Aus großen Höhen

1.

Grüß Gott! – klang es; und eine neue Gesellschaft trat in die Dreizinnenhütte.

»Grüß Gott!« antworteten die schon Anwesenden, die an den beiden Tischen in der kleinen Stube sahen und ihr Abendbrot verzehrten.

Die Neueingetretenen – zwei Herren und eine Dame – zögerten einen Augenblick und sahen sich um. Sie mußten sich erst an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnen, denn draußen war schon Dämmerung eingebrochen, und in der Hütte brannte die Lampe, ihre kargen Strahlen durch dichten Tabaksrauch werfend, der den Raum erfüllte.

Die drei suchten nach einem Platz am Tisch. Professor Hallbauer, der größere der beiden Herren, ein riesiger, kräftiger, breiter Mann mit ein paar auffallend glänzenden, schwarzen Augen, die unter der goldenen Brille blitzten, nahm seinen schweren Führerpickel zugleich mit dem leichten seiner Frau und stellte sie in die Ecke; den vollgepackten Rucksack hing er dazu:

»Dörstling, gib deinen Rucksack her, nein, nein, hier…«

Der andere, einen Kopf kleiner, ein zarter, weicher Mann mit schönen, feinen Zügen, die etwas Weibliches hatten trotz des Schnurrbartes und des modisch spitz geschnittenen am Kinn, reichte dem Professor den langen Bergstock, mit dem er gegangen, und einen ganz neuen, schmächtigen Rucksack. Es wurde zu den übrigen Sachen getan.

Der Professor machte eine kurze Handbewegung auf die eine Tischecke, und an der bezeichneten Stelle nahmen sie Platz.

Frau Hallbauer strich ihr kastanienbraunes, lockiges Haar zurück, das etwas wirr geworden war, und blickte dabei zu Joachim Dörstling, als fürchte sie, er möchte gefunden haben, die unordentliche Frisur stehe ihr nicht.

Nun trat der Hüttenwart, ein großer, starkknochiger Sertener in Hemdsärmeln, wie er war, hinzu und fragte, was die Herrschaften genießen wollten. Frau Hallbauer und Dörstling bestellten eine Konserve: »WÜrstl mit Kraut«. Der Professor dagegen nur eine Erbssuppe.

Dörstling wollte ihn bewegen, Wein zu trinken wie er, doch Klara Hallbauer meinte, während sie über ihren Mann einen flüchtigen Blick gleiten ließ, in dem ein Gemisch lag von Widerstreben und doch ihr abgerungenem Stolz:

»Karl trinkt nie Wein auf Hochtouren!«

»Das heißt, ich meide Alkohol überhaupt. Er regt nur an auf kurze Zeit, um schnell zu ermüden. Ich verwerfe Alkohol in jeder Form, sobald es sich um körperliche oder geistige Leistungen handelt.«

Dörstling hob sein Glas, in dem der rote Tiroler dunkel floß, trank einen Schluck und sagte:

»Du als Arzt mußt es ja wissen. Aber so einem elenden Talwanderer wie mir schadet's doch nichts.«

»Mäßig genossen – nein. Man darf auch nicht Pedant sein. Du bist einmal Wein gewohnt, also magst du ihn nur ruhig weiter trinken…«

Der Professor hielt einen Augenblick inne und blickte den andern freundlich an. Aus seinen Augen schoß zu dem hübschen, weichen jungen Mann ein Strahl der Zuneigung, der fast Liebe war. Klara aber meinte, indem sie dem Gatten die Hand auf den Arm legte:

»Nicht wahr, mit dem Talwanderer ist's doch nicht so schlimm, Männchen? Er ist doch ganz gut gestiegen heute!«

»Gewiß! Gewiß!« und der Professor klopfte Dörstling auf die Schulter.

Während die Suppe kam und die Würstl mit Kraut, zuckte der junge Mann ein paarmal fröstelnd zusammen. Sofort fragte der Professor, ob ihn friere, und als jener es zugegeben, holte er seinen Wettermantel, den er durch die Trageriemen des Rucksacks gezogen, und hing ihn dem Freunde um wie eine sorgende Mutter.

Am selben Tisch wie die drei hatten noch vier andere Bergsteiger Platz genommen. Zwei junge Leute, denen kaum der erste Flaum am Kinn wuchs, und zwei Herren Ende der Dreißiger. Die beiden jungen Leute saßen dicht beieinander, rauchten schweigend aus kurzen Pfeifen und warfen nur ab und zu einmal einen Blick zu den andern am Tisch. Die älteren unterhielten sich eifrig. Am Tonfall erkannte man die Österreicher. Die Unterhaltung drehte sich um Berge, Unterkunft, Führer, Entfernungen, Marschzeiten, schwierige oder gefährliche Stellen.

Während sie sprachen, trat aus dem Nebenraum, der zur kleinen Küche führte, wo der Hüttenwart bei den Vorräten, die dort aufgestapelt waren, seine Lagerstatt hatte, ein schlanker Führer mit blauen Augen und kleinem Schnurrbärtchen und blieb, die Hände in den weiten Taschen seiner Kniehose, schmunzelnd stehen, indem er sich umblickte und die Anwesenden musterte.

Der eine Herr am Tisch rief ihn an:

»Jörgl, was meinen S', wie schaut's mit dem Wetter aus?«

Jörgl Tschurtschenthaler, der beste Sextener Führer, einer der vorzüglichsten Kletterer der Dolomiten, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel, bewegte zweifelnd den Kopf hin und her und meinte:

»Sell kann man nit wissen. Wolken von Nord ischt nit schlecht!«

»Aber was meinen S', gehn tun wir doch sicher?«

»I mein' schon, Herr Rat! I denk, wann uns 's Wetter unterwegens derwuscht, lassn wir uns amol richtig abwaschn. Trocken wird ma wieder. Da fehlt nix. Und wann's morgen in der Früh glei beim Aufstehn tuat reg'n, wartn wir halt, und wird's gar nit besser, leg'n wir uns wieder schlof'n. Aber natierli, ganz wie die Herrn wolln. Mir is alles recht.« Als der Professor Jörgl Tschurtschenthalers Stimme hörte, setzte er seine Teetasse hin und drehte sich um:

»Grüß Gott, Jörgl!«

Der Führer betrachtete ihn eine Sekunde, dann streckte er ihm auch schon die Hand entgegen:

»Taifl! Der Herr Professor! Grüß Ihna Gott! Aber das freit mi! Sein S' a amal wieder bei uns in den Dolomiten?«

Jörgl Tschurtschenthaler trat näher an den Tisch heran. Nun reichte ihm auch Klara die Hand, während Dörstling ihn lächelnd betrachtete, in der halben Zurückhaltung des Dritten, wenn zwei andere, mit denen er zusammensitzt, einen alten Bekannten wiedergefunden haben, den er nicht kennt.

Das Gespräch ging hin und her, eigentlich bloß zwischen dem Professor und dem Führer. Erinnerungen wurden aufgefrischt, wie unter ehemaligen Kriegskameraden, die sich unverhofft wiedersehen und nun des Plauderns kein Ende finden.

Am Gspaltenhorn in der Schweiz hatten sie einmal miteinander in den Felsen die Nacht zugebracht, weil der Schneesturm ganze Steinlawinen auf ihren Weg geschüttet, so daß sie über achtzehn Stunden hatten an einem Fleck bleiben müssen, um nicht erschlagen zu werdem

Dann hatte der Jörgl an der Cima della Madonna seine Pfeife eingebüßt, die ihm ein unvermuteter Ruck des Seiles aus dem Munde geschlagen. Und wieder erinnerten sie sich an den Abbruch einer Eiswand am Großen Elend Ferner, keine halbe Minute, nachdem sie die Stelle überschritten.

»Da hättet ihr aber leicht weg sein können!« meinte Dörstling.

Der Professor antwortete nur nachdenklich, während der Führer zurückgetreten war und mit dem Hüttenwart sprach:

»Wenn man deswegen das Bergsteigen aufgeben wollte, ja, mein Gott, in der Stadt kann einem auch ein Ziegel auf den Kopf fallen, oder man kann überfahren werden. Du glaubst gar nicht, wieviel Menschen jährlich in großen Städten, wie Berlin, Paris, London, totgefahren werden. Ich habe mal die Statistik in der Hand gehabt. Jedenfalls viel mehr, als je in den Bergen verunglückt sind.«

Der eine der beiden Österreicher nickte:

»Sehr richtig, und die Abgestürzten sind noch dazu meist Edelweißsucher …«

»Oder gänzlich Laien, ohne körperliche und geistige Eignung, ohne sachgemäße Ausrüstung …« fügte der andere der beiden Herren hinzu. So kam die Gruppe am Tisch ins Gespräch, das sich nun allmählich von einem zum andern weiterspann. Nur die beiden jungen Leute beteiligten sich kaum. Sie hörten eifrig zu, nickten hier und da, verhielten sich aber sonst schweigsam.

Es wurde von den Bergen gesprochen, von schwierigen Besteigungen im allgemeinen und besonders von den Dolomiten, ihren abenteuerlichen, seltsamen Formen, ihrer Schroffheit und Steilheit, wie sie einzig ist in den gesamten Alpen.

Die beiden Österreicher meinten, Dolomitklettereien ohne Führer zu machen, wäre ein sträflicher Leichtsinn, und drüben aus der Ecke tönte eine Stimme herüber:

»Da haben Sie vollkommen recht!«

Die am Tisch blickten sich um nach dem, der gesprochen. Es war ein älterer Herr, der bei seiner Flasche Bier saß und nun wieder in seinem Reiseführer, einem Baedeker oder Meyer, las.

Der Professor hatte geschwiegen. Nun aber ergriff seine Frau das Wort und meinte halblaut, zu den beiden Österreichern gewendet:

»Mein Mann geht meist ohne Führer!«

Der Herr in der Ecke brummte wieder etwas, das man jedoch nicht verstehen konnte. Es entstand eine peinliche Pause. Klara erhob sich und flüsterte, wieder das ungefüge Haar aus den Schläfen streichend, ihrem Manne zu:

»Ich bin müde, Karl, ich möchte schlafen gehen!«

Sofort erhob sich Professor Hallbauer, und Klara verneigte sich leicht gegen die andern Herren am Tisch, ehe sie ging. Dann reichte sie Joachim Dörstling die Hand und blickte ihn flüchtig an:

»Gute Nacht! Auf Wiedersehen morgen mittag, wenn wir wiederkommen!«

Er machte eine Bewegung, als wollte er ihre Hand küssen, doch er unterließ es. Der Professor und seine Frau schritten voran in den Nebenraum, wo die Herren schliefen. Sie gingen durch bis in das letzte kleine Gemach, das Damenzimmer. Es war ein winziger Raum, in dem auf erhöhter Bretterlage vier Matratzen gebreitet waren, das Kopfende etwas höher. Wollene Decken lagen darauf. Ein Spiegel fehlte nicht, und Waschgeschirr stand auf einem Bord an der Wand.

»Brauchst du noch etwas, Klara?« fragte der Professor.

»Nein, danke schön. Aber du weckst mich zeitig genug!«

»Natürlich. Hast du denn immer Angst, du könntest nicht Zeit genug haben, du Närrchen?«

»Ich mag doch nicht unordentlich aussehen!«

Er gab ihr den Gutenachtkuß. Dabei verzog sich sein Mund zu einem Lächeln, und er, dessen Art Scherzen und Kosen fremd und schwer war, flüsterte ihr zu, indem er ihr mit dem Rücken der Hand die Wange strich:

»Meine Kläre ist doch immer eitel!«

Dann ließ er sie allein. Doch er kehrte noch einmal zurück:

»Wenn bis neun Uhr keine Dame mehr kommt, ist's möglich, daß mich der Hüttenwart mit hereinläßt, denn die Betten sind alle besetzt, und ich müßte sonst oben auf dem Heulager schlafen. – Jedenfalls paß auf das Licht auf und vergiß nicht auszulöschen!«

Nun ging er wirklich. Sie aber machte eine ungeduldige Bewegung und zog ein Mäulchen. Lange betrachtete sie sich im Spiegel, ehe sie sich auszog. Die Unterkleider behielt sie an, nur das Flanellhemd wechselte sie. Ihr Mann hatte ihr ein kleines Paket gebracht, das er seinem Rucksack entnommen: es enthielt in Wachstuch eingeschlagen alles, was sie brauchte für Nacht und Morgen.

Dann legte sie sich und wickelte sich in die Decken. Schon wollte sie einschlafen, als sie daran dachte, daß das Licht noch brannte. Bei dem Gedanken, sich aus den warmen Hüllen wieder erheben zu müssen, überschlich sie ein ärgerliches Gefühl gegen ihren, wie sie meinte, pedantischen Mann. Aber als sie sich in der Dunkelheit wieder legte und die Wolldecken zurechtzog, fühlte sie sich bald warm und versank in süße Träume.

Joachim Dörstling hatte dem Freunde gute Nacht gesagt. Er langweilte sich in der räucherigen Hütte und wollte lieber schlafen gehen. Der Professor blieb noch auf, um neun Uhr zu erwarten. Der Jüngere aber trat in den allgemeinen Schlafraum. Er hatte das letzte Lager bekommen, hart an der Wand des Damenzimmers, und als er sich zur Ruhe gelegt und sich noch einmal überzeugt, daß er auch allein im Zimmer sei, klopfte er an der dünnen Holzwand und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, bis von drüben das gleiche Klopfen antwortete.

»Gute Nacht!« sagte er ganz leise, den Mund an die Wand gepreßt.

»Gute Nacht!« klang es ebenso leise zurück. Und ein glückliches Lächeln auf den Lippen, schmiegte sich Joachim ganz nahe an die harte Holzwand und schloß die Augen.

Als die drei Neuankömmlinge den Eßraum der Dreizinnenhütte verlassen hatten, rief der Österreicher:

»Jörgl! Jörgl!«

Tschurtschenthaler erschien in der Tür:

»Woas wünschen S'?«

Wer der Herr sei, den der Jörgl »Herr Professor« angeredet? Der Führer nannte den Namen. Die beiden jungen Leute, die mit am Tisch saßen, horchten sofort auf. Nun fragten die Österreicher abwechselnd Jörgl aus: ob die Dame seine Frau sei – ja; wer der andere Herr wäre – er wußte es nicht; der Professor müßte wohl ein tüchtiger Steiger sein, da er allein ginge.

Tschurtschenthaler antwortete:

»Der beschte Tourischt ischt er schon, mit dem i gangen bin. Jetzt geht er halt immer allein und macht den Führer für die Frau …«

Aber da trat der zweite Führer der beiden Herren in die Tür, ein kleiner, schwarzer Kerl mit dunklen Augen, Pacifico Menardi, ein Ampezzaner aus Cortina:

»Jörgl, dei Suppen wird kalt!«

Das Ladinische klang heraus, irgendein fremder Ton, obwohl die Worte gesetzt waren, wie es Jörgl nicht anders getan hätte.

Nun kamen die beiden jungen Leute mit den älteren österreichischen Touristen ins Gespräch. Sie wußten von Professor Hallbauer und redeten von ihm mit größter Bewunderung. Verehrung, fast Liebe klang daraus, hohe Begeisterung, beinahe etwas wie Scheu vor dem Mann, der einen der ersten alpinen Namen der Welt trug.

Sie erzählten, daß Professor Hallbauer in seiner Bergsteigerlaufbahn nahe an tausend Gipfel bestiegen, darunter in den letzten Jahren viele hundert führerlos. Er hatte über sechzig Erstbesteigungen oder doch Besteigungen auf durchaus neuen Wegen gemacht.

Die jungen Leute, die offenbar die alpine Literatur genau kannten, erzählten mehr und mehr von ihm. Einer nahm immer dem andern das Wort vom Mund. Der ältere sagte:

»Bei der Katastrophe vor zwei Jahren am Lyskamm hat er den einen verletzten Führer aus Lauterbrunnen, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, ganz allein drei Stunden über den Gletscher geschleppt.«

»Er hat zum Beispiel den steinsicheren Felsenweg auf die Eroda rossa gefunden!« fiel der andere ein.

Doch sofort begann der ältere von neuem und fragte, ob die Herren nicht des Professors Beschreibungen kennten aus der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins und aus dem Jahrbuch des Schweizer Alpenklubs?

Der »Rat«, wie ihn Jörgl genannt, verneinte, zog aber das Notizbuch, um sich den Namen aufzuschreiben. Doch die jungen Bergsteiger rieten, die Herren möchten lieber das Werk Hallbauers lesen: »Tagebuch eines Bergsteigers«. Es sei so tief, so voll heiligsten Naturgefühls, voll gewaltigster Poesie und erhabenster Empfindung, wie nichts jemals über die Berge geschrieben worden. Es könne nur von einem großen, innerlichen Menschen stammen.

Wie so ein Wort das andere gab, stellten sich, als man bekannter und herzlicher wurde, mit einemmal die jungen Leute vor:

» Studiosus medicinae Julius, studiosus juris Eberhard Weber aus Jena.«

Zwei Brüder. Die Österreicher nannten gleichfalls ihre Namen, und im weiteren Verlauf des Gespräches fand sich Stand und Titel dazu: Dr. Lodinger, Statthaltereirat aus Graz, unb Alois Gstatter, Hof- und Gerichtsadvokat aus Wien.

Aber die Unterhaltung dauerte nicht mehr lange. Alle dachten ans Schlafengehen, und bald zog sich einer nach dem andern zurück. Zuletzt auch der ältere Herr vom andern Tisch, der in seiner Ecke gebrummt. Zwei weitere Touristen, die dort gesessen, ein paar Paßwanderer in langen Beinkleidern mit Bergstöcken bewehrt, der eine sogar in gesteiftem, nun natürlich gänzlich zerknittertem Leinenhemd, waren schon vorher zur Ruhe gegangen.

Auch die Führer hatten das Heulager auf dem Boden aufgesucht, das von außen über eine Leiter gewonnen werden mußte.

Der Professor stand vor der Hütte, abgehärtet, wie er war, im bloßen Rock. Für ihn war es frisch und kühl, aber nicht kalt. Er blickte in die brauenden Nebel hinaus, die sich um die drei Zinnen wanden, hin und her gezogen, je nachdem sie einmal ein Windhauch rechts oder links getrieben.

Dort ragten sie auf in jäher Schroffheit, gleich Kirchtürmen, die kleine links, schlank, scheinbar unbezwinglich, die große und westliche in furchtbaren Wänden mauerprall niedersetzend auf das Geröll, das sich an ihrem Fuß in steiler Halde hinabzog, in Jahrtausenden gebildet aus Trümmern, abgebrochenen Blöcken, vom Wasser losgesprengt und herabgestürzt.

Unwillkürlich dachte der Professor an vergangene Jahre, als er den Zinnen dort vor ihm zum erstenmal den Fuß aufs stolze Haupt gesetzt. Er dachte an Gefährten aus der Studentenzeit, wo sie noch mit Führer gegangen oder das erste Führerlose hier und da versucht.

Dieser und jener von den Genossen jener Zeit war nicht mehr. Einer war den Strohtod gestorben zu Haus im warmen Nest bei den Eltern. Einer lag auf dem Friedhof von Zermatt, wo das Matterhorn hereingrüßte auf den kleinen Leichenstein, den es verschuldet. Einen hatten sie in Heiligenblut verscharrt. Der Glockner blickte auf sein Grab und die Glocknerwand, die es gefügt, daß er dort unten zur letzten Ruhe gebettet worden.

Der Gefährten Ringen und Kampf um die Höhen war zu Ende, sein Mühen dauerte noch fort. Er war glücklicher gewesen. Er hatte eine Frau seitdem gefunden, die mit ihm ging, die sich ihm als Führer anvertraute auf seine geliebten Berge, wie er sie führen wollte durchs Leben mit sicherem Tritt, mit fester Hand, frei den Kopf von Schwindel, stark das Herz, das für sie schlug.

Der Professor setzte sich auf die Bank vor der Hütte und blickte in die Ferne hinaus: jetzt waren die Zinnen ganz nebelversteckt. Man konnte nur noch drüben die eine niedrige, vorgeschobene Spitze, einen Seitenturm der kleinen Zinne sehen: die Punta di Frida, und weit drüben rechts die Gruppe des Monte Cristallo, ganz verschoben, ein ungewohnter Anblick. Der Piz Popena, immer noch alleinstehend, als Riesenkegel, der Cristallo dann wie ein langer Rücken.

Hell stand der Mond am dunklen Nachthimmel, eine blendende Scheibe, wie nicht recht geputzt mit ihren Flecken, Gebirge wie hier unten das Dolomitenland, das gespenstische Lichter von ihm empfing, unsicher, die phantastischen, wilden Formen der zerfressenen Felsen durch tiefe Schatten noch phantastischer, unglaublicher machend.

In der Ferne zogen oben, hoch oben dunkle, schwere Wolken langsam hin. Unten über den Tälern lagen silbrige Nebel, Watte gleich. Das Plateau mit der kleinen Hütte von Menschenhand ragte aus dem Dunst, als wäre es eine verlassene Klippe im weiten Meer.

Und das Bild senkte sich tief in des einsamen Beschauers Seele. Ihm war es wie eine heilige Feierstunde. Alles schwieg. Er war ganz allein. Er konnte wähnen, ganz allein auf der Welt zu sein.

Wie in Erstarrung blieb er sitzen, als könnte er sich von dem Anblick nicht trennen.

Endlich riß er sich los. Es mußte zehn Uhr sein, und leise, um die andern nicht zu wecken, schlich er sich in die Hütte.

2.

Als der Morgen noch kaum graute, war in der Dreizinnenhütte schon Licht. Das Feuer brannte bereits auf dem Herd hinten im Anbau. Die Führer waren dabei, die Rucksäcke zu packen, und auf dem Tisch dampften schon Tee und Kaffee.

Im Eßraum saßen die Brüder Weber, Doktor Lodinger und der Wiener Advokat beim Frühstück. Alle waren mehr oder weniger verschlafen, wortkarg und mit sich selbst beschäftigt.

Jörgl Tschurtschenthaler flüsterte Pacifico Menardi zu, er möchte sich beeilen, damit sie zuerst fortkämen. Er wisse nicht, auf welche Hochzinne es die beiden Führerlosen abgesehen hätten, aber wenn sie gleichfalls die große Zinne in Angriff nähmen, so gäbe das eine »verteifelte Kraxelei – oanmal a Stund länger und zum andern der nachfolgenden Partie oane Klafter Stoan aufn Schädel!«

Menardi meinte, er wolle »spekulieren« gehen, wie die Sache stünde.

In diesem Augenblick trat, auf Strümpfen schleichend, die schweren Nagelschuhe in der Hand, der Professor ein. Er wollte die andern, die noch schliefen, nicht wecken. Trotz seiner Vorsicht begann der ältere Herr, der schon gestern abend gebrummt, zu schimpfen. Man hörte etwas von »Rücksichtslosigkeit«, von »ewige Störung« und »auch noch andere Leute hier!«

Professor Hallbauer achtete nicht darauf. Ein Lächeln flog um seine Lippen. Aber der Statthaltereirat ärgerte sich und rief hinüber, während die Tür angelehnt geblieben:

»I bitt schön, machen S' doch gefälligst keine Geschichten. Sie stören die andern. Sie, Sie allein, aber nicht wir!«

Da gewann auch Julius Weber Mut:

»Und die Hütte ist doch eben für die Hochtouristen gebaut, die Zeit gewinnen wollen, um Hochtouren zu machen. Wer nur von Sexten nach Landro will, kann ja bei Tage über den Toblinger Riedel und die Dreizinnenhütte gehen.«

Drinnen blieb alles ruhig. Der Brummbär knurrte offenbar bloß, aber biß nicht.

Doch Doktor Lodinger konnte sich noch nicht beruhigen und schimpfte eine Weile fort. Darüber kamen sie alle ins Gespräch, und die Führer benutzten die Gelegenheit, herauszubekommen, wohin die einzelnen Partien gehen wollten. Es stellte sich heraus, daß es die beiden Studenten richtig auf die große Zinne abgesehen hatten.

Sofort gab Jörgl seinem Herrn das Zeichen zum Aufbruch. Er nahm eiligst gleich die Pickel für Doktor Lodinger und den Wiener Advokaten mit und trat ins Freie. Menardi folgte schnell, und bald huschten die vier Gestalten geradeaus über die zerrissenen Platten und das Geröll davon, den Zinnen zu.

Die Brüder blieben wie in einer Art von Befangenheit zurück, als wagten sie es nicht, vor Professor Hallbauer die Hütte zu verlassen.

Der hatte die Bergschuhe angezogen und wartete auf seine Frau. Da sie noch immer nicht kam, trat er in die Tür und blickte hinaus. Scharf wehte ihm die kalte Luft entgegen. Das tat ihm wohl nach der dumpfigen Atmosphäre in der Hütte. Er streckte die Hand aus, zu fühlen, ob es etwa regnete, denn gesehen hätte man nichts. Es herrschte noch immer Dämmerung draußen. Die Luft war feucht, aber kein Niederschlag zu spüren.

Der Professor blickte zum Himmel empor: nichts zu sehen – die Nebel strichen zu tief. Sie hingen beinahe bis auf das Dach der Hütte herab. Gerade in diesem Augenblick kam ein Windstoß von der Sextener Seite geblasen und fegte die Dünste wie Rauchwolken über den felsigen Boden, daß sie förmlich sich überschlagend, sich wälzend hinrollten in mächtigen Ballen, Spulen, daß sie die andern noch nicht bewegten Luftschichten mitrissen gleich einer Lawine, die allmählich in Schwung kommt und nun in ihre Bahn alles hineinzieht in weitem Umkreis.

Sehr einladend war das Wetter gerade nicht, aber schließlich wollte es nicht viel bedeuten, denn diese Frühnebel gab es fast jeden Tag.

Er wandte sich um: noch immer war Klara nicht erschienen. Ob sie etwa wieder eingeschlafen war? Er ging in den Schlafraum. Joachim Dörstling richtete sich in der Ecke auf und brummte:

»Wollt ihr denn fort bei dem Wetter?«

Der Professor machte ein erstauntes Gesicht:

»Es ist doch ganz schön!«

»So.«

»Kommst du ein Stück mit? Bloß bis an den Einstieg in die Felsen?«

Joachim reckte sich. Er war faul, noch müde, und der Gedanke, heraus zu müssen, begeisterte ihn nicht. Er zögerte, da erschien Klara, schon fertig angezogen, nur in Hausschuhen, in der Tür. Sie sah frisch aus, ihre Augen leuchteten, wie sie sich seitwärts wandte und ein Lichtstrahl aus dem Speiseraum ihr Gesicht traf. Sofort griff sie die eigentlich als Scherz gemeinte Aufforderung ihres Mannes auf:

»Natürlich, Herr Dörstling, Sie kommen mit. Sie wollten doch so eine Kletterei einmal erleben!«

Damit ging sie hinüber, ihren Tee zu trinken, und der Professor fügte noch hinzu:

»Joachim, eine bessere Gelegenheit, die Sache einmal in der Nähe zu sehen, gibt es gar nicht; denn du kannst ohne Mühe, fast eben, bis an den Einstieg mitkommen. Dann steigst du ein Stück das Geröll hinab und kannst uns klettern sehen, oder du kehrst zur Hütte zurück …«

Er zögerte, er wußte nicht, was er tun sollte; aber durch die Unterhaltung war er vollends wach geworden, schob die Decken beiseite, zog den Kragen seines Wollhemdes zurecht und band die während der Nacht aufgegangene Krawatte. Dann folgte er den beiden andern. Sofort fragte Klara:

»Kommen Sie mit?«

Joachim blickte sie fragend an, und als der Professor gerade wieder in die Tür trat, hinauszuschauen, flüsterte er, indem er sie groß ansah:

»Möchten Sie es?«

Sie schlug die Augen nieder:

»Gewiß, Sie langweilen sich hier auf der Hütte allein.«

»Das täte doch nichts!«

»Aber … aber dazu sind Sie doch nicht mitgekommen.«

Der Hüttenwart kam mit einer Portion Tee. Joachim sagte nur noch kurz:

»Also, ich gehe mit.«

Dann kam der Professor herein und begann auf dem Tisch seinen Rucksack zu packen. Er tat zwei Paar Kletterschuhe hinein, ein Paar große für sich, ein Paar winzige, zierliche: die seiner Frau. Dann eine Blechtube Vaselin-Lanolin, Handschuhe, eine große Gummiflasche voll Wasser, einen Wettermantel aus Lodenstoff für seine Frau, ein paar Taschentücher, einen zusammenschiebbaren Trinkbecher aus Aluminium, einen Krimstecher, etwas Proviant.

Darauf schnürte er den grün-schilfleinenen Rucksack zu, hing ihn um und nahm ein langes, starkes Führerseil, das zusammengebunden in der Form eines Seerettungsrings auf dem Stuhl lag. Er fuhr mit dem einen Arm hinein und dem Kopf. Dann ergriff er seinen schweren Pickel, gab den kleineren seiner Frau in die Hand und trat in den frischen Nebelmorgen hinaus.

Seine Frau folgte. Zuletzt kam Joachim, der noch allerlei gesucht und nicht fertig werden konnte, weil er unausgesetzt auspackte, um nicht Unnötiges mitzunehmen, und dann wieder in den Rucksack tat, in der Befürchtung, er könnte irgend etwas vergessen, das er später schmerzlich vermißte.

Am längsten hielt ihn die Frage auf, sollte er seinen Wettermantel mitnehmen oder nicht. Er mochte ihn nicht tragen, andererseits hatte er Angst, es könne regnen, und er möchte sich erkälten. Endlich entschloß er sich, als er die brauenden Nebel vor der Hütte gesehen, doch das Kleidungsstück nicht zu entbehren.

Der Professor liebte Unentschlossenheit nicht und haßte die Hüttenbummelei. Er sagte kein Wort, aber an seiner Schweigsamkeit, an seinem Vorwärtsdrängen sah man die Ungeduld. In der Tat eilte er auch so schnell davon, daß nach wenigen Augenblicken seine hohe Gestalt im Nebel nur noch undeutlich, bald gar nicht mehr zu erkennen war. Ein paar Schritte hinter ihm ging seine Frau, die sich immer ab und zu nach Dörstling umdrehte.

Joachim achtete nicht darauf. Er war zu sehr mit dem Weg beschäftigt. Auf den zerkeilten, glattgeschliffenen Steinplatten rutschte er ab und zu aus. Er war nicht berggewohnt wie das Ehepaar. Er mußte immer überlegen, als er jetzt plötzlich am Felsenhang einen deutlich getretenen Pfad hinabging, wie er die Füße setzen müßte, um nicht in den schmalen Tritten hängenzubleiben, sich die Sohlen lockerzutreten, Nägel aus den Stiefeln zu verlieren, die er sich auf Rat des Professors drunten in Schluderbach erst gestern hatte nageln lassen.

Immer meinte er, daß er den nächsten Tritt nicht finden würde. Er stieß sich an die Schienbeine und einmal mit dem rechten eisenbeschlagenen Absatz derartig an den Knöchel des linken Fußes, daß er laut hätte schreien mögen.

Er begriff die beiden andern nicht, die da hinuntersprangen in alter Berggewohntheit, als wäre es der Bürgersteig einer Straße in Berlin, das er, wie sie, doch kaum erst vor einigen Tagen verlassen.

Es kam ihm wie ein Traum vor, die Nacht in der Hütte, und daß er jetzt auf dem Wege war zu den drei Zinnen, den gefürchteten Zinnen, die einen fast klassischen Namen hatten bei den Bergsteigern wie bei gewöhnlichen Talbummlern wie er. Die kleine Zinne hatte lange Jahre für unersteiglich gegolten. Sie standen alle drei in den Reisehandbüchern als »sehr schwierig«, in einigen die kleine sogar als »gefährlich«.

Daß sie Freund Hallbauer überwand, schien Joachim nichts Besonderes, denn er hatte zu oft den Professor als erstklassigen Hochtouristen nennen hören, wenn er auch keinen rechten Begriff damit verband, er, der sich bisher nur immer die Berge von unten angesehen und im Grunde genommen lieber ans Meer ging als in die Alpen.

Im Seebad konnte man flirten, am Strand fühlte er sich in seinem Element, der etwas süße, weichliche Mann mit den schönen Augen. Und wenn seines Freundes Frau nicht gewesen wäre, er säße jetzt heilig und sicher in Helgoland, in Norderney oder noch lieber in Ostende.

Aber Klaras Aufforderung, er möchte mitkommen nach Tirol, hatte er nicht widerstehen können. Er fühlte sich außerstande, ihr eine Bitte abzuschlagen. Das war schon so gewesen fast vom ersten Tage an, als er sie kennengelernt.

Es war vorigen Herbst erst geschehen. Die Freunde hatten sich jahrelang aus den Augen verloren. Joachim lebte meist im Ausland, den Winter in Italien, an der Riviera, in Kairo, den Sommer in eleganten Bädern. Er führte ein Leben ohne Ziel, ohne Beruf. Er war wohlhabend, war ohne Familie und hatte nur, um den für den Deutschen scheinbar notwendigen Titel zu besitzen, den Doktor gemacht. Dann studierte er Kunstgeschichte, doch ohne praktischen Zweck. Ein Examen wollte er nicht machen, einen Lehrstuhl nicht einnehmen, die Museumskarriere nicht einschlagen. Das band, das verpflichtete. Und er wollte ungefesselt sein, an allen Blumen riechen, an jedem Glase nippen. Das Leben wie ein Kunstwerk betrachtend, ein Amateur der Existenz, ein Dilettant, begabt, begeistert, geschickt, glücklich. Ein Mensch der, weil er Zeit, Gesundheit und Geld besaß, alles zu erleben, was das Dasein bot, sich auch berechtigt fühlte, auf dieser Erde zu weilen.

Da hatte er eines Herbsttags auf der Friedrichstraße Professor Hallbauer getroffen. Wiedersehen, Freude, Einladung in sein Haus. Der war verheiratet. Merkwürdig. Wie konnte man nur verheiratet sein! Joachim versprach sich nicht viel von dem Besuch. Sein Freund war ordentlicher Professor an der Universität Berlin, bekannter Operateur.

Der Doktor Joachim Dörstling rechnete auf eine brave Professorsfrau. Er dachte sie sich mit Strickstrumpf und guter Stube. Ein förmlicher Besuch, und er würde abreisen.

Statt dessen fand er eine junge, frische Frau mit braungelocktem Haar, die von allem zu reden wußte, gereist war wie er, mit klugen, hellen Augen in die Welt sah, eine Frau, die ihn fesselte vom ersten Augenblick an.

Er blieb in Berlin. Noch nie war ihm ein Winter so kurz vorgekommen. Bald wurde das Haus seines Freundes, mit dem er zusammen die Schulbank gedrückt, von dem ihn nur dann das Leben getrennt, sein ein und alles.

Den drei Menschen schien durch die Erneuerung alter Freundschaft gleichmäßig geholfen: der Professor freute sich, jemand zu haben, der seiner Frau paßte, seiner Frau, die sonst nicht leicht für einen Menschen eingenommen war, die an allen Kollegen ihres Mannes, überhaupt an jedem noch, der mit ihnen verkehrte, etwas auszusetzen fand.

Klara unterhielt sich harmlos mit Joachim und sah in ihm einen angenehmen Gesellschafter, der ihr erzählte und erzählte, während sie bequem im Lehnstuhl saß, mit einer Blume, einem Papiermesser, irgendeinem Nichts spielend.

Und nicht sie allein ließ ihn schwatzen. Auch dem Professor machte es Spaß, zuzuhören und des Redens enthoben zu sein. Wenn er abends nach Haus kam, pflegte er müde zu sein vom anstrengenden Lauf seines Tages. Vom Beruf teilte er nichts mit. Oberflächlich hätte er von Diagnose und Operation, von Kranken, von klinischen Erlebnissen und Beobachtungen, von seinem Lehramt nicht gesprochen.

Das hatte im Anfang der Ehe Verstimmungen gegeben. Er sollte erzählen – und das war wider seine Natur.

Er war überhaupt nicht leicht mit dem Wort da und deshalb auch kein guter Kathederdozent. »Durch Erleben, durch Sehen lernen wir, nicht durch Reden, durch Hören!« pflegte er zu sagen. Da ließ er denn Joachim erzählen, saß ruhig dabei, oft zerstreut, manchmal durch ein Wort seine Zustimmung andeutend. Wenn er anderer Meinung war, schwieg er. Er fühlte nicht das Bedürfnis, zu widerlegen, seine Ansicht andern aufzunötigen, nicht einmal sie ihnen kundzutun.

Nur wenn das Gespräch auf die Berge kam, richtete er sich im Stuhl auf und nahm reger teil. Seine Frau war es immer, die davon begann, von allem erzählte, was sie »gemacht«, wie ihr Mann sie angelernt, sie zuerst Angst gehabt, aber allmählich gesehen, daß man in seiner Begleitung geborgen sei wie daheim in der warmen Stube.

Dann leuchteten seltsam ihre Augen, wie sie heute früh in der Hütte beim schwachen Schimmer des Lichtscheins geleuchtet, ein förmliches Phosphoreszieren, wie es Joachim nie bei einem andern Menschen, gesehen. Dann blickte sie mit Stolz auf ihren Mann, von dessen Bedeutung als Arzt sie nichts zu ahnen schien.

Immer beredter wußte sie zu erzählen von Bergfahrt und Gefahr, von Anstrengung, von vorbeidonnernden Lawinen, von grausigen Blicken in ungelotete Schlünde und Tiefen, vom Kleben an furchtbarer Felsenwand, vom Klettern auf zersägtem Fels-, vom Schreiten auf messerscharfem Eisgrat.

Es war Gefühl alles; sie warf das Tatsächliche durcheinander, und der Professor verbesserte nur immer die Höhenangaben, Entfernungen, Namen. Er selbst sprach nichts, aber man fühlte, wie er mit allen Sinnen dabei war.

Joachim saß dabei und verstand von den Hochtouren nichts. Er vernahm, wie seine Freunde die Monate, die Wochen, die Tage zählten, bis es, wie alljährlich, hinausging in die Alpen. Er erlebte, wie sie es nicht erwarten konnten, und er fürchtete sich vor dem Augenblick, wo sie in die ewigen Einsamkeiten dort oben stiegen, während er im Tal, in stickiger Tiefe blieb. Es war ihm zumute, als könnten die beiden fliegen, und er kröche und schritte; sie winkten ihm ein Lebewohl zu, dann waren sie droben in den Höhen seinen Blicken entschwunden.

Der Gedanke war ihm entsetzlich. Wem sollte er dann erzählen, bei wem sitzen? Er, der unstet gewesen, hatte bei diesen Freunden endlich ein Heim gefunden. Das wäre nun vorbei? Immer sah er sie vor sich in Gedanken. Klara erblickte er. Die Frau, mit der er stundenlang sprechen konnte, er wußte eigentlich nicht wovon. Die er nie müde ward anzusehen. Die diesen Winter ein Bestandteil seines Lebens fast geworden, das er nicht mehr hinwegdenken konnte.

Je näher die Stunde gerückt war, desto unheimlicher ward ihm zumute. Die scheinbar notwendige Trennung lastete auf ihm, daß er etwas empfand beinahe wie körperlichen Schmerz. Der Professor konnte, wenn es seinen Beruf betraf, seine Kunst, weich werden bis zum Unrecht. Einem Patienten Erleichterung zu schaffen, hätte er sich die größten Anstrengungen auferlegt. Aber bei Hochtouren – das sagte Klara immer und immer wieder – war er wie umgewandelt. Da kannte er keine Rücksicht auf andere Menschen. Eine Störung darin empfand er wie eine Beleidigung.

So konnte Joachim nicht vorschlagen, seine Freunde zu begleiten. Er sprach einmal mit Klara darüber. Er hoffte, sie sollte ihren Mann darum bitten. Doch sie hatte Joachim nur angeblickt wie »ich täte es ja so gern, aber es geht nicht!«

Da hatte er abenteuerliche Pläne geschmiedet: er wollte heimlich ihnen nachreisen, wollte sich trainieren, wollte laufen und laufen und steigen und steigen und mit einem Führer klettern, sich einweihen lassen in alle Geheimnisse der Hochtouristik. Doch ein Bekannter, der Bergsteiger war, machte ihm klar, daß er Jahre der Übung brauchen würde, um dem Professor auf schwierigen Touren folgen zu können.

Joachim gab es auf. Er kannte sich, er war nicht stark. Er war etwas wehleidig sogar: er würde sich blamieren.

Da war etwas ganz Unerwartetes eingetreten: eines Abends, als wieder von den Bergen die Rede war, machte Joachim ein ganz trostloses Gesicht, wurde nervös, ließ sich hinreißen und rief:

»Die verfluchten Berge!«

Der Professor blickte ihn erstaunt an:

»Was haben sie dir getan?«

Joachim ärgerte sich, daß er sich hatte gehen lassen, und sagte traurig:

»Ach, ich weiß schon, die sind nicht schuld. Ich bin nur so traurig, daß wir uns trennen müssen. Dann ist alles vorbei, dann sitze ich ganz, ganz mutterseelenallein!«

Sein Freund antwortete plötzlich, indem er ihm herzlich die Hand bot:

»Komm mit!«

Joachim wollte es fast nicht glauben, aber als der Professor den glückseligen Ausdruck auf dem Gesicht seiner Frau sah, blieb er nicht nur dabei, sondern redete zu, entkräftete Einwände, schwache Gegengründe, ein kaum ernstgemeintes Widerstreben, indem er sagte:

»Du begleitest uns einfach in die Hotels, die großen Standquartiere oder auf die Hütten. Und wenn mal was ganz Leichtes vorkommt, wer weiß, du versuchst dich am Ende mal als Bergsteiger. Soll ich dich anlernen?«

Klara klatschte in die Hände:

»Ja, wir zeigen Ihnen alles. Ich, ich, denn ich verstehe alles ganz genau, wie man das Seil braucht, wie man Stufen schlägt, wie die Griffe am Felsen sind …«

Sie tanzte im Zimmer herum. Joachims scheinbarer Widerstand war überwunden. Es war alles in Ordnung. Der Professor aber freute sich schon darauf. Er warb gern für das, was ihm das Köstlichste schien auf diesem Erdenrund: für die Berge.

Und dann auch stieg in leiser Selbstsucht, in seiner fanatisch-leidenschaftlichen Hochtouristenseele der Gedanke auf: an den Rasttagen, die seiner Frau wegen eingelegt werden mußten, hatte sie dann Gesellschaft. Dann brauchte er nicht mehr schöne Stunden unten zu versitzen, sondern ging, wenn er sie in Gesellschaft wußte, in der Zwischenzeit allein. Etwa auf Rekognoszierung eines neuen Anstiegs oder um etwas so Schweres zu unternehmen, das er seiner Frau nicht zumuten wollte.

So waren die drei in die Berge gekommen. Und jetzt sah Joachim zum erstenmal mit eigenen Augen, wovon ihm die Freunde den Winter erzählt.

Er wollte mitgehen, soviel er konnte. Er wollte nicht zurückbleiben, wollte mitreden können, wollte sich als Mann zeigen in ihren Augen. Er würde sich schon eingewöhnen, meinte er, wenn ihm auch gestern der Anstieg von Schluderbach drunten im Ampezzotal bis herauf zur Hütte viel Schweiß gekostet und er ihn jetzt noch in den Gliedern spürte.

Er ging als letzter. Weit vorn sah er den Professor, der langsam ausschritt, ganz gleichmäßig, den Pickel wie ein Gewehr unter dem rechten Arm. Hinterdrein folgte mit kurzen Schritten Klara. Und Joachims Auge ruhte mit Wohlgefallen auf ihrer schlanken Gestalt, die ihm ganz verändert erschien und doch von köstlichstem Liebreiz.

Sie hatte das Kleid abgelegt und trug, wie die beiden Männer, ein paar weite Kniehosen. Eine Notwendigkeit bei scharfem Klettern.

Das hatte er noch nie erblickt. Er konnte nicht die Augen davon wenden. Es zog ihn unwiderstehlich an, und als sie sich zu ihm herumwendete mit der Frage:

»Kommen Sie mit? Geht's zu schnell?« vergaß er fast zu antworten.

Sie waren unter den Abstürzen der langen Felsmauer des Paternkofels hingegangen, die noch halb im Nebel steckte. Deren abgebröckeltes Karren- und Schuttfeld querten sie auf schmalem, durch die Bergsteiger mit den Jahren getretenem Fußpfade. Rechts ging es hinab über Schutt, Blöcke, Steine, die ganz unten in der Tiefe sich im Morgendunst verloren.

Aber die Nebel trieben nicht mehr so stark wie in dem Augenblick, als sie die Hütte verlassen hatten. Es kam ab und zu ein Windstoß von den Zinnen herüber, denen sie zustrebten. Er riß Fetzen heraus, trieb die Dünste zusammen, machte die Aussicht, indem er ein Wolkentor öffnete, einmal frei.

Doch Joachim konnte nicht aufblicken, er ging zu unsicher, er mußte zu sehr auf die Stelle achten, wo er seine Füße hinsetzen wollte.

Da hielt Klara mit einem Male inne. Sie stützte sich auf den eingestemmten Pickel und rief mit Staunen, in Freude und Bewunderung:

»Da … da … die Zinnen!«

Auch der Professor vorn war stehengeblieben, aber er rief nur mehrmals hintereinander:

»Ah! Ah! Ah!«

Joachim blickte auf. Die Nebel hatten sich zerteilt, unten hingen sie noch in einem grauweißen Band zusammen, das um den Fuß der Felsen geschlungen schien, darüber aber wichen sie zur Seite, und ein paar Kolosse, kirchturmgleich, überkühne, jähe, gotische Kathedralen, stiegen vor seinen erstaunten Blicken in den eben morgendlich sich rötenden Himmel empor.

Ein fahles Licht umzirkelte das wundersame Gebilde, unten violett, oben gelblich, in dem Morgenhimmel verblassend, der sich aufhellte mit jeder Sekunde.

Die Felsen waren zerborsten und zerfressen, durchbrachen gleich Spitzensäumen, in gotisches Ornament übergehend. Sie glänzten rötlich in der jungen Nebelsonne. In Bändern waren sie aufgebaut, in gewaltigen Schichten und Absätzen, die rund um die gewaltigen und doch schlanken Steinmassen zu laufen schienen. Schmale Risse durchzogen hier und da das Gestein, furchtbare Kamine, ins Leere mündend, mit eingekeilten Blöcken, Verwitterungsstücke, die den Schlund sperrten.

Immer freier wurden die Türme, immer weiter zogen sich die Nebel zurück, und schließlich standen die Ungetüme da, Riesensäulen, eine Masse, ineinander übergehend, daß man nur die vorderste, die kleine Zinne sah, während zur Rechten die glatten entsetzlichen Wände der großen sie fortsetzten. Sie schienen unnahbar, unmöglich zu erklimmen, wie sie so in einer Riesenflucht aus den Schutt- und Geröllfeldern grau in den Himmel stiegen, rot an den Abbruchsstellen und oben, ganz oben, goldig von den ersten morgendlichen Strahlen erhellt.

Joachim mußte den Hals recken, um hinaufzuschauen. Er fühlte sich wie benommen, er hatte einen solchen Anblick nicht erwartet, nie für möglich gehalten. Und wie er hinaufschaute zur Spitze des Riesendomes, sah er weiße Wolken darüber ziehen, die fast den schmalen Gipfel zu streifen schienen, als wollten sie das bröckelnde Gestein herabfegen beim Darübergleiten.

Da schien der Riesenfelsbau zurückzufließen. Es war Joachim, als bewegte er sich, als käme er ins Schwanken, als stürzte er ihm entgegen. Ihm wurde schwindlig. Und er mußte den Blick senken. In dem einen Augenblick stand ihm alles vor Augen, ihm, der nie eine Besteigung erlebt. Er sah die beiden andern wie die Fliegen an den Felsen kleben, er sah sie als kleine, schwarze Punkte, winzige Menschlein, ohnmächtig, verstiegen in den furchtbaren Wänden, daß sie nicht vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten.

Die Angst packte ihn, ein die Brust zusammenschnürendes Gefühl, als wäre er wirklich dabei. Er mußte sich an seinen Bergstock halten, den er noch einmal fest ins Geröll stieß. Und plötzlich befiel ihn der Gedanke an die Frau vor ihm. Auch sie kannte die Zinnen nicht. Eine jähe Beklemmung kam ihm: Furcht um sie.

Doch sie schaute, auf den Pickel gelehnt, genau in der gleichen Stellung wie ihr Mann hundert Schritt vor ihr, hinauf zu den gotischen Felsentürmen und sagte staunend:

»Gott, ist das schön!«

3.

Es ging über den Sattel; ein neues Bild erschien: ein Geröllhang mit zwei kleinen, seeartigen Tümpeln, in deren dunklem Metallspiegel Himmel und Wolken sich abzeichneten. Das andere drüben war in Dünste gehüllt.

Nun bogen sie rechts ab, immer über große Blöcke oder groben, grauen Vewitterungsschutt. Sie näherten sich mehr und mehr den furchtbaren Wänden der kleinen Zinne. Jetzt kamen sie ganz nahe heran, während es links neben ihnen tiefer und steiler über das Geröllfeld hinabging. Dicht an den Felsen schritten sie hin. Die rechte Hand konnte sie greifen. Joachim hielt sich daran, um sicherer zu gehen. Eine Stelle kam, wo sie über fast freihängende, kaum mehr als meterbreite Felsplatten mußten, und er zögerte ein wenig.

Klara wollte ihm die Hand bieten:

»Soll ich helfen?«

»O nein, danke.«

Er schämte sich ein wenig und ärgerte sich. Es war auch schnell vorbei. Aber nun kam ein steiler Schuttstrom, der sich um die Felsen wand. Jeder Schritt vorwärts brachte einen halben zurück. Alles rutschte, strömte, rann, glitt. Der ganze Boden schien in Bewegung. Sie bogen nach rechts ab, dem Geröll steil hinauffolgend zwischen den Felsen, in ihr Herz hinein.

Joachim war ganz außer Atem. Er mußte innehalten. Und es machte ihn nervös, daß die beiden andern ruhig weiter stiegen, rutschten, wateten, als wäre weiter nichts dabei. Aber sie gingen auch anders, vor allem der Professor. Der machte fast keine Steine los und half sich, indem er den Pickel wagerecht gegen die Felsen stemmte.

Wenn Joachim ging, fuhren Steinsalven, ganze Lawinen zu Tal. Und sobald er außer Atem stehenblieb, prasselte es noch eine ganze Weile nach.

Endlich kam er an eine Stelle, wo man zwischen zwei riesigen Mauern stand, zwischen denen der Schuttstrom sich herab ergoß. Da sah er an der linken Seite dicht an den Felsen Klara auf dem Geröll sitzen, den Rücken gegen die rote Wand gelehnt.

Der Professor stand neben ihr, hatte das Seil von der Schulter genommen und war dabei, es aufzuknüpfen.

Joachim blieb stehen, um Atem zu holen, während von seinen Tritten noch die Steine herabkollerten, zur Ruhe kamen und endlich nur noch Sandkörnchen an seinen Stiefeln rieselten wie abtropfendes Wasser.

»Ich bin doch etwas außer Atem!« rief Klara herab. Er wollte sich stark zeigen vor der Frau:

»Ich nicht sehr!«

Aber die drei Worte konnte er kaum herausbringen, so keuchte er noch. Der Professor rief Joachim zu mit seiner starken, dröhnenden Stimme:

»Das wäre aber keine Schande. Jeder muß erst in Training kommen. Ich auch. Die ersten Hochtouren jedes Jahr werden mir verflucht sauer, das kann ich dir nur sagen. Aber man geht sich bald ein!«

Dörstling stand bei dem Ehepaar. Er ließ wieder seine Blicke gleiten über Klaras im Bergkostüm doppelt schlanke Figur. Es war doch eine wundervolle Frau. Aber jetzt fehlte die Zeit zu Betrachtungen, denn schon rief ihr Mann:

»Kläre, das Seil!«

Sie erhob sich:

»Komme ich denn hier gleich ans Seil?«

Er zeigte zu den Wänden hinauf, die scheinbar lotrecht über ihnen gen Himmel ragten:

»Wir sind am Einstieg.«

Dann wandte er sich erklärend an seinen Freund, indem er das Seil um Klaras enge Taille legte, die ein breiter Gurt umschloß, um das Einschneiden zu verhindern:

»Jetzt paß auf. Sieh zu, wie man den Knoten macht. Du willst doch alles lernen …«

Als darauf das Seil zweimal rechts und links mit dem freien, kurzen Ende verschnürt war, wickelte der große, starke Mann den Manilahanf um die Faust, hob mit einer einzigen Hand seine Frau hoch, daß sie am Knoten hing, und rief laut, daß die Felswand ein Echo gab:

»So, fallen kann meine Kläre nicht. Ich halte sie mit einer Hand. Und nun Verhaltungsmaßregeln für dich und Erklärung. Also, wir stehen hier zwischen der großen und der kleinen Zinne. Dort über den Sattel hinaus ist etwa Norden. Hier links, wo sich die Steilklamm in den Felsen hinaufzieht, ist der Anstieg zur großen Zinne. Rechts die Schroffen hinauf in die Wände ist der Weg zur kleinen Zinne. Du aber paß auf, daß du keine Steine abkriegst.«

In dem Augenblick knatterte, polterte, krachte es irgendwo. Sie blickten sich unwillkürlich um. Nichts war zu entdecken. Bald war wieder alles ruhig, und der Professor sagte erklärend:

»Steinfall!«

Klara schob sich das Seil zurecht:

»Steinfall und Lawinen sind mir unheimlich. Mein Mann nimmt's mehr als Naturerscheinung.«

Der Professor lächelte und riet Joachim, wenn er etwas sehen wolle, müsse er den Schutt hinuntersteigen, ein Stück von den Zinnen fort über das felsblockbesäte, grüne Weideland bis an den Absturz der Hänge in das Tal von Auronzo. Dort sollte er sich auf einen Stein setzen und mit dem Krimstecher, den er am Riemen um den Hals trug, soweit es möglich wäre, den Anstieg verfolgen. Wenn es ihm dann zu langweilig würde, könnte er ja zur Dreizinnenhütte zurückkehren und sie dort erwarten. Der Weg wäre nicht zu verfehlen.

Joachim fragte, wie lange die Tour dauern könnte. Der Professor meinte:

»Große Zinne etwa drei Stunden hinauf, zwei Stunden hinunter, eine halbe auf dem Gipfel. Sagen wir – es geht vielleicht schneller – in fünf Stunden könnten wir wieder hier stehen. Es können aber auch sechs daraus werden, denn es sind ja noch zwei andere Partien oben, die uns vielleicht aufhalten.«

Joachim seufzte. Da sagte Klara mit plötzlichem Entschluß:

»Wenn wir nun auf die kleine Zinne gingen?«

Der Professor blickte sie an:

»Hast du Mut, Kläre?«

Sie warf einen flüchtigen Blick zu Joachim, dann sagte sie lächelnd:

»Gewiß!«

»Aber es ist die erste Tour dies Jahr!«

»Desto besser!«

»Nun, die wäre allerdings ganz bedeutend kürzer.«

Joachims Gesicht erhellte sich:

»Dann warte ich.«

Er blickte sich um: die Nebel hatten sich fast zerteilt, und als er sich hintenüberbeugte und zwischen den furchtbaren Turmwänden der beiden Zinnen zum schmalen Himmelsausschnitt emporblickte, der sich ihm zeigte, sah er eine reine, matte Bläue.

Klara warf einen Blick auf Joachim Dörstling, der zu sagen schien: jetzt paß mal auf, was ich kann. Dann setzte sie sich und ließ sich von ihrem Mann die schweren Nagelschuhe ausziehen. Er vertauschte sie mit Kletterschuhen aus braunem Segeltuch mit weicher, dicker, nachgebender, an den Felsen sicherer haftender Hanfsohle. Nachdem er sie zugeschnürt, setzte er sich seitwärts, zog gleichfalls Kletterschuhe an, verbarg die Stiefel hinter ein paar großen Felsblocken, stellte die Pickel dazu, warf mit gleichmäßiger Handbewegung ein paar Meter Seil abwickelnd von seiner Schulter und hing sich den fast leeren Rucksack um, der nur die Trinkflasche, etwas Butterbrot und Klaras Schleier enthielt.

Dann drückte er dem Freund die Hand:

»Addio, aber nicht ungeduldig werden.«

Joachim hatte mit beklommenem Herzen die Vorbereitungen mit angesehen, die seine Freunde ihm in die furchtbaren Felsen entführen sollten. Wände, die zu erklettern er immer noch für unmöglich hielt. Und etwas gepreßt sagte er:

»Viel Glück!«

Klara legte die Stirn in Falten:

»Hals- und Beinbruch müssen Sie wünschen. Es ist wie bei der Jagd.«

Dann folgte sie ihrem Mann, der langsam, sicher voranging, ohne sich mehr umzusehen. Er war ernst geworden, wie es sich bei einer ernsten Unternehmung verstand, bei der ein Fehltritt, ein ausgelassener Griff unrettbar zwei Menschenleben kostete.

Joachim starrte ihnen nach, als hätte er auf ewig Abschied von ihnen genommen. Nun, wo er alles mit eigenen Augen sah, als der Professor den ersten Absatz erstieg, in der linken Hand das Seil, das eine Schlinge machte, nur mit der rechten leicht eine Sekunde anfassend, da fühlte er unwillkürlich an der spielenden Sicherheit, daß sein Freund hier zu Hause war in seinem ureigensten Gebiet.

Klara folgte ihrem Mann, der langsam über die Schroffen stieg und nur ab und zu einen Blick zurückwarf nach ihr, geschickt wie eine Katze, mit behandschuhten Händen, an denen nur die Fingerspitzen bloß waren, um sicherer zu fühlen, den grauen Fels anfassend.

Ein kleines Band, ein niedriges Wandl folgte dem anderen. Wo es zu hoch war, wurde ein Einschnitt, ein Riß, ein kleiner Kamin gesucht, um die nächsthöhere Stufe zu erreichen.

Joachim hielt den Atem an. Ihm schien es unmöglich,so etwas. Und diesen ersten Teil nannte der Professor nur »Schroffen«, dem maß er gar keine Bedeutung bei? Das Interessante wäre erst das Band, die eigentliche Kletterei dann die folgenden Kamine bis zur Kanzel, die entscheidende Stelle ganz oben an der Turmwand der Isigmondykamin. An soundso viel Abenden hatten sie es ihm doch erzählt …

Joachim nahm sein Glas und entdeckte nun, wie von oben herunter über die Felskante lose das Seil hing, während Frau Hallbauer wartend stand, mit beiden Händen an den Felsen gelehnt. Jetzt bewegte sich das Seil, ward straff, und sie hob den Fuß, setzte an, schob sich hinauf, tastete rechts und links nach einem Griff, zog sich empor, duckte sich ganz zusammen und stand auf dem obersten Absatz.

Dort drehte sie sich herum, ganz frei stehend, daß Joachim unwillkürlich ängstlich die Zähne zusammenbiß. Vom Himmel zeichnete sich ihre wundervoll schlanke Figur einen Augenblick ab. Klara nahm ihr kleines Taschentuch, das im Gürtel steckte, und winkte in die nun schon von ihrem Standpunkt aus ansehnliche Tiefe, indem sie einen lauten, fröhlichen Juchzer ausstieß.

Joachim versuchte zu antworten; aber es ward etwas daraus wie ein Krähen: die Beklemmung schnürte ihm die Kehle zu.

Als er aufblickte, war nichts mehr zu sehen. Die Verkürzung war bei der gewaltigen Steilheit zu groß. So begann er denn vorsichtig die Geröllhalde hinabzusteigen. Plötzlich glitten ihm die Füße fort, und er setzte sich hart auf die Steine. Dazu schmerzten ihn die scharfen Platten, wenn sie im Rutschen seine Knöchel trafen, so daß er innehielt und sich den Schmerz verbiß.

Da krachte es hinter ihm: ein entsetzliches Poltern, das erst nach einer ganzen Weile zur Ruhe kam.

Er fuhr erschrocken herum. War etwas geschehen? Sein Blick fiel auf den Rastplatz, den er eben verlassen. Dort standen Stiefel, lagen Rucksäcke, teils von den beiden anderen Partien auf der großen Zinne, und dort der schlanke Pickel, das war der Klaras. Wie oft hatte sie ihm nicht in Berlin stolz die Eisaxt gezeigt.

Mit einem Male kam ihm der Gedanke: wenn sie nun nicht wiederkäme. Sie. An ihn dachte er nicht. Und er erschrak, als wäre schon wirklich etwas geschehen.

Und nun stürmte er, den Bergstock krampfhaft nach hinten als Bremse einstemmend, wie es ihn der Professor gelehrt, die Schutthalde hinab. Er mußte sie sehen. Es war ihm schrecklich, derart im Ungewissen zu schweben.

Währenddessen kletterte das Paar ruhig weiter.

Der Professor achtete nur auf den Weg vor sich. Er mußte die Stellen finden, wo Hand und Fuß anzusetzen hatten, wenn auch das von früheren Besteigungen herabgefegte Geröll sowie der feste Fels, von dem mehr oder weniger jede Partie lose Vorsprünge abgebrochen, Fingerzeige boten.

Klara jedoch blickte sich um. Einmal schaute sie hinüber zur großen Zinne, die sich zum Greifen nahe vor ihnen auftürmte in roten Wänden, auf denen sich scharf der Schatten abzeichnete, den die Gipfelgestalt der kleinen warf. Dann sah sie hinunter in den Schlund, dem sie eben entstiegen. Sie suchte den Rastplatz, suchte Joachims Gestalt. Er sollte sie erblicken, wie sie hier an den beinahe lotrechten Wänden klebte. Und als sie nun das Band betraten, das schräg aufwärts führte in beängstigender Schmalheit, kaum zwei Fuß breit, und die Wand, die gute, feste Griffe für die Hände geboten, sich mit einemmal ausbauchte, gerade dort, wo das Band ganz schmal ward, da hielt sie sich fest, sosehr sie konnte, bog sich etwas in den Knien und blickte zwischen den Füßen hindurch in die schaudervolle Tiefe. Von dort schimmerte das Geröll herauf und Schnee, der auf der Höhe des kleinen Passes zwischen den Zinnen noch lag, denn dorthin schien nur ganz kurz am Tage die Sonne.

Da wurde ihr, die sonst gänzlich schwindelfrei war, doch etwas beklommen ums Herz. Sie wand sich um den Felsbauch herum, und als die Stelle vorüber war, hielt sie einen Moment inne, und ihre Brust hob und senkte sich.

»Kläre, du kannst ganz ruhig sein, die Traverse ist gleich vorbei!« rief ihr Mann, der eben die letzte Stelle überwunden hatte, wo das Band fast ganz in der glatten Wand verlief. Sie wollte ihm zeigen, daß sie guter Dinge sei und rief, indem sie den Kopf etwas nach rechts drehte, damit der Schall hinuntergetragen würde, wo einer stand mit dem Fernglase, den Gang zwischen Tod und Leben beobachtend:

»Holdrio – jucha – jucha – ha – ha …«

Ihre helle Stimme gab ein Echo zwischen den Felswänden, und ein zweites Echo kam plötzlich von der großen Zinne herüber: eine der beiden Partien, die vor ihnen weggegangen.

Doch sie konnten sich nicht nach ihnen umsehen, denn nun begann abermals ernste Kletterei. Der Professor hatte schon einen Kamin, einen Riß in der Felswand in Angriff genommen. Er verspreizte sich darin rechts und links. Er stemmte die rechte Schulter gegen das Gestein und griff mit dem linken Arm höher, während Klara auf winzigem Fleckchen an der Wand stand, etwas zur Seite, um von möglicherweise losbrechendem Gestein nicht getroffen zu werden. Sie wartete geduldig, lauschte nur hinauf, ob sie ihren Mann noch klettern hörte. Aber noch immer klang sein Keuchen, wenn er sich heraufarbeitete mit aller Kraft seines gewaltigen Körpers.

Endlich war alles ruhig. Das Seil ward angezogen, und von oben, genau senkrecht über ihr, wie von den Wolken herab klang der übliche Ruf, um das Klettern am Seil beginnen zu lassen:

»Los!«

Sofort packte sie den Fels an, setzte die kleinen Füße in den nachgebenden, sich anschmiegenden Sohlen auf Vorsprünge und Zacken, die sich boten, stemmte sie gegen glatte, gleich Würfelflächen der Kristalle geformte Platten, klemmte sie vorsichtig in Ritzen ein, kurz, half sich auf jede Art empor. Dabei arbeiteten die Knie mit, der Leib schmiegte sich an den Fels, die Reibungsfläche zu vergrößern. Dann griffen die Hände abwechselnd hinauf, so daß der Körper sich langsam hochschob. Die Finger suchten Halt, umfaßten runde oder eckige vorstehende Griffe, schmiegten sich hinein in muschelförmige Auswaschungen, verspreizten sich rechts und links.

Drei Punkte ruhten, nur einer suchte neuen Halt. So ging es weiter und weiter, höher und höher hinauf, während sich das Seil immer und immer verkürzte, straff bleibend vom ersten Moment ab.

Wenn Klara einen Griff verfehlt hätte oder einen Tritt, wenn sie ausgerutscht wäre oder losgelassen hätte, wenn vielleicht Schwäche sie überkommen: das Seil hätte sie gehalten, das Seil, das ihr zehnfaches Gewicht hielt, ohne zu reißen, das Seil, das der starke Mann dort oben führte, dessen eiserner Arm sie frei hätte hinausschweben lassen über die Felswand, in die Luft hinein, ohne auch nur zu zittern.

Als sie neben ihm stand, blickte sie ihn lächelnd an, und er fragte:

»Nun, was meinst du zu dem Berg?«

Sie war ein wenig außer Atem, hielt sich mit der einen Hand fest und legte die andere auf die sich hebende und senkende Brust:

»Anständig!«

Er schmunzelte bloß:

«Hast du Angst?«

Sie war fast beleidigt:

»Die habe ich nie, Karl! Das weißt du doch!«

Er sagte kein Wort. Er lobte sie nie, aber er blickte sie, ohne daß sie es gewahrte, mit stolzem und zärtlichem Blicke zugleich an. Dicht aneinandergedrängt auf dem winzigen Fleck, der kaum ihnen beiden zugleich Platz bot, blieben sie stehen. Er wollte sie zu Atem kommen lassen. Sie hatte das Gesicht zur Wand gekehrt, er zur großen Zinne hinüber, deren pralle Mauerwände sein Blick überlief. Dann sah er in die Tiefe hinab, fest und unbeirrt in den grauenvollen Schlund, über dem sie schwebend hingen.

Das Geröll der Scharte lag dicht unter ihnen, ein Sprung oder ein Fall, ein langer Fall, hätte sie ohne vorheriges Aufschlagen, ohne die Felsen der kleinen Zinne, an der sie klebten, zu berühren, bis hinunter auf den Boden der Schlucht geführt.

An diesem Berge gab es nur entweder – oder. Keine lange Qual des Abgestürzten, der etwa auf einem Felsbande tiefer, schwerverletzt, aber atmend noch, liegenblieb. Wer hier fiel, war erledigt, war aus dem Reiche der Hochtouristen wie der Menschen gelöscht.

Und vielleicht gerade deshalb reizte diese Jochzinne die Bergsteigerwelt, die das ethische Moment nicht in der Schönheit allein sah, sondern in der Gefahr, der sich der Mensch nicht auf gut Glück blind überläßt, sondern die er zu meistern sucht durch seine Stählung, Geschicklichkeit, Kraft, Ausdauer und durch sein starkes Herz. Sein Herz, das nicht sein eigenes Dasein lächerlich hoch bewerten will, sondern tapfer, demütig, aber auch stolz sich als Sandkorn nur fühlt in der gewaltigen Natur.

Bald darauf hatten die beiden die Schulter des Berges erreicht, von der sich in einer einzigen gewaltigen grauen Kalkmauer der Gipfelturm erhob in schreckbarer Steilheit. Es ging zur Kanzel hinauf, einem vorgelagerten, aus dem Felsen wachsenden Kap, dann zur Nische, kurz darüber.

Dort setzten sie sich hin, zu verschnaufen.

Über ihnen erhob sich das letzte Stück, das schwerste. Unter ihnen lag die Bergeswelt, das Zauberland der Dolomiten mit den wundersamen Formen, den zersägten, zerzackten, verwitterten Nadeln, Türmen, Graten, mit im Sonnenlicht blitzenden Eiszinnen, durchzogen mit Schneehauben auf den höchsten Gipfeln, steilen, wildzerklüfteten Gletschern im Schoß, an den Flanken von Schuttströmen umflutet, mit ihren riesigen, den Tälern entsteigenden, baumwuchsgeschmückten Sockeln.

Was vor ihnen lag, war Italien, in dessen Grenzbezirk sie sich hier befanden. Über ihnen wölbte sich in dunkler, satter Bläue der Himmel des Südens.

Eine Weile saß der Mann, der soviel Gipfel zu seinen Füßen gesehen, unbeweglich da. Jedesmal wieder, wenn er in die Berge kam, packte es ihn von neuem. Immer, wenn er auf einem Berge stand, ging ihm ein Schauer durchs Gehirn, Anbetung, Bewunderung, tiefstes, reines Glück.

Er mußte sich losreißen mit Gewalt. Er erhob sich und fragte:

»Kläre, ist das nicht schön?«

Sie nickte etwas zerstreut, denn sie hatte die ganze Zeit über eifrig unten gesucht, soweit sie es zu übersehen vermochte, wo Joachim wäre. Sie entdeckte ihn nicht, und sie fragte ein wenig nervös:

»Kannst du Dörstling sehen?«

Er hatte dafür keine Gedanken:

»Wenn wir oben sind!« meinte er. Dann erklärte er, sie kämen jetzt sofort an den Isigmondykamin. Sie solle sich nicht werfen lassen. Ein eingeklemmter Block gleich am Beginn pflege Schwierigkeiten zu machen. Er habe vor Jahren, damals, als er die Zinne zum ersten Male gesucht, zweimal ansetzen müssen, um den Felsbauch zu überwinden.

Dann warf er das Seil ab, daß es nur noch einfach um seinen Leib gebunden war, und begann zu klettern. Sie rückte seitwärts ein Stück hinaus, mit äußerster Vorsicht auf dem luftigen Sitz, damit sie etwaige Steine nicht träfen. Das Seil ließ sie durch die Hand gleiten.

Es war ein seltsamer Anblick. Scheinbar senkrecht über ihr kletterte er. Sie sah ihn den eingekeilten Block umfassen, zu dem der Kamin überhängend führte. Sie hörte, wie ihm aus den zusammengepreßten Lungen vor Anstrengung pfeifend die Luft entwich, dann wand er sich um den Fels und war mit einem Male verschwunden.

Es dauerte eine Weile, langsam, ganz langsam ward das Seil nachgezogen, es stieß ab und zu noch einmal auf, ringelte sich zusammen, dann ward es immer kürzer.

Klara hatte mit angehaltenem Atem hinaufgesehen. Ihr klopfte das Herz. Sie hatte das Gefühl, als habe sie sich doch zuviel zugetraut. Aber mit einemmal waren ihre Gedanken wieder unten bei dem, dessen Anwesenheit sie verleitet, selbst die kleine Zinne vorzuschlagen, obgleich es ihr in diesem Moment trotz aller Berggewohnheit doch fast graute vor dem Wege, der ihr noch bis zum Gipfel bevorstand.

Aber wieder verlieh ihr der Gedanke Mut, daß er unten stand und mit seinem Glase jede ihrer Bewegungen verfolgte.

Da kam der Augenblick. Das Seil war aufgebraucht, und vom Himmel herab ertönte es:

»Los!«

Sie erhob sich, drehte sich herum, schob den Knoten des Seiles etwas zur Seite, nahm allen Mut zusammen und begann zu klettern. Der Kamin wurde seicht, hing über, und der Block, der irgendwo oben abgebrochen und sich in den Riß eingeklemmt hatte, erschien.

Klara hatte genau darauf geachtet, wie ihn ihr Mann angegriffen. Er hatte ihn nach links umklettert. Sie versuchte es. Er war aber glatt. Kein Halt und kein Griff. Sie rutschte ab. Der Stein war ihr zu mächtig, sie konnte ihn nicht umfassen. Einen Moment kam die Verzweiflung über sie. Da ward das Seil angezogen. Nun mußte es gehen. Aber es riß sie nun an den Fels, preßte sie von unten gegen, so daß sie nicht einmal klettern konnte.

Und nun verlor sie noch mit den Beinen den Halt. Auf einmal schwebte sie frei über dem Abgrunde. Sie wollte hinauf, doch immer preßte sie das Seil gegen den Block.

Links neben ihr drohte, hoch noch die kleine Zinne überragend, die große wie ein dunkler Schatten nieder – rechts leuchtete der von der Morgensonne beschienene Fels. Es war warm. Von der vergeblichen Anstrengung perlten ihr die Schweißtropfen an der Stirn.

Nun rief sie in ihrer Verzweiflung:

»Nachlassen. Ich gehe wieder hinunter.«

Er rief von oben:

»Versuch's noch einmal.« Ich lasse etwas nach. Es muß gehen. Du bist doch links?«

«Ja.«

»Also los.«

Das Seil, das aus unbekannten Höhen niederzuschweben schien, lockerte sich, machte einen kleinen Bogen, und Klara, die den Felsblock nicht aus ihrer Umklammerung gelassen hatte, hing plötzlich ganz frei an ihren schwachen Frauenarmen. Sie rief sofort:

»Fest!«

Das Seil ward augenblicklich angezogen, und nun nahm sie alle Kraft zusammen, und der Gedanke der Eitelkeit schoß ihr durch den Kopf: er sieht unten alles durch das Glas, mein Zögern, meine Schwachheit. Das half wie ein Zauber. Sie fand mit einemmal den Stützpunkt für den linken Fuß, für den rechten höher. Sie umgriff den Fels. Das Seil zog an. Sie rutschte. Sie war herum, und keuchend hockte sie darüber im Kamin.

Dann ging es weiter. Noch immer sehr steil. Sehr exponiert. In der Tiefe, scheinbar dicht unter ihnen, der Sattel, das Geröll, der Einstieg, der Rastplatz. Ein Sprung, und man war unten. Aber ein Sprung von vielen Kirchturmhöhen. Ein Sprung ins Gewisse: in den Tod.

Nach ein paar Augenblicken stand der Professor auf dem ein paar Meter langen, nur einen halben Meter breiten Gipfel der kleinen Zinne. Unmittelbar hinter ihm erschien Klaras Kopf an der Gratkante. Sie stemmte die Ellenbogen auf. Er half ihr. Dann blieb sie auf dem Gestein sitzen, und ihre Brust arbeitete heftig. Ihre Finger zitterten leise. Ihre Lippen bebten. Er fragte:

»Was hast du?«

»Das … letzte … Stück war … war etwas schwierig!«

Er streichelte ihre Schulter, indem er sich halb niederließ zu ihr:

»Aber, Kläre, nun ist's vorbei!«

Dann richtete er sich auf der schmalen Riesenmauer zwischen Himmel und Erde wieder auf. Seine Teilnahme war erledigt. Er war mit seinen Gedanken wieder ganz bei seinem Berge, bei dem Glücksgefühl, wieder einmal dort oben zu stehen. An seine Frau dachte er nicht mehr.

Er ging ein paar Schritte zum Steinmann hinüber, den einst der erste Ersteiger, Michel Innerkofler, der beste Dolomitenführer seiner Tage, zum Zeichen errichtet, daß er diesen für unersteiglich gehaltenen Gipfel bezwungen. Der Führer, der nun auch schon seit Jahren von seinen Bergen gegangen, deren stolzesten und schönsten einer, der nahe Monte Cristallo, ihm das Leben gekostet.

Und der Professor sagte, den Fuß gegen den Steinmann gestemmt, indem er zuerst rechts und links des schmalen Grates in die unendliche, bläulich dämmernde Tiefe blickte, dann aber empor zum dunkelblauen Firmament, das stolze Bergsteigerwort:

»Nichts mehr über uns!«

Klara hatte ein Lob von ihm erwartet, irgendeine kleine Anerkennung, ein Lob, und wären es nur ein paar Silben gewesen. Aber er dachte nur an die Berge, an die toten Berge, die doch fest und nicht zu rühren waren, hart wie ihr Gestein, während neben ihm ein Menschenherz klopfte, dem eine Liebe wohlgetan.

An das Große dachte er nur, an die gewaltige Natur, an all die Schönheit, die erschütternde Größe, und er vergaß, daß ein weiches, kleines Menschen-, ein Frauenherz ein paar Schritte von ihm empfänglich gewesen wäre für das winzigste Zeichen, daß es nicht übersehen ward.

Es tröstete sie nicht, daß es seine Art nun einmal war, daß er es nicht so meinte. Er liebte sie, er war glücklich so, überglücklich durch diese Frau, die all seine Liebe für seine Berge teilte, die sein Schüler, ein treuer Kamerad, mitging über Schnee und Eis, über furchtbare Felsen, die wenig Männer, immerhin nur wenig, zu betreten wagten, geschweige denn eine schwache Frau.

Sie sehnte sich danach, er sollte es aussprechen, ihr sagen, nur einmal. Aber das war wider seine Natur. Er hatte es nie getan, er konnte es nicht. Und auch jetzt ward er es nicht gewahr, daß sie die Blicke senkte und nicht sprach.

Sie senkte sie hinunter in die Tiefe, und auf der durch Entfernung und Höhe wie ein fernes Land erscheinenden, den Zinnen vorgelagerten Fläche, grün von spärlichem Graswuchs, mit einzelnen im Laufe der Jahrtausende von den gewaltigen Gipfeln niedergestürzten Blöcken besät, suchte sie Entschädigung in dem Gedanken, daß dort unten einer starr bewundernd saß, der immer ein Wort auf der Zunge hatte für sie, einer, der sie empfangen würde, wenn sie herunterkamen – wie eine Siegerin.

4.

Der Professor hatte sich zu seiner Frau gesetzt. Er nahm die Wasserflasche und das Butterbrot aus dem Rucksack und reichte beides Klara.

»Denkst du auch an mich?« fragte sie; und als er sie anblickte, sah er, daß ihre Augen feucht schimmerten. Er erkundigte sich, was ihr fehle, erfuhr es nicht und schob es schließlich auf die Anstrengung. Aber er bemühte sich um sie. Er wollte seinen Rock ausziehen, daß sie ihn umhängen könne, falls sie fröre, doch Klara meinte, nun wieder lächelnd, wie mit tieferer Bedeutung:

»Mich friert innerlich.«

Er lachte und gab ihr ein Gläschen Kognak zu trinken aus einem winzigen Fläschchen, das er für sie bei sich zu führen pflegte.

Dann erklärte er ihr die Fernsicht.

Vor ihnen lagen die Cadini, einer wilden Seeräuberburg mit Wällen und Türmen nicht unähnlich. Dahinter die riesige Sorapitz, eine gewaltige Mauer, deren Felsenzirkus einen Gletscher umschloß. Er nannte andere Namen: Monte Antelao, Pelmo, die Monti Marmaroli. Dann zeigte er den furchtbaren, sich wie eine Riesenmauer aufreckenden Zwölfer. Und als sie sich umdrehten, ward über der Dreischusterspitze und den andern Dolomiten fern über dem Pustertal die Eiswelt sichtbar. Aber dort lagerten Nebel. So fiel ihr Blick nieder in die Tiefe, und Klara rief freudig:

»Mein Gott, sieh mal da unten die Dreizinnenhütte! Gott, ist die klein!«

Das winzige Gebilde von Menschenhand erschien ihnen so jämmerlich wie der Mensch in dieser gewaltigen Natur. Ein Sandkorn, ein Nichts, das eine Lawine fortfegt, ein Orkan in die Luft führt, eine unterhöhlte Felswand in ihrem Sturze begräbt.

Und angesichts dieser rings um sie gebreiteten Schönheit, im Gedanken an den schmalen, luftigen Felsensitz, auf dem sie ruhten, stürmten überwältigende Gedanken in des Mannes Seele. Er dachte an die ungezählten Feierstunden, die ihm schon die Berge geschenkt, ihm, dem norddeutschen Geistesarbeiter, der oft wochenlang bei seiner Berufstätigkeit nicht dazu kam, täglich mehr als ein paar hundert Schritte zu gehen, jedes Jahr wieder Gesundheit, Nervenruhe und eine heitere Seele wiedergebend.

Er holte aus ihnen neue Kraft, jedesmal, wenn er sie berührte, gleich dem Riesen der Sage.

Schon jetzt fühlte er sich wieder frisch und kräftig, als läge nicht dreiviertel Jahr der aufreibendsten Arbeit hinter ihm. Er dachte an den Winter, der wie jeder Winter vergangen war in den zwölf Jahren, seitdem er in dieser ruhigen, stillen Ehe lebte, wie er sie sich immer gewünscht hatte.

Er blickte Klara von der Seite liebevoll an. Was war sie ihm! Alles, alles! Er hätte nicht leben können ohne sie, ja wirklich nicht leben können! Überall hätte sie ihm gefehlt. Er wollte nach Haus kommen und ein trauliches Heim finden. Er wollte eine liebende, sorgende Hand fühlen, die ihm den häuslichen Ärger vorenthielt, ihn die kleinen Nadelstiche des Lebens nicht empfinden ließ.

Dazu war sie wie geboren.

Und er war ihr dankbar dafür. Nur sagte er es nicht. Alles verschloß er in seiner Seele, wie er ihr jetzt kein Wort des Lobes gespendet über diese Leistung, die nur ganz wenige Frauen vor ihr getan, und die den meisten andern ewig unmöglich blieb.

Sie aber hörte gern Lob. Sie wollte deutlich und zärtlich vernehmen, daß sie es recht gemacht, wenn sie etwas Besonderes getan. Sie fühlte daraus die Liebe.

Er betete sie an, aber er sagte es ihr nicht. Nie mit einem Sterbenswörtchen. Eine Äußerung darüber wäre ihm wie eine Entwürdigung erschienen. Und wenn sie etwas leistete, so hätte er sie in brennendem Ehrgeiz nur noch vollkommener haben wollen.

Klara fragte:

»Bist du denn mit mir zufrieden?«

Er strich ihr die Wange:

»Natürlich!«

Aber sie war noch erregt von ihrer Leistung:

»Bloß natürlich?«

»Du Närrchen, was soll ich mehr sagen. Das war doch selbstverständlich für dich!«

Sie blickte nachdenklich über die fast senkrechte Felsenmauer auf die Schulter des Berges hinab und darüber noch tiefer auf das Plateau, das scheinbar nicht mehr von dieser Welt zu sein schien, so fern lag es dort unten, unscharf im bläulichen Duft.

Wie sie so in Sinnen verloren saß, klang mit einem Male ein Laut herauf, dumpf wie etwas, das einem nur im Traum erscheint, zu dem nur die flüchtigen Gedanken unbewußt schweifen: ein Schrei.

Sie lauschte. Der Ruf wiederholte sich. Es war Joachim. Er dachte ihrer, und unwillkürlich zog sie das Taschentuch, richtete sich vorsichtig auf, stand, während ihr Mann ihre Knie umschlang, und wehte hinab. Der Sonnenschein umspielte ihr wirr gewordenes Haar, und auf den nußbraunen Härchen am Hals glitzerte es und glänzte. Wie ein weißer Vogel, der die kahle Felszinne umschwebte, flatterte das Tuch hin und her.

Die Verbindung von diesen erhabenen Einsamkeiten herab zur Erde schien hergestellt.

Da ward es auch drüben an der riesigen, sie gewaltig überhöhenden, großen Zinne lebendig. Sie verbarg die Aussicht nach dem Ampezzaner Tal. Von dort rief jemand herüber, und man verstand ganz deutlich:

»Photographieren! …«

Es waren die Brüder Weber, die wahrscheinlich noch nicht weiter vorwärtsgekommen waren, weil die vorausgegangene Partie der beiden Österreicher mit den zwei Führern sie hinderte.

»Sie wollen uns auf dem Gipfel aufnehmen«, meinte der Professor und trat an den Steinmann, wohin ihm Klara vorsichtig, immer mit einem scheuen Blick in die dicht neben ihr gähnenden Abgründe folgte. Er hielt sie am Seil und rief den Studenten hinüber, ob die Stellung gut sei.

Es machte den Eindruck, als ständen die Brüder drüben kaum einen Steinwurf entfernt. Man konnte sich ganz gut verständigen. Der ältere bat, eine Stellung einzunehmen wie »Seilanlegen«, und der Professor sagte zu seiner Frau:

»Kläre, wenn wir gleich an den Abstieg gingen?«

Sie balancierte über den Grat, auf dessen mosaikartig zerplatzten, weißgrauen Kalkplatten Schutt lag, Geröll, lange Steinstücke gleich plumpen, spitzen Messern der Steinzeit, Platten, Felsprismen, von der Natur fast wie von Menschenhand übereinandergetürmt. Eine Erschütterung, ein in einem gewissen Winkel auftreffender Sturmstoß, eine weitere Ausdehnung durch die Sonnenwärme, ein Zusammenziehen durch die eisige Kälte der Nacht hier oben, und sie kamen aus dem Gleichgewicht und stürzten in die Tiefe: Die Waffe der Berge gegen ihre Angreifer, Todesgeschosse, die oft schon den verwegenen Menschen erreicht, der die hehre Einsamkeit der großen Höhen zu stören wagte.

Klara ließ sich nieder und fragte im ersten Moment ängstlich, bis sie die Nerven wiedergefunden:

»Hältst du mich auch?«

»Sei unbesorgt!«

«Vorwärts oder rückwärts?«

»Zur Aufnahme vorwärts. Nachher mußt du mit dem Gesicht zur Wand klettern. Übrigens ist's eigentlich ganz gleich, denn wir werden so klein auf dem Bilde, daß man uns doch nicht erkennt.«

Das ärgerte sie. Er war immer all solchem so abhold. Sie wollte gerade gesehen sein. Das machte ihr besonderen Spaß.

Darum beugte sie sich übermütig weit vor, damit sie sich gegen den Himmel weit abhöbe, und rief lachend:

»So, nun bitte recht freundlich!«

Er aber setzte sich sofort auf den Fels, verankerte beide Füße, hielt das Seil in der rechten Hand und versicherte es noch mit der linken, indem er es um einen herausstehenden Block schlang. Dabei rief er:

»Kind, nicht unvorsichtig sein!«

Da klang auch schon von drüben mit einem fröhlichen Hutschwenken ein lautes:

»Danke sehr, glückliche Reise!«

Und der Professor ließ Klara am Seil die schreckhaft steile Turmwand im Zsigmondykamin niedersteigen. Während sie kletterte, tönte schwach der Ruf Joachims aus der Tiefe. Drüben antworteten mit einem Juchzer von der nahen, großen Zinne die beiden Studenten, und ihnen wieder tönte eine Antwort vom oberen Band ihres Berges: Jörgl Tschurtschenthaler brüllte aus Leibeskräften.

Überall war Leben an diesem wunderbar klaren, reinen Sonnentage. An allen Hochgipfeln des Gebietes kletterte es herum, überall rückten kecke Menschenkinder den ewigen Felsenhäuptern auf den Leib: gesunde, kräftige, glückliche Menschen, die sich rein baden wollten in den luft- und licht- und sturm- und sonnenscheinumfluteten Höhen von all dem stickigen Dunst der Tiefe daheim.

Sie wollten sich Gesundheit holen hier oben, wollten ihr Herz weiten und ihre Sinne, den seligen Augen Licht geben und Sonnenglanz, furchtbare Blicke in grausige Tiefen, milde auf liebliche Triften und Weiden, Fernblicke ins Tal hinab wie zu fernen Gipfeln, auf denen man einst gestanden, Fernblicke zum Himmel empor, dem sie näher waren, von dem sie keine Erdenlast mehr schied, zu dem sehnsuchtsvoll sie die Hände strecken konnten, erkennend wie arm und klein und schwach, ein Nichts wir Menschen sind, in der Hoheit der Natur demütig werdend.

Menschen, die dort unten in den Tälern vielleicht geglaubt, wunders was zu sein, und die hier erkennen durften, beschämt aber gereinigt: wir sind ein Sandkorn, ein winziger Stein nur hier oben, wie sie die Berge seit Billionen Jahren in unerschöpflicher Fülle niedersenden als Steinfall in die Tiefe. Und doch sieht keiner die Häupter schwinden, das macht, es sind deren Milliarden Milliarden, und einer bedeutet nichts.

In den Tälern blickte man wohl hinauf zu den Riesen, die aber, die hinunterblickten von dort oben, sahen alles nur winzig und weit.

Die dort unten konnten, blind von Erdenstaub, von Schwere und Dunst der stickigen Tiefe, nichts ahnen von Gottes Majestät hier oben in seiner Natur. An ihnen hing lähmend der peinliche Erdenrest, ihres Menschtums flügellose, bleierne Bürde. Sie ahnten nichts vom Aufschwung der Glücklichen, die den Wolken näher standen als sie, vielleicht über den Wolken dort oben.

Sie schimpften am Ende gar über leichtfertige Menschenkinder, die ihr Leben aufs Spiel setzten, die Gott versuchten, indem sie eindrangen dorthin, wohin der Mensch nicht gehört.

Jene aber, denen ihr Schöpfer gesunde Glieder und ein tapferes Herz geschenkt, saßen dort oben, ferne von der Unkultur der Städte, hoch über den Kleinlichkeiten der Täler, ein Glück genießend, das uns Menschen das herbste, aber höchste bleibt, solange wir uns Kämpfer nennen hienieden: überwunden zu haben.

5.

Joachim Dörstling war den Hang hinuntergeeilt auf das Plateau, das sich blockübersät unterhalb der Geröllhalden der drei Zinnen erstreckte. Ab und zu wandte er sich um, ob man von den beiden etwas sähe, aber er gewahrte sie nicht. Vielleicht suchte er am falschen Orte, auch hoben sich menschliche Gestalten von den Felsen kaum ab.

So ging er immer weiter hinaus über Bodenwellen, in deren Vertiefungen hier und da stagnierendes, bläulich schimmerndes Wasser stand. Als er an die äußerste Kante gekommen war, wo das Plateau gegen das Tal von Auronzo abbrach, hielt er inne und blickte in die von der Morgensonne beschienene Alpenlandschaft hinaus: ein Wechsel zwischen milden in bläulichem Dunst liegenden Tälern, wilden, abenteuerlichen Jacken, Schneehäuptern, blitzenden Eisrinnen, grünen Matten, dunklem Wald und sattblauem Himmel.

Er hatte Ähnliches noch nie gesehen. Es packte ihn. Doch nicht lange Zeit, dann dachte er wieder an die Kletternden, an Klara.

Wie konnte eine schwache Frau so etwas leisten. Er war voller Bewunderung. Und als er sich nun umdrehte und diesen klotzigen, furchtbaren Turm vor sich sah, da überlief ihn ein Schauer bei dem Gedanken, dort hinauf zu sollen.

Ungeheuer, in lauter einzelne Wände, Türme, Vorgipfel, Zacken zerfallend und doch ein Ganzes standen die Zinnen vor ihm. Jetzt gänzlich verändert die westliche links in der Verkürzung eins mit der großen. Man sah, daß sie die kleine überragte, aber den Eindruck, das zwingende Bild gab nicht der in riesigen Mauern zum Geröll niedersetzende Koloß, sondern die scheinbar dem Menschen unbezwingbare Säule, an deren grauenvoll sich emporschwingenden Turmflanken jetzt an einem armen Seil eine schwache Frau hing.

Joachim setzte sich auf einen Felsblock und starrte durch das Glas hinauf. Er konnte keine menschlichen Gestalten unterscheiden. Er suchte ängstlich Klara, Es war ihm, als hätte er tagelang ihren Anblick entbehrt. Er fühlte, er hätte ohne sie nicht lange mehr sein können, sie, die er den ganzen Winter und das Frühjahr hindurch fast täglich gesehen.

Er stellte sich ihre Augen vor, die ihn anblickten, ihren Gang: ihre Stimme klang ihm in den Ohren, und mit einemmal packte ihn eine fürchterliche Angst: wenn nun etwas passierte. Der Professor war auch nur ein Mensch. Wenn er abglitt?

Joachim dachte daran, daß die beiden zusammengebunden waren, und der Gedanke, daß sie mlteinander ein Seil verknüpfte, war ihm lästig wie Eifersucht. Er hätte mit ihr gehen sollen. Er. Ach, wenn er es nur könnte!

Und plötzlich kam ihm die Idee, ja die feste Überzeugung, er würde es auch fertigbringen. Was war am Ende dabei! Ihm wuchs der Mut. So viele kletterten in den Bergen herum, die gewiß körperlich nicht tüchtiger waren als er. Wahrhaftig, er mußte es auch können.

Eine brennende Sehnsucht überfiel ihn, sie zu begleiten.

Doch im selben Augenblick, wie er bei seinen Gedanken durchs Glas sah, erblickte er sie. Entsetzlich, oben am Gipfelturm. Sie ließ los. Klammerte sich an einem Felsblock fest. Ihre Füße schwebten frei in der Luft. Wenn nun das Seil riß?

Wie weggeblasen waren seine stolzen Gedanken. Nein, das konnte er nicht, das war ja grauenvoll auch nur mit anzusehen, und er setzte das Glas ab, herzklopfend, senkte den Kopf mit dem Entschluß, erst wieder hinaufzublicken, wenn sie oben wären.

Er zitterte förmlich um diese Frau, und in einer Sekunde ward ihm plötzlich greifbar klar, worüber er sich noch nie Rechenschaft gegeben: er liebte sie.

Da gewann er neuen Mut, hinaufzublicken. Sie waren oben. Auf dem Gipfel erkannte er durch den Görztrieder mit seiner Riesenvergrößerung deutlich die beiden Gestalten.

Nur was sie sprachen, vernahm er nicht. Wie eine quälende Pantomime kam es ihm vor. Er mußte wissen, was sie redeten, Er wollte sich den Augenblick merken und Klara später fragen.

Da … da wandten sie sich herum. Der Professor sah zur großen Zinne hinauf. Sie starrte hinunter.

Joachim zog sein Taschentuch und begann zu winken. Keine Antwort. Da fing er an zu rufen, so laut er konnte, und nun endlich klang etwas von der Höhe herab, nur ganz fern, ganz dumpf.

Aber gehört haben mußte sie ihn, sonst hätte sie nicht geantwortet. Der Schall drang also besser hinauf als herab.

Jetzt ließ sie sich mit einemmal nieder. Der Abstieg begann. Es sah furchtbar aus.

Joachim strengte seine Sehnerven aufs äußerste an. Er biß die Zähne aufeinander, wie er sie an den grauenvollen Wänden in der Sonne jetzt scharf beleuchtet schweben sah. Und es ging so langsam, so entsetzlich langsam. Jeder Tritt wurde gesucht, getastet, probiert, gewechselt, jeder Griff an- und umgefaßt, und nur ganz, ganz allmählich schob sich der Körper weiter herab. Und jede Bewegung ging ihm durch und durch.

Jetzt kam wieder der Block, an dem er sie vorhin plötzlich entdeckt. Er setzte das Glas ab und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn. In der Nervosität nahm er ein paar Steine auf und warf sie fort im Bogen. Aber er konnte es doch nicht ertragen, er mußte wieder hinsehen.

Doch die beiden waren verschwunden. Er schraubte an dem Glase. Er suchte ängstlich. Ein furchtbarer Schreck durchzuckte ihn. Aber im selben Moment hatte er den Professor entdeckt, der sich nur undeutlich vom Fels abhob und jetzt hinunterstieg – Klara folgend. Seine Schultern waren noch zu sehen, dann sein Hut – er war verschwunden. Endgültig. An der der großen Zinne zugekehrten Seite stiegen sie hinab.

Erschöpft stützte sich der untätige Beobachter auf die Arme und ließ den Kopf sinken.

Er lag der Länge nach ausgestreckt da in dem funkelnagelneuen Berganzuge, den er sich hatte machen lassen, um seine Freunde zu begleiten. Die Sonne glühte ihm auf den Rücken, daß die Schulterblätter förmlich juckten, und er schob sich den Hut rechts aufs Ohr, um etwas geschützter zu sein.

Seine Gedanken weilten unausgesetzt bei der Frau, die jetzt drüben die Wände hinabstieg. Er wußte, es würden noch fast zwei Stunden so hingehen, und das peinigte ihn.

Um auf andere Gedanken zu kommen, stand er auf und begann auf dem Plateau bis an den Absturz ins Tal von Auronzo zu gehen. Wie er so hinbummelte, entdeckte er ein Edelweiß, das an dem sonnigen Kalkhange wuchs. Er bückte sich danach. Ein paar Schritte weiter sah er andere. Er pflückte sie.

Er wollte ihr den Strauß anbieten, gewissermaßen als Preis für die kleine Zinne. Und nun begann er eifrig zu suchen. Er wagte sich bis hart an den Absturz heran, der tief in das Tal niederfiel. Unten blitzte ein Wasserlauf. Er wand sich und verlor sich in Sonnengeflirr, in bläulich grauen Dunst. Scheinbar ein einziger Sprung, und man war unten auf dem Boden.

Doch so schlimm konnte es offenbar nicht sein, denn mit einem Male gewahrte er an dem steilen Hang einen Menschen.

Joachim blieb unbeweglich, sich vorsichtig an eine scharfe, aus der dünnen Humusschicht ragende, weiße Dolomitkalkplatte haltend, die aussah wie ein Leichenstein.

Der Mann stieg langsam weiter. Er war fast schwarz gebrannt von der Sonne. Auf dem Kopf trug er einen von Wind und Wetter zerzausten, farblos gewordenen Hut mit herabgeschlagenen Krempen. Sein Hemd stand offen, und über der Schulter hing ihm ein gefüllter Sack.

Ehe er den Hang ganz erstiegen, warf er seine Last ab und äugte nach allen Seiten, ohne jedoch Joachim zu sehen, da er sein Augenmerk nur auf das Plateau richtete, über das knapp sein dunkler Kopf lugte.

Dann pfiff er leise, nickte und war in der Tiefe des italienischen Tales verschwunden.

Joachim hatte ihm nachgeblickt wie einer Erscheinung, und er starrte noch hinunter über den jähen Abhang, den der Italiener wie eine Katze hinabgeklettert, als oben jemand kam: ein starker, großer Mann mit blauen Augen und blondem, struppigem Vollbart, der nach unten zu breiter ward wie eine umgekehrt brennende Gasflamme. Er trug einen leeren Rucksack und einen langen, rindelosen Stecken in der Hand. Ruhig nahm er die Last des Italieners und versenkte sie in seinem Schnerfer.

Darauf wollte er langsam davongehen, als er plötzlich Joachim gewahrte. Er faßte sich sofort, blieb stehen, nahm den Hut ab, kraute sich das Haar und sagte ganz unbefangen:

»Heiß ischt's! Jesses!«

Joachim verstand kein Wort und sagte auf gut Glück:

»Ja, ich warte auf eine Partie, die auf den Zinnen ist.«

»Sein S' a oben g'wesen?«

Er begann, sich an die Aussprache zu gewöhnen und gab zurück:

»Nein, ich will erst anfangen, guter Mann!«

Nun hatte wieder der Tiroler nicht verstanden:

»Wie meinen S'? Wissen S', wann der Verdienst nit war, nachher ging koaner aufi. Aber fünfzehn Gulden, wann die Tourischten halt wollen, warum sölln die Bergführer nit. San arme Bursch manche dabei. Und von Norden der Zinne kost's gar hundertfünfzig jeder Führer, hab' i g'hö'rt. Davon lebt aner 's ganze Johr, und wann man runterfallt, wie der Michl Innerkofler und der Joseph Innerkofler aus Landro, wissen S', da glei drüben im Ampezzo, no do sauft man halt a paar Viertel wen'ger in sei Leben.«

Er lachte, zeigte seine gesunden, weißen Zähne, schob den schweren Rucksack ein Stück hinauf, machte ein paar ganz verschmitzte Augen und rief zum Abschied:

»Unseraner freili kann sei Viertel nur immer am sechsten Sonntag im Monat trinken. Jeder nach sein Guschto. A sakrische Hitz ischt heit. Sell bleibt nit. A Hochgwitter kommt, das fiehl i an der Luft. Schaun S' nur, daß bald hinunterkommen. Wissen S', hier oben ischt's schlecht. A Wetterläuten kann man nit anstelln und der Blitz, da verbrennt man sich dran wie an a zu heißen Polenta. Grüß Gott!«

Damit eilte er davon, dem Patternsattel zu. Joachim aber stieg, seinen Edelweißstrauß krampfhaft umschlossen haltend, das Geröll zum Rastplatz am Einstieg der großen Zinne hinan.

Er war ganz außer Atem, als er oben bei den Rucksäcken, Pickeln und Stiefeln wieder ankam, die noch immer ihrer Besitzer harrten.

Inzwischen hatte sich der Himmel verändert, als sollte die Prophezeiung des Schwärzers, der trotz seines dunklen Geschäftes so treuherzig mit seinen blauen Augen in die Welt schaute, in Erfüllung gehen. An dem bisher wolkenlosen Firmament zogen weiße Dunststreifen hin, und mit einem Male wurde es einen Grad finsterer, als würde in einem Saal ein Teil der Gasflammen ausgelöscht: die Sonne war hinter einer Wolke verschwunden.

Joachim wurde ungeduldig. Kamen sie denn immer noch nicht? Er blickte, sich fast den Hals verrenkend, zur kleinen Zinne empor: Der schmale Himmelsraum zwischen den drohenden Felswänden war durch Nebel verhüllt, während der Blick hinausging in die immer gleichmäßig sonnenstrahlende Ferne. Nur das Gebiet des Zinnenmassivs schien verfinstert zu sein.

Da endlich entdeckte Joachim die Absteigenden. Fast zu gleicher Zeit ging eine Steinsalve los, prasselte, knatterte, lief, kam wieder zur Ruhe. Und nun vernahm er auch ihre Stimmen. Er hörte, wie der Professor rief:

»Vorsicht! Nicht so schnell …«

Klara antwortete:

»Wir werden naß.«

Er:

»Immer besser als sich den Fuß vertreten oder …«

Sie: »Aber es ist doch jetzt ganz gemütlich. Das Schwere ist ja vorbei!«

Er:

»Ganz gleich, Kläre. Man muß auch an den leichtesten Stellen vorsichtig sein …«

Joachim ärgerte sich über ihn. Er war so pedantisch. Warum der großartigen Frau, die so etwas geleistet, nicht ihren Willen lassen. Aber das war seine Art: sie konnte es ihm nie recht machen. Und der Wartende rief, als wollte er seinen Freund hindern, weiterzusprechen, so laut er konnte ein Hohohoho nach dem Felsen hinüber.

Klaras helle Stimme klang:

»Wir kommen!«

»War's schön?« fragte er. Sie blieb in den Schroffen stehen, legte beide Hände auf die Brust und rief laut atmend:

»Ach, wunder-, wunderschön!«

Hinter ihr ein Stück höher stand der Professor, der das Seil nun fast aufgewickelt über der Achsel trug und seine Frau ganz kurz gefaßt hatte. Er strahlte über das ganze Gesicht.

»Die erste Tour das Jahr! Und ein guter Anfang.«

Joachim aber fragte, während sie weiter abwärtsstiegen:

»Hat sie's gut gemacht?«

»Natürlich!«

Klara verzog das Gesicht. Gerade jetzt hätte sie gern ein Wort mehr gehört, denn Herr Dörstling hatte ja keine Ahnung, was sie eben geleistet. Darum versuchte sie, das Gespräch ein zweites Mal darauf zu bringen, blieb ein paar Meter über dem Geröll in den Schroffen stehen und sagte, ein wenig kokett den Kopf wendend:

»Ich hätte doch nicht gedacht, daß die Zinne so steil ist!«

Joachim verzehrte die Gestalt dieser Frau, die eben solches geleistet, mit den Blicken. Und wie er sie genau beobachtete, sah er, daß der linke Fuß, den sie leicht nur aufgesetzt, zitterte wie im Krampf. Ihre Brust hob und senkte sich. Ihre Wangen waren gerötet. Sie hielt sich rückwärts mit der einen Hand, und er sah mit innerster Bewegung die andere zittern, beben, hin und her gehen wie das Knie.

Er hätte mögen sie an die Lippen ziehen und mit Küssen bedecken, diese kleine Hand, die sich so tapfer an den scharfkantigen, zerrissenen Felsen gehalten.

Es kam etwas über ihn, der diese Frau bisher nur immer als lässige Stadtdame gesehen, daß er seiner kaum Herr ward.

Da kletterte sie den letzten Absatz herab und sprang auf das Geröll, daß es klang wie das Laufen auf frisch beschotterter Straße. Sie eilte über die Platten, das kleine Gebröckel, Sand und Schutt des weißen Kalkstromes, der zwischen den Felsen niederzog, so schnell, daß sie ausrutschend fast an Joachim stieß und sich an ihm festklammern mußte, um nicht zu fallen.

Sie hielten sich ein paar Sekunden umfaßt, und er sagte stolz und überglücklich:

»Ich hätte das nie von einer Frau für möglich gehalten! Das war ja furchtbar, ganz furchtbar.«

Sie machte ein glückliches Gesicht:

»Hatten Sie Angst um mich?«

»Ja! Ja! Furchtbare Angst. Einmal konnte ich nicht mehr hinsehen!«

»Wirklich?«

»Ja, wirklich.«

»Wann war das?«

»Da ganz oben an dem Turm.«

Sie lachte mit Augen, Mund, den Wangen, dem ganzen Antlitz:

»Aha, der Zsigmondykamin!«

Er versicherte noch einmal:

»Das war wundervoll, aber doch furchtbar!«

Strahlend, mit geröteten Wangen, heftig atmend stand sie vor ihm. Da sah sie den Edelweißstrauß in seiner Hand, den er völlig vergessen hatte:

»Oh, das ist schön! Haben Sie das hier gefunden?«

»Ja, dort drüben!«

»Ist das für mich?«

Er gab ihr die weißen, weichen, silbrig glänzenden Blumen:

»Es sollte der Siegespreis sein!«

Sie nahm sie in die Hand, strich darüber und sprach gedehnt:

»Die hebe ich mir auf als Erinnerung an die kleine Zinne!«

Dann steckte sie den Strauß an den Gürtel und setzte sich, um die Kletterschuhe von den Füßen zu bekommen. Joachim wollte niederknien, ihr die Dienstleistung zu tun, doch sie empfand es mit feinerem Frauenverständnis als nicht passend und sagte:

»Danke, mein Mann zieht sie mir aus!«

Der aber stand ein Stück davon, noch immer die Seilschlinge in der Hand. Er lächelte. Auch er glückselig. Glückselig über die Gefährtin seines Lebens, die etwas konnte, das beinah keiner andern Frau gegeben war. Er lächelte stolz. Aber er sagte nichts. Er behielt alles und vielleicht desto tiefer in seinem Herzen.

Dann kniete er nieder, um die Schnürsenkel zu lösen und über den zarten, kleinen Fuß die schweren, nagelbeschlagenen, fettgetränkten Bergstiefel zu ziehen, die besser geeignet waren, den Stoß von scharfen Steinen und nachrutschenden Platten im Geröll auszuhalten.

6.

Die Wolken sanken tiefer und tiefer um die jähen Wände der Zinnen. Sie wurden schwärzer und schwärzer, ringelten sich von allen Seiten um die Felskolosse und verdunkelten das Licht des Tages.

Die drei Bergwanderer nahmen die Pickel und eilten den Schutt hinab. Der Professor fuhr ab, setzte ganze Ströme von Steinen in Bewegung, daß es ein Rauschen und Rascheln gab, als würde Mais vom Boden durch den Ablauftrichter in das untere Stockwerk geschüttet. Er rutschte, sprang und lief mit dem Pickel in der aufgeregten Geröllflut steuernd, so schnell, daß ihm Klara nur langsam, Joachim fast gar nicht folgen konnte.

Er gab sich alle Mühe, um sich vor ihr nicht ungeschickt zu zeigen, doch immer mußte er fürchten, mit dem Kopf zuerst hinunterzuschießen, und die auftreffenden Felsstücke taten ihm weh, daß er hätte schreien mögen.

Aber der Professor drängte zur Eile. Sie huschten unter den Zinnen hin. Die Wolken hingen so tief, daß sie das Gefühl hatten, als liefen sie unter einer niedrigen Decke, jeden Augenblick in der Gefahr, anzustoßen. Die Sonne war verschwunden. An dem wilden Zackengrate des Paternkofels, unter dem sie jetzt der Dreizinnenhütte zueilten, bildeten sich mit einem Male Rauchballen, ganz leicht zuerst, immer dichter werdend, endlich beinah schwarz. Sie wirbelten um den Turm. Sie füllten alle Ritzen aus, sie senkten sich in alle Ritzen. Sie leckten an den Felsen herab, und schließlich rollten die Dünste auf dem Geröll hin, wie der Rauch eines abgefeuerten Geschützes sich über dem Boden wälzt.

Es war schwül, und den Bergsteigern brannten die Gesichter. Stumm schritten sie hin. Der Professor voraus. Klara schielte ab und zu rückwärts, wo Joachim bliebe. Er konnte kaum mit, obgleich er sich doch nur ausgeruht.

Da zuckte ein Blitz. Ganz kurz. Ein Wetterleuchten mehr. Kein Donner zu hören. Sie stiegen den Felshang zum Toblinger Riedel hinauf. Unwillkürlich wurden die Schritte kürzer. Der Atem verlangte es.

Als sie sich der Hütte näherten, war der ganze Himmel schwarz umzogen, und sie beschleunigten noch ihre Schritte, während der Donner grollte.

Das kleine Berghaus lag scheinbar ganz verlassen da, doch als sie eintraten, fanden sie ein paar Leute am Tisch.

»Grüß Gott!« sagte der Professor. Erstaunte Gesichter blickten ihn an, die den Gruß der Berge offenbar nicht kannten. Es waren ein paar Herren und Damen drunten aus Landro, die heraufgekommen waren, um auch einmal eine richtige Hütte zu sehen, eine richtige Bergtour zu machen.

Klara stellte den Pickel in die Ecke und nahm sofort Platz am Tisch. Sie zog das Taschentuch und betupfte sich das brennende Gesicht. Joachim setzte sich neben sie. Er ließ sich ein Viertel Rot geben, er konnte es nicht mehr aushalten vor Durst. Und auch Frau Hallbauer rief:

»Karl, bitte, besorge mir Wasser…«

Die Hotelgäste aus Landro blickten die Hochtouristen an wie Wundertiere, vor allem Klara. Sie bogen sich zur Seite, um festzustellen, daß sie dicke Stiefel anhabe und sogar Hosen. Dann wisperten sie miteinander und konnten sich gar nicht beruhigen. Endlich fragte eine der Damen, die eine – natürlich völlig durchschwitzte – seidene Bluse trug, den Hüttenwart ziemlich laut, so wie man etwa beim Kellner um Auskunft bittet:

»Wo kommen die denn her?«

»Von den Zinnen mein' i.«

»Ist das schwer?«

Der Sextener stemmte die Arme ein und machte ein verschmitztes Gesicht, indem er die Stadtdame und ihre Begleiter von oben bis unten ansah:

»A Herz muß man scho habn, denk i, und wissen S', kopfschiach darf man a nit sein!«

Einer der Herren erklärte überlegen:

»Er meint schwindlig!«

Ein anderer junger Mann, der zu dieser einen Tour frisch benagelte Zugstiefeletten trug, sagte von oben herab:

»Ach, die Führer halten einen schon am Strick, so schlimm ist die Sache jar nich. Die Kerls tun bloß so, um mehr zu verdienen.«

Die paar Worte zeugten von so schiefer Auffassung und derartiger Unkenntnis, daß man den Sprecher gar nicht ernst nehmen konnte. Der Professor verzog auch keine Miene, sondern ging zum Schlafraum, um die zurückgelassenen Gegenstände in den Rucksack zu packen. Doch Joachim zitterte vor Ärger. Er war wütend für Klara, deren Leistung er herabgesetzt wähnte, darum sagte er laut, aber zu ihr allein gewendet:

»Wissen Sie, daß es entsetzlich ist, diese Kletterei mit anzusehen? Ich habe immerfort geglaubt, ein Unglück müßte geschehen!«

Sie lächelte:

»Mein Mann ist so sicher!«

Aber das wollte er nicht hören, und er fuhr fort, um gewisse Einzelheiten denen drüben unter die Nase zu reiben:

»Ich hatte mir die kleine Zinne nicht so haarsträubend vorgestellt. Haarsträubend, anders kann ich nicht sagen. Das ist ja, als ob einer den Kölner Dom erkletterte.«

Sie hatte in gierigen Zügen ihr Glas geleert und sagte in der Erinnerung vor sich hin, während die Hotelmenschen drüben stumm lauschten:

»Allerdings, zwischen den Füßen hindurch sieht man gerade unter sich das Geröll.«

»Und wenn man losließe?«

»Fiele man senkrecht hinunter, ohne erst aufzuschlagen.«

»Haben Sie denn keine Angst?«

»Nein. Mein Mann hält doch. Ich gehe lieber mit meinem Mann als mit einem Führer.«

Nun waren die am andern Ende des Tisches ganz ruhig geworden, und jetzt wußten plötzlich die Herren ihren Damen zu bestätigen, nachdem sie sich noch einmal im Baedeker orientiert, wie gefährlich und schwierig dennoch die Zinnen wären.

Währenddessen trat der Professor abermals vor die Hütte. Ein dunkler Vorhang hatte sich rings über die ganze Berglandschaft niedergelassen. Wieder schien die Hütte allein zu stehen, wie eine Arche Noah in den zu Stein erstarrten Sintflutwassern.

Plötzlich hörte man Tritte, Stimmen: die Partie Jörgl Tschurtschenthalers tauchte auf. Sie begrüßten sich kurz. Die Herren waren außer Atem, so hatten die Führer den Abstieg beschleunigt. Jetzt wären sie von dem Paternsattel ab Trab gelaufen, behauptete der Statthaltereirat. Er hatte augenblicklich nur einen Gedanken: etwas zu trinken, und er stürzte in die Hütte.

Die Führer blieben draußen stehen und sprachen über das Wetter. Es würde nichts machen, meinte der Jörgl, nur ein Gewitter, »Schuß und Knall«, wie er es ausdrückte. In einer halben Stunde müßte es vorbei sein. Dabei kam heraus, daß Pacifico Menardi mit den Herren allein nach Schluderbach zurückkehren wollte. Er, der Jörgl, bliebe oben, denn die Österreicher hielten Rasttag, und er sollte morgen einen Herrn aus München erwarten.

Da kam dem Professor ein Gedanke: er befand sich nun einmal hier oben, da hätte er gern die kleine Zinne auch noch von Norden gemacht – einen Anstieg, den er nicht kannte. Seine Frau nahm er dazu nicht mit. Er tat nur Dinge in den Bergen, denen er Klara gewachsen fühlte, und das konnte sie nicht. Einmal war es zuviel für einen und gar den ersten Tag, dann aber galt diese Tour für eine der schwersten, wenn nicht die schwerste, in den Dolomiten und damit in den Alpen überhaupt.

Sie war an den Grenzen des Möglichen, und da man nach Ansicht der besten Kletterer nur hinauf konnte, ein Abstieg aber kaum ausführbar schien, so beschloß der Professor, Jörgl Tschurtschenthaler mitzunehmen. Er sollte ihm als Wegweiser dienen, um Zeitverlust zu ersparen. Seiner Unterstützung durch das Seil bedurfte er nicht.

Jörgl war so glückselig, daß er die Tour allein aus Freude an der Sache machen wollte. Eine Bezahlung nähme er nicht an. Aber da wurde Professor Hallbauer fast grob:

»Jörgl, dann geh' ich nicht mit!«

»Sell wär gefehlt!«

»Also dann bleibt's dabei …«

Der Führer überlegte, hob die Hand und schlug ein. Es knallte. Im gleichen Moment zuckte ein Blitz. Der Donner folgte fast unmittelbar und rollte in den Bergen Echos weckend endlos hin. Nun begann das Gewitter.

Der Himmel hatte sich jetzt schieferschwarz gefärbt. Aber die Wolken standen höher als vorhin, und rings ward ein Streifen Horizont frei, in dem die Zinnen Einschnitte bildeten gleich gewaltigen Säulen, auf denen das Gewölbe lastete.

Da zuckte ein furchtbarer Blitz gerade herab links über dem Trümmergrat des Paternkofels. Der Donner folgte unmittelbar. Noch eine Entladung folgte, wie eine feurige Peitschenschnur, horizontal durchgezogen. Es krachte kurz.

Und nun begann ein augenblendendes Leuchten von allen Seiten, als würden auf ein Signal rings auf den Höhen die Feuerzeichen entfacht, den Sturm des Krieges, des Ausstandes durch das freie Bergesland Tirol zu tragen.

Dem geblendeten Auge schien immer tiefe Nacht nach der grellen, schwefelgelben Helle zu folgen, als hätte die Pupille zu lange in die feurige Glut eines Hochofens gestarrt.

Schaurig und doch groß rollten die Donner zwischen den Felsen, ein Echo weckend nach allen Seiten. Die Erde schien zu beben. Die Luftwellen, die das Trommelfell erzittern ließen, kamen nicht zur Ruhe. Eine Schlacht schien entbrannt. Der Geschütze Blitz, Knall, Rauch ward sichtbar und tönte von überall, umrauschte, umblendete, umtoste den einsamen Bergsteiger in der Tür der kleinen Hütte, des einzigen, armen, winzigen Werkes von Menschenhand auf Stunden in der Runde.

Drin am Tisch gab die Hotelgesellschaft ihrer Beklemmung Ausdruck. Die Damen versteckten ihr Gesicht. Auch Klara zuckte ein wenig zusammen, und Joachim kniff bei jedem grellen Leuchten die Augen zu.

Der Professor aber blieb draußen. Er preßte die Hände zusammen und starrte mit weitgeöffneten Augen in das gewaltige Schauspiel, das Riesenfeuerwerk, das die Elemente entzündeten. Wie er gestern abend hinausgegangen, um allein zu sein, so jetzt. Dann genoß er. Ein anderer mit seinen Ausrufen, ja nur durch seine Gegenwart hätte ihn gestört. Er hätte nicht gewußt, was antworten, aber er empfand es in den Tiefen seiner Seele wie eine Erschütterung, eine Reinigung, eine Erhebung. Er fühlte sich schwach und klein in dieser Größe, in Gottes Wettern und Leuchten. Der Mensch konnte geblendet nicht blicken in des Herrn des Himmels und der Erden übergewaltige, flammende Augen.

Aber er fürchtete sich nicht. Er stand demütig vor dem Riesenschauspiel, mit dem Gefühl: trefft mich, ihr Blitze, zermalmt mich, was ist daran gelegen. Ich nehme es hin als mein Schicksal. Ich blicke euch furchtlos ins Auge, komme es, wie es kommt. Mit dem gleichen Gefühl, das ihn über lotrechte Wände hinanführte, ohne zu zucken, über messerscharfen Eisgrat, ohne zu beben. Mit dem Gefühl, das auf schwer errungenem Gipfel sich entlud, in potzeinfachem Dank zum Schöpfer, der ihm erlaubt, zu stehen, wo keiner vor ihm gestanden und nur wenige stehen würden nach ihm.

Und er strengte die Augen an und starrte mit angehaltenem Atem in das Toben der Elemente. Der Wind kam daher auf leisen Füßen. Der Wind nahm die Wangen voll. Der Wind begann zu blasen. Er säuselte, er sauste, er pfiff, er dröhnte. Er wurde zum Sturm, kam in Stößen über die Höhe gefahren. Stürmte drüben gegen die gewaltigen Felsen, brach sich, fuhr im Kessel herum, berannte andere ewige Bergesstirnen.

Er versuchte es anders: er kam von oben, drückte herab, daß die Dünste an den Felsen in die Höhe fuhren, ausweichend, ängstlich fliehend wie Wasser in der Schale, in die man den Krug hastig setzt.

Und als hätte das Zusammenpressen der Wolken sie gelöst, fiel mit einem Male sanft der Regen.

7.

Als der Professor seinen Entschluß Klara mitteilte, war sie zuerst verstimmt. Was sollte sie hier bei dem Wetter auf der Hütte sitzenbleiben, da sie doch nicht mitdurfte! Doch er beruhigte sie und schlug den beiden vor, zusammen nach Schluderbach abzusteigen. Der Weg war markiert und nicht zu verfehlen. Unten im Hotel sollten sie ihn erwarten, und Klara hatte Gesellschaft.

Die beiden blickten sich an. Sie wollten ja sagen, und doch war es ihnen, als müßten sie sich erst ein wenig sträuben. Der Professor bemühte sich, einen Scherz zu machen:

»Ihr vertragt euch wohl nicht?«

Klara meinte schnell:

»Gut, ich bin einverstanden.«

Er fuhr fort zu scherzen:

»Ist dir's denn so schlimm, mit Freund Joachim allein zu sein?«

Leichte Röte stieg ihr ins Gesicht, sie sagte sofort:

»Also, sobald das Gewitter vorbei ist, gehen wir. Werden wir uns auch nicht verirren?«

Der große Mann strich ihr, wie es seine Manier war, die Wange:

»Du Närrchen!«

Sie aber machte ein unwilliges Gesicht und blickte die Fremden an, die verzweifelt wegen des Wetters herumsaßen und standen, die Kateridee verfluchend, die sie hier herausgeführt.

Doch der Regen ließ nach, und als ein kurzer, jäher Sonnenblitz durchs Fenster fiel, sprang alles auf, um hinauszuschauen. Es ward immer heller. Endlich hörte es ganz auf zu gießen. Der Wind blies, riß die Wolkenschleier entzwei, an einzelnen Stellen lächelte der blaue Himmel. Bald lachte er sogar.

So schnell, wie das Hochgewitter gekommen, war es auch verschwunden. Die Wolken zogen davon, nur in der Ferne lagen noch langgezogene Striche über den Bergen, unbeweglich in seine Linien auslaufend, wie mit dem Pinsel gezogen, und um die Häupter der Zinnen schlangen sich Dünste, bald Kugelgestalt annehmend, bald flatternd wie lange, dünne Trauerwimpel und Fahnen.

Von der kleinen Zinne stieg ab und zu die Wolkenkappe hoch, um sich kurz darauf wieder niederzulassen, als grüßte die schlanke Felsgestalt freundlich zur Hütte herüber.

Jetzt brach alles auf. Die Hotelmenschen aus Landro in allergrößter Eile zuerst. Sie hatten einen Führer mit, der draußen in der Küche weidlich schimpfte über all das Gepäck, das er tragen mußte, denn die Jochbummler hatten sich ausgerüstet, als gelte es acht Tage fortzubleiben.

Jörgl Tschurtschenthaler und Pacifico Menardi verhöhnten ihn:

»Sepp, hast auch die Kletterschuhe mit?«

»Sepp, deine Tourischten haben ja nur a paar Stecken und keine Pickel? Wie wollt ihr denn da hinunterkommen? Bist doch a sakrischer Bursch!«

»Sepp, geht ihr denn ohne Seil? So an Leichtsinn! Bei dem schweren Abstieg!«

Der andere schob stöhnend den schweren Rucksack auf die Schultern, steckte einen Damenplaid durch die Tragriemen; einen zweiten nahm er über den Arm. Dann folgte er seiner Gesellschaft, die ohne Lebewohl zu sagen, davon war. Die eine Dame war vorausgerast, der Herr mit den Gummizugstiefeln hinkte hinterher. Er hatte sich wundgelaufen.

Jetzt atmete der Professor auf. Er öffnete das Fenster, als müsse frische Luft herein. Dabei sagte er zu Joachim:

»Die Sorte, das ist so mein Fall. Die hasse ich. Die könnte ich ohne Gewissensbisse, wenn ihnen was zustieße, in den Bergen ruhig ihrem Schicksal überlassen, denn wer mit all seinen Menschlichkeiten in die große Natur kommt, der verunreinigt sie, der vergreift sich an ihr …«

Er war ganz erbittert geworden, so daß ihn sein Freund erstaunt ansah. Sofort lenkte der Professor erklärend ein:

»Ich habe nicht etwa gegen ehrsame Tal- und Jochwunderer etwas. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil freue ich mich über den Schwächsten, der den kleinsten Übergang macht. Man braucht gar nicht auf die schweren, großen Gipfel zu steigen, um Naturgefühl zu zeigen. Jeder nach seinen Kräften: wenn wir älter sind, können wir das auch nicht mehr, was wir heute tun. Und eine alte Dame etwa, die ihre letzten Kräfte daransetzt, um die Hochgebirgswelt auch einmal in der Nähe zu sehen, ist mir tausendmal lieber als ein junger Bergfex, der die ernstesten Berge ›ganz leicht‹, die kleine Zinne ohne Schwierigkeit, den Winklerturm nur ›etwas exponiert‹ findet, und die Dent Blanche für ›immerhin interessant‹, doch nicht eigentlich schwierig erklärt …«

Er wunderte sich selbst über seine Rede, blickte sich um und fragte Jörgl Tschurtschenthaler, der, Pfeife rauchend, in der Tür zur Küche stand:

»Hab' ich nicht recht?«

Der nickte, ohne den Stiel aus dem Munde zu nehmen:

»Glaub' schon!«

Klara war fertig zum Aufbruch. Joachim nahm seinen Stock, nachdem er seinen Anteil an dem, was sie verzehrt, gezahlt und noch ein paar Gläser Wasser getrunken hatte. Auch der Professor ging mit, doch nur den Pickel in der Hand, das Seil und einen schmächtigen Rucksack trug Jörgl. Sie wollten die beiden andern bis kurz vor den Paternsattel begleiten. Dort bogen sie dann ab zur furchtbaren Nordseite der kleinen Zinne, um jenen »Weg« anzutreten, an den allein zu denken dem Unbeteiligten Schauer über den Leib jagt.

Die Felsen hatten sich ganz verändert: heute früh noch weiß, kreidig, rötlich, an einzelnen Stellen im Sonnenschein in allen Farben des Regenbogens spielend, waren jetzt dunkel drohend, schwarz durch die eingesogene Nässe des Gewitters. Sie glichen altersgrauen, ehrwürdigen, zeitzerfressenen, rußgedunkelten gotischen Türmen.

Es mußte geschieden sein. Der Professor zog seine Frau an sich und küßte sie. Dabei blickte sie wie scheu zu Dörstling hinüber, dem er die Hand gab.

»Und Kläre, also … ich werde versuchen, heute abend noch unten zu sein. Sollte ich aber nicht kommen, so brauchst du dich nicht zu ängstigen. Vielleicht nehme ich noch irgendeine andere Spitze mit, und dann könnte es zu spät werden. Und du, Dörstling, du bietest ihr jetzt männlichen Schutz, Kläre aber, die berggewohnte, macht den Wegweiser. Nicht wahr?«

Einen Augenblick darauf waren die beiden Männer mit langen Sätzen das Geröll hinabgeeilt, wurden kleiner und kleiner und entschwanden hinter ein paar riesigen, von der Punta di Frida abgestürzten Blöcken.

Die beiden andern waren allein.

Es ward ihnen plötzlich bewußt, als sie den Paternsattel überschritten hatten und man sie von der Dreizinnenhütte aus nicht mehr sehen konnte. Kein Mensch auf Sehweite, keiner in Rufweite.

Sie wurden befangen, alle beide.

Zuerst gingen sie schweigend hin über das auch hier dunklere Gestein, Klara voraus, denn sie sollte ja den Weg weisen. Aber bald begann er zu sprechen. Nur die Worte:

»Diese Einsamkeit hier oben!«

Sie fragte:

»Haben Sie das so geahnt?«

»Nein.«

Sie waren allein, wie sie es noch nie gewesen in ihrem Leben. Denn wenn sie auch in Berlin allein in einem Raum geweilt, so waren doch andere in derselben Wohnung, viele im gleichen Haus, Tausende in der Nähe, Millionen in der Stadt. Sie hatten Menschen um sich gefühlt, gehört, geahnt. Hier aber schwieg alles, hier war keine lebende Seele zu ahnen. Nur Stein gab es hier, Wolken, Himmelsblau, Felszinnen und Abgründe.

Und doch wieder: warum sollten nicht drüben auf den Cadinspitzen Bergsteiger sein, die sie beobachteten? In den Monti Marmaroli, am Popena, an der Soraspitz, am mächtigen Antelao? Ober unten am Misurinasee, wohin die Sommerfrischler ihre Ausflüge machten? Konnten nicht Operngläser oder Fernrohre auf sie gerichtet sein, sie, das einsame Menschenpaar in dieser unendlichen, steinernen Wildnis?

Doch es war zu weit, man erkannte sie nicht.

Aber sie fühlten das Alleinsein wie Menschen, die immer dem bangen Moment aus dem Wege gegangen sind, sich fürchten vor dem Augenblick, wenn wirklich alle gegangen sind, daß die Tür hinter ihnen zuschlägt und sie sich zum erstenmal ohne Zeugen gegenüberstehen.

Er wollte sich ihr nähern und etwas sagen – aber ihm war es, als blickten wirklich Augen und Gläser von irgend woher, ein dunkles Bewußtsein wie im religiösen Gemüt: Gott sieht es.

Und ein seltsames Gefühl schnürte ihm die Kehle zu. Es stieg ihm zum Munde herauf. Er hätte brüllen mögen. Er konnte nicht mehr. Aber er sagte nur gepreßt:

»Wir sind ganz allein …«

Sie ging weiter ohne Antwort. Er sprach abermals:

»Wir sind ganz allein …«

Sie schien langsamer zu gehen, doch sie wendete sich nicht um. Da begann er wieder, und er nannte sie beim Vornamen:

»Klara, wir sind ganz allein …«

Jetzt zögerte sie, blieb stehen, lehnte sich auf den Pickel, aber sah ihn nicht an. Sie waren schnell gegangen bis hierher, und Klara ließ sich zurücksinken gegen einen Riesenblock.

»Wollen wir einen Augenblick rasten?« fragte sie. Er blieb neben ihr stehen, aber er wagte nicht weiter zu fragen. Nur seine Hand legte er auf ihre und sprach:

»Hat Ihnen der scharfe Fels nicht wehe getan?«

Sie schüttelte den Kopf. Er drehte ihre Finger um, die sie ihm ließ. Ein paar Risse waren doch daran. Die rosigen Nägel waren an einigen Stellen zerschabt. Er streichelte ihre Hand, dann hielt er inne und behielt sie in der seinen.

Die Sonne schien glühend heiß. Blauer Dunst lag in der Ferne. Es flimmerte und flirrte über den Tälern. Kein Laut war zu hören, kein Vogelgezwitscher, kein verlorener Ton aus dem Tal. Müde, schläfrige Mittagsstille. Das gewaltige, große Schweigen, die unendliche, sinnverwirrende Einsamkeit des Hochgebirges.

Da hob er langsam ihre Hand an die Lippen. Sie ruhten unbeweglich darauf, wie die beiden, im ewigen Raum verlorenen Menschenkinder dastanden, ganz allein, allein, wie sie es noch nie gewesen in ihrem Leben.

Er nahm die Hand, die kleine Hand, die sich an den furchtbaren Felsen so mutig gehalten, und legte sie sich leise auf die Stirn, indem er die Augen schloß.

Da knatterte es plötzlich hinter ihnen, eine Steinsalve prasselte den Geröllstrom herab vom Rastplatz zwischen den beiden Zinnen. Sie kam von den Jenenser Studenten, die nach der großen auch die kleine Zinne führerlos bestiegen und nun nach der Rast aufbrechen wollten, wie unten das Paar nach Schluderbach drunten in Ampezzo.

Klara zog mit einem Ruck ihre Hand zurück, und von einem entsetzlichen Schrecken gepackt, lief sie davon in Sätzen den Weg hin, als flöhe sie vor einer furchtbaren Gefahr.

Die Augen waren ihnen aufgegangen, wie einst dem ersten Menschenpaar, als es seine Blöße ererkannt.

8.

Den ganzen, stundenweiten Weg entlang zwischen dem Monte Piano zur Rechten, den Cadinspitzen links, bis an die Straße zum Misurinasee sprachen sie kein Wort, als hätten sie Angst zu beginnen. Und erst als sie auf der Chaussee standen und ihnen ein Zweispänner entgegengekommen war mit vier wohlbeleibten Damen, die neugierig nach der Geschlechtsgenossin im Bergsteigeranzug starrten, fanden sie die Sprache wieder.

Die vier Dicken im Wagen, denen man es ansah, daß sie auch bei nur hundert Meter Steigen schon ein Schlaganfall bedroht haben würde, wollten sich ausschütten vor Lachen über »das Weib in Hosen«, wie sich die älteste und fetteste auf dem Vordersitze ausdrückte.

Darüber ward Joachim wütend, und ehe es Klara hindern konnte, hatte er sich umgedreht und rief dem Wagen nach:

»Bitte, meine Damen, ›das Weib in Hosen‹ war auf der kleinen Zinne. Wollen Sie's nicht auch versuchen? Aber ziehen Sie unbedingt ein Ballkleid an und Lackschuhe!«

Die Damen machten ganz erschrockene Gesichter. Sie dachten, der wütende Mann könnte auf sie losstürzen. Doch Joachim ging der vorausgeeilten Klara nach. Sobald er sich umgedreht hatte, streckte ihm das jüngste dicke Frauenzimmer die Zunge heraus: »Bäh!«

Joachim ärgerte sich über sich selbst. Er fürchtete einen Vorwurf seiner Begleiterin. Doch Klara meinte nur:

»Ignorieren! Das ist das beste!«

Sie war rot vom Sonnenbrand, vom schnellen Marsch und jetzt röter noch in Scham über die Szene, die Joachim gemacht. Und nun, da die Unterhaltung wieder begonnen, war es ihr, als müsse sie ihm bedeuten, daß das Gespräch allgemein zu bleiben hätte. Darum erwähnte sie, wie eine Ermahnung, ihren Mann:

»Karl sagt immer, wenn sich jemand über meinen Anzug aufhält: ›Vergiß nicht, daß die meisten Menschen nur das begreifen, was sie immer sehen. Jedes Ungewohnte auf der Straße macht die Pferde scheu, warum nicht auch Menschen?‹«

Doch im stillen freute sie sich, daß er sie sofort verteidigt hatte. Sie schritten die steile Alpenstraße vom Misurinasee hinab durch das Val Popena bassa dem Ampezzotale zu.

Die Sonne glühte vom Himmel trotz der Spätnachmittagsstunde, und bei einem Holztroge, der ein Wässerlein einfing, machten sie halt, erfrischten sich das Gesicht mit dem kalten, klaren Wasser, säuberten den Anzug von Staub und Schmutz und schritten dann gestärkt und »menschlich gemacht«, wie Klara sagte, den Weg weiter.

Es kamen ihnen Spaziergänger entgegen, Gäste aus dem großen Hotel am Misurinasee, die Herren den Strohhut in der Hand, denn der Weg hinauf machte warm, die Damen in hellen Sommerkleidern, weißen Handschuhen und farbigen, seidenen Sonnenschirmen.

Erstaunt blickten sie dem Bergsteigerpaare nach, und Joachim war stolz auf seine Begleiterin, die kraftvollen Trittes elastisch hinschritt, als müßte es so sein. Er ärgerte sich nur, nicht auch einen Pickel zu haben, daß er noch mehr wie ein Hochtourist aussähe. Am liebsten hätte er ein Seil um die Schultern gehabt, als wäre er ein Führerloser.

Dann überholten sie Wagen, die am See gewesen waren und jetzt nach Schluderbach heimkehrten oder Landro oder weiter noch in die Sommerfrischen des Pustertales: Toblach, Innichen, Niederdorf.

Immer wendeten sich die Menschen um; man sah, wie sie ihre Meinungen austauschten, wo die Bergsteiger wohl herkämen. Die Dame erregte die größte Neugierde, denn daß die Hochtouren hier in den Dolomiten schwer waren, davon hatten sie alle gehört.

Jedesmal aber überlief Joachim ein Gefühl des Stolzes, als wäre er auf der kleinen Zinne gewesen, er mit ihr. Er träumte sich in eine Leistung als Hochtourist hinein, genau so, wie er, wenn er auf dem Genfer See ein paar Damen gerudert, aus der Pension, in der er wohnte, sich hineingesonnen hatte in den Gedanken: ohne ihn wären die jungen Mädchen untergegangen.

Jetzt tauchte die Croda rossa vor ihnen auf mit ihren rötlichen Wänden, die auf brüchigen, faulen, verwitterten Fels deuteten. Links zog sich eine Rinne vom Berg herab, breit in Geröllströme ausladend, darin lag Schnee. Und eine rote Bahn, wie eine vertrocknete Blutspur, in der Mitte auf dem Weiß, deutete den Weg an, den die losbröckelnden Blöcke und Steine verderbendrohend zu nehmen pflegten.

Endlich hatten sie den Talboden erreicht, mit ihm die Tiroler Grenze, denn sie waren bisher in Italien gewesen. Als das Hoheitszeichen Österreichs in Sicht kam, nahm Joachim lachend seinen Hut ab:

»Ich grüße dich, Land Tirol!«

Auch Klara verneigte sich tief. Dann blieb sie stehen und deutete links hinüber:

»Da, da sehen Sie nur: der Cristallo! Der Cristallo!«

Durch eine hohe Felsengasse, die brausend ein Bach durchfloß, erschien eine gewaltige Felsstufe über dem Geröll, und dann das bläulich schimmernde, zerklüftete, in langen Zungen niederlaufende Eis des Cristallogletschers. Hoch darüber türmten sich noch, durch Bänder in Stockwerke geteilt, durch Eisrinnen in einzelne Gipfel zerlegt, gewaltige, rote, beschneite Felsenmauern, über denen der blaue Himmel hereinschaute. Nun wuchs die Zivilisation. Die Nähe eines bewohnten Ortes zeigte sich an: ein paar Bänke im Wald, Kühe, die muhten und läuteten, eine Umzäunung, und da schimmerte auch schon das Hotel Schluderbach durch die dünner werdenden Stämme.

Auf den großen Veranden standen Tische gedeckt, saßen Leute, die sich beim Nahen der beiden Bergsteiger über die Brüstung lehnten. Die gingen unter den Veranden hin, über eine kleine, steinerne Treppe auf die vor dem Hotel zum Platze erweiterte, schöne Ampezzostraße, einst die strada di Alemagna, vom Herzen Tirols durch das Zauberland der Dolomiten, aus eisumpanzerten Hochgipfeln bis nach Venedig führend an die blaue Adria.

Vor dem Hotel standen ausgespannte Wagen, die Deichseln hochgeklappt oder lang ausgestreckt, als wollten sie die Fahrtrichtung angeben. An den Tischen vor dem Haus saßen Hotelgäste oder Durchreisende, die auf das Anspannen ihrer Wagen warteten. Die Kellnerinnen standen herum mit weißen Tüchern in der Hand, gaffend, zerstreut ihr Haar zurechtsteckend oder mit der Geldtasche am Gurte spielend. Ein paar Führer lehnten an der Wand. Drüben wartete die Post aus Cortina. Ampezzanerinnen saßen darin in ihrer eigenen Frisur, den Hut auf dem Kopf mit langen, schwarzen Bändern, weißen Puffärmeln und dunklem Rock.

Alles wandte den Kopf, als die Nagelschuhe der beiden auf den Steinplatten klapperten, und die Führer zogen freundlich den Hut:

»Grüß Gott!«

Der Wirt kam ihnen entgegen, erkundigte sich, ob es schön gewesen, wann die Herrschaften speisen wollten.

»Erst muß ich mich umziehen!« sagte Klara zu Joachim.

Er fragte:

»Wie lange Zeit brauchen Sie?«

»Eine halbe Stunde mindestens.«

Und sie fügte lächelnd hinzu:

»Wenn ich mich besonders schön mache … dreiviertel Stunde.«

Da bat er:

»Machen Sie sich schön, bitte, bitte!«

Sie sagte, während sie die Treppe hinaufschritten:

»Ich will Ihnen nur etwas gestehen. Wenn ich von einer Tour zurückkomme und die Leute mich so gesehen haben, womöglich mit zerrissenen Sachen oder naß geworden, da ist es mein Ehrgeiz, dann zum Essen auch etwas Hübsches anzuziehen, daß die Menschen nicht denken sollen, ich verstehe mich als Stadtdame nicht zu kleiden. Nun passen Sie mal auf, ob Sie mich überhaupt wiedererkennen werden! Also frühestens in einer Stunde unten im Speisesaal.«

Damit verschwand sie in ihrem Zimmer, während Joachim eine Treppe höher stieg.

Er war sehr müde, warf seine Kleidungsstücke ab, leerte schnell zwei Glas Wasser und badete sich das glühende Gesicht. Dann legte er sich aufs Bett, nur um ein bißchen auszuruhen. Er wollte lieber die Augen gar nicht schließen. Doch nach ein paar Sekunden schon war er fest eingeschlafen.

Er erwachte erst durch lautes Pochen an seiner Tür und gewahrte erschrocken, daß die Dämmerung im Begriff war einzubrechen.

»Was ist denn los?«

»Frau Professor läßt fragen, ob der Herr Doktor noch nicht bald käme?«

Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Er antwortete, er würde sofort erscheinen, und er beeilte sich so, daß er in der Tat nach ein paar Minuten fertig war. Ehe er ging, besah er sich noch im Spiegel. Nun wußte er auch, woher ihm noch immer das Gesicht derartig brannte: er sah aus wie ein gesottener Krebs, und vom hohen, weißen Kragen stach seine Hautfarbe um so mehr ab.

Unten im großen Speisesaal glühten schon die elekirischen Flammen. Lange Tafeln standen gedeckt, und als Joachim daran hinschritt, Klara suchend, wandten sich nach ihm die Köpfe.

Klara saß in der Ecke an einem Seitentischchen. Sie trug eine mattlila Seidenbluse mit weißem Gürtel, den ein goldenes Schloß zusammenhielt in Form eines stilisierten Schlangenpaares. Die Augen waren durch grünfunkelnde Smaragde dargestellt. Ein einfacher, flacher Strohhut mit weißem Bande saß auf dem schönen, kastanienbraunen, gelockten Haar, und nun, da sie wieder »Modedame« war, funkelten Ringe an den schlanken Fingern.

Joachim setzte sich. Sein Auge fiel auf das liebreizende, lächelnde Gesicht. Er achtete nicht auf die Kellnerin, die mit der Speisekarte gekommen war, sondern starrte die Frau ihm gegenüber an wie ein Wunder und sagte:

»Nein, es ist sonderbar!«

Klara lächelte, bedeutete ihm aber, daß neben ihm das Mädchen wartete. Er bestellte Forellen, die sie vorgeschlagen, und als sie gegangen war, fragte Klara mit glänzenden Augen, indem sie sich dazu etwas über den Tisch beugte:

»Was ist denn sonderbar?«

Er schlug, nachdem er die Serviette ausgebreitet, die Hände zusammen:

»Diese Veränderung!«

»Was für eine Veränderung denn?«

Er besah sie von oben bis unten. Sie aber meinte mit leichter Koketterie:

»Sie müssen mich nicht so ansehen. Wo soll ich denn bleiben?«

»Sie sind so schön!«

»Das dürfen Sie nicht sagen!«

»Warum nicht?«

»Nein, ich mag's nicht!«

»Wenn es nun aber so ist?«

»Erstens ist's nicht so und zweitens …«

»Zweitens?«

»Kurzum, ich liebe das nicht.«

Aber sie machte kein erzürntes Gesicht. Er war von ihrem Anblick wie berauscht, als hätte er sie noch niemals gesehen. Ob es die plötzliche Umwandlung aus dem männlichen Sportgewande zur Dame war – er wußte es nicht. Er wußte nur, daß ihn zu dieser Frau etwas Unerklärliches zog, gegen das er nicht an konnte. Er fühlte sich glückselig, hier allein mit ihr zu sitzen. Er war stolz auf sie. Halb sah er, halb ahnte er, daß die Leute drüben an der Abend-Table d'hote sich mit ihr beschäftigten.

Und wieder blickte er sie an, ohne ein Wort zu sprechen, so daß sie fast verlegen fragte:

»Aber um Gottes willen, was haben Sie denn nur?«

Da kam die Kellnerin mit den Forellen und einem Champagnerkühler, in dessen Eisfüllung sich eine dickbauchige Sektflasche schwer bewegte. Das Mädchen beugte sich zu Klara:

»Der Herr Professor hat den Wein bestellt für heut abend zur Rückkehr von den Herrschaften. 's ist doch recht?«

Klara zögerte. Es erschien ihr, als könnte es von den andern drüben an den Nebentischen falsch gedeutet werden. Doch sie entschloß sich schnell. Nach jedem schwer errungenen Hochgipfel gönnte er seiner Frau im bequemen Hotel ein Glas Sekt als Belohnung für die Entbehrungen dort oben, wo er streng auf mäßigste Kost und Verbannung des Weines hielt.

Es war in seinem Sinne. Wenn sie ihn jetzt fragte, würde er gesagt haben: »Natürlich, du Närrchen.«

Dieses »Närrchen«, das ihr vor andern Menschen immer so schrecklich war. Darum sagte sie zu dem Mädchen:

»Stellen Sie hin. Es ist ganz richtig!«

Auf einen Stuhl, niedrig, daß es nicht so auffallen sollte vor den Menschen der Table d'hote, wurde der Wein zwischen die beiden gesetzt.

Klara konnte den Saal überblicken, während er, ihm den Rücken wendend, nur sie vor Augen hatte. Sie ganz allein. Und nun ward auch das Gespräch wieder anders wie heut nachmittag, wo sie allein gegangen, als könnte die Frau jetzt unbefangen mit der Gefahr spielen, hier vor allen Menschen. Hier hatte sie den Mut wiedergefunden, der ihr verlorengegangen war angesichts des Alleinseins mit ihm in der großen Einsamkeit. Sie scherzte, sie erinnerte ihn sogar an den Schreck, den ihnen die Partie oben an den Zinnen verursacht.

Die Zinnen! Nun waren sie wieder dabei. Und jetzt erzählte Klara davon. Der gewaltige Eindruck zitterte noch in ihr nach.

Er wollte Einzelheiten wissen. Die Stelle mußte sie ihm beschreiben im Zsigmondykamin, wo sie an dem eingeklemmten Block beinahe nicht mehr weiter gekonnt.

Klara gab ihre Eindrücke wieder und schloß damit: er müsse sich alles das selbst ansehen, er solle mitkommen. Darauf wollten sie trinken.

Doch Joachim schüttelte den Kopf:

»Nein, das ist Zukunftsmusik. Erst trinken wir auf die Besteigung der kleinen Zinne.«

Sie hob das Glas:

»Die kleine Zinne!«

Laut wiederholte er, daß die Leute am Nachbartisch herüberblickten:

»Die kleine Zinne!«

Dann fügte er leiser hinzu, während sie anstießen:

»Und die kleine Frau, die ihr den Fuß aufs stolze Haupt gesetzt.«

Die Kellnerin, die eben an der Table d'hote servierte, wurde von mehreren Leuten gefragt, wer die beiden wären. Sie gab flüsternd zur Antwort, den Herrn kenne sie nicht, die Dame wäre die Frau des Professors Hallbauer.

Geheimrat von Erxleben aus Charlottenburg, der mit vier oder fünf Töchtern – man wußte immer bei der Ähnlichkeit und Menge nicht wieviel – am Tisch saß, sagte sofort zu seinen Nachbarn:

»Ganz bekannter Name. Einer unserer ersten Chirurgen.«

Die Österreicher in der Nähe meinten:

»Ah, ah so!«

Zwei englische Damen, die immer Romane mit sich hatten und auch bei Tisch, wenn das Servieren lange dauerte, zu lesen begannen, blickten auf. Die eine fragte in ganz erträglichem Deutsch die Kellnerin, wo die Dame gewesen sei, sie hätten sie nämlich von einer Tour zurückkommen sehen.

»Auf den Zinnen«, sagte sie. Aber das genügte nicht. Die Engländerin, die, ohne je eine Hochtour gemacht zu haben, genau über die Schwierigkeit oder Gefahr aller Touren des Gebietes unterrichtet war, wollte wissen auf welcher. Die Kellnerin trat an den kleinen, runden Tisch, an dem die beiden glücklich gestimmten Menschen saßen und wendete sich an Klara:

»Gnä' Frau, bitt' schön, i bin gefragt worden, auf welcher Zinn' Sie gewesen sind!«

Klara machte eine abwehrende Bewegung, als wollte sie damit sagen: da ist doch nichts weiter dabei! Aber Joachim, dem die paar Glas Champagner noch mehr die Glut in den Kopf getrieben, wendete sein rotes Gesicht um und antwortete für sie:

»Kleine Zinne, kleine!« als ob er selbst mit gewesen wäre. Er hatte so laut gesprochen, daß man es drüben hörte und der Geheimrat seinen vier bis fünf Töchtern auseinandersetzte, was das bedeutete: so sah eine Dame aus, die auf der kleinen Zinne gewesen war.

Sie spürten es am kleinen Tisch. Klara war es peinlich. Joachim stachelte es zum Ehrgeiz. Und wieder gewann in ihm die Idee die Oberhand, noch verstärkt durch die Geister des Sektes: die Sache wäre gar nicht so schlimm. Was eine Frau vermochte, konnte ihm doch unmöglich versagt sein!

Er sprach jetzt davon, seine Freunde auf ihren nächsten Touren zu begleiten.

»Ist's wirklich wahr?« fragte Klara. Er legte beteuernd die Hand aufs Herz, ließ den weichen, schönen Bart durch die Finger gleiten, strich sich das Kinn und blickte sie an:

»Ich könnte es unten nicht aushalten.«

»Warum?«

»Ohne Sie? Ich dächte doch immerfort, es passierte Ihnen etwas.«

Auch ihr war Farbe auf die Wangen getreten, trotz Gletschersalbe, durch den Marsch in der Sonne, jetzt aber durch die Hitze im Saal und den Champagner.

Sie rümpfte die Nase, spielte mit dem Brot, blickte auf das Tischtuch nieder und meinte:

»Und wenn mir nun etwas passierte? Was käme es darauf an!«

Er antwortete traurig, vorwurfsvoll:

»Das sagen Sie?«

Sie stellte sich ein wenig an:

»Ach, was ist an mir gelegen!«

»Nein, so etwas dürfen Sie nicht sagen!«

»Pah, heute rot, morgen tot!«

«Bitte, seien Sie nicht so!«

Jetzt war in ihm mehr Ernst als in ihr. Sie aber spielte die kleine Komödie weiter:

»Ach, ich habe ja nichts zu verlieren. Kinder habe ich nicht … also …«

Joachim hätte fast gesagt: »Und Ihr Mann?« Doch ihm wollte das Wort nicht über die Lippen, und er machte eine andere Wendung daraus:

»So, und sonst nimmt wohl niemand Anteil an Ihnen?«

»Wer?«

»Nun, zum Beispiel ich!«

»Ach …«

»Sie glauben mir's nicht?«

Er hatte mit verhaltener Leidenschaft gefragt. Sie blickte ihn eine Weile zweifelnd an, dann meinte sie plötzlich in einer skeptischen Art, die sie manchmal in gewissen Stimmungen haben konnte:

»Ach, seien Sie mir nicht böse, aber was weiß man denn eigentlich von andern Menschen. Man kennt sich selbst ja kaum! Das ist so furchtbar traurig!«

Joachim neigte den Kopf, und seine Antwort klang, als redete er gar nicht mit ihr, sondern für sich:

»Es gibt eines, das muß man fühlen, das ist, wenn ein Mann eine Frau liebhat, wenn er nur an sie denkt, wenn er krank, krank, krank, ja krank ist an ihr. Wenn er nicht mehr weiß, was er ohne sie anfangen soll. Wenn … wenn ihr Bild ihn verfolgt immer und immer, überallhin. Ein solcher Mann würde sich dann das Leben ohne die Frau nicht mehr denken können. Es hätte keinen Wert mehr für ihn. Und darum müßte er auch bangen um das Leben dieser Frau. Verstehen Sie mich nun?«

Sie nickte. Aus ihrem Theaterspiel ward immer mehr Ernst. Sie fragte:

»Und wie soll diese Frau nun erkennen, daß … daß es so ist?«

»Sie muß es fühlen.«

»Aber der Beweis?«

»Den gibt es nicht. Können Sie mir beweisen, daß der Tag heute schön war? Können Sie mir beweisen, daß ein Mensch einen andern liebt? Wissen Sie's oft selbst? Beide? Nein. Gefühl ist es nur. Ein Gefühl, das nicht täuscht, nicht täuschen darf, denn sonst, sonst … nun komme ich darauf, was Sie gesagt haben – was bliebe uns sonst, was hätten wir davon, auf dieser Erde zu sein? Wäre es nicht besser sonst, ihr so schnell als möglich den Rücken zu kehren?«

Er blickte sie fragend an, doch sie gab keine Antwort, und er fuhr fort: »Was hält uns eigentlich hier fest? Wozu leben wir? Wozu arbeiten wir denn? Doch nicht zur Selbstbefriedigung allein, indem mir uns sagen: wir haben unser Brot verdient! Jeder, auch der an Gefühl und Geist Ärmste, verlangt mehr. Er will irgendein Wesen haben, irgend-, irgendeines, dem er sich anvertrauen kann, dem er Augenblicke der Schwachheit zeigen darf, die er sonst vor seinen lieben Nebenmenschen ängstlich verbirgt. Er sucht irgendeine Seele, die mit ihm schweigt und zittert, mit ihm weint und lacht. Und sehen Sie, da sollte ich … Nein … nein, so will ich nicht reden … Hören Sie: Ich habe gesagt, einen Beweis gibt es nicht, man muß es fühlen. Nun Gefühl ist es doch gerade, das uns allen in dieser Sehnsucht innewohnt. Ein Gefühl wie in mir, als ich Ihnen sagte, ich wollte mit Ihnen hinauf in die Berge, nur weil ich es unten nicht ertragen könnte ohne Sie.«

Joachim hielt einen Augenblick inne. Sie hatte die Augen niedergeschlagen und spielte mit den Ringen an ihrer Hand, während er weitersprach:

»Bin ich nicht in Berlin fast täglich bei Ihnen gewesen? Bin ich Ihnen nicht hierher gefolgt? Habe ich Sie nicht, der ich früher den Gedanken, stundenweit zu gehen, mit Entsetzen aufgenommen haben würde, begleitet hoch hinauf in die Gebirgseinsamkeit? Und warum? Glauben Sie aus Spaß? Ich sagte, man muß es fühlen! Vielleicht … vielleicht wäre hier der Beweis, nach dem Sie ängstlich fragten.«

Er stockte. Er hoffte, sie würde antworten. Sie rührte sich nicht. Da wurden sie durch die Kellnerin unterbrochen, die abräumen kam.

Als sie nun um sich blickten, sahen sie, daß die Tafeln drüben sich geleert hatten. Sie waren fast allein im Saal. Die Mädchen wischten die Tische ab, legten die Servietten fort, gingen hin und her. Hier war keine Aussprache mehr möglich, deshalb schlug Joachim vor:

»Wollen wir noch einen Augenblick hinaus?«

»Ja, die frische Luft wird guttun!«

Klara schauerte zusammen. Es war die Reaktion nach der Erhitzung. Sie bat Joachim, ihr schottisches Cape herunterzuholen oder ihren Wettermantel, was das Zimmermädchen gerade fände.

Als er wiederkam, traten sie hinaus vor das Hotel.

Es war Vollmond.

Der weiße Kalkboden der Straße warf den blassen Schein wie ein Spiegel zurück. Es war so hell, daß man hätte lesen können. Nur die Lärchenwälder hoben sich dunkel ab. Ihre Kronen schienen zusammenzuhängen durch abendlichen Dunst, den der Mondschein durchsichtig machte. Er zog wie Altweibersommer von einem Baum zum andern, feines Seidengespinst, aus dem hier und da in grellem Weiß Geröll vom Bachbett schimmerte, oder von einer Muhr, die, zwischen den Stämmen durchlaufend, die kleinen begraben, die großen umschlossen hatte.

Die Berge glänzten an den Stellen, wo das Licht sie traf, gleich riesigen Tuffsteinfelsen mit nachtdunklen Schlagschatten, weiß und schwarz gespenstisch nebeneinander gesetzt.

Am Himmel waren die Sterne verblaßt vor der milchigen Helle, die um das Nachtgestirn Lichtringe bog, in Entfernungszonen immer schwächer, bis am Horizont, den die wilden Umrisse der Berge durchschnitten, matte Gestirne zitterten und zuckten.

Die beiden gingen vor dem Hotel auf und nieder. Der schöne Abend hatte alles hinausgelockt. Auch die unempfindlichsten Naturen schienen von der Schönheit des Abends ergriffen. Es war ein stummer Korso.

Die vier bis fünf Töchter des Geheimrates von Erxleben schritten zusammen je zwei und zwei, die letzte mit dem Vater, wie ein Pensionatsspaziergang.

Statthaltereirat Dr. Lodinger ging neben dem Wiener Advokaten. Sie hatten die Nagelschuhe anbehalten, die nun klapperten auf den Steinplatten und schurrten auf der Straße. Als sie an Joachim und Klara vorbeikamen, verneigten sie sich, zögerten einen Augenblick, ob sie das Paar anreden sollten, entschlossen sich und fragten:

»War's schön auf der kleinen Zinne?«

Klara blieb stehen:

»Wundervoll!«

Der Grazer meinte: .

»Für eine Dame bleibt es doch immer etwas Außergewöhnliches! Wir haben Sie sehr, wirklich sehr bewundert!«

Klara freute sich. Joachim aber fürchtete, die beiden Herren könnten durch das Gespräch die andern Leute aufklären, daß er ja gar nicht dabei gewesen, und so den Nimbus zerstören, den er um sich gewoben fühlte. Er drängte weiter, und nachdem der Wiener noch gefragt, wann der Professor kommen würde, und erfahren: nun, da er noch nicht eingetroffen, wohl erst morgen, trennten sie sich.

»Die ganze Stimmung wird einem gestört durch diese dumme Rederei!« meinte Joachim ärgerlich, und als sie an das Ende des Hotelplatzes gekommen waren, gingen sie, wie auf stillschweigende Übereinkunft weiter, die Straße gen Landro zu, die schweigend in ihrem weißen Kalklichte sich vor ihnen streckte. An einer Ecke drehte sie das erstemal um, das zweitemal aber bogen sie in den tiefen Schatten, den die vorspringende Wand warf. Und weiter, immer weiter ging ihr Weg. Noch bei Tisch hatte sich Joachim, den die Glieder schmerzten, verschworen, nicht einen unnötigen Schritt heute mehr zu tun. Jetzt trieb er selbst dazu, weiter zu gehen:

»Hier verdeckt der dumme Rauchkofel die Aussicht auf den Cristallo. Ein Stück die Straße hinunter können wir ihn sehen.«

Klara nickte:

»Der Gletscher muß wundervoll sein im Mondschein!«

Sie sprachen nichts mehr. Man hörte nur ihre Tritte. Sie folgten immer weiter der Chaussee bis an den Dürrensee, der dalag wie ein erzener Spiegel, von den Wänden des Monte Piano begrenzt. In den unbewegten Wassern spiegelte sich ein wunderbares Alpenbild: der Monte Cristallo.

Sie wandten sich herum. Es war ihnen nach dem Blick auf dunklen Wald und die im Schatten liegende Straße wie eine Fata Morgana, hell im strahlendsten Mondenschein, herausgewachsen aus nächtigem Dunkel.

Sie rief gebannt:

»Der Cristallo!«

»Ah!« gab er zurück. Ihr Blick lief über den dunklen Untergrund der Talflächen hinan zum Berge, der sich im Dürrensee spiegelte.

Die ganze Gruppe lag vor ihnen, hoch, riesig aufgebaut mit all ihren Zacken, Türmen, Kegeln, Gipfeln. Der Monte Cristallo selbst, eine breite Mauer mit tiefen Einschnitten, zu dessen hohen Eispässen grauenvoll jähe Eisrinnen hinanliefen, in der Mitte dunkel besät von morschem Fels, der verwittert und abgebröckelt dort hinab seinen kürzesten Weg gesucht, auf dem er stündlich drohte, jeden in die Tiefe zu senden, der dort den verwegenen Aufstieg unternahm.

Die Absätze und Bänder waren mit Schnee bestäubt. Sie zogen sich, Bastionen und Wällen gleich, über den gewaltigen Gipfelaufbau. Die Blöcke, der Schutt dort oben, das Geröll, das in Milliarden Brocken vom Riesenquaderstein bis zum Sandkorn herumlag, schien aufgeschichtet, um hinabgestürzt zu werden auf den Angreifer. Wie das Tiroler Volk der Berge einst in den Freiheitskämpfen Steine an hohem Felsenhang gehäuft, um drunten im Engpaß die Feinde zu zerschmettern.

Ein Einschnitt tat sich in der Mitte der Gruppe auf, rechts vom Cristallo, links von einem überkühnen, scharfen, ungeheuren Kegel, dem Piz Popena, flankiert: der Cristallpaß. Die beiden Berge schienen ihn Zu hüten wie Riesenschildwachen. Darunter senkte sich, das Schönste der Gruppe, der Cristallogletscher herab, steil in Eiskaskaden, zerklüftet und nach unten gleich zu rasch gekühltem, grünlichem Glase zersprungen, zerborsten, zerkeilt, aufgelöst in ein ganzes Heer von Spalten.

Die Berge lagen in majestätischer Ruhe da, über ihnen trieben langsam Wolkenfetzen hin, leicht, weiß im Licht des Mondes, nur unten dunkel, wo sie kein Licht traf.

Eine Minute blieb eine Wolke am Cristallogipfel hängen, schlug sich um die Spitze gleich einem Schal, rollte sich auf, klammerte sich an wie mit letztem sehnsüchtigem Arm, kam endlich los, trieb davon.

Nun bewegte sich nichts mehr. Ruhig, vom weißen Licht des Mondes umflossen, lag die hehre Natur da. Alles schwieg in der Weite.

Jeder Menschenlaut schien zu stören. Die beiden standen noch immer da und starrten hinauf, bis Klara plötzlich zusammenfuhr, als in der großen Stille irgendwo an den Wänden ein Stein gefallen. Kurz und hart. Dann war wieder alles ruhig, und sie sagte sich umblickend, um das tiefe Dunkel der Schallen zu durchforschen:

»Ich … ich habe Angst.«

Das Weib brach durch in ihr. Er lächelte und gab ihr den Arm. Mit eiligen Schritten gingen sie die Straße zurück, dem Hotel zu. Der Weg war länger, als sie gedacht. Sie schmiegte sich, Schutz suchend, an ihn, während sie unausgesetzt rechts und links von der Straße das schwarze Unterholz durchspähte.

Er fühlte ihren Arm. Er nahm ihre Hand. Er beugte sich nieder im Gehen und zog sie an die Lippen. Sie schien nicht darauf zu achten.

Nun kamen sie an die letzte Ecke. Dort lag noch nächtiges Dunkel. Dann aber beugte er sich kurz vor dem Licht nieder und zog ihre Hand an die Lippen.

Ein paar Sekunden blieben sie stehen. Sie rührte sich nicht. Und plötzlich senkte sich sein Mund auf den ihren. Sie ging vorwärts, zog ihn mit, immer schneller, als flüchtete sie vor ihm. Sie hatten sich losgelassen, und er konnte ihr kaum folgen. Erst als sie in den Mondschein traten, mäßigte sie ihren Schritt, so daß er sie einholte.

Er wollte irgendein Wort sagen, denn sie schien zu zürnen; doch ihm schien alles, worauf er gekommen wäre, lächerlich und banal.

Nun traten sie in den Lichtkreis des Hotels, und sie ging ganz langsam. Eine Menge Menschen war noch draußen, alle in Mänteln wohl eingepackt. Ein paar wandten sich herum, als das Paar auftauchte. Es schien Klara, als sähe man sie besonders an. Eine Dame drehte sich um. Der Name wurde von jemand leise genannt, laut genug, daß sie es in der großen Stille der Hochgebirgsmondnacht verstand.

Da wandte sie sich zu ihrem Begleiter, und ihre Stimme zitterte ein wenig bei den Worten, denen man es anhörte, daß sie nichts bedeuteten:

»Der Cristallo war doch wirklich schön.«

»Ja, von hier aus sieht man ihn ja nicht.«

»Nein, eben.«

»Ihnen ist nicht kalt?«

»Nein.«

»Aber Sie müssen doch nun müde sein, gnädige Frau!«

»Ja, ich gehe hinauf. Bitte, lassen Sie sich nicht stören. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, gnädige Frau.«

Er starrte ihr nach.

9.

Der Monte Cristallo hatte sein schneebedecktes Felsenhaupt verhüllt.

Seit Tagen schon war er schlechter Laune und zeigte sich den Sterblichen drunten im Ampezzo nicht. Dichte Wolken hingen bis tief herab über die Bewaldungszone. Man hätte kaum gewußt, wo man sich hier in Schluderbach befand. Nicht einmal Berge waren zu sehen, und in dem grauen Nebeldunst, der die Landschaft verschleierte, wäre die Vermutung nicht unmöglich gewesen: das Hotel läge in weiter Ebene oder etwa am Meeresstrand. Denn die Gegend sah flach aus: scheinbar ein Riesenwaldbezirk, vielleicht in öder Heide.

Dabei regnete es nicht, und die Gäste des Hotels konnten sich ohne Schirme im Freien ergehen, allerdings im Mantel, denn es war empfindlich kalt.

Nur Professor Hallbauer ging in seinem Bergsteigeranzuge in bloßer Jacke auf und ab; die Weste pflegte er nur bei Eistouren anzuziehen. Er blickte sich um nach allen Seiten, ob sich denn nirgends blauer Himmel zeige.

Er hätte nach der kleinen Zinne von Norden nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit Schluderbach erreichen können, da er noch einmal zur Hütte zurück mußte, um sein Gepäck zu holen. So war er oben geblieben und hatte mit den beiden Studenten, allein vorauskletternd, noch den Schwalbenalpenkopf bestiegen, kurz, aber schwierig.

An den jungen Leuten hatte er Gefallen gefunden. Sie waren so ehrlich begeistert für die Berge, daß er sich freute, einmal mit ihnen zu gehen. »Der Jugend gehört die Zukunft, und wer es mit der Jugend hält, bleibt selber jung«, pflegte er zu sagen. Er freute sich an diesen beiden jungen Führerlosen, die, wie er bald bemerkt, in ihren Mitteln beschränkt waren und aus der Not, die Führer nicht zahlen zu können, die Tugend gemacht hatten, allein zu gehen. Er freute sich an ihrer Begeisterung und Naivität, ihrer Unverdorbenheit und Frische.

Sie waren unter Scherzen darüber hinweggekommen, daß sie des Preises wegen auf der Hütte keine Konserven essen konnten, sondern, wie sie sich ausgedrückt, seit drei Tagen Erbswurstsuppe aßen in verschiedenster Form: »Mit Brot, ohne Brot, oder gar nicht.« Der Professor hatte gehört, wie sie die Beschreibung des Anstieges auf den Schwalbenalpenkopf in ihrem »Der Hochtourist in den Ostalpen, von Purtscheller und Heß« nachlasen und nun miteinander berieten, ob sie nicht lieber doch den Jörgl Tschurtschenthaler mitnehmen sollten. Der Jörgl aber war schon hinunter nach Schluderbach, weil er mit den beiden Österreichern nach Cortina gehen sollte.

Da hatte ihnen Professor Hallbauer vorgeschlagen, ihnen als Führer zu dienen, und sie waren glückselig, daß der berühmte Alpinist sie begleiten wollte.

Jetzt blieb er vor dem Hotel mit ihnen stehen und tröstete sie, es würde schon besseres Wetter werden. Klara stimmte ihm bei. Joachim schwieg. Ihm waren die Tage nicht unlieb gewesen, wo nichts unternommen werden konnte. Einmal schmerzten ihn die Glieder, als ob er Prügel bekommen hätte, und dann war angesichts der Kälte seine Begeisterung etwas verflogen, und er fürchtete sich vor der nächsten Tour, bei der er seine Freunde bis an den Einstieg bringen wollte oder gar seine Erstlingstour mit ihnen unternehmen.

Die Zeit jetzt war so schön. Stundenlang konnte er mit Klara allein sein, denn Professor Hallbauer pflegte an den Rast- und Schlechtwettertagen zu arbeiten. Er führte ein genaues Tagebuch, schrieb Aufsätze für alpine Blätter und erledigte seine wissenschaftlichen Pflichten.

Es gab immer eine Menge Briefe zu beantworten: Anfragen von Patienten, von seinen Assistenten aus der Klinik. Die Pausen dazwischen aber brachte er seine Eindrücke zu Papier, die überwältigenden Gefühle auf luftigen Hochgipfeln im Kampf der Elemente. In Vers und Prosa. Beides zeigte er niemand. Auch nicht seiner Frau. Er konnte sein tiefstes Inneres, seine Seele nicht entblößen. Er hätte sich geschämt vor jedem andern.

Er hatte Zeit zum Schreiben, denn voraussichtlich dauerte diese unfreiwillige Muße für den Bergsteiger noch eine Weile, selbst wenn es heute noch schön werden sollte; denn der Professor sagte eben zu dem älteren der beiden jungen Bergsteiger, dem Juristen, einem blonden, blauäugigen Menschen (der immer Professor Hallbauer ansah, als meinte er damit: Du bist mein Ideal!):

»Es ist so kalt, daß ohne Zweifel oben Neuschnee gefallen sein wird!«

Unwillkürlich blickten sie alle auf, doch man sah nichts als Nebel. Julius Weber, der jüngere, dunklere, fragte, obwohl er selbst seine Ansicht darüber hatte, um zu hören, was ein Mann, wie Professor Hallbauer, dazu meinte:

»Wie lange wird man dann warten müssen?«

»Je nachdem, ob viel Sonne scheint, die den Neuschnee schmilzt, ob viel gefallen ist oder wenig; aber zwei Tage sollte man warten – das heißt, wer vorsichtig ist.«

Da kamen die Töchter des Geheimrats von Erxleben, der sich bekannt gemacht, und wollten bergkundigen Rat haben von Klara und ihrem Mann, wie lange das schlechte Wetter noch dauern würde.

Die andern Gäste des Hotels trieben sich tatenlos, gelangweilt umher, ärgerlich über das Wetter, um dessentwillen sie gewiß nicht die Sommerfrische aufgesucht hatten.

Es gab nicht einmal ein interessantes Nebelspiel fürs Auge: ein Auf- und Abfluten der dichten Schwaden, ein Zerreißen der Schleier, verschiedene Nichtigkeiten oder Färbungen – alles lag im gleichen Grau da, als gäbe es über den Lärchenkronen nichts als eine farbenarme, schwere, eintönige Schicht, wie etwa auf dem Meere an trüben Herbsttagen.

Alles empfand die Trostlosigkeit der Naturstimmung.

Die Führer standen umher, die Hände in den Taschen, unablässig rauchend, sie mochten das Stubenhocken nicht leiden. Das gab es im langen Winter genug, wenn im Ampezzotal die Lawinen donnerten und Schluderbach oft wochenlang abgeschnitten war von allem menschlichen Verkehr, weil auch die Post ihre Fahrten eingestellt hatte.

Im Sommer war das anders, da hinderte sie kein Wetter, höchstens auf ein paar Stunden, ein, zwei Tage, wenn etwa beim Gewitter eine Muhr niedergegangen war und die Straße meterhoch verschüttet hatte. Jetzt mußte die Post gleich von Cortina kommen.

Der Wirt stand schon draußen, barhaupt, und lugte aus.

Aber es regte sich noch nichts. Doch im nächsten Augenblick klang von drüben her, wo im grauen Dunst die Croda rossa lag, Hufschlag, Räderrasseln und der Schellenton der Postpferde.

Einer der Sommerfrischler hatte die Laute gehört, benachrichtigte die andern, die nun herbeiströmten von allen Seiten, als stände ein großes Ereignis bevor.

Aus der Schwemme traten die Knechte, Kutscher aus Innichen, Toblach, Cortina, die trotz des Wetters ein paar Leute gebracht, vielleicht nur, weil sie sehen wollten, ob es im Ampezzo ebenso trostlos wäre wie im Pustertal.

Von allen Seiten erschienen die Sommergäste: die zwei englischen Damen, ihre Romane im Stich lassend, Kunstmaler Tobel aus München, der wie ein Offizier in Zivil aussah und nicht wie ein Künstler, der dicke Kaufmann Roest aus Trier mit seiner noch dickeren Frau. Er verlebte seit Jahren den ganzen Sommer in Schluderbach, entfernte sich nie weiter als ein paar hundert Meter vom Hotel und kehrte jedesmal geradeswegs nach Trier zurück, voller Geschichten über die schauerlichsten Hochtouren, ganz benommen von der unvergleichlichen Größe der Alpenwelt.

Dazu kamen noch ein paar ältere Ehepaare und einige junge Herren, deren krebsroten, sich schälenden Gesichtern man die Touristen ansah.

Auch die Kellnerinnen erschienen, wie immer die Serviette in der Hand, die sich von den schwarzen Kleidern der Mädchen hell abzeichnete.

Und nun schoben sich auch die kräftigen, sehnigen Gestalten der Führer zwischen die übrigen Menschen: Jörgl Tschurtschenthaler und Pacifico Menardi; Hansl Unterwurzacher aus Schluderbach, groß, blond; Sepp Kuntner aus Innichen sowie der Ladiner Pietro Verzi, schwarzgelockt und sonnverbrannt wie seine Genossen aus Deutschtirol.

Da klang das Klingeln der Glöckchen an den Kumten, und im nächsten Augenblick erschien im Dunst ein Schatten, der wuchs, immer körperlicher wurde, bis ein paar Pferdeköpfe auftauchten. Wie durch Zauberschlag ward mit einem Male die ganze Post sichtbar: ein großer, vierrädriger Stellwagen mit Bankett hinter dem Bock, auf dem Verdeck ein Paar unförmige, segeltuchbelegte Klumpen und Ballen: das Gepäck der Reisenden.

Die Schluderbacher traten zur Seite, um den vier Gäulen Platz zu machen, die vor dem Hotel von selbst in Schritt fielen, schließlich halten blieben.

Nun vereinigte sich die ganze staunende Aufmerksamkeit der Sommergäste, um das Aussteigen zu beobachten.

Ein paar bis über den Kopf vermummte Gestalten tauchten zuerst auf. Man ahnte, daß es Damen waren. Zwei Bauern folgten in ihren dicken Lodenanzügen mit rotem Schlips, halb ländlich, halb städtisch gekleidet, vielleicht vom Viehhandel aus Cortina kommend.

Damit war der Inhalt des Wagens erschöpft; und der Wirt trat zurück, denn keiner der Fahrgäste wollte in Schluderbach bleiben. Doch vom Bankett waren noch zwei Herren herabgesprungen in englischen Bergsteigeranzügen. Der eine hatte das Gesicht glatt rasiert, der andere trug einen rotblonden Schnurrbart. Sie nahmen ihre schweren Pickel, Rucksäcke und ein Seil und gingen, ohne sich umzublicken oder sich um irgendeinen Menschen zu kümmern, ins Hotel. Sogar am Wirt, der fragen wollte, ob sie ein Zimmer brauchten, liefen sie vorbei.

Der Professor war mit Klara und Joachim in den Eßsaal gegangen. Sie setzten sich in eine Ecke, und jeder nahm eine Zeitung oder ein Buch vor. Der Professor die letzte Nummer der Medizinischen Wochenschrift: Joachim hatte sich die »Neue Freie Presse« geholt, und Klara blätterte in einem älteren Jahrgang des Jahrbuches des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins.

Aber sie war zerstreut und warf immer ab und zu einen verstohlenen Blick auf die beiden andern. Ihr Mann war sehr vertieft. Joachim aber legte sein Blatt zur Seite:

»In so einer Zeitung steht doch immer dasselbe! Man kennt's schon auswendig!«

Klara freute sich, unterhalten zu sein:

»Dann wollen wir doch lieber schwatzen bei dem gräßlichen Regentage.«

»Natürlich.«

»Erzählen Sie mir was!«

»Was denn?«

»Einen Schwank aus Ihrem Leben.«

»Ich habe keine Schwänke erlebt.«

Sie lachte mit dem Ausdruck der Augen:

»Das machen Sie mir nicht weis!«

»Doch. Wirklich, ich habe nichts Besonderes und nichts Lustiges erlebt.«

»Aber Sie müssen doch irgend etwas erlebt haben, irgendetwas.«

Er zuckte die Achseln:

»Auch kaum. Ich habe mich immer, solange ich denken kann, unglücklich befunden. Wirklich. Sie lächeln, aber es ist so. Vor allem habe ich mich immer furchtbar gelangweilt.«

Sie wollte es ins Scherzhafte ziehen:

»So wie ich heute. Wie alle an so einem Tage.«

Und da sie nicht genau wußte, ob ihr Mann zugehört, auch im dunklen Gefühl, seine Aufmerksamkeit prüfen zu wollen, fragte sie ihn:

»Karl, langweilst du dich nicht?«

Er fuhr von seiner Lektüre auf:

»Was meinst du, Kläre?«

Sie ärgerte sich, es wiederholen zu müssen:

»Ach, es ist nichts weiter.«

»Bitte, bitte, ich hatte gelesen. Mas meintest du?«

»Nichts Besonderes.«

»Ja, willst du mir's nicht sagen?«

»Ich fragte, ob man sich nicht langweilen muß an so 'nem Tage wie heute.«

Der Professor meinte in seiner oft belehrend klingenden Art, die Klara jedesmal reizte:

»Wenn man sich zu beschäftigen weiß, langweilt man sich nie.«

Sie wurde erregt:

»Ja, du, natürlich du!«

Aber er war schon wieder derartig in seine wissenschaftliche Zeitschrift vertieft, daß er nicht mehr auf ihre Worte achtete. Das ärgerte Klara noch mehr, und sie rückte von ihm fort in die entgegengesetzte Ecke des Saales, indem sie Joachim dabei zurief:

»Kommen Sie hierher, Herr Doktor, hierher. Bitte. Drüben stören Sie meinen Mann im Lesen.«

Joachim erhob sich und nahm wie widerstrebend, als müsse er nur einem Gebote der Artigkeit folgen, neben Klara Platz.

Der Professor aber hatte nur einen Moment zu seiner Frau aufgeblickt und gesagt:

»Aber Kind, sei doch nicht so!«

Dann las er mit angespannter Aufmerksamkeit weiter, und seine schwarzen Augen glänzten hinter den Gläsern der goldenen Brille.

Nun saßen die beiden ganz für sich, und sie ließ sich von Joachim erzählen. Sie liebte das über alles. Er hatte ein angenehm flüsternd intimes Organ, und er sprach und sprach unaufhörlich. Seine Gedankengänge pflegten nicht gerade tief zu sein, waren aber auch nicht zu oberflächlich. Er hatte Gefühl, vor allem wußte er es jedoch auszudrücken, und Betonung und Gebärde fehlten dabei nicht, über allem, was er redete, konnte eine ergebene, milde Traurigkeit liegen.

Er hatte sich nie recht glücklich gefühlt. Teils war es Naturanlage, ein Hang seines Temperamentes zu Schwermut und Unzufriedenheit, teils lag es an seinem, für einen Menschen, wie er nun einmal war, zu vielem Gelde, das ihn zur Beschäftigungslosigkeit führte, teils endlich gefiel er sich in der Rolle des Unglücklichen, des Weltenwanderers, des Ruhelosen.

Und den Mann, dem das Schicksal Heim und Glück verwehrt, spielte er unwillkürlich vor Klara. Jetzt neigte er sich zu ihr und knüpfte wieder an:

»Wahrhaftig, ich habe mich immer furchtbar gelangweilt.«

»Warum denn nur?« fragte sie.

»Ja, warum langweilt man sich? Weil man unbefriedigt ist.«

»Aber Sie hatten doch alles …«

»Nein, nein, ich hatte eigentlich nichts …«

»Was hat Ihnen denn gefehlt?«

»Jemand, dem ich mich hätte anvertrauen können. Man hat doch einmal Bedürfnis nach Aussprache, nicht wahr? Man möchte sich anvertrauen können, ich habe nie jemanden gehabt …«

Es machte ihr Vergnügen, ihn zu weiterer Aussprache zu bringen:

»Das wird aber wohl Ihre Schuld gewesen sein!«

»Meine Schuld?«

»Nun ja, warum haben Sie niemand gefunden?«

»Ja … ja kann man denn das so, wie man will? Dazu gehören doch zwei.«

Sie schlug die Augen zu Boden. Er fuhr fort:

»Nun, und wenn man das Glück nicht hat, ein Wesen zu finden, mit dem man übereinstimmt, so, so … Ach, mir kommt die Zeit, wo ich mich langweilte, ganz unerklärlich vor. Ich sage Ihnen, wahrhaftig, ich habe mich gelangweilt … Sie glauben gar nicht wie. Ich habe Ihnen doch erzählt, wie ich lebte: auf Reisen, im Süden, in Seebädern. Aber gelangweilt habe ich mich überall. In Ostende sehnte ich mich nach den Schweizer Bergen, und in Sankt Moritz fehlte mir das Meer. In Frascati wollte ich deutschen Laubwald rauschen hören, und auf Rügen überkam mich eine Sehnsucht nach Pinien und Zypressen. Wenn ich mich in die Einsamkeit zurückgezogen hatte, verzehrte mich der Wunsch, Pariser Boulevardleben um mich zu hören, und stand ich im Straßengewirr, so hatte ich nur einen Gedanken:

Ruhe, Stille, Frieden, überall aber packte mich die öde, die entsetzliche, gähnende Langeweile so, daß ich ein paarmal gedacht habe: das beste wäre, du schössest dich tot!«

Er hielt inne und blickte Klara an, die nun fragte:

«Und jetzt?«

»Jetzt?«

»Langweilen Sie sich noch?«

Joachim warf einen Blick zum Professor, der lesend dasaß, ohne sich zu rühren, dann flüsterte er Klara zu, indem er immer abwechselnd die Augen schloß und sie wieder verzehrend anblickte, wobei er bald die Stimme sinken ließ, bald sie hoch erhob:

»Wissen Sie denn nicht, daß das Leben erst Bedeutung für mich gewonnen hat, seitdem ich in Ihr Haus gekommen bin? Ach, Sie wissen es ja, Sie müssen es doch gefühlt haben! Bin ich nicht täglich und stündlich bei Ihnen gewesen? Habe ich mich da gelangweilt? Bin ich nicht immer glücklich von Ihrer Schwelle gegangen? Bin ich nicht glücklicher jedesmal wiedergekehrt? Ich denke ja nur noch daran: wann werde ich Sie sehen? Ich freue mich jeden Abend, wenn ich mich zur Ruhe lege, wie ein Kind auf den Morgen, denn da erblicke ich Sie wieder. Und doch, doch bin ich unglücklich, wenn ich von Ihnen Abschied nahm, die Tür schloß sich hinter mir, und ich bin allein. Allein, und eben sprach ich noch mit Ihnen, eben küßte ich noch Ihre Hand. Dann träume ich von Ihnen, dann … träume ich Sie …«

Plötzlich erhob sich der Professor und kam an den Tisch zu den beiden. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand, deutete darauf und sprach:

»Was die Zeitungen sich immer über sogenannte Bergfexe aufregen müssen. Da wird behauptet, das Bergsteigen wäre ein krankhafter Sport. Als ob es überhaupt ein Sport wäre. Es ist kein Sport. Das Wort lehne ich unbedingt ab…«

Joachim biß schweigend die Zähne aufeinander. Klara fuhr auf, als sei sie aus dem Traum geweckt worden, und blickte ihren Mann fast feindselig an. Mit dieser Erklärung, die sie übrigens schon soundso oft von ihm gehört, die also keineswegs neu, wichtig oder eilig war, hätte er wohl noch warten können.

Der Professor setzte sich neben die beiden und begann nun etwas schwerfällig und weitschweifig zu erklären, was ihm am Herzen lag:

»Beim Bergsteigen fehlen alle Komponenten des Sports. Das Bergsteigen ist kein Wettbewerb. Wir wollen keine Rekords aufstellen. Uns Bergsteigern fehlt das Publikum, das unsere Eitelkeit anstachelt. Uns sieht niemand. Ja, wenn wir nicht wollen, hört auch Niemand von unsern Leistungen. Wir befinden uns nur einem gegenüber, der Natur, der großen, heiligen Natur. Die Einsamkeit, die Größe zieht uns hinauf. Es ist, als sollten wir dort oben alles abtun, was hier unten an uns gehangen hat. Und: ›selbst ist der Mann‹. Dort oben hilft uns nichts, als selbst etwas können, am wenigsten das Geld – Geld, das alle Menschen verdirbt. Dort oben hat es keinen Kurs. Die Frage ist nicht mehr: arm oder reich? Dem Reichen nutzt in den Felsöden und Eiswüsten kein Gold der Welt etwas. Nur eine Frage gilt: hast du Kraft, Mut, Ausdauer. Alles…«

Klara hatte sich ärgerlich erhoben und war im Begriff, fortzugehen.

Der Professor wurde erregt, fast heftig, wie es ihm leicht geschah, wenn er einmal sich überwand, zu sprechen und dann nicht die Aufmerksamkeit zu finden meinte, die er forderte. Er rief sie etwas kurz an:

»Wo willst du hin?«

Sie warf die Lippen auf:

»Mein Gott, ein bißchen herumgehen!«

»Muß das denn gerade jetzt sein?«

»Allerdings, gerade jetzt.«

»Kannst du denn nicht wenigstens eine Minute zuhören!«

»Ich kenne es ja!«

»Was ich sage? Woher denn? Du weißt doch gar nicht, was ich sagen will.«

»Ach Gott, ich hab's doch schon hundertmal gehört.«

»Das?«

»Jedes Wort weiß ich auswendig.«

Er blickte sie scharf durch die Brillengläser an und wurde plötzlich wütend:

»Dann werde ich dir überhaupt nichts wieder erzählen!«

Sie machte ein verächtliches Gesicht und lief davon. Der Professor runzelte die Brauen. Er ärgerte sich über sich selbst und wandte sich zu Joachim, der sitzengeblieben war, aber nur auf Klara geachtet hatte, so daß er kaum wußte, was ihm eigentlich sein Freund erzählte:

»Ich bin heftig gewesen. Aber… aber sie reizt mich eben manchmal. Und es sind immer dieselben Sachen. Sie weiß, daß es mich ärgert, wenn sie fortläuft, gerade in dem Augenblick, wo ich anfangen will, etwas zu erzählen. Es hat auch etwas Unfreundliches. Und es ist ärgerlich. Jeder würde sich darüber ärgern. Nicht wahr, Dörstling?«

Joachim machte eine finstere Miene, die man so oder so deuten konnte. Der Professor aber rückte näher an ihn heran und begann, ihm, zum erstenmal eigentlich, seitdem sie sich als Männer wiedergesehen, von seiner Frau zu sprechen.

Er klagte, daß sie sich manchmal nicht verstünden. Sie ärgerte sich, würde erregt und heftig. Aber er wäre nicht etwa blind, er wüßte genau, wie große Schuld er selber trüge, denn auch er ließe sich gehen und gösse manchmal Öl ins Feuer.

Je mehr er sprach, desto mehr gewann er die Überzeugung, wenn hier und da einmal Mißverständnisse zwischen ihnen obwalteten, hätte er selbst die Hauptschuld daran. Er wurde immer mitteilsamer, als entlastete es ihn, einem Freunde einmal sein Herz auszuschütten. Sonst ließ er niemanden in seine Seele blicken. Vor allem nicht seine Frau, als hinderte ihn eine Art Keuschheit, sein Inneres zu entblößen.

Er stemmte den Ellbogen auf das Ecksofa, in dem Joachim saß, daß sein Arm tief einsank, und er sagte leise, halb vor sich hin, indem er durch die Brillengläser starrte und dem Freunde unwillkürlich immer näher kam:

»Worin ich es versehe, ich weiß es oft nicht. Womit ich's verfehle – ja, ja, wirklich, ich weiß es nicht. Und ich bin so todunglücklich darüber. Ich möchte ja gern alles recht machen, aber ich sage dir, Dörstling – und du wirst ja das auch selbst bemerkt haben –, ich kann's manchmal anfangen, wie ich will, es ist ihr nicht recht!«

Joachim schwieg. Es war ihm unmöglich, zu antworten. Das Geständnis war ihm peinlich; er wäre am liebsten fortgelaufen. Als der andere nun aber ganz weich schloß:

»Und im Grunde genommen verstehen wir uns doch, lieben wir uns ja. Nur manchmal eben…«

Da sprang er auf und drängte fort:

»Deine Frau ist ganz allein.«

Auch der Professor war aufgestanden. Es schoß ihm durch den Kopf: warum bist du weich gewesen und hast so etwas gesagt? Keiner versteht dich ja doch. Dieser Dörstling ist nun dein Freund. Aber würdest du ihm alles anvertrauen? War es nicht fast schon zuviel? Blieb nicht doch einer dem andern ewig fremd? Und was sprachen nun eigentlich diese beiden Menschen miteinander? Was hatten sie sich, seitdem sie sich vorigen Herbst wiedergetroffen, eigentlich Einschneidendes, Tiefstes, mitgeteilt? Fast nichts, nein, sogar überhaupt nichts. Im Grunde waren sie einander so fremd wie zwei Menschen, die gegenseitig ihre Sprache nicht verstehen.

Und war es bei andern etwa anders?

Doch im gleichen Moment fast hatte er alles wieder vergessen und ging mit Joachim Klara suchen. Sie stand drüben in der Gaststube, einem verandaartigen Vorbau, rundum mit Glasscheiben. Aber von Aussicht war noch nichts zu sehen. Der gleiche Nebel lag auf dem Wald.

»Was ist denn das?« fragte Klara, indem sie auf ein zusammengeknotetes, verschlungenes Seil deutete, das an der Wand hing.

Der Professor wurde ernst, wenn er sich auch bemühte, möglichst freundlich zu sein:

»Eine alpine Reliquie.«

Klara tat, als wäre nichts gewesen, und sah ihn an:

»Von wem denn?«

»Von Michel Innerkofler, dem berühmten Führer und wundervollen Menschen.«

Joachim trat nun auch näher:

»Was ist es denn von ihm?«

»Sein Seil. Sein letztes. An dem er in den Tod ging, bemüht, die in eine Spalte stürzenden Touristen zu halten. Hier war's. Da droben. Droben, über uns, am Cristallo.«

Die drei traten ans Fenster und blickten in den Nebel empor, als könnten sie dort oben den Gletscher sehen. Klara und Joachim wendeten sich wieder herum und gingen an die Wand, wo das Seil hing, das äußerlich nichts verriet. Sie sagte leise:

»Das ist schrecklich!«

Der Professor aber blieb nachdenklich stehen. Er dachte daran, wie er vor fünfzehn Jahren, als er noch nicht verheiratet gewesen, hier herumgeklettert war, den halben Sommer hindurch. Mit eben jenem Michel Innerkofler, dem besten Dolomitenführer seiner Zeit, der nun längst in seinen geliebten Bergen den Tod gefunden, an dem Gipfel, dem er so oft den Nagelschuh aufs uralte Felsenhaupt gesetzt, auf dem der Firn lag wie von den Jahren gebleichtes, dichtes, weißes Haar. Am Cristallo, der sich an dem Zinnenabend noch im weißen Mondenschein im nahen Dürrensee gespiegelt, kristallrein und unschuldig.

Doch ein Mörder, ein Totschläger, nein, einer, der in der Notwehr einmal einen Angriff abgewiesen von vorwitzigen Menschlein, die durch Leichtsinn den Bruch der dünnen Gletscherbrücke verursacht, und Michel, der sie halten gewollt, durch den Ruck gegen die eisharte Hand der Spalte geschleudert, daß er sich den Schädel zerschmetterte.

Er war geblieben auf dem Felde der Pflicht, der Ehre, denn ohne seinen Herrn kehrt ein Tiroler Führer nicht heim.

Ihm allein hätte sein alter Freund, der Cristallo, nichts getan. Wer zu den Bergen kommt nicht mit Vorwitz und Keckheit, wer ihnen naht schönheitstrunken, erfüllt von ihrem Frieden, ihrer keuschen Herbe, wer sie bezwingt mit Dankbarkeit gegen die Natur, die ihm unvergeßliche Eindrücke schenkt, die ihm Hochgefühle bereitet, rein wie ihr Firn, unvergänglich wie ihr Felsenleib, wer ihnen demütig naht mit dem Gedanken: ich bin nur ein Staubatom gegen dich, gewaltige Natur, Jungbrunnen für uns arme Menschlein, wer zu ihnen spricht: ich danke euch, daß ihr mich Einkehr lehrt durch eure Einsamkeit, daß ihr mir Demut gebt durch eure Größe, daß ihr mir schenket höchstes Erdenglück: Rückkehr zur Schlichtheit, Einfachheit, zur Natur, daß ihr mich weiset, Gott in eurer Hoheit zu erkennen – dem sind die Berge Freund.

Freund, liebe Freunde, wie dem ernsten Mann, der nun wieder weilte in dem Bergrevier, das er einst als junger Bursch durchstreift, durchklettert und durchträumt hatte, dankbar für jede Stunde Glückes der Einsamkeit im tiefen Tal, an steiler Felsenwand, auf ewiger Gipfelhöhe.

10.

Der Himmel hatte ein Einsehen: noch am Abend setzte plötzlich der Wind mit vollen Backen an, blies und fauchte. Die grauen Dünste begannen langsam zu steigen. Es wogte in der Luft. Man sah förmlich die Wolkenballen rollen. Mit einem Male erschien eine kleine, ganz winzige Stelle blauen Himmels.

Der Professor stand draußen vor dem Hotel mit Joachim und Klara. Er schaute dem Naturschauspiele zu, ohne ein Wort zu reden, und als er den kleinen, blauen Fleck sah, rief er laut, indem er seine Frau beim Arm nahm:

»Da, sieh, Kläre, sieh nur… sieh… das ist… ist… ist ja … wundervoll…«

Doch im nächsten Moment war die himmlische Farbenfreude schon wieder dahin, während die drei die Ampezzaner Straße hinabgingen zum Dürrensee.

Um sie herum stiegen die Nebel, die nun schon in ansehnlicher Höhe wie eine dicke Wattewand dalagen.

Als sie eine ganze Weile geschritten waren, sagte der Professor, stehenbleibend:

»Sieh, Kläre, und du, Dörstling, da der bewaldete Kerl, das ist der Rauchkofel. Der nimmt Schluderbach die Aussicht auf den Cristallo. Den sollte man sprengen. Dynamit. Kein Erbarmen. Fort mit jedem Störenfried. Er drängt sich zwischen die Reinen und Großen!«

Da blies der Wind stärker, ein Ritz zeigte sich in den Wolken, es flatterte, schob sich auseinander, übereinander, die Nebelmassen hetzten, jagten, trieben sich, eine Kluft öffnete sich am Himmel in den Dünsten, Schichten auf Schichten zeigten sich übereinander. Die unterste trieb nach Süden, dann eine entgegengesetzte dem Pustertale zu und eine dritte oben darüber, die in das Tal zum Misurinasee hineingezogen ward, strudelnd wie ein Bach in eine unterirdische Höhlung.

Alle schienen aber einem einzigen Zwecke zu dienen: den Himmel freizumachen, daß sein Blau niederleuchten könnte, sein tiefes, sattes Blau italienischen Himmels, ein lachendes Blau, die Menschen heiter und glücklich zu stimmen, sorglos und frei.

Und auch ihnen, die dem Wolkenspiele zuschauten, ward es immer heller in der Seele.

Da schoß ein Sonnenblitz nieder. Man sah ihn förmlich aufzucken, laufen, sich den Weg suchen zur Erde, dann hinhuschen über die Lärchen und Föhren, über Knieholz, Alpboden und Gestein. Er blendete auf dem weißgebleichten Grunde des Baches, der festen Straße.

Die Sonne, die Sonne –- endlich ward es Licht! Das blaue Himmelsfenster öffnete weiter und weiter die Flügel. Und wieder erschien gleich einem Zauberspiegel der Monte Cristallo.

Heute war er ganz weiß. Bepudert alle Felsen. Bestaubt jedes Band. In feierlich reinem Gewand.

»Neuschnee!« sagte der Professor und starrte hinauf, ein leises Lächeln um die Lippen.

Hinter ihm aber, ein Stück zurück, standen Klara und Joachim. Und beiden kam im gleichen Augenblick der Gedanke an die Mondnacht, wie sie zusammen hier gestanden. Es durchzuckte sie. Er blickte sie an, als dächte er noch an den Moment, da er ihre Lippen berührt. Sie sah ihn an, als kehrte ihr die Erinnerung zurück an den kurzen Augenblick, und beide mußten die Augen voneinander wenden.

Die Sonne entwickelte ihr ganzes Licht. Sie stand schräg über der Schönleitenschneide, dem Ausläufer des Cristallo, der jetzt Schatten warf zum Passe hinab: violettes Dunkel auf dem Gletscher. Die Spalten zeichneten sich als dunkle Linien ab, dle oberste fast düster wie ein Grab.

Der Professor ward ernst. Er deutete hinauf:

»Dort die oberste, das ist des armen Michels Todesstätte.«

Aber er blieb allein mit dem Gedanken. Die beiden hinter ihm wollten vom Tode nichts hören. Sie dachten nur an Glück, an Traum, vom heißen Leben klang in ihren Ohren hell das Lied.

Sie gingen den Weg zum Hotel zurück, und der kurze, stumpfe, bewaldete Kegel des Rauchkofels begann sich allmählich wieder vor das überwältigende Hochalpenbild zu schieben. Im Gehen schauten sie immer hinauf, und im Arger darüber, daß der Vorberg ihnen mehr und mehr den Anblick des gewaltigen Cristallo entzog, sagte der Professor abermals:

»Siehst du den elenden Rauchkofel, wie er sich dazwischenschiebt, als ob er der Herr wäre!«

Klara meinte in Gedanken:

»Ich finde ihn gar nicht so übel. Er gefällt mir ganz gut.«

Der Professor lachte:

»Aber er ist ein unnützer Kerl. Steht nur dem Großen im Wege. Er kommt mir vor wie ein anmaßender Talbummler auf einer Hütte, der ernsten Hochtouristen den Platz nimmt.«

Und Professor Hallbauer, der in jedem Gipfel eine bestimmte, scharfumrissene Individualität zu sehen pflegte, deutete zu dem stumpfen Kegel hinüber, der freilich verschwand gegen seine Nachbarn:

»Sieh nur, welch schlappes, elendes, feiges Gesicht er macht, der Rauchkofel. Und dagegen der Cristallo! Ein wunderbarer Kerl, sieh nur mal! Die roten Felsen, das Eis, der Schnee am Gipfel. Rechts eine kleine Wächte. Ist es nicht prachtvoll?«

Kläre nickte:

»Bringst du mich einmal hinauf?«

»Morgen – oder warte mal,Kläre, wegen des Neuschnees… vielleicht übermorgen!«

»Langweilt es dich nicht? Weil er nicht so schwer ist und du ihn doch schon kennst!«

Er strich ihr die Wange:

»Desto besser. Ich sehe alte Freunde immer gern wieder. Und es erinnert mich an alte Zeiten.«

Sie warf einen scheuen Blick zu Joachim und meinte, beide beobachtend, was sie für ein Gesicht dazu machen würden:

»Ja, als du noch glücklicher warst, weil du allein gingst und nicht eine Frau als Ballast an dir hing, eine Frau, die die allerschwersten Touren nicht mitmachen kann…«

Während sie langsam der Straße folgten, sagte er:

»Du weißt, daß ich von einer leichteren Tour genau den gleichen Genuß habe. Weißt du noch, wie wir auf dem Wendelstein waren! Das war doch köstlich. Es braucht wirklich nicht der Monte Rosa von Macugnaga zu sein. Man kann nicht täglich Austern essen.«

Der Professor hatte an Joachim gar nicht gedacht. Das kränkte ihn, und er meinte ein wenig geknickt:

»Würde es dir passen, wenn ich mitginge?«

Der Professor erschrak:

»Herr Gott, Herr Gott, Dörstling! Ja… ja… Es wird wohl etwas anstrengend. Halt, ich hab's, wir fahren heute nach Cortina, gehen morgen ganz gemütlich nach Tre Croci hinauf. Das liegt genau auf der andern Seite von hier aus. Aber höher. Dadurch ist der Anstieg kürzer und weniger anstrengend. Auf die Art haben wir den Tag hingebracht und warten den Neuschnee ab… Na, und du kannst ja bis an den Paß mitgehen.«

Joachim rief:

»O bitte, ich gehe ganz mit!«

Er sah Klara an, um ihren Dank zu lesen. Aber sie fragte ängstlich:

»Wird er das auch können?«

Der Professor meinte nur:

»Ich will schon für einen guten Führer sorgen.«

Joachim hatte plötzlich Riesenmut:

»Ich brauche keinen Führer. Du hast doch gesagt, daß der Cristallo eine der leichteren der großen Dolomittouren ist?«

Aber der Professor wußte, was er wollte:

»Wir werden sehen.«

Joachim fragte, als hätte er das Gipfelhaupt schon unter seinen Füßen, mit blitzartigem Seitenblick auf Klara: »Wie hoch ist er denn eigentlich?«

Der Professor, der die ganze Nomenklatur, Literatur, Kartographie und Geschichte der Alpen im Kopf hatte, gab ohne Zögern zurück:

»Dreitausendeinhundertneunundneunzig Meter.«

Joachim meinte wie billigend:

»Oh, das ist ja ganz anständig!«

Und unwillkürlich blickten sie alle drei zu ihrem Berge auf, der sich zu bewegen schien, so schnell zogen jetzt die Wolken über ihm fort. Man mußte länger hinsehen, um festzustellen, daß es Augentäuschung war, daß das Gewölk eilte, er aber in eherner Ruhe stand, wie er dort droben gestanden seit Millionen Jahren.

11.

Sie hatten einen Wagen bestellt, der nun schon vor der Tür wartete. Die Pferde nickten mit den Köpfen, und jedesmal klingelten die Schellen an den schweren, mit Fuchsschwänzen gezierten Kumten. Der Kutscher, ein Knecht aus dem Hotel, stand daneben und knallte ab und zu mit der Peitsche, um anzuzeigen, daß es an ihm nicht liege, wenn sie noch nicht fortfuhren.

Klara war nicht fertig. Der Professor stand langst unten in seinem Bergsteigeranzuge mit Kniehosen und Quetschfaltenrock, den ein Stoffgürtel zusammenhielt. Er hatte die eine Hand auf den Wagenschlag gelegt und klappte ungeduldig mit den Absätzen seiner Bergschuhe aneinander. Joachim wartete an seiner Seite, und jedesmal, wenn Hotelgäste vorbeigingen, machte er sich an den Eispickeln, Rucksäcken und dem Seil, die auf dem Bock lagen, zu tun, um zu zeigen, daß er von der Partie war.

Da kam Jörgl Tschurtschenthaler:

»Herr Professor, wann's mi noch brauchen täten – i war frei.«

»Ah, das ist gut. Wie kommt denn das?«

»Jo, der Herr Rat hat eben Freunde getroffen. Die bleiben drei Tag da, und er will ihnen den Misurinasee zeigen und geht mit ihnen auf 'n Dürrenstein. Die wölln nix anders machen, und er macht 'n Führer auf den Dürrenstein. 's san zwei Damen, und die können halt nur so a Mugel machen. Da hab i frei, der Herr Doktor geht mit 'n Menardi auf den hörten Cadinspitz. A große Tour will er nit machen von weg'n Neischnee.«

Der Professor schloß sofort mit Jörgl ab, der wieder gar nichts dafür haben wollte, einmal, weil er doch schon von seinem Herrn etwas bekäme, dann aber, weil es der Professor Hallbauer wäre …

Der Professor wandte sich zu Joachim und sagte leise:

»Laß nur gut sein. Ich werde schon mit ihm einig.«

Dörstling erhob keinen Widerspruch, daß er nun doch mit einem Führer gehen sollte, denn sobald es Ernst geworden war, hatte sich sein Mut gedämpft.

Jetzt erschien auch Klara, immer noch als Dame, denn sie blieben heute in Cortina. Die Bergsachen waren in einer Reisetasche, die der Kutscher hinten auf den Wagen schnallte.

Sie nahmen Platz. Joachim wollte sich auf den Rücksitz setzen, doch der Professor packte ihn bei den Schultern wie ein Riese, der mit einem Kinde spielt, und drückte ihn freundschaftlich neben Klara in die Kissen. Bald klingelten die Pferde in den Sonnentag hinaus.

Es war leuchtende Zelle rundum. Überall lag Neuschnee. Oben dicht, weiter unten spärlicher, in der Bewaldungszone nur noch wie leichter, weißer Staub, der an kahlen Stellen tief hinabzog. Der Himmel war jetzt fast wolkenlos. Es war frisch, der Schnee dort oben hatte die Luft abgekühlt. Die Straße blendete kreidig. Jörgl saß auf dem Bock und ließ ein Bein seitwärts baumeln, so daß das Vorderrad ab und zu die Nägel seiner Sohle streifte. Er rauchte wie ein Schlot. Und immerfort unterhielt er sich mit dem Kutscher.

»Ich verstehe kein Wort, was die reden!« meinte Joachim. Der Professor erklärte, mit Fremden sprächen die Leute ein viel reineres Deutsch als untereinander. Dann sprang er mit einem Satz aus dem Wagen und ging nebenher, um den Pferden das Ziehen zu erleichtern.

Sobald das Jörgl bemerkte, war auch er herunter vom Bock und gesellte sich zum Herrn. Bald blieben sie ein Stück zurück, um den Staub der Räder nicht zu schlucken. Sie sprachen eifrig von den Bergen, als gäbe es gar nichts anderes auf der Welt, so daß an einer Wegebiegung Joachim sagte:

»Ich sehe sie gar nicht mehr!«

»Ach, sie werden schon nachkommen!«

»Wollen wir auch aussteigen?«

Sie mochte nicht, und er freute sich über jeden Schritt, den er nicht zu laufen brauchte.

Sie lehnten sich zurück in den Kissen. Ihnen war beiden unendlich wohl. Leise Müdigkeit durchströmte Klaras Glieder. Sie schloß die Augen und ließ sich vom Wagen schaukeln.

Joachim blickte sie unausgesetzt verstohlen an. Ab und zu wandte er sich herum, ob die beiden Fußgänger ihnen etwa nachkämen. Sie waren nicht zu sehen. Da suchte er tastend Klaras Hand. Unter dem schottischen Cape, das sie um die Schultern trug, fand er ihre Finger, die zarten, bei deren Anblick er jedesmal wieder erstaunt gewesen, daß sie den Pickel einen Tag hindurch tragen konnten und nicht blutig gerissen wurden durch das scharfe Gestein.

Durch den strahlenden Sonnentag fuhren sie so dahin, während rechts und links gewaltige Lärchen und Fichten vorüberglitten, mit langen Moosbärten bewachsen, die von den Zweigen niederhingen gleich graugrünem, struppigem Haar. Die Straße leuchtete vor ihnen geradehin, ein breites Kreideband, das sich im Grün verlor, von weißbestäubten Felsenhäuptern umstanden.

Der Kutscher saß lässig, schief auf dem Bock, er achtete nur auf seine Pferde.

Joachim beugte sich nieder und küßte blitzschnell Klaras Hand.

»Nein!« sagte sie nur. Dann hielt der Wagen. Die Steigung war vorüber, sie konnten nun Trab fahren und mußten auf die beiden warten.

Von weitem hörte man des Professors Stimme:

»Wissen Sie, Jörgl, das Matterhorn ist technisch viel leichter als die kleine Zinne auf dem gewöhnlichen Wege. Aber die Länge der Tour macht es und die Höhe, wodurch die Felsen leicht vereist sind. Und gefährlich sind am Matterhorn die schnellen Wetterumschläge. Ein Schneesturm auf der italienischen Seite, wie ich ihn erlebte, ist ein ernstes Ding!«

Schnell küßte Joachim noch einmal ihre Hand, und als reize sie die Gefahr, erwiderte sie seinen Druck.

Nun klang es ganz nahe:

»Und dann haben sie den armen Berg jetzt ganz in Ketten gelegt. An allen schlechten Stellen sind Drahtseile.«

Jörgl lachte:

»Taifel, das ischt wohl, daß der Blitz die teiren Felsen nit soll zerschlagen?«

Sie lachten beide, laut dröhnend, wie man nur in den Bergen lacht, in deren großer Einsamkeit es dem Menschen Bedürfnis ist, zu lärmen und zu rufen, als wollte er sich selbst ein Zeugnis ausstellen: wir sind da, wir sind nicht allein.

Sie stiegen ein, und bald klang fröhlich zum Knallen der Peitsche das Geklingel der Pferde. An Ospitale kamen sie vorüber, und weiter, weiter ging es, einem gewaltigen Bergmassive zu, das drei Gipfel trug, wovon der mittelste einen gewundenen Schneegrat zeigte. Es war, als sollte sein Leuchten zum Wegweiser dienen, und Joachim fragte hinaufdeutend, wo der Firn über den Felsen, über den dunkelgrünen Wäldern leuchtete:

»Was ist das?«

»Die Tofana!« meinte Jörgl vom Bock herab. Der Professor, der die Genauigkeit liebte, sagte erklärend, halb vor sich hin, halb zu den andern:

»Es sind drei. Tofana di Roces, di Mezzo, di Fuori.«

Aber Klara hatte nicht hingesehen, Joachim nicht darauf geachtet. Der Redende fand kein Publikum. Und er merkte es plötzlich. Er wiederholte seine Erklärung. Doch Doktor Dörstling hatte eben begonnen, der jungen Frau zu erzählen, er habe in Schluderbach erfahren, wer die beiden Engländer wären, und nun hörte abermals keiner zu. Da wurde der Professor plötzlich heftig, sein Gesicht rötete sich, und er sagte streng:

»Klara, hast du gehört?«

Sie hing an Joachims Lippen, und er mußte wiederholen:

»Klara, Klara, zum Donner noch mal, redet man denn ganz in den Wind?«

Nun wandte sie sich zu ihm. Sie hatte keine Ahnung, was er gesagt, sie war nur wütend über die Störung, und auch in ihr Gesicht stieg langsam die Röte, während ihre Finger zuckten:

»Was ist denn los?«

»Die Tofana!«

»Die habe ich längst gesehen! Das große Ding da, na …«

»Aber ich nannte die Namen.«

»Na ja, eben Tofana.«

»Nein, bitte, es sind drei. Drei ganz getrennte Gipfel. Sogar ganz verschiedene Individualitäten.«

Klara war jetzt dunkelrot geworden, ballte die kleinen Fäuste und zitterte wie eine stark arbeitende Maschine. Der Professor hatte sich beruhigt. Er sah es immer nach wenigen Augenblicken ein, wenn er sich im Unrecht befand. Nun ärgerte es ihn, daß er sich hatte gehen lassen, vor allem angesichts eines Dritten.

Nach einer Weile aber wandte sich Klara, als sei sie nicht gewillt, sich in ihrer Unterhaltung stören zu lassen, zu Joachim:

»Pardon. Sie wurden unterbrochen. Sie erzählten von den beiden Engländern.«

Doktor Dörstling warf einen scheuen Blick zu seinem Freunde; dann meinte er gewunden:

»Ach, es war gar nichts Wichtiges.«

Sie biß die Zähne aufeinander:

»Aber ich möchte es zu Ende hören.«

Dabei blickte sie ihn so scharf an, daß er zu erzählen fortfuhr, die beiden Englänber hießen Mr. J.C. Ellwood und Mr. Taylor. Beide aus Manchester. Sie gingen immer allein und griffen die Berge regelmäßig von der falschen Seite an, um den Aufstieg dort zu erzwingen, wo er bisher für unmöglich gehalten worden war. Sie sagten niemals vorher, wohin sie gingen, und da sie plötzlich in Schluderdach angekommen waren, so planten sie gewiß irgend etwas in der Nähe.

Joachim begeisterte sich für ihren Wagemut, als kennte er die Gefahren, die sie liefen, aus persönlicher Anschauung.

Der Professor schwieg. Er mochte die Richtung der Bergsteigerei nicht, die Mr. Ellwood und Mr. Taylor vertraten. Er verurteilte das direktionslose Angehen eines Berges, nur weil es hieß, auf dieser Seite wäre er unersteiglich. Er wußte, daß die beiden Engländer damit im Alpine Club renommierten, er hatte gehört, sie wären mehr frech als erstklassig, weil sie dem Berge nicht Überlegung entgegensetzten, sondern nur auf gut Glück stiegen. Bis jetzt war ihnen wunderbarerweise noch nichts widerfahren. Jeden Tag konnte es geschehen.

Er war gewöhnt, sich die Karte vorher ganz zu eigen zu machen. Er hatte einen Orientierungssinn, gleich einem Naturinstinkt, und da bei ihm Auge, Ohr, Hand, Gedächtnis, Überblick gleich ausgebildet waren, hatte er schon oft topographische Fehler gefunden, war der Geologe in ihm beobachtend bei der Arbeit, sobald er im Bergesland stand. Alle seine Kenntnisse von Fauna und Flora arbeiteten mit, der Naturwissenschaftler in ihm folgte auf Schritt und Tritt den Gesetzen der Schöpfung, der Arzt beobachtete sich selbst und seine Gefährten.

Der ungeborene Dichter in ihm feierte Glückesstunden in wilden Eisrinnen, an schwindelndem Niederblick in unergründete Schlünde und Tiefen, im Eismeer der Gletscher, von phantastischen Eistürmen überragt, an furchtbaren Trichtern und Gletschermühlen, an Hunderte von Metern tiefen Spalten, in denen grün und blau das erstarrte Element schimmerte.

Wenn er auf dem Gipfel stand, war es ihm gleich, ob er von Nord oder Süd heraufgekommen, schwer oder leicht. Dann ließ er seine glücklichen Augen über das weite Land schweifen, ein Träumer, ein Maler ohne Griffel, einer, der aus tiefster Seele empfand: er erlebte eine Minute, die aussöhnte mit mühseligen, ängstlichen Jahren drunten in der Tiefe.

Sie kamen an die Felsenhöhe, auf der einst die längst vom Boden verschwundene Feste Peutelstein der Herren von Podestagno gestanden. Dort konnte man aussteigen, die Fahrstraße durch den Wald abschneidend.

Der Professor schlug es Klara vor. Es sei ein schattiger Weg mit einer kühnen Brücke über eine Schlucht, in der ganz unten in grausigem Schlunde das Wasser brause. Er selbst wolle im Wagen bleiben. Er zöge die Aussicht auf die nahen Berge im engen Talkessel vor.

Klara stieg aus. Joachim folgte, und während der Wagen die Fahrstraße hinabrollte, rief ihnen noch der Professor nach:

»Ihr habt vollkommen Zeit, wir müssen die Strecke in Kehren zurücklegen, während ihr geraden Weg habt.«

Dann lehnte er sich in den Polstern weit hintenüber und überließ sich seinen Träumen.

Er war allein. Allein, wie er am liebsten sich fühlte, er, der »Einsame«, der, solange er denken konnte, eigene Pfade gegangen.

Und doch mußte er ein Wesen um sich wissen, das sein war: seine Frau. Er wollte durch sie das Glück des eigenen Herdes, der Familie fühlen.

Nur hätte sie nicht verlangen dürfen, daß er sich unausgesetzt mit ihr beschäftigte. Er hatte seinen Beruf, und hier in den Bergen wollte er sich ausruhen und träumen – ein Ausspannen des Gehirnes wie der Seele.

Sie sollte sich unterhalten und lachen. Sie mochte lustig sein mit andern. Er war glücklich darüber, wenn sie sich freute. Nur durfte niemand erwarten, daß er mittollte. Er wollte von ferne stehen und sich an ihrem Jubel weiden.

Er gönnte es ihr von Herzen, denn er liebte sie ja. Er wäre todunglücklich gewesen ohne sie. Seine Kläre! Sein Närrchen! Sein Kind! Die ihm Gefährtin war und Kamerad, Freund und Begleiter.

Jedesmal, wenn er an sie dachte, ging ein Lächeln über sein Gesicht. Er liebte sie, ach, er liebte sie wahnsinnig.

Nur sagen konnte er ihr's nicht. Sie mußte es sehen an seinen Blicken, an der Art; wie er von ihr gegen andere sprach, wie er für sie sorgte.

Manchmal war es ihm, als liebte er sie mehr noch, wenn er sie fort wußte, als wenn sie neben ihm stand. Dann weilten unausgesetzt seine Gedanken bei ihr.

Und auch jetzt, während der Wagen die Kehren hinabfuhr, die künstlich gebaute Straße mit ihren Schutzanlagen gegen Steinfall und Wasser, und in der Tiefe, zwischen dunklem Wald und hohen Dolomitriffen, das weiße Schuttbett sichtbar ward, das der Boite durchfloß, dachte er daran, wie die beiden, Freund und Frau, vielleicht schon unten an der Mündung des abkürzenden Fußweges, ihn erwartend, saßen.

Er hatte Glück mit diesem Freund, der mitlief fast wie ein treuer Hund, dem er seine Kläre ruhig anvertrauen konnte, so daß er auch einmal einen ganz schweren Berg wie in allen Zeiten allein machen konnte.

Sonst durfte er es nicht wagen, seine Frau allein im Hotel zu lassen. Dann wollte sie immer mit und quälte, bis er entweder verzichtet oder sie dennoch mitgenommen. Dieses Jahr aber verlor sie kein Wort; und da es des Professors Mannesegoismus, der in ihm schlummerte, zugute kam, so überlegte er schon im stillen, ob er nicht den Tag morgen in Cortina verwenden könnte zu einer Tour allein.

Für Klara, sagte er sich, würde es zu anstrengend werden, gar bei Neuschnee. Nun, da konnte sie sich ja mit Dörstling im Orte umsehen, abends ging es doch erst nach Tre Croci hinauf, und dann wäre er schon zurück gewesen.

Sofort stiegen alle Möglichkeiten vor ihm auf: den neuen Aufstieg auf die Croda da Lago kannte er noch nicht, aber den Antelao von Süden! Es gab schon zu tun.

Fast im selben Augenblick sagte drüben, nur durch die Felswand des Peutelstein von ihm getrennt, Joachim zu Klara, die den Fußweg halb tänzelnd, halb springend hinablief:

»Wie lange haben wir morgen Zeit in Cortina?«

»Wir gehen erst abends nach Tre Croci.«

»Vielleicht unternimmt Karl morgen etwas allein …«

Sie hatte den Lauf verkürzt und ging jetzt fast an seiner Seite. Plötzlich blickte sie ihn an:

»Warum?«

Er sagte nicht ganz seine Gedanken. Er war wie verlegen:

»Es war nur so eine Idee …«

Ihre Augen trafen sich. Sie ruhten ineinander. Dann begegneten sie sich nicht wieder.

Sie achteten kaum auf die kühne Brücke über den schmalen, tiefen Schlund.

Es war ein heißer Tag. Die Lärchen gaben nur kargen Schatten, und sie gingen langsam bis hinunter zur Chaussee.

Dort lehnte sie sich auf die breite Steineinfassung einer Brücke, die die Chaussee über die gleiche Schlucht führte, die sie oben auf dem Fußwege überschritten. Joachim mußte Steine zusammenholen, und es machte Klara Spaß, sie in die furchtbare Tiefe hinabzuschleudern, in der sie meist an den Felswänden zerschellten, ehe sie im Wasser des Baches versanken.

Der Wagen kam noch immer nicht. Sie ward des Spieles müde, und sie setzten sich an den Wegesrand, wo dichte Farnkräuter wuchsen.

Er schielte zu ihr. Es zuckte in ihm, als er ihre Gestalt sah. Ein Gefühl stieg in ihm auf, als müsse er aufstehen und ihr zu Füßen fallen. Ihm ward wie schwindlig. Die Kehle war ihm trocken. Er mußte sich beherrschen, sosehr er konnte.

Da blickte sie ihn mit großen Augen an, und in dem Schweigen war es ihm, als lächelte sie. Er wußte, er konnte nicht mehr Herr über sich sein. Da hielt er sich mit beiden Händen die Schläfen, und plötzlich sank sein Kopf nieder und lag auf ihrem Schoß.

Sie rührte sich nicht. Ihre Finger wühlten in seinem Haar. Sie atmete lief.

Da zuckte sie zusammen:

»Der Wagen!«

Er richtete sich auf.

»Wir wollen Steine hinunterwerfen!« sagte sie. Und sie traten an die Brüstung. Sie rief:

»Ich habe keinen Stein!«

Er holte ein paar.

Sie warf die Felsstücke mit aller Kraft in den Schlund. Sie polterten und donnerten, splitterten und zerbarsten. Nun brachte er andere, und dabei beugte er sich nieder mit den Lippen auf ihre Hand.

Wortlos sah sie ihn an.

»Bin ich Ihnen lästig?« fragte er.

Sie sah ihn nur immer an und schüttelte den Kopf.

»Unangenehm?«

Immer bewegte sie langsam den Kopf hin und her, und immer sah sie ihn an.

Da klangen wirklich die Räder. Klara schob mit einem Ruck die ganze Ladung Steine über die Brüstung.

Der Wagen hielt, um die beiden aufzunehmen. Der Professor freute sich über das harmlose Spiel und rief:

»Ihr großen Kinder!«

12.

Als Klara am nächsten Morgen im Hotel Croce Bianca in Cortina erwachte, war das Bett an ihrer Seile leer. Ihr Mann hatte sich schon entfernt, wie er es ihr bei der Ankunft angekündigt.

Der Monte Antelao von Süden, den er gern gemacht hätte, dauerte zu lange, so hatte er die Croda da Lago gewählt auf dem Westwege, den er noch nicht kannte. Jörgl Tschurtschenthaler war mitgegangen, nicht als Führer, sondern als Wegweiser, um etwaigen Zeitverlust zu vermeiden, denn sie mußten ja noch vor Dunkelwerden auf der entgegengesetzten Talseite von Cortina – in Tre Croci sein.

So war Klara ganz allein Joachims Schutz anvertraut.

Schon zeitig klopfte er und fragte:

»Sind Sie fertig?«

Sie zog sich noch an und antwortete durch die Tür:

»In fünf Minuten!«

Ihm klopfte das Herz. Er wußte sie so nah und durfte doch nicht zu ihr. Er stellte sich vor, wie sie da drinnen stand, halb angekleidet, und bei dem Gedanken lief ihm ein Schauer über den Leib. Schnell blickte er sich auf dem Korridor um, dann fragte er, indem er den Mund dicht an die Tür legte:

»Haben Sie gut geschlafen?«

»Danke!«

Es war nicht ja und nicht nein. Er wollte noch etwas sagen, aber es kam jemand die Treppe herauf, und er ging in den Speisesaal. Dort saß eine ganze Zahl von Hotelgästen beim Frühstück. Es waren Vergnügungsreisende. Einzelnen sah man die Bergsteiger an.

Bei einem hörte man es auch. Ein junger Mensch, mit Anflug von Schnurrbart, erzählte einem Kreise um ihn Sitzender von furchtbaren Gefahren, denen der Hochtourist ausgesetzt sei: ganze Wände brächen oft ab, unausgesetzt schössen Steine durch die Luft, so daß solch eine Besteigung einem Gefecht zu gleichen schien, bei dem Millionen Zentner Blei verschossen wurden, um eine Patrouille zu treffen.

Er sprach von fast neunziggrädigen Eisrinnen, in denen die Stufen wie bei einer senkrecht stehenden Leiter übereinander lägen, von zweitausend Meter hohen, glatten Kirchturmwänden, an denen arme Menschlein hingen, von Graten, die messerscharf nach beiden Seiten dreitausend Meter abstürzten.

Es war, als erzählte einer um Mitternacht bei flackerndem Feuer eine grauenvoll unheimliche Geschichte.

Joachim ward beklommen zu Sinn. Da Klara noch immer nicht kam, ging er vor das Hotel und begann mit dem Wirt ein Gespräch. Dabei fragte er ganz beiläufig:

»Ist eigentlich der Cristallo schwer?«

Der Wirt wollte ihm gefällig sein:

»Oh, nicht sehr.«

»Aber … aber schwindelfrei muß man sein …?«

»Nit so wie bei der Croda.«

»Ist's sehr steil?«

»Der Popena ist schon steiler.«

»Und … und wie lang dauert's denn?«

»Na, so a fünf Stund von Tre Croci hinauf. Aber die erschte Partie dies Jahr, wo noch furchtbar viel Schnee lag – die haben elf Stund gebraucht hinauf.«

Joachim biß die Lippen aufeinander, aber er ward wieder ruhiger, als bei weiterem Befragen herauskam, daß der Wirt nur vom Hörensagen Auskunft gab und selbst nie oben gewesen war. Als sich Doklor Dörstling erleichtert nach dem Flur umwandte, weil er hinter sich das Rauschen eines Kleides gehört, entfuhr ihm ein Ausruf des Staunens: Klara stand vor ihm in weißem Rock und dunklem Jackett, einen einfachen Herrenstrohhut mit rotem Seidenband auf dem Kopf.

Sie sah so frisch und reizend aus, daß er unwillkürlich: »Ah!« machte und vergaß, die ihm hingestreckte Hand zu nehmen.

»Was haben Sie denn?« fragte sie lächelnd, aber sie freute sich über den Eindruck. Er blieb immer noch stehen und starrte sie an:

»Sie sind ja ganz anders angezogen!«

»Darf ich das nicht?«

»Doch, doch, nur … ich wunderte mich …«

Sie hatte schon auf dem Zimmer gefrühstückt und wollte jetzt spazierengehen.

Unmittelbar neben dem Hotel erweiterte sich die Straße zum Platz, und dort stand die Kirche, der Campanile daneben. Klara wollte hinaufklettern, um mit dem Glase nach der Croda da Lago hinüberzublicken. Vielleicht konnte man ihren Mann und Tschurtschenthaler sehen.

Sie gingen an den Turm und stiegen die steinernen Stufen hinauf. Ein junger Bursch führte sie. Als sie den Glockenstuhl erreichten, blendete der lichte Sommermorgen von allen Seiten so grell durch die Schallöffnungen, daß sie die Hand vor die Augen halten mußten.

Nun kam der weitere Aufstieg, fast frei in der Luft über eine hölzerne Leiter, die nach außen nur durch eine Stange geschützt war … Joachim war die Kletterei nicht angenehm, aber er nahm sich vor Klara zusammen. Sie bat um seine Hand, indem sie erklärte, sie, die Schwindel in den Bergen nicht kennte, fühle sich unbehaglich sogar schon auf einem Balkon. Sie lachten darüber, und das gab ihm Mut, so daß er voranschritt und ihr die Hand reichte.

Oben lief rund um den Turm eine steinerne Galerie, und als sie aus dem Gemäuer traten, tat sich vor ihnen mit einem Schlage der ganze Talkessel von Cortina auf, umrandet von Dolomiten.

»Ah! Ah! Ah!« rief Klara und blieb geblendet stehen.

Alles war Licht und strahlende Sonnenglut, ein blaues, klares Meer über ihnen, eine Farbe, erhaben und ruhig, während die Erde unter dem stillen Himmel emporbrandenden Wogen glich, rundum sich aufbäumend zu gewaltigen, scharfen Gipfeln, abenteuerlich gleich alten Burgen gestaltet, wie vor allen Dingen drüben die Croda da Lago.

Sie starrte empor in einem zersägten Kamm, dem Palas der Burg ähnelnd, über dem sich ein schlanker, hornartig spitzer Doppelturm erhob.

»Die sieht allerdings bös aus!« meinte lächelnd Klara. Joachim aber sagte fast erschrocken:

»Da soll man hinauf?«

Und sie:

»Wenn's nicht zuviel hintereinander wäre – ich wäre mitgegangen.«

Er fühlte sich in Bewunderung für diese Frau doch gedemütigt, daß sie ihm überlegen war, und der brennende Wunsch stieg wieder in ihm auf, es ihr gleichzutun:

»Ich freue mich riesig auf den Cristallo!«

Aber es war, als wollte sie ihn reizen:

»Der soll leicht sein, meint Karl, wenigstens im Vergleich zur Zinne, obgleich er sagt, es wäre ein selten schöner Berg!«

Joachim antwortete nicht. Er hatte Klara sein Glas gegeben, und sie richtete es auf die kühne Croda da Lago drüben. Doch nach einigem Suchen setzte sie es wieder ab: sie konnte nichts erkennen. Er aber sah gar nicht hin, als möchte er die Gedankenbrücke nicht hinüberschlagen.

Sie machten die Runde um den Turm. Dort lag der mächtige Tofanastock, gleich einem gewaltigen, grünen Fluten entsteigenden Korallenriffe, das durch den Sonnenbrand gebleicht schien. Die drei Gipfel, die gestern im Wagen an der Verstimmung schuld gewesen, hatten sich gänzlich verschoben. Dann kam der lachende Taleinschnitt, den sie vom Peutelstein hinabgefahren. Oben im Wald leuchtete das weiße Band der Chaussee, unten vom steinigen, breiten Bett des Boite begleitet. Weiter in der Rundsicht tauchten die roten, zerfressenen, von oben bis unten zerspaltenen Felsenmauern des Pomagagnon auf, die sich nach rechts fortsetzten in einem gewaltigen, von beschneiten Bändern durchfurchten Massiv.

Klara ließ sich von dem Burschen, der sie begleitete, den Cristallo zeigen. Er hatte sich hier von der Südseite derartig verändert, daß sie ihn nicht wiedererkannten. Er war kein Schaustück wie von Schluderbach aus; sie schien etwas enttäuscht, während Joachim ein beruhigendes Gefühl beschlich: je weniger gewaltig, desto leichter, hoffte er.

Dann ließen sie noch ihre Blicke über das Tal nach der andern Seite, nach Italien, wandern, wohin sich zwischen den Riesenmauern der Sorapiß, dem gewaltigen, in langem, schneebedecktem Plattengrate aufsteigenden Antelao auf der einen und dem riesigen, bänderdurchzogenen Monte Pelmo auf der andern Seite, das Tal senkte.

Die Augen taten ihnen weh. Sie stiegen hinab, und nun plötzlich nach der blendenden Helle konnten sie im Dunkel die Treppe nicht mehr sehen.

Einen Moment blieb Klara stehen. Joachim war zerstreut; ging weiter und mußte sich an ihr halten, um nicht zu fallen. Und nun, da der Führer vorausgegangen war, faßte er sie um die Schultern und küßte glühend ihr Kleid.

Klara suchte nicht zu entfliehen, sondern in der Dunkelheit wandte sie den Kopf rückwärts zu ihm. Er fühlte ihre Bewegung und suchte ihren Mund. Seine Lippen ruhten auf den ihren, schmiegten sich in die ihren, vergruben sich hinein, und die beiden Menschen blieben aneinandergelehnt ohne ein Wort zu sprechen, tief Atem holend, stehen.

Sie dachten nicht an den Burschen, dessen stapsenden Schritt man noch immer auf den Stufen hörte, leiser, immer leiser, ferner, immer ferner. Sie dachten an nichts mehr, als daß sie sich umschlungen hielten. Sie hatten alles vergessen rundum, den Mann und den Freund. Sie fühlten nur, daß, was sie gespielt und getändelt, plötzlich Ernst geworden war, wie der Magnet ein Stück Eisen anzieht, während seine Kraft bei allen andern Stoffen versagt.

Sie hing an seinem Halse, er schloß die Arme um sie. In der Dunkelheit verlöschten alle Bedenken.

Es hätte vor Monaten kommen können, drunten in der großen Stadt, wenn es der Zufall ausgelöst, es hätte noch Wochen gedauert, wenn das blinde Geschick sie nicht gemeinsam in die Berge gebracht und heute dort allein gelassen hätte.

Aber einmal mußte es kommen.

Und es geschah heute, weil der Tag so herrlich war, weil die Sonne so strahlend schien, weil droben der Blick schweifte über das weite, wunderköstliche Bergesland, weil er gestrauchelt auf der Treppe, weil es dunkel war in dem schmalen Gang.

Er hatte nichts geplant, und sie ihn nicht erwartet.

Aber keiner war erschrocken noch wunderte sich.

Kein Gewissen regte sich in den Tiefen ihrer Seelen. Sie schlossen die Augen. Ihr Hirn setzte aus. Sie waren eins. Der kurze Rausch der Menschen: das Glück schmiedete sie aneinander, ihre Herzen, ihre Nerven, die geöffneten Lippen, als wollten sie, ihr Tiefstes tauschend, den Hauch des Lebens ineinanderströmen.

13.

Sie saßen zusammen vor dem Hotel Croce Bianca unter dem Sonnendach. Jetzt wieder gemessen, denn es war heller, lichter Tag, Sonnenbrand und tiefblauer, italienischer Himmel.

Am Platz schräg gegenüber, wo sich der Campanile neben der Kirche freistehend erhob, war lebhaftes Treiben.

Gäste fuhren fort. Wagen kamen an, bestaubt, mit müden, prustenden Pferden, deren Köpfe ganz grau waren in all den aufgewirbelten Kalkteilchen der Straße.

Vor dem Hotel saßen deutsche Touristinnen, die Kleider durch Riegel gerafft, Engländerinnen mit Rock, Hemdenbluse und Schoßjackett darüber, den Strohhut auf dem Kopf.

Ein Ehepaar mit Tochter erschien, alle drei mit Rucksäcken, von denen die Frau, der reine Packesel, den größten trug, das junge Mädchen einen aus hellem Leinen mit rot aufgesticktem Monogramm. Alle drei hatten verbrannte Gesichter. Sie nahmen Platz, und der Vater, in dessen glattrasiertem Gesicht eine goldene Brille glänzte, hing sich einen Plaid um, sich nicht zu erkälten.

Dann kamen drei englische Damen vorüber, mit langen Bergstöcken bewehrt, auf denen bandförmig allerlei Bergnamen eingebrannt waren. Oben an der Spitze eines jeden Stockes saß ein Gamskrickel angekittet, als sollte es den Beweis liefern, daß die Trägerinnen mit diesen unpraktischen Stecken jedenfalls auf den verzeichneten Bergen nicht gewesen sein konnten.

Ein Allerweltsmensch lief herum, der überall Bekanntschaften anknüpfte, auf jeder »Cima«, jeder »Punta«, jeder »Croda«, jedem »Monte«, jedem »Kofel« gewesen war, den Damen Kolapastillen empahl zum Steigen, und obwohl er gar keine Tour vorhatte, in Kniehosen und Nagelschuhen posierte.

Es ward immer mehr Leben. Die Stunde kam, wo die Hochtouristen von den Touren heimzukehren begannen. Ein Wagen erschien, dem eine englische Dame entstieg mit zwei großen, von der Sonne fast schwarzgebrannten Ampezzaner Führern. Seil, Rucksäcke, Pickel wurden ausgepackt.

Klara wollte wissen, wo die Dame gewesen wäre, die Kellnerin fragte den älteren der Führer, einen hochgewachsenen Mann von prachtvollem Ebenmaß der Glieder, dessen muskulöses Bein sich straffte unter der Kniehose aus englischem Stoff – offenbar dem Geschenk eines Touristen.

»Croda da Lago!« hieß es. Sofort rief Joachim hinüber, der schon Pumphosen trug, eigens für die heutige Tour angefertigt:

»Haben Sie denn da Professor Hallbauer nicht getroffen?«

Der Führer, an dessen Hut das Führerzeichen des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins mit dem großen, messingenen Edelweiß prangte, lüftete den Hut.

»Ein Herr mit dem Tschurtschenthaler. Name weiß i nit – von die Herr.«

»Ja, ja, stimmt. Nun, sind sie noch nicht zurück?«

Der Ladiner meinte lächelnd:

»Der Herr geht noch auf Becco di Mezzodi.«

Klara sagte mit leichtem Stolz:

»Das ist was für ihn. Gleich noch einen zweiten Berg!«

Der Führer sprach leise mit der Kellnerin, eine Ampezzanerin mit tiefer, breiter Frisur, zwei silberne Nadeln hindurchgesteckt, und weißen Puffhemdärmeln mit roten Bündchen gerafft, daß der Unterarm bloß blieb. Sie nickte, dann trat er an Klara heran, lüftete etwas linkisch abermals den Hut und sagte, er habe eben gehört, sie wäre die Frau von dem Herrn auf der Croda. Er ließe ihr nämlich sagen, sie sollten nicht auf ihn warten, er käme mit Tschurtschenthaler etwas später direkt nach Tre Croci.

Dann entschuldigte er sich, nicht gleich gewußt zu haben, daß sie »die Frau« wäre. Er habe gemeint, der Herr – dabei blickte er Joachim an – wäre der Mann.

Dann hing sich der eine Führer das Seil, der andere den Rucksack um, sie schulterten die Pickel wie Gewehre und gingen in kniegebogenem, langsamem, etwas wiegendem Schritte davon.

Klara und Joachim durchzuckte im gleichen Moment dasselbe Gefühl: er war für den Mann gehalten worden.

Sie lächelte und ließ auf seinen hübschen, feinen Zügen das Auge ruhen, während ihn ein unbestimmtes Gefühl überkam, Bangigkeit und doch Glück, Freude, Stolz.

Nach der Mahlzeit bummelten sie von einem Ende der einzigen Straße des Ortes zum andern; sie besahen Photographien und Ausrüstungsgegenstände.

»Sie sollten sich einen Pickel kaufen! Der ist hübscher als so ein Stock«, meinte Klara. Er fand es auch. Sein Bergstock hatte neben den gebrauchsgebräunten Eispickeln der andern etwas so Zahmes.

Klara mußte ihm ein Eisbeil aussuchen. Es sah ernst, hochtouristisch aus, aber ihm dünkte es sehr schwer. Doch er freute sich wie ein Kind über den neuen Besitz.

Dann kehrten sie an die Croce Bianca zurück. Gegenüber hing eine Tafel mit den Namen der für eine Tour freien Führer auf kleinen Blechschildern, die, wenn umgeklappt, die inschriftlose, schwarze Seite zeigten. Klara erklärte es ihm.

Alles mußten sie sehen bei diesem köstlichen, tatenlosen Umherstreifen vor der eigentlichen Arbeit des Tages, dem Wege nach Tre Croci. Sie lachten verstohlen gemeinsam über Menschen, die ihnen auffielen. – Alle fielen ihnen auf. Alle fanden sie komisch, denn sie waren nur allein mit sich beschäftigt. Es schien ihnen, als verstünden sie sich allein, während alle andern Menschen ihnen fremd waren. Sie teilten ein Geheimnis, das über keines Lippen kommen durfte, das sie zusammenband, eine unübersteigliche Wand aufrichtend gegen jeden andern.

In der Ausstellung der Ampezzaner Schnitzereischule waren eingelegte Kasten und Truhen, Schmuck, Filigranarbeiten, Möbel zu sehen.

Klara begeisterte sich für einen Schmuckkasten mit Elfenbein und Metall eingelegt. Sie schlug die Hände zusammen und fand das Stück köstlich. Aber es war ihr zu teuer, und ganz verliebt in das kleine Kunstwerk gingen sie davon.

Jetzt war vermehrtes Führerleben in der Croce Bianca. In der Führerstube saßen die wettergebräunten, kräftigen Gestalten, mit den durch stete Gefahr und fortwährende Anstrengungen vor der Zeit gealterten, ehernen Gesichtern. In der Ecke standen Pickel, an der Wand hingen Seile, Rucksäcke, Kletterschuhe und Steigeisen.

Ein Führer aus Lauterbrunnen in der Schweiz, ein ruhiger Mann mit Vollbart und langen Hosen, dessen Äußeres von den Ampezzaner Führern sofort abstach, saß in einer Ecke allein am Tisch.

Der Wirt erzählte Klara und Joachim schmunzelnd, ein Herr habe sich den eigens mitgebracht. Er wäre ein berühmter Eisführer, und der Tourist habe gesagt, er solle mal den Dolomitführern zeigen, wie man's macht. Nun, bis jetzt hätten sie nur die Sorapiß auf dem Müllerwege versucht, aber dazu vierzehn Stunden gebraucht, und wären trotzdem nicht hinaufgekommen.

Joachim meinte, als verstünde er es ganz genau:

»Na, die Sorapiß ist aber auch nicht leicht…«

Da unterbrach ihn Klara:

»Um Gottes willen, es ist höchste Zeit!«

Er sah nach der Uhr. Und Klara ging eiligst auf ihr Zimmer, sich anzuziehen, während Joachim, der schon bereit war, mit dem Wirte stehenblieb. Er erklärte, mancher Gletschermann wäre schon in den Dolomiten gescheitert. Solche Steilheit gäbe es sonst nirgends, und die Orientierung wäre oft in dem Gewirr von Wandeln und Schroffen, Türmen, Eisrinnen, Graten und Kaminen so schwierig, daß der geborene Felskletterer dazu gehöre, hier Erfolge zu haben.

Joachim hörte nur mit halbem Ohre zu, seine Gedanken weilten bei Klara. Er war nervös, ungeduldig, gespannt auf den Weg nach Tre Croci, den ersten Anblick des Berges, der morgen sein Freund werden sollte oder sein Feind. Welches von beiden wußte er nicht, und die Ungewißheit beunruhigte ihn, daß er den Moment kaum erwarten konnte, bis sie endlich aufbrächen.

Er überlegte: sie mußte sich noch gänzlich umkleiden, da konnte wohl noch eine halbe Stunde vergehen, Wie sollte er die hinbringen?

Auf einmal kam ihm ein Gedanke: sie hatte den Kasten mit Elfenbein und Metall eingelegt so schön gefunden. Sofort stand es bei ihm fest, er wollte ihn holen für sie.

Er ging zur Ausstellung, suchte den Schmuckkasien heraus, stellte ihn auf den Verkaufstisch und zog das Portemonnaie:

»Was kostet das Ding? Ich nehme es gleich mit.«

»Zweihundert –«, antwortete der Verkäufer, der es angesichts des hohen Preises für nötig hielt, noch hinzuzufügen:

»Es ist Elfenbein eingelegt und – Silber.«

Aber Joachim achtete gar nicht darauf, sondern er, der immer viel Geld bei sich führte, zahlte, ohne ein Wort zu verlieren. Es war ja für sie. Für diese Frau hätte er alles gegeben. Und er freute sich wie ein Kind, ihr den Kasten überreichen zu können. Er nahm ihn gleich unter dem Arm mit und konnte es nicht erwarten, sie zu sehen.

Sofort ging er hinauf und klopfte:

»Sind Sie fertig?«

»Noch ein paar Minuten!« klang es von drinnen.

Er blickte sich um. Niemand war auf dem Korridor. Da legte er das Ohr an die Tür und lauschte, indem er tief atmete dabei. Er hörte ein Rascheln, wie von Kleidern. Ein seidener Rock wurde fortgelegt, und der Gedanke, sie wären nur durch die dünne Holzwand voneinander getrennt, schnürte ihm die Kehle zusammen, daß er schwer schluckte.

Wieder horchte er hinab zur Treppe. Unten sprach jemand. Ein Lachen klang. Eine Tür fiel ins Schloß, dann war alles still. Nun klopfte er leise und begann zu fragen:

»Wie lange noch?«

Schritte kamen:

»Ein paar Minuten.«

»Ich möchte Sie so gern sprechen.«

»Was ist es denn?«

»Ich … ich habe Ihnen etwas mitgebracht.«

»Etwas mitgebracht?«

»Darf ich's Ihnen nicht geben?«

Ein Zögern, dann:

»Gleich! Können Sie mir's hereingeben? Ich mache sofort auf.«

Er wartete. Lauschte. Hörte Kleiderrauschen. Horchte ins Haus. Nichts regte sich, nur von der Straße klang Räderrasseln. Schellenklirren und Peitschenknall. Nun öffnete sich die Tür, nur ein Spalt:

»Was ist es denn?«

»Eine Kleinigkeit.«

»Ist jemand draußen?«

»Nein.«

Eine Hand erschien, dann ein Gelenk, ein Unterarm. Joachim aber gab nicht den Kasten hinein, sondern faßte die Finger, senkte die Lippen darauf und hielt die Hand fest, während er sie küßte. Sie ward ihm nicht entzogen. Er ließ den Mund hinaufgleiten auf den festen, schlanken Arm. Die Tür öffnete sich etwas und gab nach in das Zimmer hinein.

Nun setzte er in der Hast den Kasten zu Boden. Er hielt nur noch den Arm. Er achtete auf nichts. Die Glut, die sich seit Monaten und Monaten gehäuft, loderte auf, daß ihm das Blut in Hirn und Wangen schoß, daß es ihm in der Halsschlagader pochte, ihm die Augen aus dem Kopf zu treten schienen.

Sie gab seinem Ziehen, seinen Küssen nach, trat vor die halbgeöffnete Tür, überließ sich ihm mehr und mehr. Sie vergaßen alles, den Korridor, die Laute unten, die Möglichkeit, daß jemand kam.

Sie überlegte nichts. Sie hatte Monate bedurft, um dahin zu kommen. Sie wollte nur ihn, der immer um sie war, sich um sie kümmerte, für sie sorgte, sie unterhielt.

Sie fühlte seine Lippen wie Feuer auf dem bloßen Fleisch. Der Bart streichelte ihre Hand. Sie sah, sie empfand seine Erregung, seine Leidenschaft.

Sie litt es, daß sein Mund ihren Oberarm berührte und ihre Schultern, daß er ihren Hals küßte, den sie ihm überließ, willenlos, wie gebrochen, wie gelähmt.

Sie war glücklich, unsäglich glücklich.

Er war glücklich, unsäglich glücklich.

Seine Augen schienen Dank und Liebe zugleich zu sprechen. Sie neigte ein wenig den Kopf. Sie schloß die Augen. Sie lehnte sich an seine Schulter, und mit einemmal schlangen sich ihre bis dahin schlaffen, willenlosen Hände um seinen Hals.

Da plötzlich klang lautes Lachen auf der Treppe. Zwei unterhielten sich und kamen nahe heran. Immer lauter, immer näher.

Erschrocken machte sich Klara los, richtete den Kopf auf. Sie waren beide verstört und wußten sich nicht zu helfen. Sie ahnten irgendeine Gefahr. Ein Ausweichen gab es nicht. Sie sahen nicht Mittel noch Wege. Einen Moment verloren sie völlig den Kopf, und in Todesangst flüsterte die Frau ihm zu:

»Komm herein, schnell…«

Er bückte sich, den Kasten noch aufzuraffen. Dann zog sie ihn ins Zimmer, und lautlos schloß sich hinter ihm die Tür.

Der Riegel fuhr vor.

Langsam, sich laut unterhaltend, kam ein dicker Herr mit einem jungen Mann die Treppe herauf, blieb auf dem Absatz des Stockwerkes stehen und atmete keuchend. Ihm war das Steigen sauer geworden.

Dann setzten sie den Gang hinunter das Gespräch fort und verschwanden im Dunkel des Flures.

14.

Erst spät kamen die beiden nach Tre Croci. Während des langen Weges, hinauf über die baumlose Ebene, ging schon rotlohend drüben hinter den Tofanen die Sonne unter. Und als sie nun endlich sich dem Sattel näherten, auf dem das Berggasthaus stand, mit dem Blick geradeaus auf den Cristallo unmittelbar darüber, zur Linken den Talkessel von Cortina, zur Rechten das Tal von Auronzo – da begann es schon zu dunkeln.

Sie hatten den Weg zurückgelegt fast ohne ein Wort zu sprechen. Sie fühlten sich nahe, und doch stand etwas zwischen ihnen. Sie waren anders gegeneinander.

»Hoho! Hoho! Hoho!« klang es plötzlich von der Höhe, zu der sie nur noch wenige Schritte hinan hatten. Dort oben standen drei hölzerne Kreuze, von denen der Ort den Namen – Tre Croci – führte. Zwischen ihnen erblickten sie zwei Gestalten, die hohe des Professors und die schlanke, kräftige Jörgls.

Klara antwortete:

»Ah, da seid ihr schon!«

»Es ist schon spät! Es ist ja schon fast Nacht!«

Sie wurde nervös:

»Ja, das mag sein, aber ich hasse die Lauferei in der Sonne.«

Joachim hatte nichts gesprochen, und als der Professor sie bewillkommnete, fragte er mit rauher Stimme:

»War denn die Croda schön?«

Nun brach des großen Mannes ganze Liebe zu seinen Bergen durch:

»Oh, ich sage euch, das ist ein Kerl! Na, ich kannte ihn ja schon, aber der neue Weg, der ist amüsant. Die ganze Kletterei dauert nicht lange, nur so was wie zwei Stunden in den Felsen. Aber schön ist sie, schön …«

Mehr brachte er nicht heraus. Nur »wunderschön! wunderschön!« antwortete er auf die Fragen.

Klara wurde plötzlich sehr gesprächig, und während sie sich in der Glasveranda zum Abendessen setzten, erzählte sie, wie schön es in Cortina gewesen wäre. Ihre Redeflut schien nicht zu dämmen, nur von dem Kasten sagte sie nichts, den sie geschenkt bekommen.

Joachim mußte den neuerstandenen Pickel zeigen, der ihm bei dem Wege hier hinauf schon bedrückend schwer erschienen. Er wurde in der Hand gewogen, seine Schwergewichtslage beurteilt, die Breite der Hacke geprüft, und der Professor erklärte Dörstling:

»So ein Ding sollte immer Vordergewicht haben, weißt du, wegen des Stufenschlagens, damit es nicht federt und ermüdet, sondern sozusagen von selbst ins Eis fährt.«

Joachim wurde wieder natürlicher, nun, wo ein anderes Thema angeschnitten ward, und er fragte schnell:

»Werden denn auch Stufen geschlagen?«

»Natürlich, in dem breiten Einschnitt zwischen Cristallo und Popena hinauf zum Paß.«

»Wieviel denn?«

»Das hängt vom Firn ab. Jörgl meint, es liegt noch sehr viel Schnee.«

Nun traten sie hinaus vor das kleine Berghotel. Dort ergingen sich eine Reihe von Gästen, meist Durchreisende, aber auch einige, die hohe Lage und Nähe der Berge anzog. Auch Tschurtschenthaler fand sich zu ihnen. Es war aber so dunkel, daß sie ihn im ersten Augenblick nicht erkannten.

Joachim, der ihm doch morgen früh anvertraut werden sollte, begann ein Gespräch.

Er fragte, wann aufgestanden werden müßte, ob es anstrengend wäre, ob sie auch etwas zu essen mitnehmen würden und vor allem was zu trinken? Auf alles bekam er lächelnd Auskunft.

Jörgl stand breitbeinig vor ihm, eine Hand in der Hosentasche, in der andern die geliebte Pfeife, die ihn nie verließ, und der er unausgesetzt Dampfwolken entlockte. Der sehnige Führer, an dessen strapazengewöhntem Körper nicht ein Gramm Fleisch zuviel saß, ein Bild der Sicherheit und Kraft, stach ab von dem Stadtmenschen, zu dem das Bergkostüm so wenig paßte, daß es aussah, als wollte er zu einem Kostümfeste gehen.

Nun zog Dörstling den Führer ein Stück beiseite, aus dem Bereich der dunklen Gestalten, die sich an dem schönen Abend im Freien ergingen, schob ihm vertraulich die Hand unter den Arm und bemüht, ein wenig die Aussprache des Landes nachzuahmen, sagte er:

»Sagen S' mal, ist der Cristallo nicht ein bißl schwindlig?«

«Wie meinen S'?«

»Ob, ob … man schwindlig werden kann.«

Jörgl lachte:

»Na, i moan nit, aber 's kommt auf den Tourischten an.«

Er erkundigte sich, woraus die Besteigung bestünde, außer den Stufen zum Paß, die er sich wohl etwa wie eine Treppe dachte. Der Führer beschrieb ganz kurz:

»Erscht 's untere Band, dann Wandln, dann zwei kloane Kamine, selbige sind nit schwer, dann 's obere Band, dann der Grat mit der Grohmannplatten und noch a bißl a Grat und aus ischt's.«

Joachim fragte scheinbar so nebenbei:

»Ist der Grat schmal?«

»Ah, nit wie am Cimone oder so, aber abfallen darf man freili a nit. 's ischt nit schlecht.«

Nun kam der letzte Zweifel:

»Aber der Gipfel ist wohl sehr klein?«

Jörgl grinste:

»Ah, dös wär g'fehlt, das ischt so an Plateau, daß glei an ganze Kompanie Kaiserjäger oben kann biwakieren.«

Ein Lächeln ging über Joachims Züge. Er fühlte sich sichtlich erleichtert und sagte nur, indem er sich eine Zigarette anzündete und auch dem Führer eine anbot:

«Na, ich denke, ich werde schon hinaufkommen.«

«Aber leicht!« – sagte Jörgl und steckte die Zigarette dankend in die Tasche.

In diesem Augenblick trat der Professor zu ihnen:

»Dörstling, was meinst du, wenn wir zu Bett gingen!«

»Schon?«

»Oh, wir müssen morgen zeitig heraus.«

»Wann denn?«

»Nun, ich denke Aufbruch vier Uhr.«

Damit sagten sie Jörgl gute Nacht, der sich auch sofort zurückzog, und gingen alle drei der Dependance zu. Als sie sich trennten, um die beiden Zimmer aufzusuchen, drückte der Professor seinem Freunde kräftig die Hand. Klara blieb einen Schritt zurück, und Joachims Lippen ruhten lange auf ihren Fingern. Als sie dann ihrem Manne in das Zimmer folgte, klang von dem Zurückbleibenden ein Seufzer, der deutlich in dem matterleuchteten Gange widerhallte.

Sobald die Gatten allein waren, schloß der Professor seine Frau in die Arme und sagte, indem er ihr unter das Kinn griff und ihren Kopf aufzurichten suchte:

»Du bist so still heute abend, mein Närrchen!«

Sie runzelte die Stirn:

»Man kann doch nicht immer sprechen!«

»Nein, gewiß nicht. Aber sonst plauderst du doch so lustig …«

»Man kann doch nicht immer guter Laune sein!«

»Ist dir etwas in die Quere gekommen, Kläre?«

Große, erstaunte Augen riß sie auf:

»Nein, warum?«

»Nun, ich dachte, du wärst verstimmt.«

»Ich, keine Spur.«

»So, dann desto besser.«

Damit ließ er sie los, gab ihr noch einen Kuß, bei dem sie den Kopf senkte, so daß er fast ihr Haar traf, und legte sich zu Bett. Das kleine dünne Kreuzerlicht brannte schief und zuckte. Des Professors Bett stand an der einen Wand, Klaras an der andern. Er konnte sie nicht sehen. Nach einer Weile, als alles still war, fragte er:

»Kann ich auslöschen?«

Sie fuhr vom Bettrand auf, wo sie nachdenklich gesessen, ging hinüber und holte das Licht, indem sie sagte, sie würde es selbst auslöschen. Er war müde, und im Besitz der Eigenschaft, dem Schlafe an jedem Ort und an jeder Stunde zu gebieten, klangen ein paar Augenblicke darauf seine tiefen Atemzüge.

Klara hörte es. Sie zuckte mit einem wütenden Gesicht die Achseln. Dann sagte sie, als setze sie in Gedanken das Gespräch fort von vorhin und als antworte sie auf den Vorwurf, den er ihr gemacht:

»Nein, man kann nicht immer sprechen. Sprichst du etwa?«

Dann legte sie sich auf den Rücken, starrte gegen die Decke und dachte nach. Sie konnte nicht einschlafen. Endlich blies sie das Licht aus, ihre Schläfen klopften, ihr Herz, ihr ruhiges Herz, das seit Jahren nicht mehr erregt geschlagen, pochte, daß es ihr war, als müsse man es in der Stille des Zimmers hören, im Schweigen der Bergwelt, als klopfe es so laut, daß es der drüben vernähme, an den sie dachte.

15.

Es war kalt am andern Morgen, als die Partie sich in der Glasveranda zusammenfand.

Der Professor setzte sich sofort an den Tisch und löffelte schweigend seinen Tee. Klara durchsuchte noch einmal den Rucksack ihres Mannes, um sich zu überzeugen, ob auch alle die Kleinigkeiten darin wären, deren ihre weibliche Sorgsamkeit auf den Touren bedurfte. Dann trank auch sie schweigend ihren Kakao.

Joachim war etwas später gekommen. Er nahm ein so großes Brot zum Kaffee, daß es den Anschein hatte, als wollte er Vorrat essen. Aber es schmeckte ihm nicht. Die Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, vertrieb ihm den Appetit. Er wollte Unterhaltung beginnen, doch er wußte nicht, was er hätte sagen sollen. Das einzige wäre gewesen, vom Berge zu sprechen, und das konnte er nicht, denn es lag ihm nur eine Frage auf der Zunge, die er hätte einem nach dem andern vorlegen mögen: »Ist der Cristallo sehr schwindlig?«

In dem allgemeinen Schweigen war es ihm eine Erlösung, als Jörgl zu ihm trat mit der Bitte, ihm sein Gepäck in den Rucksack zu geben. Dörstling wollte alles selbst tragen. Als Joachim nun dem Führer bloß seinen Wettermantel gab, nahm Jörgl Tschurtschenthaler einfach seines Herrn Rucksack, mit Handschuhen, Halstuch, zweiter Weste, Gamaschen, Gletschersalben, Büchsen, Kompaß und Aneroïd, lauter mehr oder weniger unnützen Dingen, um deren Mitnahme der Tourist bei jedem einzelnen Stück eine Viertelstunde überlegt hatte.

Joachim wollte sich sträuben; aber schon hatte der Tiroler den ganzen Schnerfer, wie er war, in den seinen gesteckt, hing die Last um, warf sich das Seil über die Schulter und nahm den Pickel zur Hand.

Dann ging es schweigend aus dem matten Lampenschein des Gasthauses in den dunkeln, kalten Morgen hinaus. Eine Pfütze vor dem Haus war gefroren. Die Sterne am Himmel verblaßten. Vor ihnen lag ein dämmerndes, nebelverhülltes Ungewisses: die nahe Cristallogruppe, zu der sie nach wenigen Schritten schon durch Krummholz hinanstiegen.

In den Latschen war ein Weg ausgetreten, dessen weißer Kalk aus dem Schwarzgrün des windgebeugten, am Boden kriechenden Nadelholzes leuchtete. Im Gänsemarsch gingen sie hinauf. Sobald die Steigung begann, ganz langsam, etwas vornübergebeugt, mit gebogenem Knie. Joachim überholte sofort die andern und eilte voraus, als wollte er seine Rüstigkeit zeigen. Der Professor lächelte, als sein Freund an ihm vorbeiging, und keiner der drei nun Zurückbleibenden verschärfte deswegen um einen Schritt seinen Gang.

Zuerst hatte Joachim den Kragen in die Höhe geschlagen. Ihn fror. Bald jedoch ward ihm zu heiß. Der Schweiß begann auszubrechen. Am liebsten hätte er sich des Rockes entledigt, aber er fürchtete, sich zu erkälten. Und nun begriff er, daß sein Freund ohne Weste mit offenem Rock zu steigen pflegte.

Sie gewannen langsam an Höhe. Die Lichter am Himmel fingen an zu erbleichen. Rundum hingen über den gewaltigen Felsmassen Nebel, die sich in dünnen Strichen hinzogen wie Festgirlanden aus Gaze, von einer Spitze, einem Turm zum andern.

Es ward immer heller. Der Himmel färbte sich rot, im Osten von dem allmählich ansteigenden Südgrat des Piz Popena, einer zerspaltenen, bänderdurchsetzten Zackenmauer, noch verborgen. Nur die verblassende Röte strahlte abwechselnd, gleich fernem Nordlichtschein, darüber hin.

Tre Crocl lag schon in der Tiefe, vom Wald umgeben, dessen einzelne Bäume wie aus der Spielzeugschachtel ausschauten. Das Gasthaus glich einem kleinen Felsblock, bald einem Nichts, einem Sandkorn fast nur.

Nun hörte der Baumwuchs auf, und vor ihnen zog sich zwischen den allmählich zu immer größerer Höhe anwachsenden Felswänden eine Block-, Trümmer-, Geröllhalde hinan zum Cristallopaß.

»Darin geht der Anstieg!« sagte der Professor und legte dem, nun mit den andern langsam gehenden Joachim die Hand auf die Schulter.

Dörstling war die Gelegenheit, stehenzubleiben, gerade recht. Er stützte sich auf den Pickel mit beiden Armen, heftig atmend, und sagte:

»Das sieht ja ganz schön aus.«

Tschurtschenthaler ging so geschickt balancierend, indem der freie Fuß immer einen leichten Bogen um den ruhenden beschrieb, daß kaum ein Stein sich bewegte. Joachim dagegen glitt und rutschte, so daß er ab und zu verzweifelt innehielt im Gedanken, hier würde er nie hinaufkommen, wenn das noch lange Zeit so weiter ging. Aber immer wieder gab ihm ein Blick auf Klara Mut. Und doppelt spannten sich seine Kräfte, wenn sie, federleicht über das Geröll hinansteigend, nach ihm sah mit einem Ausdruck, als wollte sie sagen: sieh nur, wie ich es mache – es ist ja ganz leicht.

Endlich aber ward der Schutt so locker, daß auch die andern anfingen, lachend zu rutschen. Und eine Zeitlang hörte man nichts mehr als unausgesetzt das Poltern größerer Felsbrocken, von denen ab und zu einmal einer sich überschlagend den steiler gewordenen Hang hinuntersprang.

Da tauchten ein paar riesige, häusergroße Felsblöcke mitten im Geröll auf, den Schuttstrom in zwei Äste teilend. Hinter ihnen lag Schnee. Er zog sich unten in schmalen Zungen, oben sich zu breiter Fläche vereinigend, zum Paß hinauf, immer dicker, immer weißer, an einzelnen Stellen eisglänzend.

Der Professor ging voraus, dann folgte Klara, darauf Joachim. Jörgl machte den Beschluß.

Der große Mann trat Stufen in den weichen Schnee mit seinen schwerbeschlagenen, riesigen Bergschuhen. Dabei stemmte er den Pickel leicht gegen die weiße, glitzernde Steigung, an der sie hinanstiegen, rechts und links von den in den Himmel ragenden Wänden der beiden Berge begleitet, die auf Steinwurfsweite nur entfernt schienen. Ihre roten, grauen, gefleckten, zerborstenen Mauern schienen endlos in die Höhe zu wachsen. Sie verloren sich in weißen Wolken, ganz hoch oben, wo von irgendwoher ein Sonnenstrahl einfiel, rötlich gefärbt.

Vorsichtig trat Joachim in die Stufen. Er hätte sie breiter gewünscht, und ab und zu, während er einen Blick auf das in die Tiefe schießende Schneefeld warf, nahm er unwillkürlich den Pickel, um sie ein wenig größer zu kratzen. Doch er bedurfte des Instrumentes als Stock, um sich, nachdem er es in den Schnee gerammt, daran zu halten.

Ab und zu blickte sich Klara, in leichter Eitelkeit zeigend, daß sie ganz sicher ging, nach ihm um. Dann gab er sich jedesmal einen Ruck und versuchte zu lächeln, um ihren Blick zu erhaschen. Da mußten sie stehenbleiben. Vorn war der Schnee zu Firn geworden, eine glasige Schicht, die nur noch mit Mühe durchtreten werden konnte. Und nun ging der steiler gewordene weiße Hang plötzlich in blankes Eis über. Schmelzwasser rann hier herab, zur Zeit, wenn die Sonne in die Schneerinne schien, in der sie standen.

Der Professor hob die Eisaxt und ließ sie auf die erstarrte, gebuckelte und glattpolierte Fläche niedersausen. Sie griff ein, spaltete das Eis, und die losgebrochenen Splitter spritzten nach allen Seiten. Abermals sauste sie nieder, der begonnenen Stufe eine bessere Form gebend, und ein Echo klang von den Felswänden. Die Eisstücken flogen herum und fuhren auf dem spiegelglatten Hange raschelnd zu Tal, um weiter unten im lockeren Schnee liegenzubleiben.

Langsam ging der Stufenschläger weiter. Seine Stufen, die schräg aufwärts wie die Spur eines flüchtigen Tieres führten, näherten sich mehr und mehr den gewaltigen Wänden des Cristallo. Dort, wo der Pickel in der Schnee- und Eisfläche nur schwer fassen konnte, wurden sie sorgfältiger ausgearbeitet. Sobald weichere Stellen kamen, nahmen sie flüchtigere Gestalt an und schienen Joachim so winzig, nur die Hälfte der Sohle aufnehmend, daß er unwillkürlich sich umsah, ob der Führer auch bei ihm wäre.

Den andern schien es nichts auszumachen, er aber kämpfte einen harten Kampf, ob er nicht Jörgls Hilfe erbitten sollte, seine Hand, nur einen Finger, denn er fühlte sich unsicher und mochte nicht den Schneehang hinunterblicken.

Aber er schämte sich vor Klara, er konnte sich nicht überwinden, etwas zu sagen: Gerade in dem Augenblick, wo er sich fast an Jörgl gewendet hätte, dauerte eine Stufe etwas länger. Sie mußten warten, und Klara drehte sich herum:

»Nun, wie geht's?«

»Oh, sehr gut!«

»Ist das nicht schön!«

»Ja, prachtvoll.«

Sie blickte hinauf:

»Da, gerade über uns, ist der Paß, nicht wahr, Karl?«

Der Professor hielt einen Augenblick inne, stemmte den Pickel ein und wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn, denn er hatte scharf gearbeitet, und die Sonne begann schon hervorzukommen. Er deutete zu einem Schneesattel, der sie noch um einige Seillängen überhöhte, und erklärte:

»Das ist der Paß, den wir von Schluderbach aus gesehen haben. Aber den und den Gletscher steigen wir heute ab. Hier links, gerade vor uns, ist der Cristallo, hinter uns rechts der Popena. Von Schluderbach aus natürlich alles umgekehrt. Ist das nicht schön? Was? Da sieh dir mal hinter uns die Wände des Popena an. Da geht's vom Paß hinauf. Als junger Kerl hab ich's mal gemacht. Aber brüchig ist alles, du kannst's an den roten Felsen erkennen, und das ist immer bedenklich. In der Theorie sollte man so was nicht tun, aber … aber, wir leben am Ende nur einmal und …«

Joachim drehte sich mit Jörgls Hilfe vorsichtig um, staunenden Auges die furchtbaren Wände zu betrachten, scheinbar unbezwinglich, überhängend, und nur hier und da einen Absatz bietend, einen Vorsprung, ein Band. Der fast erschrockene Ausruf entrang sich ihm:

»Da soll man hinauf?«

Dann ging es weiter. Stufe um Stufe näherte sie den Felsen des Cristallo. Joachim hatte ruhig Tschurtschenthalers Hand angenommen, um weiterzugehen.

Er fühlte sich doch sicherer. Er bangte nur, Klara möchte es bemerken, aber sie kletterte, ohne daß sie sich umgedreht hätte, bis zu den Felsen hinan, und als er das Gestein als etwas Sicheres, eine Stütze, einen Halt in der Hand fühlte, war er wie erlöst. Er atmete auf. Der schwierigste Teil schien hinter ihm zu liegen.

Sie folgten einem fast eben verlaufenden Bande, einem Absatz an den hohen Wänden, der sie aus der Düsterheit der Paßumgebung hinausführte, um die Felsen herumleitend, fast wie ein Weg. Es lag nur wenig Geröll darauf, und der Schnee, der es auf der Paßseite noch bedeckte, wich trockenem Fels, sobald sie an die freie Südseite kamen.

Es war, als stiegen sie heraus aus einem kalten Schlunde. Während vorher ein scharfer Wind, über die Eis- und Schneeflächen des Cristallopasses blasend, ihnen kältend bis auf die Knochen gegangen war, ward es nun mit einemmal still, die Sonne schien wärmend, trotz der frühen Tagesstunde, denn die Kalkwände warfen die Strahlen zurück.

Obgleich das Band an einzelnen Stellen schmäler ward, ging Jörgl immer außen neben Joachim, jeden Augenblick bereit, zuzugreifen. Und als es an einer Felsecke jäh abbrach, im Winkel drüben erst sich fortsetzend, und man über einen sich in die Tiefe niederziehenden Schlund einen Tritt machen mußte, da zögerte Dörstling.

Klara war schon hinüber. Der Professor hatte ihr nur flüchtig die Hand dazu gegeben, wenn auch sein Auge unausgesetzt über ihr wachte. Sie drehte sich herum, als wollte sie beobachten, wie Joachim sich anstellte. Und er nahm alles Herz und alle Kraft zusammen, während ihm blitzschnell der Gedanke kam, eine fast ärgerliche, empörte Idee: warum wird hier kein Seil genommen! – dabei der Hintergedanke, der ihm die Kehle zusammenschnürte: etwa, weil das noch nichts bedeutet und das Eigentliche erst kommt?

Er biß die Zähne aufeinander und schwang sich hinüber, nachdem ihm der Führer gesagt, wie er die Füße setzen und die Griffe am Felsen mit dem Pickel gezeigt, die er anfassen sollte.

»Bravo!« sagte Klara, und eine Glutwelle von der Anstrengung flutete über Joachims Gesicht.

Der Professor hatte ein Stück entfernt an einer Verbreiterung des Bandes den Pickel fortgestellt, Rucksack und Seil abgeworfen und packte das mitgenommene Frühstück aus. Ein paar leere Sardinenbüchsen sowie Flaschenscherben zeigten an, daß dieses der gewöhnliche Rastplatz der Cristallobesteiger sei.

Klara ließ sich sofort nieder, nachdem ihr Mann ihr den Wettermantel zusammengerollt hingelegt. Joachim trat heran. Er wollte, da der Professor stehenblieb, zuerst tun, als wäre er gar nicht müde, doch seine Knie zitterten von der ungewohnten Anstrengung, und er setzte sich schließlich. Dann wischte er sich mit dem Taschentuch den roten Kopf, und als Klara ihm einen Aluminiumbecher voll kalten Tee hinhielt, griff er so hastig zu, daß der Inhalt beinahe verschüttet worden wäre.

Dann blieb er sitzen, mit dem Rücken gegen die Felswand gelehnt, und seine schlagenden Pulse begannen erst allmählich sich zu beruhigen. Für den Augenblick freute er sich nur, daß es vorbei war.

Es war ein wundervoller Tag geworden. Die Sonne strahlte von links über den Popenagrat, der sich wie ein gewaltiges Meeresriff in die Tiefe hinabzog. Drüben lag die Sorapiß, langgestreckt, wie eine Riesenmauer. In der Ferne erkannte man Berge von schroffen Formen, überall Wolken darauf, als rauchten die Essen einer Fabrikstadt. Zu ihren Füßen senkten sich die Felsen nieder, auf deren Band sie hier saßen. Sie, die armen, schwachen, kleinen Menschlein in dieser gewaltigen Einsamkeit, deren Größenverhältnisse erst klar wurden, wenn man sich selbst verglich mit der nächsten Wand, in Tausenden von Absätzen hinaufgeführt, deren untersten sie nicht einmal mit den Händen erreichen konnten.

Die Rast dauerte nicht lange, dann kam Jörgl mit dem Seil, machte eine Schlinge und legte sie Joachim um den Leib. Ein kurzes Zwiegespräch, ob er zu fest gebunden sei oder zu lose. Eine Beratschlagung mit dem Professor, ob die Pickel mitgenommen werden sollten, was schließlich wegen des Neuschnees getan ward, aber nur bei den beiden.

Dann standen die vier bereit. Der Professor ging voraus, am Seil Klara hinter ihm. Dann kam Jörgl, und Joachim folgte als letzter. Nachdem sie das Band eine kurze Strecke weit verfolgt, blieb Professor Hallbauer stehen und sagte mit seiner volltönenden Stimme zu Dörstling:

»Jetzt kommt also der eigentliche Einstieg. Zum erstenmal für dich die richtige Felskletterei. Also höre ein paar Verhaltungsmaßregeln. Während Jörgl vorausklettert, bleibst du ruhig stehen, wohin er dich gestellt hat, und wartest, bis er oben einen Punkt gefunden hat, auf dem er nun wieder fest steht. Man nennt das ›Stand hat‹. Dann wird er dir zurufen: ›Los‹, und du kletterst ihm nach. Du machst alles wie er. Dort, wo er sich mit den Händen hält, hältst du dich auch. Wie er sich gegenstemmt, verspreizt, hinaufzieht – alles das mußt du genau beobachten. Aber achte auf etwaige Steine, die er losmachen könnte, daß sie dir nicht auf den Kopf fallen. Wenn der Stein nur wie eine Nuß ist und kommt zehn Meter herunter, könnte es doch böse Folgen haben. Im übrigen habe nur Vertrauen, auch wenn du abrutschen solltest geschieht dir nichts. Jörgl hält das Seil immer gespannt, und so ein Seil hat vierzehn Zentner Tragfähigkeit, und die Reibung deines Körpers am Fels kommt noch dir und Jörgls Armen außerdem zugute. Also Vertrauen. Es geht leicht. Nur: dem Jörgl gehorchen mußt du. Du weißt, daß der Führer am Berge unbedingten Gehorsam fordern darf, er hat das gleiche Recht wie der Kapitän eines Schiffes auf See. Und nun gehen wir an den Berg, an den Fels, an ernstes Tun, an die Arbeit. Grüß Gott!«

Er stieg ruhig die Wandeln hinan, die sich in großen und kleinen Absätzen auftürmten, er zog sich hinauf, verspreizte die Beine, stemmte die Fäuste gegen, stellte den Fuß auf vorspringende Ecken, schnellte sich ab, schob sich, stemmte sich empor, hielt sich an runden Griffen, faßte in muschelförmige Höhlungen hinein. Immer aber, obgleich bei dem oft bestiegenen Berge schon alles Morsche und Lose von den von Nagelschuhen zerkratzten Felsen abgebrochen und hinuntergestürzt worden war, probierte er, ob alles fest sei, rüttelte an jeder Felsecke aus alter Gewohnheit.

Und immer waren drei Punkte der zwei Hände und zwei Füße fest, nur einer, sei es ein Arm oder ein Bein, suchte einen neuen Stützpunkt.

Sein Klettern ging langsam, aber so sicher, als klebe er am Felsen, und Klara durfte hier, wo es nicht steil war, das tun, was er Joachim vorhin auf das strengste verboten: zugleich mit ihm, unter oder auch neben ihm klettern. Aber immer hatte er sie im Auge, und unausgesetzt hielt er trotz des Pickels in der Hand das Seil.

Ab und zu blickte sich Klara nach Joachim um, der immer ein oder zwei Seillängen unter ihnen blieb. Aber er bemerkte ihre Blicke nicht. Es wurde ihm furchtbar sauer, und er mußte alle Willenskraft zusammennehmen, um nicht zu erklären: Ich kann nicht mehr.

Die Felsen zerrissen seine sorgsam gepflegten Hände. Er hatte immer etwas darin gesucht, seine Nägel lang und spitz zu züchten: jetzt brach die Schaufel am kleinen Finger der rechten Hand ab.

Er stellte sich ungeschickt an und mußte die Knie zu Hilfe nehmen, so daß er hätte schreien können vor Schmerz, als sich ihm das spitze Gestein in die Kniescheibe bohrte.

Seine Brust arbeitete. Er keuchte. Er mußte innehalten, sich zu erholen, und die Augenblicke, die er zu warten hatte, während Jörgl einen Absatz höher hinaufstieg, waren ihm nie lang genug.

Es ging hin und her über Schroffen und Wandeln, bis sie an eine Stelle kamen, wo ein kurzer Riß hinaufzog über einen Absturz, den auf der andern Seite gewaltige, rote Wände abschlossen.

»Das ischt der erschte Kamin!« meinte Jörgl. Joachim sah oben den Professor, dem Schlunde entstiegen, allmählich das Seil einziehen, an dem Klara hing. Es ging alles an ihm vorüber wie ein Traum. Sein Führer bedeutete ihm, stehenzubleiben und zu warten. Dann ging er auf schmalem Absatz über den tiefen Absturz hin und verschwand im Kamin. Das Seil hing in großem Bogen herab. Dörstling wartete, wartete, es wollte kein Ende nehmen. Alles schwieg, nur ab und zu knatterte irgendwo ein einzelner fallender Stein, der aber bald zur Ruhe kam.

Der Wartende betrachtete den morschen Dolomit, weißen Kalkstein in Schichten übereinander, und jede einzelne Lage wieder zersplittert und zersprungen in unregelmäßige Würfel, wie sprödes, zu schnell gekühltes Glas; und wie er so auf den morschen Fels sah, der im Laufe der Millionen Jahre diese riesigen Trümmerhalden gebildet, indem er allmählich sich selbst abtrug, kam ihm plötzlich der Gedanke: wenn nun Jörgl ausrutschte, losließ, fiel? Dann konnte er sich gewiß auf dem schmalen Sims unterhalb des Kamins nicht halten und verschwand in der Tiefe.

Und mit einem Male erinnerte er sich mit Schrecken daran, daß er doch, mit dem Führer durch ein Seil verknüpft, mitgerissen würde, unrettbar. Der feige Gedanke stieg in ihm auf, sich loszuwinden, sofort, falls etwa dem Führer etwas geschehen sein sollte, denn er schwieg schon so lange …

Aber da verkürzte sich das Seil, lief über den Felsen hin wie eine Schlange, die unter losem Gestein ringelnd Schutz sucht beim Nahen des Menschen. Das Seil wurde straff, und Jörgl rief herab:

»So, Herr, nun schieben S' den Knoten vom Seil nach vorn und gehen S' da, wo i gangen bin, dann im Kamin grad herauf.«

Er ging, ging wie im Traum, als bedürfe er eines Zustandes des geschwächten Bewußtseins, um das zu leisten. Er tauchte in den Schlund, der gerade hinaufzog, stemmte sich fest, und das Seil spannte sich. Es ward angezogen, immer straffer. Ob er wollte oder nicht, er mußte hinauf. Er rutschte aus an den glatten Wänden, deren Rauheiten er nicht zu benutzen verstand, aber das Seil zog ihn hinauf.

Als er oben aus dem Kamin auftauchte, landete er auf dem Bauch, dann auf den Knien, und sofort blickte er sich erschrocken um, ob ihn auch Klara nicht etwa gesehen hätte.

Sie war schon weiter. Er raffte sich auf. Bald kam ein zweiter Kamin. Unten lag alles voll Eiszapfen, und man hörte noch immer die Schläge des Pickels, Kratzen und Schaben: Professor Hallbauer war an der Arbeit.

Als der kalte, nasse Riß überwunden war, sagte Jörgl:

»Herr Doktor, jetzt haben S' die Hauptsachen überstanden. Wir sind auf dem zweiten Band. Jetzt kommen wir bald ans Köpfl, und da pass'n S' mal auf, was wir da fir a scheene Aussicht hab'n.«

Joachim stand keuchend da mit verschobenem Rock, der über dem Seil ein paar Wülste bildete. Seine Knie zitterten leise. Er fragte stoßweise:

»Machen … wir … da … Rast?«

»I mein schon!«

Das gab ihm neue Kräfte. Er wollte sofort weiter. Er stürmte jetzt beinahe dahin über den breiten, geröllbedeckten Absatz der Stelle zu, wo der Professor stand, und neben ihm Klara. Sie betrachteten die Aussicht, von der Jörgl gesprochen.

Es war der erste Niederblick auf Cortina. Der erste auf Bekanntes. Um so überraschender, als man sich bisher im Berge drin befunden, beim Klettern immer mit dem Gesicht gegen die Wand.

Joachim vergaß alle Müdigkeit. Er stellte sich neben Klara und blickte in die Tiefe.

Dort lag es in grünlich-bläulichem Dunst. Cortina mit dem Turm, in dessen Dunkel sie ihm die Lippen geboten.

Dort unten befand sich die Ausstellung in einem dieser winzigen Steinwürfelchen, wie die von grünem Plan sich abhebenden Häuser von hier oben aussahen. Dort hatte er das Kästchen geholt und hinübergetragen zur Croce Bianca, zu ihr, mit all seiner Leidenschaft, mit der Liebe, die seit Monaten glimmend dort unten zu loderndem Ausbruch gekommen.

Und beide dachten im gleichen Augenblicke daran.

Es war wie ein Gedankenblitz, der in ihre Seelen schlug und sie zwang, sich in die Augen zu sehen.

Sie blickten sich an, lange, tief. In Sehnsucht und Verstehen. Sie achteten auf niemand. Ihre Augen tauchten ineinander, und in dem Ausdruck lag etwas wie: wir haben ein Gemeinsames, das nur unser ist, das jeden Dritten ausschließt.

Klaras Auge sprach, wie nur ein Frauenauge redet, daß kein Irrtum möglich ist, ein Blick, den nur das Weib haben kann, das sein Herz geschenkt hat. Ein Blick, nicht denkbar, anders zu verstehen, als ein Geständnis, eine süße Erinnerung, ein Versprechen.

Der Mann stand dabei. Er hatte sie beide beobachtet. Er freute sich darauf, welchen Eindruck ihnen der überraschende Niederblick auf Cortina machen mußte. Er sah sie lächelnd an, forschend, von einem zum andern.

Da mit einem Male kam Klaras Blick.

Er begriff. Er ahnte. Er konnte nicht mißverstehen. Und wie der Blitz sah er zu Joachim hinüber. Dort las er die Antwort. Da trat er zurück. Er verriet nichts. Er verschloß es in seinem Innern, wie er alles verbarg, wie das Wort ihm schwer über die Lippen ging, wenn es galt, ein Gefühl, eine Empfindung wiederzugeben.

Aber es war ihm, als hätte ihn eine giftige Fliege gestochen, und mit weitgeöffneten Augen starrte er seine Frau an.

16.

Die Rast war lang. Joachim brauchte Zeit, sich zu erholen. Er trank wieder. Für die Aussicht hatte er wenig Interesse, und der Professor quälte ihn auch nicht damit.

Er stand sinnend ein Stück zurück, den Fuß auf einen Block gestemmt, das Seil in der Hand, das zu Klara hinüberlief. Sie saß auf einer großen Platte und aß, langsam kauend, ein Butterbrot, während sie in Gedanken verloren in die Tiefe hinuntersah, wo bläulich dämmernd Cortina lag.

Der Professor betrachtete noch immer mit starren Augen seine Frau. Er verstand nicht, wie durch einen einzigen Blick sich das in seine Seele geschlichen haben konnte. Er begann zu zweifeln. Der Verstand hatte ihm das nicht gesagt. Woher kam es? War es nur Gefühl? Das Gefühl täuschte so leicht.

Er sah Klara an mit angespanntester Aufmerksamkeit, mit ängstlichem Ausdruck. Er wollte in ihren Zügen lesen. Er hatte doch, wie er meinte, bisher alle ihre Gedanken erraten. Aber er entdeckte nichts. Sie verrieten nichts. Sie waren unbewegt. Und nachdem er lange hingesehen, kam ihm die Überzeugung, es könnte nichts sein. Es war ein Irrtum. Er schalt sich sogar, wie er nur hatte auf solche Idee kommen können.

Als sie nun aufbrachen, vermochte er es doch nicht gänzlich von sich abzuschütteln. Irgend etwas war hängengeblieben. Ein Unmut, eine leichte Unbehaglichkeit, eine Verstimmung.

Und die ersten Absätze zum Grate hinauf, der sich von hier im rechten Winkel fast zum bisherigen Wege zum breiten Cristallohaupte hinanzog, war er so zerstreut, daß er statt leicht halbrechts die Höhe der Felsen zu gewinnen, sie geradeaus zwang an einer überhängenden Stelle. Dort lagen die kleinen Absätze hoch voll bröckeligem Schutt, sogleich verratend, daß hier der unbewußt alles Lose forträumende Anstieg all der früheren Partien nicht gegangen sein konnte.

Der Jörgl mußte mit seinem Herrn unten warten auf der breiten Fläche des Köpfls. Er sah verwundert der Kraxelei des berühmten Hochtouristen zu, der eine fast unmögliche Stelle wählte, statt der leichten Schroffen rechts.

»Hier geht's besser!« meinte Klara und bog aus. Er sah sie halb erstaunt, halb erschrocken an. Es konnte nicht sein. Es war unmöglich. Er begann, sich sogar Vorwürfe zu machen, daß er überhaupt an ihr hatte zweifeln können. Aber der Blick! Der Blick. Der Blick hatte ihn getroffen wie ein Schlag. Solches Ineinandertauchen der Augen! Und dabei hatten sich ihre Lider halb geschlossen auf ganz seltsame Art, und ein Lächeln lag um ihren Mund, ein entsetzliches, vertrauendes, erinnerndes, hingebendes Lächeln, wie er es kannte aus der allerersten Zeit ihrer Ehe.

Er konnte es nicht vergessen. Er kletterte stumpfsinnig, geistesabwesend über den Grat, der sich hob und senkte.

Sie mußten nach einiger Zeit innehalten, denn Joachim blieb zurück. Hier, wo die vorausgehende Klara meist seinen Blicken entzogen blieb, kletterte er schlechter. Ihr Beispiel fehlte. Es war, als sei ihm der Nerv ausgegangen. Immer häufiger bat er den Führer um einen Augenblick Geduld, blieb stehen, das Gesicht zum Fels gekehrt, an dem er sich mit einer Hand hielt, während er die andere an die schwer atmende Brust preßte.

Währenddessen stand Jörgl ein Stück weiter oben auf dem Grat, das Seil in einer Schlinge in der Linken, die Rechte am buntbemalten Porzellankopf der Pfeife, die ihn auch beim Klettern nie verließ. Er warf einen Blick von dem schmalen Felsenort in die furchtbare Tiefe, zu der links der Grat in riesigen Wänden abstürzte, einen Blick ganz unbewegt: es tat ihm nichts. Die Spitze seines Nagelschuhes ragte ein Stück über den Absturz hinaus; es tat ihm nichts. Mit seinen scharfen Augen suchte er dort unten irgend etwas, den Anstieg von dieser Seite oder eine Gemse auf dem Schutt oberhalb des letzten Baumwuchses, fast senkrecht unter ihm.

»So, nun weiter!« rief Joachim, und der Führer kletterte langsam fort. An einer Stelle drehte er sich herum:

»Warten S' jetzt mal a bißl, bis i ruf'. Und treten S' do zur Seiten. Na, na, do nit. Weiter links. Do. Daß nit an Stoan oan Schädel kriagn.«

Joachim trat ängstlich an die bezeichnete Stelle und hielt sich, das Gesicht zur Wand gekehrt, krampfhaft fest, indem er die Finger in die tiefen Ritzen des zerborstenen Kalkfelsens klemmte. Dabei lugte er hinüber. Der Führer wickelte das Seil von der Schulter ab, das nun in Ringen sich um die Felsen schlängelte, dann stieg er über ein paar leichte Absätze zu einer einige Meter hohen, plattenartig glatten, stark geneigten Stelle, die unmittelbar an der Höhe des Grates selbst endigte. Er setzte an, hielt sich an einer Wulst, stemmte die Fußspitze gegen eine Erhöhung, und während das Seil ihm nachglitt, zog er sich mit katzengleicher Gewandtheit hinauf, schwang sich oben auf die Kante und stand bald ruhig oben, indem er das schlaffe Seil anzog mit dem Rufe:

»Los!«

Joachim betrachtete unruhig die Stelle, unter der sich steile Felsen und Schroffenhänge in die Tiefe zogen. Aber wieder machte ihm der Gedanke an Klara Mut. Er hatte sie gar nicht mehr gesehen, vielleicht waren sie schon oben und er noch so weit zurück. Da versuchte er, an der glatten Platte Halt zu finden.

Unausgesetzt gab ihm Jörgl, der sich oben hingesetzt hatte und das Seil straff hielt, Weisungen:

»Na, mit dem andern Fuß anfangen. – So, die rechte Hand an den Griff. – Bißl höcher! – Haben S' kei Angscht, i halt schon. – Nun mit dem Knie.«

Joachim strengte sich an, soviel er konnte, aber er rief verzweifelt:

«Es geht nicht.«

Jörgl zog das Seil noch stärker an:

»Taifel, sell wär g'fehlt! Passen S' auf, es geht leicht!«

Joachim arbeitete mit aller Anstrengung, und der Führer zog so kräftig, daß der verzweifelte Tourist fast ohne Hände und Füße hinaufgelangte. Am oberen Rande der plattenartigen Stelle blieb er auf dem Magen liegen. Als er auf der andern Seite, unmittelbar unter ihm, den tiefen Absturz des Grates sah, ein Blick, wie ihm schien, so schauerlich, wie er noch nie Ähnliches erlebt, rief er laut:

»Halten Sie fest! Halten Sie fest!«

Jörgl zeigte lachend die Zähne und reichte ihm die Hand, ihn zu seinem Stützpunkt zu ziehen. Dort blieb Dörstling erschöpft sitzen. Im selben Augenblick klang aber von oben vom Grat, wie eine Antwort auf den flehentlichen Ruf »fest«, Klaras fröhliches Juchzen. Und von unten, etwa vom Köpfl aus, tönte die zweite Antwort, ein langgedehntes Rufen, während man in der nun folgenden Stille das Poltern und Schüttern und Rauschen, das kurze Aufschlagen und Abspringen von Steinen hörte, die oben wie unten die Kletternden losgemacht.

Tschurtschenthaler schickte nun seinerseits einen hohen, klagenden Schrei hinaus auf zwei Tönen, und eine Zeitlang war es, als sei der ganze Cristallo lebendig geworden. Von allen Seiten klangen die Rufe, antworteten, weckten ein Echo, feuerten an zu neuem Versuch.

Nun gewann Joachim Mut. Er nahm alle Kraft zusammen, um weiter zu kommen. Seine Knie und seine Hände zitterten, sein Herz klopfte, sein Atem ging stürmisch, aber der Gedanke, Klara zu erreichen, die wohl schon längst auf dem Gipfel war, spornte ihn immer von neuem an.

Er fragte Jörgl:

»Wie weit ist's noch?«

Der antwortete, die Pfeife im Mundwinkel baumelnd:

»I moan, a kloane Viertelstund!«

Aber als schon geraume Zeit vergangen war und noch immer der Grat weiterging, an dessen Zähnen, Zacken sie langsam sich dem Gipfel näherten, sagte der Führer abermals auf Joachims nun schon fast verzweifelte Frage:

»A kloane Viertelstund.«

Klara hatte warten wollen, doch ihr Mann sah sie kurz und fast hart an und meinte:

»Er wird schon kommen!«

Sie war verstimmt, und als der Cristallogipfel, ein zum Teil schneebedecktes, kleines Plateau mit einem großen Steinmann, vor ihnen lag, fand sie keinen Ausruf der Freude.

Ihr Mann trat heran, das Seil zu lösen. Während er den Knoten an der schlanken Taille Klaras öffnete, blickte er sie forschend an. War es möglich? Konnte denn zwischen den beiden ein Einverständnis sein? Was verbarg sich hinter dieser Stirn, die der grüne Schleier noch verhüllte, den sie zum Schutz gegen den Sonnenbrand umzubinden pflegte.

Der Ausdruck ihrer Züge, ihrer Augen war ungetrübt. Keine Verlegenheit, nicht einmal die leiseste Befangenheit war zu spüren.

Er nahm das Seil ab, und das Ende noch in der Hand, blieb er stehen. Sie aber ging ruhig auf dem Geröll ein Stück hin und blickte in die Weite. Es war, als besähe sie die Aussicht, als suche sie etwas, vielleicht bekannte Berge, Punkte, wo sie gewesen.

Der Professor rollte das Seil langsam zusammen, um es in der Nähe des Steinmannes auf den Boden zu legen, damit seine Kläre weich säße. Eine große Steinplatte richtete er dahinter auf wie eine Lehne.

Noch immer sah sie hinaus. Er folgte ihrem Blick. Was suchte sie?

Da mit einem Male ward es ihm klar: sie suchte ihn, den andern, seinen Freund, Joachim Dörstling. Sie wartete auf ihn, sie wollte ihn bewillkommnen, sich vor ihm zeigen, daß sie, die Frau, längst da war. Sie dachte nur daran, an ihren Mann nicht. Sie fragte nur danach, was der andere dazu sagen würde.

Von drunten tönte Joachims Rufen.

Der Professor schwieg. Aber Klara antwortete. Natürlich, sie mußte antworten. Und als ihre helle Stimme mit einem Jubelschrei weit hinausklang in die hohe, klare Bläue, da zuckte er zusammen, als täte ihm der Willkommen wehe, der gegen ihn gerichtet schien, denn er galt einem andern, dem er nicht gelten durfte, wenn … wenn …

Der Professor überlegte. Ja, was war denn geschehen? Was hatte Klara getan? Wußte er etwas? Nein, nichts, es war nur ein Verdacht, ein flüchtiger, schmählicher Verdacht!

Er suchte die seltsame Stimmung, die ihn überkommen, abzuschütteln. Wie konnte er seine Frau im Verdacht haben! Seine Kläre, sein Närrchen! War es nicht unerhört?

Und doch, doch … der Blick, wenn der Blick nicht gewesen wäre!

Nur fragte er sich, wie es möglich wäre, auf ein Tauschen der Augen so etwas zu bauen. Und was sollte es denn sein? Was könnte sie mit ihm haben? Sie stand über jedem Verdacht. Andere Frauen, ach Gott, ja, vielleicht, aber sie, sie – nein, unmöglich. Es war ja einfach zum Lachen!

Es war nur, weil sie sich so lange, so genau jetzt kannten, weil sie fast ausschließlich miteinander verkehrten – sie sahen ja beide keinen andern Menschen mehr – da waren die beiden so familiär geworden. Weiter konnte es nichts sein.

Aber … aber … was die klügelnde Vernunft ihm auch sagte … immer stand wieder vor seiner Phantasie der seltsame Blick, ein Anschauen, wie es nur zwei Menschen tun, die sich ganz nahestehen. Es hatte etwas darin gelegen, etwas … er hatte keinen bestimmten Ausdruck gewußt, etwas, das zu seiner Kläre nicht paßte, etwas – etwas Unreines.

Und als hätte es nur der Beschäftigung mit diesem Gedanken bedurft, um ganze Ketten und Reihen anderer heraufzuführen, standen plötzlich Beobachtungen vor seiner Seele, denen er keinen Wert beigemessen und die doch jetzt plötzlich sich ihm aufdrängten, in unabsehbarer Folge. Erinnerungen an Worte, die gefallen, an irgendein seltsames Benehmen Klaras, an eine Szene, eine Übelnehmerei, an Ausbrüche schlechter Laune.

Er erinnerte sich, wie sie jedesmal beim kleinsten Tadel Joachim angeblickt, als wollte sie Schutz finden bei ihm gegen die Ungerechtigkeit ihres Mannes.

Eine Szene in Schluderbach fiel ihm ein. Klara saß mit Joachim auf einer Bank am Waldessaum. Er fragte, ob sie mit ihm spazieren ginge, und sie hatte Dörstling mit den Augen zwinkernd ein Zeichen gegeben, nein, sie wollten sitzenbleiben. Sie waren geblieben. Karl ging allein.

Und dann, wie er noch auf die kleine Zinne von Norden gewollt – hätte sie sonst nicht gefragt, ob sie nicht mitdürfte? Und das gleiche jetzt bei der Croda da Lago. Sonst würde sie darauf gebrannt haben, ihn zu begleiten. Und diesmal? Nicht ein Wort hatte sie gesagt. Joachim konnte nicht mit, also ging sie auch nicht. Sie blieb bei dem Freunde, während ihr Platz an der Seite des Mannes gewesen wäre.

Aus Berlin fielen ihm Szenen ein, die er mit schmerzhafter Deutlichkeit vor sich sah, wie eine Nachtlandschaft, jäh durch einen Blitzstrahl erleuchtet, uns Gegenstände haarscharf zeigt, von denen wir, nachdem wir sie nun erblickt, nicht begreifen können, daß wir aus den Schatten nicht längst die Umrisse errieten.

Nun beobachtete er Klaras Bewegungen, jedes Zucken in diesem Gesicht, von dem er doch meinte, jede einzelne Falte zu kennen. Er starrte hin, als hinge davon sein Lebensglück ab.

Schon sah man Jörgls Hut über die Felsen auftauchen. Der Führer drehte sich herum und zog das Seil ein. Dörstlings Kopf erschien.

Der Professor krampfte die Hände zusammen in dem unerbittlichen Gefühl des Rächers: »Wenn du mir einbrichst in den Frieden des Hauses, so erkläre ich dir den Krieg. Wenn du mir den Frieden der Berge störst, meiner reinen, keuschen Berge, mit bösen Menschengedanken, wenn du mir befleckst, was mein ist, mein Weib, meine große heilige Natur – mag geschehen, was da will, dich mache ich stumm. Hier bin ich Herr, hier in den Bergen, hier bist du der Eindringling wie in meine Ehe. Schändest du mir beide, so … so …«

Er dachte nicht zu Ende. Aber wie er Joachims Schultern über den Grat kommen sah und die Hände, die eben krampfend den Fels umfaßten, da wußte er den Schluß seines Gedankenganges. Er wußte, daß, falls diese Hand gewagt hätte, anzutasten, was sein war, er sie losreißen würde so von seinem Weibe, wie von der reinen Natur, die sie besudelte.

Jetzt richtete sich drüben die Gestalt ganz auf. Unsicher legte sie die letzten Schritte zum Gipfel zurück. Joachim nahm Jörgls Hand, und Tritt um Tritt geführt, die Augen ängstlich jedesmal auf die Stelle gerichtet, wo der Fuß ruhen sollte, betrat er den Monte Cristallo.

Dörstling sah dunkelrot aus, und ehe er hatte bewillkommnet werden können, ließ er sich neben dem Steinmann nieder. Er versuchte zu sitzen, er wollte sich ausstrecken: sein armer, übermüdeter Körper vermochte keine Lage zu finden, in der er es ausgehalten hätte.

Jörgl bot ihm die Hand.

»Sell wär der erschte Berg, Herr Doktor!«

Joachim schlug nur matt ein und lehnte es sogar ab, des Seiles entledigt zu werden.

»Nachher! Nachher!«

Er war zu müde.

Der Professor hatte keinen Blick von seiner Frau gewendet. Die hatte den Erschöpften kommen sehen und empfand Mitleid mit ihm. Aber sie mochte es nicht zeigen und wandte sich ab, ohne eine Miene zu verziehen.

Ihr Mann aber lächelte. Er war jetzt ganz ruhig. Hatte er denn nur geträumt? Woher die traurigen Gedanken? Konnte eine Frau, die auf der kleinen Zinne gewesen, auf Matterhorn und Trafoier Eiswand, Interesse nehmen an diesem Manne?

Und den Professor überkam fast Mitleid mit dem Freunde, der jetzt trotz der Röte bleich geworden war. Er wandte sich an Klara, als wollte er es ins rechte Licht rücken:

»Kläre, hast du nicht für Dörstling einen Kognak?«

17.

Nun kehrte auch wieder Frieden ein in des Professors Seele. Er konnte sich ganz dem Genuß der Höhen hingeben.

Noch immer war der Tag strahlend, über ihnen wölbte sich das Himmelsblau, dunkel, unergründlich. Zitternd in der Riesenglut und Grelle des Lichtes, wie eine gewaltige Glocke, die in der Ferne auf den Bergrändern aufsaß. Sie lagen rundum, alle die Gipfel, die ihm liebe Freunde waren.

Von einem grüßte man den andern, von einem bespähte man den Anstieg zum Nachbar, betrachtete die ruhige Größe des Gesamteindruckes, suchte steil eingebettete Eisrinnen, die den Weg hinauf, steinfallbedroht, in mühseliger Stufenarbeit erforderten, überlief die Grate, die alle eine Möglichkeit bieten konnten, hinauf, falls man nicht an jähen Abbrüchen, an aufgesetzten, unbezwingbaren Türmen scheiterte. Alle diese Wege liefen zusammen, um sich an den Gipfeln zu treffen, von denen der einsame Beschauer hier oben so vielen als erster den Fuß aufs stolze Haupt gesetzt.

Einsam, in solchen Momenten, wenn er die Größe, die Überfülle, die Schönheit der Natur auf sich wirken ließ, dachte er nicht an andere Menschen neben sich.

In solchen Augenblicken überkam ihn etwas wie Andacht. Und wie man im Gebete seiner Lieben gedenken kann, aber nicht mit ihnen sprechen, so konnte er sie wohl vor sein geistiges Auge treten lassen, aber er mußte Schweigen um sich haben.

Er ging ein Stück über das Geröll, dem Nordabsturze zu. Er wollte den Augenblick des Gipfelglückes ganz allein durchkosten. In der Ferne zeichnete sich die schlanke Firngestalt des Glockners ab, und alle Erinnerungen huschten vorüber, wie er mit einem Freunde einst den langen Übergang gemacht von der Adlersruhe über Klein- und Groß-Glockner zur Glocknerwand. Links davon leuchtete das Dreieck des Groß-Venedigers, den er von Norden bezwungen durch die Gipfelwächte hindurch. Dann kamen die Zillertaler und das Stubai, die Ötztaler, die Ortleralpen, dahinter geahnt schon die Schweiz.

Wohin sich sein Auge wandte: alte Freunde, denen er Stunden verdankte, wo die Erdenschwere abgeworfen schien, während er allein gewesen mit dem einzigen, das nie den Menschen übersättigen kann – der Natur.

Die Berge weckten Eigenschaften, deren Keime nur im Kulturmenschen unserer Tage liegen, der vergißt, daß Gottes Ebenbild, zu dem er geschaffen, einst frei war wie die Tiere des Waldes, allen Anstrengungen gewachsen, ein Jäger, ein Muskelträger.

Sie schärften längst verlorene Indianerinstinkte: Fährtesuchen, achten auf jeden Laut der großen Sprache der Natur.

Sie stählten Herz und Lungen. Sie waren Feinde dumpfen Träumens und führten doch zur höchsten Poesie: die Schönheit zu erkennen, die unerhörte Schönheit, rundum in dieser Bergeswelt.

Vor Überhebung schützten sie, vor der, sein eigenes, jammervoll kleines Dasein im Haushalte der Natur zu hoch zu werten, erkennen lassend, daß wir nichts weiter sind gegen sie als ein Stein im Geröllfeld, einer von denen, die in den Alpen ungezählt und unablässig fallen, und sieht doch keiner, daß der Berg abgenommen hätte.

Und endlich lehrten sie im Donner der Lawinen, in dieser übergewaltigen, herzerschütternden Einsamkeit, wo alles Begehren der Menschen drunten geblieben scheint in den stickigen Ebenen, wo der Himmel näher ist, die Wolken schon unter den Füßen liegen und die große Bläue sich über den Häuptern auftut: Gott erkennen.

Und wie so seine Gedanken gingen, erinnerte er sich plötzlich des Blickes seiner Frau. Als ob der leichte Wind, der über den Gipfel des Cristallo von Norden her blies, ihm alles aus dem Kopfe geräumt hätte, war ihm jeder Verdacht weggelöscht.

Er ging zu den andern zurück. Joachim saß noch immer da, neben ihm Klara, auf dem zusammengerollten Seil. '

»Nun, gefällt dir der Cristallo?« fragte der Professor. Klara nickte. Sie wollte etwas sagen unterbrach sich aber und deutete auf den Grat, auf dem sich jetzt ein paar Gestalten näherten:

»Da kommen die andern.«

Sie suchten zu erkennen, wer es sei.

»Taifel, es sind zwei Partien!« sagte Jörgl.

»Zwei?«

»I mein' schon. Das eine ischt der Hansl Unterwurzacher mit a Herrn und der Sepp Kuntner, wissen S', Herr Professor, der aus Innichen, a mit a Herrn. Und dann die beiden vorn, Jessas, die beiden Herrn, mit denen S' auf dem Schwalbenalpenkopf gewesen sind.«

Sofort klang das fröhliche: »Grüß Gott« der beiden führerlosen Studenten. Die Brüder eilten über die Absätze und Blöcke, daß Joachim die Lippen zusammenkniff bei dem Anblick. Sie waren nicht durchs Seil verbunden. Fritz Weber, der ältere der beiden, trug es, das bei ihnen für den Cristallo nicht in Anwendung kam, im Rucksack.

Ein paar Sprünge noch, und sie standen auf dem Gipfel, nahmen die Hüte ab und machten angesichts der Dame eine fast gesellschaftliche Verbeugung, die in Kniehosen, mit dem Pickel in der Hand, seltsam genug aussah.

»Grüß Gott!« sagten sie zugleich.

»Grüß Gott!« antwortete der Professor. Sie schüttelten sich die Hand mit männlichem Druck, und sofort wurden Fragen getauscht, was sie beiderseits die Tage unternommen. Die jungen Leute dankten noch einmal in reizend bescheidener Art für die Führung, die ihnen der soviel ältere Mann hatte zuteil werden lassen. Dann traten sie beiseite, als fühlten sie sich befangen durch die Anwesenheit einer Dame. Und nachdem sie den ersten Eindruck der Fernsicht genossen, setzten sie sich abseits und begannen den Rucksack auszupacken. Es war wenig darin, nur ein Block und Aquarellfarben für den jüngeren der Brüder, der, wenn es die Zeit irgend erlaubte, Skizzen anfertigte.

Aber erst verzehrten sie ihr karges, fast ärmliches Frühstück: ein Stück Schwarzbrot und Speck. Wasser wurde dazu aus einer mitgebrachten Flasche getrunken, die einst in längst verschollenen Tagen Rotwein enthalten hatte.

Nun kamen auch die beiden Führer mit ihren Herren, einem älteren mit grauem Haar und Schnurrbart und einem jüngeren, der ihm auffallend ähnlich sah. Es stellte sich heraus, daß es Vater und Sohn waren.

Der Ältere begann sofort, während ihm Hansl das Seil abband, mit leise sächsischem Tonfall zu erzählen:

»Ja, ja, es geht doch nicht mehr ganz so wie frieher mit dem Steigen. Man wird steif mit den Jahren. Aber ich kann's nu mal nicht lassen. Wer mal vom dollen Berge gebissen is, der bleibt dabei, sage ich immer zu meinem Jungen. Und 's is ja so scheen! So wunderscheen! Nee, is das 'n scheener Kerl der Cristallo.«

Nun wendete er sich an Klara:

»Meinen Sie nicht auch, gnädige Frau?«

Er grüßte:

»Alle Achtung vor jeder Dame im allgemeinen, aber im besonderen vor eener Bergsteigerin. Und der Cristallo! Ganz stramme Kletterei, gnädige Frau, was?«

Klara lächelte. Joachim aber platzte mit einem Male heraus:

»Oh, das ist nicht schlimm. Sie ist auch auf der kleinen Zinne gewesen!«

Der Herr pfiff durch die Zähne und grüßte abermals:

»Da mache ich Ihrer Frau Gemahlin aber mei Kompliment.«

Der Professor wartete, Dörstling oder Klara sollten die irrige Annahme richtigstellen. Nichts erfolgte. Er sah prüfend von einem zum andern. Eine unbewußte Unruhe kam wieder über ihn, als erwache der überwundene Verdacht von neuem.

Joachims und Klaras Augen tauchten wieder ineinander, lange und tief. Sie dachten nicht an die Gegenwart anderer, des Mannes, wie Schmetterlinge, die sich haschen, die Gefahr übersehen, die ihnen vom Netz des Fängers droht.

Es war der Blick Klaras von vorhin, der Blick, der einem andern nicht gelten durfte, der Blick, der ihren Mann vorhin getroffen wie der Stich eines giftigen Tieres.

Da trat der Professor plötzlich dazwischen und sagte, fast grob:

»Meine Frau hat schon viele Hochtouren gemacht!«

Der ältere Herr stellte sich mit einem Male vor, sein Name wäre Hempel. Das war so komisch, daß Klara auf ihres Mannes Erregung nicht aufmerksam ward, denn sie mußte sich alle Mühe geben, das Lachen zu verbeißen.

Inzwischen hatten es sich die Führer bequem gemacht, und nachdem sie Vater und Sohn Trinkflasche und Frühstück gegeben und selbst etwas gegessen hatten, zündeten sie sich die Pfeifen an und streckten sich neben Jörgl auf die in der Sonne warm gewordenen Steine, zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen die Hüte im Gesicht.

Währenddessen saß weit drüben an der Flanke des Cristallo zum Paß hinunter Ernst Weber und skizzierte den Gipfel des Piz Popena, auf den man, da er vierzig Meter niedriger war, herabsah. Nur durch den Cristallopaß getrennt, erschien er zum Greifen nahe. Der andere Bruder nahm das Tagebuch vor, schrieb sich die Zeiten der Besteigung auf, machte eine mineralogische Notiz und unter Zuhilfenahme von einigen Pflanzen, die er aus der Rocktasche zog, mehrere botanische.

Dann blickte er nach der Uhr. Es war Schlag elf.

Der Wind hatte sich gedreht, er blies jetzt von Cortina herüber, und er trug Töne herauf: Glockentöne aus der Tiefe.

Hansl Unterwurzacher schob den Hut vom Gesicht und richtete sich auf. Er sprang auf die Beine und lauschte hinaus. Auch der Sepp Kuntner erhob sich, und der Jörgl Tschurtschenthaler folgte.

Deutlich hörte man eine helle, hohe Glocke. Ab und zu riß der Wind den Laut ab, doch er kehrte wieder.

»Sie läuten!« flüsterte Klara, als dürfe sie nicht laut reden, um den Ton nicht zu unterbrechen, der ganz schwach heraufklang, wie aus einer fernen Welt, zu der sie hier oben nicht mehr gehörten.

Und Sepp, schwarz wie ein Neger, mit einem goldenen Ring im rechten Ohr, sagte langsam, feierlich:

»'s ischt einer gestorben in Cortina.«

»Sell ischt das Totenglöckle!« fügte Jörgl hinzu.

Dann ließen sich nacheinander die drei Führer auf ein Knie nieder und nahmen die Hüte ab. Und unwillkürlich folgten ihnen schweigend die andern.

Der Tod hielt Einkehr im Tal. Er verband die einsamen Bergwanderer mit der Gemeinschaft der Menschen, wie er ihnen allen bevorstand, ob unten ein langer, quälender Strohtod oder oben ein schneller, tiefer Fall.

Und der große, starke Mann, der ihm schon so oft ins Auge gesehen, im Beruf, daheim bei seinen Nebenmenschen und auf luftigen Höhen, wenn er vielleicht ihm selbst gedroht, nutzte den Augenblick der großen Stille, während der nur immer abgerissen das helle Läuten aus der Tiefe drang, die Hände zum Gebet zu falten mit dem Gedanken, nicht mit bestimmten Worten: Gib, daß ich mich irre, gib, daß meine Augen schlecht gesehen, laß mir an meinem Weibe das nicht widerfahren und nicht in meinen Bergen, ich wäre sonst der Unglücklichste der Menschen.

18.

Kurz vor dem Abstieg trat Jörgl Tschurtschenthaler zum Professor und fragte ihn, ob er etwa in Tre Croci etwas von den beiden Engländern gehört hätte, die vor zwei Tagen mit der Post in Schluderbach angekommen wären.

»Was ist mit ihnen?«

»In Tre Croci sind s doch nit g'wesen!«

»Nein.«

»Der Sepp und der Hansl meinen, sie müßten hingekommen sein, wir müßten's wissen.«

»Welche Tour haben sie denn gemacht?«

Die beiden andern Führer kamen dazu, und es stellte sich heraus, daß sie dem Wirt in Schluderbach gesagt hatten, sie würden einen neuen Aufstieg auf den Cristallo von Norden versuchen und auf dem gewöhnlichen Wege nach Tre Croci absteigen. Dahin mußten sie gestern gekommen sein. Und so eine neue Tour, wahrscheinlich eine sehr schwierige, würden sie unbedingt in Tre Croci erzählt haben.

»Nach Schluderbach sein s' nit zuruckkommen, dös weiß i bestimmt!« meinte Hansl. Unwillkürlich gingen sie an den Rand des Gipfelplateaus vor und starrten die furchtbaren Hänge hinunter, die in gewaltigen Absätzen zum Cristallogletscher abstürzten.

Der Professor war an den Steinmann getreten, der ein Gipfelbuch enthielt das zum Schutz gegen die Witterung in einer Blechkapsel steckte.

Wenn die beiden Führerlosen die Spitze erreicht hatten, würden sie sich wohl bestimmt eingeschrieben haben mit ein paar Daten über den neuen Weg, den sie gemacht.

Das Gipfelbuch verzeichnete nicht ihre Namen.

Sie hatten also offenbar den Cristallo gar nicht erreicht.

Nun blickten sich die vier mit ernsten Mienen an. Der Gedanke an einen Unglücksfall drängte sich ihnen sofort auf. Aber der Professor schärfte den Führern ein, kein Wort zu verlieren, bis der Abstieg wenigstens so weit vollendet wäre, daß die Felsen hinter ihnen lägen. Sie sollten ihre Herren nicht nervös machen, die in Sicherheit zu bringen ihre nächste Pflicht schien, während etwaige Nachforschungen nach der fehlenden Partie erst dann ins Werk gesetzt werden durften.

Der Professor nahm einen Bleistift und setzte schnell seinen Namen mit Datum auf das letzte, beschriebene Blatt des Gipfelbuches, ganz unten hin, wo er noch knapp Platz fand, dann rief er:

»Kläre, Dörstling, wie wär's mit dem Aufbruch? Aber erst einschreiben.«

Und er betrachtete die beiden scharf einen Augenblick, wie sie herantraten. Ein durchdringender Blick aus den schwarzen Augen durch die Brillengläser auf Joachim. Ein ängstliches Suchen auf seines Weibes Zügen. Beide merkten nichts davon. Beide blieben unbewegt.

Wieder war aller Verdacht, alle Beängstigung aus des Professors Seele gewichen, und mit all seinen Gedanken bei den Bergen, stieg er an der Nordseite des Cristallogipfels ein Stück ab, um hinunterzuspähen, ob er vielleicht irgendwo Spuren fände.

Es war nichts zu entdecken.

Er kletterte in dem furchtbar brüchigen Gestein noch ein Stück hinunter, bis er an ein Schneeband kam, dessen vereiste Flanke ein Weiterdringen ohne Pickel nicht rätlich zu machen schien. Er versuchte mit Fußspitze und Absatz Stufen zu treten – der glasharte Boden widerstand seinen Anstrengungen.

Nun beugte er sich vor: über die beschneiten, zähen Hänge und Wände war es nicht möglich, den Einstieg in die Felsen der Hauptspitze des Cristallo zu sehen. Nur die banddurchsetzten Mauern des mittleren Cristallokopfes, der Cresta Bianca, die im Winkel zum eigentlichen Cristallogipfel standen, zeigten ihre stummen Flanken, jungfräulich, unberührt von Menschenfuß und -hand.

Der Professor kletterte ein paar Tritte zurück, um auf aperem Felsen über eine schmale Rippe noch etwas tiefer zu gelangen. Dort konnte er ein Stück des steilen Cristallogletschers übersehen, in dessen wie halbgeöffnete Lippen sich öffnende Spalten man hinabblicken konnte.

Mit allen angespannten Sinnen suchte der Beobachter dort oben nach Spuren einer Partie, abseits von den gewöhnlichen Wegen.

Er ließ sein Auge über den Schnee gleiten, und bei jedem dunklen Punkt machte er halt, aber immer klärte sich der Gegenstand auf natürliche Weise auf, als Felsblock, als Spalte, Eisloch, Riß, eingesunkener Firn.

Nun wollte er den Fels beobachten, aber dort standen tausend Zacken gleich menschlichen Gestalten, und die Phantasie konnte aus jedem Kamin einen Körper machen. Er gab es auf und stieg vorsichtig zum Gipfel hinan.

Er dachte an nichts anderes mehr, als den vielleicht in Not befindlichen Berggenossen Hilfe zu bringen. Eine kleine, vernickelte Torpedopfeife, die er nebst Kompaß, starkem Nickfänger, Feuerzeug auf allen Touren bei sich trug, zog er aus der Tasche und stieß heftig hinein. Ein kurzes Sausen, ein Steigen des Tones folgte, ein Anschwellen zu scharfem, ohrenbetäubendem, weittragendem Pfiff.

Alles wieder still. Er lauschte. Keine Antwort. Nur das große, erhabene Schweigen des Hochgebirges.

Noch ein Pfiff.

Da kam Tschurtschenthaler von oben.

«Herr Professor, i hab das Glas mitgebracht von dem Herrn Doktor. Wie heißt er doch? Taifel, i kann ka Namen nit behalten.«

Der Professor blickte empor, und in diesem Moment war es ihm, als hätte er etwas Außergewöhnliches gesehen. Er wußte nicht, was. Nur eine Ahnung hatte er; ein Instinkt war es. Er suchte, aber er fand das nicht wieder, was ihm aufgefallen war. Doch – merkwürdig – als er sich abermals zu Jörgl herumdrehte, der langsam zu ihm herabgestiegen kam und die Hand ausstreckte nach dem Goerztrieder Joachims, hatte er es plötzlich wieder gesehen.

Nun wußte er, wo. Drüben am Popena.

Sofort griff er nach dem Glase und hielt mit dem Instrument den Fleck fest, den sein unbewehrtes Auge zufällig getroffen. Es war ein kleines Schneefeld zwischen Zackentürmen, die auf der Nordseite des Berges wie umgekehrter Tropfstein emporwuchsen, einem Hahnenkamme gleich.

Etwas Schwarzes lag darauf.

Der Professor starrte hinüber, als suche er an zuckend-lebendigem Fleische vor ihm auf dem Operationstisch die Stelle, wo er das Messer ansetzen mußte.

»Ein Mensch!« sagte er, während Jörgl mit offnem Munde neben ihm stand.

»Wo soll's sein?«

»Am Popena.«

»Oha!«

»Dort zieht der kurze Grat hinauf. Dort der keuenförmige, kleine Turm.«

»A Platten oben?«

»Nein, der mit der Platte ist …«

Plötzlich rief Jörgl:

»Do, do, unter der schiachen Stelle. O je … natierli … do liegt aner.«

Er hatte mit seinen scharfen Führeraugen auf dem weißen Leichentuche des Firns den Menschen erkannt. Und lange blickten die beiden hinüber, um festzustellen, ob die Gestalt sich bewege. Sie rührte sich nicht.

Endlich sagte der Professor sehr ernst:

»Jörgl, wir müssen hin.«

»I mein a.«

»Kommen Sie. Aber reinen Mund. Erst bringen wir die Touristen hinunter.«

Noch einen langen Blick warf der Professor mit dem Glase hinüber. Er wollte sich noch einmal überzeugen, ob der Mensch dort drüben, der auf dem Rücken lag, sich bewegte. Nicht um Haares Breite. Dann suchte er die Felsen darüber und darunter ab, doch gerade an diesen Wänden war ein solches Gewirr von Zähnen, Obelisken, Türmen, Säulen, eine derartige Wildheit und Zerrissenheit, daß der kleine Schneefleck allein ausgespart schien, um die sich dunkel abhebende Gestalt eines von den Bergen Abgewiesenen zu zeigen.

Stumm kletterten die beiden zurück. Als ihre Köpfe fast gleichzeitig über das Plateau tauchten, fuhren Klara und Joachim jäh auseinander. Sie hatten sich scherzend über das Gipfelbuch gebeugt, und der Frau etwas wirr gewordene Locken schienen, gegen den strahlenden Himmel, sich mit dem dunklen Barthaar des Mannes zu vermischen.

Der Professor dachte nur an das, was eben seine erschrockenen Augen gesehen, und er sagte, obwohl er sich Mühe gab, daß man ihm nichts anmerken sollte, fast düster zu seiner Frau:

»So, nun Abstieg.«

Klara rief:

»Ich habe mich ja noch nicht eingeschrieben!«

Kurz gab er zurück:

»Dann mag dich Dörstling mit eintragen. Ihr habt doch wahrhaftig Zeit genug gehabt.«

Es war so barsch herausgekommen, daß ihn Klara groß ansah. Und in ihren Augen, die sich zur Hälfte wie lauernd schlossen, leuchtete eine plötzliche Idee auf: Ahnte er etwas? Warum war er nervös, warum hart gegen sie?

Doch er legte ihr, ohne eine Miene zu verziehen, das Seil um, und was in ihren Augen aufgeflammt, war auch im selben Moment wieder verschwunden. Sie sah ruhig zu, wie Joachim das Gipfelbuch sich aufs Knie legte, die letzte Seite aufschlug, wo des Professors Eintragung unten stand. Dort war kein Platz mehr. Darum blätterte er um, und nun schrieb er Klaras und seinen Namen dicht untereinander oben auf das leere Blatt. Und da die Zeit drängte, gab er das Datum dahinter nur einmal in der Mitte an, zwischen beiden Zeilen.

Er war zerstreut. Er dachte an Klara. Er las noch einmal ihren Namen und nahm den Bleistift, um durch eine Klammer anzudeuten, daß die Tagesangabe für beide gelte.

Erst als er den Schnörkel gemacht, ward es ihm klar, daß das so aussah, als gehörten die beiden Namen zusammen, die verbunden standen, ganz allein auf dem leeren Blatt. Und schnell schlug er das Buch zu.

Er fühlte eigentlich eine gewisse Beklemmung beim Gedanken an den Abstieg. Doch als Jörgl ihm das Seil umlegte, machte er den Versuch, einen Juchzer auszustoßen. Er blieb ihm zur Hälfte in der Kehle stecken.

Er wünschte, Klara möchte vorangehen, um nicht von ihr beobachtet zu werden, wenn er sich ungeschickt benahm. Doch der Professor sagte nur kurz:

»Jörgl, fangen S' an. Wir machen weniger Steine los.«

Dann zu Dörstling:

»Du mußt dich ein bißchen in acht nehmen, weil die beiden Herren unter dir sind, daß sie nichts abbekommen.«

Joachim dachte daran, daß oben über ihm ein Paar geliebte Augen ihm folgten. So versuchte er, in die furchtbaren Schlünde gar nicht hinabzublicken. Sein Atem ging keuchend. Bald begannen seine Hände, klein und zart wie die einer Frau, zu zittern von der ungewohnten Anstrengung. Seine Füße wurden unsicher, und ein paarmal schlug er sich ungeschickt mit den nagelbewehrten Sohlen gegen den Knöchel des andern Fußes, wie ein müöe werdender Gaul, der in die Eisen klappt.

Er bat ab und zu um Rast. Dann ließ er sich halb sitzend nieder, aber ein »Geht's gut?« Klaras trieb ihn sofort weiter.

Die Platte kam, die ihm vorhin Mühe gemacht. Er meinte, dort könne er nie hinunter, aber Jörgl rief:

»I halt schon, Herr Doktor. Rutschen S' nur abi. Lassen S' los. So, herumdrehen jetzt. So, schaugen S', da sind wir unten. Und nun bleiben S' stehen, i komm nach.«

Wie eine Katze kletterte der Führer herab, und als er neben Joachim stand, sagte er und wies grinsend die Zähne:

»Das war die berühmte Grohmannplatte!«

»Aha!« meinte Joachim außer Atem. Dann starrte er hinauf, wie Klara zu klettern begann, und als die junge Frau lachend neben ihm stand, tauchten ihre Augen tief ineinander, während ihr Mann, das Gesicht zur Wand, ernst, ruhig, sicher niederstieg.

19.

Sie hatten am Köpfl sich nicht aufgehalten. Die Kamine waren vorübergegangen, und sie standen auf dem unteren Bande am Rastplatz, als wäre das alles ein Traum gewesen. Das folgende Stück, zurück über das Band zum Paß, erschien Joachim wie ein ebener, bequemer Spaziergang. Doch als sie wieder Schnee und Eis betraten, mußte er sich von neuem gewöhnen.

Und jetzt blies nach all dem Sonnenbrande ein kalter Wind. Im Schatten zwischen den hohen Felswänden war es eisig.

Aber rastlos ging es weiter. Über den Paß stiegen sie. Der Gletscher tat sich vor ihnen auf. Sie folgten den Stufen, die von den beiden vorangegangenen Partien schon breit, tief, bequem getreten waren.

»Aufpassen! Jetzt!« warnte Jörgl, als sie an die ersten Spalten kamen.

»Vorsichtig auf die Schneebrücke treten!« rief er noch einmal. Dann, als Joachim zögerte, das über die blau und grün dämmernde Spalte gebogene, gewölbte, dünne Eisbauwerk der Natur zu betreten:

»Es hält, 's ischt dick heuer. Und i halt a.«

Er trat darauf. Er schloß halb die Augen. Er war drüben.

Der Professor folgte langsam mit Klara, ab und zu mit einem Blick nach rechts zu den Turmwänden und Zacken des Popena. Endlich waren sie über den Gletscher hinab, der in schmutzig graue Moränen auslief.

Als sie das Geröll betraten, wurde haltgemacht und das Seil abgelegt. Joachim atmete auf. Er sagte zu Klara, nun er alle Fährlichkeiten hinter sich wußte:

»Oh, das ist allerdings ein schöner Berg!«

»Nicht wahr?« meinte sie, und er las den Dank dafür, daß er mitgegangen, aus ihren Augen. Da trat der Professor zwischen sie und erklärte, er müsse sich jetzt von ihnen trennen. Seine Pflicht rufe ihn.

»Die Pflicht?« fragte Klara erschrocken. Sie liebte das Wort nicht. Es erinnerte sie an die ersten Jahre ihrer Ehe, wenn ihr Mann, statt zu einem Kosestündchen bei ihr zu bleiben, in die Klinik ging, und wenn sie ihn schmollend zurückhalten wollte, sagte: »Kläre, die Pflicht!« »Du Närrchen, die Pflicht ruft!«

Der Professor erklärte, welche Katastrophe sich wahrscheinlich am Popena abgespielt. Um ihnen vor dem Abstiege keinen Schreck einzujagen, hätten sie nicht davon gesprochen.

Klara dachte an die Befürchtung, die einen Augenblick in ihr aufgestiegen, und indem sie bald ihren Mann, bald Joachim anblickte, sagte sie, viel weniger erschrocken, als es der Professor vermutet:

»Ach, das war es!«

Dann aber ward ihr der Ernst klar, und sie rief plötzlich, indem sie sich die kleinen Hände an die Schläfen hielt:

»Mein Gott, wie gräßlich! Wie gräßlich!«

Sämtliche Partien, die auf dem Cristallo zusammengetroffen, waren jetzt hier auf dem Geröll versammelt. Von den Touristen hatte niemand eine Ahnung, auch nicht die Brüder Weber. Als sie es nun erfuhren, sagte der alte Herr zu seinem Sohne:

»Siehst du, wie gut, daß wir nicht auf den Popena gegangen sind, wie du wolltest.«

Klara wiederholte:

»Mein Gott, das ist ja gräßlich!«

Und Joachim fragte:

»Was … was … wird denn jetzt gemacht?«

Alle blickten nun unwillkürlich zum Popena auf, um die Stelle zu entdecken, wo der Körper lag. Man borgte sich Joachims ausgezeichnetes Glas. Die Fragen klangen, ob der Verunglückte bestimmt tot wäre, wo sich der andere befände, ob sie abgestürzt, ob Steine sie erschlagen oder eine Lawine.

Zu allem zuckten die Führer die Achseln; Sepp Kuntner trat auf dem Geröll hin und her:

»Wann s' nit allein gangen wärn, nachher wärs nit g'schehn!«

Der Professor übernahm die Leitung der Rettungs- oder Bergungskolonne. Willig räumten ihm die drei Führer den ersten Platz ein. Er fragte die Herren Hempel, Vater und Sohn, ob sie einverstanden wären, wenn Sepp Kuntner gleich hierbliebe und sie mit Hansl Unterwurzacher den Weg allein fortsetzten. Auch Jörgl sollte zurückbleiben und Klara wie Joachim sich gleichfalls dem Hansl anschließen.

Dörstling blickte unwillkürlich über eine Felsstufe ins Val fonda hinab, das sich bei Schluderbach öffnete. Der Professor erriet seine Gedanken:

»Es kommt nichts mehr. Nur ein kurzer, kaminartiger Einriß. Zwei Minuten. Und es sind noch dazu künstliche Stufen hergestellt.

Dann nahm er seine Frau beiseite:

»Kläre, ängstige dich nur nicht. Wahrscheinlich wird es schwer sein. Zu dem einen zu gelangen, den wir schon gesehen haben, und den andern müssen wir doch erst suchen. Wartet nur ruhig in Schluderbach und vertreibt euch die Zeit, daß ihr auf andere Gedanken kommt. Fahrt nach Toblach oder wohin ihr wollt! Ja, die Berge machen auch einmal Ernst. Sie rächen sich an dem, der sie nicht achtet.«

Dann reichte er Frau und Freund die Hand und blieb, auf den Pickel gestützt, stehen, nachdem er noch dem mit zu Tal gehenden Führer Instruktion gegeben, unten sofort alles zur Rettung mögliche zu veranlassen.

Angesichts der Pflicht, der ernstesten des Bergsteigers, waren alle Bedenken und Zweifel, ja fast die Erinnerung an die Blicke, die dort oben die beiden getauscht, verlöscht. Die fünf Menschen stiegen zusammen zu Tal. Ab und zu blieb einer stehen und warf einen Blick zum Piz Popena, als müßte man an den ruhigen Felsen etwas Außergewöhnliches wahrnehmen, wie man meint, einen andern Ausdruck in den Zügen eines Menschen zu finden, von dem man eben unerwartet vernommen, daß er ein Mörder ist.

Die beiden Studenten warteten ruhig, bis ihnen der Augenblick gekommen schien, dann trat der ältere an den Professor heran und fragte einfach:

»Dürfen wir mit?«

Professor Hallbauer antwortete nur den beiden bergbegeisterten, jungen Menschen, denen er sich, trotz des Unterschiedes an Jahren und Erfahrungen, nahe fühlte wie Kameraden:

»Ich habe auf Sie gerechnet.«

Sie hielten kurz Rat. Schon beim Abstiege hatten sie auf Tritte auf dem verschneiten Gletscher geachtet, um den Einstieg der beiden Engländer zu finden. Aber das Unglück war wohl schon am Tage vorher geschehen, und der in kleinen Lawinen abgegangene Neuschnee mochte die Spuren verwischt haben.

So wurde nur nach Möglichkeit erst einmal festgestellt, wo der kleine Absatz sich befinden könnte, auf dem sie den Körper entdeckt. Er lag ziemlich hoch oben, und der Professor bestimmte daher, um dem vielleicht noch am Leben befindlichen, ermatteten oder verwundeten zweiten Bergsteiger schnell Hilfe bringen zu können, daß sie sich teilen sollten. Er wollte mit den beiden jungen Leuten und Sepp vom Gletscher aus an der Nordseite einsteigen. Jörgl dagegen, der Kletterschuhe bei sich hatte, sollte auf den Paß zurück, von da auf den Popenagipfel, um einerseits festzustellen, ob der zweite Engländer etwa den Gipfel erreicht, andererseits, von oben der Unglücksstelle sich nähernd, möglicherweise denen unten Winke geben zu können.

Schnell hatte alles zu geschehen, denn es war schon drei Uhr nachmittags, und so stiegen sie zu den Felsen des Popena den Weg, den sie gekommen, wieder zurück, nicht eilend, um die Kräfte zu schonen, aber raumschaffend in ihrem gleichmäßigen Bergsteigerschritt, ohne eine Sekunde zu rasten.

20.

In Schluderbach verbreitete sich die Nachricht mit Windeseile.

Von der Schwemme ging sie zur Küche, zum Stall. Die Zimmermädchen berichteten es den Gästen, die sich nach dem Nachmittagsschläfchen bereit machten, spazierenzugehen. Die Kellnerinnen erzählten es im Speisesaal. Die Finanzer traten aus dem Anbau, wo die Grenzwache lag. Vor dem Hotel bildeten sich Gruppen von Reisenden, die an dem strahlend schönen Tage aus den Sommerfrischen des Pustertales einen Ausflug hierher unternommen.

Geschäftig lief der Wirt hin und her. Er hatte nach Cortina den Telegraph spielen lassen, anzufragen, ob Angehörige der beiden Herren sich etwa dort befänden und um eine Rettungsmannschaft von Ampezzaner Führern über Tre Croci hinaufzuschicken.

Hansl Unlerwurzacher trommelte zusammen, was es an Führern gab: Pacifico Menardi, der heute nichts unternommen, dann der lange Ambros Fuchs, eben mit einem Herrn von der Croda rossa zurückgekehrt. Ein Führer in Landro wurde benachrichtigt, der mit einer Familie zwar noch auf einem Paßübergange war, aber jeden Moment zurückkehren mußte.

Bald brach die Kolonne auf. Zwei Knechte aus dem Hotel hatten sich angeschlossen als Träger, denn Seile, Decken, Proviant und Verbandzeug wurden vom Wirte mitgeschickt.

Joachim und Klara waren noch in ihren Kleidern geblieben und gaben, durch die Menge der Neugierigen hindurch, Hansl, der schnell noch etwas Warmes gegessen, ein Stück das Geleite. Dann verschwanden die Leute unter den hohen Lärchen, und das Paar kehrte langsam zum Hotel zurück.

Joachim fühlte sich nicht müde, obgleich sie zuletzt beinahe nach Schluderbach gelaufen waren. Die Erregung brachte ihn über alles hinweg. Klara sprach kaum ein Wort, nur ab und zu sagte sie wie dort oben:

»Gott, wie gräßlich ist das!«

Auf ihre weiblichen Nerven hatte das Unglück viel stärker gewirkt. Sie war überhaupt nervös und konnte sich nicht entschließen, ein anderes Kleid anzuziehen.

Joachim machte zu ihrer Beruhigung den Vorschlag, noch etwas spazierenzugehen. Damit war sie einverstanden, und sie bummelten wieder die Ampezzaner Straße hinunter, unwillkürlich in dem Gefühl, den Cristallo sehen zu wollen, auf dem sie noch vor wenigen Stunden gestanden.

Als sie an den Punkt der Straße kamen, von dem aus man die Cristallogruppe voll übersehen konnte, fanden sie eine Menge Menschen dort versammelt. Sie blickten alle hinauf zum Piz Popena, als könnte man von hier unten etwas erkennen. Es war, wie Gaffer sich sammeln, um halb erschrocken, halb angenehm gekitzelt, von der Straße aus ein Haus zu betrachten, in dem ein Mord stattgefunden hat.

Als das Paar sich näherte, machte man sich auf sie aufmerksam. Klara hatte über ihren männlichen Berganzug einen leichten Rock geworfen, fußfrei wie etwa zum Radfahren. Aber den bestaubten, schweren Bergschuhen sah man es doch an, daß sie von einer Tour kam. Nun stießen sich die Leute an und flüsterten untereinander: »Die sind dabei gewesen.« Einige meinten sogar gehört zu haben – »von derselben Partie und die einzig Überlebenden.«

Geheimrat von Erzleben war sofort bei ihnen, und während er sie befragte, immer ab und zu einen Blick zum Popena werfend, dessen dunkle Felsen wie ein gewaltiger, schiefer Kegel in den blauen Abendhimmel ragten, drängten sich die andern herbei, um nur ja kein Wort der Auskunft zu verlieren.

Er fragte, ob sie tot wären, beide tot, ob sie noch längere Zeit gelebt hätten, ob sie sehr zerschlagen wären. Und Joachim, der für die schweigende Klara die Antwort übernommen, erzählte mit einem gewissen Eifer. Er sprach gern. Er empfand sich als Mittelpunkt und wiederholte alles, was ihnen Hansl Unterwurzacher unterwegs gesagt. Denn eigentlich wußte er selbst gar nichts von der ganzen Geschichte.

Nachdem dann noch einige der Herumstehenden, die das Paar nicht persönlich kannten, aber die Empfindung hatten, in solchen Augenblicken fielen alle Schranken; ein paar Fragen gestellt, sprach Klara den Wunsch aus, zum Hotel zurückzukehren. Nun, wo man den beiden Davonschreitenden nachblickte, äußerten sich die Ansichten freier.

Eine Bankdirektorswitwe aus Elberfeld meinte mit ernsten Falten auf der Stirn:

»Die sollten's sich mal eine Lehre sein lassen!«

Und eine Hofratsgattin fügte hinzu:

»Ja, denn einmal fallen sie doch herunter, wenn nicht heute, so morgen.«

Dann klang eine Stimme:

»Ach, das ist wohl der Mann von der Dame, der verunglückt ist?«

Einer wußte es besser:

»Nein, nein, der Mann war ja doch mit ihr hier. Der erzählte, der ist es.«

Sofort verbesserte jemand:

»Aber keine Spur … das war nicht der Mann. Das war ein Freund.«

Kunstmaler Tobel aus München, der meist auf Paßübergängen sich befand, um Studien von der Stimmungs- und Farbenpracht der Dolomiten heimzubringen, kniff ein Auge zu und meinte halbleise:

»Ihr Freund?«

Jemand meinte:

»Den Mann sieht man überhaupt nie.«

Und ein spitzes Stimmchen aus diesem Kreise, die sich alle an der Table d'hote kennengelernt, die Frau eines Fabrikanten aus Klagenfurt, antwortete:

»Desto mehr den Freund.«

Klara hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Sie setzte sich, nachdem sie das Bergkleid und die schweren Stiefel abgelegt, aufs Sofa und starrte vor sich hin. Sie wußte nicht, sollte sie hinuntergehen oder sich das Abendessen heraufbringen lassen. Ihr Gesicht brannte noch von der Tour und, wie ihr schien, auch vor Scham. Mit einem Male ward sie sich dessen bewußt, was sie getan. Sie begriff sich nicht. Sie hatte gehandelt, als stände sie unter einem Zwange.

Es hatte so kommen müssen. Sie liebte diesen Mann, hatte ihn längst, längst geliebt. Und sie konnte nicht bereuen, was sie getan. Aber sie bereute es doch. Erst heute, erst jetzt, als hätte der Unfall dort oben in ihr irgend etwas geweckt, ihr Gewissen aufgerüttelt oder vielleicht nur ihre Nerven.

Sie fühlte sich furchtbar nervös. Sie hätte am liebsten geschrien, laut geschrien. Sie fuhr sich durchs Haar, einmal über das andere, und nachdem die Locken nicht mehr durch die Finger glitten, schloß sie krampfend in der Luft die Hand und biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten.

Dann versteckte sie ihr Gesicht im Arm. Nach ein paar Augenblicken richtete sie sich wieder auf, nahm das Taschentuch und tupfte sich die Stirn. Sie konnte einfach nicht mehr. Es war zuviel gewesen. Diese Spannung schon seit langer Zeit. Seine fortwährende Anwesenheit, daß sie ihn fast berührte, so nahe war sie ihm, und dann trennten sie sich doch wieder. Eine Wand trennte sie, dünn und gebrechlich, aber eine Schranke, die doch zwei fremde Menschen aus ihnen machte. Zwei, die miteinander sprachen, den gleichen Geschmack hatten, sich in all ihren Ab- und Zuneigungen begegneten, und sich doch von dem Augenblick, da es Nacht ward, fremd wurden, als lebten sie auf verschiedenen Erdteilen.

Dann waren die Touren gekommen. Er war dabei. Er sah zu. Er stachelte sie an. Sie fühlte unwillkürlich seinen Blick. Das brachte sie unausgesetzt aus dem Gleichgewicht.

Und die Entsagung quälte sie, der Zweifel: sollte sie gegen sich kämpfen, sollte sie nachgeben.

Sie hatte an ihren Mann gedacht. Was tat sie ihm an! Ihm, der doch immer gut gegen sie war.

Gut? War er wirklich gut gewesen?

Klara dachte an die ganze Zeit ihrer Ehe. Sie setzte sich aufrecht, stemmte – halb angekleidet, wie sie noch war – den bloßen Arm auf die Sofalehne und senkte das Kinn in die Hand. Dann starrte sie vor sich hin, und all ihr Leben, ihre Anfänge erstanden allmählich wieder vor ihren Augen.

Ja. ihre Anfänge. Ihre armen, kleinen Anfänge. Denn wie er, der junge Arzt, der zwar schon Assistent eines berühmten Chirurgen war, doch wenig Gehalt bezog und kein Privatvermögen besaß, um sie angehalten, da hatte ihr Vater die Ehe nicht zugeben wollen. Er nannte sie eine Hungerpartie, da er, der gleichfalls vermögenslose Schulrat, seiner Tochter außer einer bescheidenen Aussteuer nichts mitgeben konnte.

Damals waren die beiden stark geblieben:

»Nun, dann hungern wir eben, Papa!« hatte sie mit lächelnder Bestimmtheil gesagt. Und sie hatten gehungert. Sie hatten überbescheiden gewohnt und waren immer froh gewesen, bei den Verwandten reihum zu essen, daß sie Nichts auszugeben brauchten.

Aber das Glück war bei ihnen. Nicht eine überirdische Gestalt mit goldenen Fittichen, mit Harfengetön und Zimbelklang, sondern ein bescheidener, inniger Knabe, der sich nicht auf Flügeln zum Himmel schwang, sondern ruhig, still und fest hinschritt auf der Erde.

Wenn der Dienst zu Ende war, kehrte ihr Mann heim, und da er keinen Ruf besaß, so störte ihn keiner aus seiner beschaulichen Ruhe. Da war er daheim und küßte seine kleine Frau und spielte mit ihr wie ein Kind. Da hatten sie zusammen gekocht und aufgeräumt und die Betten gemacht und Staub gewischt, als sie einmal das Mädchen Knall und Fall entlassen mußten, weil sie eines Sonnabends und Sonntags ihren Schatz beherbergt, während die beiden Klaras Eltern in Magdeburg besuchten – das erstemal, seitdem die junge Frau verheiratet war.

Wie war ihr damals das Mädchen als eine Ehr- und Schamlose, eine Verworfene erschienen. Für den geringsten Schritt vom Wege fand sie keine Entschuldigung.

Und nun?

Aber es war ja auch alles anders geworden im Laufe der Jahre. Die Zeit des ersten Glückes, des Spielens, der Tändelei ging allmählich über in die Gewohnheit der Jahre. Die Arbeit nahm zu. Ihr Mann machte sich einen Namen. Mit dem Namen wuchs die Beschäftigung, und von Jahr zu Jahr nahmen die Stunden ab, die er daheim bleiben konnte. Er wurde zu Operationen nach auswärts gerufen, war tagelang abwesend, und Klara blieb allein. Wenn er wiederkehrte, war er müde von der Reise. Eine Unzahl Briefe erwarteten ihn. Er mußte womöglich sofort zu einem Patienten, in die Klinik.

Für seine Frau hatte er keine Zeit.

Dann kam die Professur an der Universität, und er, dem das Wort schwer ward, mußte sich peinlich genau vorbereiten auf seine Vorträge und Demonstrationen. Nun schien für die Häuslichkeit kein Moment mehr übrig.

Sie veränderten sich beide im Laufe der Jahre. Er sprach nicht. Er war unausgesetzt mit seinen Gedanken bei klinischen Fällen, überprüfte still für sich Diagnosen, die er gestellt.

Sie aber ward still. Sie wollte ihn nicht stören. Oft hatte sie, wahrend er stumm bei Tisch saß oder in Gedanken seine Zigarre rauchte, ihm lachend etwas erzählt. Etwas, das ihrem Anschauungskreise entsprach. Etwas Kindisches, Kleinliches, Haushaltungs- und Wirtschaftssorgen. Dann war er aufgefahren, vielleicht mit einem chirurgischen oder physiologischen Problem beschäftigt, das noch einmal Tausenden von Menschen Leben und Gesundheit wiedergeben sollte, und nun, von den Höhen kommend, sollte er die Frage beantworten, ob sie morgen Rindfleisch essen wollten oder Kalbsbraten.

Da wurde er ungeduldig. Es gab eine Szene. Sie wiederholte sich. Klara schwieg. Und ihr Schweigen bedrückte ihn, daß auch er noch stiller ward.

Mit dem Rufe, den er gewann, stieg seine Arbeitslast. Wenn er einmal auf Bitten seiner Frau einen Abend zu Haus blieb, las er doch noch medizinische Neuerscheinungen. »Man veraltet sonst«, pflegte er lächelnd zu sagen. Zum Überfluß noch ward er dann fast jedesmal zu einem Patienten geholt, dessen Zustand sich verschlimmert oder bei dem der Hausarzt erst dann meinte, sich selbst wie die Angehörigen beruhigt zu haben, wenn Professor Hallbauer am Krankenbett gestanden.

Die Ruhe der Nacht ward oft gestört, und am Tage mußte er den Schlaf nachholen. Klara selbst nötigte ihn aufs Sofa, deckte den Müden zu und saß dann seufzend neben dem, der einst all seine freie Zeit ihrem jungen Glücke schenken konnte.

Und sie, die jetzt – bei den vielen, den hohen Honoraren – Reiche, die sich jeden Wunsch hätte erfüllen können, sehnte todtraurig die verschwundenen Zeiten zurück, als sie noch die kleine Doktorsfrau gewesen, die nicht gewußt, wie sie die letzten Tage des Monats auskommen sollte.

In all dem äußerlichen Wohlsein wußte sie sich nicht zu beschäftigen. Hätte sie Kinder gehabt, sie hätte sich an sie hängen und Ersatz suchen können für die Stunden, die sie einst mit ihrem Manne verbracht. Auch Verwandte besaßen sie nicht in Berlin, und mit den Berufsbekannten, den Frauen der Kollegen ihres Mannes, stimmte sie wenig überein. Die waren älter als sie, oder gingen ganz in der Kinderstube auf, die ihr immer wie etwas Beschämendes erschien, etwas, wohinein sie nicht gehörte, sie, die nicht Mutter geworden war.

Da war in dieses Nichtverstandensein, in diese Beschäftigungslosigkeit, in dieses stumme Beieinanderwohnen Joachim Dörstling getreten.

Klaras Natur verlangte Liebe, Aufmerksamkeit. Sie konnte nicht allein sein, sie war ein geselliges Wesen, das den Trieb hatte, sich mitzuteilen, und ein unendliches Bedürfnis empfand, daß sich jemand um sie kümmerte, ihr Angenehmes sagte, sich beschäftigte mit ihr.

Das tat ihres Mannes Freund. Er saß bei ihr, während ihr Mann las, arbeitete. Er weilte bei ihr, wenn er plötzlich abberufen ward. Und Karl war ihm dankbar und warf auf die beiden, wenn sie einmal im Scherz sich stritten, dann aus der Ferne, von seinem Platze aus, einen so glücklichen, liebevollen Blick, als wollte er sagen: »So ist's recht, amüsiert euch, lacht und scherzt, ich nehme von weitem teil, nur verlangt nicht von mir, daß ich mitmache. Ich freue mich ja an euch!«

Langsam, langsam schlich er sich in ihr Herz. Sie wußte nicht, wie es geschehen. Er war ihr unentbehrllch geworden, sie hätte sich das Dasein ohne ihn nicht mehr vorstellen können.

Aber jetzt, jetzt … als sie daran dachte, stieg ihr das Blut in die Wangen. Sie ging an den Spiegel und sah in ihr Gesicht, von den braunen Löckchen umrahmt, ein Antlitz, leicht gebräunt von der Sonnenglut, und an Hals und Wangen noch rot vom Hauch der scharfen Bergluft, vom Lichtreflex auf dem Schnee.

Wenn sie an Cortina dachte, brannten ihr neu die Wangen. Ihr schien, als könne sie das Wort nicht hören, ohne daß ihre Pulse schlügen.

Sie war Joachim böse. Er hatte ihre Schwäche sich zunutze gemacht. Sie begriff sich immer nicht. Sie mußte wie im Wahn gewesen sein. Und doch … in diesem Augenblick stand er vor ihrer Phantasie. Er ging neben ihr her. Er erzählte ihr. Er hatte tausend Rücksichten für sie. Er fragte, ob sie müde wäre. Ob er ihr etwas besorgen dürfe. Dinge, an die ihr Mann nie gedacht.

Und nun vernahm sie förmlich körperlich, als wäre es eine Sinnestäuschung ihres Gehörs, wie er bewundernd sprach von ihrem Mut, all ihren für eine Frau außergewöhnlichen Leistungen in den Bergen. Während ihr Mann doch immer bloß Kritik abhielt, es selbstverständlich findend, wenn sie ihre Sache gut machte.

Da überkam Klara eine unendliche Sehnsucht, Joachim zu sehen, von der beendeten Tour, vom Monte Cristallo, mit ihm zu reden.

Aber wie ein Schatten legte sich der Gedanke dazwischen an das Unglück, das dort oben geschehen. Sie erblickte in ihrer Phantasie die beiden Engländer vor sich, den einen glattrasiert, wie ein Schauspieler, den andern mit rötlichem Schnurrbart, wie sie aus der Post stiegen und ins Hotel gingen.

Sie wollte sich auf andere Gedanken bringen und begann sich Gesicht, Hals und Arme mit warmem Wasser und Kleie zu waschen, aber während der Schwamm über ihre Züge glitt, sah sie die Engländer klettern. Langsam, ganz langsam. Unerklärlich bedächtig, daß sie am Felsen gar nicht vorwärtskamen. So, wie einem das Steigen einer Partie durchs Fernrohr vom Tal aus zu erscheinen pflegt.

Und dann plötzlich fielen sie. Der oberste zuerst. Er riß den Freund mit. Und abwechselnd einer um den andern sausten sie durch die Luft, das Seil immer zwischen ihnen gespannt. Von Absatz zu Absatz stürzten sie, von Band zu Band. Dumpf schlugen die Körper auf, gellend wie Nüsse auf den Tischrand die Schädel. Das Blut rann, die Kleidung zerriß, die Pickel entfielen den krampfhaft sich öffnenden Händen. Aber die Gesichter blieben unverletzt. Deutlich zu erkennen. Und nun … nun … entsetzlich … sah sie das eine ganz deutlich vor sich. Es trug Joachims Züge.

Sie ließ den Schwamm fallen und blickte sich verstört im Zimmer um. Einiger Augenblicke bedurfte sie, um zur Wirklichkeit zurückzukommen, daß sie allein sei.

Die Zwangsvorstellung war so quälend und so lebhaft gewesen, daß sie gar nicht mehr wagte, sich zu bücken, in die Waschschale zu tauchen, in der Befürchtung, es möchte wiederkommen.

Und gräßlich, als stünde Joachim mit dem Absturze in Verbindung, verband sich jetzt plötzlich ihr Gedenken mit dem Unglücksfall.

Es gehörte zusammen. Es war wie eine Warnung ihr zuteil geworden. Ihr schien, als wäre das Schreckliche, das geschehen, die Vergeltung für ihre Schwäche, daß auf ewig sein Gedächtnis, die Erinnerung an diese Hochtour nach dem Tage, da er sie schwach gefunden, zusammenfiele mit dem Unglücksfall.

Erinnerte sie sich der Stunde dieser Liebe, so erschien wie ein rächender Schatten das, was dem Bergsteiger droht als Ende von Vermessenheit und Leichtsinn: der Tod.

Da hörte sie Schritte auf der Treppe. Es klopfte. Klara kannte den Gang und die Art zu pochen. Es klang genau wie in Cortina, auf dem Korridor der Croce Bianca, als er ihr das Kästchen gebracht.

Und obgleich zugeriegelt war, flüchtete sie hinter die Tür und warf sich schnell ihren Wettermantel um. Dann wartete sie mit angehaltenem Atem. Es klopfte abermals. Sie rief:

»Wer ist da?«

»Ich bin's.«

Ihre Stimme zitterte. Sie verstellte sich, als hätte sie ihn nicht erkannt:

»Wer ist das?«

»Mein Gott! Gnädige Frau …«

»Ach, Sie?«

»Sind Sie fertig, gnädige Frau?«

»Nein, noch nicht.«

»Kommen Sie nicht herunter?«

»Ich bin müde.«

Ein Augenblick Pause. Er räusperte sich. Man hörte ihn laut atmen. Dann:

»Ich dachte gerade heute …«

»Ach, ich … ich bin schrecklich müde.«

»Aber wir müssen doch den Cristallo feiern!«

Die Erwähnung allein war ihr in diesem Augenblick peinlich. Er aber, der an das Unglück dort oben in den Bergen gar nicht mehr gedacht, ganz benommen von seinem eigenen Glück, sagte leise, am Schlüsselloch, doch so, daß sie es verstand:

»Wir müssen feiern, uns und den Cristallo. Die Flasche steht schon kalt!«

Sie fuhr zurück, als habe sie sich körperlich verletzt. Es traf sie, die weiblich unendlich zart Empfindende, wie eine entsetzliche Roheit.

Sie fühlte etwas, als wäre all das Zarte und Süße und Feine und Aufmerksame nur die lange getragene Maske des Mannes gewesen, um das Weib zu gewinnen, und als bräche jetzt in diesem Moment der wahre Mensch durch, der sich bisher verborgen gehalten, oder den sie in ihrer Liebesbefangenhelt nicht erkannt. Der Egoist. Der Mann, der eine Flasche Sekt trinken konnte, während seine Berggenossen von dort oben noch unbegraben lagen.

Und wieder – noch stärker dieses Mal – mischten sich Reue, Scham, Enttäuschung mit dem den erregten Sinnen und gespannten Nerven doppelt furchtbar erscheinenden Entsetzen der Katastrophe dort oben, die sich jetzt ganz zu decken schien mit ihm, ihm, den sie – wie sie es fühlte im Augenblick – haßte und liebte zu gleicher Zeit.

Und sie antwortete mit fast versagender Stimme:

»Ich kann nicht kommen!«

»Warum?«

»Ich bin zu müde«

»Ach bitte! bitte! bitte!«

Doch sie schloß die verriegelte Tür sogar noch mit dem Schlüssel ab, als fürchte sie, er möchte eindringen, lief ans Bett, warf sich hinein, zog die Decke über den Kopf und begann zu schluchzen, daß ihr ganzer Körper wie im Fieber bebte.

21.

In angstvoller Erwartung verstrich der nächste Tag. Niemand war noch zurückgekehrt. Auch nicht der Professor und die beiden Brüder Weber. Sie mußten wohl alle droben biwakiert haben: vielleicht in einer Höhle oder unter den Latschen.

Die Post aus Cortina brachte Nachrichten: Ein Dutzend Führer war sofort nach dem Telegramm aus Schluderbach aufgebrochen. Im Hotel Faloria, wo die Engländer gewohnt hatten, herrschte große Aufregung unter ihren Landsleuten, von denen jedoch keiner mit ihnen näher bekannt war.

Auch im Pustertal hatte sich die Nachricht von dem Unglück verbreitet. Aus den dortigen Sommerfrischen waren eine Menge Leute gekommen, bewußt oder unbewußt, um etwas Näheres zu erfahren.

In der Nähe des Dürrensees an der Ampezzostraße hatten sich wieder eine Anzahl von Fremden versammelt, die meisten aus dem nahen Landro, dessen Fort über die Hotels hinweg das Tal bedrohte.

Man wunderte sich, wie lange es dauerte, ehe man wenigstens den einen, von dem es feststand, daß er tot war, herunterbrachte. Doch ein älterer Herr, der in jüngeren Jahren Touren gemacht, erklärte, es sei eine langwierige, furchtbare Arbeit, die den Führern dort oben erwüchse. Es wäre nicht so leicht, einen leblosen Körper über Wege zu schaffen, wo kein Weg führt.

Während er noch sprach, rief ein Herr, der durch ein Fernrohr beobachtete:

»Da sind sie!«

Jeder wollte wissen wo. Es wurde beschrieben, aber nicht gefunden. Alle Augenblicke glaubte einer etwas zu sehen, das sich bewegte. Dann stellte es sich immer heraus, daß es ein Irrtum gewesen. Nur durch das Fernrohr konnte man etwas erkennen: eine Anzahl Männer zog zwei dunkle Gegenstände an Seilen zu Tal. Andere gingen dahinter und schienen zu bremsen oder zu steuern. Einzelne folgten verstreut über die grauen, im grellen Sonnenlicht liegenden, riesigen Schutthalden, die zum Val fonda niederflossen.

Lange Zeit hindurch konnte der traurige Zug beobachtet werden, dann verschwand er, und die Neugierigen kehrten langsam zum Hotel zurück. Man unterhielt sich über das Unglück. Der Herr, der das Fernrohr besaß, behauptete, es hieße Gott versuchen, solche Touren zu machen, und da niemand antwortete, stellte er, der allgemeinen Zustimmung sicher, alle Hochtouristen als halbe Narren hin, denen nur recht geschehe, wenn sie verunglückten.

Doch plötzlich erhob sich eine Stimme. Herr Hempel, der ältere Herr, der mit auf dem Crislallo gewesen, meinte gelassen:

»Pardon, eine Frage, sind Sie schon mal dort oben gewesen?«

»Nein, das nicht…«

Nun wurde Herr Zempel fast grob:

»Na, dann reden Sie doch nich.«

Der andere wollte schroff antworten, doch der Verteidiger der Berge sagte schnell:

,Wissen Sie, ich habe noch nie eene Luftballonfahrt gemacht, aber deswegen behaupte ich nich gleich, daß man ee Narr sein muß, um sich in die Gondel zu setzen, sondern ich könnte mir vorstellen, daß eene Ballonfahrt dem Menschen neue Anschauungen gibt über die Erde, daß sie reizt durch die schnelle Fortbewegung, daß sie ein gewisses Glücksgefühl hervorbringen könnte, indem sie uns das näherrückt, was die Menschen in Sage und Sehnsucht gewollt haben seit undenklichen Zeiten: fliegen können. Ich könnte mir außerdem vorstellen, für jemanden, der kee alter Philister ist, würde eene gewisse Gefahr eenen Reiz haben; für eenen, der nich ganz prosaisch ist, müßte es ein Gefühl sein, das ihm das Herz klopfen macht, wenn er die Wolken unter sich sieht und über sich nichts als Gottes leuchtende Sonne, mit der er allein ist im ganzen Weltenraume! Aber! wie gesagt, ich bin noch nie in meinem Leben Ballon gefahren!«

Alles blickte erstaunt auf den kleinen Mann im grauen Bart, der sonst stumm im Hotel neben seinem Sohne an einer Tischecke saß.

Aber der alte Bergsteiger begann von neuem:

»Vielleicht denken Sie mal nach, woher es wohl kommen mag, daß die Berge solche Liebe einflößen? daß, wer ihnen nahe kam, sie nie wieder verläßt. Vielleicht fragen Sie sich mal, wie es wohl zu erklären ist, daß gerade unsere ersten Bergsteiger geistig und seelisch besonders hochstehende Menschen zu sein pflegen, ernste Männer der Wissenschaft, die allem Fexentum, allem kindischen Leichtsinn fernstehen. Am Ende möchte es Ihnen mal auffallen, warum wohl unter den Führern solche Prachtmenschen sind? So viele, die alle höchsten Mannestugenden, Kraft, Mut, Treue, Frömmigkeit, Bescheidenheit und doch Stolz und Würde dabei besitzen.«

Jede Widerrede war verstummt. Die Bequemen, die nicht verstehen wollten, was sie persönlich nicht übten, senkten die Köpfe.

Der alte Herr, der bei seinen sechzig Jahren noch mit seinem Sohne auf den Cristallo ging, hatte sie beschämt. Doch nun kamen seine eigenen kleinen Menschlichkeiten, und er zerstörte alle Wirkung seiner Worte, indem er sich plötzlich an seine Nachbarn rechts und links, nicht bloß den Besitzer des Fernrohrs, wendete und mit lächerlicher Verbeugung eifrig nachholte, in sein stärkstes Sächsisch fallend:

»Mei Name is nämlich Hempel. Hempel. Mei Name is Hempel.«

Die Menge der Neugierigen vor dem Hotel zerstreute sich noch immer nicht: man wartete auf das Eintreffen des Trauerzuges, obwohl der Wirt gemeint hatte, es könnten noch Stunden vergehen.

Klara stand am Fenster und blickte auf den Waldweg hinaus, der zum Val fonda führte. Sie konnte es nicht erwarten, bis ihr Mann wiederkäme.

Am Morgen hatte sie ihr Zimmer nicht verlassen. Nur zu Tisch war sie erschienen. Sie vermied es, mit Joachim auch nur zwei Worte zu wechseln ohne Anwesenheit eines Dritten.

Er verstand sie nicht. Er brannte vor Begierde, Klara zu sehen. Er schickte am Morgen zu ihr, ob sie nicht bald herunterkäme. Er ging selbst an ihre Tür und klopfte. Sie wäre zu angegriffen, meinte sie.

Kopfschüttelnd ging er davon. Mit einer Frau, die sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war ja doch nichts anzufangen, das wußte er nur zu genau.

Bei Tisch hatte Klara fast nicht gesprochen. Joachim machte den Versuch, sie anzuregen. Umsonst. So schwieg er denn auch. Und unmittelbar nach dem Käse hatte sie gesagt:

»Ich werde den Kaffee nicht abwarten. Bleiben Sie ruhig sitzen. Ich gehe etwas hinauf«

Er fragte:

»Sind Sie krank?«

»Nein.«

Dann war sie eilig davon. Und nun stand sie ratlos da. Sollte sie hierbleiben oder hinuntergehen? Sie hatte Angst vor Joachim. Buchstäblich Angst. Sie fürchtete sich jetzt vor seinen Augen, die ihr mit einem Male etwas Stechendes zu haben schienen, während sie bisher gemeint, kein Mann hätte einen so samtweichen Blick.

Sie bebte, er möchte etwas sagen, wie gestern abend mit der kaltgestellten Flasche, eins Unzartheit, ein Mangel an Takt.

Und während sie es dachte, stieg sofort wieder der Gedanke an die Abgestürzten in ihrem Hirne auf. Es war, als sei das jetzt unauslöschlich mit seinem Bilde verquickt. Seit vielen Jahren ging sie nun in die Berge. Hunderte, von Touren hatte sie schon gemacht. Nie war etwas geschehen. Ihr und ihrem Mann hatten sich die großen Höhen immer gnädig gezeigt.

Joachim aber machte seine erste Tour, und sofort war eine furchtbare Katastrophe da. Es lag wie ein Unstern darauf. Es hing an ihm. Oder an ihnen beiden? Sündig und befleckt waren sie den Bergen genaht mit ihrer Menschenschwäche, und die Höhen schickten ein warnendes Zeichen.

Es war ihr ein Gefühl, als dürfe man zur großen Natur nur mit reinen Händen kommen. Sie war mit dem ahnungslosen Manne gegangen und mit dem Geliebten zugleich. Sie hatte es gewagt, Blicke zu tauschen, die nicht rein waren wie die Natur, die sie umgab. Sie war auf die Zinne gegangen nur mit dem eitlen Gefühl, ob er sie auch sähe.

And immer wieder, wenn sie an Joachim dachte, kam ihr wie gestern abend die Erinnerung an die Engländer, als wäre das Unglück die Rache der hohen, ernsten, heiligen Berge, die diesmal nur gedroht, aber das nächstemal ihr Opfer nehmen würden unter ihnen.

Da packte sie plötzlich wieder die Sehnsucht nach ihrem Mann. Sie konnte es nicht mehr ertragen allein im Zimmer.

Klara verließ die Stube und ging hinab, sich beim Wirt zu erkundigen, ob noch keine Nachricht da wäre.

Mit den Worten:

»Sie sollen kommen!« trat ihr die Wirtin entgegen. Es ward plötzlich lebendig im Hause. Und genau wie damals, als an dem Nebeltage alles hinausgeströmt zur Ankunft der Post, die von Cortina die beiden stummen Engländer gebracht, lief jetzt wiederum alles zusammen, um sie wiederkommen zu sehen als wirklich stumme Leute.

Da kam der erste Bote, ein junger Ampezzaner Führer, der vorausgeeilt war, um Wagen zu bestellen, die Cortinaer noch heute abend nach Haus zu bringen.

Sofort wurde er bestürmt:

»Kommen sie?«

Er nickte.

»Sind sie tot?«

Er nickte.

»Beide?«

Er nickte.

»Wie ist es denn geschehen?«

Er zuckte die Achseln.

»Wo haben sie denn gelegen?«

»Am Popena.«

»Beieinander?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wann hat man sie denn gefunden?«

»Oan gestern, oan heit!«

»Sind sie gleich tot gewesen?«

Er lächelte bitter:

»Sell moan i schon.«

»Wie tief sind sie denn gefallen?«

»Nit gar so hoch.«

»Wieviel denn?«

»I woaß nit genau.«

»Aber annähernd?«

»Vierzig Meter.«

Damit war er dem Hotel ganz nahe gekommen.

Was er gesagt, verbreitete sich mit Windeseile. Zu den Sommergästen kam noch das Dienstpersonal aus dem Hotel, das auch etwas sehen und hören wollte. Dann die Finanzer.

Die Sonne war schon hinter der gewaltigen roten Croda rossa versunken, und der letzte rote Schein entzündete den Horizont.

Joachim war mit ein paar jungen Leuten vorausgegangen durch den Lärchenwald, unter dem Rauchkofel hin, dem Eingang in das Val fonda zu. Er sah sich unausgesetzt nach Klara um. Er verstand nicht, wo sie blieb. Er ärgerte sich über sie. Was hatte sie nur? Das war ja förmlich, als ob er ihr etwas getan hätte!

Vor allem war er wütend in seiner egoistischen Mannesseele, daß die schöne Gelegenheit verpaßt ward, der ganze Tag, den sie hätten allein sein können, ganz allein! Kaum geredet hatten sie doch miteinander!

Da kam der Zug. Voran schritten Jörgl Tschurtschenthaler und Pacifico Menardi mit eisern-ernsten Gesichtern, die Pickel im Arm, die Hacke nach unten wie gesenkte Waffen. Dann kam eine Art Tragbahre aus Zweigen, darauf ein in Decken gehüllter Körper, dessen Kopf nur einer ausdruckslosen Kugel glich, denn er war in Leinwand eingenäht. Sechs Mann trugen: einige Führer und zwei Knechte aus Schluderbach. Sie gingen außer Tritt, um ein Hin- und Herschwanken zu vermeiden. Halb daneben, halb dahinter kamen noch andere, die bisher getragen und noch abwechseln würden.

Eine zweite Tragbahre folgte. Eine zweite Mannschaft. Hinterdrein, fast wie Leidtragende, kamen die Hünengestalt des Professors und die beiden Studenten.

Unwillkürlich, als der Zug vorüberschritt, nahm alles schweigend, lautlos den Hut ab.

Klara stand ganz nahe am Hotel. Sie hielt sich zurück, halb versteckt. Das Taschentuch preßte sie vor den Mund. Sie sah ihren Mann, und mit einem Schlage war ihre Unruhe gewichen.

Doch plötzlich gewahrte sie etwas Gräßliches: bei dem zweiten Körper, den sie vorbeitrugen, war der linke Arm erhoben, streckte sich im Bogen in die Luft hinaus, wie ein warnendes Zeichen, eine Drohung.

Der Unglückliche hatte ihn wohl schützend vor das Gesicht gehalten, und so war er im Tode geblieben und steif geworden, daß man ihn nicht ohne Gewalt hätte niederzwängen können. Und an der Hand blitzte etwas, am vierten Finger. Ein Ring. Der Ehering vielleicht.

Klara konnte nicht mehr hinblicken. Sie hielt das Tuch vor die Augen, und ein nervöses Zittern, in der Kühle des Abends, nach dem Warten, der Erregung, der Qual ihrer Sinne, lief über ihren Körper.

22.

Erst allmählich kam heraus, wie die beiden Tage verlaufen waren. Sie hatten unter einem überhängenden Felsen biwakiert, und obwohl die Nächte ganz erträglich gewesen, bei milder Temperatur und Latschenholzfeuern, lagen allen Beteiligten dennoch die schweren Stunden in den Gliedern.

Abseits in einem Schuppen hatte man die Verunglückten aufgebahrt, sie sollten am andern Morgen nach Cortina geschafft werden.

Inzwischen sorgten die Lebenden für sich. In der Führerstube saß alles dicht gedrängt um ein paar riesige Schüsseln voll Tiroler Knödel. Die Viertel Rot leerten sich schnell, und als ein Stellwagen vorfuhr für die Ampezzaner Führer, lag schon tiefe Dunkelheit über dem Tal.

Die Pferde scharrten und schnaubten beim Scheine der kurze Lichtkegel auf die Straße werfenden Laternen. Einzeln traten die gebräunten, kräftigen Gestalten der Führer mit Pickeln und Seilen, fast alle die brennende Pfeife im Mund, aus der Tür.

Die zurückbleibenden Führer, die sich diese beiden Tage hindurch mit ihnen bei der ernstesten Arbeit geplagt, die in den Bergen Hände in Bewegung setzt, nahmen Abschied, und durch das Gemeinsame schien er herzlicher zu sein als wohl sonst zwischen Deutschtirolern und Welschen.

Aus dem Eßsaal strömten die Hotelgäste, um die Abfahrt zu erleben, mit schnell umgenommenen Schals und Mänteln.

Auch der Professor ging hinaus mit den beiden jungen Jenenser Studenten, und als er an den Wagen trat, drängten sich die Männer um ihn, die erkannt, wie er ihnen gleich war an Fähigkeiten. Alle hatten sie sich dort oben willig seiner Leitung gebeugt.

Sie schüttelten ihm der Reihe nach die Hand, und er versicherte, daß er ihre Aufopferung beim Alpenverein ins rechte Licht setzen und bei den Verwandten der beiden verunglückten Bergsteiger dafür sorgen wollte, daß ihnen eine Belohnung zuteil werde.

Sie dankten. Dann Händeschütteln, Winken, ein »*buona sera*«, ein »Pfüt euch Gott«, und der Stellwagen klingelte davon, in der Dunkelheit sich verlierend.

Während Professor Hallbauer noch bei Jörgl, Hansl und Sepp stehenblieb, saßen drin im großen Eßsaal Klara und Joachim einander allein gegenüber.

Sie blickte auf das Tischtuch und mied seinen Blick. Er aber ließ das Auge auf ihr ruhen. Sie hatte einen so herben Ausdruck um den Mund, daß es ihn quälte, nicht die Lippen darauf schmiegen zu können, um ihn wegzuküssen.

Aber sie war ernst und abweisend. Ab und zu warf sie einen Blick nach der Tür, den Joachim deutete, als fürchte sie, daß er wiederkäme, der aber in Wirklichkeit nur ängstlich war, weil sie den Augenblick nicht erwarten konnte, daß ihr Mann sie von diesem Alleinsein erlöste.

Endlich meinte Dörstling leise, indem er sich über den Tisch beugte und versuchte, seine Augen in die ihren zu tauchen:

»Was haben Sie denn nur?«

Sie zuckte zusammen. Erriet er es nicht? Wie konnte er so fragen! Früher hätte sie es als Aufmerksamkeit empfunden, während ihr Mann nicht einmal gemerkt haben würde, daß sie verstimmt war.

Jetzt verdachte sie es ihm, als müßte sie ihm das Recht bestreiten, sich überhaupt um sie zu kümmern.

Da versuchte er, unter dem Tisch die Hand nach ihr auszustrecken. Aber als seine kalten Finger die ihren berührten, hätte sie fast laut aufgeschrien.

Bei dieser Berührung war es ihr, als habe sie eine Totenhand berührt. Sie dachte an den furchtbaren Anblick des einen Abgestürzten mit dem abwehrenden Arm, der da aufstarrte wie ein drohender Finger, eine Mahnung, die ihr jetzt wieder erschien, als wäre die lebendige Hand, die sie gestreichelt, die eines Toten.

Er war tot. Für sie tot. Sie hatte sich vergessen, ihr unbefriedigtes Herz betören lassen. Aber in diesem Moment empfand sie vor dieser Manneshand, die sich nach ihr ausstreckte, dreist, als Besitzer, als Mann, als Herr, weil sie einmal schwach gewesen, ein Entsetzen, das ihr kältend ins Herz stieg.

Und der brennende Wunsch quälte sie, ihr Mann möchte wiederkommen, daß sie mit Joachim nicht länger allein wäre. Sie warf ängstliche Blicke nach der Tür. Er erriet, erinnerte sich ihrer Zurückhaltung, ja, fast Abweisung, seitdem sie vom Cristallo zurückgekehrt, daß sie ihm kein lobendes Wort über seine Leistung gesagt, daß sie nicht mit ihm den Erfolg hatte feiern wollen, daß er sie fast den ganzen Tag nicht gesehen.

Es war niemand mehr im Eßsaal. Er blickte sich schnell um, dann beugte er sich zu ihr und meinte flehend:

»Habe ich Ihnen etwas getan?«

Sie sah ihn verstört an. Er fragte:

»Ist Ihnen mein Benehmen nicht recht?«

Sie gab keine Antwort. Er begriff nicht, was mit dieser Frau vorging. Das war ja, als ob ein anderer, eine Laune ihm ihr Herz jäh entwendet hätte, das er doch kaum gewonnen.

Er überlegte, was er etwa verfehlt. Hatte er es an Hingebung und Aufmerksamkeit fehlen lassen? Hatte er irgend etwas gesagt, das sie verletzen konnte?

Da war es ihm, als müsse er sie erinnern an ihr kurzes Glück, das Band wieder knüpfen. Und er sagte mit lächelndem Munde, sich den schönen schwarzen Bart streichend und die weichen, träumerischen Lider öffnend, indem er sie plötzlich wie im Moment ihrer Liebe nannte:

»Klara, ist denn das Kästchen von Cortina gekommen?«

Sie starrte ihn an mit ihren großen nußbraunen Augen, als verstände sie zuerst nicht. Dann begriff sie mit einemmal. Die Erinnerung an jene Stunde, die sie doch selbst ersehnt mit klopfendem Herzen, trieb ihr plötzlich derartig das Blut ins Gesicht, daß sie, um von der Kellnerin nicht beobachtet zu werden, ihre Serviette fallen ließ und sich schnell danach bückte, als suche sie die Berechtigung, rot werden zu dürfen.

Dann antwortete sie nur:

»Wo ist mein Mann?«

Joachim antwortete erstaunt:

»Nun, draußen!«

Sie aber zischte, als müsse sie einen Schutz haben gegen den Versucher ihr gegenüber:

»Holen Sie mir augenblicklich meinen Mann.«

Er erhob sich. Als er jedoch einen Moment nur zögerte, flammten ihre Augen:

»Ich will meinen Mann haben, hören Sie …«

Joachim blickte sie an wie ein wildes Tier, das seinem Bändiger nur widerwillig gehorcht. Aber das Weiche, fast Weibische in ihm beugte sich immer, wenn es der Kraft begegnete.

Als er den Saal durchschritt, fühlte sich Klara ruhiger. Die Augen waren ihr plötzlich naß geworden, und sie sagte sich, ich kann nicht mehr. Als der Professor erschien, den Arm in den Joachims geschoben, der dabei etwas Verlegenes hatte, wie ein Kind bei einem irrtümlich erteilten Lob, war Klara schon aufgestanden und sagte sofort:

»Karl, bitte, bringe mich hinauf.«

Ihm war es recht. Er konnte den Schlaf auch brauchen. Darum drückte er Joachim freundlich die Hand mit den Worten:

»Schlafe wohl, mein Alter!«

Sie aber nahm ihres Mannes Arm, was sie sonst nie zu tun pflegte, als wollte sie feststellen, daß sie zu ihm gehörte und bei ihm Schutz fände. Ohne Joachim anzusehen, eilte sie davon.

Der blieb wie vor den Kopf geschlagen stehen. Was ging denn nur um's Himmels willen vor? Er überlegte, ließ sich noch eine Flasche Bier kommen, zündete sich eine Zigarre an und blieb in der Ecke in Gedanken sitzen.

Hatte er etwas verfehlt? Ihr etwas zuleide getan? War das Reue bei ihr? Karl konnte ihr doch nichts gesagt haben? Bei dieser Möglichkeit überkam ihn ein unbehagliches Gefühl, das er nicht gleich loswerden konnte. Erst allmählich überlegte er sich, daß sein Freund doch ganz unbefangen gewesen. Er hatte sogar »Schlafe wohl, mein Alter« gesagt, mein Alter, das er fast nie anwendete. Nein, das konnte es nicht gewesen sein. Und woher sollte er auch etwas ahnen? Nein – unmöglich – es mußte etwas anderes sein.

Es mußte also an Klara liegen. Doch was? Wahrscheinlich eine Laune. Sie war nervös, müde, durch die Katastrophe erschreckt, und in solchen Momenten war jede Frau unberechenbar. Natürlich, das mußte es sein.

Mein Gott, wer kannte sich aus bei den Frauen!

23.

Oben auf dem Zimmer schob Klara sofort den Riegel vor. Erst dann atmete sie auf und blickte sich ruhiger um.

Ihr Mann entledigte sich schnell der Kleidung, die er ununterbrochen drei Tage lang auf dem Körper gehabt, und begann sich zu waschen. Sein Ernst wich bei dem körperlichen Wohlgefühl der Reinigung und Hauttätigkeit, und er sagte, indem er sich abrieb:

»Das tut gut.«

Klara war schon unter die Decken geglitten. Sie empfand das Bedürfnis zu sprechen, als müsse sie sich wehren gegen einen geheimnisvollen Feind. Sie wollte über die Stille hinwegkommen, eine Stimme, einen Laut hören und ihm irgendein Interesse zeigen, darum sagte sie:

»Ich will's glauben! War's denn sehr anstrengend?«

»Allerdings, es war eine entsetzliche Arbeit!«

Nun ließ er sich hinreißen von der Erregung der letzten Stunden und begann zu erzählen, indem er mehr sprach als sonst wohl in ganzen Tagen.

Er berichtete, wie sie hinaufgestiegen, zuerst fast ohne Hoffnung, die Stelle an dem Tage noch zu finden, wie aber Sepp Kuntner schließlich, vom Gipfel ein Stück an der Nordseite herunterkletternd, ihnen habe Winke geben können.

»Den einen – ich weiß immer noch nicht, welcher Taylor hieß und wer Ellwood – haben wir verhältnismäßig schnell gefunden. Er hat nicht gelitten. Er sah sehr friedlich aus, als schlummere er. Den andern aber fanden wir am ersten Tage überhaupt nicht mehr. Und da mußten wir ein Biwak beziehen. Es war ganz erträglich, nur das frische Holz schwelte und machte einen fürchterlichen Qualm. Du weißt ja, Kläre, den Rauch kann ich nicht vertragen …«

Sie hatte sich im Bett aufgesetzt, faltete über der Decke unterhalb der Knie die Hände und starrte vor sich hin. Er war dabei, den Rucksack auszupacken, und begann von neuem, ohne sie anzublicken, indem er sich bei der schlechten Beleuchtung in der Ecke über die Gegenstände beugte:

»Wie es geschehen ist, kann man wohl nur vermuten. Offenbar haben sie übrigens in Schluderbach gesagt, daß sie von Norden auf den Cristallo wollten, im eifersüchtigen Gedanken, es könnte ihnen einer zuvorkommen. All die kleinen Menschlichkeiten spielen ja leider bei solchen Touristen mit, die eine Eitelkeitssache aus dem Naturgenuß machen. Das kommt davon, wenn man die Luft dort oben nicht als Reinigung, seelisch wie körperlich, auffaßt, sondern mit seinen eigenen Tiefengedanken die Berge entweiht. Dann rächen sich die Höhen. Solche Leute weisen sie ab …«

Wieder hatte er in seiner Art gesprochen, die den Bergen förmlich eine Persönlichkeit zuschrieb. Klara hörte mit starren Augen zu, wie er nun fortfuhr:

»Weißt du, Kläre, ich habe die Überzeugung, daß … wie soll ich's sagen … daß, wer den Bergen mit … mit befleckten Händen naht, mit, mit unlauteren Absichten, mit … Gott, hierbei spreche ich natürlich nicht von den beiden Unglücklichen, von denen ich weiter nichts weiß … ich meine nur im allgemeinen … wer zu ihnen mit einer Sünde kommt, einer Schuld … dem vergelten sie's … Das ist so wenigstens mein Gefühl. Etwa wie auf religiösem Gebiet, wer zum Tische des Herrn tritt ohne Reue …«

Er blickte Klara an. Sie hatte einen so seltsamen Ausdruck um die Augen, daß er meinte, sie würde wohl nicht verstanden haben, und er erklärte weiter:

»An ein Fatum glaube ich ja selbstverständlich nicht. Es gibt auch eine rein mechanische, psychologische Erklärung. Nämlich: in Ausnahmeseelenzuständen paßt man nicht so auf, die Gedanken, die bei der Sache sein müßten, schweifen ab. Na, dann wird man unsicher, zerstreut, nervös, übersieht Notwendigkeiten, überschätzt kleine Schwierigkeiten und unterschätzt wieder andere. Schließlich achtet so einer nicht mehr auf Stein- oder Lawinengefahr, prüft die Beschaffenheit des Schnees nicht und nicht die Zuverlässigkeit von Tritt und Griff. Und dann – na, dann passieren jähe Katastrophen! Alles rächt sich, wenn nicht von oben, so doch vielleicht als Fügung von oben, indem wir schwachen Menschen eben mit so unzuverlässigen und leicht zu verwirrenden Sinnen ausgestattet sind. Und ich finde es schön, daß es in den großen Höhen so ist …«

Er hatte, wie immer, zum Schlafengehen die Brille abgesetzt, was sich jetzt durch zwei feine, rote Streifen an den Schläfen zeigte. Nun konnte er das Mienenspiel Klaras nicht mehr erkennen, deren Gesicht ihm nur noch als unbestimmter Fleck erschien.

Sie saß noch mit herangezogenen Knien, den Kopf etwas gesenkt. Sie fragte mit trockener Kehle:

»Und … wie soll es geschehen sein?«

»Der eine, größere, ist wahrscheinlich vorausgeklettert. Sie waren zusammengeseilt. Nun ist dort der Fels grauenhaft brüchig, und da werden sie wohl – leichtsinnig waren sie über alle Beschreibung, sagen die Führer – da werden sie wohl zugleich geklettert sein. Vielleicht ist dabei der untere ausgerutscht oder der obere und hat den andern, dem der Ruck bei losem Seil unerwartet kam, mitgerissen. Oder es ist ein Stück Fels ausgebrochen, das einer der Kletternden als Griff benutzte. Wer soll das auch wissen, da sie beide tot sind. Spuren, die eine bestimmte Deutung zugelassen hatten, haben wir nicht gefunden.«

Er war fertig und legte sich. Wohlig streckte er sich aus in dem Bett aus hellem Zirbelholz, das Seite an Seite neben dem andern stand. Klara blieb in ihrer Stellung. Sie schien nachzudenken. Endlich fragte sie, denn der Gegenstand ließ sie nicht los: »Ob sie wohl lange gelitten haben?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Woher will man das wissen?«

»Sie sind zu sehr zerschlagen. Sie scheinen auch keine Bewegung mehr gemacht zu haben …« Klara sah in das halbdunkle Zimmer mit großen Pupillen. Nur noch das eine Licht auf dem Nachttisch brannte.

»Und . . . und der Arm?« »Welcher Arm?«

»Wie wollt ihr den Arm erklären? Der eine hatte doch noch den Arm erhoben. Als lebte er. Als wollte er sich wehren. Ich habe es ja genau gesehen, wie sie kamen.«

Jetzt wußte er, was sie meinte, und sagte: »Ja so. Nun, er wird instinktiv im Sturz den Kopf haben schützen wollen gegen das Aufschlagen auf die Felsen, denn es war ein langer Fall, länger bei dem wie beim andern. Deshalb fanden wir ihn zuerst nicht. Wir haben uns eingebildet, er müßte durchaus weiter oben liegen. Dabei war er noch vierzig Meter tiefer gefallen. Man kommt oft gerade auf das Einfachste nicht. Wir zum Beispiel, ich will mal sagen zum Beispiel, zum Beispiel …«

Er hielt inne. Ein Gedanke war ihm gekommen: die Erfahrung, die man so oft im Leben macht, daß einem Geschehnisse bei den allernächsten Angehörigen entgehen, während alle Welt sie sieht und weiß. Und in diesem Moment schoß ihm abermals die Erinnerung durch den Kopf an den entsetzlichen Blick, den seine Frau mit seinem Freunde getauscht. Und als drängte es ihn, klarzusehen, alles loszuwerden von seiner Seele, sagte er plötzlich und wendete sich dabei zur Hälfte herum zu Klara:

»Ich habe ein Beispiel. Denke dir einen Mann, der nicht ahnt und nicht sieht, daß ein anderer neben ihm seiner Lebensgefährtin Herz gewinnt. Daß auch sie von ihm betört wird. Und alle andern Menschen sehen und ahnen es. Er lebt mit ihr, er wohnt mit ihr, er sieht sie täglich – und er, nur er allein kommt nicht darauf.«

Er schwieg und blickte forschend Klara an, die sich noch mehr niederduckte, daß ihr großer, schlanker Schatten an der Wand jetzt zur Kugel zusammensank.

Eine ganze Weile regten sie sich beide nicht. Endlich fuhr er fort zu erzählen in der Stille des Abends, während alles Leben im Hotel schon erstorben war, draußen das Schweigen der Berge lag und nur ab und zu bei einem Windstoße irgendwo an der Hausfront klappend eine nicht eingehakte Jalousie anschlug:

»Der Transport war schwer! Unten ging es ja dann, da hatten wir sie in Latschenzweige eingebunden und schleiften sie wie Schlitten über den Schnee und das Geröll. Aber oben. Über Felsen tragen, nur herunterlassen, an denen wir ohne Last ganz allein nur mit äußerster Vorsicht vorwärts kamen – nein, das war unmöglich. Das hätte vielleicht noch mehr Menschenleben gekostet. Da mußten wir zu einem Notmittel greifen. Wir haben die Leichen in die Decken fest eingebunden, die uns im Biwak gewärmt hatten, und haben sie über die letzte Wand auf den Gletscher hinuntergeworfen. Zarte Rücksichten helfen da nicht, nur Tat.«

Klara richtete sich auf, stützte sich seitwärts auf beide Hände und sagte tonlos:

»Entsetzlich!«

Dann blickte sie sich im Zimmer um, durchspähte alle dunklen Ecken, und mit einem Male beugte sie sich seitwärts zu ihrem Mann, und die sonst starke Frau, die furchtbaren Abgründen in den Schlund gesehen, ohne daß eine Fiber gezuckt hätte, sagte plötzlich im Zusammenbruche der Nerven:

»Ist jemand im Zimmer?«

Er zog sie an sich.

»Weshalb?«

»Ich fürchte mich.«

Er legte den Arm um sie. Er fühlte, daß sie zitterte. Er zog sie immer näher an sich, bis ihr Kopf an seiner breiten Brust lag. Da begann sie zu schluchzen. Erst leise, kaum merklich, doch immer heftiger, lauter, daß sich ihr Busen hob und senkte, daß ihre Schultern zuckten. Schließlich brach ein Sturm über sie herein, ein Röcheln, ein lautes Jammern, ihre Augen füllten sich mit Tränen, Stöße gingen über ihren krampfhaft bebenden Leib, und die Entladung ihrer bis zum Reißen angespannten Nerven machte sich in langem Atemholen, stillem Stöhnen Luft.

Er hielt sie mit den Armen umschlossen. Er streichelte liebkosend ihr Haar. Er beruhigte sie mit Lauten und abgerissenen Worten wie ein törichtes Kind. Er forschte nicht nach dem Grunde. Er quälte sie nicht. Er sagte nur immer:

»Kläre, meine arme Kläre, meine Kläre!«

Und dann wieder:

»Närrchen, mein gutes, kleines Närrchen!«

Allmählich ward sie ruhiger. Er fühlte, daß irgend etwas in ihr vorging, aber er wollte nicht fragen. Sie würde es ihm schon von selbst anvertrauen. Und als sie nun gleichmäßiger atmete und von seinem Arm umschlossen an seiner Schulter lehnen blieb, sagte er:

»Du Arme, du Arme!«

Es war ihm, als schüttelte sie den Kopf. Doch sie antwortete nicht. Er aber fühlte plötzlich vielerlei Mannes- und Berufsselbstsucht, ward sich klar über allerhand, das er verfehlt, wie ihre Ehe sich allmählich völlig verändert hatte. Schon oft waren ihm flüchtig solche Gedanken gekommen, aber er besaß dazu keine Zeit, keine Zeit, wie auch nicht für seine Frau in den letzten Jahren.

Sein Unrecht ward ihm offenbar. Und er begann leise ihr zu erklären, er fühle, daß ihr Verhältnis zueinander nicht mehr wäre wie früher. Seit langem habe sich zwischen sie die kalte, langweilige Gewohnheit geschoben. Arbeitslast, der Ehrgeiz, etwas zu leisten, habe ihn blind gemacht gegen seine nächsten Pflichten, gegen sie.

Es war in dieser Stunde alles zusammengestimmt, um ihm die Erkenntnis zu erleichtern. Durch die halbe Dunkelheit, ja durch seinen behinderten Blick ohne Glas, weil er sie nicht sah, getrieben durch eine körperliche Müdigkeit, wie er sie noch nicht gefühlt, die ihm sogar den Schlaf von den Augen nahm, erregt durch das, was ihm noch immer wie ein Stich ins Herz vor Augen stand, jener entsetzliche, verräterische Blick am Cristallo, entlastete sich seine Seele, beflügelte sich seine Zunge, eröffnete sich sein Herz. So fand er Worte, wie er sie nie in den Mund genommen, die, vom Herzen kommend, auch zum Herzen gingen.

Er klagte sich an. Er sprach von seiner Liebe zu ihr, die noch genau so brenne wie einst in junger Ehe, die nur die Jahre gedämpft unter dem Drucke des Berufs. Er machte sich schlecht und klein, nahm alle Schuld auf seine Schullern, als ob Klara fast nur das Opfer sei, eine Märtyrerin, rein und ohne Fehler.

Das konnte sie nicht hören. Sie fühlte den Betrug gegen ihren Mann brennen, auf ihrem Gesicht, ihrem Hals, Brust, Armen, Händen, in ihrer Seele. Sie dachte an Joachim, und ein Widerwille schüttelte sie. Sie ward sich reuig bewußt, während ihr Mann ihr seine Seele ausschüttete, daß sie ihr Herz einem andern geöffnet.

Das erschien ihr so quälend, so schmachvoll, daß sie allen Mut zusammenraffte und zu antworten begann.

Sie gestand, auch sie habe eine Schuld, die sie bedrücke, auch sie müsse ihn um Verzeihung bitten. Und damit er milde verfahren sollte gegen sie, knüpfte sie immer wieder an ihres Mannes Bekenntnis an. Sie widersprach nicht seiner Selbstanklage, sie wollte sie als Waffe und Rückendeckung behalten. Und was sie von sich sagte, hüllte sie in unbestimmte Worte, daß er es halb erraten sollte.

Jeden Augenblick fürchtete sie, der Zorn möchte über ihn kommen, aber er blieb ganz ruhig.

Sie sagte, ihr Herz wäre ihm leise, ganz leise entglitten. Ganz leise habe es sich einem andern zugeneigt.

Der Name wurde nicht genannt. Sie wartete, er möchte fragen. Er fragte nicht. Er sprach nichts. Er stieß sie nicht von sich. Nur ganz unmerklich ließ der Druck seines Armes nach, mit dem er Klara umschlossen hielt. Aber er zog ihn nicht fort.

Sie sah den Augenblick voll Entsetzen kommen, wo ihn der Zorn übermannen würde, denn sie meinte, es bräche über ihn herein, unvorhergesehen, gleich jener Bergkatastrophe dort oben.

Er blieb ganz ruhig.

Da gewann sie mehr und mehr Vertrauen, und immer verschleiernd erzählte sie von ihrer Liebe. Wohin sie geführt, davon sprach sie nicht. Es wäre über ihr Vermögen gewesen. Sie wollte sich nur etwas entlasten. Mit dem Rest mußte sie allein fertig werden.

So festigte sich in ihm die Überzeugung, es wäre eine einseitige Neigung von ihr, und den Freund träfe keine Schuld. Und im Bewußtsein eigenen Verfehlens überkam ihn kein Zorn, nur tiefschmerzliches Bedauern, unendliches Mitleid mit der Frau, die ihm jahrelang die Nächste auf der Erde gewesen und es noch war. Ja, sie war es noch, war es in dieser Stunde vielleicht wieder mehr, denn seit Jahren.

Wie man sich des Wertes eines Dinges erst recht bewußt wird, wenn man es verloren hat und zufällig wiedererlangt, so fragte er sich plötzlich, was aus ihm werden sollte, wenn sie nicht wäre. Er ward ganz verstört, als ihn der Gedanke nur streifte.

Da legte er den Arm wieder fester um sie. Er begann ihr zuzureden, es würde vergehen, sie solle sich nur Zeit gönnen. Er sprach mit ihr wie mit einer Kranken, immer in der Meinung, nur ihre Seele habe teil, nur ihre Seele.

Er ließ ihr braunlockiges Haar wie ein junger Verliebter spielend durch die Finger gleiten. Sie schmiegte sich an ihn wie an einen Halt, das einzig Sichere, das es ihr noch zu geben schien. Und diese beiden Menschen, die Jahre hindurch sich einander entwöhnt, fanden sich plötzlich wieder.

Er fragte ängstlich, vorsichtig:

»Hast … hast du ihn denn wirklich so … so lieb?«

Sie entwand sich ihm plötzlich:

»Ich hasse ihn.«

«Du – hassest ihn?«

In der Atemlosigkeit ihrer Erregung rief sie ein zweites Mal:

»Ja, ich hasse ihn.«

Ganz ruhig fragte er, indem er sie wieder an sich zog:

»Was hat er dir denn getan?«

Ihre Augen blitzten beim Schein des Kerzenlichts, das ihr gerade ins Gesicht fiel. Sie bannte ihre Gedanken. Sie konnte nicht die Wahrheit sagen, und sie stammelte nur:

»Er ist schuld daran, daß ich dir das habe sagen müssen. Er hat mich in diese Unruhe gestürzt …«

Und nach einer Sekunde Pause, immer heftiger werdend:

»Und ich sage dir, ich will ihn nicht sehen. Hörst du, ich … ich kann seinen Anblick nicht ertragen …«

Darauf stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen, ihre Unterlippe bebte, ihre Hand zuckte, und sie lehnte sich zitternd wieder an die Brust ihres Mannes.

Nun wußte er, wie es um sie stand: sie war krank, überreizt, nervös. Vielleicht hatte ihr die Katastrophe am Popena einen solchen Nervenschock eingetragen, daß sie das alles jetzt so ansah. Und eine große Weichheit kam über ihn. Er durfte nicht schroff sein, er mußte sie behandeln eben wie einen Kranken.

Das einmal erkannt, war es, als hülfe ihm sein Beruf. Er war ganz Arzt. Es war Neurasthenie, etwas hysterische Anlage mochte dabei sein. Die arme, arme Kläre!

Natürlich, dann war Joachim auch nicht daran schuld, und nun erinnerte sich der Professor auch genau wieder des Blickes, der ihm aufgefallen. Er kam von Klara, allein von Klara. Daß ihn Joachim zurückgegeben hätte, meinte er, sich nicht zu entsinnen. Das wäre ja auch Unsinn, barer Unsinn gewesen! Die beiden Freunde untereinander wollten sich schon einigen. Der arme Kerl konnte also nichts dafür. Sie hatte doch auch jetzt unbegründet erklärt, sie hasse den Betreffenden.

Den Betreffenden, dessen Name nie genannt worden war.

Dabei sollte es auch bleiben. Vor allem mußte Joachim die Unbefangenheit erhalten werden, und dafür wollte er schon sorgen. Er wollte es ihm nicht entgelten lassen. Im Gegenteil, gutmachen mußte er.

Wie das geschehen, was überhaupt werden sollte, das würden sie morgen sehen. Jetzt mußte nur Klara beruhigt werden.

Darum schob er sich weiter herüber zu ihr, nachdem er vorher das Licht gelöscht, bettete sie bequem, drückte sie an sich und flüsterte ihr zu:

»Es wird alles gut werden, mein Närrchen. Laß nur etwas Zeit vergehen, und dann denkst du an das alles nicht mehr. Ich will dich wieder liebhaben, Kläre, wie ich nur kann. Du, meine kleine, kleine, liebe, liebe Frau. Und paß auf, ich … ich richte in Berlin irgend etwas ein, daß ich mehr Zeit habe für dich. Ja … ja, laß mich nur machen. Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß meine kleine Frau zufrieden ist … ja … ja … ja …«

Er schwieg, und ruhig lagen sie beide in der Dunkelheit da. Klaras Herz hämmerte noch, aber sie fühlte sich etwas ruhiger. Nur schlafen konnte sie nicht. Und nach einiger Zeit begann es sie zu quälen, daß sie sich, von dem Arme umschlungen, nicht bewegen konnte. Sie lauschte. Man hörte tiefe, regelmäßige, für ein Wachsein zu langsame Atemzüge.

Vorsichtig fragte sie:

«Schläfst du?«

Keine Antwort.

Sie suchte sich loszumachen, und sein Arm sank schlaff nieder.

Da krachte es irgendwo. Ein Möbel; die Diele, die Täfelung, irgend etwas. Sie schreckte zusammen. Sie dachte plötzlich an die beiden Toten, die unten, unweit des Hotels im Schuppen lagen, nebeneinander, wie sie neben ihrem Mann. Mit einem Male gewahrte sie den abwehrend, drohend erhobenen Arm in ihrer Phantasie und unter den Decken, die den Körper verhüllten, plötzlich das Gesicht.

Es war Joachim.

Sie stieß einen Schrei aus, der halb in den Kissen erstickte. Der Schläfer rührte sich nicht. Sie warf sich über ihn. Sie wollte etwas Lebendiges fühlen. Da kam ihr der grausige Gedanke, auch er wäre tot. Sie betastete ihn, sie lauschte auf seinen Atem, und er regte sich.

Nun nahm sie des Schlafenden Arm, zog ihn herüber zu ihrem Lager und hielt ihn fest. Sie wollte nur wissen, daß sie nicht allein sei.

So blieb sie keuchend liegen, immer die Blicke in die Dunkelheit nach allen Seiten gewendet, ängstlich spähend, ob nicht von irgendwoher etwas käme. Ihr Körper war feucht. Ihre Lider brannten. Immer mußte sie den Zwangsgedanken abwehren an die, die da drüben lagen, von denen der mit grauenvoll erhobenem Arm des Mannes Züge trug, an den jetzt allein zu denken ihr das Blut vor Scham in die Wangen trieb.

Gegen Morgen schlief sie ein. Aber nach wenigen Viertelstunden fuhr sie empor, und sie fühlte, wie ihr Herz klopfte. Doch sie ward sofort ruhiger, denn durch die geschlossenen Jalousien schimmerte schon der junge Morgen.

Da stand sie auf, schlich sich ans Fenster, öffnete es schnell und stieß die Läden hinaus. Hastig schloß sie wieder die Läden, als fürchte sie, von draußen könne sie eine erstarrte Hand packen, sie zur Rechenschaft ziehen, sie fragen, was hast du getan hier in den Bergen, in der heiligen Natur, du, die Bergsteigerin, der die großen Höhen immer gnädig waren, weil du rein warst wie ihr Firn.

Sie setzte sich in eine Ecke, von wo sie hinausblicken konnte auf die Cadinspitzen, die fern in der Tallücke über dem verborgenen Misurinasee auftauchten, vom ersten rosigen Morgensonnenschimmer überhaucht, in Türmen, Zinnen und Brustwehren, emporragend gleich einer mittelalterlichen Feste.

Es war ihr, als dürfe sie den Bergen nicht mehr nahen, als müsse das eintreten, wovon ihr Mann gesprochen. Sonst würde ein Schwindel ihre Sinne umnebeln, ihr Fuß den Tritt nicht finden, ihre Hand den Griff nicht mehr umspannen können. Das Seil mußte reißen, an dem sie hing. Die Gletscherbrücken wie ein böser Zauber zusammenbrechen unter ihrer Last. Der Fels gab nach, den sie umfaßte. Der Schneehang löste sich in loser, pulvriger Decke über dem Eise darunter, wenn sie ihn betrat. Durch die Eisrinne, die sie querte, schoß Steinfall herab, pfeifend, wie eine Granate. Seracs, unter deren wilden Eisgebilden sie schritt, neigten sich brechend, wenn sie darunter vorübereilte.

Sie kam sich wie ein Nachtwandler vor, den man gerufen hat, der herabstürzt, weil er erweckt worden, weil ihm das Unbewußte genommen ist.

Gleich dem schuldig gewordenen ersten Menschenpaar aus dem Garten Eden, fühlte sie sich vertrieben aus der reinen Bergeswelt.

Da packte sie wieder die Angst. Sie stürzte an das Bett, rüttelte ihren Mann und rief, als müßte es im selben Augenblicke sein und sie hätte nicht eine Sekunde zu verlieren:

»Karl, laß mich fort von hier, laß mich fort aus den Bergen!«

24.

»Meine Frau wird uns verlassen. Ihre Mutter ist krank. Und in dem Alter, in dem ihre Mutter sich befindet, muß man zum mindesten vorsichtig sein!«

Der Professor sagte es Joachim, als Klara nicht dabei war. Der war erstaunt, blickte kurz auf, ohne ein Wort zu verlieren.

Es war kein bloßer Vorwand. Am Morgen hatte in der Tat die Post einen Brief gebracht, der ein wenig ernst klang. Unter anderen Umständen würde Frau Hallbauer wohl doch geblieben sein. So griffen sie es beide auf, ohne sich darüber zu unterhalten. Sie verstanden sich.

Der Professor wollte mit Klara reisen, doch das litt sie nicht. Er sollte seine Ferien in den Bergen nicht deswegen einbüßen. Außerdem wäre Joachim nicht allein in Schluderbach geblieben, sondern wie er gekommen, mit ihnen, hätte er sie auch begleiten wollen. Bei dem Gedanken schon wurde Klara so erregt, daß ihr Mann vorschlug, sie bis nach Franzensfeste zu bringen, wo sie dann den Nord-Süd-Expreß fand, der sie heimbrächte.

In Toblach wollten sich dann die beiden Freunde wiedertreffen, um wegen der Erinnerung an das Unglück das Ampezzo verlassend, ein anderes Standquartier im Puster- oder Sextental zu suchen.

Joachim wäre am liebsten Klara gefolgt, aber ein andeutendes Wort war von dieser so scharf zurückgewiesen worden, daß er davon abstand. Außerdem sagte er sich, daß es den Verdacht erweckt haben würde, an seines Freundes Gesellschaft allein läge ihm nichts.

Er mußte also fürs erste bleiben. Einen Grund, nach einiger Zeit abzureisen, würde er schon finden.

Er begriff nicht, was er Klara nur eigentlich getan. Sehr ernst nahm er es nicht, in der Meinung, es könnte nichts anderes sein als eine seltsame, weibliche Laune, vielleicht sogar nur Koketterie. Das waren Stimmungen, die vergingen. Nervosität, eine weibliche Reue, von der Gewohnheit bald wieder zum Schweigen gebracht.

Ja, sie erschien ihm doppelt reizend in ihrem abweisenden Zorn.

Vielleicht, dachte er, war hauptsächlich schuld: die Erregung über das Unglück, dessen Zeuge sie geworden. Das drückte er dem Professor vorsichtig aus. Der stimmte ihm sofort bei, als wollte er dem Freunde jede Möglichkeit benehmen, etwas anderes zu denken.

Bis zur Abreise hatte er tausend Rücksichten gegen seine Frau. Er sprach mit ihr, soviel er konnte, er bemühte sich um sie und suchte ihr alles aus den Augen abzusehen.

Endlich war die Stunde der Trennung gekommen, von Klara ungeduldig erwartet. Sie nahmen einen Wagen bis Toblach, und dorthin begleitete sie Joachim, der die Absicht hatte, dort im Südbahnhotel seines Freundes Rückkehr abzuwarten.

Auf der Fahrt durch das Ampezzotal saß Dörstling neben Klara. Der Professor hatte artigkeitshalber auf dem Vordersitz Platz genommen. Sie schmiegte sich ganz in ihre Ecke, als fürchte sie die leiseste Berührung, und sprach fast kein Wort; nur ihrem Manne antwortete sie bisweilen.

Der hielt eine lange, wissenschaftliche Vorlesung über das Leiden seiner Schwiegermutter, nur um nicht ein Thema zu berühren, das ihr peinlich gewesen wäre.

Sie näherten sich Landro, und vorher grüßten einen Augenblick durch einen Taleinschnitt in wunderbar ernster Pracht, gleich einer gotischen Kathedrale, die Zinnen herein. Dann kam das Fort, das vorn unter den grünbewachsenen und bepflanzten Wällen verschwand und nur hinten das Mauerwerk zeigte, gleich einer gewaltigen Riesenschnecke, die halb in ihrem Hause steckt. Das Cristallomassiv rückte allmählich hinter die Bergwände, und zuletzt verschwand der Piz Popena den Blicken.

Aber keiner erwähnte es. Sie wollten Klara schonen. Sie waren sogar im Einverständnis; denn als sie sich herumdrehte, gab der Professor unbemerkt Joachim ein Zeichen, indem er den Finger auf den Mund legte.

Endlich rollten sie am Toblacher See vorüber, allmählich wurden die Talränder niedriger, und die scharfe Eisgestalt des Hochgalls drüben in der Rieserfernergruppe, jenseits des Pustertales, sank herab, verschwand. Der grüne Pusterer Talboden tat sich auf, breit, an der Nordseite von runden, bewaldeten Kuppen umrahmt: die Zauberwelt der Dolomiten lag hinter ihnen. Sie fuhren an den Hotels vorüber, wo Tennis gespielt, Rad gefahren ward und am Bahnhof vor.

Während der Professor die Fahrkarten löste, blieben Klara und Joachim allein auf dem noch leeren Bahnsteig stehen. Er flüsterte:

»Habe ich Ihnen etwas getan?«

Sie runzelte die Stirn:

»Das fragen Sie?«

»Ja, was denn?«

»Nun, wenn Sie's nicht wissen!«

Er bat mit weicher Stimme, indem er sie ansah mit seinen schönen Augen, und das zarte, hübsche Gesicht einen todestraurigen Ausdruck annahm wie von tiefem Leiden:

»Warum sind Sie so schlecht gegen mich? Habe ich nicht alles getan, was ich nur konnte diesen … diesen Winter? Habe ich nicht Tag für Tag bei Ihnen gesessen? Bin ich je keck gewesen oder anmaßend? War ich nicht ein guter Freund?«

Sie sah ihn an, den Mann, dem ihre Liebe gegolten, um dessentwillen sie ihre Pflicht verletzt, der ihr Leben der letzten Wochen in der Hand gehabt wie ein Herrscher, der ihre Weibesseele unterjocht, daß sie nur noch ihn gewahrte auf dieser Erde. Sie sah ihn an, der Erstorbenes in ihr entzündet, der ihr Blut geweckt, das zu schlafen schien, der sie ganz umgarnt und umsponnen, sie gefesselt und wehrlos gemacht mit seiner Liebe.

Sie sah ihn an, und ein rätselhaftes Gefühl stieg in ihr auf, als müßte sie ihren Mann rufen und sagen: »Schütze mich vor ihm, schütze mich vor mir selbst!« Und doch auch der Wunsch, es ihm zu vergelten, daß er sie schwach gefunden. Rache an dem, den sie geliebt. An dem, von dem sie nicht wußte, ob sie … ob sie ihn … Nein, nein … er durfte nicht wieder unter ihre Augen treten. Sie haßte ihn.

Sie zitterte. Sie wollte etwas antworten, ihm etwas ins Gesicht schleudern – da erschien ihr Mann.

Da beherrschte sie sich, und als der Zug gebraust kam, der Professor eine Tür öffnete und nun der Abschied kurz sein mußte, überwand sie sich, ihm die Hand zu reichen mit den Worten:

«Leben Sie wohl!«

Joachim aber küßte ihre Fingerspitzen und flüsterte schnell, während der Professor das Handgepäck in das Innere des Wagens trug:

»Ich sage: Auf Wiedersehen!«

Die Lokomotive pfiff. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Der Professor rief:

»Ich bin zum Abendessen wieder da. Südbahnhotel.«

Joachim starrte dem letzten Wagen nach. Klara erschien nicht am Fenster. Er aber lächelte. Er dachte: nur die Krisis vorübergehen lassen. Ich kriege sie schon wieder. Sie wird es bei der Mutter doch nicht lange aushalten. Dann kommt sie zum Rest von ihres Mannes Ferien zurück. Und dann ist alles überwunden, die bösen Eindrücke und diese eigene Herbigkeit ihres Wesens.

Aber da fiel ihm ein, während der Zug immer kleiner ward, das Tal hinunterbrausend: dann würden auch die Berge wieder beginnen. Der Professor hatte ja schon lächelnd gesagt: der Leichtsinn von ein paar Fexen wäre doch noch kein Beweis gegen das Bergsteigen. Dann ginge auch Klara wieder mit, und dann würde sie ihn einschätzen nach …

Sein Gedankengang ging rasend: ihre Verstimmung stammte vom Cristallo her. Er hatte seine Sache schlecht gemacht. Das mußte es sein.

Ja, jetzt hatte er den Schlüssel zu ihrem Benehmen: er hatte ihr mißfallen an dem Berge. So sah kein Mann aus, kein Sieger, kein Liebhaber. Er fühlte nur zu gut, daß er ein Ritter von der traurigen Gestalt gewesen.

Natürlich! Das war es! Hatte er denn nur eine Binde vor den Augen gehabt?

Joachim war so glücklich über seine Entdeckung, daß er lustig pfeifend zum Hotel ging.

An der Table d'hote saß er einem älteren Ehepaar gegenüber. Sie kamen auf den Absturz der Engländer zu sprechen, und als Dörstling merkte, daß man in der Nachbarschaft zuhörte, bekannte er, dabei gewesen zu sein. Er erzählte wie ein Teilnehmer; dabei nannte er gewissermaßen als Kronzeugen den Namen »Professor Hallbauer«.

Sofort beteiligte sich sein Nachbar, der viele Alpinisten kannte, an dem Gespräche. Es war auch von Klara die Rede, die, wie der Herr meinte, eine der tüchtigsten Hochtouristinnen wäre. Als man gar von ihr zu schwärmen begann, wuchs Joachims Stolz, und er sagte unter dem Staunen des Tisches:

»Ich bin oft mit Frau Hallbauer gegangen!«

Er glaubte es fast selbst. Er hatte wieder Mut. Er wollte seinen Freund bitten, ihn auf den nächsten Touren mitzunehmen. Nur zum Training. Wenn Klara zurückkehrte, würde er ihr dann ruhig lächelnd sagen:

»Schade, daß Sie schon auf der kleinen Zinne gewesen sind, sonst ginge ich einmal mit!«

Er sah schon ihre Augen dabei, diese nußbraunen, wunderbaren Augen, die ihm beim bloßen Gedanken daran brennende Sehnsucht ins Herz schießen ließen.

So gewann er sie wieder.

Als der Professor zurückkehrte, hatte Joachim all seine Kleinheit am Cristallo vergessen, seine Furcht, seine Beklemmung auf Eis wie Fels und den Schreck, der ihm durch den Absturz in die Glieder gefahren.

Beim Abendessen, als sein Freund zerstreut dasaß, in Gedanken, an die, wie er meinte, sinnverwirrte, kranke Frau, fragte Dörstling plötzlich:

»Und wann nimmst du mich das nächste Mal mit?«

25.

Als Wahrzeichen vom Hochpustertal ragt über Innichen die gewaltige Dreischusterspitze auf, eine der schönsten Felszinnen der Dolomiten. Einer Pyramide gleich, ein Zuckerhut auf breitem Untersatz, steigt sie zwischen Fischleintal und Innerfeld in den Himmel. Die grauen, vom Pustertal unnahbar ausschauenden Felsen laufen in einen, in geraden Wänden abstürzenden Zackenbau aus: die Schusterkrone.

Zwei Möglichkeiten gab es dort hinauf: vom Innerfeld, lang, anstrengend, sehr schwer, eine Seite, die Purtscheller und die Zsigmondys, Bergsteiger von einer Klasse für sich, einst abgeschlagen, die einer Partie schon das Leben gekostet hatte; vom Fischleintal, leichter, doch in seinen Schlußwänden, der stolzen Schusterkrone, auch nur den Zünftigen möglich, einem Laien ohne Hilfe aber ewig versagt.

»Hast du Mut zum Schuster?« fragte der Professor. Dörstling gab sofort zurück:

»Wann gehen wir?«

»Morgen?«

»Gut, morgen!«

Es war noch früh am Tage. Sie wollten in Innichen, wo sie Station gemacht, zu Mittag essen, dann nachmittags nach Bad Moos bei Sexten im Fischleintal fahren, dort zu übernachten, um den nächsten Morgen den Berg anzugreifen. Der Professor hatte vor Jahren den Schuster vom Innerfeld gemacht, deshalb fragte Dörstling:

»Du opferst dich doch nicht für mich?«

»Keine Spur!«

Aber Joachim begann plötzlich, nun, wo die Ausführung so nahe gerückt war, kleinmütig zu werden:

»Werde ich's denn können?«

»Wir nehmen ja die leichte Seite!«

Das beruhigte ihn, obgleich er Genaueres darüber nicht wußte. Und die Überlegung, daß ihn der Professor ans Seil nahm, bannte seine letzten Zweifel. Nur der Himmel sah nicht gnädig drein. Das leuchtende Blau der letzten Tage war einem unbestimmten Grau gewichen, das im Westen nach Bruneck zu sogar in schwere, dunkle Wolkenbehänge überging.

Sie schauten auch ängstlich nach dem Wetter aus, aber man erlebte es ja so oft in den Bergen, daß ein drohender Himmel am andern Morgen den schönsten Tag gebar.

Nach dem Essen in dem kleinen Hofmarkte gingen sie noch etwas spazieren. Professor Hallbauer machte darauf aufmerksam, daß die romanische Stiftskirche, ein Bauwerk aus dem achten Jahrhundert, sehenswert sei und ebenso am Ausgang des Ortes die heilige Grabeskapelle, nach der Kaiser Friedrich einst sein Grabmal hatte herstellen lassen.

Als sie eben zur Besichtigung gehen wollten, kam ein Kutscher und fragte Joachim, ob er der Doktor Dörstling wäre, der in Schluderbach gewohnt hätte.

»Gewiß!«

Der Mann überreichte ihm ein Paket. Auf Umwegen war es von Schluderbach nachgekommen. Es war stark verschnürt, und Joachim ahnte nicht, was es enthalten könnte. Da er in Innichen kein Gepäck zurückließ, legte er es zu Rucksack, Pickel und Seil in den Einspänner, der schon auf sie wartete.

Dann besuchten sie schnell noch die Kapelle und fuhren davon, dem bei Innichen mündenden Sextentale zu.

Die Dreischusterspitze tauchte hinter die waldigen Ausläufer des Haunold, und in dem langsam durch Fichten- und Lärchenbestände hinanfahrenden Wagen schwiegen die beiden.

Der Kutscher auf dem schmalen Vordersitze dicht vor ihnen wollte eine Unterhaltung beginnen. Doch er erhielt kaum Antwort.

Der Professor dachte an Klara, die jetzt schon bei ihrer Mutter angekommen sein konnte. Er dachte ihrer mit Kummer und mit Zärtlichkeit, wie einer armen, lieben Kranken. Er hatte sich einen ganzen Plan ausgedacht: sie sollte ruhig bei ihren Eltern bleiben, sich erholen, ruhiger werden. Er selbst wollte sie längere Zeit nicht sehen und währenddessen in den Bergen bleiben. Kehrte er dann nach Berlin zurück nach Ablauf der Ferien, so würde es sich von selbst finden, daß sie wiederkam. Jetzt wollte er sie allein lassen, damit sie auf andere Gedanken käme und durch seine Gegenwart nicht zum Widerspruch gereizt würde.

Joachim sah sie auf diese Weise diesen ganzen Sommer nicht mehr. So hatte sie Zeit, sich mit sich selbst abzufinden. Das verging alles. Es war eine augenblickliche Nervosität, Hysterie, Überspanntheit. Vielleicht war Blutarmut im Spiel. Er hatte die Diagnose ja schon gestellt. Zeit brauchte das, Zeit!

Jedenfalls wollte er sich ihr nicht aufdrängen, aber im stillen kam ihm die Hoffnung, ein Gedanke, bei dem er unwillkürlich vor sich hin lächelte: am Ende ruft sie mich vorher, vielleicht hält sie es so nicht aus!

Und er nahm sich vor, sobald sie in Bad Moos angekommen wären, ihr zu schreiben, damit sie auch sähe, daß er an sie dachte.

Da tauchte die Dreischusterspitze wieder auf. Sie hatten sich dem Innerfeldtale genähert, und der Felskoloß stand plötzlich, links von seinem Trabanten, dem Gsellknoten, begleitet, vor den erstaunten Blicken. Er stieg aus dem Talboden empor, wundervoll, gewaltig, grau im Gestein, düster, von einzelnen Bändern und Kaminen durchsetzt, in denen hier auf der Nordseite noch Schnee lag.

Und weil an der Spitze eine langgestreckte Wolke hing wie Rauch, der einem Krater entströmt, glich der Berg einem Vulkan.

Der Professor fuhr auf aus seinen Gedanken:

»Dörstling, ist der Kerl nicht schön?«

Auch Joachim hatte an Klara gedacht, in Sehnsucht, in Erinnerung des Tages von Cortina. Auch er sagte sich, es müßte nur Zeit vergehen, dann würde ihr seltsames Benehmen verschwinden. Und er träumte schon von ihrer Rückkehr, was für ein Gesicht sie machen müßte, wenn er sagen konnte: »Ich bin auf dem Schuster gewesen und noch auf mancher andern stolzen Hochzinne!« Dann tauchte ihr Auge wieder in seines, tief, tief hinein. Ihr nußbraunes Auge. Gott, wenn er daran dachte …

Noch einmal sagte der Professor:

»Ist er nicht schön, der Schuster?«

Dörstling antwortete, ehe er noch hingesehen:

»Ja, ja, wunderschön.«

Da fiel ihm das Paket ein, das er vorhin bekommen. Er griff hinter sich, stellte es auf die Knie, zog das Taschenmesser und begann die Verschnürung zu lösen. Ein Stück des Papieres klaffte auf: da wußte er es, und mit einem Ruck schloß er wieder die Hülle, indem er unwillkürlich den Professor anblickte.

Doch der hatte eben seine goldene Brille abgenommen und putzte sie mit dem Taschentuch, um die Berge besser sehen zu können.

Da öffnete Joachim noch einmal schnell das Paket, der Deckel des Kästchens ward sichtbar, das er an jenem Tage Klara geschenkt, und darauf lag ein Brief von ihrer Hand. Er nahm ihn, steckte ihn in die Tasche, dann schloß er das Paket und legte es wieder hinter sich in den Wagen, ohne daß der Professor darauf geachtet hätte.

Nun quälte Joachim die ganze Fahrt hindurch brennende Neugier, zu lesen, was in dem Briefe stünde. Doch er wagte nicht, ihn aus der Tasche zu ziehen.

Das Sextenertal öffnete sich weiter, links lag der gerundete Rücken des Helm mit einem an seinen Flanken verborgenen Fort, das den Kreuzbergpaß nach Italien zu beherrschte. Rechts aber, unten auch von einem Fort beschützt, das wild-großartige Fischleintal, von den schroffsten, unnahbarsten, herrlichsten Dolomitgipfeln umstanden.

Der Professor wurde ganz erregt:

»Da sieh mal, das Ding, was da herauskommt, ist die Rotwand, dann dieser riesige, schneebedeckte Dachfirst, die Messerschneide, das ist der Elfer. Und nun sieh bloß einmal, der gewaltige Turm, das ist der berühmte Zwölfer …«

Wie eine Wandeldekoration auf der Bühne entrollte sich einer der Hochgipfel nach dem anderen vor dem entzückten Auge. Der Einser folgte, die Oberbacherspitzen, der Altenstein, die Schusterplatte.

Nur einmal merkte Joachim auf, als ihm erklärt ward, dort im Hintergrund, den Einser links liegen lassend, ginge es von der Sextenerseite zur Dreizinnenhütte. Der Name erinnerte ihn an den ersten Tag in den Bergen, als er Wand an Wand in dem kleinen Bergasyle mit der gelegen, die jetzt fehlte.

Ein kleines Gasthaus erschien am rauschenden Bach: Bad Moos.

Sie stiegen aus. Wie ein Kleinod trug Joachim den Kasten auf das Zimmer, das ihm für die Nacht angewiesen ward. Er schloß ab, dann zog er den Brief aus der Tasche mit Klaras geliebten Schriftzügen, riß ihn auf und las:

»Sehr geehrter Herr,

anbei lasse ich Ihnen den Kasten zugehen, den Sie in Cortina kauften, und der an jenem unseligen Tage in mein Zimmer kam. Ich bitte, es als einen Irrtum zu betrachten, wie dieses tut

Frau Klara Hallbauer.«

Er ließ das Papier sinken. Mechanisch schloß er das eingelegte Kästchen auf und zu. Er spielte in Gedanken mit dem Schlüssel so lange, bis der Bart abbrach. Nachdenklich stellte er den kleinen Kunstgegenstand aus der Hand. Ihm war, als er nun den Brief noch einmal durchflog, als wäre auch ihr Herz ihm jetzt verschlossen. Langsam steckte er den Bogen in den Umschlag und wieder in seine Brusttasche. Dann ging er hinunter, wo ihn der Professor schon erwartete.

Der führte ihn vor das Haus. Er deutete zur Dreischusterspitze, die – jetzt ganz verändert in ihrer Gestalt – ihre Zackenkrone stolz in die Wolken streckte:

»Dort stehen wir morgen!« sagte der Professor, und schweigend sahen sie hinauf …

Schon zeitig klopfte es an Joachims Tür. Er war so verschlafen, daß er nicht aufstehen wollte. Ihm war zumut wie einem Verurteilten, den man zum letzten, schweren Gange weckt. Ein dumpfes Gefühl beherrschte ihn, es habe ja doch keinen Zweck mehr, sich anzustrengen oder gar sich in Gefahr zu begeben, nun, wo er einen solchen Absagebrief bekommen.

Doch als er sich erst einmal gewaschen hatte, bekam er auch den Kopf freier und begann wieder Hoffnung zu schöpfen. Aber er konnte seine Gedanken nicht sammeln, die Dämmerung lastete auf ihm.

Unten brannte trübe ein Licht auf dem Tisch. Der Professor saß ruhig in der Ecke und aß seine gewohnte Suppe. Er sagte kaum guten Morgen. Er war immer so beim Aufbruch. Schweigend packte er den Rucksack und tat auch das Seil hinein. Dann fragte er:

»Gib mir, was du mithaben willst!«

Joachim wehrte sich:

»Ich trage es selbst!«

Aber der Professor nahm ihm einfach seinen Rucksack ohne viel Sträuben ab und steckte alles, was er darin fand, in den seinen. Nur ein paar funkelnagelneue Kletterschuhe wies er zurück:

»Brauchst du nicht zu der Tour!«

Joachim brachte sie auf sein Zimmer samt dem leeren Rucksack, in den er das Kästchen schob. Er wollte Klaras Brief dazu tun, doch, da er nichts Verschließbares hatte, steckte er ihn lieber wieder in die Brusttasche.

Der Wirt, der selbst zu so früher Stunde aufgestanden, wünschte ihnen noch glückliche Reise und ein frohes Wiedersehen; dann schritten sie in die Dämmerung hinaus über den rauschenden Bach, dessen Plätschern der einzige Laut war in der großen Stille.

Auf weichem Wiesengrund ging es wie durch einen köstlichen Park, der aber, je dichter die Bäume standen, desto dunkler ward. Und als sie nun, nachdem sie einen durch den weißen Dolomitstein hellen Schuttstrom, der vom Schuster niederfloß, überschritten, knieholzbewachsene Hänge betraten, sahen sie nicht mehr, wohin sie gingen.

Da klappte der Professor eine kleine Laterne mit Glimmerschieferscheiben auseinander, schob eine Kerze hinein, zündete sie an, und das schwankende Lichtlein irrte vor Dörstling her, der schnell folgen mußte, um von dem schwachen Lichtkreise Nutzen zu ziehen.

Er war bald außer Atem, und als der Vorangehende beim Betreten des Gerölls die Laterne ausblies, warf sich Dörstling der Länge nach auf die Steine.

Zum erstenmal fiel ein Wort:

»Es geht wohl schlecht heute?«

»Nur ein paar Minuten, nur eine Minute, dann kann es weitergehen!«

»Wir haben ja Zeit!«

Der riesige Mann lehnte sich auf seine schwere Eisaxt und blieb so mit verschränkten Armen regungslos stehen.

Nach einiger Zeit setzten sie die Wanderung fort. Stundenlang ging es hinauf gegen die hohen Felsen, der Dreischusterspitze zu, über Geröll, das nachgab, rann, rieselte.

Immer schneller folgten sich die Halte, die Ruhepausen, und noch immer ward es nicht recht Tag. Die Sonne mußte schon emporgestiegen sein, doch der Horizont blieb grau und dunkel. Nur über dem Rücken des Helms, ihnen gegenüber, wenn sie ausruhend sich umdrehten, erschien ein etwas hellerer Streifen.

Doch die Qual nahm ein Ende. Sie waren rechts in einer steilen Rinne aufgestiegen, kamen an eine ganz kurze Kletterei über Schroffen, bei der der Professor an der Kante blieb, die gegen den Gsellknoten zu abstürzte, und Joachim dabei mit dem Arme unterstützte, und plötzlich lag ein breites, fast eben hinziehendes Geröllband vor ihnen.

Jetzt gewann Dörstling wieder Mut.

»Ich bin ganz frisch!« sagte er, war aber froh, als sie kurz darauf einen Platz erreichten, dem man es durch Flaschenscherben und leere Konservenbüchsen ansah, daß hier gerastet zu werden pflegte.

Joachim blickte sich nicht um. Er setzte sich sofort hin und ließ sich zu essen und zu trinken geben. Sobald er etwas im Magen hatte, begann er sich zu erholen. Ja, der Schuster erschien ihm bis jetzt, wenn er ihn auch furchtbar ermüdet, doch leichter als der Cristallo.

Das äußerte er. Der Professor meinte:

»Die Kletterei kommt erst!«

Joachim blickte sich um:

»Wo geht's denn hin?«

»Gerade hier über uns ist der Einstieg.«

Links zog ein schroffer, hoher Felsgrat herab, von den beiden durch eine Schneerinne getrennt, die, mit Steinen besprüht, bewies, daß sie dem Steinfall ausgesetzt sei. Dörstling war es eine Erleichterung, daß es da nicht hinaufging.

Er fragte:

»Kommt jetzt das Seil?«

Es klang halb wie eine Bitte, und als der Professor die Schlinge vorbereitete, in die Joachim schlüpfen sollte, war es ihm wie eine Erlösung zu Sinn. Nun fühlte er sich geborgen.

Das Seil ward ihm umgelegt.

»Ist's zu fest?«

»Vielleicht ein bißchen.«

»Aber du weißt, zu lose ist auch nicht gut. Ich habe mal erlebt, wie am Groß-Litzner einer ganz gemütlich aus der Schlinge herausrutschte, übrigens ganz harmlos.«

Joachim konnte den Knoten jetzt nicht fest genug haben. Dann band sich der Professor das andere Ende um, warf das überflüssige Seil in einzelnen Schlingen über die Schulter und fragte:

»Bist du bereit?«

»Jawohl!«

»Also, dann los!«

«Halt; mein Pickel!«

»Die Pickel bleiben hier. Sie stören nur beim Klettern, und auf dieser Seite kommt Eisarbeit nicht vor.«

Damit stieg der Professor in die Felsen ein, und Dörstling folgte ihm mit einem leisen Seufzer.

Es ging im Zickzack empor, mäßig geneigt, dort, wo sich der beste, bequemste, sicherste Weg bot. Einmal über kleine Schroffen, Stufen, Absätze, an denen es immer irgendwo eine niedrigere Stelle gab, dann durch flache, kaminartige Rinnen, über Bänder, über Wandln: eine leichte, anregende Kletterei, die dem Professor so gefiel, daß er sich ab und zu Luft machte durch ein:

»Wie amüsant!« – »Das macht Spaß!« – »Hier kannst du auf gemütliche Weise etwas lernen.«

Doch Joachims Antwort war meist nur die Bitte um Gewährung einer kurzen Rast, um sich zu verschnaufen. Dann stand er da, sich krampfhaft am Felsen haltend, und im Grunde seines Herzens verfluchte er die wahnsinnige Idee, die ihn hier heraufgeführt.

Ja, als er endlich, nachdem wieder zwei lange Stunden verstrichen waren, plötzlich vor einer senkrechten Wand stand, die der Vorauskletternde nur langsam, und, wie es schien, vorsichtig bewältigte, kam ihn, angesichts der Notwendigkeit, auf diesem Wege zu folgen, eine Schwäche an, und er kämpfte mit sich, ob er nicht erklären sollte, er ginge nicht mehr weiter.

Doch da hörte er auch schon von oben, ohne daß er etwas sah, des Professors Stimme:

»Los, Dörstling! Los! Es ist nichts dabei. Die Stelle ist nur ein paar Meter hoch. Greife nur zu. Stemme die Füße gegen. Du kannst dich auf das Seil verlassen. Ich halte dich ganz fest. Ich helfe schon. Ich ziehe. Los!«

Ein Straffwerden des Seiles hob ihn fast vom Boden. Er mußte. Und er mühte sich, was er konnte. Er arbeitete mit der Kraft der Verzweiflung. Das Seil ließ nicht ab. Es riß ihn in die Höhe, preßte ihn an den rauhen Felsen, dessen Buchtungen, Muschelhöhlungen, Spitzen und Rauheiten Griffe und Tritte gaben, es überhaupt nur ermöglichten, die hohe, gerade Wand zu erklimmen.

Joachim machte krampfhaft von allen Gliedern Gebrauch. Einen Augenblick darauf lag er halb auf den Armen, halb auf den Knien oben auf dem Absatz.

Doch sofort ging es weiter. Eine zweite, ähnliche Wand folgte. Als Joachim sie sah, fühlte er wieder den Wunsch, umzukehren. Doch der Platz, auf dem er stand, war so luftig, daß er es gar nicht wagte, sich auch nur umzublicken. Und da der andere eben dort oben verschwunden war, so war sein einziger Gedanke: nur fort von hier, lieber zu ihm hinauf, nur nicht allein sein, ohne seine Hilfe, denn was sollte sonst aus mir werden.

Die Wand wurde überwunden wie die erste. Aber als Joachim oben stand, umklammerte er mit von der Anstrengung bebenden Armen den Professor, krampfte sich an ihn und fragte stammelnd:

»Geht's noch lange so weiter?«

Der Professor lächelte und klopfte ihm auf die Schulter, denn sie hielten sich noch immer umfaßt:

»Wir sind ja bald oben!«

Dörstling atmete auf:

»Kommt schon der Gipfel?«

Professor Hallbauer zeigte hinauf, und jetzt, zum ersten Male, blickte sich Joachim um. Dort über ihnen erhob sich noch eine zerzackte, aus einzelnen kaum oder nur lose verbundenen Türmen bestehende Felsmauer: die Schusterkrone. Und beim Anblick dieser roten, scheinbar jedes Angriffes spottenden Wände überkam ihn, der trotz seines Führers schon fast über seine Fähigkeit gegangen, eine solche gemeine, niederträchtige Angst, ein Gefühl, daß er sich hätte fragen mögen, welcher Irrsinn ihn nur hierhergeführt, daß er zu zittern begann, und er rief, indem er sich an den großen, starken Mann schmiegte, der ihn hielt:

»Mein Gott, was sollte aus mir werden ohne dich!«

Der Professor lächelte. Er überredete Joachim, es sei alles Gewohnheit und wirklich nichts Besonderes dabei. Er solle nur Vertrauen haben, sie wären gleich oben.

Dann ließ er ihm gar nicht Zeit, länger nachzudenken, sondern nahm das Seil kurz, schritt voraus, kletterte, ließ Joachim nachsteigen durch Rinnen, kleine Kamine, über Stufen und Absätze.

Dem lief der Schweiß vom Gesicht. Er blieb hängen mit den Ärmeln und Schößen seines Rockes, der vielleicht eine Spur zu lang war. Darum blieb der Professor stehen an einem gesicherten Fleck, wo sie beide gut nebeneinander Platz hatten:

»Warte mal. Dem wollen wir gleich abhelfen. Zieh mal ruhig deinen Rock aus. Jetzt hindert er, und auf dem Gipfel ist's kühler, da hängst du ihn dann um!«

In einem Augenblick war der Rock herunter, und Joachim mußte ihn dem Professor zusammengeballt hinten in den Rucksack stecken. Er sträubte sich nicht. Er war ganz willenlos. Hier oben war er des andern Sklave.

Ein letzter Kampf. Fast Verzweiflung. Ein Anziehen des Seiles. Ein Zureden. Die Höhe bis zum Gipfel ward geringer. Der Professor kletterte die letzte Turmwand empor. Er hangelte sich hinauf, setzte sich oben und zog Joachim bis dicht heran. Er bezeichnete immer Fuß und Hand, die er so oder so gebrauchen mußte, dann erschien auch Dörstlings Kopf am Gipfel.

Am schmalen Gipfel, denn auf der andern Seite stürzte er ins Innerfeld ab in unergründliche Tiefen. Joachim prallte zurück. Er hatte an einen Gipfel gedacht wie den des Cristallo und fand sich nun, nachdem der Professor ihn mit Gewalt zum Steinmann gezogen, auf einem schmalen Grat, der ihm nur so groß erschien wie etwa ein lang ausgezogener Eßtisch und nach allen Seiten furchtbar niedersank. Aber jetzt war ihm alles einerlei. Er war oben. Gott sei gelobt: er war oben. Sofort kauerte er sich neben dem Steinmann nieder, an dem er sich hielt, als müsse er wenigstens irgend etwas Festes in der Hand haben.

Der Professor aber blieb an der schmälsten Stelle, von wo es rechts und links lotrecht abstürzte, ruhig stehen und blickte lächelnd befriedigt in die Runde: wieder einmal oben, dort oben!

In der Ferne war nichts zu sehen, überall lagen Wolken, ja die nächsten Berge sogar, drüben jenseits des Innerfeldes, der vielgezackte Haunold, auf der andern Seite der scharfe Elfer, der furchtbare Zwölfer und drüben im Süden die drei Zinnen: alle trugen sie dichte Wolkenhauben, schwarz, drohend. Vom Pustertal, ja vom nahen Fischleintal sogar, war kaum etwas zu erblicken. Nur der grüne Talboden des Innerfeldes schimmerte aus märchenhafter Tiefe herauf.

Tief hingen die Wolken herab. Der Himmel schien auf die Erde langsam niederzusinken. Ab und zu zogen die Nebel hin und her, wälzten sich, rollten hin.

Und alles schwieg. Kein Laut drang herauf von Menschentreiben, Haß oder Liebe. Die beiden waren ganz allein, allein mit der großen, keuschen Natur.

Da erinnerte sich der Professor, als ein kalter Hauch aus der dunstigen Tiefe heraufblies, daß er ja den Rock Dörstlings noch im Rucksacke hatte. Er warf den Schnerfer ab unö öffnete ihn bedächtig. Das Kleidungsstück kam zum Vorschein. Der Professor ergriff es zusammengeballt, wie es Joachim hineingesteckt. Ruckweise zog er es heraus. Das Futter war nach außen. Die Brusttasche stülpte sich um. Ein Papier fiel heraus. Klaras Brief.

Sofort hatte der Professor die Schriftzüge seiner Frau erkannt. Auch Joachim blickte hin, und instinktiv griff er zu, um den Brief zu verbergen. Doch der Professor zog den Rock fort. Das Papier schnellte heraus und glitt, ehe einer von beiden zufassen konnte, über die schmale Felskante in die gähnende Tiefe.

Sie starrten ihm beide nach, und der Professor rief, während seine Züge starr wurden:

»Was war das?«

Joachim saß da, aschfahl:

»Nichts, gar nichts!«

»Ein Brief meiner Frau?«

Keine Antwort. Er wiederholte:

»Ich sage, das war ein Brief meiner Frau!«

»Nein!«

»Lüge nicht!«

Joachim klammerte sich an die großen Platten des Steinmanns und nahm allen Mut zusammen:

»Warum sollte ich lügen?«

Plötzlich packte ihn der Professor bei der Schulter. Durch die Brille glühte sein Auge, unnatürlich vergrößert, Hand und Stimme zitterten:

»Was hast du mit meiner Frau?«

Joachim lehnte sich ganz zurück:

»Nichts … nichts.«

Doch der gewaltige Mann hatte mit einem Male die Wahrheit erfaßt. Wie ein Blick seiner Frau damals am Cristallo ihn so betroffen, daß er zu ahnen begonnen: es ging etwas vor, so gestaltete sich ihm in einer einzigen, blitzartigen Überlegung alles, was er unbewußt erlebt, zur Erkenntnis der Wahrheit. Jede Kleinigkeit stand ihm vor Augen und fügte sich zu einem Bilde: Verstimmungen der beiden; der Wandel, der mit Dörstling vor sich gegangen, seit er in ihr Haus gekommen; die Freundschaft, die doch eigentlich keine Freundschaft war, denn er hatte mit dem Schulfreunde kaum Berührungspunkte gehabt. Sie verstanden sich eigentlich nicht, er, der arbeitsame Mann der Wissenschaft, und der andere, der Bade- und Table-d'hote-Gast, der Süßholzraspler, der nur von seinen Renten lebte.

Der Professor fragte mit heiserer Stimme:

»Was hast du mit Klara gehabt?«

Joachim lag das Entsetzen in den Gliedern. Er wußte, hier konnte er ihm nicht ausweichen, hier war er nicht imstande, nur einen Schritt allein zu tun, und er wagte nicht zu antworten.

Doch da stürzte sich der andere auf ihn, als wollte er ihn packen und die Felsen hinunterwerfen, und in Todesangst schrie Joachim laut auf.

Der Professor aber blickte ihn an:

»Sage mir, hast du mit Klara etwas gehabt? Wenn du lügst, schmeiße ich dich hinunter, hörst du! Wenn du aber die Wahrheit sagst …«

Und jetzt nahm seine Stimme einen feierlichen Klang an, während er Joachim, der ihn in grauenvoller Todesangst anstarrte, in die Augen sah, als wolle er sein Innerstes ergründen:

»Wenn du die Wahrheit sagst, lasse ich dich los und tue dir nichts. Ich schwöre es dir bei Gott dem Allmächtigen …!«

Joachim fühlte, sein Leben hing an der Antwort. Er fühlte, und wäre er selbst unschuldig gewesen, der Furchtbare hätte ihn getötet, wenn er es behauptet.

Darum rief er, während er fühlte, wie sich des Professors eiserne Finger in seine Schulter und Kehle gruben, als gälte es, einen Griff am Felsen zu umspannen:

»Ich … ich will antworten.«

Und er keuchte:

»Ich kann nichts … konnte nichts … es kam … es war Zufall … ich brachte das Kästchen und …«

Der Professor ließ ihn nicht weiterreden. Er schrie ihn an:

»Ja oder nein … ja oder nein …«

Schon hob er den ermatteten, schwächlichen Körper an den Rand des Absturzes, als wollte er ihn im nächsten Augenblick in der Tiefe zerschellen lassen, da rief Joachim in letzter Todesnot verzweifelt:

»Ja!«

Augenblicklich ließ der Druck nach. Der Professor richtete sich steil auf. Er wich zurück vor dem auf der schmalen Felsklippe Liegenden. Er sah ihn an wie etwas Entsetzliches, etwas Ekelerregendes, das einem die tiefste Verachtung einflößt.

Aber der Zorn loderte in ihm empor. Er tat einen Schritt, sich auf Joachim zu stürzen. Der aber kreischte mit angstverzerrten Zügen:

»Dein Eid … dein Eid!«

Der Professor stand einen Augenblick unschlüssig da. Dann war es, als käme ihm plötzlich ein Gedanke, und er sagte langsam, jedes Wort wägend, indem keuchend sein Atem ging:

»Keine Furcht! Ich halte, was ich versprochen habe. Gut! Gut! Ich stürze dich nicht hinunter. Nein. Aber ich kenne dich nicht mehr. Ich töte dich nicht. Ich fordere dich auch nicht, wie das wohl einer täte. Ich verklage dich auch nicht vor Gericht. Haha. Wegen einer Frau. Haha. Wegen einer falschen Frau! Nein, denn, hörst du, ich bin dir fremd. Ich kenne dich nicht mehr.«

Dabei zog er blitzschnell sein schweres, haarscharfes Touristenmesser aus der Tasche und schnitt dicht an seines Gegners Leibe das Sanfgeflecht durch, das sie verband. Dann griff er an seinen Gürtel und löste den Knoten. Als er das Ende in der Hand hielt, fuhr er fort:

»So, hiermit sage ich mich los von dir. Zwischen uns ist keine Gemeinschaft mehr. Ich löse das Seil zwischen uns beiden. Nun – hilf dir selbst!«

Dabei warf er das Seil in den gähnenden Abgrund hinaus, das, zusammengeringelt wie eine Schlange, in der Tiefe verschwand.

Joachim halte mit steigendem Entsetzen seinen Worten zugehört. Jetzt erfaßte er den Sinn, und das Grauen ging ihm durch Mark und Bein. Es überlief ihn eisig, dann glühend heiß. Er richtete sich auf. Er wollte dem Freunde nachstürzen, ihn um Verzeihung bitten, ihn anflehen, ihn nicht allein zu lassen auf diesem furchtbaren Felsen. Doch er brachte nur einen Schrei aus der Kehle, einen gellenden, markerschütternden, machtlos, ungehört verhallend in der Todeseinsamkeit der Berge.

Der andere hatte sich schon gewendet, schritt über den schmalen Gral und begann an den Wänden niederzusteigen. Es war ihm gleich einem Gottesgericht. Er tat dem Manne, der seine Ehe gestört, nichts. Mochte Gott entscheiden. Mochte er dem, der dort oben zurückblieb in jämmerlicher Todesangst, seine Engel senden, ihn sicher hinunterzugeleiten ins Tal, mochte er ihn, den Feigen, der nur Mut genug gehabt, eine Ehe zu brechen, versuchen lassen, ob er hinunterkäme, und ihn stürzen in langem Kaskadenfalle von Wand zu Wand. Mochte er ihm im hilflosen Entsetzen die Sinne verwirren. Er rührte ihn nicht an. Er stürzte ihn nicht von der Felsenwand, aber kein Gesetz dieser Erde konnte ihm gebieten, ihn sorgsam herabzuführen zu der Frau, die jener dort ihm abgewendet.

Und der Professor eilte hinunter, wie er noch nie über Felsen gegangen. Er kletterte nicht mehr. Er rutschte und sprang. Sein Geist war nicht dabei. Er kümmerte sich nicht um den Weg. Er wußte nicht, wohin er geriet.

Sein Pfadfindertalent schlief. Seine Hände hielten nicht fest, so zitterten sie in furchtbarer Erregung. Seine Füße lasteten nicht nach den Griffen, sondern glitten und rasteten, wo es gerade kam.

Die Wolken waren immer tiefer niedergesunken. Sie hatten den Berg in dichte Nebel eingehüllt. Langsam öffneten sie sich und näßten jetzt als feiner Niederschlag das Gestein. Die Felsen wurden feucht und glatt, doppelte Vorsicht gebietend.

In immer schwerere Wände verstieg sich der Rasende. Er merkte es nicht. Ihm war alles gleich. Er dachte an andere Dinge als an den Weg über Abgründe, den er wandelte: seine Klara war verloren, seine Klara gehörte ihm nicht mehr. Was galt nun noch sein Leben? Was wollte er zu Haus? Wozu das alles?

Plötzlich glitt er an einer ganz leichten Stelle aus. Er hatte nur mit einem Fuße Stand gehabt, der war fort. Er machte keinen Versuch, sich zu halten. Nur ein leises »Ach!«, ein schmerzliches, müdes, kam aus seinem Munde, wahrend er fiel.

Und die Temperatur sank, der Regen ward zu Schnee, und der Schnee ward zu Eis. Die Felsen überzogen sich mit glitzernder Glasur. Lautlos fielen die Flocken, dicht, weiß, ununterbrochen. Sie hüllten bis tief hinunter die ganze Bergeswelt ins Winterkleid.

Für lange Tage waren die Touren aus, Pickel und Seil und Kletterschuhe ruhten. Kein vorwitziger Menschentritt störte mehr die grenzenlose Einsamkeit der großen Höhen.