Die letzte Reckenburgerin

Einführung.

Es war etwa zwei Jahre nach der Schlacht von
Waterloo, als in einem niederländischen Gränzstädtchen
armen Eltern eine Tochter geboren wurde.

Die kleine, fremde Stadt ist nicht der Schauplatz
unserer Geschichte und die kleinen, fremden Leute sind
nicht deren Helden. Das alltägliche Ereigniß aber
sollte gleichsam den Angelpunkt bilden, um welchen
dieselbe rückwärts und vorwärts sich bewegen wird.
Denn wäre jenes Kindlein nicht geboren, oder wäre
es nicht in der Fremde und in Dürftigkeit geboren
worden, so würde die weite Welt von unserer wirklichen Heldin nichts erfahren und wir würden ihr
nicht deren Bekenntnisse zu offenbaren haben.

Der Vater des Kindes war noch jung, vielleicht
kaum großjährig. Dazu ein Mann von auffälliger,
sagen wir ritterlicher Kraft und Schöne der Gestalt,
wenngleich das sturmvolle Leben des Feldlagers in
den frühverwüsteten, narbigen Zügen zu lesen stand
und wenngleich der Verlust eines Armes ihn zum
Krüppel machte. Er war als unbärtiger Forstlehrling
der Schaar des Braunschweig-Oels in Sachsen zugelaufen, hatte die heldenmüthigen Fahrten und Thaten
dieses Corps unter britischer Fahne auf der Halbinsel, wie später in den Niederlanden getheilt, bis er
bei la Haye sainte schwer verwundet und eines
Gliedes beraubt, als Wachtmeister verabschiedet worden war. „Prinz Gustel“ hatten die Kameraden der
Legion den stattlichen, flotten Sachsen titulirt; er selber
nannte sich bescheidentlich August Müller.

Die Mutter mochte leicht ein Mandel Jahre mehr
zählen als ihr Gespons, und liegt es uns zu unserer
Befriedigung nicht ob, über die vergangenen Tage der
„schwarzen Lisette“ gewissenhaft Buch zu führen. Genug,
daß sie als Marketenderin, zuletzt bei der Legion, gedient, daß sie ihren August nach seiner Verwundung
getreulich verpflegt hat, daß sie sein rechtmäßiges Weib
geworden und jetzt ämsig bemüht ist, den armseligen
Haushalt durch langentwöhnte Handarbeit zu fristen.

Die späte Wiege schien eine unberechnete Geräthschaft in ihrem Mahlschatze gewesen zu sein. Jedenfalls hatte die Kampfesstunde, welche einem Menschen
das Leben giebt, das wetterbraune, hartgliederige Weib
schwerer mitgenommen als zwanzig Kampfesjahre, in
welchen sie Tausende das ihre verenden sah. Die Finger
zitterten und der Schweiß tropfte von ihrer Stirn,
als sie jetzt, bei eintretender Dämmerung, die feinen
Lederzwickelchen noch aneinanderpaßte, die sich, sobald
der Morgen graute, in zierliche Damenhandschuhe verwandeln sollten. Sie seufzte, wenn sie von Zeit zu
Zeit einen schüchternen Blick auf das schwächliche
Wesen fallen ließ, das seit drei Tagen, fast ohne zu
erwachen, an ihrer Seite kaum merkbar athmete.

Noch weit unbehaglicher indessen schien dem jungen
Invaliden dieser häusliche Zustand vorzukommen. Er
schritt in der halbdunklen, niedrigen Kammer auf und
ab gleich einem eingefangenen Hirsch, der sich das Geweih abzustoßen fürchtet, riß dann, schwer athmend,
das Fensterschößchen auf und schlug es unwirsch wieder
zu, als er die Frau ängstlich das Kind gegen den Luftzug bedecken sah. Endlich aber rannte er, ein Donnerwetter brummend, aus der Thür, durch welche wir ihn
nach einer Weile, eine Weinflasche in der Hand und
in gemüthlicherer Laune, zurückkehren sehen.

„Leg' das Zeug bei Seite und thu' einen Zug,
Lisette!“ rief er der Wöchnerin entgegen. „Du bist's
gewöhnt, und es thut Dir noth, armes Weib.“

Frau Lisette schüttelte bedenklich den Kopf, seufzte
und frug mit tiefer, zur Zeit merkbar angegriffener
Stimme: „Und die Zahlung, August? Wieder geknöchelt gestern Nacht? Wieder gekärtelt? Mann,
Mann!“

„Nun, seit wann hältst Du denn Knöcheln und
Kärteln für eine Sünde, altes Haus?“ entgegnete
lachend der Invalid. „Trink, und schneide kein Gesicht! Kann ich Holz hacken mit meinem Stumpf?
Soll ich die Orgel umhängen und vor den Thüren
dudeln, he? Schmählich genug, daß Eine, die so
tapfer dem Kalbsfell gefolgt, elende Ziegenfellchen zusammenstoppeln muß. Aber laß das Gestöhn! Greinen,
wenn man unterm Kanonendonner gelacht! Einen
Schluck und herzhaft drein geschaut wie sonst. Es
kann ja nicht ewig Frieden bleiben. Wie lange wird's
dauern, ist der Napoleon retour und dann — —“

Er verstand den kläglichen Blick, mit welchem die
Marketenderin seine Rede unterbrach, fuhr aber nach
kurzem Besinnen in munterster Laune also fort: „Man
braucht nur einen Arm, um dreinzuhau'n, Lisette.
Ich habe ihrer mit der Linken losfeuern sehen und
mir ist die Rechte geblieben, die Mannesfaust. Nur
erst den Napoleon retour, das Zelt aufgeschlagen, ein
Pferd unter den Leib, und Stumpf und Kindsbett —
bah! wer denkt noch an die? Pack die Lappalien zusammen und laß uns Eins schwatzen. Sei wieder
meine alte, brave, lustige Schwarze!“

„Du hast Recht, August; laß uns Eins schwatzen,“
versetzte die Frau nach einer Pause mit einem herzhaften Entschluß, indem sie erst ihr Nähzeug sorgfältig verpackte, dann die Flasche entkorkte, einschenkte
und nach einem kräftigen Zug das Glas dem Invaliden reichte. — „Bleib' einmal bei mir heute
Abend, Mann. Wir wollen uns Geschichten erzählen, wie sonst im Zelt. Aber keine von den alten,
keine, die wir an den Fingern ableiern können, Du,
wie ich.“

Der Invalid lachte. „Curios, just von den
Schnurren, die Einer von den Fingern ableiern kann,
hört und schwatzt er am liebsten,“ meinte er.

„Nun freilich, freilich, August, so für alle Tage.
Nur heut' einmal zum Spaß ein Extrastück. Ein noch
älteres, Mann. Etwas von vor unserer Fahnenzeit. Ich meine, etwas von der Heimath und den
Angehörigen, die wir — —“

Sie machte eine Pause, in der sie einen ihrer
Kehle fremdartigen Ton hinunterpreßte. Dann, nach
einem Blick auf das Kind, der etwa wie „armer, verlassener Wurm!“ auszulegen war, fuhr sie fort:

„Freilich, bei mir ist's eine Weile her. Die
Eltern waren todt, Geschwister hatte ich keine und die
Gevattern und Muhmen, wenn sie allenfalls noch lebten,
ich würde sie schwerlich wiedererkennen, oder richtiger
ausgedrückt, sie würden die Lisette nicht wiedererkennen
wollen, die — — Aber Du, August, Du bist ein
junges Blut gegen mich. Wie lange ist es denn her?
Keine zehn Jahr.“

„Anno neun, Lisette. Netto acht Jahre. Es
war, wie der Herzog —“

„Ich weiß das vom Herzog, Freund. Acht
Jahre! In der Zeit wird ein Mensch nicht vergessen und ein Mann wird nur mit Ehren darauf angesehen. Kehrtest Du heute heim, Deine Leute würden
Dich mit Vergnügen aufnehmen, August.“

Freund August lachte aus vollem Halse. „Meine
Leute?“ fragte er, „der Förster etwa, dem ich aus dem
Garne gelaufen bin?“

„Nun, wenn der Förster just auch nicht, so doch
die, welche Dich vor ihm in Versorgung hatten.“

„Der Waisenvater, meinst Du? Der gute Mann
war alt; er wird lange todt sein, Lisette.“

„Aber Dein leiblicher Vater, Mann!“

„Ei, wie dumm, kluge Lisette! nachdem ich eben
erst des Waisenvaters erwähnt. Einen leiblichen
habe ich nicht gekannt.“

„Oder Deine Mutter — —“

„Ich weiß von keiner Mutter, Frau.“

„Von keiner Mutter? Aber eine Waisenanstalt
ist doch kein Findelhaus. Du hattest Deine Jahre,
mußt Dich auf etwas vorher besinnen können.“

„Vorher? nun ja, auf die alte Muhme im Walde.“

„Eine Muhme! Wie hieß sie, Mann?“

„Sie hieß Justine.“

„Und weiter?“

„Weiter weiß ich's nicht.“

„Aber Du mußt doch einen Vater gehabt haben.
Was war er, wo lebte er, August?“

„Weiß ich Alles nicht, altes Fragezeichen.“

Die Frau ließ sich durch diesen Ehrentitel nicht
irre machen. „Besitzest Du denn gar nichts Schriftliches?“ forschte sie nach einigem Besinnen weiter.
„Nicht Deinen Taufschein, den Todtenschein der Eltern und dergleichen?“

„Hast Du Deine Kirchenzeugnisse eingeholt, als
Du bei Nacht und Nebel Deiner Dienstherrschaft von
dannen ranntest?“ gegenfragte spottend der Mann,
setzte aber, da er wieder einen Seufzer zu hören glaubte,
gutmüthig hinzu: „Na, nimm's nicht übel, Lisette.
Etwas Schriftliches möchtest Du? Ja, da wäre allenfalls der Schein, mit dem mich der Probst aus dem
Kloster entlassen hat.“

„Auch im Kloster bist Du gewesen? Unter Mönchen, August? Wohl gar katholisch?“

„Lieber gar, altes Haus! Das ist nicht Mode
im Leipziger Kreis. Die Anstalt hieß nur das Kloster und der Director der Probst von päpstlichen Zeiten her. Der alte Zettel hat sich erhalten, weiß selber kaum wie. So oft ich ihn wegwerfen wollte, sah
ich den guten, blassen Mann und seine Thränen, als
er mir ihn gab. Wir hatten ihn Vater genannt,
und er war uns wie ein Vater gewesen. Da steckt'
ich den Wisch denn immer wieder ein.“

„Zeige mir den Schein, August,“ bat die Frau,
indem sie sich hastig daran machte, Feuer zu schlagen
und die Lampe auf dem Tisch vor ihrem Bette anzuzünden. Als sie damit zu Stande gekommen, entfaltete sie das Papier, das der Invalid aus seiner Brusttasche hervorgesucht hatte, und dessen pulvergeschwärzte,
blutige Spuren ein beredtes Zeugniß seiner Jünglingsjahre waren.

„Psalm 146, Vers neun.“

„Der Herr behütet die Fremdlinge und Waisen. August Müller. Eingesegnet und unserer
Pflegestätte entlassen am vierten April 1807.

Kloster Laurentii, Ludwig Nordheim,
Kreis Leipzig. Probst und Director.

Frau Lisette hatte diesen knappen Inhalt kopfschüttelnd vor sich hingemurmelt. „Kein Geburtsdatum,“ sagte sie nach einer nachdenklichen Pause; „nicht
Name, Stand und Wohnort der Eltern! War das
Kloster eines für eheliche Kinder, August?“

„Für Soldatenwaisen,“ antwortete stolz der
Mann. „Nur als Lückenbüßer dann und wann ein
Bürgerjunge.“

„Und Du erinnerst Dich auch entfernt keines
Pflegers, oder Vormunds, keiner Ortsbehörde, die Dich
in die Anstalt gebracht hätte?“

„Hingebracht? ei freilich, hingebracht hat mich Fräulein Hardine.“

Die Marketenderin zuckte neubelebt auf.

„Fräulein Hardine!“ rief sie, „Mann, wer war
Fräulein Hardine?“

„Ein Frauenzimmer, groß und schwarz, wie Du,
Lisette,“ versetzte, von dem Eifer seiner Frau belustigt,
der Invalid. „Wenn die alte Beckern recht hat, meine
Frau, oder Fräulein Mama.“

„Und die alte Beckern, wer war die?“

„Die Waschfrau der Anstalt und eine Klatsche.“

„Fräulein Hardine! Ein Fräulein, keine Mamsell! Eine Adlige sonach.“

„Kann sein. Ihr Vater war ein kurfürstlicher
Major.“

„Sein Name —?“

„Hab' ihn niemals nennen hören; vielleicht auch
vergessen. Die Tochter hieß bei Allen schlechtweg
Fräulein Hardine.“

Frau Lisette saß eine Weile in stillen Gedanken, dann rückte sie hervor mit einem kriegslistigen
Plan.

„Gieb mir die Pfeife, daß ich sie Dir stopfe, Gustel,“
sagte sie munter; „und da noch ein Glas, das den
Kopf aufräumt. Nun aber erzähle mir einmal hübsch
im Zusammenhange Alles, was Du aus Deinen Kinderjahren behalten hast. So wenig es sein mag, — man
kann immer nicht wissen — — und von etwas muß
doch einmal geplaudert sein, gelt?“

Ein trockner Text für den Liebhaber der Lagergeschichten, trotz Pfeife und Flasche, die ihn mundrecht
machen sollten. Indessen er hatte gehört, daß man
einem Weibe im Kindbett zu Willen reden müsse, und
er war im Grunde ein gutmüthiger Gesell. So legte
er denn Hand über's Herz, und während die Frau
ihre Ziegenfellchen wieder aufnahm, erzählte er, paffend den engen Raum auf- und niederschreitend, — mit
Auslassung etwelcher Kraftausdrücke, die wir einer zarten Leserin ersparen, — wörtlich wie folgt:

„Wie gesagt: wenn, wo, von wem ich geboren
worden, weiß ich nicht. So weit ich zurückzuschauen
vermag, sehe ich eine alte Frau, die ich „Muhme“
nannte und die mich keine Noth leiden ließ. In einer
Stadt oder in einem Dorfe war es nicht, denn ich
habe keine Häuser weiter bemerkt, mit Ausnahme des
kleinen, darin die Muhme wohnte. Spielkameraden
hatte ich auch nicht, abgerechnet die Karnickel und Eichkatzen im Walde, der hinter dem Hause lag. Mit
denen aber bin ich um die Wette gehetzt und geklettert den lieben langen Tag. Und das war mir recht.
Die Muhme würde ich vielleicht wiedererkennen, vielleicht auch nicht. Das Haus aber könnte ich noch malen.
Es sprang aus einem Dickicht hervor; Tannen, so
hoch, wie ich keine wieder gesehen, und am Giebel war
aus Stein ein Hundekopf angebracht und darüber eine
Krone von Gold.

„Die Muhme hieß Justine. So nannte sie wenigstens das Frauenzimmer, das sie wohl Tag für
Tag besuchte. „Vom Schlosse her,“ wie die Muhme
sagte; ich habe aber niemals ein Schloß gesehen. Dieses Frauenzimmer war Fräulein Hardine. Ob sie
jung oder alt gewesen ist, kann ich so eigentlich nicht
sagen, auch nicht, ob sie es gut oder böse mit mir gemeint. Ich glaube aber gut zu jener Zeit. Gemacht
habe ich mir niemals etwas aus ihr. Gemerkt aber,
zum Wiedererkennen gemerkt hätte ich sie mir, glaub'
ich, schon aus jener Zeit. Es war etwas an ihr, das
sich nicht vergißt. Was, das kann ich wieder einmal
nicht sagen.

„Eines Tages saß ich eingesperrt mit Fräulein
Hardine in einem engen Kasten, der sich fortbewegte.
Item in einer Kutsche. Von Anfang machte ich große
Augen, da ich die Bäume am Wege so hurtig an
mir vorüberrennen sah. Ich sehe sie noch rennen,
Lisette. Bald aber kriegte ich das Ding satt, tobte,
schrie, und würde über den Kutschenschlag gesprungen
und in meinen Wald zurückgelaufen sein, wenn Fräulein Hardine mich nicht an den Ohrlappen festgehalten und so lange darein gekniffen hätte, bis ich endlich vom Heulen müde ward, mich auf die Bank
streckte und in Schlaf verfiel. Ich wachte wohl wieder auf und erhob den vorigen Rumor. Fräulein
Hardine kriegte mich aber immer wieder bei den Ohren, ich schlief immer wieder ein und kann daher nicht
sagen, ob die Fahrt Stunden, Tage, Wochen lang
gedauert hat, oder wie ich im Uebrigen an mein Ziel
gekommen bin.

„Von der Zeit ab war ich im Waisenkloster und
schlecht gegangen ist es mir darin bei Leibe nicht.
Der alte Probst war eine Seele von einem Mann;
in Wahrheit ein Waisenvater und mir, wie es schien,
ganz absonderlich zugethan. Zu essen gab's reichlich
und Fuchtel lange nicht genug für uns wilde Brut.
Aber ich hatte kein Sitzefleisch; mich zog's zurück in
den Wald. Ein paarmal nahm ich auch Reißaus,
wurde natürlich aber wieder eingefangen, und mag
man aus diesem Grunde mich auch späterhin niemals,
wie manche von den größeren Jungen, in die Stadt gelassen haben, wenn es daselbst eine Extrabesorgung galt.“

„Aber Fräulein Hardine!“ fiel ungeduldig die
Zuhörerin ein, als hier der Erzähler eine Pause
machte.

„Nun Fräulein Hardine,“ fuhr dieser fort,
„Fräulein Hardine, die kam denn auch wohl dann
und wann auf Besuch zu unserem Probst, schnitt aber
regelmäßig ein essigsaures Gesicht, so oft ich ihr vorgeführt ward, raisonnirte, weil ich nichts lernen wollte,
und schimpfte mich einen Wildling oder dergleichen.
Einmal hat sie mir in der Bosheit auch eine ganz
gehörige Backpfeife applicirt.“

Frau Lisette fuhr auf wie electrisirt. — „Eine
Backpfeife!“ rief sie mit dem Ausdruck höchster Befriedigung; „eine Backpfeife, August — “

„Ganz gewiß nicht unverdient, Lisette!“

„Gezüchtigt mit eigener Hand! Und das soll
nicht seine Mutter gewesen sein!“

„So? Du hättest also eher Deinen eigenen
Wurm als einen fremden durchgewichst?“

Die arme Mutter nahm bei dieser Gewissensfrage ziemlich kleinlaut ihr Nähzeug wieder auf. —
„Ein adeliges Fräulein und unter den Augen der geistlichen Obrigkeit, sie muß doch ein Recht dazu besessen
haben,“ — murmelte sie wohl noch, wurde aber nicht
mehr gehört, denn ihr Gespons hatte den Faden bereits wieder aufgegriffen.

„So viel steht fest, Lisette,“ erklärte er, „hätte
Fräulein Hardine mich lebtags mit Streichelfingerchen
angefaßt, ich könnte sie vergessen haben. Nun sie sich
thätlich an mir vergriffen hat, bleibt und lebt sie vor
meinen Augen und würde ich hundert Jahre.

„Ich war auf diese Weise ein stämmiger Bursche
geworden; kopfshoch größer als sämmtliche Kameraden,
und in mir rumorte anjetzo nur noch ein einziges
Gelüst. Nicht mehr: „In den Wald!“ wie früherhin.
Nein: „Ein Pferd unter den Leib und unter die
Soldaten!“ Ich hatte in meinem Leben die ersten
Truppen gesehen. Preußen und Landeskinder waren
an dem Kloster vorübergezogen. Nämlich während
der Mobilmachung von Anno fünf, wo sie dem Oesterreicher zu Hülfe wollten. Der Oesterreicher wurde in
der Klemme gelassen und meine Preußen zogen wieder
ab. Aber nächsten Herbst kamen sie retour. Rectamente dem Napoleon auf den Pelz, der bereits auf
dem Wege sei, wie es hieß. Da prickelte es mir
freilich vom Kopf zur Zeh'! Ich hatte aber doch so
viel Einsehen, daß sie einen halbwüchsigen, verlaufenen
Waisenjungen bei der Armee nicht nehmen würden.
Einstweilen spielte ich daher nur Soldat, und es war
eine Lust, wie ich die Jungens zusammenwalkte. Ich
war der Größte und darum von Rechtswegen unser
Kurfürst, den ich mir immer nur wie einen Schlagetodt vorstellen konnte. Die Meisten, aber Kleinsten,
waren die Franzosen und ein Knirps ihr Napoleon.
Nun ich habe ihn gebläut, wie vor zwei Jahren den
richtigen Napoleon der alte Marschall Vorwärts und
unser iron duke.“

„Aber Fräulein Hardine?“ — fragte von Neuem
die erwartungsvolle Hörerin und der Exwachtmeister
antwortete: „Nur Geduld, gleich ist sie wieder da!“

„Es war am vierzehnten October, — solch ein
Elendsdatum vergißt sich nicht, Lisette! — Wir standen zum Morgenbrod im Kreuzgange aufgestellt, als
der Probst zu uns trat mit Hut und Stock, zitternd
über den ganzen Leib und weiß wie eine Wand.
„Das erste Blut ist geflossen,“ sagte er mit bebender
Stimme, „theures Blut, Heldenblut! Ihr seid Soldatensöhne, meine Kinder. Eilt in den Wald, pflückt
das letzte Eichenlaub und bindet einen Kranz auf das
Grab eines tapferen Herrn, der Allen voran, im
Kampfe für das Vaterland gefallen ist.“ Darauf an
mich herantretend, setzte er leise hinzu: „Es ist der
Vater von Fräulein Hardinen, den man gestern als
Leiche in ihr Haus gebracht hat. Dort erwarte ich
Dich, August, mit dem Kranze. Die Waschfrau
Becker“ — sie versah nämlich nebenbei den Botendienst nach der Stadt — „begleitet Dich und zeigt
Dir das Haus.“ Damit ging er. Wir Jungen
rannten in den Wald. Ich war zu oberst auf den
Bäumen und warf die Zweige herab, die unten um
einen Faßreif gebunden wurden. Es war ein Stück,
daß eine Kuh sich daran satt hätte fressen können,
Lisette. Kaum eine Stunde und ich trabte neben der
alten Beckern auf dem Wege nach der Stadt.“

„Wenn die Botenfrau so wie so nach der Stadt
ging,“ fiel hier Frau Lisette, höchlichst gespannt, dem
Redner in's Wort, „warum mußtest Du sie begleiten,
August? Du den Kranz zu Fräulein Hardinen tragen? von Allen just Du? Mann, Mann, das war
eine Finte!“

„Du kommst auf die Sprünge der alten Klosterklatsche, Lisette,“ versetzte der Invalid, der allmälig
Feuer und Flamme über seiner Erzählung geworden war. „Aber höre nur weiter. Auf dem Wege
hatte ich meinen Heidenärger mit dem dummen Weib.
Es wäre im Oberlande eine Schlacht geschlagen worden, behauptete sie, die nämliche, in welcher Fräulein
Hardinens Vater gefallen sei, und der Franzose hätte
obtinirt. Das konnte und wollte ich nicht glauben.
Ich schimpfte die Alte ein Schandmaul und würde sie
handgreiflich zur Ruhe gebracht haben, wenn sie, na,
wenn sie nicht eben ein Weib und obendrein ein altes
Weib gewesen wäre. Die aber blieb baumfest bei
ihrem Satz und in der Angst vor dem „grausamen
Bohnebart.“ Sie zitterte wie ein dürres Laub, so
oft ihr der Name über die Lippen lief. Es war nicht
anders, als ob der Bohnebart expreß in's Land gekommen sei, um der alten Beckern auf den Leib zu gehen.

„So in Gift und Galle kamen wir in die Stadt.
Ich hatte noch nie eine gesehen und mir eine Stadt
weit anders vorgestellt. Nur hoch oben das große
Schloß, wie es allmälig aus dem Nebel hervortrat,
das gefiel mir. „Da möchte ich wohnen,“ sagte ich
und die Beckern schmunzelte geheimnißvoll: „Nun wer
weiß, Gustel, ob Du nicht noch eines Tages in einem
Prinzenschlosse logiren thust. Der Bohnebart ist auch
nur ein armer Junge gewesen, wie Du, und am Ende
ein Kaiser geworden.“ — Und so ein Knirps! sagte
ich verächtlich.

„Bei den Worten kamen wir auf den Markt.
Die Alte wies auf ein Haus und sprach: „Da wohnen die Majors.“ Das Haus, wiewohl ich es nur
das einemal und seitdem viele tausend andere gesehen habe, das Haus könnte ich noch malen. Es
glich einem Mops, dem Einer eine Zipfelmütze aufgebunden hat. Die Beckern setzte sich neben dem
Thorweg auf eine Bank, allwo sie mich zurück erwarten wollte, und ich ging mit meinem Kranze hinein.

„Im Thorwege kam mir auch schon der Probst
entgegen, nahm mich bei der Hand und führte mich
in eine Stube auf der rechten Seite. Die Fenster
waren zugehängt und ich mußte mich erst an das
Dämmerlicht gewöhnen. Ich unterschied aber doch
irgend ein menschliches Wesen, das mit ausgebreiteten
Armen nahe der Thür gestanden hatte und, auf einen
Wink des Probstes, hastig in „die Hölle“, — so heißt
bei uns zu Lande der tiefe Ofenwinkel, — huschte. Ich
spitzte die Ohren. Mir war, als hätte ich Einen
ächzen oder schluchzen gehört.“

„Fräulein Hardine!“ rief Frau Lisette in athemloser Spannung. Der Erzähler aber entgegnete:

„Behüte! Fräulein Hardine war keine von der
Art, die ächzt und schluchzt. Die stand aufrecht und
ernsthaft, schwarz vom Kopf zur Zeh' in der Kammer
vor der Leiche des Majors, zu welcher der Probst
mich unverweilt führte. Es war der erste Todte, den
ich zu sehen kriegte und ich kann Dir gar nicht beschreiben, Lisette, wie er mir gefiel. So hatte mir
noch nie ein Lebender gefallen. Er ruhte wie im
Schlafe, die Rechte ingrimmig geballt; sie mochten
ihr den Säbel, der neben der hohen Ungarnmütze an
seiner Seite lag, mit Gewalt entrissen haben. Und
dann das Ordensband, der blaue Husarenpelz mit
silbernen Schnüren und dem kleinen Brandmal, durch
welches die Kugel in das Herz gedrungen war. Ich
betastete Stück für Stück. Ich konnte mich nicht satt
sehen, bohrte mit dem Finger nach der Wunde, ob
die Kugel zu spüren sei; ich drückte eine kalte Hand
nach der anderen und würde nicht von der Stelle gewichen sein, wenn mich der Probst nicht mit Gewalt
in die Stube zurückgezogen hätte.

„Dort hielt er mir nun eine feierliche Rede, von
der ich aber nichts weiter gehört oder gemerkt habe,
als daß er den Mann selig pries, der als ein Held
für das Vaterland gestorben sei. — Ich will auch
für das Vaterland sterben! — platzte ich heraus und
bei den Worten trat Fräulein Hardine, die ohne daß
ich's gemerkt, am Fenster Platz genommen hatte, rasch
auf mich zu und drückte mir die Hand, als ob sie
sagen wollte: — brav, Junge, bleibe bei diesem
Satz! — Gesprochen aber hat sie an diesem Morgen
kein Sterbenswort, und ich habe auch nicht weiter
auf sie Acht gegeben, sondern unverwendet nach der
Hölle gestarrt. Denn während meiner Rede war von
dorther ein Schrei gedrungen, der mir durch's Herz
ging wie ein Brand. Ich konnte aber nichts weiter
unterscheiden als eine kleine, weiße, in sich gekrümmte
Gestalt, die ihren Kopf hinter einem Schnupftuche
verborgen hielt. Auch trat jetzt der Probst von Ungefähr zwischen mich und die Hölle, so daß ich nur
noch des guten Mannes schwarzen Rock und weiße Perrücke
erblickte, wenn ich hinter den Ofen zu lugen suchte.

„Du bist nun fast ein Erwachsener, August,“ so
setzte der Probst, zu mir gewendet, seine Ansprache
fort. „Kommende Ostern wirst Du confirmirt und
mußt Dich für einen Lebensberuf entscheiden. Was
willst Du werden, mein Sohn?“ — Soldat! — rief
ich ohne Besinnen. Und wieder drang es, aber diesmal wie ein Wimmern, aus der Hölle.“

„Es wird die Mutter von Fräulein Hardinen
gewesen sein,“ rief in athemloser Spannung Frau
Lisette. Der Erzähler aber entgegnete:

„Ob Fräulein Hardine dazumal noch eine Mutter
gehabt hat, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß
es nicht die Stimme einer alten Frau gewesen ist,
die da hinter dem Ofen jammerte. Weit eher die
eines kleinen, bekümmerten Kindes. Aber höre nur
weiter, Lisette.

„Du bist zum Soldaten noch zu jung, August,“
sagte der Probst. „Auch muß das Schicksal unseres
Vaterlandes erst entschieden sein. Möchtest Du für
den Napoleon kämpfen, wie die Deutschen draußen
im Reich?“ — Nein! — antwortete ich, — aber
überall gegen ihn. — Und zum zweiten Male drückte
mir Fräulein Hardine stumm die Hand.

„Die Zeit kann kommen, mein Sohn,“ versetzte
der Probst. „Für den Augenblick gilt es zu warten.
Erhalten wir Frieden und bleibt alles beim Alten,
darfst Du nimmer an den Soldaten denken. Du bist
nicht von dem Stande, um Officier zu werden, und
als Gemeiner ertrügst Du's nicht bei Deiner Sinnesart. Die laufen noch Spießruthen. Möchtest Du
Dich peitschen lassen, August?“ Ich ballte statt aller
Antwort nur die Faust. Der Probst aber fuhr fort:

„Du hast Dich immer in den Wald zurückgesehnt.
Wie wär's mit einem Jägersmann, mein Sohn?“ —
Nun gut, wenn nicht Soldat, so will ich Jäger werden und schießen lernen, — sagte ich.

„Was der Probst noch weiter in mich hineingepredigt hat, weiß ich nicht. Ich dachte an den
todten Major und blinzelte nach dem jammernden
Kinde in der Hölle. Da war ich denn quasi verdutzt
und wußte gar nicht wie mir geschah, als ich mich
plötzlich beim Arme gefaßt und nach der Thür geschoben fühlte. Vom Probste nämlich. Schon hat
er die Thür aufgeklinkt und ich stehe auf der Schwelle,
da höre ich etwas hinter mir, als wenn ein Vogel
flattert. Rasch wende ich mich um und sehe — ja
was denn nun eigentlich? Es war ja nur ein einziger Blick und einer aus dem hellen Flur in das
halbdunkle Zimmer. Ich sehe also mit ausgespreizten
Armen eine Gestalt klein und fein wie ein Kind, von
schneeweißem Angesicht und hellgelbem Gelock, gegen
die große, schwarze Hardine, die hinter ihr stand, sich
abhebend wie am Himmel ein weißes goldgerändertes
Wölkchen, wenn die Nacht schon hereingebrochen ist.
Mir schwamm es vor den Augen als hätte ich einen
Schwindel. Da stieß mich der Probst über die Schwelle,
die Thür fiel in die Angel und ich hörte von drinnen
nur noch einen schrillen Schrei.

„In der nächsten Minute stand ich vor der Thür
neben meiner Alten. Unter freiem Himmel legte sich
der Schwindel allsobald, ich sah und hörte wieder
munter wie sonst und kam schier auf den Gedanken,
daß die Geschichte, — nicht die vom todten Major,
aber die von dem Wolkenkinde, — nur ein Spuk gewesen sei.

„Auf der Gasse war es seit der Stunde lebendig
geworden. Gleich einem aufgescheuchten Bienenschwarm
summte die Menschheit auf und nieder, und mein
altes Weib war voll wie ein Schwamm von all' den
Geschichten, die sie auf der Thürbank eingesaugt hatte.
Die Geschichten waren wahr, Gott sei's geklagt. Die
alliirte Armee hatte sich auf zwei Punkten überrumpeln
lassen und zwei hundsföttische Schlachten wurden in
den nämlichen Stunden geschlagen. Aber sie wurden just erst geschlagen. Die Stadt lag drei Stunden vom nächsten Kampfplatze entfernt: wie konnte
das Volk den erbärmlichen Ausgang so dreist behaupten? Witterung sagen sie, wie vom lieben Vieh
vor dem Sturm. Aber warum hatte ich die Witterung
nicht? Warum hast Du, Lisette, niemals gezittert bei
einem ersten Kanonenschlag? Weil Du ein Mann
warst, Lisette, und jene Männer alte Weiber wie die
Beckern, Memmen, die nichts besseres verdient haben
als die Fuchtel des Napoleon so lange, bis am Ende
auch bei ihnen die Berserkerwuth zum Ausbruch gekommen ist.

„Auf Schritt und Tritt guckte mein altes Weibsstück sich um, ob ihr der grausame Bohnebart nicht
bereits auf den Hacken säß'? Bei aller Angst jedoch
schwamm die Neugier nach dem, was ich bei den
Majors erlebt, obenauf, und wir waren noch nicht
aus dem Thore, da hatte sie mich ausgepreßt wie eine
Citrone und zu jedem Tropfen ihren Senf gerührt.
Ich wollte nur Eines wissen: wer das kleine Mädchen gewesen sei, dessen letzter Schrei mir noch immer
in den Ohren gellte. Aber just dieses Eine wußte
die alte Weisheit nicht. — „Eine Bekanntschaft aus
der Stadt,“ — so meinte sie, denn Anverwandte hätten
die Majors hier zu Lande keine. — Aber warum
seufzte und weinte sie denn so jämmerlich? forschte
ich weiter und brachte damit meine Alte wieder in
das richtige Fahrwasser.

„Wer heult und schreit denn anjetzo nicht, Gustel?“
sagte sie. — „Wer sieht im Geiste nicht Einen von
den Seinigen todtgeschossen, oder zum Krüppel gehauen, oder in Gefangenschaft, oder auf der Flucht?
Den Bohnebart mit seiner Kopfabschneidemaschine
noch gar nicht eingerechnet. Ja, das sind wilde Zeiten
wie unter dem Schwedenkönig, oder dem alten Fritz.
Paß' auf, Gustel, wenn wir heimkommen, ob uns
der Franzose da nicht schon entgegenrückt und das
Kloster ist ein Aschenhaufen, und Lehrer und Jungen
sind über alle Berge wie eine Heerde, in die der Wolf
gerathen ist. Und darum Gustel, darum will ich Dir
noch in dieser Stunde offenbaren, was ich in der
nächsten vielleicht nicht mehr zu offenbaren im Stande
bin. Etwas, auf das noch kein Mensch verfallen ist
als die alte Beckern ganz allein. Wenn es aber einstmals vor aller Welt an's Tageslicht gekommen sein
wird, dann sollst Du denken: die alte Beckern hat
mir's prophezeit und Dich hübsch dankbar erweisen an
der armen, alten Frau; nämlich insofern sie vor dem
grausamen Bohnebart ihr bischen elendes Leben davon
getragen hat.“ —

„Sie guckte sich nach dieser Rede scheu in alle
vier Weltgegenden um, hob sich auf die Zehenspitzen
und wisperte, ihren Mund an mein Ohr gelegt:

„August, hast Du Dir niemals Gedanken darüber
gemacht, was Fräulein Hardine eigentlich mit Dir zu
schaffen hat?“ — Ich schüttelte lachend den Kopf.

„Und Dir schwant auch gar nicht, wer der Mann
gewesen ist, vor dessen Leichnam man Dich heute geführt?“ — Ein Major? sagte ich. — „Ein Major nun
freilich,“ versetzte die Alte ärgerlich. — Ein Major für
Seine Churfürstliche Gnaden; ich meine aber, was
er für Dich, August, gewesen ist?“ — Ich schüttelte
wiederum den Kopf.

„Nun so vernimm es denn, August, — sagte die
Beckern feierlich wie die Hexe im alten Testament: —
der Mann ist Dein Großvater gewesen, denn Fräulein
Hardine ist Deine Mutter.“ —

„Die Wahrheit zu sagen, ich war dazumal in
derlei Historien wie ein ungeschorenes Lamm. Das
einsame Waisenhaus führte mit Fug seinen Klostertitel; Angehörige, die wir besuchten, hatte keiner von
uns und alles was eine Schürze trug, wenn es nicht
lahm und grau war wie die Beckern, wurde von der
Anstalt fern gehalten wie ein Zunder. Die Lehrer
waren unverheirathete Anfänger, warm aus dem Seminar, der Probst ein Wittmann. So merkten wir
denn nichts von Küchengeträtsch und Klatsch und ich
argwohnte durchaus nicht, welch ein gefährlicher Leumund über Fräulein Hardinen mir in's Ohr geträufelt
ward. Ich würde mir jedoch jede Andere als sie
lieber als Mutter ausgebeten haben, hätte ich mich
überhaupt jemals nach Vater oder Mutter gesehnt.
Ich sehnte mich aber in die Freiheit, in den Wald,
oder in die Welt und weiter nach nichts. Indessen
einen Großvater, der auf dem Schlachtfelde geblieben
war, hätte ich mir schon gefallen lassen und ihm zu
Liebe allenfalls auch die gestrenge Hardine als Fräulein Mama in den Kauf genommen. Darum spitzte
ich wohl einen Augenblick die Ohren.

„Aber der Major war ein vornehmer Herr und
ich hieß schlechtweg Müller. Der Probst hatte mir
kaum vor einer Stunde gesagt, daß ich es um meines
Standes willen nur bis zum Gemeinen bringen könne.
Das fiel mir zur rechten Zeit wieder ein, und ohne
mich viel darum zu grämen, erklärte ich der alten
Hexe, welch ein Wind es mit ihrer Prophezeiung sei.

„Die aber blieb bockssteif bei ihrem Satz und
wurde noch obendrein rabbiat. — „Was Du für ein
blitzdummer Junge bist, Gustel,“ — eiferte sie, indem
sie beide Arme in die Hüften stemmte.

„Als ob ein Edelweiß nicht auch wilde Schößlinge treiben könne! Als ob man ein Kind, wenn
man seinem Ursprunge nicht auf die Spur kommen
lassen will, nicht blos als einen Müller, oder meinetwegen als eine Beckern und dergleichen in das Register einzutragen brauchte. Notabene: insoferne der
Pastor mit Einem unter einer Decke steckt. Was
aber, frage ich, ist unser Herr Probst? Ein alter
guter Freund von Fräulein Hardinen. Wer hat Dich
heimlich bei Nacht und Nebel in das Waisenkloster
eingeschmuggelt, wer, frage ich? Fräulein Hardine.
Bist Du ein Soldatensohn wie die Anderen? Weiß
Einer überhaupt, wer Dein Vater gewesen ist? Siehst
Du aus wie von gemeinem Gezücht? Wie ein
Junker, August, wie ein Prinz siehst Du aus.“ —

„Wahrlich, ja wahrlichen Gott, wie ein Prinz!“
unterbrach Frau Lisette den Erzähler, eine stolze Röthe
über dem abgezehrten Gesicht, — „Der Prinz hießest
Du, Prinz Gustel in der ganzen Legion!“ —

Prinz Gustel schmunzelte nicht unempfindlich bei
dieser schmeichelhaften Erinnerung, hielt aber den
Faden seiner Mittheilung getreulich fest.

„Wer hat Dir eine halbe Freistelle ausgewirkt?“ fragte die Alte weiter. — „Eine Mutter
etwa, die Wittwe ist? ein Vormund, ein Rath, oder
Amt? Gott bewahre, Fräulein Hardine. Wer bringt
dem Probst netto alle sechs Monate die Unkosten für
Deinen Unterhalt? Wer besucht Dich im Kloster?
wer setzt Dir den Kopf zurecht? Niemand Anderes
als Fräulein Hardine. Und nun noch zu guter Letzt:
Was brauchte der todte Major einen Kranz aus dem
Waisenkloster, wenn's nicht Einer von seinem Blute
war, der ihm die letzte Ehre anthun sollen? Was
brauchte der Probst Dir im Leichenhause eine Standpredigt zu halten, wenn Du nicht quasi zur Familie
gehörtest? Wer den Zusammenhang nicht mit Händen greift, nun, der kann sagen, er hat keinen Grips.
Fräulein Hardine ist Deine Mutter, das steht so fest
wie das Amen im Evangelium.“

„Die Alte machte eine Pause, weil sie doch einmal verpusten und ausspucken mußte. Ich sagte kein
Wort, denn im Grunde war mir die Sache einerlei.
Nach einer Weile fing die Beckern mit frischer Lunge
wieder an: „Ich will mit meinem Satze nichts Unreputirliches von Fräulein Hardinen behaupten, August.
Aus so einer honetten Familie, und so eine Erbschaft
vor Augen, beileibe nicht, beileibe nicht! Denn zur Zeit
ist Fräulein Hardine freilich so arm wie eine Kirchenmaus; aber das alte schwarze Spukeding, ihre Muhme,
kann's doch nicht ewig in ihrem Goldthurme Schätze
graben. Und wenn sie sich zehnmal dem Leibhaftigen
verschrieben hat, unser Herrgott hält ihm Widerpart
und über hundert Jahre hat's der ärgste Geizkragen
noch nicht gebracht. Dann aber giebt's keine Zweite
im Churfürstenthum wie unser Fräulein Hardine.
Nichts Unreputirliches, Gustelchen, um's Himmelswillen nichts dergleichen! Aber eine Heimlichkeit steckt
dahinter; darauf nehme ich Gift. So eine Prinzenheirath etwa, die der Frau nicht die Mannesehre und
den Kindern nicht den Vaternamen giebt, wie die alte
geizige Schloßfrau ihrer Zeit auch eine eingegangen
hat; oder so etwas dergleichen, was Unsereiner nicht
versteht. Warum schlägt Fräulein Hardine die schönsten
Bewerbungen aus? Wird Eine freiwillig eine alte
Jungfer, die an jedem Finger einen Freier haben
könnte? Warum, frage ich, als weil sie in der Stille
schon Einen hat, der mit ihr auf die Grafenerbschaft
lauert. Laß sie aber nur erst sicher in ihrem Goldthurme sitzen, dann wird der versteckte Prinz schon zum
Vorschein kommen. Und dann wirst Du ein Junker,
August, und ein reicher Millionair und dann denke
an die alte, arme Beckern, die Dir zuerst ein Lichtchen
angesteckt hat.“

Der Erzähler schwieg. — „Weiter, weiter, Mann!“
rief Frau Lisette in athemloser Spannung. „Weiter,
weiter! —“

„Weiter — nichts!“ versetzte lachend der Invalid.
„Die Geschichte ist aus.“

„Aus?“

„Rein aus, sage ich Dir. Wir waren unter dem
Geklätsch vor der Klosterpforte angelangt. Ich drehte
meiner Alten eine Nase, denn das Haus war nicht
in einen Aschenhaufen umgewandelt und die Heerde
nicht über alle Berge entflohen. Nun aber die Angst,
als das Weibsstück sah, wie ich seine Weisheit aufgenommen hatte. Sie zitterte wie ein nasser Pudelhund und ihre Zähne, — nein, die klapperten nicht,
denn sie hatte keinen Zahn, — aber das Kinn wackelte
ihr und: „Um Gottes, Jesus willen, Gustelchen, reinen
Mund!“ jammerte sie, „bringe eine alte, arme Wittfrau
nicht um ihr hartes Stückchen Brod.“

„Ich lachte aus vollem Halse und rannte in das
Thor, hinter welchem die Kameraden sich lustig wie
alle Tage tummelten. In aller Eile lieferte ich ihnen
eine Schlacht von entgegengesetzter Façon, wie die,
welche in den nämlichen Stunden zu Ende ging. Aller
Spuk und Schwatz des Morgens war wie weggeblasen.

„Im nächsten Frühjahr brachte mich der Probst
zu dem Förster, dem ich zwei Jahre später aus dem
Garne lief, als der Herzog in unserer Nähe campirte.
Fräulein Hardinen aber habe ich mit keinem Auge
wieder gesehen, habe auch keine Sylbe wieder von ihr
gehört und heute zum ersten Male, glaub' ich, wieder
an sie gedacht.“

Die arme Marketenderin war durch diesen jähen
Abschluß bitterlich enttäuscht. Sie nahm schweigend
die Arbeit wieder zur Hand, die im Eifer des Zuhörens in ihren Schooß gesunken war und stichelte
eine lange Weile mit fieberhafter Hast, bis sie über
einen neuen Plan im Klaren und des jovialen Tones
wieder Herr geworden war, in dem sie ihren Eheliebsten
zu einer ferneren Bereitwilligkeit zu stimmen gedachte.

„Ich danke Dir, August,“ sagte sie endlich, indem sie ihm die Hand reichte. „Du verstehst zu erzählen. Und ein Anhalt bliebe Deine Geschichte
immer für unseren armen, kleinen Wurm, wenn ich
eines Tages nicht mehr für ihn sorgen könnte: Ich
meine, wenn eines Tages unversehens der Napoleon
retour gekommen wäre! Und darum, Freund, laß
uns das Ding gleich heute zu einem Ende bringen.
Du bist ein perfecter Schreiber, hast manchen Rapport
geführt und die Feder zu regieren, so gut wie den
Säbel, braucht's ja nur eine Hand. Mach' also ein
Schriftstück aus der Sache, warm wie sie Dir im Gedächtniß aufgewacht ist. Das und der Waisenhausschein werden die Familienpapiere sein, die Prinz
Gustel seiner Prinzessin zurück läßt, wenn's einmal
schnell mit uns von dannen geht.“

Sie hatte während dieser Rede ein Paar von den
Bogen, in welchen sie ihr Handschuhleder eingewickelt
erhielt, sorgfältig geglättet, auch das Schreibzeug hervorgekramt, das ihr zum Abfassen ihrer Rechnungen
diente. Nachdem sie die Feder gespitzt und die Tinte
umgerührt, begann sie die Pfeife des Mannes frisch
zu stopfen, vergaß auch nicht, das Glas mit dem Reste
der Flasche zu füllen.

Freund August brummte und zeterte zwar sein
gehörig Theil, fügte sich schließlich aber doch in die
wunderliche Laune der Wöchnerin. „Was solch' ein
Wurm für Scheererei macht!“ sagte er, indem er sich
an dem Arbeitstisch seiner Frau niedersetzte.

Bald flog die Feder in freien, kräftigen Zügen
über das Papier und schwarz auf weiß bildete sich die
Erzählung, die wir mit den nämlichen Worten aus
seinem Munde vernommen haben.

Mitternacht war vorüber, als er das letzte Blatt
seiner Frau in's Bett reichte. Sie hauchte es trocken
mit dem heißen Athem ihrer Brust, barg es, sammt
dem Einsegnungsscheine in dem untersten Fach ihres Nähkastens, und löschte die Lampe. „August,“ sagte sie darauf,
während der Mann seine Kleider auszog, und sich auf die
Strohschütte zu Füßen des Bettes niederwarf, „August,
wir wollen unsere Kleine Hardine taufen lassen.“

„Lisette wäre mir lieber gewesen,“ erwiderte gähnend der Herr Papa. „Aber meinethalben auch Hardine.“

Und das kleine Mädchen wurde Hardine getauft.

Jahre vergingen, ohne daß Fräulein Hardinens
zwischen dem Invalidenpaar wieder Erwähnung geschah. Fast sechs Jahre, in welchen die kleine Namensträgerin der unbekannten Dame mühselig auf die
Füßchen kam, und aus welchen ihr keine Erinnerung
geblieben ist, als daß sie vielmals hungerte und oftmals fror.

Der Wachtmeister der Legion wartete zwar nicht
mehr auf den noch immer rückkehrenden Napoleon,
denn der schlief beruhigt und beruhigend in seinem
Inselgrabe, aber er wartete auf irgend einen anderen
respectablen Feind, gegen welchen eine brave Soldatenfaust den Säbel wieder zücken dürfe. Freilich erwartete er ihn selten an dem schwachlodernden häuslichen Heerdfeuer, das seit dem Einrücken der Wiege
nicht an Behagen für ihn gewonnen hatte. Er hielt
sich zu den lustigen Plätzen, die ihm das Marketenderzelt in Erinnerung riefen; da wo Karten und Würfel fallen, wo der Schoppen kreist und ein frischer
Soldatenschwank nicht selten die Zeche bezahlt.

In der engen, dumpfen Soldatenkammer daheim
aber saß seufzend und stichelnd die alternde Marketenderin, ohne sich Rast zu gönnen zu einem Liebesblick
in schwerer Mühe und Sorge für ihr Kind. Von
Woche zu Woche wurden ihre Wangen hohler, die
Finger zitternder, der Athem kürzer, aber sie seufzte
und stichelte noch immer den ganzen Tag und die
halbe Nacht.

Endlich jedoch kam die Stunde, in welcher alles
Sticheln und Seufzen ein Ende hat, und es war eine
Sterbekammer, in die der sorglose Zecher aus dem
Schenkhause berufen wurde. August Müller hatte in
seinen jungen Tagen Tausende von Männern, aber
noch nie eine Frau sterben sehen; er hatte niemals
früher daran gedacht, daß der Tod ein Geschäft auch
für Weiber sei, selber für so tapfere Weiber, wie
seine Lisette eines gewesen war. Nun tobte und schrie
er vor dem ungeahnten Bild, zerraufte sein Haar und
zerschlug sich die Brust.

Die brave Marketenderin aber verstand sich auf
den düsteren Gesellen, den sie unter Männern kennen
gelernt. Sie hatte ihn langsam heranschleichen sehen
und blickte ihm unerschrocken in's Angesicht, als er
jetzt hart an ihrer Seite stand. Ob es ihr wehe that,
von dem Wesen zu scheiden, das die Natur erst so
spät an ihr Herz gelegt? Es schien nicht so. Die
Pflicht für seine Erhaltung jedoch erfüllte sie bis zum
letzten Athemhauche.

„Sei kein Narr, August,“ sagte sie zu dem
Manne, der sich fassungslos an der Bettseite niedergeworfen hatte. — „Einmal muß doch ein Ende sein.
Setz' Dich hier auf den Rand; merke auf und thu',
was ich Dir sagen werde.“

Sie legte bei diesen Worten die treulich verwahrten Familienpapiere in des Mannes Hand und fuhr
darauf in klarer, eindringlicher Rede also fort:

„Hüte diese Blätter als das einzige Erbtheil, das
Du Deinem Kinde zu hinterlassen hast. Ich habe
diese sechs Jahre Tag und Nacht darüber nachgedacht,
und nun sterbe ich in der Gewißheit, daß Fräulein
Hardine Deine Mutter gewesen ist. Für Dich selber
thu' oder lass', was Du willst. Du bist ein Mann.
Aber suche sie auf und bring' ihr das Kind, das Du
nicht versorgen kannst. Verkaufe meinen Hausrath;
der Erlös schafft das Reisegeld. Für unser Trauattest und der Kleinen Taufzeugniß habe ich gesorgt.
Vergiß aber nicht meinen Todtenschein. Laß dann im
Kloster Dein Einsegnungszeugniß bescheinigen; erforsche
in der Stadt Fräulein Hardinens Vaternamen und
was aus ihr geworden ist. Lebt sie noch, — in Reichthum, oder arm wie einst, — sie muß eine alte Frau
jetzt sein und wird sich der Sünde schämen, ihr Blut
zu verstoßen. Ist sie gestorben, finden sich wohl Angehörige. Vielleicht, daß auch der Probst noch bei
Wege ist, oder der Förster. Kurzum, Du bist in
Deiner Heimath und Dein Kind muß und wird
einen Anhalt finden, insofern Du Deine Schuldigkeit
thust. Laß es aber bald sein, Mann, denn es geht
jach mit Dir abwärts auf dem Wege, den Du eingeschlagen. Das Kind zu Fräulein Hardinen! Gieb
mir die Hand darauf, August, die Manneshand, die
das Schwert geführt.“

Er reichte ihr schluchzend die Hand, die sie herzhaft drückte. „Mutter — Hardine!“ lallte sie noch,
legte sich dann auf die Seite, zog das Kopftuch über
die Augen und verschied.

Der Invalid— um unserem früheren Gleichniß treu
zu bleiben — der Invalid bäumte sich wie ein angeschossener Hirsch. Er fühlte seine alten Wunden heftiger brennen als zu der Zeit, da die schwarze Lisette
sie auf dem Schlachtfelde verbunden hatte, er wich
keinen Schritt aus der dunklen Kammer, so lange dieselbe die Leiche barg.

Nun aber deckte sie die Erde. Er hatte ihr nicht
gebührendlich mit Sang und Klang die letzte Ehre erweisen können, aber er war es gewohnt, einen braven
Kameraden mit einem Trauermarsche zur Grube zu
geleiten und mit einer lustigen Weise heimzukehren.
Am Abend saß er in dem Weinhause, aus welchem
man ihn vor drei Tagen in die Sterbekammer abberufen hatte. Der Schoppen kreiste, die Würfel rollten wie sonst. Das Weib, die Mutter Lisette waren
verschwunden, und bald nur die lustige Marketenderin noch eine stehende Figur in den Bildern, die
sich unter dem Banner des schwarzen, wie des eisernen Herzogs vor seinen Augen entrollten.

Und wieder gingen Jahre dahin, aus welchen
die kleine Hardine keine Erinnerung bewahrte, als daß
sie oftmals hungerte und immer fror. Ein blödes,
zitterndes, trübseliges Geschöpf, schlich sie am Morgen
aus der kalten, immer leerer werdenden Kammer,
hockte einsam und stumm vor der Thür, bis eine mitleidige Nachbarin ihr einen Bissen reichte, oder sie in
ihr durchwärmtes Zimmer führte. Den Vater sah sie
fast nie. Wenn er spät in der Nacht heimkehrte,
schlief sie schon, und wenn er früh am Morgen wieder aufbrach, schlief sie noch. Es ging jach abwärts
mit dem Manne, wie seine sterbende Frau es vorausgesagt: aus dem Weinhause in die Branntweinskneipe,
aus dem Kreise kannegießernder Bürger unter ein Publikum roher Gesellen. Sein lockigen Haare wurden
struppig, blutrothe Flecken brannten auf den gedunsenen Wangen; die Adern schwollen neben den Narben
der Stirn, und ein wüstes Feuer brannte aus den
großen, blauen Augen, wenn er nach dem Pferde
schrie, das er tummeln, nach dem Säbel, mit dem er
den noch immer erwarteten Feind niederhauen wollte.
Das alte Soldatenherz rumorte noch wie einst, aber
Prinz Gustel war untergegangen, und das Vaterherz
hatte noch niemals pulsirt. Der Handschlag, den er
seinem sterbenden Weibe gegeben, war so gut wie vergessen.

Zu seinem Glücke kam der Tag, wo das letzte
Stück Hausrath, das letzte Kissen von Frau Lisettens
Brautschatz abgepfändet waren, wo der Hauswirth die
Miethe, der Schankwirth die Zeche nicht länger stunden wollten, wo dem unheimischen Manne und seinem
Kinde der Schub über die Landesgrenze drohte. Die
Noth heischte einen Entschluß und die Noth gab auch
die Kraft, ihn zu vollbringen.

Es war wieder einmal eine Zeit, in welcher
ein Schrei der Rache gegen einen Erbfeind den Welttheil durchdrang: die Zeit der Griechenerhebung, der
schon mancher tapfere Fremdling sich zum Opfer gebracht, wenngleich noch keine christliche Regierung ihr
ihren Beistand geliehen hatte. Auch in dem Arme
unseres Veteranen zuckte das Schwert von Vittoria
und Waterloo. „Komm Hardine!“ sagte er an einem
Frühlingsmorgen 1825, „ich will Dich zu Fräulein
Hardinen bringen und dann wider den Türken ziehen!“
Und an der Hand sein Kind, in der Tasche dessen
„Familienpapiere“, und sonst nicht viel mehr, so
schritt er aus dem Thore der kleinen niederländischen
Stadt.

Freilich der Weg war weit aus dem Maaß- in
das Elbgebiet; der Beutel war leer, Athem und Kraft
nur noch gering. Die alten Nachbarn und Zechbrüder schüttelten die Köpfe und meinten, daß dieser Wandersmann weder im Kampfe gegen Ali-Pascha, noch
selber in der Heimath, sondern daß er auf der Landstraße enden werde. Auch gingen Monate dahin, bevor er seinem Ziele näher rückte. Aber es war Sommerszeit, die Straße führte durch reiche vaterländische
Gauen und das Ehrenkreuz, der pulvergeschwärzte,
kugeldurchlöcherte Mantel, der verstümmelte Arm von
Waterloo waren warme Fürsprecher des armen Invaliden und seines blassen Kindes. Es fand sich so
mancher Fuhrmann oder Schiffer, der die Beiden
für einen Gotteslohn eine Strecke beförderte, mancher
Wirth, der die Herberge nicht anrechnete, und manche
Hand, die ungebeten einen Zehrpfennig oder Wanderbissen reichte. Mußte dann auch wohl einmal unter
freiem Himmel genächtigt werden, so war das eine
alte Gewohnheit für den Soldaten der Legion; die
Nacht war kurz und er erwachte kräftiger als seit Jahren in der dumpfen Kammer nach einem wüsten Zechgelag.

Alles in Allem: die Zeit dieser Wanderung war
nicht die böseste in August Müllers Leben. Er hätte
länger, ja er hätte sein Lebtag wandern mögen, wenn
nicht der Zug gegen den Türken ihn doch noch mächtiger gelockt. Für seine kleine Begleiterin aber, so
oft sie in ihren Lumpen unter einem Regenguß zusammenschauerte, oder mit wunden Füßchen stumm,
wie immer, am Wege niederhockte, für sie hatte er
einen Zaubernamen gefunden, dessen Klang ihr immer
wieder frische Kraft verlieh. „Fräulein Hardine!“
lautete der Name. „Vorwärts zu Fräulein Hardinen!“
oder „Bald sind wir bei Fräulein Hardinen!“ brauchte
der Vater nur zu sagen und die Kleine schleppte sich
weiter, bis sich eine Herberge aufgethan. „Fräulein
Hardine“ war das einzige Wort, das sie während der
langen Reise gemerkt oder leise nachgelallt hatte.
Vielleicht, daß in dem kleinen Herzen ein Echo mütterlicher Seufzer und Tröstungen lebendig geworden war.

Man sagt: ein brechendes Auge sieht klar; und
gewiß liegt etwas Ergreifendes in der Zuversicht, die,
sei's für Diesseits, sei's für Jenseits, auf einem
Sterbebette verkündet wird. Auch August Müller war
einen Augenblick von dem Glauben geblendet worden,
in den sich seine Frau Jahre lang hineingegrübelt
und dessen sie sich in ihrer letzten Sorgenstunde getröstet hatte. Im Grunde des Herzens aber hatte
er, wie früherhin, so auch jetzt, Fräulein Hardinens
niemals als einer Blutsverwandten gedacht, und den
Weg zur Heimath keineswegs mit dem Anspruch von
Sohnesrechten angetreten. Er hoffte für sein mutterloses Kind auf eine Versorgung durch die Frau, die
aus irgend einem Grunde seine eigene verwaiste Kindheit überwacht hatte. War sie im Laufe der Zeit
zu Glanz und Fülle gelangt, — eine Vorstellung, die
sich seiner heiteren Gemüthsart gar leicht einschmeichelte, — und wollte sie ihn noch außerdem mit einem
Pferde und einer blanken Uniform für seinen Türkenzug ausstatten, desto froher sein Habdank. Soviel,
oder so wenig, hatte er im Sinn, wenn er seinem
ermatteten Kinde zurief: „Wir gehen zu Fräulein
Hardinen!“

Es war hoher Sommer geworden, als er eines
Morgens in einem wohlangebauten Thale vor einem
einsamen, alten Gebäude Halt machte und mit dem
Freudenrufe: „das Kloster!“ durch die geöffnete Pforte
rannte. Er drang in den Hof, in den Kreuzgang,
in den Garten, in das Schulhaus, in die Probstei;
er erkannte jeden Winkel: den Spielplatz, auf welchem
die Knaben heute wie damals sich tummelten; den
Brunnen, in welchem sie heute wie damals ihre Becher
füllten; das Zinngeschirr, das heute wie damals die
Tafeln des Cönakels bedeckte; den Holzschuppen, in
welchem heute wie damals Unruhstifter seiner Gattung ihre Strafe verbüßten. Nur von den Menschen,
welche, alt und jung, den aufgeregten Fremdling neugierig umringten, von den Menschen kannte er keinen.
Er fragte nach Ludwig Nordheim, dem Probst und
Director; er war todt und vergessen viele Jahre
schon. Er fragte nach der alten Beckern. Niemand
hatte je von einer alten Beckern gehört. Keiner
erinnerte sich eines der ehemaligen Lehrer und Mitschüler, deren Namen er zu nennen wußte. Die
preußische Herrschaft, die diesen Landestheil überkommen, hatte fremde, der Gegend unkundige Leute in die
alten Räume geführt. Er hätte sich schämen müssen,
Fräulein Hardinens nur zu erwähnen.

Enttäuscht, wollte er seinen Stab weiter setzen,
als ihm das Attest einfiel, dessen Beglaubigung nachzusuchen er seiner Lisette gelobt hatte. Kluge Lisette!
Namen, Datum, Wahlspruch und Handschrift stimmten
mit dem des Schulregisters überein; der neue Director
konnte getrost sein Fiat daruntersetzen und der ärmliche Landstreicher hatte in dem polizeistrengen Staate
immerhin eine Legitimation gewonnen, die ihm die
Wanderschaft erleichterte. Nun durfte es aber auch
an einer gastlichen Bewirthung nicht fehlen, da ja
Narben und Ehrenkreuz des vormaligen Zöglings einem
Erziehungshause für Soldatenwaisen wohl zum Ruhme
gereichten. Die grauen, stillen Klostermauern hallten
wieder von kühnen Streichen und lustigen Schwänken,
von abenteuerlichen Zügen über Land und Meer, von
dem schwarzen Herzog und der schwarzen Lisette. Die
Frau Directorin tischte auf was Küche und Keller
vermochten; der Herr Director sammelte unter Beamten
und Lehrern zum Besten des invaliden Helden. Erquickt, beschenkt, froh wie ein König schied August
Müller aus den Mauern, zwischen denen er zwanzig
Jahre früher so widerwillig still gesessen hatte.

Er schlug nun den Weg nach der Stadt ein und
die Sonne senkte sich, als er über den Häusern im
Thal das Schloß im Abendgolde leuchten sah. Jetzt
biegt er aus der langen, schmalen Gasse auf den
Markt und sein erster Blick fällt auf das Haus, das
unverändert auf niederem Gestell eine thurmhohe Dachhaube trägt. Der Mops mit der Zipfelmütze! „Hier,
hier,“ schreit er seiner Kleinen zu, „hier wohnt Fräulein Hardine!“

Er stürmt in die Thorfahrt und in die Thür
zur Rechten. Das Zimmer ist in eine Schneiderwerkstatt umgewandelt; der tiefe Höllenwinkel — des
Mannes erster Blick! — er ist mit dem riesigen Kachelofen verschwunden. Auf dem Platze in der Kammer,
wo damals der Sarg des Majors gestanden, steht
heute eine Wiege. Angstvolle Geberden und zornige
Scheltworte begrüßen den Eindringling, den man für
einen Betrunkenen oder Tollen hält.

Indessen waren auch die Nachbarn, die vor den
Thüren Dämmerstunde feierten, auf des Fremden
seltsames Gebahren aufmerksam geworden. Der Lärm
lockte spielende Kinder, Mägde vom Brunnen herbei,
eine dichte Gruppe bildete sich vor dem Thor. Die
Frauen näherten sich dem abgezehrten Mädchen, das
sich ermattet neben demselben niedergekauert hatte. —
„Wie heißt Du, Kleine?“ fragte eine Nachbarin. —
„Hardine,“ lispelte das Kind mit schwacher Stimme.
— „Ist der Mann Dein Vater?“ — Das Kind
nickte. — „Wie heißt er?“ — Das Kind schüttelte
sein Haupt. — „Was will er? Wen sucht er in diesem
Hause?“ — „Fräulein Hardinen.“

„Fräulein Hardinen!“ die Nachbarn steckten bei
dem Namen die Köpfe zusammen. Als aber nun auch
der Vater, gefolgt von der Schneiderfamilie, von
Gesellen und Lehrlingen, aus dem Hause zurückkehrte
und immer den nämlichen Namen wiederholte, da entstand ein Rumor, ein Gewirr von Kreuz- und Querfragen, das endlich in der Kürze zu folgendem Abschluß führte:

Die älteren unter den Bürgern des Städtchens
hatten in der That ein Fräulein, das Hardine hieß,
gekannt, das einzige, das jemals unter ihnen diesen
Namen getragen. Fräulein Hardine war in diesem
Hause geboren und erzogen; die Leiche ihres Vaters,
der als Major in dem Gefecht bei Saalfeld geblieben,
war auf dem städtischen Kirchhofe begraben und die
Tochter hatte ihm ein Monument errichten lassen,
das die Stadt zu ihren vornehmsten Sehenswürdigkeiten zählte. Der Name Fräulein Hardinens hatte
überhaupt einen stolzen Klang in ihrer Vaterstadt.
Der Magistrat ging damit um, ihr einen Ehrenbürgerbrief zu votiren, für welche Auszeichnung man sich
denn ganz unverhohlen auf ein testamentarisches Legat
zu Gunsten einer städtischen Stiftung Rechnung machte,
denn die vielgepriesene Dame, die reichste Grundbesitzerin der Provinz, ermangelte jeglichen berechtigten
Erbens und stand in den Jahren, wo man sein Haus
zu bestellen pflegt. Daß dahingegen Fräulein Hardine
jemals ein fremdes Kind, — von einem eigenen war
natürlich nicht die Rede, — in einem Waisenhause
versorgt haben sollte, wollte zu den von ihr gäng und
geben Erinnerungen und Vorstellungen nicht im Entferntesten passen. Fräulein Hardine stand in dem
Rufe einer großen und klugen Dame, aber nicht in
dem einer Samariterin.

August Müllers Erinnerungen sprachen indessen
all zu deutlich für einen immerhin möglichen Fall,
auch empfahlen die kriegerischen Narben und Decorationen den ehemaligen Schützling ihrer Landsmännin
und so war man denn allseitig bereit, ihm eine gastliche Herberge in ihrer Vaterstadt zu gewähren. Die
kleine Hardine, reichlich beköstigt und reinlich ausstaffirt, schlief so sanft wie noch nie auf der ganzen
Reise in dem Bettchen, das ihr die Schneidersfrau neben
der Wiege in der Kammer aufgeschlagen hatte. Vater
Müller aber dachte gar nicht an ein Bett; er durchzechte die kurze Sommernacht an der Tafel des Schloßkellerwirths nebenan und belohnte das freihaltende
Publikum mit dem köstlichsten Humor seiner spanischen
Erinnerungen und der Erwartungen seines Türkenzuges. Ein so tapferer Landsmann, der sich so weit
in der Welt umhergetrieben hatte und noch ferner
umherzutreiben gedachte, ein Krüppel, der, seinem
Elend zum Trotz, so lustig zu erzählen verstand, er
durfte aber nicht ohne einen anständigen Zehrpfennig
in das Gebiet der auserkorenen Ehrenbürgerin entlassen werden. Und so endete der Rasttag in Fräulein Hardinens Vaterstadt als ein Freuden- und
Erntetag für den ehemaligen Waisenknaben, der ihren
Schutz genossen hatte.

Den Himmel voller Geigen und mit reichlich gefüllter Tasche holte er am anderen Morgen sein kleines
Mädchen aus dem Nachbarhause ab, drückte den vor
den Thüren harrenden Bürgern zu Dank und Abschied
die Hand und — besann sich erst jetzt, daß er vergessen hatte, nach Namen und Wohnort der Dame
zu fragen, deren Wohlthat er genossen habe und von
Neuem beanspruchen wollte! Möglich, baß er beide
gestern in seinem Freudenrausche überhörte, so oder so,
aber gleichviel! Er kannte den Namen „von Reckenburg“ nicht, er wußte kein Wort von dem Stammsitze
der Familie, der reichsten Herrschaft, dem Stolze der
Provinz! Wer vermöchte das verdrießliche Staunen
unserer freigebigen Bürger zu beschreiben! War der
Mann mit dem ehrlichen Soldatengesicht, mit seinen
Orden und Narben, seinen Fahrten und Schwänken,
mit der Berufung auf Fräulein Hardinen ein tollköpfiger Abenteurer, ein Betrüger, der ihre Leichtgläubigkeit benutzt hatte, um seinen Seckel zu füllen?
Es währte Wochen, bevor unsere Bürgerschaft über
den ärgerlichen Streich zur Ruhe kam; nur aber um
von einem Erstaunen in das andere zu fallen und ihr
Ehrendiplom vor der Hand zu sistiren.

Während dessen wanderte der Wachtmeister Müller
wohlgemuth seines Weges. Sie hieß das Fräulein
von Reckenburg, sie wohnte kaum zwölf Meilen fern
auf Schloß Reckenburg und jedes Kind wußte ihm den
Weg nach Schloß Reckenburg anzugeben. Er konnte
auf diesem Wege seine Zehrung bezahlen; er hatte
Weile zechend zu rasten wo ihm beliebte, und ihm beliebte mancher Orten zechend zu rasten. So währte
es denn eine Woche, ehe er den Strom erreichte, an
dessen jenseitigem Ufer das Reckenburger Gebiet beginnen sollte.

Je näher er nun aber seinem Ziele rückte, um so
anziehender wurde die Auskunft, die er über die Schloßdame von Reckenburg erhielt. Es waren natürlich nur
kleine Leute, die er in den Herbergen, oder als gelegentliche Weggenossen befragen konnte: Pächter, Förster,
Viehhändler und dergleichen, einmüthig aber sprachen
sie von dem Fräulein mit dem tiefsten Respect. Und
zwar sprachen sie von ihr nicht nur wie von einer
steinreichen Frau, sondern wie von dem klügsten und
resolutesten Manne, dessen landwirthschaftliche Einrichtungen weit und breit der Gegend zum Muster
dienten. Ebenso einstimmig waren aber auch die Bedenklichkeiten über die Zukunft der großen Besitzung
nach dem Tode der Dame. Manche bedauerten die
alleinstehende Matrone, Andere beneideten zum Voraus
die lachenden Erben.

Unser Invalid, des Landes, wie des Landbaues
unkundig, verstand natürlich nichts von den Einzelnheiten dieser Mittheilungen. Aber seltsam! Je länger
er von der Fülle des Reckenburg'schen Erbes reden
hörte, desto tiefer schmeichelten sich Hoffnungen und
Wünsche in sein Gemüth, die ihm bis dahin völlig
ferngelegen hatten. In Armuth und Heimathlosigkeit
wurden die Muthmaßungen erst der alten Klosterklatsche, später seiner eignen Frau von ihm verlacht.
Jetzt auf der Wanderung in einer friedlichen, gedeihlichen Landschaft, ein Paar Thaler in der Tasche,
jederzeit etwas Warmes im Magen und den Krug
gefüllt für seinen Durst, kurz und gut, in einem behaglichen Zustande, wie er ihn kaum jemals gekannt,
jetzt überließ er sich willig dem Zweifel, ob die beiden
Weiber, ob namentlich seine kluge Lisette in der Hellsicht des Sterbebetts sein Verhältniß zu Fräulein Hardinen doch am Ende nicht richtiger erkannt haben
möchten, als einst der einfältige Knabe und später der
leichtsinnige Mann. Er überlas jetzt zu wiederholten
Malen seine aufgeschriebenen Erinnerungen, er ließ
auch wohl Fremde einen Einblick thun, ohne zu bedenken, welches Keimkorn von Verdächtigungen er damit ausstreue. Allerdings glaubte er auch heute noch
nicht mit Zuversicht an sein Sohnesrecht, aber er begehrte nach diesem Recht und vom Begehren bis zum
Beanspruchen, man weiß es ja, ist ein Katzensprung.
Die Freistatt für sein Kind und selber die Equipage
für seinen Türkenzug genügten ihm schon nicht mehr;
vor Allem aber genügte ihm nicht mehr, dieselben als
eine Wohlthat zu erbetteln. Mit jeder zurückgelegten
Meile wuchs sein luftiges Prinzenschloß in die Höhe,
und wenn seine Kleine müde ward, entschlüpfte ihm
mehr als einmal der Zuruf: „Bald sind wir bei Deiner
Großmutter Hardine!“

Es war an einem heiteren Augustmorgen, als er
den ersten Gränzpfahl mit der Aufschrift: „Flur
Reckenburg“ erreichte. Die Landschaft unterschied sich
in keiner Weise von der, welche er seit mehreren Tagen
durchschritten hatte; auch gehörte unser erwartungsvoller Fremdling nichts weniger als zu den die Cultur
beobachtenden Wandersleuten. Trotzdem kam es ihm
vor, als wandle er in einem neuen Land. War es
der Schimmer der Heimath, der ihn blendete? Oder
standen die Wiesen wirklich so viel saftiger, die Felder
so viel reicher und üppiger bebaut? Wuchsen die
Waldbäume so viel gradstämmiger? Trugen die Obstbäume so viel üppigere Frucht? Wie ebenmäßig
waren alle Kreuz- und Querwege chaussirt, wie zweckmäßig geführt und bezeichnet! „Auf denen stockt keine
Kanone und strömte es wie bei Quatrebras!“ rief
der alte Soldat. Wie mußte er des hirsch- und holzgerechten Waidmannes, seines Lehrherrn gedenken, als
er die stattlichen Dammböcke, das kräftige Edelwild
in den uralten Tannenforsten über die Umhegungen
lugen sah, während hier und dort um den Trinkquell
die Thiere lagerten und die Kälber sie lustig umsprangen.
„Ja hier ist gut sein!“ rief der arme Landstreicher
aus. „Schau Dich doch um, dummes Kind. Alles
das gehört Deiner Großmutter Hardine!“

Weniger ansprechend indessen als das Land,
dünkten ihm die Leute in der Reckenburger Flur. Es
war Erntezeit und ein reges Leben auf den Feldern.
Da sah er denn einen Menschenschlag, nicht groß und
stattlich wie Prinz Gustel in seiner Erinnerung stand,
aber gesund und hartsehnig, knapp und reinlich gekleidet, scharf bei der Arbeit und karg im Genuß.
Das war ein Schaffen ohne Rast; Jeder für sich und
dabei doch Einer fördernd in des Anderen Hand.
Dabei kein Wort, kein umschweifender Blick, kein
Lachen und Schäkern zwischen Burschen und Dirnen,
während die Mahden geschnitten, die Garben gebunden
und verladen wurden. In einem Ameisenhaufen konnte
es nicht stummer und ämsiger vor sich gehen. Selber
die, welche Mittag haltend, am Straßengraben saßen,
verzehrten die schwarzen Brodschnitte und leerten ihren
Krug Dünnbiers schweigend und hastiger, als anderwärts Bauern es pflegen. Keiner lud den wandernden
Krüppel und sein müdes Kind zu Rast und Labe;
kaum daß sie seinen Gruß erwiderten, als er aber gar
nach Schloß Reckenburg und nach Fräulein Hardinen
fragte, da starrten sie, ohne Auskunft zu geben, das
armselige Paar mit verwunderten, schier verächtlichen
Blicken an, als wollten sie sagen: „Was wollt Ihr
faules, verlaufenes Gesindel in der fleißigen, gesegneten
Reckenburger Flur und bei unserem reichen, stolzen
Fräulein Hardine?“

Der „Nach Schloß Reckenburg“ bezeichnete Weg
hatte die Wanderer in mannichfaltigem Wechsel stundenlang durch Wald, Wiesen, Feld und endlich wieder
in ein Forstrevier geführt mit noch stattlicherem Bestande und mit parkartiger verschlungenen Pfaden als
die früheren. Auch hier herrschte ein geschäftiges
Treiben. Viel kleinere Kinder als die kleine Hardine
sammelten die letzten blauen und die ersten rothen
Heidelbeeren des Sommers, alte Mütterchen kamen
und gingen mit Kräuter- oder Reisigbündeln, mit
Körben duftender Pilze. Von der Wiege bis zum
Grabe schien Alles im Reckenburg'schen zu arbeiten.
Aber die Kinder arbeiteten stumm, wie vorhin die Erwachsenen und die Greise ebenfalls stumm, wie neben
ihnen die Kinder; auch sie starrten verblüfft dem fußwandernden Paare nach, während eine gleichzeitige
militairische Cavalcade und mehrere vornehme Equipagen, welche in rascher Folge an ihnen vorübersausten,
ihre Aufmerksamkeit nicht im Geringsten erregten. Vergeblich fragte der Invalid, was diese glänzende Auffahrt geputzter Damen und Herren zu bedeuten habe?
Sie zuckten schweigend die Achseln und bückten sich,
um ämsig weiter zu sammeln. „Ein curioses Völkchen, meine Reckenburger!“ sagte August Müller, „aber
ich werde ihm Mores lehren!“

Der tiefschattige Waldweg öffnete sich eben wieder
nach dem freien Felde, als der Wanderer durch eine
Gruppe uralter Weimouthskiefern gefesselt ward. Er
blickte lange die schlanken Schäfte bis in die schwarzgrünen Wipfel hinan, die wie eine Laube in einander
verwachsen waren. „Bah! Bäume sind Bäume!“ sagte
er endlich, indem er sich mit Gewalt losriß und in's
Freie hinaustrat.

Er hatte bisher noch kein Dorf wahrgenommen,
nur in der Ferne zerstreut einzelne Gehöfte, die er
für Meiereien, Mühlen, oder Ziegelscheunen hielt. Ihn
plagte der Durst. Irgendwo mußte doch eine Schenke
zu finden sein. So hielt er denn Umschau am Ausgang vor dem Waldesrande. Zur Linken desselben
setzte die Straße nach dem Schlosse in einer breiten
Lindenallee sich fort; geradeaus streckte sich eine Flucht
von Gemüsefeldern. Jetzt wendete er sich zur Rechten
und stand wie vom Blitze getroffen, als er hart vor
dem Kieferndickicht ein kleines Haus von altväterischer
Bauart gewahr wurde. Er starrt hinauf zu dem
Giebel, an welchem ein gräflich gekrönter Doggenkopf
in Steinarbeit prangt, athemlos umgeht er das Häuschen nach den drei freiliegenden Seiten, schlägt sich
mit der geballten Faust vor die Stirn und stürzt endlich mit dem Schrei: „Muhme, Muhme Justine!“
durch die geöffnete Thür.

Aber es war nicht die alte Muhme, es war eine
junge Familie, die er in dem netten Zimmer zur
Mittagsmahlzeit versammelt fand. Der Tisch stand
blitzblank gedeckt, obgleich nur mit Buttermilch und
einem Grützbrei besetzt. Herr August hätte keinen
Appetit auf diese Kost verspürt, wenn man ihn zum
Niedersitzen eingeladen hätte.

Indessen man lud ihn nicht ein; im Gegentheil,
man erhob sich und drängte ihn ganz unmerklich wieder
zur Thüre hinaus. Sichtlich mit Widerwillen gab
man den Bescheid, daß das vormalige gräfliche Meutewärterhaus jetzt die Wohnung des Schäfereiaufsehers
sei. Mit mißtrauischen Blicken wurde dann die Thür
abgeschlossen und der Weg nach der Schäferei, einem
neuen Anbau, von der gesammten Familie angetreten.

Nur ein eisgrauer Großvater war zurückgeblieben,
um im Sonnenschein auf der Bank vor der Thür die
steifen Glieder zu wärmen. Bei ihm verhielt sich
unser Invalid, noch einmal Aufschluß über Muhme
Justinen und Fräulein Hardinen erbittend. Und sei
es nun, daß zu des Alten Zeit in Reckenburg weniger
gearbeitet und mehr geschwätzt worden war, sei es,
nach Greisenart, daß der Aufruf einer in jungen Tagen
gekannten Gestalt, des Alten Gedächtniß und seine
Zunge löste, von ihm erhielt August Müller eine Mittheilung, welche gleichsam den Kettenschluß seiner Erinnerungen und Hoffnungen bilden sollte.

Frau Müller, oder vertraulicher Weise Muhme
Justine, war in Begleitung des blutjungen Fräuleins
Hardine, dessen Amme oder Kindsmagd sie gewesen
war, nach Reckenburg gekommen und dort von der
alten schwarzen Gräfin zurückgehalten worden; die
Einzige, die sie jemals in ihrem Goldthurme gesehen
hat. Für gewöhnlich aber hat sie in dem leerstehenden „Hundehause“ gewohnt und das Geschäft einer
Wehmutter im Dorfe betrieben. Als die Muhme vor
vielen, vielen Jahren gestorben ist, hat das Fräulein
ein Kreuz über ihr Grab setzen lassen, worauf mit
goldenen Lettern die Inschrift: „der treuesten Dienerin“ zu lesen steht. Ob Muhme Justine jemals
ein Ziehkind gehalten habe, dessen wußte sich der alte
Mann allerdings nicht zu erinnern, vielleicht daß es
während seiner Soldatenzeit in der Rheincampagne
geschehen war.

Aber Muhme Justine hatte ein solches Kind gehalten; August Müller wußte sich dessen nur allzuwohl zu erinnern und das Kirchenregister mußte
darüber Auskunft geben, wo, wann und von wem es
geboren worden war. Mit großen Schritten, seiner
Tochter halbwegs voran, eilte er nach der Pfarre.

Das Pfarrhaus, neuen, stattlichen Ansehens, lag
zu Füßen der Kirche, die auf leiser Anhöhe das Dorf
überragte. Rückwärts, auf dem östlichen Abhange des
Kirchhügels, senkte der Friedhof sich ab, während die
Schule der Pfarrwohnung gegenüber am Eingang der
Dorfstraße errichtet war: neu, reinlich und räumlich
wie diese gesammte Anlage. Dem athemlosen Manne,
der jetzt von der Waldseite daherrannte, fehlte freilich
jeder theilnehmende Blick für alles, was ihm solchergestalt segenverkündend entgegentrat.

Er war im Begriffe die Thür zu öffnen, als ein
halbwüchsiger Knabe, im bunten Gymnasiastenkäppchen
ihm aus derselben entgegenkam. Zum erstenmale auf
Reckenburger Grund ein offnes, fröhliches Gesicht, das
auf den ersten Blick das Herz unseres Wanderers gewann.

Sein Vater, so antwortete der Schüler auf
August Müllers Frage nach dem Herrn Pfarrer, befinde sich auf dem Schlosse, wo heute, am dritten
August, der Geburtstag des Königs von dem Fräulein
durch ein Festmahl gefeiert werde.

Er — der Schüler, — sei gleichfalls auf dem
Wege dorthin. Nicht als Gast, — wie er lachend
hinzufügte, — denn solche Ehre widerfahre ihm noch
nicht, — nur um sich die schönen Wagen und Pferde
der Schloßgäste ein wenig anzusehen. Habe das Anliegen Eile, sei er bereit, seinen Vater herbeizurufen.

Der Invalide brachte nunmehr in polternder
Hast das Begehren nach seinem Taufschein zu Gehör,
indem er zu seiner Empfehlung sich auf das Zeugniß
der beiden Klosterpröbste berief, das er schon auf dem
Wege aus seiner Brieftasche genommen hatte.

„Ludwig Nordheim,“ sagte der Schüler, nachdem
er das Blatt überblickt hatte. — „Der Name und die
Handschrift meines Großvaters!“ —

„Ihres Großvaters!“ — rief August Müller auf
das Angenehmste überrascht. „Junger Herr — Sie
heißen — —“

„Ich heiße Ludwig Nordheim, wie er,“ antwortete
treuherzig der Knabe. — „Die Nordheims sind ein
ständiges Geschlecht in der Pfarre von Reckenburg.
Erst mein Großvater, des Fräuleins alter Freund,
dann mein Vater, auch wieder ihr Freund, und ginge
es nach dessen Willen, würde ich einmal der Dritte.
Mir aber,“ so plauderte er fröhlich weiter, „mir ist
die Kanzel zu eng. Ich möchte Landwirth werden
wie unser Fräulein Hardine. Vorher freilich, sagt sie,
soll ich studiren.“

Ein Wirbel war während dieser Rede in des
Invaliden Kopfe aufgestiegen. Er stand einen Augenblick wie geblendet von dem Lichte dieser neuen Aufklärung. „Begriff ich Sie recht,“ sagte er darauf, des
Knaben Hand ergreifend und heftig drückend, „verstand ich Sie recht, junger Herr, so war Ihr Großvater, ehe er Klosterprobst ward, Pfarrer hier, hier
in Reckenburg. Können Sie mir sagen, in welchen
Jahren?“

„Nicht genau, wann er eingetreten ist, aber eine
lange, lange Zeit, bevor er gegen Ende des Jahrhunderts in das Kloster berufen wurde.“

„Jedenfalls also Anfangs der neunziger Jahre,
in denen ich geboren sein muß. Er, er hat mich
ohne Zweifel getauft; seine Hand meinen Namen in
das Kirchenregister eingetragen. Darum, darum hat
er mich vor allen Anderen lieb gehabt. Lassen Sie
Ihren Vater in Frieden auf dem Schlosse, mein lieber junger Herr. Ein rascher Blick in das Kirchenbuch, und die Sache ist abgemacht.“

„Es thut mir leid, diesen Wunsch, selber wenn
ich dürfte, nicht erfüllen zu können,“ versetzte der
Gymnasiast. „Es existiren keine Register aus jener
Zeit. Die Bücher sind mit abgebrannt, als anno 97,
glaub' ich, der Blitz in die Sakristei geschlagen und
auch die alte Kirche zum großen Theil zerstört hat.
Die Sie hier oben sehen, ist neu errichtet durch Fräulein Hardinen, wie denn alles in unserem Reckenburg
neu geworden ist durch sie: die Flur, das Dorf und
selber das Menschengeschlecht. Das himmlische Feuer
aber mußte vom Himmel fallen, sagt mein Vater, daß
auch in den Registern keiner mehr an die alte, böse,
zuchtlose Zeit erinnert werde. Aber wissen Sie was,
guter Mann,“ fuhr er nach einigem Besinnen fort,
„warten Sie, bis gegen Abend die Gäste das Schloß
verlassen haben werden und fragen Sie dann nach
bei Fräulein Hardinen selbst. Sie ist in den neunziger Jahren schon häufig als Gast bei der alten
Gräfin gewesen, und sie, die nichts vergißt, erinnert
sich gewiß noch jedes Kindes, das in dieser Zeit im
Dorfe geboren worden ist, zumal wenn ihre alte
Muhme dasselbe aufgezogen hat.“

Nach diesen Worten sprang der Knabe munter
voran, da er eben ein elegantes Viergespann in die
Dorfstraße einbiegen sah. August Müller folgte ihm
mit stolzen Schritten und gehobenen Hauptes. Die
Enthüllungen im Wald- und Pfarrhause hatten das,
was vor einer Stunde nur noch Verlangen gewesen,
zur Gewißheit gesteigert. Was bedurfte er eines Zeugnisses schwarz auf weiß, wo der Zusammenhang so
untrüglich mit Händen zu greifen war?

In einem abgelegenen Waldhause wird ein Knabe
geboren. Er wird aufgezogen von der Gemeindepflegerin, welche dieses Haus bewohnt und welche die
treueste Dienerin seiner Mutter gewesen ist. Der
Ortspfarrer, der Mutter vertrauter Freund, tauft den
Knaben und trägt ihn unter dem Namen der Dienerin
in das Kirchenregister ein. Ohne Zweifel ist er es
auch gewesen, der vorher schon die Ehe der Dame
heimlich eingesegnet hat, die Ehe mit irgend einem
gleichviel ob zu hoch, ob zu niedrig stehenden beliebigen
Quidam. Unter den Schutz dieses bewährten geistlichen Freundes, der indessen an die Spitze einer anständigen Versorgungsanstalt aufgerückt ist, stellt später
die Mutter ihren Knaben. Sie führt ihn persönlich
ihm zu, ganz im Geheim. Noch ist sie arm und abhängig, sie darf ihn nicht öffentlich anerkennen; aber
sie überwacht ihn im Stillen, sie sorgt für ihn, straft
ihn, sie sucht einen tapferen Soldatensinn in ihm zu
erwecken; sie bringt ihn in einem selbstgewählten Berufe unter und als sie endlich, zu Fülle und Freiheit
gelangt, ihn vor der Welt anerkennen darf, — ist der
Knabe spurlos verschwunden, verschollen sein Name
viele, viele Jahre lang. Die Mutter aber bleibt einsam
zurück, sie harrt seiner Heimkehr, sie hält ihm das
Erbe offen, das ihm rechtmäßig zusteht, erweitert es
zu einem fürstlichen Besitz. Und er, er ist dieser
glückliche Knabe, er, der Sohn der letzten Reckenburgerin, er, der Erbe der reichen Reckenburg!

So der Roman, welchen unser heißblütiger
Kumpan sich im Fluge auferbaute. Die Daten, die
etwa mit seiner Rechnung nicht stimmen mochten, die
mancherlei Lücken, die Widersprüche in dem Charakter
der mütterlichen Heldin, die problematische Rolle des
beliebigen Quidam, mit alle dem beunruhigte er seine
Phantasien nicht. Wenngleich noch nüchtern, fühlte
er sich wie berauscht. Hätte er eine wohlconditionirte
Uniform auf seinem Leibe gefühlt, er würde spornstreichs nach dem Schlosse aufgebrochen und ohne
Scheu vor Fräulein Hardinen und ihre vornehme
Tafelrunde getreten sein. „Mutter!“ würde er ihr
zugerufen haben, „Mutter, Dein Sohn ist heimgekehrt, und sieh, diese hier ist seine Tochter, die Dir
zur Erinnerung den Namen Hardine trägt!“

Aber leider in ihrem gegenwärtigen Aufzuge konnten die Erben der Reckenburg sich nicht im Kreise
ihrer künftigen Standesgenossen präsentiren. Man
mußte ein Wirthshaus suchen und die abendliche Einsamkeit erwarten.

So nahm denn unser Freund die Kleine, die
ihm ermattet nachgeschlichen kam, wieder an die Hand
und schritt forschend die breite, lange Dorfstraße entlang. Aber seltsam! wie die Gehöfte ihm hüben und
drüben entgegentraten, alle neu, schweigsam, sauber
und so nüchtern solide, da däuchte ihm, als ob aus
jeglichem Fenster die Augen der gestrengen Hardine
auf ihn herniederschauten, so wie sie einst den unbändigen Waisenknaben angeblickt; es summte wieder
wie „Wildling!“ vor seinem Ohr und er fuhr mit
der Hand nach seiner glühenden Backe, wie damals
als er ihren züchtigenden Streich auf derselben gefühlt
hatte. Ihn überkam eine Anwandlung zweifelnder
Schwäche; ohne eine herzstärkende Labe hätte er jetzt
nicht vor der handfesten Dame erscheinen mögen. Und
hinwiederum seltsam! in dem langgereihten Dorfe
schien nirgends eine Stätte für solche Labe aufzufinden. „Haben denn die Leute unter Fräulein Hardinens Regiment keinen Durst?“ fragte er verdrießlich.
„Oder saufen sie nur Wasser wie das liebe Vieh?“

Endlich im allerletzten Hause, da fand er, was
er suchte, wenn auch durch kein Schild oder Schenkenzeichen, keine Kegelbahn, Laube oder Tanzlinde einladend angekündigt. Nein, das war nicht der Platz,
wo ein Zögling des Bivouaks das wandernde Marketenderzelt vergißt, wo Karten und Würfel fallen und
der Schoppen unter zechenden Kumpanen kreist. Noch
viel weniger war es eine Herberge, die dem müden
Bettler, dem irrenden Landstreicher Labsal und Obdach bot. Es war ein ruhiges, nüchternes Gehöft
wie alle anderen des Dorfes, nur die untergestellten
Equipagen der Schloßgäste und eine betreßte Dienerschaft vor dem Thor deuteten an, daß wohlbestelltes
Volk und Gethier, gegen sofortige Bezahlung, hier
gelegentlich eine Raststunde halten durften.

So wenig anheimelnd der Platz, unser Veteran
warf sich in die Brust, setzte sich auf eine Bank vor
der Thür und forderte Wein. Aber die Zornesader
auf seiner narbigen Stirne schwoll, als der Wirth,
ohne sich von der Stelle zu rühren, ihn von Oben
bis Unten mit einem nichts weniger als bewillkommnenden Blicke maß. Was Wunder, wenn in unserem
Bruder Habenichts heute Prinz Gustels splendide
Soldatennatur wieder aufgewacht war! Er wiederholte barsch seine Forderung, indem er mit der Miene
eines Crösus sein letztes Thalerstück auf den Tisch warf.

Vergebliche Herausforderung! Ein Achselzucken
des Wirths war die einzige Antwort; das goldhelle
Wörtchen Wein schien ein fremdartiger Klang in der
Schenke von Reckenburg.

Indessen hatte die auswärtige Dienerschaft den
seltsamen Wandersmann, der in Lumpen ging und
mit Thalern um sich warf, auf's Korn genommen.
Man näherte sich, man gab gefällig Bescheid und hatte
unser Freund vor einer Stunde kaum sich dreist an
die Magnatentafel des Grafenschlosses geträumt, so
saß er jetzt wohlgemuth im Kreise ihres gallonirten
Lakaienthums. Kümmel und Gerstensaft lösten die
Zunge so gut wie der versagte Rebensaft. Er plauderte
von alten kriegerischen Erinnerungen, aber er plauderte
noch lebhafter von den älteren friedlichen Erinnerungen,
welche die Wanderung durch die Reckenburger Flur
in ihm wach gerufen hatte und er fühlte sich ermuthigt,
als auch andere kluge Leute einen Vers daraus zu
bilden wußten, der auf den seinen reimte. Halb im
Ernst, halb im Spott wurde sein Angriffsplan unterstützt; die Krüge klappten zusammen in einem Frischauf zu glücklichem Erfolg.

Hin und wieder ging auch ein Einheimischer, der
zu Hause Mittag gehalten hatte, an dem Schenkenplatze vorüber; volle Erntewagen schwankten in das
Dorf und kehrten leer wieder nach den Feldern zurück.
So seltene Gäste die Bauern und Knechte von Reckenburg an diesem Platze sein mochten, die Musterung
der fremden Gespanne war wohl ausnahmsweise einen
Krug Dünnbiers werth, und es verbreitete sich daher auch unter ihnen die wunderbare Mähr von dem
Reckenburger Kinde, das plötzlich als Herrenerbe eingesprungen war. Kopfschüttelnd und schweigend, wie
sie der Mähr gelauscht, entfernten sich die Einheimischen,
Einer nach dem Andern, auch die betreßte Tafelrunde
brach auf, um die Geschirre für die Heimfahrt zu rüsten:
ehe aber der Abend sich senkte, war das lang bewahrte
Geheimniß Fräulein Hardinens weit über die Reckenburger Flur in das Land hinausgestreut.

Der sich am spätesten erhob, war der jetzt doppelt
berauschte Erbe. Er bezahlte das letzte Glas mit
seinem letzten Groschen, riß seine Kleine, die in einem
sonnigen Winkel eingeschlummert war, in die Höhe
und rief barsch: „Wach auf, Schlafmütze! Jetzt geht's
zu Deiner Großmutter Hardine!“

„Zu meiner Großmutter Hardine!“ lallte das
Kind wie in einem fortgesetzten Traum.

So wanderten sie Hand in Hand voran. Die
Füße des Invaliden schwankten und seine Brust keuchte
beklemmt. Warum eigentlich? Ohne eine merkliche
Spur hatte er häufig das Doppelte zu sich genommen.
Freilich der Tag war heiß gewesen, die Wanderung
weit und die Aufregung gewaltig. Es währte eine
Weile, bevor er das Gitterthor erreichte, auf welchem
ein vergoldetes Doppelwappen im letzten Sonnenschein
funkelte. Im Hintergrund einer langen, breiten
Rüsternallee präsentirte sich das Schloß auf erhöhter
Terrasse; zu beiden Seiten der Avenue dehnte sich bis
zum Waldessaume der Garten, linealgerecht durch
hohe Buchenhecken abgetheilt. Goldgelbe Pfade schlängelten sich zwischen den vielgestaltigen Schnörkelbeeten,
auf denen hinter einem Einfaß von Bux und bunten
Perlenringeln zwar keine Blumen, aber kunstvoll
dressirte Baumfiguren in die Höhe wuchsen. Weiße
Marmorbilder, deren Structur sich gar nicht übel mit
den Pflanzungen dieses Ziergartens vertrug, ragten
längs der Heckenwände, umschichtig mit gar verwunderlichen Ungeheuern, die aus weitgeöffnetem Rachen ein
spindeldünnes Wasserfädchen sprühen ließen. Die
kleine Hardine klammerte sich zitternd an den Vater,
so oft sie eine dieser Kunstgestalten lugen sah; dem
Vater aber, der in fremden Landen an mancher verwandten Anlage vorübergekommen sein mochte, ohne
sie zu beachten, dem Vater schien sie hier in seiner
Erbheimath schier zur Beunruhigung großartig und
imponirend.

Als er sich dem Schlosse näherte, sah er die reich
geputzte, und uniformirte Gesellschaft die Terrasse herabsteigen, um sich lustwandelnd im Garten zu zerstreuen. Zum erstenmale schämte sich der Wachtmeister
der Legion des geschwärzten, zerfetzten Mantels von
Waterloo. Er bog aus der großen Allee nach den
Heckenwegen ein und gelangte so unbemerkt in einen
der Laubengänge von vergoldetem Gitterwerk, welche
zu beiden Seiten die Terrasse hinanführten. In diesem
halbdunklen Versteck wollte er warten, bis die heranrollenden Equipagen die letzten Gäste entführt haben
würden und dann frischen Muths vor Fräulein Hardinen treten.

So langsam er voranschritt, das Zittern seiner
Glieder, die Beklemmung des Athems nahm zu. Es
kochte etwas in seiner Brust, als ob eine der alten
Wunden sich geöffnet habe. Er schlug mit der Faust
gegen das hämmernde Herz und mußte eine Lehne
suchen, als er jetzt am Ausgang des Berceau nach
dem Schlosse blickte, dessen hohe Fenster und Spiegelthüren nach der Terrasse geöffnet standen. Alte reich
gallonirte Diener, noch gepudert, gingen gravitätisch
hin und wieder, auf silbernen Platten den Kaffee
servirend; Andere räumten das funkelnde Geräth und
die leckeren Reste von der Tafel im großen Speisesaale
des Parterre. Wie die Adern des armen Vagabonden
schwollen, wie fieberisch seine Augen leuchteten vor
diesem nie geschauten Bilde der Fülle und der Pracht!

Nach und nach hatte sich die Terrasse von Gästen
und Dienern geleert. Nur noch ein einziges Paar
schritt langsam von der entgegengesetzten Seite her der
Laube zu, in welcher der Invalid athemlos lauschte.
Ein stattlicher Herr in hoher Beamtenuniform, einen
Stern auf der Brust; an seiner Seite mit majestätischem Anstand eine Dame von gleicher Größe wie
er selbst und auf der Brust den Orden, welcher für die
Patriotinnen des Befreiungskrieges so sinnvoll gestiftet
worden war. Reiches Geschmeide funkelte unter der
Spitzenumhüllung des gegen die Mode der Zeit faltigen, schleppenden Gewandes und die Strahlen der
sinkenden Sonne spiegelten sich in einem Diadem über
dem vollen, schwarzen Haar. Der Herr sprach mit
Eifer; ernst und gedankenvoll hörte die Dame zu.

In der Nähe des Laubenganges stand sie still.
Sie schien eine Antwort zu suchen, legte den Arm auf
eine Vase; in welcher eine Aloe ein verkümmertes Uralter fristete und wendete bei dieser Bewegung das
volle Gesicht dem heimlichen Lauscher zu.

Alle Vorsätze der Zurückhaltung, alle beklemmende
Scheu waren jählings verschwunden. „Fräulein Hardine!“ schrie er auf. „Sie ist es! ja, das ist Fräulein
Hardine!“ Er stürzte aus der Laube und mit ausgestreckter Hand der Dame entgegen.

So haben wir denn das, was wir zu Anfang ein
Geheimniß genannt, nebelartig aus losen Erinnerungen,
so gleichsam aus dem Hauche eines Namens aufsteigen
und sich in vorlauten, eigennützigen Deutungen immer
dichter und dichter herandrängen sehen, bis es als eine
drohende Wetterwolke über dem Haupte Fräulein Hardinens hing. Ueber dem Haupte einer Frau, die wir
als die Schöpferin unseres heimathlichen Wohlstandes
verehrten, die in ihre mit männlicher Kraft und Ausdauer gegründete, junge Colonie den Wahrspruch ihres
Hauses: „In Recht und Ehren“ eingepflanzt und sie
vor jeder entsittlichenden Berührung gehütet hatte, einem
Spiegel gleich, den der leiseste Moderhauch trübt.

Und wir Reckenburger Leute hatten sie gekannt
fast noch als ein Kind; ihr Leben lag vor uns durchsichtig und eben wie ein Krystall. Da war kein Schatten,
keine Lücke, ja nicht einmal eine gemüthliche Regung,
welche eine Heimlichkeit hätte ahnen lassen. Der
Wechsel unserer beiden letzten Herrinnen, der gespenstischen Urgreisin im Goldthurme, mit deren Beschwörung
wohl heute noch die Mütter ihre Kinder zur Ruhe
scheuchen, und der heute im fünfzigsten Jahre noch
frisch und kräftig, fast wie im fünfzehnten, ausschauenden und schaffenden Hardine glich dem des Tages
mit der Nacht.

So stand sie vor Hoch und Gering ehrenreich
und ehrenrein wie keine Zweite; so stand sie im Kreise
der Notabeln ihrer Gegend, an der Seite des Mannes,
der für ihren einzigen Vertrauten galt, und den man
neuerdings vielfach den Erkorenen für ihr freies Erbe
nannte, als ein landstreichender Bettler, der erste seiner
Art, der ihr Gehege zu betreten wagte, sich zu einer
Bezüchtigung, zu einer Anforderung an sie erdreistete,
vor welcher das niedrigste Weib in Scham und Zorn
entbrannt sein würde.

Die Unterredung mit dem Grafen, ihrem Begleiter schien ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch
genommen zu haben, daß sie das Nahen der beiden
Fremdlinge nicht früher bemerkte, bis August Müller
dicht zu ihren Füßen ihren Namen rief. In seinem
verwilderten Zustande, mit allen Anzeichen des Trunkenbolds, war der erste Eindruck der des Widerwillens
und der Entrüstung. „Fort!“ befahl sie, indem sie
einen Diener herbei winkte, den Eindringling zurück
zu treiben.

„Fort!“ rief der Invalid, bis jetzt noch aufgeräumten Humors; „fort weisen Sie mich Fräulein
Hardine? Sie erkennen mich wohl nicht, und ich erkannte Sie doch auf den ersten Blick, wenngleich Sie
vor zwanzig Jahren noch keine Krone getragen haben.“

Er war während dieser Worte die Stufen hinangestiegen und faßte nun dreist nach der Dame Hand.
Unwillig wehrte sie mit beiden Armen den Zudringlichen ab, während mehrere Diener herbeisprangen,
die Gäste aus dem Garten sich nach der Terrasse
drängten und der Graf eine Bewegung machte, den
wüsten Gesellen die Treppe hinabzuwerfen. War es
nun in Folge des Rausches, der vorigen Schwäche,
oder blos der kräftigen Abwehr der Reckenburgerin,
genug, der Mann taumelte und stürzte die Stufen
hinab, eine Blutspur zeigte sich am Boden, der verwitterte Mantel entfiel ihm; das militairische Ehrenzeichen, der Stumpf des Armes wurden sichtbar;
Fräulein Hardine erbleichte.

Die leichte Verletzung hatte den Berauschten
plötzlich entnüchtert. Er richtete sich rasch in die Höhe
und stand einen Moment in drohendem Trotz, mit geballter Faust der Dame Aug' in Auge. Dann ließ
er den Arm sinken und sprach mit einem Stolz, der
sich seltsam gegen die vorige Rohheit abhob: „Es ist
nicht das erstemal, Fräulein Hardine, daß Sie Ihre
Hand gegen mich erhoben haben; aber Gott sei mein
Zeuge, es ist das letztemal. Sie werden August
Müller nicht wiedersehen. Ich hätte es mir ja denken können, daß Einer, dessen Dasein in einem Waisenhause verborgen worden ist, nun, da das Elend
ihn treibt, für sein mutterloses Kind eine Freistatt zu
suchen, von der Schwelle Ihres stolzen Hauses wie
ein Verbrecher verjagt werden würde.“

Die Blicke der sprachlosen Dame fielen während
dieser Schmährede auf das Kind, das hinter dem Vater drein bis dicht in ihre Nähe geschlichen, und jetzt
von einer Gruppe mitleidiger oder neugieriger Gäste
umringt worden war. „Wie heißt Du?“ fragte eine
Dame. „Hardine,“ murmelte die Kleine. Es folgte
noch eine weitere Examination, auf welche sie mit stumpfsinniger Gleichgültigkeit den Kopf schüttelte. Endlich:
„Was wollt Ihr, wen sucht Ihr hier?“

„Meine Großmutter Hardine,“ sagte das Kind.

Auch das hörte das stolze Fräulein mit an; sie
sah die verblüfften Mienen der hohen Gesellschaft und
— sie schwieg. Sie schien wie erstarrt oder in ferne
Erinnerungen verloren.

„Schweig, Hardine!“ herrschte jetzt der Invalid
seine Tochter an, indem er sie mit Gewalt aus der
Gruppe zog. „Schweig und komm! Gott ist ein Vater der Waisen. Es wird anderwärts barmherzigere
Seelen geben.“

Damit wendete er sich zum Gehen. Nach ein
Paar Schritten aber sah man einen bleifarbenen
Schatten über seine Züge fliegen. Er schauderte zusammen und klammerte sich zitternd an das Laubengitter. Auf einen Wink des Fräuleins eilte der Prediger ihm zu Hülfe; sein Sohn, der uns schon bekannte Gymnasiast, sprang zwischen den Hecken hervor und nahm die kleine Hardine an seine Hand.
Auch der Graf folgte ihnen in merklicher Bestürzung.
Sie verschwanden im Laubengang. Fräulein Hardine
aber wendete sich mit verstörten Mienen, ohne ihre
Gäste zu beachten, ihrem Schlosse zu.

Wie möchten wir nun aber bei diesem Betragen
der stets so gehaltenen, selbstbewußten Dame die Stimmung der verlassenen Gesellschaft zu beschreiben wagen? Ein Theil, und sicherlich der klügste, bestieg ohne
Abschied die bereits vorgefahrenen Wagen. Andere
entblödeten sich nicht, in der eigenen Umhegung der
Festgeberin den am Nachmittag in der Schenke gesammelten Erläuterungen ihrer Dienerschaft Gehör zu
geben. Der Rest schlenderte in den Gartenwegen auf
und ab, ein Wiedererscheinen der Dame, oder die Lösung des Räthsels erwartend.

Nach kurzer Zeit kehrte Ludwig Nordheim athemlos zurück, um den Kreisphysikus, der sich unter den
Gästen befand, zu dem in der Schenke plötzlich erkrankten Fremdling zu holen. Später kam der Prediger mit dem Grafen, der letztere mit dem Ausdruck
der stärksten Empörung. „Der Säuferwahnsinn ist
bei dem Vagabonden ausgebrochen,“ antwortete er
auf die Fragen der ihn umringenden Bekannten. Der
Prediger zuckte schweigend die Achseln. Beide begaben sich nach dem Schlosse.

Wenige Minuten später eilte von dorther ein
Diener nach der Schenke; bald darauf folgte ihm der
Prediger. Man erfuhr, daß das Fräulein die sorgfältigste Pflege für den Kranken befohlen habe, auch
dessen Uebersiedelung nach dem Schlosse wünsche, falls
der Arzt dieselbe für zulässig halte. Noch hatte man
nicht dazu kommen können, sein Erstaunen über diese
Weisung auszusprechen, als der Graf aus dem Portale trat, leichenblaß, in heftigster Aufregung an der
Unterlippe nagend. Ohne ein aufklärendes Wort zu
gewähren, bestieg er den bereithaltenden Wagen, und
jagte von dannen.

Auch den letzten Gästen schien der Aufbruch geboten. Kaum eine Stunde nach der aufregenden Begegnung war es in der Umhegung der Reckenburg so
still wie alle Tage. Am anderen Morgen jedoch kehrten etliche der gestrigen Gäste — wohlzumerken der
Graf nicht unter ihnen — zurück, um aus reinstem
Wohlwollen, wie sich von selbst versteht, Erkundigungen über das Befinden der Dame und des räthselhaften Fremden einzuziehen. Der letztere lag noch in
der Schenke, schwer krank, aber nicht am Säuferwahnsinn, sondern an einer Lungenentzündung, wie der
Doctor erklärte. Fräulein Hardine war verreist. Sie,
die Stetige in ihrem Revier, die man nie, außer zu
einer Visite in der Nachbarschaft, und immer nur in
der sagenhaften goldenen Kutsche und dem schier unsterblichen Schimmelzug, zwei gepuderte Heyducken auf
dem Trittbrett — sämmtlich Erbstücke der schwarzen
Gräfin — sich aus der Reckenburger Flur hatte entfernen sehen, sie war diese Nacht ohne Dienerschaft
im leichten Jagdwagen bis zur nächsten Station und
von da mit Courierpferden weiter gefahren. Trotz der
ämsigsten Nachforschungen hat Niemand erfahren können, wohin oder zu welchem Zweck. Als sie nach
zwei Tagen auf dieselbe heimliche Weise zurückkehrte,
war ihr erster Gang in die Schenke an das Krankenbett August Müllers.

So befremdend dieses ganze Gebahren war, es
lag im Grunde noch nichts darin, was ein so makelloses Ansehen, wie Fräulein Hardinens, hätte trüben
dürfen. Sie gab durch dasselbe zu, daß August Müllers Erinnerungen richtig waren, aber der Schluß,
den eine begehrliche Natur daraus gezogen hatte, er
konnte, nein, er mußte ein irriger sein. Fräulein
Hardine hatte niemals für eine Samariterin gelten
wollen, und wir wissen es schon, sie galt auch nicht
dafür. Aber wäre es selber für Fräulein Hardinen
etwas Unnatürliches gewesen, eine hülflose Waise in
einer öffentlichen Anstalt zu versorgen und zu überwachen? Oder wäre, selber für Fräulein Hardinen,
eine mitleidige, vielleicht vorwurfsvolle Erschütterung
so schwer zu begreifen, wenn ein Schützling aus der
Jugendzeit uns im Alter plötzlich als eine untergegangene Creatur gegenübertritt? Sie brauchte nur einen
Namen zu nennen, nur die Herkunft des Waisenknaben zu erklären, und der Sturm im Wasserglase
legte sich.

Aber Fräulein Hardine nannte diesen Namen,
gab diese Erklärung nicht. Die guten Freunde schmachteten nach dem Labsal eines Worts, — aus reinster
Sorge für den Ruf der edlen Dame, wie sich wiederum
von selbst versteht, — und sie schwieg vor wie nach.
Fürwahr, Fräulein Hardine war keine mitleidige Natur, nicht einmal gegen sich selbst. Weder jetzt, noch
später hat sie der verhängnißvollen Begegnung am
Königsfeste gegen irgend einen Menschen erwähnt.

Nach vielen Jahren jedoch und für einen bestimmten Zweck, richtiger, für eine bestimmte Person,
hat sie ihren Lebenslauf niedergeschrieben, und darin
„ihr Geheimniß“, wie sie es selbst genannt, enthüllt.
Sie hat es sichtlich mit Lust und Liebe, sogar in heiterer Anordnung gethan, und möchten wir uns nicht
irren, wenn wir bei Veröffentlichung dieser Bekenntnisse auf den Antheil auch eines weiteren Kreises, als
den ihrer einstigen Lebensgenossen zu rechnen wagen.
Denn ist es auch ein etwas altväterisches Charakter- und Sittenbild, das wir vor dem Leser entrollen, aus
seinen Zügen spricht eine Wahrheit, die keiner Zeit
und Mode unterworfen ist: Ja, Gottes Wege sind
wunderbar, auch die zu den Herzen der Menschen!

Erstes Capitel.
Die Rose und ihr Blatt.

Die Reichthümer der Reckenburg lagen meiner
Wiege so fern, wie die Goldminen von Peru, die
letzten der „weißen“ freiherrlichen Linie waren nicht
die begehrlichen Abenteurer, die um schnöden Mammons willen sich in das Bereich der „schwarzen“
Häuptlingin ihres Stammes gewagt haben würden.
Sie hatten seit Generationen eine Zuflucht gefunden,
welche die adelige Armuth ehrenvoll deckte und sich
unter der Fahne wohl und zufrieden gefühlt. Keiner
jedoch wohler und zufriedener als der Allerletzte in
ihrer Reihe, der schon als Lieutenant ein Bäschen
gefreit hatte, auch von den „Weißen,“ arm und ahnenrein wie er selbst.

Eberhard und Adelheid von Reckenburg waren
geschwisterlich nebeneinander aufgewachsen und zweifle
ich, daß in irgend einem Stadium ihrer Bekanntschaft
das große Wort Liebe zwischen ihnen gewechselt
worden sei. Große Worte so wenig wie kleine Zärtlichkeiten waren Reckenburg'scher Habitus; aus welcher
Bemerkung indessen keineswegs gefolgert werden soll,
daß die Leute nicht tief im Herzensgrund aneinander
gehangen hätten. Ich wüßte, im Gegentheil, mir
kaum einen glücklicheren Ehebund vorzustellen, als den,
in welchem Eberhard und Adelheid sich länger als
dreißig Jahre in einmüthigem Pulsschlag ergänzten
und trugen. Er: groß, roth, robust; wie er sich selber
nannte: „ein Ursachse,“ den ein neckischer Kobold unter
die leichte Reiterei gewürfelt hatte. Sie: klein, fein,
blaß und behende. Er: gutmüthig, sorglos, gelassen,
bereit, die Dinge, sobald sie ihm zu ernsthaft wurden,
mit einem Scherzworte abzufertigen. Sie: bedachtsam, klug, praktisch und darum, zu allseitiger Befriedigung, der Souffleur und heimliche Maschinist
der häuslichen Bühne. Beide: Ehren- und Edelleute
vom Scheitel zur Zeh'. Daß die Heldin und Schreiberin dieser Geschichte, das einzige Kind des glücklichen
Paares, körperlich nach der Structur des Vaters,
geistig mehr nach der der Mutter geschlagen ist, wird
aus ihrem Lebensbaue zu ersehen sein.

Ich erhielt den Namen Eberhardine, wie einst
der Vater schon den seinigen erhalten hatte, zu Ehren
des gräflichen Familienoberhauptes. Beide Generationen per procura und ohne daß Verleiher und
Empfänger sich jemals mit Augen gesehen hätten.
Da der hohen Pathin hinwiederum aber ihr Name
durch die kurfürstliche Eberhardine eingebunden worden
war, durch jene Brandenburgerin, welche ihrem starken
August und der polnischen Königskrone zum Trotz,
ihre Tugend und protestantische Treue zu behaupten
wußte, so bin ich der unmaßgeblichen Meinung, daß
eine Ader dieser ausländischen Zähigkeit, per procura
des Taufregisters, sich auf die sächsische Pathenfolge
in weiblicher Linie vererbt haben mag. Das königlich-kurfürstliche Namenserbe dahingegen wurde für einen
Lieutenantshaushalt zu großartig befunden. Der
Papa strich „die ungeschlachte Bestie“ am Anfang
und auch die Tochter hat sich, ex officio, späterhin
gern mit der Hardine begnügt, wenngleich sie der
Sanction des Kalenders entbehrte.

Das junge Ehepaar hatte seinen Haushalt gegründet, — notabene: in der Theuerungsnoth der
siebenziger Jahre, — mit einer Monatsgage von
zwölf Thalern und einem Lehnstamm, ungefähr des
nämlichen Betrages. Soweit jedoch meine eigenen
Erinnerungen reichen, führte der Vater die Schwadron,
ein Posten, der für Manchen seines Gleichen die
Revenüen eines Rittergutes abwarf und von just nicht
Ehrsüchtigen den Majorsepauletten vorgezogen ward.
Da der Rittmeister von Reckenburg aber ein Mann
war, der nicht mit Zopfbändern zu knausern verstand
und jeden Hufbeschlag für eine Gewissenssache hielt,
so hütete sich seine „Hausehre“ das wirthschaftliche
Budget nach Maßstab der Charge zu erhöhen. Bei
aller Verwaltungsweisheit brachte sie sich indessen wenig
auf einen grünen Zweig, wenn schon ein ruinirendes
Zelt- und Wandervogelleben das des Soldaten in
jenen kurfürstlichen Zeiten nicht genannt werden kann.

Der Vater stand während seines langen Fahnendienstes bei dem nämlichen Regiment und mit demselben in der nämlichen Garnison. Wir hatten in
unserem Landstädtchen heimisch Wurzel geschlagen und
achteten es als Gewinn für die häusliche Gemächlichkeit, daß ein Nebenzweig des Kurhauses, der bisher
im Orte residirt hatte, seit Kurzem erloschen war,
obligatorische Standespflichten nach obenhin unseren
Tageslauf sonach nicht regulirten.

Dahingegen erfreuten wir uns mancher glanzvollen Erinnerung an jene herzogliche Zeit. Auf der
Höhe ragte, wenn auch unbewohnt, das reich ausgestattete Schloß, dessen Terrassen, Weinberge und
Gärten sich bis in die Bürgerhöfe hinabzogen und
angenehme Erholungsplätze boten. Wir besaßen noch
eine verwittwete Frau Hofmarschallin, einen pensionirten Hofjunker, einen Titular-Hofjägermeister, Hofschneider, Hofprediger und eine Hofkellerei. Die letztere
sogar in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein Faßbinder,
Namens Müller, hatte sie sammt der Schankgerechtigkeit in und außer dem Schloßpavillon erpachtet und
so konnten wir uns in Haus und Garten an den
Bacchanalien unserer Mitbürger ergötzen oder über sie
entrüsten, je nach Stimmung und Gelegenheit.

Auch das Haus, in welchem meine Eltern vom
Traualtar bis zum Grabesrande geheimst haben,
rühmte sich eines fürstlichen Ursprungs. Ein weiland
Herzog hatte es für seinen Leibbader, vulgo Barbier,
anlegen lassen, war aber des Todes verblichen, bevor
es über den Unterstock hinausgelangte. Der Posten
eines Leibbaders wurde von dem neuen Hofhalte und
die Beletage von dem Bauplane gestrichen. Der
Dachstuhl senkte sich unmittelbar auf das Erdgeschoß,
wurde aber, nach Bedürfniß späterer Geschlechter,
Stockwerk um Stockwerk erhöht, bis schließlich die
Haube dreimal so hoch war wie das Gestell.

Wie freut es mich heute, meine Freunde, Euch
just in diese naturwüchsige Heimstätte einführen zu
können. Denn nichts erfrischt so die Eintönigkeit des
Alters, wie eine Curiosität aus unserer frühesten Zeit.
„Der Mops mit der Zipfelmütze“ steht vor meinen
Augen gleich einem lebendigen Geschöpf; was aber
würde ich Euch aus einer glatten, residenzlichen Zimmerflucht zu beschreiben haben?

Man nannte das Haus die Baderei oder auch
die Faberei, denn es war, sammt der Kunst des Erbauers, in dessen Nachkommenschaft fortgeerbt und
„Faber“, so hieß jener vom Hofstaat gestrichene Leibbarbier, an dessen allerhöchstes Amt noch das Pförtchen erinnerte, das von unserer Gartenterrasse auf
das Schloßplateau führte.

Dieses Haus nebst Pertinenzien war nun gegen
dreißig Laubthaler Jahresmiethe der Familie von
Reckenburg so gut wie ein selbstherrliches Bereich.
Meister Faber, ein Wittmann, rastete wenig daheim.
Seine Scheerstube, im bewohnbaren oberen Dachgeschoß, gränzte an das Zimmerchen, das mir von
früh ab privatim eingeräumt worden war, und die
drei anlockenden Messingbecken klapperten im Winde
und funkelten im Sonnenschein zwischen der uns trennenden Fensterwand. In den Kammern über unseren
Häuptern nächtigte Reckenburgs Dienerschaft: will
sagen die Magd und der Soldatenbursche, der ein für
allemal „Purzel“ hieß. Höher hinauf thürmten sich
Vorraths- und Futterspeicher, Trockenboden, Rauchkammer und so weiter und so weiter.

Nun aber der fürstliche Grundbau im Parterre.
De plain pied aus der Thorfahrt, welche die Hälfte
einnahm, trat man in das geräumige, gelb getünchte
Familienzimmer; aus diesem in die Schlaf- und vertrauliche Rathskammer des ehelichen Consortiums. Hinter beiden lagen die Küche und das Büreau der Schwadron. Das waren die freiherrlichen Apartements!

Zwischen dem Raum und seiner Füllung aber
welche stylvolle Harmonie! Das hochbeinige Kanapee
mit dem blaugewürfelten Leinenzeug, eigenhändig von
Frau Adelheid gesponnen, die dito Gardinen, der große
eichene Ausziehtisch und der lederne Ohrenstuhl, in
welchem der Hausherr sein Mittagsschläfchen hielt,
das mütterliche Spinnrad und die roh gezimmerte
Hütsche; in der Hölle, hinter dem Ungeheuer von
grünen Kacheln, der Waschtisch, an welchem die Familie
nach dem Essen sich die Hände spülte, darüber, als
Draperie, die selbstgesponnene, blitzblanke Quehle, —
Kinder, seht sie mit Ehren an, die alten Stücke in
Reckenburgs neuem Thurm: es waren gute Menschen,
welche sich zwischen ihnen glücklich fühlten!

Und nun das Kleinzeug der Haushaltung: das
braune Kaffeegeschirr und das Tafelservice von Zinn;
die Messingleuchter mit der tiefschnuppigen Unschlittkerze, die kupferne Feuerkieke, welche Ehren-Purzel
seiner gnädigen Frau Sonntags auf dem Kirchgange
nachtrug; — Euch, Menschen von heute, dünken diese
Geräthschaften wohl wie Rudera aus einem Hünengrabe; aber fragt einen ergrauten Junggesellen, eine
einsame, alte Jungfer, die für kein Tändelwerk in
einer Kinderstube zu sorgen, fragt sie, wie es thut,
wenn solch rücklaufendes Fädchen aus dem Netze ihrer
Gewohnheiten gerissen wird?

Was würden jedoch diese einfachen Umgebungen
bedeuten, ohne die gelassene Grandezza, mit welcher
die Bewohner sich in denselben bewegten? Nichts für
ungut, meine jungen Freunde, aber das Bewußtsein
reinen Bluts verlieh einen sicheren Ductus, welchen die
Matadore der Comtoirs und Büreaux größtentheils
noch erlernen müssen und welchen die der zweiunddreißig
Quartiere erst verlernten, wenn die Manier des Höflingslebens sie beleckt hatte. Bei Eberhard und Adelheid von Reckenburg mögt Ihr in die Schule gehen,
wollt Ihr erhobenen Haupts und ohne Schwanken,
wie jeder brave Mensch es soll, vor Hoch und Gering
im Takte schreiten.

Wenn die Freifrau von Reckenburg sich nach der
Post begab, um ein durchreisendes Mitglied ihres
Fürstenhauses zu begrüßen, in der nämlichen Robe,
in welcher sie als blutjunges Fräulein demselben hohen
Haupte präsentirt worden war, so schritt sie, beugte
sich und redete, bei aller Ehrfurcht, selber wie eine
Kurfürstin, denn sie wußte ihre Ahnenreihe so alt
und rein wie die des Hauses Wettin. Wenn die Gemahlin des vielschröpfenden Herrn Amtmanns, oder
die des reichsalarirten Oberforstmeisters in eigner Carosse, Kammerdiener oder Jäger auf dem Trittbrett,
zur Visite vorfuhren, so ging sie denselben in ihrer
getünchten Wohnstube mit der Quehle im Ofenwinkel,
eher einen Schritt weniger entgegen und machte ihre
Reverenz eher eine Linie weniger tief als jene Damen
es thaten, sobald sie in deren Prunkzimmern zur Gegenvisite empfangen ward, denn die reiche Amtmannin
war gar nicht und die Andere von neuerem Adel als
die Freifrau von Reckenburg. Die Freifrau von Reckenburg erwiderte ohne Beschämung die genußwechselnden
Gelage der Honoratiores alle Jahre nur ein einziges
Mal mit einem Schälchen Kaffee, stark mit Mohrrüben versetzt, und der Rittmeister von Reckenburg
stängelte unbekümmert die Bohnen seines Gartenbeets,
ob auch die Gäste des Nachbar Kellerwirths des häuslichen Treibens Zeugen waren. Der Rittmeister von
Reckenburg, die kurze Thonpfeife im Mund und vor
sich den irdenen Deckelkrug selbstgefüllten Dünnbiers,
wenn er an langen Winterabenden die Aepfelschnitzel
auf Fäden reihte, welche „sein Frauenzimmer“ geschält
hatte, ließ sich durch eine Meldung, oder einen späten
Besuch so wenig beirren, als wenn er seine Husaren
im Parademarsch einem Generalissimus vorführte. Thut
desgleichen mit der nämlichen Manier, und die zweiunddreißig oder gar vierundsechszig Quartiere der
Reckenburger werden ein Sparren, oder eine Seifenblase geworden sein.

Zu meiner Zeit und in unserem Landstädtchen
mit den Reliquien des erloschenen Herzogszweigs waren
sie aber weder ein Sparren noch eine Seifenblase,
sondern ein zuverlässiges Postament, auf welchem man,
auch in den Bewegungen nach unten hin, heute sich
wohlgemuth eine patriarchalische Mischung gestatten
durfte, und morgen ohne Aergerniß eine kastische
Gränze zog. Nicht dem wohlhäbigsten Kaufmann
oder Gewerbtreibenden würde es eingefallen sein, sich
in die adlige Societät zu drängen, welche sich Donnerstag
Nachmittags in des Kellermeisters erpachtetem Schloßgarten versammelte. Nicht die freudenarmste und töchterreichste adlige Wittib würde in der bürgerlichen Gesellschaft, die sich Montags unter den nämlichen Lauben
ergötzte, eine frohe Stunde, oder gar einen Freier für
ihre Fräulein gesucht haben. Die bürgerlichen Honoratioren: Beamte, Prediger, Aerzte gehörten zwar
beiden Reunionen an, ohne jedoch eine Kette zwischen
ihnen zu bilden, und ohne von den Donnerstäglern
anders als unvermeidliche Füllung betrachtet zu werden.
Geschmack und Bildung waren wesentlich die nämlichen
und so konnte das Unterhaltungsmaterial Donnerstags
wie Montags auch nur das nämliche sein. Die Herren
kegelten, kannegießerten, spielten — meist mit deutschen
— Karten, und schlürften des Kellermeisters saures
Landgewächs; das schöne Geschlecht strickte, tunkte
selbstgebackenes Kuchenwerk in einen dünnen Milchkaffee und glossirte: die Montägler über die Donnerstägler und vice versa. An Winterabenden wurde
von der Jugend im Pavillon Pfänder gespielt und gelegentlich getanzt.

Dahingegen saßen wir in der Dämmerstunde
aller übrigen Tage nicht abgesondert in unseren Gärten
hinter dem Haus, sondern nachbarlich bei einander auf
der Bank vor der Straßenthür. Die Männer, bürgerlich und adlig, Militair und Civil spazierten schmauchend auf und nieder, die Frauen plauderten hinüber
und herüber, riefen die Vorübergehenden an, rückten
zusammen, prüften ihr gegenseitiges Gespinnst und
ließen Eine die Andere von ihrem Abendbrod kosten,
wobei denn nicht verhehlt werden soll, daß wir und
unseres Gleichen die saftigeren Bissen gekostet haben
mögen. Auch gab es keine Schlachtschüssel, kein Festgebäck, keine Wein- und Obsternte bei dem Nachbar
Kellermeister hüben und dem Nachbar Tuchmacher
drüben, daß die gnädige Frau Rittmeisterin nicht honoris causa ein Pröbchen zum Schmecken erhalten
hätte. Die gnädige Frau Rittmeisterin bedankte sich
durch einen schönen Empfehl, rühmte auch gelegentlich
die wohlschmeckende Darbietung, daß sie dieselbe aber
von ihrer eignen Schlachtschüssel, oder von ihrem eignen
Christwecken erwidert hätte, wüßte ich nicht zu berichten.

Unter derlei Anschauungen war ich in die Jahre
gekommen, in welchen die Pflicht für einen standesmäßigen Unterricht ernsthaft in Betracht gezogen werden mußte. Da eine Französin, will sagen Gouvernante,
mit der Oekonomie des Hauses sich nicht vertragen
haben würde, hatte die fürsorgliche Mama, bereits
von der Wiege ab in dem Hauptstücke einer guten
Education vorgebaut: Sie sprach stets nur französisch
mit mir und lehrte mich in der Folge auch die Grammatik,
die sie correcter inne hatte als die der Muttersprache.
Für das was außerdem zu lehren übrig blieb, wurde
in meinem achten Jahre ein Hofmeister engagirt,
brühwarm vom Seminar und sanft und zärtlich
wie sein Name: Christlieb Taube. Sieben Jahre
lang hat dieser Musterjüngling sich buchstäblich ausgerungen, um der ihm anvertrauten Schülerin auch
nicht ein Tröpfchen des kürzlich eingesaugten, edlen
Stoffes vorzuenthalten; er hat nebenbei im Büreau
der Schwadron, — „zu seiner Uebung,“ — manche
Correctur und manchen Rechnungsplan ausgeführt, in
welchen Obliegenheiten der Rittmeister von Reckenburg
sich nicht immer als ein Held ohne Fehl erwies; er
hat, — „zu seiner Unterhaltung,“ — den Hausgarten
in seine Pflege genommen und auf der Terrasse eine
Weinhütte angelegt, auch eigenhändig die weißen Wände
seines Kämmerchens zwischen dem der Magd und des
Burschen Purzel mit Gewinden von Rosen und Vergißmeinnicht ausgemalt; er hat demnach Nutzen gestiftet und Schaden verhütet, wie so leicht kein Zweiter
für fünfundzwanzig Laubthaler Salair. Er hat mir
späterhin einen Beweis der rührendsten Freundestreue
gegeben und bei alledem noch kürzlich in seinem letzten
Briefe „die Schüler- mehr denn Lehrjahre in diesem
humanen Edelhause als die glückseligsten in seinem
glückseligen Leben“ gerühmt. Dank und Ehre daher
meinem glückseligen Hofmeister, Christlieb Taube!

Da die Einseligkeit in der Schulstube von der
Mama nicht für schicklich und von dem Papa für allzu
langweilig erklärt worden war, hatte sich die Wahl
einer Studiengenossin in Nachbar Kellermeisters Dörtchen, schon bisher meiner ausschließlichen Spielkameradin,
von selbst ergeben. Es war dies auch eine erlaubte
Herablassung zu den unteren Ständen, da ja selbst an
Fürstenhöfen ein „Prügelkind“ gäng und gebe ist; eine
Herablassung, die in unserem Falle sich aber auch in
gemüthlicher Richtung empfahl. Denn die Kleine war
eine Waise von Mutterseite und der Vater Schenkwirth ein arger Hüter für dieses Kind.

Ja für dieses Kind! Daß ich es Euch vor die
Augen zaubern könnte, warm wie es nach einem halben
Jahrhundert noch vor den meinigen lebt! So wie es
damals war und so wie es kaum merklich hineinwuchs
in jedes folgende Stufenjahr: als Jungfrau, als Weib,
als Matrone, das holdselige Kind Dorothee!

Aber wer beschreibt jener Sonntagsgeschöpfe eines,
deren Wiege, wie die Redeweise läuft, die Liebesgöttin
sammt allen drei Huldinnen umstanden hat? Und
wenn ich den Pinsel statt der Feder zu führen verstände, so sähet Ihr vielleicht die feine, wie aus Wachs
bossirte Gestalt, die leise gerundete Wellenlinie der
Glieder; Ihr sähet über dem Rosenknöspchen des
Haupts den goldigen Flor, der wie ein Schleier bis
zu den Knieen niederwallte, sähet die Grübchen in
Wangen und Kinn. Aber sähet Ihr auch die Purpurwoge unter der blüthenweißen, blaugeäderten Haut?
Das schillernde Farbenspiel des Auges, wenn es, ein
durchsichtiger Crystall, in dieser Sekunde sich lachend
und forschend in die Höhe schlug, und in der nächsten,
dunkel beschattet, sich demüthig zu Boden senkte? Sähet
Ihr das liebliche Neigen und Biegen, den raschen
Uebergang von flüchtiger Weisheit zu Scherz und
Tändelei? Hörtet Ihr das silberhelle Stimmchen die
Tonleiter auf und niederhüpfen, das herzige Gelächter gleich dem Locken des Pirols am sonnigen
Maientag?

Doch was hilft es mir in dieser Blumensprache
von Anno Dazumal fortzufahren? Ihr werdet das
Reizende in unserer kleinen „Dorl“ aus seiner Wirkung auf Andere verstehen lernen, die einzige Manier,
in der das Reizende überhaupt geschildert und verstanden werden kann. Zu allernächst in seiner Wirkung auf mich selbst.

In jenen Kindheitstagen, ei nun, so wie sie da
dachte ich mir die Engelchen unter Gott-Vaters
Baldachin und die pausbäckigen Trompetenbläser in
unserer alten Postille, die dünkten mich gar grobschlächtige, himmlische Gesellen neben meiner zierlichen,
irdischen, kleinen Dorl. Von Jahre zu Jahre aber
wuchs der Zauber, welchen die Menschenschöne allezeit
über mich ausgeübt hat, — vielleicht weil ich ehrlicher
Weise sie in meinem Spiegel recht gründlich vermißte.
Das Mädchen wurde meine Augenweide, das Wohlgefallen steigerte sich zum Wohlwollen, und ich würde
Euch wahrscheinlich von einer schwesterlichen Jugendfreundschaft zu erzählen haben, wenn — ja wenn — —

Wir hatten, fast von der Wiege ab, Stunde für
Stunde mit einander gelebt; wir waren gleichen Alters,
gleichmäßig gebildet, beide arm; sie war schön und
ich war es nicht: — aber sie war eines Faßbinders
Tochter und ich eine Freiin von Reckenburg; es lag
eine Kluft zwischen uns, für welche ich das Maaß
gleichsam mit der Muttermilch eingesogen hatte. Ich
durfte ihre Vertraulichkeit empfangen, nicht erwidern,
und trotz ihres Liebreizes, oder just wegen ihres Liebreizes, der mir jeden weniger reizenden Umgang verleidete, war und blieb ich ein herzenseinsames Ding.

„Die Rose und das Blatt, das sie schützend umgiebt,“ so hatte — wie er meinte für mich schmeichelhaft — der ehrliche Taube uns in einem Neujahrscarmen besungen und das Stück grasgrünen Rasch's,
mit welchem die Frau Mutter einen recht vortheilhaften
Jahrmarktshandel gemacht hatte, da es für meine ganze
Kinderzeit als Bekleidungsstoff ausreichte, ihm ohne
Zweifel als Vorwurf für den zweiten Theil seiner
Metapher gedient. Kehren wir denn mit derselben in
die Schulstube Christlieb Taube's zurück: Die Rose
und ihr Blatt.

Es würde Vermessenheit sein, zu behaupten, daß
es niemals eine eifrigere und aufmerksamere Schülerin gegeben habe, als Kellermeisters kleine, bewegliche
Dorl. Ganz gewiß aber keine, mit welcher auch ein
hitzköpfigerer Informator so bereitwillig Geduld gehegt haben würde. Ohne Vermessenheit dahingegen
läßt sich behaupten, daß es selten eine Schülerin gegeben haben wird, so lernbegierig und beharrlich,
wie die große, ruhige Hardine von Reckenburg, ebenso
selten aber auch Eine, die selber ein Taubenblut dann
und wann in Verzweiflung bringen konnte. „Jungfer Grundtext“ nannte sie der Herr Papa, wenn er
gelegentlich Zeuge ward der unermüdlichen Wie? und
Wo? und Warum? mit welchen sie den ihr zu Gebote stehenden Wissensborn bis auf die Grundneige
auspumpte.

Lerne was, kannst Du was, heißt's! Ei nun,
am Ende ihrer siebenjährigen Studienzeit konnte
Schülerin Nummero Eins, in geziemender Bescheidenheit sei es vermeldet, mit deutlicher Handschrift richtig
deutsch schreiben, auch die vier Species ohne Fehl im
Kopfe wie auf der Tafel rechnen. Sie konnte die
Stammtafel des Hauses Wettin und die Reihe der
deutschen Kaiser bis auf Leopold II., seit Kurzem regierende Majestät, insonderheit aber Doctor Martin
Luthers großen und kleinen Katechismus am Schnürchen hersagen. Möglich, daß sie zu jener Zeit auch
schon gewußt, die Erde drehe sich; wenngleich mir dieser Casus eher unter diejenigen zu gehören scheint,
von welchen der Informator seufzend eingestand: „Das
kann man so eigentlich nicht sagen,“ und erleichtert
aufathmete, wenn sein freiherrlicher Patron lachend
hinzusetzte; „Ist auch sehr thöricht, danach zu fragen.“

Zum schwersten Kummer aber gereichte es unserem gewissenhaften Christlieb Taube, daß es bei alledem eine Ader und just eine Hauptader in seinem
Borne gab, die er ohne erschöpfenden Erguß in sich
selber verschließen mußte. Der freiherrliche Besitzstand
erstreckte sich nicht auf ein Clavier, und da die Jungfer Grundtext ein hartes Ohr und eine ungefüge Kehle
zu beklagen hatte, eine Kunstfertigkeit ohne Talent
aber keine obligatorische Forderung der damaligen Erziehungsmethode war, so mußte die edle Musica von
dem Lehrplane gestrichen werden. Nur die üblichen
Kirchenlieder wurden nach dem Klange der hofmeisterlichen Geige eingeübt, und außer der Lection für
das Lerchenstimmchen der Schülerin Nummero Zwei
noch eine und die andere weltliche Weise beigefügt.

Nach diesen mannichfaltigen Leistungen gab es
allerdings noch ein letztes categorisches Soll und Muß
einer standesmäßigen Education, für welches die Seminarbildung eine Lücke ließ und die emeritirte Herzogsresidenz keine zulässige Aushülfe bot. Indessen
wie für das franzmännische Alpha, so für das choreographische Omega fand sich im Schooße der Familie
ein würdiger Dilettant. Hatte der Rittmeister von
Reckenburg sich nicht der Ausbildung im Dresdener
Cadettencorps erfreut, der edelsten Pflegestätte jener
ritterlichen Kunst, welche dem ungelecktesten Bären Anstand, Conduite und gesellige Unwiderstehlichkeit verleiht? War er nicht als ein Musterschüler derselben
gepriesen und hatte als Vortänzer der Donnerstags-Gesellschaft sie con amore practizirt, bis die zunehmende Corpulenz ihm den Ballsaal einigermaßen verleidete? In häuslicher Bequemlichkeit dahingegen,
ohne pressende Montur und Escarpins, konnten die
Regeln der rhytmischen Bewegung zum Segen eines
aufblühenden Geschlechts noch mit Behagen entwickelt
werden, und so sehen wir denn das vieldienliche
Reckenburg'sche Familienzimmer endlich auch noch in
einen Tempel Terpsichore's umgewandelt.

Dreimal wöchentlich während dreier Wintersemester wurde der schwere Speisetisch in den Thorweg geschoben, erklang, als Orchester, die Geige Christlieb Taube's aus der Fensternische, saß die Freifrau,
als kritische Ballmutter, hinter dem Spinnrocken in
dem Ofenwinkel. Der Herr Rittmeister aber in weichen Filzsocken und flanellgefüttertem Schlafrock von
gelblichem Kattun, den faustdicken Zopf wie ein Perpendikel im Nacken hin und wieder hüpfend, stand seiner Tochter Hardine und deren Partnerin gegenüber,
um sie gewissenhaft die ganze hohe Schule seiner Lieblingskunst durchlaufen zu lassen: von Positionen und
Portebras, durch alle Wendungen und Senkungen des
Menuet, durch Chassés und Entrechats der Anglaise,
bis zum heiteren Rundtanz mit dem gefälligen Dreischlag der Hacken.

Allein Manches wird der Erinnerung zum Gold,
was uns in der Gegenwart Blei gedünkt. Heute
schaue ich auf jene Tanzabende zurück als auf die
lustvollsten meiner Kinderzeit; damals erduldete ich sie
wie ein quälendes Verhängniß. Die väterliche Instructorenrolle beleidigte mein Gefühl der Reckenburgschen Würde, und die ererbten Reckenburg'schen Gliedmaßen zeigten sich wenig geschickt für das gelenkige Spiel.

Meine Mittänzerin dahingegen, o welche leichte
Erscheinung, welche helle, unerschöpfliche Lust! Rosig
überhaucht bis unter den goldigen Lockenscheitel, halbgeöffnet das Mündchen, so kreiselte sie sich wie in
ihrem Element, lachend und jauchzend, die ächte, rechte,
leibhaftige Dorl, schwebte gleich einer Libelle im
Shawltanz, der Krone der Kunst, den Raum auf und
nieder, jetzt den Kopf hinter dem Nesselstreifen verbergend, dann plötzlich schelmisch hinter seinen Falten
hervorlugend, sich hebend und neigend und biegend,
eine flüssige Welle vom Scheitel zur Zeh. Der Musikant in der Fensternische seufzte zwischen den zärtlichen Weisen, die er seiner Geige entlockte; die Partnerin in grünem Rasch hatte Strapaze und Ingrimm
vergessen, und der Lehrmeister klatschte Beifall mit
künstlerischem Entzücken.

„Die wird Furore machen!“ rief er eines Abends,
als das Dreiblatt der Familie wieder allein bei einander war.

„Furore, wo?“ fragte die Kunstrichterin mit jenem Ton, den ihr Eheherr die Weisheit Salomonis
zu nennen pflegte.

„Denkst Du sie im Corps de Ballet unterzubringen, Eberhard?“

„Schade, Schade!“ seufzte der Papa. Frau
Adelheid aber fuhr fort:

„Der Ballsaal ist der Jungfer Müllerin verschlossen, und für das Publikum des Tanzbodens
würde weniger gut besser sein, meine ich.“

„Schade, Schade!“ seufzte der Vater zum zweitenmal.

„Davon abgesehen, Eberhard, den Geist der Menuet hat sie nicht gefaßt, konnte sie vermöge ihrer
Extraction nicht fassen. Wie sie den Rock in die Höhe
zieht, als wär's ein Tändelschürzchen im Schäferspiel!
Heißt dieser Knix eine Reverenz? Da muß ich unsere
Tochter loben. Ohne eine Muskel des Oberkörpers
zu bewegen, senken sich die Kniee bis zum Boden
hinab, und heben sich wieder peu à peu. Ohne sich
in die Robe zu verwickeln, ohne Fehltritt schreitet sie
rückwärts, würdevoll, wie sie vorwärts geschritten ist.
Correctement der Anstand, mit welchem eine Reckenburg ihrer Souverainin Hand und Schleppe küßt!“

„Nun freilich, freilich, unsere Dine, unsere gute,
brave Ehrenhardine!“ bestätigte der Papa, indem er
mich herzlich auf die Backen klopfte. Dann aber
seufzte er zum drittenmale: „Schade, Schade um die
kleine Dorl!“

Ich hatte diese Ergießung nur so bei Wege aufgeschnappt, und wußte, daß ich bei derlei Angelegenheiten zu schweigen hatte. Die mütterliche Weisheit
aber war auf fruchtbarem Boden aufgegangen. Der
armen, kleinen Dorl war das Entrée zu jedem Platze,
auf dem sie geglänzt haben würde, versagt; Eberhardinen von Reckenburg geziemte eine Empore, auf welcher sie den Höchsten der Erde ihre Huldigung darbieten durfte.

Wir standen im fünfzehnten Jahre. Wir waren
gebildet, die Eine ihrem Stande gemäß, die Andere
weit über denselben hinaus: wir parlirten französisch
und tanzten Gavotte, wir hatten unseren eigenen Hofmeister gehabt und wußten unseren Katechismus ohne
Fehl: wir waren reif, unter die Zahl der erwachsenen
Menschen und Christen aufgenommen zu werden. Und
so knieten wir denn auch am Palmsonntag 1790 nebeneinander vor dem Altar, zur Erneuerung unseres
Taufgelübdes und zum ersten Genusse des heiligen
Kelchs.

Erste Abendmahlsgenossen! Ein Bekenntniß für
Zwei aus einem Munde; die priesterliche Hand gleichzeitig segnend auf Beider Haupt; ein gemeinsamer
Wahrspruch für Beider Leben: das giebt, das gab zu
meiner Zeit mindestens ein Band. Und gewiß, ich
fühlte dieses Band fest und stark wie eine Pflicht. Die
warmherzige Dorothee aber, die hätte in jenen Tagen freudig ihr Leben für mich hingegeben.

Und wenn das Leben selbst auch nicht, so doch
ein gutes Stück Füllung in Deinem Mädchenleben;
das liebe Närrchen brannte, mir bei dieser feierlichen Gelegenheit ein Opfer darzubringen. Sie
hatte von ihrer Pathin einen schweren schwarzen Stoff
als Abendmahlskleid verehrt erhalten, während für
mich nur das zurecht gestutzt worden war, das schon
der Mama bei ihrer Einsegnung gedient. Ich im abgetragenen, angestückten Habit, sie nagelneu von Kopf
zu Fuß, die Kleine verging fast vor Scham bei dieser Vorstellung und ruhte nicht, bis sie einen Ausgleich erklügelt hatte. Schenken durfte sie mir das
werthvolle Angebinde nicht, denn wie hätte solch' ein
großes Glück sich für sie geschickt! Aber sie wollte
ihr altes, schwarzes Sergekleid anlegen, um mir ranggemäß zur Seite zu stehen. Sie wollte es durchaus,
kehrte wieder und immer wieder mit ihrer demüthigen
Bitte zurück. Selbstverständlich vergebens. Ich trug
eine Perlenschnur, welche die Mutter als eignes Pathengeschenk auf mich vererbte. Aber es hätte dieses
Kleinods nicht bedurft. Eberhardine von Reckenburg
würde sich nicht beschämt gefühlt haben, auch wenn
sie selber in Zindel und Dorothee Müllerin in Brocat einhergeschritten wäre.

Das rauschende Gros de Tours störte übrigens,
zu meiner gerechten Entrüstung, die andächtige Sammlung meiner Abendmahlsschwester, sie strich mit der
Hand darüber hin und schmunzelte bei dem scharfen,
knisternden Geräusch, sie stieß mich während des Liedes an und blinzelte zu mir hinauf, um mir die
Blicke bemerklich zu machen, welche die Versammlung
auf sie richtete. Die liebe Unschuld dachte, ihr stolzes Gewand für das Aufsehen, das ihre Schönheit
erregte, verantwortlich machen zu müssen. Ich selber
dahingegen war, jene Entrüstung abgerechnet, mit ungestörter Ernsthaftigkeit bei der wichtigen Feier, und
der Bibelvers, der uns als Geleitspruch für's Leben
ertheilt ward, hat der Jungfer Grundtext tiefste Gedanken nachhaltig angeregt. Es war einer von denen,
die gar leichtverständlich klingen, und doch selten von
uns Weltkindern richtig verstanden werden: „Denn
welche der Geist Gottes treibt, die werden Gottes
Kinder heißen.“

Ja, welches war denn der Geist, der uns in das
Vaterreich treiben soll? War es der, welcher über
dem Wasser schwebt, der Geist des Schaffens und
Förderns, des Umbildens der natürlichen Kraft, der
den versunkenen Garten Eden auf Erden wieder herzustellen strebt? Oder war es der, welcher auf den
Gesetztafeln verzeichnet steht, der Geist der Ehrfurcht,
des Rechtes und der Treue? Von beiden diesen Geistern würde ich mich willig aus dem Diesseit in das
Jenseit haben treiben lassen.

Allein man hatte mich auch noch von einem dritten
Geiste gelehrt, von einem, der jenen beiden ersten oft
schnurstracks zuwider zu treiben schien. Von dem
Geiste, der die Sorge für den anderen Tag verdammt,
der dem ehebrecherischen Weibe vergiebt und dem Beleidiger die Wange reicht. Der Geist stimmte nicht
zu meinem natürlichen Willen und das siebenfache
Selig, das der Erlöser über die erneute Menschheit
ausgesprochen hatte, es war meinem Herzen ein leerer
Schall. Sollte, konnte dieser unverständliche Geist
der Geist der Kindschaft sein?

In derlei Grübeleien über den geheimnißvollen
Wahrspruch ging ich nach dem Frühgottesdienst am
Ostermorgen in unserem Garten auf und nieder. Ich
achtete nicht des goldenen Sonnenlichtes, nicht der erwachenden Vogelstimmen und schwellenden Frühlingsblüthen; ich fühlte nicht die Auferstehungslust um mich
her. Da hörte ich hinter mir Dorotheens leichten Schritt;
ich wendete mich rasch und fragte mit Ernst, welche
Deutung sie unserem Einsegnungsspruche gegeben habe.

Sie schlug die großen Augen verwundert zu mir
auf und dann dunkelerröthend zu Boden. Sie hatte
den Spruch überhört oder vergessen und nicht ein einziges Mal auf ihrem Confirmationszeugniß nachgelesen. Ich schluckte meinen Unwillen hinunter, citirte
den Spruch und fragte dann: „Was nennst Du, von
Gottes Geiste getrieben sein, Dorothee?“

Da sann sie denn einen einzigen Augenblick nach,
erbleichte dann eben so jäh, wie sie vorhin erröthet
war, hob sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir
in's Ohr: „Gut sein, gut sein, Hardine!“

Im nächsten Moment aber sprang sie laut jubelnd nach einem Beet, auf welchem sie die ersten
Veilchen entdeckt hatte, pflückte sie, flocht ein paar
grüne Sprossen dazwischen und befestigte das Sträußchen an meinem Busentuch. Dann schlüpfte sie vogelleicht durch eine Lücke des Zauns, der unsere Gärten
trennte, warf mir noch lächelnd eine Kußhand zu und
flog nach dem Haus.

„Gut sein!“ hatte sie gesagt und eine innerste
Stimme mir zugerufen, daß die Kindeseinfalt das
Richtige getroffen habe. In Wahrheit aber war mir
das alte Räthsel nur durch ein neues Räthsel gelöst.
Hieß gut sein, handeln nach Gesetz und Sitte, wie ich
es verstand? Oder hieß es, empfinden in jenem seligsprechenden Sinne, den ich nicht verstand.

Ich brachte mich endlich mit Gewalt über den
zweifelhaften Spruch zur Ruhe, und es war das das
erste Mal, daß ich eine Entsagung geübt habe, die ich
mir im späteren Leben zum Gesetz stellte. Ich handelte nach meinem natürlichen Willen, mit welchem
meine Erziehung, treu dem Wahrspruch unseres Hauses in Einklang stand und ich zweifelte nicht, daß es
gut war, wenn ich „in Recht und Ehren“ handelte.

Spät erst, in dem Alter, wo Andere graue Haare
tragen, ist jener zweite Wahrspruch für das Leben in
meiner Seele wieder aufgeklungen, und durch eine unscheinbare Fügung der Schall des Räthsels mir zu
einem Sinn geworden. Wohl bin ich heute noch keine
von denen, die der Heiland schon hinnieden selig preist.
Wenn wir aber eines Tages jenseit anfangen sollten,
da, wo wir diesseit aufgehört, so getröste ich mich der
Hoffnung, dem Vaterreiche um eine Wegstunde näher
gerückt zu sein.

Zweites Capitel.
Mosjö Per—sé.

Unser Verhältniß änderte sich natürlich, seitdem
wir nicht mehr Kinder hießen. Dorothee trat in das
väterliche Schenkgeschäft; ich wurde als erwachsene
Dame bei den Honoratioren von Stadt und Umgegend eingeführt, empfing deren Gegenvisite, besuchte
dann und wann eine Kaffeegesellschaft und regelmäßig
die Donnerstagsfeste im herzoglichen Pavillon. Einen
zusagenden Umgang unter gleichaltrigen Standesgenossinnen fand ich nicht, vermißte ihn aber auch nicht.

Dorothee betrat das Reckenburg'sche Familienzimmer nur noch, wenn sie sich eine Bitte, oder einen
Vorwand ausgeklügelt hatte; die Dutzkameradschaft
hörte auf; — will sagen für die Dorl. Ich blieb
bei dem Du und der Dorothee; sie nannte mich Sie
und Fräulein wie alle anderen ihres Gleichen, nur
daß ihr das „gnädige“ gnädig erlassen ward. Sie
herzte und streichelte mich auch nicht mehr wie sonst,
sondern machte ihren Knix und lief das Herzchen ihr
über, dann küßte sie meine Hand.

Völlig störten die neuen Formen den alten Umgang indessen nicht und ganz und gar nicht das Verhältniß der Rose zu ihrem Blatt. Es verging kein
Tag, daß die Kleine nicht einmal durch die Heckenlücke geschlüpft, oder in meinem Dachstübchen eingekehrt wäre. Ich blieb ihre Vertraute bei jeglicher Freude,
ihre Ratherin in jeglicher Noth; ja, ich sah die letztere
schärfer und fühlte sie bänglicher als die Kleine selbst.

Ihr Vater hatte das nährende Handwerk an den
Nagel gehängt und war auf dem herkömmlichen Schenkenwege hart beim Trunkenbold angelangt. Es stand
übel um den Mann; die Pachtung der herzoglichen
Keller wurde ihm nach abgelaufenem Termine voraussichtlich entzogen; seine Zukunft war der Spittel.

Diese Verirrungen waren es indessen nicht, welche
die sorglose Dorl überschaut oder gewürdigt haben
sollte. Ihr täglicher Verdruß war das Schenkentreiben, für welches der Vater ihre Aushülfe forderte.
Die schöne Kellnerin lachte die Gäste an und die
Gäste wurden nicht gewählt. Da gab es denn Scherzund Nachreden, die dem natürlich feinen Sinne des
Kindes und dem Tone, an den es sich in Reckenburgs
Familienzimmer gewöhnt hatte, unleidlich widerstanden.

Mein Vater sah seinen Liebling in drohender
Gefahr. „Das Kind ist zu schön für eine Schenkjungfer,“ hörte ich ihn eines Tages in der vertraulichen Raths- und Schlafkammer der Mutter klagen.
„Viel zu schön und zu apart für ihren Stand. Sie
weiß nicht mehr, wo aus noch ein. Adelheid, Adelheid, die kleine Dorl geht uns zu Grunde!“

„Du rechnest ohne den Faber, Eberhard,“ entgegnete die Mutter sehr bestimmt. „Allerdings müßten wir uns anklagen, das Mädchen seinem natürlichen Terrain entrückt zu haben, hätten wir nicht seit
Jahren diesen Ausgang vorausgesetzt. Der Mensch
strebt hoch und das Gelingen steht ihm an der Stirn
geschrieben; er goutirt Dorotheens feinere Lebensart,
er kennt ihre mißliche Lage so gut wie wir selbst und
wird, verlaß Dich darauf, Eberhard, nun, da der
Tod seines Vaters ihn unabhängig gemacht hat, mit
der Hochzeit nicht lange zögern.“

„Gott geb's, Gott geb's!“ versetzte der Vater,
indem er sich freudig die Hände rieb.

Mir aber stockte während dieser Rede der Athem
und jetzt beim Schlusse war mir, als ob ich gegen
das hoffnungsvolle „Gott geb's!“ laut protestiren
müsse. Warum eigentlich? Ich wußte, daß wir mit
dem Einsegnungstage heirathsfähig geworden waren
und die fünfzehnjährige Dorothee wäre nicht das erste
Kind gewesen, das ich warm vom ersten Abendmahlstische zum Traualtare hätte schreiten und glücklich
werden sehen. Warum summte es denn vor meinen
Ohren gleich Unkenruf: „Gott verhüt's!“

Wie sie so Einer nach dem Anderen in die Reihe
meiner Bekenntnisse treten, die wenigen Menschen,
mit welchen ich im Leben wirklich gelebt! Der Faber,
der Siegmund Faber! Wenn später so oft der Name
dieses Mannes mit Dank und Bewunderung vor mir
genannt worden ist, neulich noch meine Freunde, als
Ihr mich fragtet, ob ich mich des Mannes als meines
Heimathsgenossen erinnere? Da ahntet Ihr nicht,
Keiner hat es jemals geahnt, daß dieser Mann mein
frühester Bekannter, mein Wandnachbar, der erste
Mensch und fast der einzige gewesen ist, der mir zu
denken gegeben hat und daß zwischen diesen Mann
und mich sich ein Verhängniß gedrängt hatte, ein Geheimniß, das ich lange Jahre ein Verbrechen nannte.

Siegmund Faber war das einzige Kind unseres
Hauswirths, des Barbiers und mütterlicherseits von
seiner ersten Stunde ab verwaist. Da er ungefähr
sechs Jahre mehr zählte als ich, hätte er zur Zeit
meiner frühesten Erinnerungen noch auf der Schulbank
sitzen müssen.

Aber Siegmund Faber hatte längst etwas Klügeres erwählt, als auf der Schulbank hin und her zu
rutschen. Sobald er sich, rasch und sicher die Elemente
angeeignet, hütete er sich den Cursus alljährlich mit
einer Schaar von Neulingen von vorn anzufangen und
der einsichtige, alte Rector war weit entfernt, ihn darob
zu schelten. „Der Faber geht seinen eignen Weg,“
sagte er, „der Faber ist ein Mensch für sich.“ Vater
Faber aber, der die Kunst des Scheersacks für die angenehmste der Welt und es für zuverlässiger hielt,
seine Sparpfennige in Feld- und Wiesenparcellen statt
in Humaniora für seinen Sprößling anzulegen, Vater
Faber hatte sich die Argumente des weisen Schulregenten zu Nutze gemacht. Wurde er, wie oftmals
geschah, angegangen, den auffälligen Knaben einer
höheren Lehranstalt zu übergeben, so lautete seine Antwort unveränderlich: „Mein Munde geht seinen eignen
Weg, mein Munde ist ein Mensch für sich.“

„Der Mensch für sich“ wurde demnach unter der
Faber'schen Kundschaft die gäng und gebe Bezeichnung
des kleinen Scheersackserben. Papa Reckenburg aber,
der so leicht keinen, den er gern hatte, — einzig und
allein seine „Hausehre“ ausgenommen, — ohne einen
harmlosen Spitznamen entwischen ließ, er konnte sich
nicht versagen, den „Menschen für sich“ ein wenig
fremdländisch umzumodeln. „Mosjö Per—sé“ hieß
der Haussohn innerhalb der alten Baderei.

Und mit Fug und Recht. Siegmund Faber war
ein Original, das heißt er war einer von jenen Seltenen, der seiner Eigenart unbeirrt eine Straße durch
den Haufen bricht. Denn für eine herrschende Leidenschaft rüstete ihn die Natur mit dem beherrschenden
Willen und nach dem inneren Gehalte modelte sich
kennzeichnend die Form.

Denkt Euch ein Männchen, kaum Soldatenmaaß,
wie der Rittmeister von Reckenburg versicherte. Gleichwohl, curios! blickt Ihr zu ihm empor. Ihm geht's
wie seinem Haus: er wächst erst über der Schulterhöhe. In seinem Nacken müssen wohl etliche Wirbel
mehr, als die Regel ist, zu zählen sein, Drehwirbel,
welche die spürende Beweglichkeit nach allen Seiten
vermitteln. Noch länger als der Hals ragt der Kopf,
nach hinten steil abfallend, die Stirn gewaltig und
edel geformt. Unter dieser hohen, breiten Stirn streckt
sich eine lange, breite Nase, die Höhlen weit geöffnet,
die Flügel zitternd, und unter dieser richtigen Spür- und Schnüffelnase dehnt sich der breite, dünne Mund,
festgeschlossen wie ein Gedankenstrich. An den Seiten
aber ragen zwei ungeheuere Ohren, die sich — schüttelt
immerhin die Köpfe! — in fortwährender Spannung
wie die eines Hasen hin und her bewegen.

Es ist kein Adonis, den ich Euch zeichne, gelt?
Nun aber blickt in seine Augen. Eine bestimmbare
Couleur werdet Ihr nicht unterscheiden, so tief liegen
sie hinter den vorspringenden Stirnknochen eingesenkt
und mit so rastlosem Flimmer schweifen sie von einer
Richtung nach der anderen. Haben sie aber den gewitterten Gegenstand aufgespürt, dann bohren sie sich
ihm hartnäckig bannend bis in das Mark. Ihr würdet ihrer Forschung nicht entschlüpfen und Euch ihrem
Geheisch nicht widersetzen dürfen.

Kurz und gut: patent ein Doctorenschädel und
eine Doctorenphysiognomie! Denkt sie Euch nun von
der gleichmäßigen Röthe eines gesunden Bluts und
unlöschbaren Eifers durchdrungen; denkt Euch die
Glieder klein wie die einer Frau, aber von einer
ehernen Musculatur; die Hände durch instinctives
Greifen, Dehnen, Spannen zu einem Federwerk ausgebildet; denkt Euch den Mann jederzeit wie aus dem
Ei geschält, kein Fältchen in dem blendenden Jabot,
kein Stäubchen auf dem unveränderlich hechtgrauen
Habit, kein Härchen sich sträubend aus dem mageren,
schwarzgebänderten Zopf, kein Bartstoppelchen am
Kinn — ob versagt von der mütterlichen Natur, oder
getilgt durch die väterliche Kunst, wage ich nicht zu
unterscheiden — und Ihr habt einen ungefähren Abriß unseres Menschen für sich.

Er schien niemals in Eile und war immer in
Bewegung. Kaum jemals habe ich ihn sitzen sehen
und fünf Stunden nächtlicher Rast genügten ihm schon
in der schlafbedürftigen Knabenzeit. Noch nach Mitternacht bemerkte ich den Reflex seiner Lampe auf den
blanken Becken zwischen unserem Fensterstock und bei
Tagesgrauen hörte ich ihn schon wieder mit leisen
Katzentritten die Treppe hinunterschleichen und das
Haus verlassen. Daß er Nahrung zu sich nahm, muß
wohl vorausgesetzt werden; gesehen habe ich es niemals.
Vielleicht im Gehen aus der Tasche, oder stehenden
Fußes beim Nachbar Kellermeister, der auch seinen
Vater beköstigte. Keinenfalls regelmäßig und dessen
könnt Ihr versichert sein, daß „dieser Mensch für sich“
nicht einmal in seinem Leben mit Behagen ein Mahl
gehalten, oder einen Schoppen geleert haben wird.
Er rauchte nicht, er schnupfte nicht wie seines Gleichen
von der Ekel überwindenden Zunft; er kannte kein
Spiel, keinen Tanz, kein Steckenpferd, keine jugendliche
Plauderei; er hatte keinen Freund. Seine Rede war
rasch, kurz, ein wenig durch die Fistel; mit möglicher
Sparniß der Pronomina, hinter jedem Satze ein
Punktum. „Preußisch“ nannten wir diesen unliebsamen Ductus, wiewohl Mosjö Per—sé bis dahin
ihn schwerlich aus eines Preußen Munde vernommen
hatte. Er kam der Gegenrede zuvor und schnitt den
Widerspruch harsch ab. Dennoch reizte er nicht, verletzte nicht. Sein Selbstbewußtsein imponirte, weil
er nur über Gegenstände sprach, die er bemeistert
hatte. Selber der Freifrau von Reckenburg kam es
nicht bei, ihn „Er“ wie seinen Vater und anders als
„Herr“ zu nennen, wenngleich er selber mit Titulaturen geizig und merklich beflissen war, durch keinerlei Zuvorkommenheit an die Manieren des Scheerbeckens zu erinnern.

Ich habe den erwachsenen Per—sé geschildert.
Aber so wie ich ihn geschildert, zeigte sich schon der
kleine Bube, als er mit Vater Faber „auf Praxis“
ging, dessen Instrumententasche trug, oder beim Schröpfen
und Aderlassen ihm das Becken hielt. Nebenbei aber
operirte er damals schon selbstständig. Er konnte keine
Warze sehen, er drehte sie ab, keine Balggeschwulst,
er drückte sie ein. Die Krähenaugen verschwanden
schmerzlos unter seinen Messerchen. Hatte Einer eine
Blutung, auf den ersten Blick erkannte er die Stelle,
wo die Ader lädirt war, und die kleinen Finger preßten sich so eisern auf die Wunde, bis dieselbe sich
wieder schloß. Er zog seinen Schulkameraden die
kranken Zähne aus, und erkaufte mit seinen Sparpfennigen manchen, der noch heil war, zu gleicher bildenden Operation. Bald hatte er den Vater in allen
höheren Zweigen seiner Kunst überholt. Ein Jeder
wollte lind und behende von Faber junior bedient
sein, und Faber senior überließ ihm denn auch willig
Lanzette und Zange, sich selber mit dem Scheermesser
und der Aufsicht über seine Wiesen und Aecker begnügend.

In der freien Zeit, welche dem unermüdlichen
Knaben neben Büchern und Praxis noch hinreichend
blieb, saß er im Laboratorium des Apothekers, oder
machte Studien im Schlachthause, oder in dem des
Abdeckers, der nebenbei, wie viele seines Zeichens, für
einen Geheimkünstler galt. Bei keiner Leichenschau,
keiner Obduction fehlte Siegmund Faber. Als er aber
endlich auch dem Namen nach der Schulbank entlassen
war, da blieb er häufig tage-, ja wochenlang aus dem
Hause verschwunden, und hätte Vater Faber nach den
Wegen eines Menschen, der seinen eigenen geht, geforscht, in den klinischen Instituten und anatomischen
Kabinetten unserer beiden Nachbaruniversitäten, ja selber in denen des ferneren Jena würde er ihn aufgefunden haben. Professoren und Sectoren, von dem
seltsamen Eifer des jungen Autodidacten angezogen,
nahmen ihn willig in ihr Gefolge auf, und gaben
mancherlei Anleitung, die zu weiteren Forschungen
führte. Im Gymnasiastenalter war Siegmund Faber
bereits eine bekannte Persönlichkeit und hatte eine Art
von Ruf meilenweit in der Runde.

Es wurde daher kein Bedenken getragen, ihn als
Gehülfen unseres alternden Regimentsfeldscheers eintreten zu lassen. Im ärztlichen Militairdienst fragte
man wenig, was Einer wußte, oder nicht wußte,
sondern begnügte sich mit dem, was er konnte, oder
auch allenfalls nicht konnte. Da aber Siegmund
Faber ohne Zweifel etwas konnte, so galt es für
ausgemacht, daß ihm der Posten des alten Feldscheers zu
gesprochen werden würde, als dieser endlich zu der
Ueberzeugung gelangt war, daß er nichts mehr konnte.
Während dieses Interims starb Vater Faber; sein
Sohn war volljährig, das heißt einundzwanzig Jahre,
ein vermögender, unabhängiger Mann. Und das war
der Zeitpunkt, in welchem meine Eltern die Rettung
der kleinen Dorl von ihm erwarteten.

Denn in solchen Widersprüchen, — oder Ausgleichungen? — gefällt sich die Natur: dieser Mensch,
der keinen Sinn zu haben schien, als für die leiblichen Verirrungen der Creatur; kein Bedürfniß, als
deren Herstellung, keine Leidenschaft, als den Ehrgeiz
des Meisterwerdens in seiner Kunst, derselbe Mensch,
als ob seine Organe der Erholung bedürften, fühlte
sich mit einem eben so frühen, ausschließlichen Verlangen einem Wesen zugetrieben, dem heilsten und
schönsten, das sich in seinem Gesichtskreise erspähen
ließ. Dieses Wesen war seine kleine Nachbarin Dorothee.

Schon als Wiegenkind soll er sie mit Entzücken
betrachtet, er, der Ruhelose, oft stundenlang in ihrem
Anblick verweilt haben; späterhin wurde sie nicht seine
Gespielin, aber das einzige Spielwerk, das er jemals
gehegt. Er brachte ihr Näschereien, Blumen, allerlei
Putz und Tand; er nannte sie sein Dörtchen, sein
Kind, seine Braut, sprach von ihr als von seiner einstigen Frau mit derselben Zuversicht, wie von dem
großen Doctor, zu dem er es bringen werde. Und
seltsam! Keiner lachte über den kleinen, ernsthaften
Mann.

Wieder später sahen wir ihn sich zu einem Schutzherrn über die reifende Jungfrau erheben. Er hütete
sie mit einer Art von Eigenthumsrecht; wie ein Blitz
rachsüchtigen Grimmes zuckte es in seinen forschenden
Augen bei jedem Beifallszeichen eines Fremden, die
Fäuste ballten sich bei einer unziemlichen Neckerei über
die hübsche Kellnerin; gewiß, er hätte den Beleidiger
morden können, der ihm seine Blume entweihte. Daß
dieser Mensch eine Seele habe neben dem stolzen, spe-culativen Geist, eine zärtliche, bedürftige Seele, das
offenbarte sich ausschließlich in seinem Verhalten gegen
das Kind, von welchem er, wie von seiner Kunst,
aus eigener Machtvollkommenheit Besitz ergriffen hatte.

Daß Mosjö Per—sé sein „kleines Anwesen“ (zwischen den Gänsefüßchen allemal Papa Reckenburg'scher
Humor) mit Befriedigung unserem Familienkreise eingereiht sah, könnt Ihr denken. Hier war sie geborgen, hier schulte sie sich für eine gesellschaftliche Stellung, die er a priori für sich selbst in Anspruch nahm.
Er, der so selten lächelte, strahlte vor Entzücken, wenn
er an den geschilderten Tanzabenden den zierlichen
Schmetterling auf und nieder schweben sah, oder das
silberne Stimmchen fix und fertig in einer Mundart
plappern hörte, die er selber nicht verstand.

Das Verlangen nach seinem Augentrost führte
ihn daher auch öfter, als es wohl sonst geschehen sein
würde, in das Reckenburg'sche Familienzimmer und
wurde er auf diese Weise Dörtchens Kameradin eine
Art von Kamerad.

„Sie begreifen das, Fräulein Hardine,“ pflegte er
zu sagen, wenn er mich — und mich allein — zur
Vertrauten neuer Wahrnehmungen und Folgerungen
in seiner jugendlichen Praxis, oder des Zweckes und
Zieles seiner Ausflüge machte. Die Gedanken der
Jungfer Grundtext wurden durch diese Aphorismen
in Bahnen gelenkt, welche der ehrliche Christlieb Taube
nicht zu eröffnen verstand. Und so war es der Sohn
und Gehülfe eines Barbiers, der mir in einem gefährlichen Alter die Langeweile der Intelligenz verscheuchte, dem jugendlichen Verlangen Salz und Würze
bot. Nicht ihm zu gefallen, aber ihn zu verstehen
strengte ich mich an. Mosjö Per—sé war der Mensch,
der mich im fünfzehnten Jahre mehr als ein späterer
im Leben, wie man es nennt, interessirte.

Die leiseste Andeutung seines Berufs stockte dahingegen, sobald sein Dörtchen in unsere Nähe trat,
und zwar nicht darum, weil er sie vielleicht einmal
bei der bloßen Erwähnung von Blut und Wunden
hatte erbleichen, oder sich die Ohren verstopfen sehen,
sondern einfach, weil er seinen Beruf in ihrer Nähe
vergaß, weil sein Pulsschlag einen anderen Takt annahm und die Strebenslast von ihm wich unter dem
Behagen einer Herzensweide.

Und Dorothee? werdet Ihr fragen. Ahnte das
leichtblütige Kind das Bedeuten einer solchen Natur,
würdigte sie den besonderen Platz, den sie in derselben
eingenommen hatte? Rief sie mit dem erfahrenen
Freunde: „Gott geb's!“ oder mit der unerfahrenen
Freundin: „Gott verhüt's!“

Nun seht und hört sie selbst in der Stunde,
welche über ihr Leben entschied.

Es mochte einen oder den anderen Tag nach jenem elterlichen Gespräche sein, das mich noch immer
beschäftigte. Es war Anfang Juli und unser junger
Wirth wohl schon eine Woche lang abwesend auf
einer seiner wissenschaftlichen Excursionen. Er hatte
sich seit Kurzem beritten gemacht und der sachverständige Rittmeister gesagt: „Ein Teufelskerl, dieser Mosjö
Per—sé! Hat niemals ein Pferd, als etwa auf dem
Schindanger, unter dem Leibe gehabt, aber er reitet
wie ein Daus!“

Die Eltern dinirten bei einem benachbarten Gutsbesitzer, ich war allein zu Haus und am Nachmittag
im Garten beschäftigt, ein Bohnengericht für den morgenden Tisch zu pflücken. Eben hatte ich in der
Weinlaube auf der Terrasse das saure Werk der
Schnitzelei begonnen, als Dörtchen, lachend über das
ganze Gesicht, durch die Heckenlaube herbeiflatterte.

„Nein, Fräulein Hardine,“ rief sie schon von
Weitem, „nein, giebt es einen curioseren Kunden, als
diesen Mosjö Per—sé!“

„Ist Herr Faber zurück?“ fragte ich.

Die Dorl nickte. „Eben hat er sein Pferd bei
uns eingestellt. Ich stehe mit dem Vater unter der
Thür. Giebt er mir wohl die Hand wie sonst? Behüte. Er macht mir einen Diener, so —“ sie bückte
sich rasch und tief im Hüftgelenk, als ob ein Taschenmesser zusammenklappt, „und schickt mich ohne Umstände fort, weil er mit dem „Herrn Vater“ unter
vier Augen zu sprechen habe. Dabei nennt er mich
nicht etwa „Du“ und „Dörtchen“ wie bisher, sondern ganz feierlich Sie und Jungfrau Dorothee.“

„Ich finde es nur schicklich, Dorothee,“ versetzte
ich weise, „wenn ein junger Mann derlei Vertraulichkeiten aufgiebt, einem Mädchen gegenüber, das sich
jeden Tag verheirathen kann.“

„Verheirathen!“ rief die Dorl seelenvergnügt. „Ja,
aber mit wem denn, Fräulein Hardine?“

„Nun vielleicht eben mit dem Siegmund Faber.“

Die Kleine blickte enttäuscht. „Mit dem?“
schmollte sie, „mit dem? Ach warum nicht gar. Der
denkt an Krüppel und Leichen, aber nicht an eine
Frau.“

„Meine Eltern hoffen und wünschen das Gegentheil, Dorothee. Sie nennen diese Heirath Deine Rettung, Dein Glück.“

Sie wurde blaß; ihre Augen füllten sich mit
Thränen. „Aber ich fürchte mich vor ihm!“ lispelte
sie bebend.

„Hast Du die Auslegung des sechsten Gebots in
unseren Abendmahlsstunden vergessen?“ fragte ich in
der lehrreichen Manier, die mir meiner kleinen Dorl,
und zum Glück nur dieser gegenüber, zur anderen Natur geworden war: „Ihren Gott im Himmel und
ihren Mann auf Erden soll das Weib fürchten, lieben und ihm vertrauen.“

Dorothee sah mich mit ihren großen, himmelblauen
Augen an, wie damals am Ostermorgen, als sie mir
mit einem Worte den Sinn des Apostelspruchs erklärt hatte. „Ihn fürchten,“ sagte sie leise, „nicht,
sich vor ihm fürchten. Fürchten Sie sich vor Gott,
Fräulein Hardine?“

„Aber warum fürchtest Du Dich vor dem Faber? Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, anders als
alle anderen — —“

„Eben darum,“ unterbrach sie mich lebhaft. „Ich
will keinen Menschen für sich; ich will einen Mann
wie alle anderen Leute; Einen wie ich selber bin, nur
um vieles klüger und besser.“

Das Kind hatte wieder einmal das Rechte getroffen. Damals zwar schüttelte ich den Kopf. Zehn
Jahre später war ich zu der nämlichen Weisheit gelangt. Menschen für sich geben nicht Menschen zu
Zweien. Ehe und Haus vertragen keine Originale.

„Nein, nein, Fräulein Hardine,“ wiederholte Dorothee. „Er denkt nicht an mich, und Gott sei gedankt dafür, denn mir graut vor ihm.“

Die Sache war damit abgethan und mein heimlicher Protest gegen den elterlichen Plan erklärt. Dorothee
liebte ihn nicht und Siegmund Faber war zu gut
für eine Frau, die ihn nicht lieben konnte.

Ich lud meine kleine Nachbarin ein, den Nachmittag mit mir zuzubringen; wir setzten uns in die
Laube und bald fielen unter den runden Fingerchen
die Bohnenschnitzel flink und zierlich in die Schüssel
auf ihrem Schooß. Sie plauderte und lachte über
meine ungeschickten „Hünenpflocken“; der drohende Bewerber war vergessen.

Eine Stunde mochte so vergangen sein, als ein
hastiger Schritt auf der Terrassentreppe uns den ungewohntesten Gartenbesucher verkündete. Im nächsten
Moment stand Siegmund Faber uns gegenüber; er
trug seinen Sonntagsstaat und verbeugte sich rasch
und tief, so wie die Kleine ihm vorhin nachgeäfft
hatte. Das lustige Lachen erstarb auf ihren Lippen,
sie wurde roth bis unter das Busentuch, blickte in die
Schüssel und schnitzelte mit Fieberhast.

Um so gespannter blickte ich zu dem jungen
Mann hinüber. Die gewaltigste Aufregung las ich
auf der sonst so ruhigen Stirn; die rothe Farbe war von
seinem Gesichte gewichen, das Herz hämmerte sichtbar unter dem silbergestickten Gilet und die Hände
krampften sich zusammen, um ein Zittern zu verbergen. So mochte er ausschauen, wenn er zu einer
Operation auf Leben und Tod den Entschluß gefaßt
hatte.

Doch zögerte er nicht, seinen Besuch zu erklären.
„Die Unterredung, um welche ich bitte, geschieht im
Einverständniß mit Ihrem Vater, Jungfrau Dorothee,“
stieß er hervor.

Der Hauswirth war Herr in seinem Revier und
Vater Kellermeister hatte das tête-à-tête mit meiner
Besucherin bewilligt, so flehentlich dieselbe mich daher
anblicken mochte, ich erhob mich, um die Laube zu
verlassen. Faber aber trat mir in den Weg, faßte
nach meiner Hand und sprach: „Sie verpflichten mich,
wenn Sie bleiben, Fräulein Hardine.“

So nahm ich denn meinen Platz wieder ein und
deutete für den Faber auf eine Bank uns gegenüber.
Er setzte sich nicht, hob aber nach einem tiefen Athemzuge, zu mir gewendet, unverweilt seine Rede an.

„Sie kennen das Ziel, das ich mir gesetzt habe,
Fräulein Hardine. Die Jahre herkömmlichen Studiums sind versäumt. Ich muß es auf praktischem
Wege zu erreichen suchen. Und ich werde es erreichen. Aber nicht in meiner kleinbürgerlichen Heimath,
auch nicht im Friedensstande unseres sächsischen Vaterlandes. Ich erfreue mich gütiger Empfehlungen.
Meine Vorkehrungen sind getroffen. Ich gehe nach
Preußen. In wenigen Wochen vielleicht stehe ich auf
einem Felde, wo Wunden geschlagen werden und Wunden geheilt werden müssen.“

Ihr wißt, wir schrieben anno neunzig, und in
Preußen herrschte seit siebenundzwanzig Jahren so gut
wie Friede. Allerdings hatte ich meinen Vater mit
seinen Kameraden von einer „Verhedderung“ zwischen
dem Kaiser und König in Sachen der Großtürken discuriren hören; Keiner aber wurde aus diesem Wirrwarr klug, und Keiner dachte an Ernst in einem weitabgelegenen Gebiet, wo man für den Preußen nichts
Verdauliches zu schlucken sah. Siegmund Faber konnte
daher wohl eine verwunderte Miene bemerken, mit
welcher ich seine Witterung von Blut und Leichen beantwortete.

„König Friedrich Wilhelm,“ so fuhr er ohne Aufenthalt fort, „ist zu der Armee nach Schlesien abgegangen. Dort treffe ich auch das Regiment Weimar,
an dessen durchlauchtigen Chef ich von Jena aus recommandirt bin. Wetter, welche sich thürmen, wie
die in Ost und West, klären sich nicht. Verzöge sich's
heuer, um so günstiger für mich. Ich hätte in bedeutender Umgebung ein Jahr der Vorbereitung gewonnen. Uebermorgen bin ich auf dem Wege nach
Berlin.“

Der Redner machte eine Pause und ich hörte ein
fröhliches Aufathmen an meiner Seite. Dorothee
hatte das Messer fallen lassen und blinzelte schelmisch
zu mir in die Höh'. Es war alles ganz anders gekommen, als ich prophezeit. Mosjö Per—sé ging in
den Krieg, um ein berühmter Doctor zu werden; er
dachte nicht an sein Dörtchen und an einen häuslichen Herd.

Aber Mosjö hatte nur wieder einmal schwer
Athem geschöpft; er war noch lange nicht zu Ende.
Eine Blutwoge drang ihm zu Kopf, um ebenso jach
wieder zu sinken; er setzte sich, denn seine Kniee
zitterten. Was mochte diese gefaßte Natur so bänglich bewegen?

Er wendete sich jetzt zu meiner Nachbarin und
seine Stimme vibrirte so seelenvoll, daß ich sie kaum
für die seinige halten konnte. „Ich weiß nicht, Jungfrau Dorothee, ob auch Sie das Streben geahnt
haben, das mich, neben jenem ernsten, seit Jahren erfüllt hat. Sie lächelten wie über ein Scherzwort,
wenn ich Sie die Meine nannte. Aber es war keine
Knabenlaune, Dorothee. Es ist mir heute nicht heiligerer Ernst, als in jeder früheren Stunde, seit ich
mich auf mein Selbst zu besinnen weiß. Sie sind
noch sehr jung, Dorothee, und ich hätte das bindende
Wort verzögern mögen. Aber mich drängt die Zeit,
deren Sie bedürfen. Ich habe das Ja Ihres Vaters;
wollen Sie das Ihre gewähren, wollen Sie die Meine
werden, Dorothee?“

Bei allem Vertrauen zu dem Mann war mir
nach der kriegerischen Vorrede diese plötzliche Werbung
doch ein bischen zu bunt. Heirathen, ein halbes Kind
heirathen, wenn Einer im Begriffe steht, ein Schlachtfeld, oder als dessen Vorstudium ein chirurgisches Institut zu betreten! Ich fing an der gesunden Vernunft eines Menschen für sich zu verzweifeln an und
rüstete mich, als quasi Patronin meiner kleinen Dorl,
die sich zitternd wie Maienlaub an mich klammerte,
zu einer herzhaften Abfertigung.

Der wunderliche Heirathscandidat schnitt indessen,
noch ehe ich zu Worte kam, meinen Protest mit einem
hastigen Nachtrage ab. „Es liegt auf der Hand,“
fuhr er fort, „daß ich die Erfüllung meiner Wünsche
nicht heute oder morgen erwarten darf. Es können,
ja es müssen Jahre vergehen, Jahre harten Ringens,
vielleicht ein Jahrzehnt. Haben Sie das Herz, Dorothee, diese Jahre zu harren in Treuen und Ehren
als meine anverlobte Braut? Sind Sie meiner, sind
Sie Ihrer selber gewiß zu solchem Verspruch? Niemals sehen Sie mich wieder, sollte ich im Lauf nach
dem Ziele unterliegen. Aber ich werde nicht unterliegen. Und wenn ich, früh oder spät, zurückkehre,
vor meinem Gewissen und vor der Welt als ein fertiger Mann, wollen Sie dann die Meine werden?
Ich habe bis heute nach keinem Menschen begehrt als
nach Ihnen allein, wollen Sie, daß ich auch fernerhin Ihrer begehren, daß ich auch in Zukunft Sie
lieben darf, Dorothee?“

Des Mannes Wallung hatte mich ergriffen. Das
Wagniß seines Anerbietens entsprach recht gründlich
meinem fünfzehnjährigen Temperament. Mit Triumph
würde ich, — natürlich vorausgesetzt, daß ich Dorothee Müllerin und nicht Hardine von Reckenburg
geheißen hätte, — mit Triumph würde ich in Siegmund Faber's Hand eingeschlagen und gesagt haben:
„Brich Dir einen Weg, suche Dein Ziel. Ein Mann
wie Du ist es werth, daß ein Weib seiner harrt,
Jahre lang, Jahrzehnte lang, wie Gott es fügt!“

Aber die wirkliche Dorothee, die keine Mutter
hatte und keinen Vaterschutz, die von Verführung und
Gemeinheit umgeben war, die so rathlos und hülfeflehend zu mir in die Höhe blickte, unfähig Nein zu
sagen und noch unfähiger Ja: aber meine schöne,
frohlebige, arme, kleine Dorl?

Noch einmal wollte ich in ihrem Namen das
Wort ergreifen und noch einmal schnitt Siegmund
Faber mir es ab. „Ich weiß, daß ich Ungewöhnliches
verlange,“ fuhr er in viel sicherer Stimmung fort als
zuvor, „und ich fühle, was Sie mir entgegen halten
wollen, Fräulein Hardine. Aber trauen Sie mir nicht
zu, daß ich die Jungfrau, die ich liebe, in ihrer haltlosen Lage zurückzulassen, daß ich meine Braut vom
Schenktische zum Altar zu führen gewillt sein kann.
Ich gehe den Weg des Mannes, den Weg der That.
Mir wird es ein Leichtes sein, der Geliebten das Gefühl dieser Stunde treu bis zum Ziele zu bewahren.
Sie aber, Dorothee! soll ich das Opfer ihres Jugendrechtes annehmen, so muß sie dem Manne ihrer Zukunft das Recht eines Versorgers auch in der Gegenwart zugestehen. Gern sähe ich sie, als Schützling
einer gebildeten Familie in einer größeren Stadt eingereiht. Aber ihr Vater lebt und die Kindespflicht
besteht, so lange das Weib nicht dem Manne folgt.
Ueberdies würde sie in jedem fremden Kreise sich unvermeidlich als Abhängige fühlen, und ich will, daß
sie frei und ledig sei, schalte und walte nach Frauenart. Möge sie denn ihren Vater pflegen, ihm beistehen, so weit er persönlich ihrer bedarf, ohne in das
Getriebe seiner Wirthschaft einzugreifen. Ich habe
seinen Handschlag, daß er keine derartige Forderung
an meine Braut stellen wird. Alle Vorkehrungen sind
getroffen. Sagen Sie Ja, Dorothee, so treten sie
morgenden Tages durch gerichtliche Schenkung in
den Besitz sämmtlicher Liegenschaften, die mein Vater
mir hinterlassen hat. Sie bleiben bis zur Volljährigkeit deren Nutznießerin ohne jegliche Bevormundung,
und da sie kürzlich in Pacht gegeben worden sind,
ohne irgend welche Belästigung. Kehre ich bis dahin
nicht zurück, erlangen Sie freies Verfügungsrecht. Es
ist kein Opfer, das ich Ihnen bringe, es ist eine Last,
von der Sie mich befreien, mein liebes Kind. Mir
bleibt für den Beginn mehr als ich bedarf und bald
werde ich sicher auf eignen Füßen stehen. Sie übersiedeln in mein Vaterhaus, statten es aus nach Ihrer
zierlichen Art. Geschäftig als Herrin im eignen Revier, in dem Zimmer, wo meine Wiege gestanden hat,
wo ich so lange in Hoffnung glücklich war, sehe ich
Sie zum Voraus als die Meine, sehe ich Sie mit
Vertrauen auch fernerhin unter den Augen der hochverehrten Familie, in der Sie aufgewachsen sind,
unter Ihren Augen, Fräulein Hardine, die Sie der
Verlobten Siegmund Fabers Rath und Antheil nicht
versagen werden.“

Ich hatte während der letzten Erklärung nicht
aufgeschaut, weil ich mich des feuchten Nebels über
meinen Augen schämte. Nun, wo der Sprecher mit
einem Aufruf an meine Freundschaft schloß, blickte ich
in ehrlicher Zustimmung zu ihm hinüber, dann aber
angstvoll gespannt auf die Kleine, die sich so plötzlich
über die unerwartetste Lebenswendung entscheiden sollte.
Was würde sie vorbringen, wie sich herauswinden, sie,
die vor kaum einer Stunde erklärt hatte: „mir graut
vor dem Mann!“ die aufathmete wie erlöst, als er
von seinem Abschied, vielleicht auf Nimmerwiedersehen sprach.

Und nun? o, der kleinen, beweglichen Dorl! o
des wunderbaren Wechsels in einem Mädchenherzen!
Wie der See, der grau und trübe unter einem Nebelhimmel gestanden hat, wenn plötzlich ein Sonnenstrahl
den Dunstkreis durchbricht, klar und himmelblau
strahlte das Augenpaar; freudenroth waren die Bäckchen
überhaupt. Ein Kind unter dem Lichterbaum! Braut
heißen und dabei frei sein; reich sein, schalten und
walten im eignen Haus, sich schmücken und tändeln
dürfen, — all diese Herzenslust, — und nicht ein
Fünkchen mehr, las ich mit einem Blick in diesen
lächelnden Zügen. In meinem Herzen brannte es
wie eine Scham.

Ob Siegmund Faber diesen jachen Zauber aus
tieferen Gründen gedeutet hat? Ich glaube es nicht.
Er kannte sie ja als ein Kind, liebte sie als ein Kind.
Er traute ja eben der frohen Unschuld einer Kinderseele, dem Bande, das die Dankbarkeit webt, der Treue
der Pflicht in einem unentweihten Gemüth. Und er
fühlte sich der Mann, das Herz des Weibes zu erobern, sobald er es als Eigenthum in Anspruch
nehmen durfte.

Wie dem auch sei: Siegmund Faber blickte jetzt
nicht mehr beklommen, sondern so froh und getrost
wie seine kleine Dorl. Er streckte die Hand zu ihr
hinüber und fragte lächelnd: „Nun, liebe Dorothee?“

Sie legte ihre Rechte in die seine und neigte das
Köpfchen zu einem glückseligen Ja.

„Sagen Sie Amen, Fräulein Hardine, als Zeugin und Bürgin unseres Verspruchs,“ rief der junge
Bräutigam, sich zu mir wendend.

Ich sagte nicht Amen, aber ich drückte Siegmund
Faber die Hand, und umarmte — schweren Herzens,
Gott weiß! — seine strahlende Braut.

Auch Siegmund Faber — daß es an keiner Verlobungsförmlichkeit fehle — hauchte einen Kuß auf
Dorotheens Stirn, so zagend jedoch, als ob er sich
fürchte, einen gefährlichen Sinn in dem Kinde —
oder in sich selber? — zu erwecken. Dann aber,
wieder ernst und feierlich wie beim Beginn der seltsamen Scene, streifte er zwei einfache Goldreifen von
seiner Hand, steckte den einen an seinen eignen Ringfinger, den anderen an den seiner Braut und sprach:

„Die Trauringe meiner Eltern! Wenn ich eines
Tages, diesen Reif am Finger, Ihnen gegenüber treten
werde, Dorothee, dann wissen Sie, ohne Wort, daß
ich in Treuen und Ehren mein Ziel erreichte. Und
wenn ich den anderen dann an Ihrer Hand gewahre,
dann weiß ich, ohne Wort, daß ich in Treuen und
Ehren mein Weib zum Altare führen darf.“

Der Wagen der Eltern fuhr in diesem Augenblicke vor. Langsam schritt ich meinem Hause, rasch
und fröhlich, Arm in Arm, schritten die beiden Anderen dem des Brautvaters zu.

Ein kaum bärtiger Jüngling, ein Feldscheergehülfe,
der abenteuerlich in's Blaue zieht und sein Erbtheil
verschenkt, um sich damit das Herz eines unflüggen
Mädchens zu erkaufen; eine Verlobung wie aus der
Pistole geschossen; ein zweites halbflügges Mädchen
als Zeugin und Bürgin des wunderlichen Bundes aufgerufen: — meine Freunde, wie ich dieses Bild aus
der Erinnerung fast eines halben Jahrhunderts hervorgekramt habe, da mag es wohl recht thöricht, vielleicht läppisch vor Eueren Augen stehen. Ich sage
Euch aber: hättet Ihr den Siegmund Faber gekannt,
Ihr würdet meine ernsthafte Bewegung nicht belächelt
haben. Und nicht die unerfahrene Tochter allein, auch
die erfahrenen Eltern sahen kein Kinderspiel in Siegmund Fabers rascher That.

„Ein Sonntagskind, unsere kleine Dorl!“ rief
gerührt der Papa. „Ein Sonntagskind, dem das
Glück wie im Traume in das Schürzchen fällt. Und
ein Tausendsassa, dieser Mosjö Per—sé, so sein Vögelchen an einer goldenen Kette festzulegen!“

Die bedachtsame Mama aber, die wohl schwerlich
ohne einen Anflug mütterlichen Neids die kleine Schenkendirne wohlhäbig und früher Braut werden sah, als
ihre Hardine, sie erklärte nicht minder: „Kein Advokat hätte es schlauer auszudüfteln gewußt, als dieser
junge Pfiffikus. Wohl oder übel: das Fideicommiß
bis zur Volljährigkeit, das heißt bis über die gefahrvolle Jugend hinaus, bannt den Flatterling und am
Traualtare erhält der großmüthige Verschenker sein
Eigenthum zurück.“

Der gerichtliche Akt ward genau nach der Angabe am anderen Tage vollzogen, und mit dem Morgengrauen des übernächsten war der wunderliche Bräutigam hoch zu Rosse auf und davon. Der letzte Heimathsgruß ward nach Fräulein Hardinens Dachfenster
hinaufgewinkt und von dort aus erwidert.

„Hattest Du Herrn Faber schon gestern Abend
Lebewohl gesagt?“ fragte ich Dorothee, als sie bald
darauf in meine Kammer trat.

„Ach nein, Fräulein Hardine,“ stammelte sie verlegen, „ich wollte es heute früh, aber — ich habe es
verschlafen.“

So war denn selber eine Anstandszähre beim
Abschied unserem glücklichen Bräutchen erspart worden.

Wie flink ging es nun aber noch selbigen Tages an ein Scharwerken und Räumen! Das Unterste
wurde zu oberst gekehrt in dem Zimmer, vor dessen
Fenster noch im Winter Meister Fabers Scheerbeutel
geglänzt hatten; getüncht, gescheuert, das alte Mobiliar blank auflackirt und frisch bezogen. Bald stand,
schneeweiß verhüllt, ein zierliches Himmelbett auf der
Stelle, wo Siegmund Faber sich auf hartem Strohsack eine kurze Nachtruhe gegönnt hatte. In der
Ecke, die seine ungehobelten Bücherbretter gefüllt,
prangte ein Schränkchen mit Puppen und Tändelwerk
aus der Kinderzeit der kleinen Dorl; luftige Gardinen, Blumen, immer frisch gepflückt, schmückten den
Fensterplatz; im grünberankten Käfig schnäbelte sich
ein Zeisigpaar. Keine Bürgerstochter hatte ein zierlicheres Stübchen aufzuweisen, und wie kahl und dürftig erschien nebenan Fräulein Hardinens nüchterne
Mädchenkammer!

Die kleine Wirthin aber, im kurzen Röckchen und
flittergestickten Hackenschuhen, flatterte fröhlich Trepp'
auf, Trepp' ab. In der einen Tasche bauschte sich die
Düte mit dem Candis und Zuckerbrod, welche die
Näscherin niemals ausgehen ließ; in der anderen klapperte das Beutelchen, aus welchem jedem Bettelkinde
ein Pfennig oder Kreuzer zugeworfen ward. So ging's
hinüber in die Kellerei, wo zu Nutz und Frommen
der Wirthschaft eine handfeste Magd vorgesetzt worden war; durch die Heckenlücke in den Garten; hinauf in die Brautlaube; ein Husch in die Nachbarschaft;
ein Guck in Fräulein Hardinens Kammer; ein Knix
und Handkuß in Reckenburgs Familienzimmer, lächelnd
und tänzelnd und trällernd vom Morgen zur Nacht:
die ächte, rechte, unermüdliche, kleine Dorl.

Drittes Capitel.
Die schwarze Reckenburgerin.

Ich hatte übrigens nur kurze Zeit, das glückselige Treiben unserer neuen Hauswirthin zu beobachten, denn auch mein eigenes Leben sollte in jenen Sommerwochen einen unvorhergesehenen Wechsel erfahren.

Ich habe schon zu Anfang der alten Gräfin als
meines Vaters und meiner eigenen Pathin erwähnt,
und hinzugefügt, daß keines von Beiden sich jemals
einer zeitgemäßen Pflicht- oder Gunstbezeugung von
Seiten ihrer hohen Namensverleiherin zu erfreuen,
sich keiner solchen, wahrheitsgemäß, auch von ihr versehen hatten. Anders vielleicht, wenn der letzte Sprößling des alten Stamms ein männlicher gewesen wäre.
Aber ein Mädchen, die Tochter eines verarmten Seitenzweigs, wie hätte die „schwarze Häuptlingin“ in
ihrer fürstlichen Hoheit sich Einer erinnern sollen, mit
welcher der Name voraussichtlich in Dunkelheit erlosch? Wer auch immer die Erben der wunderlichen
Greisin sein mochten, der bescheidene Rittmeister von
Reckenburg und sein dürftig erzogenes Fräulein, wir
wußten es, waren es nicht.

Groß, über allen Ausdruck groß war daher das
Wunder, als im Laufe des Spätsommers ein eigenhändiges Schreiben der Gräfin, das erste seiner Art,
die weiße Vetternsippe beehrte. Das Schreiben lautete, aus dem Französischen übersetzt:

„Wenn die Freifrau und der Freiherr von
Reckenburg geneigt sein sollten, ihre Tochter Eberhardine der Gräfin von Reckenburg als Gast
während des nächsten Winters zu überlassen, so
wird die gräfliche Equipage die junge Dame —
(das Datum und der Stationsort waren genau
bezeichnet) — zur Beförderung nach Schloß
Reckenburg erwarten.“

So wenig einladend diese Gunstbezeugung gestellt
war, und so schwer den Eltern das, wenn auch nur
zeitweise Ueberlassen des einzigen, kaum erwachsenen
Kindes in völlig unbekannte Hand vorkommen mochte,
die Möglichkeit einer Ablehnung ist gar nicht in Betracht gezogen worden. Die Gräfin war, — nun sie
war eben die reiche Gräfin von Reckenburg und nahe
dem achtzigsten Jahre. Das Fräulein von Reckenburg aber war ein blutarmes Ding, wenig begehrenswerth für einen Freiersmann, und verlor es den Vater, schutzlos der Welt gegenüberstehend. Mancher
mütterliche Sorgenseufzer mochte in dieser Aussicht innerhalb der vertraulichen Rathskammer laut geworden
sein. Eine Aussteuer, ein Legat von dem Ueberflusse
der einzigen Verwandtin, die heute zum erstenmal eine
Art von Antheil bekundete, konnte allen Sorgen und
Seufzern ein Ende machen.

Der Vater antwortete daher zustimmend, wenn
auch in der würdigsten Haltung. Gunst und Vertrauen
wurden erwiesen, mehr als empfangen; nicht die glänzender gestellte Verwandtin, die zu einem Wunsche berechtigte Pathin war es, der man Folge leistete.

Längeres Bedenken erregte die Art der Beförderung. Das blutjunge Fräulein konnte nicht allein
und nicht in der gelben Postkutsche reisen; der Vater,
wie er es am schicklichsten gefunden haben würde,
nicht die Begleitung übernehmen, da der Termin der
Einladung mit dem einer kurfürstlichen Revue zusammenfiel, die Mutter aber kränkelte seit einiger Zeit,
und der Arzt hatte ihr das Fahren strengstens untersagt.

Die Verlegenheit wurde indessen bestens gelöst,
da „Muhme Justine“ sich freiwillig als Duenna und
Reiseschutz erbot. Denn wenn auch hundert Meilen
zurückzulegen gewesen wären, statt zwölf, und zwanzig
Nachtquartiere zu halten, statt zwei, keinem Menschen
auf der Welt würde die Mutter ihr Kind so zuversichtlich übergeben haben, als unserer Muhme Justine.

Muhme Justine, Du Treueste der Treuen, so
trittst Du denn auf dieser Reise zum erstenmale in
den Rahmen meiner Geschichte, da Du doch schon
beim ersten Schritt der Lebensreise gebührentlich hättest Erwähnung finden müssen. Du hast mich auf
Deinen Händen an das Licht getragen, hast mich geschaukelt, als die Mutterarme noch zu schwach waren
für das „Hünenkind“, und niemals ist ein Pflegling
mit zärtlicheren Blicken gehütet worden, als die letzte
Reckenburgerin von ihrer Muhme Justine.

Sie war, als Wittwe eines Wachtmeisters, in
den elterlichen Dienst getreten und hatte ihn, lediglich
mit Aushülfe des Soldatenburschen, verwaltet, auch da
die Pflege der Neugeborenen sie zum Range einer
Muhme erhob. Alle Pflichten und Künste dieser ehrwürdigen Zunft hatte sie geübt und keine ihrer befreienden Befugnisse beansprucht. Erst als ihr „Dinchen“ der Zucht einer Kinderfrau entwachsen war,
vertauschte sie ihr lastvolles Amt mit dem wenigstens
einträglicheren einer Wickelmutter, ohne aber auch
dann sich aus dem Gesichtskreise ihres Pflegekindes zu
entfernen, denn sie theilte mit der neuen Magd das
Kämmerchen zwischen den Gemächern des Hofmeisters
und Ehren-Purzels.

Sie hatte kein eigenes Kind gehabt und stand
ganz allein in der weiten Welt; so wurde die kleine
Hardine ihr Ein und All, und Gott verzeih's der
großen Hardine, wenn die Liebe, die sie nicht in
gleichem Maße erwidern konnte, sie späterhin manchmal wie eine Last bedrückte. Die kleine Hardine war
ihr Augapfel, ihr Lebenszweck, ihre Hoffnung, ihr
Stolz. Sie sah sie prophetisch unter den Großen
der Erde, sie dereinst als Englein mit dem goldenen
Flügelpaar vor Gottes Thron. Der übrigen Menschheit mag sie wohl dann und wann ein wenig bissig und
neidisch und haberisch vorgekommen sein; aber bissig und
neidisch und haberisch nur für die Rechte und Vorrechte ihres Fräulein Hardine; für ihr Fräulein Hardine sann sie und spann sie, sparte und darbte sie; Fräulein Hardine ist die Erbin der paar hundert Thaler
geworden, die sie kreuzerweis zusammengescharrt hatte.

Muhme Justine war bibelfest; aber die göttlichen
Verheißungen genügten ihr nicht, wo es das Erdenloos ihres Herzblatts galt. Die geheimnißvollsten
Wahrnehmungen mußten für sie ausgedeutet, dunkle
Orakel befragt werden, und das Schlußbild sämmtlicher Gesichte zeigte immer nur Glück und wieder
Glück. Schon der Tauftag, der dritte des Lebens,
war segenverheißend gewesen: Täuflingin hatte, während ihr das Mützchen gelöst ward, dreimal kräftig
geniest: item, sie war ein Weltwunder von Geist und
Gaben; sie hatte unter dem Träufeln des Taufwassers
unbändig gestrampelt und gebrüllt: item, ihrer harrten der Erde Schätze und Güter. Seit dieser Weihestunde stand für Muhme Justine die gräfliche Erbschaft fest wie ein Evangelium und es verging selten
ein Tag, daß sie für ihr Goldkind nicht irgend etwas
Herrliches in ihren Träumen oder Karten ausgespäht
hatte. Ein Glücksbrief war angekündigt, wochenlang
bevor die Einladung der Gräfin die Insassen der Baderei so hoch überraschte.

Nur in einem einzigen Punkte wollten die geheimnißvollen Orakel seltsamer Weise niemals mit
den Herzenswünschen meiner alten Muhme stimmen.
So oft die hochwichtige Frage nach „dem Zukünftigen“
erhoben ward, zeigte die Seherin sich kopfhängerisch
und kleinlaut, an ihr Fräulein aber erging die deutungsschwere Mahnung: „sich vor Schindern und
Schabern in Acht zu nehmen.“ Auf einen Obsieg
des Herzkönigs schien die Muhme nach manchen leidvollen Proben verzichtet zu haben; aber selber die vielverheißendste Constellation des Grünkönigs wurde im
letzten Augenblicke jederzeit von einem ausverschämten
Schellenunter gekreuzt.

Wer war nun aber dieser unvermeidliche Schellenunter, der die Nachtruhe meiner alten Muhme so grausam störte? Eine Zeitlang hatte sie ein gar böses
Auge auf den wortkargen, hochfahrenden Wirthssohn
gerichtet; seit dessen plötzlicher Entfernung aber, und
dem veränderten Glückszustande seiner Braut waren
die Gedanken in eine andere Bahn gedrängt worden.
Der verhängnißvolle Schellenunter brauchte nicht nothwendig eine Mannsperson zu sein; ja weit natürlicher
war es ein Frauenzimmer, und dieses Frauenzimmer
kein anderes, als — unsere neue Wirthin, Dorothee.

Muhme Justine war zwar keine leibliche, aber
doch eine Namensbase der kleinen Dorl. Beide
nannten sich Müllerin; da aber Muhme Justine ein
Gemüth hegte, stolzer noch als das der Reckenburgs,
hatte sie die Bevorzugung der kleinen Plebejerin von
Haus aus mit unholden Blicken angesehen. „Gab
es denn kein adliges Kind, Dinchen, zur Gesellschaft?“
brummte sie Anfangs, und späterhin: „Mußte es
denn Eine sein von einer besseren Couleur, wenn auch
lange nicht so nobel und durabel, wie Fräulein Hardine?“ Die Schenkung und der blinkende Verlobungsring konnten natürlich keine humane Auffassung bewirken; seit sich aber gar der bedrohliche Schellenunter unter dem Lärvchen der Schenkentrine enthüllte,
hätte, — abgesehen von den gesteigerten Erbschaftsaussichten in Reckenburg, — der Muhme gar nichts
Erwünschteres, als meine zeitweise Entfernung von
Hause widerfahren können.

Kaum hörte sie daher von den elterlichen Reisesorgen, so erklärte sie, daß sie sich die Begleitung nicht
nehmen und ihrem Fräulein kein Härchen auf dem
Wege krümmen lassen werde. Man traf seine Abrede
und unter allerlei Zurüstung gingen die Wochen im
Fluge dahin.

An Dorotheens Geburtstag, dem 29. September, langte die erste Sendung des fernen Bräutigams
an: Brief und Schächtelchen. Sie öffnete das letztere hastig und jubelte hellauf beim Anblick der kostbaren Granatgehänge, die ihr als Angebinde verehrt
wurden.

„Und was schreibt er?“ fragte ich, nachdem sie
vor dem Spiegel den großen Schmuck den kleinen
Ohren eingehenkelt hatte. Sie überflog den Brief
und reichte ihn mir mit den Worten: „Es steht nicht
viel darin.“

Und es stand allerdings nicht viel darin. Herkömmliche Glückwünsche und eine ziemlich altmodische
Redensart von ewiger Liebe und Treue und so weiter. Sie schien dem Schreiber nicht eben flott vom
Herzen gekommen zu sein. Eine Nachschrift brachte
die Notiz, daß er allsobald von Berlin zur königlichen
Armee nach Schlesien dirigirt und dort, nach Wunsch,
dem Regiment Weimar zugetheilt worden sei. Da die
hohen Potentaten seitdem Versöhnung geschlossen, sei
die kriegerische Aussicht zunächst verschoben, Schreiber
aber habe in dem chirurgischen Institute zu Breslau
förderliche Beschäftigung gefunden, eine Gunst, welche
er nicht allein der gnädigen Verwendung seines durchlauchtigen Chefs zu verdanken habe, sondern mehr
noch der eines erhabenen Geistesfürsten, bei welchem
eine Empfehlung von Jena ihn eingeführt, und mit
dem er eine über alle Maßen interessante Unterredung über die in das chirurgische Gebiet einschlägigsten Lehren gepflogen.

(Notabene: Jungfer Grundtext, welche die Stammtafel der sächsischen Fürsten am Schnürchen herzusagen wußte, von einem „Geistesfürsten“ aber noch nie eine Sylbe gehört hatte, zerbrach sich vergeblich den
Kopf über Natur und Namen des Erwähnten.)

Nach in Bälde bevorstehendem Rückmarsch hoffe
er, wieder durch Verwendung jenes außerordentlichen
Herrn, einen längeren Urlaub zu erhalten, und denselben in der Universitätsstadt Göttingen, als in der
Nähe seines im Harz garnisonirenden Regiments, zu
verbringen. Bis das Zeitwesen sich unvermeidlich
wieder kriegerisch gestaltet haben werde, erfreue Schreiber sich sonach der fördersamsten Thätigkeit.

„Hast Du Herrn Faber geantwortet?“ fragte ich
am Tage vor meiner Abreise Dorothee, die erröthend
das Köpfchen schüttelte.

„So thu' es heute noch,“ mahnte ich.

„Wenn ich nur wüßte, was!“ sagte sie kläglich,
setzte sich aber gehorsam nieder und begann ziemlich
flink mit dem Dank für die wunderschönen Ohrgehänge. Nun jedoch stockte der Fluß. Sie kaute an
der Feder, seufzte und rieb sich die Stirn, auf welcher die hellen Angsttropfen perlten. „Helfen Sie
mir ein Bischen, Fräulein Hardine,“ bettelte sie
endlich.

Das that ich nun freilich nicht. Im Gegentheil,
ich entfernte mich, hoffend, daß es in der Einsamkeit
besser gelingen werde. Aber der Nachmittag verlief
über dem sauren Werk, und am Abend erst wurde
das Blatt zur Durchsicht in meine Hand gelegt.
„Fräulein Hardine sagt dies, Fräulein Hardine thut
das,“ so lautete es Satz für Satz. Aus dem eigenen
Herzen und Leben kein Wort. Der wunderlichste erste
Liebesbrief einer Braut! Indessen die Kleine dankte
Gott, daß er fertig war, siegelte rasch mit einem
Sechser und trug das Schriftstück gleich noch nach
der Post.

Der Abschiedsmorgen brach an. Eine Reise, und
wäre es nur auf zwölf Meilen, eine erste Reise zumal, galt uns Kleinstädtern anno Neunzig noch für
einen halben Tod. Man schien sich so unerreichbar,
wenn man sich nicht mehr mit Händen greifen konnte,
man mochte gestorben und verdorben sein, ehe nur
ein Hülferuf zu dem Verlassenen gedrungen war.

Wir saßen bei Kerzenlicht um den Frühstückstisch; Keiner berührte einen Bissen, Keiner redete ein
Wort. Mama und ich, wir schluckten unsere Thränen tapfer hinunter, der ehrliche Vater aber ließ sie
frei laufen und die kleine Dorl schluchzte laut. Der
Tag begann zu dämmern, die einspännige Chaise fuhr
vor; der eisenbeschlagene Seehundskoffer wurde aufgebunden, Kisten und Kober mit Mundvorräthen gefüllt, thürmten sich, als ging' es rund um die Welt.
Vor den Thüren lugten die Nachbarn in Pantoffeln
und Nachtmützen; Mägde, die Wasserbütten auf dem
Rücken oder den Semmelkorb am Arm, Kinder, die
den Betten im Schlafkittelchen entsprungen waren,
drängten sich vor unserem Thor. Alle wollten Rittmeisters Fräulein, das zu einer uralten, steinreichen
Erbtante auf die Reise ging, in die Kutsche steigen
sehen.

Endlich erschien auch Muhme Justine mit aller
Würde einer Duenna, in blendendweißer Flügelhaube
und der Festschürze von grasgrünem Taft. Schon
saß ich im Wagen und hatte sie den Fuß auf den
Tritt gesetzt, als die Betglocke anschlug. An keinem
Morgen, Mittag oder Abend hörte die Muhme die
feierlichen drei Schläge, ohne zu einem Vaterunser
auf die Kniee zu sinken. Nur auf der Straße begnügte sie sich dreimal mit der Verbeugung, mit welcher wir im Gotteshause dem Namen unseres Herrn
und Heilands Verehrung zollten. An dem heutigen
wichtigen Tage aber beugte Muhme Justine auf offnem Markte ihre alten Kniee. Der Vater nahm die
weiße Zipfelmütze vom Haupte und aus dem Munde
die Thonpfeife, der er bis dahin krampfhafte Wolken
entlockt hatte; die Mutter, Dorothee und ich falteten
die Hände zu einem stummen Gebet. „Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen!“
rief die Muhme laut, indem sie sich von den Knieen
erhob. Sie kletterte in die Chaise und setzte sich geziementlich auf den Rücksitz, ihrem Fräulein gegenüber. Der Vater schloß den Schlag. Noch ein „Glückauf!“ und dahin rumpelten wir auf dem holprigen
Pflaster in eine neue, unberechenbare Welt.

Dank der resoluten Reisemarschallin ging die dreitägige Fahrt ohne Hinderniß von Statten. Auf der
letzten Station harrte verabredetermaßen, das „Spukeding“ von Reckenburgs goldener Kutsche, mit dem unsterblichen Schimmelzug und der gleicherweise unsterblichen Lakaienschaft.

Ihr habt, meine Freunde, mich vor Jahren
noch in dem schweren broncirten Glaskasten dann und
wann einen Ausflug machen sehen. Ich that es,
wie ich manches vererbte Unbequeme that und erhielt
— aus Bequemlichkeit. Es war einmal da, es genügte mir. Ich that es aber auch mit der Absicht,
das böse Ding allmälig seines gespenstischen Nimbus
zu entkleiden. In diesem alten Gehäuse hatte die Gräfin
ihren Einzug in Reckenburg gehalten, war in der ersten Zeit ihrer Herrschaft hinter von Außen her verhüllenden Gardinen bei ihren Flurbesichtigungen vermuthet worden. In ihm folgte ich, als einzige Leidtragende, ihrem Leichenzuge. Daß die Schimmel und
Heiducken von 1750 und 1806 nicht die nämlichen
waren, sondern nur von möglichst ähnlichem Caliber
und nur mit dem silberbeschlagenen Geschirr und der
silberstrotzenden Livrée ihrer sehr sterblichen Vorgänger behängt, brauche ich Euch nicht zu versichern.

Und wie mit der Unsterblichkeit der Schimmel
und Heiducken, wie mit der alten schwarzen Reckenburgerin selbst, wird es auch mit allen ihren übrigen
Seltsamkeiten eine natürliche Bewandtniß haben. Der
Mensch, welcher sich aus Neigung oder Fügung dem
Tagestreiben entzieht, verfällt eben dem Vergessen oder
dem Märchensinn seiner Lebensgenossen.

Nun ja, sie hat in fast einem halben Jahrhundert ihre unzugängliche, dämmrige Klause nicht verlassen; aber das geschah, weil das Sonnenlicht ihre
Augen blendete und weil ein schlecht geheilter Knochenbruch ihr jede Bewegung empfindlich machte. Ja, sie
hat die Nächte ohne Schlummer in ihrem Stuhle aufrecht gesessen, aber nur, weil asthmatische Beschwerden
ihr erst am Morgen ein paar Ruhestunden gönnten.
Ja, sie hat sich lange Jahre fast ausschließlich von
Grützbrei und Eicheltrank genährt, aber nur, weil der
Magen keine kräftigere Kost mehr duldete. Nicht unerklärlicher Weise trotz ihrer Diät, sondern erklärlicher Weise wegen ihrer Diät hat sie sich das Dasein über das gewöhnliche Menschenmaaß hinaus gefristet. Je einfacher wir, freiwillig oder gezwungen,
unsere Funktionen beschränken, um so zäher wird ja
das Leben. Menschen mit mangelnden Sinnen dauern
gemeinhin länger als die mit allen Sinnen. Geizige,
das heißt Menschen mit verknöchertem Herzen, werden
fast immer uralt.

Und so möge denn auch zugestanden sein, daß die
seltsame Gründerin und Erhalterin der Reckenburg als
solch eine verknöcherte Geizige in die Grube gefahren
ist. Wie sie aber von einem reichen Eingange zu solchem armseligen Ausgang gelangen konnte, das erkläre
Euch ein Blick über ihren Lebenslauf, der sich auch
vor meinen Augen erst nach ihrem Tode aus einer
vorgefundenen Correspondenz im Zusammenhange enthüllt hat.

Eberhardine von Reckenburg hatte von ihrem
Vater nichts als die Trümmer seiner Stammburg in
einem sumpfigen, verrufenen Waldwinkel überkommen.
Mütterlicherseits aber war sie eine Erbtochter. In
der Wiege verwaist, verdreifachte sich ihr Vermögen
unter einer gewissenhaften Vormundschaft, da die Kurfürstin, ihre Pathin, sie innerhalb ihrer eigenen Hofhaltung erziehen und später als Hoffräulein in ihren
Dienst treten ließ. Bei ihrer Mündigkeitserklärung
sah sie sich in einem Besitzstand, der ihrer Zeit ein
fürstlicher genannt ward.

Klug und ehrgeizig von Natur, besaß sie den
Sinn, diesen Werth nach seinem Abstande von dem
großentheils verarmten Höflingsadel zu ermessen. Sie
galt für schön, und sie galt sich selbst dafür; aber sie
sah manche ihres Gleichen sich und Anderen mit noch
größerem Rechte dafür gelten, und nach einem Carneval oder zweien, verdrängt, vergessen von der Bühne
verschwinden, sobald nicht eine andere Macht der
Schönheit eine dauernde Unterlage gab. Daß von
der Tugend als solcher Unterlage zu August des Starken Zeiten keine Rede war, braucht nicht erörtert zu
werden, aber auch der Adel gewährte sie nicht, denn
die reinste Ahnenprobe führte eine abgeblühte Schöne
bestenfalls in ein Fräuleinstift. Nur eine Goldtonne
war ein zuverlässiges Piedestal. Zwischen Fest und
Spiel, inmitten der gewissenlosen Wirthschaft eines
Brühl und seiner tollen Nacheiferer, gab es am Hofe
von Sachsen ein junges Mädchen, das mit heimlichem
Hohn die Schnüre seines Beutels fest in den Händen
hielt und mit der nüchternen Berechnung eines Mannes seinen Schatz zu mehren verstand. Mochten die
Kartenhäuser um sie her zusammenstürzen, sie stand
sicher, sie durfte steigen.

Tag für Tag meldete sich ein Bewerber um die
Hand der reichsten Partie des Landes. Keiner genügte ihrem hochstrebenden Sinn. Sie war dreißig
Jahre alt geworden und wählte noch immer. „Der
Rechte wird kommen!“ sagte sie sich, wenn sie ihr
Contobuch zugeklappt und ein beredtes Schönpflästerchen auf die geschminkte Wange geheftet hatte, um
ihrer Herrin — jetzt der Nachfolgerin der Brandenburgschen Eberhardine — zu einem Feste des unerschöpflich erfinderischen, allgewaltigen Ministers zu folgen.

Und der Rechte kam noch zur rechten Zeit, bevor
die letzte Jugendblüthe gewelkt war. Was wißt Ihr,
meine Freunde, unter den ungezählten, länderlosen
Fürstensöhnen des heiligen römischen Reichs deutscher
Nation von einem Prinzen Christian? Und was
braucht Ihr von ihm zu wissen, als daß er ein
schöner Mann und nach den Begriffen seiner Zeit und
Zone ein Genie gewesen ist — ein Genie, das heißt
ein durchlauchtiger Libertin nach dem Schlage des
Maréchal de Saxe — nur daß er sich auf kein
Fontenoy und Rocour zu berufen hatte — daß er
an den verwandten Hof von Sachsen zurückkehrte, sei
es, um nach allerlei abenteuernden Fahrten sich eine
Ruhepause zu gönnen, sei's, um nach erschöpftem
Erbtheil sich neue Quellen aufzuschließen. Die fürstliche Sippe war der wiederholten Schröpfungen überdrüssig; das Suchen nach einer ebenbürtigen Erbin
erwies sich als verlorene Mühe. Brühl glaubte daher einen Meisterzug zu thun, indem er die Blicke
des unbequemen Schützlings auf das immerhin noch
ansehnliche und im Ehrenpunkte untadelige Frei- und
Hoffräulein von Reckenburg als eine der besten Partien in deutschen Landen lenkte.

Ob das vorsichtige Fräulein dem verführerischen
Coqueluche der Damenwelt widerstanden haben würde,
wenn er einfach ihres Gleichen gewesen wäre, sei dahingestellt. Aber er war ein Prinz, berechtigt, um eine
Kaisertochter zu werben, und diesem Zauber widerstand sie nicht. Ihr Kinder eines anderen Jahrhunderts habt keinen Maßstab für eine Anschauung, welche
auch den letzten Anhängsel eines Thrones hoch über
alle menschlichen Ordnungen erhob und den Gesalbten des
Herrn der Pflicht selber gegen die ewigen Gesetzestafeln entband; für eine Anschauung, welche den verirrten Tropfen königlichen Blutes höheren Adels achtete, als den, welcher in den Kreuzzügen erobert worden war. Nach einer Ertödtung ohne Gleichen während der verheerenden dreißig Jahre hatte die Zeit
über unserem Vaterlande gleichsam still gestanden und
das Säculum der äußersten Verdumpfung des Bürgerthums, des tiefsten Verfalls der Ritterschaft war noch
nicht abgelaufen. Erst des preußischen Friedrich Schwert
und Scepter hat die Uhr für eine neue Zeitrechnung
aufgezogen.

Der Prinz von Geblüt hatte dem reichen und
ahnenreichen Fräulein kein ebenbürtiges Bündniß anzubieten; sie durfte nicht seinen Namen führen; ihre
Kinder — hätte er etwas zu succediren gehabt —
würden nicht successionsfähig gewesen sein. Aber die
Stellung einer fürstlichen Gemahlin auch nur zur linken Hand bot der zur „Reichsgräfin von Reckenburg“
Erhobenen noch immer den ersten Rang nach den reichsunmittelbaren Geschlechtern; der Ehrgeiz sah kein erreichbar höheres Ziel und so wurde die ursprünglichste
Leidenschaft zu einem magnetischen Strom, der eine
unstillbare Gluth in dem lange kalten Herzen entzündete. Die Hände, welche ein fürstlicher Gemahl mit
galanter Inbrunst küßte, wie hätten sie fortan die
Schnüre des Seckels ängstlich zusammenhalten mögen?
Hoffart, die Herrin, hatte ihr Ziel erreicht; Klugheit, die Magd, wurde des Dienstes entlassen.

Bald war die Haushaltung in der Hauptstadt
mit rangentsprechendem Glanze eingerichtet. Das
junge Paar zählte zu dem Anhange der regierenden
Kurfürstin-Königin und mit ihr zu den Feinden des
allgewaltigen Favoriten. Am Hasse entzündete sich
die Rivalität, und es war vielleicht der einzige Wermuth in Eberhardinens Honigzeit, daß sie ihren angebeteten Prinzen es nicht einem Emporkömmling gleich
thun lassen konnte, der sich Hunderte von Lakaien und
eine eigene Leibgarde hielt, der, wie Friedrich der Große
sagt, in Europa die meisten Pretiosen, Spitzen, Pantoffeln
u. s. w. besaß, und mit den Narretheidingen eines verschmitzten Sclaven die träge Sultanslaune seines sogenannten Herrn bis an den Rand des Abgrunds gängelte.

War nun der Abstich schon empfindlich während
der residenzlichen Winterzeit, um wie viel mehr, wenn
der Sommer kam mit seinen ländlichen Festen, der
Herbst mit der einzigen königlichen Passion, der Jagd.
Da verging wohl kein Jahr, daß nicht der schöpferische
Minister in einem eigenen neuen, aus dem Boden gestampften Prachtbau seinem Herrn ein Feenspiel oder
eine Sauhetze bereitet hätte. Der Parvenü zählte
seine Lustschlösser und Jagdgebiete nach Dutzenden;
der Prinz von Geblüt erfreute sich keiner Handbreit
eigenen Landes und auch das Vermögen seiner Gemahlin war nicht in Grundbesitz angelegt.

In dieser Verlegenheit gedachte man der alten,
verwüsteten Reckenburg und da romantische Naturschönheit so wenig wie fruchtbringende Bodencultur in
der Berechnung lag, fand man die erwünschteste Gelegenheit: in der Nähe eines schiffbaren Stromes ein
Waldrevier mit einem Wildbestand, dessen die verzweifelnden Bauern trotz gewaltsamster Selbsthülfe auf
ihren kargen Feldstücken sich nicht erwehren konnten.
Man feierte a priori im Geiste die Gondelfahrten,
Hetz- und Treibjagden, die auf diesem ältesten Reckenburgischen Grunde arrangirt werden sollten, sobald an
Stelle der eingeäscherten Burgtrümmer ein Neubau,
stolzer als alle Schöpfungen Brühls, sich erhoben haben würde.

Allerdings erforderte dieser Neubau Jahre; Jahre,
deren sommerliche Hälfte in Ermangelung einer standesmäßigen Residenz auf Reisen verbracht werden
mußte. Welche Verlockung nun aber, sich in den
kunstfertigsten Ländern Europas mit den Erzeugnissen
des Luxus und der Mode für die heimathliche Einrichtung zu versehen!

Endlich stand der heißersehnte Palast aufgerichtet;
das letzte Marmorsims, das letzte Getäfel waren eingefügt; Stuckatur und Schnitzwerk, Gobelin und Brocat, vor allem das gräflich gekrönte fürstlich-freiherrliche
Allianzwappen nicht gespart. Der junge Heckenwuchs
des Lustgartens sproßte; Faunen und Amoretten sprudelten einen Willkommenstrahl; Keller und Speicher
waren zum Uebermaaß gefüllt; eine Reihe von Festen
sollte den Einzug des hohen Paares verherrlichen.

Da, in der letzten Stunde, enthüllte sich der Abgrund, in welchem mit der Fülle des Seckels die Treue
des Geliebten versunken war. Ein Zufall lüftete den
Schleier. Ob aber in Wahrheit der Taumel der Lust
die scharfblickende Frau so lange verblendet hatte? Ob
sie nicht freiwillig die Augen geschlossen, so lange ein
Tropfen in ihrem Freudenkelche übrig blieb? Ich
glaube das letztere. Sie würde mit diesem Manne,
sie würde für ihn gedarbt, ja sie würde seine Untreue
geduldet haben, wenn er an ihrer Seite zu bannen
gewesen wäre. Aber die goldenen Ketten, mit welchen
die alternde Schöne den verwöhnten Lüstling gefesselt
hatte, sie sah sie geschmolzen. Kein Jahr mehr dieses
schrankenlose Treiben und sie war eine verlassene
Bettlerin. So willigte sie denn in eine Scheidung
als den einzigen Weg, nicht etwa den bisherigen Glanz,
sondern einfach ihre Existenzmittel zu retten. Der
flottlebige Herr jubelte über eine Freiheit, die ihm gestattete, seine Wünschelruthe nach einem neuen Glücksborn auszuwerfen.

Während er nun in Italien und Rußland, den
beiden Pflegestätten prinzlicher wie plebejer Abenteurer
jener Zeit, das unstäte Treiben seiner Jugendjahre
erneuerte, heute Soldat und morgen Seladon, gestaltete
die Gräfin ihren ferneren Lebenslauf um so stätiger.
Sie zählte mehr als vierzig Jahre, war nicht mehr
schön und, nach ihrem Maaßstabe, arm. Was Wunder, daß ihr die Welt verleidet, ja daß sie ihr verhaßt
geworden war. So bezog sie denn das Erbe ihrer
Väter mit dem Entschlusse, den alten Grund zu einer
Fundgrube für die erschöpfte Schatzkammer umzuarbeiten.

Nach Außen hin mußte der überkommene Rang
behauptet, der gewohnte Glanz gehütet, die gehaßte
Welt, und mehr als sie der noch immer geliebte Freund
über den wirklichen Mangel getäuscht werden. Er sollte
fühlen, welche Befriedigungen er so leichtfertig aufgegeben hatte. Daher die Marotte, die sie in den
Augen der Welt von einem soliden Harpagon unterschied, allen und jeden Besitz, den sie beim Einzug in
ihren Neubau vorgefunden hatte, zu erhalten und beim
Verbrauch zu ergänzen, auch wenn er ihrem persönlichen Leben überflüssig geworden war, und statt Zinsen
zu tragen Opfer forderte. Kein Menschenauge, am
wenigsten das der Gräfin, erfreute sich des weitläufigen
Ziergartens rings um das Schloß, aber Hecken und
Pyramiden wurden regelrecht verschnitten, Pfade und
Schnörkelbeete säuberlich gepflegt, Statuen und Ornamente von ihren Beschädigungen durch Wetter und
Zeit geheilt. Man feierte keine Festgelage, empfing
keinen Gastfreund auf Reckenburg, aber die Fülle des
Tafelgeräths, alle der zwecklosen Kostbarkeiten, die
veräußert, in jener klammen Zeit ein nicht gering zu
schätzendes, zinstragendes Kapital abgeworfen haben
würden, sie blieben, nur durch periodisches Reinigen
vor Rost und Staub geschützt, unverrückt an ihrer
Stelle. Ja selbst die massenhaften Vorräthe in Speicher
und Keller wurden schleunigst ergänzt, sobald ein Bruchtheil davon in Gebrauch genommen worden, gleichviel
ob der Rest verhärtete, vergilbte, bei der genausten
Aufsicht nicht vor Wurm und Moder zu schützen war.
Daher schreibt sich die Unsterblichkeit des nie mehr
benutzten Schimmelzugs; die der prunkvollen Lakaienschaft. Die Rache der seltsamen Erhaltungskünstlerin
hieß reich werden und reich scheinen, bis sie es geworden. Der angeborene kluge Sinn des Sammelns
und Vermehrens, durch eine übermächtige Leidenschaft
zeitweise verdrängt, trat wieder in seine Rechte.

Es war die Arbeit eines Colonisten im Hinterwalde, welche ein einsames, in der Atmosphäre eines
üppigen Hofes gealtertes Weib unternahm. Niemand
ahnte wie erschöpft ihre Mittel und wie geboten von
Anfang ihre persönlichen Einschränkungen waren. Niemand hat daher auch in vollem Umfange die Klugheit,
Kraft und Ausdauer gewürdigt, mit welcher sie ihr
Werk in's Leben setzte.

Man freut sich heute der Cultur einer Gegend,
die vor hundert Jahren ein bruchiger Waldwinkel
war, und mit Scham höre ich mich häufig als deren
Schöpferin gerühmt. Aber ich bin nur auf die Schultern meiner Vorarbeiterin getreten; die Grundlegung,
die unsägliche Schwierigkeit der Urbarmachung ist ihr
Verdienst. Sie hat die Sümpfe ausgetrocknet und die
Kanäle gegraben, Forsten regulirt, bequeme Transportwege, umfängliche Wirthschaftsbauten angelegt, auf
verschlemmten Aeckern neue Culturen eröffnet, sie hat
den umfänglichen Deichverband hergestellt, durch welchen
unsere Flur gegen die häufigen Uebertretungen des
Stromes geschützt wird. Sie hatte die Müh', ich
Lohn und Dank, weil sie mich sicher genug gestellt
hatte, um über das eigne Gebiet hinaus zu reformiren: Sie erntete Spott und Grauen, ich den Segen, welcher von der Einzelnarbeit auf die Gesammtheit, von der Gesammtarbeit auf den Einzelnen zurück
wirkt, jenen ersten Segen alles Schaffens, groß oder
gering, der auch mir, dem einsamen Weibe, zu einem
erfüllten Dasein verholfen hat.

Kaum hatte die unerschrockene Pionierin sich aus
dem Gröbsten herausgewunden, kaum trieben ihre
Saaten die erste Frucht, als der Krieg ausbrach, welcher
auf wenige Gegenden unseres Vaterlandes härter gedrückt hat als auf diese. Was ich den einzigen Sommer
von 1813 hindurch, das erduldete diese Frau sieben
Jahre. Wo ich, aus dem Vollen schöpfen durfte,
sah sie den besten Theil ihrer Anlagen zerstört und
in einem Alter, wo Andere sich zur Ruhe neigen, fing
sie unverdrossen ihr Werk von Neuem an.

Und welchen Muth, welche Entschlossenheit hat
die alleinstehende Matrone gegenüber der Ungebühr
der Armeen von Freund und Feind an den Tag gelegt; wie beherzt hat sie sich der Schaaren der Marodeure und des einheimischen Raubgesindels, das noch
lange nach dem Friedensschlusse sich in unseren Wäldern eingenistet hatte, zu erwehren gewußt. Es ist
buchstäblich wahr, daß die schwarze Reckenburgerin,
ein geladenes Pistol in jeder Hand, ihre beiden riesigen
Heiducken bewaffnet hinter sich, die Schwelle ihres
Hauses gegen diesen wüsten Zudrang vertheidigte.

Diese Heldenthat kann als Keimsaat des abenteuerlichen Spukwesens betrachtet werden, das allmälig über
die wunderliche Gräfin in Schwang gerieth. Die gespenstische Gestalt wuchs, als die leibhaftige Gestalt,
da wo sie bisher wenigstens gemuthmaßt worden war,
— das heißt während ihrer Flurbesichtigungen in der
verhüllten, goldenen Kutsche, — plötzlich verschwand.
Von der Zeit ab sah sie unser Volk im spanischen
Habit, Tag wie Nacht, die Schätze ihrer Klause mit
Drachenaugen hüten und mit feurigen Waffen vertheidigen. Unermeßliche Schätze! Je höher die Ziffer
gegriffen, desto einleuchtender für das hungernde, lungernde Gesindel, das nur nach Hellern und Kreuzern
zu rechnen verstand und niemals einen Heller oder
Kreuzer aus der Hand der zähen Alten besehen hatte.

Ob die Gräfin von diesem fabelhaften Nimbus
um ihre Person jemals Kunde erhalten hat, weiß ich
nicht. Ohne Zweifel aber würde er ihr, anstatt widerwärtig, willkommen erschienen sein als eine sicher
stellende Schicht gegen eine beschwerliche, oder bedrohliche Welt. Sie hatte mit richtigem Blick den östlichen Erkerbau des Schlosses zu ihrer Schlaf- und
Schatzkammer ausersehen, weil er, von Außen unzugänglich, auch von Innen die größtmöglichste Sicherheit bot. Handwerker, aus weiter Ferne verschrieben,
hatten in die tiefen Nischen feuerfeste Schränke, mit
kunstvollen Schlössern eingefügt. Nur durch eine maskirte Schrankthür stand der „Goldthurm“ mit dem
Zimmer der alten, vertrauten Kammerfrau und durch
dieses mit dem Corridor in Verbindung, auf welchem
die beiden, abwechselnd Wache haltenden Heiducken
die Befehlsvermittler zwischen Thurm und Wirthschaft
wurden, während die Gebieterin hinter Schloß und
Riegel ihr Credit und Debit buchte, oder Dokumente
und Baarschaften in den geheimen Eisenschränken barg.
Sie kränkelte; die Arbeitskraft minderte und die Arbeitslast mehrte sich. Bald war kein Fortkommen
mehr von der gewichtigen Stätte; denn, wenn auch
nicht in dem Wundermaaße des Volksglaubens, die
wohldurchdachten Anlagen trugen nach dem Frieden
hundertfältigen Gewinn.

Sie hatte während des Krieges den größten Theil
ihrer Juwelen in England veräußern lassen, da dieses
Opfer einstigen Schimmers bei ihrer Lebensweise am
wenigsten in die Augen sprang. Der Erlös davon,
meine Freunde, das war der Grundstock ihrer vermeintlichen Wunderschätze! Ein bescheidener Sparpfennig, der aber zu einem Heckpfennig wurde, in
einer Zeit, wo der Bodenwerth auf ein Minimum
herabgedrückt war, wo Gemeinden und Einzelne um
einen Spottpreis das Besitzthum verschleuderten, für
dessen Bestellung Menschenhände und Saatkörner
mangelten. Binnen eines Jahrzehnts hatte sich das
Areal der Reckenburg verdoppelt, binnen eines zweiten
vervierfacht. Konnte das Kapital auch nur ratenweise
abgetragen werden, schon eine regelmäßige Verzinsung
galt in jener geldarmen Zeit als eine vielgesuchte
Gunst.

Und wie auch in anderer Weise das allgemeine
Elend dem Gedeihen des Einzelnen in die Hand arbeitete, das zeigt unter Anderem die Hungersnoth der
siebenziger Jahre, wo der Scheffel Roggen auf zwanzig
Thaler stieg. Calculirt, wie da die strotzenden Speicher
der Reckenburg — in Staat und Volk die Wirthschaftsmaxime einer schwer beweglichen Zeit, — sich
leeren und die entleerten Geldtruhen sich strotzend füllen
mußten. Wo Tauben nisten, flattern Tauben zu!

„Die ersten hunderttausend Thaler kosten Schweiß.
Wem aber die nächsten Neunmalhunderttausend Schweiß
kosten, ist ein Tropf!“

Als die Millionairin der Reckenburg in ihrem
letzten Stadium, mit funkelnden Augen mir dieses Geständniß ablegte, da war sie in Wahrheit die verknöcherte Mumie, deren Herz nur noch in der Wacht
über ihre Schätze schlug. Zu der Zeit aber, als sie
diese Schätze mühsam erarbeitete, und selber zu der
noch, als sie mich zuerst in die Geheimnisse ihres
Goldthurmes einweihte, da war sie diese herz- und
geistlose Mumie nicht, denn damals schaffte, darbte,
sammelte sie für einen Zweck; richtiger: sie schaffte,
darbte, sammelte für eine Person.

Und das ist der Grund, aus welchem ich vor
Euren Augen, meine Freunde, zwischen den beiden
letzten Reckenburgerinnen — längst nicht so genau
wie mich verlangt — die Bilanz gezogen habe. Ihr
solltet wissen, was die Frau that, die Eure Heimath
urbar machte; was die Frau war, welche in keinem
Menschenherzen, außer dem meinen, eine Spur, und
in der zähen Vorstellung des Volkes das Bild eines
goldgierigen Dämons hinterlassen hat. Ihr solltet
diese Frau in einem guten Lichte sehen, und in welchem
besseren hätte ich sie glücklich liebenden Menschen zeigen
können, als in dem der unwandelbaren Treue gegen
den treulosen Mann, in jenem heimlichen Feuer, welches
der Sporn ihres Treibens und Wühlens geworden war.

Sie hatte alle früheren Verbindungen harsch abgebrochen und nur mit einem alten Freunde, der an
dem Hofe von Sachsen eine vertrauliche Stellung einnahm, eine Correspondenz unterhalten, um von dem
Schicksale des Unstäten jederzeit in Kenntniß zu sein.
Sie wußte daher, daß er schwelgte und schweifte,
während sie sich keine Raststunde gönnte, im Eifer das
wieder aufzurichten, was er zerstört hatte. Sie wußte,
daß er ein überschuldeter Aermling geblieben, während
sie zum zweiten Male die reiche Reckenburgerin geworden war. Hätte er aber, wenn auch nur als Begehrender, sich dem Hause genaht, dessen Ansehen sie
so peinlich bewahrte, sie würde nach dem Triumph
dieser Genugthuung, ihn mit Entzücken als Herrn
willkommen geheißen, würde ihm noch einmal die
Schlüssel ihrer Schatzkammer überantwortet und ihr
Werk von vorn begonnen haben, um ihm, auch nach
ihrem Abscheiden, eine fürstliche Herrschaft zu sichern.

Viele Jahre lang hatte die Hoffnung seiner Heimkehr sie bei ihrer einsamen Arbeit getragen und sie
war eine runzlige Matrone geworden, ehe sich dieselbe
erfüllte. Endlich wußte sie ihn im Vaterlande — und
die nächste Kunde, die sie über ihn erhielt, war die
seiner Vermählung mit einer Ebenbürtigen! An der
Gränze des Alters folgte er, so schien es, einer Wallung
wahrhaftigen Gefühls, denn die junge Prinzessin war
so arm wie er selbst.

Die Kraft, welche so vielen Gefahren und Anstrengungen widerstanden hatte, brach bei diesem unberechneten Schlage zusammen. Ihre Kammerfrau
fand sie bewußtlos am Boden liegend, den verhängnißvollen Brief in der Hand. Ein Hüftenbruch, den sie
sich bei diesem Falle zugezogen hatte, machte sie für
den Rest des Lebens zum Krüppel.

Dennoch, nach langer qualvoller Niederlage, war
ihr erster klarer Gedanke wieder an den ungetreuen
Mann. Ja alle ihre Hoffnungen lebten kaum nach
Jahresfrist wieder auf, bei der fast gleichzeitigen Kunde
von seiner Vaterschaft und Verwittwung. Nun mußte
er ja kommen, seinem mutterlosen Sohne eine Heimath und eine Erbstätte bei ihr aufzusuchen.

Es war die letzte Hoffnung, die ihr der Geliebte
täuschen sollte. Der nächste Brief brachte die Botschaft
seines abermaligen Entfliehens; der übernächste die seines
Todes. Unter den Fahnen Katharinens, seiner Gönnerin,
war er in dem Krimfeldzug von Einundsiebenzig geblieben.

Die Gräfin legte Trauerkleider an und niemals
wieder ab. Sie war und blieb die Wittwe eines
Fürsten. Sie schaffte, darbte und sammelte vor wie
nach. Von der Flamme, die ihr Leben durchleuchtet
hatte, war noch ein Abglanz zurückgeblieben: sie schaffte,
darbte und sammelte für ein armes, ungekanntes, für
ein verlassenes Menschenkind.

Was sagt Ihr jetzt, meine Freunde, zu der gespenstischen Alten auf Reckenburg?

Viertes Capitel.
Der Erbprinz

Von dieser langen Liebes- und Leidensgeschichte
wußte ich natürlich kein Sterbenswort, als ich mich
stolz und wohlgemuth in die goldne Carosse schwang,
um vor das Angesicht der hohen Repräsentantin meiner
Familie, der Wittwe eines durchlauchtigen Herrn, geführt zu werden. Vor mir auf hohem Throne ragte
Muhme Justinens Flügelhaube neben der Allongenperrücke des uralten Rosselenkers. Der riesige
Heiduck klammerte sich an die ellenlangen Goldquasten über dem Trittbrett hinter mir und dahin
rollte das stolze Gefährt auf der einsamen Straße
von Reckenburg.

Sie führte in gleichmäßiger Ebene durch dichten
Nadelwald, dann und wann das Stromufer berührend.
Ich war in einem Frucht- und Laubholzthale aufgewachsen, zwischen dessen felsigen Abfällen ein kleiner
Fluß sich anmuthig wand, und die weniger romantische
Region, in welcher ich mich seit zwei Tagen bewegte,
hatte mich weidlich gelangweilt. Jetzt aber, in der
goldenen Kutsche, heimelte sie mich an wie die interessanteste auf dem Erdenrund; der ruhige, breite
Wasserspiegel imponirte mir und ich schlürfte mit Behagen den würzigen Tannenduft, den ich bisher durchaus nicht gespürt hatte. Es war ja Reckenburg'scher
Stammgrund, dem das Arom entströmte!

Nach einer Stunde etwa näherten wir uns der
Lichtung, die für den neuen Herrensitz geschlagen worden war. Die Hütten des Dorfes blieben zum Glück
vom Walde verhüllt, denn ihre Armseligkeit würde
mein stolzes Wohlgefühl um einige Grade abgekühlt
haben. Es temperirte sich bereits, als wir, nahe dem
Eingangsgitter, auf eine Gruppe zerlumpter, verkümmerter Gestalten stießen, die zu mir gleich einem Meerwunder in die Höhe starrten. Ich hielt sie für Bettler,
die ich von jeher, als Faullenzer, verachtet und mit
Widerwillen gemieden hatte. Muhme Justine belehrte
mich indessen anderen Tags, daß es die Bauern und
Fröhner des Dorfes gewesen seien, welche das seit
einem Menschenalter nicht mehr geschaute „Böse Ding“
der goldnen Kutsche herbeigelockt hatte.

Der Riese sprang vom Trittbrett, das wappenprangende Thor zu öffnen und allsobald wieder zu
verschließen. Vor meinen Augen dehnte sich die breite
Avenue inmitten des sauber gehegten, reich gefüllten
Gartens. Im Hintergrunde ragte das Schloß, dessen
röthliche Bekleidung die untergehende Sonne mit einem
Goldschimmer übergoß. Die weißen Marmorsimse,
die hohen Spiegelfenster, die mit Statuen und Vasen
gezierte Terrasse, auf deren Rampe wir anhielten,
die Säulen des großen Portals, alles das verfehlte
seine Wirkung nicht. Ich begriff während dieser Auffahrt die Gleichgültigkeit der Eignerin dieses fürstlichen
Besitzthums gegen ihre bescheidene Sippe in der Baderei. Aus welchem Begreifen indessen nicht gefolgert
werden soll, daß ich etwa gedrückt oder eingeschüchtert meiner vom Glücke reichlicher gesegneten Verwandtin entgegenging. Auch ich war eine Reckenburg und niemals, denn als geladener Gast, würde ich
diese stolze Schwelle betreten haben.

Von meinem Heiducken geleitet, erstieg ich die
breite Marmortreppe. Jede Thür, die ich passirte,
wurde sorgfältig, wie hinter einer Gefangenen verriegelt. Ich trat in den langen Vestibüle, auf welchen
die Zimmerflucht mündete. Die goldgerahmten Trümeaux zwischen den Fensternischen, die mythologischen
Reliefs und Fresken an der gegenüberliegenden Wand
— Ihr geht mit einem gnädigen Lächeln an diesen
Kunstgebilden vorüber, hochweise Zöglinge eines anderen Geschmacks, die Einfalt von damals aber, glaubt
nur, daß sie Augen machte!

Am Ende des Ganges stand, Wache haltend, der
Heiduck du jour, meinem bisherigen Begleitsmann
ähnlich wie ein Zwillingsbruder. Schweigend wie
jener — alles schwieg, alles war grabesstill in dem
Zauberpalaste — öffnete er die letzte Thür. Ich betrat ein Vorzimmer, das den einzigen Eingang zu dem
vielberufenen Thurmbau bildete (der „östlichen Rotonde,“ wie es damals hieß). Zur Rechten des Vorzimmers lag der Speisesaal. Diese drei Piecen, „das
Apartement Ihrer Hochgräflichen Gnaden,“ waren die
einzigen, welche jemals in dem weitläufigen Frontbau
bewohnt worden waren. Sämmtliche Wirthschaftsräume befanden sich im westlichen Flügel.

Der Leibwächter hatte mit dem goldenen Knopf
seines Stockes dreimal laut an die Thurmthür angeklopft und sich auf seinen Posten zurückgezogen. Ich
war allein und nicht ängstlich, nur neugierig, was
weiter über mich verfügt werden würde. Ich legte
ab, setzte mich in die tiefe Fensternische und schaute
über den Garten hinweg in die düstren Föhrenwipfel,
zwischen welchen das Abendroth verglomm. Inmitten
der wunderlichen Baum- und Steinfaxen zu meinen
Füßen stiegen und schwebten die Octobernebel phantastisch auf und nieder; es war der erste und ich
glaube auch letzte Märchenschauer meines Lebens, der
mich im Dämmerlicht dieses dunkel boisirten, todtenstillen Wartezimmers überrieselte.

Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise vergangen sein, ich war des Antichambrirens und der romantischen Schauer herzlich müde geworden; da hörte
ich das Zurückschieben eines Riegels, das Dröhnen
eines Krückstocks, endlich ein pfeifendes Keuchen auf
der Schwelle des Thurmgemachs. Meine hohe Gastfreundin war eingetreten.

Die Eltern, wenn sie überhaupt um die landläufigen Vorstellungen über ihre einzige Verwandtin
Näheres gewußt, hatten mir dieselben wohlweislich
vorenthalten. Meine Instruction lautete einfach:
Einer hochbetagten, daher wunderlichen, möglicherweise
stolzen und ein wenig ökonomischen Würdenträgerin
mit Ehrerbietung zu begegnen.

Da überlief mich denn nun freilich eine Gänsehaut bei dem Anblick, der sich nach und nach mir
gegenüber als eine Menschengestalt entwickelte. O du
weiser Prediger der Vergänglichkeit, ja was ist der
Mensch in seiner Herrlichkeit! Eberhardine von Reckenburg, einst an dem schönheitskundigsten Hofe von
Deutschland als Schönheitsgöttin gefeiert und heute
wie ein Sprenkel zusammengekrümmt, mühsam am
Krückstocke keuchend, bebend vor innerlichem Frost wie
ein Laub im Novembersturm, das kaum noch handgroße Gesicht in tausend kleine Fältchen eingeschrumpft,
gleich einem vergilbten Pergament aus der Klosterzeit.

Und dennoch! Alles was jemals unter der anmuthsvollen Hülle gelebt hatte, das lebte noch heute
unter der runzligen Haut, und die schwarzen Augen
funkelten noch heute so muthig, scharf und klug, so
heimlich passionirt, wie sie in den Tagen des starken
August gefunkelt haben mögen. Ein einziger Blitz
dieser durchdringenden Augen und der heimlichste Winkel, die verborgenste Falte in des armen Pathenkindes Seele waren blosgelegt, insofern nämlich Winkel und Falten in besagter Seele bloszulegen gewesen
wären.

Die kleine, unheimliche Gestalt war schwarz gekleidet vom Kopf zur Zeh, nach einer Façon, die wir
auf Maskenbällen einen Domino nennen. Ueber
einem schleppenden Untergewande hing ein kurzer, faltiger Mantel, unter dem Kinn mit einer dichten Krause
geschlossen. Ueber der Wittwenhaube thronte ein
runder Hut mit wallendem Federschmuck. Ich habe
die Gräfin späterhin, selbst in den vertraulichsten
Situationen niemals ohne ihren „spanischen“ Hut
und Mantel, wie auch niemals ohne Handschuhe
gesehen und ihre Mode praktisch gefunden. Sie war
warm und bequem und verlieh ihr in ihren eigenen
Augen eine Würde, die Schlafrock und Kapuze zerstört haben würde. Beim ersten Eindruck aber, im
Dämmerlicht des geisterstillen Palastes, wird man mir
ein gelindes Gruseln nicht übel nehmen.

Indessen war ich nicht dauernd auf apprehensive
Stimmungen angelegt; bevor die Gräfin sich in ihrem
Lehnstuhle verschnauft, hatte ich meine natürliche Fassung wiedergewonnen. Ich schritt herzhaft auf sie zu
und Handkuß wie Reverenz gelangen in dem correcten Style, der einer Reckenburgerin, fürstlichem Ansehen gegenüber, als Vorschrift galt.

Die Gräfin hatte nach einsamer und etwas harthöriger Leute Art, die Gewohnheit angenommen, Eindrücke oder Einfälle vor sich selber laut werden zu
lassen, und dankte ich diesen unbewußten Plaudereien
in der Folge manche Enthüllung, die sie mir bewußt
nicht gemacht haben würde. Bei ihren heutigen
Glossen aber war es ihr jedenfalls mehr als gleichgültig, ob ich sie auffing oder nicht.

„Grobschlächtig, aber frisches Blut!“ sagte sie
nach einem musternden Blick, mit dem Kopfe nickend.
„Eine Weiße! Wir Schwarzen von jeher feiner und
schön. — Leidliche Tournüre! — Wo hast Du tanzen gelernt?“ fragte sie darauf, zu mir gewendet.

„Bei meinem Vater, gnädige Gräfin,“ antwortete ich.

Glosse der Gräfin: „Sächsischer Cadet. Gute
Schule!“

Zweite Frage: „Verstehst Du französisch?“

„Meine Mutter hat immer französisch mit mir
gesprochen, gnädige Gräfin.“

„Recitire ein Paar Sätze. Gleichgültig was.“

Mir fiel just nichts anderes ein, als meine letzte
Gedächtnißübung; eine Fabel, den Segen schildernd,
der den Nachkommen aus der Arbeit der Greise erwächst. Unbekümmert um das A propos oder Mal
à propos dieser Wahl deklamirte ich meinen octogénaire plantant frisch von der Leber von A bis Z.

„Ingenuité absolue!“ glossirte denn auch die
Gräfin mit einer Lippenbewegung, die wohl ein
Lächeln bedeuten sollte. „L'accent passablement
pur!“ setzte sie darauf den Kopf neigend hinzu. „Die
Mutter als Fräulein viel in Dresden zu Hof. Verständige Erziehung! — Wir werden französisch mit
einander reden, Eberhardine!“

„Wie Sie befehlen, gnädige Gräfin.“

„Du magst mich Tante nennen,“ sagte die Gräfin.

Während ich, zum Dank für diese Huld, ma tante
zum zweiten Male die Hand küßte, meldete der dienstthuende Heiduck: „Madame la comtesse est servie!“

„Ein zweites Couvert für meine Nichte, Jacques!“
befahl die Gräfin.

Eberhard und Adelheid, o weise Erziehungsauguren! Ohne den sauren Schweiß Deiner Tanzabende,
mein braver Vater, ohne Deine Sprachmühen, kluge
Mutter, würde die letzte Reckenburgerin Gott weiß in
welchem Winkel des Stammsitzes ihrer Ahnen eine
Abspeisung gefunden haben und wie höchlich durfte sie
nun mit ihrem Entrée zufrieden sein!

So folgte ich denn um die Stunde, wo wir daheim unser Vesper zu verzehren pflegten, meiner neuen
Tante zum Souper in den Speisesaal. Seine Ausstattung entsprach dem Prunke des übrigen Schlosses.
Es brannte ein silberner Candelaber, dessen braungelbe Wachskerzen die fast fünfzigjährigen Vorräthe
anzeigten. Das Tafelservice, wenn auch ein wenig
verbraucht, bekundete den gediegenen Ursprung; dem
geringsten Stücke war gleichsam der Stempel des
Hauses: das Doppelwappen mit der obligaten Grafenkrone eingeprägt. Allerdings perlte in den venetianischen Gläsern nur reiner Reckenburger Born und das
japanische Porzellan besah nichts edleres als rothe
Reckenburger Grütze. Als Nachkost wurde auf silberner Platte der alten Dame eine Schale ihres Eicheltrankes, der jungen ein Apfel präsentirt. Keine Sorge
indessen Kinder! Ich hatte während der Reise aus
dem heimischen Proviantkober wacker vorgelegt und bin
auch späterhin auf Reckenburg allezeit satt geworden,
trotz meines damals wie heute noch kräftigen Appetits. Wenn aber, was der Himmel verhüte! der Eurige im Alter einmal schwach werden sollte, so kann
ich Euch mit gutem Grund Grützbrei und Eicheltrank
als brave Erhaltungsmittel empfehlen.

In Parenthese sei mir an dieser Stelle noch eine
zweite Bemerkung gestattet: Wenn kein Mitglied des
gräflichen Haus- und Hofstaates jemals freiwillig
seinen Dienst verlassen hat, wenn derselbe pünktlich
und schweigsam im Sinne der Herrschaft verrichtet
ward und gleich dieser die Mehrzahl ein Uralter bei
demselben erreichte, so ziehe ich unserer Spinnstubenromantik von einer Verhexung der Zunge und Eingeweide die nüchterne Auslegung vor, daß besagtem
Personal durch Kost wie Lohn auskömmlich Magen
und Mund gestopft worden sei.

Das Souper war schweigsam verzehrt worden
und in wenigen Minuten abgethan. Während ich der
Gräfin in das Vorzimmer folgte, bemerkte ich, wie
der Riese Jaques in gewissenhafter Eile die Kerzen
des Candelabers löschte. Die Gräfin entließ mich
mit den Worten: „Morgen Mittag auf Wiedersehen.
Vertreibe Dir die Zeit wie Du kannst. Das Vorzimmer steht Dir offen und ist immer geheizt.“

Ich küßte die dargebotene Hand und ging knixend
nach der Thür.

„Du bedarfst keiner Toilettenhülfe, nicht wahr?“
rief die alte Dame mir noch nach. Ich verneinte.
„Halte Dich vor Schlafengehen nicht auf, verriegle
die Thür und lösche das Licht allsobald.“

Damit tastete sie sich nach ihrer Klause, deren
inneren Thürriegel ich noch klirren hörte. Dann geleitete mich Monsieur Jaques, nachdem er auch das
Vorzimmer verschlossen hatte, den Corridor entlang
bis zu Reckenburgs „neuem Thurm“, die „westliche
Rotunde“ jener Zeit. Er stand durch eine Wendeltreppe mit den Wirthschaftsräumen in Verbindung
und das mir geöffnete Zimmer war das einzige im
Frontbau, das ursprünglich zu einem Domestikenraum
eingerichtet schien. Denn die Wände waren nur getüncht, der Fußboden roh gedielt, ein Ofen fehlte, und
es enthielt als Ausstaffirung nichts als einen Tisch,
einen Stuhl, einen Kleiderschrank, das nothdürftigste
Waschgeräth und ein Bett, welches keineswegs Daunen und seidene Polster schwellten. Gegen meine heimische Dachkammer war der Abstich nicht allzugroß;
aber freilich an das lachende Mädchenstübchen der kleinen Dorl durfte ich nicht denken.

Ich war an strengen Gehorsam gewöhnt; habe
auch jederzeit, wo ich nicht befehlen durfte, gern gehorcht. Ich warf also meine Kleider ab, löschte das
Talglicht, das mein Führer zurückgelassen hatte, und
schlief, ohne durch eine Spuk- oder auch nur Traumgestalt behelligt zu werden, meine sieben Stunden so
ungestört, wie ich sie mein Lebtag immer geschlafen
habe und noch heute schlafe.

Wer aber mit den Hühnern zu Bette geht, muß
mit den Hühnern erwachen. Noch bei Sternenschein
war ich munter und bei Tagesgrauen in den Kleidern. Was sollte ich vornehmen? Auf meine Bitte
öffnete der Leibwächter im Vestibüle mir die Thür der
Seitentreppe und ich stieg hinunter in den Garten.
Bald schweifte ich darüber hinaus in Wald und Flur
und sah zum erstenmale unter freiem Himmel die
Sonne aufgehen, klar und glanzvoll wie ein Gottesauge.

Methodisches Spazierengehen war weder ein Bedürfniß, noch eine Modesache meiner Zeit und würde
mir heute noch eine gar leidige Erholung dünken.
Aber so ungebunden schweifen durch Land und Volk;
beobachten die stille Arbeit der Natur, wenn auch die
letzte vor der winterlichen Rast, die umbildende der
Menschen, Kraft und Widerstand hier wie dort; —
und das Alles auf einem altüberkommenen, heimathlichen Grund; — es war ein großer Sinn, der mir
an diesem ersten Morgen in der Flur von Reckenburg aufgegangen ist, ein ursprünglicher, starker
Sinn, der mich lebenslang beglücken sollte.

Da gewahrte ich denn zum erstenmal die Bewirthschaftung in einem bedeutenden Dominium; sah,
wie das Holz gefällt und die Flößen nach dem Strome
geschleift wurden, sah Kohlenbrennen und Torfstechen,
die letzten Reste des Grummets, die Spätfrüchte der
Felder einheimsen. Ich sah die Aecker für die Wintersaat neu bestellen, die der Stallhaft entlassenen
Heerden Wiesen und Brachen abweiden, sah des Wildes freies, fröhliches Treiben im umhegten Revier.

Ich unterhielt mich mit Hirten, Arbeitern und
Aufsehern über einschlägiges Gebiet; schloß mit dem
alten, verständigen Oberförster Waldkameradschaft und
machte mich auch den übrigen Beamten bekannt. Das
frische, junge Blut, welches den Namen Reckenburg
trug, und so urplötzlich mit seiner Neugier aus dem
schweigsamen Schlosse in die Außenwelt drang, wurde
mit freundlichem Vertrauen aufgenommen; und freilich nicht am ersten Tage, aber mit der Zeit schwand
auch den armen Dörflern die Furcht, daß diese lebenskräftige Jugend unter dem Grabeshauche des gefeiten Schlosses versteinern werde.

Reichere Ernte hatte ich keine Stunde in Christlieb Taube's Schulstube gehalten, heimischer mich keine
Stunde in der alten Baderei gefühlt, als bei dieser
ersten Wanderung durch die Reckenburger Flur, und
wie ich gegen Mittag nach dem Schlosse zurückkehrte,
da war es gleich wieder eine gute Botschaft, mit welcher Muhme Justine mir entgegentrat. „Hochgräfliche Gnaden“ waren in der Nacht von einem bösen
Gebresten heimgesucht worden und da die Gliedmaßen
hochdero Kammerfrau sich für die vorschriftsmäßigen
Manipulationen zu steif und zitterig erwiesen, waren
die der kunstfertigen Reiseduenna zu Hülfe gezogen
worden. Meister Fabers Schülerin hatte denn auch
im Setzen von Schröpfköpfen und anderweitigen weniger schicklich auszusprechenden Ableitungen zum erstenmale in einem Grafenschlosse eine glänzende Probe
abgelegt; und hohe Patientin, — schneller denn je
von ihrer Bedrängniß erlöst, — der Helferin den Antrag gestellt, gegen standesmäßiges Salair den Winter auf Reckenburg zuzubringen. — Die treue Seele
opferte ohne Bedenken diesem zweifelhaften Anerbieten
ihre sichere heimische Kundschaft. Ihre Augen funkelten. Sie fühlte sich als die Mittelsperson, um ihre
stolzesten Traumgesichte zu verwirklichen. Denn unter solcherlei Proceduren kommt ein Mensch zur Raison und wird weich wie Wachs.

So sollte es mir denn auch an einem gemüthlichen Austausch nicht fehlen, und noch ein anderer
wesentlicher Vortheil stellte sich bald genug heraus.
Das der wichtigen Leibwärterin im Seitenbau angewiesene Zimmer grenzte an das meine; es wurde erleuchtet und geheizt; ich konnte mich in demselben,
nach Absperrung der gräflichen Zone, noch ein paar
Stunden ad libitum beschäftigen und brauchte nicht
mehr mit den Hühnern zu Bett zu gehen.

Das Menü des Diners beschränkte sich keineswegs auf die abendliche Grütze. Heute zum Beispiel
gab es, nach einer trefflichen Brühe, ein Hühnchen,
das bis auf einen geringen Brustbissen, auf meinen
Antheil fiel. Zum Nachtisch Aepfel, für die Gräfin
gebraten, für mich roh. Es wurde auch Wein aufgestellt. Die alte Dame vertrug aber keine Spirituosen,
und von der jungen setzte man voraus, daß sie sie nicht
vertrug. Die Flaschen wurden daher unentkorkt abgetragen, um am anderen Tage unentkorkt wieder aufgetragen zu werden, und ist es immerhin möglich, daß
es die nämlichen gewesen sind, welche auf der ersten
und letzten gräflichen Tafel ihre Rolle spielten.

Auch die Zeit des Mahles wurde nicht so knapp
gemessen, wie die beim Souper; vielleicht weil es keine
Wachskerzen zu löschen galt. Wir saßen wohl noch
ein Stündchen uns beim Eichelkaffee gegenüber und
ich machte mit der Schilderung meines Flurgangs
einen guten Effekt.

„Du hast scharfe Reckenburger Augen,“ sagte die
Gräfin. „Halte sie offen und berichte mir ehrlich,
was Du bemerkst.“

Mit diesen Worten war das Amt meiner Zukunft
eingeleitet: Scharf zu sehen und ehrlich Bericht zu erstatten; dazu im Verlauf die mündliche Vermittelung
der Anordnungen und Ausführungen zwischen Thurm
und Flur: das ist der Inhalt meiner langen, landwirthschaftlichen Lehrzeit auf Reckenburg.

„Indessen,“ so fuhr die Gräfin nach einer Pause
fort, „die Zeit für das Freie wird kürzer, und manche
häusliche Stunde möchte Dir einsam vorkommen,
Eberhardine. Tröste Dich damit, daß die Heimath
Dir mindestens nichts Schicklicheres geboten haben
würde. Für die Saison in Dresden sind Deine Eltern zu arm, und die geselligen Allüren einer kleinen
Stadt würden Dich nur verstimmen. Besser, einsam
sein, als falsch placirt. Im Uebrigen möchte ich Dir
selber unter jener bescheidenen Societät einen Succeß
nicht verbürgen, und welchen Genuß gewährt die Gesellschaft mit Ausnahme des Succeß? — Liest Du
gern, Eberhardine?“

Ich bekannte, daß ich noch garnichts gelesen,
mir die Freiheit zum Lesen aber längst gewünscht
habe.

„So benutze die Schloßbibliothek,“ versetzte die
Gräfin. „Sie enthält das Lesenswerthe bis um die
Mitte des Jahrhunderts. Ich selbst habe nicht den
Sinn mehr für Lectüre, auch nicht die Zeit. Schone
die Einbände und stelle die Bücher regelmäßig wieder
an ihren Platz. Die Ordnung darf nicht gestört werden. Der Catalog macht die Auswahl leicht. Stößt
Du auf Romane: Dir schaden sie nicht. Au contraire! Verlangst Du Neueres oder Deutsches, so
wende Dich an den Prediger. Persönlich kenne ich
ihn nicht, nach seinen Eingaben jedoch scheint er —
ein wenig Phantast, — aber ein instruirter Mann.
Suche ihn auf, halte Dich an ihn. In Dir ist kein
Boden für philanthropische Phantasmen; zur Betrachtung haben sie immerhin ihren Werth.“

So war es denn auch noch ein zweiter Lebensborn, der sich in Reckenburg für mich erschloß, wenn
mir auch nicht die natürliche Befriedigung des ersten
aus ihm entgegenquoll.

In der Bibliothek fand ich, — außer genealogischen und heraldischen Sammlungen, die ich unberührt ließ, und Italienern, die ich nicht verstand, —
zwar lediglich Franzosen; aber das, was eine große
Nation in ihrer größten Epoche hervorgebracht hat,
würde schon hingereicht haben, eine junge, durstige
Seele für lange Zeit zu stillen. Und dazu trat nun
noch von vornherein der Pfarrer mit seinen geliebten
jungen Deutschen. Am Sonntag Morgen hörte ich
ihn predigen und am Nachmittag klopfte ich an seine
Thür.

Ich war ein Kind an Lebenserfahrung und aus
einem härteren Stoffe geformt, als er. Gleichwohl
brachte ich schon aus dieser ersten Begegnung in Amt
und Haus das bedrückende Vorgefühl einer verfehlten
Existenz. Je länger ich ihn aber im Dienste einer
leiblich und geistig verwilderten Gemeinde kennen
lernte, den milden, sinnvollen Menschen und Christen,
dessen Grundneigung auf ein edles Maaß und harmonische Bildungen gestellt war, unverstanden, ungeliebt, die liebenswertheste und liebevollste Natur, um
so lebhafter fühlte ich in seiner Nähe buchstäblich ein
körperliches Weh, und so viel ich persönlich an ihm
verlor, ich fand keine Ruhe, bis ich ihn an einen
Platz gestellt wußte, wo seine Lehre und sein Vorbild
in empfänglicheren Gemüthern zünden durften.

Und nun zählt zu des Priesters verhallendem
Wort die jammervoll leere Hand des Menschenfreundes. Einer, der nur geben, immer geben, unberechnet hätte geben mögen, und der sich mit einer
bettelarmen Gemeinde um magere Zinshähne und karge
Beichtgroschen streiten mußte, wenn er nur das Dürftigste zu geben haben wollte. Zählt dazu endlich den Mangel eines häuslichen Heerdes: die geliebte Gattin todt,
den einzigen Sohn ferne auf eigenen, rauhen Wegen.
Wahrlich, der Mann hätte versiechen müssen wie in
der Wüste ein Quell, wenn nicht in unserer jungaufstrebenden Literatur sich eine Welt für seine freudige
Beschaulichkeit eröffnet hätte. Mit dem Blicke des Humanisten und des Menschenfreundes folgte er auch
den wildwuchernden Trieben jener Zeit, und sein Herz
schlug in höchster Beseligung, wenn er etwas dauernd
Edles für sein der veredelnden Schönheit so bedürftiges Volk entdeckt hatte; am reinsten aber strahlte
seine Freude, sobald er sie, sei's auch nur einen
schwachen Wiederstrahl erwecken sah.

Er empfing daher das anklopfende Kind wie
einen Sendling Gottes, denn bis zu einem gewissen
Grade fand er in ihm Aufmerksamkeit und Verständniß für seine Welt. Jeden Nachmittag von diesem
ersten ab, kehrte ich in seiner Klause ein; jeden Abend
führte er mich zurück bis an die Schwelle jener anderen Klause, in welcher eine Eremitin entgegengesetzten Schlags ihre Weisheit vernehmen ließ, und seine
Hoffnung wurde nicht müde, wenn auch die Lehren
des alten Weltkindes eindringlicher als die des platonischen Weltjüngers in beider Zögling hafteten.

So war ich denn in doppelter Weise in die hohe
Schule der Reckenburger eingeführt und wenige Studiosi werden sich rühmen dürfen, so selten ein unkluges oder verbrauchtes Wort von ihren Meistern gehört zu haben. Am lautesten und erweckendsten aber
sprach mir die Dritte in dem bildenden Bunde: die
Natur? — nein, mit dem stolzen Namen nenne ich
sie nicht, aber meine von Tage zu Tage inniger vertraute, altväterliche Flur. In ihr wußte ich mich auszufinden, in ihr kannte ich Weg und Steg, sie wurde
die Welt, in der auch ich eines Tages zur Eremitin
werden sollte. Die ursprüngliche Neigung meines
Wesens trieb mich nicht in die Gesellschaft und nicht
in den Büchersaal; sie trieb mich in einen Winkel
heimischer Erde, in dem ich mir eine Werkstatt gründen durfte.

Indessen machte ich Fortschritte und meine kluge
Tante war nicht spröde, dieselben zu verwerthen.
Bald sah ich mich von der akademischen Lernfreiheit
in Comtoir und Schreibstube abgelenkt. Ich sagte
bereits, daß ich gleich in den ersten Tagen zum Dolmetscher ihrer mündlichen Befehle berufen ward. Die
knappe, präcise Art, mit welcher Meldung und Gegenmeldung ausgerichtet wurden, nicht minder die
Schwäche, welche häufig genug die Feder aus der
Hand der unermüdlichen Greisin sinken ließ, erweckten den Versuch auch im schriftlichen Gebiet. Bald
vollzog ich unter ihrem Dictat die Anweisungen und
Antworten an Beamte, Gerichtshalter, Behörden und
so weiter; mit rascher, deutlicher Handschrift wurde in
wenigen Minuten expedirt, womit die zitternden Finger sich tagelang abgequält hätten, und nach wenigen
glücklich gelösten Stylproben sah ich mich zum selbstständigen Secretair der Reckenburg aufgerückt.

Noch aber lag das Heiligthum des geheimnißvollen Cassabuchs unenthüllt auch vor meinen Blicken
und just für dieses Alpha und Omega ihres Tageslaufs bedurfte die glückliche Sammlerin am dringendsten eines zuverlässigen Disponenten, so daß am Ende
auch aus dieser Noth eine Tugend gemacht werden mußte.

Ich will Euch, meine Freunde, nicht des Breiteren mit meiner Reckenburger Lehrzeit beschäftigen,
zumal ich in meiner Darstellung weit über die Gegenwart hinausgegriffen habe. Alles in Allem: ich
wurde im Laufe der Jahre die rechte Hand der Gräfin
in ihrem weitläufigen Geschäftsverkehr, sie erzog sich
in mir einen Verwalter. Täglich arbeitete ich einige
Stunden unter ihren Augen in dem verrufenen Thurmgemach und so geschah es, daß nach Innen wie Außen
ich, und ich allein, den Werth eines Besitzthums kennen lernte, welches eines Tages anzutreten ich weder
ein Recht, noch eine Aussicht hatte.

Denn so fest ich mit der Zeit in das Vertrauen
der Greisin hineinwuchs, darüber konnte ich mich nicht
täuschen, daß nur ihr Verstand, nicht das Gemüth
sich der Verwandtin zuneigte, die sie immer näher an
sich zog. Sie half ihr arbeiten, weiter nichts. Nur
eines Menschen Schicksal kümmerte sie noch auf Erden, nur im Hinblick auf einen Menschen ruhte die
Seele aus.

Ich aber mit dem natürlich spröden Herzen, wie
hätte ich mich einem Wesen anschließen sollen, das
mir so wenig entgegentrug? Ich schätzte sie nach
einem anderen Maaßstabe, als die Welt es that; ich
bildete mich in wesentlichen Punkten an ihrer Erfahrung, aber selber eine dankbare Empfindung ward
nicht herausgefordert, denn ich leistete ihr mehr, als
sie gewährte, und ich leistete es ohne Eigennutz. Geliebt habe ich die einzige Verwandtin so wenig, als sie
mich. Zwischen dem alten Idealisten im Pfarrhause
und der alten Realistin im Thurm entwickelte sich die
Jungfrau als ein herzensarmes Ding, so, ja mehr
noch, wie vordem das Kind in der Schulstube Christlieb Taube's, neben der kleinen reizenden Dorl.

Als die vorausbestimmte Zeit meiner Heimreise
heranrückte, machte die Gräfin mir und den Eltern
den Vorschlag meiner Rückkehr im nächsten Winter.
Sie sprach ihn aus in weniger herablassender Form,
aber doch nur als eine Gunst, keineswegs als einen
Wunsch. „Wie Du einmal bist,“ sagte sie, „ist es
gut für Dich, der kleinstädtischen Beschränkung Deines Vaterhauses zeitweise entrückt zu werden und
Dich in einer größeren Lebensordnung bewegen zu
lernen.“

Verlockender war die Einladung, welche an die
wiederholentlich bewährte Leibpflegerin, „Madame Müllerin“, erging. Sie sollte zwar während des Sommers, der guten gräflichen Saison, mich in die Heimath zurückbegleiten, zum Herbst aber mit mir wiederkehren und sich dauernd in Reckenburg niederlassen.
Ein fixer Gehalt für den Dienst im Schlosse wurde
bewilligt, und zu freierer Bewegung in ihrer Kunst
— den im Dorfe erledigten Posten einer Wehmutter
eingeschlossen — das Waldhäuschen eingeräumt, das
ursprünglich für den fürstlichen Hundewärter errichtet
worden war, da aber der Fürst mit seiner Meute
ausgeblieben, nicht als unveränderliches Erhaltungsinventar betrachtet zu werden brauchte. Ein Gärtchen, ein Stück Ackerland, freier Holzbedarf boten
nicht minder lockenden Vortheil, und so sehen wir denn
im folgenden Herbst Muhme Justine zur Zufriedenheit eingerichtet, und als Helferin bei jeglicher Leibesnoth in Schloß und Umgegend hochgeehrt. Die Tränke,
welche sie aus selbstgesammelten Kräutern zu brauen
verstand, halfen für Fieber und Verschlag, und halfen sie einmal nicht, so hatte der liebe Himmel es
eben anders bescheert, und die des Doctors würden
noch weniger geholfen haben. Mit den Apothekern
der Umgegend wurde ein lebhaftes Droguengeschäft
unterhalten; so fleißig die Hände sich rührten, sie langten kaum aus, den vielseitigen Ansprüchen zu genügen. Die Alte im Grafenschloß und die Alte im
„Hundehaus“ wetteiferten in jener Zeit in der Kunst
des Aufsammelns und Sparens. Mir aber, dem
Glückskinde, wenn mir aller Traumkunst zum Trotz,
die Millionen der reichen Tante entschlüpfen sollten,
die Hunderte der armen Muhme würden mir nicht
entgangen sein.

Als ich wenige Tage vor meiner Heimreise von
meiner Morgenwanderung in das Schloß zurückkehrte
— daß ich es eingestehe, beklommenen Herzens, weil
ich die Saaten, die ich legen und sprießen sah, nicht
auch reifen und ernten sehen sollte, — überraschte mich
ein lebhaftes Treiben, ein ungewohntes Gebrodel wie
von Braten und Backwerk in den Wirthschaftsräumen. Ein Stückfaß wurde aus dem Keller in die
Gesindestube getragen, Frauen und Kinder der Beamten gingen beladen mit Weinflaschen und Kuchenkörben nach ihren Behausungen zurück; lange Tafeln für
die Tagelöhner des Gutes standen gedeckt und reichlich besetzt. Ich fragte nach der Ursache dieser verwunderlichen Gastlichkeit und männiglich wurde mir
geantwortet, daß heute der Festtag der Reckenburg gefeiert werde. Wessen Festtag? Der Kalender nannte
keinen; der Einzugstag der Gräfin fiel in den hohen
Sommer; ihr Wiegenfest wurde mit Stillschweigen
übergangen, da sie es nicht liebte, an ihr Alter erinnert zu werden. Der gefeierte Gegenstand war ein
Geheimniß, wie so vieles auf der Reckenburg.

Auch die herrschaftliche Tafel ward reich servirt,
Wein nicht nur aufgesetzt, sondern auch getrunken.
Beide Heiducken versahen den Dienst. Die Gräfin
trug einen neuen Sammetmantel und eine stolze Straußenfeder auf ihrem spanischen Hut; ein schier verächtlicher Blick streifte mein tägliches Kleid, — (noch immer von dem grasgrünen, unverwüstlichen Rasch).
Als der Braten gereicht ward, ließ sie ihr Glas mit
Champagner füllen, stieß mit mir an, und sagte feierlich; „Auf Sein Wohl!“

„Auf wessen Wohl?“ fragte ich verwundert.

Ein zweiter, mehr als verächtlicher Blick wurde
mir zugeschleudert. Was besagten meine Studien in
der Bibliothek, wenn ich Stammbäume, genealogische
Tabellen und Urkunden so wenig gewürdigt hatte, um
über das wichtigste Datum der Reckenburg noch in
Zweifel zu sein?

„Der zwanzigste April, Prinz August's Geburtstag,“ sagte sie scharf, nachdem sie ihr Glas auf einen
Zug geleert hatte, und da sie aus meinen Mienen
sehen mochte, daß sie das Räthsel mit einem neuen
Räthsel gelöst, setzte sie hinzu: „Der Sohn meines
hochseligen Gemahls und der letzte seines durchlauchtigen Hauses. Gott erhalt' ihn!“

Zum erstenmale hatte die Gräfin den Namen
ihres Gemahls vor mir genannt und zum erstenmale
dämmerte mir die Ahnung, welchen Erben sie sich erkoren, vielleicht schon ernannt haben mochte.

Als ich der Mutter später von dem Festtage der
Reckenburg erzählte, sagte sie: „Ich habe niemals
daran gezweifelt, daß die Gräfin nur zu des Prinzen
Gunsten unsere Reckenburg so herrschaftlich erweitert hat.“

„Für den Mosjö Sausewind?“ versetzte lachend
der Vater; „nun weiß Gott, saurer als seinem Herrn
Papa wird sie ihm das Durchbringen nicht werden
sehen!“

„Nicht bei ihren Lebzeiten und jedenfalls nur als
Fideicommiß; deß aber sei gewiß, Eberhard, die
Gräfin läßt ihre Herrschaft nur in fürstlichen Händen.“

Fünftes Capitel.
Der Kehraus.

Der regelmäßige Briefwechsel zwischen den Eltern
und mir war nichts weniger als communicativer Natur gewesen. In herkömmlichen Redensarten wurden
gute Lehren gegen Versicherungen des Gehorsams ausgetauscht und das gegenseitige Wohlbefinden wünschend
und lobend erwähnt. Vertrauliche Plaudereien schwarz
auf weiß würden gegen die Würde des Verhältnisses
verstoßen haben. Da gab es denn mündlich Mancherlei zu berichten und zu berichtigen, was die ersten
Tage des Wiederzusammenlebens füllte. Bald aber
sollte ich inne werden, wie richtig mich meine alte
Reckenburgerin erkannt. Ich hatte mich in der einsamen Freiheit ihres Hauses dem kleinstädtischen Wohnstubentreiben der Heimath bereits entfremdet.

Auch zwischen der „allerunterthänigsten Magd,
Dorothee Müllerin,“ und der „treugesinnten Eberhardine von Reckenburg“ war ein glückwünschender
Neujahrsgruß, wie aus dem Complimentirbuche geschnitten, gewechselt worden. Jetzt fand ich meine
kleine Kameradin in ihrem behaglichen Mädchenstübchen und bräutlichen Wittwenstande unverändert wieder. Man merkte kaum, daß sie in dem Halbjahre
vollkommen zur Jungfrau erblüht war, so rund und
kindlich waren Formen und Ausdruck geblieben. Sie
putzte sich zierlicher als alle Bürgerstöchter, pflegte
Blumen und Vögel, stickte Flitterschuhe und Tellermützendeckel, mit deren Erlös sie das Budget für ihr
Tändelwerk erhöhte; sie backte wohlschmeckende Kringel und Bretzelchen, welche in der Weinstube ihres
Vaters guten Absatz fanden, und hatte sich zur Ausfüllung der bei alledem reichlichen Zeit auf die Lectüre geworfen. Mit glühenden Wangen sah ich sie
die verwegenen Ritter- und süßlichen Liebesgeschichten
der Leihbibliothek verschlingen, hörte auch, daß sie sich
im Laufe des Winters fleißig der Musik gewidmet
habe. Der zärtliche Christlieb Taube kam allsonntäglich zu einer Stunde im Guitarrenspiel von seinem
unfernen Schuldorfe in die Stadt, und zweifle ich
nicht, daß diese Stunde ihm die angenehmste der
Woche gewesen sei. Da zwitscherte denn die Dorl
mit ihrem Lerchenstimmchen die Arien, welche der modischen Lectüre entsprachen: „vom Kühnsten aller Räuber, den der Kuß seiner Rosa weckt,“ oder „von dem
Robert, den Elise an ihr klopfendes Herz“ ruft.

„Jungfer Ehrenhardine“ schüttelte gar weise den
Kopf. Denn wenn auch die Kleine diese Bedenklichkeiten mit der kindlichsten Unschuld las und sang, ohne
es zu wissen, that sie es aus Langeweile, der recht
eigentlichen Mutter weiblicher Schuld. Sie bewunderte meine Gelassenheit bei der Nachricht, daß ein
Trauerfall in der landesherlichen Sippe laute Lustbarkeiten für die Donnerstagsgesellschaft während des
Sommers verbiete. „Ich möchte Sie nur ein einziges Mal tanzen sehen, Fräulein Hardine,“ sagte sie
seufzend, „oder nur ein einziges Mal selber wieder
tanzen wie sonst mit dem gnädigen Herrn Papa.“

Der Faber hatte zum Weihnachtsangebinde eine
schöne Granatschnur geschickt und als Gegengeschenk
eine Perltasche für sein Verbandzeug erhalten. „Einen
Tabaksbeutel hätte ich viel lieber gestrickt,“ meinte
die Dorl. „Aber er raucht ja nicht; er kennt ja kein
Vergnügen, als seine gräßlichen Messer und Zangen.“
Im Uebrigen studirte und praktizirte Siegmund Faber unverdrossen weiter, rechnete auch ebenso unverdrossen auf das blutige Uebungsfeld eines Operateurs.

„Es wird eine Weile währen, ehe wir zu einander kommen,“ sagte lachend die Dorl, „aber ich kann's
ja abwarten.“

„Das Kind hält sich musterhaft,“ versicherte mein
Vater, und die Mutter konnte dem Lobe nicht widersprechen. Muhme Justine aber bemerkte kopfwiegend:
„Man soll den Jungfernkranz nicht rühmen, bis man
ihm die Hochzeitsmütze übergestülpt.“

Die zweite Trennung von Hause war allerseits
kein halber Tod, nachdem die erste so ungefährlich
abgelaufen. Auch von dem zweiten Reckenburger Aufenthalt würde nichts Neues zu berichten sein. Als er
sich zum Ende neigte, machte mir die Gräfin den Antrag, auch den Sommer hindurch und für alle Zeit
bei ihr zu bleiben. Ich sagte rundweg nein. Denn
wohl muthete das thätige Treiben auf Reckenburg mich
freudiger an, als die stille Beschränkung des Elternhauses, nimmermehr aber würde ich mein Heimathsrecht und meine Heimathspflicht in demselben freiwillig aufgegeben haben. Der Gräfin dahingegen, obgleich sie mich ungern entbehrte, muß ich nachrühmen,
daß mein Freimuth sie nicht verletzte, ja daß diese
rücksichtslose Ehrlichkeit es war, der ich die raschen
Fortschritte in ihrem Vertrauen zu danken hatte. Ich
ging schon in dieser Zeit unangemeldet bei ihr aus
und ein, und der Riegel wurde nicht mehr vorgeschoben, wenn sie mich im Vorzimmer wußte.

Wie bedeutend diese Fortschritte waren, sollte ich
jedoch erst am Vorabend meiner zweiten Heimreise,
der mit dem solennen Prinzenfeste zusammenfiel, gewahr werden. Die Gräfin war den Tag über so guter Laune, wie ich sie noch niemals gesehen hatte.
Sie erhielt eine ihrer geheimnißvollen Dresdener Correspondenzen, die sie lächelnd las und wieder las.
Ich bemerkte, daß sie ein Miniaturbild mit Wohlgefallen betrachtete und dann sorgfältig verschloß. „Schön,
— schön, — wie Er!“ hörte ich sie murmeln, und
dann ein andermal: „Jung Blut hat Muth!“ Ja,
als ich nach der üblichen Mittagsruhe bei ihr eintrat,
kam ich auf den sträflichen Gedanken, hochgräfliche
Gnaden haben sich im festlichen Champagner einen
Spitz getrunken. Sie saß mit halbgeschlossenen Augen
im Lehnstuhl und trällerte ganz munter ein Liebesliedchen, als dessen Dichterin die schöne Aurora von Königsmark genannt worden ist:

„Die Liebe zündet Herzen durch der Augen Kerzen,
Im Anfang ist's ein Scherzen, dann folget Pein“

Der Eindruck war mir widerlich; ich machte ein
Geräusch und die Alte bemerkte mich. Noch murmelte sie:

„Sie zwingt den Muth, sie dringt in's Blut,“

dann schlug sie das Hauptbuch auf und wir rechneten
noch eine Stunde miteinander, um die laufenden Geschäfte vor der Reise abzuschließen.

Nach dem Souper folgte ich ihr zum Abschied in
ihr Kabinet. „Du bist siebenzehn Jahre alt, Eberhardine,“ sagte sie, „und es könnte sich auch in Deiner
kleinen Stadt eine Gelegenheit finden, bei welcher eine
standesmäßige Toilette geboten ist. Ich habe Dir
eine solche bestimmt, die für mich angeschafft aber nicht
benutzt wurde. Sie wird sich für Dich zweckentsprechend arrangiren lassen. Du findest den Carton
in Deinem Zimmer. Oeffne ihn erst, wenn Du
heim kommst, daß der Stoff sich nicht unnöthig zerdrücke.“

Ich küßte ihre Hand mit aufrichtigem Dank.
Immerhin war es ja ein Akt des Heroismus, sich von
einem in Reckenburg eingeführten Gegenstande zu trennen. Heimlich aber mußte ich darüber lächeln, daß
der Anzug einer angehenden Matrone fast ein halbes
Jahrhundert später für ein junges Mädchen arrangirt
werden sollte, das sie um mehr als Kopfeshöhe überragte.

Die Gräfin fuhr fort: „Du bist weder schön,
noch passionirt genug, Eberhardine, um jugendliche
Wallungen zu entzünden. Deines Herzens bin ich
sicher. Hüte Dich aber vor einer vernunftmäßigen
Versorgung nach dem Zuschnitt Deines elterlichen Lebens. Ich sehe Höheres für Dich voraus. Deine
Tournüre ist comme il faut; Geist und Körper zeigen die Kraft, welcher die Stammmütter großer Geschlechter bedürfen. Ich wiederhole es: Du bist
nicht bestimmt, Neigung zu wecken und zu befriedigen,
Du bist bestimmt, Achtung und Vertrauen zu fesseln,
nachdem die Leidenschaft ausgeschäumt. Nicht heute
oder morgen allerdings; aber Du zählst erst siebenzehn,
und ich wurde dreißig Jahre, bevor ich mein Ziel erreichte. Auch Du wirst es erreichen. Präge Dir die
Wappen ein, die über Reckenburg vereinigt stehen und
halte fest daran, daß sie sich zum zweiten Male vereinigen sollen, dauernd vereinigen müssen. Halte
Dich brav, Eberhardine. A revoir!“

Das also war's! Das der heimliche Plan der
alten Häuptlingin, als sie die Letzte ihres Stammes
zur Prüfung unter ihre Augen lud; das das Zeugniß, daß sie ihre Probe bestanden hatte: das fürstlichfreiherrliche Wappen, mit der obligaten Grafenkrone
in Permanenz über der Reckenburg! Die letzte Reckenburgerin und der Letzte eines erlauchten Fürstenhauses
die Gründer eines neuen, reichbegüterten Geschlechts!

Ei nun, es war eine Greisenschrulle, würdig der
eisenfesten Erhalterin; aber eine gar anmuthende Schrulle
auch für einen jugendlich Reckenburg'schen Puls. Und
wenn es zuviel behauptet wäre, daß der schöne, prinzliche Zukünftige ihr im Traume erschienen sei: ein
Paar Stunden gewohnter Nachtruhe hat er seiner
Braut in spe wahrhaftig gekostet.

Mein heuriger Reisebegleiter war der Prediger,
der sich durch kleine literarische Arbeiten ein Paar
freie Freudentage erkauft hatte. Es galt einen Besuch
bei seinem in Leipzig studirenden Sohne; es galt
nebenbei einen Blick in den neusten Meßcatalog und
in die antiquarischen Schätze der Metropole deutscher
Bücherwelt. Mein frohmüthiger Freund hoffte, diese
Meßfahrten halbjährig erneuern zu können und wir
verabredeten zum Voraus die gemeinsame Rückreise
im Herbst.

Ohne Zweifel würde mir nun dieses zweitägige
Beieinander mit dem lieben, lehrsamen Herrn die ersprießlichsten Dienste geleistet haben, wenn zwischen
die neuen spanischen Helden unseres Schiller und die
metrischen Fehden von Lichtenberg contra Voß nicht
immer von Neuem der zudringliche prinzliche Störenfried gefahren wäre. Die alte Reckenburgerin hatte
wohl Recht: ihre erkorene Nachfolgerin war nicht
eben entzündlicher Imagination und die Warnungstafel mit dem späten, ehelichen Correctiv war auch
nicht zum Ueberfluß aufgestellt; bei alledem aber war
es ein feuergefährliches Spielwerk, das sie siebenzehnjährigen Sinnen anvertraut hatte. So oft Dame
Weisheit den Verführer aus dem Felde schlug, lispelnd
und lächelnd gaukelte er sich immer wieder ein. Chassez
le naturel, il retourne au galop!

Ich wußte von dem jungen Herrn nichts, als
daß mein Papa ihn einen Sausewind genannt hatte,
und daß die Andeutungen der Gräfin diesem Epitheton
nicht widersprachen. Die Begierde ein Mehreres über
ihn zu erfahren, prickelte mich bis in die Zungenspitze.
Ich machte endlich kurzen Proceß und platzte mit der
Frage: was von dem Stiefsohne meiner Tante zu
halten sei? mitten unter die idyllische Gesellschaft im
ehrwürdigen Pfarrhause von Grünau.

Der ehrwürdige Pfarrherr von Reckenburg stutzte.
Er kannte den Prinzen natürlich nicht; er kannte ja
nicht einmal die Gräfin und war weit davon entfernt,
in dem Sohne des Ungetreuen seinen dermaleinstigen
Patron zu vermuthen. Angeregt durch einen Zeitungsartikel, hatte daher nur ein Zufall ihm vor Kurzem
flüchtige Kunde über ihn zugetragen.

Der junge, schöne Prinz, — einen Antinous
nannte ihn das Gerücht, — leichtlebig, zu galanten
Abenteuern geneigt und daher mit seinen knappen Finanzen ärgerlich verwickelt, hatte längst schon über die
methodischen Anforderungen des kurfürstlichen Hofes,
dem er sich als Verwandter, Mündel und Militair untergeordnet sah, Verdruß und Langeweile zur Schau getragen, und ein Heißsporn in den Kauf, war er bei
dem lässigen Ausgang der Monarchenversammlung zu
Pillnitz im verflossenen Herbst in offene Empörung
ausgebrochen. Er entwich heimlich von Dresden, um
an dem Hoflager des Kurfürsten Klemens in Koblenz
eine anregendere Kameraderie zu suchen. Hier in das
frivole Treiben der Emigrirten bedenklich verwickelt,
hatte er sich in eine Schuldenlast gestürzt, welche weder
die Verwandtschaft von Kursachsen, noch von Kurtrier zu honoriren geneigt war. Vor Kurzem sollte
er nun summarischen Befehl zur unverweilten Rückkehr
nach Dresden erhalten haben, und hoffte man, auf
diese Weise bei dem sich vorbereitenden Kreuzzuge gegen
den fränkischen Jakobinismus, vor einer compromittirenden Theilnahme des fürstlichen Parteigängers sicher
gestellt zu sein.

„Es hat sich,“ so schloß der Prediger sein Referat, „es hat sich nach anderthalbhundertjährigem
Schlummer im deutschen Walde ein treibender Sturm
erhoben. Oben in den Wipfeln rauscht's und braust's,
während das Wurzelland, ein breiter, dumpfer Weideplatz, noch der umarbeitenden Pflugschaar harrt. In
der Gelehrtenwelt, in Kunst und Poesie, allerorten
sehen wir einzelne Spitzen, unverstanden, oder falsch
verstanden, die Menge überragen. Auch in unseren
ungezählten Dynastengeschlechtern thut sich dieses jache,
ungleichartige Drängen kund. Wie viele sind ihrer
nicht, die einen genialischen Sprossen getrieben haben?
Sehen sich diese Sprößlinge nun als Erben eines
Throns, wie Friedrich, wie Joseph, oder auf anderem
Gebiete, wie der edle Weimaraner, so werfen sie sich
auf zu Bahnbrechern einer neuen Ordnung, um je
nach Kräften, Verhältnissen und Temperament in
ihrem Streben zu siegen, oder unterzugehen, immerhin
aber einen Keim zu legen, der der Zukunft Früchte
tragen wird. Sind es Nebenschößlinge wie dieser,
jüngere Söhne ohne Land und Macht, aber in fürstlicher Blendung, in fürstlicher Absonderung aufgewachsen, so sehen wir sie nur allzuhäufig als taube
Blüthen vom Mutterbaume ab- und dem Gesetze verfallen, welches jede Kraft, die nicht That wird, zum
Wahne werden läßt. Abenteurer und Tollköpfe, Lüstlinge und Sonderlinge, Dilettanten und Pfuscher, Freigeister und Geisterseher rütteln sie für sich selbst an
den Schranken, welche Sitte und Herkommen bis
heute geheiligt haben, ohne für die Freiheit und Wohlfahrt der Anderen eine einzige zu durchbrechen. Höher
hinauf können sie nicht; in die Breite und Tiefe wollen
sie nicht, oder dürfen sie nicht. Sie bleiben eben
Prinzen, das heißt Exceptionen, denen kein Feld des
Ruhmes und der Thatkraft angewiesen ist, als das
blutige Leichenfeld, das auch zur Stunde, und Gott
weiß bis zu welcher Stunde unser kaum erwachtes
Vaterland von Neuem zu erstarren droht.“

Das waren nun freilich Belehrungen, welche die
Reckenburger Chimäre ihres blendenden Zaubers entkleiden durften, und als ich, von Leipzig ab allein, in
meiner bescheidenen Zurückgelegenheit heimwärts gerüttelt ward, da zerstoben denn auch die bunten Seifenblasen vor dem nüchtern geschulten Blick. Würde,
so fragte ich mich, der tollmüthige, ritterliche Antinous
um schnödes Geld und Gut sich der Verbindung mit
einem unschönen, unstandesmäßigen Fräulein, das er
nicht einmal kannte, unterwerfen? Würde die alte
Reckenburgerin auf diese Verbindung bestehen, dem
Sohne eines Mannes gegenüber, der ihr Stolz und
ihre Lust, der offen und geheim der Regulator ihres
Lebens gewesen war? Endlich aber, wenn sie auf
die Bedingung bestand, wenn er der Noth sich unterwarf, würde das unschöne, unbekannte Fräulein sich
bedingungsweise einem Manne in den Kauf geben lassen,
der sie mit widerwilligem Gemüthe empfing? Nein,
dreimal nein! Nicht um den Besitz eines fürstlichen
Antinous; nicht um den Besitz der Reckenburg und
aller Herrschaften der Welt. Nimmermehr!

Mit diesem herzhaften Strich durch alle gaukelnden Hirngespinnste und mit dem Vorsatz, mich durch
keine Andeutung der matrimonialen Schrullen auf der
Reckenburg lächerlich zu machen, betrat ich mein Elternhaus. Bei alledem wird mir eine rückfällige Schwachheit zu verzeihen sein, als gleich nach der ersten Begrüßung, der gute Papa mir mit der Frage entgegenfuhr: „Wußte die alte Gnädige schon, meine Dine,
daß ihr Erbprinz hiesigen Orts auf Strafcommando
versetzt worden ist?“

In Wahrheit, mir schwindelte. — „Prinz August
hier, — hier?“ — stammelte ich.

„Noch nicht,“ versetzte die Mama, nach einem
Räuspern, das allemal eine gelinde Rüge für den
Herrn Gemahl bedeutete. „Noch nicht. Doch darf
er jede Stunde erwartet werden. Er ist als Major
dem Regimente aggregirt worden, mithin Papas unmittelbarer Vorgesetzter, wie Manche wissen wollen,
um seine etwas brouillirten Verhältnisse in der kleinen
Garnison wiederherzustellen. Ich für mein Theil bin
der Ansicht, daß man ihm ein selbständiges Commando
zugedacht und daß man unseren Ort gewählt hat, weil
das wohleingerichtete Schloß ein standesmäßiges Logement gewährt.“

„Bis zum Donnerstag ist er jedenfalls einpassirt,“
setzte der Vater hinzu. „Die Gesellschaft arrangirt
ihm zu Ehren ein Pickenick, einen bal champêtre.“

„Einen Empfang, Eberhard,“ verbesserte die Mutter.

„Meinetwegen einen Empfang,“ fuhr der Vater
heiter fort. „Auf alle Fälle werden die Damen an
dem Tage seine Bekanntschaft machen und endlich einmal wird eine frohe Stunde auch für unsere arme,
brave Dine gekommen sein.“

„Wir werden uns nun unverzüglich mit Deiner
Toilette zu beschäftigen haben,“ hob die Mutter an,
wurde aber durch die Meldung eines Damenbesuchs
in der hochwichtigen Pickenickangelegenheit unterbrochen. Ich war noch im Reisekleid und durfte mich
in mein Zimmer zurückziehen.

Sollte ich denn über den verwünschten Prinzen
nimmermehr zur Ruhe kommen? Kaum ist das Traumbild verscheucht, steht er leibhaftig vor mir aufgepflanzt.
Hatte die Gräfin um diese Begegnung gewußt, ihre
Pläne darauf gegründet? War es ein Glücksfall von
denen, welche die Seherin der Familie in Karten und
Kaffeesatz vorausgeschaut? Waren die Reckenburg'schen
Bedingungen wohl schon dem armen, bedrängten, jungen
Herrn insinuirt?

Nun auch mit einem leibhaftigen Störenfried läßt
sich fertig werden und schneller häufig als mit einem
Hirngespinnst, wenn nur das Rüstzeug des Stolzes
scharf geschliffen ist. Ich war mit dem meinigen fertig,
ehe noch unten die große Conferenz abgelaufen war.

Ein leichter Schritt auf der Treppe brachte mich
vollends in das natürliche Geleis zurück. Es war
Dorothee, die mich nicht vor dem morgenden Tage
erwartet hatte und von einem Ausgange zurückkehrte.
Jetzt erst legte ich die Reisekleider ab, öffnete dann,
meine Nachbarin zu überraschen, leise die Thür und
stand eine Weile unbemerkt auf ihrer Schwelle.

Die rege, behende kleine Dorl saß am Fenster,
das Köpfchen in die Hand gestützt, sie, die ich immer
nur lachen und plaudern gehört, sie — seufzte; sie
schien mir bleicher, als da ich sie verlassen hatte, das
Auge weiter, fragender geöffnet und von einem bläulichen Schatten umringt. Die Blumen auf dem Fensterbrett hingen durstig die Köpfe, die Zeisige im
Bauer flatterten unruhig nach Futter. Ihre fröhliche Pflegerin hatte sie versäumt.

Sobald sie jedoch meiner ansichtig ward, da goß
sich der gewohnte blühende Lebenshauch über die liebliche Gestalt. Sie stürzte mit einem Freudenschrei an
meine Brust. „Hardine!“ jubelte sie, „Fräulein Hardine, o, nun ist Alles wieder gut!“

„Was ist gut?“ fragte ich, indem ich mich zu
ihr setzte und ihre Hand faßte. „Hast Du Kummer,
Dorothee?“ Sie schüttelte den Kopf. „Oder Sorge?
Um den Faber etwa?“

„Um den Faber? ach, was weiß ich von dem!
Der schneidet Krüppel und Leichen und bald zieht er
in den Krieg. Um mich kümmert er sich nicht so viel.“
Sie schnippte lachend mit der Hand.

„Schreibt er Dir denn nicht?“

„Alle Jahr zweimal, zum Geburtstag und zum
heiligen Christ.“

„Und Du?“

„Was soll ich ihm schreiben? Ich erlebe ja
nichts. Ich bedanke mich für sein Angebinde, schicke
ihm auch eins und damit gut.“

„Aber was fehlt Dir denn, liebe Dorothee?“

„Was mir fehlt? Ich glaube nichts. Ein wenig Freude vielleicht. Aber ich weiß es nicht. Sie
haben ja auch keine Freude, Fräulein Hardine.“

„Du beschäftigst Dich nicht genügend, Kind,“
mahnte ich.

„Mit was soll ich mich denn beschäftigen?“ versetzte sie, „ich thue, was ich kann.“

Ich mußte schweigen. In der That, was sollte
sie thun in ihrer bräutlichen Freiheit und Beschränkung? Undeutlich ahnte ich auch, daß Arbeit nicht
das Mittel sein würde um dieses Dasein auszufüllen.

„Aber was möchtest Du denn, Liebe?“ fragte ich
nach einer Pause.

„Ich möchte leben!“ rief sie mit jenem unbeschreiblichen Impuls, mit welchem sie damals im Garten: „Gut sein, Hardine, heißt Gottes Kind sein!“
gerufen hatte.

Und wie sie damals in rascher Wandlung sich
auf die ersten Veilchen stürzte, um die Freundin mit
ihnen zu schmücken, so stürzte sie sich heute auf deren
Hände, drückte sie an ihr Herz und frohlockte: „O,
aber nun habe ich Sie wieder, Fräulein Hardine, nun
bin ich nicht mehr allein, nun bin ich vergnügt und
glücklich wie sonst!“

Gleichwohl verließ ich sie mit dem Vorgefühl
nahender Schmerzen. „Dörtchen sieht nicht mehr so
frisch aus, wie im Herbst,“ sagte ich, als ich zu den
Eltern zurückkehrte und der Vater entgegnete:

„Kein Wunder! Sie langweilt sich, die arme
kleine Dorl. Schön wie ein Bild, siebenzehn Jahre
und immer das nämliche, freudlose Einerlei!“

„Hat unsere Tochter etwa mehr Freude von ihrer
Jugend, Eberhard?“ fragte die Mutter scharf.

Der Vater streichelte meine Backen und ich sah
es wie einen Nebel über seine Augen fliegen. „Unsere Dine, unsere brave, gute Dine!“ sagte er bekümmert. „Verdammtes altes Hexennest! Ging's nach
mir — —“ Er vollendete den Satz nicht, denn Frau
Adelheid hatte ein warnendes Räuspern hören lassen.
Nach einer Pause aber fuhr er, sich vergnügt die
Hände reibend, fort: „Nun Gottlob, nächsten Donnerstag kommt ja die Gelegenheit, wo Jungfer Eberhardine auch einmal das Kittelchen schwenken darf,
wie es ihrer Jugend gebührt!“

Am anderen Tage war unsere kleine Wirthin
wieder die alte muntere Dorl und Feuer und Flamme
bei der großen Toilettenangelegenheit. Der Carton
der Gräfin wurde geöffnet und wir musterten mit
wohlgefälligen Blicken eine Robe — kein Zweifel, daß
es die für die Einzugs-Tafel in Reckenburg bestimmte
gewesen ist — nun, eine Robe, die vor fünfzig Jahren vor einer glänzenden Hofgesellschaft Parade machen,
die aber heute noch in unserer kleinen Exresidenz hinlänglich modisch und überreich erscheinen durfte. Ein
meergrüner Damast mit leichten Silberfäden durchwoben, Aermel und Ausschnitt mit einem Spitzenhauche garnirt. Die Mama wiegte den Kopf mit dem
Ausdruck höchster Befriedigung.

„Der Rock ist zu kurz,“ meinte sie, „kann aber
durch den entbehrlichen Manteau verlängert, auch die
Corsage paßlich dadurch hergestellt werden. Feinere
Application sah ich nie. Ihr Kaffeegelb hebt den brünetten Teint, zumal bei gepuderter Frisur und echten
Perlen im Toupet. Eine fürstliche Toilette, liebe
Tochter!“

Ich pflichtete dem bei. Die Dorl aber zog ein
Mäulchen, wie ein schmollendes Kind. „Beileibe
nicht Puder!“ Fräulein Hardine!“ raunte sie mir in's
Ohr. „Keine Pariserin trägt noch Puder und Toupet.
Und um Gotteswillen nicht diese standfeste Robe mit
der quittengelben Garnitur! Sie nähmen sich ja aus
wie Ihre Großmutter, Fräulein Hardine. Ein Kleid
von weißem Nessel, rothe Schleifen und eine frische
Rose — meine Stöcke blühen herrlich! — eine Rose
im gekräuselten schwarzen Haar, so möchte ich Sie
sehen auf Ihrem ersten Ball!“

Der Tausend, ich war auch einmal siebenzehn
Jahre! Im weißen Kleide, eine Rose in den Locken
auf dem ersten Ball, zum ersten Male unter den
Augen von — — Kinder, das Herz zitterte mir im
Leibe vor heller Lust.

Aber nur einen Augenblick, denn die Mama,
welche dem ungewohnten, halblauten Widerspruch mit
sichtlichem Mißfallen gelauscht hatte, versetzte: „Es ist
kein Ball, mindestens nicht seinem ersten Zwecke nach
Es ist ein Cercle, eine Präsentation. Mögen die
Amtmannsjungfern in Schäferröckchen einen Prinzen von Geblüt umtänzeln: wir sind nicht des Schlags,
der den Braten von einem Compottellerchen genießt.
Was aber den Puder anbelangt: haben die Jacobinerinnen in Paris ihn abgelegt, der beste Grund für
uns, ihn beizubehalten.“

Fahre wohl, Du leichter Nesseltraum! Noblesse
oblige. Die letzte Reckenburgerin hat ihren Puder
so lange wie Eine und nie in ihrem Leben Rosen getragen.

Der Donnerstagsmorgen brach an und noch
herrschte in der Gesellschaft die bänglichste Spannung.
War der Prinz über Nacht angelangt? War er's
immer noch nicht? Was sollte bei dem weichen Wetter aus Amtmanns Truthahn, was aus dem wilden
Schweinskopf der Frau Oberforstmeisterin werden?
Durfte die Freifrau von Reckenburg den Teig zum
Spritzkuchen einrühren?

Sie durfte ihn einrühren! Der Papa war es,
der athemlos die frohe Botschaft brachte; der herzensgute Papa, der mit Freuden den saueren Posten eines
maître de plaisir und Vortänzers wieder übernommen hatte, heute, wo es galt, seinem prinzlichen Commandeur einen würdigen Empfang und seiner Tochter
ein erstes Jugendfest zu bereiten. Der Prinz war in
der Nacht angelangt und hatte die Einladung des Comité huldreichst acceptirt. „Ein Mann wie ein Bild!“
sagte der Vater, „sähe ihn Deine Gnädige, meine
Dine, sie bezahlte mit Zuckerlecken seine Schulden.“

Nun hieß es alle Hände rühren. Schon früh
um neun erschien der Friseur. Kaum war der kunstvolle Thurmbau mit erster Kraft und Laune vollendet, stellte auch schon Dörtchen sich ein, um die Taille
zu schnüren und die Points vor dem Busen festzuheften. „O, das hat ja noch Zeit,“ sagte ich abwehrend.

„Ich muß mich doch aber auch anziehen, Fräulein Hardine,“ entgegnete die Kleine, „und noch früher
oben sein, als Sie.“

„Du?“ fragte ich verwundert.

„Ich helfe dem Vater nur ein wenig; der arme
Mann weiß nicht, wo ihm der Kopf steht, Fräulein
Hardine.“

Dawider konnte nun im Grunde nichts eingewendet werden. Ich ließ mich daher zur Wespe zusammenpressen und saß viele Stunden beklemmt und
mit noch rötherem Angesicht denn sonst im väterlichen
Lehnstuhl. Die Mama huschte zwischen Backofen und
Toilettentisch hin und wieder; der Papa hatte Noth,
sich in die alte Galamontur zu zwängen. Zwischen
Stück und Stück probirte er ein Entrechat, um die
Glieder für die große Abendaufgabe gelenk zu machen.
An ein Mittagbrod dachte von der gesammten Donnerstagsgesellschaft heute schwerlich ein Mensch.

Endlich, endlich schlug es vier. Die amtmännliche Carosse rollte vorüber und die Familie Reckenburg schlüpfte durch das Pförtchen des seligen Leibbarbiers auf die Schloßterrasse und in den Pavillon.
Sie war die erste auf dem Platze. Einem Prinzen
von Geblüt darf man nicht nur, man muß ihm zuvorkommen.

Das Wetter war sommermild; Bäume und
Sträuche blühten. Man hätte Ende April keinen
günstigeren Nachmittag treffen können, wenn es auf
eine fête champêtre abgesehen gewesen wäre. Da
es aber auf die Präsentation eines Fürstensohnes abgesehen war, hatte man sich anstandshalber für das
herzogliche Lusthaus entschieden, wie Mutter Reckenburg für die Robe von drap d'argent. Das Lusthaus bestand allerdings nur aus einem einzigen Saal,
war aber für den heutigen complicirten Zweck mit
Hülfe einer Draperie in zwei Hälften getheilt worden.
Die vordere diente zum Empfang und darauf folgendem Tanz, die hintere passirte als Speisesaal. Die
vorausgesendeten Gerichte gewährten eine anlockende
Decoration, wie auch, gemischt mit den vom Garten
hereindringenden Frühlingsdüften, einen gar würzigen
Parfüm. Unter der Draperie, zwischen beiden Abtheilungen, stand Meister Müllers Büffet und seine
behäbige Gestalt lehnte in der Thür, die zur Seite
in Küche und Keller führte. Dorothee verhielt sich
natürlich hinter der Scene.

In diesem Raume, der übrigens sein fürstliches
Ansehen leidlich bewahrt hatte, harrte die vollzählig
versammelte Gesellschaft eine Stunde lang, zwei
Stunden, noch länger auf den Ersehnten, der — nicht
kam. Keiner setzte sich, keiner hatte die Geduld ein
Gespräch fortzuführen. Aller Blicke hingen gespannt
an der geöffneten Thür. Es war so stumm in dem gefüllten Saale, daß man die Vögel draußen zwitschern
hörte. Auf der Tribüne hielt die Regimentsmusik
standhaft die Trompeten am Munde, um den Bewillkommnungstusch nicht zu versäumen. Unter dem Eingange stand, im Prallsonnenscheine, chapeau bas,
das Comité, an seiner Spitze, mit zum Tubus gehöhlter Hand, der Rittmeister von Reckenburg. Alles
lauschte, lugte, lauerte — kein Prinz kam.

Absichtliche Unpünktlichkeit von Seiten eines kursächsischen Blutsverwandten konnte nicht angenommen
werden; es mußte ein Mißverständniß obwalten, oder
ein Unfall eingetreten sein. Nach langer Deliberation
setzte sich der Chef des Comité's zu einer unterthänigen Anfrage in Bewegung, und hat die Familie
dieses Chefs späterhin vertraulich in Erfahrung gebracht, daß es mit der unannehmbaren fürstlichen Unhöflichkeit doch nicht so ganz ohne gewesen sei. Als
der Abgesandte vor dem hohen Gaste erschien, lag derselbe gemächlich im Schlafrock auf der Causeuse ausgestreckt, eine lange Türkenpfeife im Munde und den
Hamburger Correspondenten in der Hand. „Schon?“
fragte er gähnend. „Sind die Schönen ihrer Reize
so sicher, um sie bei Sonnenschein preiszugeben?“
Doch verhieß er sein Erscheinen, sobald Zeitung und
Toilette vollendet sein würden.

Es dämmerte bereits, als der Abgesandte mit
dieser Botschaft zurückkehrte. Flugs wurden die Fensterläden geschlossen, die Kronleuchter angezündet. Die
Gesellschaft rangirte sich in zwei Heckenwände, zwischen
denen der erlauchte Gast seinen Durchgang nehmen
sollte. Obenan die Gemahlinnen des Adels, dann die
bürgerlichen; nunmehr die Fräulein, neben ihnen die
Demoiselles und endlich die Herren in gleicher Rangordnung.

Noch dauerte es eine gute Weile, ehe der lange
gehegte Tusch und gleich darauf die vorstellende Stimme
des maître de plaisir am oberen Ende erschallten.
Ich hatte mich nicht umgeblickt und mein Haupt in
stolzester Haltung aufgerichtet, um das schlagende Herz
vor mir selber Lügen zu strafen. Erst als ich meinen
Vater den Namen: „Freifräulein Eberhardine von
Reckenburg,“ nennen hörte und während ich mich zu
der bewährten Menuetsenkung niederließ, hob ich das
Auge, so ruhig ich vermochte, zu dem Vorüberstreifenden empor.

Ich war auf einen schönen Mann vorbereitet;
der aber, meine Freunde, welcher meinem Blicke begegnete, es war nicht der schönste Mann, den ich bis
dahin gesehen — denn das würde nicht viel bedeuten
— aber es war und blieb, ich weiß keinen bezeichnenderen Ausdruck, als der anmuthvollste Jüngling, den
das Leben mir vorgeführt hat. Hatte er in seiner Jugend gestürmt, das Aeußere wenigstens trug von diesen
Stürmen keine Spur; nicht die schlanke, geschmeidige Figur, nicht die rosige Farbe von fast mädchenhafter
Transparenz, nicht die Züge, welche vielleicht zu weich
und fein erschienen sein würden ohne das große,
schwarzblaue Auge, das mit kühnem Feuer das Antlitz beherrschte. Dazu das lichtblonde Bärtchen über
der heiter gekräuselten Oberlippe, die üppige Lockenwelle, welche dem steifen Zopfband widerstrebte und
endlich jene sichere Lässigkeit in Tracht und Haltung,
die nur denen natürlich ist, deren Herablassung als
Huld betrachtet wird. Mein biederer Vater in seiner
Zwangsjacke und standfesten Würde spielte in meinen
Augen eine ärgerlich komische Figur neben diesem
Liebling der Grazien im bequemen, halbgeöffneten Collet.

Es war der erste Blick, mit dem ich diesen
vollen Eindruck erfaßte, und ich begriff während dieses
ersten Blicks die Erinnerungslust meiner achtzigjährigen Reckenburgerin, wenn der Sohn ihres Ungetreuen
seinem Vater ähnlich sah: Ja, seltsam — sollte es
ein Ahnen der Zukunft gewesen sein? — während
dieses ersten, kurzen Blickes, surrte es vor meinen
Ohren, wie die Todtenklage des Hadrian, die mir der
Prediger neulich so beweglich geschildert hatte, denn ein
Schönerer als dieser Antinous konnte das kaiserliche
Künstlerauge nicht erquickt haben.

Als der Vater meinen Namen nannte, stutzte der
Prinz, der noch eben, nachlässig mit dem Spitzentuche
grüßend, an meiner Nachbarin vorübergeglitten war.
Er pausirte einen Moment, ein vertrauliches Lächeln
auf den Lippen, so, als ob er einem alten Bekannten begegnet sei; dann ging es weiter, vorstellend und
sich neigend die Reihe entlang.

Die Polonaise hob an. Der Prinz führte meine
Mutter durch den Saal, bei Weitem zu kurz und
kunstlos für die Mode der Zeit. Jetzt entstand eine
Pause; die Großwürdenträgerinnen erwarteten gespannt
eine Näherung des gefeierten Gastes und zuckten unverhohlen die Achseln, als sie ihn, nachdem er bereits der
verwittweten Excellenz vom Hofmarschallamt die Gattin seines Rittmeisters vorgezogen hatte, jetzt raschen
Schrittes sich deren Tochter zuwenden sahen.

„Sie kommen von Reckenburg, Gnädigste?“ so
redete er mich mit dem vorigen, vertraulichen Lächeln
an. „Wie geht es meiner Exmama? Unsterblich,
so sagt man — —“

„Unentkräftet mindestens, Durchlaucht, und unermüdet,“ antwortete ich.

„Auch unersättlich, gelt, und unerbittlich über
ihren lydischen Schätzen! Nun, auch Crösus hat ja
endlich seinen Solon gefunden. Wollen Sie nicht
Ihre Weisheit geltend machen, Gnädigste, um wenigstens einen armen Schuldner von seiner Sclavenkette zu befreien?“

Ich kann nicht sagen, daß diese kameradschaftliche Einführung besonders nach meinem Geschmack
gewesen wäre. Aber ich merkte kaum auf den Sinn
der leichtfertigen Plauderei; ich lauschte nur dem musikalischen Klang, der biegsamen, impulsiven Melodie
der Stimme, die gleich einem Zauber das Herz umspann.

Das Orchester hob während der letzten Worte
die Weise eines Wiener Walzers an und ich las in
den neidischen Blicken meiner Mitschwestern, daß man
den Prinzen für meinen Tänzer hielt. Der brave
Vortänzer stürzte sich heldenmüthig auf die beleidigte
Frau Amtmännin, um sie für diese neue Bevorzugung
seiner Familie nach Leibeskräften zu entschädigen.
Auch ich erwartete, daß mich der Prinz in die Reihe
führen werde, und ich erwartete es mit zitternder Luft.
Da er aber keine Miene machte, sich vom Platze zu
rühren, ließ ich mich ruhig in einer Sophaecke nieder.

„Sie tanzen nicht?“ sagte der Prinz, indem er
sich an meine Seite setzte. „Desto besser. So plaudern wir und machen unsere Glossen.“

Die Paare drehten und wiegten sich an uns vorüber; keines entging dem prinzlichen Spott. „Nicht
eine Physiognomie! nicht eine frische Natur!“ rief er
endlich verdrossen. „Und Alles das rühmt sich, nach
Gott-Vaters Ebenbilde geschaffen zu sein. Wie haben
Sie es fertig gebracht, Fräulein von Reckenburg, inmitten dieser Larven, unter diesen platten, todten Herkömmlichkeiten Sie selbst zu bleiben?“

„Ich bin zum erstenmale in Gesellschaft,“ konnte
ich zu antworten mich nicht enthalten. Aber ich that
es mit leidlichem Humor, denn ich saß einem Spiegel gegenüber und begriff, wie viele Sommer er der
meergrünen Brocatträgerin zusprechen mochte.

„Oder wie werden Sie es fertig bringen?“ verbesserte er sich.

„Nun, auch Durchlaucht werden es ja fertig bringen müssen,“ sagte ich lächelnd.

„Ich? beim Zeus, ich wahrlich nicht!“ rief er
aus. „Man hat mich hier an die Kette gelegt. Aber
wähnt mein würdiger Vormund von Sachsen, daß der
erste Kanonenschuß am Rhein diese Kette nicht sprengen wird? Endlich, endlich ist es ja so weit! O, der
Schmach, daß Franz von Oesterreich nach väterlichem
Exempel zögern konnte, bis sein unglückseliger Ohm
unter der Tortur seiner jacobinischen Häscher, ihm
seine Horden entgegentreibt! Schmach, ewige Schmach,
daß dieser, unser baldiger Kaiser heute noch sich windet und krümmt wie ein Aal. Aber Gottlob! König
Friedlich Wilhelm ist Feuer und Flamme, jenen
Häschern die Daumschrauben anzusetzen. Stelle er
sich an die Spitze der Armee, rufe er sein Vorwärts
und wenigstens wir, das heißt die Legion deutscher
Fürsten ohne Land, werden nicht säumen, um unter
Friedrichs Banner dem Erben des heiligen Ludwig
seine königliche Freiheit zurückzuerobern.“

Auf diese Weise zwischen Scherz und Pathos
plauderte mein junger Held unter dem Rauschen des
Wiener Walzers, harmlos seine Zukunftspläne aus.
Ich wußte ja, wie kriegerisch sein Sinn gestellt sei.
Nur daß er damit umgehe, in preußische Dienste zu
desertiren, mußte mich Wunder nehmen. Und so entblödete ich mich denn auch nicht, ihn daran zu erinnern, daß eine Schwenkung just in dieses Lager wenig
Anklang in sächsischen Herzen finden werde.

„Habe ich eine eigene Armee in's Feld zu führen?“ versetzte er lachend. „Oder soll ich darauf warten, bis das heilige römische Reich deutscher Nation
sich auf seine Pflicht — bah! nur auf seine Nothwehr
besonnen hat? Bis am Ende auch der obersächsische
Kreis sein Fähnlein aufgeboten? Oh! nur die Subsidien Ihrer Reckenburg, Gnädigste,“ setzte er mit
einem schelmischen Augenblinzeln hinzu, „nur die Subsidien Ihrer Reckenburg und ich lege den ersten Lorbeerkranz zu Ihren Füßen, den ich wie mein braver
Vetter von Weimar als preußischer Soldat errungen
haben werde.“

Der Tanz ging während dieser Tirade zu Ende
und ich erhob mich, um mich vor den ärgerlichen
Blicken der Gesellschaft unter die Flügel meiner Mutter zurückzuziehen. Der Prinz folgte mir. Das erste
Menuet wurde eben angestimmt.

„Sie scheinen eine Virtuosin in der Kunst, sich
mit Anstand zu ennuyiren,“ sagte er, „wollen Sie
mir Stümper in derselben noch diesen Tanz hindurch
als guter Kamerad zur Seite stehen?“

Freilich wäre ich lieber im Rundtanz als flotte
Partnerin in seinen Armen durch den Saal gewirbelt,
aber auch nur, als guter Kamerad eine Viertelstunde
länger ihm vis-à-vis, dünkte mich eine Herzenslust.
Als wir, nach vollbrachter Tour am Ende der Colonne anlangten, seufzte mein Chapeau so herzbeweglich, daß ich die Ungalanterie mit einem Lächeln zu
beantworten vermochte. Auch er lachte. „Diese feierliche Strapaze nennt der Deutsche Vergnügen,“ rief
er aus, „Beim Zeus! mit Wollust reichte ich meinen
Herrn Jacobinern die Hand zu einer ehrlichen Carmagnole!“

Ich erlaubte mir zu bemerken, daß ein lustiger,
deutscher Ländler vielleicht dieselben Dienste leisten
werde und daß Durchlaucht ihn nur zu befehlen brauche,
um sich für die Strapaze einer Anstandspflicht zu
entschädigen.

„Zum Lustigsein gehören mindestens Zwei,“ erwiderte er, indem er die Blicke spöttisch über unsere
stolze Gesellschaft schweifen ließ. Jählings aber stockte
er. „Himmel, wer ist das?“ rief er mit Entzücken;
„wer ist das?“

Mir war als ob ich den Blitz in einer Pulvermine zünden sähe, denn meine Augen waren den seinigen gefolgt. Wären sie aber auch mit Blindheit
geschlagen worden, wessen Anblick hätte denn eine so
jähe Bezauberung wirken können, als der meiner eignen,
einzigen Schönen, als — Dorotheens?

Die Tanzmusik hatte sie aus ihrem Versteck hervorgelockt. Sie stand einen Schritt vor dem Büffet,
mit leuchtenden Augen, verlangend wie ein Kind, das
die ersehnte Frucht unerreichbar am Baume hängen
sieht. Die leibhaftige Eva! Die Arme waren leise
gehoben, der Körper vorgeneigt, in der Hand hielt sie
ein Körbchen, mit Blumen umwunden und gefüllt mit
dem Zuckerbrod, das sie so zierlich zu formen verstand. Der lichtblaue Saum des weißen Nesselrocks
reichte knapp bis zum Knöchel; die Füßchen in den
flitternden Kinderschuhen trippelten den Takt der Musik;
das goldne Gelock wogte unter dem blauen Bande,
das es lose zusammenhielt und der Rosenstrauß, den
sie für mich gezogen hatte, bebte unter den raschen
Schlägen des Herzens. So reizend wie in diesem
Augenblicke sah ich die reizende Dorl niemals vor
und niemals nach der Zeit.

Als ihr Auge dem unseren begegnete, schlug sie
es dunkelerröthend zu Boden und entschlüpfte durch die
Seitenthür.

„Wer ist diese Hebe?“ wiederholte der Prinz.

„Die Tochter des Schenkwirths,“ antwortete ich,
verbeugte und setzte mich neben meine Mutter.

Es folgten verschiedene Tänze, die ich in den
Armen dieses und jenes jugendlichen Springinsfeld
abhaspelte, so seufzend wie vorhin mein Prinz die
Anstandsstrapaze der Menuet. Er selber tanzte nicht
wieder. Unbekümmert, wie im Wirthshaus, saß er
neben dem Büffet in einem Kreise von Officieren, mit
denen er tapferlich zechte. Aber nicht etwa von Meister
Müllers landwüchsigem Product, auch nicht von den
edelsten Sorten, welche die festgebende Gesellschaft zu
liefern vermocht hatte; nein, schäumenden Cliquot, den
er, „als Scherflein zum Pickenick,“ aus seinem eignen
Keller holen ließ.

So häufte er Beleidigung auf Beleidigung. Mit
jedem springenden Pfropfen aber suchten seine Augen
flammender nach der lieblichen Schenkin, die so oft
eine neue Tanzweise anhob, wie von Hüons Horn gelockt, in der Thür erschien, bis unter den Vorhang
schlüpfte und mit Sehnsucht die wirbelnden Paare verfolgte. Daß während dieser Wanderung ihre Blicke
manchesmal den suchenden am Zechtische begegneten,
daß sie dem zürnenden Mienenspiel Jungfer Ehrenhardinens gar behende auszuweichen verstanden, das
erscheint Jungfer Ehrenhardinen heute freilich verzeihlicher, als es ihr anno 92 erschienen ist.

Endlich verkündete ein Trompetenstoß das Souper.
Nun mußte das frevelhafte Intermezzo doch ein Ende
nehmen! Die Gesellschaft verfügte sich in das zweite
Compartiment, allwo an kleinen Tischen rings um die
Mitteltafel das schöne Geschlecht von den Cavalieren
bedient werden sollte. Innerhalb jeder dieser Gruppen
war, mit List und Gewalt, ein Platz offen gehalten
worden, in der Hoffnung, daß der gefeierte Gast ihn
zu dem seinigen erkiesen werde.

Aber die schon so vielfältig herausgeforderte Entrüstung schwoll zur Empörung, als der schnöde junge
Herr keine der heimlich Erwartenden befriedigte und
alle enttäuschte, indem er einfach inmitten seiner Zechgesellschaft sitzen blieb; als er von keinem der mit so
viel Kunst und Aufwand hergestellten Leckerbissen auch
nur kostete, sondern sich mit einem Kringelchen begnügte,
welches Hebe Dorl, auf einen Wink Meister Müllers,
ihm in ihrem Blumenkörbchen präsentirte.

Wie ich die Erröthende mit einer unbeschreiblichen
Neigung vor ihn treten sah; wie er aufsprang, sein
Glas gegen sie hob und es in einem Zuge bis auf
die Nagelprobe leerte, — der Bissen im Munde stockte
mir, und der Tropfen, mit dem ich ihn herunterspülen
wollte, brannte mich wie Gift; aber es war ein Bild,
vor welchem selber das zornsprühende Naturkind die
Lust eines Künstlerauges begreifen mußte.

Programmgemäß sollte das Fest mit dem Souper
zu Ende gehen. Alles rüstete sich zum Aufbruch. Unser
bisher so lässiger Held jedoch fuhr plötzlich in die
Höhe und forderte mit lauter Stimme den Kehraus.
So stark der Unwille gewesen, die Großmuth gegen
einen Gast von Geblüt war stärker. Lag doch an sich
auch für die Donnerstagsgesellschaft nichts Ungebührliches in der Aufführung eines gewohnten Schlußtanzes,
dessen bäurische Weise und buntscheckiger Wechsel nach
dem Souper erst den rechten Humor zur Geltung
brachten. Alt und Jung reihte sich zu Paaren, nur
der Festordner stand noch auf der Lauer, um, nachdem
sein hoher Chef sich entschieden, aus der Ueberzahl der
Schönen die Würdigste als Anführerin zu erküren.

Jetzt aber, da Prinz Sansfaçon der verehelichten
Gruppe gleichgültig den Rücken kehrt, schießt er auf
die Frau Amtmännin zu, bietet ihr begütigend die
Hand und ist im Begriffe, mit ihr an die Spitze der
Colonne zu treten, als — o wehe, dreimal wehe
unserer adligen Reunion! — als er den Prinzen an
den Schenktisch stürzen und Kellermeisters kleine Dorl
in die Reihe ziehen sieht.

Ein Donnerschlag hätte nicht vernichtender zünden können. Einen Augenblick stand Alles starr und
stumm, dann helle Revolution! Die Frau Amtmännin
kehrte mit einem kopfnickenden „bedanke mich,“ wieder
um; sämmtliche Frauen und Fräulein von Adel traten
aus der Reihe und eilten nach der Thür, hinter deren
Säulen verborgen sie den unberechenbaren Ausgang
erwarteten.

„Glaubt Seine Durchlaucht zu einer Kirmeß geladen zu sein?“ hörte ich hinter mir die von dannen
rauschende verwittwete Excellenz vom Hofmarschallamt höhnen.

Ich mit einem blutjungen Junkerchen, das ich
auf dem Präsentirteller hätte schwenken können, bildete von der adligen Spitze den Uebergang zu dem
bis jetzt standfesten bürgerlichen Gefolge. Dachte ich
daran, dem von oben herab gegebenen Signale der
Desertion zu folgen? Doch wohl nicht. Denn warum
sonst vermied ich den rathgebenden mütterlichen Blick?
Meine Augen hingen an dem anstößigen Paare, das
jetzt in der entstandenen Lücke an meine Seite rückte.
Ich sah Dorotheens flehende Angst und Lust; sah des
Prinzen vertraulichen Wink, der zu sagen schien: „Du
bist keine Närrin, Du bleibst.“ Kurzum ich blieb.
Die Bourgeoisie folgte meinem Exempel und der Tanz
hob an.

Das war freilich ein anderes Treiben als die
Strapaze, welche der Deutsche sonsthin Vergnügen
nennt! Wie rasch und lustig die Gefüge wechselten,
die Paare sich verschlangen und in einander schoben!
Wie die rosige Hebe im Arme ihres Götterjünglings
den Saal durchkreiselte, wenn beim Schlusse jede Tour
in eine Galoppade überging! Wie nun in den Wirbel
der Glieder auch der der Kehlen sich mischte, der prinzliche Vortänzer unter Händeklatschen und jauchzendem
Chorus die alte Sangesmähr von „dem Großvater,
der die Großmutter nahm,“ intonirte, und endlich nichts
Altes und Neues mehr übrig blieb als — der Kuß!

Zeitlich, sittlich, meine Freunde! Wir schrieben
zweiundneunzig und ein Küßchen im Tanze dünkte uns
damals beileibe nicht ein Raub. Manchmal wurde
gleich die Polonaise damit eingeleitet; oder man verlegte es in eine Tour des Englischen; keinenfalls fehlte
es im biederen, vaterländischen Großvater und nicht
etwa blos beim Mannschießen, oder auf der Kirmeß.
Meine Mitschwestern von der Montagsgesellschaft
waren es gewohnt, die Bäckchen ihrem Partner darzureichen und nach dem Partner jedem Anderen, mit
dem die Verschiebung sie zusammenführte. So ein
halbes Hundert Mäulchen in einer Tour, — nun es
war kein berauschendes Gewürz, aber es würzte doch.

Unsere vornehme Reunion, mit den Reminiscenzen
des weiland Herzogshofs war allerdings zu nobel constituirt, um derlei naturalistische Ausschweifungen zu
vertragen. Nun aber an ihrem stolzesten Tage einen
Prinzen von Geblüt die Lippen auf einer Schenkdirne
Lippen drücken zu sehen, und wie zu drücken, — so
sonder Kunst und Methode! — sie hat sich von diesem
schauderhaften Bilde niemals erholt; es war der Todesstreich, der sie getroffen.

Er küßt ihren Mund, umschlingt sie, preßt sie
an seine Brust und jagt mit ihr durch den Saal.
Im rasenden Tempo löst sich die blaue Schleife aus
ihrem Haar; er reißt sie an sich und birgt sie an
seinem Herzen. Das goldene Gelock wallt und weht
im Wirbel bis zu den Knieen hinab. Die Ordnung
ist aufgelöst. Singend, jauchzend, athemlos stürmen
alle Paare hinter dem ersten drein. Ganz zuletzt auch
Jungfer Ehrenhardine nach einem züchtigen Handkuß
ihres Junkerchens.

Da jählings — halt! Der Festordner hat Trompeten und Pauken das Schweigsignal zugewinkt. Noch
sehe ich, wie Dorothee, gleich einem gescheuchten Reh,
durch die Seitenthür verschwindet, wie der Prinz ein
schäumendes Glas hinunterstürzt. Dann wirft mir
die Mutter die eigne Saloppe über den Kopf. Wirr
und jäh drängt alles nach dem Ausgang.

Und so in einem bachantischen Taumel, mit einem
haarsträubenden Aergerniß endet das Prinzenfest der
adligen Donnerstagsgesellschaft anno 92, dem großen
Jahre der Revolution. Ich habe ihm ein langes Kapitel in meiner Lebensgeschichte gewidmet: es war ja
das einzigemal, daß ich beinahe Rosen getragen hätte.

Sechstes Capitel.
Die Brautlaube.

„Ein höchst verdrießlicher Eclat!“ so unterbrach
die Mutter unser allseitiges Schweigen, nachdem des
Leibbaders Pförtchen sich hinter uns geschlossen hatte.
„Nach Lage der Dinge aber, Eberhard, muß ich sagen, daß unsere Tochter sich taktvoll benommen hat.“

„Brav, recht brav, meine Dine!“ sagte der Vater, als ob ihm ein Stein vom Herzen fiele. „Die
Kleine wurde mit Gewalt in den Tanz gezogen; sie
war Dinens Gespielin, ist unsere Hauswirthin, und
hat der Faber sie erst geheirathet, so gehört sie in die
Gesellschaft, so gut als —“

„Deine Gründe gelten nicht, Eberhard,“ unterbrach ihn die Mama. „Das Mädchen hat sich auf
das Unschicklichste betragen. Als Fabers Braut mußte
sie zu Hause bleiben, oder als des Schenkwirths Tochter, sich in Küche und Keller halten. Der schäferlichen Toilette noch gar nicht einmal zu gedenken. Unsere Tochter jedoch stand einmal in der Reihe und eine
Reckenburg wird auf jedem Platze ihre Haltung zu
behaupten wissen, zumal wenn eine Amtmannsfrau,
die aus einer Mühle stammt, ihr beim Rückzug das
Prävenire spielt.“

Ich erwiderte kein Wort, küßte den Eltern die
Hand und eilte in meine Kammer. Ich dachte nicht
daran, mich auszukleiden und niederzulegen. Unbeweglich saß ich auf dem Bettrand, ich weiß nicht, wie
lange. Mir war, als wäre ich von einem hohen Thurm
gefallen und krause Phantome wirbelten in dem erschütterten Hirn. Ich hörte einen leisen Schritt an
der Thür: ich rührte mich nicht; ich spürte einen heißen Athem an meiner Wange, ich blickte nicht auf,
aber meine Hand zuckte, die Frevlerin von mir zu stoßen, die zu meinen Füßen niederkniete und ihren Kopf
in meinem Schoße barg. „Sind Sie mir böse,
Fräulein Hardine?“ flüsterte sie mit ihrem kindlichsten Klang.

Ob ich ihr böse war! Der Athem stockte mir
und das Blut siedete im Grimm gegen die treu- und
schamlose Schenkendirne. Ich wendete das Gesicht
von ihr ab und starrte geradeaus in den Spiegel, der
auf meinem Nachttische stand. Und dieser Spiegelblick löste den Bann. Denn was heißt denn gerecht
sein, als richtig sehen? Ich aber sah in dem engen
Rahmen das Freifräulein von Reckenburg in seinem
hohen Toupet und steifen Brocat, die mannshohe Gestalt, mit dem hochgerötheten Gesicht, zu der die weltkundige Greisin gesagt hatte: „Du entzündest kein junges Herz.“ In ihrem Schoße aber lag, vom goldenen Lockenschleier umhüllt, ein Kind mit allen Reizen
des Weibes, mit pulsirender Gluth und auf der Stirn
den Stempel: „Dir wird kein junges Herz widerstehen.“

Nach langer Pause und einem tiefen Athemzuge
senkte ich den Blick von dem Spiegelbilde hinab in
den Schoß. „Gut sein, gut sein!“ flüsterte die Zauberin und ihre Lippen brannten auf meiner Hand,
heiß von dem Leben, den eines Anderen Athem dem
Busen eingehaucht hatte.

„Du hast Dich hinreißen lassen, Dorothee,“ sagte
ich, indem ich sie in die Höhe zog und mich erhob.
„Wenn es Dir aber leid ist —“

„Leid?“ rief sie, erbebend unter dem Schauer
des ersten, kaum geahnten Glücks. „Leid? Nein, o
nimmermehr leid! Und wenn ich darüber sterben
sollte, Hardine!“

Sie floh aus der Thür. Und ich? Gelt, ich
lag wie auf Rosen gebettet und schlummerte in Gottes Frieden nach großmüthiger Heldinnen und schöner
Seelen Art? Ich sage Euch, auf Nesseln und Dornen habe ich mich gewälzt, wie siedendes Blei hat es
in meinem Herzen gewühlt, und wenn eines gebetet hat in dieser Nacht, so war es das selig frevelnde, nicht das entsagende Menschenkind.

Die Familie von Reckenburg konnte es allseitig
nur gut heißen, daß ihre beschämte Hauswirthin sich
in den nächsten Tagen ihrer Begegnung entzog, daß
sie auch den lauernden Blicken und Stichelreden der
Nachbarschaft aus dem Wege ging, und nur von der
Gartenseite in die väterliche Wohnung schlüpfte Selber Frau Adelheid hielt das Kind, das unter ihren
Augen erwachsen war, zu hoch, um nachhaltige Wirkungen einer übermüthigen Laune zu befürchten, und
die kleinstädtische Klatscherei stachelte diese stolze Geringschätzung der Gefahr.

Im Uebrigen hatten wir genug zu thun, uns der
eigenen Haut zu wehren; denn wenn die bürgerlichen
Bolzen sich nach dem Dachstübchen richteten, vor welchem die Faber'schen Scheerbecken geglänzt hatten, die
giftigen Pfeile der „Gesellschaft“ zielten auf das untere Geschoß, dessen Insassen, bethört von fürstlicher
Gunst, der gerechtfertigten Empörung Trotz geboten,
und erst dadurch den Scandal unheilbar gemacht hatten.

Selbstverständlich, daß unter diesen Zuträgereien die freiherrliche Familie ihren Nacken höher und
stolzer denn jemals trug. Verhehlt aber soll nicht
werden, daß eine Migraine, welche die Hausfrau eine
Woche lang an das Bett fesselte, in heimlichen Gallenaffectionen ihren Grund gehabt haben mag.

Solchergestalt wandelten Vater und Tochter am
Sonntagmorgen allein zur Kirche und hier war es,
wo sie die schöne Frevlerin zum erstenmale nach jenem heillosen Abend wiedersahen. Sie saß unserer
adligen Empore gegenüber im Schiff dicht unter der
Kanzel, und schon während des Lieds konnten uns
die neugierigen Blicke nicht entgehen, welche in der unteren Gemeinde zwischen ihrem Platz und dem hohen Herzogsstuhle, hinter dessen Gittern der Prinz, — leider
mit Unrecht, — vermuthet ward, auf- und niederflogen.

Wie mußte nun aber das Behagen dieser Aufregung wachsen, als jetzt der würdige Hofprediger die
Kanzel bestieg und über das bekannte Thema: „Gebet Gott und Caesar,“ die Pflichten gegen Altar und
Thron, die der Fügsamkeit gegen die geheiligte Ordnung der Stände und das Schauerbild sündiger Frei- und Gleichmacherei seiner Gemeinde kräftiglich zu Gemüthe führte.

Dem einsamen, harthörigen alten Herrn war
ohne Zweifel kein Wort über die große locale Tagesfrage zu Ohren gekommen. Er hatte seine Predigt
schon Anfangs der Woche ausgearbeitet, im lodernden Zorn über die Rebellen in Paris, welche den
frommen, unglückseligen König zur Kriegserklärung
gegen das verwandte Oesterreich, seinen einzigen Hoffnungsanker gezwungen hatten. Wenn das wohlstudirte Redestück durch augenblickliche Eingebung eine
persönliche Schärfung erhielt, so konnte höchstens der
junge Fürstensohn dafür verantwortlich gemacht werden, dessen Herz zu ergötzen es bestimmt gewesen war,
und der in solch gottloser Zeit sich schnöde der Pflicht
gegen des Himmels Heiligthum entzog. Des bescheidenen Beichtkindes zu seinen Füßen gedachte der feurige Redner in dieser Stunde nicht, vorher und nachher aber mit väterlicher Liebe.

Unsere solide Bürgerschaft dahingegen, wie ferne
lag es ihr, einen Rückschlag von Dumouriez's Ultimatum auf ihrer Kanzel vorauszusetzen! War sie eine
Jakobinerhorde, die eines geistlichen Ordnungsrufs
bedurfte? Gab man ohne Murren nicht Gott, was
Gottes, und dem Kurfürsten, was des Kurfürsten war,
vorausgesetzt, daß die Steuer sich nicht allzuhoch belief? Hatte Einer in der Gemeinde von Freiheit und
Gleichheit auch nur geträumt?

Ja, Eine war unter ihnen, eine Einzige, die
vom Teufel der Hoffart und Eitelkeit verblendet,
ihrem von Gott gesetzten Kreise den Rücken gekehrt
hatte, seitdem sie über Nacht wie ein Glückspilz zur
Braut und Nutznießerin eines hochfliegenden Patrons
emporgeschossen war; die sich in die Reihen des Adels
gedrängt, in die allerhöchste Nähe geschlichen, in leichtfertigem Putz, mit anlockenden Geberden den fürstlichen Sinn bethört und ein Aergerniß heraufbeschworen hatte, dermaßen, daß eine seit Herzogs Zeiten
bestehende, hochadlige Societät dadurch gesprengt und
eine Rüge von der Kanzel herab zur Christenpflicht
geworden war. Es fehlte nicht viel, man deutete mit
Fingern auf die arme kleine Dorl, die mit niedergeschlagenen Augen und Thränen auf den Wangen,
jetzt roth wie Scharlach, dann kreideweiß hinter ihrem
Betpulte zitterte.

Als der Gottesdienst vorüber war, traf ich sie
halb vernichtet an einen Pfeiler gedrückt unter dem
Gedränge der Kirchenpforte. Uebereinstimmender denn
jemals von ihrer Morgenandacht erregt, ständerten
und plauderten die Patrizier der Emporen und die
Plebejer des Schiffs vor dem Ausgange. Keiner
wechselte ein Wort, einen Gruß wie sonst mit der
hübschen „Jungfer Augentrost,“ keiner machte ihr
Platz, man gaffte sie an, bekrittelte ihren Staat und
kehrte ihr spottend den Rücken. Freundlicher als ich
es ohne dieses christliche Schauspiel gethan haben
würde, redete ich sie an, nahm sie unter den Arm
und führte sie, — mir machte man Platz, — an der
Frau Amtmännin vorüber, die eben in ihre stolze
Carosse stieg. Auf dem Markte hielt die Wachtparade ihren Aufzug, und der gottlose Fürstensohn,
gleichmüthig flanirend, entsendete uns einen huldvollen
Gruß.

So schritten die Beneideten und Verlästerten der
Baderei durch den Kriegsbeschluß der Nationalversammlung in Paris auf's Neue solidarisch verbunden,
Arm in Arm ihrem Heimwesen zu und spazierten auch
noch ein Viertelstündchen im Garten, um sich unter
Gottes freiem Himmel von der angreifenden Morgenandacht zu erholen: die Rose und ihr Blatt wie
einst! Ich bestärkte Dorothee in dem Vorsatz, bis
der Sturm sich beschwichtigt habe, sich möglichst zurückzuziehen und rieth ihr sogar statt des Hauptgottesdienstes eine Zeitlang die stillen Frühmetten zu besuchen. Sie dankte mir zwischen Lächeln und Thränen,
küßte meine Hand und sagte: „Fräulein Hardine, Sie
sind in Wahrheit eine große Dame.“

Nun, was Einer von sich selber hält, das hört
er gar gern von Anderen bestätigt, wenn sie im Uebrigen ihm auch nicht als Autoritäten gelten.

Als wir in das Haus zurückkehrten, trat der
Prinz von der Straßenseite herein. Dorothee floh
dunkel erröthend die Treppe hinan; ich führte den
Besucher in das Familienzimmer und verplauderte, da
die Mutter krank und der Vater noch auf der Parade
war, ein Stündchen mit ihm tête à tête. „Sie haben
ein braves Herz,“ sagte er, indem er mir die Hand
reichte, „lassen Sie uns Freunde sein, Fräulein von
Reckenburg.“

Er besprach darauf, geordneter als neulich Abends,
seine kriegerischen Pläne. Es war ihm Ernst mit dem
preußischen Dienst und er hoffte auf baldiges Gelingen. Der Herzog von Weimar hatte die Anbahnung
nach beiden Seiten übernommen, auch den Wunsch
ausgesprochen, ihn seinem eigenen preußischen Regimente aggregirt zu sehen. Unter dem nächsten Befehle eines sächsischen Verwandten, so meinte er, werde
die unliebsame Uniform der kurfürstlichen Tutel erträglich werden, und was könnte man im Grunde
auch besseres wünschen, als den unbequemen Schützling in den Kampf ziehen zu sehen für den bedrängten königlichen Sohn einer sächsischen Fürstentochter?
Völlig unbefangen sprach er auch über seine pecuniairen
Verlegenheiten und hoffte deren Abwicklung durch die
nämliche vermittelnde Hand.

Der Prinz kehrte seit diesem Tage häufig in dem
Reckenburg'schen Familienzimmer ein, ohne an der Quehle
in der Hölle ein Aergerniß zu nehmen. Er begegnete
uns wie Altbekannten, oder gar Verwandten, vertraute
uns den Gang seiner geheimen Unterhandlungen; wir
wußten um Zweck und Erfolg seiner häufigen Ausflüge, wir hegten und bargen sein Schicksal wie das
eines Angehörigen. Alle übrigen Kleinstädter dahingegen ließ er mit souveräner Verachtung bei Seite
liegen und auf unsere schöne Hauswirthin stieß er unter unseren Augen nicht ein einziges Mal. Sie
waltete still für sich in ihrem Dachgeschoß, wir selber
sahen sie nur gelegentlich an uns vorüberstreifen.
Die Eltern lobten diesen bescheidenen Takt und auch
nach Außen hin verflüchtigte sich das Gedächtniß jener einzigen Ausschreitung rascher, als man hätte erwarten sollen. Des würdigen Hofpredigers Aufklärungen über die Lehre von Ursache und Wirkung sei
dabei in Dank und Ehren gedacht.

Wie es nun geschehen konnte, das, meine Freunde,
was Ihr lange schon geahnt haben werdet, wie es
in diesen Sommerwochen sich vollbracht hat, so tief
verhüllt, daß nicht damals noch später ein argwöhnischer Blick die Heimlichkeit ausgespürt — ich weiß
es nicht. Und wenn ich es wüßte: ich habe Euch die
Offenbarung meines eigenen Geheimnisses verheißen,
nicht die der anderen Herzen.

Mein Geheimniß in diesen Sommerwochen aber
war, daß ich — ich ganz allein das der Anderen —
geahnt —? nein daß ich es gewußt habe. Ich sah
nichts, ich hörte nichts, ich spürte ihm nicht nach, berechnete nicht die verführerische Gunst der Gelegenheit. Aber ich athmete die Wahrheit gleichsam mit
der Luft; ich fühlte es fast als eine Nothwendigkeit,
daß ein glückgewohnter Sinn wie der seine und ein
nach Glück schmachtender wie der ihre zusammentreffen
mußten, daß sie sich liebten und sich dieser Liebe
freuten.

Ich fühlte, ich wußte es und ich wehrte der
Sünde nicht. So oft die Warnung: „Denk' an Siegmund Faber!“ oder die Mahnung: „Sie ist einem
Ehrenmanne zur Treue verlobt,“ auf meinen Lippen
schwebten, ich unterdrückte das Wort, denn seine Quelle
war nicht rein. Es war nicht Dorotheens Pflicht,
nicht die Ehre Siegmund Fabers, nicht das starke
Gefühl für Recht und Sitte, es war dies alles wenigstens nicht allein, sondern das eigene gekränkte
Verlangen, das meinen Argwohn stachelte. Völlig
unbefangen, ganz ohne Eigensucht und Eifersucht würde
ich, die Unerfahrene, der Reinheit einer Schwesterseele vertraut haben, wie Vater und Mutter, die Erfahrenen, derselben vertrauten. Ich fühlte mich nicht
unschuldig, fühlte es mit Scham, und Scham und
Stolz banden meine Zunge und so wurde ich mitschuldig.

Freilich, auch ein Posaunenschall würde die Berauschten nicht aus ihrem ersten Taumel geweckt haben.
Und warum dachte Siegmund Faber nicht selbst daran.
seine einsame Braut an ihre Pflicht zu mahnen?
Warum schrieb er nicht? Warum kehrte er nicht,
und wäre es auf eine Stunde, vor dem Aufbruch in's
Feld zu ihr zurück? Warum traute er in sorglosem
Wissens- und Thatendrange blindlings einem Worte,
das nur Ueberraschung dem unerfahrenen Kinde abgelockt hatte? einem herkömmlichen Gesetze der Treu,
zu welchem das Herz nicht ja gesagt? Hatte der Mann
über dem Zergliedern der Nerven und Bänder des
Leibes, den Nerv und das Band der Seele zu prüfen
versäumt? Oder hatte er deren Schwachheit an dem
Maße seiner eigenen Schwachheit erkannt und das
Wagniß der Treue von vornherein als Thorheit aufgegeben? Alle diese Entschuldigungen habe ich mir
jetzt und später oft genug wiederholt, und — sie haben mich niemals entschuldigt.

Indessen nicht meine apprehensive Stimmung
allein, auch äußerliche Merkzeichen wurden für mich
zum Verräther. Wer beschreibt den geheimnißvollen
Schimmer über dem Leben und Weben eines Glücklichen? Wer beschriebe ihn zumal über dem Leben
und Weben einer so freudigen Natur wie Dorotheens?
Ich sah den Rückstrahl ihres erfüllten Gemüths, und
zwar am deutlichsten daran, daß ich sie selber nur
noch so selten sah. Wir waren ausgesöhnt, sie hatte
keinen Grund, mich zu meiden. Sie mied mich auch
nicht, aber sie suchte mich nicht, sie bedurfte meiner
nicht wie sonst. Sie, die vor wenigen Wochen mir
entgegenjauchzte: „Nun, da Sie da sind, ist Alles,
Alles gut!“ sie hatte einen Andern, der mich verdrängte.
Aus dem Kinde, der Jungfrau, war ein Weib geworden.

Deutlicher aber noch sprach die heimliche Wandlung aus der Stimmung des Prinzen. Seine persönlichen Angelegenheiten hatten sich über Erwarten
günstig gestaltet, indem der gutherzige Friedrich August
ihn zwar nicht aus seinen Diensten entlassen, aber
ihm die Theilnahme am Feldzug unter preußischer
Fahne bewilligt, auch seinen Gläubigern gegenüber
großmüthig Bürgschaft übernommen hatte. Er, der
im vorigen Jahre in das wüste Emigrantenlager
desertirte, der vor Kurzem noch so zornig über das
Zögern der Verbündeten aufbrauste; jetzt war er frei,
warum ging er nicht? Er, der die Vernichtung des
fränkischen Gesindels für ein Parademanöver, den
Einzug in Paris für eine Promenade und die Herstellung des souveränen Thrones für ein Kinderspiel
erklärt, er hatte jetzt tausend Bedenken, welche das
geflissentliche Zaudern in seinen Augen bemäntelten.
Der Zwiespalt der verbündeten Kabinette, der im
eigenen preußischen Lager, die Wahl des Braunschweigers statt des Königs zum Oberfeldherrn, die unfertige Rüstung, die Verspätung für einen Sommerfeldzug — alles Bedenken, welche die Folgezeit nur gar
zu schmerzlich gerechtfertigt hat! Diesem feurigen
Jünglingsmuthe aber waren sie angekünstelt und eingeklügelt, weil es eine Macht gab, die ihn zurückhielt,
eben so stark, wie die, welche ihn vorwärts trieb.

Ich theilte die Auffassung meiner Lebensgenossen
über die Natur dieses Krieges. Ich hielt es für eine
gerechte, ja heilige Sache, die Wohlfahrt, vielleicht die
Existenz des eigenen Volks auf's Spiel zu setzen, um
einem fremden König seine Krone zu retten. Ich zweifelte auch nicht an einem raschen Sieg der sieggewohnten preußischen Armee und es war mir eine genugthuende Vorstellung, die Tochter Maria Theresia's
durch den Erben Friedrichs wieder in ihre Rechte eingeführt zu sehen. Ich verhehlte mir überdies nicht,
daß die Mannesschule für meinen jungen Freund allein
das Schlachtfeld sei, und daß der Conflict, welcher
uns Alle bedrohlich umspann, nur durch sein Scheiden
eine Lösung fände. Ich billigte daher des Prinzen
kriegerischen Entschluß, unterstützte ihn ihm gegenüber
und dennoch, dennoch athmete ich auf wie erlöst, wenn
er wieder einen neuen Grund des Hinhaltens und
Verweilens aufgefunden hatte.

Das Regiment Weimar, dem er zugetheilt war,
brach auf ohne ihn. „Cunctator Braunschweig wird
sich nicht übereilen,“ so hieß es, „ich erreiche den
Rhein früher als er.“ Dann wieder sollte das „Marionettenspiel“ der Kaiserkrönung in Frankfurt vorüber
gelassen werden, und endlich selber, als der König nach
der Begegnung mit Franz II. sich nach Mainz begab,
sah er noch hinlängliche Weile, bis jener sich mit der
Armee jenseits des Rheins vereint haben werde. Mein
Vater schüttelte den Kopf zu dieser plötzlichen Lässigkeit. „Da sieht man's“ so meinte er, welch' ein eigen
Ding es für einen Sachsen ist, und wäre es zum
stolzesten Fluge, sich unter die preußischen Adlerfänge
zu bequemen.“

Ich schwieg, denn ich verstand den Kampf zwischen
Epos und Roman in diesem jungen Herzen, fühlte ihn
tief im eignen. Dorothee war völlig sorglos. Einmal fragte sie mich ängstlich, ob die sächsische Armee
auch mit in den Krieg ziehe? und als ich die Frage
verneinte, lächelte sie seelenvergnügt. Ein Siegmund
Faber, welcher der Gefahr täglich näher entgegenrückte,
schien für sie nicht auf der Welt zu sein.

Es war am Nachmittage des zweiten August, daß
der Prinz stürmisch aufgeregt bei uns eintrat; er
brachte Braunschweigs Manifest aus dem Hauptquartiere
Koblenz. All seine Begeisterung war wieder angefacht; er bat dem bewährten Feldherrn seine Zweifel
ab. „Der Himmel sei gepriesen,“ so rief er, „des
Königs ritterlicher Geist hat über die schnöde Eigensucht gesiegt. Das ist der Tenor, der die entfesselte
Bestie in den Käfig zurücke treibt. Nun rasch nur
geharnischte Thaten auf das geharnischte Wort und
am Tage des heiligen Ludwig setzen wir seine jetzt gefährdete Krone frischerglänzend auf des Enkels Haupt.“

Er weilte nur wenige Minuten, umarmte den
Vater, drückte uns Frauen die Hand und stürmte von
dannen. Er hatte nicht Lebewohl gesagt, aber wir
wußten, daß es ein Abschied war, — vielleicht für's
Leben. —

Bis tief in den Abend hinein saßen wir schweigend bei einander. Ob die Eltern ahnten, was sich
in mir bewegte? ob sie heimliche Hoffnungen gehegt
hatten, mehr als ich selbst? Zu wiederholten Malen
begegnete ich ihren sorgenvoll auf mich gerichteten
Blicken.

Als ich die Treppe zu meiner Kammer hinanstieg,
erinnerte ich mich Einer, welche diese Trennung unvorbereiteter und niederschlagender treffen mußte als
mich selbst. Ich klinkte an Dorotheens Thür, fand
sie aber verschlossen. Sie pflegte früherhin niemals
so spät in ihres Vaters Hause zu weilen und entfernte sich niemals am Abend zu einem anderen Besuch. Wo mochte sie sein?

Ich war nicht ruhig genug, dieser Frage nachzuhängen. Es mußte aufgeräumt werden im inneren
Revier, und so saß ich denn lange, es mochten Stunden
sein, unbeweglich in meiner Kammer.

Monate lagen hinter mir, bei aller Entsagung
die reichsten meines Lebens. Was von losen Hoffnungen und Träumen nicht zu bannen gewesen war,
jetzt mußte es verschwinden, verschwinden mit dem,
welcher die Einbildung angefacht, verschwinden für alle
Zeit. Er war ein Mann rasch zum Lieben und Wiederlieben, nicht einer, der nach dem Aufbrausen der Leidenschaft Ruhe erträgt und gewährt. Fort denn mit
den Chimären der Reckenburg, fort auf Nimmerwiederkehr.

Ich wollte das, wollte es ernsthaft und ohne
Erfolg war meine Anstrengung selber in diesen ernsten
Stunden nicht. Ich sah ja zwei von uns, richtig gestellt wieder auf dem Platze, von dem sich ihre Wünsche
einen Moment verirrt hatten: den Prinzen im Kampfe
gegen die Feinde alt geheiligter Ordnung; mich in der
Werkstatt von Reckenburg. Schwer war es allein, das
zum Leben erwachte Kind in seiner bräutlichen Wittwenkammer still wieder einzurichten.

Aber wo blieb Dorothee? Hatte ich ihren leisen
Schritt überhört? Ein Wort der Aufklärung und des
Trostes sollte nicht bis morgen verzögert werden.
Thränen rinnen am stillsten in der Nacht und Kinder
schlummern sanft, nachdem sie sich ausgeweint haben.
So klinkte ich denn noch einmal an der Thür und
fand sie noch immer verschlossen. Sie mochte wohl
früh zur Ruhe gegangen sein und von Innen verriegelt haben.

Es war eine stillschwüle Hochsommernacht; der
Mond schien von der Gartenseite hell durch die geöffnete
Bodenluke. Ich bog mich hinaus und athmete in einem
tiefen Zuge den Duft, der von den Nelkenbeeten in die
Höhe stieg. Mir gegenüber ragte das Schloß; ein
Nachtlicht flackerte im Zimmer des Eckthurms, in
welchem mein junger Held zum letzten Male ruhte,
oder sich zur Abreise rüstete. Es wurde mir schwer,
mich von dem Flämmchen loszureißen, nur zögernd
senkte sich der Blick hinab auf die Terrasse, welche der
Mond fast mit Tagesklarheit beleuchtete.

In diesem Augenblicke, — war es ein Phantom
des aufgeregten Bluts, war es Wirklichkeit? — sah
ich zwei Gestalten aus der Laube gleiten, aus der
Brautlaube Siegmund Fabers. Sie schmiegten sich
an einander; fein und hell das Weib an die Seite
des Mannes, dessen dunkle Umhüllung sie halb umfing.
Es war ein einziger Blick, aber nein, nicht eine
Täuschung und was ich auch immer geahnt, — bis
zu diesem Abgrunde hatte die Einbildung sich nicht
verirrt.

Mir schwindelte, ich schwankte und klammerte mich
an die Brüstung der Luke. Als ich zagend den Blick
wieder in die Höhe schlug, sah ich eine dunkle Gestalt
durch das Pförtchen verschwinden, unten aber wurde
die Hausthür leise geöffnet.

Ich floh in meine Kammer, deren Schloß ich
nicht mehr zuzudrücken wagte. Schon hörte ich Schritte
auf der Treppe und hätte um die Welt nicht meine
Nähe verrathen mögen. Aber vielleicht, daß es eine
erste nächtliche Begegnung gewesen war, eine erste und
letzte zum ewigen Lebewohl.

Athemlos lauschte ich an der Spalte der Thür.
Nein! dieser elastische, hüpfende Schritt, dieses freie,
volle Hauchen der Brust, sie sprachen nicht von Scheiden und Meiden. So schwebt, so athmet nur der
Glückliche. Sie tänzelte über Rosen und sah die
Sünde nicht, die sie umrauschte, nicht den Tod, der
im Hintergrunde lauerte.

Und nun saß ich oben in der Laube. Fragt mich
nicht, was mich hineingetrieben hatte, oder wie viel
Stunden es mich dort gebannt. Ich hatte kein Maaß
für die Zeit, hatte keine bewußte Vorstellung. Alles
lag mir in Dumpfheit und Nebel.

Der erste Schimmer dämmerte im Osten; zu
meinen Füßen sah ich einen blauen Streifen. „Dorotheens Haarband vom Frühlingsfeste,“ murmelte
ich, hob es auf und wickelte es mechanisch um meinen
Finger.

Dann wieder hörte ich das Pförtchen gehen und
hastige Männertritte. Ich rührte mich nicht. Sie
kamen näher und näher. „Hardine!“ rief es am
Eingang der Laube. Ich saß noch immer wie gelähmt.

Er war im Reisekleid und schattenbleich. Doch
blickte er mir fest in's Auge und nahm ruhig das
Band aus meiner Hand. Hatte er das gesucht; ein
erstes Andenken und ein letztes? Hatte er von Oben
mich in der Laube erkannt?

„Sie wissen alles,“ sagte er, „und das ist gut.
Nun scheide ich ruhig. Kehre ich zurück, ich schwöre
es bei Gott! wird sie die Meine. Bleibe ich, dann
hat sie nur Sie, Hardine, — aber Sie! —“

Das Rollen eines Wagens auf dem Plateau
drang durch die Stille. Er warf noch einen Blick
nach der Luke, an welcher ich in der Nacht gelauscht
hatte. Eine Thräne glitt über seine Wange und tropfte
auf meine Hand, die er in der seinen gefaßt hielt.
„Schütze das arglose Kind, schütze mein Weib, mein
geliebtes Weib. Schütze es für mich, um meinetwillen,
Schwester Hardine!“ flüsterte er, drückte mich an seine
Brust, — und ich war wieder allein.

Wenige Minuten und ein Posthorn schmetterte.
Der letzte Laut verlor sich nach Westen hin. Gen
Morgen stieg die Sonne in die Höhe; heute nicht wie
damals in Reckenburg mir ein Gottesauge: ein leuchtender Ball, der über Verzweiflung und Wonne, Verrath und Liebe mechanisch dahingleitet, klar und seelenlos.

Auf dem Platze, wo ich saß, hatte vor Jahren ein
Freund um die Gespielin meiner Kindheit geworben
und mich als Bürgin für die Treue seines verlobten
Weibes angerufen. Auf dem nämlichen Platze, der
den Treuspruch gehört, war die Treue gebrochen worden, und hatte heute ein anderer Freund, der heimlich
die Lust meiner eignen Seele war, mir das treulose
Weib als Schwester an das Herz gelegt.

Es giebt Verhängnisse, die gesetzmäßig aus unserem Sein erwachsen und doch jeder gesetzmäßigen
Lösung zu spotten scheinen. Das Rad des Schicksals
rollt hinweg über unseren Stümperwillen und in der
entscheidenden Stunde ist es nicht die Leuchte aller
Tage, es ist ein Funken aus unerforschten Tiefen,
der, — sei es zur Zerstörung, sei es zur Erfüllung, —
uns die Richtung zeigt.

Und einem solchen Verhängniß gegenüber wurde
ich in dieser Stunde gestellt.

Ende des ersten Bandes.

Erstes Capitel.
Der Tag von Valmy.

Unsere Frühstücksstunde schlug. So lange hatte
ich in fruchtlosem Mühen in der Laube gesessen. Nun
stieg ich hinunter. Die Eltern wußten bereits um die
Abreise des Prinzen. Das langgehegte Geheimniß
hatte sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt verbreitet.

„Er ist auf guten Wegen; Gott geleit’ ihn!“
sagte der Vater, und drückte meine Hand. Die Mutter aber sagte: „Du siehst blaß und erkältet aus,
liebe Tochter. Geh’ und ruhe ein paar Stunden.“

Aber ich durfte nicht ruhen; ich mußte Dorotheen
vorbereiten, die der Kraft und des Muthes mehr bedürfen mußte, als ich selbst. Ich kam zu spät. Schon
auf der Treppe vernahm ich ihr angstvolles Stöhnen.
Aus blauem Himmel hatte sie der entsetzliche Schlag
getroffen.

Sie lag am Boden in ihren Tageskleidern. Die
Arme, quer über dem Bette ausgestreckt, zuckten convulsivisch, die Augen starrten nach der Thür, ohne
daß sie die Eintretende bemerkten. „Fort, fort!“ war
der einzige Laut, der sich der hastig arbeitenden Brust
entrang.

Ich hob sie auf das Bett und setzte mich an ihre
Seite. Der Krampf währte eine Weile; endlich gewahrte sie mich und winkte leidenschaftlich, daß ich
mich entferne.

„Du bist krank, Dorothee,“ sagte ich. „Ich werde
den Arzt rufen lassen.“

Das Wort brachte sie außer sich. „Nein, nein!“
schrie sie auf. „Keinen Arzt! Ich bin gesund. O
nur allein, ganz allein!“

Ich zog die Bettvorhänge zusammen, und that,
als ob ich mich entferne, setzte mich aber verborgen
in den Hintergrund. Allmälig wurde sie ruhiger; ein
Thränenstrom machte ihr Luft; ich hörte sie schluchzen, endlich nur noch leise wimmern und seufzen.

Nach einer Stunde etwa richtete sie sich auf,
strich den verschobenen Anzug zurecht, trocknete ihre
Augen und blickte sich scheu im Zimmer rundum. Als
sie meiner gewahr ward, überflog sie von Neuem ein
Schauder. „Gehen Sie, Fräulein Hardine,“ flehte
sie. „Um Gottes Barmherzigkeit willen, lassen Sie
mich allein!“

Ich entfernte mich nun wirklich; aber von Zeit
zu Zeit warf ich einen Blick in das Nachbarzimmer.
Dorothee saß weinend und händeringend auf ihrem
Bett. Sie sprach kein Wort, aber sie war gesund.

Wochen gingen hin in mechanischem Tageslauf.
Langsam brachten die Zeitungen, rascher von Zeit zu
Zeit ein durchreisender Courier Kunde über den zögernden Vormarsch der verbündeten Armeen. Am Tage
des heiligen Ludwig, an welchem unser junger Held
den Triumphzug nach Paris zu beschließen gehofft
hatte, standen die ersehnten Retter noch diesseit der
Ardennen, und der Enkel des heiligen Ludwig war
ein Gefangener des Tempel.

Dennoch verzagten wir nicht. Verdun hatte sich
wie Longwy übergeben, und wenn von da ab wochenlang alle Nachrichten ausblieben, hielten wir uns an die
Zuversicht, daß das bis dahin immer siegreiche Heer
sich an einen verächtlichen Feind in seiner Flanke nicht
gekehrt, in Eilmärschen die Marne überschritten, und
wenn auch später, als wir gehofft, doch sicher zur
Stunde bereits dem gefangenen Monarchen in seiner
Hauptstadt die Freiheit wiedergegeben haben werde.

Unbegreiflich dahingegen und wahrhaft beängstigend war uns das Schweigen unserer heimathlichen
Freunde bei der Armee; denn wenn wir auch bei unserem aufgeregten Prinzen keine mittheilsame Stimmung voraussetzten, so hatte doch ein junger Regimentskamerad, der jenem als Adjutant beigegeben und
meinem Vater vertraulich zugethan war, fleißige Nachricht versprochen, und nun nahezu zwei Monate kein
Wort von sich hören lassen. Und Faber, dem durch
seltsame Fügung die Freunde auf fremdem Boden,
unter fremder Fahne in demselben Regimentsverband
begegnen mußten, auch Fader sendete keinen Trost in
dieser bänglichen Zeit.

„Ich habe ein besseres Fiducit zu diesem Mosjö
Per—sé gehegt,“ sagte mein Vater ärgerlich. „Daß ich
auch nicht daran gedacht habe, dem Prinzen einen
Denkzettel an ihn mit auf den Weg zu geben. Die
arme kleine Dorl ist wie verwandelt, seitdem es nun
ernstlich zum Klappen gekommen ist. Sie grämt sich
und schämt sich, so vergessen zu sein in ihrer Angst
und Noth.“

Ja freilich grämte und schämte sie sich, die unglückliche Dorothee, wenn auch aus anderen Gründen,
als ihr alter Freund ihr unterschob. Sie mied uns
in sichtbarer Seelenangst, saß mit vorgezogenem Riegel in ihrer Stube, und huschte im Garten scheu und
stumm an uns vorüber. Redeten wir sie an, und
war es das Gleichgültigste, so antwortete sie verworren und ausweichend. Ich sah, sie zitterte vor einer
Erörterung, die auch ich von Tage zu Tage verschob.
Warum, da sie doch unausbleiblich und jedenfalls vor
meiner Abreise nach Reckenburg stattfinden mußte?
Ja, warum scheut man sich denn, einen Knoten zu
durchhauen, warum rechnet man auf das Unwahrscheinlichste, das eine Lösung bewirken könnte? Ich
zum Exempel rechnete auf eine Eröffnung und vielleicht
Verständigung zwischen dem Prinzen und Faber, die
mich der Pein einer Mittlerrolle überhob.

Endlich, endlich kam der langersehnte Brief vom
Adjutanten. Der Prinz hatte seine Verzögerung befohlen, um die Freunde, eines kleinen Unfalls halber,
nicht ohne Noth zu beunruhigen. Er war, indem er
dem die Tête bildenden Regimente Weimar nacheilte,
beim Ueberschreiten der Gränze auf ein preußisches
Reiterpiket gestoßen, hatte sich ihm angeschlossen und
mit ihm eine recognoscirende, weit überlegene feindliche Jägerabtheilung attakirt. Nach hartnäckigem
Kampfe war sie niedergehauen und gefangen worden.
Dem Prinzen aber, der auch nicht einen Flüchtigen
entkommen lassen wollte, stürzte während der Verfolgung auf dem vom Regen durchweichten Boden das
Pferd. Er trug eine Verstauchung davon, die sich bei
mangelnder Pflege entzündete und ihn wochenlang in
einer armseligen Bauernhütte festhielt.

„Wie er knirschte,“ so sagte der Correspondent,
„wie er wetterte, zurückbleiben zu müssen, während die
Armee die Ardennenfestungen in ihre Hand bekam —
nun Ihr könnt es Euch denken, Ihr kennt ihn ja!
Wie er aber schäumte während des unbegreiflichen achttägigen Halts vor den schwachbesetzten Argonnenpässen
— nein, das könnt Ihr Euch nicht denken, trotzdem
Ihr ihn kennt! Wäre das Commando doch in des
Königs Hand! Gottlob jedoch, sein ritterlicher Sinn
hat über die alte Schulweisheit gesiegt und unser
leichtes Glück bei Croix aux bois und Grandpré,
wo diese Freiheitshelden Reißaus nahmen wie die
Hasen, wird auch unserem Serenissimus Cunctator
eine Fackel aufgesteckt haben, welche den Weg nach
Paris beleuchten soll. Die Armee ist in vollem
Marsche nach Chalons. Zieht Dumouriez, dieser
Schwätzer par excellence, sich zurück: gut. Einen
solchen Feind in der Flanke fürchten wir nicht. Gelingt ihm die Vereinigung mit Kellermann, der ihm
von Metz zu Hülfe kommen soll: desto besser. Wir
werden das Gesindel dann mit einem Schlage los.
Das Beste aber ist, daß unser Prinz, heil und wohlgemuth, morgen aufbrechen wird, um sein Regiment
einzuholen. Am Abend denken wir Menehould —
fluchwürdigen Andenkens! — zu erreichen.“

Das Ungestüm unseres Prinzen sprach aus jedem
Worte dieses Berichts. Ein Postscriptum enthüllte
dahingegen die weit nüchternere Auffassung seines Begleiters. Weg und Wetter waren abscheulich; es
fehlte an jeder geregelten Verpflegung; epidemische
Krankheiten decimirten die Armee; was aber am
tiefsten überraschte: die Stimmung der Bevölkerung
war dem königlichen Befreiungskriege keineswegs so
geneigt, wie nach den Schilderungen der Emigranten
alle Welt vorausgesetzt hatte. Einige diplomatische
Andeutungen über den Doppelsinn der Heerführung
bildeten den Schluß.

Wir schlugen uns den nachhinkenden Boten aus
den Gedanken und hielten uns an den guten Glauben und an die gute Kunde von unserem Helden,
wobei wir denn freilich die Gefahren jedes Augenblicks vergaßen, welche die Spanne zwischen Sendung
und Empfang solcher Kunde füllen.

Der Brief, welcher am neunzehnten September
geschrieben, erreichte uns am achtundzwanzigsten. Auf
den folgenden Tag, Michaelis, fiel Dorotheens Geburtsfest. Ich suchte schon früh am Morgen bei ihr
einzudringen. Die beruhigende Nachricht über den
Prinzen, hoffte ich, werde eine nicht länger aufzuschiebende Aussprache ermuthigend einleiten. Aber wiederum
ein vergeblicher Versuch. Sie war schon vor dem
Frühstück hinüber zum Vater entschlüpft und kehrte
während des ganzen Morgens nicht zurück.

Am Nachmittag saßen wir im Familienzimmer
um den Kaffeetisch, auf welchem ein Festkuchen, umgeben von einem bunten Asternkranze, prangte. Achtzehn Jahreslichtchen, und in der Mitte das dicke Lebenslicht sollten rasch angezündet werden, sobald es
Ehren-Purzel, der an der Treppe aufgestellt war, gelungen, das Geburtstagskind abzufangen. Ich hatte
das Mißliche dieser alljährlichen kleinen Festlichkeit
heuer wohl empfunden, wußte aber keinen Vorwand,
den guten Willen der Eltern zu verhindern. Wir warteten vergebens. Dorothee kam nicht. Auch hatte die
Frankfurter Post keinen Brief des bisher wenigstens
zweimal im Jahre regelfesten Bräutigams gebracht.
Papa schimpfte recht lästerlich auf seinen rücksichtslosen Mosjö Per—sé.

Es dämmerte bereits, als ein Staffettensignal
sich von Westen vernehmen ließ. Bei jedem Klange
aus dieser Richtung sammelten sich Offiziere wie Bürger vor dem Posthause, um irgend eine wahre oder
unwahre Nachricht zu erhaschen, welche die Couriere
auf den Stationen ausstreuten. Der Vater eilte hinaus, und auch uns Frauen ließ es keine Ruhe, wir
traten unter die Hausthür, seine Rückkehr erwartend.

Die Staffette sprengte auf der Leipziger Straße
weiter. Der Vater kam zurück. „Ein Zusammenstoß soll stattgefunden haben,“ rief er uns kopfschüttelnd entgegen; „unfern von St. Menehould ein unerhörtes Kanonenfeuer vernommen worden sein. Wer
aber obtinirte? — und ob wirklich beim Abgange der
Post am anderen Tage die Armeen sich in unverrückter Stellung gegenübergestanden? Reime sich's, wer
kann — ich —“

Er bemerkte bei diesen Worten Dorothee, welche
sich leise von der Gartenseite herbeigeschlichen hatte,
und in athemloser Spannung seiner Rede lauschte.
Lachend reichte er ihr einen Brief, welchen er dem
Courier abgenommen hatte; „Ein Tausendsassa, liebe
Dorl, wie er die Gelegenheiten wahrzunehmen weiß!“

Dorothee riß den Brief an sich und floh die
Treppe hinan. Der Vater hielt noch einen zweiten
Brief in der Hand. „Vom Adjutanten,“ sagte er,
nachdem wir in das Wohnzimmer getreten waren.
„Er wird uns, denk’ ich, das Räthsel lösen.“

Ich zündete in der Hast das Lebenslicht auf dem
Geburtstagskuchen an, und stand in athemloser Spannung, bis der Vater den Brief entsiegelt hatte. Kaum
aber, daß er einen Blick hineingeworfen, sah ich ihn
auf dem Stuhl zurücksinken, das Blatt seiner Hand
entfallen. „Todt, todt!“ stöhnte er, wie vernichtet.

„Wer ist todt?“ kreischte die Mutter. Sie hob
das Blatt vom Boden auf. Ein Blick auf das erste
Wort; ein zweiter der tiefsten Angst zu mir hinüber.
Ich lag nicht in Ohnmacht oder Krämpfen; ich stand
steif wie eine Kerze. Sie legte es beruhigt in meine
Hand. Es war flüchtig mit Bleistift geschrieben und
datirte vom einundzwanzigsten September.

„Unser herrlicher Prinz ist todt! Das Opfer
eines Kampfes, für den ich keine Bezeichnung habe.
Mitten in der Nacht waren wir aufgebrochen. Der
Weg war heillos, aber die Kundschaft, daß der König gestern den Vormarsch und den Angriff der feindlichen Armee befohlen habe, gab dem Prinzen Flügel.
Wir hetzten unsere wechselnden Pferde zu Tode. Um
sieben Uhr hörten wir den ersten Kanonenschlag. Die
Gegend lag im dicksten Nebel. Das Feuer wuchs von
Minute zu Minute. Der Boden dröhnte. Der Prinz
glühte buchstäblich im Fieber: die Schlacht, die heißersehnte Schlacht! Alle rückstehenden Truppentheile,
die wir passirten, zeigten die zuversichtlichste Stimmung, ja ausgelassene Heiterkeit. Unser Regiment
stand bei der Avantgarde, mit welcher Hohenlohe den
Angriff erhoben hatte. Wir jagten vorwärts. Mittag war vorüber; der Nebel hatte sich gesenkt. Jetzt
erkannten wir die feindliche Aufstellung auf den Höhen vor Valmy. Eine günstige Position; der Feind
uns um ein Dritttheil überlegen. Aber welch ein
Feind! Bodenlos soll die Verwirrung gewesen sein,
als Hohenlohe den linken Flügel, d. h. Kellermann,
angriff, und Dumouriez auf dem rechten zu fern
war, um ihm beizuspringen. Der Sieg schien mit
Händen zu greifen, und — wir setzten die Attaque
aus! Wir schossen hinüber, der Feind herüber, ohne
begreifbaren Zweck und Erfolg. Vierzigtausend Kanonenschläge sollen in diesem Feuerwerk verpufft worden sein.

„Der Prinz schäumte vor Wuth, als er jenseit
der Straße von Menehould seinem Regiment auf dem
Rückzug begegnete. Fluch und Verwünschung jagten
sich auf seinen Lippen; Purpurröthe und Todtenblässe
auf seinem Gesicht. Laut und öffentlich sprach er aus,
daß Hohenlohe dem unseligen Rückzugsbefehle trotzen
müsse, sprengte tollkühn die Anhöhe hinab und jenseit
wieder hinauf bis zu der Stellung, welche die Vortruppen am Morgen inne gehabt hatten. Er glaubte
einen Angriff von dieser Seite noch jetzt mit Sicherheit ausführbar. Er kann nichts anderes gedacht
haben, als eine Recognoscirung bei dem verwegenen
Ritt. Die Kugeln sausten um seinen Kopf. Ich
sprengte ihm nach, dem tödtlichen Beginnen Einhalt
zu thun. Mehrere Officiere des Regiments folgten
mir. Dicht ihm an den Hacken, sahen wir ihn taumeln, vom Pferde sinken. Noch fing ich ihn in meinen
Armen auf. Unter einem Kugelhagen trugen wir ihn
nach dem Vorwerk la Lune, dem Standquartier unseres hohen Chefs. Er war am Herzen getroffen und
in wenigen Minuten — eine Leiche.

„Und dieses herrliche Opfer sühnt kein Sieg, sühnt
nicht einmal das Bewußtsein der genügten Ehre. Der
Feind steht uns heute wie gestern hoch gegenüber.
Wir greifen auch heute nicht an und selber die Geschütze schweigen. Man munkelt von Unterhandlungen,
von Rückzug. Mir ist nichts unglaublich nach dem
gestrigen Puff. Kann aber, wird ein König von
Preußen sich dieser Schmach unterwerfen? Die Officiere
schreien Zeter über den Braunschweiger. Mit abgewandten Gesichtern schleichen sie aneinander vorüber,
sie, die gestern so stolz und sicher wie zur Parade
ausgezogen waren! Weinen habe ich ihrer sehen vor
Zorn und Scham. „Wären Sie ein Preuße wie ich,“
sagte mir ein alter Major, „hätten Sie noch unter
Friedrichs Fahne gedient, Sie beneideten Ihren gefallenen Prinzen.“

Was soll ich weiter sagen? Aeußerlich hielt ich
Stand. Lautlos legte ich den Brief in des Vaters
Hand zurück. Er schluchzte wie ein Kind und die
Thränen rieselten über seine Wangen in den ergrauenden
Bart. Die Mutter saß lange Zeit still mit gefalteten
Händen. Endlich erhob sie sich. „Wir alle bedürfen
der Sammlung. Geh’ zur Ruhe, liebe Tochter,“ sagte
sie, indem sie mich auf die Stirn küßte.

Der Vater führte mich bis zur Thür, preßte
meine beiden Hände und sprach: „Gott muß es am
besten wissen, mein gutes Kind.“

„Gott muß es am besten wissen!“ wie oft habe
ich in ruhigeren Stunden dieses Wortes gedacht, das
so alltäglich verhallt, und doch das einzige ist, dessen
wir Menschen uns in unbegreiflichen Schickungen getrösten. Diese lebensgierige Natur, ohne Halt in der
Außenwelt, zügellos in der inneren, würde sie sich behauptet haben während der zwanzig Jahre des Verfalls, welche der Spiegelfechterei von Valmy folgten,
bis zur tiefsten Schmach und hart an die Gränze der
Vernichtung? Würde sie ihre Kraft zusammengehalten
haben, für die büßende Mannesthat? Oder nach
welcher Richtung hin sie verschleudert und sich selbst
verloren? Gott hat es am besten gewußt, mein
braver Vater!

In dieser Stunde freilich da war Dein Trostspruch mir ein Schall und ich hörte nur das eine
hoffnungslose todt, dahin was meiner Augen Licht und
meiner Seele Stolz gewesen. Aller Halt war gebrochen, sobald ich — endlich allein! — die Treppe
erreicht hatte. Ich ließ mich auf die Stufen niedersinken, der Leuchter entglitt meiner Hand. So lag
ich, ich weiß nicht wie lange; das Leben dünkte mich
eine Nacht, undurchdringlich als die, welche mich umfing.

Endlich raffte ich mich auf und tastete mich nach
meiner Thür. Da sah ich einen hellen Streifen durch
die Spalte der Nebenstube fallen, und — Thörin, die
ich gewesen! sah mich aus dem Reiche des Grabes
schon wieder inmitten der bewegenden Fluth. Denn
ich erinnerte mich an Eine, der wahrhaftiger als mir
des Lebens Leuchte erloschen war.

Es war die Todespost, die ihr der alte Freund
als eine Freudenpost gereicht hatte und tödtlich schien
der Streich, der für sie so jach getroffen. Sie lag
kalt und steif am Boden ausgestreckt; in der krampfhaft geballten Hand den Brief Siegmund Fabers. Die
tiefe Schnuppe des Lichts zeigte wie lange sie in dieser
Erstarrung hingebracht hatte, und wohl ahnte mir das
jammervolle Dasein, zu welchem ich sie erwecken sollte.

Eine dunkle Stimme warnte mich, die Eltern oder
Diener um Beistand herbeizurufen. Ich trug sie auf
ihr Bett, löste die einengenden Schnüre und — —

Und was empfand die spröde, achtzehnjährige
Ehrenhardine vor der Enthüllung, die sie nicht geahnt
hatte und doch mit Blitzesschärfe verstand? Erbarmen,
Empörung, Haß? Schrie sie Wehe über die Sünderin? Nichts von alledem ist ihr bewußt; aber heute
noch fühlt sie den Schauer, der sie in jenem Augenblicke überrieselte, den Schauer neuerwachenden Lebens
nach dem gellenden Todesschrei. Nein, er war nicht
todt, nicht völlig todt; eine Spur von ihm lebte, und
ich beneidete das glückselige Weib, dem seine Liebe sie
eingeprägt hatte!

Ich öffnete das Fenster, benetzte die Erstarrte
mit kölnischem Wasser, hauchte meinen Athem auf ihre
Lippen; mit Todesangst fühlte ich ihren Puls und
hätte auch schreien mögen vor Entzücken, als ich den
ersten matten Schlag spürte. Endlich schlug sie die
Augen auf und schaute wirr umher, wie beim Erwachen aus einem entsetzlichen Traum. Jetzt fiel ihr
Blick auf mich, und es war ein markerschütternder
Schrei, der das rückkehrende Bewußtsein verkündete.
Gleich einer Wahnsinnigen sprang sie aus dem Bett,
wand sich am Boden mit entblößtem Busen und zerrauftem Haar: „Tödte mich, tödte mich, Hardine!“
gellte das verzweifelnde Weib.

Aber die böse Stunde verrann. Ein erwärmendes Feuer prasselte im Ofen, die Lampe brannte ruhig
auf dem Tisch. Dorothee lag eingehüllt im Bett; ihre
Thränen rieselten über die bleichen Wangen und:
„Retten Sie mich, retten Sie mich, Fräulein Hardine!“ wimmerte eine Kinderstimme in mein Ohr.

Und die ermatteten Lider fielen zu; die Brust hob
sich in gleichmäßigen Athemzügen; sie schlummerte ein.
Auch ich wollte Ruhe suchen. Da bemerkte ich den
Brief, den ich vorhin ihrer Hand entwunden und den
zu lesen ich wohl ein Recht hatte. Mein erster Blick
fiel auf die folgende Nachschrift:

„Gestern hatte ich ein Erlebniß, das mich seltsam
bewegte und das den Antheil Ihrer verehrten Hausgenossen erwecken wird. Seien Sie mit der Kundmachung
vorsichtig, liebe Dorothee. Ich befand mich bei den
Vorposten unseres Regiments, als ich im Namen
meines durchlauchtigen Chefs zu schleuniger Hülfleistung
entboten ward. Ein hoher Anverwandter Seines
Hauses, als Volontair erst vor einer Viertelstunde bei
der Truppe eingetroffen, war während eines kühnen
Erkundungsrittes schwer verwundet und in ein unfernes
Vorwerk gerettet worden. Ich hatte den unglücklichen
Vorgang mit angesehen und war bereits auf dem Wege
zu helfen. „Gottlob, da ist Faber!“ riefen der Herr
Herzog mir entgegen. Bei dem Namen Faber schlug
der Verwundete das schon brechende Auge in die Höhe.
Eine Lebenshoffnung mochte in ihm erwachen. „Faber,“
lallte er, „Faber!“ Er tastete nach meiner Hand und
drückte sie mit letzter Kraft an seine Brust: Ein eisiger
Schauder überrieselte ihn, der Todesschweiß tropfte von
seiner Stirn. „Barmherzigkeit, Faber, Barmherzigkeit!“
hauchte er noch und sank in meine Arme — entseelt.

„Wie eigen war mir zu Muthe, als ich die Uniform meines alten Regimentes löste, und in Erinnerung
der Heimath doppelt begierig hätte helfen mögen, wo
doch alle Hülfe vergeblich war. Der Prinz war nicht
verwundet, wie wir angenommen hatten, nur von der
Kugel gestreift, und ein Blutgefäß des Herzens durch
die Erschütterung, oder den ungestümen Ritt, oder den
Sturz vom Pferde lädirt. Niemals sah ich einen vollkommneren männlichen Körper. Auf seinem Herzen
fand ich ein Band, gehüllt in ein Blatt, das unter
wohlbekannten Zügen einen verehrten Namen trug.
Ich gestatte mir keinerlei Deutung. Aber mit Allerhöchster Genehmigung lege ich diese Reliquie, vielleicht
als ein trostreiches Andenken, in der Freundin Hand,
das einzige Angebinde, das ich Ihnen heute zu bieten
habe, theure Dorothee.“

Und nun wickelte sich wieder das blaue Haarband vom Frühlingsfeste um meine Finger und ich betrachtete das Blatt, welches nichts als den Namen
„Hardine von Reckenburg“ trug, die abgerissene Unterschrift eines meiner wenigen Briefe an Dorothee und
von dem, welchem das Blatt bei irgendwelchem Anlaß
zugespielt worden war, vielleicht niemals bemerkt. Aber
war es nicht eine seltsame Fügung, daß Siegmund
Faber es sein mußte, welcher das Andenken von der
Brust des Mannes nahm, der sein Lebensglück vernichtet hatte, und daß er es, als das Liebeszeichen
einer Anderen, in die Hand seiner treulosen Verlobten
zurücklegte?

Ich aber, wie hätte es in jenen Stunden ohne
Einfluß auf mich bleiben können, daß über dem brechenden Herzen Name und Schriftzüge der Freundin geruht, welche er seine Schwester genannt hatte, als er
mit seinem Abschiedsworte das geliebte Weib ihrem
Schutze anvertraute? Wie hätte ich mich in jenen
Stunden anklagen mögen, weil das Vermächtniß des
todten Freundes stärker in mir sprach als die Pflicht
gegen den lebenden?

Ich ging in meine Kammer und warf mich unentkleidet auf das Bett. Dorothee schlief; ich fand
keine Ruh'! Die Ereignisse dieser Sonnenwende verschlangen sich wie greifbare Erscheinungen vor dem
halbbetäubten Sinn. von jenem Festtage an, wo ich
die alte Reckenburgerin das Liebeslied der Königsmark
trällern hörte, bis zu dem Schmerzensbilde, das Siegmund Faber enthüllt hatte. Ich träumte mit offnen
Augen und es währte wohl eine lange Weile, ehe ich
zwischen den Phantomen der Erinnerung die leibhaftige
Gestalt unterschied, welche bei dämmerndem Morgen
vor meinem Lager kniete mit gesenktem Kopf und die
Arme über der Brust gekreuzt gleich einer Verbrecherin.

„Wollen Sie mich retten, Fräulein Hardine?“
flüsterte sie nach einer langen Stille.

Eine neue lange Stille folgte und statt der Antwort
nur die Gegenfrage: „Was denkst Du zu thun, Dorothee?“

„Denken — ich?“ versetzte sie, indem sie traurig
den Kopf schüttelte. „Ich will thun, was Sie sagen,
Fräulein Hardine.“

„Nicht was ich sage, was Siegmund Faber sagt,“
entgegnete ich.

Sie aber rief mit einem Schauder: „Der —
Der? Was hab’ ich mit Dem noch zu schaffen?“
Doch verstand sie meinen vorwurfsvollen Blick, denn
sie setzte hastig hinzu: „Ich werde ihm das Seine zurückgeben und mein Brod mit meiner Hände Arbeit
verdienen.“

In anderer Stimmung würde ich beim Anblick
dieser zartgeschonten Hände den ausgesprochenen Entschluß belächelt haben. In der gegenwärtigen sagte
ich nur: „So schreibe ihm heute noch, Dorothee, bekenn’ ihm die Wahrheit und empfange Dein Schicksal
aus seiner Hand.“

Sie fuhr in die Höhe mit einer Heftigkeit, die
ich niemals an ihr gekannt hatte. „Ihm schreiben
und heute noch!“ rief sie. „Ihm Alles sagen, ihm,
ihm! Nein, das verlangen Sie nicht, nur das Eine
nicht, Fräulein Hardine, das kann ich nicht.“

„Nun denn, so will ich es thun an Deiner Statt,“
sagte ich.

„Würde ein Brief ihn treffen, Fräulein Hardine,“
entgegnete sie. Es sind zehn Tage, daß er schrieb, eine eben

so lange Zeit müßte vergehen — — und lebt er denn
noch? Und wo? Und wie?“

Sie hatte Recht. Wo stand die Armee in dieser
Stunde? Vorwärts, in Feindesland? rückwärts, am
Rhein? Ein eintreffender Brief konnte bei so unsicheren Zeitläuften ein wahres Wunder genannt werden. Und durfte ich ein solches Geheimniß der Verschleuderung und einer fremden Entdeckung preisgeben?
Nein. Wir mußten weitere Nachricht von oder über
Faber erwarten.

„Wohlan, Dorothee,“ sagte ich nach einer Pause
und ergriff ihre Hand, „wenn denn zur Stunde nicht
vor ihm, so vor der Welt zeige entschlossen, daß Euer
Bund sich gelöst. Kehre in Deines Vaters Haus zurück; nimm die Demüthigung auf Dich als Sühne
der Schuld; setze Pflicht gegen Pflicht. —“

Es war wie ein Todesurtheil, das sie vernommen hatte. Ein Fieberfrost durchschüttelte ihren Leib,
sie sank von Neuem auf die Kniee.

„Muß es sein?“ hauchte sie kaum vernehmlich.

„Ja, es muß sein, Dorothee.“

„Jetzt, gleich jetzt, vor der Zeit? O, Fräulein
Hardine, mir ist, als ob ich sterben werde nach der
Zeit. Ach, so gerne sterben! Sparen Sie es meinem
alten Vater, lassen Sie ihn nicht mit Schanden in
die Grube fahren.“

Sie mochte wohl merken, daß das Mitleid mit
dem alten, trunkenen Schwachkopf, gar wenig auf mich
wirkte, denn sie fuhr hastig, mit bebender Stimme
fort: „Und Er — Er, den ich nicht nennen kann, soll
sein Name verlästert werden in einem Athem mit dem
der verworfenen Creatur? in der Stunde, wo die
Thränen noch warm um ihn fließen, wo sein armer
Leib noch nicht die Ruhe bei seinen Vätern gefunden hat?“

Es war eine Zauberin, dieses Kind Dorothee,
wie es im rechten Augenblicke immer das Wirksame
zu treffen wußte! Nein, das Geheimniß war zur
Hälfte nicht zu wahren, und die Anklage gegen den
Verführer durfte sich nicht in die Todtenklage um unsern Helden mischen. Vor meinen Eltern, die ihn
geliebt hatten, vor den Kameraden, die ihn bewunderten, ja selber vor den gering geachteten Heimathsbürgern Dorotheens, mußte der Letzte seines Stammes
ohne Makel in der Gruft seiner Ahnen ruhen.

„So sei es denn, Dorothee, ich will Dein Geheimniß wahren und schützen, bis Siegmund Faber
über Dein zukünftiges Loos entschieden haben wird.“

Mit diesem Gelöbniß endete die erschütternde
Unterredung.

So schwer der Entschluß, so rasch und leicht war
der Plan. Dorothee begleitete mich nach Reckenburg;
alles Weitere enthüllte sich in dem stillen Waldhause
Muhme Justinens. Und wie der Plan, so rasch und
leicht war auch die Ausführung. Vater Kellermeister
hatte keine Stimme; meine Eltern aber gönnten den
beiden bekümmerten Gespielinnen ein tröstendes Beieinandersein. Kaum eine Woche später waren sie,
von Leipzig ab in Begleitung des Predigers, auf dem
Wege nach Reckenburg.

Dorothee war dem alten Freunde keine Fremde;
ich hatte ihm oft von meiner reizenden Mitschülerin
erzählt. Jetzt führte ich sie ihm vor als eine Besucherin Muhme Justinens, also ohne buchstäbliche
Lüge. Wie denn überhaupt, wenn lügen oder täuschen nur heißt: Unwahres sagen, nicht auch Wahres
verheimlichen, ich in diesem ganzen Verhältnisse keiner
Lüge oder Täuschung schuldig zu werden brauchte.
Freilich mochte das stilltrauernde Weib, wie es sich
scheu und leise weinend in die Wagenecke schmiegte,
wenig zu dem Bilde stimmen, das ich von meiner
frohen, beweglichen kleinen Dorl entworfen hatte.
Sein Auge weilte mit Wehmuth auf dem bleichen,
gesenkten Gesicht. Gewiß, er ahnte die Wahrheit.
Der geistliche Herr aber war einer von denen, welche
dem bekümmerten Sünder die Hand entgegenstrecken.

Wie oft hatte ich blutjunges Ding mich mit Entrüstung von unseres Seelsorgers milder Lehre und
Praxis, gegenüber einer zuchtlosen Gemeinde, abgewendet. So erinnerte ich mich im Besonderen einer Predigt über das ehebrecherische Weib, deren Text und
Auslegung ich beim Diner meiner alten Gräfin wiederholte. „Der Herr Pastor könnte derlei bedenkliche
Themata vermeiden; aber was kümmert das uns?“
hatte sie gesagt, und ich ihr — bis auf den Nachsatz
— endlich beigepflichtet. Das war am Sonntag vor
meiner Abreise, und heute führte ich selber solch ein
recht- und ehrvergessenes Weib als meinen Schützling
in seine Gemeinde ein; ich, die ich mein Leben so sicher
auf den Wahrspruch meines Hauses gegründet glaubte.

Baue Keiner auf eine Maxime, wenn er nicht,
wie Jungfer Ehrenhardine, eines Tages mit schamrothen Wangen einem fertigen Menschen gegenübersitzen will. Das, meine Freunde, ist die Moral der
Geschichte von der Rose und ihrem Blatt.

Zweites Capitel.
Muhme Justinens Pflegling.

Auf der letzten Station blieb Dorothee zurück.
Der geistliche Herr und ich rollten in Reckenburgs
goldner Kutsche unserem Ziele entgegen. Die Gräfin
schlummerte, als ich auf dem Schlosse anlangte. Ein
böser Zufall, dessen Anlaß ich nur zu gut errieth,
hatte ihre Kräfte härter denn jemals mitgenommen.

Es war die von Neuem bewährte Leibwärterin,
welche mir diese Auskunft gab, und so konnte denn
das, was mir zunächst am Herzen lag, gleich in der
ersten Stunde seine Erledigung finden. Verschwiegenheit und Zustimmung waren mir zum Voraus verbürgt, schon weil ich es war, die sie erbat. Im
Uebrigen brachte die Pflege ein Stück Geld und die
demüthigende Abhängigkeit der „Jungfer Obenaus“
einen erquickenden Kitzel. Von schweren sittlichen Bedenken konnte bei einer Helferin ihres Zeichens füglich nicht die Rede sein.

Wir wurden daher ohne Markten handelseinig.

Die Muhme holte am andern Tage ihre Schutzbefohlene aus der Stadt ab, nahm sie in Kost und
Pflege und ließ sie, wenn Einer nach ihr fragen sollte
— unwahrscheinlicher Weise, da „Bauern nicht wie
Stadtbürger wissenschaftlicher Complexion sind“ —
für eine Angehörige, die kürzlich Wittwe geworden
war, gelten. Vor allem Andern übernahm sie die
Auseinandersetzung mit dem Prediger, dem die unbedingte Wahrheit gesagt werden mußte. Daß unser
Uebereinkommen gewissenhaft und mit bestem Gelingen
durchgeführt worden ist, sei zum Voraus berichtet.

Nicht ohne Bewegung ging ich nun dem Wiedersehen der Gräfin entgegen. Mir, der Jugendlichen,
war ja nur ein Traum entwichen, ein flüchtiges Glück,
das ich erst seit unserer Trennung hatte kennen lernen. Ihr, der Urgreisin, war der Bau eines langen
Lebens in Trümmern gestürzt. Ich mußte auf eine
tiefe Wirkung vorbereitet sein.

Was ich aber gewahren sollte, das war die Verwüstung eines sengenden Strahls und Gott weiß, unter welchen Qualen ich lange Jahre hindurch in meiner stillen Reckenburger Flur gegen sein nachzehrendes
Feuer gerungen habe. Schon bei diesem ersten Wiedersehen fand ich die Gestalt zusammengesunkener —
die Bewegungen hülfloser, die Rede knapper; eine
Spur innerlichen Lebens nur noch in dem kalten, stahlscharfen Blicke der Gier. Die Herrschaft war ausgestorben, und die Magd, die sich frühe und zähe in
ihrem Dienste ausgebildet hatte, die Alleingebieterin in
dem verödeten Haus.

Jetzt, das heißt seit der Stunde, in welcher die
Todesbotschaft von Valmy sie erreicht hatte, jetzt war
sie und wurde von Tag zu Tage mehr „die schwarze
Reckenburgerin,“ zu welcher die Volksphantasie die
einsame Erhalterin seit einem Vierteljahrhundert ausgearbeitet hatte. Jetzt glich sie den dämonischen
Märchenwesen, die Metalle hegen und hüten, lediglich
um ihres Glanzes willen; die der Kupferheller schmerzt,
welcher dem eignen Bedürfniß geopfert werden muß.
Ich sage Euch, wie ein Herkules habe ich um die Erhaltung der nutzbringendsten Anlagen gekämpft und es
war am Ende nur die achtzigjährige Gewöhnung,
welche das Getriebe mechanisch und methodisch zusammenhielt.

Die Correspondenz mit Dresden verstummte; der
einzige Festtag auf Reckenburg fiel aus und niemals
wieder hat der Name des erkorenen und verlorenen
Erben der Greisin Lippen berührt. Sie dachte nicht
mehr an sterben und vererben. Existirte aus früherer
Zeit eine letztwillige Verfügung und zu wessen Gunsten? Niemand wußte es. Die Testatorin aber würde
keinen Federstrich gethan haben, um sie zu widerrufen
oder umzuändern. Ein Mensch war ihr so gleichgültig wie der andere; sie kannte keine Pflicht. Sie
wollte leben, nur leben. Die Ewigkeit würde ihr
nicht zu lang gedäucht haben, allein, neben ihrem
funkelnden Schatz. Kam es aber eines Tages zum
Ende, nun, wenn dann die Erde unter ihrem Goldthurm sich geöffnet hätte, es würde ihr das rechte,
das willkommenste Ende gewesen sein.

Vierzehn Jahre noch, die letzten der Jugend, sind
mir hingegangen in Abhängigkeit von dieser Mumie
mit dem einen überlebenden Sinn; und sicherlich nicht
ohne haftende Spur. Wohl waren die Anlagen, die
wir weibliche nennen, von Haus aus nur schwächlich
in mir organisirt, die Stunden in dem Goldthurm
der Reckenburg aber; wenn auch nur wenige jeden
Tag und durch Arbeit gefüllt, sie haben in mir die
letzte Fähigkeit unterdrückt, einem häuslichen Leben die
anheimelnde Spur, eine Physiognomie einzuprägen,
wie das bescheidene Erdgeschoß der Baderei sie doch
so beglückend getragen hat. Die Nachwirkung jener
Stunden hat auch den westlichen Thurm der Reckenburg zu einer Klause werden lassen und wenn ich,
ihnen zum Trotz, die Grundrichtung meiner Natur
durchgeführt habe, so danke ich es der Werkstatt unter
Gottes freiem Himmel, die mir rings um ihn erschlossen blieb.

Ihr seid noch zu jung, meine Freunde, seid Gottlob! zu beglückt durch Euer wechselseitiges Selbst, um
zu ermessen, wie solch eine Werkstatt unter freiem
Himmel einem Menschen zur Welt und zum Schicksal
werden kann. Aber macht einen alten Bauersmann
gesprächig und Ihr werdet über seine Erlebnisse auf
der armen Hufe staunen.

Nun aber eine Schöpfung, wie die der Reckenburg, so mühsam umgewandelt, so weithin angewachsen, so fruchtbringend schon heute, so segenverheißend
für eine kommende, freiere Zeit; da wird jeder Findling des Feldes zu einem weiterfördernden Mittel, die
kümmerlichste Pflanzung zu einem beseelten Wesen.
Wir sehen die Ernte in dem aufgehenden Halm und
in der absterbenden Stoppel die Befruchtung für eine
neue Saat. Uns schmerzt jeder Baum, dessen Alter
der Axt verfällt und wir freuen uns jedes jung aufstrebenden Keims; wir führen fremde Colonisten in
die beschränkte Gesellschaft, die unserer Scholle von
Alters her entsproß, unsere Kenntniß wächst, die Erfahrung wird bunter mit jeder Färbung und Form.

Und wie befreunden wir uns mit der thierischen
Creatur; wie forschen wir nach ihren Trieben, Sitten
und Gesetzen, lernen ihre Lebensart verbessern und
ihre Gaben immer reichlicher verwerthen! Seht Eure
Heerden Tag für Tag auf ihrer Trift und Ihr unterscheidet an jedem einförmigen Schaf oder Rind ein
Gesicht und ein Geschick.

Endlich aber, ganz zuletzt, die menschlichen Genossen in dieser abgeschiedenen kleinen Welt. Es ist
kein Paradiesesgarten, meine Freunde. Gleichgültiger
als an der weidenden Heerde geht der Fremdling an
den stumpfen, entarteten Gestalten vorüber, schätzt sie
niedriger als das Wild des Waldes in seiner unverkümmerten Schöne und dem ungebrochenen Instinct.
Aber Schritt für Schritt schwinden Ekel und Langeweile, wächst der aufmerkende Trieb. Allmälig werden sie uns vertraut, die platten Gesichter, denen wir
jede Stunde begegnen, deren mühseliges Tagewerk wir
verfolgen von der Wiege bis zum Grabe. Wir schütteln die rauhe Hand, die mit uns arbeitet an der Umbildung unserer heimathlichen Welt, dringen aus dem
allgemeinen in das persönliche Leben zurück, forschen
nach der Spur des göttlichen Ebenbildes in unserem
mitgeschaffenen, streben, sie ihm selber kenntlich zu
machen und ihn höher zu fördern in der Reihe der
Wesen, die einen Schöpfer ahnen und bekennen.

Solch eine kleine Welt war mir untergeordnet,
mir zunächst, ja mir allein. Sie hatte ich zu
schützen vor dem Verfall, welchem eine wahnsinnige
Leidenschaft sie preisgab; sie der Zukunft zu erhalten,
gleichviel, ob dieselbe mir oder einem Fremden zu
Gute kam; und je schwieriger der Ringkampf um die
Mittel, desto tiefer wurzelte die Neigung, desto hartnäckiger der Widerstand. Diese uneigennützige Liebe
ist mein Verdienst um Reckenburg, weit mehr als die
freie, beglückende Wirksamkeit in einer späteren Zeit.

Auf diesem meinem Arbeitsfelde ertrug ich denn
auch leichter, als ich nach der traurigen Episode des
Herbstes hätte ahnen sollen, den Schicksalswinter von
dreiundneunzig mit seinem ätzenden Hohn. Als die
Kunde des einundzwanzigsten Januar kannibalisch
schreckend bis in unseren stillen Waldwinkel drang, da
pries ich meinen jungen Helden selig, der in der letzten Hoffnungsstunde geendet hatte, während seine
Kampfgenossen wie von einer Narrenfahrt zurückirrten
und den königlichen Märtyrer, zu dessen Erlösung sie
den Kreuzzug erhoben hatten, unter dem Henkerbeile
fallen sehen mußten.

Auch Dorothee hatte sich so friedlich eingelebt,
als es in ihrer Lage möglich war. Der Herbst brachte
noch heitere Tage, die in das Freie lockten; die Wunde
verharschte in der Stille ländlicher Natur; die Schande
drückte sie nicht, da sie Keinem begegnete, der sie ihr
vorgeworfen hätte, und an die Sünde — wenn sie die
Sünde überhaupt jemals gefühlt — wurde sie um so
weniger erinnert, da heuer auch der übliche Weihnachtsbrief Siegmund Fabers ausblieb.

Kehrte ich bei meinen Wanderungen durch den
auch im Winter belebten Wald in dem einsamen
Muhmenhause ein, so fand ich Dorothee flink und
zierlich mit einer Handarbeit beschäftigt, wie sie die
Sorge für ein junges Leben nöthig werden läßt. Die
Kinderlaune wachte in ihr auf, sie tändelte mit dem
kleinen Gemäch wie zu der Zeit, wo sie unter meinen verwunderten Blicken ihre Puppen ausstaffirte.
„Wie reizend!“ rief sie dann wohl aus, indem sie ein
Mützchen, mit bunten Glasperlen durchstrickt, auf ihren
Fingern wiegte; „wenn da erst so ein Engelsköpfchen
darunter steckt! Ach, wie freue ich mich. Ich habe
Kinder immer so lieb gehabt, Fräulein Hardine.“

An einem der ersten Frühlingstage, mit Störchen und Drosseln um die Wette, fand ich das neue
Erdenkind in dem Muhmenhause eingeflogen. „Zu
früh,“ wie die bewährte Pflegerin versicherte, wenngleich das Männchen ein gar stattliches Ansehen trug,
und die junge Mutter sich heil und frisch fühlte, wie
ein Fisch im Wasser. Freudenthränen träufelten auf
das Kind in ihrem Schoße. „So schön, so wunderschön!“ rief sie entzückt. „Ach, wie habe ich es lieb,
wie bin ich glücklich, Fräulein Hardine! Niemals, niemals könnte ich mich von dem kleinen Engel trennen.“
Bei welcher Entzückung Ehren-Justine freilich eine gar
hämische Grimasse zog und mir beim Hinausgehen
zuraunte: „Das wäre der erste Wildling, der eine
dauerhaftige Mutterliebe spürte! Was nicht im Ehebett geboren worden ist, das verfliegt wie Spreu.“

Indessen wußte sie, immer unter der Rubrik „zu
früh“ schon anderen Tages eine häusliche Nothtaufe
einzurichten, bei welcher sie und ich Gevatterinnen
wurden. Der Knabe erhielt den Vaternamen August
und ist unter seiner mütterlichen Familie gesetzmäßig
durch den Prediger in das Kirchenregister eingetragen
worden. Niemand würde leichtlich diesen Namen in
den Annalen unseres wüsten Walddörfchens gesucht
und aufgefunden haben. Als aber etliche Jahre später der Blitz die Kirchenbücher in der Sacristei vernichtete, da gab es nur noch ein einziges Dokument
über August Müllers Geburt und Ihr werdet es
an einer anderen Stelle dieser Blätter beigeheftet
finden.

So lange Dorothee Bett und Zimmer hütete und
ihren Knaben an ihrer Seite liegen sah, hegte sie kein
Verlangen, als so lange als möglich in Reckenburg
zu weilen und sich späterhin irgendwo häuslich mit
ihm einzurichten. „Was kümmern mich die Leute!“
entgegnete sie lächelnd den Einwänden der Muhme.
„Ich habe ja mein Kind!“ Die Muhme aber blieb
brummend bei ihrem Satz: „Schnickschnack Kind! Selber noch ein Kind! Die braucht einen Mann und
nicht ein Kind!“

Ich schalt darüber heimlich und laut mit meiner
alten Getreuen, zumal als sie auch nach Dorotheens
Herstellung die Pflege des Knaben ausschließlich in
ihrer Hand behielt und ihre Hintergedanken bei dieser
Dictatur wenig verhüllte. Möglich allerdings, daß
das „halbschürige Lamm, die Dörte“ für des kräftigen Knaben Ernährung sich zu zart erwies und sehr
wahrscheinlich, daß ihre von jeher unliebsame Gegenwart der Alten auf die Dauer lästig fiel. Ganz gewiß aber war, daß der unversöhnliche Schellenunter
von Neuem seine Streiche spielte. Sie ahnte ja
nicht, daß er im verwichenen Sommer ihre Orakelweisheit bereits wahr gemacht hatte. Er lauerte noch
immer, und jetzt doppelt bedrohlich, unter der Kappe
der anrüchigen Dirne, zu deren Patronin ihr Fräulein sich erhoben hatte, und so ruhte sie denn auch
nicht, bis sie die Gefährliche außerhalb des Weichbildes sah, das sie, seitdem sie selbst sich darin niedergelassen hatte, für ihres Fräuleins eigentliche Heimath hielt.

Dorothee aber, wie sie die Ernährung ihres Kindes einer Ziege und seine Wartung einem despotischen
Willen überlassen mußte, wie sie müßig in dem dürftigen Waldhause unter dem schnöden Gebahren ihrer
Wirthin gebannt saß, da merkte ich gar wohl, daß
das Herz sich im Stillen nach der Freiheit und dem
Behagen des eigenen Heimwesens zu sehnen begann.
Sie langweilte sich, sie wurde unruhig. „Was soll
aus mir werden?“ seufzte sie und klagte: „Ich bin
doch recht unglücklich, Fräulein Hardine.“

Ich hatte in diesem Jahre den gewohnten Reisetermin vorübergehen lassen, weil die Stimmung der
Gräfin und die mit dem Frühling wachsende Thätigkeit eine ununterbrochene Vermittlung zwischen Thurm
und Flur nothwendig machte. Zwischen Saat- und
Erntezeit gedachte ich auf etliche Wochen heimzureisen
und hatte mich zum Voraus für eine Postfahrt entschlossen. Zählte ich auch erst achtzehn Jahre, so
fühlte ich mich seit den Erfahrungen des vorigen
Sommers selbstständig genug, um getrosten Muthes
eine Reise um die Welt ohne Begleitung anzutreten.

Schon im Mai wurde ich indessen durch einen
aufregenden Zwischenfall in die Heimath zurückgerufen. Des Vaters Regiment gehörte zu dem Contingent, das der Kurfürst zu dem Reichskriege gegen
Frankreich gestellt hatte; der Vater selbst aber war
bei den Depots zurückgeblieben und wir Alle, obgleich
gewiß keine weichlichen Naturen, fühlten uns dessen
froh. Was durfte nach den Erlebnissen des vorigen
Herbstes von diesem Feldzuge erwartet werden? Wer
hoffte denn noch auf eine rechtzeitige Rettung der unglücklichen Königin und ihrer Kinder, nachdem man
den König geruhig hatte morden lassen? Für das
bedrohte Königthum und den bedrohten König eines
fremden Landes würden wir mit religiöser Freudigkeit
unsere Theuersten sich haben opfern sehen — wir,
sage ich, meine Freunde, und meine damit durchaus
nicht blos uns Frauen, sondern mit etwaiger Ausnahme des Predigers alle Männer, stattliche, brave
Männer des mir zugänglichen Kreises — aber was
kümmerte es uns viel, daß deutsches Recht verhöhnt, daß deutsches Land jenseit und selber diesseit
des Rheins gebrandschatzt, verheert und dauernd in
Besitz genommen wurde? Erst zwanzig Jahre später,
nach einer ungeheuren Umwälzung der Gemüther,
haben wir den Werth vaterländischer Erde auch außerhalb unseres heimathlichen Gaues schätzen lernen und
dadurch erst, nicht durch die Bezwingung eines Eroberers, der früher oder später seinem Despotenwahnsinn zum Opfer gefallen sein würde, durch diese
Schätzung erst sind die Befreiungskriege zu einem
bleibend hochherrlichen Segen für unser Volk geworden.

Bei dieser Gleichgültigkeit gegen den Kampfeszweck traf es mich wie ein Unglücksschlag, als mein
Vater plötzlich seinem dreißigjährigen Friedensdienste
entrückt und mit Majorsbeförderung zu der Armee
vor Mainz befohlen wurde.

Sobald ich diese Nachricht erhalten hatte, bereitete ich meine Abreise für den nächsten Morgen vor,
und es blieben mir nur wenige flüchtige Minuten zum
Abschied in dem Muhmenhause. Peinlich, trotz aller
Aufregung, empfand ich die Nothwendigkeit, Dorotheen
in der Heimath als krank zurückgeblieben aufführen
und auf diese Weise mich der ersten buchstäblichen
Lüge in meinem Leben schuldig machen zu müssen.

Sie sollte mir indessen erspart werden, denn
zu meinem unaussprechlichen Staunen fand ich, als
ich am Morgen vor dem Posthause eintraf, meine
Schutzbefohlene, zur Rückreise gerüstet, meiner harrend
— allein ohne ihr Kind. „Es läßt mir keine Ruhe,
ich muß dem lieben, gnädigen Papa zum Abschiede
noch einmal die Hand küssen. Solch ein gütiger,
herzlicher Vater von Kindesbeinen an auch für mich,
Fräulein Hardine!“ schluchzte sie und setzte dann hastig,
mit niedergeschlagenen Augen hinzu: „Der Kleine ist
ja versorgt; die Muhme versteht es ja weit besser als
ich, Fräulein Hardine, und zum Herbst nehmen Sie
mich wieder mit zurück.“

In unverhohlener Entrüstung wendete ich mich
hockte einsam und stumm vor der Thür, bis eine mitleidige Nachbarin ihr einen Bissen reichte, oder sie in
ihr durchwärmtes Zimmer führte. Den Vater sah sie
fast nie. Wenn er spät in der Nacht heimkehrte,
schlief sie schon, und wenn er früh am Morgen wieder aufbrach, schlief sie noch. Es ging jach abwärts
mit dem Manne, wie seine sterbende Frau es vorausgesagt: aus dem Weinhause in die Branntweinskneipe,
aus dem Kreise kannegießernder Bürger unter ein Publikum roher Gesellen. Sein lockigen Haare wurden
struppig, blutrothe Flecken brannten auf den gedunsenen Wangen; die Adern schwollen neben den Narben
der Stirn, und ein wüstes Feuer brannte aus den
großen, blauen Augen, wenn er nach dem Pferde
schrie, das er tummeln, nach dem Säbel, mit dem er
den noch immer erwarteten Feind niederhauen wollte.
Das alte Soldatenherz rumorte noch wie einst, aber
Prinz Gustel war untergegangen, und das Vaterherz
hatte noch niemals pulsirt. Der Handschlag, den er
seinem sterbenden Weibe gegeben, war so gut wie vergessen.

Zu seinem Glücke kam der Tag, wo das letzte
Stück Hausrath, das letzte Kissen von Frau Lisettens
Brautschatz abgepfändet waren, wo der Hauswirth die
ter, als ich ihn vorausgefühlt hatte. Die grausigen
Bilder des vorjährigen Rückzugs, deren Einzelnheiten
mir erst in der Heimath deutlich wurden, ließen ein
Nimmerwiedersehen ahnen. Meine arme Mutter erlag fast der Anstrengung, sich als standhafte Soldatenfrau zu behaupten. Sie lächelte über den Trostspruch des ehrlichen Purzel; — des letzten Purzel im
Reckenburg’schen Dienst; — „Nur guten Muth, gnädige Frau. Ich sorge schon. Es passirt ihm nichts;
und passirt ihm doch was, dann komme ich gleich und
melde Post.“ Sie lächelte und bedachte das kleinste
Bedürfniß, das einem Verwundeten oder Kranken dienen kann. Aber ihre zarte Gesundheit hatte sich von
den Schmerzen und Sorgen der Trennungsjahre nicht
wieder erholt.

Am Vorabend des Abmarsches ging ich zu Dorothee, die sich in ihrem Mädchenstübchen ganz wohlig wieder eingenistet hatte, und hob ohne Umschweif
an: „Ich sehe ein, Dorothee, daß Du zu einem freiwilligen Bekenntniß niemals das Herz haben wirst.
Gestatte mir daher, Dein Geheimniß meinem Vater
anzuvertrauen. Die sächsische Armee steht mit der
preußischen vereint in dem Lager vor Mainz. Siegmund Faber wird dort leicht aufzufinden, der Vater
aber der zuverlässigste Vermittler und Dir der mildeste
Anwalt sein.“

Sie war bei diesen Worten wie vom Donner gerührt und es dauerte eine Weile, bevor sie der kindlichen Beredtsamkeit Herr geworden war, mit welcher
sie meine Rechtsgrundsätze schon einmal aus dem
Felde geschlagen hatte. „Thun Sie es nicht, Fräulein Hardine!“ rief sie außer sich. „Um Gottes Barmherzigkeit willen thun Sie es nicht! Vor der ganzen
Welt, vor meinem eigenen Vater sogar eine verworfene, ehrlose Creatur, nur nicht vor den Augen des
arglosen, gütigen Herrn! Und würde er es der gnädigen Frau Mutter verbergen können, verbergen wollen?
Wie sollte ich vor ihr bestehen und fortan unter
einem Dache mit ihr leben? Sie ist so streng, so
stolz! Auch Sie würden von ihr zu leiden haben,
Fräulein Hardine, Sie erst recht. Und weiß es erst
Einer, wird's ein Lauffeuer. Ich habe es ja nicht
anders verdient, ich müßte es hinnehmen. Aber auch
Sie bekrittelt zu sehen, Sie, die Sie mir ein Engel
gewesen sind, von den eigenen lieben Eltern getadelt,
ich ertrüg' es nicht. — Und warum das Alles?“ fuhr
sie nach einer Pause fort, während welcher ich diesen
unbeachteten Gesichtspunkt hin und her erwogen hatte.

Der Vater, wie ich ihn kannte, würde in der
That ein erstes eheliches Geheimniß kaum über die
Nacht und sicherlich nicht über den ersten Brief hinaus bewahrt haben. Sollte ich zu dem Herzeleid der
armen Mutter noch diese neue Prüfung fügen? Das
freundliche Verhältniß zu unserer Hauswirthin wurde
gestört, das Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit der einzigen Tochter im Grunde erschüttert.
Auch der nachsichtigere Vater würde den mütterlichen
Auffassungen nicht widerstanden und bekümmerten Herzens von seinem pflichtlosen Kinde, vielleicht für’s Leben, geschieden sein.

„Und wozu uns Allen diese Verwirrung?“ fuhr
Dorothee durch meine sichtliche Bewegung ermuthigt
fort. „Lebt er denn noch? Er hat den ganzen Winter nicht geschrieben?“

„Briefe erreichen in solchen Zeitläuften selten ihr
Ziel,“ versetzte ich; „die Nachricht seines Todes aber
würden wir erhalten haben.“

„Und wenn er lebt,“ entgegnete Dorothee, „in
welchem entfernten Lazareth, in welcher neuen Stellung. Es ist ja ein so weitläufiger Kriegsplatz; Gott
weiß, ob der Herr Vater jemals mit ihm zusammentrifft. Begegnet er ihm aber und weiß ich erst den
Ort, wohin ich mich zu richten habe, dann will ich
ihm Alles bekennen; ja, Fräulein Hardine, ich versprech’ es Ihnen, Alles bekennen, und wie er es verordnet, so soll es geschehen. Nur stellen Sie keinen
Anderen zwischen mich und ihn.“

So war denn Fräulein Ehrenhardine wieder einmal die Besiegte der kleinen Dorl. Der Vater reiste
ohne unser Geheimniß ab. Ja, in der Furcht einer
Entdeckung, wagte ich nur ganz schüchtern die Bitte,
sich doch recht nach dem Faber umzuthun und ausführlich über ihn zu berichten.

Dicke Thränen hingen dem guten Manne in den
Augen, als er beim Abschied es noch mit einem Scherzworte versuchte: „Sage der lieben Dorl, meine Dine,
daß ich ihren Mosjö Per—sé ganz gehörig in's Gebet
nehmen werde.“

Und wirklich enthielt der erste väterliche Brief
aus dem Lager vor Castel, in welchem die Sachsen
mit einem Theil der Preußen vereinigt standen, einen
ausführlichen Bericht über den seit dem Tage von
Valmy Verschollenen. Er hatte alle Fährnisse einer
pestilenzialischen Krankenpflege glücklich überdauert und
stand, zum Regimentsarzt befördert, bei dem Belagerungscorps. Der Ruf seiner Unermüdlichkeit, Unerschrockenheit und seines großen Geschicks war durch
das ganze Lager verbreitet; Hoch und Gering schätzte
des noch jungen Mannes bedeutenden Beruf. Die
Genossen der alten Baderei waren bald aufeinander
gestoßen und die heimischen Verhältnisse weidlich hin
und her besprochen worden. Ob dem kleinen Musterbräutchen nicht ein wenig die Ohren geklungen haben
sollten?

„Ihr müßt Euch,“ so schloß der väterliche Bericht, „unter dem Herrn Doctor Faber nun beileibe
nicht mehr den steifen Feldscheergehülfen vorstellen, der
sich quasi immer einen Spiegel vorhielt, um ja keine
angestammte Badereimanier durchschlüpfen zu lassen.
Er ist degagirt wie Einer, seitdem Generale und Prinzen so gut wie der gemeine Stückknecht unter seinen
Messern und Zangen still halten müssen. Auch gemüthlicher, aufgeknöpfter ist er geworden, nichtsdestoweniger aber doch noch der alte Per—sé, der Alles anders anfaßt, wie andere Leute, und besieht man’s bei
Licht, allemal recht. Als ich ihn auf das Risico
hinwies, dem jungen, einsamen Bräutchen das eingegangene Verhältniß so selten in Erinnerung zu bringen, da versicherte er zwar, um die Weihnachtszeit
sein regelmäßiges Carmen entsendet zu haben, und
weil er es versichert, muß der Brief verloren gegangen sein. — Indessen“ — so setzte er hinzu — „indessen wozu dieses leere Stroh?“

„Der Allerweltsdoctor wurde bei diesen Worten
zu einer Consultation bei einem schwer erkrankten General auf das linke Ufer abberufen. Ich hatte ihn
gebeten, sich um ein Paar in einem Vorpostengefecht
Blessirte von unseren Husaren zu bemühen und erhielt
schon am anderen Tage schriftlich eine beruhigende
Kunde. Schließlich kam er denn auch auf die Herzensangelegenheit zurück, in der wir gestern unterbrochen worden waren. Ich schneide die betreffende
Stelle zum Frommen meiner lieben Jungfer Grundtext aus seinem Brief, und lege sie dem meinigen bei.“

„ „Ueber das Risico, wie Sie es mit Recht
nennen, mein Herr Major, über die Gefahr hinweg
hilft kein mahnendes Wort. Und Beruhigung, —
wer schöpfte die auf hundert Meilen Distance? Bevor ein Brief seinen Ort erreicht, hat die Scene gewechselt und der, über dessen Wohlergehen man sich
freut, modert vielleicht im Grabe. In beiden Fällen
hilft nur Vertrauen auf einen guten Stern, oder von
Haus aus Resignation in Bausch und Bogen. Briefe
sind für Müßige oder für Gleichstrebende. Soll ich
mein liebes Kind mit militairischen Evolutionen und
diplomatischen Schachzügen unterhalten? oder soll ich
ihm mit meiner ärztlichen Widerwart eine Gänsehaut
erregen! Und Liebesschwüre, Liebesseufzer etwa? Ist
es nicht der Superlativ aller Albernheit, das Heimlichste, Unsagbarste der Menschenbrust in einen Gemeinplatz umgesetzt, Schwarz auf Weiß durch die
Welt zu jagen? Wie eingeschnürt sind die Kritzelfüßchen meiner kleinen Dorothee! Wie kann ich die
Stunden zählen, in denen sie an ihrer Feder gekaut
hat! Wo sind ihre Blumen und Vögel, ihr kindliches
Tändelwerk? Wo ist eine Spur von dem, was in ihr
und um sie wirklich lebt und webt? Da lobe ich mir
das Täschchen und Beutelchen, die sie gestrickt. Sie
sind mir stündlich zu Dienst und sehe ich sie, so sehe
ich auch die flinken Fingerchen in ihrem Bereich. Das
sind Thaten, weibliche Liebesthaten, mein Herr Major, und da ich sie nicht mit solchen aus meiner
Praxis erwidern kann, thue ich wohl, mich meiner
zärtlichen Treue nicht zu rühmen.

„„Sie versichern mich, hochgeehrter Freund, der
stillen Geduld des herrlichen Kindes, und ich kann
Ihnen nicht aussprechen, wie es mich beglückt, mein
schülerhaftes Experiment also gerechtfertigt zu sehen,
ein Experiment, vor dem ich mich bei reiferer Erfahrung gehütet haben würde. Ich fühlte mich als
Mann und sah in ihr das Kind, den einen vielleicht
zu früh, und das andere vielleicht zu lange. Im
Grunde aber sah ich gemäß der Natur und gemäß
der Vernunft. Denn wem, frage ich, möchte eine
derartige Enthaltsamkeit in's Blaue hinein zugemuthet werden, als dem Manne, der gewohnt ist, vor
sich selber Schildwacht zu stehen, oder dem Kinde,
das ohne zu träumen, im umfriedigten Nestchen schlummert, bis der vorbestimmte Erwecker es zur Freiheit
ruft? Nun wohlan, mein Herr Major, der Mann
wird Farbe halten. Das Weltwesen, das ich ahnte,
als ich dieses Bündniß schloß, hat sich um zwei Jahre
verzögert, und der Himmel weiß, wann und wo das
Wirrsal enden wird. Ueberdauere ich es aber, und
wäre ich verschlagen worden bis an's Ende der Welt,
so werde ich meinem anverlobten Weibe den väterlichen Trauring unentweiht vor Augen führen, und sehe
ich den meiner Mutter an ihrer Hand, werd’ ich den
Knabenglauben segnen, der sich bewährte, wo so mancher Mannesglauben zu Schanden ward.“ “

Diese experimentirende Resignation, welche meine
arglose Mutter nicht vorsichtig zurückhielt, war Wasser
auf die Mühle der bekenntnißscheuen Sünderin. Der
seltsame Mensch verlangte ja gar keine Aufklärung,
und bis er persönlich kam, dieselbe einzuholen, —
wenn er überhaupt wieder kam, — ach, was konnte
da nicht alles verändert sein! Ich aber wurde es
müde, ein Mißverhältniß zu demonstriren in die leere
Luft. Schämte sie sich nicht, als Braut eines Mannes
zu gelten, den sie verrathen hatte, scheute sie sich nicht,
mit seinem Treugut sich selber und dem Kinde eines
Anderen das Leben leicht zu machen: warum sollte
ich mich dessen schämen und scheuen? War sie meine
Schwester, meines Gleichen? Thorheit über Thorheit,
der leichtfertigen Schenkentochter eine honnette Gesinnung
zuzutrauen! Kehrte Siegmund Faber zurück, dann lag
es mir ob, mich, nicht sie, vor einem wahrhaftigen
Ehrenmanne zu entschuldigen.

Zu Dorotheens Gunsten, und um vor der Hand
mit ihrem philosophischen Liebhaber abzuschließen, sei
indessen vorausgemeldet, daß ein späterer väterlicher
Brief von einem räthselhaften Verschwinden des Doctor
Faber berichtete. Während des Angriffs auf die feindlichen Lager bei Pirmasenz, Ende September, war
er in seiner beherzten, rastlosen Thätigkeit noch vielfach bewundert worden, — seitdem spurlos Aller Augen
entrückt. Anfangs glaubte man ihn, im Gefolge des
Königs, der ihn persönlich hatte schätzen lernen, auf
das vor Kurzem so schmählich erworbene polnische Gebiet verpflanzt. Da diese Meinung aber sich als
Irrthum erwies, sahen die Einen ihn verwundet in
Feindes Hand, die Anderen ihn von erbitterten Gebirgsbauern abgefangen. Die Mehrzahl hielt ihn für
geblieben, wenngleich sein Leichnam von den das Terrain innehaltenden Siegern nicht aufgefunden werden
konnte. Alle aber beklagten die Lücke, welche durch
des immerbereiten Helfers Fehlen entstanden war.
Auch als mein Vater nach drei Jahren, wohlbehalten
und mit dem Verdienstorden belohnt, aber kopfhängerisch
wie alle Theilnehmer dieser unfruchtbaren Campagne
zurückkehrte, wußte er keine Spur von dem Verschollenen
anzudeuten. Bald war er unter seinen Heimathsbürgern ein todter, vergessener Mann und Niemand
würde es seiner bräutlichen Wittwe verargt haben,
hätte sie, zu Gunsten eines Anderen, über ihre begehrenswerthe Person und das Anwesen der alten Faberei verfügen wollen.

Ich hatte in unserer bänglichen Stimmung meine
Mutter während des Feldzugs nicht verlassen wollen
und nur auf beider Eltern dringende Vorstellung mich
zu der Rückreise nach Reckenburg entschlossen. „Bei
des Vaters ausgesetzter Lage und unserer Mittellosigkeit,“ so sagte die Mutter, „ist die Gräfin Dein und
auch mein letzter Anhalt. Verscherze ihn uns nicht,
liebe Tochter. Dort kannst Du wirken, mir nützest
Du nichts. Ich bin nicht krank, und stieße mir etwas
zu, habe ich da nicht das liebe Kind, Dorothee?“

Das liebe Kind, Dorothee! Sie mir an einem
Sorgenstuhle, an einem Krankenbette vorzustellen, mit
ihrer freundlichen, leise geschäftigen Art, — wahrlich,
es konnte mir nichts Beruhigenderes widerfahren, als
daß sie im Ernste gar nicht mehr an die Rückkehr in
das einsame Waldhaus dachte, und daß eine abzehrende
Krankheit ihres Vaters die Täuschung einer näher
liegenden Pflicht gestattete. „Halten Sie Ihre Augen
über meinem Liebling, Fräulein Hardine,“ flüsterte sie
beim Abschied in mein Ohr. „Ich werde der gnädigen Frau Mutter helfen und dienen an Ihrer Statt.“

So schieden wir, und als gegen die Weihnachtszeit jene erste Kunde von Fabers Verschwinden eintraf, stand ich schon längst wieder auf meinem Reckenburger Posten und Dorothee saß, — zu meiner innerlichsten Befriedigung! — geruhig daheim in ihrer
Mädchenstube. Dort fand ich sie, wenn ich in den
nächsten Jahren, — immer nur auf etliche Sommerwochen, — in der Heimath einkehrte, unverändert
dieselbe, fleißig bemüht durch zierliche Stickereien ihre
Einkünfte zu verbessern, auf daß es ihrem Knaben an
keiner Pflege, keiner Zierrath gebrechen möge. Hatte
sie am Abend Mützendeckel und Flitterschuhe bei Seite
gelegt, dann zeichnete sie kleine Kinderköpfe, oder
schnitzelte sie als Silhouetten aus schwarzem Papier,
legte sie zwischen die Blätter ihres Gesangbuches und
küßte sie als Gleichnisse ihres schönen Knaben. Sie
fertigte ihm Röckchen und Wämschen, drehte Blumen
aus den hellen Locken, die ich ihm jedes Jahr für sie
abschneiden mußte, verflocht sie mit einem Goldfädchen
ihres eignen Haars, auch wohl mit einem anderen,
das sie einem theueren Erinnerungszeichen entwand,
und nannte sie ihre Sonnenblumen. Sie herzte jedes
fremde Kind, sie jubelte vor Lust und weinte vor
Weh, wenn sie des eignen gedachte, — aber wiedergesehen hat sie den Pflegling Muhme Justinens nicht.
Auch als ihr Vater schlafen gegangen, als der meine
heimgekehrt war, als sie ledig jeder Pflicht auf eignen Füßen stand: daß sie, und nicht eine Fremde
zur Hüterin ihres Kindes berufen sei, daran dachte
sie nicht.

Ich aber rüttelte nicht mit Gewalt diese Pflicht
in ihrem Gemüthe wach. Denn der Wuchs eines
Menschen, wie der eines Baumes, — ich hatte es
allmälig begriffen, — er läßt sich in die Breite und
allenfalls in die Höhe treiben; aber tiefer graben, bis
zum nährenden Quell lassen sich seine Wurzeln nicht.
Wie die Natur ausgepflanzt hat, so müssen wir einander hegen, — oder meiden. Im Uebrigen sagte ich
mir auch, daß der vaterlose Knabe sich unter der rauhen
Hand der Fremden natürlicher entwickeln werde als
unter der tändelnden der Mutter. Und endlich hielt ich
die eignen Augen nicht auf ihn gerichtet?

Wie ich als Kind nicht mit Puppen gespielt hatte,
so war ich auch späterhin nicht das, was man kinderlieb nennt. Dieser Knabe aber wuchs mir nahe an's
Herz. Wenn ich auf dem Wege durch's Dorf die
blöde, plumpe, flachssträhnige Bauernbrut zwischen
Hühnern und Ferkeln auf ihren Düngerhaufen hatte
hocken sehen, und nun vom Walde her die biegsame,
kleine Gestalt in ihrem zierlichen Röckchen mir entgegensprang, da lachte ich wohl vor Lust, aber ich
fragte mich auch mit Wehmuth, ob nicht der Vater,
an welchen mein Prinzchen so lebhaft erinnerte, sich
in die natürlichen Schranken des Lebens gefügt haben
würde, hätte er dieses Liebeskind zur Führung an
seiner Hand gefühlt?

Wie früh und sicher er die Füßchen bewegen
lernte, wie ausgelassen er sich im Walde tummelte,
mit den Hasen Wettlauf hielt, hellen Klangs die Vogelstimmen nachahmte, lange ehe er unsere menschliche
Sprache zu reden verstand! Wie trotzig lachend er
sich das Eichhörnchen zum Muster nahm, bis zum
Wipfel der knorrigen Steineiche hinankletterte, während
die alte Muhme mit ohnmächtiger Angst am Fuße
drohend die Fäuste ballte! — So wurde dem Kinde
der Natur die Natur eine frühe Bildnerin; frühe aber
auch drängte das Bedürfniß sich auf, es einer strengeren
Regel und dem Gesetze eines männlichen Willens zu
unterstellen. Als der Knabe im fünften Jahre stand,
erklärte die Muhme, den Wildling nicht über den
nächsten Winter hinaus bändigen zu können, noch
zu wollen.

Denn es gab nichts Curioseres, und für mich
nichts Aergerlicheres als der Zwiespalt der alten Seele
gegenüber ihrem Ziehekind. Sie hatte ein Wohlgefallen
an dem neckischen, kleinen Patron, ja ein Herz für
ihn; sobald sie ihn aber in meiner Nähe sah, überfiel
sie eine so unwirsche Laune, daß, hätten noch Bären
und Wölfe in unserem Walde gehaust, sie ihn unter
die Bären und Wölfe in den Wald gejagt haben
würde. „Es kommt Ihnen nichts Gutes durch den
Wildling,“ wurde sie nicht müde, mir vorzuhalten.
Das landläufige Sprichwort von dem besudelnden Pech
und der Geist, welcher geheimnißvoll aus einem
Kartenspiel warnt, stimmten in dieser Mahnung zusammen: Und alte, treue Justine, könntest Du doch
spüren, daß vierzig Jahre später die Erörterung der
Frage, ob Deinem Fräulein Gutes von dem Wildling gekommen ist? die Schlußbetrachtung ihres Lebens
bilden wird.

Da half kein Zureden, der Junge mußte fort;
fort aus Reckenburg; und eine Erwägung anderer Art
gab diesem Entschlusse Nachdruck auch für mich. Unser
treuer Freund, der Prediger, hatte uns kürzlich verlassen, um als Vorsteher des Laurentiusklosters eine
freiere, seinem väterlichen Sinne angemessenere Stellung
einzunehmen. Der Dienst in der Gemeinde wurde
während der Vacanz wechselnd von Nachbarpredigern
versehen, die sich um örtliche Verhältnisse wenig kümmerten. Wenn aber kommenden Sommer der neugewählte Seelsorger sich bekannt machte, konnte ihm
das Auffällige unseres Schützlings schwerlich entgehen.
War auch die Beglaubigung des Kirchenbuches zu
Grunde gegangen, dem Geistlichen durfte auf Befragen
die Wahrheit nicht verhehlt werden; ein Mensch mehr
wußte um Dorotheens so ängstlich gewahrtes Geheimniß; neugierige Spürversuche, Fraubasereien, irgend ein
unberechenbarer Zufall leiteten auf die richtige Fährte
und der immerhin interessante Zusammenhang drang
über unseren stillen Waldwinkel hinaus in der Leute
Mund. —

Alles dies führte ich Dorotheen zu Gemüthe, sobald ich für etliche Herbstwochen im Elternhause eingekehrt war. Ich fand sie in nachdenklicher Stimmung, vorbereitet durch den Prediger, wie Se. Hochwürden, der nunmehrige Probst und Director hier
zum letzten Male genannt werden soll.

Niemals hatte Dorothee seit ihrem Unglück sich
in jugendliche Kreise gemischt, niemals mit einem Blick
oder Wort die Huldigungen der Bürgersöhne, wenn
sie ihr zufällig begegneten, ermuntert und so die Bewerbungen, an denen es ihr nicht gefehlt haben würde,
von vornherein abgeschnitten. Niemals aber auch
hatte sie gegen mich den Namen des Einziggeliebten
genannt. Dennoch, so oft ich sie in der Einsamkeit
überraschte, spürte ich an ihrem Wesen, an den insichgekehrten oder sehnsüchtig schweifenden Blicken, daß
der kurze Sommerrausch des Glücks nicht erloschen
sei und jedes nüchterne Nachspiel dämpfe.

Und immer, immer sah sie doch an jeder Wand ein Bildniß noch
Von einem Menschen, der verschwand und ihr als Kind das
Herz entwand.

Um so mehr war ich daher überrascht, als sie
jetzt auf meine Frage: Was sie über die Zukunft ihres
Sohnes beschlossen habe? mit niedergeschlagenen Augen
antwortete: „Wenn ich den Taube heirathete, Fräulein Hardine?“

„Unsern Hofmeister? Bewirbt er sich denn um
Dich, Dorothee?“

„Er hat mich seit meiner Kinderzeit lieb gehabt,
und es mir vor wenig Tagen gestanden.“

„Und Du?“

Sie schüttelte die Locken mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Wehmuth und stolzer Erinnerung.
„Lieben ich?“ rief sie mit einem Schauder. „O niemals, niemals wieder! Aber,“ setzte sie nach einer
Pause gelassen hinzu, „aber ich würde friedlich mit
ihm leben und er würde meinem Knaben ein guter
Vater sein.“

„So dächtest Du, ihm Dein Geheimniß zu bekennen, Dorothee?“

„Wie sollte ich nicht, Fräulein Hardine? Ich
nähme ihn ja nur, um das Kind zu versorgen. Nur
um des Kindes willen.“

„Auch schon ehe er Dein Mann geworden ist, es
ihm bekennen?“

„Wenn Sie es für Pflicht halten, auch schon zuvor.“

„Und Du glaubst, daß er dennoch Dein Mann
werden würde?“

„Ich glaube es, Fräulein Hardine.“

Ich schwieg eine Weile. Dorothee saß mir im
Fenster gegenüber, die Hände über der Brust gekreuzt.
Unwillkürlich fiel mein Blick auf den Verlobungsring,
den sie noch immer am Finger trug. Sie bemerkte
den Blick und sagte erröthend, indem sie sich vergeblich bemühte, den Reif abzustreifen: „Er ist mir in's
Fleisch gewachsen.“

Es war im achten Jahre, seit Siegmund Faber
von hinnen gegangen, im fünften seines spurlosen
Verschwindens; niemand zweifelte an seinem Tode.
Lebte er aber selbst — und eine innerliche Stimme
sagte mir immerfort: er lebt!“ — lebte er und kehrte
er zurück: dieser Mann konnte nimmermehr dieses
Weibes Gatte werden. Welch mildere Täuschung aber
hätte sich für ihn finden lassen, als die lange Getreue
endlich einem natürlichen Berufe gefolgt zu sehen.
Ich wußte demnach nichts Stichhaltiges einzuwenden,
insofern sich wirklich ein Mann fand, der seine Ehre
nicht durch die bewußte Unehre seiner Frau beleidigt fand.

Doch beschlossen wir, den Fall unserem treuen
Gewissensrathe vorzulegen und machten uns auf den
Weg nach dem Kloster.

„Ich spreche Ihnen, mein Kind,“ so ließ der
Probst sich vernehmen, „die Berechtigung zur Freiheit
nicht ab, und ich für mein Theil würde den Mann
nicht tadeln, der dem geliebten Weibe einen Fehltritt
vergiebt und mit ihr vereint sich bemüht, dessen Wirkungen auf Andere in Segen zu verwandeln. Ich
habe aber Grund zu glauben, daß unser hohes Consistorium diese Auffassung nicht theilt. Die Gegenwart des Knaben brächte voraussichtlich Ihr Geheimniß an's Licht, Ihr Mann würde aus seinem Lehramte scheiden müssen, dem einzigen, zu dem er gebildet und berufen ist.“ „Wir würden still auf dem
Lande leben und — ich bin nicht unbemittelt, Hochwürden,“ stammelte Dorothee, den Purpur der Scham
auf den Wangen.

„Hinreichend für Sie und allenfalls für Ihr
Kind. Aber für eine zweite, vielleicht zahlreiche Familie? Und gesetzt den, wenn auch unwahrscheinlichen
Fall der Heimkehr Doctor Fabers: er würde seine
Schenkung nicht zurücknehmen und er dürfte es nicht.
Aber müßte es eine Natur, wie die unseres Taube,
nicht zu Boden drücken, seine und der Seinigen Existenz von dem Treugute des Getäuschten abhängig zu
sehen? Indessen, diese beiden möglichen Zwischenfälle
ungerechnet — kennen Sie das Leben eines Lehrers
auf dem Lande, liebe Dorothee?“

Es hatte diese Besprechung auf dem Rückwege
vom Kloster stattgefunden. Unmerklich aber waren
wir von unserem Begleiter seitwärts durch ein Nachbardorf geführt worden und standen bei den letzten
Worten vor einem Häuschen, dessen Bestimmung ein
vieltöniger stockernder Chorus mit obligaten Donnerschlägen des Vorbeters verkündigte. Ein Schulhaus
und keines von den bescheidensten seiner Zeit, denn
von den Schäden des siebenjährigen Krieges ausgeheilt,
stand es auch jetzt noch unversehrt unter Dach und Fach.

Dessenungeachtet, wir konnten es nicht leugnen,
für ein idyllisches Stillleben war die Wohnstube, in
welche wir vorüberstreifend blickten, doch ein wenig
dumpf und kahl. Die kleine Dorl hätte mit der Hand
an die Decke reichen können. Die Fensterscheiben
glichen Schiefertafeln, welche im Schulgebrauche blind
geworden waren und in dem Kachelofen brodelte das
Runkelrübenfutter für die Kuh nicht eben sinnerquickend.
Wir setzten unsere Umschau fort und weilten in der
Musterung der hartköpfigen kleinen Menschenheerde
und ihres kahlköpfigen treuen Hirten.

Keine Frage: Das Lehramt hat seine Poesie.
Schwerlich aber würde sie in unseren Augen zu kurz
gekommen sein, hätte ein leiser Anflug der kindlichen
Pausbacken auf dem hehren Antlitz ihres Hüters reflectirt; auch ein Ersatzstück für das, was eines Tages
schwarzer Manchester auf seinem Leibe geheißen, würde
von uns nicht als sträfliche Eitelkeit verlästert worden
sein. Aufrichtige Bewunderung dahingegen zollten
wir im Weiterschreiten der musivischen Kunst, welche
auf der Hauswäsche über dem Gartenzaun entwickelt war.

Diese Kunstleistung mochte unseren Führer verlocken, nach der Bekanntschaft mit dem Schulregenten uns auch die der Hausregentin inmitten ihrer
privaten kleinen Heerde zu Gute kommen zu lassen.
Und wieder ein Chorus mit obligaten Donnerschlägen
lockte uns über den Hof auf ein Ackerstück, daß sich
den stolzen Namen „Garten“ beigelegt hatte. Hier
stand sie, die Heldin unseres Idylls! Eine classische
Gestalt, hoch geschürzt, die Schritte nicht durch zwängendes Schuhwerk gehemmt, das gestrige Haar durch
keine Spiegelkunst verschnörkelt. Die fremden Eindringlinge störten sie nicht in ihrem Geschäft. Mit
antiker Kraft und Ruhe hackte sie die Erdäpfel auf,
welche eine nachwüchsige Schaar in die Höhe puddelte.
Das beiläufig ausgerodete Unkraut lieferte einen Leckerbissen für die umkreisende Ziege, sammt ihren Zickelchen, die mit lustigen Sprüngen ihre Wollust an den
Tag legten. Das kleine, zweibeinige Publikum spendete dem vierbeinigen Beifall, die Arbeit stockte und
die Vorarbeiterin entfaltete die Macht ihrer Lungen
und Gliedmaßen, um sie wieder in Gang zu bringen.

Jetzt aber griff ein tragischer Zwischenfall in das
ländliche Bild. Unter der Hofthür lehnte die älteste
Tochter, zugleich Kindesmagd der Familie und noch
nicht nach mütterlichem Exempel stoisch geschult. Beim
Begaffen der fremden Gäste entglitt das Wickelkind
ihrem Arm und fiel — zum Glück in den Schlamm
vor dem Schweinekoben. Mit erhobenen Händen stürzte
die Mutter zur Hülfe und Rache herbei; die älteste
Tochter heulte, das Wickelkind schrie, die Säue grunzten, die Zickelchen meckerten, im Stalle brüllte die
Kuh. Die Buben balgten sich um die Beute einer
gelben Rübe; die Heldenmutter tachtelte nach rechts
und links; aufgescheucht durch die Gefahr, welche sein
Theuerstes bedrohte, zeigte sich mit einem Weheruf
und umschwärmt von seiner tobenden Schaar, die
hehre Gestalt in weiland Manchester: wir aber, die wir
diesen Sturm im Stillleben angestiftet hatten, entschlüpften leise über den Ackertrain.

„Ein respectables Weib! Für ihren Beruf ein
Musterbild!“ sagte nach einer langen Stille lächelnd
der menschenkundige Freund. Dorothee ging schweigend mit gesenktem Kopf — und von einer Bewerbung
Christlieb Taube's ist fortan nicht die Rede gewesen.

Meine nahende Abreise drängte endlich zu einer
Entscheidung über die Zukunft des Knaben und da
war es denn der Probst, welcher das seiner Aufsicht
unterstellte Kloster in Vorschlag brachte. Von seiner
ursprünglichen Bestimmung für Soldatenwaisen hoffte
er eine Ausnahme zu erwirken, wenn gelegentlich einer
Visitation des hohen Curators der Anstalt, ein Theil
des Geheimnisses, die väterliche Abstammung, vorsichtig angedeutet ward.

Dorothee weinte vor Freuden in der Aussicht,
ihren Knaben bald unter den Augen des gütigsten Beschützers und in ihrer eigenen Nähe zu wissen, ohne
sich selber einer schmachvollen Enthüllung preiszugeben.
Sie bedeckte ihres Wohlthäters Hände mit Küssen
und Thränen, rief Gottes Segen auf ihn herab und
stellte zum Voraus den Betrag ihrer Hausrente für
den Aufwand eines Halbpensionairs zu seiner Verfügung.

Mir dahingegen bäumte sich die Seele bei der
Vorstellung, das Liebeskind des Fürsten, dem das Erbe
der Reckenburg zugefallen sein würde, in eine Armenanstalt eingeschmuggelt und für eine subalterne Lebensstellung herangebildet zu sehen. Was hatte ich jedoch
Schicklicheres zu rathen und zu bieten? Das Kloster
war wohlberufen, wie die Mehrzahl unserer zu Schulzwecken säcularisirten sächsischen Abteien, war reich
dotirt und stand unter der trefflichen Obhut des einzigen Menschen, der sich zu einer väterlichen Theilnahme an dem Knaben gezogen fühlte. Mußte ich
nicht schließlich eine höhere Fügung in diesem Wechsel
der Verhältnisse verehren?

So trat ich denn die Rückreise nach Reckenburg
an mit dem Versprechen, im nächsten Frühjahr den
Zögling Muhme Justinens persönlich dem Waisenkloster zuzuführen.

Drittes Capitel.
Die Hochzeit.

Des Knaben Versteck im Waisenhause war eben
so nach der Muhme Sinn, als mein Plan, ihn
persönlich dahin zu spediren, demselben widerstrebte.
Sie spürte plötzlich ein unbezwingliches Verlangen,
ihre Gegend einmal wiederzusehen, und welchen Grund
hätte ich gehabt, ihre Reisebegleitung abzulehnen?

Der Tag unseres Eintreffens war den Eltern
bereits angekündigt, als ein heftiger „Zufall“ der
Gräfin einen Aufschub veranlaßte. Die zähe Natur hielt
Stand wie schon so oft vorher und noch oft nachher. Die bewährte Leibpflegerin aber konnte nicht umhin, mit dem Rüstzeug ihrer Instrumente den verhängnißvollen Posten zu hüten und ihr Erbfräulein zwölf Meilen weit ohne Beistand den Tücken des unverwüstlichen Schellenunters
preiszugeben. Der Ehre jedoch, in Reckenburgs goldener Kutsche seiner fernerweitigen Reisegelegenheit
entgegengeschaukelt zu werden, wußte sie den kleinen
Plebejer zu entziehen. Sie karrte ihn bei Nacht und
Nebel in einem Handwägelchen nach der Station,
nachdem sie ihm, wie ich stark vermuthe, ein Mohnsäftchen einfiltrirt hatte. Ihr letztes Wort, als sie den
Schlafenden neben mich in den Einspänner hob, war
die Warnung, mich beileibe nicht mit dem Kinde der
Heimlichkeit einzulassen.

Wie nun der kleine Waldmensch beim Erwachen
in dem engen Gehäuse ungeberdig tobte, das werden
Euch August Müller's beigeheftete Erinnerungen anschaulich vorführen. Auch gegen die bändigenden Proceduren soll kein Widerspruch erhoben werden. Jedenfalls wählte er für uns Beide das bequemste Theil,
indem er die langweilige Fahrt fast ohne Unterbrechung
verschlief.

Der letzte Brief seines künftigen Pflegevaters datirte von einem thüringischen Gebirgsdorfe, in welchem er der Einführung seines Sohnes in dessen erstes Pfarramt beigewohnt und gleichzeitig die Freude
gehabt hatte, dem betrübten Liebhaber, unserem Taube,
eine heitere Lebensstellung auszumitteln. Ein Lehrer- und Organistenamt in einer kleinen, wohlgesitteten
Gemeinde, Haus und Gärtchen durch den Gutspatron
anheimelnd eingerichtet, und die Kinder dieses Patrons ihm zur Pflege in der „göttlichen Musika“ unterstellt, alles das in romantischer Berg- und Waldeinsamkeit: welch ein besseres Loos hätte er sich wünschen können, oder wir für ihn?

Da ich den Probst die seltene Reiseerholung so
lange wie möglich wollte genießen lassen, hatte ich ihm
unser verspätetes Eintreffen poste restante nach
Jena gemeldet, glaubte ihn daher frühestens gestern
heimgekehrt, und war erstaunt, ihn in meinem gewohnten Leipziger Nachtquartier, der goldenen Laute,
vorzufinden. Ich fragte ihn lachend, welche fernerweitige Einführung ihn so eilig wieder in entgegengesetzter Richtung auf die Füße gebracht habe?

„Die Einführung dieses Knaben in seine neue
Heimath,“ antwortete er ernst, indem er den Schlafenden von seinen Armen auf das Bett in meinem Zimmer niederließ.

Ich witterte so etwas von einer Anwandelung
Muhme Justinens in dem geistlichen Herrn, entgegnete daher verstimmt, daß ich auch ohne seine Bemühung den kleinen Mönch im Kloster Laurentii glücklich abgeliefert haben würde.

Er schwieg; doch konnte mir eine gewisse bängliche Unruhe an dem gelassenen Mann nicht entgehen,
und als er auf meine Frage: ob er etwas auf dem
Herzen habe? seufzend den Kopf senkte, rief ich: „Ich
bitte Sie, keine Vorbereitungen, Freund; meine Eltern — —“

„Sind gesund und wohlgemuth in Erwartung
der geliebten Tochter,“ antwortete er.

„Und Dorothee?“ drängte ich weiter, da mir die
Bekümmerniß auffiel, mit welcher sein Blick auf dem
Knaben ruhte. „Ist Dorothee krank?“

„Nicht krank, nur —“

„Nur?“

„Verheirathet, oder so gut wie verheirathet.“

„Mit Christlieb Taube, also doch!“

„Nicht mit Christlieb Taube, aber mit — Mit?
— Mit Siegmund Faber!“

Mit Siegmund Faber! Das war denn nun freilich eine Neuigkeit, die mir das Blut im Herzen stocken
machte. Ich hatte ja niemals weder an seinem Leben, noch an seiner Heimkehr gezweifelt; aber so unvorbereitet, so rasch am Ziel — ich fiel wie vernichtet auf einen Stuhl.

„Sahen Sie ihn?“ fragte ich nach einer langen Pause.

„Nicht ihn selbst,“ versetzte er.

„So sahen Sie Dorothee?“

„Auch nicht.“

„Von wem erfuhren Sie denn aber — —“

„Von Ihrem Herrn Vater, Fräulein Hardine.“

„Wann, wann, wann — —“

„Gestern Nachmittag, als ich kaum von der Reise
heimgekehrt war.“

„Und wissen Sie, glauben Sie, daß Dorothee ihm
die Wahrheit bekannte?“

„Ich weiß es nicht. Aber Sie, meine junge
Freundin, die Sie sie besser kennen, als ich, — glauben Sie's?“

„Nein!“ sagte ich entschieden, und auch er schüttelte den Kopf. „Und dennoch verheirathet, wirklich
verheirathet?“ fragte ich.

„Das letzte Aufgebot sollte heute, Sonntag, stattfinden. Wenn die Trauung vielleicht bis morgen verschoben worden ist, so geschah es in Erwartung Ihres
Eintreffens, Fräulein Hardine.“

„Heute, morgen erst, und Sie erfuhren es gestern, Mann!“ schrie ich auf, indem ich entrüstet seinen Arm schüttelte. „Sie hatten Zeit, warum schritten Sie nicht ein?“

„Weil dieses Einschreiten nicht begehrt worden
ist,“ antwortete er ruhig, „und weil es, unbegehrt, in
so später Stunde zwecklos oder gefahrvoll gewesen
sein würde.“

„Es wird, so Gott will, noch zu dieser Stunde
nicht zwecklos sein und die höchste Gefahr abwenden,
nicht herbeiführen,“ sagte ich, und stürzte aus der Thür.

Nachdem ich den Wirth beauftragt hatte, mir
augenblicklich Extrapost zu bestellen, kehrte ich zu dem
Probst zurück, der nachdenklich neben dem schlafenden
Knaben saß, und dessen Hand in der seinen hielt.
Ich rannte ungeduldig im Zimmer auf und nieder.
Nie im Leben hatte ich mich in ähnlicher Aufregung
gefühlt. Jede Minute des Wartens däuchte mir eine
Ewigkeit, ich hätte mir Flügel anheften und von dannen fliegen mögen.

„Beruhigen Sie sich, liebes Kind,“ mahnte endlich der Freund. „Sie erreichen Ihr Haus noch in
dieser Nacht. Einige Minuten früher oder später,
— allemal früh genug oder zu spät.“

„So erzählen Sie,“ rief ich, und der alte Herr
hob mit absichtlicher Breite also an:

„Da ich Ihren Brief in Jena vorgefunden, verweilte ich dort noch ein paar Tage in heiterster Stimmung, unter literarischen Anregungen, mit deren Schilderei ich Sie heute verschone, Fräulein Hardine. Erst
gestern bei grauendem Tage trat ich die Postfahrt
nach meiner Anstalt an. Mein gutes Glück gewährte
mir einen wissenschaftlich und weltmännisch gebildeten
Reisebegleiter, der sich mir, wenn auch nicht dem Namen nach, als eine ärztliche Notabilität Berlins dokumentirte.

„Das Gespräch, wie das heutzutage kaum anders
mehr möglich ist, sprang von unseren beiderseitigen
friedlichen Neigungen bald genug hinüber auf das
wildbewegte Zeitwesen, auf die phänomenalen Entwickelungen, welche dasselbe gleichsam aus dem Staube
in die Höhe wirbelt, um sie eben so jach wieder in
Staub und Koth zurückzuschleudern; und wie hätte
da der jugendliche Feldherrngenius unerwähnt bleiben
sollen, der sich zur Stunde kaum noch geheimnißvoll
zu einem Zuge rüstet, um über Meer und Land den
letzten unbezwungenen Feind des republikanischen
Frankreich in der Grundfeste seiner weltgebietenden
Macht zu erschüttern.

„Ich habe,“ so erzählte im Verlauf der preußische
Herr, „über den General Buonaparte die interessantesten
Aufschlüsse erhalten durch einen Augenzeugen sei-ner vorjährigen italienischen Gloria. Dieser Augenzeuge, mit dem ich kürzlich meine kleine Erholungsreise antrat, ist ein Mann meines Fachs,
der seit etlichen Wochen unser nach Curiositäten so
lüsternes Berliner Völkchen in ein wahrhaftes Fieber
versetzt, und, wennschon mir ein gefährlicher Rival,
in der That verdient, als merkwürdiges Beispiel aufgeführt zu werden, wie eine superiore Natur das rohe,
blutige Treiben der Gegenwart als Bildungsstoff für
einen eng begränzten, friedfertigen Beruf mit Geschick
und Glück zu verwerthen vermag.

„Denken Sie sich, mein Herr, einen blutjungen,
sächsischen Barbier, lediglich als Autodidact in einer
mühsam aufgesuchten Praxis geschult, der in Preußens kriegerischen Rüstungen einen günstigen Spielraum für sein Streben ahnt und durch die glücklichsten Begegnungen findet. Die heillosen Feldzüge von
92 und 93 geben Gelegenheit, sein Talent und seinen
Eifer in ein helles Licht zu setzen. Er, der keiner
Facultät immatriculirt gewesen ist, kein Examen absolvirt hat, geht aus den verpesteten Lazarethen jener
Tage als Regimentsarzt hervor; hochgestellte Herren
verdanken ihm Hülfe und Heilung, man eröffnet ihm
weittragende Aussichten auch in friedlichen Zeiten.
Während des Angriffs auf das Lager von Neuhornbach, wo er im Gefolge des verwegen vordringenden
Königs sich allzuweit vorgewagt, und über dem Verbande eines feindlichen schwer Verwundeten aufgehalten hat, geräth er in französische Hand. Er wird nach
Paris gebracht; sein guter Stern will, daß es eine
einem Conventsmitgliede verwandte, einflußreiche Persönlichkeit ist, die ihm das Leben verdankt; sie erwirkt
ihm die Freiheit, sich in Instituten und Spitälern
umzuthun. Die große, wildbewegte Hauptstadt, die
zahlreichen Opfer der Schlachtfelder, ja nicht zum Geringsten die der Henkerbühne werden eine Vorlage für
den energischen Trieb. Selber inmitten dieser tumultuarischen Welt fällt hin und wieder ein beachtender
Blick auf den rastlos forschenden Fremden.

„Der Frieden von Basel führte die ausgewechselten Gefangenen in ihr Vaterland zurück. Auch unser Doctor hatte die Freiheit, zu gehen. Aber er
blieb. „Was wollen Sie,“ sagte er mir, „der Arzt,
als solcher, unterscheidet nicht Heimische und Fremde,
nicht Freund und Feind. Er unterscheidet nur Gesunde und Kranke, Gebrechliche und Heile als Material,
und sucht, so lange er lernt, das günstigste Terrain
für seine Kunst und Pflicht.“ Freiwillig begleitete er
die italienische Armee nach Italien; der junge deutsche
Doctor tritt in den Horizont des Helden von Lodi
und Arcole. Ein Jahr lang verweilt er, getheilt
zwischen Leistung und Studium, in dem dem Arzte
hochwichtigen Bologna, beobachtet an Kranken und
Verwundeten den steigernden oder mildernden Einfluß
eines südlichen Himmels und kehrt, nachdem der Friede
von Campo Formio den Continent zur Noth beruhigt
hat, nach allen Seiten bereichert, aus dem republikanisirten Italien nach Paris zurück.

„Hier wurden ihm glänzende Anerbietungen gemacht, der räthselhaften Meeresfahrt seine Dienste zu
leihen, in welcher wir gegenwärtig den verwegenen
Corsen mit der gegen England bestimmten Armee befangen sehen. „Aber,“ so sagte jetzt unser Mann,
„ich war kein Abenteurer. Ich hatte mir in der
Fremde angeeignet, was meiner Heimath dienen konnte,
und ich fürchte, nur allzubald in schwerer Stunde dienen wird. Ich durfte zurückkehren.“ So erscheint
er vor etwa Monatsfrist in unserem ihm völlig
fremden Berlin. Ein Cäsar der Messer und Zangen,
kommt er, sieht und siegt. Das Gerücht, rasch und
geheimnißvoll wie der Wind, schnellt ihn zu einem
Wunderthier in die Höhe. Kriegerische Kameraden,
aus den Rheinfeldzügen zu Dank und Anerkennung
verpflichtet, bewillkommnen ihn mit festlichen Ehren; die
friedlichen Collegen spitzten die Ohren bei der Mähr
von dem Champion ihrer Kunst, der, um Studien
zu machen, freiwillig seinen Kopf in des Löwen Rachen
gesteckt hat; der junge König, sich seiner aufopfernden
Bemühung während der Seuchenzeit nach dem Feldzuge in der Champagne erinnernd, empfängt ihn und
wünscht seine Erfahrungen an der neubegründeten Pepinière verwerthet zu sehen; die Menge drängt sich
um den Zeugen der revolutionären Greuel und Verwogenheiten, mit deren Schilderei zur Zeit Ehren-Haude und Spener ihre Haare sträuben gemacht hat.
Kaum zu Athem gekommen, ist er in Aller Munde;
die Fachgenossen lauschen seinen genialen Aphorismen;
die Laien, bevor sie erprobt, was der Mann kann, begnügen sich mit dem, was er erlebt; bis die Neugierde verflogen, ist die Clientel begründet. Kurz und
gut, niemals hat ein junger, ehrgeiziger Praktikant
seine Bahn unter günstigeren Auspicien angetreten.
Wir Alten werden die Segel streichen müssen denn freilich unsere Kathederweisheit sieht sich von seiner kühnen Methode himmelweit überflügelt.“

„Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, Fräulein
Hardine,“ fuhr der Probst nach kurzer Pause fort,
„wessen Bild während der Erzählung handgreiflich
vor mir aufgestiegen, und daß es eine müßige Frage
war, die ich nach dem Namen ihres Helden stellte.
In der Antwort: „Doctor, neuerdings Geheimerath
Faber,“ überraschte mich höchstens der Titel.

„Wir hatten uns der Stelle genähert, bei welcher der Weg nach der Anstalt abzweigt. „Verstand
ich Sie recht, mein Herr,“ fragte ich, nachdem ich Abschied genommen, den Fremden, „verstand ich Sie
recht, so hat Doctor Faber Sie kürzlich auf der Reise
in diese Gegend begleitet? Sie werden meine Neugier
entschuldigen, wenn ich Ihnen sage, daß ich einem
lange Verschollenen in seiner Heimath zu begegnen
hoffe.“ „„Ihre Hoffnung dürfte sich erfüllen, Verehrtester,““ antwortete der Begleiter. „„Wir reisten bis
Halle miteinander; dort verweilte ich, während er
ohne Aufenthalt auf der Merseburger Straße weiterfuhr.
In Familienangelegenheiten, wie er sagte.““ „Und
wann geschah das?“ fragte ich noch einmal. „„Gestern,
Freitag vor acht Tagen,““ versetzte der Fremde, und
der Postwagen rollte von dannen.

„An dem nämlichen Tage hatte ich meine Fahrt
nach Thüringen angetreten; seit länger als einer
Woche konnte demnach die Entscheidung unter Ihrem
heimischen Dache, Fräulein Hardine, gefallen sein.
Durfte ich hoffen, daß diese Entscheidung meinem erwarteten Pflegling einen Vater gegeben habe? Mußte
ich fürchten, daß sie ihm auch noch die Mutter geraubt? In der lebhaftesten Spannung legte ich den
Weg zur Anstalt zurück.

„Kaum dort angekommen, berichtete meine alte,
Sie wissen, kurzsichtige Haushälterin, daß am Tage
nach meiner Abreise, bei kaum grauendem Morgen,
ein verhülltes, städtisch gekleidetes Frauenzimmer nach
mir gefragt, und als es meine Entfernung vernommen, gebeten habe, ihr Anliegen schriftlich hinterlassen
zu dürfen. Ich fand das Blatt ohne Aufschrift, aber
versiegelt, auf meinem Schreibtische, und las die wenigen Worte: „Sobald Sie zurückkehren, Hochwürden,
bitte, lassen Sie mich es wissen. Aber um Gotteswillen! kommen Sie nicht zu mir, auch nicht zu der
gnädigen Herrschaft, bevor Sie mich benachrichtigt
haben.“

„Sie wünschte demnach eine Unterredung, ohne
Zweifel, um ihres Kindes Zukunft festzustellen, und
sie fürchtete eine absichtliche oder zufällige Enthüllung.
Ich wußte jetzt, wie die Entscheidung gefallen war.“

„Sie wußten es!“ so unterbrach ich zum ersten Male den Erzähler, „und Sie eilten nicht, gegen ein drohendes Unheil einzuschreiten?“

Der Freund erwiderte: „Ich war, trotz des Verbots, eben im Begriffe, an Ort und Stelle die
Lage der Dinge einzusehen, als ein Besuch Ihres
Herrn Vaters, Fräulein Hardine, mich dieser Erkundung überhob. Er hoffte eine Nachricht aus Reckenburg, die Ihr verspätetes Eintreffen erklärte, bei mir
vorzufinden und da ich ihm diese Aufklärung geben
konnte, bat ich ihn, nicht in Sorgen zu sein, wenn
das ersehnte Wiedersehen sich noch um etliche Tage
verzögern sollte.“

„Ich komme auch keineswegs aus Sorge, im Gegentheil in heller Freude, Freund,“ versetzte der gütige Herr. „Ich möchte meine Dine nur gern bei
einem — Familienfeste darf ich wohl sagen — unter
uns sehen, als Brautjungfer unserer kleinen Dorl
und des — — rathen Sie, Probst, und des — — “

„Und des Geheimerath Faber,“ ergänzte ich; erzählte in der Kürze, auf welche Weise ich von des Mannes
Heimkehr unterrichtet worden war, und bat, um eine
Darstellung des Eindrucks, den die so lange getrennten Verlobten auf einander gemacht haben, und wie
die Sache so rasch zum letzten Abschlusse geführt werden konnte.

„Ich werde mir nun erlauben, diese Darstellung
möglichst exact mit Ihres Herrn Vaters eignen Worten zu geben; die Schlußfolgerung aber Ihnen selbst
überlassen, Fräulein Hardine.

— „Am Freitag Abend sitzen wir still beieinander.
Meine Frau spinnt, ich rauche. Da hören wir das
Hausthor unter einem kurzen, knackenden Druck sich
öffnen und wieder schließen, hören einen raschen, elastischen Schritt im Flur, drei klopfende Schläge wie mit
einem Hämmerchen an der Stubenthür. Der Druck,
der Schritt, das Klopfen sind uns alte Bekannte.
Mir entfällt die Pfeife, Adelheiden der Faden: „Faber!“ rufen wir aus einem Munde, und mit dem
Namen steht auch schon der Mann uns gegenüber.
Nicht mehr der Feldscheer von Anno neunzig, auch
nicht mehr blos der Doctor aus den Schanzen vor
Mainz: ein capitaler Mann, ein gemachter Mann auf
den ersten Blick; aber auf den ersten Blick auch noch
leibhaftig der alte Mosjö Per—sé. —

— „Er schüttelte mir die Hand und küßte die meiner Frau mit dem Air eines jener armen Marquis,
deren Köpfe er zu Dutzenden hat rollen sehen. Denken Sie, Probst, der Sohn und Gehülfe meines alten Barbiers! Aber das Gute muß ja freilich der
Anblick des Plebsregiments hervorbringen, daß ein honetter Mensch sich zu guten Manieren bequemen lernt.“ —

— „„Ich komme als Hochzeiter, mein Herr Major,““ sagte er, indem er auf den väterlichen Trauring an seinem Finger wies. „„Ein wenig spät, werden Sie sagen, — aber der Mann hat Farbe gehalten!““ „Oho!“ versetzte ich lachend, „das Kindchen
erst recht!“

— „Meine Frau hatte sich unterdessen von ihrem
Staunen erholt und in Positur gesetzt. „Zunächst,“
hob sie an, „Herr — Doctor, nicht wahr?“ Er antwortete lächelnd mit einer Verbeugung. „„Für meine
ältesten Freunde Siegmund Faber, wie ehedem, Mosjö
Per—sé, wie es Ihnen beliebt. Im Uebrigen: Geheimerath Faber, praktischer Arzt in Berlin.““ —

— „„Zunächst also, Herr Geheimerath,“ sagte
Adelheid, indem sie sich gleicherweise verneigte, „die Versicherung, daß Demoiselle Müller in ungestörtem Wohlbefinden und in geduldiger Treue unter unseren Augen
Ihrer Heimkehr gewartet hat.““ —

— „Wie eine Nonne auf den himmlischen Bräutigam,“ fiel ich ein. Adelheid räusperte sich und Sie
wissen schon, Probst, wenn Adelheid sich räuspert, das
heißt allemal: Mal apropos, Eberhard! „„Indessen
möchte es doch gut sein,“ fuhr sie fort, „das liebe Kind
auf Ihr überraschendes Erscheinen vorzubereiten.“ —

— „Sie wollte sich entfernen. Da erwiesen sich aber
der Herr Geheimerath recht gründlich als der alte
Per—sé. Nach dieser hochbeglückenden Versicherung,
meinte er, erbitte er sich die Gunst, die gnädige Frau
begleiten und in einem unmittelbaren Eindrucke die
Entscheidung über seine Herzenswünsche empfangen
zu dürfen. Er zündete während dieser Rede ohne
Umstände den Wachsstock, der auf dem Tische stand,
an, und setzte es auf diese Weise durch, als Vorleuchter, zuerst das Zimmer seiner Braut zu betreten. —

— „Die arme, kleine Dorl saß wie jeden Abend
einsam bei ihrer Spielerei. Sie hatte kleine Kinderköpfe ausgeschnitten, und war vor Langerweile eingenickt. Die Arme lagen ausgestreckt über dem Tische,
und der Kopf war auf sie herabgesunken. Als die
Thür jetzt rasch geöffnet wurde, hob sie ihn, wie aus
einem Traume erwachend, in die Höhe. „Ich kann
Dir,“ sagte Adelheid, denn ich war natürlich unten
zurückgeblieben, „ich kann Dir das Entzücken nicht
beschreiben, das sich bei diesem Bilde in Fabers Augen
malte. Die zierliche Einrichtung seines alten Zimmers, der Kleinen unveränderte Schönheit, ihre kindlich stille Beschäftigung und den goldenen Reif am
Ringfinger, alles das hatte er mit einem einzigen
Blicke erfaßt. Er bedurfte keines Wortes, er wußte,
was er zu wissen brauchte.“ —

— „Jetzt hatte aber auch Dorothee ihn bemerkt.
Sie schrie auf wie ein Kind, das eine Biene gestochen
hat, wurde kreideweiß und bedeckte das Gesicht mit
beiden Händen. –

— „„Ich habe Sie erschreckt, meine theure
Dorothee,““ sagte Faber, indem er auf sie zueilte, ihre
linke Hand von den Augen zog und einen Kuß gegen
den Ringfinger drückte. —

— „„Aber dieser Augenblick der Ueberraschung ist
mir Ersatz für die langen Jahre der Entsagung. Mein
ganzes Leben wird ein Dank sein für das Glück, daß
Sie ihn mir gewährten.““—

— „Indessen dies zweite Experiment, — Sie wissen, Probst, er nannte schon seine Verlobung ein
Experiment, — nun diese Ueberrumpelung erwies sich
denn doch schier zu stark für unsere arme, kleine Dorl.
Es überlief sie ein Schauder, ihre Glieder flogen,
Fiebergluth verjagte die tödtliche Blässe auf ihrem
Gesicht. „„Sie sind unwohl, Dorothee!““ rief Faber
ängstlich, führte sie auf das Canapé, setzte sich auf
einen Stuhl an ihre Seite und faßte ihre Hand,
nicht wie ein Liebhaber, sagte Adelheid, sondern wie
ein Arzt, der die Pulsschläge zählt. Sie schüttelte
das Köpfchen, raffte sich zusammen, erholte sich allmälig, und als Faber nach einer Weile fragte, ob
sie sich kräftig genug fühle, seine Gegenwart zu ertragen, antwortete sie mit einem Nicken. —

— „„Das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, ist erreicht,““ sagte Faber darauf, „„später als ich gehofft, aber
sicher und ehrenvoll. Eine ausfüllende Thätigkeit wartet
meiner in Berlin, eine sorglose Häuslichkeit steht mir,
— Ihnen, liebe Dorothee, — dort bereitet. Freilich
ist meine Zeit gemessen. Aber was bedürfen wir auch
noch der Zeit? In einer Woche, denke ich, werden
wir vereint der neuen Heimath entgegenziehen.““ —

— „Da sie alles so glücklich im Gange sah, hielt
Adelheid, die bisher unbemerkt im Hintergrunde gestanden hatte, es an der Zeit, sich zu entfernen.
Bei dieser Bewegung wurde die Kleine ihrer ansichtig.
Sie fuhr in die Höhe, stürzte auf meine Frau zu mit
einem, wie diese behauptet, geradezu irrsinnigen Blick
und den Worten, den ersten, die sie sprach: „„Hardine,
Hardine! wann kommt Fräulein Hardine?““ — „„Wir
erwarten sie bis Mitte nächster Woche, liebe Dorothee,““
— beruhigte sie Adelheid und ließ die Brautleute
allein. —

— „Unten angekommen, sagte sie zu mir: „„Das
arme Mädchen ist über die Maßen bestürzt, Eberhard.
Mehr als ein Kopfnicken und Schütteln wird ihr auch im
tête à tête nicht abzuschmeicheln sein. Was Wunder
aber auch? Der Mann ist ihr in acht Jahren ein
Fremder geworden; ja, als Mann betrachtet, ihr auch
vorher nur ein Fremder gewesen. Nun über Hals
und Kopf: Wiedersehen, Hochzeit, Abreise, eine gänzlich neue Welt, und alles das ohne die getreue Beratherin, unsere Tochter Hardine.““ —

— „Ich bin der Ansicht, Probst: nichts hilft einem
Menschen gemüthlicher über eine verlegene Situation
als im Kreise guter Freunde eine heitere Tafelei, und
Adelheid und ich waren daher auch auf der Stelle
einig, das Beste, was Küche und Keller boten, eilig
zu einem Bewillkommnungsschmause aufzutischen. Kaum
daß ein Stündchen vergangen war, stieg ich die Treppe
hinauf, die Gäste zu unserem Extemporé einzuladen.
Ich machte der Braut, die noch immer die Sprache
nicht wiedergefunden zu haben schien, meine Gratulation und dem glückstrahlenden Bräutigam noch einmal mein Compliment. Bald saßen wir alle Vier
behaglich um den Tisch; das erste Fläschchen wurde
entkorkt und niemals habe ich ein freudigeres Lebehoch
als das auf unsere beiden Getreuen erschallen lassen. —

— „Nun mußte aber auch endlich unser Gast mit der
Sprache herausrücken und die Fahrten und Fährnisse
zum Besten geben, unter welchen der Gefangene von
Pirmasenz sich so glücklich bis zum königlich preußischen
Geheimenmedicinalrath durchgewunden hat. Probst, der
Mann versteht zu erzählen: simpel, anschaulich, mit
Bescheidenheit und doch nicht ohne das geziemende
Selbstgefühl. —

— „Da gab es denn einen curiosen Wechsel von
Bewunderung und Grauen, wenn man den einsamen
Fremdling mit seinen Messern und Zangen so gelassen
dahinschreiten sah, heute unter den Blitzen des Fallbeils, morgen unter dem Donner der Kanonen; vorbei an Menschen, die gestern Gold waren und heute
Staub sind, und an solchen, die gestern als Staub
übersehen und morgen als Gold vergöttert werden.
Was solch eine Revolution zu sagen hat, das ist mir
wahrlich erst durch meinen Mosjö Per—sé recht klar
geworden, Probst. Die Nacht hindurch würden
Adelheid und ich mit gespanntem Ohr gelauscht
haben. —

— „Aber freilich ein Anderes sind ein Paar im
Grunde doch fremde alte Leute und ein Anderes eine
junge bängliche Braut. Die arme, kleine Dorl saß
stumm und blaß, Hände und Blicke im Schoß und
berührte keinen Bissen noch Tropfen. Eigentlich kam
es mir vor, als hätte sie von all’ den Mordgeschichten
und Geschäften nicht ein Sterbenswort gehört und
ganz an was anderes dabei gedacht. Der Erzähler
aber dankte ihr dieses angstvolle Erstarren im Rückblick auf die Gefahren, die er fern von ihr durchlebt
hatte. Er drückte ihr die Hand und schwenkte geschickt
in ein Gebiet, in welchem das schwächlichste Frauenzimmer sich allezeit erholt. Die revolutionairen Damenmoden wurden auf’s Tapet gebracht; das gesellige
Treiben, erst in Paris, dann in Berlin; Namen wurden
genannt, als die von Gönnern und Freunden, bei
deren Klange dem vormaligen Schenkjüngferchen wohl
das Herz im Leibe lachen konnte; und als endlich gar
der eigene Hausstand an die Reihe kam, als einer
Beletage unter den Linden, der Bedienten, Wagen und
Pferde wie selbstverständlicher Dinge Erwähnung geschah, Freund, da hätten Sie sehen sollen, wie unser
Bräutchen aufthaute! Wie die Oehrchen sich spitzten,
die Aeugelchen blitzten, die blassen Wangen immer
rosiger sich färbten. Die kleine Dorl sah sich schon
als Frau Geheimeräthin, wohl gar als gnädige Frau,
in Tituskopf und Tunika, wiegte sich auf seidenen
Polstern zwischen Pendülen und Vasen, während
draußen Generäle und Grafen antichambrirten in Erwartung des gefeierten Herrn Gemahls. Jetzt wagte
sie es, die Augen zu ihm aufzuschlagen; sie nickte ihm
lächelnd zu und ließ die bisher so widerwillige Hand
ohne Sträuben in der seinen. Ja, Weiberchen, Weiberchen, Eva’s Töchter, die ihr alle seid! —

—„ „Das Heerdfeuer lodert in Erwartung der Hausfrau““ — so schloß der geschickte Mann seine Schilderei, — „ „und auch die Hausfrau wird ja, will’s
Gott, nur auf Tage noch dem freundlichen Heimwesen
fehlen. Wir sind Beide verwaist, auch Sie, liebe
Dorothee majorenn; die erforderlichen Zeugnisse können
im Orte bezogen werden. Uebermorgen darf das erste
Aufgebot stattfinden, und zweifle ich nicht, daß uns
alle weiteren Observanzen erlassen werden, wenn ich
in Leipzig, wo ich morgen einige alte Freunde und
Gönner aufzusuchen gedenke, mich beim Consistorium
darum bemühe. Jedenfalls wird bis zum übernächsten
Sonntag alles erledigt und dann auch die Zeugin
unserer Verlobung gegenwärtig sein, Fräulein Hardine,
die ich so gern auch als Zeugin unserer stillen Hochzeitsfeier begrüßen möchte.““ —

— „Adelheid hat recht, Probst; es ist merkwürdig,
wie die kleine, liebe Dorl an unserer Dine hängt.
Ein Anderer als Mosjö Per—sé würde sich solch ein
Freundschaftsregiment verbitten! Aber der: Schürzenangelegenheiten — bah! Ja, wär’s ein Mann, der
ihm in’s Gehege käme, dann Gnade Gott! —

— „Die Kleine hatte seinem Plane mit aller Gelassenheit zugehört; bei dem Namen Hardine aber fuhr
sie erschrocken in die Höhe; weiß Gott, sie zitterte und
wurde jählings wieder blaß wie eine Wand. „„Hardine!““ flüsterte sie. „„Wann kommt Fräulein Hardine?““ — „Sie soll zur Hochzeit nicht fehlen, Herzenskind,“ rief ich ihr ermunternd zu. — „Morgen schreibe
ich ihr und in spätestens acht Tagen ist sie da.“ —

— „Dorothee saß auf ihrem Stuhle zurückgesunken
und regte sich nicht. Der Bräutigam leerte das letzte
Glas auf das Wohl unserer guten Tochter. Auch die
Braut mußte anstoßen und nippen, aber sie that es
mit einem Schütteln, als ob ihr der Tod über’s Grab
gelaufen sei. Wir alle sahen, wie sehr das liebe Kind
der Ruhe bedürfe. Meine Frau hob die Tafel auf;
der Gast empfahl sich, um im Gasthof ein Nachtquartier zu suchen. Unser Fest war zu Ende. —

„„Lieber Herr Major,“ sagte die gutmüthige Dorl,
als ich sie die Treppe hinaufführte, „bitte, schreiben
Sie Fräulein Hardine nicht. Es möchte ihr ungelegen sein. Sie kommt ja ohne dies. Oder wir
warten, bis sie kommt.““ —

— „Nun ich habe auch nicht geschrieben, da am
andern Morgen ein Brief ihre Ankunft bis spätestens
Donnerstag meldete. Und nun ist sie doch nicht gekommen und kommt am Ende auch gar nicht mehr zu
rechter Zeit.“ —

„Ihr Herr Vater, Fräulein Hardine, hatte sich
bei den letzten Worten erhoben, um den Heimweg anzutreten. Ich begleitete ihn und bat, daß er seine
Mittheilung fortsetzen möge.

— „Was soll ich weiter berichten,“ sagte er. „Es
ist alles gekommen, wie unser Doctor es ausgesonnen
hatte. Am Sonntage sind sie zum ersten Male von
der Kanzel gefallen. Morgen geschieht’s zum zweiten
und dritten Male vereinigt. Am Nachmittag, oder
spätestens Montag früh, eine stille Trauung auf dem
Lande; als Zeugen nur Adelheid, ich und wenn sie
noch eintrifft, versteht sich, unsere Tochter. Daß sie
nur käme! Die Kleine verzehrt sich buchstäblich über
dieser fixen Idee. Bei jedem Wagen, der die Straße
heraufrollt, stürzt sie an’s Fenster und schaut hinaus.
„„Hardine, Fräulein Hardine!““ sind fast die einzigen
Worte, die ihre Lippen berühren. Vorgestern, wo wir sie mit
Bestimmtheit erwarteten, habe ich selber mich über die
kleine Thorheit geärgert. Sie ist in diesen acht Tagen
abgemagert zum Skelett; der Verlobungsring, der ihr
so drall am Finger saß, rollt bei der geringsten Handthierung in ihren Schoß. Sogar an den Brautputz
denkt sie nicht. „„Es wird doch nichts daraus!““ murmelte sie, als Adelheid neulich davon anfing. Hysterie,
Probst, nennt man ja wohl diese Launen bei dem
Frauenvolk? Gottlob, unsere Dine hat von dem
Wesen keine Spur.“ —

„Und zeigt der Bräutigam keine Art von Beunruhigung über diesen jedenfalls verwunderlichen Herzenszustand?“ wagte ich zu äußern: ein Zweifel, welchen
der ritterliche Herr Major aber nahezu als eine
Ehrenkränkung zurückwies. — „Wie meinen Sie das,
Probst?“ rief er unwillig. „Hat der Mann nicht
Adelheids und mein eignes Zeugniß für des Mädchens
untadeliges Verhalten? Würde ohne dasselbe unsere
Tochter ihre Freundin sein? Rühmt nicht die ganze
Stadt ihre gradezu scheue Zurückhaltung seit jenem
heillosen Donnerstagabend, an dessen Ausgelassenheit
das arme Kind wahrlich geringere Schuld als wir
Anderen samt und sonders getragen hat? Daß sie
bis jetzt keine übermäßige Passion für den Herrn
Bräutigam empfindet, darüber wird er selber am besten
im Reinen sein, er ist kein Apollo, unser Mosjö
Per—sé! Aber nur erst unter die Haube und an den
eigenen Heerd. Einer, wie der Faber, fühlt sich
Manns genug, um ein Frauenherzchen in Beschlag
zu nehmen. Klug, wie er ist, schont er die bängliche
Laune einer kurzen Uebergangszeit; zeigt sich der
Kleinen nur in flüchtigen Besuchen, liebreich, ohne
Zärtlichkeit, mit offener Hand und im Nimbus eines
gefeierten Namens. Alles drängt sich um den merkwürdigen Heimathsfreund. Die Kunde seiner Rückkehr
hat sich wie ein Lauffeuer in der Gegend verbreitet.
Meilenweit ziehen sie einher, alte und neue Schäden
von dem Wunderdoctor heilen zu lassen. Im Fluge
sind etliche schwere Operationen absolvirt worden.
Nun soll aber auch den alten Bekanntschaften ein
Gruß und Lebewohl gebracht werden, bis zum Schinder
hinab, den er seinen ersten Professor nennt. Kurz
und gut: ein Tourbillon hat sich um den Mann erhoben und er bewegt sich nach allen Seiten mit Tact
und comme il faut. Nicht zum Geringsten auch
gegen uns. Das alte, väterliche Haus, „seine Treuburg“, wie er es nennt, bleibt unserer Verfügung, der
Miethzins Fräulein Hardinen zu Armenzwecken überlassen. Kein Stück wird in Dörtchens bräutlichem
Zimmer verrückt, kein Gepäck mit auf die Reise genommen. In ihren Hochzeitskleidern, leicht wie Sommervögel, fliegen sie in das bereitete Nest, wo dann alles
neu und nie gesehen das junge Weibchen umfängt und
erfrischt.“ —

„Wir hatten während dieser letzten Rede die Stadt
und Ihre Wohnung, Fräulein Hardine erreicht. Die
Mutter saß am Spinnrad vor der Thür. — „Die Post
von Leipzig ist herein, und wieder ohne unsere Tochter,
Eberhard!“ — „Die Gräfin ist krank geworden,“ versetzte der Gemahl, „der Probst hat Nachricht. Aber
was sagt unsere Dorl, Adelheid?“ — „ „Nun da so
ziemlich die letzte Hoffnung geschwunden ist, scheint sie
sich ihre kindische Sehnsucht aus dem Sinn schlagen
zu wollen. Sieh Dich um, Eberhard; an allen Fenstern
und Thüren ein gaffendes Gesicht. Eben ist Dorothee
am Arme ihres Bräutigams um die Ecke gebogen, zum
ersten Male, daß sie seit seiner Heimkehr das Haus
verläßt. Sie wollen den Gräbern der Eltern Lebewohl sagen. Eine noble, delicate Natur, dieser Faber;
Sie hätten ihn kennen lernen sollen, Herr Probst.
Auch meiner Tochter hätte ich sein Wiedersehen gewünscht. Doch mag ich der morgenden Trauung nicht
länger widersprechen. Dorothee kommt ohne Abschied
leichter zur Ruhe, und käme Hardine morgen Abend,
was könnte ihr an der bloßen Brautführerrolle gelegen sein?““ —

Der Probst schwieg; seine Erzählung schien zu
Ende. „Und warteten Sie,“ fragte ich hastig, „Dorotheens Rückkunft und ihren Entschluß nicht ab?“

„Nein,“ antwortete er mit Ruhe. „Ich bat Ihre
Frau Mutter, ihr meine Heimkehr von der Reise mitzutheilen und ging in meine Anstalt zurück. Als nach
dem Morgengottesdienste, wie ich es kaum anders erwartet hatte, eine Botschaft an mich nicht ergangen
war, benutzte ich die Post nach Leipzig, um meinen
Schützling in Empfang zu nehmen.“

Die Postchaise fuhr in diesem Augenblicke vor.
Ich hatte meine Reisekleider gar nicht abgelegt und
das Gepäck bereits wieder hinunter schaffen lassen.
Als ich jetzt den Knaben wecken und mit ihm voraneilen wollte, trat mir der Probst entgegen. „Ich halte
es für besser,“ sagte er, „mit dem Kleinen hier zu
übernachten und erst morgen —“

„Der Junge wird im Wagen so gut wie hier
im Bette schlafen,“ unterbrach ich ihn gereizt. „Rasch
voran!“ Er sann einen Moment und folgte mir dann,
den schlummernden Knaben auf dem Arme.

Des Freundes ausführliche Mittheilung hatte
meine Aufregung nur gesteigert. Sicherlich nicht ohne
seine Absicht: die Gährung sollte vor den actuellen
Eindrücken verbrausen. Zum ersten und Gottlob einzigen
Male im Leben fühlte ich mich in einem Zustande
von, — dreist heraus, in einem Zustande von Wuth;
von Wuth zunächst gegen mich selbst. Ich hätte mir
das Haar ausraufen, oder die Wagenfenster zerschlagen,
ich hätte schreien, oder wie ein wildes Roß mir die
Adern zerbeißen mögen, um dem kochenden Blute ein
Ventil zu öffnen. Ich, ich hatte dieses strafwürdige
Ereigniß verschuldet; ich die Sünde gedeckt, die Untreue verheimlicht; getäuscht die arglosen Eltern, auf
deren guten Glauben hin ein Ehrenmann in seinem
Allerheiligsten voraussichtlich zur Stunde schon betrogen
war. Ich, ich hatte die stolze Zuversicht der eignen
Seele für allezeit zerstört.

In solcher Stimmung giebt es keine größere Erleichterung, als einen Theil seiner Last auf einen Anderen abzuwälzen, und so wendete ich mich denn, sobald das Gefährt auf die weniger holpernde Landstraße
eingelenkt hatte, gegen den Begleiter, dessen milde Gelassenheit mich empörte.

„Wenn wir zu spät kommen, Probst,“ sagte ich
„wenn die Trauung vollzogen ist, so haben Sie eine
schwere Verantwortung auf sich geladen. Sie, der
Sie den Frevel hindern konnten und in bequemer
Scheu vor der Anklage es unterließen.“

„Darf der Beichtstuhl zur Anklagebank werden,
Fräulein Hardine?“ entgegnete er, „und war ich nicht
in der Lage des Beichtigers, der ein anvertrautes Geheimniß zu bewahren hat?“

„Sie hatten das Geheimniß nicht von einem
Beichtkinde, nicht zuerst wenigstens vom einem Beichtkinde empfangen. Uebrigens sprechen Sie mit dieser
Auffassung sich selbst das Urtheil. Dem Manne, dem
Freunde, mochte Zartgefühl die Zunge binden; dem
Seelsorger war es Pflicht, ein Verbrechen seines Beichtkindes zu verhüten.“

„Und was thun, Fräulein Hardine?“

„Rathen, warnen, bedräuen; für die erste christliche und menschliche Tugend, die Wahrhaftigkeit, das
matte Gewissen zum Leben rütteln.“

„Und haben Sie, meine muthige, junge Freundin, nicht gerathen, nicht gewarnt, nicht das Gewissen
zur Wahrhaftigkeit aufgerüttelt, Sie, die von allen
Menschen die stärkste Macht über dieses Kind geübt
haben und in einer Zeit der Gleichgültigkeit, ja mehr
als dieser, gegen den Mann, dem sie die Wahrheit
schuldete? Und mit welchem Erfolg? Heute aber, in
der letzten Stunde, am Vorabend der Trauung, wo
alles Sinnen und Trachten des beweglichen Herzens
nur gegen die Gefahr eines Widerspruchs gerichtet ist —“

„Hätten Sie im äußersten Falle das äußerste
Mittel nicht scheuen dürfen.“

Der Freund faßte nach einer kleinen Stille sanft
meine Hand und sprach: „Fordern Sie, mein liebes
Kind, von einem alten Manne nicht eine That, die
das Maaß seiner Anlagen überschreitet, und für die
er, mißräth sie, sich und Anderen kein Heilmittel zu
bieten hat. Und wenn das Aeußerste nun zum Aeußersten
geführt hätte? Wenn das schwache Geschöpf, — eben
weil es schwach ist, Fräulein Hardine, — gebrandmarkt vor der Welt und vor dem Manne, der im
Augenblick all sein Begehren gefangen nimmt, in tödtliche Krankheit, in Wahnsinn verfallen wäre? Wenn
sie verzweifelnd Hand an sich gelegt —“

„Nun wohlan!“ rief ich leidenschaftlich, „ich, ist
es noch Zeit, werde diesen Gefahren trotzen, werde,
und wäre es vor dem Altar, den Einspruch der Wahrheit vernehmen lassen. Ich bin aus den Schranken
meiner natürlichen Anlagen, meiner Erziehung, der
Denkweise meiner Väter, der Gesetzmäßigkeit meines
Charakters herausgetreten, indem ich die Unehre duldete
und das Unrecht beschönigte. In Recht und Ehren,
um jeden Preis, werde ich diese Irrung zu sühnen
wissen.“

„Sie werden es, meine Freundin,“ entgegnete der
geistliche Herr mit Bedeutung; „Sie werden jene
Irrung sühnen, früh oder spät, wenn auch mit anderen Factoren als denen, die heute Ihr Gemüth beherrschen. Also irren heißt leben und in den heimlichen Trieben, die unsere Menschenlogik höhnen, keimt
unsere Entwicklung. Der Regenguß, der unsere Saaten
niederschlägt, durchsickert die harte Bodenschicht, und
sammelt sich zum Quell, welcher das Wurzelland befruchtet. Das ist die Logik der Natur. Und darum
lassen Sie mir den Glauben, daß das, was heute Ihr
Gewissen niederschlägt, dereinst als ein Jungbrunnen
Ihr Gemüth erquicken wird. Ich bin ein alter Mann.
Meine Aufgabe ist, diesem Kinde, das zur Stunde
vielleicht auch die Mutter verloren hat, so weit meine
Kraft noch reicht, den Vater zu ersetzen.“

Der alte Mann schwieg. Wenn Ihr aber glaubt,
daß sein Gleichniß vom Wasserborn, — Feuer und
Flamme wie ich war, — meinen Zorn gelöscht haben
sollte, nun, so irrt Ihr Euch. Oel hatte es in den
Brand gegossen. Ich kehrte dem gefühlvollen Schwächling den Rücken, der ohne sich zu rühren, das Haus
seines Nachbars einäschern sieht und derweilen gemüthlich die Bausteine für eine Hütte der Zukunft zusammenträgt.

Wir sprachen bis zur Zwischenstation kein weiteres
Wort. Der Probst saß mir still gegenüber, den Kopf
des schlafenden Knaben auf seinem Schoß. In mir
jagten sich die Gedanken. Was geschehen sollte, kam
ich noch zur rechten Zeit, was aus mir werden, kam
ich zu spät — ich wußte es nicht.

Aus diesem Tumult weckte mich eine Bewegung
meines Begleiters, der während des Pferdewechsels sich
zum Aussteigen rüstete, um den Seitenweg nach seiner
Anstalt mit dem Knaben einzuschlagen. Ich merkte
die Absicht und sagte höhnend: „Sie schlucken Elephanten und seipen Mücken, guter Freund!“ Worauf
er lächelnd antwortete: „Wohl mir, wenn ich den
giftigen Stich einer Mücke von Ihnen abwehren könnte,
Fräulein Hardine.“

Die Reizung fehlte mir nur noch. „Ich denke,
Herr Probst,“ brauste ich auf, „Name und Ruf des
Fräulein von Reckenburg — —“

„Der beste Name und Ruf,“ unterbrach er
mich, „der Frieden des edelsten Menschen können
getrübt werden, wenn eine Kette von Zufälligkeiten
sich thörichter, oder böslicher Auffassung in die
Hände spielt. Zwingt ihre Ehe Dorothee Müller,
diesen Knaben zu verleugnen, so hat er erweislich
weder Vater noch Mutter. Er ist in Reckenburg,
unter den Augen Ihrer vertrauten Dienerin aufgewachsen, durch Sie der Erziehung eines alten
Freundes übergeben worden. Ihre Person wird
es sein, an welche seine Erinnerungen, vielleicht seine
Erwartungen sich heften, zumal wenn eines Tages ein
Umschlag in Ihren äußeren Verhältnissen die Blicke
eines größeren Kreises auf Sie lenkt. Ihre einzigen
rechtfertigenden Zeugen, Justine und ich, sind Greise;
die Kirchenregister vernichtet, und die Verwicklungen
des Schicksals unberechenbar. Ich muß es daher als
eine Fügung der Vorsehung betrachten, daß mindestens
ein unumstößliches Dokument über August Müllers
Abstammung gerettet worden ist. Kurz vor meinem
Abgange von Reckenburg und dem Brande der Kirche
nahm ich eine Abschrift des Taufzeugnisses, um es,
ohne die Aufmerksamkeit eines Dritten zu erregen, der
Mutter des Knaben zu gelegentlicher Verwendung anheimzugeben. Gedankenlosigkeit verzögerte den ursprünglichen Zweck; und so lege ich es jetzt, statt in die
der Mutter, in Ihre Hand, Fräulein Hardine. Weisen
Sie es nicht zurück; verwahren Sie es aus Rücksicht
für einen treuen Freund, so viel derselbe heute in Ihrer
Schätzung verloren haben mag.“

Um weitere verdrießliche Erörterungen abzuschneiden, nahm ich das Attest; bei ruhigerem Blute sah ich
in seiner Erhaltung eine Pflicht, wenn nicht für mich
selbst, so doch für den verwaisten Knaben und ich erwähnte bereits, daß Ihr es dieser Handschrift beigefügt finden werdet.

Nach diesem Zugeständnisse mußte nun aber der
geistliche Herr sich darein ergeben, von mir nach seiner
Anstalt geleitet zu werden. Die Klosterglocke schlug
Mitternacht, als ich ihn, seinen Pflegling im Arm,
hinter der Pforte verschwinden sah.

Eine halbe Stunde später schmetterte das Posthorn vor der alten Baderei. Das Haus, das ganze
Städtchen lagen im Dunkel; alles schlief und es währte
mir eine Ewigkeit, bis die Thorfahrt geöffnet ward,
und mein Vater in Schlafrock und Nachtmütze unter
ihr erschien. „Dorothee!“ schrie ich ihm entgegen, indem ich mich mit beiden Händen an seine Schultern
klammerte.

Du kommst post festum, arme Dine,“ antwortete der Papa mit kleinlautem Scherz, „die Frau Geheimeräthin lassen sich gehorsamst empfehlen!“

Und nun fragt mich nicht, wie ich an das Bett
meiner Mutter und über den ersten Austausch hinweggekommen bin. Auch nicht, wie lange ich ihr gegenübersaß und in halber Betäubung die Schlußscene
unseres häuslichen Dramas gleich einem Nebelbilde
an mir vorübergleiten sah. Erst bei öfterer Wiederholung in den nächsten Tagen prägte sie sich mir ein
mit der Schärfe eines persönlichen Erlebnisses.

Die Verlobten waren von ihrem abendlichen
Abschiedsgange heimgekehrt mit dem Beschluß, die
Trauung am anderen Mittag in der verabredeten
Weise stattfinden zu lassen. Vater und Mutter hatten nicht widersprochen. Den Gruß ihres alten
Freundes im Kloster empfing die Braut mit einem
Thränenstrom, der sie zu erleichtern schien.

Als am Sonntagsmorgen der Gottesdienst sich
seinem Ende näherte, stieg die Mutter in Dorotheens
Stube hinauf, ihr kleines Angebinde zu überreichen.
Es war eine Silhouette und Locke ihrer Tochter, die
sie einem perlenumrahmten Medaillon hatte einfügen
lassen.

Sie fand die Braut fertig gekleidet in ihrem
Abendmahlsanzug, Brust und Arme mit einer Garnirung weißer Klosterspitzen, einem Geschenke Fabers,
umschlossen. Das dunkle Bild am schwarzen Bande
als einziger Schmuck, hob das Trauerartige der Erscheinung noch mehr hervor. In diesem düsteren
Rahmen aber, in der Blüthenweiße des Angesichts,
die Augen gesenkt, die Hände wie zu demüthigem
Flehen über der Brust gefaltet und die Morgensonne
die weiche Lockenwelle übergoldend: die Mutter gestand, daß sie unter dem Rosenschimmer des Kindes
niemals diese ideale Schönheit geahnt und daß sie gebannt im Anschauen, einen Augenblick auf der Schwelle
geweilt habe.

Aber nur einen Augenblick. Im nächsten durchflog ein Schrecken die Glieder der armen Hochzeitsmutter und ein entsetztes „Herrgott!“ entschlüpfte
ihren Lippen. Eine Braut, Siegmund Fabers Braut,
ihr Schützling — und ohne jungfräulichen Kranz!
Keiner hatte für das unerläßliche Symbol gesorgt,
das bis zum Letzten von der Hand der Brautführerin
erwartet worden war. Und wie nun in dieser Uebereile, bei sonntägig geschlossenen Läden, es beschaffen?

Dorothee hat den Aufschrei vernommen, sie sieht
die mütterliche Unruhe. Gleichzeitig hört sie das Rollen eines Wagens immer näher und näher die Straße
herauf. Jetzt hält er vor der Thür. „Hardine!“
kreischt sie, „Barmherzigkeit, Hardine!“ und stürzt auf
ihre Kniee.

Aber es ist nicht die ersehnte Kranzjungfer, es
sind die Hochzeitskutschen, welche vor dem Hause vorfahren. Rasche Tritte eilen die Treppe herauf. Bräutigam und Hochzeitsvater treten ein, eben als die
zitternde Braut sich vom Boden erhebt.

Allein der Kranz, der Kranz! Alles blickte bestürzt — Alle, mit Ausnahme der todtenstarren Braut.
Der glückliche Hochzeiter ist der Erste, sich zu fassen.
„Es muß ja nicht eben Myrthe sein,“ sagt er lächelnd.
„Im ganzen Süden wählt man beliebige weiße Blüthen, gemischt mit irgend einem anderen zarten Grün.“
Er überblickt das Zimmer, das gestern noch einem
Garten geglichen hatte. Sämmtliche Töpfe jedoch sind
heute in der Frühe hinaus zum Schmucke der elterlichen Gräber getragen worden; nur in einem Wasserglase sieht er ein paar Zweige, die er achtlos ergreift
und der Geliebten reicht. Die Mutter unterdrückt
einen Schauder; mit einem herzzerreißenden Lächeln
flicht sie dieselben Dorothee in ihr goldenes Haar: es ist ein
Strauß Rosmarin, auf eben jenen Gräbern gestern
zum Andenken von der Tochter Hand gepflückt.

In dem nämlichen Augenblicke aber bringt triumphirend der gute Papa, der in seinem Eifer in den
Garten gelaufen ist, eine Handvoll weißer Tausendschön, an denen noch der Morgenthau perlt. Sie
werden zwischen die Zweige gewunden und so mit
Frühlingsblumen und Grabesgrün ist der bräutliche
Schmuck vollendet. Siegmund Faber legt einen kostbaren türkischen Shawl um die Schultern seiner Verlobten, er führt sie zum Wagen, die Eltern folgen.
Unter den Grüßen und Winken ihrer Mitbürger, die
eben dem Gotteshause entströmen, fährt das schöne
Kind der Stadt aus seiner dunklen Heimath in den
blendenden Glanz der Welt.

Nach einer Stunde hielten die Wagen vor einer
Kirche seitab des ersten Dorfes auf der Straße nach
Berlin. Die Bewohner saßen beim Mittagsessen,
niemand außer dem Pfarrer und Küster harrte in dem
kleinen, öden Gotteshause. Faber hatte aus Schonung
für seine Braut um eine kurze Feier gebeten und so
beschränkte sich dieselbe nahezu auf die alte strenge,
lutherische Formel und den Segensspruch. Ohne
Sang und Orgelklang waren die Verlobten binnen
weniger Minuten Mann und Weib. Als die Ringe
von Neuem gewechselt wurden, die sie acht Jahre
lang getragen hatten, glitt der der Braut von der
schlaff herabhängenden Hand. Faber fing ihn auf
und steckte ihn an ihren Finger, den er von da ab
fest zwischen den seinigen gepreßt hielt. Sein Ja
schallte laut und freudig durch den Raum. Dorotheens Lippen bewegten sich nicht.

Schweigend führte Siegmund Faber seine junge
Frau bis an die Kirchhofspforte, winkte den Wagen
herbei und eilte zu geschäftlichen Abmachungen in die
Sakristei zurück. Die Eltern nahmen Abschied von
dem Kinde, das sie neben dem eignen von der Wiege
ab gehegt hatten.

„Gottes Segen über Sie, theure Dorothee, auch
im Namen unserer guten, fernen Hardine,“ sagte der
Vater, nachdem er seinen Liebling umarmt hatte und
ging dann rasch dem jungen Manne nach, um seine
Thränen zu verbergen.

Bei dem Namen Hardine war es wie eine Sinnestäuschung, wie ein Wahn, der das junge Weib
berückte. Unter convulsivischem Zucken stürzte sie zu
Boden und umklammerte der Mutter Kniee.

„Barmherzigkeit, Hardine!“ schrie sie, „Barmherzigkeit! Ich wollte ja nicht — aber ich mußte!
Ich wollte ja reden, — aber ich konnte nicht. —
Das Kind, das arme Waisenkind! Barmherzigkeit,
Hardine — Barmherzigkeit — um des Todten willen.“

Die letzten Worte wurden kaum noch verständlich gelallt. Sie taumelte mit gebrochenen Augen rückwärts über ein frisch geschaufeltes Grab. Faber stürzte
herbei und trug die Bewußtlose in den Wagen. Eine
Minute später rollten sie auf der Straße zur neuen
Heimath voran.

Viertes Capitel.
1806.

Das Geheimniß ist enthüllt. Ihr wißt jetzt,
meine Freunde, wer August Müllers Mutter gewesen
ist und welches Verhältniß mir die Lippen band, als
die Welt mich dafür genommen hat. Was weiter
nach Außen hin an mir und durch mich geschehen
ist, liegt zu Tage, die Geschichte dürfte zu Ende sein.

Weil aber jede Geschichte eine Pointe haben
soll, das heißt: weil jedes Schicksal nicht nach Außen,
sondern nach Innen hin gipfelt, und weil, ist nur
einmal der erste Strich gethan, es ein besonderes Vergnügen gewährt, den Grundriß seines Lebensbaues vor
lieben Menschen zu entfalten, so will ich den meinigen weiter führen von Stock zu Stock, bis zu der
Spitze, die sich vor Euch enthüllen wird, nachdem
Ihr den Richtspruch vernommen habt.

Die Schwäche, mit welcher ich jahrelang Dorotheens Heimlichkeit geduldet und gewahrt, hatte mein
Gewissen frei gelassen. Nun aber, da eine untilgbare
Schuld gegen einen Anderen daraus erwachsen war,
drückte sie mich wie ein Alp. Es gab jetzt einen
Menschen, dessen ehrenwerthen Namen ich nicht hören
konnte, ohne zu erbleichen; einen, vor dem ich in der
Erinnerung die Blicke niederschlug; den ich belügen
oder in seinem innersten Heiligthume vernichten mußte,
wenn er mir mit der Frage: „Handeltest Du rechtschaffen und ehrenhaft gegen den Vertrauenden?“ unter die Augen getreten wäre. Die Dämonen des
Lebens: Unruhe, Zweifel, Furcht und Scham, sie, die
ich mehr gefürchtet hatte, als Verlassenheit und Armuth, jetzt lernte ich sie kennen. Der Stolz der Unschuld war vernichtet, alle Sicherheit des Gefühls gebrochen, seitdem die Nachgiebigkeit gegen ein Gefühl
mich so weit von meinem Grundwesen vertrieben hatte.

Von Dorothee hörte ich nichts. Ich hatte nicht
erwartet, daß sie mir schriebe und würde ihr nicht geantwortet haben. Ob sie mit dem Probst in Verbindung geblieben, mochte ich nicht wissen, bezweifelte es
aber. Wir waren fertig mit einander.

Auch zu dem Probst hatte mein Verhältniß sich
abgeschwächt, seitdem seine Schlaffheit, wie ich es
schalt, mir eine Gewissensschuld aufgebürdet. Ich
suchte ihn auf, so oft ich im Elternhause verweilte,
unterhielt eine Art Zusammenhang zwischen ihm und
seiner alten Gemeinde, folgte nicht ganz ohne Antheil
seinen Bestrebungen in der Gegenwart; von unserem
gemeinsamen Geheimniß aber war niemals die Rede.

Niemals jedoch, so oft ich ihn besuchte, unterließ
er es, mir seinen besonderen Schützling vorzuführen
und meine frühere Theilnahme für ihn wieder anzuregen, denn — und das war wohl der häßlichste Umschlag meiner Stimmung — der Knabe, an dem ich
mit so viel Wohlgefallen gehangen hatte, und der sich
gleichmäßig schön und kraftvoll entwickelte, war seit
jener Mitternacht, wo ich ihn hinter der Klosterpforte verschwinden sah, meinem Herzen ein Gräuel.
Ich erblickte in ihm nicht mehr das Ebenbild seines
Vaters, der die Lust und das Leid meines kurzen Lenzes, nicht mehr das Schmerzenskind seiner Mutter,
die meine einzige Gespielin gewesen war; er erinnerte
mich nur noch an den Mann, der durch meine Mitschuld um das Glück betrogen wurde, das Pfand
einer reinen Liebe an sein Herz zu drücken. Ungerecht, wie ich war — auch gegen mich selbst — grollte
ich des Knaben stürmischer, schwer zu zähmender Natur; er wurde mir zum Wildling Muhme Justinens;
zu dem verlorenen Kinde der Sünde und vergeblich
suchte der alte Freund aufzuklären und zu entschuldigen. „Er lügt niemals und er ist beherzt vor allen
Anderen,“ sagte der Freund; ich aber sagte: „Er ist
eine Range vor allen Anderen,“ und wenn August
Müller zwanzig Jahre später erzählt hat, daß das
Bild Fräulein Hardinens sich ihm durch eine drastische
Manipulation eingeprägt habe, so erinnere ich mich
dieser Thatsache wahrscheinlich nur darum nicht, weil
mir nicht einmal, sondern hundertmal zu solchem Correctiv die Hände zuckten.

Alles war mir verleidet; alles vergällt, zumeist
der Aufenthalt im Elternhause. Denn das Haus war
die Stätte des Verraths, der mich mein Selbstgefühl
gekostet hatte und vor den ehrlichen Augen der Eltern,
die nur durch meine Schuld Mitschuldige an demselben
geworden waren, konnte ich nicht bestehen. Ich langweilte mich in dem ohne mich ausgefüllten häuslichen
Getriebe und der gesellschaftlichen Plattheit hatte
ich mich in dem freien, ländlichen Wesen meiner
Reckenburg bis zum Widerwillen entwöhnt. Denn die
Natur, auch in ihrer einfachsten Form, spricht immer
neu und geistvoll zu Einem, der nicht blos eine beschauliche, sondern eine wirkende Stellung in ihrem
Bereiche eingenommen hat.

Der Besuch in der Heimath verkürzte sich daher
von Jahr zu Jahr; in den letzten bis auf wenige
Tage. Meine Gegenwart in Reckenburg wurde immer
unentbehrlicher; freilich auch immer undankbarer und
gebundener. Alles stockte, Allem drohte der Verfall
unter der wahnsinnigen Goldsucht der Greisin. Die
bewährten Diener und Gehülfen versagten ihren Dienst;
ich mußte kämpfen um jeden Thaler, den ich aus den
Erträgen den gierigen Händen vorenthielt, ja ich mußte
zur Täuschung, zum offenbaren Betrug meine Zuflucht
nehmen: heimlich Korn verkaufen, um die Arbeiter zu
bezahlen, daß die Aecker nicht brach liegen blieben;
heimlich Holz fällen lassen, um die Forstwärter zu besolden, daß das überhand nehmende Wild nicht Saaten
und Schonungen vernichte.

Wenn ich diese dämonische Selbstzerstörung, die
Entartung der trefflichsten Anlagen vor Augen sah,
oder die von Geschlecht zu Geschlecht wachsende Verwilderung der Gemeinde, welche seit jenem Brande
selber des schützenden Daches über dem Gotteshause
entbehrte, wenn ich ihre Reden erhaschte von dem Beelzebub, dem das Gespenst im Goldthurm seine Seele
verschrieben habe, Reden, vor deren Logik die Gegenrede verhallte wie leerer Wind, da fragte ich mich oftmals mit höhnendem Grimm, warum nicht in jedem
Tollhaus eine Station für Geiznarren errichtet sei?
und noch öfter kämpfte ich mit der Versuchung, eine
gerichtliche Curatel für meine unzurechnungsfähige
Verwandtin zu beantragen.

Aber ich kämpfte sie nieder. Die Frau, die so
kraftvoll gelebt hatte, um so kümmerlich zu versiechen,
stand in ihrem zehnten Jahrzehnt und nicht auf das
Zeugniß hin der Letzten, die ihren Namen trug, sollte
sie in den Registern ihres Landes als eine Thörin
verzeichnet stehen. Noch war ich stark genug gegen die Verwüstung Stand zu halten, bis ein zögernder Naturlauf die
Verwalterin zur Herrin ihres heimathlichen Grundes machen, oder sie für immer von demselben vertreiben mußte.

Jahr um Jahr schlich dahin in diesem Zustande
äußerlicher und innerlicher Latenz, wie der Arzt ein
lähmendes, lastendes Siechthum nennt und der Krise
harrt, die seinen Patienten, sei es im Tode, sei es zu
einem verjüngten Leben befreit.

Und dieses heimlich lauernde Elend verspürte das
einsame Mädchen in dem Waldwinkel von Reckenburg,
mehr noch als an sich selber, an dem gesammten Wesen
seiner vaterländischen Zeit. Mit dem geschärften Sinn
eines unbeschäftigten Gemüths sah es, über die eigne
Leere hinaus, die schwankenden Bewegungen von
Schwäche zu Schuld, sah die Kraft seines Volkes, hier
überschraubt, dort versumpfend, einer Katastrophe entgegenschleichen, die es zerreiben, oder aufrütteln mußte
zu einer erneuernden That.

Ich weiß, was Ihr sagen wollt, meine Freunde,
oder mindestens was Ihr sagen dürftet: Sei's um das
lauernde Siechthum der deutschen Welt, wenngleich du
auch darin vielleicht die nachträgliche Erfahrung, oder
etwa den Contrast deines rohen Reckenburger Völkchens
mit dem zarten Literaturfreunde im Kloster als Zeichen der
Zeit deinem Spürsinne zu Gute geschrieben hast. Nun sei's
darum. Was aber das Pathos deiner persönlichen Latenz
betrifft, Fräulein Ehrenhardine, das war wohl nichts anderes als der unbehagliche Zustand jedweden Jüngferchens,
das allmälig aus den Zwanzigern in die Dreißig hinüberschreitet. Warum heirathetest du nicht? Du warst
nicht schön und lieblich, wie wir dir glauben wollen; aber
du warst tüchtig und respectabel und was mehr bedeutet, du warst voraussichtlich die Erbin des „grünen
Röcklein“ deiner Reckenburger Flur. So ein Röcklein
aber ist kleidsam auch ohne Venusgürtel. Fehlte es
dir an Freiern, oder spieltest du die Amazone?

Keines von Beiden, meine jungen Querulanten.
Fräulein Ehrenhardine war sattsam ernüchtert, um
auch sonder Sehnsucht und Neigung, eine verständige,
anständige Heirath für ein besseres Correctiv ihres
Siechthums zu halten als selber den Heimfall ihrer
Reckenburg. Was aber die Schaar ihrer Freiwerber
anbelangt, oho! eine väterliche Schwadron hätte sie
mit ihren Cavalieren füllen können. Alt und jung,
bekannt und unbekannt, von fern und nah meldeten
sie sich, durchdrungen von den Reizen und Tugenden
der letzten Reckenburgerin. Sobald diese Letzte aber,
wahrheitsgemäß, die Reize und Tugenden als das
einzige verbriefte Kunkellehn der Reckenburgs in Erwägung stellte, da sah sie jenen Zustand der Latenz
sich plötzlich auch über die flott avancirte Ritterschaft
verbreiten. Männiglich dämpfte sich die Leidenschaft
zu einem rhytmischen Tempo gleich dem der Menuet
in der choreographischen Schule Eberhards von Reckenburg: Cavaliers à droite, à gauche, en arrière!
nicht einen ganzen Pas, kaum einen halben und
jederzeit mit tiefer Reverenz und graziösem Portebras,
— doch so langathmig wie das Leben in dem Goldthurm der Reckenburg.

Als aber, — um vor der Hand mit dem matrimonialen Kapitel abzuschließen, — als aber jenes
langathmige Leben endlich dennoch ausathmete, und
die Reize und Tugenden der letzten Reckenburgerin in
dem grünen Röcklein ihrer Heimath strahlten, da wußte
sie Besseres zu thun, als die Blöße eines harrenden
Ritters unter seinen Falten zu verbergen. En arrière
cavaliers! hieß es nun ihrerseits; en arrière au
galop!

Und das Herz hat ihr nicht geklopft bei dieser
Freierscheuche. Denn zu ihrem Glück oder Unglück,
hatte sie früh nach großen Maaßen messen gelernt,
und ein verführerischer Antinous, ein Charakter wie
Mosjö Per—sé zählten nicht zu ihrer späteren Clientel.

Die Herbstereignisse von 1806 trieben mich eilend
und voraussichtlich für längere Zeit in das Elternhaus
zurück. Der Kurfürst hatte sich in letzter Stunde für
den Krieg entschieden und mein alter Vater mußte zum
zweiten Male unter preußischem Banner zu Felde ziehen.

Die Mutter, deren Gesundheit sich seit jenen
Trennungsjahren nicht wieder erholt hatte, brach bei
diesem zweiten Abschied ohne Widerstand zusammen.
Heute ahnte sie den Todesstreich, den sie damals nur
gefürchtet hatte und als der ehrliche Purzel seinen
alten Trostspruch wiederholte: „Gnädige Frau, es
passirt ihm nichts, und wenn ihm was passirt, da
komme ich gleich und melde Post,“ da versuchte sie
kein Lächeln, und ihr starres Auge sagte: „ich weiß,
daß du kommst.“

Ich theilte diese apprehensive Stimmung nicht.
Die Campagnen Napoleons waren nicht von der
Dauer der Rheinfeldzüge; die gegenwärtige spielte sich
voraussichtlich in unserer Nähe ab, und warum sollte
man von vornherein an Gottes Schutz verzweifeln,
wenn man denselben schon einmal mit so viel Dank
empfunden hatte? Ich hoffte den theueren Mann
wiederzusehen, bald wiederzusehen.

Desto unbezwinglicher war mein düsteres Vorgefühl des allgemeinen Looses. Wie einsame Hirten
oder Jäger Wolken- und Sternenlauf verstehen lernen,
so hatte in meiner geistigen Vereinzelung ich mich gewöhnt, die Blicke aufmerksam auf den umzogenen
Horizont unseres Zeitwesens zu richten, und es waren
drohende Wetter, die ich aufsteigen sah. Nun kam
ich heim. Unser Städtchen glich einem preußischen
Feldlager. Der größte Theil der Armee, von der ich
Bruchstücke schon während der vorjährigen Mobilmachung hatte kennen lernen, zog durch unsere Straßen,
dem unfernen Hauptquartier entgegen. Mit natürlichem Scharfblick für alles Praktische und als Soldatenkind mit manchen militairischen Bedürfnißfragen
vertraut, mußten mir während dieser Eindrücke Bedenken aufsteigen, welche die Folgezeit nur all zu
deutlich gerechtfertigt hat.

Mehr aber als diese actuellen Anschauungen war es
eine nachschleichende Erinnerung, welche sich unheilweissagend zwischen den bunten Wechsel drängte. Ich sah
und hörte die cavalière Laune unter den Epigonen
aus Friedrichs Heldenschule, die einzige Stimmung,
welche öffentlich zur Schau getragen ward und welche
die weniger heißblütigen sächsischen Bundesgenossen
häufig genug verletzte; — nun man konnte sie belächeln. Ich wechselte, in flüchtigem Begegnen, ein
Wort mit dem heldenmüthigen Prinzen, der mich,
wenn auch mit genialischerem Gepräge, so lebhaft an
den Betrauerten von Valmy erinnerte; ich verneigte
mich vor der Huldgestalt der Königin und las die stolze,
siegerische Zuversicht in dem schönsten Frauenauge:
— nun jenes Wort und dieser Blick hätten das Vertrauen beleben dürfen.

Aber ich sah auch an der Spitze der Armee wieder
den halbschlüssigen Feldherrn von Zweiundneunzig, wo
Friedrichs Ruhmesfahne sich zu senken begann; heute
ein Greis, von Greisen umgeben und gegenüber nicht
einer Rotte von Sanscülotten, sondern einer siegestrunkenen Armee unter einem Kaiser Napoleon. Und
jener Autorität der Erinnerung sah ich wieder einen
König von Preußen freiwillig unterstellt, einen nüchternen, schüchternen Herrn, in dessen ernsten Augen,
— von Allen allein, — ein Spüren der Katastrophe
zu lesen war; ein Ahnen aller Leiden der Zeit, die er
zu spät verstehen lernte.

Die Armee hatte sich seit fast zwei Wochen westwärts den Fluß entlang gezogen. In der Stadt war
keine Besatzung zurückgeblieben, eine bängliche Stille
dem lauten Treiben gefolgt: die Stille vor dem Sturm.
Von Stunde zu Stunde erwartete man die Nachricht
eines Zusammenstoßes, Niemand aber ahnte, wo der
gefürchtete Sieger von Austerlitz, der nach der letzten
Kunde, Anfang Oktober, in Würzburg angekommen
war, diesen Zusammenstoß suchen, oder ihm begegnen
werde. Auch die Armee ahnte es nicht, wie uns ein
erster Brief des Vaters angedeutet hatte.

Die letzte Nachricht über ihn brachte uns der
Probst, dessen Sohn in seinem thüring'schen Pfarrhause den Freund seines Vaters gastlich beherbergt
und ihn wohlbehalten und wohlgemuth gefunden hatte.
Der Haupttheil der Sachsen stand bei dem Hohenloheschen östlichen Flügelcorps; unser Husarenregiment an der oberen Saale bei den Vorposten, welche
Prinz Louis Ferdinand führte. Noch war Jedermann
im Dunkel, ob das Corps dem Feinde entgegen auf
das rechte Flußufer rücken, oder ob es sich näher an
die Hauptarmee bei Erfurt ziehen werde. Dieser
Brief, datirt vom achten Oktober, erreichte uns erst
am Nachmittage des elften. Die Mutter hörte den
beruhigenden Inhalt ohne Glauben und fast ohne
Antheil. Sie saß in sich versunken in einem zehrenden Fieber. Mich durchzuckte ein Ahnen, daß auch
ohne vernichtenden Schlag sie diese Prüfungszeit nicht
überdauern werde.

Am anderen Morgen durchliefen beunruhigende
Gerüchte die Stadt; Gerüchte, wie sie in solchen Tagen in der Luft zu schwirren scheinen: Keiner sucht
und erfährt ihren Heerd. Ich las sie in den Mienen
der Vorüberstürzenden, fing sie auf aus ihren halben
Worten, wenn ich auf einen Augenblick die Mutter
zu verlassen und auf die Straße zu treten wagte. Reisende wollten schon gestern französischen Truppenzügen begegnet sein, die sich auf dem rechten Ufer saalabwärts bewegten; man sah die verbündete Stellung
umgangen, sah in ihrem Rücken den Feind sich im
Kurfürstenthum festsetzen; man glaubte sich keine Stunde
mehr sicher, dachte an's Bergen seiner Habseligkeiten,
an Verproviantirung, an Flucht.

Die Aufregung wuchs, als gegen Mittag die
Sage von mehreren, für die Verbündeten unglücklichen
Vorpostengefechten, die schon am neunten stattgefunden und die Kavallerie hart mitgenommen haben sollten, verlautete; sie stieg zum Höchsten, als einige
Stunden später — wie? durch wen? ja, Gott weiß
es! die unheilvolle Kunde von Mund zu Mund lief.
Eine Schlacht — so hieß es — hatte stattgefunden,
der Feind den Uebergang gegen den preußischen Prinzen, und demnach auch gegen unser städtisches Regiment erzwungen. Die Verluste wurden ungeheuer genannt, unter ihnen sogar der Name des heldenmüthigen Prinzen.

In dieser Spannung des Lauerns und Horchens
neigte sich der Tag. Die Frankfurter Post traf ein,
zwei Staffetten folgten sich rasch auf den Straßen
nach Halle und Leipzig. Immer dichter wurden die
Gruppen vor dem Posthause uns gegenüber, immer
angstvoller die Geberden; mir war, als ob alle Blicke
nach unserem Hause gerichtet seien. Ich ertrug es
nicht länger.

Die Mutter saß unbewegt auf dem Schlafstuhle
am Fenster; sie blickte starr auf das Gedränge, aber
sie fragte nach nichts. Ich ließ sie unter Obhut der
Magd. Es dunkelte bereits. Ich lief hinüber nach
der Post; es waren kaum hundert Schritte, in wenigen Minuten konnte ich zurück sein.

Und in wenigen Minuten war ich zurück, die
Botschaft im Herzen, die, ich wußte es, dem einzigen
geliebten Wesen, das mir auf Erden geblieben war,
wie ein Todesurtheil klingen mußte. Der theure
Mann war dahin! gefallen an der Spitze seines Regiments während jenes letzten, unglücklichen Reitersturmes, der auch dem fürstlichen Führer zum Verhängniß werden sollte. Wie starrte ich, wie grauste
mich, als ich die Schwelle überschritt, die, so lange
ich denken konnte, zu einer Stätte beglückten Friedens
geführt hatte. Es waren nur wenige Minuten —
und ich fand sie in eine Sterbekammer umgewandelt.

In ihrem Stuhle am Fenster, so wie ich sie verlassen hatte, lehnte die unglückliche Frau mit schlaffen
Gliedern und gebrochenem Blick, einer Leiche gleich.
Zu ihren Füßen lag händeringend die Magd, und
vor ihr, noch athemlos keuchend, laut schluchzend,
mit Blut und Koth bespritzt, den Arm in der Schlinge,
stand der Schreckensbote, der mir zuvorgekommen war.

Der ehrliche Purzel hatte Wort gehalten. Als
von allen Seiten die Feinde immer dichter und dichter schwollen, als ringsum die Freunde zu wanken
begannen, jetzt auch, nach einem letzten muthigen Angriff, die Schwadronen seines eigenen Regiments auseinanderstoben; als er den Prinzen, der sie vorgeführt
hatte, sein Pferd wenden, und im nämlichen Augenblicke auch seinen Herrn zu Boden stürzen sah: da
hatte er keinen Gedanken mehr, als ihn zu retten und
da er ihn todt fand, rettungslos todt, ihn seitab in
einem Busche zu bergen, dann aber Kehrt zu machen,
der arme Wicht, von dannen zu jagen, als sein Pferd
zusammenbricht, zu laufen, athemlos fast Tag und
Nacht, bis er „sein Haus“ erreicht, und seine Frau,
der er Post versprochen hat, der erste Flüchtling,
welcher die Kunde des ahnungsschweren Vorspiels von
Saalfeld in die Heimath trug.

Das mörderische Wort war nicht über seine Lippen gekommen; ein erster, einziger Blick auf die eintretende Gestalt hatte das kranke, weissagende Herz
gebrochen. Ohne Zögern wurden die Mittel angewendet, die bei schlagartigen Lähmungen geboten sind;
sie fristeten das leibliche Leben auf unberechenbare
Zeit, das der Seele war todt und blieb es. Die unglückliche Frau hat keinen Laut mehr vernehmen lassen, und, ich hoffe es, keinen unserer Schmerzenslaute
mehr vernommen.

Das ist der wühlendste Schmerz, welchen eine
gleich große Sorge im Banne hält. Die lange Nacht
hindurch saß ich, und zählte mechanisch die matten
Schläge des Pulses, der jeden Augenblick erlöschen
konnte. Mit grauendem Tage drängten sich Theilnehmende und Neugierige herbei; ich sah und hörte sie
kaum. Ich saß starr und stumm.

Aus diesem betäubten Zustande sollte ich erlöst
werden durch eine Freundesthat, die wie keine andere,
vorher und späterhin, mein Herz gerührt hat. Was
es heißt, Treue zu ernten, wo die Väter Liebe gesäet, ich hätte es in diesen Tagen lernen können. Und
doch habe ich zwanzig Jahre nach ihnen hingelebt,
ohne ein gleiches Samenkorn auszustreuen. Freilich
hatte ich keinen Erben, dem es Frucht getragen haben
würde.

Es war um die Mittagsstunde, als ich einen
Wagen in unsere Thorfahrt lenken hörte, — hörte,
ohne es zu beachten. Ein Wink des alten Soldaten
rief mich von dem Bette der Mutter; er zitterte und
weinte wie ein Kind, und der, vor welchen er mich
führte, zitterte und weinte wie er. „Fräulein Hardine,“ stammelte Christlieb Taube, „ich bringe Ihnen
was von dem gütigsten Menschen, der auf Erden gelebt hat, zu retten war.“

Seinen Leichnam. Er hatte ihn in dem bergenden Gebüsche entdeckt, als er mit seinem Prediger,
des Probstes Sohn, das nahe Kampffeld nach Verwundeten durchsuchte; hatte ihn darauf im eilig aus
rohen Brettern gezimmerten Sarge zwischen die letzten Eichenblätter des Jahres gebettet, im Gotteshause
priesterlich einsegnen lassen, und ganz allein im leichten Korbwägelchen, Tag und Nacht fast ohne Aufenthalt, ihn als letzten Trost den Menschen zugeführt,
die er seine Wohlthäter nannte.

Und da lag er nun, der Mann mit dem braven
Herzen, unverändert, wie ich ihn so oft im Leben
hatte schlummern sehen; das gute, kräftige Gesicht
durch keinen Zug der Qual entstellt. Noch hielt er
den Säbel fest in der geballten Faust, und nur eine
kleine durchbrannte Oeffnung im Collet bezeichnete die
Stelle, wo die Kugel in das Herz gedrungen war.
So starb er einen raschen, rühmlichen Reitertod, im
Bewußtsein eines gerechten Kampfes, vor den Tagen
der Schmach, die jahrelang auf seinem Stande und
Vaterlande lasten sollten, und deren endliche Sühne
seinem Alter wohl kaum gegönnt gewesen wäre. Mein
theurer Vater, Gott hat es am besten gewußt, auch
für Dich!

Niemals im Leben habe ich so geweint, so die
Wohlthat der Thränen empfunden, als vor diesem
Todesbilde. Als ich den Kopf von seinem Herzen
erhob und die Hand des treuen Freundes drückte, der
stillbetend am Fußende des Sarges auf seinen Knieen
lag, da fühlte ich den alten Muth und die gewohnten
Kräfte wieder in mir aufgelebt. Es war, als ob ein
Sonnenstrahl sich durch bleiernen Winternebel kämpft;
nur eine Sekunde lang; bald umfängt uns wieder
der nächtliche Schatten. Aber wir haben uns des
unvergänglichen Lichtes dort oben erinnert.

Eine plötzliche Hoffnung durchzuckte mich. Ob
der Anblick des geliebten Mannes nicht den erlahmten Sinn der Mutter erwecken sollte? Der herbeigerufene Arzt zeigte kein Bedenken gegen den gewagten
Versuch, aber auch keine Hoffnung auf sein Gelingen.
So wurde denn der Sarg in das Zimmer getragen
und an Stelle des Sophas, wo der Geschiedene so
oft der Ruhe gepflogen, niedergelassen. Der Mantel
bedeckte die steifen Glieder, nur der Kopf lag wie im
friedlichen Schlummer.

Auf meinen Armen trug ich die Kranke wie ein
hülfloses Kind aus der Kammer und gab ihr dem
Sarge gegenüber einen Platz. Mit welcher Spannung ich in ihren Zügen forschte! Ach, die starren
Blicke richteten sich wohl mechanisch auf des Todten
Gesicht, aber kein Zucken verrieth eine Freude oder
einen Schmerz, nicht das leiseste Zeichen, daß sie ihn
erkannte, daß sie ihn nur sah! Das Herz war todt,
vielleicht schon jenseits bei ihm; nur das Blut wallte
noch in der entseelten Maschine. Wie lange Zeit, ob
Stunden, ob Jahre? Der Arzt zuckte schweigend die
Achseln, als mein trostloser Blick ihm diese Frage
stellte.

Wir richteten die Kranke in meinem Dachzimmer
ein, um die unteren Räume für den Todten frei und
still zu halten. Peinvolle Verabredungen wegen der
Bestattung mußten getroffen werden. Der alte Soldat hatte keinen Kameraden am Ort, der ihm das
Ehrengeleit zu seiner Ruhestätte geben konnte, der
letzte Reckenburg keinen Sohn, keinen Blutsverwandten, welcher die erste Handvoll Erde auf seinen Hügel rollen ließ. Seine Tochter aber sollte ihm auf
dem letzten Gange nicht fehlen. Daß dieser Gang
möglichst still und unbemerkt geschehe, wählte ich eine
abendliche Stunde, und traf der gute Taube in diesem Sinne die erforderlichen Vorkehrungen. Er selber
grub bis in die Nacht hinein mit dem alten Diener
das Grab, für welches sich ein Raum neben der Faber’schen Erbstätte gefunden hatte. Die alten Hausgenossen sollten auch unter der Erde bei einander
bleiben.

Erst nachdem dieser wehmüthige Freundesdienst
beendet war, machte sich der gute Taube auf den Weg,
dem Freunde im Kloster die Trauerbotschaft zu bringen, bei ihm zu nächtigen, und dann am Morgen sein
altes Schuldorf wiederzusehen. Sobald er am Abend
von der Begräbnißfeier zurückkehrte, sollte dann die
Heimfahrt angetreten werden, Freund Purzel ihn begleiten.

Der arme Schelm war, nachdem er den ersten
Schrecken überwunden hatte, halb und halb zu der
reumüthigen Erkenntniß seiner Fahnenflucht gelangt.
„Ich bin nicht ausgerissen, Fräulein Hardine,“ sagte
er schluchzend, „blos versprengt. „Und meine Wunde
ist auch nicht zum Sterben, wie ich dachte, blos ein
Ritz. Nur meinen Herrn Major zur Ruhe, dann suche
ich das Regiment und lasse mich todtschießen wie er.“

Taube hatte während der Herfahrt erkundet, daß
die Vortruppen von Saalfeld sich nordwärts auf das
Gros des Hohenlohe’schen Corps zurückgezogen und
mit diesem Stellung bei Jena genommen hatten.
Dort war demnach das Regiment aufzufinden. Mehrfältigen Aussagen nach hielten jedoch die Feinde bereits den Saalpaß bei Kösen besetzt, und so mußte
man sich zu einem Umwege durch das Unstrutthal
entschließen. Welches unselige Verhängniß unserer Armee
drohte, wenn jene feindliche Umgehung sich bewahrheitete, durch welche gröblichen Irrungen sie möglich geworden war, daran sollten wir nur zu bald jammervoll gemahnt werden; in jenen ersten Stunden persönlichen Schmerzes fehlte uns der Vorausblick in die
allgemeine Lage.

Christlieb Taube hatte den Weg zum Kloster angetreten, die Magd, nach der Unruhe der verwichenen
Nacht, früh ihr Bett gesucht; Purzel hielt Wacht, das
heißt, der arme übermüdete Mensch schlief selbst wie
ein Todter neben dem Sarge seines lieben Herrn.
Im Hause herrschte Leichenstille. Ich saß allein am
Bette der Mutter, ob Minuten oder Stunden lang,
ich weiß es nicht. Das Bewußtsein der Verwaisung
war in dieser stillen Einsamkeit zum erstenmale deutlich in mir aufgetaucht. Der Verwaisung! Denn
das Herz, das unempfindlich neben mir pulsirte, war
ja nicht das einer Mutter mehr, und Keiner ermißt
die Oedigkeit dieses Bewußtseins, als der, welchem,
wie mir, mit dem zurückleitenden Faden das einzige
Band des Gemüths zerreißt. Ich war dreißig Jahre alt,
ohne Geschwister, ohne Hoffnung auf ein kommendes
Geschlecht, die Letzte meines Bluts und Namens, vor
mir, neben mir, hinter mir Alles leer, — — ja,
in Wahrheit, ich war eine Waise.

Und dann, ich war arm; wie auch die Zukunft
sich gestalten mochte, im Augenblick bitterlich arm.
Für meine eigene Person würde ich darin kaum ein
Lebenshemmniß gefunden haben. Ich hatte meinen
Posten auf Reckenburg, und mußte ich eines Tages
von ihm weichen, „so gehe ich als Colonistin in einen
Hinterwald Amerikas,“ hatte ich mehr als einmal
lachend dem Probste geantwortet, wenn er in mich
drang, die Gräfin an die Pflichten gegen mich zu erinnern. In meiner gegenwärtigen Stimmung würde
ich leicht aus dem Scherze Ernst gemacht, jedenfalls
in einer größeren ländlichen Verwaltung meinen Platz
gefunden haben. Im Hinblick auf die Mutter, die
ich in ihrer langsamen Agonie nicht verlassen konnte,
wurde die Armuth zu einer drückenden Sorge.

Die Veränderung meiner Lage war indessen zu
neu und erschütternd, als daß ich sie mit klaren Gedanken hätte durchdringen mögen. Nur wühlend und
brütend schlichen die Vorstellungen an meiner Seele
vorbei. Die Lampe glimmte dunkel umschirmt; das
Krankenzimmer mußte kühl erhalten werden; mich
fröstelte, wie es auch den Kräftigsten nach großen Aufregungen in einem Sterbehause fröstelt. Seit zwei
Tagen hatte ich keinen Augenblick geruht, und so
überfiel mich jener bleierne Druck, welcher zwischen
Schlaf und Wachen die Mitte hält, und in welchem
wir uns vergeblich zu besinnen suchen, ob die wechselnden Erscheinungen wirklich vor offenen Augen,
oder ob sie im Traum an uns vorüberziehen.

In diesem Zustande war es mir plötzlich, als
spüre ich das Streifen eines lebenden Wesens; ich
sah eine verhüllte Gestalt sich über das Krankenbett
endlich zwischen ihr und mir zu Boden gleiten. Dieses Geräusch, diese Berührung scheuchten den Alp.
Es war kein Traum: die räthselhafte Erscheinung lag
zu meinen Füßen. Ich sprang auf, ergriff die Lampe
und leuchtete in ihr Gesicht, — Dorothee! Dorothee
im Krampfe erstarrt, eiseskalt, stieren, glasigen
Auges, die Zähne knirschend zusammengepreßt, die
Hände in der Gegend des Herzens in das Kleid gekrallt, — das nämliche Schreckensbild, das die Mutter am Hochzeitstage verlassen hatte.

Alle Nebel des Geistes waren bei dem erschütternden Anblick geschwunden, das eigene Schicksal fast
vergessen. Ich trug sie nach dem Sopha, öffnete das
Fenster, flößte ihr von den belebenden Tropfen ein,
welche für die Mutter bereit standen. Sie schien das
Bewußtsein nicht verloren zu haben, und es währte
nur wenige Minuten, bis die steifen Muskeln sich zu
strecken, die Glieder sich zu erwärmen begannen. Der
Puls wurde fühlbar, nur aus den Augen wich erst
langsam der starre Ausdruck der Qual.

Sie war noch immer schön; dieselbe biegsame,
jugendliche Gestalt, dieselbe Durchsichtigkeit der Haut in
dem gerundeten Kinderangesicht. Die geschonten Hände,
Haartracht und Kleidung, alles was ich sah, zeugten
von Eleganz und Behagen; alles, was ich kürzlich
während der preußischen Besatzung über ihre gesellschaftliche Stellung gehört hatte, sprach von Sicherheit und Ehren: Sie war ein geliebtes, ein glückliches Weib, und wie verlassen, wie elend hatte ich vor
wenigen Minuten vor mir selber gestanden.

Und dennoch, — denn wer beschriebe jenen heimlichen Zug von Zwang, der gleich einem eisernen
Stirnband die Unglücklichsten unter uns kennzeichnet?
oder gäbe es einen wehethuenderen Ausdruck, als den
der Angst in einem Kinderauge? — und dennoch tönte
eine Stimme aus meinem Innersten heraus: dieses
schöne, gesegnete Weib ist elender, gottverlassener
als Du!

Und als hätte diese Stimme ein Echo erweckt,
so flüsterten jetzt die bleichen Lippen: „Hardine, ich
bin elender als Du!“

Der Krampf war gelöst; sie athmete und bewegte sich frei; aber sie sprang nicht in die Höhe,
wie sonst; sie erröthete nicht, senkte und hob nicht die
Lider, schmiegte sich nicht an meine Kniee, an meinen
Arm, reichte mir nicht einmal die Hand. Sie ließ
das müde Auge in dem meinen ruhen und erhob sich
langsam, wie in gewohnter, peinvoller Zurückhaltung.

Eben so ruhig ließ sie sich darauf, meinem stummen Winke folgend, wieder nieder, und nachdem ich
neben ihr Platz genommen hatte, erklärte sie, ohne
meine Aufforderung abzuwarten, ihr überraschendes
Erscheinen. Sie that es mit klaren, knappen Worten, wie man berichtet, nicht wie man erzählt. Ihr
Laut war reiner, der Ausdruck reifer geworden, aber
der silberne Lerchenklang der Stimme drang wie durch
einen Flor.

„Faber,“ so sagte sie, „befand sich seit Wochen
im Gefolge des Königs bei der Armee. Ich konnte
ohne Entdeckung, und wenn entdeckt, ohne Aufsehen,
eine Reise in die Heimath wagen, wegen der Zukunft
des Knaben Verabredungen treffen, vielleicht ihn sehen.
Von der letzten Station ab ging ich zu Fuße nach
der Anstalt. Es war Abend geworden. Der Probst
verweigerte es, mich heute noch, kurz vor Schlafengehen, einen Blick auf den Knaben wer fen zu lassen.
Es werde auffallen; Ahnungen, Erinner ungen, Entdeckungen wecken. Der Knabe dürfe nicht an eine
Mutter denken, die ihm weder einen Va ter nennen,
noch ihn in ein Elternhaus führen könne.

„Ich mußte mich seinem Willen füge n,“ fuhr sie
nach einer Pause mit fast eisiger Star rheit fort.
„Niemals hätte ich das Herz, mich vor meinem Gatten als seine Mutter zu bekennen.“

„Und was fürchten Sie, wenn Sie es thäten?“
fragte ich. Sie stutzte, nein, ich glaube sie seufzte
leise bei dem „Sie“, das ich unwillkürlich gebrauchte.
Doch schien sie rasch über unser verändertes Verhältniß klar geworden und antwortete mit dem Ausdruck
reinster Wahrheit: „Nichts für mich. Wenn er mich
verstieße, ich würde ihm meine Bettlerfreiheit danken;
wenn er mich tödtete, ich würde ihn für die Erlösung
segnen. Sie ahnen es nicht, Fräulein von Reckenburg, was es heißt, die Natur verleugnet zu haben.
Aber was ich fürchte, fragen Sie? Ich kann es deutlich nicht sagen. Ein unbestimmtes, vielleicht falsches
Vorgefühl des Hasses, — der Rache, — da er den
Vater nicht mehr erreichen kann, gegen den unschuldigen Knaben, der Feindseligkeit auch gegen — gegen — —“

„Gegen die Schuldgenossen“ ergänzte ich.

Sie neigte den Kopf. „Er ist ein gerechter, ein
argloser Mann, und gütig, o viel zu gütig gegen
mich,“ fuhr sie fort; „aber denke ich daran, so
blinkt es mir vor den Augen wie ein gezückter Dolch.
Er würde es niemals vergeben, und dem Schuldlosen
vielleicht weniger als mir, die er sich zu lieben gewöhnt hat. Alles das mag Selbsttäuschung sein;
auch die Scheu, das ätzende Gift in eine vertrauende
Seele zu gießen. Kann Eine sich selber kennen, deren ganzes Leben eine Lüge ist? So sage ich denn
einfach: Ich habe nicht den Muth, die Wahrheit zu
bekennen. Und dann: ich habe nicht mehr die Kraft,
es zu thun. So oft ich reden will, überfällt mich
der Krampf, dessen Zeugin Sie vorhin waren. Wollte
ich schreiben, die Hand würde mir erstarren. Es ist
keine Krankheit; es wird mich nicht tödten; ich werde
alt dabei werden, oder — oder —“ Sie deutete auf
die Stirn mit einem Ausdruck, der mich schaudern
machte.

„Haben Sie Kinder?“ fragte ich nach einer langen Stille.

Sie schüttelte den Kopf. „Gott ist gerecht,“
sagte sie nach einer langen Pause. „Nein, er ist
barmherzig. Ich würde keinem Kinde eine Mutter
sein können.“

„Und Ihr Gemahl?“

„Vermißt sie nicht, oder zeigt mir nicht, daß er
sie vermißt. Er ist sehr, sehr schonend gegen mich
— und noch immer so besonders,“ setzte sie hinzu,
indem zum ersten Male etwas, das einem Lächeln
glich, über ihre Züge lief. „Du bist mein Kind,
Dorothee, hat er mir mehr als einmal gesagt. Kein
Arzt wünscht einem geliebten Weibe das Martyrium
und die Sorgen der Mutterschaft. Er sieht der Qualen genug außer seinem Hause.“

„Und haben Sie seine Liebe erwidern lernen?“
fragte ich. Sie sah mich einen Moment groß an, als
ob sie über eine wahrhaftige Antwort nachdenke.
Dann sprach sie: „Ich glaube, daß ich meine kindische
Scheu überwunden und ihn lieb gewonnen haben
würde, wäre ich sein eigen geworden, damals, als ich
keine Ursache hatte, ihn zu fürchten. Heute aber, wo
ich sie habe — lieben? — o nicht einmal wie einen
Wohlthäter, einen Bruder, einen Freund. Im Sclavendienst der Sünde erstirbt das Gemüth.“

„Und auch diesen Mangel fühlt er nicht?“

„Nicht daß ich es jemals gespürt hätte. Meine
kühle Zurückhaltung paßt zu dem Traumbilde, das er
sich von mir geschaffen hat. Ich glaube, daß meine
ursprüngliche Natur ihm lästig geworden sein würde.
Entweder, Fräulein von Reckenburg, ist die Liebe ein
Räthsel mit vielen Auslegungen, oder dieser Mann
ahnt nicht, was lieben ist.“

Wir saßen nach diesen Worten eine Weile schweigend nebeneinander, dann fuhr sie in der Mittheilung
fort, die meine Frage unterbrochen hatte. „Der Probst
beredete mich, die Nacht in der Stadt in meinem alten Zimmer zu verbringen. Dort wollte er mir am
Morgen den Knaben unter irgend einem Vorwande
zuführen. Er begleitete mich nur bis an's Stadtthor,
da ich in seiner Gesellschaft nicht gesehen und vielleicht erkannt werden sollte. Weder er, noch ich ahnte
ja das Schicksal, das dieses Haus betroffen hat. Ich
sah Licht im unteren Zimmer und fand die Hausthür
unverschlossen. Ich hätte mich still hinaufschleichen
mögen. Aber konnte ich unbemerkt bleiben? So trat
ich ein. Der alte Soldat schlief im Stuhle neben
dem verhüllten Lager und erwachte nicht. Ich hob
das Tuch und sah in das todte Antlitz des Mannes,
den ich mehr als meinen eigenen Vater geliebt hatte.
Ich stieg die Treppe hinan und beugte mich noch einmal über Eine, die ich verehrt und die der Tod bereits erfaßte. Nun wollte ich mich ungesehen aus dem
Hause entfernen, Ihnen meinen Anblick ersparen, heute,
immerdar. Der Krampf überfiel mich. Vergeben
Sie mir, Fräulein von Reckenburg.“

Ich kann es nicht mit Worten aussprechen, wie
dieser Ausdruck dumpfer Resignation mir durch die
Seele schnitt. Was mußte das bewegliche Kind gekämpft haben, um so seiner Impulse Herr zu werden, und was gelitten! Ich zog ihren Kopf an mein
Herz, drückte ihre Hand und sprach: „Der Todte hat
Dich lieb gehabt wie sein eigenes Kind — laß die bösen Erinnerungen zwischen uns gelöscht sein, Dorothee.“

Ein Hauch, so rosig wie in ihrer glücklichsten
Zeit, flog über das bis dahin schattenbleiche Gesicht.
Sie beugte sich über meine Hände und warme Thränen rieselten auf sie herab. Die Wanduhr schlug
eben Mitternacht. „O Fräulein Hardine!“ rief sie,
„wenn das Ihr Ernst ist — und Sie haben ja niemals ein Wort gegeben, das Sie nicht wahr gemacht
— o, so bethätigen sie es auch heute, diese Nacht vielleicht zum letzten Male, daß wir im Leben bei einander sind. Ruhen Sie und lassen Sie mich wachen bei
dieser theueren Frau, noch einmal sie pflegen wie sonst.
Sie brauchen Kraft für den morgenden Tag, und ich,
könnte ich in seiner Erwartung ruhen? Gönnen Sie mir
die Wohlthat dieses Vertrauens, Fräulein Hardine.“

„Ja, wache bei meiner Mutter, Dorothee,“ antwortete ich ohne Besinnen, „ich will in Deinem Bette
drüben schlafen.“

Wie auf ein Zauberwort war sie plötzlich wieder
die alte Dorl, küßte meine Hand, fragte nach der
ärztlichen Vorschrift, richtete geschäftig Alles für die
Nachtpflege ein, zündete dann Licht an und leuchtete
mir hinüber in ihre Mädchenstube.

Unter der Thür stockte ihr Fuß; sie sah den
Raum sauber in Ordnung gehalten, unverändert, wie
sie ihn verlassen hatte. Im Fenster breitete sich ein
Strauch von Rosmarin, den die Mutter aus einem
jener Hochzeitszweige aufgezogen hatte.

Sie brach in einen Thränenstrom aus und barg
das Gesicht hinter ihren Händen. „O daß ich niemals, niemals diese Schwelle überschritten hätte!“
schluchzte sie. Bald aber war sie wieder ruhig und gefaßt,
ordnete mein Bett, half mir beim Auskleiden, mischte
mir ein Glas Zuckerwasser, alles mit ihrer leise schwebenden Art, küßte dann noch einmal meine Hand und
ging hinüber zur Mutter.

Ich aber, als hätte das liebliche Geschöpf mir
einen Beruhigungstrank eingeflößt, schlief ungestört bis
zum grauenden Morgen. Als ich das Krankenzimmer
betrat, stand Dorothee am Fenster in einem weißen
Morgenkleid aus ihrer Mädchenzeit, da sie durch die
bunten Farben ihres Reiseanzuges nicht allzu grell
gegen unsere Trauer abstechen wollte. Der reiche
Haarschleier war der Zeitmode zum Opfer gefallen;
die kurzen Löckchen ringelten sich natürlich um den
feinen Kopf. Sie stand hinter der Gardine und starrte
mit flammenden Augen und eine Fiebergluth auf den
Wangen hinaus nach dem Knaben, den sie nicht mehr
ihren Knaben zu nennen wagte.

Wie sie aber auch starren mochte, der dichte Morgennebel — der Nebel des vierzehnten Oktober! —
wehrte jede Umschau. Sie sprach keinen Laut; ein
leises Zittern durchflog die Gestalt, über welche die
Leidenschaft der Erwartung den lebensvollen Hauch
erster Jugend ergossen hatte.

Endlich hörte sie Schritte auf der Treppe und
ich folgte ihr bis unter die Thür. Aber es war der
Prediger allein, der die Schluchzende in seinen Armen aufgefangen hatte. „Mein Pflegesohn folgt mir
in Kurzem,“ sagte er. „Diese erste Stunde gehöre
unseren trauernden Freunden, liebe Dorothee.“

Damit trat er in das Krankenzimmer; auch einer
jener stillgetreuen, Balsamspender für die verwundeten
Herzen, auch ein lange entfremdeter, wiedergefundener
Freund.

Er wurde uns allen ein Rather und Ordner an
diesem unruhvollen Tage; zumeist aber hatte Dorothee, die in ihrer Erregung häufig die vom Freunde gebotene Vorsicht vergaß, ihm ihr gelungenes Incognito
zu danken. Christlieb Taube war bis zum Abend über
Land, der alte Diener in Begräbnißangelegenheiten
früh aus dem Hause entfernt, die Thorfahrt für Besucher und Neugierige verschlossen worden. Der
Magd durfte vertraut werden, sie war als Auswärtige mit der Vergangenheit des Hauses unbekannt,
und hatte in ihrer blöden Ehrlichkeit von der fremden
Leidtragenden in dem Trauerhause kaum Notiz genommen.

Die Freunde hatten unserem Todten Lebewohl
gesagt und mich allein an seinem Sarge in der Kammer zurückgelassen. Ein Geräusch unter der Thür
weckte mich aus meiner Versunkenheit; es war der
Prediger, der seinen Pflegling vor die Leiche führte,
um dessen Aufmerksamkeit von der heftig erregten
Mutter abzulenken. Wenn er darüber hinaus etwa
einen von dem Soldatenhandwerk abschreckenden Eindruck bezweckte, so hatte sein Plan, nach mancher
weislichen Pläne Art, die entgegengesetzte Wirkung;
er hatte nur die Begierde, das Soldatenblut in dem
Knaben geweckt.

August Müllers Jugenderinnerungen haben Euch,
meine Freunde, ein anschauliches Bild der nachfolgenden Scene gegeben. Laßt mich nur Eins hinzufügen.
Als der Knabe so frisch und fröhlich rief: „Ich möchte
auch für das Vaterland sterben!“ und jener markerschütternde Schrei sich dem Mutterherzen entrang, da
fühlte ich meinen ungerechten Groll gegen den „Wildling“ schwinden; ich sah in ihm wieder den Sohn des
Freundes, der die Bethörungen der Jugend durch ein
ritterliches Ende gesühnt hatte. Und so sollten denn
diese schweren Prüfungstage nach allen Seiten hin zu
einem friedlichen Abschluß führen.

„Ich werde ihn niemals wiedersehen, niemals!“
mit diesem Aufschrei war die unglückliche Mutter zusammengebrochen, als die Thür sich hinter ihrem Kinde
schloß. Der gestrige Krampf hatte sie überfallen.
Wir trugen sie in ihr Zimmer hinauf und an dem
Herzen, unter den Thränen des alten Freundes erwachte sie wieder zum Leben. „Gott ist der Vater
der Fremdlinge und Waisen,“ flüsterte sie, das gläserne Auge auf ihn gerichtet, „und Du bist Gottes
Priester auf Erden.“

Nach diesen Worten entfernte ich mich, die Beiden
zu einer langen Unterredung über des Knaben Zukunft
beieinander lassend. Eine ansehnliche Summe für
Lehrgeld und erste Einrichtung des künftigen Forsteleven ist seinem alten Beschützer bei dieser Gelegenheit eingehändigt worden. Mit mir sprach Dorothee
bis zum Abschied keine Silbe mehr; sie hielt sich ausschließlich im Krankenzimmer und folgte demüthig des
Freundes Winken. Das eiserne Band, von dem sie
sich für etliche Stunden befreit, drückte schon wieder auf
ihre Stirn. Sie hatte sich von Neuem unter die Wucht
ihres Verhängnisses gebeugt und hätte ich heute noch
von ihr fordern dürfen: Zerbrich es, oder entfliehe ihm?

Während dieser Vorgänge hatten sich die ersten
dumpfen Gerüchte über die ungeheure Katastrophe dieses Tages in der Stadt verbreitet. Bauern, welche
von den entfernteren westlichen Dörfern zum städtischen
Markte kamen, wollten seit dem Morgengrauen unausgesetztes Kanonenfeuer vernommen haben; Leipziger
Kaufleute, die von Frankfurt zurückkehrend, in Naumburg übernachtet hatten, sprachen mit Bestimmtheit
von der gelungenen Umgehung Davoust’s und einem
blutigen Zusammenstoß mit der Hauptarmee, der man
gestern auf dem Marsche von Weimar nach Eckartsberga begegnet war. Man nannte sogar schon das
Dorf Hassenhausen als den Punkt, wo der Kampf
um den Saalpaß entbrannt war. Wer von unseren
Bürgern ein Fuhrwerk oder ein Pferd auftreiben konnte,
wagte sich eine Strecke in abendlicher Richtung voran,
um die Wahrheit dieser Angaben und ihre Folgen zu
erkunden.

Wieder wogte es unruhig auf dem Markte durcheinander; aber nicht ein Auge von den vielen blickte
hoffnungsvoll, nicht eine Stimme redete beherzt. Das
tragische Vorspiel von Saalfeld hatte die düstersten
Ahnungen verbreitet.

Keiner aber fühlte diese Vorahnungen drückender
als die, welche in dem Hause der Trauer um das
Opfer von Saalfeld den Tag des vierzehnten October
in schweigendem Brüten dahinschleichen sahen und wer
möchte die wehevollen Stimmungen erschöpfend schildern, die binnen weniger Stunden sich unter dem
einen Dache begegnet waren? Trauerspiel schob sich
in Trauerspiel; das persönliche in das allgemeine, das
vergangene in das zukünftige. Ein Jeder fühlte im
besonderen einen Kummer, eine Sorge, eine Angst und
Qual; jeder Einzelne theilte die des Andern und über
Allen schwebte das Schicksal des Vaterlandes wie eine
drohende Wolke.

So brach der Abend herein und das Grabgeleite
setzte sich in Bewegung. Obgleich ich es still,
ohne fremde Zeugen gewünscht, hatte ich es nicht
hindern können und wollen, daß die Bürgerschaft fast
ohne Ausnahme, Fackeln tragend, den Zug eröffnete.
Ehrten sie doch den Tapferen, der für das Vaterland
gefallen war, betrauerten sie doch einen alten, werthen,
langjährigen Heimathsgenossen.

Hinter dem Sarge ging nur ich mit dem Probst,
gefolgt von Christlieb Taube und dem alten Diener.
Und so senkten wir den theueren Mann zur Ruhe,
Alle in Thränen, Alle in düsterer Beklemmung in der
verhängnißvollen Stunde, wo die gleichzeitig in zwei
Schlachten vernichteten Armeen, keine der anderen
Schicksal ahnend, in wilder Flucht aufeinanderstießen.

Die erste und noch unklare Kunde der Niederlage
bei Hassenhausen, — erst späterhin nannte man sie
Auerstädt, — traf uns, als wir von unserem Trauergange heimkehrten. Christlieb Taube mit seinem
„Versprengten“ beschleunigte darauf hin seine Abreise
in der schon gestern angenommenen Richtung über
Freiburg. Auch Dorothee wurde von dem Probste
bestimmt, mit der Nachtpost die Rückreise anzutreten,
denn wer hätte dafür bürgen mögen, daß nicht morgen
schon ein wilder Troß von Freund und Feind die
Gegend überfluthete? So folgte dem ersten ewigen
Abschied nun eine Trennung nach der anderen und
keine wohl ohne das Vorgefühl des Nimmerwiedersehens.

Der ehemalige Lehrer und Bewerber ahnte nicht,
daß er mit der Gattin Siegmund Fabers unter einem
Dache geweilt hatte. „Das treue Herz ist schwer zur
Ruhe gekommen, beirren wir es nicht von Neuem“,
hatte der gemeinsame alte Freund gemahnt und Dorothee
sich verborgen gehalten, bis das Wägelchen von dannen
rollte. Ich aber sollte Zeuge sein, daß das treue
Herz noch keineswegs zur Ruhe gekommen war. Ich
traf den guten Menschen, nachdem er uns Lebewohl
gesagt hatte, seine Thränen trocknend, auf der Schwelle
von Dorotheens Mädchenstube. „Die vergißt keiner,
der ihr einmal angehangen hat“, sagte er mit gebrochener
Stimme. Ein elegisches kleines Zwischenspiel inmitten
so vieler Schreckensbilder!

Dorothee hatte ihre Reisekleider angelegt und ich
hielt ihre Hand zum letzten Lebewohl. Es war für
uns beide ein Tag des Schweigens, gewesen; jetzt bedrückte etwas ihr Herz, für das sie sichtlich um den
Ausdruck kämpfte. „Darf ich reden?“ fragte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen und als ich die
Frage herzlich bejahte, sagte sie hastig:

„Sie werden eines Tages reich sein, sehr reich,
Fräulein Hardine, — bald vielleicht. — Aber für den
Augenblick, — bei der Verwirrung im Lande, — wenn
Sie vielleicht — vielleicht — —“

Ich schüttelte ablehnend den Kopf.

„Sie sollen das Darlehn nicht von mir annehmen,
Fräulein Hardine, Sie würden es nicht, ich weiß es.
Aber — von Ihm. Er erwirbt so viel und achtet
es so wenig. Er braucht so wenig. Sie würden ihn
glücklich machen, Fräulein Hardine.“

„Nein, Dorothee, — rief ich übereilt, — nein.
Von Dir dürfte ich ein Darlehn annehmen, eine
Unterstützung, wenn ich ihrer bedürfte. Von Ihm —
nimmermehr!“ —

Ich sah sie erbleichen und bereute die böse Mahnung, die mir unwillkürlich entschlüpft war. Ich zog
sie an mein Herz, küßte sie zum ersten Male im Leben
und wir trennten uns ohne weiteres Wort. Wenige
Minuten später hörte ich den Postwagen vorüberrollen.
Bei der allgemeinen Verwirrung hatte niemand in der
verhüllten, schweigsamen Reisenden, die vielbeneidete
einstige Mitbürgerin erkannt. Ihr flüchtiger Heimathsbesuch ist ein Geheimniß geblieben.

Auch der Probst konnte in dieser drangvollen
Zeit seine Anstalt nicht länger ohne Obhut lassen.
Nach den zwei unruhvollsten Tagen meines Lebens saß
ich um Mitternacht wieder allein in dem todtenstillen
Krankenzimmer.

Wie nun in der nächsten Zeit das allgemeine
Unheil, weit über alles Vorahnen hinaus, zu Tage
trat, wie die überstolzen Sieger von der Stadt Besitz
nahmen, die Landestruppen halb und halb als französische Verbündete zurückkehrten; wie die gefangenen
Preußen verhöhnt, des Nothdürftigsten baar in Kirchen
und Schuppen gepfercht lagen, das stattliche Schloß, in
ein verpestendes Lazareth verwandelt, von Freunden
und Feinden ausgeplündert ward, wie aller Muth, alle
Kraft, aller gute Wille darniederlag; wie Alles sich
staunend, geblendet, bewundernd um den unüberwindlichen
Kaiser drängte, als er an dem, sieben Jahre später
für ihn so verhängnißvollen achtzehnten October durch
unser Städchen gen Leipzig jagte, wie ein Jeder nur
noch Heil von der Gnade des Gottgesandten erwartete, —
von diesen Eindrücken des Grauens und Ekels laßt
mich schweigen. Sie haben die Erinnerung durchwühlt,
Jahrelang nachdem das persönliche Herzeleid sich in
Frieden gelöst hatte.

Zur Stunde freilich dämpften die persönlichen
Nöthe den Antheil an dem allgemeinen Geschick. Jenes
feindliche Gefolge, das so häufig einem großen Schmerze
nachhinkt und nach Tyrannenart sich so hämisch an
dem verachtenden Stolze rächt: die Sorge um das
gemeine Dasein, die Unruhe um das tägliche Brod,
schlummerlose Nächte an einem Siechbette, Scham über
die erlahmende Kraft, demüthigendes Hoffen auf fremde
Hülfe, Zweifel und wie sie ferner noch heißen mögen
die marksaugenden kleinen, — großen Erdenherren, —
sie stiegen an meinem Horizonte auf. Flüchtig allerdings, nicht zu einem erschöpfenden Ringkampfe der
Kräfte, vielleicht nur darum, daß ich sie kennen lerne
von Angesicht zu Angesicht, kennen und Anderer Nothwehr würdigen lerne, sobald ich eines Tages stärker
als Viele gegen sie gerüstet war. Ich lernte sie kennen;
aber die Lehre habe ich bis nahe an das Greisenalter
nicht beherzigt.

Das hülflose Hinsiechen meiner armen Mutter
konnte sich Jahre lang fristen, unsere kleinen Ersparnisse reichten aber kaum auf Monate aus. Der bescheidene Gnadengehalt der Wittwe, wenn er in diesen
Zeiten überhaupt gewährt werden konnte, würde unsere
mäßigsten Bedürfnisse nicht gedeckt, Arbeit von meiner
ungeübten Hand schwerlich einen Abnehmer gefunden
haben. Die Kranke hätte, nach des Arztes Ausspruch,
ohne Gefahr nach Reckenburg übersiedelt werden dürfen;
aber nicht einmal einer Antwort würdigte uns die
Gräfin auf meine Anzeige des erlittenen Verlustes,
auf des Probstes wiederholte Darstellung unserer Lage.
Mit Recht hob dieser fürsorgliche Freund hervor, daß
auch alle Aussichten für die Zukunft mir entschlüpfen
würden, wenn ein Anderer den von mir verlassenen
Verwaltungsposten einnehmen und sich geschickt auf
demselben behaupten sollte, und wie viel bedeutender,
wie viel mächtiger lockend als ich mir bis dahin eingestanden hatte, stellten diese Aussichten sich jetzt mir
dar. Alles in Allem: ich sah keine Ausflucht aus
meiner Bedrängniß und das Pförtchen, das sich mir
endlich erschloß, das Pförtchen, welches heute von dem
Immergrün der Treue bekränzt, leuchtender vor der
Erinnerung steht als das Portal zu dem Goldthurme der
Reckenburg: damals war es eng und drückend für den
stolz gewöhnten Sinn.

Das Asyl, welches die reiche Verwandtin in ihrem
leerstehenden Palaste verweigerte, die arme Dienerin
eröffnete es in ihrer dürftigen Hütte. Muhme Justine
erbot sich, ihre einstige Herrin aufzunehmen und zu
verpflegen, während die Tochter in das Amt zurücktrat,
das ihrer Gegenwart so dringend bedurfte. Die treue
Seele drängte flehentlich zu schleunigem Aufbruch, sie
schilderte ihren kleinen Nothpfennig als eine unerschöpfliche Hülfsquelle.

Und ich zögerte nicht, die dargereichte Hand zu
ergreifen. In Eile wurde der Umzug eingeleitet. Die
Uebersiedelung der Kranken sollte noch vor dem Christfeste stattfinden.

Gott aber hatte es gnädiger beschlossen. Er ersparte mir die Scham, meine Mutter von fremder
Hand gepflegt zu sehen und er gönnte ihr eine Ruhestatt an der Seite des Mannes, den sie so lange und
so beglückend geliebt hatte. Wenige Morgen vor dem
zur Reise bestimmten fand ich sie sanft hinübergeschlummert, und so schloß mein heimathliches Leben
mit einem zweiten Grabgeleit.

Aber es war nicht das letzte dieses großen Zerstörungsjahres. Als ich früh am Weihnachtstage, auf
Reckenburg eintraf, lag die Gräfin in hoffnungsloser
Qual. Sie zerriß sich Gewand und Haar, krallte sich
mit Todesangst an den Leib der Wärterinnen, schrie
um Hülfe, um Luft und Licht.

Ich öffnete die Fenster. Ein klares Sonnengold
strahlte von der weißen Winterdecke zurück, ein erfrischender Strom drang in das so lange verhüllte luftlose Gewölbe; die Christglocken läuteten auf dem
Thurme, der unversehrt das geborstene Gotteshaus
überragte. Der Kampf der Greisin beschwichtigte sich,
ihr Athem wurde ruhig und frei. Hell und scharf wie
allezeit richtete sie den Blick — aber nicht auf die
Geldtruhe neben ihrem Stuhl, sie richtete ihn auf mich,
reckte die Hand nach mir zu einem kräftigen Druck
und rief mit fast jugendlichem Klang:

„In Recht und Ehren!“

Es war ihr Sterbewort und ich hatte seinen
Sinn verstanden. In der letzten Stunde des Jahres
1806 senkten wir die sagenhafte Greisin zur Ruhe
und das Regiment der letzten Reckenburgerin begann.

Fünftes Capitel.
Die neue Herrschaft.

Wandelt durch Reckenburg, wenn Ihr in der
Chronik meiner nächsten zwanzig Jahre blättern wollt.
Jahre, in denen das, was hinter ihnen lag, unmerklich in nebelhafte Erinnerung verschwamm und mit
deren Beginn ich mich gewöhnte, die Geschichte meines
eigentlichen Lebens zu datiren.

Es war eine Zeit lediglich der Arbeit, aber einer
Arbeit, die alle Bedingungen des Gelingens und darum
der Befriedigung in sich trug. Denn zu einem langgehegten, der natürlichen Neigung entsprungenen Plan
gesellte sich ein beharrlicher Wille und das Gebot
über die durchführenden Mittel.

Die Reichthümer meiner Erblasserin waren nicht
unermeßlich, wie sie die Volksfabel sich ausgemalt hat;
sie hatten seit Jahren nahezu als todtes Kapital gelegen. Aber sie waren für einen bedeutenden Zweck
mehr als ausreichend, wenn die Persönlichkeit in Betracht gezogen wird, die frei wie ein König mit ihnen
schalten und walten durfte.

Das Eigenthum an sich hatte wenig Reiz oder
Werth für mich, denn wenn just auch Eicheltrank und
Grützbrei meiner Vorgängerin mir weder genutzt noch
geschmeckt haben würden, so war mir nach Anlage
und Erziehung Einfachheit doch ein Bedürfniß, mehr
als ein Gebot. Meine Werkstatt war meine Flur,
und der bisher innegehaltene Erkerbau, ein klein wenig wohnlicher eingerichtet und ausstaffirt mit dem
altheimischen Geräth, bot hinlänglich Gelaß für die
Stunden der Ruhe. Ich hegte keine ästhetischen Liebhabereien, keine geselligen Bedürfnisse, welche das Zeitwesen mir ohnehin verleidet haben würde; ich war
ohne beanspruchenden Familienzusammenhang und frei
von jener gemüthlichen Liberalität, die, weil sie nicht
„nein“ zu sagen vermag, die reichsten Mittel der
Kreuz und Quer zersplittert. Summa Summarum:
Natur und Schicksal hatten mir die Beschränkung leicht
gemacht, welche jedes bildende Streben erheischt.

Was aber solchem Streben erst die Befugniß
giebt: Ort und Stunde, auch sie waren mindestens
nicht ungünstig für das meine. Inmitten welterschütternder Ereignisse blieben mir volle sechs Friedensjahre für einen gründlichen Unterbau. Das Gut lag
seitab der großen Heerstraßen und fehlte es auch nicht
an Durchzügen, Lieferungen und Aushebungen, trug
man seine Lasten auch mit sauerem Gesicht, weil sie
sich Freunde nannten, die man als Feinde haßte:
mein Bauplan würde unter dem so hart um den Rest
seiner Selbstständigkeit ringenden Nachbarstaate nicht
gediehen sein wie unter dem ruhigen Vasallenthum
des unseren. Ihr kennt diesen Plan: Es galt die
reiche Cultur eines herrschaftlichen Grundbesitzes über
einen armen Gemeindeverband auszudehnen.

Wenn nun Kanäle und schützende Deiche, bequeme
Fahrstraßen, entsumpfte Brüche und wohlregulirte Forsten sich auch über die dörfliche Flur verbreiteten, wenn
zu allgemeinen Zwecken Bauholz gefällt, Ziegelöfen
errichtet wurden, Lasten von Bruchsteinen stromauf- und abwärts landeten; wenn Schul- und Gotteshaus
aus dem Ruin erstanden und endlich an Stelle der
wüsten, ekelerregenden Hüttentrümmer reinliche Dorfschaften sich ausbreiteten, die ich unter dem Gemeinnamen „Reckenburg“ zusammenfasse: so war Alles
das, was scheinbar als Resultat gefällig in die Augen springt, doch nur das Mittel zum Zweck und ein
bequemes Mittel für eine freie, volle Hand. Der
Zweck meiner Aufgabe und ihre Schwierigkeit, die
hießen: ein erneuertes Menschengeschlecht inmitten der
erneuten Flur; eine kräftige, arbeits– und ordnungstüchtige Bauernschaft in der Gemeinde von Reckenburg.
— „Majestät Fritz in Pommerellen,“ so nannte mich
neckend mein guter Probst in seinen ermunternden
Briefen; und in der That war es solch ein hungerndes, lungerndes pommerell’sches Völkchen, über das ich
das Regiment usurpirte. Ja usurpirte; denn nicht mehr
die Erbunterthänigkeit, nur die Noth und der anlockende
Zauber des Eigenthums machten sie zu meinen Sclaven.
Die fruchtbringenden Liegenschaften auch der freien
Bauern waren in Zeiten der Drangsal an die Herrschaft
verschleudert worden, kaum mehr als dürftige Fetzen
Haide– und Bruchlandes in den Händen von Wilddieben, Schmugglern und frohnpflichtigen, faulen Tagelöhnern zurückgeblieben. Just aber auf diesem Grundstock des Uebels beruhte meine Zuversicht der Heilung.
Denn in den üppigsten Landschaften entartet und auf
dem kümmerlichsten Boden fördert sich die Cultur.
Der Acker, der lange Zeit Oel– und Zuckerfrüchte getragen hat, sinkt, ausgesogen, zu einem Haferfelde
herab; ein Forst, welchen vor einem Jahrhundert ein
Windbruch verwüstete, steht, bei Fleiß und Geduld,
nach wieder einem Jahrhundert in einen Nadelwald und
endlich in einen Laubwald umgewandelt. Und wie die
Erde, so der Erdenherr. Nicht auf dem Lotterbette,
sei es des Elends oder der Wollust, aufrecht, im
Schweiße seines Angesichtes bildet sich der Mensch.

Diese Fibelweisheit prägte ich in das Gemüth
meiner Colonie nicht mit dem verpuffenden Wort des
Missionärs, sondern als Münzmeister mit dem handlichen Stempel, den ich in dem Goldthurm der schwarzen Gräfin vorgefunden hatte. Wer seine dürftige
Scholle nach meinen Erfahrungen bearbeitete, seinen
Viehstand genau nach denselben verpflegte, erhielt aus
herrschaftlichen Beständen Werkzeug, Saatkorn und
junge Zucht, erhielt sie wiederholt in Zeiten des Mißwachses oder der Seuche. Niemals jedoch ohne die
Bedingung allmäliger Rückerstattung nach Jahren des
Gedeihens. Wer seines Bodens am frühesten oder
fleißigsten Herr geworden war, der erhielt von dem
Gutsareal, das sich während der kriegerischen Unsicherheit ohne schwere Opfer noch immer erweitern ließ,
zugelegt. Niemals jedoch ohne die Bedingung einer
mäßigen, aber regelmäßigen Rente, welche den Tilgungsfonds in sich schloß. Ungehemmte Arbeitskraft
und unbeschränkte Arbeitszeit waren die einzigen Rechte,
welche den bisher zu Frohnden und Diensten Verpflichteten sonder Clausula überlassen wurden.

Bei diesen Erweiterungen war nun von Haus
aus darauf Bedacht genommen worden, daß die Grundstücke eines Besitzers beieinander und seinem Gehöfte
so nah als möglich lagen. Das Dominium durfte
behufs dieser Ausgleichung nicht geschont werden.
Ohne Streitigkeiten oder Sporteln vollzog sich dieser
wesentlichste Wohlstandsprozeß für den kleinen Grundbesitz lediglich durch meinen Schiedsspruch und allerdings durch meine Opfer. Wer aber nicht opfern
will, soll nicht reformiren wollen.

Alles wurde auf Leistung und Gegenleistung gegründet; nicht das geringfügigste Erzeugniß verschenkt,
nicht die unwesentlichste Verpflichtung erlassen, nicht die
herkömmlichste Eigenthumsverletzung geduldet. Selber
für die Beeren, welche die Kinder in den Gutsforsten
pflückten, für Reißholz und Stoppeln, welche die Mütterchen sammelten, mußte ein Tribut erlegt werden.
Freilich brachte die Schloßfrau, als Zwischenhändlerin
ihn bei dem Ankauf zu höchsten Marktpreisen in Anschlag und trieb auf diese Weise ein bewußtes Spiel,
indem sie mit der einen Hand gab, was sie mit der
andern gefordert hatte; aber sie sparte den Leuten
Zeit, zerstreute sie nicht durch Handel und Wandel,
stärkte den Rechtssinn, der durch kleine Uebertretungen am sichersten untergraben wird und ein Ehrgefühl,
das mit dem Begriffe des Verdienstes anfängt und
mit dem der Duldung endet.

In ähnlicher Weise wurde auch der Neubau der
Dörfer nach einem voraus entworfenen Plane allmälig zu Stande gebracht.

Der bisherige Besitzer, der sein hinfälliges Gehöft an die mir gelegene Stelle verrückte, der neue
Ansiedler, der es nach meinem Muster aufrichtete, ein
Jeder, der sich verpflichtete, sein Anwesen nach einer
strengen Polizeiordnung reinlich und zweckmäßig zu
erhalten, sie empfingen den Bauplatz, das Material
und eine Unterstützung der Arbeitskräfte während der
Anlage unentgeltlich, später gegen Zins und ratenweise Abzahlung; und zwar ohne, daß auch hier bis
zur letztgültigen Regulation eine Feder oder ein Schuld- und Grundbuch in Bewegung gesetzt worden wären.
Der einfache Handschlag genügte und die Unerbittlichkeit, mit welcher ich bei jeder hinterhältigen Bauernlist die Aushülfe zurückzog, verbürgte mir die Treue
meiner Contrahenten, bis Ordnung und Redlichkeit
zur eingewöhnten Sitte in Reckenburg geworden waren. Daß in Bausch und Bogen der Schloßseckel
kaum ein schlechteres Geschäft gemacht haben würde,
hätte ich von Haus aus gesagt: „Hinz, hier schenke
ich Dir eine Hufe,“ oder: „Kunz, da hast Du eine
von meinen Wiesen,“ daß die Freude des Empfängers
und Gebers gegen die Unruhe des Schuldners und
die Wachsamkeit des Gläubigers vertauscht wurden,
das ward nicht in Rechnung gezogen und durfte es
nicht werden. Nicht die Blume der Gemüthlichkeit,
den Baum des Rechtes und der Ehre galt es zu pflanzen in der Reckenburger Flur.

Zuletzt, doch nicht zum Letzten sei nun auch der
Gehülfen gedacht, die mir bei dieser Pflanzung so
wacker in die Hand gearbeitet haben. Ich muß es
als einen Glücksfall preisen, daß kurz nach Antritt
meines Regiments der damalige Pfarrer, ein deutscher
Biedermann und Familienvater, die bequeme Stelle
eines städtischen Nachmittagspredigers dem rauhen
Posten auf Reckenburg vorzog. Ein Stündchen Kirchenruhe war den rührigen Stadtbürgern zu gönnen. Der
Mann kam auf den rechten Platz und ich fand für den
meinen den rechten Mann. Ohne die Gemeinde ihrer
Verpflichtungen gänzlich zu entbinden, ward die Stelle
von Seiten des Dominiums auskömmlich verbessert,
und Ludwig Nordheim, der Zweite, trat auf meine
Einladung in dieselbe ein.

Seiner Anlage und meiner späteren Entwicklung
gemäß, konnte der Sohn mir nicht ein Freund werden, wie der Vater es gewesen war; aber der rüstige
Mann war mir ein Amtsgenosse, mehr als jener es
hätte werden können. Hatte der Vater sich abgemüht,
durch mildes Reden und Thun, das Himmelreich unter uns auszubreiten, so sparte der Sohn kein Donnerwort, um uns die Hölle heiß zu machen. Jener
scheiterte, dieser wirkte; denn wir zählten zur Zeit
mehr Höllen– als Himmelreichscandidaten in der
Reckenburger Flur. — Desgleichen fand sich für die
Zucht unserer noch unflüggen Brut ein Meister, der
neben dem Bakel auch Axt und Pflugschaar instructiv
zu handhaben verstand. Ich hatte anfangs mit Sehnsucht an meinen getreuen Christlieb Taube gedacht,
sparte ihm aber schließlich die Opferung auf einem
verlorenen Posten. Er lebt noch heute zwischen seinen
Bergen, pflegt seinen Rosenflor und spielt die Orgel
zu Gottes Ehr'! Ohne eigenes Weib und Kind, ist er
wie ein Vater geliebt von den Geschlechtern, die er
herangebildet hat. Der Aermste und der Reichste unter denen, mit welchen ich jung gewesen bin. Der
Glücklichste! Wiedergesehen habe ich ihn nicht.

Einen anderen Getreuen dahingegen, unseren Purzel, durfte ich noch Jahre lang unter meinen Augen
hegen. Seine Werbezeit war abgedient und ihn
graute vor einem Heldenthum unter dem Banner des
Siegers von Jena, den er, zwar nicht als Patriot,
aber als Diener seines geopferten Herrn, ingrimmig
haßte. Mit Behagen fügte er sich daher in die Rolle,
die unter dem Anstandstitel „Heiduck“ auf Reckenburg
fortgeführt ward, und hat seinen Zopf mit Ehren zu
Grabe getragen. Viele Jahre vor ihm schied die
Treueste der Treuen. Ihr Erdenziel war erreicht, als
sie das Kind ihres Herzens auf dem Gipfel ihrer
Träume angelangt sah und in dieser stolzen Region
keinen kreuzenden Schellenunter mehr zu pariren hatte.

Der schwerste Verlust war der meines einzigen
Freundes, des Probstes. Wiedergesehen habe ich auch
ihn nicht. Sein Kränkeln und mein Schaffen bannten jeden auf seinem Platze. Sein letzter Brief fiel
in den Sommer 1809 und enthielt die Kunde von
dem Verschwinden August Müllers aus dem Försterhause. Die Sorge um den väterlich geliebten Schützling mag den lange siechen Körper aufgerieben haben.

Ich theilte diese Sorge nicht. Der soldatische
Instinkt des Knaben würde auf die Dauer doch nicht
zu bändigen gewesen sein; und wessen bedurfte unsere Zeit so sehr, als dieses verwegenen Soldatentriebes? Hatte er in dem vorzeitigen Rachezug ein
vorzeitiges Ende gefunden, — nun wohlan! der Boden, dem die Freiheit entsprießen soll, muß ja, so
heißt es, mit Märtyrerblut gedüngt werden; und wie
hätte ich nicht eine genugthuende Fügung darin erkennen sollen, daß der Sohn meines Helden von Valmy
unter dem Sohne des Feldherrn von Valmy voranstürmte, um die Schmach zu tilgen, die mit dem Tage
von Valmy begann!

Als August Müller mir eines Tages plötzlich
wieder gegenübertrat, hatte ich ihn viele, viele Jahre
lang so gut wie vergessen. Ob Dorothee von seinem
Entweichen unter die schwarze Schaar gewußt, oder
ob sie dasselbe blos geahnt hat, habe ich niemals ermittelt. Seit ich ihr am Begräbnißtage meines Vaters Lebewohl gesagt, gehörte auch sie mir zu den
Begrabenen. Es that mir wohl, von ihr in Frieden
geschieden zu sein; aber wie einst im Unfrieden, so
fühlte ich auch jetzt: wir waren fertig miteinander.
Kaum daß dann und wann der immer weiter sich
verbreitende Ruf ihres Gatten mich an die einzige
Jugendgespielin erinnerte. Bei wenig mehr als dreißig
Jahren stand ich gemüthlich so einsam wie wohl selten ein Weib. Ein stark gewurzelter Baum inmitten
einer Schonung von niederem Gehölz.

Während meines „fritzischen“ Schaffens blieb ich
nun aber eine theilnehmende Beobachterin des staatlichen Lebens, dessen Katastrophe mit meinem eignen
neuen Leben zusammengefallen war. Niemals habe ich an
seiner Wiederaufrichtung gezweifelt. Denn ich erfuhr
es in meiner Flur: das Wetter, der reife Ernten
knickt, befruchtet eine Frühlingssaat. In diesem Preußen aber rang ein unverbrauchtes, hart gepflanztes Menschenvolk.

Durch den Grafen, unseren Nachbar, damals auf
jenseitigem Gebiet, trat ich auch in eine Art von Verbindung mit den Patrioten, welche in Preußen und
Oesterreich heimlich ihre Fäden spannen, und warum
soll ich es verschweigen, daß manche von den Mitteln, die mir ja ausreichend zu Gebote standen,
den höchsten Zwecken zugeflossen sind? Als aber
endlich der heiligste Kampf sich erhoben hatte, mit
welchem Festesjubel wurden da zum erstenmale die
Prunkgemächer der Reckenburg geöffnet zu einer Pflegestätte für die Verwundeten, deren Großthaten den
mir erreichbaren Bezirk erfüllten. Ja, ja, meine
Freunde, die Helden Bülows und Yorks haben mit den
altgräflichen Vorräthen in Keller und Speicher reinen
Tisch gemacht. Und so rühme ich mich denn auch,
als eine der Wenigen meiner heimathlichen Standesgenossen, von der ersten Stunde an mit offenem
Visir auf die Seite des befreienden Vorvolks getreten zu sein, rühme mich, daß Niemand freudiger als ich
sich einem Staate unterordnete, der sich beherzt zu
Recht und Ehren wieder durchgekämpft hatte. Denn
wer so emsig wie ich an seiner Heimath baut, der
trachtet danach, sie unter der Hut eines starken Vaterlandes zu bergen.

Nun aber galt es, mancherlei Verwüstungen auszuheilen, welche der Kriegstroß in meinem Bereiche
zurückgelassen hatte. Es galt nicht minder, mich selbst
und die Meinen in die straffe, mancherlei harte Leistungen heischende neue Ordnung einzugewöhnen. Dann
folgten die Hungerjahre von 1816 und 1817, welche
die Vorräthe des Speichers und Seckels reichlich in
Anspruch nahmen. Endlich aber trat eine Pause ein,
in welcher das Geschaffene nur eben erhalten, oder
mäßig über seine Gränzen hinausgeführt zu werden
brauchte. Ein ruhiger Ueberblick war gestattet.

Da sah ich das Werk denn aufgerichtet, mit welchem mein Dasein gleichsam zu einem Wesen verwachsen war; sah die fruchtbringende Flur und den
Baum des Rechtes und der Ehre Wurzel schlagend
in einem neuen Geschlecht. Mit Zuversicht blickte ich
auf den Keimstock der Gemeinde, die sich heute rühmt,
seit fast einem Menschenalter keinen Prozeß geführt
und keinen Frevel gebüßt zu haben, keinen Spieler
und Trunkenbold, kein Mädchen zu kennen, das ohne
Kranz zum Altare getreten wäre; eine Gemeinde, die
ihre Rekruten ohne Murren stellt, ihre Waisen ohne
Beihülfe innerhalb der Familie zur Arbeit erzieht;
keiner Wittwe, keinem Greise den Altentheil verkümmert.

Und ich sage Ja und Amen zu diesem Ruhm.
In der That, es war eine ehrsame und rechtschaffene,
aber es war auch eine freude- und liebelose Colonie.

Freude- und liebelos wie die, welche sie gegründet hatte. Denn — was ist da zu vertuschen? —
das, was Ihr ein Herz nennt, meine Freunde, das
war für nichts bei meiner That. Ich hatte einen
Stoff bearbeitet, wie jeder berufene Handwerker, —
oder sei es Künstler, — den seinen; ich hatte meine
Kräfte an einer und für eine Gesammtheit entfaltet,
— ich würde sie, und das dünkt mich das Kennzeichen der Liebe, — ich würde sie um keines Einzelnen willen beschränkt haben. Mein Puls schlug nicht
höher noch matter bei dem Schicksale eines Einzigen
von denen, die ich die Meinen nannte; ich trug die
Neugeborenen zum Taufstein, geleitete die Bräute zum
Altar, die Todten zur Gruft; aber ich empfand wenig mehr dabei, als wenn ich meine Bäume pflanzen
und fällen, oder meine Aecker befruchten sah für einen
neuen Trieb. Indem ich eine Bauernschaft zu bilden strebte, hatte sich in mir der ächte, rechte Bauernsinn ausgebildet, der den Menschen als ein Produkt
der Scholle nimmt; der Scholle, die ihn nährt, und
die er wieder nährt.

Das Werkzeug klapperte und auch die Kirchenglocken läuteten, wie sich gebührt: Sang und Klang
aber schwiegen in der Reckenburger Flur. Wir tanzten nicht unter dem Maienbaum, wir jubelten nicht
bei Hochzeit und Kindelbier. Kein Weihnachtslicht
mahnte uns an die frohe Botschaft der Gotteserscheinung in einem hülflosen Kinde. Bursche und Dirne
freiten nicht nach Neigung und Lust, sondern nach
Vernunft und elterlichem Willen; der Bettler schlug
einen Bogen um Reckenburg, denn er sah keinen Brosamen von des Reichen Tische fallen, und „arbeite
wie wir, so wirst Du Dich wohl befinden wie wir,
ein Jeder sorge für das Seine,“ schallte es ihm von
der ungastlichen Schwelle entgegen. In der That:
wir waren eine sehr ehrsame, aber eine sehr lieblose
Colonie!

Die unbestimmte Empfindung von etwas Fehlendem in meinem Werk und Leben dämmerte mir
zum erstenmale in jener Pause, wo ich mich des
Gelingens hätte freuen sollen. Ich spürte keine Abspannung, aber eine Art unruhiger Langeweile, und
es kamen Stunden, wo ich mir sagte, daß wenn ich
noch einmal zu leben anfangen sollte, ich nicht als
Arbeitsbiene wieder anfangen möchte. Ich hätte Zerstreuungen suchen können, Umgang, großstädtischen
Wechsel, hätte reisen können, künstlerische Liebhabereien pflegen und Gott weiß was sonst noch Alles
reiche Leute können. Aber ich kannte mich hinlänglich,
um zu wissen, daß das, was mir fehlte, nicht von
Außen in mich getragen, daß es aus dem Innern
herauswachsen müsse. Was es aber war, das in mir
nach einer Vollendung rang, dafür fand ich die Lösung nicht.

Meiner Art gemäß tastete ich bei diesen Untersuchungen nicht nach dem Mond, sondern faßte die
Sache, wo sie zunächst auch wesentlich lag. Ich näherte mich den Fünfzigen, und hatte ich mich bei
Zwanzigen auch nicht rüstiger gefühlt, ich wußte, die
stärksten Fäden sind es, die am raschesten reißen, und
wenn der meine einmal jählings riß, was wurde dann
aus dem Gewande meiner Reckenburg, das mit meinem Leibe schier verwachsen war, oder was wollte ich,
das aus ihm werde?

Zwar sah ich manches stolze Segel gebläht, und
manche Nothftagge aufgehißt, um in den schützenden
Hafen einzulaufen. Aber wie in den Tagen meiner
Freierhetze, verdroß es mich auch heute, einer nimmersatten Begierde, oder einem schamlosen Bedürfniß
fröhnen zu sollen. Ich verlangte freie Wahl und
kein Zug der Vergangenheit, kein gegenwärtiges Interesse leitete mich auf eine Spur.

Auch Pläne anderer Art stiegen in mir auf.
Wie wär's mit der Gründung eines Asyls für invalide Krieger, oder deren Waisen, für das es, leider
Gottes! zur Zeit nicht an Anwärtern gebrach? Oder
mit einem Fräuleinstift, für das es, leider Gottes!
keiner Zeit an Anwärterinnen gebrechen wird? Aber
kennt Ihr einen alten Bauer, — und ich war solch’
ein Stück alten Bauers, — der seine Hufe nicht lieber dem Unbedürftigsten seines Gleichen, als dem bedürftigsten Gemeinwesen verschrieben hätte? Mir widerstand eine fiskalische oder communale Schablonenverwaltung meiner Flur; ich mochte sie mir nur denken unter dem Gepräge einer Individualität, wie zuerst die Gräfin und später ich selber es ihr aufgedrückt
hatten, ich forderte für den Wandel der Zeiten einen
persönlichen Erben, und begann, als Matrone, zu beklagen, daß ich in der Jugend nicht den ersten besten
Krautjunker geheirathet, und mir auf dem natürlichsten
Wege die Qual der Wahl abgeschnitten hatte.

Was meine äußerliche Stellung anbelangt, so
war ich seit dem Frieden nicht durchaus mehr die
Einsiedlerin des neuen Thurms. Man wußte in dem
materiell erschöpften Staate eine besitzende Hand, in
der neuerworbenen Provinz eine aufrichtige Anhängerin zu schätzen; man suchte meinen Rath bei ländlichen Einrichtungen, kurz und gut: von oben herab,
wie von unten herauf erwies man mir allerlei Ehren,
und so bildete sich unwillkürlich ein Verkehr, nicht
wie er zwischen Mann und Weib, oder gar Weib und
Weib, sondern wie er zwischen Mann und Mann gäng
und gebe ist; mich aber würde es gewundert haben,
wenn es anders gewesen wäre.

Von Zeit zu Zeit fühlte ich mich nun auch veranlaßt, durch ein Gastgebot dem Ansehen meiner
Reckenburg gerecht zu werden; da gaben denn die gezopften Einrichtungen, — Heiducken, goldene Kutsche
sammt Schimmelgespann und tutti quanti, — gab
ihre Harmonie mit der ererbten Ausstattung dem Rufe
der Besitzerin ein starkes Relief. Man citirte die
Reckenburgerin als Aristokratin reinsten Wassers, und
man that es mit Recht.

Je mehr und mehr empfand ich indessen diese
obligatorischen Schaustellungen als einen Vorschub
der heimlich eingenisteten Langeweile. Das Herz war
hier am wenigsten bei der Sache, und das Verlangen, dem Gebäude, das ich aufgeführt hatte, gleichsam einen Thurm aufzusetzen, quälte mich niemals beunruhigender, als nach solcher Unterbrechung des einfachen Tageslaufs. Hätte ich nur einig werden können über das Wo und Wie!

Wie beim Abschied von der Jugend in den Zeiten der Abhängigkeit, so schlich in denen der schrankenlosen Freiheit Jahr um Jahr vorüber, in welchem
nur der Mechanismus eingelebter Ordnungen mich
aufrecht hielt und ich war fünfzig geworden, als sich
mir überraschend ein Ausblick öffnete, dem ich in jungen Tagen gewiß nicht den Rücken gekehrt haben
würde.

Ich habe weiter oben flüchtig des Grafen, unseres Nachbars, erwähnt. Ihr kennt und verehrt ihn,
meine Freunde; ich brauche daher nicht mehr über ihn
zu sagen, als daß ein bedeutender geschäftlicher Verkehr sich
zwischen uns erhalten hatte, und daß er schon damals
das Vertrauen des Staates und der Stände genoß,
wie kein Zweiter unserer provinziellen Ritterschaft,
deren Ehrenämter und einflußreichste Stellungen denn
auch auf seine Person übertragen wurden. Und auf keinen
mit größerem Recht. Er war und ist ein Beamter von dem
Schlage, der sich in den preußischen Annalen einen klassischen Namen erworben hat, ein Mann von sounermüdlicher und uneigennütziger Thätigkeit für das Allgemeine,
daß seine privaten Angelegenheiten, vor allen die Verwaltung seines bedeutenden Majorats, merklich den
Kürzeren dabei zogen.

Ich schätzte den Mann nach seinem Verdienst;
auch die Gräfin gehörte zu den wenigen Weibern,
deren Umgang mir nicht beschwerlich fiel. Denn ich
hatte auch darin einen männlichen Geschmack, daß nur
die frauenhaftesten Eigenschaften der Frauen mir zu
Herzen gingen. Einer Amtsverwalterin wie Jungfer
Ehrenhardine würde ich auf einer wüsten Insel, glaub’
ich, zehn Schritte fern geblieben sein; das Kind Dorothee hatte selber als Sünderin den Reiz für mich
nicht eingebüßt. Die Gräfin aber war eine schmiegsame, zärtliche Seele, das Weib „in Gottes Namen,“
wie es im Buche steht, und sicherlich würde ich die
Sprößlinge dieses anziehenden Paares, drei noch unbärtige Junkerchen, für das Erbe der Reckenburg in
nächsten Betracht gezogen haben, hätte ich sie etwas
weniger flott und übermüthig heranwachsen sehen.
Wohl sagte ich mir entschuldigend, daß bei der zerstreuenden Thätigkeit des Vaters und der gelassenen
Umfriedung der Mutter dem jungschäumenden Blute
der Zügel gefehlt habe; unter allen Umständen aber
mußte die Zeit einer reiferen Entwickelung abgewartet
werden.

Vor Jahr und Tag nun war der Graf Wittwer geworden. Er hatte die Frau sehr geliebt, sich
sehr beglückt durch sie gefühlt, und nach ihrem Tode
allen geselligen Verkehr, auch den mit mir abgebrochen.
Es schien, als ob er seine Trauer mit in's Grab
nehmen wolle, und nichts hätte mich, abgesehen von
meinem halben Jahrhundert, mehr überraschen können, als ihn eines Tages bei mir eintreten zu sehen
und ohne Präliminarien einen Heirathsantrag von ihm
zu vernehmen.

Der Mann war bei gesunden Sinnen und ernsthaft wie ein Cato, heute mehr denn je. Mich verdroß diese dreiste Begehrlichkeit, wie sie mich von keinem Anderen verdrossen haben würde. „Ich zähle
fünfzig Jahre, Graf,“ sagte ich trocken.

„Ich auch,“ versetzte eben so trocken der Graf.

„Das heißt: als Mann ein Vierteljahrhundert
weniger,“ entgegnete ich, und er darauf:

„Unter den herkömmlichen Voraussetzungen einer
Ehe allerdings.“

Seine merkwürdige Offenherzigkeit begann mich zu
belustigen. Ich lachte hell auf; desto ernsthafter blieb mein
Bewerber.

„Wollen Sie nur den Gatten, nicht auch den
Vater in Anschlag bringen?“ fragte er. „Ich habe
Söhne — —“

„Die eher Frauen, als eine Mutter brauchen
würden,“ unterbrach ich ihn. „Warum sagen Sie
nicht einfach: adoptiren Sie meine Jungen, oder setzen
sie zu Ihren Erben ein, Fräulein Hardine?“

„Einfach, weil diese Einsetzung meinen Wünschen
nicht dienen, oder nur zur Hälfte dienen würde,“
antwortete der Graf gelassen. „Ich bin gewiß der
Erste, das Ansehen zu würdigen, das meinen Nachkommen aus dem Namen und Erbe der Reckenburg
erwachsen würde; aber näher als der Glanz der Zukunft
liegt mir das Bedürfniß der Gegenwart. Sie trauen
mir den Takt zu, meine Gnädigste, daß ich diesem
Bedürfniß nicht eine gefühlvolle Einkleidung geben
werde. Das Leben meines Herzens ist abgethan und
die Eitelkeit, das des Ihrigen zu erwecken, liegt mir
fern. Aber Freunde könnten wir einander sein; Rather und Helfer Sie mir, wie ich Ihnen; ein offenbares Bedürfniß uns gegenseitig befriedigen.

„Sie, Fräulein von Reckenburg, stehen vor einem
wohlgelungenen Werke, dessen mechanische Erhaltung
Ihnen nicht genügt. Sie sind keine beschauliche Natur, bedürfen von Stunde zu Stunde der selbsterrungenen Erfolge. Sie sehen sich allein und suchen unter Fremden nach Einem, der einen ehrwürdigen Namen und eine bedeutende Bestimmung von Geschlecht
zu Geschlecht tragen würde. Nun eine neue organisatorische Wirksamkeit und einen Abschluß für die
Zukunft, das ist es, was ich Ihnen zu bieten habe,
indem ich Ihnen sage: „Ziehen Sie sich selber aus
reinem, kräftigem Stamm die Sprossen, die Sie
dem absterbenden Baume der Reckenburg einimpfen
wollen.

„Ich dahingegen — nun, Sie kennen mich, Sie
wissen, was ich im allgemeinen Gebiete leiste, und im
eigensten versäume. Das Leben auf meinen Gütern stagnirt, und das meiner Söhne treibt wilde
Schößlinge. Ich sehe es mit der Unruhe des Vaters
und Stammhalters, sehe es, — und vermag es nicht
zu ändern, nicht die weitertragenden Entwürfe, den
Ehrgeiz, wenn Sie so wollen, zu beschränken. Ich
bin nicht der erste Mann, der sein Haus gegen seinen Beruf zurücksetzt; jeder Staatsdiener größeren
Styls thut es, muß es thun. Lassen Sie mich hinzufügen, daß ich mich im Augenblicke dringender denn je in diesem Zwiespalt der Pflichten befangen sehe. Das Oberpräsidium der Provinz, das mir
angetragen worden ist, — als Durchgangsposten zu
einem höheren, ich weiß es — würde mich dauernd
aus dieser Gegend entfernen; aufrichtiger: es wird
mich entfernen, denn ich kenne zum Voraus meine
schließliche Entscheidung, und die Frage ist nur,
ob ich mit leichtem oder schwerem Herzen scheiden
soll.“

Er machte eine Pause. Auch ich schwieg. Dann
fuhr er fort:

„Legen wir unsere Hände ineinander, Verehrteste.
Es ist ein Vertrauen, wie es Ihnen nicht reiner geboten werden kann. Sie fügen zu der unbeschränkten Verwaltung Ihres Besitzthums die des meinigen
nach freiem Ermessen. Die Aufgabe ist nicht zu groß
für Sie. Sie werden, wie dem Vater die Statthalterin und Gehülfin, so den Söhnen die leitende
Freundin, der sie so dringend bedürfen. Wie keine
Zweite sind Sie die Frau, welche Knaben den
Vater zu ergänzen, und allenfalls zu ersetzen vermag.
Sie sind streng und wachsam, und Sie werden gerecht sein, weil Sie die Anlagen des Mannes nach
den eigenen messen dürfen. Mein ältester Sohn würde
die Militärschule verlassen, und sich unter Ihrem erweckenden Einfluß zum Landwirth und Majoratserben
ausbilden. Sie würden für die jüngeren die Lebensstellung ausfindig machen, welche, bei beschränkteren
äußeren Mitteln, ihren Anlagen entspricht, und wenn
es dem Vater, mit beruhigtem Gewissen, gelingt, seine
Bestrebungen für das Vaterland durchzuführen, so
wird das Gute, das er wirkt und genießt, in dem
Buche Ihrer Segnungen verzeichnet stehen.“

Nun, da sah ich ja einen Thurmplan für mein
Haus! Da hatte ich ja einen Familienzusammenhang
bei ungestörter Freiheit für mich selbst, eine Thätigkeit der gemäß, an welcher sich meine Kräfte erprobt
hatten, und eine zweite in den Kauf, an der sich neue
Kräfte erproben konnten, erproben würden, wie ich
mir zutrauen durfte. Denn wenn ich auch schwerlich
die Stütze gewesen wäre, an welcher ein schwächliches
Pflänzchen sich in die Höhe rankt, zu rauh für eine
Töchtermutter: Zucht und Schnitt verwilderter Schößlinge, die hatte ich an meiner Bauernschaft üben gelernt, und hätte sie wohl auch an einer feineren Race
bewähren lernen. Der Mann hatte Recht: ich war
eine Vormünderin, eine Stiefmutter für Knaben.
Warum zögerte ich denn noch, warum sagte ich denn
nicht Ja und Amen zu dem guten Wort?

War die einsame Gewöhnung so mächtig in der
Eremitin des neuen Thurms? Achtete sie die Welt so
hoch, deren drastischen Humor eine Altjungfernheirath
zu erwecken pflegt? Oder gab sie der Flüsterstimme
Gehör, die in ihrem Innersten warnte: „Es ist nicht
was Du brauchst. Du wirst fertig damit, aber Du
wirst nicht fertig mit Dir selbst!“ Spürte sie einen
heimlichen, noch unverstandenen Protest gegen eine
neue männliche Aufgabe, während das Weib nach
seinem verkümmerten Rechte drängte?

Ich forderte Zeit zur Ueberlegung, und es vergingen Wochen, in welchen ich den Grafen nicht wiedersah, Wochen der Unentschlossenheit, wie ich sie niemals erfahren hatte. Endlich aber konnte eine Entscheidung nicht länger verzögert werden.

Denn es nahte der Geburtstag des Königs, an
welchem nach einer zehnjährigen Regel, das größte
Gastgebot auf die Reckenburg erlassen wurde.

Der gesammte Pomp des reichen Hauses entfaltete sich bei dieser Gelegenheit, selber die altgräflichen
Juwelen der alten Tante mußten für die festlichen Stunden den Glanz ihrer Erbin erhöhen. Selbstverständlich,
daß der Graf zu den Geladenen gehörte. Ich erwartete die Erneuerung seines Antrags. Die Vernunft
hatte gesiegt: ich war entschlossen, Ja zu sagen.

So oft der dritte August in dieser Weise auf
Reckenburg schon verherrlicht worden, es war mir
nicht ein einziges Mal eingefallen, daß vor fernen‚
fernen Zeiten im Morgengrauen dieses Tages ich einen
ewigen Abschied genommen, und das Traumbild meiner Jugend hatte schwinden sehen. Heute, im fünfzigsten Jahre, sollte der dritte August nun mein Verlobungstag werden.

Sechstes Capitel.
Mutter und Sohn.

Das war ein saures Mahl meine Freunde! Bei
dem Toast, den ich auf Seine Majestät den König
ausbrachte, blieb ich stecken; jede Redensart, die ich
Anstands halber wechselte, verfing sich in meiner Kehle
mit dem Ja, das ich nicht aussprechen konnte und
doch nicht unausgesprochen lassen wollte. Ein Glück,
daß man an die Feste auf der Reckenburg keinen Anspruch als den der vornehmen Langeweile zu stellen
gewohnt war.

Nach der Tafel zerstreute sich die Gesellschaft im
Garten. Ich war allein mit dem Grafen auf der
Terrasse geblieben. Er hatte mir schon vor dem Essen
gesagt, daß seine Ernennung eingetroffen, eine Entscheidung demnach nicht länger zu verzögern sei. Ich
hatte den letzten Kampf bestanden, ein einleitendes
Wort tapfer herausgepreßt und eben wollte ich meine
Hand in die seine legen, als ich eine bierbässige
Stimme zu meinen Füßen den Namen „Hardine“
rufen hörte.

Ihr seid, wenn auch in früher Jugend, Zeugen
der nun folgenden Scene gewesen, meine Freunde, habt
sie ohne Zweifel späterhin manchmal recapituliren
hören. Ich brauche Euch also nur über die Vorgänge
in meinem Innern, die eine so verdächtigende Wirkung
hervorbrachten, aufzuklären.

Im entscheidenden Momente unterbrochen, blickte
ich auf und gewahrte einen jungen, rüstigen Mann,
die Gluth des Trunkenbolds auf dem Gesicht; zu jeder
Zeit mir die widerwärtigste Begegnung, bei dieser Gelegenheit aber doppelt ein Greuel. Unter wüsten, mir kaum
verständlichen Reden stieg er die Stufen heran, ein
Fuseldunst quoll mir entgegen; mit der Hand, die ich
eben zu einem Verlöbniß ausgestreckt hatte, wehrte ich
den dreisten Gesellen von mir ab. Er taumelte, stürzte
und eine Blutspur am Boden trieb mich an, ihn genauer in’s Auge zu fassen. Jetzt erst bemerkte ich die
verwitterte Uniform, das kriegerische Zeichen des Legionairs, den verkrüppelten Arm; ich starrte in die narbigen Züge und eine erschütternde Ahnung überkam mich.

Wie er nun aber, plötzlich ernüchtert, mir mit
geballter Faust und drohendem Trotze gegenübertrat,
da weckte das stolze Zurückwerfen des Kopfes, der
zornig flammende Blick des blauen Auges in meiner
Erinnerung ein lange schlummerndes Bild; seltsamer
Weise aber nicht zuerst das des Sohnes, der sich einen
Tod auf dem Schlachtfelde gewünscht, sondern das des
Vaters, der ihn so früh auf demselben gefunden hatte.
Prinz August, nicht August Müller war plötzlich vor mir
lebendig geworden. Die Vision währte nur einen
Augenblick. Bei den ersten Worten von Vater und
Kind hatte ich mir ihre seltsame Begriffsverwirrung
erklärt; durfte ich aber, konnte ich vor dieser gaffenden
Gesellschaft den Irrthum lösen? Ehe ich noch einen
Entschluß gefaßt, hatte sich der Mann zum Gehen gewendet; ich sah einen aschfarbigen Schatten über seine
Züge fliegen, ihn sich zitternd an das Laubengitter
klammern; ich winkte dem Prediger, ihn zu unterstützen,
auch der Graf eilte ihm nach in merklicher Verblüffung,
bald waren sie in dem Laubengange verschwunden.

Ich war nicht in der Stimmung, mich mit meinen
Gästen in Erläuterungen einzulassen; wir beknixten uns
wohl noch später im Schlosse, und entfernten sie sich
ohne Abschied: desto besser. Daß einer von ihnen im
Ernst an die Bezüchtigungen des Fremden glauben
könne, kam mir nicht in den Sinn. Ich suchte die
Stille meines Zimmers.

In Wahrheit ich fühlte mich tief bewegt. War doch,
wie durch einen Zauber, ein lange vergangenes, vergessenes Leben vor mir aufgerüttelt, in dem Augenblick, wo
ich über den Rest desselben zu verfügen im Begriffe
stand! Dazu der verwahrloste Zustand des Mannes und
seines Kindes, die Täuschung, der er sich hingegeben
und deren Berechtigung sein und mein alter Freund
mir warnend vorausgekündigt hatte. So sollte ich
diesem Freunde nach einem Menschenalter doch noch
seine vielverspottete Fürsorge danken lernen.

Während ich nach August Müllers Taufzeugniß
in meinen Papieren kramte, zweifelte ich nicht an meinem
Recht, den bethörten Mann über seine Herkunft aufzuklären. Ich zeigte ihm, so meinte ich, das Attest,
verschwieg den Namen des Vaters, wie das fernere
Schicksal der Mutter, und wenn ich für ein schickliches
Unterkommen von Vater wie Tochter Sorge trug und
ihre Zukunft sicher stellte, war der Handel abgemacht.

Eben hatte ich nach langem Suchen das Zeugniß
gefunden, als der Prediger mit dem Grafen bei mir
eintrat. Der letztere in einer Aufregung, die mich an
dem gehaltenen Manne unangenehm befremdete. „Er
liegt im Wirthshause und simulirt eine Krankheit,“
rief er mir hastig entgegen.

„Er ist krank, Herr Graf,“ — widersprach der
Prediger, — „das Fieber schüttelt ihn.“ —

„Ein Katzenjammer, wenn nicht das Delirium
des Trunkenbolds!“ entgegnete der Graf. „Ein Glück,
daß ich heute noch Landrath des Kreises heiße und
ihm seine Papiere abnehmen durfte. Lesen Sie,
Fräulein von Reckenburg!“

Er übergab mir bei diesen Worten jene mehrerwähnten schriftlichen Kindheitserinnerungen August
Müllers, und erging sich, während ich die Blätter
überflog, mit zornigen Worten, über das Wirrsal von
Verleumdungen, welche sich seit dem Morgen in der Gemeinde verbreitet hatten und über Nacht in der Umgegend verbreiten mußten. „Ich werde,“ so schloß er,
„den Vagabonden unverweilt in das städtische Krankenhaus und nach seiner Herstellung, mittelst Zwangspasses, über die Grenze transportiren lassen. Der
kürzeste Weg, das Gerede abzuschneiden. Der Mensch
ist verrückt, oder ein Betrüger erster Sorte.“ „Er ist
keines von beiden,“ versetzte ich ruhig, indem ich die
Handschrift, nebst den beiliegenden Attesten in meinem
Schreibtische verschloß. „August Müllers Erinnerungen sind richtig und der Schluß, den er irrthümlich daraus gezogen hat, mag durch sein Elend entschuldigt werden. Er ist ein Eingeborner von Reckenburg und wir haben die Pflicht, ihn innerhalb der
Gemeinde zu verpflegen.“ —

Ich klingelte bei diesen Worten und befahl dem
eintretenden Diener, den Hausarzt aufzusuchen und
den Kranken im Wirthshause anständig versorgen zu
lassen.

„Eine Gnade, die Ihnen bittere Früchte tragen
wird,“ sagte der Graf, wie mich dünkte mit Hohn.
„Die erste ihrer Art, auf die man sich in Reckenburg
wird berufen können.“

Die erste Wohlthat an einem Fremdling in
Reckenburg! Die Lehre, so wenig sie in diesem
Sinne gemeint war, würde schneidend gewesen sein,
hätte ich auf den Ruhm einer barmherzigen Schwester
überhaupt etwas gegeben, oder hätte ich wenigstens sie bei
ruhigem Blute aufgefaßt. Aber des Grafen Verstimmung, hatte mich angesteckt. Ich trug in mir einen
wunden Fleck, dessen Berührung ich einst meinem
ersten Freunde schwer vergeben hatte, und die ich
meinem letzten Freunde nimmer vergeben haben würde.
Um drohenden, weiterführenden Auslassungen wenigstens
den Zeugen zu ersparen, bat ich den Prediger, mit
dem Doctor Rücksprache zu nehmen und falls er die
Verpflegung des Kranken im Wirthshause nicht genügend
fände, seine Uebersiedelung nach dem Schlosse anzuordnen.

Sobald ich mit dem Grafen allein war, sagte
ich: „Wollen Sie mir, Graf, die bitteren Früchte
nicht etwas näher bezeichnen, die mir, nach Ihrem
Dafürhalten, aus der Verpflegung eines Fremden erwachsen sollen?“ —

„Ja, aber welches Fremden!“ rief der Graf,
achselzuckend. „Nach seiner öffentlichen Anklage und
dem Zugeständniß, welches Sie eben gemacht — —“

„Sie meinen das Zugeständniß, ein verwaistes
Kind in einer Anstalt untergebracht zu haben?“ —
fragte ich.

„Haben Sie ein Zeugniß über den Ursprung
dieses Kindes aufzuweisen?“ fragte der Graf dagegen.

„Ich denke mein Wort genügt,“ — entgegnete ich,
indem ich den Taufschein, den ich noch in der Hand
hielt, zerknitterte.

„So sprechen Sie dieses Wort. Nennen Sie den
Namen der Eltern, der in dem Anstaltszeugniß so
geflissentlich verschwiegen scheint.“

„Und wenn ich ihn ebenso geflissentlich auch
fernerhin verschweigen wollte?“

„So würden Sie vor sich selber den Unglimpf
eines bis heute makellosen Rufes zu vertreten haben.“

Bis dahin hatte ich meine Standhaftigkeit behauptet; nun hielt ich mich nicht länger. „Sie sprechen
damit aus, daß ich ein eignes Kind — —“

„Nicht von mir ist die Rede,“ unterbrach mich
der Graf, jetzt so ruhig, als ich das Gegentheil war.
„Die Welt urtheilt nach dem Scheine und mir, als
Beamten und Ihrem Freunde steht es zu, diesem bösen
Schein entgegenzutreten. Darum frage ich Sie noch
einmal: Können, wollen Sie mir ein Zeugniß über
den Ursprung dieses Mannes geben?“

„Nein!“ sagte ich. „Ob ich es nicht geben kann,
oder es nicht geben will, gleichviel. Ich bedarf keiner
Freunde, die ein fremdes Zeugniß für meine Ehrenhaftigkeit nöthig halten; und von dem Beamten, der
das Recht meines Heimathsgenossen nicht gelten lassen
will, erwarte ich, daß er den Gast meines Hauses
respectiren werde.“ —

Damit verließ ich ihn. Ich wußte, daß ich die
offene Thür meines Hochzeitssaales zugeschlagen hatte
und fühlte es wie einen Stein von meiner Seele fallen.

Bei alledem bebte ich vor innerer Entrüstung.
Dorothee lebte, und ich hatte kein Recht ihr Geheimniß preiszugeben. Hätte sie selber aber dieses Geheimniß zu meiner Rechtfertigung enthüllen wollen, ich
würde das Wort auf ihren Lippen zurückgehalten haben.
Die Leidenschaft hatte meine Auffassung plötzlich
geklärt: Nicht ich, die Mutter hatte über das
Schicksal ihres Sohnes zu entscheiden.

Noch in der Nacht reiste ich mit Courierpferden
nach Berlin. Ich reiste ohne Dienerschaft, weil mir,
ebenso um der Menschen willen, denen ich zueilte, wie
für meine eigene Person ein Ausspioniren und Ausdeuten meiner Schritte widerstand.

Bei einbrechendem Abend erreichte ich mein Ziel
und begab mich, ohne erst ein Hotel zu suchen, vom
Posthause zu Fuße nach der Faber’schen Wohnung, die
mir jedes Kind zu bezeichnen wußte. Gelang es mir,
Dorothee noch diesen Abend ohne Zeugen zu sprechen,
so war meine Aufgabe erledigt und ich reiste unerkannt
noch in der Nacht nach Reckenburg zurück. Der Zustand des Kranken beunruhigte mich. Der Arzt, den
ich vor meiner Abreise gesprochen, und der eine Uebersiedelung nach dem Schlosse widerrathen, hatte ihn für
eine Lungenentzündung erklärt, Folge schlechtgeheilter
Brustwunden und bei der Gewöhnung an starke Getränke
doppelt bedrohlich. Auch ahnte ich, nach langem Stillstand, wieder so eine Art Krisis in meinem Leben, die
ich jedenfalls auf meinem Posten erwarten wollte.

Wenn man solch eine Lebensgeschichte durchblättert,
in welcher blos die Hauptactionen Schlag auf Schlag
in hinlänglicher Breite geschildert werden, während
man die dazwischen liegende Ausfüllung, die still umwandelnde Arbeit der Zeit nur oberflächlich streift, da
denkt man sich leicht die Personen unverändert in dem
innerlichen Verhältniß, in welchem sie bei der letzten
Scene zu einander gestanden haben. Und so könntet
auch Ihr, junge, lebhafte Menschen, wohl wähnen,
daß ich den alten Bekannten mit den alten leidenschaftlichen Empfindungen, oder mit dem Herzklopfen
der Schuld entgegenging. Aber siebenundzwanzig Jahre
waren vergangen seit ich Dorotheens Heirath erfuhr,
wie manches Menschenleben spinnt sich in diesem
Zeitraume ab, von der Wiege bis zum Grabe! Und
wenn ich in demselben auch keiner hervortretenden, gemüthlichen Wendepunkte zu erwähnen hatte: eine gänzlich veränderte Lebensstellung, eine große, starkempfundene
Weltepoche, Nachdenken und umfassende Thätigkeit
hatten mich zu einer Anderen, die Menschen von Einst
mir zu Fremden gemacht. Ich würde heute Siegmund
Faber ohne Verlegenheit gegenüber getreten sein und
ihm erforderlichen Falls Rede gestanden, mit Dorotheen
aber die Lage der Dinge gelassen, unter Berücksichtigung ihrer Natur und Stellung, besprochen haben.
Ja, wie ich so im Abenddunkel die Flucht der Straßen
entlang schritt, da kam mir wiederholt der Zweifel, ob
meine erste Entscheidung über das Schicksal ihres
Sohnes nicht die richtige gewesen sei; ob der Todtgewähnte nicht ein Todter für sie hätte bleiben sollen?

Indessen der Affekt hatte mich einmal zu dieser
Erweckung des Mutterherzens getrieben, und wir sind
ja so leicht geneigt, hinter derlei persönlichen Eingebungen eine ahnungsvolle Fügung vorauszusetzen.
Jedenfalls konnte die Stimmung für meine Botschaft
geprüft und eine fernere Maßregel mir überlassen bleiben.

Als ich mich dem Faber'schen Hause näherte, fand
ich das Straßenpflaster mit Stroh belegt und bemerkte,
daß die Vorübergehenden gruppenweise zusammentraten, oder mit Neugier nach dem matterleuchteten ersten
Stockwerk deuteten. Auch einige unzusammenhängende
Bemerkungen fing ich im Vorübergehen auf. „Hier
aus diesem Fenster! — Der Mann kam dazu, der
arme Mann!“

Die Hausthür war unverschlossen, die Treppe
leer, aber dicht mit Teppichen belegt; alles still. Erst
am Ausgange derselben harrte ein zurechtweisender
Diener und im Corridor ließ sich ein leise geschäftiges ängstliches Treiben beobachten.

„Sie ist krank und nicht zu sprechen,“ lautete
die Antwort auf meine Bitte, der Frau Geheimeräthin
gemeldet zu werden.

„Auch nicht für eine durchreisende alte Bekanntin?“

„Für Niemand.“

„Auch morgen nicht?“

„Auch morgen nicht,“ beschied der Diener, erbot
sich aber, mich dem Geheimerath zu melden.

Ich schwankte einen Augenblick. Der Zweck
meiner Reise war verfehlt, doch hätte ich gerne über
den Zustand der Kranken nähere Auskunft gehabt, die
mir die sichtlich aufgeregte Dienerschaft nicht geben
konnte oder wollte. Ich entschied mich indessen, den
Herrn so spät am Tage nicht stören, dahingegen morgen noch einmal vorfragen zu wollen, gab meine Karte
ab und war im Begriff mich zu entfernen, als ein
Thürvorhang mir gegenüber auseinandergeschlagen
ward und Siegmund Faber mit rascher Bewegung
mir entgegentrat.

Fünfunddreißig Jahre hatte ich ihn nicht gesehen
und ein fremdartiger Ausdruck von Pein und Weh
war seinen Zügen aufgeprägt; dennoch würde ich,
auch an jedem anderen Orte, ihn auf den ersten Blick
erkannt haben. Und auch seine ausgestreckte Hand
deutete an, daß er ohne Besinnen in der Matrone,
die ihm unerwartet gegenüberstand, das fünfzehnjährige
Mädchen wiedergefunden hatte. Der Lauf der Zeit
hatte in ihm wie mir keine entfremdenden Spuren
zurückgelassen; wir waren, wie man es nennt, organisch alt geworden; ein Vorrecht derer, die nur schwach
mit dem Herzen leben.

Ich folgte seinem stummen Winke in das eigene
Zimmer. „Eine jammervolle Stunde, Fräulein Hardine, in der Sie mein Haus zum ersten Male betreten!“ sagte er, indem er meine Hand mit tiefer Bewegung drückte.

„Hoffen Sie noch, Faber?“ fragte ich, zum Voraus hoffnungslos.

Er aber antwortete: „Hoffen? ja, ich hoffe, aber
nicht auf das Leben,“ und als ich leise das Wort
„Hirnfieber“ nannte, da sagte er: „Wenn dem so
wäre. Sie würden mich weniger rathlos finden. Nein,
kein Fieber — —“

Ich schnitt seine Erklärung mit einer hastigen
Bewegung ab; der Schauder in seinem Blicke hatte
meine Ahnung bestätigt. Ich gedachte der Stunde,
wo Dorothee mir diesen Ausgang angedeutet hatte.
Wir standen eine Weile schweigend und lauschten auf
die markerschütternden Töne, die aus dem Nebenzimmer drangen. „Störe ich Sie?“ fragte ich endlich.

„Leider nein!“ antwortete er. „Nach Außen fehlt
mir die Ruhe, und da, wo ich Tag und Nacht nicht
weichen möchte, darf ich nur ein verstohlener Zeuge
sein. Die Unglückliche, so scheint es, sieht in mir
nur den Arzt, vor dem sie sich allezeit gescheut, nicht
den trostlosen Gatten, dem sie bis zum Aeußersten
ihre Qual liebreich verheimlicht hat.“

„Und wann trat dieses Aeußerste ein?“ fragte
ich weiter.

„Das Aeußerste erst gestern,“ versetzte er. „Seiner Natur nach ist es ein heimtückischer, schleichender
Zustand, der vielleicht schon vor unserer Vereinigung
begonnen hat. Alles in Allem, ein Räthsel.“

Ich schwieg mit gesenktem Blick. Ich allein
hätte ihm ja den Schlüssel zu diesem Räthsel reichen
können.

Er lud mich darauf zum Niedersitzen ein, nahm
an meiner Seite Platz und schilderte mir jenen erstarrenden Krampf, der seit dem Hochzeitstage von Zeit
zu Zeit das blühende Geschöpf überfallen habe. „Bisweilen,“ sagte er, „konnte ich die Krise stundenlang
voraussehen. Sie war beklemmt, unruhig, trat wiederholt mit über der Brust gekreuzten Händen auf mich
zu, eine Geberde, durch welche sie schon als Kind eine
Bitte so unwiderstehlich auszudrücken verstand; sie
sah mit einem herzzerreißenden Blicke zu mir in die
Höhe, vermochte nicht zu reden und kämpfte so fort,
bis sie erstarrt, mit stockendem Puls, aber völligem Bewußtsein zu Boden sank. Da der Zustand jedoch nur
selten eintrat, rasch vorüberging und keine gesundheitliche „Störung“ hinterließ, nahm ich ihn als eine jener unverfänglichen nervösen Affektionen, denen Frauen
in kaum berechenbarer Weise unterworfen sind. Ich
suchte seinen Grund in der jahrelangen Spannung des
Brautstandes, in dem dann allzu plötzlichen Wechsel
aller Lebensverhältnisse, unter denen sie nur allmälig
in Ruhe und Stille heimisch werden könne. Ich
schonte sie, schonte sie vielleicht zu sehr. Ich verfiel
in den Irrthum vieler Aerzte, die das körperliche Leben ihrer Angehörigen nach den bedenklichen Erfahrungen ihres Berufes und das seelische nach ihren
eigenen Bedürfnissen beurtheilen. Weil mir nach
einem abspannenden Tagewerk eine Pause des Ausruhens Wohlthat war; weil ich nichts verlangte, als
das holdselige Geschöpf, still und vergoldend gleich
einem Sonnenstrahl, die Schatten meines Berufslebens streifen zu sehen; in meinem selbstsüchtigen Behagen übersah ich ihr unausgefülltes Einerlei, vergaß
den Widerspruch mit ihrer ursprünglich bewegsamen Natur, vergaß ihn um so leichter, als sie selber niemals klagte, nach nichts verlangte, immer versicherte
wohl zu sein und keine Spur des Hinwelkens ihre
Worte Lügen strafte. Sie war und blieb ein blühendes, liebliches Kind, Fräulein Hardine, ein Engel der
Demuth; Dorothee, meine Gottesgabe, mein Sonnenstrahl!“

Der Mann verbarg das Gesicht hinter seinen
Händen, ich hörte ein krampfhaftes Schluchzen; lange
vermochte er nicht weiter zu reden und als er endlich
von Neuem begann, geschah es mehr zu sich selbst als
zu mir. „Die unterdrückte Natur rächt sich allemal —
allemal! — wenn ich sie hätte reisen lassen — ihr
Zerstreuung und Umgang gesucht — Licht und Luft
um sie geschaffen in der weiten Einöde der Stadt:
— nichts, nichts habe ich für sie gethan; mich an
ihrem Anblick erquickt, Egoist, der ich war und nun
so grausam gestraft!“

Eine neue Pause folgte. Nachdem er sich gesammelt hatte, fuhr er rasch, gleichsam geschäftsmäßig fort: „Unter den erschütternden Ereignissen des
Herbstes 1806 hatte ihr Leiden sich gesteigert. Als
ich bei meiner Rückkehr von der Armee unerwartet
bei ihr eintrat, umfing ich minutenlang eine Leiche.
Der Zustand kehrte seitdem öfter wieder, dauerte länger, man möchte sagen, er wuchs mit den Qualen
und Enttäuschungen des Vaterlandes. Im Sommer
1809, als Schlag um Schlag das Scheitern Schills
und Braunschweigs, die Niederlage Oesterreichs bekannt
wurden, schien er seinen Höhepunkt erreicht zu haben.
Dann trat eine Pause ein; die Stille der Resignation,
um unter den Opfern der Erhebungszeit von Neuem
aufzuwachen. Ich war der Armee gefolgt und hörte
später erst von Anderen — niemals von ihr selbst —
daß sie sich den Frauenvereinen angeschlossen hatte,
die nach den Märkischen Schlachten sich des Dienstes
in unseren Spitälern unterzogen. Armes, zärtliches
Kind, das niemals einen Blutstropfen sehen, von
einer Wunde nur reden hören konnte! Tag für Tag
trat sie den Gang durch diese Leidensstätten an, ging
von Bett zu Bett, starrte angstvoll in jedes Krankenangesicht, als ob sie Einen suche, der nicht zu finden,
Einen retten wollte, der nicht zu retten war und brach
dann am Ausgange vernichtet zusammen, um andern
Tages den qualvollen Weg von Neuem anzutreten.

„Selbstverständlich würde ich, wenn zur Stelle,
diese zwecklose Folter gehindert haben. Als ich aber
nach Jahr und Tag aus Frankreich heimkehrte, fand
ich die Spitäler geleert und Dorothee fast unverändert
die Alte. Erst während der Tage von Ligny und
Waterloo, — ich befand mich wieder bei der Blücherschen Armee — soll eine kurze Katastrophe eingetreten sein, die mich auf die heutige hätte vorbereiten
können. Ich war nicht Zeuge derselben und tröstete
mich wiederum, daß die eindrucksfähige Kindernatur,
die Idiosyncrasie gegen alles, was Tod und Leiden
heißt, diese gewaltsame Erschütterung hervorgerufen
habe. Ihr gegenwärtiger Zustand, ohne jeglichen Anlaß von Außen her, spricht jenem Troste Hohn. Ich
stehe wie ein Narr vor diesem Räthsel der Natur.

„Sie dürfen denken, Fräulein Hardine, daß da,
wo mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele stand, ich
dem eigenen Urtheil nicht allein vertraute. Ich habe
den Rath meiner anerkanntesten Collegen in Nähe
und Ferne eingeholt. Einmal aber sträubte sich Dorothee mit einer Heftigkeit, die ihrem sonstigen Wesen
völlig fremd war, und ihren Zustand steigerte, gegen
jede ärztliche Behandlung; dann aber wußte auch
kein Einziger eine zweckmäßig scheinende Methode vorzuschlagen. Sie selbst erklärte sich für gesund und sie
schien es zu sein. Ich mußte mich allerseits mit dem
Vorwurf hypochondrischer Aengstlichkeit abfertigen lassen. Höchstens daß man das Postulat der Kinderlosigkeit als die Ursache momentaner körperlicher oder
gemüthlicher Störungen zu Markte brachte. Ich bin
aber zu sehr Arzt, um ein Freund derartiger Postulate zu sein. Unsere Kunst ist eine der Exemtionen.
Dorothee war zu zart für ein Martyrium, dem meine
Mutter erlag, als sie mir das Leben gab; und lassen
Sie mich hinzufügen, Fräulein Hardine, Dorothee war
zu sehr Kind für die Kinderzucht, bei welcher der Vater
ihr so wenig eine Stütze zu sein vermochte. Sie erkannte das auch wohl selbst. Niemals hat sie eine
mütterliche Sehnsucht angedeutet; ja ich sah sie von
einem Schauder befallen, als wir auf einer unserer
seltenen gemeinsamen Wanderungen durch die Stadt
einer Schaar tobender Waisenknaben begegneten. Als
ich ihr nach 1806 — nicht zu meiner, nur zu ihrer
eigenen Ausfüllung — den Vorschlag machte, eine
Soldatenwaise zu adoptiren, da war ein Krampfanfall
ihre Antwort, und nachdem die Sprache wieder zurückgekehrt war, sagte sie nichts als mit der flehendsten
Geberde: „Bitte, bitte — nein!“

„Man gewöhnt sich an solchen Zustand, Fräulein
Hardine. Mein Berufsleben wurde immer absorbirender. Ich war häufig auf Reisen und wenn in Berlin, oft nur minutenweise in meinem Hause anwesend.
Da bemerkte ich es denn kaum, daß sie von Jahr zu
Jahr stiller und in sich gekehrter ward, ja daß wohl
Tage vergingen, ohne daß ich einen Laut von ihren
Lippen vernahm. Das Alter macht naturgemäß
schweigsam; und was hätten wir im Grunde uns auch
mitzutheilen gehabt? Sie erlebte zu wenig und ich zu
viel, aber doch nicht das, was zu häuslichem Austausch sich eignete. Die beängstenden Zufälle hörten
allmälig auf, ich fühlte mich beruhigt, — bis, ja es
mögen jetzt drei Monate sein.

„Da konnte ich mir denn nicht länger verbergen,
daß die stumme Apathie in eine seltsame Aufregung
umgeschlagen war. Sie ging den ganzen Tag im
Zimmer auf und ab und saß die Nächte mit offenen
Augen in ihrem Bette, oder ich traf sie wohl auch
dann leise auf und niederwandelnd. Mahnte ich sie
zur Ruhe, so gehorchte sie, legte sich und stellte sich
schlafend. Sobald ich aber in meine Kammer zurückgekehrt war und sie sich unbeobachtet glaubte, richtete
sie sich auf und begann ihre Wandelgänge von Neuem.
Sie schlummerte nicht, sie fragte nach nichts und antwortete nur mit stummen, aber deutlichen Geberden;
sie nahm nur gezwungen die nothdürftigste Nahrung.

„O, daß das arme Hirn in dieser Zersetzung sich
leise erschöpft hätte, aber seit gestern — —“

„Seit gestern?“ drängte ich gespannt.

„Seit gestern — —“

Ein schriller Schrei aus dem Nebenzimmer
unterbrach ihn. Er sprang auf und lauschte hinter
dem Vorhang an der sacht geöffneten Thür. „Wer
faßt es, Fräulein Hardine,“ sagte er darauf, als es
drinnen wieder still geworden war, „wer erträgt es,
die friedfertigste Creatur enden zu sehen unter den
Qualen einer Mörderin, sie mit Gewalt vom Aeußersten
abhalten zu müssen, — — o, Gott, Gott! gestern in
der Dämmerstunde, ein unbewachter Moment und —
sie würde — —“

Der Mann konnte nicht weiter; auch ich stand
erschüttert bis in’s Mark. Seit Monden, wo der
Sohn, eine Mutter suchend, das Land durchwanderte,
und gestern, gestern, da er im Wahn seine Hand nach
einer Andern streckte, — — darf man an solche Sympathien glauben, an eine electrische Strömung des
verwandten Blutes?“

„Dürfte ich sie sehen?“ fragte ich nach einer
langen Stille den unglücklichen Mann.

„Sie würde Sie nicht erkennen, schwerlich bemerken. Aber Sie, wie sollten Sie diesen Eindruck
ertragen? Fräulein Hardine, — sie rast!“

„Führen Sie mich zu ihr,“ sagte ich voranschreitend. Unter der Thür hielt ich an. „Eine Frage
noch: Ist es eine formlose Beklemmung, oder — —

„Es ist ein fixirtes Wahnbild,“ versetzte Faber
flüsternd, „das sinnloseste, — — oder sollte dennoch
eine unterdrückte, mütterliche Sehnsucht — — sollte
ich zum zweiten Male genarrt — — ? Doch genug
der fruchtlosen Grübeleien. Sie quält sich mit der
verzweifelten Idee, eine Kindesmörderin zu sein. Nicht
aber eines eigenen, neugebornen Kindes, wie es ein häufiger
Wahn irrsinniger Frauen ist; nein, über einen Knaben
tobt sie, einen Waisenknaben, den sie, sie selber todtgeschossen haben will. Auf Viertelstunden tritt wohl
eine Pause ein; dann formt sie aus Kissen und
Tüchern einen Knäuel, preßt ihn an ihr Herz und
liebkost ihn wie eine Mutter ihr Kind: bald aber zerreißt sie mit der Kraft der Raserei den Balg in
Stücken, schleudert ihn von sich, schreit auf, sieht sich
— oder wen? — in einer teuflischen Umgebung, die
sie „die Schwarzen“ nennt und kann nur mit Zwangsmitteln zurückgehalten werden, eine gewaltsame Befreiung aus dieser Seelenqual zu suchen. Und dennoch,
dennoch, sollten Sie es glauben, Fräulein Hardine?
das engelhafte Gemüth hat sich auch in diesem
Aeußersten nicht bemeistern lassen. Vor dem trostlosen
Gatten möchte sie ihre Folter auch jetzt noch verheimlichen. „Still, still!“ flüstert sie, so oft ich mich nahe.
Da aber die Angst stärker ist als der Wille, wird sie
immer unruhiger, windet sich, bäumt sich, stöhnt, bis
ich mich entferne und sie wie erlöst aufathmet, um
bald von Neuem von dem gemordeten Knaben und
den Schwarzen verfolgt zu werden.“

Wir traten in das Krankenzimmer. Es war
tageshell erleuchtet, denn die bedrohenden Gespenster
wuchsen in der Dunkelheit. Zwei baumstarke Wärterinnen versahen den Dienst. Dorothee saß im Bett
in unzähmbarer Unruhe. Mit der einen Hand stieß
sie eine calmirende Arznei zurück, mit der anderen riß
sie die Eisblase ab, die man auf dem Kopfe festzuhalten suchte. Das einst goldige Haar hing wie
eine Silberwelle, von geschmolzenen Eistropfen überperlt, an den Schläfen herab, das Antlitz glich einer
schneeigen Blüthe und die erweiterten Augen flogen in
ruhelosem Flimmer auf und nieder. Das unglückselige
Weib, im fünfzigsten Jahre, in den Banden des
Wahnsinns, an der Pforte des Grabes war noch
immer schön; ja, mich dünkte, ich hätte es niemals
schöner gesehen als in diesem Aufruhr der heimlichsten
Natur.

Ich bedeutete die Wärterinnen, ihr fruchtloses
Bemühen aufzugeben; sie zogen sich zurück und ich
setzte mich auf einen Stuhl am Bette. Der Mann
lauschte verborgen im Hintergrunde, kein Athemzug ging
durch den Raum.

Eine lange Weile bemerkte sie mich nicht; sie
hatte einen ihrer ruhigen Momente; geschäftig bündelte
sie die Eisblase, die sie sich vom Kopfe gerissen, in ein
Tuch und preßte sie an ihr Herz. „Hu, hu, wie kalt!“
murmelte sie schaudernd, „wie kalt!“ Ich trat dicht
an sie heran, ergriff ihre beiden Hände und senkte
meine Augen fest in die ihren. „Kennst Du mich
noch, Dorothee?“ fragte ich.

Und wunderbar! kaum daß sie meine Stimme
vernommen und nur einen Moment forschend zu mir
aufgeblickt hatte, rief sie: „Hardine! Fräulein Hardine!“

Der lauschende Mann konnte einen Laut der
Ueberraschung nicht zurückhalten. Dorothee horchte
gespannt. „Still, still!“ flüsterte sie, indem sie das
Bündel unter ihre Decke verbarg. Als aber alles
wieder ruhig geworden war, zog sie es von Neuem
hervor, drückte meine Hand darauf und sagte: „Fühlen
Sie, Fräulein Hardine, wie kalt! Es ist todt, hu, so
kalt, so kalt, das arme Kind, todt!“

„Es ist kein Kind, Dorothee,“ sagte ich, „es ist
ein kalter Stein, der lange auf Deinem Herzen gelegen
hat. Ich will ihn von Dir nehmen. Siehst Du, nun
ist er fort, nun wird Dir leicht werden, Dorothee. —

Sie ließ es willig geschehen, daß ich das Bündel
von ihr nahm; aber sie wimmerte immerzu: „Todt,
todt, das arme Kind todt!“ Einen Augenblick schwankte
ich noch; dann wagte ich es, dem Lauscher zum Trotz,
auf alle Gefahr. Ich drückte die Hand der jammernden
Mutter an mein Herz und sprach mit erhobener
Stimme: — „Das Kind ist nicht todt, Dorothee.
Gott ist ein Vater der Waisen, der Knabe lebt!“ —

„Er lebt, er lebt!“ schrie sie auf. „Wer sagt,
daß er lebt? Wer hat es gesehen, daß er lebt?“

„Hardine sagt es,“ versetzte ich, „Hardine hat
ihn gesehen. Der Knabe lebt!“

„Er lebt, er lebt!“ rief sie, „Hardine sagt es,
Hardine lügt nicht, niemals! Hardine hat ihn gesehen. Er lebt! Wo, wo? Führe mich zu ihm, Hardine!“

„Ja, ich will Dich zu ihm führen, Dorothee.
Ich will Dich mit mir nehmen nach Reckenburg.
Weißt Du noch? nach Reckenburg, Dorothee.“ —

Eine Minute lang saß sie sinnend, rieb sich die
Stirn und murmelte: „Reckenburg! Reckenburg!“
Endlich hatte sie es gefunden. „In Reckenburg, ja in
Reckenburg, da war's. Nicht im Waisenhause, nicht
bei den Schwarzen. In Reckenburg lebt er. Fräulein Hardine hat ihn gesehen. Fräulein Hardine
nimmt mich mit nach Reckenburg; Fräulein Hardine
hält Wort!“ Sie klatschte in die Hände wie ein
Kind. „Nach Reckenburg!“ jubelte sie, „kommen Sie,
Fräulein Hardine.“

„Ich bringe Dich nach Reckenburg,“ sagte ich;
aber nicht heute; erst mußt Du gesund werden, liebe
Dorothee.“

„Ich bin gesund, ganz gesund,“ versicherte sie,
indem sie Anstalt machte, das Bett zu verlassen.

Ich konnte sie nur mit Mühe darin zurückhalten.
„Du bist krank, Dorothee;“ sagte ich bestimmt; „Du
wirst aber bald gesund werden, wenn Du mir folgst.
Nimm diese Tropfen; lege Dich ruhig hin, drücke die
Augen zu und schlafe aus. Dann gehst Du mit mir
nach Reckenburg.“

„Ich will Ihnen folgen, Fräulein Hardine,“
sagte sie und nahm ohne Sträuben den Trank, dem sie
sich bisher so gewaltsam widersetzt hatte. Plötzlich
wurde sie aber wieder unruhig, spähte ängstlich im
Zimmer umher und flüsterte mir in's Ohr: „Er, er!
Wenn er nun kommt? wenn er nun merkt? Er läßt
mich nicht fort, Fräulein Hardine.“

„Sei ruhig; ich wache bei Dir,“ entgegnete ich
laut. „Und er wird Dich mit mir gehen lassen, denn
er liebt Dich, Dorothee.“

„Fräulein Hardine wacht bei mir,“ lispelte sie
schon mit schläfrigen Augen, ließ sich darauf, gehorsam wie ein Kind, das durchnäßte Haar von mir abtrocknen, warm einhüllen und betten. Ihre beiden
Hände ruhten in den meinen; sie blickte noch einigemale in die Höhe, als sie mich aber ruhig auf dem
Bettrande sitzen und meine Augen wachsam auf sie
gerichtet sah, schlummerte sie sanft athmend ein.

Nach einer Weile erhob ich mich leise und trat zu
dem, welcher diesem Auftritte unbemerkt gelauscht hatte.
Thränen, vielleicht die ersten des bewußten Lebens,
rannen über seine Wangen. Er drückte meine beiden
Hände an sein Herz. „Die Wohlthat einer ersten
friedlichen Stunde!’, sagte er. „Welch ein Zauber
liegt doch in den frühesten Erinnerungen, in den
Menschen, welchen wir am frühesten vertrauten. O,
des Selbstsüchtigen, Verblendeten, der nur nach dem
Pendelschlag der Stunde gerechnet hat! Wenn ich sie
vor Jahren Ihnen zugeführt hätte, vor Monaten
noch — —“

„Und wenn es noch jetzt nicht zu spät wäre,
mein Freund?“ fragte ich.

Er aber schüttelte den Kopf und antwortete: „es
ist zu spät.“

Ich versprach ihm darauf, die Nacht bei Dorothee zu wachen und bat ihn, für einige Stunden die
Ruhe zu suchen, deren er so dringend bedürfe.

„Auch ich werde Ihnen folgen,“ sagte er und
ging nach einem wehmüthigen Blick auf die Schlummernde in sein Zimmer. Von Viertelstunde zu Viertelstunde erschien er indessen lauschend unter der Thür,
bis er endlich mit dem Entschlusse, schlafen zu wollen, in ein paar Stunden ungestörter Ruhe die erschöpften Kräfte wiederfand.

Ich saß allein bei der Kranken, ihre Hände in
den meinen und Gott weiß! in welchem Aufruhr der
Gedanken! Was für eine Ironie in dem beglückenden
Wahne des getäuschten Mannes! Was für eine Strafe
in dem gräßlichen Wahne der täuschenden Frau!
Aber sie lag so still, sie athmete so gleichmäßig leise:
sollte es wirklich zu spät sein, Wahrheit und Frieden
an Stelle der Irrung walten zu lassen?

Nein, ich hoffte noch, hoffte noch, als ich mich
beim grauenden Morgen erhob, um die Lampen zu
löschen und die Fensterbehänge zurückzuziehen. Als
ich aber nach wenigen Minuten auf meinen Platz zurückkehrte, da gewahrte ich jene plötzliche, unbeschreibliche Wandlung, welche jede Hoffnung vernichtet.

Ich hätte Siegmund Faber herbeirufen mögen,
zum letzten Lebewohl. Aber Dorothee schlug jetzt die
Augen zu mir auf, nicht mehr im Flimmer des Wahns,
nein, die fragenden Kinderaugen aus ihrer schuldlosen
Zeit. Sie tastete nach meiner Hand und flüsterte in
mein Ohr: „Glaubst Du, daß Gott barmherzig ist,
Hardine?“

„Ich glaube es, Dorothee,“ antwortete ich bestimmt.

„Auch gegen Eine, die nicht mehr Vater zu ihm
sagen darf?“

„Gegen jedes schwache, irrende Geschöpf, das sich
nach seiner Vaterliebe sehnt.“

„Und er lebt, hast Du gesagt, er lebt?“

„Er lebt und ich werde meine Augen über ihn
halten und ihm sagen, daß im Vaterreiche eine liebende Mutter seiner Heimkehr harrt.“

Kaum hatte ich diese Worte gesprochen und Dorothee mit letzter Lebenskraft ihre Lippen auf meine
Hand gedrückt, als Siegmund Faber in das Zimmer
trat und mit einem herzdurchdringenden Schrei an
dem Sterbebette niederstürzte. Sie schlug das brechende
Auge noch einmal zu ihm auf, ein letztes Beben erschütterte den halberstarrten Leib. „Faber!“ röchelte
sie. „Barmherzigkeit, Faber! Herr, mein Heiland
Barmherzigkeit!“

Und Alles war zu Ende.

Ich entfernte mich unbemerkt. Als ich aber nach
etlichen Stunden wiederkehrte, um Abschied von dem
Freunde zu nehmen, da fand ich ihn noch auf der
nämlichen Stelle; umklammernd die todte Gestalt, die
er bis zum Letzten sein Kind und nicht einmal sein
Weib genannt hatte. Doch faßte er sich, sobald er
mich bemerkte und begleitete mich aus dem Sterbezimmer, nachdem ich mit einem langen Blicke von dem
auch im Tode noch schönsten Weibe Abschied genommen hatte.

„So lange ich lebe, Fräulein Hardine,“ sagte er
„werde ich Ihnen diese sanfte Erlösungsstunde danken.
Sie war meine Lebensfreude, mein ganzes Glück!“

Ich trennte mich von Siegmund Faber mit dem
heiligen Vorsatz, die Erinnerung an seinen Sonnenstrahl rein zu erhalten vor jedem trübenden Hauch.

Meine Seele war erfüllt von dem Schauerbilde
einer beleidigten und sich rächenden Natur, aber
auch — ich sehe Deine Thränen fließen, mein Kind!
— aber auch von einem Versöhnungsglauben, wie ich
ihn niemals stärker an einem Sterbebette empfunden
habe. Sie hatte den Frevel gegen Gottes ewige Ordnung
erkannt und mit allen Qualen eines armen Menschenherzens hienieden gebüßt; der Wahn war dem
Leben vorausgeflüchtet, mit dem Flehen, in dem sie
geschieden ist, wird sie jenseit begonnen haben und Vater
sagen dürfen, den wiedergefundenen Sohn an ihrer
Hand.

In dieser Stimmung nahm ich es als eine trostreiche Erfüllung, daß ich bei meiner Heimkehr nach
Reckenburg allsobald an ein zweites Sterbebett berufen ward, zu einem Scheiden, so klar und gefaßt, wie
das tapfere Herz es sich dereinst, wenn auch in mächtigerer Umgebung gewünscht hatte.

„Fräulein Hardine,“ rief mir August Müller
entgegen. „Sie sind nicht meine Mutter, ich weiß
es jetzt, denn der Tod macht hell. Vergeben Sie
mir die Unehre, welche meine Thorheit über Sie verbreitet hat.“

„Du suchtest eine Mutter und irrtest in gutem
Glauben. Du hast mich nicht beleidigt, August,“ versetzte ich aufrichtig, indem ich ihm die Hand reichte.

Er drückte sie kräftig, lag eine Weile in Nachdenken versunken und sagte dann: „Eins noch, Fräulein Hardine: Jene weiße Frau mit dem gelben Haar,
die ich bei der Leiche Ihres Vaters sah, ist sie—?“

„Sie war Deine Mutter, August. Sie ist Dir
in Liebe vorangegangen. Ich aber werde an ihrer
Statt für Deine Tochter Sorge tragen.“

Nachtrag des Herausgebers.

Ja, unser tapferer Invalid’ ist todt! Drei Tage,
nachdem er hoffnungstrunken das Waldhaus Muhme
Justinens. wiedererkannte, ist er dahin, und wohl ihm!
rufen wir ihm nach. Wir hätten ihm den Todesstreich von einem Türkensäbel gegönnt; aber zehn
Friedensjahre hatten sein Lebensmark aufgezehrt. Nun
starb er rasch, wie er gelebt, gut gepflegt, auf heimischem Grund und sein brechender Blick fiel auf das
verwaiste Kind, welches Fräulein Hardine zum Schutz
in ihre Reckenburg führte. August Müller endete glücklicher, als seine brave Lisette auf dem Sterbebett geahnt hatte. Wohl ihm!

Und wieder sehen wir Fräulein Hardinen als
einzige Leidtragende seinem Sarge folgen zu der Ruhestätte, die ihm an der Seite der „treuesten Dienerin“
bereitet worden war. Es war dies eine letzte Ehre,
welche die Herrin jedem ihrer Gemeindeglieder erwies,
und wir, die wir ihre Bekenntnisse gelesen haben,
wissen, welchen Erinnerungen sie durch dieselbe gerecht ward, die Zeitgenossen aber, welche die Wahrheit
erst aus diesen Blättern erfahren werden, die schrieen
im Chor: „Einem Fremden, einem bettelnden Tagedieb! dem, der die schwerste Bezüchtigung gegen sie
verbreitet hat?“

So war es denn Fräulein Hardine selbst, die,
schweigend und handelnd, dieser Bezüchtigung Vorschub
leistete, in einer Weise, daß ihr goldheller Name
dauernd dadurch geschwärzt werden sollte. Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, wie dem starren Erstaunen die kleinlichsten Spürversuche folgten, wie der
verbissene Neid triumphirte, Entrüstung, ja Empörung
gegen die langjährige Heuchelei laut und öffentlich zur
Schau getragen ward. Das Haus, zu welchem der
Eintritt als hohe Gunstbezeugung erstrebt worden war,
sah sich scheu vermieden, gleich einem, in welchem ein
ansteckendes Fieber ausgebrochen ist; der stolze Bau
des Rechtes und der Ehre schien in seinem Fundament erschüttert; keine Hand regte sich, ihn zu stützen,
seitdem selber der Graf die Beziehungen zur Reckenburg und alle Zukunftsaussichten aufgab und, schweigend zwar, eben darum aber sprechend genug für die
gespannten Lauscher, auf seinen neuen hohen Verwaltungsposten eilte.

Wer hätte nicht in ähnlicher Weise eine wankende
Autorität verlassen sehen? Gleichwohl würde der geräuschvolle Eifer bei dieser Katastrophe nicht hinlänglich zu erklären sein, wenn der Zeitpunkt derselben
außer Acht gelassen würde. Der übermäßigen Anstrengung aller Lebenskräfte in Noth und Kampf waren
zehn Jahre einer apathischen Stille nachgeschlichen;
in beschränktem Kreise wieder herstellend und aufbauend,
folgte Jeder einem tiefen Ruhebedürfniß. Aller Abzug
in weitere Gebiete war unterdrückt, die staatsbürgerlichen Interessen schwiegen, selber unsere jüngsten großen Erinnerungen schienen wie mit dem Schwamme
ausgelöscht. Mit dem patriarchalischen Behagen verbreitete sich patriarchalische Kleinsucht und Fraubaserei. Ein weniger bemerkenswerthes Ereigniß, als der
Sturz von Fräulein Hardinens Ehrenkrone würde in
einer solchen Epoche als eine Haupt– und Staatsaction verhandelt worden sein, weit mehr, als der
Sturz von Königskronen in einer anderen.

Ob Fräulein Hardine diesen Sturz bemerkte?
ob sie ihn einer Beachtung würdigte? Kein Zeichen
deutete es an. Sie bewegte sich nach wie vor zuversichtlich in ihrem Tagewerk und scheute sich nicht,
das angezweifelte Wesen, das sie demselben eingefügt
hatte, immer dichter in ihre Nähe zu ziehen. Unter
allen Umständen that sie keinen entgegenkommenden
Schritt, der eine versöhnliche Stimmung eher als jener
hochmüthige Gleichsinn angebahnt haben würde. Wir
aber, die sie die Ihren nannte, wir Reckenburger
Leute, ei nun, wir kümmerten uns nicht um Klatsch
und Matsch. Wir glaubten's nicht und wir bezweifelten's nicht. Wie Fräulein Hardine es uns gelehrt,
sorgte ein Jeder für das Seine.

Indessen: das heftigste Unwetter verzieht, und
auch die Windsbraut um Reckenburg legte sich; nicht
ganz so jählings wie sie herangebraust war, aber
hübsch sacht und gemüthlich nach deutscher Stürme
Art. Die Hand, die eine Reckenburg zu verschenken
hat, behauptet ihre Anziehung; die Standesgenossenschaft besann sich auf ihre alten Hoffnungen, auch die
bürgerliche Clientel auf gelegentliche Berücksichtigung.
Bald ersehnte Jedermann nur einen Anlaß, um öffentlich zu verleugnen, was heimlich von Keinem bezweifelt ward. Dieser Anlaß aber ließ nicht lange
auf sich warten und es war die Stelle, von welcher
man im lieben Vaterlande alle Hülfe beanspruchte,
zu der man sich selber nicht entschließen konnte, die
Allerhöchste, der man auch die Rettung von Fräulein
Hardinens Ehrenkrone zu verdanken hatte. Das Fräulein erhielt das Diplom einer Ehrenchanoinesse des
vornehmsten Damenstiftes der Monarchie und damit
die Prärogativen einer verheiratheten Frau. Sie machte
von dieser Sonderstellung keinen Gebrauch, nannte
sich und ließ sich nennen Fräulein von Reckenburg.
Man erzählte sich auch, daß sie eine gräfliche Erhebung ihres Wappenschildes dankbarlichst ausgeschlagen
habe. Sie schien sich darauf zu steifen, als Freifräulein in die Grube zu fahren. Die königliche Gunstbezeugung wurde jedoch zum Signal, die Verunglimpfung zu bezweifeln, oder großmüthig zu decken.

Ein tapferer Veteran der Befreiungskriege! von
plötzlichem Fieberwahnsinn befallen, hatte auf Reckenburg eine Pflegestatt und ein ehrenvolles Grab, seine
hülflose Waise hochherzige Versorgung gefunden.
Wehe dem, der Jahr und Tag nach dem verhängnißvollen Königsfeste eine andere Version über die große
Katastrophe hätte laut werden lassen! Fräulein Hardine feierte weder heuer noch jemals später den dritten
August mit einem patriotischen Mahl; hätte sie ihn
aber gefeiert, sie würde kein geladenes Haupt an ihrer
Tafel vermißt haben.

Indessen die Gäste stellten sich auch ungeladen
wieder ein. Visiten, Rathsuchende, Huldigende, Hoffende
meldeten sich; das Lächeln der Unschuld auf den Lippen,
so als ob sie nimmer gewichen, und wurden empfangen,
so als ob sie nimmer vermißt worden wären. Scheiden
und Meiden schien auf beiden Seiten vergessen; das
alte Fahrgleis zur Reckenburg war wieder hergestellt;
nur daß die Blicke sich je mehr und mehr zwischen der
großen und der an ihrer Seite heranwachsenden kleinen
Hardine theilten.

Denn wie staunten die ersten Besucher, in der
verwahrlosten Landstreicherin schon nach Jahresfrist
ein Kind wieder zu finden, gesund und lieblich, wie
man je eines gesehen. Fürwahr, Fräulein Hardine
hatte eine glückliche Hand. Auch ihr trübseliger Schützling war gediehen in der Luft des neuen Thurms
und auf den Flurwegen, wo sie der Herrin tägliche
Begleiterin geworden. Die Nachbarschaft erwartete in
Bälde den Akt einer Adoption, dem die Adelsbestätigung nicht fehlen werde. Man zählte zum Voraus
die Reihe der ritterlichen Jünglinge, die ohne Scheu
das Erbe der Reckenburg aus der Hand der Marketenderinnentochter empfangen würden. Und die Reihe
war lang.

Aber nichts von dem Erwarteten geschah. Fräulein
Hardine that keinen Schritt, um die kleine Plebejerin
zu ihrem eignen Range zu erheben. Sie machte nicht
einmal ihr Testament. Ihre Pflegebefohlene blieb nach
wie vor Hardine Müller.

Auch wurde sie keineswegs herangebildet wie es einer
Erbin von Reckenburg geziemt haben würde: keiner
vornehmen Kostanstalt, keinem gelehrten Hofmeister,
keinen fremdländischen Gouvernanten übergeben. Der
erste Lehrer des Kindes, Pastor Nordheim, blieb auch
der letzte und von allen Kunstfertigkeiten der Mode
war es späterhin nur die Musik, welche ein tüchtiger
Meister der Nachbarschaft in dem talentvollen Mädchen pflegte. Im Uebrigen fügte sich dasselbe bald in
das Getriebe des inneren Haushaltes und schien sich
in demselben mit gleicher Neigung zu bewegen wie ihre
Beschützerin in der äußeren Verwaltung.

Diese Erziehung deutete allerdings nicht auf hochfliegende Pläne für das geheimnißvolle Waisenkind.
Wer hätte jedoch behaupten mögen, daß Fräulein
Hardine, welche in so vielen Stücken gegen den Strom
zu steuern wagte, einer eignen Tochter oder Enkelin
eine vielseitigere Bildung bewilligt haben würde? Daß
das Maaß des eignen Wissens und Könnens ihr nicht
das Genügende schien, um einen großen Besitz und
ein bedeutendes Amt zu verwalten?

Zu diesen wohlgerechtfertigten Zweifeln gesellte
sich die Wahrnehmung eines allmäligen Umwandelns
des Reckenburgschen Lebenszuschnittes nach der häuslichen Seite hin. — Der Verlauf war natürlich und
folgerecht für Eine, die nichts halb that, wie unser
Fräulein Hardine. Denn ein Mensch zieht den anderen nach und keiner mehrere als ein Kind. Die
kleine Waise bedurfte der Wartung, des Unterrichts
und Umgangs; sie bedurfte des Raums zur Pflege,
zum Spiel, zur Aufnahme nachbarlicher Genossinnen
und deren erwachsener Sippschaft, die nicht spröde auf
sich warten ließ. Ein freundliches Gelaß mußte mit
den Tändeleien einer Kinder- später einer Mädchenstube
ausgefüllt, Gastzimmer und wohnliche Versammlungsräume mußten eingerichtet werden. Der neue Thurm
war zu eng und einfach für mehr als Eine; die anstoßenden Säle waren zu weit und prunkvoll für
Wenigere als eine Galaversammlung. Da gab es denn
Abtheilungen und Zwischenwände; wärmende Oefen
traten an die Seite der unzulänglichen Marmorkamine;
weiche Teppiche bedeckten die kältende Mosaik des
Bodens, bequeme Polstermöbel nahmen die Stelle der
harten, goldverzierten Sessel ein, duftende Blumengruppen die der modernden Potpourris und wackelnden
Chinesen auf den Consolen. Musik und Gesang ertönten in dem lange stillen Palast und ein modern
gefälliges Geräth bedeckte statt der barocken Silber- und Porzellangefäße die wohlbesetzte Tafel.

Und wie das Haus so die Gartenpracht. Die
gesammte todte Götterwelt, vor welcher die kleine
Hardine sich gefürchtet hatte, fiel ohne Gnade; die
drei- und viereckigen, lebendigen Gestalten, über welche
sie gelacht, als man sie Bäume nannte, machten unbeschnittenen Strauch- und Baumgruppen Platz; die
steifen Hecken, die glasgesäumten Schnörkelbeete, welche
den Tummelplatz der Kinderwelt beengten, verschwanden,
und weite Rasenplätze rundeten sich an ihrer Stelle zu
beiden Seiten der stattlichen Avenue. Junge Mädchen
lieben Blumen, und so entfaltete sich weiterhin bis
zum Waldesrande ein üppiger Flor; rings um den
Gutshof aber dehnten sich Gemüse- und Obstpflanzungen,
Glashäuser und Winterbeete, denn das gastliche Haus
bedurfte der Leckerbissen, welche die einsame Herrin
vordem nicht vermißt hatte. Anmuthige Sitzplätze
ladeten aller Orten zur Ruhe ein, eine einzige große
Fontaine inmitten der Terrasse spendete kühlend die
Wassermenge, welche die Ungethüme des Lustgartens
in zahllosen Fädchen ausgetröpfelt hatten, und die
Singvögel des Waldes flatterten bis an den Rand des
Bassins, wo freundliche Kinderhände ihnen Futter
streuten. Alles in Allem: unsere Reckenburg, ohne
ihren herrschaftlichen Ursprung zu verleugnen, hatte
sich in ein Heimwesen mit zeitgemäßem, bürgerlichem
Behagen umgewandelt, und wie hätte fortan ein Bedürftiger ohne Labe und Pflege von ihrer Schwelle
gewiesen werden sollen, wenn die kleine Hardine für
ihn „bitte, bitte“ sprach. Gut geartete Kinder geben
ja so gern und die kleine Hardine war ein gut
geartetes Kind. Als in den ersten dreißiger Jahren
die Cholera rings im Lande viele Opfer forderte,
und mit einem ihrer Katzensprünge nur unser Reckenburg, verschonte, da errichtete das Fräulein ein stattliches Waisenhaus und an dem Einsegnungstage ihrer
Pflegetochter wurden fünfzig kleine, vater- und mutterlose Mädchen darin eingeführt.

So ist die kleine Hardine nun ein erwachsenes
Dämchen geworden; und ein wechselnder Verkehr mit
Stadt und Land hat sich angebahnt und ausgedehnt
auch über Kreise, die sonst nicht zu der Tafelrunde
der Reckenburg gezählt worden waren; innerhalb dieser
Kreise werden, bei dem seit den Julitagen angeregteren
Zeitwesen, denn auch wohl Stimmungen laut geworden
sein, welchen die große Hardine in früheren Tagen
schwerlich Gehör geschenkt haben würde. Kurzum,
wohin wir blicken, da ist seit dem Eintritt des kleinen
Bettlerkindes in der vertrauten Umhegung allmälig das
Alte neu, das Verlebte jung geworden. Und so sehen
wir denn auch nicht mehr die goldene Kutsche mit dem
altersschwachen Schimmelzug, sondern ein leichtes Gefährt, mit raschem Zweigespann die Herrschaft und
ihre Gäste zu einander führen, und nicht mehr die gepuderten Heiducken, sondern ein flinkes, jugendliches
Völkchen versieht den Dienst in dem erneuten Haus.
Die periodischen Galafeste haben aufgehört, aber im
Schloß wie Dorf singt und springt die Jugend unter
dem Maienbaum und dem Erntekranz; die Schenke
streckt einladend ihren Arm in die Luft, die Kegel
rollen, die Krüge klappen, wenn auch mit Maaß; wir
sind noch immer eine ehrbare Colonie, aber doch andere Leute geworden wie jene, die den wandernden
Invaliden mit Wunderaugen betrachteten und die
stattliche Festcavalcade keines Blinzelns würdigten.
Es herbergte sich gut auch bei den Bauern von
Reckenburg; droben aber in den herrschaftlichen Gemächern lockte ein allempfundener Zauber die Gäste
herbei, denn die alte Dame lächelte gütig und die
junge war schön.

Indessen sie hieß noch immer schlechthin Hardine
Müller, sie nahm eine Stellung ein, die sich ebensowohl für die bevorzugte Gesellschafterin, wie für die
Verwandtin eines großen Hauses geschickt haben würde.
Ausbildung und Beschäftigungsweise hätten sie für das
Familienleben bürgerlicher Kreise geeignet gemacht,
Anstand und äußere Form möchte ein junger Cavalier
nicht unter seiner Würde gefunden haben. Und eben
weil sie so Verschiedenen gerecht schien, sah die Hoffnung jedes Besonderen sich eingeschränkt. Die Bürgerlichen schreckten die Ansprüche der aristokratischen
Pflegemutter; die Aristokraten schreckte die plebejische
Herkunft ohne verbriefte Zukunftsaussicht. Eine Zeit
lang glaubte man an eine Verbindung mit dem ältesten
Sohne des Grafen, einem, hübschen, flotten Cavalier.
Der junge Herr besann sich aber anders, er wählte
Eine, die ich weiß nicht wie viele Ahnen und nicht,
wie die kleine Hardine, zwar zehn Sperlinge auf dem
Dach, aber einen sicher in der Hand hatte. Es war
das zweifelhafte Erbe der Reckenburg, welches von
zwei Seiten die Bewerber zurückhielt, und so müssen
wir leider die Thatsache constatiren daß die liebliche,
vielbewunderte kleine Hardine in ihrem zwanzigsten
Jahre sich noch keines Heirathsantrages rühmen durfte.

Alle diese Freierzweifel fanden jedoch eine überraschende Lösung, als just in den Hochsommertagen,
wo vor zwölf Jahren die Waise des Invaliden an
dem Heerde der Reckenburg heimisch geworden war,
Fräulein Hardine die Verlobung ihrer Pflegetochter
bekannt machte. Der Auserkorene war ihr erster
Kindheitsgenosse, der uns bekannte, freundliche Gymnasiast, der aber nicht das geistliche Erbamt auf Reckenburg übernommen, sondern nach dem Tode seines
Vaters vor ein Paar Jahren die juristische Laufbahn
mit der öconomischen unter Fräulein Hardinens Augen
vertauscht hatte und jetzt als deren Gehülfe die Reckenburg verwaltete.

Manche heimliche Hoffnung wurde durch diese
Verbindung zerstört, manche neu belebt. Man nahm
sie als einen Akt der Verleugnung, wo man einen der
Adoption gefürchtet hatte. Nun und nimmermehr
konnte dieses Prototyp einer Edelfrau den Stammsitz
ihrer Väter, das Erbe, welches deren Namen in die
Zukunft leitete, auf die Familie eines Mannes übertragen, der als Bediensteter in ihrem Lohn und Brode
stand. Wer reines Blut in seinen Adern fühlte,
brachte ein Hoch aus auf die alte Reckenburgerin.

In wenigen Wochen waren Ludwig Nordheim
und Hardine Müller ein Paar. Die unruhige Spannung aber steigerte sich, als schon am Tage nach der
Hochzeit sich die Neuigkeit verbreitete, daß das Fräulein
von Reckenburg ein Testament übergeben habe. Sie
hatte es ohne notariellen Beistand abgefaßt, Siegelung
und jedwede gerichtliche Einmischung in die zur Zeit
ihres Todes bestehende Verwaltung untersagt, bis nach
dreißigtägiger Frist die Eröffnung stattgefunden haben
werde. Mit dieser letzten Clausel mochte es allerdings
Weile haben. Die Testatorin war an Geist wie Körper
kerngesund, kein Haar auf ihrem Haupte ergraut, der
stolze Nacken nicht um eine Linie gekrümmt. Sie zählte
sechszig Jahre, vielleicht auch mehr, aber sie schien auf
ein Jahrhundert angelegt.

Manche unserer heimischen Zeitgenossen werden
sich daher des allseitigen Staunens, ja Erstarrens erinnern — dem Herausgeber zittert heute noch die
Hand, nun er bei diesem Wendepunkt angelangt ist
— als am 21. September 1837 sich die Kunde von
dem Tode der letzten Reckenburgerin gleich einem Lauffeuer über die Landschaft verbreitete. So fern sie irgend einem gemüthlichen Zusammenhange außer ihrer
Flur gestanden, die Blicke und Gedanken von Hoch
und Gering hatten sich Geschlechter hindurch mit einem
allzu lebhaften und mannichfaltigen Interesse auf die
beiden ungewöhnlichen Schloßherrinnen geheftet, um
sich nicht wie von einem persönlichen Schicksale betroffen zu fühlen, als jetzt die Stelle, die sie eingenommen, plötzlich verödet war. Wer sollte diese Stelle
fortan füllen? Einzelne, wie Corporationen forschten
ängstlich nach dem leisesten Faden, welcher zu der bewährten Segensquelle leiten konnte. Jedweder sah
sich zu einer Hoffnung berechtigt um so mehr, als
keiner zu einem Anspruch berechtigt war, und nur
Glück oder Gunst ihm ein großes Loos in die Hand
spielen konnten.

Aber es waren nicht diese Glücksjäger allein. Ein
umfänglicher Gemeindeverband hatte eine Oberherrin
verloren, die sich sein Gedeihen zur Aufgabe eines
langen Lebens gesetzt; eine große Zahl Beamteter die
gerechteste Gebieterin, auch die Armuth eine milde
Versorgerin, seitdem durch die Hand eines Bettlerkindes die Tugend der Barmherzigkeit eine Sitte auf
Reckenburg geworden war, und es ist nicht zu viel
gesagt, daß Tausende mit beklommener Brust der
Stunde entgegensahen, die über die Wahl des Erben
von Reckenburg entscheiden sollte.

Keiner aber empfand diese Beklemmung tiefer als
das junge Paar, dessen sorgloses Glück durch den jähen
Tod einer Wohlthäterin so dunkel getrübt worden war.
Erst seit dieser Stunde fühlten Ludwig und Hardine
voll und ganz das Bedeuten ihrer frühen Verwaisung,
fühlten sie das Bangen der Heimathlosigkeit. Ein
warmes, weiches Nest hatte sie bis heute geborgen;
wo aber sollte die Hütte ihrer Zukunft stehen?

Unb es war nicht nur die zweifelhafte Zukunft,
nicht nur der Kummer der Gegenwart, es war auch
das Geheimniß der Vergangenheit, welches die Herzen der armen Kinder so ängstlich zusammenzog. Sie
allein von den Vielen, welche der letztgültigen Entscheidung über ihre Heimath mit Spannung entgegensahen, sie allein wußten, daß gleichzeitig das Räthsel
sich lösen sollte, welches der Waise des Invaliden eine
Freistatt in derselben eröffnet hatte.

Als an jenem unglückseligen Morgen die jungen
Gatten frohen Muths zum gewohnten Frühgruß in
das Zimmer ihrer mütterlichen Freundin traten, fanden sie dieselbe nicht wie alle Tage für ihren Geschäftsbetrieb gerüstet. Das Bett war unberührt, sie
selber aber saß im Nachtkleide zurückgesunken in dem
Lehnstuhle, der schon in ihrem Vaterhause gestanden hatte.
Auf dem Schreibtische vor ihr lag die alte Erbbibel
aufgeschlagen bei dem achten Capitel des Römerbriefes
und die Worte des vierzehnten Verses, „denn welche
der Geist Gottes treibt, die werden Gottes Kinder
heißen,“ waren sichtbarlich frisch unterstrichen. Neben
der Bibel aber fanden sie ein Manuscript, dessen
Aufschrift mit den gewohnten kräftigen Handzügen
lautete:

„Mein Geheimniß. Ohne Zeugen zu lesen von
Ludwig und Hardine Nordheim am Abend vor der
Eröffnung meines letzten Willens.“

Erst spät in der Nacht schien das Siegel auf
diese Mittheilung gedrückt worden zu sein, denn die
Lackstange wie das Reckenburg’sche Wappen zeigten
Spuren des kürzlichen Gebrauchs und die einzige
Kerze, welche dem scharfen Auge und der schlichten
Gewöhnung der Matrone noch immer genügte, war
tief herabgebrannt. Noch hatte sie die Flamme sorglich gelöscht, dann mit gefalteten Händen, im Rückblick
oder Aufblick, mochte sie noch eine Weile geruht haben
und so entschlummert sein. Nicht wie die Kinder
beim ersten Eindruck hofften, um wiederum zu erwachen, nein, eingeschlummert für immer. Ein Herzschlag hatte sie getödtet. Kein Zeichen von Kampf
oder Krampf entstellte die ruhigen Züge, ein leises
Lächeln umspielte die Lippen und auf den Wangen
war der letzte röthliche Hauch noch nicht entflohen.
Das todte Antlitz sah sich schöner an als einst das
lebende. Noch zeigte es das milde Entzücken des
Heimganges, jenen Adel der letzten Stunde, welcher
den Schmerz der Ueberlebenden zu ewigem Troste verklärt. Die letzte Reckenburgerin war geschieden vor
dem Hinsiechen einer Kraft, in bewußtem Frieden mit
Gott, mit seiner Welt und mit sich selbst.

Heute aber lief die Monatsfrist zu Ende, die sie
bis zur Enthüllung ihres langbewahrten Geheimnisses
anberaumt hatte. Die Sonne des Oktobertages neigte
sich und wir empfinden den feierlichen Ernst, mit
welchem wir die jungen Gatten, in tiefe Trauerkleider
gehüllt, die Terrasse hinabsteigen und schweigend den
Ulmengang bis zum Waldesrande verfolgen sehen.

Eine langgehegte Neigung des Herzens hatte
Ludwig und Hardine zusammengeführt und die Liebe,
sagt man ja, wählt blind. Aber auch der scharfprüfende Blick ihrer Beschützerin würde kaum zwei Menschen gefunden haben, welche, wie diese beiden, zur
gegenseitigen Ergänzung geschaffen schienen.

So klaren Auges, von so kraftvoller Structur
und Färbung, wie die des jungen Mannes, so hoch
aufgerichtet wie ihn, würden wir uns einen leiblichen
Sprossen des Reckenburger Stammes haben vorstellen
können. So sicher seiner selbst und rasch zur That
mußte der Gehülfe sein, welchen Fräulein Hardine
sich in ihrem Amte erwählt hatte. Der frohmüthige
Gymnasiast, der schon bei der ersten Begegnung das
Herz des wandernden Invaliden gewonnen hatte, war
ein ganzer Mann geworden und ein guter Mann.

Hardine aber, wie sie sich jetzt so dicht an den
einzigen Beschützer schmiegt, dessen Schulter der weiche,
goldglänzende Scheitel kaum erreicht, jeder Blick des
großen, feuchtschimmernden Auges eine Frage, jede Biegung der anmuthigen Glieder, jede Blutwelle unter
der durchsichtigen Haut der Ausdruck eines liebebedürftigen Gemüths: so gleicht sie der jungen Birke, deren
Laub im leisesten Hauche zittert und deren zarter Schaft
zusammenknicken würde, wenn Sturm und Wetter sich
nicht an dem hochragenden Wipfel des schützenden
Eichenbaumes brechen sollten.

Es war einer von den seltenen Tagen, deren
Sonnengold und Farbenspiel wir so dankbar als letzte
Gunst des Jahres genießen. Ludwig und Hardine erstiegen einen Hügel, der, zwischen Garten und Forst,
meilenweit über die Flußaue einen Ausblick bietet.
Die Herbstspinne hatte die Stoppeln der Felder mit
einem silbernen Netze verhüllt, die Zeitlose einen Violenschimmer über die noch immer saftgrünen Wiesen
gebreitet. Leise drangen die Glocken der abweidenden
Heerden herauf; die Spätlingsdüfte der Reseda mischten sich mit der Würze des Waldes, der in allen
Schattirungen des absterbenden Laubes und der immergrünen Nadeln die Landschaft umrahmt. Breit und
ruhig wallte der Strom, ein Spiegel reinster Himmelsbläue, bis er fern im Westen im Glänze der sinkenden Sonne verschwand; gegen Morgen aber stand
die feine Sichel des Mondes gleich einem Diadem
über dem schwärzlichen Tannenforst und aus dem
Grunde stiegen schon jene weißen Dunstschleier in die
Höhe, welche an die Ahnungen unserer Seele erinnern,
wenn Sang und Duft der Jugend erloschen sind.

Keine Jahresfärbung steigert die einfachen Formen unserer Landschaft zur Schönheit wie die des
Herbstes, und war es zum Lebewohl, war es zu einem
heimathlichen Glückauf, daß sie heute ihren blendendsten Schmelz entfaltet hatte?

Ludwig und Hardine hatten eine Weile schweigend das reichgesättigte Bild überschaut. Jetzt unterbrach der junge Mann die Stille; er faßte der
Gattin Hand und sprach mit einem Lächeln und herzerschließenden Klang der Stimme: „Ja, es ist eine
liebe Heimath, und es müßte köstlich sein, sich aus
eigenem Antriebe in ihr ein Bürgerrecht zu erwerben.
Aber trockne Deine Thränen, meine Hardine. Gehören wir nicht Eines dem Anderen? sind wir nicht
durch Sie zu froher Thätigkeit gewöhnt? Du wirst
auch anderwärts glücklich sein, mein liebes, sanftes
Weib!“

„Ueberall, Ludwig, überall mit Dir!“ flüsterte
sie, indem sie den hellen Kopf an seine Brust gleiten
ließ. Nach einer Pause aber setzte sie hinzu, und ein
Schauer überrieselte die schwanke Gestalt: „Es ist ja
nicht das, Ludwig, nicht das allein — —“ Sie stockte,
er aber sagte:

„Nein, es ist nicht das, und ich weiß, was es
ist, Hardine. Kein bangeres Geheimniß als das des
Blutes. Liegt die Zukunft verhüllt, die Vergangenheit
wollen wir klar überblicken, wollen die Ahnen kennen,
denen wir die Wohlthat des Daseins zu danken haben.
Und darum —?“

„Darum!“ hauchte die junge Frau.

„Darum,“ fuhr Jener fort mit einer stolzen Zuversicht, als gälte es einen Zweifel an der eigenen
Ehre zurückzuweisen, „darum sage ich Dir, was auch
die nächste Zukunft enthüllen mag, nun und nimmer
einen Makel auf dem hehren Bilde dieser Frau, die
uns beiden eine Mutter geworden ist.“

Die Gattin beugte sich und küßte des Mannes
Hand, zum Dank, daß er ihr ein frohes Bewußtsein
bekräftigt habe. Dennoch flossen ihre Thränen noch
immer. „Und mein Vater, Ludwig,“ schluchzte sie,
„mein armer Vater —“

„Dein Vater,“ versetzte Ludwig, „klammerte sich
in dem Schiffbruche des Lebens an den Strohhalm
einer Erinnerung, eines Wahns, um sich selber und
sein hülfloses Kind vor dem Versinken zu erretten.“

Die junge Frau schluchzte krampfhaft. Ihr Mann
küßte sie auf die Stirn und zog sie neben sich auf
eine Bank, über welche ein Ebereschenbaum seine
schweren Traubenzweige hangen ließ.

„Fasse Dich, mein Kind,“ sagte er. „Uns bleibt
noch eine Stunde. Laß uns die Enthüllungen, welche
wir vermuthen, durch unsere Erinnerungen vorbereiten. Niemals würde ich mir solch eine Aussprache
selber mit meinem geliebten Weibe gestattet haben, so
lange ihre Augen über uns wachten. Ich fühlte ihre
heimliche Mißbilligung. Heute aber, wo ihr eigener
Wille das Geheimniß brechen wird, heute frage ich
Dich: „Hat sie je gegen Dich der Vergangenheit erwähnt?“

„Niemals, niemals, Ludwig,“ betheuerte die junge
Frau.

„Und auch gegen mich nur mit einem einzigen,
ernsten, aber nicht enthüllenden Wort,“ sagte Nordheim, von der Erinnerung bewegt.

„An jenem glückseligen Morgen, wo sie meine
langgehegten Wünsche zum Ausdruck und zur Erfüllung brachte, da fragte sie mich: „Kennst Du die Abstammung des Kindes, Ludwig, dessen Schutz Du von
heute ab übernimmst?“ Und als ich die Frage bejahte, fuhr sie fort: „Sie ist in Ehren geboren; ihr
Vater war ein tapferer Soldat, dessen Wunden die
späteren Verirrungen decken. Sei auch Du ein tapferer Soldat und scheue nicht die Wunden in dem immerhin schweren Kampfe des Lebens.“ Das ist das einzige Mal, daß sie das Andenken August Müllers in
mir wach gerufen hat.“

Ludwig sprach eine lange Weile über jene erste
traurige Zeit. Das Gedächtniß des lebhaften, neugierigen Schülers hatte manches erfaßt und erfahren,
was dem blöden, kleinen Mädchen entgangen oder
entfallen war. Er scheute sich nicht, sie an ihres Vaters verwahrlosten Zustand und selber an ihren eigenen
zu erinnern, wie sie ein zitterndes, halbnacktes Vögelchen, fast stumpfsinnig von Entbehrung und Elend,
der Frau unter die Augen getreten sei, die ihren Abscheu vor jeder Art von Verkommenheit bisher noch
zu keines Menschen Gunsten verleugnet habe.

„Ich kann uns diesen Rückblick nicht ersparen,
mein liebes Herz,“ sagte er, „auf daß wir die Frau
verstehen lernen und ihre That. Frage Dich nun
selber, ob solch eine Erscheinung, mit dem unerhörtesten Anspruche sich zudrängend und sich des schmählichsten Unglimpfes nicht entblödend, ob sie die bisherige Natur, die bisherigen Grundsätze unserer Freundin
erschüttern, oder ob sie dieselben schärfen mußte?“

Weiterhin sprach er von den Folgen jener Begegnung. Erst in dieser Stunde erfuhr Hardine, mit
welchem Opfer die an Ehrerbietung gewöhnte Matrone ihr Geheimniß bewahrt habe und beider Wesen
beugte sich vor diesem schweigenden Heldenmuth, den
die junge Frau mit dem ihr geläufigsten Worte „Liebe“
nannte.

„Nein,“ so schloß Ludwig seine umsichtige Betrachtung, „nein, es war nicht, was Du Liebe nennst,
Hardine, nicht ein natürlicher Zug, welcher dieser Frau
ihrer strengen Lebensregel und der hochgehaltenen Meinung der Welt Trotz bieten hieß. Und es war auch
nicht der übernatürliche Trieb des Christen, der Schmach
und Verfolgung als eine Seligkeit auf sich nimmt.“

„Und was dann, Ludwig?“ hauchte die junge
Frau, „was dann?“

„Ein Geheimniß, wie sie es selber nennt, ein
Geheimniß, das, wenn es sich löst, uns lehren wird,
daß wir die Macht besitzen, auch gegen unsere Neigung das Rechte zu thun. Gewissen heißt sie, jene
himmlische Macht, auf welcher in erster Ordnung
alles Menschliche sich gründet. Diese Frau erfüllte
eine Pflicht. Sie erfüllte sie voll und ganz nach ihrer
großgeschaffenen Natur. Und wenn im Laufe der
Zeit der rückwirkende Segen der Liebe ihrer Tugend
entquoll, so sind wir zweimal ihre Schuldigen geworden: zuerst um des Kampfes willen, welchen sie
bestand, und dann um des Sieges willen, welcher sie
zu unserer Mutter machte.“

Ludwig Nordheim erhob sich nach diesen Worten,
ergriff die Hand seiner Gattin und fuhr nach einer
Pause mit warmer Bewegung fort: „Und darum,
meine Hardine, ehe wir das letzte Wort aus ihrem
Munde vernehmen, lege Deine Rechte in die meine
zu einem unverbrüchlichen Entschluß. Was diese Frau
uns enthüllen oder vorenthalten wird: wir wollen es
verehren als die Offenbarung einer Mutter; was sie
uns heißen oder verbieten wird, wir wollen ihm gehorchen, als dem Gesetz einer Mutter. Sollen wir
arm und auf uns selbst gestellt in die Fremde ziehen,
wir zweifeln nicht: es war die Weisheit einer Mutter,
welche den Stachel der Noth zu unserer Reife erkannte.
Zeigt sie uns einen Pfad: wir wandeln ihn; eröffnet
sie uns ein Amt: wir warten sein, stark durch den
Rückblick auf sie. Endlich aber, meine Hardine: wenn
unter ihrer Hand ein Bild sich entschleiern sollte, welches die Enkel verehren möchten und vor welchem sie
erröthend die Augen niederschlagen, so zählen wir unser Geschlecht von dem Tage an, wo diese Frau dem
losgelösten Kinde eine Freistatt in ihrem Herzen eröffnet hat; und wir wollen unsere Häupter hoch tragen, gerade darum, denn die freie Liebe einer Mutter
hat sich zwischen uns und den mächtigen Schatten gestellt.“

Er schwieg. Die Gattin hatte ihre beiden Hände
in seine Rechte gelegt und er hielt sie eine Weile
mit kräftigem Drucke umschlossen. Es war Abend
geworden; das letzte Roth verglüht, der erste Stern
am Horizonte aufgestiegen; die weißen Nebelgestalten
der Aue drangen immer dichter und dichter zu den
dunklen Föhrenwipfeln empor. Noch einen Abschiedsblick in die Runde, dann wendeten Ludwig und Hardine sich rasch und gingen schweigend, aber mit lebhafteren Schritten, als sie gekommen, dem Schlosse
zu. Ohne Aufenthalt betraten sie das einfache Thurmgemach, das noch unverrückt die Spuren des entschwundenen Lebens trug.

Fräulein Hardine hatte im Laufe des Sommers
einem namhaften Künstler zu dem einzigen Bilde gesessen, welches von ihr existirt und welches jetzt, seiner
Bestimmung gemäß, in dem Ahnensaale der Reckenburg das letzte Feld einnimmt. Von der kinderlosen
Erbauerin war dieser Platz dem fürstlichen Gemahle
zugedacht, um die Reihe mit einem Purpur abzuschließen. Nun weilt der Beschauer sinnend vor der schlichten Gestalt, welche der Künstler gut gemalt, aber besser
noch aufgefaßt hat.

Wir haben eine lange Reihe hinter uns. Zu
Anfang die nach Natur und Kunst ziemlich grobschlächtigen ritterlichen Damen und Herren in Schaube und
Barett, in Koller und Panzerhemd. Dann, zahlreich
vertreten, der Cavalier und sein Gespons, in Lockenperrücke und Zopf, uniformirt und besternt, Puder,
Toupet und Schönpflästerchen, tanzmeisterliche Haltung
und Höflingspas. Endlich die kleine Figur der Gräfin
mit dem scharfen Vogelprofil, ein neunperliges Krönchen in der hochgethürmten Frisur, wie sie vor den
Ruinen der alten Burg den Bauplan des neuen
Schlosses in der beringten Hand entrollt.

Die Spanne eines Jahrhunderts liegt zwischen
diesem Bilde und dem, welches die Reihe schließt.
Und welches Jahrhunderts! Mit Siebenmeilenstiefeln
rennt die gewaltigste Umwälzung, welche die Weltgeschichte kennt, an unserem Geiste vorüber. Der Fuß
thut einen Schritt, — und wir stehen vor der Gestalt
Fräulein Hardinens.

Alle Frauen der Galerie und selber die Mehrzahl
ihrer männlichen Vorgänger überragend, ist sie in
einer Waldeslichtung und im Vorwärtsschreiten dargestellt, den Blick mit ruhiger Zuversicht in die Gegend gerichtet, von welcher das Licht in die Scene
fällt. Schlicht gescheiteltes Haar, ein jagdgrünes
Gewand, in der Hand einen Eichenzweig: so wie wir
ihr täglich auf ihren Flurgängen begegnet sind. Auf
der Brust als einzigen Schmuck, das schwarzweiße
Ordenszeichen der Befreiungsjahre.

Ist es auch nur der Lauf und Ablauf eines Geschlechts, die Gesammtheit spiegelt sich uns in diesem
Einzelbilde. Unser Herz war beklommen, nun schlägt
es getrost. Wir fühlen uns gemahnt an jene Menschheitspfeiler, welche an die Gränze zweier Zeiten gestellt,
aus der alten hinaus die Brücke in eine neue
schlagen; gemahnt durch das gute Bild von unserem
Fräulein Hardine.

Dieses Bild war erst nach dem Tode der Dame
von dem Maler abgeliefert und von den Kindern, mit
einem Asternkranze umrahmt, für die heutige Weihestunde über dem Lehnstuhle befestigt worden, auf welchem
die Theure den letzten Athemzug ausgehaucht hatte.

Dem Bilde gegenüber nahmen sie ihren Platz
vor dem altväterlichen Eichentische, auf welchem die Bibel
bei dem achten Capitel des Römerbriefes aufgeschlagen
geblieben war. Hardine zündete die Kerzen an und
legte ihre zitternde Hand in die ihres Gatten.

Nach einem tiefen Athemzuge löste er die Siegel
des Schriftstückes, und ohne Unterbrechung als die
eines liebreichen Blickes auf die still weinende Frau,
oder auf das Bild in der Höh' las er den Inhalt,
den wir dem Leser vorausgegeben haben bis zu dem
Tode des Invaliden.

Das Geheimniß der Vergangenheit war enthüllt,
dem Geiste nach so, wie Ludwig Nordheim es der
Gattin vorausgekündigt hatte. Nur wenige Blätter
blieben noch in seiner Hand; er ahnte daß sie das
Gesetz für ihre Zukunft enthalten müßten und nach
einer langen, langen Pause las er den letzten Abschnitt
von der Geschichte der seltenen Frau.

Siebentes Capitel.
Der Jungbrunnen.

Das Schlußcapitel meiner Geschichte haben wir
miteinander durchlebt, liebe Hardine. Es wird Dir
wenig erzählen, dessen Du Dich nicht erinnertest, und
soll nur ein Facit sein von dem, was wir uns gegenseitig schuldig geworden sind.

Du glaubst, es sei eine warme Hand gewesen,
welche die Waise von der Leiche des Vaters unter
ein heimisches Dach geführt hat. Wie oft habe ich
mit Scham den Dank Deiner Thränen auf dieser
Hand empfunden! Mein Kind, es war ein sehr frostiges Geleit, und es hat lange gewährt, bis ich — Dich
lieben etwa ? — o nein, bis ich Deinen Anblick nur
ertragen lernte.

Es war ein Moment in meinem Leben, in welchem die letzte matte Spur von dem, was die Menschen Anzügliches für mich gehabt hatten, zu erlöschen
drohte. Das Schicksal, dessen Zeuge ich gewesen,
hatte mich erschüttert, nicht erweicht. Aus Liebe war
Dorothee zur Sünderin geworden; aus Liebe der
Mann, der sein ganzes Leben auf sie gestellt hatte,
ein Betrogener; in einem unbestimmten Drange der
berechtigtsten Empfindung August Müller zu einem
Ehrenräuber und Verleumder; und ich selber, hatte ich
nicht in der Jugend den sicheren Ankergrund meines
Lebens einer gefühlvollen Anwandlung preisgegeben, um im Matronenalter den Geifer der Welt als
gerechte Strafe dafür einzuernten? „Das Herz macht
uns zu Schwächlingen und Thoren!“ rief ich mit
einer Bitterkeit, wie ich sie niemals gekannt hatte.

Denn ich spürte den allseitigen Abfall von meiner Person um so tiefer, da ich ihn nicht zu spüren
schien, und da ich mich bis zum Letzten gegen seine
Möglichkeit gesträubt hatte. Keiner dieser Menschen
auch nicht der Graf, war meinem Gemüthe ein Verlust; nicht erst an ihrer Schätzung hatte sich mein
Selbstgefühl entwickelt. Aber Ehre und Ehrerbietung, gleichen sie nicht der Luft, die den Athem in der Brust
unterhält, den Athem, der um so stärker ringt, je
schwächer der Pulsschlag des Herzens den inneren
Kreislauf belebt? Alle diese Menschen, auch das
wußte ich recht gut, führte über kurz oder lang Eitelkeit und Eigennutz mit dem Schein der Ehrerbietung
zu mir zurück. Aber ich wußte auch, daß das Grundwesen der Ehrerbietung für alle Zeit vernichtet war.
Und die Ehre ist nicht selbstgenügsam wie das Gewissen, sie lebt nur durch und in dem Wiederstrahl.
Es ist ein einsames Feuer, das in dem Wartthurme
brennt, aber es leuchtet dem Schiffer zu seinen Füßen, und erlischt es, steht der Thurm als ein zweckloses Gehäus. Wie solch’ ein ausgelöschter Leuchtthurm kam ich mir vor.

Und was hatte ich als Entgelt dafür, daß der
Ehrenname der Reckenburg unter Spott und Hohn
verhallen sollte? Eine Aufgabe für den thatkräftigen
Sinn? Eine Herzenslust, ja, nur die Erinnerung
daran, — für welche schon Manche Ruf und Ruhe
in die Schanze geschlagen hat? Nun, die Versorgung
eines Bettlerkindes war kein Heldenstück für die reiche
Frau, die ohne Opfer, Hunderten ein Gleiches hätte
erweisen dürfen; aber eine Herzensfreude war sie noch
weniger, als ein Heldenstück.

Wenn es noch ein Knabe gewesen wäre! Ein
frischer, fröhlicher Gesell, wie Ludwig Nordheim etwa,
der sich zu einem tüchtigen Arbeiter auf meinem Felde
heranziehen ließ. Aber ein Mädchen! was sollte mir und
meiner Reckenburg solch ein schwächliches, zerbrechliches
Ding, das bestenfalls Stricknadel und Kochlöffel regieren lernte? Und ein verkümmertes, trübseliges Geschöpf obendrein, in dem kein Zug mich an das Paar
erinnerte, das mir den Jugendsinn der Schönheit erweckt und bisher allein befriedigt hatte. Gründete
ich dem Kinde eine bürgerlich behagliche Existenz, für
welche ich es, nach seiner körperlichen Erholung, in
einer braven Predigerfamilie erziehen ließ, so war
mein gegebenes Wort und damit meine Aufgabe gelöst.

Die Sorge für diese körperliche Erholung hatte
ich meiner Kammerfrau übertragen, auf die ich mich
verlassen durfte, wie auf mich selbst. Denn „gleiche
Herren, gleiche Diener,“ das Axiom galt seit der
Neubegründung der Reckenburg. Das Kind wurde
gekleidet, genährt, gebadet, gepflegt auf ein Titelchen
nach der Vorschrift des Medicus oder meinem eigenen Befehl, mit der nämlichen Accuratesse, wie meine
Wäsche gebügelt, oder meine Zimmer entstäubt wurden; aber auch nicht einen Funken über den Diensteifer hinaus. Ich konnte dessen versichert sein, ohne
nachzuschauen. Indessen schaute ich nach, so oft ich vor
und nach meinen Flurwegen auch die Gesindestuben
im Parterre revidirte. Es fehlte an keiner Schuldigkeit und das Kind war sichtlich gesund. Aber es
hockte müde, mit leeren, wässerigen Augen im Ofenwinkel, oder in einer sonnigen Ecke auf der Terrasse,
sprach ungefragt kein Wort, und legte gleichgültig das
Spielzeug bei Seite, das man ihm in die Hand gegeben hatte. „Das Kind ist idiot!“ sagte ich, indem
ich ihm den Rücken wendete.

Monate waren in dieser Stimmung vergangen,
die häßlichsten, weil hoffnungslosesten meines Lebens.
An einem Novembermorgen erhielt ich das königliche
Patent, das mich zur gnädigen Frau erheben sollte.
Ich erkannte die gute Absicht, eine verpfuschte Sache
wieder in's Schick zu bringen, schrieb meine Danksagung und legte den huldreichen Akt zu den Akten.

Später als andere Tage trat ich daher meinen
Flurgang an. Auf der Terrassentreppe saß das Kind.
Seine Augen, gewöhnlich halbbedeckt und schläfrig
geradeaus gerichtet, waren heute groß zum Himmel aufgeschlagen, an welchem die Sonne noch hinter einem
Nebelflor um den Durchbruch kämpfte. Der Blick
frappirte mich; ich ging schweigend vorüber, aber nach
etlichen Schritten kehrte ich um, und fand das Kind
noch in dem nämlichen Aufschauen, unbekümmert, daß
der schwarze Neufundländer, mein häufiger Begleiter,
seine Bekanntschaft suchte, indem er das Frühstückbrödchen aus den kleinen Händen zu sich nahm.

Ich konnte den Blick nicht los werden. Es war
zum erstenmale, daß meine Gedanken sich mit dem
Kinde beschäftigten. Ich kürzte meinen Morgengang
ab, kehrte des nämlichen Wegs zurück und stand still
vor einem Bildchen, das, wäre ich ein Maler gewesen, ich augenblicklich skizzirt haben würde.

Die Kleine saß noch auf derselben Stelle, und
der große, schwarze Hund geduldig neben ihr. Sie
hatte die Aermchen um seinen Hals geschlungen, und
den Kopf in sein zottiges Fell gewühlt. Die Sonne,
die jetzt klar und fast sommerwarm niederschien, breitete einen Goldschimmer über das lose flatternde Haar;
ich bemerkte erst jetzt, daß es sich anmuthig kräuselte,
daß auch die steckenartigen Glieder sich gebleicht und
gefüllt hatten, und die Bäckchen, die im Augenblick
ein leises Roth überhauchte, sich kindlich zu runden
begannen. Ein friedliches Behagen prägte sich aus
über der kleinen Gestalt. Bei meinem Nahen hob sie
die Augen zu mir auf, belebt und dunkelblau; sie
lächelte zum erstenmale unter meinem Dach, —
vielleicht zum erstenmale im Leben.

„Das Kind friert. Es braucht Wärme!“ sagte
ich, und von dem Tage ab wohnte und schlief es in
meinem Erkerthurm, der gegen die Mittags- und
Abendsonne gelegen und allein von der langen, glänzenden Zimmerflucht warm, und allenfalls wohnlich
eingerichtet war.

Nun aß ich mit der Kleinen an einem Tisch, nun
sah ich sie Morgens und Abends in ihrem Bett, nun
merkte ich auf die Entwickelung des zarten Keimes.
Lange freilich noch nicht mit der bewußten Liebe des
Gärtners, der ein Samenkorn zum Pflänzchen auferzieht, aber doch mit einer Art von neugierigem Verlangen: ob es wohl zur Blüthe kommen wird? Sie
wurde täglich weißer, runder, gefälliger anzusehen.
Manchmal rief ich überrascht: die Dorl! Aber sie
drehte sich nicht wie die Dorl, lachte nicht, schwatzte
nicht, spielte nicht wie sie, und der große, schwarze
Hund war ihr einziger, aber treuergebener Freund.

Ich hatte mit dem Prediger einen Unterrichtsversuch verabredet, der nach Neujahr mit dem schwächlichen Geiste angestellt werden sollte. Am Nachmittag
des Weihnachtsheiligabends kam er zu mir, die Kleine
zur Christbescheerung einzuladen, die sein Sohn, als
Feriengast, heimlich aufgebaut hatte. Im Schlosse
wurde nicht bescheert; das Dienstpersonal erhielt sein
ausbedungenes Geldgeschenk und ein stehendes Festgericht. Im Uebrigen glich der Freudenabend der
Christenheit allen anderen Abenden des Jahres.

Der junge Herr Ludwig hatte den Vater begleitet und blieb bei dem Kinde, während ich mit jenem
in Gemeindeangelegenheiten noch einen Gang durch’s
Dorf machte. Als wir zurückkehrten, saß der junge
Herr im Fenster, durch welches die Sonnenstrahlen
schräg in das Zimmer fielen, und das Kind saß auf
seinen Knieen, die Händchen in den seinen, den Kopf
an seine Brust gelehnt, und die Augen leuchtend zu
ihm aufgeschlagen; er hatte eben eine hübsche Legende
vom Christkindchen zu Ende gebracht. Mir war es
niemals eingefallen, der Kleinen ein Märlein oder
Stücklein zu erzählen; wüßte auch wahrlich nicht, wie
mir eines hätte einfallen können.

Ich ließ das vorräthige Spiel- und Naschwerk
nach der Pfarre tragen, und begleitete, obgleich nicht
mit eingeladen, das Kind hinunter. So lange ich
meine Winter regelmäßig auf Reckenburg verlebt, also
seit sechsunddreißig Jahren, hatte ich keine Christbescheerung angesehen, und fürwahr, es muß ein Zauber
aus dem lichterglänzenden Tannenbaum strahlen, ein
Zauber, der eine heilige Familienfreude weckt. Die
zäheste alte Jungfer wird zur Mutter, während sie
die Christlichter brennen sieht, und die Würze der
Nadeln mit der des Wachsstocks, der Früchte und
Süßigkeiten gemischt, dies unvergleichliche Weihnachtsgedüft ihr in die Nase steigt.

Und wie feierlich spielte und sang nun Herr
Ludwig am Clavier: „Vom Himmel hoch da komm'
ich her!“ und wie künstlerisch hatte er seinen Lichterbaum aufgeputzt, wie geheimnißvoll die Bescheerung
vertheilt, wie lieblich das Christkindchen in der Mooskrippe gebettet! Eine muntere Schaar aus dem Schul- und Forsthause war als Festgenossenschaft eingezogen,
und — wißt Ihr’s noch? — wie die kleine Hardine
wett mit ihr Ringelrund um den Weihnachtstisch
tanzte, wie sie spielte, lachte und ihrem Meister nach
„o Tannenbaum, o Tannenbaum“ zwitscherte, so frisch
und fröhlich, wie der Anderen keins? Als sie aber
spät Abends an der großen Hardine Hand über die
im Mondlicht glitzernde Schneedecke, durch das todtenstille Dorf, in das todtenstille Schloß zurückkehrte, da
erzählte sie ihr Wort für Wort die Geschichte vom
Christkinde, die sie heute zum erstenmale von freundlichen Lippen gehört und im Bilde geschaut hatte und
in dem alten Herzen regte sich zum erstenmale das
Ahnen der Gotteserscheinung nicht blos in dem Einen
gnadenreichen, aber in jedem hülflosen Menschenkinde.

„Die Kleine ist nicht idiot,“ sagte ich, als ich
vor Schlafengehen sie mit purpurnen Wangen und
raschem, kräftigem Athem in ihrem Bettchen liegen
sah, „aber sie braucht Erregung und Freude.“

Trotz der Sabbathfeier stellte am ersten Festtage
ein Lehrmeister auf Schloß Reckenburg sich ein. Nordheim junior, als Substitut für seinen vielbeschäftigten Herrn Papa. Und als der Substitut am Feste Epiphanias seine Würde niederlegte, da wußte das Wunderkind zwölf Märchenstücklein und sämmtliche Buchstaben, wie auch Grundzahlen am Schnürchen herzusagen. Der Fortschritt erlahmte ein wenig unter der
Methode des älteren Professors, regelmäßig aber während der festlichen Ferienzeit rannte er mit Siebenmeilenstiefeln voran, namentlich in der rhetorischen
Kunst. Als das verhängnißvolle Königsfest jährig
ward, da dachte ich nicht mehr daran, die kleine Anwärterin des Kochlöffels in einer braven Predigerfamilie zu versorgen, sondern dankte Gott, daß ich sie,
als Schatz des neuen Thurmes, hüten durfte.

Nun aber war es erstaunlich, welche niegekannte
Bedürfnisse ich dem bescheidenen Kinde Tag für Tag
zu befriedigen fand, wie mit jeder Befriedigung der
Hunger nach neuen Bedürfnissen wuchs, und wie das
nüchterne, einförmige Leben allmälig so bunt und
mannichfaltig ward rings um mich her. Das Kind
braucht Behagen und Freiheit, es braucht Gespielen
und Freunde, Blumen und Vögel, Sang und Klang;
es braucht Almosen für die Armen und Obdach für
die Waisen, die es sich nachgelockt hat; alles in Eins
gefaßt: das Kind braucht Liebe!

Wenn wir das Leben bedeutender Menschen, wie
es die Geschichte, oder der Dichter uns vorführt, überschauen, so finden wir in heißen Jugendkämpfen, in
Lust und Leid ein aneignendes Streben, ein Drängen
aus der eigenen Persönlichkeit heraus und in die der
Anderen hinein, bis denn am Ende, nach mancher
Verirrung, befriedigt oder entsagend, das Ich zur
Ruhe kommt, die Heldenmäßigen selbstvergessend für
eine Gesammtheit wirken, Denker und Dichter beschaulich das Ganze, wie das Einzelne an sich vorüberziehen lassen.

Aber nicht bloß bei diesen Auserwählten, auch im
Alltagslauf zeigt sich wohl eine beschränktere, aber
keine abweichende Entwickelungsart: Freude, Wünsche,
Sehnsucht, Anschluß in der Jugend, und im Alter
Entsagen, Vereinsamen, bescheidenes Zurückziehen in
den Beruf, in den Mechanismus der Stunde und bei
den Glücklichsten unter uns: in die Religion.

Mich hatten Natur und Schicksal den entgegengesetzten Weg geführt. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, trat ich ohne Tanz und Spiel, ohne Genossen, ohne Streit, außer dem flüchtigen mit einem
Traumgespinnst, ohne weitabführende Irrung, trat ich
in einen männlichen Beruf, in ein Wirken für Andere
mehr als für mich selbst, und fühlte mich durch dieses
Wirken beglückt bis in die Matronenjahre hinein. Erst
in dem Alter, wo Andere weiße Haare tragen, regte
sich der versäumte Jugendsinn, regte sich ein unbestimmtes Bedürfen, das über das Schaffen hinaus,
mich einem natürlichen Zusammenhang verbände.

Und dieses späte, kaum verstandene Bedürfen, es
wird gestillt wie durch ein Wunder. Aus der gesammten, reichen Welt, die mir die Auswahl bietet, ist es
die verlassenste, die armseligste Creatur, ein Stein des
Anstoßes auf meinen Weg geschleudert, die sich mir
an das Herz schleicht, es umspinnt, es weckt, es füllt
bis auf die letzte Falte; die alle Ansprüche verdrängt,
alle Wünsche überbietet, die ohne es zu ahnen, die
alte Umgebung verwandelt, die verlebte Gewohnheit
umbildet, die breite Fülle der Gegenwart, junge Geschlechter, natürliche Freuden und das Walten der
Liebe an die Stelle der erstarrenden Regel setzt.

Meine liebe Hardine, wer ist dem Anderen mehr
schuldig geworden, die hülflose Waise, die in dem Hause
der reichen alten Frau eine Kindesstelle fand; oder
ist es die reiche, alte Frau, die durch das Bettlerkind Jugend, Liebe und Freude hat kennen lernen, die durch
dieses Kind eine beglückte Mutter und erst ein Weib
geworden ist?

In einen einsamen Born, kühl und durchsichtig
wie ein Crystall, da ist einmal ein Staubkorn gefallen, das Samenkorn einer Blüthe, die Niemand blühen
sah. Lange, lange Jahre hat es auf dem Grunde
geruht, und plötzlich treibt es verwandelt empor, und
es trübt sich der klare Spiegel. Aber des Himmels
Lichter brechen sich farbig in der verdunkelten Fläche;
ein erster grüner Keim drängt über sie hinaus; bald
ragt ein Blatt in die Höhe, bald eine blaue Blume
von anlockendem Duft; es lebt und webt in dem einsamen Born, es ist Frühling in ihm und über ihm
geworden, rings umher Farbe und Würze, Vogelsang
und wärmender Sonnenstrahl. Es klingt wie ein
Märchen, was dem alten Born geschah.

Und darum, meine Kinder, — nicht weil ein
fremdes Schicksal der Entschleierung harrte, — darum
habe ich meine Geschichte ein Geheimniß genannt,
und habe „die Logik der Natur“ verehrt als eine
Hülfe der Gnade.

Die kleine Welt, welcher unsere Reckenburg ein
gewohnter Zielpunkt geworden war, konnte deren allmälige Neuerung nicht entgehen, und männiglich hat
man in dem Fremdling, der sie unbewußt hervorlockte,
die Erbin nicht nur des über kurz oder lang herrenlosen Besitzes, sondern auch des erlöschenden Namens
der Reckenburg vorausgesetzt.

Es ist mir aber niemals in den Sinn gekommen,
dem alten Baume, der nach Gottes Willen absterben
sollte, dieses neue Reis aufzupfropfen. Ich habe
einen alten Adel als einen zuverlässigen Stützpunkt geehrt; ich achte einen neuen Adel gleich
einer Seifenblase. Junge Geschlechter mögen nach
haltbareren Basen trachten. Nun und nimmer aber
würde ich mit dem Klange eines Namens eine Täuschung verewigt haben, welche durch eine vorlaute
Hoffnung geweckt, durch ein halb pflichtmäßiges, halb
trotziges Schweigen genährt worden war. Die letzte
Reckenburgerin will auch nicht mit dem Scheine einer
Unehrlichkeit in die Grube steigen.

Ebensowenig aber dachte ich daran, die Last eines
großen Besitzthums so schwachen Schultern, wie den
Deinen aufzubürden. Ich war durchaus nicht gewillt,
mein Werk als eine Quelle des Behagens auch dem
geliebtesten Menschen zufließen zu lassen. Es war ein
Amt, ein Treugut, das ich übertrug, und Du bist ein
Weib, Hardine, dessen Kraft erwächst aus der Kraft
des Herzens, dem es sich zu eigen giebt. „Das
Kind braucht Liebe,“ sagte ich. „Liebe es denn frei
aus seinem Gemüthe heraus, ohne bindende Pflichten,
als die, welche diesem Gemüthe entkeimen.

Es geschah daher nicht geflissentlich, daß ich
die Zweifel über Dein zukünftiges Verhältniß zur
Reckenburg unterhielt; nein, ich hegte diese Zweifel
selbst. Du warst geartet und erzogen, um Dich jedem Zusammenhange der gebildeten Stände einzufügen, und man durfte voraussetzen, daß meiner Pflegetochter zu einer sicheren Bewegung in diesem Zusammenhange die materielle Ausstattung nicht gemangelt
haben würde. Einen reichen Mann, oder einen armen, einen alten Namen, oder einen neuen, einen beschaulichen Charakter, oder einen thätigen: das Herz hatte
freie Wahl, das Erbe der Reckenburg war unabhängig von derselben.

Es soll indessen nicht verhehlt sein, daß ein Zusammentreffen der beiden Abschlußakte meines Lebens,
daß namentlich eine Verbindung mit dem gräflichen
Hause, mir als Wunsch vor der Seele stand, und
bleibe es dahingestellt, ob der alte Namensklang nicht
einen heimlichen Zauber übte. Es hält gar schwer,
mit eingelebten, geistigen Gewöhnungen, Vorurtheile
genannt, tabula rasa zu machen, und es ist auch gar
nicht nöthig so mit Schaufel und Harke sein Stückchen Lebensboden zu planiren; wenn nur in der entscheidenden Stunde das Urtheil stirnhoch über dem
Vorurtheil und das Herz auf dem rechten Flecke steht.

Heimlich also, es ist möglich, lockte der alte
Namensklang, unter dem der neue verschwinden sollte;
laut aber, das ist gewiß, sprach das Verlangen,
eine getäuschte Erwartung nachträglich in Erfüllung
zu bringen. Ich schätzte den Grafen mehr als jemals
in seinem erweiterten staatsmännischen Wirkungskreise;
ich kannte ihn als den Einzigen in meiner Umgebung,
der, so rücksichtslos er sich gegen einen bösen Schein
geberdet, nicht einen Augenblick an mir gezweifelt
hatte. Ich sah das Wohlgefallen des stattlichen, jungen Cavaliers an meiner Hardine, und wenn ihr Herz
sich dem seinigen zuneigte, warum sollten die Vortheile,
welche die Eltern erstrebt hatten, am Ende nicht durch
die Kinder zu erreichen sein? Meine arglose Hardine,
Du hast meine Wünsche und Bestrebungen in dieser
Richtung nicht bemerkt, und heute danke ich Gott, daß
Du sie nicht bemerktest.

Denn als es mir klar wurde, wie des Grafen
Standessinn vielleicht schwach genug war, um sich
vor dem verbrieften Reckenburgischen Erbe in meines
Kindes Hand zu beugen; aber zu stark, um sonder Erröthen dieses Kind in ein Vaterhaus zu führen, als
ich den jungen Herrn nur in seinen Schwächen als
den Sohn, seines Vaters kennen lernte; endlich aber,
als ich sah, wie Hardinens Lippen bei der unerwarteten Fahnenflucht lächelten, und wie sie gleich darauf
den Blick vor eines Anderen Blicke senkte, da fiel die
letzte Binde vor meinen Augen und mindestens die eine
Hälfte meines Abschlußaktes war im Stillen festgesetzt.

Ludwig Nordheim, mein Heimathskind, war der
Enkel meines milden Freundes, und der Sohn meines kräftigen Mitarbeiters; ich hatte mit Vertrauen
Beider Grundlagen sich schon im Knaben zu einer
heiteren Harmonie vereinigen sehen, und gar wohl den
Reiz eines ersten Märchenerzählers auch in einem anderen Herzen gespürt. Aber sie waren Kinder dazumal, Jahre der Entfernung, der Entfremdung vielleicht, darüber hingegangen, und als er in die Heimath zurückkehrte, war es um Abschied zu nehmen von
dem Grabe seines Vaters und auf sich selbst gestellt,
sich einen Weg durch’s Leben zu schlagen.

Eine tüchtige Kraft, einen frohen Willen, die
treue Liebe zu der heimathlichen Flur, und — jenes
Erröthen meines Kindes, was brauchte ich mehr, um
ihn zu fragen, ob er der alternden Frau ein Gehülfe
in ihrem Tagewerke werden wolle? Und was brauchte
er mehr, um Ja zu sagen und manchen frischen Trieb
in das sich verjüngende Gehege einzupflanzen?

Nun aber erst, in dem freudigen Zusammenspiel
der Herzen, wurde es um mich her so warm und lebendig, so bunt und neu. Die Gegenwart erschien mir
so lieblich; ich mochte an die Veränderungen der Zukunft gar nicht denken. „Es hat noch Zeit,“ sagte
ich, zögerte von Tage zu Tage mit einem abschließenden Plan, und Gott weiß, wie lange ich noch gezögert haben würde, wenn nicht ein Strahl von Außen,
— oder nenne ich's von Oben? — das behagliche
Selbstvergessen durchbrochen hätte.

Erinnerst Du Dich noch, Ludwig, des Nachmittags,
es ist heute sechs Wochen, als Du zu mir tratest mit den
Worten: „Da bringt die Zeitung den Nekrolog des berühmten Doktor Faber. Ich wußte nicht, daß er Ihr
Landsmann gewesen ist, auch Ihr Zeitgenosse könnte
er noch gewesen sein. Haben Sie ihn gekannt, Fräulein von Reckenburg?“

Du wurdest im nämlichen Augenblick zu einem
Geschäfte abgerufen, und das ersparte mir eine Antwort, für welche mir der Athem gestockt haben würde.
Der erste und noch der einzige Jugendgenosse war vor
mir dahingegangen!

Ich nahm das Blatt zur Hand und überlas den
Artikel. Er war gestorben nach rascher Krankheit den
dritten August. Der dritte August! Ihr wißt, was
dieser Tag mir bedeutete. Darf man an solche Schicksalsdaten glauben? soll man sie als ein verwirrendes
Spiel des Zufalls von sich weisen? Entscheidet's nach
Eurem Gemüth, aber — die Glocke schlägt Eins, —
seltsam! — es ist der zwanzigste September, der Tag von
Valmy, an dem ich diese Aufzeichnungen zu Ende bringe.

Und weiter las ich: der Mann, wie zwölf Jahre
früher seine Gattin, war geschieden ohne Erben, ohne
verwandtschaftlichen, oder nahe befreundeten Zusammenhang. Kein ehrfürchtiges Gefühl wurde demnach
verletzt, wenn ich Dir, Hardine, und dem, welchen Du
liebtest, jetzt sagte: „Die Gattin dieses Mannes war
Deines Vaters Mutter.“

So hatte denn der alte Zauberer Tod die alten
Gestalten noch einmal vor mir wach gerüttelt, und
die ernsthafte, vergangene Zeit drängte sich in meine
heitere Gegenwart hinein. Wunderbar aber, wie sich so
Bild nach Bild im Zusammenhange entrollte, da erschien mir auch das Deine, Hardine, plötzlich in einem
neuen Licht.

Wohl war ich durch Deinen Anblick so manchesmal an die reizende Dorothee erinnert worden. Ich
sah ihren lockigen Goldscheitel auf Deinem Haupt,
manchen ihrer Züge, die fragenden Kinderaugen. Aber
Deine Augen fragten nach etwas Anderem, als die
ihren, Deine Gestalt war größer, die Farbe matter, und
der stille Ernst der Bewegungen machte das ähnelnde
Bild zu einer besonderen Erscheinung. Nein, es war
nicht die Enkelin Dorotheens, es war einfach das Kind,
das sich in das sehnende Herz genistet hatte.

An jenem Abende nun sah ich in meinem Kinde, —
zwar auch nicht die Enkelin Dorotheens — aber zum
erstenmale die Enkelin des Mannes, zu dessen Erbe
die alte Reckenburgerin den Stammsitz ihrer Väter
neu geschaffen hatte, des Mannes, der, hätte er gelebt, der geliebten Mutter seines Sohnes in diesem
Erbe eine Heimath bereitet haben würde. Mir war
zu Sinn, als ob ich nur ein Treugut für die rechtmäßige Besitzerin verwaltet habe.

Unter diesen alten Erinnerungen und neuen Vorstellungen schlief ich endlich ein und — träumte.

Ich bin in meinem Leben, weder wachend noch
schlummernd, viel von Traumgesichten behelligt oder
beseligt worden, und ich brauche auch nicht zu versichern, meine Kinder, daß ich mich für nichts weniger, als eine Visionairin halte. Ich war an jenem
Abend bewegt wohl, doch ohne Aufregung, kerngesund
eingeschlafen, und kerngesund, wie noch in gegenwärtiger Stunde, wachte ich am anderen Morgen auf;
aber mit dem deutlichen Bewußtsein eines Traums.

Welches Traums? Mich däucht, ich hätte ihn
malen können, könnte ihn heute noch malen, und doch
war es etwas Unbeschreibliches, Unendliches, das man
nur fühlt, nicht sieht. Soll ich sagen ein wogendes
Meer? oder eine blendende Wolke, die von einem
Throne niederwallte und wie mit einem durchsichtigen
Schleier vier Gestalten überwob, die Hand in Hand
auf ihren Knieen lagen und ihre Blicke in die Höhe
richteten? Diese Gestalten aber, ich sah sie so deutlich,
wie ich sie je im Leben gesehen hatte, es waren Siegmund Faber, Dorothee, ihr Sohn und ihres
Sohnes Vater. Und eine Fünfte trat zu ihnen, um
zwischen dem Letzten und Ersten die Kette zu schließen, diese Fünfte aber war ich selbst. Der leuchtende
Schleier überwallte auch mich und es flüsterte unter
seiner Hülle wie Luftgesäusel: „Denn welche der
Geist Gottes treibt, die werden Gottes Kinder heißen.“

Unter diesem Geflüster erwachte ich, und es
währte eine Weile, bis ich mich besann, daß nur
die Fontaine in der Morgenstille plätscherte, und daß
das leuchtende Meer, das mich umwogte, die aufsteigende Sonne sei, welche die Nebel der Aue übergoldete.

Rasch erhob ich mich nun. Mein Puls schlug
ruhig und kräftig, wie alle Tage, wie diese Stunde
noch. Aber es war etwas in mir lebendig geworden,
das mich unaufhaltsam vorwärts trieb. Hatte ich bis
heute gesagt:„Es hat Zeit!“ heute sagte ich: „Es ist
Zeit!“ und ich wußte ohne Besinnen, für was es
Zeit geworden war.

An jenem Morgen, Ludwig, nahm ich das längst
geahnete Wort von Deinen Lippen, und am Abend
begann ich diese Aufzeichnungen. An dem Tage aber,
an welchem ich das Kind meines Herzens für Zeit
und Ewigkeit Deiner Mannestreue übergeben hatte,
an diesem Tage schrieb ich mein Testament.

Es wird dasselbe Euch eröffnet werden, sei es in
Wochen, sei es in Jahren, an dem Morgen, nachdem
Ihr diese Blätter gelesen habt, und Ihr werdet nur
die wenigen Worte darin finden: „Die Erbin meiner
gesammten Hinterlassenschaft ist meine Pflegetochter,
Hardine Nordheim, geborene Müller.“

Ich lege das Erbe der Reckenburg in die Hand
der Enkelin, wie meine Vorfahrin es in die Hand des
Ahnen gelegt haben würde. Ich lege es in die Hand
der Gattin meines bewährten Mitarbeiters. Ich lege
es aber auch in die Hand des Kindes, das in dem
einsamen Weibe die Liebe einer Mutter erweckte, und
ich lege es vor Allem in die Hand der Waise, mit
welcher der Geist der Liebe seinen Einzug in meine
Flur gehalten hat. Ich thue es ohne bedingende
Clausel, denn ich bin der Herzen meiner Kinder in
ihrem Amte gewiß.

So sei denn dieses Vermächtniß die Krone über
dem Werke des abgestorbenen Geschlechts. Sein
Wahrspruch walte in dem jungen Stamm unter den
umwandelnden Strömungen der Zeit, und der Geist
der Gottesgemeinschaft wirke und wachse zum Segen
von Kind auf Kindeskind.

Mitternacht war vorüber, als dieses Schlußwort
verhallte. Mit erhobenen Händen knieten Ludwig und
Hardine vor dem Bilde der letzten Reckenburgerin zu
einem erneuerten, heiligen Verspruch. Und bis heute
sind sie ihrem Gelöbniß treu geblieben.