das Paradies. – Franz, mit einem Worte sprengst du seine Fesseln. Sie hörte deutlich seine Stimme, ihre Erwiderung: Verloren! Und jetzt stand sie wieder vor einem verlorenen Paradiese, verloren, ehe es gewonnen war, wie damals. Und wieder sollte sie daran schuld sein? Blitzartig leuchtete in ihr der Sinn des Bildes auf – der Last auf der Schulter des gebeugten Mannes.

»Paul, wirf sie ab, die Last, und kehre zurück! Das mutlose Weib soll dir nicht im Wege stehen!«

Das brach so plötzlich aus ihr heraus, es lag ein so elementarer Schmerz in dem tränenlosen Tone, daß Makowsky sie stürmisch an sich zog und mit glühender Beteurung seiner Liebe überhäufte. Er war ja in seinem Innersten entzückt von dem tiefen Eindruck, welchen das kaum angedeutete Bild auf Kitty machte.

Neu gestärkt ging sie aus seiner Umarmung hervor, voll Vertrauen auf die Zukunft, die von neuem verheißungsvoll, farbenprächtig vor ihr lag.

Paul fühlte jetzt das höchste Können, seine Stunde war gekommen.

Kitty wagte keinen lauten Atemzug in ihrem dämmerigen Winkel, wohin sie sich zurückgezogen. Der Genius hatte sich herabgesenkt, sie fühlte einen süßen Schauer, das Fächeln seiner Schwingen.

Eine Woche darauf, das Bild war kaum untermalt, fand große Tafel statt im Atelier Makowskys. Kitty konnte die Ruhmesernte nicht erwarten, man sollte jetzt schon in der ganzen Stadt von dem großen Ereignisse sprechen. Außer den rückhaltlosen Bewunderern waren noch einige Herren der Presse geladen. Das Essen nebst Bedienung besorgte ein benachbarter Gasthof. Sie war jetzt imstande, alle diese ihr völlig ungewohnten, dürftigen Arrangements von der humoristischen genialen Seite aufzufassen. Das nächste Essen, das sie gab, sollte schon anders ausfallen, auch in bezug auf die Gäste. Die erste Gesellschaft wird sich dazu drängen, es wird zum guten Ton gehören im Hause Makowsky zu verkehren, und dann konnte man ja auch die alten Gewohnheiten wieder aufnehmen – Reitpferd, Equipagen. – Auch der Vater wird dann sein Unrecht einsehen! Kurz, die Zukunft lag in so rosigem Licht, daß man diesen Scherz schon noch mit in den Kauf nehmen konnte. Die enthusiastische Anerkennung, welche der Entwurf fand, entschädigte sie reichlich für all die kleinen Peinlichkeiten enger Verhältnisse.

Die gemalten und kaschierten Lügen des Ateliers verliehen trotz alledem dem Ganzen den Schein künstlerischer Vornehmheit und Kitty spielte mitten darin, strahlend vor Glück, auf entzückende Weise die Wirtin. Keiner der Gesellschaft dachte wohl daran, daß dieses blühende schöne Weib und diese in bittern Gram sich verzehrende Jammergestalt dort auf der Leinwand sehr nahe Verwandte waren. Der Gedanke Adam und Eva als ein modernes Menschenpaar wiederzugeben, die Legende in die Gegenwart zu versetzen, begeisterte allgemein. Das war ein kräftig geführter Schlag gegen die verhaßte, konventionelle Tradition. Man freute sich schon im voraus über die Entrüstung der Alten, das Zetergeschrei der Frommen. In dem bemitleidenswerten Verbannten erblickte man den unter der Last veralteter akademischer Gesetze, unter dem Zunftzwang sich beugenden Künstler, der im Schweiße seines Angesichtes sein Brot zu verdienen verurteilt ist; unerreichbar unter ihm lag das fruchtbare Land freier Kunstentwicklung. Freilich die Deutung des weinenden Weibes war schwieriger.

Kitty lauschte gespannt darauf, doch man kam auf alles eher als auf die ursprünglich leitende Idee Makowskys. Dieser wehrte sich überhaupt gegen jede hineingedeutete Symbolik. Die Vertreibung aus dem Paradiese, weiter soll das Bild nichts vorstellen. Es erhoben sich lebhafte Debatten über die Landschaft. Die einen rieten zur realistischen Darstellung übereinstimmend mit den Figuren, eine echte deutsche Landschaft, die andern zu einer völlig idealen, phantastischen! Gerade durch solche gewagte Ungebundenheit werde der Widerspruch der Gegner, die Verblüffung des Publikums am vollkommensten erreicht. Champagner erhöhte die Begeisterung.

Ein gewisser Steiner, ein herkulisch gebauter Mann, mit einem dichten blonden Haarwald, sprang vor die Leinwand und markierte mit dem Kohlestift, wie ein Feldherr auf dem Plan, seine Idee.

Sonnenaufgang! Intensives, goldenes Licht, in dem die Landschaft in violettem Tone erscheinen muß. Auf den Wiesen wandelnde Paare, reigenschlingende Mädchen, in leuchtenden Gewändern. Auf den Flüssen und Seen buntes Geflügel, kein Wald, nur sanft wellige Höhen, ins Unendliche zerfließend.

Ein anderer nahm seinen Platz ein.

Sonnenuntergang! Dämmerung! Alles in tiefblauen Tönen verschwimmend. Heilige Feuer glimmen auf Opferaltären.

Ein wütender Kolorist entwarf eine Farbenorgie. Ein Bildhauer stellte einen barock stilisierten Erzengel mit gezücktem Schwerte, inmitten der Landschaft, als Lichterscheinung gedacht. Kurz, jeder schuf sich sein eigenes Formen- und Farbenparadies, ohne sich um die zwei Jammergestalten im Vordergrunde zu kümmern; nur Kitty beschäftigte sich ausschließlich mit ihnen. – Sie wollte die beiden Gestalten in irgend einer Verbindung haben. Das innige Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit, auch im Elend, sollte ausgedrückt sein.

Diese Absonderung des Weibes erschien ihr unnatürlich. Sie gehörte an die Seite des unglücklichen Gatten. Mit einem lieben Blick, einem innigen Worte kann sie ihm das ganze Paradies vergessen machen, so daß er getrost weiterzieht, in das Land der Mühsale, wie einst Adam an der Seite Evas.

Makowsky, welcher bisher in schweigender Größe, nur dann und wann selbstbewußt lächelnd, den Streit um das Bild mit angehört, widersprach dieser Ansicht Kittys energisch.

Die qualvolle Betrachtung des auf immer Verlorenen dürfe durch kein weiteres Empfinden gestört werden, In diesem Augenblick fühlt das Weib, das heißt Eva, setzte er ausdrücklich hinzu, die Schwere seiner Schuld, daß jedes Wort, jede Berührung nur den Grimm anfachen müsse seines Begleiters, dessen Verderben sie heraufbeschworen. Sie wagt es nicht mehr, einen Blick zurückzuwerfen auf das verscherzte Eden, darum sondert sie sich ab. Die Größe der Schuld drückt sie zu Boden.

Kitty verstummte. Sie stand auf und machte sich im Atelier zu schaffen; als Makowsky ihr folgte, sah er sie in Tränen. Vergebens erklärte er ihr, während der Lärm am Tische immer mehr anschwoll, daß ja jede persönliche Beziehung fehle, seiner Anschauung eine objektive sei, daß, auch gesetzt den Fall, diese Idee habe sich aus einer augenblicklichen bedrückten Stimmung entwickelt, diese längst wieder einer freudigen, hellen gewichen sei.

Eine böse Ahnung fiel sie an mit Geierkrallen.

Da trat ein Diener ein mit einer Karte.

Das Herz stand ihr still – Franz von Prechting!

Sie hatte ihn nicht mehr gesehen seit jenem verhängnisvollen Abend. Eine Flut von Erinnerungen stürzte über sie.

Makowsky entging nicht ihre hochgradige Erregung.

»Was will denn der Mensch von uns?« sagte er ärgerlich. »Die Clique hat wohl schon gehört von meinem Bilde und will sich nun heranmachen! Da soll sie aber was erleben!«

Diese größenwahnsinnige Bemerkung öffnete Kitty vollends die Augen.

»Das ist doch nicht wohl möglich,« erwiderte sie mit einem spöttischen Lächeln. »Außerdem verlasse dich darauf, mein Vetter ist nicht zudringlich.«

Sie befahl dem Diener, den Besuch nebenan in das maurische Gemach zu führen.

»Warum führst du ihn nicht hier herein? Er kommt ja gerade recht! Oder ist vielleicht die Gesellschaft nicht gut genug für den Herrn Baron?«

»Paul, keine Bitterkeit! Nur jetzt nicht. Er kommt im Auftrage des Vaters, er bringt Versöhnung, Frieden Paul, für dich, für mich!«

»Für mich? Frieden? Was heißt das?«

»Das heißt, daß du wieder frei schaffen kannst, ohne Sorge, ohne Hast.«

»Und das sagst du mir jetzt, in diesem Augenblick, daß ich deinen reichen Vetter dazu brauche? Vor diesem Bilde? – Ja, da könnte man freilich alle Zuversicht verlieren – da – da –«

Er war außer sich. Die Gäste wurden aufmerksam.

»So meinte ich es ja nicht, Paul,« flehte Kitty verzweifelt, »aber er ist ja doch mein Vater!«

»Gut, gehe nur! Geh'! Bettle, flehe um Verzeihung, um Unterstützung. – Mein Gott, ich hätte es ja wissen können! – Aber ich nicht! Ich nicht! Geh'! Geh' doch!«

Die Kollegen versuchten den Aufgeregten zu beruhigen. Kitty hätte in den Boden versinken mögen vor Scham, unendlich weh' war ihr um das Herz. Sie mußte Atem holen, sich fassen, bevor sie die Portiere hob vor dem Kabinett.

Paul beruhigte sich noch immer nicht.

»O ich sage euch, Kinder, nicht verstanden werden! Immer wieder herabgezogen werden in die gemeine Alltäglichkeit! Das ist das Entsetzlichste für unsereinen – die Hölle!«

Kitty empfand jedes Wort wie einen Dolchstich. Mit einem raschen Griff hob sie die Portiere.

Franz stand vor ihr! Seine mächtige Gestalt schien ihr den ganzen engen Raum zu füllen. Er reichte ihr schweigend die Hand.

Sie ergriff sie und brach in lautes Schluchzen aus. Der Lärm außen übertönte es.

»Ich störe wohl? Du hast Gäste,« begann Franz, verwirrt durch den unerwarteten Empfang.

Kitty faßte sich rasch.

»Allerdings! Wir feiern ein kleines Fest!« erwiderte sie. »Paul hat ein neues Bild begonnen, ein Meisterwerk! – Wie ich nur weinen kann, aber es übermannt mich so. Die Erinnerung an den Vater – an die Heimat – – Du wirst das begreifen.«

»Gewiß, Kitty, voll und ganz! Ich komme ja im Auftrage des Vaters und deine Tränen machen seine Erledigung leichter als ich gedacht. Du sollst nach Vals kommen – er will dir alles verzeihen, wenn du kommst, dein Unrecht einsiehst –«

Diese letzten Worte reizten Kitty und weckten von neuem ihren Trotz.

»Sieht er das seine ein? Daß er mich Georg geopfert hätte, wenn nicht Arabella dazwischen getreten wäre?«

»Er sah es ein, leider zu spät.«

»Nur um mir eine neue Demütigung zu bereiten.«

»Eine neue Demütigung?«

»Indem er meine Hand einem andern bot – dir, Franz! Du zwangst mich zur Flucht an jenem Abend. – Ich dachte nicht daran.«

»Ich? An jenem Abend?«

»Ich erwartete Georg, der Depesche nach, die ich las. Der Vater wird ihn noch zur rechten Zeit beredet haben, Arabella aufzugeben, zu mir zurückzukehren, dachte ich. – Ich wollte nicht vor ihm fliehen, ich war zum äußersten Widerstand bereit, da sah ich dich den Wagen verlassen – du gingst nur wenige Schritte an mir vorüber vor – dir floh ich.«

»Das ist unmöglich! Du konntest nicht glauben, daß ich mich dir als Gatten aufdrängen werde.«

»Das nicht – ich meine das nicht –« entgegnete Kitty verwirrt, »aber ich fürchtete mich – ich wollte dich nicht kränken – Was war mir Georg? Aber du – du – Franz –«

Lautes Gelächter, Gläserklang, Hochrufe, ertönten von außen. Beide waren dankbar für diese Unterbrechung.

»Ich werde mit Paul darüber sprechen,« sagte Kitty. »Er ist so fürchterlich empfindlich, gerade jetzt, nach diesem Erfolg.«

»Erfolg?« fragte erstaunt Franz. »Du sagtest ja eben, er habe das Bild erst angefangen.«

»Ja allerdings, aber du hörst doch, wie er gefeiert wird. – Zweifelst du denn daran?«

»Das nicht, aber von einem Erfolg, einer Arbeit kann man doch erst sprechen, nachdem dieselbe vollendet ist.«

»Ach, du verstehst die Künstler nicht. Da ist alles so ganz anders. Ich bitte dich nur um eines, sprich darüber nicht mit Paul, er würde dich nicht verstehen.«

»Jedenfalls wird er als Ehrenmann nichts sehnlicher wünschen, als die Aussöhnung mit deinem schwer gekränkten Vater, dir zuliebe, ganz abgesehen von eurer wirtschaftlichen Sicherstellung,« bemerkte Franz.

Kitty klammerte sich an diese letzten Worte. Das war wieder der Ton, aus der kalt berechnenden begeisterungslosen Welt, die sie verlassen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick erhaben über diesen Mann.

»Du irrst dich, Franz,« sagte sie mit sichtlicher Genugtuung. »Derlei Dinge wirken nicht bei uns Künstlern, die überlassen wir den Vornehmen, den Aristokraten. – Außerdem ist mein Mann hinreichend durch seine Kunst sicher gestellt und bedarf dazu keines Schwiegervaters gerade jetzt nicht. – Ich warne dich, Franz, du würdest alles verderben.«

»Beruhige dich, Kitty,« entgegnete dieser gelassen. »Ich werde den Stolz deines Gatten nicht verletzen, aber du wenigstens sei offen gegen mich, wie du es immer warst. Wer dich – kennt wie ich, läßt sich nicht täuschen. Es ist nicht alles wie du sagst! Dein bester Freund steht vor dir. – Komm zu uns, du wirst mit offenen Armen empfangen, ohne Vorwurf. Du bettelst ja nicht, du trittst nur in dem Recht ein, als die Erbin von Vals. Auch für deinen Gatten werden die veränderten Verhältnisse heilsam sein. Die kräftige Luft, die herrliche Natur, die Ruhe. – Er wird neue Wurzel fassen, neue Kraft saugen aus dem treuen Boden von Vals. Wir bringen dem Stolz oft zu große Opfer, die wir bitter bereuen müssen. Glaube mir, ich spreche aus Erfahrung.«

Diese letzte Anspielung brach vollends ihren Trotz. »Ich komme, Franz!« sagte sie, ihm die Hand reichend. Eine augenblickliche Stille trat ein, durchzittert von gemeinsamer Erregung.

In diesem Augenblick trat Makowsky ein.

Er sah die Hände der beiden noch ineinander ruhen. Seinen scharfen Augen entging nicht die innige Beziehung zwischen beiden.

Er hatte eingesehen, daß er Kitty wehe getan. Die verdoppelte Schmeichelei seiner Gäste, welche sich die Laune nicht verderben lassen wollten, hatte ihn versöhnlich gestimmt, bei diesem Anblick jedoch schwankte sein guter Vorsatz. Die derbe Erscheinung Franzens wirkte außerdem unsympathisch auf ihn.

»So weit schon?« sagte er in spöttischem Tone, »das geht ja sehr rasch! Und welchem Umstand hat wohl meine Frau diesen auffallenden Umschwung zu danken? – Ihrer Vermittlung wohl, Herr Baron? Zwar sehr liebenswürdig, aber da es sich doch nicht allein um Kitty handeln dürfte, möchte ich doch auch ein Wort mitsprechen.«

»Das sollen Sie, Herr Makowsky, und zwar das entscheidende – das allem Unfrieden ein für allemal ein Ende machen soll. – Sprechen Sie es aus, ohne alle Bedenken und Verhandlungen. – Sie stehen, wie ich höre, vor einem großen Werke –«

»Und der Herr Graf fürchtet wohl die Blamage, wenn es an die Öffentlichkeit kommt – mein Name in aller Leute Mund – mich behandelt zu haben wie einen frechen Eindringling in seine hohe Familie, er will noch zur rechten Zeit den Gnädigen spielen, ehe es zu spät sein dürfte –«

Franz stieg die Zornesröte in das Gesicht, über diese wahnwitzige Anmaßung. Ein Blick auf Kitty mußte ihm erst seine Ruhe wiedergeben. Er war ja mit dem festen Vorsatze gekommen, der Eigenart dieses Mannes Rechnung zu tragen, die alten Fehler zu vermeiden.

»Sie irren vollständig, mein Herr,« erwiderte er gelassen, jeden Anflug von Spott vermeidend. »Der Graf hat keine Ahnung von Ihrem Bilde, ebensowenig als ich sie hatte. Das Ereignis dürfte nur in Ihren intimsten Kreisen bekannt sein.«

»Entschuldigen Sie, es erscheinen bereits in allen Blättern Artikel darüber. Aber allerdings, Sie mögen recht haben, derartige Dinge liest man nicht auf Schloß Vals, man hat dort Wichtigeres zu tun.«

»Augenblicklich schon!«

»Das kann ich mir denken. Reiten – Jagen – Aber Sie werden es begreiflich finden –«

»Nicht ganz erraten, Herr Makowsky. Wir stehen vor einer Verbindung der beiden benachbarten Gruben Schwarzacker und Sittenfeld. Ein Unternehmen von weitragendster Bedeutung für die ganze Landschaft, für Hunderte von Existenzen. An dem Tage des Durchschlages soll ein Fest gefeiert werden, bei welchem vor allen die Erbin von Schwarzacker nicht fehlen soll. Das ist die äußere Veranlassung. Die innere brauchen Sie wohl nicht lange zu suchen. Graf Seefeld ist in hohen Jahren, Kitty sein einziges Kind, das er über alles liebt. Das Maß der Sehnsucht ist voll. Er bietet Ihnen die Hand zur Versöhnung, und sendet als Vermittler seinen und Ihrer Gattin treuesten Freund, der auch der Ihre sein wird, wenn Sie ihn als solchen annehmen wollen. – Sie sind Künstler, ich bin Arbeiter. Wir scheinen uns beide fremdartig, Bürger verschiedener Welten, lernen wir uns erst kennen, es wird lange nicht so weit fehlen, als es jetzt den Anschein hat. Wollen Sie? Darf ich Sie Vetter nennen?

Franz reichte dem Maler die Hand.

Er schlug mit einem Feuer ein, welches Kitty glückselig aufjubeln ließ.

Die männliche Klarheit, welche aus diesen Augen strahlte, die rückhaltlose Wahrheit seiner Worte wirkten mächtig auf Makowsky. Mit seiner aufgeriebenen Nervenkraft fühlte er sich jetzt hingezogen zu dem starken Manne. Er schämte sich der Tränen, die ihn, wie bei jeder leisesten seelischen Erregung, auch jetzt in die Augen traten.

»Und jetzt lasse mich dein neues Werk sehen! Ich bin vielleicht gar nicht so unverständig, wie du glaubst.« Kitty küßte stürmisch ihren Gatten.

Jetzt war wieder alles Licht, Sonnenschein. – Der Vater! – Franz! – Die Heimat! – Das Meisterwerk auf der Staffelei!

Die Herren hatten unterdes dem Champagner scharf zugesetzt. Ein hitziger Kunststreit unter ihnen selbst im besten Gange. Dröhnender Stimmenlärm erfüllte das Atelier, um die Madonna in der Nische zog der bläuliche Qualm der Zigaretten.

Kitty schämte sich vor Franz, diese Menschen kamen ihr jetzt so entsetzlich gewöhnlich vor in ihrem ganzen Gebaren. Und die unordentliche Tafel mit dem geliehenen Tischzeug, der Zigarrenasche auf den Tellern – mit einem Blick mußte er ja ihre ganze Lage erkennen, die Hohlheit dieser ganzen prächtigen Umgebung. Doch Franz schien das alles nicht zu bemerken, er trat mit Makowsky vor das Bild. Die Größe beunruhigte ihn, Welche Verwendung sollte diese Riesenleinwand finden? Doch wagte er keine Frage. Er war ja nicht einmal imstande, sich auf dem Bilde zurecht zu finden, dessen Verständlichkeit durch verschiedene Korrekturen der Gäste grade nicht gewonnen hatte.

»Jetzt erkläre mir einmal, was das alles vorstellen soll, lieber Vetter! Wenn du einmal nach Schwarzacker kommst, werde ich mich revanchieren,« sagte er unverhohlen.

»Sehr einfach der Gedanke,« erwiderte Makowsky, »hier Adam, hier Eva! Beide blicken zurück auf das verlorene Paradies.«

Die Blicke Kitty und Franz' begegneten sich. »Das verlorene Paradies,« sagte er mit sonderbarer Betonung.

»Ja, so soll es heißen,« meinte Makowsky.

»Dabei kann man sich viel denken, jeder hat ein anderes Paradies verloren,« bemerkte Franz.

»Nicht wahr, ein großer, dankbarer Vorwurf?«

»Das wohl, aber offen gesagt, diese ganze Legende vom verlorenen Paradies ist mir in der Seele zuwider.«

»Das ist neu! Warum denn?« fragte Makowsky.

»Es ist nicht wahr, daß unser Paradies im Schlaraffenland und die Arbeit eine Straße Gottes ist. Sie ist eine Wohltat, sie ist eine sittliche Notwendigkeit, die Bedingung des Glückes, des wahren Menschenparadieses. Ein großer Teil unserer Anschauungen über Arbeit, die so viel Unglück bringen in die Welt, so viel Unzufriedenheit, lege ich diesem orientalischen Märchen zur Last, das für uns so wenig paßt wie die verweichlichende, alle Kraft lösende Luft des Harems. Im Schweiße des Angesichts sollst du dein Brot verdienen. Jawohl, das soll er auch, der Mensch, und dieses Stück Brot schmeckt ihm bekanntlich besser als das im paradiesischen Überfluß verzehrte, raffinierteste Mahl.«

Franz hatte sich in Eifer gesprochen. Die Tischgesellschaft lachte laut auf über die paradox klingende Ansicht.

»Das ist auf uns gemünzt!« – »Paradiesischer Überfluß, ist sehr gut!« – »Er ist ja verrückt, ich kann schwören, daß ich nie besser bei Appetit bin, als wenn ich nichts arbeite!« – »Der Teufel hole den Schweiß, ich war nie ein Freund davon!« schwirrte es durcheinander.

Makowsky lächelte nur mitleidig. »Sie vergessen, daß eben der Gott, der diese Worte spricht, der größte Künstler war, noch ganz entflammt von seinem Meisterwerke, der Schöpfung! Glauben Sie etwa, sie sei ein qualvolles Produkt seiner Arbeit? Das hätte eine saubere Welt gegeben! Sie ist ein Produkt seiner Phantasie – in ihrer ganzen göttlichen Wollust erzeugt – und dieser Gott wollte auch seinem Liebling, dem Menschen, für immer diese selbstempfundene Wonne freien, fessellosen Empfindens, traumhaften Schaffens, seligen Schauens zukommen lassen – dazu schuf er das Paradies! Ein Künstlerheim! und als der Mensch sich gegen ihn empörte, dem Meister gleich sein wollte, da verstieß er ihn daraus und erdachte die Arbeit zum Fluch, die Qual um das Leben, die ihn an die Erde fesseln sollte gleich dem Tiere, den hohen Flug seines Geistes hemmen; an die Stelle der Nachempfindung göttlicher Schaffenswonne setzte er niedere tierische Verrichtung und Sorge – die Arbeit! Daß wir uns mit ihr versöhnt haben, als absolute Notwendigkeit, ändert daran nichts. Sie ist und bleibt der alte Fluch des Gottes, gerade für den, welcher den Paradiesmenschen noch nicht ganz ausgezogen – für den Künstler! Sobald er sich einmal emporschwingen will zu göttlicher Schaffenskraft, die aus geheimnisvollen Tiefen urplötzlich in ihm aufsteigt, hemmt die Arbeit seinen kühnen Flug, das trostlose Handwerk, an dem er sich die Schwingen blutig stößt. Er sucht ihre häßlichen Spuren zu verwischen, aber vergebens! Überall drängen sie sich hervor, sie entedeln die schönste Form, nehmen jeder Farbe ihre Glut. Und er häuft nur neue auf die alten. Immer gequälter wird das Werk, die Offenbarung flieht – der Fluch bleibt – die Arbeit im Schweiße des Angesichts!«

Ein stürmisches Bravo der Tafelrunde erscholl bei dem Schluß der Rede Makowskys. Er sprach auch mit hinreißender Wärme, von dem Gegenstand sichtlich erfaßt, selbst empfundener Schmerz sprach daraus. Er war bleich vor Erregung, ballte wiederholt die Faust gegen das »verlorene Paradies.« »O, Sie ahnen ja gar nicht, was für Bosheiten und Tücken hier schon wieder auf mich lauern, unzählige Schlingen und Fallen, unübersteigliche Gebirge, flach durstige Wüsten – dieser Kampf mit der Technik, mit dem Material, eben mit dem Fluch, dessen Größe Sie nicht begreifen, aus dem Sie einen Segen machen wollen.«

Der Wahnwitz leuchtete aus diesen Augen. Franz durchschaute die ganze Krankheit dieses Mannes, so fremd ihm sein Beruf auch war. »Ich begreife wohl alle diese Schwierigkeiten, aber ich meine nur, du mißest der Arbeit in deiner Kunst eine Schuld bei, deren Grund anderswo liegt. In der Unzulänglichkeit alles Menschlichen, in dem vergeblichen Unterfangen, die irdische Schranke der Kunst ins Unendliche zu verschieben. Gerade die Arbeit, das Handwerk, das du so verachtest, denke ich mir als gesunden Nährboden für den Künstler, auf den er immer wieder zurückkehren soll von seinem kühnen Fluge in das Unendliche, das einmal keine Heimat ist für uns Menschenkinder, in dem der Wahnsinn lauert, auf den, der diesen ganz verloren. Die Phantasie allein ist ein leerer Begriff, die Tat muß folgen, und mit der Tat: folgt auch der Kampf, die Arbeit. Die Phantasie muß sich der jeweiligen Kraft zur Tat, zur Arbeit anpassen, wenn sich etwas Rechtes gestalten soll im Leben, wie in der Kunst – alles gleich …«

»Anpassen!« Makowsky lachte laut auf – »als ob man das könnte! Aber was red' ich denn! Du sprichst von der Grube Schwarzacker, von dem beabsichtigen Durchschlag, ich von meinem Bilde, da werden wir uns wohl nie einigen, lassen wir es! Ich werde das verdammte Ding da schon zwingen, keinen Schritt weiche ich eher. Ihr sollt einmal was erleben! Das soll ein Durchschlag werden, lieber Herr Vetter, der noch etwas mehr von sich reden machen wird als der deine!«

Makowsky stellte jetzt erst Franz seinen Gästen vor. Der Mokka wurde serviert. Die Unterhaltung wurde ruhiger geführt, die Anwesenheit des Fremden legte sichtlichen Zwang auf.

Kitty kam nicht zu Ende mit Fragen an Franz, alle Energie wurde in ihr lebendig, die alte Liebe erwachte zum Vater, zur Heimat. Die Wurzeln, welche sie damit verbanden, waren nicht abgerissen, nur schmerzlich verzerrt. Sie war also das geworden, was sie ihr zugedacht, eine tüchtige Gutsherrin. – Die Kunstreiterin! Wie war das nur möglich? Warum gelang es ihr nicht, was dieser gelungen, die Anpassung an völlig fremde Verhältnisse? Die Liebe allein konnte doch daran nicht schuld sein. Darin wenigstens war sie doch Arabella überlegen. Sollte die Kluft zwischen ihr und dem Maler eine größere, schwerer auszufüllende sein, als zwischen einem Baron Prechting und einer Reiterin! Arabella machte schon damals im Gasthof diese Andeutung. Sie war damals empört darüber. Aber es bestand ja gar keine Kluft zwischen ihr und Paul. Sie stimmte ja vollkommen überein mit ihm, eben lauschte sie begeistert seinen Worten über die Kunst. Wie nüchtern, verständig klang die Erwiderung Prechtings, jedes hohen Schwunges her, grade wie damals in Schwarzacker die Antwort auf ihre leidenschaftliche Hingabe – und doch fühlte sie die unerbittliche Wahrheit heraus, gegen die alles Sträuben, alle schönen Worte nichts halfen. Der Wahnsinn lauerte in den Regionen, in welchen ihr Gatte wandelt, das Land der Phantasie, das Paradies, nach dem er sich sehnte, kann nie eine Heimat werden.

Die Dämmerung schlich in alle Winkel. Sie blickte jetzt mit Grauen auf das Bild. Die weite Ebene zerfloß in das Unendliche, in ein Farbenchaos, die zwei Figuren im Vordergrunde wuchsen zu riesigen, gespenstischen Schatten.

Die Gäste entfernten sich, nachdem sie dem Bilde noch einmal, wie einem bereits vollendeten Meisterwerk ihre Bewunderung gezollt, riesige Preise bestimmt, einen phänomenalen Erfolg geweissagt.

Franz wollte heute noch den glücklichen Ausgang seiner Sendung melden. Dieselbe wurde allerdings im letzten Augenblick durch die Erklärung Pauls abgeschwächt, nicht eher nach Vals kommen zu können, bis sein verlorenes Paradies wenigstens dem Entwurf nach feststände, jede Ablenkung und seelische Erregung sei in diesem Stadium geradezu das Verderben des Ganzen. Übrigens liege seiner Frau nichts im Wege, früher nach Vals zu gehen, am Ende handle es sich doch mehr um sie als um ihn, und der Graf könne seinen Anblick gewiß leichter verschmerzen.

Kitty empfand das bitterste Weh über diesen Vorschlag, er ließ ihr keinen Zweifel mehr über ihre Stellung zu Paul. Er bedurfte ihrer nicht einmal in dieser wichtigen Zeit, ja, sie war ihm wohl nur eine Last, ein Hindernis, und die Gelegenheit, sie zu entfernen, kam ihm ganz gelegen. Jetzt galt es ihr Höchstes! – Entweder in Wirklichkeit das jammervolle Weib dort auf dem Bilde oder sein guter Genius. Sie wies den Vorschlag mit einer leidenschaftlichen Entrüstung zurück, daß Franz nichts zu entgegnen wagte in der Besorgnis, alles zu verderben.

Makowsky hoffte, in vierzehn Tagen bereit zu sein, solange war ja das Fest hinauszuschieben, wenn auch in Franz der Unmut gärte, ein so wichtiges Ereignis dem Eigensinn dieses Mannes unterworfen zu sehen, ein Umstand, der ihm wenig Hoffnung gab für die Zukunft Kittys. Es lag darin für ihn, den praktischen Arbeitsmenschen, einerseits eine großartige Überhebung, anderseits eine völlige Verkennung der Werte.

Kitty ließ ihn leichten Herzens ziehen. Die Freude, die sie eben noch empfunden über ihre bevorstehende Rückkehr nach Vals, zum Vater, war einem andern Gefühl gewichen. Es gab keine Brücke von dieser in jene Welt, die Anschauungen sind zu verschieden, jede Verbindung konnte nur eine äußerliche sein. Vor allem gehörte sie an die Seite ihres Gatten.

Makowsky war fest entschlossen, Vals nur im Vorgefühle seines sichern Sieges zu betreten. Die Unterredung mit Franz hinterließ eine lebhafte Beunruhigung in ihm, er konnte sich dem Wahren nicht verschließen, das in seinem Worte lag, und es verdroß ihn, daß der Laie, dessen Urteil er für nichts achtete, seine Schwäche durchschaute, eine überschäumende Phantasie, der die Kraft der Verwirklichung gebrach. Er mußte ihn widerlegen, ihn und alle, die so von ihm denken, denn aus sich heraus hatte der Junker das nicht geschöpft, er hatte es irgendwo aufgeschnappt. In der ganzen Stadt urteilt man wohl so über ihn! Da kam das Bild grade recht, um diesen Pöbel zu widerlegen. Es ergriff ihn ein drängendes Fieber, er konnte das Bild nicht verlassen, obwohl die Dunkelheit schon angebrochen war. Kitty mußte Licht machen, dann stieg er auf die Staffelei und legte große Flächen an. Kitty wagte kein störendes Wort. Sie blickte, in demselben Winkel gekauert, in welchem sie bei ihrem ersten Atelierbesuch so glücklich geträumt von seligen abendlichen Stunden mit ihm, auf den Schatten ihres Gatten, der in grotesken hastigen Bewegungen über die riesige Leinwand huschte wie ein Nachtgespenst.

Drei Wochen waren verflossen seit dem Besuche Prechtings, drei Wochen saß Kitty in dem Winkel und blickte auf die gewaltige Leinwand, die unter Makowskys unermüdlichem Pinsel den verschiedenartigsten Anblick bot. Eine giftige Farbenluft erfüllte den Raum, welche der riesigen, feuchten Fläche ausströmte. Ihre Augen schmerzten von dem ständigen scharfen Sehen, ihr Kopf von dem ständigen ängstlichen Bemühen, die Farbenrätsel zu lösen, welche Makowsky täglich neu erfand. Goldene Flüsse mit bunten Fabelwesen darauf, die sich durch violette, mit grellfarbigen Punkten besäte Waffen schlängeln, durch die Weiden des Paradieses. Abenteuerliche Lichtspiele eines ephemeren Gestirns, in den Lüften glitzernde Strahlenbomben. Aber trotzdem war sie glücklich wie noch nie. Er verlangte jetzt selbst ihre ständige Gegenwart, befragte sie um die Wirkung, um Ansicht und Rat, ja, er stellte ihr listige Fallen, um ihre Ehrlichkeit zu erproben. Er frohlockte, wenn sie seine Intention erriet, er verzweifelte, wenn sie fehlgriff. Und sie lernte mit der unendlichen Kraft der Liebe, die ihr jetzt erst vollends herangereift schien, wo ihr Traum sich erfüllte – seine Farbensprache zu verstehen, vom leisesten Stammeln bis zum brausenden Hymnus. Ja, sie war zuletzt selbst entzückt davon, fing an, sie für die einzig Wahre zu halten, und freute sich im Innern über die Kurzsichtigkeit der Kollegen die oft ratlos in sichtlicher Verlegenheit vor dem Bilde standen, wie damals Franz. Nur eines sorgte sie: er überarbeitete sich. Verderbliches Fieber wütete in seinem Körper; daß es auch sie bereits ergriffen, auch ihre Wangen bereits gebleicht, daran dachte sie ja nicht. Die Stunden der Verzagnis, völliger Entmutigung mehrten sich. Dann floh er förmlich von einer innern Angst getrieben zu ihr, wie um an einer frischen Quelle seine versengten Lippen zu fühlen.

Franz drängte, er durfte ja dem Grafen den wahren Sachverhalt nicht mitteilen. Der Vollendung eines Bildes halber hielt ihm dieser Mensch sein Kind vor! Das hätte er nimmer verziehen, ihm nicht und Kitty nicht. Franz mußte alle erdenklichen Ausflüchte und Listen ersinnen, das Fest zu verzögern, aber in die Länge ging es nicht mehr.

Kitty wagte es nicht, Paul davon Mitteilung zu machen. Sie sah jetzt selbst ein, daß eine Störung bei diesem Schaffen qualvoll sein müßte, so heilsam auch eine Erholungszeit in Vals gewesen wäre. Am Schluße der dritten Woche jedoch stand die Sache anders.

Paul war aufgezehrt von der Arbeit, seine Unsicherheit nahm bedenklich zu, er vernichtete oft in einer Minute die Arbeit von Tagen. Nichts befriedigte ihn mehr, alles erschien ihn matt und farblos. Die Tiefe der weiten Ebene wollte ihm nicht mehr gelingen, das Unbegrenzte, in der Ferne Zerfließende – dieser Baron Prechting sollte also recht behalten! – Seine Kraft der Darstellung stand in keinem Verhältnis zu seiner Phantasie! Dann war er ein armseliger Träumer. Was kümmerten sie sich darum, daß er titanenhaft rang mit dem alten Fluche der neidischen Götter,

Eines Abends – Kitty hatte sich den Nachmittag über an heftigen Kopfschmerz leidend auf ihr Zimmer zurückgezogen – holte er sie mit triumphierender Miene. Sie erschrak über sein Aussehen, er glich einem Irren. Wortlos führte er sie vor das Bild. Im ersten Augenblick fuhr sie entsetzt zurück. Sie kannte es kaum mehr. Ein wilder Brand loderte am Horizont des Paradieses, jede Kontur verzehrend. Seine Reflexe waren über das ganze Bild zerstreut, sie spielten auf dem Saume der Wälder, in den Seen und Flüssen, auf den Figuren der beiden Vertriebenen. Er hatte die ganze Luft ergriffen und schlug gleichsam aus dem Bilde selbst dem Beschauer glühend heiß in das Angesicht.

Makowsky deutete ihr entsetztes Staunen falsch. »Nun, was sagst du jetzt? Ist das Handwerk jetzt auch noch Herr über mich? Ist das Unterfangen immer noch vergeblich, die Schranken der Kunst in das Unendliche zu verschieben?« – Der volle Sieg leuchtete aus seinem bleichen Angesicht und noch etwas – der Wahnsinn, von dem Franz sprach.

Ein Gedanke erfüllte sie blitzartig: er muß fort nach Vals! – »Großartig! Gewaltig!« sagte sie dann und die Tränen höchster Begeisterung, wie er glaubte, liefen über ihre Wangen.

Makowsky lachte verschmitzt. »Kommst du denn nicht darauf? Es ist ja nur eine Kriegslist. Ich habe sie einfach verbrannt, die verhaßten Schranken, die ich nicht heben kann! Jetzt sollen sie nur suchen danach – die Tröpfe! O, das ist ja nur die Idee, das soll noch ganz anders kommen! Jetzt weiß ich einmal, was ich will!«

Kitty ergriff ein Schwindel, das ganze Farbenmeer vor ihr wogte durcheinander. Sie eilte davon und telegraphierte Franz: »Erwarte dich sicher mit Frühzug.«

Als sie morgen nach einer unruhigen Nacht erwachte, war Pauls Lager schon leer – sie wußte, wo er war – im Atelier. Sie kleidete sich rasch an. Wenn er die Arbeit von neuem begann, war alles verloren! Als sie die Stiege hinabeilte, kam ihr Franz entgegen. Er erschrak über ihr verstörtes Aussehen.

»Was ist geschehen, Kitty?« – Der Ton, in dem er fragte, die Erwartung in seinem Antlitz erzeugten eine grauenhafte Vorstellung in ihr.

»Noch nicht,« sagte sie in einem herzzerreißenden Tone, »aber er muß heute noch mit uns nach Vals – sofort! Du mußt ihn als einen Kranken betrachten. Wundere dich über nichts, widersprich nicht. Nur eine Lüge kann ihn retten.«

Als sie das Atelier betraten, saß Makowsky auf einer Sprosse seiner Leiter zusammengekauert wie ein Affe, halb angekleidet, ungekämmt und starrte auf das Bild. Er warf Franz einen gehässigen Blick zu und blieb ruhig sitzen. – »Ah, der Herr Vetter will wohl nachsehen, wie es mit der Anpassung steht?« begann er. »Du kannst dich freuen – schlecht – sehr schlecht! Du sieh dir mal den Unsinn an – mein Paradies!«

Kitty gab es einen Stich in das Herz. »Und gestern warst du so befriedigt,« wagte sie schüchtern zu sagen.

Da brauste er schon auf: »Gestern! – Gestern war ich eben überarbeitet, da hat man kein Urteil mehr! Aber wenn man wieder bei Vernunft ist, etwas ausgeruht, dann ist es zum Anspucken, der reinste Bilderbogen!«

»Du hast eine schlechte Nacht gehabt, bedenke das wohl. Du bist nicht ausgeruht. Du brauchst vor allem der Erholung.«

»O, ich verstehe! Ihr wollt mich weg haben, nach Vals. Natürlich, das Fest muß ja gefeiert werden, das ist ja viel wichtiger als alle Bilder der Welt – ein paar tausend Zentner Steinkohlen mehr alle Jahr! Außerdem kann man den Großmütigen spielen! Wer ist Makowsky? Ein Schmierer, ein Phantast, der es sich zur höchsten Ehre machen muß, in der hochgräflichen Familie feierlichst aufgenommen zu werden!«

»Du urteilst streng über uns!« bemerkte Franz gutmütig.

»Du hast reichlich Gelegenheit, hier Vergeltung zu üben.« Der Maler wies auf das Bild.

Franz trat vor. Der helle Wahnsinn sprach für ihn daraus, die höchste Unnatur. Es war gut, daß Kitty ihn gewarnt. Hier konnte nur eine List helfen. Der Mann mußte fort aus dieser vergifteten Luft.

»Nun leg' los! Ganz ungeniert! Ich sage dir im voraus, du hast recht!« sagte Makowsky, erregt auf und ab gehend.

»Aber das ist ja großartig gedacht. Du hast einfach jedes Urteil verloren! – Götterdämmerung!«

Makowsky stutzte, wie ein Lichtstrahl glitt es über seine kummervollen bleichen Züge.

Kitty mußte sich abwenden. Noch qualvoller als die Lüge Prechtings war ihr der Glaube des Gatten daran, er zerriß ihr das Herz.

»Wirklich Vetter Franz? – Du gabst mir ja die Erlaubnis, dich so zu nennen – ist das dein Ernst? Dein heiliger Ernst? Es wirkt wirklich groß auf dich? Nur jetzt keine Schmeichelei, Franz, die Wahrheit, die volle Wahrheit! Ich bin ganz irre an mir selbst!« – Sein Flehen klang so innig, bald voll seliger Hoffnung, bald voll qualvoller Angst, daß es Franz schwer ankam, seine Rolle durchzuführen. Vergebens blickte er auf Kitty. Sie brachte es nicht über das Herz den Betrug von neuem zu unterstützen. – Da glaubte er einen Ausweg gefunden zu haben: »Ich will dir was sagen,« begann er zu Makowsky. »Es wirkt einfach zu großartig. Wenn ich etwas vermisse, ist es einfach der schlichte Ernst, welcher der Natur immer eigen ist, den ich mir in einem paradiesischen Zustande derselben noch gesteigert denke. Sieh dir doch einmal wieder einen Sonnenaufgang an, draußen in der Natur. Das wird die beste Probe sein! Grade bei uns in Vals hast du ja die beste Gelegenheit. Weite, abwechslungsreiche Ebene – ich habe schon großartige Beleuchtungen beobachtet.«

»Du, Beleuchtungen beobachtet? Sonnenuntergänge?« Makowsky lachte hell auf, dann nahm er eine völlig veränderte Miene an. – »Das hast du nicht geschickt gemacht! Alles verdorben. – Wer sagt dir denn, daß der Natur ein schlichter Ernst eigen ist? Ein Dämon ist sie, der einem unter der Hand zerrinnt – ewig äfft und narrt. Ich will auch gar nicht mehr von ihr. – Vals! Das ginge mir grade noch ab! Ah! das möchtet ihr? ja? Jetzt verstehe ich erst! Deshalb bist du gekommen – und du, Kitty – du mit in ihrem Bunde? – Du?« – Bitterer Schmerz sprach aus den irren Worten, er sah sich verfolgt, verraten, umstellt.

Kitty vergaß alles, die Notwendigkeit der Abreise, seinen Zustand über den furchtbaren Verdacht, daß er sich von ihr verraten wähnte. – »Du sollt ja nicht nach Vals, wenn du nicht willst! Niemand soll dich zwingen. Du machst das Bild fertig und ich weiche keine Minute von dir.« – Kitty war bei diesen Worten einige Schritte auf ihn zugegangen. Er wich von ihr scheu zurück, mit einem stieren, ängstlichen Blick.

»Niemand denkt daran, dich zu zwingen,« bekräftigte Franz. »Wir meinen es ja gut mit dir.« – Dabei ging er auf Makowsky mit ausgestreckten Armen zu. Dieser hatte sich in die Nische mit der Madonna zurückgezogen. Sein Antlitz war kreideweiß, der Schweiß stand auf seiner Stirn, qualvolle Angst verzerrte die Züge.

Franz legte fest die Hand auf seine Schulter, er schauerte unter dieser Berührung zusammen. Plötzlich fuhr er sich mit der Hand über die feuchte Stirn. Der Ausdruck seines Antlitzes veränderte sich vollkommen, er lachte wie ein Kind. – »Sie brauchen mich ja gar nicht zu zwingen, ich gehe ja selbst, ich freue mich sogar darauf – nur heute nicht – heute nicht. Morgen aber – Sie können uns ja anmelden …«

Kitty empfand stürmische Freude über diesen plötzlichen, unerwarteten Umschwung, es entging ihr darüber der hinterlistige Zug im Gesichte ihres Gatten.

»Jetzt aber würde ich Sie dringend bitten, mich allein zu lassen. Es gibt noch viel zu tun.«

Franz beobachtete ihn scharf. Das erregte ihn von neuem.

»Was glauben Sie denn? Soll ich die Arbeit von Wochen zugrunde gehen lassen? Das Bild muß feucht gehalten werden – doch das können Sie ja nicht verstehen. Gehen Sie, ich bitte Sie, gehen Sie! Wir kommen sicher, ganz sicher! Wenn Sie nicht gehen …« Ein drohender, haßerfüllter Blick traf Franz.

Kitty fand das Verlangen vollständig gerechtfertigt und unterstützte es selbst. Widerstrebend gab Franz ihrem Drängen nach. Er hatte den Wahnsinn leuchten sehen aus den Augen Makowskys, seine Nachgiebigkeit war nur eine List des Narren, um den vermeintlichen Feind zu entfernen. Irgend eine Tollheit gärte in seinem Hirn. Trotzdem brachte er es nicht übers Herz, Kitty seine für ihn zweifellose Beobachtung mitzuteilen. Er riet ihr nur dringend, Makowsky keinen Augenblick zu verlassen, solche überreizten Nerven seien zu allem fähig. Außerdem gab er seine Adresse an, für den Fall sie ihn benötigte, er werde die Stadt in keinem Falle ohne sie verlassen.

Kitty lachte über die Besorgnis Prechtings, er wird dieses Auf- und Abwogen, diese Kämpfe und Krämpfe seiner Künstlerseele nie begreifen können.

Kaum war er fort, schlich sie vor die Ateliertür. Sie hörte die Leiter rücken, unter den Tuben umherkramen, ein unverständliches Gemurmel. Sie wird jetzt ganz leise eintreten, er wendet ja der Tür den Rücken – hinter ihm herschleichen, ihn umarmen, küssen und ihm seine Torheit vorhalten, daß er glauben könne, sie konspiriere gegen ihn. Sie lächelte glücklich bei dem Gedanken und drückte vorsichtig auf die Klinke. Die Tür war verschlossen – das hatte er noch nie getan. Sie flüsterte zuerst nur seinen Namen: »Paul! Er ist ja fort! Er wird dich nicht mehr stören!« – Keine Antwort. Es kam ihr vor, als ob irgend ein schwerer Gegenstand vor die Tür gerückt würde. Nun rief sie laut: »Paul, laß mich doch ein!«

Ein gellendes Lachen ertönte. Wieder hörte sie deutlich Möbel rücken und schleifen. Er verstellte die Tür – kein Zweifel! Jetzt kam auch ihr die entsetzliche Ahnung der Wahrheit. – Sie bat, sie beschwor ihn. Sie rüttelte mit der Kraft der Verzweiflung gegen die Tür, daß dieselbe in ihren Fugen krachte.

Da flehte er: »Kitty, habe doch Mitleid! Nur eine Stunde halte ihn mir vom Leibe, dann ist ja alles gut. – Ich kann es so nicht lassen. Wenn die Farbe mir einschlägt, ist alles verloren!«

Kitty lauschte atemlos – dann schwor sie ihn, daß sie allein sei, daß Franz das Haus verlassen.

»In einer Stunde könnt ihr mit mir machen, was ihr wollt! Nur eine Stunde, Kitty!«

Was sollte sie tun! Franz benachrichtigen, ihn zurückholen? Das war gefährlich. Seine Nähe schon würde den Unglücklichen von neuem aufreizen. – Am Ende war es gar nicht so unvernünftig von Paul, eine Stunde völlige Ruhe zu verlangen. Am besten war es, wenigstens solange zu warten.

So ging Kitty in die Wohnung hinauf, es gab ja noch viel zu packen für morgen nach Vals. Ein paar Wochen in der frischen Luft, fern von der Arbeit, und alles ist wieder gut. – Warum er gerade jetzt sich die Sache so zu Herzen nahm? Was lag jetzt noch daran, ob das Bild zustande kam oder nicht? – Kaum hatte sie diesen Gedanken gefaßt, als sie auch schon selbst lebhaft darüber errötete. Wie unwürdig, wie niedrig er war! Und sie verlangte, daß Paul ihn auch hegte! Nie erkannte sie deutlicher, wie fremd sie ihm doch in ihrem Innersten war. Das war es ja gerade, was ihn so peinigte, ihm solche Wahnbilder vorgaukelte, was in ihm den Widerstand reizte, seiner Bestimmung entzogen zu werden, seines Künstlerruhmes verlustig zu gehen! – Welch einen Ersatz bot dafür eine reiche Erbschaft – einem solchen Manne! Er hatte ja ganz recht, daß er sie hinaussperrte, sie verstand ihn ja doch nicht. Aber das sollte anders werden! Sie wollte ihm. nicht nachstehen an Größe der Gesinnung – auf alles verzichten, nur ihm leben und seiner Kunst! Franz soll allein nach Vals zurückkehren, – in das liebe, teure Vals, zum lieben, guten Vater, der ihr so liebevoll die Hand reicht, sie so sehnsuchtsvoll erwartet, – wenn ihr Gatte es verlangt? – Sie zählte die Minuten – Noch zehn, dann mußte er sie einlassen. O, dieses verhaßte Bild, das alles Unglück angerichtet!

Ein dumpfes Geräusch drang von unten herauf, – sie wußte nicht einmal, ob es aus dem Atelier kam. Ein Bild war wohl umgefallen oder er rückte die Möbel weg, um ihr den Eingang freizumachen. – Ja, das war's! Er zerstörte die Barrikade, die er gegen sie errichtet und gegen Franz. Ein Scherz, weiter nichts.

Sie eilte hastig die Treppe hinab. – Ein Mann und ein Dienstmädchen standen auf der untern Treppe und blickten sie starr an.

»Was gafft ihr denn so?«

»Im Atelier des Herrn Makowsky …« meinte das Mädchen.

»Was ist mit dem Atelier des Herrn Makowsky?«

»Ein so eigentümliches Geräusch …«

»Was geht das Sie an? Kann man keinen Schrank mehr rücken, ohne daß das ganze Haus zusammenläuft?« erwiderte Kitty, an die Tür des Ateliers eilend. Sie war noch immer verschlossen.

»Paul! Öffne doch! Bitte dich, keine Albernheiten! Du machst ja einen Lärm! Das ganze Haus läuft zusammen!«

Kein Laut drang heraus. Jetzt packte sie unerklärliche Angst. Sie versuchte durch das Schlüsselloch zu blicken. Sie fuhr entsetzt zurück – ein ihr wohlbekannter Geruch drang heraus – Pulvergeruch!

Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus und sank zu Boden vor der Tür. Leute kamen die Stiege heraufgeeilt.

»Senden Sie Hotel Viktoria – Baron Prechting sofort!«

Ein junger Mensch sprang eilig die Treppe hinab, die übrigen umringten sie.

»Was wollen Sie denn? Ich habe nur den Schlüssel verloren,« sagte sie, nach Atem ringend, aschfahl.

Da drang ein unbestimmtes Geräusch heraus, es klang wie menschliches Stöhnen, das Rücken eines Stuhles.

»Paul! Paul!« gellte jetzt ihr Ruf durch das Stiegenhaus. »So helft doch! Schlagt die Tür ein! Er stirbt ja!

Paul! Paul! Ich komme ja! Ich verlasse dich nie mehr!«

Ein handfester Knecht machte sich über die Tür, mit einem düstern Knall wich sie dem Brecheisen. Ein kleiner Schrank, darauf verschiedenartiges Gerumpel aufgehäuft, versperrte noch immer die Türöffnung.

Kitty ließ den Leuten keine Zeit zum Abräumen, polternd, eine Wolke Staub aufwirbelnd, stürzten Skizzen, Bilder, Waffen in das Atelier – darüber her, wie eine Katze, Kitty.

Ein wilder Schrei gellte gegen die Wand. Niemand wagte zu folgen – eine bis an die Decke ragende graue Leinwand verdeckte das Entsetzliche. Auf dem persischen Teppich vor dem verlorenen Paradies, lag Makowsky. Die Samtjacke, das weiße Hemd waren aufgerissen, die schmale, zierliche Hand war krampfhaft auf die Todeswunde gepreßt, das Blut sickerte zwischen den schneeweißen Fingern hervor.

Kitty stieß einen unartikulierten Schrei aus, dann beugte sie sich, den eigenen Atem hemmend, über den Unglücklichen. Er atmete noch. – »Paul! Höre mich! Paul! – Du mußt mich hören! – Ich hätte dich ja nimmer verlassen! – O, du darfst nicht sterben!«

Der Verwundete schlug die Augen auf.

»Einen Arzt! Einen Arzt!« – Kitty sprang auf.

Franz stand vor ihr, entsetzt auf den Sterbenden blickend.

Sie wollte an ihm vorbeistürmen, sinnlos. Er hielt sie zurück: »Der Arzt ist bereits unterwegs! Du bist hier notwendiger.«

Makowskys Blick wandte sich aufwärts dem Bilde zu, Die Götterdämmerung war mit einer häßlichen grauen Farbe übermalt, nur da und dort glühte es noch durch, wie eine feurige Kohle unter Asche. Er hob die geballte Faust danach, sie fiel kraftlos auf den Boden. Ein trotziges Lächeln verzog die blutigen Lippen.

Kitty klammerte sich unwillkürlich in ihrem Entsetzen an Franz.

Plötzlich wandte Makowsky das Haupt. Ein großer, erstaunter Blick traf das Paar.

Kitty stürzte auf die Knie vor dem sterbenden Gatten. Er tastete nach ihrer Hand, während seine Augen noch immer auf Franz ruhten. Es lag eine magische Gewalt in diesem brechenden Blick. Franz mußte ihm folgen. Es war wohl Zufall, daß sich die Hände der beiden in der des Sterbenden vereinten. Kein Wort kam mehr über die röchelnden Lippen. Als der Arzt kam, war Makowsky eben verschieden.

*

Ein gefeierter Künstler erschießt sich nach halbjähriger Ehe, deren Motiv, den begleitenden Umständen nach, doch nur eine glühende Liebe sein konnte. Das war ein Problem, dessen Lösung die Gesellschaft lange Zeit beschäftigte. Ein Gerücht löste das andere ab. Nahrungssorgen trieben ihn in den Tod, er war zu stolz, den Schwiegervater um Unterstützung anzugehen. – Die Lüge war zu greifbar. Jedermann hatte ja wenigstens schon gehört von der Pracht des Makowskyschen Ateliers und seine Bilder standen hoch im Preise. Das wußte man bestimmt, obwohl man selbst noch keines gekauft, es stand doch wiederholt in den Zeitungen. Mit seiner Frau war nicht alles in Ordnung. Ein Vetter wurde erwähnt, mit dessen Erscheinen im Hause die Tragödie angefangen. Die einen meinten Georg, die andern Franz Prechting. Irgend ein früheres Ereignis, das mit einem dieser Namen in Beziehung stand, warf seine Schatten in die Ehe.

Die Unwahrheit dieser Gerüchte war ebenso greifbar. Georg Prechting, berüchtigter Löwe der Residenz, lag völlig in den Fesseln der schönen Arabella und ließ sich überhaupt in der Stadt nicht mehr sehen. Franz, sein Bruder, ein höchst harmloser Mensch, der bereits vor Jahren mit seiner Werbung bei der schönen Kitty gründlich abgeblitzt sein soll, kam lediglich als Vermittler zwischen Vater und Tochter in das Haus.

Als dann zuletzt die wirkliche Tatsache bekannt wurde, Makowsky habe sich in einem Anfall von Irrsinn vor dem Entwürfe zu einem verlorenen Paradiese erschossen, da wollte man ihm plötzlich dieses Ende schon längst aus seinen verrückten Bildern prophezeit haben. Sich wegen eines »verlorenen Paradieses« erschießen, als Gatte der schönen Kitty und Schwiegersohn des Grafen Seefeld, das war allerdings der Höhepunkt der Narrheit. Wirkliche Teilnahme erregte nur das Gerücht, Frau Makowsky selbst, die schöne, lebenslustige Kitty Seefeld, deren Gespann noch vor wenigen Jahren die Residenz in Aufregung versetzte, die einstige Zierde des Rennplatzes, sei demselben traurigen Schicksal verfallen seit dem Tode ihres Mannes. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, selbst das »verlorene Paradies« vollenden zu wollen, ihrer Ansicht nach das größte Meisterwerk der Welt.

Allen Bemühungen ihrer Verwandten, selbst des Vaters, gelang es nicht, sie aus dem Unglücksatelier zu entfernen. Das Gerücht hatte einen wahren Kern. Kitty betrachtete das unglückselige Bild als heiliges Vermächtnis ihres Gatten. Er sollte wenigstens nicht vergebens sein Blut dafür vergossen haben. Der Ruhm, den der Lebende damit erstrebte, sollte dem Toten nicht entgehen. Trotz allem Wahnsinn war unter der häßlichen, schwarzgrauen Farbendecke eine Fülle von Genie verborgen, welche, an das Licht gebracht dem Namen Makowsky die Unsterblichkeit sichern mußte. Davon war sie überzeugt. Unter ihrer Aufsicht wurden alle bedenklichen Verfahren angewendet, die jüngste Farbenschicht zu entfernen. Alles vergeblich. Sie war auf das selbst noch feuchte Bild aufgetragen und war nicht mehr zu trennen.

Unter dem dunklen Schleier, welchen Makowsky in seiner letzten Stunde über das Bild gebreitet, lag kein Paradies mehr, wo man ihn wegkratzte, blickte das Gewebe der Leinwand hindurch; nur die beiden Gestalten der Vertriebenen blieben vor der Verwüstung bewahrt. Auf den aus düsterm Farbenchaos sich hebenden Klippen glichen sie eher aus vernichtender Katastrophe Geretteten. – Die beabsichtigte Restauration des Bildes war ihr ein willkommener Grund, die dringende Aufforderung ihrer Familie, nach Vals überzusiedeln, vorderhand zurückzuweisen. Sie glaubte dies dem Toten schuldig zu sein, so unheimlich sie sich in dem Atelier fühlte. Jetzt, nachdem der Geist Makowskys daraus gewichen, der es aus dem Nichts geschaffen, schien ihr ein modriger Duft auszugehen von all dem hohlen Pappwerk, die lebhaftesten Farben schienen zu erblinden, Sie sah selbst ein, daß es ihr unmöglich sein würde, immer in diesem Räume zu leben, worin nichts echt als der grauenhafte rote Fleck auf dem Teppich, dem sie so sorgfältig auswich. Was hatte sie denn eigentlich für einen Grund, die Heimat, den Vater zu meiden? Wenn er ihr erst jetzt, nach dem Tode des Gatten, die Hand zur Versöhnung geboten, dann – ja, dann wäre es ihre Pflicht aber so … – Weil Paul sich im letzten Augenblick sträubte, nach Vals zu kommen – aber da war ja sein Geist schon zerrüttet! – Es war etwas ganz anderes was sie abhielt, und so sorgfältig sie auch immer wieder ihren Geist davon abzuwenden suchte, vergeblich! – immer wieder stand es vor ihr, das furchtbare Bild. – Sie an der Seite Franzens, dicht an ihn geschmiegt, der Blick des Sterbenden auf sie gerichtet. Sie zerfaserte unzähligemal diesen Blick. Er war nicht schmerzerfüllt, auch nicht gehässig, eher – zustimmend! Er sah wohl überhaupt nicht mehr, aber gleichviel – in keinem Falle war Franz der rechte Mann, sie nach Vals zu holen.

Den Vater, der noch am Unglückstage, alles vergessend, zu ihr geeilt, hatte sie in dem ersten Schmerz schroff abgewiesen, ebenso das gewiß ehrlich gemeinte Mitleid Arabellas und Georgs.

Eines Tages, die dritte Woche seit dem Tode Makowskys ging zu Ende, hatte sie sich in die Grotte zurückgezogen. Unterhandlungen mit einem Kunsthändler betreffs einiger noch vorhandener Skizzen Pauls, zu welchen sie sich gezwungen sah, hatten sie völlig entmutigt; sie floh aus dem Atelier dahin. – Der Springbrunnen war längst verrostet, das abgestandene Wasser in dem Bassin verbreitete häßlichen Geruch. Sie kauerte sich auf dem Thron zusammen und überließ sich ganz ihrem Schmerz. Hier hatte er begonnen, der Traum, so prächtig, so glutvoll! Es waren ja schon viele zerronnen, aber so rasch, so in Blut noch keiner. – Wohin jetzt mit ihrem wegmüden Herzen? Was sie sich auch vorredete von Verzweiflung, ewiger Buße für die ihr selbst unklare Schuld, es schlug doch immer noch heiß, verlangend nach Leben und Freude und schauerte nur vor einem zusammen in seinem Innersten – vor Verlassenheit! O, es fror sie so bei diesem Gedanken, daß sie sich schlotternd in die Falten des schäbigen Purpurs hüllte. – Da vernahm sie Tritte im Atelier und ihren Namen leise rufen. – Eine unbezwingliche freudige Sehnsucht ergriff sie nach etwas Unbestimmten, das menschliche Gestalt annahm, eine bestimmte Gestalt.

»Hier bin ich! Hier!« – rief sie verlangend.

Da trat eine hohe Gestalt unter den Eingang, ein schneeweißer Bart leuchtet in der Dämmerung.

»Vater! Mein guter, lieber Vater!« – Kitty stürzte hell aufjubelnd in die ausgebreiteten Arme des Greises.

Denselben Tag noch folgte sie ihm nach Vals.

Einem wunden Frauenherzen tut nichts wohler, als sich aufopfern müssen, fremde Leiden pflegen. Kitty hatte dazu den Winter über vollauf Gelegenheit. Den Grafen Seefeld hatte seine robuste Gesundheit plötzlich im Stich gelassen. Die Aufregungen des letzten Jahres mochten wohl ihren Anteil daran haben. Zu allem Überfluß machte sich noch ein längst vernarbter Beinbruch, eine alte Erinnerung vom Rennplatz, sehr unliebsam bemerkbar. Da war nun Kitty ganz an ihrem Platz, sie ging ganz auf in der Pflege des Vaters. Abgesehen davon, daß hierdurch ihre Gedanken von der jüngsten Vergangenheit abgelenkt wurden, hatte die Sache noch einen andern Vorteil; einem kranken Vater durfte man nicht widersprechen.

Graf Seefeld war sich dieses Vorzugs wohl bewußt. Da wurden Spazierritte mit Arabella anbefohlen, wichtige Aufträge für die Ökonomie, für Schwarzacker erteilt, welche Kitty immer mehr zwangen, die Stelle des Vaters zu vertreten und infolgedessen sich überall zu orientieren. Die Folge davon war, daß sie rascher, als es sonst der Fall gewesen wäre, in die neuen lebens- und arbeitsvollen Verhältnisse von Vals hineinlebte und dabei, dank ihrer auf dem heimatlichen Boden neu aufblühenden, kernigen Natur, sich rasch erholte. Nur in einem Punkte war sie schroff, auch dem Vater gegenüber. Es entging ihr nicht sein beständiges Deuten auf Franz, seinen Liebling. Darin lag für sie eine bittere Kränkung des Toten, eine Geringschätzung ihres eigenen erlittenen Leides, ihrer ganzen unglücklichen Ehe, über die man überhaupt in Vals sorgfältig schwieg, wie über eine Schuld. Sie kannte ja sehr wohl des Vaters triftige und dringende Gründe. Das ungewohnte Leiden machte ihn ängstlich. Sie war die letzte ihres Namens. Makowsky war ihm zum mindesten fremd, kein Wunder, daß er über den Toten einfach hinwegsah, auf – auf den Erben seiner angemaßten Rechte. Ja, er war imstande, in den Ereignissen eine göttliche Fügung zu erblicken, ein besonderes Walten himmlischer Mächte für das Haus Seefeld. Aber trotz alledem kränkte sie dieses Vorgehen, welches jedes Zartgefühl entbehrte. Wie er doch nicht nur sein Kind, sondern auch Franz unterschätzte! Dieses wankelmütige Herz, das ihn verschmäht, so lange es rein, gesund und frei war, soll ihm jetzt genügen, von Leidenschaften zerfressen, nachdem ein anderer es schon besessen! Da war er gerade der Rechte! O, er ließ es sie nur zu oft deutlich fühlen! Das wäre grade auch nicht notwendig gewesen und tat bitter weh, aber gewiß war es ganz gerecht. Sie konnte ihn nur achten um sein zurückhaltendes Wesen, dem selbst die Wärme der alten Freundschaft fehlte. Dagegen stand er im regsten Verkehr mit Arabella. Er war ihr ja zu Dank verpflichtet für die Unterstützung seines Problems, die Verbindung der beiden Gruben, welches längst ausgeführt war. Arabella schien ihm überhaupt das geworden zu sein, was er einst wohl von seiner Kitty erhoffte, seine Mitarbeiterin. Es war nur zu verwundern, daß Georg nicht eifersüchtig wurde.

Ritt Kitty mit Arabella, so war von nichts die Rede als von ihm. Seines Lobes wurde kein Ende, er war der Segen von Schwarzacker. Das wußte sie ja alles selbst, ja besser als Arabella, aber sie fand solches Lob unpassend im Munde einer Frau; noch dazu einer Frau, die ihrem Gatten alles zu danken hatte. Ja, auch selbst ihr gegenüber, der Witwe eines Mannes, der doch ohne Zweifel viel bedeutender war als Franz, eine Kunstgröße, ein Genie. Aber das begriff ja Arabella nicht, und sie hielt es auch unter ihrer Würde, es ihr begreiflich zu machen.

Das Frühjahr kam, mit ihm neues Leben, dem sich auch Kitty nicht entziehen, konnte. Die alten Kräfte wirkten, da half auch absichtlicher Widerstand nicht. Mit der Krankenpflege war es auch zu Ende. Graf Seefeld wagte sich schon wieder in den Sattel und machte täglich seinen Ritt nach Schwarzacker.

Das Kohlenwerk, welches man früher förmlich umging, bildete jetzt den Mittelpunkt des Lebens. Der Sport kam erst in zweiter Linie, obwohl er durchaus nicht vernachlässigt wurde. Kurz, auf Schritt und Tritt merkte man den Einfluß Franzens, dem sich alles unwillkürlich fügte.

Kitty wußte nicht, ob sie sich darüber freuen sollte. Was verhalf ihm denn eigentlich dazu? Ihre Abwesenheit! Noch etwas, die schlimme Erfahrung, die der Vater mit ihr gemacht. Ein System, das solche Früchte zeigte, mußte verworfen werden. Oft war es ihr, als müsse sie mit ihm darum kämpfen, um einen Einfluß, der doch ihr allein zukam in diesem Hause. Doch alle Ansätze dazu waren vergebens, es war ihr selbst nicht ernst damit. Konnte sie doch die Heilsamkeit seines Wirkens selbst nicht wegleugnen. Nur eines verdroß sie, daß er sich gar keine Mühe mehr gab mit ihr, daß er ihre Bestrebungen, sich allmählich im Geschäft zu orientieren, mit, wie es ihr vorkam, mitleidigem Lächeln betrachtete. Eine Frau, auf deren Rat ein Makowsky horchte, wird sich wohl auch noch die Kenntnisse irgend eines Buchhalters erringen können. Was sollte daraus werden, wenn sie einmal die Herrin war auf Vals? Das konnte rasch geschehen – ein ganz unhaltbares Verhältnis! Ja, was sollte daraus werden! Das quälte wohl auch den armen Vater! Aber was nützt das! Sollte sie denn immer nur vom Zufall, von den Verhältnissen bestimmt werden. Warum heiratete er nicht ihr zuliebe schon? Dann war alles gut!

Eines Abends ritt sie von Sittenfeld nach Hause, Arabella gab ihr das Geleite. Sie hatte vor einem Monat erst ihrem Gatten einen Stammhalter geschenkt und strahlte jetzt im Mutterglück. Die sie umgebende duftende Natur war nur die Folie ihres eigenen Innern. In solchen Zeiten macht sich in jedem edlen Frauenherzen der Drang geltend, auch etwas abzugeben von all der Wonne an seine nächste Umgebung.

Kittys Dahinträumen war ihr schon längst ein Dorn im Auge. Die Ehe mit Makowsky war nun einmal in ihren Augen nichts als eine unglückliche Episode im Leben Kittys, mit der man kurzweg aufräumen mußte. Sie haßte jede Sentimentalität, war gewohnt, von jeher der nackten Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen. Der einzige Weg zum Heil war für Kitty aber eine neue Heirat. Und die einzig richtige Heirat für Kitty war eine Heirat mit Franz, den sie schon vor ihrer Ehe mit dem Maler liebte – wahrscheinlich auch während derselben – die jungen Dinger sind sich ja selbst nie klar – und ganz gewiß jetzt liebt wie sie aus unzähligen Anzeichen anzunehmen die Berechtigung hatte.

Die dampfenden Kamine, der Lärm, der herüberdrang, erhöhte die Spannung in ihrem Innern bis zur Unerträglichkeit. Ihrem Pferde selbst teilte sich dieselbe mit, es wollte nicht mehr Schritt halten mit seiner Begleiterin, der »Wildrose.«

»Ist es nicht eine wahre Freude, wenn man da hinüber sieht?'' begann sie plötzlich. »Wie das pustet und arbeitet Tag und Nacht.«

»Aber, liebe Cousine, das pustet und arbeitet da drüben ja schon, solange ich denke! Was soll ich denn da Neues sehen und gar Erfreuliches?« erwiderte Kitty schwermütig.

»Das ist sehr undankbar von dir.«

»Undankbar? Wem bin ich denn zu Dank verpflichtet?« – Kitty hielt ihr Pferd, der alte Stolz regte sich in ihr Arabelle gegenüber.

»Franz! Für wen schafft er denn das alles? Für wen sorgt er Tag und Nacht als für dich!«

»Für mich! Weil er schaffen und sorgen muß, weil das sein Lebenselement ist! Weil der Ehrgeiz ihn antreibt – für den Vater – aber nicht für mich! – Daran denkt er wohl gar nicht, und wenn er daran denkt, wird es ihm nur peinlich sein.«

»Allerdings, das kannst du ihm gar nicht verargen. Was soll er denn, wenn du die Herrin bist auf Vals? Seine Entlassung nehmen, wie irgend ein Beamter des Werkes?«

»Er kann ja bleiben.«

»Als dein Untergebener?«

»Warum nicht?«

»Weil man nicht dienen will, wo man einst geherrscht hat.«

»Geherrscht, Franz, auf Vals?«

»Nicht auf Vals, aber in dir, Kitty – als dein Geliebter!«

Kitty riß ihr Pferd zurück. Heller Zorn blitzte aus ihren Augen. »Wer sagt dir das? – Er?«

Arabella ließ sich nicht aus der Fassung bringen, sie drängte ihr Pferd dicht an das Kittys. – »O nein, er nicht! Weil er ein zu guter, edler Mensch ist, weil er eher sterben würde, als so etwas gestehen! Aber dieser da sagt es mir …« – Sie zeigte Kitty den kleinen Finger. – »Er sagt mir noch mehr, mehr als du selbst weißt, daß er noch immer herrscht – daß er …«

»Arabella, ich muß dich bitten …«

»Dich zu verlassen. Das tue ich auch, da sich eben ein für dich viel geeigneterer Begleiter naht.«

Mit diesen Worten wandte Arabella hurtig ihr Pferd und sprengte zurück nach Sittenfeld.

Wo der Weg vor Vals in die Straße einbog, kam Franz geritten. Vergebens rief Kitty ihrer Cousine zu, diese war im Nu hinter einer Baumgruppe verschwunden, und Franz hielt vor ihr.

»Warum so erregt, Kitty – und Arabella förmlich flüchtig? Ich glaube gar, ihr habt euch gezankt?«

»Haben wir auch!« erwiderte Kitty mit fliegendem Atem, »und zwar über dich! Über deine Stellung in Schwarzacker. Da du grade dazugekommen, ist es vielleicht besser, wir sprechen uns aus!«

»Bitte! Obwohl ich nicht recht begreife, was du damit zu tun hast.«

»Arabella behauptet, daß du nur für mich dich so anstrengst, dich sorgst Tag und Nacht. Offen gesagt – das möchte ich nicht…«

»Da behauptet Arabella einfach einen Unsinn. Ich strenge mich nicht mehr an, als mein Beruf und die große Verantwortung, die auf mich ruht, erfordert. Ich tue das für niemand, sondern für mich selbst, weil ich meine Befriedigung darin finde.«

»Das dachte ich auch – und doch dachte ich wieder – du möchtest vielleicht aus alter Freundschaft – aus besonderer Rücksicht darauf zu viel tun …«

»Und einst einen besonderen Dank verlangen,« ergänzte Franz. »Sei außer Sorge, Kitty.«

»Franz!« – Kitty bereute schon lange, den Gegenstand berührt zu haben.

»Oder auf einen Erfolg pochend, schwer anzubringen sein, wenn es einmal so weit ist…«

»Franz!« Immer flehender klang die Stimme Kittys.

»Oder mich gar törichten Vergeltungsträumen hingeben …«

»Franz – du rächst dich zu hart für ein paar unbedachte Worte …«

»Sehr weise Worte, Kitty, die mir zeigen, daß du aus deiner Phantasiewelt wieder zurückgekehrt bist in die reale praktische. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Darum laß uns einen Pakt schließen. Der Name Prechting soll dir keine böse Stunde mehr bereiten.«

Kitty beugte das Haupt auf die »Wildrose« herab. »Nur zu! Ich habe es reichlich verdient…«

»Sobald es so weit ist – du verstehst mich ja« – fuhr Franz unbarmherzig fort, »trete ich freiwillig, ohne nur eine Willensäußerung abzuwarten, vom Amt zurück. Bis dahin bindet mich mehr noch als mein Wort die treue Freundschaft und die Liebe zu deinem Vater.«

»Zu meinem Vater! Das sagte ich Arabella auch,« bemerkte Kitty, schwermütig mit dem Kopf nickend.

»Und zu noch etwas,« setzte Franz hinzu – »zu Schwarzacker! Es knüpfen sich die heiligsten Erinnerungen daran.«

Langes Schweigen. Kitty sah nicht auf, die beiden Pferde kosten sich.

»Wenn man einen Pakt schließt, reicht man sich die Hand, Cousine.«

Franz streckte die Hand aus.

Kitty ergriff sie; in ihren Augen blinkten Tränen.

Er sah länger hinein, als für den Augenblick angemessen war. Die Hände preßten sich, als gelte es einen ganz andern Pakt. Beide fühlten, und doch drückten beide leise die Weichen ihrer Pferde und sprengten nach verschiedenen Richtungen davon, ohne sich umzusehen.

Am Fuße des Schloßberges mußte Kitty anhalten, der Atem versagte ihr. Der Sonnenball senkte sich im Westen, hinter bläulichem, auf dem Horizont lagernden Regengewölk, Purpurgluten hinausschleudernd in die weite Landschaft, über Feld und Wald. Kitty konnte lange den Blick nicht wenden davon. »Das verlorene Paradies« – grade so! Ein schwarzer Reiter sprengte jetzt mitten hindurch, in wilder Hast, durch die dampfende Lohe. Dann verschlang ihn das Schlachtwerk von Schwarzacker, das finster drohend den glühenden Sonnenball durchschnitt.

Kitty traf den Vater in auffallend trüber Stimmung.

»Du mußt Franz begegnet sein?« sagte er.

Kitty bejahte die Frage kurz.

»Der brave Junge arbeitet sich ganz auf für das Werk.«

»Ja er ist mit Leib und Seele Bergmann«, erwiderte ausweichend Kitty.

Der Graf war sichtlich ärgerlich darüber. »Mit Leib und Seele Bergmann. Deshalb ruiniert man noch nicht seine Gesundheit, wenn man nicht warmes persönliches Interesse hat an der Sache.«

»Er sah vortrefflich aus, Papa.«

»Nun, so sieh ihn dir einmal morgen an! So eine ganze Nacht im Grubenwasser…«

»Diese Nacht? Ja, ist denn das notwendig?« Kittys Teilnahme schien langsam rege zu werden.

»Notwendig! Das ist es eben! Für den ersten besten Bergmann, der mit Leib und Seele beim Fach, ist es nicht notwendig, aber für Franz ist es notwendig, der an Schwarzacker hängt, als ob ein Schatz für ihn dort vergraben wäre. Die Unterwasser machen bösen Rumor seit der Verbindung der Gruben. Dem will er einmal gründlich ein Ende machen.«

»Das kann wohl auch gefährlich werden?« fragte Kitty,

»Sehr gefährlich sogar! Ich warnte ihn auch, ich bat ihn, aber da hilft ja nichts. Und wem zuliebe tut er das alles?«

»Dir zuliebe!« entgegnete Kitty.

»Das ist nicht wahr! Mir zuliebe! Wie lange dauert es denn noch mit mir! Man opfert nicht ein junges Leben einem Greise.«

»Er sagte es aber selbst, klar und deutlich.«

»Dann hat er einfach gelogen – aus Zorn – aus Verdruß! Mir zuliebe! Einem siebzigjährigen Greis! Das wäre grade noch der Mühe wert, Kitty!« – Der Graf trat mit geröteten Wangen und. bittend erhobenen Händen vor sein Kind.

»Ich kann nicht, Papa – ich darf nicht –«

»Darfst nicht? Und ich sage dir, Makowsky selbst würde eure Hände ineinander legen, wenn er noch könnte …«

Kitty überraschten diese Worte. Er hatte ja noch gekonnt, er hatte sie noch ineinander gelegt. Die ganze furchtbare Szene trat ihr vor Augen.

»Weil er einsehen mußte, daß eure Ehe eine Idee war, die sein Künstlergehirn plötzlich erzeugt hatte, ein Traum, der nie von Dauer sein konnte, daß du dich einfach in einen Zaubergarten verirrt hattest, der mit dem Tode seines Herrn, wie in den Märchen, in eine kahle welke Wüste sich verwandelte, aus der du dich hinaussehnst in die alte Heimat, der er dich geraubt.«

So hatte der Vater noch nie mit ihr gesprochen. Die Liebe zu ihr allein, die Sehnsucht nach Verwirklichung seines Herzenswunsches konnte ihm diese Worte in den Mund legen, die zugleich den Weg zu ihrem Kopf und ihren Herzen fanden. Es war ihm ais schwebte ein Wort auf den Lippen seiner Tochter, um das er am liebsten auf den Knien gebettelt hätte. Er wartete ängstlich darauf.

»Ich will sofort einen Brief an ihn schicken nach Schwarzacker. Er soll heute nacht nicht in die Grube fahren – seiner Kitty zuliebe nicht. Bist du damit zufrieden?«

Graf Seefeld konnte nicht sprechen, er drückte sein Kind, an das Herz und küßte es. »Es wird zwar nichts helfen, wenn er es einmal für seine Pflicht hält, und du brauchst auch keine Angst zu haben wegen des bißchen kalten Wassers um die Beine, – Aber schreibe, Kitty, schreibe! Ich werde sofort den Ruprecht schicken! – Wenn er dir doch folgen und Franz heute abend noch ich bitte dich, schreibe sofort, Kitty.«

Der Graf eilte, trunken vor Freude, in die Stallungen, um selbst den Eilboten zu bestellen.

Kitty schrieb in ihrem Zimmer die wenigen Zeilen mit fliegender Hast. Jetzt durfte er wirklich nicht hinunter in die feuchte, häßliche Grube. – »Sehr gefährlich,« sagte der Vater, »und sie hätte wohl ganz ruhig darüber geschlafen, hat schon oft ruhig geschlafen, während er zwischen Tod und Leben schwebte.« Während des Schreibens packte sie plötzlich ein Angstgefühl, immer dringender flossen die Worte. »Bei den heiligen Erinnerungen, die für uns beide in Schwarzacker begraben liegen, beschwöre ich dich,« schloß der Brief. Sie zögerte einen Augenblick, ehe sie ihn schloß. Diese feierliche Warnung vor einer ihm alltäglichen Gefahr, die sie nie mit einem Worte besprach, mußte ihm geradezu lächerlich erscheinen. Dann schloß sie das Kuvert mit einem glücklichen Lächeln, das diesen schönen Mund schon lange nicht mehr geziert und übergab es dem Diener.

Unten wartete schon der Reitknecht, sie beobachtete durch das Fenster, wie der Vater ihm noch ganz besondere Weisungen gab.

Eine wilde Frühjahrsnacht war angebrochen, der Regen rauschte in den Almenkronen des Parkes, kaum den Duft unzähliger Blüten einsaugend. Kitty verfolgte den Reiter durch die Finsternis, nachdem der Hufschlag längst verschollen. Über Schwarzacker lagerte weithin leuchtend wallende Lohe. Sie konnte den Blick nicht mehr davon wenden! Das verlorene Paradies, das sich verlockend hebt aus der Frühjahrsnacht! Wär's noch einmal möglich? Hatte sie das Recht, es zu betreten? Wird sich nicht der Tote mit flammendem. Schwert als Racheengel vor den Eingang stellen? Mußte es nicht wenigstens verdient werden, wenn es nicht wieder verschwinden sollte hinter düsterm Schleier, wie das im Atelier? »Franz, Franz, warum hast du mich damals nicht emporgehoben mit kräftigen Armen aus der Tiefe des Paradieses? Oder war vielleicht der Umweg notwendig, um zu begreifen seinen Glanz, sein Glück?« Eine eigentümliche Unruhe schien ihr Schwarzacker zu ergreifen. Unzählige Fünkchen bewegten sich wirr durcheinander im Schwarz der Nacht, offenbar auf dem Wege zwischen den Halden entlang, und doch war jetzt sein Schichtenwechsel, das wußte sie ganz genau. Es waren offenbar Grubenlichter, aber die Träger liefen, der Raschheit der Bewegung nach, ja, oft war es ihr, als ob laute Stimmen herüberdrängen. Der Bote mußte längst gekommen sein, aber das war doch kein Grund zu solcher Bewegung im Werk. Von überall huschten die leuchtenden Sternchen dem Werke zu. Es mußte sich irgend etwas Besonderes ereignen. Doch sehr einfach. Franz brauchte alle Kräfte für die heutige Nachtarbeit. Daher diese auffallende Unregelmäßigkeit! Und doch klopfte ihr Herz so ängstlich, und sie achtete nicht, daß der Regen stärker fiel und ihr ins Antlitz schlug.

Da sprengte der Bote in den Hof. Diese Hast auf dem Rückweg war eine Narrheit. Sie rief ihm zu, als er aus dem Sattel sprang: »Besorgt?«

»Ach Gott, Gräfin – ein großes Unglück – der Schacht! – Alles den Kopf verloren! Unmöglich zu finden – sechs Mann – ich muß zum Grafen!«

»Du bleibst!«

Der Knecht blieb gebannt neben seinem Pferde stehen,

»Der Schacht! Sprich, Mensch!«

»Eingestürzt, Gräfin!«

Kitty wankten die Knie! – »die sechs Mann tot?«

»Weiß man nicht! – Verschüttet!«

»Der Direktor?«

»Ist eingefahren.«

»Sattle Wildrose, Wir reiten! Wenn der Graf ein Wort erfährt, bist du entlassen.«

Zehn Minuten darauf ritt Kitty, verfolgt von dem Diener, auf Schwarzacker zu, Wildrose zur äußersten Leistung anspornend. Der jetzt herabprasselnde Regen kühlte das pochende Hirn. Sie sprengte den Weg zwischen den Halden hinauf, ohne eine Frage an die ab- und zueilenden Leute zu richten, die scheu der aus dem Dunkel plötzlich auftauchenden Reiterin auswichen. Vor der Grube drängte sich eine dunkle, grollende Masse. Weiber mit Kindern auf dem Arme, deren heile Stimmen grell das Gemurmel der Männer übertönten. Sie konnte nur zu Pferde diesen lebenden Wall durchdringen. Wildrose stutzte einen Augenblick, dann drang sie ein.

Die Erscheinung war so überraschend, der Ruf Kittys klang so schneidend aus dem Finstern heraus, daß die Menge wie von einer Panik erfaßt zur Seite wich, Sie wurde erst erkannt als sie vor der geöffneten, von zwei Bergleuten, die jeden unberechtigten Eintritt wehren mußten, bewachten Schachthaustür aus dem Sattel sprang. Wildrose ihrem eigenen Schicksal überlassend.

»Das ist brav von ihr! Bravo!« wurden Stimmen laut. Frauen drängten sich jammernd an sie, um mit ihr den Eingang zu gewinnen. Sie wurden von zwei Wächtern zurückgewiesen.

In dein düstern Räume vor dem Fördergerüste herrschte musterhafte Ordnung. Niemand ahnte hier die Katastrophe. Eine Gruppe Arbeiter harrte wohl als Ablösungsmannschaft der Einfahrt, mit dein gewohnten ernsten Schweigen des Bergmannes. Auf Kitty wirkte die Ruhe dieser Leute selbst beruhigend, sie unterdrückte gewaltsam ihre Aufregung und fragte mit zitternder Stimme nach dem Tatbestand. Ein Schacht war eingestürzt, wohl infolge Stützenberaubung eines größern Schichtengewölbes durch Unterwaschung. Allen vor Ort beschäftigten Arbeitern war es gelungen, zu entkommen bis auf vier Mann. Nun kam die verhängnisvolle Frage nach Franz. Der Direktor gehörte leider zu den Vermißten. Er war bereits mit den übrigen auf der Flucht, kehrte aber um, als er vernahm, daß drei Mann fehlten.

Vor Kittys Augen begannen die Grubenlichter zu tanzen, die Halle sich zu drehen.

Indessen ist noch Hoffnung. Man hat schon ein Pochen. im Gestein gehört. Die Rettungsarbeit ist im vollen Gange.

Dieser Zusatz des Steigers, an den sich Kitty gewandt, gab ihr die Fassung zurück.

In diesem Augenblick hob sich der Förderkorb aus der Tiefe. Wassertriefende, schwarze Männer traten heraus. Keine Frage, keine Antwort, jetzt empörte Kitty das Schweigen. Sie stürzte auf einen zu und hielt ihn fest.

»Sprechen Sie doch! Sie haben die Stimme gehört? Wessen Stimme? Prechting? Nicht wahr, Prechting?«

»Weiß ich nicht, gute Frau, jetzt heißt's arbeiten? Ganz gleich, wer ruft, einer so gut wie der andere. Wenn wir sie nicht bald herauskriegen, holt sie das Wasser.«

Die Ablösungsmannschaft stieg in den Förderkorb. In dem Augenblick, wo er sich zu senken begann, ehe einer der Umstehenden es wehren konnten, sprang Kitty hinein. In wirbelndem, eisigem Luftzug ging es hinab. Sie dachte ihrer ersten Fahrt an seiner Seite – als Hauerjunge! Sie stellte hastige Fragen an die sie umdrängenden Leute.

»Das Wasser! Das Wasser!« lautete immer die besorgte Antwort.

»Ertrinken in dieser Nacht!« Unnennbare Schauer packen sie. – Da war man schon angelangt.

Kitty hörte auf keine Vorstellungen, keine Warnung der Leute.

Mit derselben Ruhe, als ging es an die tägliche Arbeit, bewegte sich die Truppe vorwärts, dem Orte des Unglücks zu. Ein Wirrsal von Balken, Holztrümmern, Felsblöcken und Kohlengeröll schloß hier den Schacht. Die Enge des Raumes ließ immer nur zwei Mann arbeiten, die übrigen schafften, eine Kette bildend, das Material heraus.

Kitty gebot in einem Tone Halt, der jede Widerrede ausschloß – dann kniete sie vor dem Schutt.

»Franz!«

Deutliches Pochen war vernehmbar.

»Franz! Nur ein Wort, Franz!«

Ein unbestimmter singender Ton drang matt durch das Gestein. – Unmöglich eine Stimme zu erkennen. Jeder weitere Versuch war Verzögerung der Arbeit. Sie mußte zurücktreten. Eine qualvolle Zeit begann! Sie zählte jeden Spatenhieb, jede Schaufel voll Schutt, maß gierig den langsamen Fortschritt. Sie schämte sich ihres nutzlosen Zusehens und blickte mit Neid auf die arbeitsharten Arme der Männer. Das Wasser sickerte durch den Schutt, den Schacht langsam füllend. Das war bedenklich. Die Pumpen wurden angesetzt. Das Pochen klang immer näher – man arbeitete schon in der vierten Stunde.

Kitty strengte ihr Gehör aufs äußerste an, sie hatte keinen andern Gedanken, als seine Stimme zu hören. Endlich vernahm sie deutliche, menschliche Laute. Man hielt mit der Arbeit ein und ließ Kitty vor.

»Das Wasser! Rasch!« vernahm sie deutlich.

»Franz!« rief sie kreischend.

»Ja!« klang es deutlich zurück.

Ein donnerndes »Glück auf!« von den Arbeitern antwortete.

Kitty zuckte zusammen. Jax war ein junger Arbeiter, den sie zufällig kannte.

»Wer bei dir?« rief der Vorarbeiter.

»Drei!«

»Leben?«

»Einer!« klang die traurige Antwort.

»Wer?« rief Kitty mit Aufwand aller Kräfte.

»Weiß nicht! Wasser! Wasser!« klang es drängend zurück.

Die Arbeit begann mit neuer Hast. Die Antwort war nur so zu erklären, daß der Verschüttete sich an der Seite seiner getöteten Genossen in völliger Nacht befand, die ihn verhinderte, den einen noch Lebenden zu erkennen.

Die Ungewißheit erhöhte die Seelenfolter Kittys. Sie wollte ja nichts vom Leben, er soll sie verachten, verlassen, nur der eine Atmende soll er sein. Das Licht soll er wieder sehen – oder sie auch nicht mehr! Beide zusammen begraben im Schwarzacker! Wo sie ihr Heiligstes gelassen, was ein Weib besitzt, das erste Liebesstammeln, der erste Kuß, die erste Wonne an Mannesbrust! – Hier begann der Frevel, hier soll er auch enden. – Das wäre das Beste! Was dazwischen lag, erschien ihr jetzt in ihrem fiebernden, von den giftigen Gasen wie berauschten Gehirn als ein bunter, sinnloser Traum, der in der riesigen, flammenden Leinwand sich verkörperte, in dem weinenden Weibe im Dornengestrüppe – dem Bilde vom »verlorenen Paradies.« Sie ertrug nicht länger diese Tatlosigkeit. Als ein Arbeiter ermattet einen Augenblick zurücktrat, entriß sie ihm die Hacke und trat in die Reihe ein. In der dicken, von Kohlenstaub verfinsterten Luft, schmutzbesudelt, war sie von den übrigen nicht mehr zu unterscheiden und auch ihr Einhieb saß so gut wie jeder andere. – Jetzt dachte sie nichts mehr, eine Tollwut packte sie gegen den zähen Schutt, das Balkenwerk, das ihre Hiebe hemmte. Das Kleid hing in Fetzen von ihrem Leib, das schwere Haar war aufgegangen und hing in nassen Strähnen über das glühende Gesicht herab. Niemand wagte mehr, sie abzulösen. Die Arbeit wurde jetzt mit fieberhafter Hast betrieben. Man war den Verschütteten schon ganz nahe, man achtete nicht mehr auf das jetzt in Sprudeln herausströmende Wasser, das bis an die Knie reichte, nicht mehr auf die Zurufe des Arbeiters Jax. Eine dicke Staubwolke erfüllte den engen Raum, das Licht brannte kaum mehr in der dicken Atmosphäre.

Endlich ein Freudenschrei von drüben, der erste Lichtstrahl drang durch das Gewirr von Gebälk und Brettern, das den Arbeitern plötzlich Widerstand leistete. Jetzt galt es Vorsicht! Man wühlte mit den Händen eine Bresche und plötzlich zeigten sich vor Kitty zwei blitzende Augen – eine Hand streckte sich heraus.

»Dank, Kameraden!« Es war der Arbeiter Jax. Er wies nur noch stammelnd zurück in die finstere Höhle, die man eben geöffnet, dann sank er ohnmächtig zusammen.

Kitty benutzte den Augenblick und kroch mit dem Grubenlicht in die schmale Öffnung. Das Holzwerk eines eingestürzten Firstes hatte, sich klemmend, einen engen hohlen Raum geschaffen, der nirgends einen Ausweg bot. Ein Körper lag auf einer Erhöhung quer über den Boden, von schmutzigein Wasser bespült. Kitty ließ das Licht der Laterne darüber gleiten. Es war ein kleiner Mann mit grauem Haar. – Dicht daneben ein zweiter, das Haupt im Gebälk verklemmt, die Hände im Todeskampf geballt. – Auch nicht! – Sie hätte aufjauchzen mögen, trotz den Schauern des Ortes, des Anblicks.

Zwei Arbeiter waren ihr gefolgt, sie deutete auf die Toten und kroch, das Licht hochhaltend, weiter. – Wo war der Lebende? – Niemand soll ihm die erste Rettung bringen als sie. Da regte sich etwas im Dunkeln vor ihr.

»Franz! Ich bin's Kitty! – das Leben – das Licht!«

Immer tiefer bohrte sich der goldene Strahl des Lämpchens in die Höhlung – und dort an der wassertriefenden Wand saß er aufrecht, den Arm ihr entgegenstreckend, unverständliche Worte stammelnd, vom ersten Lichtstrahl, vom ersten leisen Luftzug, der durch die Öffnung drang, aus Todesschlummer geweckt.

»Dank! – Leute! – Die andern – helft!« Er hielt sie offenbar für einen Arbeiter. Sie betrachtete sein Haupt, es war mit geronnenem Blut bedeckt.

»Grüßt mir Kitty – bleibe in Schwarzacker! – Luft! – Wasser!«

Sein Körper sank zurück.

Die Arbeiter krochen herein. Als sie ihren geliebten Herrn erkannten, daß er atmete, lebte, war jede andere Sorge vergessen. In wenigen Minuten lag er wohlgebettet auf einem Kohlenhund und rollte, während Kitty an seiner Seite kauerte, das blutige Haupt in ihrem Schoß, der Auffahrt zu. Der eisige Windzug des großen Schachtes schon weckte ihn aus seiner Betäubung. Er starrte sprachlos in das über ihn sich beugende von dem Grubenlicht beleuchtete Antlitz Kittys. Eine unaussprechliche Seligkeit leuchtete aus seinen Zügen. Die schwebende, schwingende Bewegung nach aufwärts erhöhte wohl noch die Wonne des Fiebertraumes, in den auch Kitty ermattet, betäubt, sanft hinüberglitt. Als unter dem Jubelruf der Menge, die bereits von der Rettung des Direktors Kunde erhalten, der Förderkorb oben anlangte mitten im strahlenden Tageslicht, lag über den Körper Franz von Prechting hingestreckt eine triefende, schlammbedeckte, nur noch in Fetzen gehüllte regungslose Gestalt – Kitty! Man erkannte sie nur noch an dem üppigen Blondhaar, das in verworrenen; nassen Strähnen über Franz sich ergoß.

Kitty, die sich rasch erholte, wich nicht vom Leidenslager Franz von Prechting, dessen Kopfwunde die ernstlichsten Bedenken des Arztes erregte.

Es war der dritte Tag, als zum erstenmal ein Verständnis seiner Umgebung aufleuchtete in seinem Auge.

»Kitty,« sagte er mit dem rührenden Lächeln aus tiefer Ohnmacht Erwachender. »Weißt du auch, daß ich von dir geträumt?«

»Daß wir himmelwärts flogen, nicht wahr?« sagte Kitty.

»Du auch? Das ist sonderbar! Aus einem höllischen Orte, mitten hinein in die Sonne!«

»In das Paradies!« ergänzte Kitty, selbst göttlichen Abglanz im Antlitz. »Aus dem uns niemand mehr vertreiben soll.« Sie drückte das verbundene Haupt des Geliebten sanft zurück in die Kissen und verbot mit mühsam ernster Miene jede Frage.

Acht Tage darauf bewegte sich abends ein festlicher Zug auf der Straße nach Vals, die Knappschaft von Schwarzacker und Sittenfeld in schmucker Bergmannstracht mit brennenden Lampen, voran die Fahne mit der heiligen Barbara.

Als er im Schloßhofe angelangt, erschien Franz von Prechting auf der Terrasse, an seiner Seite Kitty, der alte Graf, Georg und Arabella.

Donnerndes »Glück auf« begrüßte sie. Dann hielt der älteste der Steiger die Ansprache. Von der Aufopferung des Direktors, der, schon gerettet, freiwillig zurückkehrte zur Unglücksstätte, um dort selbst fast den Tod zu erleiden. Ein leuchtendes Vorbild jedem Bergmann. Von den Mühen und Gefahren der Rettungsmannschaften, unten denen sich allen voran ein Arbeiter ausgezeichnet, den heute alle diese braven Männer mit ebensoviel Stolz als Ehrfurcht ihren treuen Genossen in Not und Gefahr nennen – die Tochter unseres erlauchten Herrn selbst – Gräfin Kitty.

Die übrigen Worte verschlang der Sturm des »Glück auf,« das ins Unendliche anschwoll, als Kitty, überwältigt von dem Eindruck, Franz an die Brust sank und seine Arme sie umschlangen. Jeder wußte, es war für immer.

Plötzlich fuhr Kitty jäh auf. Das Schloß, der Park, die ganze Landschaft stand in rotem Lichte und zu gleicher Zeit loderte es auch in Schwarzacker auf wie ein ungeheurer Brand.

»Sieh nur! Als ob es mich mahnen wollte,« flüsterte Kitty.

»Daß alles nur Schein war, ein rasch versprühendes Feuerwerk wie dieses hier, nicht aus der Wesenheit stammend und sie nicht berührend,« sagte Franz, sie an sich drückend.

Da erlosch der Brand, kein Fünkchen blieb. In erhabener Ruhe ging der Mond auf hinter zerrissenem Gewölk, mit seinem sanften Licht ein Fest verklärend, wie es Schloß Vals noch nie gefeiert.

Zum erstenmal zogen die Arbeiter von Schwarzacker als Gäste ein in seine alten ehrwürdigen Hallen, einen Bund zu feiern, der mitten in ihrer dunklen Welt, mitten in Not und Gefahr ihres Berufes geschlossen, der glückverheißendes Symbol ihnen war einer neuen Zeit – die Dämmerung des »verlorenen Paradieses.«