Denise de Montmidi

I.

Die kleine Denise de Verneuil hatte nur einen einzigen Wunsch: sie wollte einen Mann haben! Dieser Wunsch mochte komisch erscheinen bei einem Mädchen, das, kaum von den frommen Schwestern, wo es erzogen worden, in das Vaterhaus zurückgekehrt war. Aber die kleine schwarze Denise war schon von den ersten Kinderjahren ab ungeheuer entschieden gewesen; Vater wie Mutter hatten sie verwöhnt und ihr jede Bitte erfüllt.

Als Denise beim Frühstück Herrn de Verneuil ihr Begehr aussprach, in dem Ton etwa, als hätte sie um ein Stück Brot gebeten, machte er zuerst ein erstauntes Gesicht. Dann fing er an zu lachen, und als er die traurige Miene seiner Tochter sah, die beleidigt zu sein schien, daß er ihre Bitte nicht ernst nahm, lachte er bis zu Tränen und steckte seine Frau an, daß auch sie schließlich das Taschentuch an die Augen hielt. Die kleine Denise war auch zu komisch mit ihrem Wunsch, daß sie einen Mann haben wollte, so etwa, als begehre sie eine Puppe zum Spielen. Und der Vater fragte sie, indem er abwechselnd seine Frau und seinen Sohn René listig ansah:

»Sag' mal, mein Kind, was willst du denn damit anfangen?«

Aber sie antwortete nur, sie wollte einen Mann haben. Als sie nach dem Frühstück einen Augenblick in ihr Zimmer gegangen war und die andern drei am Kamin saßen, in dem an dem regnerisch kühlen Herbsttage ein Feuer wohlig prasselte, sagte Herr de Verneuil, ein großer hagerer Mann mit schwarzem Schnurrbart und einer Fliege am Kinn:

»Lucy, wir werden uns also wohl für die Kleine nach einem Manne umsehen müssen.«

René schnippte die Asche seiner Zigarette in das Feuer; er starrte in die Glut und schien zu überlegen. Er war erst einige zwanzig Jahre alt, wie sein Vater, groß und schlank, ganz sein Ebenbild, nur daß der Schnurrbart erst im Ansatz sich befand; aber auch die Fliege saß ihm am Kinn.

Frau de Verneuil ließ ihre Modezeitung sinken, das einzige Blatt, das sie las, und rief:

»Ich wüßte einen Mann für die Kleine!«

»Nun?«

»Renés Freund, de la Caille.«

Ihr Sohn rührte sich nicht, er sah immer noch ins Feuer. Herr de Verneuil aber nickte nachdenklich:

»Gute Familie, sehr vermögend, ganz vernünftig, soviel ich weiß!«

René blickte seinen Vater kurz an und starrte dann wieder in die Glut, aber Frau de Verneuil hatte den Blick bemerkt und fragte ihren Sohn:

»René, das stimmt wohl nicht?«

René, der zu Haus immer etwas Gelangweiltes, beinahe etwas Philiströses an sich hatte, aber eine ganz andere Natur zeigte, wenn er mit seinen Freunden auf dem Boulevard bummelte, meinte:

»Gott, nicht vernünftiger, aber auch nicht unvernünftiger als andere!«

Herr de Verneuil erhob sich und sagte, indem er in einer gewissen Manier den Kopf hin und her bewegte: »Ach, papperlapapp, überlegen wir es uns, wir haben ja noch Zeit!«

Damit küßte er seine Frau im Vorübergehen auf die Stirn, winkte René mit einem Blick seiner Augen zu und ging davon, wie immer, um in seinem Cercle Zeitungen zu lesen.

Mutter und Sohn blieben allein, und nun stand Frau de Verneuil auf, setzte sich neben René, strich ihm die Wange und begann:

»Mein Kleiner,« so nannte sie ihn noch heute, »nun sage mir einmal, also was meinst du denn zu deinem Freund?«

Mit der Mutter war der Sohn ganz anders; er liebte abgöttisch diese weiche Frau, die immer etwas Schwermütiges hatte, der er alle seine kleinen Herzensangelegenheiten anvertraute, nur die großen nicht, und die ihm immer fürs erste aushalf, wenn er in Geldverlegenheit war. Beim Vater, der selbst viel Geld verbrauchte, mußte man sorgfältig die Gunst der Stunde nutzen.

René nahm die Hand seiner Mutter, und während er sprach, spielte er mit ihren zarten, dünnen, beringten Fingern und drückte ab und zu einen Kuß darauf:

»Mein liebes Mamachen, Robert de la Caille ist das leichtsinnigste Huhn, das ich kenne.«

»Aber warum hast du denn das Papa nicht gesagt?«

»Wir haben schon ein paarmal über ihn gesprochen, und ich weiß, daß er sehr eingenommen von ihm ist.«

Die Mutter beugte sich nahe zu ihrem Sohn:

»Aber, René, wirst du denn nie Vertrauen zu deinem Vater haben?«

René zuckte die Achseln und blickte zu Boden:

»Ist es denn überhaupt nötig, die arme Denise sofort zu verheiraten? Sie hat doch noch Zeit.«

Frau de Verneuil lächelte: »Du hast aber doch gehört, daß sie einen Mann haben will!«

»Ach, das ist Kinderei! Ich habe meine kleine Schwester gern, und ich kenne die andern jungen Leute. Ich kenne meine Freunde. Ich bin ja vielleicht nicht besser als sie, aber das kann ich dir sagen, ehe Denise einen von denen heiratet, da sollte sie es lieber überhaupt bleiben lassen.«

Frau de Verneuil antwortete nichts und vertiefte sich wieder in ihr Modeblatt.

René stand bald auf. Er küßte seine Mutter auf die Stirn, genau wie es ein paar Minuten vorher der Vater getan hatte, nur vielleicht ein ganz klein wenig herzlicher. Dann ging auch er davon; er wollte sich, wie seine Redensart lautete, einmal ein wenig die Läden ansehen. Auch Frau de Verneuil blieb nicht lange sitzen, sie hatte das Coupé bestellt und fuhr zur Schneiderin.

So blieb die kleine Denise allein zu Haus. Sie saß in ihrem Mädchenzimmer, beschäftigte sich mit einer Stickerei, malte, schrieb an dem winzigen Rokokoschreibtisch, den sie zum Neujahrstage bekommen hatte – sozusagen als Zeichen, daß sie erwachsen war – einen Brief an eine Freundin, die jetzt auf einem Schlosse ihres Vaters in der Normandie ihr Leben »vertrauerte«.

Keines der beiden Mädchen war zufrieden. Margarete de Palustre, die Tochter des Marquis de Palustre, eines Mannes, der nur Interesse für das Landleben hatte, für Jagd, Vieh- und Pferdezucht und niemals nach Paris kam, beneidete die kleine Denise in jedem Briefe, daß sie in der Hauptstadt lebte. Denise wiederum schrieb ihrer Freundin jedesmal, wie gern sie in der Normandie wäre. Die eine klagte von den düstern Mauern des alten normannischen Kastells, von finsterm, freudelosem Dasein, von eisiger Kälte, von Schneefall und kahlen Bäumen, von dem gewaltigen Wind, der Tag und Nacht landeinwärts blies. Und die andere schilderte ihre Eindrücke in diesem Häusermeer, in diesem Gewirr und Hasten der Weltstadt, in dem sie sich verloren und verlassen fühlte. Im Grunde genommen sehnten sich beide nach dem stillen Klosterhof zurück, nach dem wundervollen Garten der frommen Schwestern, und beiden tat, einer jeden nach ihrer Weise, die erste Berührung mit der Welt weh.

Denise war nicht so kindisch, wie Vater und Mutter und auch René glaubten; sie sah nur eine Möglichkeit, als streng gehaltenes französisches Mädchen diesem Zustande zu entfliehen, die Ehe, und darum hatte sie so naiv um einen Mann gebeten. Was dann folgen sollte, wo sie leben würde, ob das besser wäre als jetzt, darüber zerbrach sie sich nicht den Kopf.

Diese Nachmittage waren schrecklich. Die Mutter nahm sie zu ihren Besorgungen nicht mit, sie durfte sie erst später zur täglichen Ausfahrt in das Bois de Boulogne begleiten. So betrachtete sie denn unaufhörlich ihre Habseligkeiten, ihre drei Gebetbücher, die zwei Muttergottesbilder und die kleine Christusfigur, die ihr die gute Schwester Klara beim Abschied geschenkt hatte. Dann ordnete sie peinlich ihre Wäsche, legte die Taschentücher zurecht, verschnürte und verpackte sorgfältig die Briefe ihrer Freundin, indem sie alle paar Tage eine andere Reihenfolge vornahm und sie einmal rechts, einmal links in den Schreibtisch legte. Schließlich ging sie in den Salon hinüber, den für eine Pariser Wohnung fast saalartig großen Raum; wie er, ganz im Empirestil gehalten, war auch der große Flügel, an den sich Denise nun setzte, um zu spielen.

Sie nahm die Noten vor. Es war mehr eine mechanische Arbeit. Sie wußte, wenn ihre Eltern Gäste sahen, mußte sie »ihr Stück« spielen. Und sie übte das peinlich und sorgfältig, ohne Schwung, ohne Talent, nur weil sie eben »ihr Stück« vortragen mußte. Dann kam irgendeiner und sagte ihr, das wäre sehr gut und ein zweiter:

»Wie lange spielen Sie schon?«

Und ein dritter:

»Sie sollten es wiederholen!«

Aber dazu kam es nie, denn auch andere wollten gehört sein, und bei den Verneuils wurde viel musiziert.

Die Herren, die das Mädchen bei ihren Eltern gesehen hatte, gefielen ihr alle nicht. Sie ahnte, daß die jungen Leute eingeladen wurden, um sie zu besehen, und auch, damit ihre Eltern sie kennenlernten. Ab und zu hatte sie, wenn sie auch gar nicht so tat, ein paar Worte aufgeschnappt, denn die Frage der Heirat wurde im Hause immer besprochen. Sie hörte, wie der Vater den einen zu jung fand, den andern zu arm, und im Innern hätte sie sich ausschütten mögen vor Lachen, als er neulich den Vicomte de Cornadon für sehr passend erklärte, einen Herrn mit fast grauem Haar, den sie am liebsten Großpapa genannt hätte.

Denise hielt im Klavierspiel inne, stützte das Kinn auf ihre noch etwas magern, schlanken Mädchenarme, beugte sich weit vor und starrte zwischen dem Notenpult in die Saiten unter dem Deckel des Flügels.

Einen hätte sie schon gewußt, der ihr gefiel, das war Renés Freund, de la Caille. Ja, Robert, wie ihn René immer nannte, und unter diesem Namen kannte sie ihn am besten, den hätte sie gern zum Mann gehabt. Er war immer so nett mit ihr, eben wie ein Freund ihres Bruders. Er sah sie nie prüfend von der Seite an, wie die andern, denn auch das merkte sie ganz wohl. Er sagte ihr nie eine fade Schmeichelei, er sprach mit ihr beinahe wie ihr Bruder, einfach, freundlich. Und sie waren ja so alte Bekannte; sie erinnerte sich noch, wie er mit René in die Schule ging – man sagte einfach »die Schule« – die sie beinahe alle besuchten aus dem Faubourg Saint-Germain, wo man alle Familien kannte, wo die Jungen miteinander verkehrten, wie einst ihre Väter verkehrt hatten, und wo René mit jedem ruhig Freundschaft schließen konnte, ohne die Eltern zu befragen, denn sie alle waren anständiger Leute Kinder. Robert war Sonntags immer gekommen, und damals war er reizend gegen das kleine Mädchen gewesen, für das René eigentlich in jenen Jahren eine gewisse Verachtung gehabt. Robert hatte ihr Kuchen mitgebracht, heimlich, denn die Mutter wollte es nicht, und ab und zu eine Blume, und wenn er sie übergab, war es immer wie eine kleine, zarte Huldigung.

Der Ton war geblieben, obgleich sie sich jahrelang nicht gesehen hatten. Denn von den frommen Schwestern war sie kaum einmal nach Haus gekommen. Man sollte, wie es hieß, den Gang der Erziehung nicht durch andere Eindrücke beeinträchtigen. Und nun hatte sie Robert wiedergesehen, und er war genau so wie früher, nur die kleine kindliche Knabenhuldigung dem um acht Jahre jüngern Mädchen gegenüber hatte einer ruhigen Freundschaft Platz gemacht. Er brachte ihr keinen Kuchen mehr und auch keine Blumen, aber er sprach immer mit ihr; und seine Worte gingen nie auf Stelzen, sie waren herzlich und einfach.

Wie Denise über alles das nachdachte, immer noch auf den Flügel gelehnt, mit einem Finger ab und zu einen Ton anschlagend und lauschend auf das Nachzittern der Saiten, ward sie sich plötzlich klar, daß sie an Robert gedacht, als sie ihren Eltern heute beim Frühstück gesagt hatte, sie wollte gern einen Mann haben.

Sie stand auf, klappte das Instrument zu und kehrte in ihr Zimmer zurück, als schämte sie sich, als wollte sie jetzt nicht gesehen sein. Und sie starrte auf den Hof hinaus, denn ihr Zimmer lag nach hinten. Da sah sie das Coupé stehen; das Pferd war schon ausgespannt. Der Kutscher vertauschte eben den Livreerock mit seiner Ärmelweste. In einer halben Stunde wurden also die beiden Braunen eingespannt, und dann kam die übliche Fahrt ins Bois. Schnell, schnell, sie mußte sich anziehen.

So nahm sie denn alle die Sachen, in denen sie gekramt hatte, warf sie kunterbunt durcheinander in das Fach ihrer kleinen Kommode, trat mit dem Fuß dagegen, daß es zurutschte, und machte sich fertig. Sie wußte nicht, welchen Hut sie aufsetzen sollte und mußte zweimal den Schleier wieder abbinden. Endlich saß das feine Gewebe, für das sie von ihrem Taschengeld immer verhältnismäßig viel ausgab, und nun nahm sie eine Haarnadel und lüftete den Schleier rechts und links, damit das Haar nicht an den Schläfen kleben sollte. Dann öffnete sie den Mund ein paarmal wie zum Gähnen und spannte dadurch den Schleier ein wenig ab. Sie zog die Handschuhe an und huschte hinaus:

»Mama, da bin ich!«

Frau de Verneuil saß im Schlafzimmer an ihrem Louis-XVI.-Schreibtisch. Sie fuhr zusammen:

»Herrgott, habe ich mich erschrocken!«

Sie fügte etwas ärgerlich hinzu:

»Du mußt auch nicht immer so hereinplatzen!«

Aber Denise fiel ihrer Mutter um den Hals, küßte sie, daß sie sich lächelnd ihrer kaum erwehren konnte, und rief:

»Meine liebe gute Mama, du bist ja doch nicht böse!«

Sie war auch nicht böse, sie konnte Denise nicht böse sein, wie keiner im Hause.

Mutter und Tochter stiegen nun in den Wagen, der Diener stopfte ihnen noch die Decke zurecht, schob die große Wärmflasche unter die Füße, dann lehnten sich die beiden Damen in die Seidenpolster des Coupés, und während der Diener schnell auf den Bock kletterte, zogen die Pferde an. Lautlos auf den Gummirädern rollte der Wagen durch den Torweg.

Als sie aus der stillen Straße, in der nur einzelne vornehme Hotels lagen, ein- oder höchstens zweistöckige, in die Champs Elysées hinausbogen, umflutete sie das ganze gewaltige Leben dieser Nachmittagsstunde, wo Hunderte von Equipagen die übliche Fahrt ins Bois antraten, die Denise so aus tiefstem Herzen haßte. Auf der breiten Avenue mit den entlaubten Bäumen rechts und links, aus denen die Häuser mit ihren hohen Schieferdächern und ihren teils in Gärten versteckten Fronten lugten, war ein unausgesetztes Hin und Her. Hohe schwere Omnibusse kamen gefahren, Automobile stießen ihre Klage- und Warnungsrufe aus und huschten an den vornehmen Gefährten vorbei, die in unausgesetzter, doppelter, drei- oder vierfacher Reihe hintereinander oder einander überholend zum Bois hinausstrebten. Der Hauptstrom ging hinauf zum Triumphbogen, nur wenige Gefährte bewegten sich von dort zurück nach der Place de la Concorde.

Nun brach die Sonne, die sich bisher versteckt gehalten hatte, durch ein Wolkenfenster durch und bestrahlte dieses wimmelnde Nachmittagsbild. Damen in kostbaren Pelzen lenkten selbst ihre Automobile oder ihr Gefährt, und in den Coupés sah man sie zurückgelehnt, lässig und müde in größter Eleganz sitzen, während regungslos vor ihnen auf dem Bock die beiden glattrasierten Bedienten Platz genommen hatten. Die Sonne spielte auf dem Lack der Wagen, als ob es lauter polierte Spiegel wären; sie glitzerte in dem silberbeschlagenen Geschirr und zeichnete glänzende Flecken auf den Kruppen der tadellos gehaltenen Pferde, die in hoher Aktion stolz vor ihren Wagen in den Strängen lagen.

Auf den Bürgersteigen erging sich die Menge, die Herren im blanken Zylinder, die Krücke ihres Stockes nach unten gesenkt, in Lackstiefeln und weißen Handschuhen. Sie neigten sich zu den Damen, die sie begleiteten, und sagten irgend etwas. Man erriet, daß es wohl eine Artigkeit sein mußte. Dazwischen gingen Kinderfrauen mit ihren runden Hauben und den lang herabhängenden Bändern, das pflegebefohlene Kind unter dem weiten Mantel verborgen. Und bei dem milden Schein der Sonne, bei dem es plötzlich wärmer geworden war, saßen die Menschen jetzt auch überall auf den Bänken und starrten auf das Fluten des Verkehrs. Kleine Bürger, die Riesenzahl der Rentner, hier und da ein Arbeiter in blauer Bluse, irgendein Paket in der Hand, der auf seinem Gange rastete und dem eleganten Treiben zusah, das für ihn immer und ewig ein unerreichbares Märchen bedeutete. Ab und zu sah man auch ein paar Uniformen, kleine, schwarze Soldaten in roten Hosen und blauen Röcken, mit den Epauletten, die beinahe größer zu sein schienen als die winzigen Kerlchen.

Die beiden Damen im Wagen achteten nicht auf all das, sie waren es gewohnt. Der Mutter schien es zum Leben notwendig, der Tochter langweilig, zu bunt und zu unruhig. Sie sprachen kein Wort, während der Wagen um den Triumphbogen herumfuhr, immer weiter dem Bois de Boulogne zu, und noch immer redeten sie nicht, als sich die weite Avenue auftat und man rechts und links die Wälle der Stadt-Enceinte sah.

Nun beschrieb der Wagen den Weg, den er immer machte, um den See herum, dann die Akazienallee hinunter. Die einzige Unterhaltung bildete jetzt, daß Frau de Verneuil, aus dem Fenster blickend, Bekannte sah, die genau so wie sie den täglichen Rundweg machten, die sie täglich traf, die sie täglich begrüßte. Nur ab und zu kam die Bemerkung:

»Sieh mal den neuen Tricorne der Gräfin Brizennes! Hast du ihn gesehen, Denise? Sehr hübsch!«

Oder: »Die Berteaux könnten nun auch wirklich einmal ein paar andere Pferde anschaffen, so reiche Leute!«

Dann herrschte wieder Schweigen in dem kleinen Coupé, das beim schnellen Trabe der Pferde fast ohne Geräusch und ohne Erschütterung dahinglitt. Frau de Verneuil beugte sich von Zeit zu Zeit vor, sah in den kleinen Spiegel ihr gegenüber und blickte nach der Uhr, die im Vorderteil des Wagens im Seidenkissen eingebettet lag.

Plötzlich schien Denise aufzuwachen, die bisher gleichgültig dagesessen hatte:

»Sieh mal, Mama, Robert!«

Die Mutter blickte hin und sah gerade noch ein Tandem vorüberhuschen, von einem schlanken jungen Manne gefahren, der ein ganz klein wenig René ähnelte, dessen Gesicht nur regelmäßiger war, da ihm die scharfe Nase fehlte. Und Frau de Verneuil dachte an den Ausspruch ihres Mannes und fragte unwillkürlich:

»Ist er noch immer so nett?«

Denise meinte nur kurz, ohne ihre Mutter anzusehen:

»Sehr nett!«

»Nun ja, als Renés Freund und dein alter Spielkamerad!«

Denise antwortete nicht. Ihre Mutter kam auf keinen Gedanken. Sie sagte sich: »Wäre er am Ende doch etwas für meine Kleine?«

Sie überlegte, daß, wenn er auch wirklich nicht als Tugendspiegel gelten konnte, schließlich Herr de Verneuil in früheren Jahren auch keiner gewesen war. Und wieder sagte sie sich: »Ach, Renés Freund ist so nett, und er treibt's doch wohl nicht anders als andere junge Leute. Und wenn mancher so viel Geld hätte, so würde er wohl noch ganz anders sein. Es muß nur die richtige Frau sein, und die kleine Denise würde ihn schon vernünftig machen.« Da kam ihr plötzlich der Gedanke, zu forschen, und sie fragte:

»Sag' mal, mein Kind, du wolltest doch einen Mann haben?«

Denise war jetzt etwas beschämt, seitdem ihr die Augen aufgegangen waren, und sie wich aus:

»Mama, es war ja bloß ein Scherz!«

»Na, na, aber so kleiner Kinder Wünsche erfüllt man doch, wenn man kann!«

Die Tochter bat:

»Bitte, Mama, sprich nicht davon!«

»Davon will ich ja auch gar nicht reden, ich will von ganz anderm sprechen. Du sagtest, Robert wäre nett; ist er noch gegen dich wie früher? Seid ihr noch immer so gute Kameraden?«

»Gewiß!«

Forschend fragte die Mutter:

»Weißt du noch, wie er dir früher Bonbons brachte und Blumen? Das tut er doch nicht mehr?«

Denise seufzte ein wenig:

»Nein, aber das brauche ich auch nicht. Wozu? Er geht mich ja nichts an, er ist ja nichts als Renés Freund.«

Frau de Verneuil grüßte eine Bekannte, dann fragte sie ganz unvermittelt:

»Nun, Denise, was denkst du denn von dem?«

Denises Gesicht überflog ein purpurner Schimmer:

»Wie meinst du das?«

Die Mutter, die seinerzeit auf gegenseitiges Familienübereinkommen mit Herrn de Verneuil verheiratet worden, und die, obwohl sie jetzt wieder den Frieden erlangt hatte, in ihrer Ehe schon recht unglücklich gewesen war, hatte sich geschworen, es ihrer Tochter nicht so widerfahren zu lassen, wie es ihr ergangen war. So fragte sie geradezu:

»Nun, du wolltest doch einen Mann haben! Was meinst du zu Robert?«

Denise fuhr erschrocken zusammen. Sie wollte eigentlich nein sagen, doch die Mutter redete ihr freundschaftlich zu und sie, die sonst Denise gegenüber etwas Strenges hatte, – ein ganz anderes Verhältnis als zu ihrem Sohn – zog ihrer Tochter kleine Hand aus dem Muff, spielte mit ihren Fingern, lehnte sich an ihre Schulter, während sie jetzt dem See zufuhren und die Zahl der Bekannten abnahm. Sie sprach auf Denise ein: sie müßte nun doch mal an die Ehe denken, und sie sollte, damit die Mutter ihre Interessen wahren könnte, einfach sagen, was sie wünschte. Wenn nun Robert in Frage käme, würde sie zufrieden damit sein?

Da antwortete Denise, indem sie denselben naiven, ruhigen Ton wiederfand, in dem sie heute beim Frühstück kindlich gebeten hatte, sie wolle einen Mann haben:

»Robert, ja!«

Ein paar Augenblicke darauf gab Frau de Verneuil durch das Sprachrohr dem Kutscher den Befehl, zur Stadt zurückzukehren, und zeitiger als sonst fuhren sie wieder dem Triumphbogen zu, der, augenblendend von den Sonnenstrahlen umspielt, wie ein gewaltiges Eingangstor zu der Eleganz und Schönheit der Weltstadt dalag.

Als es die Champs Elysses hinunterging und die breite stolze Avenue vor ihnen lag, noch schöner vielleicht als vor einer halben Stunde, da sie hinaufgefahren waren – denn man konnte nun das Heer der ungezählten Wagen bis zur Place de la Concorde hinunter verfolgen –, erschien Denise das Bild, das sie sonst in seiner Beweglichkeit beängstigend gefunden hatte, doch nicht ohne Reiz, als wäre sie durch die Frage der Mutter mit Paris schon etwas versöhnt worden.

Herr de Verneuil hatte René noch einmal ins Gebet genommen und ihn unter vier Augen, nicht wie ein Vater den Sohn, sondern wie ein älterer erfahrener Mann den jungen lebenslustigen Freund gefragt, ob es denn wirklich mit Roberts Leichtsinn so schlimm wäre.

René befand sich in schwieriger Lage. Robert war sein Busenfreund, sie trafen sich täglich, sie gingen ins Theater, in den Zirkus, in die Vergnügungslokale. Sie gehörten beide demselben Cercle an, einem andern als der Vater, und alles, was René etwa Nachteiliges über den Freund gesagt hätte, wäre zum guten Teil auf ihn selbst zurückgefallen. René stellte sich aber gern als soliden jungen Mann dar. So gab er schließlich seinem Vater eine befriedigende Auskunft.

Nun ward ihm der Auftrag, seinem Freunde nahezulegen, sich doch mal Denise etwas näher anzusehen.

Da wurde denn Robert de la Caille eines Tages unvermutet von René zum Frühstück mitgebracht, und sein erster Blick fiel auf Denise. Er beobachtete sie, während sie im Salon warteten, daß der Diener der Frau des Hauses melden sollte, es sei angerichtet.

Er saß bei Tisch neben ihr, und wenn er schon für alle erzählte, wandte er sich doch stets zu seiner Nachbarin, als gelte es ihr besonders. Es wurde in Anbetracht der Anwesenheit des jungen Mädchens ein anderer Ton angeschlagen als wohl sonst, und auch von Dingen gesprochen, die ihr näher lagen. Robert fragte nach den frommen Schwestern, und wie es Denise im Kloster ergangen sei. Das Mädchen antwortete ihm, nachdem die erste Verlegenheit überwunden war, unbefangen auf alle Fragen und lachte mit ihm, als er daran erinnerte, wie er ihr früher Blumen gebracht hatte.

Nach Tisch, als sie wieder in den Salon hinübergegangen waren und er einen Augenblick mit ihr allein am Fenster stand, sagte der hübsche, elegante Mensch so von ungefähr: »Wissen Sie denn auch wohl, daß Sie eigentlich eine alte Liebe von mir sind? Oh, Sie brauchen sich nicht zu ärgern, es war ja eine Kinderei, ich war damals Schüler und Sie waren ein ganz, ganz kleines Mädchen. Aber ich kann Ihnen nur sagen, ich habe die Blumen jedesmal an die Lippen gedrückt, ehe ich sie Ihnen schenkte.«

Denise meinte lachend in ihrer entschiedenen sichern Art, die sie auch im Verkehr mit jungen Leuten hatte, wenn nicht gerade die Eltern zuhörten:

»Das wird ja den Blumen nichts geschadet haben!«

Er fragte:

»Haben Sie es denn geahnt?«

Sie blitzte ihn an:

»Nein, sonst hätte ich sie nicht angenommen!«

Er legte bedauernd die Hände zusammen: »Oh, oh, so hart sind Sie?«

»Ich war es!«

»Und heute?«

»Ich weiß nicht!«

»Wir wollen mal sehen! Das nächste Mal bringe ich Ihnen Blumen mit!«

Sie wurden unterbrochen, und Robert, der meinte, sein Besuch hätte lange genug gedauert, empfahl sich mit ein paar artigen Worten.

An einem der nächsten Tage kam er abends zum Diner, dabei brachte er ein paar weiße Rosen mit und unversehens drückte er einen Kuß darauf, ehe er sie Denise überreichte. Dann sagte er:

»Ich habe eine große Bitte, schenken Sie mir eine dieser Rosen!«

Sie löste eine kleine Knospe heraus. Er fragte:

»Duften sie schön?«

Denise verstand, und während sie, um nicht Antwort zu geben, sich auf die Blumen niederbeugte, war es, als berührten auch ihre Lippen die kühlen frischen Blätter.

René hatte bereits mit seinem Freunde gesprochen und auch mit Herrn de Verneuil eine Unterredung gehabt. Man war einig geworden, und Robert konnte jetzt, noch ehe es zu Tisch ging, Denises Vater mitteilen, er glaube, sie wäre einverstanden. Er sagte das mit so strahlender Miene, daß Herr de Verneuil ganz gerührt war, denn er meinte, an dem Glück des jungen Mannes und damit des jungen Paares nicht zweifeln zu können.

Während der Mahlzeit wurde zuerst noch nichts davon laut. Doch beim Nachtisch erhob plötzlich Herr de Verneuil sein Glas, in dem der Champagner schäumte, und sagte zu den wenigen Anwesenden, nur Verwandten:

»Ich bitte Sie, auf das Wohl des jüngsten Brautpaares zu trinken!«

Alle hatten es geahnt, keiner wunderte sich auch nur einen Augenblick. Man hob die Kelche gegeneinander, leerte sie, und die Verlobung war besiegelt.

II.

Der Brautstand dauerte nicht lange. Schnell wurden die Besorgungen gemacht: Wäsche, Möbel, Spitzen gekauft. Der Bräutigam überreichte der kleinen Denise wundervollen Schmuck: Armbänder, Ringe, ein paar Diamanten in die Ohren, ein Diadem für Festlichkeiten.

Die Geschenke häuften sich. Die Verwandten, die Freunde, die Bekannten, jeder brachte irgendeine Kleinigkeit. In einem Zimmer, das dazu ausersehen war, entstand bald eine förmliche Ausstellung von silbernen Gegenständen, Bronzen, Spitzen, Porzellan, Schmuck, Uhren, Vasen, Nippessachen, auch ein paar künstlerisch ausgeführte Lampen fehlten nicht. Die Freunde Roberts meldeten sich fast alle mit kleinen Kunstgegenständen, wie einem Aquarell von einem Meister, in kostbarem handgeschnitzten Rahmen oder dem Vorzugsdruck einer Radierung. Es war, als hätten sie sich das Wort gegeben, die Wände des neuen Heims ausreichend zu schmücken.

Auch die Wohnungsfrage war entschieden worden. In der Nähe des Hotels der Eltern würden sie eine Etage beziehen, einen schönen ersten Stock, unmittelbar an den Champs Elysées und nicht weit vom Métropolitain, der Untergrundbahn, vor der Denise bisher immer eine solche Angst gehabt hatte, daß sie sich weigerte, damit zu fahren. Nun würde sie es wohl müssen, denn eine Equipage sollte fürs erste nicht gehalten werden. Robert besaß ein kleines Gut in der Provinz im Südwesten; dort auf dem Lande mußte man sowieso Pferde und Wagen haben, also war es hier ein Luxus.

Robert hatte seine Finanzverhältnisse bei der Heiratsbesprechung klarlegen müssen, und es stellte sich heraus, daß er gar nicht so reich war, wie die Verneuils geglaubt hatten. Wohl war es einmal gewesen, aber der Aufenthalt in Paris, Bakkarat und anderes hatten viel Geld verschlungen. Da war es besser, anstatt groß anzufangen und dann einen Pflock zurückstecken zu müssen, lieber von Anfang an haushälterisch zu sein. Seinen Freunden gegenüber meinte Robert, er mache eine Liebesheirat, seine Braut habe nicht genügend Geld, um auf großem Fuße leben zu können. Die Verneuils aber ließen ihrerseits durchblicken, die Vermögensverhältnisse des jungen Mannes reichten nicht hin, um in Paris ein Haus zu machen.

Herr de Verneuil aber sagte zu René, und das war die Schlußfolgerung, die er zog:

»Siehst du, mein Junge, sei vernünftig, sonst wird es dir gerade so gehen!«

Robert schaffte also sein Tandem ab und schloß seine Junggesellenwohnung. Mit Eifer richtete er die neuen Räume selbst ein. Die Braut besuchte ihn in Begleitung ihrer Mutter ein paarmal, wie er dort bei der Arbeit war, in Hemdsärmeln, als wäre er selbst Tapezierer, wie er den Hammer schwang und alles nach seinem guten, etwas kostbaren Geschmack anordnete, der ihm in seinem bisherigen Erdenwallen in jeder Beziehung ziemlich viel Geld gekostet hatte.

Endlich war das kleine Nest fertig. Es war die höchste Zeit, denn morgen schon sollte die Hochzeit sein. Die Einladungen waren längst verschickt, das feierliche Mahl mit der ganzen Verwandtschaft der Verneuil und der de la Caille fand am Abend statt.

Der Marquis de Bloudarnenez, der eine de la Caille zur Frau hatte, erschien mit seinen sieben Söhnen, ein Hugenotte alter Rasse, der sich mit den übrigen de la Cailles jahrelang nicht gesehen hatte, weil seine Frau, von ihm bekehrt, zum Protestantismus übergetreten war. Es waren große Gestalten mit eckigen, scharfgeschnittenen Gesichtern, derb, knochig und mit Bauernschädeln, die nur durch das Ausgearbeitete der Züge das alte Geschlecht verrieten. Es waren Leute von einfachen Sitten und ungebrochener gallischer Kraft. Diese ganze kinderreiche Familie, deren Erscheinen Aufsehen erregte, war wenig modisch gekleidet und bildete einen schreienden Gegensatz zur Übereleganz der übrigen Hochzeitsgäste.

Dann kam die Herzogin von Lamont, »die Wohltäterin der Armen«, wie sie die Boulevardblätter nannten, eine kleine bewegliche runde Frau mit weißem Scheitel. Dann Baron und Baronin Scheffler, als Elsässer doppelt wütende Patrioten; ihr Hotel am Park Monceau war der Sammelpunkt der Klerikalen und Royalisten im Lande. Endlich die Gutsnachbarn der de la Caille, nicht ganz so elegant wie die Pariser. Sie röchen ein wenig nach Provinz, meinte die Herzogin, aber es waren die ältesten Familien des Landes: die de Vallot, de Roncières, de Petrilly und dann der alte General de Saint Genois, der glänzendste Reiterführer Frankreichs, wie man ihn allgemein nannte, gemaßregelt vom letzten Kriegsminister, weil er nicht republikanisch genug sei. Ein Mann, der, seitdem er den Dienst hatte verlassen müssen, mit einemmal zusammengebrochen war und an einem Stock gehend erschien.

Er pflegte sich über die Etikette hinwegzusetzen, das kannte man an ihm. Er schritt denn auch sofort auf die Braut zu, betrachtete sie gerührt, nannte sie ein reizendes Kind, sagte das den Eltern, dem Bräutigam, den Verwandten, jedem, der es nur hören wollte, und dann führte er eine kleine theatralische Szene auf, indem er das Mädchen plötzlich wie ein guter alter Vater auf die Stirn küßte, ehe die Erschrockene sich wehren konnte, wobei er vor lauter Bewegung mit zitternder Stimme sagte:

»Mein Kind, werden Sie glücklich!«

Der kleine Graf Riquois de Grancin, der mit René zusammen Brautführer war, aber – ausschließlich in der zweiten Quadrille der großen Oper beschäftigt – sich eigentlich bei dieser feierlichen Hochzeit sehr komisch vorkam, flüsterte einem andern zu:

»Der alte Kerl ist nicht dumm, das werde ich mir merken, so kann man jedes Mädchen umsonst küssen!«

Und er näherte sich einer Verwandten der Verneuil, einer jungen Frau mit lebhaften, glänzenden Augen und auffallend langen, schwarzen Wimpern, die sie den Männern gegenüber auch auszunützen verstand. Da er wußte, daß sie mit sich scherzen ließ, tat er hinter dem breiten Rücken eines der Hugenotten, als wolle er sich zur Stirn der kleinen Frau neigen, während er im Ton des Generals meinte:

»Mein Kind, werden Sie glücklich!«

Sie lachte und bog sich zurück; das war ihr doch zu viel, und sie meinte abwehrend, wobei ihr die Heiterkeit aus den Augen blitzte:

»Das bin ich schon!«

»Schade!« meinte er. Dann ging es zu Tisch. Aber nun war wieder Feierlichkeit, Ernst und Würde.

Es gab ein prachtvolles Essen. Den Hauptgesprächsstoff bildete das junge Paar, das, nebeneinandergesetzt, die Zeremonie wie etwas Notwendiges, aber Schreckliches an sich vorübergehen ließ. Es wurde sehr schnell serviert, man stand bald auf, und kurz darauf trennte sich die ganze Gesellschaft.

Am nächsten Morgen fuhren an der Kirche Saint Philippe du Roule eine Menge eleganter Equipagen vor. Ein förmlicher Fuhrpark wartete dort. Die Umwohnenden, wenn sie auch die Hochzeiten gewohnt waren, blickten trotzdem neugierig aus dem Fenster oder standen umher, denn eine solche Menge wappengeschmückter Wagen sahen sie immerhin selten.

Man hörte in der Kirche Gesang, und trotz des Lärmes der Straße konnte man eine Stimme vernehmen, die siegreich über der begleitenden Orgel schwebte; der Baritonist Louis Calvin von der Großen Oper trug eine geistliche Ode vor. Endlich summte die Orgel nur noch gedämpft weiter, und da die Menge annahm, daß die Feier nun zu Ende sei, drängte sie sich um das Eingangstor. Da erschien plötzlich der Schweizer, winkte, und die Wagen fuhren vor.

Das Brautpaar trat heraus. Die kleine schwarze Denise in ihrem weißen Brautstaat, einen pelzverbrämten Umhang um die Schultern, den Orangenzweig im dunklen Haar, schlug die Augen zu Boden, der Bräutigam aber blickte sich ruhig um, sah lächelnd auf die Menge, und ein paar Weiber sagten: »Schöner Kerl!« Dann half er seiner jungen Frau in den Wagen, und das Gefährt rollte davon.

Im Hotel Verneuil fand das Frühstück statt. Die Damen hatten schicke, hohe Toiletten an und überboten sich in duftigen Hüten. Die Herren trugen den Gehrock und zeigten in Krawatte, Busennadel, Wäsche und Stiefeln Eleganz. Man beglückwünschte das Brautpaar. Denise nahm die Worte ohne jede Verlegenheit entgegen und schaute allen klar ins Gesicht; nur ab und zu warf sie einen Blick auf ihren Bräutigam, einen Blick, aus dem Liebe und Glück sprach.

Als die Gäste noch beieinander saßen, die Herren den Damen allerlei Unsinn erzählten, Schmeicheleien sagten, Klatsch aus Paris mitteilten, alle der Reihe nach den Gesang von Louis Calvin wundervoll fanden, fragte plötzlich einer:

»Wo ist denn das junge Paar?«

Die Frage pflanzte sich fort, man erkundigte sich nach allen Seiten, und obgleich jeder, wußte, daß die Jungvermählten wahrscheinlich längst im Zuge saßen, taten alle, als wären die beiden geradezu auf rätselhafte Weise verlorengegangen. Allmählich ging man zu anderen Gesprächen über und hatte das Brautpaar vergessen.

Inzwischen saßen Robert und seine junge Frau im Wagen, er in einem dunklen, karrierten Anzug und langem Reiseüberzieher, einen weichen Hut auf dem Kopf; sie in einem braunen Kleide und ihrer Sealskinjacke, die mit der Ausstattung angeschafft worden war.

Sie saßen Hand in Hand, während das Coupé lautlos dahinrollte. Er fragte:

»Meine kleine Denise, hast du mich denn lieb?«

Sie antwortete:

»Wie kannst du das fragen?«

Und er küßte ihre kleinen Hände. Er zog dazu ihre Handschuhe zurück, um ihre Haut zu berühren. Dabei sah er die Ringe blitzen. Er betrachtete sie noch einmal, und sie, die bisher als junges Mädchen noch keine getragen hatte, zog den Handschuh ganz ab, hielt die Hand ein Stück entfernt und sagte:

»Du hättest mir nichts Schöneres schenken können!«

Die Smaragden blitzten, von Brillanten umsäumt. Alles glänzend neu, neu wie das Leben, das sie zu beginnen hatten.

Ein neues Leben! Für das Mädchen, bei dem dieser Tag den größten Wandel in ihrem Dasein bedeutete, ein süßes und doch sie erschreckendes Geheimnis, dem sie mit unbestimmtem Bangen entgegensah. Für ihn der Abbruch aller alten Beziehungen. Mehr noch fast ein neues Dasein als für sie. Er hatte sich fest vorgenommen, er wollte ein guter Wirt werden, er hatte sich das Versprechen gegeben, im Cercle keine Karte mehr anzurühren. Und alle schönen Damen von Paris, denen er bisher zu Füßen gelegen hatte, die aus der Gesellschaft, die vom Theater, alle sollten ihm gleichgültig sein, denn er hatte Ersatz gefunden in dieser kleinen Frau an seiner Seite, die ihm vertrauend ihr Dasein überließ, die er bilden konnte nach seinem Willen, die unberührt bei den frommen Schwestern da draußen nichts geahnt hatte von allem Schönen dieses großen Paris, aber auch nichts von allem Entsetzlichen, das es barg. Er wollte seine Frau glücklich machen. Er hatte Erfolge gehabt, er war groß, hübsch, lebhaft, immer gut angezogen, er hatte das Geld nicht gespart, er war verwöhnt worden. Nun wollte er alles aufgeben und alles dieser kleinen Frau zu Füßen legen, die neben ihm saß.

Bei diesem Gedanken überkam ihn ein unbändiges Glück; er faßte die schmale Hand, an der die Steine blitzten, zog sie an die Lippen, küßte die rosigen Nägelchen, küßte die Finger, schob den Ärmel zurück und küßte das Gelenk. Dann plötzlich legte er den Arm um ihren Nacken, und trotz ihres Sträubens und obgleich sie immer rief:

»Aber Robert, man sieht es!« preßte er sie an sich und küßte durch den Schleier hindurch ihre Wangen, ihre kleinen Ohren, die flockigen Härchen am Hals, ihre Nase sogar und endlich ihren Mund.

Als er sich aufrichtete, schrie sie, aber sie lachte dabei:

»Um Gottes willen, da!«

Sie entdeckten das Gesicht eines Bengels, der die Mütze im Nacken, neben der Equipage herlief und grinsend zum Fenster hineinsah. Eine echte Pariser Range.

Doch Robert lachte nur:

»Ach, der dumme Junge, das schadet nichts!«

Dann schob er seinen Arm unter den seiner Frau, und nun überließen sich beide ihren Gedanken, denn im Überschwang ihres Glückes konnten sie nicht Worte finden. So saßen sie und warteten, bis sie an den Bahnhof kamen.

Sie sagten dem alten Kutscher und dem Diener der Eltern Lebewohl, Robert gab das Gepäck auf und löste die Fahrkarten, denn sie wollten nach dem Süden. Eigentlich hatten sie ein paar Tage auf dem Gut verbringen wollen, aber schließlich waren sie davon abgekommen, denn da standen um diese Zeit die Bäume kahl, kein Grün war zu sehen und auch nichts vorgerichtet. Sie hätten sich unwohl gefühlt, dort, wo der Hauch des Ozeans kalt herüberwehte und Dünste und Nebel um das Haus trieb; wo der Sturm heulte, daß die Schieferplatten auf dem Dach klapperten, und wo es unheimlich war in den verlassenen Räumen. Nein, sie wollten nach dem Süden, nach Schönheit und Sonne.

Ihr erstes Ziel war Nizza, das sie allerdings erst morgen erreichen würden, denn heute abend fuhren sie nur wenige Stationen weit. Sie wollten die ersten Stunden, die sie sich angehörten, nicht auf der Eisenbahn verbringen.

Und als sie in ihrem Abteil erster Klasse saßen, ganz allein beim halben Licht der Lampe oben an der Decke, beim gleichmäßigen Stoßen und Zittern, beim Rattern und Rollen des Zuges, schmiegten sie sich eng aneinander, und wieder begann dasselbe Spiel, daß er ihre Hände küßte und dann ihr Gesicht und ihr erklärte, wie glücklich er sei, daß sie die Seine geworden. Er erzählte, wie er wirklich eine Schülerneigung zu ihr gehabt hatte, als er ihr damals Blumen und Konfekt gebracht; er gestand, daß er sie dann vergessen hatte, und er drückte mit einfachen Worten das Glück aus, das ihm geworden sei, sie jetzt wiederzufinden.

Ein paarmal kam es ihm auf die Lippen von seiner Vergangenheit zu sprechen, ihr zu sagen, daß mehrfach Frauen sein Herz erobert hatten. Es war ihm, als müsse er das von seiner Seele herunterhaben, erst dann würde sie ihm ganz angehören. Er wollte es nicht machen wie andere, daß die Frau denken solle, sie schlösse einen reinen Engel in ihre Arme! Nein, sie sollte alles wissen, daß er vor keinem Zufallswort zu zittern hätte und es nie eine Frage gäbe.

Er wollte ihr sagen, ich habe die und die gekannt, aber du vergibst mir, du mußt mir vergeben, du hast mir schon vergeben! Das werden sie alle so machen, und deswegen habe ich dich nicht hintergangen, denn hier in Paris wirst du einen Mann, der keine gekannt hat, nicht finden. Wenn du wissen willst, wer es war, will ich dir sogar die Namen nennen. Ich kann es ruhig, denn das liegt wirklich hinter mir, keine Bande ketten mich an die Vergangenheit. Es ist alles aus und nie wieder kann es beginnen. Ein neues Leben hat angefangen, das Leben mit dir, mit meiner kleinen Frau, und du sollst mir gehören, bis uns beide einmal der Allmächtige auseinanderreißt, der die Augen zudrückt und die Hände erkalten läßt und das Herz anhält.

Er kämpfte mit sich, sollte er es ihr jetzt sagen? Sollte er nicht lieber warten?

Nein, heute wollte er sein Glück genießen, denn er wußte ja nicht, wie solche Eröffnungen auf die weltfremde junge Frau wirken würden. Davon zu sprechen war noch Zeit. Es mußte ihr allmählich beigebracht werden auf dieser Reise nach dem Süden. Gerade in Nizza, in Cannes, in Monte Carlo würde sie so viel Neues sehen und erleben, daß er sie ganz allmählich einführen und aufklären konnte. Für heute wies er diese Gedanken ab. Es war ihm genug, daß er die feste Absicht hatte, Denise einmal alles zu sagen, weswegen vielleicht seine Freunde, René an der Spitze, ihn sogar ausgelacht hätten.

Darum schloß er wieder seine kleine Frau in die Arme, und das alte Spiel begann, daß er ihre Finger küßte, ihre Wangen, ihre Stirn, ihre Augen, ihren Mund.

III.

Den Tag darauf kam das junge Paar in Nizza an. Sie hatten es gut getroffen, es war herrliches Wetter; ein blauer Himmel spannte sich über dem blauen Meer, in den Gärten lebte alles von immergrünen Pflanzen, von Blumen und Büschen und Bäumen des Südens, denn hier begann bereits der Frühling einzuziehen.

Es duftete in dem Vorgarten des an der Promenade des Anglais gelegenen Hotels, wie in Paris zu dieser Zeit nur auf den kleinen Karren der Blumenverkäufer, die, ihre Ware anpreisend, durch die Straße zogen.

Denise schlug, als sie am Morgen die Fensterläden öffnete, vor Freude die Hände zusammen:

»Mein Gott, das Meer!«

Das Meer hatte sie noch nie erblickt; und nun konnte sie die Augen nicht davon wenden, sie sah immer die klaren Wellen anlaufen, die langen weißen Linien, Kämme und überhängenden Spitzen sich von der großen blauen Fläche abzeichnen, und sie rief einmal über das andere: »Robert, sieh nur, das läuft ja immer fort! Das hört ja gar nicht auf! Wo kommt denn das her?«

Ihm, der in Trouville, in Biarritz so oft viele Sommerwochen verbummelt hatte, machte die kindliche Freude seiner jungen Frau Spaß, als ob er das alles selbst auch noch nie gesehen hätte.

Bald darauf standen sie auf der Straße, er nahm ihren Arm, preßte ihn, und verliebt sahen sich die beiden an. Nur ab und zu, wenn sie in die Nähe von Menschen kamen, von denen sie das Gefühl hatten, es könnten vielleicht Bekannte sein, ließ er sie los und dann schritten sie ernst und würdig nebeneinander her.

Plötzlich blickte die kleine Frau ihn groß an:

»Denke dir, Robert, nun sind wir schon zwei Tage verheiratet!«

Er rechnete die Stunden zusammen und bestritt, daß es bereits genau zwei Tage wären, aber da sagte sie mit einem schmollenden Mündchen:

»Ach, Robert, du mußt nicht so pedantisch sein!«

Ohne daß er wußte, wie es kam, antwortete er:

»Ich bin nie pedantisch gewesen, ich habe leider nicht alles sehr genau genommen!«

Sie blickte ihn einen Moment erschrocken an, dann aber lachte sie wieder, und der Gedanke huschte vorbei.

Ihm aber kam die Erinnerung an das, was er ihr beichten wollte. Das war ja eben ein erster Ansatz dazu gewesen. Doch er schob es abermals von sich, wenn es ihn auch quälte, denn trotz seines jahrelangen Leichtsinns in Paris war er wirklich ein wenig pedantisch.

Da ihm die Republik ohne Verleugnung seiner Familientradition und seiner Anschauungen keine Möglichkeit zum Arbeiten bot, da er in die Armee nicht hatte eintreten wollen, und an seinem Gut nicht viel zu bewirtschaften war, außerdem sein Haupteinkommen aus den Zinsen seines Vermögens bestand, hatten ihn Tatenlosigkeit und Mangel an Beschäftigung in Paris zum Bummeln getrieben. Die Freunde hatten ihn oft Spaßes halber den Philosophen genannt, denn manchmal, wenn sie im Café de Paris mit irgendeiner Schauspielerin, einer Tänzerin, einer Dame saßen, deren Neigung nur durch die ihr gebotene Möglichkeit, glänzend zu leben, zu erobern war, hatte er seine düstern Stunden gehabt, begann Gespräche über die Nichtigkeit des Daseins, so daß einmal die schöne Alice Colombier von den Bouffes, die solche philosophischen Anwandlungen gar nicht liebte, die immer nur lachen und sich unterhalten wollte, etwas mißvergnügt zu den andern Herren gesagt hatte:

»Ich glaube, Herr de la Caille wird noch einmal in ein Kloster gehen!«

Aber alle diese Gedanken, die nur flüchtig aufgetaucht waren, schwiegen jetzt wieder angesichts seines Glückes, als er auf der sonnebeschienenen Promenade des Anglais am Meere hinschritt.

Beide machten Beobachtungen über die ihnen begegnenden Menschen. Denises entschiedener klarer Verstand begann sich zu regen und kleine Funken zu sprühen in ihren Bemerkungen über die Vorübergehenden: diese Dame sah genau aus wie das Zebra im Jardin d'Acclimatation, jener Engländer hatte etwas von der Seerobbe, die sie dort in ihren spaßigen Wasserspielen bei der Fütterung oft beobachtet hatte. Und waren nicht die beiden kleinen Mädchen mit ihren großen Nasen, die für die Zukunft viel versprachen, die reinen Pfefferfresser? Der kleine Junge mit dem vorgeschobenen Mund, der zurücktretenden Stirn und den dichten schwarzen Locken, das war ja ein Pudel!

Jedesmal, wenn sie so etwas gesagt hatte, lachte Robert, und die Lust wandelte ihn an, seine kleine Frau an sich zu ziehen und ihr einen Kuß zu geben. Er tat es sogar, als sie in einen Hausflur getreten waren, da sich das Band ihres Schuhes gelöst hatte, und sie bot ihm ruhig die Lippen; dann sagte sie mit einer komischen Miene, daß es ihn überlief und er sich förmlich schüttelte vor Glück, vor einem Glück, das er nie in seinem Leben geahnt und nie für sich für möglich gehalten:

»Du, du, daß deine Lippen nur nicht wund werden!«

Dann bummelten sie weiter, blieben bei den Modistinnen stehen und vor allen Dingen bei den Juwelieren. Aber so schöne Sachen sie auch dort sahen, nie sprach sie davon anders, als daß sie – bei einem Ringe zum Beispiel, der in der Auslage auffiel – hinzufügte:

»Aber, Robert, meiner ist viel schöner!«

Dann streifte sie wieder den Handschuh ein Stück von der kleinen Hand, hielt sie gegen das Glas, und sie verglichen wie die Kinder, freuten sich, daß Denises Stein wirklich größer war oder mehr Feuer hatte. Er aber sagte:

»Wir finden alles, was wir haben, besser, denn wir sind glückliche Menschen!«

Denise blickte ihn an:

»Das muß man auch! Und es ist auch so!«

»Glaubst du wirklich?«

»Ja, denn es gibt keinen Mann in Paris, nein, was sage ich, in ganz Frankreich, überhaupt auf der ganzen Welt, der so ist wie mein Robert!«

Seine Augen glänzten:

»Meinst du das wirklich?«

Sie antwortete einfach:

»Sonst würde ich es doch nicht sagen!«

Während sie weitergingen, so ineinander vertieft, daß sie beinahe die Leute anrannten, und man dem Paar erstaunt nachsah, fragte er: »Hast du mich denn lieb, meine kleine Denise?«

Sie ließ ihn nicht mit den Augen los:

»Ich habe dich so furchtbar lieb, so, daß ich's nicht sagen kann! So, daß ich – ach, ich weiß es nicht, ich habe dich eben lieb!«

Sie frühstückten in ihrem Hotel an einem kleinen Tisch einander gegenüber. Zuerst war der Speisesaal leer, sie freuten sich dessen, so konnten sie sich besser unterhalten. Allmählich aber kamen Leute: Vater, Mutter, zwei kleine Mädchen und die Gouvernante; dann mehrere Herren, die sich eifrig unterhielten, einander Papiere herübergaben beim Essen, wobei der eine, wenn er las, jedesmal den Kneifer aufsetzte. Endlich ein junger Priester mit einem alten Ehepaar, ein moderner Priester mit reinlicher, gutgeschnittener Soutane, Seidenschärpe und untadeliger Wäsche.

Nun mußten sich Robert und Denise in acht nehmen mit ihrer Unterhaltung, aber das gab um so größeren Reiz. Sie flüsterten, und unausgesetzt, sobald der Kellner serviert hatte, hauchte Robert ihr allerlei Fragen zu, ob das Essen gut wäre, Bemerkungen über die Nachbarn, dazwischen plötzlich:

»Denise, du hast so schöne Augen!«

Oder:

»Wo hast du denn den kleinen Mund her?«

Sie lachte jedesmal und gab ihm unversehens, während sie tat, als wolle sie das Brot nehmen, einen Klaps auf die Hand.

»Was wollen wir heute nachmittag machen?« fragte er.

Ihr war alles gleich, wohin er sie brachte, sie sah ja doch nichts anderes als ihn. Er fragte:

»Wollen wir einen Wagen nehmen?«

Sie meinte nur:

»Mir ist alles recht!«

Aber sie waren müde, legten sich nachmittags ein wenig hin, und unversehens schliefen sie dabei ein, Hand in Hand. Sie fuhren gleichzeitig verstört auf: Um Gottes willen, es war schon fünf! Nun rieben sie sich die Augen, jetzt war es wohl zu spät, noch etwas zu unternehmen, denn trotz der Frühlingsluft begann gegen Abend doch die Kälte wahrnehmbar zu werden, und eine Wagenfahrt verlohnte sich nicht mehr. Da sagte er:

»Wir müßten mit der Bahn fahren!«

Aber sie hatte von der langen Reise von Paris her genug und wehrte erschrocken ab.

»Wir brauchen ja nicht weit zu fahren! Vielleicht nach Cannes? Oder willst du lieber hier bleiben?«

Da kam ihr plötzlich ein Gedanke: sie hatte soviel von Monte Carlo gehört, wohin sie, wenn sie vielleicht mit den Eltern eine Reise nach dem Süden gemacht hätte, als Mädchen nie hingekommen wäre, wenigstens nicht ins Kasino. Nun wollte sie in dem Vollgefühl, ihrer jungen Würde den Vorteil auskosten, den sie als Frau besaß; darum fragte sie mit leuchtenden Augen:

»Ist Monte Carlo weit?«

Er lachte:

»Nein, da können wir heute noch hinfahren!«

Sie hüpfte im Zimmer herum, klatschte in die Hände, wie ein kleines Mädchen und rief:

»Oh, das ist hübsch! Mein Robert, bist du gut! Wir fahren nach Monte Carlo, nicht wahr?«

Er freute sich, ihr einen Spaß machen zu können und antwortete sofort:

»Gut, ziehe ein schönes Kleid an. Pardon, ich habe ja nicht daran gedacht, daß du nur schöne Kleider hast! Also ziehe dich an, und wir fahren hin, denn so etwas hast du noch nie gesehen!«

Sie sah die Kleider durch, die sie mitgenommen hatte, und fragte ihren Mann, welches das geeignetste wäre. Er wählte schließlich ein helles, elegantes, womit er meinte, daß seine niedliche kleine Frau schon Figur machen würde.

Während sie sich anzog, fragte sie:

»Darf ich denn auch spielen?«

Er dachte an seine Vorsätze und sagte:

»Du, Denise, ja, ich nicht!«

»Du nicht?«

»Nein, denn ich habe schon genug Geld in meinem Leben verloren!«

Sie sah ihn von der Seite an und drohte scherzhaft mit dem Finger:

»Robert, du bist wohl sehr leichtsinnig gewesen?«

Er antwortete nur:

»Ich bin es nicht mehr!«

Nach einer Weile fragte sie:

»Wieviel darf ich denn setzen?«

Er zögerte und sagte dann:

»Ich will dir etwas sagen, Denise, wir sind nur einmal auf der Hochzeitsreise, du bekommst dazu hundert Franken, die kannst du verspielen, denn verlieren tust du sie doch.«

Sie war glücklich:

»O nein, paß nur auf, ich werde schon gewinnen! Du sollst mal staunen, ich habe solches Glück entwickelt, daß ich auch da Glück haben werde!«

Er hielt ihre beiden Hände, näherte sich ihrem Gesicht, blickte ihr in die Augen und fragte zärtlich:

»Wo hast du denn Glück gehabt?«

Sie sagte einfach:

»Daß ich dich gefunden habe!«

Und er küßte sie gerührt.

Eine Stunde darauf saßen sie im Zuge. Sie fuhren immer an der Küste hin, links türmten sich die Kreidefelsen, rechts unter dem Schienenstrange brauste das Meer, und ab und zu tauchten sie, Landzungen durchfahrend, in Tunnels. Während weiße Häuser und Villen, Blumengärten und Palmenhaine, Segelschiffe, Fischerboote und bei Beaulieu ein ganzes Panzergeschwader an ihnen vorüberhuschten, ging es Monte Carlo zu.

Sie stiegen die schöne Treppe hinauf, die zu den Anlagen um das Kasino führt. Eine Menge Ausflügler aus Nizza war mit ihnen gekommen, ein langer Zug, der dem Tempel des Mammons zustrebte.

Nun traten sie in die Palmenhaine mit ihrem exotischen Pflanzenwuchs, und dann sahen sie den Spielsaal vor sich liegen, mit seinen geschlossenen Fenstern, hinter denen die Spieltische standen, hinter denen man all das äußerlich ruhige, innerlich wild bewegte Leben der Spieler ahnte, die Vermögen hin- und herschoben, um sie schließlich doch alle in dem einen großen Schlund verschwinden zu lassen: der Bank.

Kurz ehe sie auf den Platz zwischen dem Café und dem Kasino traten, auf dem Bonnen, Kinder, dienstfreie Croupiers, an Geldbeutel wie Nerven ermüdete Spieler, Lungenkranke, elegante Damen, große wie kleine Halbweltlerinnen saßen, Wagen auf Wagen an der Bank vorfuhren, immer neue Besucher bringend, nahm Robert hundert Franken aus der Brieftasche und steckte sie seiner kleinen Frau zu:

»Denise, mehr bekommst du nicht, das ist für unsere Verhältnisse genug.«

Und er dachte sich im stillen: »Ich bin jahrelang unvernünftig gewesen, jetzt steure ich den neuen Kurs; die Vernunft fängt an.«

Aber erst wollten sie essen, und sie traten in das gegenüberliegende Café de Paris. Als sie einander gegenübersaßen, beide im Gesellschaftsanzug – denn er hatte den Frack unter dem Überzieher zur Fahrt angelegt –, sagte er mit einem zärtlichen Blick zu seiner kleinen Frau: »Denise, nun sollst du mal gut essen!«

Er stellte sorgsam mit Hilfe des Kellners eine Speisenfolge zusammen, und unwillkürlich geschah es, daß in dem eleganten Raum bei dem übereleganten Publikum, dem es auf ein Zwanzigfrankenstück so wenig ankam wie anderen vielleicht auf einen Sou, das Menü etwas teuer ward, aber es ward gut.

Denise hätte er alles vorsetzen können; sie war wenig wählerisch im Essen. Bei den frommen Schwestern war sie nicht verwöhnt worden. Mit einem Teller Suppe und einem Stück Brot hätte sie vorlieb genommen. Sie hatte nicht einmal Zeit zum Essen, immer blickte sie ihrem Robert in die Augen, und der Kellner nahm ihr die Teller fort, fast ehe sie noch etwas angerührt hatte. Nur an ihrem Glase nippte sie ein paarmal.

Inzwischen hatte sich das Restaurant immer mehr gefüllt. Erstaunt blickte sich Denise um. Sie flüsterte ihrem Manne Bemerkungen zu über die Toiletten, die sie sah. Reiche, schicke Amerikanerinnen, schön gewachsene Engländerinnen, etwas sonderbar angezogen, Damen der Halbwelt in dekolletierten Kleidern, mit Schmuck behangen, traten mit Herren ein, die alle im Frack waren.

Das war ein Strahlen von Luxus und Eleganz rings an den Tischen, wie es Denise noch nie gesehen hatte. Es machte ihr Spaß, und mehrmals sagte sie zu ihrem Manne:

»Robert, das ist ja reizend hier!«

Er, der die Feste gefeiert, auch ohne daß sie fielen, ward angeregt durch den eleganten Rahmen, den er so oft in Paris in den großen Restaurants um sich gesehen hatte. So kam er in gehobene Stimmung, und als er zu seinem Kaffee einen Fine Champagne geleert hatte, erschien ihm alles leichter, und seine neuen, strengen Grundsätze waren ein wenig verflogen, so daß er plötzlich zu seiner Frau sagte:

»Denise, weißt du, wir gehören jetzt ganz zusammen, und ich muß alles tun, was du tust. Du darfst hundert Franken verspielen, also ich auch! Wenn wir das verloren haben, fahren wir nach Nizza zurück, dann hat die liebe Seele Ruh!«

Dabei nahm er aus seiner Brieftasche einen zweiten Hundertfrankenschein und steckte ihn in die Westentasche.

Sie bezahlten, dann gingen sie zur Bank hinüber. Sie gaben ihre Namen an, erhielten die Eintrittskarten und durchmaßen nebeneinander das Atrium. Ein paar Herren, die dort standen und eine Zigarette rauchten, starrten der jungen Frau nach, deren kleine Schleppe hinter ihr dreinrauschte, und die mit der Grazie, dem Liebreiz und dem natürlichen Anstand der jungen Französin hinschritt, als hätte sie nie anderes getan.

Als sie in die Spielsäle traten, blieben sie zuerst stehen und sahen sich um. Die Menschen drängten sich um die Tische, auf denen schon die Lampen brannten, an langen vergoldeten Ketten von der Decke niederhängend, mit Schirmen versehen, die ihr Licht nur auf das grüne Tuch warfen. Man hörte das Klimpern des Geldes, das Laufen der Kugel in der Roulette, das eintönige Rufen der Croupiers. Denise gab ihren ersten Eindruck wieder:

»Gott, ist das komisch!«

Robert war in guter Stimmung. Er rieb sich die Hände, zog sich die Manschetten etwas heraus, und in stolzer Haltung ging der große, schlanke, elegante Mann neben seiner kleinen Frau her, strich sich den Schnurrbart und fühlte sich so wohl, als wäre er zu Hause.

Sie blieben an einem Tisch stehen. Die junge Frau ließ sich erklären, wie man setzen müsse, und welche Gewinnmöglichkeiten es gäbe. Aber als Robert sie lachend aufforderte, sie möchte doch spielen, sagte, sie, indem sie ängstlich ihren zusammengefalteten Hundertfrankenschein zwischen den weißbehandschuhten Fingern festhielt:

»Nein, nein, erst muß ich's lernen!« Er lachte:

»Da ist doch nichts zu lernen!«

Aber sie setzte eine wichtige Miene auf:

»Doch, ich weiß ja nicht, wie die Geschichte ist!«

Sie gingen also weiter, blieben wieder an einem Tische stehen, durchmaßen alle Räume und traten endlich in die Trente-et-Quarante-Säle. Für die kleine Frau wieder etwas Neues, und abermals erklärte ihr Robert die Spielweise mit halblauter Stimme, indem er sich zu ihr niederbeugte und ihr ins Ohr flüsterte.

Die alte Leidenschaft kam über ihn; nicht daß er hätte setzen mögen, aber den Gang des Spieles wollte er sehen. Es interessierte ihn mehr noch als die Roulette. Er beobachtete das Abziehen der Karten, setzte in Gedanken hier und da eine Summe, berechnete seinen vermeintlichen Gewinn oder Verlust und war so dabei, daß er zusammenschrak, als Denise ihm zurief:

»Robert, wir wollen weiter, das ist langweilig!«

Er machte ein Gesicht:

»Langweilig? Das ist sehr interessant!«

»Ach, ich verstehe das nicht!«

»So setze doch mal!«

»Nein, sonst verliere ich!«

Er ärgerte sich ein wenig:

»Dazu sind wir doch hier!«

Sie lachte:

»Um zu verlieren?«

»Nein, nein, um zu spielen!«

Da flüsterte sie ihm zu, und dabei glänzten ihre schwarzen Augen, und ein schelmisches Lächeln zuckte um ihre Lippen:

»Weißt du was, Robert, nehmen wir an, ich hätte es schon verloren.«

»Aber sei doch nicht so komisch!« »Doch, ich will dir etwas gestehen, ich kaufe mir lieber etwas dafür, da habe ich es ganz sicher.«

Er lachte und ging mit ihr weiter. Doch nach einer Weile begann er:

»Ja, aber denke dir mal, wenn es nun Tausend wären, was du da alles kaufen könntest!«

Sie meinte:

»Das ist wahr; oh, dann würde ich, dann würde ich…«

Sie überlegte und dachte an die Schaufenster, die sie in Nizza gesehen.

Er sagte:

»Weißt du, der Ring bei dem Juwelier!«

Sie schüttelte den Kopf:

»Nein, nein, der, den du mir geschenkt hast, der ist viel schöner!«

Und sie wußte nicht, was sie tun sollte. Ein wenig genierte sie sich. Sie machte mal einen Versuch, trat, von Robert begleitet, an einen Tisch, aber da saß eine ganze Reihe von Spielern, und andere standen dahinter, und mit ihren kleinen Armen konnte sie nicht hinüberlangen.

»Ich müßte wenigstens gewechselt haben!«

»Oh, das besorgt gleich der Croupier!«

Schon hatte er ihren Hundertfrankenschein genommen, und den Augenblick darauf bekam sie fünf Zwanzigfrankenstücke. Doch das war ihr noch zu viel, sie wollte etwas Silber haben.

»Da dauert der Scherz länger, denn verloren geht es doch!« meinte sie.

Er mußte ein Fünffrankenstück auf eine Nummer schieben, die sie sich gedacht hatte. Im Handumdrehen war es davon, die Croupiers holten mit dem Rechen aus und zogen alles ein, was auf der Seite stand. Denise ärgerte sich:

»Das ist doch zu dumm!«

Und sie war nicht mehr zum Setzen zu bewegen, ihre fünfundneunzig Franken wollte sie wenigstens behalten.

Inzwischen hatten sich die Säle mehr und mehr gefüllt, die Leute kamen vom Diner, und da Hochsaison war, drängten sich die Menschen. Einzelne Paare gingen auf und ab, an den Wänden saßen Gestalten, flirtend, schwatzend oder tief in Gedanken vornüber gebeugt, die Stirn aufgestützt, in der Hand ein Papier und einen Bleistift, krampfhaft rechnend und rechnend.

Da Denise nicht zu bereden war, weiter zu spielen, sagte Robert:

»Ach was, entweder ist es mit einem Mal aus, oder wir haben gleich etwas Ordentliches.«

Er setzte seine hundert Franken und – gewann.

Denise war so glücklich, daß sie in die Hände klatschte und Robert sie ganz erschrocken ansah, denn es wunderten sich einige Leute über die naive kleine Frau. Ihr schwebten die tausend Franken vor, und jetzt war sie es, die ihn ermunterte, noch einmal sein Glück zu versuchen:

»Aber nicht alles auf einmal!«

Er setzte wieder hundert Franken und gewann abermals. Sie hatten sich an einem Tisch, wo eine Lücke entstanden war, bis an das grüne Tuch vorgedrängt.

Roberts alte Leidenschaft, die ihm im Cercle in Paris so viel Geld schon gekostet hatte, kam über ihn, und er begann einen regelrechten Kampf. Immer setzte er hundert Franken. Das Geld schwoll in seiner Hand, er hatte nach kurzer Zeit einen ganzen Stoß Banknoten, den er in die Taschen seines Fracks, in der Weste, in der Hose verteilte.

Denise stand neben ihm, nicht im mindesten aufgeregt. Sie unterhielt sich köstlich, es war ja nur ein Spiel, sie konnten ja nicht mehr verlieren als die hundert Franken, die sie einmal opfern wollten, und es war so leicht, so unendlich leicht zu gewinnen.

Da kamen ein paar Fehlschläge. Roberts Augen glänzten, als er Denise ansah und sagte:

»Das wollen wir gleich wieder einholen!«

Er legte eine ganze Anzahl Kassenscheine auf einmal auf den Tisch. Sie waren fort. Er verdoppelte den Haufen: er verschwand! Nun suchte er aus allen Taschen zusammen und warf ein Paket Banknoten hin: es war weg!

Denise sah immer noch lächelnd zu, Robert hatte ihr ja zugeraunt, daß er schon dreitausend Franken in der Tasche hätte, also was konnte der Verlust bedeuten. Aber der Mund blieb ihr offen stehen, als Robert plötzlich, nachdem er noch einmal seine Taschen untersucht hatte, bat:

»Gib mir doch die fünfundneunzig!«

»Aber du hast doch noch!…«

Er ward nervös:

»Gott, ein paar Goldstücke, auf die fünf kommt es ja nicht an!«

Sie begriff nicht und holte aus ihrer kleinen Börse die achtzig Franken in Gold hervor, während sie das Silber noch in der Hand behielt. Er setzte es auf einmal. Den Augenblick darauf klang es: »Zero!« Alles ward eingezogen.

Da wandte sich Robert herum, und sie sah, daß er ein ernstes Gesicht machte. Ein wenig bleich war er und hatte die Lippen zusammengekniffen. Er sagte:

»Komm, Denise.«

Unwillkürlich folgte sie ihm, sie verließen den Tisch und sie fragte ängstlich:

»Aber um Gottes willen, Robert, was ist denn geschehen?«

Er schnippte mit den Fingern:

»Ich bin doch auch zu dumm, zu dumm! Es ist weg, alles weg, der ganze Gewinn!« Sie war sehr erstaunt:

»Aber wie ist denn das nur möglich?«

Er, der bisher nur die Liebe selbst, die Zuvorkommenheit in eigener Person gewesen war, der seine kleine Frau auf Händen getragen und ihr nur Angenehmes gesagt hatte, wurde plötzlich heftig:

»Was ist denn das für eine Frage! Du hast es doch gesehen, es ist eben verloren, verloren, alles verloren! Ich wollte doch den Verlust einbringen, ich habe das, was ich noch bei mir hatte, auch gesetzt. Alles weg!«

Sie machte ein trauriges Gesicht, so hatte er noch nie mit ihr gesprochen, aber sie wußte, er ärgerte sich über sich selbst, es galt nicht ihr, und sie beruhigte ihn:

»Ach, das schadet ja nichts, du hast ja noch Geld im Hotel!«

Er blickte sie groß an:

»Geld im Hotel? Wieso denn?«

»Nun, du hast doch nicht alles mitgenommen?«

Er wurde wieder nervös:

»Herrgott, ich werde doch nicht so dumm sein und im Hotel Geld liegen lassen, in meiner Tasche ist es doch sicherer.«

Sie stammelte:

»Das ist alles fort?«

Er zuckte die Achseln:

»Mein Gott, wir sterben ja nicht daran, es ist eben alles fort! Ich werde mir Geld schicken lassen! Das ist sehr einfach.«

Sie fühlte sich wie auf den Mund geschlagen und sagte nur:

»Das habe ich ja nicht geahnt!«

Doch er wurde wieder heftig, wenn er sich auch Mühe gab, seine Erregung zu bekämpfen:

»Herrgott noch mal, du hast es doch mit angesehen!«

Sie meinte nur: »Ja, ich habe es mit angesehen!«

Dann gingen sie, ohne ein Wort zu sprechen, in den Sälen auf und ab. Doch plötzlich kam ihm die gute Laune wieder:

»Ach was, ich habe ja mein Scheckbuch vom Crédit Lyonnais. Ich lasse mir morgen in Nizza Geld anweisen. Unsere Billetts zur Rückkehr nach Nizza haben wir ja, und für Notfälle hast du noch dein Silber.«

Die kleine Frau preßte ihre drei Silberstücke wie einen köstlichen Schatz, und in ihrer Einfalt sagte sie, die von Geld nie etwas gewußt:

»Ja, ja Robert, wir sind gerettet, wir haben noch eine Menge Geld hier!«

Und sie drehte ihre kleinen Finger herum, die in dem etwas eng sitzenden Handschuh die drei Silberstücke kaum umspannen konnten. Er betrachtete die Hand, die er in diesen Tagen so zärtlich geküßt hatte, fast ärgerlich, denn die kleine Hand enthielt nur arme fünfzehn Franken.

Sie hatte sein Gesicht gesehen und meinte mit leisem Schmollen:

»Robert, bist du böse?«

Er zuckte die Achseln:

»Ach, ich ärgere mich nur über mich selbst. Na, so dumm werde ich nicht wieder sein. Heute schadet es noch nichts. Wer nun wollen wir sehen, daß wir unsern Zug nicht verpassen.«

Er blickte nach der Uhr:

»Komm, Denise, wir haben hier nichts mehr zu verlieren, komm, wir fahren zurück, wir erreichen den Zug gerade noch!«

Er hatte seine gute Laune wiedergefunden, und als sie sich draußen Überzieher und Abendmantel hatten geben lassen, schritten sie im hellen Mondenschein den Weg durch den Zaubergarten zur Bahnhofstreppe zurück. Er schob seinen Arm in den ihren, während sie bald im weißen Mondlicht, bald in tiefem Palmenschatten gingen, und sagte, indem er sich zärtlich zu ihr niederbeugte:

»Na, meine kleine Denise, der Schaden wird bald ausgeglichen werden, wenn ich keine größern Dummheiten mache!«

Sie meinte, glücklich, daß seine frohe Stimmung zurückgekehrt war:

»Nein, sage: ›wir‹, sage: ›wir‹, ich bin ja auch daran schuld, denn wir tun doch von jetzt ab alles gemeinsam, nicht wahr, Robert?«

Als Robert am nächsten Tage das Geld in der Tasche fühlte – er hatte mehrere tausend Franken abgehoben –, war seine Mißstimmung völlig gewichen. Sie frühstückten wieder im Hotel und nachmittags beschlossen sie, nach Cannes zu fahren; die verfluchte Spielbank sollte hinter ihnen liegen, wie etwas Abgetanes, das ihnen nicht mehr schaden konnte.

Aber das Unglück wollte es, daß, als sie auf den Bahnhof kamen, der Schnellzug nach Cannes eben abgegangen war. Robert hatte im Fahrplan die Minutenzahl fünfzehn statt fünf gelesen.

Nun standen sie da, etwas ärgerlich, und wußten nicht, was sie machen sollten. Er war eigentlich dafür, ins Hotel zurückzukehren. Mit dem Bummelzug wollte er nicht fahren, und sie konnten sich vielleicht heute noch gut in Nizza unterhalten, um sich erst morgen Cannes anzusehen.

»Paß auf,« sagte Robert, »dann kaufe ich dir im Golfe Juan eine schöne Vase für deinen Salon!«

Sie klatschte in die Hände. Das war ja reizend!

Sie wandten sich herum, um den Bahnhof zu verlassen. Da donnerte von der entgegengesetzten Seite ein Zug in die Bahnhofshalle, der Schnellzug nach Genua. Die Lokomotive blieb ein paar Schritte vor ihnen halten. Der riesige Eisenkoloß pustete noch und stieß ab und zu Dampf aus, als wäre er außer Atem vom hastigen Lauf. Da sagte Denise mit einem jähen Entschluß:

»Robert, wenn wir nun nach Monte Carlo führen?«

Er hatte einen Augenblick denselben Gedanken gehabt, nur war die Vernunft bei ihm Siegerin geblieben. Aber warum sollte er eigentlich nicht noch einen Hunderter riskieren, um das auf so alberne Weise verlorengegangene Geld wieder zu gewinnen?

Doch er fragte Denise, wenn es ihm auch schwer wurde, vernünftig zu sein:

»Was wollen wir denn da?«

Sie antwortete:

»Ich habe doch noch meine fünfzehn Franken!«

Und sie hatte dabei einen Ausdruck, als wollte sie sagen: »Nun, wir sind ja gerettet, mit den fünfzehn Franken gewinne ich alles zurück!«

Statt es ihr auszureden, meinte er:

»Ja, da hast du recht!«

Entschieden, kurz, wie sie war, rief sie:

»Robert, komm, wir wollen gleich einsteigen, das ist doch der Zug dorthin!«

»Gewiß, das ist er!« Schon hatte er ein Abteil erster Klasse geöffnet. Wenn sie auch keine Billetts besaßen, so konnte er ja dem Schaffner nachzahlen. Er half seiner kleinen Frau auf das Trittbrett. Wie sie hinaufstieg und dabei dicht an seinen Augen ihr Straßenkleid vorbeihuschte, meinte er zögernd, indem die Vernunft abermals einen kleinen Vorstoß machte:

»Aber Denise, wir sind ja beide nicht angezogen!«

Doch die Lokomotive zog bereits an, und der Schaffner rief:

»Meine Dame, bitte, hinaus oder herein!«

Da sprang Robert mit einem Satz hinauf, warf die Tür zu, und Denise sank auf die Polster:

»Mein Gott, mein Gott, bin ich erschrocken!« Er küßte sie, denn sie waren allem im Coupé:

»Ich bin ja bei dir!«

Nun fuhren sie trotz aller Vorsätze nach Monte Carlo. Aber sie betraten nicht gleich die Spielsäle, wenn auch Denise dazu drängte. Sie machte sich nicht klar, daß sie doch gestern immerhin über viertausend Franken verloren hatten. Sie, die nie mehr Geld in der Hand gehabt hatte, als für ihre kleinen Anschaffungen von Schleier und Handschuhen nötig war, sie, die bei den frommen Schwestern sogar nicht mal einen Sou behalten durfte, machte sich keine rechte Vorstellung von der Summe. Das verlorene Reisegeld erschien ihr nicht allzu schmerzlich, Robert hatte es ja so leicht wieder ersetzt. Aber ihre fünfzehn Franken kamen ihr wie ein kleines Vermögen vor.

Robert meinte:

»Wir haben ja Zeit, komm, Denise, wir gehen erst einmal ein bißchen spazieren.«

Sie schritten in die Anlagen hinaus auf die Terrasse vor dem Kasino. Ein Wunderbild tat sich vor ihren entzückten Augen auf: das blaue, endlos in dem grauen Horizont sich verlierende Meer, die heute stärker wellenbewegte Bucht des Hafens und auf der anderen Seite die vorspringende Landzunge mit der allmählich hinaufführenden Straße, deren Steinbrüstung sich wie ein Wall an dem Felsen hinzog. Sie sahen das Schloß von Monaco wie eine Art Seeräuberburg liegen; landeinwärts erhob sich das Gebirge als jähe Mauer ansteigend, und drüben auf der anderen Seite erblickten sie die bewaldete Landzunge des Kap Martin; dazwischen überall in dem Grün Villen, weiße Landhäuser. Denise ließ die Augen umherwandern und rief einmal über das andere:

»Herrgott, ist das schön!«

Dann blieben sie eng aneinandergedrängt stehen, während unter ihnen ein Zug den Tunnel durchbrauste und die Dampfwolke, die dabei aufstieg und ihnen vom Winde ins Gesicht getrieben wurde, das einzig Häßliche in diesem Wunderpanorama schien. Der Taubenschießplatz lag verödet da, nur ab und zu klang ein Knall; es übten sich Leute im Pistolenschießen. Auf der Terrasse gingen nur wenige Menschen, es war noch nicht die rechte Stunde.

Um so glücklicher fühlte sich das Paar, allein zu sein. Sie setzten sich auf eine Bank, und Robert sagte:

»Denise, es ist eigentlich ein Unsinn hineinzugehen. Lassen wir es bleiben, es ist ja viel schöner hier draußen!«

Sie sah ihn schmollend an:

»Aber, Robert, wozu sind wir denn dann hergekommen?«

»Man tut vieles vergeblich!«

Sie versanken wieder in Träume, doch Denise quälten die fünfzehn Franken, die sie in der Hand hielt, und endlich bat sie ungeduldig ihren Mann, er möchte mit ihr kommen. Sobald sie verloren wären, würde sie aufhören.

Er sagte sich, als wollte er vor sich selbst eine Entschuldigung finden, daß die Sache ja doch nicht gefährlich werden könnte:

»Wir können ja auch gar nicht lange bleiben, denn wir sind nicht angezogen. Wenn sie alle zum Diner den Frack anhaben, laufe ich nicht im Bummelanzuge herum!«

Das war wie eine Sicherheit gegen die Gefahr; und als könnte ihnen nun nichts geschehen, gingen sie ruhig um den Konzertsaal herum zwischen dem Hotel und dem Kasino hindurch. Bald waren sie in dem immer gierig geöffneten Tor verschwunden.

Aber Denise konnte ihre fünfzehn Franken nicht verlieren. Sie wagte es nie, ein Goldstück zu setzen, und bald waren ihre kleinen Finger schwarz vom Berühren des Silberhaufens, der vor ihr lag, der manchmal bis auf zwei, drei Stück zusammenschmolz und sich dann wieder zu ein paar kleinen Metallsäulen erhob. Sie hatte auf einem Stuhl Platz nehmen können, gerade neben dem einen Croupier, denn um diese Zeit waren die Säle verhältnismäßig leer.

Da hörte sie, wie Robert ihr zuflüsterte:

»Ach Gott, wir wollen doch ein Ende machen, das dauert zu lange!«

Dabei hatte er schon ein paar Goldstücke gesetzt. Sie war so eifrig mit ihrem kleinen Umsatz beschäftigt, daß sie kaum auf ihn achtete. Sie bedurfte auch seiner Hilfe nicht mehr, denn mit ihrem schnellen Verstand hatte sie sehr bald die einfache Technik des Spieles heraus. Sie fürchtete sich auch nicht mehr, mit lauter Stimme ihr Geld zu reklamieren, wenn irgend jemand etwa Miene machte, ihren Einsatz einzuziehen.

Da raunte ihr Robert zu:

»Denise, es geht famos!«

Sie nickte nur und ließ ihn weiter spielen.

Aber mit einemmal hatte sie, sie wußte gar nicht, wie es kam, ihr letztes Fünffrankenstück verloren. Sie war wütend, sie hätte am liebsten geweint. Wie war das nur möglich gewesen? Wo war denn all das Geld hin? Sie hatte doch eben noch, genau abgezählt, achtundzwanzig solcher Silberstücke besessen!

Da drehte sie sich um in der Meinung, Robert stände hinter ihr, und sagte leise:

»Gib mir bloß noch mal fünf Franken, dann höre ich auf!«

Sie bekam keine Antwort, sie hatte ins Leere gesprochen, er war verschwunden. Sie begriff es nicht, eben hatte er doch noch hier gestanden!

Aber wirklich, er war fort. Da erhob sie sich, denn nun begann sie sich zu sorgen. Sie irrte von einem Tisch zum andern, er war nicht zu entdecken. Endlich ging sie, indem ihr die Angst das Blut in die Wangen trieb, in die Trente-et-Quarante-Säle. Auch dort war er nicht zu finden. Ihr traten die Tränen in die Augen.

Zweimal fragte sie einen der Diener, ob er nicht einen Herrn gesehen hätte mit schwarzem Schnurrbart. Der lächelte sie bloß an mit einem mystischen Diebesausdruck des glatt rasierten Gesichtes:

»Ich weiß wirklich nicht, gnädige Frau! Ist er groß, ist er klein?«

Und sie begann in ihrer schmerzlichen Angst ihren Mann genau zu beschreiben. Dabei blickte sie zufällig nach dem Eingang: Robert trat eben durch die Tür. Sie ließ den Bedienten stehen und stürmte ihrem Manne entgegen, immer noch Tränen in den Augenwinkeln:

»Gott sei Dank, Robert, da bist du ja endlich! Wo warst du denn nur?«

Er sagte etwas unruhig:

»Ach, ich bin nur mal hinausgegangen. Du warst ja mitten beim Spiel!«

Erst jetzt sah sie, daß er rote Backen hatte und einen Ausdruck, wie sie ihn noch nie an ihm wahrgenommen hatte.

»Was hast du denn?« fragte sie.

Er sagte nur, und dabei griff er nervös an seine Krawatte, an den Kragen und die Knöpfe, sah nach der Uhr und fühlte an seine Brusttasche:

»Wir haben Pech gehabt!«

Sie erschrak:

»Wieso denn?«

»Ach Gott, ich habe ein bißchen gesetzt und verloren!«

»Um Gottes willen, du hast wieder verloren?«

»Ja. Es ist nicht weiter der Rede wert, wir werden es schon wieder einholen!«

Er hatte wie ein Traumwandelnder gesprochen. Seine Augen zeigten einen Ausdruck, als sähe er seine Frau gar nicht. Es lag etwas Körperloses, etwas ganz Merkwürdiges in seinem Blick.

Einen Augenblick wurde sie stutzig, aber sie mochte sich wohl getäuscht haben, denn er ging ruhig mit ihr weiter, sah sich nach allen Seiten um, als wäre gar nichts geschehen, und dann sagte er, aber wie mechanisch:

»Es ist ziemlich leer heute!«

Wie ein Echo gab sie zurück:

»Es ist ziemlich leer heute!«

Sie war zerstreut. Sie begriff nicht, was er hatte. Eigentlich war sie nur mit dem Gedanken beschäftigt, ihre fünf Franken zu bekommen. Aber mein Gott, wenn er verloren hatte, dann durfte sie wohl nicht danach fragen.

Während sie langsam nebeneinander herschritten, den ganzen Mittelsaal durchmessend, kämpfte sie immer mit sich: durfte sie ihn um die fünf Franken bitten oder nicht? Als ob die fünf Franken bei den Tausenden, die er schon verloren, eine Rolle gespielt hätten. Endlich fragte sie:

»Willst du mal für mich setzen?«

Er blickte sie von der Seite an, nicht liebevoll, wie bisher, sondern sein Auge hatte etwas Fremdes und Müdes:

»Nein, nein, ich wollte nicht spielen!«

Er wollte nicht spielen? Oh, dann konnte sie ihn fragen, und sie bat ihn um die fünf Franken. Er nahm sie aus der Tasche, gab sie ihr lächelnd und fügte noch ein paar andere dazu:

»Damit du Vorrat hast!«

Doch die kleine Frau meinte ängstlich:

»Nein, nein, Robert, wir wollen nicht so viel verlieren!«

Er lächelte, halb nervös, halb schmerzlich-ironisch, und drängte ihr das Geld förmlich auf.

»Ich werde es nicht ausgeben!« sagte sie.

Dann führte er sie an den nächsten Tisch und wartete ein paar Augenblicke. Sie begann schüchtern zu setzen, vorsichtig diesmal; aber sie gewann und gewann.

Nun verließ er sie, zeigte sich auf der anderen Seite vom Tisch, immer die Hände in den Taschen, und Denise sagte sich: »Ach Gott, er wird sich langweilen, ich muß schnell machen, ihn interessiert es ja nicht!«

Sie war aber so beschäftigt, daß sie eine Weile nicht auf ihn achtete. Sie rechnete nur immer und war glückselig, als sie nachzählend feststellte, daß sie fünfunddreißig Fünffrankenstücke vor sich liegen hatte. Da kam ihr der Gedanke: »Ich höre auf, nun ist ja alles gut, jetzt habe ich doch wenigstens etwas gewonnen. Nur noch einmal!« Sie setzte und verlor! Sie wollte es einholen und setzte abermals. Sie verlor! Sie ärgerte sich und verdoppelte – und sie verlor!

Da faßte sie einen Entschluß, legte das Silber zusammen, das sie besaß und erhob sich. Sie ging in eine Ecke und ohne hinzublicken, nur mit den Fingern tastend, zählte sie ihr Geld: siebenundzwanzig Fünffrankenstücke besaß sie noch. Jetzt ärgerte sie sich: hätte sie doch aufgehört bei den fünfunddreißig! Nun, besser dieses Geld, als gar keins.

Jetzt hatte sie nur noch einen Wunsch, möglichst schnell das Kasino zu verlassen! Sie sah auch, daß bereits eine ganze Reihe Herren im Frack erschienen war und eine Menge Damen in großer Toilette, es war also schon spät. Längst brannten die Lampen.

Wieder ging sie, um Robert zu suchen. Sie blickte sich nach allen Seiten um, sie konnte ihn nicht entdecken. Aber mit einemmal tauchte er vor ihr auf. Er lächelte etwas gezwungen, er war rot, nahm sein Taschentuch, wischte sich den Schnurrbart und sagte ohne Zusammenhang, ganz verstört:

»Es ist schrecklich heiß!«

Doch sie dachte nur an ihren kleinen Gewinn, zeigte ihm ihre siebenundzwanzig Fünffrankenstücke und sagte:

»Robert, nun gehen wir aber fort, ich finde es gräßlich hier! Nicht wahr, mein Robertchen, du fährst mit mir fort! Wir sind ja auch nicht angezogen, du sagtest es doch selbst.« Er sah sie groß an, aber erwiderte nichts.

»Willst du nicht fort?«

»Gewiß!«

Da erst bemerkte sie seinen Ausdruck, einen Ausdruck wie den eines Schuljungen, der auf böser Tat ertappt worden ist, und dabei eine Miene der Verzweiflung, des Entsetzens. Sie fragte erschrocken:

»Um Gottes willen, was hast du denn?«

Er sah sie an, er schluckte nur, seine Stimme klang ganz heiser:

»Meine arme kleine Denise!«

Sie begriff nicht:

»Robert, was hast du denn?«

»Ich kann es dir jetzt nicht sagen!«

Sie nahm seine Hand:

»Aber, Robert, um Gottes willen!«

Er ließ ihre Finger los:

»Wir brauchen es den Leuten hier nicht zu zeigen, komm, komm!«

Sie ahnte irgend etwas Entsetzliches. So hatte sie noch nie eines Menschen Gesicht gesehen, so krampfhaft gespannte Züge, um nur ja niemandem zu verraten, was in der Seele vorging. Aber sie konnte doch in seinen Zügen lesen: irgend etwas Furchtbares mußte ihm widerfahren sein. Sie sah es aus den Falten, die um seine Augen lagen, und die sie noch nie bemerkt hatte. Sie erriet es aus dem gekniffenen Mund, den erweiterten Pupillen. Er hielt sich krumm. Seine Krawatte, auf deren Sitz er immer so viel gab, war ein wenig am Kragen herausgerutscht. Mit einemmal gewahrte sie seine Hände, seine Hände, die sie, seitdem sie Robert angehörte, täglich gestreichelt und geliebkost hatte, diese schlanken, langen, schmalen und doch kräftigen Finger, die sie gar nicht wiedererkannte, die jetzt plötzlich etwas Spinnenartiges hatten, die nervös sich hin und her bewegten, wobei der Daumen immer gegen den Mittelfinger rieb, als taste er Papier, als zähle er Gold. Und die Finger mit den wohlgepflegten Nägeln, an denen nie etwas geklebt hatte, als höchstens von neuen Handschuhen der weiße Leder- und Talkstaub, waren schwarz und schmutzig, wie bei einem, der ohne Handschuhe eine lange Eisenbahnfahrt zurückgelegt hat. Unter den Nägeln schien sich sogar ein dunkler Rand zu bilden. Über diese seltsamen Hände war sie so erschrocken, daß sie wie gebannt darauf starrte und ohne ein Wort zu sagen, neben ihm herschritt, dem Ausgang zu.

Sie traten durch die Tür auf die Terrasse in den Mondenschein, wo nur hier und da dunkle Gestalten wandelten und die Palmen tiefe Schatten warfen, wo nur ab und zu ein Wächter erschien, die Runde machend. Nicht auf das Feuer wollte der Wächter sehen, das diesen Tempel des Mammons verzehren könnte, sondern nach dem Feuer, das die Verzweiflung in unselige Spieler hätte werfen können, nach Funken aus der Revolvermündung, um sofort jeden Skandal, jeden Verzweifelten den Augen der übrigen zu entziehen; denn hier durfte man nur Glück und Herrlichkeit erblicken, nur das Paradies auf Erden.

Dort draußen, angesichts des Meeres, das jetzt im Mondenschein wie eine gewaltige flüssige Masse geschmolzenen Metalles dalag und in tausend winzigen Facetten zum Himmel hinaufspielte, an dem blaß die Sterne standen und hell das Nachtgestirn, nahm Robert die Hände seiner kleinen Frau in seine beschmutzten Finger, zog sie an sich, küßte sie wütend und sagte mit weit aufgerissenen Augen:

»Denise, es ist etwas Furchtbares geschehen! Wirst du mir je verzeihen? Ich habe verloren, entsetzlich verloren! Ich habe Geld geholt vom Crédit Lyonnais, ich habe mein ganzes Guthaben erschöpft! Es ist alles, alles hin!«

Sie begriff nicht, daß damit der größte Teil des Kapitals verloren war, von dessen Zinsen sie ihr junges Eheglück leben sollten, und sie sagte ganz ruhig:

»Mein armer Robert, mein armer Robert, wie ist denn das möglich?«

Er blickte verzweifelt zu Boden:

»Ja, wie ist das möglich!«

Da kam ihre ganze Liebe ihr zu Hilfe. Sie führte ihn noch etwas weiter abseits in den Schatten eines großen Eukalyptus; dort schmiegte sie sich an ihn an und fragte:

»Ist es denn sehr schlimm?«

Tonlos gab er zurück:

»Sehr schlimm!«

Sie zwang sich zu einem Lächeln.

»Dann müssen wir eben bescheidener leben!«

Er nickte langsam:

»Meine arme, arme Kleine, sehr bescheiden!«

Nun packte sie ein Schreck:

»Ist es denn so viel?«

Er stammelte bloß:

»Es ist fast alles, was ich besaß!«

Ein Hoffnungsstrahl kam ihr:

»Aber wir haben doch noch mein Geld?«

»Ja, das haben wir!«

»Oh, das ist doch genug!«

Er antwortete nur dumpf:

»Um in Paris zu leben – nein!«

Da schmiegte sie sich ganz an ihn, streckte die Arme aus, hängte sich an seinen Hals, und als er sich niederbeugte, flüsterte sie ihm ins Ohr:

»Robert, wir gehen fort von Paris, wir gehen auf dein Gut, auf unser Gut!«

Aber er konnte noch keinen Gedanken fassen, er war keinem Tröste zugänglich, und sie flüsterte wieder, und es war, als wollte sie schon den Anfang machen, indem sie die Handschuhe abstreifte: »Oh, ich verkaufe meinen Schmuck, meine Ringe!«

Doch er schüttelte nur den Kopf und flüsterte, indem er langsam über ihre Schulter strich:

»Meine kleine Denise, meine arme, arme kleine Frau, was soll denn aus uns werden?«

Da richtete sich ihre ganze Lebenskraft und Sicherheit auf, sie zwang sich zu lächeln:

»Aufs Land gehen wir! Und nie wieder nach Paris, und das Land ist viel schöner, paß nur auf! Mein guter Robert, wenn wir auch jetzt etwas weniger haben, das schadet ja nichts, wir werden nicht Hungers sterben. Komm, komm, wir wollen gleich gehen, wir reisen sofort ab.«

Aber plötzlich flackerte die Leidenschaft in ihm auf, und er sagte, indem er die Zähne, zusammenbiß:

»Und wenn ich es noch einmal versuchte, vielleicht käme dann alles zurück!«

Allein sie hängte sich flehend an ihn:

»Robert, du darfst nicht wieder hinein. Ich verzeihe dir ja, und es ist alles gut, und ich sage ja kein Wort. Es darf nur niemand wissen, und daß es Papa ja nicht erfährt. Ich lasse dich nicht hinein. Aber jetzt kommst du mit, und wir fahren gleich davon!«

Widerstrebend ließ er sich von ihr führen. Sie beschrieb mit ihm einen großen Bogen um das Kasino und hielt ihn beim Arm, als fürchtete sie, er könnte davonlaufen. Sie brachte ihn zum Bahnhof, während er kein Wort mehr sprach, setzte ihn in den Bahnwagen und nahm neben ihm Platz, wie eine Wärterin, die einen Kranken zu pflegen hat.

Dann ging der Zug fort. Zwischen Meer und Felsenküste raste er hin. Immer weiter verschwand Monte Carlo und immer näher schmiegte sich die junge Frau in dem einsamen Abteil an ihren Mann. Sie errang von ihm das Versprechen, daß sie morgen abreisen würden, und sie suchte ihn darüber hinwegzubringen durch ihre gute Laune. Sie erzählte und schwatzte, während er immer starr vor sich hinsah. Sie machte Scherze, erinnerte sich komischer Geschichten aus der Zeit bei den frommen Schwestern und ahmte eine Freundin nach, die durch die Nase sprach. Auf jede Weise suchte sie ihren Mann aufzurichten, ihn vergessen zu machen. Er aber umfaßte sie, kurz bevor sie in Nizza ausstiegen, und sagte:

»Das will ich dir, mein Liebling, nie vergessen! Meine tapfere kleine Frau!«

IV.

Ganz unerwartet traf Robert de la Caille mit seiner jungen Frau in Montmidi ein. Die kleine verschlafene Station verließen sie zu Fuß, nach dem Gut war es nicht weit.

Ab und zu begegneten ihnen Bauern in ihren blauen Blusen; auf der weißen, kreidigen, staubigen Straße kamen ihnen zweirädrige Karren mit zwei oder drei schweren Pferden voreinandergespannt entgegen. Der Kutscher ging daneben, mit der Peitsche knallend. Er hatte abgenutztes Arbeitszeug an und schritt langsam und schwerfällig hin. Dann kam ein Esel, zwei Säcke rechts und links auf dem Rücken, ein kleines Mädchen trieb ihn vorwärts. Sie blickte den beiden mit aufgerissenen Augen wie einer Erscheinung nach. Immer weiter ging Robert mit seiner Frau, bis er plötzlich sagte:

»Da ist Montmidi!«

Sie gewahrten durch kahle Bäume hindurch ein Schieferdach mit Mansarden, bogen von der großen Straße ab, und bald standen sie vor einem villenartigen Haus, dessen Läden geschlossen waren, das tot, öde und verlassen dalag.

Alles verriet, daß der Besitzer sich, darum jahrelang nicht gekümmert hatte: die Hecken waren verwildert, auf dem Platz vor dem Eingang wuchs grünliches Moos, als hätte Patina angesetzt. Kleine Grashalme sproßten zwischen den Pfählen der Umfriedigung. Das Geländer, das an der kleinen Freitreppe hinaufführte, war morsch. Hier und da klafften die Läden auf, sie waren nicht weiß, sondern grau; man sah, sie mochten seit langen Jahren nicht gestrichen worden sein.

Ein Hund bellte im Haus, als Robert mit seiner Frau die Villa umkreiste. Da tat sich der eine Laden auf, die Stäbe der Jalousie verschoben sich, und man erblickte ein Gesicht. Eine schrille Frauenstimme rief:

»Was wollen Sie denn? Wer ist da?«

Robert trat die paar Stufen hinauf, klinkte an der Tür, die klemmte, drückte mit dem Knie dagegen, und der Flügel gab nach. Da schimpfte wieder drinnen jemand, dieselbe keifende weibliche Stimme, und Denise schmiegte sich ängstlich an ihren Mann. Aber der blickte seine Frau an:

»Na, es ist ganz gut, wenn die Alte aufpaßt, ein guter Wächter scheint sie doch zu sein!«

Jetzt standen sie im Flur, auf dem eine zerrissene Matte ein Stück hinunterführte. Die etwas altersschwache Treppe in der Mitte der Villa schaute ihnen entgegen, schief und baufällig.

Dann öffnete sich links die Tür, und das alte Weib, das vorhin gerufen hatte, trat heraus, schmutzig, unordentlich, mit halb gemachtem Haar. Sie rief ihnen unfreundlich entgegen:

»Da warten Sie doch, ehe Sie einfach so reinkommen. Was ist denn das für eine Manier!«

Roberts Temperament regte sich, und er antwortete derb und scharf:

»Zum Donnerwetter, ich werde doch in mein eigenes Haus kommen dürfen! Was fällt Ihnen denn ein!«

Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Dann meinte sie, doch etwas unsicher werdend: »So, so, wer sind Sie denn?«

»Nun, ich bin Herr de la Caille und ich will mal sehen, wie's hier steht!«

Im ersten Augenblick schien die Alte ihm nicht zu glauben, dann aber meinte sie:

»Na, ich denke, der ist in Paris?!«

Jetzt wurde Robert wütend:

»Er wird wohl auch mal hierher kommen dürfen mit Ihrer gefälligen Erlaubnis! Wo ist Matthieu?«

Sie schien Unrat zu wittern und ward schon höflicher:

»Ach, der ist bloß mal in die Stadt gegangen!«

Robert gab zurück:

»Ich will ihn sofort sprechen, wenn er wieder kommt. Übrigens zeigen Sie mir die Zimmer!«

Sie schien ganz überwunden. Ihr vernachlässigtes Äußeres fiel ihr ein, sie versuchte den grauen Haarzopf festzumachen, der im Begriff war herunterzufallen, band ihre große blaue Schürze ab und strich ihr Kleid, das so schmutzig war, daß man nicht begriff, wovor sie es eigentlich durch die Schürze bewahren wollte.

Robert wandte sich zu seiner Frau. Er stieß die Tür auf, aus der die Alte gekommen war.

Er prallte zurück, denn dort lag Wäsche auf den Möbeln verstreut. Ein paar Teller trieben sich mit Resten einer Mahlzeit herum, und nun sah man auch, daß die Läden der Seitenfenster offen standen, daß das Zimmer bewohnt war. Robert zog die Augenbrauen zusammen, aber er ging weiter. Das Eßzimmer schien nicht gebraucht worden zu sein. Rechts in der Bibliothek dagegen waren die Bücherregale zur Seite geräumt, auf dem Schreibtisch stand eine halb heruntergebrannte und abgetropfte Kerze, und an der langen Hinterwand erhob sich ein breites Doppelbett mit schmutzigen Überzügen.

Robert wandte sich zu der Frau:

»Wer wohnt denn hier?«

Sie stammelte etwas von »feucht dort unten, und da doch niemand hier ist«.

Er aber herrschte sie an:

»Sie haben doch Ihre Wohnung unten. Wer hat Ihnen denn die Erlaubnis gegeben, in meine Zimmer zu ziehen?«

Die Wut überkam ihn, daß er das alte Weib noch einmal anbrüllte:

»Das ist doch eine Unverschämtheit! Ich frage Sie, wer wohnt hier?«

Die Alte gab einfach keine Antwort, und der überraschend gekommene Hausherr rief:

»Na, wir werden ja sehen! Das wird sich alles finden. Wir wollen weiter!«

Aber die Freude war ihm vergangen, seiner jungen Frau das Haus zu zeigen. Er wußte ja, daß es sich in schlechtem Zustand befand. Er war viele, viele Jahre nicht hier gewesen, hatte sich nie darum gekümmert, denn er fand es hier unsinnig langweilig, und so hatte er sich damit begnügt, die übrigens von Jahr zu Jahr spärlicher werdenden Einkünfte einzuziehen. Bei seinem großen Barvermögen hatte er sie eigentlich auch nicht gebraucht, aber zu den Zeiten der Ebbe in der Kasse waren sie ihm immerhin willkommen gewesen. Er hatte nie die Idee gehabt, sich etwa hierher zu setzen und deswegen seiner Frau auch von Anfang an den Gedanken ausgeredet, die Hochzeitsreise nach Montmidi zu machen.

Aber wie er nun weiterging, erschrak er doch über den schlechten Zustand, in dem sich alles befand. Er hatte die Villa noch in der Erinnerung aus seinen Kinderzeiten her, als seine Eltern sich hier vorübergehend aufhielten. Gewöhnlich lebten auch sie in Paris und gingen regelmäßig ans Meer oder in die Pyrenäen, aber im Herbst kamen sie doch immerhin ein paar Wochen zur Jagd nach Montmidi. Damals war es ein zwar kleines, aber wohnliches, nettes Haus gewesen, und er begriff nicht, als er die Verwitterung des Holzes sah, als er den Kalk von der Mauer abgebröckelt fand und diesen Wust und Schmutz überall, wie die paar Jahre hier so gewirkt haben konnten. Die Schlafzimmer oben waren besser erhalten, dort hatte der ungetreue Haushalter nichts angerührt. Der Weg, die Treppe hinauf, war ihm zu weit. Nur unten hatte das saubere Paar, das eigentlich im Untergeschoß wohnen sollte, offenbar seit Jahren gehaust.

Denise, die die Villa nicht in gutem Zustande gekannt hatte, war nicht so verzweifelt wie Robert. Sie wußte, sie mußten jetzt hier leben, und sie wollte alles hübsch finden. Während sie von einem Raum zum andern gingen, sagte sie immer:

»Hier lassen wir nur eine Kleinigkeit machen; es braucht fast gar nichts hergestellt zu werden.«

Am Schluß, als sie alles gesehen hatten, meinte sie:

»Robert, ich glaube, wenn hier erst gescheuert und aufgeräumt ist, dann sieht es ganz anders aus.«

Sein Ärger war aber noch zu stark, um das einzusehen, und als nun unten eine polternde Stimme klang, ein Baß, ebenso tief, wie das Organ der Frau hoch und schrill war, rief Robert in kurzem Kommandoton die Treppe hinab:

»Matthieu, ich bin da! Kommen Sie mal sofort herauf!«

Die Alte kreischte, als wollte sie ihren Mann beizeiten von dem benachrichtigen, was bevorstand:

»Der gnädige Herr ist da!«

Ein alter struppiger Kerl erschien in hohen Stiefeln, einen Knotenstock in der Hand. Er trug auf dem Kopf einen Strohhut mit halb abgebrochener Krempe und machte ein finsteres Gesicht, als wollte er sagen: »Erst werde ich sehen, ob das auch stimmt!«

Aber er erkannte Robert sofort, grinste, nahm den Hut ab und sagte heuchlerisch: »Nein, so eine Freude, der gnädige Herr ist da! Nein, so eine Überraschung, der gnädige Herr ist da!«

Dann kam eine Flut von Worten, denn er ahnte schon, was vorgegangen war. Er erzählte dasselbe wie seine Frau, die Wohnung unten wäre zu feucht, sie wären alte Leute, und er hätte den Rheumatismus gekriegt. Und mit einemmal rieb er sich das Bein, an das er vorher gar nicht gedacht hatte. Er fuhr fort: sie könnten es da unten nicht aushalten, es wäre förmlich modrig, und da hätten sie sich nichts dabei gedacht, daß sie hinaufgezogen wären. Übrigens wäre hier oben ja alles tadellos. Das Eßzimmer hätten sie auch nicht betreten, es sei denn, seine Frau hätte reingemacht.

Die Alte nahm ihm das Wort vom Mund, und nun begann auch sie, da sie einen Rückhalt an ihrem Mann wußte. Ja, sie hätte Tag und Nacht gescheuert, nur nicht in der letzten Zeit, denn auch sie hätte Rheumatismus, und das käme nur von der feuchten Wohnung. Eigentlich waren sie überhaupt drauf und dran gewesen zu schreiben, aber sie hätten dem gnädigen Herrn doch nicht die Verlegenheit bereiten wollen, gerade jetzt, wo man hörte, daß er heirate, ihm mit solchen Sachen zu kommen. Nein, sie wüßten auch, was es hieße, Rücksichten nehmen. Im übrigen würde binnen wenigen Stunden alles wieder tadellos in Ordnung sein.

Robert sah Denise an. Diese beiden alten, pflichtvergessenen schmierigen Leute, die wahrscheinlich jahrelang nebenbei die Hälfte der Einkünfte eingesteckt hatten und den Dorfbewohnern gegenüber womöglich als die Herren auftraten, machten ihm solchen Spaß, daß er anfing zu lachen.

Auch Denise lächelte, aber je heiterer sie wurden, desto größere Mühe gaben sich die beiden ungetreuen Hüter, ihre Ehrlichkeit ins rechte Licht zu stellen.

Schließlich überkam Robert eine solche Heiterkeit, daß er sich auf einen Stuhl niederließ, von dem sofort eine Staubwolke aufstieg, sich auf die Schenkel schlug und rief:

»Denise, meine kleine Denise, ist das nicht wundervoll?«

Der Alte fühlte sich jetzt beleidigt. Er sagte etwas wie: Es wäre nicht recht vom gnädigen Herrn, so darüber zu lachen, daß sie beide alt und grau im Dienst geworden wären und ihre Schuldigkeit getan hätten. Sie hätten längst ihrer Wege gehen wollen, denn wenn man so viele Jahre im Dienste des Herrn sich abgearbeitet hätte und noch dazu krank geworden wäre, so käme doch auch der Augenblick, wo man an sich selbst denken müßte.

Robert sah ein, daß sich an der ganzen Sache nichts mehr ändern ließ. Er war darauf gefaßt, daß noch ganz andere Dinge ans Licht kommen würden. Im stillen fühlte er auch ein wenig, daß er den Leuten nicht zu schwere Vorwürfe machen durfte, denn er selbst trug Schuld daran, daß es so gekommen war.

Der alte Matthieu hatte ihm in früheren Jahren öfters geschrieben, er möchte doch einmal kommen, es wäre etwas zu entscheiden; aber Robert konnte sich von Paris nicht trennen, und jedesmal noch hatte er ihm geantwortet, es täte ihm sehr leid, aber gerade in diesem Augenblick könnte er nicht, Matthieu solle nur alles so regeln, wie er es für gut befände. Wenn dann Robert sich beschwerte, daß die Einnahme wieder geringer geworden, so schrieb jedesmal der Alte: »Mit der Artischockenkultur ginge es gar nicht mehr, kein Mensch wolle welche haben, und deswegen sei der Ertrag so viel geringer; die Tomaten faulten draußen, am besten, man pflanzte sie gar nicht; die Weinpreise wären gedrückt; und wer sollte denn in diesen Zeiten überhaupt Getreide einkaufen, wo man es viel billiger mit der Bahn aus anderen Gegenden Frankreichs kommen lassen könnte.«

Darum flüsterte Robert seiner jungem Frau zu, als sie sich von ihrer Lustigkeit etwas erholt hatte und einen Augenblick bei angelehnter Tür allein im Schlafzimmer stand:

»Denise, lassen wir die alten Verbrecher mit einem blauen Auge davonkommen, aber raus müssen sie, und zwar möglichst bald. Jetzt heißt es Ordnung schaffen!«

Und Ordnung wurde geschafft. Alte und junge Weiber aus dem Dorf kamen, zum Scheuern, zum Reinigen, zum Kehren, zum Putzen. Dann wurden die Handwerker bestellt.

Der Anstreicher, ein Kerl mit langer Mähne und spitzem Künstlervollbart, mit wehender Krawatte und Farbenflecken am Anzug von oben bis unten; ein Mensch, der wochenlang nüchtern seine Arbeit tat und bloß ab und zu, wenn er in seine Periode des Trinkens geriet, auf einen Monat die Arbeit niederlegte und in der Dorfkneipe sich als Künstler aufspielte, der einst in Paris die große goldene Medaille bekommen hätte, wenn nicht Ränke und elende Machenschaften ihm in den Weg getreten wären. Aber Robert und Denise hatten seine nüchterne Arbeitszeit getroffen, und bis der Alkoholdusel wiederkam, war alles fix und fertig.

Dann erschien der Tischler, ein wütender Republikaner, aber ein tüchtiger Arbeiter, der nur zur Zeit der Wahlen, wenn er Volksreden hielt, nicht zu gebrauchen war. Aber die Kammer tagte, und eine Neuwahl stand nicht bevor.

Mit dem Tapezierer überwarf sich Robert. Er wollte alle Möbel neu liefern und hatte schon große Anschläge gemacht. Als nun Robert erklärte, sie ließen ihre Einrichtung aus Paris kommen, so daß ihm kaum etwas zu tun übrig blieb, als ein paar Teppiche zu legen und ein paar Gardinenstangen aufzumachen, erklärte er beleidigt, er hätte anderwärts so viel wichtige Arbeit, daß er die Sache nicht übernehmen könne. Aber Robert fand einen andern und war eben mit ihm einig geworden, als der erste Tapezierer wieder erschien und meinte, er hätte es sich überlegt, er könne die Sache schließlich doch machen. Nun war er erst recht beleidigt, daß sein Konkurrent den Sieg davongetragen hatte.

Bald sah die Villa ganz anders aus. Mit geringen Kosten war alles neu hergerichtet worden. Sie hatten geschwankt, sollten sie das Haus weißen lassen oder nicht. Schließlich hatten sie es doch getan, es war der Erhaltung des Baues wegen notwendig. Das Dach war ausgeflickt worden, alles Holzwerk frisch gestrichen und nun, wo der Bauschmutz fortkam, sollte auch der Garten in Angriff genommen werden. Zum Glück für Robert, der keine landwirtschaftlichen Kenntnisse besaß, waren Felder und Wiesen noch auf ein paar Jahre verpachtet.

Die jungen Eheleute hatten drei Wochen lang im Wirtshaus gewohnt, und die Villa stand jetzt da wie neu. Die alten Möbel hatten sie verkauft, das Geld half mit, die Handwerker zu bezahlen.

Ein Paar in Mittlern Lebensjahren hatte Robert zur Führung des Haushaltes verpflichtet. Er war in Paris Diener, sie Köchin gewesen. Mit ihren Ersparnissen hatten sie in Batignolles ein Geschäft gekauft, hatten alles verloren und, an schlechten Erfahrungen reich, hatten sie jetzt einen Haß auf Paris und waren glücklich, diese Stelle annehmen zu können, wo sie allerdings wieder von vorn beginnen mußten, aber doch auf dem Lande waren und eine gewisse Selbständigkeit hatten.

Und als es schon Frühling zu werden begann, in dem noch etwas öden Garten die Veilchen dufteten, und in den leicht sich grün färbenden Bäumen um das Haus die Vögel sangen, zog eines Morgens der alte Matthieu aus und das neu verpflichtete Paar ein.

Der Alte schüttelte Robert die Hand, erklärte ihm, »er solle gewiß sein, daß er immer seine Interessen gewahrt hätte, und er würde erst später erkennen, in wie reichem Maße das geschehen sei«. Er machte eine Menge Worte, sprach davon, »er würde doch nicht lügen, da er so nahe am Grabe stände«. Sein Rheumatismus, der sich sonst nie mehr gerührt hatte, wachte wieder auf. Er rieb sich das Bein und meinte, »das habe er sich in dem angestrengten Dienste seines Herrn geholt, dafür wüßten sie nun nicht einmal, was aus ihnen werden würde, und sie müßten sehen, daß sie irgendwo kümmerlich ihren Lebensabend verbrächten«.

Als er schwieg, löste ihn seine Frau ab. Sie fand Tränen, wirkliche echte Tränen. Aber als sich hinter den beiden die Tür geschlossen hatte, sanken sich Denise und Robert in die Arme, und er rief:

»Ist das nicht ein wundervolles Schauspiel, diese beiden alten Lumpen!«

Die kleine Denise aber meinte, denn durch Tränen ließ sie sich immer fangen:

»Ach, die armen alten Leute tun mir eigentlich leid!«

Aber Robert wurde böse:

»Zum Teufel noch mal, Denise, die haben jetzt vielleicht mehr Geld als wir!«

Sie sah ihren Mann traurig an:

»Haben wir wirklich so wenig?«

Er senkte die Augen, er schämte sich:

»Wir haben nicht viel, du wirst es ja sehen!«

Daraufhin nahm er seine Frau beim Arm und ging mit ihr langsam von der Villa die Straße hinunter zum Bahnhof, denn sie wollten nach Paris fahren, um dort den Haushalt aufzulösen. –

Unerwartet kamen sie in der Hauptstadt an. Sie hatten ein schlechtes Gewissen. Zuerst redeten sie mit Denises Eltern nur Allgemeines. Sie wurden gefragt, wie sie sich in Nizza unterhalten hätten; sie huschten darüber hinweg, und Robert war jedesmal seiner kleinen Frau dankbar, wenn sie geschickt das Gespräch von diesem Punkte abzulenken wußte. Als sie nach dem Frühstück im Salon saßen, begannen sie von dem, was sie schon durch Briefe angedeutet hatten. Denise hätte Montmidi so reizend gefunden, daß sie entschlossen wären, ganz aufs Gut zu ziehen.

»Ja, wollt ihr denn eure Stadtwohnung völlig aufgeben?« fragte Frau de Verneuil etwas verstimmt bei der Aussicht, ihre einzige Tochter nun nicht mehr in ihrer Nähe zu wissen.

Sie erklärten, es wäre besser, und wieder nahm Denise das Wort und begann von dem Gute zu schwärmen. Sie erinnerte ihre Mutter daran, daß sie ja Paris nie gern gehabt hätte; Robert fügte hinzu, indem er ab und zu seiner Frau einen Seitenblick zuwarf:

»Es ist auch aus pekuniären Gründen, liebe Mama. Ich habe gefunden, daß dort alles drunter und drüber geht, und ich habe gesehen, daß es nichts taugt, wenn man sich um ein Gut nicht kümmert. Vielleicht können wir später wieder nach Paris ziehen, fürs erste liegt es in unserem Interesse, dort nach dem Rechten zu sehen, denn so einen Besitz gibt man doch nicht einfach preis.«

Herr de Verneuil war mit dem Plane mehr einverstanden als seine Frau. Beide wunderten sich zwar darüber, daß plötzlich für dieses Gut, von dem früher nie jemand gesprochen hatte, in Robert eine Leidenschaft erwacht sei. Herr de Verneuil dachte im stillen, nur sagte er es nicht seiner Frau, denn über solche Punkte sprach er wegen seiner eigenen Vergangenheit nicht gern: Nun, das ist für das Glück der kleinen Denise vielleicht gar nicht so übel, wo sollen sie denn dort Geld ausgeben?

Und er bemühte sich sogar um einen Mieter für die Wohnung, die das junge Paar aufgab. Er fand einen Bekannten aus seinem Cercle, der in den Kontrakt eintrat, indem Robert das laufende Jahr preisgab, so daß der andere den Vorteil hatte, drei Quartale keine Miete zu zahlen. Die Dienstboten wurden abgelohnt, nicht ohne Staunen der Schwiegereltern. Aber Denise sagte nur:

»Oh, wir haben dort alles, was wir brauchen!«

In Wirklichkeit hatten schon vor vierzehn Tagen Köchin, Diener, Hausmädchen, vor allem aber die Jungfer, auf die Aufforderung, nach Montmidi zu kommen, ablehnend geantwortet; keins von ihnen wollte Paris verlassen.

Eine Woche lang wohnte das junge Paar noch bei Denisens Eltern, während der Umzug vorbereitet wurde und die Möbel nach dem Gute unterwegs waren.

Es hatte sich beim Vergleich der Räumlichkeiten in Paris mit denen in Montmidi herausgestellt, daß eine ganze Anzahl von Gegenständen dort auf dem Lande keinen Platz finden konnte. Denise verkaufte sie unter der Hand; sie mußte sie zwar verschleudern, war aber doch froh, Bargeld zu bekommen, denn bis die Zinsen von ihren Eltern fällig waren, hatten sie, wie ihr Robert gestand, kaum einen Franken zum Leben.

Robert suchte seine Freunde nicht auf, er schämte sich und wollte auch alte Wunden nicht aufreißen. Er hätte am liebsten Paris gar nicht wiedergesehen. Darum verließ er die Wohnung seiner Schwiegereltern nur wenig, und wenn er mit Denise spazieren ging, richteten sie ihre Schritte immer die Champs Elysées hinauf zum Bois, aber sie betraten nie mehr die innere Stadt. Und ihre Spaziergänge unternahmen sie immer zu einer Zeit, die ganz unschick war, wo keiner der Snobs und keine der Familien, mit denen Denises Eltern oder er verkehrt hatten, dort anzutreffen waren.

Robert kam sich wie ein Märtyrer vor. Mehr als einmal durchzuckte ihn der Gedanke: »Du willst bloß einmal durch die Rue de la Paix gehen!« Und dann wieder: »Einmal nur könntest du nach der Avenue de l'Opéra!« Aber er bekämpfte sich jedesmal und blieb Sieger.

So nahte der letzte Tag. Sie hatten keinen Bekannten getroffen, nur von weitem einmal sahen sie ein paar Freunde fahren, doch er wandte sich mit seiner Frau zur Seite, um nicht erkannt zu werden.

René war der einzige, der etwas zu ahnen schien. Er schüttelte zu der ganzen Geschichte den Kopf und sagte:

»Na, Robert, du hast immer solche Schrullen gehabt, du hattest ja auch ein viertel Anlage zum Einsiedler, aber die Geschichte kommt mir eigentlich doch etwas komisch vor.«

Robert blickte ihn gar nicht an und suchte sich mit einem Scherz herauszureden:

»Mein Alter, wenn man verheiratet ist, wird alles anders. Es ist merkwürdig, wie man auf völlig neue Ideen kommt.«

Da schlug René ihm vor, sie wollten mit dem Automobil ihres Freundes de Foucauld, der zu einer sterbenden Erbtante in die Champagne gerufen worden war und für die Zeit seiner Abwesenheit René seinen Wagen zur Verfügung gestellt hatte, eine Rundfahrt durch Paris unternehmen. René malte es aus:

»Weißt du, es braucht ja nicht lange zu dauern, bloß, daß du die lieben alten Straßengesichter einmal wiedersiehst, sonst verbauerst du ja vollkommen. Du brauchst nur zu sagen, wo du hinwillst. Oder wollen wir nach Versailles hinaus? Oder nach Sankt Cloud?«

Robert zuckte es in allen Gliedern, er wäre beinahe schwach geworden. Denise unterstützte ihn noch und sagte, indem sie sich an ihn hängte:

»Robert, das könntest du dir wirklich gönnen, fahre doch mit!«

Aber mit einem jähen Entschluß überwand er sich:

»Nein, ich werde jetzt Landwirt, und ob ich's nun noch einmal sehe oder nicht, darauf kommt es nicht an!«

Sie setzten sich zur Henkersmahlzeit, zum Frühstück, denn um fünf Uhr ging der Zug. Nur die Familie war versammelt. Das Gespräch drehte sich um das Landleben; Herr de Verneuil, der nicht einmal Jäger war und eigentlich nur einen Fleck auf der ganzen Erde zur Existenz für möglich hielt, nämlich Paris, suchte die Vorteile des Landlebens auseinanderzusetzen. Er entwarf ein recht sonderbares Bild, das darin gipfelte, frühmorgens, wenn die Lerchen trillerten, durch den taunassen Wald zu gehen, abends, wenn glühendrot die Sonne unterging, vor dem Haus zu sitzen und die Stimmung auf sich wirken zu lassen. Was in der Zwischenzeit geschehen sollte, das wußte er nicht.

Robert ging es übrigens ähnlich, aber er machte sich darüber kein Kopfzerbrechen. René nahm sich weniger in acht, schwärmte nicht, sondern sagte ab und zu kopfschüttelnd:

»Na, ich glaube, ihr werdet euch dort ganz blödsinnig langweilen!«

Aber Denise wurde eifrig:

»Was sagst du da, René, wir uns langweilen? Erstens habe ich meinen Robert, und da kann ich mich schon nicht langweilen!«

Frau de Verneuil zog die Augenbrauen zusammen und wollte, mit einem Blick auf ihren Gatten, etwas sagen; ein herber Zug legte sich dabei um ihren Mund, aber sie schwieg.

»Und dann, wenn Robert sich um die Landwirtschaft kümmert, oh, da sollt ihr sehen, werde ich mich um meinen Hühnerhof kümmern und um meinen Garten; ach, das wird köstlich!«

Sie klatschte in die Hände im Gedanken daran.

René aber lächelte vor sich hin:

»Na, mein liebes Schwesterchen, jeder nach seinem Geschmack!«

Bald nach Tisch nahm René Abschied, denn ihn hielt es nicht, er wollte die Automobilfahrt machen, von der er gesprochen hatte. Er forderte Robert noch einmal auf.

Diesmal war jener drauf und dran, einzuschlagen. Er sagte sich: »Ach, nur ein einziges Mal muß ich noch all das wiedersehen, aber dann nicht nach Versailles, sondern durch die Straßen.« Doch als Denise ihm abermals zuredete, ward er gerade im Gedanken an sie stark und antwortete seinem Schwager:

»René, sei mir nicht böse, aber ich habe doch alles das oft genug gesehen. Ob ich es nun noch einmal sehe…«

Es kam unsicher heraus, als glaubte er es selbst nicht.

Doch René drängte fort, ihm war der Gedanke gekommen, jemand anders aufzufordern, und da wollte er die Zeit nicht verpassen. Er drückte seinem Schwager die Hand, küßte seine Schwester auf beide Wangen und rief:

»Na, Kinder, ich besuche euch mal, aber nicht auf lange Zeit, nur daß ich sehe, wie ihr eingerichtet seid!«

Robert wie Denise sagten beide ein wenig gedehnt, nicht gerade zu eifrig:

»Oh, das wäre reizend!«

Nachmittags war, wie immer, Herr de Berneuil in den Cercle gegangen, um Zeitungen zu lesen, seine Frau mußte zur Schneiderin, und das junge Paar blieb in der Wohnung allein. Robert konnte es nicht erwarten, bis der Zug ging. Der Boden brannte ihm unter den Füßen; es war ihm, als müsse er jeden Augenblick seinem Vorsatz untreu werden und wieder hinauslaufen in das Gewühl der Straßen. Und er wußte, traf er dann einen Bekannten, so ging er auch mit ihm. Und forderte der ihn auf, ihn noch weiter zu begleiten, er hätte vielleicht gar Abfahrtsstunde und alles vergessen, denn es gab doch nur eine Stadt auf der Welt, einen Ort, an dem er sich glücklich fühlte – Paris!

So drängte Robert fort, und nachdem Denise noch einmal durch alle Räume gegangen war, von allen ihren Mädchenerinnerungen Abschied genommen, auf dem Flügel auch noch einmal »ihr Stück« gespielt und dann den Dienstboten, die alle jahrelang im Hause waren, Lebewohl gesagt hatte, fuhr der Wagen eine Stunde vor der Abfahrtszeit vor, als eben Frau de Verneuil heimgekehrt war.

»Aber ihr müßt auf den Papa warten!« sagte Denisens Mutter.

So saßen sie denn zur Abfahrt bereit da. Robert, die Handschuhe an den Händen, den Stock mit der silbernen Krücke in der Hand, mit dem er immer leise abwechselnd rechts und links an die seitwärts geneigten Sohlen seiner Stiefel schlug. Denise hatte schon den Hut auf dem Kopf; sie konnten nicht warten, bis ihr Vater wiederkam.

Minuten verstrichen, eine Viertelstunde war herum. Robert sah unausgesetzt nach der Uhr, keiner sprach mehr etwas. Endlich sagte der junge Ehemann:

»Wenn wir jetzt nicht fortfahren, kommen wir zu spät!«

Da hörte man draußen eine Stimme, Herr de Verneuil war da. Es gab einen kurzen Abschied, mechanische Umarmung, mechanische Küsse rechts und links, dann stob das junge Paar davon, Robert voraus, Denise, indem sie noch zweimal zu ihren Eltern zurückkehrte, die ein paar Tränen unter ihrem dichten Reiseschleier glitzern sahen, als sie die Tochter umarmten.

Im Wagen sprachen die beiden kein Wort. Der Zug stand schon in der Halle des Orléans-Bahnhofes, sie stiegen ein. Draußen auf dem Bahnsteig gingen die Leute, die gleichfalls mitfahren wollten, ungeduldig auf und ab, denn es war noch Zeit.

In dem dunkeln, niedrig gewölbten Raum überkam Robert und Denise eine dumpfe Traurigkeit. Es ward ihnen schwer, furchtbar schwer, von Paris Abschied zu nehmen. Ihr ward, was sie am Hochzeitstage gar nicht so empfunden, doch die Trennung von den Eltern schwer, und wenn sie sich auch tröstete mit Garten und Hühnerhof, so kam ihr doch leise immer ein Gedanke. Nicht der, sie hätten zu wenig Geld, aber der, sie möchten mit dem, was sie besaßen, nicht auskommen. Sie saßen stumm einander gegenüber, jedes in seiner Ecke, und als endlich der Zug sich in Bewegung setzte und sie das Häusermeer von Paris verließen, dessen geschlossene Massen allmählich lichter wurden, während es durch die weite, immer noch mit Landhäusern und Villen besäte Ebene ging, beugte sich Robert vor und sagte, indem er seine Frau an sich zog:

»Meine kleine Denise, verzeihst du mir denn?«

Sie sah ihn an:

»Was soll ich dir verzeihen?«

»Daß ich dich so in die Verbannung bringe durch meine Schuld. Du hast doch geglaubt, wir würden in Paris leben, und wenn du gewußt hättest, daß wir in Montmidi unser Dasein beschließen müßten, würdest du mich wohl nicht genommen haben!«

Aber sie bat ihn flehend, indem ihr jetzt wieder die Tränen rannen, er solle nicht so sprechen, und hätte er nichts gehabt, sie hätte ihn doch genommen, und wenn sie betteln gehen müßten, sie würde glücklich mit ihm sein.

Das rührte ihn, aber im Innersten seines Herzens glaubte er es nicht ganz, und in seinem an Luxus gewöhnten Sinn erschien es ihm wie etwas Unmögliches, daß sie so dachte.

Er überlegte, was ihm bevorstand: die Jahre in beschränkten Verhältnissen, das eintönige Leben auf dem elenden kleinen Gut, wo sie niemand kannten und es kaum Nachbarn gab. Immer wieder kam ihm der Gedanke an dieses Paradies, das er verließ, Paris, Paris!

Diese Stadt, wo man, wie er meinte, gar kein Geld auszugeben brauchte, um sich glücklich zu fühlen. Selbst wenn er kein Theater, kein Rennen besuchte, nicht in eigener Equipage fuhr, nicht in ersten Restaurants speiste, sondern nur als einfacher Fußgänger durch das Gewühl der Boulevards schritt, wenn er in die Champs Elysées hinausging, durch das elegante Hasten und Treiben nach dem Bois, so empfand er immer eins, das alles wieder gut machte – er war in Paris!

Der Gedanke, aufs Land zu ziehen, erschien Robert immer unnötiger, je mehr sie sich von der Hauptstadt entfernten. Wie war er nur darauf gekommen?

Er bildete sich ein: in einer winzigen Mietwohnung in einem billigen Hause, sogar im fünften Stock – es gab ja einen Aufzug – würden sie sich wohl gefühlt haben. Es hätte eine Zerstreuung gegeben, die keinen Sou kostete, die, aus dem Fenster zu sehen und das Gewimmel der Menschen zu betrachten. Hinauszuhorchen und den ununterbrochenen Schrei der Ausrufer zu hören, die mit ihren verschiedenen Waren durch die Straßen zogen, das Rollen der Wagen, das Rattern der Omnibusse, alle Laute von Paris! Er konnte, wenn er es in seinen vier Pfählen nicht aushielt, auf die Straße gehen, und allein schon, wenn er Menschen sah, die sich dort drängten, fühlte er sich dem Weltgetriebe nahe. Er konnte schnittige Pferde sehen und elegante Wagen; er konnte in hübsche Gesichter blicken, wirklich nur der Zerstreuung wegen, denn er liebte seine Denise. Er sah neue Moden, prachtvolle Hüte, unvergleichliche Kleider, Umhänge, Pelzboas und all die duftigen, lockigen, flockigen kleinen Dinger, womit sich elegante Frauen behängen. Und von den Pariser Frauen besaß doch auch die ärmste und einfachste immer noch etwas an Schmuck und Schick, das dem Auge mehr bot, als die wohlhabendste und erste Frau in der entsetzlichen öden Provinz.

Es kam ihm vor, als ginge er in die Verbannung. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er dort würde leben können; eine zehrende Reue bohrte unausgesetzt an ihm: Herrgott, wenn ich doch nicht die Dummheit gemacht hätte! Was habe ich denn nun davon, dieser Bank ein Vermögen in den Rachen geschmissen zu haben!

Immer mehr tat sich ihm das Bewußtsein auf, das er früher nie empfunden, weil er eben Geld besaß: eines gab es nur auf der Welt, das glücklich machte, das notwendig war: Geld! Geld! und dreimal Geld!

Dann zerbrach er sich während der langen Fahrt, die ihm immer eintöniger und schrecklicher schien, denn sie entfernte ihn doch von Paris, den Kopf: wie konnte er Geld gewinnen? Er hatte nichts gelernt, er verstand nichts von Geschäften, er besaß keinen Beruf. Ja, wie konnte er Geld gewinnen?

Die verrücktesten Gedanken kamen ihm: wenn er nun auf seinem Gut eine vielleicht besonders kostbare Erde fände, sei es, daß sie Gold enthielte oder Kohlen oder Ton – oder wenn er eine Villenkolonie gründen könnte und seinen Grund und Boden parzellieren?

Aber wer sollte nach Montmidi ziehen, lächerlich! Man blieb doch eben in Paris!

Vielleicht konnte er Schafe oder Rindvieh ziehen, das er teuer verkaufte. Aber nein, davon verstand er ja nichts – Pferde indessen hatte er immer gefahren und im Stall gehabt. Pferdezucht mußte er anlegen, eine Pferdezucht, die ihm viel Geld einbrachte. Keinen gemeinen Schlag, sondern Vollblut!

Und seine Phantasie ging weiter. Mit dieser Vollblutzucht verband er etwas, das ihm wie ein lachendes glückliches Bild erschien: dazu mußte er Reisen unternehmen, dann kam er fort aus dem elenden Orte, den er in den drei Wochen, die sie gebraucht hatten, um die Villa herzurichten, schon satt hatte bis zum Kinn herauf. Er mußte reisen, um andere Gestüte zu sehen, um seine Produkte abzusetzen; er mußte auf die Rennplätze gehen! Nach Paris! Er mußte doch sehen, wie seine Zucht lief, mußte mit den andern Züchtern und Rennstallbesitzern Verbindung halten.

Und er ward ganz guter Laune bei dem Gedanken. Vielleicht zog er einmal ein Wundertier, das den großen Preis gewann! Dann würden die Leute sich reißen um seine Jährlinge. Das war es, das wollte er tun! Er lächelte vor sich hin. Da hörte er Denisens Stimme:

»Robert, du lachst ja?«

Er zuckte zusammen:

»Ja, meine kleine Frau, ich lache!«

»Freust du dich denn, nach unserm lieben Montmidi zu kommen?«

Er wollte sich eigentlich dagegen wehren, doch der Gedanke an die Pferdezucht kam ihm wieder, und er antwortete:

»Ja, ich freue mich riesig!«

Sie blickte ihn schmeichelnd an:

»Ach, mein Robertchen, wir wollen schon glücklich sein!«

Er sah sie wieder an:

»Ja, Denise, wir wollen glücklich sein!«

Und sie meinte naiv:

»Man braucht wirklich kein Geld zum Glück!«

Gedehnt kam es zurück:

»Vielleicht nein!«

»Nur vielleicht?«

»Ach, wir könnten schon etwas mehr haben!« meinte er und starrte vor sich hin.

Sie ahnte, daß er traurig war, und sie wollte ihn doch immer glücklich sehen! Da kam ihr ein Gedanke. Sie setzte sich auf seine andere Seite, schmiegte sich an ihn und flüsterte:

»Robert, man soll nie daran denken, und ich mag nicht daran denken, daß meine guten lieben Eltern einmal nicht mehr sind, aber ich meine, es kann uns doch nicht ganz schlecht gehen; denn denke nur einmal, wenn der Fall eintreten sollte – oh, ich wünsche, daß es noch möglichst lange dauern soll, aber das liegt doch in menschlicher Berechnung – also wenn sie einmal nicht mehr wären, dann hätten wir ja doch bedeutend mehr. Ich glaube, dann ginge es uns wieder ganz gut.«

Es hatte wie geleuchtet in seinen Augen, und er wandte sich zu ihr. Im Grunde genommen: für Denise bedeutete der Tod der Eltern etwas, doch was waren ihm Herr und Frau de Verneuil? Er ein kalter, ganz liebenswürdiger, sehr korrekter Mann, sie eine gelangweilte Frau, die sich etwas viel mit dem Schneider und dem Modejournal beschäftigte. Wo sollte bei ihm Liebe zu den beiden herkommen? Nun, wenn ihm einmal ihr Geld zufiel, dann wollte er schon ihr Andenken segnen. Seine Züge klärten sich auf.

Da fragte Denise wieder:

»Werden wir denn nicht ganz glücklich in Montmidi sein?«

Er nickte langsam, nicht sehr begeistert, aber er hatte doch zugestimmt. Und da sie ihm etwas Ungenehmes sagen wollte, einen Trost, so meinte sie, immer noch den Gedanken verfolgend: »Weißt du, Robert, wenn wir einmal erben in zwanzig, in dreißig Jahren, wenn wir selbst einmal erwachsene Kinder haben, dann machen wir es wie Papa und Mama und leben in Paris!«

Das griff er freudig auf:

»Ja, dann ziehen wir nach Paris!«

Jetzt war er schon ganz guter Laune. Er rieb sich die Hände, griff in die Brusttasche, zog das goldene mit cabochongeschliffenen Steinen besetzte Zigarettenetui heraus – eine Erinnerung aus seiner Luxuszeit –, nahm eine Zigarette, schob sie sich in den Mundwinkel und steckte sie an. Dann blies er den Dampf von sich und rieb sich die Hände:

»Paß mal auf, Denise, unsere Zeit wird schon wiederkommen!«

V.

Montmidi erschien Robert nicht so schlimm, wie er zuerst gefürchtet hatte. Die schönen Pariser Möbel machten sich in den Räumen sehr gut, die ganze erste Zeit verstrich mit dem Einrichten. Dazu ließen sie wieder die Handwerker kommen, und da alsbald Denisens Rente aus Paris anlangen mußte, änderten sie noch dieses und jenes, bespannten ein paar Wände, vertauschten das Eßzimmer und die Bibliothek, so daß jetzt die Wohnräume nebeneinander lagen.

Nun tat auch der Frühling sein Teil, daß sie sich behaglicher fühlen konnten. Mit Macht war er ins Land gekommen. Alles war schon dicht-grün, es blühte im Garten, die Büsche trieben, und Glycinien rankten sich an der Hinterseite der Villa empor. Man hatte sie etwas ausgeschnitten, sie hatten jetzt Zweck bekommen; lila begannen sie das Haus zu umziehen. Rundum duftete der Flieder, und die Vögel sangen. Die Wege waren mit frischem Kies bestreut worden. Zwar herrschte hier und da noch Unordnung, besondere Prachtstücke der Flora gab es nicht zu sehen, die Beete lagen noch ungepflegt da, aber der Anfang war doch gemacht.

Über Robert kam auch allmählich die Freude am Garten, denn da er nichts zu tun hatte, begann er zu arbeiten. In diesem Punkte ward er ein anderer Mensch. Er zog tagsüber ein paar alte Sachen an und grub auf den Beeten, wie er meinte, den Gärtner zu sparen, in Wirklichkeit aber, um sich zu zerstreuen. Der Diener, der immer eine Sehnsucht nach dem Land gehabt hatte, half. Er hatte in Paris, in dem großen Hause, wo er gedient hatte, dem Gärtner allerlei abgesehen, und unter seiner Hilfe ward es immer ordentlicher und hübscher um die Villa.

Als alles fertig war, fühlte sich Robert fast traurig, denn er meinte, jetzt gäbe es nichts mehr zu tun. Aber er irrte sich, denn nun begann erst recht die Tätigkeit. Das, was wuchs, mußte gepflegt, die Früchte gesammelt, das abgeerntete Beet neu bestellt werden.

Die Artischocken- und Tomatenanlagen warfen einen ungeahnt reichen Ertrag ab, so daß bei dem Verkauf, den der neue Diener besorgte, erst zutage kam, wieviel Matthieu und seine Frau eigentlich eingesteckt haben mußten.

Bis dahin hatte sich Denise an allen Arbeiten beteiligt, sie grub, jätete und pflanzte. Aber es ward ihr bald zu schwer, sie konnte sich nicht mehr recht bücken, nicht aufrichten. Ihre neue Garderobe begann nicht mehr zu passen, und der Arzt, den sie befragten, stellte zum Erstaunen des jungen Paares die Ursache fest, indem er in seiner gezierten Redeweise sagte:

»Gnädige Frau, Sie werden die große Freude haben, Ihren Frauenberuf zu erfüllen und werden bald ein kleines, rosiges, niedliches Mädchen auf den Armen halten – oder sollte es ein Knabe sein?«

Denise fühlte sich zuerst etwas verwirrt, aber allmählich war sie glücklich bei dem Gedanken. Nicht so sehr Robert, der sich das überhaupt nicht überlegt hatte und nun allein die eine Seite sah, daß es außergewöhnliche Kosten verursachen würde.

»Freust du dich denn nicht?« fragte Denise.

Er schloß seine Frau in die Arme:

»O ja, o ja, aber …«

Sie machte ein betrübtes Gesicht:

»Nun, aber …«

Und er kam wieder mit dem Wort, das er jetzt bei jeder Gelegenheit anzuwenden pflegte:

»Wir haben ja so wenig Geld!«

Doch sie meinte nur:

»Ach, das soll uns schon nichts kosten!«

Und obgleich sie eigentlich bei all dem körperlichen Übelbefinden, das ihr neuer Zustand mit sich brachte, gern ab und zu den Arzt gehabt hätte, kämpfte sie alles in sich hinein und ließ ihn nicht wiederkommen. Sie sagte sich: »Es wird auch so gehen! Es kostet jedesmal viel Geld, und wir haben keins.« Daß sie sich selbst überwand, tat ihr wohl, sie fühlte sich stolz wie über einen Sieg, und über all die kleinen Unannehmlichkeiten half es ihr besser hinweg, als wenn sie wirklich den Doktor gefragt hätte, der ihr vielleicht doch nichts nützen konnte.

Nur eines tat sie nicht, sie kümmerte sich nicht mehr um den Garten, und Robert verbot es ihr auch jedesmal, wenn sie etwa Miene machte, Hand anzulegen.

Als nun der Sommer ins Land gekommen war, entstand für das junge Paar die Frage, ob sie den paar Nachbarn, die es gab, einen Besuch machen sollten. Abends vorm Schlafen besprachen sie es. Es gab Gründe dafür, es gab Gründe dagegen. Die Sache war nicht unwichtig, denn wie sie sich jetzt mit den Nachbarn stellten, würde es wahrscheinlich bleiben.

Robert, der auf jeden Sou sah und so sparsam geworden war, wie er früher leichtsinnig gewesen, sagte zu Denise:

»Weißt du, all die Nachbarn wohnen so weit entfernt, daß wir es zu Fuß gar nicht machen könnten. Wir müßten also Pferd und Wagen haben; die können wir uns aber nicht halten, das kostet zu viel Geld. Denn eins sage ich dir, wenn wir Pferd und Wagen hätten, müßte es anständig sein, dazu habe ich zu viel Pferde selbst gehabt: mit einem ruppigen Wagen mag ich mich nicht bei den Leuten einführen. Jedesmal aber im Dorf eine alte Ziege borgen und sie vor einen elenden Kasten spannen, nein, nein, ich danke schön! Und dann will ich dir etwas sagen, jetzt in deinem Zustand ginge es auch nicht. Also lassen wir die Sache vor der Hand, wir können später immer noch machen, was wir wollen.«

Von diesem Tage ab wurde die Besuchsfrage ein ständiger Gesprächsgegenstand. Robert empfand das Bedürfnis, etwas zu erzählen, und da sie in solcher Einsamkeit lebten, hatte er dazu nur seine Frau. So begann er alle Tage von diesem Besuchsthema, das doch eigentlich erledigt war.

Er hatte sich erkundigt, wer die Nachbarn wären. In allernächster Nähe gab es niemand als einen Pächter, mit dem er gar nicht einmal nähere Beziehungen haben wollte. Die andern aber lebten in ziemlich großartigen Verhältnissen. Alle pflegten nur Sommer und Herbst, und zwar vom Grand Prix ab, auf dem Lande zuzubringen, die meisten hatten ihre Hotels oder doch wenigstens ihre Wohnungen in Paris.

»Weißt du,« sagte Robert zu Denise, »mich von den Leuten über Paris belehren zu lassen, das brauche ich wirklich nicht. Und wenn wir nicht mehr in Paris leben, so wird es ja so kommen, daß man sich belehren lassen muß. Es ist gar nicht anders möglich. Ich sehe sie vor mir, wie sie sagen werden: ›Ja, das ist zu Ihrer Zeit so gewesen, aber heute ist es ganz anders! Zu Ihrer Zeit, ja, zu Ihrer Zeit!‹«

Er wurde dabei ganz nachdenklich, es war ihm, als läge sein Pariser Aufenthalt jetzt schon unendlich weit zurück. Und einmal sagte er zu seiner Frau:

»Wir versimpeln ja hier in der Provinz!« Sie war immer traurig, wenn er so sprach, suchte ihn zu trösten und meinte zärtlich:

»Aber, Robertchen, sind wir denn nicht ganz zufrieden hier?«

Er gab gedehnt zurück:

»– Ja, ganz zufrieden!«

Denise dachte sich, wenn erst einmal Familie da wäre, würde alles besser werden. Sie fühlte, daß er sich langweilte. Sie suchte ihn darüber hinwegzubringen und spielte ihm ihr Stück auf dem Pianino vor, das sie für den Flügel der Pariser Wohnung eingetauscht hatte. Dieser Tausch hatte sogar noch etwas bares Geld eingebracht.

Denise hatte Noten mit, sie wollte etwas Neues einstudieren, aber sie fühlte sich unlustig, schwer und müde. Sie konnte kaum die Noten lesen, es wurde ihr alles so unendlich sauer, als nähme das kleine Wesen, das mit ihr wuchs, alles für sich allein in Anspruch; so gab sie bald das Klavierspiel auf.

Sie fürchtete sich vor etwas ein wenig: sie sah, wie der Garten ihren Mann beschäftigte, aber nun wurde es Herbst, und die Zeit rückte näher, wo es dort draußen nichts mehr zu arbeiten, zu graben und zu pflanzen gab. Da fragte sie sich: »Was soll dann Robert machen?« Ja, hätte es eine Jagd gegeben, das wäre etwas anderes gewesen; aber auf den wohlgepflegten und gehegten Feldern war fast nichts, und der Pächter sorgte schon dafür, daß keine Wildschmarotzer aufkamen. Ausgedehnter Wald war aber nicht vorhanden; die paar kleinen Baumparzellen enthielten so gut wie nichts, hier und da einmal einen verirrten Hasen, niemals ein Stück Reh- oder gar Hochwild.

Nur bäuerliche Nachbarn umgrenzten Montmidi. Die weiter entfernten Güter, die wirklich Jagden hatten, konnten Robert nichts helfen, denn dort wurde er nicht eingeladen; die erste Bedingung dazu wäre ja gewesen, daß er seinen Besuch machte.

Robert, der übrigens als echter Pariser Pflastertreter bei seinen früheren Jagdunternehmungen mehr auf tadellosen Anzug, schicke Jagddiners und Frühstücke, wundervolle Ausrüstung mit neuen Gewehrsystemen etwas gegeben hatte, als daß er weidgerechter Jäger gewesen wäre, nahm trotzdem jetzt ab und zu das Gewehr aus dem Schranke und ging über Feld. Es hatte keinen Zweck, er traf doch nichts, es gab ja nichts; aber da er immer weniger im Garten zu tun hatte, so gewöhnte er sich's an, herumzustreichen. Wenn er eine Krähe gesehen hatte, so war das ein Riesenereignis, und er erging sich bei Tisch darüber in langen Auseinandersetzungen. Als er einmal wirklich zwei Rebhühner schoß, die sie am nächsten Tage aßen, war er so stolz, daß die Erinnerung daran eine Woche lang vorhielt.

Die Bäume waren kahl geworden, der Herbstwind trieb das gelbe Laub rings um das Haus, alles hatte einen traurigen Anstrich bekommen. Die immergrünen Hecken bildeten keinen genügenden Ersatz, denn sie zeichneten nur noch mehr die gradlinigen Wege ab, auf denen rechts und links nichts mehr wuchs, so daß sie wie Molen aussahen, die vom Lande ins Meer hinausgehen.

Der Herbst war milde, wie in diesem Landstrich überhaupt; die Nadelhölzer behielten ihr wunderschönes sattes Grün, die Landschaft war weniger traurig als im Norden, etwa in der Normandie, und weniger traurig als in der nächsten Umgebung von Paris, denn die südlichere Lage von Montmidi machte sich fühlbar. Aber wenn es auch nicht kalt wurde, so war es doch einsam.

Zuerst hatte Robert keine Pariser Zeitung halten mögen. Es schien, als wolle er überhaupt nicht an die Hauptstadt erinnert sein. Als ihm Denise eines Tages vorschlug, doch ein Pariser Blatt zu bestellen, meinte er, das wäre eine unnütze Ausgabe. Aber ohne daß er etwas davon wußte, schrieb sie ihrer Mutter nach Paris, und die schickte ihr von jetzt ab alles, was dort im Hause gelesen ward.

Robert tat zuerst, als freute er sich nicht besonders, aber nach ein paar Tagen fragte er schon ungeduldig am frühsten Morgen, ob denn die Post noch nicht angekommen wäre. Wenn dann der Briefträger mit seiner roten Mütze in der Ferne nur auftauchte, ward er bereits unruhig, ging die Treppe hinunter, ihm entgegen, und nahm ihm die Postsachen ab. Dann war er für mehrere Stunden ungenießbar, saß in der Bibliothek und las und las.

Denise gesellte sich öfters mit einer Handarbeit hinzu, denn es war ihr Ehrgeiz, die Kindersachen selbst anzufertigen. Sie strickte Strümpfchen, Schühchen und Häubchen. Die Wäsche und die Windeln hatte sie, als sie von dem bevorstehenden Ereignis ihrer Mutter geschrieben hatte, von dieser aus Paris erhalten. Sie waren schön. ›Zu schön‹, meinte Denise; sie hätte sie lieber einfacher gehabt und das so ersparte Geld in bar dazu.

So verstrichen wieder Wochen und Monate; Robert ging auf die Jagd, ohne etwas zu schießen, kehrte heim, und dann fand er seine Frau, der es immer schwerer ward, sich zu bewegen, in einem Stuhl sitzend, mit ein paar Kissen im Rücken, in der letzten Zeit sogar den größten Teil des Tages zu Bett.

Diese tapfere kleine Frau, die niemand um sich hatte, verlor nie ein Wort, bekämpfte ihren schmerzvollen Zustand, und war immer guter Laune. Sie, die jetzt an das Zimmer gebannt war, wußte ihren Mann, der doch Neues sah und sich in Flur und Feld zerstreuen konnte, aufzuheitern und ihm die düstern Gedanken von der Stirn zu bannen. Sie erzählte viel, doch nie von Paris, als wollte sie die Wunde nicht aufreißen.

Alle kleinen Ereignisse suchte sie aufzubauschen, auseinanderzuziehen, Stoff daraus zu gewinnen. Die Katze hatte die Milch ausgetrunken; davon ward eine lange Geschichte gemacht. Toinette, die Köchin, Hausmädchen und Jungfer in einer Person war, hatte irgend etwas mitgeteilt; das gab Denise ihrem Mann weiter, nicht als Klatsch, nie scharf, jedem Bittern die Spitze abbrechend, als harmlose Erzählung, wobei sie sich zum Lachen zwang, nur um ihm die Grillen zu vertreiben. Endlos wurde die Frage besprochen, ob er seine derben Stiefel, die er immer draußen anzog, besohlen lassen sollte oder nicht; ob es dem Leder zuträglich wäre, wenn man es mit Fett einschmierte oder nicht. Namentlich alle Geldfragen gewannen unangemessene Bedeutung.

Mit diesem Manne war eine völlige Wandlung eingetreten. Er, der früher nie gefragt hatte, wieviel etwas kostete, überlegte jetzt alles, und wenn es sich nur um ein paar Sous handelte. Er ließ Kataloge kommen. Er lief, teils um etwas billiger zu erhalten, teils aus Langeweile, ins Dorf und kaufte selbst ein. Er feilschte mit dem Fleischer, er drückte den Bäcker. Denise seufzte oft über die wichtige Rolle, die all diese Kleinigkeiten zu spielen begannen, wenn sie es Robert auch nicht zeigte. Toinette und ihr Mann, der Diener, der gleichfalls Robert hieß, aber um Verwechslungen zu vermeiden, Louis genannt wurde, unterstützten Herrn de la Caille darin. Sie, die all ihre Ersparnisse verloren hatten, waren beide geizig bis aufs äußerste, aber dabei grundehrlich. Nie suchten sie bei Einkäufen aufzuschlagen, es war im Gegenteil ihr Bestreben, alles für die Herrschaft so billig einzurichten wie möglich.

Ein entsetzlicher Krämergeist hielt Einzug in das Haus, und trotzdem klagte Robert wiederholt, sie kämen wohl doch nicht aus. In Wirklichkeit war es nicht so schlimm, sie kamen aus, ja, er legte sogar zurück, nicht viel, aber doch immerhin in jedem Vierteljahr ein paar hundert Franken.

Die Finanzverhältnisse wären besser gewesen, wenn sich nicht noch eine große Zahl von Rechnungen aus Roberts Junggesellenzeit vorgefunden hätte. Er würde sie vor dem Verlust in Monte Carlo von seinem beträchtlichen Vermögen sehr leicht haben begleichen können. Nun mußten sie von den laufenden Einnahmen allmählich abgetragen werden. Eine der Hauptbeschäftigungen Roberts war es daher, dem Feldherrn gleich, der die Truppen an den rechten Fleck verteilt, eine sorgfältige Aufstellung seiner Schulden zu machen, das, was noch warten konnte, zu trennen von dem, was brennend geworden war, hier etwas zu zahlen und dort vorläufig noch schuldig zu bleiben.

Robert hatte für sich nicht ein Stück Garderobe mehr neu angeschafft; er brauchte es auch nicht, er konnte mit dem, was er an Anzügen, Überziehern und Wäsche besaß, noch ruhig einige Jahre auskommen. Er, der früher zehn Krawatten fortwarf, bis die elfte für den betreffenden Tag und Zweck passend schien, begann sich in seinem Äußern gehen zu lassen. Er band immer denselben Schlips um und sparte an der Wäsche. Er trug manchmal ein Hemd acht Tage lang, und wenn ihm Denise nur leise eine Andeutung machte, konnte er, der sonst immer gut gegen sie war, nervös und heftig werden. Dann kehrte der Gedanke wieder, der jetzt sein ganzes Leben beherrschte: ›Wir müssen uns mit unsern Ausgaben in acht nehmen!‹

Denisens Eltern hatten das junge Paar ein paarmal aufgefordert, sie in Paris zu besuchen, aber da sie das Reisegeld nicht dazu schickten, wollte Robert nichts davon wissen. Und jetzt stand Denisens Niederkunft so nahe bevor, daß sie keine Lust zeigte, sich aus Montmidi zu entfernen.

Zu Ende des Jahres kam denn auch die schwere Stunde, und die junge Frau gab einem Mädchen das Leben. Das Kind war nicht stark, aber wohlgebildet und schien gesund zu sein, wie der Arzt in einer längeren wohlgesetzten Rede Robert mitteilte. Der zeigte nicht viel Interesse, er hatte sich fest eingebildet, es müßte ein Sohn sein. Einen eben in die Welt getretenen Erdenbürger hatte er vordem noch nie gesehen; er war über den Anblick enttäuscht, ja, beinahe angewidert. Und er überließ die Kleine ganz einer Bauersfrau aus einem Nachbarorte, die erst seit ein paar Wochen Mutter, gleich darauf auch Witwe geworden war, und die jetzt ihr Kind bei ihren Eltern in Pflege gelassen hatte.

Um Denise dagegen befand sich Robert in großer Sorge, obgleich der Doktor ihm auseinandersetzte, daß ihr Befinden das gleiche wäre, wie das all der Millionen Frauen, die auf unsrer Erde ihre Mutterschaftspflichten erfüllen. Robert aber wollte nicht glauben, daß das ein Normalzustand sei. Er hielt seine Frau für besonders krank, er schlich nur auf den Zehen im Hause umher, und unausgesetzt fragten ihn alle, die er sah:

»Wie geht es der gnädigen Frau?« Der Doktor verlangte vollkommene Ruhe für das Kind und die Wöchnerin. Robert nahm also das Gewehr, um, wie er sagte, zuzusehen, ob im Revier alles in Ordnung sei.

Das kleine Mädchen erhielt nach ihrer Großmutter den Namen Lucy. Der Pfarrer von Montmidi, ein alter, etwas unsauberer Priester, ein echter Bauer mit dickem Schädel und einer gewissen Pfiffigkeit, der wegen seiner praktischen Predigten und seiner noch praktischern Lebensauffassung in der Gemeinde äußerst beliebt war, vollzog die Taufe kurz und schnell, ohne weitere Zeremonien.

Als Denise etwas kräftiger geworden war, ließ sie sich ihre Tochter geben, sah das kleine Gesichtchen an, aus dessen unfertigen Zügen nur ein paar schwarze Augen leuchteten, drückte es an sich, wärmte es an ihrer Seite, bemühte sich, es zur Ruhe zu bringen, wenn es schrie, und war glückselig bei seinem Anblick. Sie merkte nichts davon, daß Robert sich um die kleine Lucy nicht kümmerte. Erst als sie längst aufgestanden war und immer wieder das Gespräch auf das Kind lenkte, fühlte sie, daß er keine rechte Antwort gab.

Sie ließ der Amme gegenüber einmal ein fragendes Wort fallen, doch die sagte kurz in ihrer groben bäurischen Manier:

»So sind die Männer alle, das kommt erst mit der Zeit, das dürfen Sie nicht verlangen, gnädige Frau!«

Denise ward nachdenklich: ihr Robert war doch ganz anderer Art, er war eben nicht wie die übrigen Männer. Und es kränkte sie, daß jemand ihn mit den andern zusammenwarf.

Aber die Amme behielt recht, Robert kümmerte sich nicht um das Kind. Er setzte seine Spaziergänge in die Umgebung fort. Eines Tages, als abermals Wochen vergangen waren und Denise längst wieder im Hause herumlief, sagte sie:

»Du, Robertchen, ich habe einen großen, großen Wunsch.«

Robert setzte sich zu ihr an den Kamin. Trotz der kühlen Temperatur brannte darin kein Feuer, denn das ewige Heizen kostete Geld. Er hatte etwas Müdes und Gelangweiltes, wie jetzt immer, als er fragte:

»Nun, Denise, was hast du denn?«

Sie war ängstlich, denn sie wußte, daß sie mit Ausgaben nicht kommen durfte, darum begann sie vorsichtig:

»Du kannst mir's ja abschlagen, ich möchte nur gern etwas von dir wissen: haben wir wohl soviel Geld, daß du mir einen großen Wunsch erfüllen könntest?«

Er runzelte die Augenbrauen, dann sagte er gedehnt:

»Nun, was könnte denn das sein?«

Sie schmeichelte:

»Ich habe nur den einen Wunsch, und ich habe doch nie etwas gewünscht, nicht wahr, das tust du mir?«

Er wollte nicht ungefügig sein, aber es ärgerte ihn doch ein wenig, daß es offenbar Geld auszugeben galt, darum meinte er vorsichtig:

»Ja, Denise, was soll es denn sein?«

Sie kam plötzlich damit: die Amme ginge in ihrer einfachen Bauerntracht, die fände sie so häßlich, sie wollte einen Ammenmantel haben mit Mütze und Bändern, wie es in Paris Sitte war.

Er sagte nicht geradezu nein, aber er fragte, ob das denn durchaus notwendig wäre. Da antwortete sie – denn sie sah, daß er nicht wollte – ganz jäh, indem ihre durch die letzten Wochen erregter gewordenen Nerven durchbrachen:

»Gut, Robert! Gut, gut, gut, gut, gut! Ich will nichts!«

Nun gab er klein bei und begann zu schmeicheln:

»Aber, meine kleine Denise, so sei doch nicht so, ich habe doch noch das Recht, eine Bemerkung zu machen!«

Aber ihre Augen flammten, und ihre Wangen waren rot:

»Nein, nein, ich danke, ich will nichts! Gar nichts! Ich brauche nichts!«

Er nahm ihre Hand, und mit einemmal ward er großmütig: »Du sollst es haben, Denise, selbstverständlich, so laß mir doch wenigstens so viel Zeit, nachzudenken!«

Aber sie war so geärgert, daß sie mit einem: »Ich danke, ich mag es nicht mehr!« aus dem Zimmer lief.

Er blickte ihr erstaunt nach, er verstand sie nicht. Er überlegte: sollte er das Ding aus Paris kommen lassen? Doch dann sagte er sich: ›Da sie gleich so empfindlich ist, fällt es mir gar nicht ein. Sie hat sich die Folgen selbst zuzuschreiben, wenn sie es nicht bekommt.‹

Es blieb wirklich dabei. Das kleine weiße Mützchen, das alle Bäuerinnen trugen, als einziger Schmuck auf dem Kopf, lief die Amme mit dem Kinde umher.

Denise trug es Robert nach. Sie ärgerte sich jedesmal, wenn sie die Amme sah, und jedesmal dachte sie an ihren Mann. Diesen einen Wunsch konnte er seiner jungen Frau doch erfüllen, denn soviel mußten sie noch haben. Am liebsten hätte sie sich ihrer Mutter anvertraut, doch sie war zu stolz, ihr zu zeigen, daß sie sowenig Geld besaßen. Das kleine Vorkommnis blieb wie ein Stachel in ihrem Herzen.

VI.

Es war Frühling in Montmidi geworden. Die Gartenarbeit fing wieder an, und täglich schritt die Amme mit der kleinen Lucy die Wege hinauf und hinunter, zwischen den grünen Hecken hin. Ab und zu nahm auch Denise das Kind auf den Arm und ging mit ihm spazieren.

Der Diener Louis hatte mit Robert in der einen Ecke des Gartens einen Sitzplatz hergerichtet, etwas wie eine Laube, und dort standen ein paar gewöhnliche Stühle mit Strohsitzen. Man konnte von da aus die Beete übersehen; es duftete und blühte ringsumher, es war ein lauschiges Plätzchen. Dort setzte sich Denise mit ihrem Kind. Sie hielt die Kleine auf den Knien, sie nahm sie in den Arm, und während die beiden Männer im Garten arbeiteten, summte sie ein Lied. Ab und zu blickte sie in die kohlschwarzen Augen ihres Töchterchens und nickte ihm so lange zu, bis das kleine Wesen endlich verstand und langsam den Mund zu einem Lächeln verzog.

Robert kümmerte sich noch immer nicht um seine Tochter, und wenn er sie einen Augenblick halten mußte, etwa weil die Amme ins Haus geschickt worden war, oder weil Denise eine Blume pflücken ging, so wußte er sich nicht zu benehmen; er hielt das Wurm wie ein zerbrechliches Stück Porzellan vom Leibe ab, indem er das Genick des Kindes auf dem Unterarm ruhen ließ, so wie es ihm Denise gezeigt hatte.

Aber einmal, als die Kleine lachte, sah er doch hin und versuchte selbst, sie zum Lachen zu bringen. Es gelang, und zum erstenmal hörte er einen Laut wie von einem Erwachsenen. Er machte ein erstauntes Gesicht, und noch mehrmals in den nächsten Tagen nahm der Vater seine Tochter auf den Arm.

Da sagte die Amme:

»Passen Sie mal auf, gnädige Frau, es wird schon werden! Der fangt sogar früher an als die anderen!«

Wenige Tage darauf überraschte Robert seine Frau damit, daß er aus Paris einen Ammenmantel mit Mütze und Bändern hatte kommen lassen.

Denise war so glückselig, daß sie sich wie ein Kind benahm. Sie klatschte in die Hände, hüpfte umher, lachte und tanzte. Das Kleidungsstück wurde sofort anprobiert, und jetzt ging die junge Mutter mit der Amme täglich spazieren, immer den einzigen Weg, den es gab: die Straße nach dem Bahnhof.

Robert begleitete sie manchmal. Denise nahm seinen Arm, erzählte ihm tausend Geschichten von dem erwachenden Verstande des kleinen Mädchens, das ihnen gehörte, und hier und da suchte sie ihn bescheiden und liebenswürdig aufmerksam zu machen, daß seine Krawatte nicht säße, daß er einen neuen Kragen würde umbinden müssen.

Er nahm die Bemerkungen verschieden auf. Meist brummte er nur ein wenig, manchmal schimpfte er aber auch und meinte wegwerfend:

»Hier sieht einen ja doch niemand! Für wen soll man sich denn hier anziehen?«

Sie antwortete mit leisem Vorwurf:

»Für deine Frau!«

Und er schwieg etwas beschämt.

Das Frühjahr ging hin, der Sommer kam, nichts hatte sich verändert; sie hatten keine Besuche gemacht, es war entschieden, mit den Nachbarn würden sie keinen Verkehr haben.

Robert empfand diesen Mangel nicht allzusehr; es gab im Garten zu tun, der sogar vergrößert worden war, indem gegen Erlaß eines Teils der Pachtsumme der Pächter ein Feld für den Garten hinzugegeben hatte. Herr de la Caille berechnete, daß er dadurch pekuniär nichts verlöre, denn was sie im Garten zogen, brachte mehr ein, als was der Mann zahlte. Robert war ganz Gärtner geworden; er hatte jetzt für nichts mehr Interesse. Er berechnete mit Louis bei jeder Anzahl Quadratmeter, die sie neu umgruben und bepflanzten, wieviel die Anlage kostete, wieviel sie einbringen könnte.

Herr wie Diener sahen bald aus wie die Landarbeiter. Robert rasierte sich nicht mehr täglich, wie er es früher getan hatte, manchmal standen die Stoppeln die ganze Woche. Aber Denise wagte es nicht, etwas zu sagen, denn immer, wenn sie daran rührte, wurde er unangenehm. Der Diener, der in Paris bei seiner Herrschaft tadellos gekleidet gewesen war, ließ sich jetzt gleichfalls gehen; er vergaß ab und zu, sich den Bart abzunehmen und sparte an Wäsche genau wie sein Herr.

Die Sehnsucht nach Paris hatte allmählich in Robert an Stärke nachgelassen. Er las zwar eifrig noch die Blätter, und er sprach lange mit seiner Frau über jede Kleinigkeit, die in Paris und Umgegend vor sich ging: wenn in irgendeiner Straße, die er besonders gut kannte, neues Pflaster gelegt wurde, oder wenn irgendwo zwischen Paris und Rouen eine Regulierung der Seine in Aussicht genommen war. Die Frage der Niederlegung dieser oder jener Teile der Stadtumwallung interessierte ihn ebenfalls, aber er sagte trotzdem einmal zu seiner Frau:

»Wenn uns jetzt die Eltern einlüden, ich könnte gar nicht kommen, da müßtest du schon mit der Kleinen allein hingehen. Denn wenn sie sogar das Reisegeld schickten, ich habe ja gar nichts anzuziehen, und als Provinzler laufe ich in Paris nicht umher!«

Denise sah ihn an:

»Aber, Robert, wenn du deine Anzüge ein bißchen …«

Er unterbrach sie sofort:

»Ich sage dir, mein Kind, ich habe nichts, nichts, ich habe keinen anständigen Anzug, und als Provinzler laufe ich nicht umher!«

Denise antwortete nichts, aber ihr fiel plötzlich mehr als bisher auf, wie ihr Mann sich verändert hatte. Sie dachte daran, daß der einstmals Eleganteste der Eleganten jetzt öfters zu Tisch kam mit Händen, die noch schmutzig waren von der Arbeit im Garten, mit wirrem Haar und Stiefeln, an denen die Erde klebte. Sie entdeckte mit Staunen, welche Veränderung ein Jahr an einem Menschen hervorbringen kann, wenn er in andere Lebensbedingungen gesetzt wird.

Aber wenn auch er nicht nach Paris wollte, jetzt kam ihr eine zehrende Sehnsucht dahin. Sie wollte zu ihren Eltern, die sie beinahe anderthalb Jahr nicht mehr gesehen hatte. Ihr Vater schrieb zwar nie, mit ihrer Mutter aber stand sie in brieflichem Verkehr. Immer unbezwinglicher stieg in Denise der Wunsch auf, das Elternhaus wiederzusehen und ihr kleines Mädchenzimmer.

Ein seltsames Verlangen quälte sie nach dem, was sie früher als Mädchen so sehr verachtet hatte: sie wollte wieder einmal ins Bois de Boulogne, wollte die Mutter zur Schneiderin begleiten, nicht für sich – denn sie selbst ließ sich ja nichts machen –, aber doch um zu sehen, wie es jetzt mit der Mode stand. Der Sparsamkeit halber hielt sie sich keine Modenzeitung. Noch aus einem anderen Grunde sehnte sie den Augenblick herbei, daß endlich die Eltern schreiben möchten: ›Kinder, kommt, wir erwarten Euch!‹ Sie war stolz auf ihre kleine Lucy, und sie wollte den Eltern zeigen, was für ein prächtiges Kind ihr gehörte.

Nur der eine Gedanke machte ihr Beklemmung: wieviel Geld würde es wohl kosten, und konnte ihr das Robert geben? Sie fragte ihren Mann, aber der gab keine bestimmte Antwort: er war entsetzt bei dem Gedanken an die Kosten, die die Reise verursachen würde. Da entschloß sie sich denn und schrieb ihrer Mutter.

Es kam ein Brief, worin Frau de Verneuil ihr Erstaunen darüber aussprach, daß es auf eine solche Summe bei ihnen ankommen könnte, und ein paar Fragen waren beigefügt: »Seid Ihr denn so abgebrannt? Oder hält er Dich so knapp?«

Die Zeilen schlossen: »Wir wollen darüber jetzt nicht reden, das muß man mündlich tun. Zeige diesen Brief nicht Deinem Manne, verbrenne ihn lieber sofort.«

In dem Umschlag fand Denise einen Hundertfrankenschein, den ihre Mutter mit der bei ihr üblichen Sorglosigkeit einem gewöhnlichen Briefe anvertraut hatte, ohne ihn einschreiben zu lassen. Denise war glückselig, sie hätte es am liebsten sofort ihrem Manne erzählt, aber sie wußte nicht, wie sie es ihm beibringen sollte. Sie sah ihn, wie er im Garten mit Louis arbeitete, den Strohhut auf dem Kopf, in der alten, schmutzigen Hose und einem völlig durchschwitzten Flanellhemd, das er in guten Zeiten einst beim Tennisspielen getragen hatte.

Den ganzen Tag über sprach Denise mit ihrem Mann nicht davon. Es war das erstemal, daß sie ihm in ihrer Ehe etwas verheimlichte. Aber sie mußte es wohl tun: er gab ihr ja nicht das Geld, daß sie nach Paris fahren konnte, und sie wollte doch ihre Eltern wiedersehen. Sie überlegte. Wenn sie ihm sagte, sie hätten hundert Franken geschickt, so würde er ihr wahrscheinlich das Geld nehmen, um es für den Haushalt zu verwenden. Außerdem würde er nach ihrem Briefe fragen, und den hatte sie bereits, dem Wunsche ihrer Mutter entsprechend, verbrannt.

Nachdem Denise einen Tag lang sich alles überlegt hatte, faßte sie sich endlich ein Herz und begann:

»Robert, Mama möchte gern mal unsere Kleine sehen. Sie ersetzt mir die Fahrt, du kannst mir wenigstens etwas geben, die Reisekosten auszulegen, du bekommst es ja wieder.«

Und sie hatte Glück: er fragte sie nicht nach dem Brief, antwortete überhaupt nichts; er brummte etwas, einsilbig, wie er jetzt immer mehr wurde, und dann ging er wieder in den Garten.

Denise atmete tief auf. Sonst hatte sie ihrem Manne jede Kleinigkeit mitgeteilt; heute hatte sie ihm nur die halbe Wahrheit gesagt. Sie spürte etwas wie eine Gewissensmahnung. Aber das dauerte nur ein paar Augenblicke; sie war ja so froh, daß ihr Plan der Verwirklichung entgegenging.

Jetzt fürchtete sie sich auch nicht mehr davor, daß er etwa fragen könnte, wo ihrer Mutter Brief wäre. Es war schon ein Tag vorbei, er konnte verkramt sein, sie würde sich schon herausreden.

Aber zwei Tage vergingen, und er sprach nicht wieder darüber, so daß Denise schon fürchtete, ihre Anregung möchte in Vergessenheit geraten sein. Sie begann ein zweites Mal. Sie fühlte sich unbehaglich dabei, es war wie eine Unwahrheit zwischen ihnen. Sie machte Redensarten, immer im Begriff, auf ihr Ziel loszusteuern und schloß doch nicht ab. Eigentlich wunderte sie sich, daß er es nicht gewahr wurde. Endlich faßte sie Mut und sagte, alle Umschweife abbrechend:

»Ist es dir recht, wenn ich meinen Eltern das Vergnügen mache?«

Er erwachte wie aus einem Traum:

»Wie meinst du?«

»Nun, ich habe dir doch erzählt, daß Mama mir geschrieben hat! Und ich möchte so gern hin.«

Er zuckte mit den Achseln:

»Aber dazugeben kann ich dir nichts, das muß ich dir gleich sagen!«

Sie beruhigte ihn sofort, und wieder fühlte sie bei ihren Worten, daß sie nicht natürlich war, sondern bloß redete, um ihn zu gewinnen:

»Davon ist ja gar nicht die Rede! Nicht ein Sou wird ausgegeben. Mama bezahlt ja alles!«

Damit schien Robert einverstanden; er ging mit ihr den Gartenweg hinunter und zeigte ihr ein neues Beet, wo Spargel gepflanzt werden sollte:

»Es trägt nicht gleich, aber man muß Vorsorge treffen.«

Sie sah ihn von der Seite an. Es war doch erstaunlich, wie er sich verändert hatte, er, der ihr noch als Bräutigam gesagt hatte, nichts wäre ihm schrecklicher, als das fortwährende Vorausdenken; jeder Mensch solle sich des Augenblicks freuen und ihn genießen.

Aber sie wollte ihrem Ziel näherkommen, und während er arbeitete, fragte sie so nebenbei:

»Wann meinst du denn, daß ich fahren kann?«

Er meinte: »Nun, du kannst dir doch denken, daß ich nicht gern allein bleibe.«

Sie schmeichelte:

»Ach, Robertchen, ich bin ja bald wieder da!«

Plötzlich kam ihr ein Gedanke, wie sie ihn gewinnen könnte, und sie begann von ungefähr:

»Ich habe mir auch noch etwas überlegt; du weißt ja, wie die Eltern sind, es bringt doch sicher Vorteil, wenn ich hinfahre …«

Er stützte sich auf den Spaten und blickte auf …

»Mama schenkt mir doch gewiß etwas, du wirst sehen, ich bringe was mit. Und dann sind doch zwei Personen, die Amme und ich, weniger am Tisch; das trägt in der Küche immerhin etwas aus.«

Das schien Robert Eindruck zu machen, ein Lächeln flog über seine Züge. Mit der von der Arbeit schmutzigen Hand strich er ihr die Wange:

»Du bist ja schlau, meine kleine Denise!«

Sie errötete vor Freude, zugleich auch ein wenig beschämt darüber, wie leicht er sich hatte fangen lassen, und fuhr nun fort:

»Wo sollen wir denn bleiben, wenn ich nicht auch danach sehe?«

Da runzelte er wieder die Stirn:

»Ja, wir müssen uns sehr in acht nehmen!«

Nun wurden Vorbereitungen getroffen; Denise sah ihre Sachen durch, überlegte, was sie mitnehmen sollte, und zwei Tage hindurch wurde geschneidert, genäht, geflickt, bis endlich der große Augenblick gekommen war und das Paar dem Bahnhof zuschritt, während die Amme mit dem Kinde auf dem Arm folgte.

Robert löste die Fahrkarten zweiter Klasse bis Paris, aber nur für die Hinfahrt; denn er meinte, wenn durch irgendeinen Umstand, vielleicht weil die Kleine nicht wohl wäre, die Rückfahrt sich um ein paar Tage verzögerte, würden die Karten verloren sein; übrigens zahlten ja auch seine Schwiegereltern.

Er hatte sich zu dem Gang auf den Bahnhof besser angezogen, sich rasiert und sah wieder anständig aus, so daß Denise sagte, als sie auf dem Bahnsteig der kleinen Station warteten:

»Robertchen, du bist so hübsch heute!«

Er fühlte sich geschmeichelt, faßte an seine Krawatte, ob sie richtig säße, zog sich die Manschetten heraus, streckte seine Handschuhe, die er wenigstens in der Hand hielt, und brummte:

»So, findest du?«

Da faßte sie sich ein Herz:

»Robert, so solltest du immer sein!«

Er sah sie erstaunt an:

»So bin ich doch!«

Sie schwieg. Er fragte:

»Wie meinst du denn das? Bin ich denn nicht so?«

»Nicht immer!«

»Nicht immer? Ja, wie denn?«

»Ach, aber du mußt nicht böse sein, du läßt dich manchmal etwas gehen, jetzt!«

Er biß die Lippen aufeinander, er schien sich zu ärgern, und fast wären sie mit einem Mißton geschieden, denn schon kam der Zug.

Aber Denise konnte nicht so abreisen. Sie gab ihm einen Kuß und rief:

»Robert, nun sei gut, es ist alles vergessen, nicht wahr? Darf deine kleine Frau nicht einmal an so etwas erinnern? Du sollst mir doch auch alles sagen, was an mir nicht gut ist!«

Als er ihren Liebreiz sah, ihre zierliche Gestalt, noch fast genau so mädchenhaft, wie vor der Ehe, regte sich sein durch Not und veränderte Lebensumstände verbittertes Herz, er umfaßte sie mit einem Blick und flüsterte: »Du bist meine liebe, süße, kleine Frau!«

Nun war er guter Laune, wie lange nicht, und als die Lokomotive herandonnerte und der Boden unter der Last zitterte, der Hauch der von dem, Ungetüm verdrängten Luft ihnen wie ein Wind entgegenschlug, war es, als erwachte in ihm plötzlich die Erinnerung an Paris. Er trat unablässig hin und her und sagte im Augenblick des Abschieds:

»Ach Gott, wenn ich doch mit könnte!«

Ihre Augen leuchteten:

»Robert, willst du wirklich?«

»Es ist zu spät!«

Sie war sofort entschlossen, umzukehren, und rief, während die Bremsen des Zuges knirschten, und hier und da am Fenster ein Kopf erschien und sich eine Tür öffnete:

»Wir geben mein Billett zurück, das muß doch gehen, und du kommst mit, wir brauchen ja erst morgen zu fahren, oder mit dem nächsten Zuge, oh, das wäre zu schön!«

Doch er schüttelte den Kopf:

»Es ist besser, ich fahre nicht, ich muß mich um den Garten kümmern, und wer einmal im Paradies gewesen ist – ach, ich mag Paris gar nicht wiedersehen!«

Sie bat noch einmal, doch er schob sie zu einem Abteil. Der Stationschef, mit dem sie sich grüßten, sagte, es wäre höchste Zeit, Denise stieg ein, das Kind wurde ihr hinaufgereicht, die Amme folgte, und ehe sie noch ein Wort hatte sprechen können, war die Tür zugeschlagen, der Zug pfiff, die Lokomotive zog an, noch ein Händedruck, und allmählich verschwand die kleine Station.

Denise sah Robert nur noch in der Ferne, sie nahm ihr kleines Taschentuch und winkte ihm nach. Die Amme hatte Platz genommen, sie hielt unter dem großen Mantel das Kind verborgen, das glücklicherweise durch das gleichmäßige Rütteln des Zuges sofort einschlief. Denise setzte sich gegenüber und blickte zum Fenster hinaus, an dem die herrliche Landschaft vorüberschoß: die wundervollen Gärten, die reichbestellten Felder, die grünenden Bäume, das Blumenleuchten. Und als ein Duft hereinwehte wie von frischer Scholle, von jungen Keimen, ward ihr ganz weich ums Herz.

In ihr kämpfte die Sehnsucht, ihre Eltern wiederzusehen, mit der Trauer, zum erstenmal ihren Mann verlassen zu haben, ihre kleine Villa, ihr Montmidi. Wohl ging es dort nicht heiter zu, wohl schien dort die Sonne nicht immer, aber es war doch ihr Haus, ihr Daheim. Die junge Frau begann zu weinen. Langsam tropften ihr die Tränen, ihre Züge blieben ruhig, nur unter dem Schleier sanken Perlen herab, näßten das Gewebe und fielen hindurch, daß Denise das Taschentuch nehmen und sich das Kleid wischen mußte.

Stundenlang fuhr der Zug hin, eine Station nach der andern flog vorbei. Die Landschaft blieb die gleiche, ein ganz klein wenig nur ward sie nördlicher, die Vegetation war nicht mehr so fortgeschritten, und endlich erschien die weite Ebene um Paris mit den befestigten Hügeln rundherum, dem Seinelauf, den zahllosen Villen und Landhäusern in Gärten und Parks. Allmählich kamen Vororte, enger stehende Gebäude, die hier und da den Versuch machten, sich zu Straßen zusammenzuschließen, endlich ein paar Häuserblocks, und bei einer Biegung sah man die schlanke, bläuliche Gestalt des Eiffelturms.

Denise wurde schon unruhig, sie holte das Handgepäck herab und rief der Amme zu, die nie ihr Dorf verlassen hatte und nun nicht wußte, was sie zu all dem sagen sollte:

»Wir sind gleich da!«

Es ging über ein paar Brücken, sie sahen wieder den Wasserlauf, die Gleisanlagen verbreiterten sich, statt der zwei Stränge liefen jetzt ein Dutzend, zwei, drei nebeneinander her. Lokomotivschuppen, Züge, die nicht gebraucht wurden, die rangierten oder warteten, standen umher, die große Halle des Orléans-Bahnhofes erschien, immer langsamer ging der Zug, man sah einen Bahnsteig und Menschengewimmel; die Gepäckträger in ihren Blusen standen harrend da. Alles der gewohnte Anblick von Paris, und es war Denise, als kennte sie hier alle Gesichter.

Plötzlich erblickte sie die Mutter, so elegant, wie die junge Frau jetzt seit anderthalb Jahren keinen Menschen mehr gesehen hatte. Und einen Augenblick darauf küßte Frau de Verneuil ihre Tochter rechts und links auf die Wange, und in dem großen Strom von Menschen, der den Zug verließ, gingen sie dicht nebeneinander, vor ihnen die Amme, die sie rechts und links steuerten, als bugsierten sie ein Schiff.

Da stand der Wagen. Der Kutscher verzog sein glatt rasiertes Gesicht und faßte an den Hut. Denise fühlte sich wie im Traum, sie reichte ihm die Hand, und einen Augenblick darauf saß sie im Wagen. Dann zeigte sie, während der Diener zurückgeblieben war, um sich um das Gepäck zu kümmern, und sie fortrollten, der Place de la Concorde zu, ihrer Mutter glückstrahlend die kleine Lucy, die auf dem Arm der Amme unter dem großen Mantel noch immer schlief.

VII.

Denise verzögerte die Stunde ihrer Abreise von Tag zu Tag, sie konnte sich nicht trennen von Paris, von ihren Eltern, von der ganzen Umgebung. Alles, was sie früher nicht beachtet hatte, erschien ihr jetzt köstlich, was sie einst gelangweilt, erregte jetzt ihr größtes Interesse.

Sie hatte als Mädchen nichts auf das Essen gegeben, es für etwas Selbstverständliches gehalten und war der Überzeugung gewesen, sie könnte mit einem Glase Wasser und einem Stück Brot wochenlang leben. Nun, wo sie wieder all die guten Speisen eines wohlgepflegten französischen Tisches aß, Saisonsachen, über die hier kein Wort verloren ward, die sie aber in Montmidi niemals zu Gesicht bekommen hatte, fand sie Freude an jeder Kleinigkeit. Sie dachte mit Entsetzen daran, daß ihr das alles binnen kurzem wieder fehlen würde.

An der Lebensweise im elterlichen Hause hatte sich nichts geändert. Immer noch fuhr die Mutter zu Besuchen oder zur Schneiderin; immer noch ging es zur gewohnten Stunde in das Bois de Boulogne. Es war die Fahrt, die das Mädchen so entsetzlich gefunden hatte, daß sie am liebsten sich jedesmal eingeschlossen hätte, wenn es fortgehen sollte. Aber diesmal genoß es die junge Frau, wie der Verschmachtende einen Tropfen Wasser. Sie wollte niemand sehen, sie lehnte es sogar ab, mit ihrer Mutter die Bekannten zu besuchen, sie wollte nur das große, herrliche Paris um sich fühlen. Sie wollte ihr Auge ergötzen an der Flut brandenden Lebens in den Straßen, an den Toiletten, an den Wagen. Ihr Auge fiel auf die Jacken und Umhänge der Damen, auf den blitzenden Schmuck, den sie trugen, auf die kecken Hüte, und leise verglich sie dabei immer ihren eigenen Anzug. Wenn sie zu Hause saß, änderte sie unaufhörlich daran, steckte ein Band um, riß von ihrem Hut die Garnierung herunter, nähte drauf los mit fabelhafter Geschwindigkeit. Oft war sie noch mitten dabei, als schon der Wagen zum Ausfahren gemeldet wurde.

Sie fand sich nicht schön genug, sie fürchtete, man sähe ihr die Provinz an; ein entsetzliches Gefühl für eine Frau unter ihren modischen Großstadtschwestern. Da sie selbst nichts ausgeben wollte, erbettelte sie von ihrer Mutter, was die nicht mehr brauchte. Sie sah mit Frau de Verneuil die Schränke durch. Hier fiel ein Gürtel, ein Hut für sie ab, dort Handschuhe, denn beide hatten die gleiche Nummer, sogar eine Breitschwanzjacke, ein wertvolles Stück, über das Denise im stillen jubelte. Die Mama hätte das Pelzstück ändern lassen können, aber sie mochte nur neues anziehen. Die Jacke kniff sie in den Armen, sie meinte, sie hätte keinen Schick und Sitz. Dann durchstöberten sie einen ganzen Schrank voll Unterröcke, die Frau de Verneuil einmal hübsch gefunden und eigentlich nie getragen hatte.

Wenn die Jungfer dazu kam, sah sie mißgünstig dem Treiben zu, denn sie gönnte Denise die Sachen nicht, auf die sie selbst ein Recht zu haben meinte. Denise fühlte die stille Feindschaft des Mädchens, und da sie deren Einfluß auf die Mutter fürchtete und hörte, wie sie ein paarmal sagte: ›Aber gnädige Frau, das ist ja noch so schön, das sollten Sie nicht fortgeben!‹, wollte sie die Zofe gut stimmen, und mit schwerem Herzen riß sie sich von einer seidenen Bluse los und schenkte sie ihr. Die nahm sie an, kaum dankend, wie etwas, das ihr gebührte.

Manchmal begleitete Frau de Berneuil ihre Tochter nicht im Wagen. Sie erwartete Besuch, oder sie hatte etwas anderes vor; Denise fragte danach nicht. Sie nahm die Amme mit der kleinen Lucy, setzte sie neben sich, und nun fuhr sie spazieren, nicht immer in das Bois, sondern auch in die Stadt, durch die Straßen mit ihrem Gedränge und Geschiebe. Denise kam sich ganz stolz vor, denn die Viktoria war wirklich elegant. Sie machte ein gutes Bild, auch in der verwöhnten Riesenstadt. Wenn dann ein paar Leute sie anblickten, so überlief es sie, und sie sagte sich geschmeichelt: ›Jetzt wird man denken, das ist mein Wagen! Das ist doch nett.‹

Dann ließ sie am Vendômeplatz halten, stieg aus und machte einen Rundgang, um die Läden anzusehen. Dort hielten Dutzende von Equipagen, der Kutscher auf dem Bock, der Groom am Wagenschlag, in tadelloser englischer Livree; sie warteten auf die Besitzerin, die oben bei einem der großen Schneider weilte, die diesen, einem gewaltigen Modemagazin gleichenden Platz gepachtet zu haben schienen.

Die Amme blieb dann mit dem Kind im Wagen sitzen. Sie blickte sich um mit ihren großen, törichten Bauernaugen, lachte verlegen, dummdreist, die Menschen an, die vorüberkamen, und gefiel sich in ihrer Rolle, während die kleine Lucy schlief.

Denise ging währenddessen an den Läden hin, blieb hier und da stehen, schaute in eine Auslage, wo sie alle diese wunderbaren Sachen betrachtete, die nur für elegante Damen gemacht zu sein schienen: Jardinièren, Vasen, Bonbonnièren, Rähmchen, kleine Bücher, Kalender, Figuren, Bronzen, Porzellansachen, Lesezeichen, silberne Dosen, Riechfläschchen, tausend und tausend Nichtse für die Umgebung, die Hände, die Salons und Boudoirs der eleganten Frauen. Sie stieß einen Seufzer aus, daß sie das alles nicht haben konnte, denn sie hatte kein Geld. Ihr Sinn für derartige Dinge schien zu erwachen. Früher hatte sie alles das bei der Mutter gesehen, aber nicht begriffen, hatte es wohl gar unnütz gefunden. Jetzt kam ihr eine Sehnsucht danach, auch sie hätte es gern auf ihrem Tisch gehabt. Wozu? – sie wußte es nicht. In Montmidi hätte es kein Mensch gesehen, es kam ja niemand hin, es freute sich keiner daran.

Und sie dachte plötzlich an Robert. An Robert, der nicht rasiert war, an Robert mit den schmutzigen Stiefeln, an denen noch Erde klebte, mit der abgetragenen Hose, der verwahrlosten Krawatte, mit dem Hemdkragen, der tagelang nicht gewechselt worden war. Dann verglich sie ihn mit den aufs äußerste peinlichen Herren, die vorübergingen, an deren Röcken kein Stäubchen saß, Röcken die der Schneider ein dutzendmal anprobiert hatte, die nicht eine Falte schlugen, wo sie es nicht sollten, und nirgends sich anschmiegten, wo sie frei hängen mußten. Sie schielte unwillkürlich im Vorübergehen zu den Herren mit den tadellosen Zylindern, mit den hohen Kragen, mit den geschmack-volleigenartigen Krawatten, in denen die schönsten Nadeln blitzen. Sie sah manchen, der einen gekräuselten, seidenglänzenden Schnurrbart trug, von der Seite an, als wollte sie sich sagen: ›Wie machst du das eigentlich? Ach, wenn Robert das doch auch könnte!‹

Richteten sich die durchdringenden Blicke der Herren auf sie, dann schaute sie zur Seite, als hätte sie nicht hingesehen. Sie wunderte sich über die Frechheit, mit der man sie anstarrte. Ein paarmal folgte ihr jemand. An einem Schaufenster, das sie betrachtete, blieb wohl einer stehen, und sie fühlte, wie sein Auge auf ihr ruhte, ihre Gestalt hinablief und forschend auf ihrem Gesicht haften blieb.

Einmal, in der Avenue de l'Opéra, redete sie ein großer, stattlicher, nicht mehr junger Herr an, mit scharfer Nase, Schnurrbart und Fliege am Kinn, an dessen tadellosem schwarzen Gehrock das rote Band der Ehrenlegion flammte. Er lüftete artig den Hut, und sie sah, daß er nur wenig Haar auf dem Kopf hatte. Aber als der Zylinder ihm wieder in der Stirn saß, sah er jünger aus. Denise war naiv, zerstreut, erschrocken, wohl auch verlegen. Sie blieb stehen und hörte ihn an. Sie dachte wirklich, es wäre ein Bekannter und ließ ihn reden, während sie in ihrem Gedächtnis suchte, um ihn unterzubringen. Er hatte etwas gesagt, ob er nicht die Ehre gehabt hätte, sie im Cirque d'Hiver vor sechs Wochen gesehen zu haben. Dabei schwebte ein seltsames Lächeln um seine Lippen, und Denise wußte nicht, was sie tun sollte. Sie sagte, sie erinnere sich nicht, und statt ihn zu bitten, sie von seiner Gegenwart zu befreien, fuhr sie in ihrer Verlegenheit fort:

»Ich habe Sie wohl bei meinen Eltern gesehen? Ich bin, seitdem ich verheiratet bin, auf dem Land auf unserm Gut …« Der Herr machte ein erstauntes Gesicht, er lächelte etwas überlegen, ein wenig frech und sagte:

»Vielleicht haben Sie denselben Weg?«

Und er machte Miene, sie zu begleiten.

Da kam ihr plötzlich die Erleuchtung, wie töricht sie sich benommen hatte, und eine Ahnung der Wahrheit. Sie rief:

»Lassen Sie mich, sonst rufe ich um Hilfe!«

»Das wäre schade!« antwortete er nur, lüftete den Hut und war in demselben Augenblick weitergegangen.

Sie aber stürzte davon. Sie war dunkelrot geworden; sie hätte am liebsten die erste beste Droschke angerufen, um sich hineinzuwerfen und ihre Scham zu verbergen. Endlich rettete sie sich zur Equipage, nahm neben der Amme Platz, und als sollte sie durch ihre Mutterwürde die unreinen Blicke auslöschen, beugte sie sich zu der kleinen Lucy nieder, die unter dem Mantel schlief, und begann mit ihr zu spielen.

Aber bei diesen Spazierfahrten machte es ihr, wenn sie es sich nachher überlegte, doch Spaß, daß man sie überhaupt beachtete. Sie war also doch nicht so ganz Provinz, wie sie befürchtet hatte.

Ab und zu schrieb Denise ihrem Mann, aber nicht aus dem Bedürfnis heraus, sich mit ihm zu unterhalten, denn auch in Montmidi sprachen sie ja wenig miteinander. Von all den Dingen, die sie jetzt hier sah und die ihr Herz bewegten; konnte sie ihm eigentlich nichts mitteilen. Er wollte von der Großstadt nichts mehr wissen, und sie mochte in ihm auch nicht den Gedanken an seine elegante Zeit wieder aufwecken. Er hätte nur Geld ausgegeben, und sie hatten ja keins.

Das lastete immer auf ihr. Auch hier hatte sie nichts in der Tasche. Sie wäre gern einmal in einen Laden getreten, wenn sie etwas Hübsches gesehen hatte, um es zu kaufen, aber sie konnte es nicht mit den wenigen Franken, die sie besaß. Sie schämte sich aber, diesen Zustand ihren Eltern zu offenbaren. Als sie einmal der Mutter gegenüber eine Andeutung machte, wurde Frau de Verneuil nervös, sie befand sich selbst augenblicklich in größter Verlegenheit, ihr Schneider hatte dringend die Begleichung der Rechnung verlangt, und sie hatte alles für ihre Nichtigkeiten vertan, ihren Mann mochte sie aber nicht bitten.

Einmal aber kam doch die Rede auf Geldsachen, als Denise mit ihrem Vater sprach. Er war anders gegen sie, viel herzlicher als früher. Er schien sich über sie zu freuen. Er ging mit ihr früh spazieren, denn nachmittags hatte er keine Zeit. Und er wählte dazu Wege, die sie nie gemacht hatte: an den Seine-Staden hinunter zur Notre-Dame. Er hatte nämlich eine neue Leidenschaft, er suchte bei den Antiquaren erste Ausgaben von allerlei verstaubten alten Büchern. Er verstand nicht gerade viel davon, es war nur eine Art Zeitvertreib.

Wie sie so mit ihm dahinschritt, und er die langen Reihen von Büchern musterte, die auf den Staden lagen, schüttete er sein Herz aus. Er klopfte auf die alten Scharteken und meinte:

»Mein Kind, das ist schließlich alles, was uns noch Freude machen kann. Zu sammeln, was aus alter Zeit übrig blieb, so wie wir einmal für andere gearbeitet haben werden …«

Sie begriff nicht, was er, der nie gearbeitet hatte, darunter verstand, und während sein Auge über die Bände lief und er hier und da einmal einen herausgriff, nach dem Titelblatt sah und ihn durchblätterte, fuhr er in seiner Auseinandersetzung fort:

»Das Leben ist so entsetzlich mittelmäßig. Was bleibt uns nun übrig am Schluß, mein Kind: das Studium der Kunst, das Interesse für Altertümer, eine Kupferstichsammlung, eine Gemäldegalerie, Skulpturen, Porzellane, eine fein ausgewählte Bibliothek.«

Denise schwieg, sie wollte sagen: ›Und die Kinder, die Freude an ihrem Wachsen und Gedeihen!‹ Sie dachte an ihre kleine Lucy, um die der Großvater sich eigentlich nie kümmerte, die er einmal angesehen hatte und dann nicht wieder.

Aber er fuhr in seinen Auseinandersetzungen fort, während sie an den Staden weiter hinabschritten. Er setzte sich den blanken Zylinder tief in die Stirn, stäubte seine weißen Handschuhe einen am anderen ab, an denen vielleicht etwas hängengeblieben war von den alten Büchern, dann sagte er ein wenig theatralisch, indem er sich den grauwerdenden Bart strich:

»Mein Kind, das wirst du alles noch einsehen. Du wirst es wohl selbst noch erleben. Die Liebe ist für die Jugend, und die Weisheit ist für das Alter! Die Liebe, mein Gott! Du bist ja jetzt vernünftig, du bist Frau, du bist Mutter, da kann dein Papa wohl darüber mit dir sprechen …, weißt du, alles währt seine Zeit, und mal muß es ein Ende haben. Und wenn man alt wird, nun, ich will mich ja nicht alt nennen …«

Und er reckte sich gerade auf und schritt ein wenig stärker aus:

»… aber immerhin, allmählich kommt man zu Erkenntnissen, die man früher nicht geahnt hat. Ich gebe dir einen Rat, mein Kind, interessiere dich beizeiten für etwas, hänge dein Herz an irgend etwas, das bleibt, und nicht bloß an Kleider und Hüte und Toiletten und ein paar Brillanten oder ein paar Perlen. Weißt du, mit der Mama ist es manchmal schlimm! Mache es nicht so wie sie, die hat es verpaßt, und ich habe es vielleicht auch verpaßt!«

Damit schloß er, und für heute redete er nicht mehr davon. Es schien ihm Spaß zu machen, mit der hübschen jungen Frau spazieren zu gehen. Ein paarmal sah er Herren an, die seine Tochter anblickten, und ein Lächeln ging über seine Lippen, während er sagte: »Mein Kind, es ist eigentlich schade, daß du dein Dasein in der Provinz versitzt!«

Es schien ihr, als wäre das der Augenblick, einmal mit ihrem Vater über ihre Verhältnisse zu sprechen. Sie wußte immer noch nicht, ahnte er eigentlich, was geschehen war? Es wäre doch gut gewesen, es ihm einmal zu sagen. Und ganz im stillen kam ihr bei diesem Gedanken die Idee, vielleicht würde er, der so gut jetzt gegen sie war, ihr ein paar Franken zustecken, ein Goldstück oder gar einen Kassenschein. Sie hätte es brauchen können. Da begann sie Andeutungen zu machen:

»Wir können euch leider nicht einladen, wir haben keinen Platz, es ist alles so eingeschränkt. Und dann – und dann – ich glaube, Papa, das weißt du wohl nicht, die Ausgabe!«

Er schien nicht darauf eingehen zu wollen:

»Ja, ja, das verdammte Geld!«

Doch sie ließ ihn nicht los. Er sagte ab und zu, während sie ihm von ihren bedrängten Verhältnissen berichtet:

»Mir ahnte so etwas!«

Das machte ihr noch mehr Mut, und endlich erzählte sie ihm alles, wie Robert sein ganzes Vermögen verspielt hätte und sie nun nur noch von dem lebten, was sie selbst besaß.

Da runzelte er die Stirn und wurde böse:

»So, so, also er läßt sich von dir ernähren!«

Sie verteidigte ihren Mann:

»Nein, Papa, er tut ja, was er kann, er ist von früh bis zum Abend beschäftigt, denn er arbeitet im Garten, er pflanzt und gräbt, um die Erträgnisse zu erhöhen!«

Herr de Verneuil meinte, überlegen lächelnd:

»Er pflanzt also Radieschen, und davon wollt ihr leben!«

Sie waren noch am Kai, aber unwillkürlich bogen sie ab, gingen über die Seine, beim Reiterstandbild Heinrich IV. vorüber und tauchten in die alten Straßen ein, die nach dem Boulevard St. Germain hinüberführen. In diesen Gassen war es weniger elegant: an schmutzigen Cafés mit niedrigen Decken und weit geöffneten Fenstern kamen sie vorüber. Bis hinaus auf den Bürgersteig standen Stühle und Tische. Dann erschienen Antiquare, Fleischer, bescheidene Modewarengeschäfte, Möbelhändler, ein Fischladen, es roch nach Seewasser, nach Vorkosthandlung, – das große Paris war vorbei, man hätte sich in einer kleinen Stadt gewähnt. Es waren andere Menschen. Die internationalen Erscheinungen, die eleganten Herren, die schicken Damen, alles fehlte, nur ein paar zweiräderige Lastwagen klapperten schwer dahin. Und je weiter sie gingen, desto gewöhnlicher wurde ihre Umgebung, desto schmutziger schien es zu sein, desto einfacher die Läden, die Häuser.

Hier war es undenkbar, einen Bekannten zu treffen, und als gäbe ihr das Mut, berichtete Denise ihrem Vater peinlich jede Kleinigkeit ihres armseligen Lebens. Sie entzündete sich an ihrem Stoff, sie wurde eifriger und eifriger, sie entwarf ihm ein genaues Bild. Wie der Vater ihren Arm nahm und teilnehmend nun seinerseits nach allen Einzelheiten fragte, beklagte sie sich endlich auch über Robert, seinen Geiz, sein Sichgehenlassen.

Da blieb Herr de Verneuil stehen und rief, indem sein Stock gellend das Pflaster traf:

»Aber, mein Kind, wir haben dich doch nicht mit einem Bauern verheiraten wollen!«

Nun lenkte sie ein und meinte, Roberts Bestreben wäre nur, kein Geld auszugeben. Herr de Verneuil schüttelte immer den Kopf:

»Dazu habe ich dich nicht verheiratet!«

Schließlich begann er so auf seinen Schwiegersohn zu schimpfen, daß Denise ganz ängstlich zumute ward. Aber es waren nur Worte, und nachdem sein Zorn sich gelegt hatte, rief er eine Droschke an und sagte: »Kind, es ist Zeit, wir kommen sonst zu spät zum Frühstück.«

Dann brummte er vor sich hin:

»Das sind ja unglaubliche Zustände! Ganz unglaubliche Zustände!«

Denise meinte, in seinem Innern würde das fortarbeiten, und sie hoffte von Tag zu Tag, irgendeine Änderung möchte eintreten; der Vater überlegte wahrscheinlich nur Mittel und Wege. Aber er redete kein Wort, und als sie sich endlich entschloß, nach Montmidi heimzukehren, hatte er noch immer nicht gesprochen.

Am liebsten wäre Denise in Paris geblieben, aber sie fühlte, sie war jetzt lange genug hier gewesen. Ihre Mutter hatte andere Gedanken, sie ging zu Garden-Parties, hatte sich mit Bekannten für ein Konzert verabredet, mußte zu einem Polo-Match, hatte mit Freunden einen Ausflug nach Versailles vor.

Ein paarmal fragte wohl Frau de Verneuil etwas lau, ob Denise sie begleiten wollte, aber diese wußte, der Mutter lag nichts daran, sich mit der erwachsenen Tochter sehen zu lassen. Und wie sie ihren Bekannten die kleine Lucy nie gezeigt hatte, besaß sie gar keinen Ehrgeiz, als Großmutter angeredet zu werden.

Dann war Denise noch ein Gedanke gekommen, ein Gedanke, den ihr René eingeblasen hatte.

Sie bekam ihren Bruder fast nie zu Gesicht. – Er hatte ihr am ersten Tage anvertraut:

»Schwesterchen, sei mir nicht bös: man muß die Gelegenheit beim Schopf ergreifen. Ich will mich verloben. Wenn mir das gelingt, dann sollst du sehen! Ich weiß ja, wie eure Finanzverhältnisse sind; denke nur nicht, daß man das nicht erfährt, ich weiß alles, meine kleine Denise, wenn du es mir auch nicht geschrieben hast. Aber paß mal auf, wenn ich das Mädchen kriege, dann will ich dir auch helfen, denn dann kommt es mir auf ein paar tausend Franken nicht an.«

Dabei schnalzte er und zog ein Gesicht, wie jemand, der die Aussicht hat, ein wunderbares Geschäft zu machen.

Was er ihr aber zugeflüstert hatte, war:

»Laß deinen Mann nicht allein, das tut nicht gut, du kannst nicht wissen, auf was für Gedanken er kommt!«

Das bohrte in ihr, das quälte sie, das arbeitete fort und fort. Sie hatte Augenblicke, wo sie mit Grauen an den ungepflegten Mann dachte, der doch einst einer der Snobs auf diesem glänzenden Pflaster von Paris gewesen war; aber es war doch ihr Gatte, und weiter gingen ihre Gedanken nicht. Immer wieder schob sie die Schuld nur auf das Geld. Mit dem Gelde, das sie gewiß einst wieder besäßen, würde er wieder der elegante Robert de la Caille werden, der er zuvor gewesen war.

Aber die Worte, die ihr der Bruder in die Seele gehaucht hatte, trieben sie zu dem Entschluß, heimzukehren. Sie zerbrach sich den Kopf, warum hatte ihr Robert nicht geschrieben, sie sollte kommen? Und einen Augenblick dachte sie schon: ›Er will nicht, daß ich komme!‹

Sie war kein Kind mehr, sie hatte gelernt, die Augen aufzutun, und in der Pariser Umgebung, bei den Freundinnen ihrer Mutter, den Freunden ihres Vaters und den Freunden ihres Bruders hatte sie erfahren, wie das Leben wirklich ist. Sie hatte gehört: der Mann war geschieden worden, jener lebte mit einer anderen; dieser Frau sagte man Beziehungen nach, dort hatte einer sich mit dem Freunde seiner Frau geschlagen. Nein, sie wollte heim, heim so schnell als möglich.

Als sie es ihren Eltern beim Frühstück mitteilte, waren sie sofort einverstanden. Auch René war ausnahmsweise gekommen. Frau de Verneuil sagte, indem sie die anderen ansah: »Ich finde es sehr vernünftig, wenn Denise ihren Mann nicht so lange allein lassen will.«

Herr de Verneuil fügte hinzu:

»Nun, mein Kind, du wirst uns bald wieder besuchen!«

René aber machte verschmitzte Augen:

»Wer weiß, Schwesterchen, zu welcher Gelegenheit! Ich sage nichts, aber wer weiß!«

Damit schien die Sache abgetan. Keine Aufforderung, länger zu bleiben, kein Bedauern, daß die schöne Zeit so schnell vorüber sei. Das wurmte Denise, und sie sagte sich in einem gewissen Trotz: ›Nun, mich seht ihr nicht sobald wieder! Ich gehe zurück nach Montmidi, ich will euch schon nicht zur Last fallen, aber ihr sollt einmal sehen, wenn ihr mich dann nach Jahren ruft, daß ihr die Bauersfrau euren Bekannten zu zeigen euch schämt. Und schuld seid nur ihr daran, ihr allein!‹

Doch als nun die Abreise nahte, war sie weich. Der ganze Schmerz kam über sie, Paris, das herrliche Paris wieder verlassen zu müssen. Sie dachte mit Schrecken an Montmidi und die einsamen Abende mit ihrem Mann, an denen kaum ein Wort gesprochen wurde. Sie dachte an die Unterhaltung über den üblichen Gang durchs Revier, über das Gedeihen der Gemüse, der Artischocken und Tomaten. Sie dachte an des Dieners schmutzigen Rock und sein verwahrlostes Äußeres. Und wie so auch das Bild Roberts vor ihren Augen stand, sah sie mit einem Male das Gesicht des Herrn in der Avenue de l'Opéra, des großen, so wundervoll gekleideten Mannes, mit dem Bande der Ehrenlegion, der scharfen Nase, dem Schnurrbart, der Fliege am Kinn, wie er den Hut gezogen und sie frech angeredet hatte. Und es war ihr, als versinnbildlichten diese Keckheiten Paris, aber als wäre es trotz alledem besser als das stumpfe Hinbrüten und das Daseinversielen in dieser einsamen, traurigen kleinen Villa.

Als es an den Abschied ging, hatte sie Tränen in den Augen. Nicht Tränen darüber, daß sie die Mutter verlassen mußte, die ihr noch zuletzt beiläufig mitteilte, daß sie in den nächsten Tagen ein Diner geben würden. Warum hatte man das nicht gegeben, während die Tochter im Hause war?

Sie war nicht traurig, ihren Vater zu verlassen, der, trotz der vertrauensvollen Stunde – Gott weiß, wie sie ihm gekommen war – nie wieder über ihre Armut gesprochen hatte. Nur für ihren Bruder hatte sie beim Fortgehen ein Wort:

»René, ich wünsche dir viel Glück für deine Pläne!«

Aber es klang etwas wie Bitterkeit, fast Neid daraus.

Er war so mit sich selbst und seinem kommenden Millionenglück beschäftigt, daß er nur antwortete:

»Danke, danke, Schwesterchen, wir werden die Sache schon machen!«

Dann stieg sie mit der Amme und ihrem Kinde in den Wagen, und diesmal brachte sie der Vater an die Bahn, denn Frau de Verneuil hatte dringend zu tun – dringend zu tun, sie, die immer über Langeweile klagte.

Noch einmal auf der Fahrt sah sie das ganze Leben von Paris. Es war am Morgen. Die Geschäftsleute gingen ihrem Berufe eilig nach, Omnibusse standen vor den Bureaus, luden ihre Last ab oder nahmen neue Menschen auf. Geschäftswagen mit Riesenreklameschildern fuhren hin, hübsche kleine Modistinnen, einfach und doch so voller Anmut, trippelten des Wegs. Laut ertönten die Stimmen der Händler und der bunten Schar der Straßengewerbetreibenden, die eigentümlichen Rufe von Paris. Das gesungene »Vitrier« des Glasers, das monotone Aufmerksammachen der Strohstuhlflechter, der Scherenschleifer, das Ausrufen der Obsthändler. Von einem kleinen Handwagen voller Veilchen, den anpreisend der Verkäufer durch die Straßen zog, schlug ihr der Frühlingsduft entgegen, und in diesem Augenblick war es ihr, obgleich draußen in Montmidi die Natur zu dieser Stunde genußreicher duftete und blühte, als gäbe es Veilchen nur in Paris, als gäbe es Glück nur in der Riesenstadt, als gäbe es Frühling, Lenzesfreude, Leben und Daseinsgenuß nur hier, und als führe sie hinaus in die Verbannung.

Ihr Vater war im letzten Augenblick herzlich. Es schien, als erwache er, und er drückte ihr noch einen Kassenschein in die Hand und sagte verlegen:

»Mein Kind, sei mir nicht bös, daß es nicht mehr ist, aber ich habe für deine Mutter wieder einige Rechnungen zahlen müssen, und dann, weißt du, müssen Renés Verhältnisse doch jetzt geordnet werden, daß ihm die Sache nicht entgeht. Er hat dir's wohl angedeutet. Und, meine kleine Denise, das ist vorderhand das Wichtigste. Dein Papa denkt auch noch einmal an dich, aber weißt du, in diesem Augenblick … – Na, kurz, also lebe wohl, grüße deinen Mann und schreibe mir mal. Zu euch jetzt kommen, geschieht wohl am Ende besser nicht. Du kommst lieber mal bald wieder, kannst mir ruhig schreiben, du weißt, daß ich dir das Reisegeld schicke, das geht schließlich noch!«

Dann küßte er seine Tochter auf beide Wangen, kniff die kleine Lucy mit einer väterlichen Bewegung mit zwei Fingern in die Backe, daß sie sofort leise zu weinen begann, winkte mit der weißbehandschuhten Rechten, deren Finger er starr und steif ausstreckte, nahm den Stock in die Hand, die goldene Krücke nach unten, und ging schlank, elegant in seinem wiegenden Boulevardiergang davon.

Denise aber lehnte sich in die Coupé-Ecke, und still und heimlich, denn es saßen noch zwei Damen mit in demselben Abteil, tupfte sie sich mit dem Taschentuch die Augen, während sie in die weite grüne, von weißen Häusern besäte Ebene hinaussah, in der Paris lag, das Paris, das einzige Paris, das jetzt immer weiter hinter ihr verschwand.

VIII.

Robert empfing sie ziemlich gleichgültig. Er war zwar auf den Bahnhof gekommen, aber er schien nicht gerade besonders glücklich über ihre Rückkehr zu sein. Sie wollte entschädigt sein für das, was sie verlassen hatte, für die Einsamkeit, der sie entgegenging; sie suchte in seinen Augen den Ausdruck des Glückes darüber, daß Frau und Kind wieder bei ihm waren.

Aber er erzählte nur, während er sie vom kleinen Bahnhof nach Montmidi geleitete, vom Stand der verschiedenen Felder und Rabatten, und daß er einen Tagelöhner angenommen hätte, da Louis und er die Arbeiten jetzt nicht mehr allein besorgen könnten. Er sprach von dem Verkauf der Garten- und Feldfrüchte. Er erzählte, hier könnte er drei Sous mehr bekommen als dort, anderseits müßte er den Transport bis zur Bahn selbst übernehmen. Er war so vertieft in seine, wie Denise fand, kleinlichen Angelegenheiten, in das Geld, das unglückliche Geld, das hier das ganze Leben beherrschte, daß sie stumm zu Boden blickte und neben ihm herschritt, als wäre sie auf den Mund geschlagen.

Sie hatte erwartet, er werde für die kleine Lucy ein Wort sorgender Teilnahme finden, werde fragen, was die Eltern machten, was René, wie es in Paris gewesen wäre. Nichts, nichts, er dachte nur an seine armseligen Ernten.

Und, obgleich er wenigstens rasiert war, wie sah er aus gegen die Herren in Paris! Immer wieder stieg vor ihren Augen das elegante Treiben der Boulevards auf. Sie hörte nicht mehr zu, was ihr Mann sprach; sie sah plötzlich abermals den Herrn vor sich stehen, der sie angeredet hatte, der ihr jetzt wie eine Verkörperung der eleganten Welt erschien.

Sie war nicht mehr böse darüber, sie hätte ihm wieder begegnen wollen, sie hätte ruhig mit ihm gesprochen. Sie verstieg sich zu Keckheiten, an die sie doch eigentlich nicht dachte. Sie wäre mit ihm die Avenue de l'Opéra hinuntergegangen, nur aus Trotz gegen diesen – diesen Bauer!

Als sie sich der kleinen Villa näherten, kam ihr das Haus, in dem sie doch glücklich gewesen war, das sie doch eigentlich sehr nett gefunden hatte, winzig und gedrückt vor! Sie sah, daß eine Schieferplatte am Dach fehlte, sah, daß die Läden im ersten Stock schief hingen. Sie bemerkte, wie die Wege schlecht gehalten waren; denn darauf gab man nichts, nur auf das, was Beete und Felder einbringen sollten. Alles Geringe, Häßliche, Armselige, Unordentliche fiel ihr auf, und in ihrer Seele regte sich ein Gefühl der Empörung. Warum fragte er nicht nach ihr? Er sollte sich mit ihr beschäftigen, er sollte, er mußte! Was war sie ihm denn sonst? Aber er kümmerte sich nicht um sie, er dachte nur an seine ›elenden Radieschen‹, wie ihr Vater es genannt hatte.

Sie ging mit der Kleinen hinauf über die ächzende, etwas nach außen hängende Treppe, blieb im Schlafzimmer stehen, während nebenan die Amme das Kind versorgte, und sah sich trostlos um in dem deckenniedern Raum, in dem sie den Luxus der väterlichen Wohnung in Paris vermißte. Sie hatte nicht den Mut, sich auszuziehen. Was stand ihr bevor? Ein unseliges Leben der Öde und Langeweile an der Seite dieses ungepflegten Mannes, der sich um seinen Salat mehr kümmerte als um seine Frau.

Sie lauschte in die Stille hinaus. Es schwieg alles; und diese Ruhe, die ihr früher so wohlgetan im Gegensatz zu dem aufgeregten Paris, die sie gemahnt hatte an das stille Leben bei den frommen Schwestern, erschien ihr jetzt unerträglich. Ihr klang noch Paris in den Ohren. Das Rattern auf der Straße, die unausgesetzten Rufe der Verkäufer, das Gehen der Menschen, das Rauschen seidener Kleider und Unterröcke, das Tuten der Automobile, das Rasseln der Omnibusse.

Sie warf sich in eine kleine Bergère neben ihrem Schreibtisch, ließ die Arme schlaff sinken, streckte die Beine von sich und starrte verzweifelt zu Boden. Allmählich tropften ihr die Tränen aus den Augen, immer stärker rann die Flut, und plötzlich stand sie auf, kniete auf der Bettvorlage nieder, warf sich mit dem Oberkörper in die Kissen und schluchzte, während durch den Schleier hindurch ihre Tränen die Bettdecke näßten.

Endlich erhob sie sich; sie fand die Kraft, die Nadeln aus dem Hut zu ziehen, den Schleier abzubinden. Aber sie setzte sich wieder hin, keiner Bewegung, keines Entschlusses fähig.

Sie hätte mit Freuden die Einsamkeit mit ihrem Manne geteilt, das bescheidene Dasein hier, sie hätte mit ihm gespart und wenn er es verlangt, selbst im Garten die Hacke geführt, aber nur gut mußte er gegen sie sein, sprechen mußte er mit ihr! So konnte sie es nicht ertragen. Wenn er ihr nur ein Wort gesagt hätte: ›Du bist recht lange ausgeblieben!‹ oder ›Gott sei Dank, daß du zurück bist!‹ Ein zärtliches Wort nur, daß sie merkte, sie hatte ihm gefehlt. Sie wäre ihm in die Arme geflogen, sie wäre nie, nie wieder nach Paris gegangen, nach dem sich doch ihre Seele sehnte.

Und ihr schien, sie hätte ebensogut noch ein paar Monate dort bleiben können, noch ein paar Jahre, er hätte es nicht bemerkt, er hätte weiter gepflanzt, gejätet und gegraben.

Da richtete sie sich auf und ging in das Kinderzimmer nebenan. Die kleine Lucy war das einzige, das ihr blieb. Denise hatte plötzlich abenteuerliche Gedanken. Sie wollte die Amme fortschicken, um sich ganz allein der Pflege des Kindes zu widmen. Sie suchte eine Art herber Befriedigung in dem Gedanken, sie säße dann Tag und Nacht bei ihrer Kleinen, sie riebe sich auf in der Pflege, sie würde krank, würde sterben – ja, sterben, wenn das Kind nur erst ein paar Jahre alt wäre, daß es der Mutter nicht mehr bedurfte.

Sterben wollte sie; denn was sollte sie auf dieser Erde, wo sie keinen Halt hatte, weder an den Eltern, noch am Bruder, noch auch an ihrem Mann, deren jeder seinen Weg selbstsüchtig ging. Was hatte sie vom Dasein? Sollte sie es vertrauern auf diesem elenden Erdenfleck?

Da nahm sie ihre kleine Lucy auf den Arm und ging mit dem Kinde auf und ab. Und das kleine Wesen lächelte sie an, sie nickte ihm zu, es lächelte wieder, und in einer überströmenden Wallung drückte sie es an die Brust und bedeckte es mit Küssen.

Abends beim Essen gab es nur Kohlsuppe, darauf kaltes Geflügel. Robert machte eine Bemerkung, so hätte er die ganze Zeit gelebt. Er sah sie dabei von der Seite an, als wollte er sagen: ›Ich habe gespart, und nur deinetwegen muß Geld ausgegeben werden.‹

Da platzte sie heraus, indem ihre ganze Nervosität sich entlud:

»Nun, mir liegt, weiß Gott, nichts daran, und wenn ich's zwar zu Hause anders gewöhnt gewesen bin, ich kann auch billig leben!«

Er sah sie groß an:

»Billiger ist es auch gewesen, als ihr nicht da waret.«

Ihre Lippen bebten:

»So, da wäre es ja besser gewesen, wir wären noch nicht wiedergekommen!«

»Wieso?«

»Da hättest du noch mehr sparen können!«

Er legte mit einem Ruck die Gabel hin, daß der Teller klirrte:

»Meinetwegen hättest du noch bleiben können!«

Sie blitzte ihn an:

»So, also ich hätte noch bleiben können? Ich habe dir wohl nicht gefehlt? Ja, weil es billiger war! Nun, essen muß ich allerdings, denn von der Luft kann ich nicht leben.«

Er redete während des ganzen weiteren Mahles keinen Ton, und nach Tisch an diesem ersten Abend, da sie zurückgekehrt war, setzte er sich in die Bibliothek und las die Zeitung.

Sie öffnete ein paarmal die Tür, ihr Herz war weich geworden, und sie wollte wieder mit ihm anknüpfen. Dann kam sie herein und ging ohne Zweck auf und ab. Wenn er nur aufgesehen und ihr einen Blick gegönnt hätte, wäre sie ihm um den Hals gefallen. Aber er tat gar nicht, als ob sie da wäre. So stieg sie schließlich zum Schlafzimmer hinauf, setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch und begann zu weinen. – –

Nun wußte sie es: er hatte sie und das Kind nicht vermißt – aus Geiz! Es gab ein paar Esser weniger im Haus, das hatte den Ausschlag gegeben. Und jedesmal, wenn ihr diese Überlegung kam, ward sie bitter und verstockt, keine Träne trat ihr mehr in die Augen. Da Robert blieb wie er gewesen war, stumm und ernst, so sprach auch sie nun kein Wort mehr.

Die Tage strichen hin, die Wochen vergingen. Sie war von ihrem Plane abgekommen, die Amme fortzuschicken. Sie war müde, lässig, ihr fehlte jede Tatkraft; sie hätte die Kleine nicht pflegen können. Eines Tages fragte sie sich im stillen: ›Bin ich eigentlich krank?‹

Sie war gänzlich verändert, hatte keine Schmerzen, kein Leiden, aber stumpf und dumpf war es ihr in Seele und Hirn. Ihr Herz war wie eingeschlafen, es regte sich nicht für ihren Mann, es sehnte sich nicht nach den Eltern, nur immer wie ein phantastisches Bild stand Paris vor ihr.

Sie sah das Menschengewühl vor sich, sah lachende, frohe Leute, sah ihre Mutter lässig im Wagen zurückgelehnt, ein kleines seidenes Kissen im Rücken, sah ihren Vater gehen, den Zylinder in die Stirn gerückt, den Stock mit der goldenen Krücke nach unten, in seinen tadellosen Lackstiefeln, mit den weißen Handschuhen, die er nie abzulegen schien. Und immer dazwischen tauchte gleich einem wilden, ungepflegten Bären ihr Mann auf, mit seinen verbrannten Arbeitshänden, dem schmutzigen Rock, den Stiefeln, an denen die Erdklumpen klebten.

Dann kam von neuem eine unendliche Sehnsucht über sie nach Paris. Sie hörte die Seine rauschen, auf deren Flut die kleinen Dampfer wie Spinnen hin und her schossen. Sie sah in ihrer Phantasie bei der untergehenden Sonne den Strom mit seinem buntbewegten Leben und der unendlichen Menge von Brücken, die sich in ihrer Phantasie in der Perspektive fortsetzten, als würfen zwei gegenüberliegende Spiegel die Bilder zurück, ihre Zahl ins Ungemessene vermehrend.

Manchmal nachts, wenn Robert nach dem täglichen angestrengten körperlichen Arbeiten im tiefen Schlafe lag und sie nur ab und zu sein schnarchendes Atmen hörte, konnte sie keine Ruhe finden, stand auf und warf ihren seidenen Schlafrock aus der Ausstattung über, der jetzt unmodern geworden war. Dann öffnete sie das Fenster, und hinter den weißen Läden starrte sie in den Garten hinaus, auf dem in der milden Nacht die Mondstrahlen lagen.

Weich zeichneten sich die Umrisse ab. Drüben auf der Wiese, die man durch einen Durchblick sah, schien es wie Wattedunst zu schweben. Es war ihr, als gingen dort Gestalten. Sie sah schärfer hin – nichts war zu erblicken. Dann war es ihr plötzlich, als hörte sie Geräusche. Sie lauschte – alles still.

Während sie in dieser Einsamkeit keinen Schlaf fand, packte sie die Verzweiflung so, daß sie die Hände ineinander schlang, sich die Nägel ins Fleisch trieb und die Arme anstrengte, bis sie dann auffuhr in dem Gedanken: ›Lärm, Lärm! Geräusch! Leben! Bewegung! Ich ersticke hier, ich komme um!‹

Sie trat an das Bett und sah ihren Mann an. Sie wollte ihn schütteln und rütteln, daß er aufwachte, sie wollte ihm ins Ohr schreien: ›Erzähle mir etwas, sprich mit mir! Warum hast du mich in diese Einsamkeit gebracht? Das habe ich nicht gewußt, als du mich nahmst! Wenn du mir das gesagt hattest, hätte ich dich von mir gewiesen!‹

Aber er lag unbeweglich da.

In einer Nacht hielt es sie nicht mehr: sie weckte ihn. Er sah sie mit halb verschlafenen Augen groß an, und sie schrie:

»Wach auf, Robert, sprich mit mir, erzähle mir etwas!«

Er brummte:

»So 'ne Dummheit!«

Dann legte er sich auf die andere Seite.

Da packte sie ihn und rüttelte ihn mit aller Kraft. Er drehte sich herum und stammelte:

»Laß mich schlafen!«

Sie schrie:

»Ich kann nicht schlafen!«

Er richtete sich auf:

»Bist du denn verrückt geworden? Wenn du nicht schlafen kannst, ist das doch noch kein Grund, daß ich nicht schlafe!«

Dann warf sich der trotz seiner anstrengenden Arbeit allmählich dick und rund werdende Körper schwer herum, daß die Matratze ächzte.

Sie ballte beide Fäuste, riß die Augen groß auf, drohte ihm und rief:

»Du bist daran schuld, daß wir nichts haben, und ich muß mit dir leben. Sprich mit mir, sprich wenigstens mit mir!«

Er war wütend, daß er im Schlaf gestört worden war, sprang mit einem Satz aus dem Bett, lief auf und ab, daß die nackten Fußsohlen auf dem Boden klatschten und sagte einmal über das andere:

»Zum Donnerwetter, man muß doch wenigstens schlafen können.«

Da schrie sie:

»Kümmere dich um mich!«

Er blieb stehen: »Wie meinst du das?«

Und mit einemmal entlud sich ihm ihr ganzes Herz in stürmischen Worten. Die Sätze kaum beendend, rief sie, er habe sie hierhergeführt, er ließe sie hier in der Einsamkeit, sie hätten keinen Verkehr, sie sähen keinen Menschen, dazu wäre sie nicht erzogen worden. Er solle ihr anderes schaffen.

Plötzlich schlug ihre Stimmung um, sie begann zu weinen und klagte:

»Wenn meine Eltern wüßten, wie es mir hier geht, wenn das nur meine arme, arme Mutter wüßte, da solltest du mal sehen!«

Und merkwürdig! Er suchte sie zu beruhigen. Er schien doch ein schlechtes Gewissen zu haben. Er wurde allmählich weich, weicher als sonst. Er setzte sich zu ihr auf den Bettrand und streichelte sie, wie er es lange nicht getan hatte. Er sagte, sie hätte ihm doch ein treues Weib sein wollen und alles mit ihm tragen, er könnte es nicht ändern, er müßte arbeiten und arbeiten, und sie sollte es ihm nicht noch schwerer machen, einmal würden bessere Tage kommen.

Er sprach flüsternd, daß man es in der Stille der Nacht nebenan nicht hören sollte, denn man vernahm leises Weinen des Kindes und den Schritt der Amme.

Er meinte, sie würden erben; man müßte sich nur gedulden, ihre Eltern lebten doch nicht ewig.

Als er dies sagte, empörte sich alles in ihr, die doch selbst einmal zu ihm von dem Tode ihrer Eltern gesprochen hatte. Sie dachte: ›Er hat nichts, aber er will, daß meine Eltern für ihn sterben sollen, für ihn, der mich nicht liebt, der mich verkommen läßt, der mich unglücklich macht.‹

Da verbat sie sich, daß er so redete.

Er blickte sie an:

»Du hast es doch selbst gesagt!«

»Ja, aber ich will so etwas von meinen Eltern nicht hören! Meine armen, armen, armen Eltern, wenn sie das wüßten!«

Es schien, als ob ihre Eltern weiche Menschen wären, die innigen Anteil an dem Schicksal der Tochter nähmen.

Da zuckte er zusammen:

»Na, das ist doch zu toll!«

Sie aber packte ihn und sah ihm in die Augen:

»Robert, liebst du mich eigentlich noch?«

Er meinte grob:

»So nicht.«

»Du liebst mich nicht?«

»So nicht, wenn du in solcher Stimmung bist. Überhaupt, was ist das für eine Manier, es ist, es ist« – er sah nach der Uhr – »es ist bald drei, was soll denn das? Bist du verrückt geworden, was fehlt dir denn eigentlich?«

Sie schrie, und ihre Stimme überschlug sich:

»Was mir fehlt? Alles fehlt mir, Menschen und Leben. Und … und du, dein Benehmen … mir fehlt deine Liebe, denn du liebst mich nicht.«

Er sagte nicht nein und nicht ja. Sie sah ihn in dem vom Mondschein dämmerhellen Zimmer lange forschend an.

Ihm aber wurde die Sache langweilig, plötzlich begann er zu lachen und brummte:

»Das ist ja zu dumm!«

Sie begriff nicht, daß nicht in ihm ein Echo von dem wach ward, was in ihrer Seele zitterte. Es war ihr, als könnte dieser Mensch hier nicht ihr Mann sein, als käme er aus einer andern Welt, wäre von einem andern Fleisch und Blut, als hätte sie nichts mit ihm gemein. Während ihr die Tränen in die Augen traten, nicht Tränen des Kummers und Leidens, sondern der Wut und Erbitterung, stieß sie hervor:

»Also soweit sind wir gekommen!« Er aber war müde; auf dem nackten Boden wurden ihm die nackten Füße kalt, darum meinte er:

»Zum Deubel noch mal, man erkältet sich ja hier.«

Mit einem mächtigen Satz war er im Bett, zog die Decke halb über den Kopf und rührte sich nicht mehr.

Denise sah seinem Beginnen zu, wie einem unerklärlichen Schauspiel; es war ihr, als müsse mit diesem Augenblick alles zu Ende sein, was zwischen ihnen bestand. Sie wich langsam bis an den Schreibtisch zurück. Dort setzte sie sich auf einen Stuhl und starrte, ohne einen Gedanken zu fassen, eine Weile vor sich hin.

Dann fuhr sie auf, glitt in ihre Morgenschuhe, öffnete langsam die Tür, ging hinaus, und wartete am Zimmer der Kleinen. Man hörte nichts mehr, das Kind schien zu schlafen. Da hob sie den Morgenrock mit beiden Händen und stieg langsam die Treppe hinab, die unter ihren Schritten knarrte. Sie ging den Gang hinunter, schloß auf und trat in den Garten.

Sie wußte selbst nicht, was sie tat. Sie wollte nur fort, wollte mit diesem Mann das Zimmer nicht mehr teilen.

Unten lief sie auf und ab zwischen den Beeten, in ihrem gelben Schlafrock, der weiß aussah im Licht des Mondes.

Es war trotz des Sommers eine kühle Nacht. Ein paarmal, als sie stehengeblieben war, fröstelte sie zusammen. Aber sie mochte das Haus nicht betreten und irrte weiter, geistesabwesend, mit weit aufgerissenen Augen. Sie starrte auf die Pflanzungen, die ihr, wie sie meinte, Herz und Seele ihres Mannes entrissen. Sie ging hinaus über die kleine Einfriedigung auf das Feld.

Keinen Augenblick dachte sie daran, daß sie ja über dem Hemd nur die leichte, nicht einmal richtig geschlossene Seidenhülle des Schlafrocks trug. Und in dem zur Nacht in zwei Zöpfen geflochtenen Haar ging sie weiter und weiter, atmete tief, blieb ab und zu stehen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen.

Sie sah nichts von der milden Schönheit des Sommermorgens; sie merkte nicht, wie der Mond allmählich verblaßte, um dem Tagesgestirn Platz zu machen. Sie verlor einmal einen Schuh, der harte Kies traf ihren zarten Fuß, aber sie machte sich nichts daraus. Sie hatte nur den einen Gedanken: Fort, fort von hier, und nie wieder zurück! Sie dachte nicht an ihr Kind, sie hatte alles vergessen; es war, als verwirrte sich ihr Verstand.

Der Tau begann zu fallen, es wurde feucht; die fahle Morgenstimmung zwischen Nacht und Tag trat ein, und mit ihr die größere Frische. Denise schauerte zusammen.

Drüben auf der Straße, durch einen Einschnitt ein Stück sichtbar, fuhr ein Wagen. Jetzt sah man ihn auftauchen, ein zweirädriges Bauerngefährt mit einem Maulesel, der langsam im Schritt dahinging, den Kopf müde gesenkt, daß man nur die langen Ohren bei jeder Bewegung hin- und herschlappen sah. Auf dem Karren saßen zwei Menschen in Mäntel gehüllt, schläfrig. Sie schienen nicht herzusehen, aber ihre Anwesenheit allein reichte hin, Denise zur Wirklichkeit zurückzuführen. Ihr kam plötzlich der Gedanke: ›Wenn man dich hier sähe!‹

Sie schämte sich, zog den Schlafrock über der Brust zusammen und eilte fröstelnd ins Haus. Langsam stieg sie hinauf, vorsichtig öffnete sie das Schlafzimmer, dann glitt sie unter die Decke. Sie zuckte vor Kälte zusammen, bis sie endlich in tiefen Schlaf verfiel.

Sie erwachte erst, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Sie rieb sich die Augen; die Vorgänge dieser Nacht waren ihr nur dumpf bewußt, wie etwas Schreckliches, das sie betroffen hatte. Sie sah sich um, der Platz an ihrer Seite war leer.

IX.

Seitdem war zwischen den Gatten Frieden nach dem Sturm, kein erregter Auftritt folgte, aber es wurde kaum mehr gesprochen. Jeder ging seinen eigenen Weg.

Denise stand stundenlang bei dem Kinde. Sie nahm sich dazu die Zeitung mit, die ihr jetzt der alte Diener ihrer Eltern aus Paris schickte, denn ihre Mutter hatte an andere Dinge zu denken.

Ein Tag zog vorüber wie der andere, der Sommer war vergangen, es wurde Herbst. Die Zeit kam, wo es im Garten, der abermals vergrößert worden war, nichts mehr zu tun gab. Und wieder strich Robert mit der Flinte durch den Wald.

Es gab keine Unterbrechung in diesem Leben. Der einzige Mensch, mit dem man einmal hätte sprechen können, war der Pfarrer, aber Robert hatte sich aus irgendeinem Grunde mit ihm erzürnt, ein kaum zu erklärender Umstand, denn der alte Priester pflegte mit jedem auszukommen, da er zu allem ja und amen sagte.

Denisens einzige Zerstreuung war die Kirche. Jeden Sonntag ging sie dahin, früh und abends. Allmählich hatte sie sich angewöhnt, auch in der Woche den Weg ins Dorf täglich zurückzulegen, um zu beten.

Es war eine einfache Dorfkirche; der Altar, ein überladenes, geschmackloses Barockmonstrum, ihr einziger armseliger Schmuck. Aber es gab unter dem Chore dunkle Bänke, wo einen in der halben Dämmerung, die bei den erblindeten Scheiben herrschte, kein Menschenauge sah.

Dorthin setzte sich Denise. Sie legte ihren Gram nicht ihrem Schöpfer zu Füßen, sie flehte nicht die heilige Jungfrau an, ihr gnädig zu sein in ihrem Leid, sie sprach nicht in stillen Gebeten mit dem kleinen Christkindlein. Sie saß brütend in dem Dunkel da, die Stirn in die gefalteten Hände gestützt, sie träumte, sie schlief halb, sie ließ sich umnebeln von der Stille des Raumes, von dem leisen Weihrauchduft, der hier immer schwebte. Sie konnte lange, lange hinüberblicken zum Altar, der abends in der jetzt täglich früher hereinbrechenden Dämmerung mystisch mit seinen Posaunenengeln und goldenen Säulen glänzte. Sie sah das ewige Licht in der roten Schale, kein Feuer, ein Flackern nur, wie ihre Seele, wie ihre Ehe, wie ihr Leben.

Wenn sie dann dort eine Stunde lang gesessen hatte, ging sie wieder nach Haus, langsam den Weg querfeldein, auf dem sie keinen Menschen begegnete, über die traurigen, kahlen Felder, die nun längst Schmuck und Grün abgelegt hatten. Sie ging im Regen ohne Schirm, ließ sich naß werden, denn ihr war alles, alles gleich.

Sie war müde, abgespannt, hatte an nichts Freude und Interesse, nicht einmal mehr an ihrem Kinde. Wenn es krank geworden wäre, würden vielleicht angesichts der Gefahr, es zu verlieren, Herz und Seele und Nerven ihre Spannung wiedergefunden haben; aber der Kleinen fehlte nie etwas, sie wurde groß und kräftig, die Amme zog Lucy auf, als wäre sie ihr eigen Fleisch und Blut.

Denise erhob sich morgens, verbrachte den Tag, ging schlafen und blieb mit offenen Augen stundenlang liegen, ohne sich zu rühren. Es war ihr, als hätte sie Blei in den Adern. Und sie sagte sich: ›Noch ein paar Jahre so, und ich bin kein Mensch mehr!‹ Sie fühlte sich, als erstarrte sie allmählich, als verkalkte ihr Herz, als versickerte ihr Blutlauf. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn ihr gesagt worden wäre, sie würde allmählich zu Stein, sie hätte ihre Bewegungsfähigkeit verloren, ihr Gehirn trocknete langsam ein.

Es wurde Frühling. Längst war es ein Jahr, daß sie Paris genossen hatte. Ab und zu kam ein Brief von ihrer Mutter, ein Brief, den Denise kaum mehr las, denn er erzählte nie etwas anderes als all die kleinen Nichtigkeiten des Pariser Daseins. Nichtig, so schien es jetzt Denise, denn auch all ihre Sehnsucht nach der großen Stadt war eingeschlafen, als sei ihr Blut gestockt. Es war ihr gleichgültig, was die Mutter unternahm, es war ihr gleichgültig, was ihr Vater trieb, von dem sie in dem ganzen Jahr nur einmal ein paar Zeilen bekommen hatte. Er hatte zuviel zu tun, im Klub, wahrscheinlich beim Spiel, vielleicht bei seiner neuen Leidenschaft, dem Büchersammeln. Auch von René erfuhr sie nichts. Aus der guten Partie war, wie es schien, nichts geworden, sonst würde sie doch etwas gehört haben.

Da fragte Robert eines Tages, als es schon wieder anfing, Herbst zu werden, so von ungefähr:

»Möchtest du nicht einmal nach Paris?«

Sie antwortete ruhig:

»Nein, ich bleibe lieber hier.«

Aber er ermunterte sie:

»Es wäre doch ganz gut, wenn du einmal deine Eltern wiedersähest.«

Ihre Lippe zuckte, als sie antwortete:

»Sie kümmern sich nicht um mich, warum soll ich mich um sie kümmern.«

Robert legte, was er lange nicht mehr getan hatte, den Arm um ihre Schulter, zog sie an sich und redete ihr zu: sie nähme das Leben viel zu schwer, er hätte in der letzten Zeit überhaupt bemerkt, wie still sie wäre, und sie müßte sich ein wenig zerstreuen. Darum wäre es das beste, sie besuchte ihre Eltern. – Dabei blickte er sie an wie früher, ein Lächeln schwebte um seine Lippen, er küßte sie auf die Stirn, auf die Wangen und den Mund.

Zuerst widerstrebte sie, dann ließ sie sich's gefallen, ward weich, und eine wunderherrliche Seligkeit kam über sie. Sie brauchte Liebe, Zärtlichkeit, Vertrauen, man mußte sich um sie kümmern; sie bedurfte dessen wie der Luft zum Atmen, wie des Lichtes zum Sehen. Sie ließ sich sofort ganz fangen, wachte auf aus ihrer Erstarrung, bereit, alles zu vergeben und zu vergessen. Er war wieder gut mit ihr, alte Tage kehrten zurück, alte Tage, die doch noch gar nicht so entfernt lagen, denn sie waren doch nun erst drei Jahre verheiratet. Sie schmiegte sich an ihn, legte sich zurück, und er fragte mit dem alten Lächeln seiner schönen Augen, in demselben Ton, wie er es einst mit der jungen Frau getan hatte, damals, als sie ihre verhängnisvolle Reise nach Monte Carlo gemacht hatten: »Hast du das gern?«

Sie blickte ihn an, so daß er die Antwort las, und sie schloß die Lider und ließ sich noch einmal küssen. Alles schien vergessen. Neue Hoffnung kam über sie, und sie tat sich, während sie seinen Schnurrbart leise an ihrer Wange fühlte, mit klopfendem Heizen das Gelübde, wenn er immer so zärtlich gegen sie wäre, wenn er sie lieb hätte, dann wollte sie mit ihm hier aushalten, ohne einen Menschen zu sehen in dieser Einsamkeit, die ihr jetzt immer so fürchterlich erschien – ewig, bis an das Ende ihrer Tage. Dann flüsterte sie:

»Aber, Robert, ich will nicht fort, ich will bei dir bleiben!«

Der Druck seiner Hand schien etwas zu erlahmen, und ein wenig ließ er die kleine Gestalt seiner Frau sinken. Sie sagte noch einmal:

»Ich verlange ja nur, du sollst mich lieben und gut zu mir sein, dann will ich nicht fort. Was soll ich denn in Paris?«

Er ließ sie jetzt ganz los, es schien ihm nicht recht zu sein, denn Unmut malte sich auf seinem Gesicht:

»Aber wenn ich dir's nun vorschlage?«

Sie lachte ihn an:

»Nein, Robert, ich will bei dir bleiben!«

Da bezwang er sich und tat, als wäre er ihr dankbar, aber er küßte sie nur flüchtig auf die Stirn, ging hinaus, und in schwankenden Gefühlen blieb Denise sitzen.

Sie war glücklich über die wiederkehrende Liebe ihres Gatten, aber leise nagte doch der Zweifel an ihrer Freude, denn sie sagte sich: ›Was hat er nur? Da steckt etwas dahinter!‹ Doch dann meinte sie, eigenwillig wie er war, hätte es ihn geärgert, daß sie durchaus nicht das tun wollte, was er wünschte. Es war das beste, sie ging trotzdem nach Paris, damit er sähe, wie sie ihm willfährig war.

Ihr Stolz bäumte sich nur dagegen auf, sie wollte nicht betteln gehen bei den Eltern, wenn sie auch entschlossen war, bei dem geringsten entgegenkommenden Wort ihrer Mutter zu schreiben: ›Da Du daran erinnerst, daß ich Paris solange nicht gesehen habe, so will ich kommen. Da Du nach dem Kinde fragst, so will ich es Dir zeigen. Da Du Dich erkundigst, wie es mir geht, so sollst Du Dich selbst überzeugen.‹

Aber die Zeit verstrich, es kam kein Brief, keine Frage nach ihrer Gesundheit, keine Erwähnung der kleinen Lucy. Auch die Zärtlichkeit ihres Gatten war vorüber, sie kehrte nicht wieder.

Das Laub ward gelb, und allmählich sank die junge Frau in ihre Gleichgültigkeit zurück. Die Tage schlichen hin, Robert ging auf die Jagd, öfter denn je, und fast immer kam er in schlechter Laune wieder.

Einmal schien er besonders ärgerlich zu sein. Denise fragte, nur um etwas zu sagen, ob er einen Verdruß gehabt hätte. Da meinte er wütend:

»Ich weiß nicht, ob das Gewehr nichts mehr taugt oder meine Augen, aber ich sehe da einen Marder schleichen, gebe Feuer, eins, zwei, beide Läufe, das Tier blickt mich frech an, wird flüchtig, und weg ist es.«

Dann setzte er sich in die Bibliothek und begann zu lesen.

Denise aber ging zu Lucy hinauf. In der Ecke lehnte die Doppelbüchse, und die junge Frau, die von drinnen das glückliche Lachen ihres Kindes hörte, sagte sich: ›Das ist gefährlich, es ist in Reichhöhe, die Kleine könnte damit spielen.‹ Sie griff nach dem Gewehr, um es wenigstens auf den Tisch im Flur zu legen, damit das Kind nicht daran könnte. Aber sie zögerte, denn sie hatte nie eine Waffe in der Hand gehabt.

Da hörte sie Tritte vom Boden herab. Louis kam die Treppe herunter. Er hatte eine lose Schiefertafel angenagelt, denn es regnete ab und zu durch, da Robert am Dache nichts machen ließ. Denise sagte zu ihm, indem sie die nach dem Gewehr schon ausgestreckte Hand zurückzog:

»Louis, bitte, legen Sie die Büchse auf den Tisch, ich mag sie nicht anfassen, sonst geht sie vielleicht los.«

Der Diener, der jetzt nur noch abgetragene Kleider seines Herrn trug – Robert meinte, eine Livree wäre zu teuer –, packte lachend das Gewehr an, und während er es auf den Tisch legte, sagte er:

»Ach, die ist weder geladen noch ist daraus geschossen worden.«

Sein Ton hatte etwas Verächtliches, wie er denn überhaupt gegen Denise manchmal an der Grenze des Artigen war.

Etwas gereizt antwortete sie:

»Bitte, ich werde es doch wissen, mein Mann hat mir eben erzählt, daß er zwei Fehlschüsse getan hat.

Louis steckte zwei Finger in die Schrotläufe, hielt sie etwas dreist Frau de la Caille unter die Nase und sagte:

»Da riechen Sie, gnädige Frau, wo soll denn da geschossen sein? Keine Patrone ist drin gewesen!«

Sie blieb dabei:

»Mein Mann hat es mir doch eben erzählt.«

Aber der Diener lachte, ließ die Hähne spielen, klappte den Lauf herab, hielt ihn gegen das Licht, sah durch und meinte:

»Ganz rein, nee, nee, da ist kein Schuß rausgekommen!«

Denise verstand davon nichts. Sie ärgerte sich. Das klang ja, als hätte Robert geradezu gelogen, und sie sagte:

»Hören Sie mal, Louis, das verbitte ich mir!«

Er stieß den Gewehrkolben auf den Boden:

»Was denn, gnädige Frau?«

Sie antwortete, rot vor Ärger:

»Wenn mein Mann gesagt hat, er habe geschossen, so wird er auch geschossen haben.«

Der Kerl antwortete:

»Aber wenn nun kein Schuß herausgegangen ist? Die Knarre ist ja gar nicht geladen gewesen. Der gnädige Herr schießt ja überhaupt nicht.«

Denise war so wütend, daß sie, ohne eine Antwort zu geben, die Treppe hinunterlief, in die Bibliothek stürzte und rief:

»Robert, hilf mir! Louis ist unverschämt. Du hast mir doch erzählt, daß du geschossen hast.«

Robert ließ die Zeitung sinken. Er hatte etwas Verlegenes, stand auf und antwortete:

»Nun ja, ja, ja.«

»Und der freche Mensch behauptet, da wäre kein Schuß rausgekommen. Die Knarre, wie er sagt, wäre gar nicht geladen, du schössest überhaupt nicht. Das kann ich mir doch nicht gefallen lassen, das klingt ja so, als ob du gelogen hättest.«

Robert lief im Zimmer auf und ab, statt jedoch für seine Frau Partei zu nehmen, rief er nervös:

»Aber was hast du denn nur mit dem Menschen? Laß ihn doch! Glaubst du, daß es mir darauf ankommt, was er sagt?«

Sie meinte kleinlaut:

»Ich wollte dich doch nur verteidigen.«

»Du stiftest nur Unfrieden im Haus, was geht dich das an! Laß doch mein Gewehr stehen, wo es ist.« In seiner Wut knüllte er die Zeitung zusammen, warf sie auf den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, rannte hinaus und ließ Denise stehen.

Den ganzen Tag über sprach er kein Wort. Am nächsten Morgen hing er wieder die Büchse um und ging auf die Jagd, auf diese Jagd, bei der er nie eine Patrone in den Lauf steckte und doch erzählte, daß er ein Wild gefehlt habe.– –

Im Januar bekam Denise einen Brief ihres Vaters. Obgleich sie sich eben zum Frühstück gesetzt hatten und Robert nicht leiden konnte, wenn man dabei las, riß sie den Umschlag auf, nur um einen Blick hineinzuwerfen. Sie blieb an den Zeilen gebannt:

›Mein liebes Kind!

Wie mir Dein Mann mitteilt, hast Du große Sehnsucht nach uns. Natürlich kannst Du kommen. Wir haben Dich nur nicht eingeladen, weil Deine Mutter meinte, es müßte doch von Dir ausgehen. Da Du Dich bisher aber nicht gerührt hast, so glaubten wir, Du möchtest von Eurem Tuskulum nicht fort. Ich hoffe, daß Eure Finanzen sich etwas gebessert haben und eine kleine Reise erlauben werden. Ich bin pekuniär durch Deine Mutter und allerlei Umstände sehr in Anspruch genommen, aber ich will gern, um meine Tochter zu sehen, Dir die Reise bezahlen, nur kannst Du Deinem Manne sagen, er möchte es auslegen.

Deine Mutter umarmt Dich, wie Dein Vater

de Verneuil.‹

Denise wußte nicht, was sie sagen sollte. Robert kaute ruhig weiter. Sie reichte ihm den Brief über den Tisch. Er tat sehr erstaunt:

»Ach, von Papa?«

Dann begann er zu lesen. Bei den ersten Zeilen ward er schon verlegen. Er versuchte einen scherzenden Ton zu finden: »Nun kann ich es dir ja gestehen, Denise, ich habe dir nämlich … eine Freude machen wollen und … habe Papa geschrieben. Und das ist die Antwort. Du siehst, ich bin nicht ganz so bös, wie du denkst. Nun, freust du dich denn nicht?«

Denise antwortete nur:

»Ich habe dir doch gesagt, ich will nicht.«

Er begann erregt zu werden: »Ja, aber es wäre doch sehr gut für dich, und ich sehe gar nicht ein…«

»Aber ich will nicht!«

»Zum Donnerwetter nochmal, was hast du denn nur? Also, so wird's einem vergolten, wenn man für dich etwas tun will?«

Sie fragte:

»Warum hast du das hinter meinem Rücken getan?«

Er legte Messer und Gabel fort, und während er sprach, wurde er immer ärgerlicher, bis es mit einem Wutausbruch endigte:

»Du willst mich deswegen noch zur Rede stellen? Darf ich denn keinen Brief schreiben? Ich darf wohl nicht mehr tun, was mir gefällt? Zum Donnerwetter nochmal, da hört doch wirklich alles auf! Und dann sitzt du hier und langweilst dich und machst ein mißmutiges Gesicht und tust, als ob ich dich einsperrte. Ja, wir haben eben nicht das Geld. Tue ich etwa was für mich? Gehe ich nach Paris? Nein! Aber das hat man nun davon! Das hat man davon! Himmeldonnerwetter nochmal!«

Er stand auf, warf seine Serviette auf den Tisch und verließ das Zimmer.

Denise verzog nicht das Gesicht, nur ganz langsam liefen ihr die Tränen über die Wangen. Auch ihr war der Appetit vergangen. Sie floh hinauf zur kleinen Lucy, die in ihrem Zimmer mit ihrer billigen, schmutzigen, alten Puppe spielte. Dort setzte sie sich auf einen niedrigen Kinderstuhl, streichelte des Kindes schwarzes Haar und suchte es zu küssen, indem sie zu ihm sprach:

»Sei gut mit Mama. Sei du wenigstens gut mit Mama!«

Aber auch die Kleine schien von ihr nichts wissen zu wollen. Sie war so eifrig beim Spiel, daß sie nicht unterbrochen sein wollte:

»Mama, ich muß Titi anziehen!«

Dann nahm sie wieder das Kleidchen, den Hut und das Hemd der Puppe, während die Mutter dasaß, die Ellbogen auf die auseinandergespreizten Knie gestützt und vor sich hinstarrte, als sähe sie das graue Entsetzen.

In den nächsten Tagen ging ihr immer die Frage durch den Kopf: ›Warum sollte sie nach Paris? Warum hatte er geschrieben? Wollte er sich ihrer entledigen? Warum? Tat sie ihm etwas? Konnte er mehr von ihr verlangen, als daß sie wie ein stummer Gast im Hause hin und her ging. Sie störte ihn doch wahrhaftig nicht.‹

In ihrem Ärger über ihres Mannes Vorgehen schrieb sie ihrem Vater, sie danke sehr für seine Güte, das Kind könne aber nicht reisen, und sie möchte es nicht verlassen.

Als Robert nach ein paar Tagen fragte, wozu sie sich entschlossen hätte und er sich ihr dabei wieder näherte, als wollte er sie streicheln, wich sie kalt zurück. Er fragte:

»Nun, mein Kind, wie steht's mit Paris? Nicht wahr, du hast doch den Ärger vergessen, es war ja nicht der Mühe wert. Wann willst du denn fahren?«

»Gar nicht!«

Er meinte wieder freundlich:

»Aber du mußt doch nicht so überempfindlich sein! So ein kleiner Starrkopf! Übrigens« … er schien nachzudenken, wie er sie gewinnen könnte … »übrigens, ich habe mir vorgenommen, dir für Paris ein paar hundert Franken zu geben, da kannst du die Reise bezahlen und deine etwaigen Ausgaben. Was du dann etwa von Papa wiederbekommst, nun, das verwende nur für dich.«

Denise antwortete kühl:

»Ich danke dir vielmals, aber es ist gegenstandslos geworden, ich habe Papa bereits geschrieben, ich käme nicht.«

»Du willst nicht fahren?«

»Nein!«

Er verbarg seinen Ärger nicht mehr, sondern rief:

»Das ist aber doch zu dumm! Wenn sich dir die Gelegenheit mal bietet.«

»Ich mag aber nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich habe nichts zum Anziehen.«

Er begann wieder Hoffnung zu schöpfen und meinte einen Ton gedämpfter:

»Ja, aber das kannst du ja dann bezahlen.«

Doch sie blieb dabei. Sie wollte aber den Grund erforschen, weshalb er sie durchaus nach Paris haben wollte. So fragte sie nach einigem Zögern:

»Du willst mich wohl gern los sein?«

»Wie meinst du das?«

»Nun, es scheint dir ja viel daran zu liegen, daß ich nach Paris fahre.«

Er zuckte die Achseln:

»Keine Spur, bleibe, wo du bist, ob du hier bist oder da, ist mir ganz gleichgültig.«

Sie antwortete bitter:

»Das merke ich, daß ich dir gleichgültig bin.«

Er ballte die Faust in der Tasche:

»Ja, wenn du dich so unangenehm gibst.«

Da trat sie an ihn heran und fragte wie von ungefähr:

»Sag' mir mal offen, Robert, weshalb soll ich denn durchaus fort? Liegt dir so viel daran?« Er meinte mit hämisch-spöttischem Ton:

»Nein, durchaus nicht. Bleibe hier, langweile dich weiter. Versitze deine Abende in der Ecke und heule. Blase Trübsal, mache mir das Leben schwer und andern auch, soviel du willst!«

Sie blitzte ihn an:

»Wem mache ich es schwer?«

Er lenkte ein wenig ein:

»Na, na, ich meine bloß so.«

Aber gleich wurde er wieder heftig:

»Herrgott nochmal, nun wollen wir doch die Geschichte begraben sein lassen. Das ist ja schrecklich! schrecklich! schrecklich! Du machst einem ja das Leben zur Hölle. Ich habe überhaupt das alles bis hierher, bis hierher.«

Dabei machte er mit der flachen Hand eine Bewegung, als wollte er sich die Kehle abschneiden.

X.

Die Wintertage schlichen wieder öde und traurig hin. Robert war seltsam verändert: er beachtete Denise gar nicht mehr, sprach kaum ein Wort mit ihr.

Er war beinahe nie mehr zu Hause. Früh schon verschwand er, zum Frühstück kehrte er heim, und nachmittags ging er wieder davon. Die Komödie mit der Jagd schien er nicht weiterspielen zu wollen, er nahm jetzt einfach einen Stock zur Hand.

Da kam Denise eines Tages auf den Gedanken, zu sehen, was er triebe. Eine Ahnung stieg in ihr auf, es könnte irgend etwas nicht mit rechten Dingen zugehen.

Aber wie sollte sie es anfangen? Ihm nachgehen? Das hätte er bald bemerkt. Das einfachste wäre gewesen, irgend jemand zu fragen. Sie dachte an den Krämer im Ort, wo sie einkaufte, an den Küster, und einen Augenblick kam ihr sogar die Idee, sich dem Herrn Pfarrer anzuvertrauen. Aber dann wieder verwarf sie das alles: sie war zu stolz, einem Fremden Einblick in ihr häusliches Leid zu gewähren. Nein, was sie tat, mußte sie selber tun.

Sie fand es ihrer unwürdig, zu spionieren, doch sie wußte sich nicht anders zu helfen. Sie durchsuchte also einmal seine Taschen, in der unbestimmten Idee, es könnte sich eine Spur finden, aber sie entdeckte nichts. Sie merkte sich die Richtung, in der er immer davonging, aber das half ihr zu nichts.

Da dachte sie, worauf sie bisher noch gar nicht gekommen war, plötzlich an früheren Kummer, den ihr Vater ihrer Mutter gemacht hatte. Als Kind hatte sie hier und da etwas gemerkt. Sie las in den Zeitungen Romane, deren Triebfeder beinahe immer die Liebe war. Und das alles zusammen brachte sie auf den Gedanken: dahinter steckt eine Frau!

Mit weiblicher Beharrlichkeit ging sie nun daran, herauszufinden, wer es sei. Sie nahm sich Zeit, sie wollte es nicht erzwingen. Ein Zufall mußte es geben. Er würde sich schon verraten.

Unwillkürlich verlor sie, da sie ihn fortwährend bespähte, die naive Unbefangenheit ihres Wesens. Sie begann Komödie zu spielen, zuerst wenig, schließlich immer mehr. Sie zwang sich, freundlich gegen ihn zu sein, gab ihr Schweigen auf, ihre dumpfe Teilnahmslosigkeit. Sie fragte ihn vorsichtig, ob er wieder im Walde etwas gesehen hätte? Wenn er unangenehm war, machte sie ein gleichgültiges Gesicht. Seine kurzen, groben Worte steckte sie lächelnd ein. Sie gewann die Kraft, alles zu erdulden in dem Gedanken, der sie fortan nur noch beseelte: die Wahrheit zu erforschen.

Sein natürliches Bedürfnis, schwatzen zu müssen, half ihr dabei, und bei der neuen Art, wie sie gegen ihn war, begann er sich allmählich zu verändern, verlor seine Einsilbigkeit und wurde wieder freundlich. Freundlich, nicht herzlich. Er betrachtete sie mehr wie einen gleichgültigen Menschen, dem man allerlei erzählen kann, weil man sicher ist, daß er nicht weiter davon spricht. Und da er nicht mehr die Sorge hatte, sie möchte Liebe von ihm verlangen, da sie so gemessen blieb wie er, bahnte sich allmählich, als der Frühling wieder nach Montmidi kam, ein erträgliches Verhältnis an.

Er erzählte von seinen Spaziergängen, von einem Bachlauf, der sehr hübsch wäre, von einer Stelle im Wald, wo man zu gewissen Stunden das Wild austreten sähe.

Geduldig hörte Denise zu, und eines Tages, als ihn jetzt wieder der Garten beschäftigte, der seine alte Anziehungskraft auf ihn ausübte, ging sie seinen Beschreibungen nach. Sie fand den Bach, fand die Stelle, wo das Wild austrat; aber kein Haus war in der Nähe, kein Wohnort, der sie auf eine Spur hätte führen können.

Doch das entmutigte sie nicht. Sie hatte in ihrem durch nichts bewegten eintönigen Leben Zeit, Zeit, unendlich viel Zeit.

Sie achtete auf seinen Geschmack. Er sprach von einer klapperdürren Frau, die manchmal im Garten mit half, und hielt eine förmliche Vorlesung darüber, wie sonderbar es wäre, daß durch das angestrengte Arbeiten auf dem Acker der Körper gar kein Fett ansetzen könnte.

Er fand die Magerkeit schrecklich, und als er einmal ein Mädchen aus dem Dorfe abfaßte, das nachts im Garten Rosenkohl gestohlen hatte, tat es ihm leid, sie anzeigen zu müssen: es wäre so ein hübsches Ding.

Denise fragte, wie sie aussähe. Er erklärte mit einem gewissen Wohlgefallen:

»Drall, dick und rund.«

Denise hatte sofort das Gefühl: ›Das gefällt ihm.‹ Und sie sagte, um ihn zu einer neuen Äußerung zu reizen: »Allzu stark macht leicht gemein. Nun, es ist ja eine Bauerndirne!«

Da sprach er plötzlich von Paris. Er redete, wie ein Mönch von seiner Weltzeit spricht, verächtlich, naserümpfend. Er verwarf alle die bemalten und gepuderten Frauen, diese gemachten Figuren, die der Mode entsprechend möglichst schlank sein wollten. Er sagte:

»Der wirklich Weise kann keinen Gefallen finden an all dem Luxus, dem Stadttrubel. Da hängen sich diese Weiber nun voll mit Kleidern, die Tausende von Franken kosten, und ein einfaches, gewöhnliches Bauernmädchen mit rundem Busen und roten Backen, mit frischer Hautfarbe, gesund und gebräunt von Luft und Licht, schlägt sie doch tausendmal.«

Er wurde ganz begeistert dabei. Er hatte schon einmal in leisen Andeutungen von seinem früheren Leben in Paris gesprochen, jetzt schalt er sich dumm und töricht, je an die Stadt gedacht zu haben. Das kränkendste für Denise war dabei, daß er eine Theorie aufstellte, als ob eigentlich jede Frau von besserer Herkunft ein schlechtes Geschöpf sei, anspruchsvoll, teuer und dabei doch mit einem gewöhnlichen Mädchen nicht zu vergleichen.

Sie hörte ihm ruhig zu und machte geschickt Einwürfe, um ihn zu weiterm Reden zu veranlassen. Aber als er an diesem Abend zu Bett ging, kurz darauf tief und ruhig wie immer schlief, blieb sie noch lange wach, starrte unausgesetzt von ihrem Lager zur Decke, und sie sagte sich wie mit toter Gewißheit: ›Wenn es eine Frau ist, ist es eine Bauerndirne!‹

Immer freundlicher ward Denise nun gegen ihren Mann, immer unbefangener, so daß sie sich manchmal ganz gut unterhielten. Er ließ sich gehen. Er redete oft in Ausdrücken, wie sie die Bauern gebrauchten, er fand Spaß an gewöhnlichen Worten, die er zum Scherz sagte. Dabei kam Denise immer die Frage: ›Wo hat er das her?‹ Er, einst der elegante Stadtmensch, hätte sonst nie so etwas über die Lippen gebracht. Es waren keine Worte des Pariser Argot, sondern Bauernausdrücke, die ihr jetzt hier und da im Dorf beim Bäcker, beim Fleischer auffielen, während sie sie doch wahrscheinlich seit Jahren schon vernommen, aber nicht beachtet hatte.

Einmal fragte Denise die Amme, was ein Wort hieße, das sie von ihrem Manne gehört hatte. Die lachte laut auf und erklärte es ihr. Es war ein sehr gewöhnlicher Ausdruck, so daß Denise errötete. Als wollte sie sich entschuldigen, sagte sie:

»Ich habe es bei der Gartenarbeit gehört, ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat.«

Da meinte die Amme grinsend:

»Der gnädige Herr sagt's auch.«

Denise antwortete:

»Das ist möglich.«

Sie wandte sich ab, um mit der kleinen Lucy zu spielen, die sie ablenken wollte, denn das Kind war klug und schnappte alles auf.

Aber es quälte sie immer wieder, und sie begann am nächsten Tage abermals, davon mit der Amme zu sprechen. Sie sagte, ihr Mann hätte doch gar keinen Verkehr, wo er denn da einen solchen Ausdruck herhaben könnte? Dabei wagte sie die Frau gar nicht anzusehen.

Dann benutzte Denise den Umstand, daß Louis und seine Frau die Amme verdächtigt hatten, Klatsch gemacht zu haben, und daß die beiden seitdem zusammen nur noch das Notwendigste redeten. Darum sagte sie:

»Er hat es wahrscheinlich von Louis gehört, der ist nicht immer sehr gewählt in seinen Ausdrücken.«

Die Amme grinste wieder, und während sie die Wäsche der kleinen Lucy zusammenlegte, die sie eben vom Bügeln gebracht hatte, brummte sie vor sich hin: »Es ist einer wie der andere, die stecken unter einer Decke.«

Denise griff es auf:

»Wie meinen Sie das?«

Aber die Amme nahm die Wäsche, um sie in den Schrank zu tun, und ging davon.

Denise lief ihr nach, packte sie beim Arm und drehte sie herum:

»Célestine, so entgehen Sie mir nicht. Jetzt sagen Sie sofort, was Sie damit gemeint haben!«

Die Amme machte ein muffiges Gesicht:

»Herrgott, wie man so redet.«

»Nein, nicht wie man so redet, ich verlange Antwort.«

Aber es war nichts aus ihr herauszubekommen, sie sagte nur:

»Nicht wahr, damit ich noch mehr Ärger habe und meine Stelle verliere.«

Davor hatte sie große Angst, denn als Amme konnte sie ja nicht mehr gehen, und zur Tagelöhnerarbeit zurückzukehren, dazu fühlte sie sich jetzt zu sehr verwöhnt.

Denise schloß das Zimmer ab und erklärte:

»Célestine, ich lasse Sie nicht eher fort, bis Sie mir reinen Wein eingeschenkt haben.«

Doch die Amme beschäftigte sich weiter mit ihrer Wäsche, zählte unausgesetzt die Hemden vor- und rückwärts und schien nicht geneigt, eine Antwort zu geben.

Denise ging ans Fenster, den Schlüssel in der Hand und sagte ruhig:

»Ich habe Zeit.«

Dann blickte sie hinaus nach der kleinen Lucy, die auf ihrem Sandhaufen mit einer zerbrochenen alten Holzform Häufchen machte. Seit einer Stunde schon, denn sie war ein gutes, bescheidenes, stilles Kind.

Es verging eine Minute nach der andern, die Amme gab keine Antwort. Schließlich bat sie ihre Herrin, sie möchte sie doch hinauslassen, sie müßte zur Kleinen; aber sie wagte nicht, ihr in die Augen zu sehen.

Da nahm Denise die Frau bei den Armen, zog sie an sich, ließ die Hände über ihre Schultern und den Hals zum Kopf hinauf gleiten, hielt sie fest wie in einem Schraubstock, daß Célestine sie anblicken mußte, und dann sagte sie ernst und entschieden, sie sollte doch vernünftig sein und sagen, was sie wüßte. Unter keinen Umständen ließe sie sie los, und wenn sie den ganzen Tag und die ganze Nacht hierbleiben sollten. Dabei versprach sie ihr, was sie gehört, keinem andern Menschen mitzuteilen. Ja, sie hob in ihrer Verzweiflung die Hand wie zu einem Eide.

Endlich traten Célestine die Tränen in die Augen, sie schluchzte, erklärte, sie wäre nicht schlecht, täte niemand etwas Böses, und um Gottes willen dürfe kein Mensch erfahren, was sie jetzt sage. Es wäre ja auch gar nichts weiter, ihr Mann wäre ja auch nicht anders und dabei doch ein ganz braver Mann gewesen. Schließlich kam es unter Stocken und Zögern und Weinen heraus: ›den Ausdruck müßte der gnädige Herr drüben aus dem Dorfe haben.‹

Bei diesem ›drüben aus dem Dorfe‹ blieb es lange, während Denise ihr immer versicherte, sie würde nicht böse sein, sie wollte nur wissen, was sie damit meinte. Schließlich erzählte Célestine, Robert besuche jeden Tag ein Mädchen drüben in Charenton. Ihren Namen behauptete sie nicht zu kennen, aber man brauchte ja nur zu fragen. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern. Allmählich kam heraus, Louis und seine Frau wären die Vermittler gewesen und hätten den gnädigen Herrn daher in ihrer Hand. Célestine schloß mit den Worten:

»Aber um Gottes willen, gnädige Frau, nicht wahr, Sie sagen nichts. Ich will nicht schuld sein, und der gnädige Herr meint es vielleicht gar nicht so schlimm. Mein Mann war doch so gut, und mit der Marie Dubois hat er es doch gehalten. Ich hab's ihm ja freilich ausgetrieben. Man muß die Männer nur mal tüchtig vornehmen. Das sollten Sie auch tun!«

Sie streckte ihre kräftigen Arme, ballte die Fäuste, daß man ahnte, wie sie wohl imstande gewesen, ihrem Manne handgreiflich seine Seitensprünge auszutreiben.

Denise ließ Célestine los. Man sah keine Bewegung in ihrem Gesicht, sie preßte nur die Lippen aufeinander und sagte:

»Es ist gut! Es ist gut! Ich will nichts weiter wissen. Es ist gut.«

Aber die Amme bereute es jetzt, daß sie überhaupt etwas gesagt hatte. Sie fürchtete, man möchte sie nun wegschicken, darum flehte sie:

»Aber, gnädige Frau, nicht wahr, Sie lassen es mich nicht entgelten? Eine arme Frau wie ich! Glauben Sie mir nur, daß ich an meiner Stelle hänge! Ich bin Ihnen so treu, Sie glauben nicht, wie! Ich bin sehr gern bei Ihnen, und ich ginge gleich ins Wasser, wenn ich fort müßte. Nicht wahr, gnädige Frau, Sie sind mir nicht böse?«

Denise machte eine abwehrende Bewegung:

»Célestine, Sie sind ein gutes Mädchen.«

Es kam gepreßt heraus, abgerissen. Sie nahm den Schlüssel, ging an die Tür, öffnete und sagte mit Mühe, denn sie konnte kaum mehr sprechen:

»Sehen Sie einmal nach der Kleinen.«

Die Amme lief davon, froh, dieser Lage entronnen zu sein. Denise schloß die Tür hinter ihr zweimal herum, dann ging sie an das Bettchen ihres Kindes. Dort blieb sie stehen und spielte mit den rosa Vorhängen, die darüber hingen und den Nachmittagsschlaf der Kleinen behüteten. Keine Träne kam ihr, aber alles war in ihr wie zerbrochen, wie tot, vernichtet. Sie konnte keinen Gedanken fassen, sie spielte mit dem Stoff in ihrer Hand; sie wußte nicht, was sie fühlte, wußte nicht, wo sie sich befand; ihr war zu Sinne, als hätte sie einen Schlag auf den Kopf bekommen, daß ihr das Denken schwer ward. Ab und zu räusperte sie sich, dann ging sie durch das Zimmer und blieb an der Wand stehen, starrte zur Decke und blickte wieder zur Erde. Sie hob die Arme, ließ sie schlaff sinken, als wollte sie sagen: ›Ja, was soll ich denn nun anfangen?‹

Sie setzte sich in einen Stuhl, streckte sich lang aus, schloß die Augen und dachte: ›Ich habe Kopfweh, Kopfweh, nicht zu ertragen!‹ Sie preßte die Handflächen an die Stirn, fuhr wieder auf und fragte sich: ›Was ist denn nur los? Was fehlt mir denn?‹

Dunkel und dumpf nur erschien immer wieder vor ihrem Gedächtnis, was sie eben gehört hatte. Sie versuchte nachzudenken. Wer war diese Person?

Sie wollte ihren Mann zur Rede stellen. Sie richtete sich auf. Sie wollte hinüberlaufen, ihn suchen oder hinunter in den Garten. Sie wollte ihn bei seinem Gewissen packen, ihn aufrütteln, ihn beschimpfen und schmähen, ihn schlagen, ja schlagen, wie Célestine erzählt hatte, daß sie es ihrem Manne getan. Sie ballte die kleinen zarten Hände, aber sie hatte ja keine Kraft, und sie sank in den Stuhl zurück und starrte vor sich hin.

Doch ihr Hirn arbeitete wieder, ihre Gedanken wurden klarer. Es schien ihr, als wäre sie vorhin gelähmt gewesen. Sie meinte, sie müßte verzweifelt sein, und wunderte sich, daß sie es nicht war. Sie meinte, sie müßte weinen, aber sie fand keine Träne. Sie glaubte, sie müßte schreien, hinunterstürzen, ihn angreifen, ihn zur Rede stellen, aber sie blieb regungslos sitzen. Sie wartete auf irgend etwas, etwas Besonderes, etwas Ungeheuerliches. Aber es geschah nichts! Es schwieg alles; nur ab und zu hörte sie unten im Garten das glückliche Lachen ihres Kindes. Da stand sie auf, trat an die Scheiben, blickte hinaus, und nun sah sie die kleine Lucy immer noch geduldig auf derselben Stelle sitzen, wie sie kleine Sandhäufchen machte, umstieß, glättete, wieder zusammenkratzte, um das Werk von neuem zu beginnen. Sie erkannte an der Form des Kopfes, im Strahlen dieser Augen Robert wieder, Zug um Zug, Robert, den Mann, den sie von den ersten Jahren an geliebt, dem sie ihr Lebensschicksal anvertraut, und der sie nun jämmerlich betrogen hatte.

Bei dem Gedanken ballten sich wieder ihre Fäuste, und eine fürchterliche Erbitterung kam über sie. Aber der Sturm ließ abermals nach, sie wurde wieder ruhiger, ganz ruhig. Sie zog sich den Stuhl ans Fenster, stützte die Ellbogen auf und legte das Kinn in die Hände, dann lehnte sie die Stirn gegen die Scheiben. So blieb sie unbeweglich sitzen. Ihr ganzes Dasein zog an ihrem Geiste vorüber: die Erziehung im Kloster, die Heimkehr nach Hause, ihr kindischer, ach, so kindischer Gedanke, sie wollte einen Mann haben. Einen Mann – und das war er nun!

Das Rätsel ihres Lebens stieg vor ihr auf, das Rätsel, das sie nicht faßte, all das Unglück ihres Daseins, die Verkettung von traurigen Umständen, die sie hierher geführt hatte in dies verlassene Zimmer von Montmidi, wo kein Mensch sie sah, sie, die von ihren Eltern doch für die Gesellschaft, für Wohlleben, für Luxus bestimmt war, und die wohl ein Anrecht gehabt hätte auf die Freuden und das Glück dieser Erde. Was war daraus geworden? Sie war eine einsame Frau, mit der ihr Mann nicht sprach, eine Verkümmerte, die sich nach ein wenig Liebe sehnte, die sie nicht empfing, eine Bescheidene, die, ach, mit einem freundlichen Blick nur, schon zufrieden gewesen wäre.

Sie saß hier ohne Geld, einem rüden Bauern überantwortet, der sie um eines gewöhnlichen Mädchens willen verriet. Sie dachte an die Person, die sie nie gesehen hatte, wenigstens nie mit Bewußtsein, deren Namen sie nicht kannte, und eine furchtbare Wut überfiel sie. Nicht gegen ihren Mann, sondern gegen dieses Weib, das ihr das Herz ihres Gatten entführt hatte. Der Gedanke kam ihr: ›Aufstehen! Hinauslaufen nach Charenton und sie suchen, sie schlagen, sie der Verachtung der Menschen preisgeben.‹ Sie wollte zum Bäcker laufen und zum Fleischer und in das Grand-Café, die armselige Kneipe, die sich so nannte, und dort dem Wirt sagen: ›Die ist es, und ihr duldet eine solche Elende unter euch?‹ Sie wollte an die Frauen sich wenden, an die guten, braven, ehrbaren Frauen des Dorfes und wollte ihnen sagen: ›Diese Person hat mir das Herz meines Mannes gestohlen! Wollen wir nicht alle zusammenstehen? Es kann euch doch auch einmal so gehen?‹ Sie wollte all die Bauernweiber zusammentrommeln, die Frauen der kleinen Kaufleute, die Mädchen und Mägde, die Dirnen von den Höfen und wollte ihnen sagen: ›Treibt sie hinaus! Duldet sie nicht unter euch!‹

Aber sie blieb sitzen und regte sich nicht. Sie wußte, sie hätte sich geschämt vor all den Menschen, geschämt, ihren Kummer, ihr Elend, ihre Schmach zu offenbaren. Nein, sie würde ihr nichts tun, wollte sie nicht sehen, ihr nicht die Polizei auf den Hals jagen, wie sie in ihrer ersten Erbitterung gemeint hatte. Sie wollte nicht die Weiber aufhetzen, sie wußte, die hätten sie ausgelacht, denn sie waren genau so, sie mußten ja alle so sein!

Denn was hatte Célestine gesagt, als sie von jener Marie Dubois gesprochen? Nichts weiter als: ›So sind die Männer alle!‹ Sie hatte die Dubois vielleicht geprügelt, sich vergriffen an ihr und ihre Hände beschmutzt. So faßten die Weiber hier das auf, was in die tiefsten Tiefen des Herzens ging! Sie waren beruhigt, wenn sie ihre Männer durch ein paar Ohrfeigen wieder auf den rechten Weg gebracht zu haben glaubten. Daß da jedesmal zwei Menschen einander verloren gehen, daß der sträfliche Gedanke des Mannes die Frau schon ebenso demütigt wie die ausgeführte Tat des Treubruches, das begriff Célestine nicht, das verstanden diese Weiber nicht, die sie, Denise, in ihrer törichten ersten Wallung zu ihrem Schutz hatte aufrufen wollen.

Ein entsetzlicher Ekel überkam sie vor den Menschen, eine Furcht vor dem Leben, ein Grauen vor allem, was es brachte.

Und wieder dachte sie daran, wie sie in Paris an jenem Tage beim Frühstück unter dem Lachen der Eltern und des Bruders gesagt hatte, sie wollte einen Mann haben. Wie ein Kind um eine Puppe bittet. Und wer war der Mann? Robert!

Sie stand auf, sie schüttelte sich, es überlief sie, ihre Zähne schlugen aufeinander. Sie tupfte sich mit dem kleinen zusammengeballten Taschentuch Mund und Stirn und sagte ganz laut vor sich hin:

»Pfui Teufel!«

Mit ihrem Mann sprach Denise kein Wort über das Vorkommnis. Sie tat keinen Schritt, um zu erfahren, wer dieses Mädchen wäre. Sie ging nicht mehr in den Wald, die Stelle zu suchen, die nach den Erzählungen in Betracht kam, sie schlich Robert nicht nach. Sie zwang sich, wenn er erzählte, zu einem Lächeln, aber jedesmal, wenn sie ihn sah, kam ein unbestimmtes Gefühl über sie: ›Du hast mich betrogen, du bist ein Verräter!‹

Stillschweigend, ohne ein Wort zu verlieren, schaffte sie mit Célestine ein altes Bett vom Boden herab und stellte es im Kinderzimmer auf. Die Amme schlief dafür in einer Bodenkammer. Robert fragte, was das sollte. Sie antwortete:

»Die Kleine bedarf meiner, und ich muß die Sorge für sie allein übernehmen, denn ich denke daran, Célestine einmal fortzuschicken.« Er sah sie kurz an, aber er antwortete nichts. Von diesem Tage ab betrat Denise das gemeinsame Schlafzimmer nicht mehr.

Zuerst war ihr Waschzeug nebenan stehengeblieben, im Toilettenzimmer, einem kleinen, in einem Anbau befindlichen helltapezierten Raum, der durch ein einziges Seitenfensterchen Licht erhielt. Aber bald holte sie ihr Geschirr herüber. Bei Lucy wurde auf eine Kommode eine Serviette gebreitet, dort wusch sie sich jetzt. Kurz darauf entfernte sie auch ihren Toilettentisch aus dem Schlafzimmer, dafür ward der Schrank Célestines auf den Dachboden geräumt.

Das alles taten die beiden Frauen, ohne Louis oder seine Frau zu Hilfe zu rufen. Denise strengte sich an, die schweren Möbel mit der Amme zu schleppen; sie biß die Zähne aufeinander, während sie das Bett trug, und alle zwei Schritte blieb sie stehen und erholte sich von der Anstrengung. Um keinen Preis hätte sie die anderen aufgefordert, ihr zu helfen. Sie fürchtete sich vor den spöttischen oder gar mitleidigen Blicken dieser beiden, die doch offenbar wußten, was Robert trieb.

Denise fühlte sich im Haus wie eine Gefangene. Ihren Dienstboten konnte sie nicht trauen, ihr Mann hatte sie betrogen, nur ein einziges Wesen, Célestine, stand auf ihrer Seite, aber das war eine dumme Bauersfrau, mit der sie nicht viel sprechen konnte.

So ward es Sommer und ward Herbst. Robert war noch einsilbiger als früher, und nur noch selten erzählte er etwas.

Denise war ruhiger geworden. Ihr schien jetzt die Schmach, die ihr Mann ihr angetan hatte, wie etwas Unabänderliches. Sie brauchte sich nicht mehr zu zwingen, seinen karg fließenden Worten zuzustimmen. Sie tat es mechanisch, immer mit denselben Ausdrücken, wenn die einzigen, ewig wiederkehrenden Gesprächsgegenstände abgehandelt wurden: der Zustand des Gartens nach dem Einbruch des Winters, die Wetteraussichten, Roberts Spaziergänge, der Blätterfall im Herbst. Sie begnügte sich mit nichtssagenden Wendungen: ›der Winter wäre traurig, der Frühling würde wieder schön werden, der Sommer brächte wohl reiche Frucht.‹

Das Gespräch zog sich notdürftig hin wie unter Fremden. Sie näherte sich Robert nicht mehr, sie bat nicht mehr um seine Liebe, und sie, die sich mit einem flüchtigen Kuß auf die Stirn am Morgen und am Abend begnügt hatte, wich jetzt sogar zurück, wenn er sich ihr nähern wollte. Seine Lippen hatten eine andere berührt, sie sollten ihr fernbleiben.

Er war es zufrieden, wenn er auch das erstemal, als sie sich wehrte, ein erstauntes Gesicht machte. Jetzt sagten sie sich nur guten Morgen und gute Nacht, oft nicht einmal das.

Eines Tages wiederholte Robert seine Anfrage, ob Denise nicht nach Paris zu ihren Eltern gehen wollte. Er tat dabei freundschaftlicher als sonst, schien sich ihr wieder nähern zu wollen, aber wie er ihr die Hand auf die Schulter legte, fuhr sie zurück, als wäre ein böses Reptil über ihren Leib gekrochen. Er sah sie erstaunt an:

»Nanu?«

Doch sie erklärte kurz, sie ginge nicht nach Paris. Dann ließ sie ihn stehen, und als sie fortging, hörte sie ihn laut sagen:

»So ein albernes Frauenzimmer!«

An diesem Tage wurde kein Wort beim Frühstück gewechselt, kein Wort bei Tisch. Robert sagte ihr nicht gute Nacht, am nächsten Morgen begrüßte er sie nicht. Mittags fehlte er.

Denise setzte sich allein zu Tisch mit der kleinen Lucy, die stumm auf ihrem Stühlchen saß, die Serviette vorgebunden, und mit ihren niedlichen kleinen Händchen ganz geschickt selbst ihre Suppe löffelte. Ab und zu fiel einmal ein Tropfen herab, dann beugte sich, die Mutter vor, nahm dem Kinde den Löffel ab, wischte die Stelle an der Serviette rein und fütterte die Kleine.

Aber wie sie so allein saß, der leere Platz ihr gegenüber, traten ihr die Tränen in die Augen.

»Was hast du denn, Mama?« fragte das Kind.

Denise wischte sich die Lider und fing an zu lächeln.

Die Kleine fragte wieder:

»Bist du traurig?«

Da nickte die Mutter und zog das Kind an sich, das rührend zärtlich gegen sie war und ihr immer mit der kleinen Hand die Wange streichelte.

Abends erschien Robert, aber eine Stunde zu spät. Sie hörte nur seinen Schritt, denn sie hatte sich oben eingeschlossen.

Nun begann ein entsetzliches Leben. Robert sprach kaum mehr ein Wort. Er blieb immer häufiger zum Frühstück fort. Denise saß die langen Tage bei ihrem Kinde mit geröteten Augen. Sie konnte nicht mehr, ihre Kraft war zu Ende, ihre Nerven ließen nach. Sie mußte unausgesetzt weinen. Aber sie verbarg es vor der kleinen Lucy, denn die rief dann immer:

»Mama, nicht weinen!«

Und das ging ihr so zu Herzen, daß ihr erst recht die Tränen kamen.

Im Februar, als ihr vierjähriger Hochzeitstag nahte, der Himmel grau war, ein eisiger Regen niederging, Robert wieder zum Frühstück fehlte und sie ahnte, wo er war – bei der andern dort drüben, deren Namen sie nicht kannte, von der sie nie wieder gesprochen – kam die Verzweiflung so über sie, daß sie beschloß, wenn ihr Mann zurückkehrte, ihm zu erklären, dies Leben hielte sie nicht länger aus, und ihm vorzuschlagen, sie wollten ein Ende machen so oder so. Sie kannte die Rechtsverhältnisse nicht, sie wußte nur, daß man getrennt leben konnte, daß man sich scheiden lassen durfte. Aber sie ahnte nicht, wie das zu geschehen hätte, und sie nahm sich vor, sie wollte eines Tages ihr Kind nehmen und, während er fort war, einfach abreisen. Aber dazu mußte sie Geld haben, und sie besaß keins; denn die Zinsen ihrer Mitgift steckte er ein. Er rechnet mit Louis und seiner Frau ab, sie bekam nur immer das Notwendigste, unter Brummen darüber, was sie alles für Anschaffungen für sich und die Kleine brauchte.

Doch gerade an dem Abend, wo sie eine Aussprache erzwingen wollte, dauerte es und dauerte es, und Robert kam nicht. Während die kleine Lucy schlief, saß Denise im Kinderzimmer, ganz nahe an der nur angelehnten Tür, um zu lauschen, wann Robert heimkehrte. Eine Stunde verflog nach der andern. Es war elf geworden, die Haustür verschlossen, überall im Hause längst das Licht gelöscht, und noch immer war er nicht da.

Denise hatte einen Schal um die Schultern gehängt, sie fror trotzdem, denn es war eine kalte Nacht. Und als sie ans Fenster trat, sah sie plötzlich, wie alles draußen glänzte: Schnee bedeckte den Garten und türmte sich auf den Zweigen der Bäume in dichten Lasten. Ein kalter Mondenhimmel leuchtete herab. Gerade gegenüber deutete eine helle Stelle in den Wolken an, daß sich dort das Nachtgestirn hindurchrang. Aber ein paar Augenblicke darauf ward es wieder finster und finsterer: der Schneefall ging weiter, langsam fielen die Flocken, häuften sich zu hoher Decke, vom Winde seitwärts getrieben, und eine eisige Kälte wehte durch die Fugen der schlecht schließenden Fenster der jungen Frau entgegen.

Sie schloß die Laden. Ihre Finger zitterten, als die Flocken ihre zarte Haut trafen. Sie schauerte zusammen, sie war müde und übernächtig. Sie blickte nach der Uhr: eins! Und immer war er noch nicht zurück.

Da ging sie an die Tür, riegelte zu, setzte sich auf ihr Bett, legte die Hände in den Schoß und überließ sich ihren Gedanken. Sie lauschte auf die regelmäßigen Atemzüge der Kleinen. Dann horchte sie wieder hinaus, ob kein Geräusch ihres Mannes Wiederkunft anzeigte, aber nur ab und zu hörte sie draußen eine Schneelast von den Zweigen in den Garten hinunterschütten. Ganz in der Ferne schlug einmal ein Hund an.

Sonst schwieg alles, schwieg, wie es seit langem in ihrem Herzen geschwiegen hatte, schwieg, wie immer hier in der verlassenen Villa, in der sie lebte, als hätte sie keinen Mann, keinen Bekannten, keine Verwandten, keine Freunde, wo sie ihr Dasein, ihre Jugend vertrauerte, und nur eins besaß, dem sie trauen durfte: ihre kleine Lucy.

Sie dachte nach über ihr Schicksal. Sie dachte nach über das ganze Leben. Wozu war sie nun eigentlich auf diese Erde gestellt? Welchem Zweck sollte ihr Dasein dienen? Sie war allein, immer allein, kein Mensch kümmerte sich um sie, keinem stand sie nahe.

Sie dachte an ihre Freundinnen aus dem Kloster, mit denen sie sich nicht mehr schrieb, denn die waren meist in Paris verheiratet, lebten ihr elegantes Gesellschaftsleben und kümmerten sich um die armselige kleine Provinzlerin nicht.

Sie hatte absichtlich mit ihnen keinen Verkehr unterhalten, sie wollte niemand ihr Elend und ihre Armut offenbaren, sie hätte sich im tiefsten Grund ihrer Seele geschämt, einem andern zu zeigen, was sie hier stumm litt. Sie dachte an ihre Mutter, die doch die erste gewesen wäre, sich ihr anzuvertrauen. Aber hatte sich die Mutter je um etwas anderes gekümmert als um ihre Unterhaltung, ihre Toiletten, ihren Wagen? Hatte sie je gefragt, ob die Tochter glücklich wäre? Ihr schien die Mutter so kalt, so fern, so gleichgültig. Ja, gleichgültig, wirklich wie eine Fremde.

Sie dachte an den Vater. Sie ahnte jetzt dunkel, daß er sich einst auf ähnlichen Wegen befunden hatte wie Robert. Er war schwach, er brauchte viel Geld, er war oberflächlich, ein großer Egoist, der nur immer das getan hatte, was ihm Spaß machte. Und doch ward sie in Gedanken an ihn nicht so bitter wie gegen die Mutter. Das letztemal, als sie ihn gesehen, hatte er ihr doch Dinge gesagt, die verrieten, daß er wenigstens eine Seele besaß.

An ihn wollte sie sich wenden; er würde sein Kind in höchster Not nicht zurückstoßen. Sie stand auf, ging an den Schreibtisch in der Ecke, zündete Licht an und schrieb ihrem Vater einen langen Brief.

Sie suchte darin immer noch Robert zu schonen, redete nur im allgemeinen von Mißstimmung und Auseinanderlaufen, von der Öde in ihrem Dasein, daß sie keinen Menschen sähe und glaubte, verrückt werden zu müssen, wenn das ewig dauern würde. Sie bat ihn, zu kommen, daß sie sich mit ihm aussprechen könnte. Er wäre doch immer ihr guter, lieber, kleiner Papa gewesen, sie wüßte sich keinen Rat mehr, er müßte, müßte kommen.

Dann ging sie todmüde zu Bett. Aber sie konnte nicht schlafen, immer fuhr sie im Halbschlummer empor und lauschte auf Roberts Rückkehr. Doch nichts regte sich.

Als sie endlich aufwachte, stand die Kleine schon aufrecht in ihrem Bett, hielt sich an den Gitterstäben und rief kläglich nach ihrer Mutter. Denise holte sie zu sich, legte sie an ihre Seite, strich ihr die schwarzen Locken aus der Stirn, erzählte vom Schnee, der draußen läge, und daß es kalt und häßlich wäre; sie sollte ruhig noch ein bißchen hierbleiben.

Dabei brachen ihre Worte ab, und sie nickte ein. Aber das Kind weckte sie im nächsten Augenblick. Lucy wollte hinaus, um den Schnee anzufassen, den Schnee, der seit Jahren nicht mehr gefallen war und in dieser Gegend auch nicht dauernd liegen blieb.

Aber Denise rieb sich die schweren Augenlider und antwortete nur ärgerlich:

»Kind, laß mich doch in Ruh', schlaf' noch ein bißchen.«

Geduldig fügte sich die kleine Lucy, doch sie wälzte sich von einer Seite zur andern, und schließlich sah Denise ein, sie mußte der Kleinen ihren Willen tun. Sie klingelte nach der Amme und ließ das Kind anziehen. Dann empfahl sie, sie sollten nicht zu lange draußen bleiben, daß Lucy keine nassen Füße bekäme, jedenfalls müsse sie dann Schuhe und Strümpfe wechseln.

Als die beiden fort waren, erhob sich Denise und zog sich schnell an, um selbst an die Eisenbahnstation zu gehen und den Brief an ihren Vater in den Kasten zu stecken. Sie konnte ihn ja hier keinem Menschen anvertrauen. Sie fragte nicht, ob ihr Mann zurückgekehrt sei. So sehr sie der Gedanke gequält hatte, daß er nun auch die Nächte, wie es schien, fortblieb, so gleichgültig war es ihr jetzt. Mochte er in Charenton sein, so viel er wollte: dieser Mann, der sie täglich und stündlich verriet, ging sie nichts mehr an.

Während sie durch den allmählich unter der Einwirkung der Sonne zerrinnenden Schnee den Weg zur Station hinschritt, dachte sie nur noch daran, daß ihr Vater kommen würde, um sie zu erlösen aus dieser schmachvollen Gefangenschaft.

Er rieselte und rauschte von allen Seiten, in den Chausseegräben lief das Tauwasser, die Bäume starrten wie schwarze, struppige Besen und Ruten gen Himmel, denn der größte Teil des Schnees war in der Sonne schon geschmolzen.

Wie sie die schnurgerade Chaussee dahinschritt, dachte sie an den Tag, da sie mit Robert zum erstenmal hierher nach Montmidi gekommen war, das Herz voll junger Hoffnung. Sie lachte bitter, als sie sich überlegte, wie sie nicht einmal ernstlich böse gewesen war, daß er das Geld verloren hatte, denn sie hatte doch gemeint, sie würde um so glücklicher sein können in dieser Einsamkeit, wo sie nichts abzog von ihrer Liebe. Ihr kam wieder zu Sinnen, wie sie sich aus Paris fortgesehnt hatte, weg aus dem Trubel der Weltstadt, wie sie ihrer Freundin in der Normandie einst geschrieben, sie wollte mit ihr tauschen.

Das Wasser rann nur so über den Boden, der tief aufgeweicht war. Es drang ihr bald durch die Sohlen, daß die Strümpfe sich förmlich vollsogen wie Schwämme. Denise hob mit beiden Händen das Kleid, den Brief zwischen den Fingern, immer mit dem Gedanken beschäftigt: ›Papa kommt! Papa kommt! Und nun wird alles gut!‹

Sie hatte plötzlich großes Vertrauen zu ihm, nun sie eine Hoffnung sah, jemandem ihr Herz ausschütten zu können.

Das verbesserte ihre Laune, sie lächelte vor sich hin. Sie sagte sich: ›Wenn Papa mich mitnimmt, sollen diese letzten Monate oder Jahre hinter mir auf ewig versunken sein!‹

Als sie an die ersten Häuser des Ortes kam und schon das kleine, mit hellen Hohlziegeln gedeckte Bahnhofsgebäude vor sich sah, ließ sie das Kleid los, um den Brief in den Kasten zu stecken. Da erst merkte sie, daß sie ihn nicht mehr in der Hand hielt.

Sie erschrak. Sie hatte ihn doch eben noch zwischen den Fingern gefühlt. Hatte sie ihn etwa eingesteckt? Sie griff in die Tasche, sie faßte in ihren kleinen Muff. Nein, sie mußte ihn verloren haben.

Eiligst lief sie den Weg zurück, er mußte ja irgendwo liegen. Sie ärgerte sich nur, daß der Umschlag beschmutzt sein könnte. Sie ging eine ganze Strecke, aber sie fand den Brief nicht.

In der Ferne sah sie einen Wagen kommen, und sie sagte sich sofort: ›Ich werde die guten Leute fragen, vielleicht haben sie etwas Weißes liegen sehen.‹ Denn sie meinte, es wäre ein Bauerngefährt.

Das Tier davor griff so schnell aus, daß sie ein paar Augenblicke darauf ein Dogcart erkannte, in dem zwei Personen saßen, ein Herr mit dem Groom.

Sie wollte unbemerkt vorübergehen, denn sie ahnte: es war einer der Nachbarn, die doch gewiß etwas von ihnen gehört hatten, und sie schämte sich, weil sie sich so ärmlich angezogen fand.

Aber da hielt der Wagen vor ihr. Der Herr lüftete den Hut:

»Gnädige Frau!«

Sie blickte auf und sah einen schlanken, jungen Menschen vor sich, mit kleinem, schwarzem Schnurrbart und der gelben Gesichtsfarbe des Südländers. Einen Herrn, der einen schönen Pelz trug und leicht gelocktes Haar zeigte, als er die Kopfbedeckung abnahm. Der Groom war tadellos angezogen, und mit einem flüchtigen Blick entdeckte sie am Dogcart zwei Buchstaben und eine Krone darüber.

Ein Schreck durchfuhr sie: es war wirklich ein Nachbar. Um Gottes willen, er kannte sie doch nicht? Er wollte sie doch nicht begrüßen? Was hätte sie denn mit einem Gast angefangen, jetzt, wo Robert zum Bauern geworden war! Und in der Wirtschaft kein Geld, in ihrem Keller keine Flasche Wein!

Sie ward rot, während der junge Herr fortfuhr:

»Gnädige Frau, entschuldigen Sie, wenn ich Sie anrede, aber ich glaube Ihnen einen Dienst zu erweisen. Haben Sie etwa diesen Brief verloren?«

Dabei zeigte er ihr den Brief an ihren Vater.

Sie antwortete erschrocken, indem ihr Gesicht sich immer dunkler färbte:

»Allerdings, ich glaube, daß es mein Brief ist.«

Der Herr las die Adresse: »An Herrn de Verneuil, nicht wahr?«

Er lüftete die Decke um seine Knie, sprang gelenkig und geschickt herunter, nahm abermals den Hut ab und überreichte ihr den Brief.

Sie sagte:

»Ja, in der Tat, mein Vater.«

»Ach, Ihr Herr Vater?«

»Jawohl, mein Vater.«

Er sah sie forschend an:

»Ich habe wohl die Ehre, Frau de la Caille vor mir zu sehen?«

Sie nickte, und er sagte:

»Sie erlauben wohl, daß ich mich bekannt mache: Baron d'Hautecourt.«

Sie drehte den Brief zwischen den Fingern, und er fuhr fort:

»Gnädige Frau, ich habe ihn möglichst sorgfältig gereinigt.«

Dabei zog er ein schmutzig gewordenes Taschentuch, nahm einen reinen Zipfel und wischte nochmals über den Umschlag, obgleich das Papier längst trocken war. Doch die Tintenschrift war verwischt, und er meinte, sie müsse die Adresse noch einmal schreiben.

Sie erwiderte, es wäre nicht nötig, sie nähme den Brief mit nach Haus. Da hatte er schon aus seiner Rocktasche einen Umschlag gezogen:

»Bitte, gnädige Frau, ich habe immer alles zum Schreiben bei mir. Man kann nie wissen.«

Dabei lachte er listig vor sich hin, blickte Denise von der Seite an, holte eine Füllfeder gleichfalls aus der Tasche, ließ durch den Groom das Dogcart bis hart an den Fußweg der Straße fahren, nahm den Sitz herunter, legte ihn auf den Fußtritt und sagte: »Sehen Sie einmal, gnädige Frau, hier haben Sie den schönsten Schreibtisch der Welt!«

Sie wußte nicht, wie es kam; obgleich es vielleicht gar nicht nötig gewesen wäre, ergriff sie die Feder. Sie schrieb die Adresse, er hatte auch schon eine Briefmarke aus dem Portemonnaie genommen und klebte sie darauf.

Sie sagte, als wollte sie ihm die Briefmarke ersetzen:

»Also fünfzehn Centimes …«

Er lachte nur. Doch sie hatte schon nach der Tasche gegriffen, merkte aber, daß sie kein Geld bei sich trug. Da sagte sie, immer noch verlegen:

»Ich werde mir erlauben, es Ihnen zuzuschicken.«

Doch er wehrte ab:

»Nein, gnädige Frau, das ist ja lächerlich!«

»Nein, ich bin gewöhnt, meine Schulden zu bezahlen.«

Er meinte:

»Ach, wenn ich das nur auch immer getan hätte, das wäre gut, oder vielleicht, es wäre gut, wenn ich nie welche gemacht hätte.«

Währenddessen fuhr das Dogcart im Schritt auf und ab, denn das Pferd schwitzte. Er blieb immer noch neben ihr stehen. Sie antwortete und verstand sich selbst nicht, wo sie den Mut hernahm:

»Haben Sie denn so viele Schulden gemacht?«

Er lachte:

»Ach schrecklich! schrecklich! Das kommt von dem verdammten Paris. Übrigens haben Sie keine Angst, sie sind alle bezahlt. Ich sitze jetzt hier auf meiner Klitsche, um mich etwas davon zu erholen. Sonst können Sie sich doch denken, daß ich nicht gerade den Winter hier verleben würde. Mein Gott, ist das ein gräßliches Land!«

Sie schämte sich jetzt fast, daß sie auch den Winter hier zubrachte, und meinte: »Es kommt darauf an. Wenn man Familie hat …«

»Ja, sehen Sie, wenn man Familie hat! Aber die habe ich ja nicht. Ich bin ganz allein. Jäger bin ich eigentlich nicht, nur aus Verzweiflung nehme ich mal ein Gewehr in die Hand. Nun sagen Sie selbst, was soll man hier anfangen? Sie werden sich wundern, daß ich das so offen erzähle, daß ich hier sitze, um meine Verhältnisse zu ordnen, aber es ist doch am Ende nichts dabei. Wenn man Schulden macht und sie nicht bezahlt, ja dann! Aber ich bin eben so anständig gewesen und habe sie bezahlt. Darum muß ich jetzt vernünftig sein. Ich sagte mir nämlich, in Paris sitzen und keinen Groschen haben, das bringe ich nicht fertig. Da habe ich also die große Remedur eintreten lassen und habe mir selbst drei Jahre Provinz verordnet. Denken Sie mal, drei Jahre! Und das ist erst der erste Winter! Es ist ja zum Rasendwerden! Ob ich's aushalte, weiß ich noch nicht bestimmt, aber wegen meiner Finanzen muß ich's hoffen. Ich habe nämlich mit meinen Gläubigern ein großartiges Abkommen getroffen mit Hilfe eines mir bekannten Notars, der ein Mann von Verständnis und Welt ist! Ich bekomme nur einen kleinen Teil meiner Einkünfte, das übrige wird dazu benutzt, um allmählich die Kerls abzufinden. Ach, der frühere Leichtsinn ist schwer gebüßt. Mein Gott, mein Gott, wenn ich nicht ein paar Bücher hätte!«

Sie meinte, weil sie sich komisch fand, so dazustehen, ohne ein Wort zu sprechen:

»So, lesen Sie viel?«

»Na, das können Sie sich doch denken! Übrigens lese ich sehr gern, und ich las auch in Paris manches, aber seitdem ich hier lesen muß, um die Zeit totzuschlagen, seitdem macht es mir nicht mehr so viel Spaß. Es ist die alte Geschichte vom Zwang. Nur keinen Zwang, nur nicht gebunden sein, das ist schrecklich! Alles, wozu man eine Verpflichtung hat, ist mir fürchterlich. Alles, was ich freiwillig tue, tue ich riesig gern.«

Aber die Unterhaltung hatte schon zu lange gedauert, er schien es zu fühlen und sagte, indem sein Blick über ihre Gestalt lief und an ihren Augen hängen blieb:

»Gnädige Frau, da uns der Zufall einmal so zusammengeführt hat, werde ich mir also gestatten, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«

Es durchschoß sie ein furchtbarer Schreck. Sie stammelte:

»Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, aber mein Mann ist allerdings nicht sehr für Geselligkeit, und ich muß Ihnen gleich sagen, daß wir Ihnen auch nichts werden bieten können.«

Er lachte wie ein guter, braver Junge:

»Aber, gnädige Frau, was denken Sie denn, glauben Sie, daß ich Ihnen meinen Besuch machen will, nur um bei Ihnen zu essen? O nein, ich dachte nur, wir könnten vielleicht sonst gute Nachbarschaft halten. Sie können sich doch auch unmöglich hier furchtbar amüsieren, und vielleicht könnten wir gemeinsam Trübsal blasen.«

Aber sie wollte nicht die Öde ihres Daseins aufdecken:

»Mein Mann geht viel auf die Jagd.«

»Sie vielleicht auch?«

»Nein, ich nicht.«

»Nun, man findet ja manchmal Damen, die …«

»Ich bin in Paris groß geworden, ich habe nie Gelegenlegenheit gehabt.«

Er konnte sich noch immer nicht trennen. Er fragte, ob sie denn als Pariser Kind es hier aushielte, sie wäre doch anderes gewöhnt.

Da verstellte sie sich ein wenig:

»Ich liebe die Einsamkeit.«

Gedehnt antwortete er:

»So – so!«

Und in diesem Moment war sie entschlossen, wenn er weiter gefragt hätte, ihr Leben so darzustellen, als ob es sehr glücklich wäre; ihren Mann zu verteidigen durch dick und dünn.

Aber der junge Mann glaubte, sie genug aufgehalten zu haben, verabschiedete sich artig grüßend, stieg in sein Dogcart und fuhr nach dem Bahnhof davon.

Sie aber nahm den Brief mit der neuen Adresse; doch statt ihn in den Kasten zu stecken, lief sie, was sie konnte, die Chaussee wieder zurück, denn sie wollte ihren Nachbar nicht noch einmal treffen, in ihrem schlechten Anzug, mit ihren groben, schmutzigen Stiefeln. Auch fürchtete sie, wenn er sah, daß sie den Weg zurück zu Fuß machen mußte, würde er vielleicht galant sein und sie in seinem Wagen mitnehmen. Das wollte sie vermeiden.

Als sie zum Frühstück kam, saß ihr Mann schon bei Tisch. Er fragte sie, wo sie gewesen sei. Sie sagte, sie wäre spazieren gegangen. Er tat gar nicht, als ob er die Nacht nicht zu Hause geschlafen hätte.

Sie aber überlegte fortwährend, wie sie ihm den drohenden Besuch beibringen sollte. Und schließlich kam sie mit sich überein, es ihm gar nicht zu sagen. Wenn der Nachbar, Baron d'Hautecourt, wirklich kam, würde er es ja zeitig genug merken.

XI.

Der Schnee war schon am nächsten Tage bis auf die letzte Spur wieder davon; die Sonne trocknete den Boden auf, und nun, wo sie vom Morgen bis zum Abend am wolkenlosen Himmel stand, schien es weniger schrecklich in Montmidi. Denn die Sonne verklärte alles, sie wärmte, die Temperatur stieg, die Veilchen dufteten im Garten, und man hatte gar nicht mehr das Gefühl, immer noch im Winter zu sein.

Das Frühjahr, das ja zeitiger kam als in Paris, schien seinen Einzug zu halten. Das Gras erholte sich von seinem stumpfen Aussehen, zeigte neue, grüne Triebe. An frühzeitigen Bäumen begannen bereits hier und da die Knospen zu schwellen.

Da knirschte eines Tages der Sand vor der Villa, und auf dem schlecht gehaltenen Platz, der immer mit einem grünspanartigen Schimmer von Unkraut überzogen war, hielt ein Dogcart. Baron d'Hautecourt stieg aus.

Denise sah ihn vom Fenster aus, wandte sich aber sofort ab, denn sie hatte ein Gefühl, als schämte sie sich. Sie fand sich zu schlecht angezogen, obgleich sie sich im Haus nicht gehen ließ wie ihr Mann, sondern immer bemüht war, sauber und anständig auszusehen, wenn sie auch noch ihre Kleider aus der Ausstattung tragen mußte.

Sie horchte jetzt auf jeden Laut, und ihr Herz schlug bei dem Gedanken, wie wohl der Besucher Robert finden würde. Er arbeitete gerade im Garten, hatte die Hosen in seine großen, hohen Schaftstiefel gesteckt und sah verwahrlost aus wie gewöhnlich. Sie hätte in diesem Augenblick gewünscht, ihr Mann nähme den Nachbar gar nicht an, aber da hörte sie schon seine Stimme, und wie sie nun vorsichtig hinunterspähte, sah sie ihn bereits dem Besuch entgegenkommen, und sie vernahm deutlich, was sie sprachen.

Sie stellten sich vor. Baron d'Hautecourt war höflich, Robert zurückhaltend, fast feindlich, als wollte er sagen: ›Bitte, wie kommen Sie eigentlich hierher?‹ Aber den anderen störte das gar nicht in der Leichtigkeit seiner Unterhaltung, wie er sie auch Denise gegenüber gehabt hatte. Sie hörte, wie er seine Begegnung mit ihr erzählte, und sie glaubte, obgleich Robert ihr den Rücken zudrehte, zu sehen, daß er ein erstauntes Gesicht machte.

Baron d'Hautecourt aber sprach immer weiter in seiner liebenswürdigen offenen Art. Er erzählte beinahe genau dasselbe, was er Denise gesagt hatte, wie er hier in der Verbannung lebe, weil er sein Geld in Paris durchgebracht hätte.

Er müsse sich einschränken und habe deswegen von seinem Nachbarn nur einige wenige besucht, denn er wolle seine Beziehungen nicht zu weit ausdehnen, das koste zu viel.

Robert antwortete, sprach aber leiser, so daß ihn Denise nicht verstehen konnte. Nur ab und zu, wenn Baron d'Hautecourt redete, hörte sie wieder etwas von dem Thema, das beide behandelten: das des Geldes! Das einte sie offenbar, und sie ergänzten einander auch. Der eine mit seinem Geiz, der andere mit seiner vollständigen Nichtachtung des Geldes, seinem ihm so gut stehenden jugendlichen Leichtsinn.

Einen Augenblick darauf kam Robert an die Tür von Denises Zimmer, das sie verschlossen hatte, klopfte und rief:

»Bitte, komm doch mal herunter, es ist Besuch da!«

Und in seiner Stimme klang gar kein unangenehmer Ton.

Denise stand schnell vor dem Spiegel. Sie hatte das Gefühl, sie wenigstens müßte einen guten Eindruck machen. Schnell vertauschte sie noch ihre Krawatte mit einem kleinen lila Spitzentuch, in das sie eine schöne Brosche steckte, von ihrer Ausstattung her, eine große, matte Perle, an der ein halbes Dutzend kleinerer an beweglichen Brillantstreifen hingen, so daß es aussah, als hätte die große sechs kleine Tränen geweint.

Dann ging sie in den Salon. Dort war niemand. Nun trat sie in die Bibliothek und fand die beiden am Kamin in den großen Sesseln einander gegenüber. Jetzt sah sie erst, wie elegant d'Hautecourt war, wie struppig, schmutzig und verwahrlost ihr Mann.

Sie ging dem Baron entgegen und reichte ihm, wahrend sie leise errötete, die Hand. Sie sah, wie sein Blick über sie lief, ein Blick, der sie förmlich zu entkleiden schien von oben bis unten, und verwirrt schlug sie die Augen zu Boden, während sie sagte:

»Das ist aber nett von Ihnen, daß Sie Wort gehalten haben.«

Er meinte:

»Sie dachten wohl, ich würde nicht Wort halten?«

Während sie sich setzten, antwortete sie:

»Ich glaubte, es wäre nur eine liebenswürdige Art zu reden gewesen.«

Er verneigte sich:

»Bitte, gnädige Frau, Sie unterschätzen mich, ich verstecke weder das Gute noch das Schlechte bei mir. Das Schlechte: ich bin ein großer Bummler und unnützer Geldvertuer! Das Gute: ich sage nie Sachen, die ich nicht wirklich so meine; ich mache nie Redensarten.«

Sie blickte ihn an, als wollte sie fragen: ›Ist das auch wirklich wahr?‹

Dann warf sie, während der Baron d'Hautecourt allerlei erzählte, wie er sich das Leben hier eingerichtet hätte, einen Blick auf Robert. Sie wollte prüfen, was er für ein Gesicht machte. Sie dachte: ›Es kann ihm ja nicht recht sein! Wenn unser Besuch fort ist, werde ich es schon zu hören bekommen, als ob ich ihn veranlaßt hätte, uns zu besuchen! Ich habe es doch nicht hindern können!‹

Aber ganz im Gegenteil schmunzelte Robert, und als noch einmal auf den Leichtsinn die Rede kam, der Baron d'Hautecourt hier in die Provinz geführt hätte, war es, als klammerte er sich förmlich daran. Er sagte, zu seiner Frau gewendet:

»Siehst du, ich bin nicht allein so!«

Denise fühlte, wie er sich freute, gewissermaßen einen Genossen gefunden zu haben, von dem er vielleicht glaubte, daß er dieselben Neigungen hätte wie er. Da sagte sie, in dem Bestreben, das Aussehen ihres Mannes und die Einfachheit ihres Hausstandes zu erklären:

»Ach, wir haben schon Verständnis für alles das, was Sie sagen, Herr d'Hautecourt.«

Dann zwang sie sich, ihren Mann freundlich anzublicken, und fragte:

»Nicht wahr, Robert?«

Sie fürchtete schon, es möchte trotzdem auf ungünstigen Boden fallen, als Robert es aufgriff und lang und breit erzählte, wie er in Paris gelebt hätte, was für ein fabelhafter Kerl er gewesen wäre; und der lumpig gekleidete, ungepflegte Mann prahlte mit seiner frühern Eleganz. Ja, er sprach, obgleich seine Frau dabei saß, zum ersten Male übrigens, über allerlei Verbindungen, die er gehabt hätte, und stellte sich als rechten Don Juan dar.

Denise schlug dabei die Augen nieder. Sie erhob sie erst wieder, als ihr Mann von seiner Heirat erzählte, und daß er das Unglück gehabt hätte, in Monte Carlo sein Geld zu verlieren.

Es klang, als hätte dieser Verlust Millionen und Millionen betragen, so daß der Besucher daraus entnehmen sollte, welch unglaublich reicher Mann Robert eigentlich sei. Er ließ durchblicken, auch sie lebten nur auf ihrer kleinen Besitzung Montmidi, um sich pekuniär zu erholen, bis sie in einer gewissen Anzahl von Jahren in den alten Verhältnissen wieder in Paris auftreten und ein großes Haus machen könnten.

Während er log, blickte er Denise immer an, als ob er ihr zustimmendes Wort begehrte, so daß sie die Augen abwenden mußte, um nicht ihr Erstaunen und ihre Scham zu zeigen. Dabei tat Robert, als wäre er eigentlich mit seiner Frau ein Herz und ein Sinn. Ja, als der Besucher endlich aufstand, um sich zu empfehlen, stellte er sich neben sie und schob seinen Arm in den ihren. Baron d'Hautecourt verabschiedete sich an der Schwelle. Während Robert hinausging, um den Wagen zu rufen, sagte er, und abermals tauchten seine Augen tief in die der jungen Frau:

»Das war doch mal ein guter Gedanke, daß ich gekommen bin. Das heißt, für mich wenigstens! Aber ich hoffe, Sie noch oft zu sehen. Erlauben Sie mir das?«

Sie meinte:

»Es wird uns sehr freuen, und Robert …«

Er unterbrach sie:

»Gnädige Frau, sind Sie nachmittags zu Hause?«

»Gewiß.«

»Also darf ich kommen?«

Sie machte einen Scherz:

»Sie langweilen sich wohl schrecklich?«

Er wurde beinahe böse:

»Sie müssen nicht glauben, daß ich aus Langeweile komme. Nein, sehen Sie, gleich vom ersten Augenblick ab, als ich Ihnen den Brief gab und dann wußte, wer Sie waren, stand es bei mir fest.«

Er beugte sich nieder auf ihre Hand, küßte sie, und als er sich aufrichtete, ruhten wieder seine schwarzen Augen auf ihr. Dann wandte er sich kurz herum.

Denisens Herz klopfte, sie lauschte, hörte noch draußen ihren Mann etwas rufen, vernahm den Hufklang des Pferdes, und es war wieder alles still. Sie blieb in der Bibliothek stehen. Sie war aufgeregt und wußte nicht warum. Es war ihr, als sei ein großes Ereignis geschehen, als bahnte sich irgend etwas an. Sie hatten Beziehungen jetzt, sie blieb nicht ganz allein, und sie dachte an den, der in ihr Leben heute diese Veränderung getragen hatte. Sie sah den großen, schlanken Mann vor sich, mit diesem wunderschönen Bronzeteint, der so männlich und stolz aussah, mit diesen sammetweichen Augen und den langen Wimpern, und sie entdeckte in der Erinnerung plötzlich etwas Seltsames an seinem Blick: daß der schöne Mann die Lider länger schloß, als es nötig gewesen wäre. Jedesmal, wenn er sie angeschaut hatte, senkte er die Wimpern, ließ sie einen Augenblick ruhen, und langsam entschleierte er dann wieder das große, tiefe, schwarze Auge, das so seltsam bis in tiefste Tiefen zu dringen schien.

Während Denise vor den Büchern stand und spielend eins herauszog, scheinbar darin blätternd, obgleich sie gar nicht wußte, welchen Band sie in der Hand hielt, versuchte sie unwillkürlich, wie eine Spielerei, diesen Blick nachzuahmen. Sie senkte den Kopf, senkte das Lid und hielt einen Moment das Auge geschlossen; dann öffnete sie es wieder langsam, indem sie etwas in die Höhe sah und die runden Augen weit öffnete.

Sie schrak förmlich zusammen, als Roberts Stimme klang. Er stand hinter ihr, er schien sehr guter Laune zu sein und rief:

»Nun, das ist ja ein ganz angenehmer Zufall! Der Baron d'Hautecourt scheint sehr nett zu sein. Ein Tugendspiegel ist er freilich nicht gewesen. Als ob überhaupt einer das wäre!«

Denise legte das Buch beiseite und musterte ihren Mann. Er fuhr fort:

»Die, die es sind, tun bloß so! Ist ja überhaupt ein Unsinn. Übrigens hat d'Hautecourt sehr gesunde Ansichten. Er sagt auch … aber das verstehen ja die Frauen nicht … ein jedes hätte seine Zeit, Geldausgaben und Vernünftigsein, und er wäre auch vernünftig geworden. Ich glaube, ich werde mit ihm sehr gut auskommen, man sehnt sich auch danach, sich einmal auszusprechen.«

Damit ging er hinaus, und Denise blickte ihm nach. Sie fühlte die Worte wie einen Stachel im Herzen. Sie hätte sie dem Davonschreitenden nachrufen mögen: ›Nun, und mit deiner Frau kannst du dich nicht aussprechen?‹

Schon ein paar Tage darauf erschien Baron d'Hautecourt; nachmittags, wie ihm Denise gesagt. Robert war nicht zu Haus, er hatte wieder einen seiner Gänge getan, die zur Alltäglichkeit geworden waren, hinüber nach dem Dorf, wohin sie ihm nicht folgte, wovon sie nichts wissen wollte.

Sie sagte dem Besuch auch nur, ihr Mann wäre mit dem Gewehr fort wie gewöhnlich. Es klang, als hätte er ein großes Revier, das er beaufsichtigte. Baron d'Hautecourt fragte nichts Näheres. Sie setzten sich, aber diesmal im Salon.

Er begann sie zu unterhalten, eigentlich von nichts und von allem. Er hatte eine seltsame Art, die Denise gefiel, mit größter Offenheit von Dingen zu reden, die andere versteckt haben würden. Von seinem sträflichen Leichtsinn sprach er wie von einer Notwendigkeit. Es klang so wie: einer ist als Philister geboren, der andere muß Geld ausgeben; einer macht alles heimlich, der andere tut es allen Menschen kund. Gegen das Schicksal kann niemand an; wie einer veranlagt ist, so muß er auch werden und bleiben.

Sie hörte ihm nur zu, sie selbst sprach nichts. Es war auch nicht nötig, denn er redete ununterbrochen. Das klang wie ein sanftes Plätschern: keine große Erregung, keine Sturzbäche und Wasserfälle, aber auch kein Stillstehen im Teich, kein stagnierendes Gewässer, sondern ein Fluß, der kaum merklich zu Tale zieht, unausgesetzt in stillen Spiegeln in Bewegung. Seine Stimme tönte weich und melodisch, ab und zu hatte sie einen traurigen Klang, wenn er von all dem erzählte, was er verlassen hatte, von den Wonnen und Freuden des einzigen Paris. Er sagte nicht, worin diese Wonnen und Freuden bestanden, es blieb in ein mystisches Dunkel getaucht.

Und sie fragte nicht danach, sie ließ sich nur einlullen von der sanften Musik seiner Worte. Als er dann ging, nachdem er vergeblich Roberts Rückkunft abgewartet hatte, zog er wieder an der Schwelle ihre Hand an seine Lippen, und dann sagte er, und abermals kam dieses seltsame Ruhenlassen des obern Lides mit den langen Wimpern auf dem untern und dieser weiche langsame Aufblick:

»Ich habe mich schon ein paar Tage auf diesen Besuch gefreut, nun zehre ich wieder lange daran.«

Denise meinte, wenn es ihr auch schmeichelte:

»Aber, aber!«

Wieder kam der sammetweiche Blick:

»Ja, ja, gnädige Frau. Glauben Sie denn, daß ich mich zu Hause unterhalte? Sehen Sie, das Gut ist verpachtet, und für Landwirtschaft habe ich gar kein Interesse. Dann hat mein Notar – das ist nämlich wirklich ein famoser Mann – mir grundsätzlich verboten, mich um irgend etwas zu kümmern, was die Landwirtschaft betrifft oder meine Gutsverwaltung angeht. Ich darf nicht einen Ziegel vom Dach nehmen, ich darf, ich möchte beinahe sagen, keine Blume abschneiden, denn mein Notar meint, nur so könnten meine fürchterlichen Schulden gedeckt werden. Wirklich, es ist mir alles fortgenommen, ich darf an nichts heran! Es ist eigentlich ein entsetzlicher Zustand, obgleich ich manchmal darüber lache. Gnädige Frau, ich habe eben von den Blumen gesprochen. Nun, wenn ich so durch den Garten gehe, denke ich: jetzt wirst du deiner reizenden Nachbarin einen kleinen Strauß mitnehmen! Wissen Sie, nichts Schönes, wie man es in Paris bekommt, aber, Gott, irgendein paar Blumen. Da gehe ich denn an einer Rabatte hin und will etwas abpflücken, gleich kommt der alte Pascal, der Gärtner, mir in seinen riesigen Holzschuhen entgegen, nimmt den Hut ab und sagt: ›Herr Baron, Sie werden es mir nicht übelnehmen, aber das ist nicht gestattet! Das dürfte der Herr Notar nicht wissen!‹ Ich will wütend werden, denn am Ende ist es doch mein Grund und Boden, und ich werde doch mal eine Blume abpflücken dürfen; aber der Mann erklärt sofort weiter: ›Der Herr Notar hat all diese Blumen schon verkauft! Sie werden nach Paris geschickt.‹ Nun denken Sie, wie einem zumute ist, wenn man so durch seinen eigenen Garten geht und hat nicht das Recht, einen Grashalm abzurupfen! Was ist denn schließlich solch eine Blume wert? Keinen Sou! Herrgott, und was habe ich in Paris für Blumen ausgegeben! Was habe ich in Paris für Blumen verschickt! Was habe ich in Paris für Blumen mitgebracht! Und wenn ich denke, zu welchen dummen und albernen und törichten Gelegenheiten. Ich bereue nichts, gar nichts. Wozu? Das hat keinen Zweck, man wird dadurch nicht besser, aber das könnte ich wirklich bedauern, denn so habe ich für Sie keine Blume, und Ihnen hätte ich zu meiner Pariser Zeit den ganzen Blumenmarkt zu Füßen gelegt …«

Denise schlug das Herz. Er wollte ihr Blumen schenken! Hatte Robert je daran gedacht? Er wollte ihr Blumen geben, der keine einzige besaß, und in ihrem Garten stand alles voll, wenn auch bei ihnen die schönsten fortgeschickt wurden, um Geld herauszuschlagen.

Sie wollte sagen: ›Ich habe ja selbst Blumen hier.‹ Doch das wäre eine Kränkung gewesen, und nach einer Weile erst, denn sie war nicht schlagfertig, kam es von ihren Lippen:

»Nun, Herr d'Hautecourt, nehmen wir es als geschehen an. Ich danke Ihnen für die gute Absicht.«

Sie meinte, sie hätte Gott weiß was damit gesagt.

Er verbeugte sich, dann war er verschwunden. Denise aber blieb im Salon, den sie sonst selten betrat, sitzen und lauschte wieder auf das Rollen der Räder, bis es in der Ferne verklang.

Sie ging mit der Absicht um, ihrem Mann den Besuch mitzuteilen, aber da er heute wieder sehr spät kam, nachdem sie allein ihr Essen hatte einnehmen müssen, sagte sie sich: ›Ach was, mag er es erfahren, von wem er will, er erzählt mir auch nicht, wo er gewesen ist.‹

Sie sprach ihn den Abend nicht, betete noch mit ihrer Kleinen, dann legte sie sich schlafen. Aber während sie den Schlummer suchte, sah sie immer vor sich wie ein Atmen, wie eine Brandung, die regelmäßig wiederkehrt, dieses Öffnen und Schließen jener schwarzen, langbewimperten Augen, diesen Aufblick, nachdem die Pupille lange auf ihr geruht hatte.

Robert hatte nicht gefragt, ihm war der Besuch auch nicht mitgeteilt worden, und als nach ein paar Tagen Baron d'Hautecourt von neuem erschien, abermals nachmittags zur gleichen Stunde, war er wiederum nicht zu Hause.

Denise empfing den Besuch. Diesmal waren sie schon bekannter und vertrauter. Er trat schnell ein, küßte kurz ihre Hand, sie nahmen Platz, genau in denselben Stühlen wie das erstemal, und wieder begann dieses sanfte Geplätscher des Gesprächs, das nie zu Höhepunkten stieg, aber auch nie gänzlich verflachte. Immer ließ sie ihn erzählen, während sie selbst kaum etwas sagte.

Aber er stellte doch ab und zu eine Frage, und es klang daraus ein Bestreben, als wollte er das prüfen und richtigstellen, was er vielleicht von anderer Seite über die Familie de la Caille gehört hatte.

Denise hätte ihn am liebsten gefragt, was die Leute über sie sprächen, aber sie fand nicht den richtigen Augenblick, und schließlich tat sie es nicht. Als er diesmal schied, standen sie sich beinahe wie gute Freunde gegenüber, und sie rief ihm zu:

»Auf Wiedersehen!«

Er kam wieder, kam wieder und immer wieder. Die Pausen wurden geringer, schließlich erschien er beinahe jeden Tag. Ab und zu einmal zeigte sich auch Robert, den der Baron, obgleich er ihn nur wenig gesehen hatte, doch ganz genau zu beurteilen schien und geschickt zu behandeln wußte.

Während er Denise von eleganten Dingen der Welt erzählte, die der jungen Frau Spaß machten und sie mit ihren Gedanken nach Paris zurückführten, tat er gegen Robert ganz anders. Wenn er mit ihm im Garten spazieren ging und sich die Kulturen zeigen ließ, gewann es den Anschein, als hätte er, der keinen Grashalm brechen durfte, nie ein anderes Interesse gehabt als für Landwirtschaft, Gemüsezucht und Blumenpflege. Er ließ sich lange Vorträge über die Düngemittel halten, er merkte sich alles sehr gut, und das nächstemal, wenn er Robert traf, tat er ein paar geschickte Fragen, die den Anschein erweckten, als redete aus ihm eigene Weisheit und nicht die, die ihm erst durch Herrn de la Caille zugeflossen war.

So kam es, daß Robert, ohne einen förmlichen Gegenbesuch gemacht zu haben, die Aufforderung annahm, einmal nach dem Gute des Barons hinüberzukommen. Herr d'Hautecourt schickte ihm dazu eigens sein Dogcart.

Robert tat bei dieser Gelegenheit mehr denn seit langer Zeit, um seinen äußern Menschen instand zu setzen. Er zog seinen besten Anzug an, rasierte sich eine Stunde lang, suchte Krawatten heraus, verlangte ein bestimmtes Hemd, das noch beim Plätten war, sofort fertiggestellt, und endlich bestieg er das Dogcart. Da er sich nicht wie ein Bauer, den der Diener etwa mitgenommen hätte, fahren lassen, sondern den Herrn zeigen wollte, setzte er sich rechts und nahm die Zügel in die Hand.

Seine alte Leidenschaft für Pferde, für Fahren, für Eleganz schien aufgewacht zu sein, und er sagte zu Denise, die den Veranstaltungen zusah, während er vor der Villa eine Volte fuhr:

»Das Pferd steht sehr gut am Zügel! Man sieht, daß der Gaul eine Hand gewöhnt ist, die fahren kann.« Dann ließ er antraben, und als wollte er seiner Frau, Louis und der dicken Köchin, der Amme und der kleinen Lucy, die neben Denise stand, zeigen, was der Herr, der Gatte und Vater eigentlich für ein Mann sei, machte er mehrmals auf dem Platz die Runde, bis er endlich geradeaus hinausfuhr auf die Chaussee und zwischen den nun dicht belaubten Frühjahrsbäumen verschwand.

Denise kehrte mit der kleinen Lucy ins Haus zurück. Das Kind fragte:

»Wo fährt denn Papa hin?«

Denise nahm das Kind auf den Schoß und antwortete, indem sie der Kleinen das schwarze Haar strich:

»Zum Onkel d'Hautecourt.«

Da meinte Lucy, sah ihre Mutter mit großen Augen ernst und dabei sehr komisch an:

»Das ist ein schöner Onkel.«

Denise sagte nur:

»Du kleines Närrchen.«

Aber unwillkürlich stand der Augenaufschlag, der sammetweiche, vor ihrem Gedächtnis. Sie fragte leise das Kind:

»Hast du denn den Onkel gern?«

Da der Baron der kleinen Lucy einmal Bonbons mitgebracht hatte, ganz gewöhnliche nur, wie man sie im Dorfe bekam, wobei er sich entschuldigte, über alles hielte der Notar seine Hand, antwortete die kleine Lucy:

»Ich habe den Onkel sehr lieb, so lieb wie dich!«

Denise war es ein Gefühl, als hätte sie das dazu zu setzen, was sie jetzt fragte:

»Und den Papa?«

Aber Lucy, um die sich Robert seit längerer Zeit gar nicht mehr kümmerte, schüttelte den Kopf:

»Nein, Papa ist nicht gut mit Lucy!«

Denise fand, eine solche Äußerung nicht dulden zu dürfen. Darum meinte sie:

»Der Papa hat dich doch lieb.«

Da antwortete die Kleine: »Papa hat Lucy nicht lieb, und die Mama hat er auch nicht lieb.«

Denise sah das Kind an:

»So darfst du nicht sprechen.«

Dann ging sie mit ihm in den Garten, um zu spielen.

Robert kam nicht wieder, Stunde auf Stunde verrann. Denise hatte die Kleine zu Bett gebracht, aber sie ließ mit dem Essen warten, obgleich sie nach ihren letzten Erfahrungen sonst keine Rücksicht mehr auf das Fehlen ihres Mannes genommen hatte. Sie ließ warten in dem Gedanken, den sie sich selbst nicht eingestand, sie wollte von ihm erfahren, wie es dort wäre in La Bergerie, wie das Gut hieß.

Endlich entschloß sie sich doch zu essen, denn es war spät geworden, und er war noch immer nicht heimgekehrt. Bald ging sie zu Bett, und wieder blieb sie wach, bis sie – schon brach das Tageslicht durch die geschlossenen weißen Läden – endlich den leisen Schritt ihres Mannes hörte, der heimkehrte. Da sagte sie sich: ›Er war drüben bei der andern.‹

Am nächsten Tage sagte Robert nur:

»Das war sehr amüsant, und wir haben furchtbar lange gesessen, furchtbar lange. Na, unser Freund – so nannte er ihn jetzt immer – weiß auch, was ein guter Tropfen ist.«

Damit schien die Sache erledigt. Denise aber wußte, daß ihr Mann log.

Baron d'Hautecourt kam an demselben Nachmittag, als Robert eben fortgegangen war. Sie fragte nach den ersten Begrüßungsworten:

»Wie lange ist denn mein Mann gestern bei Ihnen geblieben?«

»Ach, nicht lange, gnädige Frau, er wollte ja zum Essen zurück sein.«

Sie meinte nur:

»So.« Sie wagte nicht ihn anzublicken. Aber sie war angeregt, heiter, wie er sie noch nie gesehen hatte, war lustig, fast übermütig. Er erzählte nett und komisch allerlei Sachen, die ihm auf dem Gute zustießen, wie der Pächter, der Gärtner, kurz das ganze Personal sich im stillen über die Dummheit des Stadtmenschen unterhielten; wie er sich bemühte, in die Geheimnisse des Landlebens einzudringen und doch täglich erkannte, daß es für ihn ganz unmöglich sei. Schließlich meinte er:

»Denken Sie, was ich am liebsten möchte, und wenn ich es mir nicht geschworen hätte, vernünftig zu sein, ich täte es wirklich. Ich möchte so gern einmal, nur auf einen Tag, nach Paris.«

Ihre Augen leuchteten. Er sprach weiter wie einst Abraham, der dem Herrn die Zahl der Gerechten in Sodom abrang:

»Und wenn ich nur einen Abend dort wäre! Ach ich würde mich schon mit ein paar Stunden begnügen! Nein, gnädige Frau, mir wäre es wirklich genug, sagen wir eine Stunde! Und wenn mir das nicht erlaubt wäre, nur eine Viertelstunde mal irgendwo den Boulevard hinuntergehen! Ja, schließlich, wenn ich nur Paris sähe! Ich wollte mich verpflichten, den Bahnhof nicht zu verlassen! Wirklich, ich würde mit dem nächsten Zuge wieder zurückfahren, nicht einmal aussteigen. Nur daß ich Paris vor Augen hätte, Pariser Luft atmete. O Gott, o Gott, wäre ich dann glücklich!«

Denise seufzte.

Er blickte sie an:

»Können Sie das nicht verstehen?«

Da meinte sie, und noch nie hatte sie ihm so in die Augen gesehen:

»Ich denke genau wie Sie.«

Er wurde plötzlich aufmerksam: »Sie möchten nach Paris?«

Nun ließ sie sich gehen, und alles, was sich in ihr aufgespeichert hatte seit so langer Zeit, machte sich Luft:

»Ja, ich möchte nach Paris, nur einen Tag, nur eine Stunde, genau so wie Sie, nur auf den Bahnhof gehen, nur Pariser Luft atmen. Gott, wäre das schön!«

Er rückte ihr näher:

»Fahren Sie doch einmal hin.«

Da gestand sie ihm, was sie hinderte. Sie wäre zu stolz, betteln zu gehen bei ihren Eltern, die sie nicht einlüden.

Wieder ruhte sein Sammetblick auf ihr und schien sie zu erforschen bis in den letzten Winkel ihres Herzens:

»So fahren Sie doch allein!«

Sie wollte nicht sagen: ›Ich habe kein Geld!‹ Oder: ›Ich bekomme es nicht von meinem Mann.‹ So meinte sie nur:

»Das geht doch nicht!«

Nun fragte er, wie zum Scherz:

»Gnädige Frau, soll ich Sie begleiten?«

Es war, als wollte sie sofort ja sagen, aber dann meinte sie resigniert und wagte nicht seinen Augen zu begegnen:

»Aber, Herr d'Hautecourt, das geht doch nicht!«

Er rief:

»Ach was, immer; es geht nicht, es geht nicht! Wissen Sie, daß Sie schrecklich sind!«

Sie verteidigte sich:

»Ich kann doch nicht anders.«

»Warum nicht? Alles geht, was man nur will. Dieses Gebundensein, dieser Zwang, das ist ja fürchterlich! Man muß sich doch ausleben. Und doch haben Sie recht: so vieles geht nicht, denn man braucht Dinge dazu, die man nicht hat. Was wollte ich alles tun, wenn ich Geld hätte, und ich habe keins. Das ist wie jedes Gebundensein im Leben. Jeder von uns Menschen möchte Dinge, die er doch nicht darf. Ich habe so mancherlei Wünsche, die … ach gnädige Frau, nein, nein, reden wir nicht davon!«

Er hatte sich immer näher zu ihr gebeugt, und sie fühlte, daß er jetzt etwas sagen könnte, was sie nicht hören durfte. Aber sie empfand das zwingende Bedürfnis, sie hatte die Sehnsucht, es zu hören, um jeden Preis. Sie fragte:

»Wie meinen Sie das?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Aber Sie haben doch gesagt, Sie können alles, Sie dürfen alles, Ihnen ist alles gleich. Also, wie meinen Sie das?«

Er fragte:

»Erlauben Sie mir zu sagen, was ich will?«

»Gewiß.«

»Und Sie werden nicht böse sein?«

Sie zögerte doch etwas, ehe sie antwortete:

»Nein.«

Nun wandte er sich ihr zu und blickte sie so lange an, daß sie, die zuerst versuchte, sein Auge auszuhalten, die Lider senken mußte. Es verging eine lange atemlose Pause. Sie wartete, er müßte irgend etwas erklären. Sie ahnte selbst nicht recht, was es sein konnte, sie fühlte nur irgendeinen Zusammenhang zwischen ihr und ihm. Sie zitterte vor dem Augenblick, wo er es sagen würde, und doch wünschte sie, er täte es.

Plötzlich sprang er auf, griff ungestüm nach ihrer Hand, zog sie an die Lippen, küßte sie dreimal und sprach:

»Gnädige Frau, ich muß mich retten vor mir selbst. Leben Sie wohl!«

Er war verschwunden. Sie starrte ihm nach. Sie ging langsam ans Fenster: der Wagen war längst davon. Sie blickte hinaus auf den Garten, der die Hälfte der Zeit ihres Mannes ausfüllt; sie blickte weiter hinüber über die Beete, wo in der Ferne das Gehölz sich abzeichnete, von dem Robert gesprochen hatte, hinter dem sie das Dorf ahnte, wohin er immer ging, das die andere Hälfte seines Lebens in Anspruch nahm. Und mit einemmal begann sie zu weinen.

XII.

Es vergingen mehrere Tage. Baron d'Hautecourt kam nicht wieder. Denise befand sich in einem Zustande der Niedergeschlagenheit und dann wieder der Aufregung, daß sie sich selbst nicht begriff. Jeden Nachmittag lauerte sie, ob er nicht käme, ja, sie ging ihm den Weg entgegen, auf der Landstraße, die immer sein Dogcart gerollt war. Ein andermal wieder blieb sie zu Haus in der Befürchtung, er könnte doch von einer andern Seite kommen und sie möchte ihn verpassen.

Sie saß am Fenster, drückte die Stirn gegen die Scheiben und spähte die Allee hinunter, die man beinahe bis zur Chaussee übersehen konnte, aber er kam und kam nicht.

Es war, als fehlte etwas in ihrem Dasein, das ihr zur Notwendigkeit geworden war, wie die Luft zum Atmen, wie das tägliche Brot. Robert schien sich über nichts zu wundern, er arbeitete, und nachmittags ging er regelmäßig weg.

Endlich konnte es Denise nicht mehr aushalten. Sie wollte Gewißheit haben. Sie zermarterte sich das Hirn, ob ihn etwas hätte kränken können, und sie war so aufgeregt und verzweifelt, daß sie sich schon überlegte, sollte sie ihm schreiben, sollte sie einen heimlichen Boten schicken oder sollte sie gar selbst hingehen? Aber La Bergerie lag verhältnismäßig weit entfernt, unter anderthalb Stunden konnte sie es nicht erreichen, und einen Wagen nehmen … mein Gott, sie hatte ja kein Geld! Das brachte sie in Zorn. Wenn ihr Robert wenigstens ein paar Frank gegeben hätte, aber nein, er bezahlte die Wirtschaft, er rechnete mit der Köchin ab, sie besaß nichts Bares. Und sie lebten doch von ihrem Gelde, da seines nicht mehr vorhanden war.

Da ward ihr eines Morgens beim Frühstück ein Brief hingelegt. Der Poststempel war verwischt, sie konnte den Ort nicht lesen. Es war eine ihr fremde, sehr kleine, sehr zierliche Handschrift, die von einer Dame hätte kommen können.

Denise öffnete den Brief. Sie war allein, denn sie frühstückte immer in ihrem Zimmer mit der Kleinen, und ihr Auge fiel auf folgende Zeilen:

Gnädige Frau!

Ich bin krank; nicht körperlich, sondern seelisch, und doch körperlich auch. Ich befinde mich in einem ganz seltsamen Zustande. Ist es Sehnsucht? Ich glaube es. Ich möchte zu Ihnen und halte es doch nicht für richtig, denn denken Sie, ich kann mit Ihnen nicht mehr unbefangen sprechen. Ich kämpfe gegen mich, ich will Sie nicht wiedersehen, und doch sehne ich immer den Augenblick herbei, wieder an Ihrer Seite zu sitzen in meinem, ja, meinem Stuhl; wieder Ihre Gestalt vor mir zu sehen und sprechen zu können mit Ihnen, wie ich bisher mit Ihnen sprach, von all dem Schönen, das es in Paris gibt, von Paris, Paris, unserm einzigen Paris! Und doch auch von Ihnen, denn Sie gehören für mich jetzt wie dazu. Ich möchte – denken Sie, welche Umwandlung – nach Paris nicht zurückkehren, denn ich weiß, Sie sind nicht da!

Wie ich mir heute meinen Zustand überlegte, wurde mir klar, daß es nicht Paris ist, das mich dorthin zieht, sondern Sie, daß Sie dort sein müßten! Dann eilte ich aus meiner Verbannung in diese einzige Stadt. Wenn ich aber wüßte, daß sie nicht dort sind, würde ich nicht einen Fuß hinsetzen, denn ich irrte doch nur als einsamer, trauriger Gast durch die mir jetzt öde scheinenden Straßen, in denen Sie nicht sind, in denen ich nicht Ihr leises, silbernes Lachen hören könnte, in denen ich nicht Ihre Gestalt sähe und Ihr schwarzes Haar und Ihre dunklen Augen.

Nun werden Sie sagen: kommen Sie nach Montmidi, da bin ich ja! Aber denken Sie, ich fürchte mich davor, fürchte mich, wie der Falter vor dem Licht. Fürchtet er sich wirklich? Ich glaube doch nicht. Es zieht ihn an, und er taumelt hinein. Und auch ich will zu Ihnen kommen. Ich tue es, wenn ich schwach werde, und passen Sie auf, ich werde schwach! Aber noch bin ich stark. Heute noch bleibe ich hier, fern von Ihnen in dieser trostlosen Öde, in der nur ein Gedanke mich beherrscht: Sie! Und immer wieder Sie. Morgen habe ich vielleicht noch die Kraft und diese ganze Woche noch, aber dann, dann – ach, rufen Sie mich doch, damit ich meinem Versprechen nicht untreu werde.

Ja, rufen Sie mich, gnädige Frau, denn ich habe mir einen Eid geleistet, sonst nicht nach Montmidi zu kommen, und ich weiß doch ganz genau, daß ich ihn brechen werde. Helfen Sie mir, rufen Sie mich. Ich will Sie nur einen Moment sehen, ich fahre gleich wieder fort.

Der Brief war nicht unterschrieben. Denise hatte ihn mit atemloser Hast durchflogen. Sie las ihn noch einmal, und einzelne Satze zum drittenmal, dann ließ sie ihn sinken und dachte nach. Sie mußte doch empört sein, meinte sie selbst, denn das klang ja wie eine Erklärung, aber sie war nicht empört, im Gegenteil: sie fühlte sich geschmeichelt, sie freute sich. Er sprach ja nur das aus, was sie selbst sich nicht zu gestehen wagte. Und schon war sie aus dem Bett gesprungen, eilte an ihren kleinen Schreibtisch, nahm einen Briefbogen und wollte schreiben.

Aber sie ließ es wieder. Nein, sie wollte es sich überlegen. Langsam glitt sie wieder auf ihr Lager zurück. Dort blieb sie hingekauert sitzen, mit angezogenen Knien, die Hände darüber gefaltet, keines Gedankens fähig. Verstört starrte sie vor sich hin.

Endlich raffte sie sich auf. Sie blickte zum Fenster hinaus. Da sah sie gerade Robert den Garten verlassen, den Stock in der Hand, und querfeldein dem Wäldchen zugehen, das drüben lag. Das entschied den Kampf in ihrer Seele. War sie diesem Manne Rechenschaft schuldig? Sollte sie sich hier zu Tode langweilen, weil Robert sein Vermögen durchgebracht hatte und sie jetzt hinterging?

Der Entschluß kam ihr sofort. Sie schrieb nur: ›Kommen Sie!‹ Dann zog sie sich mit Windeseile an, und wie damals, an dem Schneetage, ging sie die Allee hinab, die im grellen Licht der immer höher steigenden Julisonne dalag, gleich einer schnurgeraden, gewaltigen Treppe, denn die Pappeln warfen endlos, soweit der Blick reichte, blauschwarze Schatten über den weißen Fahrdamm.

Am Bahnhof steckte sie den Brief in den Kasten. Dann trat sie, als sie auf dem Rückweg durch den Wald an der Kirche vorüberkam, unwillkürlich ein, setzte sich im kühlen, erfrischenden Dämmer des Gotteshauses, kniete nieder und starrte an den gefalteten Händen vorbei zum Altar, über dem die rote ewige Lampe brannte.

Sie wollte beten, wollte die Versuchung, die sie in Blut und Seele fühlte, von sich abschütteln und hatte doch eben erst den Brief geschickt, der ihn rief. Sie wollte sich rechtfertigen vor ihrem Herrn und Schöpfer, wollte um Kraft bitten, daß diese sündige Sehnsucht nach einem fremden Mann, die stärker und stärker in ihr aufstieg, aus ihrem Herzen weggelöscht würde. Aber als sie ein paar Worte fand, die sie halblaut mit kaum sich bewegenden Lippen vor sich hinstammelte, waren es Worte der Sünde: ›Lieber Gott, hilf ihm und mir, sei ihm gnädig, der all meine Sinne gefangen hält. Mein Gott, es ist nichts Böses in meinem Herzen. Ich bin eine arme, betrogene, verlassene Frau. Gott im Himmel, du hast mir nicht geholfen, du hast nicht deine Engel geschickt, daß sie das Herz meines Mannes mir wieder zuwendeten, du läßt es geschehen, daß er andere Wege geht. Ich tue nichts Böses, ich will nicht sein wie er. Sei aber ihm gnädig, ihm, ihm, den ich liebe!‹

Was sie sich selbst nicht gestanden hatte, sagte sie jetzt naiv in ihrem Gebete vor sich hin. Sie legte Gott ihr Glück ans Herz, als solle er entscheiden, was zu geschehen habe, als wolle sie im voraus Absolution erhalten für etwas, das sie im Begriff stand, zu tun: ihr Herz einem andern Manne zu schenken als ihrem eigenen.

Da hörte man auf den Steinplatten das Schurren von Schuhen. Ein paar Bauernweiber traten ein, das weiße Häubchen auf dem Kopf, die knochigen Hände über dem Gebetbuch auf der platten Brust gefaltet.

Denise fuhr auf, als sie die einfältig-frommen, törichtblickenden Gesichter sah, die genau, wie sie es selbst sonst getan hatte, aus Langeweile zwischen den Arbeiten des Feldes und aus alter Gewohnheit, weil es ihnen von Kindesbeinen an so gelehrt worden war, nichtsdenkend, stumpfsinnig in das Haus des Herrn traten, um einen Rosenkranz abzuleiern. Da stand sie jäh auf und lief hinaus.

Es war ihr, als träte sie in ein überheiztes Zimmer, so schwül war es draußen nach der Kühle der Kirche. Und langsam schlug sie den Waldweg ein nach Montmidi, ihre Gedanken immer bei ihm und immer wieder bemüht, das, was ihren Geist vollkommen einnahm, zu verscheuchen.

Sie hoffte jemandem zu begegnen, irgendeiner Frau, die vielleicht den gleichen Weg hätte, mit der sie sprechen könnte, um die Gedanken abzuziehen. Aber dieser sonst immer belebte Pfad, der die Verbindung nach Charenton herstellte, war heute wie ausgestorben. Sie ging durch niederes Gestrüpp, das rechts und links den Weg begleitete, dann kamen Eichen und Erlen, man sah das steile Schieferdach der Villa. Aber Denise starrte vor sich hin, als erblickte sie nichts.

Plötzlich hörte sie Lucys lautes Lachen, und da war es ihr, als fiele der Bann von ihr ab wie eine Maske vom Gesicht. Sie eilte ihrem Kinde entgegen, sie lief die letzten Schritte, und als die Kleine spornstreichs den Gartenweg heruntergerannt kam, mit ausgebreiteten Armen, laut rufend: »Mama! Mama!« da dachte sie nur noch an ihr Kind, schloß es in die Arme, küßte es, und Tränen standen ihr in den Augen.

Die kleine Lucy fragte:

»Warum weinst du denn, Mama?«

Denise antwortete:

»Ich habe an Trauriges gedacht.«

Aber das Kind hatte anderes im Sinn und rief, lustig in die Hände klatschend:

»Mama, jetzt wollen wir Ball spielen!«

Da spielte sie mit ihrer Kleinen und konnte kein Ende finden, nur um sich zu betäuben. Sie lief nach dem Ball, schlug ihn weit fort, und lachend eilten Mutter und Tochter ihm nach. Beide hatten rote Wangen bekommen. Denise mußte sich den Schweiß von der Stirn tupfen, sie war außer Atem, ihr Herz klopfte. Sie hatte das Gefühl: ›Nun ist es überwunden, ich bin abgezogen, ich denke nicht mehr an ihn!‹

Dann setzte sie sich auf die Gartenbank und ließ sich von Célestine die Stickerei bringen, an der sie arbeitete. Keine alte Seide, woraus sie als Mädchen die schönsten Sachen gemacht hatte – das wäre zu teuer gewesen –, Wolle, ein einfaches Muster, das mechanisch heruntergearbeitet werden konnte und keine Aufmerksamkeit beanspruchte. Es sollte ein großer Kaminschirm werden. Sie hatte ihn nur angefangen, um sich zu beschäftigen. An eine Verwendung war nicht zu denken, denn Robert hätte ihr nicht das Geld gegeben, um ihn aufspannen zu lassen.

Nun spielte Lucy wieder ihr zu Füßen. Das Kind war ganz still, denn es hatte mit einem Stück Holz die Puppe geöffnet und untersuchte jetzt den Mechanismus der Augen, die sich beim Hinlegen schlossen und sich wieder öffneten, wenn man den Kopf aufrichtete.

Während Denise arbeitete, stand von neuem der Baron d'Hautecourt vor ihren Sinnen. Sie sah sein Gesicht lächeln, immer mit diesem seltsamen Blick. Sie warf die Arbeit von sich und ging den Gartenweg hinunter. Sie betrachtete die Beete. Sie begann mit Louis, mit dem sie sonst fast niemals sprach, eine Unterhaltung, und der schmutzige Kerl, der nur eine Leinenhose und das Hemd trug, richtete sich auf, den Spaten in der Hand. Da er seine Herrin zum ersten Male gnädig sah, redete er drauf los, genau so, wie Robert es getan haben würde, über die Möglichkeiten der Verkäufe, über die Aussichten der Ernte, über die neuen Kulturen. Nur daß er diesmal tat, als machte Robert nichts, und als wäre er es eigentlich, der die ganze Sache ausgedacht hatte und in Ordnung hielt.

Aber Denise hörte nicht zu. Ihr war, als stände, während sie geistesabwesend Louis anstarrte, der andere neben ihr, groß, schlank, elegant, mit dem Lächeln und dem kleinen schwarzen Schnurrbart, mit den Augen, denen sie nirgends entfloh.

Da ließ sie den Diener stehen, der ihr erstaunt nachsah, und eilte ins Haus. Dort schloß sie sich im Zimmer ein, kniete nieder auf ihrem Betschemel am Bett, und das Herz schlug ihr in Reue über das Gebet, das sie vorhin in der Kirche wie eine Gotteslästerung zum Himmel geschickt hatte. Sie wollte es jetzt wieder auslöschen, aber sie fand keine Worte. Eine schreckliche Unruhe war in ihr. Sie stand abermals auf und versuchte Wäsche zusammenzulegen. Sie setzte sich aufs Bett und wischte mit der Hand über die Stirn, als wollte sie die Gedanken, die dort nisteten, verscheuchen.

Dann ging sie fort, als könnte sie sein Bild hier nicht loswerden, in diesem Zimmer, das er doch nie betreten hatte, in dem nur ihr Kind mit ihr wohnte, das sie hätte abziehen sollen von allen anderen Vorstellungen. Und als könnte sie nicht anders, eilte sie in den Salon, dorthin, wo er gesessen hatte. Sie nahm Platz am Kamin in ihrem Stuhl. Es war ihr wie eine Zwangsvorstellung, als säße er in dem andern ihr gegenüber. Sie hätte beinahe das Wort an ihn gerichtet, und sie war so benommen, daß sie aufsprang und sich erschrocken umblickte, ob auch niemand im Zimmer wäre, der ihr seltsames Benehmen bemerkte.

Dann kam sie auf den Gedanken, Robert sollte sie vor ihrem eigenen Herzen retten. Sie wollte sich einmal mit ihm aussprechen, wollte ihm sagen, daß sie wüßte, was ihn von seinem Weibe entfernte. Sie dachte sich alles genau aus in fieberhaft eiligem Gedankengang. Sie würde ihm von der andern sprechen, ihm sagen, daß sie die Person nie gesehen, daß sie nicht einmal ihren Namen wüßte, daß sie auch nicht die Absicht hätte, in seine Geheimnisse zu dringen; nur sollte er zurückkehren zu seinem Weibe. Sie würde mit keinem Wort je an all das erinnern, sie wollten das Leben von neuem beginnen. Vor allen Dingen müßten sie fort von hier, nach Paris. Und ihr kamen die abenteuerlichsten Ideen: vielleicht würde ihr Vater ihr einen Teil der Erbschaft, die sie später doch bekam, herauszahlen, damit sie in Paris leben könnten. Sie würden eine kleine Wohnung nehmen, vielleicht in einem Vorort, in Asnières oder irgendwo, wo die Miete nicht teuer war, nur fort von Montmidi, in dessen Nähe er weilte, er, der jetzt hinter allen ihren Gedanken stand.

Sie ging noch weiter: sie wollte ihrem Manne ihren Seelenzustand gestehen, sie wollte ihm sagen: ›Wenn du nicht ein neues Leben beginnst und wir Montmidi nicht verlassen, geschieht ein Unglück; der Mann ist es, und ich werfe mich ihm einfach an den Hals.‹

Doch sie fand sich zurück zur Wirklichkeit, stellte ihr Umherirren ein, lief wieder in den Garten hinunter, setzte sich zur kleinen Lucy und arbeitete fieberhaft schnell, bemüht, nur an die Stickerei zu denken.

Als die Frühstücksstunde kam, ging sie mit dem Kinde hinauf und zog ihm ein anderes Kleidchen an. Dann wartete sie auf ihren Mann. Robert kam nicht. Sie setzte sich zu Tisch, schweigend verlief das Mahl.

Es vergingen ein, zwei, drei Stunden, Denise war noch immer allein. Und wie die Zeit hinstrich, verblaßte mehr und mehr ihr jäher Entschluß, mit ihrem Manne zu sprechen. Sie überlegte: ›wenn nun der Brief in La Bergerie angekommen ist, dann läßt er sofort das Dogcart anspannen, und in einer Stunde ist er hier.‹ Ihr Herz klopfte, wie sie es sich klar machte, und sie setzte es sich gleichsam als Orakel, wer zuerst von den beiden käme, für den wolle sie sich entscheiden.

Nun saß sie wieder am Fenster, die Stirn an den Scheiben, und starrte abwechselnd die Allee hinab oder über die Felder, von wo her ihr Mann kommen konnte. Eine Viertelstunde verstrich nach der andern. Sie strengte die Augen an, um bis nach dem Wäldchen hinüberzublicken. Jeden Augenblick meinte sie Roberts Gestalt zu sehen, aber je länger sie wartete, desto weniger sehnte sie sich danach. Immer mehr versank der Wunsch nach Versöhnung in ihr, immer mehr wandte sich ihr armes Herz von dem Manne ab, der ihr Leben verdorben hatte, und schlug dem andern entgegen.

Da zeigte sich oben an der Einfahrt in der Allee ein Schatten, etwas Dunkles. Man konnte in dem Blättermeer nicht erkennen, was es war. Es bewegte sich, ein Wagen – oder war es ein Fußgänger? – Denise öffnete das Fenster, sie mußte, ein Moment noch war nichts zu erkennen, aber dann, nur ein Stück von wenigen Metern zwischen den Bäumen, hatte man freien Überblick. Da – ein Pferd, ein Dogcart – er!

Wie der Blitz huschten sie vorbei. Er mußte ein rasendes Tempo fahren. Sie schloß das Fenster und ging in den Salon. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, es war ihr zumute wie vor einer gewaltigen Entscheidung, die ihrem ganzen Leben einen andern Kurs gäbe.

Sie lauschte, sie hörte Hufgeklapper, der Kies knirschte, sie vernahm Schritte auf der Treppe, eine Stimme, die Tür ging auf, er trat ein.

Er war wie immer ganz ruhig, in seinem schönen dunklen Gesicht regte sich nichts, und die Augen blickten mit ihren langen Wimpern in ihrem rätselhaften, undurchdringlichen Schwarz sie an, wie sie sie am ersten Tage angesehen hatten.

Als die Tür sich geschlossen hatte, trat er auf sie zu. Sie wußte nicht, was sie tat. Streckte sie ihm die Hand entgegen? Nahm er sie? Sie wußte nur, daß er sie im nächsten Augenblick umschlungen hielt, und sie fühlte seine Lippen auf ihrer Schulter. Dann ruhte sein Kopf an ihrem Halse. Die beiden Menschen hielten sich umschlungen und atmeten tief eine Weile: sie wagten nicht, sich anzusehen.

Endlich ließ er sie los, und die vier schwarzen Pupillen blieben eine Sekunde stehen und tauchten ineinander. Dann ein glückseliges Lächeln, und langsam fand sich Mund zu Mund.

XIII.

Es ward Denise nicht schwer, ihrem Manne in die Augen zu blicken, als sie ihn wiedersah. Der ganze Tag verging darüber, erst am nächsten Morgen sprachen sie sich flüchtig; zuerst durch die Tür, dann vom Fenster zum Garten hinunter.

Er war wie jedesmal, wenn er heimlich fortgeblieben, liebenswürdiger gegen sie als sonst und erzählte ihr ohne Veranlassung Dinge, die er in Wald und Feld gesehen hatte, in ausführlicher Breite.

Denise aber befand sich in einem Rausch, als wäre sie zu einem zweiten Leben erwacht, als wüßte sie erst jetzt, wozu sie auf dieser Welt stand. Sie hatte nur den einen Gedanken: ›Wann kommt Henri wieder?‹ Er hoffte heute nachmittag, aber er konnte es nicht versprechen, denn unglücklicherweise hatte der Notar, sein Retter und doch Sklavenhalter, wie er ihn nannte, seinen Besuch in Aussicht gestellt.

Doch nachmittags zur gewohnten Stunde kam der Wagen angerollt, und wieder stand Denise im Salon und wartete, bis die Tür sich öffnete, und als sie sich hinter Henri schloß, hielten die beiden sich umschlungen, als wollten sie nie wieder voneinander lassen.

Denise legte ihren Kopf an die Brust dieses Mannes, den sie über alles auf der Welt liebte, und als er sie aufrichtete und ihr in die Augen sah, hatte sie keine Scheu noch Scham, sondern all ihre Leidenschaft leuchtete aus ihren dunklen Pupillen, denen die andern gegenüberstanden, wie undurchdringliche schwarze Flecken in der weißen Hornhaut. Sie blickten in Tiefen, in denen niemand lesen konnte, was sie lasen: ihre Liebe, die sie zueinander getrieben hatte, wie etwas Selbstverständliches, und deren Feuer nie wieder erlöschen konnte in diesen vier kohlschwarzen Punkten.

Dieser Rausch währte Tage und Wochen, und sie erwachten nicht daraus. Henri traf nur selten noch mit Robert zusammen, wenn sie sich aber einmal sahen, waren sie wie gute Freunde. Dann vertiefte sich der Baron wieder in all die kleinen Freuden und Leiden des Gartens und der Landwirtschaft, besah, was gediehen war, sprach über jede Kleinigkeit, und während die beiden Männer sich unterhielten, schien Denise gar nicht da zu sein.

Sie schalt Henri, wenn sie dann wieder allein waren, sie schmollte, aber er flüsterte ihr nur zu:

»Muß ich das nicht tun?«

Sie schlug die Augen zu Boden, der Gedanke an ihren Mann, der ihr zuerst gar nicht gekommen war, quälte sie jetzt doch ab und zu, obgleich sie ihn immer wieder auslöschte durch die Idee: ›Ich habe dir nur vergolten, was du mir getan hast.‹ –

Der Sommer ging hin, wieder kam der Herbst nach Montmidi. Es wurde kahl um die Villa, die Gartenarbeiten begannen einzuschlafen. Da sagte Robert einmal ganz unvermittelt zu Denise:

»Ich werde eine Reise machen.«

Sie blickte ihn erstaunt an, doch er äußerte sich nicht näher, und sie mochte nicht fragen. Es vergingen einige Tage, aber von der Reise war nicht mehr die Rede, nur merkte Denise an einigen Vorbereitungen, daß etwas im Werke war. Die Kleidung wurde instand gesetzt, ein Koffer und eine Reisetasche waren vom Boden geholt worden, und an einem Morgen trat Robert, den Hut auf dem Kopf, den Überzieher über dem Arm, vor seine Frau und sagte:

»Lebe wohl, ich bleibe nur einige Tage fort.«

Abermals fragte sie ihn nicht, wohin er ginge, und als er sie zum Abschied küssen wollte, senkte sie den Kopf, daß seine Lippen nur ihr Haar trafen. Dann war er davon. Auf einem Handwagen fuhr Louis das Gepäck die kahle Allee hinunter, die man jetzt bis zur Landstraße übersehen konnte.

Denise zerbrach sich den Kopf, was das nur bedeuten konnte? Der Zug, den er nahm, führte nach dem Süden, nicht nach Paris; der Pariser Morgenschnellzug ging erst zwei Stunden später.

Als Louis vom Bahnhof zurückkam, fragte Denise:

»Wissen Sie, wo der gnädige Herr hingefahren ist?«

Louis blickte sie frech an, wie er es jetzt immer tat, und sagte:

»Na, gnädige Frau, er geht seine eigenen Wege und wird wohl nicht Rechenschaft darüber zu geben brauchen.«

Denise ärgerte sich:

»Das soll er auch nicht; aber ich dachte, er könnte es Ihnen gesagt haben, deshalb frage ich, denn mir hat er es eben nicht gesagt.«

Sie wandte sich auf dem Absatz und wollte gehen, aber Louis lachte und rief ihr nach:

»Sie sagen ihm auch nicht, gnädige Frau, was Sie tun.«

Denise fühlte etwas Feindseliges, Lauerndes dahinter. Sie fuhr herum und fragte kurz:

»Wie meinen Sie das?«

Der Kerl, den im Hause immer fror, hatte seine bläulichen Finger in beide Ärmel wie in einen Muff gesteckt; breitbeinig stand er da und gab sofort zurück:

»Na, ich meine bloß, die gnädige Frau wird wohl auch nicht alles erzählen, was nachmittags um vier Uhr gesprochen wird.«

Denise wußte es mit einem Schlage: der Mensch ahnte etwas. Sie war rot geworden, sie ballte die kleinen Fäuste, sie hätte Louis am liebsten an den Hals springen mögen, aber sie fand keine Antwort. Im Gefühl ihres Unrechtes brummte sie nur: »Ich verstehe Sie nicht.«

Dann ging sie in ihr Zimmer und schloß sich ein. Dort blieb sie mit starren Augen stehen. Wie war das möglich, was wußte denn der Mensch davon? Es überlief sie, daß sie sich schüttelte, ein Gefühl des Ekels und des Schauderns zugleich, daß sie sich in der Hand eines Dritten befand, eines Lumpen, der auf der Seite ihres Mannes stand und jeden Augenblick bereit sein konnte, ihm mitzuteilen, was er wußte.

Dieses Bewußtsein ließ sie den ganzen Tag nicht los, und als Henri nachmittags kam, war sie zerstreut: sie schwankte, sollte sie ihm mitteilen, was der Mensch gesagt hatte?

Henri aber schob ihre Veränderung darauf, daß ihr Mann abgereist war, ohne daß sie wußte, warum. Auch er fragte, sich: ›Was hat diese Reise für einen Zweck?‹ Denn bei dem sparsamen Manne mußte das doch einen Grund haben! Und Henri kam auf die Idee, Robert habe etwas gemerkt und wolle sie überraschen. Darum brach der Baron diesmal zeitiger auf als sonst. Denise hielt ihn nicht zurück.

Als nun der Notar wirklich gekommen war, erschien Henri ein paar Tage nicht. Er hatte es Denise gleich gesagt, und sie versuchte nicht, ihm zuzureden. Seitdem sie die Entdeckung gemacht hatte, einen Mitwisser zu haben, lag es wie lähmend auf ihr. Sie hatte die Empfindung, stärker noch wie einst, daß ihre Dienstboten mit ihrem Manne unter einer Decke steckten. Sie fühlte sich unsicher im Hause, wie von Spionen umgeben, und sie blieb nie in ihrem Zimmer, ohne zuzuschließen. Nur Célestine konnte sie trauen.

Aber als sie die Kleine gemeinschaftlich zu Bett gebracht hatten, und Denise sagte – denn sie war müde und abgespannt –:

»Herrgott, bin ich kaputt heute!« meinte Célestine:

»Na, gnädige Frau, das ist immer so, wenn man Kummer hat.« Nichts ahnend, fragte Denise, indem sie sich anschickte, sich gleichfalls zur Ruhe zu begeben:

»Wie meinen Sie das?«

Célestine, die immer runder und dicker geworden war und nun noch bäuerischer aussah als früher, antwortete in ihrer groben, täppischen Manier:

»Na, der Herr Baron kommt ja gar nicht mehr.«

Sie grinste dabei; sie meinte es vielleicht nicht anders, als wenn man auf dem Dorf einer Grete sagt: ›Wo bleibt denn dein Hans?‹

Denise aber fuhr gereizt auf. Das war das zweitemal, daß jemand darüber sprach, und genau wie sie damals Célestine gezwungen hatte, ihr Rede und Antwort über Robert zu stehen, fragte sie jetzt:

»Célestine, was soll das bedeuten?«

Die wich wieder aus:

»Na, gnädige Frau, seien Sie doch nicht gleich böse, ich mein's doch nicht schlimm.«

»Nein, nein! Was soll das bedeuten?«

»Ach, weiter gar nichts.«

Denise packte sie mit ihren kleinen Händen und den scharfen Nägeln bei den Armen, wie eine Katze, die sich in einen Gegner vergräbt:

»Célestine, Sie wissen, ich lasse Sie nicht los. Sie werden mir sofort sagen, was Sie damit meinen.«

Doch die Bäuerin deutete auf das Bett der kleinen Lucy.

»Gnädige Frau, das Kind schläft noch nicht.«

»Dann gehen wir hinaus!«

Denise zog die Widerstrebende auf den Korridor, öffnete die nächste Tür und ließ sie eintreten. Es war das frühere gemeinsame Schlafzimmer, wo jetzt Robert allein hauste. Dort schob Denise den Riegel vor. Dann fragte sie zitternd vor Erregung: »Also, Célestine, was sagt man? Was wird gesprochen über mich, über Baron d'Hautecourt? Warum ist mein Mann verreist? Sie wissen das alles! Sie müssen es mir sagen, und zwar sofort!«

Célestine ließ sich diesmal nicht länger nötigen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß ihre Herrin sie nicht freigeben würde, bis sie geantwortet hätte. Sie machte zwar noch eine Weile Ausflüchte, dann aber sagte sie einfach, was sie wußte: ›Louis und seine Frau hielten sich auf über die vielen Besuche des Barons d'Hautecourt. Man hätte auch im Dorf schon das Schlimmste geredet und es bereits dem gnädigen Herrn hinterbracht.‹

Denise hörte Célestine zitternd an. Sie stammelte nur immer im Gefühl ihrer Schuld:

»Das ist unverschämt!«

Aber sie verteidigte sich nicht.

Die Bäuerin fiel ihrer Herrin zu Füßen und bat sie um Verzeihung: ›Sie hätte sich ja nichts dabei gedacht, sie hätte nur wiedergegeben, was die andern klatschten.‹

Denise war starr vor Schreck: also man redete, man wußte es, und Robert auch! Bei diesen Gedanken überkam sie eine Furcht, daß sie nach der Tür blickte, als müsse er jeden Augenblick eintreten. Endlich raffte sie sich auf und schickte Célestine fort. Sie selbst blieb im Zimmer stehen, in dem er zu ruhen pflegte, der jetzt vielleicht als Rächer ihr gegenüberstehen konnte.

Sie hatte Angst. Robert war noch stiller gewesen als sonst, ehe er abreiste, und er hatte nur gesagt: ›Ich gehe fort!‹ Es ward ihr zur Gewißheit, daß er diese Reise vorgeschützt hatte, um sie zu überraschen. Sie hatte ein unbestimmtes Gefühl: ›Morgen kehrt Robert wieder, und er wird sich gerade den Augenblick auswählen, die Nachmittagsstunde gegen vier Uhr, wo Henri immer kommt.‹ Sie überlegte: was konnte sie tun? Sie mußte Henri warnen. Auf dem Nachttisch brannte die Kerze, die Célestine hatte stehen lassen. Sie starrte in die kleine, gelbe Flamme und zerbrach sich den Kopf, wie sie es machen sollte, sich mit dem Geliebten zu treffen. Morgen früh mußte sie hin. Sie wollte sich einfach in Charenton einen Wagen nehmen und ihn auf seinem Gut aufsuchen. Es war gewagt, aber ihr blieb nichts anderes übrig. Wenn sie schrieb, kam der Brief erst gegen neun Uhr an, dann war er vielleicht – jetzt im Herbst – schon auf die Jagd gegangen und der Brief blieb liegen. Ging sie aber selbst hin, so würde sie Henri suchen können und gewiß finden.

In ihrer Erregung stellte sie sich das ganz einfach vor. Sie besaß ein paar Frank, die ihr Robert vor der Abreise dagelassen hatte, falls irgend etwas Nötiges zu bezahlen wäre. Es war nur wenig, und wenn es sich um etwas Größeres gehandelt hätte, wäre dies Geld ganz unzureichend gewesen, wie es eben Roberts Geiz entsprach. Aber es war doch wenigstens genug, um einen Wagen bezahlen zu können. Und wenn sie nun gesehen wurde? Mein Gott, was war denn dabei! Mochte man sie immer sehen. Ihr schien in ihrer Liebe alles gleichgültig zu sein. Henri würde dem, der ein Wort über sie verlor, schon entgegentreten.

In dem Gedanken an seinen Schutz ward sie ruhiger, und eine große Sehnsucht überkam sie, den Geliebten wiederzusehen, eine Sehnsucht, die sie kaum überwinden konnte. Es war ihr wie ein körperlicher Schmerz, ein Gefühl, daß es ihr Inneres zusammenzog, gleich peinigendem Hunger oder quälendem Durst. Alle ihre Sinne drängten nach dem Manne hin, der ihr das Gegenteil zu sein schien von Robert, der Mitleid mit ihr hatte, der weich mit ihr war, der ihr wie einem höhern Wesen entgegenkam, der ihr die Hand küßte und die Wange und den Mund, der sie liebte. Und sie bedurfte der Liebe, die über sie gekommen war, als sie beinahe verschmachtete danach, als sie vertrocknete und verdorrte unter ihres Mannes kalten, rauhen Händen.

Alle Schwierigkeiten schienen ihr überwunden: ja, sie fuhr einfach morgen früh hin.

Mit der Gewißheit des Entschlusses trat sie zum Nachttisch und wollte das Licht nehmen, um in ihr Zimmer zu gehen. Da sah sie, daß das Fach halb offen stand. Robert mußte es in der Eile der Abreise nicht bemerkt haben; und sie gewahrte Briefe darin. Vielleicht hatte er sie im letzten Augenblick aus der Brusttasche genommen und dort noch hineingezwängt, oder er verwahrte sie überhaupt dort auf, denn er war unordentlich.

Louis' Frau, die das Zimmer besorgte, tat nur gerade das Notwendigste. Das Bett hatte sie kaum gemacht, sondern nur schnell die Decke darüber geworfen; der Staub lag auf der Marmorplatte des Nachttisches, und bei dem Luftzug, der entstand, als Denise die Hand ausstreckte, wehten kleine Flocken empor.

Ihre Augen blieben gebannt an den Briefen hängen, und plötzlich kam ihr der Gedanke, ihr, die keinen Anteil mehr an ihm nahm, der er nichts mehr zeigte, die nicht wußte, mit wem er Briefe wechselte: von wem war das?

Sie sah eine etwas ungeschickte, grobe Handschrift. Im selben Augenblick hatte sie auch schon die Gewißheit, das war die da drüben im Dorf, das Weibsbild, das an allem ihrem Unglück schuld war, das ihr sein Herz entwendet, das sie von ihm getrieben hatte. Und die Neugierde packte sie, zu lesen. Die Briefe waren nicht geordnet, kein Mensch würde merken, daß sie jemand in der Hand gehabt hatte. Darum nahm sie einfach den obersten. Sie fühlte gewöhnliches Papier in der Hand, wie man es beim Krämer in all den kleinen Ortschaften umher kaufte. Sie schlug den Briefbogen auf und sah nach der Unterschrift. Da stand: ›Deine Dicke!‹

Nun hielt sie den Brief ans Licht und las die mit Kinder- Schulhandschrift, ungleich, offenbar mühselig hingezeichneten Buchstaben. Sie tanzten ihr vor den Augen, sie einten sich kaum zu einem Sinn. Denise las nur Worte.

Es waren blöde, dumme Scherze, in einer gewöhnlichen Sprache, unorthographisch geschrieben. Der ganze Brief schien in einem Satz fortzulaufen, ohne Interpunktion. Sie griff weiter nach den andern. Immer lautete die Unterschrift: ›Deine Dicke‹, ›Deine gute Dicke‹, ›Deine kleine Dicke‹, ›Deine treue Dicke!‹ Immer das gleiche, immer war sie dick.

Denises Hand zitterte. Immer war die Rede davon, daß er sie eben erst verlassen hätte, und morgen müsse sie ihn sprechen. Es hatte den Anschein, als schriebe sie ihm oft, ja täglich.

Denise suchte nach dem Datum, es fehlte meist, aber hier und da entdeckte sie einen Monat, sogar eine Jahreszahl. Sie sah, die Briefe waren vor drei Jahren geschrieben worden, zu der Zeit, wo sie bei ihren Eltern in Paris zu Besuch gewesen war. Nun erst gewahrte sie, daß es abgegriffene Wische waren mit schmutzigen Rändern. Sie hatte also nur den Briefwechsel der ersten Liebe vor sich; jetzt brauchten sie sich wohl nicht mehr zu schreiben, und jetzt schrieben sie nicht.

Denise legte das letzte Blatt weg, das sie kaum mehr überflogen hatte, es glich ja doch eins dem andern. Sie enthielten grobe, manchmal schmutzige Worte, die Liebe bedeuten sollten, dazwischen standen sentimentale Phrasen und Albernheiten: ›Mit Dir gemeinsam in den Tod!‹ und ähnliches. Zuletzt hatte Denise der Ekel übermannt, daß sie nur noch mit den Fingerspitzen das Papier anfaßte und es hinschob zu den übrigen.

Aber da war ihr ganz jäh ein seltsames Gefühl gekommen. Es war ihr, als hätte sie ihren Namen entdeckt. Zögernd griff sie den Brief noch einmal heraus und faltete ihn auseinander.

In einem Augenblick hatte sie die Zeile wieder, an der unbewußt ihr Auge hängen geblieben war. Sie las: ›Wen diese Dame Denise mein Dickchen wieder Geschichten macht dan Hau ihr nur einfach ein par runter das hilft du bist fiel zu gut mir solte sie mal komen habe nur Keine Angst wenn sie wirklich mal käme ich besorgtes Ihr schon.‹

Denise packte, als sie die rohen Worte las, eine sinnlose Wut. Sie gab sich keine Mühe mehr, das Papier an seinen Ort zu stecken, sie warf es einfach zu Boden, nahm das Licht und rannte damit in ihr Zimmer hinüber. Dort zog sie sich eilig an, hängte ihren Wintermantel um, ging nach ihrem Schreibtisch, steckte das Geld zu sich, das ihr Robert dagelassen hatte, und lief die Treppe hinab. Die Haustür stand noch offen. Denise stürmte die kahle Allee hinunter, der Chaussee nach dem Bahnhof zu, als würde sie verfolgt.

Sie hatte nur einen Gedanken: sie wollte mit Henri sprechen, gleich, jetzt noch! Sie traf ihn noch auf. Mochten die Folgen sein wie sie wollten. Wenn dieses Weib Robert aufforderte, sie zu schlagen, was konnte ihr dann noch Schlimmeres geschehen? Und wenn ihr Mann die Hand aufhob gegen sie, was hatte sie dann noch hier zu suchen?

Es kam ein Mut über die kleine Frau, wie sie ihn sich selbst nie zugetraut hatte. Sie raste in der dunklen Nacht hin, bis sie außer Atem auf der Landstraße stand. Sie wollte fort, fort, nur fort aus diesem Haus. Sie wollte Schutz suchen bei dem Geliebten. Während sie jetzt, in der Dunkelheit, die Straße hinunterging, etwas langsamer, denn ihre Lunge arbeitete heftig, stand ihr etwas vor der Seele, woran sie bisher in ihrem Liebestaumel nicht gedacht hatte: die Idee, daß sie einmal Henri ganz angehören müßte.

Sie hatte hingedämmert und geträumt, sie hatte geliebt, unsinnig geliebt, und sie war nicht dazu gekommen, an die Zukunft zu denken. Im Glück des Augenblicks wären ihr derartige Erwägungen wie eine Entwürdigung erschienen. Aber jetzt wußte sie, was sie zu tun hatte, sie wollte Henri sagen: ›Ich bin nicht mehr sicher zu Haus; er gibt den Einflüsterungen dieses Weibes vielleicht Gehör, ich werde bedroht an Leib und Leben. Nun zeige dich als der Ritter, der du bist! Nun rette deine arme kleine Frau!‹

Und er würde sie aufnehmen bei sich. Sie wollte bei ihm bleiben und nie wieder nach Montmidi zurückkehren. Jetzt, wo Robert noch nicht heimgekehrt war, mußte alles entschieden werden.

Wie sie an Robert dachte, begann sie sich zu fürchten. Sie meinte ihn jeden Augenblick vor sich zu sehen, wie er die Hand aufhob, um sie zu schlagen. Da beschleunigte sie ihre Schritte. Sie kam durch den Ort. Sie ging am Bahnhof vorbei. Vielleicht konnte er ankommen. Man hörte einen Zug. Sie schlug in der Dunkelheit einen Seitenweg ein, der einen Bogen um das Bahnhofsgebäude machte; dann ging sie auf die Chaussee, die, wie sie wußte, nach La Bergerie führte. Immer schneller eilte sie dahin durch die Nacht, daß sie ihren Umhang verlor. Sie nahm ihn auf den Arm, sie lief und lief weiter. Schließlich, als die Häuser längst aufgehört hatten, blieb sie auf der Pappelallee stehen, lehnte sich gegen einen der alten dickrindigen Stämme, schöpfte Atem und wartete, bis ihr klopfendes Herz sich beruhigte.

Aber die Füße wollten sie nicht mehr tragen. So ließ sie sich nieder in den Chausseegraben, und da sie nun sah, wie sie zum erstenmal recht um sich blickte, daß es doch nicht ganz dunkel war, schmiegte sie sich dicht an den hohen Stamm der Pappel, in der Befürchtung, man möchte sie erkennen.

Sie hatte keinen Mut, in das Dorf zurückzugehen und einen Wagen zu holen; sie fürchtete, dort könnte sie Robert begegnen. Und nachdem sie sich etwas erholt hatte, setzte sie den Weg fort, immer die Chaussee hinab. Henri hatte ihr so oft die Straße beschrieben, eine jener meilenlang in gerader Linie das Land durchziehenden Chausseen, daß ein Verfehlen nicht möglich war, denn der erste Weg links ab brachte sie an ihr Ziel.

Allmählich beruhigten sich ihr Herz und ihr Hirn etwas. Wut und Erbitterung wichen mehr und mehr dem glückseligen Gefühle: sie ging ihrer Zukunft entgegen, der Entscheidung. Denn mit diesem Gang begann sie ein neues Dasein.

Sie dachte Wohl an die kleine Lucy, an das einzige, das sie in Montmidi mit Schmerz zurückgelassen hatte, aber die sah sie doch wieder: das meinte sie wenigstens bestimmt. Sie kannte das Gesetz nicht, sie hatte nie danach gefragt, nie darüber nachgedacht, sie wußte nur eins, ihr gehörte die Tochter nach Recht und Ordnung, denn das Recht war doch das des Herzens, und der Mutter mußte das Kind zugesprochen werden. Was sollte Robert auch mit der Kleinen anfangen, die er kaum ansah. Und dann war sie doch nur ein Esser mehr am Tisch, und davor hatte er ja solche Angst!

Nun wanderten Denisens Gedanken wieder zu ihrem Ziel. Ihre Züge verklärten sich, sie lächelte, sie malte sich aus, wie Henri ihr entgegenkäme auf der Schwelle des Hauses, sie an seine Brust zöge und spräche: ›Nun werden wir Mann und Weib!‹

Und sie konnte es kaum erwarten, bis der Weg endlich abbog. Sie fühlte neue Kräfte in sich, sie lief und lief, ihr war ganz warm geworden. Wenn sie sich zuerst vor den Schatten der Dämmerung gefürchtet halte, so fühlte sie jetzt etwas wie: ›Es ist ja ganz gleich, was kann mir denn geschehen, ich gehe doch zu ihm, zu ihm!‹

Da teilte sich der Weg, die Pappelallee hörte auf, ein hoher Baum zeichnete sich gegen den Nachthimmel ab. Schmarotzerpflanzen wucherten hoch oben in den kahlen Ästen, eine Reihe von Kugeln, die aussahen, als hingen dort gewaltige Nester. Sie kannte ja den Baum, das Wahrzeichen von La Bergerie. Sie kannte ja alles hier, obgleich sie nie hier gewesen war, denn er hatte ihr doch so oft davon gesprochen.

Und als wäre sie längst hier zu Hause, wandte sie sich jetzt rechts. Einen Augenblick darauf tat sich ein schmiedeeisernes Gitter vor ihr auf, groß und schön gearbeitet, zwischen zwei steinernen Säulen. Die Tür war angelehnt, ein Mädchen stand daran und schwatzte mit einem Knecht.

Beide verschwanden im Dunkel, als sie jemand kommen hörten. Denise aber ging weiter den geraden Kiesweg zwischen zwei Buchsbaumhecken entlang, und nun lag auch das weiße Herrenhaus vor ihr, das sogenannte Schloß, eigentlich nur eine kleine Villa.

Wieder, als wäre sie zu Haus, eilte sie um den Bau, an einer Rampe und kleinen Treppe vorbei. Sie sah Licht im Erdgeschoß. Das war sein Zimmer, denn ein Wintergarten schloß sich daran, einst gut gehalten, heute leer; der Herr des Gutes mußte ja sparen.

Das Fenster war sehr niedrig. Sie krampfte ihre Finger an den Sims, lugte durch die geschlossenen Läden und sah Henri stehen. Er schien zu lesen. Er beugte sich nieder auf den Tisch, wo etwas lag, das sie nicht erkennen konnte. Da rief sie:

»Henri!«

Niemand antwortete. Sie rief noch einmal und klopfte an den weißen Laden. Er wandte sich herum, und nun sah sie diese Augen, um die sie alles getan hatte, diesen schwarzen Blick mit den langen Seidenwimpern, aber diesmal ganz anders, nicht weich und zärtlich, sondern erstaunt, während er die Stirn runzelte. Er fragte: »Wer ist da?«

Sie antwortete laut:

»Henri, mach' auf, Denise ist da!«

Er stürzte ans Fenster, öffnete, und wieder fragte er durch den Laden:

»Was ist denn? Wer ist da?«

Da, sagte sie nur:

»Erkennst du mich nicht?«

Er zuckte zusammen:

»Denise?«

Sie lachte:

»Ja, ich bin's!« Aber er fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfen und rief:

»Aber um Gottes willen, was ist denn geschehen?«

Sie war ein klein wenig erschrocken. Es entsprach nicht ganz dem, was sie sich geträumt hatte. Aber schon war er zur Gartentür gelaufen, hatte aufgemacht, und Denise sah, wie er durch das leere Treibhaus kam. Sie trat an die Glastür. Nun standen die beiden einander gegenüber, nur durch die spiegelnde Wand getrennt. Lächelnd blickte sie ihn an.

Er bemühte sich, zu öffnen, das Schloß schien verrostet zu sein, endlich ging die Tür auf, Denise flog ihm in die Arme, und vor übermenschlichem Glück schluchzte sie laut, während ihr Kopf an seiner Brust lag.

Er streichelte sie leise und sagte nur etwas erstaunt:

»Denise, du hier, heute abend?«

Dann zog er sie herein und schloß sorgsam die Tür. Sie blieben so in der Dunkelheit des Treibhauses stehen, dessen ringsherum geschlossene Strohmatten sie vor allen Blicken schützten. Da fragte er wieder, und dabei suchte er sanft ihre Arme los zu machen: »Was führt dich denn hierher? Aber das ist ja furchtbar leichtsinnig!«

Sie sah ihn an:

»Leichtsinnig? Jetzt ist es kein Leichtsinn mehr!«

Er wurde böse:

»Wenn nun aber dein Mann zurückkommt?«

Sie rief mit freudiger Zuversicht:

»Mag er nun kommen! Für mich ist er tot! Es gibt nur einen Mann für mich, das bist du!«

Und wieder legte sie ihren Kopf an seine Brust und atmete stürmisch vom schnellen Gang. Er sagte nichts. Er schnalzte nur ein paarmal wie bedauernd mit der Zunge, dann blickte er sich um und flüsterte:

»Einen Augenblick.«

Er machte sich los, lief in sein Zimmer, man hörte das Geräusch eines Schlosses, dann zog er Denise herein. Er drückte sie auf das Sofa, setzte sich neben sie und fragte:

»Aber um Gottes willen, um Gottes willen, was ist denn geschehen? Weißt du auch, was du tust?«

Sie blickte ihn glückselig an:

»Ja, ich weiß es, ich bin fort!«

Nun erzählte sie mit fliegendem Atem von dem Brief, den sie gefunden hatte, daß Robert noch nicht heimgekehrt sei, daß sie sich bedroht fühle durch ihn, und daß sie wüßte, einen gäbe es nur, der sie retten könnte, Henri!

Sein Gesicht war ernst geworden, nichts mehr von dem schwärmerischen Lidersenken, seine Augen blickten nüchtern, klar und hart, obgleich sie tief und schwarz und schön waren wie nur je. Er machte ihr Vorwürfe, ob sie denn ganz den Kopf verloren hätte, er konnte nicht fassen, daß sie allein hierher gelaufen war:

»Hast du denn nachgedacht, was nun werden soll? Du kannst doch nicht die Nacht hierbleiben.« Die Arme sanken ihr schlaff herab:

»Ich kann nicht hierbleiben?«

Er fühlte, wie er sie zurückgestoßen hatte und wollte den Eindruck etwas verwischen, aber doch dabei vernünftig bleiben, darum sagte er, indem er ihre beiden Hände nahm und sie abwechselnd an die Lippen zog:

»Aber das siehst du doch ein, daß das nicht geht. Der Zukunft wegen nicht! Mein Gott, ich wäre ja glücklich, könntest du immer bei mir sein! Aber nur nicht so, nur nicht so! Das ist ja ganz unmöglich! Was sollen denn die Leute sagen? Was wird denn geredet werden? Du machst ja dich und mich unmöglich!«

Sie war wie vernichtet:

»Ja, daran habe ich nicht gedacht! Daran, weiß Gott, daran habe ich nicht gedacht!«

Da redete er ihr zu, wie einem Kinde, indem er immer ihre Hände in den seinen behielt:

»Halte mich nicht für hart und böse, das mußt du aber doch einsehen. Überlege es dir doch einmal. Was sollen denn die Leute sagen? Und denke dir mal heute abend! Und ich bin doch auch nicht darauf eingerichtet. Wo sollst du denn hin?«

Sie sagte nur ganz niedergeschlagen, indem ihre Augen den Boden suchten:

»Ich wollte bei dir bleiben!«

Er sprang auf und lief im Zimmer hin und her, er ereiferte sich, er redete, wie sie ihn noch nie gehört hatte, kurz, vernünftig. Er stellte ihr die ganze Sachlage vor. Er meinte, es wäre ein Streich, den ihr Temperament ihr gespielt hätte, und sie müßte doch überlegen, was daraus werden sollte. Man würde darüber reden, man müßte es unglaublich finden; er könnte sie doch hier nicht verstecken, und schließlich würde Robert kommen und sie holen! Dieser Skandal! Dieser furchtbare Skandal!

Da sagte sie einfach:

»An all das habe ich nicht gedacht.«

Er zuckte die Achseln:

»Ich habe es dir ja gesagt, dein Temperament, dein wundervolles Temperament, dieses Temperament, weshalb ich dich anbete, das hat dir nun mal einen Streich gespielt.«

Jetzt sah sie ihn an, als wäre er ihr ganz fremd, und sie sagte bloß:

»Aber ich muß hierbleiben!«

Er wurde heftig:

»Das geht nicht.«

Sie stand auf:

»Wo soll ich hin?«

»Das weiß ich nicht, das wollen wir noch überlegen, aber hierbleiben ist doch unmöglich.«

Plötzlich stieg es ihr in Bitternis herauf, daß sie kaum sprechen konnte. Sie stammelte:

»Und ich hatte mich doch ganz auf dich verlassen.«

Er lief in langen Schritten auf und ab und sah sie gar nicht an, während er rief:

»Das ist ganz gut gesagt! Aber mein Gott! Nein, ihr Frauen! Das ist schrecklich mit euch! Man muß doch ein bißchen Vernunft und Logik im Kopf haben! Bei Nacht und Nebel kommst du hier an! So überlege doch die Folgen!«

Sie machte eine verächtliche Gebärde:

»Folgen? Mir ist alles ganz gleich! Bei dem, was ich um dich getan habe, was sind da Folgen!«

Er war einen Augenblick etwas beschämt, aber er fuhr gleich wieder fort, wenn auch einlenkend:

»Nun, das mußt du nicht so auffassen! Ich bin der Mann, ich muß an das Praktische denken. Von Liebe und Schwärmerei allein können wir nicht leben. Die Frage liegt einfach so: was wird geschehen, wenn du hierbleibst? Du bringst dich bei aller Welt in schlechten Ruf, dein Mann bekommt recht, und er hat recht, und alle Welt redet. Du machst dich hier unmöglich, und ich mache mich hier unmöglich! Herrgott! Herrgott nochmal!«

Dabei fuhr er sich mit beiden Händen in das wohlgekämmte Haar, daß er sich den Scheitel zerstörte und ihm eine große Locke über die Stirn hing.

Denise brachte kein Wort mehr hervor. Das war der Empfang? An all das hatte sie allerdings nicht gedacht. Sie war so niedergeschmettert, daß sie nur zu einem kam, ihm ruhig zu sagen:

»Bestimme, was soll geschehen?«

Er antwortete sofort:

»Du mußt wieder nach Haus, ehe dein Mann zurückkehrt.«

Aber sie nahm alle Kraft zusammen und schrie:

»Das tue ich nicht!«

Er stand mit derselben Entschiedenheit ihr gegenüber:

»Du mußt es!«

»Nein, nach Hause gehe ich nicht!«

Da fühlte sie die Selbstsucht des Mannes, und eine jähe Empörung kam über sie. Auf diesen hatte sie vertraut, er sollte anders sein als die andern, und was war er? War er nicht genau so wie Robert? Er hätte sie mit offenen Armen der Liebe empfangen müssen, er sollte stolz sein, daß sie dieses Opfer für ihn brachte, daß sie selbst kam und sagte: »Hier bin ich, und ich bin dein, und du sollst mich behalten bis an mein Ende.« Und was geschah? Er sagte nur kalt: »Hier kannst du nicht bleiben!« Da leuchtete es ihr in jäher Erkenntnis auf, als hätte sie sich in diesem Mann geirrt. Es war ihr, als könnten diese weichen, zärtlichen Augen, die jetzt so hart blickten, nicht die Augen der Liebe sein, von denen sie geträumt hatte. Es war in ihr eine fürchterliche Empörung gegen alles, was Mann und Mensch hieß; er, der ein Gott ihr geschienen, war nicht anders, als sie alle.

Denise glaubte nicht mehr an seine Liebe. Wie Robert sie ein halbes, vielleicht ein Jahr geliebt und sie dann verlassen hatte, indem sich allmählich sein Blut kühlte und zu Eis erstarrte, so war es bei diesem Manne hier, in den sie ihr ganzes Vertrauen gesetzt hatte, um deswillen sie bereit gewesen war, einen großen Bruch in ihr Leben zu bringen. Ein halbes Jahr, und die Glut war gekühlt; er wurde hart und kalt, und nun, wo er den Beweis bringen sollte, hielt er sie keines Opfers wert. Sie trat vor ihn und sagte nur:

»Bringen Sie mich nach Hause!«

Er wollte etwas erwidern, er zauderte einen Augenblick, dann hob er die Hände, als hätte er ihr etwas zu erklären, aber sie wandte ihm den Rücken. Da ging er hinaus, und einen Augenblick darauf kam er im Überzieher zurück. Er schlug den Kragen in die Höhe, als wollte er nicht erkannt sein, setzte sich einen weichen Hut tief ins Gesicht und öffnete die Tür.

Vorsichtig löschte er noch die Lampe auf dem Schreibtisch, dann gingen sie eilig nebeneinander her, einen andern Weg, nicht durch das große Tor, sondern einen Pfad hinten herum, daß man sie nicht sehen konnte, heimlich, wie er auch bisher heimlich geschritten war mit dieser Frau.

Schweigend huschten sie durch die Nacht. Denise eilte vorwärts, immer einen halben Schritt vor ihm. Keiner von beiden sprach ein Wort. Das Tempo wurde schärfer, obgleich Denise von dem schnellen ungewohnten Gehen müde war zum Umfallen. Er gab nur unterwegs ein paarmal die Richtung an. Sie folgten einem Fußwege, der bedeutend abkürzte. So brauchten sie nicht durch Charenton zu gehen, aber am Bahnhof mußten sie vorbei. Sie hatten schon den Pfiff einer Lokomotive gehört, sie vernahmen das heftige Dampfausstoßen eines Zuges, der sich in Bewegung setzt; dann klang auf den Schienen das langsame Hinrollen, das in dem Schweigen der Nacht gar nicht aufzuhören schien, sondern unter dem hohen dunklen Himmel wie ein langgezogenes Echo weiterklang.

An einer Stelle mußten sie zwischen Ort und Bahnhof die Chaussee überschreiten. Da nahm Henri Denise beim Arm, um sie zurückzuhalten:

»Einen Augenblick, es kommen Menschen.«

Es war das einzige, was er bisher gesprochen hatte.

Man hörte Tritte, sah Schatten nahen, es waren die paar Leute, die eben mit dem Zug angekommen waren. Aber Denise wandte sich zu ihrem Begleiter:

»Was schadet denn das?«

Er redete ihr zu:

»Denise, wir wollen doch vernünftig sein.«

Sie antwortete mit unsäglicher Verachtung:

»Vernünftig! Für wen denn! Ich will es Ihnen sagen, wir wollen nicht feige sein.«

Er blickte sie zornig an, aber sie war schon weitergegangen und schritt vor den vom Bahnhof kommenden Leuten die Straße hinab. Henri blieb immer einen halben Meter hinter ihr. Lautlos ging die Wanderung weiter Montmidi zu.

Da hörte sie plötzlich jemanden stärker ausschreiten. Mit einem Male legte sich eine Hand auf Denisens Schulter, und eine Stimme rief:

»Was machst du denn hier?«

Sie wandte sich um, ein lähmender Schreck fuhr ihr durch die Glieder. Ihr Mann stand vor ihr, die kleine Reisetasche in der Hand, und sah sie durchbohrend an. Wieder tönte es:

»Was machst du denn hier in der Nacht?« Sie gab keine Antwort.

Fast zugleich wandte sich Robert an Henri, der auch stehen geblieben war:

»Herr d'Hautecourt, darf ich Sie bitten, mir das zu erklären?«

Henri runzelte die Stirn. Er war erschrocken, aber er war ein Mann von Welt. Solch einer Bewegung wäre er zwar ausgewichen, solange es möglich war, fand sie aber nun einmal statt, so zog er keinen Augenblick zurück; wollte es das Unglück, daß er mit dem Mann zusammentraf, nun, so hieß es eben die Folgen tragen. So sagte er ganz ruhig und überlegen:

»Ich begleite die gnädige Frau.«

Robert meinte:

»So, und darf ich fragen, wo sie gewesen ist?«

Jetzt zögerte Henri. Endlich fand er die Antwort:

»Es wird Ihnen wohl genügen, Herr de la Caille, wenn ich Ihnen sage, daß diese Dame unter meinem Schutz steht!«

Roberts Faust, in der er den Stock hielt, zitterte vor Wut. Er rief:

»So, also meine Frau steht unter Ihrem Schutz, das ist ja sehr nett!«

Henri wartete darauf, der andere würde sich auf ihn stürzen, und war bereit, ihn abzuwehren. Aber da warf sich Denise zwischen sie. Die kleine Frau richtete sich stolz auf und sagte zu ihrem Manne:

»Bitte, ich bedarf des Schutzes dieses Herrn nicht. Er irrt sich. Ich habe ihn nur gebeten, mich der Dunkelheit wegen zu begleiten, genau so, wie ich dich darum gebeten hätte.«

Robert fragte:

»Wo bist du gewesen?«

Aber da trat Henri dazwischen: »Herr de la Caille, ich glaube, wir besprechen das zu einer andern Stunde, Sie wissen wohl, daß wir Zuhörer haben!«

Dabei wies er auf Bauern, die in größerer oder geringerer Entfernung daherkamen; auch den Bäcker mit seiner Frau sah man, die auf der nächsten Station Verwandte besucht hatten.

Robert rief kurz:

»Stört Sie das? Mich nicht! Ich habe ein reines Gewissen!«

Denise ahnte, daß sich jetzt hier vor dem ganzen Dorf alles abspielen sollte, sie fühlte, daß die Leute nach dem, was sie von Célestine gehört hatte, nur darauf warteten, daß das Gewitter, das sie längst kommen sahen, sich nun endlich entlüde! Diese Klatschbasen, die da alles wußten von ihren Nebenmenschen, wollten jetzt den Spaß haben, mit zu erleben, wie die Gutsherrschaft vor ihnen ihre schmutzige Wäsche wusch.

Da kam ihr der Gedanke, das alles kurz abzuschneiden. Die Frechheit Roberts, sich als den Unschuldigen hinzustellen, empörte sie. Sie dachte an die Briefe, die sie gelesen, an die Gerüchte, die sie gehört hatte, an die Gänge, die er immer tat, an die Jagdausflüge, bei denen er nichts schoß; all ihre Empörung sammelte sich in dem Gedanken an dieses dicke, gemeine Geschöpf, an diese Kuhmagd, die sie in ihrer Phantasie war, und sie rief wutzitternd: »Und die Dicke?«

Robert blieb erstaunt stehen. Er fand keine Antwort. Denise aber wandte sich zu Henri und sagte, um die Sache zu beenden:

»Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Begleitung, gute Nacht, Herr d'Hautecourt.«

Der Baron aber, dem gleichfalls die Anwesenheit all dieser Zuhörer peinlich war, lüftete den Hut:

»Herr de la Caille, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung. Sie verstehen mich: vollkommen zu Ihrer Verfügung. Ich warte auf eine Nachricht von Ihnen. Guten Abend.« Damit machte er eine Verbeugung, wandte sich um und ging langsam die Chaussee hinab, um wieder in dem Seitenweg zu verschwinden, den sie abkürzend gekommen waren.

Robert aber sagte zu seiner Frau nur die Worte:

»Komm mit!«

Sie gingen. Die Leute, die sich trotz der späten Stunde in immer größerer Menge wie durch ein Wunder gesammelt hatten, starrten ihnen nach. Allmählich blieb die Menge zurück und das Paar war allein.

Denise wickelte sich in ihren Umhang, sie war auf alles gefaßt, und sie wandte sich ganz ruhig herum, als er nun wirklich, wie sie in der Allee zur Villa standen, stehen blieb und kurz fragte:

»Wo bist du gewesen?«

Denise durchzuckte es einen Augenblick, eine ausweichende Antwort zu geben, denn sie war zu stolz, um zu lügen! Aber als noch einmal wutzitternd:

»Wo bist du gewesen?« ihr entgegenklang, stieg die Empörung in ihr auf, daß dieser Mann, der selbst sündigte, sie zur Rechenschaft ziehen wollte. Sie war fertig mit ihren Nerven, sie wollte keinen Kampf und keinen Streit mehr, sie hatte dieses Leben satt. Sie fühlte, es war doch alles zu Ende, und darum lieber Schluß als noch eine lange Qual. Da sagte sie ganz einfach, als sei es das Natürlichste von der Welt:

»Ich war in La Bergerie.«

Er war so erstaunt über dieses glatte Geständnis, daß er im ersten Augenblick gar keine Erwiderung fand. Er stammelte nur: »So – so – so – so!«

Endlich fügte er hinzu:

»Und das sagst du mir ganz einfach?«

»Ja, das sage ich dir ganz einfach.« »Wie kommst du dazu?«

Sie sprach leise, aber fest, ganz ruhig und entschlossen:

»Weil ich zu stolz bin, zu lügen, wie du mich belogen hast seit Jahr und Tag. Hörst du, weil ich zu stolz dazu bin.«

Er wurde immer ruhiger, aber immer fassungsloser:

»Davon sprechen wir nicht! Davon sprechen wir nicht!«

»Doch, davon sprechen wir, ich spreche davon. Du hast mich hintergangen seit Jahr und Tag, und ich habe es dir zurückgegeben. Ich leugne es nicht einen Augenblick. Ich bin nicht hinterlistig, ich bin nicht feige! Eins will ich dir aber sagen: du hast mich dahin gebracht. Ich habe mich bemüht, deine Frau zu sein, deine gute, brave und ehrliche Frau, eine anständige Frau. Du hast es mir unmöglich gemacht. Das sind die Folgen.«

Damit wollte sie einfach weitergehen, der Villa zu. Sie wartete darauf, er würde sie schlagen. Sie glaubte, jeden Augenblick müsse sein Stock oder seine Faust niedersausen auf ihren Kopf; er würde sie erwürgen und töten. Was galt ihr das? Es war ihr gleich! Nein, es wäre ihr recht gewesen! Was ging sie das ganze Dasein überhaupt an, diese Häufung von Jammer und Schmutz. Sie war auf der Erde gewesen, sie hatte nicht viel Freude gehabt, sie wollte wieder gehen, und sie weinte diesem Elend keine Träne nach. Sie schloß, während sie hinschritt, die Augen, seinen Angriff erwartend. Aber er kam nicht.

Robert ging eilig an ihr vorbei, stellte sich ihr in den Weg und fragte:

»Wo willst du hin?«

»Nach Hause.«

»Das erlaube ich dir nicht!«

Sie warf die Lippen auf:

»Es ist mein Haus.«

»Nein, deins nicht mehr, du hast kein Recht, hier zu sein, ich verbiete es dir. Du gehst mich nichts an, mach', daß du fortkommst! Geh zu deinen Eltern, geh nach Paris, oder besser noch, geh nach La Bergerie! Aber über meine Schwelle setzst du keinen Fuß!«

Er hatte sich in die Wut hineingeredet, ließ die Reisetasche fallen, ballte beide Fäuste und schrie sie an:

»Glaubst du, ich ließe dich wieder in mein Haus? Nein, nicht über die Schwelle!«

Dabei fuchtelte er ihr mit den Fäusten vor dem Gesicht herum.

Sie blieb ruhig stehen, ohne sich zu fürchten, aber sie schloß bei dem Luftzug die Augen. Er deutete es anders und rief in immer steigender Wut:

»Glaubst du, daß ich mich an dir vergreife? Glaubst du, daß ich dich überhaupt noch anrühre? Du bildest dir wohl ein, ich würde eine große Geschichte daraus machen? Fällt mir gar nicht ein! Rausschmeißen tue ich dich, weiter nichts!«

Damit machte er plötzlich kehrt und lief ein paar Schritte fort. Unterwegs schien ihm einzufallen, daß er die Reisetasche hatte stehen lassen, und es war ein tragikomischer Abschluß, daß er noch einmal umdrehen mußte, um sie vom Boden aufzuheben. Er würdigte Denise dabei keines Blickes, lief mit eiligen Schritten davon, und sie blieb regungslos stehen.

Sie hörte seine Tritte verklingen, sie sah, wie er sich der Villa näherte, deren weiße Mauern unbestimmt leuchteten, sie vernahm in der großen Stille der Nacht, wie er lange am Schlüsselloch klapperte, wie er aufschloß, wie die Tür zuschlug. Dann war alles ruhig.

Sie atmete tief. Sie stand im bloßen Kleide da, der Umhang war ihr von der Schulter gerutscht. Sie fühlte sich wie sinnverwirrt, wie zerschlagen und zerbrochen, keines Gedankens fähig. Sie wußte nur eins, es war alles, alles aus mit einem Schlage. Sie hatte keinen Mann, kein Heim, und der, um dessentwillen sie alles getan, hatte sie ruhig Roberts Gewalt überlassen. So blieb sie lange, wie betäubt, als hätte sie den Schlag wirklich bekommen, den sie ruhig von ihrem Mann erwartet hatte.

Aber da zuckte sie zusammen: sie fröstelte, sie begann zu frieren, und das brachte sie zur Wirklichkeit zurück. Sie überlegte, was tun. Sie nahm ihren Umhang über die Schultern, machte kehrt, ging langsam die Straße zurück, den Weg bis zur Landstraße und endlich diese hinab.

Der Rückschlag war eingetreten, ihre größte Erregung vorbei, sie sah dem Kommenden ruhiger ins Gesicht, und wie sie über ihre Lage nachzudenken begann, ward sie sich dessen bewußt, daß sie mitten in der Nacht auf einsamer Chaussee stand in tiefster Dunkelheit und ganz allein.

Da beeilte sie ihre Schritte. Sie war sich klar, sie mußte zum Bahnhof; dort konnte sie warten. In zwei bis drei Stunden höchstens – sie wußte die Zeit nicht genau – ging der Schnellzug nach Paris, und sie war sofort entschlossen, den mußte sie nehmen. Sie wollte zu ihren Eltern, dem einzigen, was ihr jetzt blieb. Wenn sie sich auch jahrelang nicht um sie gekümmert hatten, es war doch ihr natürlicher Rückhalt, dort gehörte sie hin.

Erst als sie auf dem Bahnhof ankam, wo im Wartezimmer nur trübe eine Lampe brannte, fiel ihr ein, daß sie nicht genug Geld hatte. Und wenn ihr bisher alles leicht und einfach erschienen war, so traf sie das wie ein kaltes Sturzbad. Geld, Geld, das elende Geld, das alle Träume zur Erde drückte, das an all ihrem unseligen Geschick Schuld war. Geld, mit dem der Verzweifelte rechnen mußte wie der Schwärmer, Geld, das allen Stolz niederzwang! Was sollte sie tun? Sollte sie zu ihrem Manne zurückkehren und das Reisegeld nach Paris verlangen? Sollte sie zu dem Geliebten gehen? Pfui!

Angesichts dieser einzigen Möglichkeit erschien es ihr als weniger entwürdigend, wenn sie sich einfach an irgend jemand hier am Bahnhof wandte. So ging sie auf den Stationsvorsteher zu, als er gerade heraustrat. Es war ein junger Beamter, der sie früher immer artig gegrüßt hatte, obgleich Robert in keinen Beziehungen zu ihm stand. Sie sagte ganz einfach:

»Sie wissen, wer ich bin. Gewisse Umstände zwingen mich, sofort zu meinen Eltern zurückzukehren. Ich muß den nächsten Zug nehmen, aber ich habe kein Geld. Mein Vater ist Herr de Verneuil. Sobald ich in Paris bin, werde ich mir erlauben, Ihnen das Geld zurückzuschicken. Können Sie mir so viel geben, daß ich die Fahrkarte bezahlen kann?«

Der Stationsvorstand sah sie erstaunt an, und während sie sprach, glitt zuerst ein Lächeln über sein Gesicht, ein Lächeln des stillen Einverständnisses, das so viel hieß wie: ›Na ja, ich weiß schon, wie's mit euch steht!‹ Aber als er die entschlossene Miene und das ernste Gesicht der jungen Frau sah, erstarb das Lächeln auf seinen Zügen, seine Augen blickten mitleidig, und er sprach sehr artig:

»Gnädige Frau, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

Er ging in sein Bureau, suchte Geld zusammen, nahm etwas aus seinem Portemonnaie, und dann sagte er mit einiger Verlegenheit:

»Gnädige Frau, ich hoffe, es wird zureichen. Ich kann Ihnen in dem Augenblick nicht mehr geben. Ich bin Beamter und habe nichts von Haus.«

Dann grüßte er artig, verbeugte sich und ging davon, ehe Denise ein Wort des Dankes hatte sagen können. Sie hielt das Geld in der Hand. Sie war dem jungen Menschen dankbar für seine taktvolle Zurückhaltung, und nun setzte sie sich in einem Winkel des Wartesaales auf einen Strohstuhl, und immer krampfhaft zwischen den Fingern die paar Goldstücke haltend, wartete sie, bis der Billettschalter geöffnet wurde. Sie starrte stumm vor sich hin, sie wollte überlegen, aber sie konnte nicht. Sie hatte nur den einen Gedanken: ›Nach Paris! Zu ihren Eltern!‹ Alles andere war ihr gleich.

Aber da dachte sie an die kleine Lucy, und das stimmte sie weich. Der Gedanke an ihr Kind half ihr die Zeit vertreiben. Sie dachte daran, wie morgen früh Lucy aufwachen und nach der Mama fragen würde, die nicht da war; wie man es ihr beibrächte, daß sie die Mutter jetzt nicht zu sehen bekäme. Sie vergegenwärtigte sich das Lächeln der Kleinen, und wie sie dann mit einer gewissen Bewegung, die sie immer hatte, den Kopf schüttelnd die Locken aus der Stirn warf. Es kam über Denise eine solche Rührung, daß ihr Herz pochte und sie den Tränen nahe war. Aber sie bekämpfte sie, und immer tröstete sie die Überzeugung, in ein paar Tagen vielleicht schon würde sie das Kind bei ihren Eltern wiedersehen.

Plötzlich wurde sie aus ihren Gedanken aufgescheucht. Der junge Stationsvorstand kam mit einer Decke und sagte liebenswürdig:

»Gnädige Frau, darf ich Ihnen das anbieten?«

Dann zog er unter der Decke noch ein Fußkissen hervor. Sie stellte die Füße darauf, ließ sich von ihm einwickeln wie ein Kind, dann grüßte er wieder artig, unaufdringlich und sagte:

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen keinen bessern Raum anweisen kann, aber in das Dienstzimmer dürfen Sie nicht, und mein eigenes ist wohl nicht darnach.«

Denise tat die ruhige, taktvolle Artigkeit dieses Mannes wohl. Sie sagte nur:

»Ich danke Ihnen, Sie sind sehr liebenswürdig.«

Der Stationsvorstand entfernte sich, ohne sie neugierig anzusehen, ohne eine Teilnahme, die ihr wehgetan hätte. Sie dachte nach. Wie kam er dazu? Warum hatte er das Geld gegeben, ohne auch nur zu fragen? Und sie fand nur eine Erklärung: man wußte eben im ganzen Ort, wie es zwischen ihr und Robert stand. Dieser Schluß in der heutigen Nacht war wohl nur das, was die bösen Zungen und auch dieser eine – doch er vielleicht mitleidigen Herzens – längst vorausgesehen hatten.

Endlich kam der Zug. Schon vorher war der Stationsvorstand wieder erschienen und hatte gesagt:

»Gnädige Frau, es ist Zeit!«

Er hatte ihr selbst das Billett gebracht, und sie bezahlte es ihm von dem geborgten Gelde. Als er sie hinausgeleitete, fragte er:

»Gnädige Frau, Sie werden doch genug haben?«

Sie dankte. Er öffnete selbst eine Wagentür, half ihr hinein, und im letzten Augenblick reichte er ihr noch die Decke. Sie wollte sie nicht annehmen, aber er meinte:

»Gnädige Frau, es ist eine lange Nachtfahrt, Sie schicken sie mir gelegentlich zurück.«

Er schloß die Tür, gab das Signal und war ganz wieder der Mann des Dienstes, wie er dastand und dem davonbrausenden Zuge nachsah.

XIV.

Als Denisens Droschke vor dem Hotel ihrer Eltern hielt, lag die Straße noch verschlafen, ohne Leben da. Nur aus den Diensteingängen der Häuser kam hier und da ein Mädchen, das etwas zu besorgen hatte; ein kleiner Wagen hielt, der häusliche Bedürfnisse vom Lieferanten brachte.

Denise trat ein. Der alte Diener, der noch nicht die Livree trug, sondern eine Ärmelweste und die Schürze, einen Teppichklopfer in der Hand haltend, fuhr ganz erschrocken zurück:

»Nein, aber so was, ist denn das möglich? Die gnädige Frau?« Aber Denise senkte die Augen, preßte die Lippen aufeinander und fragte nur:

»Ist Mama auf?«

»Gnädige Frau schläft noch.«

»Und Papa?«

»Es hat noch niemand geklingelt.«

Denise, die an das frühere Aufstehen auf dem Lande gewöhnt war, mußte sich erst hineinversetzen, daß vielleicht gestern Abend ein Diner gewesen war oder eine Vorstellung in der Oper, und daß ihre Eltern nun ausschliefen. Sie wurde in den kleinen Salon geführt; der Diener schloß die Fenster, schob noch schnell die Möbel zurecht, nahm ein Tuch von der Lehne des Fauteuils, eine Möbelbürste vom Sofa, dann sagte er:

»Gnädige Frau, einen Augenblick, ich werde mal fragen.«

Denise blieb in dem kühlen, noch nicht fertig aufgeräumten Raum fröstelnd stehen, fröstelnd bis ins Herz hinein, denn sie hatte sich dies Willkommen ganz anders ausgemalt. Sie hatte gedacht, sie wollte ihrer Mutter an die Brust sinken, sie wollte, von ihres Vaters Arm umschlungen, Entschädigung finden für das, was ihr geschehen war, Ruhe für ihren zerstückten Sinn, ihr zerbrochenes Herz. Und es war nicht rein gemacht in den Zimmern, und es war kalt, und die Eltern schliefen.

Es dauerte eine ganze Weile, endlich kam der Diener zurück:

»Die Herrschaften lassen gnädiger Frau sagen, sie möge warten, es würde eine Weile dauern.

Dann blieb er stehen, indem er an seiner Schürze zog, und es war, als wollte er fragen: ›Was ist denn geschehen? Weshalb steht denn unsere Denise hier?‹

Endlich wagte er es:

»Gnädige Frau sind ja so unerwartet gekommen? Der gnädige Herr ist ganz erschrocken! Vielleicht könnte ich etwas sagen zur Vorbereitung?«

Denise antwortete nur: »Ich werde es selbst sagen.«

Der Diener zog sich zurück. Es verging eine halbe Stunde, eine Stunde, und bei diesem Warten erschien Denise plötzlich alles ganz anders. Sie fand ihren Schritt von gestern abend, nach La Bergerie zu laufen, unüberlegt; ganz langsam schlich sich ihr die Erkenntnis in die Seele, die sie in ihrer ersten Erregung, in ihrer Enttäuschung nicht gefunden hatte, daß Henris Haltung möglich, vielleicht sogar verständlich war. Er hatte recht, daß er sich dort nicht mit ihr zeigen durfte; er hatte recht, sie konnte nicht die Nacht dableiben. Allmählich gewann sein Bild wärmere Farben, und je länger sie wartete, je erkältender ihr der Empfang bei den Eltern erschien, desto mehr neigte sich ihre hin und her geworfene Seele, ihr armes, verzweifeltes Herz dem Gedanken und der Hoffnung zu, daß Henri doch noch ihre Hilfe sein könnte.

Ihr künftiges Leben stand vor ihr: sie würde die Scheidung von Robert abwarten: ihre kleine Lucy mußte kommen; mit dem Kinde würde sie dann ein Jahr lang hier ruhig bei den Eltern leben, keinen Menschen sehen, nur des Kindes Erziehung überwachen, von früh bis abends, bis endlich, endlich die Stunde schlug, die sie mit Henri vereinte.

Während sie noch in ihren Gedanken war, wurde die Tür aufgerissen, und Frau de Verneuil trat ein. Sie hatte ein Morgenkleid mit schönem Spitzenbehang übergeworfen und sah etwas müde und verstört aus. Sie war noch nicht frisiert. Das machte sie älter. Sie blieb an der Tür stehen, und Denisens erster Eindruck war: ›Herrgott! Hat die Mama sich verändert!‹ Es war der Morgen, es war der fehlende Anzug, und es waren Wohl auch die drei Jahre, die dahingegangen waren, und die bei dem Lebensalter, in dem sich die Mutter befand, viel bedeuteten. Über dieser Betrachtung kam Denise, so seltsam es ihr schien, gar nicht dazu, den Ernst der Lage zu erfassen. Frau de Verneuil aber schlug die Hände zusammen:

»Um Gottes willen, um Gottes willen, Kind, was ist denn geschehen?«

Denise ging ihr entgegen und sagte ganz ruhig:

»Ich bin meinem Manne davongelaufen.«

Frau de Verneuil stieß einen Schrei aus, sie zog ihre Tochter aufs Sofa:

»Laß mich erst mal mich erholen. Was stellst du denn nur für Geschichten an!«

Und statt sich erzählen zu lassen, redete sie selbst:

»Aber bitte, liebes Kind, was denkst du dir denn eigentlich? Übrigens mußt du sofort wieder zurück! Papa wird dich schon hinbringen! Hat dich denn dein Mann schlecht behandelt? Was ist denn geschehen? Du kommst hier am frühen Morgen an, du rüttelst einen aus dem Schlaf und dann sagst du ganz einfach: ›Ich bin meinem Manne davongelaufen!‹ Ja, das geht doch nicht so! Wenn ich mir denke, ich würde einfach kommen und sagen: ›Ich bin Papa davongelaufen!‹ Herrgott, Herrgott nochmal, so etwas überlegt man sich doch!«

Denise unterbrach sie:

»Ich hatte keine Zeit, es mir zu überlegen.«

»Aber man überlegt sich's doch! Du kannst doch nicht einfach so fortlaufen! Das ist nun einmal im Leben nicht so. Du hast immer alles wie eine Spielerei aufgefaßt! Das Leben ist ernst, ist schrecklich ernst.«

Und die Frau, die nie den wirklichen Ernst des Daseins erfahren hatte, machte ein Gesicht wie ein alter Philosoph.

Da kam Herr de Verneuil. Er war vollkommen angezogen, er hatte sich Zeit genommen, sich zu rasieren, denn er zeigte sich nie anders. Er ging auf Denise zu, aber bei den letzten Worten, die er eben gehört hatte, blieb er wie angewurzelt stehen. Er streckte keine Hand nach seinem Kinde aus, er rief nur: »Denise! Denise!« »Da kommst du einem einfach so wieder ins Haus, und bald fünf Jahre bist du jetzt verheiratet, und nun bist du, bums, wieder da, und das alles soll gar nicht mehr sein, das ist ausgelöscht und weg? Nein, nein, so geht das doch nicht. Was hast du denn überhaupt für einen Begriff von der Welt?«

Aber Denise rief:

»Ich kehre nicht zu meinem Manne zurück.«

»Ja, das ist ganz gut, aber was geht am Ende uns das an? Du hast deine Mitgift bekommen, dein Geld ist weg, du bist verheiratet, du bist deinem Manne angetraut nach göttlichem und menschlichem Gesetz. Da läuft man doch nicht einfach so fort! Das hättest du dir früher überlegen müssen, das hättest du mir vor fünf Jahren sagen können, aber nicht jetzt. Nicht wahr, ich soll einfach nach fünf Jahren, nachdem das ganze Geld aufgegessen ist, und du eine Tochter in die Welt gesetzt hast, dich wieder so zurücknehmen, so – so wie man im Laden was umtauscht. Nein, nein, das sind ja alles Träumereien. Na also, die Sache wird ja schon wieder gut werden! Es renkt sich im Leben alles wieder ein! Das ist vielleicht mal für den Augenblick, ihr habt euch gezankt und…«

Denise unterbrach ihn abermals. Sie erzählte in atemloser Schnelligkeit, in der Befürchtung, Vater und Mutter könnten etwas dazwischenwerfen, all ihr Leid: wie sie behandelt worden war und schmählich hintergangen, wie sie ein Leben der Trauer in diesem elenden Montmidi geführt hatte. Sie erzählte, wie sie Henri d'Hautecourt kennengelernt, wie sie gegenseitig Gefallen aneinander gefunden hatten, wie sie ihn liebe, und sie schloß damit, daß sie ihn heiraten würde.

Herr de Verneuil lief im Zimmer wie rasend auf und ab. Frau de Verneuil aber nahm ihr Taschentuch, tupfte sich die Augen, begann schließlich laut zu schluchzen und stöhnte:

»Mein Gott, mein Gott, mein Gott! Und das muß gerade jetzt kommen, wo René alles dransetzt, die Partie zu machen!« Herr de Verneuil hatte daran noch nicht einmal gedacht und rief jetzt wütend:

»Denise, einen dümmeren Zeitpunkt hättest du dazu wohl nicht wählen können! Du verdirbst deinem Bruder die ganze Sache, und das will ich dir nur noch sagen, diese – nennen wir sie meinetwegen scheinheilig – aber diese Familie, deren Tochter er haben will, hält aufs Äußere! Neulich hat mir noch mit einer gewissen Beziehung Renés hoffentlich zukünftige Schwiegermutter gesagt, in ihrer Familie wäre Gott sei Dank nichts, dessen sie sich zu schämen hätten, kein Mitglied, das nicht etwas Hervorragendes leiste – wenn es auch vielleicht gar nicht so hervorragend ist und die gute Frau es sich nur einbildet! Aber was nun, Denise, wenn wir jetzt mit einem Skandal kommen? Und der Skandal, mein Gott, mein Gott, der ist ja schon da!«

Er wandte sich an seine Frau, die eine verneinende Bewegung gemacht hatte:

»Gewiß, Lucy, er ist da! Ich sage, er ist schon da! Denn so etwas redet sich doch herum, das gibt eine furchtbare Geschichte. Man hat sie fahren sehen, man hat sie ankommen sehen, die Leute dort werden reden – es gibt doch auch Nachbarn – die werden sich schon darüber aufhalten!«

Er wurde plötzlich so heftig, wie Denise ihren Vater noch nie gesehen hatte. Er zitterte, eine dicke Ader schwoll ihm von der Nasenwurzel bis zum Haar hinauf, er redete sich immer mehr in die Wut hinein, er wußte bald gar nicht mehr, was er sprach. Er machte Denise verantwortlich für alle Folgen, er sah schon voraus, daß aus der Partie von René nichts werden würde, und er erklärte, das Mädchen hätte zweieinhalb Millionen Mitgift und würde später mindestens genau dasselbe noch einmal bekommen. Denise könnte nur jetzt den Schaden ersetzen.

Dabei lief er wie ein Wüterich auf und ab, während Denise still und stumm auf dem Sofa neben ihrer Mutter sitzen blieb, deren Tränen immer reichlicher flossen, und die schließlich in den Ausruf ausbrach:

»Denise, du bist unser Unglück! Wirklich unser Unglück! Man hat auch gar keine Freude an seinen Kindern!«

Denise wurde, je mehr der Zorn ihres Vaters wuchs, je stärker die Tränen ihrer Mutter rannen, desto stiller, verschlossener und eisiger, und mit einem Male stand sie auf, angesichts aller dieser Selbstsucht um sie herum, und sagte ganz ruhig zu ihrem Vater:

»Papa, ich will euch nicht belästigen, ich will niemand stören, ich will Renés Zukunft nicht gefährden! Habt nur keine Angst! Er mag sich verloben, er mag seine Millionen einheimsen, er mag tun, was er will, ich brauche euch nicht, ich werde mein Leben auch allein in Ordnung bringen. Aber eins brauche ich, allerdings nur für den Augenblick. Es ist mir peinlich, es sagen zu müssen, und es demütigt mich: ich muß nämlich Geld haben, Geld, denn ich habe mir meine Fahrkarte hierher vom Stationsvorstand geborgt, und den Betrag will ich ihm zurückschicken. Und dann muß ich auch für den Augenblick etwas haben, um zu leben, nur für den Augenblick, hörst du? Da ich doch einmal noch etwas von euch bekommen werde, so ist wohl keine Gefahr dabei. Also ich bitte dich, Papa, gib mir eine Summe, und ich sage dir gleich, nicht zu klein, denn ich würde mich schämen, noch einmal zu bitten. Gib mir ein paar tausend Frank, gib sie mir im voraus von meinem Erbe. Du bekommst sie zurück, du bekommst sie heilig und wahrhaftig zurück. An Henri kann ich mich doch nicht wenden, und meinen Mann, der mein Mann nicht mehr ist, dem kann ich es nicht sagen; da bleibt mir eben nichts als meine Eltern. Also gib mir Geld, und ich will keinem Menschen mehr im Wege stehen.«

Herr de Verneuil war so erstaunt, daß ihm der Mund offen stehen blieb. Was Denise eigentlich hätte antworten sollen und was werden sollte, wußte er selbst nicht, aber bei dieser Lösung war er sprachlos.

Wenn seine Wut ein paar Augenblicke nachgelassen hatte, so stieg sie plötzlich wieder in einer jähen Aufwallung empor. Er zitterte, daß es ihn schüttelte, und rief mit einer tragischen Gebärde, indem er fortwährend die rechte Hand ausstreckte und Zeige- und Mittelfinger beben ließ:

»Gut, mein Kind! Gut, mein Kind, wie du willst! Wie du willst! Also du sollst Geld haben! Das ist eine nette Manier! Du forderst also dein Erbe, ehe wir noch gestorben sind! Nun, wir leben immer noch, und wir lassen uns nicht durch die Dummheiten einer entarteten Tochter unser Dasein verbittern! Und deinem Bruder lassen wir nicht seine Zukunft und alles vernichten, das hast du richtig erkannt. Die Abschlagszahlung auf dein Erbe sollst du aber haben.«

Nun trat er zurück, öffnete die Tür, ging wieder ein paar Schritte rückwärts, und mit derselben Handbewegung, während abermals Zeige- und Mittelfinger zitterten, wie die Blätter an einem Baum, die ein scharfer Lufthauch hin und her weht, stieß er hervor:

»Nur eins noch, das fordert unser Ruf: geh, halte nun auch Wort, störe uns nicht weiter! Ich verbiete dir hierdurch mein Haus. Mein Ehrenwort: du kommst in deinem Leben nicht wieder über diese Schwelle!«

Dann rannte er spornstreichs hinaus in sein Zimmer, um Geld zu holen, und in seinem sinnlosen Zorn nahm er aus seinem Schreibtisch einen ganzen Stoß von Tausend- und Fünfhundert-Frankenscheinen, die er am Abend vorher im Klub umgesetzt hatte; er griff aufs Geratewohl hinein, daß er ein ganzes Bündel in der Hand hatte und nur ein kleiner Teil liegen blieb. Er stieß das Fach zu und rannte zurück in den kleinen Salon, wo Denise noch regungslos stand, während ihre Mutter schluchzend auf dem Sofa saß. Er drückte ihr das Geld in die Hand, und Denise nahm es und antwortete ganz ruhig, immer eisiger werdend, je höher der Zorn ihres Vaters stieg:

»Ich danke dir, Papa, ich werde dir eine Quittung schicken.«

Die Banknoten in der Hand, lief sie fort, rannte die Treppe hinunter, unten am Pförtner vorbei, der eben den Hausflur reinigte, durch das offene Tor hinaus aus dem Hause ihrer Eltern, wo sie nichts zurückließ als die Decke des Stationsvorstehers von Montmidi, die sie in der Aufregung vergessen halte.

XV.

Der Skandal, vor dem sich Herr de Verneuil gefürchtet hatte, blieb aber doch nicht aus. Vielleicht wäre Denisens Flucht nicht bekannt geworden, am Ende hätte sie niemand gesehen, und was die Bauern in Montmidi und Charenton dachten und beobachteten, drang wohl nicht bis nach Paris, aber Robert hatte den Baron d'Hautecourt gefordert.

Und er hatte es nicht bei jenen Duellen bewenden lassen, wie sie täglich in Paris die Zeitungen füllen, wo unter Zeugen, sogar unter Zuhilfenahme des photographischen Apparates für die illustrierten Blätter ein paar Tagesberühmtheiten die Degen kreuzen, sondern er hatte Henri auf Pistolen gefordert unter schärfsten Bedingungen. Zwischen Montmidi und La Bergerie, in eben dem Walde, den Denise von ihren Fenstern aus hatte sehen können, durch den täglich Herr de la Caille geschritten war, hinter dem die Dicke wohnte, hatte der Zweikampf stattgefunden. Niemand wußte, hatte Robert seinem Gegner wirklich ans Leben gewollt, oder war es nur ein unglücklicher Zufall gewesen, aber Henri erhielt beim ersten Schuß eine Kugel durch die Lunge und lag hoffnungslos in La Bergerie darnieder.

Die Nachricht stand in den Zeitungen, sie kam nach Paris. Ein Blatt nannte die Verwandten unter heuchlerischem Bedauern, daß eine so angesehene Pariser Familie, deren Empfänge sehr gesucht wären, deren Haupt ein bekanntes Mitglied eines noch bekanntem Klubs sei, in eine solche Sache verwickelt worden sei.

Ein paar Tage darauf erzählte es aber in einem zweiten Artikel die genauern Umstände. Der Aufsatz begann:

»Unsere Leser werden sich des traurigen Vorfalls erinnern, den wir in einer der letzten Nummern besprachen, und worin wir den Mitgliedern einer bekannten Pariser Familie unser Mitgefühl ausgesprochen haben. Die Tragödie hat nun ihren Abschluß gefunden, der Baron d'Hautecourt ist, wie ein Telegramm uns soeben mitteilt, seinen Leiden erlegen. Man weiß nicht, wo die schuldige Frau sich aufhält. Eine Anfrage im Hotel ihrer hochgeachteten Eltern hatte keinen Erfolg, auch dort ahnt man es nicht, und wie wir erfahren, steht kein Mitglied der schwer heimgesuchten Familie auf der Seite der bloßgestellten jungen Frau. Es trifft sie um so schmerzlicher, als, wie wir aus bestimmter Quelle wissen, der Bruder der jungen Frau im Begriff stand, sich mit der Tochter einer der in erster Reihe genannten Familien unserer Finanzaristokratie zu verbinden. Eine Partie, die unter solchen traurigen Umständen für den Augenblick natürlich hat zurückgestellt werden müssen.«

In einem andern Blatt stand eine halb ernst, halb amüsant gehaltene Plauderei, überschrieben: Où est la femme? Diese Chronik zeigte einen großen Aufwand von Geist und Witz. Kein Mensch wüßte, hieß es darin, wo die junge Frau sich aufhielte. Alle wären hinterher. Die verschiedensten Nachrichten liefen schon ein. Einer behauptete, man hätte sie in Marseille gesehen, ein Telegramm spräche von der Schweiz, jemand anders wüßte mit Bestimmtheit zu versichern, sie habe sich in Le Havre eingeschifft.

All diese Gerüchte wurden ins Lächerliche übertrieben. Der Artikelschreiber preßte seinen ganzen Witz aus, um die Boulevards zu unterhalten. Er behauptete, die Direktion eines großen Berliner Varietétheaters hätte bereits telegraphisch angefragt, ob die junge Frau im Lande des Sauerkohls und des Bieres, der Brillen und Uniformen allabendlich gegen eine fabelhafte Summe auftreten wollte. Und er schlug vor, da sie doch wohl keine besondern Fähigkeiten hätte, weder tanzen könnte noch singen, vielleicht nicht einmal deklamieren, so sollte sie in lebenden Bildern gezeigt werden. Er empfahl der Dame, zweimal aufzutreten. Zuerst als büßende Magdalena, dann aber in einem religiösen Gemälde als Ehebrecherin vor Christus, dem Jugendbilde Munkaczys: ›Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!‹

Andere Nachrichten kamen, es wurde von der berückenden Schönheit der Sünderin gesprochen, und es fehlte bloß noch, daß in den illustrierten Zeitungen das Bild erschien.

Währenddessen saß Denise ruhig in einem Hotelzimmer in der Rue de l'Université. Sie las keine Zeitung, ging nicht aus, verbrachte einsam ihre Tage, sie wartete darauf, daß Henri kommen sollte, sie zu erlösen.

Und sie wartete sehnsüchtig Tag um Tag auf den Brief, der nicht erschien. Sie sagte sich nicht: ›Wie soll er meine Adresse wissen?‹ Und sie wollte sich nicht rühren, sie wollte aus ihrer Abgeschiedenheit nicht ans Licht treten. Sie fühlte sich wie ein verwundetes Tier, das sich erst einmal scheu verbirgt und nur eins bedarf: Ruhe.

Aber da sie nicht ausging und den ganzen Tag in ihrem Zimmer saß, vor sich hinstarrend, als wäre ihr Verstand gestört, kam auch keine Nachricht von der Außenwelt zu ihr. Außer dem Kellner, der das Essen brachte, erschien niemand. Man legte ihr keine Zeitung auf den Tisch, es war, als ob sie nicht in Paris wohnte, sondern auf einer verlassenen Insel mitten im Ozean.

Sie merkte den seltsamen Blick nicht, mit dem der Kellner sie beobachtete; sie ging nicht ein auf die Unterhaltung, die das Stubenmädchen beim Bettmachen mit ihr begann; sie fühlte nicht, daß das Personal, das ihren Namen kannte, den sie ja richtig eingeschrieben hatte, und das die Soublätter las, genau wußte, wer sie war.

Sie überlegte ihre Zukunft, sie schmiedete Pläne, und alle mündeten bei Henri, dessen Benehmen in jener letzten Nacht in Montmidi ihr immer natürlicher schien, immer entschuldbarer. Wenn sie ihn nicht besaß, wenn sie ihm nicht vertrauen durfte, was sollte sie dann noch auf der Welt? Wäre er nicht gewesen, sie wäre geradeswegs hinuntergegangen an die Seine und hätte sich hinabgestürzt in das kalte, schmutzige Wasser. Ein Gurgeln, ein Aufspritzen der Flut, und all der Kampf und all das Elend dieses Daseins war vorüber.

Aber sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Sie malte sich Henri in einem phantastischen Bilde aus, ganz anders als er war; so wie in ihrer Liebe zu ihm dreiviertel Haß gewesen war gegen ihren Mann und Empörung über sein Benehmen, das Gefühl, Rache zu nehmen an dem, der sie Tag um Tag betrog.

Doch allmählich erwachte in Denise die Sehnsucht nach ihrem Kinde. Sie sah nach der Uhr: jetzt stand Lucy auf, jetzt wurde sie angezogen, jetzt ging sie spielen – bei dem Gedanken traten der Mutter die Tränen in die Augen. Die Angst quälte sie, Lucy möchte etwa krank sein, und sie konnte sie nicht pflegen! Nachts war es ihr immer, als ob die Kleine schrie, sie wollte aufstehen und an das Bett gehen; und wenn sie dann Licht gemacht hatte, mußte sie sich erst über ihre Lage klar werden, daß sie eine einsame, verlassene Frau war, von ihren Eltern vor die Tür gesetzt, von ihrem Manne von der Schwelle getrieben, daß sie niemanden hatte, dem sie sich anvertrauen, niemanden, dem sie schreiben konnte.

Auch Henri nicht? Sie kam von ihrem Entschluß ab, nein, sie mußte ihm schreiben, und wenn es nur eine Zeile war. Da setzte sie sich hin und versuchte es. Sie zerriß zehnmal den Bogen, sie begann immer einen andern Wortlaut, und sie brauchte einen ganzen Tag, bis sie endlich einen Brief abschickte, der nur die paar Worte enthielt: »In der Befürchtung, Briefe möchten mich in meiner Verborgenheit nicht erreichen, am Kopf dieses Briefbogens meine Adresse.« Darunter nur »Denise«. Sie hatte ein paar Worte der Liebe, des Vertrauens hinzufügen wollen, aber immer wieder meinte sie: ›Nein, nein, ich dränge mich nicht auf.‹

Nachdem Denise den Brief abgeschickt hatte, wartete sie ängstlich. Ein Tag verging, noch ein zweiter, und sie ward unruhig. Aus ihrer dumpfen Betäubung begann sie zu erwachen, sie suchte eine Beschäftigung. Aber sie hatte sich vorgenommen, sich nicht zu rühren, bis ein Brief käme.

Da lief er endlich ein, aber von einer Schreiberhand und mit einer Geschäftsadresse in der Ecke. Sie drehte ihn erstaunt in den Fingern herum, sie las den Namen eines Notars, sie öffnete. Es waren nur wenige Zeilen, die ihr mit nüchternen Worten mitteilten, da Baron d'Hautecourt gestorben sei, wäre er, der Notar, der schon bei Lebzeiten die Verwaltung von La Bergerie besorgt hätte, mit der Ordnung des Nachlasses beauftragt worden. Er habe das Recht, alle Briefe zu öffnen, und er erlaube sich, da er hierdurch ihre Adresse erfahren, ihr diesen bisher unbestellbaren Brief zu übermitteln.

Denise starrte auf die Zeilen wie auf ein Todesurteil. Sie besaß nicht die Kraft, den beigeschlossenen Brief Henris zu öffnen. Sie blieb wie erschlagen sitzen, nur die Zeilen des Notars vor Augen. Sie las sie ein dutzendmal, und jedesmal, wenn sie an die Mitteilung des Todes kam, schnürte sich ihr die Kehle zusammen, aber sie fand keine Tränen.

Sie stand auf, ging im Zimmer hin und her, und immer lag vor ihr auf der Kaminecke der uneröffnete Brief Henris, den sie nicht zu berühren wagte. Sie blickte zum Fenster hinaus, sie sah nichts von der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie merkte nicht, daß der Fensterflügel nicht recht schloß und der Zug kalt durch die Fugen blies. Sie setzte sich an den Kamin, und ihr Auge blieb starr auf dem Brief dort oben auf der hellen Marmorplatte hängen.

Sie stand mehrmals auf und wollte danach greifen, aber immer sank sie in den Sessel wieder zurück. Sie wußte nur eins: jetzt war ihr Leben hin, jetzt war alles zu Ende. Sie war nicht fähig, einen Gedanken zu fassen oder einen Entschluß. Sie hatte nicht die Kraft, die Hand nach dem Briefe auszustrecken. Ihre Adern schienen kein lebendiges Blut mehr zu führen, es waren Kalkstränge, in denen ein toter Saft läuft. Ihr Herz schien nicht zu schlagen. Ihr Herz? Ein Herz hatte sie ja nicht mehr! Ihr Verstand schien nicht zu arbeiten. Die Idee, nachdenken zu müssen, tat ihr weh, sie sah das Nichts, das gähnende Nichts vor sich.

Der Zimmerkellner brachte das Essen. Er breitete die Serviette über den Tisch und stellte Thunfisch hin.

Als er gegangen war, aß Denise ganz mechanisch, sie wußte nicht was, brach ein Stück Brot ab, trank einen Tropfen Wasser und Wein. Der Kellner kam wieder, er brachte das Weitere. Sie nahm von allem, aber es war eine mechanische Tätigkeit der Backenknochen, sie wußte nicht, was sie aß, es hätte Stroh sein können.

Und immer lag auf dem Kamin der Brief, den sie nicht zu berühren wagte. Der Kellner kam abermals, er räumte ab, er verschwand mit der Platte. Denise setzte sich wieder an den Kamin, sie starrte vor sich hin, sie schien den Brief ganz vergessen zu haben.

Aber plötzlich geschah etwas wie ein Wunder. Sie fühlte den unabweisbaren Drang, sich zu bewegen, auszugehen, an die Luft zu kommen. Sie zog sich an und setzte den Hut auf, dann steckte sie den Brief zu sich und eilte die Treppe hinunter. Sie war schwach auf den Beinen, da sie so lange das Zimmer nicht verlassen hatte, sie taumelte wie eine Kranke, die den ersten Ausgang macht. Die Leute im Hotel sahen ihr erstaunt nach. Der Portier erschien, grüßte und ging ein paar Schritte mit ihr bis zur Tür, als wollte er einen Auftrag entgegennehmen, aber sie kümmerte sich nicht um ihn.

Als ihr das Wagenrasseln entgegenschlug, als sie wieder auf dem Trottoir stand und die Menschen eilig hin und her gingen, ihren Geschäften nach, da erwachte sie, in der Notwendigkeit, rechts und links auszuweichen, um nicht angestoßen zu werden. Sie beschleunigte ihre Schritte, und die frische Luft tat ihr wohl. Es war nicht kalt, es war ein schöner Wintermittag; blau spannte sich über dem großen Paris der Himmel, an dem die Sonne wärmend stand, und alles um sie herum war Leben und Bewegung, alles schien freundliche Gesichter zu machen. Die Menschen sprachen miteinander, lachende Gruppen kamen vorbei, ernste Leute, die von Geschäften redeten, gestikulierten, sich gegenseitig Vorschläge machend. Ganze Schwärme von einzelnen Mädchen kamen daher, Fabrikarbeiterinnen, Putzmacherinnen, Ladenmädchen, die alle die Frühstückspause hinausgeführt hatte.

Es war die Mittagsstunde, wo genau wie abends nach Geschäfts- und Ladenschluß das Leben der Riesenstadt verdoppelt scheint, kein Mensch Zeit hat, alles läuft und sich drängt. Und dieses Treiben wirkte auf Denise wie eine Erfrischung, als eine Lebensbejahung. Sie ging hin mit den Menschen, eilig, im gleichen Schritt wie sie. Sie dachte an ihren Anzug. Die paar Sachen, die sie sich hatte ins Hotel kommen lassen, genügten nicht. Sie wollte sich etwas kaufen. Sie trat in den nächsten Laden, wo es Jacken, Umhänge und Capes gab; sie wählte sich etwas aus, vorsichtig, denn sie fürchtete zuviel auszugeben, vorsichtig, wie sie es in Montmidi auch getan hatte, wenn sie ihre kleinen Einkäufe im Dorf besorgte. Sie fand eine warme Jacke, fertig gearbeitet, aber doch ganz schick. Sie bestellte sich die Schneiderin wegen eines Kleides ins Hotel, und als man nach dem Namen fragte, gab sie nur die Zimmernummer an.

Dann ging sie, im Muff immer noch die beiden Briefe dieses Morgens, weiter über die Seinebrücke. Sie sah das Wasser unter sich blinken und spiegeln. Ein kleines Dampfboot schoß hastig unter dem Bogen durch, und sie erblickte in der Verkürzung die Menschen auf dem Verdeck.

Sie eilte weiter auf die Place de la Concorde, sie wußte nicht wohin, und es war ihr, als hätte sie immer mehr alles vergessen, was ihr geschehen und was sie gewesen war. Bei dem Jagen der Wagen, bei dem Riesenverkehr auf dem gewaltigen Platz wartete sie ängstlich, bis sie ungefährdet über den Straßendamm hinüberkam, um sich auf eine Insel zu retten. Sie querte den Platz, wandte sich rechts ab zum Tuileriengarten.

Sie lief und lief. Die Müdigkeit verschwand in ihren Füßen, sie wäre gerannt bis ans Ende der Welt. Sie blickte niemanden an und achtete nicht darauf, daß die Herren alle einen Blick auf die hübsche junge Frau warfen, die Herren, die jedes Mädchen und jede Frau bespähten und sie vielleicht doppelt angesehen hätten, hätten sie gewußt, daß sie die Frau war, über welche Artikel geschrieben worden waren, die man in ganz Paris suchte, in Frankreich, in den Häfen, wie eine verlorene Stecknadel, und die ruhig hier im Herzen des Landes geblieben war und jetzt einsam ihres Weges ging. Nicht als Heldin einer Ehebruchstragödie, sondern als ein verstörter, aus dem Gleichgewicht gebrachter Mensch, den seine Muskeln und Sehnen planlos durch die Straßen der Stadt trugen, der im nächsten Augenblick unter den schweren Rädern eines Omnibusses enden konnte, unter der gewaltigen Last eines Automobils, denn er wußte nicht, wo er ging und was er tat.

Von selbst bog Denise in den Tuileriengarten ein. Da saßen auf den Bänken und Stühlen allerlei dunkel gekleidete, jugendliche Gestalten: die Mädchen aus den großen Modegeschäften, die hier unter freiem Himmel Mittagsstunde hielten, Näherinnen und Konfektioneusen, ein lustiges, lachendes Völkchen, das sich über nichts den Kopf zerbrach, sich ruhig anreden ließ, ruhig antwortete, das das Leben nicht tragisch nahm. Leichtsinnige Mädchen, die abends von ihrem Schatz abgeholt wurden und in die Theater gingen, in die Varietés, in die kleinen Restaurants, die Leben und Liebe nahmen, wie es gerade kam, und nur alle einen Gedanken hatten, ihre Jugend zu genießen. Denn die Jugend gab es nur einmal in jedem Menschenleben, und nie, nie kehrte sie wieder, und mit der Jugend verblaßte Frische und Reiz, mit der Jugend verging die Freude am Dasein und die Fähigkeit, zu genießen. Diese Mädchen dachten nicht an den Ring am Finger, sie träumten vielleicht für später einmal davon, wenn sie sich selbständig gemacht hätten. Dann mochte ein kleiner Beamter kommen und sie heimführen, oder ein Geschäftsmann, dessen Unternehmen sie stützen und vergrößern helfen würden.

Denise ging unter dem lachenden, frohen Völkchen hin, das aus Zeitungspapier sein Essen auspackte, miteinander tauschte und teilte, einen Schluck Wein trank oder sich gar auf einem kleinen Kocher etwas Warmes bereitete.

Denise hatte, wie sie unter dem lustigen Schwarm, der sich gleich Vögeln in dem sonnenbeschienenen Tuileriengarten niedergelassen hatte, ein Gefühl, das sie zur Wirklichkeit zurückfühlte. All diese mußten auch leben, und sie hatten es vielleicht auch schlecht gehabt und hatten ihre Erfahrungen und alle wohl ihre getäuschte Liebe. Sie beobachtete einzelne; sie hätte sich am liebsten zu ihnen gesetzt, denn sie empfand einen Drang nach Menschen; die Tage des Brütens im einsamen Hotelzimmer lasteten jetzt wie etwas Furchtbares auf ihr.

Aber immer kam ihr der Gedanke: ›Er ist tot! Er ist tot!‹ Sie meinte, es müßte sie noch furchtbarer packen. Sie begriff sich nicht, daß der Abschied von den Eltern ihr nicht wie etwas Ungeheures, etwas Entsetzliches erschienen war. Da überlegte sie sich's erst: hatte sie zu Hause überhaupt eine Heimat gehabt? Hatte sie zu Eltern und Bruder in wirklichen Beziehungen gestanden? Nein, nein und tausendmal nein! Sie waren ihr doch eigentlich fremd, so fremd, wie in diesem Augenblick alle Menschen.

Denise verlangsamte ihren Schritt, sie dachte an Montmidi, an ihren Mann, und das Blut stieg ihr ins Gesicht vor Erbitterung. Wie hatte sie es mit diesem Menschen jahrelang aushalten können? Ach, es war ja ganz gleich, alles ganz gleich, sie mochte nicht mehr daran denken. Sie wischte sich über die Stirn, als könnte sie dadurch ihre ganze Vergangenheit bannen.

Da fiel ihr der Brief wieder ein, und sie sagte sich: ›Wie ist es nur möglich, daß ich so bin? Ist es denkbar, daß ich ihn nicht gelesen habe? Es wird doch sein Abschied sein!‹ Aber als stünden die letzten Worte des letzten einsamen Ganges von La Bergerie bis zum Bahnhof zwischen ihr und dem Toten, gestand sie sich in Bitterkeit: ›Er ist doch wie alle andern!‹

Da sah sie eine leere Bank mitten in den Anlagen stehen unter einem kahlen Baum, sonnenbeschienen, warm und einladend, und weil niemand in der Nähe war, ging sie hin. Sie setzte sich, und ganz von selbst, als hätte sie des Ganges bedurft und der Gedankenreihe ihrer Überlegungen, fand sie nun den Mut, den Brief zu öffnen.

Sie las die Adresse, sie zog eine Haarnadel aus dem dichten, schönen, schwarzen Haar und schnitt damit den Umschlag auf. Es waren viele Seiten, schräg beschrieben, manche kaum leserlich, Seiten, naß geworden, als ob Tränen darauf gefallen wären, scheu und ängstlich wieder fortgetupft.

Wie sie diese seltsam verräterischen Spuren entdeckte, wandelte sich wieder ihr Herz: die Härte von vorhin begann der Weichheit Platz zu machen. Ihr Blick umflorte sich, während sie das Papier in den zitternden Händen hielt, denn sie sagte sich: ›Es ist der Abschied eines Toten; vielleicht doch des einzigen Menschen, der mich lieb gehabt hat.‹

Endlich wischte sie sich die Augen, und nachdem der Tränenschleier gesunken war, vermochte sie die zitternde, feine Schrift zu entziffern, die Schrift, die sie nur einmal in ihrem Leben erblickt hatte, und die sie doch meinte, heute nicht wiederzuerkennen, so auseinandergezogen waren die Buchstaben, so verändert die Lage, die Größe, die Zwischenräume. Und sie las:

Meine arme Denise!

Ich werde sehr bald vor einem höhern Richter stehen, das fühle ich, und der Arzt hat es mir gesagt. Ich bedaure es nicht. Ich habe meinen Teil Glück, wie ich es eben verstand, auf diesem Planeten gehabt. Wie ich es eben verstand, sage ich, denn jetzt, wo ich darüber nachdenke, was ich nun eigentlich vom Dasein gehabt, was ich geleistet habe, was ich hinterlasse, sage ich mir: nichts, nichts, es war alles nichts!

Diese Erkenntnis müßte mich zu Tode traurig machen, aber ich bin so leichtsinnig, so entsetzlich leichtsinnig! Ich habe nur den einen Wunsch, ich möchte noch ein wenig auf dieser Erde bleiben. Nicht aus Selbstsucht, sondern um wieder gutzumachen, was ich angerichtet habe.

Mein Gott, ich hätte viel gutzumachen, aber das liegt alles Jahre zurück und ist doch nicht mehr zu ändern.

Ich habe vielen Frauen in die Augen geblickt, viel Glück durch sie genossen. Wo ist das alles hin? Was blieb? Was hat es genützt? Nichts! nichts! Gar nichts! Und sie alle werden sich mit Bitterkeit meiner erinnern, einer Bitterkeit, die oberflächlich genug ist, sich bald zu trösten. Aber eine gibt es, die kann nicht so denken, und das bist Du, meine arme Denise.

Jetzt, wo es doch zu spät ist, möchte ich Dir ein Geständnis ablegen, ein Geständnis, fürchterlich für Dich wie für mich, aber soll ich lügen in dieser letzten Stunde? Ich will es Dir nur gestehen, fasse es ruhig auf und lege diesen Brief nicht gleich fort – am Ende dieser Zeilen wirst Du milder über mich denken: ich bin nicht zu Dir gekommen aus Liebe.

Hier steht es! Das einer Frau zu sagen, ich weiß es, ist eine Beleidigung, denn jede glaubt, sie hätte eine Leidenschaft eingeflößt wie keine andere. Aber ich bin nicht aus Liebe zu dir gekommen, ich kam zu Dir aus bodenloser Langeweile dieses entsetzlichen Landaufenthaltes, für den meine Nerven, meine Sinne, meine Pariser Jugend und Erziehung nicht gemacht waren. Und wenn Du es nicht gewesen wärst, wäre es eine andere gewesen, eine mußte es sein! Ich kam zu Dir in tändelndem Spiel, ich wollte mich unterhalten, und ich dachte: ›Sieh mal, die kleine Frau! Und sieh mal, wie sie nett ist! Und wie sie hübsch ist und wie sie die Augen niederschlägt, wenn du sie so anblickst!‹

Glaubst Du nicht, daß mir andere das schon gesagt haben, daß ich eine Frau ansehen kann, wie kein Mann eine ansieht? Ich habe Dich angesehen, und Du fingst Feuer, Du armer kleiner Schmetterling. Ich merkte es, und das ermunterte mich noch, es brachte Abwechslung in die Öde dieser Bergerie, wo ich Dir nicht einmal eine Blume brechen konnte, wo ich ein Sklave war in meinem eigenen Hause. Ich dachte, die kleine Frau wird mir zum Zeitvertreib dienen, und dieser Mann wird mich nicht stören, dieser Bauer, der nichts merkt, und der selbst krumme Wege geht.

Da bin ich mit diesem Rüpel durch den Garten gelaufen und habe ihm gesagt, daß seine Tomaten rot sind und seine Artischocken grün und röter und grüner als alle Tomaten und Artischocken dieser Erde. Und ich habe mir gesagt, die dümmsten Bauern bauen die größten Kartoffeln. Und ich habe ihn ausgelacht und im stillen gesagt: ›Das einzige Gute an dir ist deine kleine Frau!‹ Dann habe ich Trost bei Dir gesucht, und allmählich fing mein armes, abgebrühtes Herz ein wenig Feuer.

Feuer? Mein Gott, Feuer vielleicht nicht, aber es ward warm, es ward herzlich warm. Du warst eine Heldin, Dein Schicksal auf Dich zu nehmen, die besten Jahre Deiner Schönheit und Jugend – denn Denise, Du bist schön, weißt Du das auch? – zu versitzen in diesem Montmidi. Ich habe mir sogar in der letzten Zeit gesagt – ich stehe vor dem Tode, ich lüge nicht, Denise – das wäre vielleicht eine Frau für dich! Ich habe mir überlegt: Soll ich es tun?

Aber da kam Feigheit und Schlappheit, und ich sagte mir: ›Du mußt dich mit dem Manne auseinandersetzen, und das gibt Skandal. Deine Familie, deine Kreise werden dir die Tür vor der Nase zuschlagen, und sie, die tausendmal sündigen, werden sagen: diese geschiedene Frau nehmen wir nicht auf.‹

Siehst Du, das alles stand mir genau vor der Seele. Dann kam noch etwas dazu: Geld, Geld, dieses elende Geld, das Dreck ist, wenn man es hat, und das die Welt bedeutet, wenn man es nicht hat! Und ich hatte es nicht, und ich hätte es zwei Jahre lang nicht gehabt. So lange hätte ich noch warten müssen.

Da kam dann die alte Lässigkeit über mich, und ich sprach zu mir: ›Warum etwas ändern, du kannst nicht gegen dein Schicksal; zwei Jahre mußt du noch hier warten, und wenn du zwei Jahre zu ihr nach Montmidi gehst und immer den Nachmittag dort sitzt, das wird vielleicht langweilig!‹

Ach Gott, tausend Überlegungen eines egoistischen Männerherzens! Und was geschah? Alles das, ob so oder so, ward abgeschnitten, als Du an jenem Abend erschienst.

Gestehe es selbst, war es nicht eine Verrücktheit? Ihr Frauen seid doch immer gleich. Wenn Euer Herz spricht, schläft Euer Verstand. Habt Ihr den überhaupt? Seid Ihr nicht bloß Nerv und Herz? Du bist es, meine kleine Denise, und das ist es, was mir jetzt den Abschied bitter macht: ich habe Angst um Dich.

Doch höre weiter. Es war eine Dummheit, als Du kamst, und ich war in meinem Recht, als ich erschrocken und erstaunt war. Die Folge trat ein, die oft in meinem Leben in Paris an mir vorübergegangen war, und die mich jetzt in diesem elenden Nest in dieser jammervollen Provinz erreichte. In dem Bauer erwachte der Aristokrat, in dem Gärtnergehilfen regte sich der Mann von Welt, der dieser Kerl einst gewesen war. Nun, und das Schicksal entschied gegen mich, er schoß mich an.

Du hast ja alles in den Zeitungen gelesen, Du hast es gehört von Deinen Eltern. Ich habe die Quittung erhalten, ich trete von meinem Platze ab, an mir ist nichts zu bessern und zu retten! Ach was, einmal müssen wir doch sterben!

Aber Denise, das Sterben wird mir nicht leicht, um Deinetwillen! Denn was soll aus Dir werden? Dein Leben ist aus, und das schmerzt mich! Ich bereue selbst nichts, mag es kommen, wie es kommt, ich glaube an eine Vorherbestimmung, aber daß ich eines andern Menschen Dasein in mein Ende hineinziehe, das tut mir weh.

Und jetzt, wo ich die letzten Zeilen schreibe – ich habe so oft abgesetzt, Du wirst es bemerkt haben – empfinde ich erst die Bedeutung dessen, was Du für mich getan hast. Wenn Dein Bild mir jetzt erscheint auf meinem letzten Lager, ist es mir, als müßte ich weinen.

Ich habe die Tränen nie nahe gehabt, ich habe das Leben gepackt, wie es kam, ich habe immer gesagt: ›Lachend sollen wir das Dasein genießen!‹ Jetzt bin ich rührselig und heule wie ein altes Weib. Du siehst es an meinem Briefe, mir rinnen nur so die Tränen.

Jetzt weiß ich erst, was ich angerichtet habe. Für mich selbst war ich allein verantwortlich, aber ich habe ein anderes Menschenleben mit hineingezogen in das meine.

Denise, ich habe Dich sehr lieb und bitte Dich um Verzeihung, daß es nicht gleich so war. Ich habe Dich so lieb, daß ich es Dir nicht erklären kann, und daß Du, wenn Du in mein Herz sehen könntest, mir alles verzeihen müßtest, was ich an Dir getan habe.

Lebe wohl, suche das Leben auszuhalten, zürne nicht dem, der es zerbrochen hat, der nur durch einen blöden Zufall verhindert ist, gutzumachen, was er getan hat…

Es folgten noch ein paar Zeilen, aber sie waren so verwischt, daß Denise sie nicht lesen konnte.

Sie blieb auf ihrer Bank im warmen Sonnenschein sitzen, faltete den Brief langsam zusammen und steckte ihn wieder ein. Sie dachte nach, ruhig, keine Träne war ihr in die Augen gekommen. Sie dachte nach über alles, was ihr widerfahren war, über den Sinn des Lebens. Und sie fand keine Lösung. Sie fragte sich: ›Warum mußte das geschehen? Warum mußte es gerade mir geschehen? Es gibt Millionen leichtsinniger Frauen. Warum widerfährt ihnen das nicht?‹

Sie überlegte, was aus ihrem Dasein werden sollte. Sie wußte, es war gebrochen, sie konnte nicht mehr in die Höhe, sie war ausgestoßen aus der Gesellschaft, aus dem Kreise ihrer Eltern, ihrer Freunde, ihrer Verwandten. Sie fragte sich: ›Warum kann man ein Dasein nicht wieder beginnen?‹ Sie sah die Ungerechtigkeit, die darin liegt, daß einer, der einmal einen falschen Weg gewandelt ist, nie wieder zurückkehren kann.

Es war ihr, als müßte sie von Gott und dem Schicksal verlangen, daß man sie wieder an den Anfangspunkt setzte, von dem sie ausgegangen war, daß man sie wieder Mädchen werden ließ, wie damals, da sie in kindischer Laune um einen Mann gebeten hatte, wie um eine Puppe.

Sie hatte nur ein Dasein zu vergeben, und das war hin. Sie konnte nie wieder aus den Niederungen zu den Höhen steigen.

Da klagte sie ihren Schöpfer an, der seine Kreaturen schuldig werden ließ, ohne sie wieder zum Licht emporzuheben; denn in der Zerschlagenheit ihrer Seele, in der Verzweiflung, wie sie dem Dasein gegenüberstand, in all ihrer Enge und Dumpfheit sah sie keinen Ausweg und keine Rettung.

Sie stand auf und ging lange auf dem Mittelwege zwischen den kahlen Bäumen hin und her. Drüben war längst der frohe Schwarm der Mädchen davon. Sie war beinahe allein, denn dort, wo sie schritt, war kein Durchgang durch den Garten.

Sie überlegte jetzt mit ruhigem Verstand: es war aus, sie war fertig mit den Menschen. Sie fühlte ihr ganzes verflossenes Dasein wie einen Zeitabschnitt hinter sich, der abgeschlossen war. Sie wußte alle ihre Beziehungen zur Vergangenheit gebrochen, sie fühlte sich entwertet und entwürdigt, deklassiert, herabgezogen, sie empfand etwas wie einen Ekel vor sich selbst. Und plötzlich kam ihr der Gedanke, sie mußte dem ein Ende bereiten: ein Sprung heute abend, wenn es Nacht geworden, kein Rettungsboot, kein Mensch in der Nähe, ein Sprung in den dunklen Strom hinab, und dann war der Schmutzfleck ihres verfehlten Daseins ausgelöscht.

Aber sie hatte nicht die Kraft dazu. Sie schauerte bei dem Gedanken. Die Sonne schien zu schön, es war zu hell und herrlich heute in diesem wunderbaren Paris. Sie blickte hinüber, wo die Champs-Elysées sich hinaufzogen nach dem Triumphbogen mit der erdrückenden Fülle von auf und nieder rollenden Wagen. Mußte es denn sein? Was hatte sie getan? Und wenn sie nun neu begann, wenn sie ein anderes Dasein versuchte? Wenn die, die in der früheren Sphäre ihr gleichgültig gegenüberstanden, die sie unbewußt zu dem getrieben hatten, was sie getan, wenn die sie nun nicht mehr grüßten, was war dabei?

Da dachte sie an das Geld, und sie zählte in Gedanken nüchtern und praktisch und vernünftig, was sie noch besaß. Sie konnte monatelang davon leben.

Und während sie auf und nieder schritt, machte sie sich Vorwürfe. Sie war erstaunt über sich selbst, sie faßte ihr eigenes Herz nicht. Dieser Abschiedsbrief, den sie noch in der Hand hielt, wozu hatte er sie geführt? Zu nichts als zu vernünftigen, nüchternen Gedanken. Hatte sie kein Herz, kein Ehrgefühl, keine Weichheit? Sie hätte weinen müssen und verzweifelt sein, und sie wurde verstockt und fing an, ihr Geld zu zählen.

Es war die Stunde, wo nachmittags die Bonnen mit den Kindern kamen. Allmählich begann der Garten sich zu füllen. All die Ammen und Mädchen erschienen und gingen auf und ab mit den langen Mänteln und den langen Bändern und der Haube. Denise dachte daran, wie ihr erster, sehnlichster Wunsch in der Ehe gewesen war: ein solches Band, eine solche Haube.

Da kehrten ihre Gedanken zurück zur kleinen Lucy, zu dem einzigen, das ihr noch blieb. Sie dachte nach, und eine Angst überkam sie. Das Kind würde sie doch bekommen? Sie kannte das Gesetz nicht. Sie wußte es nicht. Eine Sehnsucht packte sie, das kleine Stimmchen wieder zu hören, es war ihr, als vernähme sie die Worte: ›Mama, du mußt nicht weinen!‹

Da schluckte sie schwer, ihr kamen die Tränen, die jener Brief nicht hervorgerufen hatte, und sie dachte: ›Wenn ich mein Kind nicht bekomme – dann allerdings, was ist mir dann das Dasein?!‹

XVI.

Die Zeitungen hatten sich beruhigt, es schien Gras über die Sache gewachsen zu sein. Denise hatte ihren Aufenthalt im Hotel aufgegeben und ein Zimmer in einer Pension bezogen, wo sie still und unbeachtet lebte. Sie zählte ihr Geld, sie sah es geringer werden, aber sie meinte, bis dahin müßte sich doch ihr Los entschieden haben, und sie hatte keine Angst.

Es entschied sich. Nun, wo man ihre Adresse wußte, suchte der Anwalt ihres Mannes sie auf, um über die Scheidung zu sprechen. Sie wehrte sich keinen Augenblick, sie war nicht zum Kämpfen geeignet, sie befand sich in einer solchen seelischen Bedrücktheit, daß sie nur einen Gedanken hatte: ein Ende machen!

Sie war bereit, die Schuld auf sich zu nehmen; sie war mit ihrer Familie fertig, sie hatte keine Beziehungen, sie meinte, ihr könnte nicht mehr geraubt werden, als schon geschehen war. Aber als sie doch empört war, daß Robert als Heiliger, nur als Rächer seiner Ehre aus dem Handel hervorgehen sollte, und sie dessen Verfehlungen berührte, sagte der Mann, ein aalglatter Advokat, der allen Zornesausbrüchen und Nervositäten standhielt, der immer das gleiche Lächeln zeigte:

»Es würde an der Sache nichts ändern, gnädige Frau, Sie würden nur eins zum andern tun. Ihr Fall allein genügt vollkommen; warum die Geschichte noch mehr aufwühlen?«

Dann redete er ihr zu, indem er in liebenswürdiger Weise auf ihren Gesundheitszustand bedacht schien, sie bedürfe doch nur eins: Frieden! Und bei diesem Kampf würde sie den niemals finden. Er zog Fälle heran, wo sich Frauen und Männer in ähnlicher Lage befunden, er sagte ihr ganz offen, ihre soziale Stellung wäre nun doch einmal dahin; es fiele ihrem Manne auch gar nicht ein, sich etwa rächen zu wollen; er bedauere sogar sein eigenes Verfehlen, nur könne doch davon nicht die Rede sein, daß sie wieder beide zusammen lebten.

Da schrie Denise auf, sprang empor, streckte die Hände abwehrend von sich und rief:

»Nein, nein, ich will ihn nie wiedersehen!«

Und langsam fügte sie hinzu:

»An seinen Händen klebt Blut!«

Sie starrte erschrocken vor sich hin, als sähe sie Henri, Roberts Opfer, mit zerschossener Brust liegen, wie er seine letzte Kraft aufwandte, um ihr den Abschiedsbrief zu schreiben.

Der Advokat redete zwei Stunden lang in seiner flüssigen, liebenswürdigen Weise, mit einer einschläfernden, monotonen Stimme, daß sie wieder das Gefühl hatte: nur ein Ende machen!

Denise konnte es nicht mehr aushalten, über die ganze Angelegenheit auch nur zu sprechen. So gab sie alles zu, gab alles preis, nur ihr Kind wollte sie haben. Aber da stieß sie auf Widerstand. Das wäre ausgeschlossen, hieß es, kein Gericht Frankreichs würde ihr das Recht zusprechen, die Kindererziehung zu übernehmen. Im übrigen möchte sie sich zufrieden geben, es wäre für die Kleine gesorgt, denn sie befände sich bereits bei frommen Schwestern, fern in der Provinz in einer Erziehungsanstalt.

Denise wollte wissen, wo. Sie hatte einen Augenblick die Idee, ihr Kind aufzusuchen; nicht, um es fortzureißen von dort, sondern nur, um es einmal zu küssen, sich zu überzeugen, daß es gesund und gut aufgehoben wäre.

Doch wieder war der Advokat dagegen; er setzte ihr die Folgen auseinander, sprach vom Seelenfrieden der Kleinen, rief das Muttergefühl Denisens an und fragte sie, ob sie die kleine Lucy nicht liebe, und als er die Bestätigung in ihren Augen las, setzte er ihr auseinander, daß das Kind dadurch nur in eine schiefe Stellung im Kloster geraten, daß man seinen Frieden und sein Fortkommen für später aufs äußerste gefährden würde. Er meinte, es wäre das beste, die Kleine lernte die unglücklichen Verhältnisse ihrer Eltern nicht kennen. Sie sollte später in die Welt treten, ohne zu wissen, welcher Sturm sie aus dem Vaterhause fortgeweht hatte. Der Advokat versetzte sich förmlich in die Seele dieses kleinen Mädchens, sprach von ihrer Zukunft, redete von Entsagung und aller Liebe der Mutter und quälte Denise noch eine Stunde.

Als es den ersten Tag nicht glückte, kam er wieder, immer mit seiner Ledermappe, worin er Akten hatte, Akten, von denen Denise nichts verstand, und die sie nicht las, bis sie mehr und mehr ihren Widerstand aufgab. Aber gänzlich beugte sie sich noch nicht, nur wurde sie müde, denn sie hatte keinen Rückhalt, sie wußte sich an niemand zu wenden, und da sie fürchtete, selbst einen Anwalt bezahlen zu müssen, von dessen Kosten sie sich eine ganz phantastische Vorstellung machte, so besprach sie ihre Angelegenheit mit keiner anderen Menschenseele. Sie mußte alles ganz allein in ihrem Innern abtun. Schließlich, um den Menschen nur los zu sein, um sich nicht täglich neu aufzuregen, um nicht ewig dieses stundenlange Flüstern, dieses Bestürmen mit Grundsätzen der Moral und des Rechtes zu hören, erklärte sie ihm, er möge tun, was er wolle.

Von diesem Augenblick ab war Maître Perret völlig verändert. Er öffnete die geheimnisvolle Mappe, er hatte Formulare und Papiere, Stempel und Siegel und Feder und setzte alles auf, ohne Widerrede, geschäftsmäßig, indem er den ganzen Tisch des gemieteten Zimmers mit Papieren überdeckte, von denen Denise nichts verstand.

Er machte sie darauf aufmerksam, daß sie noch vor Gericht geladen würde, er schrieb und schrieb und las ihr endlich vor, was er aufgesetzt hatte. Es war immer noch derselbe Ton seiner gleichmäßigen, eintönigen Stimme, aber es war, als hielte er es nicht mehr der Mühe wert, liebenswürdig zu sein; er war kalt, gemessen, Bureaukrat, Jurist.

Von dem Augenblick ab, wo Denise einmal mürbe geworden war, schien es kein Zurück mehr zu geben. Er nahm alles als selbstverständlich an, er bedachte, er ordnete die Sache für sie, wahrend er doch alles im Auftrage ihres Mannes tat. Früher hatte er erklärt, er sei nur der Vermittler, er stände über den Parteien oder beiden gleich nahe. Jetzt zwang er ihr die Feder in die Hand. Es gab keinen Widerspruch. Er halte in rasendem Tempo vorgelesen, was er aufgeschrieben hatte, und was sie unterzeichnen sollte. Sie war müde und matt, ihr Widerstand gebrochen, und sie setzte ihren Namen darunter, nur in dem Bestreben, endlich zu haben, was ihren erschütterten Nerven bis zum äußersten nottat: Frieden!– –

Darüber waren Monate hingegangen, darüber kam der Frühling nach Paris. Die Gärten dufteten und blühten, überall ward es grün auf den Boulevards und Plätzen und Straßen. Die Sprunabrunnen plätscherten und glitzerten im Sonnenlicht.

Es ward Sommer und heiß. Die Seine, über die Denise jeden Tag bei ihren Spaziergängen schritt, begann üble Gerüche auszuhauchen, Paris wurde leer, die vornehme Welt verschwand. Wer es irgendwie konnte, ging auf die Landschlösser, in die Sommervillen, in die Seebäder.

Denise blieb, und täglich machte sie denselben Spazierweg: nach dem Luxemburggarten. Dort saß sie auf den Bänken und Stühlen mit Damen und Kindern, die im Sande spielten, Reifen trieben, Kreisel peitschten und Bälle schlugen. Sie saß unter alten bresthaften Leuten, die irgendwo in einer Mansarde wohnten und ihren Rheumatismus, ihre Gicht, ihre Altersbeschwerden täglich zweimal hinaustrugen in diesen Garten, der, von dem Häusermeer umgeben, doch wenigstens den Anschein erweckte, als sei ringsum freie Natur.

Dort ließ sie sich von der Sonne bescheinen, richtete ihre gedrückte Seele auf, indem sie das Treiben all der Menschen um sich sah, und ab und zu kam ihr dann die Erinnerung wieder an ihr Kind, dessen sie sich begeben hatte. Dann sagte sie sich jedesmal: ›Ich werde es wiedersehen!‹ Und dazu: ›Es soll sich nicht seiner Mutter schämen!‹

Und sie las alle Gründe zusammen, die ihren Entschluß richtig erscheinen ließen. Es war ihr ein bittersüßes Gefühl, sich geopfert zu haben für ihr Kind. Die Kleine sollte nicht ahnen, welch schlimmes Ende das Weltleben ihrer Mutter genommen hatte, und nur in der einen Überlegung, daß Lucy vielleicht nie erführe, wer ihre Mutter gewesen sei, tat ihr das Herz weh, und ab und zu in ihrer Einsamkeit fand sie Tränen.

Der Sommer verging, und der Herbst kam. Im Luxemburggarten wurde die Riesenpracht der Beete geringer, die Blumen dufteten nicht mehr, die Blätter wurden welk, eines Tages brauste ein Sturm daher, der den Sand vom Boden aufhob und die kleinen Quarzkörner ins Gesicht fegte wie ein Hagelwetter. Er riß das letzte Grün von den Bäumen; wieder standen sie kahl da, kahl wie damals, als vor nun bald einem Jahre Denise nach Paris geflüchtet war. Sie konnte es nicht glauben, daß ein Jahr schon vorüber sei. Sie hatte niemals jemand von ihren Verwandten gesehen, hatte nie das Bois besucht, war nie in die Nähe der Champs- Elysées gekommen, war den Boulevards ferngeblieben und den eleganten Straßen. Sie wollte nicht ihr Auge auf den Kostbarkeiten der Läden ruhen lassen, sie hatte ja doch kein Geld, davon zu kaufen.

Vor Not war sie freilich geschützt. In ihrer ›Abdankungsurkunde‹, wie sie der Notar mit leisem Scherz genannt hatte, war ihr von ihren Eltern, die sich mit Robert zusammengetan hatten, eine kleine Summe ausgesetzt worden, um zu leben. Sie hatte nicht gefragt, ob sie mehr beanspruchen durfte, sie war zufrieden mit dem, was sie erhielt, denn es deckte ihre armseligen Bedürfnisse in dem einen Zimmer, mit dem geringen Essen, mit der einfachen Kleidung.

Wie die Zeit voranschritt und sie immer mehr alles, was in ihrem Leben bisher geschehen war, als etwas Fernes und Fremdes empfand, begannen ihre Gedanken aufzuwachen, die, wie es schien, geschlafen hatten, die betäubt gewesen waren. Sie sagte sich, sie sei zu etwas da auf der Welt, sie konnte doch bei ihren jungen Jahren nicht ewig dieses traurige Pflanzendasein führen. Sie fing an, sich zu langweilen. Bisher hatten Kummer und der Gedanke an ihr Elend ihre Zeit in Anspruch genommen, aber je mehr das schwand, desto mehr suchte sie nach einer Beschäftigung, ihre Tage auszufüllen.

Da begann sie etwas, das nichts kostete und doch eine Beschäftigung war; sie ging in das Luxemburg-Museum, das ihrer Wohnung nahe lag. Sie benutzte das Museum, wenn es draußen kühl war, als eine Wärmhalle, als einen Zeitvertreib, gleich all den Leuten, die zwischen den Kunstschätzen mit ähnlichen Gedanken herumbummelten: die Arbeiter, um sich zu wärmen, die Fremden, um die Kunstwerke überhaupt gesehen zu haben. Denise lief hin und her mit Augen, die sahen und doch nichts sahen. Sie fühlte nicht den Gehalt der Bilder, sie empfand nichts von der Schönheit der Linien all dieser Skulpturen.

Aber allmählich, wie sie ihre Gänge weiter ausdehnte in das Cluny-Museum und in den Louvre, fing sie an, sich förmlich heimisch zu fühlen in den Museen. Vor diesem wunderbaren, tausend Jahre alten Schrein, vor jenem köstlichen Möbel aus der Zeit des Sonnenkönigs hatte sie oft gestanden, bis sie ihr alte Bekannte geworden waren.

Nun kaufte sie sich Kataloge, begann zu lesen, prüfend zu schauen, zu vergleichen. Vor allem zog sie der Schmuck an, die Möbel, die Silber- und Goldarbeiten, das Kunstgewerbe der ein Jahrtausend alten französischen Kultur. Sie las die Einleitungen, sie erstand ab und zu in großen Pausen, denn sie war vorsichtig mit ihrem Gelde, Bücher, die sie in die verschiedenen Kunstepochen einführten, und es gelang ihr allmählich, ihre Zeit auszufüllen und dabei ihren Geist zu bereichern.

Wie es immer geschieht, daß man bei notwendig langdauernder Beschäftigung mit einem Gegenstand ihn allmählich erfaßt und lieb gewinnt, begann sie, in der Kunst Rettung und Erhebung zu finden. Die steten Gänge wurden ihr ein Bedürfnis, bald Lebensinhalt, der sie all den Jammer ihres Daseins vergessen ließ. Sie eignete sich keine geregelten Kunstkenntnisse an, dazu fehlte ihr Erziehung und Anleitung, aber sie konnte bald die Stile unterscheiden. Sie begeisterte sich für einzelne Stücke, sie brachte Stunden vor gewissen Meisterwerken zu. Es war warm und bequem, es war still, und sie konnte sich ihren Gedanken überlassen.

Sie fühlte sich unter Kostbarkeiten in einem schönen Raum, der anders war als ihr kleines Pensionszimmer, der sie hineinträumen ließ in die Zeiten der großen Könige und ihrer galanten Freundinnen, in Prunk und Pracht verflossener Epochen, in denen auch einmal ihre Väter eine Rolle gespielt hatten, eine Wirklichkeitsrolle, während das Enkelkind hier saß, eine verlassene, schuldig gewordene Frau, die sich nur zurückdenken durfte in einstige Herrlichkeit. Das bildete ihren Geschmack, das zog sie empor, das machte sie vergessen, das richtete ihren Charakter auf. Zeit und Kunst begannen die Wunden vernarben zu lassen, die ihr das Leben geschlagen hatte.

Aber wenn sie nachdachte über ihr Dasein, kamen wieder dunkle Stunden, und sie haderte mit dem Schicksal, sie begriff nicht, wie das alles Schlag auf Schlag gekommen war. Sie fragte sich immer wieder, warum mußte sie es gerade sein, warum keine andere? Sie war sich schmerzlich bewußt, daß wir alle nur ein Leben zu leben haben; wenn das verspielt ist, ist es ewig aus.

Manchmal dachte sie daran, wie sie ihr Dasein hätte ändern können. Sie hätte ja und amen sagen sollen zum Treiben ihres Mannes, dann wäre sie immer noch eine Frau gewesen, die die Achtung der Welt genoß. Sie hätte ihre Lucy erziehen sollen und sich ganz dem Gedanken widmen, daß, wenn auch sie unglücklich geworden war, sie doch ihre Hände darüber halten konnte, daß Lucy einst glücklicher wurde. Sie hätte für ihr Kind einen Mann suchen sollen mit ihren Augen, die das Leben geschärft hatte, und Musterung halten unter den Leuten, die sich der Kleinen genähert hätten.

Die Zeit ihrer Liebe zu Henri erschien ihr jetzt wie ein Traum. Sie wunderte sich über ihr eigenes Herz, daß es den Toten nicht heißer beweinte. Er wurde ihr fern und fremd. Es lag hinter ihr wie eine halbvergessene Episode, nur ein Bild war noch lebhaft in der Erinnerung geblieben: der Gedanke, wie er ihr mit der durchschossenen Lunge auf dem letzten Lager den Brief geschrieben hatte, ließ sie nicht los. Sie sah immer sein bleiches Gesicht hintenüber gelehnt in den Kissen. Er war tot, sein weiches Auge öffnete sich nicht mehr, ließ die Lider nicht mehr ruhen, bezauberte nie wieder eine Frau. Der Winter ging hin. Trüb, gleichmäßig verflossen ihr die Tage. Ihre Seele hatte stille Freude an den Lieblingssälen in den Museen, aber das Feuer in ihrer Brust schien erloschen; mit keiner heißen Sehnsucht dachte sie an das Leben, das ihr, die noch jung war, so viele, viele Jahre noch, ein ganzes Menschenalter schenken konnte.

Wenn dieser Gedanke sie einmal anflog, so schauerte sie zusammen. Sollte es ewig so fortgehen, sollte sie immer mit ihrer kleinen Pension in diesem elenden Zimmer sitzen und keinen Menschen sehen und niemand kennen!

Dann kam ihr das Bedürfnis, sich auszusprechen irgendeinem ihre Seele auszuschütten. Nein, nicht einmal das, nur reden wollte sie mit einem andern Menschen, um doch ihr eigenes Wort wieder zu hören, um nur den Ton ihrer Stimme zu vernehmen. Denn mit ihrer Wirtin sprach sie nicht. Die war neugierig und wollte in ihre Verhältnisse dringen. Sie fühlte, sobald sie mit ihr begann, nahm die Person statt des kleinen Fingers die Hand, und dann wäre sie nicht mehr allein geblieben, und allein wollte sie noch immer sein, nicht mit Menschen vereint, die ihr wehe taten, die neugierig eindringen würden in ihre Seele. Aber reden, reden, nur einmal reden, und wäre es über das Wetter.

Eines Tages, als sie im Louvre vor der Venus von Milo saß, in einer Ecke, ohne sich zu rühren, den Blick nicht auf die Göttin gerichtet, die in der Mitte in stiller Hoheit stand, sondern zur Kuppel empor, und nachdachte über den krausen Gang ihres Lebens, da fiel ihr Auge unwillkürlich auf ein Gesicht. Ein großer, noch stattlicher Herr lehnte am Türpfosten und sah sie an. Er mochte stark über fünfzig Jahre zählen, hatte eine scharfe Nase, unter dem Schnurrbart die Fliege am Kinn, und ein paar braune Augen. Graue Fäden zogen sich durch das Haar. Er trug den Zylinder ein wenig im Nacken, einen tadellosen leichten Gehpelz halboffen, so daß man im Überrockknopfloch das rotflammende Band der Ehrenlegion sah.

Denise fühlte das Auge des Fremden auf sich ruhen. Es war ihr unangenehm, sie stand auf und ging weiter. Sie merkte, daß er ihr folgte. Sie begann langsam die Säle zu durchschreiten, an den hohen, über und über mit Gemälden bedeckten Wänden vorbei. Und jedesmal, wenn sie durch eine Tür in einen neuen Saal trat, blickte sie sich vorsichtig um, und jedesmal sah sie, daß der Herr ihr folgte. Als sie vor einem Rousseau stehen blieb, merkte sie, daß der Herr auf sie zukam. Unwillig machte sie kehrt. Sie ging eilig den ganzen Weg wieder zurück, die Treppe hinunter, dann trat sie ins Freie und bog am Flügel des Louvre links ab, ihrer Wohnung zu.

Sie beeilte den Schritt, sie fühlte sich ängstlich, sie ahnte, daß er sie verfolgte. Schnell trat sie in ihr Haus, und erst als sie in ihrem Zimmer den Riegel vorgeschoben hatte, atmete sie auf. Sie fragte sich: ›Wer war dieser Herr, und was wollte er von mir?‹

Da fiel ihr ein, wie ihr doch früher schon all die Männer, die ihr begegnet waren, ins Gesicht geschaut hatten. Die Szene stand ihr wieder vor Augen, als sie damals angeredet worden war in der Avenue de l'Opéra, und wie sie naiv geglaubt hatte, einem Bekannten gegenüber zu stehen. Da wußte sie im Augenblick, obgleich Jahre dazwischen lagen: es war derselbe Mann!

Und sie dachte bei sich: ›Ist der alt geworden! Ist er's wirklich?‹

Tage vergingen, und sie sah den Fremden nicht wieder. Sie hätte eigentlich gewünscht, ihm zu begegnen, nur um sicher zu sein, es wäre der gleiche.

Eine Woche strich hin, der Gedanke an die Begegnung drohte schon in die Vergessenheit der täglichen Erscheinungen des Daseins zu versinken. Da plötzlich, als sie ziel- und zwecklos den Quai d'Orsay langsam hinunterschritt, stand er vor ihr, der große Herr, lüftete den Hut, und sie erkannte ihn wieder.

Sie sah an dem kahlen Kopf, wie die Jahre gearbeitet hatten, den Schädel seines Schmuckes zu entkleiden, wie sie das Haar gebleicht hatten: er war alt geworden. Als er den Hut wieder aufgesetzt hatte und sie lächelnd ansprach, erschien er wieder ein Jahrzehnt jünger:

»Gnädige Frau, sind Sie nicht neulich im Louvre gewesen?«

Denise wollte es sich verbitten, aber sie blieb stehen, und er fuhr fort:

»Gnädige Frau, seien Sie nicht böse! Ich sehe Ihren Schreck, ich glaube, es ist Ihnen nicht recht, daß ich Sie anspreche; aber denken Sie, es war neulich nicht das erstemal, daß ich Sie sah. Ich habe Sie vor Jahren einmal in der Rue de la Paix getroffen. Ganz bestimmt, ich täusche mich nicht, und Sie werden daraus sehen, welchen Eindruck Sie auf mich gemacht haben.«

Seine Stimme klang ruhig, tief, und sie hatte ein Gefühl: ›Ach, der alte Kerl, was schadet mir das?‹ Sie hatte keine Angst mehr, sein graues Haar gab ihr etwas Überlegenes, denn sie war jung, und er war alt. Sie gewann die Unbefangenheit derart wieder, daß sich ihr spöttisch die Lippen kräuselten, sie konnte nicht anders, sie mußte ihm sagen, daß er sich geirrt hätte. Und sie antwortete, sie begriff sich selbst nicht, wie es kam, fast schnippisch:

»Bitte sehr, es war nicht in der Rue de la Paix, es war in der Avenue de l'Opéra.

Er blieb dabei. Sie stritten sich. Er lachte:

»Es ist ja ganz gleich! Aber Sie sehen doch, daß ich Sie wiedererkannt habe.«

Die Eitelkeit des Mannes machte sich geltend, indem er sagte:

»Was mögen Sie nur von mir gedacht haben, es war furchtbar ungeschickt.« Sie antwortete ruhig:

»Ja, es war ungeschickt, und es war ungezogen.«

Er fragte, während sie sich langsam in Bewegung gesetzt hatten:

»Sind Sie mir deshalb böse gewesen?«

Sie meinte nur:

»Ich habe gelacht.«

Die Koketterie des Weibes, die so lange in ihr geschlafen hatte, wachte auf; sie hatte unwillkürlich den peinlichen Gedanken: ›Ich bin so einfach angezogen und trage gerade meinen alten Hut!‹

Er fuhr fort zu erzählen, war sehr liebenswürdig, sehr zurückhaltend und bat um Entschuldigung, daß er damals an die Falsche gekommen wäre. Ja, es gewann den Anschein, als hätte er sie jetzt nur angesprochen, um sein Unrecht von früher wieder gutzumachen. Er redete davon, wie die Jahre vergingen, man bliebe nicht ewig jung, und er wäre nun ein alter Mann. Er sprach es resigniert aus. Dabei richtete er sich doch auf und drehte den Schnurrbart, als wollte er seine eignen Worte Lügen strafen.

Es schien wie ein System zu sein, daß er sich alt und ungefährlich machte. Er trat nicht als der kecke Mann auf, der die Dame damals angesprochen hatte, sondern wie ein guter, braver Vater, der sein Unrecht einsieht, der nur noch über das Wetter sprechen will und über Tagesneuigkeiten. Er begann von Politik, redete vom Louvre, lobte die Sammlung in etwas allgemeinen Worten; er schien nicht zu merken, daß sein Lob fast lächerlich klang.

So waren sie eine ganze Strecke zusammen gegangen. Schließlich fragte er, ob er sie bis an ihre Tür begleiten dürfe. Aber sie dankte ihm, neigte den Kopf, er zog den Hut, und dann waren sie auseinander. Denise wunderte sich über sich selbst, wie sie den Mut gefunden hatte, sich mit einem Fremden zu unterhalten. Sie sagte sich wegwerfend, als sie die Stufen zu ihrer Wohnung hinaufschritt: ›Es ist ja alles gleich für mich, ich habe ja niemand auf der Welt, dem ich Rechenschaft schuldig wäre. Ich werde mit ihm reden, wenn ich ihn wieder treffe. Keinen Menschen geht es etwas an.‹

Sie traf ihn wieder, den nächsten Tag schon. Er grüßte höflich, und diesmal stellte er sich vor. Er hieß Léon Béranger. Sie fragte in der ersten Verlegenheit, ob er mit dem Dichter verwandt wäre. Er lächelte; nein, leider nicht! Es war ja auch nur eine Art zu reden, Béranger lebten genug in Paris. Aber es gab den Anstoß, daß er seine Familienverhältnisse auseinandersetzte. Er war Abgeordneter, und jetzt achtete sie erst darauf, daß er im Knopfloch das rote Band der Ehrenlegion trug.

Sie ging mit ihm spazieren, sie fühlte sich angenehm und sicher. Es war ein älterer, gesetzter Mann, Abgeordneter – eine Ehrenperson des souveränen Volkes –, er hatte sich vorgestellt. Es war ihr nicht anders, als spräche sie mit irgendeinem der Leute, die einst im Hause ihres Vaters verkehrt hatten. Und sie war glücklich, mit jemand reden zu können.

So trafen sie sich jeden Nachmittag im Luxemburggarten, und da er teilnehmend war und ihr mehr und mehr gefiel, so begann sie ihm ihre ganze Vergangenheit zu eröffnen.

Er bedauerte sie, und je länger sie sprach, desto mehr schüttete auch er ihr sein Herz aus. Er erzählte, er wäre Witwer und entwarf ein Bild seiner verstorbenen Frau, die die große Welt mit ihrem falschen Prunk und Schein nicht gemocht hätte, die ein rechtes Hausmütterchen gewesen war, ein Engel im Hause, in seinem Hause, wo man tadellos aß, wo man ruhige Stunden verbrachte. Sein Haus, das er nun schon seit Jahren mied, da er in den öden Junggesellenräumen nicht bleiben mochte. Eines Tages, als sie wieder im Luxemburggarten langsam auf und nieder schritten, sagte er:

»Ich glaube, auch Sie könnten einen Mann in seinem Heim glücklich machen.«

Sie fragte:

»Ist das Ihr Ernst?«

»Gewiß.«

»Ich glaube nicht.«

Er wurde lebhaft:

»Warum denn nicht? Meinen Sie, Sie haben keine Anlage dazu?«

Sie schüttelte den Kopf, sie dachte an ihre Vergangenheit und sagte:

»Eine geschiedene Frau wie ich?«

Er antwortete:

»Nun, das bedeutet doch nichts!«

Sie nickte nur traurig:

»Doch! Doch!«

Er wurde einsilbig. Während sie nun immer weiter um den Springbrunnen am Schloß gingen, umgeben von all den spielenden Kindern und Bonnen und Müttern und alten Frauen und Männern, die sich bei dem schönen Wetter wärmten, sagte sie nachdenklich:

»Und doch habe ich vielleicht nur Unglück gehabt.«

Er ging, den Stock mit der goldenen Krücke in den gefalteten Händen auf dem Rücken, neben ihr her; er hörte ruhig zu, und ab und zu lief sein Auge über ihre Gestalt. Da entwickelte sie ihm etwas wie ihre Lebensanschauung. Ihr Dasein sei nun doch einmal geknickt und gebrochen, sie wäre heraus aus allem, was sie früher angegangen, sie stände ganz allein in der Welt, sie brauchte keine Rücksicht zu nehmen. Es wäre doch sonderbar, wie das alles binnen kurzer Zeit eingetreten sei, wie sich ein ganzes Dasein im Handumdrehen verändern könnte.

Er hörte mit ernster Miene zu, doch er sagte nichts. Sie aber schüttelte ihm weiter ihr Herz aus, glücklich, einen Menschen zu haben, dem sie vertrauen konnte, und plötzlich fragte sie ihn:

»Was denken Sie eigentlich von mir?«

Er blieb stehen, musterte sie und meinte, indem seine Augen blitzten und er ihr eine leichte Verbeugung machte, immer noch die Hände auf dem Rücken:

»Daß Sie die reizendste Frau sind, die ich je kennengelernt habe!«

Sie lächelte:

»Ach, das ist eine Schmeichelei.«

»Nein, nein, es ist die Wahrheit!«

»Sagen Sie das oft?«

Er legte die Hand aufs Herz:

»Weiß Gott, das sage ich nie! Wie sollte ich auch dazu kommen?«

Aber sie meinte, plötzlich ernst werdend:

»Sie sollten sagen, ich bin die unglücklichste Frau.«

»Warum?«

Sie machte eine Handbewegung:

»Ach, sprechen wir nicht darüber.«

Trotz seines Zuredens war sie nicht zu bewegen, ein Wort weiter zu sagen.

Aber sie begann sich immer mehr zu verändern. Jedesmal, wenn sie sich zu dem jetzt regelmäßigen Spaziergang fertig machte, stand sie eine halbe Stunde vor dem Spiegel, ordnete ihre Toilette, setzte den Hut zurecht, band sorgsam den Schleier. Sie kaufte sich dieses und jenes Neue, und sie war dankbar, wenn er etwas hübsch an ihr fand.

Sie schämte sich, daß sie immer die gleiche Jacke anziehen mußte, daß er nie ein anderes Kleid an ihr sah. Sie machte einmal eine Bemerkung darüber. Da sah er sie forschend an und fragte nach ihren finanziellen Verhältnissen, vorsichtig und taktvoll. Er sagte mehrmals, es ginge ihn ja nichts an, aber sie täte ihm so leid, so unendlich leid, daß er es nicht sagen könnte.

Nun setzte sie ihm offen auseinander, wie es mit ihren Geldverhältnissen stand. Er schnalzte, während sie sprach, immerfort bedauernd mit der Zunge, schüttelte den Kopf, wandte den Oberkörper hin und her und sagte:

»Arme Frau! Arme Frau!«

Einen Tag darauf kam er ihr mit einem Veilchenstrauß entgegen, als sie ihn dankend nahm, meinte er:

»Lassen Sie mich einmal etwas mit Ihnen besprechen. Seien sie ganz vernünftig. Wollen wir dazu irgendwo hingehen? Wissen Sie was, setzen wir uns in ein Café. Ist Ihnen das recht?«

Ihr erstes Gefühl sprach, es sei nicht richtig, aber da kam ihr wieder das zwingende Bewußtsein: welche Rücksicht hatte sie zu nehmen, was hatte sie in der Welt zu verlieren? Wem war sie Rechenschaft schuldig? Sie kannte keinen Menschen, sie war von allen verstoßen, so wollte sie auch nur so leben, wie es ihr Freude machte. Und da sagte sie entschlossen, einfach:

»Bitte sehr, es ist nichts dabei, wenn Sie mir etwas zu sagen haben. Sie haben mir über Wochen der Öde in meinem traurigen Dasein so freundlich hinweggeholfen und, mein Gott, Sie werden nicht schlechter von mir denken, wenn wir eine Tasse Tee trinken.«

Sie verließen den Luxemburggarten, aber er war mit sich nicht im reinen, wo sie hingehen sollten. Er klagte:

»Es ist alles so weit, und hier bin ich eigentlich nicht bekannt. Wissen Sie, in ein gemeines, gewöhnliches Café setzen wir uns nicht. Kommen Sie, wir fahren zu Menier.«

Dabei hatte er schon einen Wagen angerufen. Bald darauf hielten sie vor einer Konditorei, wo in einem Nebensaal einzelne Tische standen. Damen, die nachmittags ihre Besorgungen machten, gingen dorthin zum afternoon tea, trafen sich und schwatzten, während draußen die Equipagen warteten.

Dort setzten sie sich in eine Ecke. Denise sah Pelze und Jacken, die Tausende kosteten, und unwillkürlich blickte sie vergleichend auf ihr einfaches, dunkles Jackett.

Herr Léon Béranger begann, nachdem der Tee vor ihnen stand, seine Auseinandersetzung. Immer blieb er in artigen Grenzen; er sah ihr in die Augen, während er sprach, er redete wie ein guter Vater und stellte ihr vor, wie es nicht nötig wäre, daß ihre Verhältnisse so schlecht blieben, denn sie hätte doch Freunde, die ihr helfen könnten. Als sie erstaunt aufblickte, meinte er:

»Einen Freund, denn ich darf mich wohl so nennen, einen wirklichen, treuen Freund!«

Dann erzählte er von seinem Reichtum und Überfluß, sprach von den Kohlengruben, die er bei Carmeaux besaß, und schilderte die Unmöglichkeit, seine Reichtümer allein zu verzehren. Er gehöre zwar einem Cercle an, aber dort gehe er nur zu Tisch hin, und was solle er sonst ausgeben? Er spiele nicht, sei ohne noble Passionen und habe nur den einzigen Gedanken, eine Häuslichkeit zu besitzen. Nach dieser Einleitung schloß er, indem er ihr immer näher rückte:

»Ich würde Ihnen gern einen Vorschlag machen. Nehmen Sie etwas von mir an, von einem guten Freunde. Gestatten Sie mir, Ihnen ein anderes Leben zu verschaffen, als Sie es haben. Fassen Sie es richtig auf, ich will nichts, nichts von Ihnen als Ihre Freundschaft. In dieser kleinen Pension, in diesem Zimmer, das ich nie betreten habe, das Sie mir aber so oft schilderten mit seinen ärmlichen Allerweltsmöbeln, können Sie doch nicht bleiben. Wollen Sie dort Ihr ganzes Leben verbringen? Erlauben Sie einem treuen Freunde, daß er Ihnen ganz still und heimlich eine andere Wohnung gibt. Fassen Sie es ja richtig auf, mir nehmen Sie nichts, ich weiß nicht, was ich mit meinem Gelde machen soll. Ohne mich zu rühmen, ich gebe den Armen, ich verteile mit vollen Händen. Seien Sie nicht böse! Ihr Herzeleid tut mir weh, darf ich Ihnen helfen?«

Als er es sagte, war es wie ein Stich, den Denise empfing, und wieder kam ihr das Gefühl: ›Das geht nicht, das darfst du nicht!‹ Die Erziehung des Fräuleins Denise de Verneuil, die Lebensanschauungen der einstigen Frau de la Caille wollten sich geltend machen, und es drängte sie, zu sagen: ›Bitte, das kann ich von Ihnen nicht annehmen!‹ Sie war fast bereit, aufzustehen und ihn sitzen zu lassen, aber dann hätte sie ihn nie wieder sehen dürfen, dann hätte sie den einzigen Freund verloren, den sie besaß, dann war sie wieder allein, allein, immer allein.

Wieder durchschoß sie der Gedanke: ›Du bist niemand Rechenschaft schuldig! Keiner rettet dich, reiner streckt eine Hand nach dir aus, kein Mensch kümmert sich um dich! Was gehen dich die andern Menschen an? Bist du nicht ausgestoßen von ihnen? Bist du nicht frei?‹ Ja, sie war ausgestoßen aus der Gemeinschaft, in der sie gelebt hatte. Die Gesetze, die ihr gegolten, galten ihr nicht mehr.

Sie sagte nicht nein. Sie senkte die Augen und schlürfte ihren Tee.

Wieder sprach Herr Béranger; er setzte ihr auseinander, er könne es nicht mehr mit ansehen, und wenn sie ihm nicht gestatte, etwas für sie zu tun, so wäre das das größte Mißtrauenszeichen, das es gäbe, und dann allerdings, dann müßte er ihr sagen:

»Leben Sie wohl! Denn zwischen uns würde immer diese Ablehnung stehen wie ein Frost, wie ein Schauer, der uns hinderte, unsere Gedanken zu tauschen.«

Die Teestunde war vorbei, das Lokal war fast leer geworden. Denise hatte immer noch keine Antwort gegeben. Er schien auch keine zu verlangen, es war nur, als habe er ihr den Gedanken eingehaucht. Wie sie gekommen waren, gingen sie wieder davon.

Längst brannten die Laternen. Unter den Arkaden der Rue de Rivoli schritten sie hin. Er erzählte von Reisen, die er einst gemacht hatte.

»Ich bin nicht wie die meisten unserer Landsleute, ich habe das Reisen sehr gern.«

Bei diesen Worten hatte Denise eine seltsame Vision: als senkten sich leise um sie herum wie bei einer Bühnenverwandlung Wolken und Vorhang, als verschleierten sie die Straßen der Stadt. Dann hoben sie sich wieder, und hinter ihr stiegen aus den Nebeln exotische Landschaften auf, der Orient mit flimmernden Wüsten und goldglänzenden Minarets. Und nun erschien ihr das Meer, in langen weißen Brandungsstreifen, endlos gelb der Horizont, von dem ein ferner Dampfer oder ein Segelschiff sich abzeichnete.

Da überkam sie eine große Sehnsucht. Einmal hinaus, hinaus, fort! Eine Sehnsucht – sie wußte nicht, wollte sie ihren jammervollen engen Verhältnissen entfliehen, oder wollte sie die Welt sehen, die da weit in der Ferne lag. Und unwillkürlich kam ihr dabei die Idee: ›Dort kannst du erst recht machen, was du willst, dort kennt dich niemand!‹

Als er am Schluß, wie er sie beinahe an ihre Wohnung gebracht hatte, sagte:

»Ich würde gern noch einmal reisen!«

Wie zum Scherz fügte er hinzu:

»Fahren Sie mit?« Da sagte Sie kurz, mit einem koketten Lächeln: »Wer weiß!«

Dann stieg sie, von ihren Gedanken wie von einem Schwarm von summenden Insekten bedrängt, die Treppe hinauf.

XVII.

In einer kleinen Seitenstraße am Park Monceau hatte Herr Béranger eine Etage gemietet. Es war ein Haus, in dem sich nur noch zwei andere Mieter befanden, ein verschlafenes Haus, mit stillen Leuten, einem Junggesellen im Erdgeschoß und einem kinderlosen Ehepaar im ersten Stock.

Herr Béranger hatte mit Denise immer wieder gesprochen, und immer mehr war ihr Widerstand gewichen. Einmal gingen sie an dem Haus vorbei; er zeigte die Fenster und erzählte, das Haus gehöre ihm, die Etage hätte gerade frei gestanden, und er hätte sie eingerichtet. Aber wenn sie nicht wollte, sollte sie in ihrer Pension wohnen bleiben.

Ein andermal wußte er sie zu bewegen, mit hinaufzugehen und die Wohnung anzusehen. Ein Mädchen, schwarz gekleidet, sauber und bescheiden, machte auf. Sie starrte Denise nicht neugierig an, sondern tat so, als verstände sich das alles von selbst. Und nun zeigte er ihr die kleine, aber lauschige Wohnung, den Salon Louis XVI., einen kleinen Salon, der sich daran schloß, ein Schlafzimmer, das koketteste vielleicht von allem, mit einem Schreibtisch, der Denise einen Freudenschrei entlockte, denn er war auffallend ähnlich dem, den sie in Montmidi besessen hatte. Nach hinten hinaus lag das Eßzimmer, zwischen ihm und der Küche der Anrichteraum, dann gab es noch ein Zimmer, wo das Mädchen wohnte.

Herr Béranger sagte:

»Die Wohnung steht leer, es muß also jemand drin sein, und darum habe ich das Mädchen gemietet. Wenn Sie mir die Freude machen würden, hierher zu ziehen, so wäre es ja auch besser, Sie blieben in der Etage nicht allein, denn jetzt schläft das Mädchen in der Mansarde. Aber Sie würden sich fürchten.«

Denise antwortete nichts, sie gingen fort. Auf dem ganzen Wege spukte ihr die Wohnung im Kopf, und immer wieder quälte sie der Gedanke: ›Wem hatte sie Rechenschaft zu geben? Hatten nicht alle sie verlassen? Stand sie nicht ganz allein? War dieser Mann nicht der einzige Mensch auf Gottes Erde, der sich um sie kümmerte?‹ Und als sie an diesem Tage in ihrem verwohnten ungemütlichen Zimmer in der Pension saß und die Wirtin grinsend erzählte, sie hätte sie mit einem Herrn gesehen, da packte Denise ein Ekel, und sie war plötzlich entschlossen, das Anerbieten ihres Freundes anzunehmen.

Am nächsten Tage sagte sie ihm zu. Sie selbst erwähnte gegen die Wirtin nichts davon, daß sie ausziehen würde. Das Mädchen aus der Wohnung wurde geschickt, um mit einer Droschke die Sachen abzuholen und zu zahlen.

In ihrer Wohnung empfing sie Herr Béranger; Blumen standen in allen Vasen, und als sie ihm gerührt dankend die Hand entgegenstreckte und fragte:

»Darf ich denn das nur annehmen?« nahm er ihre Finger, küßte sie und antwortete mit einem Wort, das er sonst nie gebraucht hatte:

»Ich könnte ja Ihr Vater sein!«

Dann ließ er sie allein. An diesem Abend schritt Denise durch ihre neue Wohnung. Das Herz lachte ihr vor Freude, und das alte Bedürfnis nach schönen Sachen, nach Luxus und Bequemlichkeit wachte in ihr wieder auf.

Sie dachte nach all dem Elend des Chambregarni-Lebens an die Möbel, die sie selbst einst besessen, an die Räume im Hotel ihrer Eltern, an die Pracht, die sie einst umgeben hatte. Beim Strahlen des elektrischen Lichtes in ihrer Wohnung verglich sie die Helligkeit mit der armseligen kleinen Lampe, die sie jetzt die anderthalb Jahre gebrannt hatte, und sie atmete auf, breitete die Arme aus und schritt durch die Zimmer, sog den Duft ein, sah nach der hohen weißen Decke empor, betastete den Stoff, mit dem die Wände bespannt waren, und fühlte sich wohl in dem Luxus, der sie rings umgab.

Dann ging sie zu Bett, endlich wieder einmal in weißes, feines, köstliches Leinen, legte den Kopf auf die lange Rolle, faltete die Hände, wie sie es immer beim Schlafen tat, unter der Wange und schlief ein. Das elektrische Licht hatte sie auszulöschen vergessen und erst in der Nacht, als sie aufschreckte, drehte sie den Wirbel herum, daß es finster ward. Dann lag sie auf dem Rücken und dachte lange nach.

Sie dachte nach über den Schritt, den sie getan hatte. Erinnerungen kamen ihr, Gerede, und alles, was sie gesehen hatte von solchen, die ihren Ruf verkauft hatten um materieller Vorteile willen. Sie errötete bei dem Gedanken. Sie zerbrach sich den Kopf. War es reine Freundschaft? Ihr ward bange, daß sie auf die Pläne eingegangen war. Aber immer und immer wieder kam der Schluß, der ewige Schluß: ›Du stehst allein, sie haben dich alle verstoßen, du bist niemandem Rechenschaft schuldig, und du willst nicht Trübsal blasen und elend sein dein ganzes Leben lang!‹

Am andern Tage besuchte Herr Béranger Denise. Er blieb nur kurze Zeit, er mußte in die Deputiertenkammer. Er sagte, er wollte nur sehen, wie es ihr ginge. Als er sich verabschiedete, rief sie:

»Oh, wie soll ich Ihnen für Ihre Güte dankbar sein?«

Er antwortete nur:

»Durch Ihre Freundschaft.«

Dann ging er davon mit seinem sorgfältig gebügelten, spiegelnden Zylinder, und vom Fenster aus sah sie ihn über die Straße schreiten, aufrecht, trotz seiner Jahre ein schöner Mann.

Da wehte sie der Gedanke an: ›Wenn er sie nun heiratete? Warum sollte sie nicht seine Frau werden?‹ Sie nahm sich vor, es ihm zu sagen.

Am nächsten Morgen schickte er ihr ein paar Blumen, und nachmittags, nach Schluß der Sitzung, kam er zu Tisch. Es war alles schon vorgesehen; das Mädchen brachte ein schönes Gericht nach dem andern. Mit Austern fing es an. Denise war erstaunt, und er sagte:

»Ich habe alles von mir herüberschicken lassen, Sie sollen keine Ausgaben haben.«

Da ließ sie sich's wohlschmecken. Sie schlürfte die Austern, die sie Jahre und Jahre entbehrt hatte, mit Behagen, und sie labte sich an dem weichen Fleische und dem schönen Gemüse, an dem Eis zum Schluß. Sie aß Konfekt und petits fours, sie tat sich gütlich. Es war ihr, als erwachten die Jahre von früher, als säße sie wieder am Tisch ihrer Eltern.

Nach dem Essen bat er um die Erlaubnis, eine Zigarre rauchen zu dürfen. Sie gestattete es, und er saß ihr gegenüber, so artig und so höflich in seinem tadellos sitzenden Frack, ein älterer Mann und doch nicht dick und aufgeschwemmt, ein Mann, jung an Gefühl, mit blitzenden Augen, einer, der die Ritterlichkeit selbst gegen sie war.

Denise kämpfte mit sich, ob sie von der Ehefrage mit ihm sprechen sollte. Sie schämte sich, ihm sich selbst anzutragen und meinte, er würde schon einmal davon beginnen. Als er sich an diesem Tage empfahl, nicht zu spät, und, wie er sagte, mit blutendem Herzen, hatte sie nicht gesprochen, und es war alles wie vorher.

Seitdem kam er oft. Er sagte sich zu Tisch an, und eine Änderung erfolgte nach der andern. Eine Köchin erschien, denn es war unpraktisch, das Essen immer herüber zu holen, obgleich Herr Béranger am Park Monceau nur ein paar Häuser entfernt wohnte. Denise gab sich Mühe, ihren Tisch zu pflegen, sie wollte zeigen, daß sie etwas verstand. Sie wälzte Kochbücher durch, sie kümmerte sich um jede Kleinigkeit, sie bestellte Blumen, daß alle Vasen immer frisch geschmückt waren und es auf dem Tisch duftete und blühte.

Da begann er eines Abends, als er wieder seine Zigarre rauchte und ihr ruhig gegenüber saß:

»Meine liebe Freundin, darf ich Ihnen einmal etwas sagen? Wir sind keine Kinder mehr, wir sind vernünftige Menschen, wir wollen uns aussprechen. Es handelt sich einfach um den Geldpunkt. Meinetwegen haben Sie Ausgaben, machen Sie Luxus, meinetwegen schmücken Sie dieses Haus, in dem ich so glücklich bin, wie ich es so viele, viele Jahre nicht war. Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie es ohne Sie war. Ich möchte jeden Tag hier essen, aber alles das kostet Geld. Sagen Sie nicht nein, es ist so. Also hören Sie – wir sind zwei vernünftige Menschen – lassen Sie mich die Wirtschaftskosten bestreiten, erst dann wird mein Glück vollkommen sein.«

Und im Gedanken an die Rechnungen, die schon ausstanden, die sich – sie begriff selbst nicht wie – gehäuft hatten, sagte sie schnell:

»Wie Sie wollen, mein lieber Freund.«

Es war ihr sonderbar, sie nannte ihn ihren Freund, sie glitt von selbst hinab auf ihrer Bahn und merkte es nicht.

An diesem Abend meinte sie, die Gelegenheit sei gekommen, sich mit ihm auszusprechen, aber sie fand nicht den Mut; sie wollte sich ihm nicht an den Hals werfen. Von ihm mußte es kommen. Darüber verging die Zeit, und es ward Frühjahr. Er war immer artig gegen sie und tat nie etwas anderes, als ihr die Hand zu küssen. An einem Abend, als es drüben vom Park Monceau herüberduftete aus den Frühlingsanlagen, die seltenen Blumen und Pflanzen ihre Lenzgerüche zu ihnen sandten, blieb er länger bei ihr als sonst. Am offenen Fenster sitzend, wurde er ganz weich. Er nahm ihre Hand und dankte ihr tausendmal für das, was sie ihm geschenkt, für all dies Glück, das er nie in seinem Leben erhofft hätte. Beim Abschied neigte er sich plötzlich zu ihr und küßte sie auf die Stirn. Es war so schnell geschehen, daß sie nicht auswich.

Eines Tages erzählte Denise Herrn Béranger von einem Laden, den sie gesehen. Sie schlug die kleinen Hände zusammen und rief:

»Oh, da waren Toiletten, so wunderbare Toiletten, der reine Traum!«

Da sprach er vernünftig mit ihr. Er sagte ihr wieder die alten Worte, ihm wäre das Geld ganz einerlei, sie sollte sich nur gut anziehen, er würde die Mittel dazu geben. Und er zog einen Scheck über fünftausend Franken aus der Tasche. Sie wollte abwehren, doch er sagte:

»Reden wir nicht darüber, das würde mich beleidigen. Ich bitte Sie dringend, lassen Sie das.«

Bald darauf ging er. Da sah sie das Papier liegen auf dem Tischchen, und neugierig näherte sie sich und las, aber sie wagte es nicht anzufassen, als sei es Gift. Sie hatte den Gedanken in dem Augenblick: ›Ich verkaufe mich.‹ Ein peinliches Gefühl, wie sie es noch nie empfunden. Sie sagte sich: ›Dort mag es liegen bleiben, dir gehört es nicht, du rührst nicht daran!‹

Aber ehe sie zu Bett ging, überlegte sie sich, das Mädchen könnte es finden. Sie nahm den Scheck, faltete ihn zusammen und steckte ihn zu sich.

Am nächsten Morgen, als sie in den Park Monceau ging, sah sie zwei Damen, die sich lebhaft unterhielten, zwei Damen, so schick, daß ihr die Augen übergingen. Mit einem Male wußte sie von sich selbst, wie einfach, wie ärmlich und häßlich sie gekleidet war.

Da lief sie wieder durch die Rue de la Paix und durch die Avenue de l'Opéra, und überall sah sie köstliche Sachen. Sie blieb stehen, wie einst bei ihrem Besuche in Paris, als damals Herr Béranger sie angeredet hatte.

Da quälte es sie, sie wollte so schön sein wie die andern. Wem galten denn ihre Bedenken, wer fragte danach? Sie trat bei einem Bankier ein. Einen Augenblick darauf hatte sie den kleinen Muff voll Papiergeld. Es fühlte sich fettig an und knisterte in ihren Fingern. Sie ging kurz entschlossen in einen Hutladen, kaufte einen Hut für neunzig Franken und eine Straußenfeder-Boa. Dann trat sie bei einer Schneiderin ein und bestellte ein Kleid. Es fiel ihr ein, sie brauchte ein neues Korsett, sie ließ sich Maß nehmen und trieb die Frau zur Eile an, da sie das Kleid darauf anprobieren wollte.

Als sie dann in dem neuen Korsett vor dem Spiegel stand, war sie selbst erstaunt über ihre Gestalt. Sie war um zwei Fingerbreiten schmäler geworden, es saß, es drückte nicht im mindesten, und sie klatschte in die Hände und besah sich von vorn und von hinten, von der Seite. Als dann das Kleid fertig war, saß es wie angegossen, und wie sie nun über die Straße schritt, klang ihr der alte Ton wie süße Musik in den Ohren, das Rauschen des Futters, der Seide.

Mit dieser Musik des Luxus schien ihr Herz wie umgewandelt. Sie warf alle Bedenken über Bord; sie blieb vor den Läden stehen, in denen nur Reiche kauften, sie betrachtete Dinge, die sie hätte haben wollen; sie ging mit Herrn Béranger und zeigte ihm dies und jenes, das sie schön fand.

Am Abend brachte er es ihr zu Tisch. Es waren nur Nippes, eine winzige, silberne Pendüle, eine kleine Bronzefigur. Sie schämte sich nicht, es zu nehmen, denn sie hatte noch nie einen Mann beim Schenken so glücklich gesehen. Es war, als hätte sie ihm mit ihrem Wunsch ihre Liebe erklärt, so strahlte sein Gesicht. Dann gingen sie miteinander durch die Wohnung und suchten den Fleck, wo der Gegenstand hinpaßte. Dabei fanden sich hundert andere Orte, wo man etwas hätte hinstellen können.

Am nächsten Tage brachte Herr Béranger ihr eine neue Kleinigkeit und eine Woche darauf eine große schöne Bronze, ein Werk von Falguière, das drei Mann hereinschleppten und auf einen Sockel in einer Ecke niederließen.

Denise war glückselig, sie sagte immerfort zu ihm:

»Das ist zu viel, das will ich nicht!«

Aber seine Augen leuchteten, und er bettelte, die Hände zusammenschlagend, wie ein Kind:

»Ach bitte, bitte, es macht mir ja so furchtbaren Spaß!«

An diesem Abend beim Abschied legte er langsam seinen Arm um ihre Schulter und sagte:

»Gute Nacht, meine Freundin, Sie machen mich sehr glücklich.«

Dabei beugte er sich nieder, und sein Mund streifte ihre Wange …

XVIII.

Es ging seinen Weg, wie alles im Leben seinen Weg geht. Aus Kleinstem ward Kleines, und aus Kleinem ward Größeres, aus dem Größern ward das Größte, und sie lebten wie Mann und Frau.

Sie bereute es nicht. Wenn der leise Schreck sie streifte, wohin sie geraten war, kam ihr immer wieder der Gedanke, der das stille Mahnen ihres Gewissens verscheuchte, wie der rauhe Sturm des Lebens, der die feinen Düfte windloser, stiller Stunden gewaltsam fortträgt: ›Kein Mensch kümmert sich um mich! Wem habe ich Rechenschaft zu geben? Jeder ist seines Glückes Schmied!‹ Und sie sagte sich: ›Soll ich mein Dasein im Elend verbringen, nur weil die Gesetze gegen mich sind? Weil meine Eltern zu moralisch sind, um mich zu kennen? Weil ich meines Herrn Bruders Raubtierpläne auf ein Millionenmädchen verdarb?‹

Der Gedanke kam ihr gar nicht mehr, Herrn Béranger zu sagen, sie wollte seine Frau werden. Was tat es? Änderte es etwas an ihrem Leben? Löschte das die Vergangenheit aus? Sie lachte darüber, lachte bitter. Und doch ward manchmal aus dem Lachen eine scheue Träne. Wer sie ertränkte diese Gefühle, die ab und zu in ihr aufstiegen, in der Gegenwart, in der Lust zu genießen, schöne Dinge um sich zu sehen. Was sie in den Museen langsam gelernt hatte, was nur Zeitvertreib gewesen war, wurde nun zur Leidenschaft.

Sie hatte Geld in Hülle und Fülle: Herr Béranger sparte nicht. Sie kaufte Kunstwerke zusammen, die auf sie Eindruck gemacht hatten in den Salons, in privaten Ausstellungen, und es kitzelte ihre Eitelkeit, wenn sie dort, ohne zu handeln, Summen zahlen konnte, bei denen sich mancher Kunstliebhaber überlegt hätte, ob er seinen sehnlichen Wunsch erfüllen dürfe.

Die nächste Folge davon war, daß die Wohnung nicht ausreichte. Herr Béranger ermahnte Denise nicht zur Sparsamkeit, er ermunterte sie vielmehr in ihren Plänen, er freute sich, wenn sie etwas schön fand. Auch er hatte Geschmack, wenn auch keinen tiefergehenden; er besaß die natürliche Mitgabe alter Kultur des Galliers im allgemeinen und im besondern des Bewohners der großen Stadt Paris. Der Platz mangelte, mehr aufzustellen wäre unmöglich gewesen, dann hätte die Wohnung wie ein Museum ausgesehen.

Und als Denise in ihrer Etage ein Jahr zugebracht hatte, überraschte Léon sie damit, daß er eines Morgens zu ihr kam und sagte:

»Denise, es ist mir gelungen, ein reizendes Hotel zu erwerben. Nur klein, aber wirklich hübsch.«

Dabei strahlte er über das ganze Gesicht und lachte sie an in der Freude des Schenkens, die ihm nun mal eigen war. Er konnte es nicht erwarten, das Haus mit ihr zu besehen.

Es lag wieder ganz in der Nähe vom Park Monceau, denn von seiner eigenen Wohnung durfte es nicht zu entfernt sein, das war Bedingung. Herr Béranger hatte alles neu herrichten lassen, es fehlten nur noch die Möbel darin. Denise ging mit ihm von oben bis unten. Es war entzückend. Die größte Freude aber empfand sie darüber, daß sie nicht mehr an der Tür des Ehepaares im ersten Stock vorüber mußte, vor allem aber des Junggesellen im Erdgeschoß, der sie jedesmal grüßte, wenn er sie im Hause traf, um dessen Lippen aber immer ein leises Lächeln zu schweben schien, das sie empörte.

Der Umzug fand statt, die Möbel paßten ausgezeichnet, und nur in den größern Räumen war es vielleicht noch ein wenig leer. Leer aber vor allen Dingen stand im Hof der Stall, der für vier Pferde und drei Wagen eingerichtet war.

Denise lief in der ersten Zeit in ihren Zimmern hin und her wie im Traum. Sie besah die seidenbespannten Wände, sie betrachtete die schöne Stukkatur, die herrlichen Marmorkamine. Sie ruckte die Möbel hierhin und dorthin, sie dachte sich immer etwas Neues aus. Die Bronzen wurden aus einem Zimmer in das andere getragen, die Gemälde umgehängt, und mit einem angeborenen Geschmack schuf sie bald aus den Räumen Kleinode, so daß Herr Béranger, als er eines Abends mit ihr die neue Anordnung der Zimmer durchmaß, einmal über das andere rief:

»Das nenne ich Geschmack!«

In diesem kleinen, verschwiegenen Hause, in dem Denise allein wohnte, ging Herr Béranger aus und ein, wie der Herr. Er trat vorn durch das große Portal ein, wo ihn der Portier jedesmal besonders artig grüßte, und er verließ es durch einen Ausgang nach hinten. Kein Mensch wußte, wann er kam und wann er ging, wie es seiner Würde als Vertreter des Volkes entsprach.

Denise begann sich für seine parlamentarische Tätigkeit zu interessieren. Sie bekam die Druckschriften, die den Abgeordneten zugingen, und vertiefte sich hinein. Zu allem, was sie nicht verstand, gab er ihr die Erklärung, und über alles hatte sie bald ihre Meinung.

Sie war nicht mehr das Mädchen bei den frommen Schwestern; nicht mehr die kindische Kleine zu Haus, die um den Mann gebeten hatte; nicht die junge Frau, die den großen Geldverlust aus Liebe ihrem Gatten verziehen hatte; nicht die Trauernde in Montmidi, der ein Tag hingeflossen wie der andere; sie war auch nicht die Heißliebende, als Henri einen Feuerbrand in ihr Leben geschleudert hatte; sie war nicht mehr die von ihren Eltern Verstoßene; nicht die Denise, die einsam von ihrem bißchen Geld in dem Pensionszimmer hauste. Die Vergangenheit lag weit hinter ihr, sie konnte manchmal kaum mehr fassen, wie sich ihr Lebensgang gestaltet hatte.

Sie war heute die Geliebte eines reichen Mannes, der keine Skrupel auftauchten, die ruhig dem Leben ins Antlitz sah, dem Leben, das da brutal und roh und gemein und rücksichtslos war, das keine Moral predigte, das keine sittlichen Werte schuf, das war, wie es war, das Leute glücklich werden ließ, sie wußten nicht warum, und unglücklich, ohne daß sie etwas dazu getan hatten, das die eine als anständige Frau sterben ließ und die andere als Dirne, während doch in beiden vielleicht der gleiche Keim gelegen hatte, gut oder böse zu werden.

Und sie fühlte sich nicht böse, sie empfand ihr Dasein nicht als Schmach, sie hatte sich versöhnt damit, daß sie nicht mehr zu der Gesellschaft, in der sie groß geworden war, gehörte, sie besaß einen gewissen Trotz und Stolz, daß sie nicht unten geblieben war, sondern sich ihr Leben selbst gezimmert hatte.

Jetzt hatte sie auch keine Angst mehr, ihren Angehörigen zu begegnen, wie das in den ersten Zeiten der Fall gewesen war. Sie meinte, wenn sie ihre Mutter träfe, würde sie nicht mit den Wimpern zucken. Wäre sie ihrem Vater begegnet, sie hätte ihn nicht gekannt. Und sie war überzeugt, daß ihr Bruder, träte er ihr einmal entgegen, für sie Luft sein würde, genau wie Robert, dessen Schicksal sie nicht einmal interessierte, von dem sie nicht wußte, lebte er weiter dort unten auf dem Gut mit jener Dicken oder hatte er eine andere Frau genommen, war er der Bauer geblieben oder wieder ein Weltmann geworden.

Ihre Vergangenheit war versunken, nur ein einziges Bindeglied gab es noch: Lucy! Aber auch das Kind, das sie nun so lange nicht gesehen hatte, liebte sie nicht mehr wie früher, als ihr seine Anwesenheit fehlte. Sie fragte sich manchmal, wie es nur möglich wäre, daß ihr Herz sie nicht drängte, die Kleine wiederzusehen? Nein, ihr Herz rührte sich nicht, es sagte nur: das Kind ist gut aufgehoben.

Doch gab es Augenblicke, in denen der kleine schwarze Kopf vor ihr erschien, in denen die dunkeln Augen sie anblickten, wo sie das dünne Stimmchen hörte, das da sprach: ›Mama, du mußt nicht weinen!‹

In solchen Stunden, wenn sie auch immer seltener wiederkehrten, wurde sie schwach. Dann schloß sie sich ein und war für Herrn Béranger nicht zu sprechen. Sie ließ sagen, sie wäre krank. Dann blieb sie in ihrem Schlafzimmer, und ein dumpfer Druck lastete auf ihrer Seele wie eine Migräne, die Migräne, von der der Diener Léon gegenüber gesprochen hatte. Der Gedanke quälte sie dann: ›Hatte man dem Kinde von der Mutter je etwas erzählt?‹ Und leise kam ihr das Bedürfnis, die Kleine doch einmal wiederzusehen. Lucy war wohl sehr gewachsen! Sie würde sie vielleicht nicht wiedererkennen!

Aber solche Gedanken gingen bei ihr schnell vorüber, sie wollte nicht mit Unmöglichkeiten rechnen. Wie sollte sie Lucy wiedersehen? Wie das Kind besuchen? Würde man ihr nicht die Tür weisen? Denise stimmte der Gedanke dann bitter, daß man der Kleinen vielleicht gar von der Mutter Böses gesagt hatte, daß ihr vielleicht gelehrt worden war, die zu verachten, die sie doch geboren hatte.

Dann ergrimmte sie in ohnmächtigem Zorn, aber er war nur von kurzer Dauer. Wenn am nächsten Tage Herr Béranger kam, war alles vergessen, und sie trat ihm wie gewöhnlich liebenswürdig und zärtlich entgegen, wie eine gute Hausfrau.

Denise sorgte für Léons geistiges und leibliches Wohl. Es gab bei ihr die tadelloseste Küche; sie brachte ihm nach Tisch ein Ruhekissen, wenn der sich noch jugendlich dünkende Mann es auch ablehnte. Sie legte ihm die Zigarre zurecht, sie schnitt sie ihm ab, sie steckte sie ihm an; sie lernte wählen je nach seiner Stimmung, ob er eine starke oder eine leichte brauchte. Sie sagte einmal:

»Nein, Léon, heute eine Zigarette.«

Oder:

»Heute hast du eine gute Zigarre verdient.«

Dann servierte sie den Tee mit ihren feinen, kleinen, graziösen Händen, die sie täglich sorgfältiger pflegte. Sie ließ sich die Nägel polieren und behandeln, ließ sich frisieren und baden, und ganz allmählich begann sie den Augenbrauen nachzuhelfen: an einer Stelle waren sie zu dünn, die Kunst ersetzte die Natur. Wenn sie dann so vor Léon stand in ihren duftigen Toiletten, die sie nur für ihn zu tragen schien, fragte sie jedesmal:

»Gefalle ich dir?«

Dann setzte sie sich ihm gegenüber und ließ sich aus der Deputiertenkammer erzählen. Sie kritisierte die Reden, die er gehalten hatte, denn er sprach jetzt im Palais Bourbon. Er war früher nur einer von jenen Hunderten gewesen, die immer nur die Fraktionsführer reden lassen. Jetzt aber, nachdem er auf Denisens Zureden einmal gewagt hatte, zu sprechen, und es bei seiner natürlichen Rednergabe ganz gut gegangen war, schien ein förmliches Fieber über ihn gekommen zu sein, bei jeder Gelegenheit das Wort zu ergreifen.

Abends beim Kaffee nach Tisch sprach er vor Denise zur Probe. Ab und zu unterbrach sie ihn, um etwas auszustellen, und sie hatte recht, sie hatte immer recht. Nicht daß sie seine sozialen oder politischen Ausführung ganz erfaßt hätte, aber mit dem natürlichen Instinkt des Weibes fühlte sie: ›Das wirkt nicht, was er jetzt sagt, er verliert sich zu sehr in Einzelheiten, er kehrt den Fachmann heraus.‹ Wenn sie ihn dann unterbrach, so führte sie ihn von seiner Abschweifung auf den geraden Weg zurück, so daß seine Reden an Klarheit und Übersichtlichkeit gewannen und nun allgemein verständlich blieben.

Um den Eindruck besser abschätzen zu können, sagte sie ihm dann wohl:

»Léon, aufstehen!«

Gehorsam erhob er sich, setzte die Tasse fort, legte die Zigarre hin, und dann predigte er ihr in dem kleinen Salon vor, immer lauter und begeisterter. Er erwärmte sich dafür, allen Menschen müsse die Möglichkeit zu menschenwürdigem Dasein gegeben sein, und die Reichen hätten ihr Teil dazu beizutragen. Es kam ihm vielleicht nicht ganz von Herzen, und er wurde etwas nüchtern. Denise rief dann:

»Mehr Wärme, mehr Schwung!«

Sie bezeichnete ihm, wo er wieder anfangen sollte. Dann begann er von neuem an der Stelle, wo sie das Feuer vermißt hatte, strengte sich an, steigerte seine Leidenschaft, und sprach vom Segen der Familie, vom Glück der Häuslichkeit, das auch dem Ärmsten gegeben werden müsse. Er redete nun mit Wärme, indem er eigentlich nur seine eigenen Empfindungen wiedergab, daß er als alternder Mann wieder ein Heim gefunden hatte nach langer Heimatlosigkeit.

Es klang ernst, es klang moralisch. Er war seiner Wirkung gewiß. Endlich schloß er, und Denise unterbrach ihn nicht wieder:

» … und mögen wir dahin in unserm herrlichen Vaterlande kommen, daß das Wort Heinrichs IV. vom Huhn im Topf für jeden Franzosen gilt, daß der Arbeiter zu Hause eine Häuslichkeit findet, die ihn ausruhen läßt von seiner angestrengten Tätigkeit, ein liebendes Weib und eine Schar heranwachsender Kinder, denn die Zukunft für unser Volk liegt in der Familie, in der Heiligkeit der Ehe, im Glück des häuslichen Herdes!«

Herr Béranger war ganz außer Atem, seine Augen funkelten; noch benommen von seinem Gegenstand, streckte er Denise beide Hände entgegen und fragte:

»Wird das wirken?«

Sie meinte, nicht ohne Stolz, denn sie fühlte, daß ihr Einfluß ihm die Zunge beflügelte:

»Wenn du morgen genau so sprichst wie heute, so werden sie Beifall klatschen.« – –

Den Sommer über blieb Denise ruhig in Paris, sie fühlte sich so wohl in ihrem kleinen Hotel, daß sie keine Sehnsucht empfand, die Stadt zu verlassen. Eine industrielle Krise hatte übrigens Herrn Béranger genötigt, nach Carmeaux zu gehen. So konnte er Denise nicht, wie es eigentlich sein Wunsch gewesen war, ins Seebad schicken. Und der Aufenthalt in Paris war Denise um so weniger schrecklich, als alles seinen regelmäßigen Entwicklungsgang unerbittlich weitergeschritten war. Sie besaß jetzt eine Equipage. Sie fuhr täglich zweimal aus. Aber niemals zeigte sie sich mit Léon, und sie ging auch nie in die Deputiertenkammer, um ihn etwa reden zu hören. Er hatte es gewünscht, doch sie antwortete:

»Nein, das fällt auf, ich bin nicht eitel.«

Sie war es in der Tat nicht. Sie besaß nicht das Bedürfnis, zu prunken und sich zu zeigen, wollte nicht durch Toilettenpracht blenden, etwa in einer Loge der Großen Oper durch den Schmuck die Augen auf sich ziehen. Sie war wie eine zurückhaltende Dame geblieben. Sie hatte nicht den Wunsch, von sich reden zu machen, sie wollte im Dunkel bleiben. Der Name paßte für sie, den Herr Béranger in einer Liebesstunde für sie gefunden hatte: ›Hausmütterchen!‹

Aber Schmuck und Schönheit liebte sie trotzdem, nur nicht für die Öffentlichkeit. In ihren vier Pfählen jedoch sollte alles vom Herrlichsten und vom Besten sein und dabei vom reinsten und einfachsten Geschmack. Sie war bemüht, jedes Stück, das ihr dem nicht zu entsprechen schien, noch aus der ersten Einrichtung Bérangers stammend, zu entfernen und durch anderes zu ersetzen.

Sie besuchte wieder die Museen, trat mit Sammlern in Briefwechsel, machte allmählich aus ihrem Hotel ein Museum voll der wunderbarsten Kostbarkeiten, und sie verstand es, ihr Haus so einzurichten, daß einem nie der Gedanke kommen konnte: dieser Gegenstand war dorthin gestellt, um zu prunken, diese Statue stand dort, weil sie von Rodin gebildet war, jenes Bild hing an der Wand, weil es Manet gemalt hatte, sondern alles fügte sich in die Umgebung hinein oder wuchs vielmehr aus ihr heraus.

Es war in diesem Heim ein gewaltiger Luxus, nur nicht Prachtliebe, sondern überfeinerte Kultur. Der wunderbarste Geschmack, dem nirgends durch das Geld eine Grenze gezogen schien. Sie hatte Schnitzereien aufgestellt aus der Zeit Ludwigs des Heiligen; ihr kleiner Salon enthielt Stücke aus dem persönlichen Besitz der Marie Antoinette, ihr großer nur Möbel, die einst der Sonnenkönig für die Trösterin seines Alters hatte machen lassen. Wunderbare seidene Gebetsteppiche nannte sie ihr eigen, eine Sammlung von Plaketten und Medaillen des Mittelalters hatte sie in einem Gang aufgestellt, der nach der Gartenfront des Hotels führte. Das war das einzige, das wirklich an ein Museum gemahnte.

In diesen Räumen waltete sie wie ein stiller, unaufdringlicher Geist; sie war Dame geblieben, obwohl sie für die Welt nicht mehr Dame war.

Sie liebte die kostbarsten Stoffe, die schwersten Seiden, sie kleidete sich mit ungeheurem Raffinement. Lächelnd gab Herr Béranger das Geld. Es verstand sich von selbst, es war nie darüber die Rede, und das brachte in ihre Beziehungen nie etwas von Schmutz und Handel.

Ein wunderbares Bad hatte sich Denise herrichten lassen, einen Anbau nach den besten Mustern römischer Thermen. Dort pflegte sie ihren Leib, nur aus Freude an der Schönheit; es war ein geheimer Luxus, den sie sich selbst bot, von dem niemand etwas ahnte.

Nie wieder war ihr der Gedanke gekommen, Léon zu bitten, mit ihr vor den Altar zu treten. Sie war immer still, sie war bescheiden, sie war jetzt gewöhnt an dieses Dasein, eine Ehe hätte ihr nicht mehr geben können, als sie besaß.

So ward es wieder Winter und wieder Sommer, und im ruhigen Gleichmaß der Tage ging die Zeit hin ohne Aufregung, ohne Änderung.

Denise vermehrte langsam die Kunstwerke in ihrem Hotel, sie sorgte für ihre Kleidung, sie sann sich Neues aus und immer nur für das Haus, nicht für das Auge der Menschen. Der unerhörte Luxus, der sie umgab, tat ihren Sinnen wohl, sie verlangte nichts anderes, und das hätte so Jahre und Jahre weitergehen können, wäre ihr nicht eines Tages die Möglichkeit vor Augen getreten, daß sich das plötzlich ändern könnte. Als sie mit Léon im kleinen Salon saß, den sie besonders liebte mit seinen zierlichen, koketten Möbeln, stand Herr Béranger plötzlich auf, preßte das Taschentuch an die Lippen und atmete schwer. Er tupfte sich die Stirn. Erschrocken erhob sich Denise:

»Um Gottes willen, was ist denn?«

Er sagte:

»Nichts, nichts, mir ist nur etwas sonderbar. Ich weiß gar nicht, das habe ich doch noch nie gehabt!«

Dann ließ er sich in einen Stuhl sinken, als wollten die Beine die Last seines Körpers nicht mehr tragen. Er lehnte sich zurück. Denise bemühte sich um ihn, und nun sah sie, wie ihm der Schweiß auf der Stirn stand. Sie erschrak:

»Herrgott, was fehlt dir denn? Was fehlt dir denn?«

Er gab keine Antwort, er hatte die Augen geschlossen. Sie dachte daran, einen Arzt rufen zu lassen, für den Augenblick öffnete sie wenigstens das Fenster; es war im Vorfrühling, und trotz der schönen Tage strömte die Abendluft ziemlich kühl herein.

Das schien ihn zur Besinnung zu bringen. Er richtete sich auf. Sie hatte geklingelt, ein Glas Wasser wurde gebracht, er trank ein paar Tropfen, dann blickte er sie wie geistesabwesend an. Er tupfte sich die Stirn, erhob sich und ging auf und ab.

Das Taschentuch geballt in der kleinen Hand, blieb Denise stehen und sah diesem sonderbaren Beginnen zu. Sie sagte erschrocken:

»Aber bitte, erkläre mir doch einmal, was ist denn geschehen?«

Jetzt begann er zu lächeln, ihm war wieder ganz wohl, er hatte ein paar Knöpfe der Frackweste geöffnet und antwortete: »Das war ganz merkwürdig! So was ist mir doch noch nie passiert!«

Sie bat dringend:

»Aber so sage mir doch, was dir fehlt?«

»Es ist schon vorbei«, meinte er nur.

Doch sie schob ihm einen Stuhl hin, hielt seine Hand und fragte:

»Dir war wohl schlecht? Bist du krank? Ich glaube, ich werde doch einen Arzt holen lassen.«

Sie erhob sich und wollte klingeln, aber er drückte sie wieder auf den Sessel nieder. Er war gerührt über ihre Fürsorge, zog ihre Hand an seine Lippen und sagte nur, indem er sie mit noch etwas mattem Blick, aber doch liebevoll ansah:

»Ja, wenn ich dich nicht hätte!«

Sie meinte eindringlich:

»Nun erzähle mir mal, was war denn eigentlich?«

Da sagte er, und es klang ein wenig theatralisch, er malte es ihr vor, indem er aufstand, genau wie wenn er ihr seine Reden für die Kammer hielt:

»Es flimmerte mir vor den Augen, dann kam eine Wolke, und dann dachte ich: ›Du bist weg!‹ Mir war so sonderbar zumute, ein Druck auf den Magen, ich fühlte, mir wurde ganz kalt, und der Schweiß trat aus. Ich glaube, ich war ein paar Augenblicke ganz weg. Dann wachte ich wieder auf, und dann habe ich Wasser getrunken, und das andere weißt du ja.«

Aber er wiederholte mehrmals:

»Das ist ein ganz sonderbarer Zustand.«

Es ging vorüber, er steckte sich sogar später am Abend noch eine Zigarre an, und ehe er ging, sagte er nur nachdenklich:

»Es schadet nichts, wenn es nur nicht wieder kommt.« Dann dankte er ihr für all ihre Liebe und sprach von einem großen Unrecht. Er war bewegt wie seit langer Zeit nicht. Am andern Mittag brachte er ihr ein paar Blumen, und nach dem Frühstück, als er die Tasse Mokka schlürfte, sagte er:

»Komm mal her, Denise, wir wollen miteinander reden.«

Dann sprach er, wie er noch nie gesprochen hatte. Von seinem möglichen Ende, als hätte ihn gestern der Tod leise berührt:

»Wenn es einmal aus ist, dann möchte ich doch für dich gesorgt haben, daß dir deine Liebe und Aufopferung vergolten würde. Mein Gott, ich hätte es vielleicht gleich tun sollen, ich habe ein Unrecht an dir begangen, ich habe dich ganz leise hineingleiten lassen in diesen Zustand, der – nun sagen wir es ehrlich – der vor Priester und Gott nicht besteht und nicht recht ist. Du hättest meine Frau werden sollen; ich will dir einmal gestehen, weshalb ich das nicht getan habe, ich wollte dir längst schon das Geständnis machen. Es ist, was du wahrscheinlich gar nicht ahnst, ich – ich – –«

Er zögerte, als wagte er es gar nicht zu sagen, endlich platzte er damit heraus:

»Ich habe nämlich eine Tochter.«

Sie war sehr erstaunt – davon hatte sie noch nie etwas gehört – und sie sagte nur:

»Ach!«

Da setzte er ihr auseinander, daß er nicht bloß Witwer wäre, sondern aus seiner Ehe eine bereits verheiratete Tochter besäße. Sein Schwiegersohn lebe dort drüben in Carmeaux; er führe die Geschäfte, und das mache es ihm, Béranger, möglich, den Wahlkreis hier in Paris zu vertreten.

Denise hatte sich oft schon darüber gewundert, daß Léon verhältnismäßig wenig in die Provinz fuhr; damit war es erklärt. Nun entschuldigte er sich gewissermaßen: seiner Tochter würde durch den Luxus, den er mit Denise hier in Paris trieb, nichts entzogen, denn er hätte ja so viel Geld, so entsetzlich viel Geld.

Er lächelte dabei vor sich hin und machte eine Bewegung, als läge das Geld haufenweise ihm zu Füßen, und er stieße es von sich, um Platz zu haben.

Dann rückte er mit weiteren Geständnissen heraus, eines fügte sich zum andern, und allmählich kam es heraus: er war Großvater. Ja wirklich, er war Großvater. Dabei strich er sich über das Haar, das sich im Laufe der Jahre, die er nun Denise kannte, allmählich von einem natürlichen starken Grau mit Hilfe des Friseurs zu einem künstlichen Rotbraun verändert hatte. Denn er hatte immer das Bestreben gehabt, nur ja jung zu erscheinen, wie er es noch in Figur und Auftreten war.

Als er gesagt hatte, er wäre Großvater, fügte er schnell hinzu, immer bemüht, sein Alter zu verbergen:

»Ich habe aber auch ganz jung geheiratet, und meine Tochter wieder war noch nicht achtzehn Jahre alt, als sie ihren Mann nahm.«

Denise antwortete nichts, sie wollte in seine Familienverhältnisse nicht eindringen, und er war ihr dankbar dafür. Er ließ mehrmals eine Äußerung fallen wie: »Ich werde jedenfalls alles ordnen!«

Aber er ging noch immer nicht daran, er war viel beschäftigt, und das Unwohlsein, das ihn zu solcher Überlegung geführt hatte, war spurlos vorübergegangen, kehrte auch nicht wieder.

Es trat bei ihm der Fall ein wie bei vielen Leuten, die noch nicht gerade alt und dabei körperlich rüstig sind, nie krank waren und nun denken, sie müßten mindestens noch zwanzig oder dreißig Jahre leben: die Abfassung des Testaments – denn das war sein Gedanke gewesen – worin er Denise bedenken wollte, schob er hinaus von Tag zu Tag. – –

So ging wieder ein Jahr vorüber, und nichts änderte sich. Sie fuhr in das Bois, sie machte Besorgungen, sie traf nachmittags Herrn Béranger irgendwo in einem nicht belebten Viertel. Sie ging mit ihm spazieren. In keiner Beziehung fiel sie auf. Sie war zwar tadellos angezogen, aber sie suchte möglichst unauffällig zu sein; sie prunkte nicht mit Eleganz, und jeder Mensch, der das Paar sah, mußte sich sagen, es sind Mann und Frau, oder es ist ein Herr, der eine bekannte Dame in der Stadt getroffen hat und sie ein Stück begleitet.

Zu den Erstaufführungen in den Theatern erschien Denise nicht. Sie zeigte sich niemals in einer Loge mit Herrn Béranger. Sie war immer allein; ja, sie ging überhaupt selten abends aus, sie interessierte sich nicht für Theater und Vorstellungen, sie liebte nichts so sehr wie ihr Heim.

Dort wurde sehr spät gegessen, denn Herr Béranger kam gewöhnlich nicht vor acht Uhr. Dann dachten sie nicht mehr daran, auszugehen; denn er hatte tagsüber gearbeitet für seine eigenen Unternehmungen, für seine Kammertätigkeit, und war müde.

In die Beziehungen der beiden war eine ruhige Stetigkeit gekommen, wie bei einem lang verheirateten Ehepaar. Léon war immer voller Aufmerksamkeit, ritterlich wie am ersten Tage. Trotzdem quälte Denise ein Gedanke, und einmal nach Tisch, als sie wieder in dem kleinen Salon saßen, fragte sie ganz unvermittelt:

»Du mußt mir einmal etwas sagen, nur um mich zu beruhigen.«

Er lächelte. Aber sie machte ein so ängstliches Gesicht, daß er die Stirn in Falten legte:

»Bitte, was ist denn?« Da setzte sie sich an seine Seite und begann:

»Du sollst mir eine Sicherheit geben. Wenn die Verhältnisse es nicht verböten, wenn ich nicht daran dächte, daß ich eine geschiedene, davongelaufene Frau bin, wenn du nicht eine Tochter und Enkel hättest, kurz, wenn nichts entgegenstände, hättest du mich dann zu deiner Frau gemacht?«

Die Falten glätteten sich auf seiner Stirn, er preßte ihre Hand, ein Lächeln ging über sein Gesicht, und er sagte einfach:

»Gewiß, ganz bestimmt.«

Sie blickte ihn flehend an:

»Kannst du das schwören?«

Er ließ ihre Finger los und hob die Hand wie zum Schwur:

»Ich kann einen Eid darauf ablegen.«

Da seufzte sie erleichtert auf, ihr Gesicht verlor seine Harte, die gespannten Züge wurden weich, und sie sagte wieder aufatmend:

»Das wollte ich nur einmal hören, nur einmal hören! Nun ist alles wieder gut.«

Er fragte:

»Hast du – – – Gewissensbisse?«

Sie starrte vor sich hin, dann sah sie ihn an:

»Ach nein, es kam mir nur so eine Idee. Mit dieser Versicherung bin ich zufrieden.«

Sie schlug die Augen nieder; langsam fragte sie:

»Weißt du, was ich getan hätte, wenn du es mir vorgeschlagen hättest?«

Er blickte sie an:

»Nun?«

Sie stand auf und sagte ruhig:

»Ich hätte nein gesagt!«

Auch er erhob sich. Er nahm ihre Hände und zog sie die Schultern herauf, daß sie sich um seinen Hals schmiegten, dann blickte er ihr in die Augen und fragte langsam: »Aber warum?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ist das nicht der Traum jeder« – er fuhr nicht fort und verbesserte sich:

»Ich meine, hättest du das nicht wünschen müssen?«

Als sie antwortete, war ihr Gesicht ganz ernst geworden, und langsam nickend meinte sie:

»Fahre nur ruhig fort, ›jeder, die so ist, wie ich bin‹, willst du doch sagen.«

Er antwortete eifrig:

»Aber nein, nein, durchaus nicht! Du irrst dich, wirklich, ich habe mir nur die Worte nicht überlegt.«

Ihre Augen verschwammen, und sie sagte:

»Ach, warum willst du es leugnen, ich weiß ja, was ich bin, ich weiß, wie ich geworden bin. Bin ich deine Frau? Nein! Ich will deine Frau nicht sein, ich würde es nie sein wollen! Eine wie ich, was soll denn das helfen? Was hätte ich davon? Hast du nicht ganz richtig gefühlt, daß du mich deiner Tochter nicht ins Haus bringen konntest? Nachdem ich so aus Montmidi geschieden bin, eine ehebrecherische Frau, deren Liebhaber vom Mann erschossen wird, eine Frau, die jahrelang ohne eine Miene zu verziehen mit einem Manne gelebt hat, die sich von ihm Haus und Pferde und alles schenken läßt?«

Sie machte eine abwehrende Bewegung und rief ein:

»Pfui!«

Dann riß sie sich von ihm los und ging langsam im Zimmer hin und her, indem sie ab und zu verstohlen mit der Spitze des kleinen Fingers sich die Augenwinkel wischte.

Herr Béranger wußte diesem plötzlichen Ausbruch von Reue gegenüber nicht recht, was er sagen sollte. Er meinte besänftigend:

»Aber um Gottes willen, Denise, so habe ich dich ja noch nie gesehen! Was hast du denn nur heute? Ja, ich weiß schon, ich habe schlecht an dir gehandelt, ich weiß es, aber so sind wir nun mal alle, so werden wir hier in Paris!«

Sie blieb stehen:

»Mein Gott, ich hab's doch auch nicht anders verlangt, ich bin dir dankbar, sehr dankbar.«

Er antwortete kleinlaut:

»Dankbar! Wie das klingt!«

Aber sie lachte laut auf:

»Ach was, das ist ja alles ganz gleich, nur lustig, lustig! Was ist denn an so einem Menschenleben gelegen! Wenn es nun einmal verschustert und verdorben ist, ist nichts damit anzufangen! Weißt du, daß es jetzt zehn Jahre her sind, daß ich als Mädchen das Haus meines Vaters verließ? Zehn Jahre, mein Gott, was ist da alles passiert! Aber wir können's nicht ändern, wir leben nur einmal, wir können nicht von neuem beginnen, es ist nichts mehr rückgängig zu machen. Und wozu rückgängig machen? Ich bin ja zufrieden so, bin glücklich so, ich bin furchtbar, furchtbar glücklich!«

Dabei schossen ihr plötzlich die so lange zurückgehaltenen Tränen aus den Augen. Sie begann zu weinen, daß ihre Schultern zuckten, ihr ganzer Körper bebte. Sie lief hinaus.

Er eilte ihr nach. Sie war ins Schlafzimmer gerannt. Dort warf sie sich auf das kleine, geschnitzte Betpult, ein Kleinod des vierzehnten Jahrhunderts, und barg das Gesicht in den Händen.

Er umfaßte sie, aber sie stieß ihn zurück. Da nahm er ein Bänkchen, schob es nahe heran, und der starke, große Mann kniete darauf nieder. Er redete ihr zu, ganz weich geworden, und bat sie um Verzeihung für das, was er an ihr getan hatte. Er wäre ja so glücklich mit ihr gewesen, und er wolle alles wieder in Ordnung bringen. Er hätte eine Idee, eine wunderbare Idee, ja, die wolle er ausführen.

Er erzählte ihr mit fliegendem Atem einen ganzen Plan. Er habe die Absicht, aus seiner Firma auszutreten und sie ganz seinem Schwiegersohn überlassen. Das große Kapital solle dort bleiben als Erbteil schon bei Lebzeiten für seine Tochter und seine Enkel. Er selbst werde sich nur eine gewisse Summe zurückbehalten, vielleicht eine Rente, die ihm ausgezahlt werden sollte. Dann werde er Abschied nehmen von seiner Familie und Denise heiraten und ganz allein mit ihr leben, so wie sie bisher allein gelebt hatten. Er wolle das Kammermandat niederlegen, und sie würden auf ihren Lebensabend zwei glückliche Menschen werden.

Es kam ihm wirklich vom Herzen, er war gerührt durch dieses hingebende Wesen, das ihm Jahre des Daseins geopfert hatte, ohne je ein Wort zu verlieren, das er liebte nach seiner Art, wenn er es auch bei seinem Alter, dem das Feuer der Jugend fehlte, nicht wild und leidenschaftlich zeigen konnte. Er wollte ihr den späten Dank abstatten für all ihre Treue und Hingebung.

Aber Denise schien gar nicht zuzuhören. Sie hatte die Hände gefaltet und preßte sie gegen die Augen, und unablässig bewegten sich ihre Lippen: sie stammelte ein Gebet. Es waren die herkömmlichen Worte, wie sie sie einst im Kloster gelernt hatte, wie sie täglich von Millionen Gläubigen gesprochen wurden; aber hinter diesem Äußern stand ihr Herz. Sie legte der reinen Jungfrau ihre Unreinheit zu Füßen, bat sie, Mitleid zu haben mit der Kreatur, die das Leben hin und hergeworfen, die auf ihren Wegen immer noch den Lichtstrahl empfand, der von oben in ihr armes Dasein leuchtete, und nur den einen Wunsch hatte: ›Hinauf, hinauf in die reine Sphäre, in die ich nicht mehr gehöre!‹

Sie vernahm dabei immer Léons Erklärungen neben sich, sie hörte, wie er ihr die Ehe vorschlug, der sie nicht mehr wert zu sein wähnte, und sie rief nur abwehrend, mitten in ihrem Gebet, während ihr Geist bei der Gottheit weilte, um Verzeihung von ihrem Fehl und Irrtum zu erlangen:

»Lassen Sie mich! Lassen Sie mich, ich will nicht! Ich will nicht!«

Er begriff sie nicht, er suchte sie zu umfassen, legte seinen Arm um ihre Schulter, griff um ihre Taille und flehte:

»Denise, meine kleine Denise, sei doch gut, höre doch zu, es wird ja alles gut werden!«

Aber sie stieß ihn von sich, riß sich von ihm los, sprang auf, lief durch das Zimmer und streckte die Hände in die Luft, die Finger zusammenkrampfend. Dann rief sie wie in einem hysterischen Anfall, indem ihr Gesicht sich zu einer Grimasse verzog:

»Nein, nein, ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nichts weiter als Ruhe und Frieden! Gehen Sie hinaus, ich kann's nicht ertragen! Gehen Sie hinaus!«

Herr Béranger erhob sich. Es ward ihm schwer, sich aufzurichten, die Knie waren ihm steif geworden in der ungewohnten Stellung, und er zog langsam die herausgerutschten Beinkleider herab. Er starrte Denise mit offenem Munde an, er begriff nicht, was geschehen war, er meinte, sie hätte den Verstand verloren. Aber ihr Ausdruck war so drohend und ihre Gebärde so befehlend, daß er zurückwich und langsam hinausging, während er immer diese Frau ansehen mußte, die da stand mit verzerrten Zügen, mit groß aufgerissenen Augen, die nichts mehr von Schönheit, von Ruhe und Milde an sich zu haben schien.

Als er gegangen war, lief Denise an die Tür, schloß sie zu, taumelte ans Bett, sank in die Knie und blieb schluchzend liegen. – –

Es war eine Stimmung, die vorüber ging, ein moralischer Zusammenbruch, aus dem sie sich wieder erhob; aber trotzdem kam ihr eins, der Gedanke an den Trost, den sie einst in frühern Kummerstunden ihres Lebens empfunden hatte, wenn sie ihr Elend vor den Thron des Höchsten brachte.

Denise war hier in Paris, seitdem sie sich in dem neuen Hotel befand, nicht mehr zur Kirche gegangen; sie hatte das Gefühl, als besäße sie kein Recht mehr, dort zu weilen, als müsse ein flammender Engel sie aus dem Gotteshause weisen.

Nun kehrte sie doch dahin zurück. Jeden Nachmittag ging sie in die kleine Kirche Sainte Geneviève. Sie trat vorsichtig ein, bescheiden, zurückhaltend.

Im Gotteshause war es sehr dunkel, es lag hineingebaut zwischen mächtige Gebäude. Man hatte immer davon gesprochen, daß Sainte Geneviève einmal modernen Mietspalästen weichen müßte, aber die sozialistische Stadtverwaltung hatte sich bisher doch gescheut, die Kirche Erwerbszwecken zu opfern. Die Nebenhäuser waren fast bis an das kleine Gotteshaus herangebaut worden, gering war der Raum zwischen den hohen, bemalten Scheiben der Fenster und den gewaltigen Mauern der Gebäude nebenan. Das Licht des Tages drang nur spärlich durch das Glas und konnte das Innere nicht durchleuchten. Es war still in dem kleinen Raum, in den kein Geräusch der Straße klang. Hinter den beiden Windfängen, die man durchschreiten mußte, schien die Welt des Luxus und der Armut, des Glückes und des Elendes, das ganze übrige Paris versunken und vergessen.

Es herrschte auch an hellen Tagen immer eine Dämmerung hier, die den Augen und verwundeten Gemütern wohl tat. Denise setzte sich auf die erste Bank unter dem Chor, wo es am finstersten war und man beim Eintritt aus der Helle nicht einmal sah, ob jemand dort weilte oder nicht.

Die eleganten Bewohner des reichen Stadtviertels besuchten Sainte Geneviève. Es war keine Kirche für die Armen und Enterbten des Glücks, es war ein Gotteshaus für die reichen Leute, die sich beinahe alle untereinander kannten, und für die Ausländer, die in diesem Viertel wohnten.

Der Pfarrer, der die Messe las, war auch kein gewöhnlicher Geistlicher, wie der dicke Vikar in Montmidi, der seine Bauern zu nehmen wußte, sondern ein schlanker, großer Priester mit seidener Schärpe und untadeliger Soutane, ein Priester mit hohlen Wangen und starker Nase, mit tiefliegenden, schwarzen, leuchtenden Augen, ein Mann, der bei seinen feinen Zügen, seinen wohlgepflegten Händen, seiner eleganten Figur etwas hatte von einem Manne von Welt.

Denise sah diesen Priester die Messe feiern und hörte ihn von der Kanzel sprechen, oratorische Meisterreden, dem Stand und Gesichtskreis seiner Hörer schmiegsam angepaßt.

Er redete oft von Dingen, die nur einen leisen Zusammenhang mit der Kirche zu haben schienen; er erzählte von Kunstwerken gotischer Kirchenbaukunst, von Altarschreinen, von Heiligenbildern mit überirdischen Augen alter Meister, die mit frommem Gemüt gestaltet und ihr Innerstes wiedergebend wahr gewesen waren, so daß man heute vor ihren Schöpfungen mit einem Schauer im Herzen stehe. Er redete von der Vertiefung, die diese Kunstwerke gewährten, wie sie zu Gott und dem Glauben führten durch den tief gläubigen Sinn, der sie einst geschaffen hatte.

Er redete mit kirchlichen Worten, er sprach in tiefen Herzenstönen, und doch war alles weltweise und weltgewandt. Man hatte das Gefühl, als stände dort vor dem Altar, auf der Kanzel, einer, der einst selbst heiß am Leben gehangen, der aber noch in jungen Jahren den rechten Weg gefunden hatte, die Lösung all dieses weltlichen Wirrwarrs: den Frieden Gottes, der höher ist denn alle Vernunft!

Denise saß abseits im Dunkel. Dort störte sie niemand, denn die andern Damen setzten sich vorn ins Licht. Sie betrachtete die ganze Handlung fast wie eine Gelegenheit, gegenseitig Schmuck und Toiletten zu sehen, sich zu zeigen und andere zu bekritteln, um sich nach der Messe dann draußen zu treffen und zu sprechen: ›Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin? Wie geht es Ihrem Gatten? Was machen die Kinder?‹

Denise gehörte nicht hinein in diesen Kreis, und länger als die andern, die hinausdrängten, einander noch draußen zu sehen, blieb sie sitzen.

Allmählich tat sie noch mehr; der Gang hierher ward ihr zur täglichen Gewohnheit, genau wie damals in der kleinen Kirche in Montmidi, wo sie gesessen hatte beim Zucken der ewigen Lampe, brütend über ihrer Vergangenheit und ihrem Unglück. Jetzt saß sie hier jeden Tag, dachte nach über ihr Leben und ihr Dasein. Und jeden Tag verließ sie das kleine Gotteshaus gekräftigt und gestärkt.

Aber sie ging nicht zur Beichte; sie hatte Furcht vor diesem Priester mit den schwarzen ernsten Augen, sie hatte Furcht, ihm die Todsünden zu gestehen, die sie begangen hatte, ihm zu sagen, wie lange sie ohne Absolution geblieben war. Sie hatte Angst, ihm bekennen zu müssen: ›Das bin ich! So lebe ich, so bin ich schuldig geworden!‹

Die übrigen Stunden des Tages aber wachte die Welt wieder in ihr auf, und dann ging sie auf die Suche nach Kunstwerken, wie sie es die Jahre hindurch getan hatte. Sie ging in die Ausstellungen, und ganz allein, wie einst als junge Frau, schritt sie durch die Avenue de l'Opéra und die Rue de la Paix über die Boulevards und durch die Arkaden der Rue de Rivoli. Dort blieb sie an den Läden stehen und freute sich an dem Funkeln der Brillanten, an dem roten Leuchten der Rubine, dem Glühen der Smaragde, an dem matten Glanz der Perlen. Ihre Equipage hatte sie warten lassen. Der Kutscher mußte nebenher fahren, immer sie im Auge behaltend, damit sie jeden Augenblick sich aus dem Menschengewühl retten und einsteigen könnte, um zurückzukehren in ihr Hotel.

Als Denise eines Tages wieder vor einem Juwelier stand, hörte sie neben sich sagen: »Gott, ist das eine schöne Frau!« Und in der glänzenden Scheibe gewahrte sie vor demselben Schaufenster zwei große Herren stehen, deren Gesichter sie in der Blendung nicht erkannte, von denen sie bloß die Zylinder spiegeln sah, einer höher als der andere. Sie wandte sich ab und ging weiter.

Es war ihr geschehen wie in frühern Tagen, als es ihr Spaß gemacht, daß die Herren sie anstarrten, als Léon sie einst angeredet, als man sie verfolgte, als man sie entkleidete mit den Blicken. Aber sie gab keinen Augenstrahl zurück, sie ging still und ruhig ihres Weges. Doch an einem Schaufenster sah sie wieder die beiden Zylinder, ungleich hoch, hinter sich spiegeln, und sie hörte ganz deutlich, als wäre es für ihr Ohr berechnet gewesen: »Sie ist reizend!«

Da überschritt sie die Straße, vorsichtig den daherbrausenden Equipagen, heranrollenden Automobilen, einem gewaltigen Omnibus ausweichend. An der andern Seite ging sie weiter, aber ihre Verfolger hatten sie eingeholt. Sie blickte sich nach ihrem Wagen um. Sie mußte dabei an den beiden vorübergehen, von denen der eine, wie sie flüchtig sah, gewiß so groß war wie Herr Béranger, der andere noch einen Kopf höher. Sie trugen weiße Handschuhe und lange Gehröcke; riesige Kragen wuchsen ihnen bis ans Ohr und bis unter das Kinn, und beide lächelten, als Denise vorüberschritt. Sie stieg in ihre Viktoria. Einen Augenblick darauf war sie davon.

Einen Moment wohl beschäftigte Denise die Begegnung, doch sie verschwand wieder, sie hatte kein Interesse für sie. Aber es war noch nicht Zeit heimzukehren, und sie ließ noch an der Madeleine halten, um auch in der Rue Royale die Läden zu besehen. Sie hatte dem Kutscher gesagt, er solle am Marineministerium auf der Place de la Concorde auf sie warten. Langsam ging sie durch das schwirrende Leben neben dem unausgesetzt in dichter Folge in Reihen nebeneinanderziehenden Wagenverkehr hin, in fortwährendem Zickzack-Weg rechts und links ausweichend.

Da stand sie plötzlich vor einem Herrn, und es fügte der Zufall, daß, als sie rechts vorbei wollte, er ihr Platz machend, links trat, und als sie links auswich, er dieselbe Bewegung von sich aus rechts machte.

Sie runzelte die Augenbrauen und sah ihn an, der entschuldigend den Zylinder lüftete. Da durchzuckte es sie, schnitt wie ein Messer in ihre Seele. Dieses Gesicht! Dieses Gesicht – ihr Vater!

Herr de Verneuil war zwar sehr gealtert, sah sehr grau aus, aber es waren doch noch die Züge, die sie nicht hätte vergessen können bis an das Ende ihrer Tage, die Züge, die ihre Kindheit und Jugend begleitet hatten, und deren wutverzerrter Ausdruck, als er sie damals aus dem Hause gewiesen, noch wie eine letzte bleibende Erinnerung vor ihren Augen stand.

Sie las aus seinen Zügen einen furchtbaren Schreck, ein unverhohlenes Entsetzen, sie las auch aus ihnen etwas wie Verachtung und Ekel. Sie sah vor sich seinen vor Erstaunen offenen Mund, der sich im selben Augenblick schloß, zusammenkniff mit verächtlichen Lippen, die sich spitzten, als wollten sie vor dem verworfenen Kinde ausspeien.

Und dieses Greisenantlitz packte sie so, daß sie dahinlief mit eilenden Schritten, nur um ihren Wagen zu gewinnen. Sie sah flüchtig wie im Traum ein paar spöttische Gesichter, sie hörte jemand rufen:

»Nun, nun, es ist noch Zeit! Es ist noch Zeit!«

Und eine meckernde Stimme tönte: »Er wartet doch nicht mehr!«

Sie achtete nicht darauf, sie sah nur immer das Gesicht ihres Vaters vor sich. Sie war doch jahrelang darauf vorbereitet gewesen. Nur durch einen Zufall und durch die gewaltige Größe der Stadt war es tatsächlich möglich gewesen, daß sie ihn bisher nie wiedergesehen hatte.

Vielleicht gingen sie zu verschiedenen Stunden aus, vielleicht war er lange abwesend von Paris; er brachte seine Zeit beinahe ausschließlich im Klub zu, sie wußte, er liebte die Theater nicht, er ging nur in die Varietés oder in den Zirkus. Er war nie im Tuileriengarten, nie im Luxemburg, im Louvre nicht, nicht im Museum Cluny, nie fuhr er nachmittags ins Bois, nie kam er in die Nähe des Parks Monceau. Es war keine Möglichkeit gewesen, daß ihre Wege sich kreuzten, und da hatte der Zufall gespielt; aber wie sie ihn plötzlich vor sich gesehen hatte, war sie nun doch ein armes zitterndes Weib, das sich vor diesem Kopf mit dem grauen Haar und dem verächtlichen Mund fürchtete, als verfolge sie eine böse Erscheinung.

Sie warf sich in ihren Wagen. Sie rief:

»Nach Hause.«

Sie wagte es nicht mehr, nach rechts oder links auf die Straße zu blicken, sie meinte, jeden Augenblick müsse er ihr wieder entgegenkommen. Und an diesem Tage war sie so verstimmt und einsilbig, daß Léon sie bei Tisch fragte, was ihr denn zugestoßen sei. Sie gestand es nicht, sie huschte darüber hinweg.

Aber die nächste Zeit ging sie nicht mehr zu Fuß aus, sie verließ ihren Wagen nicht. Die beiden kecken großen Herren, die ihr gefolgt, hatten sie nicht gestört. Sie konnte sich ihrer erwehren, sie konnte ihnen zurufen, daß sie sich an einen Schutzmann wenden würde. Die Männer waren einmal hier so in Paris, dessen mußte jede Frau gewärtig sein. Aber dem Antlitz ihres Vaters konnte sie nicht entfliehen, und wie eine Maske und Fratze sah sie in stillen Augenblicken sein Gesicht.

Sie hatte öfter gemeint, im Bois, wenn sie spazieren fuhr, dem Wagen ihrer Mutter begegnen zu müssen. Es war aber nie geschehen. Es gab ja auch schließlich schwarze tadellose englische Livreen zu Tausenden in Paris. Diener, Kutscher, Pferde, Wagen konnten zudem gewechselt worden sein. Und wenn ihre Mutter sie nun wirklich erkannt hätte, was hatte ihr das ausgemacht?

Die Mutter hatte nie ein besonderes Interesse für die Tochter bewiesen. So war sie auch dieser ziemlich gleichgültig. Ganz anders der Vater, der seinem Kinde einmal wenigstens sein Herz gezeigt hatte, als er traurig davon gesprochen, was einem alten Manne im Leben bliebe!

Und immer und überall verfolgte sie das Gesicht ihres Vaters. Es tauchte vor ihr auf, wenn Léon mit ihr sprach, es nahm seine Züge an, sie fand sogar eine Ähnlichkeit zwischen den beiden. Wenn der Kutscher jetzt, während sie ausstieg, mit der Peitsche präsentierte, sie ihm eine Adresse angab und er die Hand an den Hut hielt, glaubte sie auf dieser regungslosen, glattrasierten Fläche plötzlich ein spöttisches Lächeln zu entdecken, wie auf den Zügen ihres Vaters.

Sie suchte sich von dem Bann zu befreien; sie ging in die kleine Kirche. Dort setzte sie sich wieder im Dunkel hin und sank inbrünstig ins Gebet. Wie sie auf den Knien lag und hinüberblickte zu dem leise zitternden Licht der ewigen Lampe am Altar, ward es ruhiger in ihrer Seele. Sie konnte in finstere Ecken des Gotteshauses blicken, und das Antlitz mit dem grauen Bart und Haar gewahrte sie nicht. Sie machte die Probe. Sie schritt, als niemand in der Kirche war, durch die Stuhlreihen vor bis an den Altar, und starrte in das Antlitz des Gekreuzigten, das sich im Sterben zur Schulter hinabneigte. Es blieb rein und hoheitsvoll; keine Fratze, keine Spottgeburt der Erregung ihres gepeinigten Gewissens trat an seine Stelle. Dann ging sie am Seitenaltar vorüber, wo die Mutter Gottes thronte mit den sieben Schwertern: ihren Schmerzensblick zum Himmel trübte kein Wahngesicht. Da beugte sie das Knie, schlug das Kreuz, erhob sich langsam und ging mit niedergeschlagenen Lidern hinaus.

Als sie in die Blendung der hellen Straße trat, sah sie einen alten Herrn gerade auf sich zukommen, genau wie ihr Vater, elegant, schlank, derselbe Bart mit der weißen Fliege, der Zylinder etwas schief auf dem Haar. So täuschend ähnlich, daß sie sich bewußt ward, wie der Typus durch gleiche Figur, durch Mode und Haltung sich wiederholte. Sie blickte dem alten Herrn starr ins Gesicht, sie hätte in ihm ihren Vater sehen müssen, und sie gewahrte einen Fremden.

Der alte Herr war unruhig geworden, er lächelte ein wenig, rückte mit den tadellosen Handschuhen die Krawatte zurecht. So hatte ihn eine Dame doch nie angesehen und eine so schöne! Er blieb stehen, schaute ihr nach, machte kehrt und folgte ihr von weitem.

Denise aber beeilte ihre Schritte nicht, sie wandte sich nicht um nach dem Gecken, der geschmeichelt hinter ihr drein lief. Sie atmete auf, sie wußte jetzt ein Mittel, das ihr half vor dem Alpdrücken ihres Gewissens: der Frieden des Gotteshauses!

XIX.

Herr Léon Béranger war noch mehrmals auf das Gespräch zurückgekommen, das er damals mit Denise über ihre Zukunft gehabt hatte. Er deutete an, irgend etwas sei im Gange, er wolle sie überraschen. Was geschehen sollte, wußte sie nicht.

Da nahm er, als er eine seiner gewöhnlichen Fahrten nach Carmeaux antrat, bewegteren Abschied als sonst. Es war, als wollte er irgend etwas unterstreichen. Er sagte:

»Ich werde etwas länger fortbleiben, ich habe viel dort zu tun. Du wirst später von mir hören. Du sollst sehen, was geschieht!«

Dabei machte er ein verschmitztes Gesicht, indem er den Zeigefinger hob. Diese Art, die etwas Jugendliches haben sollte, stand dem alternden Manne nicht gut.

Denise ahnte, daß es mit seinen Zukunftsplänen zusammenhing. Sie antwortete nur:

»So, so.«

Herr Béranger war abgereist. Tage gingen hin, er kehrte nicht zurück. Denise durfte ihm nie dorthin schreiben, das war ausgemacht worden, aber sonst hatte sie täglich von ihm einen Brief bekommen, und die Briefe blieben diesmal aus. Das beunruhigte sie ein wenig, aber sie dachte: ›Er ist so mit Geschäften überladen, daß ihm zu nichts anderm Zeit übrig bleibt.‹ Und da sie ahnte, was drüben in ihrem Interesse vor sich ging, wartete sie ruhig. Ein Tag verstrich nach dem andern. Sie setzte ihren gleichmäßigen Lebenslauf fort. Täglich ging sie in die Kirche, und täglich kam sie ruhiger wieder zurück. Eins nur quälte sie: sie wollte zur Beichte gehen, aber sie wagte es nicht. Würde ihr Absolution zuteil? Sie mochte nicht daran denken.

Als sie allein beim Frühstück saß, klingelte es. Nach ein paar Augenblicken kam der Diener und brachte auf einem silbernen Tablett eine Karte. Denise nahm sie lässig auf, aber eilig legte sie das Kartonblättchen wieder hin, auf dem nur stand: ›François Duprez‹, in der Ecke darunter: ›Carmeaux‹. Denise kannte den Namen, es war Herrn Bérangers Schwiegersohn. Sie mußte mühsam ihre Fassung bewahren, als sie den Diener fragte:

»Ist der Herr selbst da?«

»Gewiß, gnädige Frau, er hat ja die Karte abgegeben.«

Sie strich sich die Stirn mit der Hand:

»Ach ja, ach ja, natürlich! Natürlich!«

Aber sie begriff doch nicht, was das bedeuten sollte, und fragte noch einmal, wie um Zeit zu gewinnen:

»Ja, will mich der Herr denn sprechen?«

»Jawohl, gnädige Frau.«

Endlich sagte sie:

»Ich lasse bitten in den kleinen Salon.«

Aber als der Diener schon bis zur Tür gegangen war, widerrief sie es:

»Nein, nein, sagen Sie, ich wäre bei Tisch!«

Und doch kam ihr die Überlegung, es mußte etwas Besonderes bedeuten. Plötzlich wußte sie, es hing mit Léon zusammen. Darum befahl sie abermals:

»Es bleibt dabei, in den kleinen Salon, ich komme sofort.«

Sie aß ein Stück Brot, während sie allein im Eßzimmer sitzen blieb, sie trank einen Schluck Eau de Vals. Sie horchte: man hört Türen gehen, Schritte, dann war alles still, und einen Augenblick darauf kam der Diener zurück, mit seiner gleichmütigen Miene, mit dem glatten Gesicht, in dem sich nie eine Gemütsbewegung, weder Erstaunen, Unwillen, Freude noch Schmerz spiegelten. Am Anrichtetisch blieb er in derselben ruhigen Haltung stehen wie sonst und wartete, daß seine Herrin weiter äße.

Aber sie war so erregt, daß sie keinen Bissen herunterbekam. Sie wollte hineingehen und den Besuch empfangen, und doch fürchtete sie sich davor. Léons Schwiegersohn? Wie kam der zu ihr? Was wußte er von ihr? Sie empfand eine Beklemmung. Alle Menschen hätten sie gleichgültig gelassen, nur dieser nicht!

Da fragte sie geistesabwesend den Diener:

»Ist der Herr schon drin?«

»Jawohl, gnädige Frau, ich habe gesagt, gnädige Frau sind bei Tisch, es würde noch einen Augenblick dauern.«

Sie antwortete mechanisch:

»Sehr gut.«

Und sie, die niemals mit ihren Leuten sich unterhielt, die Vertraulichkeiten und Klatsch fürchtete, fragte:

»Wie sieht denn der Herr aus?«

Der Diener trat ein paar Schritte näher an den Tisch heran:

»Nun, ein wenig stark und vielleicht … ich weiß nicht …«

Sie blickte den Diener an:

»Was wollen Sie sagen?«

Ein unmerkliches Lächeln legte sich um seine glattrasierten Lippen:

»Vielleicht nicht sehr vornehm.«

Dabei machte er eine leise, geringschätzende Bewegung, indem er die Hand hob und wieder sinken ließ, dabei fügte er hinzu:

»Der Herr ist wohl nicht aus Paris.«

Da entschloß sich Denise, stand auf, legte die Serviette fort; der Diener eilte voraus, öffnete ihr die Tür, sie trat in den großen Salon und blieb dort einen Augenblick stehen, um schnell einen Blick in den Spiegel über dem Kamin zu werfen. Sie war erregt, drückte das Taschentuch in der Hand zusammen und mußte einen Entschluß fassen, um weiterzugehen in den anstoßenden kleinern Raum. Was war nur geschehen? Sie war unruhig, es zu erfahren, und doch hatte sie alles darum gegeben, die Entscheidung noch hinauszuschieben. Endlich trat sie ein. Ein Herr, genau wie der Diener ihn beschrieben hatte, stand vor ihr. Klein, etwas dick, mit braunem Vollbart, nicht gut gehalten und Hals, Kragen und Krawatte völlig verdeckend. Herr Duprez hatte offenbar versucht, elegant zu sein, er trug einen schwarzen Gehrock und hielt den Zylinder in der Hand.

Wie Denisens Blick über seine Gestalt lief, und als sie leise nickte, während der andere sich verbeugte, sah sie seine schwarzen Handschuhe. Und mit einemmal kam ihr ein unbewußter Gedanke, eine Beängstigung und Beklemmung nur durch die Farbe dieser Handschuhe.

Sie bot ihm einen Stuhl an; er nahm Platz, und zwischen den auseinander sinkenden Knien begann er langsam den Zylinder zu drehen. Dann räusperte er sich:

»Ich bin … ich habe mich entschlossen … Ihnen einen Besuch zu machen. Aus einem ganz besondern Grunde, und es ist … ich habe es für meine Pflicht gehalten … Darf ich Sie auf etwas vorbereiten? Ich möchte Ihnen eine Mitteilung machen, die … Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wer ich bin. Mein Schwiegervater ist Herr Léon Béranger, ich bin der Mann seiner Tochter.«

Dabei drehte er den Zylinder immer eifriger, und zwar nach der falschen Seite, so daß der Hut rechts und links das Beinkleid streifte und bei der Behandlung immer struppiger ward. Er fuhr fort:

»Also, ich habe mich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, was geschehen ist. Vor einiger Zeit, wie Sie wissen werden, kam Herr Béranger zu uns. Er befand sich ganz wohl, wie überhaupt mein Schwiegervater ja doch noch ein Mann in den besten Jahren ist und ein äußerst rüstiger Mann, ein sehr tätiger Mann. Er ist nämlich, müssen Sie wissen, ein sehr tüchtiger Geschäftsmann. Und da kam es uns um so unerwarteter. Ich muß Ihnen nämlich erklären, daß ich Direktor seiner Bergwerke bin. Ich bin schon in jungen Jahren in die Stellung gekommen und habe dort erst meine Frau kennengelernt. Herr Béranger hat sonst keine Kinder. Ich möchte gleich sagen, wir haben Kinder. Drei. Zwei Söhne und eine Tochter. Auf Wunsch meines Schwiegervaters werden die Kinder später den Namen Béranger dem ihren hinzufügen. Ja, was ich sagen wollte, also er kam nämlich ganz frisch und gesund an. Er machte uns eine Eröffnung, sehr unerwartet für uns, und die wir im Interesse der geschäftlichen Entwicklung sehr bedauern mußten, denn er war ein wirklich hervorragender Geschäftsmann, und die ganze Blüte des Unternehmens ist nur sein Verdienst. Er erklärte uns nämlich, er würde von der Leitung zurücktreten … Ich muß Ihnen sagen, gnädige Frau, ich bin natürlich nicht ohne Ehrgeiz, denn ich habe mich aus kleinen Verhältnissen, woraus ich übrigens nie ein Hehl mache, in die Höhe gearbeitet, aber, trotzdem würde ich es sehr schwer empfunden haben, nicht den erfahrenen Rat des Herrn Béranger noch weiter genießen zu dürfen. Und kurz … kurz … ja, und da sagte er …«

Herr Duprez unterbrach sich, nahm ein Taschentuch, räusperte sich und begann sich zu schnauben, als schien er einen Entschluß fassen zu wollen. Er sah sich scheu nach allen Seiten um, es machte den Eindruck, als hätte er sich noch nie in einem solchen Raum, in einer solchen Lage befunden.

Denise war ruhiger geworden, sie ahnte, was da kommen sollte. Léon hatte den Plan seiner Tochter und seinem Schwiegersohn mitgeteilt, er war auf Widerstand gestoßen, und nun erschien wahrscheinlich Herr Duprez, sie zu bitten, edelmütig zu sein oder dergleichen. Aber der Besucher fuhr fort, indem er jetzt den Hut nach der andern Seite drehte, so daß das Haar des Zylinders sich notdürftig wieder zu glätten begann: »Ja, und denken Sie nur, was da geschehen ist! Ich sagte doch immer, er ist ein kräftiger Mann und in den besten Jahren; wir begreifen es nicht, und wir können uns wirklich keine Schuld zuschieben, wenn wir auch natürlich nicht gleich einverstanden gewesen sind. Denn er hat nämlich, gnädige Frau, von Ihnen gesprochen, und Sie werden es verstehen, Sie werden ja am besten wissen, was er gesagt hat … Schließlich sind wir ja allerdings etwas aneinandergeraten. Ich wohl nicht so sehr, ich bin ein ruhiger Mann. Am Ende mich berührt es ja nicht so peinlich, aber meine Frau, die sehr leidenschaftlich ist – nun, sie muß natürlich die Erinnerung an ihre Mutter hochhalten und das Andenken ihrer Mutter – und da hat sie … kurz, Herr Béranger wurde sehr böse, und der Arzt meint, es ist ihm das Blut zu Kopf gestiegen. Wir drohten beinahe auseinander zu kommen, ich habe wirklich versucht zu besänftigen, aber da wurde Herr Béranger plötzlich bleich, und er mußte sich setzen … Ja, gnädige Frau, wir haben wahrhaftig alles versucht, wir haben sofort den Arzt geholt, aber, aber es war schon zu spät, Herr Béranger ist – –«

Denise sprang auf und sagte ganz ruhig, kalt, steinern, ohne eine Miene zu verziehen:

»Sie wollen sagen, Herr Béranger ist tot?«

Herr Duprez erhob sich gleichfalls:

»Ich wollte Sie doch nicht erschrecken, und wissen Sie, ich bin ja auch deshalb persönlich gekommen. Durch einen Brief wäre das auch möglich gewesen. Sie sehen, welche Rücksicht darin liegt. Ich hoffe, Sie werden das anerkennen.«

Denise meinte nur:

»Also bitte, sagen Sie mir einfach: Herr Béranger ist gestorben?«

Er antwortete kurz:

»Ja, es war ein Schlaganfall!« Denise war leichenblaß geworden; ihre Lippen zitterten, ihr war, als setze das Herz aus.

Sie wußte, es war nicht der Tod dieses Mannes, obgleich sie Léon gern gehabt hatte. Eine wilde Leidenschaft konnte es bei ihr nicht sein, aber er hatte mit der ruhigen Hand eines älteren Mannes, gewiß auch mit Selbstsucht und nicht um eine gute Tat zu tun, sie doch vielleicht vor einem Ende drüben in den schmutzigen Wassern der Seine bewahrt. Er hatte ihr geknicktes Leben wieder aufgerichtet, er hatte es zwar nicht vor der Menschheit wieder zu Ehren gebracht, das war nicht möglich, das fühlte sie selbst, aber es war ein guter, herzensguter Mann gewesen.

Denise dachte nicht an ihre Zukunft, sie dachte an nichts Schlimmes und nichts Gutes, an keinen Vorteil; sie war nur erschüttert von dem Schlage. Sie fand auch keine Tränen, nur zu sprechen vermochte sie nicht. Sie stammelte undeutlich, während sie immer dem Besucher gegenüber stand:

»Bitte, erzählen Sie!«

Dann machte sie eine Gebärde, er möchte Platz nehmen.

Wieder begann er seinen Zylinder zwischen den Knien zu drehen, und nun berichtete er die Einzelheiten, ohne daß Denise ihn unterbrach. Er sagte, sein Gefühl hätte ihn hierher getrieben. Das Schicksal hätte es nicht gewollt, daß sein Schwiegervater Denise zu seiner Frau machte, was, wie er allerdings gestehen müsse, die Beziehungen zwischen ihnen getrübt haben würde. Aber er wäre ein Mann, der mitten im Leben stände, er kenne die sozialen Verhältnisse, wenn auch nicht in Paris, so doch in den Bergwerksbezirken. Er hätte nicht über seinen Schwiegervater zu Gericht zu sitzen, er hätte nur in ihm einen gutmütigen und dabei doch sehr tüchtigen Mann gekannt. Und mit besonderer Betonung fügte er hinzu, seine Frau wäre nach Rücksprache mit ihm vollkommen mit seinem Besuche einverstanden. Sie wären Leute, die durchaus keinen Skandal wollten. Sie achteten die Gefühle anderer, und sie würden ihr, da nun einmal sein Schwiegervater die Absicht gehabt hätte, sie zu seiner Frau zu machen, in jeder Beziehung entgegenkommen.

Dies ›in jeder Beziehung‹ wiederholte er mehrere Male. Er sprach davon, wie reich Herr Béranger gewesen sei, es würde dadurch seiner Tochter und seinen Enkeln in keiner Weise etwas entzogen. Er machte Andeutungen, Herr Béranger habe in so großartiger Weise für seine Tochter gesorgt, daß es ihm wohl freistehen müßte, sonst sein Geld zu verwenden, wie er wolle. Sie würden ganz im Sinne des Verstorbenen handeln. Er, Herr Duprez, wolle nur Denise beruhigen über ihre Zukunft, das Weitere hätte alles durch den Notar zu geschehen.

Herr Duprez zeigte sich als guter, braver, einfacher Mann. Der Ton, in dem er sprach, wurde immer herzlicher, je länger er redete, und als er nun aufstand, sich zu empfehlen und Denise noch immer kein Wort der Entgegnung gefunden hatte, sagte er:

»Gnädige Frau, ich hoffe, Sie werden den Widerstand, den meine Frau zuerst gezeigt hat, der Tochter nicht nachtragen. Wir sind jedenfalls bestrebt, alles wieder gutzumachen. Wir möchten, daß Sie nicht hart über uns denken!«

Damit verbeugte er sich etwas förmlich und wollte hinausgehen. Er verfehlte die Tür und eilte, ehe Denise es hindern konnte, in den großen Salon. Dort blickte er sich erstaunt um, und dann hörte man ein:

»Ach so!«

Er ging weiter, platzte ins Eßzimmer, trat abermals zurück, machte die Tür zu und fand endlich den Ausgang. Denise hatte geklingelt, der Diener empfing ihn draußen. Sie blieb stehen und lauschte. Man hörte Herrn Duprez ein paarmal sich räuspern, dann ging wieder die Tür und alles war still. Denise trat ans Fenster, sie faßte mit der einen Hand den Wirbel, legte das Kinn darauf und schloß die Augen. Nun stand sie allein in der Welt, nun war alles wieder so, wie es gewesen war, nun konnte sie den Kampf von neuem beginnen.

Sie dachte nicht nach über die letzten, halb mystischen und doch halb klaren Worte, die Herr Duprez gebraucht hatte, sie überlegte nur, daß sie allein war, wiederum allein auf dieser Erde. Sie sagte sich: ›Es ist wieder alles aus!‹

Sie hatte das Gefühl: jetzt fange ich mein Leben von neuem an! Dieses ›von neuem beginnen‹, das sich durch ihr ganzes Dasein zog, als müsse sie jeden Tag dort wieder anfangen, wo sie den Tag vorher aufgehört hatte, empfand sie mit schmerzlicher Bitterkeit.

Ja, sie war allein, vollkommen allein, keinen Freund, keine Freundin hatte sie gewonnen wahrend der Jahre, die sie diesem alternden Manne geopfert hatte. Sie hatte sich ihm ganz allein gewidmet, und nun ließ er sie im Stich. Es war ihr, als hätte er Abschied nehmen müssen, als hätte er ihr sagen sollen, was bevorstand, der arme Schelm, der doch nichts geahnt, der so gern gelebt hatte. Die Ungerechtigkeit des Schicksals gegen sie empörte sie. Der Tod dieses Mannes erschien ihr wie eine Treulosigkeit.

Sie trat vom Fenster zurück und ging in ihr Schlafzimmer. Dort ließ sie sich auf dem Betschemel nieder. Sie betete für des Abgeschiedenen Seele. Eine Stunde blieb sie kauern, sank ganz in sich zusammen, stützte die Stirn auf und dachte nach über die Wirrsale ihres Lebens.

Sie war mutlos, schwach, sie fühlte, daß sie keine Kraft mehr besaß, abermals von neuem zu beginnen. Was sollte sie anfangen? Sollte sie als Witwe leben, sie, die keine Witwe war? Sollte sie ganz allein in diesem Dasein wieder ihre Wege gehen? Eine entsetzliche Angst überkam sie vor diesem Alleinsein. Wem sollte sie sich nähern? Wer würde mit ihr verkehren? Doch nicht der dicke brave Mann, der sie eben verlassen hatte? Doch nicht seine Frau? Doch nicht Léons Enkel? Nicht die Leute aus der Deputiertenkammer, doch nicht seine Kollegen?

Sie hatte niemand auf der ganzen Welt! Sollte sie sich anfreunden mit ehrbaren Frauen, die dann, wenn sie erführen, daß sie, die geschiedene Frau, jahrelang mit einem Manne zusammengelebt hatte, ihr eines Tages die Freundschaft kündigen würden? Sollte sie sich anreden lassen von Herren, die auf menschliche Beute ausgingen? Sollte sie Bekanntschaften machen im Theater? Sollte sie mit denen verkehren, die in gleicher Weise wie sie, ohne den Ring am Finger, ihre Liebe verschenkten, die sie verachtete, mit denen in einem Atem genannt zu werden ihr als eine Beleidigung erschien? Und doch, war sie denn nicht wie die?

Da ballte sie die Fäuste, stand auf und lief hin und her. Plötzlich kam ihr die Idee, sie mußte hinaus ins Freie, an die Luft. Sie ließ anspannen, band den dichtesten Schleier vor, und dann fuhr sie in dieser Nachmittagsstunde, an dem schönen, sonnigen Herbsttage die Champs Elysées hinauf, um den Triumphbogen herum, ins Bois hinein, am See hin und in die Alleen.

Es war noch nicht die gewohnte Stunde für die Spaziergänger, es war ziemlich still hier draußen. Einzelne Bäume trugen noch ihre Blätter, aber alle waren braun und welk, der Winter drohte einzubrechen.

Sie ließ sich unausgesetzt in der weichen federnden Viktoria hinfahren, sie lag regungslos in der Ecke, in den Kissen vergraben, die dicke Pelzdecke umgeschlagen, unerkennbar in ihrem dichten Schleier, das Gesicht geschützt vor dem frischen Luftzüge und vor dem Blicke der Menschen. Sie senkte den Kopf, sie dachte nach, immer in ihrem peinigenden Gedankengang. Sie erschien sich selbst wie ausgestoßen, kein Weg führte zu den übrigen Menschen zurück; die, von denen sie gekommen war, denen sie sich hätte nähern mögen, würden sie zurückgestoßen haben, und zu den andern, die sie aufgenommen hätten, wollte sie nicht den Weg hinuntersteigen.

Sie hatte das Bedürfnis, sich mit jemand auszusprechen, aber sie besaß keinen Menschen auf der Welt. Sie wollte über ihre Zukunft reden, von dem Toten sprechen, aber sollte sie dazu ihren Kutscher anrufen? Sollte sie halten lassen und einem von den Herren, die vorübergingen und der schönen Frau in dem eleganten Wagen nachschauten, sagen: ›Tröste mich, sprich mit mir, daß ich wenigstens eine Stimme höre! Kümmere dich um mich, ich will nicht allein sein! Ich kann nicht ewig allein sein!‹?

Ihre freigewählte Abgeschiedenheit kam ihr jetzt unerträglich vor. Sie wäre am liebsten ausgestiegen, wäre drüben in das Café gegangen, hätte sich an einen beliebigen Tisch zu andern Menschen gesetzt, zu fröhlichen Leuten und zu ihnen gesprochen: ›Nehmt mich mit an eueren Tisch, redet mit mir!‹ Oder sie hätte mit dem Kellner geschwatzt, wäre zu den Zigeunern getreten, die dort ihre wilden Weisen tönen ließen zur Unterhaltung der Gäste, und hätte ihnen sagen mögen: ›Ich bitte euch, nur ein Wort redet mit mir!‹

Wenn sie heimkehrte, was fand sie dort? Sollte sie mit der Köchin sprechen? Sollte sie ihre Jungfer zur Vertrauten erheben und ihr die Qualen ihres Daseins ausschütten? Sollte sie dem Mädchen, dem ruhigen, anständigen, bescheidenen Mädchen sagen: ›Mein Freund ist gestorben, mein Freund, wie du selbst vielleicht auch einen Freund hast! Es ist wohl nur der Diener oder der Kutscher, aus einem Hause in der nächsten Straße, mit dem du Sonntags ausgehst. Und doch bist du tausendmal besser daran als ich, denn er lebt, er lebt, und meiner ist tot, und die andern Menschen reden mit dir, und mit mir spricht niemand!‹

Sie fand immer noch keine Tränen, aber sie hätte es allen zurufen mögen: ›Léon ist tot. Er hat mich ganz allein gelassen! Ich bin ganz vereinsamt! Sprecht mit mir, irgend etwas, vom Wetter, von der Politik, von allen euren kleinen Nichtigkeiten des Daseins, die ihr euch gegenseitig erzählt.‹

Sie wollte Musik hören, um sich zu betäuben, wollte irgendwo in ein Konzert gehen, aber sie wußte, sie konnte nicht ruhig sitzen, sie hätte sich zusammennehmen müssen, um nicht einfach laut aufzuschreien. Vielleicht ginge sie besser in ein Theater, daß man ihr etwas vorspielte! Aber lustig mußte es sein, lustig zum Totlachen! Oder sollte sie es machen wie die, zu denen sie doch einmal gehörte, die am Abend soupieren gingen? Sollte sie im Café de Paris mit ansehen, wie an Nebentischen irgendeine Tänzerin im Prunk ihrer Brillanten saß und die Herren neben ihr sich gegenseitig den Rang abzulaufen versuchten? Hätte sie dann nicht irgendeinen anreden müssen und sagen: ›Setze dich zu mir, ich kann nicht allein bleiben!‹ Und was hätte er dann getan? Wäre er nicht frech geworden?

Da rief sie dem Kutscher zu:

»Nach Haus!«

Aber mitten auf den Champs Elysées gab sie den Befehl, weiterzufahren auf die Boulevards. Sie wollte Leben und Treiben um sich haben, sie wollte abgezogen sein durch den Lärm der Straße. Und sie fuhr und fuhr, und immer kamen ihr die Gedanken, als wäre sie von einer fixen Idee besessen: ›Du willst mit jemand sprechen, du willst sprechen!‹

Sie dachte daran, dem Begräbnis Léons beizuwohnen. Sie mußte ihm die letzte Ehre erweisen. Man konnte ihr die Stelle am Sarge nicht verbieten. Aber dann schreckte sie wieder vor dem Skandal zurück, dem Skandal, der in die Zeitungen käme, wie sie schon einmal durch den Schmutz der Blätter gezogen worden war, damals, als sie nach Paris floh. Und sollte sie diesen Leuten, dem dicken Mann und seiner braven Frau, die letzten Augenblicke am Sarge des Vaters verbittern? Sollte sie den Kindern, die die Erbschaft des Namens antraten, ihre Zukunft verderben? Nein, sie durfte nicht in den Kreis treten, sie war verfemt und ausgestoßen! Sie durfte mit niemand sprechen, ihr war Schweigen auferlegt für ihr ganzes Leben.

Der Wagen war auf die äußern Boulevards gekommen. Das elegante Treiben wich mehr und mehr dem Geschäfts- und Verkehrsleben. Sie sah an einer Ecke zwei gewöhnliche Frauen stehen, Bürgerweiber, wie es deren Tausende gab, sah, wie sie predigten, wie sie sich Dinge zuflüsterten und Gesichter schnitten, wie sie die Achseln zuckten und die Hände hoben, die Nächste oder den Nächsten wahrscheinlich richteten, sich all den armseligen Klatsch ihrer dürftigen Existenz mitteilend. Aber es waren doch zwei, die zueinander gehörten, die sich aussprechen durften, Leute derselben Klasse. Und wenn sie dazwischengetreten wäre, sie, die elegante Frau mit den Brillanten in den Ohren und mit dem teuren Pelz: die beiden wären auseinandergefahren, wären augenblicklich verstummt.

Immer und überall sah sie Menschen beieinander. Zwei Männer, die einen Handwagen zogen. Während sie sich keuchend in die Stränge legten, die tief in ihre Schultern schnitten, sich mühten, ihr Brot zu verdienen, sah sie, wie sie miteinander schwatzten.

Radfahrer kamen vorüber, zu zweien, zu dreien, dann eine ganze Menge, auf einem Ausflug begriffen; es einte sie das Band gemeinsamer Interessen, das das Leben erst erträglich macht.

Dann kam eine Kompanie der republikanischen Garde in ihren schmucken Uniformen vorbei. Ein Offizier führte sie, und keiner sprach, denn sie waren im Dienst, aber eins einte sie, die Kameradschaft.

Denise fuhr vorüber an den Omnibussen, auf deren Decksitzen die Menschen gedrängt saßen. Sie hatten die Füße aufgestemmt und teilten sich ihre Eindrücke mit, sie redeten von ihren Geschäften, sie gingen beim nächsten Haltepunkt auseinander und sahen sich vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht wieder, aber sie sprachen doch, sie redeten doch.

Denise ließ umkehren, und wie sie wieder die Boulevards zurückfuhr, traf sie elegante Paare: der Herr dicht an seine etwas auffallend gekleidete Dame gedrängt. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Der Mensch fand sich zum Menschen.

Dann kamen Ehepaare vorüber in eleganten Equipagen, tief sitzend, hoch die Rücksitzlehnen, daß man kaum die Köpfe darüber erblicken konnte, blasierte Leute, aus einer blasierten Ehe, die den ganzen Weg vielleicht kein Wort miteinander wechselten. Aber sie saßen doch beieinander im Wagen, sie gehörten doch zusammen, wenn sie auch tagsüber auseinander liefen; was sie einte, waren Geldinteressen, waren ihre Kinder.

Léon hatte Denise einmal vorgeschlagen, ihr eine Gesellschafterin zu halten. Aber Denise hatte es abgelehnt. Sollte sie eine Begleiterin um sich dulden, die schlechter angezogen war als sie, der man es ansah, daß sie die abgelegten Kleider der Herrin trug? Gab sich ein ebenbürtiges Wesen dazu her? Nein, nein, lieber allein!

Wie Denise die Boulevards zurückfuhr, sah sie immer und überall, wohin sie blickte in dem gewaltigen Getriebe den großen Paris, die Menschen vereint zu Paaren, zu dreien, in ganzen Gesellschaften.

Ein Pensionat ging dahin; bei der Großen Oper bogen die Zöglinge einer Priesterschule um die Ecke, die ihren regelmäßigen Spaziergang machten. Die jungen Leute gingen zu zweien, immer unterhielten sie sich. Wohin Denise blickte, waren die Menschen vereint; nur sie war allein, allein in dem ganzen großen Paris. Es war ihr, als gäbe es keinen Menschen auf der ganzen Welt so einsam wie sie. Sie empfand, wie es möglich war, in dem größten Menschengetriebe der Weltstadt sich grenzenlos allein zu fühlen, mehr als auf einer wüsten Insel.

Da kam ihr plötzlich ein Gedanke, und sie rief:

»Nach der Sainte Geneviève-Kirche.«

Sie wollte zu dem Priester. Er war der einzige, mit dem sie reden durfte. Er konnte es ihr nicht verweigern. In dem kleinen Stuhl, wo der Priester und der Gläubige vereint saßen, dort mußte er sie auch hören, das gebot sein Amt.

Die Pferde griffen aus, der Wagen schoß nur so hin, er hielt vor der kleinen Kirche. Sie schickte den Kutscher fort und trat ein.

Draußen strahlte die Herbstsonne und vergoldete alles mit ihrem Licht, drinnen war plötzlich Finsternis. Denise blieb am Eingang der Kirche stehen, netzte die Fingerspitzen mit dem Weihwasser, schlug das Kreuz und wartete einen Augenblick, um sich an das Dunkel zu gewöhnen.

Es war der Tag, wo der Pfarrer die Beichte entgegennahm. Sie näherte sich langsam dem Beichtstuhl, öffnete ganz die halb angelehnte, schwere geschnitzte Tür, und aus der Dämmerung des Gotteshauses huschte sie in das Dunkel der kleinen Zelle. Sie kniete nieder, legte ihren Mund an das Gitter und begann zu beichten.

Sie hörte die Stimme des Pfarrers, des Priesters mit dem feinen Gesicht und den glühend schwarzen Augen. Sie sagte die vorgeschriebenen Worte. Er stellte die Fragen. Dann ließ er sie reden. Sie schüttete ihr Herz aus, sie sprach mit ihm von ihrem ganzen Leben.

Sie holte weit aus. Sie bekannte sich schuldig, jahrelang dem Beichtstuhl ferngeblieben zu sein, sie beschönigte nichts, sie stieg in die Tiefe ihrer Seele hinab, sie gestand alles. Sie entwarf ein Bild ihres Daseins, woher sie gekommen, wer sie gewesen war, wie ihr Leben zerstört worden, wie sie, berufen, eine treue Gattin, eine liebende Mutter zu werden, verdorben worden war durch ihren Gatten. Sie verschwieg auch nicht, daß sie selbst schuldig geworden war. Sie beichtete ihre Liebe zu Henri, sie bekannte ihren Ehebruch, sie schonte sich nicht, sie legte dem Priester ein Bekenntnis der ganzen letzten Jahre ab, wie sie in einer Ehe gelebt hatte, ohne doch in der Ehe zu sein.

Während sie sprach, fühlte sie die Anwesenheit des andern Menschen, der schwieg, aber mit dem zu reden sie ein Recht besaß. Sie schüttete ihr Herz aus mit allen seinen Gedanken, mit dem trostlosen Gefühl der Einsamkeit und sagte dem, der hier an Gottes statt saß, was sie hergetrieben hatte: der eine Gedanke, daß sie allein wäre, grenzenlos allein auf dieser Erde.

Der Priester unterbrach sie nicht. Als sie geendet hatte, fand er kein Verdammungsurteil, vor dem sie in der Verzweiflung ihrer Seele vielleicht entflohen wäre. Er fand milde Worte, Worte des Mitleids mit ihr. Und er schloß:

»Mein Kind, Sie haben schwer gefehlt, aber Gott ist barmherzig und wird auch Ihnen barmherzig sein! Aber wenn Sie, wie Sie mir sagen, die Einsamkeit so voller Angst empfinden, so irren Sie, mein Kind. Kein Mensch ist einsam, denn allen steht Gott zur Seite. Und wer mit Gott und seinem Vermittler sprechen darf, kann nicht einsam sein. Sprechen Sie mit Ihrem Gott, legen Sie ihm im täglichen Gebet Ihr Herz zu Füßen. Denken Sie an die heilige Jungfrau, die da rein blieb und unangetastet. Demütigen Sie sich vor ihr, öffnen Sie ihr Ihre Seele, sprechen Sie, die Frau zur Frau, die Mutter zur Mutter, und Sie können nicht allein sein!«

Dann vergab er ihr, kraft seines Amtes, und erteilte die Absolution.

Als sie den Beichtstuhl verließ und langsam hinaustrat aus der tiefen Finsternis in die halbe Dämmerung der Kirche, war in ihr ein unsäglich glückliches Gefühl.

Sie trug den Jubel im Herzen, daß Gott ihr dennoch verziehen hatte, denn Gott war barmherzig.

Sie ging zwischen den Stuhlreihen hindurch, auf denen hier und da zu dieser Stunde eine Dame saß, die, zufällig vorübergehend, in die Kirche getreten war. Und vor dem Seitenaltar, wo die heilige Jungfrau thronte, setzte sie sich auf einen Strohstuhl, beugte das Haupt und fühlte süßen Frieden in ihre Seele ziehen.

Sie empfand, was der Priester gesagt hatte. Ja, sie war nicht allein; wenn auch verlassen von den Menschen, einte sie doch die Gemeinschaft mit ihrem Gott.

Lange blieb sie sitzen. Die erhabene Stille in der Kirche, in der nur ganz selten einmal ein schlürfender Schritt erklang oder ein Geräusch auf den Steinfliesen, das die hohe Wölbung der Kirche in dumpfem Echo wiedergab, tat ihr wohl.

Ein Weihrauchduft schwebte in diesen Räumen, der ihnen etwas gänzlich anderes verlieh als die übrige Welt dort draußen. Und Denise dachte, während sie ruhig da saß, das Haupt unter dem dichten Schleier tief gebeugt, an ihre Zukunft.

Sie malte sich aus, was bevorstand: das Begräbnis dort drüben in dem Minendistrikt, an dem sie nicht teilnehmen konnte. Sie empfand die Schmach, daß der Tote nun, wo er aus dem Leben geschieden war, wieder seiner Familie gehörte, daß er sie nichts anging, sie nicht an seiner Bahre knieen durfte, daß kein Gesetz die Verwandten hindern konnte, sie dort drüben vielleicht einfach aus dem Hause zu weisen. Sie hatte keinen Teil an ihm. Es war eine abgeschlossene Episode in ihrem Leben.

Dann wandten sich ihre Gedanken zu ihrer Tochter Lucy. Sie dachte an die Erbschaft, die ihr wahrscheinlich bevorstand, denn Léons Schwiegersohn hatte gesagt, er würde die Absichten des Vaters seiner Frau achten, da ja nur ein Zufall, sein jäher Tod, ihrer Ausführung zuvorgekommen sei. Sie sagte sich, da sie Bestimmtes nicht wußte: ›Vielleicht bin ich dann reich, und alles das wird meiner Lucy gehören.‹

Sie spann Gedanken, sie wollte sparen und vernünftig sein, wollte sich einschränken, wollte schwarze Kleidung anlegen und wie eine Witwe ihre Tage verbringen, nur mit dem einen Gedanken: ›Du wirst Geld häufen, und alles soll einmal Lucy zugute kommen!‹ Das schien ihr die Brücke zurückzuschlagen zu den Menschen. Sie besaß doch eines auf dieser Erde, ihr Kind! Sie wollte ihre Stunden teilen zwischen der Kirche und der Möglichkeit, für ihre Tochter zu sparen.

Mit diesem weltlichen Gedankengang erhob sie sich und schritt zum Hauptschiff, an dem Beichtstuhl vorüber, in dessen Schatten sie noch immer den Priester ahnte.

Sie trat auf die Straße, schloß die geblendeten Augen und ging ganz langsam nachdenklich hin. Sie betrat ihr Haus, setzte den Hut ab, dann ließ sie sich nieder in dem kleinen Salon, wo Léon immer an ihrer Seite gesessen, wo er seine Probereden für die Kammer gehalten hatte, wo sie zwar kein heißes Glück genossen, aber Heilung für ihr vom Leben zerstücktes Herz und stillen Frieden gefunden hatte.

Nichts regte sich, nur die Uhr tickte auf dem Kamin.

Sie saß noch da, als die Dämmerung einbrach, sie ließ nicht das elektrische Licht aufflammen, sie starrte vor sich hin. Dann stellte sie sich wieder, als es ganz dunkel geworden war, ans Fenster, umfaßte den Wirbel, lehnte das Kinn darauf und sah hinaus auf den Park Monceau, den rings die Laternen in langen Reihen umstanden, auf den die Paläste der Reichen niederschauten, in ganzen Fronten erleuchtet. Elegantes Leben, Luxus und Pracht! Darüber erhob sich in stiller Größe mit den von Minute zu Minute in ihrem Licht wachsenden Sternen der Nachthimmel.

Sie hatte ihn nie aufmerksam betrachtet, jetzt blickte sie empor, wie bei der zunehmenden Finsternis die Lichter dort oben stärker flimmerten, und sah einzelne Sterne zucken und beben, wie ein menschliches Herz, wie eine schwer atmende Brust.

Da dachte sie daran, daß dieses Licht – sie hatte das einmal irgendwo gelesen oder gehört – vielleicht seit Milliarden Jahren schon erloschen war und nur noch herunterleuchtete auf die Erde, weil das Licht so lange Zeit brauchte, um so unermeßliche Wege zurückzulegen. Es war also totes Leben. Es schien ihr wie ihr eigenes Herz, ein Zucken, ein Beben, nicht aus der Gegenwart, sondern aus der Vergangenheit her, denn ihr Dasein lag längst hinter ihr, obwohl sie noch atmete.

Sie fühlte, auf dieser Welt hatte sie nichts mehr zu suchen. Sie vergaß in diesem Augenblick sogar ihr Kind, das sie sich nur noch vorstellte, wie es vor sieben Jahren als kleines schwarzäugiges Mädchen gewesen war, mit dunkeln langen Locken, und das heute wohl ganz anders aussah, das sie vielleicht gar nicht mehr wiedererkannt hätte.

Alle ihre Gedanken, die vorhin noch, sogar vor dem Altar, ihr Herz durchzuckt hatten: für Lucy zu sparen, waren wieder versunken, als wäre die Tochter für sie bedeutungslos. Liebte sie das Kind? War es nur dumpfe Einbildung? Ihr schien es fast wie etwas, das nur zu ihrem frühern Dasein in Beziehung stand, sie heute aber nichts mehr anging, etwas, das sie einmal zur Welt gebracht, einen Körper, den sie von sich gestoßen hatte, der zur Hälfte dem gehörte, der an dem Bruch in ihrem Dasein die Schuld trug.

Um die Kleine zu sehen, hätte sie betteln gehen müssen bei ihren Eltern oder bei Robert, hätte die Hände zusammenfügen und sagen müssen: ›Seid gut, laßt mich zu meinem Kinde!‹ Dann hätten sie vielleicht geantwortet: ›Eine Unreine, wie du bist, soll nicht die reinen Wege dieser Kleinen stören!‹

Es kam ihr vor, als wäre ihre ganze Liebe zu dem Kinde, die jahrelang geschlafen, nur eine Einbildung. Warum konnte die Kleine nicht tot für sie sein? Wenn sie nun wirklich gestorben wäre? Vielleicht war es so, und sie wußte es nicht einmal. Wenn sie nun dahingegangen wäre, wie jener Henri, von dem sie – seltsames Spiel des Herzens – kaum noch eine genaue Erinnerung bewahrte, jener Mann, der doch so tief eingegriffen hatte in ihr Leben, aber von dem sie jetzt nicht einmal mit Bestimmtheit hätte sagen können, wie er gesprochen, wie er ausgesehen hatte.

Und hatte sich Lucy denn um sie gekümmert? Hatte irgendeiner von all denen, die in ihr armes Dasein gegriffen, je wieder eine Hand nach ihr ausgestreckt? Auch nur einen Finger gerührt? Nein, sie war den Menschen nichts schuldig, keinem auf dieser Erde.

Da wehte sie ein Gedanke an: ›Wozu noch in diesem Dasein bleiben?‹ Sie wollte dieses Leben vergessen dadurch, daß sie Sorge traf, daß man sie vergaß.

Sie zog sich wieder an, setzte den Hut auf, band den dichten Schleier um, und abermals ging sie zur Kirche.

Sie glaubte, sie würde den Pfarrer noch im Beichtstuhl treffen. Vorsichtig schlich sie in dem Dunkel hin, aber der Stuhl war leer. Die Kirche lag verlassen da, kein Laut war zu hören, nichts rührte sich, nur die ewige Lampe zuckte in ihrem roten Gefäß. Da vernahm sie Tritte. Der Kirchendiener, ein alter Mann mit schlürfendem Gang, kam mit einem Stock daher, an dem sich ein Wachslicht befand, um die Kerzen anzuzünden. Denise trat an ihn heran:

»Ist der Herr Pfarrer zu sprechen?«

Der Mann sah sie erstaunt an. Dann sagte er, wie etwas Eingelerntes, etwas, das er vielen Besucherinnen seit Jahren so gesagt hatte, vielleicht nur einmal die Stunden abändernd:

»Der Herr Pfarrer nimmt die heilige Beichte entgegen von fünf bis sieben Uhr.«

Sie sagte dringend:

»Aber ich muß ihn sprechen!«

Der alte Mann, dem im Gleichmaß der Tage nichts dringend und eilig zu sein schien, meinte:

»Der Herr Pfarrer ist nicht mehr zu sprechen.«

Sie rief erregt:

»Aber wenn es nun einer wichtigen Sache gilt? Der Herr Pfarrer muß doch zu sprechen sein, er ist doch in seiner Wohnung?«

Der Alte ließ das Ende des Stockes auf die Marmorplatten sinken, daß es einen gellenden Ton in der Kirche gab, der sich mehrmals an den Wänden brach und zu den beiden im Echo wiederkehrte, und sagte ruhig:

»Ja, der Herr Pfarrer ist in seiner Wohnung.«

Sie befahl kurz:

»Führen Sie mich dorthin!«

Da meinte der Alte, holte dabei ein buntes Taschentuch hervor und schnaubte sich, trompetend, daß es abermals in der Kirche widerklang:

»Der Herr Pfarrer wird beim Essen sein und kann jetzt nicht.«

Sie flehte: »Aber wenn es nun eine dringende Sache ist, die keinen Aufschub erleidet!«

Der Alte war unerbittlich:

»Vielleicht morgen früh, nachdem der Herr Pfarrer die heilige Messe gelesen hat.«

Da antwortete sie so kurz, daß der Alte doch seinen Widerstand aufgab:

»Nein, hören Sie, jetzt, sogleich, es ist seine Pflicht!«

Der Alte blickte sie erschrocken an, wischte sich das rasierte Gesicht, auf dem die Stoppeln knisterten, steckte das Taschentuch zu sich und brummte nur:

»So, na, dann kommen Sie mit. Aber der Herr Pfarrer wird böse sein!«

Er ging voraus, und Denise folgte ihm mit zitternder Ungeduld. Er schlug nicht den geraden Weg ein, erst setzte er in der Sakristei, in die sie durch eine Tür vom Chor traten, den Stock mit dem Licht aus der Hand. Dann führte er sie durch einen Raum, in dem ein paar Schränke standen, worin man Priestergewänder und die heiligen Geräte aufbewahrte und eine Anzahl Bücher und Schriften in Reihen standen. Sie kamen in einen zwischen den hohen Mauern der Nebenhäuser gelegenen schmalen Hof.

Sie überschritten ihn, und hinten sah Denise erleuchtete Fenster. Als der Kirchner die Tür öffnete, ertönte eine Glocke. Sie standen in einem gewölbten Vorraum, in dem eine gotische Treppe emporführte. Der Alte drehte sich halb herum und sagte bedächtig:

»Warten Sie!«

Schlürfend stieg er die Treppe hinauf, sehr langsam einen Fuß vor den andern setzend; er hatte Zeit. Es dauerte eine Weile, man hörte Türen gehen, eine heftige Stimme klang, und Denise, die angestrengt lauschte, glaubte die des Pfarrers zu erkennen. Dann hörte man wieder schlürfen, und der Alte, der die Treppe sich sparen wollte, rief von oben herab:

»Kommen Sie!«

Denise stieg die Stufen empor. Der Gang war oben nicht erhellt, ihre Augen mußten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, und der Alte brummte:

»Rechts, rechts!«

Dann öffnete er eine Tür zu einem erleuchteten Zimmer, Denise trat ein.

Es war ein modernes Gemach, eine Bibliothek, rings von Büchern umbanden. Nichts verriet den Bewohner. Mittelalterliche Kunstwerke, ein paar Bronzen und Büsten waren aufgestellt, ein schöner flämischer Schrank zog das Auge auf sich. Der Kamin war mit einem Puttenfries umgeben, darauf standen allerlei Skulpturen. An den Wänden hingen Teller von Pallissy. Von der Decke schwebte ein wunderbarer altvenezianischer Kronleuchter herab. Man hätte nicht auf das Zimmer eines Priesters, sondern eines feinen Kunstkenners geschlossen.

Denise befand sich allein in dem Raum. Sie blieb an der Tür stehen. Einen Augenblick darauf klangen Schritte, und der Pfarrer erschien. Wie immer in seiner tadellosen Soutane. Die seidene Schärpe rauschte, die feine weiße Wäsche bildete einen Saum zwischen dem Dunkel des Kleides und dem dunkeln Gesicht. Der Pfarrer machte eine leichte Verbeugung und fragte:

»Gnädige Frau, was steht zu Diensten?«

Er lächelte dabei freundlich und rieb sich die Hände. Seine Augen zeigten nichts von dem düstern Feuer, das die tiefsten Geheimnisse der Seele entlockte. Er war ganz Weltmann, bot ihr einen Stuhl an, wartete, bis sie sich selbst gesetzt hatte, um dann erst Platz zu nehmen. Lächelnd wies er die Zähne, indem seine Lippen sich auseinandertaten. Als sie sagte, sie hätte ihn um einen Rat zu bitten, wurde er ernst und antwortete artig:

»Gnädige Frau, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

Da entschuldigte sie sich, daß sie ihn beim Essen gestört habe.

»Aber, bitte, das tut nichts, es ist ja kein Diner. Ob ich die paar Bissen schneller oder langsamer zu mir nehme … Aber, gnädige Frau, wir wollen zurückkehren. Womit kann ich Ihnen dienen?«

Denise senkte die Augen. Sie begann langsam zu erzählen, knüpfte an die Beichte an, sagte, sie stände so allein in der Welt, hätte keinen Sinn mehr für die Freuden des Daseins, und in ihrer Verlassenheit wäre ihr der Gedanke gekommen, ob sie sich nicht von diesem ganzen Treiben, das sie anwiderte, zurückziehen könnte in die Stille eines Klosters.

Der Pfarrer nahm jetzt eine ernste Miene an. Indem er sich die Hände rieb und dabei auf seine wohlgepflegten Nägel sah, sagte er:

»Nun, das ist ein Wunsch, der verständlich ist; nur müssen die Beweggründe derart sein, daß sie den Ernst des Schrittes rechtfertigen.«

Sie nahm es wie einen Zweifel an ihr auf, aber er unterbrach sie und meinte, an ihrer guten Absicht zweifle er nicht im geringsten, nur genügte an und für sich der Gedanke des Sich-verlassen-fühlens nicht, um die Loslösung von der Welt zu rechtfertigen. Die frommen Schwestern verlangten anderes. Sie wollten nicht in einem Augenblick des moralischen Weltekels aufgesucht werden, sie verlangten ein tiefes Bedürfnis nach dem, was die Stille ihres erbaulichen Lebens einer armen Seele böte.

Er sprach über die Tragweite des Schrittes, er ermahnte sie, Herz und Nieren zu prüfen. Er sagte, indem sein Ton immer feierlicher ward, immer mehr der Priester aus ihm wuchs, indem seine Augen in seltsamem Feuer zu leuchten begannen:

»Es gehört eine große Überwindung dazu, ein tiefer Ernst, um alles hinter sich zu lassen, was die Welt geboten hat.«

Er redete davon, Gott wäre nicht damit gedient, wenn man den Kampf nur aus Verzweiflung aufgäbe, wenn man vor der Welt mit ihren Versuchungen fliehe, vielmehr müsse ein wirklich gläubiges Gemüt zu diesem Schritte treiben. Er schloß:

»Gnädige Frau, Sie müssen es sich überlegen. Wenn die Reue nachher kommt, ist es zu spät. Eine Reue darf aber gar nicht kommen! Wir haben Zeit, wir wollen die Sache noch einmal miteinander besprechen.«

Damit glitt er darüber hinweg. Es schien, als wolle er dem Gegenstand nicht näher treten, es war beinahe, als lehnte er ab. Er änderte wieder den Ton. Er sagte, er müsse erst in längerm Verkehr mit ihr stehen, den sie ja bisher – und dabei klang ein leiser Vorwurf heraus, und sein Mund spitzte sich spöttisch – mit der Kirche nicht gesucht hätte. Sie wäre ihm stets willkommen, sie möchte ihm nur die Bedrängnis ihrer Seele ausschütten. Er müsse alles wissen, er müsse sie ganz genau kennen. Um aber einen Menschen kennenzulernen – und dabei durchbohrten sie seine Augen, als wollten sie in tiefsten Gründen lesen – bedürfe es einer ganzen Zeit des Verkehrs, vieler Tage und Monate, vielleicht sogar Jahre.

Doch bald schien er einen Teil dessen wieder zurückzunehmen. Er meinte, einem sichern Blick bliebe es nicht verborgen, ob die Reue, ob der Gedanke an einer Abwendung von dieser Welt ernst sei.

Dann begann er von allerlei anderen Dingen zu reden, die ableiteten. Er sprach von den Verhältnissen in der Gemeinde, er redete von den schönen Nadelbäumen im Park Monceau. Es stellte sich heraus, daß er wußte, wo ihr Hotel lag. Er sagte, der Blick auf die Rasenflächen, auf die spielenden Kinder müsse heiter und hübsch sein. Er wußte von ihrem Kunstverständnis, und er schloß mit einem Lächeln und, indem er eine halbe Verbeugung machte, nicht als trüge er das Kleid des Priesters, sondern als wäre er ein weltlicher Mann:

»Ich habe auch großes Interesse für Kunst.«

Dabei stand er auf und rief, indem er auf eine Reihe von Fayence-Tellern an der Wand deutete, auf denen in naturalistischer Weise allerlei Amphibien dargestellt waren, Eidechsen, Frösche, Schlangen:

»Sehen Sie, auf diese Sammlung bin ich stolz! Ich habe eine ganze Anzahl Stücke zusammengebracht.«

Denise erhob sich. Ihr eigener Sammeleifer erwachte. Sie stellte sich neben den Priester, und sie sprachen über alles, was es hier Schönes gab. Er zeigte ihr ein geschnitztes Relief, etwa aus dem zwölften Jahrhundert. Auf einen Christus machte er sie aufmerksam, den er in Konstantinopel gekauft hatte.

»Denken Sie, nach Konstantinopel muß man kommen, unter die Heiden muß man geraten, um ein solches Stück zu finden! Ist das nicht sonderbar?«

Dann erklärte er ihr mit peinlicher Genauigkeit, wie er den Gegenstand aufgetrieben hatte. Er hob das Kreuz von der Wand, sie betasteten es beide, er zeigte mit malenden Gebärden, wie ein Künstler, was er daran schön fände, er sprach von dem Meister, von dem es vielleicht herrührte, ja dem es sogar sicher zuzuschreiben wäre. Er wußte Namen und Daten, er war ganz Sammler.

Endlich ging Denise. Der Pfarrer hatte ein Licht angesteckt und führte sie artig die Treppe hinab über den Hof bis an die Straße. Dort machte er eine Verbeugung. Denise stand draußen, von ihrer ersten Glut abgekühlt, in einem seltsamen Zwiespalt, sie begriff sich selbst nicht.

Die halbe Ablehnung des Priester, es habe Zeit, sie solle ihr Herz prüfen, das Hinüberspielen auf Dinge, die scheinbar gar nicht damit zusammenhingen, stachelte doppelt ihren Wunsch an. Und als sie ihr Herz prüfte, in ihrem Gebetbuch las, auf dem Schemel, die Hände ineinandergeschlungen, an ihr verlorenes Leben dachte und nun ihre Gedanken hinüberflogen nach Carmeaux, wo der Tote eben zu Grabe getragen wurde, kehrte ihr Gefühl immer brünstiger zu dem Gedanken zurück, diese Welt zu verlassen.––

Sie suchte Erbauung in der kleinen Kirche, sie kam früh, sie kam nachmittags, immer spähte sie nach dem Priester aus. An Sonntagen hörte sie von der Kanzel seine Worte, in die er jetzt oft Gedanken über Weltflucht einwob. Es war ihr, wenn seine dunkeln Augen die Zuhörermenge überflogen, als predigte er für sie, und sie nahm alles auf, was er sagte.

Sie suchte ihn wieder auf, diesmal am Morgen. Er sprach von ihrem Entschluß, er billigte ihn, aber er meinte wieder, es hätte Zeit, sie sollte die erste Trauer vorübergehen lassen, die sie eben so schwer betroffen hatte. In der Verzweiflung solcher Minuten dächte man manchmal anders als im Gleichmaß der Tage. Immer wieder sprach er von andern Dingen, und immer redete er ihr zu, sie möchte warten und ihr Herz prüfen. Eigentlich lockte er sie doch wieder und ließ sie nicht los.

Sie besuchte ihn oft, sprach über die Predigt, die er am Sonntag gehalten hatte, erzählte aus ihrer Vergangenheit, schüttete ihm ihr Herz aus, ohne etwas zu verbergen. Er hörte sie ruhig an, machte sie nicht schlecht, meinte, alles im Leben ließe sich büßen, der Trieb dazu schlösse schon drei Viertel der Verzeihung in sich.

Der Pfarrer gewann ihr ganzes Zutrauen, indem er beiläufig etwas erwähnte, in dunkeln Worten nur, als sei es ihm ähnlich ergangen. Er sagte, die Freuden dieser Welt wären ihm nicht fern gewesen, bekannte sich als Glied einer alten Adelsfamilie aus der Dauphiné und gestand, er hätte volles Verständnis für alles, was sie ihm erzählte. Aber immer wieder lenkte er ab und sprach über Kunstwerke. Er zeigte Radierungen, die er besaß, und der Schluß war jedesmal: ›Prüfe noch dein Herz und geh erst den Weg, der dir der rechte dünkt, wenn du weißt: ich bin stark und entschlossen.‹

Unter diesen regelmäßigen Besuchen verging die Zeit, der Winter neigte sich dem Ende zu.

Herr Duprez hatte Denise mitteilen lassen, für das laufende Jahr würde die Summe, die sein Schwiegervater zur Bestreitung ihres Aufwandes ausgeworfen hatte, weiter gezahlt werden. Dann trete etwas anderes an ihre Stelle. Es läge eine schriftliche Äußerung Herrn Bérangers vor, wonach er ein Kapital für Denise hatte bestimmen wollen, ein Kapital, über dessen Höhe sie selbst erstaunt war, dessen Zinsen ihr gestatteten, das bisherige Dasein fortzuführen.

Sie sprach davon mit dem Pfarrer, dem sie jetzt alles und jedes sagte. Sie äußerte die Absicht, diese Summe nicht anzunehmen. Das war das erstemal, daß sie von Geld und Geschäften sprachen.

Er war nicht ihrer Ansicht. Er meinte, es gäbe viele Bedürftige auf der Welt, Bedürftigere als die Familie eines reichen Minenbesitzers, und schlug ihr vor, die Summe für gute Zwecke zu verwenden. Er schloß, und dabei glänzten seine Augen in dem fast fanatischen Feuer, das aus ihnen loderte, sobald etwas die Kirche betraf:

»Betrachten Sie es als eine Buße, daß die Summe, die der Lust, dem Prunk, dem Vergnügen, die dem Bösen zugesagt war, gute Früchte tragen soll!«

Da kam er eines Tages, als sie ihn bat, ihr Scheiden aus dieser Welt zu veranlassen, zum erstenmal mit einem Vorschlag.

Denise war nachmittags zu ihm gegangen; sie hatte die Briefe des Notars mitgebracht. Eine Vollmacht sollte ausgestellt werden, die dem Pfarrer die Verfügung über ihren Nachlaß übertrug. Sie mußte eine Summe einzahlen bei den Dames de la Retraite, um ihren Unterhalt sicherzustellen und ihrerseits etwas zu tun, daß ihr dort auch der Frieden würde, den sie suchte.

Dann empfahl er ihr noch einmal dringend, sie möchte, ehe sie sich endgültig entschlösse, Herz und Nieren prüfen, ob sie dem wirklich gewachsen sei, dem sie entgegenging. Acht Tage müsse sie bei den frommen Schwestern in dem stillen Kloster zubringen, um zu sehen, ob sie, das Weltkind, sich würde hineinfinden können.

Sie fragte nur:

»Herr Pfarrer, wann?«

Er dachte nach, dann antwortete er langsam:

»Ich will heute noch hingehen und alles vorbereiten.«

Sie griff nach seiner Hand, sie wollte sie an die Lippen ziehen, doch der hagere, große Mann richtete sich hoch auf, zog seine Hand zurück und sprach mit seiner tiefen Stimme und dem feierlichen Ernst als Stellvertreter eines Höhern, wie im dunkeln Beichtstuhl:

»Mein Kind, ich erfülle nur die mir von Gott auferlegte Pflicht!«

XX.

Nun war die Woche, die Denise bei den Schwestern zugebracht hatte, vorüber. Sie war wieder zurückgekehrt. Der Frieden, der sie dort umgeben, der ihr wohlgetan hatte, als heilte er einen Kranken, zitterte noch in ihr nach. Sie hatte mit dem Pfarrer gesprochen, für heute nachmittag Punkt vier Uhr war ihr endgültiges Eintreffen bei den Dames de la Retraite verabredet.

Noch einmal ging sie durch die Räume ihres Hotels, um Abschied zu nehmen von all den Gegenständen, die sie bisher umgeben hatten, die sie mit Fleiß und Liebe und Mühe gesammelt. Aber der Abschied ward ihr nicht schwer und dauerte nicht lange. Als wäre ihr Interesse erstorben, eilte sie nur durch die Zimmer; es war wie ein einfacher Spaziergang. Sie blickte mit offenen Augen um sich, aber sie sah nichts, ihr Geist schien wie in sich gekehrt zu sein, und ein Lächeln schwebte um ihre Lippen. Ihre Züge, auf denen die Jahre nur wenig Spuren hinterlassen hatten, waren nicht mehr so ernst wie in der letzten Zeit, sie waren fast heiter, wie verklärt, als blicke sie einem Wunderbaren entgegen.

Denise hatte ihren Leuten noch nichts von dem Schritt gesagt, den sie vorhatte, sie wußte nicht einmal, ob sie etwas ahnten, denn sie hatte getan, als wäre sie die acht Tage, die sie in dem Kloster verlebt, verreist gewesen.

Um das möglich zu machen, hatte sie sich an den Bahnhof fahren lassen und dort einen Wagen genommen, der sie mit ihren paar Habseligkeiten zu den Dames de la Retraite gebracht hatte.

Heute brauchte sie ja nichts mitzunehmen, sie hatte keine Auswahl mehr zu treffen. Was sie besaß, ließ sie hier, und nur um den äußern Schein zu wahren, war sie genau noch angezogen wie früher. In ihren rosigen Ohren blitzten noch die großen Brillanten, an ihren Händen glitzerten die Ringe. Niemand ahnte, daß sie in einer Stunde alles das von sich legen würde für ihr ganzes Leben.

Sie hatte verabredet, sobald sie das Hotel verlassen hätte, sollte der Pfarrer kommen, der dann zum ersten Male ihr Haus betreten würde. Er sollte mit dem Notar erscheinen, eine Aufnahme der vorhandenen Gegenstände machen, den Leuten ihren Lohn auszahlen und jedem dazu eine größere Summe, die Denise ihnen ausgesetzt hatte. Die beiden Herren sollten dann erst mitteilen: ›Die gnädige Frau kommt nicht wieder, sie ist unter einfachem Vornamen aus dieser Welt des Scheins verschwunden.‹

Denise ging in ihr Schlafzimmer. Dort schloß sie sich ein. Ein glattes schwarzes Kleid, das sie damals getragen hatte, als sie zu den Schwestern die acht Tage ging, lag schon auf dem Bett zum Anziehen bereit. Denise sah nach der Uhr, sie hatte noch eine Stunde Zeit. Sie zog die Vorhänge zu und ließ das elektrische Licht flammen, dann trat sie an den Schreibtisch, der Henris Briefe enthielt, der noch Zeilen von Léon barg und das erste schwarze Löckchen der kleinen Lucy.

Denise nahm einen Korb, warf die Briefschaften hinein und räumte das ganze Fach aus. Dann setzte sie sich in einen Polsterstuhl an den Kamin, ergriff einen Brief, ließ ein Streichholz aufflammen, zündete ihn an und warf ihn auf den Rost.

Allmählich, wie man Blumen ans dem Korbe als letzten Gruß einem Abgeschiedenen in das Grab nachwirft, nahm sie einen dieser großen und kleinen Briefe nach dem andern und schleuderte ihn in die Glut. Sie wartete ruhig, bis er aufflammte, um dann den nächsten folgen zu lassen. Sie las keine Zeile, sie wollte nicht mit einem Gedanken an ihrer Vergangenheit hängen, an der Welt, die sie abtat mit dem heutigen Tage. Sie achtete nur sorgsam darauf, daß jedes der Papiere bis auf den letzten Rest verbrannte.

In Gedanken blieb sie wartend sitzen, während die Briefe loderten. Ab und zu verpaßte sie einmal den Augenblick, neuen Brennstoff aufzuschütten. Sie hatte an ihr ruhiges Zimmer drüben im Kloster gedacht, schmucklos, einfach; an die strenge Abgeschiedenheit. Sie hatte sich hinein versetzt mit allem Empfinden ihrer Seele, in diesen wundersamen Frieden, der diese langen Korridore durchzog, und in den Gesang in der Kirche, dieser schönen kleinen Kapelle, in der Fenster, Stühle, Tabernakel, Leuchter, Altar und Bilder, alles, alles gestiftet war: Überreste des Weltlebens der Schwestern. Auch Denise hatte ein paar ihrer größten Kostbarkeiten, eine Verkündigung Mariä des Murillo für die Kapelle bestimmt, den Betschemel, der hier an ihrem Bett stand, und ein Kristall- Kruzifix aus dem zehnten Jahrhundert.

Wenn dann über den Gedanken die Glut erstorben war, zündete sie ein neues Streichholz an, warf neue Briefe in den Kamin. Sie nahm die Zange und zerrte die Überreste auseinander, daß sie ja verbrannten bis auf den letzten Rest.

Der Abschied wurde Denise von keinem Stück ihrer Vergangenheit schwer, nur von der kleinen Locke, die sie in einem Briefumschlag aufbewahrte, mochte sie sich nicht trennen. Und nachdem längst das Feuer erloschen war, schaute sie noch immer auf das winzige Andenken mit dem weißen Seidenbändchen, das es umschloß. Sie befühlte es, ließ das seidene Haar durch ihre Finger gleiten und sagte sich, und es war dabei wie ein Erstaunen in ihr: ›Daran hing ich nun einmal! Das bedeutete mir alles! Das war mein Kind!‹

Ihre Gedanken schweiften ab: ›Wo war die Kleine?‹ Was wußte sie von ihr? Nichts! Man trat in ein Leben, man verbrachte glückliche Jugendjahre, man meinte nach allen Kränzen greifen zu dürfen und glaubte, es wären einem alle Sterne des Himmels beschieden. Sie war hineingetaumelt in dieses Dasein, sie hatte einen Mann geliebt, sie war ihm untreu geworden; sie hatte sich einem andern ergeben und gemeint, in diesem alle Glut und alles Glück der Erde zu finden, und eines schönen Sommertages lag er mit durchschossener Lunge da; sie war verstoßen von ihren Eltern, und so war dies ganze Dasein, das sie unter Lachen und Jubel begonnen hatte, hin und zerstört…

Die Jahre waren vorüber gerauscht in fürchterlicher Eile. Sie hatte sie nicht gehalten, sie hatte sich an keine glückliche Stunde geklammert. Es war eins unerbittlich gefolgt dem andern! Sie hatte ihr Dasein in der Hand gehabt und es so gebildet! Sie hatte alles verfehlt, sie hatte alles anders machen müssen! Und doch, wenn man sie jetzt gefragt hätte: ›Willst du von neuem beginnen? Willst du es besser machen?‹ so hatte sie geantwortet: ›Nein, ich mag dies Leben nicht mehr! Ich fürchte mich davor; ich freue mich, daß es vorüber ist! Um keinen Preis der Erde will ich es abermals beginnen!‹

In dieser Abschiedsstunde – seltsamer Zwiespalt – dachte sie nicht an die letzten Jahre, nur ihre wahrhaft glückliche Zeit stand noch vor ihr. Sie sah, als sie die kleine Locke betrachtete, das Kind vor sich, als es geboren war, wie man es ihr gereicht und sie es zum eisten Male im Arm gehabt hatte, ihr Fleisch und Blut, das ihr Schmerzen und Sorgen gekostet. Sie hatte auf dieses kleine Haupt allen Segen der Erde herabgefleht, sie hatte Pläne geschmiedet, was aus ihm werden sollte, wie sie es bewahren und führen wollte. Und nun ging dieses Geschöpf, das einst ihr höchster Jubel gewesen war, ohne sie seinen Weg – vielleicht besser als durch sie.

Jene Zeit zitterte noch in ihrer Seele. Sie schwankte einen Augenblick, sollte sie sich trennen von der kleinen Locke? Sie war beinahe bereit sie zu behalten, und sie stand auf, nahm ihr Gebetbuch und legte sie zwischen die Seiten. Aber da kam ihr das Wort in die Erinnerung, das ihr noch beim Scheiden die Oberin gesagt hatte: ob sie wüßte, daß mit dem Eintritt ins Kloster jeder, aber auch wirklich jeder Gedanke an die Vergangenheit ausgelöscht sein müßte?

Langsam blätterte Denise das Buch durch, um die Locke zu finden; die Seiten klebten, das kleine Andenken fiel nicht heraus. Du reizte es sie, sie wollte es behalten! Konnte man alles auslöschen aus einem Menschenleben? Konnte man ein neues Dasein beginnen und mehr als dreißig Jahre einfach streichen?

Sie meinte, sie brächte es nicht übers Herz und doch, sie gab sich einen neuen Stoß, sie mußte! Ihr Gesicht ward hart, sie preßte die Lippen aufeinander, trat an den Schreibtisch, kehrte das Buch um, schüttelte die Blätter, und dann glitt langsam die kleine schwarze Locke mit dem Seidenband in der Mitte heraus und blieb auf der Tischplatte liegen.

Denise nahm sie auf, ging langsam an den Kamin, dann ergriff sie das letzte, das von ihrem Weltleben noch blieb, legte es vorsichtig auf den Rost, kniete nieder vor dem Kamin, zündete ein Streichholz an und hielt die Flamme an das schwarze Haar. Es kräuselte sich, knisterte, rollte sich zusammen, das Seidenband lohte auf, die letzten kleinen Haare wurden gelb und grau, sie zerfielen zu Asche – das Kind war für Denise tot.

Sie stand auf, ging langsam ans Bett, legte das Kleid ab, das sie trug, und vertauschte es mit dem einfachen schwarzen. Dann trat sie an den Toilettentisch; im Spiegel sich betrachtend nahm sie die großen Steine aus den Ohren und tat einen nach dem andern von sich, die Steine, die ihr jetzt wie ein Sündenlohn dünkten, um den sie sich einst in verblendeter Weltzeit verkauft hatte.

Da sah sie nach der Uhr, es fehlten nur noch wenige Minuten, bis der Wagen ankommen mußte. Sie ging nicht wieder zurück in die andern Zimmer, sondern blieb in dem Raum, setzte sich nieder am Kamin, stützte die Arme auf die Knie und starrte in die kahle Feuerstelle, auf der ein ganzes Menschenleben mit seinen Fehlern und Irrtümern, mit seinen wenigen Höhepunkten, mit seinem kargen Glück zu Asche verbrannt war.

Sie starrte nieder, aber sie dachte nicht an die Vergangenheit, sie dachte nur daran, daß sie einem neuen Leben entgegenging, daß sie in einer Gemeinschaft aufgenommen werden sollte, wo sie nicht mehr ausgestoßen war von den übrigen Menschen, sondern als Glied eines Ganzen lebte. Wo sie keiner mehr verletzen durfte, keiner mehr ihr Herz betrügen, wo alle die Qualen, die das Leben mit sich bringt, ihr fortan fernbleiben würden bis zu ihrem Ende.

Ihr Gesicht blieb ernst, aber ihre Augen leuchteten wie in einem überirdischen Feuer, und sie fragte sich, indem eine Sekunde ihr Geist die verflossenen Jahre überflog: ›Was hatte sie geleistet, was andern Menschen gegeben?‹ Ihr Wollen war gut gewesen, ihre Absicht rein, aber das Leben hatte sie niedergerungen und mit Füßen getreten. Mit diesem Dasein war sie fertig. Sie atmete auf, als es klopfte, erhob sich, schloß auf und ging an dem Mädchen vorbei, das eben meldete, der Wagen warte. Sie stieg, ohne einen Blick auf ihre Umgebung zu tun, die Treppe hinab, trat in den Wagen, setzte sich in die Ecke, dann gab sie die Straße an und die Nummer, als hätte sie in ihrem Weltleben einen Einkauf machen wollen. Die Pferde zogen an, der Hausmeister, der die großen Flügeltore geöffnet hatte, stand grüßend am Eingang. Der Wagen bog rechts ab, und in starkem Tempo ging es die Straße hin.

Als sie über den Boulevard de Courcelles fuhr, nicht rechts, nicht links blickend, die Augen auf einen Punkt vor sich geheftet, kamen ihr zwei elegante Herren entgegen, eben die beiden, die sie einmal in der Stadt vor einem Schaufenster zum andern verfolgt hatten, an dem fürchterlichen Tage, als sie ihrem Vater begegnet war.

Die Herren bummelten schweigend nebeneinander her, aber plötzlich gab der Größere dem Kleineren einen Stoß:

»Da sieh mal, da ist sie wieder!«

Er deutete mit dem Auge auf die Viktoria, die eben vorbeifuhr, und der andere sagte:

»Weiß Gott! Und so einfach und ganz schwarz?«

Der Größere zwinkerte mit den Augen:

»Na, das wird wohl seinen Grund haben. Man will nicht erkannt sein. Oh, man ist fein, man ist gerissen!«

Der Kleinere fragte:

»Kennst du sie denn?«

Der Größere machte ein überlegenes Gesicht:

»Das nicht, aber ich will dir etwas sagen, ich habe mich erkundigt, habe auch meine Absicht dabei: ich werde ihr einen Besuch machen.«

Und er fuhr fort:

»Ich habe mich längst, längst nach ihr erkundigt, aber damals war nichts zu machen. Sie hatte nämlich einen Beschützer. Ich habe dir ja gleich gesagt, ganz richtig konnte es mit der nicht sein, obgleich sie sich wirklich wie eine Dame benahm. Einen Abgeordneten hatte sie, und denke dir, der Kerl ist gestorben. Nun sitzt sie wahrscheinlich auf dem Trockenen, denn daß er ihr etwas vererbt hätte, ist doch nicht wahrscheinlich. Na, in der ersten Zeit, dachte ich, wirst du sie nicht aufsuchen, denn da muß sie doch traurig sein, aber jetzt ginge es schon. Weißt du, mit der muß man zartfühlend sein! Aber die wäre was für mich, sage ich dir. Sie ist ganz apart, sie zeigt sich nirgends, ist ganz unbekannt. Die wird in ihrer Art ganz einzig sein. Sie hat nur für eins Sinn, für den Frieden des Hauses. Ach, es ist eine ganze Geschichte, die ich erfahren habe. Ihre Zofe ist sozusagen verlobt mit dem Diener eines Vetters von mir. Genug, es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen. Jetzt ist sie nicht zu Haus, nun wäre es ganz gut, wenn ich gleich mal hinginge. Ich weiß nämlich dummerweise nicht genau die Nummer, aber man kann ja fragen, und etwas Schlimmes ist noch dabei: ich weiß auch nicht den Namen. Ich habe schon im Adreßbuch nachgesehen, aber das Haus steht auf den Namen eines Strohmannes, irgendeiner Minengesellschaft gehört es. Weißt du was? Komm mit, wir gehen hin, es ist nämlich gleich hier am Park Monceau.«

Der Kleinere hatte erstaunt zugehört und sagte ein wenig verstimmt:

»Na, du schnappst einem doch alles weg! Du denkst wohl, ich habe sie nicht auch hübsch gefunden? Das ist ja die reizendste Person in Paris. Ich wollte mich auch erkundigen, aber ich habe nichts herausgebracht. Wie sie nur heißen mag?«

Der Größere hatte seinen Freund untergehakt, und sie gingen jetzt Denisens Hotel zu. Er zuckte die Achseln:

»Ja, sieh, das ist eben die Schwierigkeit, ich weiß auch nicht, wie sie wirklich heißt. Ich habe wohl von meinem Gewährsmann einen Namen gehört, aber das wird wohl ein nom de guerre sein; das war: Denise de Montmidi. Na, den Adel kennt man ja. Vielleicht ist sie in Montmidi geboren, weiß der Deubel, wo das Nest liegt, ich kann mich aus der Geographie jedenfalls nicht erinnern.«

Dann gingen sie weiter, der Kleinere wirklich ein wenig eifersüchtig. Der Größere aber suchte ihn aufzumuntern und sagte zum Spaß, während er nach den Nummern sah:

»Na, Maurice, du wirst Hausfreund bei uns!«

Plötzlich hatte er das Haus gefunden; das Tor stand offen, kein Mensch war zu sehen. Die Freunde blickten in die Loge des Hausmeisters – auch dort niemand.

Der Größere sagte:

»Warte einen Augenblick, Maurice, ich werde einfach die Treppe hinaufgehen und nach der gnädigen Frau fragen. Wenn die Sache nicht stimmt, bin ich blamiert, aber es muß hier sein. Wenn man wenigstens den Portier interviewen könnte. Hier scheint eine höllische Unordnung zu sein!«

Dann stieg er die Stufen der Treppe hinauf, denn auch die große Glastür zur Wageneinfahrt stand offen. Er ging lautlos auf dem Läufer. Auch oben fand er die Tür offen, und schon wollte er wieder umkehren, denn er wußte nicht, was er davon halten sollte, als er durch den Türspalt einen Blick in den Salon tat. Da wurde ihm ein sonderbarer Anblick. Der Hausmeister stand da, zwei Mädchen und ein Herr im Gehrock, ein Notizbuch und den Bleistift in der Hand, zwischen ihnen aber erhob sich die hohe schlanke Gestalt eines schwarzäugigen Priesters, dessen lang herabreichende Soutane ihn noch schmaler und größer erscheinen ließ, als er war.

Ein Priester? Der Besucher machte sofort kehrt. Er fühlte, er hatte sich geirrt. Aber die drinnen waren schon aufmerksam geworden, und der Hausmeister kam an die Eingangstür. Ihm fiel vielleicht ein, daß er seinen Dienst versäumte – in der Eile, als der Notar und der Pfarrer erschienen waren, hatte er alles stehen und liegen lassen.

Der Besucher war bereits die Treppe hinabgeeilt, aber der Portier rief ihm nach:

»Bitte, wen suchen Sie?«

»Ich habe mich geirrt!« tönte es nur zurück.

Der Portier folgte:

»Darf ich bitten, wen Sie suchen?«

Da drehte sie der große Herr um und sagte, indem er beim Sprechen mit der silbernen Krücke seines Stockes rechts und links den Schnurrbart über den Lippen in die Höhe strich:

»Ja, ich sehe, ich habe mich geirrt, die gnädige Frau ist ja nicht zu Haus.«

Da rief der Hausmeister, dem die Mitteilung, die er eben von den beiden Herren empfangen hatte, so in die Glieder gefahren war, daß er in der Aufregung meinte, sie jedem wie etwas Ungeheuerliches mitteilen zu müssen:

»Sie ist ja ins Kloster! Sie ist ja eben ins Kloster, denken Sie doch!«

Der Herr war so erstaunt, daß er fast seinen Stock fallen ließ. Er gab keine Antwort, und der Hausmeister zeigte durch die offene Tür:

»Hier ist sie ja eben eingestiegen und ja eben weggefahren. Deshalb war sie auch so schrecklich einfach, unsere Jungfer ist ja da feiner. Nein, so was, ins Kloster! Ins Kloster!«

Oben tönte eine Stimme, der Mann wurde gerufen, und in derselben Aufregung, mit der er die Treppe hinuntergelaufen war, stürmte er spornstreichs wieder hinauf.

Der große Herr aber ging seinem Freunde entgegen. Mit einer lächerlichen Gebärde ließ er beide Arme hängen, knickte in den Knien ein, sein Kopf fiel auf eine Schulter, er schloß halb die Augen:

»Denke dir nur, denke dir nur so was, du kannst ganz ruhig sein: sie ist – ins Kloster!«

Der Kleinere starrte ihn an:

»Ganz und gar?«

»Na, Gott, halb kann sie doch nicht hingehen!«

Da sahen sich beide an, und plötzlich fingen sie an zu lachen, daß ein paar Vorübergehende ganz erschrocken stehen blieben. Aber sie faßten sich, machten kehrt und verließen das Haus. Als sie die Straße hinunterbummelten, sagte der Größere komisch-verzweifelt zu seinem Begleiter:

»Das ist nun das Ende! Es ist gottvoll! Na, die ist die Richtige! Damit hätte sie doch ruhig wenigstens noch ein Jahr warten können!– –«

Währenddessen eilte Denisens Wagen durch die Straßen von Paris, auf denen zu dieser Nachmittagsstunde ungeheures Leben flutete. Lachende, glückliche Menschen, denen der Frühlingstag Jubel ins Herz zauberte, junge Paare, die sich gefunden hatten, Eheleute, die miteinander gemeinsam die Last des Lebens trugen, Kinder, die diesem Dasein erst entgegengingen, von dem sie nicht wußten, was es ihnen bringen, von dem sie nicht voraussehen konnten, ob sie es zu einem glücklichen Ende führen oder ob sie in den Staub getreten würden. Alle waren sie dem blinden Zufall überlassen, der die Menschen emporzog oder nach seinem Belieben schuldig werden ließ, beglückte oder zertrat, wie es ihm gefiel.

Denise sah sich nicht um, mit offenen Augen starrte sie vor sich hin auf ihre Füße. Diese schwarzen Augensterne gewahrten nichts von all dem bunten Treiben, denn diese Welt ging sie nichts mehr an.

Der Wagen bog in eine Seitenstraße. Eng war sie und verlassen, kaum ein Mensch ging hier zwischen den niedrigen Häusern, deren Reihen einzelne Gartengrundstücke durchbrachen. Die Pferde fielen in Schritt, der Wagen hielt vor einem langgestreckten Gebäude, das nach der Straße zu eine hohe Mauer ohne Fenster zeigte. Neben einer niedrigen gotischen Tür sah man ein kleines Pförtnerauge, und als der Wagen hielt, sagte Denise nur zum Kutscher, ohne den Kopf zu wenden:

»Ich brauche Sie nicht mehr, fahren Sie nach Haus!«

Ehe sie die Klingel berühren konnte, tat sich schon die von der Zeit gebräunte Eichenpforte mit ihren schweren Beschlägen auf. Man sah niemand, der sie bewegte, sie führte in das undurchdringliche Dunkel eines Ganges.

Denise trat ein, und stumm und langsam schloß sich hinter ihr die Tür.