Augenblicke in Griechenland

Die Reise nach Griechenland ist von allen Reisen, die wir unternehmen, die geistigste. Hierher am wenigsten schickt uns halbsinnliche Neugier, die der geheime Untergrund so vieler Reisen ist und immer gewesen ist, und wir sind fast befremdet, wenn uns Griechenland, schon ehe wir es betreten haben, mit dem empfängt, woran wir hier am wenigsten gedacht hätten: einem bezaubernden, ganz orientalischen Duft, gemischt aus Orangenblüten, Akazien, Lorbeer und Thymian.Es ist eine geistige Pilgerschaft, die wir unternommen hatten, und wir hatten vergessen, daß diese Landschaft einen anderen Duft aushauchen könnte als den der Erinnerungen. Dem, was wir sehen wollen, hebt sich zu viel geistige Ungeduld entgegen; wir tragen zu viele Seelen in uns, die ihre Aspiration nach diesen Hügeln und Tempeltrümmern mit der unseren vermischen. Wir kommen an, verloren in einem Bündel schattenhafter Gefährten. Aber wie wir den Fuß auf diesen Strand setzen, das wirkliche Gestein unter unserer Sohle fühlen, die sonnige und frische Luft einziehen, lassen sie uns alle im Stich. Wir stehen im Vorhof unserer Sehnsucht und wir fühlen, daß wir unsere Führer verloren haben. Bis vor kurzem noch, als das Schiff sizilisches, »großgriechisches« Gewässer befuhr – war Goethe mit uns. Er bleibt zurück, wie der italische Strand hinter uns zurückbleibt. Mit einem Mal fühlen wir ihn als Römer. Der große Kopf der Juno Ludovisi steht zwischen uns und ihm. Wir erinnern uns, daß er nie eine wirkliche Antike, nie ein Bildwerk des fünften Jahrhunderts gesehen hat, und die Serenität, in die er mit Winckelmann sein Altertum tauchte, ist uns die Verfassung eines bestimmten Augenblicks der deutschen Seele, nichts weiter.Aber auch die großen Intellektuellen des letzten Jahrhunderts, die uns eine dunklere und wildere Antike enthüllt haben – auch ihre Intuition hat plötzlich nicht mehr die gleiche Leuchtkraft. Burckhardt, sein Landsmann Bachofen, Rohde, Fustel de Coulanges – unvergleichliche Interpreten des dunklen Untergrundes der griechischen Seele, starke Fackeln, die eine Gräberwelt aufleuchten ließen –, aber hier ist etwas anderes. Hier ist keine Grabhöhle, hier ist so viel Licht: und sie haben nicht in diesem Licht geatmet. Alle ihre Visionen nehmen in diesem Glanz eine Bleifarbe an; wir lassen sie zurück. – Der erste Eindruck dieser Landschaft, von wo man sie betrete, ist ein strenger. Sie lehnt alle Träumereien ab, auch die historischen. Sie ist trocken, karg, ausdrucksvoll und befremdend wie ein furchtbar abgemagertes Gesicht: aber darüber ist ein Licht, dessengleichen das Auge nie zuvor erblickt hat und in dem es sich beseligt, als erwache es heute erst zum Sinn des Sehens. Dieses Licht ist unsäglich scharf und unsäglich mild zugleich. Es bringt die feinste Einzelheit mit einer Deutlichkeit heran, einer sanften Deutlichkeit, die einem das Herz höher schlagen macht, und es umgibt das Nächste – ich kann es nur paradox sagen – mit einer verklärenden Verschleierung. Es ist mit nichts zu vergleichen als mit Geist. In einem wunderbaren Intellekt müßten die Dinge so daliegen, so wach und so besänftigt, so gesondert und so verbunden – wodurch verbunden? – nicht durch Stimmung, nichts ist hier ferner als dies schwimmende, sinnlich-seelische Traumelement – nein: durch den Geist selbst. Dies Licht ist kühn und es ist jung. Es ist das bis in den Kern der Seele dringende Sinnbild der Jugend. Bisher hielt ich das Wasser für den wunderbaren Ausdruck dessen, was nicht altert. Aber dieses Licht ist auf eine durchdringendere Weise jung.Man sagt mir: dies ist das Licht Kleinasiens, das Licht von Palästina, von Persien, von Ägypten, und ich verstehe die Einheit der Geschichte, die seit Jahrtausenden unser inneres Schicksal bestimmt. Troja – die Zehntausend unter Xenophon – Kleopatra – und noch die byzantinische Theodora – alle diese Abenteuer werden über die Jahrtausende hinweg verständlich und einheitlich wie die Teile einer einzigen Melodie. Die Listen des Odysseus, die Ironie Platons, die Frechheit des Aristophanes: es ist eine wunderbare Identität in dem allen, und die Formel solcher Identität ist dieses Licht.Was in diesem Licht lebt, das lebt wirklich: ohne Hoffnung, ohne Sehnsucht, ohne Grandezza: es lebt. »Im Lichte leben«, das ists. Aus diesem Lichte gehen, zum Schatten werden, das war das Furchtbare, dagegen gab es keinen Trost. »Lieber ein Knecht droben, als Achilles hier« – wer dieses Licht nicht gesehen hat, versteht nicht ein solches Wort... Ich sehe von einem Hügel aus irgendwo an einem Abhang ein paar Ziegen. Ihr Klettern, ihr Kopfheben, dies alles ist wirklich und zugleich wie vom geistreichsten Zeichner gezeichnet. Zu ihrem Animalischen haben diese Geschöpfe etwas Göttliches hinzu, aus der Luft: dieses Licht ist die unaufhörliche Hochzeit des Geistes mit der Welt. Ein steiler Gipfel, ein paar Pinien – ein kleines Weizenfeld – ein Baum, dessen alte Wurzeln das zerklüftete Gestein umklammern – eine Zisterne, ein immergrüner Strauch, eine Blume: das Einzelne hat keine Aspiration, sich mit dem Ganzen zu vermischen, es lebt für sich, aber in diesem Licht ist Für-sich-sein nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit. Hier oder nirgend ist das Individuum geboren: aber zu einem göttlichen und geselligen Geschick. In dieser Luft ist man herrlich ausgesondert – aber man ist nicht verlassen, so wenig als einer der Götter verlassen war, wenn er wo immer auftauchte oder durch die Luft dahinfuhr. Und hier sind alle Wesen Götter. Diese Pinie, schön wie eine Säule des Phidias, ist eine Göttin. Diese Frühlingsblumen, die Duft und Glanz von einem Wiesenhang herab ausstreuen – man hat es gesagt und man hat es mit Recht gesagt: sie stehen da wie die kleinen Götter.Hier ist der Mensch geboren worden, wie wir ihn verstehen: denn hier ist das Maß geboren worden. Die Proportionen eines Tempelüberrests, dreier Säulen mit einem Trümmer des Giebels, zu einer einzelnen Eiche, die daneben ihre laubige Krone gegen Himmel stemmt, dies ist so schön, daß es, wie die tiefsten Harmonien der Musik, fast die Seele spaltet; der Himmel selbst, die Höhe des scheinbar festen Gewölbes, ist irgendwie in die herrliche Berechnung einbezogen; tritt ein Mensch zwischen die Säulen, ein Bauer, der dort ein bißchen Schatten sucht, um aus der Faust seine Mahlzeit zu verzehren, oder ein Hirt mit seinem Hund, so wird die Herrlichkeit so vollkommen, daß sich uns die Brust überm Herzen erweitert. Nichts, was wir von ihren Kulthandlungen wissen, spricht unmittelbar zu unserer Einbildungskraft; ihre Zeremonien, soweit die Archäologie sie uns erschließt, sind uns unerquicklich wie der Anblick von Tanzenden für den, der die Musik nicht hört. Nichts von ihren Mysterien ist uns faßlich als dies eine: das Verhältnis des menschlichen Leibes zum steingebauten Heiligtum.Der Blick von Akrokorinth umfaßt zwei Meere mit vielen Inseln, die Schneegipfel des Parnaß, die Berge von Achaia: das Licht schafft etwas aus diesem allen, eine Ordnung, die das Herz beseligt; wir haben kein besseres Wort dafür als Musik: aber es ist mehr als Musik. – Welche Lektion gibt dieses Licht dem denkenden Betrachter! Keine Übertreibung, keine Mischung – erblicke jedes für sich, aber erblicke es in seiner ursprünglichen Reinheit. Sondere nicht, dränge nicht eins zum andern: es ist alles gesondert, alles verbunden; bleibe gelassen; atme, genieße und sei.Nichts ist schwerer, als in dieser Landschaft zu erraten, ob eine Gestalt nahe oder ferne sei. Das Licht macht sie deutlich und vergeistigt sie zugleich, macht sie zu einem Hauch. Aber die Kraft einer Gebärde auf hundertfünfzig Schritt ist groß; ein Handwink des Agogiaten ruft aus seiner fernen Felsenspalte den Hirten mit seinem Wasserschlauch herbei. Wunderbar zu denken, wie in diesem Licht die Schiffskapitäne in der Schlacht von Salamis von ihren bunten hölzernen Kommandobrücken herab die Befehle gaben, die man im Brüllen und Krachen der Schlacht von keiner menschlichen Stimme hätte empfangen können, und wie griechische Augen, in dieser Atmosphäre von vibrierendem Silber die ausgereckte Hand des Themistokles suchend, gegen Abend das Geschick der Welt entschieden.Die homerischen Götter und Göttinnen treten fortwährend aus der hellen Luft hervor; nichts erscheint natürlicher, sobald man dieses Licht kennt. Wir sind aus dem Norden, und das Halbdunkel des Nordens hat unsere Einbildungskraft geformt. Wir ahnten das Mysterium des Raumes, aber wir hielten keine andere Art, diese zu verherrlichen, für möglich, als die Rembrandts: aus Licht und Finsternis. Aber hier erkennen wir: es gibt ein Mysterium im vollen Licht. Dieses Licht umfängt Gestalten mit Geheimnis und mit Vertraulichkeit zugleich. Es sind nur Bäume und Säulen, die unser Blick in diesem Licht umarmt: zuhöchst die stummen Leiber der Trägerinnen am Erechtheion, die halb Jungfrauen sind, halb noch Säulen, und doch ist ihre leibliche Schönheit in diesem Licht von bezwingender Gewalt. Aber die Götter und Göttinnen waren Statuen aus Fleisch und Blut, aus ihren Augen unter der schweren, beinahe harten Stirn loderte das Feuer des Blutes, und in dieser Luft, die um jede Gestalt, und wäre es die eines blühenden Zweiges, einen Schleier legt von Ehrfurcht und von Begehren zugleich, erahnen wir den Blick, mit dem Paris, der einsame Hirt, die drei Göttinnen maß, als sie aus der blitzenden Luft auf ihn zutraten, geschwellt von Stolz und Eifersucht aufeinander und willens, alles zu bieten, um den Siegespreis zu gewinnen.Welche Situation! – und trägt sie nicht, wie ein Diamant, den keine daraufgelegte Last zermalmt, das ganze ungeheure, finstere Geschehen der Ilias? – Ja, diese Mythen sind noch in einer anderen Weise wahr, als wir ahnten. Wir liebten sie als die Erzeugnisse der harmonischsten Einbildungskraft: aber es ist mehr, als wir wußten, von der Magie in ihnen, die unmittelbar aus dem Wirklichen auf den Menschen eindringt. Bevor den Parnaß der erste Strahl der Sonne trifft, legt sich wirklich ein Etwas von der Farbe der Rose auf seinen höchsten Gipfel – genau die Farbe vom lebendigen Fleisch der Rose, zwei Finger von der Hand einer Frau, die sich auf einen Schiffsbord legen, und ebenso leicht wie die Bewegung einer Frauenhand, und es kostet hier weniger Anstrengung der Phantasie, die Eos mit Fingern aus Rosen jenseits gegen Westen fortfliegen zu sehen, schnell wie eine Taube – als sich im Halbdunkel unserer ewigen Winternachmittage eine blühende Hecke vorzustellen. *  Aber es ist keine Reise nach dem Pittoresken, die wir unternommen haben. Wir suchen hier einen höchsten Moment der Menschheit. Wir wollen Feste mitfeiern, die in ihrer Strenge und Schönheit an das Erhabene streifen. Was wir mehr erraten als erfahren haben, wenn wir unseren Äschylus entzifferten – wir wollen unmittelbar, ja leiblich daran teilhaben. Ungeduld regt sich in uns, unbezähmbar, ein geistiges Höchstes in Gestalten gewahr zu werden; eine Ungeduld, darin sich der Drang von wie vielen Geschlechtern verdichtet – und ist es nicht Schillers kühne und große Seele vor allem, die in uns aufsteht? – Seine Visionen der Antike, diese immer sich wiederholende stürmische Forderung, irgendwo auf Erden die Idee des Schönen, die zu erfassen sein inneres Auge so stark war, verkörpert zu finden – nichts darf weniger als diese Dinge verwechselt werden mit dem verantwortungslosen »Geschriebenen« des durchschnittlichen Literaten: Schiller glaubte, was er schrieb, und er warf sein ganzes Ich wie eine Fahne weit vor sich hin ins Getümmel einer ewigen geistigen Schlacht, worin Zukunft und Vergangenheit sich vermischt und in der an irgendeiner Stelle auch wir stehen.Ein geistiges Höchstes an leiblichen Spuren zu erkennen – hier auf griechischem Boden verliert die Forderung ihr Übermäßiges, beinahe Unverschämtes. Unter diesem Licht ist ja wirklich das Geistige leiblicher und das Leibliche geistiger als irgend sonst auf der Welt. Eine Ode des Pindar, die den Faustkampf verherrlicht, wenn man sie unter diesem Himmel aufblättert, so rückt der Kampf selber, das gewaltige Ringen und Schlagen Leib gegen Leib wie von selbst in die wahre Mitte dieses silbernen Feuers von Poesie. Durch den olympischen Festplatz, wo sie einander trafen, rücken Athen, von dem wir so viel zu wissen glauben, und Sparta, von dem wir so wenig wissen, näher aneinander. Wir ahnen, daß sie beide Griechen waren und daß es im höchsten Sinne griechisches Leben war, wie sie einander umschlangen und bis zum beiderseitigen Tod gegeneinander rangen. – Unsere abgeblaßte Winckelmannsche Vision, die das Schöne zu nahe an ein Anmutiges, und an ein entnervtes Anmutiges, herangebracht hatte zu nahe an Canova! – und die noch immer irgendwo in uns lauert, hatte uns vergessen machen, wie eng die Schönheit mit der Kraft verschwistert ist und die Kraft mit allem Furchtbaren und Drohenden des Lebens – wie könnte sie sonst das Leben auf die Knie zwingen!Hier aber vor diesen gewaltigen Resten erinnern wir uns, daß Kastor und Pollux die Brüder Helenas und daß sie Gasträuber, Frauendiebe und gewaltige Faustkämpfer waren. Wenn wir hier die Antigone denken, so schwören wir: sie war eine Schwester des Achill, und der Trotz, mit dem sie sich ihrem König gegenüberstellt, ist nicht von geringerer Urkraft als der, welcher den Sohn der Thetis in seinem Zelt verharren ließ, dem Oberfeldherrn und hundert Fürsten in die Zähne. Diese Epheben ohne Namen, diese »Tauschwestern« von der Akropolis, diese Korai, junge mannbare Priesterinnen, hervorgegraben aus dem Schutt der persischen Zerstörung – es sind herrliche Wesen, gewaltige vor allem. Es ist etwas Unerreichbareres an ihnen, etwas Unfaßlicheres als an den schönsten gotischen Figuren, aber auch etwas Kompletteres: wir begreifen sie kaum – aber nie zuvor wurde durch einen leiblichen Anblick das Geistige und Leibliche in uns in der tiefsten Wurzel, dort wo sie eins sind, so erschüttert. Diese Komplettheit ist das letzte Wort der Kultur, in der wir wurzeln: hier ist weder Okzident allein, noch Orient allein; und wir gehören beiden Welten an.Vielleicht erfassen wir eine ganze Gestalt, die in Marmor vor uns aufsteht, noch immer mit einem romantischen Blick. Vielleicht leihen wir ihr zuviel von unserer Bewußtheit, von unserer »Seele«. Wir wollen uns in acht nehmen, die unendlich verschiedenen Welten nicht zu vermischen. Aber auch ein nüchterner, nur sehr aufmerksamer Blick, geheftet auf eines dieser Trümmer: einen Arm mit der Hand, eine halbentblößte Schulter, das eine Knie einer Göttin unter dem fließenden Gewand: auch dieser nüchterne, jedes Mitschwingen ablehnende Blick füllt sich nach wenigen Sekunden mit dem Gefühl dieser Komplettheit, an der Geist und Sinne den gleichen wunderbar ausgeglichenen Anteil haben. Diese Hände, so schön als stark, und so ohne Ostentation der Kraft oder der Schönheit, wie berechtigen sie das Wort des Anaxagoras: der Mensch sei das klügste der Tiere darum: weil er Hände besitze. Wie spielt in diesen wunderbaren Organen des Körpers derνουχ des Anaxagoras sein freies Spiel. Organe, Werkzeuge, sie sinds, aber keine dumpferen, keine ungeistigeren als die Worte. Beim Anblick dieser wendsamen, mit Kraft trächtigen, klugen fürstlichen Glieder enthüllt sich uns, wie eine Kette von Berggipfeln aufblitzend, die philosophische Gedankenwelt der Griechen. Wahrlich, hier führen die geistigen und die leiblichen Spuren 
      einen Weg: und sie alle führen in die Höhle des Löwen. *  Die griechische Landschaft, wie sie heute ist, kann den ersten Blick enttäuschen, aber nur den ersten. Das heutige Griechenland ist ein entwaldetes Land, und daher eine gewisse Härte der Konturen, die freilich das Licht mit seinem geistreichen zarten Leben umspielt. Aber vergeblich suchen wir die »schwellenden Hügel«, die Fallmerayer vom Meeresstrand landeinwärts bezauberten, oder das Dickicht von Edelkastanien, Platanen und Eichen, tausend Sträucher dazwischen, in das er von einer Bergklippe sich herunterließ. Aber die schwellenden Hügel waren in der Umgebung von Trapezunt; in das Baumdickicht blickte er vom Athoskamm herab; noch heute hat die Halbinsel Volo, das geschonte Reservat der Sultanin-Mutter durch Jahrhunderte, ihre berühmten Kastanienwälder; dies alles liegt außerhalb des eigentlichen Griechenland. Attika aber hatte nur mehr einen einzigen kleinen Wald, und diesen hat man während des Krieges angezündet, um den König, dessen Landhaus in der Mitte stand, zu beseitigen; das einstige »laubreiche Böotien« ist eine steinige Mulde, mit einem Weizenfeld, einem Olivenhain da und dort. Aber diese harte und dürre Landschaft trägt Elemente von Schönheit in sich, deren Erinnerung sich nie verwischt. –Ich habe den Boden von Sparta nicht betreten und nur vom weiten die Gipfel des Taygetos durch die Luft blitzen sehen, aber ich habe mehr als einmal im Abstand von Jahren die Seiten gelesen, die Maurice Barrès darüber geschrieben hat und die die schönsten sind in dem schönen Buch, das er »Reise nach Sparta« nennt. Sie sind das vollkommene Beispiel einer Beschreibung, die enthusiastisch und zugleich beherrscht ist. Sie malen zugleich ein Gebirge und die Seele eines nicht gewöhnlichen Menschen, der dieses Gebirge betrachtet; die Zacken und Schlünde des Taygetos sprachen zu diesem Politiker, diesem Zerebralen und Visionär, eine Sprache, die völlig aufzufassen seine Seele organisiert ist. Nichts ist weniger vag oder sentimental als der Stoß, den er vom ersten Anblick dieser Bergkette empfängt: der Taygetos rührt ihn an, wie den jungen Achill, der unter den Frauen von Skyros versteckt war, der plötzliche Anblick von Schwert und Lanze. Seine Beschreibung ist, wie jedes Werk eines wahren Autors, einmalig und unübersetzbar. Ich fühle, wie ich sie verderbe, und kann doch nicht umhin, um des Gegenstandes willen, den einen entscheidenden Absatz hier herzusetzen. »Die Talbreite von Lakedämon, darin in zu weitem Kieselbette als ein geringer Fluß der Eurotas hinstreicht, wird gegen Osten vom Menelaiongebirge, gegen Westen vom Taygetos abgeschlossen; sie mißt in der Breite ein paar Kilometer; sie wirft sich in Windungen hin; zwischen harte Hügel legen sich seitlich kleine lachende Täler; dies Biegsame, die Seele Rufende, dies Dahinflüchtende wiederum, verbindet sich gut mit dem rötlichen Menelaion, der in pathetischen Terrassen aufsteigt; aber all diese Romantik weicht zurück vor der geruhigen Erhabenheit des Taygetos.Der Taygetos lagert auf einem machtvollen Sockel, der dem Auge Falten von Dunkelheit bietet; in seinen unteren Bereich graben sich tiefe Schlünde, angefüllt mit bläulicher Finsternis und mit Wäldern und aufragende Klippen und starke Bastionen waffnen ihn. Diese gewaltigen Vorwerke treten, gleichwie im Angriff, in die Ebene vor, und wie sterbende Heroen sieht man an den Hängen einzelne Dörfer kriegerisch hinsinken. Über solchem Fundament heben sich furchtbare Schroffen, über diesen, als ein dritter Bereich, türmt sich die Region der Gletscher und der Lawinen, und darüber noch, zuhöchst, ordnet sich die Kette der Steilgipfel, bewundernswert in der Mannigfaltigkeit der Formen ... Welch eine Kraft und welch eine Größe im Aufsteigen dieses Berges, wie gelassen drückt er seine Wucht auf die Ebene, die wollustflüsternd seinen Fuß umschlingt, und wie wirft er sich in sieben schneeigen Spitzen gegen Himmel! Nie wird die Kühnheit eines Schriftstellers genugsam diesen Glanz und diese Kraft im Wuchtenden zu geben vermögen, nie diese entschiedenen, ganztönigen, jeden Mischton verschmähenden Farben, nie die großartigen wesenhaften Unterschiedenheiten, die sich mit Gelassenheit vom Wohnbezirk der blühenden Orange bis zur funkelnden Eiswand aufeinander stufen ...«Ich will nicht unternehmen, den Versuch einer zweiten Beschreibung, die das Heroische der griechischen Landschaft zum Gegenstand hätte, neben diese Zeilen zu setzen, die alles sagen, was man, ohne ins Romantische abzuschweifen, von dieser Landschaft sagen kann; und es sind ja die Hänge des Taygetos, an die unsere Phantasie – und auch die Goethes – die Hochzeit Fausts und Helenas hinlegt. Aber ich habe einmal versucht, ein sanfteres Element dieser Landschaft zu beschreiben, und ein solches, das sich öfter wiederholt, so daß, wer in Griechenland gereist ist, an diese oder jene der Landschaften sich möchte erinnert fühlen: ich meine das abendliche Annahen an ein einsam gelegenes Mönchskloster, und ich will mir und denen, die diese Zeilen lesen, jene noch dem zarten Erlebnis nahe Beschreibung heraufrufen.»... Wir waren an diesem Tage neun oder zehn Stunden geritten, und nichts war uns begegnet in der flachen steinigen Mulde des bergan ziehenden Hochtales als ein Hirt dann und wann, mit seinen Schafen, oder zwischen kleinen duftenden Sträuchern eine Schildkröte, die sich übern Weg zog. Gegen Abend zeigte sich in der Ferne ein Dorf, aber wir ließen es zur Seite. Jetzt kam Geläute von Herden aus der Ferne und Nähe, die Maultiere gingen lebhafter und sogen den Duft ein, der aus dem enger werdenden Tal entgegenkam: von Akazien, von Erdbeeren und Thymian. Man fühlte, wie die bläulichen Berge sich schlossen und wie dieses Tal das Ende des ganzen Weges war. Wir ritten lange zwischen zwei Hecken aus wilden Rosen, dann zwischen niedrigen Mauern; dahinter waren Fruchtgärten; ein alter Mann, mit einem Gartenmesser in der Hand, watete bis an die Brust in blühenden Heckenrosen. Das Kloster mußte ganz nahe sein, und man wunderte sich, es nicht zu sehen: da öffnete sich in der Mauer zur Linken eine kleine Tür, in der Tür lehnte ein Mönch. Er war jung, hatte einen blonden Bart, von einem Schnitt, der an byzantinische Bildnisse erinnerte, eine Adlernase, ein unruhiges blaues Auge; er begrüßte uns, indem er sich neigte und beide Arme ausbreitete. Wir saßen ab, und er ging uns voran. Wir traten in einen Gang, in ein Zimmer, traten auf den Balkon des Zimmers und sahen, daß wir mitten im Kloster waren: das Kloster war in den Berg hineingebaut, und unser Zimmer, das, vom Garten aus betreten, zu ebener Erde war, lag hier zwei Stock hoch im Klosterhof. Die alte Kirche, mit dem Glanz des Abends auf ihren tausendjährigen rötlichen Mauern und Kuppeln, schloß eine Seite ab, und die drei anderen waren von solchen Häusern gebildet, wie wir in einem standen, und die kleinen Balkone waren hellblau oder gelblich oder blaßgrün. Alles atmete Frieden und eine von Duft durchsüßte Freudigkeit. Unten rauschte ein Brunnen. Mönche, in schwarzen langen Gewändern, die hohe schwarze Kopfbedeckung über den schönen Gesichtern, die ein ebenholzschwarzer Bart umrahmte, gingen über den Hof, verschwanden in der Kirchentür, lehnten am Balkon, schritten eine offene Treppe herab. In der Kirche fingen halblaute Stimmen an, Psalmen zu singen, nach einer uralten Melodik. Die Stimmen hoben und senkten sich, es war etwas Endloses, gleich weit von Klage und von Lust, etwas Feierliches, das von Ewigkeit her und weit in die Ewigkeit so forttönen mochte; über den Hof aus einem offenen Fenster sangen Knabenstimmen die Melodie nach ... Wir waren mitten in der Gegenwart; was uns umgab, waren die heiligen Bräuche der morgenländischen christlichen Kirche. Aber die Gebärde, die Hoheit, der Sprachlaut, der Rhythmus noch der Verbeugung: der Proskynese – dies ist Byzanz und ist älter als Byzanz. Die Käuzchen riefen draußen im Garten; die Zikaden wurden laut; wo der Abendstern stand, dort glänzte unsichtbar hinter dunklen Bergen der Parnaß, und dort – in der Flanke des Berges – lag Delphi. Nirgend waren wir zum Schein jener versunkenen heidnischen Welt entrückter und niemals in der Tat ihr so fühlbar nahe; und als an einem Fenster der Kopf eines Klosterknaben erschien, eines recht schönen, anmutig selbstbewußten, des gleichen, der vordem die heilige Melodie nachgesungen hatte, da lag nichts näher, als diesen Priesterschüler mit einem anderen zu vertauschen, und mit diesen Bräuchen hier, die uns geheimnisvoll und doch faßlich waren, eine andere Gestalt zu umkleiden, und nie war uns ein Phantom wenigstens des hohen Altertumes so zum Greifen nahe, als da wir in diesem phokäischen Tempelvorhof den Knaben Ion des Sophokles für einen Augenblick leibhaft vor uns zu sehen und eine Luft mit ihm zu atmen glaubten.« 



I. Das Kloster des Heiligen Lukas

Wir waren an diesem Tag neun oder zehn Stunden geritten. Als die Sonne sehr hoch stand, hatten wir gelagert vor einem kleinen Khan, bei dem eine reine Quelle war und eine schöne große Platane. Später hatten wir noch einmal mit den Maultieren aus einem Faden fließenden Wassers getrunken, flach auf dem Boden liegend. Unser Weg war zuerst an einem Abhang des Parnaß eingeschnitten, dann in einem urzeitigen versteinten Flußbett, dann in einer Einsenkung zwischen zwei kegelförmigen Bergen; zuletzt lief er über eine fruchtbare Hochebene hin inmitten grüner Kornfelder. Manche Strecken waren öde mit der Öde von Jahrtausenden und nichts als einer raschelnden Eidechse überm Weg und einem kreisenden Sperber hoch oben in der Luft; manche waren belebt von dem Leben der Herden. Dann kamen die wolfsähnlichen Hunde bellend und die Zähne weisend bis nahe an die Maultiere, und man mußte sie mit Steinen zurückjagen. Schafe, schwer in der Wolle, standen zusammengedrängt im Schatten eines Felsblockes, und ihr erhitztes Atmen schüttelte sie. Zwei schwarze Böcke stießen einander mit den Hörnern. Ein junger hübscher Hirt trug ein kleines Lamm auf dem Nacken. Auf einer flachen steinichten Landschaft verharrte regungslos der Schatten einer Wolke. In einer sonderbar geformten Mulde, wo Tausende von einzelnen großen Steinen lagen und dazwischen Tausende von kleinen stark duftenden Sträuchern wuchsen, zog sich eine große Schildkröte über den Weg. Dann, gegen Abend, zeigte sich in der Ferne ein Dorf, aber wir ließen es zur Seite. An unserem Weg war eine Zisterne, in die tief unten der Quell eingefangen war. Neben dem Brunnen standen zwei Zypressen. Frauen zogen das klare Wasser empor und gaben unseren Tieren zu trinken. An dem Abendhimmel segelten kleine Wolken hin, zu zweien und dreien. Geläute von Herden kam aus der Nähe und Ferne. Die Maultiere gingen lebhafter und sogen die Luft, die aus dem Tal entgegenkam. Ein Geruch von Akazien, von Erdbeeren und von Thymian schwebte über den Weg. Man fühlte, wie die bläulichen Berge sich schlossen und wie dieses Tal das Ende des ganzen Weges war. Wir ritten lange zwischen zwei Hecken von wilden Rosen. Ein kleiner Vogel flog vor uns hin, nicht größer als das Fleckchen Schatten unter einer dieser blühenden Rosen; die Hecke zur Linken, wo die Talseite war, hörte auf, und man schaute hinab und hinüber wie von einem Altan. Bis hinunter an die Sohle des kleinen bogenförmig gekrümmten Tales und an den gegenüberliegenden Hang bis zur Mitte der Berge standen Fruchtbäume in Gruppen, mit dunklen Zypressen vermischt. Zwischen den Bäumen waren blühende Hecken. Dazwischen bewegten sich Herden, und in den Bäumen sangen Vögel. Unterhalb unseres Weges liefen andre Wege. Man sah, daß sie zur Lust angelegt waren, nicht für Wanderer oder Hirten. Sie liefen in sanften Windungen immer gleich hoch über dem Tal. In der Mitte des Abhangs stand eine einzelne Pinie, ein einsamer, königlicher Baum. Sie war der einzige wirklich große Baum in dem ganzen Tal. Sie mochte uralt sein, aber die Anmut, mit der sie emporstieg und ihre drei Wipfel in einer leichten Biegung dem Himmel entgegenhielt, hatte etwas von ewiger Jugend. Nun faßten niedrige Mauern den Weg links und rechts ein. Dahinter waren Fruchtgärten. Eine schwarze Ziege stand an einem alten Ölbaum mit aufgestemmten Vorderbeinen, als ob sie hinaufklettern wollte. Ein alter Mann, mit einem Gartenmesser in der Hand, watete bis an die Brust in blühenden Heckenrosen. Das Kloster mußte ganz nahe sein, auf hundert Schritte oder noch weniger, und man wunderte sich, es nicht zu sehen. In der Mauer zur Linken war eine kleine offene Tür; in der Tür lehnte ein Mönch. Das schwarze lange Gewand, die schwarze hohe Kopfbedeckung, das lässige Dastehen mit dem Blick auf die Ankommenden, in dieser paradiesischen Einsamkeit, das alles hatte etwas vom Magier an sich. Er war jung, hatte einen langen rötlich blonden Bart, von einem Schnitt, der an byzantinische Bildnisse erinnerte, eine Adlernase, ein unruhiges, fast zudringliches blaues Auge. Er begrüßte uns mit einer Neigung und einem Ausbreiten beider Arme, darin etwas Gewolltes war. Wir saßen ab, und er ging uns voran. Durch einen ganz kleinen von Mauern umschlossenen Garten traten wir in ein Zimmer, in dem er uns allein ließ. Das Zimmer hatte die nötigsten Möbel. Unter einem byzantinischen Muttergottesbild brannte ein ewiges Licht; gegenüber der Eingangstür war eine offene Tür auf einen Balkon. Wir traten hinaus und sahen, daß wir mitten im Kloster waren. Das Kloster war in den Berg hineingebaut. Unser Zimmer, das vom Garten aus zu ebener Erde war, lag hier zwei Stock hoch im Klosterhof. Die alte Kirche, mit dem Glanz des Abends auf ihren tausendjährigen, rötlichen Mauern und Kuppeln schloß eine Seite ab; die drei andern waren von solchen Häusern gebildet, wie wir in einem standen, mit solchen kleinen hölzernen Balkonen, wie wir auf einem lehnten. Es waren unregelmäßige Häuser von verschiedenen Farben, und die kleinen Balkone waren hellblau oder gelblich oder blaßgrün. Aus dem Haus, das die Ecke bildete, lief zur Kirche hinüber wie eine Zugbrücke eine Art Loggia. Manches schien unmeßbar alt, manches nicht eben älter als ein Menschenalter. Alles atmete Frieden und eine von Duft durchsüßte Freudigkeit. Unten rauschte ein Brunnen. Auf einer Bank saßen zwei ältere Mönche mit ebenholzschwarzen Bärten. Ein andrer von unbestimmbarem Alter lehnte jenen gegenüber auf einem Balkon des ersten Stockwerks, den Kopf auf die Hand gestützt. Kleine Wolken segelten am Himmel hin. Die beiden waren aufgestanden und gingen in die Kirche. Zwei andre kamen eine Treppe herab. Auch sie hatten das lange schwarze Gewand, aber die schwarze Mütze auf ihrem Kopf war nicht so hoch, und ihre Gesichter waren bartlos. In ihrem Gang war der gleiche undefinierbare Rhythmus: gleich weit von Hast und von Langsamkeit. Sie verschwanden gleichzeitig in der Kirchentür, wie ein Segel, das hinter einem Felsen verschwindet, wie ein großes unbelauschtes Tier, das durch den Wald schreitet, hinter Bäumen unsichtbar wird, nicht wie Menschen, die in ein Haus treten. In der Kirche fingen halblaute Stimmen an, Psalmen zu singen, nach einer uralten Melodik. Die Stimmen hoben und senkten sich, es war etwas Endloses, gleich weit von Klage und von Lust, etwas Feierliches, das von Ewigkeit her und weit in die Ewigkeit so forttönen mochte. Über dem Hof aus einem offenen Fenster sang jemand die Melodie nach, von Absatz zu Absatz: eine Frauenstimme. Dies war so seltsam, es schien wie eine Einbildung. Aber es setzte wieder ein, und es war eine weibliche Stimme. Und doch wieder nicht. Das Echohafte, das völlig Getreue jenem feierlichen, kaum noch menschlichen Klang, das Willenlose, fast Bewußtlose schien nicht aus der Brust einer Frau zu kommen. Es schien, als sänge dort das Geheimnis selber, ein Wesenloses. Nun schwieg es. Aus der Kirche drang mit den dunklen, weichen, tremulierenden Männerstimmen ein gemischter Duft von Wachs, Honig und Weihrauch, der wie der Geruch dieses Gesanges war. Nun fing die frauenhafte Stimme wieder an, absatzweise nachzusingen. Aber andre ähnliche Stimmen aus dem gleichen offenen Fenster, nicht weit von meinem Balkon, fielen ein, halblaut und nicht ernsthaft, es wurde ein Scherz daraus, die schöne Stimme brach ab, und nun wußte ich, daß es Knaben waren. Zugleich kamen ihre Köpfe ans Fenster. Einer war darunter sanft und schön, wie ein Mädchen, und das blonde Haar fiel ihm über die Schultern bis an den Gürtel. Andre von den Klosterknaben standen unten im Hof und sprachen hinauf: »Der Bruder!« riefen sie, »der Bruder! Der Hirt! Der Hirt!«Später kam ich dazu, wie die Brüder voneinander Abschied nahmen. Der junge Hirt stand im Licht der untergehenden Sonne dunkel, schlank und kriegerisch; hinter ihm die Herde und die Hunde. Er hielt in der starken dunklen Hand die kleine Hand des Knaben mit den langen Haaren. Ein Mönch im schwarzen Talar, aber ein noch junger, bartlos, ein Novize, ein zwanzigjähriger Schöner mit einem Lächeln, das um den jungen Mund und die glatten Wangen gedankenlos und eitel, aber in der Nähe der schönen dunklen Augen ergebungsvoll und wissend war, trat ins halboffene Tor. Er rief den Knaben nicht an, er winkte nur. Die Gebärde seiner erhobenen Hand war ohne Ungeduld. Er war nicht der Befehlende, es war der Übermittler des Befehls, der Bote. Auf einen kleinen Altan über dem Torweg trat ein älterer Mönch heraus, er stützte den Ellenbogen aufs Geländer, den Kopf auf die Hand, und sah gelassen zu, wie der Befehl überbracht und wie er befolgt wurde. Der Novize neigte sich für ihn kaum merklich oder lächelte auch nur um ein kleines ergebener und glänzender. Der schöne Knabe ließ die Hand des Bruders los und lief zu dem Novizen hin. Der Hirt wandte sich und ging sogleich mit großen ruhigen Schritten landein, bergab. Die Herde, als wäre sie ein Teil von ihm, war schon in Bewegung, flutete schon die Straße hinab, eingeengt von den Hunden. In der Kirche sangen sie stärker. Zum Dienst dieser abendlichen Stunde lagen alle in den dämmernden Kapellen auf den Knien, oder ausgestreckt auf dem Steinboden, oder in tiefer Versunkenheit stehend an dem hohen Pult lag ihr Antlitz über gekreuzten Armen auf dem heiligen Buch. In der erhabenen Gelassenheit ihres Gesanges zitterte eine nach alten Regeln gebändigte Inbrunst. Die ewigen Lichter schwangen leise in der von Weihrauch und Honig beschwerten Luft. Es vollzog sich, was sich seit einem Jahrtausend Abend für Abend an der gleichen Stätte zur gleichen Stunde vollzieht. Welches stürzende Wasser ist so ehrwürdig, daß es seit zehnmal hundert Jahren den gleichen Weg rauschte? Welcher uralte Ölbaum murmelt seit zehnmal hundert Jahren mit gleicher Krone im Winde? Nichts ist hier zu nennen als das ewige Meer drunten in den Buchten und die ewigen Gipfelkronen des schneeleuchtenden Parnaß unter den ewigen Sternen.Die Sterne entzündeten sich über den dunkelnden Wänden des Tales. Der Abendstern war von einem seltenen Glanz; war irgendwo ein Wasser, nur ein Quell und Tümpel vielleicht zwischen zwei Feigenbäumen, so mußte dort ein Streifen von seinem Licht liegen wie vom Mond. Nun entbrannten unter ihm, am nahen irdisch schweren Horizont, in der Menschensphäre andre starke Sterne, da und dort: das waren die Hirtenfeuer, höher und tiefer an den Hängen der dunklen Berge, die das bogenförmige Tal umschlossen. Bei jeder Flamme lag ein einsamer Mann mit seinen Tieren. Im weiten Bogen um das Kloster, in dem die ewigen Lichter brannten, war der Reichtum des Klosters gelagert. Die Hunde schlugen an, und die Hunde antworteten ihnen. Der Feuer waren mehr als dreißig, die Berghänge lebten von Schlafenden. Hie und da blökte ein Lamm aus unterbrochenem Schlummer. Die Käuzchen riefen, die Zikaden waren laut, und doch herrschte die stille ewige Nacht.Wo der Abendstern stand, dort glänzte unsichtbar hinter dunklen Bergen der Parnaß. Dort, in der Flanke des Berges, lag Delphi. Wo die heilige Stadt war, unter dem Tempel des Gottes, da ist heute ein tausendjähriger Ölwald, und Trümmer von Säulen liegen zwischen den Stämmen. Und diese tausendjährigen Bäume sind zu jung, diese Uralten sind zu jung, sie reichen nicht zurück, sie haben Delphi und das Haus des Gottes nicht mehr gesehen. Man blickt ihre Jahrhunderte hinab wie in eine Zisterne, und in Traumtiefen unten liegt das Unerreichliche. Aber hier ist es nah. Unter diesen Sternen, in diesem Tal, wo Hirten und Herden schlafen, hier ist es nah, wie nie. Der gleiche Boden, die gleichen Lüfte, das gleiche Tun, das gleiche Ruhn. Ein Unnennbares ist gegenwärtig, nicht entblößt, nicht verschleiert, nicht faßbar, und auch nicht sich entziehend: genug, es ist nahe. Hier ist Delphi und die delphische Flur, Heiligtum und Hirten, hier ist das Arkadien vieler Träume, und es ist kein Traum. Langsam tragen uns die Füße ins Kloster zurück. Ganz nahe von uns knurren große Hunde. Auf dem Altan über dem Torweg lehnt eine Gestalt. Ein andrer, ein Dienender, tritt seitwärts aus den Hecken hervor, dort, wo die Hunde knurren. »Athanasios!« ruft der Mönch vom Altan, »Athanasios!« Er sagt es mehr als er es ruft, gelassen und sanft befehlend. »Athanasios, was gibt es da?« »Es sind die Gäste, die beiden Fremden, die herumgehen.« »Gut. Gib acht auf die Hunde.« Diese Worte sind wenige. Dies Zwiegespräch ist klein zwischen dem Priester und dem dienenden Mann. Aber der Ton war aus den Zeiten der Patriarchen. Aus wenigen Gliedern setzt sich dies zusammen. Unangetastetes Auf-sich-Beruhen priesterlicher Herrschaft, ein sanfter Ton unwidersprochener Gewalt, Gastlichkeit, gelassen und selbstverständlich geübt, das Haus, das Heiligtum, bewacht von vielen Hunden. Und dennoch, dies Unscheinbare, diese wenigen Worte, gewechselt in der Nacht, dies hat einen Rhythmus in sich, der von Ewigkeit her ist. Dies reicht zurück, dies Lebendige, wohin die uralten Ölbäume nicht reichen. Homer ist noch ungeboren, und solche Worte, in diesem Ton gesprochen, gehen zwischen dem Priester und dem Knecht von Lippe zu Lippe. Fiele von einem fernen Stern nur ein unscheinbares, aber lebendiges Gebilde, der Teil einer Blume, weniges von der Rinde eines Baumes, es wäre dies dennoch eine Botschaft, die uns durchschauert. So klang dieses Zwiegespräch. Stunde, Luft und Ort machen alles. 



II. Der Wanderer

εισι χαι χυνων ερινυεσ
Der Schlaf der Mönche ist kurz. Bald nach Mitternacht läuteten sie die Glocken, beteten, sangen; vor Sonnenaufgang wiederum. Wir hatten kaum zwei Stunden halben Schlummers hinter uns; wir waren um so wacher. Wir gingen auf dem schmalen Pfad hintereinander sehr rasch, so rasch, als die Maultiere, mit den Wegweisern im Sattel, hinter uns schritten. Der Weg führte in der Morgenkühle zurück am Hang oberhalb des lieblichen Tales, wieder über die gleiche Ebene zwischen zwei kahlen Bergen, dann bog er, im ausgetrockneten Bett eines Gießbaches, seitwärts hinab, spaltete sich gegen Davlia einerseits, andrerseits gegen Chaeronea in Böotien; bis dorthin sollten es sieben Stunden sein, und halben Weges eine Ader guten Wassers, die niemals versiegte, weit und breit bekannt den Hirten. Unser Gespräch währte bis zu jener Begegnung mit dem einsamen Wanderer; es währte also zwei und eine halbe oder drei Stunden, ununterbrochen, ohne den leisesten Zwang oder bewußten Willen, es fortzuführen, und war eines der seltsamsten und schönsten Gespräche, dessen ich mich entsinnen kann.Wir waren zu zweit, und indem wir sprachen, war es, als hinge jeder nur seinen Erinnerungen nach, von denen viele uns gemeinsam waren. Zuweilen rief sich der eine die Gestalt eines Freundes herauf, den der andre nie gesehen, von dem er nur viel gehört hatte. Aber die tiefe und gleichsam zeitlose Einsamkeit, die uns umgab, das körperlose Erhabene der Umgebung – daß wir vom Fuß des Parnaß nach Chäronea, vom delphischen Gefild gegen Theben hinunterschritten, den Weg des Ödipus –, die strahlende Reinheit der Morgenstunde nach einer Nacht ohne tiefen, dumpfen Schlaf, dies alles machte unsere Einbildungskraft so stark, daß jedes Wort, von einem ausgesprochen, den Geist des andern mit sich fortriß und er mit Händen zu greifen wähnte, was dem andern vorschwebte.Unsre Freunde erschienen uns, und indem sie sich selber brachten, brachten sie das Reinste unsres Daseins herangetragen. Ihre Mienen waren ernst und von einer fast beängstigenden Klarheit. Indem sie vor uns lebten und uns anblickten, waren die kleinsten Umstände und Dinge gegenwärtig, in denen unser Vereintsein mit ihnen sich erfüllt hatte. Ein Zucken, ein Weichwerden des Blicks, ein Sichfeuchten der inneren Hand in einer erregten Stunde, ein betroffenes Stocken, ein Fortgleiten, Fremdwerden, wieder ein Nahesein – alle diese ganz zarten kleinen Dinge waren in uns da, und mit der seltsamsten Deutlichkeit, doch wußten wir kaum, ob, was wir erinnerten, die Regungen des eigenen Innern waren oder die jener andern, deren Gesichter uns anblickten; nur daß es gelebtes Leben war, und Leben, das irgendwo immer fortlebte, denn es schien alles Gegenwart, und die Berge waren in diesem lautlosen, bläulichen Leben der Luft nicht wirklicher als die Erscheinungen, die uns begleiteten.Mit einem Namen, den einer von uns hinwarf, konnten wir neue hervorrufen. Gestalt auf Gestalt kommt heran, sättigt uns mit ihrem Anblick, begleitet uns, verfließt wieder; andre, anklingend, haben schon gewartet, nehmen die leere Stelle ein, beglänzen einen Umkreis gelebten Lebens, bleiben dann gleichsam am Wege zurück, indessen wir gehen und gehen, als hinge von diesem Gehen die Fortdauer des Zaubers ab, und das Häuflein der Männer auf den Maultieren viele Hunderte von Schritten hinter uns zurückbleibt. Die noch leben und in diesem Licht atmen, kommen zu uns wie die, welche nicht mehr da sind. In diesen Minuten sehen wir alles rein: die geheimnisvolle Kraft Leben lodert in uns nur als Enthüllerin des Unenthüllbaren. Wir sehen ihre Gesichter, wir glauben den Ton ihrer Stimme zu hören, scheinbar unbedeutende kleine Sätze: aber es ist, als enthielten sie den ganzen Menschen; und ihre Gesichter sind mehr als Gesichter: das gleiche wie im Ton jener abgebrochenen Sätze steigt in ihnen auf, kommt näher und näher gegen uns heran, scheint in ihren Zügen, im Unsagbaren ihres Ausdrucks aufgefangen und darinnen befestigt, aber nicht beruhigt. Es ist ein endloses Wollen, Möglichkeiten, Bereitsein, Gelittenes, zu Leidendes. Jedes dieser Gesichter ist ein Geschick, etwas Einziges, das Einzelnste was es gibt, und dabei ein Unendliches, ein Auf-der-Reise-Sein nach einem unsagbar fernen Ziel. Es scheint nur zu leben, indem es uns anblickt: als wäre es unser Gegenblick, um dessenwillen es lebe. Wir sehen die Gesichter, aber die Gesichter sind nicht alles; in den Gesichtern sehen wir die Geschicke, aber auch die Geschicke sind nicht alles. In jedem, der uns grüßt, ist ein Ferneres noch, ein Jenseits von beiden, das uns anrührt. Wir sind wie zwei Geister, die sich zärtlich erinnern, an den Mahlzeiten der sterblichen Menschen teilgenommen zu haben.Viele Bilder von Jünglingen und Männern waren gekommen und gegangen, da erschien noch einer. Wir sahen ihn auftauchen, der am unsäglichsten gelitten hat, bevor er uns für immer entschwand. Ich sage »Unsre Freunde«, doch waren die Begegnungen spärlich; er kreuzte unsre Lebensbahn, einmal ein leidenschaftliches Gespräch, ein Sichaufreißen ohne Maß, Himmel und Hölle Aufreißen, ein Auseinandergehen wie Brüder, dann wieder fremd, eisig fremd. Aber seine Briefe, ein Wort einmal kalt und groß, andre Worte wie blutend, sein Tagebuch, die wenigen, mit nichts zu vergleichenden Gedichte, alle aus einem einzigen Jahr seines Lebens, dem neunzehnten, und die er haßt, verachtet, in Stücke reißt, wo er sie findet, bespeit, die Fetzen mit Füßen tritt; die Geschichte seiner grausamen letzten Wochen und seines Sterbens, aufgezeichnet von seiner Schwester – so ist sein Bild unsren Seelen eingegraben. Er ist arm und leidet, aber wer dürfte wagen ihm helfen zu wollen, maßlos einsam – wer, sich ihm nur zu nähern, der mit übermenschlicher Kraft sein Selbst zusammenkrümmt wie einen Bogen, den unbarmherzigsten Pfeil von der Sehne zu schicken; der jede Hand von sich stößt, sich im Unterirdischen der großen Städte verkriecht, jede Annäherung mit Hohn erwidert, vor jeder Erwähnung seiner Gaben, seines Genius zurückweicht, wie der Sträfling vor dem glühenden Eisen, unstet auftaucht, jetzt da, jetzt dort, aus Mazedonien, aus dem Kaukasus, aus Abyssinien einen Brief den Seinen zuwirft, dessen Hoffnungen den Klang haben von Drohungen, dessen trockene Angaben starren wie maßlose Auflehnung und selbstverhängtes Todesurteil. Der um Geld zu ringen meint, um Geld, um Geld, und gegen den eignen Dämon um ein Ungeheures ringt, ein nicht zu Nennendes. Und nun sehen wir ihn abyssinisches Gebirg herabgetragen kommen, einsamen Felspfad herunter, schweigende Luft: eine ewige Gegenwart, wie hier; es ist, als trügen sie ihn auf uns zu. Er liegt auf der Bahre, das Gesicht mit schwarzem Tuch verdeckt, das eine kranke Knie groß wie ein Kürbis, daß die Decke sich emporwölbt; die schöne abgezehrte Hand, die Hand, von den Schwestern geliebt, reißt manchmal das Tuch vom Gesicht, den Dunklen, Farbigen, die ihn tragen, den Weg zu befehlen; sie wollten langsam schräg den Hang entlang; er will steil hinab, ohne Weg, schnell. Unsagbare Auflehnung, Trotz dem Tod bis ins Weiße des Augs, den Mund vor Qual verzogen und zu klagen verachtend.Keines dieser Taggesichte war gewaltiger gewesen als dieses letzte. Was konnte noch kommend? Wir gingen langsamer, und keiner sprach. Fast drohend blickte die Morgensonne auf die fremde ernste Gegend. Weggezehrt war das selbstverständliche Gefühl der Gegenwart, worin Mensch und Tier sich behagen. Fremde Schicksale, sonst unsichtbare Ströme, schlugen in uns auf Festes und offenbarten sich. Der Anblick einer Herde hätte uns erfreut. Ein Vogel in der Luft wäre uns willkommen gewesen. Da kam von ferne ein Mensch auf uns zu. Der Mann ging schnell. Er war allein, und hier geht selten einer allein. Der Hirt geht mit seiner Herde; wer kein Hirt ist, reitet; dieser ging. Er schien uns barhaupt. Hier geht um der Kraft der Sonne willen niemand ohne einen Schutz des Hauptes: also mußte es eine Augentäuschung sein. Er kam näher, er war barhaupt. Sein Haar war schwarz, ums ganze Gesicht ging ein schwarzer, struppiger Bart; sein Gang war wankend. Er hatte einen Knüppel in der Hand, auf den er sich im Gehen stützte. Die Sonne blitzte auf dem harten Gestein, und uns war, er hätte nackte Füße. Das war unmöglich; die Wege bergauf und bergab sind Steingeröll, schneidend wie Messer; nicht der ärmste Bettler, der nicht mindest mit hölzernem Schuhwerk seine Füße schützte. Der Mann kam näher und hatte nackte Füße. Die Fetzen von Beinkleidern, solcher, wie sie die Leute in den Städten tragen, hingen um die abgezehrten Beine. Hier geht niemand, der einem andern Wanderer in der Einöde des Gebirges begegnet, wortlos an ihm vorüber. Er wollte zehn Schritte seitwärts unsres Weges mit schief gesenktem Kopf an uns vorbei, ohne Gruß. Wir riefen ihm die griechischen Worte entgegen, die den gewöhnlichen Gruß bedeuten. Er antwortete, ohne stehenzubleiben, und seine Worte waren deutsche. Da hatte ihm mein Freund schon den Weg vertreten mit einer kurzen Rede und Frage, wie er da herkomme, wo er da hingehe. Indessen stand ich auf drei Schritte, sah auf seinen Füßen geronnenes Blut, an der starken Hand einen tiefen blutigen Riß. Breite Schultern, mächtig der Nacken; das Gesicht zwischen dreißig und vierzig, näher vielleicht den vierzig, elend, von der Schwärze des Bartes noch gelblich bleicher. Die Augen unstet, flackernd, verwildert zum Blick eines scheuen, gequälten Tieres. Er sagte den Namen: Franz Hofer aus Lauffen an der Salzach, Buchbindergeselle. Das Alter: einundzwanzig Jahre; das Ziel des Weges: Patras. Patras war fünf Tagereisen von hier für einen rüstigen ortskundigen Mann, Berge dazwischen, öde Flächen, eine Meeresbucht. Wenn er sich nicht auf den Stock stemmte, schütterte sein Leib, und seine Lippen flogen. Das Fieber habe er schon seit drei Monaten. Darum habe er heim wollen. Von Alexandrien in Ägypten bis zur Hafenstadt Piräus habe ihn ein Schiffsheizer unten im Kohlenraum liegen lassen, der sei aber weitergefahren nach Konstantinopel, darum müsse er jetzt zu Fuß gehen gegen Triest. Wie er den Weg zu finden meinte? Den habe er dahier. Er zog unter dem Leibriemen einen Fetzen Papier hervor, da waren mit Bleistift, fast schon verwischt, die Namen von Ortschaften aufgeschrieben. Er wies auf einen: dorthin müsse er heute. Der Ort lag gegen Delphi hin, acht Stunden Gehens von hier, wo wir standen, wenn man den Weg kannte und die geringen Zeichen richtig wußte in der öden Landschaft. Ob er die Sprache des Landes spräche? Kein Wort: die Leute verstünden einen nicht, wenn man deutsch oder italienisch redete, das sei verflucht. Wann er die letzte Mahlzeit gehalten hätte? Gestern mittag ein Stück Brot und heute einen Trunk Wasser an einem Quell dort hinten. Das war der Quell, auf den wir zugingen, halbwegs Chäronea in Böotien.Indessen waren unsre Leute mit den Maultieren herangekommen, standen herum und waren erstaunt über den Wanderer. Wir reichten ihm Wein in einem kleinen Becher, seine Hand zitterte wild und verschüttete mehr als die Hälfte; dann gaben wir ihm Brot und Käse, und sein Mund schütterte so kläglich, daß er die Bissen kaum hineinbrachte. Wir hießen ihn niedersitzen; er sagte, er habe keine Zeit, er müsse heute noch sehr weit gehen. Hier stieß etwas Irres in seinem Blick hervor. Wir sagten, wir würden ihm jetzt etwas Geld geben; ob dann einer von uns für ihn an seine Heimatgemeinde schreiben sollte, damit die zu ihm gehörten wüßten, daß er krank sei und wie es um ihn stünde. Das sollten wir um alles nicht unternehmen, das verbitte er sich, das wäre ihm verflucht, das ginge niemanden daheim etwas an, wie es um ihn stünde. Und sogleich wandte er sich und fing schon an zu gehen, auf den Knüttel gestützt. Wir ihm nach und sagten, er solle aufsitzen auf eines der Maultiere und mit uns zurück; wir würden ihn bis Athen und zur Hafenstadt Piräus bringen und ihm dort das Geld auf die Hand geben zur Fahrt bis Triest und darüber. Unsre Wegweiser, die verstanden was wir wollten, hatten schon ein satteltragendes Maultier herangeschoben und griffen ihn an, ihn in den Sattel zu heben. Er aber trat hinter sich mit aufgehobenem Knüppel: Das wäre ihm verflucht, den Weg zurück noch einmal zu machen, den er schon seit so vielen Tagen nach vorwärts gemacht habe – das solle sich niemand unterstehen, ihn zwingen zu wollen. Nun konnte man, wie er so drohend dastand und den Stock gegen uns hob, aber mit merklich schütterndem Arm, sehen, was er für ein großer, starker Mensch war und welche Unbändigkeit in ihm steckte und wie er der Gewalttätige eines ganzen Dorfes sein konnte und der Gefürchtete, und wie dies alles herabgewüstet war zu einem tierhaft umängstigten Wesen, das sich noch diesen Tag und den nächsten hinschleppen mochte und vor Nacht hinfallen und eines elenden und einsamen Todes sterben würde. Ließen wir jetzt von ihm ab, dann kam er nicht lebendig aus diesem Gebirge. Wir hießen die Wegweiser zurücktreten und gingen, wir beide allein, zu ihm hin. Wir sagten ihm, wir wollten ihn nicht im Stich lassen, er solle selber sagen, was er von uns wolle; was immer es wäre, wir würden es tun. »Dorthin will ich,« sagte er und zeigte die Richtung; es war die, aus welcher wir kamen. So solle er sich auf das Maultier setzen und festbinden lassen im Sattel; wir wollten ihm zwei von den Wegweisern mit ihren Tieren mitgeben, die brächten ihn noch heute bis nach einem Dorf am Abhang des Parnaß, von wo er die Meeresbucht sehen konnte, an deren andrem Ende Patras lag; und sie würden für ihn die Herberge ausfindig machen und das gewöhnliche Fußkleid der Landesbewohner für ihn kaufen. Dort solle er sich pflegen und die Wunden an seinen Füßen heilen lassen und sich stille halten sechs oder auch zehn Tage lang. Dann würden wir wieder hinkommen und ihn mit uns nehmen bis Patras.Er faßte das vordere und hintere Ende, wo der Sattel erhöht ist, und zog sich mit Anstrengung hinauf und die Wegweiser halfen ihm, den sie den »fremden Herrn Bettler« nannten und banden ihn mit Anstand und Ehrerbietung quersitzend, wie bei uns die Frauen, am Sattel fest. Dann ging das Maultier den Weg an, und der gebundene Mensch schwankte dahin, bergauf, wir aber waren gleichfalls aufgesessen und ließen uns bergab gegen Chäronea tragen und ritten schweigend.Befremdlich war das eifrige Fußheben der Maultiere nach vorwärts und in einer befremdlichen Luft vollzog sichs, daß wir an jene Wasserader kamen, die rein und schnell zwischen dem Gestein dahinfloß, daß man die Maultiere abschirrte, daß die Männer an der Erde lagen und neben den Maultieren tranken, und daß wir, oberhalb zwischen niedrigen Sträuchern, uns hinließen, zu trinken wie sie. Hier war vor wenigen Stunden auch er gelegen, der Schiffbrüchige, das wandelnde nackte Menschenleben, und ringsum lauerte die ganze Welt wie ein einziger Feind. Mir war, da ich nun hier trank, als flösse das Wasser von seinem Herzen zu meinem. Sein Gesicht blickte mich an, wie früher jene Gesichter mich angeblickt hatten; ich verlor mich fast an sein Gesicht, und wie um mich zu retten vor seiner Umklammerung, sagte ich mir: »Wer ist dieser? Ein fremder Mensch!« Da waren neben diesem Gesicht die andern, die mich ansahen und ihre Macht an mir übten, und viele mehr. Nichts in mir wußte in diesem Augenblick zu sagen, ob es Fremde unter den Fremden waren, deren Gesichter auf mich gewandt waren oder ob ich irgendwann irgendwo zu jedem von ihnen gesagt hatte: »Mein Freund!« und vernommen hatte: »Mein Freund!« Ohne Übergang wurde etwas in mir gegenwärtig, etwas Fernes, lieblich-angstvoll Versunkenes: ein Knabe, an dem Gesichter von Soldaten vorüberziehen, Kompagnie auf Kompagnie, unzählig viele, ermüdete, verstaubte Gesichter, immer zu vieren, jeder doch ein Einzelner und keiner dessen Gesicht der Knabe nicht in sich hineingerissen hätte, immer stumm von einem zum andern tastend, jeden berührend, innerlich zählend: »Dieser! Dieser! Dieser!«, indes die Tränen ihm in den Hals stiegen. Ein Etwas blieb irgendwo über diesem kreisend, nichts als ein Staunen, ein Nirgendhingehören, ein durchdringendes Alleinsein, ein durchdringendes fragendes »Wer bin ich?« Da, im Augenblick des bangsten Staunens, kam ich mir wieder, der Knabe sank in mich hinein, das Wasser floß unter meinem Gesicht hinweg und bespülte die eine Wange, die aufgestützten Arme hielten den Leib, ich hob mich, und es war nichts weiter als das Aufstehen eines, der an fließendem Wasser mit angelegten Lippen einen langen Zug getan hatte.Aber diese Stunde, und die nächste dann, bis Chäronea, und die folgenden, da wir in die Eisenbahn stiegen und durch Böotien und Attika getragen wurden, bis der Zug in der Bahnhofshalle von Athen einlief, sah ich eine Landschaft, die keinen Namen hat. Die Berge riefen einander an; das Geklüftete war lebendiger als ein Gesicht; jedes Fältchen an der fernen Flanke eines Hügels lebte: dies alles war mir nahe wie die Wurzel meiner Hand. Es war, was ich nie mehr sehen werde. Es war das Gastgeschenk aller der einsamen Wanderer, die uns begegnet waren.Einmal offenbart sich jedes Lebende, einmal jede Landschaft, und völlig: aber nur einem erschütterten Herzen. 


III. Die Statuen

Jener Wanderer war weit weg von mir, als ich am nächsten Abend zur Akropolis hinaufstieg. Auch von den Gestalten des eigenen Lebens hätte keine hier herantreten können. Es war als wäre ein Etwas zwischen mir und ihnen wieder dicht geworden, und die Erinnerung an die Magie, die uns umsponnen hatte, schien befremdlich. Sonderbar war es gewesen, im phokäischen Gebirge dem fieberkranken Manne aus Lauffen an der Salzach zu begegnen. Sonderbar unwirklich dies, wie er so mit Schweigen auf seinen Tod zuging und daß er um alles den Weg, den er gegangen war, nicht noch einmal machen wollte. Wenn man diesem Schweigen nachdachte und dem Blick, mit dem er uns hatte von sich wegscheuchen wollen, – fast war es, als ob wir ihn belästigten, da wir zwischen ihn und seinen Tod traten.Aber mich verlangte nicht, noch weiter daran zu denken. »Gewesen«, sagte ich unwillkürlich und hob den Fuß über die Trümmer, die zu Hunderten hier umherlagen. Ich bemerkte jetzt erst, daß die Sonne hinter dem Parthenon untergegangen war und daß ich der einzige Mensch war, der sich hier oben aufhielt. Das Hervorströmen der Schatten hatte etwas Feierliches, es schien das Letzte vom Leben, das noch in ihnen war, in einem abendlichen Trankopfer sich hinzugießen auf diesen Hügel, auf dem selbst die Steine vom Alter verwesten. Ohne mein Zutun wählte mein Blick eine dieser Säulen aus. Sie schien sich irgendwie aus der Gemeinschaft der übrigen weggerückt zu haben. Es war eine unsägliche Strenge und Zartheit in ihrem Dastehen, zugleich mit meinem Atemzug schien auch ihr Kontur sich zu heben und zu senken. Aber auch um sie spielte in dem Abendlicht, das klarer war als aufgelöstes Gold, der verzehrende Hauch der Vergänglichkeit, und ihr Dastehen war nichts mehr als ein unaufhaltsam lautloser Dahinsturz. – Wunderbar dennoch in sich gesammelt stand sie da. Ich wollte hinübergehen zu ihr; es trieb mich, um sie herumzugehen. Ihr Schatten strömte zu ihren Füßen auf den Boden hin; die abgewandte Seite, dorthin, gegen den Untergang der Sonne, diese schien mir das eigentliche Leben zu enthalten.Aber ehe ich den ersten Schritt tat, hielt ich schon inne. Ein Hauch der Verzagtheit hauchte mich an, ein Gefühl der Enttäuschung versehrte mich im voraus. Dieser Vormittag kam zurück, das endlose Umhergehen, von einem Ding zum anderen. Die Ermüdung des Wegs, Schritt um Schritt, zu Steinen hin und Trümmern von Steinen; da waren die Ausgrabungen auf der Agora, da war die Pnyx, da war der Rednerhügel, da die Tribüne; da die Spuren ihrer Häuser, ihre Weinpressen, da waren ihre Grabmäler an der eleusinischen Straße. Dies war Athen. Athens So war dies Griechenland, dies die Antike. Ein Gefühl der Enttäuschung fiel mich an. Ich setzte mich auf eines der Trümmer, die da an der Erde lagen und auf die ewige Nacht zu warten schienen; Stufe zu einem Heiligtum, unkenntliches Bruchstück von einem Altar, oder göttliche Gestalt, abgeschliffen zu einem rundlichen Stück Stein, ich setzte mich auf eins dieser Trümmer und kehrte der Säule den Rücken.Diese Griechen, fragte ich in mir, wo sind sie? Ich versuchte mich zu erinnern, aber ich erinnerte mich nur an Erinnerungen, wie wenn Spiegel einander widerspiegeln, endlos. Namen schwebten herbei, Gestalten; sie gingen ineinander über ohne Schönheit; als löste ich sie auf in einem grünlichen Rauch, darin sie sich verzehrten. Was war das, was ich an ihnen trieb? Ich prüfte mich selber. Es war nichts anderes als der Fluch der Vergänglichkeit, mit dem ich sie behauchte; das kleine Wort »Gewesen« war stärker als diese ganze Welt. Ich warf die Zeit auf sie und ich sah, wie ihre Gesichter grünlich wurden, vergingen. Daß sie längst dahin waren, darum haßte ich sie, und daß sie so rasch dahingegangen waren. Ihre paar Jahrhunderte, die elende Spanne Zeit, jenseits des ungeheuren Abgrundes; ihre Geschichte, dieser Wust von Fabel, Unwahrheit, Gewäsch, Verräterei, Furcht, Neid, Worten; das ewige Prahlen darin, die ewige Angst darin, das rasche Vergehen. Schon war ja alles nicht, indem es zu sein glaubte! Und darüber schwebend die ewige Fata Morgana ihrer Poesie; und ihre Götter selber, welche unsicheren, vorüberhastenden Phantome: da standen Chronos und die Titanen, gräßlich und groß, schon waren sie dahin, von den eigenen Kindern gestürzt und vergessen; dann treten jene anderen heran, die Olympischen, wer glaubte sie? Schon waren auch sie vorüber, gelöst in einem farbigen Nebel, verklungen zum Echo ihrer selbst; Götter, ewige? Schon waren sie dahin, milesische Märchen, eine Dekoration an die Wand gemalt im Hause einer Buhlerin. Wo ist diese Welt, und was weiß ich von ihr! rief ich aus. Wo fasse ich sie? Wo glaube ich sie? Wo gebe ich mich ganz an sie? Hier! oder nirgends. Hier ist die Luft und hier ist der Ort. Dringt nichts in mich hinein? Da ich hier liege, wirds hier auf ewig mir versagt? Nichts mir zuteil als dieses Gräuliche, diese ängstliche Schattenahnung?Tiefer mußte die Sonne gesunken sein, länger zogen die Schatten sich hin, da traf mich – kam es von außen oder von innen? – ein Blick; tief und zweideutig, wie von einem Vorübergehenden. Er ging und war mir schon halb abgewandt, halb abgewandt verachtungsvoll auch dieser Stadt, seiner Vaterstadt. Sein Blick enthüllte mir mich selbst und ihn: es war Platon. Um die Lippen des Mythenerfinders, des Verächters der Götter spielten der Hochmut und geisterhafte Träume. In einem prunkvollen, unbefleckten Gewand, das lässig den Boden streifte, ging er hin, der Unbürger, der Königliche; er schwebte vorüber, wie Geister, die mit geschlossenen Füßen wehen. Verachtend streifte er die Zeit und den Ort, er schien von Osten herzukommen und nach dem Westen zu entschwinden.Als das Phantom hinweg war, lag alles nüchtern, traurig. Doppelt entweiht schien der Hügel mit seinen Trümmern und meine Schuld lag am Tage. Es ist deine eigene Schwäche, rief ich mich an, du bist nicht fähig, dies zu beleben. Dies alles ist Anruf der Ewigkeit – wer ihn zu hören vermöchte! Wie kannst du ihn hören? Du selber zitterst vor Vergänglichkeit, alles um dich tauchst du ins fürchterliche Bad der Zeit. Wenn du um die Säule herumgehen wolltest, wolltest du nur dem eben entschwundenen Augenblick nach! – Unwillkürlich stand ich auf. Meine Gegenwart lastete auf diesem Ort. Durch mich starb das Gestorbene nochmals dahin. Ich will lesen, sagte ich zu mir und suchte mir eine Stelle im Schatten. Ich zog das Buch hervor, den »Philoktet« des Sophokles, und las. Ich wollte mir selbst entfliehen und folgte mir nach; wie ich las, von Zeile zu Zeile, so war es Zeichen um Zeichen, wie hier um mich diese Trümmer. Nicht, daß ich benommen gewesen wäre und nicht verstanden hätte, was ich las: klar und deutlich stand Vers um Vers vor mir, melodisch und furchtbar stiegen die Klagen des einsamen Mannes in die Luft. Ich fühlte das ganze Gewicht dieses Jammers und zugleich die unvergleichliche Zartheit und Reinheit der sophokleischen Zeile. Aber es schob sich zwischen mich und alles wieder jener grünliche Schleier, es ergriff mich jener verzehrende Verdacht, jene Auflehnung meines ganzen Innern. Diese Götter, ihre Sprüche, diese Menschen, ihr Handeln, alles schien mir fremd über die Maßen, trüglich, vergeblich. Diese Figuren, sie schienen, während sie vor mir redeten, ihr Gesicht zu wechseln. Sie handeln, betrügen – betrügen sie sich selber? Dieser Sohn des Achilleus, glaubt er, was er spricht? Bald schien es, als hätte Odysseus sein argloses Gemüt mit Ränken umsponnen, bald wieder scheint er sein williger, wissender Helfershelfer. Was bedeutet es, wenn er sich plötzlich gegen jenen auflehnt, und dem Philoktet die Heimkehr verspricht? Er hat kein Schiff, ihn heimzubringen. Was geht in ihm vor? Sie wollen dem kranken Mann seinen Bogen wegnehmen; aber sie wissen ja, sie müssen doch wissen, daß ohne Philoktet selber die Stadt nicht fallen kann. Wissen sie, daß es vergeblich ist, was sie tun, vergeblich diese listigen Reden, und gestehen sie es sich selber nicht ein? Dies alles war fremd über die Maßen und unbetretbar. Ich konnte nicht weiterlesen. Ich legte das Buch aus der Hand. Eine Luft erhob sich, strich über den Hügel hin und wandte die Blätter des Buches um, das neben mir auf der Erde lag. Es roch plötzlich zugleich nach Erdbeeren und Akazien, nach reifendem Korn, nach dem Staub der Straßen und nach dem offenen Meer. Ich fühlte die Bezauberung dieses Duftes, in dem die ganze Landschaft sich zusammenfaßte; dieser Landschaft, um die die Spur von Jahrtausenden hauchte, dieser Luft, worin das Gold der Ewigkeit aufgelöst schien. Aber ich wollte mich diesen nicht hingeben. Ich bückte mich, steckte mein Buch zu mir und wandte mich zum Gehen.Unmögliche Antike, sagte ich mir, unmögliches Beginnen, vergebliches Suchen. – Die Härte dieses Wortes schien mich zu ergötzen. – Nichts ist von all diesem vorhanden. Hier, wo ich es mit Händen zu greifen dachte, hier ist es dahin, hier erst recht. Eine dämonische Ironie webt um diese Trümmer, die noch im Verwesen ihr Geheimnis festhalten. Sie gleichen allzusehr diesen Düften. Beide reizen zu vergeblichen Träumen, und was zurückbleibt ist der Geschmack der Lüge auf der Zunge.Ich hob den Fuß, um die gespenstische Stätte des Nichtvorhandenen zu räumen und mich nach dem kleinen Museum zu begeben, das aus unscheinbarem Mauerwerk an den Abhang hingebaut ist. Dort sind, dachte ich, in Schränken Kostbarkeiten ausgelegt, die aus dem Schutt der Gräber kommen: kleine Spiegel aus Metall, Armbänder oder Gehänge aus gehämmertem Gold, Krüge und Urnen. Sie haben der Gewalt der Zeit widerstanden, für den Augenblick wenigstens, sie sprechen nur sich aus und sind von vollkommener Schönheit. Ein Becher gleicht der Rundung der Brüste oder der Schulter einer Göttin. Eine goldene Schlange, die einen Arm umwand, ruft diesen Arm herauf. Der Mäander, mit dem sie verziert sind, bringt das Motiv der Unendlichkeit vor die Seele, aber so unterjocht, daß es unser Inneres nicht gefährdet. In der Ergötzung des Auges geben sich die Sinne zufrieden und ihr Streben nach Unendlichkeit schläft ein. Ich will dorthin. Es ist vergeblich, ringen zu wollen um das Unerreichliche.Ich ging schnell querüber und trat in den Vorraum des kleinen Museums. Der Kustode war auf der Schwelle gestanden und hatte mein Kommen beobachtet. Als ich nahe war, trat er scheinbar achtlos zur Seite und dann, sobald ich eintrat, mit gespielter Überraschung, aus dem Dunkel auf mich zu. »Sie kommen leise«, sagte er, »und Sie kommen spät, mein Herr, aber Sie kommen nicht zu spät.« Es war ein kleiner Mann von unbestimmbarem Alter und der unangenehmen Gesichtsfarbe der Blonden, die zu einer dunklen Rasse gehören. »Sie kommen darum nicht zu spät, da Sie mich noch bereit finden, meinem Reglement zutrotz Sie einzulassen, obwohl die sinkende Sonne bereits den Rand des Hügels erreicht hat.« In einer maßlos eitlen Art waren seine Lippen und die häßlich blonden Haare seines langen Schnurrbartes an jedem Wort beteiligt, das er hervorbrachte, sein Ohr bewunderte seine Zunge im Gebrauche der fremden Sprache und seine unangenehm glänzenden Augen waren in einer ungemessenen Weise fasziniert von sich. »Ich werde Sie einlassen«, fuhr er fort, »weil ich es für gut finde, obwohl ein lächerliches Reglement mir hierüber Vorschriften zu machen sich herausnimmt. Aber Ihre Zeit ist gemessen, wählen Sie aus, was Sie zu sehen wünschen.«Indem er sprach, wurde mir sein Gesicht abscheulich, obwohl es nicht eigentlich häßlich war. Aber der dreifache, mit unmäßiger Sorgfalt gepflegte Bart: ein starker Schnurrbart, ein gestutzter Vollbart ums ganze Gesicht herum, und aus diesem sich hervorhebend ein Knebelbart, gaben der ganzen kleinen Physiognomie etwas Aufreizendes, und ich wollte ohne weiteres an ihm vorüber und eintreten. »Bewundern Sie zuerst«, sagte er, und bewunderte sich selber sichtlich im Reden, »die Weisheit, mit der mein Museum so angelegt ist, daß es nirgends den Umriß des erhabenen Hügels stört.« Er ließ mir die Zeit, diesem Phänomen gerecht zu werden; dann trat er zurück und gab mir den Weg frei: »Nun öffne ich Ihnen und stelle die Schätze, welche die griechische Nation meiner Obhut anvertraut hat, zu ihrer Verfügung. Ich werde Sie nicht inkommodieren, berühren Sie, wenn Ihr Auge nicht genügt, mit den Händen des Kenners den ehrwürdigen Stein. Denn Sie sind, das sehe ich auf den ersten Blick, nicht Deutscher und Archäologe, sondern Franzose und Künstler.« Ich entzog mich seinem Geschwätz und trat in den ersten Raum. An der Wand, wo es nicht mehr recht hell war, war auf einem hölzernen Gestell etwas aufgestellt, das mir fremd und häßlich schien, und ich wollte schnell daran vorbei. Da stand der Mensch schon dicht mir im Rücken. »Ganz recht, mein Herr«, sagte er, »widmen Sie den besten Teil Ihrer Zeit diesem Kunstwerk: die Welt hat vielleicht kein erhabeneres, zweifellos kein merkwürdigeres: Sie stehen vor dem dreileibigen Dämon, dem vornehmsten Schmuck des alten ursprünglichen Athenatempels.« Die drei männlichen Leiber, die in einen plumpen geringelten Drachenschwanz ausliefen, schienen mir abscheulich; die drei bärtigen Köpfe hatten eine Art von gutmütigem Ausdruck; dumpf und tierhaft glotzten sie auf mich herüber. »Hier sehen Sie«, rief der Kleine, und drehte seinen Knebelbart zu einer Locke, »hier sehen Sie wahrhaft große, archaische Kunst. Welche Männlichkeit! Welcher Ernst, wogegen alles Spätere als Weichlichkeit und Dekadenz erscheint! Hier haben Sie den Zusammenbruch der Fabel von den bartlosen Griechen.« Er fixierte mich fast drohend und ich konnte erkennen, welche Bedeutung seine eigene Erscheinung mit den drei Bärten für ihn in diesem Lichte besaß. »Und nun denken Sie dies herrliche Gebilde, im Schmuck seiner Farben: die Gesichter und die Lippen braunrot – Sie sehen hier die Spuren –, die Augäpfel gelbweiß, die Augensterne grün, die Pupillen grauschwarz. Alle Bärte und Schnurrbärte haben Sie blau zu denken, wohlgemerkt! bei allen dreien, und ebenso das Haupthaar der beiden äußersten Köpfe, dagegen das des mittleren – welcher Geist, welche Bedeutung, über die ich viel nachdenke, und über die ich eine Publikation vorbereite – greisenhaft gelblichweiß!« Er zwang mich, nahe heranzutreten, und wollte mich anrühren, um mir ganz genau die Spuren der Farbe auf den plumpen Gesichtern zu zeigen, da wandte ich mich sehr jäh und kehrte ihm entschieden den Rücken. Im nächsten Saal, den ich schnell betreten hatte, und wo es stärker dämmerte, denn er hatte nur ein einziges schmales Fenster, blieb ich stehen und ich glaubte seinen Schritt im Rücken zu hören. Ich horchte, aber er war nicht hinter mir. Ich überschritt noch eine Schwelle und betrat den dritten Raum.Standbilder waren da, weibliche, in langen Gewändern. Sie standen um mich im Halbkreis, unwillkürlich zog ich den Vorhang vor die Tür und war allein mit ihnen. In ihrer vollkommenen Ruhe, bis zum Rande gefüllt mit Leben, schienen sie an sich herabzublicken, vor sich hinzublicken, aber sie sahen mich nicht. Trotzdem – das war vielleicht das Letzte, wovon ich in der Sekunde des Eintretens mir Rechenschaft gab, ehe etwas anderes an mir geschah –, sie waren nicht blicklos: dies mochte an dem wunderbaren Leben liegen, mit dem das obere Lid beladen war, und das gegen die Nasenwurzel hinströmte und sich unter den Augen mit erhabenem Ernst verlor.In diesem Augenblick geschah mir etwas: ein namenloses Erschrecken: es kam nicht von außen, sondern irgendwoher aus unmeßbaren Fernen eines inneren Abgrundes: es war wie ein Blitz: den Raum, wie er war, viereckig, mit den getünchten Wänden und den Statuen, die dastanden, erfüllte im Augenblick viel stärkeres Licht, als wirklich da war: die Augen der Statuen waren plötzlich auf mich gerichtet und in ihren Gesichtern vollzog sich ein völlig unsägliches Lächeln. Der eigentliche Inhalt dieses Augenblickes aber war in mir dies: ich verstand dieses Lächeln, weil ich wußte: ich sehe dies nicht zum erstenmal, auf irgendwelche Weise, in irgendwelcher Welt bin ich vor diesen gestanden, habe ich mit diesen irgendwelche Gemeinschaft gepflogen, und seitdem habe alles in mir auf einen solchen Schrecken gewartet, und so furchtbar mußte ich mich in mir berühren, um wieder zu werden, der ich war. – Ich sage »seitdem« und »damals«, aber nichts von den Bedingtheiten der Zeit konnte anklingen in der Hingenommenheit, an die ich mich verloren hatte; sie war dauerlos und das, wovon sie erfüllt war, trug sich außerhalb der Zeit zu. Es war ein Verwobensein mit diesen, ein gemeinsames Irgendwohinströmen, eine unhörbare rhythmische Bewegung, stärker und anders als Musik, auf ein Ziel zu; ein inneres Hingespanntsein, ein Sich-in-Marsch-Setzen; es glich einer Reise; unzählige tretende Füße, unzählige Reiter: der Morgen eines feierlichen Tages; jungfräuliche Luft, der frühe Morgen vor der Sonne – daher kam dieses fahle starke Licht, das den Raum und mein Herz durchzuckt hatte –, ein Tag der Hoffnung und der Entscheidung. Irgendwo geschah eine Feierlichkeit, eine Schlacht, eine glorreiche Opferung: das bedeutete dieser Tumult in der Luft, das Weiter- und Engerwerden des Raumes – das in mir dieser unsagbare Aufschwung, diese überschwellende Geselligkeit, wechselnd mit diesem schlaffen todbehauchten Verzagen: denn ich bin der Priester, der diese Zeremonie vollziehen wird – ich auch das Opfer, das dargebracht wird: das alles drängt zur Entscheidung, es endet mit dem Überschreiten einer Schwelle, mit einem Gelandetsein, einem Hier – mit diesem Dastehen hier, ich inmitten dieser: noch ist das Ganze Gegenwart, in ihren rieselnden Gewändern, in ihrem wissenden Lächeln: da verlischt schon dies in ihre versteinernden Gesichter hinein, es verlischt und ist fort; nichts bleibt zurück als eine todbehauchte Verzagtheit. Statuen sind um mich, fünf, jetzt erst wir mir ihre Zahl bewußt, fremd stehen sie vor mir, schwer und steinern, mit schiefgestellten Augen. Groß sind ihre Gestalten; aufgebaut – tierhaft oder göttlich – aus überstarken Formen; ihre Gesichter sind fremd; geschürzte Lippen, erhabene Augenbogen, mächtige Wangen, ein Kinn, um das das Leben fließt; sind es noch menschliche Mienen? Nichts an ihnen spielt auf die Welt an, in der ich atme und mich bewege. Ist nicht in diesen zweideutig lächelnden Larven ein lauerndes Herüberblicken von drüben? und zugleich eine ganz momentane und gegenwärtige Drohung, wie von einer Atmosphäre, die sich zusammenballt? Stehe ich nicht vor dem Fremdesten vom Fremden? Blickt hier nicht aus fünf jungfräulichen Mienen das ewige Grausen des Chaos?Aber, mein Gott, wie wirklich sind sie. Sie haben eine atemberaubende sinnliche Gegenwart. Aufgebaut wie ein Tempel hebt sich ihr Leib auf den herrlichen starken Füßen. Ihre Feierlichkeit hat nichts von Masken: das Gesicht empfängt seinen Sinn durch den Körper. Es sind mannbare Frauen, Bräute, Priesterinnen. In ihren Mienen ist nichts als die Strenge der Erwartung, die erlesene Kraft und Hoheit ihrer Rasse, ein Wissen um den eigenen Rang. Was sie starr erscheinen macht, ist die Beklommenheit eines erhabenen Festes, sie nehmen an Dingen teil, die über jede gemeine Ahnung sind.Wie schön sind sie! Ihre Körper sind mir überzeugender als mein eigener. Es ist in dieser geformten Materie eine tiefsinnigere Belehrung, als ich je von meinen Gliedern empfangen habe. Es ist eine Intention in ihr, so stark, daß sie auch mich spannt. Ich habe nie zuvor etwas gesehen wie diese Maße und diese Oberfläche. Schien nicht für ein Wimperzucken das Universum mir offen?Aber auch jetzt wiederum – indes ich mir doch so ernüchtert dünke, so schnell ernüchtert und wieder bei mir selber – diese Materie da vor mir, sie ist nicht ernüchtert, so fest sie scheint, es ist etwas Liquides an ihr, etwas Sehnsüchtiges, sie kommt irgendwoher und sie verrät, daß sie irgendwohin will. Sie ist auf einer Reise, sie landet in diesem Augenblick, will sie mich mitnehmen? Woher sonst diese Ahnung einer Abreise auch in mir, dieses rhythmische Weiterwerden der Atmosphäre, dieses mit festem Fuß Wandeln an einem fremden breiten Fluß, Hinaufgleiten an einem niegesehenen gekrümmten Berg – woher diese ganze ahnungsvolle Unruhe, dieser lautlose Tumult – der mich bedroht oder dem ich gebiete? Es ist, antworte ich mir unfehlbar wie ein Träumender, es ist das Geheimnis der Unendlichkeit in diesen Gewändern. Nicht nur dies Gekräuselte, von den Schultern bis unters Knie Hinunterrieselnde, nein, die ganze Oberfläche ist Gewand und webender Schleier, offenbares Geheimnis. Ist denn nicht in der gleichen Weise auch der Vorhang dort, der leise weht, ein webender Teil von mir? Empfing ich nicht unsichtbare Glieder, die ich traumhaft unwissend bewege? Empfing ich sie nicht, um mit nichtirdischen Händen aufzuheben den Schleier, einzutreten in den ewigen lebenden Tempel? Wenn in mir ein Sinn erwachte, der über alle Sinne ist; wenn der das Auge bewältigen könnte, von innen heraus! – antwortete es in mir flüssig und bestimmt, wie das Anspringen eines quellenden Wassers, und ein neuer Gedanke drängte sich herzu: Wer diesen wahrhaftig gewachsen wäre, müßte sich anders ihnen nahen als durchs Auge, ehrfürchtiger zugleich und kühner. Und doch müßte ihm sein Auge dies gebieten, schauend, schauend, dann aber sinkend, brechend wie beim Überwältigten. – Und dieser Gedanke hob mich wie ein großes Wasser, das, ins Haus hineindringend, einen unter den Achselhöhlen ergreift. Er hob mich diesen entgegen, diese zugleich mir entgegen.Mein Auge sank nicht, doch sank eine Gestalt über die Knie der einen Priesterin hin, jemand ruhte mit der Stirn auf dem Fuß einer Statue. Ich wußte nicht, ob ich dies dachte, oder ob dies geschah. Es gibt einen Schlaf im Wachen, einen Schlaf von wenig Atemzügen, der größere Kraft der Verwandlung in sich hat und dem Tode verwandter ist als der lange tiefe Schlaf der Nächte. *  Wiederum besann ich mich auf mich selber. Ohne jeden Zweifel, sagte ich mir, bin ich hier in der Gewalt der Gegenwart, stärker und in anderer Weise, als es sonst gegeben ist. Dies, was hier vor mir ist, mein Auge füllt, richtet mich irgendwohin, ins Unendliche. Mag sein, es sind diese Statuen, wovon meine Seele ihre Richtung empfängt, mag sein, es ist etwas anderes, als dessen Boten sie mich umstehen. Denn es ist sonderbar, daß ich sie wieder nicht eigentlich als Gegenwärtige umfasse, sondern daß ich sie mir mit beständigem Staunen irgendwoher rufe, mit einem bänglich süßen Gefühl, wie Erinnerung. In der Tat, ich erinnere mich ihrer, und in dem Maß, als ich mich dieser Erinnerung gebe, in dem Maß vermag ich meiner selbst zu vergessen. Dieses Selbstvergessen ist ein seltsames deutliches Geschehen: es ist ein grandioses Abwerfen, Teil um Teil, Hülle um Hülle, ins Dunkle. Es wäre wollüstig, wenn Wollust in so hohe Regionen reichte. Ungemessen mich abwerfend, auflösend, werde ich immer stärker: unzerstörbar bin ich im Kern. Unzerstörbar, so sind diese, mir gegenüber. Es wäre undenkbar, sich an ihre Oberfläche anschmiegen zu wollen. Diese Oberfläche ist ja gar nicht da – sie entsteht durch ein beständiges Kommen zu ihr, aus unerschöpflichen Tiefen. Sie sind da, und sind unerreichlich. So bin auch ich. Dadurch kommunizieren wir.Eines ahne ich indessen blitzschnell: worin meine gegenwärtige Herrlichkeit begründet ist. Ich verachte die Zahl und alle Unterschiede. Dies ist unter dem, was ich abgeworfen habe. Ich fühle, daß die mehr als menschliche Größe dieser Wesen sich an mir auflöst, zu nichts wird. Dann, daß ihre Vielheit mir nichts anderes ist, als die Einheit. Dann dies zugleich – und ich fühle, daß es mit den anderen Phänomenen aus einer Ordnung ist: jene Fahrten, die vor wenig Augenblicken mir angeboten waren, ich bedarf ihrer nicht mehr; verharrend bin ich auch am Ufer jenes seltsam breiten, nie gesehenen Flusses, stehe auf dem Gipfel jenes Berges mit gekrümmtem Hang. Nur diese brauche ich, die Trägerinnen der Ewigkeit, mit denen ich mich selbst zur Gottheit mache. Von ihrem Dastehen, von ihren rieselnden Gewändern, von ihren Mienen, blicklos wissend blickenden, trieft dies eine Wort: »Ewig!« Indem ich die Hieroglyphe ihres Gesichtes – denn ihre Gesichter sind längst eines für mich, und vom Scheitel bis zur Sohle sind sie wahrhaft Figur und ich kenne kein Vor- und kein Nacheinander bei ihrer Betrachtung –, indem ich die verbundenen Zeichen darin in einem letzten Schwung völlig erkenne, weiß ich als Letztes: unbedürftig bin ich auch ihrer. Ich brauche sie nur, wie sie mich brauchen. Sie stünden nicht vor mir, wenn ich ihnen nicht von Ewigkeit zu Ewigkeit hülfe, sich aufbauen.Und indem ich mich immer stärker werden fühle und unter diesem einen Wort: Ewig, ewig! immer mehr meiner selbst verliere, schwingend wie die Säule erhitzter Luft über einer Brandstätte, frage ich mich, ausgehend wie die Lampe im völligen Licht des Tages: Wenn das Unerreichliche sich speist aus meinem Innern und das Ewige aus mir seine Ewigkeit sich aufbaut, was ist dann noch zwischen der Gottheit und mirmir
?
