Maria da Caza

I.

Gnädige Frau, wissen Sie denn, daß Stassingk wieder da ist? – fragte im gleichgültigen Ton des Ballgespräches, nur um etwas zu sagen, Herr von Nyvenström, der schwedische Gesandtschaftssekretär. Dabei lachte der große, blonde Mann, dessen Kopf mit dem dichten, hängenden Schnurrbart, den fast weißen Augenbrauen und kurzen, weißblonden, nach hinten gekämmten Haaren durch die kugelrunde Schädelform etwas Seerobbenartiges erhielt.

Maria da Caza blickte ihn mit ihren mandelförmigen, dunklen Augen verwundert an, schob sich die Armbänder höher auf den schöngeformten Arm hinauf und antwortete:

– Wer ist Stassingk?

– Er war doch früher schon in Berlin!

– Ich kenne ihn nicht!

Ueber Herrn von Nyvenströms Antlitz glitt ein Lächeln, als freue er sich, wenn er nur den Namen hörte:

– Stassingk? Gnädige Frau, den sollten Sie nicht kennen? Sie haben vielleicht den Namen vergessen! Das ist ein zu reizender Mensch. Er war Attaché bei der deutschen Legation in Stockholm, als ich im Ministerium arbeitete. Dann habe ich ihn in Washington wiedergetroffen und in Madrid. Und überall hatte er das gleiche Glück bei allen Damen!«

Maria da Caza hörte gleichmütig zu und hob nur ein wenig den schönen Kopf mit dem reichen, schwarzen Haar, in dem ein Diadem von Brillanten blitzte. Als der Schwede die letzten Worte sprach, ward sie ungeduldig:

– Dieser Herr von Stassingk oder wie er heißt …

– Pardon, Graf Stassingk …

– Also Graf Stassingk … hat »Glück bei allen Damen?« Dazu gehören zwei.

Dabei machte sie ein spöttisches Gesicht und die edlen, regelmäßigen Linien ihres Antlitzes verzogen sich zu einem überlegenen, unnahbaren Lächeln.

Herr von Nyvenström konnte nicht mehr entgegnen, denn Leutnant von Remer bat Maria da Caza um eine Extratour, und eine Sekunde später schwebte sie mit ihm durch den Ballsaal. Aber es war, als vermöchte sie diesem Gespräche nicht zu entgehen. Als ihr Tänzer sie wieder an ihren Platz brachte, fand er den Gesandtschaftssekretär nicht mehr vor: er hatte die Zeit benutzt, um selbst eine Dame aufzufordern. Und der junge Offizier, der sich gegen Frau da Caza liebenswürdig zeigen wollte, weil er von ihrem Mann öfters einen guten Ritt im Rennen erhielt, suchte in der Eile nach einem Gesprächsstoff. Schwer von Zunge, fand er nichts als die Neuigkeit, die eben die ganze Gesellschaft durchlief:

– Haben Sie gehört, daß Graf Stasstingk plötzlich zurückgekommen ist?

Sie fing an, sich nun über diesen Grafen Stassingk, von dem alle Welt sprach, zu ärgern, weil sie die einzige zu sein schien, die ihn nicht kannte, denn in diesem Augenblick näherte sich der Gastgeber, Regierungsrat von Lindstedt, ein dicker Herr mit ewig lächelndem Zug um den Mund und listig, fast lüstern blinzelnden, kleinen Augen. Er ließ sie unausgesetzt herumschweifen, um jemand zu finden, dem er die für den Abend zurechtgelegte Geschichte erzählen könnte:

– Meine verehrteste gnädigste Frau, haben Sie denn schon gehört, weshalb Graf Stassingk von der Botschaft in Konstantinopel abberufen ist?

Maria da Caza antwortete ärgerlich, indem sie ein paarmal tiefer atmete, so daß der Regierungsrat unwillkürlich einen seiner lächelnden Blicke über ihre vollen, schönen Schultern gleiten ließ:

– Er wird wohl Schulden gemacht haben!

Der Herr des Hauses lachte meckernd:

– Nein, o nein! Er soll nämlich von der Lieblingsfrau eines der Großwürdenträger des ottomanischen Reiches täglich, wenn der Muezzin den frommen Moslem zum Gebete ruft, in Privataudienz empfangen worden sein.

Herr von Nyvenström war zurückgekommen:

– Erzählen Sie's auch eben? Es macht die Runde, wie es scheint…

Der Regierungsrat ließ ihn nicht ausreden, in der Befürchtung, er möchte ihm seine Geschichte stören, und fuhr eifrig fort:

– Der ganze diplomatische Apparat ist in Tätigkeit gesetzt worden, und die Hohe Pforte hat das Deutsche Reich feierlich um Ablösung eines so gefährlichen jungen Mannes gebeten! Wenn die Abberufung nicht erfolgt wäre, so würden ganz unabsehbare Schwierigkeiten die Folge gewesen sein. 's ist ein Mordskerl, der Stassingk!

Wieder meckerte er und ließ noch ein paar Worte fallen in einem internationalen Kauderwelsch von: » homme à femme«, » ladykiller«, » »geboren für den Flirt« … Dabei war er aber offenbar schon mit den Gedanken anderwärts, und seine Augen suchten den nächsten seiner Gäste, dem er die Neuigkeit des Abends erzählen könnte. Er schien jemanden gefunden zu haben, wandte sich ab, und man konnte deutlich vernehmen, wie er zu einer hübschen, blonden, nur etwas zu starken Dame sagte:

– Haben Sie denn schon gehört …

Leutnant von Remer war gegangen, und die junge Frau stand nun wieder allein neben dem Schweden, der, nicht sonderlich gesprächig, seinen dicken, hängenden Schnurrbart strich, während sie sich im Saal umblickte. Sie bemerkte, wie die blonde, starke Dame, der Herr von Lindstedt seine Geschichte erzählte, sich darüber zu ärgern schien, und fragte daher ihren Tänzer:

– Wer ist die Dame dort? Lachsfarbenes Kleid, dort! Mit dem Doppelkinn!

– Die dem Regierungsrat ein so böses Gesicht macht?

– Ja!

Er zuckte die Achseln, aber Rittmeister Hendrich beugte sich vor und flüsterte, weil gerade die Musik schwieg, und die Dame, von der die Rede war, am Arme des Regierungsrates vorüberkam:

– Prinzessin Löwengaard-Espenburg ist es, gnädige Frau.

Maria da Caza drehte sich halb herum und blieb nun mit dem Rittmeister allein, dem sie den nächsten Tanz gegeben. Sobald sich Herr von Nyvenström entfernt hatte, machte sie sich Luft:

– Gott, ist das ein langweiliger Mensch, dieser Schwede!

– Er soll aber ein vorzüglicher Diplomat sein. Er spricht nicht viel, aber er sieht alles, hört alles, weiß alles, und – man muß es doch wenigstens annehmen – berichtet auch alles nach Stockholm.

Etwas ängstlich gemacht, blickte sich Maria da Caza um, und meinte, sie hoffe nichts Staatsgefährliches gesagt zu haben, was etwa in Stockholm verwertet werden könnte. Rittmeister Hendrich zeigte lächelnd seine schönen Zähne in dem fast puppenhaft regelmäßigen Gesicht, das nur dadurch einen besonderen Ausdruck erhielt, daß die blauschimmernden, rasierten Wangen und das Kinn bei dem starten Bartwuchs eine wie mit dem Pinsel gezogene Linie zeigten, wo die behaarte Zone schroff gegen den bartlosen Teil abstach. Er meinte beruhigend:

– Mit Schweden stehen wir ja auf dem besten Fuße, und so sind nun mal mehr oder weniger alle Diplomaten! Auf irgendeine Manier müssen sie doch auch was 'rauskriegen. Nicht? Na, einer macht's so, einer so.´Es gibt ja Attachés, die sich um gar nichts kümmern. Die haben wir ja auch in Berlin in so und so viel Exemplaren, aber sicher ist's auch nicht. Manchmal tun sie bloß so. So einer ist eben dieser Stassingk, von dem alles redet heute abend. Der wird auch wahrscheinlich fortwährend abgelöst werden, aber nicht, weil er nichts taugte. Wenigstens hat mir ein Herr aus dem Auswärtigen Amt gesagt, daß er famose Dienste leiste …

– Dieser Graf Stassingk ist langweilig! Als ob es nichts anderes zu reden gäbe. Seitdem der Ball angefangen hat, heißt es fortwährend Stassingk … Stassingk … Stassingk …

Maria da Caza bewegte ungeduldig den Spitzenfächer, daß ein paar lose Härchen an ihrer Stirn flatterten. Der Rittmeister, ein Freund der Cazas, lenkte ein:

– Nicht böse sein! Wozu? Ich kam unwillkürlich darauf, weil Sie mich nach der Prinzessin fragten.

– Was hat die damit zu tun?

– Sie sollte ihn mal heiraten!

– Ach! – entfloh es ihr unwillkürlich, während sie die Prinzessin mit den Blicken suchte als jemand bisher Gleichgültiges, der plötzlich Interesse gewonnen hat. Und nun ward sie neugierig und wollte wissen, warum die beiden sich nicht geheiratet hätten. Das konnte der Rittmeister jedoch nicht sagen, nur die Tatsache war bekannt. Die Prinzessin war noch hübsch, danach vor vier oder fünf Jahren sogar sehr hübsch gewesen, dazu hatte sie gerade für einen Diplomaten wertvolle Verwandtschaft mit einer Reihe mediatisierter Häuser, ihre Eltern waren durchaus einverstanden gewesen trotz der »Mesalliance«, und sie besaß, wie behauptet wurde, ein sehr bedeutendes Vermögen.

– Wissen Sie, was dieser Graf Stassingk nach alledem zu sein scheint? – fragte nun wieder heiter und aufgeräumt Maria da Caza mit blitzenden Augen.

– Nun?

– Töricht!

Sie lachten alle beide, und da der Galopp erklang, machte der Rittmeister der schönen, jungen Frau eine leichte Verbeugung, legte den Arm um ihre schlanke Taille, und zog sie in den Saal. Sie tanzte auf eine eigene Art. Etwas Unbewegliches war dabei an ihr, indem sie aufgerichtet in ihrer stolzen Haltung blieb. Und dennoch sah das nicht steif aus, sondern nur vornehm. Das diamantenblitzende Diadem gab ihr etwas von einer Königin. Wenn sie tanzte, blickte ihr alles nach. Unwillkürlich machte man dem Paare Platz und überließ ihm allein das Feld. Maria da Caza wußte es. Sie war es nicht anders gewöhnt seit den fünf Jahren, die sie in Berlin verheiratet war.

Kaum hatte sie der Rittmeister auf ihren Platz zurückgebracht, als sie auch schon ein anderer Herr fortholte, und unterwegs, noch ehe der Tänzer sie abgesetzt, mußte er sie einem dritten überlassen.

– Maria da Caza tanzt! Achtung, meine Herren! – sagte Regierungsrat von Lindstedt zu ein paar jungen Offizieren und Herren im Frack, die in der Tür zu den Nebenräumen standen. Die jungen Leute blickten ihr nach und begannen sich über sie zu unterhalten. Man bewunderte ihre Schönheit, ihr dichtes, schwarzes Haar, die dunklen Augen, die schlanke und doch volle Gestalt, man sprach von ihrem Kleid, das ihr so gut stand, und von dem Diadem auf der Stirn.

Doch plötzlich nahm das Gespräch eine andere Wendung, irgendeiner hatte gerufen: »Stassingk ist da!« und wie ein Lauffeuer pflanzte sich die Nachricht fort von Mund zu Mund. Man sah ihn noch nicht, aber mehrere Herren verschwanden in den nebenangelegenen Zimmern, und andere folgten. Auch die jungen Leute in der Tür schlossen sich an: alle Welt wollte aus dem Munde des um des Staatswohles der Hohen Pforte willen Zurückgekehrten das Abenteuer mit der schönen Haremsdame selbst vernehmen.

Maria da Caza war vergessen. Graf Stassingk trat an ihre Stelle. Und er nahm das Interesse der Gäste so in Anspruch, daß sich in der nächsten Tanzpause der Saal fast ganz leerte, denn die Damen ließen sich in die Nebenräume führen, um aus Neugierde den jungen Diplomaten wiederzusehen, von dem so Eigentümliches erzählt ward, oder wenn sie ihn noch nicht kannten, ihn zu betrachten, dem ein so eigner Ruf voranging. Nur wenige Paare blieben zurück, unter ihnen die Prinzessin Löwengaard-Espenburg und Maria da Caza mit Rittmeister Hendrich.

»Wie neugierig doch die Menschen sein können!« sagte sie wegwerfend. Der Rittmeister flüsterte ihr zu: »Gnädige Frau, seien Sie mal ehrlich: wenn der Stassingk jetzt hereinkommt, und die Prinzessin und er sich wiedertreffen, werden Sie sich das nicht auch mit ansehen wollen?

Ehe sie antworten konnte, strömte die Menge wieder in den Saal zurück. Einer der ersten Eintretenden war der Regierungsrat, der einen Herrn untergehakt hatte und freundschaftlich auf ihn einsprach.

»Das ist er!« meinte der Rittmeister. Maria da Caza blickte auf. Sie sah einen mittelgroßen, jungen Mann in tadellosem Frack, weißer Weste und einem Ordenskettchen im Knopfloch. Er hatte blondes, leicht gewelltes Haar, das er ziemlich kurz trug, einen kleinen, keck nach oben gewirbelten, gebrannten Schnurrbart, und ein frisches, offenes Gesicht, aus dem ein paar lustige, hübsche, blaue Augen lachten. Sein Gang hatte etwas Leichtes, Schwebendes, Fröhliches, als ob er gewohnt sei, den Weg nur immer geebnet zu finden.

– Das ist er? – wiederholte enttäuscht Maria da Caza, und man merkte ihr so sehr an, was sie empfand, daß Rittmeister Hendrich laut lachend fragte:

– Sie haben ihn sich wohl anders gedacht?

– Ja, allerdings!

– Wie denn?

– Schöner.

– Er sieht aber doch ganz gut aus?

Sie schüttelte den Kopf:

– Ich dachte ihn mir groß, mit dunklen Augen, ernst … so … nun eben anders.

– So eine Art fliegender Holländer, nicht wahr?

– Nein, aber der …

Und sie blies leicht die Luft durch die Lippen und fing an, von Gleichgültigem zu sprechen.

Wieder begann der Tanz und allmählich ward auch Graf Stassingk vergessen. Die erste Neugierde war gestillt, nun dachte jeder an sein Engagement, Tanzverpflichtungen, Vorstellen und gesellschaftliche Höflichkeiten.

Nur einmal noch erregte der Neuankömmling die allgemeine Aufmerksamkeit, als ihn Regierungsrat von Lindstedt Zur Prinzessin brachte. Er tat es absichtlich als letzten Trumpf der Neugierde, und die Art und Weise, wie er sich dabei nach seinen Gästen umsah, zeigte deutlich, welches Glück er empfand, daß sich diese peinliche Szene gerade in seinem Hause abspielte und sein Ball wieder etwas Besonderes bot, was ihm andere Gastgeber nicht nachmachen konnten.

Als sich Graf Stassingk plötzlich der Prinzessin gegenübersah, schwieg rings die Unterhaltung auf einen Schlag, wie einem Kommando zufolge. Man stieß sich an, und alle Augen wandten sich zu den beiden. Sie war dunkelrot geworden und tat zuerst, als ob sie des jungen Diplomaten nicht ansichtig geworden wäre. Erst als er auf sie zutrat, neigte sie den Kopf, ohne ihm jedoch die Hand zu reichen. Er aber hatte nicht einen Augenblick seine Fassung verloren. Sofort fand er ein Gespräch, und bei der fast vollkommenen Stille, die eingetreten war, konnte man jedes Wort verstehen:

– Durchlaucht! Nein, Sie sind es! Das ist ja zu nett! Wie ich mich freue. Ich fühle mich ganz, als wäre ich nie fort gewesen. Alle alten Freunde und lieben Bekannten treffe ich wieder. Es war wirklich eine zu charmante Idee von Herrn von Lindstedt, ins Hotel zu schicken, um mir sagen zu lassen, ich möchte doch zum Ball kommen. Mit dem Orientexpreß bin ich kaum angekommen, da hieß es auch schon, evening dress anziehen und die alten, lieben Freunde aufsuchen. Wie ist es Ihnen denn ergangen in den Jahren? Ich hätte mich gern mal wieder in Berlin sehen lassen …

Die Stimme sank nun fast zum Flüstern herab, und Lärm und Treiben im Saal hatte auch schon wieder begonnen, so daß nur Maria da Caza, weil sie zunächst saß, einigermaßen verstehen konnte, was Graf Stassingk weiter sprach. Ihr Tänzer, der österreichische Attaché Ritter Boljèn von Boljena, unterhielt sie die ganze Zeit und erzählte ihr in so selbstgefälliger Weise von seinen Tigerjagden in Vorderindien, daß er gar nicht merkte, wie sie nur Ohren für die Nachbarunterhaltung besaß.

Graf Stassingk sagte der Prinzessin, er hätte weder in Madrid, noch jetzt später in Konstantinopel Urlaub erhalten können, sonst wäre er selbstverständlich nach Berlin gekommen, denn es wäre ihm wirklich peinlich, etwa in den Verdacht zu geraten, als hätte er mit dem Ortswechsel alle vergessen, die ihm daheim einst lieb und teuer gewesen. Oft habe er mit sehnsüchtigem Herzen an seine Freunde gedacht, an alles das, was er im Norden gelassen, und ihn habe solches Heimweh überkommen, daß er sich habe bezwingen müssen, nicht einfach von seinem Posten zu entfliehen.

Er brachte das alles so natürlich vor, so selbstverständlich, dabei so gar nicht auftragend und in schwunghaftem Ton, sondern fast bescheiden, daß seine Ausführungen den Stempel der Wahrheit erhielten. Man mußte ihm glauben. Und er hatte eine Art und Weise, zu sprechen, halbleise, eindringlich, nur ganz persönlich auf den einzelnen Menschen gerichtet, mit dem er sich unterhielt, daß ihm sein Wesen sofort den Hörer gewann.

Die Prinzessin war sehr bald gefangen, sie begann zu lächeln, sie begegnete ihm nicht mehr steif, wurde entgegenkommender, die Röte wich von ihren Wangen, und es schien, als habe sie alles vergessen und vergeben, nachdem er sich kaum zehn Minuten mit ihr unterhalten. Ihr Herr, der den Tanz hatte, war gegangen. Kurz hatte er sich bekannt gemacht, und nun, wo er fühlte, daß diese beiden sich mehr zu sagen hatten, als ihm das Ballgespräch eingab, überließ er die Prinzessin dem Fremden und rettete sich ans Büfett, um bei einem Glase Sekt Trost zu suchen.

Graf Stassingk trat jetzt stillschweigend ganz an seine Stelle und tanzte mit der Prinzessin, die, etwas schwer und nicht immer den leichten Bewegungen ihres Herren folgend, sich von ihm führen ließ. Als das Paar sich unter die Schar der Tanzenden mischte, machte wohl hier und da einer den anderen auf sie aufmerksam, aber im allgemeinen hatte man sich mit der Tatsache, daß die beiden wieder beieinander waren, versöhnt. Die Rückkehr des herzengefährlichen, jungen Diplomaten nach Berlin war nun schon etwas Altes.

Langgezogen klangen die Töne des Walzers »Sweet, sweet heart«, der die Mode der Saison war, und alles begann zu tanzen, denn wenn die süßlichen Anfangstakte schwirrten, sahen sich die Paare an, als wollten sie sagen: »Diesmal dürfen wir nicht aussetzen, denn »Sweet, sweet heart« reißt alle mit sich fort.« Die Schuhe schlürften, die Kleider rauschten, leise klang das Knistern der Seide, das Zusammenschlagen der Sporen, die sich kurz berührten, knappe Worte fielen dazwischen, die man kaum im Vorübereilen erhaschen konnte. Und das Kerzenlicht fiel aus drei großen, venezianischen Kronleuchtern nieder auf die glänzenden Nacken, jugendlich glatt und schmucklos, oder mit Perlenschnüren und Steinen behängen, auf die blitzenden Uniformen und Orden.

Und immer tönte langgezogen das »Sweet, sweet heart«, dessen Melodie, alle fünf Takte von einem neuen Instrument angeschlagen, aus dem Gewirr der Klänge scholl.

Maria da CazZa tanzte unaufhörlich. Nicht eine Sekunde setzte sie aus, und außer Graf Stassingk gab es fast keinen der jüngeren Herren mehr, der sich mit ihr nicht einmal im Walzer gewiegt.

Der Regierungsrat brachte eben seine Frau, eine unscheinbare, stille Blondine, auf ihren Platz zurück. Sie machte sich nichts aus diesen Festen, obwohl ihr Mann zu sagen pflegte, er gäbe seine Bälle nur auf Wunsch seiner »Gattin«, um ihr auch einmal ein Vergnügen zu bereiten.

Sofort wandte sich Stassingk mit einem artigen Worte ihr zu:

– Es ist so nett, gnädige Frau, wenn Mann und Frau miteinander tanzen!

– So? – antwortete sie, verlegen lächelnd, und er fuhr fort, indem er sich artig gegen sie neigte:

– Vor allem, wenn jemand so gut tanzt wie Sie …

Ob der Schmeichelei wußte die junge Frau erst recht nicht, was sie erwidern sollte. Der Regierungsrat aber kniff wieder in seiner beliebten Art ein Auge zu, stieß Graf Stassingk leicht an, schnalzte und sprach:

– Maria da Caza tanzt!

– Wer?

– Maria da Caza tanzt!

– Was heißt das?

– Ich sage nichts, als: Maria da Caza tanzt.

Graf Stassingk tat ganz naiv:

– Das ist wohl die große, schöne Dame mit dem schwarzen Haar? Sie saß vorhin neben der Prinzessin Löwengaard! Nicht wahr, Herr Regierungsrat? – Kennen Sie denn Maria da Caza nicht? Die schönste Frau in der Gesellschaft? Ach so, pardon, ich denke ja nicht daran, daß Sie so lange fern von Madrid – pardon in Madrid – oder am Bosporus weilten. Da kennen Sie sie wohl nicht. Soll ich Sie nicht vorstellen?

– Später, später! Sehr gern! Später, bitte.

Der Regierungsrat lächelte und machte eine Anspielung auf die schönen Frauen des Orients, die dem jungen Diplomaten wohl den Geschmack verdorben hätten. Geheimnisvoll, scheinbar vielsagend, gab jener das Lächeln zurück. Er hätte längst Maria da Caza bemerkt, entgegnete er, nur den Namen nicht gewußt. Nun betrachteten sie beide Frau da Caza, wie sie tanzte. Jedesmal, wenn sie, die mit ihrem Herren immer bloß einen Kreis um den halben Saal beschrieb, an ihm vorüberkam, blickte ihr Stassingk ins Gesicht, so daß sie es gewahr wurde und die Augen niederschlug, weil ihr dieses unausgesetzte Anschauen unangenehm war. Auch dann, als sie eine Pause machte, verließ er sie nicht mit den Blicken, aber er richtete es so ein, daß es nicht auffiel und die anderen dachten, er sähe in das bunte Ballbild hinein, ohne einen bestimmten Menschen zu betrachten.

Maria du Caza ärgerte sich über Stassingk, doch sie redete es sich mehr ein, und im Innersten gestand sie sich, daß es ihr schmeichle, von diesem Manne beachtet zu werden, dem ein so eigner Ruf voranging. Nur hätte sie gewünscht, er möchte sich ihr vorstellen lassen. Das tat er nicht. Dann kam das Souper dazwischen, bei dem sie »gesetzt« war und ihn so gänzlich aus den Augen verlor. Aber auch später machte er keine Miene, sich ihr zu nähern. Nur von weitem trafen sie immer seine Blicke, und plötzlich war er verschwunden und erschien nicht wieder.

Sie suchte ihn, als hätte sie schon ein Interesse an ihm gefunden, und ertappte sich dabei, daß es sie, die sich nie ernstlich um einen Herrn gekümmert, förmlich aufregte, zu erfahren, wo er denn sei. Ihren Tänzer wagte sie nicht zu fragen. Sie kannte ihn wenig: er verkehrte nicht in ihrem Hause. Von den Herren, die sie bei sich sah, konnte sie keinen erreichen.

Da kam ihr ein Gedanke: vielleicht saß er mit der Prinzessin in einem Nebenraum. Unwillkürlich ärgerte sie diese Vermutung. Doch Prinzessin Löwengaard stand ihr schräg gegenüber, und es schien Maria da Caza, als ob sie ihre Augen umherwandeln ließe, suchend und ängstlich. Da mußte sie unwillkürlich über sich selbst lachen.

Was ging sie dieser Fremde an? Dieser unerzogene Mensch, der so und so oft in ihrer Nähe gestanden, der sie mehr als gebührend angestarrt, ohne auch nur den Versuch zu machen, sich ihr nennen zu lassen!

Als nun der Regierungsrat herumlief mit einem unter Einwirkung des Champagners noch auffälligeren Augenzwinkern als sonst und sein neues Schlagwort an den Mann brachte: »Stassingk ist wieder fort, hoffentlich mußte er nicht schon wieder von Berlin versetzt werden!« da ärgerte sie die Gewißheit, daß er nun wirklich gegangen war, ohne es für nötig zu halten, sich ihr bekannt machen zu lassen, derart, daß sie zu Herrn von Lindstedt wütend sagte:

– Flegel!

– Wer?

– Eben dieser Graf Stassingk!

Sie erklärte ihm empört, warum sie Stassingk für einen Flegel halte. Der Regierungsrat aber verteidigte ihn, und in diesem Augenblick kam aus dem Spielzimmer nebenan Herr da Caza, der statt zu tanzen den ganzen Abend Whist gespielt hatte. Er hatte die letzten Worte seiner Frau gehört. Der große, schlanke Mann, dessen bräunliches, hübsches Gesicht, das von einem schwarzen spitzgeschnittenen Barte umrahmt war, nur etwas Starres durch ein Glasauge rechts erhielt, schien fast erschrocken zu sein:

– Weißt Du denn aber, daß Graf Stassingk von Dir gerade das Gegenteil gesagt hat?

Maria da Caza blieb bei ihrer Meinung:

– Das mag sein, gezeigt hat er's nicht.

Herr da Caza sprach, und er erhob seine Stimme, daß es auch ja die Umstehenden hören sollten:

– Die Partie war gerade zu Ende, da kamen Hendrich und er, um sich »spanisch zu drücken«, wie es heißt. Und da fragte ihn die alte Exzellenz Dessow, ihm gehe doch der Ruf als Kenner voran, wer denn auf dem Balle die hübscheste Dame sei. Stassingk meinte: eine käme überhaupt nur in Frage, gegen die die anderen gar nicht zu nennen wären. Allgemeine Spannung. Exzellenz Dessow fragt: »Das ist?« – »Maria da Caza«. Er schwieg und lächelte, stolz seine Frau betrachtend, mit dem einen Auge, das bloß noch einen Strahl des Lebens zu versenden vermochte, wie jemand, der sich freut, ein unbesiegtes, edles Pferd im Stalle zu haben.

Maria da Cazas schönes Antlitz hellte sich auf. Ihr Mann aber fuhr fort:

– Ich habe mich so darüber gefreut, so sehr …

Leise fügte er hinzu:

– Ich habe ihm nahe gelegt, uns aufzusuchen! Unsicher, sie wußte nicht, sollte sie es gutheißen oder nicht, fragte sie:

– Wird er kommen?

– Er kommt.

II.

Graf Stassingk und Rittmeister Hendrich hatten gemeinsam den Ball verlassen. Sie schritten eine Weile schweigend, nachdem sie aus der Hohenzollernstraße, wo das Haus des Regierungsrates von Lindstedt lag, in die Tiergartenstraße eingebogen waren, den nächtlich einsamen Weg.

– Wer sind eigentlich diese Cazas? – fragte nach einer Weile der junge Diplomat. Rittmeister Hendrich antwortete verwundert:

– Nun, er ist der bekannte Rennmann! Den kennen Sie doch!

– Ja, aus der »Sportwelt«, die ich mir immer nachschicken ließ. Aber ich meine so, was sind denn das für Leute eigentlich? Wer verkehrt denn da? Er forderte mich nämlich auf, seiner Frau einen Besuch zu machen. Ich möcht's nun gern wissen, denn wir sehen uns zum erstenmal im Leben, und da … kurzum … sie wollen wohl gern Verkehr haben?

– Nein! Deshalb sind Sie wohl kaum aufgefordert worden, denn Verkehr haben sie genug. Und den allerbesten. In der eigentlichen Hofgesellschaft sind sie zwar nicht drin, aber Hofgesellschaft verkehrt bei ihnen, und auch sonst gute Kreise: Sportleute, Offiziere, auch ein paar Künstler. Wissen Sie, Stassingk, die Cazas haben so 'ne eigne Stellung. Es ist keine alte Familie, aber so halb. Das »da« klingt doch so 'n bißchen wie »de«, wie Adel. Dann haben sie unglaublich viel Geld, und das ist heutzutage schließlich die Hauptsache. Sie besitzen ein großes Haus hier in der Tiergartenstraße. Wir kommen nachher vorbei, ich zeige es Ihnen. Sie geben Diners erster Klasse, allerlei Feste, haben auf der Coach – wenn's nach Karlshorst zum Rennen geht – immer Platz. Er besitzt den größten deutschen Hindernisstall. Es ist immer nett, unterhaltend bei ihnen, und man sieht interessante Leute da. Manchmal geht's sogar ganz geistreich zu. So wie's gerade nett ist, nicht zu tief, nicht flach, so angenehm anregend. Und dann sind die Leute sehr chik. Er sowohl wie sie. Nun, und schließlich sie ist wohl, ohne zu übertreiben, d!ie schönste Frau in Berlin.

Graf Stassingk ließ sich ruhig erzählen. Er war ein wenig nachdenklich geworden und sprach unwillkürlich vor sich hin:

– Maria da Caza!

Da es der Rittmeister gehört hatte, fügte er noch hinzu:

– Das klingt so famos. So … stolz; »Maria da Caza«.

– Sie wird auch nie anders genannt. Passen Sie mal auf, es heißt nie, wenn jemand fragt, wer auf dem und jenem Rout gewesen oder Bazar, Ball, Rennen, Korso, afternoon-tea und so weiter … der war da und dann Frau da Caza … Nein, es hat sich ganz von selbst gemacht, daß nie anders gesagt wird als: Natürlich war da: »Maria da Caza!« Sowie die Zeitungen nicht sagen: wir erblickten auf dem Presseball »Fräulein Groß«, sondern »Jenny Groß«. Und wie man erzählt: »Der Reichskanzler« fuhr vor . . oder »Heyden-Linden« ist gestürzt.

Auch er ließ die Silben mit dem wiederkehrenden Vokal voll ausklingen:

– Maria da Caza!

Sie kamen, die Tiergartenstraße entlang schreitend, an einer in deutscher Renaissance gehaltenen Villa vorbei, die unter den zum Teil wenig geschmackvollen, auch älteren Häusern der Nachbarschaft sofort auffiel. Der Vorgarten war, wie man trotz des Herbstes erkennen konnte, sehr gut gehalten, das schmiedeeiserne Gitter machte einen künstlerischen Eindruck. Rittmeister Hendrich zeigte:

– Sehen Sie, die Villa da Caza!

Graf Stassingk musterte das Besitztum, das im hellen Mondenschein fast wie am Tage zu sehen war, und meinte bedächtig:

– Sehr herrschaftlich! Allerdings!

Die beiden blieben noch eine Weile am Gitter stehen, denn wenige Schritte davon trennte sich ihr Weg. Die Nacht war mild und schön, über ihnen flimmerte der sternbesäte Himmel und ihnen gegenüber rauschten, wenn ein Windhauch darüber strich, die Wipfelkronen des Tiergartens. Ab und zu klang von weitem ein Schritt auf dem Pflaster oder das Rollen eines Wagens. Stassingk hatte den Ueberzieher geöffnet, weil es ihm zu warm geworden, und schob den Hut in den Nacken. Er blickte zum Horizont auf und sagte träumerisch:

– Unser altes Vaterland ist am Ende auch nicht ohne!

Der Rittmeister erwiderte:

– Hat's Ihnen denn nicht leid getan, den Bosporus zu verlassen?

– Ja und nein! Es hat alles seine zwei Seiten. Uebrigens habe ich mich in Madrid und Washington auch sehr wohl befunden. In Stockholm nicht minder. Ich glaube, mir gefällt's überall. Ich könnte überall leben, ganz einerlei wo, denn nette Damen gibt's schließlich allerwärts, Bei uns hier sind die Menschen nur so entsetzlich schwerfällig und philiströs. Das ist in Amerika am schönsten, da kräht kein Hahn danach, ob man mit dieser oder jener fünf Minuten länger redet …

Er versank in Gedanken und fragte plötzlich:

– Sagen Sie mal, Hendrich, hat man nicht, wie ich damals vor'n paar Jahren nach Stockholm geschickt wurde, noch dumme Bemerkungen gemacht wegen der kleinen Prinzessin? Ich hörte es mal!

– Allerdings, und zwar sehr.

– Mein Gott, ich habe ihr aber doch nie einen Antrag gemacht! Nie daran gedacht überhaupt nur! Nicht im Traum!

– Man glaubte eben allgemein …

– Das ist doch zu albern. Dann hört doch einfach jeder Verkehr auf! Wenn man nicht mit einer Dame, mit der man sich gut unterhält, ein Wort reden kann, ohne daß einem von allen alten Tanten und Klatschbasen sofort Heiratspläne untergeschoben werden! Rittmeister Hendrich zuckte die Achseln. Sie hatten das Nahen eines Wagens bei ihrem Gespräche ganz überhört. Einen Augenblick lauschte der Rittmeister, dann zog er Stassingk ein Stück fort bis an die Ecke der Regentenstraße, in der seine Wohnung lag:

– Es sind Cazas. Ich höre es gleich am Gangwerk der Gäule, und wenn sie uns bei dem hellen Mondenschein an ihrem Gitter erblicken sollten, so sieht das doch zu töricht aus.

Sie warteten an der Ecke noch einen Augenblick, bis sie sahen, daß die Equipage vor der Cazaschen Villa in einem kleinen Bogen ausholte und einfuhr. Der Rittmeister hatte recht. Schnell drückten sie sich noch die Hand und trennten sich. Auf der Regentenstraße verhallte klingend Hendrichs Schritt. Stassingk strebte der inneren Stadt zu, doch als er ein Stück fort war, drehte er nochmals um und ging bis an die Villa da Caza zurück. Wie er sich einredete, um nach der Nummer zu sehen, in Wahrheit jedoch, weil es ihn reizte, zu beobachten, ob ein Fenster sich erhellt hätte. Vielleicht in Maria da Cazas Zimmer.

Maria da Caza! Ihr Bild stand einen Augenblick vor seinen Sinnen. Schön war sie. Wunderbar schön…

Aber das Haus blieb dunkel, und er wandte sich ab, indem er leise »La Paloma« vor sich hin pfiff, nachdem er seine Zigarette auf den Fahrdamm geschleudert.

Maria da Caza hatte die Räume nach der Straße zu gar nicht betreten. Während ihr Mann sofort das nach hinten gelegene Schlafzimmer aufsuchte, ließ sie sich von der Jungfer, die aufgeblieben war, in ihrem Ankleidezimmer entkleiden, dann schickte sie das Mädchen fort:

– Sie sind müde, Agnes, gehen Sie zu Bett. Ich mache mir das Haar selbst!

Während sie vor dem Rokokotoilettentischchen saß, das mit Point-de-Venise-Spitzen drapiert war, flocht sie sich mechanisch das prächtige lange Haar, langsam, ganz langsam, in Gedanken noch bei dem Balle weilend. Ein süßes Gefühl der Gelassenheit, halb der Gleichgültigkeit, halb der Befriedigung löste ihr die Glieder, daß sie sich streckte und dehnte. Sie war nicht müde wie sonst nach den Bällen, sie fühlte sich nicht abgespannt und gelangweilt wie meist, sondern satt, befriedigt, glücklich.

Dieser Graf Stassingk, der es nicht einmal für nötig befunden, von ihr Notiz zu nehmen, würde ihr seinen Besuch machen! Es tat ihrer Eitelkeit wohl, das erreicht zu haben. Und je weiter sie sich in ihren Gedanken gehen ließ, desto klarer wurde es ihr, daß ihr der junge Diplomat gefiel. Seine Art und Weise, zu sprechen mit dem Persönlichen, Einschmeichelnden im Ton, machte ihr Eindruck, und unwillkürlich sah sie die Prinzessin vor sich, wie sie verlegen geworden, als er ihr wieder begegnete. Sie malte sich ein Phantasiebild jener türkischen Frau, deretwegen der junge Diplomat Konstantinopel hatte verlassen müssen, sie dachte an Madrid, das sie auch kannte, wo ihm die glutäugigen Spanierinnen hold gewesen, an Washington, wie er wohl den Sommer in New York geflirtet, an Stockholm, wo er die blonden, kalten Nordländerinnen entflammt. Und ganz leise stieg in ihr der Vergleich auf mit anderen Frauen, und sie erinnerte sich dessen, was ihr in allen Tonarten, Wortwendungen und Idiomen von den Herren versichert worden war, daß sie doch die Schönste sei. Ein flüchtiger Blick glitt in den Spiegel.

Dann streckte und dehnte sie sich wieder und überließ sich weiter träumend ihren Gedanken.

Sie fühlte sich satt, befriedigt, glücklich.

Am anderen Morgen frühstückte Maria da Caza wie immer allein, denn Herr da Caza pflegte zeitig nach Karlshorst zur Morgenarbeit seiner Pferde hinauszufahren, dem einzigen im Leben, wofür er sich ernsthaft interessierte. Sie stöberte die angekommenen Postsachen durch, nur ihre Pariser Modenzeitung war für sie, das andere Briefe für ihren Mann, die sie nicht einmal auf die Handschrift hin ansah. Mit dem Blatt in der Hand ging sie in ihr Boudoir, das von oben bis unten mit weißer Seide bespannt war, zeltartig sich an der Decke in Falten zusammenfindend. Das kleine Gemach war ganz in weiß gehalten, die zierlichen Möbel, Schränkchen, Etagèren weiß, in matter Farbe, die Stühle mit weißer Seide überzogen. Weiße Angorafelle deckten den Boden, und alle Gegenstände des Gebrauchs: Schreibzeug, Nippes, Schalen Leuchter, alle die Dutzende kleiner Nichtse und Kunstwerke aus Elfenbein.

Maria da Caza dachte wieder an den Ball. Es war erst Herbst, die Saison hatte noch nicht begonnen und nur ein paar Leute hatten tanzen lassen, die es gar nicht abwarten konnten, oder die, wie der Regierungsrat von Lindstedt, nach Außergewöhnlichem, nach den Primeurs des Winters geizten. Dennoch hatte sie schon alle Feste und Bälle über, ehe sie recht ihren Anfang genommen. Es freute sie zwar, eine Rolle zu spielen, angestaunt, bewundert zu werden, die Schönste zu sein, immer gesucht, begehrt sich zu fühlen, aber das ging nun schon ein paar Jahre so und war immer und ewig dasselbe.

Ihr Mann hatte sie so erzogen. Er wollte nichts anderes von ihr und hatte kaum je anders gewollt, als daß sie glänzen sollte, ein Haus machen und durch ihre Schönheit ihn mit ihr in den Mittelpunkt der Gesellschaft bringen.

Wie sie nach Berlin gekommen und er sich allmählich vermöge seines Geldes einen Rennstall gegründet, zuerst weniger aus Interesse am Sport, als weil ihm die Stellung als Sportsman ein Relief verlieh und Bekanntschaften sich daran knüpften, da hatten sie noch keinen Verkehr gehabt. Erst allmählich fand sich einer zum anderen. Ein paar Rennleute fingen an, einige junge Offiziere, denen Herr da Caza gute Ritte angeboten, folgten. Und mit der Zeit wuchs ihre Zahl. Maria da Cazas Schönheit zog sie an, ihre Liebenswürdigkeit hielt sie fest. Aber zuerst kamen fast nur Herren: man ward es empfindlich gewahr, daß die Villa da Caza einem Junggesellenheim glich, in dem eine Dame den Vorsitz führte.

Maria da Caza erinnerte sich dieser Anfänge, wie dann ganz plötzlich durch den Regierungsrat, der als Junggeselle bei ihnen verkehrt und nach seiner Verheiratung ihr seine junge Frau zugeführt, der Kreis an Damen sich vergrößert hatte. Sie lächelte im Gedanken an diese ersten, gesellschaftlichen Nöte, an dieses mühsame Bekanntwerden, Eindringen, sich zur Geltung bringen. Sie lächelte, weil es ihr jetzt so fern, so überwunden erschien, wo sie nun schon übersättigt und gelangweilt war von allem, was sie doch damals heiß ersehnt und sich Zoll um Zoll gewonnen.

Und sie dachte wieder an Graf Stassingk, unwillkürlich wie durch eine Zwangsvorstellung, als ob er etwas Neues in ihr Leben brachte, eine frische Note, einen ungehörten Klang. Sie ward neugierig, ob er wohl heute den versprochenen Besuch machen würde. Wahrscheinlich noch nicht, es wäre zu schnell gewesen.

Gegen Mittag zog sie sich an und ging fort. Sie war unruhig und hielt es zu Hause nicht mehr aus. Herr da Caza hatte telephoniert, er hätte zu tun und würde vor dem Diner nicht zurück sein. Sie schlenderte langsam die Tiergartenstraße hinab, der Lennéstraße zu. Eigentlich hatte sie nachmittags reiten wollen, aber da ihr Mann sie nicht begleiten konnte, mußte sie es lassen. Und sie ärgerte sich darüber, denn das wäre doch wenigstens eine Zerstreuung gewesen. Außerdem meinte sie, das wenigstens von ihm verlangen zu können, da er sich sonst nicht um seine Frau kümmerte.

Das schöne Wetter hatte trotz des leichten Windes, der den Staub der Straße zusammenblies, die Leute ins Freie gelockt, und der Weg war voll Spaziergänger. Fast jeder blickte Maria da Caza an, wie sie mit ihrer königlichen Figur, einfach, aber nach letzter Mode gekleidet, dahinschritt.

Maria da Caza war das gewöhnt, sah es als einen Tribut an, der ihrer Schönheit galt, und empfand kaum mehr das Anstarren der Leute, so natürlich war es ihr geworden. Meistens benutzte sie ihre Victoria oder ihr Coupé, doch heute wollte sie sich Bewegung machen. Ein wenig Gehen und die frische Luft sollten ihr gut tun. Im Grunde hatte sie kein Ziel, und wo sich die Lenné- und Bellevuestraße gabelten, schwankte sie einen Augenblick, welchen Weg sie nehmen sollte. Endlich fiel ihr ein, daß sie zu Schulte, Unter den Linden, gehen konnte, um sich Bilder anzusehen. Vielleicht gab es ein paar neue Gemälde, die sie noch nicht kannte.

Doch sie fand nichts als ein Oelbild von Peter Stöckl, einem jungen Österreicher, der sich ab und zu bei ihnen zeigte, und dem Herr da Caza ein paar Gouaches abgekauft, weil er von ihm gelesen, daß er ein »Mann der Zukunft« sei, auf den man achten müsse. »Müde« hieß das Werk, das gleich im ersten Saale hing.

Maria da Caza betrachtete die Landschaft, eine weite Heidefläche, auf der brennende, sengende Sonne lag. Warum das gerade »Müde« heißen sollte, verstand sie nicht. Vergebens spähte sie nach einer Figur, etwa einem Knaben, der schlummernd im Kraut läge, von Hitze und weitem Marsch übermannt. Doch das Bild enthielt keine Figur, und da sich fast niemand in den Salons befand, ging sie kopfschüttelnd davon, die Straße zurück, die sie gekommen.

Als sie wiederum in die Lennéstraße einbog, kam ihr der Einfall, Gräfin Selbotten zu besuchen, in der nahen Viktoriastraße, eine junge Frau wie sie, deren Mann bis zu seiner Verheiratung Rennen geritten und dadurch mit den Cazas bekannt geworden war. Graf Selbotten war zur Kriegsakademie kommandiert, und wie Maria da Caza wußte, noch nicht vom Dienst zurück. Um diese Zeit pflegte die Gräfin zu Hause zu sein.

»Frau Gräfin laßt bitten!« sagte der Bursche und öffnete die Tür zum Salon.

Beim Eintreten konnte Maria da Caza im ersten Augenblick wegen der Blendung durch die Fenster nur ein paar dunkle Schatten erkennen. Die Gräfin, eine rundliche, kleine Frau, die zu viel und gern lachte, stand auf, und die beiden Damen umarmten sich.

– Das ist ja reizend, daß Du kommst, Maria! – sagte Gräfin Selbotten und gab der Eintretenden noch einmal einen Kuß auf beide Wangen.

– Ich wollte Dir vom Ball bei Lindstedts erzählen! – antwortete schnell Maria da Caza, obwohl ihr das eben erst eingefallen war. Die kleine, vergnügte Frau lachte fröhlich:

– Ich weiß schon alles!

Nun erst betrachtete Frau da Caza den Besuch, der sich erhoben hatte und zur Seite stand, die Hände leicht auf die Lehne seines Stuhles gestützt. Ihre Augen hatten Zeit gehabt, sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen, und sie erkannte Graf Stassingk. Doch sie wartete nicht ab, daß er sich ihr nun bekannt machen ließe, sondern achtete absichtlich nicht auf ihn, setzte sich so, daß sie ihm fast den Rücken drehte, und begann sofort ein eifriges Gespräch mit ihrer kleinen Freundin. Diese meinte, die beiden kennten sich, und hörte zuerst vor lauter Lachen, Schwatzen und Fröhlichkeit gar nicht auf die mehrmalige Bitte des jungen Diplomaten, Maria da Caza genannt zu werden. Endlich ward sie den Irrtum gewahr, freute sich über das Versehen und rief:

– Ach, die Herrschaften kennen sich nicht! Graf Stassingk – Frau da Caza … Aber bester Graf, Sie müssen sich doch gestern auf dem Balle getroffen haben?

– So? – sagte Maria da Caza, als erinnere sie sich nicht, und Stassingk sprach:

– Natürlich, gnädigste Frau! Und Sie werden wohl sehr schlecht von mir denken, aber wirklich, wie es so manchmal geht, den gleichgültigsten Leuten läßt man sich vorstellen und darüber verpaßt man die anderen. Den ganzen Abend hindurch hatte ich die Absicht, aber ich wollte es nicht in einem beliebigen Augenblick tun, sondern wenn Sie einmal in einer Ecke irgendwo in Ruhe saßen. Dazu kam es aber gar nicht, denn Sie tanzten ja fortwährend. Von einem Herrn ging es zum anderen. Und die kannten Sie doch alle. Ich aber hatte nur flüchtig meine Verbeugung machen können, und nicht ein Wort hätten wir gewechselt. Das wollte ich nicht. Und … und da getraute ich mich nicht heran …

Dabei hatte er einen so demütigen, fast schüchternen Ton angenommen, daß Maria da Caza mit einem Schlage jedes Gefühl der Verstimmung verlor, das ihr aus seiner Nichtbeachtung erwachsen. Sie fragte freundlich mit durchzitterndem Erstaunen:

– Sie getrauten sich nicht heran?

– Sie waren so umworben!

– Ach, … nun, ich tanzte viel!

– Jeder wollte mit Ihnen tanzen!

– Weil ich sehr viel Bekannte habe. Die wollen artig sein.

Graf Stassingk schüttelte den Kopf:

– Herr von Lindstedt traf das Richtige. Er machte die Herren darauf aufmerksam, nur mit vier Worten, aber die sagten alles.

– Vier Worte?

– Jawohl, gnädige Frau, nur vier Worte!

Sie fühlte sich ein wenig geschmeichelt, und die Neugier regte sich:

– Da bin ich doch gespannt!

– Maria da Caza tanzt! – antwortete der junge Diplomat mit einem gewissen stolzen und doch warmen Ton laut und anders, als er sonst sprach.

Die kleine Gräfin Selbotten saß ruhig lächelnd daneben und konnte in die Unterhaltung der beiden nicht eingreifen, weil sie nichts Allgemeines sprachen, sondern persönliche Dinge. Dabei wandten sie sich einander zu, so daß es fast schien, als wäre die Frau des Hauses nicht vorhanden.

– Wir vergessen Dich ganz! – sagte Maria da Caza. Die kleine Gräfin meinte, das käme daher, daß sie nicht auf dem Balle gewesen, und Stassingk wußte ihr sofort eine Artigkeit zu sagen: man habe nach ihr gefragt. Es klang so, als sei sie allgemein vermißt worden, doch nach näherer Erkundigung vermochte er nicht anzugeben, wer von ihr gesprochen. Aber Gräfin Selbotten fühlte sich dennoch angenehm berührt.

Maria da Caza wußte, daß, wenn Graf Selbotten aus der Kriegsakademie hungrig zurückkam, die jungen Eheleute sofort zu Tisch zu gehen pflegten. Deshalb erhob sie sich, als es klingelte und man im Entree das Klirren beim Ablegen des Säbels hörte. Schnell, ehe der Hausherr erschien, stand sie auch schon an der Tür.

– Mein Mann sieht bloß nach unserer Kleinen drüben, dann kommt er gleich! – erklärte die Gräfin, doch Maria da Caza ließ sich nicht halten:

– Ich weiß, Ihr wollt zu Tisch gehen! Grüß Deinen Gatten!

Damit war sie hinaus, und Graf Stassingk konnte unter diesen Umständen nicht anders als sich anschließen. Sie schritten nebeneinander, und sie fragte, woher er die Selbottens kenne, da er doch jahrelang abwesend gewesen.

– Sie kannte ich bisher noch nicht, gnädige Frau. Mit ihm bin ich auf der Schule zusammen gewesen und bin außerdem Reserveoffizier von seinem Regiment!

Einen Blick ließ sie unbemerkt über seine Figur gleiten, mit dem Gedanken, daß die Husarenuniform ihm gut stehen müsse, und sagte scheinbar ganz nebenher, um nur etwas zu erwidern:

– Die Uniform ist hübsch!

Er stimmte bei, und unwillkürlich bogen sie in die Tiergartenstraße nach links ein, wo die Villa lag. Es war, als sollte nun die Unterhaltung ersterben, da sagte er:

– Gnädige Frau, wissen Sie, weshalb ich mich so lange aufgehalten, ohne den Entschluß fassen zu können, mich Ihnen vorstellen zu lassen?

– Ach, das ist ja längst vergeben – reden wir doch nicht davon …

– Mir liegt daran,

– Wieso?

– Ich fand eine Aehnlichkeit, eine wundersame Aehnlichkeit … als ich eintrat in den Saal und Sie sah . .

Sie wußte nicht, wo das hinaus sollte, begriff nicht, was er wollte, nur der fast feierliche Ton fiel ihr auf und daß sein Gesicht ganz ernst geworden. Sie fragte:

– Eine Aehnlichkeit?

– Ja, gnädige Frau. In Madrid ist eine Dame der Gesellschaft, die schönste Spanierin, die ich während meiner Dienstleistung dort gesehen habe, und die Damen sind schön dort … die sah … genug, wie ich gestern auf den Ball kam, dachte ich, Sie müßten ihre Schwester sein. Nur einen helleren Teint besitzen Sie, gnädige Frau. Dann hörte ich den Namen, der doch eigentlich romanisch klingt!

Maria da Caza lächelte:

– Ich bin keine Spanierin, sondern meine Eltern waren Bayern. Der Name meines Mannes ist allerdings romanischen Ursprunges – aus Dalmatien, aber das ist schon lange her und er ist in Wien geboren.

Graf Stassingk blickte sie nicht an, sondern sah vor sich hin als vergegenwärtige er sich ein Bild:

– Sie war groß und schlank, von einer wundervollen ebenmäßigen Gestalt, einer königlichen Figur. Ihr blauschwarzes Haar, weich und dennoch mächtig, trug sie frei aus der Stirn gekämmt in griechischem Knoten. Das schmale Gesicht, oval, edel geformt, mit feiner, gerader Nase, erhielt seine größte Schönheit neben dem kleinen Mund, den wunderschönen Zähnen, durch die Augen. Dunkle, glühende und doch kalte, stolze Augen, die immer glänzten, wie halb umflort, immer glänzten …

Maria da Caza fühlte, wie ihr langsam die Röte ins Gesicht stieg, als ihr Begleiter sie Linie um Linie selbst beschrieb. Sie wollte sich darüber ärgern, sie hatte ein verweisendes Wort auf den Lippen, aber sie sah, daß er sie nicht anblickte, und der Klang seiner Stimme war ganz ruhig, wie bei einem gleichgültigen Gespräch. Und sie meinte, daß, wenn sie etwa jetzt bäte, nicht so zu sprechen, er sie am Ende gar nicht verstehen möchte und erstaunt fragen, was sie denn eigentlich aus seinen Worten herausgehört, das er nie habe hineinlegen wollen. Das wäre ihr so peinlich gewesen, daß sie lieber schwieg. Dazu sprach er ganz anders als auf dem Balle, wo in seiner Art und Weise zwar bestrickende Liebenswürdigkeit gelegen, aber dennoch, wie sie jetzt fand, etwas Oberflächliches, Leichtes, während er in diesem Augenblick ernst redete und wie ganz bewegt von seinem Gegenstand.

Sie wußte nicht recht, galt es ihr oder einer Erinnerung.

Graf Stassingk sprach nicht weiter, er ging wie in Gedanken versunken neben der schönen Frau einher, und bei jedem Schritte vorwärts ward sie immer mehr der Ueberzeugung, daß ihn irgend ein Bild aus der Vergangenheit festhalte und die Worte, die er eben von ihr über ihre Schönheit gesprochen, nur auf dem Umwege ihr gegolten.

Da stieg wieder ein leises Gefühl der Verstimmung in ihr empor, weil er zu ihr, neben ihr, von einer anderen erzählt, der noch jetzt nach Jahren sein Gedenken gehörte.

Er fuhr plötzlich auf und setzte in ganz anderem Tone ein. Man merkte, daß er die Unschicklichkeit empfand, so lange zu schweigen:

– Haben Sie das Bild »Müde« bei Schulte gesehen, gnädige Frau?

Sie war erstaunt:

– Eben bin ich da gewesen!

– Ach, eben?

– Vor einer halben Stunde.

– Und ich heute früh, gnädige Frau!

– Da ist fast Ihr erster Gang in Berlin in die Bilderausstellung?

Das hatte sie ihm doch nicht zugetraut. Er schob sich mit dem Zeigefinger den kleinen, blonden Schnurrbart in die Höhe und sagte mit gewissem Nachdruck:

– Ich liebe die Kunst über alles!

Wieder hatte sie die Empfindung, als löse sich die kurze Verstimmung gänzlich auf, als wäre sie glücklich, die Entdeckung zu machen, daß er doch nicht ganz der oberflächliche Mensch war, den in ihm zu ahnen sie sich nicht hatte erwehren können. Graf Stassingk fuhr fort:

– Dieses »Müde« ist schön.Diese Symbolik, daß das »Müde« sich auf die Stimmung der ganzen Landschaft bezieht! Diese Heide, die in der glühenden Mittagssonne dämmert! Das scheint alles nach Kühle, nach Regen zu verlangen, um aufgescheucht zu werden, um aufzuwachen, und jetzt liegt noch bleierne Müdigkeit darüber.

– Ich suchte nach einer Figur auf dem Bilde! – gestand Maria da Caza.

– Die Landschaft spricht für sich allein, die Landschaft, diese Heide ist selbst müde!

Das Verständnis für das Bild ging ihr plötzlich auf und sie freute sich, ihm zu sagen, Peter Stöckl verkehre bei ihnen. Obwohl sie sonst nicht viel auf den etwas stillen, in sich gekehrten jungen Maler gegeben, erinnerte sie sich seiner mit dem angenehmen Bewußtsein, Stassingk bei dieser Gelegenheit zeigen zu können, daß in der Villa da Caza auch die Kunst eine Stätte finde, die Kunst, die er »über alles liebte«, wie er vorhin gesagt.

Sie standen vor dem Gartentor.

– Ich wollte eigentlich heute meine Aufwartung machen. Nun also ein ander Mal – werde ich mir gestatten.

In ihrer ruhigen, stolzen Art neigte sie den schönen Kopf, nachdem er die Tür geöffnet. Sie reichte ihm nicht die Hand. Er blickte ihr nach, wie sie mit vielleicht etwas eiligeren Schritten, als sonst ihre Gewohnheit war, dem Portal der Villa zustrebte.

Als er die Straße nach dem Inneren der Stadt zurückkehrte, lag ein frisches, selbstzufriedenes Lächeln auf seinen Lippen, seine hübschen, blauen Augen strahlten, sein Gang hatte wie im Ballsaal etwas Leichtes, Schwebendes, Fröhliches, als ob er nur immer gewohnt sei, den Weg geebnet zu finden.

Herr da Caza brachte ein paar Rennleute mit zum Diner um sieben Uhr: Rittmeister Hendrich, Leutnant von Remer, Mister Easby und einige Pferdebesitzer. Es wurde von nichts weiter gesprochen als vom Sport, wie immer an solchen Tagen, und Maria da Caza langweilte sich. Sie fragte die Herren nach Peter Stöckls Bild, für das sie sich nach Graf Stassingks Erklärung jetzt begeisterte. Keiner war bei Schulte gewesen, und obwohl sie den jungen Künstler aus dem Cazaschen Hause kannten, zeigte niemand Interesse für das Gemälde. Sofort wurden Rennaussichten, Trainingberichte, Gewinnchancen, Propositionen, Neuankäufe wieder das Thema der Unterhaltung.

Dadurch erschien ihr Graf Stassingk plötzlich als ein Mann aus einer anderen Welt, ein Mann, der doch auch Tiefe besaß, der für die Kunst ein Herz hatte, die Welt in beiden Hemisphären kannte, als ein Mann, mit dem man sich unterhalten konnte, während der Horizont dieser Flachköpfe mit ihrem Handwerk, ihrem Geschäft ein Ende fand.

Sobald die Gäste fort waren, ging Herr da Caza zur Ruhe.

– Ich muß morgen frühzeitig heraus. Maria! – sagte er gähnend und wollte ihr den Gutenachtkuß geben. Sie ärgerte sich so darüber, daß sie eine abwehrende Bewegung machte und ihm nur die Fingerspitzen überließ.

Eine Weile irrte sie noch durch die Räume, unschlüssig, was sie tun sollte. Hier und da nahm sie für einen Augenblick Platz, besah sich Ringe und Armbänder, schaute in den Spiegel, um sich jedoch sofort wieder abzuwenden. Immer kehrten ihre Gedanken zu Graf Stassingk zurück, an dem doch eigentlich nichts Besonderes war, wie sie bei seinem ersten Erscheinen gedacht. Aber sie sagte sich, daß er ihr gleichgültig sei, gleichgültig, wie ihr alle und alles in der Stimmung dieses Tages gleichgültig erschien.

Dann ging sie, um sich ein Buch zu holen, ins Bibliothekzimmer – das mehr eingerichtet worden, weil es der Baumeister vorgesehen, als aus innerer Notwendigkeit, denn Herr da Caza las nichts. Einzuschlafen war ihr doch unmöglich.

Maria da Caza suchte in den Schränken, auf den Regalen, aber sie konnte sich für nichts entscheiden. Sie meinte alles schon gelesen zu haben, alles zu kennen. Mitten im Zimmer kniete sie sich hin und wühlte und warf alles durcheinander. Ein Buch blieb ihr in der Hand, ein französischer Novellenband: Marcel Prevosts »nouvelles lettres de femmes«, das mußte man gelesen haben, wie ihr ein paar Herren auf dem Lindstedtschen Balle versichert. Damit ging sie, nachdem sie dem Diener das Auslöschen der Lichter befohlen, dem Schlafzimmer zu. Vorher nahm sie sich noch eine silberne Schale voll Süßigkeiten an ihr Bett.

Als sie in das gemeinsame Schlafgemach trat, suchte sie aus alter Gewohnheit möglichst wenig Lärm zu machen, aber wie sie ihren Gatten ruhig und tief atmen hörte, hatte sie ein Gefühl der Unlust und Empörung, daß er schlafen konnte und sie nicht. Unwillkürlich gab sie sich keine Mühe mehr, ihn nicht zu wecken, sondern entkleidete sich geräuschvoll. Dann schlug sie in ihrem Bett das Buch auf und begann zu lesen. Doch nur mit halber Aufmerksamkeit, denn ihre Gebanken entglitten ihr oft, und schließlich entsank ihr der Band und sie überließ sich ihren Träumen, während der Schläfer ihr das Gesicht zukehrte.

Maria da Caza betrachtete lange, gleichmütig das regelmäßige Antlitz ihres Mannes, das nur durch die eingesunkene Höhle des nachts entfernten Auges etwas Wildes erhielt. Ihr fiel ein, wie sie sich als Mädchen in diese Züge vergafft, die dem unerfahrenen Ding, das auf dem stillen bayerischen Waldgute nie vorher einen Mann der Gesellschaft gesehen, göttlich erschienen und wie die Bahre sie abgekühlt, so daß sie ihr nun gleichgültig waren, völlig, völlig gleichgültig.

Und sie dachte: So muß es im Leben immer kommen, da gibt es kein Sträuben, kein Auflehnen, es ist einmal Naturgesetz, auf den Höhepunkt folgt der Fall, auf den Sommer der Herbst.

Zufällig erhob sich draußen ein Windstoß und der Oktobersturm fegte die Blätter von den großen Bäumen des Tiergartens, jenseits der Straße.

III.

Gerade als Maria da Caza nicht zu Hause war, hatte Graf Stassingk seinen Besuch gemacht. Sie war ärgerlich darüber, während ihr Mann sich freute, die Karte des jungen Diplomaten vorzufinden. Die Cazas hatten es jetzt zwar nicht mehr nötig, jedes Mitglied der »Gesellschaft«, das bei ihnen Besuch machte, als einen Schritt nach vorwärts anzusehen, aber bei den Herren vom Auswärtigen Amt empfand Herr da Caza doch immer noch eine kleine Genugtuung.

Mit der »Korrektheit«, die er sich angeeignet und auf die er große Stücke hielt, suchte er sofort am nächsten Tage Graf Stassingk auf, ohne ihn jedoch zu treffen.

Maria da Caza wollte ihn möglichst bald eingeladen haben, aber ein wenig mußte gewartet werden, damit es nicht zu eilig aussähe, und dann folgten drei Tage, an denen sie etwas vorhatten: ein Diner beim Botschaftsrat von der Kerk, der Besuch des Zirkus Renz mit Selbottens, Rittmeister Hendrich und einem Vetter der kleinen Gräfin, und endlich Rennen in Karlshorst. Beim Diner war Stassingk nicht und auch nicht im Zirkus, obwohl Maria nach allen Seiten spähte, ob ihn nicht vielleicht ein Zufall gerade an dem Abend hingeführt. So blieb als eimzige Hoffnung der Renntag.

Herr da Caza hatte, wie zu jedem Rennen, eine Anzahl von Bekannten dazu aufgefordert, mit seiner Coach hinauszufahren. Vorher nahmen die Eingeladenen in der Villa das Frühstück ein. Ein Herr hatte abgesagt, noch am Morgen des Renntages:

– Wie wäre es, wenn wir es Graf Stassingk sagen ließen? – schlug sofort Maria da Caza vor. Ihr Mann sann einen Augenblick nach, dann meinte er aber, für eine erste Einladung sei es zu spät, denn Stassingk würde merken, daß er nur als Lückenbüßer gewünscht worden wäre:

– Dazu müßten wir ihn doch genauer kennen! Ich werde es dem Peter Stöckl sagen lassen, der wollte immer gern einmal ein Rennen sehen! Vielleicht kriegt er Lust, mal eins meiner Pferde zu malen!

Sie dachte an das Bild »Müde«, das ihr Stassingk mit so richtiger Empfindung erklärt, und es ärgerte sie, daß ihr Mann den Farbendichter dieses Werkes für gut genug hielt, eines seiner Rennpferde abzupinseln, und da noch eine Verstimmung dazu kam, daß er nicht darauf eingegangen war, den aufzufordern, den sie wünschte, sagte sie wegwerfend:

– Der wird sich hüten, deine Tiere zu malen!

Nicht im geringsten ereiferte er sich, sondern antwortete nur mit einem überlegenen Lächeln:

– Das sind Deine Ideale, Maria. So ist es aber gar nicht in der Welt. Der ernste Künstler, Symbolist und Stimmungsmaler wird schon auch meine Pferde malen. Es fragt sich bloß, was es kostet. Vielleicht würde es teuer sein, aber zu haben ist alles!

Das Frühstück langweilte Maria da Caza über die Maßen, denn sie konnte es nicht erwarten, bis sie auf dem Rennplatz wären. Erst als die Coach im Hof unter dem Glasdach der Tür vorgefahren war, ward sie etwas angeregter. Der Regierungsrat fragte sie auf der Treppe:

– Sind Sie nicht wohl, gnädige Frau?

– Ich habe etwas Migräne, die frische Luft wird mir gut tun!

Herr von Lindstedt betrachtete sie nach seiner Art mit listig blinzelnden Augen:

– Hehe, Sie sehen aber schöner aus denn je!

Sie antwortete nicht, sondern wandte sich der Coach zu. Die vier Füchse standen tadellos da auf allen vier Beinen an Strang und Zügel, Veilchensträuße an den Rosetten der Stirnbänder. Herr da Caza lenkte selbst, und nachdem Leutnant von Remer neben ihm Platz genommen und die übrigen Damen und Herren sich auf den Sitzen des Verdecks verteilt, die Diener sich hinten aufgeschwungen, Remers Bursche mit Rennsattel und Peitsche ins Innere gehuscht und die rotbemalte Tür zugeschlagen, ging es davon. Der Sand knirschte bis zum Tor, dann rollte der Viererzug auf dem Asphalt der Tiergartenstraße hinab über den Potsdamer Platz durch die Königgrätzerstraße nach Treptow.

– Es tut einem doch das Herz weh, so zum Rennen zu fahren und nicht mitreiten zu können! – meinte Graf Selbotten, ein großer, schlanker Husar, der ebensoviel lachte wie seine Frau. Frau von Lindstedt entgegnete bescheiden, indem sie ängstlich nach ihrem Mann blickte, als fürchte sie sich, eine Dummheit zu sagen:

– Sie haben doch früher so viel geritten, wie ich höre, warum reiten Sie denn nun nicht mehr?

Die kleine Gräfin ereiferte sich in komischer Aufwallung:

– Gnädige Frau, nun reden Sie ihm auch noch zu, und ein Verheirateter braucht doch wirklich nicht Rennen zu reiten, damit er Frau und Kind zu Witwe und Waise macht!

Alle lachten, und Peter Stöckl, ein schmächtiger, elegant gekleideter Mensch mit tiefliegenden, dunklen Augen, der äußerlich gar nicht nach einem Künstler aussah, fragte wie jemand, der keine Ahnung vom Gegenstande hat und sich unterrichten möchte:

– Ist denn das Rennen wirklich so gefährlich, Frau Gräfin?

– Nur für den Reiter, für den Besitzer weniger! Hm! Hm! – scherzte der Regierungsrat. Aber Rittmeister Hendrich erwiderte etwas scharf, weil auch er Pferde laufen ließ, ohne selbst in den Sattel zu steigen:

– Für Herrn von Lindstedt ist es noch weniger gefährlich, denn er reitet weder, noch hat er einen Stall, noch wettet er.

– Weil ich ein Gegner des Spieles bin in jeder Form! – antwortete Herr von Lindstedt, indem er sich in die Brust warf und zu seiner Frau hinüberschaute. Er hatte das reiche, junge Mädchen geheiratet, als er nach einem ziemlich wüsten Leben sein Vermögen verbraucht sah. Der Rittmeister, der das wußte und zugleich, daß der Regierungsrat liebte, seiner Frau gegenüber als Tugendspiegel zu erscheinen, antwortete ironisch:

– Seit wann denn, Herr Regierungsrat?

Maria da Caza hatte kaum den Gesprächen zugehört. Sie saß in ihrer englischen »robe tailleur«, die ihr durch ihre glatte Einfachheit so gut stand, schweigend da und dachte an das kommende Rennen, indem ihr immer wieder die Frage auftauchte, die sie vergeblich zu verscheuchen suchte, ob Graf Stassingk in Karlshorst sein würde.

Die Coach rollte durch den Treptower Park. Hier und da standen ein paar dürftige Leute am Wege, und blickten dem eleganten Viererzug stumpfsinnig nach. Am Eierhäuschen holte er eine Abteilung Fußwanderer ein, wie es schien, nach Karlshorst unterwegs – denn sie trugen Operngläser und einer las seinen Gefährten aus einer Zeitung Tips vor. Dann zeigten sich Staubwolken auf der sonst so einsamen Straße, und sie kamen an einigen Mietswagen und Droschken vorüber, die – man kannte es an den Insassen – dem Rennplatz zustrebten. Ein paar Offiziere begrüßte man, und Herr da Caza rief dem einen zu:

– Ich habe einen guten Ritt für Sie!

Der Offizier nickte. Sie fuhren über die Spree und in das Gehölz, in dem Karlshorst lag. Dort mehrten sich die Gefährte, Equipagen, Dogcarts, Victorias, ein paar Jagdwagen. Es folgten Droschken in langer Reihe, ein Break, wieder Droschken, und endlich holten sie eine Coach ein, hinter der sie bleiben mußten, und die ihnen nun das Tempo angab.

Maria da Caza saß mit dem Rücken nach vorn, wegen des herbstlich scharfen Luftzuges, der hier oben doppelt empfindlich ward. Als man von der Coach vor ihnen sprach, fragte sie:

– Wem gehört sie?

– Herzog von Ortenburg! – erklärte kurz Rittmeister Hendrich, weil er wußte, daß der Herzog die Cazas nie beachtet hatte. Sie fragte nicht weiter, doch der Regierungsrat lüftete plötzlich auffällig freundlich seinen Hut und winkte lebhaft mit der Hand, während er rief:

– Der Mordskerl steht wieder aus wie 'ne frische Rose. Der wird wohl wieder mal ein paar Dutzend Herzen auf die Strecke bringen.

Sie wußte sofort, wen er meinte, und fuhr wie der Blitz herum. Drüben, gerade vor ihr, nur ein paar Meter entfernt, saß Graf Stassingk auf dem Viererzuge des Herzogs. Als er ihr ins Gesicht blickte, grüßte er lebhaft, und sie neigte, ihre jähe Freude über seine Anwesenheit bemeisternd, gemessen das Haupt.

Die Wagenmenge wuchs von Minute zu Minute, rechts und links der Straße hielten einzelne leere Gefährte im Wald, die ihre Last schon abgeladen hatten, und als sich die Bäume öffneten, sah man die Tribünen und Baulichkeiten von Karlshorst liegen. Die Coach fuhr ein, und man half den Damen herab.

Es war einer der letzten Renntage des Jahres, und das schöne Herbstwetter hatte eine große Menschenzahl herausgelockt, so daß die große Tribüne fast gefüllt war und sich auf dem Sattelplatz eine ungeheure Menge schob.

Sie schritten durch das Heer von Bummlern, Wettern, Buchmachern, Neugierigen, von Offizieren, Rennleuten, Pferdebesitzern, Angestellten, von Damen der Halbwelt und Gesellschaft, Schauspielerinnen, Offiziersfrauen, Vertreterinnen der reichen Kaufleute, hohen Finanz, Diplomatie und Fremden. Herr da Caza hatte für das ganze Jahr eine Loge gemietet. Er selbst kam nur wenig dorthin, denn er blieb auf der Tribüne, wo die Rennleute saßen, um bei der Hand zu sein, wenn es galt, schnell noch Wetten abzuschließen, Dispositionen zu treffen und hier und da herumzuhorchen und zu sprechen.

Maria da Caza nahm immer Gäste mit in ihre Loge: diesen Herbst fast ausschließlich Selbottens und Lindstedts, dann blieb gerade noch ein Platz übrig für irgend einen einzelnen Herrn. Rittmeister Hendrich und Leutnant von Remer pflegten sich zu den Rennleuten zu halten. Sie waren wie Herr da Caza der Ansicht, daß auf dem Rennplatze die Damen erst in zweiter Reihe stünden. Graf Selbotten hatte aus seiner eigenen Rennzeit, obwohl er keine Pferde mehr besaß, doch noch so viel alte Bekannte zu begrüßen, so viel Freude an dem ganzen Betriebe, daß auch er sich wenig zeigte und jedenfalls sofort verschwand, sobald ein Rennen gelaufen war, um erst beim Beginn des nächsten in der Cazaschen Loge wieder zu erscheinen. Da paßte es ihm denn außerordentlich gut, seine Frau untergebracht zu wissen, die er sonst nicht hätte allein lassen können.

Die drei Damen hatten in der Loge Platz genommen, hinter ihnen der Regierungsrat und Peter Stöckl, für den dies ganze Treiben Neuland war und der sich aufmerksam nach allen Seiten umschaute.

Die Tribünen füllten sich mehr und mehr und die Menge flutete vom Sattelplatz, vom Totalisator, vom Restaurant und von der Wage aus nach vorn auf den Platz zwischen Tribünen und Geläuf. Einige Aufmerksamkeit machte sich bemerkbar, die Gespräche hörten auf und man wandte die Augen nach dem grünen Rasen, wo ein paar Pferde, von Jockeis geritten, erschienen waren.

Der Regierungsrat erklärte hinten dem Maler, daß nun der Aufgalopp an den Tribünen vorbei gemacht werden würde, um die Pferde dem Publikum im Gang zu zeigen, sie – für Reiter und Pferd gleich vorteilhaft – vorher noch einen Augenblick in Schwung zu setzen und dem Start zuzusteuern, von wo dann der Ablauf zum Rennen geschähe.

Maria da Caza studierte mit Gräfin Selbotten das Programm, aber sie war nur halb bei der Sache und ließ die Blicke ins Publikum schweifen, das unter ihnen stand oder sich hin und her schob. Die Nummern der Pferde, die im Eröffnungsrennen laufen sollten, waren längst aufgezogen, und darunter befand sich auch ein Gaul des Herrn da Caza.

– Ihre Farben sind ja vertreten, gnädige Frau! Schwarze Jacke, schwarze Kappe! – sagte Herr von Lindstedt, indem er auf einen Fuchs wies, der eben vorüberkanterte. Sie tat etwas erstaunt:

– So?

– Jawohl, gewiß! Dort, da geht er hin!

– Ja richtig! – antwortete sie zerstreut, denn in diesem Augenblick hatte sie Graf Stassingk gesehen. Er stand rechts von ihnen, ein halbes Dutzend Logen entfernt, hinter dem Stuhl einer Dame, mit der er eifrig sprach.

Maria da Caza verwandte kein Auge von ihm, aber es gelang ihr nicht, das Gesicht derjenigen zu erblicken, mit der er sich unterhielt, und der schwedische Gesandtschaftssekretär Herr von Nyvenström trat eben an die Cazasche Loge. Sein Schnurrbart hing noch mehr als gewöhnlich. Er lächelte freundlich, während er die Damen begrüßte. Er fragte nur, wie ihnen der Ball bekommen sei, dann schnitt ihm die Glocke das Wort ab, die den Ablauf anzeigte.

Das Lachen, Sprechen, Verhandeln, das Hinundherlaufen hörte auf einmal auf, und alles wandte seine Aufmerksamkeit dem Rennen zu. Es trat annähernde Stille ein, die nur durch Gemurmel unterbrochen ward, wenn das Bild der laufenden Pferde sich einmal verschob und dieser oder jener zurückfiel oder seinen Platz verbesserte. Das Rennen war kurz, ein Flachrennen, um den Anfang zu machen, und bald wuchs das Interesse der Zuschauer, als sich die Reiter dem Ziele näherten. Nur Maria da Caza kümmerte sich nicht um den Kampf, denn sie hatte entdeckt, daß Graf Stassingk sich mit der Prinzessin Löwengaard unterhielt.

Sie sagte sich in den Blitzgedankengängen einer Sekunde, daß ihr doch Stassingk eigentlich einerlei sein müsse und es ihr vollkommen gleichgültig sein könne, mit welcher Dame er sich unterhielt. Aber sie wußte, daß sie sich das nur einredete, denn mit ihr sollte er sprechen. Sie verlangte, er solle, nachdem er sie einmal gesehen, sofort zu ihr kommen, um ihr zu versichern, wie er bedauerte, sie bei seinem Besuche nicht angetroffen zu haben.

Der Lärm, der sich plötzlich erhob, ließ sie auf das Rennen achten. Der Jockei in den Cazaschen Farben brachte seinen Fuchs gerade vor den Tribünen noch mit einem mächtigen Anprall heran. Die Aufregung steigerte sich. Nur wenige Pferdelängen trennten ihn noch vom vermeintlichen Sieger, gegen den alle anderen Pferde zurückgefallen waren, nur wenige Längen beide, nun um den Sieg streitende Pferde, noch vom Ziel. Man rief den Jockeis ermunternde Worte zu, man feuerte an, man bedauerte, schimpfte, fluchte, lachte durcheinander und zwei Sekunden später waren die beiden Tiere Kopf an Kopf am Richterpfosten vorübergekommen.

– Wir müssen warten, bis die Nummern aufgezogen sind, von hier aus täuscht es so, daß man nichts sagen kann! – erklärte der Regierungsrat den Damen, indem er sich umblickte, um Zustimmung zu finden. Herr von Nyvenström nickte.

– Totes Rennen! – rief jemand, und ein anderer jenem vollkommen unbekannter Herr wurde wütend:

– Unsinn, Unsinn, der Fuchs hat's! Totes Rennen, so'n Unsinn!

Maria da Caza hatte sich nach den Streitenden umgeblickt, die sich hinter ihrer Loge anfuhren, als wäre die Behauptung »Totes Rennen« eine Beleidigung gewesen, als plötzlich vor ihr an der Brüstung eine Stimme tönte:

– Ich gratuliere, gnädige Frau!

Sie drehte sich herum. Graf Stassingk grüßte und erklärte, die Nummern wären eben in ihren Rahmen aufgestiegen und ihr Gatte habe das Rennen gewonnen. Sie war ganz leicht errötet und reichte ihm die Hand, die er an die Lippen zog.

– Wo sind Sie denn hergekommen? Sie standen doch vorhin noch dort drüben, glaube ich?

– Jawohl, bei der Prinzessin war ich eben. Sie hat Geburtstag heute. Da muß man doch Glück wünschen.

– Ist sie mit ihren Eltern hier? – fragte mühsam unbefangen Maria da Caza.

– Nein, mit Ortenburgs. Ihr Vater verurteilt die Rennen. Der ist so'n bissel streng. Die Löwengaards kommen vor lauter Bedenken zu gar keinem richtigen Lebensgenuß. Und schließlich lebt man doch bloß einmal und die Welt ist so schön, so wunderschön!

Seine Augen leuchteten und er blickte ihr gerade ins Gesicht, als solle sie die letzten Worte auf sich selbst beziehen.

Indessen hatten sich die Tribünen wieder geleert, und die Menge strömte von neuem nach hinten zu Restaurant, Wage, Sattelplatz und Totalisator. Ein paar Herren, die nur Frau da Caza kannten, jedoch nicht die beiden anderen Damen, waren an die Loge herangetreten, um ihr zum Siege Glück zu wünschen. Graf Stassingk blieb stehen.

Lindenstedts brachen auf und nahmen Gräfin Selbotten und den Maler mit sich, so daß Maria da Caza, nachdem die anderen Herren gegangen, sich mit dem jungen Diplomaten allein sah.

– Aber lassen Sie sich nicht stören, Graf Stassingk, wenn Sie wetten wollen oder zu tun haben. Bringen Sie mich bloß zu ein Paar Bekannten, – sagte sie.

– Ich will nicht wetten und ich habe nichts zu wn.

– Dann sind Sie eine Ausnahme, denn die meisten Herren wollen uns Damen zwar auf dem Rennen haben und sehen, aber sie kümmern sich nicht gern um uns.

– Gnädige Frau, gestehen Sie einmal, was wären denn die ganzen Rennen ohne die Damen? Man will doch hübsche Gesichter sehen, schöne Erscheinungen, Toiletten, man will ein bißchen schwatzen, Bekannte begrüßen, wiederschauen – Auge, Ohr, alles will genießen. Auf ein Rennen ohne Damen würde ich überhaupt nicht gehen.

Sie blickte ihn mißtrauisch an:

– Warum nicht?

– Das wäre langwellig. Wo keine Damen sind, langweile ich mich.

– Wetten Sie denn nicht?

– Niemals. Ich komme zum Rennen, um mich zu unterhalten, aber doch nicht, um Berechnungen zu machen und mir den Kopf zu zerbrechen, welcher Gaul denn wohl gewinnen könnte! Ohne das ist doch eine Wette Nonsens. Meine gnädigste Frau, unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit gestehe ich Ihnen, daß es mir eigentlich ganz egal ist, welcher Gaul gewinnt!

Ihr, die sie nie an den Rennunternehmungen ihres Mannes hatte teilnehmen dürfen, die auf den Rennen nur erschien, weil er es wünschte, weil es in der Gesellschaft Stil war, weil sie alle ihre Bekannten dort traf, ihr war dieses Geständnis aus der Seele gesprochen, und sie sagte freudig:

– Gott sei Dank! Mir auch!

– Ihnen auch? Ihnen, der Gattin eines Renn … Er wollte Rennmannes sagen, doch er verbesserte sich noch:

– Rennstallbesitzers?

Wie er das zögernd und erstaunt aussprach, las er aus ihrer Gebärde, ohne daß sie ein Wort sagte, welche Kluft sie von ihrem Manne trennte. Sie fühlte, daß er es begriff, und es war ihr, als sei er plötzlich Mitwisser geworden des Innersten ihrer Seele. Er ließ den Blick lange auf ihr ruhen, als müsse er sie nun mit anderen Augen betrachten, als habe sie ihm etwas Neues geoffenbart, als sei eine Scheidewand zwischen ihnen gefallen. Dann blieb er an der Brüstung der Loge lehnen, indem er über den Raum vor ihnen und das Geläuf der Bahn hinweg in die Weite hinausstarrte.

– Aber meine gnädigste Frau, wo bleiben Sie denn nur? Wir haben Sie gesucht wie eine Stecknadel!

– Ich bin in der Loge geblieben, Herr von Lindstedt!

Der Regierungsrat machte ein erstauntes Gesicht, und Graf Stassingk erklärte, als müsse er Maria da Caza zu Hilfe kommen:

– Die Herren waren alle da, um zu gratulieren!

Sie dankte durch einen kurzen Blick. Die Glocke tönte – das neue Rennen hatte begonnen.

Ziemlich geschlossen kam das ganze Feld bunter Uniformen und Dreß, eine leichte Staubwolke hinter sich lassend, an den Tribünensprung heran. Die Tiere suchten den Absprung oder gallopierten einfach darüber hinweg. Beim Landen jenseits drohte ein kleiner, brauner Hengst mit breiter Laterne auf die Knie zu kommen. Sein Reiter aber brachte ihn wieder auf die Beine.

– Das ist ja Herr von Remer! – sagte unwillkürlich der Maler, und Graf Stassingk, der sich ihm kurz bekannt gemacht, als auch er nun in die Loge getreten, antwortete nach einem Blick ins Programm:

– Der Hengst gehört Herrn da Caza.

Da der Regierungsrat jedoch eben einen anderen Gaul, der in Front lag und von Mister Easby im schwarzen Dreß gesteuert wurde, als Cazasches Pferd bezeichnet hatte, so wurde Peter Stöckl irre, bis ihm Stassingk erklärte, der Cazasche Stall sei doppelt vertreten. Um einmal ein Wort mit Maria da Caza zu sprechen, beugte sich der Maler vor zu ihr:

– Welches Ihrer Pferde soll denn gewinnen, gnädige Frau?

Sie lächelte, indem sie mit dem Opernglase das Rennen verfolgte, und antwortete langsam Wort für Wort, mehr für Stassingk berechnet als für Peter Stöckl:

– Was weiß ich? Aber wohl Mister Easby, denn der arme, kleine Herr von Remer erhält immer das, was Mister Easby nicht reiten mag. Uebrigens – wirklich – woher soll ich etwas davon wissen? Mit meinem Mann spreche ich nicht über Geschäfte, Mister Easby versteht kein Deutsch, und ich, zu meiner Schande muß ichs sagen, kein Englisch, und Herr von Remer spricht so wenig und das Reden wird ihm so sauer, daß ich ihm nie die Anstrengung zumute …

Sie verfolgte wieder den Gang der Steeple-chase, während der Regierungsrat sich dem jungen Diplomaten näherte und leise sagte:

– Da sehen Sie bloß mal an, das ist nun die Frau unseres größten Rennonkels. Und dabei kommen so und soviel Leute immer zu mir und fragen, welchen Tipp sie angegeben hätte, denn die müßte es doch wissen!

Graf Stassingk hörte ihm ruhig zu, ohne ungeduldig zu werden, wie es sonst immer die Leute taten, wenn man ihnen während des Rennens etwas erzählte. Herr von Lindstedt, dem im Grunde genommen die Ereignisse auf der Bahn nur ein Zerstreuungsinteresse abgewannen, benutzte die Gelegenheit, um weiterzusprechen:

– Was sagen Sie denn übrigens zu Maria da Caza? Schöne Person, was? Und Rasse liegt darin. Wenn die einen andern Mann hätte? Gescheit ist sie auch. Aber diese Rennonkels sind eben doch eigentlich höllisch oberflächliche Kerle. Die müßte wirklich einen Mann von Geist und von Welt haben. Die möchte ich mal in Paris sehen, da würden gleich unsere Beziehungen zu Frankreich andere. Fragen Sie mal 'rum. Was die für Eindruck macht. Beliebt ist sie überall. Wissen Sie, wie ich auf unserem Ball sagte: Maria da Caza tanzt! Alle finden das selbstverständlich! Da sollten Sie mal sehen, wenn man das von einer anderen sagen wollte, wie die Damen da loskeifen würden!

Graf Stassingk fragte mit gedämpfter Stimme:

– So ist Frau da Caza wirklich so beliebt?

– Ueberall. Aber wissen Sie, was das Geheimnis ihres Erfolges ist: sie ist zuvorkommend gegen jedermann und redet nicht bloß mit den Herren, wie so viele schöne Frauen, die dadurch bei ihrem eigenen Geschlecht unbeliebt werden. Sie spricht mit allen. Das ist aber auch kein Wunder … eh … eh … eh …

Er lächelte überlegen vor sich hin, blinzelte, kniff die Augen eins um das andere zu.

– Nun? – entgegenete mit erwachendem Interesse der junge Diplomat. Er wußte, daß der Regierungsrat nur die nötige Spannung für einen seiner Sätze hervorbringen wollte, den er wahrscheinlich, da er ihn eben gefunden, heute noch einem Dutzend Menschen so ganz beiläufig mitteilen würde. Herr von Lindstedt fuhr fort:

–Das kommt daher: sie ist im Grunde ihres Herzens – herzlos. Kalt wie eine Hundeschnauze – notabene wenn der Hund gesund ist – eh – eh – eh – Sie läßt sich wohl von den Leuten feiern, aber haben Sie je bemerkt, daß sie entgegenkommend wäre? Das tut sie nicht mal gegen ihren Mann! Gegen den vielleicht sogar am allerwenigsten … Ja, ja, das … das … als Psychologe … merkt man das. Und hören Sie …

– O! – rief da ganz laut die Gräfin Selbotten und im selben Atem fast lief ein allgemeines »O« über das Publikum. Einzelne erhoben sich von den Stühlen. Unten auf dem Kies vor der Tribüne eilten ein paar Leute der Bahn zu.

Der Regierungsrat fürchtete, irgend einen schweren Sturz verpaßt zu haben, trippelte unruhig hin und her und fragte, indem er sich den kurzen, dicken Hals fast ausrenkte, um besser zu sehen:

– Donnerwetter, was ist denn los?

– Einer ist heruntergefallen! – meinte lachend Peter Stöckl, doch ein Rennbesucher hinter der Loge verbesserte, empört über die unfachmännische Ausdrucksweise des jungen Künstlers:

– Jestürzt! Jestürzt is er! Remer liegt!

Einen Augenblick später sah man einen ledigen Gaul dem Felde über die Hindernisse folgen.

– Er ist auf! Da ist ja Herr von Remer! – tröstete Gräfin Selbotten, die durch ihren Krimstecher den Offizier erblickte, wie er sich den Staub vom Waffenrock wischte und mißmutig zu Fuß den Heimweg zur Tribüne antrat.

Auf kurze Zeit blickte man nun allgemein in der Nachbarschaft nach der Cazachen Loge, unwillkürlich im Gefühl der Neugierde, zu sehen, was für ein Gesicht Maria da Caza mache, denn die größte Mehrzahl der ständigen Rennbesucher wußte, wer sie war. Doch auch nicht ein Zug ihres Antlitzes war zu entdecken, der so oder so hätte gedeutet werden können. Als ob gar nichts geschehen sei, verfolgte sie mit dem Glase die nun schon allmählich dem Ziele zustrebenden Pferde.

Das Feld hatte sich sehr auseinander gezogen, und als die Reiter in die Gewinnseite einbogen, leuchtete vorn ein roter Attila, aber schon nach dem letzten Sprung schob sich der schwarze Dreß des Mister Easby vor und entfernte sich immer weiter von den übrigen, die, mehr oder weniger ausgepumpt, vergebliche Anstrengungen machten, ihm den Sieg zu entreißen.

»Was ist das?« fragte einer und jemand las aus dem Programm ab:

»Nummer vier: Herrn da Cazas Fuchsstute Libelle von Bodocus aus der Lanzette.«

Wieder hatte sich das Publikum erhoben und machte seine Bemerkungen. Einzelne feuerten an, andere wurden unwillig, einer rief laut Bravo. Die verlierenden Wetter schimpften, machten lange Gesichter oder ertrugen ihren Verlust mit Gleichmut. Ein Dicker schrie, als verkündigte er eine Weisheit:

»Libelle macht's! Libelle macht's!« und irgend jemand aus der Menge heraus antwortete erstaunt laut:

»Ach nee!«

Mister Easby stemmte die Fauste zu Seiten des Widerrists auf und ließ seine Stute ruhig auskantern, ohne sich umzublicken. Die schwarze Seidenkappe, die er über die Ohren gezogen, verbarg fast seinen ganzen Kopf, der Dreß bauschte, die weißen Hosen standen steif ab, als wären sie mit Luft aufgeblasen. Unangefochten ging er durchs Ziel, der rote Husar folgte als zweiter in weitem Abstand, und da es zu keinem Endkampfe gekommen, ließ die allgemeine Spannung sofort nach, und die Tribüne entleerte sich.

Diesmal wünschte man Maria da Caza nicht Glück, weil das Gerücht sich sofort verbreitete, Mister Easby habe eine Flagge umgeritten und es werde Protest eingelegt werden. Graf Stassingk sagte zu Maria da Caza:

– Der schwarze Dreß ist riesig schick!

– Finden Sie?

– Ja, so einfach, unauffällig, vornehm!

Die Bemerkung freute sie:

– Ich habe ihn ausgesucht. Meine einzige Tätigkeit am ganzen Rennbetriebe meines Mannes.

Dann brach die Gesellschaft auf. Der Maler mit Frau van Lindstedt, der Regierungsrat mit Gräfin Selbotten. Maria da Caza und Graf Stassingk folgten. Sie blieben vorn an der Tribüne, bis sich die Menge am Totalisator etwas verlaufen hatte.

Befehlen Sie irgend eine Erfrischung, gnädige Frau? Wollen wir zum Restaurant gehen? – fragte der junge Diplomat, indem er neben ihr her schritt. Sie dankte und dabei fanden sich wieder ihre Augen, und es war ihr, als ob die seinen anders blickten denn sonst. Es war ihr, als ob sie nicht in leichtfertiger Fröhlichkeit glänzten, als läge ein tieferes Gefühl in ihnen, ein wärmeres, stetes Licht. Sie fragte ihn, einer Eingebung folgend:

– Wollen Sie nach dem Rennen bei uns essen, Graf Stafsingk?

Da verfiel er wieder in seinen liebenswürdigen, einschmeichelnden Ton, ganz anders als im Augenblick zuvor:

– Meine gnädigste Frau, das tut mir aber wirklich aufrichtig leid. Es wäre ja reizend gewesen und ich wäre so gern gekommen, wenn ich nicht unglücklicherweise schon versagt wäre. Hätte ich das doch eine halbe Stunde früher gewußt! Erst vorhin bin ich eingeladen worden, und ich kann nun unmöglich wieder absagen! Nein, wenn ich das doch bloß geahnt hätte! Es ist wirklich zu schade!

Der Ton der Gesellschaft, der oberflächlichen Redensart, der allgemeinen Liebenswürdigkeit berührte sie kalt. Sie sprang sofort ab, nahm eine gleichgültige Miene an und sagte:

– Aber bitte, mein Gott, so kommen Sie eben ein andermal. Es muß ja nicht heute sein. Es fiel mir bloß so ein.

– Ich bin aber unglücklich, gnädige Frau …

– Ein andermal …

Es kam ihr sehr gelegen, daß eben Rittmeister Hendrich erschien und geradewegs auf sie zusteuerte. Er drückte Stassingk flüchtig die Hand, da er Eile zu haben schien:

– Gnädige Frau. Ihr Gatte läßt Ihnen sagen, das letzte Rennen …

– Ist das nächste? – fragte sie. Der Rittmeister meinte ganz entsetzt:

– Aber nein, es sind noch drei, dann kommt es erst. Also das letzte Rennen würde leider, soweit sich bis jetzt übersehen ließe, ein Walk-over – also ein Gaul geht allein für den Preis über die Bahn. Da fragt er an, ob es Ihnen recht wäre, wenn wir sofort nach dem vorletzten Rennen fortführen?

Sie lächelte und sagte hastig:

– Je eher desto lieber. Ich langweile mich so wie so. Wie ihr das Wort entschlüpft, war es ihr auch schon leid, denn es schien, als habe Graf Stassingk es auf sich bezogen. Die anderen: Gräfin Selbotten, Lindstedts und der Maler waren herangetreten, um von Rittmeister Hendrich zu erfahren, wie es mit dem Protest stünde. Ein paar Neugierige kamen hinzu, die gleichfalls die Nachricht mit Sicherheit haben wollten, da der Rittmeister eine bekannte Persönlichkeit auf dem grünen Rasen war. Man erfuhr, daß der Sieg des Mister Easby zwar hatte beanstandet werden sollen, jedoch in der Tat nicht beanstandet worden war. So hatten die da Cazaschen Farben die beiden ersten Rennen davongetragen.

Maria da Caza war von Graf Stassingk abgekommen und blickte sich absichtlich nicht nach ihm um. Als sie aber nun mit der übrigen Gesellschaft zum Beginn des dritten Rennens nach ihrer Loge schritt, war er verschwunden. Enttäuscht spähte sie nach ihm – er war gegangen, und sie vermochte ihn auch während des Aufgalopps der Jockeis nicht wiederzufinden. Das ganze Rennen ließ sie gleichgültig. Sie nahm wohl ihr Glas ans Auge, aber sie richtete es nicht einmal nach den Pferden, die in rasendem Tempo ihren Weg zurücklegten, sondern schaute gleichgültig nach dem zweiten Platz drüben, wo eine dichte Menschenmenge von der Seite aus den Vorgängen auf der Bahn folgte. Ab und zu schlugen die Laute ans Ohr, die sich immer zu wiederholen pflegten als Ausdruck von Spannung, Teilnahme, Aerger, Erstaunen, Mitleid, Erschrecken. Sie achtete nicht darauf und die Bemerkung ihrer Begleiter in der Loge beantwortete sie nur durch ein Nicken oder Schütteln mit dem Kopfe.

Als das Rennen zu Ende war, ging sie sofort mit den anderen am Totalisator vorbei nach dem Sattelplatz. Das große Herbstjagdrennen sollte als nächste Nummer gelaufen werden, und wieder waren die Cazaschen Farben vertreten. Graf Selbotten erzählte es, der gekommen war, um seiner Frau einmal das Treiben auf dem Sattelplatz zu zeigen.

Sie wandte sich durch das Gedränge am Totalisator, wo Geld ausgezahlt, Wetten abgeschlossen, Nachrichten eingezogen wurden, die Wettmaschinen jedoch sich noch nicht in Gang befanden, denn die Nummern der startenden Pferde waren noch nicht aufgezogen.

– Ich bin immer froh, wenn ich hier vorüber bin! – sagte die kleine Selbotten. Ihr Mann lächelte und antwortete halb zu seiner Frau, halb zu Maria da Caza gewandt:

– Auf dem Sattelplatz wird's besser! Nicht wahr, gnädige Frau?

Die Gräfin hing sich an seinen Arm. Maria da Caza hatte nicht darauf gehört. Zerstreut schritt sie nebenher. Sie war mit sich selbst unzufrieden, denn sie hatte durch ihre gereizte Bemerkung Stassingk verscheucht. Und ihre unangenehme Stimmung wuchs, als sie ihn auf dem Sattelplatz unter einer Gruppe von Herren und Damen stehen sah, die sie nicht kannte: einige Offiziere aus Potsdam mit ihren Damen. Ein paar Schwestern, schlanke. Mädchengestalten, überaus einfach, fast zu einfach gekleidet, eine junge Frau am Arme ihres Mannes, häßlich, ungünstig angezogen, von einer erschreckenden Magerkeit. Alle nichts weniger als elegant und doch besonders, doch vornehm auf den ersten Blick.

Graf Stassingk sprach mit dieser und jener und sie lachten und freuten sich. Sie aber nahm ein bitteres Gefühl so gefangen, daß sie ihre Begleiter fortdrängte. Sie wollte sich gar nicht in seiner Nähe zeigen, damit er nicht etwa auf den Gedanken käme, sie nähere sich ihm.

Während sie nun dem Satteln und Aufsitzen zusahen, fuhr ihr der Gedanke durch den Sinn, wie sie dazu käme, sich mit Graf Stassingk fortwährend zu beschäftigen. Sie redete sich ein, es läge ihr nur daran, ihn als angenehmen Gesellschafter zu haben, und sich ihn zu gewinnen, damit die anderen wie jene Prinzessin Löwengaard sähen, daß er sich gerade um sie am meisten bekümmere.

Da kam die Prinzessin mit dem Herzog und der Herzogin von Ortenburg. Ein paar Schritt von ihnen stellten sie sich auf, um die Pferde und Reiter, die bis zum Glockenzeichen auf dem Rasen an der Hand der Stallburschen einen Zirkel angelegt, an sich vorbeigehen zu lassen.

Der Regierungsrat grüßte die Prinzessin, die leicht dankte, während das herzogliche Paar nur herübersah. Sie kannten Lindenstedts nicht, und Maria da Caza nicht die Prinzessin Löwengaard. Auf dem Ball hatten sie sich gegenseitig einander nicht genähert. Frau da Caza meinte als Frau dem Mädchen gegenüber dazu keine Veranlassung zu haben. Die Prinzessin fand vielleicht, daß die Gattin des Rennstallbesitzers da Caza den ersten Schritt zu tun hätte.

Mister Easby und Leutnant vou Remer waren wieder für den Cazaschen Stall im Sattel. Als sich der kleine englische Herrenreiter näherte in seinem schwarzen Dreß, nachlässig auf dem geführten braunen Wallach hängend, rief er Maria da Caza schon von weitem auf Englisch etwas zu. Sie verstand nicht und winkte nur freundlich, was er als Antwort annahm.

Der Herzog von Ortenburg, ein norddeutscher, blonder Hüne, mit einem Glase an der Schnur, in langem, schwarzem Gehrock und hoher, dicker, verschlungener Krawatte nach der Mode von 1830, ein Mann, der den Eindruck machte, als sähe er über alles hinweg, was nicht mindestens einen Meter neunzig hoch sei, rief eben den kleinen Remer an:

»Herr von Remer, das ist?«

»Rhubarbe, Durchlaucht!«

Als der junge Offizier ein paar Schritte weiter, an Maria da Caza vorüberkam, raffte er sich einmal aus seiner Schweigsamkeit auf und entschuldigte sich:

»Ich bin noch nicht an die Loge gekommen, weil ich bis jetzt immer zu tun hatte, gnädige Frau.«

Bei den letzten Worten mußte er sich umwenden, denn seine braune Stute Rhubarbe war mit ihrem langausgreifenden, lässigen Vollblüterschritt bereits vorüber, und die Pferde wurden schon davongeführt, um auf das Geläuf gelassen zu werden. Als Leutnant von Remer sich an Maria da Caza gewendet, hatten sich die Blicke auf sie gerichtet. Sie fühlte, wie die Herzogin sie durch die Lorgnette betrachtete, und bemerkte, daß Graf Stassingk, der eben neben die große, trotz ihrer vierzig Jahre noch hübsche Dame trat, offenbar nach ihr zu fragen schien.

Maria da Caza nahm Gräfin Selbottens Arm:

»Es ist Zeit, sonst verpassen wir noch den Aufgalopp.«

»Der ist Dir ja ganz gleich, Maria!« antwortete heiter die kleine Freundin, und jene entgegnete, während sie eilig davongingen:

»Man muß doch auch einmal so tun, als interessiere man sich dafür!«

Das große Herbstjagdrennen war das Ereignis des Tages. Vor der Tribüne stand ein mächtiger Silberhumpen in getriebener Arbeit als Ehrenpreis für den siegenden Reiter, und die Menge drängte sich um das Schaustück. Die sieben startenden Pferde kanterten vorüber. Lauter Offiziere ritten: der rote Husar von vorhin, ein Kürassier, zwei Dragoner und ein sächsischer Ulan, dessen weiße Mütze neben der des Kürassiers leuchtete. Den Beschluß bildete der Cazasche Stall: Mister Easby auf dem braunen Wallach Flush und Leutnant von Remer auf der Rhubarbe. Ein falscher Start durch Fortbrechen des Cazaschen Wallachs verzögerte den Beginn. Endlich fiel die Flagge des Starters und die Glocke klang. Flush hatte sich sofort wieder an die Spitze gemacht und führte über die Tribünensprünge, obgleich Mister Easby nach Kräften zu bremsen versuchte. Es ging im Bogen herum und ohne Anfall über den »Karlshorster Sprung«. Dort fiel Flush zurück, sein Reiter schien ihn in die Hand bekommen zu halben.

Die Sonne, die sich eine Zeitlang versteckt gehalten, strahlte plötzlich hell aus den Wolken, so daß es ein farbenfrisches Bild gab. Man sah die beiden weißen Mützen leuchten und den roten Schimmer des Attila, die blauen Waffenröcke der Dragoner, nur nicht Mister Easby.

– Eisbein fehlt! – rief ein dicker Berliner vom Aussehen eines Fleischers. Ein paar lachten über die Uebersetzung des englischen Namens, doch der Regierungsrat sagte energisch:

– Da ist er ja!

Bei diesem Rennen war Rittmeister Hendrich in der Loge, und er verkündete erschrocken, weil er auf den Cazaschen Stall gewettet:

– Easby hält an. Donnerwetter nochmal. Hält an. Der Schinder schont ja. Da scheint wahrhaftig … die ollen Pedale haben mal wieder nachgelassen!

Eine Dame in der Nebenloge, die im Tattersall ritt und zu jedem Rennen erschien, doch nicht zum Turf gehörte, erklärte in affektiertem Englisch:

Broken down

Flush war wirklich ausgeschieden. Mister Easby saß sogar ab und führte sein Pferd an der Hand.

Maria da Caza verzog keine Miene. So viel wußte sie, daß Flush einer der besten Steepler ihres Mannes war, doch er hatte ja so viele andere, der Schluß der Saison stand vor der Tür und er besaß so viel Geld! So unglaublich viel Geld! Was machte es! Nur um das Rennen tat es ihr einen Augenblick leid. Zum erstenmal fast wünschte sie glühend einen Sieg. Dann würde drüben bei Ortenburgs von ihnen gesprochen werden.

Inzwischen hatten sich die sechs anderen schon weit entfernt. Das Feld lag weit auseinander: Die Entfernung war bedeutend, denn das große Herbstjagdrennen ging über sechstausend Meter. Der kleine Remer hielt sich tapfer auf dem dritten Platz, aber die beiden weißen Mützen vor ihm schien er doch nicht mehr erreichen zu können, und es sah bis zur Einlaufhürde aus, als würden sie das Rennen allein unter sich ausmachen. Da flatterte der Fuchs des Kürassiers am letzten Hindernis, sprang schief und verlor dadurch einige Längen. Er hatte den Ulan im Sprunge gestört, der verhalten mußte, um ihn nicht anzureiten. Das kam Leutnant von Remer zugute: es gelang ihm, seine Gegner einzuholen und ihnen sogar ein paar Längen Vorsprung abzugewinnen. Dann entspann sich ein erbitterter Endkampf zwischen den dreien. Die weißen Mützen rückten von Sprung zu Sprung wieder näher, aber Rhubarbe hielt sich tapfer und streckte sich, der Aufforderung ihres Reiters folgend, soviel sie konnte.

Eine gewaltige Aufregung hatte das Publikum ergriffen. Alles war von den Plätzen aufgestanden, sogar die Damen hatten sich erhoben. Man rief, schrie, fluchte, lachte, höhnte, feuerte an, stärker denn je zuvor.

– Vorwärts, vorwärts, go on! go on! – schrie man dem zweiten und dritten zu. – Rhubarbe! Remer! Feste! Los! Remer! Druf! Hurra! Bravo! Nicht nachlassen! – dem jungen Offizier, der noch der erste war. Doch immer näher schoben sich die beiden weißen Mützen. Mit jedem Strecken ihrer Pferde gewannen sie etwas an Boden. Der kleine Remer blickte sich nicht nach ihnen um: er ritt auf Tod und Leben, und vier Pferdelängen vor dem Ziel setzte er noch einmal alle Kraft des treibenden Gesäßes ein und schoß mit einem Ruck als erster durchs Ziel, während die anderen im toten Rennen auf dem zweiten Platze endigten.

Ein endloser Jubel erscholl, lautes Bravorufen, Siegesgeheul der Gewinnenden und ärgerliches Schimpfen derer, denen ihre Wette mißglückt. Der Cazasche Stall hatte das dritte Rennen am Tage gelandet.

Maria da Caza stand aufrecht in ihrer Loge, umbraust von der Aufregung, von dem Rufen, Schreien, Toben. Diesmal war sie selbst mit erregt geworden, und von der Anspannung der Nerven war ihr eine leichte Blutwelle ins Gesicht geflutet. Jetzt freute sie sich über den Sieg, eine Regung von Stolz auf die Leistungen ihres Mannes im Sport ließ ihr das Herz pochen.

Diesmal blieb man auf der Tribüne, in den Logen, in der Nähe des großen, vorn auf einem Tisch ausgestellten Silberhumpens, um die Überreichung des Ehrenpreises an den jungen Sieger zu sehen. Erwartungsvoll harrte die Menge am Platz, bis der kleine Leutnant von Remer kam, wie er eben vom Pferde, von der Wage gestiegen, bestaubt und beschmutzt vom weiten Ritt, mit aufgeschlagenen Waffenrockschößen, ein Gummiband an der Mütze, die Reitpeitsche in der Hand. Als er den Preis in Empfang genommen, rief man dreimal Bravo! und der junge Offizier nahm seinen Humpen, den er kaum schleppen konnte, unter den Arm.

Von allen Seiten streckten sich ihm Glückwunschhände entgegen, und man wollte das Prunkstück besehen, das er gewonnen. Er ward so umdrängt, daß er sich in die Cazasche Loge flüchten mußte, wohin ihn Herr da Caza geleitete. Strahlend hielt er Maria da Caza seinen Humpen entgegen:

– Mein erster Sieg, gnädige Frau!

Sie wünschte ihm Glück, während immer noch das Publikum dichtgedrängt die Loge umstand, und er zog ihre Hand an seine Lippen.

Maria da Caza wandte unwillkürlich den Blick zur Loge des Herzogs von Ortenburg. Die Herzogin schaute durch ihre Lorgnette herüber, daneben stand die Gruppe der Potsdamer Offiziere und Damen und hinter ihnen Graf Stassingk, der mit seinen hübschen, blauen Augen die stolze Frau ansah, groß und verzehrend, als wollte er sagen:

– Schön bist Du, Maria da Caza!

IV.

Wieder strich Tag um Tag dahin, ohne daß Maria da Caza Graf Stassingk sah. Sie ritt im Tiergarten und traf ihn nicht, dann, als das Wetter schlecht ward und die Wege durchweicht, im Tattersall, wo er ein Pferd stehen hatte – er war nicht da. Wenn sie ausfuhr, spähte sie vergebens nach ihm, im Theater erblickte sie ihn nicht. Er fehlte im Zirkus, zeigte sich nicht in den Ausstellungen und war nicht in der Gesellschaft, wenn die da Caza ausgebeten waren. Ein Wohltätigkeitsbazar fand im alten Reichstagsgebäude statt – er fehlte.

Dennoch mußte es nur Zufall sein, daß sie ihn nicht sah, denn sie hörte immer hier und da von ihm erzählen. Frau von Lindstedt sagte geradezu:

– Warum waren Sie nur nicht im Bazar, gnädige Frau? Es war zu nett!

– Ich war da.

– Wann denn?

– Nachmittags.

Der Regierungsrat meinte schmunzelnd:

– Ja so! Sie hätten früh kommen sollen. Der 68

Stassingk war wieder mal losgelassen. An allen Tischen hat er herumgestanden, allen Damen was Nettes gesagt, unseren jungen Mädchen die Köpfe verdreht und nicht für – fünfzig Pfennige gekauft. Und beim Bazar ist das doch eigentlich den Damen das Liebste, damit sie recht viel abliefern können. Aber alles schwärmte nachher von ihm. 's ist wirklich ein Hauptkerl.

Dann kam Herr da Caza einmal in ihr weißes Boudoir:

–Maria, wir haben verschiedene Verpflichtungen. Paßt es dir, wenn wir zu Sonnabend einlüden? Da ist nichts los, soviel ich weiß. Ich dachte an ein Diner von zwanzig bis vierundzwanzig Personen. Vor allem müssen wir Graf Stassingk bitten.

Sie richtete sich von der Chaiselongue auf, legte ihr Buch beiseite und gähnte. Dann sagte sie:

– Ich bin einverstanden!

– Neulich forderte ich ihn auf im Klub – aber er fuhr den Abend fort. Er ist bis Freitag abend verreist, sagte er. Eben deshalb dachte ich an Sonnabend!

Maria da Caza beunruhigte es, daß er fort war. Wohin? wollte sie wissen, und doch wieder war es ihr ein Trost, nun bis zum Sonnabend Gewißheit zu haben, daß sie ihn nicht sehen könnte. So war er wenigstens bestimmt nicht bei der Prinzessin. Aber dann fiel ihr wieder ein, daß Stassingk sie doch eigentlich gar nichts anging. Sie lachte sich aus, als sie im nächsten Augenblick wieder an ihn dachte, doch sie gestand sich ein, daß etwas sie zu ihm zog, das ihr bisher fern gewesen.

Neben ihrem Manne lebte sie nahezu fremd, seit Jahren schon, doch sie empfand es nicht sehr. Es genügte ihr, zu glänzen, Erfolge zu haben, bewundert und umschwärmt zu werden. Die Stellung, die sie sich durch ihre Schönheit, ihren Liebreiz geschaffen, war ihr ganzer Ehrgeiz gewesen, und das sich zu erhalten, vielleicht noch zu verbessern, ihr einziges Sinnen.

Nun war Ruhe eingekehrt. Sie ging ihrem gewöhnlichen Lebenslaufe nach: sie schlief bis zehn Uhr, dann kleidete sie sich nach dem Bade an und fuhr in den Tattersall, um dort eine Stunde zu reiten. Ein Begleiter fand sich immer. Nachmittags, nach dem Lunch machte sie Besuche, fuhr spazieren und nach dem Diner ging es ins Theater oder sie waren ausgebeten. Ein ruhiger Tag kam fast nie, und wenn Herr da Caza den Klub aufsuchte, so sagte sie sich irgendwo an oder traf eine Verabredung.

Aber diesen Lebenslauf kannte sie nun aus dem Grunde, und wenn sie es sich recht überlegte, so war er doch eigentlich trostlos, denn am Montag schon wußte sie, was nun die ganze Woche hindurch kommen würde, als ob es ein vorgezeichnetes Programm wäre, das man erfüllen mußte, ob man wollte oder nicht. Einen Zweck hatte es nicht, ein Ziel fehlte.

Nun gab es plötzlich ein Ziel. Die Herren ihrer Bekanntschaft huldigten ihr alle, es klang immer lauter oder leiser aus ihren Worten, wie schön sie sei. Daß die Leute, wenn sie ritt, fuhr, ging, wenn sie in Gesellschaft war, im Theater, wo sie sich zeigte, nach ihr fragten, nach ihr sahen – das war ihr schon gewohnt und gleichgültig geworden. Nun aber trat in ihren Kreis Stassingk, der allen Frauen zu gefallen schien, und dem, wie sie sich mit flüchtigem Unbehagen sagte, auch alle Frauen gefielen. Dieser Stassingk, der noch dazu mit der Prinzessin Löwengaard geradezu zusammengenannt wurde. Das war ihr Ziel.

Sie wollte diese Prinzessin schlagen und verdrängen, diese dickliche Prinzessin, die es nicht der Mühe wert hielt, sich ihr zu nähern, die doch schon Frau gewesen, als jene den ersten Mädchenschritt in die Gesellschaft getan, die in den Kreisen eingeschlossen schien, die sich um die Cazas nicht kümmerten. Sie wollte die anderen Damen schlagen, die alle ihrer Schönheit doch nicht das Wasser reichten.

Graf Stassingk sollte bei ihnen verkehren wie die anderen, die sich einfach ansagten, wenn es ihnen paßte, wie Rittmeister Hendrich und sie alle, die sich in ihre Loge setzten, mit ihr ritten, die sie begleiteten und umgaben, die einen Platz auf der Cazaschen Coach vorzogen vor einem solchen auf dem Viererzuge des Herzogs von Ortenburg. Graf Stassingk sollte in ihr Lager übergehen.

Zu dem Diner gab sich Maria da Caza besondere Mühe. Sie, die sonst dem Haushofmeister das meiste überließ, ordnete diesmal alles selbst an. Sie wog mit dem Koch genau das Menü ab, daß es etwas Außerordentliches wäre an Auswahl und Zubereitung, und doch bis zu einem gewissen Grade einfach. Das Diner sollte besser sein, als man es irgendwo bekam, nur nicht zu viel, damit es nicht eine protzige Art gewönne und man sagen könne, es sei keine Kunst, denn mit Geld wäre eben alles zu machen.

Im Zimmer ihres Mannes fand sie auf einem Seitentischchen, das, bei Lampenbeleuchtung zumal, ziemlich im Schatten stand, eine türkische Decke, die ihr nicht gefiel. Sie dachte daran, daß Graf Stassingk, der doch eben erst aus dem Orient zurückgekehrt, verwöhnt sein würde in seinem Geschmack, und sie ging in die Orientbazare, um dort eine Stickerei zu suchen, wie sie einzig wäre in ihrer Art. Dann erstand sie eine kleine, von Künstlerhand entworfene Decke, die ihr Peter Stöckl aus dem Atelier eines Freundes vermittelt hatte, um eine bedeutende Summe.

Herr da Caza war ganz erstaunt über die Veränderung, da seine Frau sich sonst kaum in sein Zimmer verirrte, in dem in prachtvoller Ausstattung von persischen Diwans, Teppichen, orientalischen Waffen und Pferdebildern der verschiedensten Art als einzig Gedrucktes die Sportzeitungen zu finden waren und die letzten Jahrgänge des englischen wie des deutschen Rennkalenders.

Maria da Caza suchte eigens eine Toilette aus, die ihrer Schönheit besonders stand: sie verwarf die reichen, prachtvollen Kleider, die sie besaß, und zog ein glattes, weiches, ausgeschnittenes Gewand an aus vieil-or-Seide mit rubinroten Aermeln. Nicht ein Schmuckstück legte sie an.

Um acht Uhr war das Diner. Eine Viertelstunde vorher saß sie im Salon in ihrer schmucklosen, stolzen, einfachen Schönheit. Herr da Caza im Frack und weißer Weste, mit einem roten Ordensbändchen im Knopfloch, ging unruhig auf und ab. Ehe die Gesellschaft kam, war er immer so.

Zuerst erschien Rittmeister Hendrich, der als Hausfreund sofort nach dem Toilettenzimmer des Hausherrn wieder verschwand, um sich die Hände zu waschen. Er hatte sie sich beim Aussteigen aus der Droschke beschmutzt. Dann kamen Selbottens, und der Graf fragte unter großer Fröhlichkeit seine Frau:

– Sollen wir helfen Lichter anstecken?

Die nächsten, aber erst nach fünf Minuten, waren Lindstedts, mit ihnen zugleich erschienen Mister Easby, Leutnant von Remer und Rittmeister von Vandelow, ein kleiner Husar mit mächtigem Schnurrbart, doch stark gelichtetem Haar, endlich der österreichische Attaché Ritter Boljèn von Boljena.

Der Regierungsrat hatte sofort Maria da Caza bewundert. Er schlug die Hände zusammen, musterte sie noch einmal und rief entzückt:

– Nein, nein, nein, nein, meine verehrteste gnädigste Frau, wie Sie wieder einmal aussehen! Nein, nein und diese Einfachheit! Nein, nein, nein.

Maria da Caza lachte ihn aus wegen seiner Ueberschwänglichkeit, und er fing eben eine neue Begeisterungshymne an, als die Charriers eintraten. Die Eltern nebst zwei Töchtern, blonde Mädchen, von denen die ältere eine auffallend prächtige Figur besaß, aber unregelmäßige, wenn auch angenehme Züge, die jüngere dagegen klein und unansehnlich war wie ihre Mutter. Dafür hatte sie einen edlen, fast klassischen Kopf, dem sie durch die antike Haartracht noch den richtigen Stil verlieh.

Professor Charrier von der Akademie, ein schlanker Mann mit grauem Patriarchenbart, der das Kunststück fertig gebracht, noch in reiferem Alter zu der Malweise der Jungen überzugehen, hatte eben Maria da Caza die Hand geküßt, als die übrigen Gäste: Baron und Baronin Aspern, Bankier Horn mit Frau, Peter Stöckl, Herr von Nyvenström und Graf Stassingk zugleich eintraten.

In dem allgemeinen Begrüßen und Vorstellen hatte die Frau des Hauses nicht Zeit bei einem einzelnen länger zu verweilen. Sie konnte Graf Stassingk nur die Worte sagen:

– Es freut mich, daß Sie gekommen sind. Wir haben bisher Unglück mit Ihnen gehabt!

Er neigte sich auf ihre schlanke, schöne Hand:

– Das tut mir aufrichtig leid, gnädige Frau. An mir soll es nicht fehlen. Ich werde kommen, wo und wann Sie befehlen!

Seine hellen, blauen Augen lachten sie freundlich an, die Antwort hatte allgemein verbindlich geklungen, wie er gegen jede Dame zu sein pflegte, und doch war es ihr, als ob etwas Besonderes darin gelegen, das über die allgemeine Höflichkeit hinausging.

Der Hausmeister meldete das Diner, und Herr da Caza reichte der alten Baronin Aspern den Arm, dann folgten Professor Charrier mit Gräfin Selbotten, Herr Horn mit Fräulein Charrier der Zweiten, Herr von Nyvenström mit Frau von Lindstedt, Graf Selbotten mit Frau Charrier, Graf Stassingk mit Frau Horn, der Regierungsrat mit Fräulein Charrier der Ersten, und am Schluß, vom alten Baron Aspern geführt: Maria da Caza.

Die übrigen Herren folgten einzeln.

Es ging durch mehrere Zimmer, durch eine Galerie mit Glasdach, wo Gemälde hingen und exotische Pflanzen standen, in den hohen bis zur Decke hinauf in Eiche geschnitzten Speisesaal, der in elektrischem Licht strahlte. in bunten Blumen von den Wanden leuchtend. Die Tafel war mit Orchideen übersät. Eine Schar von Dienern in rotseidenen Escarpins und schwarzen Fräcken mit silbernen Achselschnüren rückten die Stühle.

Maria da Eaza hatte Stassingk so gesetzt, daß sie ihn bei Tisch schräg gegenüber sehen konnte, zwischen Frau Horn, einer jungen, hübschen Frau, die beim Lachen gern ihre schönen Zähne zeigte, und Rittmeister Hendrich. Als sie sich niederließen, trafen sich ihre Blicke. Sie schien zu fragen: Habe ich recht getan? Deine Nachbarin ist dir doch hübsch genug!

Bald entspann sich ein lebhaftes Gespräch. Auf der einen Seite führte wie gewöhnlich der Regierungsrat das Wort. Er lachte, kolportierte seinen Tageswitz, kniff die Augen zu, schielte in den kleinen Ausschnitt der schönen Figur des Fräulein Charrier der Ersten und leerte häufig sein Glas. Auf der anderen Seite des Tisches sprach man durcheinander.

Graf Stassingk erzählte mit gedämpfter Stimme etwas der Frau Horn, die noch öfters die Zähne von den Lippen entblößte als sonst, so daß Maria da Caza sich sagte, es müsse amüsant sein, was er redete. Sie freute sich darüber. Er sollte sich unterhalten das erste Mal, da er sich in ihrem Hause befand, und eine Regung von Eifersucht konnte ihr fern bleiben, denn Herr Horn war so eifersüchtig, daß ein ernstliches Hofmachen bei seiner Frau wenig Aussicht auf Dauer bot.

Während Stassingk sprach, ließ er immer einen Blick zur Frau des Hauses hinübcrgleiten. Sie saß jetzt ruhig da, weil ihre beiden Nachbarn sich gerade nach der andern Seite zu unterhielten: der alte Baron Aspern mit Frau von Lindstedt und Professor Charrier mit Gräfin Selbotten.

Maria da Caza suchte etwas zu verstehen, aber sie konnte nur ab und zu ein Wort auffangen, das Frau Horn sprach, wahrend Graf Stassingk zu leise redete. Sie glaubte aus den Brocken, die sie hörte, zu entnehmen, daß von der Riviera die Rede sei, und deshalb warf sie über den Tisch etwas hin wie eine Frage, ob Horns diesen Winter nach dem Süden gingen.

– Nein, wir können leider nicht, aber Graf Stassingk will gern nach Bordighera, – antwortete die Bankiersfrau. Graf Stassingk fügte hinzu:

– Wenn ich Urlaub kriege!

Da fühlte Maria da Caza, wie sie erschrak. Er wollte fort? Dann wäre sie allein gewesen? Und sie fragte gedehnt:

– Sie wollen nach Bordighera?

– Ich möchte schon.

– Gefällt es Ihnen denn nicht in Berlin?

– Gewiß, gnädige Frau, mir gefällt es eigentlich überall. Wenigstens hat mir's bisher, wo ich immer war, gefallen!

Frau Horn warf mit leichter Anspielung ein, weil auch sie von Graf Stassingks plötzlicher Ablösung in Konstantinopel gehört, indem sie die Zähne zeigte und fragend den Kopf hinten überfallen ließ:

– Tut es Ihnen denn aber nie leid fortzugehen? Man hat doch im Laufe der Zeit Freunde gewonnen, von denen einem der Abschied sauer wird?

Er entgegnete ausweichend: Dazu muß man eben länger an einem Orte sein, nicht wahr?

– Allerdings …

Doch Maria da Caza stimmte nicht bei, sondern antwortete, indem sie den Worten einen Klang gab, als fordere sie endlich Bestimmtheit:

– Es würde Ihnen jetzt nicht ungelegen kommen, fort zu müssen?

Er zögerte. Da die Bankiersfrau eben von Graf Selbotten angeredet worden war und die ganze Nachbarschaft sich in angeregter Unterhaltung befand, richtete sich Maria da Caza noch mehr auf, beugte ihre schönen Schultern eine Spur über den Tisch, ließ die Augen auf dem jungen Diplomaten ruhen, als dürfe er einer Antwort nicht ausweichen, und fragte:

– Wenn Sie heute abend zum Beispiel, wenn Sie nach Hause kommen, eine Order vorfänden, die Sie auf einen neuen Posten schickt, irgendwo weit fort, weit … ganz weit … würde Ihnen das ungelegen kommen?

Immer noch zögerte er, dann blickte er sich am Tische schnell um. Alles schien in die eigene Unterhaltung vertieft:

– Ich weiß noch nicht! …

Eine plötzliche Gesprächspause trat ein, dann wandte sich Professor Charrier zu Maria da Caza:

– Gnädige Frau, werden Sie denn diesen Winter nicht ein milderes Klima aussuchen?

Von der anderen Seite fing der alte Baron an, indem er den weißen Kopf fragend schief hielt:

– Wie steht es denn mit Reiseplänen diesmal?

Sie hatten mit halbem Ohr vorhin etwas von Bordighera gehört und freuten sich, der Mühe enthoben zu sein, für das Gespräch ein eigenes Thema zu suchen.

Der Regierungsrat drüben hatte das nicht nötig. Er war unerschöpflich in Einfällen, da nun schon gegen Ende der Tafel der Champagner ihm die Zunge gelöst hatte. Die alte Baronin links überließ er ihrem Schicksal. Er unterhielt sich nur mit Fräulein Charrier, deren anderer Nachbar, der Ritter Boljen von Boljena in englischer Sprache mit Mister Easby über Rennenreiten sprach.

– Wissen Sie, mein gnädigstes Fräulein, Sie als Sohn Ihres Vaters, Pardon Tochter Ihrer Frau Mutter, die so wunderbar Klavier spielt, sollten doch wenigstens singen oder so was? Singe, wem Gesang gegeben, und Sie, man braucht Sie bloß anzuhören, sind doch sozusagen vorherbestimmt zum Singen!

Fräulein Charrier lachte, daß sie ganz rot ward:

– Warum denn, Herr von Lindstedt?

– Wegen Ihres Organs. Sie reden wie die reine Glocke von Schiller. Können Sie nicht was deklamieren? Wissen Sie was, mein gnädigstes Fräulein, nach Tische müssen Sie uns was deklamieren!

– Ich kann ja aber nichts. Ich kann überhaupt nicht deklamieren und habe es nie getan.

– Ganz einerlei. Desto besser, dann klingt's nicht nach Schule. Die Tochter eines Künstlers muß doch alles können, was ins Fach schlägt. Sehen Sie mal den Graf Stassingk an, der kann alles, was in sein Fach schlägt: Tanzen, Fechten, Reiten, Schießen, Diner essen, afternoon- teas trinken, in die Gesellschaften laufen, den Damen die Cour schneiden, unterhalten …

– Ja, das kann er allerdings! Vorzüglich! – antwortete sie und mit einer gewissen Sicherheit des jungen Mädchens einem verheirateten Manne gegenüber, der ihr außer dem Spiel zu sein scheint, mit dem sie also schon einen Scherz machen darf, fügte sie hinzu:

– Das kann er noch besser als Sie, Herr von Lindstedt!

– Nanu, als ich? Cour machen?

– Nein, ich meine natürlich bloß unterhalten.

– So, was hat er Ihnen denn vorhin vor Tisch gesagt?

– Er freue sich, unsere Bekanntschaft zu machen, sagte er zu mir und meiner Schwester.

– Weiter nichts?

– Und er hoffte, uns noch öfters zu treffen!

– Wo?

– Nun, hier bei Cazas!

– Und das war alles?

– Nein, dann sagte er noch zu uns, er hätte Papas Bild: »Die Schwestern« bei Schulte gesehen – das sind wir nämlich – und wäre entzückt gewesen!

In das Stuhlrücken des Aufstehens mischten sich des Regierungsrats Worte:

– Na, das ist doch nichts Besonderes, das hätte ich Ihnen auch sagen können, mein gnädigstes Fräulein!

Während sie seinen Arm nahm, entgegnete sie schnippisch:

– Aber Sie haben's nicht getan!

– Dafür haben Sie sich nicht über mich geärgert.

– Ich habe mich gar nicht geärgert. Durchaus nicht!

– Sieh mal einer an! 's ist doch einer, der Stassingk. Dafür bin ich auch nur ein alter Ehemann!

Er schnalzte halb bedauernd, halb erstaunt mit der Zunge, während Graf Stassingk, als sie im Salon angekommen waren, im Gedränge des Gesegnete-Mahlzeit- Wünschens Fräulein Charrier der Ersten eine leichte Verbeugung machte. Er stand ihr einen Augenblick gegenüber. Mit den Augen suchte er Maria da Caza, aber er wollte nicht stumm bleiben und irgend etwas sprechen. So sprach er mit verbindlichem Lächeln, doch im Grunde zerstreut:

– Ich habe, wie ich Sie bei Tisch von weitem sah, immer an das Bild gedacht!

Dann war er davon, um den anderen ein paar Worte zu sagen. Das junge Mädchen aber strahlte über das ganze Gesicht und war glücklich.

Sobald die Gesellschaft in den Salon zurückgekehrt war, wurden Kaffee, Likör, Zigarren und Zigaretten herumgereicht, und die Herren zogen sich langsam in Herrn da Cazas Zimmer zurück, um dort auf den Diwans Platz zu nehmen. Der österreichische Attaché begrüßte Peter Stöckl als Landsmann. Leutnant von Remer, Mister Easby, Rittmeister Vandelow und Graf Selbotten bildeten eine Sportecke, wahrend Bankier Horn, der mehr wie ein Offizier in Zivil ausschaute, sich mit dem alten Baron in ein Gespräch über die Sicherheit russischer Werte vertiefte.

Professor Charrier, Herr von Nyvenström und Graf Stassingk waren im Salon bei den Damen geblieben. Herr da Caza ging hin und her, um voll peinlichster Genauigkeit mit jedem seiner Gäste eine bestimmte Zeit zu sprechen. Dabei nahm er von allen Anwesenden nur seine Frau aus, weil er es für korrekter hielt, wenn das gastgebende Ehepaar den Abend hindurch überhaupt nicht tat, als kannte es einander.

Die Damen hatten sich im Anfang zusammengesetzt, erst allmählich begannen sie sich zu verteilen. Die alte Baronin Aspern stand an einem Fenster mit dem schwedischen Gesandtschaftssekretär, dessen Schwester einen entfernten Verwandten von ihr – Kavallerieoffizier in Thorn – geheiratet hatte. Das gab Berührungspunkte. Der Professor saß mit Graf Selbotten und Maria da Caza am Kamin und erzählte eine Geschichte, wie er die regierende Fürstin von Osterode hätte malen sollen oder nicht, und dann wieder doch, und endlich doch nicht … so weitschweifig, daß seine Zuhörerinnen nicht zur Klarheit gelangen konnten, ob er sie nun eigentlich gemalt hatte oder nicht.

Ihnen gegenüber stand Graf Stassingk im Kreise der übrigen Damen und plauderte von den Schönheiten Stambuls. Halb träumerisch, wie von einem verlorenen Paradiese, halb scherzhaft von allen möglichen und unmöglichen Zuständen. Maria da Caza forderte die Damen auf, sich zu setzen, und nun ward am Kamin ein Kreis gebildet, in dessen Mitte er Platz nahm.

Frau Horn schob sich ihren Stuhl näher:

– Erzählen Sie weiter! Erzählen Sie weiter!

Nun kam auch die alte Baronin Aspern herüber, um zuzuhören. Herr von Nyvenström schlich sich fort zu den anderen Herren. Der Professor sagte zu Maria da Caza:

– Gnädige Frau, ich komme nachher noch mal einen Sprung zu den Damen, aber Ihr Herr Gemahl hat so wundervolle Zigarren, daß es wirklich eine Sünde wäre, ihnen nicht Gerechtigkeit widerfahren zu lassen!

Nun waren die Damen mit Graf Stassingk allein.

– Wollen Sie denn nicht rauchen? – fragte ihn Maria da Caza. Er entgegnete, mit leisem Lächeln den Kreis betrachtend um ihn herum:

– Ich bleibe lieber bei den Damen! Hier ist es viel netter, und den Tabakrauch kann ich nicht vertragen. Ich fühle mich immer am angenehmsten bei den Damen.

Dabei blickte er der Reihe nach alle die Damen an und richtete eindringlich mit Stimme und Auge an jede einen Teil seiner Rede, so daß jede im stillen mehr oder weniger das Gefühl hatte, als gälte das alles eigentlich ihr allein.

Graf Stassingk hatte, ohne daß er eine gegen die andere verstimmte, wieder alle für sich gewonnen.

Nur Maria da Caza nahm nicht teil wie die übrigen. Sie lehnte sich in ihren kleinen, mit schwerer Seide überzogenen »Fauteuil Marquise« und ließ lässig die schlanken und doch vollen Arme auf den beiden Lehnen ausgestreckt ruhen. Aber sie betrachtete unausgesetzt den Erzähler. Es war ihr weh, daß er sich so der Allgemeinheit gab, sie hätte ihn für sich haben mögen, in einem der Nebenzimmer, oder ganz drüben am Ende der Zimmerreihe in ihrem weißen Boudoir.

– Sind Sie auch in Spanien gewesen, Herr Graf? Mein Mann hat prachtvolle Skizzen mitgebracht von dort. Er war auf einer Studienreise als junger Mann in Sevilla, Granada … – begann Frau Charrier zu fragen. Graf Stassingk antwortete höflich:

– Jawohl, gnädige Frau, ich bin im Lande der Stiergefechte bei der Botschaft gewesen … und …

Mit angehaltenem Atem hatten die Schwestern gelauscht, nun forderten sie fast zu gleicher Zeit:

– O, erzählen Sie uns von den Stiergefechten …

Frau Horn rückte ihren Stuhl noch näher:

– Ja, von den Stiergefechten, das muß doch schaurig sein …

Die alte Baronin aber hob abwehrend die beiden mageren Hände:

– Um Gotteswillen, diese Stiergefechte sind eine Roheit, eine empörende Roheit. Meine Tante – ein Galbenow, hatte eine Freundin, die alte Gräfin Tresich, dieselbe, der Friedrich Wilhelm der Vierte sagte… wie war's doch, ich bring's nicht zusammen … also die hatte einen Sohn, Karl Friedrich, er heiratete später eine Tochter vom Wildenburger Trebbin, die sagte mir, ihr Sohn hätte mal ein wirkliches Stiergefecht gesehen, und erzählt, wie fürchterlich das ist, und die alte Tresich hielt sehr scharf auf die Wahrheit …

Man ließ die alte Dame ruhig reden. Graf Stassingk gab ihr vollkommen recht, schilderte jedoch die Stiergefechte, als wären es die unschuldigsten, kleinsten Sonntagsvergnügen der Welt.

Während er sprach, erhob sich Maria da Caza. Die kleine Selbotten blickte sie fragend an, doch sie machte ihr ein Zeichen, daß sie ruhig sitzen bleiben sollte, und die anderen nahmen an, Haussorgen führten sie einen Augenblick fort. Sie aber schritt langsam in das Nebenzimmer, einen kleinen Salon, in dem ein prachtvoller, alter, venetianischer Kronleuchter hing. An einer mächtigen Spiegelwand brauste in Kaskaden ein Wasserfall im kleinen herab, um in ein Becken zu fallen, auf dessen Grunde elektrisch leuchtende Wasserrosen und Lilien glühten, sich emporrankend an einem Felsen, aus dem ein dünner Springbrunnen in von unten farbig erhellter Säule stieg.

Dort blieb sie stehen und rang nach Atem. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie konnte es nicht mit ansehen, daß er mit allen sprach, daß er sich allen gleichmäßig widmete. Sie wollte nicht mit den übrigen Damen in Wettbewerb sein um seine Unterhaltung. Sie trat vor den großen Spiegel, sich darin zu betrachten. Sie freute sich ihrer Schönheit, sie streckte sich stolz und wendete sich, daß das Licht von der Seite auf ihre Gestalt fiel. Schöner war sie doch, wie die da drinnen. Schöner wie alle zusammen.

Eine jähe Angst überfiel sie, der Abend möchte verstreichen – denn es war schon spät geworden – ohne daß sie mit ihm allein gesprochen. Und doch wußte sie wiederum nicht recht, wozu? Was würde sie ihn fragen, das sie ihn nicht vor den anderen Damen fragen könnte?

Nur reden mußte sie mit ihm, nur reden! Er sollte mit ihr allein sprechen, daß die anderen sähen, wie er sich um sie bekümmerte. Sie hatte bemerkt, welchen Eindruck er auf die Damen alle gemacht, durch nichts Besonderes, durch nichts und doch durch alles. Es gab schönere Männer als er, geistreichere und klügere, aber sie waren nicht so wie er. Er hatte nichts Besonderes gesprochen, was ein anderer nicht auch hätte sagen können – aber wie er es sagte …

Da hörte sie ihres Mannes Stimme im großen Salon. Ein paar Damen standen auf, und dann klang das Lachen des Professors, die nasale Aussprache des österreichischen Attachés: die Herren waren erschienen.

Maria da Caza zögerte einen Augenblick, ob sie zurückgehen sollte, als sie den Regierungsrat sagen hörte, laut, wie er immer sprach:

– Sie haben ja wieder mal eine ganze Jemeinde von Damen um sich versammelt, mein lieber Stassingk, wie ein Pariser Fastenprediger …

Das war ihr wie ein Stich, der ihr versetzt wurde, und sie ging durch das anstoßende Erkerzimmer, in dem längs der Wände auf kleinen und großen Konsolen die Renngewinne ihres Mannes standen, eine wahre Schatzkammer an Edelmetall: Bildsäulen, Bowlen, Humpen, Pokale, Becher, Tabletts. Dann floh sie durch die Bibliothek, als ob sie verfolgt würde, und huschte in ihr Weißes Boudoir. Dort erst blieb sie stehen, um zu lauschen. Kein Laut mehr drang zu ihr. Aengstlich horchte sie noch einmal, und ihr Herz klopfte.

Es war ihr wieder wie Ersticken. Sie verstand sich nicht. Sie, die sonst so unbewegt, fast kalt durchs Leben ging? Sie warf sich auf das fellbedeckte Lager, sprang wieder auf und ging ans Fenster, in fieberhafter Unruhe. Dort schlug sie den Spitzenshawl zur Seite und blickte hinaus über den Vorgarten nach der Tiergartenstraße, die dort hell erleuchtet menschenleer lag. Wie sie sah, daß da keine Seele ging, dachte sie an die Zeit: es mußte also spät sein, wenn sie auch keine Ahnung hatte, wieviel Uhr. Und nun bemerkte sie auf dem Wege zur Ausfahrt der Villa Lichtschein, der sonst nicht dort war: eine Equipage wartete. Da dachte sie an ihre Gäste, die sich vielleicht schon über ihre Abwesenheit gewundert.

Zugleich kehrten ihre Gedanken zu Stassingk zurück, und Bitterkeit und Wut überfiel sie, daß sie fast den Tränen nahe war. Wenn er sich den ganzen Abend noch nicht um sie bekümmert, so war es nun überhaupt zu spät. Jetzt war sie zu stolz, um etwas zu bitten: mochte er nur bei den anderen Damen bleiben. Sie würde nicht mehr mit ihm reden heute abend.

Hastig wandte sie sich um, in den großen Salon zurückzueilen – und Graf Stassingk stand vor ihr. Sie hatte sein Nahen auf den dicken Fellen am Boden nicht gehört.

Maria da Caza prallte zurück, doch sie faßte sich sofort wieder:

– Ah, Graf Stassingk, Sie wollen wohl gehen?

– Nein, gnädige Frau, ich wollte Sie suchen.

– Jetzt noch?

Er blickte ihr gerade in die Augen:

– Warum verdiene ich diesen Vorwurf?

– Weil Sie den ganzen Abend nicht mit mir gesprochen haben!

– Ich wollte nicht!

– Sie wollten nicht?

– Nein, ich wollte nicht!

– Warum?

Er ließ seinen Blick über die schöne Frau vor sich gleiten, als müsse er ihre Gestalt einsaugen und verzehren:

– Ich hatte Angst …

Maria da Caza ahnte irgend etwas Unbestimmtes, doch sie verstand ihn nicht. Sie wiederholte von neuem seine Worte, unsicher, fragend:

– Sie hatten Angst? … Wovor?

– Vor Ihnen.

Beide schwiegen. Maria da Caza sah ihn seltsam bewegt, wie er tiefer atmete, wie sein Auge glänzte und er mit sich zu kämpfen schien, ob er weitersprechen sollte. Da klangen Stimmen durch alle die geöffneten Türen, und sie lauschten plötzlich beide ängstlich, als ob sie schlechtes Gewissen hatten. Er machte eine Gebärde:

– Es ist im Zimmer, wo die Rennpreise stehen. Die jungen Mädchen hatten sie noch nicht gesehen und wollten sie sich zeigen lassen, da bin ich vorhin mitgegangen. Ich bin ja zum erstenmale hier … Ich ging dann weiter …

Maria da Caza hörte kaum mehr darauf. Sie fragte schnell:

– Warum hatten Sie Angst vor mir?

Er betrachtete sie wieder in Bewunderung, und sein Geständnis klang ehrlich, wie er es meinte:

– Sie sind zu schön!

Er schlug die Augen nieder. Er erzählte leise, weich, eindringlich, schlicht, als müsse er ihr das sagen, alles, wie er es fühle:

– Sie sind die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Als ich Sie den ersten Abend sah auf dem Balle, da wußte ich es schon. Wie mit einem Schlage wußte ich es. Aber ich durfte es doch nicht sagen und durfte es nicht zeigen. Da schon hatte ich nicht den Mut, Ihnen zu nahen. Das ist der wahre Grund. Ich dachte mir, wenn du einmal ihr zu nahe kommst, dann … ich konnte nicht, ich wollte nicht, ich hatte den Mut nicht dazu! Immer, wenn ich mit allen den andern sprach, dachte ich: Was seid ihr gegen diese eine. Aber allein, wirklich allein mit Ihnen zu sprechen … nein … nein, dazu hätte mir der Mut gefehlt. Denn sobald ich Sie wirklich allein gesehen hätte, hätte ich es Ihnen auch sagen müssen, wie schön Sie sind …

Mariia da Caza atmete tief, und er verzehrte sie mit den Blicken. Sie fragte:

– Warum kümmerten Sie sich nicht heute um mich?

– Ich hatte Angst, mit Ihnen allein zu sprechen, und vor den anderen wollte ich nicht die banalen Redensarten gegen Sie gebrauchen, die man so in der Unterhaltung anwendet. Denn ich habe mich nur immer mit den Frauen unterhalten – wo es war – als guter Gesellschafter, aber bei Ihnen … bei Ihnen … nein, bei Ihnen nicht …

Sie wollte es noch einmal hören, es klang ihr in den Ohren wie süße, unwiderstehliche, berauschende Musik und sie fragte wieder:

– Warum bei mir nicht?

– Weil … weil … Sie anders sind … Sie sind zu schön …

Zögernd kam es von ihren Lippen:

– Und andere?

– Sie sind nicht wie andere, wie keine andere, keine auf der ganzen Welt. Das wollte ich Ihnen sagen und darf es doch nicht. Fand nicht den Mut. Nun habe ich's getan!

Befreit, erleichtert trat er einen Schritt zurück mit lachenden Augen, und, wie Maria da Caza dünkte, trotz allem treu und ehrlich. Auch sie fühlte sich, als sei ihr eine Last von der Seele gefallen. Nun wußte sie es, daß er sie schön fand, daß die anderen ihm nichts galten. Aber bloß eine Sekunde war sie stolz darauf, dann durchschauerte es sie. Sie streckte verlangend die Hand nach ihm aus, und er küßte ihre Hand.

Da klangen die Stimmen deutlicher näher, nun schon in der Bibliothek daneben.

Maria da Caza hielt noch seine Rechte. Gedämpft sagte sie:

– Wissen Sie nun, ob Sie in Berlin bleiben möchten?

Er drückte einen glühenden Kuß auf ihren schönen, vollen Unterarm dicht über dem schlanken Gelenk.

Als Rittmeister Hendrich mit den Schwestern Charrier eintrat, hatte sie ihre ganze Sicherheit wieder: die Ruhe nach dem Siege.

V.

Nun hatte Maria da Cazas Leben endlich einen Inhalt gewonnen. Sie fragte nicht mehr danach, ob »man« hier und dort gewesen sein mußte, ob es auffiel, wenn sie nicht erschien, ob es wünschenswert wäre, daß sie sich zeigte. Der Schwarm ihrer Bewunderer war ihr höchst gleichgültig geworden.

Marlia da Caza fragte nur nach dem einen, wo sich Graf Stassingk befand, wann und wo sie sich sehen würden. Sie dachte nur an ihn und gab sich auch gar keine Mühe, es zu verbergen. Ihr Gatte, der sich nun seit Jahren nicht anders als rein äußerlich um sie zu kümmern schien, war ihr einerlei. Sie hatte nicht das Gefühl, ihn zu verletzen, in seine Rechte einzugreifen.

Jetzt wußte sie: was nur dumpf in ihr gelebt, war ihr mit der Szene im weißen Boudoir klargeworden in einem Augenblick. Sie hatte Stassingk nicht an ihren Triumphwagen spannen wollen, um vor den übrigen Damen etwas voraus zu haben, sie wußte, daß sie ihn liebte, daß sie ihn liebte sinnlos, rasend. Es schien ihr, als müsse es immer gewesen sein, vom Augenblick an, wo er damals auf dem Lindstedtschen Balle in den Saal getreten und Rittmeister Hendrich ihn ihr gezeigt mit den Worten:

– Da ist er.

Er war da. Er war plötzlich in ihrem Leben erschienen.

Wenn sie darüber sann, so schien es ihr immer mehr, als hätte es so werden müssen, als sei sie für ihn bestimmt gewesen, als habe sie diese Jahre hindurch auf ihn gewartet, bis er aus dem Orient wiederkäme. Als sie eines Nachmittags im Tattersall zusammen ritten, und die Bahn fast leer war, nur ein Bereiter in der einen Ecke sein Pferd abbog, da fragte sie ihn:

– Haben Sie denn wirklich, wie Sie nach Berlin kamen, gleich an mich gedacht?

Er neigte sich von seiner Stute leicht zu ihr herüber und flüsterte:

– Nur an Sie, nur an Sie habe ich gedacht.

Ein andermal, als sie sich wie zufällig bei Schulte trafen und die kleine Selbotten, mit der sie gekommen, etwas zur Seite vor einem Bilde geblieben war, fragte er:

– Gnädige Frau, sind Sie morgen nachmittag zu Hause? Ich muß Ihnen etwas sagen!

– Ich habe leider ein paar Damen zum Tee.

– Das ist schade!

Er blickte sie traurig an, so daß sie sofort vorschlug:

– Ich sage ihnen ab.

– Nein, das dürfen Sie nicht, meinetwegen nicht …

Schnell flüsterte sie noch:

– Kommen Sie gegen halb sieben. Dann sind die Damen fort. Sie gehen immer pünktlich ein Viertel … Dann kam die kleine Gräfin heran:

– Maria, hast Du das Bild dort gesehen?

Sie zog die Freundin zurück, um eine etwas philiströse, brav gemalte Leinwand zu betrachten, die ihrem einfachen, wenig gebildeten Geschmack entsprach.

Stassingk blieb stehen. Er schaute der königlichen Gestalt Maria da Cazas nach, wie sie über den Teppich nach der anderen Seite schritt. Stundenlang hätte er sie betrachten mögen: solch eine Frau gab es nicht wieder auf der ganzen Erde. Dieser Caza hatte Glück gehabt! Dabei schien er es gar nicht einmal zu würdigen, dieser korrekte, tadellose Rennmann, den eine warme Sehne im Stall mehr bekümmerte als alles, was die schönste Frau anging, die je einen Rennplatz betreten.

Graf Stassingk empfand etwas wie eine Gegnerschaft gegen diesen Mann, als seien sie beide nun einmal einander in der Zukunft als Feinde gegenübergestellt und bestimmt. Denn Maria da Caza hieß sein Schicksal. Wie ein leichtes Grauen, mehr ein Staunen fast überfiel es ihn, wenn er dachte, daß diesmal mit dieser Frau sein Herz Anteil zu nehmen schien und es ernst für ihn ward. Fast jeder Winter, fast jeder Ort führte ihn mit Frauen zusammen, an die er sein Herz verlor. Doch bisher noch immer war er unter dem lächelnden Mund und schönen Auge einer anderen wieder von seinen Wunden genesen.

Diesmal schien es ihm, als müßten alle vor ihr verblassen, als wäre, was er in den Jahren erlebt, nur ein Spiel gewesen. Er kam sich reifer vor, altgeworden, bequem, vernünftig und dem Ende alles Flirtens nah, wo die Flirtation im Jugendland zurückblieb und ernste, echte, tiefe Liebe das Herz des Mannes füllte.

Wie ein Schatten nur zogen ihm die Erinnerungen vorüber. Er war entschlossen, nun Ernst zu machen. Schwer ward es ihm nicht, denn er fühlte, daß er nicht los konnte von ihr, nicht los wollte, daß er nur sie begehrte. Er dachte nicht mehr daran, so ein kleines Schäferspiel nebenbei zu haben, und wenn es auch ohne Arg gewesen wäre, nur aus Gewohnheit. Das Flirten fühlte er begraben und sein Interesse erstorben für jede Frau, die nicht hieß: Maria da Caza!

Zu der von ihr genannten Zeit stand er vor der Villa.

– Nimmt gnädige Frau Besuch an?

– Gnädige Frau läßt bitten!

Er wurde in den kleinen Salon geführt, wo der Wasserfall von der Spiegelwand niederrauschte, und fand sich allein. Doch nur ein paar Sekunden, dann trat Maria da Caza ein:

– Sie sind eben fortgegangen. Gott sei Dank!

Stassingk drückte ihre Hand an seine Lippen. Sie fand nicht den fröhlichen Ausdruck, leicht und leichtsinnig in seinen Augen, den sie ein wenig fürchtete, sondern ruhigen, ernsten Glanz. Darüber freute sie sich. Sie zog ihn auf ein kleines Sofa neben sich und fragte:

– Was wollen Sie mir sagen?

– Gar nichts!

– Aber Sie sprachen mir doch davon!

– Das habe ich bloß gesagt, weil ich bei Ihnen sein wollte.

Gedehnt meinte sie:

– Sind Sie denn zufrieden mit mir, daß ich Ihnen die Zeit angab?

– Ich danke Ihnen, gnädige Frau, tausendmal danke ich Ihnen!

– Wofür wollen Sie mir danken?

– Daß Sie mir erlauben, mit Ihnen zu sprechen, hier allein. Denn beim Reiten und in der Welt da ist es doch ganz anders, da fühlt man sich so beengt, daß man doch nicht spricht, was man sprechen möchte. Und ich habe Ihnen doch so unendlich viel zu sagen. Ich muß so vieles erklären, wie mir zu Sinn ist …

Er sprach zu ihr in leise schmeichelndem Ton. Er erzählte, wie er sich verändert. Er legte ihr eine Beichte ab, wie er früher gewesen. Von seinem Wesen redete er, von seiner Art mit den Frauen, daß er von allen Blumen genascht und flatterhaft von einer zur anderen gegaukelt. Daß es ihn unterhalten, mit jeder zu sprechen, jeder etwas Artiges zu sagen, daß er überall sich angezogen gefühlt von ihnen, in den Banden einzelner gelegen und doch über der nächsten die vorige vergessen. Er sagte ihr, ernsthaft habe er nie an eine Frau gedacht, nur auf Tage, auf Wochen höchstens. Aber bei allen sei es nur ein Spiel gewesen, das er sich angewöhnt wie eine Schablone. Er müsse zuvorkommend und artig sein, das läge nun einmal so in seinem Blute, in seiner Natur.

Er schloß:

– Gnädige Frau, ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, leichtsinnig bin ich immer darüber hinweggegangen. Ernst habe ich's nie gemeint. Diesmal … ich verstehe mich ja selbst nicht mehr, ich weiß gar nicht, wie mir zu Mute ist, ich bin wie krank. Krank, ja krank. Ueberall glaube ich, muß ich Sie sehen, in Gedanken ist mir immer Ihre Gestalt vor den Augen. Wo ich auf der Straße gehe, lauere ich bloß, Ihnen zu begegnen. Ich träume von Ihnen, ich sehne mich immer nach Ihnen. Nach Ihrer Stimme, nach Ihrem Bilde. Mit niemand will ich mehr sprechen, nirgends mehr hingehen, wo Sie nicht sind. Ach, gnädige Frau, ich bin krank. Krank durch Sie …

Maria da Caza hörte ihn an mit bebendem Herzen, ihre Mundwinkel zuckten, sie spielte nervös mit einem Kissen unter ihrem Arm. Seligkeit durchströmte sie bei seinen Worten, und sie hing an seinen Lippen. Sie wollte ihm noch weiter lauschen … stundenlang hätte sie zuhören können. Ihr war so frei, so lebensfreudig zu Mute. Seine Stimme, seine Worte klangen ihr wie weiche, süße Musik, so daß sie auffuhr, als er schwieg.

Aber wie der Ton endigte, empfand sie plötzlich ein Unlustgefühl, etwas wie einen Zweifel, der schnell banger Besorgnis wich, und als die Stille noch dauerte, zur Angst wuchs. Sie sagte ganz unvermittelt, mit erschrockenen Augen, groß, dunkel, über denen ein Schleier der Besorgnis zu liegen schien:

– Wenn Sie sich irren?

– Nein!

– Und wenn doch?

– Nein, nein, nein.

– Sie glauben es vielleicht nicht. Aber haben Sie nicht oft schon geglaubt, Sie … Sie liebten …?

Da griff er nach ihrer Hand und zog sie an die Lippen, sie mit Küssen bedeckend:

– Nein, so war es nie, nie, nie. Denn jetzt ist alles für mich vergessen. Alles, alles andere. Das ist nun schon, seit ich Sie den ersten Abend gesehen habe, als ich eben von der Reise kam. Seit Wochen nun… Es steigt und steigt… Ich vergesse alles darüber. Gnädige Frau, ich liebe Sie, wie ich's nicht sagen kann. Ich scheue, ich schäme mich fast vor den banalen Worten, weil Sie's nicht fassen können, was ich fühle.

Er legte sich, indem er sich ganz niederbeugte, ihre Finger auf die Stirn, wie um den heißen Kopf mit dieser kühlen, schlanken Frauenhand zu kühlen.

Maria da Caza war ihrer Sinne nicht mehr mächtig. Mit der anderen Hand strich sie sein kurzes, blondes Haar, und plötzlich neigte sie sich zu ihm herab und berührte seine Stirn mit den Lippen. Er wollte den Arm um sie schlingen, doch sie sprang erschrocken auf. Das Plätschern des Wasserfalls an der Spiegelwand übertönte andere Geräusche. Ihr war es, als habe sie im großen Salon Schritte gehört. Schnell trat sie in die Tür und spähte hinüber, doch der Raum war leer: die Phantasie mochte ihr Ohr getäuscht haben.

Als sie sich zurückwandte, sah sie flüchtig im Spiegel ihr Bild und gewahrte ihre geröteten Wangen. Nun wagte sie nicht mehr, sich zu setzen, und sagte nur kurz zu Stassingk:

– Es ist bald Zeit zu unserem Diner. Verlassen Sie uns heute, aber kommen Sie, kommen Sie immer zu uns. Dann können Sie in mein kleines Zimmer gehen, und ich sehe Sie doch. Ich muß wissen, was Sie tun, wo Sie bleiben. Bitte, bitte, kommen Sie, immer, immer, ja? Ich muß mit Ihnen sein. Muß, muß, hören Sie, muß! Dann können wir stets alles verabreden, daß Sie wissen, was wir vorhaben.

– Ich werde kommen.

– Wann?

– Morgen?

– Am Tage sehen wir uns nicht?

– Im Tattersall!

– Gut, ich reite um drei.

Die Worte erstarben. Er suchte noch einmal ihre Hand, da fiel eine Tür ins Schloß und sie ließen sich los. Es näherte sich jemand, und Herr da Caza trat ein:

– Ah, sieh da! Graf Stassingk! Das ist aber nett! Sehen Sie, so ist mir's lieb, uns lieb. Immer kommen Sie nur zum Diner. Dies ewige förmliche Einladen ist gräßlich. Hendrich wird gleich da sein, und Lindstedts habe ich's sagen lassen …

Mt einem Blick des Einverständnisses zu Maria da Caza entschuldigte sich Graf Stassingk für heute, und versprach, statt dessen am nächsten Tage zu erscheinen.

Als er gegangen war, sank unendliche Traurigkeit über Marias Seele. Ihr war, als sei es plötzlich ganz öde in den prachtvollen Räumen geworden, und als Herr da Caza so nebenbei, nur, um irgendetwas zu sagen, bis die Gaste kämen, fragte:

– Ist's nicht ein charmanter Kerl, der Stassingk? – da antwortete sie nicht, sondern drehte ihm den Rücken.

Er dachte seiner Unternehmungen und merkte es nicht.

VI.

Zu den Getreuen der Villa da Caza gehörte nun auch Graf Stassingk. Regelmäßig erschien er zum Diner. Die anderen Einladungen sagte er ab bis auf die offiziellen Festlichkeiten im Schloß, in den Botschaften und Ministerien, wo er sich durchaus zeigen mußte. An solchen Tagen kam er, nachdem er sich heimlich fortgestohlen, auf einen Augenblick, oder er erschien vorher, um zu berichten, wie langweilig es den Abend wahrscheinlich werden würde. Ab und zu ging er mit Cazas ins Theater oder in den Zirkus; seine übrigen Verpflichtungen vernachlässigte er vollkommen.

Maria da Caza bannte ihn allmählich ganz in ihren Kreis, so daß er nur dort noch öfters verkehrte, wo sie auch war.

Herr da Caza freute sich über Stassingks Besuche. Wenn nur wenige Herren da waren, so wurde nach Tisch meist noch eine Partie gespielt, und dabei rauchte man und trank ein Glas Bier. Da die Frau des Hauses jedoch in ihren Räumen keine Zigarre litt, mußte der Spieltisch im Herrenzimmer, im Billardsaal aufgestellt werden, oder in der Bibliothek, aber auch dort nicht gern, weil der Rauch beim Oeffnen der Tür in das weiße Boudoir dringen konnte.

Graf Stassingk rauchte nicht und hielt sich lieber bei den Damen auf als bei den Herren. So ward er der vereidigte Gesellschafter, auch wenn Maria da Caza allein war. Dann gingen sie in den kleinen Salon, wo das Wasser von der Spiegelwand fiel.

– Das mag ich so gern, dieses Rauschen! – sagte er dann zu ihr jedesmal, wenn sie sich vor das Bassin setzten.

Sie plauderten. Er erzählte und sie fragte, oder sie erzählte ihm und er forschte weiter mit leisen Worten nach allem, was ihr Dasein anging. Sie war glücklich, glücklich, wie sie es in ihrem ganzen bisherigen Leben nie gewesen. Ihr Ehrgeiz war erstorben, sie dachte kaum mehr daran, die Glänzendste, die Schönste zu sein, als wenn er dieses oder jenes schön, elegant, reizend gefunden, das sie trug oder besaß.

Sie kaufte, was sie sich an kleinen Schmuckgegenständen, an Vasen, Bronzen, Kunstwerken von dem reichen Taschengeld, das ihr ausgesetzt war, erstand, nur im Gedanken, ob es seinen Beifall finden würde, ob er davon gesprochen und es gebilligt. Sie zog sich nur noch an für ihn. Er hatte einmal gesagt, meergrün stünde ihr nicht – sie ließ ein Kleid dieser Farbe, das sie neu aus Paris von ihrer Schneiderin auf der Avenue de la l'0péra erhalten – unbenutzt liegen. Sie besaß wundervolle Opale, aber sie verschloß sie, weil er ihr erzählt, daß man sie in Frankreich nicht trüge, weil sie Unglück brächten, und daß auch er daran glaube.

In allem richtete sie sich nach seinem Geschmack: er mußte ihr Bücher empfehlen, was ihm einige Verlegenheit bereitete, da er zwar über alles unterrichtet war aus den Blättern, um in Gesellschaft darüber reden zu können, selbst jedoch wenig las. Und sie erinnerte sich, wie er ihr Peter Stöckls Bild »Müde« erklärt: nun fragte sie nach allem, was ihr unverständlich geblieben.

Von der Prinzessin und von anderen Frauen hatte sie nie gesprochen. Das Gefühl der Eifersucht war ihr nicht gekommen, denn sie wußte, daß er zum alten Fürsten Löwengaard-Espenburg oder zum Herzog von Ortenburg, wo er sie getroffen hätte, fast nie mehr ging. Nur von der Vergangenheit begann sie ein einziges Mal, da sie allein waren und die Herren drei Zimmer entfernt im Billardsaal eine Pfropfenboule spielten:

– Ich muß Sie einmal etwas fragen, was ich schon längst sagen wollte … ich habe es nur nach nicht gewagt …

Er ward aufmerksam, runzelte ein wenig die Stirn und meinte:

– Etwas Schlimmes … Böses? Gnädige Frau?

Sie wußten, daß sie sich liebten, sie wußten, daß es eine Komödie war, wenn sie sich »Graf« und »Gnädige Frau« nannten, aber sie wollten beide nicht diese Grenze überschreiten. Es war besser, sie setzten sich nicht dem aus, von anderen gehört und überrascht zu werden, und es erschien ihr noch kälter und förmlicher, dazu ein unwürdiges Spiel, in der Gegenwart eines Dritten immer wieder zur förmlichen Anrede zurückzukehren.

Maria da Caza hatte das Gefühl, als sei dieses Gnädige Frau der Damm, der sie schützte vor einem Hereinbrechen der Leidenschaft ohne Schranke. Sie wollte sich selbst bewahren.

Wie er nun fragte, tat es ihr schon leid ihn geängstigt zu haben:

– Nein, nein, nichts Schlimmes, nichts Böses. Aus Ihrer Vergangenheit möchte ich etwas wissen.

Er lächelte mit seinem offenen, frischen Geficht und den blauen Augen, die ihr so gefielen, Maria da Caza an, aber in seinem Ausdruck lag doch eine leichte Verlegenheit:

– Aus meiner Vergangenheit?

– Ja, aus Konstantinopel.

– Nun, da bin ich doch neugierig.

– Sie haben mir nie von jener Frau dort gesprochen, deretwegen Sie abberufen worden sind, wie man sagte.

Noch schien er auszuweichen:

– Hat man Ihnen das auch erzählt?

– Wie sollte ich es nicht gehört haben? Der Regierungsrat sagte es jedem, der es hören wollte.

– Das sieht ihm ähnlich. Aber – es schadet nichts.

– Warum?

– Das war ja eine Dummheit nur. Wirklich eine Dummheit, nicht wert, eine so große Sache daraus zu machen!

Fast ängstlich wollte sie wissen:

– Also ist es aber doch wahr?

– Ja und nein …

Wieder schwieg er. Maria da Caza ward erregt, da nicht gleich die Antwort kam, preßte den Mund zusammen, als wollte sie sich wappnen gegen das, was er ihr zu bekennen hatte, und griff abwehrend nach seinem Arm:

– Bitte, sagen Sie es nicht. Ich will es nicht hören … Ich will es lieber nicht … Nein … nein, bitte nicht… ich würde es nicht hören können, es würde mir weh tun … ersparen Sie es mir, bitte … bitte nicht …

Ebenso dringend, wie sie es eben noch hatte wissen wollen, bat sie ihn nun, nichts mehr zu sagen, und schließlich warf sie die Worte hin:

– Es geht mich ja auch nichts an, was Sie früher getan haben!

Stassingk erwiderte zögernd:

– Es geht Sie nichts an?

– Nein.

– Sie nehmen also kein Interesse an dem, was ich früher getan habe?

– Ich weiß nicht, ob ich ein Recht dazu habe?

Er stutzte einen Augenblick, als wollte er sich überlegen, «b er nicht mit irgend einer Wendung darüber hinweg sollte, damit sie ihn nicht mit unbequemen Fragen quälen könnte, aber wie er sie so vor sich sah, das schöne Haupt leicht zurückgebogen und ihn fast ängstlich anblickend, mit einem bitteren Zug der Ergebung auf den Lippen, da übermannte ihn sein Gefühl:

– Sie haben ein Recht, Sie haben auf alles ein Recht. Wie können Sie nur so fragen?

In seiner Antwort hatte ein Ton geklungen, wie sie ihn noch nicht von ihm gehört: nicht Leidenschaft, sondern Innigkeit, tiefes Gefühl. Darüber war sie glücklich und wiederholte ihre Frage. Nun erzählte er ihr auch von Konstantinopel. Es war nichts Romantisches daran, und er sprach davon mit spöttischer Stimme. Eine gereifte Frau, allerdings die Gattin eines Großwürdenträgers, doch eines Ausländers, der nur in türkischen Dienst getreten, hatte sich in ihn verliebt und verfolgte ihn mit ihrer Zuneigung ohne sein Wollen und Zutun, wie er sagte. Er hatte sich ihrer nicht erwehren können, und allmählich waren ihre Huldigungen zum öffentlichen Geheimnis geworden. Der Gemahl aber wußte, daß den jungen deutschen Diplomaten keine Schuld traf. Er war ihm im Gegenteil verbunden wegen seiner Haltung gegenüber seiner Frau. Um jedoch dem Skandal ein Ende zu bereiten, erwirkte er die Bitte um Abberufung, die denn auch sehr bald erfolgte:

– Sehen Sie, gnädige Frau, so werden Geschichten gemacht. Ich kann schwören, daß ich jener Dame nie entgegengekommen bin. Allerdings bin ich artig gewesen, wie man es gegen jede Dame sein muß.

Maria da Caza fühlte sich erleichtert, als atme sie nun in frischer Luft. Als die Herren die Partie beendet hatten und herüberkamen, um Lebewohl zu sagen war sie so ausgelassen und guter Laune, daß Rittmeister Hendrich sagte:

– Gnädige Frau, dos paßt ja gar nicht zu Ihrer strengen Schönheit! So habe ich Sie doch noch nie gesehen!

Sie lachte, sah Stassingk an und scherzte:

– Graf Stassingk hat mich so gut unterhalten, daß ich eben guter Laune geworden bin!

– Was haben Sie denn erzählt? – fragte Herr da Caza und legte Stassingk freundschaftlich die Hand auf die Achsel. Dieser wechselte einen Blick des Einverständnisses mit Maria:

– Ich erzählte von muhammedanischen Volkssitten!

– Das war amüsant?

– Es hat die gnädige Frau sehr unterhalten!

Herr da Caza dachte daran, daß seine Frau öfters in den Zeiten, wenn sie sagte, sie sei satt von gesellschaftlichen Dingen, allerlei Museen besuchte, daß sie regelmäßig in die Bilderausstellung ging, wohin er nie einen Fuß setzte, und daß sie Bücher über Kunst, Sitten, Volksgebräuche, Geschichte gelesen, die ihr Peter Stöckl oder Professor Charrier empfohlen. Er freute sich immer, wenn man mit Maria da Caza über jene Dinge sprach, die ihm fernlagen, weil er wußte, daß sie sich im Grunde für die Rennen wenig interessierte. Noch einmal ließ er seine Hand auf Stassingks Schulter ruhen, als die anderen schon gegangen waren und er ihn zur Tür brachte:

– Sie opfern sich ganz allein für meine Frau, während wir spielen, aber ich kann den Herren nicht zumuten, ihre Zigarre aufzugeben – ohne Zigarre kommen sie nämlich einfach nicht, und ich muß gestehen, ich täte es auch nicht. Um meiner schönen Augen willen ist noch keiner erschienen. ,

Er deutete auf sein Glasauge. Es war ihm nie peinlich, über sein Gebrechen zu reden, da das Gerücht umlief, er verdanke den Verlust des einen Auges einem Duell. Das erhob den körperlichen Fehler zum mystischen, interessanten Ereignis, während er in Wirklichkeit einer Explosion in der Zündhütchenfabrik seines Vaters zuzuschreiben war. Aus jenem Betriebe, der längst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und von dem nicht gesprochen wurde, stammte der Reichtum der Cazas.

Graf Stassingk reizte es, zu antworten, daß wohl welche erschienen wären der schönen Augen Maria da Cazas wegen. Er wollte des Gatten Verdacht nicht herausfordern, aber er war neugierig zu hören, wie Herr da Caza, von dem sie niemals sprach, eigentlich über seine Frau dächte. Als er nun die Redensart hingeworfen, wunderte er sich, wie der andere sie sofort aufgriff:

– Meiner Frau halber? Gewiß, gewiß kommen manche ihretwegen. Was tuts? Es ist mir sehr lieb, wenn man meine Frau mag und hübsch findet, bewundert. Sehen Sie, mit Ihnen ists ja auch so. Das hat mir ja gerade so gefallen, wie Sie, als ich das Vergnügen hatte, Sie kennen zu lernen, zu der alten Exzellenz sagten, an Schönheit käme überhaupt nur eine in Betracht, gegen die alle anderen zurücktreten müßten, nämlich meine Frau. Ist's nicht so? Kommen Sie nicht auch meiner Frau halber, um zu schwatzen und ein bißchen zu flirten, wie der schöne Ausdruck von jenseits des Wassers heißt?

Das hatte Stassingk nicht erwartet. Er entgegnete etwas gezwungen:

– Ja, ja, warum nicht? Es ist ja ein höchst unschuldiges Vergnügen, so eine kleine Flirtation!

– Bloß der moderne Ausdruck für Schwatzen. Früher gabs ästhetische Tees, Seelenfreundschaften, galante Herren, Kavaliere des ancien regime …, na und heute ists ein Flirt …

Stassingk traute ihm nicht zu, das aus Eigenem gefunden zu haben, und so erkundigte er sich rasch:

– Woher haben Sie das?

Gerr da Caza, der fremde Gedanken für eigene Münze ausgegeben, bog aus:

– Wieso?

– Diese Theorie meine ich?

– Ach, wissen Sie das nicht? Das sagt Lindstedt immer! – sagte er nun ganz selbstverständlich.

VII.

Im Opernhause wurde »Carmen« gegeben. Die kleine Gräfin Selbotten, die noch niemals diese Oper gesehen, bat Maria da Gaza, mitzugehen, da sie ihr Mann an dem Abend nicht begleiten konnte. Er mußte zum Vortrag der militärischen Gesellschaft in der Kriegsakademie. Stassingk erfuhr es den Tag vorher, wo sie sich bei Lindstedts trafen, und er versprach ihr leise, im Theater zu sein.

Als die Cazas das Opernhaus betraten, war es schon spät. Sie erreichten gerade noch ihre Loge, ehe die Ouvertüre begann. Marias erster Blick war in das Haus, um Stassingk zu suchen. Sie entdeckte ihn sofort gegenüber, wie er sie mit dem Opernglase musterte. Wie zufällig richtete sie ihr Glas hinüber, und sie lächelten beide.

– Wen siehst Du denn da, Maria? – fragte die kleine Gräfin leise.

– Graf Stassingk! – antwortete sie gleichgültig, aber es war ihr, als ob die Freundin sie plötzlich und schnell anblicke. Die Ouvertüre begann. Endlich hob sich der Vorhang. Die Soldatenszene spielte sich ab. Carmen trat auf und trällerte ihr Lied:

»Die Liebe vom Zigeuner stammet.
Fragt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht!
Liebst du mich nicht, bin ich entflammet
Und lieb' ich dich – nimm dich in acht!«

Wie das Carmenlied erklang, suchten und fanden sich wiederum Stassingks und Maria da Cazas Augen. Sie hatte die Oper schon ein dutzendmal gesehen, und immer war sie an dieser Stelle vorübergegangen, ohne so recht die Bedeutung der Worte zu fassen. Heute aber klang ihr plötzlich das La-la-lalla-la-la-lalla – in den Ohren, als sei ihr in dieser Minute das Verständnis aufgegangen. Bei den folgenden Szenen tönte ihr nur immer dieses – fragt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht – in den Ohren, als hätte es für sie besondere Geltung gewonnen.

Als der Vorhang niedergegangen war, sagte Herr da Caza, der hinter den beiden Damen saß:

– Es liegt doch eine riesige Leidenschaft in dieser Musik! Nicht wahr, Frau Gräfin? – Dabei gähnte er verstohlen. Die Tür der Loge öffnete sich, und Graf Stassingk erschien. Er wechselte einen kurzen Händedruck mit Herrn da Caza, der ihm seinen Platz überließ, um ins Foyer zu gehen. Die kleine Selbotten lachte ihm nach:

– Dein armer Mann langweilt sich so schrecklich!

– Er wollte eigentlich heute mit Hendrich in den »Vogelhändler« gehen, – erzählte Stassingk.

Maria da Caza, die davon nichts wußte, sagte fast wegwerfend: . – Warum ist er nicht gegangen? Graf Stassingk hätte uns ja begleiten können. Sie langweilen sich doch nicht bei guter Musik! Wenn das Verständnis aber erst beim Couplet oder Walzer anfängt! …

Verächtlich zuckte sie mit den Schultern. Der junge Diplomat hatte schweigend Herrn da Cazas Platz eingenommen, während Maria noch einmal begann:

– Graf Stassingk hätte uns »chaperoniert«!

Da sprach Gräfin Selbotten, aber sie unterbrach sich gleich und ging auf etwas anderes über:

– Vielleicht ist es doch besser, wenn Dein Mann … ach dort drüben sitzen ja Charriers …

Zugleich grüßte Stassingk nach der linken Seite und Maria da Caza, die eben Charriers hatte suchen wollen, folgte hastig der Richtung, wohin er sich gewendet, und sah, zwei Logen von der ihren entfernt, Ortenburgs mit der Prinzessin und noch einem jungen Mädchen. Der Herzog, die Herzogin wie die Prinzessin hoben fast gleichzeitig ihr Opernglas ans Auge und Maria tat, als habe sie achtungslos über sie hinweg andere Leute betrachtet.

Als sie den Gruß Stassingks gesehen, hatte sie eine unangenehme Empfindung, obwohl seine Verneinung nur durchaus herkömmlich gewesen, und sein Lächeln, wie es eben seine Art war. Damit beschäftigte sie sich noch, als längst der zweite Akt begonnen und Stassingk wieder drüben ihr gegenüber auf seinem Platze saß. Dabei hörte sie überall in der ganzen Musik das Lied der Carmen hindurch, es klang ihr in den Ohren, es summte im Toreroliede mit, sie vernahm es beim Tanz, immer das: Fragt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht. Hinter sich wußte sie ihren Mann, dessen Atem sie bisweilen im Nacken fühlte, wenn er sich ein wenig vorbeugte, um besser zu sehen. Das mahnte sie an seine Gegenwart. In ihrem Glückstaumel würde sie ihn sonst vergessen haben. Da empfand sie die Worte des Carmenliedes als eine Art Entschuldigung ihrer Leidenschaft. Es mußte so kommen. Ein Auflehnen dagegen wäre zwecklos – unmöglich gewesen,. Es war einmal ihr Schicksal, und die Liebe erkannte keine Fessel an. Sicherheit gab ihr das und Festigkeit, und sie war davon überzeugt, daß nun alles langsam ohne Aufhalten seinen Gang gehen müsse – wie, wußte sie nicht, das würde sich finden.

Im nächsten Zwischenakt empfahl sich Herr da Caza, indem er sich bei der kleinen Gräfin entschuldigte. Seine Pflicht habe er ja erfüllt, die Damen zu geleiten, und da sie Bekannte gesehen, dürfe er wohl gehen. Er habe eine Verabredung.

Er geht in den »Vogelhändler«! dachte Gräfin Selbotten. Maria drängte hinaus ins Foyer. Wohin sich ihr Mann begab, war ihr gleichgültig, sie wollte nur Stassingk treffen. Die Leute schoben sich schon in dem engen Gang hinter den Logen. Das Haus war stark besucht. Herr von Nyvenström trat ihnen gerade entgegen und hielt sie einen Augenblick auf, der jedoch genügte, daß sich der Herzog von Ortenburg mit seinen Damen vor sie schob. Da erschien auch gerade Graf Stassingk von der anderen Seite. Nun konnte er an der Prinzessin nicht vorbei, ohne sie zu begrüßen.

Maria da Caza suchte möglichst so zu tun, als folge sie dem, was der Gesandtschaftssekretär erzählte, doch sie verlor die Gruppe drüben nicht einen Augenblick aus den Augen. Sie bemerkte, wie Stassingk einen Blick zu ihr warf, dann drehte er sich so, daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Die Prinzessin, die heute abend weniger stark erschien, war leicht errötet wie immer. Er wandte sich ein paarmal an sie, dann an die jüngere Dame, die in Begleitung der Ortenburgs war, endlich an die Herzogin. Und jedesmal, wenn er mit einer sprach, hellten sich ihre Züge auf.

– Bringen Sie uns zum Foyer, Herr von Nyvenström! – bat Maria unmutig. Als sie an dem herzoglichen Paar vorüber mußten, nahm sie sich vor, auch nicht eine Linie breit Platz zu machen, und es war ihr Bedürfnis, wie sie ganz nahe waren, ziemlich laut gegen den Gesandtschaftssekretär von ihrer kleinen Freundin als »Gräfin« zu sprechen, als müsse sie den Rang ihrer Begleiterin zu hören geben. Sie hatte erwartet, Ortenburgs würden kaum aus dem Wege gehen, und sie empfand eine arge Beschämung, als der Herzog sehr artig, indem er sein Einglas fallen ließ, zur Seite trat und sogar seiner Frau etwas zurief, weil diese den Kommenden den Rücken drehte. Auch die Herzogin wich aus.

Während sie hindurchschritten, begrüßte Herr von Nyvenström, sich verneigend, das herzogliche Paar. Stassingk wechselte mit ihm einen Händedruck.

Am Foyereingang kamen ihnen schon Charriers entgegen: Der Professor, ungemein herzlich, Frau Charrier noch ganz hingerissen von der Musik, und die beiden Töchter einen Augenblick verlegen, weil sie nicht recht mehr wußten, ob sie eigentlich den Schweden kannten oder nicht.

Sie blieben stehen und Maria da Caza hatte volle Muße, indem sie zuzuhören schien, Stassingk zu beobachten, denn der Professor fing an, über die Kostüme in der »Carmen« zu sprechen. Das Thema war sein Steckenpferd, da er Kostümkunde vorzutragen hatte.

Während er predigte, obwohl ihn seine Frau inständigst bat, nicht so laut zu sprechen, hatte Maria da Caza gesehen, wie der Herzog Stassingk irgend etwas über sie gesagt zu haben schien, denn die ganze Gruppe drüben blickte zu ihnen herüber, und der junge Diplomat verabschiedete sich sofort.

Der Professor nahm ihn augenblicklich in Beschlag und wollte von ihm, der ja doch selbst die Spanier kenne, Verschiedenes wissen:

»Was gefällt Ihnen nicht an der Regie, Herr Graf?«

Graf Stassingk, noch beschäftigt, den Damen Charrier jeder einzeln ein Wort zu sagen, zögerte, bis er erwidern konnte:

»Daß die »Carmen« einen Trauring trägt!«

»Warum dürfte »Carmen« keinen Trauring tragen?« fragte nun die kleine Selbotten, und Stassingk blickte bei seiner Antwort flüchtig auf Maria da Caza:

»Weil sie dann gebunden wäre!«

Da sagte Maria da Caza schnell mit blitzendem Aufleuchten in den schwarzen Augen:

»Aber sie singt ja:

»Die Liebe vom Zigeuner stammet,
Fragt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht.«

»Gnädige Frau, Sie haben recht!«

Es war Maria da Caza, als träte die kleine Freundin einen Schritt zurück …

Sie mußten sich trennen, der neue Akt begann. Nun hatte sie alle unangenehmen Eindrücke überwunden und jede Verstimmung schwand. Die Musik entzündete ihr Herz. Sie vergaß Ortenburgs und die Prinzessin, sie vergaß alles und gab sich nur ihren Gedanken hin, die bei ihm waren.

Als die letzten Töne verklungen und der Vorhang sich über der toten Carmen gesenkt, eilte alles der Garderobe zu. Stassingk brachte die beiden Damen bis an cm die Cazasche Equipage, die unten hielt. Am Wagenschlag nahm er Abschied. Maria wollte wissen, was er nun täte, und da sie nicht gerade fragen mochte, scherzte sie:

– Wir fahren nun hübsch nach Haus, und die Herren der Schöpfung bleiben noch auf, bis wer weiß wann!

– Ich nicht, gnädige Frau! – antwortete Stassingk, und wie er es eben sagte, erinnerte er sich, daß er doch vorhin nicht geglaubt, der Herzogin abschlagen zu können, nach dem Theater noch eine Tasse Tee bei ihr zu trinken. Aber er ließ es dabei, und Maria da Caza freute sich, daß er sofort nach Haus gehen würde. Bei der Heimfahrt sprach die kleine Gräfin nicht. Maria achtete nicht darauf, sie glaubte, sie wäre müde, und fühlte selbst das Bedürfnis, allein zu bleiben mit ihren Gedanken. Während sie die Linden entlang rollten, blickte sie zum Wagenfenster hinaus. Am liebsten wäre Maria da Caza ausgestiegen, um auch zu gehen. Sie fühlte sich so festtäglicher Laune, als ob dieser Abend noch nicht zu Ende wäre, als müsse er nun eigentlich erst beginnen. Eine unbestimmte Sehnsucht durchzitterte sie, und sie beneidete alle die einfachen Fußgänger dort drüben auf dem Bürgersteige, die noch in irgend ein Restaurant oder Café gehen konnten, um den Abend zu beschließen, wann sie wollten.

Als sie die Freundin an ihrem Hause abgesetzt hatte und allein nach der Villa fuhr, dachte sie, wie es wäre, wenn sie noch einmal fort könnte auf ein Fest, auf einen Ball. Eine jähe Leidenschaft zu tanzen befiel sie. Tanzen, ja tanzen! Sie hätte sich so recht ausrasen mögen in wilder Musik. Und sie dehnte und bog sich im Wagen, und stieß ungeduldig auf den Boden mit den Füßen.

– Ist der gnädige Herr zu Haus? – fragte sie, als sie aus dem Coupé stieg. Er war noch nicht zurückgekehrt, und sie empfand es wie eine Erleichterung.

In den Salons, in der Bibliothek, im Nennzimmer, im Boudoir, in der Galerie ließ sie das elektrische Licht erstrahlen. Dann irrte sie von einem Raum in den anderen. Da überfiel sie plötzlich, wie sie sich allein sah, eine tiefe Trauer, und sie warf sich in einen Stuhl, in den Fauteuil, den er immer einnahm, wenn er mit ihr plaudernd nach dem Diner, am Wasserfall im kleinen Salon saß. Sie öffnete den Hahn und ließ die Wasser spielen. Die Seerosen glühten am Boden des Bassins, der Springbrunnen stieg und die Flut stürzte sich plätschernd in Kaskaden herab.

Lange lauschte sie dem Rauschen, immer dachte sie an ihn. Nun war er daheim in seiner Jungesellentwohnung in der Linkstraße. Ein paar mal war sie schon vorübergefahren, um wenigstens von außen die Fenster zu sehen. Vielleicht schlief er schon. Oder er irrte noch umher, ruhelos wie sie, ohne den Schlummer zu finden. Er liebte sie ja, er liebte sie. Diese Seligkeit in den Worten, in dem einfachen, gleichgültigen Klang: Liebe.

Da kam ihre Feststimmung wieder über sie. Sie sprang auf und trat auf den Balkon, in bloßem Haar und Kleid, wie sie aus dem Theater gekommen. Die milde Luft umwehte sie weich. Lautlos, tot lag drüben die Straße, matt von den Laternen erleuchtet. Es war windstill und ruhig, nur von fern klang ein unbestimmtes Getön herüber vom nächtlichen Leben der Stadt. Die großen, dunklen Bäume drüben standen unbeweglich.

Maria da Caza ließ ihren Blick über die Kronen der Buchen schweifen: der Himmel war sternhell nud klar. Dieser Frieden mitten im bewegten Leben des gewaltigen Häusermeeres schien ihr Glück zu bedeuten. Sie mußte glücklich werden, sie würde glücklich werden. Die Musik, die sie eben gehört, kehrte ihr im Gedächtnis wieder, sie klang leise, das Carmenlied stieg auf und zitterte ihr im Ohr.

Da hob Maria da Caza unwillkürlich den Arm, als begleite sie mit einer Handbewegung die Worte, und während sie in das Zimmer zurücktrat, summte sie vor sich hin die Zelle, die ihr wie eine Berechtigung erschien ihrer Liebe:

– Fragt nach Rechten nicht, Gesetz noch Macht!

VIII.

Am nächsten Mittag, als Maria da Caza gerade im Tattersaal ritt, war Gräfin Selbotten bei ihr gewesen und hatte eine Karte hinterlassen, worauf gekritzelt stand: »Wenn möglich, komme doch einen Augenblick heute noch zu mir. Ich bin zu Hause.«

Vor Tisch suchte Maria ihre kleine Freundin auf, Sie fand sie in der Kinderstube, wie sie für ihr Töchterchen eine Kinderwagendecke nähte.

Sie ließ ihre Arbeit liegen, und die beiden jungen Frauen gingen in den Salon hinüber, wo Stassingk Maria vorgestellt worden. Die kleine Gräfin besaß nur dieses Zimmer. Die ganze Wohnung war räumlich beschränkt. Selbottens hatten sie trotz teurer Lage in der Viktoriastraße dennoch billig bekommen, weil sie in den noch zwei Jahre laufenden Kontrakt eines Beamten aus dem Ministerium des Innern eingetreten, der nach auswärts versetzt worden. Das junge Paar verfügte über keine großen Mittel, die ihnen jedoch später einmal von beiden Seiten zufallen mußten.

Maria da Caza wunderte sich, daß sie keinen Kuß erhielt wie gewöhnlich, und fragte mit einigem Staunen:

– Was ist denn nur eigentlich geschehen?

Gräfin Selbotten lachte:

– Hab' keine Angst, Maria, gleich wirst Du's wissen. Ich wollte bloß mal mit Dir reden!

– O weh, habt Ihr irgend eine Schwierigkeit? Du weißt …

Sie kam auf den Gedanken, Selbottens möchten etwa über ihre Verhältnisse gebraucht haben, weil die kleine Gräfin vor einiger Zeit einmal gemeint »sie müßten vernünftig sein«. Aber sie ward unterbrochen:

– Nein, nein, ich muß Dir was sagen. Du bist immer so gut gegen mich gewesen und bist es noch, und Du hast Dich, wie ich ganz dumm hier nach Berlin kam, gleich so an mich angeschlossen oder vielmehr mich zu Dir gezogen, daß ich Dir auch dankbar sein muß. Da muß ich Dir etwas sehr Unangenehmes sagen. Aber wir sind doch gute Freundinnen, Maria! Bist Du nicht mehr meine beste Freundin?

Die beiden jungen Frauen küßten sich auf die Wange. Gräfin Selbotten fuhr fort, nachdem sie sich von Maria da Caza das Versprechen hatte geben lassen, nicht böse zu werden, nichts übel zu nehmen, sie ganz ruhig bis zu Ende anzuhören:

– Ich weiß genau, wenn wir auch darüber nur in Andeutungen gesprochen haben, daß Du mit Deinem Manne nicht glücklich bist. Ihr steht Euch, glaube ich, fremd gegenüber. Weißt Du, Maria, mein Mann ist ja sehr gut mit ihm, aber er sagt auch nur immer »ein Renngenie«. Er sagt, das würde er wahrscheinlich auch sein, wenn er kein Vermögen hätte, dann würde er sich nämlich durch sein Talent eins machen. Siehst Du, ich muß ihn doch auch verteidigen. Er ist so liebenswürdig immer, sehr nett, aber man wird nicht warm mit ihm. Das meint mein Mann auch. Die Herren so, die sagen; immer von ihm »ein tadelloser, korrekter Gentleman«. Das muß ich erklären, weil ich ihn nicht sehr mag, Maria. Ich weiß nie, was ich mit ihm reden soll, und andern geht es auch so. Aber wir werden wohl schuld sein. Nun kommt's aber. Trotz alledem darfst Du nicht so sein, wie Du jetzt bist.

Maria da Caza unterbrach sie erregt:

– Wie bin ich denn jetzt?

– So wie Du nicht sein darfst!

– Was denn!

– Du hast mir versprochen, mich nicht zu unterbrechen. Maria, liebe Maria, bitte, bitte, sei mir nicht böse, wenn ich Dir's sage. Warum ich Dir's sage? Die andern sagen Dir's eben nicht! Da muß ich Dir's schon sagen, denn ich bin doch Deine Freundin und Du bist immer so gut gegen mich gewesen, und einer muß es doch tun. Alle reden sie immer drüber …

Maria da Caza fühlte, wie sie langsam errötete, aber sie saß gegen das Licht und es begann schon zu dunkeln. Jetzt wußte sie, wohin das zielte. Sie entschloß sich, zuvorzukommen und selbst davon zu beginnen:

– Du meinst Stassingk?

– Ja, Maria!

– Wer spricht davon?

– Alle!

– Wer ist alle?

– Wo man hinhört. Du glaubst nicht, welches Klatschnest dieses Berlin ist, viel schlimmer als unsere kleine Garnison. Und Du bist so bekannt. Jeder weiß, wer Du bist. Die sonderbarsten Leute wissen von Dir, haben von Dir gehört und sprechen von Dir. Maria da Caza hier und Maria da Caza dort. Neulich unser Droschkenkutscher, als Du in der Bellevuestraße gefahren kamst, fing davon an und zeigte auf Dich mit der Peitsche und sagte, wer Du wärst, weil er glaubte, wir seien Fremde …

Maria preßte die Lippen auf einander, dann fragte sie nochmals:

– Bitte, sage mir bloß: wer ist alle! Wer hat davon gesprochen?

Die kleine Gräfin geriet in Verlegenheit: die nächsten Bekannten mochte sie nicht nennen, und von den übrigen, die einmal in den letzten Tagen, seitdem sie selbst es gewahr geworden, über Stassingk und ihre Freundin geredet, fiel ihr in der Schnelligkeit niemand ein. Endlich kam sie auf einen:

– Sogar auf der Kriegsakademie haben es mehrere Herren meinem Mann erzählt, Maria. Siehst Du, Du mußt doch verstehen, daß uns das unangenehm ist für Dich. Oder soll es uns gleichgültig sein? Soll ich mich nicht darüber ärgern und Dich nicht warnen, wenn die Leute von meiner besten Freundin ganz einfach sagen, als verstünde sich das in Berlin ganz von selbst: Maria da Caza? Die? Die hat ein Verhältnis mit Stassingk!

Maria rückte heftig ihren Stuhl und rief verächtlich:

– Verhältnis?

– Das sagen sie …

– Sie wagen so etwas zu sagen? Das ist doch wirklich unerhört. Von mir sagen sie das. Wie so von irgend einer, die hergelaufen? Und das muß man sich gefallen lassen? Wie kommen die Menschen dazu? Habe ich die Veranlassung etwa gegeben? Sage mir mal selbst offen, bin ich daran schuld?

Mit flammenden Augen blickte sie die kleine Freundin an, die nicht mehr lachte, sondern ganz ernst geworden war und sich nicht getraute, zu antworten. Maria da Caza war so heftig geworden, daß sie fürchtete, sie möchte außer sich geraten, wenn sie erklärte, nach ihrer Meinung trüge sie allerdings die Schuld an den Gerüchten, die umliefen. Sie wagte nur zu sagen:

– Du mußt nicht gleich so erregt sein, Maria! Wenn ich es Dir nicht sagte, so würdest Du es nie erfahren, und es ist, glaube ich, ganz gut, man weiß, was die Leute reden, daß man sich danach richten kann. Es schadet nichts, wenn man auch den Schein vermeidet, Maria. Bitte, so sei mir doch nicht böse, Maria! Bitte, sei doch gut. Wie Du mich ansiehst! Nein, so sei doch gut! Bitte, bitte!

Sie stand auf, kniete sich neben den Stuhl der Freundin, ergriff ihre Hand, streichelte sie und redete ihr zu in sanften Worten. Maria da Caza hatte gereizt antworten wollen, nun aber erstarben ihr alle heftigen Entgegnungen auf der Zunge. Sie wußte, wenn sie ruhig zu denken versuchte, daß es die kleine Gräfin gut meinte. Sie war und blieb doch ihre einzige, wahre Freundin, denn wenn sie sich auch mit allen den Frauen gut stand - zu echter Herzlichkeit und Wärme war es nie gekommen. Maria da Caza war ihnen zu schön. Dieses Ueberstrahltwerden mochten auch bescheidene Frauen nicht auf die Dauer. In der Öffentlichkeit, oder wenn Herren dabei waren, liebten sie es nicht, stets zur Null herabzusinken.

Die einzige, die sich gern darein fügte, war die kleine Gräfin. Auf das Aeußere gab sie nichts, und innerlich entschädigte sie und hob sie unbewußt doch über Maria da Caza hinaus, was sie als das Höchste der Frau erachtete, das Maria versagt blieb: die Mutterschaft!

Gräfin Selbotten redete ihrer Freundin noch lange zu, bis jene endlich fragte:

– Ich soll den Schein vermeiden, sagst Du?

– Ja, Maria! Eben den Schein, denn wer Dich nicht kennt, urteilt nach dem Schein!

– Also ich wahre den Schein nicht?

– Nein.

– Wieso?

– Ueberall und überall. Wenn ihr im Theater seid, ist er da, wenn Du in Gesellschaft bist, ist er da. Wo Du erscheinst, ist er. Und er kommt immer zu Euch. Er ist allein mit Dir, wenn die anderen Herren drüben bei Deinem Manne sind. Man weiß das, wie, weiß ich auch nicht, aber man weiß es. Einer der Herren muß wohl schwatzen. Aber das ist gar nicht die Hauptsache. Die Hauptsache, Maria, ist, daß man weiß, wo Graf Stassingk nicht ist.

Bis dahin hatte ihr Maria da Caza ruhig zugehört, nun blickte sie die Freundin groß an:

– Wie kommst Du darauf?

– Weil … weil … nun mußt Du wieder nicht böse werden, nicht wahr? Weil Graf Atassingk doch etwas für einen Courmacher gilt … Nicht böse werden … Vielleicht ist er es gar nicht, aber er gilt so ein bißchen dafür. Weißt Du noch, diesen Herbst, wie er von Konstantinopel wiederkam? Die Witze, die man da über seine Abberufung machte? Mein Mann hat es mir doch gleich erzählt, und die sind doch dicke Freunde, Schul- und Regimentskameraden, die beiden. Der kennt ihn ganz genau!

Maria da Caza atmete tief auf. Der Angriff auf Stassingk tat ihr weh, und sie suchte ihn mit aller Beredsamkeit zu verteidigen. Die kleine Gräfin hörte sie ruhig an, sie fragte nicht, von wem Maria ihre Auffassung habe, sondern sie rückte ihr noch näher, immer neben ihr halb kniend, halb kauernd und begann wieder zu sprechen:

– Das mag alles so sein, und es trifft ihn wohl gar keine Schuld, aber er ist nun einmal früher überall gewesen. Mein Mann erzählte mir einmal, er hätte oft vier oder fünf Einladungen für einen Abend gehabt und sie immer mit Hilfe von Eildroschken, wie er sagte, alle abgemacht. Ein Tennis oder lebende Bilder oder ein Bazar … wäre ohne ihn nicht denkbar gewesen. Jetzt ist er nirgends mehr…

Bitterkeit stieg auf in Marias Seele. Man reklamierte ihn, man wollte ihn haben als Unterhalter und Gesellschafter, man gönnte ihr nicht, daß sie ihn besäße, das war es, und sie sprach verächtlich:

– Also es ist Neid?

– Er hat allen gehört! Immer allen Damen etwas Nettes gesagt. Nun, mögen sie ihn vielleicht einer bestimmten nicht gönnen, Maria! Ja, das ist es vielleicht. Denn ich habe in den letzten Tagen ein paarmal nach ihm fragen hören, und dann wurde immer geantwortet: Der kommt nicht mehr, der ist beschäftigt. Dann lachte man, blickte sich an und verstand sich! Jeder wußte ganz genau, auch wenn er es nicht sagte: Stassingk ist wieder einmal bei Maria da Caza, oder nicht »wieder einmal«, sondern wie immer.

– Hast Du das gehört?

– Ja! Und mein Mann hat mir's auch gesagt.

– Er hat etwas gegen ihn! – sagte Maria da Caza unüberlegt, nur weil sie für alles eine Erklärung suchte, weil es tobte und kochte in ihr. Aber Gräfin Selbotten schmiegte nur zärtlich ihre Wange an die der Freundin, streichelte ihr das dichte, schwarze Haar und sprach herzlich:

– Nein, da tust Du ihm unrecht. Kurt ist nicht so. Er steht sich ja ausgezeichnet mit Stassingk! Aber wir sind eben nicht blind und jemand muß doch für Dich die Augen offen halten, denn Du … Maria … meine … liebe … Maria… Du bist ja viel zu schön dazu … ja, lache nur … Du bist so schön … alles ist schön an Dir … und das verzeihen die anderen bösen Menschen nicht.

Die kleine Gräfin küßte ihr zärtlich den Hals, während Maria nachdenklich sprach:

– Ich wollte, ich wäre häßlich … ganz häßlich …

– Aber Deine Schönheit gewinnt Dir doch viele Herzen! Ich weiß nicht, ob ich Dich so lieb gewonnen hätte, wenn Du nicht so schön wärest, Maria! …

– Nur Neider hat man, wenn man hübsch ist, Neider, Neider … ach… Das ist einem nur im Wege … Häßlich möchte ich sein …

Wie sie das sagte, überrang sie plötzlich das Gefühl, wie sie doch eigentlich niemand auf der Welt hatte. Deutlicher denn je, da sie doch früher mit dem Glanz des Reichtums und des äußeren Lebens zufrieden gewesen, ward ihr klar, wie ihr Herz nie teilgenommen an irgend etwas, als nur an ihm. Eine furchtbare Angst überfiel sie, daß ihr das Einzige geraubt werden sollte, das jetzt, wo ihr die Augen aufgegangen, noch ihr Dasein erhellte: seine Liebe und die Erlaubnis, ihn zu lieben, mit allen Fibern und Nerem, mit aller Gewalt ihrer Seele. Ihre Brust hob sich, sie atmete heftig und eine Minute verrann, während der keine der Freundinnen sprach.

Die kleine Gräfin sah den Kampf in Marias Brust. An eine Leidenschaft hatte sie nicht geglaubt, nur für ein Spiel hatte sie es bisher gehalten, das vielleicht einmal ernst werden könnte, doch nicht notwendigerweise. Im stillen hatte sie sich manchmal gefragt, wie es nur möglich sei, daß die Freundin so kalt und unberührt an der Seite ihres Mannes dahinleben könnte, denn sie selbst brauchte Zuneigung, Liebe und Sonnenschein, wie ihr Mann es ihr bot, sonst wäre auch ihr helles Lachen erstorben. Als sie einmal mit Kurt Selbotten darüber gesprochen, hatte der ihr gesagt: Maria da Caza bedarf dessen vielleicht nicht, mein lieber Schatz! Die Menschen sind halt verschieden angelegt!

Nun fühlte sie Marias Erregung, und sie fragte mit einem Mal, indem sie ängstlich ihre Hand hielt:

– Liebst Du ihn denn? . Groß richtete Maria da Caza die Augen auf sie, leuchtend mit einem Ausdruck, wie sie ihn nie gesehen, und gestand:

– Ja! Ja! Ich liebe ihn! Ich liebe ihn bis … bis zum Wahnsinn! Wie ich Dir's ausdrücken soll, weiß ich nicht. Ich kann Dir nur sagen, daß ich unglücklich bin, wenn ich an ihn denke. Sagt von ihm nur alles, was ihr wollt, das ist mir ganz gleich! Ich liebe ihn eben, und damit ist alles aus. Ich liebe, liebe, liebe, liebe ihn. Ich kann nicht anders, ich muß ihn lieben und ich will ihn lieben. Und alles, warum und wozu ist mir ganz gleich: ich liebe ihn!

Sie hatte immer erregter, leidenschaftlicher gesprochen. Fliegende Röte bedeckte ihre Wangen, ihre Lippen zuckten, die Finger schlossen sich um der kleinen Gräfin Hand, und plötzlich brach sie in krampfhaftes Schluchzen aus. Ihre Brust hob sich zuckend, sie lehnte den Kopf gegen die Schulter der Freundin und weinte.

Es war ganz still im Zimmer, man hörte nur ab und zu einmal unten auf dem Asphalt der Straße einen Wagen vorüberrollen. Da klang plötzlich vom Kinderzimmer drüben durch die Türen hindurch helles Kinderlachen, so herzlich, so fröhlich, daß unwillkürlich ein Lächeln über die Züge der jungen Mutter flog.

Maria da Caza horchte auf. Schmerzlichen Ausdruck nahm ihr Gesicht an, während sie nun wieder ganz gefaßt traurig sprach:

– Siehst Du, wenn ich das hätte. Das könnte mich ja vielleicht entschädigen …

Sie lauschte noch einmal auf das Kinderlachen, wehmütig, ergeben:

– Ja, wenn ich das hätte. Aber so? Was hat das Leben so für einen Zweck? Mein Mann ist mir gänzlich gleichgültig. Das weißt Du! Er kümmert sich auch nur um mich, so weit es gesellig nötig ist. Früher machte es mir Freude, wenn man mich schön fand, wenn ich tanzen konnte, mehr als alle anderen. Mir machten die Toilettenfragen Not, Sorge und – Spaß. Ich dachte daran, unsere Villa auszubauen, alles schön herzurichten. Aber das ist doch nichts, was das Herz ausfüllt …

Die kleine Gräfin blickte ihre Freundin traurig an. Sie wollte sagen, sie hätte sich doch interessieren können für die Künste, für Bilder oder Statuen, für Dichtung, für das Theater. Sie wußte, daß sie sehr gut Klavier spielte und Musik liebte. Das hätte sie eifriger treiben können, sich ganz darauf werfen. Aber wie sie das nur andeutete, machte Maria da Caza eine abwehrende Bewegung:

– Dilettantismus wird auch langweilig auf die Länge. Das genügt mir nicht. Ich bin nicht erzogen, um das alles ernst und tief genug zu fassen, das weiß ich ganz genau. Ueber ein Gewisses käme ich doch nie hinaus. Und dies Festleben mit Rennen, Bällen, Tees, Basaren, Reiten, Tennis, Ausfahren, Bummeln, Bäderbesuchen, Theatergehen … ach … all das Zeug, für das ich nur gelebt habe … das hat mir nicht Zeit gelassen, auch wenn ich Talent genug hätte – und ich habe es gar nicht – eine Kunst wirklich ernst zu nehmen!

Sie hielt inne und blies verächtlich die Luft durch die Lippen:

– Zu Katzen und Hunden bin ich noch nicht gekommen, das blieb mir noch übrig, aber Katzen kann ich nicht leiden und Hunde duldet mein Mann nur im Stalle, aber nicht im Zimmer.

Maria da Caza ließ Gräfin Selbottens Hand los, sprang auf und ging ein paarmal hastig auf und nieder, bann blieb sie stehen und wandte sich zur kleinen Freundin, die noch immer neben dem Stuhle kauerte, bekümmert und traurig vor sich auf den Teppich blickend:

– Siehst Du und nun habe ich etwas, einen Menschen, für den ich leben kann! Nun ist alles anders! Denn … ich liebe ihn … mit aller Kraft meiner Seele … ich müßte sterben ohne ihn … ich liebe ihn … ich liebe ihn …– –ich liebe ihn!

Strahlenden Auges stand sie da, hoch aufgerichtet, die eine Hand auf die Brust gepreßt, die andere mit einer Gebärde von sich gestreckt, als wollte sie sagen: Das ist alles, nun bin ich fertig, und so ist es – unabänderlich!

Die kleine Frau näherte sich langsam ihrer Freundin, umschlang sie mit beiden Armen und fragte ängstlich:

– Was soll nun werden, Maria?

Es war, als ob Maria da Caza wie aus einem Traum erwache:

– Was werden soll?

– Ja, was wirst Du tun?

– Das weiß ich noch nicht.

Als die kleine Frau noch einmal fragte, antwortete Maria da Caza nur mit einem tiefen, freudigen Seufzer:

– Einmal will ich endlich glücklich sein!

Die junge Mutter entgegnete voller Angst:

– Das darfst Du nicht, Maria!

– Wer will mir's verbieten?

– Vor Deinem Manne darfst Du's nicht!

Da begriff sie, zog ihre Freundin eng an sich, strich ihr das Haar und sprach langsam:

– Nur glücklich sein will ich. Ich will ihn nur sehen, mit ihm sprechen, das ist alles. Mehr will ich nicht. Du brauchst keine Angst um mich zu haben! !

Dann trennten sie sich hastig, nachdem Gräfin Seibotten Maria da Cazas Hand gedrückt, als ob sie ihr ein Versprechen abnähme.

IX.

Den warmen Tagen war über Nacht dichter Schneefall gefolgt und kurz darauf bittere Kälte. Eisig blies der Wind die Tiergartenstraße entlang und fegte den Schnee in Haufen zusammen.

Herr da Caza, der erst zur Eröffnung der Rennsaison in Berlin zu sein brauchte, schlug seiner Frau vor, bei diesem erneuten Ansturm des Winters die Flucht zu ergreifen und ein paar Wochen, wie sie es gewöhnlich taten, an der Riviera zuzubringen. Sonst war sie immer sehr gern mit nach Nizza gegangen, schon weil sie auf der Hin- oder Rückreise Paris zu berühren pflegten, wo Maria da Caza bei der Schneiderin zu tun hatte. Diesmal sagte sie nur gleichgültig und gelangweilt:

– Wozu? Es ist ja doch immer dasselbe. Das kenne ich ja alles schon auswendig!

Er blickte sie von der Seite an:

«- Gut. Warum sollten wir nicht etwas Neues machen! Gehen wir doch nach Florenz oder Rom!

– Um zu frieren.

– Nach Aegypten ist keine Zeit, denn zur Eröffnung der Saison muß ich zurück sein, womöglich will ich überhaupt noch ein paar Rennen in England sehen. Vielleicht kaufe ich noch was!

Maria da Caza zuckte die Achseln und er sagte sofort empfindlich, denn wenn er sonst auch seine Frau alles tun ließ, was sie wollte, sobald er sich in seiner Rennpassion auch nur im mindesten bedroht glaubte, wurde er unangenehm:

– Die Rennen sind mein Beruf, mein Ehrgeiz, mein Vergnügen. Die gehen vor, das weißt Du. Also willst Du reisen?

– Nein.

Da er sich in diesen Tagen in Berlin langweilte, so sprach er ärgerlich:

– Gut, so reise ich allein!

Herr da Caza zog sich in sein Zimmer zurück, um seine Sportblätter zu lesen. Maria blickte seiner schlanken, eleganten, immer tadellos gekleideten Gestalt nach und an seiner Stelle stieg ihr unwillkürlich Stassingks Bild auf. Von hinten sahen sie sich in der Figur ähnlich, nur die verschiedene Haarfarbe gab ihnen etwas, daß man sie sofort unterschied. Und ihr kam die Frage, warum der Geliebte nicht hier sein könnte, in diesen Räumen, statt des anderen, für den ihr Herz längst erstorben war. In diesem Augenblick dachte sie zum erstenmal daran, wie es sein würde, wenn er ihr Mann wäre und nicht jener.

Der kleinen Freundin hatte sie auf ihre ängstliche Frage, was nun werden solle, geantwortet, sie wisse es noch nicht. Schon diese Ueberlegung war ihr peinlich, als schöbe sich etwas zwischen Stassingk und sie, wenn sie daran dachte. Sie meinte, es sähe wie Selbstsucht aus, wenn sie danach drängte, eine Lösung zu wünschen. – Er mußte darauf kommen, er mußte es ihr vorschlagen. Niemals hätte sie es über die Lippen gebracht. Wie eine Unzartheit, beinahe wie eine Erniedrigung wäre es ihr vorgekommen, die Frage anzudeuten, was werden sollte zwischen ihnen beiden. – Maria da Caza dachte, es müsse ganz von selbst kommen, daß sie sich eines Tages von ihrem Manne trennte, um dem ganz anzugehören, den sie liebte und der sie liebte. ^- Wann – das war ja so gleichgültig. Es würde sich alles finden. Jetzt wollte sie nichts als glücklich sein.

Auch Stassongk war glücklich. Er meinte zu ihr ganz anders zu stehen, wie zu allen den anderen Frauen, für die einmal sein Herz geschlagen. Tiefe Wunden hatte er nie davongetragen, denn er war zu schnell und leicht entflammt, als daß seine Zuneigung hätte für die Dauer sein können, aber Maria da Caza liebte er.

Seit dem Herbst dachte er nur an sie. Die übrigen waren ihm gleichgültig: er wechselte wohl noch seine stehenden Redensarten mit ihnen, denn er konnte mit Damen nicht anders reden, als immer in halber Uebertreibung, in Liebenswürdigkeiten-sagen, in Artigkeitenausteilen, aber immer kehrten doch seine Gedanken zu ihr zurück. Und ein Irrtum seines Gefühles war es nicht, denn das hielt nun schon an seit Monaten, ohne daß es nachließ.

Den Abend nach Carmen war er zum ersten Male wieder zum Herzog von Ortenburg gegangen, wo er die Prinzessin Löwengaard fand. Sie war glückselig, denn er sprach wieder mit ihr, wie früher. Ganz von selbst war er in den Ton geraten, ohne zu glauben, ihr Entgegenkommen zu zeigen, oder gar an Maria da Caza ein Unrecht zu tun. Als ob es verabredet worden, wurde bei Ortenburgs mit keinem Worte der Begegnung nn Theater Erwähnung getan.

– Sie haben sich sehr selten gemacht, lieber Graf! – sagte die Herzogin beim Abschied und ihn beschlich eine leichte Verlegenheit, die er sonst nicht kannte, als er entgegnete:

– Ich werde versuchen es wieder gut zu machen, Durchlaucht!

Ein paar Tage darauf traf er unter den Linden Ortenburgs, doch ohne die Prinzessin Löwengaard. Sie hatten im Hotel Bristol dem nach Paris durchreisenden Großfürstenpaar Fedor Nicolajewitsch einen Besuch abgestattet und hielten ihn an, als sie eben in ihr Coupé einsteigen wollten, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln.

Gerade in diesem Augenblick kam Maria da Caza mit ihrem Manne vorüber. Sie, die fast nie mit ihm in die Stadt ging, ärgerte sich, daß sie sich gerade jetzt begegnen mußten.

Stassingks Gruß war wie immer lächelnd, fröhlich, herzlich, Maria grüßte, als sähe sie irgend einen Bekannten, und nur ein kurzer Blick schoß aus ihren dunklen Augen zu ihm hinüber. Sie fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, und schritt etwas schneller. Herr da Caza aber, der mit dem jungen Diplomaten noch intimer tat als früher, seitdem er gehört; daß seine Mutter »aus dem Hause der regierenden Herzöge und Grafen von Hof und Marienreuth« stammte, lüftete familiär seinen Hut und winkte dann noch eine Weile mit der Hand.

– Eine schöne Erscheinung, diese Frau da Caza! – sagte der Herzog, indem er der Gestalt Marias nachblickte. Seine Frau wollte ablenken, da sie fühlte, wie unangenehm Stassingk diese Erwähnung war:

– Er ist wohl weniger …

Der junge Diplomat tat, als verstünde er nicht sofort:

– Herr da Caza, Durchlaucht?

– Jawohl.

– O nein … ich wenigstens kann nur sagen, er ist sehr nett. Ein tadelloser Mann. Absolut Gentleman. Und das Cazasche Haus ist ganz vorzüglich gehalten. Es ist sehr comme il faut dort. Man trifft immer sehr angenehme Gesellschaft.

Der Herzog von Ortenburg hörte schweigend zu. Er schloß die Unterhaltung ab mit einem:

– Sie scheint es gut zu verstehen, alles einzurichten. Sehr chic ist diese Frau allerdings und eine Schönheit dazu … ja … ja … nun leben Sie wohl, lieber Stassingk…

Damit stiegen sie ein und rollten davon.

Als sie die weitergeschrittenen Cazas überholten, sagte Maria da Caza unmutig:

– Ich kann diese Ortenburgs nicht leiden!

– Warum? – fragte ihr Mann halb erstaunt, halb gleichgültig, weil er das Gangwerk der herzoglichen Pferde musterte, das ihm wichtiger schien, als die Besitzer, da er zu seinem Kummer keine Möglichkeit sah, ihre Bekanntschaft zu machen. Mit einem Herzoge hätte er gern sein Haus geschmückt. Seine Frau konnte ihre Abneigung nicht begründen:

– Ich mag sie nicht!

– So, so … das Sattelpferd scheint übrigens eine Idee größer zu sein … aber es hat mehr Aufsatz, das könnte täuschen… Ich muß sagen … was ich so gehört habe … der Herzog gilt für sehr artig … und sie soll sehr bescheiden und nett sein … Leider ist er in keiner Kommission, auch nicht im Repräsentantenausschuß, sonst würde ich mich ihm haben vorstellen lassen. Aber ich habe schon daran gedacht, ob uns Stassingk die Bekanntschaft nicht vermittelte, und wenn das nicht ist, vielleicht die Prinzessin Löwengaard …

Er konnte den Satz nicht beenden. Maria da Caza sagte erregt:

– Nein, das will ich nicht!

– Warum denn nicht?

Sie erklärte ihm, daß beim Lindstedtschen Balle die Prinzessin, obwohl sie doch junges Mädchen sei, sich ihr nicht genähert habe. Herr da Caza, der sich der Prinzessin hatte vorstellen lassen und sie sehr liebenswürdig und unterhaltend gefunden, war der Ansicht, Maria habe den ersten Schritt tun müssen und ärgerte sich ein wenig über seine Frau.

– Ich kenne sie nicht, und ich werde sie nicht kennen lernen! – antwortete nur Maria da Caza kurz, doch ihr Mann war zerstreut. Immer dachte er daran, seine Kreise zu erweitern, seine gesellschaftliche Stellung noch zu verbessern. Der Ehrgeiz, der hinter seinem ruhigen, korrekten Wesen sich verbarg, arbeitete und wühlte in ihm und er sagte nachdenklich, fast im Selbstgespräch, so daß nun ihrerseits Maria tat, als habe er in die Luft gesprochen:

– Es würde mir lieb sein, wenn Du das nächste Mal, wo wir – etwa bei Lindstedts – mit Prinzessin Löwengaard zusammentreffen, das wieder gut machen wolltest.

Es traf sich wie gerufen, daß sie, als sie nach Hause kamen, noch auf der Treppe den Regierungsrat fanden:

– Nein, meine gnädigste Frau, wie mich das freut, ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben …ich wollte Sie nämlich einladen. Die stille Zeit geht nun bald los. Da habe ich mir ausgedacht, meiner kleinen Frau doch wenigstens etwas diesen Winter noch zu bieten! Ja, was denn? hieß es nun. Die Herrschaften sind alle tanzmüde, Bälle ziehen nicht mehr, Diners sind nichts Besonderes, nebenbei sind wir ja alle so sachte karlsbadreif geworden, so daß nur wenige noch ein längeres, größeres, gutes Diner leisten …also Schlittenpartie …ist wenig beliebt wegen der Kälte jetzt, vielleicht Tauwetter morgen … genug was? Nun raten Sie mal!

– Sie lassen Theater spielen! – sagte Herr da Caza.

– Nein, lieber Freund! Nein, nein! Liebeserklärungen dürfen bei mir nicht gemacht werden! – antwortete der Regierungsrat und zog ein ganz ernsthaftes Gesicht, wobei ihm jedoch aus alter Gewohnheit das eine Augenlid blinzelnd zufiel.

Maria da Caza war ungeduldig geworden. Sie riet auf Geratewohl, um nur der Sache bald ein Ende zu Machen:

– Lebende Bilder!

– Herr von Lindstedt schien erstaunt:

– Sie wissen, gnädige Frau?

– Es bleibt doch kaum etwas anderes übrig!

– Allerdings! Neu ist's ja nicht! Aber gibt's in unserer Welt überhaupt noch etwas Neues? Ich denke nein, meine gnädigste Frau! Es kommt auch nicht auf das was an! Nur auf das wie, meine verehrteste, gnädigste Frau! Zum Theater ist nicht mehr genug Zeit! Lebende Bilder nehmen nicht so viel Zeit in Anspruch. Na und nun kommt eine Hauptfrage: ich kann doch auf Sie rechnen, denn Sie sind zu mehreren der Hauptgestalten vorgesehen!

Maria da Caza zögerte noch einen Augenblick, doch als der Regierungsrat wie ganz nebenbei sagte, Graf Stassingk werde auch beteiligt sein und ebenso die Prinzessin Löwengaard-Espenburg, da war sie sofort entschlossen. Herr da Caza sagte gleichfalls zu:

– Ich wollte eigentlich an die Riviera, aber meine Frau mochte nicht mit. Da bleibe ich am Ende hier.

– Sie kriegen auch eine Rolle! Eine erster Klasse! – versicherte Herr von Lindstedt als Belohnung. Dann erzählte er noch, wen er auffordern würde, daß Professar Charrier und Peter Stöckl die Bilder stellen mußten und daß er beabsichtige, das Ganze als Charade einzurichten: man sollte aus den jedesmaligen Anfangsbuchstaben der einzelnen Bilder ein Wort raten, das zugleich das letzte Bild bezeichnete. Er habe sich »ganz Großartiges« ausgedacht. Um die Sache zu erschweren, würde mit dem letzten Buchstaben begonnen werden. Er schloß:

– Das ganze Wort sollen Sie dann darstellen, meine gnädigste Frau!

Nun war sie gespannt:

– Ich?

– Nur Sie können es, gnädigste Frau!

– Wie heißt das Wort?

Er tat zuerst noch ein wenig geheimnisvoll, dann liess er sich das feierliche Versprechen geben, gegen niemand eine Silbe davon zu erwähnen, als nur gegen die Mitwirkenden, und buchstabierte, von rückwärts beginnend, wie die Bilder gestellt werden sollten:

– N E M R A C gleich Carmen!

Wie im Blitz dachte sie an den Abend in der Oper und das Carmenlied erklang ihr in den Ohren. Die Carmen sollte sie sein! Ihre dunkle Schönheit war dazu wie geschaffen! In Gedanken überflog sie schon ihren Schmuck: sie besaß einen spanischen Kamm und sie dachte an das Kostüm, das sie sich machen lassen würde. Da hörte sie den Regierungsrat sagen:

– Wissen Sie, was das M bedeuten soll?

– Nun?

– Maria Stuart.

– Wer ist die Maria? – fragte Herr da Caza, der fürchtete, einer anderen möchte etwa eine glänzendere Rolle zugeteilt sein, als seiner Frau. Herr von Lindstedt verneigte sich wie anbetend vor Maria da Caza und predigte überschwänglich:

– Maria Stuart galt für die schönste Frau ihrer Zeit. Es gibt nur eine Maria Stuart in Berlin! Was sage ich, in Deutschland! In Europa! Auf der Welt! Im Sternenraum! Nur eine, die es wagen darf, die unglückliche, schönste Königin zu versinnbildlichen: Maria da Caza!

Darauf lachte er, meckerte, kicherte, verbeugte sich, zwinkerte mit den Äugen und fügte hinzu:

– Meine allergnädigste Frau, Sie dürfen nicht böse sein, wenn ich einfach so sans façon sage: Maria da Caza. Aber sagen Sie selbst, würden Sie sagen: Ihre Majestät die Königin Maria von Schottland? Nein, Sie sagen: Maria Stuart. Also – nun so sage ich: Maria da Caza!

Den ganzen Abend sann Maria da Caza nach über die lebenden Bilder. Sie erblickte sich als schottische Maria mit der Krone im Haar, im puffigen, faltigen Trauergewande der Zeit mit hohem Kragen, vor dem Gang zum Schafott und dann als Carmen, gebunden an beiden Händen und wieder bei Pastia di Seguedilla tanzend. Zuletzt vor der Arena.

Immer war sie schön, aber nur schön für einen. Immer kehrten ihre Gedanken zu der Frage zurück, wer ihr Partner sein würde bei den lebenden Bildern.

Es mußte Stassingk sein.

X.

Zu einer Vorbesprechung waren die Hauptmitwirkenden zu Lindstedts gebeten worden. Man mußte sich über die meisten Buchstaben des Wortes Carmen erst noch einigen, das M als Maria Stuart, das C als Carmen stand fest. Dem Regierungsrat war öfters gesagt worden, er sähe mit seiner kurzen, gedrungenen Figur, dem gelichteten Haupthaar und dem runden Kopf Napoleon dem Ersten ähnlich. So war er entschlossen, diesen Zufall zu benutzen, um so mehr, da für das N bisher nur Vorschläge gemacht worden, die wie Nepomuk nicht gingen oder wie Nasenstüber den Stil der übrigen beeinträchtigt hätten.

– Wie denken Sie sich Napoleon? – fragte Graf Stassingk, der die Oberleitung haben und nur den Künstlern die Bilder selbst überlassen sollte. Der Regierungsrat wußte es nicht. Professor Charrier dachte an das bekannte Bild im Leipziger Museum. Aber er gab seiner Meinung nicht ernstlich Ausdruck, denn ihm war der gesellschaftliche Teil bei diesen lebenden Bildern die Hauptsache. Am liebsten hätte er alles Peter Stöckl überlassen, doch dieser war nicht erschienen. So schlug denn einer ein Meissonniersches Bild vor, einige Dutzende von Pferden darauf, so daß ihn allgemeine Heiterkeit belohnte. Herr von Lindstedt wünschte auf einem Piedestal zu stehen mit unterschlagenen Armen in einsamer Größe.

– Unten und oben Wolken, aus denen Blitze flammen! – meinte spöttisch Rittmeister Hendrich, und Graf Selbotten riet ernsthaft:

– Warum nehmen Sie ihn nicht als halbverhungerten Sous-Leutnant?

– Meine Taille! Das ist doch unmöglich, lieber Graf! –- jammerte Herr von Lindstedt. Dann schlug der kleine Remer, immer nur mit dem Gedanken beim Reiten, vor, den Schlachtenkaiser zu Pferde darzustellen, wie er durch das Fernrohr den Gang der Schlacht verfolgt, aber das Pferd erregte wiederum Anstoß, und Herr von Nyvenström, dem man solche Spitze gar nicht zutraute, fragte leise:

– Kann unser Napoleon denn reiten, meine Herren?

Allgemeines Gelächter ertönte. Eine Viertelstunde lang ward zu allgemeiner Heiterkeit die Frage hin und hergewendet, ob ein Pferd in den Saal gebracht werden könne, ob es ruhig stehen würde, wie man die Hufe umwickeln müsse, damit es keinen Lärm mache, welche Farbe Napoleon gewöhnlich bevorzugt habe, welche Rasse.

Da stand Stassingk auf und schlich sich zu den Damen hinüber, die im Zimmer der Frau von Lindstedt auf das Ergebnis der Debatte warteten.

– Sind Sie fertig? – fragte die kleine Gräfin.

– Wir haben noch gar nicht angefangen. Bis jetzt wird die Frage erörtert, ob man ein Pferd in den Saal bringen kann, und das dürfte wohl noch eine Weile dauern. Inzwischen wollte ich doch einmal sehen, was die Damen machen!

Maria da Caza wartete, wohin er sich wohl setzen würde. Er warf ihr einen Blick zu, aber da sie ein Stück von ihm entfernt war, konnte er nicht sofort auf sie zugehen. Und nun beobachtete sie ihn fortwährend, wie er mit dieser und jener sprach, sich hier und dorthin neigte.

Es war ein fortwährendes Hin und Her: junge Mädchen, die zu den Bildern in Aussicht genommen waren, ließen sich vorstellen, und Maria da Caza mußte ihnen ein paar gleichgültige Worte sagen, während ihre Gedanken sich drüben bei Stassingk befanden.

Da trat Prinzessin Löwengaard ein. Frau von Lindstedt ging ihr entgegen, und es traf sich zufällig, daß sie sich einen Moment darauf neben Maria da Caza befanden. Wie nun die beiden sich etwas steif gegenüber standen, bemerkte Frau von Lindstedt, daß sie sich offenbar nicht kannten, und nannte mit ein paar verlegenen Redensarten die Namen.

Die Prinzessin sagte sofort mit großer Sicherheit:

– Wir haben uns schon öfters gesehen, wenn auch nur aus der Entfernung …

Maria da Caza legte ihren schönen Kopf zurück, sie wollte etwas Scharfes entgegnen, doch Stassingk hatte sie angeblickt, und ihr war, als hätte etwas wie eine Bitte darin gelegen. Sie bezwang sich. Ihr Ausdruck ward freundlicher und sie sagte:

– Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen!

Prinzessin Löwengaard zögerte eine Sekunde, dann streckte sie Maria die Hand entgegen:

– Ich muß Ihnen ein Unrecht abbitten?

– Mir?

– Auf dem Ball hier, diesen Winter habe ich mich Ihnen nicht genähert!

Zuerst wollte Maria da Caza tun, als ob ihr das nicht aufgefallen, dann traten ihr die Worte auf die Lippen, sie sei die Jüngere und hätte infolgedessen den ersten Schritt tun sollen, doch sie kämpfte die kleinliche Spitze nieder, die darin gelegen hätte, dem Mädchen fühlbar zu machen, daß es älter sei als sie, die Frau:

– Ich hätte sollen – es ist meine Schuld.

Ihre Hände ruhten einen Augenblick ineinander. Stassingk, der sich bis zu ihnen durchgearbeitet, begann mit beiden zu sprechen. Aber er redete nur allgemeine Dinge und wußte die Worte so zu wenden, daß er nichts berührte, was einer der beiden hätte unangenehm sein können.

Der Regierungsrat ließ Stassingk zur Beratung zurückrufen, die ihrem Ende zuging:

– Immer wenn man sich am besten unterhält, muß man fort! Ich bliebe tausendmal lieber hier! – sagte der junge Diplomat, jede von beiden Damen in der Ueberzeugung zurücklassend, daß seine Worte doch mehr ihr gegolten als der anderen. Maria da Caza glaubte einen Blick von ihm aufgefangen zu haben, der etwas bedeutete wie ein Achselzucken über die Prinzessin. Jener ward ein leiser Hoffnungsschimmer von neuem im Herzen entfacht.

Stassingk aber freute sich, das Peinliche der Lage so gut überwunden zu haben.

Der Regierungsrat teilte ihm mit, die Herren hätten sich bereits über das R schlüssig gemacht als Rennen. Das »wie« würde Peter Stöckl übertragen werden. Nun fehlte bloß noch E und A.

»Einsamkeit« schlug jemand vor, und Rittmeister Hendrich fand sofort die Darstellung:

»Ein leerer Rahmen.«

Herr da Caza, der bis dahin geschwiegen, hatte einen Gedanken:

»Engel. Wir lassen eine Dame oder mehrere als Engel auftreten.«

»Oben die eine Charrier, unten die andere. Die ergänzen sich!« flüsterte der Regierungsrat dem nächststehenden Herrn zu, weil es ihm unmöglich war, einen Witz, der ihm gekommen, zu unterdrücken, und wenn er ihm auch die größten Unannehmlichkeiten bereitet hätte. Professor Charrier hatte es gehört. Er war nicht gekränkt, sondern sagte ganz ruhig beistimmend:

»Ich habe öfters meine Töchter gemeinsam so auf ein Bild gebracht. Aber vielleicht wäre Ihre Durchlaucht die Prinzessin Löwengaard passend als Engel! Sie ist zwar etwas stark, aber im faltigen Büßergewande mit großen Flügeln fällt es nicht auf, und sie hat einen schönen Kopf mit blondem Haar und hübsche Hände. Die sind würdig, gezeigt zu werden: wenn sie gefaltet sind, wird man besonders auf sie aufmerksam.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Es fehlte nur noch das A, und darüber begann von neuem eine so erregte Auseinandersetzung, daß sich Stassingk wieder stillschweigend davonschlich.

Maria da Caza hatte ihn kommen sehen und war ihm in ein kleines Nebenzimmer entgegengegangen. Er zog ihre Hand an die Lippen, ohne daß es jemand bemerkte:

– Ich mußte doch auch mit der Prinzessin sprechen!

– Nun ja, und?

– Ich fürchtete, Sie wären böse, gnädige Frau.

– Warum?

– Weil man Ihnen über die Prinzessin und über mich allerlei gesagt hat!

– Das ist vergessen!

– Nie gewesen ist es!

Mavm da Caza blickte ihm forschend in die Augen, so daß er verlegen fragte, ob sie ihm nicht glaube. Sie antwortete nur hastig und eindringlich:

– Wie finden Sie die Prinzessin?

Er wußte nichts Hartes zu erwidern, da sie auch für kurze Zeit einmal sein Herz tiefer verwundet, aber dann meinte er wieder, Maria würde eifersüchtig sein, wenn sein Urteil zu günstig ausfiele, und von selbst kamen ihm die Worte, die doch der Wahrheit entsprachen:

– Sie war einmal sehr hübsch. Jetzt ist sie etwas zu stark geworden!

Da überfiel Maria da Caza plötzlich quälend die Eifersucht. Sein Ton war ihr nicht entschieden genug gewesen, und sie zischte mit einem bitteren, schmerzlichen Zug um den Mund, indem sie ihn ganz von selbst zum ersten Male beim Vornamen nannte:

– Ernst … liebten Sie einmal die Prinzessin?

– Niemals, Maria! – antwortete er mit gutem Gewissen. Sie nahmen beide einen ruhigen Ausdruck an, denn ein paar Damen waren eingetreten. Stassingk wandte sich sofort zu ihnen und erzählte, sie würden Flügel bekommen, um als Engel durch den Saal zu fliegen. Nun wollten alle Näheres wissen und er sah sich bald von lauter jungen Mädchen umdrängt, die er nach allen Seiten als Engel begrüßte:

»Gnädigste Engel! Ihnen wird ja die Verwandlung gar nicht schwer. Sie sind ja alle Engel. Klappen Sie nur, bitte, ja Ihre Flügel auseinander!

Maria da Caza mußte lächeln, als sie die Schar ihn umringen sah. Es war so harmlos und dennoch gefiel es ihr nicht. Er brauchte nicht so mit allen zu scherzen und Geschichten zu erzählen.

Die Herren kamen herein. Man hatte sich über das A nicht einigen können und wollte es vor der Hand auslassen. Es würde sich schon finden. Als der Regierungsrat Stassingk sah, tat er sehr böse, daß er nicht mit an der Beratung teilgenommen hätte:

– Ja, »wenn solche Köpfe feiern«!

Dann zog er ihn jedoch beiseite, ihm zuraunend:

– Im Buchstaben-Bilde Maria Stuart sollen Sie der Lord Leicester sein. Uebrigens hätte ich ein gutes Bild gewußt: Caza als Wotan oder Polyphem. Nur brauchen wir leider kein W oder P, sondern A.

Stassingk konnte es nicht leiden, wenn jemand über ein körperliches Gebrechen witzelte, und sagte ziemlich scharf:

»Sie haben wirklich eine … eine gottlose Zunge!

Dann begannen endlose Auseinandersetzungen mit den Damen über die Kostüme, die sie sich beschaffen sollten. Es bildeten sich Gruppen derer, die in einem Bilde zusammen standen und sich eifersüchtig, daß andere nichts von den Plänen hören möchten, in den Ecken versammelten. Endlich kam man überein, der nahenden stillen Woche halber, um die Sache zu beschleunigen, die einzelnen Bilder im Hause irgend eines der dabei Mitwirkenden zu versuchen und nur die Generalprobe bei Lindstedts stattfinden zu lassen.

Das N blieb beim Regierungsrat, das A sollte bei Charriers sein, das E bei einer Baronin Lennen, einer hübschen Witwe in der Mitte der Dreißiger, von der man sagte, Herr von Lindstedt sei einmal fast mit ihr verlobt gewesen, sie habe sich jedoch im entscheidenden Augenblick nicht entschließen können. Das R übernahmen Selbottens vorzubereiten, trotz des geringen Raumes, den sie zur Verfügung hatten, und die Buchstaben M und C fielen von selbst Cazas zu, weil Maria da Caza die Hauptfigur stellte.

Als sich die Gesellschaft trennen wollte, erschien noch Peter Stöckl. Herr da Caza fragte ihn, wie er sich Maria Stuart und Carmen denke und wie viel Personen dazu erforderlich wären. Der junge Maler sann einen Augenblick nach, dann sagte er lächelnd:

– Ich brauche für die Maria nur einen Leicester, für die Carmen nur einen Jose! Viel Personen in einem lebenden Bild wirken immer schlecht. Die Luft fehlt!

– Der Leicester ist schon bestimmt – Graf Stassingk, und den Jose kann, denke ich, Stassingk auch übernehmen, denn die anderen Herren haben gebeten, nur als Chor verwendet zu werden!

Der Maler nickte. Er fragte, ob Herr da Caza nicht vielleicht den José stellen wolle, doch jener meinte korrekt wie immer:

– Lieber nicht. Mann und Frau als Hauptpersonen? Das macht sich nicht gut, als ob man das Beste für sich genommen hätte! Und – mir fällt eben ein, daß ich auf dem Rennbilde sein soll, das Charrier bei Selbottens stellt. Das genügt mir …

Darauf verabredeten sie, daß die Beteiligten um sieben Uhr in der Villa Caza essen sollten. Nach Tisch würde die erste Probe sein.

Aber als nach dem Diner bei Cazas Peter Stöckl eben beginnen wollte, auseinanderzusetzen, wie er sich die beiden Bilder dächte – wurde Herr da Caza abgerufen. Gräfin Selbotten schickte herüber, er möchte augenblicklich zum Rennbilde kommen. Er empfahl sich:

»Sehen Sie – ich sagte es doch! Meine Frau muß Ihnen also die Honneurs machen!

Nun war Maria da Caza allein mit Stassingk und dem jungen Maler. Sie fürchtete, das Bild möchte so gestellt werden, daß Leicester etwa vor ihr ein Knie beugen solle, ihr seine Liebe zu gestehen. An die Zuschauer dachte sie dabei nicht, nur an die kleine Freundin, deren forschende Augen sie schon in Gedanken auf ihrem Antlitz brennen fühlte. Aber Peter Stöckl wollte nichts Konventionelles:

»Also, gnädige Frau, darf ich nun meine Idee sagen – Ich möchte nicht etwa Akt x, Szene y geben, sondern ohne Anlehnung an das Stück eine freierfundene Szene, die trotzdem in die Maria Stuart paßt und vor allen Dingen besonders für die Maria Stuart geeignet ist. Ich will tiefer gehen. Nicht bloß eine Szene stellen. Wenn es Sie nicht langweilt, muß ich ein bißchen ausholen dazu! …

Maria da Caza, die den jungen Maler nur immer als schweigsamen, in sich gekehrten Menschen kannte und ihn im stillen ein wenig langweilig gefunden, war ganz erstaunt, ihn so reden zu hören mit blitzenden Augen, die nichts Körperliches vor sich schauten, die in der Luft das zu sehen schienen, was seine Phantasie beschäftigte. Sie blickte Stassingk an. Er schien zu lauschen. Peter Stöckl erklärte:

»Der Hintergrund – mit dem Aeußerlichen beginne ich – ist mir gleich, den mache ich an Ort und Stelle: Pflanzen, einen matten, ruhigen Teppich … Kulissen stelle ich nicht, der Ort würde mich stören. Ich sehe nichts als die beiden Figuren. Leicester und José. Beide in Beziehung zu einer Frau, einer blendend schönen Frau: Maria Stuart und Carmen. Der Typus verschieden, das Anziehende, Verführerische, die Männer Berückende, bei beiden gleich. Aber ein Unterschied in ihrer Beziehung zum Manne. José liebt Carmen bis zum Wahnsinn. Sie ist die Kokette, Grausame, Wetterwendische, der böse Dämon im Weib dem Manne gegenüber. Maria dagegen liebt Leicester, aber er ist der Feigling, der Schwache, der sie zwar liebt oder geliebt hat, aber der Höfling ist und Schranze, der es mit der siegenden Partei – der Elisabeth, nicht verderben will. Da ist er der Kokette, Grausame, Wetterwendische, der böse Dämon im Manne dem Weibe gegenüber… Sie kennen also die Rollen.

Dann hielt der Maler einen Augenblick inne und bat darauf Maria da Caza eine Zigarette zwischen die Finger zu nehmen. Er gab ihr eine leichte Stellung, die linke Hand in die Hüfte gestemmt, den Körper geneigt, in der Rechten den erhobenen Papyros.

– Nun, gnädige Frau, eine Miene, als bliesen Sie gleichgültig lächelnd den Rauch davon. Dabei streifen Sie Graf Stassingk mit einem halb koketten, halb höhnischen Blick!

Sie versuchte es, aber er war nicht recht zufrieden, und auch mit Stassingk, der mit verzehrenden Augen Carmen betrachten sollte und wie flehend die Hände gegen sie strecken, war er nicht ganz einverstanden. Wie aber die Stuartgruppe versucht ward: Maria, stolz in königlicher Haltung, Fürstin und doch Weib, Leicester jedoch in gewundener, verlegener Huldigung, da sagte Peter Stöckl rasch:

– Das brauchen wir gar nicht groß zu probieren! Das geht! Sie sind eine Maria Stuart, gnädige Frau, wie ein Maler sie sich nicht besser wünschen könnte. Wenn ich historische Maschinen malte, ich würde darum bitten!

Er setzte sich in eine Ecke und skizzierte aus dem Kopf einige Stellungen auf dem Papier. Maria da Caza unterhielt sich mit Stassingk. In des Dritten Gegenwart sprachen sie über gleichgültige Dinge: über spanische Kostüme, über das Gewand der Maria Stuart, die hohe Halskrause und Leicesters Hofkleid. Da machte Peter Stöckl, der, wenn ihn etwas in seiner Kunst störte, keine Rücksichten kannte, ungeduldig: – Pst!

Das laute Sprechen gerade über das, was ihn in. diesem Augenblick gefangen hielt, was er im Geiste hin und herwendete, störte ihn empfindlich, Maria da Caza gab Stassingk ein Zeichen, ihr in das Nebenzimmer zu folgen. Leise standen sie auf und gingen in den kleinen Salon.

– Wir stören unseren Künstler! – sagte sie mit trockener Kehle, weil sie fühlte, daß heute, wo sie fast allein waren und sie sich beim Vornamen genannt, irgend etwas geschehen müsse. Stassingk scherzte in seinem leichten Ton, den sie nicht mochte:

– Oder vielmehr, er stört uns!

Sie hatte ein leises Gefühl des Unbehagens und strich sich an den schönen, schlanken, bloßen Armen die Armbänder in die Höhe, als wollte sie das Unangenehme abstreifen. Immer zum Diner trug sie ein ausgeschnittenes Kleid, wie ihr Mann, der englische Sitten nachahmte, es verlangte. Es war ihr, als glitte Stassingks Blick über ihre Schultern, und seine Augen schienen ihr nicht mehr das Lustige, Oberflächliche zu haben, sondern tief und warm zu leuchten, so daß sie gleich wieder für ihn gestimmt war.

Stassingk sagte plötzlich:

– Sie sind heute wieder so schön, Maria! so schön, so überwältigend schön.

Aber sie ging auf den Ton nicht ein und antwortete nur:

– Wir werden gleich wieder herein müssen.

– Jetzt bleiben wir.

– Er wird uns rufen, nach uns suchen.

– Nein, Maria, er zeichnet. Ich sehe ihn, und wenn er uns sucht… was schadet das … und wenn er uns auch findet … das ist ja ganz gleich, Maria, ganz, ganz gleich!

Sie blickte ihn ängstlich fragend an, und in Stassingk stieg plötzlich, wie er sie vor sich stehen sah in strahlender Schönheit, die Leidenschaft empor, daß er ihrer nicht mehr Herr ward. Seine Hände zitterten, die Schläfen pochten, ihm war es, als drehte sich alles um ihn, sein Glückstaumel wuchs und wuchs, er vermochte sich nicht mehr zu beherrschen, und er nahm ihre Hand und bedeckte ihren Arm mit Küssen. – Durch die Portiere hindurch meinte er den Maler, der immer noch ruhig zeichnete, sich bewegen zu sehen. In jähem Gedankengang griff er nach dem kleinen Hebel der elektrischen Leitung und ließ ihn herumschnellen.

Das Licht verlöschte.

Maria da Caza stammelte nur:

– Was … warum … was machen Sie …

Er aber zog sie an sich und bedeckte Schultern und Hals mit Küssen. Er liebte sie, und es kam ganz ehrlich von seinen Lippen, daß er in glühender Leidenschaft des Augenblicks flüsterte:

– Maria, wir müssen zusammen ommen, wir müssen, willst Du? Ich will ja alles tun, was Du verlangst, denn ich muß leben mit Dir! Allein kann ich es nicht. Liebst Du mich denn? Liebst Du mich?

Da war sie ihrer nicht mehr mächtig, zog ihn an sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf den Mund, und wieder und wieder, und ließ sich küssen und sagte aus tiefster Seele:

– Ja, ich liebe Dich! O Gott, o Gott, ich liebe Dich! Ich liebe Dich!

Das Plätschern des Wassers übertönte ihre Worte. Einen Augenblick blieben sie im Taumel der Leidenschaft einander umschlungen haltend. Maria da Caza dachte an nichts als ihr Glück, an ihre Liebe. Stassingk jedoch horchte einen Augenblick auf, und sah, wie sich drüben im großen Salon der Maler erhob. Er ließ Maria los und zischte ihr zu:

– Stöckl kommt!

Mit aller Geistesgegenwart sprang er auf, trat, Maria da Caza im Dunkeln lassend, in den Salon, indem er rasch auf Peter Stöckl zuging:

– Nun, haben Sie etwas gefunden?

Sie lehnten sich am Tisch über das Papier. Maria blieb sitzen, unbeweglich, wie erstarrt. Die Szene hatte nur wenige Sekunden gedauert, und doch schien es ihr, als wäre es ein langes, langes Glück gewesen, als Entschädigung für Jahre der Entsagung, der Gleichgültigkeit und Kälte. Ein Versprechen hatte er ihr gegeben: er wollte leben mit ihr. Sie hatte es ja gefühlt, daß sie zu einander kommen mußten, einmal doch über kurz oder lang. Sie wußte, daß sie ihm vertrauen konnte, daß er es einmal sagen würde, und nun, daß sie ihm vertrauen mußte, wann er es ausführen wollte.

Jetzt fühlte sie sich plötzlich schon wie fremd in diesem Hause, das sie einst würde verlassen müssen, um ihm zu folgen und mit ihm glücklich zu sein, als sein Weib bis ans Ende.

XI.

Am Morgen noch des Tages, an dem die lebenden Bilder stattfinden sollten, mußte Regierungsrat von Lindstedt absagen. Die Frau seines Hauswirtes, seines direkten Vorgesetzten war hoffnungslos erkrankt, und man konnte aus Rücksicht für die Sterbende nicht im Stockwerk darüber ein geräuschvolles Fest abhalten. Verschoben durfte der Abend jedoch nicht werden wegen der vorgerückten Jahreszeit, Da nun sich aber alle Mitwirkenden kostspielige Kostüme angeschafft, die sie nicht verlieren wollten, so kam der Regierungsrat auf den Gedanken, Herrn da Caza vorzuschlagen, die Bilder bei sich stellen zu lassen. Er wußte, daß kein Haus dazu so geeignet war wie die Villa da Caza, wo mehr Raum zur Verfügung stand als bei ihm selbst, wo das Geld nicht die geringste Rolle spielte, und dank dem vorzüglichen Haushofmeister abends ein Paar hundert Personen empfangen und bewirtet werden konnten, wenn man es erst mittags erfuhr.

Dazu kannten Cazas fast alle, die bei Lindstedts verkehrten, so daß auch daraus keine Schwierigkeiten erwuchsen. Eine der wenigen, die nie einen Fuß in die Villa gesetzt, war die Prinzessin Löwengaard, der ein Engel in der E-Gruppe zugefallen war. Herr da Caza empfand es als stille Genugtuung, daß auf diese Weise eine Prinzessin sein Haus betrat, denn als nächsten Schritt träumte er davon, der Herzog und die Herzogin von Ortenburg würden auf Besuchsfuß mit ihnen kommen.

– Wenn die Prinzessin einmal heute dagewesen ist, dann wird sie Dir doch hinterher einen Besuch machen müssen! – sagte er zu seiner Frau. Maria da Caza erschien es trotz alledem nicht sicher:

– Und wenn sie nicht kommt? Sie könnte vielleicht bis heute abend unpäßlich werden!

– Stassingk muß zu ihren Eltern gehen und sich vergewissern. Der kennt sie doch gut.

– Das wird er nicht! – antwortete sie scharf.

Mit Aufbietung aller Kräfte wurde nun den ganzen Tag in der Villa gearbeitet, um für den Abend alles in Stand zu setzen. Tapeziere und Dekorateure, Gärtner und Maler waren in Tätigkeit. Peter Stöckl und Stassingk leiteten die Vorbereitungen.

– Bitte, lieber Graf, tun Sie, was Sie für nötig halten in meinem Haus. Es steht Ihnen alles zur Verfügung. Ich möchte, daß unser Fest etwas ganz Besonderes wird. Die Kosten spielen absolut keine Rolle, lieber Graf! – sagte Herr da Caza zu Stassingk in nachlässig gleichgültigem Tone, als wollte er schon dadurch andeuten, daß ihn das Geld nicht berühre. Im großen Salon ward an der Rückwand eine Art von Bühne aufgeschlagen, zu der man von hinten durch zwei Türen gelangen konnte. Um alles wie ein Bild erscheinen zu lassen, war die Oeffnung der Bühne zu den Zuschauern, wenn der Vorhang nach den Seiten zurückgefallen, mit lebenden Blumen rahmenartig umflochten. Die Möbel wurden in die übrigen Räume verteilt, nur Stühle und Sessel blieben stehen, zu denen aus anderen Räumen noch eine Anzahl getan ward. Ueberall wurde elektrisches Licht angebracht, rechts und links in den Kulissen hatte man Reflektoren aufgestellt.

Das ganze Haus war mit Blumen, Palmen, Ziergewächsen ausgeschmückt. Ein Zeltgang führte bis an die Tiergartenstraße, so daß die Wagen nicht in den zum Umwenden so vieler Gefährte etwas engen Hof zu fahren brauchten.

Maria da Caza beobachtete Stassingk den ganzen Tag hindurch, wie er seine Anordnungen traf. Wenn sie allein waren, ergriff er schnell ihre Hand, sie zu küssen, nur eine Sekunde, dann ging er wieder an die Arbeit. Sie fand Neues an ihm, denn sie hatte eigentlich gemeint, er würde sich nicht ernstlich um solche Dinge kümmern. Die Urteile hielt sie zusammen, die sie hier und dort über ihn gehört, daß er oberflächlich sei und leicht, abschweifend und nicht fähig, bei einer Sache zu bleiben. Sie lachte darüber. Nie hatte sie es geglaubt, schon damals, als sie Peter Stöckls Bild »Müde« nicht verstanden und er es ihr erklärt – schon damals wußte sie, daß er nicht so war, wie ihn die Menschen fanden. Es war ihr ein beseligendes Gefühl, ihn besser zu kennen als die anderen, die einzige zu sein, die tiefer schaute.

Eine Stunde, ehe die Gäste kamen, ging Maria da Caza noch einmal mit Stassingk durch das ganze Haus. Peter Stöckl blieb im großen Salon. Er sprach schon seit dem Nachmittag kein Wort mehr, sondern war, ohne aufzusehen, bei der Arbeit. Zum Drapieren hatte er Teppiche und Schals ausgesucht, Gobelins und Vorhänge jeder Art, Stickereien und Gewänder, mit denen er Wände und Bühne bekleidete. Immer wieder wechselte er noch einzelnes um, stimmte die Farben anders, ersann neuen Faltenfall und probte die elektrische Beleuchtung.

– Mit Peter Stöckl ist nicht zu reden, sobald er einmal arbeitet! – sagte Stassingk leise zu Maria, während sie das ernste, versonnene Gesicht des jungen Malers betrachteten, für den es nichts weiter gab als seine Arbeit. Stassingk dagegen lachte fröhlich, und seine blauen Augen schienen halb mitleidsvoll, halb voll Lebensfreude zu sagen: Wie kann man nur diesen Scherz, dieses kleine Vergnügen wie eine schwere Pflicht auffassen.

Maria da Caza zog ihn fort, durch das Springbrunnenzimmer, das Rennzimmer, die Bibliothek in ihr weißes Boudoir. Sie blickte sich um:

– Gott sei Dank – nichts verändert! Ich fürchtete schon, auch hier hätte alles anders werden sollen!

– Das wäre eine Sünde! Ich würde es nicht gewagt haben, hier etwas zu ändern, wo das Allerheiligste Marias ist, – antwortete er, indem er gleich ihr vermied, die zweite Person in der Anrede zu benutzen. Sie mochten sich nicht mehr Sie nennen und scheuten sich vor dem Du.

Nebeneinander durchschritten sie alle Räume. Zum erstenmal raubte ihm das Gefühl die Worte. Er, der sonst immer tausend Redewendungen bei der Hand hatte, die ihm so natürlich geworden Waren, daß es keine Verstellung oder Absicht war, wenn er sie anwandte, er schwieg.

Als sie in der Glasgalerie standen, die, weil der Eßsaal nicht ausreichte, mit Tischen für das Souper bestellt war, wurden die ersten Gäste gemeldet: Mitwirkende, die früher erschienen, um sich anzukleiden. Maria da Caza brachte die Damen zu den als Ankleideräume eingerichteten Hinterzimmern. Die Herren bewillkommnete Herr Caza, schon tadellos in Frack und weißer Weste, sowie dem kleinen Ordensbändchen im Knopfloch.

Der Regierungsrat war einer der ersten, die gekommen, weil er den Napoleon stellte im ersten Bilde. Er wandte sich sofort zu seinem Wirt:

– Denken Sie nur, Caza, was mir alles an diesem Unglückstage passieren muß. Meine Stiefel – die hohen –- kamen erst heute an, und – die Schäfte sind zu eng, ich kann es höchstens zehn Minuten drin aushalten.

– Das genügt ja! – antwortete trocken Herr da Caza, doch der Regierungsrat nahm ihn, während sie nach hinten gingen, vertraulich unter den Arm:

– Na, hören Sie mal, wenn man sich für die Zuschauer opfert, dann will man doch auch was davon haben. Ich wollte eigentlich ruhig den ganzen Abend im Kostüm bleiben …

Allmählich erschienen immer mehr Mitwirkende, dann ward es still. Auch Maria da Caza hatte sich zurückgezogen, um Toilette zu machen. Stassingk warf sich schnell in den Frack, dann lief er noch einmal überall umher, um nachzusehen, daß auch alles fertig wäre, während Herr da Caza ruhig in seinem Zimmer saß und den »Rennkalender« studierte. Bis zum letzten Augenblick hämmerte, drapierte, stellte, beleuchtete Peter Stöckl. Erst, als schon die Wagen vorführen, war er fertig.

Maria da Caza brauchte immer nur kurze Zeit, um sich anzukleiden, und erschien nach wenigen Minuten sorgsamer frisiert und besser angezogen, als alle anderen. Sie trug ein ausgeschnittenes, weißes Seidenkleid mit weiten, gelben Sammetärmeln, ihr großes Diamantdiadem im schwarzen Haar. Die Herren sagten sich, wie es gewöhnlich zu gehen pflegte:

– So schön hat Maria da Caza noch nie ausgesehen.

Eine der ersten, die eintrat, war Prinzessin Löwengaard. Baronin Lennen begleitete sie. Maria ging ihr entgegen und sprach herzlich, denn jedes Gefühl der Eifersucht war ihr entschwunden:

– Es freut mich sehr, Durchlaucht, Sie bei mir zu sehen.

– Ich hatte keine Zeit mehr, Sie zu besuchen! – entgegnete die Prinzessin, und fügte, während Maria da Caza mit ihr ging, um sie schnell in ein Zimmer zum Ankleiden zu bringen, weil immer mehr Gäste kamen, warm hinzu:

– Aber ich werde es so bald als möglich nachholen.

– Schreiben Sie mir dann eine Zeile, damit ich da bin.

– Sehr gern, denn natürlich wird mich meine Mutter zu Ihnen bringen!

Sie schieden mit einem Händedruck.

Der große Salon war nun ganz voll Menschen. Die Damen in glänzenden, ausgeschnittenen Kleidern, mit Schmuck an Brust und Haar, die Herren im Gesellschaftsanzug, die Ordenskette im Knopfloch oder einem Chrysanthemum dort, wo sich keine Auszeichnung hatte einfinden wollen.

Frau Horn befand sich in fieberhafter Aufregung. Sie fragte Maria da Caza nun schon zum zweiten Male:

– Also Sie kommen als Maria Stuart und als Carmen?

Graf Stassingk hatte hinter Maria gestanden. Er tat ganz erstaunt:

– Ach, gnädige Frau, woher wissen Sie denn das?

Sofort wandte sie sich ihm zu und bestürmte ihn mit Fragen:

– Herr Graf, wer ist denn der Partner von unserer Freundin Maria da Caza? Ist es wahr, daß Herr von Lindstedt ganz allein in einem Bilde steht? Oder sind Sie es? Wie lange wird's denn dauern? Nein, es ist zu amüsant so was! Haben Sie denn ein schönes Kostüm?

Er wußte ihren Wünschen nicht zu entgehen und scherzte, sich förmlich verneigend, indem er sie mit großen Augen eine Weile ansah:

– Gnädige Frau, Sie sollten sich einmal im Spiegel sehen. Sie schauen wieder aus heute abend! Es ist nicht zu glauben. Sie werden die ganze Vorführung stören, denn alle Herren müssen nach Ihnen sehen!

Frau Horn zeigte lachend die schönen Zähne und hob kokett den Fächer vor das Gesicht. Sie wußte nicht recht, wofür sie die Schmeichelei nehmen sollte, aber sie glaubte doch einen Teil davon und antwortete neckisch:

– Herr Graf, das sollte mal mein Mann gehört haben! Nehmen Sie sich ja in acht!

Dann drohte sie mit dem Fächer. Als Maria da Caza mit Stassingk sofort darauf den Saal verließ und sich draußen von ihm trennte, ehe sie zum Ankleiden ging, sagte sie kurz:

– Warum das der Frau Horn?

– Es war ja nur ein Scherz! – entgegnete Stassingk ein wenig erstaunt, mit einem Lächeln auf den Lippen, das jedoch erstarb, als er ihr Antlitz sah, wie sie ihn bittend anblickte. Sie nahm schnell seine Hand:

– Auch nicht im Scherz so etwas.

– Aber Maria!

– Es tut mir weh!

Er küßte eilig ihre schlanke Rechte, indem er innig sprach, wie ein Kind, das gar nicht weiß, was es getan hat:

– Ich will es nicht wieder sagen!

Herr da Caza bot der alten Baronin Aspern den Ann und führte sie zu einem Fauteuil auf der Mitte der ersten Stuhlreihe vor der Bühne. Die anderen Damen folgten und nahmen Platz. Einzelne ältere Herren setzten sich dazwischen, die jüngeren blieben im Hintergrund stehen oder schoben sich seitwärts vor, längs der Wände, die Peter Stöckl mit Teppichen und Stickereien, Seidentüchern, Priestergewändern, chinesischen Kleidungsstücken, AItardecken, Gobelins und Vorhängen verkleidet hatte, zwischen denen sich Blumengewinde herabrankten und elektrische Rosen blühten.

Man blickte sich um, machte einige Bemerkungen über die Ausstattung des Salons und bewunderte den prachtvollen Blumenrahmen, den Peter Stöckl um die Bühne gezogen. Dann tönte die Glocke, und das Surren und Summen schwieg. Andächtig rückte man sich auf den Stühlen zurecht. Irgendeine Frauenstimme, die ihre Kenntnis verraten wollte, jedoch vergaß, daß man mit dem letzten Buchstaben begann, sagte halblaut, aber man hörte es überall in der plötzlichen Stille:

– Jetzt kommt das C.

Leises Kichern belohnte die Kluge. Herr da Caza lehnte ganz vorn an der Bühne, halb das Gesicht den Zuschauern zugewendet, um denen hinter dem Vorhang Winke geben zu können. Er klingelte zum zweiten Mal, und nun wuchs die allgemeine Spannung. Einige hoben sich ein wenig von den Sitzen. Ein Marsch ward von einem unsichtbaren Orchester gespielt: die Schumannsche Komposition der beiden Grenadiere von Heine erklang, und wie die Musik an die Stelle kam: »Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab«, verlöschten die Lichter, und der Vorhang fiel – statt sich zu teilen oder zu steigen – mit einem Schlage zu Boden, so daß plötzlich das Bild sichtbar ward.

In der Mitte der Bühne stand, finster sinnend, den Blick vor sich hin gerichtet, in der historischen Uniform mit hohen Stiefeln, grünem Rock und Dreimaster, in der rechten Hand das kurze Fernglas: Napoleon der Erste.

Ein Beifallssturm erscholl, der den Regierungsrat beinahe dazu verleitet hatte, sich als Napoleon zu verneigen. Rechtzeitig besann er sich noch und blieb stehen. Und nun, wo sich die Augen an den jähen Lichtwechsel gewöhnt hatten, erkannte man erst, daß die Bühne, matt beleuchtet, ein Schlachtfeld darstellte, mit brennenden Ortschaften, und ein paar Gefallenen. Ein Verwundeter, auf den einen Arm in liegender Haltung gestützt, erhob drohend den anderen gegen Napoleon.

Das Bild blieb eine Weile sichtbar, dann rauschte von den Seiten her ein Vorhang in Falten darüber zusammen. Schüchterner Beifall klang, der jedoch bald wuchs, so daß sich die Gruppe ein zweites Mal zeigte. Em paar leise Bemerkungen fielen unter den Zuschauern. Jemand deutete auf den Gefallenen mit dem drohend gereckten Arm: Das ist ja der Herr Boljèn von Boljena!

Rittmeister Hendrich neigte sich zu Frau Charrier:

– Wissen Sie, gnädige Frau, weshalb Regierungsrat Napoleon so finster vor sich hinblickt?

– Nun?

– Weil er noch immer keinen Witz gefunden hat, den er heute abend kolportieren könnte.

Der Vorhang hatte sich wieder geschlossen. Es begann das Erraten des ersten Buchstabens. Ein paar Damen sagten sehr stolz N, die Herren jedoch taten, als hätten sie keine Ahnung. Die kleine Gräfin Selbotten, die in keinem der Bilder stand, lachte laut auf über die verschiedenen Buchstaben, die ihr Rittmeister Hendrich mit ernster Miene vorschlug:

– Was meinen Sie zu B – Bonaparte, gnädigste Gräfin, oder zu S – Schlachtfeld – Schlachtenkaiser, oder zu D – Drohung wegen des Ritters Boljèn von Boljena?

Sie erwiderte ebenso ernst:

– N kann es wohl nicht sein. Napoleon wäre zu gesucht. Man muß immer das Nächstliegende wählen.

Wieder verlöschte das Licht im Saal, süße Geigenmusik tönte, eine Harfe klang, der Vorhang sank zu Boden. Eine rosige Himmelslandschaft erschien in blendender Helle. Im Vordergrunde rechts kniete ein Engel mit gefalteten Händen: die Prinzessin, und ringsum, terrassenförmig erhoben, lagerten Engel in weißen Gewändern mit großen Flügeln und langen Locken in süßem Schlaf.

Ein allgemeines Ah ging durch die Zuschauer, und langanhaltender Beifall ließ den Vorhang sich nochmals öffnen. Das Bild war so schön, daß man es immer wieder sehen wollte. Prinzessin Löwengaard schaute hübsch aus in ihrer langgelösten, blonden Haarflut, mit dem Blick nach oben. Rittmeister Hendrich konnte die Bemerkung nicht unterdrücken:

– Ein molliger Engel! – wofür ihn Frau Horn halb verschämt anblickte.

Herr da Caza stand noch immer vorn am Vorhang. Er klatschte mit besonderer Absicht Beifall, indem er ein paarmal sagte, so laut, daß es die Engel hören mußten:

– Prinzessin Löwengaard, bravo! Großartig, Durchlaucht! Wunderschön! Wunderschön!

Während draußen das Publikum wieder den Buchstaben zu raten vorgab, erhob sich Prinzessin Löwengaard aus ihrer knienden Stellung und ging seitwärts in die Kulisse. Mit den Blicken suchte sie Stassingk, um ein Wort des Beifalls von ihm zu erhaschen. Doch er war noch in seinem Garderobenzimmer, und sie schritt verstimmt davon. Herr da Caza kam nun auf die Bühne: das Bild, in dem seine Frau stand, versetzte ihn in einige Aufregung. Unruhig lief er auf der Bühne auf und ab, die eben vom Engelaufbau gesäubert ward.

– Nun, waren meine Engel nicht schön? – fragte schmunzelnd die Hände reibend Professor Charrier.

– Ihre beiden Fräulein Töchter und Prinzessin Löwengaard sahen sehr gut aus, Herr Professor.

Der Professor, der gern Schmeichelhaftes über seine Töchter hörte, lächelte erfreut, aber die weitere Unterhaltung ward durch Peter Stöckl abgeschnitten. Er beanspruchte die Bühne für sich, die Szenerie für die »Maria Stuart« herzurichten. Ein Teppich ward gelegt, und der Hintergrund durch einen einzigen, großen, prachtvollen Gobelin gebildet. Kein Möbel kam auf die Bühne. Durch die Einfachheit sollte der halb allegorische Vorgang Wirken.

Längst war alles hergerichtet, nur Maria Stuart und Leicester erschienen noch immer nicht. Schon begann Herr da Caza in seinem Lampenfieber etwas ungeduldig zu werden, als endlich Stassingk kam. Das helle Seidengewand der Zeit stand ihm vorzüglich, doch niemand achtete mehr auf ihn, denn kurz nach ihm trat Maria Stuart auf die Bühne, ganz in Schwarz mit der Stuartskrause, ein goldenes Kruzifix in der Hand, im Haar eine Perlenschnur, von der eine einzige, große, ovale, schwarze Perle auf die Stirn herabhing.

Ein paar junge Mädchen, Engel von vorhin, blieben stehen und schauten nach der wundervollen Erscheinung. Die ältere Charrier sagte nur ein paarmal kurz hintereinander:

– Aber, aber, aber …

Peter Stöckl schlug die Hände zusammen und rief, indem er in seinen heimatlichen Dialekt fiel:

– Jesses noch amol! Is dös a Schönheit! Papier her und an Blei! Wo sind meine Farben!

Herr da Caza nickte schmunzelnd und verließ schnell die Bühne, um beim Beginn vorn zu sein und die Zuschauer beobachten zu können.

Maria da Caza bemerkte nichts von dem Eindruck, den sie machte, sie betrachtete nur Stassingk und er nur sie …

Im Salon, vor dem Vorhang, war große Aufregung: der Regierungsrat hatte es nicht über sich gewinnen können, sich nicht doch in der Nähe zu zeigen, und war, obwohl er wegen der zu engen Schäfte seiner Stiefel kaum einen Schritt tun konnte, in den Zuschauerraum gegangen. Er wurde sofort von allen Seiten umringt, denn jede Dame wollte die Uniform Napoleons besehen und wie Herr von Lindstedt den Schnurrbart weggeschminkt.

Als die alte Baronin Aspern eben den Regierungsrat gefragt hatte, ob es nicht schwierig sei, so lang stillzustehen, weil sie beständig mit dem Knie zitterte, ertönte die Glocke, und eiligst nahmen die Damen Platz, denn es war allgemeines Geheimnis, daß die beiden Bilder, in denen Maria da Caza erschien, das Ereignis des Abends bilden würden. Die Musik spielte einen altenglischen Marsch, der Vorhang fiel und ließ die diesmal nur matt erleuchtete Bühne sehen. In der Mitte hoch aufgerichtet stand in königlicher Haltung Maria Stuart und blickte auf Leicester, der sich ein Stück von ihr in verlegener halber Verbeugung hielt, mit der einen Hand den Degengriff umklammernd, die andere geöffnet und gestrafften Armes zur Seite gestreckt, als wolle er sagen: »Ich kann nicht anders.« Die Königin aber hatte einen hoheitsvollen, mitleidigen Zug und streifte den schönen Schwächling an ihrer Seite mit einem Blick unendlicher Trauer.

– Bravo, bravo! Das ist ja großartig! – klang es von allen Seiten. Alles klatschte, ehe sich der Vorhang geschlossen. Als er nun zusammengefallen war und sich nicht sofort wieder öffnete, brach ein Sturm des Beifalls los. Die Zuschauer riefen, Damen wie Herren:

– Maria da Caza!

– Maria Stuart!

– Stassingk!

Die beiden oben auf der Bühne standen unbeweglich, nur etwas ließen sie sich gehen, solange der Vorhang geschlossen war. Peter Stöckl, der ihn selbst bediente, rief bloß ein kurzes »Achtung«, ehe er an der Schnur zog, ihn zu öffnen, und sie nahmen wieder ganz genau ihre Haltung ein.

Der Gobelin wirkte so, daß das Ganze den Eindruck machte, wie ein altes Gemälde. Das hatte der junge Maler auch beabsichtigt. Rittmeister Henrich rief seinen Namen, nachdem sich das Bild ein dutzendmal gezeigt, aber er erschien nicht, bis ihn Herr da Caza, der hinter die Kulissen geeilt, zwischen Maria Stuart und Leicester schob. Nun, da der Eindruck doch einmal gestört war, verneigten sie sich wie Schauspieler am Aktschluß.

Als sich der Sturm endlich gelegt hatte, riet man den Buchstaben, doch keiner sagte etwas von Maria Stuart, sondern als verstünde es sich ganz von selbst:

– M ist Maria da Caza!

Die beiden Darsteller stiegen von der Bühne herab, die sofort von dem auf den Erfolg eifersüchtig gewordenen Professor Charrier in Besitz genommen wurde.

Maria da Caza fühlte sich wie berauscht. Es war ihr, als sähe sie nichts um sich herum, mechanisch, fast gleichgültig nahm sie, ein Lächeln um die Lippen, die Hände derer, die Glück wünschten, indem sie allen mit den Worten dankte:

– Herrn Stöckls Verdienst ist es ganz allein, wenn das Bild gefiel!

Dann eilte sie, um sich den Leuten zu entziehen, in ihr Schlafzimmer, und dort warf sie sich, heftig atmend, in einen Stuhl. Sie erblickte Stassingk immer noch vor sich in seiner spanischen Tracht, die ihm so gut stand. Sie freute sich, wie die Augen der Zuschauer auf ihnen beiden geruht, die nun einmal zusammengehörten, wie sie zusammen, ganz allein, auf der Bühne gestanden. Ihre Phantasie ging weiter: sie sah sich mit ihm eins, für das Leben verbunden, und es schien ihr nun wie eine unmögliche Vergangenheit, daß sie einmal Frau da Caza gewesen.

Das Mädchen riß sie aus ihren Träumen:

– Gnädige Frau müssen aber nun ans Umkleiden denken! Es ist längst Zeit. Das nächste Bild steht schon!

Sie fuhr auf. Lässig ging sie daran, das schwarze Gewand abzulegen, immer noch verträumt, schmückte sie sich als Carmen.

Die beiden nächsten Bilder hatten nach der Maria Stuart schweren Stand. Ein Rennhintergrund, etwas dekorationsmäßig gemalt, und davor eine Gruppe Rennleute wirkte nicht überzeugend, und jede Stimmung wurde genommen, weil die ins Bild Gestellten, wie Herr da Caza, im cover coat und rundem Hut, den mächtigen Krimstecher im gelben Futteral am aufgerollten Riemen in der Hand, dann Graf Selbotten, Leutnant von Remer, Mister Easby im Dreß, Rittmeister Hendrich die Aufmerksamkeit des Publikums nur aus Neugierde auf sich zogen, indem man sich freute, sie »erkennen« zu können.

Peter Stöckl meinte spöttisch:

– Der gute Professor verwechselt wieder einmal Reporterinteresse mit Kunst.

Das A brachte eine Sennhütte mit Gebirgshintergrund, vorn ein Alpenfex und eine Sennerin. Die Musik spielte mit Zitherbegleitung: »Auf der Alm da gibt's ka Sünd!« und Peter Stöckl brummte:

– Jesses, hat sich der Fex die Knie' schön g'waschen! Holdrio! Alles wie lackiert! Holdrio!

Aber bei den Zuschauern fand das Bild großen Beifall. Eigentlich war dem Regierungsrat der Bergfex angetragen, doch er hatte sich nach seiner ernsten Rolle als Napoleon nicht komisch zeigen wollen. Er war immer von einer Anzahl von Damen umgeben, denen er von Zeit zu Zeit in irgendeiner Ecke auf besonderen Wunsch noch einmal seinen Napoleon stellte. Dabei machte er Propaganda für das letzte Bild, indem er, wenn sich Herr da Caza nicht gerade in der Nähe befand, fragte:

– Wer steht im letzten Bild?

– Maria da Caza! – entgegnete man, und er fragte weiter mit verschmitztem Zwinkern:

– Wer mit ihr? Wer kann überhaupt nur mit Maria da Caza zusammen stehen?

Einige lächelten verständnisinnig. Nur der alte Baron Aspern richtete sich straff auf und antwortete, so daß er nicht mißzuverstehen war:

– Herr Regierungsrat, ein für allemal: ich liebe solche Scherze nicht!

Dann sprach sich der alte Herr sehr scharf über Herrn von Lindstedt aus. Doch Geheimrat Ploetz, ein großer, hagerer, stark vornübergebeugter Mann, als suche er fortwährend etwas mit seinen kurzsichtigen Aeuglein, der den Regierungsrat aus amtlicher Tätigkeit kannte, sagte mit seinem versöhnenden Wesen:

– Es hat wohl jeder seine Schwäche! Die ist bei unserem braven Lindstedt die Zunge, aber Fähigkeiten hat der Mann: er ist ein ganz vorzüglicher Arbeiter und leistet hervorragende Dienste. Allerdings mag ihm seine Sucht, scharf zu sein und Witze zu machen, später noch einmal hinderlich werden oder das Genick brechen.

Das Carmenlied erklänge darauf das Lied der Micaela, und endlich »Auf in den Kampf, Torero«. Als dann die Musik wiederum in das Carmenlied überging, hatten die Zuschauer bereits Platz genommen.

Nun fiel der Vorhang: eine andere Szene zeigte sich, als geprobt war. Peter Stöckl war nicht zufrieden gewesen und hatte es gewagt, noch im letzten Augenblick etwas Neues zu versuchen. Ein mächtiger, türkischer Teppich, an dem Tambourine und spanische Spitzentücher hingen, bildete den Hintergrund. Carmen, im gelben Seidenkleid mit schwarzem Netzüberwurf und spanischer Jacke, saß auf einem Stuhl, die Füße übereiandergeschlagen, die Hände gebunden hinter der Lehne verborgen. Den schönen Kopf mit dem hochfrisierten, schwarzen Haar, in dem der Kamm steckte, hielt sie, wie sie es im Leben oft tat, leicht hintenüber geneigt. Im Mundwinkel hing ihr lässig eine Zigarette, und den Blick wandte sie gegen José, als trällere sie ihr Liedchen. Unschlüssig stand er daneben, wie es den Anschein hatte, ob er sie losschneiden sollte.

– Das ist ja ganz großartig! – sagte in der allgemeinen Stille laut der alte Baron Aspern. Ein allgemeiner Beifallssturm brach los. Was an Herren saß, stand auf, um zu klatschen und Bravo zu rufen. Schließlich erhoben sich auch die Damen.

– Bravo! Bravo! Bravo! Bravo! Bravo! – rief unausgesetzt Rittmeister Hendrich. Bankier Horn sagte einmal über das andere:

– Donnerwetter, das lasse ich mir gefallen!

Frau Charrier äußerte:

– Das ist die Krone des Abends! – zum großen Aerger und Schrecken des Professors, der sich möglichst laut vernehmen ließ:

– Ja, das ist keine Kunst, wenn man so ein Modell hat.

Alles geriet ganz außer sich vor Entzücken: die beiden Fräulein Charrier, die kleine Gräfin und ihr Mann, Leutnant von Remer, Ritter Boljèn von Boljena, Rittmeister von Vandelow, Frau Horn, Baronin Lennen, Regierungsrat von Lindstedt, Geheimrat Ploetz, Frau von Lindstedt, Prinzessin Löwengaard, Herr von Nyvenström riefen immer wieder »Dacapo,« so daß das Bild von neuem erschien. Sogar Mister Easby, sonst für alles vollkommen unempfänglich, was nicht zum Rennen gehörte, äußerte stürmisch seinen Beifall.

Zum Schluß ward wiederum Peter Stöckl gerufen, und dann trat der Regierungsrat zu Herrn da Caza:

– Sagen Sie mal, meinen Sie nicht, es wäre nun das Richtige, wenn dem Publikum offiziell von der Bühne herab die Lösung verkündigt würde? Die Herrschaften haben sich nun die ganze Zeit die Köpfe zerbrochen…

Herr da Caza zuckte die Achseln:

– Ich halte es zwar nicht für nötig, aber am Ende macht es sich ganz gut, wenn jemand ein paar Worte spricht. Nur von mir darf es nicht verlangt werden. Meine Frau hat sowieso … Beifall gefunden … da muß ich nicht auch noch …

Sein einziges Auge leuchtete, indem er nach der Bühne sah, wo eben zum zehnten Male die Gruppe erschien. Der Regierungsrat tat, als übernähme er aus reiner Gefälligkeit ein schweres Amt, und fand sich bereit, die Erklärung zu machen. Während er hinter die Kulissen ging, wurden die Darsteller wiederum gerufen. Sie standen nicht mehr, sondern traten vor.

Maria da Caza hatte dankerfüllt eben hinter der Kulisse Peter Stöckl die Hand gegeben und wollte sie nun auch Stassingk reichen. Sie tat es, als sich der Vorhang schon geöffnet, indem sie ihn, ohne sich zu verstellen, mit einem glühenden Blick in die Augen sah. Die Zuschauer wurden Zeugen, wie er ihr die Hand küßte.

Keinem war Marias Blick entgangen.

Graf Selbotten nahm seine Frau beim Arm und flüsterte ihr zu:

– Was soll denn das? … Was ist denn das?

– Ich habe es ihr gesagt! – erwiderte die kleine Gräfin erschrocken. Da erschien der Regierungsrat auf der Bühne, immer noch als Napoleon, und hielt seine Rede:

– Meine Damen und Herren, falls dieser und jener Buchstabe nicht klar geworden, so erlaube ich mir ein wenig nachzuhelfen. Mit dem letzten Buchstaben haben wir begonnen: das erste Bild bedeutete …

– Napoleon, – rief jemand, und der Redner fuhr lächelnd fort:

– Allerdings, Napoleon, den ich zu verkörpern die Ehre gehabt habe …

Rittmeister Hendrich sprach halblaut etwas boshaft:

– Und noch habe …

– Sehr richtig – noch habe. Also N. Das zweite Bild, wer könnte daran zweifeln, der die rührenden, süßen Gestalten mit den holden Flügeln, den Lockenköpfchen gesehen und den unschuldsweißen Gewändern? Was alle unsere Damen sind, verkörpern sie: Engel … E. Dann folgte die schönste Frau ihrer Zeit und die unglücklichste zugleich, Schottlands Königin, Maria Stuart – M. Ein Gemälde realistischer Art schloß sich daran, in dem man Professor Charriers Meisterhand wiedererkannte – er ist es uns noch schuldig zu malen – Rennen gleich R. Die Musik des nächsten wird Ihnen die Deutung leicht gemacht haben: »Auf der Alm …« A. Endlich zeigte sich uns, zugleich das Ganze gebend, die Frau, die selbst ein »Carmen« ist, als »Carmen« die Frau des Hauses …

Er verneigte sich lächelnd, während einzelne mehr scherzhafte Bravorufe der Herren laut wurden. Am Schlusse hatte er eigentlich ein gemeinsames Hoch auf Maria da Caza und Stassingk ausbringen wollen, doch Herr da Caza stand gerade vor ihm an der Bühne, und vielleicht zum ersten Male bemeisterte er sich und schwieg.

Maria da Caza war zum Umziehen in ihr Zimmer geeilt. In einer Viertelstunde sollte es zum Souper gehen, und sie mußte bis dahin ihr Gesellschaftskleid anhaben. Das Entkleiden ging ihr langsam von der Hand – sie tat es allein – das Mädchen hätte sie in diesem Augenblick nicht um sich haben können. Sie mußte für sich sein. Sie meinte zu ersticken und stieß ein Fenster auf. Die kühle Nachtluft strömte herein. Gierig sog sie den Strom kalter Luft ein. Sie fühlte sich an die Stirn, ihre Schläfen pochten, die Schlagader fieberte ihr am Hals, ihr Herz klopfte.

Zufällig blieb sie vor dem großen Spiegel stehen, der ihre ganze Figur zeigte, und blickte hinein: sie war blaß trotz der Erregung. Sie dachte daran, daß sie schön war: wenn es ihr fast gleichgültig geworden, jetzt empfand sie es als Genugtuung, als Notwendigkeit. Sie mußte schön sein für ihn. Sie wendete sich und drehte sich vor dem Glase, stemmte die Hände in die Taille, ließ einen Blick über ihre Schultern gleiten, über ihre schlanken, schöngeformten, vollen Arme und legte den Kopf zurück, daß sie ihr Antlitz sähe, wie sie als Carmen den Zuschauern und Stassingk erschienen.

Dann warf sie sich einen Augenblick auf den Diwan, streckte sich aus, schloß die Augen und dachte immer wieder an Stassingk. Es klopfte. Sie hörte es nicht. Noch einmal klopfte es, dann trat die kleine Gräfin ein.

– Wer ist da?

– Ich bin's, Maria! ^

– Wer… ach, Du…

Nun sah sie erst der Freundin sonst so fröhliches, jetzt ernstes Gesicht, und sie fragte besorgt:

– Ist Dir was geschehen? Was hast Du denn?

Die kleine Gräfin begann sofort ohne Einleitung:

– Maria, das geht nicht so! So darfst Du Dich nicht benehmen. Was hast Du mir versprochen?

– Nichts, was ich nicht gehalten hätte.

– Aber alles redet drüber, alle haben es bemerkt.

– Was, bemerkt?

– Du und Graf Stassingk.

– Daß ich mit ihm in zwei Bildern gestanden habe auf Wunsch Peter Stöckls und meines Mannes?

– Nein, das nicht allein.

– Was denn? Daß ich ihm die Hand gab, wie ich sie Peter Stöckl auch gab? Oder daß er sie, da ich sie ihm nun mal zufallig in dem Augenblicke gab, wo der Vorhang aufging. . daß er sie da küßte?

– Nein, nein, das auch nicht allein, Maria!

– Nun, ich kann doch nichts dafür, daß er sie küßte, wie es guterzogene Leute tun?

– Wie Du ihn angesehen hast dabei, Maria! Maria, ich glaube, das weißt Du alles gar nicht mehr … Wirklich, so kann ich es mir nur erklären. Du weißt es nicht mehr!

– Darf ich ihn nicht mehr ansehen? – fragte Maria da Caza, und ihre Lippe zuckte. Aber sie schlug doch die Augen zu Boden vor Gräfin Selbottens geradem Blick. Mit der einen Hand stützte sie sich auf eine Stuhllehne, und ihr Arm bebte. Die kleine Freundin sah ihr ruhig ins Gesicht, trat nahe an sie heran, legte ihr dann leise und leicht den Arm um den Nacken und sprach sanft:

– Du bist erregt heute abend, Maria!

– Kann ich anders … ich kann nicht anders … Ihr macht mich ja alle so … Ihr alle …

Gräfin Selbotten fuhr ernst und bestimmt fort:

– Maria, das kann nicht so weitergehen. So oder so mußt Du eine Lösung herbeiführen. Sieh mal, Maria, wenn Du mir gleichgültig wärest, so würde ich Dir das gewiß nicht sagen. Aber ich kann nicht anders, ich muß Dich darauf aufmerksam machen. – – Lasse Dich scheiden, dann heiratest Du ihn, oder bleibe Frau da Caza, dann entferne Graf Stassingk von Dir …

Maria da Caza ließ sie nicht weitersprechen, sondern antwortete triumphierend:

– Er hat mir gesagt, daß wir zusammenkommen wollen, er hat mir versprochen, alles zu tun, was ich verlangen würde …

Die kleine Gräfin schöpfte Atem:

– Gott sei Dank!

Maria da Caza fragte lächelnd:

– Bist Du nun zufrieden?

Die Freundin nickte glückselig:

– Ja! Bist Du mir böse, Maria?

Sie küßten sich herzlich, dann zog sich Maria so schnell als möglich um, denn Herr da Caza hatte schon geschickt und sagen lassen, es warte alles auf das Souper.

Als Maria da Caza in den großen Salon zurückkehrte, ward sie von allen Seiten mit Glückwünschen bestürmt, und man bedauerte, daß sie nicht im Kostüm der Carmen geblieben wäre, das ihr fast noch besser gestanden hätte als das schwarze Gewand der Maria Stuart.

Sie blickte, während sie umlagert ward, nach Stassingk, und begann unruhig zu werden, denn er war nicht zu sehen. Die Herren gaben den Damen zum Souper den Arm, sie als Hausfrau wartete mit dem alten Baron Aspern bis zuletzt, und sie sah nun, wie Stassingk mit Frau Hörn vorüberschritt. Man konnte vernehmen, wie sie etwas geziert sprach:

– Herr Graf, Sie wissen doch jedem etwas Angenehmes zu sagen …

Maria da Caza vermochte das Weitere nicht zu verstehen, aber es dämpfte ihre gute Stimmung, daß er wieder einer Dame Artigkeiten gesagt hatte. Beim Souper im Eßsaal war sie unruhig die ganze Zeit, denn er befand sich nicht da, sondern saß in der Galerie an einem der kleinen Tische.

Dort waren fast nur junge Mädchen außer Frau Horn und der Baronin Lennen, von den Herren bloß Junggesellen, bis auf den Regierungsrat, der sich mit an Stassingks Tisch eingefunden. Er trug noch immer sein Napoleonskostüm, angeblich weil er keine Zeit gefunden, um sich umzuziehen, in Wirklichkeit jedoch, weil ihm die Beine in den zu engen Schäften seiner Kanonenstiefel derartig angeschwollen waren, daß er sich vor dem Ausziehen fürchtete, obwohl er es vor Schmerzen kaum mehr aushalten konnte. Deshalb war er stiller als sonst.

Am Nebentisch hatte Prinzessin Löwengaard Platz genommen mit Leutnant von Remer, der sie fast gar nicht unterhielt, sondern von seinen Reitaussichten bei den demnächstigen ersten Rennen träumte. Sie achtete auch nicht auf die Gespräche der übrigen, sondern horchte nur nach dem Tisch hinüber, wo Stassingk eben eine Geschichte erzählte.

Stassingk fühlte sich diesen Abend so glücklich und gehoben, so gut gelaunt, wie es ihm nicht geschehen war, seit er Maria da Caza seine Liebe gestanden. Denn er wollte nicht ihre Schönheit allein in der Stille genießen, im Salon beim plätschernden Wasserspiele. Er liebte rauschende Feste, er liebte Treiben und Gehen, Menschen um sich herum, zwischen denen ihm, wie er fand, ihre Schönheit stolzer das Herz schlagen machte, als allein, wenn er ihr in die Augen sah. Er erblickte die jungen Mädchen um sich herum, und es machte ihm mehr Spaß denn je, sie mit seinen allgemeinen Huldigungen zu unterhalten, die allen galten, und die jede auf sich allein bezog.

Wenn er ihnen Artigkeiten sagte, so fühlte er kein Unrecht gegen Maria da Caza. Bedürfnis war es ihm, von dem er nicht lassen konnte, die da rundum saßen, in sich verliebt zu machen oder doch wenigstens leise ihr Interesse zu erregen, während er doch nichts Ernstliches von ihnen wollte, sondern sie nur als Folie dienen ließ für Maria da Caza.

Die Damen lauschten ihm, wie er eben von Palästina erzählte, das er von Konstantinopel aus besucht.

– Wie ist es denn da? Waren Sie auf dem Qelberge? – fragte Frau Hörn, und ließ den Mund offenstehen vor Begierde, etwas Sicheres zu hören von einem Augenzeugen über Jerusalem und die heiligen Stätten. Sofort erhob auch Baronin Lennen die Stimme, und Fräulein Charrier, die Erste, rief:

– Oh! Mein Vater hat Skizzen von dort überall.

Die jungen Mädchen am Tisch achteten nicht mehr auf ihre Herren, sondern hingen an Stassingks Lippen, der lächelnd auswich:

– Das ist alles zu ernst für heute abend, denn heute gilt nur die Fröhlichkeit, und ich würde es mir nie verzeihen können, wenn ich auch nur einen Augenblick ein heiteres Gesicht in ein trauriges verkehren müßte. Reden wir doch lieber vom … – vom …

Er sah sich um und gewahrte drüben die Prinzessin, die ihn anblickte. Statt ihrem Auge auszuweichen, konnte er nicht anders, als sie wieder anzuschauen, so daß sich ihre Blicke ein zweites Mal fanden und sie errötete. Dann fuhr er fort:

– Reden wir vom Tanzen. Lebende Bilder sind ja ganz schön, meine Damen, aber ich denke, ein bißchen Tanzen wäre noch viel besser …

– Ja, ja, tanzen! – antworteten ein paar junge Mädchen freudestrahlend.

Als nun vom Saal drüben, wo die älteren Herrschaften saßen, Stuhlrücken klang, öffneten sich die Türen, und ganz von weitem, aus dem großen Salon, tönte der Walzer »Sweet, sweet heart«, der nun einmal die Saison bis zum Schluß beherrschte. Stassingk bot schnell Frau Horn den Arm und schwebte mit ihr über die spiegelnde Fläche.

Der Salon begann sich zu füllen. Von allen Seiten klang in das Gleiten, Schurren der Schuhe, Singen der Geigen:

– Hurra, man tanzt!

– Das ist aber eine reizende Ueberraschung!

– Und gar: »Sweet, sweet heart« …

Der Bankier Horn holte sofort seine Frau, ihre Unterhaltung und nun ihr Tanz mit Stassingk dauerte ihm zu lange. Um seine Eifersucht zu verbergen, sagte er zu ihr, so, daß es ihr Tänzer hören sollte:

– Du mußt Graf Stassingk jetzt freigeben. Er soll ja als Vortänzer den Ball mit der Frau des Hauses eröffnen. Ich möchte nicht, daß sie Grund hätte, Dir böse zu sein!

Nun stand Stassingk allein. Er blickte sich um und gewahrte nicht sofort Maria da Caza, die mit dem alten Baron Aspern noch im kleinen Salon am Wasserspiele geblieben war, wo er ihr eine endlose Geschichte aus seiner Studentenzeit erzählte, ohne zum Schluß kommen zu können.

Als er sie nicht fand, bemerkte er die Prinzessin, die ein Paar Schritte von ihm stand. Es kam ihm plötzlich der Gedanke, schnell noch zu einem Rundtanz den Augewblick zu benutzen, bis Maria da Caza einträte. Eigentlich war ihm die dickliche Prinzessin jetzt ganz gleichgültig, doch er empfand etwas wie eine Verpflichtung gegen sie, eine Regung des Mitleids und ein Schmeicheln seiner Eitelkeit, weil er wußte, daß sie ihn liebte.

Als er eben den Arm um sie legte, die, ohne ihre Freude zu verbergen, ihm strahlend dankte, trat Maria da Caza ein. Sie biß die Lippen aufeinander. Als er sie dann um den nächsten Tanz bat, fragte sie in zitternder Erregung:

– Ich bekomme erst den zweiten?

– Sie waren nicht da!

– Ich war nicht schwer zu finden!

Es dauerte eine Minute, bis er die Entgegnung fand:

– Es war nicht bös gemeint!

Sie atmete heftig. An nichts anderes dachte sie als nur an ihn, und die anderen Menschen rundum waren ihr ganz gleichgültig. Unsäglich gleichgültig. Sie blickte ihn an, ohne Rücksicht auf die Zuschauer, als wolle sie ihn verzehren mit ihren Blicken, und dann schmiegte sie sich in seinen Arm und flog mit ihm über das Parkett. Während sie tanzten, schaute er sie an und sie ihn, und beide lächelten.

Stassingk drückte sie näher und näher an sich. Beim Souper hatte er ein paar Glas Champagner getrunken, die ihm ins Blut gegangen waren. Er fühlte die schöne Frau dicht an seiner Seite, und es reizte ihn, sie zu küssen, als er bei einem Ausweichen leicht ihr Haar berührte. Er mußte sich überwinden, es nicht zu tun. Während er die lange Seite des Salons mit ihr hinuntertanzte, sah er, wie die Augen der Leute ihnen folgten, sah er, wie man sie beide betrachtete, wie die Köpfe sich zueinander neigten, und man irgendeine Bemerkung über sie machte.

Als die Musik absetzen wollte, winkte Stassingk ihr weiterzuspielen. D)e übrigen hörten allmählich auf zu tanzen, nur hier und dort begann ein Paar von neuem, aber es zog sich bald zurück, als wollte man, wie auf gegenseitiges Uebereinkommen, das Parkett ganz allein dem schönsten Paare überlassen. Das Gefühl, daß man ihnen die Bahn öffnete, spornte Stassingk von neuem an. Er ließ noch immer die Musik nicht aufhören. Nun, wo einmal alles auf sie aufmerksam geworden war, mußte das Spiel auch durchgeführt werden, daß der Tanz der beiden wie ein Bravourstück fortging.

– Können Sie noch? – flüsterte er Maria da Caza zu. Sie nickte:

– Solange Sie wollen!

Herr da Caza stand in der Tür zu seinem Zimmer, neben der kleinen Gräfin. Er sah lächelnd zu, wie seine Frau tanzte. Als er bemerkte, daß Gräfin Selbotten, die ängstlich das Tun der Freundin verfolgt, ihr ein Zeichen machen wollte, aufzuhören, sagte er:

– Aber warum denn? Gönnen wir ihr doch das Vergnügen! Es ist ohnehin das letztemal in diesem Jahr, daß sie Gelegenheit hat, zu tanzen!

– Sie könnte sich aber Schaden tun, Herr da Gaza!

– Sie wird schon aufhören, wenn sie nicht mehr kann!

Immer noch tanzte das Paar weiter, und der Regierungsrat, der es in seinen Stiefeln nur noch dadurch auszuhalten vermochte, daß er beständig hin und hertrippelte, holte seine Uhr heraus, um die Dauer des Galopps festzustellen.

Maria da Caza legte sich stärker in Stassingks Arm und ließ sich führen und tragen durch ihn. Einmal war es ihr, als gewahrte sie der kleinen Selbotten sonst fröhliches Gesicht ernst und mißbilligend ihr nachstarren. Aber es war ihr jetzt alles gleich, und als sie beim nächsten Mal vorüberkommend, ihren Mann entdeckte, hatte sie ein Gefühl, als müsse sie ihn förmlich herausfordern, daß er nur schneller einsähe, wie zwischen ihnen ein Ende gemacht werden mußte, da sie sich fremd geworden waren im Laufe der Jahre.

Endlich hörte mit einem Geigenstrich die Musik auf. Stassingk blieb mit Marim mitten im Salon stehen, indem er erschöpft tat, als müsse er nach Luft schnappen. Da klang ein halblautes Bravo von allen Seiten. Er verbeugte sich ironisch. Maria da Caza nahm seinen Arm. Er führte sie zu dem einzig stehen gebliebenen Sofa an der Stirnseite, der Bühne gegenüber.

Dort setzte sie sich in ihrer königlichen Haltung, nicht ein bischen warm geworden vom Tanz, scheinbar gleichmütig, aufrecht, kalt, nur ihre Brust hob und senkte sich schneller als sonst. Als ihr Stassingk eine leichte Verbeugung machte zum Zeichen, daß er seine Dame abgegeben und der Tanz beendigt sei, da legte sie, nach ihrer Gewohnheit, den schönen Kopf ein wenig zurück und dankte ihm mit einem langen Blick.

Der Regierungsrat aber hatte mit einem Male sein Schlagwort für den Abend gefunden: er lief von einem zum anderen, so schnell es die schmerzenden Glieder erlaubten, mit der leisen Frage:

– Wissen Sie das Neuste?

– Nun? ,

– Stassingk muß wieder versetzt werden!

XII.

Das geht so nicht weiter! Das gibt einfach einen Skandal! Der Stassingk kompromittiert Deine Freundin! – sagte Graf Selbotten auf dem Nachhausewege zu seiner Frau.

Des Regierungsrates Scherzfrage klang ihnen noch in den Ohren, zu der jener gegen Ende des Cazaschen Festes, nachdem er sich glücklich seiner Stiefel entledigt, noch die Anspielung auf das Gebrechen des Hausherren gefügt:

– Und was tut der Herr Gemahl? – Er drückt immer ein Auge zu!

Die kleine Gräfin war so traurig, daß ihr die ganze Freude am Abend verdorben schien. Sie fürchtete nur, ihr Mann möchte schlecht von Maria denken, und erklärte ihm einmal über das andere, sie trüge keine Schuld, denn Stassingk habe Frau da Caza eine Erklärung gemacht, die einem Eheversprechen gleich käme.

– Dann soll er auch sein Wort halten! Er wird's schon tun, dafür laß mich sorgen! – sagte er bestimmt. Am folgenden Tage lud er Stassingk zu Tisch ein, ganz allein, um unter vier Augen seinem alten Freunde die Wahrheit zu sagen. Aber der junge Diplomat konnte nicht kommen, und es verging eine Woche, ohne daß er etwas von sich hören ließ.

Da begegneten die beiden Freunde einander zu Pferde im Tiergarten, ein paar hundert Schritt von der Villa da Caza. Stassingk war beim warmen, sonnigen Wetter des Tages mit Maria da Caza in den Grunewald geritten und hatte sie eben nach Haus gebracht.

– Kommst Du noch ein Stück mit? – fragte Graf Selbotten, doch Stassingk schüttelte den Kopf:

– Ich habe genug für heute. Ich rücke ein. Wenn Deine Frau mit wäre, der ich vielleicht meine Dienste anbieten könnte …

– Die reitet nicht.

– Warum eigentlich?

– Das kommt uns zu teuer …

– So … ja, allerdings … – erwiderte Stassingk, und er war mit seinen Gedanken noch so bei Maria da Caza, daß er, ohne zu überlegen, daß er gegen einen Dritten sprach, mit leuchtenden Augen sagte:

– Maria reitet famos!

– Maria? – fragte Graf Selbotten erstaunt. Stassingk verbesserte sofort die familiäre Anrede:

– Nun ja, Selbotten: Maria da Caza, meine ich. Alle Welt sagt Maria.

– Und Du sagst auch einfach Maria!

Stassingk war einen Augenblick befangen, dann gewann er jedoch schnell seinen Gleichmut zurück.

– Nun ja, Maria. Das ist einfacher und klingt so hübsch, ich weiß noch genau, wie ich den Namen zum ersten Male hörte …

Graf Selbotten musterte ihn, während sie unwillkürlich seine Richtung eingeschlagen hatten und nun gegen Stassingks eigentliche Absicht, die Tiergartenstraße nach dem Zoologischen Garten zu ritten. Von selbst geriet der junge Diplomat ins Schwatzen, um zu beweisen, daß er einem Gespräche gerade über Maria da Caza nicht aus dem Wege ging:

– Erinnerst Du Dich noch des Balles bei Lindstedts? Ihr wäret, dächte ich, nicht eingeladen, weil Ihr damals noch keinen Besuch dort gemacht hattet. Ich war eben aus Stambul angebraust gekommen – übrigens bin ich gleich den nächsten Tag zu Euch gestiefelt, das mußt Du doch anerkennen, nicht? – Also da auf dem Balle hatte ich Maria da Caza zum erstenmal gesehen, und ich ging ein bißchen vor Schluß mit Hendrich zu Fuß nach Haus. Da hörte ich von den Cazas durch Hendrich Genaues, und da sagte auch der nur immer Maria da Caza. Ich weiß noch, wie ich mich über den Namen freute und vor mich hin sagte Maria da Caza.

Graf Selbotten drückte seinen Wallach mit den Schenkeln vor, weil er neben Stassingks einen längeren Schritt gehenden Vollblüter nicht mitkam, und sprach scharf:

– Und jetzt sagst Du nur noch Maria.

Ganz plötzlich wurde Stassingk unangenehm:

– Hast Du was dagegen?

– Allerdings.

– Das wäre?

– Du kompromittierst Frau da Caza!

– Wer sagt das?

– Ich!

– Das ist doch zu albern!

– Danke sehr.

– Bitte.

Die Antworten waren Schlag auf Schlag erfolgt. Nun hielten sie inne, blickten sich an, sahen, daß sie sich beide geärgert hatten, und fingen gleichzeitig an zu lachen. Doch Graf Selbotten ließ sein Ziel nicht aus den Augen. Er bat Stassingk, ihn noch ein Stück zu begleiten, weil er etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen hätte:

– Ich mische mich in etwas, das mich vielleicht gar nichts angeht. Aber etwas geht's mich doch an, dachte ich, denn ich bin so etwa Dein ältester Freund. Du weißt, meine Frau kannte keine Katze, als sie nach Berlin kam. Die einzige, die sie kennen lernte in unserer ersten Zeit, war Maria da Caza, wie Ihr sagt. Ich brachte meine Frau zu ihr, weil ich als Junggeselle bei Cazas verkehrt und öfters für ihn geritten hatte. Meine besten Silbertöppe sind auf seinen Pferden geholt. Siehst Du, und Frau da Caza nahm sich meiner Frau so reizend an, war so lieb und nett gegen sie, daß sie die besten Freundinnen geworden sind. Also nun, Stassingk, nach dieser langen Erklärung: Wie wir beiden mit Euch beiden stehen, wirst Du einsehen, daß ich … Gott … oder wie ich dazu komme, mich für Euch alle beide zu interessieren. Wir haben ein Recht, Euch darauf aufmerksam zu machen, wenn Ihr Dummheiten macht …

Stassingk hörte ruhig zu, nahm die Zügel in eine Hand, hing sich die Trense über das Gelenk, zog Streichhölzer nebst einem silbernen Etui hervor und begann sich, gemächlich immer Schritt weiterreitmd, eine Zigarette anzustecken. Dann sagte er mit seinem fröhlichen, naiven Lächeln:

– Ihr findet also mit anderen Worten, ich mache Maria da Caza zu sehr den Hof!

– Allerdmgs: Du stellst sie bloß. Man redet über Euch. Allen fällt es auf, Lindstedt reißt Witze …

– Das hat er immer getan, das ist nicht zu ändern. Wer den als Barometer nimmt, der müßte sich überhaupt immerfort gekränkt fühlen und mit der geladenen Pistole herumlaufen!

– Man muß ihm dann eben keine Gelegenheit geben!

– Er findet sie doch! Er erfindet sie, wenn's nötig ist! Frisch auf zum fröhlichen Lügen! – scherzte Stassingk, und Graf Selbotten, der sich ärgerte, daß der Freund anfing die Unterredung ins Lächerliche zu ziehen, sagte plötzlich, um dem Gespräch eine ernste Wendung zu geben:

– Hast Du ernste Absichten auf Frau da Caza?

Er war darauf gefaßt, daß Stasstngk ihm die Antwort verweigern würde, doch jener war nicht im mindesten böse, sondern zeigte sich nur grenzenlos erstaunt über diese Frage, an die er ernstlich noch nicht gedacht hatte. Er erinnerte sich, wie ihm Herr da Caza einmal selbst davon gesprochen, und gab zurück:

– Caza hat selbst mit mir darüber geredet. Er meinte, so'n bißchen Flirten schadete nichts. Er finde es sehr begreiflich.

– Aber die anderen Menschen finden es gar nicht begreiflich, sondern halten sich drüber auf! Ich muß Dir energisch sagen, daß es einfach Deine Pflicht ist, irgendeine Entscheidung zu treffen. So oder so. – Was für eine Entscheidung? – Heiraten oder aufhören.

– Heiraten? – fragte Stassingk erstaunt, fast erschrocken. Sie ritten eine Weile stumm nebeneinander her, während das Wort in des jungen Diplomaten Kopf summte.

Stassingk wurde ärgerlich:

– Weil man in Deutschland nicht drei Worte mit einer unverheirateten Dame reden kann, ohne daß sie glaubt, man hätte Absichten. Das ist doch zu blödsinnig. In anderen Landern, zum Beispiel Amerika oder so . . .

– Wir sind aber in Berlin.

– Leider…

– Aber es ist so. Genug, höre mich mal an. Ist diese Dame nun aber verheiratet, so liegt die Sache anders. Dann bedauert man sie gar nicht, sondern die Schadenfreude ist immer da. Man hält sich über sie auf, man redet ihr Böses nach, während der betreffende Flirt, um Deinen Ausdruck zu gebrauchen, höchstens lächelnd betrachtet wird als Schwerenöter, der Mann als Rindvieh, die Frau… – nun, die leidet einfach an ihrem Ruf. Ich kann Dir in allem Ernste sagen, mit Frau da Caza fängt es schon an …

Heftig unterbrach ihn Stassingk, indem er nervös geworden seine Stute im Maul riß:

– Himmeldonnerwetter noch einmal, da hört doch einfach alles auf. Ich kann Dir mein Ehrenwort geben, daß…

– Ich glaube es …, aber die Welt glaubt immer das Schlechteste, und wenn es noch so vierzehn Tage fortgeht, dann heißt es in Berlin als feststehende Tatsache: Maria da Caza hat ein Verhältnis mit Graf Stassingk, und der Herr Gemahl drückt, wie Lindstedt mit dem ihm eigenen zartfühlenden Geschmack von Euch bereits gesagt hat, ein Auge zu!

– Lindstedt hat das gesagt? – fragte Stassingk mit gerunzelter Stirn, und Graf Selbotten fuhr fort:

– Ja, und es geht natürlich bereits als fliegendes Wort von Mund zu Mund. Auf der Kriegsakademie wußten sie's auch schon. Mein russischer Lehrer hat mir's ebenfalls erzählt. Dabei kennen die alle Cazas gar nicht. Mein Russe erzählte es als Anekdote von Puschkin oder so jemand. So ein Witz hat eine verhängnisvolle Kraft, sage ich Dir.

Immer noch wollte es Stassingk als etwas Unangenehmes von sich abwehren. Er sprach mit wegwerfender Handbewegung:

– Das ist ja alles Unsinn!

Sie waren immer weiter hinausgeritten, am Zoologischen Garten vorüber. Stassingk zog die Uhr und behauptete, er müsse nun umkehren. Auf dem Heimritt sprachen sie kein Wort miteinander. Graf Selbotten meinte, sein Freund zürne ihm, doch er dachte bloß nach über das, was er gehört. Er fühlte unerwartet den Ernst des Lebens an sich herantreten, als ob ihm bisher alles nur immer wie ein Spiel erschienen wäre.

Als sie schon fast an der Viktoriastratze in der Nähe von Selbottens Wohnung waren, fragte Stassingk plötzlich wie erschrocken, umgestimmt und weich:

– Du meinst wirklich, ich kompromittiere sie.

– Ja, sicher.

– Was soll ich tun? , – Entweder Du beschränkst Deinen Verkehr aufs äußerste, oder sie läßt sich scheiden und wird Deine Frau.

Sie schüttelten sich die Hand, um sich zu trennen. Stassingk fragte noch einmal ganz leise, denn eben ritt ein Stallmeister aus einem Tattersall vorüber, der die Ohren immer überall hatte:

– Ist das wirklich Dein Ernst?

– Ich finde, ein Gentleman muß so handeln!

Dann ritten sie nach verschiedenen Richtungen davon.

Stassingks erster Gedanke war, daß sein Freund Selbotten doch ein wenig streng denkend geworden sei und meinte, während schon ein vergnügtes Lächeln auf seine Lippen wiederzukehren begann, der brave Selbotten müsse in der Ehe ein bißchen versimpelt sein. Er faßte die Sache ja doch viel zu tragisch auf! Aber als er sein Pferd in den Stall gebracht hatte und nun gemütlich in seinem Zimmer saß, da wollte ihm die Unterredung doch nicht recht aus dem Kopf.

Sein Allheilmittel wendete er an, das ihm bisher noch immer die Grillen verscheucht: er nahm eine Zigarette. Doch die half nicht. Er wurde ernster und ernster. Aber er vermochte keinen Entschluß zu fassen. Er fühlte sich so wohl, wie es jetzt war, daß er keine Aenderung begehrte. Von Maria da Caza konnte er nicht lassen, aber der Gedanke, daß sie seine Frau werden sollte, erschreckte ihn. Schon die ganze Scheidungsgeschichte, die vorhergehen mußte, machte ihm Beängstigungen.

Da raffte er sich auf und ging zu ihr. Was er mit ihr sprechen wollte, wußte er noch nicht. Er vertraute darauf, daß es sich schon finden würde. Wie er auf die Straße trat und die Sonne ihn warm beschien, schwanden ihm allmählich die dunklen Wolken. An der Ecke der Lenné- und Tiergartenstraße traf er die Damen Charrier, bis er seit den lebenden Bildern nicht wiedergesehen. Siß begannen vom verflossenen Feste zu schwärmen. Frau Charrier reckte die kleine Figur:

Als er an die Villa da Caza kam, fand er die Entschlossenheit, mit Maria da Caza über die Zukunft zu sprechen.

Sie nahm ihn sofort an.

– Ist Herr da Caza zu Hause? – fragte Stassingk den Diener, um zu wissen, ob er ungestört reden könnte, als ob er eigentlich ben Herrn des Hauses hätte sprechen wollen. Als er die Antwort erhielt:

– Der gnädige Herr ist in Karlshorst! – schüttelte er scheinbar mißvergnügt den Kopf, trat aber dennoch ein. Das Herz pochte ihm, denn er hatte sich entschlossen, ihr zu sagen, daß sie sich trennen müßten. Mit einem Male enthüllten sich ihm alle die Unannehmlichkeiten, die er durchzumachen haben würde, und daß es für ihn ein Ende haben könnte mit allem, was ihm sonst im Leben lieb und teuer war, mit seiner Zukunft als Diplomat, wenn er eine geschiedene Frau heiratete, deren Ehe durch seine Bewerbung, solange sie noch die Gattin eines anderen war, getrennt worden. Nun überfiel ihn die Angst vor der Ehe, daß es dann aus wäre mit dem Dasein, als loser Schmetterling naschend von Blume zu Blume zu schwärmen. Seine Freiheit wollte er behalten, sagte er sich, er benutzte sie ja doch nur für die eine, die er liebte, für Maria da Caza!

Aber als sie ihm entgegentrat in ihrer strahlenden Schönheit, glückselig lächelnd, daß er gekommen, und ihn in das weiße Boudoir zog, von Bedientenauge und -ohr durch mehrere Räume getrennt, da fand er nicht mehr den Mut, zu sprechen.

– Ich habe es geahnt, daß Du kommen würdest, Ernst! – sagte sie und betrachtete ihn, der frisch und lustig aussah wie immer, nur ein wenig zurückhaltend. Sie fügte hinzu:

– Ich bin meiner Ahnung wegen nicht ausgegangen. Aber nun glaubte ich schon, Du kämest nicht!

– Ich komme ja fast jeden Tag, Maria!

– Du bist zwei Tage nicht hier gewesen.

– Ich darf nicht so oft kommen!

– Warum nicht?

– Man würde sich darüber aufhalten!

Maria da Caza zuckte verächtlich die Achseln. Sie dachte nicht mehr an das, was sie der kleinen Selbotten versprochen. Die ganze übrige Welt schien ihr versunken vor ihrer Liebe. Mochten die Leute doch denken und reden, was sie wollten:

– Was geht mich das an! Ich liebe Dich, alles andere ist mir gleich.

Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er zog sie an seine Lippen. Er kämpfte mit sich, er durfte diese Worte jetzt nicht annehmen und nicht erwidern, denn er mußte ihr ja sagen, daß sie auseinander wollten. Doch wieder fühlte er es, jetzt wäre es ihm unmöglich gewesen, zu sprechen. Einer Frau etwas Hartes zu sagen, hätte er nie über das Herz gebracht und gar nun, wo er sie vor sich sah, die er doch liebte, soweit seine Seele konnte, die erste Frau, die er wirklich liebte … Es war ihm ein Gefühl, als müsse er zugrunde gehen, wenn er sich von ihr trennte. Eine unendliche Traurigkeit wie ein körperlicher Schmerz beschlich ihn. Im Gedanken daran, daß es Ende sein sollte, fragte er:

– Liebst Du mich denn, Maria?

Sie sah ihn mit großen, langen Blicken an, mit weichem Ausdruck, mit ihren dunklen, tiefen, nun wie mit einem Schleier umflorten Augen. Es lag keine Sinnlichkeit in ihrem Anschauen, nur ein tiefes Gefühl, das ihre Stimme zittern machte in leisen Schwingungen:

– Ob ich Dich liebe, Ernst? Weißt Du das nicht? Ich muß Dich doch lieben! Ich kann doch gar nicht anders! Wenn ich Dir sage, mir ist es alles gleich sonst, so … so kann ich eben auch nicht anders. Wenn Du sagen würdest, ich sollte sterben, so täte ich das für Dich, denn für Dich kann ich tun, was Du nur willst.

Stassingk trafen ihre Worte, rüttelten an seinem Herzen, bezwangen ihn, daß seine Gedanken und Entschlüsse, die er gefaßt, als er gekommen, sich mehr und mehr verwischten, ihm aus dem Gedächtnis schwanden und schließlich sich in das Gegenteil zu verkehren begannen. Als er sie so vor sich sah in ihrer Schönheit, wie er ihre Stimme hörte, ihre Worte vernahm, die Möglichkeit erwog, sich von ihr trennen zu sollen, sie nie wiederzusehen, da kam ihm plötzlich der Gedanke wie ein grenzenloses Unrecht vor, als eine Feigheit, die er hatte begehen wollen. Das Ritterliche an ihm siegte, und er sagte mit kurzem Entschluß:

– Maria, wenn Du alles tun willst, was ich will, so bitte ich Dich um eins!

– Was soll ich tun?

– Mache Dich frei von Deinem Mann …

Sie zögerte, ehe sie antworten konnte. Sie war von ihrem Gefühl so überwältigt, daß ihr die Stimme versagte. Sie nickte langsam. Stassingk erhob sich sehr glücklich, nahm ihre Hand in seine beiden Hände und blickte sie an mit liebem, treuem Ausdruck, wie er ihn in seinen besten Augenblicken hatte. Es war ihm ganz feierlich zu Sinn. Ein leises Gefühl von Stolz, daß er sich überwunden, mischte sich hinein, aber auch glühende Leidenschaft, tiefes, heißes Glück. Er ließ sich nieder, legte seinen Kopf auf ihren Schoß und küßte ihre Hände.

Maria da Caza aber senkte die Lippen zu seinem Scheitel herab und strich ihm mit der Linken sein blondes Haar. Dann richtete sie sich auf:

– Ich danke Dir, Ernst, ich danke Dir tausendmal!

– Hast Du es denn gewollt? – fragte er.

– Deine Frau werden?

– Ja.

– Solange ich Dich kenne.

Ihre Lippen fanden sich in einem langen Kuß. Maria da Caza war noch niemals, seit sie denken konnte, so glücklich gewesen!

XIII.

Gräfin Selbotten sagte, als ihr Maria da Caza mitteilte, wie Stassingk gebeten, sich von ihrem Gatten zu trennen, um seine Frau zu werden, nichts davon, daß ihr Mann den jungen Diplomaten auf seine Pflicht aufmerksam gemacht. Sie mochte ihr Glück nicht stören. Sie übernahm es auch, für die Freundin mit einem Rechtsanwalt zu sprechen, um sich über die Schritte zu unterrichten, die zur Einleitung einer Scheidung erforderlich wurden.

Maria da Caza wollte von ihrem Manne einfach ihre Freiheit fordern; aber da sie seit Jahren nur äußerlich mit einander lebten, so erschien es wahrscheinlich, daß Herr da Caza nicht darauf eingehen würde. Er verlangte von seiner Frau nichts anderes mehr, als daß sie ein Haus machte, die Gäste empfing, sich überall zeigte, wo man in Berlin dabei sein mußte.

Wenn sie nun geschieden worden wären, so wäre sein Verkehr, der sich immer mehr verbesserte, zum Stillstand gekommen, die große Geselligkeit hätte aufgehört, die das Cazasche Haus pflegen konnte, allein dank Maria da Caza.

Die größte Angst aber hatte Herr da Caza immer vor einem öffentlichen Skandal, weswegen er auch für seinen Stall beim Rennen grundsätzlich nie Protest einlegte. Er würde also wahrscheinlich zu einer gutwilligen Trennung nicht zu bewegen gewesen sein und immer geglaubt haben, mit der Zeit müßte alles wieder ins rechte Gleise geraten.

Er selbst ließ sich aber nichts zu schulden kommen und hätte vor dem Richter nur bekundet, daß von unüberwindlicher Abneigung nicht die Rede sei.

Das machte Graf Selbotten Maria du Caza noch einmal klar, als sie darauf bestand, eine Aussprache mit Herrn da Caza herbeizuführen.

– Was bleibt mir denn aber übrig? – fragte sie erregt, und Graf Selbotten, der seine Frau zum Rechtsanwalt begleitet hatte, antwortete:

– Das, was das Gesetz »böswillige Verlassung« nennt, meint unser Rechtsbeistand Justizrat Zenker.

Maria da Caza verstand nicht, was das bedeuten sollte, und er setzte es ihr auseinander. Sie sollte ohne Wissen und Willen ihres Gatten die gemeinsame Wohnung – die Villa – verlassen. Falls er ihr dann schriebe und sie aufforderte, in sein Haus zurückzukehren, so würde sie sich dessen weigern und damit zwar die Schuld auf sich nehmen, aber ihre Ehe geschieden sehen.

Als Graf Selbotten geendet, schwiegen sie nachdenklich alle.

Maria da Caza dachte an ihre Zukunft: so plötzlich hatte sich alles gewendet. Gestern noch wußte sie nicht, wie es werden sollte, gestern noch ahnte sie nicht, was Stassingk ihr sagen würde, heute war alles schon entschieden. Nur eins wußte sie noch nicht, wohin sie gehen sollte, denn fort mußte sie aus Berlin. Ihre Eltern lebten nicht mehr, und Verwandte ihrerseits besaß sie nicht. Zu ein paar wenigen Verwandten von Cazascher Seite, die in Oesterreich lebten, konnte sie natürlich nicht gehen. So dachte sie daran, zu reisen. Aber wohin? Und vor allem mit wem? Doch sie entschlug sich, dieser Gedanken: das würde sich schon alles noch finden, wenn es sich auch bald entscheiden mußte, denn sie wollte Berlin verlassen so bald als möglich:

– Ich packe morgen, was ich brauche, das andere lasse ich mir nachschicken und dann fort! – sagte sie mit strahlenden Augen zur kleinen Gräfin, die erschrocken fragte:

– Morgen, Maria? Morgen willst Du fort?

– So schnell als möglich! Nur daß ich Dich verlassen soll, tut mir weh.

Sie nahm die Hand der Freundin. Aber Graf Selbotten runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf:

– Gnädige Frau, vielleicht mischen wir uns in Dinge, die uns nichts angehen, aber das sollten Sie nicht tun!

– Was?

– Sie sollten nicht gleich fort. Sie müssen ruhig warten, bis sich irgend eine günstige Gelegenheit bietet, so daß es unauffällig geschehen kann. Herr von Lindstedt braucht nicht sofort die Geschichte zu merken, um sie überall herumzutragen.

Doch Maria da Caza sah es nicht ein. Sie hatte nur den einen Gedanken: fort, so schnell als möglich fort. Die kleine Gräfin aber meinte besorgt:

– Maria, Du mußt alles tun, damit man nichts Böses denkm und reden kann. Je ruhiger und stiller Du alles machst, so daß es gar nicht auffällig ist, desto besser ist es für Eure Zukunft. Daran mußt Du nun vor allen Dingen denken. Du verdirbst Dir Deine Stellung für später.

Maria da Caza hörte schweigend zu und sann nach darüber. Die Freundin hatte recht. Sie wollte irgend eine günstige Gelegenheit abwarten. Sie versprach der kleinen Gräfin, keinen voreiligen Schritt zu unternehmen. Als sie von Selbottens schied, sagte er noch im Flur, bis wohin das Ehepaar ihr das Geleite gegeben:

– Gnädige Frau! Zum Schluß noch etwas: zählen Sie immer auf uns beide. Den Leuten pflegt die Dankbarkeit eine Last zu sein, aber denken Sie, bitte, immer dran, wir sind nicht so. Meine Frau wird Ihnen nie vergessen, wie Sie sich ihrer annahmen, die Sie tausend andere Menschen hatten, amüsantere und – reichere, denn die Sepia-Lappen, auch schon die einfachen blauen, spielen tüchtig ihre Rolle in der Welt… Wir sind immer da. Wir wohnen Viktoriastraße. Die Nummer wissen Sie. Nun vorderhand Ruhe und Aushalten. Ihr Glück ist Ihnen ja gewiß, es fragt sich nur, wann es kommt. Es soll nie getrübt werden, darum müssen Sie eben vorsichtig sein …

Er küßte ihr innig die Hand, länger, als man es zu tun pflegt, und die beiden Freundinnen umarmten sich.

Selbottens blickten ihr vom Fenster aus nach, wie sie der Tiergartenstraße zuschritt. Sie dachten nach über Maria da Cazas Zukunft, beide waren ganz ernst geworden, wie sonst nie, und die kleine Frau fragte mit einem Male:

– Glaubst Du wirklich, daß die beiden glücklich werden?

– Daß wollte ich Dich eben fragen.

Sie hing an seinem Arm:

– Ich habe Maria so lieb. Was hat sie eigentlich bis jetzt für ein Leben gehabt? Sie muß nun endlich doch einmal glücklich werden! Stassingk ist doch ein guter Kerl, sagst Du immer?

– Ist er auch! Ist er! Sieh mal, mein Zureden hat doch auch bei ihm wirklich geholfen. Das hat mich sehr gefreut.

– Hast Du's denn nicht geglaubt?

– Du meintest, er würde nicht auf Dich hören?

Graf Selbotten überlegte einen Augenblick, bis er die Antwort fand:

– O ja! Daß er auf mich hören würde, dachte ich schon, denn er ist wirklich besser als sein Ruf. Du hast's ja oft genug mit angesehen und angehört, so was von Courmachen habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Aber es ist gar keine böse Absicht dahinter, sondern ist ihm einfach so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er nicht anders kann. So'n bißchen rumschwärmen muß er immer, nur so, wie mit Maria, hab ich's noch nie gesehen. Doch ich dachte, nachdem ich ihm die Hölle heiß gemacht hatte: jetzt ist's aus, jetzt läßt er's bleiben und schnappt ab. Da er's nun nicht getan hat, muß es wohl tiefer gegangen sein, und das scheint mir was so Außergewöhnliches, daß ich denke, es wird gut gehen!

XIV.

Stassingk war es ganz eigen zu Sinn, daß er nun wirklich den entscheidenden Schritt getan hatte, aber er bereute ihn nicht. Maria da Caza war doch die schönste Frau, die es gab. Es kam ihr keine gleich. Nur wollte er nicht sofort die Folgerungen seines Handelns ziehen, denn, wenn sie ihren Mann verließ, was er auch als einziges Mittel erkannte, so durfte er sie nicht sehen, bis sie sich heiraten konnten. Das brachte er nicht übers Herz. Das Leichte, Tändelnde in seiner Natur sträubte sich immer dagegen, eine Entscheidung zu treffen. Er fürchtete, sie möchte verlangen, das Nötige sollte sofort getan werden. Als sie ihm nun selbst erzählte, was sie mit Selbottens besprochen, die ihr geraten hätten, irgend eine günstige Gelegenheit abzuwarten, griff er sofort zu und fand das sehr richtig.

Nun begann dasselbe Leben von neuem, wie in den letzten Wochen. Stassingk ritt mit Maria da Caza, aber sie nahmen jetzt, um den Schein zu meiden, Rittmeister Hendrich mit oder Leutnant von Remer und Graf Selbotten, soweit diese keinen Dienst hatten. Dann kam er zum Diner in die Villa, aber auf Betreiben der kleinen Gräfin waren immer Damen anwesend, so daß Stassingk nie mit ihr allein blieb.

Maria da Caza hatte Geduld. Sie empfand dieses Dasein nicht schmerzlich, denn sie sah ihn jeden Tag. Herr da Caza forderte selbst dazu auf, weil er es ein wenig als Verlegenheit empfand, in dieser Zeit fast gar nicht zu Hause zu sein. Die Eröffnung der Rennsaison stand vor der Tür, damit eine Fülle von Arbeit und Beschäftigung für ihn. Er hatte seinen Hindernisstall durch verschiedene Ankäufe noch vermehrt und plante die weitere Erwerbung einiger französischer Steepler. Jeden Tag fuhr er zur Morgenarbeit der Pferde nach Karlshorst hinaus. Auch nachmittags hatte er öfters dort zu tun. Dann kam er vor abends nicht nach Hause, und wenn er erschien, ging er sofort in sein Zimmer, um mit ein paar Stunden Schlummer auf dem Diwan die versäumte Nachtruhe nachzuholen, die durch die Gesellschaft oder Vergnügungen abends und durch zeitiges Fortfahren morgens arg beschnitten ward.

Stassingk aber wäre es jetzt am liebsten gewesen, die Entscheidung hätte sich ganz verzögert. Er bangte vor der langen Zeit der Trennung, die ihnen bevorstand, und dann begann er sich wieder leise und unbestimmt, aber immer mehr vor der Fessel zu grauen, die ihm auferlegt werden würde.

Einmal, als er eben zur Villa da Caza gehen wollte, ward er in der Bellevuestraße von einem Viererzuge überholt. Er sah sich flüchtig in Gedanken die Pferde an, ohne auf den Lenker des Gespannes zu achten. Da rief ihn eine Stimme, während das Gefährt den Gang verlangsamte und endlich hielt:

– Graf Stassingk! Kommen Sie mit?

Es war der Herzog von Ortenburg. Stassingk trat an den Wagen heran:

– Verzeihung, Durchlaucht, ich war zerstreut!

Die Herzogin, die neben Prinzessin Löwengaard saß, sprach lächelnd:

– Allerdings! Sie schienen uns gar nicht zu sehen. Begleiten Sie uns ein bißchen. Sie haben doch gewiß nichts zu versäumen.

Einen Augenblick zögerte der junge Diplomat, aber als der Herzog eine scherzhafte Bemerkung machte über die Arbeitsüberhäufung, die ihn seit Wochen von ihrem Hause ferngehalten, und Ritter Boljèn von Boljena, der bei den Damen saß, erklärte, die europäische Lage sei ohne jedes Bedenken, wie er aus seiner Kanzlei wisse, und das Auswärtige Amt bedürfe gewiß in diesem Augenblick nicht seiner Dienste, da stieg er ein. Die Damen hatten so bittende Gesichter gemacht, daß er gefürchtet hätte, sie zu erzürnen, wenn er nicht mitgekommen wäre.

Er hatte ganz vergessen, daß ihn Maria da Caza erwartete. Der beginnende Frühling fächelte so mild, die Luft war so würzig und duftig, daß er sich freute, draußen zu sein, das Wetter war wie geschaffen, um in den Tiergarten zu fahren, der sich eben mit den ersten Knospen zu schmücken begann. Dann reizte es ihn, mit der Prinzessin zu sprechen. Das arme Ding war doch zu verliebt.

Wie sie in die Tiergartenstraße einbogen, fiel ihm erst ein, daß Maria ihn ja erwarte. Nun schlug ihm plötzlich das Gewissen. Aber Maria konnte nicht eifersüchtig auf das gute dickliche Mädchen sein, die ihm wirklich gänzlich gleichgültig war, ihm nur Spaß bereitete mit ihrer unverhüllten, schwärmerischen, fast kindlichen Neigung.

Aber als sie nun ganz nahe waren, beschlich ihn doch ein unangenehmes Gefühl, und er unterhielt sich so eifrig als möglich mit den Damen. Er warf emen flüchtigen Blick zum Hause hinauf und erblickte Maria da Caza auf dem Balkon. Er fürchtete, sie möchte seiner gewahr werden, doch es schien noch glücklich vorüberzugehen, denn sie verschwand in der Tür.

Stassingk war errötet. Er verdammte die unglückselige Eigenschaft, bei jeder Gelegenheit das Blut unter die Haut zu bekommen. Ein Zufall half ihm darüber hinweg: der Herzogin entglitt ihr Schirm und rutschte auf den Boden des Wagens. Stassingk bückte sich sofort ihn aufzuheben, und konnte nun die Anstrengung des Herunterbiegens vorschützen.

Maria da Caza hatte ihn gesehen.

Als sie auf den Balkon trat, um zu spähen, ob er noch nicht käme, entdeckte sie ihn sofort im Wagen des Herzogs. Im ersten Augenblick dachte sie daran, Ortenburgs kämen zu ihr, um ihr einen Besuch zu machen oder die Prinzessin Löwengaard zu bringen, die trotz ihres Versprechens, sich von ihrer Mutter zu Maria da Caza begleiten zu lassen, noch nicht erschienen war. Aber das wies sie sofort wieder von sich. Der Herzog und die Herzogin von Ortenburg hatten keine Veranlassung, sie aufzusuchen. Da bemerkte sie noch den österreichischen Attaché im Wagen und fühlte aus Stassingks Wesen, Sitz, Haltung, seine Verlegenheit heraus, und daß er so tun wollte, als hätte er sie nicht gesehen.

Sofort eilte sie in das Zimmer zurück. Er verleugnete sie? Immer noch begriff sie nicht, wie das möglich sein konnte, was es bedeutete. Aber ein bitteres hartes Gefühl blieb in ihr, und es wollte ihr nicht aus dem Sinn, daß er gerade mit Ortenburgs gefahren.

Sie sah dem davonrollenden Viererzuge nach. Es schien ihr, als spräche Stassingk hauptsächlich mit der Prinzessin. Da krampfte ihr Herz zusammen, und sie riß am Store, den sie, um hinauszuschauen, zur Seite gebogen. Dann lief sie unruhig auf und ab. All ihre Zuversicht, ihre sonnige Stimmung waren dahin. Wann würde er nun kommen? Er hatte es doch versprochen und nun hatte er keine Zeit für sie, die ihn in heißer Liebe erwartete, seit Tagen zum erstenmal ohne Anwesenheit eines Dritten, die ihn vielleicht nicht mehr lange würde sehen können, da sie sich auf lange, lange trennen mußten.

Sie wartete, wartete stundenlang. Er kam nicht.

Auch zum Diner fehlte er.

– Wo ist denn Stassingk? – fragte erstaunt Herr da Caza. Sie mußte alle Kraft aufbieten, um ruhig zu antworten:

– Er kann wahrscheinlich nicht!

Während des Diners quälte sie unausgesetzt die Frage, wo er sein möchte. Sie dachte daran, zu ihm zu schicken, ob er krank wäre, oder ihm zu schreiben, doch sie verwarf diesen Gedanken wieder.

Endlich am anderen Morgen erschien er zu Pferde, um mit ihr auszureiten. Herr da Caza, der ausnahmsweise nicht nach Carlshorst gefahren war, schloß sich mit Mister Easby an. Sie hatten Rennangelegenheiten miteinander zu besprechen und blieben ein Stück hinter dem Paare zurück. Wie immer in der Oeffentlichkeit nannte ihn Maria da Caza Sie, als sie fragte:

– Warum sind Sie gestern nicht gekommen?

– Ich hatte es nicht bestimmt zugesagt! – entgegnete Stassingk. Sie wiederholte ihre Frage:

– Warum sind Sie nicht gekommen?

– Ich konnte unmöglich.

– Warum nicht?

Ihr Ton ärgerte ihn. Er war sich nichts böses bewüßt, denn er hatte sich von Ortenburgs mehr überreden lassen aus Gedankenlosigkeit und Bummelei, und weil er glaubte, wie nun einmal seine Anlage war, den Bitten der Damen nicht widerstehen zu können und zu dürfen. Da entgegnete er ein wenig brummig, so daß man ihn kaum wiedererkannte:

– Weil ich eben nicht konnte!

Di« Antwort schmerzte Maria da Caza. Sie schaute ihn traurig an:

– Hast Du kein Vertrauen mehr zu mir?

Diesen Blick konnte er nicht ertragen. Sein Trotz zerrann, er sah nur noch ihre Schönheit, doppelt, bezwingend durch die Trauer in ihrem Ausdruck. Seine Züge wurden wieder weich, seine blauen Augen lachten und leuchteten und er sagte glühend:

– Maria, ich liebe Dich ja! Ist das nicht genug?

Da hatte sie alles wieder vergessen. Sie bewunderte wieder seine geschmeidige Gestalt zu Pferde, seine Augen, seine Stimme. Er erzählte ihr von seinen Reisen und Erlebnissen in fremden Ländern, in fremden Städten, an ftemden Höfen.

Abends zum Diner hatte Herr da Caza Selbottens, Lindstedts, Charriers, Horns und ein paar Herren eingeladen. Das Hauptgespräch bildete die Eröffnun der Hindernissaison in Carlshorst, die am folgenden Tage stattfinden sollte. Dabei war in fast jeder Nummer des Programms der Cazasche Stall mit mehreren Nennungen vertreten.

Rittmeister Hendrich stand nach Tisch mit Maria da Caza in einer Ecke des Salons und erzählte ihr vom Rennen, nach dem sie ihn gefragt, obwohl es ihr gänzlich gleichgültig war, nur um nicht wieder die ganze Zeit mit Stassingk zu sprechen:

– Ihr Herr Gemahl wird wohl wieder, wie er die vorige Saison mit lauter Siegen schloß, die diesjährige mit lauter Siegen eröffnen!

– Glauben Sie? – entgegnete sie zerstreut.

– Ganz gewiß, denn seine Pferde sind viel besser in Kondition als die anderen.

– So, wirklich?

– Sicher!

Da Herr da Caza gerade mit den Zigarren vorüberging, rief er ihn an:

– Wollen wir auf fünf erste Plätze wetten für morgen, Caza?

Der Herr des Hauses blieb stehen:

– Fünf? Glaube ich kaum.

Rittmeister Hendrich, der schon ein paar Wetten auf den Cazaschen Stall abgeschlossen hatte, erwiderte seiner Sache sicher:

– Na, drei bestimmt. Wenns nicht drei sind, lade ich Sie ein, nach dem Rennen bei Hiller zu einem Diner erster Klasse.

Herr da Caza zuckte die Achseln:

– Das tut mir leid, aber da bin ich nicht mehr da. Ich fahre nach dem zweiten Rennen schon fort. Aber im übrigen für ein andermal gern. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Er wandte sich erklärend zu seiner Frau:

– Ich habe Dir noch nichts davon gesagt. Ich will morgen nachmittag nach Paris fahren. Es hat sich erst heute entschieden. Einer der größten Rennstallbesitzer Frankreichs, Monsieur Guérignard, ist gestorben, und die Erben lösen sofort den Stall auf. Da will ich versuchen, vor der Versteigerung freihändig etwas zu erwerben. Easby geht mit. Wir habens heute beim Reiten ausgemacht. Wir bleiben je nachdem acht bis zehn Tage fort …

Er blickte Maria da Caza fragend an, als erwarte er ihre Zustimmung. Sie sagte nur:

– So … gut.

Aber sie mußte sich beherrschen, um ihre Erregung nicht zu zeigen: jetzt war die Gelegenheit gekommen. Es stand bei ihr sofort fest, daß sie diese Abwesenheit ihres Mannes benutzen mußte, um das Haus auf immer zu verlassen. Sobald es irgendwie möglich war, wollte sie es Stassingk und Selbottens mitteilen.

Stassingk saß im kleinen Salon mit den übrigen Damen. Er lachte und scherzte. Maria da Cazas Eintritt bemerkte er nicht, sondern fuhr fort, mit dem älteren Fräulein Charrier zu sprechen, deren Hand er in der seinen hielt, um ihr aus den Linien zu weissagen:

– Dieser kurze Strich, gnädiges Fräulein, ist die Herzenhlinie. Sie haben leider nicht viel Herz.

Sie widersprach, doch er lächelte verschmitzt und fuhr fort:

– Uebrigens findet man bei den Damen die Herzenslinie selten sehr ausgebildet. Die meisten Damen haben eben nicht viel Herz – leider …

Ein Sturm der Entrüstung überfiel ihn von allen Seiten, und lauter Hände streckten sich ihm entgegen, die beweisen wollten, daß sie eine lange Herzenslinie besäßen. Frau Hörn rief überlaut:

– Meine geht über die ganze Hand!

– Und meine läuft von oben bis unten! – behauptete Fräulein Charrier die Jüngere. Sie stand Stassingk zunächst, so prüfte er ihre »Herzenslinie« zuerst, runzelte die Stirn und sagte ganz unschuldig:

– Wer sie ist fortwährend unterbrochen und fängt dann von neuem an. Soll ich Ihnen sagen, was das bedeutet?

– Nein! Nein! Sie dürfen nichts sagen! Ich wills gar nicht wissen! – jammerte ganz verzweifelt das junge Mädchen unter allgemeinem Gelächter.

Die Aufmerksamkeit der Damen hatte sich so gänzlich Stassingk zugewendet, daß niemand bemerkte, wie Maria da Caza eingetreten war. Ihr tat die laute Fröhlichkeit weh. Sie war ernst, ganz mit ihrer Zukunft beschäftigt. Unwillkürlich meinte sie, Stassingk müsse es ebenso gehen. Nun fühlte sie sich verstimmt, daß er die Damen mit allerlei kindischen Scherzen unterhielt. Sie verließ den Salon und eilte in ihr kleines, weißes Boudoir, wo sich niemand befand. Dort blieb sie mit klopfendem Herzen stehen. Ihre Brust hob sich stürmisch. Sie fühlte erst jetzt, wie die kurze Szene ihr Blut in Wallung gebracht.

Sie blickte in einen Spiegel und sah, daß sie röter war als sonst. Vergeblich zwang sie sich, ruhig zu sein, sie konnte es nicht verwinden, daß er jetzt nicht hier im Zimmer mit ihr stand, um die Entscheidung ihres Schicksals zu besprechen.

Es schien ihr zum Ersticken heiß zu sein: sie riß das Fenster auf. Sie dachte nicht daran, daß man sie vermissen könnte. Alles war ihr vollständig gleichgültig. Sie dachte nur an Stassingk, immer wieder an Stassingk. Und sie wurde gerechter: es war wohl nur ein Mißverständnis, er hatte nicht gewußt, daß sie kam, er hatte sie nicht gesehen und gehört, denn wenn er sie gesehen hätte, wäre er aufgestanden und zu ihr gekommen. Es konnte ja gar nicht anders sein, denn er liebte sie ja.

Aber in diesem Augenblick hatte sie das Bewußtsein, als liebe sie ihn doch mehr, als er sie.

Sie verstand nicht, wie sie darauf kam, doch sie ward das Gefühl nicht los: sie liebte ihn heißer, als er sie. So wie sie liebte, konnte ein Mann vielleicht überhaupt nicht lieben. Das blieb doch immer der Unterschied zwischen Mann und Frau.

Während sie noch ihren Gedanken nachhing, vernahm sie das Rascheln eines Kleides. Sie wandte sich um. Es war Gräfin Selbotten:

– Du hier? – fragte sie erstaunt, und als sie nicht gleich eine Antwort bekam:

– Was machst Du denn hier?

Maria du Caza entgegnete:

– Unser Schicksal hat sich entschieden.

Sie ezählte, wie ihr Mann acht bis zehn Tage verreisen werde und sie diese Gelegenheit benutzen wolle, um das Haus zu verlassen.

– Weiß er es schon? – fragte die kleine Gräfin.

– Nein.

– Du mußt es ihm aber doch gleich sagen! Soll ich ihn herschicken?

Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie davon. Eine Minute darauf trat Stassingk ein. Er war ein wenig ärgerlich, weil ihn Gräfin Selbotten mitten aus seinem Wahrsagen gerissen.

– Was soll ich? –- fragte er verstört. Sie bemerkte seinen Ton und erwiderte mit einem Anfluge leiser Trauer:

– Du sollst gar nichts!

– Bist Du nicht wohl, Maria? – sagte er da, etwas teilnehmender, denn er fand, daß sie blaß aussehe. Maria da Caza freute sich über den Klang in seiner Stimme und entgegnete, auch weicher und etwas freudiger:

– Du bist besorgt um mich?

Er nahm ihre Hand, und seine blauen Augen hatten den seelenvollen, zärtlichen, warmen Ausdruck, den sie liebte.

– Verzeih, Maria, daß ich noch nicht zu Dir gekommen war, aber es ist so schwer, das richtige Maß innezuhalten, denn ich darf doch nicht zu viel bei Dir sein! Wenn die anderen da sind, habe ich immer das Gefühl, daß jedes Wort, das wir miteinander wechseln, auf die Goldwage gelegt und von allen Seiten protokolliert wird. Es ist wirklich ein Unglück: wenn ich die gleichgültigsten Dinge rede, denken die Leute immer, ich machte den Hof.

– Du hast ihn eben zu viel gemacht! – sprach sie mit ganz leiser Wehmut. Er ward nicht böse, denn er war gewohnt, diesen Vorwurf wie eine Schmeichelei zu empfinden, sondern fragte lächelnd:

– Bist Du eifersüchtig, Maria?

Maria da Caza zögerte doch ein wenig, bis sie antwortete:

– Nein, eifersüchtig nicht, denn Du liebst mich doch nur.

– Das ist schön, daß Du das sagst!

– Liebst Du mich denn? Sage mirs noch einmal! Ich kann es immer hören!

Sie sah blendend schön aus in ihrem weißen, ausgeschnittenen Dinerkleide, in dem hellen Raum, in dem einzig Körper, Hals, Arme und Nacken, Antlitz und Haar sich in anderer Färbung abhoben. Er fühlte sich wieder überwältigt von ihrem Anblick und gestand ihr von neuem in glühenden Worten seine Liebe.

– Wirst Du mich denn immer lieben, Ernst?

– Immer!

– Wirklich, immer? Bis wir sterben! Beide?

– Bis wir sterben. Aber wir wollen nicht sterben. Wir wollen leben zusammen und glücklich sein! Ich will mit Dir glücklich sein, Maria! Habe ich Dich nicht deshalb auch gefragt, ob Du meine Frau werden willst, wenn Du frei bist?

Nun war alles an Verstimmung und Zweifel, das in ihr geruht, weggelöscht mit diesem einen Worte. Sie sprach glücklich über alle Maßen, hastig die Nachricht verkündend, die sie ihrem Ziele näher brachte:

– Morgen tue ich den ersten Schritt dazu. Ich bin morgen vom Rennen ab allein, da werde ich das Haus verlassen!

– Morgen? – fragte Stassingk gedehnt. Die Nachricht kam ihm so unerwartet, aber in diesem Augenblick begehrte er nur eines, dereinst mit Maria da Caza vereinigt zu sein, und er sprach ehrlich, als er sagte, indem er sie glühend an sich preßte:

– Gut – also morgen. Dann gehörst Du schon im Gedanken mir. Die lange Prüfungszeit, die wir getrennt sein müssen, wird auch vorübergehen. Alles geht vorbei. Und dann wollen wir glücklich sein, Maria.

Maria da Caza lehnte sich mit zitterndem Herzen an ihn und stammelte vom Gefühl überwältigt:

– Ich bin so glücklich … so glücklich!

XV.

Das Wetter ließ sich zum ersten Renntage des Jahres prachtvoll an. Es war dieses Mal niemand zum Lunch eingeladen worden, denn Herr da Caza hatte seine Abreise so eingerichtet, daß er, nachdem er morgens nach Karlshorst gefahren, nicht wieder zur Villa zurückkehrte.

Als Maria da Caza zum ersten Frühstück erschien, meldete ihr der Haushofmeister, »der gnädige Herr ließe ihr sagen, er habe nicht Abschied genommen, um sie nicht wecken zu müssen, da er zeitig fort sei. Er hoffe ihr auf dem Rennen noch Lebewohl sagen zu können.« Sie trank ihren Tee allein in dem großen Eßsaal und dachte immer nur an die Zukunft. Mit stiller Wehmut ließ sie die Blicke umherschweifen, über die Einrichtung, von der sie einst jedes Stück einzeln ausgesucht. Dann ging sie hinüber. Im Salon blickte sie sich um, wo die Bühne aufgebaut gewesen, auf der sie mit Stassingk gestanden, daneben im kleinen Salon setzte sie sich einen Augenblick an den Wasserfall und ließ ihn spielen.

Sie lauschte dem leisen Plätschern mit verzückten Sinnen, als ob er neben ihr säße, dessen Unterhaltung das rauschende Wasser immer jedem fremden Ohre verhüllt. Ihr war zu Sinn, als wäre das alles, was sie hier in diesen Räumen erlebt, die Jahre, die sie hier zugebracht, nur ein kurzer, wirrer, irrer Traum gewesen. Dann ging sie in ihr weißes Boudoir, setzte sich in eine Ecke und überließ sich ihren Gedanken.

Maria da Caza dachte an den Tag, an dem sie als junge Frau nach Berlin gekommen, ohne eine Seele zu kennen, und wie sie Ersatz gefunden für die Menschen, die ihr fehlten, in ihrem Mann. Sie sah ihre Anfänge wieder vor sich, wie sie gestrebt, Bekanntschaften zu machen. Wie sie sich die Villa gekauft und dann ans Umbauen gegangen waren. Wie die ersten Herren: Rittmeister Hendiich und ein paar andere Rennleute zum Frühstück gekommen waren, um schließlich regelmäßig zu erscheinen. Wie sich endlich einzelne Damen dazugefunden und der Bekanntenkreis sich gemehrt.

Wie sie mit den wachsenden Verbindungen, durch gesellschaftliche Verpflichtungen, durch die jährlich steigenden Anforderungen des sich vergrößernden Rennstalles ihren Mann verloren.

Immer fremder waren sie einander geworden, immer weiter hatten sie sich voneinander entfernt. Bis sie eines Tages bemerkt, was er allein von ihr wollte: daß sie sein Haus schmücken sollte. Da war es plötzlich aus. Mit einem Schlage war er ihr gleichgültig wie ein Fremder.

Sie verstand nicht, wie das gekommen. Ein Verdacht stieg in ihr auf, er möchte mit fremden Frauen verkehren. Aber sie gewann die Sicherheit, daß sie sich irrte. Er war eben kalt und gleichgültig, egoistisch, nur um seinen Ehrgeiz, sein Emporkommen besorgt.

Wenn sie jetzt ging, so wußte sie, daß sie ihn schwer traf, denn es störte all seine Pläne. Sie wußte, daß er darauf sann, die Ortenburgs in sein Haus zu bringen, daß er davon träumte, immer höhere Kreise in seinen Verkehr zu ziehen. Sie wußte, daß ihm nichts schlimmer sein konnte als ein Skandal in seinem Hause, eine Trennung von seiner Frau, deretwegen die Leute doch nur kämm, während er selbst als korrekter Hausherr sich damit begnügte, nichts zu verderben.

Aber Maria da Caza fühlte kein Mitleid. Sie hatte nicht das Bewußtsein, etwas Unrechtes zu tun, wenn sie ihn verließ, der sie nicht liebte, und sich ohne zu zucken an dem Tage von ihr getrennt hätte, an dem sie ihm etwa hinderlich geworden wäre.

Sie stand auf und ging an den Schreibtisch. Das Abschiedswort wollte sie ihm schreiben. Ein paar Bogen Papier nahm sie vor und bedeckte sie, ohne zu zögern, in wenigen Minuten mit ihrer großen, englischen Handschrift, die sie sich erst als Frau angewöhnt, weil Herr da Caza ihre mädchenhaft kalligraphischen Schriftzüge nicht chic gefunden. .

Ohne eine Anrede begann sie:

Du wirst Dich wundern, einen Brief von mir zu bekommen, aber ich muß Dir mitteilen, daß, wenn Du diese Zeilen erhalten haben wirst, ich Berlin und damit Dein Haus verlassen habe. Versuche nicht, mich zurückzurufen, es würde umsonst sein, denn ich werde nie wieder zu Dir zurückkehren. In den letzten Jahren hast Du Dich so wenig um mich gekümmert, daß ich annehmen muß, meine Trennung von Dir werde Dir gleichgültig sein. Aber da ich noch Deinen Namen trage, muß ich Dir erklären, wie ich dazu komme, diesen Schritt zu tun. Ich bin außer stande, weiter an Deiner Seite zu leben. Seit Jahren sind wir einander entfremdet. Zuerst bemerkte ich es kaum. Endlich, als ich es bemerkte, war mein Herz so leer und gleichgültig geworden, daß ich Genüge fand an den Dingen, die mir unser Leben bot. Ich begnügte mich, gefeiert zu werden, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, bei den Premieren und Rennen, bei Bällen und Festen, in den Bädern, die wir besuchten, zu glänzen. Ich täuschte mir selber vor, daß dieses Dasein ein Leben ausfüllen könnte. Heute weiß ich es besser. Eine große Umwandlung, die mit mir vorgegangen, hat mich, zur Erkenntnis geführt, daß es nur ein Mittel für mich gibt, um mein Glück wieder zu gewinnen: es ist die Trennung von Dir. Diese Umwandlung, von der ich spreche, will ich Dir nicht verbergen, sondern sie offen und ehrlich bekennen: es ist die Liebe zu einem anderen Manne, die mir verbietet, länger Deine Frau zu bleiben.

Ich habe noch eine Bitte an Dich, nicht nachzuforschen, wo ich mich befinde. Es würde vergeblich sein. Wenn Du mir etwas zu sagen hast, so tue dies, bitte, unter der Adresse meines Rechtsbeistandes Justizrat Zenker. Lützowplatz 109.

Für die Zeit des Glücks in unserer Ehe sage ich Dir Dank, und wenn ich Dir etwas gewesen bin, so vergilt es mir dadurch, daß Du uns in Frieden voneinander gehen läßt.

Möge Dein ferneres Leben glücklich sein. Das wünscht

Maria.

Sie nahm den Brief noch einmal vor, las ihn wieder durch und steckte ihn, ohne ein Wort zu ändern, in einen Umschlag, auf den sie die Pariser Adresse ihres Mannes schrieb. Dann blieb sie noch eine Weile am Schreibtisch sitzen und blickte in Gedanken zum Fenster hinaus auf die Bäume des Tiergartens, die man in ihrem ersten Grün sich leise, windbewegt, wiegen sah. Trotz ihres Glückes stieg langsam, ganz langsam, in ihrem Herzen die Trauer auf, daß sie die Stätten verlassen mußte, die ihr lieb waren und an denen sie doch auch trotz allem glücklich gewesen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie hielt sie nicht auf.

Dann rückte sie den Stuhl etwas von der Tischplatte ab und legte ihre Stirn auf die gefalteten Hände. Sie fühlte sich müde. Nur einen Augenblick wollte sie ruhen, doch die Erregung und äußerste Anspannung der Nerven überwältigte sie: sie schlief ein. Es war ein bleierner Schlaf, in den sie verfiel, ohne Träume. Nur in der letzten Sekunde, schon im Erwachen, meinte sie, Stassingk vor sich zu erblicken. Als sie seine Hand nehmen wollte, sah sie, daß es nicht der Geliebte war, der neben ihr stand, sondern Gräfin Selbotten, die fragte:

– Maria, bist Du müde?

– Ich habe wohl geschlafen?

– Ja, und es ist schon spät! Ich wollte Dich zum Rennen abholen!

– So, ist's schon so spät?

Maria da Caza raffte sich auf. So hatte sie noch nie der Schlummer überrascht.

In aller Eile kleidete sie sich zum Rennen an, wahrend ihr die kleine Freundin Gesellschaft leistete. Beim Anziehen gab sie dem Mädchen Befehl, zu packen:

– Halten Sie sich bereit, für heute abend mitzufahren. Ich verreise auf längere Zeit. Alles Nötige muß mitgenommen werden. Ich will nicht, daß es erforderlich wird, Sachen nachzuschicken!

Als sie im Wagen saßen und dem Rennplätze zurollten, fragte Gräfin Selbotten:

– Wann willst Du denn abreisen, Maria?

– Heute abend.

– Und wohin?

– Nach … nach … ich weiß wirklich nicht … es ist ganz gleich.

Ihr ward erst icht klar, daß sie darüber noch gar nicht nachgedacht hatte. Doch nach kurzem Schwanken entschied sie sich für München. Das liebte sie von ihrer Kindheit her, da sie mit ihren Eltern manchmal dort gewesen, und sie wußte, daß es Herr da Caza nicht leiden mochte. Er hatte immer behauptet, mit einer Art von Verachtung:

– Diese Bier- und Kunststadt taugt nicht für den Sport.

– Und willst Du dort bleiben? – fragte die Gräfin.

– Warum nicht?

– Ganz allein?

– Mit meinem Mädchen! Ja! Wer sollte denn mit mir gehen? – erwiderte traurig Maria da Caza, denn ihr ward es klar, wie einsam sie sich fühlen würde ganz allein, die lange Zeit. Da sah sie, wie die kleine Freundin schelmisch lachte:

– Wenn ich nun mitkäme?

Maria wollte es zuerst nicht glauben, dann dankte, sie tausendmal. Das hatte sie nicht erwartet, nicht für möglich gehalten. Sie war sehr beglückt, denn so blieb sie doch wenigstens nicht allein. Nun erklärte Gräfin Selbotten, sie wolle die Freundin nicht sofort begleiten, damit es nicht aussähe wie ein Komplott Selbottens gegen Herrn da Caza. Ihr Mann hätte ihr selbst vorgeschlagen, Maria diesen Freundschaftsdienst zu leisten, und bereits einen Plan entworfen. Seine Frau sollte mit der kleinen Tochter, während er seine mehrmonatliche, von der Kriegsakademie vorgeschriebene Dienstleistung bei einer fremden Waffe – dieses Jahr Infanterie – machte, zu ihrer Stärkung und Erholung auf Wunsch des Arztes in die Berge gehen. Da kam es ihr sehr gelegen, wenn Maria sich ihnen anschloß.

– Wo soll es hingehen? – meinte Maria da Caza glückstrahlend.

– Vielleicht nach Berchtesgaden, das bleibt doch das Schönste!

Stassingk war der erste, den sie am Eingang, als der Wagen hielt, in der drängenden Menschenmenge erblickten. Er schloß sich sofort den beiden Damen an und begleitete sie zur Cazaschen Loge.

Die Glocke klang zum Aufsitzen zum ersten Rennen, und nun füllten sich die Tribünen und der Raum vor ihnen bis zum Geläuf konnte kaum mehr die Menge fassen.

Der erste Start mißlang, und während nun, da Mister Easbys Fuchshengst jedesmal durch Fortbrechen den ruhigen Ablauf störte, alles mit gespannter Aufmerksamkeit hinüber zur Bahn blickte, beugte sich Maria da Caza etwas vor, so daß sie Stassingks Ohr, der vor der Loge stand, nahe kam:

– Ich reise heute ab!

– Wirklich heute? – entgegnete er, als wolle er es nicht glauben. Sie fügte hinzu:

– Nach dem zweiten Rennen gehe ich, und wir wollen uns Lebewohl sagen. Einen Augenblick möchte ich Dich noch sprechen.

– Ich komme zu Dir! – flüsterte er.

– Nein, auf keinen Fall, Ernst! – sagte sie bestimmt. Doch sie fürchtete, es könne jemand ihr Gespräch belauschen, brach hastig ab und sprach nur noch leise:

– Nach dem Rennen!

Die Glocke klang: der Ablauf war gelungen. Das Publikum verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit die Pferde. Stassingk hob sein Glas vors Auge, aber er sah nicht hinüber. Maria da Eazas Worte gingen ihm im Kopf herum. Er konnte noch immer nicht recht daran glauben. Es erschien ihm noch immer wie ein Rätsel, daß alles jetzt der Entscheidung entgegeneilte.

Auch Maria da Caza tat, als spähe sie nach öer Rennbahn hinüber, doch ihr Auge ruhte nur auf dem, Geliebten, der gerade vor ihr stand. Sie mußte Abschied von ihm nehmen, hier draußen. Er mußte auf dem Rennen bleiben, während sie fortfuhr. Er durfte die Villa nicht betreten, solange Herr da Caza nicht anwesend war, ja, sie mcht einmal auf den Bahnhof begleiten, wenn sie abreiste. Es mußte so scheinen, als ahne er nicht einmal etwas davon, daß und wann sie Berlin verließ. Nicht das geringste durfte man ihnen nachreden können.

Ehe sie gewußt hatte, wie sich ihr Schicksal gestalten würde, war sie leichtsinnig gewesen. Aber nun, wo sie seine Frau werden sollte, durfte ihr kein Gerücht oder Zweifel folgen.

– O! O, weh! Aber! – ging, plötzlich durch die Menge.

Eine Staubwolle, die sich hinter dem reiterlos galoppierenden Cazaschen Fuchshengst erhob, verbarg, was mit Mister Easby geschehen war.

– Eeasby scheint herunter gefallen zu sein! – flüsterte der Regierungsrat Maria da Caza zu, als müsse er ihr schon die Mitteilung machen. Er war im höchsten Grade erstaunt, als sie lächelnd nickte.

– Er hat die Stange umritten, dabei hat's ihn heruntergestreift! – erklärte eine Stimme hinter ihnen.

Dann sah Maria da Caza ihren Mann von der Klubtribüne herüberkommen, die Menge durchteilen und mit Rittmeister Hendrich eiligst über das Geläuf gehen, um nach dem Gestürzten zu fragen. Sie kehrten nach einer Weile, als das Rennen schon durch einen interesselosen Sieg des Favoriten beendigt war, mit dem Engländer zurück, bald von einer dichten Menge Neugieriger umgeben. Er sah blaß aus und hielt sich mit der rechten Hand den linken Arm am Ellenbogen. Die drei Herren steuerten dem Krankenzimmer zu.

Stassingk wandte sich zur Loge und erklärte den Damen, woran kaum ein Rennkundiger, nachdem man Mister Easby gesehen, zweifeln konnte:

– Er hat das linke Schlüsselbein gebrochen!

Dabei streifte sein fragender Blick Maria da Caza, als wollte er wissen, was sie dazu meinte, und ob sie wohl glaubte, daß es Herrn da Caza an der Abreise hindern könnte. Er bemerkte nur ihr angsterfülltes Auge, doch als sie die Loge verlassen hatten und in der drängenden Menge auf- und niederschritten, erschien Rittmeister Hendrich:

– Gnädige Frau, Ihr Gatte läßt Ihnen sagen, es wäre ihm nicht möglich, noch einmal in die Loge zu kommen, denn er würde nun nicht mehr auf dem Platze bleiben, sondern sobald der Verband angelegt ist, mit Easby nach Berlin zurückfahren, um ihn in seine Wohnung zu bringen und dann sofort auf die Bahn zu gehen. Er will allein reisen.

Maria da Caza atmete auf. Eine Last war ihr von der Seele gefallen. Sie fragte nur teilnehmend:

– Was ist Mister Easby geschehen?

– Schlüsselbeinbruch links. Sonst geht's ihm ausgezeichnet. Er raucht schon wieder ganz lustig seine Zigarette.

Nun wollte sie mit Stassingk reden, doch sie kam nicht dazu, denn unausgesetzt erschienen Bekannte, um sich bei ihr als der vermeintlich sichersten Quelle nach dem Befinden Mister Easbys zu erkundigen.

Endlich fand sie die Möglichkeit, einen Augenblick seitab von dem Hauptgedränge mit Stassingk zu sprechen. Sie standen hinter der Tribüne, und die Musik der Dragonerkapelle tönte so laut herüber, daß sie von anderen nicht gehört werden konnten:

– Ich muß Dir hier Lebewohl sagen, Ernst. Du darfst nicht mitkommen, darfst nicht zu mir und nicht auf den Bahnhof. Wir müssen vorsichtig sein, denn Du sollst Dich später nicht meiner schämen. Also lebe wohl…

Er wußte nicht, was er sagen sollte, immer noch vermochte er sich nicht hineinzufinden, und er trotzte:

– Auf den Bahnhof komme ich auf jeden Fall.

– Nein!

– Wer soll mich denn sehen?

– Man kann's nie wissen!

– Ich muß Dir aber doch adieu sagen, Maria!

– Das hast Du gestern getan. Heute mußt Du's hier tun!

Stassingk, dem das Herz schwoll, blickte sie verzehrend an.

– Zum Abschied darf ich Dich nicht küssen?

Sie schüttelte traurig den Kopf:

– Mein Liebling, es geht nicht! Es geht nicht! Wir müssen warten!

– Wann werde ich Dich wiedersehen?

Sie wußte selbst keine Antwort. Er fragte wieder dringender:

– Aber wann sehe ich Dich wieder?

– Wenn ich Deine Frau werden kann! – entgegnete sie endlich. Er blickte sie starr an:

– Da können also Monate vergehen!

Ihr blutete das Herz. Sie wußte nicht, wie sie diese Prüfungszeit überstehen sollte, und wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Aber sie überwand sich, sie wenigstens mußte stark sein. Mit gepreßter Stimme sprach sie:

– Wir können uns schreiben!

– Schreiben! Was ist das! – rief er verächtlich. Aber er sah, wie traurig sie war, und so sagte er:

– Gut, wir schreiben uns.

Sie machten miteinander aus, daß er ihr direkt schreiben sollte, während ihre Briefe postlagernd geschickt würden. Sie fragte:

– Wirst Du mir denn immer schreiben?

– Jeden Tag, Maria!

Dann mußten sie abbrechen, denn der Regierungsrat rief:

– Gnädigste Frau, gnädigste Frau, es ist aber höchste Zeit! Das Rennen geht los!

Zur kleinen Gräfin, die zwischen dem Ehepaar schritt, sagte er mit dem heftigsten Zwinkern, das ihm zu Gebote stand:

– Der Stassingk ist heute aber wieder einmal auf dem Posten. Was der Süßholz raspelt, das ist wirklich nicht zu glauben. Ich glaube gar, er hat unsere einzige, liebe, schöne Frau Maria da Caza ganz traurig gemacht. Denn es gibt nämlich auch eine Art zu flirten – man kann ja ruhig darüber reden, ich bin der erste, der Frau da Gaza verteidigt – eine Art zu flirten meine ich, wo die Flirts sich gegenseitig immer trauriger machen. Auch, die Traurigkeit ist 'ne Art Huldigung. Ich werde wohl nächstens als Ausdruck des höchsten Triumphes über Männerherzen, wie ich früher die Parole ausgegeben habe: »Maria da Caza tanzt«, nun sagen müssen: »Maria da Caza weint«.

Er lachte, meckerte, hustete und freute sich königlich über den eigenen Witz, während die kleine Gräfin vor Aerger über seine Art zu schwatzen ganz dunkelrot geworden war.

Das ewige Spiel des Rennens wiederholte sich: Da kam der kleine Remer an im Reitanzug. Er strahlte über das ganze Gesicht, bewillkommnete sofort gegen seine sonstige stille zurückgezogene Art Maria da Caza und sagte in schnellstem Redefluß:

– Gnädige Frau, Ihr Herr Gemahl hat mir eben für seine Abwesenheit sämtliche Ritte in den Herrenreiten, die der Stall genannt hat, angeboten, und ich reite nun fast jedes Rennen. Sowie dieses Jockeirennen vorbei ist, geht's los! Daß der Easby gefallen ist, das ist doch zu famos. Ich kann's ja sagen, denn er hat sich ja nichts getan, nur daß er eben eine Zeitlang nicht reiten kann. Er ist auch schon fort. Sie sind eben abgefahren!

– Dann müssen wir gleich folgen! – sagte Maria mit plötzlichem Entschluß zur Gräfin Selbotten, so daß es klingen konnte, als hätte sie mit ihrem Manne ausgemacht, daß sie sich noch vor der Abreise Herrn da Cazas treffen wollten. So verstanden es auch die anderen. Frau von Lindstedt sprach fast zum erstenmal heute, indem sie sagte:

– Ich werde für Ihre Pferde, während sie fort sind, den Daumen halten!

Flüchtig gaben sie Maria da Caza die Hand, denn sie meinten, sie ja vielleicht schon morgen wiederzusehen, und der Regierungsrat schied mit einem letzten Scherze:

– Ich übernehme jetzt Ihre Loge, meine gnädigste Frau, so zu sagen als Statthalter oder Reichsverweser, bis die Königin wiederkehrt!

Dann eilte er mit seiner Frau davon, um ja nichts zu versäumen. Maria da Caza meinte halb traurig, halb stolz und glücklich, indem sie Stassingk, der noch bei ihnen geblieben war, die Hand reichte:

– Die Königin kehrt aber nie wieder!

Stassingk zog ihre Finger an die Lippen. Sie ließ sie ihm länger als sonst, das war das einzige, was sie noch tun konnte. Dann flüsterte sie ihm noch zu:

– Schreibe mir. Lebe Wohl! Liebe mich immer!

Es war das erste Mal, daß Gräfin Selbotten das »Du« hörte.

Maria da Caza wandte sich schnell ab. Unter ihrem Schleier perlte eine große Träne herab. Sie ging mit der Freundin dem Ausgangstore zu, wo bereits der Diener wartete, der sich vom zweiten Rennen ab hatte bereit halten sollen, um die Damen zum Wagen zu begleiten. Die Musik spielte einen Walzer, und vom Publikum summte es leise herüber.

Hinter Maria lagen nun alle die Bekannten un8 Freunde, die eben vielleicht ihre Gläser und Augen nach der Cazaschen Loge richteten, um sie zu suchen, die nie wieder hierher zurückkehrte. Als sie dem Ausgang zuschritten, war es ihr, als hätte sie sich von allem getrennt, was hinter ihr geblieben war.

Im Augenblick, als sie hinaustraten, wandte sie sich noch einmal um, und ein Tropfen Wermut trübte ihre Freude, als sie Stassingk an der Ecke der Tribüne stehen zu sehen meinte, statt ihr nachblickend im Gespräche mit zwei Damen: mit den Charriers, die sie deutlich erkannte.

Ihm war trübe zu Sinn gewesen, in ehrlicher Trauer, als er sich von Maria da Caza getrennt. Er hatte hinter der Tribüne noch ein paar Augenblicke für sich bleiben wollen, um seinen Schmerz zu überwinden. Da waren plötzlich die Charriers gekommen. Er hätte sich für unartig gehalten, wenn er die Damen hätte vorübergehen lassen, ohne sie anzureden.

Als er auf der Tribüne stand und die jockeisteeplechase wiederum für das Cazasche Pferd verloren ging, indem die Stute fiel, die die schwarzen Farben trug, da war in ihm ein Gefühl, als sei das Glück von dem Cazaschen Stalle gewichen, nun da Maria gegangen. Er blickte nach der Cazaschen Loge hinüber, als müsse er sie suchen. Ueberall meinte er ihre schöne Gestalt finden zu müssen, ihre Augen auf sich gerichtet. Als er sie nun nirgends mehr entdeckte, da beschlich ihn eine große Melancholie, wie er sie noch nie gekannt.

Er irrte hin und her. Ein Kollege aus dem Auswärtigen Amt fragte ihn:

– Ist denn Maria da Caza heute nicht da?

Der kleine Leutnant von Remer trug ihm auf:

– Sagen Sie an Maria da Caza, sie solle den Daumen für mich halten, damit das Pech nicht so weiter geht. Ich will in diesem Rennen die schwarze Jacke wieder herausreißen!

Aber der arme, kleine, passionierte Reiter mußte seine Stute fünfhundert Meter vorm Ziel lahm anhalten und nach Hause reiten.

Nun formte der Regierungsrat ein neues Schlagwort:

– Wenn Maria da Caza nicht dabei ist, haben die Cazaschen Farben kein Glück!

Stassingk empfand eine solche Leere und Oede, daß er am liebsten den Rennplatz verlassen hätte, aber er fürchtete sich davor, denn anderwärts wäre es nicht besser geworden. Da fragte ihn der Herzog von Ortenburg, der – jedoch ohne Damen – nach dem zweiten Rennen gekommen:

– Sind Sie zum Diner heute frei?

– Jawohl, Durchlaucht! – antwortete er, ohne zu überlegen, und erst zu spät fiel ihm ein, daß er lieber mit seinen Gedanken allein geblieben wäre. Der Herzog fragte:

– Wollen Sie nach dem Rennen mit mir zurückfahren? Ich bin allein da. Auf dem Tandem ist gerade Platz. Meine Damen werden sich sehr freuen, wenn ich Sie mitbringe, sie sind bloß nicht mitgekommen, weil meine Frau erkältet ist. Sie finden niemand, außer den Löwengaards, wie immer an Renntagen. Vielleicht kommt noch mein Vetter Christian Ortenburg aus Potsdam … Na … also ja?

– Sehr gern! – sagte Stassingk, der nun nicht mehr ausweichen konnte.

XVI.

Die Koffer waren gepackt, alles zur Abreise bereit. Maria da Caza nahm Abschied von ihrem Hause. Sie schritt noch einmal durch alle Räume, in denen sie gelebt, zufrieden, gleichgültig, endlich unglücklich und glücklich zugleich. Nur Herrn da Cazas Zimmer betrat sie nicht. Aus ihrem weißen Boudoir nahm sie ein paar Andenken mit und alle Photographien, die sich im Laufe der Jahre angesammelt. Die nächsten Bekannten, Gleichgültige und Fernstehende, alle, nur damit es nicht auffallen konnte, wenn auch Stassingks Bild darunter war.

Es war eine Kabinettaufnahme, wie sie alle Freunde der Cazas beigesteuert hatten, in der Ecke quer geschrieben der Name: »Ernst Grf. Stassingk«, mit einem Schnörkel, der die Buchstaben im Bogen umzog. Sie gab ihn vorzüglich wieder in seiner naiven, lächelnden, lebensfrohen Liebenswürdigkeit, den kleinen Schnurrbart gebrannt, nach oben gebürstet, mit lachenden, großen Augen.

Maria steckte das Bild in ihre Handtasche, während sie die übrigen der Jungfer gab, um sie in den Koffern unterzubringen. Einen letzten Blick warf sie auf alle die Gegenstände, die ihr lieb geworden, dann verließ sie das Haus. Den Wagen hatte sie schließen lassen, er rollte zum Gartentore hinaus und bog in die Tiergartenstraße ein. Nun erschien die Villa noch einmal vor ihren Augen. Der kleine, wohlgepflegte Vorgarten, aus den sie oft von den Fenstern und vom Balkon herabgeblickt. Einen Augenblick schimmerte das Dach durch das junge Grün, dann kamen gleichgültige Nachbarhäuser, und das Heim, in dem Maria sechs Jahre verbracht, lag hinter ihr.

Es war eine traurige Fahrt bis zum Bahnhof, denn trotz ihrer Liebe kam es ihr schwer an, das alles, was ihr bekannt und gewohnt war, zu verlassen. Sie fand nur Trost in dem Gedanken, daß sie ja einer glücklichen Zukunft entgegenging. Aber plötzlich stand ihr das Abschiedsbild vom Rennen wieder vor den Augen, wie sie den Geliebten in Trennungsergriffenheit und -schmerz gewähnt und sie ihn eine Minute, nachdem sie ihn erst verlassen, wo das Herz ihm doch noch nachzittern mußte von Bewegung, im Gespräch sah mit anderen Damen.

Auf dem Bahnhof fand sie Selbottens schon vor. Sie blickte sich um, mit der leisen Hoffnung, trotz ihres Verbotes möchte Stassingk gekommen sem, doch er war nicht da.

Die kleine Gräfin ging Maria sofort herzlich entgegen und küßte sie auf beide Wangen:

– In vier Wochen komme ich nach!

Maria gab Graf Selbotten die Hand:

– Ich muß Ihnen danken, daß Sie sie mir lassen, wollen. Fürchten Sie denn nicht, man könnte darüber reden, daß sie mit einer Frau verkehrt, die ihrem Manne davongelaufen ist?

– Aber Sie trifft doch keine Schuld, gnädige Frau!

– Im Gegenteil! Ich muß alle Schuld übernehmen, sonst könnten wir ja nicht geschieden werden!

– Ach was! Sie dürfen sich keine Gedanken darüber machen! Wer Sie kennt, weiß ganz genau, wie die Sache liegt, und wer sie nicht kennt, der mag doch reden, was er will!

Maria dankte ihnen noch einmal, dann sprachen sie von München, wo sie wohnen würde, und daß sie dort bleiben sollte, bis die kleine Gräfin auch in München erschiene, um mit ihr sofort nach Berchtesgaden weiterzureisen. Dabei kam es heraus, was eigentlich hatte Ueberraschung bleiben sollen, daß eine Tante des Grafen, die dort eine Villa besaß, sie ihrer Nichte für den Sommer zur Verfügung gestellt und nicht nur einverstanden war, daß Maria dorthin mitkäme, sondern sich noch besonders darüber freute.

– Wissen Sie, warum? – fragte Graf Selbotten.

– Nein.

– Weil meine Tante rein vernarrt ist in meine kleine Frau und alles tut, was sie will. Sie hat ihr eben die ganze Sache erzählt. Die gute Tante hat nur gefragt: »Ist sie Deine Freundin?« Und auf das »Ja« haben wir die Villa für den Sommer. Tante kommt höchstens einmal vierzehn Tage oder drei Wochen hin.

– Es ist doch auch eine Ersparnis! – fügte die kleine Gräfin hinzu in einem Tonfall, daß man nicht recht wußte, ob sie es nur auf sich bezog oder vielleicht auch auf Maria, denn Selbottens glaubten, in der Cazaschen Ehe besäße der Mann allein das Geld. Graf Selbotten gab seiner Frau heimlich einen Stoß, doch Maria hatte schon verstanden:

– Du brauchst Dich nicht um mich zu ängstigen. Ich habe die Verfügung über das Vermögen meiner seligen Eltern immer behalten, und das reicht mehr als genügend aus für alles, was ich nur wünsche!

Einen Augenblick war die kleine Gräfin verlegen, dann aber half ihre ungebundene Fröhlichkeit darüber hinweg. Die wenigen Minuten, bis der Zug ging, verflogen ihnen so rasch, daß sie meinten, sich noch tausend Dinge zu sagen zu haben, als die Lokomotive pfiff. Sie hatten gelacht und gescherzt, Selbottens wollten der Scheidenden den Abschied nicht schwer machen.

Aber als nach flüchtigem, letztem Händedruck der Zug entschwand, da flossen der kleinen Freundin doch die Tränen. Maria sah noch das Paar Arm in Arm ihr nachblicken, wie es winkte mit Schirm und Hand, dann verließen sie die Halle des Anhalter Bahnhofes und eilten schneller und schneller davon.

Sie war mit der Jungfer allein in ihrem Abteil erster Klasse des Schlafwagens, aber sie wollte dem Mädchen nicht ihre Bewegung zeigen. Deshalb blieb sie am Fenster stehen, den Blick hinaus in den Abend gewandt. Die Häuser glitten an ihr vorüber, in denen hier und dort schon Licht brannte. Auf den Straßen waren die Laternen entzündet, in langer Reihe tauchten sie am Kanal auf, über den der Zug brauste, dann erschienen Bauplätze, ganze Viertel im Entstehen, endlich freies Land. Dort drüben lag das Tempelhofer Feld, wo sie so manches Mal die Paraden vom Wagen aus mit angesehen.

Nun kam die öde Umgebung Berlins, die Maria immer trostloser erschien, je weiter sie sich entfernten. Sie setzte sich an das Fenster, stützte das Kinn in die Hand und blickte hinaus. Bald sah sie die Gegend draußen nicht mehr, und beim gleichmäßigen Klappern und Rollen der Räder, bei der leisen schaukelnden Bewegung des Wagens versank sie in Träumen.

Ihr schien mit dem Verlassen Berlins, das nun schon Meilen hinter ihr lag, auch ihre Vergangenheit mehr und mehr zu verblassen. Ihre Mühen um die Geselligkeit kamen ihr so gleichgültig und nichtig vor, ihre Beschäftigung, ihr Zeitausfüllen in den verflossenen Jahren so kleinlich und lächerlich. Nur eines blieb: das Bild Stassingks. Es verlor nicht durch die Trennung, es verblaßte nicht durch die Entfernung, sondern es ward schärfer, je länger sie an ihn dachte, es ward ihr lieber mit jeder Minute, die es ihr nun in der Phantasie vor Augen stand.

Von dem ganzen Berlin, ohne das sie früher gemeint, nicht leben zu können, blieb nur er, der sie liebte, um dessen willen sie sich von allem losriß.

Sie malte sich aus, was er jetzt wohl triebe, ob er an sie dächte und sie in Gedanken begleitete auf ihrer Flucht aus ihrem Hause. Eine weiche Stimmung überkam sie und wieder die sich leise meldende Ahnung, daß er sie nicht so lieben könnte, wie sie ihn. Aber sie entschuldigte es, sie fand tausend Gründe dafür, daß er so sein mußte, wie er eben war.

Als der Schaffner des Schlafwagens erschien, um für die Nacht die Betten herzurichten, trat sie mit der Jungfer, die mit ihr im selben Raum schlafen sollte, auf den Längsgang des Wagens. Da ward ihr mit einem Male klar, daß sie ja nun ganz allein sein würde, nur dieses Mädchen um sich, dem sie bisher in den sechs Jahren ihrer Ehe nur die Beachtung geschenkt, die einem stillen, guten Dienstboten zukam. Sie war zwar immer freundlich gegen das Mädchen gewesen, aber sie hatte sich nicht besonders gekümmert um sie. Nun fühlte sie plötzlich das Bedürfnis, mit ihr zu reden, und fragte:

– Tut es Ihnen leid, von Berlin fortzugehen, Agnes?

Das zierliche Ding, eine Thüringerin mit blauen Augen und etwas spärlichem blonden Haar, das von ihrer Herrin immer Kleider bekam und an Manieren und äußerlichen Dingen viel abgesehen hatte, antwortete lächelnd:

– Nein, gnädige Frau! Ich gehe sehr gern mit der gnädigen Frau fort!

Maria hatte sie noch nie mit Interesse angeblickt, nun fand sie, daß das Mädchen in ihrer bescheidenen Einfachheit doch recht nett aussah. Und sie sprach, mit jähem Entschluß, weil es ihr so auf die Zunge kam:

– Wissen Sie denn eigentlich, warum wir fortreisen, Agnes?

Agnes blickte ihre Herrin einen Augenblick an, dann erwiderte sie ehrlich:

– Jawohl, gnädige Frau!

Maria fragte nicht weiter.

Sie gingen zur Ruhe, und im eintönigen Gestampf und Geklapper des Zuges schlief sie mit dem Gedanken an Stassingk ein. Bleiern war ihr Schlaf: die angestrengten Nerven suchten Ruhe. Als sie erwachte, waren sie schon auf der oberbayerischen Hochebene, und ein Blick zum Fenster hinaus zeigte ihr die Veränderung in der Landschaft: die geringere Bebauung, Ried-, Heidestrecken, Weideland. Ueberall tauchten die Kirchtürme auf, mit ihren runden, kugelförmigen oder birnenartigen Knäufen. Ein Heiligenbild, ein Kreuz, sine einsame, winzige Kapelle stand hier und da am Wege. Kindheits- und Jugenderinnerungen stiegen in Marias Seele empor.

In solcher Gegend war sie ja groß geworden, so sah es aus um das Gut der Eltern, das ihr Vater, der kurhessische Rittmeister a. D. von Rudloff, 1866 nach dem Zusammenbruche seines Vaterlandes in Bayern erworben, nur um ganz fort zu sein aus den neuen Verhältnissen, die ihm nicht zusagten.

Maria dachte bei jeder Kapelle daran, wie sie, die Protestanten, dort nie zur Kirche gegangen, weil es keine Kirche ihrer Konfession auf Meilen in der Runde gab, und wie sie als Kind das nicht begriffen. Dann sprangen ihre Gedanken wieder ab zu Stassingk, dessen Frau sie werden durfte, weil eben ihre Kirche nichts dagegen einwendete. Wieviel Zeit würde bis dahin noch vergehen! Bis sie ihn wiedersähe! Schon jetzt erschien es ihr unerträglich lange, daß sie ihn nicht erblickt, und doch lagen noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden dazwischen.

Da fürchtete sie sich, wie das werden sollte, ob sie diese Prüfungszeit der Trennung auch würde überwinden können.

Ihre Zukunft erblickte sie im Dunkel, sie fürchtete sich vor den Wochen allein in München, sie zitterte und bangte um die Liebe Stassingks. Langsam tropften ihr die Tränen vom Auge.

Da sprach eine Stimme weich neben ihr:

– Gnädige Frau müssen nicht weinen!

Es war Agnes, die ganz betrübt aussah, als sie es ihr sagte. Maria strich ihr die Wange:

– Sie sind ein gutes Mädchen, Agnes.

– Aber die gnädige Frau darf nicht mehr weinen!

Sie lächelte schon wieder, und als die Sonne fröhlich durchs Fenster hineinschien über die grünende Erde draußen, da ward es auch lichter in ihrer Seele. Je näher sie München kamen, desto heiterer ward ihre Stimmung. Als der Schaffner die Tür aufriß und sie einem alten Gepäckträger mit echt bayerischem, weißem Knebelbart den Gepäckschein übergab, da war ihr in Erinnerungen fast heimatlich zu Sinn.

Auf der Briennerstraße, in einem Hotel garni, mietete sie sich ein. Es war ein ruhiges Haus, wo meist Familien Aufenthalt nahmen. Das Essen wurde auf den Zimmern serviert. Niemand kümmerte sich um den anderen, so daß es für Marias Lage in jeder Beziehung paßte. Sie hatte zwei Zimmer; das von Agnes stieß daran, die nicht einmal über den Flur brauchte, um zu ihr zu gelangen.

Die erste Frage war nach Briefen, aber in ihrer Ungeduld hatte sie übersehen, daß noch keine da sein konnten. Als der Briefträger am nächsten Tage erschien, erwartete sie bestimmt einen Brief von Stassingk, aber es kam keiner. Gräfin Selbotten hatte nur ein paar Zeilen geschrieben. Maria durchflog sie, ob vielleicht der Geliebte darin erwähnt würde, doch sie fand nicht seinen Namen. Den Tag hindurch war sie noch ruhig, weil sie meinte, es könnte irgend etwas dazwischen gekommen sein, so daß er nicht hatte schreiben können. Wie ausgemacht, schickte sie ihm postlagernd einen langen Brief, aus dem kein Vorwurf klang, nur eine leise, bange Traurigkeit. Abends ging sie, um sich zu zerstreuen, in die Oper, auf einen Parkettplatz in möglichst einfachem, unauffälligem Kleide. In Berlin hätte sie nur die Loge besucht; im Parkett gesehen zu werden, wäre ihr peinlich gewesen, wegen der Bekannten, während sie hier aufgefallen wäre allein in der Loge.

Sie kam sich jetzt mit einem Schlage völlig verändert vor, als habe sie einen neuen Menschen angezogen, seit sie Berlin verlassen. Sie sah, daß sie von Herren betrachtet wurde, sie fühlte trotz des versteckten Platzes Operngläser auf sich gerichtet, aber jetzt nahm sie es nicht mehr als selbstverständlich hin, sondern es war ihr fast unangenehm, als müsse sie sich jeder Beobachtung nach Möglichkeit entziehen.

Abends hoffte sie, als sie aus dem Theater zurückgekehrt, einen Brief Stassingk's zu finden – er fehlte wieder. Auch am nächsten Morgen kam nur ein Gruß der kleinen Gräfin und ein paar gleichgültige Zeitungen.

Maria suchte mit zitternder Hand, sie meinte, sein Brief müsse sich irgendwo zwischen die anderen Postsachen geschoben haben – sie fand nichts. Nun zermarterte sie sich den Kopf, was wohl geschehen sein könnte, und ging aufs Postamt, um nachzuforschen. Der Beamte wußte von nichts. Dann warf sie schnell ein paar Zeilen hin mit der Frage, ob er krank sei, und schrieb einen langen Brief, aus dem die Sorge klang, er möchte sie vergessen haben.

Sie blieb zu Hause, den ganzen Tag auf die Vorsaaltür horchend, ob denn keine Nachricht von ihm käme. Dann schrieb sie ihm noch einmal viele Seiten lang, ihm ihr Herz ausschüttend in heißen Worten, wie sie ihn liebte, wie verlassen, wie unglücklich sie sich nun fühlte. Aber den Bogen, auf dem das stand, vernichtete sie wieder, weil sie fürchtete, ihm eine bittere Stunde zu bereiten. Er sollte sie nicht klein und schwachmütig sehen, er sollte wissen, daß sie bereit war, jedes Opfer für ihn zu bringen, nur ein Lebenszeichen mußte er geben, daß sie wenigstens wüßte, ob er gesund war, oder ob ihm etwas zugestoßen.

Maria hielt in ihrer Unruhe diese Verlassenheit nicht mehr aus und telegraphierte an Gräfin Selbotten:

Gräfin Selbotten. Berlin, Viktoriastraße.

Ist er krank? Noch kein Brief von ihm, seitdem hier. Beruhige mich. Tausend Dank für Deine Briefe. Schreibe immer. Sehr einsam. Kuß. Grüße Deinen Mann.

Maria.

Schon ein paar Stunden darauf traf die Antwort ein, daß Graf Selbotten Stassingk aufgesucht, um nach ihm zu sehen. Jener befände sich wohl, ein Brief von ihm sei unterwegs.

Maria war glückselig, er hatte also doch an sie gedacht, und sie machte sich Vorwürfe, daß sie ihm Unrecht getan. Ein dutzendmal las sie das Telegramm, das ihr die Ruhe wiedergegeben. Immer wieder dachte sie an Stassingk. Als sie am Abend zu Bett ging, schwebte ihr sein Bild vor dem Einschlafen, wie immer, vor den Augen. Ihr war es, als schlüge ihr Puls schneller, wenn sie blos an ihn dachte, als habe sie eine Krankheit überfallen, daß sie nicht mehr lassen konnte von ihm.

Als ihr Agnes am anderen Morgen die Postsachen ans Bett brachte, tat sie ganz gleichgültig, aber sobald sich das Mädchen entfernt hatte, fiel sie über die Briefschaften her. Sie suchte und suchte – kein Brief von ihm. Sie verstand es nicht, in dem Telegramm hatte doch gestanden, »unterwegs!« So klingelte sie nach der Jungfer, um gewiß zu sein, daß nicht etwa durch ihre Unachtsamkeit der Brief draußen liegengeblieben wäre.

– Es ist ganz bestimmt nichts anderes abgegeben, gnädige Frau! – antwortete Agnes mit traurigem Ausdruck, als ob sie den Kummer ihrer Herrin verstünde. Langsam ging sie hinaus. Maria aber verlor für einen Augenblick allen Mut und alle Haltung. Sie fühlte sich so niedergeschmettert, daß sie nicht imstande war, auf die übrigen Sachen nur einen Blick zu werfen. Kein Brief! Noch immer kein Brief! Und sie hatte ihm schon fünf oder sechs geschrieben, seitdem sie sich in München befand. Dunkle Röte stieg auf ihre Wangen: sie schämte sich vor sich selbst. Aber sie liebte ihn nun einmal, sie konnte nicht anders, wenn es ihr das Leben gekostet hätte, wenn die ganze Welt zusammengebrochen wäre, sie liebte ihn.

Da warf sie alles von sich, drehte sich herum und versteckte den Kopf in den Kissen. Dann fing sie an zu weinen, wie sie noch nie geweint, seit sie Frau war, daß ihr ganzer Körper zitterte, daß ihre Schultern zuckten und sie laut schluchzte und stöhnte. Krampfartig schüttelte es sie. Sie vergrub sich immer tiefer ins Bett hinein. Als der wilde Sturm ein wenig nachgelassen, blieb sie liegen, ohne sich zu rühren.

Eine halbe Stunde verging: sie regte sich nicht. Sie fühlte sich wie gelähmt, nicht fähig, ein Glied zu regen. Da hörte sie die Uhr schlagen und richtete sich auf. Sie tastete nach den Postsachen, als müsse nun doch ein Brief Stassingks da sein. Dabei fand sie ein Schreiben ihres Rechtsanwaltes, des Justizrates Zenker. Es enthielt einen Brief Herrn da Cazas aus Paris an seine Frau, den der Rechtsanwalt verschlossen empfangen und ihr sandte.

Sie las die in fast spöttischem Tone geschriebenen Zeilen, die ihre Flucht aus Berlin gar nicht recht ernst aufzufassen schienen und, ihr dringend rieten, zurückzukehren, um keinen Skandal hervorzurufen, der ihm »äußerst peinlich« sein würde, und »ohne jeden vernünftigen Zweck«. Herr da Caza betonte, daß er sich nicht bewußt sei, irgendetwas getan zu haben, was ihr ein Recht gäbe, sich von ihm zu trennen. Er werde nicht eine Stunde eher, als beabsichtigt, von Paris zurückkehren, um ihrer Entfernung von Berlin nichts Außergewöhnliches zu geben und ihr die Möglichkeit zu lassen, sich in der Villa wieder einzufinden. Dann würde ihre Abwesenheit einfach als eine kurze Reise nach München hingestellt werden, die, da sie nun einmal aus Oberbayern stamme, für keinen Menschen etwas Besonderes haben könnte.

Damit hatte sie das, was sie wünschte: die Aufforderung, in das eheliche Haus zurückzukehren, der sie nun nicht nachkommen würde. Noch einmal durchflog sie den Brief: sie mußte lächeln über ihres Mannes wiederholt geäußerte Besorgnis, es möchte einen Skandal geben, den er unter allen Umständen vermieden sehen wollte. Darin erkannte sie ihn wieder, der, um seine Stellung nicht geschädigt zu sehen, seine Frau wahrscheinlich wieder aufgenommen haben würde, auch wenn ihr eine tatsächliche Untreue zur Last fiel.

Eine unsägliche Traurigkeit blieb auf ihrer Seele lasten: die Trennungszeit fing erst an, und schon schrieb er nicht. Wieder begann sie daran zu zweifeln, ob er sie richtig liebte. Den ganzen Tag trug sie es mit sich herum ihren nagenden Kummer, das Bleigewicht, das auf ihr lag. Sie wußte nur eines, daß sie ihn lieben mußte, auch wenn er gänzlich erkaltet war und nicht, ein Funken seiner alten Leidenschaft mehr in ihm blieb.

XVII.

Endlich am anderen Morgen erkannte sie seine Handschrift, und schon, ehe sie noch eine Zeile gelesen, verflog ihr Groll, ihr Kummer, ihre Trauer. Stassingks Brief war warm und herzlich. Er entschuldigte sein Säumen mit tausenderlei Verpflichtungen, mit dienstlicher Inanspruchnahme durch seinen Chef im Auswärtigen Amt, mit ein paar Abendgesellschaften, die er hätte besuchen müssen, weil sonst sein Fehlen gerade jetzt aufgefallen wäre. Das klang alles lieb, gut, natürlich, wie er sprach. An seiner Schreibweise war nichts Gezwungenes, er gab sich ganz wie seine Art, wie man ihn kannte, leichtsinnig, fröhlich, immer heiter, naiv.

Er erkundigte sich nach den Verhältnissen in München, ob sie mit ihrer Wohnung zufrieden wäre, ob sie fleißig ins Theater ginge, die Museen besuchte, die Ausstellung im Glaspalast, die der Sezession, kurzum, wie sie sich die Zeit vertriebe. Dann wollte er wissen, ob sie irgend jemand kennen gelernt oder alte Bekannte wiedergefunden. Zuletzt dankte er für ihre Briefe, sprach von dem, was er selbst vorgehabt, und erzählte, wie ihn Graf Selbotten aufgesucht, um ihn an seine Säumigkeit zu erinnern. Er schloß:

– Als Selbotten mich fragte, hatte ich ein scheußlich schlechtes Gewissen, aber ich dachte, Maria weiß, wie lieb ich sie habe, da kann sie mir nicht böse sein. Außerdem hatte ich ja diesen Brief längst fertig und bildete mir ein, er wäre schon unterwegs zu Dir. Du kannst Dir also meinen fürchterlichen Schrecken ausmalen, als ich eben diese meiner Idee nach schon bald in Deinen Händen befindlichen Zeilen in meiner Schreibmappe finde. Es ist wahrhaftig unglaublich. Aber so bin ich mal. Mir ist das schon so und so oft passiert. Da siehst Du also, was Du an mir hast.

Nun aber endlich Schluß. Ich umarme Dich, meine geliebte Maria, und küsse Dich tausendmal. Wenn wir doch nicht getrennt wären, aber es muß sein. Ich habe Dich von Herzen lieb. Noch einen Kuß. In Eile.

Ich sehne mich so nach Dir!

Dein treuer

Ernst.

Maria konnte nicht lassen von den Blättern, die mit Stassingks etwas geziert nach links liegender Schrift bedeckt waren. Eine ganz andere Stimmung war bei ihr eingekehrt. Sofort setzte sie sich an den Schreibtisch und antwortete in einem langen Brief.

Es fiel ihr nicht auf, daß er seine angefangenen Zeilen an sie achtlos in der Schreibmappe hatte liegen lassen, wo sie wahrscheinlich vor dem Auge des Dieners nicht sicher waren. Sie beachtete das Wort »in Eile« nicht, mit dem er den ersten Brief an sie schloß, die seinetwegen ihren Mann verlassen, um seine Frau zu werden. Sie war so glückselig, daß sie nichts sah, als daß er ihr doch geschrieben und daß die Worte der Liebe noch aus seinem Briefe klangen.

Nun konnte sie es im Hause nicht mehr aushalten, sie mußte ins Freie, nur fort, hinaus in die Luft. Sie nahm Agnes mit sich und mietete einen Wagen, um nach Nymphenburg hinauszufahren, dort wollte sie sich im Parke ergehen. Bescheiden setzte sich das Mädchen auf den Vordersitz, doch Maria hieß sie an ihrer Seite Platz nehmen. Daß gab der Kleinen Mut, daß sie sagte:

– Gnädige Frau lachen ja wieder!

– Haben Sie das gern, Agnes?

– Ich mag es nicht sehen, wenn die gnädige Frau weint!

– Warum?

– Weil es schadet.

– Was soll's denn schaden, Agnes?

– Der Schönheit schaden die Tränen, gnädige Frau!

Maria mußte lachen:

– Ach, was tut das!

Doch das Mädchen meinte ernsthaft in fast andächtiger Bewunderung:

– Gnädige Frau sind so schön!

Maria schwieg, im Gedenken an Stassingks Briefe.

– Wenn gnädige Frau nur glücklich werden! sagte Agnes innig. Eine Sekunde stutzte Maria, darauf gab sie aber bestimmt zurück:

– Ich werde schon glücklich werden!

Es war zwischen ihnen nicht weiter davon die Rede. Maria überließ sich ihren Träumen. Auch, als sie im Park spazieren ging, sprach sie nur wenige Worte, denn ihre Gedanken weilten bei Stassingk. Sie freute sich, keine Gesellschafterin genommen zu haben, woran sie zuerst gedacht, denn die würde vielleicht eine Unterhaltung versucht haben, und gerade diese vollkommene Ruhe tat ihr wohl.

Nun, da es dieses Mal so gut gegangen, nahm sie Agnes immer mit. Wenn sie wollte, konnte sie ein paar Worte mit ihr wechseln, wenn es ihr nicht angenehm war, schwieg sie. So verging ein Tag nach dem anderen: fast jeden Tag kam jetzt irgend ein Lebenszeichen von Stassingk, zuerst noch ein paar Briefe, dann auch einmal eine in der Eile hingeworfene Postkarte, die so gehalten war, daß ein Fremder aus dem Inhalte nichts entnehmen konnte. Zuletzt begann er zu telegraphieren. Ein Korso, hatte er geschrieben, wurde geplant, und ihm waren auf Wunsch einer höher gestellten Persönlichkeit diese und jene Anordnungen zugefallen. Er hätte aber nicht ablehnen können, weil der Hof voraussichtlich erscheinen würde.

Maria bangte nur davor, ganz ohne Nachricht zu bleiben, so nahm sie auch die dürftigen Telegramme gern hin, die doch wenigstens ein Zeichen waren, daß er sie nicht vergaß. Sie entschuldigte alles, er hatte viel zu tun, das sah sie ein, denn sie wußte selbst nur zu genau, wieviel Arbeit die Vorbereitung derartiger Veranstaltungen verursachte.

Da blieb plötzlich auch das nun fast gewohnte Telegramm aus. Maria ward unruhig darüber, aber sie fand hundert Entschuldigungen: die Geschäfte hatten sich zu sehr gehäuft, oder er hatte nun wiederum einen Brief geschrieben, der unterwegs war. Doch auch am nächsten Tage fehlte jede Nachricht. Da ergriff Maria die Sorge. Sie schrieb ihm einen liebeglühenden, am Schlusse traurigen Brief, aus dem leiser Vorwurf klang. Der dritte Tag brach an – keine Nachricht. Er verging ohne ein Lebenszeichen.

Marias Unruhe wuchs. Endlich sagte sie zu ihrem Mädchen tonlos und traurig:

– Kein Brief, Agnes!

– Er wird schon kommen, gnädige Frau! – antwortete ihre Jungfer mit einem teilnehmenden Blick, doch sicher und bestimmt, als wisse sie es ganz genau. Aber auch den folgenden Tag wurde er nicht gebracht. Maria rechnete aus, daß der Korso, der Stassingk so sehr beschäftigt, am Tage vorher gewesen war: nun gab es also keine Entschuldigung mehr, jetzt mußte er Zeit gefunden haben, zu schreiben. Und sie ließ es Abend werden, ohne daß sie – zum erstenmal, seitdem sie in München war – die Feder in die Hand genommen, um ihm eine Zeile zu schicken. Wenn er sie vergaß über seine Unterhaltungen, dann brauchte er ihre Briefe nicht zu lesen. Vielleicht fragte er auch nicht einmal danach.

Diesen Abend überfiel sie eine Bitterkeit ohnegleichen. Stassingks Bild trübte sich in ihrer Erinnerung. Sie verstand nicht, was geschehen sein konnte, sie begriff nicht, was ihn eigentlich abhielt, ihr wenigstens zu telegraphieren.

Sie hatte das Bedürfnis, sich jemandem mitzuteilen, und da sie niemanden fand als ihr Mädchen, so sagte sie zu Agnes mit trauriger Stimme:

– Es kommt kein Brief, Agnes! ' Wiederum entgegnete die Jungfer:

– Gnädige Frau, er wird kommen!

Aber dieses Mal klang ihre Antwort nicht so gewiß, und sie schien ihre Herrin mitleidig zu betrachten. Als jedoch am folgenden Tage nur ein Schreiben des Justizrates Zenker erschien und eine Karte von Gräfin Selbotten, da war Maria wie vernichtet. Sie schämte sich vor dem stummen, fragenden, traurigen Blick des Mädchens. Eine grenzenlose Wut und Empörung überfiel sie darüber, wie er an ihr handelte. Sie schalt ihn ehrlos und niedrig, sie zu vergessen, sie malte sich aus, was er wohl trieb, was ihm die Zeit nähme, an sie zu denken. Der Gedanke setzte sich in ihr fest, er müsse ihr untreu sein, er wäre von einer anderen gefangen. Sie glaubte, er könne zur Prinzessin Löwengaard zurückgekehrt sein, der er jetzt den Hof mache. In ohnmächtiger Wut kleidete sie sich an und stürzte fort. Sie mußte hinaus, an die Luft. Sie nahm eine Droschke und befahl, sie in den Englischen Garten zu fahren.

Immer aber, ohne Unterbrechung, fortwährend dachte sie an Stassingk. Sie konnte ja nicht anders, sie liebte ihn doch. Wenn er ihr nie wieder geschrieben hätte: sie liebte ihn einmal. Sie dachte an ihre Triumphe, wie ihr alles den Hof gemacht in Berlin, wie sie gefeiert worden von allen Seiten.

Alle, alle hatten ihr zu Füßen gelegen, alle sie verwöhnt, sie hatte nur ihren Willen gehabt, war verhätschelt, verzogen, bewundert, angebetet worden. Sie dachte an die Tees, Soireen, Bälle zurück, an die Diners bei ihren Bekannten Reih' um, an die Abende in der Villa, wenn die Herren drüben saßen bei Herrn da Caza und spielten, während Stassingk bei ihr blieb. Sie dachte an ihr weißes Boudoir, an den kleinen Salon, wo die Wasser sprangen, rauschten, plätscherten, murmelten, wo der Springbrunnen stieg, die elektrischen Rosen glühten, und es überschlich sie ein Gefühl unendlicher Verlassenheit.

Die Freunde und Bekannten, alle kamen ihr wieder in den Sinn, mit ihren Fehlern und Schwächen, aber die doch jeder Mensch besaß, wohin man auch kam, auf dem ganzen Erdball. Sie wußte, daß sie gemeinsame Interessen verknüpften, daß sie dasselbe dachten und sprachen im großen und ganzen, wie sie. Sie sehnte sich danach, mit einem ihrer Freunde ein Wort zu tauschen.

Schließlich kehrten ihre Gedanken wiederum zu Stassingk zurück. Sie meinte es einfach nicht mehr ertragen zu können, ohne ihn, ohne ein Lebenszeichen von ihm. Sie mußte wissen, was geschah: immer schwebte ihr das Bild der Prinzessin Löwengaard vor der Seele. Sie wollte an Selbottens telegraphieren, doch sie gab den Gedanken auf: sie schämte sich, ihr Leid zu zeigen, sie schämte sich für den Geliebten. Aber sie wußte, daß sie es in diesem Zustande nicht länger aushalten konnte. Sie fühlte, wie ihre Aufregung wuchs von Stunde zu Stunde. Je länger sie darüber sann, desto mehr Vermutungen stiegen in ihr auf, desto mehr Erklärungen suchte sie für sein Schweigen zu finden.

Vielleicht hatte er irgend etwas übel genommen in einem ihrer Briefe, einen ihrer leisen Vorwürfe, oder daß sie sich einsam fühle und verlassen in München! Er war möglicherweise doch krank! Irgend jemand hatte ihn verstimmt gegen sie, obwohl er vollkommen Herr seiner Handlungen war, da er, elternlos, niemandem Rechenschaft zu geben hatte über sein Tun und Lassen. Ihre letzte Vermutung war, ein Unberufener könnte etwa ihre postlagernden Briefe abgeholt haben und er so längere Zeit schon ohne Nachricht von ihr geblieben sein. Daran klammerte sie sich als Hoffnungsanker. Dadurch gewann sie ein wenig ihre Ruhe zurück. Ja, das würde es sein, irgend einen solchen Grund mußte es haben. Die Möglichkeit, ihn weniger schuldig zu denken, erschien ihr wie Balsam und Erlösung. Er mußte ja rein dastehen, er mußte sie noch lieben, denn ihr Opfer konnte doch nicht umsonst gebracht sein. So konnte, konnte er nicht sein.

Denn sie liebte ihn doch, wie er auch gegen sie gehandelt hatte, über alles in der Welt.

Da ging sie sofort zur Post und telegraphierte ihm, aber dieses Mal nicht postlagernd, sondern in seine Wohnung in der Linkstraße. Sie fragte an, ob er ihre Briefe richtig erhalten, ob er krank, ob er ihr zürne, er solle ihr nur irgend eine Nachricht geben, denn sie verginge vor Angst.

Als die Depesche abgegangen, fühlte sie sich erleichtert, als sei ihr ein Stein vom Herzen gefallen. Sie wartete ganz ruhig ein paar Stunden, ohne Unruhe, denn sie sagte sich, daß einige Zeit vergehen müßte, bis sie eine Antwort erhalten könnte. Gegen Abend erzählte sie Agnes von dem Telegramm, nur teilte sie nicht mit, an wen es gerichtet, so daß das Mädchen annahm, Gräfin Selbotten hatte es erhalten, wie das erste.

Maria fragte:

»Müßte nicht jetzt Antwort da sein?«

Agnes bemerkte die Angst ihrer Herrin:

»Frau Gräfin hat das Telegramm vielleicht noch gar nicht bekommen! Frau Gräfin ist vielleicht verreist! Gnädige Frau müssen immer damit rechnen, daß möglicherweise Frau Gräfin noch nicht nach Hause gekommen ist vom Rennen oder so.

Aber daran wollte Maria nicht glauben:

– Nein, nein… nein…

Das Mädchen wußte noch einen Grund:

– Frau Gräfin wollen vielleicht nicht, daß das Telegramm in der Nacht ankommt, damit die gnädige Frau nicht erschrickt.

Maria redete sich ein, das sei möglich. Sie beschloß, den nächsten Morgen abzuwarten. Die Nacht verging ihr in banger Sorge, ob er antworten würde oder nicht. Sie fand keinen Schlaf. Die Lampe ließ sie brennen. Sie nahm ein Buch vor, aber sie wußte nicht, was sie las: ihre Augen irrten über die Zeilen hinweg. Sie wendete wie eine Maschine die Seiten um. Hielt inne von Zeit zu Zeit. Dann versank sie ganz in Brüten. Wenn er nun nicht antwortete, was wurde dann? Sollte sie warten? Sollte sie hierbleiben? Darauf lauern, daß endlich ein Lebenszeichen von ihm käme? Das konnte sie nicht, das hätte sie nicht ausgehalten.

Im Wachen der Nacht stieg unbezwingliche Sehnsucht in ihr auf, ihn wiederzusehen, seine Stimme zu vernehmen, wenn er eindringlich mit ihr sprach, als hätte er nur ihr etwas zu sagen. Sie wollte ihm nur eine Sekunde in seine lieben, blauen Augen blicken, nur einmal von ihm hören, daß er nicht böse sei, daß nichts zwischen sie getreten. In ihrer Herzensnot und Verzweiflung sagte sie sich, daß, wenn er es verlangt hätte, sie selbst in die Villa wieder zurückgekehrt wäre, um alles wieder herzustellen wie früher, nur damit sie ihn von Zeit zu Zeit erblickte und nicht getrennt war, ohne Nachricht von ihm.

Alles war sie bereit, für ihn zu tun, nur in der Ungewißheit wollte sie nicht schweben.

Als am nächsten Morgen kein Telegramm eintraf, sagte sie bestimmt mit unabänderlichem Entschluß zu Agnes, die zuerst wie eine Gebärde des Widerspruchs hatte machen wollen:

– Packen Sie so schnell als möglich. Wir fahren mit dem nächsten Zuge nach Berlin!

XVIII.

Als Stassingk Marias Telegramm bekam, schlug ihm das Gewissen. Seit Tagen hatte er ihr nicht geschrieben, es war wirklich unerhört. Er begriff selbst in diesem Augenblick nicht, daß es so lange her sein sollte, aber sie hatte allerdings recht. Doch: gedacht hatte er ihrer, und unrecht war es von ihr, zu fürchten, er habe sie vergessen, weil er einmal ein paar Tage nicht die Feder in die Hand genommen. Es war so viel vorgewesen, eines hatte geradezu das andere gejagt, daß er nicht dazu gekommen war, trotzdem er sich immerfort vorgenommen, zu schreiben. Er fühlte sich voller Zuversicht, sie würde es einsehen.

Am Abend des Tages setzte er sich hin und schrieb ihr einen ausführlichen Brief, worin er ihr alles auseinandersetzte und sie wegen seiner Säumnis um Entschuldigung bat. Sie war so gut, sie liebte ihn so, daß er wußte, sie würde ihm schon vergeben. Daran zweifelte er nicht. Die Vorbereitung des Korso hatte ihn außerordentlich in Anspruch genommen. Mit dem Feste war seine Tätigkeit nicht zu Ende, sondern die Ordnung und Einziehung, der Beiträge der einzelnen Wagenbesitzer und Reiter, die Prüfung der Rechnungen, die Ablohnung des für diese Veranstaltung eigens geworbenen Personals verursachte eine Menge Arbeit. Sie kostete so viel Zeit, daß Stassingk abends, wenn er fertig gewesen, obwohl er sich jeden Tag wieder von neuem vorgenommen, Maria zu schreiben, den Brief auf den anderen Morgen verschoben hatte. Am anderen Morgen aber begann seine Tätigkeit von neuem, und aus dem Schreiben wurde nichts.

Dazu weilte gerade in dieser Zeit der englische Botschafter an der Pforte, Sir Henry Gilderdale, mit seinen beiden Töchtern auf der Durchreise nach England einige Tage in Berlin. Stassingk hatte in seinem Hause in Konstantinopel viel verkehrt. Nun wurde er vom Botschafter, der ihn gern mochte, mehrmals eingeladen, und es machte dem jungen Diplomaten Spaß, von allen Seiten gefragt zu werden, wer die beiden Schönheiten wären, mit denen man ihn da wieder einmal erblickt.

So kam es, daß sich Stassingk mit seinem Briefe an Maria begnügte und ganz vergaß, außerdem noch zu ihrer Beruhigung zu telegraphieren. Ihm war es, als ob ihr Bild in seinem Gedächtnis ein wenig an Farbe verloren. Die ganze Episode mit ihr, die so jäh zum Ernste geführt, erschien ihm so weit entfernt, als ob sie sich fast gar nicht zugetragen hätte. Das Leben war ihm immer nur im rosigsten Lichte, wie ein Spiel, entgegengetreten. Daß es nun plötzlich einmal anfing, sich für ihn in nüchtern beleuchteter Wirklichkeit zu zeigen, dünkte ihm beinahe unverständlich.

Wenn er sich überlegte, daß er der Ehe zusteuerte, so überrann ihn ein ganz eignes Gefühl, als könne er selbst nicht daran glauben! Daß die ersten Schritte schon getan waren, begriff er kaum. So geschah, was er mit Staunen, an sich selbst fühlte, daß er Marias Abwesenheit, die er zuerst glaubte nicht überwinden zu können, nicht mehr mit Sehnsucht und Trauer empfand. Sein eignes Herz begriff er nicht. Er dachte an sie wie an etwas, das er liebte, dessen er sich gern erinnerte, aber nicht wie an eine, die er sich in heißem Begehren in die Arme gewünscht.

Das empfand er nicht als Unrecht gegen Maria, denn sein Herz blieb ja doch unbeteiligt. Dann aber lag ihm vor allem daran, den Leuten gegenüber unbefangen zu erscheinen, als ob zwischen Maria da Caza und ihm nichts geschehen sei. Er wußte, daß Marias Flucht bekannt geworden. Er sah es an den verständnisinnig lächelnden, nichtssagenden, doch vieldenkenden Gesichtern, denen er überall begegnete. Daß er mit ihrem Verschwinden zusammenhing, wußte man, nur war der Zweifel darüber, wie die beiden zueinander standen. Keiner redete mit Stassingk davon bis auf Selbottens, sogar der Regierungsrat überwand sich und tat gänzlich gleichgültig. Hinter seinem Rücken freilich sprach er nun von ihm nicht mehr anders als vom »Strohwitwer«.

Herrn da Caza hatte Stassingk noch nicht gesehen. Er war seit ein paar Tagen aus Paris zurück. Am Korso hatte er, der sich früher gerühmt, den bestangespannten Wagen in Berlin zu fahren, sich nicht beteiligt. Nicht ein Pferd war aus dem Stalle gezogen an diesem Tage, an dem alles fuhr, was nur irgend konnte, wenn es auch bloß gewesen wäre, um die Equipagen zu betrachten, die vom Korso wiederkamen.

Natürlich durfte nicht darüber gesprochen werden, sondern es gab eine stichhaltige Erklärung, die von den Freunden des Hauses verbreitet ward: Maria da Caza sei auf einige Zeit zu Besuch in Bayern, in ihrer Heimat, und Herr da Caza, der solche Festlichkeiten allein seiner Frau wegen besuche, habe für dieses Mal darauf verzichtet, weil es ihm ohne sie kein Vergnügen mache.

Als Stassingk mit Sir Henry Gilderdale und seinen beiden schönen Töchtern die Potsdamer Straße hinunterschritt, kamen Herr da Caza und Rittmeister Hendrich ihnen entgegen. Einen Augenblick war Stassingk unentschlossen, er wußte nicht recht, was nun erfolgen sollte, doch er hatte nicht mit Herrn da Cazas Korrektheit gerechnet, der kalt, aber höflich den Hut zog, während der Rittmeister die jungen Damen erstaunt betrachtete mit einem Blicke, der zu sagen schien: Nun, alter Flirt, was hast du denn da wieder für eine neue Flirtation aufgegabelt?

– Wer waren die Herren? – fragte die blonde May Gilderdale, die jüngere der Schwestern, eine etwas müde und gelangweilt ausschauende, kalte Schönheit mit reichem Haar, das sie, wie Stassingk behauptete, frisiert trug wie die Prinzessin Lamballe. Er antwortete, als ginge ihn der Name gar nichts an:

– Ein Herr da Caza!

– Der die schöne Frau hat? – meinte der Botschafter. Als der junge Diplomat über seine Wissenschaft erstaunt schien, fügte er hinzu:

– Sie sehen, man erfährt alles. Aber ich will Sie beruhigen: ein Landsmann von mir hat uns gestern abend von der Dame vorgeschwärmt und behauptet, sie wäre die schönste Frau in Berlin!

Die schöne May wandte sich mit etwas kokettem Augenaufschlag zu Stassingk und blickte ihn eine Weile an, ohne zu sprechen, wie sie es schon früh immer in Konstantinopel getan. Dann fragte sie, als sie gerade an den Potsdamer Platz kamen:

– Finden Sie das auch?

In diesem Augenblick – sah er recht, oder täuschte ihm seine Phantasie etwas vor – tauchte plötzlich Maria vor ihm auf. Sie saß in einer Droschke, die eben, von der Königgrätzer Straße kommend, ein paar Schritte von ihnen in die Bellevuestraße einbog. »Da ist sie«, lag es ihm auf der Zunge, zu rufen. Er war so erstaunt und erschrocken, daß er erst antworten konnte, als das junge Mädchen ein zweites Mal fragte. Sie blickte ihn dabei so eigen an mit ihren großen Rehaugen, langbewimpert, immer wie feucht übergehend, daß er nicht den Mut fand, zu gestehen, eine andere sei die Schönste in Berlin. Er sagte sofort, ohne es sich weiter zu überlegen:

– Früher war sie die Schönste!

Die Gilderdales hatten die leitende Hand der Mutter entbehren müssen und waren, da den Vater meist Dienstgeschäfte abhielten, ein wenig, wie ihre Landsleute es nannten, »fast ladies« geworden. May blickte Stassingk wieder an mit ihrem koketten, nachlässigen, müden, feuchten Blick, daß man das Weiße des Auges blenden sah, mit der Frage in ihrem nur leicht akzent-gefärbten Deutsch:

– Und jetzt?

Er konnte nicht anders und erwiderte schnell, indem er Mays Blick zurückgab:

– Jetzt nicht mehr!

Sie lächelte, schloß zu einem Viertel die Augen, öffnete leicht die Lippen und schritt weiter neben ihm hin in ihrem wiegend nachlässigen Gang, als ob ihr alles langweilig wäre außer dem an ihrer Seite, der sie schön fand.

Stassingk überlegte sich erst jetzt so recht, was er gesagt. Er hatte in brennender Scham das Gefühl, als habe er Maria verleugnet und verraten. Vergeblich suchte er sich vor sich selbst damit zu entschuldigen, daß sie nicht mitzählen könne, weil sie ja nicht mehr in Berlin sei, sondern nun in München. Doch sie war ja wieder in Berlin. Eben hatte er sie gesehen, nur vorbeihuschen im Wagengewirr, ohne daß sie seiner gewahr geworden, aber es gab gar keinen Zweifel, sie war es gewesen. Er verstand nicht, was sie hier wollte? Hatte sie seinen Brief nicht bekommen? Er sann nach und berechnete die Zeit: nein, freilich, wenn sie abgereist war, hatte sie ihn, nicht erhalten, denn er würde gerade jetzt in München eintreffen.

Stassingks erster Gedanke war, zu Selbottens zu eilen, um von Maria zu hören, doch er wußte nicht, was er Gilderdales sagen sollte, denen er versprochen, sie zu führen. Warum mußte sie auch gerade jetzt kommen, wo Sir Henry nur noch ein paar Stunden bis zum Abend blieb! Er ärgerte sich ein wenig über sie. Der Botschafter lud ihn zum Diner im Hotel Bristol ein, zu dem, da Gilderdales kurz nachher abreisten, außer dem jungen Diplomaten nur noch der erste Sekretär der englischen Botschaft mit Frau gebeten worden. Stassingk nahm an.

Maria hatte ihn ja nicht gesehen und in wenigen Stunden waren seine Freunde aus Konstantinopel davon. Dann konnte er sich ihr ganz widmen.

Aber Maria hatte ihn gesehen. Sie hatte die Blicke, die ganze Art der jungen, schönen Engländerin in ein paar Sekunden erfaßt. Mit einem Schlage empfand sie jenes Mädchen als Grund, warum er nicht geschrieben.

Sofort wandte sie sich ab. Sie fühlte sich zu stolz, um einen Gruß zu empfangen, der mit Verlegenheit an der Seite einer anderen gegeben ward. In Angst und Besorgnis hatte sie die Fahrt nach Berlin zurückgelegt, aber immer in der festen Erwartung, durch irgend ein Versehen, durch einen törichten Zufall, einen Irrtum alles aufgeklärt zu finden. Nun schien ihr jede Hoffnung verloren: er hatte sich also dennoch von ihr abgewendet. Ihr dünkte, es wäre nun alles vorüber, als ob ihr Herz einen Stoß bekommen, von dem es sich nie wieder aufrichten könnte. Ihr ganzer Besuch, in Berlin erschien ihr zwecklos, sie wollte wieder zum Bahnhof fahren, mit dem nächsten Zuge nach München zurückzukehren, aber sie fand nicht den Entschluß, sich loszureißen. Sie fürchtete sich vor der Einsamkeit.

Lieber jetzt einen Bruch, ein Ende. Sie wollte ihm schreiben, daß es aus sein sollte zwischen ihnen, daß sie ihm ihr Wort zurückgäbe. Dann gab es die Qual der Unsicherheit nicht mehr. Dann wußte sie, ihr Glück war vernichtet, ihr Leben zerstört, sie wußte, daß es aus war ein für allemal, daß nichts mehr imstande war, ihr seine Liebe wiederzugeben. Wie sie das ertragen würde, begriff sie noch nicht, aber es war tausendmal leichter als dieser Jammer des Hin und Her, dieses Besitzen, ohne daß sie recht wußte, ob sie wirklich besaß.

Sie fuhr sofort zu Selbottens, dort wollte sie ihm gleich den Brief schreiben. Sie hatte ihre Ankunft nicht angezeigt, keiner ahnte etwas davon, so traf sie niemanden zu Hause.

– Wann kommt Frau Gräfin zurück? – fragte sie den Burschen.

– Jeden Augenblick müssen die Herrschaften da sein, Frau Gräfin ist an die Kriegsakademie gegangen, um Herrn Graf abzuholen.

– Gut, dann werde ich warten.

Maria wurde in den Salon geführt, wo sie Stassingk bei der kleinen Freundin kennen gelernt hatte. Die Koffer und Sachen waren vorderhand auf dem Bahnhof geblieben.

Als sie allein im Zimmer saß und Minute auf Minute verrann, ohne daß Selbottens heimkehrten, empfand sie immer stärker ihre Verlassenheit. Aber auch ihr Entschluß, Stassingk abzuschreiben, wurde wankender mit jedem Augenblick. Sie meinte dieses Schrittes doch nicht fähig zu sein. Wenn sie sich ganz von ihm trennen sollte, so würde sie es nicht überleben, glaubte sie. Einer anderen konnte sie ihn nicht lassen, das ging über ihre Kraft. Wenn er ihr sogar nur halb gehörte, so gab es doch immer noch einen Hoffnungsschimmer für sie.

Marias Unruhe stieg, die Rückkehr der Freunde verzögerte sich immer mehr. Als sie auf die Uhr sah, bemerkte sie, daß sie nun schon eine halbe Stunde ihren Gedanken überlassen hier saß. Da raffte, sie sich auf. Sie hielt es nicht mehr aus, ruhig zu sitzen, und sie hinterließ für die kleine Gräfin, sie würde bald wieder zurück sein. Ohne sich darüber klar zu werden, was sie tat, lief sie die Viktoriastraße hinab, ging am Kanal entlang in die Linkstraße einzubiegen. Sie wollte wenigstens seine Fenster sehen.

Langsam schritt sie vorüber an dem Parterre, in das man keinen Blick tun konnte, weil dichte Stores dem Auge den Einblick verschlossen. Sie lugte, als ein kleines Mädchen mit einem Korbe die Tür öffnete, im Vorüberschreiten in den Flur des Hauses hinein. Noch einmal wandte sie sich zurück, in der stillen Hoffnung, er könnte etwa nach Hause zurückgekehrt sein und sie vom Fenster aus erblicken, dann wäre er ihr vielleicht nachgegangen zu Selbottens.

Als sie die Augen nach der Wohnung Stassingks wandte, bemerkte sie nicht, daß hinter ihr auf der Straße die bescheidene, unscheinbare Frau von Lindstedt vorüberfuhr, die sich neugierig nach ihr umsah.

Maria kehrte zu Selbottens zurück. Die kleine Freundin kam ihr schon auf der Treppe entgegen. Erschrocken rief sie:

– Um Gottes willen, Maria, Du bist wieder hier?

– Warum nicht? –

– Weil Du Dir so alles verdirbst!

– Was soll ich mir noch verderben!

– Alles, Euere Zukunft!

Maria schüttelte traurig den Kopf und trat ruhig mit der Freundin in den Salon, wo ihr Graf Selbotten entgegenkam, ihr langsam die Hand küßte mit den bekümmerten Worten:

– Gnädige Frau, das hätten Sie nicht tun sollen!

Die Vorwürfe brachten Maria in Erregung, der Kummer der letzten Zeit, die Müdigkeit von der langen Eisenbahnfahrt, Abspannung, Aerger, die Aufregung über Stassingk: alles wirkte zusammen, daß sie anfing zu zittern und in einem Weinkrampf zusammenbrach. Ihr Körper zuckte und bebte, sie schluchzte laut und war taub für alles Zureden der kleinen Gräfin. Als sie nach langer Zeit etwas ruhiger geworden, blieb sie doch immer noch teilnahmlos am Fenster stehen, hinausstarrend, ohne eine Antwort zu geben. Erst ganz allmählich fing sie an zu erzählen, wie es in München gewesen, daß er nicht geschrieben, auch nicht geantwortet hätte auf ihr Telegramm, dah sie es nicht mehr ausgehalten und gekommen wäre.

Jetzt erst konnten Selbottens mit ihr reden.

– Was soll nun werden? – fragte Graf Selbotten, seine fröhliche Laune beiseite lassend, ganz ernst. Maria hatte sich wiedergefunden, sie war wieder die alte Maria da Caza, sicher, bestimmt, in ihrer geraden, königlichen Haltung, in aller ihrer großen, strengen Schönheit, so daß sie ein anderer Mensch zu sein schien als die gebrochene, nervöse Frau, die sich vor kurzem noch in Schmerzensstürmen und Krämpfen geschüttelt.

– Ich bleibe hier! – entgegnete sie bestimmt, und ebenso bestimmt erwiderte der Offizier:

– Das dürfen Sie nicht!

– Warum nicht?

– Weil Sie sich dadurch alles verderben!

– Ich habe nichts zu verderben!

– Doch, Ihren Ruf!

Sie schwieg und ließ Graf Selbotten weiterreden, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen:

– Was Sie in Ihre neue Ehe mitbringen werden, das ist Ihr Ruf. Ueber eine geschiedene Frau wird aber immer mehr gesprochen als wahr ist und als notwendig ist. Also sind Sie verpflichtet, alles zu tun, um kein Unrecht auf Ihrer Seite zu begehen. Ich bitte Sie in Ihrem eigenen Interesse, morgen früh nach München zurückzufahren. Meine Frau wird Sie begleiten, in ein paar Tagen wäre sie ja ohnedies zu Ihnen gekommen! Die Nacht aber bleiben Sie bei uns. Man soll nicht Ihren Namen erst noch, als im Hotel angekommen, in allen Blättern lesen!

Er hatte mit einer Sicherheit gesprochen, als dulde er keinen Widerspruch, aber Maria erwiderte leise, den Kopf schüttelnd, mit einem Ausdruck unendlicher Trauer in den großen, dunkeln Augen:

– So kann ich nicht fort, Graf Selbotten!

– Weshalb können Sie nicht fort?

– Ohne ihn gesprochen zu haben.

Er zögerte eine Sekunde nur, dann gab er es nickend zu und schritt schnell davon mit den Worten:

Ich werde ihn holen, gnädige Frau!

Graf Selbotten ging in Stassingks Wohnung. Er war nicht zu Hause, er äße im Hotel Bristol mit einem Herrn aus Konstantinopel. Nun eilte er nach den Linden und ließ den jungen Diplomaten durch einen Kellner aus dem Speisesaal herausrufen mit der Begründung, es sei etwas sehr Wichtiges.

Stassingk erschien lächelnd und heiterster Laune in aller seiner leichtsinnigen Ungebundenheit, mit seinem leise wiegenden Gang auf den Freund zuschreitend:

– Nun, alter Kerl, wo brennt's denn?

Graf Selbotten legte sein Gesicht in ernste Falten:

– Frau da Caza ist da!

Stassingk entfärbte sich. Das Diner war vortrefflich, der Wein gut, Sir Henry erzählte allerhand komische Geschichten aus Stambul in seiner trockenen Manier, May kokettierte mehr denn je, und Stassingk war Feuer und Flamme für sie. Es flirtete sich so schön mit dem jungen Mädchen. Ihr halb geöffneter Mund redete eine beredte Sprache. Er ärgerte sich über die Störung. Er wußte ja, daß Maria da war, aber jetzt wollte er noch nichts davon hören, später, wenn Gilderdales abgereist, war es etwas ganz anderes. Darum antwortete er gereizt:

– So ein Unsinn! Was kommt sie denn hier an? Sie weiß doch, daß wir uns nicht sehen dürfen!

– Aber sie ist da! - antwortete Graf Selbotten scharf.

– Nun ja! Was kann ich dafür? Ich habe es nicht gewollt!

– Aber Du bist daran schuld!

– Ich?

– Ja, Du, denn Du hast ihr nicht geantwortet!

– Ich habe geantwortet. Geschrieben sogar.

Stassingks gute Laune war verflogen. Maria da Cazas Bild hatte in seinem Gedächtnis an Farbe verloren, May Gilderdale beherrschte ihn ganz mit ihrer lachenden Schönheit. Sie war in dem halben Jahre, seit er sie nicht gesehen, erst zur Reife gekommen. Er mußte die kurze Zeit bis zu ihrer Abreise noch einmal ihre Schönheit genießen, schwatzen, kokettieren, den Hof machen und flirten. Dann kam ja doch die Ehe! Er tat ja auch kein Unrecht an Maria, denn er liebte die May nicht, nur ein Strohfeuer war entzündet, das vierundzwanzig Stunden brannte. Dann erlosch es wieder unh Maria da Caza trat von neuem in ihr Recht.

– Kommst Du mit? – fragte Selbotten, doch Stassingk antwortete sofort entschlossen:

– Ich kann nicht! Das sind alte Bekannte von mir aus Konstantinopel. Der englische Botschafter, der ist mit mir wie irgend ein guter Kamerad, und dann sind Damen dabei! Da kann ich doch nicht einfach so fortlaufen, Selbotten. Das mußt Du doch auch einsehen!

– Wer sind die Damen?

– Die Töchter vom Botschafter.

Graf Selbotten blickte ihn fragend an:

– Und … Stassingk, wegen dieser Damen hast Du für Maria keine Zeit?

Da ereiferte sich der junge Diplomat. Seine lächelnde Leichtlebigkeit verließ ihn einen Augenblick. Er kämpfte mit sich, denn er wollte nicht herzlos erscheinen, aber daß er gezwungen sein sollte, seine Freunde in dieser Sekunde zu verlassen, weil Maria es befahl, weil sie plötzlich aus heiterem Himmel in Berlin wiedererschienen, das sah er nicht ein. Er nahm den Freund beim Arm und erklärte ihm flüsternd, sein Gastgeber habe ihn so ausgezeichnet, so liebenswürdig behandelt, daß er einfach eine grobe Taktlosigkeit begehen würde, wenn er nicht bis zum Abgang des Zuges hierbliebe!

– Wann geht der Zug? – fragte Graf Selbotten, der sich Stassingks Gründen nicht ganz verschließen konnte.

– Elf Uhr dreißig Minuten.

– Dann bist Du erst frei?

– Ja. Aber dann komme ich sofort zu Euch.

– Das ist zu spät. Das will ich nicht. Dann sieht Dich jemand, erfährt, daß sie bei uns war. Nein, dann verderbt Ihr wieder alles. Wir halten gewiß zu Euch beiden, aber das will ich nicht. Dem setze ich mein Haus und meine Frau nicht aus! Halb Zwölf ist zu spät. Also wann kommst Du?

Stassingk war im Aerger leicht errötet. Nun sagte er erregt:

– Tut mir leid, vorher kann ich nicht.

Graf Selbotten erwiderte verstimmt im selben Ton:

– Nachher kann ich nicht.

Da öffnete sich die Tür vom Speisesaal, und Selbotten bemerkte, wie sich ein blonder Mädchenkopf zur Seite neigte und versuchte, Stassingk zu sehen. Zugleich trat der Oberkellner heran:

– Die Herrschaften lassen bitten, zu kommen. Herr Graf möchte doch den Herrn mitbringen, hat das gnädige Fräulein gesagt.

Stassingk stand wie auf Kohlen, und als der Freund ihm drohend sagte:

– Morgen ist's zu spät! – hatte er als Antwort nur ein wütendes:

– Dann kann ich's eben nicht ändern! Meine Freunde warten …

Er wollte gehen, mäßigte sich noch rechtzeitig ein wenig und setzte hinzu, etwas beschämt über sich selbst, schon wieder der alte Stassingk werdend:

– Kommst Du mit herein?

Doch als Graf Selbotten schroff antwortete:

– Nein, Frau da Caza wartet auf mich! – da gelang es ihm doch nicht, seines Trotzes Herr zu werden: er reichte dem Freunde zum Abschiede nur kurz die Hand und verschwand im Speisesaal.

Diesen Ausgang hatte Graf Selbotten nicht erwartet. Wie betäubt ging er nach Hause. Vielleicht hatte er seine Sendung nicht diplomatisch genug angefaßt. Aber er rechnete damit, daß Stassingk zwar nachlässig mit Briefschreiben gewesen, doch Maria da Caza noch liebte wie sonst, denn noch vor ein paar Tagen beim Korso hatte er ihm, auf die Wagen deutend, gesagt:

– Ich habe sie alle gemustert, unsere süßen, kleinen Damen, sie sind ja lieb und nett und reizend, aber mir ist's, als fehlte eine wirkliche Schönheit! Die gibt's eben nur einmal: Maria da Caza!

Als nun Maria fragte:

– Kommt er?, und Erwartung und Glück, ihn zu sehen, aus ihren Augen leuchtete, da wußte Graf Selbotten nicht, wie er es ihr sagen sollte. Sie hing an seinen Lippen. Ein kleines Zögern genügte ihr schon, die Wahrheit zu ahnen. Bestimmt, ergeben aber mit unendlicher Bitterkeit sprach sie:

– Also er kommt nicht!

Es klang so traurig, daß Graf Selbotten seine Frau ansah, ihr einen Wink zu geben, sie sollte Maria trösten. Die kleine Freundin lehnte sich schmeichelnd an sie an:

– Er wird Dienst haben! Er wirb nicht können! Maria! Sicher; er hat Dienst. Irgend was im Auswärtigen Amt.

– Hat er Dienst?«, fragte Maria scharf. Dabei richtete sie ihr Auge so durchdringend auf den Grafen, daß er die Wahrheit sagen mußte:

– Nein!

Nun wußte sie auch, ohne nur ein Wort zu fragen, was es war. Aller Trost, dass er hatte morgen komen wollen, daß er bestimmt erscheinen würde, daß es vielleicht besser und richtiger wäre, er käme nicht, um doch jedes Gerede der Menschen von vornherein gegenstandslos zu machen, alles nützte nichts. Sie schüttelte nur immerfort traurig den Kopf, indem sie ein Mal nach dem anderen wiederholte:

– Er kommt nicht!

Als ihr dann die kleine Freundin zureden wollte, schüttete sie ihr das Herz aus, ganz gefaßt, nur mit grenzenlosem Weh in der Stimme, zitternden Tones, aber wie ergeben in etwas Unüberwindliches, Unabwendbares:

– Er kann nichts dafür, er kann nicht gegen seine Natur. Ihm ist eine stete Liebe nicht gegeben. Es ist doch immer mit ihm so gewesen, ich habe es nur nicht geglaubt, weil ich es nicht glauben wollte. Aber in Stockholm war es wie in Washington, wie in Madrid und Konstantinopel. In Berlin ist's auch nicht anders gewesen, denn die Prinzessin, die arme, gute, kleine, dicke Prinzeß, die habe ich doch verdrängt, weißt Du nicht? Soll ich mich nun wundern, wenn es mir ebenso geschieht? Tue ich nicht dasselbe mit meinem Mann? Verlasse ich den nicht auch? Der ist immer zuvorkommend gegen mich gewesen und hat jede Rücksicht gebraucht gegen mich, wenn wir uns eben auch nicht mehr lieben konnten. Hart ist er nie gegen mich gewesen. Undankbar auch nicht, denn er wußte, was ich ihm galt. Nun bin ich die Undankbare. Denn ich bin doch auch glücklich gewesen in der Villa. In der alten, lieben Villa dort drüben. Nun verlasse ich ihn. Da darf ich nicht böse sein, wenn mir auch Bitteres geschieht.

Dann aber, als sie sich trennten, um zur Ruhe zu gehen, und die Freundin sie noch zu ihrem Zimmer geleitet, fiel, wie die beiden allein waren, Maria plötzlich der kleinen Gräfin um den Hals und gestand ihr in wilden, glühenden Worten:

– Aber ich liebe ihn! Ich liebe ihn doch! Ich kann ja nicht anders! Das ist ja mein Elend, ich kann, kann ja nicht anders, ich muß ihn lieben! Ehrlich ist er, sein Wort wird er halten, mag er jetzt tun, was er will. Wenn ich einmal seine Frau sein werde, dann wird er erst sehen, wie ich ihn liebe, und dann kehrt er wieder zu mir zurück.

Maria nahm Stassingks Bild aus ihrer kleinen Handtasche und betrachtete es lange, indem neue Hoffnung ihr das Herz schwellen ließ. Nachdem sie es geküßt, stellte sie es sich ans Bett, immer noch in der stillen Ahnung, er würde, wie bei ihrer ersten Abreise von Berlin, am anderen Tage auf dem Anhalter Bahnhofe sein.

Dann wäre alles vergeben und vergessen gewesen.

Aber am nächsten Morgen war Graf Selbotten der einzige, der ihnen das Geleit gab. Vom Bahnhof aus mußte er dann geradewegs zu seinem Dienst in die Kriegsakademie.

Die kleine Gräfin weinte doch ein wenig, als sie Abschied nahm von ihrem Mann. Auch ihm waren die Tränen nahe, denn die kleine Tochter ging natürlich mit, und nun blieb nichts mehr bei ihm im Hause als der Bursche mit den Pferden.

– Ich danke Ihnen tausendmal, daß Sie sie jetzt schon mitlassen! – sagte Maria, indem sie Graf Selbotten, als sich der Zug in Bewegung setzte, die Hand hinstreckte, die er an die Lippen zog.

– Haben Sie Mut! Es wird alles wieder werden! Ich gehe heute zu ihm! – tröstete er noch, dann gab er schnell seiner Frau einen Kuß und sprang vom Trittbrett, da der Schaffner in bestimmtem Tone darum bat.

Die Damen winkten mit den Tüchern, er mit dem Handschuh. Maria spähte noch einmal nach Stassingk aus, dann verließ der Zug die Halle. Und wieder glitten die Hinterfronten der großen Häuserviertel vorüber, der Kanal mit dem Frühgeschäftsleben der Großstadt, dann das Tempelhofer Feld, die Vororte. Nun kamen Aecker, Wiesen, Sandfelder, Heide, Wald und Bruch der Mark. Immer weiter lag Berlin hinter ihnen.

Es wurde kein Wort gesprochen, nur das Kind gab Laute von sich und blickte, auf dem Arm des Kindermädchens, neben der Agnes saß, erstaunt zum Fenster.

Die beiden jungen Frauen befanden sich einander gegenüber, beide bewegt vom Abschied, beide ihren Gedanken überlassen. Sie sprachen lange Zeit hindurch kein Wort. Maria dachte daran, wie sie vor ein paar Wochen das erste Mal Berlin verlassen, und wie sie heute wiederum der Stadt entfloh, wo er weilte, wo ihr Glück blieb.

Sie neigte sich zu Gräfin Selbotten und sagte leise mit ängstlicher Bitte:

– Nicht wahr, aber Du bleibst mir treu!

Da küßte die kleine Freundin sie, traurig lächelnd, auf die Wange.

XIX.

Herr da Caza hatte eine unruhige Nacht gehabt. Am Abend vorher war er mit dem ganzen Kreise bei Lindstedts gewesen. Nur Selbottens, die mit dem Regierungsrat nicht übereinstimmten, fehlten, wie sie sich überhaupt seit Marias Abreise fern hielten, da sie, wie man wußte, für sie Partei ergriffen. Der Regierungsrat hatte Herrn da Caza beiseite genommen und ihm gesagt:

– Hören Sie mal, lieber Caza, ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß Ihre Gattin wieder hier gewesen ist, vor einer Stunde hat meine Frau sie in der Linkstraße aus einem bestimmten Hause kommen sehen. Und was meine Frau – die ja natürlich weiter keinen Gebrauch davon macht – gesehen hat, na, das können ja tausend andere auch gesehen haben. Sie müssen nicht böse sein, lieber Caza: Sie wissen ja, wie sehr ich Ihre Gattin verehre, aber … nicht wahr?

Darauf hatte Herr da Caza, der sich niemals ereiferte, nur kurz geantwortet:

– Gut. Danke. Ich werde meine Maßregeln treffen!

Nun war ihm die Sache die ganze Nacht im Kopf herumgegangen. Er verstand Maria nicht, er glaubte nicht an das, was ihm der Regierungsrat gesagt. Frau von Lindstedt mußte sich geirrt haben! Im ganzen würde er der Nachricht wenig Gewicht beigemessen haben, wenn sie nicht gerade von Lindstedts ausgegangen wäre. Denn nun wußte er genau, daß die Ereignisse in seiner Ehe in Gestalt eines Witzwortes bald das Tiergartenviertel erheitern würden. Zum Gespött wollte er sich jedoch nicht machen. Aus Rücksicht auf seine gesellschaftliche Stellung hatte er bisher die Sache vertuschen wollen, bis Maria zur Vernunft gekommen wäre. Jetzt aber galt es nicht mehr, einen Skandal vermeiden. Wenn er seine gesellschaftliche Stellung bewahren wollte, mußte er nun im Gegenteil Notiz von der Sache nehmen und sofort allen Weiterungen ein Ende machen. Gerade jetzt wäre ihm jeder Zweifel an seiner Person besonders unangenehm gewesen. Er arbeitete eben daran, das Ballspiel zu Pferde, Polo, das in dem Highlife der europäischen Großstädte eine Rolle zu spielen begann, auch in Berlin einzuführen. Einen Poloklub wollte er gründen, der ihm ein erneutes Relief verliehen hätte.

So war er entschlossen, gleichviel, ob das Gerücht auf Wahrheit beruhte oder nicht, augenblicklich Stassingk zu fordern.

Er telephonierte sofort nach Karlshorst, daß er heute nicht zur Morgenarbeit der Pferde erscheinen könne, und fuhr zu Rittmeister Hendrich, um ihn zu bitten, sein Sekundant zu sein. Als zweiten Sekundanten wollte er zuerst Mister Easby wählen, doch er besann sich, daß ein Offizier am Ende geeigneter wäre. Es schmeichelte ihm, sich durch zwei Offiziere vertreten zu sehen, und er bat Leutnant von Remer um die Gefälligkeit.

Beide Herren waren zu Hause, nahmen augenblicklich die Sache in die Hand und fanden sich schon vor halb neun Uhr in Stassingks Wohnung ein.

Der junge Diplomat hatte seine Schroffheit im Bristol bereut, und nun, wo May Gilderdale nicht mehr ihren neuen Zauber auf ihn übte, verblaßte allmählich ihr Bild, und er schämte sich über sein Benehmen gegen Selbotten und Maria. Ihre Schönheit stand wieder vor seinen Augen. Trotz allem und allem wurde sie ja seine Frau. Er beschloß, auf den Bahnhof zu gehen, um ihr ein paar Blumen zu bringen und ihr zu sagen, daß er sie doch noch liebe und sie ihm verzeihen möge. Er wußte ja, sie fuhr heute früh mit dem Schnellzuge nach München zurück.

Als er eben das Haus verlassen wollte, kamen die Sekundanten Herrn da Cazas. Nichtwissend, was sie zu ihm führte, wollte er ihnen freundlich Guten Morgen sagen, als er die ernste Miene bemerkte, mit der sie grüßten.

– Wir möchten Sie einen Augenblick sprechen! – sagte Rittmeister Hendrich. Nun ahnte Stassingk, was geschehen sollte. Er trat in den Hausflur zurück an seine Tür, die er mit dem Drücker öffnete:

– Bitte, sehr gern!

Als sie in seinem Zimmer standen, nahmen sie nicht Platz, sondern Rittmeister Hendrich erklärte sofort etwas zurückhaltend, aber sehr artig:

– Ich habe die Pflicht zu erledigen, Ihnen eine Forderung von Herrn da Caza zu überbringen, wegen einer Angelegenheit, die eine ihm nahestehende Dame betrifft. Der Name ist Ihnen beiden bekannt, soll jedoch auf seine Bitte, falls Sie damit einverstanden sind, nicht genannt werden.

Stassingks Züge nahmen einen ernsten Ausdruck an. Er machte eine stumme Verbeugung. Der Rittmeister fuhr fort:

– Darf ich um Ihre Antwort bitten?

– Ich werde Ihnen meine Sekundanten schicken, sobald ich weiß, welche Herren die Freundlichkeit haben wollen, mir zur Seite zu stehen. Ich hoffe, sie können bis zwölf Uhr in Ihrer Wohnung eintreffen.

Darauf machte Rittmeister Hendrich und Leutnant von Remer eine stumme Verbeugung, die Stassingk ebenso erwiderte.

Als sie verschwunden waren, atmete Stassingk tief auf und warf die Maria zugedachten Blumen auf den Schreibtisch, der dicht mit Photographien bestellt war, so daß zum Schreiben kaum Platz blieb. Es waren lauter Damenbilder; mit Unterschrift und Widmung die meisten. Vorn an stand ein kleines von Maria da Caza, das einzige, das er besaß. Daneben lag eine Photographie von May Gilderdale, die er erst gestern abend erhalten.

Er sann nach: jäh war der Ernst des Lebens an ihn herangetreten; mit dem losen Schmetterlingsdasein war es plötzlich vorbei, binnen achtundvierzig Stunden stand er vor der Mündung einer Pistole und die Entscheidung war da, vielleicht das Spiel aus für immer. Er erinnerte sich plötzlich, daß einmal bei Cazas, bei Tisch, von Kunstschützen gesprochen war und jemand behauptete, Herr da Caza, der sich trotz seines einen Auges oft in Monte Carlo und Spaa beim Taubenschiessen erste Preise geholt, habe eine so sichere Hand, daß er mit öer Pistole auf dreißig Schritt die Flamme einer brennenden Kerze ausschießen könne.

Da kam es Stassingk ganz eigen an, diese Erinnerung ärgerte ihn. Er dachte an Maria: sollte Herr da Caza sich plötzlich zu diesem Schritte entschlossen haben, weil er sie hier gesehen? Aber er ward nicht bitter gegen sie. An die Möglichkeit, daß dies einmal kommen könnte, hatte er doch immer gedacht. Nun mußte er seine Sache ausfechten.

Er stand auf und ging zur Kriegsakademie, um Graf Selbotten als seinen ältesten Freund zu bitten, sein Sekundant zu sein. Er traf ihn im Treppenhaus, wie er sich eben anschicken wollte, in den Hörsaal zu gehen:

– Ich muß Dich einen Augenblick sprechen!

– Sie ist eben fort! – antwortete Selbotten kalt, und Stassingk zog ihn in eine Ecke:

– Es tut mir sehr leid, was ich gestern getan habe, aber es ist nun mal geschehen, und nun ist etwas Neues eingetreten. Herr da Caza hat mich vor einer Viertelstunde gefordert, sonst wäre ich noch auf den Bahnhof gekommen!

– Caza?

– Ja. Und ich habe eine Bitte: Willst Du mein Sekundant sein?

Graf Selbotten zögerte einen Augenblick, aber er konnte es dem Freunde nicht abschlagen:

– Sehr gern.

– Ich danke Dir.

– Und wen wählst Du noch?

– Einen Kollegen aus dem Auswärtigen Amt, denke ich. Einen Herrn von Kreuth.

Sofort machte sich Graf Selbotten vom Dienste frei, dann fuhren die beiden zum zweiten Sekundanten, einem langen, hageren Mann mit kleinem Schnurrbärtchen und der rechten Backe voll Schmissen, der sich augenblicklich zu seinem Ehrenamte bereit erklärte. Darauf kehrten die drei in Stassingks Wohnung zurück. Unterwegs war nicht von der Forderung gesprochen worden.

Sie setzten sich, steckten sich eine Zigarette an, und Graf Selbotten bat um Instruktion für ihr Verhalten. Darauf erklärte Stassingk, äußerlich ruhig, doch mit starker Erregung:

– Also, meine Herren, ganz kurz: die Forderung geht von Herrn da Caza aus, dessen Sekundanten Rittmeister Hendrich und Leutnant von Remer sind. Herr da Caza ist der Beleidigte. Es handelt sich um eine Dame, deren Namen er nicht genannt zu hören wünscht, womit ich einverstanden bin. Der Grund ist Herrn da Caza wie mir bekannt, und wie ich Ihnen auf mein Wort versichern muß, derart, daß er einer Beleidigung stärkster Art, sagen wir einem Schlage gleich zu achten ist. Sie können also ruhig Ihr Amt übernehmen.

Er blies den Rauch seiner Zigarette heftig von sich. Herr von Kreuth klemmte sich auf die Nase einen Kneifer, den er in die oberste Westentasche eingehakt zu tragen pflegte. Dann fragte er:

– Sie geben also damit Herrn da Caza Wahl der Waffen, Art des Duells und Distanz preis?

Graf Selbotten sprach:

– Du wirst uns aber wohl erlauben, die Sache so günstig für Dich zu machen, als es möglich ist! Das ist unsere Pflicht. Bist Du damit einverstanden? Sonst kann ich wenigstens, und Herr von Kreuth wird wohl meiner Ansicht sein, die Verantwortung nicht übernehmen!

Herr von Kreuth pflichtete ihm bei. Stassingk erklärte sich nach kurzem Zögern einverstanden.

Ehe sich die beiden Sekundanten entfernten, um die Sekundanten des Gegners aufzusuchen, sagte Graf Selbotten noch, den Freund einen Augenblick beiseite nehmend:

– Sie ist es wert, sich um sie zu schlagen, das kannst Du mir glauben, aber Du weißt es vielleicht gar nicht einmal!

Stassingk nickte nur und blickte den Davonschreitenden nach. Der fröhliche Zug, der immer um seine Lippen schwebte, war verschwunden. Er sah sehr ernst aus. Beängstigung, Unruhe fühlte er nicht, er ging seinem Schicksal ruhig entgegen, aber es war ihm, als sei er reifer und älter geworden, als müsse er sich nun Rechenschaft geben über sein Leben. Er stand an einem Wendepunkt, vielleicht am Ende. Er dachte an Maria, wie das alles so ganz von selbst, fast ohne sein Zutun gekommen, als hätte es nicht anders geschehen können.

Dann dachte er an seinen Gegner. Er war ihm vollkommen gleichgültig. Beim besten Willen vermochte er es nicht, sich über ihn zu erzürnen, zu ärgern, ihn zu hassen. Er hatte ihm nichts getan, er war immer sehr liebenswürdig, korrekt, höflich gegen ihn gewesen. Er erinnerte sich des Gespräches mit ihm, als Herr da Caza lächelnd gemeint, Stassingk käme ja doch nur wegen seiner Frau, um mit ihr ein wenig zu flirten, aber das tue ja nichts und sei ihm gleichgültig. Nun hatte er das Gefühl, als wäre er eigentlich Herrn da Caza im Grunde genommen doch auch gleichgültig. Auch er würde sich wohl nicht über ihn ärgern, ihn nicht hassen.

Aber der Form wegen mußten sie sich schießen.

Durch diesen Gedankengang kam er darauf, daß Herrn da Caza eigentlich gar nichts daran gelegen sein konnte, ihn zu töten oder nur zu verletzen. Maria war ihm wahrscheinlich auch gleichgültig. Ihm war es nur um das Gerede der Leute zu tun. Wenn er sich schoß, so war der Form Genüge geschehen. Nur darauf kam es ihm an. Im Gegenteil konnte ihm an einem bösen Ausgang nichts gelegen sein, da ein solcher doch vielleicht seine Stellung in Berlin erschüttert hätte.

Nun ward Stassingk wieder etwas leichter zu Sinn, als er sich zurecht philosophiert, daß ihm ernstlich nichts widerfahren könnte. Er nahm seinen Hut und ging aufs Auswärtige Amt, um seine Bureaustunden abzusitzen. Er hinterließ, daß er sofort benachrichtigt werden sollte, sobald die beiden Herren zurückgekommen wären.

Doch als er gegen halb drei Uhr nach Hause kam, waren sie noch immer nicht dagewesen. Er wartete lange Zeit voller Ungeduld, dann aber knurrte ihm der Magen und er ging essen, aber absichtlich nicht dorthin, wo er Bekannte getroffen hätte, sondern in ein Restaurant, wo er niemand fand.

Als er wiederkam fand er die Herren in seiner Wohnung vor. Herr von Kreuth empfahl sich sofort, nachdem er nur mit Graf Selbotten kurz Stassingk erklärt, wie die Bedingungen lauten sollten:

– Zwanzig Schritt Barriere, dreimaliger Kugelwechsel. Stelldichein am nächsten Morgen früh fünf Uhr an einer näher bezeichneten, vereinbarten Stelle auf einer Waldblöße im Grunewald.

Stassingk reichte Herrn von Kreuth, der einen Arzt benachrichtigen sollte, die Hand mit den Worten:

– Ich danke Ihnen tausendmal, lieber Kreuth!

Dann blieb er mit Graf Selbotten allein. Eine Weile sprach keiner von ihnen ein Wort, bis endlich Stassingk mit einem leichten Seufzer und einem Zucken um die Mundwinkel sagte:

– Hättest Du das gedacht, Selbotten?

– Offen gestanden, nein. Ich weiß auch jetzt noch nicht, wie Herr da Caza plötzlich zu seinem Entschlusse gekommen ist! Hendrich wollte zuerst durchaus fünfzehn Schritte durchsetzen, bis wir ihn auf zwanzig brachten.

Stassingk zuckte die Achseln:

– Mir wären fünfzehn auch recht gewesen!

– Aber uns Sekundanten nicht! Wir müssen für Dich sorgen! – erwiderte schnell Graf Selbotten. Er wollte noch hinzufügen, weil Herr da Caza seiner Waffe sicher wäre, doch er verschluckte es lieber. Sie hatten den Vorschlag der Pistole annehmen müssen, denn abgesehen davon, daß Stassingk als Beleidiger jede Wahl des Beleidigten gut heißen mußte, kam noch der Umstand in Betracht, daß Herr da Caza nur ein Auge besaß und man ihm daher entgegenzukommen hatte.

Graf Selbotten fragte noch den Freund, ob er besondere Wünsche habe, die berücksichtigt werden könnten; als dieser verneinte, ob er lieber den Abend allein für sich bliebe, oder ob sie zusammen etwas unternähmen.

– Stassingk wußte nicht recht, wofür er sich entscheiden sollte. Allein sein wollte er nicht und er mußte doch Verschiedenes ordnen. Schließlich kamen sie überein, daß Stassingk gegen Abend zu Graf Selbotten kommen und dort übernachten sollte, da die Gräfin ja, wie er gehört, mit Maria abgereist war. Dadurch vermied er es, seinen Diener, einen neugierigen alten Hasenfuß, auf irgendwelche Vermutungen zu bringen. Es sollte heißen, er wäre abgereist. Am anderen Morgen würde dann Herr von Kreuth, in Begleitung des Arztes, mit einer Droschke nach dem Kampfplatze fahren, Stassingk aber und Graf Selbotten auf anderem Wege nach dem Grunewald reiten, so daß jedes Aufsehen vermieden ward.

So konnte es auch eingerichtet werden, daß Herr von Kreuth, ein lieber Kollege Stassingks, aber doch nicht mehr als ein guter Bekannter, den Abend nicht zwischen den beiden Freunden stand.

Nun war Stassingk wieder allein und wiederum überschlich ihn das Gefühl, als sei es noch gar nicht so weit, als könne das alles nicht unerbittlicher Ernst sein.

Er setzte sich in eine Ecke seines behaglich ausgestatteten Zimmers, das jedoch nicht ganz die gemietete Einrichtung verleugnete, und steckte sich eine Zigarette an. Langsam paffte er den Rauch vor sich hin, sich seinen Gedanken überlassend, dann stand er auf und begann in seinem Schreibtisch zu kramen. Eine Menge Erinnerungen aller Art, Briefe, Tanzkarten, Bilder fielen ihm in die Hand. Zum Teil Sachen, an die er nie wieder gedacht hatte. Er besah sie, belächelte einzelnes, anderes betrachtete er wehmütig und entschloß sich schließlich, alles zu verbrennen. Als jedoch das erste Zündholz in Brand gesteckt war, kam er auf andere Gedanken. Diese kleinen Erinnerungen waren ja ganz spaßhaft. Warum sollte er sie sich für später vernichten? Seine Verhältnisse waren schnell geordnet, das übrige würde er Selbotten übergeben für den Fall, daß ihm wirklich etwas zustoßen sollte, was ja aber für ziemlich unwahrscheinlich gelten konnte.

Einen Brief an Maria würde er heute abend schreiben. Jetzt sehnte er sich hinaus, in Menschenleben und Treiben. Es war ein heller, freundlicher Tag mit lachender Sonne. Draußen in Hoppegarten wurden Rennen gelaufen. Herr da Caza war sicherlich draußen, aber was tat das!

Es war zwar etwas spät, aber zwei Rennen würde er noch sehen können, und vor allem half es ihm über die Zeit bis zum Abend hinweg. Er freute sich über seinen Entschluß, ließ alles stehen und liegen, nahm eine Droschke und fuhr zum Bahnhof Friedrichstraße. Ein Zug ging gerade ab. Und seine Stimmung ward unter den Sonnenstrahlen und lachenden Fluren draußen immer rosiger, als ginge er gar nicht in etwa zwölf Stunden dem ernstesten Schritt seines Lebens entgegen.

Als er vom Hoppegartener Bahnhof aus dem Rennplatze zuschritt und von weitem die Glocke am Sattelplatze klingen hörte, dachte er nur noch daran, er könnte etwa das Rennen versäumen. Aber es war noch nicht so weit, die Pferde teilten eben das Publikum, um vom Sattelplatz zur Bahn geleitet zu werden.

Ein eigner Zufall wollte es, daß der erste Bekannte, den Stassingk erblickte, Herr da Caza war. Er stand ihm genau gegenüber und musterte, ohne eine Miene zu verziehen, mit seinem kalten, starren Auge die Pferde, die an ihm vorbeigingen. Einem Jockei in der Cazaschen schwarzen Jacke nickte er beim Vorüberreiten zu. Das hübsche, bräunliche Gesicht mit dem schwarzen, spitz geschnittenen Barte blieb unbeweglich. Als der letzte Gaul vorbei war, gewahrten Stassingk und Herr da Caza einander gleichzeitig. Beide zogen gemessen, höflich den Hut.

Das Rennen begann. Während die Pferde liefen, die ihm völlig einerlei waren, musterte der junge Diplomat die Logen nach bekannten Damen. Die Cazasche Luge war nicht leer, wie er erwartet, sondern Lindstedts, die kein Rennen – auch nicht in Hoppegarten – versäumten, und Charriers, die sich überall einfanden, wo es kein Geld kostete, saßen dort. Von sonstigen Bekannten erblickte er niemand. Nur Mister Easby, dessen Schlüsselbein wieder in Ordnung war, lehnte an der Barriere, hart am Geläuf, und verfolgte mit seinem mächtigen Krimstecher das Rennen.

Es war nur kurz: der Stall Caza gewann.

– Nun, mein lieber Stassingk, die schwarze Jacke hat wieder Dampf aufgesetzt! – sagte der Regierunsrat in der Pause zu Stassingk, dem es auffiel, daß die Charriers heute gegen ihn zurückhaltender waren als sonst, aber ihn mit neugierigen Augen betrachteten. Er machte ein gleichgültiges Gesicht:

– Ich gönne der schwarzen Jacke jeden Sieg!

Dann wandte er sich ab, um nach anderen Bekannten zu suchen. Lindstedts paßten ihm heute nicht, und in die Cazasche Loge konnte er ja nicht mitgehen. Deshalb war er sehr zufrieden, als das letzte Rennen schnell folgte, und ein wenig verstimmt verließ er den Rennplatz, um mit dem ersten am Bahnhof bereitstehenden Zuge zurückkehren zu können.

Sofort fuhr er zu Selbotten, als er in Berlin ankam. Sie aßen zusammen. Stassingk erzählte ihm, daß er in Hoppegarten gewesen und sich dort gelangweilt hätte. Sie sprachen von allgemeinen Dingen, von Politik, von einem Pferdekauf, von Reisen, von der Kriegsakademie. Erst als sie drüben in Graf Selbottens Zimmer allein saßen, ohne daß das Ohr des Dieners sie gestört hätte, kamen sie auf das zu sprechen, was ihnen bevorstand:

– Ich hoffe, Stassingk, wir haben nach Deiner Zustimmung gehandelt, indem wir darauf drangen, nicht eigne Waffen zu nehmen, sondern solche, die beiden Gegnern unbekannt sind und die wir Sekundanten mitbringen!

– Gewiß! Gewiß, Selbotten!

– Hm! Es wird ja nicht zu heiß werden. Hm.

– Besser, als zu kalt!

– Warum?

– Weil man frieren könnte, wenn es kalt ist, und zittern. Das sieht dann dumm aus.

– Es wird ja nichts passieren.

– Na, man kann's nie vorher wissen, Selbotten, nicht wahr?

– Ich glaube aber nicht dran!

– Ich auch nicht.

Es entstand eine längere Pause, dann fragte Stassingk plötzlich:

– Sage mal, Selbotten, wer hat den ersten Schuß?

– Eigentlich hätte ihn Caza gehabt, aber da die Distanz gering ist, sind wir überein gekommen, zu losen!

– So! – antwortete Stassingk äußerlich gleichgültig, doch man sah ihm an, daß er sich erleichtert fühlte. Eine gedrückte Stimmung drohte sie zu überfallen, als Graf Selbotten das Gespräch auf Maria brachte. Und mit dem Namen war es, als wiche ein Bann von ihnen. Selbotten machte dem Freunde Vorwürfe darüber, daß er gestern abend nicht gekommen Er schilderte Marias Zustand, ihren Kummer, ihre Besorgnis, ihre Liebe zu ihm:

– Ja, Stassingk, wie diese Frau Dich liebt, das weißt Du, glaube ich gar nicht so! Das verdienst Du gar nicht. Sie täte einfach alles für Dich. Ich glaube, Du könntest machen, was Du wolltest, sie würde Dich doch lieben. Denke Dir nur einmal: sie verläßt ihren Mann, ihre Kreise, ihre Freunde, Berlin, wo sie, man möchte fast sagen dazugehört, alles verläßt sie um Deinetwillen, ohne ein Wort zu verlieren, als wäre es ganz selbstverständlich, daß sie für Dich alles tun muß. Und Du dankst es ihr, indem Du ihr nicht schreibst, nicht einmal antwortest. Die angebetete Frau, für die so und so viele ich weiß nicht was geopfert hätten!

Stassingk schwieg beschämt. Er begriff selbst nicht, wie das alles so gekommen. Er verstand seinen Leichtsinn, seine Bummelei nicht, und wie er nun bei des Freundes Worten immer wieder an Maria dachte, da erschien sie ihm von neuem in aller ihrer Schönheit so begehrenswert, wie noch nie eine Frau in seinem Leben. Er freute sich, als ihr Ritter zu kämpfen, und er reichte Selbotten wie zu einem Versprechen die Hand:

– Mit morgen will ich beginnen, alles wieder gut zu machen

– Aber nun geh auf Dein Zimmer, Stassingk. Wir wollen uns trennen für heute abend. Du willst ja noch schreiben. Dann darfst Du nicht zu spät zu Bett gehen, denn morgen früh müssen wir zeitig heraus, und Du sollst frisch sein!

Sie drückten sich noch einmal herzlich die Hand, und verabredeten das Wecken am nächsten Morgen.

Stassingk blickte sich in seinem einfachen, kleinen Zimmer um, das Fremdenzimmer der Selbotten. Maria war die letzte gewesen, die es benutzt, und es ward ihm ganz wehmütig zu Sinn, wenn er daran dachte. So setzte er sich an den Tisch, um ihr zu schreiben, für den Fall, daß er etwa unter dem Feuer seines Gegners bleiben sollte. Er wollte nicht daran glauben, aber er mußte die Möglichkeit immerhin annehmen.

Dadurch geriet er in eine traurige, weiche Stimmung, und je länger er darüber zubrachte, die Feder weggelegt, träumend und sinnend, um zwischendurch wieder ein paar Sätze zu Papier zu bringen, desto stärker wurde seine Ueberzeugung, daß es wirklich sein letzter Abend wäre. Er ließ sein ganzes vergangenes Leben an sich vorübergleiten.

Alle die Frauen standen ihm wieder vor Augen, mit denen er süße Worte getauscht. Es war ihm, als könne er jetzt leidenschaftslos seine Vergangenheit betrachten.

Er dachte an seine Anfänge in Stockholm, an die großen, blonden Frauen, an Madrid mit seinen dunklen Schönheiten, deren eine ihm auch, fast ohne seine Schuld, seinen Posten gekostet. – Ein leises Lächeln flog über sein hübsches, offenes Gesicht. Dann erinnerte er sich der seligsten Zeit, wo der Flirt ihn mit hundert jungen Mädchen verbunden: Washington-Newport. – Und endlich fiel ihm die Frau wieder ein, die ihn aus Stambul verdrängt.

Die gute, kleine dickliche Prinzessin stand vor seiner Phantasie. Sie hatte ihn so unaussprechlich lieb, das wußte er, und das rührte ihn. Aber er mochte sie ja nicht! Arme kleine Prinzessin!

Dann war Maria gekommen, und doch auch ihr Bild war zu Zeiten verblaßt vor der blonden May Gilderdale. Aber May! Was war sie ihm heute? Maria gab es nur für ihn.

Und in seinen Brief flössen von all den Widersprüchen, die in ihm waren, von den Gedanken allen dieses Abends vor der Entscheidung, von seinen Zweifeln, von seiner Liebe, von seinem Wankelmut, seinem bangen Zagen vor dem Ausgang des Kampfes, von allem einzelne Worte.

Als er den Namen darunter setzte, war es schon spät geworden. Er legte sich für die paar Stunden, die ihm noch blieben, zu Bett, aber er konnte nicht schlafen, ihn fröstelte und er schauerte zusammen, weil er sich müde, übernächtigt, abgespannt fühlte. Immerfort sah er nach der Uhr, nachdem er Licht gemacht, weil er fürchtete, er möchte die Zeit verschlafen. Er überlegte sich, was er tun sollte, wenn ihm durch das Los der erste Schuß zufiele, ob er versuchen sollte, den Gegner zu treffen oder nicht. Dann stellte er sich die Frage, was das beste sei, stehen zu bleiben zum Abdrücken, oder vorzugehen bis an die Barriere. Was sollte er machen, wenn Herr da Caza zuerst schoß und fehlte?

Diese Vorstellungen erregten seine Phantasie immer mehr, so daß er keine Möglichkeit sah, einzuschlafen.

Da dachte er daran, daß in diesem selben Bett, in dem er jetzt lag, vor einer Nacht Maria geruht. Ihre Gestalt stand ihm wieder vor der Seele, in ihrer stolzen Haltung, in aller ihrer Schönheit, im Ballkleid, ihr Diadem im Haar wie eine Königin.

Diese Frau war der Preis, diese Frau liebte ihn. Der Gedanke verließ ihn nicht, und indem er so die hin und her irrenden Bilder an einem Punkt festhielt, fielen ihm schließlich die Augen zu und er schlief ein.

XX.

Aufstehen! Staffingk! Aufstehen! - rief Graf Selbotten, indem er an Staffingks Tür klopfte.

Staffingk fuhr in die Höhe. Er hatte wirr geträumt und wußte zuerst nicht, wo er sich befand. Erst allmählich erinnerte er sich alles dessen, was am Tage vorher geschehen. Schnell sprang er aus dem Bett, sich anzuziehen. Dann ging er hinüber ins Eßzimmer, wo Graf Selbotten schon mit dem Frühstück auf ihn wartete. In einer Wiener Kaffeemaschine bereitete er selbst den Kaffee, auf einem Brenner brodelte das Wasser, um Eier zu kochen.

Staffingk hatte ein paar Briefe mitgebracht: ein Schreiben an den einzigen näheren Verwandten, den er besaß, einen Stiefbruder, eines an seinen Chef im Auswärtigen Amt, eines an den Kommandanten von Selbottens Regiment, bei dem er Reserveoffizier war, und eines an seinen Sachwalter.

– Das besorgst Du wohl, falls es nötig sein sollte! – sagte er, indem er dem Freunde die Briefe gab und noch den an Maria dazulegte mit den Worten:

– Den vor allem! Er ist an Maria für den Fall, daß mir was passieren sollte!

Graf Selbotten zwang sich möglichst heiter zu sein:

– Gut, meinetwegen. Ich schließe sie ein und wenn wir zurückkommen, kriegst Du sie wieder!

Dann frühstückten sie, aber beide vermochten nur wenig zu genießen. Schweigend verlief das Mahl, während dessen Stassingk mehrmals nach der Uhr sah. Er beruhigte sich selbst:

– Es ist noch Zeit!

Doch Graf Selbotten sagte schließlich aufstehend:

– Vielleicht ist es doch besser, wir reiten ab. Wir können ja Schritt reiten. Müssen nur unbedingt zur rechten Zeit da sein. Lieber ein bißchen zu früh.

– Gut. Los!

Stassingk band sich noch unterhalb des Knies ein paar Riemen um, damit das lange Beinkleid, das er trug, beim Reiten nicht rutschen sollte. Auf dem Kampfplatze wollte er sie wieder abnehmen. Dann ging es hinunter in den Stall, wo die Pferde schon gesattelt standen.

Der Morgen war frisch, und Stassingk schlug die Hände ein paarmal auf den Schenkel, um sich zu wärmen. Als sie auf den Reitweg der Tiergartenstraße einbogen, gab Graf Selbotten seinem Burschen, der auf einem dritten Pferde folgte, einen Wink, größeren Abstand von ihnen zu halten.

Unter den Bäumen ging es durch die menschenleere Straße. Der Tiergarten rechts von ihnen schien noch zu schlafen, kein Hauch regte sich, leblos hingen die Blätter herab. Unter den Hufen der Pferde stiebte leicht der Sand. Der Himmel hatte sich matt gerötet, man spürte die aufgegangene Sonne, aber ihre Scheibe war nicht zu sehen. Drüben die Villen jenseits der Straße machten mit ihren geschlossenen Rolladen den Eindruck, als schlummerten sie. Nun mußten sie gleich an die Villa da Gaza kommen. Das große, schmiedeeiserne, prunkvolle Gitter erschien, der Garten mit ein paar starken Palmen, die immer für den Sommer eingepflanzt wurden. Dann schaute das Haus aus dem Grün.

Unwillkürlich blickten beide Reiter hinüber. Auch dort waren die Läden zu.

– Es scheint noch niemand auf zu sein! – scherzte Stassingk, doch er mußte sich Mühe geben, die Worte herauszubringen. Graf Selbotten antwortete nur:

– Die Schlafzimmer liegen nach hinten.

Nun hatte der junge Diplomat die unangenehme Empfindung, als könne jeden Augenblick der Cazasche Wagen aus dem Tore fahren. Eine Begegnung jetzt wäre ihm peinlich gewesen:

– Wenn wir trabten? Bloß ein Stück! – schlug er Selbotten vor.

– Gern!

Sie ritten schweigend nebeneinander, nur der Säbel Selbottens klirrte ab und zu an die Sporen und Stassingks Tier hustete einmal, so daß er ihm den Hals lang gab. Um etwas zu sagen, bemerkte er:

– Seit wann hustet die Stute?

– Ach, es ist nichts. Vielleicht ist's etwas Stroh, sie frißt leider öfters nachts ihre Streu!

Wieder trabten sie schweigend weiter und bogen in eine Seitenstraße ein, um den Kanal zu überschreiten. Dort war Pflaster, deshalb gingen sie wieder in Schritt über. Graf Selbotten blickte nach der Uhr:

– Es ist noch reichlich Zeit!

Am Kurfürstendamm begann der Reitweg von neuem und Stassingk, der ein wenig nervös geworden war, trieb zur Eile:

– Wir dürfen nicht eine Minute zu spät kommen, Selbotten!

– Aber nein, ich bin pünktlich.

– Es könnte doch mit den Pferden etwas vorkommen!

– Beiden wird doch nicht gleich etwas passieren. Wenn wirklich mit einem was wäre, so tauschst Du oder ich einfach mit dem Burschen!

Sie trabten wieder. Nun war er etwas beruhigter und sagte nichts mehr.

Als sie aber vor sich auf der Straße einen Wagen erblickten, gingen sie abermals in Schritt, da sie zuerst glaubten, es könne Herr da Caza mit seinen Sekundanten sein. Aber es war eine Droschke. Trotzdem blieben sie zurück, denn der Gegner konnte ja auch eine Droschke benutzen, vielleicht um nicht mit der bekannten Livree aufzufallen.

Sie kamen zu den ersten Villen der Kolonie Grunewald. Bei der Biegung des Weges sahen sie Herrn von Kreuths schmißgerötetes Gesicht in der Droschke. Ein fremder Herr – der Arzt – mit blondem Vollbart und Brille saß neben ihm. Eine Reisetasche lag auf dem Vordersitz.

Von der Chaussee, die sie noch eine Strecke weit verfolgt, bogen sie nun links ein, hielten die Pferde an, winkten den Burschen herbei, saßen ab und Graf Selbotten sagte ihm:

– Gehen Sie mit den Tieren ein Stück vom Wege ab hier hinein in das Gebüsch. Warten Sie auf uns, wir sind bald wieder zurück!

Stllssmgk klopfte der Stute noch den Hals, dann bückte er sich, um die Riemen von den Knieen zu lösen. Er gab sie dem Burschen zum Aufheben:

– Ich schnalle sie nachher wieder um.

– Zu Befehl, Herr Graf! – antwortete der kleine Husar, indem er die Absätze zusammenschlug.

Dann traten die beiden Freunde in den Wald, der sich schweigend vor ihnen auftat. Der Boden war, wo die Bäume lichter standen, mit jungem Grün bedeckt, hier oder dort lag ein Frühstückspapierfetzen. Schräg fiel die Sonne durch die dünnen Kiefernstämme den beiden auf den Rücken.

– Es wird wärmer! – sagte Stassnigk im Bedürfnis zu sprechen, Graf Selbotten antwortete:

– Wie schön ruhig es hier ist!

– Ja, ganz ruhig!

– Wir sind ja auch noch kaum einem Menschen begegnet.

Stassnigk fragte:

– Wo treffen wir denn Kreuth und den Doktor?

– Ich denke an Ort und Stelle. Wir wollen verschiedene Wege gehen.

– Kommen die anderen auch von hier?

– Nein, die kommen über Paulsborn!

Immer schritten sie weiter, die Sonne im Rücken, in das Dunkel der hier dichter werdenden, größeren Kiefernstämme hinein.

Stassnigk fragte noch einmal:

– Hier wird uns doch niemand stören?

Eine Sekunde hatte er das Gefühl, als könne sich noch irgend ein Zwischenfall ereignen, und der Gedanke war ihm nicht unangenehm, die Sache vielleicht verschoben zu sehen. Es würde ja wohl nichts dabei herauskommen, aber es blieb doch immer ein ernstes Ding. Dann schämte er sich aber sofort wieder seiner Schwäche, und als Selbotten antwortete:

– Nein, das glaube ich auf keinen Fall! fühlte er das Bedürfnis, sich zu entschuldigen:

– Ich meinte nur, weil es doch sehr unangenehm sein würde für uns alle, wenn die Geschichte womöglich in die Zeitungen käme oder gar die Polizei sich darum kümmerte. Dann muß ich auch sagen: wenn schon, denn schon. Nun ist einmal alles so weit vorbereitet, da wäre es doch zu umständlich, wenn wir wieder nach Hause gehen müßten!

Je näher sie dem Ziele kamen, desto mehr verschwand Stassingks leise Beklommenheit. Als sie einen Waldweg überschritten und einer jungen, hübschen Frau begegneten, schlank, aber mit vollen Gliedern, einen Korb auf dem Rücken, war seine alte Art und Weise doch so weit wiedergekehrt, daß er ihr unter den Hut sah. Er dachte sich nichts dabei, es war einmal so seine Gewohnheit, daß er es von selbst tat.

– Da ist doch jemand! sagte er zu Selbotten.

– Die wird wohl Butter bringen oder so was. Sonst kommt kein Mensch hierher.

Eine Weile schritten sie noch fort, dann standen sie plötzlich auf einer Lichtung. Graf Selbotten zog die Uhr:

– Hier ist es. Noch zehn Minuten Zeit!

Nun blickte sich Staffingk um. Kein Mensch war zu sehen. Die Sonne leuchtete rötlich strahlend schräg über den nur mäßig großen Platz, wo die Bäume wahrschemlich zu einem Bauplatz oder vielleicht einer neuen Wegeanlage gefällt waren und nur noch einzelne Stumpfe stehen geblieben. Wie sie so warteten, prägte sich dies Bild Stassingk ein. Er merkte auf die Landschaft, die ihm sonst hier draußen im Grunewald immer gleichmäßig langweilig erschienen war. Er sah die Spinnweben, leicht mit Reif überzogen, die sich wie kleine Segel hier und dort spannten, und an den Baumenden die Harztropfen goldglänzend wie Bernstein.

Ein Ruf Selbottens riß ihn aus seinen Träumen:

– Stassingk, Kreuth kommt.

Am Saum der Lichtimg trat der lange Herr von Kreuth mit dem viel kleineren Arzte aus dem Wald. Sie trugen vereint die Handtasche. Die Herren wurden miteinander bekannt gemacht:

– Herr Doktor Croener – Graf Stassingk – Graf Selbotten.

Dann schüttelten sie sich die Hand und Stassingk sagte mit voller Ruhe, liebenswürdig, verbindlich, lächelnd wie immer:

– Ich hoffe – das muß ich ja im eigenen Interesse – daß ich Ihnen keine Mühe machen werde, aber jedenfalls danke ich Ihnen herzlichst, Herr Doktor, daß Sie die Unbequemlichkeit auf sich genommen haben, so zeitig für mich hier in den Grunewald herauszukommen.

Ebenso artig erwiderte Doktor Croener, indem er an seiner goldenen Brille rückte:

– Aber bitte sehr. Herr Graf, bitte sehr!

Dann blieben die vier Herren zusammenstehen und Selbotten zog von neuem die Uhr:

– Noch zwei Minuten.

Aber fast im selben Augenblick kamen von der entgegengesetzten Seite die Gegner. Voran Rittmeister Hendrich mit einem Fremden, offenbar ihrem Arzt. Hinter ihnen Leutnant von Remer und Herr da Caza.

Die Parteien schritten auf einander zu, verlangsamten ihren Schritt, blieben dann halten und grüßten. Darauf machte man sich bekannt, soweit man sich noch nicht kannte. Als Doktor Kießling wurde der Unbekannte, ein jüngerer Herr mit blondem Schnurrbärtchen, der den Eindruck eines Offiziers in Zivil machte, vorgestellt. Die beiden Gegner hielten sich etwas zurück, während die Sekundanten näher zueinander traten.

Herr da Caza trug einen langschößigen, zweireihigen Rock und hohen Hut. Er verriet nicht eine Spur von Bewegung. Regungslos blieb er stehen, indem er sich mit der tadellos behandschuhten Rechten auf seinen Stock stützte. Stassingk warf einen Blick auf ihn, vollständig gleichgültig, als ob er einen Fremden betrachte, dann sah er, um seinem Auge nicht zufällig etwa doch zu begegnen, über die Fläche hinaus in den Wald. Er dachte daran, wie sie sich so stellen mußten, daß keinem von ihnen das Licht hinderlich wäre, und er drehte sich um, weil er sehen wollte, wie das gemacht werden sollte. Er fühlte sich ganz sicher. Die Sekundanten zogen das Los darum, wer Leiter des Duells würde. Rittmeister Hendrich riß dazu ein paar Grashalme vom Boden ab und versteckte sie in seiner geschlossenen Hand, so daß nur die Enden hervorschauten, indem er Graf Selbotten fragte:

– Wenn es Ihnen recht ist: wer das Lange zieht, leitet den Zweikampf. Also bitte, welches?

Selbotten wählte das Kürzere. So war also Rittmeister Hendrich der Leiter, während Graf Selbotten ihm beigegeben ward.

Nun gingen die Sekundanten daran, den Platz auszusuchen. Die Linie wurde in der Mitte der Lichtung so genommen, daß das Licht des jungen Tages nicht störte, sondern schräg einfiel. Dann prüften die vier Herren von beiden Seiten aus die Lichtverhältnisse und Herr von Kreuth sprach gedämpft:

– Meine Herren, derjenige, dessen Standplatz hier ist, dürfte nach meiner Ansicht benachteiligt sein, denn sein Gegner hebt sich vom Hintergrunde nicht ab, während er selbst als dunkler Punkt im Hellen steht. Wollen Sie sich überzeugen?

Man trat hin und her, beobachtete von beiden Seiten, dann stimmte man Herrn von Kreuth bei. Die Standlinie ward daher etwas verschoben, bis der Mangel beseitigt war.

Darauf bezeichnete Rittmeister Hendrich den einen Standpunkt, indem er dort seinen Stock in den Boden stich. Graf Selbotten ging von diesem Punkte vierzig Schritte ab und bohrte seinen Säbel ein. Auf dieser Linie wurden nun die beiden Barrieren durch auf die Erde gelegte Taschentücher bezeichnet. Die Luft war ganz still, so daß sie sich nicht vom Platze bewegen konnten. Auf diese Art hatte jeder von seinem Standpunkte aus zehn Schritte Raum zum Vorrücken bis an die Barriere, die er nicht überschreiten durfte.

Um die Standplätze ward von neuem gelost. Stassingk bekam den gegen die Stadt zu. Herr da Caza war während der ganzen Vorbereitungen immer noch unbeweglich stehen geblieben, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Er sah nicht einmal dem Abschreiten zu, sondern schien sich überhaupt nicht um das zu kümmern, was dort vorging.

Ein Stück abseits ordneten die Aerzte ihr Verbandszeug. Doktor Croener öffnete seine Reisetasche, legte sie ins Grün, schnallte die Nebenabteilung auf und zog den Pistolenkasten hervor, den Herr von Kreuth dort verpackt. Er gab ihn Leutnant von Remer. Die anderen Sekundanten prüften die Waffen gemeinschaftlich noch einmal. Dann begannen sie langsam zu laden, eine Partei um die andere, wahrend die beiden nicht beschäftigten Herren die Arbeit der gegnerischen Sekundanten überwachten.

Auch dieses schien Herr da Caza nicht zu bemerken, während Stassingk jede Bewegung verfolgte. Aber wenn auch sein Herz etwas eiliger pochte, so hatte er doch seine völlige Ruhe wiedergewonnen.

Nun, wo die Sekundanten fertig waren, wurde – wieder kurz oder lang – um den ersten Schuß das Los gezogen.

– Wollen Sie nicht mal die Grashalme nehmen? – schlug, Rittmeister Hendrich Graf Selbotten vor.

– Gut.

Und er hielt die Hand hin. Der Rittmeister zog – lang.

Herr da Caza hatte also den ersten Schuß.

Einm Augenblick überlief es Stassingk kalt, aber da näherten sich ihm Graf Selbotten und Herr von Kreuth, um ihm Brieftasche, Uhr und Schlüssel abzunehmen. In der Brieftasche lag Marias kleine Photographie, die er sich mitgenommen, deshalb richtete er es so ein, daß sie Selbotten erhielt.

– Hebe es gut auf! – flüsterte er ihm zu, und der Freund steckte sie sofort in die Brusttasche.

Herr da Caza hatte gleichfalls den Inhalt seiner Taschen entleert. Nun stand er, nachdem er auch seinen Stock abgegeben und die Handschuhe ausgezogen, gegen- über von Stassingk, der den Blick zu Boden schlug, um ihn nicht zu sehen.

Bisher war alles mit Bedacht geschehen. Jetzt fragte Rittmeister Hendrich, die Zähne in seinem Puppengesicht zeigend, in dem heute die Rasierlinie noch schärfer herauszutreten schien als sonst:

– Meine Herren, ist noch etwas übersehen? Herr Doktor Kießling, Herr Doktor Croener, sind Sie bereit?

– Jawohl! Jawohl! – klang es zurück. Der Leiter des Kampfes fuhr fort, zu Graf Selbotten gewendet:

– Bitte, Herr Graf, wollen Sie so gut sein, die vereinbarten Bedingungen des Kampfes zu verlesen!

Graf Selbotten zog ein Papier hervor und las, indem er dabei in militärischer Haltung die Absätze schloß:

Protokoll.

1. Die Endesunterschriebenen haben dieses Protokoll aufgenommen, um die zwischen Herrn Franz da Caza in Berlin und Herrn Ernst Graf Stassingk in Berlin entstandenen Streitigkeiten zu ordnen.

2. Die Beweggründe und Tatsachen der Streitigkeiten sind beiden Herren Gegnern bekannt, und dieselben haben erklärt, daß sie allein aus Gründen des Zartgefühles Näheres nicht angeben können.

3. Ein ehrenvoller Ausgleich auf friedlichem Wege konnte nicht erzielt werden, da die entstandenen Streitigkeiten nach Angabe der beiden Herren Gegner einem Schlage gleich zu achten sind.

4. Die Endesunterschriebenen haben infolgedessen den Austrag mit der Waffe am 9. Mai morgens fünf Uhr auf einer Waldblöße im Grunewald bei Berlin festgesetzt.

5. Die Bedingungen lauten:

a) Pistolenduell mit Vorrücken auf zwanzig Schritt Barriere.

b) Dreimaliger Kugelwechsel.

c) Beiden Gegnern unbekannte Waffen, gezogen, aber ohne Korn und Stecher.

d) Losen um den ersten Schuß.

e) Haltenbleiben zum Schluß, auf der Linie.

f) Es kann gezielt werden, ohne zu schießen, und dann weitergegangen.

g) Die Barriere darf nicht überschritten werden.

h) Wer geschossen, bleibt stehen und erwartet die Antwort des Gegners.

i) Vom Fallen des Schusses ab hat der zweite zur Antwort eine Minute.

k) Der Verwundete hat ebenfalls nur eine Minute zur Antwort, es sei denn, daß er gestürzt ist – dann zwei.

6. Es bestehen nur diese, sonst keinerlei Vereinbarungen

Berlin, den 6. Mai mittags ein Uhr.

Für Herrn Franz da Caza:

Hendrich, Rittmeister a. D. von Remer, Sekondeleutnant.

Für Herrn Ernst Graf Stassingk: Graf Selbotten, Pemierleutnant. von Kreuth.

Graf Selbotten steckte das Papier wieder zu sich, dann fragte Rittmeister Hendrich:

– Meine Herren, Sie haben die durch Ihre Sekundanten festgesetzten und von Ihnen gutgeheißenen Bedingungen des Kampfes gehört – geloben Sie, daß Sie diese ehrlich erfüllen werden?

Fast zu gleicher Zeit antworteten Graf Stassingk und Herr da Caza gedämpft, aber entschieden:

– Ja.

Der Rittmeister nahm seine Belehrung wieder auf:

– Meine Herren, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Ehre Sie verpflichtet, vor meinem Kommando »Vorwärts« nicht zu schießen.

Nun erfolgte alles Schlag auf Schlag. Herr von Kreuth und Leutnant von Remer führten Stassingk und Herrn da Caza auf ihre Plätze, gaben ihnen die Pistolen mit »Hahn in Ruh« in die Hand, traten schnell zurück und stellten sich mit den beiden älteren Sekundanten in eine Linie, ein Stück seitwärts parallel zur Schußlinie.

Dahinter hielten sich die Aerzte. Als Stassingk auf seinem Platze stand, mit der Waffe in der Hand, hatte er das vollkommene Gleichgewicht seiner Seele wiedergefunden. Es war ihm gar nicht mehr wie eine ernste Sache: er hatte das felsenfeste Vertrauen, daß ihm nichts geschehen könnte. Er war so ruhig, daß er noch an Maria zu denken vermochte. Für sie stand er ja hier, sie war der Kampfpreis. Jetzt waren alle Frauen, die je in seinem Herzen eine Statt gehabt, verschwunden. Wenn er jetzt davonkäme, so wollte er aus Dankbarkeit nie wieder auch nur eine andere ansehen. Schon deshalb konnte ihm ja nichts widerfahren, weil die Vorsehung doch nicht so grausam sein konnte, ihn jetzt fortzunehmen.

Wenn er fiel, dachte er einen Augenblick, so war es als Sühne, daß er Maria nicht treu gewesen.

Aber er wollte leben, denn er verlangte doch noch so viel vom Dasein, daß es jetzt nicht abgeschlossen werden durfte. Er freute sich auf den Augenblick, wo er ihr telegraphieren und schreiben würde, wie gut alles abgelaufen, denn von nun an schrieb er Maria jeden Tag!

»Vorwärts!« klang da in kurzem, grellem Kommandoton Rittmeister Hendrichs Stimme.

Stassingk war so in Gedanken gewesen, daß er fast erschrak. Er spannte schnell seine Pistole und hob die Mündung nach oben, dann ging er vor, in seinem gewöhnlichen, schwebenden Gang, als ob er nur immer gewohnt sei, den Weg geebnet zu finden, seinem Gegner entgegen.

Herr da Caza schritt gleichfalls auf die Barriere zu, die Pistole auf besondere Erlaubnis der Sekundanten in der linken Hand, weil ihm rechts das Auge fehlte. Auch er hatte sich die Frage vorgelegt, wie er schießen sollte. Ihm lag nichts daran, seinen Gegner ernstlich zu verletzen, nur war er Stassingks nicht sicher und da er den Vorteil des ersten Schusses nun einmal errungen, meinte er, es sei das beste, dem jungen Diplomaten einen Denkzettel zu geben. Er wollte ihn kampfunfähig machen, damit ihn bei Stassingks Antwort nicht selbst etwa dies Schicksal träfe. Auf zwanzig Schritte und mehr war er seiner Kugel sicher.

Deshalb blieb er kurz stehen, senkte die Pistole und zielte nach dem linken Oberarm des Gegners. Doch in dem Augenblick, als Herr da Caza abdrückte, machte Stassingk eine jähe Bewegung nach links.

Der Schuß dröhnte. Stassingk taumelte plötzlich und fiel, seine Pistole loslassend, vornüber zu Boden. Die noch rauchende Waffe in der Hand, sah ihn Herr da Caza stürzen.

– Der Arm! – sagte er unwillkürlich vor sich hin.

Die Sekundanten sprangen zu, Doktor Croener lief herbei. Stassingk lag auf dem Gesicht, ohne sich zu bewegen. Aengstlich betrachtete ihn Herr da Caza. Graf Selbotten, der Arzt und Herr von Kreuth suchten ihn aufzuheben. Es gelang nicht. Nur mit großer Mühe drehten sie ihn herum auf den Rücken. Sein Gesicht schien zu lächeln mit seinem fröhlichen, naiven Ausdruck wie immer. Doktor Croener faßte nach dem Arm.

– Stassingk! Stassingk! – rief ihn Selbotten an. Er antwortete nicht.

Nun öffneten sie ihm den Rock, während Herr von Kreuth die entfallene Pistole an sich nahm, um sie Stassingk für seinen zweiten Schuß zu geben. Der Arzt riß das Hemd auf und sah sofort an der linken Seite der Brust, wo das Herz lag, den Schutzkanal. Er hob den Kopf und schaute die Sekundanten starr durch die goldene Brille an:

– Meine Herren, Sie brauchen sich nicht weiter zu bemühen.

Auch Rittmeister Hendrich und Leutnant von Remer traten heran mit der besorgten Frage:

– Was ist, was ist denn?

– Es ist aus! klang die Antwort des Arztes zurück. Erschüttert blieben sie um den Toten stehen. Auch Herr da Caza, der seine Waffe fortgeworfen hatte, näherte sich und blickte mit finsterem Gesicht auf Stassingk nieder, indem er leise sprach:

– Das war, weiß Gott, nicht meine Absicht!

Und Graf Selbotten, der zu ihm aufblickte, sah – er wußte nicht, warum er darüber so erstaunt war – eine Träne über die braune Wange Herrn da Cazas in seinen Bart laufen.

Auch er glaubte nicht, daß der Schuß so gemeint war.

Rittmeister Hendrich zog den unglücklichen Schützen fort:

– Gehen Sie, Caza, gehen Sie! Sie haben hier nichts mehr zu tun.

Graf Selbotten dachte an Maria, an die beiden Frauen unten in den Bergen, und das Herz wurde ihm schwer.

Keiner rührte sich. Es war ganz still auf der Lichtung. Nicht ein Hauch strich durch den Wald. Man vernahm kein Geräusch, von weitem nur eintönig das Zirpen der Grille.

XXI.

Die beiden jungen Frauen waren nicht gleich nach Berchtesgaden weitergefahren. Gräfin Selbotten fürchtete, es möchte für ihre Kleine doch ein bißchen viel werden, dazu war es wahrscheinlich noch frisch in den Bergen und ihr Mann hatte ihr geraten, zuerst einige Tage in München zu bleiben. Dort konnten sie ins Theater gehen, Bilder und Sammlungen zusammen besehen, am Tage aber fanden sie Straßenleben und -treiben. Das brachte Maria vielleicht auf andere Gedanken. Die Ruhe Berchtesgadens – jetzt, wo der große Fremdenverkehr noch nicht stattfand – war vielleicht gerade zu diesem Zeitpunkt nur gefährlich für Marias verwundete Seele.

Sie war sehr still, sehr in sich gekehrt. Sie wußte es nun, daß Stassingk sie nicht so liebte, wie sie ihn, daß er sie vielleicht nicht so lieben konnte. Der Jammer dessen, der sich nicht gleich stark geliebt sieht, wie er selbst liebt, erfüllte ihr Herz.

Wenn sie mit der Freundin in der Sezession die Bilder besah, erinnerte sie sich seiner, wie er ihr das Gemälde »Müde« Peter Stöckls erklärt, und als sie einmal vor einem neuen Werke des jungen Malers standen, einer kleinen Leinwand, die nichts aufwies als ein Stück Wald, da war es ihr, als stünde er hinter ihnen, um mit seiner leisen einschmeichelnden Stimme von dem Inhalt, der Bedeutung dieser ernsten, starren Bäume zu reden.

Die kleine Gräfin schaute im Katalog nach dem Titel:

– Da ist es, Maria: Peter Stöckl, Berlin: »Nach dem Sturm«.

Nun sahen sie das Bild genauer an. Jetzt bemerkte Mariia einzelne zerzauste, geknickte Aeste, die schlaff herunterhingen. Die Bäume aber waren bewegungslos, nicht ein Blättchen regte sich. Und jetzt hatte sie Verständnis für den Inhalt. Sie begriff die Wunden, die dem Walde geschlagen. Die starre Ruhe, als ob alles Leben erstorben sei, empfand sie, da es in ihrem Innern war, als sei jede Regung erstarrt.

Sie fühlte, wie sie sich verändert hatte, und fragte die kleine Freundin:

– Bin ich nicht anders geworden?

– Nein, Maria, ich finde nicht! – bekam sie als Antwort, denn Gräfin Selbotten wollte nicht merken lassen, wie verändert sie Maria fand. Schön war sie noch immer, aber das Königliche schien aus ihrer Haltung geschwunden zu sein. Sie ging: nicht mehr den Kopf stolz erhoben. Sie blickte vor sich hin, sie sprach fast nichts und war immer mit ihren Gedanken beschäftigt.

– Nicht wahr, ich bin langweilig? – fragte sie wieder die kleine Freundin, die ihr um den Hals fiel:

– Maria, wie kannst Du nur so etwas sagen! Wir verstehen uns doch zu gut!

Nun fing die kleine Selbotten an zu scherzen und zu lachen, wie es eigentlich ihre Natur war, erzählte Geschichten und hüpfte und sprang umher im Zimmer der Pension auf der Briennerstraße, wo sie wieder wohnten, daß Maria endlich doch auch lächeln mußte.

Aber kaum war die Freundin hinausgegangen, um nach dem Kinde zu sehen, als Maria wieder in ihr dumpfes Brüten verfiel. Sie dachte daran, wenn sie Mutter wäre, dann hätte sie doch jetzt etwas zu sorgen. Doch dann fiel ihr ein, wie ihr die Kinder wahrscheinlich gar nicht zugesprochen sein würden, da sie ja, um die Scheidung zu ermöglichen, die Schuld auf sich nahm.

Herr da Caza hatte ihr nicht wieder geschrieben, aber Justizrat Zenker wollte in den nächsten Tagen die erforderlichen Schritte tun. Nun hoffte sie nur auf einen Brief Stassingks. Maria schob die Schuld daran, daß er an dem Abend in Berlin nicht gekommen, ein wenig Graf Selbotten zu. Sie redete sich ein, nur eine augenblickliche Verstimmung habe den Geliebten so handeln lassen. Er würde, er mußte zurückkehren zu ihr. Und wenn er hundertmal in einem Strohfeuer entbrannte, hundertmal käme er wieder.

Wie sie das ertragen würde, wußte sie noch nicht. Ein langer Leidensgang stand ihr bevor, ein ewiger, nie endender Kampf um seine Liebe. Sie würde immer die Augen schließen müssen, nicht zu sehen, wie er einer anderen heimliche Worte sagte. Sie würde immer bangen und zagen müssen, wann der Augenblick käme, wo er eine neue Frau fände, die ihn gefangen nähme. Lange dauerte es nicht, dessen war sie gewiß. Doch jedesmal würde das Herz ihr bluten, jedesmal bekäme sie einen Dolchstich, eine Wunde nach der anderem, eine neue, wenn die alte noch schwärend offen.

Sie wußte es, eine Marterstraße lag vor ihr mit Dornen bestreut.

Aber sie liebte ihn doch, und die Augenblicke, die Stunden, die Tage, wo er wieder ihr gehörte, würden sie vielleicht doch trösten können über alles Leid. Wenn er sie um Verzeihung gebeten – es wäre doch alles wieder gut gewesen.

Da klingelte es draußen im Flur, und sie hörte die Stimme des Briefträgers, der einen Einschreibebrief brachte, wie sie zu verstehen glaubte. Sie trat hinaus:

»Für mich! Nicht wahr?«

Gräfin Selbotten hatte einen Brief ihres Mannes in Empfang genommen. Sie öffnete ihn und fand Stassingks Abschiedsworte darin. Ganz groß stand: »An Maria« auf dem Umschlag. Die kleine Gräfin überließ ihn ihr nichtsahnend. Erst als sie die ersten Zeilen des Briefes ihres Mannes gelesen hatte, sah sie, daß sie Maria hätte vorbereiten sollen. Voller Angst lief sie an ihr Zimmer und pochte, denn es war von innen verschlossen. Niemand antwortete. Gräfin Selbotten flehte:

»Ich habe Dir etwas zu sagen! Maria! Maria! Mach doch auf!«

Sie erhielt keine Antwort. Da glaubte sie, es sei das beste, die Freundin nun, wo sie doch den Anfang gelesen, sich selbst zu überlassen.

Maria hatte sich in einem Stuhl geworfen und mit jubelndem Herzen den Brief Stassingks aufgerissen. Er war wieder zu ihr zurückgekommen! Er schrieb!

Und sie las:

Meine geliebte Maria!

Vielleicht ist es das letzte Mal. daß Du einen Brief von mir bekommst, vielleicht wenn Du diese Zeilen in den Händen hast, ist meine Hand erstarrt und kann die Feder nicht mehr führen. Lass mich bestimmter reden. Diese Einleitungsworte dienen nur, um Dich vorzubereiten. Es ist der letzte Brief, den ich Dir schreiben kann, Maria. Herr da Caza hat mich gefordert, und bleibe ich am Leben, so gehen diese Zeilen überhaupt nicht ab, stößt mir jedoch etwas zu, so wird der liebe, alte Freund Selbotten so gut sein, sie an Dich zu befördern.

Sie sind also, wenn Du sie liesest, ein Gruß aus einer anderen Welt, der letzte Gruß eines Toten!

Maria hatte die Zeilen überflogen. Sie hielt den Brief mit zitternden Händen, es war ihr, als stiege ihr das Blut zu Kopf, als flimmerte es ihr vor den Augen, als würde es ihr schwarz, und sie mußte das Papier sinken lassen. Aber sie fand doch die Kraft wieder, Mut zu fassen und weiterzulesen:

Als Letztes, was ich Dir sagen will: ich bitte Dich, verzeihe mir, wenn ich böse an Dir gehandelt. Ich weiß, daß ich Dich nicht so geliebt habe, wie Du es verdienst, Du, die Schönste, die ich in meinem Leben gesehen. Du, die Beste, die Liebste, die Edelste, die mir begegnet ist, solange ich denken kann. Gegen Dich müssen alle anderen Frauen verschwinden, gegen Dich sind sie alle nichts. Du überstrahlst sie, überragst sie alle, alle! Und Dich liebe ich ja nur.

Ja, ich liebe Dich allein, wenn Du es mir auch vielleicht nicht mehr glauben kannst, mir Unwürdigem, der ich doch immer nach rechts oder links gesehen habe.

Heute abend, wo ich vor der größten Entscheidung meines Lebens stehe, halte ich einmal Rechenschaft über mich selbst. Und diese Rechenschaft wird zum Gericht, wenn ich daran denke, daß ich Dich verraten habe – nicht in Taten – aber in Gedanken, in Worten, in Blicken, so oft, wie ich es selbst nicht sagen kann.

Ich weiß, was die Liebe fordert: den Gedanken nur an die eine. Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Ich weiß es, aber ich glaube, ich kann es nicht.

Und doch liebe ich Dich, Maria! Vielleicht liebe ich Dich auf meine Art, wie andere es nicht verstehen! Ich kann nicht vorübergehen, wenn schöne Frauen mit mir sprechen, denn mein Auge ist für den Reiz der Schönheit geschaffen, mein Ohr fühlt sich angeregt durch eine Weibesstimme.

Wenn Du aber verlangst, daß ich nur Auge und Ohr haben soll für Dich, wenn Du unter Liebe verstehst den alleinigen Besitz, eifersüchtig bewacht während jeder Sekunde, so muß ich Dir sagen, dann liebe ich Dich auch nicht.

Aber Du irrst Dich, ich liebe Dich doch: Ich huldige dem Liebreiz und der Schönheit, wo ich sie sehe, aber mein Herz muß doch der Schönsten gehören, und die Schönste bist Du.

Nun muß ich Abschied nehmen, einen Abschied ohne Wiedersehen, denn ich kehre nicht wieder. Nicht wieder Nicht wieder. Ich besehe meine Hand, während sie schreibt, und es wird mir eigen zu Sinn, daß sie sich in ein paar Stunden nicht mehr bewegen wird, um Dir zu schreiben. Dann wird mein Herz nicht mehr für Dich schlagen können, Maria, denn es steht still. Und dann? Ja, was kommt dann? Wo werde ich sein?

Du aber bleibst zurück. Und was wird aus Dir? Das ist es, was mir jetzt Sorge macht. Zu meinem Begräbnis kannst Du nicht kommen. Nie siehst Du mich wieder. Es ist, als ob ich weggelöscht wäre, als ob ich nie in Deinem Leben erschienen sei, und, Maria, Glück habe ich Dir nicht gebracht.

Wenn ich dann fort bin, dann ist es ja, als ob ich nie Deine Ehe gestört. Ich weiß, daß Du trotzdem zu Deinem Manne nicht zurückkehren wirst, weil ich immer als Schatten zwischen euch stände, aber ich bitte Dich, zürne ihm nicht, daß er mich getötet hat. Er hat nach den Gesetzen der Ehre gehandelt, und wenn er mich traf, so glaube mir, ist es Zufall gewesen, weiter nichts.

Selbottens werden sich um Dich kümmern, um Dich sein, so ist es mir ein Trost, daß Du nicht ganz allein bist.

Ich weiß, Maria, Du wirst um mich weinen, Du wirst trauern um mich, ich weiß, Du wirst mich nicht vergessen. Ich weiß aber auch, wie es im Leben geht, daß die Zeit alle Schmerzen lindert, die Jahre heilen. Lasse Zeit vergehen, viele Zeit, dann wirst Du ruhiger werden, dann wird allmählich – sei mir nicht böse, wenn ich es sage – allmählich wird mein Andenken verblassen. Ferner und ferner wird es Dir werden. Zuletzt wird Dir nur noch ein wehmütiges Erinnern von mir bleiben, ein schwaches Bild von dem Manne, den Du geliebt hast aus tiefster Seele, dem Du Deine Zukunft geopfert, und der Dich auch ein bißchen lieb gehabt hat, wenn Du es ihm auch jetzt vielleicht nicht glauben willst.

Dann wirst Du vielleicht einmal einen Besseren finden als mich, einen, der Dir sein ganzes Herz schenkt. Wenn dieser Mann einmal kommt, dann laß nicht mein Bild zwischen euch treten, das ist meine letzte Bitte, hörst Du, meine letzte Bitte! Dann, und wenn Du ihn auch nicht aus heißestem Herzen lieben könntest, und wenn Du ihn nur so liebst, wie ich Dich als armer Schächer, der nicht richtig lieben kann, dann gib ihm Deine Hand und sage ihm diese Worte:

»Ich habe einmal einen Mann geliebt aus tiefster Seele, der gab mir nur sein halbes Herz, er konnte nicht mehr. Nun liebst du mich, sagst du, aus tiester Seele und ich habe nur noch ein halbes Herz für dich, ich kann nicht mehr. Wenn du's zufrieden bist, so soll es dir gehören.«

Dann, Maria, wirft Du vielleicht wieder glücklich werden, ganz glücklich, glücklicher, als Du es mit mir geworden wärest, aber dann in Deinem Glück bitte, bitte, denke noch einmal zurück an

Deinen Ernst.

Als Maria geendet, blieb sie regungslos in ihrem Stuhle sitzen. Das Papier war ihr entfallen. Sie blickte starr vor sich hin auf den Teppich. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, die nun unablässig die Wangen herabtropften. Sie schluchzte nicht, sie war ganz starr, wie niedergeschlagen, gelähmt, als könne sie kein Glied rühren.

So blieb sie eine Stunde, ohne sich zu bewegen.

Dann klopfte die kleine Gräfin. Maria erhob sich mechanisch, um zu öffnen, und als die Freundin neben ihr im Zimmer stand, war sie, trotz allen Zuredens und Schmeichelns, nicht dazu zu bringen, auch nur ein einziges Wort zu sagen, als dumpf und mit Tränenschauern begleitet:

»Er ist tot.«

Wie ihre Tränen dann zu versiegen begannen, blieb sie immer noch stumm. Sie saß nur in einer Ecke und las wieder und wieder Stassingks Brief bis zum Abend.

Am nächsten Tage ging es fort: sie sprach kein Wort, las nur den Brief und weinte. Dabei nahm sie kaum Nahrung zu sich. Die kleine Freundin versuchte ihr Trost zuzusprechen, doch vergebens. Maria hörte ruhig zu, aber sie antwortete nicht. Und weil sich nun Gräfin Selbotten gar nicht mehr zu helfen wußte, telegraphierte sie in ihrer Not an ihren Mann, er möchte kommen, denn sie begann um Marias Verstand zu fürchten.

Graf Selbotten nahm Urlaub und erschien ein paar Tage darauf. Zuerst wollte Maria auch ihm nicht antworten, aber er machte bald den Versuch, ihr Interesse an den Dingen wieder zu wecken, indem er sie fragte:

»Gnädige Frau, soll ich Ihnen denn nicht erzählen, wie es war?«

Da ward sie aufmerksam und stellte einige Fragen, die er mit möglichster Schonung beantwortete. Schritt für Schritt ging es vorwärts, bis er ihr einmal das ganze Duell bis in alle Einzelheiten erzählte. Sie weinte noch, und als er den Tod Stassingks schilderte und alles, was dann gefolgt, die Beisetzung, da kam noch einmal eine fürchterliche Erschütterung der Nerven, ein Weinkrampf mit Schluchzen und Beben und Zittern, dann versiegten die Tränen.

Maria konnte ruhig Graf Selbotten fragen:

– Wo liegt er begraben?

– Auf dem Gute seines Stiefbruders.

Maria nickte. Sie schien nachzusinnen. Nach einer Weile sprach sie mit zitternder Stimme, aus der eine unsägliche Traurigkeit klang:

– Ist das Grab – schön?

Ganz einfach. Nur ein schmaler Hügel auf dem kleinen Friedhof im Park, wo seine Eltern beide liegen. Er ruht an der Seite seiner Schwester, die ganz jung gestorben ist. Daneben steht eine Weide, die läßt ihre Aeste darüber hängen. Der Bruder hat die Kränze fortnehmen lassen und Blumen eingepflanzt, und ich habe für Sie, gnädige Frau, an das Kopfende einen großen, hohen Stock weißer Rosen eingesetzt. Die werden diesen Sommer schon blühen!

Ich danke Ihnen, lieber Freund! – sagte Maria, stand auf und gab ihm die Hand. Sie blieb vor ihm stehen:

– Glauben Sie, daß ich das Grab einmal werde sehen können?

– Diesen Herbst, gnädige Frau, wenn Ihnen die frische Luft der Berge wohlgetan haben wird. Sie können's ganz gut brauchen.

Maria lächelte müde, und er fuhr fort:

– Sein Bruder ist über alles unterrichtet. Diesen Herbst, wenn ich von meiner Dienstleistung zurückkomme, fahren wir hin.

Da legte Maria ihren Arm schmeichelnd um der kleinen Gräfin Schulter mit den Worten:

– Wollen wir nicht bald abreisen nach Berchtesgaden? Ich sehne mich so fort!«

–Wann Du willst!« antwortete die Freundin. Es wurde beschlossen, in zwei Tagen die Koffer zu packen. Graf Selbotten mußte noch am selben Abend nach Berlin zurück, sein Urlaub war abgelaufen.

Als die beiden Damen vom Bahnhof zurückkamen, tröstete Maria die kleine Gräfin, die ein wenig gerötete Augen hatte vom Abschied, indem sie traurig sagte:

»Du mußt nicht weinen! Was habe ich zu tragen! Ihr seht euch ja wieder! Aber ich …?«

Und plötzlich richtete sie sich straffer auf, als sie je in der letzten Zeit getan, und in ihrer Haltung war wieder etwas von der königlichen Schönheit der alten Maria da Caza, als sie fast hart sprach:

– Aber … vielleicht … wäre … ich… noch … unglücklicher geworden … als ich jetzt bin!