Margret und Ossana

Erstes Kapitel

Graf Meinhardt zu Aich spähte zum Fenster des Abteils hinaus. Da – zwei Gestalten, ein junges Mädchen in Schwarz, daneben ein Ulan, dem aus dem Mantel die drei Kragensterne des Rittmeisters lugten. Im Augenblick darauf umarmten sich die Geschwister. Das Henrietterl, wie Gräfin Henriette zu Aich genannt wurde, untergehakt, ging er dem Ausgange zu, während der Offizier sich um das Gepäck kümmerte.

»Das Telegramm kam zu spät. Unter einer Woche kann man von Amerika nicht herüberkommen! Und nun, wo Papa nicht mehr ist, scheint's mir doch, als wären diese ganzen – wie lange ist es? – sieben Jahre ein Unsinn gewesen. Aber er hat's so gewollt, ich hab' nicht anders können! Wie geht dir's Henrietterl?«

Sie sah ihn an mit ihren ewig lächelnden Augen: »Ah, sehr gut!«

Er kehrte zu seinem Vater zurück: »Der arme Papa, hat er sich denn gequält?«

»Nein, wie man hört, nicht.«

»Bist denn nicht dabei gewesen?«

»Es geschah zu plötzlich. Er hatte ja schon einen Schlaganfall gehabt, nun kam der Herzschlag noch hinzu.« »Und der Poldi?«

»Ah, der ist ja erst zur Beerdigung gekommen!« »Aber du hast den Papa doch noch gesehen?« »Ossana ist mit mir hin.«

Graf Meinhardt blieb stehen: »Wie ist denn seine Frau?«

»Der Papa war ja schon unten am Friedhof!« »Also auf der Rochusburg bist nicht gewesen?« Ihre Augen flammten: »Wo denkst denn hin?« Als sie im Fiaker saßen, zu dritt, sagte der Älteste, indem er den Hut hob und sich bei der ungewohnten Wärme des Märztages die Stirn tupfte: »Ich fahr' heut nachmittag hinauf.« »Das muß das erste sein.« »Sagen wir das zweite. Erst geh' ich zum Friedhof.«

Auf der Fahrt zum Palasthotel sprach der Rittmeister mit seiner Schwester über allerlei Veränderungen, die in Meran, in den Jahren, da auch er nicht in der Heimat gewesen, vor sich gegangen waren: Neubauten, Pflanzungen, Platzerweiterungen, Läden. Graf Meinhardt blieb stumm. Sie bogen aus der Habsburgerstraße beim Theater über die Passer. Drüben sahen sie die Promenade mit ihren alten, noch winterkahlen Bäumen, unter denen in der Sonne die Menschen auf und ab schritten oder saßen. Während sie beim leisen Rauschen des Wassers am Riesenkasten des »Grand Hotel Meraner Hof« hinfuhren, klangen die Weisen des Kurorchesters herüber. Die beiden anderen plauschten. Meinhardt starrte auf das alte Städtchen da drüben mit seinem neuen Kleide von Kuranlagen und Hotels, auf das köstliche Gemisch bäuerisch-bürgerlich verträumten Mittelalters und neuesten Fremdenbetriebes, darüber am Küchelberg stand wie ein mächtiger Wächter aus der Römerzeit der Pulverturm.

Während Graf Meinhardt sich umkleidete, wartete das Henrietterl in der Halle des Hotels, doch das Umziehen dauerte lange, die Brüder halten einander viel zu sagen.

»Poldi, hast du den Papa auch nicht mehr gesehen?«

Der zuckte mit einer gewissen Leichtfertigkeit die Achseln: »Nachdem ich nicht gerufen worden bin? übrigens, Meinhardt, warum hätte denn der Papa nicht wieder heiraten sollen, nachdem er sich so einsam gefühlt hat?«

»Das Henrietterl war doch da!«

»Schau, die ist damals noch ein Kind gewesen, und kein liebes grad'! Du weißt doch die Szenen, die's mit ihr gegeben hat. Wenn er ein paar Jahr gewartet hätt', hätt' man's ihm vielleicht nicht übel genommen; freilich zu heiraten, nachdem die Mutter kaum drei Monat tot war –«

Graf Meinhardt zog den Rock an, vergrub die Hände in den Taschen und blieb – einen Kopf größer als der schlanke, fadendünne Rittmeister – breit und stark vor ihm stehen:

»Wenn ich nur damals dagewesen wär'! So was schriftlich machen, das ist nix. Aber, Teifel nochmal, wenn man in Indien sitzt, kann man nicht am andern Tag in Tirol sein, und ich bin doch damals beim Generalkonsulat in Kalkutta gewesen. Das ist das Fürchterliche am Tod, daß man nichts mehr gutmachen kann. Vielleicht ist auch bei uns viel Schuld gewesen, grab' bei mir! Ich hält' ja den Papa um Verzeihung gebeten. So oder so hätten wir uns gewiß versöhnt. Vor einer Woche noch waren alle Möglichkeiten, und ich hab' gedacht, die Jahre werden ja doch einmal die Versöhnung bringen! Und jetzt? Zu spät! Unsere liebe Mutter hat immer gesagt: Zum Haß ist Zeit, Liebe verlangt Gegenwart.«

Graf Meinhardt schwieg. Der Rittmeister ließ erst die nötige Pause verstreichen, die er, mehr Daseins- und Oberflächenmensch, doch für schicklich hielt, dann rief er in ganz anderem Tone:

»Aber das Henrietterl wartet!«

Graf Meinhardt wollte allein auf den Friedhof gehen. So lieb er die Geschwister hatte, er empfand das Bedürfnis, sich mit seinem Herzen und dem Gedächtnis an jenen, der ihm über zwanzig Jahre ein herzensguter Vater gewesen, allein auseinanderzusetzen.

Die paar Schritte vom Palasthotel zum alten katholischen Friedhof ging er zu Fuß. Nayspur im Nonstal, wo einst die Aich begraben worden, war schon seit Geschlechtern in anderem Besitz. Auf der Rochusburg, die eine Ältermutter in die Ehe gebracht, lagen nur sie und ihr Gemahl. Die Aich aber ruhten seit der Zeit auf dem Maiser Friedhofe. Er trat durch das Säulentor und ging zwischen den Gräberreihen hin, zum letzten Bette seines Vaters.

Vor dem riesigen Marmorkreuz an der Friedhofmauer zog er mit kurzem Lippengebet den Hut, aber zur Sammlung konnte er nicht kommen. Äußerlichkeiten fielen ihm auf: die Grabplatte war beschädigt; man sah noch die helle Bruchstelle von einem abgesprengten Stück – vielleicht als sie vor ein paar Tagen erst abgenommen worden, um den Sarg des Vaters hinunterzulassen, neben den seiner ersten Frau. Und mit einem Male schoß es Graf Meinhardt durch den Kopf: War es nicht erstaunlich, daß die zweite ihren Mann, der ihretwegen mit seiner Familie gebrochen hatte, hier neben der ersten Frau ruhen ließ, wo für sie einmal kein Platz mehr sein würde? Oder hatte sie keinen Widerspruch erheben können?

Alle Stimmung war dahin. Ein Lippengebet wieder, und er ging langsam davon. Im Vorüberschreiten las er ein paar Grabsteine. Namen aus seiner Kindheit dunkelten da auf den Platten, halb verwischt von Jahren und Wetter: »Edler von Rasen zum Neuenturm« – »Altbürgermeister Dr. Thaddäus Ladurner«, der grausliche Brummbär? Und die »vielbetrauerte Witwe Maria Trenkwalder?« Sie war ja schon, als Meinhardt ein Knabe gewesen, hornalt! Aber dort »Filomena Unterweger«, die Bauerntochter vom Stafflerhof, die er als Bub einst heimführen wollte, und ein Vierteljahr darauf glühte sein Herz doch schon für eine andere? Alte Zeiten! Seltsames, kurzes Menschenleben!

Er stand am Ausgang. Ein weißhaariges Weib drückte, über ein Grab gebeugt, mit dürren Armen, an denen die Adern wie Stränge lagen, die Erde fest. Im Vorübergehen las Graf Meinhardt den Namen: »Freifrau Durazzi von Paternell«, und sofort klang es ihm weiter in den Ohren: »geborene Katzenpecken von Pergamatsch.«

Da standen vor seinen Augen die Durazzi, bei denen das Henrietterl nun das achte Jahr schon weilte, seitdem es wegen der zweiten Frau die Rochusburg verlassen. Er sah die Schwestern vor sich in halblangen Kleidern, noch eckig, kindlich aneinander gelehnt, wie sie ihn anblickten und in erwachender Jungfräulichkeit die Augen niederschlugen. Die lustige Ossana mit ihrem klangvollen Namen, ursprünglich das »Ossana« (Hosianna) der Schrift. Der alte Baron Durazzi hatte ihn den Familienpapieren entlehnt, darin er abends, die Hornbrille vor den Augen, vergangene Herrlichkeit seines Geschlechtes aufleben ließ. Margret war verschlossen, ernst und still. Und in dem Heimatlosigkeitsgefühl, das heute des Heimgekehrten Herz erzittern ließ, erschien es ihm wie ein Ruhepunkt, das alte Göllan da drüben, mit seiner efeuumsponnenen Nordwand, mit dem engen Wirtschaftshof, mit der gewiß schon seit Jahrhunderten schief geneigten Treppe, die unter dem Säulendach emporführte in den weiträumigen Flur.

Da beeilte er seine Schritte, als warteten seiner die lieben Jugendgespielinnen: gleich wollten sie hinüberfahren, gleich! Er schüttelte den Gedanken ab an das Grab, und seine Seele sprach: »Ich komme wieder zu dir, Vater, wenn alle Mißtöne verklungen sind.«

Da empfing ihn auch schon der weiße, langgestreckte, neumodische Hotelbau mit den großen Spiegelscheiben. An den Palmenbeeten davor standen ein paar modisch gekleidete Damen, deren kräftige Aussprache die Norddeutschen verriet. Kurgäste, aus einer anderen Welt als die Grafen Aich von und zu Nayspur und die Freiherren Durazzi von Paternell und die Katzenpecken von Pergamatsch …

Graf Meinhardt fragte: »Wollen wir gleich nach Göllan?«

Aus alter Gewohnheit dachte er daran, einen Wagen zu bestellen, doch die Schwester meinte: »Mit der Tram sind wir viel schneller dort.«

»Ach ja. jetzt ist ja alles anders!« Am Ruffinplatz stiegen die Geschwister ein. Durch Untermais sausten sie, an in der Südensonne schon leise wieder grünenden Wiesen zwischen Obstbäumen hin über die Etsch. Graf Meinhardt nannte dem Henrietterl die Namen aller Ortschaften und Ansitze, auf die sie selbst, die nie ihre Heimat verlassen, nicht zu achten gelernt, als ob er sie eben erst entdecke.

Im Schatten des Marlinger Berges leuchteten Höfe aus den Weingärten, und weite Kalvilleanlagen dehnten sich über weißen Stützmauern hin. Herren- und Geschäftsordnung verkündend gegen die unregelmäßig eingehaltenen Gründe der Bauern. Nun kam, vor dem vom Schlosse Braunsberg überragten Lana, der alte Ansitz Göllan in Sicht mit seinem zeitgedunkelten Holzziegeldach. Wie sie den Fußweg, dessen Stufen aus einstigen Bauteilen gebildet waren, hinaufstiegen, ward der halbe Zerfall sichtbar. Der Rundbogen des Tores war gesprungen, ein Teil der Zinnen abgedeckt, der Mörtel von der Witterung zerfressen. Durch den gotischen Treppengiebel des Hauses ging, vom zierlich gekuppelten romanischen Fenster aus, ein klaffender Riß. Reich geschmiedete Fensterkörbe in dem unteren Geschoß verrieten versunkene Herrlichkeit. Ein breiter Erker ragte auf gewaltigen Kragsteinen an der Hausecke vor, und Graf Meinhardt sah die alten Wappenscheiben hinter neuzeitlichen Fenstergläsern hängen. An der ganzen Hofseite bis zum nahen Wirtschaftsgebäude hinüber stützten Säulen das überstehende Dach. Dort lag der dunkle Eingang zur Torggel: noch immer hing die gotische Tür schief in den Angeln, als würde sie, gerade gerichtet, das Jugendbild zerstören, das Meinhardt im Gedächtnis trug. Und da führte auch die ausgetretene Treppe mit den breiten Hausteinstufen hinan, von der schon der Knabe nicht begriffen, wie sie eigentlich den Gesetzen der Schwere standhielt. Mit ein paar Sprüngen war er den beiden anderen voraus und stand oben vor dem Tor, an dem rechts und links zwei marmorne Rundbänke, poliert durch langen Gebrauch, vorsprangen. Neben dem alten geschmiedeten Glockenzuge, der, in ein Wirrsal von Drähten auslaufend, über den Hof und zum ersten Stock hinauf ging, fand sich der Druckknopf einer elektrischen Klingel schief angeschraubt. Ein kleiner, glattrasierter Mann im grauen Rock mit Zornknöpfen und grünem Kragen erschien. Doch das Henrietterl war schon vorausgelaufen in den gewölbten Flur, wo in regelmäßigen Abständen niedrige Türen mit schmiedeeisernen Klinken die gemeißelten Wände unterbrachen. Die Gräfin rief fröhlich: »Der Onkel läßt bitten!«

Dann verschwand sie im Zimmer, und man hörte sie sagen: »Ja, der Meinhardt auch.«

Sie traten ein. Der große, etwas niedrige Raum trug über alter Vertäfelung einen tapetennachahmenden Anstrich. Von der Decke, aus dem Leibe einer auf Wolken schwebenden Putte, hing ein Bronzelüster herab, der in eine mächtige, glänzende Kugel auslief. Von den Wänden schauten Familienbilder. Ihre Leinwand, vielleicht seit hundert Jahren nicht nachgespannt, schlug Wellen. Ein Lehnstuhl wartete am Fenster, mit breiten Backen den Müden zu empfangen, während am Sofaplatz den Tisch steiflehnige Sessel umstanden, so hoch, daß vor den meisten Fußbänke träumten. Um den bunt bemalten Renaissance-Kachelofen, auf gelben, wild dreinschauenden Löwen ruhend, lief eine Holzbank. Im ersten Augenblick schien nur das Henrietterl im Zimmer zu sein, bis von einem eingelegten Schreibtisch, an dessen heruntergeklappter Platte er gesessen, ein alter Herr sich erhob. Sein schneeweißer Bart war am Kinn ausrasiert, ein paar lebenslustige blaue Äuglein blinzelten den beiden Grafen Aich entgegen: »Aber schau, Meinhardt, ist das a Freud'! Na ja, der Papa – aber daß du zu spät gekommen bist … Und da ist ja der Poldi! Laßt ihr euch auch wieder einmal anschaun? Schau, schau, Rittmeister? Der Stern ist ganz neu. Ja, ja, das ist ein Stolz, wenn man avanciert. So nun setzt's euch her und bleibt's nit wieder jahrlang aus! Du bist wohl lang gefahren. Meinhardt, von Amerika?«

»Zehn Tage!«

Der alte Baron zog ihn beiseite: »Ja, ja, 's ist traurig, so heimkehren. Aber hier find'st du immer ein Heim. Willst bei uns wohnen? Ich laß dir gleich ein Zimmer richten. Elegant nicht, aber du liebst ja alte Sachen. I mag auch das Neue nit leiden!«

Graf Meinhardt dankte: sie wohnten schon drüben im Hotel, und er müsse auch morgen hinauf nach der Rochusburg. Sie hatten sich gesetzt, im Kreise um den eingelegten Tisch, auf dem eine Zinnschüssel voll eingekniffener Besuchskarten stand.

Der alte Herr nahm rechts Meinhardts, links Poldis Hand:

»Ich hab' kein' Sohn, ich alter Esel sitz' da mit lauter Weibsbildern beinand. Aber wenn i schon ein paar Söhn' haben sollt', euch möcht i gleich!«

Doch im selben Augenblick lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände und drehte die Daumen. In der Tür erschienen zwei schwarze Köpfe mit dunklen, glänzenden Augen unter den weißen Stirnen. Wo waren die kleinen, schämigen Mädchen von einst, halbwüchsig mit kurzen Kleidern? Zwei junge Damen standen da, ruhig und selbstverständlich. Ohne die Augen niederzuschlagen, gingen sie dem Jugendfreund entgegen. Ossana, die ältere, streckte ihm die Hand hin. Dann auch Margret, die jüngere, dunkler noch, aber die Züge nicht ganz so regelmäßig. Der Rittmeister ward ein wenig wärmer begrüßt, denn sie hatten ihn vor ein paar Jahren wenigstens einmal wiedergesehen.

Das Henrietterl bat erstaunt: »Wollt ihr euch nit du sagen?«

Meinhardt betrachtete die mädchenhafte Gestalt, die eben eingetreten, in ihrem einfachen fußfreien Kleide. Er war so in Gedanken, daß er nicht antwortete, bis der alte Baron Margret bei der Hand, den Grafen beim Arm nahm und rief:

»Keine Müdigkeit vorschützen – gebt's euch a Busserl!«

Das schlanke dunkle Mädchen fiel, vom Vater hinübergerissen, Meinhardt beinahe in die Arme. Auch die andere Tochter trieb er mit dem Sohne seines einstigen Freundes zusammen. Doch zu einem Kusse kam es nicht. Der Rittmeister dagegen ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, und sein Schnurrbart berührte nacheinander die Wangen der Mädchen.

Meinhardt sagte zu Margret Durazzi: »Also darf ich von der Verwandtschaft Gebrauch machen?«

»Natürlich!«

Und doch blieben sie ein wenig steif voreinander stehen. Er betrachtete Margret noch immer. Unter Ossanas dunklen Lidern schoß ein Blick zu ihm, dem das Schwarz der Kleidung zu dem Blond seines Haares so gut stand. Inzwischen war das Henrietterl verschwunden, die Jause zu bestellen. Man setzte sich, und während der Rittmeister sich mit Ossana unterhielt, glitt Meinhardts Auge wieder über Margrets vielleicht ein wenig zu magere Gestalt mit dem engen Gürtel, um den, genau wie bei ihrer Schwester, die goldene Uhrkette gelegt war: »Wie hast du dich – ich darf ja du sagen – verändert! Ich hätt' euch nicht wieder erkannt, so groß seid ihr geworden und so schön.«

Es zuckte um ihre Augenbrauen gleich Ärger; doch mit seiner ganzen Natürlichkeit, der Schmeicheln fern lag, fuhr er fort:

»Man sieht ja ganz anders, wenn man so lang' in einer fremden Welt gewesen ist. Und doch ist's mir hier noch so vertraut, als ob ich erst gestern fortgegangen wär'. Ich hab' langen Urlaub. Den ersten, seit ich in Washington als Sekretär bin.«

Der alte Baron drohte mit dem Finger: »Jetzt bleibst aber da!«

Meinhardts Auge streifte Margret, als müsse von ihr eine Ermutigung dazu kommen. Doch sie schob den kleinen spitzen Schuh vor, kehrte ihn zur Seite und betrachtete die Sohle. So antwortete er nur zögernd:

»Vielleicht…« Dann mit plötzlichem Entschlusse: »Ich sollt' eigentlich den Abschied nehmen.«

Margret rührte sich nicht; Ossanas schwarze Augen waren auf ihn gerichtet. Aber sofort wandte sie sich wieder ab, um mit dem Henrietterl zu sprechen. Nun setzte Meinhardt dem alten Baron auseinander, es gäbe gewiß so viel zu ordnen beim Antritt des großen Besitzes, daß es freilich wohl das beste sei, hier zu bleiben. Dabei drehte er sich um und blickte zum Fenster hinaus auf die besonnten Hänge, über denen gerade das weiße Gemäuer der Rochusburg jenseits des Tales aufleuchtete:

»Ich hab' manchmal Heimweh gehabt, und wenn ich das jetzt wieder seh' nach den ewigen brandigen traurigen Londoner Nebeln, nach der fremden Pracht in Indien, nach dem schauerlichen Winter in Amerika, wo dann wieder die Sommerhitze viel schlimmer ist als hier bei uns, ach …«

Baron Durazzi meinte nachdenklich: »Abschied nehmen ist schnell g'schehen! Ich wollt', ich hätt' weiter gedient.«

Er sah sich gewohnheitsmäßig um, als sei das schon eine gewagte Behauptung, die beanstandet werden könnte. Der Rittmeister hatte sich eine Zigarette angezündet; eine dicke Rauchwolke von sich blasend, meinte er: »A bissel eng ist's schon da! Immer die gleichen Leut'!«

Und es klang, als sei er weit in der Welt herumgekommen, während er doch seine ganze Dienstzeit in elenden galizischen und ungarischen Nestern verbracht hatte.

Graf Meinhardt trat mit dem alten Baron ans Fenster und blickte wieder zur Rochusburg hinüber, deren Fensterscheiben eben blitzten, als hieße es: »Ja, die Sonne, diese schöne Sonne, und unsere lieben Tiroler Berge.«

Der Rittmeister kam zu ihnen. Baron Durazzi sah sich um. Seine Töchter waren verschwunden. So legte er die Hände auf seiner jungen Wahlverwandten Schultern: »Na, was sagt's ihr denn zu euren Kusinen?«

Der Rittmeister strich sich mit den vom ewigen Zigarettenrauchen gelblichen Fingern den kleinen Schnurrbart: »Sehr fesch!«

Der alte Herr krümmte die haarige, alterssommersprossige Hand, an der der Ehering saß, nach innen und tupfte sich auf die Brust:

»Nachdem ich der Vater bin!«

Dann aber rief er ins Nebenzimmer durch die offene Tür: »Wie steht's mit der Jause?«

»Sofort, Papa!«

»Also schnell, Margret!«

»Die Margret ist nit da!«

»Na dann du, Ossana!«

Und zu seinem Besuch gewandt: »Ich weiß nie, ob die Margret spricht oder die Ossana.«

Der Rittmeister meinte: »Sie schauen sich auch sonst so ähnlich wie ein Ei dem andern.«

Graf Meinhardt machte ein erstauntes Gesicht. Da kam auch schon der Diener mit dem Teebrett. Henrietterl und Ossana folgten, mit geröstetem Brot und Butter.

Dann wurde Tee getrunken. Auf dem Sofa saß das Henrietterl zwischen den Schwestern, Graf Meinhardt neben Margret. Während sie sich von ihm von Amerika erzählen ließ, war sie immer bedacht, auch einmal ein Wort mit dem Rittmeister zu tauschen. Ossana aber bog sich über das Henrietterl vor, um Graf Meinhardt zuzuhören. Man spürte aus seinen Worten, wie der Gedanke an den Tod des Vaters ihn nicht los ließ, während des Rittmeisters leichtere Art Leben und Sterben hinnahm etwa gleich einem Garnisonwechsel, der Vorteile oder Nachteile bieten könnte.

Die Mädchen hatten sich Zigaretten angesteckt, nur Margret rauchte nicht. Allmählich kam man einander näher, der Tee mit Anbieten, Danken, Nehmen verknüpfte, und es war, als ob die Tabakwolken gemütlich die Geister einten. Immer wieder kehrten die Gedanken zur Rochusburg zurück. Graf Meinhardt hatte ja alles, was in diesen Jahren vorgegangen, nur brieflich erlebt. Er meinte, es sei bitter, daß er aus Selbstachtung im Hotel wohnen müsse, dem Tratsch und Klatsch der beschäftigungslosen Menschen eines Kurortes ausgesetzt, wahrend dort oben sein väterliches Schloß lag. Und noch einmal erzählte er alles, was geschehen. Wie der Papa ihn gewissermaßen um Rat gefragt, ob er die zweite Heirat wagen solle, und der Sohn ihm in aller Ehrerbietung das Gedächtnis an die verstorbene Mutter wachgerufen. Wie der Papa das dann übelgenommen und der Sohn in einer unseligen Anwandlung von Gereiztheit ihm nichts schuldig geblieben, bis der Briefverkehr mit einem Bruch geendet, während vielleicht bei einer kurzen Aussprache Auge in Auge alles sich hätte regeln lassen.

Aus Meinhardts Worten zitterte ein verwundetes Herz, der Poldi dagegen erklärte, ihm sei das alles Wurscht. Wurscht war jedes dritte Wort, als ob er auf die ganze Welt pfiffe. Nun ereiferte sich auch das Henrietterl, zum erstenmal im Zusammenhang den Gang der Ereignisse erzählend, die sie aus Rochusburg getrieben: »Schau, Meinhardt, du hast mir immer zugeredet in deinen Briefen, ich soll bleiben. Aber hab' i nit immer an die liebe Mama denken müssen, wenn die Fremde da sitzt? Und in alles hat sie sich hineinmischen wollen. Ich hätt' nit rauchen sollen, und nit allein nach Meran hinunterlaufen. Und der Unterricht bei dem englischen Fräulein hat ihr auch nit gepaßt. Ich müßt' in ein Pensionat. Mein Gott, wenn das die selige Mutter gewußt hätt'! Fort sollt' ich, damit sie allein regieren könnt'! Na, das war schon nit mehr zum Aushalten! Und wie sie dann grob worden ist … sie war schon ekelhaft … da bin i halt eines Tages nach Göllan kommen und hab' erklärt, i geh' nit wieder fort. Tante Angiolina hat mich zwar nit behalten woll'n, aber ich hab' g'sagt, eher geh' ich ins Wasser. Ja, wirklich, das hab' ich g'sagt.«

Der alte Baron schüttelte den Kopf: »Und da wird die Tante dir gesagt haben, daß das saudumme Gedanken sind, sich das Leben nehmen wollen. Recht hat sie, die Tante, wenn sie auch die Frömmigkeit a bisserl übertreibt, denn am End' hat man auch Pflichten auf der Welt und nicht nur für den Himmel, nachdem sie nit einmal weiß, wie lang' sie wird im Fegfeuer sitzen müssen.«

Plötzlich klang eine Stimme. Graf Meinhardt sah zuerst Ossana an, gewahrte aber dann, daß Margret sprach: »Lieber Papa, ich weiß, daß es nicht an der Tochter ist, dir Vorhaltungen zu machen, aber ich möcht' doch fragen, warum grad' die Mama so lang' im Fegfeuer sein soll?«

Der alte Baron lachte: »Ja, ja, schon gut! Natürlich kommt sie in den Himmel.«

Die junge Gräfin rief, eine Salzstange in der Hand, mit der sie ihre Bewegungen begleitete:

»'s ist wirklich so gewesen, Meinhardt, daß ich 's nit hab' aushalten können. Jedenfalls bin ich nit wiederkommen. Und die Tante hat mich hierbehalten.«

Baron Durazzi blickte nach der Uhr:

»Aber nun muß doch die Mama endlich heimkehren; der Rosenkranz ist doch aus.« Graf Meinhardt erhob sich:

»Wir können leider nicht länger warten, es wird schon bald Nacht, und wir müssen zum Essen im Hotel sein. Ein wenig die Papiere durchschauen muß ich auch noch, daß ich morgen früh, wenn ich mit dem Advokaten rede, orientiert bin.«

Der alte Herr, der, seitdem er den Abschied genommen, auf dem Ansitz seiner Familie in weichem Nichtstun die Jahre verbrachte, konnte solchen Eifer nicht begreifen.

Durch die Weingärten gaben die vier bis zur Haltestelle der elektrischen Tram den Scheidenden das Geleit. Der Rittmeister ging mit den Mädchen voraus, und bei dem bummelnden Gang, der ihm eigen war, streiften seine Schultern ab und zu die der Kusinen.

Drüben die Obermaiser Moränenhalde hinan glitzerte Licht an Licht, während in den noch nicht ganz dunkeln Himmel das zerklüftete Haupt des Ifinger seine breite Spitze schnitt. Im Passeier leuchteten matt schneebedeckte Berghänge, zur Linken ragte hoch oben in feierlichem Schweigen die steile Zackenmauer von der Mutspitze bis zum Tschigat.

Graf Meinhardt blieb mit dem alten Herrn stehen: »Unser Landl ist doch schön! Und den Papa hab' ich nicht mehr gesehen.«

Der alte Baron, den grünen Steirerhut ins Gesicht gesetzt, schob den Arm in den seines Begleiters. Während sie die Steinplatten zwischen den Nebenlauben niederschritten, sagte er: »Nur nit immer traurige Gedanken. Das Leben ist jammervoll genug!«

Und er machte ein ernstes Gesicht, als ob der untätige Mann unter des Daseins Last zusammenzubrechen drohte. Doch im gleichen Augenblick rief er schon wieder: »Setz' dich nur net zu zeitig hier fest. Denk' an mich! Ja, damals bei den Kaiserulanen, das war eine Zeit! Und die drei Jahr in Wien!«

Er ließ den andern los, straffte die Arme abwechselnd rechts und links, dann nahm er den Hut mit dem breiten grünen Band vom Kopf, und während er ihn vor dem Gesicht zwischen den Fingerspitzen ein paarmal langsam drehen ließ, summte er: »Mei Bluat geht so lufti, so leicht wia der Wind …«

In der Ferne hörte man ein Surren; gegen Lana blitzten farbige Lichter auf. Die Mädchen unten schrien:

»Die Tram! Die Tram! Schnell, schnell!«

Nun gab es einen überstürzten Abschied, den der Rittmeister benutzte, um Margret und Ossana abermals vetterlich mit dem Schnurrbart die Wange Zu streicheln. Meinhardt streckte ihnen nur die Hand hin.

Noch ein: »Grüßt Tante Angiolina!« und die beiden rannten spornstreichs hinunter, um gerade noch die Tram zu erwischen. Den dunklen Gestalten drüben im Weingarten, die schon mit dem Erdreich verschwammen, winkten sie noch lange ein Lebewohl zu.

Die Mädchen gingen miteinander. Das Henrietterl eingehakt zwischen den Schwestern. Der alte Baron stieg langsamer hinterdrein. Die kleine Gräfin fragte:

»Na, wie g'fallt euch denn der Meinhardt?«

Ossana sagte: »So schön groß hätt' ich ihn mir nimmer vorgestellt!«

Margret schwieg. Sie wandte sich um, wo der Vater bliebe. Gegen den blendenden Lichterschein von Meran und Mais dort drüben sahen sie ihn im ersten Augenblick nicht. Sie hörten nur durch die Nacht das Lied, womit er seinen Gang begleitete: »Mei Bluat geht so lufti, so leicht wia der Wind – –«

Zweites Kapitel

Graf Meinhardt Aich fuhr durch Obermais' ewiggrüne Gärten. Die Nadelhölzer erwachten schon aus stumpferem Wintergrün zu helleren Farben. An den Laubbäumen ahnte man erst die Knospen, die bei dauernder Wärme sich in wenigen Tagen zu Blättern entfalten würden. Rund um den Postplatz träumten die alten Schlösser Rottenstein, Rosenstein, Reichenbach und Rundeck, und durch die lange Gasse lugten die in den Tiroler Farben weiß und rot prangenden Läden des adligen Ansitzes Knillenberg. Am plätschernden Brunnen sogen Kühe gierig das Wasser aus dem Becken.

Höher strebte der Wagen die Straße hinan, die Wohnsitze lagen jetzt weiter auseinander, die Zahl der Anger wuchs, von alten Edelkastanien umsäumt, mit Obstbäumen bestanden, die schief gewachsen, verknorrt und verknorpelt, die Zweige niederhängen ließen vom jährlichen Segen, den das Land fast ohne Mühe den Menschen schenkte. Jenseits der Ralf kamen die welschen Zinnen des Schlosses Rametz in Sicht, in Weingärten gebettet. Wein wuchs hier, überall Wein. Nun tauchte das Schloß Labers auf, den Eingang zum Naißtal hütend, dann führte die Straße am Berge hin, hoch über der Tiefe, in der winzig das Kirchlein St. Valentin lag. Bauernburschen, die braunen Röcke mit den roten Aufschlägen über die Achsel gehängt, daß darunter die grünen Hosenträger weithin leuchteten, am Hut die rote Schnur, ihr Ledigsein kündend, gingen vorüber. Ein alter Mann, mit grauen Bartstoppeln, wohl der Vater, folgte allein. Die jungen Leute achteten nicht auf das Gefährt. Der Alte aber wich, wie in augenblicklichem Erschrecken, zur Seite.

»Grüaß Gott, Kuntner!«

Meinhardt ließ den Magen halten, und die beiden schüttelten sich die Hände. Der Bauer strich sich das weiße Haar aus der Stirn:

»Mir hab'n schon g'moant, Sie mögen gor nimmer kemmen.«

»Es geht nit immer, wie man will!«

Der Alte blinzelte listig:

»Sell woll, i verstea schon, man hat eppes g'hört. Aber kehren's nit a mol zua bei ins, Herr Grof? Möcht' ins schon sehr frein, mein Suhn und mei Tochter – –«

»Ja, i komm', grüaßt mir die Frau.«

Der Alle sah ihn mit offenem Munde an:

»Der Herr gib ihr die ewige Rua, am Pfingstig sein's zwoa Johr, daß mir sie begraben heben.«

»Ach!«

»Ja, du mei! Sterben müassen mer olle. Und die Muatter hat koa Freid mehr g'hobt am Leben, arbeiten hat s'a nimmer kinna, und der Bauer muaß arbeiten, sonst geat nix mit ihm!«

Die Knie auseinander bei seinen krummen Beinen in den dicken Hosen, die eine Handbreit über die Knöchel hinausstanden, zog er bedächtig den Lederbeutel mit dem Tabak und begann, seine Pfeife zu stopfen. Während er das Streichholz an der Hose anstrich, fuhr er fort:

»Na die Frau Muatter, Herr Grof, ischt koa schlechte Frau nit, wia man a so hört. Ja, und der Herr Vater ischt halt schun alt g'wesen. Olte Leit sein nix mehr nutz. Bald i nimmer arbeiten kinnt – i wollt', i war glei hin. Aber die Frau Gräfin ischt no guat beieinand. Wann i so oane fand', i tat's no amol wagen, denn fleißig ischt sie, wia man schun a so hört.«

Die Pfeife war in Brand. Der alte Bauer erstickte das glühende Zündholz in der hohlen Hand. Eine Weile schmauchte er. Auch Meinhardt schwieg. Dann blickte der Alte zum blauen Himmel auf und sagte unvermittelt:

»'s geat a guater Wind!«

Und er fuhr mit den rissigen, knorpligen Fingern, daran die schwarzen Nägel saßen, einen weiten Bogen von der Mutspitze herüber nach Süden: »Woll, woll, Pfüat Gott!«

Sie drückten sich die Hand: dann stolperte der Alte in schwerfälligem Gang, eng die Beine voreinander setzend, wie die Bergler es tun, den Fahrweg hinab, ohne sich umzusehen.

Immer weiter ward, wie der Wagen nun um die Ecke kam, der Blick. Mit einemmal tat sich das ganze lachende Etschland auf, darüber die Berge: der Lodner dort, der hinter dem Tschigat emporgewachsen war, das Vinschgau, zum Ortler hinanführend, das Passeier mit seinen schneebedeckten Höhen, und nach Süden, der Sonne zu, die dort als Feuerball am Himmel stand, die steil abfallende Nase des Gantkofels. Unten lag Meran: man sah die grünen Flecke der Gärten, die hellen Striche der Straßen, dann Weingärten, Obstanger. Hier und da schimmerte ein Dorf: Algund, Plars, Partschins, dort gegenüber Marling, und dann hineinfressend wie eine Hafenbucht, Lana, dabei Göllan, winzig nur, doch zu erkennen, mit dem Auge dessen, der dort seine halbe Heimat sieht.

Meinhardt ließ die Blicke zurückschweifen: da – tiefer als er stand – Schloß Katzenstein, höher darüber die Fragsburg, und zwischen ihnen schauten ihn die uralten Mauern der Rochusburg an, mit langgestrecktem Pallas und dem gewaltig trotzigen Bergfried, auf dessen Turm die Tiroler Farben, rot und weiß, halbmast wehten.

In dichtem, dunklem Geflecht umspann der Efeu die riesenhohe Mauer, darin die Fenster gotisch spitz, romanisch rund, mit Renaissancefassungen andere und mit glatten Spiegelscheiben. Schon bogen sie in den Kastanienhain und fuhren durch das Tor, Rest eines alten Vorwerkes, an dem schiefstehend, der Topfhelm darüber, das Aichsche Wappen angebracht war. Auf dem weißen Felde stand ein Männchen, geschmiert mit ungeschickter Kindernarrenhand. Das hatten sie einst als Buben gemalt, der Poldi und der Meinhardt. Und noch immer war es da. Nun fuhren sie durch den gewaltigen Torturm, an dem die mächtigen Falzsteine herausstanden, darinnen einst das Fallgatter gelaufen. Auf den Steinplatten hallte der Hufschlag. Der geräumige, dreieckige Hof tat sich auf mit der dunklen Efeuwand. Und wieder ein Wappen über der Tür. Ein grauer Kopf erschien, eine schwarze Livree, und Graf Meinhardt streckte dem alten Diener die Hand entgegen: »Ich wär' lieber zwei Wochen früher gekommen.«

»Ja, sie haben Exzellenz fortgebracht.«

»Ich war am Friedhof! Traurig, traurig!«

»Herr Graf sind lang' nimmer hier g'wesen!«

»Sehr lang' nicht! – Wie geht es Ihrer Frau?«

»Halten zu Gnaden, Herr Graf, wann's vielleicht Herrn Grafen hernach einmal begrüßen dürft'…«

»Gern. Was machen die Kinder?«

»Der Ält'ste ist in der Lehr'!«

»Und das Moidele?«

Über des Dieners glattes Gesicht ging ein Strahlen: »Verheiratet, Herr Graf!«

»Wer ist's denn?«

»Er ist Sattler in Meran!«

Graf Meinhardt brach ab:

»Wir sprechen noch mitsammen. Ist Exzellenz zu Haus?«

»Exzellenz erwartet Herrn Graf!«

Während der Diener den Läufer der breiten Wendeltreppe hinaufschritt, blickte Graf Meinhardt um sich. Vor dem großen Fenster der Halle streckte der Feigenbaum wie immer die winterkahlen Äste gleich dicken knorpeligen Fingern in die Luft. Da hingen noch die Waffen, die sie einst als Kinder so bewundert, der Schild, auf den sie verstohlen geklopft, damit es den schauerlich dumpfen Ton gäbe. Dort drohten die gotischen Rüstungen mit den seltsam spitzen Schuhen, den breiten Schallern, die aussahen, als hätten die alten Ritter Hüte aufgehabt. Nur ein Ungewohntes war zu erblicken: eine Anzahl Koffer standen am Eingang, jemand schien abzureisen. Oben aber, am großen Fenster, das der Papa einst hatte durchbrechen lassen wegen der Aussicht ins Etschland hinab, erhob sich eine schwarze Gestalt, und eine ruhige, weiche Stimme klang:

»Ich wollte, wir hätten uns früher gesehen!«

Er wich aus: »Ich wollt', ich hätt' meinen Vater wiedergesehen!«

Sie machte eine Bewegung, daß er Platz nehmen sollte. Da stand alles noch so wie früher. Mit einem Blick umfaßte Graf Meinhardt Bilder, Schränke, Leuchter, Tische, Stühle und die Truhen an der Wand. Er sah keinen einzelnen Gegenstand und hätte doch jede Veränderung wahrgenommen. Nein, es war, als sei er niemals fortgewesen.

Sie setzten sich. Nun, wo das halbe Licht auf das Gesicht der Dame da im schwarzen Kleide fiel, erblickte er ein paar kluge Augen, Züge, ernst, wie es dem Augenblick entsprach, und doch nicht geknickt. Faltenlos war das Antlitz, nur das ergraute Haar und die ein wenig schlaffen Wangen deuteten die Jahre an.

»Gnädigste Gräfin, ich hielt es für meine Pflicht, nun, wo ich dies Haus wieder betreten darf…«

»Es ist Ihr Eigentum.«

»Aber das Haus meines Vaters war mir verboten.«

»Ich hab' öfters versucht, Ihren Vater zu bewegen, Ihnen zu schreiben. Ich fühlte mich freilich auch nicht berechtigt, einen Druck auszuüben, wo meine Lage doch schwierig und peinlich war – –«

»Daran waren Sie doch selbst schuld.«

Ihre Augen richteten sich fest auf den Besucher:

»Ja, wenn man so will – ich war schuld, gewiß. Ich würd' es aber ein zweites Mal genau so machen.« Sie fuhr weicher fort: »Ich möcht' Ihnen aber erst einmal herzlich danken, Graf Meinhardt, daß Sie gekommen sind und mir so eine Aussprache ermöglichen. Ich bin sehr gerührt davon. Und ich freu' mich um so mehr, als ich dieses Haus ja verlasse –«

»Bitte, Gräfin, ich dränge Sie nicht etwa…«

»Doktor Kofler hat es mir gesagt. Ich bin auch dankbar dafür, aber ich hab' schon gepackt. Ich bin nur noch hier, weil ich hoffte, Ihnen die Rochusburg selbst übergeben zu können, Ihnen, dem Sohn, ich, die Mutter.«

Graf Meinhardt zog die Brauen zusammen: »Meine arme Mutter ruht seit vielen Jahren in ihrer Gruft. Und sie liegt an der Seite ihres Mannes.«

Die Gräfin antwortete ganz ruhig: »Gewiß, und zwar auf meinen Wunsch, denn eine Bestimmung seitens meines Mannes, dessen zweite Frau ich war, lag nicht vor. Ich hab' Ihren Vater auch nicht etwa kennengelernt, nachdem Ihre liebe Mutter gestorben war, hab' mich nicht – wie manche Leute zu denken scheinen – eingeschlichen in die Familie. Nein, ich hab' Ihren Vater gekannt, längst ehe er verheiratet gewesen ist. Er war damals in Wien im Ministerium und ich ein kleines Komtesserl. Bei uns waren die Verhältnisse nicht eben glänzend. Da kam Ihr Vater, klug, ernst, feinfühlig, am Beginn einer sicheren Karriere. Ich brannte lichterloh. Aber es ihm zeigen – niemals. Er näherte sich mir. Er war nahe an einer Erklärung. Da machte ein Kamerad von ihm Anspielungen auf die ›Komtesserln, die Versorgung suchen‹. Bei einem Charakter, wie ich ihn leider hab', ist das sofort das Signal gewesen, abweisend zu sein. Und als er um mich anhielt, lachte ich ihn aus. Er betrat unser Haus nicht mehr. Kurzum – dann hat sich Ihr Vater verheiratet. Und dann starb mein Vater und auch meine Schwester. Mein Schwager half mir, und ich nahm's an, doch bald fiel auch das weg, denn eines Tages sollte ich die Nachfolgerin meiner Schwester werden. Ich sagte nein – einfach weil ich – das mag den Oberflächenmenschen lächerlich erscheinen – nach zwanzig Jahren noch an Ihren Vater dachte. Von dem abgewiesenen Schwager wollte ich kein Geld nehmen. Und da ging mir's schlecht, so schlecht, wie's einem armen angejahrten Komtesserl nur gehen kann. Kurz darauf starb jedoch auch mein Schwager und setzte mich zur Erbin ein. Ich ward ein recht vermögendes Menschenkind und hab' keine Versorgung mehr gebraucht, gar keine. Da eines Tags in Wien trat Ihr Vater bei mir ein und sagte kurz: ›Ich bin Witwer. Ich war sehr glücklich, hab' nie wieder an Sie gedacht, seit ich damals von Wien fortgegangen bin vor fünfundzwanzig Jahren. Aber allein kann ich's nicht aushalten, gerad' weil ich so glücklich verheiratet gewesen bin. Meine Söhne sind beide fort, und die Kleine… Nun, Graf Meinhardt, das übrige wissen Sie ja!«

Einen fast harten Ausdruck hatte sie angenommen und ihre Augen blickten Meinhardt ohne Wimperzucken an: »Wir heirateten sofort. Ich bin nicht die Frau, sich vor Tratsch zu fürchten. Es gibt ein einziges, das uns Menschen Richter sein sollte: unser Gewissen. Auch war mir etwas, das Ihr Vater besonders betont hat, verlockend: ein mutterloses und, wie es schien, auf unsicherem Wege befindliches Kind zu einer vernünftigen Frau zu erziehen. Mir ist es nicht gelungen. Hoffentlich anderen. Kurz – so bin ich hierhergekommen.«

Graf Meinhardt erhob sich. Als er sich ihr näherte, erhob sich auch die schwarze Gestalt, die nun, nicht viel kleiner als er, vor ihm stand. Er sagte nur das eine Wort: »Mama!«

Sie öffnete die Arme, einen Augenblick berührten sich ihre Wangen. Dann mußte ihm die zweite Frau seines Vaters lange erzählen, von den letzten Stunden, Tagen, Jahren. Als er mit ihr zum Sterbegemach seines Vaters ging, sah er sich allein. Erst draußen trafen sie sich wieder, und mit einem dankbaren Blick belohnte er ihr Zartgefühl. Dann bat er, die Dienstboten zu besuchen mit ihr zugleich, und – wenn auch ein wenig zögernd – flocht er das Wort »Mama« ein, es klingen lassend vor den Leuten, die gewiß vom Zwist der Familie mehr noch wußten als irgendeiner der Beteiligten selbst…

Zu Tisch war Meinhardt wieder unten im Hotel. Als er dem Rittmeister mit warmen Worten von der Stiefmutter erzählte, machte der ein bedenkliches Gesicht:

»Meinhardt, du hast dich hineinlegen lassen!«

Doch der ältere Bruder ärgerte sich nicht, sondern steckte sich, ohne ein Wort zu erwidern, eine Zigarette an. Der Poldi sog den feinen Duft ein: »Geh, schenk' mir eine!«

»Ich laß dir welche schicken, Poldi.«

»Na, nehm's schon an, dank schön. Nachdem du der Majoratsherr bist…«

Doch Meinhardt gab keine Antwort. All seine Gedanken waren in Göllan. Er nahm seinen Bruder beim Arm, und erst als sie in der Tram saßen, die nach Lana fuhr, schien er zu erwachen.

Drittes Kapitel

Im Sonnenscheine lag das Etschland. Die Bäume waren schon begrünt, einzelne standen im Blätterschmuck. Alle Wege wimmelten von Fremden, um die Mittagsstunde konnte man gewiß sein, Bekannte zu treffen. Auf der einen Seite der mit großen Bäumen bestandenen Kurpromenade lag das Kurhaus, auf der anderen rauschte die Passer in ihrem breiten Schotterbett, jetzt zur Zeit der Schneeschmelze fast mit Wasser gefüllt. Die Musik spielte, die Menge ging auf und nieder, in dichten Reihen sonnten sich die Menschen oder betrachteten die Vorübergehenden.

Der Rittmeister saß neben seiner Schwester und dem allen Baron Durazzi auf einer Bank. Und immer lächelte das Henrietterl; es konnte ja gar kein anderes Gesicht machen. Bei jedem Vorüberschreitenden sagte es zum Bruder: »Schau, wie lieb'«, oder »schau, wie blöd«, oder »das G'sicht hab' ich noch nit gesehen.« Dann wurde der alte Baron zu Rate gezogen, wer die neue Erscheinung sei.

Der streckte die Beine von sich mit den gelbbraunen Reitgamaschen, die er immer trug, obwohl er seit dreißig Jahren auf keinem Pferde mehr gesessen, lugte hinüber aus seinen lebhaften grauen Augen und gab Auskunft. Was er aus alter Reiterzeit her »das Pedigree feststellen« nannte, war seine liebste Beschäftigung. Er war mit allerlei Kurgästen bekannt, wenn auch nur oberflächlich, denn die Durazzi machten kein Haus. Wußte er aber einmal nicht Bescheid, so horchte er jeden seiner vielen Bekannten aus, hielt Lohndiener an, die den Leuten etwas besorgt, sie im Rollstuhl gefahren hatten, oder befragte die Fiaker und Geschäftsleute.

Der Rittmeister dehnte sich behaglich in der Sonne. Er konnte sich von Meran nicht fortfinden, seinen Urlaub hatte er schon zweimal verlängern lassen. Das Henrietterl spähte die Promenade hinab: da erschienen in der Ferne Margret und Ossana. Bei gleicher Gestalt, gleichen Kleidern, die Uhrkette gleichmäßig um den Gürtel gelegt, hätte man die beiden von weitem schon am gleichen eigentümlich federnden, ja schwebenden Gang erkannt.

Das Henrietterl fragte: »Und die Tante?«

Margret wandte sich zu ihrem Vater: »Die Mama läßt sagen, sie sei noch einmal zum Pfarrer Loisinger gegangen wegen der Bonifazius-Sammlung.«

Ritterlich stand der alte Herr auf, daß seine Töchter auf der Bank neben dem Henrietterl Platz fänden. Es war aber auch ein Hintergedanke dabei, denn in dem Augenblick rauschte eine nach letzter Mode gekleidete Dame vorüber, die äußerst von oben herab dreinschaute, begleitet von einer bescheiden angezogenen Miettante. Ein paar Herren grüßten vertraulich mit halbem Lächeln, und die schöne Dame antwortete sehr ernst, sehr gnädig, eine Spur lächerlich.

Baron Durazzi hatte sich sofort nach der neuen Erscheinung erkundigt.

Als er wiederkam, fragte das Henrietterl: »Wer ist denn das, Onkel?«

Der sagte mit ernstem Gesicht: »Ganz eine ordinäre Person!«

Die ewig lächelnden Augen der jungen Gräfin lächelten weiter. Sie tuschelte mit Ossana, während Margrets Gesicht unbeweglich blieb. Der alte Baron zog den Rittmeister beiseite, und die beiden erzählten sich prustend etwas hinter dem Rücken der Mädchen.

Da kam abermals eine Dame vorüber, die man nicht kannte, äußerst einfach gekleidet. Neben ihr ein Herr, der einen unauffällig grauen Anzug trug. Wieder wurde gefragt, wer es sei. Baron Durazzi war sofort unterwegs. Als er zurückkam, brachte er die Mitteilung, es sei die Fürstin – und er nannte einen großen Namen.

Inzwischen hatten Bekannte sich ihnen genähert. Die Gruppe wuchs bald und versperrte den Weg. Da war der alte baumlange westfälische Graf Lengerstorff mit dem schönen weißen Vollbart, der ihm bis auf die halbe Brust reichte, stets von seiner Tochter begleitet, die ihm bei jedem Straßenübergange den Arm bot. Da gab es den Herrn von Holleuffer, Offizier bei einem Berliner Garderegiment, der, um Haupteslänge alle überragend, den jungen Damen die törichtesten Dinge sagte, während er doch im Dienst ein tüchtiger Mensch sein sollte. Dann kam die Gräfin Helfenrieth mit ihren drei Dackeln, ohne deren still-freundliches Schwänzeln sie nicht zu denken war. Exzellenz Baron Bereny de Nagy-Beren, Wirklicher Geheimer Rat Sr. K. u. K. Apostolischen Majestät, der die Kunst besaß, jeder Dame etwas zu sagen, das sie tagelang nicht vergaß, drehte den schwarzen in nadelscharfe Spitzen zusammengezwirbelten Schnurrbart und sprach mit den Schwestern. Immer mehr Menschen sammelten sich, wie wenn ein Wespenschwarm sich ansetzt und eine Traube bildet. Sir Henry Wookleys glattrasiertes seines Gesicht tauchte auf und der Lady lang vorstehende Zähne. Das »Känguruh« wurde sie genannt, weil sie ihre hängenden Hände in Brusthöhe hielt gleich den kleinen Vorderpfötchen des australischen Tieres.

Der Rittmeister war sofort zu Mary und Mabel den beiden Töchtern getreten: strohblond, mit dem feinen Gesicht des Vaters, aber der Zahnstellung ihrer Mutter. Margret sagte zu Ossana:

»Wenn der Poldi Geld riecht, ist's aus.«

Der redete in der Tat nur noch mit den beiden, nicht gerade Geistesblitze um sich schleudernden plattbrüstigen Wesen, die im Geruche ungeheuren Reichtums standen, obgleich ihn niemand gesehen hatte.

Das Henrietterl schwatzte mit Oberleutnant König von den Kaiserjägern, der, schlank, schwarz, in die enge Uniform gebremst, wie ein Strich anzuschauen war. Sie wollte sich ausschütten vor Lachen, voll jener Heiterkeit, die ihr ernstere Leute ein wenig übelnahmen, in ihrem Gewande tiefer Trauer.

Ossana unterhielt sich mit einem hübschen Menschen mit leichter Stupsnase und kleinem blonden, bürstenartig geschnittenen Schnurrbärtchen. Was er trug, schien eben fertig geworden zu sein: die gelben Schuhe, mit Schleifen gebunden, die hellen Strümpfe, der faltenlose Sakkoanzug. Er sah Ossana Durazzi in die schwarzen Augen, die aber blickte die Promenade hinab.

»Sie hören ja gar nicht zu, Baronin!«

»Pardon, Graf Bernburg, ich hab' nämlich grad' meinen Vetter Aich g'sehen.«

»Der Poldi ist doch hier!«

»Nein, nein, der Meinhardt.«

Der Graf strich überlegen lächelnd die kleine Bürste über der Oberlippe: »Sie sind ja ganz portiert, Baronin!« Aber schon war sie davon. Der Graf rückte die Aufschläge seines Sakkos gerade, zog die Manschetten heraus und blickte der schlanken Gestalt nach, auf deren Gürtel die Uhrkette auf und nieder klappte, so schnell lief sie die Kurpromenade hinab.

»Meinhardt! Meinhardt!« Ossana stand vor ihm, mit geröteten Wangen: »Meinhardt, laß dich doch einmal anschaun! Der Papa fragt immer nach dir.«

»Ich war drei Tage in Kaltern und Tramin. Dort hab' ich Gründe.«

»Aber zu uns kommst gar nie mehr. Geh wenigstens ein Stückl mit!«

Langsam näherten sie sich den anderen, und während des Schreitens berührte sie ihn fast mit dem Ärmel, so nahe ging sie neben ihm. Da fragte er: »Sind die anderen hier?«

»Ja, alle, das Henrietterl, der Poldi und der Papa.«

»Margret nicht?«

Ossana warf den Mund auf: »Schon! Die Margret ist auch da.«

Er entschloß sich schnell: »Gut, ich komm' mit!«

Während sie gingen, fragte Ossana, wie weit die Umbauten auf der Rochusburg wären, und machte dazu ein böses Gesicht:

»Und man bekommt nix davon zu sehen! Wann ist's denn fertig?«

»In ein paar Wochen.«

Enttäuscht ließ sie den Kopf sinken: »So spät!«

Inzwischen hatte sich der Wespenschwarm in Gruppen gelöst. Der Musiktempel war leer geworden, die Kurmusiker gingen davon. Laut tönte Baron Durazzis Stimme: »Bist denn ganz Einsiedler geworden, Meinhardt? Man sieht ja gar nix mehr von dir!«

»Ich bin doch erst am Sonntag in Göllan gewesen!«

Graf Bernburg sagte lächelnd in seinem Nasenton: »Geruhen Sie uns Weltmenschen der Promenad' auch einmal zu besuchen, Graf Aich?«

»Ich geruhe!«

Der Modenarr machte ein unsäglich törichtes Gesicht.

Ein gemeinsamer Ausflug ward geplant. Ossana und das Henrietterl redeten Graf Meinhardt zu, sich zu beteiligen. Er meinte, er hätte keine Zeit. Da rief der alte Baron auch seine andere Tochter zu Hilfe: »Margret, steh uns bei!«

Mit ihrer gleichmäßigen Liebenswürdigkeit bat sie: »Es wäre sehr nett, lieber Meinhardt, wenn du mitkommen tätest!«

Nun sagte er sofort zu. Tag und Stunde wurden bestimmt, dann begleiteten die Brüder Aich die Durazzis zur Tram. Am Ruffinplatz stiegen die Göllaner ein.

»Also morgen um drei!« rief das Henrietterl den Zurückbleibenden nach; und Ossana: »Am Pfarrplatz, Meinhardt, am Pfarrplatz!«

Die drei Mädchen saßen allein im Wagen. Der Papa stand hinten. Das Henrietterl öffnete eine Schachtel mit Pralinen, die der Bruder ihr noch zugesteckt, und sagte einmal über das andere: »Er hat so ein gutes Herz!«

Ossana warf einen Blick herüber: »Dafür hat Margret gar keins.«

Aus Margret Durazzis sonst so ruhigen Augen schoß ein Blitz zurück: »Was wißt denn ihr davon!« In diesem Augenblick steckte der alte Baron den Kopf herein und rief in den sonnendurchfluteten warmen Glaskasten, mit einer weiten Gebärde auf die noch schneebestäubte Bergkette und das lachende Etschland deutend: »Schön ist's hier, Kinder, schön! Da sagt vorhin der Esel, der Sektionschef, am Leben war' nix dran. Ich sag' euch, i leb' gern, aber schrecklich gern!«

Ossana rief: »Ich auch!«

Der alte Baron ging in dem bei der Biegung schwankenden Wagen auf seine Tochter zu: »Du bist mein recht's Kind!« Er legte den Arm um sie und wollte eben beginnen, sich im Walzertakt zu wiegen, als Margret ihn beim Ärmel faßte: »Gib Obacht, Papa!«

Da sahen sie des einzigen Fahrgastes, der außer ihnen die Tram benutzt und vorn gestanden, eines Bauern, eisgrauen Vollbart am Fenster. Er öffnete die Tür und rief herein:

»Dös geat schlecht beim Fahren, nit wohr?«

»Schon!« antwortete der Baron.

Der Alte grinste, während ihm die Pfeife aus dem Munde hing: »Sein dös Ihre Töchter, die Gitschen da?«

»Freilich.«

Der Bauer lachte noch mehr, daß man die gelben Zähne sah: »Dia g'falln mir ganz guat!«

Die drei Mädchen waren totenstill geworden, erst nachdem der Alte die Tür geschlossen, fanden sie ihr Lachen wieder. Baron Durazzi aber saß jetzt würdig da:

»Kinder, Kinder, wenn das die Mama wüßt'!«

Viertes Kapitel

Schon waren rund um das alte Göllan die Weingärten begrünt, und nach Süden, wo der breite hölzerne Söller weit vorsprang, hingen an armstarken Stämmen um das Gebälk gerankt die traubenartigen lila Blüten der Glyzinien. Darum ein Summen und Surren von Kerbtieren, die der betäubende Duft angelockt. Der Garten, verwahrlost ein wenig, stieg lehnan. Von alten Kastanien beschattet und allmählich in den Anger übergehend, verlor er sich im Buschwald, den Marlingerberg hinauf. Bauernblumen blühten auf den Beeten, mit niedrigen Buchsbaumhecken eingefaßt, schief geschnitten von unlieber Hand. Seit Jahren wurden die Wege nicht beschottert, so wucherte auf ihnen Gras und Grün, darin wie über eine häufig begangene Wiese Pfade getreten waren. Auf den zerfallenen Einfriedigungsmauern des Gärtleins sonnten sich Eidechsen, alle Viere ausgestreckt, den platten Kopf aufgelegt, regungslos, nur mit den kleinen Äuglein sichernd, jeder Störung gewärtig. Eine grüne Lazerte, wohl eine Spanne lang, hatte den Vorzugsplatz auf einem feinen Marmorkapitäl, das einst vielleicht der Stolz eines Durazzi gewesen, nun aber wie jeder andere gemeine Stein mit eingemauert worden, ein Sinnbild gleichmachender Zeit. In einer Senkung von Dornen und Gestrüpp, von wild wuchernden Schlinggewächsen und dichtem Bambusgebüsch umrahmt, spiegelte grünlich schillerndes Wasser. Träge ruhte die Fläche, bis plötzlich etwas darüber huschte. Nun sah man den Kopf und die Bewegungen: eine Äskulapnatter schlängelte sich von einem Ufer des Tümpels zum anderen. Dann wieder sengende Stille und nur das Summen und Schwirren des Geziefers an den schweren Dolden der Glyzinien.

Über die dunkeln Hohlziegel des alten Ansitzes hinweg sah man in der Taltiefe auf dem geraden Strich der eingedämmten Etsch das Sonnengleißen, dann unregelmäßige Vierecke der Wiesen, mit Obstbäumen bestanden, deren Zweige aus alter Gewohnheit früchteschweren Tragens niederhingen. Erlenbüsche umfaßten graugrün das breite Ablagerungsfeld des Ultenbaches. Ein Sonnenflimmern lag über dem flachen Land, in dem etwas durcheinanderziehend sich bewegte. Erst bei genauerem Hinblicken entdeckte das Auge Abteilungen der Kaiserjäger jenseits der Etsch. Über der Unruhe ruhte in der Ferne, in grüne Gärten gebettet, das Häusermeer von Meran und Mais. Darum standen zackige Berge. Weingärten zogen ihre Lehnen hinan, dann Kastanienhaine grün und dicht, endlich Nadelholz schütterer mehr und mehr, daraus Geröll blinkte, und, gegen den Himmel abgesetzt, auf den Hochflächen des Mittelgebirges, Wald wie der Rücken einer haarigen Hand, endlich aber nackter, zerrissener, scharfer Fels. Und immer blieb in dem Bilde ein Punkt, der die Augen bannte: die weiße Rochusburg.

Da huschten, aus dem Ansitze tretend, die hellen Kleider junger Mädchen und Frauen. Offiziere, Herren im Tennisanzug waren mit ihnen. Bald sah man die roten, weißen, lila Pilze der Sonnenschirme aus dem Grün hervorwachsen. Gelächter klang. Einer der Herren hatte versucht, einen alten Kastanienbaum zu erklettern. Nun hing er zwischen Himmel und Erde und tat, als könne er nicht wieder hinab. Immer trostloser wurde die Miene dessen da oben. Er zog den Rock aus und warf ihn ins Gras, er ließ die Weste folgen, dann hakte er vorsichtig Uhr mit Kette an einen Zweig, und unter grauslicher Anstrengung und Gefahr kam er endlich ganz bequem und leicht herab. Ossana rief: »Jesses, die Uhr!«

Dort oben hing sie. Da mußte sich dann der Kletterer entschließen, den furchtbaren Weg hinauf abermals zu versuchen. Er tat auch, als träte er seine letzte Reise an. Eine Schnur hatte er mitgenommen, band die Uhr an und leierte sie hinab. Ohne Fährnis kam sie herunter. Nicht so der junge Mann, der ab und zu daneben trat, nur noch an einem Arm pendelnd, wobei er ein Zittern spielte. Schließlich, als er sich ganz verstiegen, zog er sein Taschentuch und begann herzbrechend zu weinen. Nun ward die Absicht gemerkt, und schallendes Gelächter belohnte den Kühnen für seine Vorführung.

Vorsichtig öffnete indessen Baron Durazzi die Tür zum Wohnzimmer, doch da drinnen achtete man nicht auf ihn. In der Mitte des Raumes um den Tisch saßen eine Anzahl Damen. Tassen und Teller standen zwischen ihnen mit Überresten von Teegebäck – nur wenig, Tante Angiolina berechnete knapp die Zahl der Menschen. Man sah ihren schwarzen Kopf und, wenn sie sich zur Seile beugte, die gelbliche Farbe ihrer Wangen. Sie tuschelte mit halblauter Stimme:

»Die Baronin hat mir's unter vier Augen gesagt. Sie sind nach Bozen gefahren. Im ›Greif‹ haben's mitsammen gespeist. Und ›Magdalenas Tränen‹ haben's getrunken. Sie sollt' lieber selber Magdalenas Tränen vergießen, das wär' passender. Auf die Virglwarte sind's gefahren. Und da ist es passiert – Gott behüte einen, von einem Nebenmenschen was Schlechtes zu sagen, weil die Welt eh schon so schlecht ist – aber nach dem Magdalener hat sie sich den ganzen Kaffee aufs Kleid g'schüttet. Da haben's ein Zimmer genommen, und während das Kleid getrocknet ist, hat sie so dasitzen müssen: aber meinen's, er wär' hinausgegangen?«

Eine zarte, unschuldige Stimme klang: »Ist das abends gewesen!«

»Aber nein, sonst könnt' man überhaupt nicht mehr mit ihr verkehren!«

Und wieder die süße Stimme: »Aber er ist doch nicht verheiratet!«

Tante Angiolina griff sofort ein:

»Bitte, geschieden ist er, und wenn er geschieden ist, gilt er auch noch als verheiratet. Daran darf man nit rütteln! Über sie steht's Urteil fest, und er ist schon ein ganz gemeiner Lump.«

In dem Augenblick ging die Flurtür auf, der Diener erschien, hinter ihm ein kleiner Herr mit dunkelblondem Spitzbart, lächelnd, daß die weißen Zähne glänzten. Die Damen starrten ihn an wie ein Gespenst, dann blickten sie eine der anderen entsetzt in die Augen. Tante Angiolina ging ihm entgegen mit dem freundlichsten Gesicht:

»Das ist aber eine Freud', lieber Baron. Wir haben schon gemeint, Sie kommen heut gar nimmer mehr. Die Mädeln sind im Garten, aber bleiben's ein bissel sitzen bei uns und erzählen's uns was.«

Von einer Dame ging er zur anderen, küßte jeder die Hand, sah jede lächelnd an und fand für jede ein artiges Wort. Tante Angiolina hatte mit Hilfe heißen Wassers den Teeresten eine letzte Tasse abgerungen. Schnell schob sie ein paar Keks zusammen und bot sie mit lächelnder Miene Baron Siebenlehn an. Der sagte: »Nein, gnädigste Baronin, ist das heut ein herrlicher Tag! Wie ich hier heraufgekommen bin, hab' ich mich gar nit trennen können von dem Blick. Immer wieder bewundere ich, wie man von Göllan weit hinunterschauen kann, noch weiter als von Meran, das ganze Etschtal hinab.«

Die zarte, unschuldige Stimme tönte abermals: »Bis Bozen?«

Die Damen machten strenge Gesichter. Baron Siebenlehn aber war keinen Augenblick aus der Ruhe zu bringen. Er ließ seine Augen im Kreise wandern:

»Bozen ist ein sehr nettes Städtchen. Ich bin vor ein paar Tagen erst dort gewesen.«

Etliche sahen sich entrüstet an. Er aber griff hinein ins Wespennest: »Gewiß, und ich hab' einen reizenden Tag verlebt in Bozen. Die Sonne schien genau wie in Meran über Gerechte wie Ungerechte. Und ich hab' Magdalener getrunken, hab' aber nicht geweint wie die Heilige auf der Flaschen. I hab' gar keinen Sinn für reuige Sünder, im Gegenteil, ich bin, rein um ihr zu entfliehen – denken's, meine Damen – auf die Virglwarte gefahren. Und da hab' ich etwas erlebt! Denken Sie, die Kellnerin hat das ganze Kaffeebrett auf den Schoß einer Dame fallen lassen. Die Menschen da zu sehen rundum! Die Schadenfreud'! Sie müssen nämlich wissen, gnädigste Baronin, es gibt Menschen, die sich freuen, wenn einem anderen ein Unglück passiert. Hat man da Studien machen können! Die G'sichter! Gelacht hab' ich! Übrigens, die Dame ist eine Stund' fortgeblieben, bis das Kleid gereinigt und getrocknet war, währenddessen bin ich im Restaurant g'sessen und hab' hinunterg'schaut vom Fenster auf Bozen, wo die Sonne schien auf Gerechte wie Ungerechte, und hab' gedacht: In Meran scheint sie genau so auf Gerechte wie Ungerechte.«

Er blickte die Damen der Reihe nach an, die plötzlich in ihren geleerten Tassen die Zuckerreste zusammenzukratzen begannen.

Tante Angiolina fragte in dem großen Schweigen ein wenig gezwungen: »Haben Sie meinen Mann schon gesehen? Ich glaub', er wird sich sehr freuen. Vielleicht holen Sie ihn uns her. Er hat nur müssen einen eiligen Brief schreiben!«

Der junge Baron lachte: »Ich bin eben eine Viertelstund' bei ihm in seinem Zimmer gesessen.«

Er drehte sich um. Unwillkürlich folgten ihm die Blicke: die Tür stand halb offen. Da fanden sich manch erschrockene Augen. Der junge Mann erhob sich: »Wir hatten an der Schwelle gewartet, Baronin, denn wir mochten die angeregte Unterhaltung nicht unterbrechen. Aber gestatten Sie, daß ich in den Garten geh', ich hab' die Damen dort noch nicht begrüßt.«– –

Nach den Aufregungen der Kletterei lastete die Hitze des Tages auf den jungen Leuten. Man suchte schattige Orte auf. Unter den »Köstbäumen« blendete hier und da ein helles Kleid, daß das Grün des Angers mit leuchtenden Flecken betupft schien. Oberleutnant König war mit dem Henrietterl so weit nach Marling zu gegangen, daß nur noch verlorene Laute lachender Stimmen bis zu ihnen drangen. Im ruhigen Schatten der Edelkastanien schien der Offizier, der so schmal neben dem Mädchen herschritt, ernster geworden zu sein. Er erzählte von seinem Leben im Bataillon, vom Dienst, er setzte auseinander, wann er etwa Hauptmann werden könnte, und das alles stand dem heiteren Manne wenig zu Gesicht. Das Henrietterl lachte dann auch immer weiter. Jetzt kam er vom Regiment zu seiner Familie, erwähnte mit einer gewissen Absichtlichkeit einen Onkel, der es zum Feldmarschall-Leutnant gebracht; die Gestalt eines Hofrates tauchte auf, irgendwie mit ihm verwandt, der durch die Eiserne Krone den Adel erhalten. Das Henrietterl lachte:

»Aber schaun's, was erzählen's mir denn von lauter alten Leut'?«

»Gräfin, wer sagt Ihnen denn, daß ich von alten Leuten sprechen will?«

»Sie reden ja nix anderes! Lachen wollen wir!«

»Mir ist net zum Lachen.«

Er trat so nahe an sie heran, daß sie seinen Atem fühlte und bei der Nähe des Mannes ihr Lächeln nicht mehr ganz natürlich blieb.

»Sie sind lieb und heiter. Ich hab' auch schon immer gedacht, wie ich noch ein Bub gewesen bin in Kremsmünster, eh' wir nach Wien gezogen sind, und dann als Kadett und als Leutnant und als Oberleutnant. Immer hab' ich meine Freud' g'habt, wenn einer lustig ist. Das gefallt mir so an Ihnen.«

Er hob beide Hände, als wolle er sie berühren. Da kam die Angst des Weibes über sie. Sie trat einen Schritt zurück. Er folgte, und nun wurde das kecke Henrietterl mit einemmal ernst und fürchtete sich eigentlich. Er griff nach ihren Armen. Sie mußte sie ihm lassen, denn sie konnte nicht mehr ausweichen.

»Gräfin, sagen Sie mir ganz ehrlich, Sie und ich – ist das ein Unsinn?«

»Wa–a–s?«

Noch mehr brannten seine Augen: »Ist's ein Unsinn? Aber spielen's net mit mir, ja oder nein, ein Unsinn, ein Unsinn?«

Zitternd kam es heraus:

»Schon.«

Da ließ er sie los, zuckte die Achseln, warf die Arme und sagte bitter ein paarmal hintereinander:

»Ich Esel, ich Esel!«

Sie blickte ihn erschrocken an mit Augen, die durch die hängende Lidfalle etwas Mongolisches hatten: »Was haben's denn?«

Er schrie sie plötzlich an: »Ein Esel bin ich! Hätt' mir's doch können denken. Der Oberleutnant König aus Kremsmünster bleibt immer der Oberleutnant König aus Kremsmünster.«

Erschrocken gab sie zurück: »Und Sie sind doch ein so lieber Mensch!«

Er höhnte: »Ja, ja, Sie haben gut reden, net wahr. Die Gräfin Aich von und zu Nayspur und der Oberleutnant König aus Kremsmünster, haha!«

Das Henrietterl machte ein erstauntes Gesicht: »Aber davon ist gar nit die Red'.«

Doch der Offizier ärgerte sich über sich selbst: »Gnädigste Gräfin, ich hab' mich geh'n lassen; rechnen Sie mir's net an, bitte! Es war halt eine Dummheit!«

Das Henrietterl begriff nicht: »Ja, was haben's denn getan?«

Plötzlich fand sie ihr Lachen wieder, sie kicherte und blickte ihn aus halb verschlagenen, halb kindlichen Augen an:

»Ihr seid's a G'sellschaft. Was soll man euch noch glauben? Der eine fallt beinah' vom Baum herunter, der andere stellt sich, als wollt' er einen auffressen vor Wut, – i bin nit so dumm. Aber wie der da oben im Baum g'sessen ist – das Weinen hat er doch noch besser gekonnt als Sie. Hahaha, i laß mi nit fangen! Das ist ein lustiger Tag heut! Kommen's, jetzt gehen wir aber zurück, es wird sonst zu spät.« – –

Graf Bernburg saß zwischen Margret und Ossana unter einem Nußbaum. Unausgesetzt ging seine plätschernde Rede. Die Mädchen lächelten einander zu über ihn hinweg; er aber war so überzeugt von der Unwiderstehlichkeit der Leistung seines Schneiders, daß er nichts davon merkte.

In einem Durchblick zwischen einer Zypressengruppe und Lorbeerbüschen sah man eine Gestalt den Weg heraufkommen. Wenn sie den Kopf hob, herumzuspähen, gewahrte man den spitz geschnittenen Bart, und weiße Zähne leuchteten. Margret stand unmerklich auf, ging ein Stück abseits und blickte zurück nach ihrer Schwester und dem Grafen. Aber die schwatzten und schienen nichts zu merken. Da huschte sie die paar Schritte hinab, der Gestalt entgegen. Er zog den Hut, lässig, flüchtig. Ihre Hände ruhten eine Weile ineinander. Dicht vor ihm blieb sie stehen und redete in ihn hinein. Man sah, wie er die Achseln zuckte, dann die Hand hob, mit lebhaften Gebärden sich abwandte und davonging. Sie eilte ihm nach. Und beide waren hinter den wuchernden Schlingpflanzen und dem dichten Gebüsch des verwilderten Gartens verschwunden.

Ossana hatte ihr weißes Kleid hinten vorsichtig emporgeschlagen, daß beim Sitzen nur der Unterrock die Erde berührte. Sie strich den Rock gerade, zog ihn bis zu den Fußspitzen hinab und blickte aus dem Bergschatten, der schon über den Garten gesunken war, nach der anderen Seite des Tales, noch immer in blendendstem Sonnenschein:

»Wie schön man die Rochusburg sieht!«

»Was Sie nur immer mit der Rochusburg haben, Ossana?!«

»Baronin heiß' ich!«

»Gewiß, aber doch Ossana.«

Sie sprang auf: »Sie haben mich nit so zu nennen!«

Er legte beteuernd die Hände zusammen und blieb in bewegungsloser Haltung, damit er die Falten der Hose nicht verdürbe: »Alte Freunde wie wir –«

»Wir sind gar keine alten Freunde, überhaupt, seit wann sind's denn hier?«

»Na, jedenfalls länger als der da droben!« Und er deutete mit dem Kopf zu den leuchtenden Mauern der Rochusburg.

Ossana trat auf ihn zu: »Graf Bernburg, das verbitt' ich mir, verstehen's!«

»Aber, Ossana!«

»Wenn Sie mich noch einmal Ossana nennen, werd' ich's dem – dem – Pa – meinem Vetter Meinhardt Aich werd' ich's sagen.«

»Hat etwa der Meinhardt Aich ein Recht auf seine verehrte Kusine, oder die Ossana Durazzi auf den Meinhardt Aich?«

Sie verlor ihre Sicherheit: »Wer sagt das?«

Einen Augenblick darauf gewann sie die Geistesgegenwart zurück: »Mich geht der Meinhardt nix an, gar nix. Aber Sie – das will ich Ihnen nur gleich sagen – Sie mag i nit!« Sie wandte sich leidenschaftlich herum und stieß ihn mit der Fußspitze so hart ans Schienbein, daß er schmerzlich den Mund verzog. – – –

Immer tiefer sanken die Schatten über das Tal, langsam kletterten sie jenseits in die Höhe, die Häuser von Mais ins Dunkel bettend. Die älteren Damen waren in den Garten gekommen; man sammelte sich am Haus, fragte nach der Tram. Ein paar Wagen standen im Hofe des Ansitzes, die von Marling herüber die verwahrloste, steile Straße sich heraufgequält. Einen nach dem anderen sah man verschwinden, und als die Sonne nur noch die Spitzen der Berge vergoldete, führte die Tram die letzten Gäste davon.

Tante Angiolina war mit dem Schal, den sie auch bei der größten Hitze um die Schultern legte, doch nach welscher Art in bloßem Kopf, den Sonnenschirm aufgespannt, das kleine Buch in der Hand, zur Kapelle nach Lana gegangen.

Tiefe Stille herrschte in Göllan. Der Diener im blau und weiß gestreiften Arbeitsrock putzte am Hoffenster Silber und lächelte einem Mädchen zu, das drüben vor der Torggel stand und mit derben, sonnenbraunen Armen auf der Bank die Wäsche zum Bügeln zusammenlegte, die es, der Gäste wegen, schnell hatte abnehmen müssen.

Die Eidechsen waren von der Mauer verschwunden. Still und träumend lag der Garten. Nur am kleinen Weiher bewegten sich die hohen, grünen Wedel des Bambus um ein eng verschlungenes Paar, und leise klangen zwei gedämpfte Stimmen gegeneinander. Sie schwollen, wurden erregt, nahmen wieder ab, dann blieb es still. In der sinkenden Dämmerung sah man ein helles Kleid dicht an eine dunkle Gestalt geschmiegt, ein paar weiße Hände versuchten um einen Männernacken zu greifen. Zwei andere schüttelten die zärtlichen ab. Dann rauschte der schilfartige Bambus, knisterte, Zweige schienen zu brechen, an der zerfallenen Mauer polterten Steine herab, zwei auseinandergebogene Zypressen, zwischen denen sich eine Gestalt durchgezwängt, schwippten wieder zusammen, pendelten eine Meile und blieben stehen. Der Garten schwieg. Stille lag um den alten Ansitz Göllan.

Aber bald klangen helle, lustige Stimmen auf der anderen Seite, dazwischen die ernste des Grafen Meinhardt, der mit seiner Schwester und Ossana durch den Weingarten heraufkam. Der alte Baron schickte einen Juchzer in die tiefer und tiefer sinkende Dämmerung hinaus: »Schau, Meinhardt, das ist nett, daß du kommst, wenn alle die alten Tratschen zum Teifel sind. Du bleibst doch zum Nachtmahl?«

»Sehr gern.«

»Ah, das ist schön. Aber wo ist denn die Margret?«

Ossana brummte eigenwillig: »Wie soll ich's denn wissen?«

Dann saßen sie im Zimmer und warteten darauf, daß Tante Angiolina zurückkäme. Die Fenster standen offen: daß die Abendluft hereinzöge, den Dunst von Tabak und Menschen fortzufegen. Da fiel dem alten Baron Margret wieder ein: »Ihr Mädel, schaut's einmal nach, wo sie steckt! Vielleicht ist sie auf ihrem Zimmer.«

Während die beiden sich entfernten, rief er in den Garten hinaus: »Margret, Margret!« Vom kleinen Weiher klang es herüber: »Ja, Papa!«

Graf Meinhardt war schon aufgesprungen und zur Tür hinaus. Als die beiden Mädchen wiederkamen, hatte der alte Herr seinen Schreibtisch aufgeschlossen, um die Bridgekarten herauszuholen. Dabei sagte er mit freundlichstem Ausdruck: »Der Meinhardt ist ein lieber Kerl. Henrietterl, du hast dir den Bruder g'scheit ausgesucht.« – – –

Graf Meinhardt schritt den Garten hinauf. Mit gedämpfter Stimme rief er ab und zu: »Margret?«

Da kam sie ihm entgegen, den Kopf gesenkt.

»Wo bist du denn gewesen?«

Sie stotterte, sie habe etwas verloren. Er fragte, ob sie es gefunden. Immer tiefer sank ihre Stirn. Er nahm sie bei beiden Händen, und der große Mann kniete fast nieder, ihr in die Augen zu blicken: »Ja, aber mein Gott, Margret, Margret! Was hast du denn? Du weinst?«

Mit erstickter Stimme kam zurück: »Nein, i wein' nit!«

In dem Augenblick fiel ihm eine Träne auf die Hand.

»Margret, was fehlt dir denn? Magst's nit sagen?«

Ihre Gedanken schienen so weit fort zu sein, daß sie es nicht merkte, wie er den Arm um sie legte.

Da sah er, daß ihre Uhrkette herabhing: »Die Kette ist ja zerrissen! Das Kleid ganz zerdrückt! Was hast du denn gemacht?«

Aber sie gab keine Antwort; nur die Tränen rannen.

»Weißt was, Margret, die Uhrkette haben wir gesucht, nit wahr? Du bist hängengeblieben. Du arm's Hascherl! Du mein Gott, hat dir jemand etwas getan?«

Sie schüttelte lange den Kopf. Da lächelte er vor sich hin: »Ah, ich versteh' dich schon, ich versteh' dich schon.«

Und eine süße Seligkeit zog ihm ins Herz: »Ich hab' dich ja so gern, nein, mehr, ich hab' dich lieb, Margret!«

Er nahm ihre kleinen weißen Hände und drückte die Lippen darauf. Sie ließ sie ihm willenlos.

Er bat leise: »Komm, wisch deine Tränen ab.«

Dann zog er sein Taschentuch, und wie ein Vater einem Kinde tupfte er ihr die Wangen: »Jetzt darfst aber nit mehr weinen! Ich hab' dich ja lieb.«

Ein heftiges Erschrecken kam über sie, ein Entsetzen, gleich einem Erwachen. Fröstelnd, zitternd, wie im Fieber bat sie: »Sag' das nicht, bitte, sag' das nicht.«

Er lächelte: »Du lieb's, klein's närrisches Ding! Gut, nur jetzt nicht mehr weinen. Keiner da drin darf was merken! Das behalten wir für uns. Ist dir's recht?«

»Ja.«

»Aber erst gehst auf dein Zimmer. So darf dich keiner sehen!« Er hätte die Arme öffnen mögen und sie an seine Brust ziehen. Doch da fiel sie ihm um den Hals, schluchzte, und nur abgerissen kamen die Worte: »Du bist so gut, so lieb, und ich so schlecht! Du weißt gar nit wie. Das kann ja auch keiner wissen. Am wenigsten du. Ich bin… bin… du armer, armer Meinhardt, verstehst mich nicht! Sonst würdest du am End'… nit so gut sein… Ach Gott, ach Gott!«

Es kam wieder wie ein Krampf aus ihrer Brust. Er aber preßte sie an sich, und in Glück und Rührung lächelte er ohne ein Wort. Kurz vor dem Haus fragte er zurück: »Geht's jetzt?«

Sie huschte davon. Tante Angiolina war zurückgekehrt. Sie warteten aufs Nachtmahl. Der alte Baron blickte auf, als Meinhardt eintrat. Der lachte fröhlich: »'s ist weiter nichts Schlimmes, Margret ist hängengeblieben und hat ihre Uhrkette zerrissen.«

Tante Angiolinas schwarze Augen klappten unheilverkündend.

Graf Meinhardt sagte sofort: »Ich nehm' die Kette mit, ich werd' sie machen lassen, da kannst du ganz ruhig sein!«

»Aber nein, Meinhardt, das mag sie doch selbst zahlen«, meinte der Baron, bekam aber einen verweisenden Blick seiner Frau, deren Mienen sich schon aufgeklärt:

»Na, wenn der Meinhardt seiner Kusine eine Freud' machen will!«

Als Margret eintrat, blickte gleichsam auf Verabredung keiner sie an. Nur Graf Meinhardts Auge blieb zärtlich auf ihr ruhen. Beim Abschied sagte er leise: »Gib mir die Kette!«

Sie sah ihn erstaunt an.

»Ja, ich will sie doch machen lassen, ich hab's mit Tante Angiolina verabredet.«

Und sie sprach: »Was du willst, tu' ich gern, du bist gut.«

Beim Abschied im Flur rückte der Baron ein paar Bilder gerade, die schief hingen, aber sie kehrten in ihre alte Lage zurück, und wie er gewohnt war, alles in Göllan in süßem Nichtstun gehen zu lassen, so wurden sie dann auch in ihrer Ruhe nicht weiter gestört.

Als Meinhardt den Weg durch den Weingarten hinabschritt, blickte er sich um: in der Tür gewahrte er vier winkende Gestalten, sich abhebend gegen die Helle des Flurs. Man hörte des Henrietterls Stimme: »Komm gut nach Haus'!«

Margret war nicht zu sehen.

Fünftes Kapitel

Die Tage gingen hin in ewiger Himmelsbläue; wärmer wurde es und wärmer. Fort waren die Fremden, die Meran besuchten, um im Sonnenlande Gleichgewicht der Seele zu finden und Ruhe für die von Arbeit und Unrast der großen Stadt erregten und gepeinigten Nerven. Die Villen, die Pensionen, die Hotels, eines nach dem anderen schloß die wintermüden Fensterläden. Meran begann den Meranern wieder zu gehören. In St. Valentin, in Trauttmannstorff, in den Gilfanlagen saßen andere Menschen. Die Eingesessenen: Geschäftsleute, Beamte, Alternde im Ruhestand. Dazu Grundbesitzer und Bauern, von den Nachbarorten und Tälern hereingekommen zu Handel, Geschäft, Trunk und Rast.

Durazzis sah man kaum mehr auf der Kurpromenade. Höchstens kam die eine oder andere der Damen am Morgen herein, etwas zu besorgen. Nur der alte Baron erschien täglich, doch nicht um in den Kuranlagen Bekanntschaften zu machen, nein, jetzt stand er am Rennweg, blinzelte den Einheimischen zu und bummelte durch die Laubengasse, die sich im Mittelalterbilde ihrer Hunderte von Erkern zum Pfarrplatz schlängelte und mit ihren gewölbten Gängen bei Sonnenbrand Kühlung, bei schlechtem Wetter trockene Wege bot. Die Berglauben, dem Küchelberge zu gelegen, pflegte er hinaufzugehen, die Wasserlauben auf der Passerseite hinab. Bei jedem dritten Laden blieb er stehen. Mit dem Schlächter redete er über den Auftrieb an Vieh, eine dicke Frau im Tuchwarengeschäft begrüßte er so ritterlich, als sei sie noch das liebe Mädel mit den Guckerln, wie er es vor dreißig Jahren gekannt, da er mit ihr abends an der Wassermauer verstohlen spazierengegangen, und sie betreute doch schon ein Enkelkind. Wenn er einen Bekannten traf, pflegte er ihn ein Stück zu begleiten, um gewiß einen anderen zu finden, den er zurückbringen konnte.

Nie schien er so glücklich, als wenn ihm Meinhardt Aich begegnete. Schade nur, daß der so viel beschäftigt war. Einmal mußte er zum Dr. Kofler, dem Advokaten, oder er hatte mit dem Geometer wegen Grundvermessungen zu tun, im Obstgeschäft gab es Bescheid zu sagen, denn die verkauften die Rochusburger Erzeugnisse. Während Meinhardt verhandelte, redete der alte Baron mit den anderen Leuten der Familie, die – Zeit hatten alle hier, erstaunlich viel Zeit – immer neugierig dabei standen, in ruhiger Lässigkeit, zu schwatzen.

Wenn Meinhardt ihm das Geleit gab bis zur Tram, vielleicht mitfuhr nach Göllan, war der Baron glückselig, all die unbeträchtlichen Dinge durchzuhecheln. Das ging weiter auch zu Haus. Tante Angiolina redete mit, nicht in der liebenswürdigen Oberflächlichkeit ihres Mannes, sondern bös und scharf, Moral auftragend, indem sie alles Üble der zunehmenden Gottlosigkeit in die Schuhe schob.

Auch Meinhardt hörte zu. Er war wieder Burggräfler geworden und wollte sich einleben in seine Heimat. Wenn er hörte, wer verläßlich sei oder wer es faustdick hinter den Ohren habe, so half ihm das bei Geschäften, Käufen und Verkäufen.

Der alte Baron saß abends am Schreibtisch, Urkunden zu durchstöbern und zu entziffern. Glücklich war er, wenn er entdeckt, daß ein Katzenpecken von Pergamatsch vor siebenhundert Jahren einem Durazzi zwei Berner schuldig geblieben, so daß er nun im Grunde jeden Katzenpecken hätte pfänden lassen können. Dann quälte er sich, Zins und Zinseszins bis zum heutigen Tage auszurechnen und schrie jubelnd in die Unterhaltung der anderen hinein: Eigentlich hätten sie von den Katzenpecken jetzt noch drei und eine halbe Milliarde Gulden zu bekommen. Aber erstens war die Summe gewiß falsch, denn Rechnen schien des alten Herrn starke Seite nicht zu sein, und zweitens sagte wohl Margret: »Papa, die Katzenpecken sind längst ausgestorben.«

Dann sprang er auf, der Kneifer sank nach vorn, und über die Gläser hinweg blitzte er die Tochter an: »Habt's denn ihr Weiber für kein' Kreuzer Phantasie?«

Margret hatte aber ihn zu unterbrechen just den Augenblick wahrgenommen, wo Meinhardt versucht, auf jenen Abend zurückzukommen, da er sie weinend im Garten getroffen. Sie mich ihm aus, nie war er mit ihr allein. Erwischte er sie einmal im Flur, so konnte man gewiß sein, daß eben Tante Angiolinas Stimme auf der Treppe erscholl. Unzertrennlich schien sie jetzt vom Henrietterl. Wo Margret weilte, blieb auch Ossana. Doch es bedrückte ihn nicht, daß sie ihm keine Gelegenheit bot, sich auszusprechen. Seine Tage gingen in ruhiger Seligkeit dahin. In dem sonst so tätigen Manne floß auch ein Tropfen des lässigen, alles auf den nächsten Tag verschiebenden Blutes, wie es den Leuten in den Adern rann, hier, wo die Natur fast zu leicht, zu reich schenkte, die Menschen der Tatkraft, des Kampfes enthebend. Das zögernde Hinziehen war ihm süß. Wenn er an Margret dachte, wurde seine Seele weich, still, ruhig; der hingebende, mit lieber, lautloser Gegenwart das Leben verschönende gute Geist des Hauses sollte sie sein, wie es einst seine Mutter gewesen. Er schien dessen so sicher, wie er fühlte: mein ist sie, mein wird sie einmal doch!

Seine Bücher, seine Möbel, seine Kunstsachen, die er, in Grenzen gehalten durch früher nicht allzu reichliche Mittel, in allen Weltteilen zusammengekauft, waren angekommen.

Ossana fragte immer wieder, wann er ihnen denn nun die Rochusburg zeigen würde. Er lächelte nur: Es hatte ja Zeit, bis eine hinaufkam, die dort Herrin wurde. Seit langem war an dem alten Schlosse nichts mehr geschehen, und er dankte es der Stiefmutter, daß sie ihre Tatkraft nicht darauf verwendet, in wenig Jahren, die sie da oben regiert, umzustürzen, was die erste Frau getan oder nicht getan. Nun ging Meinhardt daran, die Rochusburg herzurichten nach seinem Geschmack.

Und er malte sich aus, wie er Margret fragen würde: »Habe ich dir das Nest nicht schön gebaut?«

Auf den Straßen war alles zu Pulverstaub zerfallen. Wenn die Tram von Lana herüberbrauste oder von Meran, ließ sie, gleich einem Auto, wirbelnde Wolken hinter sich, daß die drei Mädchen in Göllan, ehe sie ein Geräusch hörten, schon das Nahen bemerkten, wie aus feuerndem Geschütz das Bild der Dampfwolke, schneller und erst später der Schall herübergetragen wird.

Margret, Ossana und das Henrietterl saßen auf der sonnenabgekehrten Seite unter dem Säulengang des Hofes. Der Schatten fiel knapp am Haus herab, so hoch stand der Feuerball. Als wieder eine Wolke emporwirbelte, rief das Henrietterl:

»Er kommt!«

Und Ossana: »Ja, der Meinhardt soll kommen.«

»Den mein' ich doch nit. Der war doch gestern erst hier!«

»Willst wetten, daß er kommt?«

»Um was?«

»Um – um einen Kuß!«

»Von wem?«

»Den darf jede sich aussuchen!«

Sie gaben sich lachend die Hand, huschten eilig die Treppe hinunter – nicht einmal die Sonnenschirme nahmen sie mit – und man sah ihre hellen Kleider im dichten Grün der Weingärten verschwinden.

Margret ließ ihre Arbeit sinken und stützte sich auf die alte Marmorbrüstung. Ihre großen dunklen Augen waren nicht zu Tal gerichtet, wo die Tram kam, auch nicht zur Rochusburg, von dort oben herübergleißend, sie schweiften nach Meran, die Pupillen in der Flut des Lichtes verengt. Das lockere schwarze Haar streifte die aufgestemmten Ellbogen. Des oft gewaschenen Kleides Ärmel waren ein wenig kurz geworden. Nun schaute über den kräftigen Händen, die den Eindruck machten, als verstünden sie zuzugreifen, die schneeweiße Haut des Armes hervor. Tiefer und tiefer versank Margret in Gedanken. Die Tram war längst vorüber, immer noch kamen die beiden Mädchen nicht wieder.

Da klang eine Stimme hinter der Träumenden. Erschrocken fuhr sie auf. Meinhardt stand hinter ihr. Leicht röteten sich ihre Wangen. Sie schob ihre Arbeit zusammen, als wollte sie gehen. Er sagte:

»Ich bin von Lebenberg durch den Wald herübergekommen. Ich hab' drüben zu tun g'habt. Bist du allein?«

»Die Eltern sind einen Besuch machen gegangen. Der Papa hat mit müssen, die Mama hat's nit anders getan.« Im gleichen Augenblick fügte sie hastig hinzu:

»Aber Henrietterl und Ossana werden gleich kommen. Wollen wir ihnen nit entgegengehn?«

Die Mauer der Torggel blendete herüber. Wie immer stand die Tür offen. Brütende Sommerglut lag, ein dichter Schleier, über Hof und Weingärten. Die Luft schien zu schwingen, die Erlen in der Etschniederung drüben flirrten und flimmerten. Meinhardt nahm den Hut ab und tupfte sich die Stirn. Durch sein hellblondes Haar zogen dunkle Strähnen.

Er begann mit Ossanas liegengebliebener Arbeit zu spielen. Dann fragte er:

»Sag' einmal, Margret, denkst noch an den Abend?«

Sie senkte die Augen auf ihre Stickerei: »Das ist ja vorbei! Alles vorbei!«

»Du warst wohl sehr traurig?«

»Sonst weint man doch nit!« »Ach was, so ein junges Mädel lacht und weint und weint und lacht in einem!«

»Ich nit!«

»Bist du anders?«

»Meinhardt, gelacht hab' ich nie. Ich weiß auch nit, ob's so viel zum Lachen gibt.«

Er beugte sich nieder, ihr ins Gesicht zu blicken: »Aber, Margret, was hast denn für Gedanken? Jung wie du bist, fängst du dein Leben doch erst an, und hast noch nie einen Kummer gehabt.«

Heftig fuhr sie los: »Wer sagt das?«

»Nun, das Leben eines jungen Mädels hier verstreicht, wie es in der Bibel von den Lilien auf dem Felde heißt: sie säen nicht, sie ernten nicht, und der liebe Gott erhält sie doch.«

Sie blickte von der Arbeit auf: »Das ist grad' nit schmeichelhaft für mich!«

Er stach ungeduldig mit der Nadel in Ossanas Stickerei. Spielend machte er förmlich ein Muster in den vorgezeichneten Leinwandstreifen, ein Löchlein ans andere bohrend, während er antwortete: »Daß ich dir nichts Böses sagen will, Margret, weißt du doch. Aber ich hab' Augen und sehe so viel Komtesserln und solche, die sich gern so nennen möchten, mit gottergebenem Leichtsinn durchs Leben taumeln. Sie sind nix und können nix und wissen nix und lernen nix und tun nix, sind aber überzeugt von ihrer Bedeutung. Dagegen so ein arm's Bauernmädel, wie das rackern und sich den ganzen Tag schinden muß, daß es nur zu essen hat. Und unsere Leut' sitzen herum, stehlen dem lieben Herrgott den Tag ab und warten auf den Mann.«

Sie rief höhnisch: »Ah, auf den Mann warten, wer sagt denn das?« Er schlug die Hände zusammen: »O je, seid's ihr denn nicht alle dazu erzogen, auf den Mann zu warten?«

»Meinhardt, du bist sehr liebenswürdig heut!«

»Margret, verzeih! Laß mich doch weiter reden – ich sag', so sind sie meistens! Ausnahmen sind um so schöner! Schau, als Vetter kennt man sich aus! Aber ich weiß nicht, was ich hab' sagen wollen! Damals, wie du geweint hast, da hätt' ich dir's sagen können!«

Sie erhob sich: »Ich muß doch schauen, wo die zwei bleiben.«

Er nahm ihre Hand: »Jetzt weiß ich's, i weiß! Schau, das Henrietterl. Ist die nicht so: ›sie säen nicht, sie ernten nicht?‹ Lachen tut's immer, kann man mit der ernst reden? Wenn man einen großen Besitz übernimmt wie ich, gibt's da nicht tausend Dinge, die man besprechen möcht'? Mit wem? Doch nur mit einer, die gleiche Interessen hat, der man vertraut, die man liebhat. Margret – ich möcht' mich verheiraten!«

Röte stieg in ihre Wangen: »Es gibt Mädeln genug!«

»Gewiß, von der gewöhnlichen Sorte hunderttausend. Aber solche, die ein Mensch wie ich brauchen tät'…?«

Margret ließ die Arbeit sinken, die Blutwelle war aus ihrem Gesicht zurückgetreten: »So seid ihr. Ihr denkt nur an euch, was ihr braucht! Ihr! Ihr!«

»Margret – ich seh' schon – Liebeserklärungen kann ich nicht machen. Wenn ich sie so auf dem Theater gehört hab', sind mir die beiden Menschen immer vorgekommen wie zwei Verrückte –« »Ist's nicht auch verrückt, einem Mann allen Schwindel zu glauben, den er einem vorlügt? Einem Lumpen, einem – –«

Er sah sie erschrocken an. Sie erhob sich und spähte wieder in den Weingarten herunter: »I glaub', sie kommen.«

Mit einem letzten wütenden Stich durchbohrte er Ossanas Arbeit und warf sie auf das Tischchen, wo er sie gefunden: »Margret, kommst du zu mir auf die Rochusburg?«

Sie sah ihn nicht an: »Wenn du uns einladest.«

»Red' nit so. Du verstehst mich schon!«

Sie rollte die Arbeit zusammen und blickte den Säulengang hinunter: »Das Küchenfenster steht offen.«

»Das ist deine Antwort?«

Er stand verstört da. Sie ging ins Haus und sagte: »Komm!«

Sie traten ins Wohnzimmer, wo der Tisch träumte mit der offenen Visitenkartenschale, die sich immer mehr füllte, ohne doch überzulaufen; wo die alten, lieben Wappenscheiben bunt im Erker glänzten und so traulich die hochlehnigen alten Stühle standen. Margret umschloß Meinhardts Hand mit ihren beiden kleinen Händen: »Meinhardt! Alles muß ich allein durchkämpfen. Keinem Menschen kann ich's sagen, 's Henrietterl lacht, und Ossana – – nein! Der Mama? Sie ist fromm nach ihrer Art, die Mama, und auch gut, wenn sie auch oft Böses von den Menschen sagt, aber für mich hätt' sie keine Zeit und kein Verständnis. Und der Papa? Der gute, liebe Papa, der in seinem ruhigen Leben nit g'stört sein will?« Er war erstaunt: »Wie du sie kennst!«

»Ja, ich kenn' sie schon. Ich kenn' dich auch, und ich hab' dich sehr, sehr, sehr gern! Wenn ich amal einem Menschen in höchster Not was sagen müßt', vielleicht käm' ich zu dir. Besser aber ist's, man macht alles mit sich allein ab. Ich hab' nie jemand gebraucht, ich hab' alle meine Dummheiten selbst gemacht. Ich bin ein Kind g'wesen, wirklich ein Kind, das sich alles einreden läßt, alles glaubt und sich überrumpeln läßt… verstehst, Meinhardt?… nit aus Schlechtigkeit, nein, aus Dummheit und Vertrauen und Glauben. Ach, Meinhardt… wärst doch früher wiederkommen, du … Was ei'm eing'red't wird, glaubt so ein dummes Mädel, 's kommt nur drauf an, wer's sagt und… und tut… ein Lump … oder einer wie du… Warum bist nit früher wiederkommen!«

Sie verfiel in ein Stammeln und fuchtelte wie irrsinnig mit den Händen herum: »Was soll ich jetzt tun! Was soll ich tun? Was g'schehen is, is g'schehen! Schau, i bin ganz hin! Für dich verloren… I bin eine Verlorene…«

Sie sah ihn ängstlich an: »Es sind ja nur Stimmungen, – Meinhardt, nur Stimmungen. Aber schau, i kann nit, was du mich gebeten hast, i kann nit! I darf nit.«

Sie fiel am Tisch in die Knie und begann zu schluchzen, sie, die ihm immer so tapfer, so stark, so makellos erschienen. Er fragte verstört: »Margret, was ist denn? Warum bist denn verloren?«

»Weil… weil… weil ich dich nit lieb', weil du ein viel zu guter Mensch bist, ein viel zu guter, edler, anständiger Mann, als daß ich dich lieben dürft'! Ich hab' dich nit lieb, ich lieb' dich halt nicht!« Er stand wie vernichtet da: »Aber neulich am Abend, Margret? Hab' ich dich denn falsch verstanden? Wenn… wenn wir nun ein bissel warteten?«

Jetzt sah sie ihn ruhig an mit ihren großen klaren Augen: »Die Zeit nutzt da nix. Ein Jahr nit und zehn Jahr auch nit. Meinhardt, i hab' eine so ungeheure Achtung vor dir. Du bist nicht so leicht und so – – vielleicht haben wir ähnliches Blut. Ich bin zu schwer, wie du zu schwer bist. Aber schau, zwei solche Menschen – i darf auch nit, i kann dir's nit sagen… i darf nit. Wär's ein Lump, einer mit Lachen und blitzenden Zähnen und leicht daher reden und Wind vormachen –«

Sie straffte die Arme und hob stolz ihren Kopf: »Genau so tät' ich! A Bagag' seid's ihr! Du nicht. Meinhardt! Du nicht! Bei dir tät' ich's auch nit, und drum sag' ich dir: Dich lieb' i nit.«

Er packte ihre Hand: »Aber ich dich! Und ich – ich will dich.«

Sie stammelte: »Und… und wenn ich schon… verstehst du mich nicht?«

Er schien plötzlich etwas zu begreifen: »Sei still, Margret. Und wenn dein Herz gesprochen und sich geirrt hat… und wenn ein andrer dir die Lippen geboten und dich an sich gedrückt… was macht's mir? Ich will ja bloß deine Seele haben… Ich bin kein schwacher, trauriger Kerl… komm… komm. Jetzt küss' ich dich, und küss' dir's fort… Du arm's Ding, – wenn du betrogen worden bist, wenn du dich geirrt hast… ich küss' dich rein, mit den Rechten eines, der dich nicht verläßt, der dir bleibt, der warten will auf dich, so lang du willst.« Er riß sie an sich. Doch sie drängte ihn fort: »Still! Still!«

Sie lauschte. Man hörte jemand die Treppe heraufkommen, sah auch den Schatten eines Kopfes am Fenster, das nach der schiefen Hofstiege zu lag. Margret gab sich einen Ruck.

Das Henrietterl sprang herein: »Da bist du?«

Darauf Ossana: »Und wir haben immer geschaut!«

Margret erklärte: »Er ist über Lebenberg gekommen!«

Die Mädchen erzählten, wie ungeduldig sie gewartet und wie sie bestimmt geglaubt, daß er käme. Dann gingen sie hinaus, unter dem Säulengang im Schatten wieder Platz zu nehmen. Margret stickte, tief gebückt. Ossana starrte auf ihre Arbeit:

»Wer hat mir denn das zerstochen?« Meinhardt gestand zögernd: »Ich.«

Und Ossana entdeckte, als das Licht auf die weiße Leinwand fiel, aus engen Punkten gebildet die Form eines Herzens. Ein voller Strahl aus den schwarzen Augen brach zu ihm: »Schau, das ist lieb.«

Das Henrietterl aber schmiegte sich an ihren Bruder: »Willst mir einen Wunsch erfüllen?«

»Wenn ich kann.«

»Natürlich kannst du. Bitte, bitte, tu's.«

»Was denn?«

»Gib der Ossana einen Kuß.«

»Warum denn?«

»Ich hab' gewettet.«

Er rührte sich nicht. Ossanas glückselig lachendes Gesicht wurde finster, als er zögerte, da trat Margret leidenschaftlich dazwischen: »Macht's doch keine solchen Kindereien!« Ossana flammte sie an: »Was geht's denn dich an!«

Und die beiden Schwestern blickten sich in die schwarzen Augen. Meinhardt aber fing mit einemmal an, von anderen Dingen zu reden, lebhaft, als wolle er nicht unterbrochen sein, und es war ein wenig kraus und verwirrt, was er sagte.

Sechstes Kapitel

Über dem Etschtal schwangen Hitzewellen; fast senkrecht schien die Sonne zu stehen. Tag um Tag blieb der Himmel wolkenlos. Während der Glut verkroch sich alles in den Häusern, die Straßen lagen tot. Nur früh am Morgen und spät am Nachmittage wurde in Weingärten und Obstangern gearbeitet. Rund um Göllan schimmerten in den Kalvilleanlagen die grauweißen Flecke der Papiersäcke, in denen jene kostbaren Früchte reiften. Allein die Durazzis hatten den neuen Erwerbszweig der Gegend nicht versucht; die alten Knechte mochten von der mühseligen Arbeit der Kalvillenzucht nichts wissen. Baron Durazzi, der es für unvornehm hielt, sich zu »schinden«, wo man doch gerade leben konnte, rührte keinen Finger. Der Herr von Göllan hielt an der gleichen Redensart fest wie alte Bauern: »A so hot's der Vater selig geton, und a so tuan mir a!«

Aber die neue Zeit schritt unbarmherzig weiter: Aus dem kleinen Meran da drüben, das einst nur wenige Fremde beschwerlich mit der Post erreicht hatten, war ein Weltkurort geworden, von Zehntausenden und aber Zehntausenden besucht. Unter schweren Wehen hatte es sich gewandelt aus der Zuflucht Lungenkranker zum Erholungs- und Vergnügungspunkt von Gesunden, die zu fesseln alles sich bemühte. Und mit dem Fremdenverdienst ging erhöhte Obstzucht Hand in Hand. Am Bahnhof wuchsen die Lagerhäuser: Reihe an Reihe standen die Wagen, Obst- und Weinsegen des Etschlandes fortzuführen. Nicht aus Göllan, denn in Göllan kannte man den Ernst der Arbeit nicht.

Tante Angiolina, zu schmutzigem Geiz erstarrt, daß sie den Töchtern kaum mehr neue Kleider gönnte, und es wegen jeden Taschentuchs, das mehr gewaschen wurde, einen Auftritt gab, weil es Seife kostete und Wasser – denn sogar das Wasser wollte sie sparen – Tante Angiolina sah im Vorwärtsschreiten der neuen Zeit keinen Fortschritt. Arbeit und Betriebsamkeit lenkte die Menschen ab »vom Einzigen, das not tut.« Dem hochwürdigen Herrn Pfarrer Niederwieser, einem lieben alten Herrn, treu seiner Kirche, seinem Gott ergeben, doch kein Eiferer, glaubte sie sonst aufs Wort, nur über eines schüttelte sie den Kopf. Als er sie ein Stück von Widum bis Göllan begleitet, hatte er einmal mit freundlichem Lächeln gesagt, während er die gefalteten Hände leise gerieben: »Unser Herrgott kann nit auf jeden einzelnen Obacht geben. Man muß sich schon selber helfen. Wer sich nit umtuat, den rettet er a nit.«

Sie meinte, die Mutter Gottes würde beistehen, deren Bild im Hof an der Torggelseite sie immer mit frischen Blumen kränzte, und hätte sie die schönsten abschneiden oder gar beim Gärtner kaufen müssen. Aber Pfarrer Niederwieser, auf dem letzten Hof droben im Tauferertal geboren, wo jeder verhungert wäre, der nicht die Hände geregt, schüttelte nur sein gütiges, grobes Bauerngesicht:

»Und wann alle Heiligen vom Himmel täten niedersteigen und alle lieben Engerln herunterg'flogen kämen, helfen würden's bei der Mahd und im Weingarten nur dem, der selber mit der Not kämpft. I hab' die Not kennen g'lernt da droben, i hab' mich schwer getan, bis i nach Brixen kommen bin; und dann, wie i als Kurat naufkommen bin droben nach Pirsens, wo bei Maria im Elend nur a paar Höf' stehen und a paar Stadeln. Meinen's, wann i nit selber zuagriffen hätt' zwischen Mess' und Versehgang in mei'm klein' Acker und Gartl', mir war von die paar Gulden, die so a Kooperat'r im hintersten Oetztal kriegt, was blieben für Kranke und Arme? Arbeiten hab' i müassen, arbeiten! Die heilige Jungfrau hat ihrem Diener koan g'flügelten Boten runterg'schickt extra nur für mi mit an Zehnkronenschein!«

Tanke Angiolina hatte es mit gebührender Demut hingenommen, aber daheim, als sie im Herrgottswinkel auf dem oberen Flur selbst das Öl in die ewige Lampe goß, die ihr mildes Licht unter dem bemalten Holzbild des Gekreuzigten rötlich durch den Raum strahlen ließ, war sie im stillen erschrocken gewesen über solche Gedanken eines Mannes, dem sie doch nach Bauernart die Hand zu küssen pflegte.

Die Weltabkehr war in ihr erst seit kaum zehn Jahren erwacht. Es wurde gemunkelt, sie habe ihren Gatten einmal, als die Mädchen noch kurze Kleider trugen, auf unrechten Wegen ertappt. Seitdem senkten sich streng und fromm ihre Blicke. Nur wenn sie über die Schlechtigkeit anderer Menschen herfiel, schien das alte Feuer in ihnen zu brennen, und man meinte Ossanas heiße Augen zu sehen. Merkwürdig vertraut war sie mit allen Schwächen und Schlichen der Menschenseele, als hätte sie in Jugend und erstem Frauenleben manch seltsame Kenntnis erworben. Es war erstaunlich, was sie doch an der Verworfenheit anderer für Anteil nahm.

Eines Nachmittags kam sie mit roten Wangen zur Jause aus Meran zurück. Der Baron war noch nicht erschienen. Tante Angiolina fragte, wo er sei, während sie sonst nicht immer heiße Sehnsucht nach ihm verriet. Als er nun wirklich eintrat, die Hände in den Taschen des leichten Leinenrockes, den er im Sommer zu tragen pflegte, rief sie erregt:

»Weißt du das Neueste, Leopold?«

Der dehnte die Arme: »I komm ja nit mehr hinaus.«

»Erinnerst du dich der Person, die immer auf der Promenad' gegangen ist? Im Theater soll sie in der Proszeniumslog' gesessen sein. Die mit dem gefärbten Haar –«

Der alte Herr zuckte die Achseln. Sie ereiferte sich:

»Tu doch nicht so, ihr seid's ja alle hinter ihr hergelaufen, seid's ganz verrückt gewesen in die Person, was sie für Kleider getragen hat und was für Hüt' – – als ob sie die Mode machen tät'!«

»I weiß schon, Angiolina, aber was is denn mit der g'scheh'n?«

»Der Siebenlehn ist mit ihr durchgegangen.«

Sie erwartete lähmendes Entsetzen, doch er lächelte freundlich: »Er hat ganz an guten Geschmack.«

Sie hatte sich an der heißen Teetasse verbrannt und setzte sie wütend hin:

»Das ist die Antwort? Schämen soll er sich, der… Und denken, daß man einen solchen Menschen im Haus g'habt hat! Da ist er g'sessen. Seine Kinder hat man ihm ruhig anvertraut. Du sagst natürlich immer – bei dem ist ja ka G'fahr. Mit die Mädeln is er im Garten gesessen, ganz allein. Den ganzen Marlinger Berg ist er mit ihnen 'naufgestiegen, ganz allein, wie ein Onkel, wie ein Vater … und … stundenlang allein. Pfui!«

Ossana und Henrietterl machten fromme Gesichter und starrten vor sich hin. Tante Angiolina aber wollte Zustimmung finden. Jemand sollte ihre Entrüstung teilen. So wandte sie sich zu Margret, die noch eben drüben den Tee gemacht: »Und so ein Mensch wagt es, hier freche Bemerkungen zu machen! Was, Margret?«

Die stand im Gehen, das Gesicht hinausgewandt. Da der Baron anfing zu lachen, entlud sich das Gewitter auf ihre Tochter, deren Zustimmung sie gesucht:

»Nun, da red' doch!«

Brennend rot drehte Margret sich um. Ihre sonst so ruhigen schwarzen Pupillen schossen Blitze: »Was geht mich der Kerl an? Wurscht ist's mir, was er tut!«

Es kam so leidenschaftlich heraus, daß alle Augenpaare erstaunt auf ihr ruhten. Aber sie hatte der Familie den Rücken gedreht und beschäftigte sich mit dem Tee.

Da hörte man Stimmen draußen. Der Diener meldete. Graf Meinhardt Aich und Graf Bernburg traten ein.

Baron Durazzi ging ihnen entgegen und umarmte Meinhardt zärtlich: »Ein seltener Gast! Hast denn ganz auf uns vergessen? Aber i mach' dir ja kein' Vorwurf nit, bin ja froh, daß du überhaupt da bist. Ich sag' dir, ledern ist's! Übrigens, was macht denn der Bernburg hier? Ich denk' der ist längst futsch?« Meinhardt dämpfte die Stimme: »Er behauptet, er sei auf der Durchreise nach Sulden. Er hat mir einen Besuch gemacht, ich weiß nicht, wie ich zu der Ehr' komm'; und weil er erzählt hat, daß er zu euch will, bin ich halt mitgekommen.«

Da trat Graf Bernburg hinzu, eine Sinfonie in Grau: grauer Anzug, perlgraue Handschuhe, grauer Schlips, einen grauen Hut in der Hand, grauweiße Strandschuhe an den Füßen. Ossana fing an zu lachen. Er sah sie von der Seite an: »Worüber freuen's sich denn so, Baronin?«

Tante Angiolina warf ihrer Tochter einen verweisenden Blick zu:

»Wir freuen uns, daß Sie gekommen sind. Und so schön sind's angezogen!«

Er verbeugte sich, nahm zwischen Margret und dem Henrietterl Platz und unterhielt besonders die junge Gräfin auf Tod und Leben. Er erzählte von Wien. Baron Durazzi rief herüber: »Wie war's?«

»Fesch!«

Das Henrietterl fragte, und er begann aufzuzählen, wo er gewesen: einen Abend in »Venedig in Wien«, gespeist habe er im Volksgarten, dann in »Venedig in Wien« und dann gespeist im Volksgarten und dann in »Venedig in Wien.«

Tante Angiolina hatte einmal gemeint, eine Neigung des jungen Grafen für Ossana zu entdecken; nun sagte ihr eine dunkle Ahnung, sein plötzliches Erscheinen hinge damit zusammen. Graf Bernburg galt für wohlhabend. Im Burggrafenamt waren der Freier eben nicht viel, so wollte sie den beiden Gelegenheit geben, sich auszusprechen. Obgleich die Sonne schon niederzusteigen begann, war es doch drückend heiß. Tante Angiolina schlug also vor, die Gaulschlucht in Lana zu besuchen: längs des tosenden Wassers war es kühl und romantisch. Und dann würde man gleich beim Theißwirt speisen. Das Nachtmahl konnte sie abbestellen, und die beiden Gäste zahlten beim Theiß jeder für sich. So hatte sie sogar noch einen Überschuß.

Im glühenden Sonnenbrand ging es zwischen den Weingartenmauern hin, die ihre aufgespeicherte Tagesglut ausstrahlten. In den Laubengängen hingen schon die blauen Trauben, umrahmt von den in allen Farben geschwefelten Rebenblättern. Die Äste der Obstbäume bogen sich unter dem Segen der Äpfel und Birnen. Ochsengespanne begegneten ihnen mit der in die Höhe stehenden Deichsel, darauf die schwarzgebrannte Hand des führenden Bauern lag. Für jeden hatte der alte Baron ein paar freundliche Worte, während Tante Angiolina unter dem weißen Dach ihres Schirmes schwitzend und schnaufend daherschritt, wortlos gegen die am Wege, halb aus Faulheit, halb aus Durazzistolz.

An berstenden Häusern kamen sie vorüber, die Dächer einsturzbereit, schon seit hundert Jahren mit Lücken im Hohlziegelbelag, die eine fleißige Hand schnell hätte schließen können.

Die Tram kam gebraust. Die Damen traten beiseite und hielten die Schirme gegen den Staub, wie einst die Alten ihre Schilde. Margret ging allein voraus, dann kam Tante Angiolina, endlich Meinhardt, der alte Herr und Ossana, während Graf Bernburg mit dem Henrietterl den Schluß bildete. Wo der Pulverstaub der Straße knöcheltief lag, hob sie mit einem Male ihren fußfreien Rock und dicht neben dem Ahnungslosen trat sie fest auf – patsch – daß der Staub nur so dampfte. Dabei wollte sie sich ausschütten vor Lachen. Aber er war weiter nicht böse.

Als sich nun die hohen Felswände der Gaulschlucht auftaten, wehte ihnen ein kühler Hauch entgegen. Von der letzten Schneeschmelze voll Wasser tobte und rauschte der Ultenbach unter ihnen, als sie auf schmalem, an die Porphyrmauern geklebtem Holzsteige schritten. Graf Bernburg und das Henrietterl waren hinter den anderen zurückgeblieben, von denen man schon nichts mehr sah. Das Wasser strudelte, fiel über Felsblöcke und schäumte auf in hohen Wellen. Er begann ihr allerlei vorzureden von seinen Neigungen, nicht viel anders als der Oberleutnant König aus Kremsmünster, nur war kein ernstes und vernünftiges Wort dabei. Mit seinem ewig lächelnden Gesicht erzählte er, wie es lustig sei, das Rennen in der Freudenau – bitte – und eine Praterfahrt – bitte und die Operett' – bitte – und das Varieté – bitte – und er tanze sehr gern – bitte. Er malte ein Bild des Lebens in Wien, von dem eine dunkle Ahnung in ihr war, es müsse sein, wie er es als höchsten und einzigen Ausdruck seiner Befriedigung zu preisen pflegte: fesch.

Als er so plauschte, bekamen ihre lächelnden Mongolenaugen, vor Sehnsucht all das »Fesche« zu sehen, einen fast ernsten Ausdruck.

Auf dem engen Holzsteg, hart an die Felsen gebaut, setzte sie sich auf ein schmales bankartiges Brett und starrte hinunter, wo das Wasser sprudelte oder in flachen Spiegeln hinzog. Er nahm neben ihr Platz und betrachtete das junge, hübsch gewachsene Ding, die Gräfin von alter Familie, wie er sie brauchte, denn sonst bekam er die Herrschaft vom »spinnenden, steinalten« Großonkel nicht vererbt, eine, die noch dazu Geld hatte und auch gewiß alles mitmachen würde, was seine Seele begehrte. Ein Schürzenjäger, eine Nachtlampe war er nicht. Seine Gedanken richteten sich zu sehr auf die eigene Erscheinung und Bequemlichkeit, als daß er für irgendeine Huldin Zeit und Geld gehabt hätte. In dem sicheren Gefühl, dies Mädel würde mit ihm nach seinem Geschmacke leben, auch mit dem Ring am Finger, machte er mit einem Male runde Augen und runde Nasenlöcher und begann eine Art Liebeserklärung. Sie verstand nur die Hälfte bei dem Rauschen der Wassermassen, doch sie erriet. Es sträubte sich etwas in ihr, alle Kobolde erwachten. Plötzlich sprang sie auf, verzog zum Weinen gramvoll das Gesicht, schluchzte, wischte sich die Augen und schrie in sehnendem Jammer: »I nehm mir's Leben!«

Dann stürzte sie mit wilder Gebärde davon. Er starrte ihr erschrocken nach. War das zu früh gewesen? Hatte Ossana etwas gesagt? Die verfluchten Mädel tratschten doch immer untereinander! Er lief ihr nach.

Dicht am Ultenbach, der gurgelnd rauschte, machte es: klatsch, patsch – das Wasser spritzte ihm ins Gesicht, und ehe er sich retten konnte, war sein schöner Anzug von oben bis unten durchtränkt.

Das Henrietterl kauerte am Wasser. Er packte sie: »Henrietterl! Jetzt muß i dich strafen!«

Sie warf den Oberkörper scharf zurück, so fiel er vornüber mit dem Kopf fast auf sie. Als er diese festen Glieder fühlte, den frischen warmen Duft ihres keuchenden Leibes, der aus dem Kleide ihm entgegenschlug, preßte er seine Lippen zwischen Haar und Kragen auf ihren braungebrannten Hals. Etwas kam über sie, wie damals als der Oberleutnant aus Kremsmünster, der ehrliche, ernste Mensch, ihr gegenüber gestanden. Graf Bernburg suchte ihren Mund, und da war ihr Lachen, ihr dummes Mädchengetu' dahin. Halb in Schreck, halb von irgendeinem seltsamen Neuen getrieben, überließ sie ihm ihre Lippen. Als sie die fremden fühlte, zuckten dunkle Gedanken blitzartig in ihr auf, wie sie einst als kleines Mädel mit dem Riffesser Sohn vom Gnadhof im Heu gespielt und sie dem braunen Bauernburschen einen Kuß gegeben. Da sagte sie stöhnend, denn er hielt sie eng an sich gepreßt: »So keck! Da, jetzt sollen's sehen!«

Und sie erwiderte wie eine Strafe den Druck seiner Lippen. Einen Augenblick. Dann kam Wut und Empörung über sie: dunkelrot wurde sie bis in den Hals hinein. Sie wollte ihn von sich stoßen, sie keuchte, bis die Glut auf ihren Wangen allmählich erschrockener Blässe wich:

»Jetzt – jetzt – müssen wir heiraten!« Er hielt ihre kleinen zitternden Hände: »Aber schau, deswegen bin ich doch gekommen!« Sie lachte wie ein dummes Kind, das ein Geschenk erhalten. Heiraten? Heiraten! Es war ihr etwas herzig Neues, das sie erfuhr. Er half ihr sich erheben und reinigte mit dem Taschentuch vorsorglich das Kleid, nachdem er sich selbst erst die Knie abgeklopft.

Das Henrietterl war noch immer ein wenig verwirrt. Doch plötzlich zeigte sie fröhlich die Zähne und ihre Mongolenaugen tauchten unter die Lidfalte: »Dann sind wir verlobt?« Er stand da und wippte mit dem Fuß: »Sozusagen!«

Er nahm sie noch einmal, küßte sie auf den Mund und sie gab ihm den Lippendruck zurück, nicht anders, als ob sie einer ihrer Kusinen einen Kuß versetzte. Nun hing sie sich in seinen Arm, während sie, die Büsche teilend, die Böschung hinaufstiegen. Erst als sie auf dem Wege irgendwo durch das Grün etwas Helles schimmern sahen, ließ sie ihn los: »Ich muß es der Tante sagen!«

Tante Angiolina war die erste, die umgekehrt, denn sie mochte nicht weit gehen. Mit dem Aufgebot ihrer größten Liebenswürdigkeit bat sie: »Lieber Graf Bernburg, tun's mir einen Gefallen, bitte schauen's einmal nach, wo die anderen bleiben, und sagen's der Ossana, sie möchten zurückkommen, sonst wird's zum Nachtmahl zu spät!«

Lässig bummelnd kam Baron Durazzi mit Margret daher, indem er sich von der Sonne den Rücken bescheinen ließ, pfiff und mit den Fingern schnalzte. Als der alte Baron den beschmutzten und zerknüllten Anzug des sonst wie aus dem Ei gepellten jungen Mannes gewahrte, schlug er die Hände zusammen:

»Ja, wie schauen's denn aus!«

Sie lachten alle drei, aber der junge Mann verkündete: »Ich hab' mich mit dem Henrietterl verlobt!«

Im ersten Augenblick war der alle Herr starr, noch mehr aber Margret, die durch Ossana von seiner Werbung vor ein paar Wochen gehört. Er mochte etwas davon fühlen: »Ja, mein Gott, man geht manchmal irr, aber wir haben das Richtige getroffen. Schauen's, i bin fidöl, und mein' Frau muß halt a lachen können! I glaub' schon, das Henrietterl passet nach Wien, denn in Wien werden wir doch leben! Wien ist Wien!«

Damit hatte er Baron Durazzis Herz gewonnen. »Ich freu' mi sehr, fürs Henrietterl und für Sie. lieber Freund.«

Er streckte ihm beide Hände entgegen. Der fragte: »Nachdem meine Braut bei Ihnen ist, darf ich doch um Ihr Einverständnis bitten?«

In der ersten Wallung, wie er mit jedem Menschen freundlich war, umarmte ihn der alte Herr und klopfte ihm von hinten auf die Schulterblätter: »Aber natürlich!«

Doch während sie langsam weitergingen, wurde er unsicher: »Schauen's… eigentlich müssen's schon den Meinhardt fragen. Er ist der älteste Bruder, der Majoratsherr –«

Der glückliche Bräutigam eilte also zurück, es Meinhardt zu sagen.

Ossana stand mit Meinhardt Aich am Ende des Gaulschluchtweges, wo in die für das Elektrizitätswerk gestaute Flut ein gemauertes Eck vorsprang, auf drei Seiten von brausenden Wassern umströmt, nur auf der vierten mit der Welt verbunden durch einen schmalen Tunnel, der, die letzte Felsnase durchbohrend, allein den Weg hierher ermöglichte. Immer wieder zeigte sie ihm neue Herrlichkeiten, den Bach hinauf, die Felsenwände hinan, auf denen man hoch oben gegen den Himmel einzelne Bäume schütteren Waldes sich abheben sah. Als er sich zum Gehen wandte, fragte Ossana: »Meinhardt, warum bist du nie mehr kommen?« Ihre dunklen Augen blickten ihn sehnsüchtig traurig an.

Er wich aus: »Ich hab' viel zu tun.«

Sie senkte den Kopf:

»Es ist vielleicht unzart, daß ich dir's sag', aber schau, Meinhardt, du bist doch nit so wie die anderen! I wollt' dir sagen, i bin nit bös g'wesen, daß du nit sehr höflich g'wesen bist und so – –«

Er nahm ihre Hände, zog sie sich auf die Brust und sagte in tiefster Bewegung, ihr ganz nah: »Ossana, weißt du denn nit, was geschehen ist? Wirklich nicht? Weißt du nicht, was sie mir angetan hat?«

Ihr Mund ging leise auf: »Was ist denn?«

»Einen Korb hat sie mir gegeben!«

»Margret, ja, ja – hast du denn – mit ihr gesprochen?«

»Ja. Schau, lieb hab ich sie, so lieb! Und dann sagt sie nein! Deswegen bin i nit mehr kommen. Und wenn der Tepp, der Bernburg, nit kommen wär' – wär' i auch nit da; mit jedem ist sie freundlich, nur mit mir nit, und i hab' sie doch so lieb!«

Ossana entwand sich seinen Händen; er merkte es nicht, sondern fuhr fort:

»Ossana, magst mich a bissel gern als Vetter? Ich kenn' dich doch, seit du so groß warst… so groß. Magst mich a bisserl gern?«

Ein flammender Blick traf ihn, aber sie schlug sofort wieder die Augen nieder und nickte. Er bat: »Ossana, red' a bissel für mich bei der Margret, hilf mir.«

Das Mädchen atmete heftig, und mit einem »Nein! Nein!« tauchte sie in die schwarze Öffnung des Tunnels und rannte, rannte… Erst kurz vor dem Ort, wo die Felswände zurücktraten, um bald in das breite Etschtal zu münden, holte sie die anderen ein. Margret ging mit dem Henrietterl weit voraus. Die Eltern folgten. Aber Ossana hielt sich zurück. Sie sah, wie die Mutter sich gegen den Papa wandte.

Der hatte ihr freudestrahlend die Verlobung mitgeteilt, sie aber herrschte ihn an:

»Da freust du dich? Ich versteh' di nit! Was fällt dir denn ein? Was soll denn nun mit uns werden?«

Leise setzte sie ihm auseinander, wie doch dann die Pension wegfiele, die das Henrietterl zahlte. Er hatte sich um die Geldverhältnisse nicht mehr gekümmert, seit sie dem lockeren Vogel von der tatkräftigeren Gattin weggenommen worden. Nun stellte sich heraus, was der alte Baron in der Angst, um seine Bequemlichkeit zu kommen, hatte auf sich beruhen lassen, daß sie vom Henrietterl eigentlich lebten. Die schönen Zinsen ihres Vermögens kamen ihnen zum großen Teil zugute. Die Baronin verteidigte es: das Henrietterl habe dafür ein Zimmer ganz allein, wo doch die eigenen Töchter in einem zusammen wohnten; die kleine Gräfin sei auch viel besser gekleidet, hätte sozusagen eine Jungfer für sich, es würde überhaupt viel mehr auf sie gehalten. Sie suchte sich zu rechtfertigen, daß sie seinerzeit das Henrietterl, als es vor der strengen, aber gerechten Hand der Stiefmutter entflohen, in Göllan behalten. Von dem Tage an war der Niedergang der Durazzi aufgehalten worden, zum mindesten aßen sie umsonst.

Wie Tante Angiolina so dastand, im Kreuz liegend, den starken Leib vorgestreckt, schwarz gekleidet, mit ihrem pechrabenschwarzen Haar und den funkelnden Augen, schien es erklärlich, daß der alte Baron kein Wort zu erwidern wagte. Als sie sich umblickte, sah sie Ossana hinter sich.

»Hast schon g'hört, daß der Bernburg ums Henrietterl angehalten hat? Nach fünf Minuten! Nachdem er sie vorher nit angeschaut hat?«

Ossana warf verächtlich die Lippen auf: »Dafür hab'ich ihn abblitzen lassen!«

Der Tante Arme sanken schlaff herab; fast wäre ihr der Schirm entfallen: »Was?«

In Ossanas Seele zitterten noch die Worte, die Meinhardt eben gesprochen: »Meinst, Mama, ich interessier' mich für den Affen? Für den? Hahaha, das wirst doch nit glauben!«

Tante Angiolina stockte fast der Atem: »Und… er… wird einmal… so reich…«

Plötzlich fiel sie über die Tochter her: Ob sie denke, daß sie Millionäre wären, einen dermaleinst in Gold schwimmenden Schwiegersohn so abfallen zu lassen? Aber als Tante Angiolina begann, da sie Vergleiche liebte, ihr Margret als Muster vorzuhalten, schoß es von Ossanas Lippen, scharf wie ein klirrender Pfeil: »Die Margret? Ha!«

»Ja, die Margret!«

»So, Mama, und mit dem Meinhardt?«

Tante Angiolina warf sich ganz ins Kreuz, daß ihre gewaltigen Formen vorstanden. Über ihr Gesicht glitt ein Strahl neuer Hoffnung:

»Ah, der Meinhardt! Na, da werden wir halt schauen!«

»Einen Korb hat's ihm geben!«

»Dem Meinhardt?«

»Ja freili, dem Meinhardt!«

Ossana strahlte. Tante Angiolina aber stammelte nur: »Und sie hat nix g'sagt…« »Die Margret sagt nie was.«

In diesem Augenblick blieben das Henrietterl und Margret stehen und drehten sich um. Der alte Baron machte eine Armbewegung, sie sollten weitergehen. Tante Angiolina rauschte davon. Langsam folgten Vater und Tochter. Sie sprachen beide kein Wort.

Beim Theiß wurden zwei Tische zusammengerückt. Rundum saßen Einheimische oder Meraner, einfache Leute, die den Samstag benutzt, einen Ausflug zu unternehmen, bei ihrem »Viertele«.

Tante Angiolina ließ mit rotem Kopf schweigend ihre Augen zwischen den Töchtern hin- und herpendeln. Auch dem Henrietterl war das Lachen vergangen. Da sah man zwei Gestalten von der Gaulschlucht her um die Ecke biegen: den großen Meinhardt, daneben den bummelig tänzelnden Bernburg, der seinem Begleiter, wie es schien, mit dem heitersten Gesicht allerlei vorschwatzte. Der aber war wohl einverstanden.

Da hatte Baron Durazzi einen der wenigen Augenblicke, wo er keinen Widerstand duldete. Er nahm seiner Ehehälfte Hand, drückte sie, daß sie den Mund verzog, und zischte mit einem Blitz seiner scharfen grauen Augen:

»Angiolina, i bin sonst a guater Kerl, aber wann du mir jetzt a Szen' machst, mach' i an Skandal hier auf der Stell'!«

Die drei Mädchen blickten auf den Teller. Er dämpfte seine Stimme und sagte, doch immer noch laut genug, daß sie es hörten:

»Neid kennt ein anständiger Mensch nit, das hat's in unserer Familie nie geben. Das san welsche Mucken!« Sie preßte die Lippen aufeinander, denn sie wußte, wenn er, der Deutschtiroler, von ihrer italienischen Abstammung anfing, dann wurde es ernst.

Da kam auch schon Graf Bernburg angewippt mit seiner strahlendsten Miene, daß auf des Henrietterls lustiges Gesicht das Lächeln wiederkehrte. Meinhardt ging zu seiner Schwester: »Du mußt wissen, was du tust!«

Dann streifte sein Blick Margret:

»Ich will dem Glück eines andern nit im Weg stehen! Niemand soll Herzleid haben. Durch mich g'wiß nit.«

Tante Angiolina fühlte, zu ändern gab es nichts mehr. So erhob sie sich, auch Ossana und Margret waren aufgestanden, und es folgte ein rührendes Händeschütteln und Küssen, wie es unter Damen nicht anders ging. Graf Bernburg wurde neben seine Braut gesetzt. Die beiden wisperten nun zusammen und wollten sich ausschütten vor Lachen.

Graf Meinhardt hatte einen guten Wein ausgesucht, auf das Wohl des Brautpaares zu trinken; dazu bestellte er ein kleines Essen. Der alte Herr aber feierte die Feste, wie sie fielen. Der erlesene Tropfen, so gut, wie ihm seine Frau keinen in Göllan vorsetzte, floß ihm feurig durch die Adern. Ja, Verlobung! Ja, jung sein und Lachen und Freude!

Einmal um das andere klirrte sein Glas bald gegen die vereinigten des Brautpaares, bald an denen seiner Töchter. Es gab sogar eine Versöhnung mit Tante Angiolina. In ihre schwarzen Feuerräder sah er und sprach: »Schau, das ist halt im Leben so. Der eine will und die andere nit, und die eine will und der andere nit – und so oder so, am Schluß geht's doch.«

Dann ließ er sein Glas gegen jenes seines Wahlverwandten und lieben jungen Freundes klingen und flüsterte, während sein Blick zu Margret hinüberirrte: »Wir Männer versteh'n uns! Wir sind eins gegen die Menscher, im Grunde immer und ewig. Aber Meini, du tust mir leid, schrecklich leid! Die Margret ist von den drei Mädeln die beste, wenn sie auch nit lacht und 's nit auf der Zungen trägt. Dir hätt' ich's vergönnt, und mei'm Mädel hätt' i dich gegönnt, 's wirklich ein Jammer! Am liebsten tat' i weinen. I möcht dich ja so gern als Sohn haben, das wär' mir das Liebste noch, eh' i in die Grube fahr'. Obwohl i dazu noch gar kei Lust hab', solang' die Welt so schön is und solang's noch Glück und Lieb' und junge Leut' gibt.«

Meinhardt leerte sein Glas und setzte es langsam hin, während vom anderen Tischende das Kichern des Brautpaares klang.

Die Dunkelheit war eingefallen. Elektrische Lampen strahlten von der Wand, auf den Tischen standen Windlichter. Schon waren Gäste aufgebrochen. Auf die Brüstung gelehnt, eng aneinandergedrängt, schwatzte das Brautpaar, und man hörte ab und zu das Lachen der beiden Glücklichen. Auch die Schwestern beugten sich über das Geländer und sahen hinab auf die grau schimmernde Straße, wo Paare wandelten, die Arme um die Schulter geschlungen, als ob die Wärme die Menschen zueinander triebe. Meinhardt trat zwischen Margret und Ossana, und sie sprachen gedämpft über Bernburg und das Henrietterl. Baron und Baronin Durazzi waren am Tisch geblieben. Er tröstete seine Frau, vielleicht konnte man eine neue Grundschuld auf das Haus aufnehmen. Das kam ihm vom Munde, als könne kein Mensch einem Durazzi solch albernen Gefallen abschlagen. Tante Angiolina aber, die den wahren Einblick in die Verhältnisse hatte, warf ein: »Leopold, das hilft doch nur ein paar Jahr'! Und wenn's aufgegessen ist?«

»Wir zwei allein, pah! Und die Mädeln sind ja dann unter der Hauben!«

Ihre Augen leuchteten: Margret und Ossana! Eine schöner wie die andere, ihr Blut. Daran zweifelte sie nicht. Nur leben mußte man bis dahin. Mit einemmal flüsterte sie ihm zu:

»Ich werd' den Meinhardt fragen.«

Er fuhr zurück, nahm eine großartige Haltung an, der Ehrenmann und alte Offizier regle sich in ihm:

»Angiolina, das darfst nit. Den Mann anpumpen, der von Margret einen Korb kriegt hat?«

Der alte Baron stand auf und legte seiner Ehehälfte die Hand auf die Schultern: »Angiolina, ich verbiet' dir's. Fertig. Schluß.«

Dann ging er, die Zigarette im Mundwinkel, die Hände in den Taschen, eine Weise summend, zwischen den Tischen auf und nieder. Er hatte Grundschuld und Sorgen schon längst vergessen, hier unter dem sternenstrahlenden Himmel seines Vaterlandes, hier auf dieser Erde, die solche Schönheiten barg wie die rundum. Er blieb stehen und sah hinauf, wo eben die Mondscheibe hinter den Zacken des Ifingers erschienen war und nun ihr ruhiges, weißes Licht herübersandte. In der Ferne hörte man den Ultenbach rauschen. Unten auf der Straße war alles still, nur weit draußen im hellen Licht des Mondes sah man auf der weißen Straße die Pärchen wandeln, die Wangen einander genähert, der süßen Nacht entgegen.

Siebentes Kapitel

Das Henrietterl wollte »sofort« heiraten, als hätte sie nicht Zeit gehabt bei ihren neunzehn Jahren. Damit war das ganze Leben in Göllan verändert. Baron Durazzi, der mit dem kargen Taschengelde, das Tante Angiolina ihm zubilligte, nicht viel mehr konnte als nur die Kurpromenade besuchen, unternahm nun unter dem Vorwande des Geldaufnehmens Entdeckungsreisen und Lustfahrten in die Umgebung. Bald mußte er mit einem Geschäftsmann zusammentreffen, bald fand er abends bei »Marchetti« oder in der »Kurhausschwemme« einen Advokaten, der Rat schaffen sollte. Immer öfter gab es einen Grund, fortzubleiben.

Tante Angiolina zeterte: der alte Herr war mehr denn einmal mit einem tüchtigen Haarbeutel heimgekehrt. Beim Nachtessen saß er freilich da, als ob er kein Wässerchen trübte, und trennte sich die Familie zum Schlafengehen, so stieg er artig die Treppe hinauf, zum obersten Geschoß des alten Ansitzes, wo die Schlafzimmer lagen. Wenn dann aber eine halbe Stunde darauf Tante Angiolina an ihres Mannes Zimmer klinkte und hineinsah, war das Nest leer. Sie fühlte sich jetzt immer wie erschlagen abends: lange Wege hatte sie oft gemacht, das Geld aufzutreiben, denn auf ihren Mann verließ sie sich nicht, wie oft er sie auch von einemmal zum andern vertröstete. Ihr begann ängstlich zu werden: auch Pfarrer Niederwieser hatte keinen Rat gewußt. Als Ungerechtigkeit empfand sie es, daß für sie, die immer den Geboten der Kirche gefolgt, nichts geschah. In ihrer Verzweiflung hatte sie recht wenig ehrerbietig mit dem geistlichen Herrn gesprochen. Da gab es keine Demut mehr und kein Handküssen, – ja, zu einem kleinen Auftritt war es gekommen, denn die Urwüchsigkeit des Bauernsohnes ließ sich nicht auf Artigkeiten ein. Verzweifelt war sie davongerannt. Was sollte jetzt werden?

Da eines Tages, als die Sonne noch immer glühend über dem Etschlande stand, Obst und Trauben reifend, und die Mädchen ihr Nachmittagsschläfchen hielten, nahm Tante Angiolina aus dem eingelegten Kästchen, das ihr Mann ihr einst in Cortina geschenkt, damals als er noch im ersten Feuer der Ehe geglüht – es hatte bei ihm freilich nicht lange angehalten – Nadeln und steckte sich das Haar zurecht. Sie setzte den Hut auf, ein wenig bunt: Geschmack der Italienerin. Und wie ihr aus dem Spiegel ihre noch immer schönen großen schwarzen Augen entgegensahen, die sie den Töchtern vererbt, kam ihr wieder der Gedanke: Sollten diese Mädchen, diese schönen Mädchen, in Not geraten oder in kleine Verhältnisse, sie, die zu Gräfinnen geboren?

Auf den Zehen schleichend über den oberen Flur, wo die Diele immer knarrte, verschwand sie im dicht belaubten Weingarten. Eine Tram kam eben geglitten. Dann saß sie in der Backofenhitze des Glaskastens, daß auch ihr, der Sonnegewohnten, die Schweißtropfen auf der Nase standen und blickte über das Tal hinüber, wo immer ab und zu zwischen Häusern, zwischen Bäumen die Rochusburg auftauchte und wieder verschwand. Was galt es ihr, daß ihr Mann den Gang verboten! Wenn sie nur das Geld brachte, er schaffte es ja doch nicht. Sie überlegte, was sie Meinhardt sagen sollte. Sie wiederholte es sich, vom Ruffinplatz ab, die sonnenblendenden Straßen durch Obermais. Der sparsamen Frau, die keinen Wagen genommen, ward es sauer, ihrem umfangreichen Leibe den Weg abzuringen, auf den unerbittlich vom stahlblauen Himmel die Sonne glühte.

Ab und zu blieb sie stehen, ganz außer Atem. Sie wischte sich das Gesicht. Ihre Füße brannten. Rot waren ihre dicken Hände geworden, auf deren rechtem vierten Finger der Ehering so eingegraben saß, daß sie ihn auch zum Waschen nicht mehr abnehmen konnte. Die weißen gehäkelten Halbhandschuhe schützten nicht. Ihr war, als könne sie einfach nicht weiter. Und in dem Winkel, den die Straße den Berg hinan über St. Valentin machte, wuchs die Glut so unerträglich, daß ihr das Blut zu Kopf stieg und es ihr vor den Augen flimmerte. Sie hatte nicht mehr die Kraft, eine Bank oder auch nur einen Stein zu erreichen, sondern ließ sich einfach im Graben zu Boden gleiten. Die Hände nach hinten aufgestemmt, da sie keine Rückenlehne fand, hatte sie eine Weile so gesessen, als einer vorüberkam, der wie ein Herr aussah. Er schien die Dame erst zu mustern, und sie, die gewiß nie jemand angeredet hätte, sei es auch nur ein Bauernmädel, stöhnte verlegen lächelnd, sich vor dem Fremden so im Straßengraben zu finden:

»'s ist heiß!«

Der blieb stehen: »Jräßlich!«

Er war in Hemdärmeln. Durch den Aufhänger des Rockes hatte er seinen Stock gesteckt; das Kleidungsstück baumelte gleich einer Fahne auf dem Rücken. Er nahm seinen Strohhut ab, sich die Stirn zu tupfen: »Und janz umsonst da rufpinschern!«

Sie ließ schlaff die Knie auseinanderfallen, nickte keuchend, und der Herr sah ihr glühend rotes Gesicht und hörte ihren Atem gehen. Da zog er ein Päckchen Pfefferminz aus der Tasche und bot es ihr an. Einen Augenblick zauderte sie: eine Dame hier am Wege mit einem fremden Herrn schwatzen und noch dazu sich freihalten lassen? Was hätte sie wohl von einer anderen gesagt! Doch als sie das erfrischende weiße Plätzchen sah, lief ihr das Wasser im Munde zusammen, sie konnte nicht widerstehen, und mit leiser Anstrengung griff sie zu.

»O bitte, nehmen Sie nur noch mehr!«

Er schüttete ihr den halben Inhalt in die offene Hand. Sie dankte nur mit einem Schließen der roten Augendeckel, über den schwarzen runden Feuerrädern, auf deren Wimpern kleine Tröpfchen standen. Und während sie lutschte, lächelte sie ihn blöde an. Der Herr ließ sich, indem ihm stöhnend die Luft entfuhr, dicht an ihrer Seite gleichfalls in den Straßengraben fallen. Ein wenig verlegen rückte sie fort. Er schien nichts zu merken, sprach von der Schönheit der Gegend, und indem er sie aus seinen wasserblauen Augen ansah, meinte er in norddeutschem Ton:

»Hören Sie mal, kalt ist's bei Ihnen nich, jute Frau!«

Gute Frau? Tante Angiolina tat die Anrede weh. Sie betrachtete ihn scheu von der Seite. Nun erst sah sie, welch hübscher Mensch er war. Am guten Schneider, der feinen Wäsche, der Krawattennadel, den dünnen gelben Halbschuhen erkannte sie den Herrn und wurde etwas befangen. Er deutete in die Tiefe, fragte, wie dieses und jenes heiße, – sehr unbefangen, wie man mit jemand spricht, dem man begegnet und den man nie in seinem Leben wiedersehen wird. Er erzählte, er sei hier fremd; eben käme er von der Rochusburg herab:

»Graf Aich hatte mir jeschrieben, er sei immer zu Hause. Na, da habe ich mich vorher nich anjemeldet. Es ist zu dumm! Ich Ochse habe ooch noch auf halber Höhe den Gaul wieder runterjeschickt. Ich kann die Pferdeschinderei nich mit ansehen – wissen Sie, wenn man selber Gäule hat!«

Tante Angiolina kam sich ein wenig gedemütigt vor. Für was hielt er sie wohl, sie, die in der Glut hier zu Fuß hinaufgelaufen war, und nun einfach im Straßengraben liegenblieb. Und um sich ins rechte Licht zu rücken, sagte sie, auch sie wolle zur Rochusburg, ihren Verwandten zu besuchen.

»Graf Aich?«

»Ja, meinen Neffen.«

Sie freute sich, das Wort klingen zu lassen. Es kam etwas von oben herab von der dicken Frau, die doch schwitzend auf der Erde saß.

Der Herr erhob sich, sagte etwas von »Gnädige Frau, darf ich mich bekannt machen«, schloß die Absätze und nannte einen adeligen Namen. Dann meinte er: »Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich in Hemdärmeln bin. Der genius loci muß es erklären. übrigens, in London, als ich an der Botschaft war, war ich viel mit Graf Aich zusammen. Pardon, gnädige Frau, wohnen Sie denn da oben?«

»Nein, ich besuche ihn nur.«

»Aber er ist nicht da! Er ist seit ein paar Tagen schon verreist.«

Tante Angiolinas Mund blieb offen stehen: »Davon weiß ich ja gar nichts!«

»Er kommt auch, wie es scheint, so bald nich wieder. Der Diener hat nich mal 'ne Ahnung, wo er steckt. Briefe und Zeitungen werden nicht nachjeschickt. Das sieht ihm ähnlich, das machte er früher ooch schon so.«

Wieder fielen ihre Knie auseinander, die sie mit aller Willenskraft nur geschlossen, und der gewaltige Busen hob und senkte sich schwer. Sie meinte, eigentlich ein wenig froh, denn sie konnte wirklich nicht mehr von der Stelle: »Dann brauch' ich ja nit erst hinaufzugehn!«

Und doch durchzuckte sie ein Schreck: Was sollte dann werden? Denn nach der Hochzeit des Henrietterls gehörten die schönen Zinsen wieder dieser! Ihr flimmerte abermals vor den Augen, sie schwankte und lehnte sich zurück, beinah' wäre sie umgefallen. Doch der junge deutsche Herr stützte sie. Da nahm sie ihre letzte Willenskraft zusammen und erhob sich mit seiner Hilfe. Er sagte sehr entschlossen: »Gnädige Frau, ich lasse Sie nicht allein hinunter. Sie jestatten, daß ich Sie begleite.«

Nebeneinander schritten sie die Straße hinab. Als ein Stück Pflaster kam, rutschte Tante Angiolina aus. Da bot er ihr den Arm, nicht anders meinend, als ein Schlaganfall möchte die Dicke treffen, denn sie war rot wie ein Kardinal.

Just in diesem Augenblick kamen zwei Damen vorüber, Schwestern, wie es schien, ältlich, aber in weißen Kleidern mit blauen Sonnenschirmen. Sie grüßten, und hinter dem Rücken Tante Angiolinas steckten sie sofort die Köpfe zusammen, als würde beim nächsten Tee eine neue Fahrt zur Virglwarte besprochen werden.

Schon tief in Obermais, auf der Langegasse, blieb Baronin Durazzi an einer Villa stehen: »Ich dank' Ihnen schön, Sie sind wirklich sehr liebenswürdig gewesen.«

Und ihre Italieneraugen schlugen ein Feuerrad, mit Aufgebot letzter Anstrengung, denn sie fühlte, sie war mit ihrer Kraft zu Ende. Hier, wo Bekannte wohnten, konnte sie sich ein wenig verschnaufen. Der Herr war im Begriff zu gehen, als er noch einmal an sie herantrat:

»Gnädigste Frau, bei Vorstellungen mit Damen erfährt man nie den Namen. Ist's sehr unbescheiden, wenn ich frage, mit wem ich die Ehre jehabt habe?«

»Baronin Durazzi.«

Damit glaubte sie etwas gesagt zu haben, das ihre Stellung sofort blitzartig beleuchtete. Doch der Norddeutsche hatte offenbar von der Familie nie etwas gehört, denn mit einem etwas nichtssagenden »Ah, danke sehr!« verabschiedete er sich.

Vor Kummer und Erregung, vor Hitze und Anstrengung bekam sie bei ihren Bekannten, die glücklicherweise zu Hause waren, einen Weinkrampf. Man ließ sie nicht fort, wenn auch Baronin Durazzi noch so oft erklärte, sie müsse notwendig nach Hause. Ein unruhiges Gefühl lebte in ihr. Was würden die anderen denken? Vielleicht ängstigte man sich um sie, und bei aller Schwäche lächelte sie, denn ihr alterndes Herz sehnte sich, seitdem der Himmel sie in Stich gelassen, ein wenig nach irdischer Teilnahme. So blieb sie denn, bis über das sonnenbrütende, dunstige Land die Schatten niederzusinken begannen.

In Göllan horte sie schon von weitem Lärm und Lachen. Das Henrietterl hatte nicht widerstehen können, Meinhardts Geschenk, das Brautkleid, anzuprobieren. Die ungewohnte Schleppe hinter sich herrauschen lassend, schritt sie im Wohnzimmer auf und ab. Ossana lief hinterdrein und strich die Falten glatt. Margret saß auf dem Sofa, das Kinn in die Hand gestützt, so in Gedanken, daß sie nicht einmal der Mutter Eintreten bemerkte. Die schlug die Hände zusammen: »Aber, das zeigt man doch nicht vorher! Das bringt ja Unglück!«

Die drei starrten sie an wie eine Erscheinung. Es kam heraus, daß der Baron, nachdem er mehrmals nach seiner Frau gefragt, davongefahren war. Die Gatten mußten aneinander vorübergesaust sein. Ossana ging mit dem Henrietterl hinauf, das Brautkleid auszuziehen. Baronin Durazzi sank in einen Stuhl und sagte halb wütend, halb klagend zu Margret, die noch immer in der Sofaecke saß: »Ich quäl' mich und schind' mich, um Geld zu schaffen, und er fahrt in der Welt umanand. Mei Bluat geht so lufti, jawohl!«

Und mit einemmal begann die dicke Frau zu weinen. Margret stand auf, streichelte ihre Mutter. Der Eltern Geldnot ging ihr durch den Sinn: »Steht's denn wirklich so schlimm? Mama, geh, jetzt sag' amal!«

»Ja, ja, der Papa meint zwar, man soll's euch nicht sagen! Einem muß man's aber doch sagen, man kann nit alles in sich hineinfressen, und so sag ich dir's: du bist die Vernünftigere, die Ernstere, mein liebes, liebes Kind! Wenn du uns nur nit das getan hätt'st, daß du diesen lieben guten Menschen – ach Gott, ach Gott!«

Sie blieb nicht bei der weichen Stimmung: über den Gedanken an ihren Herrn und Gebieter hinweg, der gewiß wieder in der Weinstube saß und wer weiß um wieviel Uhr erst heimkehrte, wurde sie ärgerlich. Da sie immer eines Blitzableiters bedurfte, fuhr das Gewitter auf Margrets Haupt. Dunkel waren die Worte, doch der Untergrund klar: daß Margret mit dem Korb, den sie dem Vetter erteilt, alle Hoffnungen der Familie begraben und sie ins Unglück gestürzt hätte. Margret ließ das Unwetter sich austoben. Als das letzte Wetterleuchten zuckte und nur noch ein ferner Donner grollte, sagte sie gute Nacht.

Tante Angiolina ging die Treppe hinauf, daneben, durch die ewig knarrende Diele getrennt, lag des alten Barons Schlafzimmer. Sie öffnete – es war leer. Der Schlüssel steckte außen. Zweimal herum drehte sie ihn und nahm ihn mit. Dann ging sie quer herüber und verschwand in ihrer Tür.

Ruhig lag der große Flur im roten Licht der ewigen Lampe aus dem Herrgottswinkel, das die alte schwere Balkendecke, geschmacklos weiß übertüncht, zurückwarf. Durch die bleigefaßten Scheiben mit ihrem grauen, anstrichlosen Holz, von der Sonne ausgetrocknet, von den Jahren gebleicht, sah man draußen im Garten die Schatten dunkler Bäume.

Die Stunden gingen hin. Alles blieb still. Da tappte etwas die Treppe herauf. Auf der obersten Stufe bückte sich Baron Durazzi und zog, ehe er den Stein verließ, als müsse er vom Rande eines Gewässers zum anderen Ufer waten, die Schuhe aus. In Strümpfen schlich er zur Tür und klinkte. Klinkte wieder, setzte die Schuhe hin, drückte mit beiden Händen, geriet in Wut und mit einemmal rief er, alle Vorsicht vergessend: »Teifel, Dummheit verfluchte!«

Nun rüttelte er so, daß es durch Flur und Treppe im ganzen Hause widerhallte. Die Schwestern waren erwacht. In den Betten aufgerichtet, starrten sie sich mit schreckverstörten Gesichtern an. Als aber draußen neues Getöse klang, als sollten Türen eingetreten und Klinken abgebrochen werden, zogen sie sich die Laken, unter denen sie bei der Hitze nur geschlafen, bis zum Kinn hinauf.

Da huschte vom Nebenzimmer das Henrietterl herein, im Nachtgewand, mit bloßen Füßen, ein Tuch um den Kopf gewickelt, wie sie zu schlafen pflegte, daß ihr reiches Haar sich nicht verwirre: »Was is denn g'schehn? Was is denn g'schehn?«

Die Mädchen kamen überein, es müßten Einbrecher sein, und getrauten sich nicht hinaus. Doch bald faßte sich das Henrietterl ein Herz und lugte vorsichtig durch den Spalt. Sofort prallte sie zurück: »Jessas, der Onkel!«

Nun erschienen auch die Schwestern, in ihre Laken gehüllt. Das Henrietterl lief ins Zimmer zurück und schlüpfte in einen Schlafrock. Dann gingen sie alle drei auf den Flur. Fuchsteufelswild rannte der Papa auf und ab. Und nun erst sahen sie, daß er in Strümpfen war. Ossana lachte: »Papa, was hast denn?«

Er brummte: »Ich hab' euch nit weck'n woll'n.«

Das Henrietterl kicherte unverschämt: »Da schau einer, der Onkel!«

Jetzt kamen sie auf den Gedanken, die Mama zu rufen. Margret klopfte, es ward aufgetan, ein Nachtjackenarm reichte einen Schlüssel heraus: »Da ist er!«

Die Mädchen waren einen Augenblick starr, dann begriffen sie und fingen an zu lachen. Das Henrietterl bog sich nur so und mußte sich an die Wand lehnen, Ossana schutterte, daß sie nur schwer die Falten ihres Lakens zusammenhielt. Nur Margret bemeisterte sich. Der alte Baron aber stürzte auf die Hand mit dem Schlüssel zu. Sofort hatte er den Fuß zwischen die Tür geklemmt: »Jetzt sollst mi aber kennenlernen! Heruntergeputzt hast mi wegen der Hypothek, als ob ich mir nit eh genug die Füß' ablaufen tät'. Hätt'st doch du dich drum 'kümmert! Aber du gehst zum Rosenkranz und rennst auf deine Tees umanander. Spinnst wohl! Zittern sollst vor mir! I hab' die Hosen an! Ich verbitt' mir solch' Dummheiten –«

Er bebte vor Wut, aber man sah nichts mehr von Tante Angiolina: der Arm hatte sich zurückgezogen, die Tür wurde zugedrückt. Ein neuer Zornausbruch überkam ihn: »Überhaupt hier draußen vor der Tür red' i nit mit dir, mach' auf!«

Drohend pochte er mit dem Schlüssel an dem Holz, nichts rührte sich. Da wandte er sich um und sah die Mädel stehen. Das Henrietterl wie ein Taschenmesser zusammengeklappt, krank vor Lachen, an der Wand, die beiden anderen in ihren abenteuerlichen Notgewändern. Und plötzlich packte es ihn auch. Er lachte, lachte, daß ihm die Tränen herunterliefen. Und als das Henrietterl nun noch mehr sich zu winden begann, den Turban auf dem Kopf, deutete der alle Herr mit dem Schlüssel auf sie, die er noch nie im Nachtgewand erblickt: »Jessas, a Türk'!«

Nun brüllte er förmlich, fand Antwort bei den anderen, entzündete sich daran zu noch größerer Heiterkeit, und schließlich hallte der Flur wider von all den hohen, tiefen, grellen und erstickten Lauten.

Doch mit einemmal deutete Ossana starr zur Treppe, und mit einem Kreischen stoben die drei Mädel in ihre Zimmer davon. Über der obersten Stufe war das runde, glattrasierte, erstaunte Gesicht des Dieners aufgetaucht, der eine Kerze hoch über dem Kopf hielt. Baron Durazzi sah ihn an: »Geh, schon gut! Guten Morgen!«

»Sehr wohl, Herr Baron.«

Er verschwand, und der alte Herr wartete, bis man nichts mehr hörte. Dann versuchte er sein Zimmer aufzuschließen, doch er konnte das Schlüsselloch nicht finden. Er ließ sich herab, daß er beinah auf den Knien saß, zielte – die Tür ging auf. Er drehte das Licht an. Da es ihm dumpfig heiß schien, öffnete er das Fenster und lehnte sich hinaus. Tat das gut, die Kühle der Nacht! Da fuhr er zusammen: drüben an der Wand stand einer. Er duckte sich, der andere auch. Er richtete sich hoch auf – der freche Kerl da unten tat das gleiche. Endlich dämmerte es ihm, und er verbeugte sich spöttisch vor seinem Schatten: »Servus!«

Aber er hatte Furcht vor seinem Bett, nahm seinen Hut vom Nagel und laut pfeifend, wenn auch in der Meinung, es sei ganz leise, ging er die Treppe hinab. Den Säulengang schlich er ein Stück hinunter, am verschlafenen Küchenfenster vorüber. Dort tickte einsam die Uhr. Durch das Hinterpförtchen erreichte er den Garten. Er krempelte sich die Ärmel auf, daß die kühle Luft seine heißen Gelenke umspüle und dehnte sich in unendlichem Wohlsein. Alle Zauber einer Sommernacht des Südens lagen über dem Garten. Schwarz stiegen die steilen Zypressen empor; eine riesige Säule: die gewaltige Wellingtonia; befiedert mit hängenden Gipfeln: die Zedern; der Lorbeer dicht, und rund die Büsche der Thujen. Die sonst bei jedem Winde leise zitternden Fingerspitzen der Palmenblätter streckten sich unbewegt in den Nachthimmel. Wie ein Gerippe stand die stachlige scharfe Araukaria dort an geschütztem Fleck. Die Rosen dufteten betäubend. Gewaltige Kugeln, hoben sich die Edelkastanien ab von dem schon matten Himmel, an dem die Sterne starben. Die hellen Stämme der Nußbäume leuchteten aus dem Morgendämmern. Irgend etwas huschte im Gebüsch, regte sich in den Zweigen. Es plätscherte im kleinen Weiher, Bambus und Pampasgras rauschten. Dann süße, selige Ruhe.

Der alte Baron strich, die Hände in den Taschen, durch die dichten Halme des Grasplatzes, ein wenig gelb, verbrannt von den Sonnengluten, denn niemand sorgte für das Spritzen. Nun kam er über die Wiese. Die Füße wurden ihm kalt. Ja ja, der Sepp wässerte gut! Das war Bauernarbeit, das verstand er schon, nur die Kalvillen mochte er nicht leiden. Aus dem Wal, der von Marling nach Lana hinüberführte, von dem Göllan die »Nachtroat« hatte, plätscherte es, und der alte Herr rettete sich eilig. Bald ging er wieder langsam, er war so faul, so lässig. Gerade vor dem Ansitz, dem Schlafzimmer seiner Töchter droben gegenüber, setzte er sich auf eine Steinbank. Die Kühle tat ihm wohl. Er lehnte sich zurück und summte nach alter Gewohnheit ein Lied.

Da öffnete sich ein Fenster. Eine Gestalt beugte sich vor, eine Stimme fragte: »Bist du's, Papa? Aber so komm doch herein! Komm! Du wirst dich verkühlen!«

»Ossana red' keine Dummheiten!«

»Die Ossana schläft. Ich bin's, die Margret. Wirklich, Papa, sei g'scheit, was wird denn die Mama sagen!«

Der alte Herr ward bös: »Die hat mich doch hinausg'sperrt!« Und mit dem Eigensinn, den der Weingeist ins Hirn treibt, brummte er:

»Jetzt bleib' i ganz draußen. Jetzt soll's einmal sehn!«

Das Fenster oben ging leise zu. Der Baron gähnte – ein wenig müde war er doch – und suchte sich eine bequemere Stellung. Eine Weile mochte er so gesessen haben, da hörte er eine Stimme. Und wie er die verschlafenen Augen öffnete, stand Margret angekleidet vor ihm. Sie nahm ihn bei der Hand: »Geh, Papa, komm herein, daß du dich nit verkühlst! Lieber, guter Papa, geh!«

Sie küßte ihn, wandte sich aber ab, denn der Weindunst war ihr entgegengeschlagen. Er drückte ihre Hand: »Schau, Margreterl, du bist gut, du hätt'st mi nit hinausg'sperrt.«

Er wurde immer trauriger: »Ja, ja, mir geht's nit mehr gut! Mi behandeln's schlecht! Na 's ist eh schon alles eins, – vielleicht müssen wir doch bald fort von da, denn mit dem Gelde geht's nun amal zu End'.«

Und im heulenden Elend fuhr er fort: »Das ist der Lauf der Welt! Alles muß amal enden! Schön war's, aber jetzt ist alles pfutsch. Ja, ja, mei lieb's Kind, nur um di tut's mir halt leid… Du sagst ja nix? Red', red'! Oh, wie oft, mein Margreterl, hab' i mi g'freut, daß du so ein stiller Geist im Haus bist und mich nit auszankst wie die Mama. Ja, ja, deinem Vater geht's schlecht, sehr schlecht! Es wär' schon besser, ich wär' gestorben. Zum Fressen haben wir eh nix mehr, die Mama geht dann doch ins Kloster, und ihr – erben tut ihr nix. Du, mein liebes Kind, nimmst dann doch vielleicht meinen besten, meinen einzigen Freund, ich hab' ja kein' anderen auf der Welt als den Meinhardt.«

Margret sah, daß sie den Vater nicht zur Ruhe brachte, so führte sie ihn wenigstens ein Stück den Garten hinauf, sonst wachte die Mama noch auf, und dann gab's morgen wieder Lärm. Der alte Herr jammerte weiter von dem Elend, in das sie nun kämen. Er fand förmlich Freude daran, sich hinein zu verbeißen – schildernd, wie die Durazzi von Haus und Hof getrieben würden, die Durazzi, die Hunderte von Jahren in Göllan saßen. Am kleinen Weiher blieben sie stehen, Margret drückte ihres Vaters Arm: »Papa, sag' mir die Wahrheit. Steht's wirklich so schlecht mit uns?«

Ihr Ton war so ernst, daß er ein wenig aus der Weinstimmung erwachte und alle Einzelheiten zu erzählen begann. Zum ersten Male erfuhr sie – wobei ja der alte Herr in seinem Leichtsinn mindestens ein Auge zugedrückt –, wie und warum das Henrietterl damals von der Rochusburg zu ihnen gekommen war. Erfuhr, daß man sozusagen von ihren Zinsen sieben Jahre gelebt hatte. Des stolzen Mädchens Wangen röteten sich leise: also sie nahmen das Geld der Aich, deren Haupt sie einen Korb gegeben.

Der blonde große Mann stand vor ihr und neben ihm die Gestalt jenes anderen, der einst dort, ja genau da drüben in der Lücke zwischen den Zypressen verschwunden war; jenes einst geliebten Mannes mit dem lachenden, leichtfertigen Gesicht, den blendenden Zähnen, der zur Virglwarte fuhr, der mit dem blonden Weibsbild auf Reisen ging, dem sie den letzten scharfen Abschied gegeben, nachdem er ihr doch das Furchtbarste angetan in ihrer Unerfahrenheit und Schwäche. Und in doppelter Schmach trat doppelte Glut auf ihre Wangen: Wut, Scham, Empörung. Sie dachte an ihn, als müsse sie ihn anspeien, und konnte ihn doch nicht aus ihrem Leben löschen. Aber immer wieder vermengte sich sein Bild mit jenem ihres Vetters. Ihr kam zum Bewußtsein, daß diese Hand, die sich ihr entgegenstreckte, Ruhe und Gleichgewicht, Glück und Segen bedeutete. Und sie fühlte, sie durfte sie nicht nehmen. Dann wieder hörte sie neben sich die Stimme ihres Vaters, jammernd und klagend. Sie stand der Rettung der Eltern im Wege! Wie gern würde sie, wenn sie das Schreckgespenst aus ihrem Leben hätte streichen können, das eingegriffen in ihre Jugend, ohne daß ihre Unerfahrenheit recht erfaßt, wessen sie sich begab, die Hand genommen haben, die sich ihr bot. Aus Not? Aus Achtung? Aus Schwäche? Aus – Liebe? Sie wußte nur, sie wäre am liebsten in das Wasser gegangen, das da im ersten Morgenschein wie ein Bleispiegel ihr entgegenglänzte.

Da fragte unvermittelt ihr Vater: »Willst du uns zugrunde gehen lassen? Einen Finger brauchst nur auszustrecken!«

Er schien nüchterner, vernünftiger zu werden: »Ich will dir was erklären!«

Ernst, feierlich, führte er sie hinauf, dort, wo die letzte Bank unter den Kastanienbäumen stand. Da setzte er sie hin, nahm ihre beiden Hände, tätschelte und streichelte sie und begann gleichsam eine Eröffnung:

»Ich will dir was g'stehn! Schau, wie ich g'heiratet hab`, war ich nit mehr jung. Du bist ein kleines Mädel! Du denkst, die Liebe fällt vom Himmel herab und nix gibt's in der Eh' als nur die Liebe. Du kennst das Leben nit. Schau, meinst, ich hätt' g`heiratet aus Liebe? So wie mit zwanzig Jahren? Na, na. Ich hab' mir denkt: Du wirst älter und amal muß es sein, denn du mußt einen Sohn haben! Die Durazzi geh'n zu End', und um die wär's schad'! Schau, so sind wir z'sammenkommen, die Mama und ich. Und nun gehn sie doch zu End', die Durazzi. Aber ich hab' euch ja grad' so gern, wann ihr auch nur Mädeln seid! Also siehst: so kommen Ehen zustand'! Aber is' schlecht so vom Mann? Na! Die Weiber tun's akkurat so! Die Verhältnisse passen zueinand', die Familien! So g'schiehts bei… bei… ich mag keine Zahlen … bei so und soviel Prozent! Meinst, die besten Ehen sind die, die in der heißen Leidenschaft g'schlossen werden? O je, wie lang' glüht das Feuer! Bald ist's hin, bei die Männer und bei die Weiber. Ja, ja, du bist ein Mädel und kennst solche G'schichten nit! Ich sag' dir, Margreterl, wann alles gut zuanander paßt und man Achtung haben kann…« Baron Durazzi reckte sich auf und nahm eine selbstbewußte Miene an, als müsse man ihm, dem armen, alten Hascherl, das ein wenig benebelt der Tochter Eröffnungen machte, die Achtung zollen, die er als Liebesersatz hinstellte:

»Schau, das gibt das wahre Glück! Ein ganzer Mann ist der Meinhardt schon! Achtung kannst vor ihm haben!«

Sie sagte leise: »Und er vor mir?«

Doch der alte Herr hörte es nicht, sondern fuhr fort zu predigen. Mit einem Male hielt er inne und blinzelte sie mit den müden Äuglein an: »Mir fallt was ein, – sag' amal, magst ihn denn wirklich nit? Ich mein' nit Liebe, ich mein' so – – gefallt er dir gar nit?« »Doch, Papa!«

»Nun und – dann könntest nit ihn und uns alle glücklich machen?«

Er streichelte ihre Wange, zog sie an sich, und sie schmiegte ihren Kopf an seine Brust, denn sie wollte ihn nicht anblicken, während sie leise sprach: »I kann nit, i hab' Angst!«

Er verstand anders als das Mädchen. Er versuchte ihre Stirn in die Höhe zu richten und ihr in die Augen zu sehen: »Ah, das ist's! O je! Ja, das muß doch eine jede einmal erleiden! So ein Mädel, Angst, ha! Laß dich auslachen! Schau, das hätt' i nit gedacht! Man kennt sich doch nie aus mit die Weiber! Und mei Tochter willst sein? Na, dann is ja alles gut, dann is alles gut!«

Er kicherte vor sich hin und gab ihr schmeichelnd einen zärtlichen, leisen Backenstreich. Ohne Verständnis sah sie ihn an. Sie erhob sich: »Papa, jetzt komm herein, du mußt schlafen!«

Er hielt ihr die Hand hin: »Schön, Margreterl, aber nur unter einer Bedingung. Du mußt wenigstens mit ihm reden! Du wirst wieder gut sein mit ihm! Du wirst ihm nit aus dem Weg gehn! Meinst, wir hätten das nit a bemerkt? Willst mir's versprechen?«

»Ja.«

Er nahm fröhlich ihre Hand: »Jetzt fahr' i morgen hinauf, i bring' ihn dir. Wenn's nur das ist! Ha, ha, ha! Seid ihr a G'sellschaft!«

Dann aber umfaßte er sie zärtlich, während die beiden dem Hause zuschritten: »Aber, Margreterl, es macht dir Ehr'!« Sie sah ihn mit flehenden Augen an: »Papa, geh, bitt' dich, sag' das nit!«

Doch er wußte es besser, lächelte vor sich hin, und den Arm um die Schulter seiner Tochter gelegt, stiegen sie langsam die schiefe Hoftreppe hinan.

Achtes Kapitel

Am nächsten Nachmittag lag für Baron Durazzi eine Karte aus Sulden auf dem Tisch. Meinhardt schrieb einiges, das ihm kaum ähnlich sah: er unterhalte sich köstlich, er habe »reizende« Gesellschaft gefunden. Darunter stand: »Bitte grüße Tante Angiolina, das Henrietterl und Ossana.« Margret war nicht erwähnt.

»Er ist bös'!« sagte traurig der alte Baron. Doch sofort hellten sich seine Züge auf. Die drei Mädchen wie Graf Bernburg, der gekommen war, seine Braut zu besuchen, ließ er allein und führte Tante Angiolina am Arme auf sein Zimmer. Sie nahm die ungewohnte Artigkeit gern an: glückliche Ehejahre, die sie, seitdem sie verrauscht, versucht hatte durch den Himmel zu ersetzen, schienen wieder erwacht. Es war, als schritte sie leichtfüßiger, als leuchte ihr Gesicht, ihrer Rasse gemäß frühzeitig gealtert, in neuer Frische. Der alte Baron teilte ihr sein Gespräch mit Margret mit. Er meinte, man müsse ihr nur Zeit lassen, es könne vielleicht alles noch werden, so ein Mädchenherz sei wunderlich. Dabei lächelte er vor sich hin. Tante Angiolinas Gesicht legte sich wieder in ernstere Falten: »Was verstehst denn du davon?«

Er strich sich den Bart, und die grauen Augen blitzten: »Vielleicht mehr als du meinst. I könnt' dir G'schichten erzählen, daß es schon besser ist, ich erzähl' sie nit. Aber Papperlapapp! Jetzt sag' i dir eins: ich hab' wollen heut hinaufgehen zum Meinhardt, nachdem i aber erscht nachmittags aufg'standen bin – still, bitte, i weiß schon, was du sagen willst – reden wir nit davon – also nachdem i erscht heut nachmittag auf'gstanden bin, hab' ich morgen gehen wollen. Jetzt hab' i aber einen viel besseren Gedanken. Der Meinhardt ist in Sulden, also fahren wir nach Sulden!«

Tante Angiolina hätte sonst gewiß die Fahrkarte gespart, doch nun war sie nicht nur dabei, sondern erklärte gar noch, wenn sie drei führen, könnten Ossana und das Henrietterl doch nicht daheim bleiben! Sie hatte aber einen Hintergedanken: Wurden Margret und Meinhardt doch nicht eins, so redete sie wenigstens mit ihm wegen des Geldes.

Der alte Herr, glückselig über solch ungekannte Lebensleichtigkeit, umarmte plötzlich seine Frau: »Schau, wärst doch immer so g'wesen!« »Dann könnten wir seit zehn Jahren betteln gehn!« »Papperlapapp! Mußt ei'm glei eins drauf geb'n?« Tante Angiolina schossen die Tränen aus den Augen: »Ich hab's gut gemeint, solang' wir verheiratet sind!«

Er fühlte sein Unrecht und verabreichte ihr einen feierlichen Kuß. Da leuchteten die großen schwarzen Augen der dicken Frau. Er preßte sie abermals an sich: »Zum zweiten –– ––«. Sie senkte die Lider und ließ schlaff die Arme fallen. »Und zum dritten ––«

Wie sie seine ungewohnten Lippen auf dem Munde fühlte, lehnte sie sich an seine Schulter. Da klopfte er ihr auf den molleten Arm: »Meine alte, liebe Angiolina, Gott geb' dir ein fröhliches Herz zurück. Wenn du's immer g'habt hätt'st, hätt'st täglich deinen Kuß bekommen. Dreimal. Früh, mittag, abend.«

Dann nahm er sie in wiedererwachendem Scherz beim Ohrläppchen, und während sie selig schmerzlich die Augen schloß, flüsterte er listig: »Das heißt, abends zwei. Dulje!«

Und er jodelte, daß sie sich die Ohren zuhielt. –

Unten wurde dann das große Ereignis verkündet. Wie von ungefähr lenkte Tante Angiolina das Gespräch auf Meinhardt Aich, ein wenig ungeschickt, aber sie machte ein Gesicht dazu wie ein Diplomat, der die schwierigsten Sachen löst. Der Reihe nach fragte sie die Mädel und Graf Beinburg, ob Meinhardt nicht der beste Mensch sei im Burggrafenamt. So nebenbei wurde auch die Rochusburg erwähnt, als eines der wenigen wohlerhaltenen Schlösser des Landes noch in ursprünglichem Besitz. Dann schweifte die Rede auf Nonsberg, Überetsch und Terlan, wo überall die Aich Besitzungen hatten. Am Schluß gab Tante Angiolina zum besten, Pfarrer Niederwieser habe ihr erzählt, der Meinhardt hätte als Bub eine so herrlich goldige Haarfarbe gehabt, nicht anders als das Christkindlein in der Krippe.

Nun gab es zu tun. Baron Durazzi holte einen uralten Baedeker hervor, in dem es noch keine Vinschgaubahn gab, und begann den Mädeln, die so gut wie nie aus dem Burggrafenamt hinausgekommen waren, auf der Karte die Berge der Ortlergruppe zu zeigen, als sollte eine Entdeckungsfahrt in die Gletscherreviere gemacht, unter einem Felsüberhang oder in einer Eisspalte übernachtet werden. Am andern Morgen brachen sie zeitig auf, in Marling den Vinschgauer Zug zu erreichen. Ossana und Margret gingen voraus, dann kamen Baron Durazzi und hinterdrein Sepp, der Knecht, der immer Zeit hatte, nie aus seiner Ruhe zu bringen war, es sei denn, ein Viertele Roter winke in der Eile. Er trug die Reisetasche, ein langgestrecktes Hausstück, von den Dienstboten »der Kindersarg« geheißen. Wenn's eine Tanzunterhaltung in Meran gab, und die Mädel konnten bei Verwandten oder Bekannten übernachten, wurden darin die Ballkleider mitgenommen.

Die Sonne brannte schon auf dem Tal. Aber köstlich war es noch unter den gefiederten Zweigen der Edelkastanien, an denen in Büscheln die grünen, stacheligen Kugeln saßen. Schon sah man bei Schloß Vorst die Dampfwolke des keuchenden Zuges. Während Margret mit gesenktem Haupte weiterschritt zur Station, kam Ossana zurückgelaufen: »Papa, wenn ihr jetzt nit kommt, bleiben wir da sitzen!«

Er trabte voraus, um die Fahrkarten zu lösen. Graf Bernburg winkte schon von weitem, aber sie blieben vor dem Abteil stehen, denn sie wagten ohne Geld nicht einzusteigen. Der Stationschef hatte die Abfahrt nach Möglichkeit verzögert, endlich mußte aber doch das Signal gegeben werden. Jetzt sprangen die Mädel hinein, und der Papa folgte. Aber das Henrietterl schrie: »Die Tasche, die Tasche!«

Nun sahen sie erst den Knecht, der kaum merklich schneller ging, mit dem Kindersarge auf der Schulter. Die Mädchenstimmen tönten durcheinander dem Stationschef wie dem Sepp entgegen:

»Warten! Warten! Die Tasche! Die Tasche!« Im letzten Augenblick, als der Zug sich schon in Bewegung gesetzt, schob der Sepp noch gemütlich den Kindersarg wie eine Wärmflasche auf den Boden des Abteils. Während die Tür zuklappte und der Zug davonfuhr, blieb er breitbeinig stehen, grinste ihnen nach und sagte, indem er sich die Stirn wischte: »'s ischt Zeit!«

In Neusponding stiegen sie aus. Dann klingelten sie mit dem Viergespann der Post über das sonnenbestrahlte breite Vinschgau zum Trafoier Taleinschnitt hinüber. In der Ferne sah man Mais und weiter drüben Schluderns, von der mächtigen alten Churburg überragt. Der Baron kannte all das aus seiner Jugendzeit und zeigte es den anderen. Das Brautpaar saß mit Ossana auf dem Bankett, Margret bei den Eltern im Wagen. Der Rudi, wie Graf Bernburg jetzt nur noch genannt wurde, und das Henrietterl kicherten und lachten wie die Kinder. Jeden Menschen fanden sie fürchterlich komisch. Über jedes Auto, das vorüberglitt, schlugen sie die Hände zusammen.

Die Straße stieg höher, Schneekuppen erschienen in der Ferne, näher und näher kamen sie den Gipfeln, die im schmalen Talausschnitte aufragten. Nun sperrten düstere Festungsmauern die Straße: das Fort Gomagoi. Die Post hielt, den Gäulen wurden die Trensen abgenommen und den müden Tieren zu saufen gegeben. Währenddessen war Baron Durazzi ausgestiegen. Er mußte alles sehen und begutachten. Die anderen blieben sitzen, und die drei betrachteten vom hohen Bankett aus, was da um sie herumwimmelte, die Menschen, die durcheinanderquirlten, das Gewirr ankommender Wagen von Trafoi, von Sulden oder aus dem Vinschgau, ganz weiß, wie mit Mehl bestäubt.

Da sah der alte Herr einen Offizier stehen: Oberleutnant König, der für die Sommermonate Kommandant des Forts Gomagoi war. Der junge Offizier begrüßte die Damen. Als er die Verlobung hörte, legte er nur die Hand an die Kopfbedeckung und verneigte sich. Dann warf er einen Asrablick zum Henrietterl und begann sich angelegentlich mit Tanke Angiolina und Margret zu unterhalten:

»Wo fahren's denn hin, Baronin?«

»Nach Sulden.«

»Ah, Graf Aich ist ja auch in Sulden.«

Margret ließ ihren Sonnenschirm vornübersinken, daß er ihr Gesicht verbarg. Der Oberleutnant aus Kremsmünster stand in der Sonne da, eng in seine Uniform geschnürt, ein Strich fast, mit dem hübschen, hageren, braunen, klugen Gesicht, doppelt so groß, so gescheit, so ernst wie der kleine Graf da oben, in seinem neuen Reiseanzug, den man noch nicht kannte. Der Kaiserjäger stemmte beide Hände in die Hüften, daß die Manschetten aus der Uniform lugten, und sandte einen Blick zum Henrietterl, der zu sagen schien: »Na ja, da hast ja deinen Grafen, den du brauchst, nachdem in Kremsmünster nur der Oberleutnant König gewachsen ist.«

Dann fuhr die Post davon. Der Offizier grüßte, Ossana und ihr Vater winkten ihm zu, und auch das Henrietterl lachte ihm nach, als sei nichts geschehen. Margret blieb regungslos. Sie dachte: In kurzer Zeit sehen wir Meinhardt Aich.

Durch den Wald ging es in Kehren hinan. An der Ecke, wo man den König der Ostalpen zum erstenmal erblickte, war große Aufregung: »Der Ortler! Der Ortler!«

Die Mädchen winkten mit den Schirmen und das Henrietterl verkündete in die Post zurück: »Es steht gewiß einer oben!«

Und sie warf Kußhändchen hinauf. Dann machten sie sich auf eine Felsnase aufmerksam, die einem Gesicht gleichen sollte, lachten über eine Lodendame am Wege, und über Kindereien und Scherzen war die ganze Bergesherrlichkeit vergessen.

Sie kamen Sulden näher. Neue Schneeberge erschienen, Höfe in dem Hochtal zerstreut, schüttere Wälder, Almen, dazwischen tobte der Bach, jetzt am Nachmittage durch die Schneeschmelze in den Gletscherbezirken reicher flutend. Bei Eller erkundigte sich Baron Durazzi, ob Graf Aich hier sei. Niemand wußte von ihm; so fuhren sie weiter zum Sulden-Hotel. Da kam die Königsspitze in Sicht, mit ihrer von hier aus scheinbar senkrechten Eis- und Schneewand, der Talschluß, und alle Blicke richteten sich zum Hotel, das endlich durch eine Kehre erreicht war. Doch von Graf Meinhardt Aich war nichts zu sehen. Tante Angiolina machte ein enttäuschtes Gesicht, als hätte er ihre Ankunft ahnen und bereitstehen müssen. Der Portier meinte, er sei wahrscheinlich ausgegangen. Die Durazzi kamen gerade noch unter, die drei Mädchen zusammen. Der Rudi mußte bei der Überfüllung des Hotels mit einem Badezimmer vorliebnehmen.

Sie gingen in die Halle, wo sie durch breite Glasfenster die Schneehäupter des Ortler und der Königsspitze vor sich sahen. Drüben in der Ecke saßen Bekannte aus Meran: Feldmarschall-Leutnant a. D. Raintaler Ritter von Raintal mit Frau, zwei Töchtern und dem Sohn, einem jungen Artillerieoffizier, der seinen Krankenurlaub nach einem Sturz mit dem Pferde bei den Eltern verbrachte. Als sie die Durazzi entdeckten, kam der Leutnant, noch ein wenig lachend, herüber. Der alte Herr, so rund und dick wie der Sohn hager, folgte ihm. Nun gab's ein großes Begrüßen und Fragen, wie man den Sommer verbracht. Da unterbrach ihn der Hausdiener – sie kannten ihn aus Meran – den Kindersarg in der Hand: »Herr Baron, noch großes Gepäck?«

»Nein, nur das!«

Mit starren Augen betrachteten die Raintaler das Ungetüm, das einer ganzen Familie Notdurft barg.

Jetzt erst bemerkten sie des Rudis Getue mit dem Henrietterl. Tante Angiolina verkündete die Verlobung.

Als Ossana noch einmal nach Graf Meinhardt Aich fragte, hieß es, er sei eben zurückgekehrt, und Frau von Raintaler freute sich, auf diese Weise die Bekanntschaft des Grafen Aich zu machen, denn das Getratsch über Meinhardt und Margret war längst bis zu ihr gedrungen.

Da stand er vor ihnen. Der alte Baron umarmte ihn wie einen Sohn. Das Henrietterl gab dem Bruder einen Kuß mit jener Mädchenart, dem anderen Geschlecht berechtigte Zärtlichkeit zu zeigen, gleichsam als wollten sie danach lüstern machen. Der Graf küßte der Exzellenz die Hand, dann erst wandte er sich zu Margret. Die streckte ihm, ohne ihn anzuschauen, ein paar Finger entgegen. Im gleichen Augenblick tauschten die beiden wohlerzogenen Raintalerschen Töchter jenen kurzen Blick des Einverständnisses, der nur wie ein Huschen ist. Als nun Meinhardt sie anredete, antworteten sie ganz knapp, als ob es der Gemeinsinn junger Damen verböte, im Revier einer anderen zu pirschen.

Nach der Jause brach man auf. Es sollte noch ein Spaziergang gemacht werden, um etwas von der Gegend zu sehen, denn morgen mittag schon ging es nach Göllan zurück. Tante Angiolina blieb bei den Raintalers. Sie war müde. Die anderen aber setzten sich unter Meinhardts Führung nach der Schaubachhütte in Bewegung. Doch das Brautpaar rannte so, daß es an einer Ecke außer Sicht kam. Baron Durazzi versuchte Meinhardt mit Margret zusammenzubringen, der aber nahm Ossana beim Arm, und auf einem Felsvorsprung begann er ihr allein, als sähe er die anderen nicht, das Hochtal zu zeigen. Sie schien das Gespräch in der Gaulschlucht vergessen zu haben, nur ein Gedanke war in ihr lebendig: Margret hatte ihm ja einen Korb gegeben. Wenn er eine Ansicht äußerte, stimmte sie bei, wenn sie etwas gesagt, das er nicht richtig zu finden schien, so behauptete sie sofort das Gegenteil, nur um ihm zu beweisen, wie sehr ihre Seelen eigentlich übereinstimmten.

Baron Durazzi folgte ihnen langsam mit seiner jüngeren Tochter. Er sagte traurig: »Margret, er schaut dich nicht an! Er ist bös!«

»I kann's nit ändern.«

Da drohte er: »Was hast du mir denn versprochen?«

»Ich halt' mein Wort, Papa, ich halt' immer mein Wort, vielleicht ist das mein Unglück!«

Er blickte sie verständnislos an, da erklärte sie: »I mein' nur – i mein' nur – i bin zuverlässig!«

»Und du wirst gut mit ihm sein?«

»Ja.« »Sehr gut?«

»Sehr gut, denn i hab' ihn sehr gern. ja, sehr gern!«

Bis zur Schaubachhütte kamen sie nicht ganz, aber sie sahen doch die Gletscherpracht vor sich liegen und das Sonnengleißen auf den Eistürmen und Eisfeldern. Die Berge hatten sich verschoben, der hintere Grat des Ortlers war aufgetaucht, der Zebru erschienen, die Königsspitze hatte ihre mauerpralle Gestalt zur Pyramide gewandelt. Sie holten das Brautpaar ein. Die beiden saßen rot und erhitzt auf einer Steinplatte.

Meinhardt hatte den Weg allein fortgesetzt. Wenn sie noch ein Stück weitergingen, mußte man die Schaubachhütte sehen. Langsam, den Kopf mit der schweren Pracht ihres Haares gesenkt, schritt Margret ihm nach. Schon waren sie den anderen außer Gesichtsweite gekommen, als Meinhardt sich klar ward, wie es bis zu dem Punkte, den er hatte erreichen wollen, noch zu weit sei. Er machte ein erstauntes Gesicht, als er das Mädchen allein ihm folgen sah, und blieb stehen. Ein Stück von ihm entfernt verhielt nun auch sie, hinüberstarrend auf Schnee, Eis, Gletscher und nackte Felsgrate.

Meinhardt fragte: »Du bist da?«

»Sprichst du wieder mit mir?«

»Margret!«

»Ja, du hast uns doch gemieden!«

»Nach dem, was geschehen ist?«

»Was is denn g'schehen? Was hab' i denn getan? Ich hab' dir doch g'sagt, wie ich dich verehre, wie ich di gern hab', alles hab' ich dir g'sagt, und nur, daß i nit deine Frau werden kann.«

»Und warum nicht?« »Weil ich – ach – i kann's so schwer sagen –«

Sie schritten ein Stück vom Wege fort. Wo man noch freier sah auf die Bergesweiten, über Riesenmoränentrümmer hinweg, standen sie ganz allein.

»Ja, Margret, ich bin geflohen. Ich hielt's halt nicht mehr aus da oben auf der Rochusburg, wo ich Göllan immerfort liegen seh'. Ich glaub', ich nehm lieber einen Verwalter und geh' ganz fort. Ich tret' in den diplomatischen Dienst zurück.«

»Das darfst nit tun.«

»Warum nit?«

»I kann dir's nit sagen, i weiß nit – seitdem du da bist, ist mir's, als wär' i viel vernünftiger, viel besser, i hab' einen Rückhalt, Meinhardt, ich brauch' ihn. Grad' jetzt!«

»Weshalb grad' jetzt?«

Plötzlich schreckte sie zusammen, als er ihr forschend in die Augen sah: »Ach, i mein' halt nur so. Vielleicht weil das Henrietterl fortgeht…«

»Und was hilft mir das?«

Sie bat warm, als sei ihr eine Lösung eingefallen: »Ich will wie eine gute Freundin zu dir sein. Ich will alles mit dir besprechen. Du sollst dich nit einsam fühlen. Ich werd' dich besuchen, i bin ja doch noch nie oben gewesen!«

»Dann tratschen die Leut', und grad' über dich sollen sie nit reden! Über dich nit!«

Sie fuhr auf: »Ich? Ah, bei mir ist schon alles eins!«

Er nahm leidenschaftlich ihre Hand. Mit der anderen griff er an ihrem Arm empor und ließ die Finger immer auf und niedergleiten: »Red' nit so – schau, das geht nit! Aber was anderes geht: du kommst zu mir als meine Frau. Ja! Und wenn du mich nit magst, gut: du lebst hier und ich da. Und mit meiner Lieb' werd' ich dich nie quälen!«

»Ist das eine Ehe?«

Er umschlang ihre Schultern und dachte nicht daran, ob jemand sie sähe: »Ich will dich gewinnen – quälen nie! Wie soll ich dir's, einem jungen Mädel, sagen. Du hast gesagt, ich bin ehrlich und anständig. Wenn's so is, willst du nit einen Menschen, der's verdient, glücklich machen?«

Sie fand keine Antwort, unglücklich fühlte sie sich zum Weinen und glücklich doch zugleich. Unauslöschlich standen ihr ins Gehirn gehämmert die Worte des Vaters, die er ihr gesagt, des süßen Weines voll, ihr lieber, guter, alter Papa, der sich aufs Lumpen legte, weil es, wie es schien, zu Ende ging, und sie… sie… sie konnte ihm helfen. Sie fühlte, daß, wenn sie ein Unrecht beging, es auf allen Seiten lag. Sie durfte Meinhardt nicht nehmen, da sie doch einem anderen gehört, wenn auch nur wie in Betäubung, in beschämender Dummheit des unwissenden jungen Dinges, das dem Geliebten alles erfüllt, auch wenn er ein Verbrechen von ihr verlangte, nur weil er es ist, in dessen geliebtem Munde Fluch zum Segen wird. Könnte das aber ein anderer Mann begreifen? Auch dieser nicht, der, seitdem ihr über den Verführer die Augen aufgetan, ihr der wahrhaft Gute schien, den mit Recht sie hätte lieben dürfen wegen seiner Güte und entsagenden unselbstsüchtigen Liebe zu ihr. Ihm, gerade ihm, durfte sie es nicht sagen. Für ihn, eben für diesen, mußte sie rein sein. Einen Augenblick durchblitzte es sie. Konnte man etwas, das man getan, beseitigen, indem man es totschwieg vor anderen, wie es weggelöscht war vor einem selbst? Übertölpelt fühlte sie sich in blinder, schwacher Stunde, wie ein Kind im Wunderglauben lebhafter Phantasie sich fortführen läßt vom ersten, der verspricht, ihm Märchen zu erzählen, und noch nicht durch die harte Wirklichkeit des Lebens erfahren hat, daß es Märchen nicht gibt. War es ihr nicht, als wüßte sie jetzt erst bei Meinhardt, was Liebe ist? Wie nun sein Arm sie umschloß, kam über sie das Erwachen des Weibes, das sich anschmiegen will an den Stärkeren, das lieben und sich hingeben möchte, und in dem süßen Gefühl meinte sie: es muß gehen und es wird gehen. Da blickte sie ihn ängstlich an:

»Und – und wird das wirklich so sein?«

»Wenn ich dir's sage! – Margret, willst du?«

Sie gab ihm die Hand: »Ich will!«

Ihr kleines, bescheidenes Ledertäschchen sprang bei der Bewegung auf. Das Taschentuch leuchtete. Als wollte sie etwas fortwischen, betupfte sie damit ihre Lippen. Dann erst bot sie ihm den Mund.

Sie sprachen kein Wort mehr, nebeneinander gingen sie den Weg zurück. Gäste aus dem Hotel begegneten ihnen. Sie sahen die Menschen nicht. Des Mädchens Augen waren umflort den ganzen Weg, und des Mannes Gedanken nur bei ihr, die er dort oben auf der alten Burg, hoch über den lachenden Rebenhängen Merans, sich gewinnen mußte als sein wahres Weib.

Neuntes Kapitel

Baron Durazzi träumte davon, daß des Henrietterls und Margrets Hochzeit an einem Tage sein sollte. Da würden sie einmal die ganze Verwandtschaft zusammentrommeln und zeigen, was die Durazzi eigentlich waren. In seiner Beschäftigungslosigkeit fuhr er nach Meran, um in jedem Hotel Kostenanschläge einzufordern. Bald darauf liefen in Göllan so viel Preise und Speisefolgen ein, daß der alte Herr an seinem Schreibtisch vergraben saß und nicht mehr aufblickte.

Meinhardt kam jeden Abend herüber. Margret und er redeten nicht von Liebe, aber wenn beim Abschied seine Lippen auf ihrer Wange ruhten, so lag darin mehr als in der heimlichen Küsserei Rudis und des Henrietterls. Die tobten im Garten umher, suchten verschwiegene Stellen auf, und dann wurde das lachende Mädel ganz hintersinnig und rührsam zu Ossanas größtem Spott. Die fühlte sich beiseite gesetzt zwischen den beiden Paaren. Des Henrietterls Augenaufschlag machte sie nach, und ihre schwarzen Pupillen leuchteten dabei, wie es der Mongolenfalte ewig versagt blieb. Um Margret kümmerte Ossana sich nicht. Sie tat, als sei sie nicht mehr auf der Welt.

Eines Abends nun, als die Familie beisammen saß und man von der Zukunft redete, ordnete der alte Baron seine Anerbieten auf dem Tisch. Er setzte den Kneifer auf, schielte darüber hinweg und begann eine große Rede: sie wollten die beiden Freudentage in einen zusammenziehen!

Tante Angiolina schwieg, ihn nicht aus seinen Träumen zu reißen, die ihr Glück und Ruhe bedeuteten, solange er ihnen nachhing.

Graf Meinhardt, trotz aller Zartheit seiner Seele viel mehr auf dem Boden der Wirklichkeit, warf ein, dann müßten Henrietterl und der Rudi warten. Aufgebot und Notwendigkeiten könnten nicht in vierzehn Tagen erledigt werden. Der alte Herr sagte mit der größten Ruhe: »Dann schieben wir eben die Hochzeit hinaus!«

Aber das Henrietterl weinte fast: »I wart' nit, nit zwei Stunden wart' i!«

Und sie strich ihrem ewig lächelnden »feschen« Rudi die Wange.

Baron Durazzi schob seine Papiere zusammen, stand auf und rief, aus den Himmeln seines Glückes gestürzt: »Dann heiratet's, wann's wollt's, i kümmer' mi nit darum, dann müßt's es eben tun unter Ausschluß der Öffentlichkeit.«

Das wollte das Henrietterl aber nicht. Nein, bunt, lebhaft, großartig sollte die Hochzeit sein, Menschen wollte sie sehen, Menschen sollten sie sehen. Meinhardt sagte ruhig: »Henrietterl, du vergißt auf eins: das Trauerjahr!«

So wurden beide Träume nicht erfüllt, und es blieb dabei, Meinhardt würde später heiraten.

Tante Angiolina war es recht, denn im Grunde genommen wußte sie nicht, wie Margrets Hochzeit zahlen. Erst mußte Geld beschafft sein. Als nun die paar Einladungen zu des Henrietterls Hochzeit abgeschickt werden sollten, fragte Meinhardt, ob seine Stiefmutter nicht der Form halber gebeten werden müsse. Tante Angiolina war dagegen, halb aus Ärger, halb doch aus Scham. Er sagte nur:

»Ich hab' die Hochzeit auszurichten, ich stehe als ältester Bruder an Vaters Stelle. Ich möcht' Mama auch nicht übergehen: lassen wir's dabei, die Gräfin Aich wird ja doch nicht kommen. Aber zu meiner Hochzeit möcht' ich sie haben. Ihr erlaubt aber wohl, daß ich die Kosten trage.«

Er reichte ihr ein zusammengefaltetes Papier, einen Scheck. Sie hatte etwas Derartiges im stillen erhofft, aber als sie die hohe Summe las, war sie doch ein wenig beschämt: »Meinhardt, das steht ja in gar keinem Verhältnis zu den Kosten!«

»Tante, ich bin nicht blind. Ich hab' manches gesehen, manches gehört, durch Zufall, im Gespräch, beim Advokaten, auf der Sparkasse.«

Tante Angiolina schlug die Augen nieder: »Ich werd's dem Onkel sagen.«

»Tante, ich hab' ihn gern, aber ich empfehle dir, so was nicht mit ihm zu besprechen. Sonst hält' ich den Scheck ihm gegeben. Und jetzt – unter die ganze Geschichte einen Strich.«

Er küßte ihre rundliche Hand, auf der ein paar belanglose alte Ringe saßen, von denen sie zu sagen pflegte: »Sie sind zwar nichts wert, aber seit zweihundert Jahren in der Familie.« Man empfand das als Gegengewicht gegen Toilettenpracht und Luxus der Fremden. Die Welt war eben gerecht, der eine konnte dies, der andere das, jeder besaß so sein Teil. –– ––

Die Saison in Meran hatte schon langsam wieder begonnen. Hotels und Pensionen taten die sommerlich verschlafenen Läden auf. Man sah auf der Habsburgerstraße, auf der Kurpromenade, in der Gilf, in der Sommeranlage beim Konzert neue Gesichter oder die alten Stammgäste, die, seitdem sie einmal in die Sonnenstadt gekommen, ewig wiederkehrten. Von Tag zu Tag wuchs die Zahl der Pilger zu den Ausflugsorten, mehr und mehr Wagen begannen hinaufzuklettern nach Tirol, oder durch Mais zur Rametzbrücke, wo sie sich dann trennten, abwechselnd nach Schenna oder zur Fragsburg. Und alle, die jenen Weg hinaufgezogen, auf dem einst Tante Angiolina die erstaunliche Bekanntschaft des norddeutschen Herrn gemacht, schienen verwundert, die alte Nochusburg verändert zu sehen. Die Umfriedungsmauern waren instand gesetzt, im Park die Wege geebnet, Büsche herausgeschlagen, überall Durchblicke hergestellt. Dann erzählte wohl der Kutscher, der junge Graf hätte das geschaffen, denn er würde bald heiraten, und deutete mit der Peitsche hinüber, wo man über dem Tal in herbstlichen Weingärten, von Kastanienhainen überschattet, Göllan liegen sah. Um seine Fahrgäste zu unterhalten, berichtete er gleich welterschütternder Begebenheit, von dort her sei die Braut, Baronin Durazzi, Tochter des alten Barons. Es klang, als müsse jeder wissen, wer der freundliche alte Herr war, den der Kutscher kannte, weil der Baron mit jedem Lohndiener sprach und mit jedem Laufmädel, mit gering und vornehm, groß und klein. Wenn die Wagen dann zurückkehrten bei den schon schräger einfallenden Strahlen der Sonne, so fragten wohl die Fremden nach dem Kirchlein, das dort unten in der Tiefe just unter der Straße wie ein Spielzeug lag, und der auf dem Bock wußte auch das: ja, dort in St. Valentin würde gewiß die Hochzeit sein.

Bald hielten auch ein paar Wagen dort. Nicht gar viele, denn die Hochzeit des Henrietterls war klein. Die Pferde ließen den Kopf hängen, nur ab und zu einmal hoben sie stampfend den Fuß, sich der Fliegen zu erwehren. Die Fiaker standen schwatzend zusammen. Ein Idyll vor der Kapelle. Doch plötzlich ward Leben. Die Kutscher rannten zu ihren Tieren, kletterten auf den Bock und fuhren vor. Das Henrielterl trat heraus, lächelnd, in dem heute rechtmäßig angelegten Kleide, den Myrtenkranz im Haar. Und dann der Rudi Bernburg in seiner Dragoneruniform. Das schmale Gesicht mit dem kleinen blonden Bürstenschnurrbärtchen verschwand unter dem riesigen goldblinkenden Helm. Die anderen Wagen folgten.

Auch Baron Durazzi von Paternell trug Uniform. Die Ärmel waren knalleng und die Ulanka ihm über der Brust so knapp, daß er kaum atmen konnte, denn er war doch etwas stärker geworden in den langen Jahren. Und zu seinen beiden Oberleutnantssternen sah der weiße Bart erstaunlich aus. Der alte Herr blinzelte lustig nach allen Seiten mit seinen stahlgrauen Äuglein. Kaum einen Blick hatte er für das verhutzelte alte Weiblein neben ihm im grauseidenen Kleide: die Sternkreuz-Ordensdame Gräfin Aloysia Maria Gabriele Bernburg.

Dann kam Tante Angiolina. Unter ihrem Riesenhut, den ihr Margret aufgezwungen, klappten ihre Feueraugen, wie ein Nachtvogel geblendet vom hellen Licht. Neben ihr saß Seine Exzellenz Graf Bernburg, der berühmte Erbonkel. Unter den grünen Federn seines Generalshutes sah man ein quittengelbes Gesicht, von weißem Vollbart umrahmt, das Kinn durchrasiert, tiefe Falten auf der Stirn. Die einst gewiß leuchtenden großen Augen blickten jetzt müde und teilnahmlos darein. Ab und zu wandte er sich zu seiner Dame, mit dem weißen Handschuh irgendwo hinausdeutend voll ruhig vornehmer Gelassenheit.

Im Hotel Erzherzog Johann war der Saal mit weißen Blumen geschmückt, weiße Blumen auch standen auf der Tafel. Weiß sollte alles sein, das hatte sich das Henrietterl gewünscht. Zwei, drei junge Mädchen, zwei, drei junge Herren waren Brautjungfern und Brautführer: bis auf Ossana und Poldi von Bernburgischer Seile. Damit schien die Gesellschaft vollzählig. Die aus Wien und die aus Meran hatten einander zu kurz erst gesehen, so war es still bei Tisch. Doch Baron Durazzi, heute besonders bei Laune, einigte mit seinem Plauschen, Scherzen und Hervorsuchen alter Beziehungen aus Wien bald die Geister. Als nun erst die Rede auf das Brautpaar gehalten war, tönte laut die Unterhaltung bei dem leisen Bedienen.

Graf Bernburg, Seiner Majestät Wirklicher Geheimer Rat, sprach nur wenige Sätze, und wie er dabei die faltigen Wangen gleichsam kauend bewegte, machte es den Eindruck, als fehlten ihm die Zähne. Aber in seiner ansehnlichen Größe und schlanken Gestalt, mit dem vollen schneeweißen Haar, dazu im Funkeln vieler Orden, war er ein gutes Schaustück an der Tafel. Er hielt sich noch ganz aufrecht, nur in den seltsamen, gleichsam gerillten Augäpfeln schien alles Leben erloschen. Die gelbe Haut, die fast schwarzen Adern auf den langen mageren Händen, deuteten hohe Jahre an. Man fragte, wie alt er wohl sei, und unter den Durazzis erregte es staunende Verwunderung, als man von einem der Brautführer, einem entfernten Verwandten der Bernburgs, erfuhr, der alte Herr trüge dreiundneunzig Winter auf seinem weißen Scheitel.

Baron Durazzi, der, die Kurliste durchstöbernd, jedem, falls er im Gotha stehen konnte, nachzuforschen pflegte, meinte: »Das weiß man aus dem Kalender!«

Zu des Henrietterls stiller Empörung halte der Erbonkel nichts geschenkt – aber er musterte sie bei Tisch, die immer lächelnd sich tiefste Geheimnisse mit ihrem Bräutigam mitteilte:

»Liebes Kind, ich bin mit meines Großneffen Wahl zufrieden. Ihr werdet das einmal in meinem Testament ausgedrückt finden.«

Das war das einzige, was er der Braut sagte. Immerhin nickte er ihr mehrmals billigend zu mit einer einzigen Kopfbewegung, einem einzigen langen Schließen der müden Augendeckel, und die Sternkreuzordensdame bestätigte, es sei das höchste Zeichen seiner Anerkennung.

Nach Tisch hielt er sozusagen Cercle, und vor ihm verschwand ein wenig die fröhliche Beredsamkeit des alten Barons Durazzi, wie sein einsames Ritterkreuz des Leopoldordens vor der blinkenden Sternenpracht Seiner Exzellenz verblaßte. Die Worte, die der Besitzer jener großen böhmischen Herrschaft gesprochen, verbreiteten sich, und so kam man wieder auf die Hochzeitsgeschenke. Strahlend erzählte das Henrietterl, daß die Stiefmutter ihr einen großen Kasten herrliches Silber für zwölf Personen geschenkt habe. Damit schien aller Groll gegen die zweite Frau ihres Vaters für den Augenblick gelöscht.

Meinhardt nahm kurz, ehe das Brautpaar ging, seine Schwester beiseite: »Wenn ihr erst euren Honigmond verträumt habt – –«

In Rudis Arm gehängt, der immer lächelnd und wippend dabei stand, unterbrach sie ihren Bruder: »Der geht nimmer vorüber!«

»Nun gut, lassen wir ihn sehr lang dauern. Aber ich erwart' von dir, Henrietterl, daß ihr dann die Mama aufsucht. Du wirst dich für das Geschenk bedanken!«

Sie sagte nicht nein, gab es freilich auch nicht zu. Doch der Rudi antwortete für sie in seiner ewig lächelnden, etwas törichten Art, aber mit einem Male erstaunlich bestimmt:

»Ich werd' schon dafür sorgen!«

Das Henrietterl sah ihn fast erschrocken an. Er zog unter dem Waffenrock die Uhr, und wieder mit einem Lächeln meinte er, beinah noch einen Grad befehlender:

»Zieh dich jetzt um, wir dürfen den Zug net verpassen.«

Zehntes Kapitel

Es war still geworden in Göllan. Das frohe Lachen, das sonst auf Treppen und Flur, in den Stuben, der Küche, der Torggel klang, das Haus zu umflattern schien, aus dem hintersten Winkel des Gartens tönte, war verhallt. Des Henrietterls Zimmer ward jetzt gescheuert und geputzt, um vielleicht einmal, wenn das jungvermählte Paar zu Besuch kam, als eheliches Gemach zu dienen. Die Tür geöffnet, damit all das Wasser trocknen sollte, das da geflossen war, gähnte es den Hausbewohnern entgegen, und der alte Baron sagte, es sei, als ob jemand gestorben wäre. Leben ward erst wieder zur Abendstunde, wenn Meinhardt kam. Dann setzte sich der Papa mit dem Brautpaar in eine Ecke und ließ Meinhardt erzählen. Jetzt sprach er anders von seinen Besitzungen, seiner Arbeit als früher, nun wo es Margret anging und er auf Teilnahme bei den Schwiegereltern zählen konnte.

Tante Angiolina sagte ihrem Manne, wenn auch schmeichelnd und vorsichtig, denn sie wollte das bessere Verhältnis, das sich angebahnt, nicht aufs Spiel setzen, er möchte doch die beiden einmal allein lassen; ein Paar, das der Ehe entgegenginge, hätte sich auch Dinge unter vier Augen mitzuteilen. Er sah es ein, aber fünf Minuten darauf sah er wieder neben seinem jungen Freunde.

Ossanas dunkle Augen ruhten immer auf Meinhardt, doch es blieb dabei, daß sie Margret kaum mehr zu kennen schien. Wenn Meinhardt abends ging, gab ihm seine Braut noch ein Stück den Weingarten hinunter das Geleit, kam sie dann auf der beiden Zimmer, das nun bald der Älteren allein gehören würde, war es, als erschiene eine Fremde, etwa wie im Abteil der Eisenbahn, wo Menschen in einem Raume die Nacht verbringen müssen, die tun, als lebten sie auf verschiedenen Sternen. Lautlos zog Ossana sich aus, lautlos legte sie sich zu Bett und wandte sich sofort auf die andere Seite, ohne gute Nacht zu sagen.

Aber stundenlang tat sie kein Auge zu. Sie bezwang sich und blieb unbeweglich, regelmäßig und tief atmend, daß Margret denken sollte, sie schliefe, denn irgendein dumpfes Mißtrauen lebte in Ossana. So heimlich, so für sich war die Schwester immer gewesen, daß die Ältere meinte, Margret müsse ihr etwas verbergen. Warum dies Zögern, dies seltsam scheue Wesen gegen den, der doch ihr Mann wurde? Verbarg sie ihm etwas? Lastete etwas auf ihrer Seele? Ossana konnte nicht begreifen, daß sie nicht zugegriffen, als der Mann sich ihr genähert. Der Gedanke, ein Dunkles möchte da verborgen sein, quälte sie, daß sie jetzt oft etwas fühlte gegen ihre Schwester, beinahe wie Abscheu.

Ein paarmal hatte Margret versucht, zu sprechen; sie erhielt keine Antwort. Als sie nun geradezu fragte, was Ossana habe, antwortete die nur: »Was soll ich haben? Nix, nix!« Dann lachte sie laut: »hahaha!« und lief hinaus.

Waren die Mädchen früher immer gemeinsam nach Meran gefahren, um Besorgungen zu machen, oder hatten sie mitsammen Papa begleitet, so sah man jetzt nie mehr ihre beinah gleichen Gestalten, ihr gleiches schwarzes Haar, die gleichen Kleider mit der Uhrkette um den Gürtel auf den Straßen und Promenaden, sondern Ossana ging nur mit ihren Eltern. Es fiel nicht auf: denn die Menschen fanden es selbstverständlich, daß man Braut und Bräutigam zusammen erblickte.

Wenn Meinhardt kam, zog er Margrets Arm durch den seinen, ging mit ihr die grasbewachsenen Wege hinauf, streichelte ihre Hand und redete mit jener einfachen Sicherheit, die ihr erregtes Mädchenherz noch jedesmal beruhigt hatte. Von Tag zu Tag ward das Gefühl stärker in ihr, geborgen zu sein an seiner Seite. Es duftete jetzt um Göllan: aus der Torggel zog der starke Geruch gepreßter Trauben, über dem ganzen Burggrafenamte schien Weindunst zu schweben. Wie immer noch seit Jugendzeiten war jetzt Margrets Seele leise erregt in gesteigertem Empfinden, in Lebensdrang, in einer stillen Seligkeit. Es schien, als öffne sich ein wenig ihr verschlossenes Herz, als belebe sich ihre Zunge. Und eines Tages, als sie dem Hause wieder zuschritten, sagte sie Meinhardt ein paar Worte davon, ihm dankend für seine Zartheit, mit der er ihr nie nahekam, ihrem Abkommen gemäß. Er trat leidenschaftlich auf sie zu: »Und muß es so bleiben?«

Sie nickte, wich aber aus und begann von Ossanas verändertem Wesen zu erzählen: »Was hab' ich ihr denn getan? Ist's nit ein Jammer, daß zwei, die immer gut miteinander g'wesen sind, Schwestern, die von klein auf eine auf die andere angewiesen waren, plötzlich sich so fremd sein sollen?«

Er sagte: »Ich werd' sie dir ersetzen.«

»Ich beklag' mich nit. Mir kommt's nur bitter vor, daß, was früher war, ausg'löscht sein soll. Ist's nit immer traurig, einen Menschen zu verlieren? Ich möcht' gut sein mit allen Menschen!«

»Soll ich mit ihr sprechen, Margret?«

»Nein, nein…« rief sie angstvoll.

Sie hatten Besuche gemacht mit den Schwiegereltern. Aber man nahm sich Zeit. Jene, die entfernter standen, oder bei denen man meinte, nur aus äußersten Rücksichten eine Karte abgeben zu müssen, suchte man erst jetzt auf, knapp vor der Hochzeit.

Ossana sollte bei diesen Gängen dabei sein, doch jedesmal fand sie eine Ausrede, und Tante Angiolina drängte nicht weiter. Frieden wollte sie, Frieden! Das Herbe, Verbitterte, das Margret gehabt, schien in diesen Tagen von ihr gewichen. Immer noch war die glückselige Zeit der Weinlese, der Obsternte. Von den Wagen, hoch mit Äpfeln und Birnen beladen, vorsichtig in Holzwolle verpackt, wehte der köstliche Duft edelsten Obstes. Auf den Straßen standen Ochsengefährte mit großen Bottichen, in die man aus Bütten die Trauben schüttete. Dem Kind des Landes, das immer selbst zugegriffen in Haus, Hof und Wirtschaft, galt diese Zeit des Erntesegens, der ihnen allen die Jahreseinnahme schuf, fast als etwas Heiliges, wo man versöhnt sein sollte mit allen Menschen. Als nun ihr Verlobter von einer Aussprache mit Ossana redete, sagte sie: »Du bist mein Frieden! Ich glaub', du erreichtest alles! Ja, red' mit ihr, Meinhardt. Ich kann das Nix-reden-im-Haus nit mehr ertragen! Mir ist's schrecklich, mich schlafen zu legen, und kein liebes Wort tönt einem entgegen.«

Er sagte: »Siehst du, daß du Liebe brauchst!«

»Nein, nein, ich brauch's nit. Ich bin hart, ach du weißt nit, wie ich bin.«

Er lächelte: »Ich weiß es, ich weiß, daß du mein Glück bist, und dein böses Gesicht macht mich nit irr'! Ich kann in deine Seele schauen, und ich werd' sie mir auch gewinnen, des bin ich sicher!«

Da kam Weichheit über sie:

»Meine Seele gehört schon dir!«

Meinhardt versuchte mit Ossana zu reden. Doch wie er einst Margret nicht hatte allein treffen können, so wich sie ihm jetzt aus, obwohl sie lebhaft auch mit ihm sprach, wenn die anderen dabei waren, förmlich als solle ihre Schwester nicht zu Worte kommen.

Da sie Margret absichtlich übersah, fiel es endlich dem alten Baron doch auf, und kurz vor der Hochzeit nahm er sie einmal ins Gebet: »Ossana, was hast denn mit der Margret? Habt ihr gerauft?«

Sie zuckle die Achseln: »Aber nein.«

»Es kommt mir aber doch so vor, als wenn ihr nit miteinander reden tätet!«

»Was soll ich denn sagen?«

»Na, was man so red't!«

Sie warf die Lippen auf: »Ah, das Leben ist so fad, so – – – –«

Das kränkte ihn, und er geriet in seine jähe Heftigkeit, die er Wochen nicht mehr gekannt, da ihm der Himmel voller Geigen hing: »Was sagst du da für an Unsinn? Rühr' mir nit das Leben an! Das Leben ist eine verflucht feine Einrichtung, und so a dummes Mädel wie du – was bild'st dir denn ein? Kennst du das Leben? Keine Ahnung hast! Friede! Friede! Einigkeit! Freu' dich, daß deine Schwester meinen besten Freund heiraten tut. Am liebsten hätt' ich ihn selbst g'nommen, wenn nur der Altersunterschied nit so groß war', und nachdem er leider ein Mann ist –. Oder kannst den vielleicht a nit leiden? Du, dann bekommst's mit mir zu tun! Magst ihn nit gern?«

Sie sah ihn mit der ganzen einstigen welschen Leidenschaft ihrer Mutter an, die nur unter Kummer, Sorgen und Fett von den Jahren erstickt worden.

»Also red', magst ihn nit?«

»Ich hab' ihn sehr gern.«

»Das wollt' ich mir auch ausbitten, wann's nit so war'. Aber nun heraus mit der Sprach', was hast gegen die Margret?«

Sie atmete kurz und heftig und nicht gewohnt sich zu beherrschen, bewegte sie die Finger hin und her und die Zehen im Schuh.

Plötzlich kam ihm, da er keine Antwort erhielt, ein Gedanke – er sah sie forschend an und machte ein listiges Gesicht: »Ah so! Ich kenn' die Weiber! Ich kenn' euch – eine seid's ihr wie die andere! Ich will dir's nur sagen: das Henrietterl ist jünger als du und geht weg, und jetzt geht die jüngere Schwester a vor dir weg! Nach der Anciennität soll's gehen, und dabei wollt's ihr doch nie eine älter sein als wie die andere! Ich kenn' euch! Ich kenn' euch!«

Ossana machte ein spöttisches Gesicht, als wollte sie sagen: Ja, ja, Papa, du kennst uns! Und sie ließ den alten Herrn bei seiner überlegenen Kenntnis der Frauenseele. – –

Elftes Kapitel

Margret hatte mit aller Entschiedenheit gebeten, die Hochzeit möge still sein, und als Grund die Trauer angeführt. Es gab einen kleinen Kampf, aber da Meinhardt auf ihre Seite trat, blieb es dabei: Pfarrer Niederwieser sollte sie zusammengeben, dann vereinigte die Familie sich zu einem Frühstück in Göllan. Nur wenige Menschen wurden dazu geladen. Der Bekanntenkreis, derart um das Hochzeitsessen betrogen, war nicht eben davon erbaut. Trotzdem gab es eine Völkerwanderung nach Lana hinaus. Die Kirche war besetzt lange vorher, ja draußen standen die Menschen, um wenigstens den Zug kommen zu sehen, der doch nur aus ein paar Wagen bestand.

Wieder in seinen engen alten Waffenrock gezwängt, erschien Baron Durazzi, die Tochter am Arm. Margret schritt dahin, unter dem dichten Brautschleier den Kopf gesenkt. Neugierige Gesichter beugten sich vor, aus den Betstühlen traten sie, um die Braut nur recht zu sehen.

Graf Meinhardt Aich von und zu Nayspur in seiner Uniform der berittenen Landesschützen, da er als Tiroler einst in Innsbruck gedient, führte eine Dame, fast ebenso groß wie er, in grauem Haar und schwarzem Kleid. Erst allmählich wurde bekannt, daß es die verwitwete Gräfin Aich sei. Da reckten sich nun die Hälse, doch sie war schon vorüber.

Dann kam das Henrietterl. Als ob die Feier eigentlich ihr gelte, warf sie Blicke nach allen Seiten, lächelte, winkte, und rief sogar diesem oder jenem einen guten Tag zu. Man fand allgemein, sie sei stärker geworden. Der Rudi dagegen, selbstverständlich tadellos gekleidet, war ein wenig schmal und abgekommen. So meinten wenigstens die Leute.

Während der Pfarrer einfache, zu Herzen gehende Worte sprach in seinem stark tirolerisch gefärbten Deutsch, blickte man sich um und nannte sich die Namen. Es waren nicht gar viele.

Da fragte jemand: »Wo ist denn die Ossana?«

Ein anderer nahm es auf: »Die Älteste ist ja nit da!«

Man überflog die Brautjungfern, die Brautführer, die hinter dem Paar auf den Stühlen saßen, durchforschte die ganze kleine Hochzeitsgesellschaft: Ossana fehlte. Jemand wollte wissen, sie sei krank. Andere widersprachen eifrig. Doch das Gerücht hielt sich beharrlich. Als der Brautzug die Kirche verließ, Margret wieder das Haupt gebückt unter dem Schleier, am Arm ihres großen, blonden Mannes, der besonders die Damen begeisterte, blieb vor dem Einsteigen Tante Angiolina einen Augenblick stehen.

Ihre Exzellenz Frau von Raintaler schüttelte ihr die Hand mit der Frage: »Nun, und Ihre älteste Tochter?«

Tante Angiolina machte ein bedauerndes Gesicht:

»Ihr ist leider, ehe wir fortgegangen sind, unwohl geworden!«

Dann stieg sie ein, und bald verschwanden die Wagen zwischen den rot und braun in Herbstglut leuchtenden Blättern der Weingärten. Eine Staubwolke stieg hinter ihnen auf, gleichsam wie ein Vorhang, die ganze Hochzeitsgesellschaft den Augen der Neugierigen entziehend. –

Ossana lag halb angekleidet auf dem Bett, die Ellbogen aufgestützt. Ab und zu strich sie, vor sich hinstarrend, die Falten ihres Kopfkissens glatt. Sie kämpfte mit sich, ob sie sich nicht anziehen sollte und doch hinuntergehen, aber dann überfiel sie wieder zitternde Erregung: sie Mochte das Brautpaar nicht sitzen sehen. Im nächsten Augenblick wieder kam sie sich lächerlich vor: konnte sie daran noch etwas ändern?

Plötzlich sprang sie auf und lief an den Tisch, wo Margrets paar Sachen schon warteten: eine Reisetasche, Meinhardts Geschenk, denn der Kindersarg blieb Familienbesitz der Durazzi, das Reisekleid zum Umziehen, braune Schuhe, der graue Reisemantel, ein einfacher Strohhut mit Schleier. Es war, als verkündeten all die Gegenstände eines anderen Mitbesitz des Zimmers, das Ossana heute endlich allein erhielt. Endlich, endlich! Denn das leidenschaftliche Mädchen hatte die letzten Tage kaum mehr ertragen können. Es tat ihr nicht weh, daß sie nicht sprach, aber ihr war manchmal, als müsse sie die Schwester beim Hals packen. Würgen und schreien! »Wie kommst du zu diesem Manne, du heimliches, verstecktes Wesen, aus dessen Seelentiefen nie etwas zu anderen empordringt?«

Ossana hatte Tränen in den Augen, Tränen der Wut – der Liebe. Hatte sie nicht, als er zurückgekehrt, nach Jahren draußen in der Welt, seinen Erzählungen gelauscht, während Margret nicht einmal zugehört? Sie hatte zu seinen Füßen gesessen, und die Schwester blickte ihn nicht an? Margret aber, die ihn nicht beachtet, bot er die Hand! Ihr war, als hätte er sie verlassen. Und doch: hatte er ihr je ein Wort mehr gesagt als recht war? Sie sah ihn vor sich, als Bub noch, da sie miteinander gespielt, und wunderte sich, daß er ihr damals keinen Eindruck gemacht; aber er war so nichtssagend blond und fad und käsig gewesen, ein Mehlsuppengesicht, und heute – –

Dann öffnete sie das Fenster und blickte sich um, aber niemand war im Garten. Da vernahm sie dumpfen Lärm. Jetzt unterschied sie es: Gläserklirren und Stimmen. Als nun zum drittenmal das fröhliche Rufen schallte, durchzuckte es sie vor Erregung.

Sie trug noch den Rock des Kleides, das sie hatte zur Hochzeit anziehen sollen. Das Mieder lag am Boden. Ossana schritt auf und ab, und die kurze Schleppe, die ihr Tante Angiolina für heute aufgenötigt, fegte bei den hastigen Bewegungen hinter ihr drein, daß die Papiere, die vom Packen herumlagen, leise knisternd sich hoben. Die runden festen Mädchenarme hatte sie über der Brust gekreuzt. Sie griff sich mit den Nägeln ins Fleisch, sie knirschte mit den Zähnen, und immerfort tropfte es ihr aus den Augen. Ihr Gesicht war rot, aber die weiße Haut ihres Nackens und Halses stach herrlich ab gegen das blauschwarze Haar.

Sie setzte sich auf einen Stuhl am Tisch, und da die Reisetasche ihr im Wege war, gab sie ihr einen heftigen Stoß. Eine Vase fiel um mit ein paar Nelken, die Meinhardt gestern Margret gebracht. Das Wasser rann über den Tisch zu Boden, daß auf der Diele ein See sich bildete, bei der Trockenheit des Holzes rundgewölbt wie flüssiges Blei. Die Nelkenköpfe hingen über den Tischrand. Ossana nahm sie und warf sie in den Eimer.

Dann ging sie wieder hastig auf und nieder. Einmal blieb sie vor Margrets Nachttisch stehen, einem alten Biedermeiermöbel, darin in hellerem Holz ein Kranz eingelegt war. Da stand Meinhardts Kinderbild, das Tante Angiolina aus dem Album genommen und Margret geschenkt hatte, denn seltsamerweise besaß die Braut keines aus späterer Zeit. Meinhardt hatte gemeint, er stellte sich so ungern der Linse, und er käme ja doch jeden Tag.

Ossana betrachtete lange die noch kindlich unentwickelten Züge, das übermäßig lange Haar, das seine verstorbene Mutter immer nicht hatte schneiden lassen wollen, weil sie die goldene Farbe so schön fand. Sie wischte darüber hin, als wollte sie ihn streicheln, dann zog sie das Fach des Nachttisches auf, legte das Bild hinein, mit dem Gesicht nach unten und deckte ein Taschentuch darüber.

Wieder lief sie ans Fenster und beugte sich weit hinaus. Man hatte unten die Scheiben geöffnet, denn es war heiß geworden im Zimmer: nun hörte Ossana des alten Barons fröhliches Lachen, dann das Klirren eines Tellers. Sie setzte sich ans Fenster, die Arme aufgestützt, daß die Holzkante tief in das zarte Fleisch schnitt. Mit beiden Händen hatte sie sich ins Haar gegriffen. Die schweren schwarzen Flechten hingen nach einer Seite.

Plötzlich sah sie im Garten jemand gehen. Sie prallte zurück, ließ sich auf die Knie nieder, daß nur ihr Kopf über das Fensterbrett ragte, und griff mit dem nackten Arm vorsichtig nach den rot und weiß in den Tiroler Farben gestrichenen Läden, sie zu schließen. Dann stellte sie den Schieber. Von Kinderzeit her wußte sie: so konnte sie von unten kein Mensch erblicken.

Dort liefen sie jetzt auf und ab, »lustwandelten«, wie der Papa es nannte. Da kam die hohe schwarze Gestalt von Meinhardts Stiefmutter. Einträchtiglich ging sie neben der Mama. Was, sogar Arm in Arm? Es war aber Ossana, als ob die Mama etwas Gedrücktes hätte, Beschämtes fast. Die Exzellenz beugte sich zu der soviel kleineren dicken Frau, wie ein Mensch einen anderen lächelnd betrachtet, der ihm allerlei hat antun wollen, das ihn doch nicht erreicht. Es hatte etwas Mildes und Verzeihendes, aber es reizte Ossana für ihre Mutter. Und so aufmerksam blickte sie hinab, daß sie nicht hörte, wie es hinter ihr an der Tür klopfte.

Nun trat auch der Papa hinzu, ein wenig rot die Wangen über dem weißen Bart. Sie vernahm jedes Wort ihres Vaters, denn er sprach laut und hatte das Gesicht ihr zugewandt: »Gnädigste Gräfin, wenn ich nur eine Ahnung g'habt hätt', daß Sie eine so scharmante Frau sind – ich will Ihnen nur ganz offen sagen, ich bin nit g'wohnt, aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen: was man von Ihnen alles erzählt hat, ist schon schauerlich! Und ich alter Ochs hab' alles geglaubt. Ja, so ist's im Leben, aber darum gestalten Sie, wenn die Reu' auch biss'l spät kommt, daß ich Sie um Verzeihung bitt'!«

Die Lauscherin konnte die Antwort der Exzellenz nicht verstehen, gewahrte aber, wie der Papa sich niederbeugte auf ihre Hand und daß Mama und die Gräfin sich umarmten.

Die Exzellenz sah mit leisem Lächeln den Rudi herantreten und das Henriettes, das sie einst als ungezogenes, beinah' böses Ding hatte zu Ordnung und Verstand bringen wollen. Und nun war eine junge Frau daraus geworden, am Ende nicht schlechter, wenn auch nicht besser als der Durchschnitt, der sorglos in den Tag hineinging. Und in dem leisen Nicken und Lächeln dieser großen ernsten Frau schien der Gedanke zu liegen: Was habe ich mich nun da einmal geplagt und gequält. Kann man die Natur und die Menschen ändern?

Doch wo war Margret? Gewiß bei Meinhardt! Ossana wollte sie sehen, in selbstpeinigender Wollust sehen, wie diese beiden sich umarmten. Als sie durch die Büsche spähte, den Garten absuchend, fiel ihr zum erstenmal ein, wie ruhig doch Margret immer gewesen! War das Liebe und Leidenschaft? Ein Bild schoß ihr durch das Hirn, das sie einst, just von hier, erblickt: ihre Schwester dicht bei einst anderen Manne, in anderer Haltung als sie je bei Meinhardt gehabt. Damals halte sie es nicht beachtet. Jetzt wurde ihr blitzartig klar, daß da etwas gewesen sein mußte. Hatte sie damals nur keine Augen gehabt? War diese Ruhe jetzt nicht eine Maske, hinter der ganz andere Augen blitzten?

Im gleichen Augenblick meinte sie etwas im Zimmer zu hören. Es klopfte. Sie drückte die aufgesperrten Stäbe des Ladens herab und ging zur Tür: »Wer ist da?«

Meinhardt fragte: »Ossana?«

Das Blut schoß ihr in Gesicht, Hals und Nacken. Ihr klopfte das Herz. Wenn sie diese tiefe, klangvolle Stimme vernahm, durch den langen Aufenthalt draußen reiner sprechend als ihre Leute hier, war es ihr immer, als ginge ein heißer Strom durch ihren Körper: »Meinhardt, bist du's?«

»Jawohl! Ossana, willst du nicht aufmachen?«

Ihre Augen irrten umher, sie wußte nicht, was antworten. Dann kam der Gedanke über sie: er ging fort, sie sah ihn nicht wieder. Da rief sie: »Einen Augenblick!«

Sie nahm das Mieder vom Boden auf. Vor dem schon seit Jahren gesprungenen Spiegel schob sie eilig ihr Haar zurecht, dann wischte sie sich mit dem Schwamm die Augen und mit einer Hasenpfote, die sie verstohlen nur führte, denn der Papa litt Puder nicht, fuhr sie sich über das Gesicht. An der Tür zögerte sie noch, faßte einen Entschluß und öffnete.

Meinhardt stand vor ihr: »Hast du einen Augenblick für mich?«

»Gern.«

Er trat ein und zog die Tür hinter sich zu. Sofort nahm er ihre Hand: »Warum kommst du nicht herunter? Durch deinen Eigensinn hast du dich selbst um unsere kleine Feier gebracht. Eine Versöhnungsfeier, denn die Mama ist da, und ich hatte nicht zu hoffen gewagt, daß sie kommen würde. Willst du mir an meinem Hochzeitstage wirklich solchen Kummer machen?«

»Dir nicht!«

»So! Mir nicht? Aber Margret, nicht wahr?«

Sie gab keine Antwort.

»Glaubst du, ich hab' nicht gesehen, wie du gegen sie bist? Willst du mir sagen, warum? Nicht? Keine Antwort? Nun, Vertrauen kann man nicht erzwingen. Wenn du nicht so viel Liebe für deinen Schwager aufbringen kannst…«

Sie griff nach seiner Hand:

»Meinhardt, sag' das nit!«

»Genug, jetzt schnell: willst du mir einen Gefallen tun?« Sie blickte ihn mit ihren nachtdunklen Augen offen an:

»Dir immer.«

»Nun gut, dann bitt' ich dich, sag', ehe wir fortfahren, noch ein Wort an Margret.«

Ossana senkte tief den Kopf, daß Meinhardt bei seiner Größe ihr über das Haar hinweg in den Nacken sah, wo die Kragenheftel offen standen.

Er blickte nach der Uhr: »Es ist Zeit! In einer Viertelstund' sind wir fort, und dann, Ossana, ist's zu spät.«

»Ich kann nit.«

Er gab ihr die Hand wie einem Mann: »Gut. Also dann leb' wohl, Ossana!«

Schon hatte er die Türklinke ergriffen, als ihre Arme ihn umschlangen. Die Tränen stürzten ihr aus den Augen und perlten auf das Kleid herab: »Meinhardt, bitte, lieber Meinhardt, sei mir nit bös, so sollst nit von mir gehn!«

Er wandte sich langsam um: »Und deine Schwester?«

»Ich will mit ihr reden.«

Da streichelte er ihr, wie der Papa es nicht anders tat, die Wange.

Ein Zittern lief über ihre Schultern, immer noch rannen ihr die Tränen. Er nahm sein Taschentuch, beugte sich nieder zu dem leidenschaftlichen jungen Ding, wischte ihr lächelnd das Gesicht und küßte sie, während sie die Augen schloß: »Leb wohl, gib ihr den Kuß wieder.«

Fröhlich ging er, denn er dachte an ihre Schwester.

Das junge Mädchen sah ihm nach, als könne es durch das Holz blicken, das sie trennte. Erschrocken fuhr Ossana zusammen, als die Tür aufsprang. Tante Angiolina trat ein; dann wangenrot und augenleuchtend der Papa, Margret am Arm. Der alte Herr hörte und sah nichts in seiner lustigen Stimmung. Er scherzte: »Nimm dich in acht, Margret. Der Meinhardt ist ein starker Kerl, daß er di nit zu sehr unterkriegt, wie der Rudi, der doch nur ein Jockeigewicht hat, das Henrietterl. Wer hätt' das geglaubt, wenn der winkt, fliegt sie nur so. Ja, das muß sein, das hast du bei dem Papa ja auch gesehen – hm – hm…«

Er hustete fürchterlich. Tante Angiolina aber verzog keine Miene.

Sein Lieblingslied, daß sein Bluat so lufti ginge, pfeifend, rannte er davon, und man hörte auf dem Flur das Quietschen der Diele, gleichsam ein elektrisches Warnzeichen für die Bewohner des Hauses.

Die Mama nahm ihrer Tochter den Brautkranz ab und half ihr das Kleid öffnen. Als Margret dann in ihrem knappen Reiseanzug dastand, ging sie davon, nach dem Wagen zu sehen. Ossana preßte am Fenster die Stirn gegen den Laden. Da fühlte sie Arme, die sie umschlangen. Sie drehte sich herum, die vier Augen blickten ineinander: »Ossana, wenn du mir mein Glück neidest… ich hab' so Schweres zu tragen. Ich will ihn glücklich machen, wills versuchen. Ich selbst bin's nit. Ich kann's nit sein. Wenn ich dir etwas getan hab', so bitt' ich dich, verzeih', Ossana.«

Die ältere Schwester neigte sich zu der jüngeren, und sie blieben eng umschlungen, Margret ruhig, während Ossanas Schultern zuckten. Es klopfte wieder. Meinhardt trat ein. Als er die beiden stehen sah, küßte er seiner Schwägerin die Hand: »Ich dank' dir! Ich dank' dir.«

Dann nahm er die Reisetasche und zog seine junge Frau zur Tür. Der Luftzug schlug sie zu. Alles war still. Die Möbel standen da mit halb aufgezogenen Fächern, Papiere lagen am Boden. Durch das offene Fenster strömten Düfte herein von Blumen und Blüten, von gekeltertem Wein, von Obst, das hier, auf der Schattenlehne des Tales später abgenommen, noch in den Körben dort unter den Bäumen wartete. Eine Amsel kam aufs Fensterbrett geflogen, äugte, wippte mit dem schwarzen Schwanz, und hin und her ging der gelbe Schnabel. Dann floh auch sie, als sie des Mädchens ansichtig geworden, husch zum Fenster hinaus. Ossana stand allein, ganz allein, wie sie es jetzt immer blieb in ihrem Elternhause.

Zwölftes Kapitel

Und sie fuhren durch den lachenden Sonnentag das Etschland hinab. Es war, als habe die Natur für sie geflaggt: die reine Fahne südlichen Himmels bauschte dort oben breit gewölbt in einer einzigen strahlenden Bläue. Gen Trient zu hörte die Bewaldung, die im Burggrafenamte noch die nackten Glieder der Berge bedeckt, allmählich auf.

Die gewaltigen Kalkwände brachen jäher zum Tale ab.

Die Einzelhöfe schlossen sich zu Ortschaften zusammen und nahmen ein anderes Gepräge an: zerfallen, verwahrlost, als übe die Sonne ihren die Tatkraft lähmenden Einfluß brennender und brennender aus. Bald kannte nur noch Meinhardt die Gegend. Margret hatte zwar als Kind am Gardasee, ihrem Ziel für heute, geweilt, doch über dunkle Erinnerungen kam es nicht hinaus. Gestern abend in Bozen war sie noch ängstlich und verstört gewesen, und als ihr Mann ihr gute Nacht gesagt, sie mit der Jungfer allein lassend, hatten ihre Augen feucht geglänzt.

Heute war sie ruhig, ja heiter fast, als ob ein anderer Geist über sie gekommen wäre, seitdem die Heimat hinter ihnen lag. Im Abteil des Zuges saßen sie nebeneinander, und sie erzählte ihm, wie sie vom Gardasee nichts weiter wisse, als daß er damals im Sonnenglanze so geblendet, daß sie die Augen nicht hätte auftun können; und dunkel war ihr die Erinnerung geblieben an eine Bootsfahrt, bei der Ossana fürchterliche Angst gehabt.

Er erzählte vom Schlosse Calliano, dessen Ruinen eben drüben auf einem Bergkegel thronend, erschienen. Dort hatte Dante einst geweilt: hier lag noch der Bergsturz, den er in einem Gesange der Hölle beschrieben. Sie fuhren durch die Trümmer, und so eifrig blickten sie hinaus, daß sie fast das Umsteigen zum Gardasee im nahen Mori verpaßt hatten.

Die Jungfer, ein nettes, bescheidenes Mädchen, das nebenan gesessen, nahm Margret die Reisetasche ab. Doch Meinhardt griff danach: er wollte für seine junge Frau allein sorgen. Er umgab sie mit aller Rücksicht und Zartheit. Er war darauf bedacht, daß sie einen guten Platz bekam und bequem saß, auf der Seite, wo die schönere Aussicht war. Er erklärte ihr veränderte Bauart, Bebauungsweise und Besitzverhältnisse: wie hier zum Unterschiede gegen den stolzen, deutschen Bauer, der auf eigenem Hofe saß, die Kolonen, Hörige fast, eine misera plebs, sich auf den Gründen der Signori plagten, ohne Liebe zum Boden, ohne Möglichkeit, vorwärts zu kommen, ja ohne Ehrgeiz, da alles, was sie arbeiteten, nicht ihnen zugute kam, sondern dem Herrn. Und der Deutschtiroler betonte Wesensunterschiede und seine Abstammung mit einem gewissen Stolz. Doch er ließ auch den Welschen Gerechtigkeit widerfahren, als dachte er an das halb italienische Blut seiner jungen Frau: »Der Deutsche ist ruhiger, kräftiger, zuverlässiger, ein Mann, ein Wort. Aber ist dem Italiener dafür nicht größere Beweglichkeit des Geistes eigen?«

Der Zug keuchte durch den Einschnitt, der das Etschtal von dem breit eingefressenen Fjord des Gardasees trennt. In Kehren erstieg die kleine Bahn einen Paß, mit Trümmern übersät, die von den Ausläufern des Monte Baldo dort oben heruntergestürzt waren. Im gleichen Abteil, wie das junge Ehepaar, saßen zwei Herren von unverkennbar welschem Typus: kleiner, dunkler die Gesichter, feiner geschnitten, anders gekleidet, auch auf der Reise mit schwarzem steifen Hut. Der eine hatte eine lederne Aktenmappe auf den Knien und besprach mit seinem Gegenüber einen Brief. Sie waren so beschäftigt, daß sie auf Graf und Gräfin Aich nicht achteten.

Meinhardt fragte leise:

»Nun, ist's nicht ein anderes Blut? Hab' ich nicht recht gehabt?«

»Ja! Und halb bin ich doch auch so.«

»Aber du hast von deiner Mutter nur Haar und Augen.«

»Ich bin Deutsch-Tirolerin wie der Papa!«

»Trotzdem, das Blut deines Vaters, das ›so lufti‹ geht, besitzest du nicht. Margret, auf dich kann man Häuser bauen!« Sie lehnte sich zurück. Zog schmerzlich die Augenbrauen in die Höhe und preßte die Finger fest um den Griff der kleinen Ledertasche, die sie auf dem Schoß trug. Er sah ihre Qual nicht, denn in dem Augenblick waren sie an einem Fort um die Biegung der Straße gekommen, und aus der Tiefe glänzte ihnen die weite Fläche des Gardasees entgegen, gleich einer Riesenspiegelscheibe, auf der die Sonne blendet. Nur ein einziger schwarzer Punkt war auf der polierten Tafel, als ob an einer Stelle der Quecksilberbelag gelitten hätte: ein Dampfer. Er schien still zu stehen, so verlor er sich in der weiten Flut. Auf der anderen Seeseite erhoben sich graurote, zerklüftete Felsberge, tief nach Italien hinunterziehend. In der Lücke zwischen ihnen und dem Monte Baldo erblickte man nichts als Wasser und Wasser, darauf ganz in der Ferne der blaue Himmel niederstieß, mit dem See verschwimmend, daß man nicht wußte, wo lag die Grenze zwischen beiden.

Im Hinausschauen hatten sie die Köpfe dicht aneinandergelehnt, und Margret sagte träumend, indem Kinderbilder in ihr erwachten:

»Ja so war's, so war's.«

Tief unten schlängelte sich das dünne Band der Sarca durch Obstpflanzungen und Weingärten, als Delta mündend, und man sah weit noch in den See hinaus die blauen Fluten des Benacus grau gefärbt vom einströmenden Bergwasser, das erst allmählich mit der ruhenden Masse sich mischte. Mitten im Taleinschnitt unter ihnen erhob sich ein einzelner Felsberg breit hingepflanzt, als ob ein Riese irgendwo eine gewaltige Kuppe etwa in der Brentagruppe abgehoben und hinuntergeschleudert hätte. Meinhardt erklärte, auf seiner andern Seite läge Riva. Und wie die beiden in der Fahrtrichtung hinausblickten, immer enger Kopf an Kopf, daß sich das schwarze Haar mit dem blonden mischte, sahen sie nun auch im sonnigen Halbrund des Talkessels die weißen Häuserwürfel von Arco leuchten.

Sie näherten sich Riva. Neben den schmalen Schienen der Sekundärbahn lief eine Straße. Darauf raste ein Dogcart. Ein Kerl in großkariertem italienischen Bauernanzug, einen breitrandigen schmutzigen Hut auf dem Kopf, lag hintenüber und bremste, dem Gaul die Lefzen zurückziehend, daß man des Tieres rotes Zahnfleisch sah. Die Räder des Karrens schnitten tief in den Staub des Weges, Dampfsäulen hinter sich, die sich auf das Grün der Bäume, der Wiesen neben der Straße niederließen, schon grau von dem ewigen Hinüberwehen des Kalkstaubes. Margret ereiferte sich: »Ob er mitkommt?«

Dabei faßte sie Meinhardts Arm und schmiegte sich dicht an ihn, daß ihre Wange an der seinen lag. Sie waren aber jetzt allein im Abteil: die beiden Herren hatten in Arco den Zug verlassen. Meinhardt lehnte seine Schulter an ihre Schulter und blickte auf seine Frau mit glückseligem Lächeln, während sie hinausspähte, wer wohl die Wettfahrt gewönne, der Wagen oder der Zug. Da machte die Straße einen Bogen: das Gefährt blieb zurück. Mit einem Laut der Enttäuschung sah Margret ihren Mann an, so dicht neben ihm, daß ihre blinzelnden Wimpern seinen Bart streiften. Plötzlich schien sie es zu bemerken, fuhr zurück, stand auf und zog sich ihr Kleid zurecht. Die Luft in Riva schlug ihnen kühl entgegen nach der Hitze im Eisenbahnabteil. Theres, die Jungfer, schickten sie im Fiaker mit dem Gepäck an den Landungsplatz voraus. Die beiden aber gingen zu Fuß. Auf gerader Straße, von Palmen, gleichsam als Chausseebäumen, begleitet, kamen sie in die alten Gassen der kleinen Hafenstadt. Meinhardt hatte seiner jungen Frau den Arm geboten, wie ein rechtes deutsches Hochzeitspaar droben aus dem Nebelnorden. Es schien, als nähere sie sich ihm von Stunde zu Stunde mehr als die Wochen in Göllan.

Vor dem alten Kastell, jetzt Kaserne, das eine wehrhafte Mauer mit Schießscharten umgab, blieb Margret stehen: »Ja, das hab' ich schon gesehen!«

Als nun der Platz sich öffnete, der Spiegel des Sees dicht vor ihnen glänzte, im kleinen Hafen die Ruderboote schaukelten und die großen Fischerbarken mit den rostbraunen lateinischen Segeln, rief sie: »Jetzt weiß ich alles genau. Drüben, dort muß das Dampfschiff liegen!«

Eben kam es von der Landungsstelle am Hotel Lido. Die Schaufelräder gingen mächtig, Fahrt hemmend, daß in dem weißen Wellengischt die Sonne funkelte. Nun war es herumgeschwenkt, ruhig kam es an den Kai. Auf der Kommandobrücke vor dem Steuerhäuschen beugte sich der Kapitän zum Sprachruhr, beide Arme aufgestützt. Die Räder hielten inne, das Schiff glitt mit letztem Schwung genau an die Stelle, wohin es sollte, und legte bei.

Das Durcheinanderlaufen und Rufen am Zoll umbrauste die Hochzeitsreisenden. Margret fand es sehr unritterlich von dem Beamten, daß sie ihren Koffer öffnen mußte. Meinhardt lachte:

»Mich haben's nicht aufmachen lassen! Das ist das Mißtrauen gegen alle Weiblichkeit!«

Wieder machte sie das seltsam schmerzliche Gesicht. Er drückte ihre Hand: »Es ist ja nur ein Scherz. Deine Seele liegt klar und offen vor mir.«

Aber der Beamte hatte keinen Sinn für Seelenergründungen. Er versenkte tastend die nicht eben saubere Hand in Margrets neue Ausstattungswäsche.

Dann gab es auf der Landungsbrücke des Dampfers, der sofort die Rückreise antreten mußte, da er Verspätung gehabt, ein Schieben und Drängen. Immerfort klangen die Rufe der Träger. Sie stapelten vorn auf dem Schiff Koffer, Kisten, Säcke, Hühnersteigen, Bündel, Hölzer, Eisenschienen im bunten Durcheinander auf. Margret suchte Theres, ob sie auch nicht verlorengegangen sei. Nein, da stand sie mit verdutztem Gesicht wegen all des Lärmens und Hin und Her. Dann rutschte der Laufsteg zurück, Glockensignal, und der Dampfer begann zu zittern und zu schaufeln. Rückwärts strebte er in den See hinaus.

Ab und zu kamen Barken vorüber, mit großen dreieckigen Segeln. Jetzt erschienen die ersten Limonen, seltsam umstanden von hohen Mauern, durchwachsen von Pfeilern, zur Aufnahme der Läden, sie im Winter vor Nachtfrösten schützend.

Als nun der See breiter wurde und breiter und die schroffen Felswände zurücktretend einem Vorlande Raum gaben, begann ein wohlig-kühlender Hauch zu wehen. Das Wasser war dunkler, satter geworden, einzelne Wellen schäumten, immer mehr Wogenkämme blitzten auf, schließlich bedeckte sich die ganze Seefläche mit weißen Kuppen.

Endlich kamen die letzten Stationen vor Gardone-Riviera: dort wollte das junge Paar aussteigen. Wo bisher in geschützten Buchten nur eben Limonenpflanzungen oder schmale Fischerdörfer Platz gefunden, tat sich mit einemmal ein weites Land auf, im Hintergrund von sanft sich hebenden Bergen abgeschlossen. Hier lag Ort an Ort, Villa an Villa. Graugrüne Olivenwälder bedeckten die Hügel. Jedes Kirchlein war von schwarzen, ernsten Zypressen umstanden. Um Ufer dehnten sich Kaimauern, kleine Häfen, Bootshäuser, Villen. An dem dahinter aufsteigenden Staube ahnte man die Straße. Weiter landeinwärts aber leuchtete aus Weingärten und Olivenhainen Landhaus an Landhaus: die Riviera des Gardasees.

Ein langgestrecktes, turmgekröntes Gebäude tauchte auf, mit einem Palmengarten dicht davor. Der Dampfer verlangsamte die Fahrt, gewaltig arbeiteten die Schaufelräder rückwärts, daß die Wellen in hohen Bergen schäumten und das Schiff leise bebte. Es hatte sich nach rechts geneigt, denn alles stand auf der Uferseite.

»Gardone!«

Der Landungssteg schob sich vor, und die Menge strömte hinaus auf den Platz. Die Zimmer waren längst bestellt. Drei nebeneinander. Das größte, schönste für die junge Frau, auf der einen Seite das der Jungfer, auf der anderen das Meinhardts.

Die Einrichtung war neu, Möbel, die Margret noch kaum gesehen, an Holz, Formen und Beschlägen. So etwas gab es nicht im alten Göllan, und dort – nebenan sogar ein Bad. Die junge Frau wollte in Jubel und Mitteilungsbedürfnis ihren Mann rufen und ging zur Tür: sie war verschlossen.

»Meinhardt!«

Keine Antwort. Da ward sie traurig. Ihre Seele gehörte ihm, und sie mußte ihm doch danken, daß er sie hinausgeführt aus Enge und Bangen daheim. Sinnend blieb sie an der offenen Tür zum Balkone stehen.

Rundum Wasser, Wasser, nur Wasser in endloser Weite. So dachte sie sich das Meer. Schon neigte sich die Sonne auf ihrer Bahn in blaßblauen, in violetten Tinten, darunter Rot, darüber Gelb. Zum erstenmal fand Margret mit bewußten Augen keine Berge. Und bei dem Blick in die Weite schien ihr, als weiteten sich auch ihre Gedanken, Göllan sah sie liegen, dann saß sie auf dem Säulengange, von wo sie so oft sehnsüchtig hinuntergeschaut, ob er nicht die Stufen durch den Weingarten heraufkäme, sein dunkler Kopf erschiene und das liebe Angesicht, aus dem die weißen Zähne blendeten. Dieses Menschenangesicht, heiß angebetet einst in dummer, erster, irrender, ungewisser Mädchensehnsucht. Dieses Angesicht, das sie dann vergebens gesucht, immer wieder vergebens, als es nicht mehr kam. Dieses Menschenangesicht, zum letztenmal wiedergesehen an jenem Abend am Weiher, gleichmütig, abweisend, höhnisch fast. Sie wollte ein Recht sich anmaßen, ihn zu binden, ihn, der nicht zu binden war? Wie sie hinüberstarrte über die spiegelnde Fläche des Sees, ward er ihr zum Weiher, an dem sie einst flehend ihm die Arme um den Nacken geschlagen, demütig bittend! Sie fühlte auf der Brust den Stoß dieser Männerhand, die sie, das irrsinnige dumme Mädel, einst geküßt. Sie sah zwischen den dunkeln Schatten der Zypressen seine Gestalt verschwinden. Vor ihr standen all die schwarzen steilen Südlandsbäume, die sie heute erblickt am Schloßberge von Arco, und dann das ganze Ufer entlang. Ihre Wipfel bogen sich auseinander, schlugen zusammen und pendelten, pendelten ewig hin und her. Mit aller Anstrengung riß sie sich los aus ihren Gedanken. Wo war Göllan? Wo die Vergangenheit? Fort, längst verschwunden! Vor ihr lag der Gardasee, still, alle Unruhe lösend, mit seiner breiten, unendlichen Fläche. Warm und süß spiegelte ihr aus seinem Glitzern die Sonne entgegen. Weiche, zärtliche Farben zitterten drüben am Horizont. Die junge Frau schlug beide Hände vor das Gesicht und wischte sich über die Augen. Dann trat sie vor bis an das Geländer. Ein schmaler Garten lag unter ihr, bis hinauf reichten die langen Spitzen des Phönix, die Wedel der Hanfpalmen. Aber die Seemauer gebeugt lehnten Menschen und sahen unbeweglich hinab, wo die Fische spielten.

Margret war es, als sei sie erlöst, aufgewacht nach beängstigendem, quälendem Traum. Und plötzlich empfand sie brennende Sehnsucht nach ihrem Mann, der den anderen hätte mit seinen starken Armen zermalmen können, wenn er nur gewollt. Ihr war, als sähe sie einen Schalten zur Linken. Sie wandte sich hemm und rief: »Meinhardt!«

Er trat an das Gitter seines Balkons, dicht neben dem ihren: »Nun, ist das nicht schön hier?«

»Ja, hier ist's schön.«

Der Austritt vor seinem einfenstrigen Zimmer war nur klein, während auf ihrem großen zwei Korbsessel standen. So bat sie: »Kommst du nicht zu mir?«

»Darf ich?«

Er sperrte die Tür auf von seinem Zimmer, und als er eintrat, fiel sie ihm um den Hals: »Meinhardt, ich dank dir, daß du mich g'nommen hast.«

Seine Seele war nicht hoch gestimmt: er hatte eben dem Kellner den Namen aufgeschrieben. So antwortete er erstaunt: »Aber ich hab' doch dir zu danken.«

»Nein, nein!«

Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Er streichelte ihren Rücken, und der Gedanke wehte ihn an, in ruhiger Freude: Ich gewinne sie doch.

Dreizehntes Kapitel

Was machte Margret, die nie von Göllan fortgekommen, da für Augen, als sie im Speisesaal des großen Hotels saßen! Wenn sie mit ihrem Mann zum Essen ging, hoben sich von den schon besetzten Tafeln die Blicke, und einmal hörte sie, wie jemand unbedacht laut sagte: »Sie muß eine Italienerin sein!« Wie sie dann an ihrem Tisch allein saßen, tippte sie ihrem Mann mit dem Finger auf die Hand: »Meinhardt, hast du's gehört? Und i denk', i bin doch so deutsch wie du!«

Dann sagte sie ihm, wie sie die Woche, die sie nun schon hier weilten, täglich mehr gefühlt, daß sie seine Anschauungen teile. Er erzählte ihr von seinem Besitz und freute sich schon, ihr alles zu zeigen, sie mitzunehmen auf jedem seiner Gänge. Und jetzt, wieder im großen Saal an ihrem Ecktischchen, wo man wie versteckt saß und doch den ganzen Raum überblicken konnte, begann er von neuem davon. Als sie nicht antwortete, fragte er: »Freust du dich nicht darauf?«

Sie meinte: »Doch!«, aber es klang nicht sehr entschieden, so daß er zurückgab:

»Mir kommt vor, als hättest du keine Lust?«

»Ach, es ist so schön hier, und ich freue mich auch so auf unsere Reise weiter nach Italien hinein. Ich bin so glücklich, keinen Menschen zu sehen!« »Bist du denn menschenscheu?«

Sie neigte sich zu ihm:

»Ich säh' am liebsten niemand! Ich bin nie so glücklich g'wesen, als jetzt fort von z' Haus! Das ist wohl undankbar? Aber ich muß die Wahrheit sagen.«

»Du bist also glücklich mit mir allein?«

Sie zögerte einen Augenblick, dann brach ein warmer Strahl aus ihren Augen: »Ja, so glücklich, Meinhardt, wie i nit geglaubt hab', es je zu werden. Du bist so gut, so … so … rücksichtsvoll! I hab' mich ein wenig gefürchtet vor dir und –«

Er lächelte.

Sie machten Spaziergänge miteinander in das Hinterland, Entdeckungsfahrten oft stundenweit, durch Weingärten und Olivenpflanzungen mit ihren silbrig belaubten Bäumchen, deren hohle Stämme auseinanderklafften, daß man meinte, sie könnten dem Winde nicht widerstehen. Meinhardt ließ seine Augen über die Landschaft schweifen:

»Nur wenige Stunden von uns und doch ganz anders! Auf die Dauer könnt' ich nicht hierbleiben!«

Es war, als klänge leises Heimweh nach dem Burggrafenamte heraus. Und er malte ihr ein Bild, wie von Norden herab vom märkischen Sand die Landschaft wechselte, über Thüringens lachende Laubwälder und Hügel, über bayrisches, ernstschönes Moos, einsame rauhe Alpentäler mit schneebedeckten Zinnen, hinunter in das liebe Etschland zu Sonne und immergrünen Pflanzungen. Dabei trotz Palmen und Lorbeer in geschützter Niederung, an den Berglehnen Wald, deutscher Wald! Hier jedoch brannten bei all dem Farbenspiel der seltsam bläulich, silbrig oder schwarz schimmernden Belaubung die gelbrotgrau strahlenden Hänge und Felsen kahl und nackt in der im Winter wohl lieben, im Sommer aber dörrenden Glut der Sonne.

Margret hing sich an Meinhardts Arm, und sie kehrten zum Hotel zurück, an Eselskarren vorüber, an Bettlern, die aufdringlich sie verfolgten. Mädchengesichter tauchten auf mit Bronzehaut und manchmal fast klassisch geschnittenen Zügen, dann mehrten sich die Fremden. Deutsch klang, man ahnte die Nähe des Hotels.

Zum Essen zogen sie sich um. Die Tür zwischen ihren Zimmern war nicht verschlossen, wenn nun auch Meinhardt immer klopfte, ehe er eintrat, so war es doch allmählich gekommen, daß er, früher fertig, dem letzten Anziehen beiwohnte, bei dem die Jungfer half. Margret war es bald wie selbstverständlich: die Gemeinschaft des Lebens begann ihr Band um sie und ihren Mann zu schlingen, so daß Theres seine Gegenwart fast mehr empfand als die junge Frau.

Nach dem Essen saßen sie in der großen Halle.

Meinhardt rauchte und schlürfte seine Tasse Kaffee. Ihm war das selbstverständlich aus den Zeiten seines Diplomatenlebens. Sie, die es zu Hause nicht gekannt, wollte zuerst nicht trinken. Aber eines Tages sagte sie:

»Ich tue, was du tust!« Und er bestellte auch für sie, als glitte sie allmählich in die Lebensgewohnheiten ihres Mannes hinüber. Zu der einfachen Ausstattung an Kleidern, die das bescheidene Mädchen nur erhalten, hatte er dieses und jenes geschenkt. Nun trug sie seine Straußenfederstola mit jener Selbstverständlichkeit, wie Frauen sich von heute zu morgen in Moden und Sitten finden. Sie schrieben auch nach Haus, bisweilen sie, bisweilen er, ihre Namen setzten sie nebeneinander. Von den Eltern waren schon mehrere Briefe gekommen. Die des alten Barons klangen zuerst ganz verzweifelt, doch allmählich erzählte er, offenbar sehr beschäftigt, von neuen Bekanntschaften, die er auf der Kurpromenade gemacht. Die junge Frau sagte, die Augenbrauen schmerzlich in die Höhe ziehend: »Der Papa vergißt auch! Nichts dauert ewig!« »Margret, ist's nicht ein Glück? Wenn wir immer nur an die Vergangenheit dächten, wär' für die Gegenwart ja kein Raum!«

Sie schien zerstreut, darum erweiterte er seinen Gedanken:

»Wir müssen Platz schaffen für neue Eindrücke. Was g'schehen, was vorüber ist, wirft man rückwärts. Es ist wie der Tod eines lieben Menschen. Ich bin so erschüttert g'wesen, wenn ihr's auch nicht so g'merkt habt, daß ich meinen Vater nicht mehr lebend wiedergesehen hab'! Und jetzt? Ich denk' an ihn, aber ruhig, wie eine liebe Erinnerung, ja, manchmal lange, lange gar nicht mehr. Und es ist noch nicht dreiviertel Jahr her! Ich glaub', mancher tät' sich scheuen, das einzugestehen. Dir, Margret, kann ich ja alles sagen! Und du nicht auch mir?«

Sie beugte sich nieder auf die Postkarte, an der sie eben schrieb.

»Alles dauert nur eine Weile, jedem auf der Erde ist durch Naturgesetz seine Zeit bestimmt. Wenn nun ein Mensch von uns scheidet, und wir können gut an ihn zurückdenken, müssen wir stark sein und uns sagen: er hat seine Zeit erfüllt, wer sollte mehr tun? Das nenn' ich größere Pietät als Kopfhängenlassen und Heulen, vielleicht ist es sogar eine Art Reinigung, die die Zeit übt.«

Sie hob den Kopf: »Wie meinst du das?«

»Indem das Vergessen unsere Seele säubert von Erinnerungen an abgetane Dinge, wie der Frühling den Wald von altem Holz und Laub!«

An diesem Abend saßen sie lange auf dem Balkon von Margrets Zimmer. Die Nacht war eingebrochen, nur von dem Flimmern der Sterne erhellt, deren Widerschein aus den schwarzen Fluten des Gardasees als Spiegeln und Glitzern zuckte. Rechts in der Ferne, vom Kap, das jenseits der Bucht von Salo vorsprang, fiel Lichterschein herüber. Geradeaus lag ein dunkler, schwarzer Strich auf den Fluten: die Garda-Insel. Dicht unter der Kaimauer des Hotels glitt ein Boot: Fremde, sich rudern lassend. Ihre dunkeln Schatten trugen Papierlaternen, deren helle Kugeln bei jeder Bewegung des Anziehens der Riemen vor- und zurückruckten. Lachen klang herauf, Hundegebell, verlorene Laute aus den Straßen des Ortes, dann war wieder alles still.

Im Vorgarten des Hotels, wo die Palmen standen, schritten in der milden Abendluft Gestalten auf den hellen Kieswegen hin und her. Man sah eine weiße Hemdenbrust leuchten, den Schal, den eine Dame über den Ausschnitt des Abendkleides geworfen. Bisweilen klang ein Flüstern zu den beiden, die in den Korbsesseln saßen, unbeweglich hinausstarrend auf den nächtlichen See, ein Flüstern von all den Balkonen unter, über, neben ihnen, wo Menschen saßen, noch eine Viertelstunde Luft zu schnappen, ehe sich für die Nacht die Läden ihrer Zimmer schlossen. Meinhardt beugte sich zu Margret:

»Lach' mich aus, aber weißt, worüber ich so glücklich bin? Daß du nit immer sprichst.«

Sie lächelte nur.

»Ja, ja, man macht sich als Junggeselle doch halt so Ideen, wie das werden wird, wenn man verheiratet ist. Da hab' ich mir immer gedacht, wie ich so g'sehn hab', daß dem Henrietterl sein Plappermäulchen keinen Augenblick still stand: wenn du so a Frau hätt'st, die immer lacht und immer schwatzt – schauerlich! Und Gott sei Dank, Margret, du red'st zur rechten Zeit, aber du hast auch das sichere Gefühl, das man keinem anlernen kann: jetzt muß man still sein. Denn es gibt Momente, wo Schwatzen oder gar Lachen eine Beleidigung ist!«

Da rückte sie stillschweigend ihren Stuhl neben den seinen, und sie blieben dicht aneinander gelehnt und starrten in die dunkle Nacht hinaus über die weite Seefläche hin, in der sich der Funkenwiderschein der Sternensaat dort oben spiegelte. Es war stiller geworden, kein Boot glitt mehr vorbei, kein Laut kam mehr aus Gardone, kein Laut auch von der breiten Front des Hotels.

Margret erhob sich: »Ich bin müd'!«

Die Balkons waren verlassen, die Läden hatten sich geschlossen, das Hotel schien zu ruhen. Er half ihr die Doppeltür schließen, dann sagte er einfach: »Gute Nacht!«

Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, und zum ersten Male küßte sie ihn, ehe er sie berührt. Als er in sein Zimmer verschwand, ohne sich umzublicken, sah sie ihm lange nach. Das Mädchen, vom früheren Dienst her gewohnt, ihre Herrin für die Nacht zu frisieren, trat ein wie jeden Abend, doch Margret, die sich nie hatte bedienen lassen, löste selbst ihr Haar. Dabei sprach sie mit Theres. Sie fragte, wie es ihr hier gefiele. »Sehr gut!« meinte die Jungfer, doch es klang nicht recht überzeugend. Und schließlich gab sie zu: immer möchte sie doch nicht hier sein – sie hätte ein wenig Heimweh. Margret lachte sie zwar aus, aber es war ihr wie ein Anstoß, und sie nahm sich vor, am nächsten Morgen ihren Mann zu bitten, weiterzufahren.

Als das Mädchen gegangen war, schritt die junge Frau in ihrem Zimmer lange auf und ab: sie konnte nicht schlafen. Endlich müde, setzte sie sich an den Tisch und nahm aus ihrer Reisetasche die Briefe, die sie empfangen. Schon einen ganzen Stoß. Sie blätterte sie durch, und es fiel ihr auf, daß, wenn auch die Eltern geschrieben, Ossana ließe grüßen, die Schwester selbst doch kein Lebenszeichen gegeben. Und Margret kam der Gedanke: es ist Neid!

War es die gute Heirat? Ihre Stellung? War es etwa… daß… daß… liebte Ossana vielleicht Meinhardt? Nein, dann wäre Sturm und Krieg gewesen, denn sie kannte Ossanas Leidenschaftlichkeit. Der Gedanke an jenen Menschen, dem sie einst ihr ahnungsloses Herz geschenkt, tauchte plötzlich wieder auf. Konnte es mit Ossana nicht ebenso sein? Staunte nicht alles über die Ähnlichkeit der Schwestern?

Aber sie wollte die Erinnerung abschütteln, sprang auf und rannte wieder hin und her, sich klammernd an Meinhardts Bild: wie zart, wie rücksichtsvoll war dieser große, starke Mann! Bewunderung kam über sie, heiße Freude, daß sie es überlief. Sehnsucht empfand sie nach ihm. Sie dachte an die langen Stunden, die sie mit ihm gegangen, wo ihre Seelen immer mehr sich gefunden. Sie dachte daran, wie sie eben mit ihm auf dem Balkone gesessen, und es war, als müsse er noch da sein. Aber: wie sie sich umblickte, war das Zimmer leer.

Da lief sie erregt, eiliger und eiliger hin und her, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, das Haupt hintenübergebeugt, die Augen geschlossen, träumend von ihm. Nicht einen Augenblick mehr erschien das verhaßte Antlitz, in dem die weißen Zähne leuchteten, dies lächelnde Verführerangesicht, nein, nicht einen Augenblick, sondern immer waren ihre Gedanken nur bei jenem, der vor Gott und Menschen ihr gehörte, und doch ihr nicht war.

Da klopfte es. Zuerst hörte sie es nicht. Es klopfte wieder lauter, und nun blieb sie stehen auf ihrem Gange, zu lauschen. Es klopfte abermals. Sie eilte an die Tür zu des Mädchens Zimmer nebenan und fragte leise:

»Theres?«

Keine Antwort. Die Jungfer schlief. Und wieder in Gedanken setzte Margret ihren Spaziergang durchs Zimmer fort. Es klopfte von neuem. Sie fuhr erschrocken zusammen. Röte ergoß sich über ihre Wangen, und sie ging im Morgenrock, wie sie war, an die kleine Tür zum Nebenzimmer ihres Mannes.

Sie lauschte und klinkte vorsichtig auf. Sie sah ihn nicht. Weiter öffnete sie die Tür: nun erblickte sie ihn auf dem Balkon, ohne Rock und Weste.

»Meinhardt!«

Er fuhr herum. Wie er sie sah, kam er auf sie zu. »Margret?« fragte er erstaunt, als er sie vor sich sah, die Augen in Beschämung gesenkt. Er zog sie an sich und strich ihr das Haar aus der Stirn.

Sie fragte: »Hast du geklopft?«

Er schien erstaunt: »Ich?«

Sie sah ihn erschrocken an: »Du hast nicht geklopft?«

»Nein!«

Da entwand sie sich voller Scham seinen Armen. Er wollte sie halten:

»Margret, Margret, ich bin ja so glücklich, daß du gekommen bist.«

Aber sie stieß ihn von sich. »Nein, nein, nein!« und verschwand in ihrem Zimmer. Heftig zog sie die Tür Zu. Atmend blieb sie stehen und blickte auf die Klinke. Sie dachte, sie würde niedergehen und Meinhardt erscheinen. Doch alles blieb ruhig.

Die offene Tasche gähnte auf dem Tisch, die Briefe lagen umher. Sie wollte sich zwingen, den Eltern zu schreiben, trat an den Tisch und blätterte in den Papieren. Da waren Grüße von Freundinnen aus Meran, dort ein ernster, schöner Brief von der Stiefmutter und eine lustige Karte daneben von Poldi, Rudi und dem Henrietterl, richtig aus »Venedig in Wien«, als ob alle törichten Träume des jungen Mädchens sich erfüllt hätten, Margret nahm die Feder, aber sie wußte nicht, an wen sie schreiben sollte. An Papa? Er schien sich getröstet zu haben. An Mama? Aus ihrem Briefe hatte etwas Fremdes geklungen. Vielleicht war sie zur Frömmigkeit zurückgekehrt? An Ossana? Nein. Sie war ihr nicht entgegengekommen, und noch keine Zeile? Wie sie da die Feder sinken ließ, dachte sie: nur einen Menschen habe ich auf dieser Welt, der mich begreift, der mein ist, mir der Nächste, und ich will ihm nicht die Nächste sein? Lag nicht darin, daß sie seine Frau geworden, alles vor den Menschen wie vor Gott? Hätte sie nicht sonst damals schon vor dem Altar Nein sagen müssen? In Gewissensqualen mit sich ringend, sprang sie wieder auf und lief im Zimmer hin und her. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Irre Sehnsucht, Verlassensein, Zorn und Jammer über sich selbst quälten sie. Immer wieder stand die Gestalt ihres Mannes vor ihr – lächerlich – wie sie ihn eben erblickt, ohne Rock und Weste, in seinem weißen Hemd – und öffnete die Arme.

Ein Sturm durchschüttelte ihren Körper, ein Sturm, wie er in ihrem Blute lag, genau so wie in dem Ossanas, als sie nicht zum Hochzeitsmahl gekommen. Margret rannte auf und ab. In Schmerz, Zorn, Empörung über sich selbst stieß sie mit dem Absatz auf den Boden.

Da klopfte es wieder. Sie blieb stehen. Sie lauschte. Es kam von unten. Schnell beugte sie sich nieder. Nun vernahm sie deutlich wütendes Pochen an der Decke. Sie begriff: einer, der nicht schlafen konnte, wegen ihres nächtlichen Ganges. Da sank sie in einen Stuhl; fast hätte sie gelacht. Aber im gleichen Augenblick schoß ihr die Schamröte ins Gesicht. Sie war zu ihm gekommen, sie hatte ihren Mann aufgesucht. Sie ahnte, er hatte es falsch verstanden, und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Sie zog die Schuhe aus, und schlüpfte in ihre weichen, kleinen Pantoffel. Trotzdem ging sie vorsichtig auf den Zehen zum Tisch, packte die Briefe ein und schloß die Tasche. Im Zimmer schien es ihr zum Ersticken, so schlich sie leise zur Balkontür, und stieß den Laden hinaus. Er quietschte ein wenig. Erschrocken hielt sie inne. Draußen lag der stille, weite See; in ihm spiegelten sich in ihrem unbarmherzig kalten Lichte die Sterne. Margret war müde und gähnte. Dann schloß sie die Augen und blieb wieder stehen, die gefalteten Hände hinter den schwarzen, schweren Flechten verschränkt. Als sie die Lider aufschlug, sah sie auf dem Balkon nebenan Meinhardt auf schmalem kleinen Holzsessel. Er hatte die Arme über der Balkonbrüstung verschränkt und den Kopf gesenkt, daß sie nur sein weißes Hemd leuchten sah. Vorwurfsvoll sagte sie: »Meinhardt!«

Er fuhr zusammen.

»Meinhardt, du wirst dich verkühlen!«

»Ach, mir tut's nichts!«

»Kannst nit schlafen?«

»Nein!«

»Ich auch nicht.«

Er antwortete nicht. Sie fragte:

»Willst mir was Liebes tun?«

»Wie gern!«

»Geh schlafen!«

Ohne ein Wort wandle er sich um. Sie streckte ihm die Hand hinüber. Er beugte sich vor, aber er drückte sie nur, ohne seine Frau anzusehen. Da lehnte sich Margret über die Brüstung und zog plötzlich, ehe er es hindern konnte, seine Finger an die Lippen. Dann war sie entflohen.

Vierzehntes Kapitel

Eine der oberitalienischen Städte nach der anderen zeigte er ihr. Einen Vormittag waren sie in Brescia; in Verona, in Mantua über Nacht; tagelang in Mailand. Die junge Frau, die nie etwas von Kunst gewußt, fand sich hinein in seine Freude an Bildern und Bildwerken, an alten Palästen und edler Baukunst der Renaissance. Sie gab sich Mühe, mit seinen Augen zu sehen. Wendungen, die er gebraucht, blieben hängen und kehrten dann wieder, wie bei einem, der eine Sprache erst gebrochen spricht.

Mit jedem Tag, den sie ihre Reise weiter südlich fortsetzten, wurde ihre Stimmung freudiger: nicht so die der Theres. An einem Wunderabend in Mentone, als sie am Meer spazierengingen, erzählte Margret, daß ihre Jungfer Heimweh gehabt. Er fragte sofort:

»Du auch? Wollen wir zurück?«

Doch sie erklärte lachend, das Mädchen hätte sich nur gelangweilt. Jetzt, wo sie aller paar Tage den Aufenthaltsort wechselten, sei sie mit einem Male zufrieden, und heute hätte sie gar gebeten: da sie so viel von Monte Carlo gehört, ob sie nicht einmal das Kasino sehen könnte. Er lachte zuerst, dann aber sagte er, die Spielbank sei für das Mädchen kein Aufenthalt.

Margret fragte: »Bist du so besorgt?«

»Man muß um jeden Menschen besorgt sein. Theres soll nicht Dinge sehen, die ihr doch unerreichbar blieben, ohne deren Wissen sie ebenso glücklich ist. Warum überhaupt alles wissen? Es ist nicht einmal notwendig, daß Menschen, wenn sie sich auch noch so nahestehen, einander alle Dinge sagen.«

Sie blickte ihn so erstaunt an, mit ihren ängstlich emporgezogenen Brauen, daß er fortfuhr:

»Gewiß! Ich könnt' dir jetzt alles sagen, trotzdem gibt's Dinge, die ich dir nicht sage. Ich hab' einst Beziehungen zu Frauen gehabt, wie wohl jeder Mann, ich sag's dir ganz offen. Aber das ist ausgelöscht heut! Wozu daran rühren? Unter die Vergangenheit – – – einen Strich!«

Ein Leuchten der Hoffnung fiel aus ihren Augen. Er sprach immer lebhafter weiter: »Ich hab' nie begreifen können, warum man, was tot ist, aufwühlen soll. Jedes Mädel hat doch gewiß irgendeine Leidenschaft gehabt. Interessiert mich das? Werd' ich dich fragen, für wen dein kleines Herz einmal geschlagen hat?«

Tief senkte sich ihr Kopf. Sie gingen vom Wege zum Strand hinab, daran die Brandung heftig anlief. Dort, wo im Spiel der Wellen das Bild ewig wechselte, setzte er sich mit ihr auf zerfallenes Mauerwerk, und noch immer ließ ihn sein Gedankengang nicht los: »Ich frag' nicht und will nicht fragen! Weißt, warum?«

Er öffnete beide Arme: »Weil gleiches Recht zwischen uns sein soll, denn du sollst auch nicht fragen. Das Leben eines Mannes ist nicht immer – rein. – Ich mach' mich nicht besser als ich bin. Aber wozu das Aufwühlen? Es ist ja längst alles tot! Sonst wär' ich doch nicht zu dir gekommen! Und heut bist du nur da, nur du! Ohne dich könnt' ich mir das Leben nicht mehr denken. Und wenn du auch nicht ganz zu mir gekommen bist. Du wirst noch einmal kommen.«

Er schien keine Antwort zu wollen, stand auf, und sie kehrten auf die Promenade zurück, unter die Menschen.

Doch trotz des Zaubers südlicher Natur, trotz bunt flirrenden, immer wechselnden Lebens erwachte mählich die Sehnsucht, die Mutter wiederzusprechen, zu hören wie der Papa pfiff und sang. Ohne die Gestalt jenes Mannes, der ihre Träume erschreckt, sah sie Göllan jetzt oft wie eine Luftspiegelung liegen. Meinhardt hatte mit der Zeit ihr alle Briefe mitgeteilt, auch geschäftlicher Art. Es gab manche Frage, die im Grunde die Anwesenheit des Herrn erforderte. Er hatte ihr erzählt, wie er auf der Rochusburg das Nest für seine junge Frau gebaut. Und bei solchen Worten erwachte auch die Neugierde in ihr, das Heim zu sehen.

Sie hatten aber Tante Angiolina versprechen müssen, auf der Rückreise ihre Stiefschwester, Gräfin Chiara Pergher, die in Destrino bei Trient lebte, zu besuchen. Davon begann Margret schon zu sprechen. Er fühlte, daß sie an die Heimkehr dachte, so sagte er eines Tages: »Jetzt erledigen wir noch unser Programm, nämlich Genua, Pisa, Florenz, Bologna!«

Früher hatten sie von Rom gesprochen: Neapel, Capri, Venedig erbat sie sich dazu. Nun sagte sie: »Noch das alles?«

»Willst du heim?«

»Wann du magst!«

Er nahm sie in die Arme: »Wann geht's fort?«

»Morgen?«

»Morgen!«

Nun fuhren sie wieder der Tiroler Heimat entgegen. Meinhardt konnte es nicht erwarten, Margret zu zeigen, wie schön er auf der Rochusburg alles hergerichtet, wie jedes vorbedacht war, das einer jungen Frau Freude machen konnte. Doch zuerst stiegen sie noch in Trient aus. Sie hatten Angiolinas Verwandte vom beabsichtigten Besuche in Kenntnis gesetzt. Am Bahnhof begrüßte sie, wie es schien, niemand. Doch als die Menschheit sich verlaufen hatte, blieb keiner übrig als ein junger Herr mit kleinem rötlichen Bärtchen, rundem, steifem, braunem Hut, schwarzem Anzug und lila Krawatte. Seine blauen Augen trugen deutsches Gepräge. Aber er fragte italienisch zögernd nach Kusine »Margherita«. Nun erkannten sie sich. Es war Ettore Pergher. Sie ließen das große Gepäck auf dem Bahnhof, nur ein kleiner Koffer wurde auf den Wagen geladen. Als Meinhardt mit dem neuen Vetter Deutsch redete, tat er zuerst, als verstünde er nicht, doch Graf Aich lieh sich nicht beirren, und da fand es sich mit einemmal, daß der Conte Ettore Pergher fließend Deutsch sprach.

Dann ging es am Dante-Denkmal vorüber durch die alte Stadt, in ihrem italienischen Gewand ein Nachklang, aber nur ein bescheidener, von Italien. Margret ließ sich Palazzi nennen, die mit ihren stolzen Schauseiten auf öde, verkehrslose Straßen blickten. Der junge Graf Pergher erklärte ihr italienisch die Schönheiten seiner Vaterstadt. Am Kastell kam mit klingendem Spiel ein Bataillon Kaiserjäger vorüber. Ein junger Leutnant, gebräunt und bestaubt vom langen Wege, grüßte. Margret dankte. Meinhardt zog höflich den Hut. Ettore aber wandte sich nach der anderen Seite, als hätte er den Kaiserjägeroffizier nicht gesehen. Die junge Frau nannte ihrem Mann seinen Namen. Er Halle vor Meinhardts Zeit in Meran gestanden.

Bald kamen sie aus der Stadt heraus. Die alten Klepper zogen mühsam den Wagen die Straße nach dem Val Sugana hinauf. Als der Weg langsam stieg, breitete sich immer weiter und schöner das Panorama aus, und sie schauten auf die Etschniederung, darin Trient mit seinen alten Häusern, Kirchen und Palästen, vom Kastell überthront.

Meinhardt pries die Ausficht. Das schien den Vetter zu erfreuen, und er wandte sich nun auch wieder zum Grafen Aich, doch immer italienisch. Erst als sie zwischen einsamen Weingärten hinfuhren, hier und da nur einmal an einem Gnadenbild oder einem zerfallenen, verräucherten Hause vorüber, fragte Ettore Pergher deutsch:

»Du verstehst doch Italienisch?«

»Gewiß, und du sprichst ja vorzüglich Deutsch!«

Ettore sagte etwas von Rücksichtnahme und politischen Verhältnissen, seine Freunde in Trient unten würden es ihm nie verzeihen, wenn er Deutsch redete. Meinhardt schwieg. Daß er keine Antwort bekam, schien dem Trientiner unangenehm, und er redete nun auch nichts mehr. Da begann Margret von ihrer Hochzeitsreise zu erzählen. Das fiel auf günstigen Boden, denn nun schwärmte Ettore von Italien, wie von seinem eigentlichen Vaterlande, immer Deutsch weitersprechend, hier auf freiem Feld, wo er sich vor den Ohren der Irredenta nicht fürchtete. Aber jedesmal, wenn er Meinhardts ruhigen Augen begegnete, war es, als zöge er wieder ein klein wenig zurück.

Das schlechte Gefährt italienischer Art, kein österreichisches schnelles, blitzblankes Werkl, brachte sie nur langsam vorwärts. Endlich erschien aber doch ein großer, weitläufiger, rot strahlender Kasten, die Fenster mit falschen Gesimsen bemalt, in mauerumgebenem Garten. Sie bogen in die Barockeinfahrt, auf deren Marmorportal links eine gewaltige Kugel thronte, während von ihrem Gegenstück rechts nur noch das Eisen in die Höhe sah, auf dem es einst gesessen. Aber dem Haustor sprang ein großes Wappen vor, eingemauert eine Grafenkrone darüber, die durch Fehlen von vier Perlen wieder zur einfachen adligen gesunken war, als seien die Conte Pergher zurückgekehrt zu jenen Rittern von Berger, aus denen einst Maria Theresia Grafen gemacht.

Ein weißbärtiger, alter Herr drückte Meinhardt die Hand und gab Margret einen Kuß auf beide Wangen. Dann erschien eine junge Frau mit blaßgelber Gesichtsfarbe und blauschwarzem Haar: Ettores Gattin Giacomina, die er sich aus Toskana geholt. Meinhardt redete sie in ihrer Muttersprache an. Sie antwortete, jedes Wort mit reicher entsprechender Gebärde begleitend, die doch nichts Posierendes hatte, sondern nur eine Unterstützung der Natur war.

Nun tat eine Tür sich auf, und sie traten in ein großes Zimmer, darin der Glattschliff eingelegter Möbel glänzte. Vor einem Pfeilerspiegel stand ein Tisch mit Mosaikmarmorplatte. Eine alte Dame kam ihnen entgegen, dick, mit runden, kohlschwarzen Augen, schneeweißem Haar, einen gehäkelten Schal um die Schultern. Es war, als stünde Tante Angiolina, nur um zehn Jahre älter, vor ihnen. Und der Baronin Durazzi Stiefschwester umarmte ihre Nichte, die sie zum letztenmal gesehen, als das Mädchen noch kurze Kleider trug.

Der alte Graf sprach Deutsch, mit Wiener Akzent. Dort hatte er, genau wie einst Baron Durazzi, gedient.

Auch Tante Chiara redete Deutsch. Nur ab und zu, wenn Giacomina in das Gespräch einbezogen wurde, ging sie zum Italienischen über.

Tante Chiara, von Giacomina begleitet, führte Meinhardt und Margret mit schweren Schritten, daß die Treppe dröhnte, auf ihr Zimmer. Sie entschuldigte sich, weil es nur eines war für beide, aber es seien gerade bauliche Veränderungen notwendig geworden, und dann wieder redete sie von einem Ofen, der geraucht, kurz, man begriff nicht, wo eigentlich die Wahrheit lag.

Im oberen Flur standen am Fenster eine Wäscherolle und eine Nähmaschine. Walnüsse lagen zum Trocknen auf einem Tisch. Der ganze Raum schien zum Fortstellen von Wirtschaftsgegenständen zu dienen. Tante Chiara öffnete eine Tür: »Liebe Margherita, es ist nur sehr bescheiden, wie wir euch unterbringen können. Ich höre ja, daß dein Mann ein so schönes Schloß hat. Da werdet ihr wohl sehr verwöhnt sein.«

»Tante, verwöhnt bin ich gar nit. Du weißt, in Göllan ist's nit gar so großartig.«

Aber da regte sich in Tante Chiara doch der Familiensinn dem erst angeheirateten Grafen Aich gegenüber, und sie erzählte, wie hoch es hergegangen sei in ihrem väterlichen Hause, bis ihr seliger Vater beim Zusammenbruche einer Mailänder Bank sein ganzes Vermögen verloren habe. Daß es nur noch zehntausend Gulden betragen, erwähnte sie freilich nicht. Dafür ließ sie ihre großen Augen rollen, beinah' wie Tante Angiolina, und sie streiften Meinhardt, ob er es auch richtig verstanden habe.

In der Mitte des Zimmers stand ein riesiger Empiremahagonitisch, um ihn ein paar kattunüberzogene Sessel. Zwei Waschgeschirre auf einem Tisch am Fenster ließen in ihrem funkelnagelneuen Glanz die Ahnung aufdämmern, als ob sie erst zu dieser Gelegenheit beschafft worden wären. Ein Vorhang vor einer zugesetzten Tür war halb zurückgezogen, daß man die Deckwand der Füllung erblickte, an der man rücksichtslos Haken eingeschraubt zur Aufnahme der Kleider. Zwei Betten vervollständigten die Einrichtung. Der Raum war etwas kahl in seiner Größe. Margret sagte: »O das ist schön… dieser Platz!«

»Ja, ihr solltet Platz haben zu zweit, und da haben wir Möbel herausgenommen. Eigentlich steht sehr viel in dem Zimmer!«

Damit rauschte sie, von ihrer Schwiegertochter Giacomina gefolgt, langsam und schwerfällig hinaus.

Margret war zur Reisetasche gegangen, die neben dem Kamin am Boden stand. Meinhardt blieb stehen und rührte sich nicht. Sie wandte sich um: »Was hast denn?«

Er ließ sein Auge über den einzigen Raum gleiten, der sie gemeinsam umschloß: »Ich kann nix dafür.«

Sie meinte nur: »Bitte schließ mir unser Kofferl auf.«

Er faßte ihr Kleid zum Umziehen mit seinen großen Händen vorsichtig und zart an und trug es auf das eine Bett. Dann sagte er:

»Ich geh' solang' hinaus, bis du umgezogen bist. Soll ich Theres rufen?«

Sie beugte sich über die Tasche:

»Ich bin gleich fertig.«

»Ich soll nicht gehn?«

»Es klopft…«

Er eilte zur Tür. Ein Mädchen brachte Wasser. Er nahm es ihr ab, setzte es auf den Waschtisch, blieb am Fenster stehen und starrte hinaus. Während sie sich umkleidete, sagte sie: »Der dumme Ettore, wie er tut! Aber Giacomina ist herzig!… Du sagst nix?«

Er wiederholte: »Ich hab's nicht gewollt.«

Doch sie huschte darüber hinweg, umfaßte die Aufschläge seines Rockes, zog seinen Kopf herab und gab ihm einen Kuß.

Bei Tisch erzählte Tante Chiara von ihrem Besitze: Destrino sei einer der schönsten der Gegend. Sie prahlte mit den Einkünften an Wein und Obst, ließ Summen klingen, wiederholte sie, daß man sie sich ja merken solle, wahrscheinlich um sie in Göllan wiederzubringen, und dabei widerlegte sie sich oft selbst ein paar Sätze später. Der alte Herr aß ruhig, trank Schluck um Schluck seinen Wein und sprach fast kein Wort.

Nach dem Essen saß man wieder drüben. Stumm rauchte Graf Pergher seine Zigarette. Unausgesetzt klangen Tante Chiaras Erzählungen, während die junge italienische Frau ihrer Verwandten Hand streichelte und mit ihr flüsterte. Doch Tante Chiara duldete kein Dazwischenreden.

Margret warf ihrem Mann so ängstliche Blicke zu, daß er aufstand und sich neben sie setzte. Nun begann auch er zu erzählen, als müsse er hier sein Burggrafenamt ins richtige Licht rücken, gegen Tante Chiaras einseitige Verherrlichung des »Trentino«. Die Gräfin Pergher unterbrach ihn bald. Er setzte nochmals an. Sie schnitt ihm das Wort ab. So ließ er sie endlich allein reden. Durch den Raum klang nur noch ihre Stimme, zwei Sätze Deutsch, ein Satz Italienisch, und zwei Sätze Italienisch und ein Satz Deutsch, während Ettore beifällig nickte, Giacomina, in ihren Stuhl zurückgelehnt, nichts mehr war als ein schönes Bild in den Nebeln der Zigaretten, die der alte Graf wortlos vor sich verbreitete.

Es war spät geworden. Man stand auf. Giacomina begleitete das junge Paar die Treppe herauf. Margret sagte, dem lieben Ding eine Freude zu machen:

»Ach, war das schön in Italien!«

Der Toskanerin Augen schienen sehnsüchtig in der Ferne zu weilen. Dann umarmten sich die Frauen. Meinhardt küßte Giacomina die Hand, und das liebreizende, zarte Wesen schwebte, daß man auf den Stufen keinen Laut hörte, die Treppe hinab.

Nun waren sie allein. Margret schoß das Blut zu Kopf. Ihr klopfte das Herz. Zögernd blieb sie vor der Tür stehen an ihres Mannes Arm:

»Meinhardt, wann du nit da wärst, ich glaub' ich lief davon!«

»Aber sie tun dir doch nix?«

»Ich fühl' mich so fremd, so verlassen. Ettore ist nit echt und die Tante – es ist schon unverschämt, wie sie lügt. Ich glaub' ihnen ihre Artigkeiten nit. Man weiß nie, was sie wirklich denken!«

Er flüsterte: »Das kommt von der Stellung zwischen zwei Feuern: sind sie Italiener – sind sie Österreicher? Das färbt dann auch auf Art und Charakter ab. Ein Glück für den, der etwas ganz ist. Schwarz oder Weiß, haben oder nicht haben… und…«

Er hielt inne. Die Türklinke in der Hand, zögerte er zu öffnen. Sie sagte: »Komm, gehn wir hinein! Man hört uns sonst noch unten!« »Ich fürcht' mich, Margret.«

»Vor wem?«

»Vor dir. Bin ich nicht wie diese Leut'? Glaubst du nicht, daß es mich gequält hat und quält? Du… ja du! Ach Margret, aber ich hab' dir's versprochen, und ich hab' dich ja so lieb!«

»Und ich dich!«

»Wirklich? Aber… mir gehörst du nicht!«

Sie sah ihm in die Augen:

»Doch! Ich bin dein.«

»Margret!«

Sie nahm ihn bei der Hand und öffnete die Tür.

Fünfzehntes Kapitel

Da leuchtete sie wieder, die Rochusburg, dort oben vom Mittelgebirge herab, wie sie einst mit ihrem Fensterblinken Graf Meinhardt Aich gegrüßt, da er nach sieben Jahren zum erstenmal sein Vaterland wiedergesehen. Nun fuhr er durch den lachenden Herbsttag mit seiner jungen Frau und zeigte ihr das Schloß dort oben, seine, ihre Heimat, denn Margret war sein.

Am Bahnhof: lauter bekannte Gesichter. Gepäckträger grüßten, und wie sie heraustraten, stand der Wagen da, auf dem Bock die graue Livree mit grünem Kragen und Hornknöpfen, den breiten, grünen Doppelstreifen am Beinkleid und dem Steirerhut. Der Diener stand am Wagenschlag.

Graf Aich gab seinen Leuten die Hand und fragte fröhlich:

»Alles g'sund?« Meinhardt und Margret blickten sich um, als wären sie Jahre nicht dagewesen. Sie schauten zur gezackten Bergkette, von der Mutspitze bis zum Tschigat, darunter die Schlösser Tirol, Brunnenburg und Thurnstein. Dann ließen sie ihre Augen über den Küchelberg schweifen, wo einst im Jahre Neun die letzte Schlacht getobt gegen die Franzosen.

Bei einer Biegung des Weges umgriff er mit breiter Gebärde das Etschland, das nun schon in beträchtlicher Tiefe unter ihnen lag, in herbstlichem Farbenspiel von Grün zu Braun und Rot und Gelb, darin nur die immergrünen Pflanzen der Gärten jahrüber gleiche Flecken bildeten: »Unser liab's Landl!«

Margret deutete hin: »Göllan!«

Einen Augenblick sahen sie es, dann ward es vom Dach einer Villa verschluckt.

Und nun ging es den altbekannten, lieben Weg hinauf, über die Naif, am Schloß Rametz vorüber. Das Weinlaub war hier zum Teil schon zur Winterruhe beseitigt. Meinhardt sah es von weitem mit dem kundigen Auge dessen, der selbst Besitzer ist.

Als sie die Höhe erreichten und der Blick sich auftat weit über das Burggrafenamt hin, raschelte unter den Hufen der Pferde das zusammengewehte Kastanienlaub. Ein wenig früher kam hier doch der Winter als unten. Sie richteten sich auf im Wagen, jede Kleinigkeit zeigte er ihr. Die Worte jagten einander: »Da – schau das Bildstöckl! Ich hab's erst heraufgebracht! Sind die Wege nit gut gehalten? Da drüben – wir gehen morgen hinüber – liegt das neue Gewächshaus, da… da… nun ist's schon weg –«

Die Hufe der Pferde klapperten unter der Tordurchfahrt des Bergfrieds und gellten auf den Steinplatten des Hofes. An einem Fenster erschien ein schnell zurückgezogener Kopf, dann drängte sich im Haupteingange das ganze Personal. Vor dem alten Wappen über der Tür hingen im Bogen Blumengewinde, darunter ein großes Papier, auf dem gedruckt stand: »Grüß Gott!«

Margret war im ersten Augenblick ein wenig befangen. Sie streckte allen die Hand entgegen, und Meinhardt erklärte jedesmal, wer es sei. Ein Haus-, ein Küchenmädchen, der Gärtnergehilfe, der Gärtner, der Stallbursche, die Köchin. Des Dieners Frau hielt sich bescheiden zurück. Sie traten in die weite Halle, wo die Rüstungen standen, dann stiegen sie die breite Wendeltreppe hinauf in das Zimmer, in dem einst die Stiefmutter Meinhardt empfangen.

Er schloß die Tür. Nun waren sie allein, und er umarmte selig seine junge Frau. Dann sagte er: »Nun paß auf!« Dann betraten sie den Flügel, den er erst angebaut hatte.

Schlug Margret da die Hände zusammen! Solches hatte sie noch nicht gesehen. Sie blieb wie gebannt. Da standen zierliche, goldene Stühle mit geraden Beinen und geschnitzten Lehnen, drollige Widderköpfe darauf, Sofas mit vergoldeten Blumengewinden, Lehnsessel, in deren Sitztiefe bauschige, hellseidene Daunenkissen schwellten. Spiegel blitzten an den Wänden, von der Decke hing ein Kristallüster, dessen dicke Glaskugeln und Tropfen in allen Farben flimmerten. Aber dem Boden lag ein riesiger Teppich gebreitet, und an den weißen, goldabgesetzten Wänden waren Wandteppiche gespannt. Meinhardt blieb ein Stück hinter seiner Frau stehen und weidete sich an ihrer kindlichen Freude. Sie fragte: »Ist das das Wohnzimmer?« »Nein, deines! Siehst du nicht das Nähtischchen und dort den Flügel?«

Er klappte ihn auf: »Er ist freilich neu, wenn auch im Stil der Zeit, um so schöner soll er klingen.«

Glückselig schlug sie ein paar Töne an: »Woher weißt du, daß i Klavier spiele?«

»Von Tante Angiolina!«

»Und du hast mich nie darum gebeten?«

»Weil es von dir kommen mußte und du mir nie ein Wort davon gesagt hast!«

Sie ließ sich langsam nieder auf den kleinen Seidenstuhl am Flügel, der an der Lehne eine Leier trug. Während ihre linke Hand auf den Elfenbeintafeln ruhte, hing sie sich mit der rechten in seinen Arm:

»Ich hass' das Sichzeigen. I hab' mich immer für die Ossana geschämt, wenn sie hat auf Mamas Befehl vorspielen müssen beim Tee, denn sie spielt doch nit sehr gut.«

»Und du kannst auch singen!«

»Hat der Papa geplauscht?«

»Nein!«

»Also wer denn? Geh, sag'!«

»Nun der Siebenlehn hat mir's gesagt!«

Ihre Glieder ließen mit einemmal nach, wie eine Lähmung kam es über sie. Erbleichend, blickte sie ihn mit großen, starren Augen an. Aber er bemerkte es nicht, sondern sah sich im Zimmer um, selbst begeistert von dem Heim, das er seiner Frau geschaffen. Sie nahm alle Kraft zusammen, ruhig zu fragen:

»Wie ist denn das gekommen?«

»Ich weiß's wirklich nicht mehr; ich hab' mit dem Menschen kaum ein Wort gesprochen. Er g'fallt mir nit. I bin kein Heiliger g'wesen, aber i mag die Schürzenjäger nicht. Jetzt ist er ja, wie man hört, ganz verduftet. Jetzt fallt mir's übrigens auch ein: es hat irgend jemand gesagt: du wie die Ossana hättet eine so schöne Stimme. Der hat aber das Sprechorgan gemeint, und da sagte der Siebenlehn, du sängst so schön! Aber nun komm weiter, komm, komm!«

Und er öffnete die Tür, damit sie auch die anderen Zimmer sähe. Doch die junge Frau blieb am Klavier. Erst als er noch einmal rief, raffte sie sich auf. Wie sie dann Meinhardts Arm um ihre Schultern gelegt fühlte, schmiegte sie sich an ihn, und in seinem Schutz war alles vergessen. Nun wurden die anderen Räume besehen. Die Dämmerung ließ ihre Schatten niedersinken.

Als sie zum Essen gingen, schien erst recht jede Mißstimmung geschwunden. Wie war das gemütlich, zum erstenmal am eigenen Tisch zu sitzen! Sie mochte gar nicht mehr aufstehen. Meinhardt bat um die Erlaubnis, sich eine Zigarre anzünden zu dürfen, dann schob er den Teller zurück, und sie, ihm gegenüber, hing an seinem Munde, der so viel Schönes sprach, ihr wohl noch fern, das sie aber aufnahm mit jedem ihrer Gedanken. Sie wollte sich alles merken, des Mannes würdig zu sein, der, wie ihrem kleinen Frauenhirn vorkam, mehr wußte als irgend jemand auf der Welt.

Allmählich verschwammen Margrets Augen, ihr Gesicht wurde lang.

Nach alter Gewohnheit zog er die Uhren auf, von denen mehrere bei ihm tickten.

Während er nun Margret den Rüchen wandte, die Federn spannend, fragte sie unvermittelt:

»Meinhardt, wenn jemand keck wär' gegen mich, was tät'st du?«

Sie hockte auf einem kleinen lehnenlosen Sessel am Tisch, die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Kinn in den Händen. Er wandte sich um: »Wie kommst du darauf?«

»Nur so!«

Er stand breitbeinig da, schob beide Ärmel hinauf, daß die Manschetten mitgingen und man seinen kräftigen weißen Unterarm sah. Dann bewegte er die geballten Fäuste hin und her: »Wer dir zu nah' käm', den tät' ich…, ach du mein Gott, ich nähm' ihn ganz einfach« – er trat zu seiner Frau – »wie du da sitzt, und…«

– Er hob Margret, die einen leisen Laut ausstieß, mitsamt dem Sessel bis zur Hüfthöhe in die Luft –

»Und setzt' ihn, eh' er ein Wort könnt' sagen, vor die Tür. Aber ich machte sie von innen zu. Verstehst?«

Mit einem Ruck der linken Hand griff er unter den Stuhl, ließ die Rechte los, zog seine Frau an sich, küßte sie und trug sie hinüber in ihr Zimmer.

Er war wie ein Kind, glückselig, losgelassen vor Lebensfreude und Lust. Statt zu Bett zu gehen, wie sie sich vorgenommen, tanzte er mit ihr, trällerte ein Lied, setzte sich an den Flügel und begann zu spielen: rauschende Phantasien, Erinnerungen aus Wagnerschen Opern, bunt durcheinander gemischt.

»Das hab' i ja auch nit gewußt!«

»Siehst du, wir sind einer wie der andere. Getrennte Leben haben wir geführt und jetzt gehen wir einen Weg mitsammen, nit wahr, Margret?« Sie nickte. Plötzlich kam ihr ein Gedanke, und sie konnte nicht erwarten, bis er aufhörte zu spielen. Dann huschte sie an seinen Platz: »Für dich sing i!« Eine samtweiche, dunkle Naturstimme, die nichts wußte von Atemtechnik und Registerübergang, strahlte warm ins Zimmer hinaus.

Nun war keine Rede davon, schlafen zu gehen: ein Fenster öffnete er, sie lehnten sich hinaus und konnten sich nicht sattsehen an der Pracht der nächtlichen Erde da unten mit den Lichtern im Tal und der Herrlichkeit der Leuchten dort oben am Sternenzelt. Aus Margrets Seele waren alle Schatten gewichen. Sie erzählte, wie sie walten wollte in den vier Pfählen hier, ein Heimchen am Herd, ein Hausmütterchen. Keine Geselligkeit mochte sie haben, sich ganz zurückziehen.

Er freute sich über ihre Träume. Im stillen dachte er: zur Welt kehrst du schon einmal wieder, meine liebe kleine Frau, doch aus dem Strom der Menschen, in den wir untertauchen wollen, retten wir uns jedesmal hinauf in unser stilles Heim.

Sechzehntes Kapitel

Seit einer Woche schon lebten sie versteckt dort oben. Er saß am Schreibtisch bei seinen Verwaltungssachen oder ging mit Margret durch Haus und Hof. Ein wenig ungewohnt schienen ihr zuerst die so sauber gehaltenen Wege im Park. Sie dachte an die grasbewachsenen in ihrem elterlichen Garten, von denen der Papa immer gesagt, nur so paßten sie im Stil zum alten verwitterten Ansitz. Meinhardt war anderen Sinnes: bei ihm mußte alles blitzblank sein, als hätte der Aufenthalt in nordischen Ländern ihm andere Gedanken beigebracht. Und sie glitt allmählich in seine Anschauungen über, sie lernte mit seinen Augen sehen.

Als sie schon die zweite Woche in ihrer Heimlichkeit auf der Rochusburg weilten, lag am Morgen eine Ansichtspostkarte mit dem Bilde von Göllan auf dem Tisch. Nichts stand darauf als die Anschrift von des alten Barons ein wenig zittriger Hand. Sie verstanden, sahen sich an, machten lange Gesichter und gingen mit den Postsachen in Meinhardts Zimmer. Auf dem Diwan nebeneinander überlegten sie, wie der Fehler wieder gutzumachen sei. In seinem Übermut begann Meinhardt zu wippen und sang nach einer erfundenen Melodie:

»Wir sind ungezogene Kinder, bös, bös, bös…« Dann rief er: »Pfui!« und sah der jungen Frau dicht in die Augen:

»Schamst di nit?«

Ganz ernsthaft gab sie zurück:

»Na, i scham mi nit.«

Dann wippten sie wieder, einander umschlungen haltend, bis die Federn klirrten, daß sie erschrocken innehielten und sich ansahen wie in dem Augenblick, da sie den Brief erhalten. Sie sagte: »Jetzt ist was kaputt!«

Behutsam standen sie auf. Er nahm vom Schreibtisch sein Zeißglas und spähte nach Göllan hinüber:

»Die Tante macht ein böses Gesicht!«

»Gib her!«

Sie ergriff es, suchte angestrengt, doch da sie niemand erkennen konnte, schlug sie ihn auf die Hand:

»Ist ja nit wahr!« Dann ließ er anspannen, und sie fuhren hinüber nach Göllan.

Da stand der alte Ansitz mit seinem morschen Tor, da hing die Treppe, da lief der Gang mit den zierlichen Marmorsäulchen, den schönen verschiedenen Kapitälen. Und der Riß in der Giebelwand war noch immer offen. Margret zog am Klingelzug, drückte am Knopf, daß es gellte und schallte, in Küche und Stall, im oberen wie unteren Flur. Erschrockene Gesichter erschienen. Neugierig kam die Magd mit bloßen Armen und offenem Maul aus der Torggel, dahinter glotzte des Sepp bärtiges, schwarzgrau umrahmtes Gesicht, denn es war Freitag und die Stoppeln standen schon die Woche. Die Köchin steckte den Kopf in den Gang hinaus. Der Diener öffnete die Tür. Da stand Papa, Tante Angiolina ein Stück dahinter im Dämmer des Flurs auf den Treppenstufen. Sie hatte die fleischige Hand auf den starken Busen gelegt, ganz matt vom Schreck wegen des fürchterlichen Getöses. Margret aber lag schon in ihres Vaters Armen, dann eilte sie von ihm fort, und lange hielten Mutter und Tochter sich umschlungen. Tante Angiolina weinte. Auch der jungen Frau Augen waren naß.

Der alte Baron aber küßte seinen Schwiegersohn und Freund einmal um das andere, dabei krähte er laut, wenn auch vielleicht ein klein wenig heiser. Margret, diese Jubelausbrüche lang erhaltener Jugendlichkeit nicht mehr so gewohnt, war es im ersten Augenblick, als sei er doch eigentlich sehr alt mit seinen eingefallenen, tiefliegenden Augenhöhlen, deren Vorhandensein sie zum erstenmal bemerkte. Meinhardt fragte: »Wo ist denn Ossana?« Man hörte jemand die Treppe herabkommen. Da war sie, noch schlanker, als sie gewesen. Sie küßte ihre Schwester herzlich.

»Margret, es war schwer ohne dich, aber jetzt geht's schon. Es geht alles!«

Die antwortete:

»Wir besuchen euch oft.«

Als Ossana ihrem Schwager entgegentrat und er sie gleich den anderen küßte, gab sie ihm ruhig die Umarmung zurück. Dann fragte sie: »Bleibt ihr zum Essen? Ich muß es wissen.«

Meinhardt machte ein erstauntes Gesicht, und sie fügte erklärend hinzu: »Ich führ' den Haushalt! Daß man doch zu etwas gut ist auf der Welt! Du hast mir's ja auch einmal g'sagt, Meinhardt, wie du zurückkommen bist, als dein Vater gestorben war!«

Er erinnerte sich nicht: »Was denn?«

Sie wiederholte die Worte, von ihm vergessen, ihr jedoch, wie es schien, im Gedächtnis haftengeblieben:

»Jeder Mensch soll tätig sein, das bringt ihn über alles hinweg. Und du hast recht, Meinhardt!« Dann verschwand sie in der Küche.

Siebzehntes Kapitel

Der kurze Winter des Burggrafenamtes war hereingebrochen. Die Laubbäume streckten ihre kahlen Arme flehend zum Himmel, daß es bald wieder Frühling werde. Unbeweglich standen die gewaltigen Kerzenpyramiden der Wellingtonien. Die dunklen Zedern ließen ihre befiederten Kronen schweigend hängen. In der Tiefe sah man in dem Häusermeere von Meran die hellen Würfel der Villen in ihren immer noch grünen Gärten, während rund um den Ort die Auen bereits das farblose Gewand der toten Jahreszeit trugen. Der Schnee hatte die Bergketten weiß überkleidet, fast bis Partschins reichte er hinab, und über dem Schloß Tirol leckte er bis zu den Muthöfen nieder.

Nun war auch auf der Rochusburg die selige Zeit des ersten Honigmondes vorüber. Das Leben forderte seine Rechte. Meinhardt mußte eines Wegestreites halber fast täglich zum Advokaten nach Meran. Da fand es sich ganz von selbst, daß Margret ihn begleitete. Sie tat es gern. Mit jedem Tag kam größere Sicherheit über sie, verschwanden mehr die einsiedlerischen Gedanken. An ihre Stelle trat die Freude, zu sehen, wie ihr Mann tätig war, und leiser Stolz, sich an seiner Seite zu zeigen. Wenn dann in Meran die Leute grüßten, so neigte sie freundlich den Kopf, und ihre Blicke strahlten das Glück wider, das sie gefunden. Während er beim Advokaten war, machte sie Besorgungen. Oft mit dem Papa, der sie irgendwo abgefangen hatte. Er lief mit ihr genau wie einst mit Meinhardt. Während sie etwas aussuchte oder in ihrem kleinen Notizbuch blätterte, was ihr noch fehle, schwatzte er mit der Ladnerin, mit dem Besitzer des Geschäftes, mit jung und alt, mit groß und klein. Er freute sich wie ein Kind, wenn die Menschen Gutes von Meinhardt sagten, ein wenig übertrieben wohl, weil sie merkten, daß es ihm glatt hinunterging. Margret hörte trotz ihrer Bestellungen mit halbem Ohre hin. Ihr schwoll das Herz, wenn die Leute meinten: »Ja, das ischt ein Herr!« Und es streichelte sanft ihr Bewußtsein, sobald jemand dem Papa erzählte, kein Bedürftiger brauche an der Rochusburg umzukehren. Der alte Baron ließ sich oft bis zum Obermaiser Postplatz hinauf mitnehmen, nur weil er etwas hören wollte von Meinhardt, seinem lieben Freund.

Dort stieg er aus, glücklich, mit der Tram wieder hinunterrutschen zu können, denn das tat er fürs Leben gern. Er stand hinten, rauchte, seine scharfen grauen Äuglein schweiften nach allen Seiten, er nickte und grüßte. Früher hatte es wohl manchen Ort gegeben, wo den alten Herrn von Göllan hinter Tante Angiolinas Rücken eine leichtsinnige Rechnung bedrohte, so daß er lieber einen Bogen machte: jetzt war alles bezahlt, und mit dem kleinen Taschengelde, das seine Frau ihm gern gab, hatte er nun, wo sie ihm nicht mehr auf die Finger sah, mit einemmal haushalten gelernt.

Meinhardts reicher Hochzeitsscheck hatte das Wunder bewirkt. Doch ewig konnte er nicht reichen, und Tante Angiolina bangte vor der Zukunft. Bald mußte sie ihren Herrn und Gebieter wieder kurz halten. Dann hätte aber das neue gute Einvernehmen der Gatten einen bedenklichen Riß bekommen. Sie zitterte davor und ließ noch immer die Zügel schleifen. Aber mit dem Jahreswechsel drohten neue Sorgen für das alte Göllan. In ihres Herzens Angst war auch über Tante Angiolina der Leichtsinn gekommen, daß sie dachte: Ach was! Nur einmal Weihnachten feiern! Für die Festtage waren sie als erste Gäste des jungen Haushaltes auf die Rochusburg geladen, über Nacht, denn am Heiligen Abend wäre die zweistündige Rückkehr nach Göllan zu unbequem gewesen.

Nach der Bescherung nahm Meinhardt seine Schwiegermutter beiseite:

»Macht euch keine Sorgen. Ich hab' die erste, zweite und dritte Hypothek auf Göllan, mehr gibt's ja nicht, erworben. Zinsen brauch' ich nit und nehm' sie nit. Nun sind die Wirtschaftseinkünfte wirklich euer und werden nit immer durch die verfluchten Zinsen aufgefressen. Daran habt ihr doch gekrankt! Jetzt seid ihr wieder gesund und du, Tante – so nannte er sie noch immer – wirst schon sorgen, daß ihr gesund bleibt!«

Tante Angiolina öffnete weit die Augen und ließ, stolz auf ihren Schwiegersohn und dankbar zugleich, ihre Feuerräder rollen. In der ersten Wallung der Freude wollte sie es ihrem Mann sagen, doch Meinhardt legte den Finger auf den Mund, und sie verstand.

Damit war der böse Jahresanfang, der erste Januar, der zinsenschwer bei den Durazzi zu Buch stand, glücklich überwunden, und der alte Baron lief jetzt noch einmal so stolz auf der Promenade umher, in der neuen, kurzen Pelzjacke, nur bis zum halben Oberschenkel reichend, die er zu Weihnachten bekommen, den Stock armlängs, die Hände rechts und links in den Taschen. Den staunenden Fremden erzählte er Mordsgeschichten: Schnee gäbe es nie in Meran – und er fiel doch fast jedes Jahr, wenn ihn auch die nächsten dauernden Sonnenstrahlen wieder schmolzen – Wind sei ausgeschlossen – und im gleichen Augenblick fegte der erste Frühjahrssturm über Straßen und Gärten, wie im ganzen warmen Süden. Der alte Baron nannte ihn »ein Lüfterl«. Er behauptete, das Thermometer sei die Nacht nur auf sieben Grad gesunken, jetzt in der Sonne stünde es auf achtundzwanzig, »Reaumur« fragten die Leute, und wenn es auch Celsius gewesen, Baron Durazzi bestätigte es begeistert. Er freute sich über den Aufschwung des Kurortes. Um Tausende von Fremden wuchs die Kurliste jedes Jahr, da gab's immer mehr zu tun, die neuen Bekannten aufzusuchen.

Tante Angiolina war jetzt meist mit ihm. Sie hatte herausgefunden, daß, je heiterer ihr Gesicht war, desto besser auch seine Laune. Nur nachmittags mußte sie ihre Tees pflegen. Aber dann blieb er jetzt meistens in Göllan. Zweimal täglich die Fahrt nach Meran war ihm zu viel, als ob die alte Spannkraft nicht mehr ganz in ihm wohne. Im letzten Jahr war er merklich älter geworden. Öfters sagte er zu Meinhardt, seinem Freund:

»Weißt, es ist doch ein großer Abschnitt, wann die Töchter hinauskommen, Gott sei Dank, daß ich Ossana noch hab'.«

Dabei sah er sie eigentlich nicht gar viel, denn hatte sie bisher immer mit ihrer Schwester die Mutter begleiten müssen, so ließ man ihr jetzt mehr freie Hand. Tante Angiolinas Verbindung mit dem Himmel schien bei dem wiedererwachenden häuslichen Glück ein wenig gelockert: Rosenkranz wie täglicher Kirchgang in der Früh gehörten nicht mehr zu den Notwendigkeiten. Da nun die häuslichen Verhältnisse geordnet waren, so wurden auch jene Gänge zu Geistlichkeit oder Weltlichkeit, die sie im stillen getan, um Geld zu schaffen oder Stundung der Zinsen zu erlangen, wesenlos.

Ossana hatte Margrets Pflichten im Haus übernommen. Sie suchte sich auf jede Weise zu beschäftigen. Zweimal die Woche spielte sie vierhändig mit der jungen Frau des Hauptmanns Leitner, von der ein dunkles Gerücht ging, sie hätte sich eigentlich zur Klaviervirtuosin ausbilden wollen. Sicher schien, daß sie das Konservatorium besucht. Das Spielen wurde mehr und mehr zum freundschaftlichen Unterricht. Dann saß Ossana stundenlang zu Haus und übte auf dem alten Flügel, der nun endlich gründlich ausgebessert worden war. Und sie, die sonst das Herz auf der Zunge getragen und in ihrer Leidenschaft mit allem herausgeplatzt war, übte heimlich und redete nie davon, als ahme sie Margret nach, in dem Gefühl: deren Zurückhaltung hatte Meinhardt gewonnen.

Doch was Tante Angiolina gewünscht und im stillen immer noch erwartete, einer, der einen Schnurrbart trug, dazu zwei klingende Dinge, nämlich Namen wie Geld, möchte sich ihr nähern – geschah nicht. Freilich hatte die um die Zukunft der Tochter besorgte Mutter damit keine Eile mehr, nun, wo Margret verheiratet war und es daher ein Haus gab, in dem Ossana bald Menschen genug kennenlernen würde. Denn immer mehr war es klar, daß die Zurückgezogenheit, in der das junge Paar gelebt, bald regerem Verkehr weichen mußte.

An einem Abend, auf der Rochusburg, lehnte Margret an Meinhardts Schulter und schloß die Augen. Müde vom Tage schlief sie in stillem Glücke ein. Wenn auch sein Arm wie abgestorben war, so wagte er doch nicht, sich zu rühren. Er blickte nieder auf den dunklen Kopf Margrets, deren Atemzüge regelmäßig gingen, und dachte zurück an die Jahre seines Junggesellentums. Manch liebes Mädel fiel ihm ein, das ihm an der Brust gelegen. Ein paar lustige, braune Augen lachten ihn aus der Erinnerung an. Auch kurze, in Ekel gekehrte Lust grinste ihm entgegen. Ein herziges Gesichterl aus Wien erschien in seinem Traum, den er mit offenen Augen träumte, dann wieder eine junge Frau, drüben in Amerika, mit langen, lässigen Gebärden, eine junge Frau, deren traurige Worte von ihrem Ehejammer er oft gehört, von der er sich aber losgerissen, weil er nicht zum Diebe werden wollte. Und wie ihn die Gestalten umgaukelten, aus längst vergangenem Leben erwacht, kam ihm leise der Gedanke: »Wenn sie es wüßte!«

Einen Augenblick durchzuckte es ihn: Du mußt es ihr einmal sagen. Dann wieder lächelte er über sich selbst. Was war damit gewonnen? Sollte er Unruhe tragen in das reine Herz seiner Frau? Sie war gut, sie liebte ihn, sie hätte ihm gewiß alles verziehen: aber konnte nicht doch vielleicht irgend etwas, gerade das Unscheinbarste, Unerwartetste in ihr bleiben, nagen, bohren, – ein Keim, der wuchs und die Liebe bedrängte, überwucherte, gar erstickte? Wer kannte einen anderen, und wäre es der nächste Mensch gewesen, bis in die tiefsten Regungen seines Wesens?

Er schreckte zusammen dabei, zugleich in der Befürchtung, er möchte die Schlafende, die an seiner Schulter lehnte, wecken. Doch sie bewegte sich nicht. Ihre Seele ruhte. Sie wußte nichts von den Gedanken, die ihn quälten. Leise wehte es ihn an: jeder Mensch war doch allein, ganz allein. Schliefen nicht seltsame Gedanken in der Seelen Tiefen? Untergründe, deren keiner sich selbst bewußt war? Ein Wort seines letzten Botschafters, des Grafen Baray, der ihn einmal besuchen wollte auf seinem Heimaturlaub, fiel ihm ein. Der weltkluge ungarische große Herr, der über bedeutende Mittel verfügte und doch in frühen Jahren schon den Unwert des Geldes erkannt, hatte ihm einmal in Washington gesagt, als es sich um die Auslieferung eines österreichischen Diebes gehandelt: »Wir wollen Mitleid haben mit allen Menschen. Wer weiß, was wir selber in der gleichen Lage getan hätten!«

Meinhardt hatte gesagt: »Erziehung und Moral schützen davor«, doch der alte Diplomat schüttelte den grauen Kopf:

»Es gibt unter uns allen verkappte Schufte, in denen das Gift nur latent ruht, wie in einem für eine Infektionskrankheit empfänglichen Boden. Hat man das Glück, daß der Bazillus des Totschlags, Mordes, Diebstahls, kurz, was Sie wollen, unserem Organismus nicht nahekommt, so bleibt man ein ehrlicher Mensch. Dringt er ein – so erliegt mancher der Versuchung, der bis dahin ein vollendeter Ehrenmann gewesen war!«

Eine Dame, verletzt, als ob sie bereits zur Verbrecherin gestempelt, rief: »Nun, ich kenne mich aber doch.«

Die Exzellenz lächelte:

»Ich weiß nicht. Was wir von anderen Menschen wissen, ahnen wir nur durch einen Rückschluß von uns selbst. Und wer kennt sich?«

Ja, es lagen Tiefen in der Menschenseele, unergründlich. Meinhardt dachte an ein dunkles Abenteuer, einst in Meran auf dem Gymnasium, das ihn vielleicht, wenn es das Schicksal bös mit ihm gemeint, auf ewig ins Verderben hätte stürzen können! Er wollte den Mantel über die Vergangenheit breiten. Was half es Margret, wenn sie von alledem erfuhr?

Unwillkürlich abwehrend machte er eine heftige Bewegung. Wie sie nun erwachend den Kopf hob, schloß er sie in seine Arme. Schlaftrunken, wußte sie nicht, was geschehen. Sie fühlte seinen Kuß auf Stirn, Wangen, Mund; zum Leben zurückgekehrt, erwiderte sie den Druck seiner Lippen. Da nahm er sie auf, hob sie vom Stuhl und trug sie in ihr Schlafzimmer hinüber. Wie sie selig an seinem Halse hing, sagte er zurückkehrend zu ihren ängstlichen Gedanken:

»Wenn ich einmal von dieser Erde gehen müßt', mein Lieb, ich nähm' dich mit. Zum Himmel trüg' ich dich hinauf, wohin du gehörst – und auf den besten, besten Platz!«

Er ließ sie behutsam auf ihr Bett sinken. Dann trat er an Theresens Stelle: zog ihr die Schuhe aus, öffnete den Kragen, löste ihr Gewand. Wie er sie in die Kissen schob und zudeckte, flüsterte sie, die Lider selig schwer geschlossen: »Ach, ist das schön!«

Meinhardt küßte sie auf die Stirn und schlich hinaus.

Aber das einsame Glück dort oben ging nun wirklich dem Ende entgegen: das Leben forderte sein Recht. Sie hatten Besuche gemacht, bald waren sie täglich fast unter Menschen.

»Margret, weißt, was mir gestern die alte Exzellenz Crivelli g'sagt hat? Ich darf dir's eigentlich nit wiederholen, daß du nit eitel wirst.«

Nun wollte sie es erst recht wissen, und er war ja von Anfang an bereit gewesen, es ihr zu sagen:

»Er hat gemeint: ›Wissen's, was an Ihrer Frau so schön ist? Ich hab' noch niemals ein böses Wort aus ihrem Munde über einen anderen Menschen gehört!‹«

In dieser Frühjahrszeit wuchs ihr Bekanntenkreis. Einmal waren sie in irgendeinem Miethaus bei lieben, einfachen Menschen zu bescheidenem Nachtessen, ein andermal wieder in einem der großen Hotels zu einem Diner, das jemand gab, als Dank für die Einladungen, die er während seines Meraner Aufenthaltes erhalten. Als nun aber alles grünte und blühte, die Märzwinde schwiegen, wanderten die Menschen in die köstliche, sonnendurchstrahlte Luft hinaus. Rosa schimmerten die Mandelbäume. Das ganze Tal war wie mit weißem Puder betupft. Die Blüten stiebten gleich Tau herab. Langsam zog sich der Winter über die Kämme des Hochgebirges zurück. Durch den Sonnenbrand war die Südwand der Bergketten schon aper. Schwarz drohten die Felsen nieder. Nur eine Schneerinne lief noch herab zwischen beiden Spitzen des Tschigats.

Jetzt war kein Fremdenbett mehr frei in Meran, keine Fiaker gab es an den Standplätzen, sie hatten Kurgäste entführt: hinüber nach Lana, hinauf zur Töll, empor nach dem Schlosse Tirol.

Und wieder fuhren sie nachmittags zur gleichen Stunde in langer Kette durch die Obermaiser Villen und Gärten. Dort blühte alles, duftete und sang. An den Balkonen hingen die lockeren, riesigen lila Blütentrauben der Glyzinien, manche schon abgeblaßt vom starken Sonnenbrand, umsummt und umschwirrt von Kerbtieren. Auf den Mauern lagen die großen grünen Lazerten, die kleinen, graubraunen Eidechsen und blinzelten mit ihren klugen Äuglein in die Sonne. Wenn Menschen vorüberkamen, huschten sie ängstlich am Mauerwerk hin, um in irgendeinem Loche zu verschwinden. Die Nußbäume dufteten, die Edelkastanien hatten sich mit Grün bedeckt, ja schon begannen die späten, unwahrscheinlich großen Blätter an den wilddrohenden Ästen der Katalpen sich aufzutun. Die Wiesen lachten frisch bewässert in strahlendem Grün. Und wenn in der sonneduftenden Wärme des Südtiroler Lenzes, wo das Thermometer schon hoch hinaufkletterte, ein frischer Windhauch aus dem offenen Passeier herüberwehte, zitterten die spitzen Finger der Palmen, durch die Zedern ging ein Rauschen, und die Büschelnadeln der Wellingtonien legten sich zusammen und wischten gleich Pinseln durch die Luft.

Dann teilte sich die lange Kette der Wagen an der Rametzer Brücke: die einen zogen links nach Schenna, dem alten Schlosse der Grafen von Meran, die anderen rechts hinauf zur Fragsburg. Es waren ihrer aber seltsam viel an diesem Tage. Und die Menschen schienen sich zu kennen: von einem Gefährt zum andern wurde gerufen: bei Wegbiegungen, wo man die ganze Reihe übersah, gab es dann ein Winken und Wehen von Taschentüchern, und die Schirme nickten zum Gruß.

Immer weiter zog die Kolonne hinauf, immer mehr Wagen schlossen sich an. Am Wege zur Rochusburg bogen die meisten ab. Bald hielt im geräumigen Hofe des Schlosses einer neben dem andern.

Auf dem großen Hofplatz, der mit einer Zinnenmauer abgeschlossen, vorsprang bis an den jähen Felsabsturz zum Tal, standen in den Weinlaubengängen rechts und links Tische gedeckt: dort gab es Tee, Getränke, belegte Brötchen und Süßigkeiten. Auf den breiten Kieswegen der Mittelanlage, von fußhohen Buchsbaumhecken eingefaßt, wo von zerbröckelnden Sockeln verwitterte Figuren herabschauten, schritten die Menschen auf und ab. Eine Gruppe drängte sich um ein weites Marmorbecken in der Mitte, aus dem der gedrungene Pilz einer Quelle stieg.

Bei jenen, die des Burggrafenamtes Wasserarmut kannten, erregte sie Bewunderung, und Meinhardt erzählte, daß er dazu oben in Hafling Quellen zusammengekauft habe. Die Anlage war nicht allein fürs Auge: die Fluten dienten wohlberechnet gleichzeitig zur Bewässerung der tiefer unten liegenden Wiesen, bis ins Tal hinab zur Rochusburg gehörend. Er zeigte sie dem Washingtoner Botschafter, Grafen Baray, seinem einstigen Chef, der sein Versprechen eingelöst, ihn beim nächsten Heimatsurlaub zu besuchen.

Als sie den Rundgang beendet, ging der Botschafter auf Baronin Durazzi zu und begann mit ihr zu reden in seiner Art, die immer etwas hatte, als würde ein alter Philosoph über die Menschen und ihre Umgebung sich klar.

Tante Angiolina setzte sich. Er nahm ihr gegenüber Platz. Andere ältere Damen kamen hinzu: das Känguruh, das sowieso nichts sprach, Frau Doktor Mareith, der Mizzi Mareith Mutter, genug, ein ganzer Kreis. Und die Damen, denen Herren hilfsbereit Stühle gebracht, legten sich behaglich zurück und lauschten, wie der Botschafter erzählte.

Links, wo die Wege unter alte Edelkastanien führten, war ein Tennisplatz im Entstehen. Dort hatte sich die Jugend zusammengefunden, um einen »Galgen«, an dessen Seil eine Kugel hing. Darunter standen die Kegel. Zwei Parteien wurden gebildet, die Kugel ward gehoben, flog im Bogen um einen Pflock und sauste in die Hölzer hinein, die hingemäht dumpf zur Seite fielen. Ein kleiner Bengel, der Jüngste des Dieners, stellte sie jedesmal wieder auf.

Hausherr und Hausherrin begegneten sich. Er machte ihr scherzend eine förmliche Verbeugung: »Gnädigste Gräfin –«

»Graf Aich…«

Dann gingen sie lachend davon.

Margret bemühte sich, als hätte sie nie anderes getan, gemeinsame Gesprächsgegenstände unter Menschen, die einander nicht kannten, zu werfen. Ein paar sächsische Damen und einen Grundbesitzer aus dem Salzburgischen einigte sie, indem sie München nannte, das beide kannten. Den Ministerresidenten van der Goelen, der nur Briefmarken liebte und frischen Spargel, brachte sie in Feuer, indem sie erzählte, Hofrat Ritter von Krettig besäße die »Tasmania«, die ihm fehlte. Da stünde er – da, da drüben. Und alle rühmten ihre Liebenswürdigkeit.

Dann begann der dicke Major Prinz Hohburg von irgendwelchen Ulanen, der gleich Poldi zum Rennen herübergekommen war, die Aichsche Küche lobend, den Damen seine Kochkünste auseinanderzusetzen.

Als Mizzi Mareith, immer den Schnabel vorweg, seine Worte zu bezweifeln begann, stemmte er die Hände in die Seite, markierte einen Wutanfall, sich schüttelnd, daß die goldenen Ulanenfransen zwischen den Knöpfen auf seinem Rücken zu zittern begannen:

»Sagen's mir irgend a Speis' – i werd's Ihnen kochen.«

Mizzi Mareith rief keck: »Lukullus.«

Der Major zuckte spöttisch die Achseln:

»Der ist ein berühmter Kamerad von mir g'wesen, aber ka Speis'! Schauen's, Sie meinen gewiß ›Lukulluspastete‹! Gut, nun passen's auf, wie ich koche.«

Mit verliebten Äuglein, ab und zu mit den Lippen schmatzend, schälte er vor den Augen der Damen, hackte, schnitt, wog ab, schmorte, briet, dünstete, kochte und buk, kostete, kühlte, richtete an, trug auf, daß denen im Kreise das Wasser im Wunde zusammenlief, aber auch vor Lachen aus den Augen perlte.

Margret war beruhigt: ihre Gäste unterhielten sich. Sie stand hinter den dichten Reihen, die sich um den prinzlichen Stabskoch gebildet hatten. Zwei Gruppen gab es jetzt nur noch: diese und drüben die Damen, die um den Botschafter saßen. Abseits aber, über die Zinnenmauer gelehnt, sah man in weißem Kleide, das schwarze Haar unter dem Strohhut hervorquellend, eine gertenbiegsame Gestalt, um den Gürtel, wie immer, die Uhrkette gelegt.

Meinhardt ging auf sie zu:

»Ossana!«

Sie fuhr zusammen und drehte sich um, doch sofort ging ein Lächeln über ihr ernstes Gesicht.

»Kommst nicht hinüber, Ossana?«

Sie folgte ihm zu den andern, aber ehe sie das Laubendach verließen, blieb sie noch einmal stehen:

»Wie man sich nur ändert! Was hab' i früher an allem für a Freud' g'habt! – I weiß nit, jetzt g'fallt mir gar nix mehr.«

Er fragte, was sie zu Haus triebe. Sie erzählte mit Wichtigkeit von ihrer Musik, erwartend, daß er etwas dazu sagen sollte. Doch er dachte an Margrets Spiel und suchte seine Frau drüben in der Gruppe mit den Augen.

Als Margret herblickte, winkte er ihr. Da kam sie herüber. Nun trat er mit den beiden in den Laubengang zurück, wo die halb abgeräumten Teetische träumten:

»Margret, das Mädel ist jetzt so ganz allein, und das geht ihr vielleicht im Kopf herum! Wir sollten uns schon a bissel mehr um sie kümmern!«

Margret beugte sich vor zu ihrer Schwester:

»Du kannst doch immer zu uns kommen, Ossana!«

Die hob die Schultern:

»'s ist so weit, und i nutz doch abends beim Nachtmahl wieder daheim sein!«

»Dann will i dir was vorschlagen! Im Sommer machen wir eine schöne Reise, weißt was – –«

Sie brach ab im gleichen Augenblick. Meinhardt wollte fragen, was sie hatte sagen wollen, doch sie drückte ihm den Arm. Er verstand und schwieg. Sie mußten sich um ihre Gäste kümmern. Auf dem Wege zum verlassenen Kegelspiel kam ihnen der alte Baron entgegen:

»Meinhardt, jetzt bin ich aber bös. G'schnitten hast mich! Nit ein Wort hab' i mit dir reden können. Jetzt laß i di nimmer los.«

Er hakte ihn unter und zog ihn fort von der fröhlichen Gruppe, wo es jetzt ruhiger geworden war, denn die Pastete war verspeist. Alles nahm ein Ende, auch die Reise des Botschafters. Die Damen konnten nicht mehr schweigen! Privatgespräche, zuerst halblaut geführt, waren zu solchem Summen und Surren angeschwollen, daß Seine Exzellenz sich erhob und nachdenklich den Seitenweg hinunterging. Dort traf er Baron Durazzi.

Die Sonne stand schon schräg. Aus dem Passeier wehte eine linde, erfrischende Luft. Die Schatten der Baumriesen fielen lang über Weg und Rasen. Von Meinhardt redeten die beiden Herren. Der alte Baron schwärmte wie gewöhnlich, wenn er auf seinen jungen Freund zu sprechen kam; der Botschafter sagte:

»Wissen's, Baron Durazzi, einen einzigen Fehler hat er gehabt: er hat Dinge auf die Goldwaage gelegt, die man bei unserem Metier mit der Viehwaage messen muß. Er glaubt in anderen Menschen etwas finden zu müssen, das sein könnte, meinetwegen sollte, aber nicht ist. Das macht ihm alle Ehre, aber für menschliches Glück ist's nicht von Vorteil.«

Während sie nebeneinander, gleichsam wie auf Leitersprossen über die Schatten der Baumstämme den Weg hinaufschritten, lächelte der alte Baron. Er verstand den philosophischen Botschafter nicht ganz. Als sie an die Mauer kamen, die vor dem Absturz ins Tal schützte, meinte er:

»Exzellenz, aber a liaber, guter Bursch' is er doch!«

Graf Baray sah ihn von der Seite an: »Das hatt' ich mir eben erlaubt zu sagen!«

Im Schloßhof tönten wieder die Hufe der Pferde auf dem Pflaster, die Wagen rollten einer nach dem anderen davon, während die Jugend den Fußweg einschlug über Trauttmannsdorff. Eine Weile noch sah man Säbel blitzen und helle Kleider leuchten, dann verschwanden die Köpfe jenseits der nächsten Wiesenhöhe.

Margret und Meinhardt gingen durch den verlassenen Garten. Regungslos hing an ihrem Strick die Kugel vom Galgen herab, die hingemähten Kegel lagen im Grase, so zertreten, daß Margret sich bückte, um es aufzurichten. Durch ein Blumenbeet führten frische Spuren, auf der Terrasse standen wild die Stühle umher, auf Tischen, auf der Mauer, selbst auf dem Rasen waren Tassen, Teller aus der Hand gesetzt.

Er deutete rundum:

»So schaut ein Schlachtfeld aus.«

Dann fragte er unvermittelt:

»Sag' Margret, eh' i drauf vergess': warum hast du denn die Ossana nicht hab'n woll'n?«

»I möcht' nit gern, daß ein Dritter zwischen uns war'. Und wenn's auch die Schwester ist, i muß dich ganz allein haben. I muß erst – lach' mich nur aus – i muß erst deine Seele so gewinnen, so …«

Er wollte sie unterbrechen, doch sie fuhr schnell fort:

»I weiß, du willst sagen, i hab' sie schon. Nein, i mein' … besitzen, daß i alles sagen könnt' – –«

Dann gingen sie auf den söllerartigen Balkon, der auf Säulen des Stockwerkes darunter ruhte. Sie setzten sich dicht nebeneinander und sahen die letzten Sonnenstrahlen drüben die zackige Bergkette in sterbender, roter Glut hinanklettern bis zu den Spitzen, sahen, wie das Tal in immer tiefere Schatten sank, und sprachen kein Wort. Ihre Seelen waren beieinander.

Achtzehntes Kapitel

Und wieder begann das langsame Sterben des Kurortes. Von Woche zu Woche nahm auf Straßen, Spazierwegen, Anlagen die Menschheit ab. Es gab Regentage, Blitze zuckten. Schwere Tropfen klatschten nieder, über die Wege begannen die Wasser zu strömen und zu rauschen. Müde Blüten wurden von den Zweigen geschlagen, daß in den Gärten der Rasen mit weißen und gelben, lila und blauen Tupfen besät war. Die Menschen flüchteten in die Häuser, die Straßen waren tot und leer. Alles blieb daheim: drüben in Göllan die Durazzi, oben auf der Rochusburg das selige junge Paar.

Meinhardt hatte seinem Schwiegervater ein Fernglas geschenkt, und nun war es des alten Herrn größte Freude, es von seinem Zimmer aus hinüberzurichten nach der Rochusburg. Wenn dann dort oben irgendwo am Fenster eine Gestalt erschien, war er glückselig. Bei der gewaltigen Vergrößerung des Zeißglases konnte er sogar unterscheiden, ob es die Theres war oder etwa ein Stubenmädchen, das Decken und Betten zum Fenster hinausschüttelte. Manchmal kam er aufgeregt zu Tante Angiolina gelaufen:

»Du, die Margret hat gewunken!«

Als es einmal zum Essen ging, rief er Ossana:

»Schnell, schnell!«

Sie mußte durch das Glas sehen. Er stand daneben, ein wenig gebeugt durch die Jahre, und mager, viel magerer, klopfte sich auf den Schenkel und sah seine Tochter mit den grauen, eine Spur weicher gewordenen Augen an:

»Na, wer steht da?«

»Meinhardt!«

»Ja, freili, der Meinhardt! Was macht er denn?«

»Er raucht!«

»Und jetzt?«

Sie erklärte, er sei verschwunden. Der alte Herr wollte es nicht wahrhaben und drehte an seinem Glase herum. Er war seiner Ansicht nach der einzige, der sich auf scharfe Einstellung verstand. Dann rief er, als ob in einem Alpenhotel ein Fernglasvermieter den Fremden äsende Gamsböcke zeigt, oder eine Partie, die sich ein steiles Eisfeld hinaufhackt: »Jetzt schau' hin, ich hab's eing'stöllt. – auf die Terrass'!«

Er duckte sich wieder: »Was siehst denn?«

»Die Margret. Und jetzt kommt der Meinhardt!«

»Na, und?«

»Sie stehen beieinand'!«

»Na, und –«

Ossana entfernte ihre Augen vom Okular:

»Aber Papa, das Essen wird kalt!«

Der schaute noch einmal hindurch:

»A Busserl! Jessas, tat das guat!«

Er schmatzte vor sich hin, nickte, während er mit dem Auge das Glas nicht verließ, und ab und zu verbeugte er sich:

»Prost! Prost!«

Dann ging es zum Essen. Nach Tisch legte sich der alte Herr ein wenig aufs Sofa. Er war häuslicher geworden. Währenddessen spielte Ossana Klavier. Sie hatte sich gewandelt. Die erste tiefe Verachtung der Anfängerin für jede leichte Musik war umgeschlagen. Frau Leitner meinte, man brauche doch nicht immer ernst zu sein, neben der großen Kunst gäbe es eben auch die kleine. So kam es, daß, wenn der alte Herr vom Schläfchen erwacht, er jetzt manchmal bei seiner Tochter saß und sich heitere Weisen vorspielen ließ. Dabei nahm er sich vor, nächsten Winter öfters in die Operette zu gehen, wozu er in den letzten Jahren kein Geld gehabt. Tante Angiolina lächelte nur. Sie sagte nicht mehr nein, und jetzt konnten sie es ja auch dank Meinhardts Großmut.

Als in den höheren Lagen schon das zweite Gras gedieh, sich die Trauben blau zu färben begannen, kamen die Rochusburger herüber, Abschied zu nehmen. Sie wollten eine kleine Reise machen. Sie blieben gleich über Nacht, denn am andern Morgen ging der Zug schon früh um sechs. Das hätte von der Rochusburg aus halb vier Uhr aufstehen bedeutet. In Göllan aber konnten sie bis Fünf schlafen.

Bei einbrechender Dämmerung saßen sie auf dem Säulengang vor der Tür. Der alte Herr rauchte, in seinen Lehnstuhl bequem zurückgelegt, eine Rolle unter dem Kopf, seine Zigarette und schwatzte mit seinem Schwiegersohn. Ein Windlicht war aufgestellt. Ossana stickte. Es war von der Sommerreise die Rede, die unternommen werden sollte. Diesmal nach Norden. An irgendeiner der Brennerstationen, vielleicht in Gossensaß, wollten sie ein paar Tage bleiben. Meinhardt sagte:

»Ich möchte Margret gern Innsbruck zeigen. Da hab' ich studiert und gedient! Dann geht's nach München. Aber nicht mit der Bahn, sondern über Zirl, dann mit dem Wagen nach Mittenwald. Partenkirchen muß sie sehen, vielleicht nehmen wir die Königsschlösser mit!«

Ossana wurde abgeschickt, von des Papas Schreibtisch den Baedeker zu holen. Meinhardt rief: »Laß mich gehn!«

Er folgte, und sie eilten die Treppe hinauf.

Ossana tat ihm leid, darum sagte er:

»Dich nehmen wir auch einmal mit!« Sie riß ihre schwarzen Augen auf, die aussahen bei dem dämmerig roten Licht aus dem Herrgottswinkel, als brennten zwei Kohlenstifte in der Pupille.

Er legte seine Finger auf den Handrücken der Schwägerin und sie blieben oben an der Treppe stehen:

»Schau, du wirst ja nit immer allein sein!«

Beinahe heftig kam es zurück:

»Doch, immer!«

Er streichelte sie lächelnd:

»Die Margret und ich haben oft über deine Zukunft geredet. Wir haben dich doch gern, Ossana! Wenn wir nur jemand wüßten, der uns g'fallt und, was die Hauptsach' is, dir gefallt. Freili, müßt er deiner auch wert sein.«

Da zuckten verächtlich ihre Mundwinkel:

»Ich bleib' lieber allein, immer allein, ich bin so viel glücklicher –«

In einer plötzlichen Regung von Güte schlug er ihr vor:

»Weißt was? Du kommst mit nach München. Wenn auch unsere Billetten schon b'stellt sind, ich werd' schon noch eins kriegen für dich.«

Wie auf ihrem leicht beweglichen Gesicht immer alles widerspiegelte, was in ihrer Seele kämpfte, las man zuerst Freude, Zweifel, dann den Kampf. Schließlich ließ sie die Arme sinken:

»Ich mag die Eltern nit allein lassen.«

Ihm fiel seiner Frau Bitte ein, sie wollten noch allein bleiben, ihre seltsame Bitte, die er nicht recht verstanden, die ihn aber gefreut, war sie doch der Ausdruck ihrer Liebe. So schien er nicht unzufrieden über die Ablehnung seiner unbedachten Einladung.

»Meinhardt!« klang unten Margrets Stimme.

»Ja, wir kommen!«

Sie stiegen die Stufen hinab.

Margret fragte: »Wo seid's denn so lang g'wesen?«

Nun wurde die Reise besprochen, aber von einer Einladung Ossanas war nicht die Rede.

Man hörte Schritte im Weingarten und fünf Köpfe hoben sich über das Geländer, zu sehen, wer da käme. Der Telegraphenbote brachte ein Telegramm an Baron Durazzi. Das war etwas so Seltenes, daß Tante Angiolina neugierige Augen machte. Doch der alte Herr redete ruhig, nachdem der Mann sich mit einem Sechser Trinkgeld entfernt, weiter von der Reise, das Telegramm, ohne es zu öffnen, in der Hand. Tante Angiolina rutschte hin und her, sie konnte es nicht mehr aushalten. Er merkte dergleichen, blinzelte Meinhardt zu, schmunzelte vor sich hin und fing nun an, eine lange Geschichte aus seiner Leutnantszeit zu erzählen.

Der alte Baron plauderte weiter, immer noch das verschlossene Telegramm in der Hand. Als es nun gar kein Ende nahm, rief Tante Angiolina:

»Leopold, mach' doch endlich auf! Ich kann's nimmer mit anschaun!«

Er sah das Papier an:

»Darauf hätt' i bald vergessen!«

Und nun kam eine große Vorstellung, halb Umständlichkeit des Alters, halb Absicht, die neugierige Lebensgefährtin »a bissel zu sekkieren«. Er behauptete, ohne Glas könne er nicht lesen, suchte es in allen Taschen, sann nach, wo es vielleicht sein könnte, und endlich mußte Ossana es holen. Dann wurde umständlich der Kneifer aufgesetzt, und während der alle Herr erst lange für sich las, blickte Tante Angiolina verzweifelt die anderen der Reihe nach an.

Als ihr Mann nun gar begann, vor sich hinzulachen, sich auf den Schenkel zu schlagen, verlor sie fast den Verstand. Er schielte über sein schief niedersinkendes Augenglas zu ihr, faßte aber endlich doch ihre Hand, die sie ihm nur widerwillig ließ:

»Also, letzt werd' ich dir's vorlesen. Paß auf! Es ist unglaublich! Es ist nicht zu begreifen! Es ist erstaunlich –!«

Sie schrie:

»So red' doch!«

Er begann wirklich:

»Melden Euch eben erfolgte Ankunft eines ganz kleinen Henrietterls. Fünf Kilo. Nicht geschrien. Gleich gelacht. Bitte Meinhardts, die wohl schon abgereist, da Adresse unbekannt, nachtelegraphieren. Rudi, Henrietterl.«

Jetzt war der Jubel groß. Der alte Baron zählte an den Fingern ab, dann sagte er mit Schmunzeln und Augenzwinkern:

»Prompte Erledigung!«

Als man sich endlich gute Nacht gewünscht und das junge Paar auf dem Zimmer war, das einst das Henrietterl bewohnt, zog Meinhardt seine junge Frau an sich.

»Wenn's uns doch auch beschieden wär'!«

Margret lehnte sich zärtlich an ihn, umklammerte seine Arme und sagte fast heftig: »Vielleicht is' gut so!«

»Warum?«

»Weil dann meine Lieb' nit geteilt ist. So g'hör' ich ganz dir! Und du?«

Im Nebenzimmer aber hielt Ossana, aufmerksam geworden durch die lauten Stimmen, das Ohr dicht an die verschlossene Verbindungstür gepreßt, und lauschte noch lange, bis drinnen alles schwieg.

Neunzehntes Kapitel

Tagelang waren Meinhardt und Margret nun schon in Innsbruck. In der Hofkirche standen sie vor Peter Vischers König Artur und vor dem Grabmal des Andreas Hofer, dann zeigte er ihr den Berg Isel, wo die Tiroler Anno neun um ihre Freiheit gekämpft, oder sie bummelten in Hall umher. Zuletzt begeisterte sich die junge Frau am Schloß Ambras. Für Philippine Welser hatte sie eine schwärmerische Liebe. Nie genug konnte sie hören, welch gute Gattin die Patriziertochter ihrem Erzherzog gewesen, und wie er sie dafür auf Händen getragen.

Sie hatten die anderen Menschen vergessen. Er lebte nur seiner Frau, er dachte allein an sie. Von den bayrischen Königsschlössern, deren Pracht Margret staunend besah, schenkte er ihr Abbildungen, und wie sie nach München kamen, suchte er ihr jeden Wunsch an den Augen abzulesen.

Er zeigte ihr die Sammlungen, sie besuchten die Wagner-Aufführungen im Prinzregenten-Theater und den Mozart-Zyklus. Ab und zu schien es ihr zu viel zu werden, dann erriet er es, und sie verbrachten einen stillen Nachmittag mit einer Automobilfahrt. War sie glücklich, wenn sie im Kraftmagen saß! Aber sie ahnte, daß er, der auf der großen Hochebene hinter der Rochusburg »Haflinger« zog, im Grunde genommen Pferde lieber hatte, und bat:

»Und doch, Meinhardt, behalt die Ross', schaff' kein Auto an!«

Wie war diese Frau sein geworden! Wenn er Entscheidungen überdenken mußte, die er, seine Post erledigend, dem Verwalter schrieb, saß sie still dabei und wollte nicht unterhalten sein! Legte er aber dann die Geschäfte beiseite, wurde er lustig und aufgeräumt, so begannen auch ihre dunklen Augen, die sonst ernst geblieben, zu lachen und sich zu freuen.

Nach den Tagesfahrten, noch angeregt von dem, was sie gesehen, sprachen sie oft stundenlang alles durch, so daß sie am anderen Morgen nicht so zeitig aus den Federn kamen, wie sie sich vorgenommen. Ihre Seelen näherten sich mehr und mehr, doch je reicher er ihr von seinem Innern schenkte, desto häufiger gab es Augenblicke, wo eine leichte Traurigkeit, fast nur süße Sehnsucht, über sie fiel. Da öffnete auch sie ihr Herz und begann ihm aus der Kindheit zu erzählen.

Er neigte den Kopf dicht zu ihr:

»Was doch in einem Auge alles liegt! Bis in die Tiefen deiner Seele schau' ich! Wenn i da drin nicht lesen könnt'! Von allen Armen hab' ich das größte Erbarmen mit den Blinden.«

Aber trotz dem Herrlichen, das sie in München genossen, gestanden sie sich in dem gleichen Atem, daß sie eigentlich Heimweh empfänden nach Haus. Sie reisten ab. Doch als sie den Brenner überschritten hatten und sich schon Bozen näherten, gedachten sie bei der Mittagsglut der kühlen Abende Münchens, und mit jähem Entschluß schlug er vor, noch ein paar Tage am Karersee zu verbringen.

Nun ging es durch all die Herrlichkeit der phantastischsten Dolomitenformen, und immer sagte sie:

»Was i durch dich alles zu sehen bekomm'! I hab's doch nit verdient.«

Zum ersten Male in ihrer Ehe wurde er ärgerlich:

»Margret, tu mir einen Gefallen und red' nit immer so!«

»Aber wenn's so is!«

»'s is nit so! I mag nicht, daß du dich immer herabsetzt.«

Sie fühlte sich ein wenig gekränkt durch den unwilligen Ton, den er angeschlagen, und wollte widersprechen. Dann wieder ward ihr warm bei dem Gedanken an das Glück, das sie bei diesem Mann gefunden, und die Möglichkeit, mit einem törichten Worte alles zu zerstören, nahm ihr den Mut. Was eben fast an die Oberfläche gekommen, verschwand wieder in den dunklen Tiefen der Seele. Ihr Wille regte sich, festzuhalten, was sie sich erworben.

Darum sagte sie einmal ängstlich: »Meinhardt, du meinst immer, alles vergeht auf der Welt. Bleibst mir auch gut? Immer?«

»Aber, Margret, hast du denn Angst, ich möcht' mich von dir wenden?«

Sie flüsterte:

»Das ertrüg' i nit. Dann müßt' man ja an der ganzen Welt verzweifeln! Du kannst doch nicht sein wie … alle. Nein, du, das weiß ich, du bist anders!«

Er war erstaunt. Lag so etwas in ihr? Und er meinte sie doch jetzt so genau zu kennen! Aus dem Untergrunde seiner Seele tauchte etwas auf, ihm noch ganz unbekannt.

Sie sah starr vor sich hin, als schiene der unfaßliche Gedanke sie immer noch zu ängstigen, dann fuhr sie auf:

»Wenn man denken sollt', nichts blieb' auf der Welt, alles wär' nur für den Augenblick, möcht' man da nit verzweifeln an Welt und Menschen?«

»Margret, du schaust mi so ängstlich an? Du hast vielleicht manches g'sehen und erlebt… ich will der Tochter nit weh' tun… Du verstehst mich schon. Aber schau, darum sag' ich eben: es kann nicht immer Siedetemperatur sein, auch die Lieb' bleibt nicht ewig auf gleicher Höhe stehn! I sag dir's noch amal: alles ändert sich, alles wird neu, so auch die Beziehungen zwischen Menschen, und wenn sie noch so eng sind. Das Menschenherz wird anders, und auch i bin schon anders worden. Nit, daß man sich loslassen tät', voneinanderginge deswegen. Na, nur das Tempo wird ruhiger. Ich seh' in allem den ewigen Wechsel, aber auch die ewige Wiederkehr. Sei nicht bös, wenn i amal biss'l ernst red'.«

Sie meinte leicht gekränkt:

»Das ehrt mich doch…«

Er fuhr fort:

»Ja, Margret, nix bleibt, alles wandelt sich. Auch die Natur, 's is nit bloß der Wechsel der Jahreszeiten, die wir, wenn's viel ist, in unserem Leben ein paar Dutzend Mal erleben. Nein, die ganze Schöpfung ändert sich, wenn sie auch eine längere Dauer hat wie wir armen, kleinen Menschen. Was wir in dreißig, in vierzig, in sechzig Jahr' mitmachen, dazu braucht sie so viel Milliarden Jahre. Die Berg' da sind einmal nit gewesen, und die Berg' gehen auch wieder. Regen und Schnee, Sonne und Kälte arbeiten an ihnen, tragen sie ins Tal, alle Tag', alle Stunden, in jeder Sekunde. Das Antlitz unserer Erde täten wir in Milliarden Jahren vielleicht nit wiedererkennen! Alles verändert sich, und auch wir. Mir werd'n älter, wir merken's kaum. Kein Augenblick unseres Daseins kehrt genau so zurück; so kann auch das Gefühl der Liebe, das ich für dich hab', nicht so sein, wie's am ersten Tag' war, und 's is auch nit so, ist nit genau so geblieben.«

Sie sah ihn fast erschrocken an. Doch er lächelte ruhig und beruhigend:

»Ja, die Lieb' ist wandelbar, und auch unsere Lieb' hat sich gewandelt. Wie unser Körper abgenutzt wird, unsere Gefäße verkalken, das Jugendfeuer im Alter matter brennt, um endlich zu erlöschen, wenn nicht ein Ereignis vorher ihm ein jäheres Ziel setzt, so ist's mit der Liebe zweier Menschen. So war's bei mir. Erst leise keimende Sehnsucht, dann Gewißheit, Ruhe. Ich hab' gedacht: ich hab' Zeit, du kommst doch zu mir. Ich hab' dich g'fragt, und du hast nein g'sagt. Verzweiflung – alles zu Ende. Aber die Zeit ging weiter, und wie i wieder zu dir gekommen bin, da hast du ja g'sagt. Und dann haben unsere Seelen einander entdeckt, gefunden, wenn's auch lang' gebraucht hat. Und aus der heißen Glut des Anfangs hat werden müssen und ist geworden Freundschaft! Freundschaft aber – glaub' mir, Margret – wird uns von Tag zu Tag mehr aneinander binden. Dann werden wir 'was Gemeinsames haben: die Vergangenheit, die Erinnerung. Wenn die Pflichten des Tages an uns herantreten und Ungemach kommt, Schwierigkeiten, allerhand kleines und großes Leid, das kei'm erspart bleibt, so wirb uns das ändern. Jedes Ereignis, sei's froh oder trüb', läßt in uns eine Narbe zurück, nimmt uns 'was weg von unserer Lebenskraft, bringt uns weiter und führt uns doch unrettbar dem Ende aller Dinge entgegen. Es wandelt uns. Ein Tor, wer meint, 's könnt auch nur ein Augenblick bleiben ober gar sich wiederholen. Margret, das war' das entsetzlichste Geschenk, das uns Gott machen könnt'. Wenn wir glauben, es bleibt etwas, so irren wir uns, denn das einzig Beharrende ist die Entwicklung. Die hört nie auf. Aber soll sie uns auseinander treiben? Nein, Margret, nicht voneinander entfernen, immer mehr uns nähern soll sie. Immer besser werden wir eins das andere verstehen. Und in einer solchen Wandlung, Margret, wird nie ein Stillstand sein. Nie hat man Zeit, wirklich zurückzuschauen auf den Weg, den man schon zurückgelegt hat, nie tät' mich – abgesehen von dem, was wir miteinander erlebt haben – die Vergangenheit erregen, nie würd' ich danach fragen können, denn –«

Er ließ ihre Hand los und bewegte die Arme nach beiden Seiten, als zeige er die Erde rund um sie:

»Da herunten gibt's so viel zu tun, so viel zu denken, zu streben, wir müssen beide so ineinander wachsen und immer Neues miteinander erleben, und wär's auch nur das Altern und endlich der Tod, daß zum Rückschauen keine Zeit bleibt. Zwei Geschenke hat uns der Schöpfer in die Wiege gelegt, als er uns das Leben gegeben hat: einmal, daß wir uns fortwährend entwickeln müssen bis zum Ende, dann aber: das Weise, das Gnädige von ihm, daß keiner, wer es auch sei, wissen kann, wann dies Ende kommt! Müßte sonst nit alles aufhören: Glück und Streben und Arbeit? Täten nit sonst vielleicht wahnwitzige Menschen meinen, sie müßten schnell, noch bevor's sterben heißt, sich ein albernes, ein lächerliches Glück holen? Und dann der Tod, Margret! Ist der wirklich ein Stillstand, ein Ende? Geht nit auch da die fortwährende Wandlung weiter? Geht die Materie, aus der wir bestehen, nicht in andere über? Wird je ein Arzt dir sagen können: jetzt, wo der Tod eingetreten ist, gibt's wirklich einen Moment des Stillstandes? Auch der Tod ist nur eine Umbildung aus Fleisch und Muskeln und Knochen über Verwesung zum Staub! Und blüht nicht aus dem Staube wieder neues Leben? Düngen wir nicht mit zerfallenden Leibern die Erde zu neuen Keimen? Margret, eine Wandlung gibt's, aber kein Ende! Wie es heißt ›die Liebe höret nimmer auf‹, so ist das Leben.«

Er war warm geworden, wie er sich ein wenig verloren in Gedanken, die er sich zurechtgelegt und ausgesponnen in den Jahren des Alleinseins. Sie sah ihn erstaunt an. Und als er einen Augenblick schwieg, fragte sie:

»Du hast nur vom Körper geredet, aber die Seele?«

Er sann eine Sekunde nach. Wenn er auch die Forderungen der Kirche erfüllte, war er doch nicht von der Buchstabengläubigkeit wie seine Frau. Er hatte sie wohl immer zur Messe begleitet, hielt auch darauf, das Sakrament zu ehren und seine Diener zu achten, doch seine Gedanken schwangen manchmal weiter aus:

»Ich hab' Glück g'habt mit dem Pater Cyprian, der uns erzogen hat. Das war kein engherziger Priester, sondern ein Mann von Herz, Verstehen für alles, ein Mann mit weitem Gesichtskreis. Der hat oft über die Beichte goldene Worte gesprochen. Er war aber nicht auf der Seite derer, die in der Beichte, wie Friedrich Theodor Vischer einmal gesagt hat, ›eine leichte, aber seichte Manier der Schuld sich zu entladen‹, sehen. Pater Cyprian hat die Absolution erteilt nur unter einer Bedingung, die dem Geistlichen ja vorgeschrieben ist, die er aber fast auf die Spitze trieb: mit sich selbst ins Reine kommen. Nur dem, der selbst etwas überwunden hat, nicht dadurch, einfach in den Beichtstuhl zu treten und zu sagen, daß es ei'm leid tut, dem hat er die Sünde abgenommen. Und hat er nit recht gehabt? Sollen wir ewig an etwas kranken? In dem Grundsatz, daß das Leben gelebt werden muß und nicht ewig die Vergangenheit lähmend auf uns liegen kann, in der Erkenntnis, die auch dem Heiden und Gottesleugner eigen ist, gipfelt im Grunde genommen das, was der Pater Cyprian gesagt hat!«

Meinhardt atmete tief und fuhr in etwas anderem Tone fort: »Aber das klingt ja, als ob wir schwere Verbrecher wären. Schau, Margret, das ist auch eine Wandlung: vor einem halben Jahr, ja vor einem Vierteljahr noch hätt' ich dir einen Kuß gegeben, aber nit sowas g'sagt. Und ist dir's nit lieber, daß ich jetzt sowas sag'? Bist nun beruhigt, Margret, wenn ich sag', auch die Liebe wandelt sich?«

Sie blieb mitten auf dem Wege stehen, und ohne auf Menschenaugen und Ohren zu achten, schlang sie ihm die Arme um den Hals. Dann schritten sie dem Hotel zu im gleichen Tritt.

Und einige Tage später, als der Wagen sie nun wieder hinaufführte zur alten, lieben Rochusburg, war es Margret, als käme sie in ein neues Haus, denn alle Schatten dunkler Vergangenheit schienen hinter ihr versunken.

Zwanzigstes Kapitel

Wie jedes Jahr noch war die Zahl der Fremden allmählich bis zu Ostern gewachsen, um ebenso allmählich wieder abzunehmen. Der alle Baron Durazzi, sonst Barometer und Thermometer von Meran, fehlte jetzt ab und zu auf der Kurpromenade. Seit er immer weniger Widerspruch gefühlt und Tante Angiolina ihn wie ein großes Kind tun ließ, was er wollte, wohnte nicht mehr so stark das Bedürfnis in ihm, sein Haus zu fliehen. Er kümmerte sich plötzlich auch um Göllan. Weil er bei seinem Freunde Meinhardt alles so sauber und ordentlich sah, war ihm der Gedanke gekommen, auch in seinem Garten Ordnung zu schaffen. Nun sah man ihn im Schweiße seines Angesichts das Unkraut von den Wegen jäten.

Tante Angiolina saß dann mit ihrer ständigen Handarbeit dabei, auf einem Stuhl, den der Diener heruntergebracht; aber sie durfte dabei den Rasen nicht mehr betreten. Darüber wachte der alte Baron eifersüchtig. Er hatte von Meinhardt ein Gartenbuch geschenkt erhalten, das las er nun beinahe so eifrig wie den Gotha. Englische Rasenpflege wollte er einführen. Die neue Terrasse der Rochusburg spukte vor seinen Augen, und die Zwangsvorstellung, die Anlagen geometrisch zu gestalten. Nun lief er mit einer großen Gartenschere herum und suchte aus allen immergrünen Gewächsen Pyramiden, Kegel, Kugeln, Würfel zurechtzustutzen. Tante Angiolina mußte ihr Urteil abgeben. Wenn er einen runden Busch zu einer halb kahlen Kerze verschnitten, rief sie dann wohl erschrocken:

»Leopold, die Spitze ist ja schief!«

Er prüfte von allen Seiten, holte ein Lot, das die Maurer vor Jahren einmal in der Torggel hatten liegen lassen, begann die Senkrechte zu messen und schnitt so lange an der Spitze herum, bis er das Unglück nur noch durch den kühnen Entschluß bannen konnte, eine Kugel daraus zu machen. Wie ein Kind in verdächtigem Schweigen an seinem Spielzeuge so lange gearbeitet, bis es ganz entzwei ist, hörte und sah man jetzt oft von dem alten Herrn nichts mehr, bis er ermattet erschien und bei der Jause Frau und Tochter einlud, das neue Werk zu betrachten. Tante Angiolina faltete die Hände über dem starken Leib, schüttelte den Kopf und lächelte betrübt.

Nur Ossana wagte ihrem Vater entgegenzutreten, denn sie fühlte sich sozusagen verantwortlich, da sie sich jetzt allein um Haus und Hof kümmerte. Mit Meinhardt sprach sie von Landwirtschaft und Garten: Wässern, Rigolen, Scheiben machen, Düngen, Pflanzen, Beschneiden, Schwefeln, Verkauf und Neubestellen. Auch mit den Anrainern stand sie oft eine Stunde am Grenzsteinwall und ließ sich über Obst- und Weinbau unterrichten. Blieben ihres Vaters etwas zweifelhafte Bemühungen um die Verbesserung von Göllan nur auf Wege und Büsche beschränkt, so suchte sie in die ganze Verwaltung einzudringen. Der Entschluß wurde gefaßt, ein Stück alten Weingartens, der, weil lange vernachlässigt, erhebliche Kosten verursacht hätte an Erneuerung der Stöcke und Lauben, auszuroden und dort, trotz allem mürrischen Widerstände des alten Sepp wie des jüngeren Knechtes, Kalvillenzucht zu beginnen.

Ossana hatte es bei dem Vater durchgesetzt und der alte Baron den Knechten die Kündigung angedroht, wenn sie die neue Ordnung nicht mitmachen wollten. Der jüngere war einverstanden zu bleiben. Der Sepp aber kratzte sich die Stoppeln: er hätte »eh koa Zeit nit« zur Neuordnung der Dinge, ein Ausdruck, der in seinem Munde etwas gewagt klang. Er packte also seine Siebensachen. Beim Abschied hielt er dem Herrn eine lange Rede. Er wäre nun so viel Jahre hier und sei immer zufrieden gewesen, aber wenn die Weibsbilder anfingen zu regieren… Des »Weibsbildes« wegen bekam Baron Durazzi schon einen roten Kopf. Der Alte aber redete ruhig weiter: gegen den Herrn Baron und gegen die Frau Baronin hätte er gar nix, – aber wenn jetzt hier alles zugrund ginge, dann wollte er wenigstens nicht dabei sein, denn er hätte sich im Dienste seines Herrn geschunden von früh bis abends. Er sei ein ehrlicher Mann, arm wie eine Kirchenmaus gekommen, ginge er auch arm wie eine Kirchenmaus davon. Nicht einmal für seine alten Tage habe er sich etwas erübrigen können.

Schon begann der alte Baron weich zu werden, als der Sepp die Unvorsichtigkeit beging, auf die Fremden zu schimpfen. Sie wären am Werk, den Bauer aus seiner eigenen Heimat zu vertreiben, und ihr Einfluß hätte gewiß auch das »Weibsbild« vergiftet und auf solche verrückte Neuerungen gebracht.

Der Angriff auf Ossana, die Fremden, seine Hauptzerstreuung, ließ das Maß überlaufen, und wo der alte Baron noch eben beinah' weich geworden wäre, schlug es um zu jäher Wut. Er streckte die Hand aus und mit aderpochender Schläfe, während die Augen, die alterstief in ihren Höhlen lagen, plötzlich alle Schärfe wiederbekamen, brüllte er den Sepp an: »Hinaus!« Der nahm ruhig seine Pfeife aus der linken Brusttasche, klappte den Deckel auf, strich ein Streichholz an und entzündete den Tabak. Dann warf er das brennende Streichholz auf die Diele und langsam, seinen von langer, bedächtiger Arbeit gebeugten Bauernrücken ganz krümmend, stapfte er auf den schweren Nagelschuhen zur Tür.

Der alte Baron hatte das Herumwerfen von Zündhölzern schon so oft und so oft verboten. Nun schrie er zitternd vor Wut:

»Willst mir's Haus anschüren, Sepp? Aufheben!«

Der Sepp blieb stehen, die Pfeife im Mundwinkel und drehte sein grinsendes Gesicht um:

»I bin nit mehr in Dienscht.«

»Aufheben!«

»I bin nit mehr in Dienscht.«

Ohne sein Tempo auch nur ein tausendstel Sekunde zu beschleunigen, ging er hinaus.

Der alte Herr sah das noch glimmende Holz auf dem Boden liegen, er wollte es austreten, doch er wankte und fiel in den Stuhl vor dem Tisch, auf dem immer noch wüst die Papiere umherlagen.

Ossana hatte den Lärm gehört und kam hereingestürzt. Sie sah den Papa, fragte, was geschehen, aber plötzlich sank er zurück, mit dunkel verfärbtem Gesicht, dick geschwollenen Adern an der Stirn. Ossana kam eben noch zurecht, daß der zu Boden gleitende Körper nicht mit dem Kopf aufschlug. Sie schrie um Hilfe. Der Diener erschien. Sie richteten den alten Baron auf, der die Augen geschlossen hatte. Allmählich wich die Farbe aus dem Gesicht und er wurde totenbleich. Ossana und der Diener versuchten ihn wieder auf den Stuhl zu setzen – vergeblich.

Inzwischen war Tante Angiolina eingetreten. Als sie den scheinbar Leblosen sah, wurde sie schwach und mußte sich setzen. Auch die Jungfer war gekommen, und da sie die Tür offen ließ, hörte man rufen im ganzen Haus. Die Köchin steckte ihr Gesicht herein, kreischte und rannte wieder fort. Nun kamen auch die Magd und der jüngere Knecht. Ganz zuletzt trat sogar der Sepp ins Zimmer. Die Pfeife im Mundwinkel ging er langsam auf seinen einstigen Herrn zu. Als er ihn so ausgestreckt sah, stotterte er:

»I han nix wollen tuan. Um a Zindholz streitet ma si nit.«

Aber er griff mit zu, und der jüngere Knecht wie der Diener trugen mit Ossana den alten Herrn die Treppe hinauf. In seinem Zimmer ward er aufs Bett gelegt. Tante Angiolina aber blieb in ihrem Stuhl sitzen. Ihre Knie zitterten. Sie stöhnte:

»I kann nit gehn, i kann nit gehn!«

Doch mit einem Male sprang sie auf und rannte die Treppe hinan. In ihres Mannes Zimmer fiel sie wieder in einen Sessel. Der Sepp sagte gutmütig:

»I geh' nach Lana, i wer' 'n Doktor holen!«

Aber Ossana verließ sich nicht darauf, sondern schickte den Diener mit der Tram. Nach wenigen Metern schon hatte er den Sepp überholt, der langsam, einen Kasten und ein Bündel mit darumgeknotetem Tuch in der Hand, die Straße schritt.

Ossana war es, als ob ihres Vaters linke Seite sich kalt anfühle, doch die Frauen wußten nicht, was tun. Die Jungfer riet, dem Kranken einen heißen Ziegelstein unter die Füße zu legen, die Magd war für Eis auf die Brust, und die Köchin holte den Bonifaziuskalender und blätterte wütend von vorne nach hinten und von hinten nach vorne, ohne das passende Hilfsmittel zu finden.

Der Arzt war zufällig zu Haus gewesen, und der Diener brachte ihn gleich mit. Ossana bemühte sich während der Untersuchung Handreichung zu leisten. Tante Angiolina sprach ein Gebet. Der alte Baron schlug die Augen auf. Er wußte von nichts mehr, klagte auch nicht, doch ein Versuch, sich im Bett herumzuwenden, mißlang, und nun wurde eine Lähmung der linken Seite festgestellt. Das linke Augenlid hing herab. Auch der linke Mundwinkel blieb unbeweglich, während der rechte sich dafür desto mehr abquälte, zu sprechen.

Eine Schwester sollte gerufen werden, doch Ossana erklärte, sie würde die Pflege übernehmen. Tante Angiolina beanspruchte sie zwar zuerst für sich, bald aber meinte sie, ihr sei der Schreck so in die Glieder gefahren, daß sie sich erst erholen müsse. Dann wankte die dicke Frau hinüber in ihr Zimmer, und dort drüben hörte man sie lange schluchzen.

Ossana hatte den Arzt ins Wohnzimmer hinunterbegleitet. Sie sagte:

»I kann die Wahrheit vertragen. Also was ist?« Als er sich nicht gleich äußerte, wurde sie leidenschaftlich und sprach so laut, daß der Doktor nach oben deutete. Sie dämpfte die Stimme:

»Sagen's mir die Wahrheit. Bleibt er am Leben?«

»Aber natürlich! Es ist ein Schlaganfall. Da er ihn überstanden hat, muß man hoffen, daß es zurückgeht–«

Sie sah ihn scharf an:

»Im Alter von Papa?«

»Gewiß, es kommen sehr viele Fälle vor… wo…«

»Aber es wiederholt sich?«

»Das ist durchaus nicht nötig!«

»Aber wahrscheinlich?«

Der vorsichtige Mann, der nur seine ärztliche Pflicht erfüllte, wehrte sich:

»Das kann man nit sagen!«

Sie blickte ihn so scharf an, daß er die Augen wegwandte:

»Baronin, lassen's ihn jetzt nit so lang allein. Und noch einen Rat: daß die Frau Mama nur nit jammert und weint, sonst regt's ihn auf!«

Tante Angiolina war ganz hin. Als Margret mit Meinhardt erschien, fiel sie ihr um den Hals und begann wieder zu schluchzen. Gräfin Aich brachte sie in ihr Schlafzimmer. An den alten Täfelungen der Wände hingen ein paar Buntdrucke: die Muttergottes mit den sieben Schwertern im Herzen, St. Stephani Steinigung, und der heilige Vitus, im Öle brennend. Auf dem Nachttisch stand ein kleines Madonnenbild, gewöhnliche Töpferware, und der Rosenkranz hing über einem kupfernen Weihwasserkessel. Margret versuchte ihre Mutter zu trösten. Die aber klagte nur immer:

»I hab' ihn so wenig g'habt, und jetzt, wo er wieder zu mir kommen ist… Margret, wenn du wüßtest, wie das für mich ist! Aber i weiß schon, i soll g'straft werden, weil i schon lang nimmer zum Rosenkranz gangen bin.«

Margret sagte:

»Mama, du kannst ruhig gehen, i werd' täglich herüberkommen, und Ossana ist doch da!«

»Ja, die Ossana, die ist gut! Die ist gut!«

Und dann fing sie vor Rührung über die Hingebung ihrer Tochter wieder still an zu weinen.

Und Ossana war gut. Immer saß sie am Krankenbett. Sie unterhielt den Papa, der jetzt unausgesetzt nach Zerstreuung verlangte. Sie las ihm die ganze Kurliste vor von oben bis unten, und bei jedem dritten Namen sagte er lallend, den Mund verzogen, daß Ossana ihn gar nicht anblicken mochte, sonst verlor sie die Festigkeit:

»Den hab' i gekannt!«

Dann versuchte er zu erzählen, doch man verstand nur halb, und dabei schlief der alle Herr meist ein. Man hatte zuerst Angst, die Nächte möchten schlaflos sein, wenn er am Tage nicht wach blieb, aber der alte Körper, der in den letzten Jahren nur wenig Schlaf gebraucht, schien jetzt der Ruhe zu bedürfen.

Dann schlich Ossana davon. Sie rechnete mit der Köchin. Sie hielt auf Ordnung im Haus. Von einem Nachbar mit gutem Rat unterstützt, gab sie dem Knechte Anweisungen. Der, ein ruhiger, fleißiger Mensch – Meinhardt hatte ihn geschickt – arbeitete unverdrossen.

Ossana ließ nachts die Tür zum Zimmer ihres Vaters offen. Sie hatte einen leichten Schlaf. Wenn er nur leise gerufen hätte, wäre sie aufgewacht. Margret kam auch zur Ablösung. Täglich erschien sie mit ihrem Mann, der nur dann fehlte, wenn ihn dringende eigene Geschäfte abhielten. Und die beiden Aich brachten immer Neues mit. Margret wußte, was dem Vater Spaß machte, so erzählte sie von Bekannten und Fremden. Meinhardt seinerseits berichtete von Ernteaussichten für dieses Jahr, und daß der Poldi von seinen Pferden geschrieben. Jeden Brief des Henrietterls las er vor, obgleich in allen das gleiche stand: sie hätten sich bei der Mizzi, der Pepi, der Hansi, dem Sopherl sehr gut unterhalten und hätten bei der alten Fürstin gespeist, und das kleine Henrietterl habe wieder einmal um dreihundert Gramm zugenommen und sei zu herzig. Es hätte Grüberln und lache den ganzen Tag.

Wenn die Rochusburger nachmittags kamen, fanden sie meist Tante Angiolina nicht zu Hause. Sie mühte sich ehrlich um ihren Mann, aber sie konnte es nicht lassen, ihn mit ihrer Art von geistlichem Zuspruch zu quälen. Einmal fragte er ganz erbost:

»Geht's mir denn so schlecht?«

Tante Angiolinas Bande mit dem Himmel knüpften sich wieder enger. Sie nahm die regelmäßigen Kirchgänge früh und nachmittags von neuem auf. Manchen Wachsstock opferte sie und zündete manche Kerze an. Bei jedem Herrgottsbild kniete sie nieder und schickte inbrünstige Worte zum Himmel, er solle ihr helfen. Einige Zeit fand sie Trost, doch bald kehrten ihre schweren Stimmungen wieder und sie weinte. Dann suchte sie Pfarrer Niederwieser im Widum auf und klagte ihm ihr Leid. Der tapfere, fest auf der Erde stehende Bauernsohn faltete die weißen, starken Hände mit den kurzgeschnittenen Nägeln und redete ihr freundlich zu. Da werktätige Hilfe ihm in seiner Gemeinde immer noch das beste gedünkt, empfahl er allerlei Bauernmittel aus dem Tauferertal, die die Familie bei seinem Großvater selig angewendet, denn der Arzt war zu teuer und zu weit. Der Pfarrer wollte den Kranken besuchen, doch Tante Angiolina gestand ihm zögernd von ihren Ängsten. Der bescheidene Mann hob die Hand:

»I will mi nit eindrängen. Kann auch wahrhafti unsern Herrgott nit ersetzen. Bin nur sein einfacher Diener. Aber wenn's mi können brauchen, und war's a mitten in der Nacht, i komm gleich. Und Frau Baronin, sagen's nur dem lieben Herrn Baron, es ging' nit ums Sterben, erzählen will i ihm, daß er schon lachen soll, und Jagerg'schichten, als ob i nit a scho an Gamsbock ang'schlichen hätt'.«

Jetzt war es still geworden in Göllan. Stiller noch als damals, als des Henrietterls Lachen verklungen war. Die Wege im Garten hatten allmählich wieder Moos und Gras angesetzt, die Baumschere klapperte nicht mehr, und die schiefen Pyramiden, die der alte Baron in greisenhaftem Beschäftigungstrieb zurechtgestutzt, begannen wieder zu treiben.

Allmählich wich die Lähmung des linken Armes. Der Kranke durfte nun aufrecht im Bett sitzen, und da auch das linke Auge die Sehkraft nicht verloren, sondern nur das Lid ein wenig hing, konnte er lesen. Er nahm seine alten Bücher wieder vor: Eggers »Geschichte von Tirol«, Brandts »Ehrenkränzlein«. Als es ihm noch besser ging, verlangte er selbst einmal nach dem Geistlichen. Pfarrer Niederwieser erschien sofort. Mit so fröhlichem Gesicht trat er ein, daß an einen Versehgang wohl nicht zu denken war. Der alte Baron aber blinzelte ihn vielsagend an und sagte jetzt schon mit viel deutlicherer Sprache, wenn auch der Mundwinkel gespannt blieb:

»Mir geht's ganz guat!«

»Das freut mi, Herr Baron.«

»Mi a, Herr Pfarrer, i zeig's Ihnen gern!«

Der geistliche Herr erzählte von den schmalen Jahren, wie er als Hütbub sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht, wie er dann in Brixen studiert, sich durchgehungert und dann »seine Hochzeit gefeiert«. Der alte Baron sah ihn beinah' erschrocken an.

Da lachte der Priester und schlug sich mit der rechten Hand auf den rundlichen Schenkel:

»Ja, bei der Primiz, mei' Hochzeit mit'm Himmel!«

Und er freute sich kindlich über den Scherz.

Wie ein Leiden, das Dauer wird, nicht mehr ganz die Teilnahme beansprucht wie anfangs, als es jäh aufgetreten, und da auch die Notwendigkeiten des Tages an die Rochusburger herantraten, kamen sie bald weniger häufig zu Besuch.

Als es nun ruhiger um den alten Baron ward, begann er immer häufiger nach dem Pfarrer zu verlangen. Der unterhielt ihn am besten, und sie lachten gern zusammen. Als der kurze Winter im Burggrafenamt einzog, saß der Kranke schon im Lehnstuhl, wohin er getragen wurde, denn Gehversuche konnten noch nicht unternommen werden.

Tante Angiolina erschien wohl getreulich, aber sie war ihm kein Trost, denn sie klagte und seufzte nur immer: zur Fröhlichkeit vermochte sie sich nicht mehr aufzuschwingen. An ihrem Herzen fraß es, daß sie die jungen Jahre ihres Lebens in Uneinigkeit mit dem Gatten vertan und die Rückkehr nun eigentlich zu spät kam.

Des Kranken Bewegungsfähigkeit wuchs. Dem Mund war beim Sprechen kaum mehr etwas anzusehen. Nur wenn der alte Herr lachte, hatte das Gesicht etwas wie eine unbewegliche Maske. Nun fing auch der alte Lebenslauf wieder an. Tante Angiolina lud zum erstenmal ihre Bekannten zum Tee.

Der alte Baron fragte jetzt öfters nach dem Henrietterl. Er wollte ihr Lachen hören, denn Ossana lachte nicht. Sie tat ernst ihre Pflicht für den Vater und im Haus. Meinhardt schrieb also seiner Schwester. Baron Durazzi war glückselig, als er es hörte.

Da erschienen denn eines Tages auf der Rochusburg Rudi und Henrietterl Bernburg. Eine Jungfer hatten sie mit und eine dicke, stramme Person mit schwarzem hängenden Kopftuch, die aus den durch keinen Ausdruck getrübten blauen Augen sich Meran ansah. Sie grinste über den Himmel, über die Berge, am meisten aber über das kleine Henrietterl. Das hatte wirklich die Grüberl, von denen das große Henrietterl geschrieben, und lachte wirklich immerfort, wie es im Wagen zwischen den Eltern saß, lachte ins Land hinein, in die Sonne, lachte die Menschen an – genau das gleiche versprechend wie die Mutter.

Die war stärker geworden, die Sitzfläche breiter. Der Rudi schmal und schlank wie nur je, und mit entzückender Krawatte.

Margret war dabei, wenn die Kleine gewaschen und wenn sie zu Bett gebracht wurde, und sie ging mit ihr und der mit dem Kopftuch spazieren, während das Henrietterl und Rudi hinüberfuhren nach Göllan.

Als sie ankamen, schlief der alte Herr. Sie mußten warten und warten, doch es wurde so spät, daß es Zeit schien, nach der Rochusburg zurückzukehren. Schließlich ging Ossana nachschauen. Und siehe, der alte Baron schlug die Augen auf. Er wehrte ab: »Jetzt nit!« Ossana sah in seiner Gleichgültigkeit mit Staunen die Veränderung, die Alter und Krankheit hervorgebracht.

Am nächsten Tage aber saß das Henrietterl bei dem Onkel und erzählte ihm Geschichten aus Wien, daß er manchmal laut auflachte mit einem etwas heiseren Greisenlachen, wobei das gelähmte Lid sich schloß und das andere Auge etwas seltsam Starres bekam.

Von »Venedig in Wien« war freilich nicht mehr die Rede, auch nicht vom Essen im Volksgarten, denn sie speisten daheim. Dafür desto mehr von dem kleinen Henrietterl. Baron Durazzi nickte zwar, aber er hatte das Kind nicht gesehen, und im Grunde schien es ihn nicht besonders zu beschäftigen. Der alte Herr schloß müde die Augen. Und als das Henrietterl kreischend vor Wonne und Mutterstolz etwas berichtete, was der kleine Wurm geleistet, verzog er schmerzlich das Gesicht und hielt die Hand ans Ohr.

Da gab Ossana dem Besuch einen Wink, und die junge Mutter ging.

Ossana begleitete das Henrietterl und den Rudi den alten lieben Weingartenweg hinab zum Tor, wo der Aichsche Wagen wartete:

»Wie find'st du denn den Papa, Henrietterl?«

»I bin eigentlich – Ossana, i bin erschrocken!«

»Schaut er so schlecht aus?«

Das fröhliche Menschenkind wurde ganz ernst:

»I hätt' ihn nit erkannt.«

Einundzwanzigstes Kapitel

Des Henrietterls Lachen und fröhliches Wesen, das einst den alten Baron Durazzi erfreut, lockte jetzt kaum mehr ein Lächeln auf seine Lippen. Er klagte, sie sei ihm zu laut. Dazu hatte sie ein Unglück gehabt. Als sie in jungem Mutterstolz das kleine Henrietterl mitgebracht, war der sonst ewig lächelnde Wurm von erstaunlicher Ungezogenheit gewesen, Wie es den alten Mann im Stuhl sitzen sah, fing es nicht an mit seinem »da, da«, sondern verkroch sich bei seiner Mutter und war trotz allem Zureden nicht dazu zu bringen, sich dem Großonkel zu nähern. Der alte Baron wurde ärgerlich und verlangte, das Kind solle entfernt werden. Dann schimpfte er über das große Henrietterl, das sich nicht um ihn kümmere und keine anderen Gedanken habe als dieses törichte Wurm. Er nannte das arme kleine Henrietterl, das kaum gehen gelernt und nur wenige Worte lallte, einen unerzogenen Fratz. Und das große Henrietterl verließ Göllan lief gekränkt, Tränen in den Augen.

Da ihr Jammern nun gar nicht aufhörte, sagte ihr aber der Rudi seine Meinung. Sie schwieg betroffen und blickte ihn eine Weile ängstlich an, doch der Rudi schien wirklich die Hosen anzuhaben.

Am letzten Tage vor der Abreise der Bernburgs sah Margret bei der Kleinen, als Meinhardt eintrat. Sie legte den Finger an den Mund und deutete mit halb schwermütigem, halb glücklichem Lächeln auf das rosige Gesichtchen des Kindes, das den Nachmittagsschlummer hielt, hübscher in der Ruhe als bei dem ewigen Lächeln, das es von den Eltern mitbekommen zu haben schien. Von blonden Löckchen war das leise gerötete Gesichtchen umrahmt, die Lippen standen ein wenig offen, wie gewöhnlich die des Vaters. Eine Weile betrachteten die Gatten aneinandergeschmiegt das Kind, dann schlich Meinhardt auf den Zehen hinaus. Margret folgte:

»I weiß, weshalb du nix sagst, und i dank dir dafür. Du bist immer so rücksichtsvoll.«

Er wehrte ab. Doch sie erklärte, da der Arzt ihnen keine Nachkommenschaft in Aussicht gestellt, verstände sie wohl sein Zartgefühl. Bemüht, sie davon abzubringen, sagte er:

»Margret, gewiß wär's schön, wenn wir einen Sohn hätten. Schau das alte Schloß! Man möcht' doch gern wissen, daß es das eigene Blut ist, das einmal hierbleibt. Aber wir haben auch Vorteile davon. Verändert sich der Mensch nicht durch die Kinder? Schau meine Schwester: wie war sie zuerst mit ihrem Mann, es gab nur ihn, und heut schon schiebt sich das kleine Henrietterl, so winzig es ist, mit seinem lächelnden Mund zwischen die Eltern. Wir aber, du und ich, gehören uns allein! Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.«

Sie antwortete nur:

»Ich will dir's auch lohnen.«

Die Koffer standen gepackt. Während die jungen Frauen zusammen auf der Terrasse saßen, Margret still, das Henrietterl aufgeregt plauschend von ihrer Wiener Herrlichkeit, gingen Meinhardt und Rudi im Park spazieren. In der Abschiedsstimmung fand der junge Modenarr Worte, die ihm niemand zugetraut hätte. Nicht sentimental, aber von Herzen kommend. Hier habe er seine Frau gefunden, hier viele glückliche Tage verlebt, es käme ihn jedesmal schwer an, von einem Ort zu scheiden, den er liebgewonnen, nicht minder aber von Menschen, die er gern habe. Er machte Meinhardt eine Art Liebeserklärung:

»Verwandtschaft ist Verwandtschaft, Familie – Familie! Und i möcht' gern, daß wir z'sammenhalten!«

»Das wollen wir ja auch! Kommt nur oft zu uns!«

Der Rudi wünschte die Gastfreundschaft wiederzugeben: »Und wenn wir einmal am Land sind, so kommt's ihr. Wißt, in Wien haben wir keinen Platz, und 's is halt nit das, wie am Land.«

In Kronprinzenstimmung schüttete er Meinhardt sein Herz aus. Er wollte so gern wirtschaften, arbeiten, tätig sein.

Meinhardt betrachtete zweifelnd die Lackschuhe des Rudi. Doch der fuhr fort: Man kenne ihn gar nicht. Auf dem Lande würde er ein ganz anderer Mensch. Natürlich sollte alles sehr fesch werden – das nötige Kleingeld würde ja auch vorhanden sein – aber er wolle alles selbst besorgen, selbst wirtschaften, arbeiten:

»Schau, Meinhardt, is 's net unwürdig, so ein Warten auf einen, der sterben soll? Wie i hab dienen woll'n, hat der Onkel gemeint, 's hält eh keinen Zweck – er wird mir die Herrschaft übergeben. Wie i dann hab' in Staatsdienst treten woll'n, hat er wieder gemeint, 's hätt' eh kein' Wert, er tät mir die Herrschaft übergeben. Und ich sitz' heut noch da wie a Narr und muß warten und wünsch ihm doch g'wiss net den Tod. Aber da wird man halt zum Affen: irgend was muß man öoch tun. 's is schon ein schauerliches Leben!«

Schritte klangen hinter ihnen auf dem Kies des Weges. Der Diener brachte einen Brief. Er sei sehr eilig. Meinhardt wandte sich zu seinem Schwager:

»Erlaubst du?«

Meinhardt erblickte eine Damenhandschrift. Er meinte sie zu kennen. Im ersten Augenblick war es ihm, als fände er Margrets Schriftzüge wieder, doch dann wußte er, daß er sich geirrt. – Nachdem er ein paar Zeilen überflogen, sah er den Rudi erschrocken an: »Onkel Durazzi ist gestorben.«

»Is nit möglich!«

Meinhardt kämpfte mit plötzlicher Rührung, daß es ihm schwer wurde, vorzulesen. Er räusperte sich:

»Lieber Meinhardt! Bitte teile Margret vorsichtig mit, daß unser lieber Vater nicht mehr ist. Der Arzt hatte gestern erlaubt, daß er einmal mit dem Stock gehen dürfe. Wir hatten ihn in den Garten gefahren, dort saß er ja so gern und las. Ob er aufgestanden ist, ich weiß nicht. Er lag am Wege. Ich hab ihn gefunden. Ich hab's gleich gewußt. Der Arzt war eben hier. Ein neuer Schlaganfall. Herz, oder ich weiss nicht, was er gesagt hat. Dass das alles so auf einmal kommen muß! Der liebe, gute Papa! Kommt nur gleich. Der Papa ist nicht verändert, er liegt ganz still auf seinem Bett. Er sieht so schön aus. Bitte, komm, Meinhardt. Ich bin ja ganz allein. Papa war noch so lustig, hatte sich gar nicht geärgert. Ich versteh' nichts mehr. Der Pfarrer war da. Nein, Komm, das hilft ja alles nichts, komm, bitte komm! Mein Papa ist tot! Warum bin ich's nicht? Wer hat Freud' an mir? Verzeih' den Unsinn. Was soll ich denn schreiben. Bitte laß mich nicht allein. Ossana.«

Der Rudi fragte:

»Dürfen wir noch bei euch bleiben?«

»Das ist doch selbstverständlich.«

Und die beiden Schwäger gingen mit gesenkten Stirnen nebeneinander her. Meinhardt ließ traurig die Arme fallen:

»So plötzlich, so plötzlich! Meine arme Margret! Jetzt muß ich ihr's sagen.« Er sah sie mit dem Henrietterl sitzen, dessen fröhliches Lachen hell herüberklang, und Meinhardt rief, indem er die Rührung in seiner Stimme durch barschen Ton zu überwinden suchte:

»Margret! Margret! Bitt' dich, ein' Augenblick! Ich möcht' dir was sagen!«

Erstaunt kam sie. Das Henrietterl wollte folgen, doch der Rudi rief seine Frau beiseite.

»Wir müssen nach Göllan hinüberfahren. Es geht dem Papa nit gut.«

Vergeblich Zwang sich Meinhardt, seine Stimme zu bemeistern. Margret sah ihn an, dann sagte sie ruhig:

»Er ist tot!«

Seine Bewegung bekämpfend, führte er sie ein Stück den Weg hinab:

»Margret, 's ist der Lauf der Welt. Margret, wir müssen alle einmal unsere Lieben verlieren. Margret, du bist da und – weißt noch, wie mein Vater gestorben ist – da war ich nit dabei. Margret, wenn er sich gequält hätt'… aber, Margret, ist's denn nit besser so?«

Er legte den Arm um ihre Schulter und streichelte sie leise. Sie fand keine Tränen, aber auch kein Wort brachte sie mehr hervor. Nur als sie das Henrietterl und den Rudi von weitem kommen sah, beeilte sie mit einemmal ihre Schritte und rief:

»Ich will niemand sehen, schnell, schnell, wir wollen vorausfahren.«

Während sie sich zurecht machte, sagte Meinhardt zu seinen Geschwistern:

»Wir fahren immer. Der Zweite Wagen für euch wird angespannt. Es dauert noch einen Augenblick. Nicht wahr, verzeiht?« Er sah seine Schwester nicht an, sondern machte plötzlich kehrt und rannte in Riesenschritten davon. Dann fuhr er mit Margret hinab. Das Verdeck hatte er aufklappen lassen, daß neugierige Augen sie nicht sähen. Sie saß in die eine Ecke des Wagens gedrückt, er blieb unbeweglich in der andern, aber sein Auge ruhte auf ihr. Er wartete, bis sie schon außerhalb Merans mit einemmal die Hand nach ihm streckte. Er fühlte, wie ihre zarten Finger zitterten. Gedanken schossen ihm durchs Hirn: alle letzten Worte seines Schwiegervaters und lieben, allen Freundes fielen ihm ein. Er sah ihn wieder vor sich, wie er, den Weg durch den Weingarten hinunterschreitend, den Steirerhut drehte und sang: »Mei Bluat geht so lusti«, und in all dem Kummer trat ein Lächeln wehmütiger Erinnerung auf Meinhardts Wangen.

Dann erblickte er Tante Angiolina vor sich, aber kein Mitleid wollte sich regen. Und der Gedanke wehte ihn an, daß im letzten Grunde jeder seinen Kummer allein zu tragen hat, daß keiner in die Seele eines Dritten blicken kann, daß nur selten einmal zwei ihre letzten Gedanken in wenigen Augenblicken einigen. Auch Margret, die sein war, in deren Herz er meinte blicken zu können, schien ihm in diesem Augenblick fremd!

Er wußte nicht, was in ihr vorging. Wohl ahnte er, daß sie ein gleiches empfand wie er, aber Schranken waren zwischen sie durch die Natur selber gesetzt, die nie etwas wiederholt. Sie standen verschieden vor dem Toten. Sein Schwiegervater war er und sein alter Freund. Mit Margret aber verknüpfte den Entschlafenen jenes geheimnisvolle Band des Blutes, das Menschen miteinander verschlingt, ob sie sich nun sträuben oder stolz sich dazu bekennen.

Meinhardt fühlte, wie die Finger seiner Frau zitterten. Er drückte sie leise, aber keine Antwort kam zurück. Sie kämpfte allein. Er konnte nichts anderes tun, als nur ihre Hand halten. Und wie er die letzten Grenzen empfand zwischen Mensch und Mensch gezogen, seien sie sich auch die nächsten auf der Erde, kam über ihn ein so fernes, fremdes Bitterkeitsgefühl, daß er dachte, er wollte ihr wenigstens zeigen, wie seine Gedanken ähnliche Wege gingen. Und er preßte abermals ihre Hand. Kein Druck antwortete ihm. Er streichelte ihre Finger. Sie zitterten nur immer leise. Die junge Frau blieb in die Ecke des Wagens gelehnt. Da zog er langsam ihre Hand herüber, griff an ihrem Arme hinauf, schob ihn zwischen ihren Körper und das Kissen der Lehne, und wartete auf den Augenblick, wo aus den unausgesprochenen Schmerzensgedanken in diesem Hirn neben ihm die Brücke hinübergeschlagen würde zu seiner Seele.

Mit einemmal fühlte er etwas sich regen, empfand, daß ihre Gedanken von dem festen Punkt, auf den sie starr gerichtet gewesen, dem jähen Tode des Vaters, hinübertasteten zu ihm: Langsam kam sie ihm entgegen, langsam sank ihr Kopf an seine Schulter. Und sie sagte mit ihrer tiefen, immer noch ruhigen, tränenlosen Stimme:

»Der arme, arme Papa!«

Meinhardt meinte, sie hätte die Verbindung zu ihm ganz finden sollen und gab keine Antwort. Da schlug sie endlich die Brücke:

»Jetzt hab' ich nur mehr dich!« Er küßte sie, als hätte sie ihm ihre Liebe gestanden. Namenlose Glückseligkeit war in seinem Herzen, aber er sagte zögernd:

»Denk' doch, die Mama und Ossana und das Henrietterl und mein Bruder!«

Mit einemmal gab sie wieder, was ihm den ganzen Weg über beim Rollen des Wagens dumpf im Hirn gehämmert:

»Ich hab' sie lieb, aber jeder geht seinen Weg. Deine Schwester hat ihren Mann, und Ossana – nein, Ossana hat niemand. Aber auch sie geht ihren eigenen Weg. Und Mama… mir ist's oft, als wenn ihr Herz nit mehr bei uns wär'. Vielleicht is's nit schön, was ich sag', mir is aber, als wär' sie mehr im Himmel als bei ihren Kindern. Jeder geht seinen Weg. Jeder ist ein Mensch für sich, jeder ist einsam, grundeinsam! Jeder hat sein Leben, seinen Kummer, sein Leid, seine Schuld, seine Sühne, seine Schmerzen! Meinhardt, wir sind so entsetzlich allein.«

Mit einemmal fühlte er sie ganz nah. Jeder von beiden, körperlich durch den schmalen Streifen des blauen Kissens im Wagen voneinander getrennt, hatte den fürchterlichen Traum geträumt, der unsäglichen Einsamkeit aller Kreatur. Da schwiegen seine traurigen Gedanken, ihm ward glühend heiß, der Gemeinsamkeit sich bewußt, die trotz allem seine Seele an die Seele seines Weibes kettete.

Der Wagen hielt. Langsam, schwer stieg Margret die Steinplatten hinauf. Ihr war, als sollten ihr die Knie versagen: da lag das alte Göllan, wie es immer gelegen, so lieb, so freundlich, nichts verändert und trotzdem anders, ganz anders, meinte sie. Sie stützte sich auf Meinhardt, sie wußte kaum, wie die letzten Schritte zurücklegen. Dann trat sie ein. Ossana, die noch an keine Veränderung gedacht, stand in der Tür im hellen Kleid, von dem das schwarze Haar abstach. Sie kam die Marmortreppe ihnen entgegen. Zwischen Tor und unterster Stufe auf dem holprigen Pflaster des Hofes fiel sie ihrer Schwester um den Hals.

Meinhardt blieb stumm daneben. Ossana machte sich langsam los, reichte, eingehängt in Margrets Arm, ihrem Schwager die freie Hand und sagte ruhig:

»Nun wollen wir zu ihm gehen.«

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Ossana hieß in Meran jetzt nur noch die »arme Ossana«! Wenn man die Damen fragte, weshalb, so meinten sie mit aufgehobenen Händen, einem traurigen Nicken und schwermütigem Schließen der Lider: »Sie ist so arm!« Aber man erfuhr nie, warum sie eigentlich »so arm« sei.

Die Arme mauerte sich ganz ein. Es war, als gäbe es überhaupt keine Bekannten mehr. Das Klavierspiel war während des alten Barons Krankheit liegengeblieben, und sie nahm es nicht wieder auf.

Sie erschien auch nicht bei den Beileidsbesuchen, die Tante Angiolina erhielt. Stundenlang konnte die den Leuten von ihrem Leid erzählen, von aller Güte ihres Leopold, als hätten sie vom ersten bis zum letzten Augenblick einträchtiglich miteinander gelebt.

Bei den Gegenbesuchen wurde bei einer Tasse Tee dann der gleiche, unerschöpfliche Gegenstand besprochen, wie es gekommen, wie man ihn gefunden, ob er gelitten, wie er ausgesehen. Tante Angiolina hatte man nie »arm« genannt, als brauche man sie nicht allzusehr zu bedauern.

Nun begann ein bitteres Gefühl sich ihrer zu bemächtigen. Sie fand sich vernachlässigt: das Schicksal fast aller Witwen ging an ihr nicht vorüber, daß sie einen Rückschritt im Leben tat. Ihretwegen kamen nur die Klatschbasen, die verheirateten, verwitweten und unvermählten alten Jungfern, die anderen Leute hingen im Grunde am alten Baron, mit seinem Lächeln und seinen verschmitzten Äuglein.

Die Witwe saß oft stundenlang in der Kirche und hielt am Marienaltar im geheimnisvollen Dunkel ihr Schläfchen. Auf dem Heimwege ging sie zum Pfarrer. Den suchte sie jetzt immerfort heim. Jede Woche fand sie einen neuen Grund: sie wollte wegen des Grabes ihres Mannes etwas besprechen, ein anderes Mal noch Seelenmessen lesen lassen, endlich fragen, ob ein Buch, das ihr empfohlen worden, auch nicht Gift sei.

Tante Angiolina bekam bald nur noch Besuch alter Weiblein von den Nachbarhöfen und aus der Gemeinde. Diese hatte sie in der Kirche angesprochen, jene beim Pfarrer getroffen, welche im Spital oder bei den Ursulinerinnen kennengelernt, auch vom Friedhof her, wo sie ihres Mannes Grab pflegen ging, kannte sie etliche. Die alten Weiblein kamen fast täglich mit ihren knöchernen, gelben, verdorrten Fingern und runzligen Gesichtern, lieb und verhärmt so manche, der die Sonne im Leben nur karg gelacht oder gar nie geschienen. Andere freilich bösartig, mit Nasen, Augen und Kinnhaar alter Hexen. Vielleicht waren sie früher einmal hübsche »Gitschen« gewesen, und irgendein Leid, das ihnen die Mannheit oder das Leben angetan, hatte sie verbissen gemacht, daß sie sich nun rächten durch Gift und spitze Junge. Ein Kopftuch trugen sie über dem Haar oder einen vorweltlichen Hut mit staubigen, nickenden Blumen; welche liefen im glatten Scheitel einher, den Kamm hinten im Haar, den Sonnenschirm aufgespannt wie Tante Angiolina. Graue oder schwarze Schals hatten sie umgeschlagen, und je weniger die Bekannten aus der Durazzischen Weltzeit in Göllan sich zeigten, desto häufiger wurden die alten Weiblein.

Meinhardt hatte der Stiefmutter geschrieben, sie solle doch einmal kommen, aber Gräfin Aich wollte die Rochusburg nicht wiedersehen. Sie schrieb dazu:

»Das sind nur Gedanken, wie ich sie jetzt habe. Verschwören will ich nichts, denn die Rochusburger sieben Jahre, die sich in nicht allzu ferner Zeit verdoppelt haben werden, liegen weit hinter mir. Ich habe mir hier in Wien ein neues Dasein geschaffen. Je älter man wird, desto mehr übersieht man die Stationen seines Lebens. Sie ruhen im Kasten meines Gedächtnisses abgeschlossen, jede für sich: die Kindheit, die Jahre mit meinem Papa, die Liebe, die Entsagung, die langen Jahre wieder allein, die paar des Glücks, und nun wieder allein. Und wie lange noch? Aber glaube nicht, daß ich Todesgedanken hätte. Ich bin nicht sentimental veranlagt, bin außerdem gesund. Doch, das sage ich Dir, Meinhardt, zur großen Reise jeden Tag bereit, denn oft finde ich, es ist nicht viel daran am Leben, mehr Bitternis als Herrlichkeit. Aber dann wieder, wenn das Fenster meiner Stadtwohnung offensteht und ich in dem winzigen Ding von Garten – ›Garten‹ steht in meinem Mietkontrakt – die paar Bäume sehe, die nicht so recht fortkommen, und es piepst mal ein Vöglein, wenn's auch nur ein dummer Straßenspatz ist, und ich sehe ein Stück blauen Himmel, – Meinhardt, dann sag' ich mir doch: es ist schön auf der Erde! Wenn nur die Menschen nicht wären; ich hab' jetzt hier welche erlebt, pfui Teufel! Da macht einer hier von sich reden, den Ihr gewiß aus Meran kennt, ein Baron Siebenlehn. Der Onkel war Statthalter, soviel ich mich erinnere. Er hat lange in Meran gelebt. Geschieden ist er. Ein hübscher Kerl. Der läuft hier mit der Frau eines Rumänen herum, der krank zu Haus liegt. Und die liebe Gattin amüsiert sich. Es ist lächerlich, wie klein doch eine so große Stadt wie Wien ist: jeder Mensch weiß davon. Man sieht sie im Theater, sie soupieren zusammen – ich komme ja nicht heraus, aber man erzählt es mir – und alle Welt regt sich darüber auf. Dabei soll die Frau liebe Kinder zu Hause haben! Aber darf man wegen ein paar Lumpen an den Menschen verzweifeln? Da wohnt in meinem Haus – ich erfuhr es erst vor kurzem, man weiß ja glücklicherweise nicht, mit wem man im gleichen Hause wohnt – ein Ehepaar. Sie haben nur zwei Parterrezimmer. Sie ist gelähmt. Der Mann kocht, putzt, wischt auf, fährt seine Frau im Rollstuhl spazieren, und dann schreibt er noch historische Aufsätze, um ein biss'l Geld zu verdienen. Der Mann ist noch nicht alt, aber er geht nicht soupieren mit fremden Frauen und läuft nicht ins Theater. Kann einen das nicht mit den Menschen versöhnen? Ich würd' ihnen so gern helfen, aber natürlich wird nichts angenommen. Wenn Ihr mich besucht, werdet Ihr die beiden vielleicht sehen. Wollt Ihr nicht den Sommer einmal kommen?«

Meinhardt hatte den Brief seiner Frau gezeigt. Sie gab ihn zurück:

»Lump! Sie hat recht!«

Er sagte:

»Lumpen!«

»Das hab' ich gemeint.«

Nicht mit einem Wort kam sie darauf zurück, nur doppelt zärtlich war sie gegen Meinhardt, doppelt bemüht, ihm zu zeigen, wie dankbar sie ihm war.

Inzwischen hatte bei Rudi und dem Henrietterl ein zweites kleines Henrietterl lachend das Licht der Welt erblickt. Die Rochusburger fuhren nach Göllan, es zu melden. Tante Angiolina war wie jetzt meist nicht zu Haus. Meinhardt fand es nicht recht, daß sie die Tochter so viel allein ließe, doch Ossana verteidigte die Mama:

»I hab' meine Beschäftigung, i brauch' keine Menschen.«

Da hielt Margret den Augenblick für gekommen, ihr einen nun sicheren Plan mitzuteilen. Sie sah dazu ihren Mann strahlend an:

»Wir wollen dir einen Vorschlag machen, – willst du uns diesen Sommer auf vier Wochen begleiten?«

Ossanas Blick ging zuerst zu ihrem Schwager.

Sie zögerte noch eine Sekunde, dann reichte sie Meinhardt zögernd die Hand und umarmte Margret.

Des lieben Papas alter Baedeker wurde hervorgesucht. Auf der Karte verfolgten die Schwestern mit dem Finger den Weg, wie Meinhardt ihn bezeichnete. Manchmal rief Margret: »Ein' Augenblick!« Ossana aber, regeren Geistes, hatte schon den Punkt. Ja, sie brauchte nicht einmal auf die Karte zu sehen, und es kam heraus, daß sie jeden Ort kannte, wo Meinhardt geweilt. Während er nun von den schönen Gegenden erzählte, die er den Schwestern zeigen wollte, streichelte Ossana Margrets Hand.

Dann begann sie von Tante Angiolinas Absicht, den Schleier Zu nehmen, als teile sie etwas mit, das ganz unter ihnen bleiben müßte. Der Gatten Blicke trafen sich. Meinhardt fand den Klostergedanken nicht recht, Ossanas wegen.

Doch da ging Ossana die Zunge auf: sie erzählte, wie der Verkehr mit den alten Weibern überhand genommen, wie die Mama kaum mehr mit ihr redete, um Göllan sich nicht kümmerte, und oft, wenn sie ein frommes Buch gelesen, stundenlang dasitze, vor sich hinstarrend, die Hände gefaltet, während ihre Lippen leise sich bewegten. Mit einemmal sprang Ossana auf:

»Ist das ein Leben? Ist das meine Mutter? Was hab' i davon? Oh, i möcht' fort, i möcht' fort!«

Sie schlug die Hände vors Gesicht. Meinhardt schien der Mädchenausbruch in seiner eckigen Übertreibung zuerst ein wenig lächerlich, doch als er seiner Schwägerin Schluchzen hörte, begann er ihr zuzureden. Er fand aber keine andere Art, als sie zu loben, und da bei seinen ersten Worten Ossana noch stärker zu weinen begann, erzählte er Margret, wie Ossana mühsam aus Büchern doppelte Buchführung gelernt und sich vom Rochusburger Rendanten alles hatte zeigen lassen.

Unter seinem Lobe rannen Ossanas Tränen milder. Ihre Schultern zuckten nur noch leise, doch sie verbarg noch immer ihr Gesicht an Margrets Schulter. Allmählich wußte Meinhardt nichts mehr zu sagen. Wenn er von seiner Frau sprach, fand er kein Ende. Die Liebe der Ehe, die sie unlöslich aneinander kettete, ließ den Strom seiner Rede nie versiegen. Das verwandtschaftliche Gefühl aber, das er seiner Schwägerin entgegenbrachte, hatte nicht solch langen Atem. Doch das Werk war getan, Ossana schien beruhigt, ihre Tränen perlten nicht mehr, nur die Lider waren gerötet, und die zarten Nasenflügel bebten.

Kaum waren die Rochusburger eine Viertelstunde fort, da klang auf der Marmortreppe der schwere Atem Tante Angiolinas. Sie war noch stärker geworden. In den Zeiten, da sie nach Meran gefahren zu Einkäufen und Besuchen, hatte sie mehr Bewegung gehabt, die nun dem zum Dickwerden neigenden Körper fehlte.

Sie trat ins Wohnzimmer, an dessen verlassenem Schreibtisch Ossana mit ihren Wirtschaftsbüchern saß, mit Papas Tintenzeug und Federn schreibend, mit seinem alten Lineal unterstreichend, und radierend, Bleistift spitzend mit seinem Federmesser, dessen Elfenbeinschale fast braungelb geworden war. Tante Angiolina setzte sich aufs Sofa. Ihr Gesicht war rot, sie stützte müde den Kopf in die Hände, und wie das Licht nun auf ihren Scheitel fiel, sah man, daß ihr Haar, das noch vor zwei Jahren keinen grauen Faden gehabt, einen weißen Schimmer zeigte.

»Die Meinhardts sind dagewesen!« erzählte Ossana.

Doch Tante Angiolina machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung: »I muß dir was sagen, mia cara, komm her!«

Ossana stand auf. »Setz' dich hin.«

Sie nahm der Mutter gegenüber Platz.

»I hab' eben mit dem Herrn Pfarrer ein sehr ernstes Gespräch gehabt. Du weißt, liebes Kind, i hab' schon einmal mit dir gesprochen. I bin zur Erkenntnis gekommen, daß dieses Leben voller Verderbnis ist. Von den höchsten Gütern ist nicht die Rede, nur von irdischen. Sie suchen allein Geld zu erhaschen. Nicht nur die fremden Menschen, die hergekommen sind, nein, tief ist bei uns die Krankheit eingefressen, von den Fremden wie eine Seuche hergetragen. Drüben im Theater spielen sie oberflächliche oder gar schmutzige Sachen. Auf der Promenad' unterhalten sie sich bei seichter Musik. Und die Frauen verderben durch Luxus und Beispiel den einfachen Sinn unseres Volkes. Es frißt von Hof zu Hof, von Berg zu Berg, von Tal zu Tal. Geld ist zwar hereingekommen, aber« – sie schlug die rundlichen Hände zusammen – »was bedeutet Geld! Sollen wir unser Herz allein an vergängliche Güter hängen? Ich weiß, was ich denke, und daß ich recht hab'! Wenn auch der Herr Pfarrer nit ganz meine Ansicht teilt! Dieser Mann ist vielleicht etwas weltfremd. I aber kenn' die Welt. I weiß, daß sie nix ist als Schamlosigkeit, Betrug und Unfrieden. I will nun endlich Frieden haben wie der liebe Papa. Und da i ihm nit nachfolgen kann, weil Gott mich noch nicht abruft, hab' i eben den Gedanken, dorthin zu gehen, wohin der Schmutz dieses Lebens nicht dringt, wo alles Niedrige schweigt, wo es nur eines gibt: die Vorbereitung auf das dereinstige ewige Leben. Das alles hab' i dem Herrn Pfarrer gesagt. I bin ein biss'l mit ihm aneinander geraten, er hat derbe Worte gebraucht, der hochwürdige Herr versteht nit das Leben. Aber i bin nur ein armes, geschlagenes Weib, und er kennt besser die heiligen Gebote unserer Kirche als i. Er hat mir gesagt, für mich sei bei den Ursulinerinnen kein Platz, solang' i noch Pflichten auf der Erd' zu erfüllen hätt'. Und i hab' doch niemand, niemand!«

Ossana saß ihrer Mutter steif und fremd gegenüber. Bei den letzten Worten zuckte sie zusammen. Sie wollte ihr entgegenschreien:

»Du hast doch mich, deine Tochter!«

Aber sie tat es nicht. Etwas Fremdes war auch über sie gekommen. Und als nach der großen Rede Tante Angiolina aufstand, um auf ihr Zimmer hinaufzugehen, blieb Ossana zurück und starrte ihr nach, als sich die Tür schon längst geschlossen.

Auch Ossana begriff, wie einsam jeder für sich im Leben steht. Keine Brücke war zu ihrer Mutter geschlagen. Kein Wort mehr tönte vom Munde ihres Vaters, der mit einemmal stumm dagelegen, da sie doch eben erst mit ihm Gedanken getauscht. Sie dachte an ihre Schwester. Sie fühlte noch das Atmen der Brust, daran sie sich geschmiegt. Auch dieses Herz schlug Meinhardt näher als ihr. Ja, sie stand ganz allein auf der Welt. Ihr kamen Gedanken an Männer, die sich ihr genähert, und in allen Bitternissen ihres Sinnens hätte sie beinahe laut aufgelacht, als sie sich an des Rudi Erklärung erinnerte. Und heute? Ja, alle Seelen irrten allein ihre Bahn, wie Sterne im Weltenraum, gleichen Gesetzen unterliegend, von irgendeiner Kraft in Schwung gebracht, aber jeder für sich und vom andern so weit, wie nur eben Menschen sein konnten.

Sie dachte an Meinhardt, den sie vom ersten Augenblick an, da ihre erwachsenen Augen ihn erblickt, als den empfunden, nach dem all ihre Sinne, Verstand wie Herz drängten. Doch in ihr kochte nicht mehr jene Glut, die ihr fast Haß gegen ihre Schwester ins Herz getrieben. Sie dachte an ihn wie an ein liebes, fernes Licht, das sie etwa jeden Abend an der gleichen Stelle erblickte, dort oben auf der Rochusburg, aber das sie nichts anging.

Andere Gestalten tauchten auf: einer aus Deutschland, ein lieber Mensch, der ihr tief in die schwarzen Augen geblickt – und dann war er eines Tages verschwunden. Wer weiß wohin? Nur von weitem hatten sie sich gestreift, etwa wie Züge, die aneinander vorübersausen, einen Augenblick sichtbar, ganz nah, daß man ihr Rattern hört und die Gestalten in den Wagen als Schatten sieht, dann ein Lufthauch, der einem entgegenweht, alles ist verschwunden, und unerbittlich nach verschiedenen Richtungen geht die Fahrt weiter, entfernter von Sekunde zu Sekunde. Ihr fiel ein Landsmann ein, aus der grünen Steiermark, dessen Seele sich ihr fast geöffnet. Und doch war es nur ein Blitzen aus dem Herzensschrein gewesen, daß sie nicht einmal wußte, welches Licht darinnen glomm. War es wirklich ein Licht, gab es nicht kalte, öde, erloschene Menschen? War sie nicht ebenso? Ihr schien alles zwecklos, gleichgültig, erstorben.

Als sie an dem Abend in ihrem stillen Zimmer lag, die Decke übergezogen, und vergebens den Schlaf suchte, sagte sie sich: jetzt lebte sie nun eine Spanne Jahre. Wurde es anders in drei, vier, fünf, zehn. War es nicht gleichgültig, wie lange noch? Ja, wenn sie eine große Begabung gehabt hätte! Aber ihre spielerischen Neigungen zu den Künsten erschienen ihr jetzt beinah verächtlich. Und wozu sich mühen hier, das Einkommen zu mehren? Mama verließ sie doch über kurz oder lang. Hatte Margret nicht genug? Er sorgte ja für sie, er, er.

Ihre Gedanken mündeten immer wieder bei ihm, doch ohne Eifersucht gegen ihre Schwester. Und sie fühlte sich so einsam und verlassen, so unglücklich, daß die Stille der Nacht ihr keine Ruhe gab, sondern doppelt sie bedrängte. Sie stand auf und saß auf dem Bettrand. In Gedanken rieb sie sich die bloßen Arme. Einmal vor langer Zeit, auf einem Ball, hatte ihr eine junge Malerin gesagt, sie seien selten schön geformt. Wie die Erinnerung ihr kam, trat sie vor den Waschtisch an den Spiegel, durch den noch immer der lange Sprung lief. Und beim nicht eben hellen Schein der einen Zehnerkerze, die hier im Schlafzimmer nur gespendet worden, wandte sie sich hin und her und besah ihre Gestalt.

Plötzlich überkam sie, als regten sich ihre Sinne, eine unbestimmte Sehnsucht, daß sie zitterte und eine Gänsehaut über ihren Körper lief. Sie gewahrte: das Fenster stand offen. Das brachte sie zur Wirklichkeit zurück – vielleicht konnte man sie von draußen erblicken. Mit einem Sprunge trat sie rückwärts, löschte das Licht und spähte vorsichtig in den Garten hinab. Sie sah die Steinbank aus dem Grün heraufschimmern, sah ein paar der Büsche und Bäumchen, an denen der arme, liebe Papa seine seltsamen Verschönerungsversuche vorgenommen. Man merkte nicht mehr viel davon: die Natur half sich immer. Sie hatten neue Triebe hinausgeschickt, und wenn sie auch die alte Schönheit nicht wieder erreicht, so waren sie doch wieder grün und voll.

Ossana drängte es hinaus. Sie zog sich hastig an, öffnete die Tür und schlich sich auf den Zehen, wie einst der Papa, über die knarrende Diele die Stiege hinunter. Ossana, auf dem Lande aufgewachsen, fürchtete sich nicht in der Nacht. Es war kein Mondschein, doch sternenhell. Sie ging die Treppe hinab auf den Hof, dann um das Haus herum in den Garten. Papas schweren Stock, mit der Eisenzwinge und der rundgebogenen Krücke zum Überhängen am Arm, hielt sie in der Hand. Langsam schritt sie die Wege hinauf und machte halt unter den Kastanien, wo ein Ausblick war über das Tal. Hoch oben schimmerte das weiße Gemäuer der Rochusburg, tiefer unten das dunklere des Schlosses Katzenstein. Es wurde Ossana warm bei dem Gedanken an die Sommerreise und die erstorbene Lebenslust wachte wieder auf. Ihr fiel der Baedeker ein. Sie wollte noch einmal alle Punkte durchgehen, wohin die Geschwister sie mitnähmen. Der fröhliche Gedanke trieb sie eilig ins Haus.

Sie ging um den Ansitz herum, in den Hof zu schlüpfen. Da sah sie Licht über dem Stall. War die Magd wieder einmal bei brennender Kerze eingeschlafen? Ossana öffnete die Pforte, schloß sie schnell, damit sie nicht knarren sollte, und stieg die ausgetretene Holztreppe hinan. Auf dem kleinen Flur oben fiel unter der Tür der Mädchenkammer das Licht als breiter, heller Strich auf den Boden. Ossana lastete nach der Klinke und machte auf, das schlaftrunkene Mädel zu wecken.

Da prallte sie zurück: der neue Knecht stand neben dem Bett. Vier Arme waren ineinander verschlungen, Mund schien auf Mund zu liegen. Dem Burschen, in Hemdsärmeln, hingen die Hosenträger von den hinteren Knöpfen wie zwei Schlangen herab. So ineinander verstrickt schienen die beiden Menschen, daß sie nichts von der jungen Baronin Kommen bemerkten.

Im ersten Augenblick wollte Ossana rufen. Dann aber trat sie auf den Fußspitzen zurück und huschte hinaus. Beim letzten Klaffen des Spaltes sah sie noch immer die beiden regungslos.

Ossana blieb auf dem Flur stehen. Ein ärgerliches Gefühl zuckte in ihr auf. Sie fühlte sich gleichsam betrogen, sie, die Herrin im Hause. Sie sagte sich: am nächsten Tage müßten die beiden fort. Dann stieg sie vorsichtig die Treppe hinab.

Das Bild ließ sie nicht los: immer sah sie die Hosenträger wie Schlangen hängen. Und plötzlich zerflossen alle ihre entrüsteten Gedanken in nichts. Eine große Milde kam über sie. Im Wohnzimmer, wohin sie gegangen war, das rote Buch zu holen, setzte sie sich an den Schreibtisch, stemmte die Hände auf und sann und sann. Sie sah das dumme Gesicht des Bauernmädels vor sich und das nicht viel schlauere, ruhige, hübsche des Knechtes. Sie fühlte, daß diese Hirne nicht eben sprühten, aber waren es nicht Menschen wie alle Menschen? Lebten in ihnen nicht die gleichen Gedanken wie in ihr selbst? Trieb sie nicht vielleicht auch jenes furchtbare Einsamkeitsgefühl der Natur zueinander, das jedem Empfindenden in dunklen Stunden im Blute liegt? Der Wunsch, eine liebe Hand zu drücken, nur, daß man wußte, etwas ist mein, ganz mein?

Keine Verdammung jener Dinge, die junge Mädchen nicht denken und nicht einmal wissen konnten, wie Tante Angiolina in ihrem engen Geist sich einbildete, regte sich. Sie empfand es beinah als notwendig, daß diese beiden Menschen sich zueinander gefunden. Wenn das dumme Mädel mit dem breiten, roten Gesicht untertags bei der Arbeit stand, sollte sie ihr Böses sagen, weil auch in ihr etwas lebte, das in den tiefsten Untergründen tierisch Mensch zu Menschen trieb?

Ossana empfand doppelt ihre Einsamkeit. Es zuckte ihr durch die Glieder, sie dehnte und reckte sich, eine Sehnsucht quälte sie, eine irre Sehnsucht.

Mit einemmal raffte sie sich auf, nahm das Buch und lief die Treppe hinauf. Sie wollte, die Gedanken abzulenken, lesen! Was hatte Meinhardt, dessen Worte sie sich immer gemerkt, einmal gesagt? »Es gibt nur eines, das den Menschen über alles hinweghilft: die Arbeit.«

Und der Gedanke kam ihr, nicht allein sich zu zerstreuen, sondern zu glänzen, sich zu zeigen, vor ihm, vor ihrem Schwager. Wie genau sie alles wußte: Höhenlage und Einwohnerzahl, Geschichte und Erdschichtkunde! Ganz davon beherrscht, rutschte ihr die Tür aus der Hand, denn die Fenster standen offen, um nachts die kühle Luft durchstreichen zu lassen, und fiel donnernd zu. Sie erschrak nicht, auch nicht, als die Diele so laut quietschte, wie sie nie unter des Papas vorsichtigem Tritte gestöhnt. Wie immer strahlte ruhig das rote Licht aus dem Herrgottswinkel. Doch Ossana sah einen Schatten. Die Mama. Die Nachtjacke stand ihr rund um den starken Leib ab wie ein Reifrock. Ihr Mund war offen, als hätte sie den Geist des allen Herrn erblickt. Sie rief:

»Ossana, dio, was ist denn?«

»I hab' mir nur ein Buch geholt.«

»Bei der Nacht?«

»I kann nit schlafen.«

»Du liest doch keine Romane?« »Es ist das Reisebuch!«

Die Mama trat einen Schritt näher:

»Was denn für eine Reis'?«

»Margret und Meinhardt haben mich für den Sommer eingeladen.«

Starr blieb Tante Angiolina stehen:

»Eingeladen? Und du läßt mich ganz allein?«

In Ossanas schlaflos überreizter Seele stieg die Wut empor:

»Läßt du mich nit allein?«

»Was ist das für ein Ton?«

»Ja, Mama, sie haben mich eingeladen, und i will mit ihnen fahren!«

»Das wirst du nicht!«

»Warum soll i die Freud' nit haben?« »Es gibt auch Pflichten! Jeder muß entsagen. Hast du schon vergessen, was der Pfarrer mir gesagt hat? Ich komm' schon meinen Pflichten gegen mein Kind nach, ich opfere dir mein Höchstes, denn ich bin nit glücklich, das glaub' mir, mia cara, und da sollst du auch deine Pflichten erfüllen!«

Ossanas Augen flammten:

»Zu verkommen?«

Die Feuerräder antworteten:

»Bei mir?«

»Ja, bei dir!«

Tante Angiolina fand keine Worte mehr.

Ossana schrie:

»Nie hast du dich gekümmert um mich, Mama! Wo wär' das g'schehen? Immer bist du woanders gewesen mit deinen Gedanken, mit deinem Herzen! Bei mir nit. I bin kein klein's Kind mehr! A jeder hat sein Recht, jeder will was vom Leben haben, und i bin ganz allein, und i hab nix, und–« Tante Angiolina wankte. Es war Ossana, als ob sie fallen würde. Da zog sie ihre Mutter zu der alten Truhe, die an der Wand fast als einziger Schmuck des oberen Stockwerkes stand. Schwer sank die dicke Frau darauf, die Augen geschlossen, tief atmend.

Ossana sah mit einemmal, wie grau die Mutter geworden war. Ihr Blick fiel auf die ungesunden, aufgeschwemmten Formen, die ausgespreizten, dicken Finger, und ihr kamen Worte in den Sinn, wie sie Meinhardt einmal geäußert über das Verhältnis ihrer Eltern zueinander, Worte des Papas, Worte der Mama, aus denen Leid und Einsamkeit auch in ihrer Mutter Herzen sich ihr zusammenfügte.

Tante Angiolina schloß die wulstigen Finger ineinander, daß ihre Hände ganz breit wurden und die Nägel weiß, wie das Blut aus ihnen trat:

»I hab' so heiß für dich gebetet. Du weißt nicht, mia cara, wie oft!«

Da wich jede Willenskraft von Ossana. Ihr schien, als sollte sie mit allen Mitleid haben, allen, nur daß kein anderer Leid trug wie sie selbst in ihrem zerfahrenen Leben. Sie warf mit einem Schwung das rote Buch fort, daß es ein Stück auf der Truhe hinrutschte, nahm ihre Mutter und richtete sie auf, sie in ihr Zimmer zurückzuführen:

»Na, na, Mama, i bleib' schon bei dir.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Das seit Jahren erwartete Ereignis war eingetreten. Seine Exzellenz Graf Bernburg, Feldzeugmeister i. R., Wirklicher Geheimer Rat Seiner K. und K. Apostolischen Majestät, K. und K. Kämmerer, Großgrundbesitzer, Großkreuz des Franz-Joseph-Ordens, Ehrenballei des Malteser-Ordens, wie die Trauerparte verzeichnete, war nach Empfang der heiligen Sterbesakramente zu seinen Vätern versammelt worden.

Rudi befand sich damit im Besitz der Herrschaft und, wie das Henrietterl beglückt schrieb, eines bedeutenden Barvermögens, das der alte, bedürfnislose Junggeselle, der noch dazu ein vorzüglicher Verwalter und geriebener Finanzmann gewesen, im Laufe seines langen Lebens aufgehäuft. Nun lebte das junge Paar auf der böhmischen Herrschaft, und nach der ersten Freude über den Regierungsantritt bekam man nichts mehr von ihnen zu hören. Nur Ende Oktober, als der Fremdenstrom Merans schon wieder abzuflauen begann, traf ein Brief ein: Soeben sei das allerkleinste Henrietterl Nummer drei erschienen – sei jedoch männlich und heiße daher Heinrich. Bei dem Gedanken an die wachsende Familie sagte Margret ein wenig traurig zu ihrem Mann:

»Warum kann ich dir keinen Sohn schenken?«

Er gab keine Antwort.

Bis Weihnachten war es mildes Wetter, ja kurz vor dem Fest wurde es warm wie im Sommer, und Meinhardt, der immer an seine Landwirtschaft dachte, beängstigte das:

»Wenn nur nix zu früh erwacht!«

Aber die natürliche Sommerwärme schlug jäh um, Wolken zogen sich zusammen, von Süden das Etschtal herauf, ein scharfer Nordwind von den Oetztaler Fernen niederbrausend, trieb sie zurück, sprang um, und eines Morgens lag tiefer Schnee. Dann wechselte bis zum Fest die Witterung zwischen Sonnenschein und bedecktem Himmel. Es rieselte in der Wärme auf den Straßen, aber die Nachtkälte band das Sickerwasser wieder zusammen, daß sich auf der Fragsburger Straße Glatteis bildete.

Die Rochusburger luden die Göllaner zum Weihnachtsfest ein, doch Tante Angiolina lehnte ab, sie könne bei den verschiedenen Gottesdiensten in Lana nicht fehlen. Ossana mochte aber am Heiligen Abend die Mutter nicht verlassen, obwohl sie sie wahrscheinlich nicht einmal zu Gesicht bekommen würde. Man beschenkte sich gegenseitig in Göllan den Tag vorher. Dann kehrten Margret und Meinhardt zur Rochusburg zurück: nun, ihr Fest sollte desto schöner werden!

Margret baute für ihren Mann die Gaben auf: ein Geschenk der Gräfin Aich, hervorragend nicht an Wert, wohl aber durch die Absicht, mit der es ausgesucht, und eine Stickerei des Henrietterls, ohne Zweifel fast fertig gekauft, jedenfalls nicht zu verwenden. Der Poldi hatte einen Aschenbecher gestiftet, gefertigt aus dem Huf eines seiner Pferde, das bei der Jagd im Herbst das Bein gebrochen und hatte erschossen werden müssen. – Die Rochusburger hatten den Bruder eingeladen, doch er antwortete, er wolle lieber zu Ostern wieder einen kleinen Ausflug mit seinen beiden Hindernispferden nach Meran unternehmen, um sich ein paar hübsche Silberpreise zuverdienen.

Als Margret ihres Mannes Tisch fertig hatte, nahm sie ein Tuch und deckte ihn zu. Dann mußte sie hinausgehen, denn nun bereitete er ihr den Geschenktisch.

Auch dieser wurde verhüllt, und die beiden schmückten miteinander den Baum. Im gleichen Zimmer wurden auch auf langer Tafel die Gaben für die Dienerschaft aufgebaut. Dann zündete Meinhardt die Lichter an und enthüllte die Geschenke für seine Frau.

Margret öffnete die Tür und schwang die Klingel. Sie klang gellend durch die gewölbten Räume des alten Schlosses, aber immer noch kam niemand. Er rief:

»'s geht los! 's geht los!«

Doch die Leute zögerten bescheiden, keiner wollte sich vordrängen. Nach einem gelinden Streit um den Vortritt, wie die Königinnen im Nibelungenliede, nämlich der Köchin und der Frau des Dieners, die am längsten im Hause waren, erschienen sie endlich: Gärtner, Kutscher, Stallbursche, Gartenarbeiter, Stuben-, Haus- und Küchenmädchen. Leise zueinander sich beugend, zeigten sie sich die Lichterpracht, die silbernen und goldenen Ketten und Schnüre, das metallische Moos, »Christkindleinshaar« genannt, das auf den Zweigen lag. Dann beugten sie sich nieder zu der großen Krippe, im Grödener Tal geschnitzt, die Anbetung der Hirten darstellend. Davor falteten sie die Hände und neigten die Stirn.

Margret führte die Leute an ihre Plätze. Für jeden lag Geld da und diese und jene Nützlichkeit: Wäsche, Kleidungsstücke, Notizkalender, eine Uhr, ein Bild, das Zimmer zu schmücken. Dazu auf einem Teller Obst, Nüsse, Datteln und Feigen.

Immer noch waren Meinhardts Geschenke mit dem Tuche bedeckt. Erst als die Gatten den Leuten erklärt, warum man dieses ausgesucht und jenes, kam Margret dazu, auch an ihren Tisch zu gehen. Dabei sah sie das Tuch, huschte schnell hin, zog es fort, und – klirr – fiel etwas zu Boden: eine venezianische Vase mit Blumen darin, Margret hatte das farbige Glas eigens für Meinhardt kommen lassen.

Die Köchin war zugesprungen und lupfte mit der neuen sauberen Schürze das perlende Wasser fort. Die Frau des Dieners aber stand da und sperrte den Mund auf.

Meinhardt sah sie an: »Nun, was ist?«

»Heut' g'schieht a Unglück.«

Meinhardt brach dem die Spitze ab:

»'s ist ja schon geschehen! Das Glas ist zerbrochen.«

Die anderen Leute lachten darüber. Aber die Frau sagte:

»Dös ischt erscht eins, passieren tuan drei.«

Man lachte zwar wieder über sie, doch für einen Augenblick war die Stimmung gestört: der Diener nahm seine Frau bei der Hand, zog sie fort und schalt sie aus.

Nun packten die Dienstboten ihre Sachen zusammen, denn unten war ihnen ein zweiter Baum angezündet, wo sie zwangloser für sich ihr Fest feiern sollten.

Margret und Meinhardt blieben allein. Arm in Arm standen sie vor ihren Tischen, küßten sich im Dank und bewunderten, was einer für den andern ausgesucht. In einem Lehnstuhl dicht vor dem brennenden Lichterbaum nahm Margret Platz. Er wollte sich einen Sessel holen, doch sie bat:

»Komm zu mir.«

Sie wechselten die Plätze, er sank in die Kissen und sie setzte sich auf sein Knie, den Kopf an seine Brust gelehnt. Wie Margret sich zurückbog, hielt er ihren Arm, früher so leicht umgriffen.

Er scherzte: »Dick bist du geworden!«

Margret lächelte: »Ja, die Mama!«

Plötzlich sprang er auf: »Es brennt!«

Mit dem Taschentuch hatte er schnell die niedergebrannte Kerze gelöscht. Es roch nach Harz und versengten Nadeln. Als ob der Duft wie Weihrauch ihre Gedanken lenke, meinte sie:

»Wir sollten eigentlich zur Mitternachtsmess'!«

Er antwortete nicht gleich, sie wußte weshalb, und ehe er einverstanden sich erklärt oder es abgeschlagen, sagte sie:

»Nein, ich will nit, du hast recht, ich weiß warum, der Kutscher soll auch seinen Feiertag haben.«

Der Diener trat ein.

»Was ist?«

»Ein Telegramm, Herr Graf.«

Meinhardts Mienen wurden finster, und er ging zu seiner Frau, daß sie mitlesen sollte. Die Depesche war aus Poldis neuem Standort, Kornenburg bei Wien:

»Rittmeister verwundet. Sofort kommen.«

Margret fuhr zusammen: »Poldi?«

»Ach, was wird's sein, es wird nix sein, ja, sag' einmal –«

Er blieb sinnend stehen:

»Margret, mir tut's leid, aber ich muß wohl gleich fahren auf die Depesche hin…«

Sie warf nur einen Blick auf den Weihnachtsbaum. Er fuhr fort: »Unser schönes Fest! Aber Margret, ich bin ja gleich wieder zurück, das heißt – wart' einmal, wenn ich den letzten Zug noch erreiche.«

Er sah nach der Uhr:

»Ja, ich komm' noch hin, ich komm' noch gut hin, dann kann ich morgen abend in Wien sein beim Poldi. Aber jedenfalls –«

Nun bat Margret selbst:

»Du mußt fort.«

Er klingelte und gab dem Diener Weisung, was in der Eile gepackt werden sollte. Dazwischen blickte er wieder nach der Uhr:

»Und sofort den Wagen.«

»Die Haflinger?«

»Nein, die Jucker. Gleich anspannen!«

Dem Hinausgehenden rief er nach:

»Tut mir leid, am Heiligen Abend…«

Es war nicht viel Zeit zu verlieren. Nur ein Handkoffer wurde gepackt und eine Reisetasche. Margret brachte noch ein paar Sachen, die er mitnehmen sollte, aber da Meinhardt in der Eile die notwendigen Anordnungen traf über Wäsche und noch einen Anzug, bekam sie keine rechte Antwort. Da lief sie in ihr Schlafzimmer hinüber und holte von dort ein Päckchen Schokolade. Die sollte er finden als Gruß von ihr. Heimlich steckte sie es ihm in die Reisetasche. Bald stand er fertig da. Er trat noch einmal an seinen Tisch. Als er das zerbrochene Glas sah, sagte er lächelnd:

»Die Alte hat doch recht gehabt. Nummer zwei.«

Aber er fand sofort einen Trost:

»Nummer drei wird sein, daß ich etwas vergess', oder den Zug nit mehr erreich', oder auf der Reis' was verlier!« Meinhardt wollte allein zum Bahnhof fahren, es sei kalt und Margret müsse ja sonst in tiefer Nacht zurückkehren. Aber sie wollte ihn durchaus begleiten.

Als der Zug in der Dunkelheit verschwunden war, ging sie langsam über den Bahnsteig und zum Ausgang. Ihr war bitter ums Herz, war es doch der erste Abschied, den sie von ihm genommen. Noch nie hatte sie so empfunden, was dieser Mann ihr geworden war, ohne den ein Leben sich nicht mehr ausdenken ließ. Im Wagen stützte sie sich auf das leere Kissen ihr zur Seite und mußte mit den Tränen kämpfen. Aber sie fand sich zurück. Sie rechnete aus, wann er wohl frühestens wiederkehren könnte. Dabei dachte sie an Poldi, und ihr kam doch die Angst, es mühte etwas Ernstes sein, sonst hätte man Meinhardt nicht gerufen.

In dem Augenblick, als sie über den Sandplatz fuhr, schlug es zwölf. Da fiel ihr die Mitternachtsmesse ein. Und sofort stand es bei ihr fest: sie war nun einmal unten in Meran, so wollte sie auch in die Kirche gehen. Sie sagte dem Kutscher, in dreiviertel Stunden würde sie wieder da sein. Er brauchte nicht hier halten zu bleiben, wenn es etwa zöge für die Pferde.

Dann ging sie die leise steigende gepflasterte Postgasse hinauf, mit ihren Laubengängen zur rechten Seite und manch altem erkergeschmückten Haus. Eine Menge Menschen teilten den Weg mit ihr. Fröhliche Gesichter sah man und hörte lustige Stimmen. Nur sie war traurig. Neben ihr schritten alte Weiblein mit Schals, Umschlagetüchern und vorweltlichen Hüten, das Gebetbuch in den gestrickten Handschuhen: die alten Weiblein, die jetzt herrschten bei Tante Angiolina in Göllan. Auf dem Pfarrplatz stieg sie die Stufen zur gotischen Pfarrkirche hinauf. An dem großen Kruzifix neben der Tür brannten Laternen, und man sah im Schein der gegenüberliegenden Straßenlichter auf dem Freskenbilde die Riesengestalt des heiligen Christophorus mit dem Christusknäblein auf der Schulter.

Der dunkle Raum des Kirchenschiffes umfing sie. Das Chor war hell erleuchtet, am Altar zitterte das Licht der langen, dünnen Kerzen. Der Duft von Weihrauch schlug ihr entgegen und der Atem, der dumpfe Dunst einer enggekeilten Menge. In den Bänken knieten Frauen und Männer, in den Gängen standen sie, alle das Gesicht zum Hochaltar gewendet, wo eben die heilige Handlung begann. Dann kam ein Priester durch die Andächtigen, bestieg die Kanzel und verlas das Weihnachtsevangelium. Drüben unter den still und steil brennenden Kerzen, von umnebelndem Weihrauchdampf umhüllt, während die Orgel im Responsorium antwortete, wurde das Meßopfer dargebracht. Bei der Wandlung kniete Margret nieder. Einen Augenblick blieb sie noch gebeugt und faßte ihre Gedanken zusammen, die bisher nicht immer der heiligen Handlung gefolgt, da sie von ihr abglitten zu ihrem Mann. Sie wollte beten für ihren Schwager, doch die inbrünstigen Worte ihrer Lippen wandelten sich zur Rückkehr für Meinhardt.

Die Priester verließen den Altarplatz, die Menschheit wandte sich um, leise schurrend, murmelnd ging sie hinaus. Margret ließ sich von der Menge treiben. Sie sah von weitem die Gesichter von ein paar Bekannten: ganz leise verständigten sie sich durch einen Blick. Draußen schlug ihr die kalte Nachtluft entgegen. Die Laternen brannten, vom dunklen Himmel fiel kein Licht. Keiner der Bekannten war mehr zu erblicken, und ihr war doch, als müsse sie mit jemand sprechen, um den Heiligen Abend nicht ganz allein zu sein.

Am Sandplatz blickte sie sich um. Kein Wagen war zu sehen. Die Menschen strömten an ihr vorüber, teilten sich, die einen die Habsburgerstraße hinab, die anderen über die Reichsbrücke hin. Bald lag der Platz verödet. Margret ging ein Stück die Straße hinunter, wieder hinauf und blickte um alle Ecken: kein Wagen! Schon dachte sie daran, am Hotel Erzherzog Johann zu klingeln und den Pförtner um Hilfe zu bitten, als sie Hufe hallen hörte und das Rollen von Rädern. Sie erkannte die Pferde und den Kutscher. So wütend war sie über ihn, der sie eine Viertelstunde hatte warten lassen, daß sie ihn anherrschte wie nie zuvor:

»Wo bleiben's denn nur?«

»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin, ich hab' mich ein wenig verspätet!«

Sie stieg ein und wickelte sich in die Decke. Der Kutscher blickte sich um, als wolle er ihr helfen, dabei schwankte er und griff auf den leeren Bock neben sich. Dann ging es davon in rasender Fahrt. Das Sattelpferd galoppierte, doch sie wollte dem Mann nichts sagen, der es ja besser verstand als sie. Allmählich liefen die Pferde ruhiger, schließlich die Steigung hinan Schritt. Aber immer wieder tänzelten sie, sobald es etwas ebener ging.

Sie kamen über die Kaif, Rametz lag in gleicher Höhe und hoch oben Schloß Labers. Den alten, bekannten Weg ging es hinauf, an dem Margret meinte, jeden Stein zu kennen. In der Schlucht, wo das Kirchlein St. Valentin in der Tiefe lag, und die Straße noch immer anstieg, ließ der Kutscher, was Meinhardt nicht gelitten hätte, die Pferde traben. Margret dachte an ihren Mann und rief:

»Schritt! Schritt!« Der Kutscher wandte sich um:

»Frau Gräfin, wann's nit Schritt gehn!«

Mit einemmal hieb er eins, zwei, rechts, links auf die Gäule drein, und sie machten ein paar Sätze. Erschrocken hielt Margret sich fest. Sie wagte nichts zu sagen, denn der Kutscher schimpfte und brummte. Als sie die Höhe gewonnen hatten, wo auch sonst Trab gefahren wurde, stachen die Pferde nur so. Bald galoppierten sie. Der Kutscher lehnte sich hintenüber, man sah, wie er anzog und wieder losließ. Der Wagen ging einmal über einen Stein, daß er sich schief hob und niederbumste. In der Ferne blinkten schon die Rochusburger Lichter, da kam die Stelle, wo der Weg abbog zum Park. Eine Brücke führte über eine Rinne, das Wasser, das bei Gewitter von der Höhe kam, abzuleiten. Sie war breit und, da sie kaum höher als ein Meter über der Rinne lief, nur mit weißgestrichenen Prellsteinen versehen. Aber der Kutscher bekam die Wendung nicht heraus: ein Stoß, der Wagen hob sich, bockte, bäumte sich förmlich. Margret wußte nichts, als daß sie sich hielt. Dann war es ihr, als sähe sie unten das gepflasterte Bachbett näher, ganz nahe, und alles war erloschen. –

Vierundzwanzigstes Kapitel

Margret lag mit geschlossenen Augen im Bett. Irgendein leiser, fremder Geruch zog durch das Zimmer. Die Tür zum Nebenraum, wo Baronin Durazzi und Ossana warteten, war nur angelehnt. Dr. Kürschner, der eben ein Konsilium mit einem Kollegen, dem Chirurgen, gehabt, trat ein. Tante Angiolina saß wie gelähmt im Stuhl und bewegte den Kopf hin und her bei gefalteten Händen. Als der Arzt eben beginnen wollte, zu sprechen, bat Ossana: »Einen Augenblick!« und ging zur Tür. Sie sah durch den Spalt die weiße Haube einer Schwester am Bett, so schloß sie beruhigt den Flügel.

Dr. Kürschner wandte sich zu Tante Angiolina:

»Frau Baronin, wollen wir lieber in ein anderes Zimmer gehen?«

Doch sie jammerte:

»Ich kann mich nit bewegen. Das ist ja, als hätt' man einen Schlag bekommen.«

Der Doktor begann zu erklären: er befinde sich mit seinen Kollegen in voller Übereinstimmung – der Zustand sei durchaus ernst aufzufassen, doch bestände keine Notwendigkeit, den Mut sinken zu lassen. Tante Angiolina nahm die Finger auseinander und hob sie flehend gegen den Arzt, während ihre Augen sich langsam mit Wasser füllten:

»Jetzt sagen's mir bloß einmal, was fehlt ihr denn?«

Der Arzt machte ein paar Redensarten, wie sie Tante Angiolina gegenüber allein angebracht waren, doch nach wenigen Sätzen, in denen er die schwere Kopfverletzung erklärt, unterbrach sie ihn durch ihre Klagen, so daß er es aufgab, sich weiter mit dem Krankenbefund zu beschäftigen.

Ossana blieb stumm stehen, die Hände auf der Lehne des Stuhles, in dem die Mutter saß. Diese verlangte nun zum soundsovielten Male die Erklärung, wie der Unglücksfall sich zugetragen haben könne. Der Doktor sagte: »Frau Baronin, der Kutscher scheint in der Dunkelheit den Prellstein nicht gesehen zu haben und ist wohl zu nah an den Rand der Brücke gefahren.«

Ossana unterbrach ihn kurz und scharf:

»Besoffen is er gewesen!«

Der Arzt hob die Hand:

»Das mag sein. Es ändert an der Sache nichts. Das muß der Herr Graf untersuchen. Jedenfalls ist die Gräfin hinausgeschleudert worden und mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen. Der Sturz war nicht eben hoch, doch zum Unglück ist gerad' die Stelle in der Rinne dort gepflastert, und wahrscheinlich ist die Frau Gräfin auf einen besonders spitzen Stein gefallen. So wurde die schwere Fraktur verursacht, obwohl das dichte Haar der Frau Gräfin immerhin den Anprall gemildert haben muß.«

Tante Angiolina fragte wieder, was ihr doch schon mehrmals gesagt worden war:

»Ist also keine Wunde?«

Dr. Kürschner warf einen Blick auf Ossana:

»Nein, aber verschiedene schwere und schmerzende Quetschungen, und vielleicht –«

Ossana sah ihn groß an, als wollte sie sagen: es ist genug, mehr hilft bei der Mama doch nichts.

Da seufzte Tante Angiolina erleichtert:

»Na, Gott sei Dank, ich dacht', sie hätt' viel Blut verloren!« Und sie schien sichtlich erleichtert.

Der Arzt versprach, nach dem Essen wiederzukommen und verabschiedete sich von Tante Angiolina mit der Antwort auf ihre Frage, ob Gefahr drohe:

»Augenblicklich wohl nicht.« Die Baronin nickte. Ossana begleitete Doktor Kürschner ein Stück. Auf dem Gang verlangte sie, wie bei dem Tod ihres Vaters, die Wahrheit zu hören:

»'s ist wohl Schädelbruch?«

»Ja, wahrscheinlich!«

»Warum nur wahrscheinlich?«

»Ziemlich gewiß! Man kann eben nicht untersuchen, wegen der starken Schwellung.«

»Das ist schlimmer als eine offene Munde?«

»Natürlich.«

»Sagen's nur die Wahrheit, Herr Doktor. Es ist wohl bedenklich?«

»Ich würde zum mindesten dem Herrn Grafen sofort telegraphieren.«

»Das ist auch g'schehen. Leider kann er vor übermorgen nit z'rück sein, und wenn er auch sofort am Krankenlager seines Bruders kehrtmachen tät'.«

»Ach, der Herr Rittmeister ist krank?«

»Ja!«

Da sagte der Arzt, die Hände auf dem Rücken gefaltet:

»Die erste Pflicht ist freilich bei der Frau.«

Damit wollte er weitergehen. Doch sie stellte sich ihm wieder in den Weg:

»Herr Doktor, ist Gefahr?«

»Ja, wenn wir hineinschauen könnten: Die schwere Gehirnerschütterung ist durch das viele Erbrechen gewiß. Eine Blutung wäre … aber seien Sie ganz beruhigt, so viele Fälle heilen ja vollkommen aus. Und wie gesagt, über die Schwere der Fraktur läßt sich noch gar kein bestimmtes Urteil fällen, um so weniger als das Sensorium getrübt ist, und man auf Vermutungen sich beschränken muß.« – Unausgesetzt wurde das Kursbuch zu Rate gezogen, wann wohl Meinhardt eintreffen könnte. Er befand sich noch nicht einmal in Wien. Tante Angiolina jammerte:

»Warum muß das auch grad' zusammentreffen?«

»Ja, Mama, das Leben sucht sich nit immer den Moment aus, der uns am besten paßt!«

Die Schwester erschien, die Hände übereinandergeschoben, die Augen niedergeschlagen, mit ihrem wächsernen, ernsten Gesicht:

»Die Frau Gräfin ist erwacht.«

Ossana sprang auf und lief mit aller Lebhaftigkeit ihres Wesens an die Tür. Ehe sie eintrat, sammelte sie sich und ging behutsam an das Lager. Margret ruhte, die Augen geschlossen. Lange blieb Ossana stehen, ohne daß die Kranke sich regte. Als Margret dann wieder die Augen aufschlug, trafen ihre Blicke Ossana. Kein Erkennen leuchtete aus ihnen. Bald lag sie wieder mit geschlossenen Lidern da. –

Der Arzt kam zum drittenmal. Aber gerade während seiner Anwesenheit rührte sich die Kranke nicht, und da sie genau untersucht worden, fand er es unnütz, sie zu stören.

Ossana fragte, ob er die Nacht dableiben könne. Er trat an das Lager, fühlte den Puls, maß die Körperwärme, gab Anordnungen, schien jedoch sein Bleiben nicht für notwendig zu erachten. Mit ein paar beruhigenden Worten nahm er Abschied und versprach, am anderen Morgen zeitig wiederzukommen. Wenn ihm etwa in der Nacht der Wagen geschickt würde, könnte er knapp in einer Stunde dasein.

Als Ossana allein im Zimmer war, die Schwester abzulösen, schlug Margret abermals die Augen auf und begann zu sprechen. Es sei doch zu dumm, diese Geschichte mit dem Wagen. Sie wußte alles genau. Nur von dem Augenblick ab, wo das Gefährt umgekippt, fehlte ihr jede Erinnerung. Dazwischen fragte sie nach Meinhardt. Ossana sagte, ihm sei telegraphiert worden. Das schien Margret nicht recht zu sein: ihr ginge es sehr gut, er solle sich nicht abhetzen!

Ossana fragte:

»Wie fühlst du dich denn?«

»Wie zerschlagen. I hab' grausliche Kopfschmerzen, aber das geht schon vorüber. Heut früh war mir noch schlechter!«

»Weißt du das noch?«

»Du bist ja hier gestanden! Und Meinhardt war doch da!«

»Meinhardt?«

»Ja, Meinhardt is doch hier g'sessen! Er wird müd' sein, er schlaft wohl!«

Ihre Gedanken begannen wieder abzuirren. Bald meinte Margret, ihr Mann sitze in seinem Zimmer, bald wieder wußte sie, daß er verreist sei, und bat, ihn ja nicht zurückzurufen. Auch von Poldi erzählte sie. Ob sie denn noch keine Antwort hätten, was ihm geschehen sei.

Nun kam auch Tante Angiolina ans Bett, fiel über ihre Tochter her und begann zu weinen, so daß Ossana sie von hinten am Arm zog.

»Er kommt ja wieder, er kommt!« beruhigte Margret die Mama. Die dicke Frau setzte sich auf das Lager, aber als die Kissen unter ihrer Last einsanken, verzog Margret das Gesicht. Tante Angiolina merkte nichts davon: »Ich hab' so inbrünstig um dich zur heiligen Mutter Gottes gebetet, daß es geholfen hat! Sie laßt uns nimmer im Stich! Nimmer, nimmer!«

Ihre großen Feueraugen waren ganz verklärt. Ossana sagte, die Kranke solle Ruhe haben, aber Margret bat selbst die Mutter dazubleiben. Nun schob Ossana einen Stuhl hin, immer überlegend, wie sie die Mama fortbringen könnte, denn sie redete ununterbrochen, und der Arzt hatte doch Ruhe verordnet. Inzwischen erhob Tante Angiolina lauter ihre Stimme und suchte, selber etwas wirr, Margret Meinhardts Abwesenheit klarzumachen. Darüber erregte sich die Kranke derart, daß sie zitternd einen flehenden Blick zu Ossana warf. In diesem Augenblick kam die Schwester, schob sich zwischen Tante Angiolina und das Bett, sehr freundlich, und doch sehr entschieden. Sie streichelte die Kranke, und wie ihre rauhe, arbeitsgewohnte Krankenpflegerhand über die zarte Haut strich, war es, als käme schon Ruhe in die gepeinigten Nerven und den verwundeten Körper.

Ossana zog die Mama hinaus. Die machte ihr zwar draußen Vorwürfe, sie wolle ihre Pflicht tun, doch die Tochter sagte:

»Du schaust angegriffen aus, Mama, geh lieber schlafen, daß du morgen frisch bist.«

Die dicke Frau begann zu jammern:

»Du hast recht! Jesus Maria, bin ich müd', bin ich müd'! Weißt was, ich bin dafür morgen schon ganz in der Früh' bei der Margret.«

Und sie stieg zu dem Fremdenzimmer hinauf, das sie bewohnte. Ossana machte sich zur Nacht zurecht, steckte das Haar um, zog ihren Schlafrock an, den sie sich hatte herüberkommen lassen, streifte die Hausschuhe über die Füße und ging noch einmal zu Margret hinein. Sie lag regungslos. Die Schwester neben dem Bett drehte sich herum, ihre Augen gaben ein Zeichen, wie: »Still, still!«

Vorsichtig zog Ossana sich zurück und streckte sich auf Meinhardts Sofa aus. Das Licht ließ sie brennen, und bisweilen fuhr sie empor und lauschte. Ein paarmal stand sie auf, ging bis an den Türspalt und sah hinein, wo unbeweglich die Gestalt der Schwester saß mit der weißen Haube kaum zu erkennen in dem nur durch ein Nachtlicht erhellten Raum.

Am anderen Morgen schlief Margret lange in den Tag hinein. Als sie erwachte, stand der Arzt am Bett. Er wollte mehr Licht haben, um die Kranke besser sehen zu können, und man öffnete ein wenig die Läden. Doch Margret schloß mit schmerzlichem Ausdruck die Augen:

»'s blendet halt.«

Da ließ man sie wieder in der halben Dämmerung. Der Tag verging ruhiger. Ab und zu fragte Margret nach Meinhardt, und immer klarer schien sie sich über alles, was geschehen. Sie bat, der Kutscher möge nicht bestraft werden, er sei sonst ein braver Mensch gewesen. Ossana beruhigte sie.

Tante Angiolina saß trotz aller Gegenbemühungen ihrer ältesten Tochter längere Zeit bei Margret. Während nun die Mutter mit der Kranken ein paar Augenblicke allein blieb, weil die anderen zur Jause gegangen waren, ließ Margret sich versprechen, die Mama würde ihr sofort Nachricht geben, sobald man wüßte, was mit dem armen Poldi geschehen.

Beim Abendbesuch freute sich der Arzt über die offensichtliche Besserung, immerhin empfahl er Ruhe, Ruhe und dreimal Ruhe. Die Kranke müsse vor Aufregungen gehütet werden. Im ganzen schien er nicht unzufrieden.

Gegen Abend kam ein langes Telegramm von Meinhardt mit allen Wünschen für die Kranke. Wenn er da sei, würde sie schon gesund werden. Er danke Gott, daß das Unglück noch so glimpflich abgelaufen sei. Ossana zog dabei die Augenbrauen in die Höhe, etwa wie Margret es manchmal tat.

»Er sagt gar nicht, was dem Poldi fehlt!« meinte Tante Angiolina. Ossana machte eine abwehrende Bewegung:

»Das wird er uns schon erzählen!«

Tante Angiolina blieb noch bei Tisch sitzen. Sie aß langsam und gern, liebte auch ein Glas Roten dazu. Ossana hatte sich zu Margret begeben. Die schlummerte bereits, und nach ein paar Worten an die Schwester, sie solle, sobald nur irgend nötig, sie wecken lassen, ging sie davon. Nun Margret auf dem Wege der Besserung schien, hatte sie sich zureden lassen, zu Bett zu gehen.

Tante Angiolina saß allein im Eßzimmer. Sie dachte an all das wechselnde Menschenschicksal, das sie erlebt, darin sie überall die gnädige Hand der Vorsehung sah. Den Kopf über das weiße Tischtuch geneigt, die Hände gefaltet, überließ sie sich ihren beseligenden Gedanken, die so gern an den Grenzen des Jenseits weilten. Da fühlte sie, daß jemand neben ihr stand, blickte auf und nahm die Hände auseinander. Sie sah den Diener mit der Zeitung in der Hand:

»Vielleicht lesen Frau Baronin?«

Die erste Post nach den Weihnachtsfeiertagen wurde hingelegt. Tante Angiolina stützte den fleischigen Arm auf und sah die Zeitungen durch. Die ausländischen und die Wiener Blätter unterhielten sie nicht. Aber nach den Meranern griff sie sofort. Bedächtig las sie alles, was in Brixen und in Slams geschehen, im Passeier, in Bozen, im Pustertal, im Eppan oder im Vinschgau. Die Politik überschlug sie. Eine Christbaumfeier bei der Reservistenkolonne oder bei den frommen Schwestern im Spital verfolgte sie dagegen mit freudigem Herzen.

Schon war sie mit dem Blatt zu Ende gekommen, als ihr auf der letzten Seite etwas in die Augen stach: »Duell«. Aus Wien ließ sich das Blatt, schon vom vorgestrigen Tage, berichten, was aber wegen des Festes erst jetzt gedruckt stand:

»Heute früh fand in der Praterau ein Duell statt zwischen dem Ulanenrittmeister Grafen A. aus Korneuburg und Baron Heinrich Siebenlehn. (Früher in unserem Kurort.) Wie es heißt, ist der Rittmeister verwundet worden.«

Tante Angiolina ließ das Blatt sinken. Der Poldi und Siebenlehn? Vor ihren Augen erschien das Gesicht mit dem dünnen, blonden Vollbart und den lachenden Zähnen. Sie dachte sofort an Margret, der sie doch hatte versprechen müssen, Nachricht von Poldi zu geben. Sie schmatzte bedauernd und neigte den Kopf mit gerunzelter Stirn hin und her. Diese entsetzlichen Duelle! Diese Vergehen gegen göttliches und menschliches Gesetz! Und der Poldi, gerade der Poldi mußte es sein! Denn der Graf A. war doch der Poldi.

Aber bald gewann die Neugierde die Oberhand. Aha, jetzt wußte man's: also doch ein Duell. Sofort stand sie auf, ging zum Schlafzimmer hinüber. Vorsichtig wollte sie öffnen, aber die Tür kreischte, und je langsamer sie den Flügel zurückdrehte, desto lauter wurde der klagende Schrei der alten Angeln.

Eben hatte sich aber die andere Tür, die zum Gange, geschlossen: die Schwester war einen Augenblick hinausgehuscht.

Tante Angiolina stand im dämmerigen Raum. Margret sah sie aufschreckend an. Und Tante Angiolina, die es weder ertragen konnte, eine Neuigkeit nicht zu erfahren, noch eine zu verschweigen, stürzte an das Lager:

»Da lies!«

Ängstlich fragte Margret:

»Was ist denn?«

Geblendet und erschrocken schloß sie die Augen.

Tante Angiolina dachte: sie darf ja nicht lesen, so begann sie also vorzutragen: »Duell. Wien. Heute früh fand in der Praterau ein Duell statt zwischen dem Ulanenrittmeister Grafen A. aus Korneuburg und Baron Heinrich Siebenlehn. (Früher in unserem Kurort.) Wie es heißt, ist der Rittmeister verwundet worden.«

Sie mußte nah aufsehen bei der halben Dunkelheit und bemerkte so nicht, wie Margret sie anstarrte. Als die Baronin das Blatt sinken ließ, gewahrte sie nur Margrets bleiche Züge und geschlossene Augen. War es zu viel gewesen? Dann dachte sie: sie ist wieder eingeschlafen, du hättest sie nicht stören sollen. Dennoch sagte sie leise:

»Es geht dem Poldi nit schlecht, der Meinhardt kommt ja zurück.«

Fest schloß sich Margrets Mund, sie kniff die Augen zusammen und wandte den Kopf nach der anderen Seite. Tante Angiolina schlich auf den Zehen hinaus, mit breitem Wiegen ihres schweren Leibes.

Margret war völlig zum Leben erwacht. Sie streckte ihren Körper, wie es auch schmerzte, denn von dem Sturz taten ihr noch alle Glieder weh. Sie dachte: was bedeutet das? Der Poldi hat sich mit dem Schuft geschossen, weshalb? Ihretwegen. Der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Es konnte nichts anderes sein. Das Blut stieg ihr zu Kopf, und er schmerzte. Da stöhnte sie, gerade, als die Tür aufging. Sie sah die weiße Haube und dachte: Wenn die Schwester merkt, daß ich wach bin, wird sie mich fragen, und ich kann nicht antworten, kann nicht, kann nicht! Und wieder dachte sie: Der Poldi weiß es jetzt, und Meinhardt weiß es auch. Ich muß mich rechtfertigen!

Sie suchte den Atem anzuhalten, denn die Schwester blieb einen Augenblick am Bett stehen, um zu lauschen. Endlich trat sie zurück. Mit klopfendem Herzen sah Margret, wie sie, kaum hörbar, es sich bequemer machte zur Nacht. Sie zog die Schuhe aus und stellte sie leise hin. Nun nahm sie die große Flügelhaube ab und bedeckte ihren Kopf mit einem Tuch für die Nacht. Dann trat das hagere, liebe, leise Wesen noch einmal an die Ruhende heran und blieb eine ganze Zeit stehen. Wieder nahm Margret alle Kraft zusammen, sich nicht zu rühren. Die Schwester verschwand. Margret hörte, wie sie Platz nahm im Lehnstuhl hinter dem hohen, geschnitzten Kopfende des Bettes, und die Kranke spannte nun alle Sinne an, daß ihr der wunde Kopf schmerzte, um zu lauschen. Sie vernahm, wie die Schwester sich bewegte, Falten glatt strich. Einmal stand sie sogar wieder auf und kam an das Lager. Dann aber blieb drüben alles ruhig. Und in Margrets Kopf hämmerte unausgesetzt der Gedanke: Wenn er wiederkommt, was werde ich ihm sagen? Denn er wußte es, mußte es wissen! Der Schweiß trat ihr auf die Stirn, und sie griff unter das Kopfkissen, wo sie ihr Taschentuch zu verwahren pflegte. Sie tupfte sich das Gesicht und wandte sich dabei mühsam zur Seite. Mit einemmal dachte sie: Warum kommt die Schwester nicht? Sie muß doch das Knistern des frischen Tuches gehört haben!

Sie schlief! Minuten auf Minuten verstrichen, und immer noch mit klopfenden Adern; den schmerzenden Kopf mit der Linken pressend, versuchte Margret zu horchen. Alles blieb ruhig. Sie meinte sogar deutlich die tiefen Atemzüge der ermatteten Schwester zu hören, die sich nicht einmal am Tage Ruhe gegönnt.

Margret richtete sich auf. Der Rücken tat ihr weh. Sie hätte weinen mögen. In ihrem Kopf stach es, daß sie meinte, sie könnte ihn nicht heben. Und doch bog sie sich empor, stützte sich auf die Ellbogen und kniete in den Kissen. Dann spähte sie durch die Schnitzerei des Bettes. Ihre Augen mußten sich erst an das veränderte Licht gewöhnen. Sie sah nur das halbe Gesicht, konnte aber nicht erkennen, ob die Lider geschlossen waren. Sie sagte sich: Hätte die Schwester herübergeblickt, so müßte sie mich sehen!

Langsam ließ sie sich zurücksinken. Noch immer auf den Knien. Sie fühlte sich so matt. Dunkle Ahnungen zitterten durch ihre Seele: Du siehst ihn nicht mehr! Und Bitterkeit schnürte ihr den Hals zusammen: sie mußte sterben, und er war nicht da.

Und wäre er dagewesen? Wenn er hier eintrat, was hätte er gesagt? Mußte der Schuft sie nicht verraten haben? Bohrend blieb ihr der Gedanke im Hirn und ließ sie nicht los. Da war es ihr, als läge sie still im Bett, die Hände über der Decke gefallet. Ein Kreuz hatte man ihr zwischen die Finger gesteckt und die Laken waren glatt gestrichen. Ein paar verlorene Blumen lagen darauf. Und sie war gelb. Und ein klein wenig hing die untere Kinnlade herab.

So hatte der Papa dagelegen, der erste Tote, den sie in ihrem Leben erblickt. Nun trat Meinhardt ein. Sie sah ihn vor sich, mit seinen ruhigen, lieben Augen. Er wendete den Blick von ihr, er mochte ihr nicht in das tote Angesicht schauen. Sie sah, wie er dastand, den Handrücken an die Augen gepreßt, sie sah, daß er weinte.

Trat er nicht an ihr letztes Lager? Kniete er nicht hin? Nahm er nicht ihre Hand? Doch, jetzt ging er einen Schritt auf sie zu, als wollte er seinem toten Weibe den letzten Kuß auf Stirn und Lippen drücken. Er tat es nicht. Er blieb stehen. Voll Abscheu. Er zitterte. Er schauderte. Er wendete sich ab. Er ging.

Der Gedanke zerschnitt ihre Seele. Sie mußte an sich halten, nicht laut aufzuschreien. Sie ließ die Hände los und fiel mit der Stirn nieder in die Kissen. Kniend begann sie zu schluchzen. Als sie aufschreckte, sah sie noch immer die verschwindende, sich von der Betrügerin abwendende Gestalt ihres Mannes. Immer kam das Bild wieder. Er ging hinaus, stand von neuem da, ging hinaus, stand abermals da und verschwand, um jedesmal zurückzukehren.

Sie lauschte. Jetzt hörte sie das tiefe, regelmäßige Atmen der Schwester. Da fühlte sie, daß – sie sterben mußte. Sie sah Meinhardt nicht wieder, konnte ihn nicht wiedersehen, durfte ihn nicht wiedersehen. Was sie zuerst bewegt, ihm ein Nein zu sagen, was dann jahrelang durch seine Liebe übertäubt worden, wachte jäh auf. Sie wollte aufstehen, das Fenster öffnen, sich hinunterstürzen. Aber sie blieb regungslos. Und allmählich hielt sie es nicht mehr aus in ihrer Stellung und sank langsam zur Seite. Da fielen ihre Augen auf etwas Weißes auf dem Nachttisch. In der unteren Abteilung, in gleicher Höhe wie die Kissen des Bettes lag ihr Block, in dessen Schlinge seitwärts der Bleistift steckte. Darauf rechnete sie mit der Köchin ab, darauf hatte sie die Summen zusammengezählt, die drüben die Kinderbewahranstalt erforderte. Sie wußte nicht, ob etwas darauf stand, griff danach, und immer klarer wurde ihr der Gedanke: Du schreibst es auf, damit er es findet, wenn du gestorben bist. Sie durfte nicht von ihm gehen mit dem Makel, der auf ihr lag. Er sollte sie begreifen, vielleicht würde er ihr verzeihen.

Langsam ließ sie sich auf den Rücken zurücksinken und hielt sich den Kopf, denn sie konnte den stechenden, schneidenden Schmerz kaum ertragen. Sie zog den Bleistift heraus, zwang sich mit aller Gewalt und begann zu schreiben. Im Halbdunkel sah sie kaum, was sie auf das Papier warf. Die Linien wurden schief, sie schrieb durcheinander, machte nicht Punkt noch Beistrich, aber ein Blatt füllte sich nach dem anderen. Sie riß sie ab, drehte sie herum und beschrieb auch die andere Seite. Manchmal konnte sie nicht mehr, ihr Kopf tat zu weh. Aber mit dem letzten Zusammenraffen der Nerven eilte der Bleistift über das Papier. Ein paarmal hielt sie inne. Es wurde ihr dunkel vor den Augen. Sie sah nicht, was sie schrieb. Sie wußte nicht mehr, wo sie war, nur noch in dem einen Gedanken: vor ihrem Mann entsühnt, gereinigt dazustehen. Als sie nicht weiter konnte, machte sie einen langen Strich. Dann versuchte sie einen Satz zum Abschied, aber ihr Hirn versagte: sie kritzelte nur noch mit zitternder Hand.

Dann wandte sie sich mit letzter Anstrengung herum, legte den Block wieder an seine Stelle, griff die Papiere zusammen und faltete sie, wie es eben kam. Sie wollte das Fach aufziehen, doch dazu hatte sie nicht mehr die Kraft. So schob sie den Stoß unter das Kopfkissen. Sie war naß, triefend von Schweiß. Sie wollte nach dem Taschentuch greifen, doch mit leisem Seufzer sank sie zurück.

Es hämmerte in ihrem Hirn: sie wollte Meinhardt noch flehender bitten, ihr doch zu verzeihen. Ihr war in Gedanken, als ob sie den Block wieder nähme, sich aufrichtete, hinkniete und schriebe – aber während das überreizte Hirn sich das vorgaukelte, blieb sie regungslos liegen. Und dann wußte sie nichts mehr. Ihr schien nur noch, als ob die Schwester neben ihr stünde. Sie meinte Ossana zu sehen. Gestalten schwirrten um sie, und sie sagte leise:

»Ruhe!«

Dann dämmerten Schatten über sie gebeugt. Wer war es? Die Tür ging: Meinhardt. Das gleiche Bild wie vorhin kam unausgesetzt wieder. Abermals öffnete sich die Tür, und er trat ein. Sie schloß sich wieder und öffnete sich. Er kam zurück. Und immer dieses Öffnen und Schließen und Auf-sie-zugehen, daß sie mit einem langen Seufzer sprach:

»Ruhe.«

Sie standen um das Bett: der Arzt, die Schwester, Ossana und am Fußende Tante Angiolina. Es roch nach Kampfer. Auf dem Tisch lag die geöffnete Ärztetasche. Leise ging eine Tür. Ossana eilte hin und gab einen Befehl. Dann blickte sie auf das Gesicht der Sterbenden, und als zum letztenmal, wie ein Hauch nur: »Ruhe« klang, beugte sie sich nieder, aber sie konnte das Wort nicht verstehen.

Margret rührte sich nicht mehr. Da sie lange unbeweglich blieb, ging über Tante Angiolinas bekümmertes Gesicht ein freudiger Zug. Der Arzt hatte den Puls losgelassen. Er behorchte das Herz.

Tante Angiolina sagte: »Sie schläft.«

Doktor Kürschner wandte sich herum und trat vom Bett zurück:

»Ja, auf ewig!«

Die Schwester sank nieder und faltete die Hände. Man sah im Hintergrunde eine Stola blinken. Der Diener und seine Frau erschienen, von Theres geleitet. Ossana drückte Margret die Augen zu, wie sie es beim armen Papa getan. Tante Angiolina blickte sie hilflos an. Dann begann die vollblütige Frau plötzlich zu wanken. Ossana führte ihre Mutter in das Nebenzimmer. Sie sagte nur:

»Und Meinhardt ist nicht da!«

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Margret war gegangen, ehe er heimgekehrt. Sie war gegangen, ganz allein. Wie sie alle in geängstigten Stunden gefühlt hatten, Margret wie Ossana und Meinhardt: daß sie einander nahe, sehr nahe kommen konnten und doch in die tiefsten Seelengründe nicht zu dringen vermöchten, so hatte sie die letzten Augenblicke allein durchkämpft. Aber nachdem sie ihr Herz erleichtert, ihm einen Abschiedsgruß gesandt, sich zu rechtfertigen versucht, verhüllte die gnädige Natur ihren Todeskampf mit dem Schleier halber Bewußtlosigkeit. »Sensorium getrübt«, wie der Arzt gesagt. Er versicherte den beiden Frauen drüben im Nebenzimmer, die Tote habe gewiß nicht gelitten, hatte sie doch ihre Angehörigen nicht mehr erkannt.

Tante Angiolina wechselte zwischen völligem Gebrochensein und Vorwürfen gegen den Doktor, da er doch gemeint, die Tochter befinde sich auf dem besten Wege.

Als nun der Arzt gegangen war, trat Tante Angiolina an das letzte Lager ihrer Tochter. Margrets Betschemel war in die Nähe des Bettes gerückt, auf den ließ sich die Baronin Durazzi schwer nieder. Und während die Schwester neben ihr kniete, faltete sie die Hände, lehnte beide Arme auf, und fing an zu beten und zu schluchzen. Dann stand sie auf: die Schwester führte sie hinaus.

Ossana war an der Fensterwand stehengeblieben. Sie ließ die Mutter ruhig vorbei. An Meinhardt dachte sie: jeden Augenblick mußte er kommen. Der Zug war schon in Meran eingelaufen. Sie hatte die Rauchwolken der Lokomotive vom Fenster aus gesehen, und bei der Fahrt herauf wurden die Pferde sicher nicht geschont.

Das Haar der Toten lag wirr in schwarzen Wellen auf dem Kissen. Die Schwester hatte davon gesprochen, Margret zurechtzumachen, doch Ossana wollte es nicht, sonst traf Meinhardt vielleicht mitten während der Vorbereitungen ein. Sie strich nur das Laken glatt und betrachtete lange die ruhigen Züge, die keine Schmerzensspur zeigten. Das Taschentuch hing unter dem Kissen herab. Ossana stopfte es hinein. Dabei sah sie ein Stück weißen Papiers herausragen und griff danach, es fortzunehmen. Es waren lose Blätter, schief zusammengebrochen.

Sie entdeckte eine Schrift darauf. Margrets Hand. Was sollte das bedeuten? Sie überflog die Zeilen, sie verstand sie nicht. Da las sie »Siebenlehn« und das Duell, von dem ihr die Mutter erzählt, da sie allen, sogar dem Arzt hatte durchaus das Telegramm vorlesen müssen, fiel ihr ein. Sie begriff immer noch nicht, was das alles bedeutete, doch auf die Papiere starrend, fand sie ein paar verzweifelte Worte der Anklage. Erschrocken faltete sie die Blätter zusammen. Als nun die Schwester kam und sich lautlos auf den Betschemel niederließ, stand Ossana auf und eilte über die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

In dem Fremdenzimmer, das Ossana jetzt bewohnte, blieb sie stehen. Sie verschloß hinter sich die Tür. Und beim ersten, kaum dämmernden Licht des Dezembermorgens setzte sie sich ans Fenster und faltete die Blätter auseinander. Einen Augenblick dachte sie: Ist's an Meinhardt? Aber schon hatte sie wiederum dieses und jenes Wort gelesen, daß sie den Atem anhielt. Ihr Auge flog nur so über die Zeilen: etwas wie ein Bekenntnis. Ossana verstand, mit diesem Siebenlehn hing es zusammen, und auch sie kam sofort auf den Gedanken, das Duell sei Margrets wegen gewesen.

Es klopfte. Jemand klinkte. Ossana lief, als sei sie bei etwas Bösem überrascht, zu ihrer kleinen Handtasche, warf ein paar gleichgültige Sachen heraus und stopfte statt dessen die Blätter hinein. Dann riß sie ein Fach auf und verbarg die Tasche unter Wäschestücken, die sie mitgebracht.

»Was ist?« Eine von Tränen erstickte Stimme sprach an der Tür: »Ich bin's, die Theres!«

Ossana schloß auf. Sie war noch so erregt, daß sie fast grob fragte:

»Was ist denn?«

»Der Herr Graf ist da!«

»Er weiß doch nichts? Der Kutscher hat ihm doch nichts g'sagt?«

»Mir hab'n ihn erst am Eck g'sehen. Er muß glei da sein!«

Ossana rannte die Treppe hinab und kam gerade noch zurecht, als der Wagen auf den Steinplatten hufedonnernd vorfuhr. Sie zog ihren Schwager in ein Zimmer zu ebener Erde neben dem Eingang:

»Ich möchte zuerst allein mit dir reden.«

»Wie geht's der Margret?«

Ossana wollte vorbereitend etwas sagen, aber sie brachte kein Wort heraus. Schon sagte er lebhaft:

»Ich hab' mir solche Vorwürfe gemacht, sie hätt' nit sollen mit hinunter! Und denk' dir, ich hätt' gar nit brauchen hinkommen! Der Bursch', der Esel! Dem Poldi geht's ganz gut, es hat nur so schlimm ausg'schaut! Aber was meinst, ich sag's wohl der Margret nit so, daß sie sich nit aufregt.«

Ossana sah ihn nicht an. Sie zwang sich zur Antwort:

»Besser geht's nit.«

Und sie dachte: warum schreist du ihn nicht an: sie ist ja tot.

Er aber redete weiter:

»Aber komm, i will zu der Margret!«

Ossana rief, da sie bei vor Erregung versagender Stimme nicht leise sprechen konnte, sehr laut: »Sie schläft!«

»Ah, dann darf ich sie nit stören! Die Liebe!«

Sofort war er ruhiger:

»Na, Gott sei Dank! Wenn ich nur nit fort wär'! Ich hätt' ja gar nicht hin brauchen. Der Poldi hat mich selbst gleich zurückgeschickt. Der verfluchte Siebenlehn! Die Mama hat doch g'schrieben, daß er immer mit der rumänischen Dame umananderrennt! Da hat der Poldi eine scharfe Bemerkung darüber gemacht, und irgend jemand erzählt's dem Lumpen wieder. Der fordert den Poldi. Und wie's immer bei so was ist, der Poldi, der ganz recht hat, kriegt noch was ab, und der andere läuft fidel herum. Aber den Kutscher werd' i kriegen; b'soffen ist er wahrscheinlich gewesen. Gott sei Dank, daß es so gut abgelaufen ist.«

Ossana konnte es nicht mehr mit anhören:

»Es geht aber nit gut.«

Er sah sie verstört an:

»Der Kutscher sagt doch, 's geht gut?«

Ossana schossen mit einem Male die Tränen, zwei Bächen gleich, aus den Augen. Er sah sie an, als dämmere ihm die Wahrheit:

»Steht's sehr – sehr schlimm?«

Ossana nickte.

»Ist's – ist's – ist's aussichtslos?«

Sie antwortete nicht. Er schrie sie an:

»Sag' mir die Wahrheit! Was ist g'schehen?«

Ossanas schwarzes Haar sank vornüber. Er blickte sie an mit langem, schlaffem Gesicht und fragte langsam:

»Ist sie tot?« Ossana, die bisher für die anderen den Kopf oben behalten, tastete nach einem Sitz und fiel auf einen Holzschemel. Sie hörte Schritte, die Tür wurde aufgerissen, sie sah Meinhardt davonstürmen. Da raffte sie sich auf und lief ihm nach.

Doch sie holte ihn nicht mehr ein. Mit ein paar Sätzen floh er durch den Flur. Theres stand im Wege, er stieß sie zur Seite.

Tante Angiolina war eben aus Meinhardts Zimmer getreten, die Augen gerötet, das zusammengeballte Taschentuch in der Hand. Er stürzte an ihr vorbei und riß die Tür von Margrets Zimmer auf. Im ersten Augenblick sah er nur die kniende Nonne, denn das Bett stand bei halb geschlossenen Vorhängen im Dämmerlicht. Die Schwester erhob sich und sagte, die Hände mit dem Rosenkranz gefaltet:

»Herr Graf, sie ist gewiß im Himmel!«

Ossana blieb an der Tür zurück. Sie fühlte: in diesem Augenblick war die Gegenwart eines Dritten unmöglich. So stieg sie langsam zu ihrem Zimmer hinauf. Jetzt erst wußte sie, wie sie im Grunde, trotz aller Eifersucht, die Schwester liebgehabt.

Da fielen ihr die Zettel ein mit der wirren Handschrift. Sie ahnte: was die Arme, den kranken Kopf zu letzter Anstrengung spornend, da zitternd aufs Papier geworfen, war vielleicht der Anstoß gewesen zu ihrem Ende. Und Ossana ward es klar: Margret hatte das geschrieben, in der Furcht, der Bruder sei ihretwegen zu dem Duell gehetzt worden. Sie wußte, Meinhardt erfuhr davon, und sie, die nicht mehr mit ihm sprechen konnte, wollte sich rechtfertigen.

Ossana lief zur Kommode, riß ihr Täschchen heraus, daß die Wäsche herumflog, eilte zur Tür und schloß ab. Ihr schienen diese Zettel jetzt gegenstandslos. Dann dachte sie wieder, sie gehörten Meinhardt, und ihr war, als unterschlüge sie etwas. Doch immer wieder dachte sie: Würde Margret es geschrieben haben, hätte sie die Wahrheit gewußt?

Sie wollte Sicherheit haben. Sie mußte lesen, vom ersten Wort bis zum letzten. So lief sie auch zur anderen Tür, die ins Nebenzimmer führte, wo ihre Mutter wohnte, lauschte – nichts regte sich – und schob vorsichtig den Riegel vor. Dann nahm sie die Papiere und setzte sich ans Fenster. Noch immer war der Tag nicht ganz angebrochen, die Sonne im Osten stand noch hinter dem Haflinger Bergrücken.

Ossana begann hastig zu lesen. Wo sie etwas nicht entziffern konnte, glitt sie darüber hinweg:

»Du, mein so Geliebter!

Ich weiß nicht, ob ich Dich wiederseh'. Ich glaub', Du kommst nie mehr. Aber verdamm' mich nicht. Hundertmal hab' ich angesetzt, es Dir zu sagen, aber den Mut nicht gefunden. Ich hab' Dir nein gesagt, als Du kamst und hab' Dich doch schon sehr liebgehabt. Du warst der Mann, der mich gehalten und gerettet hätte; denn ich war tief gefallen. Begreifst Du, warum ich mich abgewendet habe, wenn Du mich ›rein‹ nanntest? Ich hab' es Dir nicht gesagt! Ich war zu feig! Wenn ich Dich sah in Deinem Glück, hätt' ich es nicht übers Herz gebracht, mein und Dein Glück zu zerstören. Und Du sagtest doch immer, wir wollten die Vergangenheit vergangen sein lassen. Du hast mir ja auch nicht alles erzählt! Je länger Du mich mit Deiner Liebe beglückt hast, je mehr ich Dich kennengelernt hab', desto unmöglicher ist es mir geworden, Dir das zu sagen, was ich jetzt sagen muß. Ich hab' gebeichtet, hab' die Absolution bekommen. Das hat mich getröstet, deshalb hab' ich gemeint, ich brauch' es Dir nicht zu sagen. Oh, könnte ich Dir alles selbst sagen, Du würdest mir verzeihen, Du gewiß. Aber ich seh' Dich ja nicht mehr, das fühl' ich bestimmt. Es ist so schwer! Wie soll ich Dir's sagen, da ich doch kaum begreifen kann, wie's möglich gewesen ist. Ich war damals so dumm! Ich hab' nie an einen Mann gedacht. Und dann kam dieser Mann nach Göllan, tat zu mir reden, so schön, aber so schön! Bitte, lieber Meinhardt, erlaß mir das. Aber wie sollst Du mir sonst verzeihen, wenn Du nicht weißt, wie es war? Er kam oft nach Göllan. Dabei, ich weiß nicht, wie es geschah, leise schlich sich in mein Herz eine Sehnsucht. Ich hab' mich nicht gesträubt, als er mich geküßt hat, denn ich hatt' ihn doch gern! Ich hab gemeint, nun sind wir versprochen. Als er mich besaß, hab' ich nichts verstanden. Ich wußt' nur, niemand weiß es, und er wird ja doch mein Mann! Aber dann hab' ich einmal ein Gespräch aufgeschnappt, wie einer gesagt hat, er könne ja nicht wieder heiraten als geschiedener Mann. Nun erst hab' ich begriffen. Wie hab' ich abends im Bett geweint, ganz still unter der Decke, daß Ossana nicht aufwachen sollte. Da suchte ich eine Gelegenheit und wollt' ihn zwingen. Er sagte, es ging' nicht nach dem Gesetz. Meinhardt, was hab' ich da erduldet! Ich hab' damals gedacht, ich muß mir das Leben nehmen. Ich hatt' nicht den Mut! Ach, Meinhardt, es wird mir so schwer, Dir zu schreiben, wo ich Dich nicht mehr seh'. Und nun sollst Du nicht einmal gut an mich denken können? Sie haben es Dir gesagt. Die Mama hat's vorgelesen! Glaub' es nicht so … nicht so … Ich kann nicht mehr – denk' gut an mich – ich hab' Dich so lieb, und Du bist nicht bei mir.«

Die Zeilen brachen ab. Ossana blickte hinunter über das Etschland, dort drüben auf die weiße Laugenspitze, auf das Mittelgebirge, wo auch schon an einzelnen Stellen der Schnee lag, und dann, wie so oft die arme Margret, drüben auf Göllan. Sie dachte an Meinhardt. Und jeden Augenblick ward es ihr sicherer: er durfte nichts davon wissen, ihre Schwester mußte rein vor ihm bleiben. Wie oft hatte er von ihr gesprochen mit übertriebenen Worten, als sei sie eine Gottheit, mit Worten, die nur ein Glücklicher finden kann. Und das Andenken sollte sie zerstören?

In dem alten Kachelofen des getäfelten Zimmers brannte prasselnd das erste Feuer des Morgens. Ossana sah hinüber in die Glut. Ab und zu pufften und knallten die Scheite. Sie fühlte, die Entscheidung drängte, jeden Augenblick konnte sie hinuntergerufen werden, und sie durfte Meinhardt in diesem Augenblick nicht allein lassen. Nie hatte sie ihre Leidenschaft zu ihm, durch Pflicht und Jahre zurückgedrängt, so brennend empfunden. Seiner Seele wollte sie kein Leid zufügen und das Andenken ihrer Schwester hüten. Sie dachte: ein Ruck, und das Bekenntnis liegt im Ofen. Da, als sie schon einen Schritt zum Feuer getan, fiel ihr ein: Und wenn nun dieser Schurke, der das Licht noch genoß, während die Schwester dort unten starr ausgestreckt lag, nun eines Tages doch das jagte, wovor die arme Heimgegangene sich gefürchtet? Wenn er der Schuft war, wer sollte ihn hindern, sich zu brüsten, vielleicht in der Weinlaune einmal? Hier in der Hand hielt sie das Mittel, das Gedächtnis der Schwester vor Meinhardts weichem Herzen zu retten.

Sie ging an den Schreibtisch. In der Mappe lag, sorgsam noch von der armen Margret Hand geordnet, das Briefpapier, links oben mit dem Bilde der Rochusburg, wie es im ganzen Hause verwendet wurde. Sie nahm einen Umschlag, sorgfältig brach sie die Bogen der Handschrift noch einmal um, besser, gerader. Falzend strich sie darüber, preßte sie zusammen und steckte sie hinein. Dann leckte sie zu und hielt die beiden kleinen Hände darauf gepreßt, bis der Gummi hielt. Sie suchte Siegellack. Es war keines da. So nahm sie ein paar Briefmarken und klebte sie darüber. Dann schrieb sie ihren eigenen Namen darauf, legte alles in die Kommode und ging die Treppe hinab. Sie wollte Meinhardt trösten mit allem, das in ihr war.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Doch er blieb allem Zureden unzugänglich. Er saß in einer Ecke wie betäubt. Tante Angiolina konnte ihm nichts sagen, sie jammerte selbst. Durch das ganze Schloß lief sie, überall suchte sie Trost. Sie erschien in der Küche und hinderte die Köchin an der Arbeit, sie besuchte die Frau des Dieners in ihrer Wohnung im Nebenhaus, klagend, wie schwer Gott sie getroffen. Sie empfand den Tod der Tochter als Strafe für irgend etwas, das sie verbrochen hätte.

Es waren sofort Telegramme an die Verwandten geschickt worden. Poldi konnte, in seinem Zustande, die Reise nicht antreten. Der Rudi und das Henrietterl dagegen kamen an. Das gab wenigstens für Tante Angiolina ein wenig Zerstreuung. Nun raffte Meinhardt sich auf und fuhr mit Ossana zum Bahnhof. Den lächelnden Zug hatte das Henrietterl auch jetzt noch, trotz dem schwarzen Kleide, aber sie war fraulicher geworden mit stärkeren Hüften. Das neckisch Mädchenhafte schien gewichen, bis auf die Grübchen in dem jetzt breiteren Gesicht.

Meinhardt ließ Ossana sprechen. Er sah unterwegs kaum die Leute, die grüßten. Das Henrietterl tat eine Frage nach der anderen. Meinhardt war ihre Lebhaftigkeit lästig: er begriff, daß sie den alten Baron in seinen letzten Tagen ermüdet. Dafür empfand er Ossanas Zartgefühl, die, seitdem sie gemerkt, daß Trost nichts half, kaum mehr das Wort an ihn richtete.

Kurz vor der Beisetzung kam Gräfin Aich. Meinhardt war auch für sie an den Bahnhof gefahren. Er küßte der Stiefmutter Hand. In ihrer ruhigen, bestimmten Art, die ihm wohltat, nach all den Klagen Tante Angiolinas und der Gesprächigkeit des Henrietterls sagte sie: »Ich mag dir nicht zureden, ich weiß, es hilft ja doch nichts. Du mußt selber darüber wegkommen.«

Sie meinte, vielleicht wäre Margret Schwerem entgangen, das ihr noch bevorgestanden. Sie erzählte den Fall eines jungen, hoffnungsvollen Offiziers, der beim Rennen einen Sturz getan und nun mit einer Schädelverletzung heute noch nach Jahren halb blöde herumlief. Sei es nicht besser, wenn Gott eine solche Seele in Gnaden zu sich nehme? Meinhardt gab keine Antwort, nur ab und zu preßte er der Mama Hand. Am Friedhof ließ er halten. Sie standen ein paar Minuten am Grabe des Vaters und Mannes, jeder für sich. Dann stiegen sie wieder ein, und als die Gräfin nichts mehr sagte, begann zum ersten Male Meinhardt zu sprechen. Er erzählte, wie er selbst für seine Frau ein Grab ausgesucht. Er verlor sich in Einzelheiten, sonst ihm fremd, legte auf jedes Wort Gewicht, das der Friedhofverwalter gesprochen, wiederholte es ein paarmal und verbesserte sich dann wieder.

Es war, als sei die Gräfin der einzige Mensch, dem er alles sagen könne. Auf der Rochusburg versank er aber wieder in das gleiche stille Brüten.

Als die Leiche zur Friedhofhalle übergeführt wurde, weil man die Feier, der Menschen wegen, die zu weiten Weg gehabt hätten, nicht hier oben abhalten konnte, forderte er nur seine Stiefmutter auf, ihn zu begleiten. Und wieder ward er gesprächig, bat sie aber um Verzeihung, daß er so viel redete – er müsse sein Herz entlasten:

»Wir waren in den Jahren aus Liebe heraus Freunde geworden. Ich konnt' ihr alles sagen. Sie hat die gleichen Gedanken gehabt wie ich. Immer mehr hat sie in meiner Welt gelebt. Und jetzt, wo wir bald ganz eins geworden wären, muß es mit einem Male zu End' sein. Nun bin ich wieder genau so weit wie am Anfang!«

Dann begann er sich der Selbstsucht zu zeihen. Was aus ihm würde, sei gleichgültig, er habe doch nur seine Frau glücklich machen wollen, warum er nicht gestorben sei statt ihrer? Die Gräfin gab einfach zurück: ob er denn glaube, daß das für Margret ein Glück gewesen wäre? Was damit geholfen wäre, wenn er sie allein gelassen hätte? Ob er ihr gewünscht haben würde, durchzukämpfen, was er jetzt an Bitternissen durchmachen müsse? Meinhardt antwortete erregt:

»Nein, nein, das wünsch' ich keinem!«

Da sagte die Frau in dem jetzt ganz weißen Haar:

»Nun, so ist es doch ein Trost, daß ihr das erspart worden ist!«

Daran klammerte er sich, als suche er Beruhigung im Märtyrergefühl, daß er für sein totes Weib Schmerz und Verlassenheit übernahm. Er fand keine Tränen, auch bei der Feier nicht. Stumm reichte er jedem die Hand, der ihm ein Wort der Teilnahme aussprach. Und es gab Menschen, die verwundert sagten:

»Er nimmt's so ruhig auf!«

Auch als der Sarg in die Gruft niedersank, stand er unbewegt, und keines Menschen Auge fand sein Blick.

Ossana hatte Margrets Sterbezimmer aufräumen lassen. Meinhardt wollte eintreten, da kam sie ihm an der Tür entgegen, nahm ihn beim Arm, und er ließ sich willig fortführen. Sie sagte:

»Später, Meinhardt. Geh jetzt nit hinein, es ist kein schöner Eindruck, einen schönen sollst du aber behalten.«

Und wieder fragte sie:

»Darf ich ihre Sachen ordnen? Ich will alles aufheben von ihr!«

Er drückte ihr die Hand und schritt wie geistesabwesend den Gang hinunter.

Nach Tisch saßen sie in Margrets Wohnzimmer mit den vergoldeten Möbeln. Gräfin Aich führte Ossana ans Fenster. Man sah in der Tiefe den Lichterglanz von Meran:

»Eine Frage muß jetzt entschieden werden. Ich möcht' niemand vertreiben, hab ja auch hier nichts zu sagen, aber wär' es nicht besser, wir reisten alle ab? Ist unsere Anwesenheit für Meinhardt wirklich ein Trost?«

»Ich will mit ihm reden!«

»Antwortet er dir?«

Ossana senkte den Kopf:

»Ich will's versuchen! Ich kann ja so oft herüberkommen von Göllan, wie er mag!«

Sie küßte der Gräfin die Hand, ehe die es hindern konnte, und huschte hinaus.

Ossana klopfte an Meinhardts Zimmer. Man hörte nichts. Ihr scharfes Ohr legte sie an die Tür wie damals, als sie eifersüchtig Schwester und Schwager in Göllan belauscht, aber alles blieb still. Sie klopfte wieder. Da fragte endlich Meinhardt:

»Wer ist da?«

Und Ossana gab zurück mit ihrer gleichen Stimme wie die liebe Tote, unbewußt fast mit den gleichen Worten, die jene auch gebraucht hätte:

»Meinhardt, i möcht' dir gern was sagen.«

Laut rief der da drinnen wie sinnverwirrt:

»Margret!«

Der Schlüssel drehte sich um. Ossana sah Meinhardt vor sich mit glückselig lächelnden Augen. Er trat auf sie zu und nahm ihre Hände, sie hereinzuziehen. Doch im gleichen Augenblick ließ er sie wieder los, die Arme sanken ihm herab, und er sagte in tiefer Enttäuschung: »Ossana, du?«

Sie fühlte sich gekränkt, als sie den fast entsetzten Ausdruck sah. All ihre Leidenschaftlichkeit, die sich in ihrem Vater einst zum Jähzorn zu steigern pflegte, wachte auf. Mit zuckender Lippe rief sie:

»Ja, ich bin's! Ossana!«

Er sah sie verstört an und bat ruhig:

»Laß mich allein.«

Sie überwand sich:

»Kann i nit ein' Augenblick mit dir sprechen?«

»Ich hab' gemeint, es sei Margret, und sie ist doch tot! Das ist ja fürchterlich!«

Er lief mit langen Schritten auf und ab, fuhr mit den Händen durch die Luft, wischte sich mit dem Tuch die Stirn, dann mit einem Male rannte er zur Tür, die zu seinem Schlafzimmer führte, und war hinaus. Sie fiel krachend zu und zitterte noch eine Weile in den Angeln.

Ossana ging langsam den Gang zurück. Sie fühlte sich so verletzt, daß es einer Weile bedurfte, die Trauer um ihre Schwester wieder heraufzubeschwören.

Man brach nach den Erschütterungen des Tages bald auf, und jeder zog sich auf sein Zimmer zurück. Als letzte blieb Ossana, nachdem sie ihrer Mutter gute Nacht gesagt, bei der Gräfin Aich, ihr den Mißerfolg zu erzählen. Die Gräfin riet:

»Sorge dafür, daß Bernburgs abreisen. Das Henrietterl kränkt ihn, wenn sie es auch nicht will, durch ihre Heiterkeit. Das muß ihn verletzen, dessen Seele tief gebeugt ist und er glaubt, jeder andere müsse ebenso empfinden. Obwohl 's eine Ungerechtigkeit ist, da doch ein Mensch nie allen gleich viel bedeuten kann. Gib du das Beispiel, geht auch ihr, auch deine Mutter paßt nicht für ihn.«

»Soll i ihn allein lassen?«

Der Gräfin Blick war so mitfühlend und doch so bestimmt, daß Ossana die Lider senkte. Gekränkt begann sie zu schluchzen.

Gräfin Aich fühlte, das war nicht Trauer um die Schwester allein. Sie erriet etwas und strich zärtlich Ossana das dichte, schwarze, gewellte Haar aus dem Gesicht. Dann ein Kuß, wie gewöhnlich unter den Damen der gleichen Kaste, doch die Lippen der Älteren ruhten länger auf des jungen Mädchens Wange als sonst.

Am nächsten Tage bat Meinhardt die Gräfin Aich, bei ihm zu bleiben. Als sie zugesagt, umarmte er sie stürmisch, wie in Augenblicken tiefster Trauer und Erregung erschütterte, einsame Menschen das Bedürfnis überkommt, einer anderen Seele Gegenwart zu empfinden, nur die Gewähr zu haben, daß sie nicht ganz allein sind auf dieser Erde.

Tante Angiolina kehrte gern nach Göllan zurück. Die Leute im Haus und die Verwandten hörten ihr, wenn sie ihren Kummer breit trat, nicht so zu, wie die alten Weiblein drüben. Sie sehnte sich auch danach, an ihrem lieben Marienaltar in Lana der heiligen Jungfrau ihr Leid zu Füßen zu legen.

Das Henrietterl ahnte, daß sie ihrem Bruder nicht gelegen sei, und Rudi, den sie doch immer mit ihrer Laune unterhielt, empfand es auch.

Da ward es denn still auf der Rochusburg. Nur die Bekannten aus Meran kamen, ein Wort des Beileids zu sagen, die näheren Umstände zu hören, sich auszusprechen über den Fall. Für Meinhardt empfing die Gräfin Aich. Wie man einst, in den Zeiten Seiner Exzellenz, unter Tante Angiolinas stiller Beihilfe, in ihr nur die böse Stiefmutter erblickt, die arme Kinder erster Ehe aus dem Hause trieb, so schwang mit einem Male die öffentliche Meinung, die schon lange gependelt, nach der anderen Seile aus. Mit der gleichen Übertriebenheit erzählte man sich jetzt, welcher Engel auf der Rochusburg seine alternden Fittiche gebreitet hielt über den verzweifelten Witwer. Ihn begriff man nicht. Hatte man ihm am Grabe Gemütshärte zugesprochen, so fand man sich jetzt betrogen um den Eindruck, wie würdig, wie schwer oder wie leicht er seinen Kummer trüge. Meinhardt aber kümmerte sich nicht um die Leute. An seiner Margret Seite hatte er mit ihnen verkehrt, aber sie waren ihm nur ein Rahmen gewesen um ihre Gestalt, da er ihre Hausfrauen- und Geselligkeitseigenschaften von Jahr zu Jahr wachsen sah.

Die Stiefmutter störte ihn nicht. Meist trafen sie sich nur bei den Mahlzeiten, aber er empfand tröstend ihre Anwesenheit im Haus. Der Gedanke beruhigte ihn: ich bin doch nicht ganz allein; wenn ich mich einmal unterhalten will, gibt es einen Menschen, der mich anhört.

Zuerst hatte er nur mit seinen Leuten geredet: mit dem Diener, wenn er zum Wecken kam, mit Theres, wenn er sie beim Aufräumen von Margrets Zimmer traf; und er sprach mit ihnen von ihr, von ihr und immer wieder von ihr. Doch das ward jeden Tag weniger, denn es kam allein von ihm, und die Leute konnten nur wenig antworten. Er hatte den Kutscher, der, wie es sich nun als sicher herausgestellt, durch Trunkenheit am Ende Margrets Schuld trug, entlassen. Aber allmählich, wie Meinhardt es seiner Margret selbst einmal erklärt, wandelte er sich. Aus dumpfer, trostloser Trauer schreckten ihn die Notwendigkeiten des Lebens auf. Der Verwalter erschien, es gab Rechnungen zu prüfen, Entscheidungen mußten getroffen werden, und eines Tages entschloß sich Meinhardt, da seine Anwesenheit in Eppan dringend notwendig schien, auf zwei Tage hinüberzufahren. Er sagte es der Mama. Die antwortete nur:

»Das ist recht!«

Als er zurückkehrte, hatte er zu erzählen. Bald saß er nicht mehr so schweigsam am Tisch. Neue Eindrücke kamen. Ein Ärger, den er gehabt, war eben gut. Nun suchte er, Tätigkeit sich zu schaffen. Er schnitt Fragen an, die lange geruht: eine Grenzregulierung gegen das Tal zu beschäftigte ihn, er mußte an Begehungskommissionen für eine neue Wasserleitung teilnehmen. Ein Gedanke, längst gesponnen, aber nie zur Ausführung gebracht, der Ankauf weiteren Weidelandes, nötig für seine kleine Haflinger Pferdezucht, wurde zur Entscheidung geführt.

Monate war Gräfin Aich jetzt schon oben. Nicht mehr allein bei den Mahlzeiten trafen sie sich, sie saßen abends in seinem Zimmer, und der Gräfin weißer Scheitel beugte sich über Buch oder Zeitung ihm gegenüber, dort, wo Margret einst gesessen.

Die Mama, in den letzten Jahren weitsichtig geworden, hob ab und zu das Gesicht mit den ein wenig hängenden Backen und blickte über die Brillengläser zu ihm. Er las, schrieb, oder mit dem Mitteilungsbedürfnis, das er Margret gegenüber gezeigt, erzählte er. Das Stoffgebiet hatte sich geweitet. War zuerst nur immer vom Tode, von der nächsten Zukunft die Rede gewesen, so ging er jetzt in die Vergangenheit zurück. Es schien, als habe er sich jedes Wort seiner Frau gemerkt. Ihre kleinen Kindergeschichten gab er wieder, holte Briefe aus ihrem Schreibtisch, Erinnerungen des alten Barons an die Kindheit der Töchter, die Margret aus seinem Nachlasse sich ausgebeten. Er besah Bilder von ihr auf dem Arm der »Kinderfrau«, im ersten Kleidchen. Dann einige mit Ossana zusammen, auf denen Meinhardt erst suchen mußte, welche die eine, welche die andere wäre.

»Es ist erstaunlich, wie sie sich ähnlich sehen«, sagte die Mama. Meinhardt erzählte, der eigene Vater habe die Stimmen nie zu unterscheiden vermocht.

»Ich auch nicht.«

Er schwieg. Dabei dachte er daran, daß er Ossana fast nie mehr sah:

»Traurig, wie man auseinanderkommt!«

Da die Gräfin davon gesprochen, nach Wien zurückzukehren, denn sie fühlte, Meinhardt mußte lernen, auch wieder allein zu sein, sagte sie:

»Wenn ich fort bin, hast du ja die Göllaner.«

»Die Tante? Margret und ich haben sie kaum gesehen.«

»Aber Ossana!«

»Ja, Ossana.«

Er nahm sich vor, seine Schwägerin zu besuchen.

Eines Tages stand der Wagen vor der Pforte. Meinhardt und die Mama stiegen ein: sie wollte den Göllanern ihren Abschiedsbesuch machen. Es war schon spät im Mai. Gräfin Aich hatte Meinhardt beredet, sie nach Wien zu begleiten, damit er einmal herauskäme, anderes sähe. Vielleicht kehrte er dann frischer und mit anderen Augen heim.

Tante Angiolina war, zu der beiden Staunen, wirklich einmal daheim. Ossana schien im Haus beschäftigt, und lange saßen sie mit Baronin Durazzi allein. Sie war nicht redselig wie sonst. Sie ließ sich erzählen.

Als Ossana kam, sagte Meinhardt zu ihr, während die Gräfin mit Tante Angiolina sprach:

»Ich seh' Margret immer vor mir. Mir ist, als ob ich ihr jeden Abend gute Nacht sagen könnt', und doch liegt sie schon bald ein halbes Jahr unter der Erden.«

»Arme Margret!« flüsterte Ossana. Er horchte auf:

»Schau, genau so hat sie geredet! Ossana, bitt' dich, sag' das noch einmal.«

Sie blickte ihn erstaunt an:

»Arme Margret?«

Er hatte die Augen geschlossen und nickte:

»Ja, ja!«

Da sagte sie's zum drittenmal, ein wenig, als wollte sie ihre Stimme klingen lassen, daß er sich in der Erinnerung zurückfände.

Er sprach:

»So war's immer, wenn sie mir vorgelesen hat. Ich hör' deine Stimme so gern!«

Sie mußten sich verabschieden, die Gräfin wollte noch packen. Als die Göllaner den beiden Rochusburgern das Geleit gaben, und die älteren Frauen vorausschritten, ging Meinhardt neben seiner Schwägerin. Beim Sprechen ließ sie, in leichter Ziererei, ihre Stimme tönen. Sie fragte:

»Wann kommst du wieder?«

»Ich weiß noch nit.«

»Soll ich aufs Grab schau'n?«

»Ja, bitte, tu's.«

»Du wirst uns doch später besuchen?«

»Ihr kommt auch einmal herauf. Ihr seid ja gar nimmer dagewesen.«

»Du sollst erst zur Ruh' kommen!«

Er machte eine Handbewegung:

»Das bin ich schon! Ich bin manchmal erschrocken, wie schnell 's geht. Aber ich denk' immer, sie tät' mir sagen: Meinhardt, sei vernünftig! Einmal hat sie mit mir vom Sterben gesprochen. Ich sollt' nicht von ihr gehen, und nun ist – ach Gott!«

Er machte wieder eine heftige Bewegung:

»Das muß man alles mit sich selber durchkämpfen. Aber man möcht' sich doch einmal aussprechen –«

»Ich hör' dir ja zu.«

»Ja, dir könnt' ich erzählen. Du bist eben die Schwester. Wen hat sie Näheres gehabt? Eigentlich habt ihr euch doch verstanden.«

»Immer besser.«

»Dann geht's halt nimmer zu End'!«

Er brach kurz ab:

»Leb' wohl.«

»Und wann du zurück bist…?«

»Komm' ich.«

Meinhardt suchte in Wien keinen Menschen auf. Mit Poldi, der längst wiederhergestellt, traf er sich, ging und fuhr spazieren. Dabei erzählte ihm Meinhardt von seiner Verklärten. Abends war der Poldi mit Kameraden verabredet.

Das letzte Lichtbild Margrets hatte Graf Aich mitgenommen. Da wurde ihm ein Maler genannt, dem es oft gelungen sei, eine getreue Wiedergabe zu schaffen, wenn man ihm nur ein wenig die Farben angab. Er bestellte das Bild. Es schien gut zu werden, bis eines Tages eine Unähnlichkeit sich einschlich. Meinhardt wollte helfen. Er stellte sich Margret vor, doch er fand den Fehler nicht. Sie redete nicht mehr, ging nicht, er sah sie nur immer wieder auf dem letzten Lager liegen. Und in Entsetzen wehrte er ihre Gestalt von sich.

Der Maler maß auf dem scharfen, guten Lichtbilde jede Kleinigkeit nach: die Länge der Nase, die Entfernung vom Mund, das Auseinanderstehen der Augen. Endlich rief er:

»Herr Graf, es ist die Hautfarbe! Wie ist denn die Frau Mama der seligen Gräfin?«

»Sie hat einen ganz anderen Teint gehabt, mehr gelblich, die Hautfarbe meiner Frau war im Gegenteil weiß, durchsichtig! Das ist wohl ein Erbteil vom Vater gewesen!«

»Und der alte Herr?

»Ist tot.«

»Hat die Frau Gräfin keine Schwester gehabt, bitte?«

»Ja!«

»Und hat sie den Teint der Mutter?«

Freudig antwortete Meinhardt:

»Aber nein, wie meine Frau!«

»Und ist sie in Wien?«

»Nein, in Tirol!«

»Sie käm' auch nicht her?«

»Kaum!«

Da schob der Maler die Staffelei zurück:

»Herr Graf, Ihnen liegt doch an dem Bild! Lassen 's mich hinfahren!«

Als Meinhardt nicht sofort antwortete, glaubte der Maler, der Besteller stoße sich an den Kosten, und sagte, er sei nur ein einfacher Mensch, er würde dritter Klasse reisen. Wie der kleine Mann mit großem Kopf und rotem Bart vor ihm stand in seinem abgeschabten, braunen Samtrock, konnte man es ihm wohl glauben. Meinhardt schlug ein:

»Gut! Kommen Sie. Meine Schwägerin ist nur ein Jahr älter, hat das gleiche schwarze Haar, den gleichen weißen Teint, beinah' die gleichen Augen, nur vielleicht feuriger, größer. Aber in Margrets Augen war Güte, Weichheit, etwas Verschleiertes, etwas Trauriges.«

Eine große Sehnsucht packte ihn plötzlich nach Haus, und er machte mit dem Maler den Tag aus, an dem sie sich in Meran treffen wollten. Etwa in einer Woche, denn sein Versprechen mußte er einlösen und Rudi und das Henrietterl besuchen.

Da nun Bernburgs Gräfin Aich schon mehrmals eingeladen hatten, ohne daß sie gekommen wäre, so fuhren sie zusammen vom Nordwestbahnhof ab und durch das niederösterreichische Land. Die Trachten wechselten, tschechische Inschriften standen an den Stationen. Meinhardt erzählte von dem Bilde, und wie es, wenn Ossana dem Maler säße, vielleicht doch ähnlich werden könnte.

»Weißt du, Mama, was schrecklich ist? Es gibt Augenblicke, wo ich mich frage, wie hat sie ausgeschaut?«

Und allein mit der Mama auf den roten Kissen des Luxuszuges, während durch die breiten Fensterscheiben die Landschaft an ihnen vorüberglitt und im hellen Sonnenschein gelbe Saaten meilenweit blendeten, begann er ihr sein Herz auszuschütten: wie er sich quäle in seiner Einsamkeit, wie Margret ihm fehle jeden Tag und jede Stunde, wie beim Einschlafen er oft ganz laut: »Gute Nacht« sage. Wenn er einen Brief bekomme, sei sein erster Gedanke, ihn Margret vorzulesen. Wenn er aufwache am Morgen, müsse er sich erst besinnen, daß er nicht Margrets sanfte Stimme hören könne, ihm den Tag vom ersten Morgengruß an zu segnen. Als er so der Stiefmutter das Herz öffnete, war es ihr fast, bei der mit den Jahren stetig wachsenden Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn, als ob der alte Graf spräche. Hatte er ihr nicht seine Einsamkeit mit den gleichen Worten geklagt.

Sie kamen zur Haltestelle. Der Schaffner griff helfend nach dem Gepäck, denn der Luxuszug hatte nur eine Minute Aufenthalt. Da standen das Henrietterl, der Rudi und an der Hand der Mutter ein niedliches, blondes Mädchen, das kleine Henrietterl, das einst auf der Rochusburg, Zum Stolz der Mutter, immer »Da, da!« gesagt hatte.

Das kleine Henrietterl ging auf Meinhardt zu wie eine kleine Dame, sehr gut gekleidet, – das war wohl des Vaters Werk – eine Spur affig, mit Lächeln und gedrehten Löckchen. Ja, lachen konnte sie. Lachen wie die Mutter. Und sie lachte auch den ganzen Weg, fast eine Stunde lang, den sie mit dem Auto zurücklegten. Das kleine Henrietterl wollte sich ausschütten vor Lachen über einen schief stehenden Baum, über ein altes Weib, das beim Nahen des Autos erschrocken querfeldein lief, über eine Bäuerin, die zum Schutz gegen den Staub den Rock über den Kopf stülpte.

Nun ging es eine große Baumreihe hinunter. »Es sind nur Roßkastanien, net edle, wie bei euch!« sagte der Rudi.

In der Ferne leuchtete langgestreckt ein Gebäude in der Sonne. Als sie näherkamen, wuchsen ihm zwei Flügel. Sie bogen auf einen großen Platz ein, in dessen Mitte ein riesiges Wasserbecken spiegelte, ein dicker Strahl stieg aus einer Gruppe von Sandstein-Fabelwesen empor.

»Dafür haben wir viel Wasser hier!« sagte wieder der Rudi.

Sie hielten vor dem spätbarocken Schloß, über dessen niedrigem Erdgeschoß eines zweiten Geschosses hohe Fenster Säle andeuteten.

»Der alte Teil liegt hinten!« sagte abermals der Rudi.

Das zweite Henrietterl stand knixend in der Tür. Verlegen war es nicht: es lachte auch.

Wie sie dann bei Tisch saßen, fröhliche Rede hin und her ging, klang immer wieder das helle Silberlachen der beiden Mädchen.

Meinhardt freute sich über das Glück der Geschwister. Es kränkte ihn nur ein wenig, daß von Margret nicht die Rede war.

Der Rudi zeigte Schloß, Wirtschaftshof und Liegenschaften. Man mochte es kaum glauben, daß der geschniegelte und gebügelte Mensch, wie es schien, Blick hatte für alles. Das Henrietterl behauptete, er sei jeden Morgen der erste auf.

»Wegen der Jagd!« sagte der Rudi.

Doch das Henrielterl meinte: »Ach, er verstellt sich nur, er ist schon sehr fleißig!«

Nun begann sie ihn zu loben, und dafür sang er ein Loblied auf sie. Sie erzählte von den erstaunlichen Fortschritten und Leistungen der Kinder, von Plänen für die Zukunft, und daß sie nicht mehr nach Wien gingen, »nachdem« es doch hier viel schöner sei. Die Nachbarn wurden genannt, von jedem einzelnen aufgezählt, wen er geheiratet, mit wem er verschwägert. Namen schwirrten. Margret war nicht dabei. Meinhardts Gedanken irrten immer wieder zu dem Bilde. Und er deutete an, er müsse bald nach Haus.

Abends saßen sie lange in Rudis Zimmer, in dem kein Werk der Kunst Platz gefunden, wo nur Jagdstücke, Geweihe und Gehörne hingen, dazu die Bilder von allerlei Siegern im Derby. Und immer wieder klang das gleiche Lied: wir tun das, und wir lassen jenes, und: unsere Freunde, unsere Bekannten, unser Leben, unsere Herrschaft.

Als Meinhardt allein war, kam ein großes Gefühl der Verlassenheit über ihn. Ihn packte unbändiges Heimweh nach seinem lieben Lande! Tirol, nach der Rochusburg. Aber im gleichen Augenblick dachte er: Was soll ich dort? Soll ich herumlaufen gleich einem wilden Tier im Käfig, wie ich es hier tue? Sie ist ja nicht da, sie liegt da draußen ganz allein. Er sah die Gruft vor sich und dann wieder seine Frau auf dem Totenbett. Er konnte das Bild nicht loswerden, und doch durfte es nicht das letzte sein, das er von ihr behielt. Da zwang er sich, sie so zu erblicken, wie der Maler sie gemalt. Aber plötzlich standen Ossanas Züge vor seiner erschrockenen Seele. Und der Gedanke beschlich ihn wieder: Ich gehe nach Göllan. Am liebsten wäre er ganz dort geblieben, nur daß er nicht allein sei, nur nicht allein.

Er hatte das Bedürfnis, es jemand zu sagen – den ganzen Tag heute hatte er nur von anderen etwas vernommen – so ging er über den Flur zur Mama. Ihre Jungfer, die sie mitgenommen, fragt er, ob Exzellenz noch zu sprechen wäre.

»Nun, Meinhardt?«

»Ich kann nicht schlafen!«

Sie sah ihn stirnrunzelnd an:

»Dann bleib' bei mir, wir schwatzen ein bissel zusammen!«

»Gern. Danke. Wir haben heut ja noch gar nit gesprochen.«

Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht:

»Ich hab' gemeint, das hätte das Henrietterl genügend besorgt.«

»Aber von Margret haben sie nicht gesprochen.«

Sie zog ihn auf einen Stuhl:

»Schau, das wollt' ich dir sagen. Ich hab' ein paarmal beginnen wollen von ihr und von dir, aber sie haben nicht zugehört. Sie sind liebenswürdig, sie laden uns ein, sie wollen dich gern sehen, –«

»Ich bin ihnen ganz wurscht!«

»Nein, Meinhardt, da irrst du dich. Sie haben sich gefreut, daß du gekommen bist.«

»Aber von Margret haben sie nicht gesprochen.«

»Du mußt halt die Menschen nehmen wie sie sind. Sie haben nur das Bedürfnis, von sich zu reden und glauben dann, sehr herzlich gewesen zu sein. Ich hab' eine Fürstlichkeit gekannt, die bei der Audienz unausgesetzt allein gesprochen hat, ich bin nicht zu Wort gekommen, aber hinterdrein soll sie von mir gesagt haben, ich sei eine sehr interessante Person! Woher wußte sie das? Es ist alles Erziehung.«

»Aber nit des Herzens! Henrietterl ist mit Margret groß geworden, hat viele Jahre lang alles mit ihr geteilt, das kann doch nit fort sein wie ein Hauch!«

Die Gräfin zuckte die Achseln:

»Neue Forderungen, neue Menschen, neues Leben! Für die meisten gilt: was hin ist, ist hin!«

»Für mich nicht!«

Sie sah ihn prüfend an:

»Ich weiß nicht, ob es nicht doch für alle gilt, für alle gelten muß, ob es nicht die Abwehr der Natur ist, um überhaupt weiter leben zu können. Du hast das Andenken an deine Frau, und doch, du mußt dich herausreißen. Schau, das wollt' ich noch mit dir besprechen, eh' du gehst. Du mußt ein neues Leben beginnen.«

Er stand auf und wehrte ab mit beiden Armen:

»Nein, nie, nie!«

Er redete wieder von Margret. Sie ließ ihn ruhig sprechen. Wie er nun von selber schwieg, saßen sie einander eine Weile stumm gegenüber. Dann sagte Gräfin Aich:

»Ich glaub', wenn Ossana dem Maler sitzt, wird das Bild sehr gut.«

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Als Meinhardt den alten, lieben Weg zur Rochusburg hinauffuhr, den er so oft zurückgelegt, in guten wie in bösen Tagen, den man seinen Vater heruntergebracht und seine Mutter, auf dem man sein Weib ihm fortgeholt, das er auf diesem gleichen, lieben Wege einst jubelnd hinaufgeführt, blickte er wie einst sich wieder um nach Göllan. Da lag der kleine, verwitterte Bau unter den Edelkastanien, von seinem Auge sofort entdeckt, während man ihn einem anderen kaum zu zeigen vermochte.

Meinhardt stand in Margrets Zimmer, wo über dem Bett die Decke gebreitet lag, als hätte hier nie ein Mensch den schweren Abschied von der Erde genommen. Er saß am Klavier, über dessen Tasten so oft ihre Finger geglitten, und tobte seine Stimmung der Verlassenheit aus in Akkorden, die nur die Hände hervorlockten, während seine Seele weit fort war. Er fühlte wieder quälend: auf dieser Erde waren im Grunde alle bitter, bitter allein. Nur empfanden es die Weltmenschen nicht, die grobbesaiteten.

Er klappte das Klavier zu und trat ans offene Fenster, zu dem die warme Nachtluft des Südtiroler September hereinströmte, von Weindüften, von Obstgeruch geschwängert. Er sog sie ein, die lebenspendende, süße, fruchtbare Luft seiner Heimat. Er, der einst in aller Herren Ländern gewesen, fühlte, in wie enge Grenzen er doch gebannt blieb, und ein neuer Gedanke kam ihm: zu reisen. Ja: Koffer packen, fort, fort aus dem entsetzlichen Schloß.

Aber Margrets Bild? Morgen kam der Maler. Nein, erst das Bild fertigbringen!

Der kleine Mann in der braunen Samtjacke ließ sich alle Lichtbilder Margrets zeigen, aber von den Farben gaben sie ihm keinen Begriff. So trieb Meinhardt selbst zur Fahrt nach Göllan.

Ossana war nicht gesagt worden, um was es sich handele. Während nun Meinhardt von der Reise erzählte, blieben des Malers kluge Äuglein auf das junge Mädchen gerichtet. Er legte sich zurück, er beugte sich zur Seite, um einen neuen Zug, eine andere Auffassung zu entdecken. Tante Angiolina saß regungslos in ihrem Stuhl. Die Feuerräder rollten nicht wie einst, sondern sie starrte vor sich hin, als sähe sie körperlich die Welt nicht mehr. Ruhig ließ sie sich erzählen, fragte nicht nach des Henrietterls Glück, kaum nach den Kindern, als sei das alles schon von keinem Belange mehr für sie.

Ossana dagegen hing an Meinhardts Munde. Es war, als ob Margret selbst ihm gegenübersäße. Und anders doch: Die Verstorbene konnte ihn eine Stunde lang sprechen lassen und hätte kein Wort gesagt. Ossana dagegen, lebhaften Geistes, warf fortwährend etwas ein. Wenn er sich in der Rede verloren, brachte sie ihn auf den Punkt zurück, wo er abgebrochen. Und ihre Art regte ihn so an, daß er fast heiter wurde.

Tante Angiolina hatte abwesend die Backe in die fleischige Hand gestützt, daß das dicke Gesicht sich verschob und ihre Lider zusammenquollen, fast als ob sie schliefe. Und immer klang Meinhardts Erzählung, während Ossana mit ihren großen, nächtigen Augen, dem blauschwarzen Haar, der blendend weißen Haut, noch durch das Dunkel des Kleides gehoben, ihm lauschte, und der Maler das Bild einsog mit seinen Künstleraugen. Endlich brachte Meinhardt seine Bitte vor: »Willst du dem Herrn sitzen?«

»Wenn ich dir nützen kann!«

Der Maler sagte:

»Jetzt hoffe ich bestimmt, daß es wird.«

Es wurde besprochen, wo gemalt werden sollte. Meinhardt war dafür: auf der Rochusburg. Schließlich entschlossen sich die beiden Damen, wenigstens für einige Zeit zu Besuch zu kommen.

Während des Malens hielt Tante Angiolina ihr Nachmittagsschläfchen mit Nicken, Augenschließen und jähem Emporzucken, wobei sie sich unter schweren Lidern umsah.

Meinhardt fiel die Aufgabe zu, Ossana zu unterhalten, damit der belebte Ausdruck bliebe, und immer sollte er entscheiden, wie weit der Maler sich Ossana nähern dürfe, ohne daß Margrets Züge verschwänden. Aber von Tag zu Tag, die Schwägerin vor sich, wurden seine Augen unsicherer, und schließlich erklärte er dem Maler:

»Ich seh' nichts mehr.«

Doch der meinte, die Arbeit sei wohl abgeschlossen.

Margrets Bild hing jetzt über Meinhardts Schreibtisch. Tante Angiolina holte die Leute herbei: Theres mußte ihr Urteil abgeben, den Diener, den Gärtner rief sie von ihrer Arbeit fort. Alle fanden es sprechend ähnlich. Allmählich waren diese und jene der Meraner Bekannten auch einmal zu Besuch gekommen. Meinhardt wollte artig sein und behielt angesichts des weiten Weges diesen und jenen zu Tisch da. Einmal die Raintalers, dann den alten Grafen Castelat oder Graf Lengersdorff mit seiner Tochter. Alle fanden das Bild vorzüglich, denn der Maler war noch immer da, und dem Hausherrn wollten sie Angenehmes sagen. Auf dem Rückwege, sobald die Rochusburg hinter ihnen lag, hieß es dann freilich oft:

»Es hat einen fremden Zug.«

Unerwarteter Besuch traf ein: der Botschafter Graf Baray. Er wollte, auf dem Wege zu seiner Schwester, die den Winter in Rom lebte, Meinhardt teilnehmend die Hand drücken. Er sagte:

»Kopf hoch, lieber Aich, Kopf hoch. Sie sind noch jung und das Leben ist noch lang!«

Sie gingen miteinander in den Park, blickten von der Terrasse nach Göllan hinüber, schritten durch den Laubengang, wo damals bei dem Fest die Teetische gestanden. Der Botschafter wußte noch alles. Ein wenig mit seinem außerordentlichen Gedächtnis prunkend, wiederholte er, was er an jeder Stelle mit diesem oder mit jenem gesprochen.

Er nannte Baron Durazzi, als ob er noch lebe. Meinhardt sagte, der alte Herr sei schon seit Jahren tot. Da rief der Exzellenzherr:

»Wir kommen alle einmal daran: vielleicht ist's das letztemal, daß ich Sie besuche, und dann vielleicht einmal in Jahren sagen Sie zu Ihrer Frau –«

Meinhardt blickte auf, als wollte er ihn unterbrechen. Doch der Botschafter fuhr fort:

»– sagen Sie zu Ihrer Frau: Hier hat mir einmal der alte Esel, der Baray, gesagt –«

Graf Aich begann zu lachen, doch der Botschafter streckte beschwichtigend beide Arme aus:

»Der Esel, der Baray, hat mir gesagt, daß ich hier einmal mit dir stehen würde!«

Meinhardt schüttelte den Kopf:

»Exzellenz, ich bleib' allein.«

Der Botschafter schob die Hand durch seinen Arm und ging mit ihm zum Kegelspiel hinüber. Der Strick war abgerissen, die Kugel fehlte, der Galgen, von der Sonne gedörrt, vom Regen unterwaschen, schien halb zerstört. Der alte Herr deutete darauf:

»Lassen's sich nicht gehen, lieber Aich, in Ihrem Schmerz! Tätig sein! Arbeit! Wie geleckt sah's hier aus. Da, hätten Sie das früher zugegeben?«

»Hier werden keine Feste mehr gefeiert!«

»Aber warum soll's zerfallen?«

»Ich werd's machen lassen.«

»Was reden's denn in solch traurigem Ton? Kopf hoch! Kopf hoch! Mein Gott, kaum eine Falte hat der Mensch, nicht ein graues Haar, und – – ich hab' mich immer über Sie gefreut, daß Sie nicht die Weichheit haben, wie sie bei euch im Blut liegt, ihr könntet schon ein biss'l Spannkraft von uns Ungarn brauchen! Na, ich will nicht politisieren, Sie wissen, Aich, wie ich's meine. Aber in so einer Stimmung –«

Bei dem Herbstwinde, der sich aufgemacht, aus dem Passeier herüberblasend, wehten ihm, der barhaupt ging, die weißen Haare hoch:

»Lieber Freund, mir scheint, daß ich grad' zur rechten Zeit gekommen bin. Leider muß ich heut' abend wieder fort – ich hab' schon die Fahrkarte – ich könnte sie ja verloren geben, aber Sie wissen, ich bin genau geworden in meinen alten Tagen. Kurz, was ich sagen wollte… Lassen Sie noch Zeit vergehen, und wenn's ein Jahr oder zwei sind, es wird einmal wieder Frühling werden hier oben! Meinen Sie, Ihre Frau hätte gewünscht, daß Sie als Trauerfahne herumflattern?«

Meinhardt suchte abzulenken. Er schützte, auf das Bild anspielend, das der Botschafter gebraucht, den Wind vor, indem er scherzend sagte, er litte es nicht, daß sein Gast sich erkälte.

Sie kehrten ins Schloß zurück. Meinhardt zeigte mit besonderer Lebhaftigkeit Margrets Bild, als wollte er dem anderen vor Augen führen, wie sie sein ganzes Leben noch erfüllte. Der alte Kunstkenner beurteilte nur die Malerei.

»Ist's nicht ähnlich, Exzellenz?«

»Es soll doch die Baronin Ossana sein?«

»Nein, meine Frau.«

Graf Baray sah Meinhardt von der Seite an:

»Ich hab' sie ja nur einmal gesehen, und heut Ihre Schwägerin immer vor Augen gehabt!«

»Sie sehen sich sehr ähnlich.«

Als sie etwas früher als sonst beim Abendessen saßen, weil der Botschafter den Nachtzug noch erreichen wollte, beobachtete er das junge Mädchen. Seine scharfen Philosophenaugen sahen im Laufe der halbstündigen Mahlzeit, wie sie für alles zu sorgen schien, ohne daß sie sich an die Hausfrauenstelle drängte, wie sie immer zu ihrem Schwager blickte, ob ihm auch nichts fehle. Er hörte, wie sie Meinhardt gesprächig machte, ihm Stoff zutragend, ihn aufheiternd, ihn erinnernd an etwas, das er dem Botschafter hatte sagen wollen. Und als der alte Herr sich verabschiedete – Tante Angiolina hatte er nicht eben sehr beachtet – sagte er leise zu Ossana, indem seine klugen Blicke unter den buschigen Brauen sie fast zu durchbohren schienen:

»Er soll den Kopf oben behalten!«

»I werd' schauen!«

Dann rollte der Wagen davon. Meinhardt gab Graf Baray das Geleit. Als er allein zur Rochusburg zurückkehrte, war ihm weh ums Herz. Wieder ein Abschied! Wieder einer, der ging! Doch als die Lichter der Burg aufleuchteten, beschlich ihn das Gefühl: Ossana ist da. Ich bin nicht ganz allein!

Der Maler, nicht eben ein großer Künstler, augenblicklich vielleicht auch ohne Auftrag, hatte Meinhardt darauf gebracht, die alten Bilder nachsehen zu lassen. Eine Werkstatt war ihm in einem leeren Zimmer eingerichtet worden, dort reinigte und firnißte er, besserte aus, vergoldete, veralterte und spannte die Blindrahmen.

Einmal war er aber doch fertig. Der kleine Mann nahm Staffelei, Pinsel, Farben, Malkasten, Palette und seinen bescheidenen Reisekoffer, und eines Tages war auch er verschwunden. Nur noch Margret-Ossanas ernste Züge über dem Schreibtisch zeugten von seiner Gegenwart.

Meinhardt hatte sich an die Anwesenheit des bescheidenen Hausgenossen, der wenig sprach, dafür an der gräflichen Tafel desto mehr aß, so gewöhnt, daß er traurig zu Ossana sagte:

»Alles geht! Einer nach dem anderen! Es ist ein großes Sterben. Sieh, wie da drüben in Göllan die Blätter schon gelb geworben sind!«

Ossana ward sich erst jetzt des Ganges der Zeit bewußt:

»So lang' sind wir schon hier?«

»Bleibt doch ganz!«

»Das geht nit.«

»Tät's die Tante nit?«

Ossana zögerte. Sie blickte ihn nicht an:

»Jetzt ist's ja noch schön zum Fahren, aber wenn's kälter wird und die Straße doch vielleicht schlechter würde – und die Mama hat solche Angst, seit – seit Margret –«

Da vor ein paar Minuten auch Tante Angiolina fortgegangen war, sie zog sich immer nach Tisch auf ihr Zimmer zurück, antwortete Meinhardt:

»Ein Platz wird nach dem anderen leer. Da hat Margret gesessen. Da, wenn ihr gekommen seid, der Papa. Hier eben noch Graf Baray, da der putzige, kleine Kerl, der Maler. Dort die Tante…«

Ossana sagte:

»Sie kommt ja wieder.«

Aber die Angst der Kreatur sprach aus seinen Augen:

»Alle lassen's mich allein! Und ich soll hier jeden Tag an diesem albernen leeren Tisch sitzen, wo das weiße Tischtuch vor mir gähnt und die Stühle rundum stehen, als ob ein Toter um den anderen sie verlassen hätt'!«

Zum erstenmal, seitdem Margret nicht mehr lebte, nahm sie seine Hand und streichelte sie. Er ließ sie ihr, als freue er sich, daß auch nur ein Wesen auf dieser Erde sich um ihn kümmerte. Sie sprach zu ihm tröstende Worte: Sie würden ihn besuchen, und er könne täglich zu ihnen kommen, täglich!

»Kannst denn du nit bei mir bleiben?«

»Ich tät's ja so gern, aber – –«

»Aber?«

»'s geht doch nit.«

»Warum nit?« »I hab' kein Recht!«

Er sah sie prüfend an:

»Komm, Ossana, setz' di her! Ich will dir einen Vorschlag machen!«

Er nahm Platz und zog sie neben sich, dann hielt er ihre Hand, und während er sprach, schlug er ihr bei jedem Satz leise darauf:

»Die Tante hat doch schon einmal den Schleier nehmen wollen, nur hat ihr's der Pfarrer ausgeredet. Warum? Deinetwegen. Wenn du aber nicht allein wär'st, ich meine, eine Heimat hättest! Was sag' ich – – Ossana, komm' zu mir, führ' mir das Haus. G'schieht das nicht oft? Oder ist das – das –«

»Was?«

»Ist das unschicklich?«

Sie hatte ihm ihre Hand entzogen. Ihre Augen suchten den Boden.

»Sag' doch, Ossana!«

Sie schwieg.

Er stand auf, und nach Worten tastend begann er zu erklären:

»Schau, i kann diese Einsamkeit nit mehr ertragen. I bin glücklich g'wesen mit Margret, so glücklich, daß ich mit keiner anderen leben könnt'. Aber schau, wenn ich deine Stimme höre, – ist's mir, als wär' sie von den Toten auferstanden. Wenn i dich kommen seh', denk' ich, ihr Schalten kommt. Dein Gesicht, dein Haar, deine Augen sind fast wie ihre. Dich könnt' ich ertragen…«

Die Ellbogen auf die Knie gestützt, die Stirn immer tiefer gesenkt, saß sie da. Ihr ins Gesicht zu blicken, hockte er vor ihr nieder:

»Schau mich an! Hab' ich dich gekränkt? Ich bestimm' über dich und frage dich nit? Sag' mir nur, würdest du zu mir kommen? Könntest du zu mir kommen?«

Sie zuckle langsam die Achseln.

»Du weißt nicht?«

Endlich sah sie ihn an. In ihren Blicken war keine Leidenschaft, sondern Weichheit, fast wie einst in denen ihrer Schwester:

»Meinhardt, i soll nur – nur die Erinnerung an eine andere sein?«

Sie richtete sich ganz auf, und jetzt bekam sie wieder ihre Ossana-Augen:

»Das kann i nit, das sag' i dir gleich! Jeder will sein eigenes Leben leben! Aber i würd' versuchen, dir alles zu ersetzen, versuchen – sogar mich zu ändern, dich zu verstehen. I würd' versuchen, die Vergangenheit neu zu… zu schaffen. Für dich wär' mir kein Opfer zu groß. Aber es ist ja kein Opfer, es wär' ja mein größtes, größtes Glück. Wen man gern hat, vor dem kann man sich beugen.«

Er hatte ihr immer glücklicher zugehört, nun sagte er ängstlich:

»Aber dann dürftest du mich nie wieder allein lassen. Denn, wenn nach einem Jahr ein anderer käme…«

Sie sah ihn an, als wollte sie mit ihren scharfen Pupillen sich einbohren in seine Seele:

»Ein anderer? Hab' i mich all diese Jahre um irgendeinen Menschen gekümmert?«

»Dann bleibst du bei mir?«

»Immer.«

»Und 's tät dich nicht reuen?«

»Nie.«

»Weißt du das gewiß?«

»Ganz gewiß.«

»Wie kannst du das wissen?«

Sie zögerte, stammelte, mit einemmal fuhr ihr das lang gehütete Geheimnis heraus:

»Weil i dich liebhab'!«

Er war fast erschrocken. In einer Sekunde schossen ihm Gedanken durch den Kopf: er dachte an die Worte der Mama über seinen Vater, der es allein nicht ausgehalten, nach so langer, langer, so glücklicher Ehe. Das gleiche Blut floß in seinen Adern. Ihm wurden die Augen aufgetan. Er fand Margret wieder in ihrer Schwester, als sei ihr Schatten aus der Gruft gestiegen! Und seine Seele, die ängstlich immer nach einer anderen Seele verlangte, fühlte, wenn sie sich auf dieser Erde noch einmal einer anderen nähern konnte, so war es Ossana, die nur fortzusetzen schien, was der Tod ihm aus den Händen gewunden. Er wußte in Seligkeit: er war nicht mehr allein, nicht mehr ganz allein!

Da erhob er sich aus der Stellung am Boden, glitt auf den Sessel neben Ossana und sagte ruhig:

»Ich kann dir das nit geben, was Margret besessen hat, aber ich will dir alles geben, was ich vermag, dir Vertrauen schenken, dir mein Herz ausschütten. Du sollst mir Margret sein! Es ist schwer, um was ich dich bitte, es verlangt große, große Selbstverleugnung. Kannst du das? Willst du an ihre Stelle treten?«

Er bekam noch keine Antwort. Er fuhr fort:

»Was ich zuerst gedacht hab', ist unmöglich. Du kannst nit als meine Schwägerin allein bei mir leben, du bist zu jung und ich bin zu jung. Und wenn's der Tant' auch recht wäre, ich müßt' für dich nein sagen. Ich mach' keine Werbung mit großen, heißen Worten! Das kann i nit, aber 's ist herzliche Zuneigung! Mir ist's, als fänd' ich in dir Margret wieder. Du aber willst Ossana sein! Trotzdem – trotzdem, denk' ich, kommen wir zusammen, denn in dir ist mehr von der Margret, als du weißt. Und dein eigenes Wesen wirst du mir auch lieb machen. Willst du? Schau, wer so philosophiert, kommt nicht mit glühendem Herzensüberschwang. Willst du trotzdem nehmen, was ich dir bieten kann?«

»Ja!«

Achtundzwanzigstes Kapitel

Tante Angiolina war, als sie die Nachricht empfing, ganz erschrocken, dann gerührt. Sie saß nur da und nickte vor sich hin, bis sie endlich fand, es sei ein Glück, daß sie das noch erlebe. Nur wußte man nicht recht, wie sie sich das Glück dachte.

Dann kam das Urteil der Welt. Weder Meinhardt noch Ossana noch ihre Mutter hatten von der Verlobung gesprochen, trotzdem mußte sie durchgesickert sein, denn der Diener brachte seine Glückwünsche dar. Als Meinhardt verwundert fragte, woher ihm das bekannt sei, wußte er, zu dem sich noch seine Frau, die Theres, die Köchin, der Kutscher, der Gärtner, kurz alle Leute gesellt, nichts anderes zu antworten, als "man" hätte es erzählt.

In Meran wurde die Verlobung auf den Tees, im Theater, auf der Straße, in den Wirtshäusern, in den Hotels verbreitet. Sie ging auf der Habsburgerstraße und in den Lauben von Laden zu Laden, denn alle hatten das gräfliche Paar gekannt, deren Jucker oder Haflinger gleichsam ins Stadtbild gehörten.

Die Geschäftsleute fanden es sehr recht, da sonst die Besitzung, etwa wie ein Laden oder eine Wirtschaft, Schaden litte, wenn sie lange ohne Hausfrau bliebe.

Zu gleicher Zeit trafen auch die Antworten der Verwandten ein. Der Poldi telegraphierte so lang' und teuer, daß es den Eindruck machte, als müsse er eben ein Rennen gewonnen haben. Von Bernburgs kam ein freundlicher Brief, aus dem das Erstaunen klang, daß sie doch eigentlich nie etwas davon gemerkt hätten. Als Meinhardt ihn Ossana vorlas, antwortete sie mit leisem Lächeln:

»Wie sollten denn die was merken, sie sind doch nur mit sich selbst beschäftigt!«

Den Brief der Mama bekam Meinhardt, als er schon wieder allein war, denn nach der Verlobung fand es Tante Angiolina nicht mehr schicklich, auf der Rochusburg zu weilen. Immer wieder nahm Meinhardt die Zeilen seiner Stiefmutter vor, die tagelang in seiner Seele geklungen:

»Sie ist Margret so ähnlich, daß sie nur dort fortsetzen wird, wo die andere aufgehört. Du bist ein Grübler, ein Nervenmensch, wie es auch Dein Vater gewesen ist. Für dich würde es schwer sein, ganz neu wieder zu beginnen. So wird sie mit ihrer Stimme Dich an ihre Schwester erinnern. Wenn sie eintritt, wirst Du meinen, Margrets Gestalt zu sehen, und wenn ihre Augen Dich anblicken, magst Du denken, es sei Deine verstorbene Frau. Mir scheint beinah', als würde Margret, wenn sie es wissen könnte, Dir ihren Segen geben, denn sie hat, solange sie auf dieser Erde war, nur einen Gedanken gehabt: Dich glücklich zu sehen. Ihr bangte vor Deiner Zukunft. Sie litt, ich weiß nicht, ob Du davon weißt, manchmal unter Todesahnungen. Ich glaube nicht etwa, daß sie gefühlt hätte, sie müßte jung sterben. Nein, sie hing am Leben, denn sie war überglücklich geworden mit Dir. Aber jeder Mensch hat einmal trübe Tage. Und diese liebe Frau hatte deren vielleicht mehr, als Du geahnt hast. Gut, daß Du es nicht so wußtest. Es ist mir öfters gelungen, ihre Seele aufzurichten. Dabei habe ich manchen Einblick getan. Aber nun lasse mich Dir etwas sagen. Denk' an mich, wenn ich vielleicht später einmal nicht mehr bin – ich habe gar keine Todesahnungen, bin aber fast sechzig, und mein Herz ist nicht ganz in Ordnung, wie der Arzt mir nach ein paar Beschwerden vor ein paar Tagen sagte – also: Die Schwestern sind einander ähnlich und doch nicht gleich. Darüber sei Dir immer klar, um nicht ungerecht und nicht unglücklich zu werden. Margret hat mir einmal erzählt, wie wunderschön Du gesagt – jedes Wort war ihr im Gedächtnis geblieben –, daß nichts auf diesem Planeten sich wiederhole, und es ein Glück sei, daß sich nichts wiederhole. Nun, so hat auch Gott die Schwestern nicht gleich geschaffen. In Deiner zweiten Frau wirst Du nicht ganz die erste wiederfinden, aber auch Du wirst Dich verändern nach den Gesetzen, die Du erklärt hast. Margret war zu stillem Glück geschaffen, Ossana wird Dir ein anderes Glück geben, – daß es ein Glück ist, dessen bin ich überzeugt. Die trüben Stimmungen, das schwere Geblüt Margrets hat Ossana nicht. – – – – Ich bin unterbrochen worden – und lese meine Worte noch einmal, Verzeih! Ich bin ins Philosophieren und Prophezeien gekommen. Das liegt mir gar nicht, wie Du weißt, denn ich hab' immer erfahren: es kommt alles ganz anders. So drücke ich Dir nur die Hand. Das aber von Herzen. Eines laß Dir noch sagen: Sollten etwa, wie bei Deinem Vater, die Leute finden, Du habest nicht lange genug gewartet, – laß sie reden. Wenn wir vor uns selbst bestehen können, was geht uns anderer Menschen Urteil an? Hättest Du Dich noch länger in Deine Trauer eingesponnen, so würden die gleichen Klugredner vielleicht gesagt haben: »Wie kann man sich so unmännlich vom Schmerz werfen lassen!« Wärest Du, wie Du einmal wolllest, auf Reisen gegangen, so gäb' es gewiß Leute, die da meinten: »Jetzt amüsiert er sich woanders!« Ja, lieber Meinhardt, was Du mir am letzten Abend hier geklagt hast, wie einsam doch jeder in der Welt für sich steht – es ist so! Aber eben das macht uns stark, denn es bedeutet die Notwendigkeit, mutig jeder für sich dem Leben ins Gesicht zu sehen und trotz allem Traurigen, das wir erfahren, wollen wir ein fröhliches Herz behalten, Meinhardt!

Und nun noch ein Wort zu Deiner neuen Ehe: Vergiß nicht, Meinhardt, daß Du jetzt ein anderes Menschenschicksal in die Hand bekommst, das genau so gut sein Recht auf sein Glück, auf das Leben hat wie Du! Gott befohlen.

Deine Mama.«

Bei Tante Angiolina waren Gedanken erwacht, die sie hinter Klostermauern entführten. Einmal, als Meinhardt in Göllan weilte, rief sie die beiden in ihr Schlafzimmer, hieß sie feierlich auf die alten, steiflehnigen, mit verschossenem Kattun überzogenen Stühle niedersitzen, faltete die Hände und sprach:

»Ich muß euch eine Mitteilung machen, liebe Kinder! Der Papa ist in den Himmel gegangen, meine Tochter Margret ist ihm gefolgt. Meine Tochter Ossana geht jetzt aus dem Haus. Ich werd' jetzt allein bleiben. Ich hab' meine Pflichten gegen Mann und Kinder treu erfüllt. Du, Ossana, wirst jetzt eine neue Heimat haben und brauchst deine Mama nicht mehr.«

Sie begann zu weinen. Ossana stand auf, lehnte ihren Kopf an den der Mutter, denn sie war doch ein wenig gerührt, dann ging sie langsam zu ihrem Stuhl zurück, setzte sich, und Tante Angiolina fuhr fort mit umflorter Stimme:

»Ihr wißt, ich hatte einmal die Absicht, dieses Dasein, das, ihr könnt es mir glauben, keinen Wert besitzt, mit etwas Besserem zu vertauschen. Ich sehnte mich nach Frieden, denn mein Leben hat das nicht gehalten, was es mir einst versprach, als ich als junge Frau von da drüben in diese Gegend gekommen bin!«

Wieder schluchzte sie leise. Meinhardt blickte zu Boden, Ossana bedeckte die Augen mit der Hand. Nach einiger Zeit fuhr die Mama fort:

»Ich hab' damals meine Sehnsucht geopfert deinetwegen, mia cara, ich hab' verzichtet, um getreulich meine Mutterpflicht zu erfüllen. An dem Tag aber, da mein letztes Kind vor den Altar tritt, bin ich entschlossen, das Welttreiben zu verlassen. Ich will, wie ihr schon ahnen werdet, den Schleier nehmen.« Tante Angiolina war am Ende. Ossana stand auf, ihr die Hand zu küssen:

»Mama, für uns ist's traurig. Aber wann's dein Glück ist.«

Da hob die dicke Frau ihre Feuerräder, die einst, wenn auch noch so unschuldig, doch brennend über diese schöne Erde, über Männlein wie Weiblein geblitzt, und es war etwas selig Verklärtes darin, das jeden traurigen Gedanken bannte:

»Ich weiß, mia cara, daß du glücklich wirst. Ich aber hab' nichts mehr, was mich hier unten hält. Ich werde Gott dienen fortan, ich will nachholen, was ich versäumt habe und Ihn bitten, daß Er mir verzeihe und mich gnädig aufnehme. Ich will die heilige Gnadenmutter in ihrem Glanz und in ihrer Hoheit sehen, ich will nit die Augen geblendet schließen, ich will hinaufblicken in all das Himmelslicht und sie anflehen, euch gnädig zu sein wie meiner armen Seele, die sie bald, recht bald erlösen möge und emporheben zu sich.«

Die Mama stand auf, sie schluchzte nicht mehr. Ruhig umarmte sie ihre Tochter, ihren Schwiegersohn, mit einem Ausdruck, als sei sie mit ihren Gedanken schon nicht mehr hier. Dann trat sie an den Betschemel neben dem Bett in der Ecke, kniete schwer hin, senkte den weißen Kopf und faltete die Hände.

Meinhardt blickte Ossana an. Sie hatte doch ein wenig glänzende Augen, und als sie über den Flur gingen, an der Wand hin, in dem gleichen Gefühl, als solle in diesem Augenblick die Diele nicht knarren, sprachen sie kein Wort.

Sie saßen zusammen unten im Zimmer. Ossana sagte: »Es ist mir doch sehr, sehr schwer, wenn ich's auch längst gewußt hab' und, verzeih, was ich sag', Meinhardt, eigentlich die Mama schon längst verloren g'habt hab'. Sie war ja nit mehr hier. Ich möcht' auch glauben, sie verliert nix an mir, denn sie hat mich ja nie mehr g'sehn. Du glaubst nit, Meinhardt, wie das traurig gewesen ist. Und wie glücklich ich bin, daß ich dich nun hab'!«

Dann lehnte sie ihren Kopf an seine Brust, wie ihre Schwester es einst getan.

Ganz still war die Hochzeit gewesen, ebenso still fuhr das junge Paar davon. Sie gaben Tante Angiolina das Geleit. Das Kloster, das Baronin Durazzi sich ausgesucht, lag in der Nähe von Trient. Zuerst hatte sie auch von den Pergher Abschied nehmen wollen, aber dann überwog der Gedanke, daß sie sich so viele Jahre nicht mehr umeinander gekümmert hatten. Wie damals das junge Paar in Trient ausgestiegen und hinaufgefahren war, dem Val Sugana zu, so brachte die drei jetzt der Wagen den gleichen Weg hinan, doch nicht abbiegend, sondern die Straße geradeaus. Eng schlossen die Felswände sich zusammen. Sie kamen an einem Fort vorbei, dann öffnete sich das Tal zu weiterem Becken. Noch eine halbe Stunde Fahrt, und die langen, weißen Mauern des Klosters lagen vor ihnen.

Wie es hieß, war dort keine einzige Deutsche. Mit dem heutigen Tage schien Tante Angiolina anzuknüpfen an ihre Jugend, als würde der mittlere Teil ihres Lebens ausgelöscht. Sie hatte erzählt von der Herrlichkeit des Klosters, so dachte Meinhardt es sich wie die Rochusburg hoch auf einem Berge. Ossanas leicht entzündete Phantasie träumte sogar etwas vom Leuchten der Gralsburg weit in die Lande hinein.

Nun waren sie ein wenig enttäuscht über die unscheinbar tiefe Lage im Tal. Von der Hauptstraße auf einen Nebenweg abbiegend, stand bald der gelbliche, lange Kasten vor ihnen. Ein Garten war vorgebaut mit himmelhohen, weißgetünchten Mauern gleich einer Befestigung. Rundum dehnten sich Weingärten, bereits im blattlosen Winterschlaf. Die Bäume trugen noch ihr gelb und braunes Herbstkleid. Im Hintergründe strichen langgestreckte Bergrücken hin, eintönig ohne stärker hervortretende Gipfel. Frieden lag wohl über der Landschaft, doch fast zur Öde gewandelt.

Dazu drohten graue Wolken in gewaltiger Bank vom Himmel, die Sonne verhüllend. Auf dem letzten Wegestück beugte Ossana sich zur Mama und drückte ihre Hand. Sie sah Tränen in ihren Augen und suchte sie zu trösten:

»Du mußt nicht traurig sein!«

Doch die Baronin Durazzi gab fast hart zurück:

»Ich bin glücklich.«

Ossana war vergessen.

Meinhardt ließ vor dem Gebäude halten und schickte den Kutscher zur Hauptstraße zurück. Das letzte Stück gingen sie zu Fuß, aber da es geregnet hatte und der Weg schmutzig war, an der Seite und hintereinander, so daß es nicht zum Gespräche kam.

Am Tor klingelte Tante Angiolina. Lange Zeit schwang grell die Glocke. Ein Guckfenster tat sich auf. Tante Angiolina sagte ein paar italienische Worte. Ja, sie wurde erwartet. Sie trug aber nichts bei sich; keine Tasche hatte sie mitgenommen, nicht einmal einen Schirm, nur einen Schal um die Schultern.

Nun öffnete sie die Arme und schloß ihre Tochter einen Augenblick hinein. Dabei, waren es Nerven, war es Gefühl, war es die letzte Wandlung ihres Daseins, ein Hintersichwerfen ihres ganzen Lebens: aus ihren großen, schwarzen Augen rannen dicke Tränen und perlten unaufhörlich nieder. Dann stand sie da, ein wenig im Kreuze liegend, den starken Leib vorgestreckt und machte über ihre Tochter mit der Hand ein Zeichen, wie einen Segen.

Meinhardt wollte herantreten, doch sie nickte ihm nur zu, als sei das Männliche schon für sie verpönt. Und dann tat sich die Tür auf, an die sie gedrückt. Man sah niemand, nur ein Stück Gang blickte man hinunter, der aber bald nach rechts bog. Am Ende brannte eine Ampel, rot wie im Herrgottswinkel in Göllan, darüber aber nicht der Gekreuzigte, sondern die Muttergottes mit dem Kinde.

Wie von unsichtbarer Hand sank die Tür wieder zu. Und die beiden blickten auf das graue Holz, an dem aus alter Zeit noch ein Türklopfer hing.

Ossana hatte das Taschentuch vor den Augen. Meinhardt rührte sich nicht. Plötzlich wandte sie sich zu ihm und sprach mit Margrets Stimme, ja es war, als ob Margrets Worte sich wiederholten, wie sie einst zu ihrem Mann gesagt:

»Jetzt hab' i nur dich allein!«

Er nahm ihren Arm und führte sie den Weg zurück, immer an der eintönig grauen Mauer hin, über die an der Ecke, wo sie endete, eine Gruppe schwarzer Zypressen ihre spitzen Kronen streckten.

Meinhardt führte seine Frau. Besorgt, daß er die Füße sich nicht naß mache, warnte sie ihn. Er aber meinte: jetzt sollte sie schweigen, und der Gedanke kam ihm an Margret, die in solchen Augenblicken ihrer wie seiner Seele Rast gegönnt hätte.

Doch, unzufrieden mit sich selbst, zog er Ossana an sich und bat sie um Verzeihung:

»Ich hab' dir's gleich gesagt, ich bin ein trauriger Gesell' geworden! Das hast du nun davon.«

Sie antwortete etwas verschüchtert:

»Ich will nix mehr reden! Ich will alles tun, was du willst! Ich stör' di nimmer. Bleib' ruhig bei deinen Gedanken.«

In Bologna, im Hotel Brun blieben sie. Stumm war er und nachdenklich. Die Gestalt Margrets stand vor ihm, doch nicht wie sie gewesen, sondern das Bild des Wiener Malers, ein wenig mit Ossanas Zügen. Er schielte zu ihr, die neben ihm saß, den Rücken gebogen, den Kopf gesenkt, zu Boden starrend, und sagte bitter:

»Dein Mann ist nit grad' unterhaltend!«

Doch sie:

»Ich hab' dich aber lieb.«

Und sie begann zu reden von ihrer Liebe, ohne ihn anzublicken, denn sie fühlte sich doch ein wenig befangen. Er hörte aus ihr Margrets weiche Stimme. Da schlang er den Arm um ihren Nacken und zog sie an sich. Sie erhob den Kopf: »Red' ich zu viel?«

»Sprich weiter, ich hör's so gern! Es klingt so schön.«

»Denkst du an Margret?«

Er ließ sie los. Plötzlich nahm er ihre beiden Hände: »Ossana, ich bitt' dich, bitt' dich um eins. Verzeih, was ich dir jetzt sag'. Laß mir Zeit, ich komm' zu dir, ich komm', aber jetzt kann ich nicht.«

Sie fühlte seine Lippen auf ihrer Stirn, und als sie aufblickte, war sie allein.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Am anderen Morgen schämte sich Meinhardt seines Wesens gegen die junge Frau. Wie oft hatte er Margret erklärt, nichts käme wieder. Was einmal herrlich gewesen, kehre nie ebenso zurück. Das Dasein würde ja auch sonst unerträglich werden. Und jetzt war er versessen, neu zu erleben, was ewig versunken war?

Margret hatte ihn von sich gewiesen mit all ihrer Milde und Weichheit – Ossana war ihm ganz anders ergeben. Rührender, trotzdem sie nicht scheu blieb und sich zurückhielt, sondern die junge, verliebte Frau nicht verleugnete.

Sie gerieten in den leeren Musiksaal des Hotels. Ossana setzte sich an den Flügel und spielte; nicht träumerisch, aber auch nicht so unreif wie ihre Schwester. Die gute Schule, die sie genossen, zeigte sich. Beethoven, Schumann, Schubert erklangen. Meinhardt wendete die Seiten. Einer steckte den Kopf zur Tür herein; da er das Paar allein sah, verschwand er wieder. Aber eine neugierige Dame blieb und lockte nun durch ihr Beispiel andere herbei, so daß bald der Saal voll Menschen saß, die taten, als wollten sie lesen, im Grunde jedoch nur dem Spiele lauschten.

Da überkam Meinhardt leise Eitelkeit. Er freute sich über seine junge Frau. An dem Tage wählte er eine Flasche besonders guten Weines, sie trank und er auch, und wie das Rebenblut ihnen durch die Adern lief, erwachten sie ein wenig aus Traurigkeit und trüber Stimmung.

Aber Meinhardt wollte heim.

Er hatte nicht eine Hochzeitsreise machen wollen, auf der notwendigerweise Erinnerungen immerfort geweckt wurden. Ossana stimmte ihm bei, obwohl sie sich nach ihres Mannes Erzählungen brennend auf Italien gefreut.

Graf Aich hatte sich einen Empfang auf der Rochusburg verbeten. Nur ein paar grüne Reiser hingen über dem Eingang, und frische Blumen standen in Krügen und Gläsern. Meinhardt hatte die Schlafräume verlegt: Margrets Sterbezimmer blieb verschlossen, aber es war, als ginge der Geist der Verstorbenen im Hause um. Bei allen Anordnungen, die Ossana treffen wollte, hieß es wie in stillem Widerstand, das habe die Frau Gräfin selig so bestimmt. Nur die Bücher führte sie. An der Stelle, wo Margret den letzten Punkt gesetzt, begann Ossanas Schrift, sehr ähnlich, doch die Buchstaben größer, kräftiger, als drücke sich darin ihr Wesen aus.

Sie begleitete ihren Mann, wie Margret es getan, hinunter nach Meran, machte aber nicht Besorgungen, während er beim Advokaten war, sondern bat, mitgehen zu dürfen, und Doktor Kofler, der ihr auf Meinhardts Veranlassung in Göllan oft geraten und ihren gesunden Menschenverstand kannte, schien darüber sehr erfreut. Hatte Margret nur versucht, Meinhardts Gedanken zu folgen, so war Ossana mit ihrem Starrkopf, der ihr manche Unannehmlichkeit in Göllan eingetragen, oft anderer Meinung wie ihr Mann. Er wunderte sich zuerst darüber, und ein paarmal fielen vorwurfsvolle Worte oder gar Vergleiche.

Ossana duckte sich, als wolle sie einem Streich entgehen. Aber sie blieb bei ihrer Meinung und hatte die Genugtuung, daß ab und zu der Advokat oder ein Bauer, mit dem sie am Wege sprachen, der Gärtner oder der Verwalter, ihr zustimmten. Dann sah Meinhardt sie von der Seite an und sagte kein Wort.

So wurde es wieder Frühling. Von Tante Angiolina wußten sie durch Erkundigungen, die Pfarrer Niederwieser angestellt, nur, daß sie gesund sei. An einem der letzten Märztage fuhren sie nach Lana, wo Meinhardt mit einem Obsthändler sprechen wollte, der bereit schien, die Rochusburger Ernte, nach der Blüte geschätzt, im ganzen zu übernehmen. Ossana hatte sich sagen lassen, es sei vorteilhafter als Meinhardts Art, in der Obsthandlung in den Lauben und an der Promenade zu verkaufen.

Auf dem Rückwege hielten sie in Göllan. Mit geschlossenen Läden träumte der alte Ansitz. Ossana war Meinhardt dankbar, daß er ihr die Möglichkeit gegeben, ihr väterliches Besitztum für sich weiterzuführen und zu verbessern. Die Stunden, wo er wirklich allein zu tun hatte, pflegte sie zu benutzen, um hier nach dem Rechten zu sehen. Meinhardt begleitete sie heute zum erstenmal. Sie gingen durch die Weingärten, wo die Lauben durch Einzelstöcke ersetzt worden; Ossana zeigte, daß die zerfallenen Mauern aufgebaut waren, mit neuen Hohlziegeln abgedeckt, der Pfeiler am Tor frisch aufgemauert worden, und Stacheldrahtzäune an den Grenzen der Kalvillenanlage liefen. Die Wege waren sauber gehalten, und nur an diesem oder jenem für seine ganze Lebenszeit verkrüppelten Busch erkannte man noch des armen Papas greisenhafte Verschönerungswut.

Der Verwalter, ein rechter Burggräfler Bauer, küßte der Gräfin die Hand. Mit seinem schwerfälligen Gang in derben Nagelschuhen, weißen Hemdsärmeln, die Daumen in die grünen Hosenträger gehakt, auf dem Kopf den Spitzhut mit der grünen Schnur, unter dem die schwarzen, geölten Haarsträhnen hervorlugten, schritt er neben den beiden her. Er schmunzelte, als ihm Meinhardt ein paar anerkennende Worte sagte.

Von der Obsternte wurde gesprochen, jeder Baum einzeln beurteilt. Im Weingarten musterten sie die neuen Stöcke. Bei der Kalvillenanlage verweilten sie am längsten. Der Bauer hatte jahrelang bei einem großen Kalvillenzüchter gearbeitet und empfand nun beinah' mehr Liebe für den edlen Apfel als für die Reben, wenn er sich auch ihren roten Saft ganz gern durch die Kehle rinnen ließ.

Im Haus führte sie die junge Frau des Bauers, denn das war ihr Reich. Aus dem Unterinntal gebürtig, lag in ihr die mehr nach Bayern neigende Freude an gescheuerter Sauberkeit. Und sie zeigte mit Stolz die von ihrem Manne selbst frischgestrichenen Läden. Der alte Baron hätte gefunden, sie paßten nicht zum Stil, denn zu blitzblank und neu fast sahen sie aus. Die Treppe schimmerte, die Diele glänzte hellgrau und daß man sie nicht beschmutze, lagen Leinentücher gebreitet. Wieder sprach Meinhardt seine Anerkennung aus. Als Graf und Gräfin Aich in die Wohnstube traten, blieb die Bauersfrau bescheiden zurück. Meinhardt schloß die Tür.

Da stand der alte Schreibtisch. Aber der Wust von Papieren und Büchern war verschwunden, sei es durch Ossanas Hand, sei es, daß die Bäuerin Ordnung gemacht. Voll Tintenflecken war die Tischplatte wie immer, man hatte sie nicht abziehen können, aber das Tintenfaß blitzte nur so, und eine neue Feder steckte im Halter. Da träumte auch noch die Besuchskartenschale auf dem Tisch – leer.

Im Nebenzimmer, wo einst Tante Angiolinas Teeklatsche stattgefunden, erzählte Meinhardt, wie der Papa ihm einst voll geheimer Schadenfreude verraten, daß er mit Siebenlehn hier den Tratsch der Damen belauscht.

Ossanas Brauen schoben sich hinauf, genau wie einst bei ihrer Schwester.

»Was hast denn?« fragte er und strich ihr die Wange. Sie rief:

»Der Lump!«

»Ah, wegen Poldi – das hat Margret auch einmal gesagt!«

Ossanas große, schwarze Augen ruhten fast erschrocken auf ihm:

»Margret?«

Plötzlich kam ihm eine Erklärung: Wahrend seine Finger leise an ihrem Arm niederglitten, fragte er:

»Ärgert's dich?«

»Was meinst du?«

Da ließ er sie los und ging, die Hände in den Taschen, im Zimmer hin und her, als ob er sich selbst Rechenschaft gäbe:

»Es ist vielleicht nicht recht, ich red' dir zu viel von Margret.«

Plötzlich drehte er sich um:

»Ossana, kannst's nicht verstehen? Soll ich sie ganz vergessen? Hast du sie nit auch liebgehabt?« Er bekam keine Antwort. Da umgriff er wieder, vor ihr stehenbleibend, ihre Arme. Und immer noch ganz im Banne seiner Gedanken, obwohl er sich eben noch den Vorwurf gemacht, daß er durch die ständige Erinnerung an Margret vielleicht Ossana kränke, sagte er:

»Du bist viel schlanker!«

Sie trat zurück:

»Als Margret willst du sagen!«

»Darf ich das nicht?«

»Margret, Margret, überall Margret! Ich hab' sie liebgehabt, und ich hab' sie noch lieb, und du hast sie lieb, – und hast sie noch lieb!«

Er begriff nicht:

»Wär' das schlimm?«

»Ja, denn sie hast du lieb und nit mich!«

Er rief heftig:

»Wär' ich sonst zu dir gekommen?«

»Hast du mir ein Wort gesagt, was ich hier getan hab'? Du hast es der Bäuerin gesagt, du hast es dem Bauer gesagt, aber mir nicht!«

Er fing an sich zu ärgern:

»Wie bist du denn nur? Ganz anders…«

»Als Margret? Nit wahr? Soll ihr Schatten mich immer verfolgen?«

Die Farbe wich ihm aus den Wangen:

»So bist du?«

»Wie soll ich sein?«

»Ich hab' gemeint, du wärst –«

»Wie Margret, willst du sagen? Margret? Nein, ich bin's nit, ich bin anders. Ich hab' die gleichen Augen und das gleiche Haar und die gleiche Gestalt und die gleiche Stimme, aber ich bin anders, ich bin ganz anders. Denn ich lieb' dich nit wie Margret, ich …«

Fast kalt sagte er:

»Das zeigst du!«

Sie griff nach seiner Hand:

»Du zweifelst daran, daß ich dich lieb'? Ich möcht' dir alles an den Augen abschauen, ich möcht' von früh bis abends nur das tun, was dir gefällt. Ich hab' dich lieb, so lieb, anders wie Margret, ja, das sag' ich dir, weil ich mich nit zufrieden geben mag mit den Resten –«

Sie schwieg mit einemmal, ihre Unterlippe zitterte und sie grub ihre kleinen Nägel in seine Hand.

Etwas Peinliches wehte ihn an. Er begriff sie nicht:

»Mit den Resten?«

Ihre Brust ging auf und nieder, ihr Atem fuhr fauchend zum Munde heraus, aber sie sagte nichts mehr. In ihm war nur Staunen über die jähe Veränderung, daß er beinahe bestürzt sagte:

»Ossana, ich glaub', du weißt nit, was du redst!«

Sie senkte den Blick. Wie in Reue blieb sie vor ihm stehen, während sie die Hände gereizt öffnete und schloß. Er ließ die Schultern sinken, seine Arme hingen schlaff herab, sein Gesicht war traurig. Wie sie ihn sah, dem ihr Herz vom ersten Tage ab gehört, sie wußte nicht warum, fiel sie ihm um den Hals:

»Verzeih', Meinhardt, bitte, bitte, verzeih'.«

Er sagte tonlos: »Es ist ja nix. Es ist ja nix. Und wir wollen ja glücklich sein.«

Stumm gingen sie davon. Nicht er, nicht sie fanden im Sturm ihrer Seelen ein Wort für den Bauer und sein Weib. Der mit den grünen Hosenträgern blieb am Tor stehen, nahm seinen Hut ab und strich sich die ölige Haarsträhne aus der Stirn, während die Frau an ihrer sauberen, weißen Schürze zupfte. Als Graf und Gräfin Aich die Steinstufen schon weit hinuntergegangen waren, starrte das fleißige, treue Paar ihnen immer noch nach, bis die junge Frau sich zu ihrem Manne wendete:

»Ist's nit recht g'wesen?«

Er zuckte die Achseln und drehte sich herum. Aber als er sah, daß die Augen seiner Frau glänzten, schlug er mit derber Liebkosung klatschend auf ihren Rücken. Neben ihr schritt er in seinem wiegenden Bauerngang zurück in den Hof, wobei seine Schulter absichtlich an die ihre stieß:

»Mir tuascht's recht machen, Zenzi, dös ischt g'nuag.«

Ossana wollte, daß Meinhardt den Auftritt in Göllan vergäße, und wie einst Margret, versuchte sie allen Gedanken ihres Mannes entgegenzukommen. Aber immerfort wurde sie, sei es auch nur durch Kleinigkeiten, daran verhindert. Die Theres hing an ihrer ersten Herrin, deren Güte sie, trotz allen Scheines von Bescheidenheit, benutzt, um zu tun, was sie wollte. Das ging nun bei Ossana nicht, und es kam öfters zu Zusammenstößen. Ossana war tätiger im Haus als ihre Schwester, die zu viel Stunden träumerisch in Sinnen verbracht, als sei sie gelähmt durch die Vergangenheit. Eines Abends, nach allerlei kleinen Streitfällen der letzten Tage, saßen sie in der Loggia, wo er so oft mit Margret geweilt. Nach langer Gewitterstimmung hatte der Himmel sich gereinigt. Dort oben schaute er herab, klar, ohne eine Wolke, wie so oft im Burggrafenamt, eine riesige, dunkle Glocke, über der in dichter Saat Milchstraße und Sternenbilder flirrend funkelten.

Als Meinhardt seine Frau so sitzen sah, im halben Dämmer mit den gleichen Umrissen wie die Verlorene, und durch das Dunkel der Nacht die Unähnlichkeiten sich verwischten, und nur ihre Stimme klang, als ob es Margrets Stimme gewesen, schienen alle Bitternisse vergessen darüber, daß er nicht ganz das Glück gefunden, von dem er geträumt. Auch Ossanas in der letzten Zeit härter gewordene Seele öffnete sich in der Stille des Abends, nur eines Wortes des Anstoßes bedürfend, um ihm entgegenzukommen.

Ihr war in letzter Zeit ein wenig bange geworden, ob sie ihn wirklich gewänne, denn sie empfand es täglich neu, daß seine Seele immer noch an der Verstorbenen hing. Wie er nun zärtlich die Hand nach ihr streckte, nahm sie sich vor unter seinen streichelnden Fingern: sie wollte ruhiger, hingebender sein, wie Margret, ja wirklich wie Margret!

Sie hatte der Mama in Wien ein paarmal geschrieben, andeutend, was sie bedrängte. Die antwortete nicht geradezu, sondern, wie es ihre Art war, erzählte sie von Dingen, die sie in Wien in der Nähe erblickt, so daß Ossana den Brief ruhig Meinhardt hätte zeigen können. Sie sagte, es sei seltsam, wie ein bestimmtes Frauenideal im Herzen eines jeden Mannes schliefe, und wiederkehrend sich verfolgen ließe durch sein ganzes Leben. Wie anderseits einer Frau meist das Bild einer Männerart vorschwebe, vom Mädchen bis zu den Greisenjahren.

Ossana verstand. Sie las daraus: ähnlich werden der Verstorbenen, sich fügen. Doch so oft sie mit sich gekämpft, so manche Träne geflossen, sie meinte, sie könnte es nicht. Sollte sie Lebhaftigkeit und jähes Aufflammen über Nacht verlieren? Als sie nun aber Meinhardts Hand fühlte, wurde sie weich. Minuten verstrichen auf Minuten, sie sprach nicht.

Er empfand es als Segen. Er dachte an die Abende, da er über sein Leben und sein Schicksal nachgesonnen, an die einsamen Berufsgänge, wenn Ossana ihn nicht begleiten konnte, wo immer wieder der Gedanke hämmernd in seinem Hirn sich wiederholt: Enttäuschung. Sie war nicht, wie er sie geträumt. Sie hatte fast Margrets Körper, doch nicht ihre Seele.

Und nun auch zu ihrem Glück sich wendend, fragte er sich: Geb' ich ihr, was ich ihr schuldig bin? Er hatte gleichfalls an die Mama in Wien geschrieben und unter den Zeilen sein Herz ausgeschüttet, ebenso hatte er eine Antwort bekommen, die er seiner Frau zeigen konnte. Sie schrieb, und er wußte noch Wort für Wort:

»Ich denke manchmal zurück, wie ganz anders ich war als Dein Vater, und wie glücklich wir doch gewesen sind. Und dabei – Meinhardt, ich darf es jetzt gestehen, wo Du älter bist und ich alt – unser erstes Zusammenleben unter dem Eindruck, daß ich ihm die Kinder nahm', war nicht, wie ich es geträumt. Mich hatte das Leben hart und scharf gemacht. Er war der weiche Idealist, von dem Du, lieber Meinhardt, vielleicht mehr abbekommen hast, als die Leute glauben können, die Dich wirtschaften und arbeiten sehen. Aber jeder von uns hat etwas in seinem Wesen aufgegeben. Er hat mich zurückgehalten, ich hab' ihm den Nacken gestärkt. Und das Ergebnis: Jahre des unerwartetsten – denn ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben – reinsten Glückes. Daß es dann enden mußte, ist der Lauf der Welt, denn nichts bleibt!«

Meinhardt fühlte Ossanas weiche Hand. Margrets Bild stand vor ihm, wie es über dem Schreibtisch hing, unter dem falschen Pinsel des Malers zu Ossana verwandelt. Er fühlte sich leicht abgestoßen von ihrer Leidenschaftlichkeit, und doch gab es Augenblicke, wo Margret zu weich ihm dünkte. Er sah den Reiz, der von dieser feurigen, jungen Frau ausging. – Wie sie letzthin den Bauer angeflammt! Das hätte Margret nicht getan. Ihm war es, als sei ihm Ossana ein getreuer Mitkämpfer. Einer Eingebung folgend, wandte er sich zu ihr:

»Ossana?«

»Meinhardt!«

»Ossana, sag', wenn mir's schlecht ging' –«

Sie richtete sich auf im Stuhl, als sei schon etwas geschehen.

»Wenn einer was Böses über mich sagen tät'–«

Sie lächelte ruhig: »Das tut niemand!«

»Wenn's aber doch so wäre… wenn einer mich angreifen tät'…«

Sie sprang auf: »Den tät' ich – –«

Ihre Augen flammten, ihre Sehnen strafften sich, sie riß die Schultern zurück, ihre Fäuste waren geballt. Dann aber löste sich ihre Leidenschaft, und sie warf ihm die Arme um den Hals:

»Ich glaub', Meinhardt, etwas weißt du gar nit, verstehst's gar nit, kannst's nit verstehen.«

Er sah sie fragend und lächelnd an:

»Nun?«

»Wie lieb ich dich hab'.«

Da bat er inbrünstig fast:

»Dann sei immer so, wie du jetzt bist!«

»Und du auch.«

»Ich will's versuchen.«

Ossana fragte Meinhardt, was er davon dächte: es böte sich möglicherweise die Gelegenheit, Göllan zu vermieten. Er riet dazu:

»Keine Gefühlsduselei, Ossana!«

»Nein! Die Andenken an die Eltern nehm' ich einfach fort und bring' sie herüber. Weißt: vom Papa die Bücher und von der Mama ein paar kleine Gegenstände, und dann, was im Wohnzimmer unten steht.«

Sie zählte alles auf und wurde doch etwas warm in der Erinnerung.

Meinhardt erklärte noch, es sei baulich nicht gut für ein Haus, wenn es so lange leer stünde, und so ward dann vermietet. Nun fuhr Ossana mit Theres hinüber und packte ein, was irgendwelchen Anhänglichkeitswert besaß. Beim Auspacken dann auf der Rochusburg stand Meinhardt dabei. Eine Menge Erinnerungen an alte Zeiten kamen zum Vorschein, darunter auch Gegenstände, die Margret gehört. Ossana legte sie zusammen und fragte Meinhardt, ohne ihn anzublicken: »Willst du das haben?« Er ließ sein Auge darüber gleiten:

»Man kann nit jedes Stück aufbewahren. Und, Ossana, das alles fängt schon an, in der Vergangenheit zu versinken. Es wird mir immer ferner, und du kommst mir immer näher. Ich darf das sagen, ohne das Andenken der Verstorbenen zu verletzen.«

»Ich danke dir!« antwortete Ossana, und sie gaben sich einen ruhigen, festen Kuß. Dann wurde Auslese gehalten und beinah alles zum Verschenken und Fortgeben bestimmt. Nur wenige Sachen blieben: Papas nun ganz veralteter Baedeker, Lineal, Feder und Tintenfaß, von der Mama aber das Marienbild, das auf ihrem Nachttisch gestanden.

Wenn Meinhardt in Lana oder Marling, zu tun hatte und sie am allen Göllan vorüberkamen, gingen sie nur noch selten hinauf, denn dort hatten sich die Läden wieder aufgetan, fremde Menschen wohnten da, man sah sie im Garten, Kinderlachen tönte unter den allen Bäumen.

Einmal blieben Meinhardt und Ossana unten an der Weingartenmauer stehen. Es war schon Winter geworden, und längst hatten die Reben ihre grünen Blätter verloren, daß ihr dichtes Gewirr den Blick nicht mehr hemmte.

Der alte Ansitz lag noch im Sonnenschein. Genau kannte Ossana die Stunden, wann während des Winters das Tagesgestirn verschwand. Sie sagte, die Hand in Meinhardts Arm gehängt:

»In zehn Minuten ist die Sonn' weg, denn es ist schon der…«

Sie hielt inne. Meinhardt gewahrte unter dem Säulengange die Gestalten der neuen Mieter. Eine junge Frau stützte beide Arme auf und beugte sich vor, in den Hof hinabzublicken. Ein Herr trat aus der Tür, schlang den Arm um ihre Schulter, und sie lehnten den Kopf aneinander. Dann kamen eine alte Dame und ein alter Herr, einer nach dem anderen langsam aus dem Haus und blieben neben dem Paar.

Meinhardt sagte leise vor sich hin:

»Alles anders.«

Ossana blickte ihn an:

»Das hab' i auch grad' gedacht!«

»Schau, wir haben uns g'funden!«

Er riet weiter:

»Deswegen hast du vorhin nicht weitergesprochen?«

»Woher weißt du das?«

»Ich hab's gefühlt.«

Plötzlich, in weicherer Stimmung, als ihrem Wesen sonst gegeben war, vielleicht, weil sie ihr Vaterhaus so verändert sah, fragte sie:

»Komm' ich dir näher?«

»Wie meinst du?«

»I mein', versteh' i dich jetzt?«

Er hob ihre Finger an die Lippen, nickte und lächelte ihr zu. Da wagte sie es zu sagen:

»Wenn i auch anders bin als wie die Margret?«

Er rief laut:

»Gut bist du so!« Und als sie zur Haltestelle der Bahn gingen, war er so herzlich, so guter Laune, wie sie ihn nicht gekannt.

Da hörte man von weitem das leise Surren des elektrischen Wagens. Er bog um die Ecke, hielt, und sie stiegen ein. »Wollen wir draußen stehenbleiben?« fragte er. Die Tram halte sich wieder in Bewegung gesetzt. Im gleichen Augenblick fielen ihre vier Augen auf einen kleinen Herrn neben ihnen, in kurz gehaltenem, etwas dünnem Vollbart, die Lippen ein wenig zu eng geschnitten, daß man die Zähne auffallend weiß blinken sah. Der Fremde lüftete den Hut. Ossanas schwarze Augen öffneten sich weit, und sie zischte ihrem Manne zu:

»Grüß ihn nit!«

Der Fremde blickte sie an mit gerunzelter Stirn. Meinhardt sagte ruhig zu seiner Frau:

»Komm, wir gehen hinein, es zieht.«

Sie schritt voraus, und die Tür ratterte zu. Meinhardt ging durch den ganzen Wagen. An der anderen Seite setzte er sich neben seine Frau. Dann sagte er leise, ohne sich umzublicken:

»Nimm dich doch in acht, Ossana!«

Aber sie zeigte noch immer ihr finsteres Gesicht. Er meinte beruhigend mit dem Lächeln des überlegenen Mannes, dem der kleine Kerl dort draußen ganz gleichgültig war:

»Schau, ich versteh' ja deinen Ärger wegen des Poldi, aber wer war denn schuld? Eigentlich der Poldi, und dann, unser Gentlemen, wenn so was ausgetragen ist, grüßt man sich, wir brauchen ja deswegen nicht grad' frère et cochon zu sein.«

Sie wendete absichtlich den Kopf ab, um nicht hinüberzublicken. Da sie nichts sagte, meinte er mit einem billigenden stolzen Blick der Liebe auf seine leidenschaftliche Frau:

»Was du für ein Temperament hast!«

»Ja, das hab' i.« »Es gefallt mir grad'!«

Sofort nahmen ihre Augen einen anderen Ausdruck an:

»Wirklich?«

»Freut dich das?

Sie preßte verstohlen zwischen ihnen, wo es niemand sah, seine Hand.

Als sie am Ruffinplatz ankamen, war der Baron Siebenlehn verschwunden. Und es wurde auch nicht weiter von ihm gesprochen. – – –

Ossana hatte Bekannten, die in Meran im Hotel wohnten, die landesfürstliche Burg gezeigt. Sie kamen eben heraus und umschritten noch einmal das alte Bauwerk aus den Zeilen des Kaisers Max. Man besah die schweren eisernen Körbe vor den Fenstern. Dann verabschiedete man sich. Die Bekannten wollten in die Stadt zurückkehren, Ossana aber mußte sich mit Meinhardt treffen, denn in einer Villa oberhalb des Tappeiner Weges waren sie eingeladen. Die junge Frau schritt die bequemen Kehren hinan, die sich am Küchelberg emporwanden. Immer tiefer versanken die altersgrauen Dächer. Sie ging langsam in der Sonne ihren Weg, von fremdartigen Gewächsen begleitet. Kein Mensch war hier zu erblicken, zu dieser Stunde saß schon alles in den Hotels beim Essen.

Da lag die Pfarrkirche gerade in der Tiefe vor ihr, und Ossana blickte nach der Uhr: es war noch viel zu zeitig. Meinhardt konnte noch nicht da sein.

Wolken standen in langen Strichen über dem Marlinger Berg, ab und zu versteckten sie die Sonne, die dann wieder blitzend durchbrach. Ossana hielt den Schirm in der Hand und ließ sich wohlig bescheinen. Sie wartete an der breitesten Stelle des Weges, auf das Geländer gelehnt. Man konnte von hier das ganze Tal überblicken: die weißen Kasten der Hotels, weit unten den Bahnhof und die letzten Häuser, die sich in die Gratscher Wiesen verloren. Ganz in der Ferne meinte sie Göllan zu erkennen. Aber von einem Zuge der Vintschgaubahn kräuselte eben eine Rauchwolke darüber. Links lag, die Moränenhalde hinauf, das Villenmeer von Mais ausgeschüttet.

Ossana ging weiter den Weg, Meinhardt entgegen. Aber es war immer noch eine Viertelstunde Zeit, so blieb sie beim Pulverturm, der aus Römerzeiten in die Gegenwart ragte, nochmals stehen. – Einen der Edelsitze nach dem anderen umfaßte ihr Auge: das gewaltige Viereck des alten Schlosses Planta, Goyen hoch oben schon über dem Naistal, und da unten Rosenstein und Rottenstein, Reichenbach und Knittenberg. Den Turm des Schlosses Winkel, dann wieder oben Labers, und immer weiter hinauf die Rochusburg, die von hier aus, nur wenig tiefer als die Fragsburg, etwas höher aber als Katzenstein, ihren scharfen Schattenriß in den Himmel schnitt.

Es war so warm geworden, daß Ossana nun doch den Sonnenschirm aufspannte. Sie lehnte sich über das Geländer und blickte hinunter, auf die efeuumsponnenen Reste der alten Stadtmauer, die zur Passer niederzog. Es machte ihr Spaß, über das Gewirr der Dächer blickend, die Lage der Straßenzüge dazwischen festzustellen, die sie als Kind schon gekannt. Aus allen Essen stieg jetzt um die Mittagsstunde der Rauch, zitternd und schwingend in den Strahlen der Sonne. Ein süßes Wohlgefühl war über die junge Frau gekommen. Sie, die einmal gefürchtet, sie möchte Meinhardt nie gewinnen, fühlte, daß sie ihm näher kam von Tag zu Tag. Wie das Zusammenleben zweier Menschen beide ändert, hatte auch sie sich immer mehr gewandelt. Sie hatte lernen müssen, sich anderen anzubequemen. Wie weit war jener Tag, da sie gejammert, daß ihretwegen in Göllan die Dienstboten verschwanden! Mit dem alten Aichschen Diener und seinen Eigenheiten war es nicht immer leicht. Und wieviel Zusammenstöße hatte es mit dem eigensinnigen kleinen Ding, der Theres, gegeben, die immer gemeint, ihr unter die Nase reiben zu müssen: so hatte es Margret gehalten, und so wünschte es der Herr Graf.

Längst gab es keine Auftritte mehr. Immer wieder fielen ihr Meinhardts Worte ein, die sie bei solcher Gelegenheit zu hören bekommen:

»Die Schuld liegt in der Mitte. Jeder von uns muß lernen, ein wenig nachgeben.«

Trotzdem schien es Ossana, als habe sie von ihrer Art nichts eingebüßt. Und doch: wäre sie nicht vor kurzem noch rasend geworden, so lange warten zu müssen? Aber sie war ja zu früh gekommen, nicht Meinhardt. Wie sie auf Meran, auf die Landschaft blickte, sah sie nichts davon, sondern immer nur stand das Bild des geliebten Mannes vor ihren Augen.

Da hörte sie jemand hinter sich gehen und, nicht anders meinend, als er müsse es sein, denn niemand war auf den verödeten Wegen zu erblicken, wandte sie sich um und eilte ihm ein paar Schritte entgegen. Aber im gleichen Augenblick hatte sie die kleinere Gestalt, das zähnezeigende Lächeln des Barons Siebenlehn erfaßt. Sofort ließ sie den Sonnenschirm gegen ihn sinken. Doch schon sagte er:

»Nun, gnädigste Gräfin?« Sie drehte sich um und sah ihm mit ihren großen Augen ins Gesicht:

»Bitte, Baron Siebenlehn, i hab' mit Ihnen nix zu tun.«

Er lächelte:

»Aber was ist denn nur geschehen?«

Plötzlich legte er die Hände zusammen, während der Stock ihm an der runden Krücke über dem Arm hing, und die gelben Handschuhe scheuerten bittend aneinander:

»Ich weiß ja, Gräfin, was es ist. Aber so müssen 's das net auffassen. Meine Auseinandersetzung mit Ihrem Herrn Schwager ist in anständigster Weise beigelegt worden. Ich will nicht untersuchen, wie es gekommen ist, die Sache ist eben vorbei. Und schauen's, verehrte Gräfin, mir ist das denkbar unangenehm gewesen, nachdem ich in Ihrem väterlichen Haus verkehrt hab'–«

Sie rief scharf:

»Also kurz: i wünsch' nit, daß Sie meinen Mann wieder grüßen und mich a nit.«

Baron Siebenlehn ließ die Hände sinken und vertrat ihr den Weg. Er zeigte lächelnd die Zähne:

»Nun, ich weiß nicht, wodurch ich Ihren allerhöchsten Zorn verdient hab', Sie sind doch früher immer sehr gnädig gegen mich gewesen, und nachdem ich wirklich bei Ihnen so oft –«

Bemüht, alles in andere Wege zu lenken, stemmte er sich jetzt auf seinen Krückstock, strich den Bart, und machte ein betrübtes Gesicht:

»Das ist nun alles vorbei. Wenn man denkt, wie schnell so etwas geht. Der Baron ist längst gestorben! Die Baronin, wie ich hörte, Klosterfrau geworden! Und die Gräfin Margret – –«

Ossana, etwas größer als er, zischte ihm von oben ins Gesicht:

»Nennen Sie den Namen meiner Schwester nicht!«

Er machte das unschuldigste Gesicht, doch beim Ausdruck von Ossanas Augen schwand sein Lächeln. Nur die zu kurzen Lippen konnte er nicht ganz schließen, und man sah jetzt die Schneidezähne ein Stück hervorragen wie bei einem Nagetier:

»Ich weiß nicht, Gräfin, was das – –«

»Und meine Schwester?«

Die gekünstelte, lächelnde Ruhe verließ ihn:

»Oh, bitte, ja, ja, ich weiß, ich hab' ihr schon ein wenig den Hof gemacht. Vielleicht auch zu viel, aber ich befand mich in sehr schwierigen Verhältnissen und – –«

Ossana trat so nah an ihn heran, daß die spitzen Stäbe ihres Sonnenschirms seinen Hut trafen, und er unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich:

»Sie sind ein – ein –«

Er stotterte etwas, nahm plötzlich den Stock drohend in die Hand und machte achselzuckend eine spöttische Verbeugung:

»Was soll man gegen eine Dame tun?«

Sie sagte mit bebender Stimme:

»Ich weiß alles von meiner Schwester selbst! Sie Schuft!«

Seine Zähne blieben in Wut und Staunen von den Lippen entblößt.

Ossana aber wandte sich und eilte in ihrer Erregung blindlings davon, nicht der Gilfanlage zu, wo sie Meinhardt erwarten mußte, sondern auf den Schritten zurück, die sie gekommen.

Baron Siebenlehn sah der schlanken Gestalt nach.

Dann folgte er plötzlich eilig dem Wege nach Café Ortenstein, wo in der Tiefe die Hänge hinunter Häuser standen, die Straße hinaufführte zur Zenoburg, und unten die Wunderanlagen der Gilf mit ihren Zypressen, Palmen und Kakteen, mit Bambus und seltenen Stauden und Hölzern heraufragten. Da mit einemmal, als sei es wirklich ein Verhängnis, erblickte er die hohe Gestalt des Grafen Meinhardt Aich, den schweren Stock mit der Eisenzwinge in der Hand. Und der kleine Baron Siebenlehn wandte sich plötzlich zur Seite, wo eine Weingartentreppe hinabführte.

Meinhardt ging um den Pulverturm, er konnte Ossana nicht finden. Den Tappeiner Weg schritt er ein Stück hinunter, sie war nicht zu erblicken. Endlich kehrte er wieder an die weit ausgebaute Plattform am Turm zurück, sah nach der Uhr und wartete. Minuten verstrichen. Er begriff nicht, wo Ossana blieb. Langsam folgte er nochmals dem breiten Tappeiner Wege, betrachtete rechts und links die fremdländischen Pflanzen, die aus den Felsspalten wuchsen, musterte den Garten der Villa Helm, unwillkürlich, mit dem Auge des Kenners und Besitzers, vergleichend, wie dort wohl alles gediehe gegen seine eigenen Anlagen, dann schweifte sein Blick weit fort über die Dächer der Stadt, aus denen der Pfarrturm ragte, ganz nah unter ihm.

Wo blieb Ossana? Da meinte er, sie von weitem zu sehen. Er beschleunigte seine Schritte. Sie kam ihm entgegen. Ruhig sagte sie:

»Ich hab' mich verspätet, verzeih', Meinhardt!« Er begann zu erzählen, indem er mit ihr kehrtmachte, um zur Villa emporzusteigen, wo sie eingeladen waren:

»Denk' dir, wen ich getroffen hab', wie ich von Ortenstein herkomm': den Siebenlehn.«

Sie sah ihn ängstlich an. Aber er lachte über das ganze Gesicht:

»Und denk' dir, mit einemmal biegt er ab und klettert einen Weg hinunter, ich kenne ihn genau, der durch den Weingarten zu einem verschlossenen Tor führt. Der Esel kommt dort gar nicht auf die Straßen!«

»Hat er dich gesehen?«

»Sicher, sicher! Aber dem scheint's doch nicht geheuer zu sein! Der Poldi steckt ihm noch in den Knochen. Am End' grüßen wir uns nicht mehr. Vielleicht hast du recht, Ossana! Du ahnst alles im voraus. Aber nun schnell, wir kommen schon ein paar Minuten zu spät.«

Dreißigstes Kapitel

Wieder kleideten sich die Meraner Gärten in junges Märzengrün. Schon war der Lenz auch zur Rochusburg hinangestiegen. Den heiligen Rochus an der Kapellenwand, die gen Göllan zeigte, hatte er mit Trieben und Blüten geschmückt. Das ganze Tal war wieder mit rosigem, weißem Hauch blühender Obstbäume überzogen, als sei Schnee auf die lachende Frühlingslandschaft gefallen. In den noch grauen Weingärten glühten rosenrot die Mandelbäume. Vor der heißen Sonne Merans zogen sich in der Texelgruppe die beschneiten Stellen immer weiter zurück. Dunkel lag der Marlinger Berg und die ganze Kette bis hinüber zur scharfen Nase des Gantkofels. Nirgends war mehr ein Weiß zu sehen. Nur die Linie zwischen den Doppelspitzen des Tschigat zog noch hellblendend nieder, und die hohen, schneebelasteten Berge dahinter glänzten silbrig herab.

Es lebte wieder in der Stadt, auf allen Promenaden, in allen Anlagen von Menschen. Aus den Gärten klang Schmettern und Singen der Vögel. Die Sonnendächer waren heruntergelassen, die Doppelfenster in den Villen entfernt, zum Schutze gegen die Sonne die Läden eingesetzt, überall sah man Menschen auf lila glyzinienberankten, gelb mit Meraner Rosen umleuchteten Balkonen. Wenn ein Windhauch strich, zitterten die spitzen Blätter der Palmen, neigten sich die Zweige der Tujen, des Lorbeers und all der immergrünen Büsche, schwankten die gefiederten Äste der Zedern. Gegen das helle Grün des Laubes, das Weiß der Mauern standen dunkle, steile Zypressen.

An allen Wänden, auf allen Einfriedigungen, auf jeder Steinplatte lagen kleine graue und große grüne Eidechsen, sichernd im heißen Sonnenschein mit den schwarzen Äuglein, um davonzuhuschen in ihre Mauerlöcher, sobald ein Spaziergänger kam – im Strohhut, mancher den Rock ausgezogen über dem Arm. Die farbigen Pilze der Damensonnenschirme irrten auf allen Wegen hin, zu den Konzerten, weit und breit die Straßen hinaus in die Umgebung. Nach allen Seiten strebten sie fort: zur König-Laurin-Straße, gen Forst und Vinschgau, nach Marling, wo das alte, liebe Göllan in seinem erneuten Kleide unter den üppigen Kastanienbäumen lag, nach Lang zur Gaulschlucht, wo einst vor Jahren die Stimmen dreier Mädchen fröhlich geklungen und der alte Baron seine Schwänke erzählt, blinzelnd nach der dicken Ehehälfte, ob sie es auch nicht vernähme. Das Lachen des Henrietterls war verklungen und die Juchzer des alten Mannes. Die alternde Frau mit den rollenden Italieneraugen hatte sich aus den Reihen der Lebenden entfernt, die weichen, großen, traurigen Mädchenaugen sich längst geschlossen.

Wagen kamen die Reichsstraße vom Burgstall herauf, fuhren hinaus weit ins Passeier zu den Erinnerungsstätten Andreas Hofers, wanden sich empor über den Küchelberg zum alten Schlosse Tirol, zogen in langen Reihen zwischen den Maiser Villen hin, um sich an der Rametzer Brücke zu teilen: links hinauf nach Schenna, rechts zur Fragsburg.

Als die Wagenreihe an der Rochusburg vorüberkam, standen Meinhardt und Ossana hinter dichten, immergrünen Büschen verborgen, die einst Meinhardt, als er den Besitz übernommen, angepflanzt.

Sie hörten manch Zufallswort der Fremden über die Rochusburg mit an. Da sagte einer, auf die mit dichtem Efeu überzogene Nordwand deutend, es sei wie ein verwunschenes Schloß. Ein junges Paar meinte: Wie idyllisch müßte es sein, dort zu wohnen, ganz, ganz, ganz allein, und niemand, niemand niemand zu sehen.

Als nun der Strom der Wagen abgeflutet war, gingen Meinhardt und Ossana Arm in Arm den Parkweg zurück zum Schloß. Meinhardt rief:

»Gott sei Dank, daß wir… ganz… ganz… ganz allein sind!«

»Sprech' i dir zu viel?« »O nein, du bist halt einmal lebhaft!«

»Sollt' ich mich verstellen?«

Er preßte ihren Arm:

»Nein, das sollst nit! Bleiben sollst, wie du bist! Zufrieden bin ich, wie du bist! Glücklich bin ich, wie du bist! Ich hab' gelernt, dich zu verstehen. Ich acht' in dir die Eigenart, vielleicht ist das mehr, als sich nur verstehen wollen.«

Dann gab er ihr einen Kuß, denn der Wagen wartete. Meinhardt war in einem Kaufstreit zwischen seinen Nachbarn als Zeuge geladen.

Als er durch den Park beinah' die Fragsburger Straße erreicht hatte, sah er bei der Biegung am Stall die Haflinger einspannen. Er fragte den Kutscher, was das bedeute. Der antwortete, die Frau Gräfin hätte sie bestellt.

»Fahren's noch einmal zurück!« rief Meinhardt, eilte durch die Halle, stieg die Treppe hinauf und trat in ihr Zimmer. Sie war nicht da. Er ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Sie kniete vor ihrem Schrank. Als sie ihn sah, lief eine leichte Röte über ihre weißen Wangen und sie machte die Schranktür zu. Unwillkürlich fragte er:

»Was ist denn?«

»Ach nichts –«

Ein wenig Neugierde und Unruhe war in ihm: »Sagst du mir nit alles?«

Das schien sie zu kränken, und sie öffnete den Schrank. Er sah einen einfachen, kleinen Kranz. Ossana hatte ihn selbst in Park und Garten gepflückt und vom Gärtner herrichten lassen.

»Was willst du denn damit?« Sie sah ihn mit ihren großen, leuchtenden Augen an, halb in Vorwurf, halb in Beschämung, und doch strahlte Glück daraus:

»I wollt' ihn aufs Grab legen!«

Es war der armen Margret Geburtstag. Er hatte ihn vergessen. Ein wenig betroffen stand er da. Er ärgerte sich über sich selbst, fand sich undankbar, begriff sich nicht. Und doch: er hatte wirklich zum erstenmal nicht daran gedacht. Ossana wollte ihm die Beschämung sparen:

»Du hättest ja keine Zeit gehabt. Du hast mir doch vorhin gesagt, es wär' möglich, daß die Verhandlung sehr lang dauert, und dann ist das Friedhoftor geschlossen.«

Da fühlte er, daß er die Seele seines Weibes nicht kannte und nichts wußte von ihrer innerlichen Weichheit und Güte. Er dankte ihr in jäher Freude:

»Daran hast du gedacht?«

»I bin nit dafür, alles an die große Glocke zu hängen. Die Hauptsachen des Lebens soll man sich sagen, die Nebensachen sind ganz wurscht, und Meinhardt – i wollt' dich nit kränken.«

»Wieso?«

»Daß du auf den Tag vergessen hast!«

Er nahm ihren Kopf in beide Hände und küßte ihre Lippen. Glück war in ihm über die Zartheit seiner Frau, und er bat sie, mit ihm hinunterzufahren. Er sah nach der Uhr. Am liebsten hätte er sie zum Friedhof begleitet, doch es war nicht genügend Zeit. Die Pflichten des Lebenden, die Gesetze, die jene verbinden, die noch auf der Erde sind, zwangen ihn.

So stieg er am Gericht aus. Ossana fragte, ob sie ihn wieder abholen könne, doch auch das wurde zu spät, denn Raintalers kamen zum Tee. Meinhardt, der nun nicht dabei sein konnte, hatte sie selbst eingeladen:

»Weißt was, Ossana, du fährst hinauf und schickst mir die Haflinger herunter.«

An der Tür des Bezirksgerichtes blieb er stehen, während der Wagen der Habsburgerstraße zueilte. Er sah, wie an der Ecke, am Theater, Ossana sich umblickte, und er winkte ihr noch einmal; dann ging er hinein.

Der Verhandlungsführer, den Graf Aich persönlich kannte, kam zufällig selbst heraus und erklärte, der Beginn könne sich noch ziemlich lange hinziehen. Meinhardt lehnte sich an die Fensterbank.

Da saßen die beiden Bauern, zwischen denen sein Zeugnis entscheiden sollte. Sie taten, als ob sie sich gegenseitig nicht sähen. Er wollte es vermeiden, mit ihnen zu sprechen, – so war er seinen Gedanken überlassen. Es dauerte und dauerte, Parteien kamen und gingen. Papiere in der Hand, sahen sie nach den Nummern der Verhandlungssäle, und immer klang es, obwohl das Zimmer, nach dem sie fragten, meist gerade vor ihnen lag: »Bitt' schön, wo ist Nummer soundso?«

Der Gerichtsdiener gab zum tausendstenmal die gleiche Auskunft.

Meinhardt dachte daran, wie Ossana gesagt, man brauche sich nicht alles zu erzählen. Nein, er brauchte nicht völlig hineinzusehen in ihre Seele. Jeder konnte sein eigenes Leben leben und doch eintreten für den anderen. Für ihn fuhr sie an Margrets Geburtstag, an dem er sonst immer das Grab geschmückt, hinaus. Sie, die ganz an die Stelle Margrets getreten war, daß es ihm jetzt manchmal schien, als ob ihre Gestalten sich vermischten, wie in Margrets Bild über seinem Schreibtisch vielleicht ebensoviel von Ossana war als von ihrer Schwester. Und als er die beiden verglich, verblaßte immer mehr Margret. Ossanas schärfer umrissene Gestalt verdrängte der Schwester weichere Umrisse. Ihm war, als habe er einst die erste Frau mehr mit seinen Augen erblickt als aus ihr selbst heraus. Er hatte einmal zu Ossana gesagt: wer ihm Margrets Bild verdürbe, den würde er hassen. Wo war Margrets Bild?

Mit Ossana sprach er vom täglichen Leben. In ihr pulste es, in ihr gewann es sichere Gestalt. Nichts Versonnenes, nichts Übersponnenes war darin. Das entsetzliche Gefühl der Einsamkeit, das ihn während seiner ersten Ehejahre so oft überkommen, daß er Schutz suchen wollte bei seiner ebenso einsamen Frau, blieb ihm bei Ossanas leidenschaftlich wirklichem Wesen fern, als ob die Jahre, das Leben selbst ihn schon hart gemacht hätten.

Da fiel sein Name: die Partei ward aufgerufen.

Als er zur Rochusburg zurückgekehrt, kam er zu Ossana ins Zimmer gestürzt:

»Denk' dir, Ossana –«

»Grüß Gott!« sagte sie und verbeugte sich lächelnd.

»A so, ich hab' dich noch nicht gesehen!«

Er umarmte sie, doch voll von dem, was er erzählen wollte, ließ er sie gleich wieder los:

»– also denk' dir. was ich gehört hab'.«

Sie unterbrach ihn:

»Erst noch einen Kuß.«

Geduldig fragte er:

»Also willst jetzt hören, was g'schehen ist?« »Noch einen Kuß!«

Sie sah liebreizend aus. Nicht die leidenschaftlich harten Augen, einen weichen, süßen Blick hatte sie für ihn, als sei etwas in ihr verändert. Da beugte er sich nieder und umarmte sie. Dann aber begann er:

»Also denk' dir, mir haben's fünf oder sechs Leut' unten erzählt…«

»Und einen dritten, Meinhardt!«

Jetzt lachte er gerade heraus. Sie fragte:

»Bist bös?«

»Aber nein!«

»Weil i dich immer unterbrech'?«

»Aber nein!«

Sie hielt ihn fest:

»Schau, wie gut ich dich erzogen hab'!«

Nun drohte er aber wirklich ungeduldig zu werden, und sie sagte schnell und klug:

»Was ist denn g'schehen?«

Doch jetzt zögerte er:

»Ja, wenn du das wüßtest!«

Sie lehnte ihre Stirn an seine Schulter und antwortete nicht. Er fragte schelmisch:

»Kommt jetzt nicht: i mag's gar nit mehr wissen?«

Sie hob den Kopf:

»Nein, sondern i möcht's wissen, i brenn' darauf, sag', sag'!«

Endlich begann er, sich überstürzend in seinen Worten, als wolle er die Verzögerung wieder einholen. Doch je länger er sprach, desto langsamer, ernster wurde seine Erzählung:

»Also denk' dir, Ossana, die Geschichte am Gericht dauerte so lang'! Einer meiner Mitzeugen – weißt, der alle Forcher, der jetzt in Zwölfmalgreien wohnt – er ist lahm, du kennst ihn ja – ist auch zur Verhandlung gekommen und beim Raffl am Pfarrplatz abgestiegen. Dort wohnt er billig. Da hab' ich ihn aus alter Freundschaft mit dem Wagen mitgenommen bis dorthin. Er war so dankbar! Und denk' dir, was er mir erzählt – wer weiß, woher er's hat: Den verfluchten Siebenlehn hat sein Schicksal ereilt! Die Mama schrieb doch, er wär' in Wien mit der Frau eines Rumänen herumgelaufen. Und der Rumäne soll krank gewesen sein, und sie hat auch noch Kinder zu Haus. Also denk' dir, in einem Restaurant ist der Siebenlehn mit der Dame abends in einem Separatzimmer gesessen. Auf einmal betritt einer auf Krücken gehend das Restaurant. Er fragt gleich nach dem Siebenlehn. Der Kellner meint, er ist auch eingeladen, und läßt ihn eintreten. Bald hört das Personal Wortwechsel, Kreischen. Die Kellner dringen ein und sehen gerad' noch, wie die Dame versucht, sich zwischen die beiden zu werfen. Der Siebenlehn ist hinter den Tisch geflüchtet und hat geschrien: ›Mit einem Kranken lass' ich mich nicht ein.‹ Der aber holt, ehe das Personal hat zuspringen können, mit seiner Krücke aus und schlägt dem Siebenlehn mit dem schweren Holz über den Schädel. Ein Arzt ist zufällig im Restaurant, der stellt den Tod fest. Der Wirt ruft einen Wachmann, und der armselige Mensch, der zitternd an der Wand steht, auf seine Krücken gelehnt, hat nur immer gebrüllt: ›Ich bin der Mann, ich bin der Mann.‹«

Ossana hörte mit flammenden Augen zu. Als Meinhardt nun fragte: »Ist das nicht grauslich?« gab sie zurück:

»Recht ist ihm geschehen!« Er fühlte das Harte, sah sie stehen ohne einen Zug der Weichheit, aber sie gefiel ihm in ihrer Entschiedenheit. So war es eigentlich nicht ganz seine Meinung, als er erstaunt und lächelnd sagte:

»Aber Ossana, Ossana!«

Leidenschaftlich fuhr sie los:

»Weil er ein Lump ist, ein Schuft! Von den Toten soll man nur Gutes reden, heißt's immer, aber wann einer sein ganzes Leben lang ein Lump g'wesen ist, soll man dann, wenn er keine Lumpereien mehr verüben kann, ihm plötzlich alles vergeben?«

»Nun man kann vielleicht denken, wer weiß – sie wird ihr Teil auch beigetragen haben, und früher – –»

Ossana zischte:

»Früher hat er – er hat – –«

Sie brach ab. Meinhardt sagte ruhig:

»Was hat er denn getan?«

Sie stotterte:

»I mein'… was er mit dem Poldi gehabt hat… Ja – nämlich Meinhardt – soll i nicht für meinen Schwager… Partei… ergreifen?«

Er sah ihre schwarzen Augen flammen. Sie hatte so heftig den Kopf nach hinten geworfen, daß eine Strähne ihres Haares sich gelöst; die feinen Flügel ihrer Nase bebten, ihre Lippen zuckten noch, ihre Brust ging auf und nieder. Er fand sie schön in Zorn und Erregung. Nicht welche Zärtlichkeit war in ihm wie einst gegen Margret, sondern flammende Bewunderung. Und er sprach:

»Ich muß dir noch danken, daß du an Margrets Grab g'wesen bist. Du hast an sie gedacht, ich nicht. Weißt du, wie das kommt? Ich denk' nicht mehr an sie, weil du Margret geworden bist!«

Aus ihren Augen brach solche Glückseligkeit, daß er meinte, diese dunklen Pupillen, die ihm sooft in Stunden der Arbeit, der Ruhe, der Liebe geleuchtet, noch nie erblickt zu haben. Ossana packte seine Hand:

»Meinhardt, sag' mir etwas, sei nit bös, daß i das frag'. Ich bin ein Mensch für mich, ich leb' mein Leben für mich, und doch alles gehört dir, dir ganz allein. Aber ich muß auch wissen, daß es dir etwas hilft, ich muß mich selbst fühlen. Sag' mir eins, aber bitte, bitte, sag' mir's ganz ehrlich: hast du Margret vergessen?«

Seine Augen glitten an Ossana vorbei, dann zog er sie an sich und sagte, er wußte nicht, sollte er traurig sein über menschliche Schwäche, vermeintliche Undankbarkeit, die ewigen Wandlungen des größten Rätsels im Menschen – der Seele:

»Ja.«

Da umschloß ihn seine Frau, so klammernd, daß, als er sie sanft von sich lösen wollte, sie zu küssen, er ihr Gesicht nicht sah. Sie flüsterte:

»Meinhardt, dann wollen wir gemeinsam an Margret denken, gemeinsam, wie alles, was wir tun, und wie das, von dem ich dir erzählen muß. I hab' manchmal geglaubt, ein Schatten stünd' zwischen uns; der Schatten ist nit mehr, aber ein anderes wird bald zwischen uns sein. Es wird uns aber nit trennen: denn in einem Kind werden unsere Seelen sich vereinen, unsere Seelen, von denen du gesagt hast, im Grunde sei doch jeder einsam für sich.«

Sie machte sich los und lief auf ihr Zimmer. Eilig suchte sie in ihrem Schreibtisch. Einen dicken Brief griff sie heraus, dessen Rückseite mit ungestempelten Marken verklebt war, und auf dem ihr eigener Name stand. Am Ofen kauerte sie sich nieder, öffnete die Tür, nahm Streichhölzer, riß die Bogen des dünnen Papiers auseinander und wartete, bis sie hell aufflammten, um leise zu verglimmen und zu verkohlen.

Dann stand sie ruhig auf, das Gesicht ein wenig gerötet von der Glut, und ging zu ihrem Manne hinab.

In ihm klang nach, was sie eben verraten. Ihm war es wirklich, als sei er nicht mehr einsam, denn der getrennt doppelte Strom des Blutes wie der Seelen, die da geheißen Meinhardt und Ossana, floß nun zusammen in dem Kinde.