Jung gefreit
Band 1
I.

Hast du auch alles Handgepäck, Salome? Vier Stück zählte der Portier in die Droschke – laß sehen, ein Schirmpaket –«

»Hier – Tante Klärchen sitzt darauf!«

Ein leiser Schrei im höchsten Diskant. Tante Klärchen schnellte empor, daß sich ihr stolzer Schellenbaum von Straußfedern auf dem Hut an dem Wagendach rund wie eine Neune bog.

»Ich sitze darauf? – Gott sei Dank, es hat kein Malheur gegeben!« –

»Nein, alles in Ordnung, deine fünfundfünfzig Pfund knicken keinen Bambus!« – Die Sprecherin, eine stolze, imposant wuchtige Erscheinung mit leicht ergrautem Lockenhaar über der Stirn, sah mit einem leicht spöttischen Lächeln auf die hagere Schwester nieder, die sie ihr Leben lang als »Nestputtch« – oder »sitzengebliebenen Pudding« verhöhnte. Klärchen streckte die spitze Nase und das spitze Kinn noch spitzer vor und bemerkte anzüglich: »Nein, ebensowenig wie deine zweihundertfünfundfünfzig Pfund jemals eine Linde oder Eiche knicken konnten, liebe Erna!« –

Die liebe Erna wurde kirschrot vor Zorn, sowohl im Gedanken an ihre ehemaligen treulosen Verehrer, den Leutnant von Linde und den Assessor Eichberg, als auch über die Taktlosigkeit der Schwester, an diese schmerzlichen Punkte ihres Lebens zu rühren. Sie steckte die Hände mit strammem Ruck in die Taschen ihres Sportjacketts und warf den alten Kopf mit dem jugendlichen Jägerhütchen herausfordernd in den Nacken.

»Knicken konnte? Nicht knicken wollte, meinst du wohl, kleine Giftkröte?« – fuhr sie mit ihrer tiefen Stimme auf: »Es ist allerdings ein billiges Mittel für den Neid – – –«

Sie verstummte und schnellte nach der andern Seite herum. Ihre Nachbarin, eine tief verschleierte nonnenhaft in grau gehüllte Erscheinung, hatte sie in den Arm gekniffen. – »Menagiert euch –« klang es tonlos hinter der undurchsichtigen Gaze hervor, »wir sind nicht allein.«

Und der Kopf der Sprecherin machte eine feierliche Bewegung gegen das junge, zuerst angeredete Mädchen, das neben Tante Klärchen auf dem Vordersitz der Droschke saß.

Salome schien aber gar nicht beachtet zu haben, welch ein Kampf neben ihr zu entbrennen drohte, sie neigte das rosige Gesichtchen unter dem eleganten, sehr einfachen Reisehut dicht an das Wagenfenster, und schien in schwärmerisches Bewundern der prächtigen Magazine und Ladenfenster versunken.

»Also das Schirmpaket ist da!« fuhr Erna, die Waffen streckend fort, warf ihrem Gegenüber Klärchen noch einen vernichtenden Blick zu, und nahm sich vor, sie nachher beim Aussteigen tüchtig auf die Füße zu treten. »Nr. 2 war eine kleine Handtasche, wo ist sie?«

Salome schlug die blauen Augen sinnend auf. »Hier unten, vor meinen Füßen steht sie, liebe Tante,« sagte sie, weich und mild wie Frühlingswehen.

»Bon, und die Hutschachtel?«

»Bei dem Kutscher draußen auf dem Bock.«

»Aber es waren vier Gepäckstücke!«

»Gewiß! Das Paket aus der Buchhandlung, das du für Tante Sidonie mitbringen solltest?«

»Richtig – ein kleines Buch schien es … mein Gott, wo mag es hingeraten sein?«

»Steht mal alle auf!«

»Unmöglich, Erna – jetzt, in der engen Droschke!«

»Willst du sie erst auf den Leisten schlagen lassen? Noch gibt's die Harmonikadroschken erst in den fliegenden Blättern!«

»Au! Erna! – Tollpatsch! – Trampele mir doch nicht so mit den Elefantenhufen auf den Füßen herum!« empörte sich Klärchen, bereits jetzt schon der Rache der dicken Schwester zum Opfer fallend.

»Elefantenhufe!! – Glaubst du, die indische Kavallerie ließe die Dickhäuter beschlagen? Allerdings – wenn man es im Leben nur bis zur zweiten Klasse gebracht hat –«

»Besser als wie in Fett und Weisheit zu ersticken!«

Abermals wogte der graue Gazeschleier mahnend auf. – »Bitte, menagiert euch. – Euer Streit schafft das Buch nicht herbei. – Habt ihr es gefunden?«

»Nein!«

Salome vergaß alle ihre Schwärmerei und tastete mit nervöser Hast umher. – »O Himmel, es wäre schrecklich! Tante Sidonie verzeiht es mir ja nie, sie ist so sonderbar – hält alles für böse Absicht – und Mama ließ in ihrem Briefe durchblicken, daß Tante Sidonie das Buch gewiß zum Konfirmationsgeschenk für Rose bestimmt hat!!«

»Selbstverständlich, wieder irgendein so entsetzlich frommer Schmöker! Solchen Unsinn dreht sie jedem ihrer unglücklichen Patenkinder zur Konfirmation an!«

»Erna! – Unterlaß solche schamlose Bemerkungen!« Die graue Nonnengestalt an ihrer Seite wurde plötzlich lebendig: »Du weißt, daß du mit deinem Spott über Sidonies fromme Richtung auch mich beleidigst!«

Klärchen nickte triumphierend Beifall, Erna aber zog eine ihrer derben Grimassen und lachte hart auf: »Na ja! Ihr habt ja beide denselben Sparren, Pardon – das hatte ich vergessen! – Na, da wirst du diesmal auf dem Gebetbüchlein sitzen und es andächtig ausbrüten! – Sieh da … hahaha … da hast du es ja hübsch angewärmt – – edle Seelen finden sich! … Hahaha … Hier, Salome! Klärchen »besitzt« das »Überspannte« und Martha mit dem Tränenblick das »Fromme!« – Wenn ich als Kind etwas auswendig lernen wollte, legte ich mir das Buch unter den Kopf – Martha scheint eine andere Methode zu haben – sicherlich die, die gleich ›vor- und rückwärts‹ auswendig hersagen läßt!«

Erna warf sich in den Wagen zurück und belachte ihre Witze mit dröhnender Stimme, Klärchen schoß vor und tuschelte über Salome herüber etwas in das Ohr der Verschleierten, deren Hände wie im Fieber bebten.

Das junge Mädchen aber nahm hochaufatmend das versiegelte Buch in Empfang, zerrte ihre Handtasche empor und schloß es vorsichtig darin ein.

Jetzt hielt der Wagen.

Er bildete erst ein paar Minuten in der Reihe der anfahrenden Droschken vor der Bahnhofshalle Spalier, dann riß ein Dienstmann den Schlag auf und rief: »Wollen die Damen noch mit dem Schnellzug ›Halle-Berlin‹ mit? Dann aber marsch, marsch, hurra! Sonst pfeift er Ihnen vor der Nase weg!« –

»Um Himmels willen – ich muß noch mitfahren!« schrie Salome entsetzt auf – »ach bitte, bitte, helfen Sie!«

»Schon so spät? – Selbstverständlich, Erna mußte ja erst noch eine Stunde lang Löckchen brennen!«

»Und Fräulein Kläre frühstückte erst – als ob sie sechs Wochen fasten sollte –.«

»Nichtswürdige Verleumdung!«

»Und das heilige Marthchen sang noch eine Morgenandacht –.«

»Empörend! – Ich sage dir, Erna –«

»Ja, meine Damen, wenn Sie erst noch eine Stunde lang streiten wollen, ist der Zug schon in Kassel, bis Sie einsteigen!«

Salome faßte den Sprecher beschwörend am Arm.

»Wo ist der Billettschalter, lieber guter Herr Dienstmann?« – jammerte sie, und ihre blauen Augen standen vor Angst hoch unter Wasser.

»Kommen Sie mal mit, Fräuleinchen – he! Konrad, mal flink das Gepäck hier – und nun vorwärts, vorwärts, meine Damen!«

Die drei streitbaren alten Schwestern schossen in ihrer Wut und Eile jede nach einer andern Richtung davon – hielten nach etlichen Schritten und stürmten Salome und dem Dienstmann nach, denn jede war eifersüchtig auf die andere und wollte ihr nicht das Verdienst gönnen, die junge Nichte »sorglich und aufopfernd« behütet und spediert zu haben.

Noch einmal entbrannte vor dem Billetschalter der Kampf, wer die Fahrkarte für das »Kind« lösen sollte, aber Salome hatte schon ihr Portemonnaie in die Hand des Dienstmannes gedrückt, und als Martha mit dem Recht der Ältesten den beiden anderen Ohrfeigen anbot, tauchte der blaue Kittel der braven Nummer 25 schon wieder vor ihnen auf und händigte Salome das Billett ein.

»Nun zum Gepäck! Kommen Sie mal immer mit, Fräuleinchen! Alle Wetter! Wozu haben Sie denn die drei alten Kollis zur Überfracht hierher mitgebracht?« lachte er in den Bart – »die Damen sind ja viel zu cholerisch für so knappe Zeit! – Lassen Sie den Spektakel nur hinter sich – vielleicht haben wir Glück und verlieren sie im Gedränge!«

Diese Hoffnung war eine eitle. Die drei Tanten flatterten in wilder Hast hinter dem, ihrem Schutze anvertrauten Küken her, und waren Gottlob in dem Stadium allerhöchsten Zorns, in dem sie sich nicht mehr die Ehre eines Wortes antaten.

Und endlich stand man vor dem Zug, an dem der Schaffner schon die Türen schloß.

Zum erstenmal waren die Tanten einig: »In ein Damencoupé!« – schrien sie im Chor.

Damencoupé! – Salome seufzte auf, aber sie flog dem winkenden Schaffner entgegen und sprang in den Wagen.

Leer! – Gottlob leer!

Die Tanten kamen keuchend nach. – Salome trat an das offene Fenster und wollte noch einmal für alle Güte und Gastfreundschaft danken – da pfiff es bereits.

»Kind, vergiß nicht, du mußt in Merseburg umsteigen!« – rief Tante Martha mit gellender Stimme, und die beiden anderen ärgerten sich, diese Warnung vergessen zu haben und wiederholten im höchsten Eifer: »In Merseburg umsteigen!«

»Ich sagte es dir ja schon vorhin!« – setzte Erna voll Triumph hinzu.

»Gestern abend machte ich dich schon darauf aufmerksam!« – überbot Klärchen sie voll giftiger Ironie.

»Lüg' doch nicht so –«

»Ich lüge nicht – aber gewisse andere Leute.«

Die Sprecherinnen verstummten – ein Herr ging langsam an ihnen vorüber und musterte sie.

Wie mit einem Zauberschlage verwandelten sich die haßfunkelnden Augen und bösen Mienen.

»Tausend Grüße zu Haus, mein Liebling! Hoffentlich hast du dich in unserem traulichen Nestchen wohlgefühlt!«

»Es war reizend bei euch, Tantchen!« stotterte Salome und fühlte, wie sie bei dieser Lüge dunkelrot wurde.

»Komm bald wieder zu uns Verlassenen – Einsamen!« flötete Klärchen sentimental.

»Und bestell' Rose meine treuesten Segenswünsche zur Konfirmation – mein Gebet ist bei ihr!« hauchte die Nonne Martha salbungsvoll.

»Zur Konfirmation komme ich nicht! Aber zu deiner Hochzeit, Kleine!« lachte Erna forsch; »ich bin mehr fürs Heiraten!«

»Das merkt man!« – zischte Klärchen heimlich: »Willst du dem Herrn da drüben nicht gleich einen Heiratsantrag machen?!«

»Nein – wenn du neben mir stehst, nimmt er mich nicht – dein Anblick verdirbt den Geschmack an dem Ewigweiblichen!«

Salome wandte abermals das Köpfchen diskret von dieser unerquicklichen Szene ab. Gottlob – die Pfeifen schrillten, der Zug ruckte an.

»Also in Merseburg umsteigen!« – tönte es ihr noch einmal dreistimmig nach – und das letzte, was das junge Mädchen von den Tanten sah, war deren zornige Überraschung, den Ruhm dieses gewichtigen Befehls abermals mit den anderen teilen zu müssen. Salome trat hochaufatmend zurück und sank in die Wagenecke nieder.

Sie preßte einen Moment die schlanken Händchen gegen die Stirn, als wolle sie alle Gedanken, die während des kurzen Aufenthalts im Hause der Tanten wie scheue Vöglein davongeflattert waren, wieder sammeln.

Es war überstanden – die schreckliche Zeit bei diesen ewig zankenden, fried- und freudlosen drei alten Damen lag hinter ihr. Nur zwei Tage waren es gewesen, aber Salome waren deren Stunden so lang geworden, als ob es Jahre gewesen seien, und wenn ihr der Begriff »unverheiratet sein« – schon in der Pension ein recht beängstigender gewesen, der Aufenthalt im Hause der Tanten hatte ihn zum Schreckgespenst gemacht. Salome war noch viel zu jung, um schon die Ausnahmen einer Regel erfassen zu können. Das unglückliche Verhältnis, in dem die drei unverheirateten Tanten lebten, und die daraus entspringende Sucht, einem solchen unerträglichen Zusammenleben noch jetzt durch eine Heirat zu entrinnen, erachtete das Pensionsbackfischchen als Illustration zu jedwedem alten Jungferndasein.

Hätte sie Gelegenheit gehabt, in so manch trauliches behaglich schönes Altjungfernstübchen zu schauen, wo die Blumen am Fenster in ewigem Frühling duften, wo es hinter blanken Bronzestäben zwitschert und flötet und überall sichtbar ein Geist der Liebe und des Friedens waltet – sie hätte das Gesichtchen nicht so schaudernd in die Polsterecke der Eisenbahn gedrückt. Und hätte sie gar in manch eleganten Salon geschaut, wo bei Kerzenglanz und üppigem Behagen eine Schar heiterer Gäste schwelgt, wo sich besternte Exzellenzen vor einer alten Jungfer neigen, wo Leutnants bei schäumendem Sektglas für die »famose alte Regimentstante« schwärmen und die jungen Mädchen begeistert die welken Hände ihrer grauhaarigen Freundin küssen, die trotz ihrer Jahre mit der Jugend jung sein und fühlen kann – sie hätte vielleicht die blauen Augen überrascht aufgesperrt und lachend gerufen: »Solch ein Altjungfernleben lasse ich mir gefallen! Das ist ja entzückend und lockt zur Nachahmung!«

Aber Salome hatte weder den einsamen Frieden eines Erkerstübchens, noch die lebensfrohe, gastliche Heiterkeit eines eleganten Hauses kennengelernt, in dem eine alte Jungfer es der Welt beweist, daß in vielen Fällen »heiraten gut – aber nicht heiraten noch besser ist!«

Salome war in einer Schweizer Pension erzogen. Die Verhältnisse in ihrem Elternhause hatten es seinerzeit bedingt, daß das junge Mädchen den letzten »Schliff der höheren Tochter« fernab von ihrem Elternhause erhielt.

Ihr Vater stand dermalen als Major in einer kleinen Garnison, die wenig Gelegenheit bot, eine junge Dame in all den vielen nützlichen und unnützen Wissenschaften auszubilden, die manche moderne Mutter für die Bildung ihrer Töchter als notwendig erachtet.

Auch Frau von Welfen erklärte ihrem Gatten mit dem sanftesten Augenaufschlag und ihrem unwiderstehlich liebenswürdigen Lächeln, daß man sich wohl oder übel der allgemeinen Richtung anschließen und Salome für etliche Jahre in Pension schicken müsse.

»Aber warum denn, Dora?« seufzte kopfschüttelnd ihr Mann. »Du bist doch sonst ein so vernünftiges, unbeeinflußtes, kluges Frauchen, das sich niemals von der närrischen Mode Gesetze diktieren ließ, warum wurdest du mit einemmal ihr Sklave?!«

Frau Dora zog den Sprecher neben sich auf das Sofa nieder und blickte ihn mit den schönen, seelenvollen Augen nachdenklich an. – »Ja, warum, Ernst! – Das habe ich mich selber oft gefragt, in der Hoffnung, mir die so sehr unliebsame und unsympathische Anforderung der Mode ausreden zu können, denn eine Modesache und nichts anderes sind diese leidigen Pensionen, die ein Kind dem Elternhause entfremden. Aber ich bin immer zu demselben Resultat gekommen. Die kleinen Verhältnisse unserer hiesigen Geselligkeit zwingen uns dazu. Alle anderen jungen Mädchen sind in Pensionen geschickt, ehe die eitlen Mütter sich entschlossen, sie auszuführen, und die Kinder kamen mit einer so bestechenden und blendenden ›Politur‹ zurück, daß es für unsere einfach erzogene Salome gar nicht möglich wäre, im Küchenschürzchen neben diesen Salondamen zu bestehen. Wir beiden Alten haben leider keine Talente. Wo sollte unsere Älteste es lernen zu singen, zu malen, Sprachen zu sprechen und mit sonstigem Wissen und andern schönen Künsten zu brillieren, wenn wir sie nicht darin unterrichten lassen?«

»Malen – singen – schnitzen – punzen und dausenderlei Gelehrsamkeiten, die eine brave Mutter und Hausfrau nie nötig hat.«

»Ganz recht, Männchen! Auch ich halte die meisten dieser Kunststückchen, dieses ›von allem etwas und von allem nichts‹ für sehr überflüssigen Ballast bei einem Mädchen, das bei unseren heutigen sozialen Verhältnissen mehr denn je eine gute Hausfrau sein muß, um ihren Hausstand wacker und verständnisvoll durch all die namenlosen Ansprüche und Anforderungen der heutigen Zeit zu lavieren. Salome ist ein so empfindsames und mimosenhaftes Gemüt, daß sie es nicht ertragen würde, geistig und künstlerisch weit hinter ihren Altersgenossinnen zurückzustehen. Und das würde der Fall sein, wenn ihre Freundinnen alles können, und sie selber nichts. Sie könnte uns mit Recht Vorwürfe machen, daß wir ihre Ausbildung vernachlässigt haben, und einen solchen Vorwurf eines Kindes würde ich nicht ertragen. Wie gesagt, die Verhältnisse hier sind zu eng und klein. – Das Hergebrachte schreibt hier die Gesetze, und sich ihnen entziehen, hieße dem Kinde den Grund und Boden unter den Füßen nehmen. Sie möchte Dinge, die sie in der Geselligkeit einer Großstadt nie begehren würde, sehr schmerzlich hier vermissen, denn in unserm Städtchen bedarf der gesellige Verkehr viel äußerer Anregungsmittel, um erträglich zu sein. Was sollten wir bei all den Abendgesellschaften schließlich noch anfangen, wenn Fräulein von Hauf nicht Zither – Lorchen nicht Klavier – Elschen nicht Geige spielte! – Wenn nicht gesungen und deklamiert, nicht Theater aufgeführt würde und geistreiche Spiele Gelegenheit böten, Schulkenntnisse zur Schau tragen zu können!«

Frau von Welfen hielt lächelnd inne und sah ihren Mann forschend an: »Du würdest es ja selber am wenigsten ertragen, Alterchen, wenn dein Liebling als ein ungeschicktes Gänschen bespöttelt und über die Achseln angesehen würde.«

Nein, der Major hätte es allerdings nicht ertragen, das sah man schon seinem grimmigen Gesicht an, das er bei den letzten Worten seiner Frau machte. Und so kam es, daß Salome nach Lausanne in ein Pensionat geschickt wurde.

Sie schrieb entzückte Briefe. Alles in der neuen Umgebung machte ihr Freude, sogar das Lernen. Und diese Freude am Fleißigsein war es, die die Eltern bestimmte, sie auch ferner dort zu lassen, als sich die Verhältnisse im Hause des Majors ganz unerwartet änderten. Er erbte ein schönes, schuldenfreies Rittergut. Er erhielt es, wie man das große Los gewinnt, unvermutet – über Nacht.

Sein Patenonkel hatte durch mehrere, schnell aufeinanderfolgende Unglücksfälle drei blühende Söhne in das Grab sinken sehen. Die einzige Tochter lebte in kinderloser Ehe, wurde Witwe und kränkelte; ein inneres Leiden griff unaufhaltsam um sich und schloß jede Hoffnung auf Genesung aus. Da hatte der tiefgebeugte alte Mann seines Paten gedacht, und den Major von Welfen zum Erben des Grundbesitzes eingesetzt.

Und der denkwürdige Tag kam, an dem der Vater Salomes ein Gerichtsschreiben in der Hand hielt, das ihn zum Rittergutsbesitzer machte. Er begriff dieses Glück kaum, er, der sein Leben lang in zwar wohlgeordneten, aber doch sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt hatte. – Seine Gesundheit war seit dem Feldzuge nicht immer die beste gewesen, und da er viel praktischen Sinn und Anlage für sparsame Ökonomie hatte, folgte er dem Wunsche seiner Frau, nahm den Abschied und siedelte in die neue Heimat, das herrlich gelegene Jeseritz, über.

Wohl fiel es Frau Dora unendlich schwer, die älteste Tochter auch jetzt noch entbehren zu müssen, sie machte den Versuch und redete Salome zu, heimzukommen; aber selbst die interessante Neuheit des Gutes konnte den Zauber von Lausanne nicht brechen.

In flehenden Briefen bat sie die Eltern, ihren Aufenthalt in der Pension nicht abzukürzen.

»Lola von Mentsikoff, Kitty Ailway und die entzückende kleine Pariserin Juliette Colombier bleiben auch noch ein und ein halbes Jahr hier! Wir können uns nicht trennen, wir sind so sehr, sehr glücklich zusammen, und unser Leben in dem Pensionat ist so unvergleichlich schön! Sei nicht böse, liebes, liebes Herzmuttchen – und du auch nicht, Väterchen! Weihnachten komme ich ja sechs Wochen zu euch – wenn ihr wollt, auch acht –- und dann bringe ich meine Bilder mit, meine ersten Ölbilder, von denen Mr. le professeur sagt, sie sind Proben eines seltenen Talentes! – Oh, und meine Stimme! – Sie entwickelt sich so gut, ich singe schon schwere Arien – Koloratur – auch Oratorien! Wie freue ich mich, in der Dorfkirche mit Begleitung der Orgel das ›Ah rivolgi o casta diva! fausto il ciglio à voti miei!‹ zu singen! Ihr sollt Eure Freude daran haben! Auch mein göttliches, sonniges, wonniges Lausanne! Es gibt nichts Schöneres, als auf den See, den blauen, flimmernden hinauszuträumen, als die weiche Luft dieses Paradieses zu atmen, als den ganzen unbeschreiblichen Zauber solcher unvergleichlichen Stadt zu genießen!«

Frau Dora ließ mit tiefem Aufseufzen den Brief sinken. Salome war eine sehr sensible, schwärmerisch veranlagte Natur, leicht beeinflußt und sehr empfänglich für die Eindrücke, die ihr imponieren oder ihre Sentimentalität anregen.

Wollte man sie jetzt mit Gewalt zurückholen, würde sie zeitlebens an der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese kranken, sie würde die Sehnsucht der Eltern als grausamen Egoismus empfinden und stets im Herzen vorwurfsvollen Groll hegen, daß man sie mitten aus dem besten Lernen und Studieren herausgerissen. Nein, Frau von Welfen war eine zu klug und logisch denkende Frau, um nicht der Eigenart ihrer Tochter gerecht zu werden.

»Salome muß freiwillig und gern in ihr Elternhaus zurückkommen, sonst wird es nicht zum Segen für sie … Verlassen ihre Freundinnen das Pensionat, kehrt auch sie ungezwungen und dankbar zurück.«

Frau Dora hatte nie viel Sympathie für Mädchenpensionate gehabt. Ein erklärliches Gefühl mütterlicher Eifersucht mischte sich jetzt noch in diesen Widerwillen, gepaart mit der Eitelkeit einer guten Hausfrau, die ihre Tochter nicht nur von fremden Lehrern in der Kunst, sondern mit eigenen Händen und eigenem Wissen in den ebenso wichtigen Fächern des Haushaltes ausbilden will.

Salome hatte sie von sich geben müssen – ihren kleinen Liebling, ihr Nesthäkchen, die frische, lachende Rose würde sie nie und nimmer in die Welt hinausschicken. Von ihr trennte sie sich nicht.

Wenn die älteste Tochter mit all den schönen, idealen Künsten ausgestattet, heimkehrte, sollte Rose ihr zeigen, daß es auch eine gar treffliche Kunst ist, einen guten Braten, Fisch und Pudding auf die Tafel zu liefern, einen Haushalt zu regieren und im Leinenschrank besser Bescheid zu wissen als unter den Klassikern im Bücherspind.

Gott sei Lob und Dank, Rose kam all den Wünschen der Mutter mit ausgebreiteten Armen entgegen.

Nichts war dem wilden, übermütig frischen Mädel lieber, als in Haus und Hof herumzuwirtschaften. Die Schulbücher haßte sie ebenso innig wie die Gouvernante, die sie damit versorgte; aber in der Küche, im Kuh- und Hühnerstall, im Keller und auf dem Boden war sie in ihrem Element.

Niemand hatte sich mehr über die neue Gutsheimat gefreut als Rose. Haus, Garten und Feld waren ihr Wirkungskreis, und mochte Salome in noch so überschwenglich phantastischen Bildern von Lausanne schwärmen – Rose rümpfte spöttisch das Näschen und reckte mit bubenhafter Energie die runden Arme. – »Ich käme um in all dem poetischen Schnickschnack! Ebenso gräßlich schön wie Salomes Briefe duften – riecht es gewiß in dem ganzen Lausanne!… Veranda sitzen – malen… singen … Konzerte … französisch plappern … Pfui Deiwel! – Da lobe ich mir hier meine Freiheit ohne Lackschuhe und Glacéhandschuhe! Mutterchen, wenn du es mir jemals antun würdest, mich in den Pensionskäfig zu sperren – ich spränge am ersten Tage schon in den See!«

Frau Dora küßte zärtlich und glückselig ihre wilde, kleine Hummel, aus deren strahlenden Augen die ganze süße Kindlichkeit einer unverdorbenen Natur lachte. Um dieser weichen Arme willen, die sich so ungestüm und doch so zart um ihren Nacken schlangen, um dieser roten Lippen willen, die übermütig keck und dennoch überquellend von Liebe versicherten: »Ich gehe nie von dir fort, Mama – nie!« – verzieh sie ihrer Ältesten, daß ihr Lausanne lieber geworden war als die Heimat. – – – –

Salome hatte sich etwas von ihrer Aufregung erholt und tiefaufatmend den weichen Filzhut von den goldblond lockigen Haaren gezogen.

Die Hände fest ineinandergeschlungen saß sie ein Weilchen regungslos da, nur erfüllt von dem beseligenden Gefühl, dem entsetzlichen Hause der drei Tanten entronnen zu sein.

Welch ein unerträglicher Kontrast zu Lausanne! Dort alles zarteste Feinheit und Eleganz, ideale Freundschaft, Heiterkeit und Lebenslust, Jugend und Frohsinn inmitten einer zauberischen Natur, und hier bei den Tanten schauerliche Prosa, Zank und Streit, saloppe Negligés und Papilloten, Herrschsucht, Neid und Bosheit – und versteckt hinter dem allen die fieberhafte Sucht, trotz der vorgeschrittenen Jahre noch zu heiraten.

Der Wechsel war ein zu schroffer gewesen, um nicht auf Salomes weiches Gemüt den Eindruck des Ungeheuerlichen, Unerträglichen zu machen! Die Abschiedstränen hatten ihre Augen sowieso schon verschattet, darum sahen sie alles kohlpechrabenschwarz, was ihnen sonst nur grau –- ja bei einigem guten Humor vielleicht ganz spaßhaft erschienen wäre.

Aber Salome sah nur die Existenz dreier alten Jungfern, und der Eindruck, den sie davon empfing, nährte die etwas überspannten und romanhaften Ansichten, die sie im Verkehr mit den internationalen Freundinnen zu den ihren gemacht hatte.

Der Einfluß dieser Freundinnen war nicht gerade der beste gewesen. Namentlich die kleine Französin trug viel ungesunde Pariser Luft in das Zimmerchen der drei Pensionärinnen. Sie war es, die die Eitelkeit nährte, oberflächliche und sogar etwas frivole Passionen kultivierte und den natürlichen und idealen Sinn ihrer Genossinnen verdarb. Allzu strenge war die Aufsicht in der Pension nicht, denn die Inhaberin huldigte dem bekannten Prinzip, daß der Zweck die Mittel heilige. Je besser es den jungen Mädchen bei ihr gefiel, desto länger blieben sie, desto mehr schwärmten sie für ihren Aufenthalt und trugen Lob in die Welt hinaus.

Sie drückte ein Auge zu – und die zumeist französischen Lehrerinnen lächelten, wenn Studenten oder interessante Touristen mit der Keckheit unbekannt Reisender vor der Villa Fensterparaden machten. Offiziell war man entrüstet, wenn es bemerkt wurde, aber bei der sittlichen Entrüstung blieb es. Ein Courmachen par distance war ja eine harmlose kleine Freude, die man ben großen Mädchen gönnen konnte. Flogen Billetts und Rosen über das Gitter, waren sie aufgesammelt, ehe sie bemerkt wurden.

Juliette war ein kokettes, weniger hübsches als pikantes Mädchen, das aus den Salons der Mama eine recht leichte Moral mitgebracht hatte. Sie hatte zu lange schon mit kindlicher Neugier in Paris hinter die Kulissen der Boudoirs eleganter Frauen gelugt, um nicht von deren Gifthauch berührt zu sein. Und nun trug sie die Bazillen dieser moralischen Seuche hinein in die Pension. – Was nützte die »strengste Aufsicht«, die Madame für ihre Pensionärinnen zugesichert, wenn Mlle. Juliette auf den Spaziergängen oder daheim in stiller Abendstunde die schlüpfrigen Geschichten ihrer Pariser Beobachtungen den Mitschülerinnen zum besten gab? – Wenn sie heimlich die verbotenen französischen Romane einschmuggelte und darin exzellierte, Madame ein Schnippchen zu schlagen und hinter dem Rücken der Lehrerinnen kleine Abenteuer zu bestehen? In den Augen der andern jungen Mädchen wurde sie dadurch zur bewunderten Heldin des Tages. Die Russin, deren Familienverhältnis daheim auch nicht die musterhaftesten waren – sie erzählte voll Naivität, daß maman jeden Sommer mit einem Freund in das Bad reise – war begeistert von der »amüsanten« Freundin Juliette, und diese räumte mit dem Reste kindlicher Unschuld auf, die noch in der Seele des frühreifen Mädchens zurückgeblieben war. Die Engländerin war eine wirklich vornehme, etwas phlegmatisch veranlagte Natur, und daß sie sich inniger an Salome anschloß als die beiden andern, war ein Glück für letztere.

Es liegt ein Etwas in dem deutschen Blut, das das französische Gift unschädlich macht: Auch Salome hörte die Pariser Erlebnisse und las die Romane von Zola, aber ihr fehlte das tiefere Verständnis dafür, und die Ansteckung glitt an dem Panzer ab, der die sorgsame deutsche Erziehung, die heilige Lauterkeit ihres Vaterhauses, um ihr junges Herz geschmiedet hatte. Salome verstand zu wenig von dem Reiz der Verworfenheit, um ihn verderblich auf sich wirken zu lassen. – Erzählten Juliette und Lola von den pikanten Szenen, die sie abends am Schlüsselloch des Boudoirs erlauscht, ging es wie ein Schauer des Schreckens durch die Seele des deutschen Kindes. Salome sah dann im Geist das fromme, liebe Antlitz der Mutter, wie es sich über ihr Bettchen geneigt, mit dem Liebling zu beten, und dieses ferne, längstgesprochene Gebet bewährte jetzt noch seinen heiligen Zauber, es stellte sich wie eine schützende Mauer zwischen das Herz des jungen Mädchens und das Laster.

Der Frieden, die keusche Frömmigkeit und Liebe, die das Elternhaus Salomes geweiht hatten, so lange sie zurückdenken konnte, wurden ihr hier in der Fremde zum Segen. Sie kannte keine Schlechtigkeit und Verworfenheit aus Erfahrung, und die Phantasie fehlte ihr, sich in Situationen hineinzuversetzen, die sie nicht verstand. So prallten die tödlichen Pfeile der Versuchung machtlos an ihr ab, wenngleich noch manch häßlicher Staub in den reinen Kelch der deutschen Lilie flog und seinen ursprünglichen Glanz verdunkelte. Manche verschrobene und ungesunde Idee blieb dennoch in Salomes Köpfchen zurück.

Die Eitelkeit. – Juliette hatte gesagt: »Der größte Triumph für ein Mädchen ist, so schnell wie möglich zu heiraten; alte Jungfer werden ist horreur.«

Salomes fiebrischer, sehnsüchtiger Wunsch war es nun, so schnell wie möglich diesen Triumph zu feiern und den Freundinnen die Verlobungskarte zu senden. Über den tiefernsten Schritt des Heiratens, über die schwerwiegenden Konsequenzen des ewigen Findens und Bindens war ihr noch nie ein Skrupel gekommen.

Man heiratet, um frei zu sein, um sich ohne die lästige Aufsicht der Eltern und den fatalen Zwang der Etikette amüsieren zu können. Als Mädchen muß man sich überall in acht nehmen und den Schein wahren – als Frau kann man tun und lassen, was man will. – So lauteten Juliettes Theorien.

Und weil sie Salome imponierten, glaubte sie daran. Ein gut Teil Schwärmerei und die Sentimentalität der achtzehn Jahre kamen bei ihr hinzu. Sie träumte Romane – Romane überspanntester Art. Sie kannte noch keine Männer, hatte keinerlei Menschenkenntnis, sie bildete ihre Romanhelden nach den verschwommenen Bildern, die sie sich aus unverstandener Lektüre mit Hilfe ihrer unreifen und kindischen Phantasie zusammensetzte.

Und auch jetzt, als sie allein in der Eisenbahn der Heimat entgegenfuhr, beschäftigten sie die Illusionen, die sie sich von ihrer Reise, von ihrem Eintritt in Welt und Leben machte.

Die erste Strecke von Lausanne bis Basel hatte sie eine Lehrerin begleitet. In Basel nahm sie ein verwandtes Ehepaar in Empfang und brachte sie nach endlos langer Fahrt zu einem kurzen Rasten in das schreckliche Haus der drei altjüngferlichen Tanten.

Bis dahin war die Reise höchst langweilig und die »Ausruhepause« geradezu fürchterlich gewesen. Jetzt endlich konnte sie allein fahren, die Kraft ihrer jungen Schwingen in selbständigem Fluge prüfen, und gerade jetzt sperrten sie die Tanten in ein Damencoupé, in dem tötende Langeweile und Einsamkeit herrschten.

Eine kurze Zeit überlegte Salome, ob sie nicht auf der nächsten Station umsteigen und eine interessante Romanrolle als unglückliche junge Frau in einem Coupé für Nichtraucher spielen solle? Juliette hatte ihnen erzählt, daß sie einst diese kleine Farce in Szene gesetzt und sich himmlisch dabei amüsiert habe – aber ein Gefühl zaghafter Scheu und Bangigkeit hielt Salome davon ab. Sie schämte sich vor dem Schaffner, der sicherlich durch das Benehmen der Tanten auf sie aufmerksam geworden war.

Was tun? – Je nun, warten, bis sie in Merseburg umsteigen mußte. Alsdann wollte sie von vornherein mit frauenhaftester Sicherheit auftreten und es – coûte que coûte – durchsetzen, irgendein kleines Abenteuer zu erleben, das sie voll befriedigter Eitelkeit den Freundinnen berichten kann.

Liest man nicht in den meisten Romanen von jungen Mädchen, denen durch irgendein kleines Vorkommnis ein Ritter im Eisenbahncoupé erwächst, ein junger, eleganter, flotter Ritter, der sich sterblich verliebt, im zweiten Kapitel schon eine Liebeserklärung macht und die Heldin im dritten heiratet? Und dann beginnt der eigentliche Roman mit der unglücklichen Ehe, der Vetter entführt die unverstandene junge Frau, das Ungeheuer von einem Manne schießt sich mit ihm, beide fallen, und die Heldin heiratet zum Schluß ihren verkannten Jugendfreund, den sie eigentlich immer geliebt hat.

Ja, so steht es in den Romanen, und Salome fühlte sich berechtigt, auch einen solchen Roman zu erleben. Sah sie nicht schon würdig und interessant genug aus, wie eine junge Frau? Fräulein von Welfen blickte prüfend an sich nieder, über das sehr elegante zartfarbene Frühlingskleid von Pariser Schick, zartgrün, umwogt von Schleifen und Spitzen, wie eine junge Birke im Schmuck ihres wehenden Laubes steht. Ein sehr hübscher sandfarbener Regenmantel verhüllte es allerdings, doch war er zuvorkommend genug, hier und da zurückzuschlagen, um die Pracht ahnen zu lassen. Die Unterkleider waren nach Juliettes Angaben einzig aus Seide möglich, sie rauschten diskret um die kleinen Füßchen im weichen hochgeknöpften Stiefel.

Das junge Mädchen lächelte sehr wohlgefällig und zog einen kleinen Taschenspiegel aus dem Etui. Ihr rosiges, zartes Gesichtchen strahlte ihr mit den großen, träumerischen Blauaugen daraus entgegen, das Näschen hob sich in graziöser Linie über dem Mund, dessen etwas kurze Oberlippe die Vorderzähnchen wie in reizend koketter Schelmerei hervorblinken ließ.

Das goldblonde Haar war lockig und sehr schick frisiert, der weiche Filzhut mit dem großgetupften Schleier mit viel Geschmack gewählt.

Salome von Welfen lehnte sich behaglich in die Polster zurück. Ja, sie war hübsch, sehr hübsch, sie wußte es, und sie konnte ihren kleinen Roman verlangen!

II

Währenddessen hatten die drei feindlichen Tanten dem Zug noch sekundenlang nachgestarrt, als ob sie ihn mit den Blicken aus der großen Glashalle herausschieben müßten, dann drehten sie a tempo die Köpfe, funkelten sich ingrimmig an und rauschten ohne ein versöhnendes Abschiedswort davon – jede in einer anderen Richtung. Wenige Minuten, und keine wußte mehr von der andern, wo sie sich befand.

Fräulein Erna stellte sich, ihre groteske Gestalt recht vorteilhaft zu präsentieren, vor einen der großen Fahrpläne in der Durchgangshalle und studierte noch einmal die Route, die Salome soeben genommen.

Ihr Blick suchte mechanisch die Station Merseburg, auf der das »Kind« so allein und hilflos den Zug wechseln mußte. – Seltsam … es war gar keine Zweigbahn dort angegeben … erst in Halle … ein tödlicher Schreck ergriff die Tante, sie, die verantwortlich für die Reiseroute der Nichte war. Sollte Martha in ihrer Superklugheit die Stationen verwechselt, und Klara und sie im Eifer nachgeschrien haben, was jene vorschrie?

Wie von bösem Geiste geplagt, stürzte Fräulein Erna an den Fahrkartenschalter, sich des Näheren zu erkundigen. Wahrhaftig! Salome mußte erst in Halle umsteigen.

Sekundenlang stand das alte Fräulein sprachlos, dann blitzte ein Gedanke durch ihr Hirn und ein Gefühl höchster Genugtuung schwellte ihre Brust. Der Zug war noch nicht weit entfernt –- sie würde an die nächsten vier oder fünf Stationen telegraphieren und Salome von dem Irrtum in Kenntnis setzen. Dann aber würde es eine ganz besondere Freude für sie sein, den weisen Fräulein Schwestern daheim hohnlächelnd zu sagen: »Ich habe euere unglaubliche Dummheit noch rechtzeitig gutgemacht und mir gebührt die Anerkennung, wenn Salome ohne die fatalsten Widerwärtigkeiten, in die sie ein falsches Aussteigen versetzt haben würde, die Heimat erreicht.«

Gedacht, getan.

Tante Erna stürmte auf die Telegraphenstation des Bahnhofes und gab an die nächsten vier Stationen die wichtige Depesche auf.

Währenddessen hatte Fräulein Klara im Geschwindschritt die Straßen durcheilt und wollte ihren Ärger in einer höchst appetitlich aussehenden Konditorei vergessen.

Als sie, noch immer etwas erregt, mit dem Teelöffel in der Schokoladentasse rührte, erschien eine bekannte Dame, nahm neben ihr Platz und begann eine Unterhaltung.

Klara berichtete von ihrem Opfermut, heute schon um sechs Uhr aufgestanden zu sein, um die kleine Nichte Welfen auf die Bahn zu bringen. Das Kind reise zum erstenmal allein, müßte sogar in Merseburg umsteigen.

»In Merseburg? Unmöglich! Merseburg ist ja gar kein Knotenpunkt!«,

Klara starrte sie mit offenem Munde an und vergaß vor Schreck weiterzukauen.

»Um Gottes willen … für Magdeburg umsteigen?…«

»Muß sie in Halle!«

»In Halle?«

»Ja, erst in Halle!«

Als habe der Blitz vor ihr eingeschlagen, saß Fräulein Klara da, und dann fing sie an, über die Torheit der Schwestern zu toben und das unglückliche verlassene Kind zu beklagen!

»Aber meine Teuerste, regen Sie sich doch nicht so unnötig auf! Sie können den fatalen Irrtum Ihrer Fräulein Schwestern sehr leicht gutmachen, wenn Sie der Nichte telegraphieren! Wieviel Uhr ist es? – Eine Stunde ist der Zug erst unterwegs, Sie fassen ihn noch rechtzeitig ab, wenn Sie vielleicht an die sechste, siebente und achte Station depeschieren. Sicherheitshalber können Sie ja an mehrere Stationen zugleich abschicken!«

Klaras Augen funkelten Triumph. »Herrliche Idee! Tausend Dank, Liebste! – Ganz in der Nähe auf der Hauptpost ist ja ein Telegraphenamt – ich fliege, die Sache in Ordnung zu bringen – komme gleich zu Ihnen zurück!« – Und die Handschuhe vom Tisch raffend, sauste Fräulein Klara aus der Türe. Welch eine Genugtuung den Schwestern gegenüber, wenn sie deren unerhörten Lapsus noch rechtzeitig bemerkt und wieder gutgemacht hat! Und sie telegraphierte an sechs weitere Stationen.

Auch Schwester Martha entdeckte durch einen Zufall den Irrtum.

Sie, die solide, fromme, war direkten Weges nach Hause geeilt und fand daselbst auf dem Frühstückstisch einen Brief von Salomes Vater. Er gab noch einmal ausführlich die Reiseroute für die Tochter an, und legte es den Tanten besonders dringend an das Herz, sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie in Halle umsteigen müsse. Glühend heiß wallte es durch die Adern der Lesenden. Der Schreck schien sie sekundenlang zu lähmen, dann rang sie in ratloser Verlegenheit die Hände und lief im Zimmer auf und ab, sich mit den grausigsten Phantasien quälend, was für schreckliche Unannehmlichkeiten der Unglücksnichte in Merseburg erwachsen würden! Und sie, sie allein war an dem ganzen Unglück schuld! Wie konnte sie auch nur die Stationen verwechseln! Es war unbegreiflich! Und wie würden die Schwestern höhnen und spotten!

In ihrer Hilflosigkeit fing sie an bitterlich zu weinen, und dann bekam sie Herzkrämpfe, klingelte Sturm und jagte das Mädchen zum Arzt.

Dieser kam erst nach Stunden. Als er seine Patientin in trostlosem Zustand fand, forschte er nach der Ursache, und Fräulein Martha erzählte ihm mit brechender Stimme die schreckliche Verwechslung von Merseburg und Halle.

Der Doktor, ein sonst sehr ernster, teilnehmender Mann, begann so heftig zu lachen, daß Fräulein Martha vor Entrüstung wieder zu Kräften kam, ehe sie aber Worte fand, fuhr der Arzt kopfschüttelnd fort: »Und um solcher Bagatelle willen Ihre kostbare, teure Gesundheit alterieren, mein gnädiges Fräulein? Das ist ja der reine Selbstmord aus Pflichtgefühl! Die Sache ist ja so äußerst einfach, dank unsern Telegraphendrähten! – Wenn Sie gestatten, bringe ich die Angelegenheit sofort auf dem nächsten Amt (hier in unsrer Straße, in der Unfallstation befindet sich ja eines!) in Ordnung. Wenn wir an die letzte Station vor Merseburg oder sicherheitshalber an etliche der letzten Stationen telegraphieren, erreicht die Gegenorder noch völlig rechtzeitig Ihr Fräulein Nichte, und sie kommt wohlbehalten in Halle an!« – Der Sprecher zog sich eiligst hinter den Tisch zurück, denn Fräulein Martha hatte Miene gemacht, ihn in höchstem Entzücken zu umarmen. – Sie war auch sofort wieder so bedeutend viel wohler, daß sie in allen Tonarten die Schwestern anklagen konnte, sich nicht um die Reise der Nichte bekümmert zu haben. »Ich selber lebe ja der Welt so fern« – hauchte sie zum Schluß mit frommem Augenaufschlag, »habe so viel mit meinen Werken christlicher Liebe und der inneren Mission zu tun, daß ich keinen Sinn und keine Gedanken für anderes mehr habe!« Der Doktor bewunderte sie und empfahl sich schleunigst, um eine Depesche für Fräulein von Welfen an die letzten sechs Stationen vor Merseburg zu senden. – – –

Währenddessen hatte der Zug, in dessen einsamer Damencoupéecke Salome die interessantesten Abenteuer ersehnte und unmutig die Stirn krauste, weil sich absolut nichts außergewöhnliches ereignete, die dritte Station nach der Abfahrt erreicht.

Fräulein von Welfen lehnte am Fenster und schaute halb belustigt, halb indigniert auf eine sehr übermütige und sichtlich durch einen ergiebigen Frühschoppen höchlichst angeheiterte Gesellschaft. Es war der Männergesangsverein »Waldvöglein«, der mit teilweiser Damenbegleitung eine Kunstreise Unternommen hatte, und nun berauscht durch Erfolg und Alkohol der Heimat wieder entgegendampfte.

So erzählte wenigstens ein Herr seinen Mitreisenden; er stand vor der Türe des Nebencoupés und verzehrte eine Schinkensemmel, die er an dem Büffet erstanden.

Seine Augen huschten zum öftern zu Salome empor, deren reizendes Gesichtchen nicht nur ihm, sondern auch den fidelen Sangesbrüdern aufzufallen schien.

Die »Waldvöglein« flatterten wenigstens recht ausgelassen am Zuge auf und nieder, stürmten Bier- und Butterbrotbüffet und machten es sich zum besonderen Vergnügen, dem jungen Mädchen in dem Damencoupé zuzunicken und zuzutrinken. Zwei der Jünglinge schienen besonders lyrischer Stimmung zu sein.

Arm in Arm, bereits etwas unsicher gehend, pendelten sie vor dem Coupé auf und nieder.

Der eine, ein hagerer, grobknochiger Mensch, mit langgebogener, vorspringender Nase, die sich anscheinend mit dem spitz nach oben strebenden Kinn ein Rendez-vous geben wollte – Salome dachte mit spöttischem Lächeln: »Aha, der scheint der Kreuzschnabel unter den Waldvöglein zu sein!« und der andere, ein fettes, untersetztes kleines Kerlchen, im karrierten Frack d'amour, aus dem ein roter Taschentuchzipfel kokett hervorwedelte – dieser andere schien fraglos das »Rotschwänzchen« unter den Waldgenossen repräsentieren zu wollen!

Fräulein von Welfen mußte unwillkürlich bei diesem Gedanken lachen – und der kleine Dicksack nahm es wohl für eine Avance, denn er breitete jählings die Arme aus, und sang mit schmetternder Stimme zu dem Damencoupé empor: »Komm herab, o Madonna Theresa!« – Lautes Gelächter und Beifall.

Des Rotschwänzchens Heiterkeit steckte an, die zurückströmenden Sänger der Kunst winkten huldigend zu der jungen Dame empor und stimmten johlend und gröhlend in den Gesang ein.

Da die Ovation harmlos war, lachte das Publikum, auch die Schaffner und der Bahnhofsinspektor, und Salome dachte vergnügt, »mein Gott, es kennt mich ja niemand hier!« und lachte auch mit, eine Freundlichkeit, die sämtliche Waldvöglein zu begeistern schien.

In demselben Augenblick aber – »war es Täuschung, ist's ein Wahn?« – hörte sie laut ihren Namen rufen.

»Welfen!! Salome von Welfen! – Salome von Welfen!!« – Entsetzt riß sie das Fenster auf und neigte sich heraus. Ein Depeschenbote stürmte an dem Zug entlang. »Sie, Fräulein?«

»Ja – ja – ich bin's!« stotterte Salome.

»Telegraphische Nachricht. Nicht in Merseburg, sondern erst in Halle umsteigen!«

»Danke bestens!« stotterte das junge Mädchen, blutrot vor Verlegenheit, und zog sich hastig zurück, um all den neugierigen Augen, die sie auf dem gefüllten Perron anstarrten, zu entgehen.

»Salome! Weeß Knebchen, se heeßt Salome! Hibscher Name! ›Komm herab, o Madonna Salooome!‹« schmettert er abermals los.

»Einsteigen! Einsteigen, meine Herren!« – drängte der Schaffner, die Pfeife schrillte – und die Sangesbrüder stürzten in wildem Schwarm nach der dritten Klasse zurück.

Gottlob es ging weiter!

Salome lachte hell auf. Also doch ein Abenteuer! Ein paar Herren hatten sich vor ihr Coupé gestellt und ihr eine Ovation durch ein Lied gebracht. Das würde guten Effekt in ihrem Briefe an Juliette und Lola machen. – Eine nähere Beschreibung der »Waldvöglein« war ja nicht nötig – »anscheinend waren es Studenten,« würde sie schreiben,

Und dann dachte sie über die Depesche nach, und wie sehr gut es doch von den Tanten war, ihr den Irrtum noch rechtzeitig zu melden.

Gut? – Je nun – es wäre ja vielleicht ganz amüsant gewesen, an falscher Station auszusteigen, wieviel hätte sich dabei erleben lassen! Sie wäre genötigt gewesen, selbständig in einem Hotel zu übernachten, hätte sich selbstverständlich als russische Fürstin ausgegeben, die nur französisch sprechen kann und das Deutsche so originell und sehr gebrochen mit scharrrfem Rrrr – schnarrt! – Allerliebst! Wie man sie wohl angestarrt und mit devotesten Komplimenten bedient hätte. Entsetzlich dumm von den Tanten, zu telegraphieren. Salome fand die Idee, in Merseburg als russische Fürstin aufzutreten, so ausgezeichnet amüsant, daß sie sich gar nicht wieder davon trennen kann. Unsinn! Wer konnte es denn beweisen, daß ich die Depesche erhalten habe? Ich bekam gar keine! Wo ist sie denn? Was der Mensch mir zuschrie, habe ich in meiner Verwirrung gar nicht verstanden!

Ich spiele jetzt schon die Rolle der Fürstin Sobileff und verstehe kein Wort deutsch. Punktum – und in Merseburg steige ich aus. – Die Tanten haben es ja zu verantworten!

Salome lachte mit glühenden Wangen vor sich hin. Es war ein sehr spaßhafter Gedanke. Sie träumte sich mit all ihrer schwärmerischen überspannten Phantasie in dieses Abenteuer hinein.

Und der Zug sauste rastlos weiter. Dörfer und kleine Stationen flogen vorüber, und nach geraumer Zeit hielt man wieder an einer äußeren Station.

Die »Waldvöglein« mußten sich furchtbar durstig gezwitschert haben; kaum daß der Zug hielt, tönte auch schon ihr nicht gerade melodisches Gejohle nach »Kellner! Lagerbier!!« – aus den Wagen heraus, und einen Augenblick später wälzte sich der Schwärm in wüstem Durcheinander nach den Restaurationsräumen.

Salome sah den wenig ritterlichen Gestalten nach. Wie ekelhaft sind doch die Leute, wenn sie so zügellos heiter sind. Der deutsche Michel ist doch unverkennbar – wenn er sich »fühlt« und sich amüsiert, kann er nicht anders, er muß über die Stränge schlagen. Seine Heiterkeit wird gar zu leicht Roheit, seine »gehobene Stimmung« Flegelei! Wie anders der französische Schweizer! – Selbst in der Betrunkenheit bleibt er maßvoll.

Salome hatte die großen tires fédéraux in Lausanne erlebt. Ungezählte Menschenmassen aus der ganzen Schweiz strömten herbei, ein Volksfest im weitesten Sinne, wo alle Elemente, auch die niedersten und schlechtesten, vertreten waren, und während der ganzen Tage, während all der Nächte voll ungezügelten Lebens – nur zwei Messeraffären, deren Anstifter Italiener gewesen, wie die Zeitungen »stolz« berichteten. – Salome entsann sich noch lebhaft einer kleinen Begebenheit, die ihr tiefen Eindruck gemacht hatte.

Es war eine Straßenszene.

Eine Menschenmenge drängte sich um zwei »Schützen«, die vor einem Restaurant, auf offner Straße, einen Wortwechsel fortführten, der seine Veranlassung in dem Lokal gefunden hatte.

Beide Männer gehörten dem Arbeiterstande an, und beide hatten sichtlich ein Glas über den Durst getrunken. Obwohl sich beide in zitternder Erregung und feindseligster Stimmung befanden, schien doch eine Prügelei ausgeschlossen, da sie sich beide reserviert, in beinahe theatralischer Pose, gegenüberstanden.

Der eine schimpfte in französischer Sprache auf den andern ein. »Sie Schuft! Sie Ehrloser! Sie gemeiner Tagedieb! Sie Betrüger!« schrie er ihn mit geballten pausten an, und als er tiefaufatmend Luft schöpfte und eine kleine Pause machte, schob der andere hochmütig die Hand in die Brusttasche und sagte gelassen: »Haben Sie den Mut, vor all diesen anständigen Menschen Ihre unanständigen Worte zu wiederholen?«

»Unanständige Worte?« – brauste sein Gegenüber auf. »Wahre Worte sind es! – Und ich sage es Ihnen vor der ganzen Welt ins Gesicht, daß Sie ein erbärmlicher Wicht, ein Nichtswürdiger, ein Taugenichts sind! He, Sie! – Haben Sie verstanden?«

»Gewiß, mein Herr« – lächelte der andere verächtlich, »ich habe verstanden und weiß Ihnen nur eines darauf zu erwidern, daß Sie – eine sehr schlechte Erziehung erhalten haben! Bonjour, Monsieur!« sprach's, wandte dem verblüfften Beleidiger stolz den Rücken und schritt davon.

Es waren Schweizer – und ein deutscher Herr, der neben Salome die Szene angehört hatte, sagte kopfschüttelnd zu seinen Begleitern: »Unfaßlich. War das nun musterhafte Selbstbeherrschung oder Fischblut, das gegen die größte Schmähung gleichgültig ist? – Kein Schlag, kein Messerstich – so etwas wäre am freien deutschen Rhein undenkbar!«

Ein Fremder wandte lächelnd den Kopf nach dem Sprecher.

»Weder Fischblut noch Feigheit, mein Herr! Es war die Wohlerzogenheit eines schweizerischen Weinbergarbeiters, der weiß, was die Pflicht des Bürgers von ihm fordert.«

Wie ein Blitz kam Salome die Erinnerung an dieses kleine Intermezzo des Lausanner Schützenfestes, als sie die bierseligen »Waldvöglein« so lärmend und rücksichtslos sich ihren Weg durch die Passagiere bahnen sah. Ellbogenstöße, schiefe Mützen, kecke Scherze, ein Hin- und Herschleudern derbster Art. Da nahten auch das Rotschwänzchen und der Kernbeißer, und hinter ihnen noch drei wankende Gestalten.

Wie unangenehm – sie steuerten auf Salomes Coupé los, pflanzten sich davor auf und begannen in dreister Weise abermals ihren Gesang: »Komm herab, o Madonna Saloooome!«

Das junge Mädchen biß sich auf die Lippen. Die Ovation begann ihr doch unangenehm zu werden. Sie zog sich in den fernsten Winkel des Wagens zurück.

Da … was war das? Wieder tönte von ferne her der Ruf auf dem Perron: »Welfen! Salome von Welfen! –- Salome von Welfen!!«

»Hier, hier! In Dämchenskasten sitzt se!« johlten die Männer des Sängerbundes, und der Schaffner riß das Coupé auf.

»Salome von Welfen?«

»Ja, ja!« stammelte Salome entsetzt. »Was gibt es denn schon wieder?«

»Telegraphische Nachricht! – Nicht in Merseburg, sondern in Halle umsteigen!«

Jubelndes Hallo auf dem Perron draußen.

»Ei Herjemersch, noch emal die nämlichte Neiigkeit? Freileinchen! Pst! – Freileinchen! Haben Se's nu och bedäppert? Nich in Märseburg umsteigen, erscht in Halle!!«

Und dann wieder eine brüllende Lachsalve. Das junge Mädchen biß voll Empörung und Ärger die Zähne zusammen. Infame Situation! Was sollte das heißen, daß die Tanten zweimal dasselbe telegraphieren? Glaubten sie denn, ihre Nichte sei so schwer von Begriffen?

»Freileinchen! Heeren Se doch nur! In Halle soll'n Se erscht rausklettern – vergessen Se's och nich?« schallte es von draußen.

Es war zum Verzweifeln!

Gottlob, der Zug pfiff – in wilder Hast, wie eine Herde blökender Hammel stürmten die Jünger Arions zu ihrem Waggon zurück.

Salome saß und starrte ärgerlich vor sich hin. Der schöne, fürstliche Plan für Merseburg war vereitelt, total unmöglich gemacht.

Jedermann im ganzen Zuge wußte jetzt, wie sie hieß, und die immer zudringlicher werdenden Ovationen der Sängerbündler fingen an, sie zu kompromittieren.

Das Abenteuer verlor sehr an Lustigkeit und fing an, die junge Dame ernstlich zu verstimmen.

Wenn doch nur noch andere Mitreisende zu ihr einsteigen wollten! Sonst waren die Damencoupés überfüllt und heute war sie die einzigste Insassin. An der Fensterscheibe erschien der Schaffner und fragte noch einmal nach dem Billett. Sie wies die Fahrkarte vor und fragte schmollend: »Warum sie immer allein im Coupé bliebe?« – »Ja, sehen Sie, mein Fräulein, in Frankfurt war ein solcher Andrang zu dem Damencoupé, daß der Inspektor noch ein zweites, dieses hier, einrichtete, und nun, wo Platz ist, fahren die Damen alle in Nichtraucher! – So; hier die Karte; in Halle umsteigen – na das wissen Sie ja schon!« Und er lachte, legte den Finger an die Mütze und verschwand.

Salome nagte an der Lippe und ärgerte sich noch ein Weilchen, dann griff sie zu dem Frühstückskörbchen und versuchte sich auf andere Gedanken zu bringen.

Und wieder hielt der Zug.

Die Sänger stellten sich ein und sangen zur Abwechslung das Lied von der Dorothee, aber in freier Bearbeitung:

»O Salome– o Salome,
Wenn ich auf das Ende seh!
Die Salome, die ist nicht dumm,
Die steigt ja erst in Halle um!«

Riesiger Beifall und vergebliches Dazwischentreten des Schaffners und des Inspektors.

Umsonst, sie sahen, daß mit den angetrunkenen Musikfreunden nichts anzufangen ist.

»I lieber gar, Herr Inschpekter! Seien Se doch gemitlich! Mer missen ja das Freilein dran erinnern, daß se in Halle umsteigen muß!!«

»Salome von Welfen!! Salome von Welfen!!«

Wie elektrisiert schnellte Salome aus ihrer Ecke auf. Wieder ein Telegraphenbote? Waren die Tanten denn verrückt geworden?

Ein unbeschreibliches Gejohle empfing den eiligen Depeschenboten, der diesmal mit einem geschriebenen Telegramm am Zug entlang lief.

»Hier! Hier wohnt se!– Immer rann, mei Gutester. Freilein! Se sollen erst in Halle umsteigen! Damit Se's um Gottes willen nicht vergessen!!«

Der Depeschenbote starrte sprachlos um sich. Sein Amtsgeheimnis pfiffen hier schon die Spatzen auf dem Dach.

»Nanu wird's helle!« schüttelte er sprachlos den Kopf, »wohär wissen denn Sie, meine Herren, was in dem Briefchen hier steht?«

Ungeheuere Heiterkeit. Selbst der Inspektor und die Bahnbeamten lachten mit; Salome aber griff gelassen nach dem Telegramm, nickte und zog die Tür hinter sich zu.

Dann knäulte sie das Papier in leidenschaftlicher Erbitterung zusammen und stampfte mit den Füßen wie ein ungezogenes Kind. Nein, dieses Abenteuer war entsetzlich, war schauderhaft! Sie verwünschte die Stunde, wo sie sich sehnte eines zu erleben.

Während der Fahrt weinte sie bitterlich, voll Verzweiflung.

Und die nächsten Stationen mehrten ihre Qual. Der ganze Zug nahm Anteil an dem außergewöhnlichen Ereignis, und weil jeder glaubte, es mit einem Scherz zu tun zu haben, so lachte und ulkte ein jeder mit, ahnungslos, daß das Opfer dieses Spaßes vor Verlegenheit und Scham hätte sterben mögen.

Die Abenteuerlust war Fräulein Salome völlig vergangen, sie saß im entferntesten Eckchen zusammengekauert und schluchzte in ihr elegant gesticktes Batisttüchlein.

Und wieder nahte eine Station.

Mit angstvollen Augen starrte das junge Mädchen auf das Bahnhofsgebäude, das zur rechten Seite auftauchte. Noch immer nicht Halle!!

Da wurde hastig die entgegengesetzte Coupétüre aufgerissen. Ein sehr elegant und vornehm aussehender Herr stand mit dem Schaffner davor. Er lüftete den Hut.

»Mein gnädiges Fräulein, es ist unmöglich, daß Sie länger in diesem Coupé bleiben; man scheint Sie zum Opfer eines schlechten Witzes oder eines Missverständnisses gemacht zu haben. Darf ich Sie bitten, sich unter meinen Schutz zu stellen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen bekanntzumachen – Landrat von Born. Darf ich bitten, mir zu folgen!« – Er hatte die Worte hastig hervorgestoßen. Jenseits des Coupés ertönten schon wieder die Stimmen der Waldvöglein.

Ohne sich zu besinnen, halb betäubt vor Aufregung sprang Salome auf den leeren Perron hernieder. Alle Fahrgäste drängten sich an die jenseitigen Fenster – niemand ahnte und sah die Flucht der jungen Dame.

Nur wenige Schritte, dann hob der Fremde sie hastig in ein Coupé erster Klasse.

»Das Gepäck schmuggle ich nachher herüber, meine Herrschaften!« schmunzelte der Schaffner, »jetzt will ich die betrunkene Bagage erst mal heimjagen!«

Die Tür schloß sich leise; Landrat von Born trat an das gegenüberliegende Fenster, lehnte sich breit davor und schien sehr amüsiert und angestrengt zu schauen.

»Salome von Welfen! – Salome von Welfen!!« schmetterte schon wieder die Stimme eines Telegraphenboten, und der Radau vor dem Damencoupé steigerte sich zum Tumult. Gelassen öffnete der Schaffner die Türe. »Die junge Dame ist noch auf der letzten Station heimlich ausgestiegen, der Spektakel ist ihr wohl ein bißchen zu arg geworden!«

Große Enttäuschung. Dann johlte der Chor noch einmal: »Lebe wohl, o Madonna Salooome!« Der schrille Pfiff des Schaffners, alles stürmte zu den Wagen zurück, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung.

III.

Landrat von Born trat von dem Fenster zurück. Er zog abermals den Hut mit einer respektvollen Verbeugung vor der jungen Reisegenossin und lächelte.

»Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, wenn ich es wagte, Sie Ihren Verehrern so meuchlings zu entrücken! Die Stimmung des wackeren Männergesangvereins drohte jedoch immer bedenklicher auszuarten, und ich hielt es für meine Pflicht, für Sie und Ihren Namen einzutreten!«

Die großen, noch immer feuchten Augen Salomes schlugen sich voll zu ihm auf. Sie streckte ihm in jäh aufwallendem Dankesgefühl die kleine Hand in dem eleganten Schwedenhandschuh entgegen.

»Wie unbeschreiblich liebenswürdig und gütig von Ihnen!« sagte sie mit halberstickter Stimme, »es war eine entsetzliche Situation, in der ich mich befand, und ich glaube wirklich, lange hätte ich die Fahrt in diesem Zuge nicht mehr ertragen!«

Er nahm ihr gegenüber Platz. »Ahnen Sie, mein gnädiges Fräulein, wer sich den Scherz mit den Depeschen erlaubt hat?«

Sie grub die Zähnchen in die Lippe. »Alles kann nur auf einem Mißverständnis beruhen, denn meine Tanten sind eigentlich niemals zum Scherzen aufgelegt.« – Und Salome berichtete immer erregter, wie man ihr bei der Abfahrt nachgerufen: »in Merseburg umsteigen,« wie dieser Irrtum dann gewiß hinterher von den Tanten bemerkt und von ihnen wieder gutgemacht worden sei. – »Aber auf jeder Station ein Telegramm! Das ist doch unerhört!« schloß sie mit einem Zornesblitz in den sonst so schwärmerischen Augen. »Ich bin doch kein Baby mehr, das alle zehn Minuten an einen Auftrag erinnert werden muß!«

Wieder lächelte er, diesmal etwas schalkhaft. »Die Tanten fürchteten vielleicht, daß Sie einem ersten Debüt im Alleinreisen doch noch nicht ganz gewachsen seien!«

Sie blickte ihn überrascht an. Was wußte er, daß sie heute zum erstenmal allein in der Eisenbahn saß? Ihre achtzehnjährige Eitelkeit, die sich in Gedanken schon in der Würde einer russischen Fürstin gesonnt hatte, krümmte sich ein wenig. – Er hatte ihren Namen allerdings gehört, aber kannte er sie etwa darum? Ihre Heimat lag noch weit von hier. Es war zum mindesten etwas keck von ihm, eine derartige Bemerkung zu machen. Das muß sie strafen.

Mit einer Miene, die sehr frauenhaft würdig sein sollte, blickte sie ihn an. »Erstes Debüt? – Ach, Sie meinen auf deutschen Bahnen? – Oh, ich spreche ausgezeichnet Deutsch!«

Er schien etwas verdutzt, denn er starrte sie groß an.

»So sind Sie auf ausländischen Bahnen schon öfters allein gefahren?«

Ihre Zähnchen blitzten unter der etwas kurzen Oberlippe.

»Gewiß, Herr von Born! Trauen Sie mir das etwa nicht zu?«

Er musterte sie sehr ungeniert und schüttelte staunend den Kopf. »Sie kommen doch wohl aus der Pension zurück? Und für gewöhnlich ist es doch nicht Brauch in guten Pensionen, die jungen Damen allein herumreisen zu lassen?«

Aus der Pension!! Oh, es war empörend! Also er taxierte sie wahrhaftig auf ein Pensionsbackfischchen! Sie, die schon seit zwei Jahren zu Hause sein könnte, Bälle, Gesellschaften besucht haben – ja womöglich verheiratet sein könnte, wenn sie nur wollte! War das etwa ihr vielbewunderter Pariser Schick, daß sie aussah wie ein Gänschen, dem man das Pensionat auf zehn Schritte weit anmerkte?

Salome hatte sich von ihrer ausgestandenen Angst erholt, ihr hohes Selbstgefühl, ihre Eitelkeit waren soeben derart verletzt, daß sie darüber alles vergaß, was vorhergegangen. Ohne sich zu besinnen, war ihr Entschluß gefaßt. Sie wollte sich rächen, sie wollte seine Menschenkenntnis, mit der er anscheinend kokettieren wollte, einmal arg ins Wanken bringen. Und sie zeigte sich als Juliettes gelehrige Schülerin.

»Aber ich bitte Sie! Glauben Sie, daß Fremdenpensionen in der Schweiz oder in Frankreich berechtigt sind, ihren Gästen irgendwelche Vorschriften zu machen?« – Aha! Das wirkte; er sah ganz perplex aus, der kluge Menschenkenner!

»Fremdenpensionat … Pardon, meine Gnädigste – ich habe doch vorhin Ihren Namen im Munde des Telegraphenboten recht verstanden: ›Fräulein Salome von Welfen‹?«

Da gingen Übermut und Abenteuerlust mit ihr durch. Seine Betroffenheit amüsierte sie himmlisch und reizte sie unwiderstehlich an, sie noch um ein Beträchtliches zu erhöhen. »Frau Salome von Welfen!« lächelte sie graziös, mit einer huldvoll gemessenen Neigung des Köpfchens.

Und abermals starrte er sie an, als verstehe er nicht deutsch. Dann ging es plötzlich wie ein Zucken unmerklich um seine Lippen, in seinen Augen blitzte es auf wie bei einem Menschen, der urplötzlich die Pointe eines guten Witzes versteht, es sich aber noch nicht merken lassen will.

»Bitte tausendmal um Verzeihung, gnädigste Frau« – sagte er sehr respektvoll mit einer abermaligen Verneigung, »bei dieser reizenden Jugend und Frische – – je nun, eine verheiratete Frau weiß es ja am besten zu beurteilen, welch eine Eloge es ist, für ein Pensionsbackfischchen gehalten zu werden!«

Wieder bebte es ganz leise und fein um seine Nasenflügel, aber Salome war so völlig von dem Zauber ihrer neuen Rolle befangen, daß sie es nicht bemerkte. Der Landrat fuhr nach kurzer Pause, wahrend der »Frau« Salome seine Schmeichelei durch ein wohlwollendes Lächeln belohnt hatte: »Gnädige Frau haben im Ausland gelebt? Der Name Welfen hört sich so gut deutsch an!«

Sie nickte gefühlvoll vor sich hin. »Er ist es auch. Ich selber aber bin geborene Russin – eine Fürstin Lamanoff.«

»Potz Wetter!« hätte er rufen mögen, aber er beherrschte sich und blieb sehr ernst.

»Ah – in der Tat? Höchst interessant. Durchlaucht sprechen ein so reines Deutsch, daß man die Ausländerin gar nicht dahinter vermutet!«

»Wirrrrklich nicht? Das frrreut mich! Ich sagte es Ihnen ja schon zuvor, daß ich die deutsche Sprache sehrrr gut beherrrsche!« lächelte sie und schnarrte plößlich das »rrr« in ganz echt russischer Weise, so echt, daß es förmlich nach Juchten duftete. Auch er lächelte, und da sein Handschuh hinfiel, mußte er sich tief herabneigen, ihn aufzuheben.

Ihr Blick schweifte über seinen dunkelblond lockigen Scheitel und dann über seine Hand. Es war die linke; leider konnte sie nicht sehen, ob er einen Trauring trug, denn den rechten Handschuh behielt er an.

»Gnädige Frau sind auf der Reise nach Rußland?« »Nein, ich fahre errst nach Hannover!« log sie freundlich, und ihre Wangen glühten vor Eifer und Entzücken immer höher, es hatte doch etwas Berauschendes, verheiratet und eine geborene russische Fürstin zu sein!

»Ihr Herr Gemahl erwartet Sie dort?«

Ein leichter Schreck; an den dazu gehörigen Mann hatte sie noch gar nicht gedacht. Ach was da – weg mit ihm! Werft das Ungeheuer in die Wolfsschlucht. – Sie seufzte tief auf und blickte ihn mit tieftraurigen Augen an, »Ich bin Witwe!« hauchte sie.

»Auch das noch!!« – hätte er am liebsten ausgerufen, aber er hatte gelernt, Herr seiner selbst zu sein. Er reichte ihr erschüttert die Hand und drückte und schüttelte sie sehr lebhaft, »Unglückliches Weib – ich kondoliere Ihnen!« sagte er mit dem Brustton der Überzeugung, und seine Stimme klang dumpf.

»Ich danke Ihnen!«

Sekundenlange Pause. Er zwirbelte sehr heftig seinen dunkelblonden Schnurrbart und starrte ins Leere. Dann nickte er. »Gewiß nur sehr kurze Zeit verheiratet gewesen, Durchlaucht? Bei Ihrer so enormen Jugend ist das ja nicht anders möglich.«

Die »enorme« Jugend ärgerte sie wieder. »O bitte, ich bin volle sechs Jahre verheiratet gewesen!« sagte sie hastig, und vergaß im Eifer das »r« zu schnarren.

»Sechs Jahre!! – Fabelhaft!« – Er strich mit der Hand über das Gesicht, als könne er solche Tatsache gar nicht fassen… Ja, ja, mein Herr Menschenkenner, sechs Jahre! – Nun steh mal Kopf vor Verwunderung! Beinahe tat er's auch. »Haben Durchlaucht etwa auch Kinder?«

Sie sah geradezu heroisch aus. Beinahe hätte sie gesagt: »sieben!« glücklicherweise fiel ihr noch rechtzeitig ein, daß sie nur sechs Jahre vermählt war. Sie wollte bescheiden sein.

»Vier Stück!« erwiderte sie fest, und schnarrte wieder ganz russisch.

»Vier Stück! – Hut ab, Durchlaucht, man muß staunen, wie sehr jung Sie dafür noch aussehen! Ihre Kinderchen sind in Hannover?«

»Wo denken Sie hin! – Die Mädchen werden in Lausanne, die Jungen in Lichterfelde erzogen!« Er schrie beinahe auf und wird dunkelrot vor Staunen. »In Lichterfelde? Bereits Kadetten?«

Sie erschrak. Fatal, man vergaloppierte sich so leicht beim Lügen! –- »O nein – Kadetten sind sie noch nicht … ich besitze nämlich eine Villa in Lichterfelde.«

»So, so! Das ist etwas anderes! Und die Töchterchen – in Lausanne … hm, also doch Lausanne!«

»Ja, der Sprache wegen. Oh, ich schwärme für Lausanne! Es gibt kein idealeres Stückchen Erde als dieses kleine Paradies! Wie haben wir uns amüsiert! Wie lustig war es in dem Pensionat, diese tollen Streiche all –«

»Pensionat?« –- wiederholt er gedehnt. Sie erglühte und machte eine Bewegung, als wolle sie sich selber auf den Mund kloppen. Aber sie faßte sich schnell. »Gewiß: Fremdenpensionat. Beaurivage! Entzückend! Allerdings vierzehn Franken pro Tag – aber mein Gott –«

»Nebensache, Durchlaucht. Als russische Fürstin!! Geld spielt da keine Rolle. Sie lebten erst als Witwe dort?«

»Allerdings.«

«Ihr Herr Gemahl war Offizier?«

Kurze Pause. »Frau« Salome von Welfen wußte im ersten Moment wirklich nicht, was ihr Mann gewesen war. Sie mußte husten und gewann Zeit zum Überlegen. Was war er?! Samiel hilf!!!

»Nein, Offizier war er nicht – er war –« und die Sprecherin machte ein äußerst schwärmerisches Gesicht – »Künstler!«

»Ah! – Maler?«

»Ganz recht.«

»Schon alt?«

»Sehr alt, mindestens dreißig Jahre.«

Nun hustete der Landrat; aber nicht lange, dann fuhr er teilnehmend fort. »Und er starb?«

Der Zug hielt wieder auf einer Station und Salome lauschte ängstlich hinaus. »An den Masern!« seufzt sie zerstreut.

»An den Masern? Ein alter Mann von dreißig Jahren an den Masern sterben?«

Wieder hatte sie sich verplappert. »Nicht direkt – es kam Schwindsucht dazu – als Folgekrankheit.«

»Schauderhaft. – Was für Schicksale haben Sie durchgemacht, unglückliche Frau!«

Sie lächelt müde. »Nicht wahrr? Und Sie sahen es mirr sogarrr nicht an!« – Sie schnarrte auch wieder, eine Zeitlang hatte sie es absolut vergessen. Draußen erhob sich Lärm, »Erschein' o weiße Dame!« johlte der Männergesangverein Waldvöglein vor dem verwaisten Damencoupé.

»Hätt' ich ein rotseidenes Bändchen –
Ich bänd' es Salome ums Händchen!«

quiekste eine Stimme. Sicherlich das Rotschwänzchen – dieser Elende! Durchlaucht Salome hätte in ihrem Zorn am liebsten die gesamten Waldvögel rupfen und am Spieß braten mögen.

Der Landrat war aufgesprungen und versperrte breitschultrig das Fenster. Salome flüchtete in das fernste Eckchen. Sie lauschte mit vorgeneigtem Köpfchen – Richtig!

»Salome von Welfen! – Salome von Welfen!«

Der Telegraphenbote. Man schien auf ihn gewartet zu haben. Donnerndes Hurra empfing ihn. »Hier, hier, Männeken! Lassen Se man jut sind, wir richten's schon aus!« – und dann biedere Sachsen: »Nu äben – daß se in Halle umsteigen soll –«

»Aber meine Herren, die Dame befindet sich sa gar nicht mehr im Zug – Sie wissen doch!« –

»Jloben wir nicht!«

Der Landrat wendete sich zu Salome. »Empörend, ein Sangesbruder reißt die Coupétüre auf und schaut hinein – Gott sei Dank, daß Ihre Sachen schon herausgenommen sind!«

Der Schaffner öffnete in demselben Augenblick die jenseitige Wagentüre und schob die vier Stück Handgepäck herein. »So Fraileinchen! Hier, die angetrunkenen Sänger sind reine des Deiwels, alle sagten se wieder hinter dem Depeschenboten her! Na, nu werden se wohl an Ihre Abwesenheit glauben müssen!«

»Danke Ihnen! Sehr freundlich von Ihnen!« – lächelte Herr von Born: »Gnädige Frau ist Ihnen sehr erkenntlich!« – und dabei drückte er dem Mann beschwert die Hand. Dieser starrte einen Moment überrascht aus die gnädige »Frau«, faßte dankend an die Mütze und verschwindet.

Der Spektakel draußen aus dem Perron verstummte, man schien sich zu allgemeinem Bedauern davon überzeugt zu haben, daß das Damencoupé tatsächlich leer war.

Nun strömten die »sangestrockenen Kehlen« nach der Restauration. Und dann rollte der Zug weiter. Nur wenige Stationen noch, und Halle, das rettende Halle, war erreicht.

Ein Gefühl behaglicher Sicherheit überkam Salome, und darein mischte es sich wie Dank und wie… ja – wie ein ganz seltsames Interesse.

Als der Landrat am Fenster stand, hatte das junge Mädchen Zeit, sich ihren liebenswürdigen Retter in der Not genau anzusehen.

Eigentlich hatte sie in ihren Phantasien stets nur für Männer mit keckem, schwarzem Schnurrbärtchen und dunkel flammenden Augen geschwärmt, aber seltsamerweise mußte sie sich eingestehen, daß dieser Mann mit dem dunkelblondgewellten Haar und dem eleganten, kurzgehaltenen Backenbart doch außerordentlich gut aussah. Sein Gesicht war frisch gerötet und sehr sympathisch. Die Augen klug und doch dabei schalkhaft heiter, der ganze Ausdruck der Züge eher lustig als ernst zu nennen. Das Lachen stand ihm besonders gut, und es schien, er lachte gern. Auch dies entsprach nicht dem Ideal Salomes. Sie hatte stets von einem hochinteressanten, finster bleichen Mann geträumt, einem fliegenden Holländer, dem sie zur aufopfernden, sentimental romantischen Senta werden wollte. Einen Zug ins Überspannte hatten ja all ihre Ideen und Ansichten bekommen, seit der Umgang mit den Pensionsfreundinnen ihre unreife Weltanschauung vollends zu einem Zerrbild gestaltet hatte.

Landrat von Borns äußere Erscheinung, so hübsch und stattlich sie war, entsprach im Grunde genommen durchaus nicht dem Bilde, das sich Fräulein von Welfen vor wenig Stunden noch von ihrem Romanhelden im heißersehnten Abenteuer entworfen, aber sie war von dem Nimbus des Interessanten und Außergewöhnlichen umgeben, und das genügte, um Salome dafür zu begeistern. Hätte sie nur gewußt, ob er verheiratet war oder nicht? In Juliettes Erlebnissen machte das allerdings gar keinen Unterschied – ob ein Courmacher den Ring einer anderen am Finger trug oder nicht, was genierte das, wenn er nur seine Rolle in der pikanten kleinen Komödie, die sie just amüsierte, ausfüllte!

Auch bei dieser Ansicht verleugnete sich das deutsche Gemüt Salomes nicht.

Wenngleich sie in erster Linie ja nur etwas Interessantes, Außergewöhnliches, erleben wollte, war es ihr doch nicht gleichgültig, ob der Held des Abenteuers noch frei sei oder nicht.

Sie suchte nicht in frivoler Weise nur einen Courmacher in ihm, sondern berauschte sich lieber an dem poesievollen Grübeln: »Ist er vielleicht jener Herrlichste von allen, der dir zum Geliebten und Gatten bestimmt ist?«

Er gefiel ihr, schon darum, weil sie seine Bekanntschaft auf außergewöhnlichem Wege gemacht, weil er sich galant und ritterlich ihrer angenommen hatte, und weil er – last not least – so entzückend dumm auf all ihren Unsinn hereingefallen war.

Das war unbeschreiblich amüsant und verwirklichte ja ganz und gar Lolas Ansicht, daß die Frau immer klüger und geistig bedeutender sein müsse als der Mann. Denn nur ein Weib, das den Gatten völlig beherrscht und ihn, sozusagen, um den Dinger wickeln kann, wird in der Ehe glücklich sein.

Aus welch zweifelhaftem Roman die kleine Russin diese Weisheit gesogen, wußte Salome nicht, sie hatte auch keinen recht klaren Begriff, wie wohl ein solches »Eheglück« beschaffen sein möchte. Sie dachte überhaupt nicht nach, sondern schrieb sich bloß derlei wichtige und meist unverständliche Schlagworte in ihr elegantes Notizbuch, um sich an dieser Geistesnahrung die Zähnchen stumpf zu kauen, ohne zu wissen, was sie eigentlich in sich aufnahm.

Nun hatte sie einen Landrat, einen anscheinend klugen Mann, der sich für einen Menschenkenner hielt, und anfangs wirklich eine Probe dieses Talentes ablegte, großartig düpiert – und dieses stolze Siegesbewußtsein hatte für ihre achtzehn Jahre etwas Berauschendes.

Dazu gefiel er ihr von Minute zu Minute besser, was Wunder, wenn die Pseudo Durchlaucht voll glühenden Übermuts all ihre Liebenswürdigkeit aufbot, den netten Fremdling radikal zu erobern.

Und es schien ihr zu glücken. Sie merkte es wohl, wie sein Blick entzückt auf ihrem hübschen Gesichtchen ruhte, wie er sich sichtbar bemühte, der armen, früh verwitweten Durchlaucht den günstigsten Eindruck zu machen.

Sie versuchte nun ihrerseits, sich über seine Verhältnisse zu orientieren.

»Welches ist ihr Reiseziel, Herr von Born?«

»Berlin, Durchlaucht. Ich komme soeben von einer leider vergeblichen Expedition zurück!«

»Vergeblichen Expedition?« – Sie machte ein neugieriges Gesichtchen und sah ihn erwartungsvoll an.

»Ich bin nicht nur Landrat, sondern auch Geheimpolizist.– Als solcher sollte ich die Spuren einer sehr berüchtigten Hochstaplerin, die sich unter falschem Namen in Deutschland aufhält, verfolgen.«

Sie starrte ihn atemlos an. »Hochstaplerin – falschen Namen?« stottert sie.

Er lächelte verbindlich. »Es gibt derartige unglückliche Existenzen, Durchlaucht; Weiber, die die Abenteurerlust auf die Bahn des Verbrechens getrieben. Das fängt oft ganz harmlos an – eine verdrehte Schrulle, mehr zu scheinen, als man ist, eine kleine Komödie zu spielen, ohne Zweck und Sinn. Und solche Liebhaberei wird zur Passion. Man legt sich einen falschen Namen und Titel zu, wird strafbar und kommt mit der Polizei in Konflikt – Sie haben doch gewiß von den empörenden Schwindeleien gehört, welche jüngst eine Dame in Frankfurt verübt hat?«

»Nein – nicht das mindeste!« schüttelt Salome entsetzt den Kopf, sie sah ganz blaß aus und atmete sehr schwer.

»Sie verschaffte sich unter sehr vornehmem Damen Zutritt in die besten Familien und verübte daselbst die frechsten Diebstähle!«

»Eine Deutsche?«

»Nein – geborene Russin. Pardon, Durchlaucht, wenn ich Ihren Landsmänninnen dadurch zu nahe trete.«

»Russin!« – Wie ein Schrei des Entsetzens klang es.

»Die schöne Betrügerin soll von gewinnendstem Äußern und besten gesellschaftlichen Formen sein. Sie spricht verschiedene Sprachen und hat sich lange in der französischen Schweiz aufgehalten.«

»Entsetzlich! – Und man verfolgt sie?« –- Das rosige Gesichtchen der Fragenden hatte all seine Heiterkeit und seinen Humor verloren, wie gelähmt lagen die Händchen in dem Schoß und das »rrr« wurde schon lange nicht mehr russisch geschnarrt.

»Ja, man ist ihr auf den Fersen; ich selber arbeitete ja mit an dem guten Werke, sie dingfest zu machen.«

»Und dann kommt sie in das Gefängnis?« –-

»Zuchthaus!« –- Er zog ein silbernes Zigarrettenetui und bietet ihr galant den Inhalt an. »Als Russin rauchen Sie doch selbstverständlich, Durchlaucht?«

Sie wehrte hastig ab. »Was denken Sie! – Ich rauche nie, ich habe ja schon seit frühester Kindheit Rußland verlassen – sozusagen gehöre ich ja gar nicht mehr dorthin!« –-

»Je nun –« lächelte er verbindlich, »Ihr Name – Fürstin Lamanoff – verrät die Nationalität! Sie gestatten aber, daß ich selber rauche?« –

Zwar war ihr Rauchen ein Greuel, und sie hatte sich fest vorgenommen, es in ihrer Gesellschaft niemals zu dulden, aber sie lächelte wie ein Engel und versicherte, daß sie Tabakswölkchen sehr liebe. Nach einer kurzen Pause fragte sie schüchtern: »Unter welchem Namen reist Ihre Delinquentin?«

Er zuckte die Achseln. »Alle paar Tage unter einem anderen – wie solches Gesindel das liebt. – Sie kennen nicht das stolze Glück, einen ehrlichen, guten Vatersnamen zu führen, darum annektieren sie ihn auf dem Wege des Verbrechens.«

Sie wurde abwechselnd blaß und rot und neigte das Köpfchen sehr tief, wie höchlichst beschämt zur Brust. Ein herzbeklemmendes Angstgefühl überkam sie, dem Siegesrausche folgte ein verzweifelter Katzenjammer.

»Und Sie fanden keine Spur von ihr?« –

»Bis jetzt noch nicht. Wie mir ein Detektiv auf einer der letzten Stationen versicherte, soll sie die Richtung Frankfurt- Berlin genommen haben – befindet sich möglicherweise in diesem selben Zuge!«

»Allmächtiger Gott!« –

Er lachte: »Ich glaube gar, Durchlaucht, Sie fürchten sich vor der schönen Sünderin?« scherzte er harmlos, und Salome lächelte mit farblosen Lippen: »Oh, es ist ein schrecklicher Gedanke! – Ich bereue es doch sehr, allein gereist zu sein!« –

»Warum das? Fanden Sie nicht in mir einen Beschützer und Retter?« – fragte er mit leiser, beinahe inniger Stimme. »Ich geleite Sie sicher in Halle zu Ihrem andern Zuge. Zuvor müssen Sie dem Bahnhofsvorstand Ihren Paß zeigen. –«

»Paß?!!«

»Gewiß, als Ausländerin müssen Sie doch einen Paß bei sich haben – zur Legitimation – es könnten Ihnen ja sonst furchtbare Dinge passieren, man hält Sie womöglich für die Hochstaplerin –«

Sie faßte voll Todesangst seinen Arm: »Erbarmen Sie sich meiner – ich besitze keinen Paß – ich bin ja eine Welfin…«

»Keinen Paß?« – Er machte ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Das ist allerdings sehr schlimm. Und gerade in Halle ist man äußerst strenge in dieser Beziehung –«

»Helfen Sie mir!« schluchzte sie außer sich.

»Selbstverständlich, Durchlaucht –«

»Ach nennen Sie mich doch nicht Durchlaucht –«

»Aber ich bitte Sie! Wie dürfte ich es anders wagen?«

»Es möchte Verdacht wecken!« –

»Je nun – Sie besitzen eine Villa in Lichterfelde! Wir telegraphieren nach dort um eine Legitimation!«

Sie zitterte wie Espenlaub. »Nein – das geht nicht.«

»Warum nicht?«

Sie starrte wie hilfeflehend zum Himmel. »Sie ist nicht bewohnt!« – stieß sie hervor.

»Schade. Je nun – dann wenden wir uns mit einem Telegramm an Ihre Kinder –«

Sie stöhnte nur leise auf, antwortete aber nicht. In seinem Gesicht zuckte es. Dann fuhr er tröstend fort: »Vielleicht gelingt es mir auch, Sie ohne alles Aufsehen in den andern Zug zu bringen. Ich bin ja bekannt in Halle – biete Ihnen den Arm und gebe Sie für eine Verwandte aus. – Allerdings muß ich Ihnen ehrlich sagen, daß die Sache recht gefährlich ist. Als Russin befinden Sie sich in einer äußerst schlimmen Situation! Gebe Gott, daß ich Sie erretten kann!«

Sie schlang krampfhaft die Händchen ineinander. »Es weiß ja kein Mensch, daß ich geborene Russin bin!« –

Sehr ernst und mit männlicher Würde blickte er sie an. »Ich weiß es, Durchlaucht, und Sie werden begreifen, daß ich als Mann von Ehre die Wahrheit sagen muß, wenn man mich fragt. Ich beklage es unendlich, daß Sie mir davon erzählten.

Es ist überhaupt sehr mißlich, in der Eisenbahn oder in einer fremden Stadt ohne Not seinen Namen zu nennen. Sie ahnen nicht, Durchlaucht –« sie zuckte nervös zusammen – »in welch entsetzliche Situation sich eine Dame dadurch leichtsinnigerweise bringen kann! Nehmen Sie nur den Fall an – ich wäre nicht vollkommen davon überzeugt, daß alles, was Sie mir erzählten, lauter Wahrheit sei! Ich würde Verdacht geschöpft haben, würde Sie für die gesuchte Hochstaplerin gehalten und Sie verhaftet haben. Als Opfer meiner Verblendung hätten Sie so lange im Kerker schmachten müssen, bis Ihre Unschuld bewiesen worden wäre. Ich hätte nur nach bester Überzeugung gehandelt, aber Sie hätten es schwer büßen müssen, denn die Sache wäre ja in alle Zeitungen gekommen. Ich besitze eine Kusine ebenso jung und reizend wie Sie, hochverehrte Frau. Als diese allein die Tour von Berlin nach Wien machen mußte, gab ich ihr folgende Lehre mit auf den Weg: ›Höre, wie eine wirklich vornehme, respektable Dame reist: Sie kleidet sich so schlicht wie möglich, sie tritt so bescheiden und anspruchslos auf, wie irgend denkbar. Sie kokettiert nicht mit ihrem vornehmen Namen, sie sucht keine Bekanntschaften und keine amüsanten Erlebnisse – kurzum, eine vornehme Dame ist auf der Reise nur ein Schatten, auf den jede äußere Einwirkung machtlos ist.‹ Meine kleine Kusine richtete sich danach und hat Gottlob über keine unangenehme Erfahrung zu klagen gehabt.«

Salome saß mit tiefgeneigtem Haupte da. Während er anscheinend sehr harmlos und heiter plauderte, litt sie alle Qualen tiefster Beschämung und Reue. Es deuchte ihr, eine Hand habe plötzlich einen Schleier von ihren Augen gezogen und sie sehend gemacht. – Ja, sie hatte sich nicht wie eine vornehme Dame benommen, und die Lehren Juliettes waren wohl doch nicht so unfehlbar, wie sie es bis dato angenommen hatte.

Der Zug hielt: »Merseburg.«

Wieder erklang ihr Namen draußen. Sie hörte ihn kaum, wie geistesabwesend blickte sie vor sich hin in das Leere, Unwillkürlich zog sie den Regenmantel fester um sich her, daß er ihre doch immerhin etwas ausfallende Frühlingstoilette verhüllen möchte.

Eine unbeschreibliche Angst quälte sie. Die letzte Station vor Halle – und dann? Wenn es dem Landrat nicht gelang, sie ohne Paß durchzuschmuggeln? Oh, dreimal wehe über ihre kindische, einfältige Sucht, jenem Fremden zu imponieren, ihn, ihren liebenswürdigen Helfer in der Not so ohne Grund und Ursache zu düpieren!

Jetzt erlitt sie die gerechte Strafe. Sollte sie ihm alles gestehen, ihre Lügen, ihre törichte Eitelkeit?

Nein, sie konnte es nicht, sie würde sterben vor Verlegenheit! Nur im Fall der äußersten Not –! Ja, dann mußte sie ja eine klägliche Beichte ablegen.

Er glaubte an sie! – Wie edel, wie großmütig er war! und sie? – Tief zerknirscht preßte sie die Lippen zusammen. Er sollte nicht schlecht von ihr denken, sie ertrug es nicht. Wer wußte, ob sie ihn je im Leben wiedersieht? – Sein Name war ihr völlig unbekannt, und die Welt war so endlos groß; wie sollten sie einander wieder begegnen! – Salome möchte es beklagen, und doch gewährte ihr gerade die Überzeugung, daß sich ihre Wege in Halle für immer trennen sollten, den großen Trost daß sie nie als Lügnerin, als belächelte kleine Pensionseinfalt vor ihm stehen muß.

Seine freundliche Stimme schreckte sie aus ihren Gedanken auf.

Der Zug würde sich sogleich in Bewegung setzen, und Herr von Born nahm seinen Platz gegenüber der jungen Dame wieder ein.

Er begann ein neues Gespräch, über dieses und jenes, lauter harmlose, gleichgültige Dinge. Die Coupétüre wurde aufgerissen, und Salome schrak zitternd zusammen, wie eine Gerichtete, der die Verfolger auf der Spur sind.

Ein Säbel rasselte – ein paar heitere Abschiedsworte hin und her und dann sprang ein Husarenoffizier in den Wagen. Er grüßte sehr höflich und warf sich in eine Ecke des Coupés.

Sein Blick streifte mit Interesse das junge Paar. Er sah, daß der Landrat eine Zigarette zwischen den Fingern hielt. Die Hand an die Mütze legend, wandte er sich sehr verbindlich an Salome.

»Gestatten, gnädigste Frau, daß auch ich meine Zigarre zu Ende rauche?«

Die Dame antwortete durch eine stumme Neigung des Köpfchens, sie sah ihn dabei nicht an.

Der Husar wandte sich an Herrn von Born: eine Frage über dies und jenes.

Der Landrat antwortete, und schnell war ein Gespräch im Gange. Der junge Offizier kam von einem Liebesmahl und schien sehr animiert zu sein. Wieder und wieder huschte sein Blick zu Salome hinüber, ihre auffallend hübsche Erscheinung interessierte ihn.

Öfters versuchte er es, auch sie in die Unterhaltung hineinzuziehen und richtete das Wort an sie. Er erhielt nur sehr zurückhaltende, einsilbige Erwiderungen; die junge Dame blickte angelegentlich zum Fenster hinaus und zog den großpunktigen Schleier tief über das Gesichtchen. Ihre übermütige Redseligkeit war wie abgeschnitten, sie beobachtete dem Fremden gegenüber die größte Reserve.

Herr von Born bemerkte es, um seine Lippen zuckte es, und in seinen Augen leuchtete es auf.

Nur eine kleine Strecke noch, dann tauchten die Türme von Halle auf.

Salome erzitterte, als der Pfiff der Lokomotive ertönte. Wie in flehender Angst traf ihr Blick den Landrat – dieser lächelte ermutigend und nickte ihr unmerklich zu.

Als der Zug hielt, empfahl sich der Husar so hastig wie er gekommen und sprang auf den Perron.

»Bitte solange wie möglich zurückbleiben, Durchlaucht!« flüsterte Born: »Die ›Waldvöglein‹ schwärmen aus und möchten Sie wieder belästigen. Wir haben Zeit; der andere Zug wartet.« – Er winkte einen Dienstmann herzu und reichte ihm das Handgebäck.

Sein Blick schweifte scheinbar sorgsam prüfend über die Menschenmenge. »Kommen Sie, der Moment ist günstig!« flüsterte er der leichenblassen Salome zu, hebt sie zur Erde und bot ihr den Arm.

»Blicken Sie möglichst wenig um sich – vor allen Dingen kein Aufsehen erregen – nur eine Dame, die durch nichts auffällt, wird respektiert.« Mit zitternden Gliedern und hochklopfendem Herzen schritt sie durch das Menschengewühl. Sie schmiegte sich fester und fester an wie ein Schiffbrüchiger die rettende Planke umklammert, so faßte ihre Hand seinen Arm, in der festen, heilig ernsten Überzeugung: »Er allein rettet dich vor dem Verderben!«

Der Landrat führte seine Schutzbefohlene vor die geöffneten Coupés.

»Wo befehlen Sie einzusteigen, Durchlaucht?« fragte er noch immer mit etwas gedämpfter Stimme und prüfendem Blick nach allen Seiten: »Coupé für Nichtraucher?«

Sie schüttelte heftig das Köpfchen. »Damencoupé!« stieß sie mit bebenden Lippen hervor.

Wieder ein Lächeln der Befriedigung auf seinem Gesicht – sie sah es nicht.

Er half ihr einsteigen und fertigte den Dienstmann ab. Verlegen wagt sie es, ihm ihr kleines Geldtäschchen dazu anzubieten, Er übersah es absichtlich, auch drängte die Zeit. »Sie haben durchgehendes Billet?« fragte er noch einmal, und als sie hastig nickte, trat er schnell zur Seite an einen kleinen Jungen heran, der Veilchensträuße verkaufte. Er wählte den schönsten und eilte zu seiner Schutzbefohlenen zurück. Andere Damen drängten nach dem Coupé und luden ihr Handgepäck ein – mit bedeutsamem Blick legte Born den Finger an die Lippen.

Salome verstand ihn. Mit aufquellender Empfindung reichte sie ihm die Hand. »Fürchten Sie nichts, Herr Landrat –« stammelte sie, »ich glaube, ich werde im ganzen Leben nie wieder über mich und meine Familienangelegenheiten im Eisenbahnwagen und zu den fremden Menschen darin reden!«

»Recht so, meine Gnädigste – Sie werden sich selber den größten Dienst damit erweisen!« antwortete er mit seltsamem Gesichtsausdruck.

»Einsteigen! Bitte die Herrschaften einzusteigen!« rief der Schaffner.

Da neigte sich Herr von Born zu seiner holden Reisegenossin nieder und schaute ihr in die Augen. Ein tiefer, leuchtender Blick. Sein Gesicht war ernst, und doch lachte etwas in diesem Blick und deuchte der jungen Dame rätselhaft und unerklärlich.

»Leben Sie wohl, Durchlaucht!« flüsterte er mit weicher Herzlichkeit und überreichte den Veilchenstrauß: »Ich würde glücklich sein, Ihnen im Leben noch einmal zu begegnen. Das Schicksal hat unsere Wege so eigenartig zusammengeführt, es ist vielleicht liebenswürdig genug, es noch ein zweites Mal zu tun!«

Sie war noch viel zu benommen und erregt, um seine Worte genügend zu beachten. Sie starrte unverwandt in seine Augen und nahm mechanisch die Veilchen. »Ich danke Ihnen für all Ihre Liebenswürdigkeit!« sagte sie ernst, mit beinahe feierlicher Betonung, »Sie haben mich ja aus großer Gefahr errettet – und das vergesse ich Ihnen nie!«

Wieder zuckten seine Lippen. »Ja, nun sind Sie gerettet,« nickte er ebenso feierlich. »Leben Sie wohl!«

Und dann mußte er sie in das Coupe heben. Noch einmal reichte sie ihm stumm die Hand durch das offene Fenster – er küßte diese. Die ausgestandene Angst schien sich bei ihr in ein Gefühl wonniger Erleichterung aufzulösen, große Tränen glänzten in den noch immer etwas verstört blickenden Augen. – »Auf Wiedersehen!« rief er und hob den Hut.

Dann begannen die Räder sich zu drehen – der Zug setzte sich in Bewegung,

Als er den Blicken des Landrats entschwunden, wandte er sich hastig und eilte zu einer Droschke. Sein Gesicht sieht sehr rot ans, wie bei einem Menschen, der sich mühsam das Lachen verbeißt.

Das brach erst in schallender Heiterkeit über seine Lippen, als er allein in dem geschlossenen Wagen saß. Und er lachte wie ein Mensch, der sich so recht von Herzen über etwas freut.

»So! Ich hoffe sehr, daß Fräulein Salome der Appetit an interessanten kleinen Abenteuern vergangen ist. Russische Fürstin! Witwe! Vier Kinder! – Der kleine Engel log ja gar zu toll … Das verdiente Strafe. Habe ihr einen kleinen Denkzettel gegeben, zu ihrem eignen Besten. Gott sei Dank, daß sie noch naiv genug war, um sich so schauerlich grob düpieren zu lassen. Aber was half's?! –- Es ist leider eine bedauerliche Tatsache, daß die jungen Mädchen oftmals am strengsten erzogen werden müssen – wenn sie … das Pensionat verlassen!!«

Salome aber saß still und bescheiden in ihrer Coupéecke und hielt die Augen geschlossen, als schliefe sie. Die Veilchen lagen welkend in ihrer Hand, und so wie sie welkte auch tief innen in dem Herzen des jungen Mädchens ein Pflänzchen von Juliettes giftiger Saat – die Sucht, um jeden Preis ein amüsantes Abenteuer zu erleben.

IV.

Der Lenz hatte frühen Einzug gehalten. – Alle die tausend Elfchen, die in den warmen Sonnenstrahlen spielen, hatten mit geschäftiger Hand unzählige Blumen in das Prachtgewand der jungen Erde gestickt, hatten ihr Haupt mit Blütenzweigen bekränzt und die Silberbänder von Bächen und Flüssen gar malerisch um die Lächelnde geschlungen!

Nun stand sie, eine geschmückte Braut, und bebte gar wonnesam unter dem heißen Kuß des Freiers, und die Menschenkinder, die ein süßes Ahnen all dieses Glückes beschlich, jauchzten hinein in die Frühlingswonne, und fühlten, wie die Herzen weit und groß wurden. – Die Alten wurden jung unter dem Hauche holden Liebeswehens und die Jungen wurden alt genug, um die geheimnisvoll seligen Prophezeiungen zu verstehen, die jeder Blütenduft ihnen zuträgt, die jede aufbrechende Knospe ihnen spiegelt.

Auch über dem grauen, ehrwürdigen Gutshause von Jeseritz war es Lenz geworden, und es schien, als ob die leuchtende Sonne nicht nur die Außenmauern vergolde, sondern auch tief innen, vom Keller bis unter das Dach, eine Fülle von Licht und Leben ausgegossen habe.

Salome war heimgekehrt. Sie, die stets der verwöhnte Liebling des Vaters gewesen, wurde mit Jubel und Freude empfangen! Girlanden und prächtig gemalte »Willkommen« schaukelten ihr entgegen. Wulf, der ehemalige biedere Grenadier und Bursche des Herrn Majors, der jetzt in Jeseritz die respektable Stelle eines ersten Dieners und Faktotums bekleidete, fühlte das alte Soldatenblut rebellieren.

»Wenn das gnädige Fräulein heimkommt, ist es so gut ein Fest wie Sedan!« – sagte er, und löste zu Ehren der friedlichen Salome ein paar Kanonenschläge.

Kuchen jeglicher Sorte waren gebacken. Die große Wäsche war des hohen Ereignisses wegen schon vierzehn Tage früher überstanden, alles blitzte und blinkte so recht vergnügt und maienfroh der Tochter des Hauses entgegen, die frisch und wunderhübsch aus dem Wagen sprang und vor Freude lachte und weinte.

Rose schlang stürmisch die Arme um die bedeutend größere und schlankere Schwester, und Frau von Welfen, die in überströmendem Glücksgefühl ihre beiden Töchter betrachtete, lächelte zu ihrem Mann empor: »Sieh nur, wie verschieden die beiden Mädels geworden sind!«

Und sie hatte recht. Salome blond und zart wie eine Elfengestalt – Rose frisch, brünett, trotz ihrer sechzehn Jahre rund und üppig, beinahe etwas robust.

Die erstere sehr elegant und in jeder Bewegung graziös, die letztere keck und lebensfrisch, im einfachen Waschkleidchen, ohne eine Spur von Schwärmerei, natürlich und gerade aus!

Salomes Haar lockte sich sehr schick auf dem zierlichen Köpfchen, dieweil der mächtige, nußbraune Zopf der Schwester zumeist zerzaust und halb gelöst, in zügelloser Freiheit auf dem Rücken schaukelte.

Die ganze Erscheinung der Ältesten war stets von einem Hauch exquisiten Parfüms umgeben – bei der Kleinen sagte Frau von Welfen höchstens lächelnd: »Dickerchen, zieh dir andere Schuhe an! Du riechst wieder tüchtig nach Kuhstall!«

Und so, wie die Schwestern äußerlich die größten Gegensätze verkörperten, so waren sie auch seelisch die verschiedenst veranlagten Wesen, die man sich nur denken konnte.

Salome war die geborene Salondame – Rose das wilde, ungefüge Kind vom Land, dem Glacéhandschuhe und Puderquasten stets lächerliche, verhaßte Dinge bleiben werden.

Bei jener war alles, was sie tat und unternahm, »ladylike« und von sentimentaler Schwärmerei überhaucht – bei dieser trat alles in urwüchsigster und realistischer Weise zutage.

Salome spielte Klavier und Zither – sie sang elegische Lieder, deren Weltschmerz in ihrem Munde eher spaßhaft als rührend wirkte, sie malte und stickte, ja sie dichtete sogar die schwermütigsten Sachen, dieweil sie das Versmaß dazu an den Dingern abzählte und ab und zu einen Federhalter zerkaute. Sie kokettierte mit allen schönen Künsten, ohne in einer einzigen wirklich Befriedigendes zu leisten. Stundenlang lag sie auf dem Sofa und las Romane, studierte die Modenzeitung und schrieb Briefe. Der Haushalt war ihr fremd und gleichgültig, hatte in Lausanne keine Interesse dafür erweckt, und das junge Mädchen so sehr fein erzogen, daß ihr jede »Dienstbotenarbeit« höchst entfremdend und unwürdig deuchte.

Rose dagegen war einzig in ihrem Element, wenn sie so recht nach Herzenslust in Küche und Keller herumhantieren konnte. Sie sang dem Vater keine eignen Kompositionen vor und malte Jeseritz weder in Öl noch in Aquarell, aber dafür lieferte sie schon jetzt die saftigsten Braten und genialsten Frikassees auf den Tisch – päppelte die jungen Puten und wies den besten Hühnerhof der ganzen Nachbarschaft auf. – Im Garten dachte sie an alles, und ihr Wetteifern mit dem Gärtner reizte diesen zum eifersüchtigsten Tatendrange an. Sie probierten und verbesserten, sie erzielten die schönsten Erfolge.

Und Frau von Welfen strich liebkosend über die glühenden Wangen des kleinen Hausmütterchens und konnte sich nicht genug an ihrem Schaffen freuen.

Trotzdem bei Rose alles Sinnen und Denken nur auf das Praktische und Nützliche gerichtet war, und Salome wiederum für nichts anderes als für ihre nobelen Passionen Interesse hatte, war das Einvernehmen der beiden Schwestern dennoch das denkbar beste – wohl gerade um dieser Gegensätze willen.

Er herrschte die schönste Harmonie im Hause, und wenn der »Martha« fleißige Händchen am Abend ruhten, so erfreute sie sich an der Maria idealen Gaben der Kunst, die doppelt anerkannt wurden, weil sie vordem im Hanse unbekannt gewesen. Und dennoch blickte Frau von Welfen recht enttäuscht, ja recht voll Sorge auf die Resultate, die durch so viele Geld- und Liebesopfer in der Pension erzielt worden waren.

Hatte sie ihre Älteste darum schweren Herzens von sich gegeben, damit sie als verwöhntes, eitles und anspruchsvolles Salondämchen zurückkehre? – Das war nicht ihre bescheidene, gutherzige, kleine Salome von früher! Es war ein ganz fremdes Reis auf dem Stammbaum ihres Hauses. Ein Bäumchen, das nach allen Regeln der Kunst zugestutzt, die Treibhausblüten der Unnatur trug, auf allerlei ungesunde Keime gepfropft waren, die nun trieben und aufschössen, ohne wurzelecht zu sein.

Was nützte hier auf dem Lande das vielseitige Wissen, das doch nur in einem Mädchenkopf Stückwerk blieb, und was frommten die schönsten Künste, wenn sie nur Spielerei und Zeitvertreib waren und die Hände für den wahren und echten Frauenberuf untauglich machten?

Salome hatte nur die romanhaftesten Gedanken im Kopfe, und dem Mutterauge war es nicht entgangen, daß das brennend ersehnte Ziel all ihrer Träume und Wünsche eine möglichst schnelle Heirat war.

Das schmerzte und verletzte die warmherzige und gemütvolle Frau aufs tiefste, und oft stützte sie das Haupt schwer seufzend in die Hand und dachte voll Erbitterung an die Stunde zurück, wo sie ihr Kind vertrauensvoll von sich gegeben, um es, an Herz und Seele entfremdet, wiederzuerhalten. Wohl rechnete sie in ihrer nachsichtigen Güte mit der achtzehnjährigen Eitelkeit, die den Pensionsgenossinnen gegenüber Triumphe feiern will, aber sie hieß sie nicht gut, und hoffte, daß ihr Töchterchen noch durch eine ernste und gewissenhafte Schule im Elternhause gehen würde, ehe sie selber dazukäme, sich den eigenen Herd zu gründen.

Ganz unter der Hand wollte sie daran arbeiten, aus der kleinen Salondame eine künftige Hausfrau zu formen. Wie schwer es aber ist, Unkraut aus einem jungen Menschenherzen zu jäten, das lernte sie erst voll bitterer Sorge bei diesem Bemühen kennen.

An ihrem Mann fand sie leider in dieser Beziehung gar keine Stütze und Hilfe. Der Major war wie vernarrt in seine kluge Älteste, und fand alles, was seine Frau an ihr tadelte, gerade besonders hübsch und lobenswert.

»Ach Unsinn! Hausfrauentalente! Die hat ja unsere Rose aus dem Effeff! Eines schickt sich nicht für alle, und unsere elegante, kunstsinnige Salome paßt nur für einen Salon! Ein Mann, der dem Kinde nicht eine ihr angemessene Existenz bieten kann, kriegt sie eben nicht!«

»Und wenn sie sich in einen armen Mann verliebt?«

»So albern ist sie nicht!«

»Aber Männchen!«

»Aber Mutterchen!«

»Haben wir uns nicht auch auf die schmale Kaution hin geheiratet?«

»Ja, wir zwei! – Du resolutes, fleißiges Prachtfrauchen hast es auch dein Leben lang sauer genug gehabt, weil du mich armen Kerl genommen hast!«

Sie legte den Kopf lächelnd an seine Brust, und er küßte sie. »Ich war glücklich, Väterchen! Gebe Gott, daß Salome just so glücklich und zufrieden werden möge!«

»Dazu gehört bei dem verwöhnten Racker mehr, als ein Herz und eine Hütte! – Und das weiß sie auch; glaub' mir, das Mädel macht niemals einen dummen Streich, dazu ist ihr Verstand viel zu groß, und ihr Herzchen viel zu klein!«

»Leider, leider!«

»Papperlapapp! Leider! Ein Glück, daß es so ist. Die Zeiten haben sich geändert. Früher schuf die Liebe das Glück, heute das Geld! Unsere Jugend hat besser gelernt zu rechnen, als wir ehemals. Höre das Kind doch mal reden! Wie ein Buch. Ich verstehe oft nicht und begreife nicht, wo das grüne Gänschen schon solche resignierte Ideen über die Ehe her hat!«

»Ich weiß es leider zu gut. – Ach, daß man alle die nichtswürdig frivolen Romane, die unsere Jugend zu Skeptikern und Verächtern alles Hohen und Heiligen macht, verbrennen könnte!«

»Na, na, Dorchen, grolle nicht! – 's ist nun mal zeitgemäß, haben das Banner unserer Ansichten durch unsere Jugend getragen, die modernen Kinder tun das gleiche. Predigen und eifern hilft da nichts, die modernen Kinder müssen selber ihre Erfahrungen machen und das Lehrgeld dafür zahlen. Keine Arzenei umsonst; unser fieberkrankes, überreiztes Zeitalter muß noch manchen Heller in des lieben Herrgotts Apotheke tragen, wenn es gesund werden will! – Laß es seinen Gang gehen, und laß Salome nach ihren Ideen heiraten, sie wird sich schon ganz energisch durch das Leben bringen, das Zeug dazu hat sie ja!«

»Aber im Haushalt muß ich sie zuvor noch gründlich anweisen, Ernst, es ist meine Pflicht!«

»Bilde dir das doch nur nicht ein, Dorchen! – Sie lernt es doch nicht, weil ihr der ganze Kram langweilig und zuwider ist! Wie kann sie mit blauroten Händen Zither spielen? lind ihre Händchen sind meine ganze Augenweide! Es ist mir ein gräßlicher Gedanke, mein blondes Elfenkind als Aschenbrödel zu sehen – geradezu ein gräßlicher! Für meine Salome muß ein Prinz kommen, der sie auf Händen durchs Leben trägt! Für einen anderen bin ich nicht zu Hause, Mutterchen, denn für einen anderen wäre sie viel zu schade!«

»Ich merke schon, das Mädel hat dir wieder vorlamentiert, daß ich sie in die Küche befohlen habe!«

»Ach was! – Denkt gar nicht daran! Wir haben den ganzen Morgen Graphologie studiert!«

»Ernst, ich beschwöre dich, steck' das Kind nicht mit dieser unsinnigen Marotte an!«

»Unsinnige Marotte?! Nimm es mir nicht übel, beste Alte, aber davon verstehst du nichts. Wenn man allerdings jede neue, hochinteressante Wissenschaft für Unsinn erklärt, hört die Weit auf, fortzuschreiten. Backe und brate uns was Gutes, mein Dorchen, und laß deine kleine Rose Adjutantendienste dabei tun – ich habe mir die Salome zum Generalsstabsoffizier ausgesucht, und lasse ihn mir nicht abkommandieren, hörst du, Frau Major? Ganzes Bataillon kehrt!!«

Was war da zu machen? – Seufzend verließ Frau Nora den Gatten, der seelenvergnügt pfeifend zu dem großen Gartenhut griff, um bei dem Prachtwetter einen Gang durch den Park und die Neuanlagen zu tun.

Weiche, balsamische Luft wehte ihm entgegen. Der herrliche Blick, den man von der Freitreppe des schloßartigen Hauses genoß, entzückte den Besitzer stets von neuem.

Sammetartig gepflegte Wiesen, von der mannigfaltigen Pracht bunter Teppichbeete durchschnitten, dehnten sich bis zu dem dunkelschattigen Fichtengange, hinter dem, in malerischem Wechsel die Laubwipfel des Parkes, jetzt in die zartesten Schleier inngen Maiengrüns gehüllt, emporragten.

Eine graziöse Traueresche, prächtige Rotbuchen, Akazien und Platanen umstanden das Gutshaus in poesievollen Gruppen zu beiden Seiten, und ließen linker Hand den Silberspiegel eines Teiches durchblitzen, auf dem weiße Schwane ihr Gefieder im Sonnenglanz badeten.

Hochaufatmend, so recht ein Bild wohligen Behagens, stand der Major, die Hände in den Taschen der grauen Jagdjoppe versenkt, und musterte das kleine ihn umgebende Paradies.

Nun begann seine gute Zeit. Er konnte wieder reiten, fahren, auf die Jagd gehen, Fische angeln und Spaziergänge in die Felder wachen – lauter Vergnügungen, die er sich, seines immer heftiger werdenden »Feldzugsrheumatismus« wegen, im Winter nicht mehr erlauben durfte.

Und darum war der Winter langweilig; er haßte ihn. Nie nahe kleine Kreisstadt, die umliegenden Garnisonen hatten bisher noch wenig Abwechslung geboten, denn da noch keine Tochter im Hause Welfen ausgeführt wurde, waren es zumeist nur die älteren Herren, die hier und da einmal zum Diner und Whist in Jeseritz einkehrten.

Die vielen langen, einsamen Tage aber saß der pensionierte Offizier in seinem bequemen Sessel am Fenster und las sich die Augen müde. Da hatte ihm ein Zufall wissenschaftliche Abhandlungen über die Graphologie in die Hände gespielt.

Er las und begeisterte sich. Das war ja eine ganz unglaublich amüsante Beschäftigung, den lieben Nächsten an der Hand etlicher Schriftzüge so genau zu durchschauen, als habe er die ehrlichste Generalbeichte über all seine Mängel und Vorzüge abgelegt.

Nielsen war Feuer und Flamme. Er verschrieb sich alle diese Wissenschaft betreffenden Werke, studierte sehr eifrig und war bald ein leidenschaftlicher Graphologe. Kein Zettel, kein Brief – keine Schusterrechnung, keine Einladung, die nicht bis auf das Tippelchen auf dem i untersucht und begutachtet wurde. Was anfänglich ein harmloser und heiterer Sport war, artete bald zur Manie aus. Ein paar absonderliche Schrullen hatte der alte Militär schon zeitlebens gehabt, sie schmolzen jetzt zusammen zu der einen, schier unheimlichen Marotte, die Handschrift von Freund und Feind zu deuten.

Und dies blieb nicht eine launige Beschäftigung, sondern artete oft in fatalster Weise aus. Da ein paarmal seine Deutungen das Wahre gestreift hatten, war Welfen nun von seiner hohen Wissenschaft so felsenfest überzeugt und hielt sein Urteil für derart unfehlbar, daß er sich hinreißen ließ, Leute in unmotivierter Weise zu verdammen oder in den Himmel zu heben.

Er hatte den Verkehr mit seinem ältesten Jugendfreunde ohne Grund abgebrochen, weil er behauptete, aus dessen Schrift nur Falschheit, Hinterlist und Egoismus zu lesen, und er nahm ohne Besinnen die allgemein sehr gefürchtete Tante Sidonie, die ihm einen höchst boshaften, verleumderischen und giftigen Brief über ihre »unerträglichen« Schwestern schrieb, in sein Haus auf, lediglich, weil er behauptete, in der Handschrift der alten Dame drücke sich sehr viel Herzensgüte, Milde und Charakterfestigkeit aus; sie sei eine verkannte Perle und werde von den Schwestern nichtswürdig behandelt, darum sei es Pflicht, die verfolgte Unschuld vor ihnen zu retten.

Frau Dora schüttelte oft sehr mißbilligend den Kopf. »Aber Ernst! Warum beziehst du deine Zigarren nicht mehr aus dem alten Geschäft, das dir nun schon seit zwanzig Jahren den Bedarf zur vollsten Zufriedenheit liefert?«

»Weil ich den Kerl als Betrüger erkannt habe! Da hier – sieh seine Schrift an! Keine Spur von einem soliden und reellen Charakter, alles Schwindel. Ich nehme meine Havannas jetzt von Bilderboom & Compagnie – die Schrift verbürgt volle Ehrenhaftigkeit.«

Und er nahm die Zigarren von Bilderboom & Cie., sie waren bedeutend teurer und entschieden schlechter – Dora fand ihren Geruch nichts weniger als fein. Auch Welfen schien es zu finden. Er rauchte seit der Zeit nur halb so viel wie früher, aber er wäre lieber gestorben, ehe er seine geliebte Graphologie bloßgestellt und zu dem alten Lieferanten zurückgekehrt wäre.

Jetzt dachte der Major weder an Schriftzeichen noch verdächtige Schnörkel und Häkchen! Die Natur schreibt ihre Frühlingspsalter nicht mit Feder und Tinte, sie läßt sie von keinem Menschenwitz deuten und enträtseln, ihre wonnigen Verheißungen von urewiger Auferstehung, von der heiligen Majestät des Schöpfers aller Dinge, von dem süßen Geheimnis junger Minne, das sie mit sonnengoldenem Stift in den Kelch der Rose gräbt!

Nein, Herr von Welfen dachte zuerst fröhlich schmunzelnd:

»Ernst, Ernst! Alter Junge, was hast du für einen Dusel gehabt, daß du dies Jeseriß erbtest!« Und dann überlegte er, daß er ein wenig spazieren reiten wolle, und rief dem just vorübergehenden Gartenarbeiter den Befehl zu, den »Meteor« sofort satteln zu lassen. Als der Alte diensteifrig davoneilte, fiel ihm wieder ein, daß er ja im Garten nach den Vergißmeinnicht hatte sehen wollen, ob sie nun endlich aufgehen würden oder nicht.

Es hatte ihn schwer ärgern können, wenn es die Racker nicht getan hätten. Damit hatte es folgende Bewandtnis.

Unlängst hatte er einmal in uralten Raritäten gekramt, als seine Frau in längst vergessener Truhe nach dem Taufschein Roses suchte. Sie benötigte diesen zur Konfirmation. Da blickte er über die Schulter seiner Frau und amüsierte sich, was für Kostbarkeiten seine liebe Alte zum ewigen Andenken aufbewahrt hatte, Myrtenkranz, Schleier und Sträußchen – Endchen von Band und Spitzen, vergilbte Menüs und ein »Stammbüchlein« – Salomes erste Schuhchen und Roses Hampelmann, eine zerbrochene Tasse, aus der während eines Manövers König Wilhelm von Preußen getrunken – mit Rosabändchen umwunden ein Packen stark abgegriffener Briefe, »aus unserer Brautzeit« stand daraus. »Und was sind das für welke Blumen?«

Frau Dora lächelte wie im Traum und hob den trockenen Strauß empor. »Kennst du ihn nicht wieder, böser Mann?« schalt sie, und ihre schönen Augen sahen gar zu jung zu ihm empor, »diesen Gruß brachtest du mir ja, als wir uns verlobten!«

»Wahrhaftig, Schatz?« Er neigte sich gerührt und nahm das Bukettchen zur Hand. »Hm … lauter Rosen und Vergißmeinnicht!« nickte er zärtlich, »ei – und sieh mal hier, Mutterchen – – an diesen Vergißmeinnicht hängen sogar noch ein paar volle Samenkapseln!!« Er löste die Kapseln ab, und die seinen schwarzen Körnchen rieselten ihm in die Hand. »Nun sieh mal an, Dorchen! Das nenne ich wirklich ein treues Vergißmeinnicht! Ob der Samen wohl noch aufginge, wenn man ihn säen würde?«

»Undenkbar!«

»Warum? Ich habe neulich noch gelesen, daß ein Kirschkern, der in einer Braunkohle aufgefunden wurde, der also schon Taufende von Jahren verkapselt dagelegen hatte, doch noch gekeimt hat!«

»Eine Zeitungsente, Alterchen!«

»Wenn man jede Mitteilung anzweifeln soll, braucht man keine Bücher und Zeitungen zu lesen! Ich wette, dieser Samen geht auf!«

»Gut, probiere es und säe ihn! Vergißmeinnicht aus unserm Verlobungsstrauß!! Bald zwanzig Jahre alt – das würde geradezu ein Wunder sein!«

»Von diesem Vergißmeinnicht sollen unsere Mädels auch ihre Verlobungssträuße geschnitten bekommen!« sagte er feierlich.

Frau von Welfen lachte: »Dann sorge nur dafür, daß die Freier mit den Blumen zugleich aus der Erde schießen!!« neckte sie.

»Wird schon werden!« Er gab ihr einen Kuß, »wenn Salome erst wieder daheim ist – und die Vergißmeinnicht blühen … dann schüttelt der liebe Herrgott wohl auch noch einen zweiten Mustermann, wie deinen teuren Gatten hier, aus dem Ärmel – für unsere Älteste!« – und damit entleerte er die Kapseln sorgsam in die hohle Hand und schritt eifrig zur Tür, um den warmen Sonnenschein sofort zu benutzen und das Auferstehungswunder seines Verlobungsstraußes in Szene zu setzen.

Das beste, wärmste Plätzchen hatte er dazu im Garten ausgesucht, und er war Tag für Tag dorthin gepilgert, voll Ungeduld, ein paar grüne Spitzchen aus der Erde gucken zu sehen. Es kamen aber keine, und das verdroß ihn gewaltig. Salomes Ankunft, ein neues interessantes Buch und dann etliche Tage Regenwetter hatten diese bereits sehr langen, täglichen Inspektionsbesuche unterbrochen.

Heute fielen dem Major die Vergißmeinnicht wieder ein, und obwohl er selber bereits einen gelinden Zweifel in die Leistungsfähigkeit der ehrwürdigen, schwarzen Körnlein gesetzt, schlenderte er dennoch durch die köstlich sonnigen Parkwege, bis hin zu der bemoosten Ruine in den alten Anlagen, wo die Vergißmeinnicht auf ängstlich geheimgehaltenem Beetchen zeigen sollten, was sie konnten.

Prüfend neigte sich Herr von Welsen nieder. Ein Stutzen, ein scharfer Ruck, und er lag beinahe bor dem Unglaublichen, Entzückenden auf den Knien! Sie kamen! Sie kamen!!

Nein, es war keine Täuschung. Zarte, runde Blättchen kämpften sich aus dem losen Erdreich hervor; zwar nicht viele, aber doch einige! Wirkliche, wahrhaftige Vergißmeinnicht!

Ein paar Minuten stand der Major wie in seliger Verzückung! Dann wallte es wie Stolz und Triumph in seinem Herzen auf! Sollte er bis nach seinem Spazierritt warten, ehe er diese Nachricht seiner Frau zukommen ließ? Nein, das wäre rücksichtslos, das wäre ein Verbrechen gewesen!

Uns dem nächsten Weg zu ihr! Gewiß war sie jetzt in der Küche, es wurden ja schon eifrig Vorbereitungen zur Konfirmation der kleinen Rose getroffen. Übermorgen sollte sie stattfinden, und fraglos kamen viele Gratulanten aus dem Städtchen und der Umgegend. Da wollten Küche und Speisekammer gerüstet sein, und er hatte es ja ganz genau gehört, wie Nora der Mamsell die Treppe herabgerufen hat: »Die Schnepfen, die Bachmann gestern abend geschossen, wollen wir zu einer kalten Pastete verarbeiten, Minchen! Ich komme nachher und helfe dabei!«

Der Besitzer von Jeseritz schmunzelte schon im Gedanken daran; im Geschwindschritt durcheilte er die Kieswege, den Gemüsegarten und den daran stoßenden Geflügelhof. Noch eine kleine Biegung um den Seitenflügel des Hauses, und die vergitterten Souterrainfenster der Küche lagen vor ihm. Er donnerte mit beiden Mausten dagegen. »Dora! – Dora!! Bist du hier?!«

Das runde, sonst so mild und freundlich wie der liebe Vollmond glänzende Gesicht der Mamsell Minchen kam angstverzerrt zum Vorschein.

»Ach Herr Major! Herr Major! Ist ein Unglück passiert?«

»Unsinn! Bei solchem Netter kann sich nur Glückliches ereignen! – Marsch, vorwärts! Rufen Sie mal meine Frau her!«

Die Mamsell atmete erleichtert auf und legte den Kochlöffel aus der Hand, um sich die Dinger respektvoll an der blütenweisen Schürze zu reiben. Das war ihrer Ansicht nach »gutes Benehmen«. In Gegenwart der Herrschaft durfte kein Mehlstäubchen an den Dingern haften bleiben.

»Die gnädige Frau wurde eben nach oben gerufen, Herr Major!« flüsterte sie mit frommem Augenaufschlag, »der Herr Pfarrer ist gekommen und will mit den Damen noch wegen der Konfirmation sprechen!«

»So! – Deibel auch!« – Welsen kraute sich halb verlegen, halb unschlüssig in dem vollen Haar: »Da mag ich nicht stören, diese Unterhaltungen sind so mächtig ernsthaft, und wen der kleine Pastor einmal festnagelt, sitzt er hoffnungslos seine paar Stunden im Sessel ab! Na, Mamsell, da bestellen Sie meiner Frau einstweilen: Die Vergißmeinnicht kämen! Haben Sie verstanden? – Die Vergißmeinnicht kämen! Extra zur Vorfeier von Roses Konfirmation! Ich würde es ihr gern selbst gesagt haben, aber ich bin eilig, will noch ausreiten, hören Sie Minchen? Gleich bestellen! Na, dann backt und bratet mal was recht Extrafeines zusammen! Kleine Schneckenpastete, he?« – Und mit sehr verschmitztem Lächeln nickte er dem wackeren alten Jungferchen zu und stiefelte wie mit Siebenmeilenstiefeln davon – nach dem Wirtschaftshofe, woselbst der prächtige Goldfuchs schon wartete und voll Lenzeslust und Übermut in das Gebiß schäumte.

Mamsell Minchen aber stand noch mit offenem Munde und starrte dem rätselhaften Sprecher nach. Wer kommt? Die Vergißmeinnicht? Wer um Himmels willen ist denn das schon wieder? Und gar zu Tisch – so überraschend – erst um zehn Uhr sich anzumelden!! Und dann verlangt der Herr Major noch was sehr feines Gebratenes auf den Tisch? Ei du lieber Gott! Das ist ja eine schöne Bescherung, gerade heute, wo so viel zu tun ist! Und die treue Seele schlug die Hände über dem Kopf zusammen und stürzte davon, Fräulein Salome einstweilen zu benachrichtigen.

V.

Gnädiges Fräulein! gnädiges Fräulein!!«

Salomes Stimme schnappte beim schönsten hohen Ton der ganzen Gnadenarie über: »Robert! Robert mein Geliebter –« wie herrlich hatte sie es geklagt, und nun muß ihr die verdrehte alte Mine einen so unsinnigen Schrecken in die Glieder jagen!

Sie fuhr mit den weißen Händchen hoch in die Luft Und schnellte herum.

»Grundgütiger!! Was ist passiert?!!«

Mamsell preßte beide Hände gegen den Busen, der nur durch die zwei Stecknadelköpfe der Latzschürze markiert wurde, und rang nach Atem.

»Auch das noch, gnädiges Fräulein!« stieß sie hervor, »Plätterei … Kuchenbacken … großes Reinemachen vom Keller bis zum Boden, und dazu noch unerwartet Gäste zu Tisch, um deretwillen Umstände gemacht werden müssen!«

Salome hatte sich schnell erholt. Bei dem Worte »Gäste« ging es sogar wie ein sehr vergnügliches Ausleuchten über ihr Gesichtchen. »Aber Mamsell, ich bitte Sie! Das ist ja doch riesig nett! Wer kommt denn?«

»Nett? Herr des Himmels, auch noch nett finden Sie das! Was wird die gnädige Frau sagen!« jammerte Mine fassungslos.

»Freuen wird sie sich! Selbstverständlich nur über angenehmen Besuch! So sagen Sie doch nur, wer es ist?«

Mine schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht! Der Herr Major sagte: ,Die Vergißmeinnicht kämen!' Wer aber damit gemeint ist, das werden die Damen wohl besser wissen als ich!«

»Nie Vergißmeinnicht?« Salome starrte nachdenklich einen Augenblick geradeaus. Dann lachte sie plötzlich laut auf und schlug wie in höchster Lustigkeit die Hände zusammen. »Die Vergißmeinnicht – oh, ich verstehe! Papa nennt die blauen Husaren im Scherze so! Da werden sich wohl ein paar von den Offizieren zur Schnepfenjagd angemeldet haben!«

Mit gottergebenem Ausblick nickte die Alte vor sich hin. »Ja, sa, das wird's sein! Die Herren Offiziere! Os waren ja öfters schon Husaren hier! Aber wegen der Schnepfenjagd kommen sie diesmal nicht, der Major deutete an, es sei zur Vorfeier von Fräulein Roses Konfirmation –«

»Wie? Zur Vorfeier? – Das ist ja entzückend! Da haben wir doch wenigstens Vergnügen davon –«

»Vergnügen von einer Konfirmation!« Mine sah sehr vorwurfsvoll aus – »aber Fräulein Salome, ich denke doch, die Herren werden nur recht feierlich gratulieren und dann wieder nach Hause fahren!«

Das junge Mädchen errötete. »Hier denkt man allerdings sehr strenge darüber!« stimmte sie hastig zu, »in der französischen Schweiz und in Frankreich hat man andere Ansichten! Dort wünschen sich die Konfirmandinnen meistens ein Tanzfest zum Abschluß der Feier, denn sie sagen: sie ist doch hauptsächlich dazu da, daß wir von Stund an für erwachsen gelten und uns amüsieren können wie die großen Leute!«

»Oh! Oh! –« wehrte Mamsell entrüstet mit beiden Händen ab, »welch eine gotteslästerliche Sünde! Unser Pfarrer erlaubte dermalen sogar nicht einmal, daß wir zur Konfirmation Geschenke erhielten, denn er sagte: Das lenkt den Sinn nur ab, und beschäftigt bei leichtlebigen und flatterhaften Mädchen Herz und Seele lebhafter, als der Inhalt dieser ernstesten aller Weihen! Aber was schwatze ich da! Das gnädige Fräulein wird ja selbstverständlich bei unserer gut deutschen Ansicht geblieben sein und die nichtsnutzigen französischen Sitten ebenso verachten wie wir! Und die Gäste, Fräulein Salome! Die Gäste! Was fangen wir nun an? Gnädige Frau darf ich doch jetzt nicht stören, und selbständig ein Diner bestimmen darf ich doch auch nicht. Wenn das gnädige Fräulein mir nur sagen wollte, was ich Herrichten soll!«

»Papa wollte es besonders sein haben?« Salome sah etwas verlegen aus und schien froh, dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können.

»Gewiß,« jammerte Mamsell – »sogar die Schnepfenpastete will er heute schon!«

»Ist sie denn schon fertig?«

»Sie kocht und erkaltet wohl noch bis zu Tisch.«

»Nun, dann sind Sie ja sein heraus, Minchen! Ein Braten wird doch schon aufzutreiben sein?«

»Das Filet ist noch zu frisch und muß bis zu dem eigentlichen Festtag bleiben!« Das sanfte Gesicht der Sprecherin sah sehr energisch aus. »Von dem Suppenfleisch einen Schmorbraten machen, das ginge wohl, ist aber nicht sehr fein.«

»Wir haben ja massenhaft Geflügel auf dem Hof!«

»Es ist halb zwölf Uhr. Schlachten und rupfen und gleich in die Pfanne? – So frisches Zeug schmeckt wie Leder.«

»Aber bestes Minchen, wenn's doch nichts anderes im Hause gibt, dann machen Sie den Schmorbraten und damit basta!«

»Ach, gnädiges Fräulein, Sie nehmen die Sache so leicht, aber mein Renommee! Es fällt ja alles auf die Kochmamsell, wenn's nicht gut ist, o und die Herren Husaren, die sind so schauerlich verwöhnt! – Ich werde lieber den Puter nehmen, der auch zur Konfirmation sollte, und dann einen neuen schlachten lassen – und das Rindfleisch mit einer guten Meerrettichsauce und Brühkartoffeln nach der Suppe – dann einen Fisch – Bachmann muß uns Karpfen aus dem Teich schaffen –«

»Wird nicht gehen, Mamsell, die müssen doch auch erst hängen!«

»Müssen hängen?«

»Natürlich! So frisch geschlachtet und gleich in den Topf, da kochen sie sich am Ende auch wie Leder –«

Das alte Jungferchen wurde sehr rot im Gesicht und fing an zu husten, zu gleicher Zeit öffnete sich die Tür, und Frau von Welfen trat ein. Der Pfarrer hatte sich heute sehr bald wieder empfohlen, da er noch verschiedene Visiten vor sich hätte.

»Die Mama! – Gottlob die Mama!«

Frau Dora blieb verblüfft stehen, als sie ihre Älteste und die Wirtschafterin so eifrig im Gespräche sah, und dann beide in vollster Lebhaftigkeit auf sie einstürmten.

»Mama! Die Husaren kommen heute zu Tisch! Haben sich eben angemeldet!« jubelte Salome, den letzten Hauch jener sentimentalen Stimmung, in die sie die Gnadenarie soeben noch versetzt hatte, überwindend.

»Die Husaren?!«

»Ja, die Husaren! Zur Vorfeier der Konfirmation! Gewiß sind sie am Festtage selber verhindert zu erscheinen und wollen heute schon gratulieren.«

Frau von Nielsen schien unangenehm berührt.

»Wie überflüssig! Ich liebe solch geräuschvolles Feiern und namentlich ein Vorfeiern absolut nicht. – Werde das den Herren auch sagen und sie bitten, von einer Gratulation abzustehen. Rose erscheint heute nicht in Gesellschaft – ich finde es unpassend.« Sie wandte sich zu Mamsell, der die Genugtuung aus den milden, dunklen Augen strahlte.

»Wie viele Personen meldeten sich an, Minchen?«

»Das weiß ich nicht, gnädige Frau! Davon sagte Herr Major nichts; er wollte nur alles recht sein haben.«

»Salome, lauf' einmal zu Papa und frage, wer käme.«

»Ach, der Herr Major ist eben fortgeritten!«

»Mein Himmel, wie fatal! Es ist doch ein Unterschied, ob man für zwei oder sechs Personen mehr zu kochen hat!« –^ Ärgerlich schritt Frau von Nielsen im Zimmer auf und nieder. »Es trifft sich gar zu ungelegen! – Gerade heute! – Um wieviel Uhr kommen die Herren?«

Fräulein Minchen sah wieder sehr verlegen aus. »Davon sagte Herr Major auch nichts!« flüsterte sie kleinlaut und sichtlich erschreckt.

»Keine Zeit bestimmt? Wie rücksichtslos! Auf wann soll man da das Essen einrichten?!«

»Die Herren kennen ja unsere Tischstunde, gnädige Frau, sie sind immer um drei Uhr hier gewesen.«

»Gut – sagen wir also wie stets, um drei Uhr. – Sieh doch mal Salome, ob Papa Tante Sidonie etwas Näheres darüber gesagt hat!«

Das junge Mädchen warf spöttisch das Wäschen zurück. »Suche einer Tante Sidonie! Sie hat die große blaue Brille auf und ist mit der Botanisiertrommel auf einer Studienreise!« »Dann sieh, ob vielleicht in Papas Stube ein Brief liegt aus dem wir das Nötige erfahren können! Und wir wollen in der Küche Kriegsrat halten, Minchen. – Salome!!«

Die Einteilende blieb auf der Türschwelle stehen. »Mamachen?«

»Es wäre mir lieb, wenn du uns heute ein bißchen in der Küche zur Hand gingest, damit die Mädchen erst noch mit dem Reinemachen fertig werden!«

Sie wandte sich um, und sah nicht das unwillige, schmollende Gesicht ihrer Tochter, Mamsell aber kicherte ganz leise und flüsterte: »Ach, gnädige Frau! Was hat unser Salomechen für närrische Sachen in der Pension gelernt! Sie will die Karpfen erst ein paar Tage an die Luft hängen, damit sie mürbe werden!!«

Eine große, hastige Tätigkeit entwickelte sich im Hause, die Rose nicht verborgen blieb, als sie ihr Zimmer, in dem sie fleißig Katechismus gelernt, verließ.

»Ach Fräulein Rose, es kommen ganz überraschend Gäste zu Tisch!« berichtete das Stubenmädchen, wie eine Rasende mit Besen und Eimer über den Korridor stürmend. »Ein paar Offiziere von den Husaren!!«

Das war dem Backfischchen unendlich gleichgültig, denn Rose hatte kein Interesse für junge Herren, und man erzählte sich im Nachbarstädtchen mit viel Vergnügen eine kleine Geschichte von ihr, die sich jüngst zugetragen hatte.

»Wenn du nun konfirmiert bist, Rose, mußt du bei Tisch erscheinen, wenn Gesellschaft ist« – hatte ihr Frau von Welfen erklärt, »und nächsten Winter bist du siebzehn Jahre alt und wirst als erwachsenes Mädchen zu Spiel und Tanz ausgeführt!«

Wie ein Jammerbild mit tief geneigtem Köpfchen hatte es die Kleine gehört und dann tief aufseufzend die Händchen gerungen »ach Mutter! Nächstes Jahr bereits? Warum so bald schon! Laß mich armes Wurm doch erst noch ein bißchen mein Leben genießen!!«

Darunter aber verstand sie sehr naiverweise noch ganz andere, bedeutend harmlosere Vergnügungen, wie Spiel und Tanz im Ballsaal – sie war im vollsten Gegensatz zu Salome noch völlig Kind, las weder Romane, noch träumte solche, tollte in glückseliger Ausgelassenheit wie ein junges Füllen in Feld, Wald und Wiese herum, und hätte gegen eine Tüte Bonbons oder eine Marzipantorte das ganze Husarenregiment kaltblütig eingetauscht.

Rose dachte an alles andere mehr, denn an Verloben oder Heiraten. Sie fühlte sich über die Maßen wohl und glücklich daheim und hatte oft mit ungestümer Liebkosung der Mutter versichert: »Weißt du, Mama – ich gehe nie von dir fort! Ich bleibe immer und ewig bei dir!«

Voll inniger Zärtlichkeit küßte Frau Dora ihr wildes Kind. »Dann mußt du ja eine alte Jungfer werden, meine Rosel?!«

Die Kleine lachte, daß die weißen Perlzähnchen blinkten. »Gewiß! Ist das etwa dumm? Im Gegenteil! Mamsell Mine hat auch nicht gefreit, oh, und wie behaglich und wohl fühlt sie sich! Du solltest mal sehen, wie reizend das droben in ihrem Stübchen ist, wie in einem Schmuckkästchen so sauber und schmuck! Friedlich, still, ohne knurrenden und übellaunigen Herrn der Schöpfung, ohne Zigarrenqualm und Kindergeschrei! – ›Nun leb' ich für mich, und kann tun und lassen was ich will!‹ sagte sie, ›und habe keine Sorge und Not!‹ Schon in der Bibel steht's geschrieben: ›heiraten ist gut, aber nicht heiraten ist besser‹!!«

Frau von Welfen hatte gelacht. »Um Gottes willen Kind, die Mine wird doch keine Männerfeinden aus dir machen?«

Ja, Mamsell Mine war auf dem besten Wege dazu, nicht durch altjüngferliche Verbissenheit oder grünspanige Ansichten das Ewigmännliche in Roses Augen anfeindend, sondern lediglich durch ihr Beispiel wirkend, wie ein tüchtiges altes Mädchen zufrieden und glücklich sein kann, ohne den Ehering am Finger.

Und wie die Schwestern in allen Dingen die grellsten Gegensätze waren, so nahm Rose sich in ihrem herbjungfräulichen Herzchen steif und fest vor, niemals die Sklavenketten eines zu dulden, während Salome nur ein heißes Verlangen kannte, so schnell wie möglich Kranz und Schleier zu tragen.

Auf die alarmierende Nachricht von dem überraschenden Besuch hin war Rose in vergnügtester Stimmung sofort in die Küche gestürmt. »Mama! Mama! Ich bin noch nicht konfirmiert! Ich kann doch noch bei Miß Howard essen?« – war die erste, sehr eifrige Frage,

»Gewiß mein Kind, es ist mir sehr recht.«

Salome blickte überrascht auf, und ein beinahe ironisches Lächeln spielte um ihren Mund. Sie begriff dieses Baby nicht.

Rose kannte allerdings nichts anderes als die tödliche Langeweile des Landlebens, aber gerade darum hätte man annehmen sollen, sie sehne sich doppelt nach etwas Abwechslung und Amüsement. Wäre es in Lausanne nicht so herrlich vergnügt und interessant gewesen und hätte man Salowe nicht schon völlig wie ein erwachsenes Mädchen behandelt und ihr alle Vergnügungen, sogar ein allerliebstes Tanzfest gegönnt, sie wäre gewiß nicht bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr in Penston geblieben!

»Hattest du eigentlich in Papas Zimmer einen Brief mit der Ansage der Herren gefunden?«

»Nein, Mama – nicht einmal das Kuvert im Papierkorb! – Sieh mal … ist der gräßliche Schnee nun bald steif genug?!« – Sie hielt aufseufzend und unendlich gelangweilt, die Schüssel mit dem Eiweiß hin. – Rose warf einen flüchtigen Blick darauf.

»Na, ich danke! – Fließt ja noch! Gib mal her … so macht man das!« – Und sie nahm mit energischem Griff den Drahtbesen und die Schale zur Hand und begann mächtig den Schnee zu schlagen.

»Es ist unerträglich heiß hier!« – stöhnte Salome und wischte sich mit dem duftigen Spitzentüchelchen über die Stirn.

»Dann will ich dir mal einen guten Rat geben!« Rose machte im Eifer einen Lärm mit dem Schaumbesen, daß man sie kaum verstand, »geh' du hinauf und kümmere dich ein bißchen um das Tischdecken! Wulf ist gewöhnt, daß ich ihm dabei helfe.« Salome warf der Schwester einen sehr dankbaren Blick zu und band hastig die verhaßte Küchenschürze ab. »Ja, das tue ich gern! Namentlich recht hübsch mit Blumen ausschmücken! Darf ich welche aus dem Treibhaus holen, Mamachen? Es sind so herrliche Hyazynthen und Maiglöckchen da!«

Frau von Welsen hatte leise aufgeseufzt. Sie nickte mechanisch vor sich hin: »Ja, geh' nur! Ich sehe schon, du willst nichts bei uns lernen, und heute wäre eine so gute Gelegenheit gewesen, tüchtig hier zuzugreifen!«

Salome schmiegte sich zärtlich an die Sprecherin und sah ihr mit den großen Veilchenaugen flehend in das Antlitz: »Mutterchen, sei nicht böse!« schmeichelte sie; »es macht mir wirklich gar kein Vergnügen, in der Küche zu stecken – und gegen seine Aversionen kann der Mensch nicht ankämpfen! Was soll ich hier! Du und Mine und Rose seid wirklich drei Fachkünstler ersten Ranges, und ihr werdet viel schneller fertig, wenn ich euch nicht dazwischen herum pfusche! – Adio, mia bella Napoli!« sang sie schelmisch, nickte der kleinen Schwester, die sich mit lust- und eiferblitzenden Augen die weggeworfene Küchenschürze vorband, noch einmal dankbar zu und eilte hastig hinaus.

»Salome!!«

»Ja!«

»Schick' mir sogleich mal Bachmann her! Er muß Karpfen aus dem Teich holen!«

»Sofort, Mamachen! – will's besorgen!« – klang es wie ein Echo zurück.

In der Küchentür stand Wulf. »Gnädige Frau, ich bitte um die Schlüssel zum Silberspind … möchte noch ein wenig nachputzen! Für wieviel Personen darf ich decken?«

Frau von Welsen zuckte die Achseln. »Ich ahne nicht, wie viele Herren kommen, Wulf! Decken Sie für vier Gäste, stellen Sie aber noch etliche Gedecke bereit, falls mehr Personen kommen.«

»Und wie viele Weingläser pro Kuvert?«

»Damit warten Sie lieber, bis der Herr Major zurückkommt. Suppenwein, Tischwein und einen Rheinwein zum Fisch gibt es bestimmt; ob Sekt gereicht werden soll, weiß ich nicht.«

»Befehl, gnädige Frau!«

»Sie hatten sich wohl gerade zurecht gemacht, um in die Stadt zu fahren und die Einkäufe zu besorgen?«

»Befehl, gnädige Frau, der Wagen stand schon bereit.«

»Sehr ärgerlich. Im ganzen Leben ist mir noch kein Besuch so ungelegen gekommen wie heute.« Frau Dora lief aufgeregt auf den Flur und rief in das Treppenhaus empor: »Marie! Jette! Wie weit seid ihr mit den Salons?!«

»Wir machen eben die Portieren wieder auf, gnädige Frau!« klang es aus weiter Ferne zurück.

»Werdet ihr rechtzeitig fertig? Sonst holt euch noch die Schmedemann aus dem Dorf zu Hilfe!«

»Danke schön, gnädige Frau! Es wird schon gehen!!«

Frau von Welsen eilte noch ein paar Schritte weiter den Korridor entlang: »Miß Howard!!«

»Yes!« Eine Tür wurde langsam geöffnet, und die blasse, überschlanke Engländerin erschien auf der Schwelle, ein mächtiges Buchzeichen, in das sie die letzten Buchstaben von Roses Konfirmationsspruch einstickte, in der Hand.

»Ich habe sehr viel zu tun, gnädige Frau,« sagte sie sehr phlegmatisch in gebrochenem Deutsch: »ich muß beenden diese Geschenk für Rose dear!«

»Unmöglich, beste Miß! – Sie müssen mir heute helfen! Wir haben alle Hände nötig! – Oben in den Zimmern Staub wischen! Fangen Sie da an, wo die Mädchen fertig sind!«

»Oh yes … es seien sehr trostlos!« seufzte die Tochter Albions, und Frau Nora verschwand wieder in der Küche.

Währenddessen war Salome in ihr Zimmer geeilt, um sich die Hände gründlichst zu waschen und jede Spur, die die entsetzliche Küche zurückgelassen, eiligst zu verwischen. – Schrecklich! Alles roch nach Zwiebeln, Bratendunst und andern greulich prosaischen Dingen – o und die Hitze und der Wasserschwaden! Wie in einem russischen Dampfbad! – Selbstverständlich, die Stirnlöckchen lösen sich gleich auf, und Mehlstaub auf dem Ärmel … und ein Eiweißspritzer an der Taille! Es ist zum Verzweifeln! Nun muß sie wieder von Kopf bis Fuß neu Toilette machen! Ein Trost wenigstens, daß sie sich zu Tisch doch hätte umziehen müssen!

Nein, die Passion der Mama, sie in die Küche zu sperren, ist grauenhaft, und Salome wird alles aufbieten, sich solcher Lehrzeit zu entziehen.

Kochen – lächerlich!! Wozu? Heutzutage hat es keine Dame nötig, das ist Aufgabe der Köchin. Und heiraten, ohne die Mittel zu haben, eine ganz perfekte Köchin zu halten? Niemals!

Salome ist viel zu sehr als Kind ihrer Zeit erzogen, um es nicht als Hauptbedingung zu erachten, eine gute Partie zu machen! Gefallen muß ihr der Zukünftige freilich auch, aber von der Liebe allein lebt man nicht, das wissen unsere modernen Damen ebensogut wie die Herren.

Ein Herz und eine Hütte gehört zu den veralteten Wertherschwärmereien, über die unsere Jugend ebenso spöttisch lächelt, wie man sie zu Anfang des Jahrhunderts mit Tränen der Rührung feierte.

Andere Zeiten, andere Sitten,

Als Salome durch den köstlichen Sonnenschein, unter Blütenknospen und maiengrünem Gezweig einherschritt, um im Gewächshaus Blumen für den Tafelschmuck zu holen, schaute sie hochaufatmend um sich, wohlzufrieden und froh der Herrlichkeit ringsum, ohne dennoch den wahren Genuß von dieser Schönheit zu haben.

So schwärmerisch sie veranlagt schien, und so sehr sie mit tränenschwimmenden Augen wie in Verzückung zum Himmel emporlächelte, wenn sie Wagnernmusik hörte, einen Roman las, oder sonst ein Kunstwerk bewunderte, ebenso ungerührt eilte sie an der zauberhaftesten Frühlingspracht vorüber, denn diese war ja etwas Selbstverständliches, Natürliches und darum macht man als gebildetes Mädchen kein Aufhebens davon.

Man hatte sie nur gelehrt, die Kunst und Unnatur anzuschwärmen, und sie tat es, wie es die Dressur verlangte, mit Augen und Gesten, ohne im tiefsten Herzen das zu empfinden, womit sie kokettierte. Während die Vöglein ihre süßen Lieder junger Liebeswonne über ihr zwitscherten, dachte Salome voll brennenden Interesses einzig darüber nach, ob wohl unter den Husaren ein Graf und Majoratsherr sei, schön, vornehm und reich genug, um ihr begehrenswert zu erscheinen – und als sie in dem Gewächshaus hastig und unbarmherzig die entzückenden Blütenzweige abschnitt und mit kühl musterndem Blick erwog, ob sie wohl genug Effekt auf dem Tisch machen würden, kam ihr kein Gedanke: Wie schön sind diese Blumen! Wie berauschend ihr Duft! – Wie groß die Allmacht und Gnade dessen, der sie erschaffen! – Nein, Salome überlegte nur, welche Toilette sie wohl anlegen solle, um sich so vorteilhaft wie möglich einem etwaigen Freier zu präsentieren.

Als sie mit dem hochgefüllten Körbchen in den Garten zurücktrat, überlegte sie einen Augenblick, ob es wohl ratsam sei, direkt nach dem Eßsaal zurückzugehen.

Wozu, um womöglich wie eine Kellnerin um den Tisch herumzulaufen und decken zu helfen? – Shocking!! – Erstens hielt sie das absolut unter ihrer Würde, und zweitens war es ja lächerlich, Wulf derart zu verwöhnen! Mama und Rose schienen leider das Prinzip zu haben, überall den Dienstboten die Arbeit abzunehmen. In der Pension hatte sie das nicht gelernt, denn es war eine der ersten und vornehmsten Pensionen, in der die jungen Mädchen für das viele von ihnen bezahlte Geld auch völlig als Damen behandelt und von A bis Z bedient wurden.

Den Tisch decken! – Lola und Juliette würden ja Lachkrämpfe bekommen, wenn sie so etwas hörten. In Rußland und Frankreich bekümmern sich die Damen nicht um den Haushalt, nur in dem verbauerten Deutschland arbeitete die musterhafte Hausfrau in Reih und Glied mit den Dienstboten!

Nein, Salome würde sich nicht zur Sklavin von Küche, Keller und Kinderstube machen – sie würde Geld haben, um Dienste, die sie verrichtet haben will, zu bezahlen.

Schnell entschlossen wandte sie sich um und schritt in den Park hinein, um noch eine kleine Promenade zu machen und die Zeit möglichst zu vertrödeln. Wenn sie heimkam, war wohl der Tisch gedeckt. Langsam schritt sie dahin, und das Sonnengold umfloß ihre reizende Gestalt, die so maienfrisch und jung anzuschauen war, und doch eine so alte, angekränkelte Seele, und ein so kaltes, vom Gifthauch der Welt so früh berührtes Herzchen barg. Ihre Gedanken zogen durch das Köpfchen, und kehrten, wie so oft schon, zurück zu jenem Erlebnis in der Eisenbahn, das ihr für lange Zeit den Geschmack am Reisen verdorben hatte!

Noch immer verfolgte sie die Erinnerung an die unbeschreibliche Angst, die sie ausgestanden hatte. Noch immer sah sie das Bild ihres Ritters vor sich, dieses Mannes, dem sie ihre Rettung aus größter Gefahr verdankte.

Oh, er sollte ja nicht glauben, daß sie ihn nicht durchschaut hatte! – Salome hatte sich alles in Gedanken zurechtgelegt, und war zu folgendem Resultat gekommen. Der Landrat suchte die Spur der Hochstaplerin – durch die Depeschen war ihm Fräulein von Welfen aufgefallen; möglicherweise hatte ihr Äußeres mit dem Signalement übereingestimmt, und er hatte sie lediglich zu sich in sein Coupé »geflüchtet«, um sie desto sicherer überwachen und in Halle verhaften lassen zu können. Durch ihre Lügerei und Renommage hatte sie ihn völlig in seiner Überzeugung, die Verbrecherin vor sich zu haben, bestärkt, und doch … doch gab er sie frei und rettete sie!

Wie kam das, wie war das möglich? …-«' ,

Sehr einfach. Er hatte sich in sie verliebt. – Jene große, gewaltige, alles bezwingende Liebe, die den Kriminalbeamten zum Helfershelfer – ihn selber zum Verbrecher machte. – War das nicht Poesie? War das nicht ein Liebesmotiv, um Zola und Tolstoi zu begeistern?

Salome berauschte sich stets von neuem an diesem Gedanken, er entzückte sie immer mehr, je öfter sie ihn ausspann.

Welche Leidenschaft hatte sie ihm eingeflößt! Was für eine Tat von ihm! Sie, die schöne Sünderin, hatte er gerettet, mit Einsatz seiner selbst, denn wie leicht hätte es ihm Stellung und Ehre kosten können!

Daher seine Erregung und Besorgnis in Halle auf dem Bahnhof! Daher sein wundersames Mienenspiel, das Zucken und Arbeiten seiner Züge … ein Vulkan der Liebe loderte in ihm, das verzehrende Feuer der Leidenschaft, und er bezwang sich wie ein Held, er preßte seine zitternden Lippen nur auf ihre Hände, er reichte ihr nur die Veilchen dar, gleich einem stummen Aufschrei wilder Liebesqual! Wie oft hatte sie solche Szenen in den Romanen gelesen, wie hatte sie sich mit den Freundinnen in solche Situationen hineingeträumt – und nun erlebte sie selbst den großartigsten aller Romane! – Jetzt – ja jetzt, nach glücklich überstandener Gefahr, war es schön, an dieses Erlebnis zurückzudenken, namenlos schön! Aber ein zweites Mal? Salome schauderte, nein, nie wieder! Sie würde sich eher die Lippe blutig beißen, ehe sie sich mit falschem Namen und Titel schmückte! – Sie hatte von dem Landrat gelernt – viel gelernt … Er, der mit diesen kriminalistischen Sachen zu tun hatte, wußte und kannte die Gefahr, er hatte sie in zartester und taktvollster Weise gewarnt. – Nie wieder ein Abenteuer auf Reisen! Das hatte Salome sich zugeschworen.

Künftighin reiste sie grauverschleiert und stumm, auch in dieser Fasson hochinteressant und doch ungefährdet!

Das Rätsel der unaufhörlichen Depeschen hatte sich bald gelöst, als jede der drei Tanten schrieb, die andere als namenlos töricht und gedankenlos anklagte und sich selber beweihräucherte, noch rechtzeitig an die und jene Stationen telegraphiert zu haben!

Darüber großes Vergnügen in Jeseritz.

»Aber Kind! Dann hast du beinahe auf jeder Station dasselbe Telegramm erhalten?« lachte der Major schallend auf.

Ja, das mußte Salome eingestehen, aber von ihrem Erlebnis mit dem Landrat von Born verriet sie keine Silbe. Wie sollte sie auch! Hätte sie nicht Tadel, Vorwurf und Spott geerntet? Die Mutter dachte so strenge über derartige Sachen, und außerdem blamierte sich die geistreiche, studierte Tochter nicht gern.

Und dann … wie schön war gerade dieses Geheimnis! Wie interessant, wie zauberhaft Tag und Nacht an »ihn« – den Retter – zu denken. Wo lebte er? – Dachte er noch an sie? – Würde sie ihn je im Leben wiedersehen? – Welch tiefe, wohlige Seufzer der Wehmut, wenn sie sich dumpf und trostlos sagen mußte – nie!

Und doch … die heimliche, stille Hoffnung! Ein Mann, der sich so über alle Begriffe leidenschaftlich verliebte, konnte nie wieder gesunden. Es würde ihn ruhelos durch die Welt treiben, sie zu suchen, zu finden, sie für Zeit und Ewigkeit zu eigen zu nehmen!

Welch ein Roman! – Salomes Wangen glühten, wenn sie daran dachte! –

War die Gestalt des Landrats nicht auch völlig dazu angetan, die Heldenrolle in jedem Buche zu spielen? Zwar glich er nicht dem Ideal des jungen Mädchens, aber die lebhafte Phantasie schmückte sein Bild mit den glühendsten Farben und machte ihn wohl oder übel zu dem Ritter sonder Furcht und Tadel, wie er so gern in den Köpfen ganz jugendlicher Fräulein spukt.

Selbstverständlich hatte sie Lola und Juliette das ganze Erlebnis unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit mitgeteilt, und die Antworten der beiden Intimas hatten sie recht verstimmt. Juliette schrieb etwas sarkastisch: »Wenn er dich so sinnlos liebte, warum benutzte er nicht das Alleinsein mit dir, um dich zu küssen?« … Als ob unsere deutschen Männer sich derart frech und frivol benehmen würden, wie ihre Pariser Roués, denen die Ehre einer Dame nicht mehr heilig ist! – Oh, Salome würde ihr schon eine geharnischte Erklärung schicken, daß ihr Beschützer ein sittenreiner, göttlich edler Lohengrin gewesen, der zum Schutze der bedrängten Unschuld das Land durchzieht, kein räuberischer Zampa, der als Bedroher der Unschuld erscheint! … Und weiter schrieb Juliette: »Wenn er sich wahrlich so bodenlos in dich vernarrte, warum folgte er nicht deiner Spur, warum suchte er dich nicht wieder auf? – Non, non, ma petite phantaste – er liebt dich nicht!« –

Das war Neid, nichtsnutziger Neid von diesem infamen Franzosending! – Salome hatte den Brief in tausend kleine Stücke gerissen und der Absenderin gegrollt, ihr, die nicht an die Liebe ihres tugendhaften Retters glauben wollte, selber aber vierzehn Seiten lang renommierte, was für zahllose Eroberungen sie schon in dieser Zeit gemacht habe. – Der Teppich im roten Salon sei von all den Kniefällen schon ganz abgenutzt, und ihre petite maman, die sichtbar Alternde, sei voll rasender Eifersucht auf die Tochter, die ihr alle Courmacher abspenstig mache!

Lügen! Nichts als gemeine Lügen! Salome war überzeugt, daß Juliette log, aber sie ärgerte sich trotzdem zum Schlagrühren! Und Lola trieb es nicht viel besser.

»Ist die Sache so, wie du schreibst, muß er dir nachkommen und dich heiraten oder entführen. Hält er dich für eine Verbrecherin, muß ihn die Leidenschaft derart überwältigen, daß er an deiner Seite mit dir sündigen – oder mit dir sterben will! –- Lies doch Zola! Lies doch Tolstoi oder Strindberg! Kein Verliebter schreckt vor einer Untat zurück. Wenn dein Held dir nicht nachfolgt und dich nicht zu finden weiß, um dem Roman einen würdigen Schluß zu geben, so hast du dir die ganze Sache nur eingebildet! Er ist Gatte – Vater von fünf Kindern, und denkt nicht mehr an dich!«

Empörend! Gatte! Vater! – Oh, dieser Gedanke allein war Verrat an ihrer Freundschaft! Sie hatte zwar unter dem Handschuh keinen Trauring erkennen können, aber das ganze Benehmen des Landrats war unverheiratet! Auf jeden Fall unverheiratet! Aber Lola zweifelte aus Mißgunst, sie ärgerte sich, daß sie höchstens von der sehr dämlichen Verehrung des Hauslehrers berichten konnte, der glühende Gedichte verfaßte, während er ihren kleinen Bruder unterrichtete, und sie in einem Blumenstrauß jeden Tag in das Zimmer legte. Für morgen hatte sie ihm endlich ein Rendezvous in der Stube ihrer Jungfer bewilligt.

Wie gemein! – Salome war so angeärgert, daß sie das Benehmen der Freundin mit dem richtigen Worte nannte! Nein, so würde sie sich niemals benehmen; lieber sterben. Sie sah aus den Briefen der beiden Mädchen doch klar, welch verderbte Wesen es waren.

Die reine, lautere Luft in Jeseritz hatte unbewußt schon gesundend auf sie gewirkt! Sie hatte nicht umsonst wieder in das Mutterauge geschaut, und etwas von dem Geist gespürt, der in dem deutschen Elternhause waltet.

Die Entrüstung über die skeptische Auffassung ihres idealen Traumes wirkte ebenfalls heilsam. Sie streift den Nimbus der Unfehlbarkeit von den bewunderten Genossinnen und beleuchtete sie greller und schärfer als zuvor.

Aber der Gedanke! »Warum kommt er nicht? Warum folgt er mir nicht nach, wenn er mich liebt?« blieb dennoch als Stachel in ihrem eiteln Herzen zurück.

Was hätte sie für sein Kommen gegeben! Nicht weil es eine große, sehnende Liebe in ihr befriedigte, sondern weil es ein unbezahlbarer Triumph für sie sein würde!

»Komm! – Komm!! – Komm!!!« rief Salome unwillkürlich in die stille Frühlingspracht hinaus, und horch … Dort über die Wiese schallt Antwort. Sie preßte die Hände auf die Brust und lauscht atemlos.

O bittere Enttäuschung. Mißchen erscheint mit einem riesigen gelben Sonnenschirm.

»Gott sei Dank, daß ich Ihnen entdecken hab'! Die Mister Wulf fraien in ein Uansinniges nach the flowers!«

Schade! – Sie war entdeckt. Sie mußte nun wohl oder übel heim. Es wurde wohl auch Zeit, Toilette zu machen.

Resigniert schritt sie der Engländerin entgegen und folgte ihr schweigend in das Haus.

Sie hatte den Landrat gerufen – konnte ihn ihr Gedanke nicht zwingen, wirkte er nicht wie eine Suggestion auf ihn – so liebte er sie in der Tat nicht und dürfte sich nicht wundern, wenn sie nun nicht länger auf ihn wartete, sondern sich – womöglich heute schon – mit einem schönen, reichen Husarengrafen verlobte.

VI.

Als die beiden Damen in den Taxusgang, der geradeswegs durch die neuen Anlagen zu dem Herrenhause führte, eintraten, sahen sie eine seltsame Erscheinung, langsamen Schritts vor sich herwandeln. Eine große, grobknochige Gestalt, mit langen, eckigen Armen und ungelenken Bewegungen.

Trotz des Prachtwetters waren die dunklen Röcke hoch, sehr hoch sogar, bis zur Wade geschürzt, und gewährten den Blick auf ein paar derbe Männerstiefel. Bei dem Anblick der Jacke konnte man im Zweifel sein, ob sie ein Damenjackett oder eine regelrechte Herrenlodenjoppe repräsentiere, und der breitrandige Kalabreserhut, der bis auf die Ohren herniederschlappte, ließ dennoch erkennen, daß das Haar unter ihm leicht ergraut und kurzgeschnitten war.

So war der ahnungslose Beschauer einen Augenblick ernstlich im Zweifel, ob er einen Mann in Weiberröcken, oder ein Weib in Männerkleidern vor sich habe.

Salome aber schien diesen wunderlichen Zwiespalt der Natur schon zu kennen, denn sie schüttelte nur in vielsagender Weise den Kopf und seufzte tief auf: »Nun sehen Sie nur, Mißchen! Tante Sidonie vor uns! Es ist himmelschreiend, wie die verdrehte Person einmal wieder aussieht!«

»Yes … die Frau Professor uird uieder botanisiert haben!« nickte die Engländerin, ohne mit einer Wimper zu zucken.

»Selbstverständlich! Die Botanisiertrommel klappert ihr ja auf dem Hüftknochen, und wie es scheint, hat sie just ein sehr interessantes Mistkäferchen unter der Lupe! Sie sieht ja gar nicht rechts noch links!«

In der Tat, Tante Sidonie verlangsamte die Schritte noch mehr, daß sie beinahe still stand und beugte den Kopf sehr tief über einen Gegenstand, den Salome als Lupe erkannte.

»Warum tragen die Frau Professor so vieles Männerzeug auf ihr Körper?«

Salome lächelte ironisch: »Weil sie so geizig ist. Kein Händler bietet ihr genug Geld für die Kleider ihres verstorbenen Joannes, darum verkauft sie die nicht – um aber den Motten ebenfalls ihr Recht zu verkürzen, trägt sie die Sachen selber auf!«

»Oh! Oh!! Oh!!!«, entsetzte sich Mißchen mit der dramatischen Steigerung einer Lady Macbeth. »Darum? – Ich dachten stets, es seien eine Marotte von übergeschnapptes Blaustrompf!«

»Das mag es noch nebenbei sein. Tante Sidonie bildet sich ja ein, in hohem Grade wissenschaftlich gebildet zu sein. Das Werk, an dem sie arbeitet, hat ihr Mann wohl noch begonnen, sie aber will es vollenden und unsterblichen Ruhm damit ernten. Ich bin überzeugt, daß es total verdrehtes Zeug ist – aber besser, sie ist Tag und Nacht damit beschäftigt, als daß sie uns mit ihren tyrannischen Launen quält!«

»Dreadful! – Sie quält Ihnen?!«

Salome legte die Hand schwer auf die Schulter der Fragerin. »Sie sind noch nicht lange hier im Hause, Sie ahnungsloser Engel, und kennen die Frau Professor Raitling kaum mehr, als vom Ansehen! – Lassen Sie erst ihr Buch vollendet sein – dann werden Sie mit Entsetzen bemerken, daß Tante Sidonie sich für alles hochgradig interessiert, was sie gar nichts angeht!«

»So ist sie ein bösartiges Charakter?«

»Mehr als das. Sie hat ihren Mann nicht nur im Leben, sondern sogar noch im Grabe geärgert.«

»Bless me! Das seien uol unmöglich!«

»O nein. Hören Sie. Das Ehepaar bewohnte zu Lebzeiten des Professors ein eigenes Besitztum am Bodensee. Eine große, schöne Kastanienallee, die von der Haustür durch die Länge des Parkes führte, war der ewige Streitapfel. Tante Sidonie schimpfte auf die unnützen Kastanien und wollte statt ihrer rentable Obstbäume anpflanzen, Onkel liebte die Kastanien und duldete nicht, daß sie umgehauen wurden. Als er gestorben war, bestellte seine liebevolle Gattin nicht zuerst die Leichenfeier, sondern die Holzhacker, die Tag und Nacht arbeiten mußten, die Kastanien zu fällen. Zu der größten Genugtuung der Frau Professor bewegte sich der Trauerzug durch die baumlose Allee, die schon am nächsten Tag darauf mit Kirschbäumchen bepflanzt wurde. Tante Sidonie hatte nun zwar ihren Willen durchgesetzt, aber es ließ ihr Tag und Nacht keine Ruhe, daß ihr Mann möglicherweise gar nichts von dieser Abänderung bemerke. Sie fürchtete, er lebe nun vielleicht droben im Himmel herrlich und in Freuden und habe weder Zeit noch Lust, zu ihr herabzuschauen. Diese friedliche Seligkeit wollte sie ihm aber doch versalzen. Sie hörte, daß in einem benachbarten Häuschen ein armer Mann, Vater von vielen Kindern, hoffnungslos krank liege. Sie ging zu ihm und nickte ihm huldvoll zu: ›Na, Herr Lorenz, Sie wollen jetzt sterben?‹ – Der Mann seufzte schwer auf. ›Ach Frau Professor, es wird mir nicht leicht! Die armen Kinder! Für mein Begräbnis müssen sie ihre letzten paar Heller noch opfern!‹ – ›Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Lorenz. Ihr Begräbnis bezahle ich, wenn Sie mir dafür einen Gefallen tun wollen!‹ – ›Ach gnädige Frau, sagen Sie schnell, was könnte ein Sterbender Ihnen noch leisten?!‹ – ›Viel. Geloben Sie mir etwas in die Hand. Wenn Sie tot sind, und in den Himmel kommen, suchen Sie sofort meinen Mann auf, und dann bestellen Sie folgendes: ›Eine schöne Empfehlung von der Frau Professorin, und die Kastanienallee wäre abgehauen und Kirschbäume anstatt ihrer angepflanzt!‹ Verstanden, Lorenz? Wollen Sie das bestellen?^ – Der Kranke begriff zwar diesen seltsamen Wunsch nicht, aber aus Liebe zu Weib und Kind gelobte er, den Auftrag Wort für Wort auszurichten. – Tante Sidonie triumphierte. Sie erinnerte ihn noch zweimal an diese wichtige Aufgabe, und Lorenz versicherte noch mit brechenden Augen, er werde sie erfüllen. Als er tot war, fühlte sich Tante Sidonie sehr zufrieden. Sie war zum erstenmal im Leben generös, denn sie bezahlte nicht nur das Begräbnis, sondern beschenkte auch noch die Witwe mit einem Spargroschen.«

»Dearest Miß Salome. – Dieser Geschichten seien aber nur ein erfundenes Märchengeschichte?!«

Salome schüttelte den Kopf und legte die Hand beteuernd auf die Brust: »Mein Wort darauf, sie ist wahr! Und nun im Laufschritt an ihr vorüber!«

Mißchen setzte sich schauernd in Trab, und die beiden Damen huschten eilig an der Professorin vorüber.

»Guten Morgen, Tante Sidonie! Wir erwarten heute Gäste zu Tisch!«

Die blauen Brillengläser über der scharfen Hakennase hoben sich momentan. »So? Schon wieder mal? Elende Schmarotzer! Ernst sollte ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen, anstatt diese Blutsauger immer wieder zu traktieren!«

Weil keine Antwort erfolgte und die Schritte der Davoneilenden verklangen, neigte die Frau Professor das hagere Antlitz wieder zu der Lupe nieder, und schimpfte noch lange Zeit leise vor sich hin. Als sie außer Hörweite waren, mäßigte Salome lachend ihren Schritt. – »Da ging der Sermon schon wieder los! – Geizig bis zur Gemeinheit, dabei aber alle Sonntage in der Kirche und Andacht früh und Andacht abends! – Ich glaube sie tut es nur, damit sie sich in den Himmel hineinbeten und dort ihren Unglücksmann weiter ärgern will!«

»Uarum zog sie von das Bodensee ueg?«

Salome lachte übermütig auf: »Weil sie zu wenig Freude an ihren Kirschbäumen erlebte! Anstatt der erhofften großen Ernte hatte sie nur Unannehmlichkeiten und Gerichtskosten. Die Kirschen wurden trotz des wachsamen Hundes gestohlen, die jungen Bäume dabei verletzt und zerbrochen, und weil die Frau Professorin in blindem Zorn sofort diese und jene Personen des Diebstahls beschuldigte, wurde sie verklagt und mußte obendrein die gestohlenen Kirschen tüchtig bezahlen. Ich glaube, im tiefsten Grunde ihres Herzens hat sie die Kastanien des Gatten noch oft zurückersehnt. Dann kam noch etwas anderes dazu. Sie verstand es schon damals, sich den Anschein einer sehr gescheiten Frau zu geben, und weil sie ihre Köchin ein paarmal bei verdorbenem Magen erfolgreich mit Salzsäuretropfen, verbrannte Finger mit einer guten Salbe und Wunden mit Arnika behandelt hatte, erfreute sie sich bei den kleinen Leuten der Umgegend bald eines guten, doktorlichen Renommees. Als ihr Mann nach längerer Krankheit starb, blieben sehr viele große und kleine Arzneireste in den Flaschen zurück. Da sie so viel gekostet, konnte es die Frau Professor nicht über das Herz bringen, diese kostbaren Medikamente fortzuschütten. Sie ordnete die Flaschen fein säuberlich, je nach der Menge des Inhalts, stellte sie in den Schrank, und wartete der Kranken, die diese teueren Tropfen »fertig brauchen« sollten. – Da die Krankheit ihres Mannes aber eine recht seltene war, so konnte sie unmöglich darauf warten, bis ein zweiter Fall gleicher Art im Dorfe vorkam. Und so geschah es, daß sie an dem unglückseligen Fischervolk des Bodensees, ohne Ansehen der Person, der Krankheit und der Flasche darauf loskurierte. Einen gebrochenen Arm behandelte sie innerlich mit Vomitivs, der schnelleren Heilung wegen; ein maserkrankes Kind schluckte auf Tod und Leben Eisenpillen, und ein durch eine Augenentzündung geplagter alter Mann wurde mit Chloral und Chinin beinahe unter die Erde gebracht. Sie können sich denken, was für ein Unheil sie anrichtete.

Als die Eltern des maserkranken Kindes heimlich doch noch einen Arzt holten und die Kurpfuscherei der Frau Professor ruchbar wurde, soll sie abermals recht fatale Stunden durchlebt haben, vor allen Dingen machte sich ein gewisser Ingrimm der behandelten Patientin so stark bemerkbar, daß die Frau Professor es vorzog, dieser undankbaren Bevölkerung schleunigst den Rücken zu kehren. Wie sie behauptet, verkaufte sie Villa und Anwesen mit großem Verlust, und dadurch rührte sie den guten Vater, ihr ein Unterkommen bei uns anzubieten, bis sie sich ein neues Heim gegründet hätte.«

»Oh what Witlessness!!« entsetzte sich Mißchen: »sie gründet in ihr ganzes Lebtag nich'!«

»Nein, davon bin auch ich überzeugt. Schon über ein Jahr lang ›schindet sie hier Lokal‹ und denkt nicht an Lebewohl sagen.«

»Ihre Handschrift seien so sehr schön, meint die Herr Major?«

Salome zuckte die Achseln. »Vater behauptet, es stehe so viel Gutes darin zu lesen, aber ich glaube, er versteht noch nicht genug davon, oder verstand es damals noch nicht! Denn was nützen mir die herrlichsten Charaktereigenschaften, wenn sie nur in den Buchstaben aber sonst nirgends bemerkbar sind?!«

Die jungen Damen waren vor der Freitreppe angelangt. Rose kam ihnen mit glühendem Gesichtchen entgegengelaufen. »Aber Salome, wo um alles in der Welt bleibt ihr! Es ist ja die höchste Zeit! – Gib schnell die Blumen her, ich werde die Tafel schmücken, und du gehst schnell hinauf und ziehst dich um, oder willst du dieses Kleid anbehalten?«

»Dieses Kleid? – Ich sterbe lieber! – Gäste im Hause und ein solches Fähnchen?! Nein, petite, ich weiß, was man der Erziehung einer Lausanner Pension schuldig ist! – Hier die Blumen! Du bist ein Engel, Rose, wenn du sie arrangierst! Wo ist Mama?«

»Zieht sich auch an, und will dann oben in den Salons fertig Staub wischen, weil sie Miß Howard nach dir schicken mußte. Auch ist sie in allen Zuständen, weil Papa gar nicht wieder kommt, und der Wein herausgegeben werden muß!«

»Mein Gott, wie regt ihr euch alle wegen dieser paar Gäste auf!« lachte Salome sorglos! »Laßt sie doch kommen! Verhungern werden sie ja nicht gleich, wenn es ein Stündchen länger dauert!«

»Nein, das nicht, aber bedenke, welch eine Blamage für eine Hausfrau! Und heute trifft sich alles hier sehr ungünstig, weil wir gar keine Hilfe in der Küche hatten!«

»Ja, ja, deutsche Hausfrauen!« lachte die Schwester abermals, und diesmal ein klein wenig spöttisch. »Aus lauter Pedanterie macht ihr euch das Leben schwer! Ich quäle mich mal nicht so ab, als Hausfrau!« und trällernd schwebte sie die Treppe empor.

»Qui Pomelette je vous jure,
je suis très fin de nature!«

Ja, sie war sehr fein und sehr anspruchsvoll aus der Pension zurückgekommen, das fand selbst Rose, aber es paßte gut zu der Elfengestalt des reizenden Mädchens, und Rose war weit davon entfernt, ihr einen Vorwurf zu machen.

Herr von Welfen war währenddessen langsam fürbaß geritten. Über ihm jubelte und zwitscherte es in blauer Luft, um ihn her dufteten Wald und Heide, und der Weg lag so lockend im Sonnenglanz vor ihm, daß der Major gar nicht merkte, wie weit er ritt. Als er endlich auf einer kleinen Anhöhe hielt, lag das kleine, nachbarliche Provinzialstädtchen in der Talebene vor ihm.

Die Husarenschwadron hatte auf dem Maß vor dem Tor exerziert, man sah Roß und Reiter wie zierliches Puppenspielzeug aus der Ferne zurückkehren, um in der Kaserne zu verschwinden. Die Turmuhr schlug die Mittagsstunde, und Herr von Welfen überlegte, ob er wohl hinabreiten solle, einen Blick in das Frühstückslokal zu werfen. Um diese Zeit war es dort am amüsantesten. Die Offiziere kehrten ein, der reiche Fabrikbesitzer pflegte sich zu ihnen zu gesellen, der neue Landrat und der Assessor wohl auch.

In einer Viertelstunde war er drunten. Welfen ruckte die Zügel an und ritt einen munteren kleinen Trab – es war ihm so vergnüglich zumute, und er freute sich darauf, einmal wieder mit der lustigen Gesellschaft drunten plaudern zu können.

Und er fand alle, die er erwartet hatte, außer dem neuen Landrat, von dem kein Mensch wußte, wo er stecken mochte.

Man hatte sich lange nicht gesehen, und man schwatzte sich fest. Der Major hatte viel zu erzählen, ein Thema, das die beiden Leutnants und den Assessor besonders eifrig anregte, die lange mit Interesse erwartete Heimkehr Salomes betreffend. Gott sei Dank, eine junge Dame in der Nachbarschaft! Welch ein anregendes, herzerfreuendes Ereignis!

»Wann dürfen wir unseren Besuch machen, Herr Major?« fragte Herr von Warneck, sein blondes Schnurrbärtchen zwirbelnd und melodisch die Sporen unter dem Stuhl zusammenklingend.

»Wenn Nose konfirmiert ist, meine Herren!«

»Dürfen wir dazu gratulieren kommen, Herr Major?«

»Am nämlichen Tage nicht, Kinder, das kann meine Frau nicht leiden. Freitag ist Konfirmation, Sonntag wollen wir's zusammen feiern!«

»Bravo, am Sonntag! – Gibt's ein größeres Fest, Herr Major?«

»Fein mittel!! Ihre Herren Kameraden von der vierten Schwadron in Miltitsch werde ich selbstverständlich auch einladen.«

»Sehr liebenswürdig, Herr Major. Die armen Kerle versauern geradezu in dem Heckennest, und der Gutsverkehr ist zur Zeit auch sehr mäßig. Neulich sagte der Rittmeister sowieso schon, sie wollten nächstens mal bei den Herrschaften in Jeseritz einfallen!«

»Haha! Der kleine Damenfreund hat auch schon von der Ankunft Ihrer Fräulein Tochter gehört!«

»Da halten ihn keine zehn Pferde mehr daheim!«

»Lassen Sie die Herren nur antreten, sie sind uns jederzeit willkommen! Und je eher der Rittmeister meine Salome sieht, desto eher ist er von seiner Passion für Damen kuriert!!«

Der Sprecher schmunzelte, als er es sagte, und ein lautes Hallo versicherte ihm das Gegenteil, eine Opposition, die ihm außerordentlich zu behagen scheint. Wie der Kater im Sonnenschein saß er vor seinem Weinglase, und das pfiffige Gesicht, mit dem er die Achseln zuckte und den Herren stumm Bescheid tat, hatte etwas so geheimnisvoll selbstbewußtes, daß Leutnant von Warneck seine Hand in das Feuer legen würde, aus Überzeugung: »Fräulein Salome muß bezaubernd sein!«

Der Landrat kam immer noch nicht, aber anstatt seiner erschien der Wirt und überreichte dem Herrn Assessor ein Billett.

»Aha! – Doch noch eine Nachricht von Born!« nickte er eifrig. »Sie gestatten, meine Herren?« und das steife Kuvert knisterte unter seinen Fingern und fiel auf den Tisch.

Mechanisch griff Herr von Welfen danach und warf einen schnellen Blick darauf. Um seine Lippen schlich sich ein eigenartiger Zug von Spannung und Interesse.

»Eine ruhige, klare, sympathische Schrift!« bemerkte Warneck, ebenfalls einen Blick auf die geschriebene Adresse werfend: »Es ist in unserem nervösen Zeitalter wirklich eine Seltenheit, noch eine leserliche Männerschrift zu finden!«

»So? Klar … sympathisch … ruhig?« murmelte der Major, und ein beinahe ironisches Lächeln bewegte seine Schnurrbartspitzen, »was Sie nicht sagen, lieber Warneck!«

»Ah richtig! Herr Major sind ja Graphologe!« rief der gegenübersitzende Premier von Elten mit etwas nasaler Stimme und nahm jählings die Zigarre aus dem Mund, als müsse er alle Aufmerksamkeit auf diese eine Tatsache konzentrieren. »Es würde höchst interessant sein, ein kleines Urteil über den Landrat zu hören! Herr Major haben die Güte, den Charakter nach der Schrift zu deuten! Wir bitten inständigst darum!«

Alle rückten eifrig näher, und der Assessor schob lachend den Brief herzu. »Noch mehr belastendes Aktenmaterial!« rief er lustig, »es stehen absolut keine Geheimnisse in diesem Brief, meine Herrschaften, lediglich eine Entschuldigung, daß Born heute nicht in unserer Gesellschaft essen kann, er hat Fahrten über Land. – Also, verehrtester Herr Major – wir sind ganz unter uns, und ein altes Wahrwort sagt bereits: ›Der Abwesende hat immer Unrecht‹!«

Welfen griff hastig nach dem Briefbogen, und sein scharfer Blick überflog die großen, leicht hingeworfenen Zeilen. Voll ungeteilter Aufmerksamkeit hingen aller Blicke an seinem Antlitz.

Der Assessor stieß den Premierleutnant unvermerkt mit dem Fuße an und blinzelte ihm vielsagend zu. Der Ausdruck in den Zügen des Majors war nicht gerade vielverheißend. Er sagte aber nichts, sondern nickte nur leise pfeifend vor sich hin und kraute sich momentan in dem dichten, leicht ergrauten Haar.

»Nun, Herr Major?« erinnerte Elten gespannt.

»Ja, meine Herren –« Welfen machte eine längere Pause und wiegte das Haupt unschlüssig hin und her: »Das Urteil über den Charakter dieses Briefschreibers ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Es kommen da mancherlei Resultanten, mit der ihnen zukommenden, speziellen Synthese in Betracht, die sich nicht so ohne weiteres feststellen lassen. Muß mir das Skriptum noch mal in aller Ruhe und unter der Lupe ansehen! Darf ich den Brief mal mitnehmen, lieber Assessor? Sie erhalten ihn morgen wohlbehalten zurück!«

»Selbstverständlich, Herr Major! Bitte, behalten Sie ihn zum Eigentum, falls er eine interessante Studie ist!«

»Aber etliche ›Schlager‹ können Sie doch auch so schon lesen, Herr Major? So ein paar Haupttugenden oder hervorstechende Laster, die gleich auf der Hand liegen?« beharrt Elten. »Hm … hier, die große, gleichmäßig starke Schrift drückt zum Beispiel Stolz aus –«

»Stolz! – Sehr stolz! – Stimmt!« jubelte es Antwort.

»Die sehr geradlinige Schrift deutet auf Unbeugsamkeit!«

»Hahahaha! – Also halsstarrig wie die Niobe bei der dritten Schwadron!!«

»Hier – dieser Haarstrich –« Welsen tippte eifrig auf die Anfangslinie eines Buchstabens, »wenn er so schroff und gekrümmt ist wie hier, so läßt das auf Widerspruchsgeist schließen!«

Schallendes Gelächter. »Großartig! Sie photographieren ihn, Herr Major!« jubelte Elten mit blitzenden Augen, während Warneck sich harmlos naher beugte und den Kopf schüttelte. »Das hätte ich diesem schönen, eleganten Schnörkel niemals angesehen!«

»Sie sind ein sehr schönheitssinniger und ideal veranlagter Mann, lieber Warneck!« spöttelte der Premier, »aber kein Graphologe!«

»Weiter, Herr Major! Bitte weiter!«

Welfen wandte sich mehr gegen das Licht und runzelte mit großer Wichtigkeit die Stirn.

»Hang zu kritischem Tadel und beißendem Spott, mit einem Worte – Kampfeslust!«

»Sapristi! Der muß ja ein allerliebster und sehr empfehlenswerter Ehegatte werden!« lachte Elten scharf auf und legte vielen Ausdruck in das Wort Ehegatte!

»Ja, ja, der Mann ist ein Blender. Äußerlich hat er sehr viel Gewinnendes, aber bei dem Herrn Major nützt ihm das nicht viel, der schaut tiefer und prüft Herz und Nieren!« stimmte der Assessor höflich bei, was ihm einen sehr wohlwollenden Blick seitens des Graphologen eintrug.

»Hier – diese aufrollende Kurve –« fuhr Welfen mit beinahe vernichtender Wucht fort, »bedeutet Anmaßung und Eitelkeit!«

»Hm … hm … großartig, Herr Major! Ich bin einfach starr, wie es möglich ist, derartig treffende Urteile aus ein paar Buchstaben herauszulesen!«

»Aber lieber Elten – ich habe wahrhaftig noch nicht bemerkt, daß der Landrat anmaßend oder eitel sei!« wagte Warneck schüchtern einzuwerfen.

Drei eisige Blicke der Verachtung trafen ihn.

»Bei Ihrer Jugend kann man noch kein Menschenkenner sein, lieber Leo!« verwies Elten mit beinahe mitleidigem Lächeln, »und uns gegenüber hat Born wenig Gelegenheit, all die schönen Charaktereigenschaften zu enthüllen, die unser hochverehrter Gönner hier so treffend andeutet. Ich habe jedoch Menschen gesprochen, die den Landrat seit Jahren genau kennen und ihm – kaum glaublich, aber wahr – dieselbe Konduite ausstellten, wie wir sie soeben bestätigt hören. – Bitte weiter, bester Herr Major, diese neue Wissenschaft mit ihren eklatanten Beweisen interessiert mich ganz ungemein! So lebhaft, daß ich den dringenden Wunsch empfinde, Ihr sehr gelehriger Schüler zu werden!«

»Ausgezeichnet! Brillante Idee!« lobte Welfen schmunzelnd. »Ja, lieber Elten, es gibt nur eine Wissenschaft der Zukunft – und das ist die Graphologie! Welch eine Errungenschaft für die Kriminalistik! Welch ein Verbrecher vermöchte noch Versteck mit uns zu spielen! Ein paar Zeilen von seiner Hand, und sein Charakter liegt so klar an der Sonne, als ob er die umfassendste Beichte abgelegt hätte!«

Der Major war bei dem Thema angelangt, das seine leicht erregbare Natur geradezu entflammte. Wehe demjenigen, der zu widersprechen wagte! Er bekämpfte ihn auf Leben und Tod, und was anfänglich nur ein interessanter Zeitvertreib für ihn gewesen, machten Eitelkeit und Hartnäckigkeit zu einem Steckenpferd, das er mit dem Feuereifer des Dilettanten und der krakeelerischen Anmaßung des Selbstbewußtseins ritt.

»Nicht nur für die Kriminalistik, sondern für jedwedes private Leben von äußerster Wichtigkeit!« stimmte Elten eifrig bei. »Denken Sie lediglich an den einen Fall, Herr Major! Ein Vater will seine Tochter verheiraten! Er steht einem Freier gegenüber, der ihm persönlich noch recht unbekannt geblieben, was ja bei Verlobungen in Bädern oder der Residenz sehr oft der Fall ist. Der pflichtgetreue Vater will sein Kind selbstverständlich nur einem Manne anvertrauen, dessen Charakter ihm volle Garantie für das Glück des Lieblings bietet. Wie aber soll er den Zukünftigen erforschen? Lob oder Tadel der guten Freunde sind selten maßgebend, es sprechen da so viele Einflüsse mit, die das Urteil nicht unparteiisch ausfallen lassen. Also was tun?! – Ein Mann wie Sie, Herr Major, ist in diesem Falle jedweden Skrupels überhoben, er entlockt dem Freier ein paar Zeilen und sieht sich den Mann in aller Behaglichkeit an, nicht nur wie er scheint, sondern wie er in Wahrheit ist!«

Welfen nickte sehr wohlwollend und zustimmend. Diese Idee schien ihm sehr trefflich und beachtenswert, er selber war merkwürdigerweise noch gar nicht auf den guten Gedanken gekommen.

Warneck aber rückte seinen Stuhl näher zu dem alten Herrn heran und räusperte sich. Der Blick seiner treuherzigen Kinderaugen hing unverwandt an den Zeilen des Bornschen Briefes.

»Und die Schrift sieht so nett und angenehm aus!« fuhr er freundlich fort, »viel zu originell, um lauter böse Eigenschaften zu enthalten! Lesen Sie denn gar nichts Gutesaus ihr heraus, Herr Major?«

Welfen nahm den Brief wieder zur Hand. »Etwas Gutes … hm … wollen mal sehen –«

»Nun, so hervorragend können die guten Eigenschaften wohl gerade nicht sein, wenn man sie erst mit dem Vergrößerungsglase suchen muß, während die weniger empfehlenswerten Charakterzüge so offen auf der Hand liegen!« spottete Elten scharf, und seine grauen, schmalgeschlitzten Augen sandten keinen allzufreundlichen Blick nach dem »jüngsten« Leutnant hinüber, der so unbequeme Fragen tat.

»Lieber Elten – Sie sind dem Landrat nicht sehr grün gesonnen!« lachte Warneck harmlos. »Seit Sie nicht mehr allein hier in Feldheim Löwe des Tages sind, bekämpfen Sie den Nebenbuhler mit Feuer und Schwert!«

»Mit seinen eigenen Schriftzügen!« zuckte Ellen lächelnd die Achseln– aber sein Lächeln hatte etwas Fatales. »Kleiner König Salomo! Ihre Weisheit ist so verblüffend, und ich würde mir selber leid tun, wenn ich an sie glauben wollte. Ich gönne dem Landrat alles Gute, sogar die besten Kardinaleigenschaften, die man sich denken kann; finden Sie keine, Herr Major? Noch immer nicht?«

»Die Seitenränder des Briefes lassen auf viel Gefühl für das Schöne schließen –«

»Für die Schönen, Herr Major! Hahahaha!«

»Und die geraden Gedankenstriche zeugen von Positivismus und Redlichkeit –«

»Pst! – Man kommt!«

»Ah … nicht vor Zeugen –« und Welfen schob den Brief schnell in die Brusttasche und wandte den Kopf, um nach der Wanduhr zu sehen. »Potzwetter, schon ein Uhr durch!« murmelte er, »die höchste Zeit, daß ich heimkomme!«

Er erhob sich und begrüßte die neueintretenden Herren, sich gleichzeitig von seiner kleinen Tischrunde verabschiedend.

Elten war die verkörperte Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit. Er hastete zur Tür, um nach dem Pferd zu rufen, und geleitete den alten Herrn persönlich bis auf die Straße.

»Wenn Herr Major gestatten, komme ich einmal allein nach Jeseritz heraus, um graphologische Studien zu machen!« bat er sehr höflich.

»Famos – kommen Sie sooft es Ihnen paßt! Ich werde sehr gern Ihr Instrukteur sein!«

»Ich werde mir auch gestatten, an den Rittmeister nach Mititsch zu schreiben, daß der Besuch der Herren vor der Konfirmation nicht erwünscht ist!«

»Können Sie machen, lieber Elten! Sehr nett von Ihnen, besten Dank! Na – und Sie kommen trotzdem schon bald einmal heraus! Wissenschaftliche Studien entschuldigen und gehen die Namen gar nichts an! – Auf Wiedersehen, Verehrtester! Gott befohlen!«

Die Sporen Eltens klangen zusammen, und sein wohlfrisiertes, aschblondes Haupt neigte sich tief respektvoll zur Brust – dann sah er dem langsam Anreitenden nach, bis er in der schmalen Seitenstraße entschwand, und ein behagliches Lächeln spielte um seine Lippen wie bei einem Menschen, der mit sich selbst zufrieden ist.

VII.

Herr von Welfen ritt langsam durch die sauberen Straßen von Feldheim, freundlich und guter Dinge, nach allen Seiten nickend und grüßend, hie unb da ein paar heitere Worte zurufend, oder für eine Minute das Pferd anhaltend, um eine Frage in irgendein Fensterlein empor oder an einen Vorüberschreitenden zu richten.

Feldheim verkörperte die Vorstellungen von einem kleinen Landstädtchen. Hübsche, breite Straßen, niedere Häuschen mit spitzem, rotem Ziegeldach, weißen Mullgardinen an den Fenstern und prächtig blühenden Stöcken hinter den Scheiben – zwischen den Gebäuden die grünen Gärten oder breiten Tore, die den Einblick in einen Ökonomiehof gewähren, und aus dem friedliche Hühnerscharen strömen, das Gras zwischen den Pflastersteinen abzuzwicken.

Das Pflaster war die schlimmste Eigenschaft von Feldheim. Ein poetisch angelegter Husarenleutnant hatte einst eine, längere Dichtung über diese, seine neue Garnison verfaßt, aus der namentlich eine Strophe sehr populär wurde:

»Doch das größte deiner Laster,
Feldheim, ist dein Straßenpflaster!«

eine unleugbare Tatsache, die den Bürgermeister zu Selbstmordgedanken veranlaßt haben sollte.

Kaufläden gab es ausreichende und gute – auch zwei Gendarmen und ein Nachtwächter sollten existieren, doch behaupteten böse Zungen, der letztere wäre noch weniger zu sehen als die ersteren. Um zehn Uhr abends tutete es allerdings alle Schaltjahre einmal durch die Straßen von Feldheim, doch behauptete der schlaftrunkene Provisor, der einmal bis zehn Uhr gewacht hatte: das mantelverhüllte Etwas, das nachtwandelnd über den Marktplatz geschritten sei, wäre des Nachtwächters Claus Schwiegermutter, die vereidigte Hebamme gewesen, die einen Gang zu einer Wöchnerin dazu benutzt habe, für die Sicherheit Feldheims zu wachen. – Das war praktisch und bequem, und die Feldheimer Bürger lächelten im Traume, wenn sie das Horn hörten und dachten schadenfroh: »Aha – der Klapperstorch ist bei der Müllern oder Bäckern eingekehrt!«

Wozu sollte auch der alte Claus so unnütz seinen Schlaf opfern! Es passierte ja nichts in Feldheim. Die zweite Husarenschwadron lag in Bürgerquartieren, da sich die Kaserne nicht als groß genug erwiesen, um alle Jünger des Mars aufzunehmen.

Die Kaserne war nicht etwa eigens für das Militär erbaut, wie ahnungslose Reisende im ersten Moment zur Schamröte der Stadtväter annahmen, sie war nur aus dem alten »Kloster« hergerichtet, denn Feldheim hatte in grauer Vorzeit gute Tage gesehen und war die Residenz einer verwitweten Herzogin gewesen, deren frommer Sinn das Kloster gestiftet, und deren Schlößchen »Fasanerie« noch eine Zeitlang später als Schmollwinkel für fürstliche Herren und Damen diente, die die kleine Residenz durch längere Abwesenheit strafen wollten. Aus jener Zeit stammten auch noch ein paar altherrschaftliche Häuser, die nunmehr zum Landratsamt oder zur Kanzlei geworden waren, oder in welchen verheiratete Offiziere Wohnung genommen hatten.

Die Fasanerie stand unverändert altersgrau und verstaubt in ihrem urwaldähnlichen Park, und die weißhaarige Kastellanin saß hinter den bleiverschnörkelten Fenstern und spann einsam den Faden, wie die Schicksalsnorne, die geheimnisvoll ihres Amtes waltet.

Nur am Geburtstag des Landesfürsten stand es den Offizieren und Honoratioren des Städtchens frei, mit ihren Damen in der Fasanerie zu tanzen, ein eigenartiges Fest, an dem sich auch die Gutsbesitzer der Umgegend zu beteiligen pflegten.

Die Geselligkeit in Feldheim war nicht groß, aber sie wurde auf die Güter und die naheliegende Infanterie-Garnison ausgedehnt, und wenn auch neu nach dort versetzte Offiziere voll Verzweiflung stöhnten, es sei in Feldheim zum Rasendwerden langweilig, so hatte doch auch dieses Landstädtchen seine Freunde und Gönner, die ihm die eigenartigen Reize seiner schönen Umgebung und seine göttliche Ungeniertheit nachrühmten.

Herr von Welfen war nicht nur in dem ersten Hotel »Zum Fürsten Adolph«, das sich durch vortreffliche Frühstücksstube auszeichnete, bekannt, sondern überall, bei groß und klein, soweit ein Feldheimer Häuschen stand. Grüßend und nickend ritt er fürbaß, und als er wieder in den Wald einbog, der seine knospenden Zweige und die ehrwürdig rauschenden Tannen über ihm im sonnigen Frühlingsglanz badete, ging es ihm so recht durch den Kopf, was Elten soeben gesagt und angeregt hatte. Ja, er wollte seine künftigen Schwiegersöhne erst prüfen und kennenlernen, ehe er ihnen Jawort und Tochter gab! – Und darum sollten sie erst eine Probe ablegen, wie weiland die Ritter ihren Mut und Edelsinn betätigen mußten, ehe ihnen holder Lohn ward. Heutzutage gab es kein Kämpfen gegen Lindwurm und Mohrenfürst, sondern eine ganz einfache, kleine Schriftprobe genügte, um zu erforschen, was Gutes und Schlechtes an dem Manne war.

Daß die Schrift des Landrats keine allzu glänzenden Eigenschaften aufwies, konnte sich der Major schon im voraus denken. Er hatte keine sehr große Vorliebe für Herrn von Born, denn dieser gehörte zu den Menschen, die Herrn von Welfen zu widersprechen wagten und ihre Ansichten obendrein zu Sieg und Ehren durchfochten.

Für einen cholerisch veranlagten Herrn, wie den Besitzer von Jeseritz, war solch ein Verkehr recht unerquicklich. – Das Bataillon des Majors hatte isoliert in einer kleinen Garnison gestanden; er war dort oberster Befehlshaber und Beherrscher aller Reußen, und dienstlich wie gesellschaftlich war seine Ansicht maßgebend gewesen. Dadurch hatte er sich ein etwas tyrannisches und rechthaberisches Wesen angeeignet, was in der Oberbefehlshaberstellung eines Gutsherrn eher noch gefördert, als gemildert wurde. Herr von Born wagte es als erster, ihm in manchen Dingen zu opponieren, mit jener lächelnden, stets liebenswürdigen Schlagfertigkeit des geistig Überlegenen, die den Gegner an versetztem Ingrimm die Wände hochgehen läßt.

»Der Kerl hat eine verfluchte Manier, einen zu bevormunden!« brauste er oft auf, wenn Frau Dora die Kenntnisse des neuen Landrats pries, der schon in vielen Dingen sehr günstig und geschickt dem alten Schlendrian den Garaus gemacht hatte und im Interesse der bedrängten Agrarier manchem Übelstand abzuhelfen gedachte.

Ja, der Landrat wollte immer das Richtige, und das verdroß Herrn von Welfen am meisten, weil er sich steif und fest einbildete, von allen Dingen mehr zu verstehen als andere Leute. Es war zu kleinen Reibereien gekommen, die von seiten Borns stets mit größter Ruhe und Liebenswürdigkeit im Keim erstickt wurden, im Herzen des Majors aber einen nagenden Groll zurückließen, der sich bei jeder Gelegenheit gern Luft machte.

So war eine kleine Geschichte passiert, die viel Anlaß zu Gelächter gegeben und dem Landrat, der erst seit dem Monat Februar seinen Posten in Feldheim bekleidete, viele Neckereien eingetragen hatte.

Die obligate Frühlingsüberschwemmung hatte die Gegend heimgesucht, und Herr von Born verlangte in einem Artikel des Lokalblattes von den umliegenden Rittergütern Hilfe und Unterstützung für die Notleidenden der bedrängten Stadtviertel.

Da erschien andern Tags eine kurze, herrlich poetische Antwort in demselben Blatt, die folgendermaßen lautete:

»Mein lieber Herr von Born
Von hinten und von vorn,
Sind wir, die Landgenossen,
Vom Wasser selbst umflossen!«

Ob Zufall, oder heitere Absicht – die Interpunktion des Verses war unrichtig; nicht nach Schluß der ersten – sondern erst nach Schluß der zweiten Zeile stand das Komma – was Wunder, wenn man nun in Stadt und Dorf den neuen Landrat nie mehr anders nannte als: »Mein lieber Herr von Born von hinten und von vorn!«

Am meisten lachte der Betroffene selbst darüber, denn er hatte viel Sinn für Humor und war überzeugt, daß der Dichter unfreiwillig diese Komik geliefert hatte. Auch war er eine viel zu liebenswürdige Natur, um einer Spitzfindigkeit fähig zu sein und die Sache als Beleidigung aufzufassen.

Daß Herr von Welfen der gottbegnadete Lyriker gewesen, pfiffen bald die Spatzen auf dem Dach, und als beide Herren sich das nächste Mal wieder im Frühstückslokal begegneten, ging Born mit ausgestreckten Händen auf seinen Gegner zu und rezitierte lachend:

»O möchte treu das feuchte Element dir bleiben,
Daß nicht Agrarierstürme auf dich reiben –
Will's rettend nicht am Reichstagshimmel blitzen,
Kannst auf dem Land du bald recht – trocken sitzen!«

Reim gegen Reim!

Man lachte über diesen letzteren Reim ebenso vergnügt, wie über den ersten; Herr von Welfen aber sah in der Anspielung auf den Notstand der Landwirtschaft eine hämische Schadenfreude, und das diente nicht dazu, seine inneren Gefühle für den Spötter zu besänftigen.

Äußerlich lebte man selbstverständlich in gutem Einvernehmen, denn die Verhältnisse waren zu klein und die Elemente der Gesellschaft zu sehr auf sich angewiesen, um Spaltungen und Zwietracht ertragen zu können.

Schon die andern Herrn sorgten für den versöhnenden Ausgleich, und Frau von Welfen, die der ritterlichen Erscheinung Borns stets sympathisch gesonnen gewesen, war eine nicht zu unterschätzende Vermittlerin zwischen dem Gatten und dem wohlgemuten Widersacher. Daß die Besuche Borns unter obwaltenden Verhältnissen aber zu Seltenheiten in Jeseritz gehörten, war selbstverständlich, und da Frau Nora das leicht erregbare Gemüt ihres Mannes kannte, vermied sie es, den Namen Born mehr als notwendig zu nennen.

Mit eitel Genugtuung erfüllte es nun den einsam dahinreitenden Major, den verhaßten Herrn mit seinen eigenen Waffen, d.h. mit seiner eigenen Handschrift geschlagen zu haben. Er hatte ihn entlarvt und so, wie er den vortrefflichen Elten kannte, würde der nicht ermangeln, die üble Charakterzeichnung des Landrats unter der Hand in allen maßgebenden Kreisen zu verbreiten.

Tat er ihm Unrecht damit? Nicht im mindesten! Daheim lagen elegant gebunden die Werke der berühmtesten Graphologen, er brauchte die betreffenden Stellen nur aufzuschlagen, um die Zweifler an der Hand anerkannter Meister von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen.

Dieser Gedanke erfreute ihn ungemein, und lustig das schöne Marschlied pfeifend, das ehemals seine Grenadiere hinter ihm gesungen, ruckte er die Zügel an und trabte durch Gottes Frühlingsherrlichkeit der Heimat zu. Schon von weitem ragte der stumpfe Turm des Gutshauses über die Parkbäume empor.

Der Major hob überrascht das Haupt und blickte mit zusammengekniffenen Augen aufmerksam nach dem runden Fensterchen unter dem Schieferdach. Täuscht er sich? Nein, eine Stange schob sich langsam daraus hervor und entrollte die Fahne, er sah es deutlich, der Wind hob sie just empor, und die weißroten Wappenfarben leuchten im Sonnenschein. Inmitten, wie ein dunkler Punkt, prangte das Schild, das die fleißigen Hände seiner Frau und seiner Jüngsten während der langen Wintertage hineingestickt hatten.

Die Fahne wehte nur an Sonn- und Festtagen vom Turm, oder sie begrüßte freundlich die Gäste, die in Jeseritz erwartet werden. Heute war weder ein besonderer Feiertag noch waren Einladungen ergangen – kam trotzdem Besuch? Hm, womöglich die Miltitscher Husaren. Elten meldete sie ja gewissermaßen an.

So gern Herr von Welfen für gewöhnlich Gäste bei sich sah, heute kamen sie ihm doch ein wenig ungelegen, denn der Ritt und die Frühstücksstunde hatten ihn etwas ermüdet, und er hätte sich vor Tisch gern noch ein halbes Stündchen hinlegen und ausruhen mögen.

Aber was half es. Auch ein Vater hatte seine Verpflichtungen und mußte lächelnd zusehen, wenn die Söhne des Landes herzuströmten, den schönen Töchtern zu huldigen. Dieser Gedanke versöhnte ihn, denn Herr von Welfen war eitel auf seine Töchter, besonders auf seine geistreiche, talentvolle Salome, die berechtigt war, sich bewundern und anbeten zu lassen.

So ermunterte er seinen eleganten Goldfuchs zu lebhafterer Gangart und hielt in kurzer Zeit vor der Freitreppe, von der Wulf in »erster Garnitur« herabeilte, ihm die Zügel zu halten. Bachmann kam von der Veranda herzu. Auch er trüg gute Livree und machte das beklommen, feierliche Gesicht, das er stets zur Schau trug, wenn sich etwas Außergewöhnliches in Jeseritz ereignen soll.

»Ist der Besuch schon da?«

»Nein, Herr Major.«

»Wer wird denn erwartet?«

»Die Herren Husarenoffiziere – zu Befehl.«

»Die Miltitscher?«

»Verzeihen, Herr Major, das weiß ich nicht.«

»Selbstverständlich die Miltitscher –- können ja nur die Miltitscher sein. Um wieviel Uhr werden die Herren kommen?«

»So wie gewöhnlich – gnädiger Herr – wohl um zwei … halb drei …«

Welfen zog hastig die Uhr. – »Potz Wetter, dann muß ich mich ja schleunigst umziehen! – Verfluchte Wirtschaft – bei der warmen Sonne bin ich siedeheiß geworden und nun in den kalten Staat hinein, wird wiederum eine nette Rheuma- Attacke geben!«

»Darf ich gehorsamst zuvor um den Wein bitten, Herr Major! Ich muß noch die Karaffen füllen!«

»Himmel Schockschwerenot! Auch noch in den eisigen Keller 'runter? –- Undenkbar! Das kann kein Mensch verlangen. Da hier … alter Maulwurf … da ist der Schlüssel.« – Und der Sprecher wühlte umständlich ein großes Schlüsselbund ans der Tasche und warf es dem Getreuen zu: »Holt euch mal selber ran, was ihr braucht! – He? Wie viele Herren kommen denn?«

Wulf zuckte die Achseln. »Wir dachten, Herr Major wüßten wohl – –«

»Na, es können ja nur der Rittmeister und die beiden Leutnants sein! Von den Verheirateten reitet keiner zu Tisch über Land – also sechs rot und sechs weiß … und eine Flasche Portwein zur Suppe!«

»Gnädige Frau wußte nicht genau – ob Sekt?«

»Unsinn! Narrheit! Wer sich mir nichts dir nichts hier anmeldet, der nimmt mit einem einfachen Mittag fürlieb. Ohne Sekt – verstanden?«

»Befehl, Herr Major!«

Wulf stürmte davon, und der Gebieter von Jeseritz stieg etwas steifbeinig die Freitreppe empor. Er merkte es doch, daß er nach langer Winterpause heute zum erstenmal wieder im Sattel gesessen. Im Vorbeischreiten warf er einen Blick in das Eßzimmer. Rose eilte noch geschäftig um den Tisch und steckte in jede Serviette ein Veilchensträußchen.

»Gott sei Dank, daß du kommst, Päppschen!« lachte sie ihm in ihrer frischen Weise entgegen: »Mutter war schon in großer Sorge, du könntest zu spät kommen!«

»I wo werde ich denn!« – Sein Blick überflog etwas übellaunig die festliche Tafel. »Fünf Gedecke? Ihr seid wohl verdreht, nur die drei Miltitscher kommen!«

»Gott sei Dank! Das will ich gleich mal der Mama melden, die hatte schon Todesangst, das ganze Regiment käme!« Rose legte beide Händchen auf die Schultern des alten Herrn: »Du siehst ja gar nicht vergnügt ans, Papachen? Und Salome freut sich so sehr über die Abwechslung!«

»Die hat auch nicht den ganzen Morgen auf dem Meteor gesessen! Ich bin verteufelt müde und legte mich gern noch ein Weilchen hin –«

»Ob noch Zeit dazu ist? Mamsell sagt, es muß sofort gegessen werden, wenn die Herren kommen, sonst verbretzelt ihr das ganze schöne Menu!«

Welfens Antlitz hellte sich etwas auf.

»Hm – haben sie drunten gut gekocht, Kleinchen?« schmunzelte er.

Sie nickte schalkhaft, – »Wirst du Augen machen!! Da kannst du mal sehen, was zur Not in drei Stunden zustande kommen kann! Aber geh, Väterchen, geh – es wird die höchste Zeit!« -

»Wo ist Mama?«

»In den Salons und wischt noch Staub. Die Mädchen waren gerade mitten im größten Reinemachen!«

»Na, dann gehe ich gleich in mein Ankleidezimmer und rüste mich. Wulf soll kommen und mir die Stiefel ausziehen!«

»Gleich, gleich! Ich schicke ihn sofort!«

In dem Gartensalon, von dem eine große, glasgedeckte Veranda in den Park führte, saß Herr von Welfen im bequemen Sessel und las die Zeitung. Er hatte sich umgezogen und schimpfte in allen Tonarten über den Schnupfen, den er sich sicher dabei geholt haben würde, über die dämliche Mode, Gästen zuliebe in einem dünneren Rock frieren zu müssen, und über die Miß, die in allen Zimmern derart parfümiert hätte, daß es ihm rein übel würde!

Salomes Erscheinen brachte ihn momentan auf andere Gedanken. Sie sah so reizend aus, daß es selbst den grauköpfigen Vater verblüffte.

Die Toilette, ein undefinierbares Gemisch von gebauschtem, cremefarbigem Stoff, weich und seidenglänzend, überwogt von Spitzen und umflattert von Schleifen, hob die rosige Zartheit des Gesichtchens auf das vorteilhafteste, wenngleich Fräulein Salome in diesem Augenblick durchaus nicht ihre vorteilhafteste Miene aufgesetzt hatte.

Sie warf sich indigniert in einen Sessel, und zog das Mündchen zu jener scharfen Linie, die die Mama »Trotz und Eigensinn«, der verblendete Vater aber »Energie und Charakter« nannte.

»Na, darling – du siehst ja auch in die Welt, als ob du beißen möchtest!« lachte er. »Was ist dir denn über die Leber gelaufen, daß du knurrst, mein Pudelchen?«

Statt aller Antwort erhob sich Salome hastig und trat mit aufblitzenden Augen vor den Sprecher hin. Sie warf das Köpfchen zurück und drehte sich langsam herum.

»Wie gefällt dir diese Toilette, Papachen? Du verstehst ja etwas davon!«

Welfen klemmte den Kneifer auf die Nase. »Hm … famos! ›Pschütt‹ sagt man ja wohl zu so einer eleganten kleinen Sache! Steht dir übrigens brillant, kleiner Schelm, und das scheinst du auch zu wissen!«

Salomes hübsches Gesicht strahlte triumphierend auf. »Und weißt du, was Mama dazu sagt?«

»Na?«

»Es sei ein durchaus unpassendes Kleid für mich. Eine so kostbare Toilette könne eine junge Frau zu größerer Gesellschaft tragen, aber kein blutjunges Pensionsdämchen hier auf dem Lande, wenn zwei Leutnants kämen! – Oh, Papa – ich habe mich furchtbar geärgert!« und die Sprecherin drückte ihr Spitzentüchelchen gegen die tränenlosen Augen und war – ein wenig theatralisch – außer sich!

»Unsinn! Wie kannst du das so ernsthaft nehmen!« alterierte sich der Major. »Du weißt, daß Mama sehr einfach und sparsam ist, und immer über deine hohen Schneiderrechnungen gescholten hat! Sie ist noch aus der alten Schule und kann sich nicht in die Anforderungen der Jetztzeit finden! War ja ein Segen, daß Mutterchen so sparte, um alles, was sie sich selber abknappste, für euch zurückzulegen, aber jetzt geht das nicht mehr und ist auch nicht mehr nötig. Ich liebe hübsche Kleider und sehe sie gern an dir – also! Kopf hoch! Taschentuch herunter! Wir wollen Mamachen schon die Sache plausibel machen, daß ein Mädel wie Salome nicht in Sackleinewand herumlaufen kann!«

»O Papa, wenn ich dich nicht hätte!« rief die junge Dame und schlang voll überschwenglicher Zärtlichkeit die Arme um den Bundesgenossen: »Du verstehst mich! Du bist der Einzige, der mich begreift! Oh, wie danke ich dir!« Dann nahm sie, sichtlich beruhigt und bester Laune, ihm gegenüber Platz, warf noch einen schnellen Blick in den gegenüberliegenden Spiegel und griff nach einem Romanbuch, das sie stets an ihren Lieblingsplätzchen bereit liegen hatte.

Nebenan im Eßsaal plauderten Rose und Miß Dolly, und man hörte soeben die Stimme der ersteren sehr vernehmlich: »Ich kann nicht mehr warten! Ich sterbe vor Hunger! Wulf! Bitte tun Sie mir die einzige Liebe und bringen Sie uns die Suppe in das Arbeitszimmer! Außerdem alles andere, was Mamsell schon im voraus geben kann!«

Der Major sah nach der Uhr. »Das Kind hat recht! Ich bekomme auch einen Löwenhunger. Bereits halb drei Uhr! Weiß der Teufel, wo die Kerle bleiben!«

»Ja, es dauert unerträglich lange!« seufzte Salome, »ich habe in der Eile nicht einmal ordentlich frühstücken können!«

»Welch ein Unfug! Gehe mal sofort und laß dir auch einen Teller Suppe geben!«

»Sie müssen ja jeden Augenblick kommen, Väterchen, so lange halte ich noch aus!«

Beide nickten sich zu, der Major brummte noch etwas Unverständliches, und dann lasen sie weiter.

Im Eßsaal erschien Frau von Welfen. »Schon halb drei Uhr, Wulf! Ich beginne hungrig zu werden, sehen Sie doch mal am Parktor nach, ob man die Herren noch nicht sieht!«

»Befehl, gnädige Frau!«

»Sie bringen schon die Suppe, Bachmann?«

»Für Fräulein Rose und Miß Dolly, gnädige Frau.«

»So so! – Ganz recht, es ist ja entsetzlich, so lange warten zu müssen.«

Sie blickte in den Gartensalon. »Die Herren lassen ja furchtbar lange auf sich warten, Ernst!«

»Hm – finde ich auch. Mein Magen knurrt bereits in allen Tonarten.«

»Ist es denn so weit von Miltitsch bis hierher?« fragte Salome mit verschleiertem Blick.

»O ja – eine ganz anständige Strecke Wegs! Aber ich hoffe, sie haben jetzt das längste Stück hinter sich!«

»Ja, das wäre wirklich zu wünschen. Hast du einen Kaffeelikör bereit, Ernst?«

Herr von Welfen nickte, ohne aufzublicken. »Hm – Rose hat mich schon daran erinnert.«

»Rose! – Das Kind denkt doch auch an alles!« Ein weicher, zärtlicher Klang lag in der Stimme der Sprecherin, sie wandte sich und schritt in das Eßzimmer zurück.

Um Salomes Lippen zuckte es ein wenig spöttisch. Selbstverständlich denkt Rose an alles, was hat sie denn auch anderes zu tun? Ein derart hausbackenes Landpomeränzchen kennt ja keine höheren Interessen. Mehr denn je revoltierte es in dem eigensinnigen, frühreifen Dämchen. Sie empfand die mütterliche Sorge und Anleitung als unerträgliche Bevormundung, ihre Strenge als Härte, ihre gerechten Vorwürfe als Tyrannei.

Nicht einmal anziehen sollte sie sich nach Belieben. Alles war zu teuer, alles unnötig, alles übertriebener Luxus! Das ertrage eine andere!

So sehr es in der Pension den Anschein hatte, als ob die jungen Damen streng überwacht würden, so sehr erfreuten sie sich trotzdem der goldensten Freiheit. Sie kleideten sich, wie sie wollten, sie wandten ihr Taschengeld an – je nach dem es ihnen beliebte. – Kein Mansch fragte: Wie teuer ist dieses Parfüm – wie teuer sind diese Handschuhe, was kostet dieser seidene Unterrock, und war es notwendig, ihn anzuschaffen?

Madame beschränkte sich auf den Lehrsitz: »Ihr seid verpflichtet, mit euerm Monatsgeld auszukommen, auf Rechnung wird keine Stecknadel in meinem Hause genommen!«

Aber Madame fragte nicht weiter danach: »Langte euer Geld auch wirklich?« und wunderte sich auch nicht, und forschte nicht der Ursache nach, warum das Taschengeld von den Eltern immer freigiebiger erhöht ward.

Sie las ja nicht die Briefe, in denen die Pensionärinnen über die vielen, teuern Ausgaben klagten, die sie noch extra, neben den Pensionsgebühren, zu begleichen hätten, und fragten die Eltern bei ihr an, »wie das käme?« so schrieb Madame einen charmanten Brief, in dem sie versicherte, »daß die jungen Damen sich nach Kräften einschränkten, daß aber manche Sonderausgabe geboten sei, und daß ein paar besonders reiche und vornehme Pensionärinnen sich Dinge gestatten konnten, die den anderen Mitschülerinnen vielleicht zu kostspielig seien; sie wolle aber künftighin alles auf das gewissenhafteste überwachen und nur das absolut Notwendige gestatten.« – Dann erfolgte eine Rede an die betreffenden jungen Mädchen mit dringender Ermahnung, alles Überflüssige künftighin zu unterlassen.

Man gelobte es – und fand nach wie vor, daß die teuersten englischen Parfüms, die Spitzentaschentücher, Lackschuhchen und elegantesten Briefpapiere für eine schicke junge Dame eben durchaus notwendig seien!

Und dabei blieb es, und man war schließlich überzeugt, daß die törichtsten Ansprüche nur gerecht und billig seien – fehlte doch die wahrhaft sorgende Mutter, die einer Tochter auch in Kleinigkeiten eine gewissenhafte Lehrmeisterin ist, und durch gutes Beispiel zeigt, was man sparen – und was man vergeuden kann.

Nun war es zu spät, um gut zu machen, was fremde Sorglosigkeit und Nachlässigkeit verschuldet hatten.

Salome hatte die Pensionsschuhe ausgezogen, und revoltierte gegen jede weitere Erziehung. Sie fand sich überflüssig, gemaßregelt und bevormundet in ihrem Elternhause, sie war exaltiert genug, sich einzubilden, es könne nie zu einem harmonischen Zusammenleben zwischen ihr und der Mutter kommen, und darum schien ihr das einzig wünschenswerte Ziel eine schleunige Heirat, die ihr Freiheit und Selbständigkeit verlieh.

Der Erste, der Beste!

Warum nur die Husaren so empörend lange auf sich warten ließen. Im Nebenzimmer schlug es drei Uhr – und der Major warf ingrimmig die Zeitung aus der Hand und sprang auf.

»Hol der Kuckuck diese saumseligen Bengels!« rief er, hastig auf und nieder schreitend: »Ich habe Hunger! – Ich will essen! Es ist drei Uhr durch! Länger warte ich nicht mehr!«

Auch Salome stand auf und trat zu der Tür der Veranda, »Ich begreife gar nicht, was das heißen soll!« schmollte sie und da sie leicht dazu neigte, alles übelzunehmen, fuhr sie erregt fort: »Es ist doch beleidigend, Damen so lange warten zu lassen, zum mindesten liegt in solcher Unpünktlichkeit eine Nichtachtung!«

»Na, na, so schlimm ist's nun gerade nicht, es kann jeden Augenblick ein dienstliches Hindernis eintreten, das den Ritt verzögert. Aber darum brauchen wir uns doch nicht die Seele aus dem Leibe zu hungern!!«

Frau Nora trat wieder ein – sie sah ganz elend ans vor Abspannung und Hunger.

»Lieber Ernst – es ist ja zum Verzweifeln! Wo bleiben die Herren?! Mamsell ringt die Hände und stöhnt, daß das ganze Essen, das wir heute wirklich im Schweiße unseres Angesichts hergerichtet, verbrennt und verbrodelt! Das Fleisch zerfällt, die Suppe kocht ein, der Fisch wird gar, ohne daß er auf dem Feuer war – o es ist wirklich zu arg! Tante Sidonie hat auch schon wieder argen Skandal gemacht, über das unpräzise Essen in diesem Hause, daß ich einfach den Braten anschneiden ließ, um ihr servieren zu lassen. In all dieses Hungern und Absagen auch noch den Ärger über die ewigen Nörgeleien von der verrückten Person!«

»Ich bitte euch dringend,« fiel Salome ein, »komplimentiert diesen Störenfried zum Hause hinaus! Man schämt sich ja zu Tode, sie als Tante anerkennen zu müssen!« »Liebes Kind, das verstehst du nicht. Wir können ihr doch nicht die Tür weisen, nachdem wir sie erst eingeladen haben!

Nun heißt's, die Suppe ausessen, die wir uns eingebrockt haben!«

»Gott sei Dank, daß sie die ihre wenigstens auf ihrem Zimmer ißt!«

»So lange es dauert. Ist ihr wissenschaftliches Werk beendet, schenkt sie sich der Welt zurück. Da schlagt es ein Viertel vier Uhr vom Turm!!« Der Major fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. »Anrichten! – Es soll sofort angerichtet werden, Dorchen! Mir wird schon ganz blau und grün vor den Augen!!«

»Sieh doch noch einmal nach, für welche Stunde sie sich angemeldet haben!« – nickte Frau von Welfen mit matter Stimme.

»Nachsehen? – Wo?!«

»Nun in dem Anmeldebrief! – Sie haben doch geschrieben!«

»Geschrieben? An mich?!«

»Gewiß, an wen sonst? Oder war es ein reitender Bote, der die Schreckenskunde brachte?«

Welfen neigte den Kopf vor, als verstehe er nicht recht, »Geschrieben? Reitender Bote? – Ich weiß überhaupt nichts davon!« stieß er barsch hervor.

»Aber Ernst! Du hast ja doch den Besuch in der Küche angemeldet!« rief Frau Dora ärgerlich, »und jetzt willst du weder Brief noch Nachricht erhalten haben!«

«Ich – habe – den Besuch – angemeldet?« wiederholte der Major langgedehnt mit schwerer Betonung: »Wer behauptet solchen Blödsinn?!«

»Nun, die Mamsell! – Wulf! Wulf!«

»Befehl gnädige Frau?«

»Die Mamsell Mine soll sofort einmal heraufkommen.«

Wulf schwenkte eilig ab; auch ihm hing der Magen bis in die Schuhe.

Eine dumpfe Pause. Wolfen lief wie ein hungriger Löwe im Käfig auf und nieder, Salome rieb sich die Schläfen mit Eau de Cologne, und Frau Dora harrte, die Augen starr auf die Tür gerichtet, auf Mamsell Mine. Diese erschien mit hochgerötetem Kopf und Augen, die so aufgeregt flackern, daß sie gar nicht so gut und lammfromm wie sonst in die Welt schauten.

Als sie eintrat, schallten ihr drei Stimmen in undurchdringlichem Gewirr entgegen. Frau von Welfen aber hob energisch die Hand, und als ihr Mann und Salome verstummten, fragte sie feierlich: »Mamsell, wer hat die Gäste bei Ihnen angemeldet?«

Das alte Jungferchen schnappte nach Luft. »Der Herr Major taten es!« knixte sie.

»Ich? Sind Sie etwa rappelig geworden?« Mit ein paar langen Schritten stand der Besitzer von Jeseritz vor ihr und sah ihr in das Gesicht, als zweifle er tatsächlich an ihrem gesunden Menschenverstand. Mine entfärbte sich vor Schreck. Sollte es etwa bei dem Major nicht ganz richtig sein? Furchtbarer Gedanke! Aber aufgeregt und wunderlich war er die ganze letzte Zeit schon, und oft seltsam zerstreut.

»Herr Major – verehrter Herr Major!« lispelte sie so freundlich und milde, wie es ihr Wesen war: »Wollen Sie sich nicht erinnern, daß Sie an das Souterrainfenster gekommen sind?«

»Selbstverständlich entsinne ich mich dessen! Aber was hat das mit den Tischgästen, den Miltitscher Husaren, zu tun?« donnerte Welfen.

Mamsell schlug leise wehklagend die Hände zusammen. »Ach Herr Major, bitte entsinnen Sie sich einmal ganz genau – sagten Sie nicht: ›Mamsell, laufen Sie flink einmal zu meiner Frau, und melden Sie ihr: Die Vergißmeinnicht kämen?‹ Und dann sagten Herr Major, wir sollten nur recht gut zukochen … die Schnepfenpastete…« Die Sprecherin schluchzte in ihrer Herzensangst leise auf –: »Ach, nicht wahr, Herr Major, dessen entsinnen Sie sich doch?«

Welfen stand starr und regungslos. Seine Augen wurden unnatürlich groß: »Na … und weiter? Was sagte ich von Tischbesuch?«

Nun weinte Mamsell, in der festen Überzeugung, ihr unglücklicher Herr sei rettungslos krank, dicke Tränen in die Schürze: »Nun – daß die Vergißmeinnicht kommen! – Ach du lieber Gott … und das gnädige Fräulein erklärte mir, mit den Vergißmeinnicht meinte der Herr Papa die Husaren…« Ein schallendes, unbändiges Gelächter. Welfen warf sich in den Sessel nieder, streckte die Beine von sich und lachte – lachte, daß er sich gar nicht fassen konnte.

»Aber Ernst! Welch ein Unfug! Ich bitte dich dringend, erkläre mir diesen Scherz!«

Salome begann zu begreifen; sie drückte einen Moment erschrocken das Taschentuch gegen den Mund, und dann warf sie sich in einen anderen Sessel und lachte mit. Auch Mamsell setzte sich, aber nur, weil ihr vor Angst über den allgemeinen Wahnsinnsausbruch die Knie zitterten.

»Ernst, hältst du uns zum Narren?!«

»Nein, Dörchen, nein! Aber die Geschichte ist so unbezahlbar komisch, daß ich mich erst erholen muß!«

Der Major atmete tief auf, faltete die Hände über dem knurrenden Magen und lehnte erschöpft den Kopf zurück. »Eine unglaubliche Verwechslung, Mutterchen, die Vergißmeinnicht aus deinem Verlobungsbukett!«

»Blumen?! – Blumen?! Und keine Husarenoffiziere?« kreischte Mamsell Mine, allen Respekt vergessend, auf.

Und nun lachte auch Frau von Welfen. »Welch eine unglaubliche Konfusion! Et tant de bruit pour une omelette!! Alle Arbeit, alle Last und Mühe vergeblich!!«

»Unser prachtvolles Diner!« stöhnte Mamsell Mine mit einem Gesicht, als wolle sie der Schlag rühren – sie konnte nicht lachen, nein, sie konnte es nicht.

»Ja, das schöne Diner müssen wir nun allein essen!« lachte der Major, plötzlich in vortrefflichster Laune, »o weh, die Vergißmeinnicht sind ohne Freier gekommen! – Na, gleichviel! Lukullus ißt bei Lukullus! Vorwärts, Mamsell, richten Sie schleunigst an! Es soll mir für sechse gutschmecken, und auf das Wohl der Miltitscher Husaren trinken wir ein Glas Sekt! Rose und Miß sollen sich zu uns setzen und noch mal das Menü durchessen! Marsch, meine Herrschaften – die Familie Welfen geht zu Tisch!« Er verneigte sich feierlich vor seiner Gattin und bot ihr galant den Arm, dann wandte er sich und offerierte Salome den andern.

Wulf riß diensteifrig die Tür vor den Herrschaften auf.

In demselben Augenblick stürmte Bachmann von dem Garten durch die Veranda herein: »Herr Major: Die Equipage ist in Sicht! Die Herren fahren soeben in die Allee ein!« Wie angewurzelt stand die Familie Welfen und starrte sich sprachlos vor Überraschung an.

VIII.

»Und die Vergißmeinnicht kommen doch und bringen den Freier mit!« triumphierte Mamsell Mine mit strahlenden Augen und stürzte in wilder Hast in die Küche zurück, um endlich, endlich anzurichten.

»Ernst, wer mag das sein?« fragte Frau Dora gedehnt und bekam zwei rote Flecken auf den Wangen.

»Weiß ich's?« gab der Gatte zurück, »wenn sie eine gute Nase haben, sind es doch die Miltitscher!« Er gab die Arme der Damen frei und schritt auf die Veranda hinaus, die Gäste zu begrüßen.

Schon rollte der Wagen herzu, der Kies des Vorplatzes knirschte unter den Rädern.

Salome war wie neu belebt. Sie stürmte vor den Spiegel und warf einen schnellen Blick hinein.

»Mamachen – ich habe mir die Frisur bei dem albernen Lachen verdorben!« stieß sie hastig hervor, »und die Eau de Cologne hat den Puder verwischt! – Ich komme sofort wieder, will mich nur erst wieder ein wenig zurechtmachen!« Und ohne auf das mißbilligende Gesicht der Mutter zu achten, flog sie wie ein lichter Schein durch das Zimmer, um in dem Eßsaal zu verschwinden.

Währenddessen stand Herr von Welfen und blickte dem Wagen erwartungsvoll entgegen.

In der Laune, darin er sich just befand, war ihm jeder Gast heute recht, selbst der Doktor mit seiner infamen Marotte, ihm den Wein zu verbieten und bayrisches Bier für die Amme des Rheumatismus zu erklären! Selbst ihn hätte er heute mit offenen Armen willkommen geheißen!

Und richtig, keine blaue Husarenmütze schimmerte ihm entgegen, der hohe, elegante Sportwagen des Landrats von Born schwenkt um die Ecke des Hauses, und droben, auf dem luftigen Kutscherbock saß er selber, die schlanke, vornehme Gestalt in dem flatternden Mantel, und kutschierte seine edlen Rapp- Hengste selber.

»Pech und Schwefel, der Born von hinten und von vorn!« schoß es blitzartig durch Welfens Gedanken, und einen Augenblick war er doch im Zweifel, ob er sich gerade über diesen Tischgast freuen sollte oder nicht. Im nächsten Moment aber triumphierte seine Eitelkeit.

Welche Eile des Herrn Landrats, seine Salome kennenzulernen! Ei, ei, heimlich, hinter dem Rücken der anderen Herren begab er sich hierher, in der arroganten Hoffnung, den lieben Freunden den Rang ablaufen zu können!

Ein schadenfrohes Lächeln spielte um die Lippen des Majors. Nur keine Schwachheiten einbilden, verehrter Herr von Born! Die Salome ist gerade die Rechte, um Ihnen gründlich heimzuleuchten! Das Mädel und ein Zivilist!! Lächerlich! Vor einem einzigen blauen Attila schrumpft solch ein schwarzer Landrat wie ein Schatten vor der Sonne zusammen!

Das gab ja einen Hauptspaß, wenn sich Herr von Born von hinten und von vorn, als geschlagener Nebenbuhler und verschmähter Freiersmann in sein einsames »Dichterheim« zurückziehen mußte!

Dieser Gedanke war dazu angetan, um die Laune des alten Herrn auf den Siedepunkt zu bringen.

Lachend, jovial, höflich wie nie zuvor, eilte er die Verandatreppe hinab und begrüßte den Landrat mit derselben Innigkeit, wie in der Fabel der Fuchs den Gickelhahn bittet, gütigst als Gast in seinen Bau einzutreten. »Ik fret em up!« schmunzelte er dabei im Herzen. Und Herr von Born war harmloser Gickelhahn genug, um sich in die Höhle des Feindes hinein zu wagen.

»Wenn ich weder Sie noch Ihre verehrten Damen störe, mache ich ein halbes Stündchen Station hier, verehrtester Herr Major!« sagte er höflich, und warf seinem Kutscher auf dem Rücksitz die Zügel zu.

»Stören? – Wir lassen uns niemals aus dem Text bringen, bester Born!« lachte Welfen mit tausend feinen Fältchen um den Augen.

»Wollen uns eben zu Tisch setzen und bitten Sie, einen Löffel Suppe mitzuessen!«

»Sie sind die Güte selber, Herr Major. Aber wie kommt es, daß Sie heute so spät essen? Ich glaubte Sie bald beim Kaffee angelangt?«

Der Major weidete sich in Gedanken an der Verblüffung des lieben Gastes, wenn er sehen würde, wie Familie Welfen zu dinieren pflegte. Es war ja brillant, dem Spötter einmal zeigen zu können, daß man in Jeseritz noch lange nicht »auf dem Trocknen« saß.

»Ich war in Feldheim und wurde dort lange aufgehalten, Teuerster, daher die Verspätung und ein wahrscheinlich recht verbrodeltes Mittagessen – Sie müssen fürliebnehmen! Dora – der Herr Landrat wird uns die Freude machen, sich mit uns zu Tisch zu setzen.«

Die Herren waren in den Gartensalon eingetreten und Born begrüßte mit aufrichtiger Verehrung die Hausfrau, die ihm, wie stets, mit gewinnend liebenswürdigem Lächeln entgegentrat.

Ein heiteres Begrüßen hin und her.

»Wo steckt Salome?« rief der Major hastig, denn er konnte es gar nicht, erwarten, sich an dem enttäuschten, abfälligen Gesichtchen seiner Ältesten zu weiden, wenn sie anstatt ein paar flotter, schneidiger Husaren diesen schwarzen Mann mit Schlips und Zylinderhut vor sich sehen würde. Die erste Blamage für den selbstbewußten Herrn.

»Salome kommt soeben; wenn es Ihnen recht ist, Herr von Born, gehen wir sofort zu Tisch, denn wir haben heute lange auf das Essen warten müssen und sind furchtbar hungrig.«

Die Tür öffnete sich.

Herr von Welfen strich sich behaglich den Bart und schwelgte schon im voraus in all dem Herzenskummer und Elend, das seinem Gegner aus diesem Augenblick erwachsen würde.

Der Tag schien aber ein Tag der Überraschungen und Born ein ausgesprochener Glückspilz zu sein, der lachend über alle Fallgruben und Fußangeln hinwegsprang und die, die ihm eine Grube graben wollten, zum Schluß triumphierend auslachte.

Ja, die Tür öffnete sich, und Fräulein Salome trat ein, »stolz, siegesbewußt, Mut in der Brust.« Und sie trat voll koketter Harmlosigkeit ein paar Schritte in das Zimmer und blickte erst auf, als sie dicht vor dem Landrat stand.

»Durchlaucht!!«

Und dann ein Schrei ihrerseits, hell, durchdringend, halb Schreck und Entsetzen, halb jauchzende Freude.

Salome starrte den überraschenden Tischgast an wie eine Vision.

Dunkle Glut wechselte mit Leichenblässe auf ihrem Antlitz, und dann drang abermals ein unartikulierter Laut über ihre Lippen, sie schlug die Hände vor das Antlitz und sank wie eine Ohnmächtige auf den nächsten Stuhl nieder.

»Salome! Um Gottes willen, was ficht das Kind an?!« rief Frau von Welfen, eilte zu der Tochter und schlang erschrocken die Arme um die Zitternde, der Major aber stand wie vom Donner gerührt und starrte bald auf seine Tochter, bald auf Herrn von Born, als traue er seinen Augen und Ohren nicht.

Der Landrat aber blieb vollkommen gelassen und lächelte, ein empörend siegesgewisses, unverschämt eitles Lächeln.

Das gab dem Besitzer von Jeseritz die Sprache wieder. Er trat neben Salome und schüttelte sie heftig am Arm. »Was soll das heißen, Mädel? Bist du verrückt geworden, einen fremden Herrn derart zu begrüßen?«

Statt aller Antwort preßte Salome das Taschentuch vor das Antlitz und schluchzte herzzerbrechend.

»Herr von Born – ich flehe Sie an, was bedeutet diese Szene?!«

»Eine Überraschung, gnädige Frau –«

»Warum nannten Sie meine Tochter ›Durchlaucht?‹« fragte Welfen durch die Zähne.

Der Landrat lächelte unverändert und verneigte sich verbindlich. »Eine Verwechslung, Herr Major!« antwortete er sehr ruhig: »Fräulein Salome verblüffte mich durch ihre auffallende Ähnlichkeit mit einer russischen Fürstin, die ich jüngsthin kennenlernte. Ich verwechselte die Damen im ersten Augenblick, bis ich das gnädige Fräulein erkannte!«

»Erkannte? Kennen Sie meine Tochter bereits?« Die Stirn des Majors färbte sich, seine bebenden Hände verrieten die Aufregung, in der er sich befand.

Wieder eine leichte Verneigung des Landrats. »Ich hatte allerdings den Vorzug, Ihr Fräulein Tochter während ihrer Reise hierher flüchtig kennenzulernen und bin entzückt, daß sich das gnädige Fräulein meiner noch entsinnt?«

»Sie lernten sich kennen – und Salome sagte uns kein Wort davon?«

»Wie sollte sie, gnädigste Frau! Es war leider nicht Zeit für mich, ihrem Fräulein Tochter meinen Namen zu nennen! – Nicht war, wein gnädiges Fräulein, ich stellte mich nicht vor?«

Salome bewegte heftig den Kopf, es konnte ebensogut ja wie nein heißen.

Aber der Landrat faßte es als Verneinung auf. Er trat einen Schritt näher zu der jungen Dame heran und fuhr mit weicher Stimme fort: »Vergeben Sie mir und lassen Sie mich das Versäumte nachholen.«

»Zum Kuckuck noch eins, mit solchen Geheimnissen!« fuhr der Major auf: »Bei welcher Angelegenheit bedurfte meine Tochter Ihres Schutzes, Born?!«

»Bagatelle, Herr Major! – In dem Gedränge auf dem Bahnhofsperron zu Halle verlor das gnädige Fräulein einen Veilchenstrauß – ich sah ihn und erlaubte mir ihn zu überreichen. Es geschah in der größten Hast – und daher war es unmöglich, mich Ihrem Fräulein Tochter bekanntzumachen, ich mußte eilends den Schnellzug erreichen.«

»Und wegen solch einer Lappalie dieses Aufheben, Salowen? bist du rein verrückt geworden?« ärgerte sich der Major ingrimmig, »das kommt von deinen schwachen, überanstrengten Nerven! Gestern machte sie es ebenso, lieber Born, als die neue Haushälterin überraschend vor ihr auftauchte, schrie sie auch auf wie am Spieß und fiel beinahe in Ohnmacht! Schrecklich! Diese Jugend heutzutage! Nichts als Nerven! Das ganze Mädel Nerven!«

Der Sprecher log so kaltblütig wie möglich, und doch sah ihn Born mit einem ganz infamen Lächeln an und machte die höchst überflüssige Bemerkung: »Ich glaube es Ihnen, Herr von Welfen!«

Frau Dora sprach leise auf das schwachnervige Töchterchen ein, und in der Tür erschien Wulf und meldete, daß angerichtet sei.

»Na, dann bitte, vorwärts zu Tisch, meine Herrschaften, sonst falle ich vor Hunger auch noch in Ohnmacht!« drängte der Major ungeduldig. »Wollen Sie meiner Frau den Arm geben, lieber Born – ja so, Teufel, nun habe ich Sie der Salome ja noch gar nicht vorgestellt – hier, du nervöse Zuckerpuppe: der Landrat von Born, den du künftighin etwas zivilisierter begrüßen wirst!«

Salome war aufgestanden. Sie erglühte abermals, und ihr Blick flog zu dem jungen Mann empor, so süß, so innig und verständnisvoll –

»Zu Tisch!« schrie Welfen ganz gelb vor Ärger. Und der Landrat hob die Hand des jungen Mädchens, die ihm bebend dargereicht wurde, mit vielsagendem Blick an die Lippen, wandte sich galant zu der Hausfrau und führte sie in den Speisesaal. Welfen folgte mit seiner Tochter. »Du wirst den Kerl von jetzt ab wie Luft behandeln! Ich befehle es, verstanden?« raunte er ihr leise ms Ohr.

Salome blickte ihn groß an und antwortete nicht. Rose und Miß standen harrend an den Stühlen. Die erstere begrüßte den Landrat mit naiver Herzlichkeit und begann in ihrer lebhaften Weise so animiert zu plaudern, daß über die ersten peinlichen Minuten eine Brücke geschlagen wurde. Salome schien den Vater nicht verstanden zu haben. Sie behandelte den Landrat im Gegenteil mit einer schwärmerischen Innigkeit und holdseligen Güte, daß der Major an seinem Arger zu ersticken glaubte.

Und er konnte ihr nicht den kleinsten Wink oder Verweis geben, denn in seiner Zerstreutheit hatte er es beim Platznehmen übersehen, daß Salome nicht an seiner Seite, sondern gegenüber neben Born Platz genommen hatte.

Das war ja eine nette Bescherung! Er triumphierte in Gedanken über die nichtswürdige Behandlung, die seine Älteste dem verhaßten Gegner angedeihen lassen würde, und anstatt dessen warf sie sich ihm beinahe an den Hals, schrie auf, erglühte und erbleichte wie bei dem Anblick eines Geliebten, entsann sich mit beinahe kompromittierender Schwärmerei eines kleinen Bahnhofsrenkontres, das der angenehme Herr Landrat als Bagatelle bezeichnete und beinahe vergessen hatte, und nun anstatt die fatale Scharte auszuwetzen und ihn zu behandeln wie es sich gebührte, schmachtete sie ihn mit den zärtlichsten Blicken an und machte ihm mehr die Cour als er ihr!

Der Major hätte sich vor Wut die Haare einzeln ausraufen mögen.

Er würgte das schöne Essen ohne Verständnis herunter – es schmeckte wie Galle! Und dabei warf ihm der Kerl, der »Born von hinten und von vorn«, immer mal einen Blick zu – so recht höhnisch und triumphierend wie einer, der sich im tiefsten Innern so recht über seinen Gegner lustig macht. Das dumme Ding, die Rose, hatte es selbstverständlich brühwarm erzählt, welch ein alberner Irrtum sich mit den Miltitscher Husaren ereignet hatte, und dadurch wurde er auch um den zweiten Triumph gebracht, dem Landrat durch seine »häuslichen Diners« zu imponieren.

Je mehr und besser sich die anderen unterhielten, desto einsilbiger und ingrimmiger stocherte Welfen auf seinem Teller herum, die Anwandlung törichter Großmut verwünschend, in der er den unleidlichen Widersacher eingeladen, Gast des Hauses zu sein.

Das schöne Diner! Der schöne Hunger! Und alles vergällt durch den Ärger.

Was seine Tochter versäumte, möchte er selber nun durch doppelte Unliebenswürdigkeit nachholen, aber er hatte keine Gelegenheit dazu; man überließ ihn harmlos seiner giftigen Stimmung, und der Landrat war so vollendete Ritterlichkeit gegen die Damen, daß sich nicht der kleinste Anlaß bot, sich an ihm zu reiben.

»Welche all dieser zauberkräftigen Feenhändchen haben denn die Tafel so entzückend geschmückt?« fragte er soeben wieder verbindlich, und Rose beeilte sich, die Schwester als Meisterin solcher Kunst zu preisen. »Ja, und nun denken Sie sich unsere Enttäuschung, als dies alles nur für uns selber geschehen sein sollte! Als Mamsell Mine uns erzählte, daß die Vergißmeinnicht keine Husaren bedeutet hätten, war sie so unglücklich, als ob Salome nun wirklich eine alte Jungfer werden müßte. –«

»Eine alte Jungfer?« – lachte Born auf, und Frau von Welfen schüttelte den Kopf: »Rose!!« – aber Rose fuhr in naivem Eifer fort: »Na ja, wenn Blumensamen aus einem Brautbukett aufgeht, bedeutet das einen neuen Freier ins Haus, und als die Husaren nicht kamen, glaubte Mine, der Freier für Salome bleibe auch aus!«

Frau von Welfen sah sehr verlegen aus, und Salome wurde dunkelrot, Rose aber rieb sich erschrocken den Arm, in den sie der Major ziemlich unsanft gekniffen hatte,

Born hob lächelnd das Glas. »Auf daß der holde Aberglaube dennoch recht behalte und wir bald der reizendsten aller Braute huldigen können!« sagte er mit leichter Verneigung gegen die Hausfrau und wandte sich alsdann mit einem Blick zu Salome, der diese erbeben ließ. »Muß der Zukünftige denn auf alle Fälle ein Husar sein, mein gnädiges Fräulein?« fragte er mit einer Stimme, die nur wie harmlose Neckerei klang, zum Entsetzen der Mutter und zum namenlosen Zorn des Vaters, aber ganz anders von Salome aufgefaßt zu werden schien.

»Nein! Kein Husar!« schüttelte sie in glühendem Eifer das Köpfchen, »viel lieber ein –« und sie verstummte jäh erschrocken. War auch das Wort »Landrat« noch nicht gefallen, so las man es doch in ihrem Blick.

»Ein Grenadier, wie dein Vater auch einer war!« donnerte der Major, unfähig sich zu beherrschen; diese zweite Avance, die seine so jäh verwandelte Tochter dem Verhaßten machte, brachte sein Blut zum Sieden. »Eine Soldatentochter bleibt der Fahne treu und teilt den Geschmack des Vaters! Mir waren Zivilisten mein Leben lang höchst gleichgültig und unsympathisch, und so wie ich dich kenne, Salome, sind sie es dir auch!«

Salome senkte das Köpfchen, aber sie lächelte seltsam, und ein äußerst beredter Blick tauchte in die leuchtenden Augen Borns, der ihm ganz das Gegenteil versicherte.

Rose löffelte sehr eifrig ihre Schlagsahne mit Pumpernickel. Jetzt blickte sie auf, viel zu sehr noch Kind, um die Absicht in den Worten des Vaters zu erkennen.

»O bewahre, Papa! Da irrst du dich doch gewaltig!« lachte sie mit wichtigtuender Schelmerei; »Salome hat mir neulich anvertraut, daß sie sich in einen Zivilisten verliebt habe, der sich ihrer auf der Reise höchst ritterlich angenommen habe! Sie hat sogar ein Veilchensträußchen von ihm bekommen, das liegt gepreßt droben in ihrem Gesangbuch!«

Die Wirkung dieser Worte war eine ungeheure. Salome stieß abermals einen kleinen Schrei aus, und Born nahm jählings ihre Hand zwischen die seine und stammelte entzückt:

»Salome! Ist das wahr?!«

Frau von Welfen preßte in wortlosem Schreck die Hände gegen die Schläfen, und der Major sprang so wütend auf, daß sein Stuhl krachend umfiel.

»Rose!« keuchte er mit geballter Hand, aber ein Blick in das erstaunte, völlig harmlose Gesichtchen seiner jüngsten erinnerte ihn daran, daß Rose dem Wiedersehen zwischen der Schwester und dem Landrat nicht beigewohnt hatte, und infolgedessen auch nicht ahnte, wer der »angeschwärmte Ritter« war. Er wandte sich von ihr ab gegen Salome, um die ganze Schale seines Zornes über sie zu entleeren, Born aber kam ihm zuvor. Er war hastig aufgestanden und trat zu dem Zürnenden, seine wutbebende Hand freundlich mit der seinen umschließend. »Herr Major –«

»Lassen Sie mich! – Salome soll mir folgen! Ich habe mit dem ehrvergessenen Mädchen abzurechnen!!« schrie Welfen außer sich. »Dieses Benehmen – diese Blamage! Alle Begriffe übersteigt es!!«

»Herr Major – ein Wort!« – Der Landrat sah ihm fest in die Augen, mit strahlendem Blick – aber der so übermäßig Gereizte riß sich schroff los, erreichte mit ein paar Schritten die Tür und warf sie schmetternd hinter sich in das Schloß.

»Um Gottes willen, lassen Sie ihn, Herr von Born!« flehte Frau Dora, bleich bis in die Lippen: »Mein Mann ist in diesem Augenblick in einer unzurechnungsfähigen Stimmung!« Und dann zwang sie sich zu einem Lächeln und reichte ihrem Gast herzlich die Hand. »Er nimmt jede Kleinigkeit so ernst, selbst die Kinderei! Welch ein junges Mädchen schwärmte nicht! Sie sind Menschenkenner genug, lieber Herr von Born, um zu wissen, daß man mit einem Kinde, das soeben erst die Pension verlassen hat und in das Leben hineinguckt, nicht rechnen darf wie mit einer welterfahrenen Dame! Mir ist dieses törichte Benehmen meiner Ältesten auch sehr peinlich, Herr von Born, aber ich bin vernünftig genug, es so harmlos aufzufassen, wie es gemeint ist, und ich vertraue Ihrer großen Liebenswürdigkeit, daß sie das gleiche tun wird!«

Der Landrat neigte sich und küßte respektvoll die Hand der Sprecherin.

»Ihr Herr Gemahl ließ mich nicht zu Worte kommen, gnädigste Frau. Darf ich statt dessen nun zu Ihnen sprechen?! Daß ich Fräulein Salome nicht gleichgültig bin, sah ich zu meinem unbeschreiblichen Entzücken bei unserem Wiedersehen.«

»Liebe Miß Dolly – bitte führen Sie Rose auf ihr Zimmer!« unterbrach ihn Frau von Welfen beklommen.

»Aber Mütterchen! Gerade jetzt – ich möchte so gern hören, was das alles bedeuten soll!« bat Rose niedergeschlagen.

»Sei folgsam und geh!«

Sofort erhoben sich das Backfischchen und die Engländerin und verließen das Zimmer. Der Landrat aber fuhr hastig fort: »Lassen Sie mich kurz sein, gnädigste Frau! Als ich heute ihr gastfreies Haus betrat, geschah es mit all den zärtlich sehnsuchtsvollen Gedanken des Freiers, den die ›Vergißmeinnicht‹ prophezeiten! Das Bild Ihrer Fräulein Tochter lebte mir im Herzen, und ich kam, mich von der Aufrichtigkeit meiner Gefühle durch ein öfteres Begegnen zu überzeugen und um die Liebe der so heiß Verehrten zu werben. Der Zufall hat mich schneller als ich gedacht in das Herz des geliebten Mädchens blicken lassen, und ich sehe mit namenloser Wonne, daß meine Liebe erwidert wird.«

Er neigte sich zärtlich nieder und zog die, Händchen von dem glühenden Antlitz des jungen Mädchens: »Oder täusche ich mich, Salome? Liebst du einen andern?«

»Nein! nein! Dich ganz alleine liebe ich!« jauchzte es ihm als Antwort entgegen und Salomes Arme schlangen sich um seinen Hals, und er zog sie stürmisch an die Brust: »Dich liebe ich, dich! Du bist der beste, der edelste, der herrlichste Mann auf Gottes weiter Welt! O wie gut von dir, daß du mich nicht verraten hast!« Frau von Welfen starrte fassungslos auf das fait accompli vor ihren Augen.

»Herr von Born – was wird mein Mann sagen! Ich zittere vor ihm!« stöhnte sie, bleich vor Schrecken.

»Sein Jawort zu erbitten, soll meine nächste Sorge sein!« rief der Landrat mit freudiger Zuversicht: »Meine Persönlichkeit und meine Verhältnisse garantieren mir sein Wohlwollen!«

»Unbesorgt Mamachen! Den Vater erobern wir in fünf Minuten!« jubelte Salome strahlend, glühend in übermütiger Seligkeit: »Kommt, wir wollen ihn sofort aussuchen und uns seine Zustimmung holen. –«

»Nein!« – Frau von Welfen trat ihr energisch in den Weg, »das hieße alles verderben. In seiner jetzigen Stimmung ist er jedem guten Einfluß unzugänglich. Gut Ding will Weile haben, wir müssen einen günstigen Moment abwarten, wo er milder gesinnt ist, und das wäre wohl Roses Konfirmation!«

»Beste, teuerste Mutter!« Born küßte abermals in inniger Dankbarkeit die Hände der Sprecherin: »Sie sind meinem Werben nicht abhold? Sie segnen unseren Bund und unterstützen unsere Bitte bei Ihrem Herrn Gemahl?«

»Mutterchen – süßes Mutterchen, du tust es?!«

Voll wehmütigen Ernstes drückte Frau Dora die Hand ihres künftigen Schwiegersohnes. »Sie wissen, Herr von Born, daß ich seit jeher zu Ihren Freunden zählte, wenngleich es mein Mann nicht billigte. Auch jetzt bin ich Ihre Bundesgenossen, die Verhältnisse zwingen mich dazu, diesen überraschenden Vorgängen einen moralischen Hintergrund zu schaffen. Noch kann ich den Gedanken nicht fassen, daß dieses Kind sich schon verloben will, und halte es für sehr notwendig, daß wir die ganze Angelegenheit in Ruhe und Vernunft noch einmal besprechen, denn ein so ernster Schritt darf nicht wie in einem Lustspiel binnen fünf Minuten entschieden und erledigt werden. – Darum bitte ich Sie herzlichst, lieber Herr von Born, uns jetzt zu verlassen; ohne Einwilligung meines Mannes darf ich Ihren Verkehr mit Salome nicht gestatten.«

»Mama! – Er soll gehen?!«

»Gehen und wiederkommen!« flüsterte Born in das rosige Ohr der Geliebten. »Deine Mutter hat recht, mein Liebling, ich muß scheiden, bis mir die selige Erlaubnis wird, mein Kleinod vor aller Welt zu eigen zu nehmen!« Er wandte sich zu Frau von Welfen und küßte abermals ihre Hände. »Ich folge Ihnen, meine teuerste Gönnerin, und gehe, um in einem Brief an Ihren Herrn Gemahl meine Werbung zu wiederholen und meine Verhältnisse klarzulegen. Ich flehe Sie an, gnädigste Frau, diese Zeilen durch Ihre einflußreiche Fürsprache zu unterstützen, und bitte Sie bei aller Sehnsucht unserer liebekranken Herzen, tun Sie nach Kräften das Ihre, um das Hangen und Bangen in schwebender Pein abzukürzen! Rufen Sie mich bald, recht bald zurück!«

»Ich verspreche Ihnen, Ihr treuer Anwalt zu sein!« – nickte Frau von Welfen ganz verwirrt: »O Gott, es ist furchtbar – so plötzlich! – So peinlich für uns … ich habe mich im ganzen Leben noch nicht so geschämt wie heute!« Und sie rührte mit zitternden Händen die Klingel, um den Wagen des Landrats zu bestellen.

»Aber Mamachen, wir lieben uns ja so sehr!« – und Salome führte abermals das Taschentuch an die Augen.

»Gnädigste Frau – einen Abschiedskuß!« – flehte Born mit unwiderstehlichen Augen.

Frau von Welfen machte eine undefinierbare Handbewegung und trat nervös an das Fenster, um nach dem Wagen zu schauen.

Born aber schloß die Braut in die Arme und küßte sie. »Bleib mir treu, mein Liebling!« flüsterte er zärtlich.

»Ewig, ewig! Du süßer … ja sage, wie heißt du eigentlich mit Vornamen?!« – Da lachten sie beide hell auf.

»Siegfried! Dein Siegfried!« – Und wieder küßten und kosten sie unter zärtlichen Liebesschwüren.

»Der Wagen!« – rief Frau von Welfen! »Leben Sie wohl, Herr von Born!«

IX.

So sonnenhell und wolkenlos wie sich der Himmel über die Erde spannte, und so maienfroh und lachend wie draußen »der Frühling über die Berge stieg!« so wetterschwül und unheilsschwanger wehte die Luft in dem Herrenhause von Jeseritz, als die flotten Rappen den Wagen des Landrats den Blicken entrückt hatten.

Frau von Welfen gehörte zu den Menschen, die erst nachträglich, bei kühlerem Überlegen ein Vorkommnis richtig beurteilen, und eine Sache, die sie im ersten überraschenden Ansturm leicht genommen, mit dem grübelnden Verstand desto schwerer nehmen. Hatte sie rechtgetan, diese Verlobung, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam, zu dulden? Hatte sie nicht jede Aussprache verhindern und die jungen Leute rechtzeitig trennen müssen?

Wie konnte ein Mädchen wie Salome, die noch keinen Blick in Welt und Leben, noch keinen Blick in die ernsthafte Leitung eines Haushaltes getan, an Heiraten denken! Salome! Das Kind von siebzehn Jahren! – Es war ein unfaßlicher Gedanke! Und ein jahrelanger Brautstand ist in unserer heutigen rast- und ruhelosen Zeit des Vorwärtsstürmens ein trostloser Gedanke.

»Jung gefreit hat nie gereut!« sagt ein altes Sprichwort, aber es sagte wohlweislich nichts, ob auch »schnell gefreit nie gereut hat!«

Noch keine Viertelstunde kannten sich die jungen Leute und sprachen bereits das bindende Wort! Salome ahnte noch nicht einmal den Vornamen des Erwählten, als sie seinen Kuß erwiderte, war so etwas überhaupt auszudenken?

Lese man es in einem Roman, würden die Menschen die Köpfe schütteln und sagen: »wie übertrieben, so etwas passiert nicht in Wirklichkeit!« – – aber es passiert doch, wie das Leben überhaupt recht oft mit krasseren Farben malt, als die Feder eines Schriftstellers. Dieser paßt seine Geschichten dem Geschmack und Begriffsvermögen des Publikums an – das Schicksal ist weniger rücksichtsvoll und wirbelt seine Millionen von Romanfiguren auf dem Erdball in toller Laune hin und her; es fragt nicht: »wird man mir auch glauben, was ich diesem und jenem antue« – es handelt. – »Viel öfters gleicht das Leben einem Roman, als ein Roman dem Leben gleicht.« Warum? Weil ein Schriftsteller zu viel erwägt, klügelt und abmißt, weil er seine Helden zustutzt wie es Mode und Etikette verlangen, weil er ihre Schicksale lenkt, wie es die Geschmacksrichtung vorschreibt, weil er nicht gegen den Strom anschwimmen will, und der realistischen Zeit nur realistisches, der sentimentalen Zeit nur sentimentales Fühlen und Empfinden darbringen darf.

Wo bleibt da die gesunde, wahre Menschlichkeit? Der Roman bleibt wohl auch noch ein Spiegel des Lebens, aber er zeigt nur Verrenktes und Verzerrtes. Das Schicksal legt seine handelnden Personen nicht auf das Prokrustesbett einer Zeitrichtung; es schlägt heute wie morgen mit Keulen darein und taucht seinen Pinsel tief in Herzblut, ohne lange zu fragen, ob ein Häuflein wandelnden Staubes über seine Weltgeschichte zu Gericht sitzen wird oder nicht.

Frau von Welfen stützte das Haupt schwer seufzend in die Hand und blickte zu Salome hinüber, die immer noch am Fenster stand und mit strahlenden Augen hinauslächelte, als schaue sie immer nach dem letzten Gruß des Scheidenden.

Sahen sich die beiden wirklich nur so kurze Zeit auf dem Perron des Bahnhofs in Halle? Wieder und wieder tauchte ihr dieser Gedanke auf, und mit dem Scharfblick der Mutter durchschaute sie das heiße Not, das auf den Wangen der Tochter gebrannt, als der Landrat sie scherzend mit »Durchlaucht« begrüßt hatte. Dahinter stak irgendein kleines Abenteuer, das ihr verheimlicht worden war.

Sie erhob sich und trat neben das junge Mädchen. Voll schwärmerischer Seligkeit schlang Salome die Arme um ihren Hals: »Mamachen, ach du liebes, süßes Mamachen, wie bist du doch so gut!«

Die Mutter schaute tief in die glänzenden Veilchenaugen der Tochter. »Ja Salome, ich bin gut, viel zu gut gegen euch gewesen, besser, als du es verdienst!«

»Als ich es verdiene?« – flüsterte es betroffen zurück.

»Ja. Oder findest du es etwa richtig und lobenswert, wenn ein junges Mädchen die eigentümlichsten Erlebnisse auf der Reise hat, und diese der Mutter verheimlicht?«

Wieder erglühte Salome betroffen. »Hat er es euch doch erzählt?« fragte sie gedehnt.

»Nein, er hat uns nichts erzählt, aber er würde es sicherlich getan haben, wenn er Zeit und Erlaubnis dazu gehabt hätte!«

Salome lachte silberhell auf und küßte stürmisch die Lippen der Sprecherin. »Ja, Mamachen, du sollst alles wissen!« flüsterte sie, »du bist ja jetzt unsere Verbündete, und wenn du mich auch tüchtig auslachst, so schadet es nun nichts mehr, ich habe es gründlich verdient! Komm, setze dich dort in das Sofaeckchen! Dann will ich dir beichten.«

Und dicht an die Mutter geschmiegt, berichtete Salome wahrheitsgetreu ihr Abenteuer in der Eisenbahn. Frau von Welfen schüttelte zwar bedenklich und vorwurfsvoll den Kopf, aber sie konnte es doch nicht wehren, daß ein immer verräterischeres Lächeln um ihre Lippen zuckte.

»Und siehst du, Mama, wie er mir nun plötzlich wieder gegenüberstand, wie er so taktvoll und ritterlich unser Renkontre verschwieg, als er merkte, daß ihr von nichts wußtet, da empfand ich es mit voller leidenschaftlicher Innigkeit, daß ich ihn liebe – über alle Begriffe liebe! Und er muß mein Mann werden, Mütterchen, sonst sterbe ich! Warum soll Papa seine Einwilligung verweigern? Er heiratet ihn ja nicht – also kommt es doch nur darauf an, ob er mir gefällt und ob ich ihn will. Wollen wir zu ihm gehen und ihn bestürmen? Ach ja! Bitte, bitte komm gleich mit!«

Frau Dora hielt die Sprecherin sanft zurück. »Nein, Herzenskind – das wäre sehr unklug. Du weißt, daß mit Papa nichts anzufangen ist, wenn er in zorniger Stimmung ist. Erst muß er sich beruhigen. Wenn Born an ihn geschrieben hat, ist der Zeitpunkt gekommen, eher nicht. Und nun gehe du einmal hinaus in den Park, wo du mit unserem lieben Herrgott allein bist. Da prüfe einmal vor ihm dein Herz, ob deine Liebe wirklich so groß und aufrichtig, und dein guter Wille tatsächlich stark genug ist, um dieses fremden Mannes willen dein Elternhaus zu verlassen – um für ihn all das Viele zu erlernen, was dir noch fehlt, um für ihn vieles abzustreifen, was dir noch fehlerhaft anhängt. Auch ich möchte jetzt allein sein und den unfaßlichen Gedanken fassen lernen! Heute abend aber, im traulichen Dämmerstündchen, komm zu mir in mein Zimmer – dann will ich dir sagen, mein Liebling, daß die Ehe kein Zeitvertreib und kein Kinderspiel ist, daß ihre Rosen viele Dornen tragen und vor ihre Sonne viele, dunkle Wolken ziehen. Das Finden und Binden ist leicht, aber das Gebundensein für ein ganzes, langes Menschenleben ist schwer, namenlos schwer. Unter tausenden sind es wohl nur zehn, die in ihrer Ehe so leben, wie es Gott und den Menschen ein Wohlgefallen ist!«

Frau Dora seufzte leise auf. Sie blickte in die lachenden Augen ihres Kindes und empfand es, und las es in dem großen, verständnislosen Blick, wie unendlich fern Salome noch alle Gedanken lagen, auf denen einzig und allein das Fundament für eine wahrhaft glückliche Ehe aufgebaut werden kann. Und sie war fest entschlossen, ihre Pflicht zu tun und einem übereilten Schritt zu wehren, so sehr es in ihren Kräften stand. Ein Lichtblick erhellte das bange Dunkel.

Was Salome gar nicht geahnt und bemerkt hatte, die kleine Komödie, die Born ihr als »Geheimpolizist« vorgespielt, und die Lektion, welche er ihr damit erteilt, hatte sie, die Mutter, sofort durchschaut und ihren Zweck völlig begriffen.

Der Landrat hatte eine vortreffliche Art und Weise, Salome mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und sie auf den rechten Weg zu leiten – besser und einflußreicher, als sie als Mutter es jemals können würde. –- Er, der ernste, geistvolle Mann könnte wieder gutmachen, was in der Fremde an ihr verdorben war – er vielleicht vor allen –- ja Frau von Welfen empfand es wie eine Ahnung im Herzen, nur er allein konnte das Kind zum Weibe erziehen!

Salome flatterte wie ein helles Sommerwölkchen in den knospenden Park hinaus – wie ein jubelndes Echo klang ihre Stimme zurück: »Im wunderschönen Monat Mai – als alle Knospen sprangen, da habe ich ihr gestanden – mein Sehnen und Verlangen!!«

Sehr lange blieb das junge Bräutchen nicht draußen, sie schien keine Ruhe zu finden, mit ihrem stürmisch klopfenden Herzen die verlangte Zwiesprache zu führen. Wozu auch? – Sie war fest entschlossen, Siegfried von Born zu heiraten, sie liebte ihn! Sie triumphierte in dem stolzen Gefühl, den ersten Mann, der ihren Weg gekreuzt, auf der Stelle erobert zu haben.

All ihre Wünsche, all ihr Hoffen war erfüllt. So hatten sie es alle in der Pension erträumt, und wem ist dieser Traum zur Wahrheit geworden, vielleicht ihr allein.

Die gute Mutter nahm alles so ernst und schwer. Du liebe Zeit! Sie stand noch mit beiden Füßen in der guten, alten Zeit, wo die Ehen noch im Himmel geschlossen wurden.

Heutzutage schloß man sie in den Spalten einer Zeitung, oder im Vorhof der Reichsbank, wo die Stimmen im Winde flüsterten, mit wie viel harten Talern der Weg gepflastert wäre, auf welchem »er« oder »sie« einherwandeln sollten.

Alles andere war altmodische Sentimentalität. Wie glücklich traf es sich nun bei ihr, daß Siegfried ein so schöner, stattlicher Mann war, daß er Stellung, Namen, Geld und Gut hatte, daß sie ihn nicht nur »Gatte«, sondern auch Geliebter nennen kann.

Ja, das war viel Glück –- Juilette behauptete ja immer, dies alles könne gar kein Mann in sich vereinen. Entweder – oder.

Gott sei Dank, daß es doch noch Ausnahmen von der Regel gab.

Was würden Juilette und Lola sagen! – Sie würden verkommen vor Neid und Mißgunst!

Und welch ein unbeschreiblicher Triumph für sie, nun all der boshaften Zweifelsucht der beiden Dämchen mit der gedruckten Anzeige antworten zu können.

Anzeige! – Wäre es nur erst so weit! Salome fieberte vor Ungeduld, diese Anzeigen schwarz auf weiß in die Welt hinauszusenden.

Das konnte aber immerhin noch tagelang dauern, darum mußte sie sofort an die Pensionsfreundinnen schreiben und tüchtig damit renommieren, daß »er« ihr nachgefolgt sei, daß er sie treulich gesucht, bis er sie gefunden habe, daß er sie demnach so leidenschaftlich und über alles liebe, wie sie angenommen. Sie hätten sich verlobt – in den nächsten Tagen hoffe man auf die Einwilligung des Vaters, der begreiflicherweise nicht sofort »Ja und Amen« gesagt habe, sondern die Tochter gern noch im Hause behalten möchte.

Oh, wie interessant, wie entzückend wichtig waren diese Mitteilungen! Wie würden sie verblüffend wirken, wie machten sie allen Spott und alle Ironie über ihr Abenteuer, das man sicherlich für Erfindung gehalten, zu nichte!

Salome jubelte über ihren Triumph, und wäre sie sich klar über ihre Gefühle gewesen, so hatte sie erkennen müssen, daß der Sieg, welchen ihre Eitelkeit den Freundinnen gegenüber errungen hatte, fast das junge, bräutliche Glück, und die Gedanken an den schönen, ritterlichen Freier zurückdrängte. Durch die kleine Nebentür huschte sie heimlich in ihr Zimmer hinauf, setzte sich an den Schreibtisch und verfaßte mit glühenden Wangen die Berichte an Juliette und Lola, die alles übertrafen, was Schwärmerei, Einbildung und Selbstvergötterung eines Pensionsbackfischchens jemals in dieser Beziehung geleistet hatten.

Als sie just mit dem Briefe an Juliette fertig geworden war, und sie nun eben daran gehen wollte, ihn für Jola abzuschreiben, pochte es kurz und hart an ihre Tür.

Sie schrak leicht zusammen und preßte die Hand auf das Herz: »Herein!«

»Aha, da bist du ja; ich habe eine kleine Arbeit vor, bei der du mir helfen kannst.«

Der Major stand auf der Schwelle, mit finsterem Gesicht und grimmigem Blick. Er trat an den Schreibtisch, zog sich einen Stuhl heran und ließ sich wuchtig niederfallen.

In seiner Hand knisterte ein Brief.

»Von ihm!« jauchzte es durch Salomes Seele, und doch schnürte ihr die Angst momentan die Kehle zusammen. Aber sie richtete sich energisch auf. »Durch Kampf zum Sieg!« trotzte es auf ihrer weißen Stirn.

Welfen zog ein Buch aus der Tasche. Die Graphologie von Crépieux-Jamin.

Salome war überrascht, und erstaunte noch mehr, als der alte Herr in sehr ruhig kühlem, beinahe geschäftsmäßigem Ton jagte: »Ich möchte gern eine Handschrift deuten, mein Kind, du kannst mir dabei helfen.«

»Gern – gewiß – zeige nur her!« murmelte sie bitter enttäuscht.

Welfen breitete einen Brief auf dem Tische aus, und Salome überlegte, daß es ja eigentlich ganz unmöglich sei, daß Siegfrieds Antrag schon jetzt eingetroffen sein könnte. Ehestens konnte das heute abend oder morgen früh der Fall sein. – Tief aufatmend neigte sie sich und blickte gleichgültig auf das Schreiben.

»Mein lieber Assessor –« stand darüber – also etwas furchtbar Gleichgültiges.

Welfen schlug langsam und bedächtig den Crépieux auf. »Die Schrift ist sehr groß und dick, stimmt's?«

Die Gefragte biß sich auf die Lippe und schielte nach ihrem Brief hinüber. Sie war ärgerlich über die Störung und hätte viel lieber weiter geschrieben. Aber den Vater jetzt verletzen? Unmöglich. Das würde böse Folgen haben können.

»Hm – dick und groß –!« nickte sie, »wie mit einem Schwefelholz geschrieben.«

»Richtig – hier habe ich's schon – bedeutet großen und maßlosen Stolz. – Sieh her!«

»Ja, ich sehe – das kann ich schon auswendig.«

»Gut, also stolz.« – Welfen kritzelte das Wort auf ein Stückchen Papier, dann fuhr er mit dem langen, hageren Zeigefinger, an dessen Ende sich ein spitzgeschnittener Nagel krümmte, unter den Zeilen des Briefblattes hin, dessen Unterschrift umgebogen und dadurch unsichtbar war. »Hier dieser Haarstrich, schroff und rückwärtsgebogen, stark markiert … hier ist er wieder … hier und hier nochmals – bitte lies mal hier, was er bedeutet!«

Salome warf einen flüchtigen Blick in den Crépieux, woselbst die betreffende Stelle bereits rot angestrichen war. »Widerspruchsgeist!« las sie mechanisch.

»Hm – schreiben wir's an. Und weiter, hier bitte, vergleiche diese Linien – sie wiederholen sich auch beinahe Wort für Wort, ›Hang zu kritischem Tadel und beißendem Spott – Kampfeslust‹. Nun, ist's richtig so?«

»Stimmt vollkommen!« bestätigte Salome immer ungeduldiger werdend, »scheint ja ein recht angenehmer Herr zu sein, dieser Briefschreiber!« fügte sie übellaunig hinzu.

Ein Blick des Vaters blitzte zu ihr auf. Halb Triumph und Genugtuung, halb Ironie. »O ja, das ist er! Gut, wenn man sich davon überzeugen kann!«

»Ist es denn so wichtig und interessant, einen solchen Menschen kennenzulernen?« fragte sie mit gelangweiltem Ton, ihr Blick hing an ihrem begonnenen Schreiben und ihre Fingerchen zuckten nervös.

»Ich denke, ja! Solche Studien sind immer interessant.«

»Und nun sieh hier diese sich aufrollenden Kurven an. Wir haben uns erst gestern damit beschäftigt.«

»Ja, ja, ich weiß noch – Anmaßung – Eitelkeit – Unbeständigkeit und Gott weiß was alles für abscheuliche Dinge!«

Der Major lächelte wie ein Mephisto. »Sehr gut; wird ja immer besser. Netter Junge das. Ferner finden sich in der Schrift vor: Rücksichtslosigkeit, materieller Sinn, der bis zur Brutalität gehen kann – Geiz, Mißtrauen –«

Salome hielt sich die Ohren zu und machte eine heftige Bewegung. »Halte ein in deinem Grimm! Dieser Mensch muß ja ein Ungeheuer sein –«

»Bitte, überzeuge dich –«

»Ich glaube es dir ja, Väterchen –«

»Überzeuge dich!« – So barsch und heftig hatte er noch nie zu ihr gesprochen.

Betroffen neigte sich Salome und starrte geistesabwesend auf das Buch nieder. Sie war zu aufgeregt, um sehen und lesen zu können, die Buchstaben tanzten wirr vor ihrem Blick.

»Nun?«

»Ja, es stimmt ganz genau, du hast recht, Papa.«

Welfen erhob sich und stand hochaufgerichtet vor seiner Tochter. Er zog die Stirn in finstere Falten: »Und willst du nun auch zur Belohnung wissen, wer dieser so sehr vortrefflich veranlagte Mann, dieser Mustergatte in spe, dieser ideale Liebhaber und Abenteuerheld ist?« fragte er scharf.

Salome blickte verwundert auf. »Gewiß! Wenn ich ihn kenne –?«

»O ja, du kennst ihn! Da hier – lies!« Und er klappte die untere Hälfte des Briefbogens herum und hielt ihn dicht vor die Augen der Tochter.

Diese neigte das Köpfchen und blickte flüchtig darauf nieder, dann zuckte sie zusammen und schrak jäh zurück, als habe sie einen Schlag erhalten. »Von Born – Landrat …« stammelte sie. Alles Blut wich aus ihren Wangen, sie sah so leichenhaft fahl aus, daß der Major jäh erschrocken näher trat.

»Siegfried? Das soll Siegfried sein?« rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen: »Das ist nicht wahr – das ist Lüge – das glaube ich nicht!« rief sie außer sich. Welfen zog drohend die Brauen zusammen. »Du glaubst nicht, was du selber an der Hand der Wissenschaft bewiesen hast?« fragte er scharf.

Ein Zittern ging durch Salomes schlanke Gestalt. Wie in wildem Troß schnellte sie empor. »Nun gut! Dann mag es Wahrheit sein! Dann liebe ich ihn mit all seinen Mängeln und Fehlern, und liebe ihn, wenn er selbst ein Teufel in Menschengestalt wäre – und ich heirate ihn! – Papa – hörst du? Ich heirate ihn und wenn er noch zehnmal fürchterlicher schriebe!«

Die Heftigkeit der Tochter war ein Erbteil des Vaters und wirkte ansteckend.

»Du heiratest ihn nicht! Hörst du auf mich, du Gelbschnabel?

« brauste er auf. »Und wenn er ein Engel vom Himmel wäre, du heiratest ihn nicht!«

»Ich will es aber … ich will es!«

»Und ich will es nicht.«

»Dann heirate ich ohne Erlaubnis!«

»Oho! Das bleibt abzuwarten! – Es gibt noch Mittel, um widerspenstige Frauenzimmer zu bändigen!«

Salome griff mit beiden Händen nach dem Herzen. »So werde ich sterben!« hauchte ste und sank an dem Vater nieder auf den Teppich.

Auf das höchste bestürzt, sprang der Major zu und richtete ihren starren Oberkörper empor. »Kind! Um Gottes willen, mein süßer Liebling!« schrie er auf, voll Entsetzen in ihr starres Gesichtchen schauend, »Salome, komme zu dir, sei doch vernünftig! Bist du denn rein von Sinnen? Kann man denn kein ernstes Wort mehr mit dir reden?!«

Aber Salome regte sich nicht, nur ein leiser, zitternder Klagelaut rang sich von ihren Lippen.

Welfen hatte noch nie einen derartigen Zustand gesehen und geriet außer sich. Er stürzte nach dem Klingelzug und riß ihn beinahe von der Wand. Und dann eilte er zu Salome zurück und hob sie mit starken Armen empor, sie in einen Sessel zu sehen.

»Kind! Herzblättchen –« flehte er in zitternder Angst, »um Himmels willen komm zu dir! Ich habe es sa gar nicht so ernst gemeint – in Gottes Namen sollst du ihn haben, wenn er dich will.«

Da schlug sie die Augen ein wenig auf, seufzte und schloß sie abermals. »Vater!« hauchte sie.

So cholerisch und heftig der alte Offizier auf der einen Seite war, so weichherzig und zärtlich war er auf der andern. Seine Salome, sein Stolz, sein Liebling, seine Wonne! Und er mordete sie womöglich aus schnöder Rachsucht gegen den Landrat, er wollte ihre junge, sonnige Liebe vernichten, weil ihm der künftige Schwiegersohn nicht in den Kram paßte!

Entsetzliche Gewissensbisse zerfleischten sein Herz und marterten ihn mit unbarmherziger Selbstanklage. »Salome! – Öffne die Augen – es soll ja alles gut werden, ich will ja nur, daß du glücklich sein sollst –!«

Da richtete sie sich matt empor. »Siegfried! Mein Siegfried soll kommen!« hauchte sie mit erlöschender Stimme.

»Gewiß, mein Herzchen! Wir laden ihn zum Sonntag ein!« tröstete der bestürzte Vater.

Da schlug sie die Arme um seinen Nacken und drückte das Köpfchen an ihn – sie schluchzte bitterlich. »Ach Papa, lieber guter Papa, du kannst nicht so hart, so unmenschlich zu mir sein.«

»Nein, nein, gewiß nicht, mein Püppchen!« atmete Welfen erleichtert auf, »wenn du ihn absolut willst – dann … nun in Gottes Namen!« und er seufzte schwer auf.

Salome richtete sich schon bedeutend wohler und kräftiger empor. »Du versprichst es mir – du gelobst es mir?« flüsterte sie zärtlich.

»Gewiß, gewiß! Beruhige dich nur erst und komme wieder zu dir! – Ach – Rose – gut, daß du kommst, schnell ein Glas Wein!«

»Nein… ein Brausepulver!« hauchte Salome, »es waren Herzkrämpfe, die ich hatte!«

»Herzkrämpfe!!« – Rose war starr vor Staunen. »Ich hole die Mama,« rief sie entsetzt und stürmte davon.

»Papa … wenn mein Siegfried schreibt –«

Es ging bei diesen »mein Siegfried« wie ein Stich durch das Herz des gequälten Mannes, aber er nickte lächelnd und wiegte das verzogene Töchterchen so behutsam im Arm wie ein Wickelkind. »Ich versichere dir, mein Herzblättchen, ich lade ihn ein.«

»Wir haben uns verlobt – er wird anhalten –«

»Verlobt?!! –«

»Papachen … um Gottes willen nicht so laut … ach mein Herz – ein neuer Stich…«

»Nein, nein! Ich war ja nur so überrascht! Um Gottes Willen rege dich nicht wieder auf! Du bekommst schon wieder so schöne, rosige Bäckchen!«

»Du gibst dein Jawort, Papa? – Ach ich bin so krank!«

»Gewiß, gewiß – er ist ja sonst ein netter Mensch!«

»Ach so einzig nett! – So edel, so herrlich – so gut.«

Stolz, rechthaberisch, tyrannisch – eitel, brutal –! dachte der Major in Gedanken, und fühlte, wie ihm das Blut wieder in den Kopf schoß, aber er beherrschte sich und nickte nur »hm… hm…«

»Und ich liebe ihn so furchtbar, so über alles. –«

»Hm, hm…«

»Gib mir deine Hand darauf, liebes; süßes, einziges Väterchen – schwöre mir, daß du mein Lebensglück nicht zerstören willst – ich kann ja nicht ohne ihn leben!«

»Kind, du kennst ihn ja noch gar nicht!« stöhnte Welfen auf.

»Doch, Papa, doch, ich kenne ihn!«

»Vor allen Dingen beruhige dich und werde erst wieder gesund. Wenn Born wirklich um dich anhalten sollte, wollen wir mit Mama zusammen alles ganz vernünftig besprechen! Ich weiß ja nicht einmal, in welchen Vermögensverhältnissen er lebt!«

»Das ist ja ganz gleichgültig, Väterchen! Ich will voll Wonne trockenes Brot mit ihm essen!«

Der Major sah sein anspruchsvolles, verwöhntes Tochterchen betroffen an. Wenn Salome trockenes Brot essen wollte, mußte sie wirklich furchtbar verliebt sein, und sie war es in ihn, den Landrat, den einzigen, den Welfen sich nicht zum Schwiegersohn wünschte.

Die Tür wurde behutsam geöffnet, Frau Dora eilte mit allen Zeichen des Schreckens in das Zimmer, Rose folgte mit angstvoll großen Augen und trug ein Glas Brauselimonade in der Hand.

»Mama –ach, liebe Mama – ich glaube, ich muß sehr bald sterben!« hauchte ihr Salome wieder sehr leidend entgegen und ängstigte damit dem Vater neue Schweißtropfen auf die Stirn, »ich war ganz bewußtlos, Mama – und hier … ach, mein Herz … es tut noch immer so entsetzlich weh!«

Frau von Welfen warf einen prüfenden Blick in das Antlitz ihres Kindes. »Hatte sie eine Ohnmacht, Ernst?« fragte sie leise.

»Ja, sie fiel um wie vom Blitz getroffen!« stöhnte der Major, »bitte, trockne mir einmal die Stirn, Rose, mir ist so heiß!«

»Hattet ihr einen Wortwechsel?«

»Hm«…

»Ach Mütterchen, Vater verkennt ja meinen Siegfried so sehr … und … und … wenn ich ihn nicht heiraten darf – ach mein Herz!! –«

»Rose … hole einmal den Essigäther aus meinem Schlafzimmer!«

Das Backfischchen hatte die Augen weit aufgerissen, ein plötzliches Verstehen wetterleuchtete über das frische Gesichtchen, dann schoß sie diensteifrig davon.

»Ich sagte dir doch, Salome, daß du heute jede Aussprache mit Papa vermeiden solltest!« fuhr die Mutter in beinahe strengem Tone fort; sie war merkwürdig ruhig und schien sich nicht halb so aufzuregen und zu bangen wie ihr Mann. »Warum tatest du es doch?!«

Das junge Mädchen schloß matt die Augen. »Er kam ja zu mir herauf und fing an davon … ach wie hat er den unglücklichen Siegfried so entsetzlich schlechtgemacht!« und abermals stürzten Tränen aus ihren Augen.

Der Major blickte seine Frau wie ein Gerichteter an. »Ich beurteilte seinen Charakter nach seiner Schrift, und das Kind überzeugte sich, daß ich recht hatte!«

»Papa – ich beschwöre dich … wenn dir mein Leben lieb ist, fange nicht wieder davon an!«

»Nein, nein! – Gewiß nicht!«

»Am besten ist es, lieber Ernst, du läßt uns jetzt allein! Ich werde Salome zu Bett bringen, daß sie sich erholt und ausruht.«

»Du kommst nachher wieder zu mir, Väterchen!« schmeichelte das Töchterchen zärtlich. »Da sollst bei mir sein … so wie früher an meinem Bett sitzen … mein liebes, liebes Väterchen!«

Welfen neigte sich und küßte seinen Liebling. »Ja, ich komme! Sei nur ruhig, ganz ruhig … und versuche ein wenig zu schlafen – hörst du, Herzchen?«

Sie drückte seine Hand und lächelte ihm so wehmütig zu, daß es ihm durch und durch ging.

Frau Dora konnte kaum ein Lächeln unterdrücken. Wie ist das starke Geschlecht doch so wunderlich schwach, wenn das schwache Geschlecht beliebt, in einer Ohnmacht stark zu sein!

Der Major, der als Tyrann und Eisenfresser bei seinem Bataillon gefürchtet war, der mit dem Kopf durch die Wand ging, wenn es galt, seinen Willen zu verfechten, er ließ sich von den zarten Händchen seiner Tochter gängeln und kneten wie weiches Wachs; er, der auf dem Schlachtfeld ungerührt über die Sterbenden und Wimmernden hinweggestürmt war, er schwitzte Angst und verkam vor Sorge und Bangigkeit, wenn es einem kleinen Dämchen beliebte, etwas Komödie zu spielen und ohnmächtig zu werden.

Frau Dora glaubte nicht recht an Herzkrampf und Ohnmacht, um so weniger, als Salome sich bedeutend frischer und kräftiger emporrichtete, als der Vater das Zimmer verlassen hatte und mit recht lebhaften Augen flüsterte: »Er gibt es doch zu, Muttchen! Er hat schon seine Einwilligung zugesagt!«

Armer Ernst – armer Born!

Frau von Welfen seufzte unwillkürlich auf. »Ach hätte ich sie nie, nie von mir gegeben! Ach hätte sie nie eine Pension gesehen!« klagte sie sich im eigenen Herzen an.

Aus der Hand der Eltern ist sie herausgewachsen, sie sind machtlos über das Kind geworden, nur der Liebe kann es noch gelingen, ihr eine Lehrmeisterin und Erzieherin zu werden – aber das Lehrgeld wird ein teures sein und manche Träne kosten.

Welfen rannte währenddessen im einsamsten Teile des Parkes umher. Wer ihn sah, mußte ihn für verrückt halten. Er sprach mit sich selber, gestikulierte, lachte, ballte die Fäuste und köpfte mit wuchtigen Stockhieben die knospenden Zweiglein.

Da tobte alles aus, was sich an verhaltenem Groll und Grimm in seinem Herzen aufgespeichert hatte. Zwar wußte er selber keinen triftigen Grund anzugeben, warum ihm der Landrat so unsympathisch war, und ein paarmal war er schon auf dem besten Wege, sich einzugestehen, daß er sich wohl nur aus Opposition in diesen Widerwillen hineingerannt habe. Aber er wollte es noch nicht Wort haben. Er wollte sich sein ganzes Unglück in seiner vollen Größe ausmalen. Ihm mußte so etwas passieren! Anstatt über den Gegner triumphieren zu können, triumphierte der über ihn! – Er kommt als höflich kühler Mann, eine Visite zu machen, und was geschieht? Salome wirft sich ihm sozusagen an den Hals, Rose macht eine indirekte Liebeserklärung für die Schwester und es stellt sich heraus, daß der Herr Landrat bereits auf der Reise ein interessantes kleines Abenteuer mit dem dummen, harmlosen Gänschen erlebt hat.

Welch eine Blamage! Welch eine unauslöschliche Schmach! Wahrhaftig, der Major kann Gott auf den Knien danken, wenn Born den Anstand besitzt und noch um die so sehr entgegenkommende junge Dame wirbt!

Wenn er perfide, wenn er in der Tat die brutale und rücksichtslose Persönlichkeit ist wie seine Schrift verrät, so geht er jetzt hin, setzt sich an den Biertisch und erzählt den Herren mit Gelächter von dem so eigenartigen Empfang in Jeseritz!

Welfen fuchtelt bei diesem Gedanken wie ein Unsinniger mit den Armen durch die Luft und keucht wild auf. Solch eine Schande wäre gar nicht zu überleben!

Aber kann er es anders erwarten?

Born ist sein Gegner. Er ist von dem Major absichtlich gereizt und stets schlecht behandelt worden, selbst heute noch bei Tisch hat er ihm Unliebenswürdigkeiten gesagt, die jeder andere für Beleidigungen aufgefaßt haben würde. Auch Born tat es vielleicht, er war nur Kavalier genug, im Beisein der Damen einen Streit zu vermeiden.

Aber er rächt sich nun vielleicht nachträglich! Er hält den Major jetzt ja vollkommen in der Hand, er ist fähig, seine Tochter in der Gesellschaft unmöglich zu machen, wenn er das Eisenbahnrenkontre und Salomes Benehmen beim Wiedersehen in hämischer Weise beleuchtet und an den Pranger stellt. Der Major fährt sich mit den Händen nach dem Kopf, dieser Gedanke ist unerträglich, ist mordend!!

Nun ist es so weit gekommen, daß er auf den Heiratsantrag des Landrats warten muß, wie auf eine Erlösung aus quälender Angst, wie auf eine Gnade, die ihm von dem jungen Herrn erwiesen wird! O Schicksal, so bitter hat noch keiner deiner Leidensbecher dem alten Soldaten geschmeckt.

Er steht in dem Fegefeuer und sieht es ein, daß man niemals im Leben seinen Neigungen zügellos nachgeben soll und darf. –

Er fühlte sich so sicher, so hoch und erhaben, als er dem jungen Landrat, wo er nur wußte und konnte, ein Bein stellte, ihn verspottete und lächerlich machte, heute noch, als er nicht ohne Zutat von Schadenfreude und Gehässigkeit die Schrift am Frühstückstisch deutete, und das Schlechte hervorhob und das Gute verschwieg. Nun mußte er zur Strafe diesen bös charakterisierten Mann den Herren als lieben Schwiegersohn zuführen, und mußte noch tiefer im Herzen Gott danken, wenn dieser »Herr von Born von hinten und von vorn«, so gütig und herablassend war, diese etwas aufgenötigte Ehre der Sohnesschaft anzunehmen. – Schicksalstücke! Die Schatten sanken tiefer, die Nacht stieg herauf.

Der Major wandte sich, um nach dem Herrenhaus zurückzuschreiten. Was er vor wenigen Stunden noch als höchste Anmaßung von sich gewiesen, was Veranlassung gab, sein Kind im Herzkrampf zu morden, jetzt nach ruhiger, oder besser, sehr unruhiger Überlegung, war er dahingekommen, voll fiebernder Ungeduld auf den Heiratsantrag des Landrats zu warten.

Er glaubte nicht, daß ein solcher erfolgen würde, und er litt Folterqualen bei diesem Gedanken; was würde dann aus seiner Salome werden? – Sie würde in seinen Armen sterben, und er die Pistolen laden und Herrn von Born über den Haufen schießen.

Dieser letzte Gedanke erfüllte ihn mit großer Genugtuung. Ja, so würde es kommen, und morgen am Tage wollte er sein Testament machen.

»Herr Major! – Herr Major!!«

Man rief ihn, und er zuckte nervös zusammen. Sollte Salome kränker geworden sein?

»Hier! Ich komme schon!« antwortete er mit der alten Kommandostimme, aber sie klang heiser, wie eine zerrissene Violinsaite.

Wulf kam ihm atemlos entgegen.

»Herr Major.«

»Was gibt's! Schnell – heraus mit der Sprache!«

»Das gnädige Fräulein lassen den Herrn Major dringend bitten, zu kommen!«

»Wulf … ist… sie etwa kränker?!«

»Nein, Herr Major, davon weiß ich nichts. Aber es ist ein reitender Bote mit einem Brief von dem Herrn Landrat von Born aus Feldheim da, und das gnädige Fräulein hat ihn in Empfang genommen.«

Wie ein Aufatmen nach Todesangst rang es sich aus der Brust des alten Herrn.

»Ich komme! Ich komme!« – und dann lachte er vor sich hin, und nickte, und murmelte unverständliches Zeug in den Bart.

Wie er lief! Wulf vermochte kaum zu folgen, und sonst klagte der gnädige Herr doch immer über das Reißen in den Knien und konnte kaum noch von der Stelle!

Wulf schüttelte unwillkürlich den Kopf.

X.

Wieder saß Landrat von Born auf seinem eleganten Sportwagen und bändigte die Rappen mit starker Hand. Die Geschirre blitzten im Sonnenschein, der Veilchenstrauß duftete im Knopfloch, und das große, ein wenig altmodisch in eine Papiermanschette gezwängte Bukett, das schönste, das der verblüffte Gärtner von Feldheim »im Handumdrehen« liefern konnte, harrte diskret in Seidenpapier gehüllt, neben ihm auf dem Sitzpolster liegend, seiner poesievollen Verwendung. Das fröhliche, frischgerötete Antlitz des Freiers lachte mit der Frühlingssonne um die Wette. Die blauen Augen waren wie in behaglichem Sinnen geradeaus gerichtet, auf die breite, schnurgerade Allee, auf der das leichte Gefährt entlang sauste.

Rechter Hand säumte junger Fichtenwald den Weg, und all die tausend Frühlingsstimmen, die von Lenz und Liebe sangen, werden laut darin; ein Konzert, wie es verliebte Menschen nie besser und schöner zu hören glauben.

So jubiliert und jauchzt es auch tief drinnen in der Brust, so schwingt sich das Herz gar leicht empor, in fremde, zuvor noch nie gekannte Höhen, in ein Paradies, durch das die Liebe als gnadenreiche Sonne glüht. Siegfried von Born hatte es sich selber nicht träumen lassen, daß er heute schon wieder den Weg nach Jeseritz zurücklegen würde – und wie zurücklegen! Als er gestern eben diese Straße entlanggefahren war, ersehnte er mit einer gewissen freudigen Ungeduld und Spannung ein Wiedersehen mit Salome.

Er malte sich die Überraschung und den peinlichen Schreck der jungen »Durchlaucht« aus, urplötzlich wie ein Kind auf verbotenem Wege ertappt zu sein. Und er freute sich des vergnüglichen Wortgeplänkels, durch das er die »arme Witwe«, die »Mutter von vier Kindern« weidlich necken wollte.

Welch einen reizenden Anlaß bot ihm doch dieses lustige kleine Erlebnis, mit dem jungen Mädchen schneller und intimer bekannt zu werden als die anderen Feldheimer Herren, die auf die Bekanntschaft mit Salome brannten. In dieser damenarmen Gegend war ihr Erscheinen ein Ereignis, und Elten, der Mißgünstige, ewig neidisch Eifersüchtige, arbeitete sicherlich schon irgendeinen Schlachtplan aus, wie er die Festung am schnellsten stürmen und erobern könne.

Sonst hatte Born für derartige Anstrengungen stets nur ein amüsiertes Lächeln gehabt, und dem Rivalen von vornherein gern das Feld geräumt. Er hatte sich nicht an dem Wettrennen beteiligt, als die bildhübsche und steinreiche Nichte des Fabrikbesitzers Welton auf Rockwitz zu kurzem Besuch eintraf.

So liebenswürdig die junge Dame auch gerade ihn ausgezeichnet hatte, war er doch in dieser Zeit dem gastlichen Hause ferngeblieben, um Herrn von Elten Hahn im Korbe sein zu lassen. Leider hatten dessen Bemühungen keinen Erfolg gehabt, was Born am aufrichtigsten bedauerte. Er wußte, wie sehr der Premierleutnant nach einer Frau suchte und wie brennend er es sich wünschte, mit der Frau die Mittel zu erheiraten, um seinen Abschied nehmen zu können. Das einförmige und reizlose Leben in einem Landstädtchen war ihm in der Seele verhaßt, und er machte keinen Hehl daraus, daß er sich nach elektrischem Licht, Café chantant und Straßenlärm der Residenz schier zu Tode sehne.

Herr von Born hätte ihm gern zur Erfüllung seiner Wünsche verholfen, aber Erbinnen waren just in dieser Gegend nicht zu Hause. Man hatte allerdings die Töchter des Majors von Welfen als sehr gute Partien verschrien. Ein Sohn war nicht da, Jeseritz fiel zu gleichen Teilen dereinst an die beiden Mädchen.

Born aber wußte genau, wie es um das Gut stand. Es rentierte sich bei den zeitweilig sehr schlechten Ernteaussichten und bei dem üblen Stand der allgemeinen Lage nicht mehr halb so gut als früher. Der Major verstand außerdem zu wenig von der Landwirtschaft, um sich neue Ertragsquellen zu erschließen. Was Jeseritz einbrachte, ging zur Erhaltung des Gutes und des Haushaltes drauf. Ersparnisse wurden nicht gemacht, und große Revenuen konnten auch nicht verzehrt werden.

Er hatte Elten diese Verhältnisse früher einmal in diskreter Weise angedeutet, um ihn vor Enttäuschungen zu bewahren. Das etwas großspurige Auftreten Welfens, der sich dank der Jeseritzer Erbschaft und im Vergleich mit seiner früheren finanziellen Lage allerdings wie ein steinreicher Mann vorkam, hatte den Premierleutnant in goldene Zukunftsträume gewiegt, und Born überzeugte sich leider, daß er nicht daraus zu erwecken war. Sein ironisches Lächeln, sein mißtrauischer Seitenblick bewiesen ihm, daß Elten lediglich an ein diplomatisches kleines Manöver des Landrats glaubte, der gefährliche Nebenbuhler durch falsche Angaben von den Fräulein von Welfen zurückschrecken wollte.

Born zuckte die Achseln und dachte: »Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen!« – und ließ die Sache ihren Gang gehen.

Da kam seine Reise und die so überraschende Begegnung mit Salome. Zum erstenmal fesselte ihn der Jugendzauber eines jungen Mädchens. Ihr kecker Übermut reizte ihn, den seinen daran zu messen, und ihre rührende Angst und Reue, ihre Zerknirschung über den harmlosen Backfischstreich, erwärmten ihn mehr und mehr für sie. – Welch ein dankbares, anreizendes Beginnen für einen Mann, diese junge Schmetterlingsseele mit den goldenen Fäden ernster Vernunft zu fesseln und sie in die Bahnen zu lenken, die ihr vorgeschrieben waren.

Siegfried von Born war ein Charakter, den der Major vielleicht in einer Schriftlinie annähernd richtig gedeutet hatte. Herrschsüchtig war allerdings von ihm zuviel gesagt, aber ein Zug von Positivismus, Energie und Hang zum Beeinflussen war ihm eigen, und wenn er die Leute auch nur nach bestem Willen und zu ihrem eigenen Vorteil beeinflussen wollte, wurde er doch manchmal mißverstanden, ein Anlaß, der auch zu den kleinen Reibereien zwischen ihm und Welfen den ersten Grund legte. Born hatte es gut gemeint, aber der Major hatte ihn nicht verstanden und geglaubt, er solle bevormundet werden.

Gerade dieser Charakterzug fand keine Rechnung bei der Begegnung mit Salome. Der große Erfolg, mit dem er erzieherisch auf die junge Dame einwirkte, entzückte ihn. Ihr weiches, schmiegsames Wesen war just das, was er an dem Weibe am höchsten schätzte. Das Zutrauen, mit dem sie sich zitternd an seinen Arm drückte und ihn mit verklärten Augen ihren »Beschützer« nannte, ließ sein Herz schneller schlagen, seinen Blick immer länger und inniger auf ihr ruhen.

Wie liebreizend sie war! Wie amüsant in ihrer naiven Keckheit, wie sinnbetörend in ihrer treuherzigen Hingabe.

Siegfried ertappte sich immer wieder bei dem Gedanken an Salome. Oft saß er und träumte lächelnd vor sich hin, wie schön es wohl sein müßte, dieses jungfräuliche Kind sein eigen nennen zu dürfen, sie schützend und haltend durch das ganze Leben zu führen! Gab es wohl eine schönere, lohnendere Aufgabe für einen Mann, als die knospende Seele eines Weibes zur vollen Blüte heranzupflegen, sie so zu modellieren und zu bilden, wie es sein ureigenster Geschmack war?

Gerade für den Landrat hatte dieser Gedanke etwas Berauschendes, und so kürzte er seine Reise ab und hastete voll nervöser Unruhe nach Hause.

Er wußte selber nicht, was ihn drängte, sofort noch in das »Stammlokal« zu gehen und Herrn von Elten zu fragen, ob er Fräulein von Welfen schon kennengelernt habe.

Der Husar war ärgerlich. »Nein! Wie sollte ich wohl? Wir meldeten uns so schnell wie möglich bei den Herrschaften an, erhielten aber eine sehr höfliche Antwort, daß es Frau von Welfen lieber sehen würde, wenn unser Besuch bis nach der Konfirmation ihrer jüngsten Tochter unterbliebe.«

Der Landrat atmete auf. War er eifersüchtig gewesen? Seltsam, ihm schien es beinahe selber so.

Er war doch sonst nicht hinterlistig zu nennen. Aber er nahm sich vor, unangemeldet bei Welfens vorzufahren und den Herrn der Stammkneipe vorher nichts von diesem Besuch zu verraten.

Er fuhr nach Jeseritz – und mit welch einem nie geahnten Erfolg! – Er hätte frei von jedweder menschlichen Eitelkeit sein müssen, wenn ihn das unverhohlene Entzücken, die verräterische Befangenheit und die erglühenden Wangen Salomes bei dem Wiedersehen nicht entzückt hätten.

Alle seine geplanten Neckereien schmolzen davor hin wie Schnee in der Frühlingssonne, und er wußte es selber nicht wie – aber der flehende Blick der kleinen »Durchlaucht« veranlaßte ihn, das vor den Eltern verheimlichte Abenteuer auch seinerseits geheim zu halten.

Wieder konnte er die interessante Rolle als Beschützer spielen, konnte sich in dem Gefühl, sie abermals verpflichtet zu haben, wohl sein lassen und den vollen Reiz auskosten, Verbündeter der Geliebte« zu sein. Hatte ihn anfänglich die Ahnung, daß er ihr nicht gleichgültig sei, daß sie sein Bild gar wohl im Herzen bewahrt und seiner gedacht hatte, mit einem nie zuvor gekannten Gefühl der Beseligung erfüllt, so blies die harmlose Äußerung Roses, die das süßeste Geheimnis der Schwester verriet, die glimmenden Funken in seinem Herzen jählings zur Glut an!

Wer hätte auch dabei kalt und unempfindlich bleiben können!

Schon im Reisekostüm, Hut und Mantel, war das junge Mädchen eine auffallend hübsche Erscheinung gewesen, jetzt, in der eleganten Toilette, mit den graziös frisierten, goldigen Haarwellen, die das rosige Gesichtchen mit einem wahren Glorienschein umrahmten, deuchte sie ihm geradezu bezaubernd. Er hatte es früher nie für möglich gehalten, daß er einmal so blitzschnell Feuer fangen könne. Aber es war geschehen, und er, der lediglich in der Absicht gekommen war, eine Erstlingsvisite zu machen, hielt nach kaum einer Stunde schon um die Hand der Tochter des Hauses an.

Mit geteilten Gefühlen war er nach Feldheim zurückgefahren. Im Rausch der jungen Liebeswonne konnte er es sich doch nicht verhehlen, daß seine Aussichten, die Geliebte zu erringen, recht zweifelhafte waren. Seltsam, ein Mann wie er – in besten Vermögensverhältnissen, gesicherter Lebensstellung, von tadellosem Ruf und vortrefflicher Familie, er, nach dem schon so manch schönes Auge sehnsuchtsvoll ausgeschaut, er fürchtete einen Korb.

Wie kam es, daß er gerade mit Welfen so schlecht stand? War es seine Schuld?

Ein besorgtes Herz ist stets geneigt, schwarz zu sehen und sich mit Selbstvorwürfen zu quälen.

Auch der Landrat stützte das Haupt sorgenschwer in die Hand, nachdem der gewichtige Anhaltebrief expediert war, und während Welfen im einsamen Park von Jeseritz alle Folterqualen der Selbstkasteiung litt, lag sein Gegner ebenfalls auf dem Marterrost, und verwünschte jeden kleinen Zwist, den er mit dem Major durchgekämpft, anstatt ihn gutmütig und rücksichtsvoll in der Knospe zu ersticken.

Da zeigte es sich, daß der schlechteste Frieden auf Erden stets vieltausendmal besser ist als der erfolgreichste Krieg.

Selbst der kleinste und geringste Feind kann über Nacht wie aus einem Sandkorn zum Felsen anwachsen, au dem das Glücksschifflein für ewige Zeiten scheitert und untergeht.

Und dort wie hier kam ein Brief als rettender Engel! In Jeseritz der Heiratsantrag Borns, und in Feldheim die überraschend liebenswürdige und schnelle Antwort Welfens: »Habe mich sehr über ihren Brief gefreut, lieber Landrat! Ich ersehe aus ihm, daß Sie in der Tat der versöhnliche und vortreffliche Charakter sind, als den man Sie schildert. Kommen Sie, bitte, morgen im Laufe des Vormittags zu mir – ich spreche lieber, als daß ich schreibe. Seien Sie uns von Herzen willkommen.«

Der Landrat empfand bei dem Lesen dieser Zeilen wohl dasselbe, was der Schreiber gefühlt hatte. Eine große Herzerleichterung, eine wahre Wohltat! – So muß es dem Schiffer zumute sein, wenn er sein sinkendes, schon halb verlorenes Fahrzeug im heimatlichen Hafen landet.

Und dann war der Landrat zweierlei: erstens ein braver Sohn, der einen jubelnden Brief an die Mutter schrieb, und danach wieder ein Student, ein übermütiger, glückseliger Student.

Sein Diener sperrte Augen und Ohren auf und schüttelte den Kopf: »Hanne, wissen Sie nich, was heut für'n Tag is?« fragte er in der Küche.

Hanne blickte einen Augenblick sinnend geradeaus, und dann auf den großen Butterweck' im Glasschrank. Er war dreiviertel verbraucht.

»Donnerstag!« – nickte sie und rupfte gelassen weiter an der Ente, die sie augenblicklich mehr interessierte als alle Kalender der Welt.

»Hanne – hören Sie nichts?«

Die Alte schob die Haube vom Ohr und hob mit offenem Mund den Kopf.

»'s gröhlt eins!« entschied sie erstaunt.

»Der Herr Landrat trinkt schon die vierte Flasche Bayrisches und spektakelt mit dem Glas auf dem Tisch herum und singt: ›Bruder deine Liebste heißt?‹ – Hanne – mir deucht, das ist nicht richtig mit ihm!«

»Was soll nicht richtig sein? – Alles ist richtig!« murmelte sie mit zahnlosem Mund und lächelte wie im Traum vor sich hin: »Hat er nicht auch früher gesungen, Gottfried? Und habe ich etwa auch keine Lieder gewußt? – Jung Vieh hat jungen Mut!!« Und sie nickte abermals vor sich hin, und ein langer, dünner, zittriger Ton rang sich über ihre Lippen.

»Grundgütiger, sie fängt auch an!« dachte Gottfried entsetzt, raffte seine Pfeife vom Tisch und polterte hastig aus der Küche, die Steintreppe hinauf, um ein wenig vor der Haustür den herrlichen Frühlingsabend zu genießen.

Über ihm, im Salon des Landrats, wurde plötzlich das Klavier angeschlagen und eine kräftige Männerstimme hallte durch die stille Straße: »Wach auf du gold'nes Morgenlicht und grüße meine Braut.«

Meine Braut? – Zum erstenmal im Leben ließ Gottfried vor Überraschung Nachbars Spitz, den er haßte, ohne einen Fußtritt durch das Hoftor huschen – – –

Und nun fuhr der junge Bräutigam durch das goldene Morgenlicht seinem Glück entgegen und wünschte den Rappen Flügel, um es schneller zu erreichen.

Man hatte ihn wohl nicht zu so früher Stunde erwartet. Als er in den Gutshof einfuhr, hörte er, daß der Major soeben von dem Förster in den Wald gerufen sei. In einer halben Stunde werde er jedoch zurück sein. Die gnädige Frau hingegen sei sogleich zu sprechen.

»Melden Sie mich.«

Born nahm sein großes Bukett zur Hand und eilte leichtfüßig die Freitreppe empor.

Ein Zimmermädchen huschte im Gartensalon an ihm vorüber und knickste mit einem ausfallend schelmischen Lächeln und einem recht indiskreten Blick nach dem riesenhaften Strauß. Es war doch kein Geburtstag heute, und die Konfirmation erst morgen.

Frau Nora trat dem Freier mit einem Gemisch von Ernst und Verlegenheit entgegen. Sie ließ sich mit gütigem Lächeln ihre Hände küssen und sah dem Landrat ehrlich in die Augen.

»Ich freue mich, lieber Herr von Born, vor dem entscheidenden Wort mit meinem Mann noch einen Augenblick ungestört mit Ihnen sprechen zu können!« begann sie nicht ohne Befangenheit, und bat durch eine Geste, Platz zu nehmen. »Sie haben sich von dem Wirbelwind der Ereignisse fortreißen lassen und halten um unsere Tochter an, verehrter Herr von Born, ohne sie überhaupt kennengelernt zu haben. Der Gedanke peinigt mich, daß das unüberlegte Benehmen Salomes und die ahnungslose Plauderei von Rose Sie zu einem Schritt gedrängt haben, an den Sie vielleicht nie gedacht hätten, wenn nicht –«

»Meine gnädigste Frau – ich versichere Ihnen …«

Die Sprecherin schüttelte ernst den Kopf. »Wir wollen in dieser Stunde wahr sein, lieber Freund. Das Geschehene ist leider nicht mehr zu ändern, und Salome droht mit Sterben und Verderben, wenn wir das Jawort verweigern und ihr Glück zerstören wollten. Darum sehen Sie uns dem verwöhnten Kinde gegenüber heute schwächer als es mir recht ist! – Aber meine Redlichkeit und Aufrichtigkeit verlangen es, daß Sie den ,Hasen nicht im Sack kaufen' daß Sie wissen, welcher Art das Mädchen ist, um das Sie so vertrauensselig werben.«

Abermals beugte Born sich auf die Hand der künftigen Schwiegermutter nieder und drückte sie lächelnd an die Lippen.

»Meine hochverehrte, gnädige Frau, ich bin Ihnen unendlich dankbar für die liebenswürdige Sorge um mein Lebensglück, ich bin aber felsenfest davon überzeugt, daß Fräulein Salome –«

»Bitte kein ›aber‹! Sie sind verliebt – und verliebte Leute sind blind. Gewöhnlich ist es so im Leben, daß die Mutter im Interesse der verliebten Tochter die Augen doppelt weit öffnen muß, sie vor einer Übereilung zu bewahren, da aber bei dieser Verlobung beinahe alles außergewöhnlich ist, so darf es Sie nicht wundern, wenn ich meine Fürsorge nicht dem eigenen Kinde, sondern dem künftigen Schwiegersohn zuteil werden lasse, der ihrer in diesem Falle mehr bedarf wie seine Auserwählte!«

»O Sie gütigste aller Schwiegermütter!!«

Frau von Welfen lächelte voll Humor. »Da sieht man schon wieder, wie verblendet Sie sind! Welch ein Junggeselle macht sich wohl jemals liebenswürdige Vorstellungen von einer Schwiegermutter!! Aber bleiben wir bei der Sache. Mein Mann kann jeden Augenblick kommen, und er würde mich für eine Rabenmutter erklären, wenn ich seinen Liebling auch nur mit einem Gedanken zu nahe treten wollte. Aber ich muß es, will ich ehrlich sein. Also kurz zusammengefaßt: Obwohl Salome soeben erst aus einem der bestrenommiertesten Pensionate zurückkommt, muß ich es dennoch bekennen, daß sie so gut wie gar nicht erzogen ist. – Sie lächeln! Sie denken an Ihr Abenteuer in der Eisenbahn, und Sie müssen mir recht geben!«

»Hat Fräulein Salome noch nachträglich gebeichtet?«

»Ja, und ich habe keine bessere Bestätigung für meine Behauptung, als diese Beichte!«

»Ein harmloser Backfischscherz, gnädigste Frau!«

»Ganz recht, ein Scherz, den man einem Backfisch vielleicht verzeiht, den man aber an der Frau Landrat von Born doch recht scharf tadeln würde. Das sehen Sie ein?«

Siegfried schüttelte heiter das Haupt: »Stehe ich nicht an der Seite meiner Frau, um derartige kleine Scherze zu verhüten?«

»Nicht immer. Es wäre auch trostlos für Sie, wenn Sie nicht so viel Vertrauen in Ihre Gattin setzen könnten, um sie hier und da selbständig sein zu lassen.«

»Das werde ich jederzeit können!«

»Und riskieren die unberechenbarsten Einfälle!«

»Nein, gnädigste Frau, gewiß nicht!«

»Glauben Sie, daß Salome mit dem Häubchen all die nötige Würde und Vernunft am Hochzeitstage anlegt?«

Er lachte mit strahlenden Augen: »Wenn auch das nicht; aber sie heiratet dann einen Mann, der sich unterfängt, für all das Fehlende recht bald zu sorgen.«

»Mit anderen Worten, Herr von Born, Sie wollen das unerzogene Kind erziehen!« Die Sprecherin seufzte tief auf und blickte dem stattlichen Mann ernst in die Augen. »Das ist ein schwieriges und gewagtes Beginnen! Es ist eine Illusion, die sich sehr schwer verwirklicht. Gerade eine sehr junge Frau, die auf die neue Würde so stolz ist wie ein Schulmädel auf die erste Schleppe, wie ein Quartaner auf die erste Taschenuhr – die hält sich für viel zu vollkommen, um irgendwelchen Rat anzunehmen.«

»Auch von ihrem Manne nicht?«

»Nein, wenigstens nicht mit Bewußtsein. Gerade weil sie so jung ist und kaum dem Lehrmeister entwachsen, will sie keinen Pädagogen neben sich dulden. In ihren unausgereiften Ideen ist der Mann nur der Geliebte und Romanheld, der sie anbeten – aber nicht erziehen soll.«

»Und wenn sie gar nicht merkt, daß sie erzogen wird, gnädigste Frau?«

»Dann – ja dann! Ihre Art und Weise, Salome in der Eisenbahn eine Lektion zu erteilen, war vortrefflich; Sie befolgten eine Methode, die Wunder wirkte.«

»Nun sehen Sie! Teuerste Mama – welch eine stolze Anerkennung in Ihren Worten, und doch wollen Sie noch Zweifel in ein Gelingen setzen?«

Frau Nora wiegte nachdenklich den Kopf. »Ein erstes Sehen zwischen zwei fremden Menschen und ein Verkehr zwischen Ehegatten dürfte doch recht verschiedener Art sein. Der Mann ist nicht stets in der liebenswürdig humoristischen Stimmung des Reisegefährten, seine Frau bleibt nicht die interessante Unbekannte, um deren Wohlwollen er wirbt – und er selber bleibt für seine Frau nicht der fremde Held, den die Phantasie mit einem wahren Nimbus umgibt, er bleibt nicht der geheimnisvolle Verehrer, aus dessen Munde jedes Wort einen besonders fesselnden milden oder mannhaft rauhen Klang hat, er ist eben der Alltagsmensch geworden, den sie wohl zärtlich lieben – dem sie aber nicht immer gehorchen kann!«

»Zärtlich lieben! Ein Weib das liebt, ist die Taube an der Brust ihres Beschützers!«

»Ein Weib, ganz recht; wie lange aber dauert es noch, bis aus dem blutjungen Kind, dem kaum erwachsenen Mädchen ohne gereifte Ansichten, ohne tiefer gehende Interessen, ohne Erfahrung und Verständnis für den Ernst des Lebens, ein Weib wird, das alles Glück nur an der Brust des treuen Gefährten, und nicht im Wechsel und Wandel heiterer Daseinsfreude findet.«

Born blickte ebenfalls ernst zu Boden. Dann hob er in seiner frischen Weise das Haupt: »Ohne Kampf kein Sieg, gnädigste Frau! Es ist das heilige Anrecht der Jugend, daß sie ihr Glück erringen will. Sie greift nicht nach dem, was ihr mühelos in den Schoß fallt, sie verlangt, daß es hoch, fern, unerreichbar sei, damit Ehre und Stolz, es dennoch errungen zu haben, desto größer sind! –- Wohl glaube ich, daß es eine Danaïdenarbeit ist, will ein Mann ein Mädchen, dem Taktlosigkeit, gemeine Gesinnung und Widersetzlichkeit angeboren sind, in der Ehe zu einer Musterfrau erziehen; er scheitert an der Unmöglichkeit, er kann aus einer Sumpfpflanze keine Lilie oder Rose schaffen. Das sehe ich selber ein, gnädige Frau, und bin überzeugt, daß gar mancher, der eine sehr junge Frau nahm, in der Überzeugung, sie nach seinem Geschmack zu erziehen, sehr traurige Erfahrungen machte. Ich aber glaube trotz unserer flüchtigen Bekanntschaft Fräulein Salome richtig zu beurteilen. Sie ist noch ein Kind voll kindlicher Schwächen und Fehler, aber ein Kind, in dessen Herzenstiefe so viele reiche Gaben, so viele köstliche Geistesschätze ruhen, daß es eine Lust sein muß, die schlummernde Psyche in ihr zu wecken, und den übermütigen Puck ein für allemal davonzujagen. Lassen Sie mich mein Heil versuchen, liebe, teuerste Mutter, und ich versichere Ihnen, daß Sie mit meinen Erziehungsresultaten zufrieden sein sollen.«

Frau von Welfen schwieg und sah mit verschleiertem Blick vor sich nieder. »Gebe Gott der Allmächtige, daß Sie recht haben. Aber eine Bitte – denken Sie noch nicht so bald an heiraten, lieber Born! Lassen Sie auch mir noch Zeit, vieles, was da fehlt, nachzuholen!«

Mit beiden Händen umschloß er ihre schlanke Rechte. »Lassen Sie uns gemeinsam handeln, Mama!« flehte er.

»Es ist zu spät und stets ein verfehltes Beginnen, wenn eine junge Frau erst in ihrer eigenen Küche das Kochen lernt. –- Sie leiden am meisten darunter!«

Er lachte hell auf.

»Die Witze der ,Fliegenden Blätter', die junge Ehemänner über die Kochkünste der kleinen Frauen die Hände ringen läßt, waren mir immer unverständlich!«

»Gewiß! Wenn man gerade ein vortreffliches Menu im Hotel gegessen hat.«

»Meine vortreffliche Hanne hat schon seit zwei Jahren daheim für mich gekocht, sie wird es unverändert weiter tun, und mein süßes Weibchen soll sich nie einen Finger in der Küche naß machen –«

»Siegfried – ich beschwöre Sie – leisten Sie Salomes Aversion gegen das Kochen keinen Vorschub! Es ist eine ganz falsche Annahme, daß gute Köchinnen eine schlechte Hausfrau ersetzen können. Sie werden es nie, niemals tun. Wehe einer jeden Frau, die nicht auf eigenen Füßen steht, die auf den guten Willen und die Ehrlichkeit der Dienstboten angewiesen ist! Glauben Sie mir, gar manche Ehe ist unglücklich, gar manch ein Hausstand ist zugrunde gerichtet worden, weil die Frauen keinen Begriff von der Wirtschaft hatten, weil sie sich träge und gleichmütig betrügen ließen, weil sie keine Aufsicht führen konnten und es hilflos geschehen ließen, daß das ganze Vermögen im Haushalt veruntreut und verloddert wurde!«

»Dann trifft die Schuld ebensogut den Mann. Kann seine Frau nicht den an sie gestellten Anforderungen genügen, muß er sich der Wirtschaftskasse annehmen.«

»O Sie Phantast! – Lassen Sie einen Offizier, einen Beamten, einen Kaufmann, der von früh bis spät im Dienst oder Geschäft steckt, einen großen, womöglich kinderreichen Hausstand führen! Er muß es ja glauben, was ihm vorgerechnet wird, er kann weder den Verbrauch taxieren noch berechnen. Und welch ein Eheglück! Wenn der Gatte müde und abgearbeitet nach Hause kommt, und findet dort erst die Hauptlast seiner Tagesarbeit zu erledigen. Nein, lieber Born, das ist falsche Gutmütigkeit, die etwas unterschreibt, was sie zuvor gar nicht gelesen und erwogen hat. Mit solcher Nachsicht haben Sie bei Salome von vornherein verspielt, das versichere ich Ihnen. Und wenn Sie verheiratet sind, ist es für mich nicht mehr an der Zeit, meines Amtes zu walten. Die Rolle der ratgebenden und sich in alles einmischenden Schwiegermutter ist mir zu undankbar und unsympathisch!«

Sie stimmte in sein Lachen ein und hob abwehrend die Hände gegen seine schmeichelhaften Versicherungen, daß sie stets in seinem Hause der helfende und schirmende gute Geist sein solle.

Die Steinstufen der Freitreppe draußen knirschten unter schwerem Schritt. Herr von Welfen trat ein und unterbrach die Unterhaltung.

Nie hätte es Herr von Born für möglich gehalten, daß der kampflustige, stets so scharfe und kritische Major so außerordentlich liebenswürdig sein könnte, und Herr von Welfen wiederum war höchst angenehm von der charmanten Art und Weise überrascht, mit der sein Schwiegersohn den Mantel der Liebe über alles hing, was da vergangen war und vergessen sein sollte.

Es war eine eigentümliche Situation, in der sich die beiden Herren befanden.

Vor wenigen Tagen noch Gegner, die sich gegenseitig allen Schabernack antaten, den sich anständige Menschen, ohne zu weit zu gehen, erlauben dürfen, Widersacher, die sich anspöttelten und das Leben sauer machten, wo es nur irgend anging, und heute Vater und Sohn, Arm in Arm, verbunden durch die zartesten und innigsten Banden, die Menschenwille knüpfen kann.

War auch der Kampf stets von seiten des Majors mit ernsthafteren und schärferen Waffen geführt worden als von dem Landrat, so fühlten sich beide in diesem Augenblick gleich schuldig, und ein jeder war innig bemüht, durch doppelt viel Licht den ehemaligen Schatten auszugleichen.

Frau Dora war ein wenig überrascht, wie sehr geneigt ihr sonst so starrköpfiger Mann sich dem Willen seines Töchterchens zeigte. War dies alles tatsächlich nur die Wirkung jener Ohnmacht, an die der Scharfblick der Mutter niemals recht geglaubt hatte?

Der Major war ganz und gar Zustimmung und gute Laune. Ja, es schien seiner Gattin beinahe, als ob er eine gewisse Hast entwickelte, Salome herzuzurufen und die Hände der jungen Leute in feierlicher Verlobung zu vereinen.

Noch einmal machte Frau von Welfen einen etwas hoffnungslosen Versuch, bei dem Freier eine zwei Jahre lange Verlobungszeit auszubedingen, aber sie stieß auf den entschiedenen Widerstand Siegfrieds, den ihr Mann unfaßlicherweise darin unterstützte. Die beiden Herren waren plötzlich ganz und gar d'accord und entwickelten zusammen die haarsträubendsten Ansichten. Ja, der Major schien es mit besonderer Genugtuung aufzunehmen, daß Born seine junge Frau gleichfalls als reizendes Spielzeug, als Schmuck und Zierde für die Salons, nicht aber als tätige und praktische Hausfrau betrachten wollte.

»Siegfried hat ganz recht! Wenn ein Mann in so glänzenden Verhältnissen lebt wie er, kann er sich den Luxus einer kleinen Prinzeß gestatten, und braucht nicht Dienstbotenarbeit von seiner Gemahlin zu verlangen! Dazu paßt Salome überhaupt nicht, und ich will, daß mein Kind so leben soll, wie es ihr behagt und angenehm ist!«

So sehr glänzend fand nun Dora das Vermögen des Landrats gar nicht. Es war allerdings sechsmal so viel wie das, mit dem sie und Ernst ihren bescheidenen Hausstand begründet hatten, aber die Zeiten waren andere und die Ansprüche Salomes andere, als die ihrer so opferfreudigen Mutter, die Tag und Nacht die fleißigen Hände geregt hatte, um anständig vor der Welt bestehen zu können. Für Unverstand und Verschwendung ist selbst das Vermögen eines Millionärs der Tropfen auf heißem Stein.

Das Mutterherz schlug recht besorgt und schwer bei diesem Gedanken, aber die Herren, die beide den Kopf in den Sand steckten wie der Vogel Strauß, wenn er die Gefahr nicht sehen will, überstimmten sie.

Der Major selber begab sich in das Zimmer der Tochter, um sie als reizendes Bräutchen in die Arme des Glücklichsten aller Sterblichen zu führen. Als der erste Freudenrausch sich ein wenig gelegt hatte, mußte Frau Dora abermals einen erfolglosen Kampf kämpfen. Sie verlangte, daß Siegfried jetzt nach Hause zurückfahren und die Verlobung bis nach der Konfirmation geheim bleiben solle. Rose sei soeben glücklicherweise in der Stunde bei dem Pfarrer, und es würde doch begreiflicherweise sehr ablenken und zerstreuen, gerade an diesem letzten Tage Verlobungsbilder im Elternhause zu schauen.

Diesmal war es Salome, die mit dem ganzen erregbaren Eigensinn ihres Temperamentes dagegen Front machte. Sie steckte Siegfried und den Vater an und wußte die beiden Herren so geschickt zu ihren Verbündeten zu machen, daß die Mutter abermals überstimmt wurde.

»Die feierliche Veröffentlichung kann ja meinetwegen erst als Überraschung am Sonntag bei der Konfirmationsfeier stattfinden!« beharrte sie, »aber bis dahin kommt Siegfried alle Tage hierher, und die Anzeigen müssen sofort gedruckt werden. Nicht wahr, Herzensliebster, wir setzen sie gleich auf und schicken sie an Armand Lamm nach Berlin? Oh, wie brenne ich darauf, uns gedruckt zu sehen – es schwarz auf weiß zu lesen, daß ich wirklich ganz und gar dein eigen bin!« – Und sie schmiegte sich zärtlich, herzbetörend an ihn und flüsterte: »Ich habe immer noch eine wahre Todesangst, daß Papa seine Einwilligung bereut, und kann nicht eher ruhig sein, als bis ich weiß, daß er uns offiziell vor allen Menschen als Brautpaar anerkannt hat! Der gute Vater ist so unberechenbar und tadelt im nächsten Augenblick, was er im vorhergehenden gutgeheißen! Ich beschwöre dich, herzliebster Siegfried, hilf mir die Eltern bestimmen, daß wir die Verlobungskarten drucken lassen dürfen!«

Und Siegfried half ihr. Er stand als willenloser Sklave unter dem Zauber ihrer Schönheit und Anmut. Und wieder ging ein feines, aber nicht zufriedenes Lächeln um die Lippen der Mutter.

Oh, Eitelkeit, dein Name ist Weib!

Der Mutter scharfe Augen erkannten es nur zu gut: Das Wichtigste für die Tochter war es, so schnell wie möglich über die Pensionsfreundinnen triumphieren zu können. Darum ihre Eile, aller Welt ihr Glück kundzutun.

Aber hat die Eitelkeit nur einen einzigen Namen? Nein! Der andere heißt Mann.

Auch Siegfried trieb zum guten Teil die Eitelkeit zu der Verlobung. Er war eitel auf seinen schnellen Erfolg, eitel auf den Eindruck, den er gemacht, eitel auf seine Erziehnngsmaxime.

Es ging ihm wie tausend anderen Männern: er wollte seine Frau erziehen und zu sich heranbilden. In der Theorie fühlt er sich als Meister – kann es da in der Praxis fehlen?

Vielleicht gelingt es ihm, wenn er ein tüchtiges Lehrgeld zahlt.

XI.

Der Major entschied, daß heute mittag das Brautpaar dem engsten Familienkreise vorgestellt werden solle. »Aber das bitte ich mir aus!« fügte er mit verschmitztem Augenzwinkern hinzu, »während Roses Anwesenheit wird weder geküßt, noch sonst zärtlich albern getan, verstanden? Wie ernste, sittsame Leute eßt ihr euere Teller leer und empfehlt euch alsdann zu Gnaden. Rose braucht jetzt keine lyrischen Vorstellungen zu genießen, sie wird davon schon genug zu sehen bekommen!«

»Gut, dann gehen wir jetzt oben in den blauen Salon und setzen die Verlobungsanzeige auf!« jubelte Salome am Arm ihres Verlobten, »und dann gehen wir in den Park und holen ein paar Erstlingsblättchen von den Vergißmeinnicht!«

»Bravo! Die kleinen Propheten dürfen nicht auf dem Verlobungstisch fehlen!« – Siegfried schloß die Geliebte zärtlich an sich: »Die ersten Blättchen zu dem Verlobungsfest und die blühenden Blumen auf die Hochzeitstafel!«

»Oho! Macht nicht die Rechnung ohne den Wirt!«

»Aber Väterchen, willst du sie für Rose aufheben?«

»Papperlapapp! – Und nun kommt, ihr Schlingel, nun gehen wir in den blauen Salon!«

Salome und Siegfried sahen ganz überrascht, um nicht zu sagen betroffen, aus.

»Du gehst mit uns, Papa?« fragte das Bräutchen gedehnt.

»Na gewiß! Soll ich etwa allein hier unten sitzen? Wenn man ein Brautpaar im Hause hat, will man doch auch etwas davon merken!« schmunzelte der Major harmlos.

»Aber Ernst – laß sie doch einen Augenblick allein!«

»Allein! Wozu allein?! Torheit, sie sind ja verlobt und brauchen sich vor mir nicht zu genieren! Ich werde ja nicht konfirmiert – und meiner Naivität tut es auch keinen Abbruch mehr, wenn zwei sich küssen!«

»Aber Papachen–!!«

»Denke einmal zurück, lieber Ernst, wäre es dir sehr angenehm gewesen, meinen Vater als ständigen Begleiter an unserem Verlobungstage um dich gehabt zu haben?«

»War etwas ganz anderes, Dorchen, wir hatten uns soviel zu sagen –«

»Und wir haben uns nichts zu sagen?!«

»Ihr? Na, was sollt ihr euch denn mitteilen, ihr kennt euch ja noch gar nicht!«

»Um so mehr gibt's zu reden!«

»Na, wenn ihr nicht einmal küssen, sondern nur reden wollt, kann ich ja erst recht dabei sein. Siegfried ist's gewohnt, vor Versammlungen zu sprechen, bei einem einzigen Mädel Publikum gibt er sich gar keine Mühe! Marsch vorwärts, gehen wir!«

»Halte doch dein Mittagsschläfchen einmal vor dem Essen, Papachen!«

»Kann ich nicht.«

»Dann begleite mich, bitte, in den Garten, Ernst, und bilde dir ein, wir beide wären auch verlobt!«

»Mein Alterchen, mein gutes Dorchen – gib mir 'nen Schmatz! Komm doch auch mit den Kindern mit! Sieh mal, wir haben die Salome nicht mehr lange bei uns, da wollen wir sie doch noch recht genießen –«

Die Tür wurde mit hartem Schlag auf die Klinke geöffnet. – Alle wandten erstaunt die Köpfe.

»Ah – Tante Sidonie!« – sagte Salome, aber es klang wie ein Aufseufzen.

Die Genannte stand auf der Schwelle, ein verschnürtes und versiegeltes kleines Paket in der Hand. – Siegfried hatte sie noch nie gesehen, und trat überrascht einen Schritt vor der außergewöhnlichen Gestalt zurück, die zwar »Tante« genannt wurde, von ihm aber entschieden mit »mein Herr« angeredet worden wäre. Tante Sidonie sah eigenartig wie immer aus. Über dem bekannt sehr kurzen Kleiderrock hing ein weiter Herrnschlafrock aus grauem Tuch mit roten Aufschlägen und Troddeln nieder. Da seine Ärmel zu lang waren, hatte die Besitzerin sie ungeniert umgekrempelt.

Ein vor langer Zeit weiß gewesenes Foulard war um den langen Hals geschlungen, und ein mächtiges Taschentuch mit bunter Kante hing lang aus einer der sehr vollgestopften Schlafrocktaschen hernieder.

Das kurzgeschnittene graue Haar stand, genial zerwühlt, zu Berge; ein Federhalter stak hinter dem Ohr, und ein Duft zweifelhaftesten Tabaks umwehte die eigenartige Erscheinung.

Das Gesicht deuchte dem Landrat vollends wunderlich. Hager, knochig, gelb, sehr große Nase und breiter Mund mit nach innen gekniffenen bläulichen Lippen, schien sein fürnehmlichstes Signalement. Am unsympathischsten deuchten ihm jedoch die Augen. Sie waren von sehr hellem, wässerigem Blau, rund und weit offen, mit dem starren Ausdruck der Glasaugen in einem Porzellanpuppenkopf. Es schien als ob weder Wimpern und Lider dazu gehörten.

Tante Sidonie starrte den ihr unbekannten Herrn ungeniert an. Dann fragte sie kurz: »Wer ist das?«

Der Major trat sehr höflich näher: »Gestatte, meine liebe Sidonie, daß ich dir ein frisch gebackenes Brautpaar vorstelle! – Mein Schwiegersohn, Landrat von Born. Wir wollten soeben zu dir hinaufgehen und die jungen Leutchen präsentieren, da du doch gewiß Anteil an ihrem Glück nimmst.«

Die kalten Augen der Tante stierten den sich verneigenden Bräutigam an, während ihre knöcherne Hand sehr bestimmt die Nichte abwehrte, die Miene machte, ihr um den Hals zu fallen.

»Nein – das ist mir sehr gleichgültig,« antwortete sie schroff, »ich halte alles Verloben und Verheiraten für grenzenlosen Unsinn. – Was kommt dabei heraus? Wir Frauen opfern unser Geld, Freiheit, Gesundheit, eigenen Willen und tauschen nichts dafür ein, als einen hohlen Titel. Glück? Lächerlich! – Redensart. – Wahres Glück blüht dem Weibe nur in der Selbständigkeit und absoluten Gleichberechtigung mit einem Wesen, das sich zum Herrscher aufgeworfen hat, ohne im mindesten dazu berechtigt zu sein. Diese Zeit endet mit dem neunzehnten Jahrhundert.«

Der Major sah gar nicht beleidigt aus. »Ich weiß, daß du sehr schroff über diesen Punkt denkst, Sidonie, unbegreiflicherweise, da du doch selber so glücklich verheiratet warst.«

»Sehr glücklich?« – Die Tante rümpfte höhnisch die Nase: »Nein, das war ich nicht. Denkst du, ich geniere mich vor deinem Schwiegersohn, das zu sagen. Solange wie ich verheiratet war, habe ich mich mit meinem Mann gezankt, denn ich duldete keine Knechtschaft. Jetzt bin ich frei und mein eigener Herr, jetzt ist es mir sehr wohl. In der Stille von Jeseritz kann ich arbeiten – darum bleibe ich noch lange hier.«

»Gnädige Frau sind Schriftstellerin?« fragte Born. Er mußte etwas sagen, um das verräterische Zucken seiner Lippen zu verbergen.

Ein fast feindseliger Blick traf ihn. »Nein, so etwas Einfältiges bin ich nicht! Was nennt sich heutzutage nicht alles Schriftstellerin! –- Frauenzimmer, die knapp orthographisch schreiben können. Wer sonst nichts zu essen hat, knabbert am Federhalter. Da entstehen dann die lyrischen Gedichte, die Büchlein für höhere Töchter, die Märchenhorte und Kochbücher. Und alles dies nennt sich Schriftstellerin. – Lächerlich! Ich habe weder Zeit noch Interesse, noch Liebe für die unbefiederten Gänse, die solche Geistesnahrung verschlingen. Ich strebe höher.«

»Tante Sidonie schreibt ein naturwissenschaftliches Werk, lieber Siegfried.«

»Kultur-sozial-naturwissenschaftlich!« verbesserte der weibliche Professor streng, »ich werde es möglich machen, diese drei Begriffe zu verschmelzen.«

»Außerordentlich interessant!« verneigte sich Born.

»Nicht für Sie! Was versteht ein Landrat von dieser Wissenschaft?! Ich halte sehr wenig von der Stellung eines Landrates; sie ist absolut überflüssig und kostet dem Staat nur unnützes Geld. In den Städten können die Bürgermeister dieses Geschäft mit versehen und auf dem Lande ist jeder Gutsbesitzer der natürlichste und beste Landrat für sich und die ihm zugehörige Ortschaft.«

Sie setzte sich einen Kneifer auf und funkelte den neuen Neffen kampfesmutig an. Dieser aber war friedlich gesonnen.

»Wohl möglich, gnädigste Frau, daß Anno 1900 der letzte Landrat in Spiritus ins Museum gestellt wird!« sagte er ernsthaft.

Der Major hustete und Frau Nora wühlte eifrig in den Zeitungen auf dem Tisch. Tante Sidonie aber musterte den Sprecher mit scharfem Blick. Wagte er etwa sie zu verspotten?

Brüsk wandte sie ihm den Rücken und musterte Salome: »Ei, ei, wie affig hast du dich einmal wieder herausgeputzt! Du weißt doch, daß Einfachheit die schönste Tugend der Frau ist.«

»Die Einfachheit und Schlichtheit des Gemütes, gnädigste Frau,« lächelte der Landrat sehr verbindlich. »Ich freue mich so sehr des guten Geschmacks meiner Braut, und hoffe, daß sie niemals ihren äußeren Menschen vernachlässigt. Der Körper ist die Hülle der Seele; verkommt der erstere –« der Blick des Sprechers streifte unwillkürlich den durchgestoßenen Ellenbogen ihres Schlafrocks und die verschiedenen Tintenklexe seiner Vorderbahnen, »so leidet auch die andere Schaden, und meiner Ansicht nach gibt es keinen besseren Spiegel für den Geist eines Menschen, als die Gewänder, in welche er sich hüllt!«

Der Major stiefelte mit Riesenschritten nach der Verandatür, er sah dunkelrot bis unter die Haare aus und das krampfhafte Zittern seines Schnurrbartes verkündete ein innerliches Gelächter, das heldenmütig unterdrückt war. Er ärgerte sich oft schlagrührend über die Tante, wagte aber nicht Front gegen sie zu machen, um sich nicht als Graphologe zu blamieren. Nun freute es ihn doppelt, daß sie einmal die Meinung gesagt bekam. Frau Dora warf etliche Zeitungen unter den Tisch und bückte sich hastig, sie aufzunehmen, nur Salome reckte das Näschen triumphierend in die Luft und lachte ungeniert auf.

Tante Sidonie war einen Augenblick sprachlos. Dann spielte ihr gelber Teint in das Grünliche. »So, mein neuernannter Herr Neffe?« antwortete sie scharf, »Sie unterstützen also noch die sündhafte Putzsucht Ihrer Zukünftigen? Nun, jeder nach seinem Geschmack und seinem Geldbeutel! Ich hoffe, Sie rechnen nicht zu sicher mit dem Vermögen einer Erbtante?« Ihre Stimme wurde sehr schrill und laut. »Ich für meine Person gehöre nicht zu dieser hirnverbrannten Spezies, die es für ihre Pflicht hält, aus lauter Familiensinn einzig nur die teuern Verwandten zu Erben einzusetzen! Ich behalte mir vollkommen freie Hand vor, und vermache mein Geld solchen Leuten, die sich um meine Gunst bemühen, gleichviel wer es ist – selbst eine Schneiderin, eine Kammerjungfer hat Chance, meine Universalerbin zu werden! Verstanden Herr Landrat?«

Born stand ihr hochaufgerichtet gegenüber. Sein ganzer Übermut blitzte aus seinen Augen; er sah aus, als ob er sich königlich amüsiere.

»Sie tun sehr recht daran, gnädigste Frau!« stimmte er höflich zu; »ich würde sicherlich ebenso handeln, wenn ich mich in Ihrer Lage befände. Ich selber besitze leider keine einzige Erbtante mehr, auf deren Ableben ich mich freuen könnte; sie taten mir schon alle den Gefallen recht jung zu sterben und mich zum Erben einzusetzen!«

»Herr Landrat – Sie werden beleidigend!!«

»Aber teuerste gnädige Frau, meine Tanten hören es ja nicht mehr!« lächelte Siegfried herzgewinnend. Von der Balkontür herüber erscholl ein undefinierbares Grunzen, der Major trommelte einen Sturmgalopp mit seinen langen Fingernägeln gegen die Scheiben.

Ein Blick maßlosen Hasses sprühte aus den Augen der Frau Professor. Sie schnellte den Kopf zurück, daß der Federhalter hinter ihrem Ohr hervorschoß und sich in die Diele spießte.

»Sie scheinen ja Ihre Ansichten recht offen und ehrlich auszusprechen – doppelt schade, daß die Tanten es nicht mehr hören können.«

»Ich bin immer sehr offen – ebenso offen und rückhaltlos wie Sie, gnädigste Frau, und ich hoffte, Ihnen dadurch doppelt sympathisch zu sein!«

»Höchst sympathisch! Daß Gott sich erbarme!« lachte Sidonie mit beißendem Hohn und wandte ihm brüsk den Rücken; sie liebte es nicht, mit Leuten zu diskutieren, die ihr gewachsen waren.

»Vetter Ernst!«

Der Major wandte sich in das Zimmer zurück, er sah so harmlos aus, als habe er von dem ganzen Gespräch keinen Laut vernommen. »Weiß das Donnerwetter, schneidet der Bachmann die ganze Rosenranken herunter!« schimpfte er, noch einen letzten Blick durch die Tür werfend. Tante Sidonie richtete sich hoch und kalt empor: »Ich habe über die mir höchst widerwärtige Verlobung vollkommen den Grund meines Kommens vergessen! Du weißt, daß ich alle Familienfeste, wo es rührselig hergeht, hasse. Ich werde zu der Konfirmation noch zu dem Verlobungsfest erscheinen. Aber ich möchte meine jüngste Nichte nicht ohne ein Zeichen meiner Anteilnahme lassen. Den Kindern bei solch ernster Weihe Schmuck zu schenken, halte ich für Unsinn, sie werden höchstens Zierpuppen« – ihr Blick flog scharf zu Salome hinüber – »die mit all ihrem Staat nicht auf den schmalen Pfad des Glaubens passen, sondern die Heerstraße der Sünder wandeln. Darum schenke ich ein christliches Erbauungsbuch.«

»Gott bewahre! Darum nicht, nur aus Geiz!« raunte Salome in das Ohr des Bräutigams.

»Und so bringe ich für Rose hier ein Büchlein, das das Herz läutert und den Geist erhebt. Ich selber kenne es noch nicht, da meine Studien mir jede Lektüre verbieten, aber der Titel sagte mir zu – ich wählte nach ihm das Buch und ließ es besonders für Rose binden. Man sagte mir eben, daß die Kleine nicht zu Hause sei. So bitte ich dich, lieber Ernst, gib dem Kinde heute schon das Buch und sorge, daß sie es zur Erbauung und Vorbereitung für den morgenden Tag liest. – Hier ist es.«

Mit hoheitsvoller Geste reichte sie dem Major das versiegelte Paket; dieser murmelte tief ergriffen Worte des Dankes, und auch Frau Dora reichte der Spenderin dankend die Hände entgegen.

Tante Sidonie aber liebte keine Rührszenen. »Schon gut!« schnitt sie kurz ab: »Ich habe das Opfer gern gebracht – ich mag Rose am liebsten von euch allen!« Damit schwenkte sie stolz um und wuchtete auf den Stiefelsohlen des seligen Gatten zur Tür hinaus – nicht ohne das Brautpaar zuvor mit einem giftigen Blick zu streifen.

»Gott sei Dank! Dieses greuliche Frauenzimmer!« rief Salome noch ganz blaß vor Ärger: »Laß doch sehen, Papa, was für ein Gebetbuch sie geleistet hat!«

Der Major trat an den Tisch und schnitt den Bindfaden entzwei. Das tat er nur in großer Erregung und Neugierde, für gewöhnlich wurde jeder Faden sorgsam entknotet und aufbewahrt.

»Um Himmels willen, wer war diese bezaubernde Dame?« lachte Born hell auf: »Ich bin in meinem Leben noch nie so viel göttlicher Grobheit begegnet, wie in diesen letzten zehn Minuten, angesichts der Frau Tante!!«

Salome machte ein bitterböses Gesichtchen nach der Tür: »Ich begreife euch nicht, Vater und Mutter, daß ihr diese verkörperte Unverschämtheit auch nur noch einen Tag um euch duldet!«

Welfen räusperte sich: »Sie ist nicht so schlimm, wie sie scheint, Kinder. Ihr Charakter ist vortrefflich, und ihr Wissen außergewöhnlich und bedeutend. Ich überzeugte mich davon!«

»Was nützen mir die besten Eigenschaften, wenn man nie etwas von ihnen merkt!« seufzte Frau Dora, »die Tante hat sich schon im ganzen Hause verhaßt gemacht, ebenso in der Umgegend. Bei ihrem taktlosen Wesen und ihrer Vorliebe, allen Menschen nur die unliebsamsten Grobheiten zu sagen –«

»Wahrheitsliebe!!«

»Danke schön für solche Wahrheitsliebe! Sie hat mir durch die unerquickliche Szene soeben die ganze Freude dieses Tages verdorben! Ich danke Gott, daß endlich ein Mensch in Siegfried gefunden ist, der diesem Störenfried den längeren Aufenthalt in unserem Hause verleiden wird!«

»Da kennst du die geizige, berechnende Person sehr schlecht!« schüttelte das Bräutchen ingrimmig den Kopf.

»Siegfried und Salome enterbt sie fraglos!« murrte der Major: »Wenn sie wenigstens Rose bedenken wollte –«

»Lieber Ernst – jeden Pfennig, den Rose von ihr erbt, will ich in Gold einwechseln!!«

»Ah – das Buch! – Potz Wetter, ein wahrhaft anständiger Einband, welches Wunder!«

Welfen ließ die letzten Seidenpapiere herniederfallen. Ein blausamtenes Buch, das in seiner Mitte ein großes goldenes Kreuz zeigte, tauchte auf.

Aller Blicke hafteten daran. – Dann klappte es der Major mit andächtigem Gesicht auf und schaute hinein.

Verdutzt neigte er sich näher: »Nanu? Was ist denn das?«

Born trat hinter ihn, und Salome neigte sich neugierig über seine Schulter.

»Bilder? Ein illustriertes Gebetbuch? Wie seltsam!« Der Landrat bekam plötzlich einen dunkelroten Kopf und auch der Major sah höchst betroffen aus.

»Himmelschockbombenelement … das scheint ja ein recht erbauliches Werk – –«

»Lies doch einmal den Titel, Ernst!«

Welfen blätterte mit unruhigen Fingern, sein Schwiegersohn aber sah schon jetzt aus wie ein Mensch, der vor innerlichem Lachen sterben will. »Die fromme Helene von Wilhelm Busch –« stotterte der Major, und dann dröhnte ein doppelstimmiges Gelächter durch das Zimmer, so Mark und Bein erschütternd, wie es die Damen noch nie gehört. ›Die fromme Helene!‹ –- »Die fromme Helene!« schrie Born, ganz außer sich vor Vergnügen, und die beiden Herren sanken sich in die Arme und schluchzten vor Lachen.

Frau Dora griff entsetzt nach dem Buch: »Welch eine empörende Frivolität … solch ein Buch einem Backfischchen zur Konfirmation?«

»Nette Erhebung der Seele! Angenehme christliche Vorbereitung. Die fromme Helene in blauem Samteinband mit dem goldnen Kreuz darauf!!!«

»Zeige doch mal her, Papa –«

»Nein, mein Schatz, dieses Buch ist keine Lektüre für junge Mädchen!« – Der Major warf sich behaglich in einen Sessel, wischte sich die Tränen, die er gelacht, aus den Augen, und nahm das eigenartige Konfirmationsgeschenk in die Hand. »Mutterchen, erlaubst du, daß ich lese?« scherzte er: »Einem so alten Knaben wie mir schadet wohl die fromme Helene in blauem Samt nichts mehr??«

Siegfried gab seinem Bräutchen hastig einen Wink. »Die Anzeigen!!« flüsterte er, und Salome nickte mit strahlendem Gesichtchen.

Arm in Arm huschten sie durch die Tür und eilten in den blauen Salon.

»Gott sei Dank, ein Gutes hat uns Tante Sidonie sehr gegen ihren Willen nun doch erwiesen,« scherzte Born: »Sie hat Vater für ein Weilchen auf den Sessel drunten gefesselt!«

Er umschlang und küßte die Errötende mit stürmischer Innigkeit, jetzt erst das süße Glück der Verlobung kostend.

Durch die offenen Fenster strömte die balsamisch warme Frühlingsluft; die ersten blühenden Kirschbaumzweige nickten aus dem Park herüber wie bräutliche Grüße, und die Vöglein sangen ein ganz neues Lied, das der Königin Minne gar selige Kunde brachte.

Frau von Welfen lauschte ihm voll sinnenden Ernstes. Ihr deuchte all das liebetrunkene Blühen und Jauchzen zu früh.

Gar mancher Lenz, der ungeduldig und keck der Zeit zuvorgekommen, hat seine holdesten Triebe und Blüten unter dem Rauhreif welken sehen, und hat unter Weh und Leid erst dem Winter abringen müssen, was er eine kurze Weile später freiwillig gegeben hätte! – Und just so ergeht es dem Liebesfrühling. Auch er verlangt, daß die Herzen, in die er einziehen soll, durch Lenzesstürme der Erfahrung und Prüfung vorbereitet sind. Schnee und Eis müssen zuvor schmelzen; alle Selbstsucht, Eitelkeit, Stolz, Launen und kindische Torheit müssen erst vor der Gnadensonne der großen, echten und wahren Liebe dahintauen wie die Schneeflocken vor dem warmen Strahl des Frühlings.

In Salomes Herzen aber schien diese rechte Sonne noch nicht, sie mußte sich erst noch durch manch dunkle Wolke hindurcharbeiten, und darum war der Liebeslenz zu früh gekommen. – Je nun, sie vermochte es nicht mehr zu ändern. Es sind gar viele, verschiedene Wege, darauf die Menschen zum Glück wandeln, lange und kurze, dornige und blumige – wenn sie nur auf dem Wege bleiben und nicht abirren, erreichen sie, wenn auch müde und matt, doch endlich das Ziel.

Dazu helfe Gott.

Nie hatte eine Verlobung eine derart explosionsartige Überraschung hervorgerufen, als diejenige des Fräulein Salome von Welfen mit dem Landrat von Born.

Herr von Elten stand wie Hamlets Geist und starrte auf das Brautpaar, das sich mit dem harmlosesten Lächeln am Sonntag nach Roses Konfirmation den ahnungslosen Gästen präsentierte. Da standen sie so strahlend und traulich Arm in Arm, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie sich prima vista für das Leben gefunden, und Herr von Elten hatte den prächtigen Rosenstrauß, mit dem er die junge Dame in der Heimat begrüßen wollte, voll knirschender Wut am liebsten in die Ecke geschleudert.

Er hatte jedoch gelernt, sich zu beherrschen, und besaß die Geistesgegenwart, sich aus Situationen, die für ihn lächerlich zu werden drohten, geschickt herauszuwinden. Born durfte nicht über ihn spotten, er am wenigsten. So zwang Elten sein Gesicht in lächelnde Fältchen, verneigte sich sehr höflich vor der jungen Braut und überreichte seinen Strauß.

»Da mir indiskreterweise alle Frühlings- und Liebeselfchen das süße Geheimnis schon verraten hatten, gestatte ich mir, meinen Glückwunsch mit ein paar bescheidenen Rosen zu umwinden!« sagte er galant.

Die Umstehenden waren starr vor Staunen, und am überraschesten schien der Landrat. »Elten! Verehrtester! Wo um alles in der Welt können Sie das erfahren haben?«

Der Premierleutnant zuckte die Achseln.

»Höchstens von dem Gärtner, dem alten Klatschmaul, der mich gleich so verschmitzt anschaute, als ich Myrten in meinen Strauß winden ließ! Aber ich habe weder ihm noch sonst einer Menschenseele verraten, für wen er bestimmt war! Elten, tun Sie mir den einzigen Gefallen und nennen Sie mir den Verräter!«

»Ich sagte Ihrem Fräulein Braut bereits, daß die Frühlingselfchen –«

»Schnickschnack! Zeigen Sie uns erst eins!«

Der Assessor klopfte Elten lachend auf die Schulter. »Sie sind eine Spürnase par excellence! Den dürfen Sie nur zum Eklairieren und Rabuschern gebrauchen, Herr Rittmeister!!«

»Soll ein Wort sein! Machen Sie sich auf eine patrouillenreiche Zukunft gefaßt, lieber Elten!« scherzte der kleine Graf mit einem etwas säuerlich süßen Lächeln! Er war innerlich ebenso wütend wie Elten, daß die einzige junge Dame der Gegend, mit der eventuell zu rechnen gewesen wäre, so mir nichts dir nichts von dem Herrn Landrat weggeschnappt war.

Lächerlich, wie kann ein so reizendes Mädel einen so unnatürlichen Geschmack haben! Einen Zivilisten nehmen, wenn eine ganze Schar der schönsten blauen Husaren zur Verfügung steht.

Je nun, Strafe muß sein! Der kleine Graf war mit dem festen Vorsatz hierhergekommen, Fräulein Salome auf Tod und Leben den Hof zu machen, und ein Mann – ein Wort. Er machte auch den Hof – nur das Motiv war ein anderes geworden.

Ehemals hatte er aus Liebe gehuldigt, jetzt tut er es aus Haß. – Was er sonst aus zärtlicher Überzeugung an Worten und Blicken ins Treffen geschickt hätte – jetzt geschah es aus Rache. Das kleine Gänschen sollte seinen Gott erkennen lernen! Sie sollte es bereuen, sich so voreilig gebunden zu haben, sie sollte Vergleiche zwischen ihm und ihrem Tintenkaspar ziehen.

Warum nannte man ihn einen gefährlichen Courmacher? Nun wollte er es beweisen! Hatte das harmlose Pensionskind jemals schon im Kreuzfeuer zündender Blicke gestanden? Nein! Sie ahnte überhaupt nicht, was sie mit ihrer Verlobung für eine Torheit begangen hatte, aber sie sollte es einsehen lernen, sie soll für die Rücksichtslosigkeit bestraft werden, sich zu binden, ehe sie den schon längst angemeldeten Besuch des Rittmeisters empfangen.

Und der kleine Graf Humbrecht legte sich sofort ins Zeug und machte sich zum Schatten des holden Bräutchens. Aber zu seiner Überraschung war Salome gar nicht das naive Backfischchen, das er vermutet hatte.

Sie gebrauchte ihre schönen Augen recht geschickt und verstand es, in schwärmerischer Weise zu kokettieren … sapristi! Der Rittmeister war so im Eifer, daß er gar nicht merkte, wie er mehr Feuer fing als sein Opfer!

Der Landrat lächelte in seiner heiteren Weise zu den Bemühungen des Kleinen, der sein dunkles Schnurrbärtchen immer spitzer drehte und bei Tisch, an der anderen Seite Salomes, einen immer röteren Kopf bekam.

Er konnte sich so viele Schmeicheleien der jungen Dame gegenüber erlauben, denn er hob jedesmal sein Glas dabei sehr verbindlich gegen Born und versicherte eifrig: »Einer Braut gegenüber darf man schon ehrlich sein, nicht wahr, lieber Born? Bei ihr ist jede Huldigung ja nur eine Eloge für den Glücklichsten aller Sterblichen, der sie errungen hat!«

Siegfried stimmte harmlos zu. – Die Eitelkeit war seine Ächillesferse – er sonnte sich in dem Triumph, den Vogel abgeschossen zu haben, und sah mit stolzer Genugtuung, wie seine Braut alle Herzen entzückte. Mochten sie ihr die Schleppe tragen als Pagen – die Königin selber war ja sein!

Salome amüsierte sich himmlisch. Wie war es doch interessant, Braut zu sein, und es mit grausamem Behagen mit ansehen zu dürfen, wie dennoch alle anderen Männer sie anschmachteten. So mußte es sein! So war es recht und richtig, wie es in den Romanbüchern stand. Graf Humbrecht war jetzt schon rasend in sie verliebt, er würde sich sicherlich zum Schluß aus Verzweiflung erschießen! – Schauderhaft, entsetzlich, aber hoch romantisch!

Der Assessor und die anderen Leutnants gaben sich die erdenklichste Mühe, Siegfried eifersüchtig zu machen. Vielleicht kamen etliche kleine Mißverständnisse dazu, wenn die Herren bei ihr im Hause verkehrten und der gnädigen Frau den Hof machten – es kam zu Duellen, sie warf sich im entscheidenden Moment dazwischen – ehe die Pistolen losgingen, denn Knallen konnte sie ein für allemal nicht hören – es gab eine große Versöhnungsszene, sie verzieh ihrem Gatten das kränkende Mißtrauen – o es würde alles, alles werden wie in einem Roman!

Nur einer ärgerte sie – Elten. Gerade er, der erst so lyrisch mit Rosen gratulierte, nahm gar keine Notiz von ihr, als sei sie plötzlich Luft geworden. Er saß an Roses rechter Seite und schien ganz Auge und Ohr für die Kleine.

Wie er sie mit tiefen Blicken »anleuchtete«, wie sein bleiches Gesicht so interessant aussah, wenn er leidenschaftlich auf sie einredete! Er schien ein unheimlicher Mensch zu sein, ein Mephisto. So einer, der in den Romanen das böse Prinzip verkörpert. Wahre Vampyraugen hatte er! Daß sich Rose nicht vor ihm fürchtete! Mein Gott, das Kind saß so harmlos lächelnd neben ihm wie ein Kaninchen vor der Schlange!

Was wußte Rose auch von interessanten Männern! Von Männern, die Tiger sind und stündlich auf den Raub von Frauenherzen ausgehen! Seltsam, warum ignorierte er sie, die ihm als Braut doppelt begehrlich sein müßte?

Salome wurde ganz unruhig. Je mehr sie zu ihm hinüberblickte, desto weniger schaute Elten auf sie. Nur manchmal streifte sie ein kalter, unsagbar kalter, starrer Blick. Ob er sie etwa jetzt schon unglücklich liebte? Sie mußte es um jeden Preis ergründen. Nach Tisch wollte sie ihn in ein längeres Gespräch verwickeln und ihn beobachten. »Der Gletscherkönig« nannte sie ihn bereits in Gedanken.

Eben wandte er sich an Papa: »Faktisch, Herr Major? Die Verlobung Ihrer Fräulein Tochter war Ihnen schon längere Zeit ein schwer zu hütendes Geheimnis? Die Herrschaften haben sich schon auf der Reise kennengelernt?« – Er lachte. – »Warten Sie nur, Herr Major! So unverzeihlich Versteck mit uns zu spielen! Neulich, als Sie noch die Handschrift Ihres Herrn Schwiegersohnes nach graphologischen Regeln deuteten, hätten wir alle darauf schwören mögen, Sie stünden sich fern wie Himmel und Erde, und statt dessen wußten Sie bereits, daß Sie ihn uns nächstens als Sohn vorstellen würden!« Er hob das Glas: »Ich gestatte mir, Herr Major – die Graphologie soll leben!«

Welfen lachte etwas gewaltsam und tat Bescheid. Aber es deuchte Salome, als sehe er ein wenig verlegen aus! Himmel –- er würde doch diesem Herrn Siegfrieds Handschrift nicht ebenso entsetzlich gedeutet haben wie ihr gegenüber? Selbstverständlich, Elten kannte Borns Charakter bereits dadurch, oder bildete sich fälschlich ein, ihn zu kennen, und er beklagte sie jetzt schon als ein tief unglückliches Weib!

Himmel – was würde sich daraus noch alles entwickeln! – Grausig – aber höchst romantisch!

Dem Oberleutnant war es nicht entgangen, daß die Blicke der holden Braut oft und lange mit wunderlichem Ausdruck auf ihm ruhten, daß sie sichtlich zerstreut auf die faden Schmeicheleien Humbrechts antwortete, und daß ihr Lächeln, dem Landrat gegenüber, kühler war als zuvor. Er täuschte sich nicht.

Und er triumphierte.

Als man sich zu Tisch gesetzt hatte, waren ihm beinahe dieselben Gedanken durch den Kopf gegangen wie zuvor dem kleinen Grafen. Er war innerlich tief beleidigt, wütend, in all seinen schönsten Hoffnungen und Erwartungen getäuscht. Er lechzte nach Rache. Und er faßte einen ähnlichen Plan wie Humbrecht. Die kleine Braut sollte den Ring am Finger noch als unerträgliche Fessel erachten und dem Heimtücker, dem Herrn Landrat, das Eheleben, das er anderen weggestohlen, zur Hölle machen.

Elten war raffinierter als der bedeutend harmlosere Rittmeister. Er verfolgte eine andere Maxime, die mehr Erfolg bei koketten Dämchen versprach; denn daß Salome oberflächlich und kokett sei, glaubte er als »Weiberkenner« auf den ersten Blick erforscht zu haben. Man brauchte ja nur zu sehen, mit welch schmachtenden Augen sie den kleinen Grafen anlächelte – das tat keine Braut, die sich aus glühender Liebe soeben verlobt hatte.

Anreizen! – Sich interessant machen! – Die Eitelkeit der Eva wecken! Mit Eis das Feuer schüren! Sich verweigern, um begehrt zu werden! Ein Glutblick – dann wieder zappeln lassen – eine ganze Weile lang. – Bald Frost – bald Hitze! Das machte die Weiber toll.

So ungefähr war das Schema, das sich der Don Juan von Feldheim ausgeklügelt hatte.

War das Rechenexempel falsch? Nein, es zeigte schon jetzt seine Wirkung.

»Wo alles liebte, wollte Karl allein hassen,« um selber dafür desto glühender begehrt zu werden. Nebenbei versuchte er, Eindruck auf die kleine Rose zu machen.

Diesmal war er schlau geworden und stellte sich sein Teil auch beizeiten kalt. Hoho, Herr Landrat, Ihre Braut hat ja noch ein Schwesterlein, reichlich so hübsch und begehrenswert wie Salome, wenn nicht noch ein großes Teil mehr.

Man brauchte nur in diese klaren, unschuldig treuherzigen Kinderaugen zu sehen – und dagegen Fräulein Salomes wohleinstudierte Blicke zu beobachten, so wußte man, auf welcher Seite das große Los lag. Ein Mann wie Elten war darauf geeicht! Er, der schon in gar verschiedenen Frauen- und Mädchenaugen die Hölle geschaut, wußte den Himmel darinnen desto höher zu schätzen. Die naive, holde Rose an seiner Seite blieb bei all seinen Bemühungen unberührt und kühl bis in ihr Kinderherzchen hinein, das eitle, gefallsüchtige und kokette Fräulein Salome, die so selbstbewußt in den breiten Strom des Lebens hinausschwamm, biß auf den Köder an. Sein farbloses Gesicht färbte sich höher – auch er ersann in Gedanken einen Roman, aber das junge Ehepaar Born spielte eine andere Rolle darin, als Salome es sich träumen ließ.

Die Gläser klangen zusammen. Der Rittmeister feierte mit einer wahren Blütenlese von Worten das Brautpaar. Als er mit Elten anstieß, trafen sich ihre Blicke. Ein schnelles, blitzartiges Aufzucken in beider Augen.

Sie, die sich nie bisher so recht verstanden hatten, verstanden sich plötzlich. Sie reichten sich sogar die Hand.

»Allright, Elten!«

»D'accord, Herr Rittmeister!«

Sie waren in gemeinsamer Feindschaft zu Freunden geworden.

XII.

Der Landrat hatte sehr auf Beschleunigung der Hochzeit gedrängt. Spätestens im Herbst sollte sie stattfinden, da er alsdann seinen längeren Urlaub zu einer Hochzeitsreise verwenden konnte, auf die Salome sich ganz besonders freute.

»Es wird im Winter langweilig genug in dem kleinen Feldheim werden!« hatte sie geseufzt, »und unsere beste und amüsanteste Zeit wird der Reiseurlaub sein! Ein wahrer Segen, daß Elten für den Winter recht viele kleine Feste und Zerstreuungen plante; das wird doch ein wenig Abwechslung in die Langeweile bringen – glaubst du nicht auch, Siegfried?«

Der Landrat zog die Sprecherin zärtlich an sich. »Ich für meinen Teil freue mich ganz besonders auf den Winter, Liebling, und glaube, er wird uns beiden schnell genug vergehen. Denke doch, welch eine Seligkeit in dem eignen Heim, dem trauten Liebesnestchen zu sitzen, ganz für uns – ganz ungestört behaglich Arm in Arm, während das Feuer im Kamin knistert und draußen der Schneesturm um die Fenster braust!«

Ganz erschrocken sah sie ihn an. Obwohl ihr die Idylle reizend schien, kam ihr doch ein schrecklicher Gedanke dabei:

»Immer wollen wir beide allein sitzen? Den ganzen Winter lang?!«

Er lachte hell auf: »Fürchtest du junges Weibchen dich etwa auch vor dieser Langenweile?«

Sie umging die Antwort, legte ihm die weißen, wohlgepflegten Händchen auf die Schultern und sah ihm wie mit bangem Forschen in die Augen: »Siegfried – wirst du eifersüchtig sein?« Wieder lachte er sehr vergnüglich. »Nein, Schatz, beim Himmel nicht! Ich habe Gottlob nicht die mindeste Anlage dazu. Du bist mein, dieser Gedanke genügt mir und feit mich gegen alle törichten Skrupel!«

»Dann liebst du mich nicht sehr!«

Er nahm ihr Trotzköpfchen zwischen beide Hände und küßte den schmollenden kleinen Mund: »Ich glaube gar, du verlangst, daß ich ein Othello werde?«

Sie nickte. »Besser als ein gleichgültiger Mann!«

»Ich morde jeden, der sich in deine Nähe wagt, und schließe dich Tag und Nacht ein.«

»Nein – das wäre schrecklich. Solche Eifersucht ist übertrieben. Wir wollen sogar recht gesellig leben!«

»Das verträgt sich aber nicht mit Eifersucht. Mache dir doch einmal klar, daß Eifersucht eine Leidenschaft ist, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft!«

Sie schwieg einen Moment, sie verlangte zwei Dinge, die sich schlecht vereinen lassen! – Oh – sie würde dem Herrn Landrat schon beweisen, daß alles möglich sein mußte, was sie wünschte. Wo sollte sich denn die Eifersucht besser und interessanter zeigen, als bei ihrem Verkehr mit anderen Herren? – Aber sie wußte nicht, wie sie ihm das klarmachen sollte, darum fragte sie unvermittelt weiter: »Du liebst keine Gesellschaften?«

»Im Gegenteil, außerordentlich. Leben und leben lassen!«

»Das ist schön, dann werden wir herrlich zusammenpassen!«

– Und in Gedanken malte sie sich den künftigen Winter aus, just so, wie er sich in den Romanen abgespielt hatte, deren Heldinnen junge Frauen waren. Wenn ihr Mann nicht eifersüchtig war, fehlten die interessantesten Momente dabei. Er mußte es sein, und konnte er es noch nicht, mußte er es lernen. Salome hatte sich im stillen längst vorgenommen, sich ihren Mann so zu ziehen, wie sie ihn haben wollte.

Sie war verwöhnt und eitel genug, um fest davon überzeugt zu sein, daß ihr Gatte sich all ihren Launen und Ideen willig fügen müsse; tat er es nicht, zeugte das von einem Mangel an Liebe oder von einer gewissen Unerzogenheit, der sie schon abhelfen würde. Siegfried lebte schon zulange auf dem Lande; er war in diesen kleinen Verhältnissen altmodisch geworden und hinter der Zeit zurückgeblieben – da mußte ihr Einfluß energisch abhelfen.

Juliette hatte ihr in einem recht neidischen Glückwunschbrief geschrieben: »Binde deinem Löwen nur beizeiten ein festes Gängelband um den Hals; der Bräutigam zeigt sich anders als der Ehemann. Denke dir, meiner Schwester Marion Mann, der sie vor drei Jahren voll wahnsinniger Liebe sogar aus dem Kloster entführte, hat sie jetzt verlassen. Marion war ja vernünftig und tröstete sich mit Vetter Jean, aber sie sagte selbst, daß sie versäumt habe, ihren Mann beizeiten unter den Daumen zu nehmen!«

Salome hatte sich durch den Brief so unangenehm berührt gefühlt, daß sie ihn sogleich verbrannte, aber sein Inhalt kam ihr doch nicht so recht aus den Gedanken. Marions Mann war auch niemals eifersüchtig gewesen – ehemals hatte Juliette das sehr an ihm gelobt, und jetzt?

Herr von Elten kam verhältnismäßig oft nach Jeseritz.

»Er hat es auf Rose abgesehen!« lachte der Landrat.

Das ärgerte Salome. War sie denn ganz und gar zur Null geworden, daß Herr von Elten nicht auch ihretwegen kam? Fast schien es so. Er behandelte sie nach wie vor sehr kühl, ja er übersah sie völlig, wenn die Kleine anwesend war.

Das regte alle tausend Teufelchen der Eitelkeit in Salome zum Trotze auf. Sie bemühte sich doppelt, ihm zu gefallen. Umsonst. Er erduldete gelassen ihre bezauberndste Liebenswürdigkeit, ohne sie im mindesten zu erwidern. Nur manchmal, wenn sie ihn ganz unvermutet anblickte, sah sie, daß sein Auge wie in tiefer, düsterer Schwermut auf ihr ruhte. Aber sein Ausdruck wich sofort der gewöhnlichen kalten Gleichgültigkeit, sobald er sich beobachtet fühlte.

Salome grübelte dann stundenlang über diesen rätselhaften Blick, und ihre so leicht überspannte Phantasie erging sich bald in den ungeheuerlichsten Vermutungen.

Einmal promenierten sie im Garten. Salome hatte den »Gletscherprinzen« sehr geschickt an ihre Seite zu bannen gewußt. Sie bestand darauf, ihm droben in der Ruine den schon sooft genossenen Ausblick auf Jeseritz, just in dieser zauberhaften Abendfärbung zu zeigen, damit er sein Urteil abgebe, ob sie ein Bild in dieser oder besser in einer vollen »Sonnenstimmung« male.

Er war langweiliger, das heißt, verschlossener und einsilbiger als je. »Er liebt dich – er leidet um dich!« so hatte Juliette auf eine ihrer langen Auslassungen über Elten geantwortet; – und so war es auch. Als sie allein droben unter den duftigen Blütenzweigen standen, hub just eine Nachtigall an zu schlagen.

Sie lauschten schweigend, da wandte er plötzlich das Haupt und sah sie an. Welch ein Blick! Ein wahres Feuermeer der Leidenschaft loderte darin. Aufs höchste verwirrt, senkte sie ihre Augen und schritt hastig zurück.

Sie wankte auf den bröckelnden Steinstufen und hielt sich an dem Gemäuer. Ohne eine Silbe zu sagen, faßte er jählings ihre Hand und führte sie die Treppe hinab. Wie in einem Kampf preßte er ihre schlanken Fingerchen in seiner Rechten, und als sie drunten standen, neigte er sich wie ein Mensch, der nicht mehr fähig ist, sich zu beherrschen und küßte ihre Hand, ein-, zwei-, dreimal wie in tollem Rausch.

Wie heiß seine Lippen waren, wie sie zitterten! Salome war fassungslos, so daß sie sogar vergaß, ihm die Hand zu entziehen.

»Herr von Elten!« wollte sie just stammeln, als er auch schon mit steifem Gruß zurücktrat, so frostig und herb wie noch nie, ein »Pardon« kurz durch die Zähne hervorstieß und ihr in beinahe unhöflicher Hast vorausschritt.

Salome war wie betäubt. Ein unbeschreibliches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Stolz! Triumph und siegbewußte Eitelkeit, die mit tiefstem und sentimentalstem Mitgefühl für den Unglücklichen Hand in Hand gingen.

»Nun beginnt schon der Roman!« frohlockte sie in Gedanken, und ihre Augen flimmerten vor Interesse daran. Aber sie wurde enttäuscht. Er begann noch nicht. – Den ganzen Rest des Abends hielt sich Herr von Elten ostensibel fern.

Er hatte weder einen Blick noch ein Wort für sie, er schien nur noch für Frau von Welfen zu existieren. Zum Schluß trat er noch zu Rose und Miß Howard auf die Terrasse hinaus. Dort konnte sie ihn nicht beobachten, denn Siegfried hatte ihren Arm in den seinen gelegt, dieweil sie nebeneinander auf dem kleinen Ecksofa saßen.

Salome schien nervös und unruhig. Sie erhob sich jählings und trat an den Flügel.

»Hurra ein Lied, süßer Schatz!« jubelte Born, sprang galant herzu und öffnete das Instrument.

Salome sank auf den Klaviersessel nieder. Sie warf erst die Noten unschlüssig auseinander, dann griff sie hastig zu … »dieses hier – ein Frühlingslied!«

»Vortrefflich; ist ja äußerst zeitgemäß!«

Er stand neben ihr.

»Sieh mich nicht an – sonst kann ich nicht singen!«

Er wandte sich lächelnd ab. Sie lehnte das Köpfchen zurück. Mit großen, träumerischen Augen begann sie leise und wehmütig:

»Wann der silberne Mond
Durch die Gesträuche blinkt
Und sein dämmerndes Licht
Über den Rasen gießt,
Wandle ich einsam von Busch zu Busch.
Umhüllet von Laub
Gurret ein Taubenpaar
Sein Entzücken mir vor –
Aber ich wende mich,
Suche tiefere Schatten,
Und die einsame Träne rinnt.
Wann, o lächelndes Bild,
Welches wie Morgenrot
Durch die Seele mir strahlt,
Find' ich auf Erden dich?
Und die einsame Träne rinnt
Heißer die Wange herab…«

Die Klänge erstarben leise, wie in sehnsuchtsvollem Seufzer. Salome selber war überzeugt, besser als je gesungen zu haben.

Siegfried schloß sie stürmisch in die Arme und küßte sie, der Major erging sich in begeistertem Lob. Sie hörte ihn nicht und schob den Bräutigam mechanisch beiseite.

Ihr Blick haftete wie in ungeduldigem Schauen an der Verandatür. Wo blieb er? Warum kam er nicht? Das Lied galt ihm.

Frau von Welfen und Rose traten ein.

»Herr von Elten läßt sich allerseits bestens empfehlen! Er wollte den Gesang nicht unterbrechen und nahm darum polnischen Abschied!«

»Nanu, warum wartet er denn nicht, bis sein Pferd vorgeführt wird?« fragte der Major überrascht. »Er tut ja, als brenne der Boden unter seinen Füßen! – Na, Pardon Kinder, dann will ich dem Ausreißer mal nachgehen, in den Hof, und sehen, daß er auch glücklich in den Sattel kommt!«

»Gott sei Dank, daß er weg ist!« lachte Rose, »er hat es förmlich darauf abgesehen, gerade mich durch seine albernen Redensarten zu langweilen!«

»Zu langweilen?« fragte Salome gedehnt – sie saß und schaute mit zusammengepreßten Lippen auf das Wolfsfell vor ihren Füßen nieder.

»Ja gewiß! Findest du ihn etwa amüsant mit seinen Augen, die er wie ein Mondsüchtiger verdreht, und seinem grauen, spitzen Gesicht?«

»Aber kleine Schwägerin!« unterbrach Siegfried neckend, »das ist ja eine nette Personalbeschreibung für einen Verehrer, für diesen treuen Toggenburg, der sicherlich jetzt rückwärts auf dem Pferde sitzt, um die Blicke nicht von Jeseritz losreißen zu müssen!«

Rose warf schnippisch das Näschen zurück: »Verehrer?« spottete sie. »Je nun, in der Not frißt der Teufel Fliegen, und weil Salome nicht mehr zu haben ist, nimmt er mit mir fürlieb – so lange … je nun, so lange, wie ich es mir noch gefallen lasse!«

»Ei, ei – willst du ihm schon einen Korb geben, ehe er angefragt hat?« warf Salome scharf ein.

Rose zuckte mit einem etwas eigensinnigen Gesichtchen die Achseln. »Er gefällt mir nicht – ich heirate überhaupt nicht, und ich werde das den Herren beizeiten zu verstehen geben!«

»Noli me tangere! – Man ißt nicht so heiß, kleines Fräulein, wie gekocht wird!« neckte Siegfried. »Du kennst doch das alte Liedchen: ›Röslein wehrte sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach – mußt' es eben leiden!‹ Ich fürchte, auch der Rose von Jeseritz ergeht es wie der Schwester auf der Heide! Schnell, Schatz, spiele und singe uns das Heideröslein! Ihr zur Warnung – uns zum Entzücken!«

Born trat noch näher zu seiner Braut und legte bittend den Arm um sie. Salome aber machte sich mit einer jähen Bewegung los und schlug den Deckel des Klaviers zu.

»Ich beschwöre dich – laß mich, Siegfried, ich habe gar keine Lust mehr zum Singen!« sagte sie mit einer Anwandlung schlechter Laune, die der Landrat schon öfters in letzter Zeit, und meistens ganz unmotiviert, bei ihr wahrgenommen hatte.

»Hast du dich vorhin zu sehr angestrengt? Bekamst du Kopfschmerz?« fragte er besorgt, »du siehst auch plötzlich so blaß aus, so verändert … Sage, Herzlieb, fehlt dir etwas?«

Sie zwang sich, liebenswürdig und heiter zu sein. »Es war mir den ganzen Tag nicht sonderlich gut zumute – die Frühlingsluft macht so schlaff und liegt wohl allen Menschen etwas auf den Nerven! Komm, Liebster, wir wollen noch einmal durch den Garten gehen und Mondschein schwärmen! Dann überlegen wir uns, wohin wir reisen wollen, und wie wir unsere Wohnung einrichten – das macht mir so sehr viel Freude! Werden wir auch einmal Theater spielen im Winter? Ich tue es leidenschaftlich gern und werde das Ganze arrangieren, ja?« Dabei nahm sie seinen Arm und schritt an seiner Seite die Treppe der Veranda hinab. »Wenn Elten wiederkommt, wollen wir ihn fragen, ob er mitspielt?«

Aber Elten kam nicht. Er schien das Wiederkommen vollständig vergessen zu haben. Anfänglich faßte Salome es als einen Triumph auf. »Er flieht deine Nähe, weil er dich nicht als Braut eines andern sehen kann!« sagte sie zu sich, »wie tief und groß muß seine Leidenschaft sein!«

Das schmeichelte ihrer Eitelkeit. Ob es Siegfried gar nicht auffiel? Gewiß; er scheint aber, ebenso wie die Eltern, überzeugt zu sein, daß Rose den Verehrer schlecht behandelt hatte.

Roses Verehrer! Lächerlich! – Oh, wenn sie wüßten, wenn sie wüßten, was Salome wußte! Wenn sie den Handkuß, den Blick an der Ruine gesehen hätten!

Gut, daß sie es nicht ahnten. Siegfried war zwar durchaus nicht eifersüchtig, er versicherte das ja sooft, aber das interessante kleine Renkontre würde kein Geheimnis mehr sein, und gerade das Geheimnisvolle war dessen Hauptreiz.

Ernsthaft verlieben würde sich Salome niemals in Elten, dazu war er erstens zu häßlich und zweitens hatte sie ihren Siegfried aufrichtig gern. Aber es war so amüsant, sich anschwärmen zu lassen, so romanhaft, und sie hatte stets brennend gern französische Romane gelesen, die Juliette in die Pension einschmuggelte.

Sie war jedoch nicht so schlecht und leichtsinnig wie die französischen Frauen, sie würde ihren hübschen, guten Schatz niemals verraten und mit einem anderen durchgehen, niemals.

Nur ganz harmlos ein wenig kokettieren – ein wenig die platonisch Geliebte und Angebetete sein, ein wenig Interessantes erleben – und schließlich darüber lachen und das Ganze als angenehme Erinnerung in das Tagebuch schreiben!

Ja, wenn sich nur etwas erleben ließe! Aber Elten kam nicht. Was ihr zuerst Vergnügen machte, begann bald, sie zu langweilen.

Eines Morgens bat und schmeichelte sie so lange bei der Mutter, bis diese erlaubte, daß Salome anspannen ließ, um nach Feldheim zu fahren. Sie sollte den Major am Forsthaus abholen und in seiner Begleitung den Landrat überraschen und zu Tisch nach Jeseritz holen.

Das Bräutchen machte sehr sorgfältig Toilette. Sie sah aus wie der verkörperte Frühling, und als sie vor dem Forsthause hielt und lachend die Familie des getreuen Beamten begrüßte, stieß der stolze Vater Welfen seinen Förster schmunzelnd in die Seite und fragte: »Na, alter Graubart, was sagt Ihr zu solch einem Blitzmädel? So schön und so klug! Das ist viel auf einmal!«

»Sehr viel, gnädiger Herr!« nickte der Alte voll ehrlichen Entzückens. »Bei Gott, der Herr Landrat braucht mit keinem Kaiser zu tauschen! Die Dina hat ihm niemals viel Heil verliehen, aber die Venus, ja die Venus! Die macht alles wieder gut!«

»Da habt Ihr recht, Vollert! Bei den Hasen und Böcken schoß mein Schwiegersohn meistens vorbei, aber mit Amors Flitzbogen traf er den kleinen Goldfasan da mitten ins Herz!«

Und sie fuhren nach Feldheim. Der Landrat war nicht zu Hause – er war zu einem Termin auf das Land gefahren, und jetzt erst fiel es Salome wieder ein, daß er ihr gestern Mitteilung davon gemacht hatte.

»Wie ärgerlich! Mama hatte nun auf einen Gast gerechnet!«

»Na, ist nicht zu ändern. Rechtsum kehrt.«

»Vielleicht können wir sonst jemand mitnehmen?«

»Wen denn? Den Assessor –?«

»Brrrr –!«

»Ach so, den magst du nicht sonderlich. Oder einen von den Vergißmeinnicht?«

»Haha! Da liegt die Antwort ja schon in dem Namen: Vergiß mein nicht!«

»Gut, fahren wir an dem Exerzierplatz vorüber!«

»Nicht nötig – da kommt Elten!«

»Ausgezeichnet – wollen Rose das Mittagessen verderben und ihn mitnehmen!«

Der Premierleutnant schien noch ernster und elegischer als sonst.

»Na, Verehrtester, wo haben Sie denn so lange gesteckt?« lachte der Major harmlos. »Haben den Weg nach Jeseritz wohl ganz vergessen?!«

»Ich legte ihn allnächtlich im Traume zurück!« antwortete Elten mit verbindlichem Lächeln, und doch flammte ein vielsagender Blick zu Salome empor. »Tagsüber knebelte mich der königliche Dienst –«

»Hoho! Sachte mit den jungen Pferden! Nachmittags könnt ihr euch doch freimachen, Kinder!«

Wieder einer seiner seltsamen Blicke. »Es gibt auch andere Hindernisse, über die selbst der beste Reiter nicht hinwegkommt, Herr Major!«

»Das stimmt. Aber jetzt sind Sie Freiherr?«

»Allerdings – –«

»Dann steigen Sie ein und kommen Sie mit zu Tisch, meine Frau wird sich freuen!«

»Gnädiges Fräulein würden es auch gestatten?« fragte er, kaum verständlich, durch die Zähne, und während der Major ein paar vorübergehende Bürger begrüßte, fuhr er hastig, mit sengendem Blick fort: »Rufen auch Sie mich zurück, gnädiges Fräulein? Nur Ihrem Rufe kann ich noch folgen!«

Salome errötete. Aber sie fand sich schnell in ihre romantische Rolle. Sie reichte ihm die kleine Hand in dem rehbraun schwedischen Handschuh, über dem die Goldreifen klirren und zarter Heliotropduft schwebte ihm entgegen: »Kommen Sie!« gab sie leise zur Antwort.

Wie sein Auge aufflammte! Lebhaft, jäh verwandelt wandte er sich wieder zu Welfen, die Einladung mit tausend Dank anzunehmen.

»Befehlen Herr Major, daß ich vielleicht die Herrschaften nach Hause kutschiere?«

»Sehr charmant, lieber Elten! Ist aber schon besser, ich behalte die Zügel der Regierung in Händen. Setzen Sie sich zu Salome auf den Rücksitz, da schwatzt es sich doch wohl amüsanter als hier neben mir altem Kerl! Marsch, Prinzeßchen, laß Wulf hier neben mir auf dem Bock sitzen, und mach du unserem Gaste die Honneurs!«

Lachend wechselte Salome den Platz.

Wieder hielt Elten ihre Hand mit heißem Druck in der seinen, als er ihr bei dem Einsteigen in den hochräderigen Jagdwagen hilft. Wieder sprechen seine Augen mehr wie seine Lippen.

Salome ist bezaubernd liebenswürdig.

Der Wagen sauste in scharfem Tempo davon, und der Major mußte zu sehr auf die jungen Pferde achten, um sich viel an der Unterhaltung beteiligen zu können.

Diese dreht sich hauptsächlich um Winterpläne.

»Ich werde dafür sorgen, daß Sie sich gut amüsieren sollen, gnädiges Fräulein! So gut, wie es in dem entsetzlichen kleinen Nest überhaupt möglich ist! Ohne das bißchen Geselligkeit, das wir mühsam schaffen, ist es zum Verzweifeln langweilig!«

Salome seufzte. »Hoffentlich bleibt Siegfried nicht allzulange dort!«

Elten zuckte mit wunderlichem Flimmern in den Augen die Achseln. »Ein Landrat ist zumeist dazu verurteilt, in kleinen Krähwinkeln sein Leben zu vertrauern. Wenn er alt und grau ist, versetzt man ihn vielleicht in eine etwas größere Stadt – vielleicht! Wir Offiziere sind in dieser Beziehung sehr viel besser daran. Wenn ich mich zum Beispiel verheiraten würde, und meiner Frau gefiele es nicht sonderlich in Feldheim, würde ich sofort meine Versetzung beantragen. Man käme alsdann in die Residenz oder in sonst eine amüsante Großstadt, wo die Menschen den Begriff ›Leben und leben lassen‹! noch zu würdigen verstehen!«

»O Sie Glücklicher!«

Der Premierleutnant blickte seiner Nachbarin tief und traurig in die Augen. »Glücklich? – Welch eine Ironie ist dieses Wort für mich, dessen Glück in Trümmer ging!«

Salome errötete. »Wie können Sie das sagen! Sie sind noch so jung … und – ja glauben Sie denn, daß jeder glücklich ist, wenn er einen Ring am Finger trägt?«

Sein Blick wurde scharf, er starrte sie wie in atemlosem Lauschen an. Wie sentimental sie aussah!

»Man sollte es annehmen! Namentlich, wenn dieser Ring freiwillig angesteckt ward!«

Schade, daß Salome dies nicht ableugnen konnte; es wäre der Situation viel angemessener gewesen, wenn der strenge Wille der Eltern ihre Verlobung befohlen. Das war in Romanen stets ein großes Requisit für die betreffende junge Frau, die unglücklich und unverstanden, Trost bei einem Verehrer suchte. Salome wechselte darum das Thema.

»Wenn doch Siegfried noch Offizier werden könnte!«

»Undenkbar! – Diese Möglichkeit deucht mir ausgeschlossen, denn Herr von Born liebt das Militär nicht einmal sonderlich!«

»Aber mir zu Gefallen! Da muß er es doch tun!«

Elten lächelte wie ein Mephisto. »Er muß? – Nicht alle Männer lieben so leidenschaftlich und innig, daß sie ihren Frauen ein Opfer – selbst das kleinste – zu bringen imstande sind!«

»Aber Siegfried liebt mich unendlich!«

»Alsdann muß ihm Ihr Wunsch allerdings Befehl sein! Wie ich ihn aber kenne, wird er Ihnen sehr geschickt zu verstehen geben, daß es für ihn zu spät und ganz unmöglich sei, noch den Beruf zu wechseln. Außerdem warten Sie doch erst den Winter ab, gnädiges Fräulein, ich bin ja noch in Feldheim und werde alles aufbieten, jeden Ihrer leisesten Wünsche zu befriedigen!«

Sie lächelte ihm zu. »Wie reizend liebenswürdig Sie sind!«

»Der Liebe würdig. Und dennoch von ihr verschmäht!«

Sie errötete abermals unter seinem Blick und wandte das Köpfchen zur Seite.

»Wenn ihr Herr Bräutigam mich jetzt sehen würde, hier … neben Ihnen … an seinem Platz!« flüsterte er.

Salome nestelte an dem rosigen Gazeschleier, den der Luftzug von ihrem Hut löste. »Siegfried ist nicht eifersüchtig!« warf sie gleichmütig hin.

»Nicht eifersüchtig? … Undenkbar!«

»Aber Tatsache!«

»Pardon für meine Offenheit, gnädiges Fräulein, dann würde es ja kälter als Fischblut durch seine Adern rinnen! – Herr des Himmels – ein Weib wie Sie! Ich glaube, ich würde einen jeden erwürgen, der es wagen wollte, auch nur einen Blick zu viel auf meine Göttin, mein höchstes Kleinod, zu werfen!«

»Die Charaktere sind darin sehr verschieden!« murmelte Salome, die Lippen zusammenpressend.

»Ja, es muß wohl eine Eigenart des Charakters sein, denn Gleichgültigkeit oder zu großes Selbstbewußtsein sind bei ihrem Herrn Bräutigam doch ausgeschlossen!« lächelte er. »Je nun warten wir es ab. Vielleicht macht der nächste Winter doch noch einen Othello aus ihm!«

Elten griff hastig in die blühenden Zweige des Kirschbaumes, unter dem sie etwas langsamer einherfuhren, empor, und brach ein weiß glänzendes Ästchen. Mit tiefem Blick überreichte er es seiner Nachbarin. »Den Blütenschnee meines Liebesfrühlings hat ein tückischer Reif getroffen, darum warte ich auf den Winterschnee, der nicht nur die Welt, sondern auch die Menschenherzen von entschwundenem Glücke träumen läßt!«

Dann starrte er jäh verändert vor sich hin, finster wortkarg wie früher. Nur einmal sagte er noch ganz unvermittelt, beinahe heftig: »Singen Sie heute nicht wieder. – Ihre Lieder machen mich rasend!«

Salome war entzückt darüber. Das war echt, ganz echt wie in den Romanen! Sie schwelgte mit allen Gedanken so sehr in schwärmerischen Illusionen, daß sie es ganz selbstverständlich fand, als Elten sie in Jeseritz, vor den Augen der anderen, kalt, ja vollkommen gleichgültig behandelte.

XIII.

Als man zur Beschaffung der Ausstattung schritt, kam es zu lebhaften Erörterungen. Frau von Welfens echt deutsch gesinntes Herz empörte sich gegen Salomes Verlangen, die meisten Bestellungen in Paris oder in der Schweiz zu machen. Ihre Vorstellungen, wie unpatriotisch und gewissenlos das gegen unsere deutsche Industrie gehandelt sei, und daß es die Pflicht der deutschen Frauen sei, Handel und Gewerbe des Vaterlandes zu unterstützen, blieben ohne jeden Erfolg. Da legte Frau Dora der Tochter eines Tages Proben von Möbelplüschen und Seidenstoffen vor. »Hier dieses ist französisches und schweizerisches – und jenes deutsches Fabrikat, nun wähle.« Salome musterte mit brennendem Interesse, und der Pariser Plüsch und die Schweizer Seide begeisterten sie geradezu.

»Tausendmal schöner, schwerer und gediegener als die deutschen Proben, und dabei halb so teuer!«

Frau von Welfen lächelte. »Also du hast deine Wahl getroffen und dein Urteil gefallt – von diesen Stoffen soll ich bestellen? Gut; ich muß dir aber zuvor einen kleinen Irrtum aufklären. Aus Versehen habe ich die Proben verwechselt, der herrliche und billige Möbelstoff und Seidenplüsch, den du wähltest, stammt aus der deutschen Fabrik von Weegmann in Bielefeld, und die Seidenstoffproben lieferte Elten und Keußen in Krefeld. – Jene andere, teure Ware, die du so scharf verurteiltest, ist ausländisches Fabrikat.« – Salome errötete, und widersprach nicht mehr, wenn die Mutter bei deutschen Firmen kaufte. – Nun hatte die Vermählung stattgefunden und die ganze Umgegend sprach noch lange von dem herrlichen Fest, das so viele Genüsse jeder Art geboten.

Die junge Braut hatte entzückend ausgesehen, und ihr Vater war ihr größter und verblendetster Courmacher gewesen, der dem jungen Ehemann bei dem Diner lachend die alte Fehde wieder ankündigte, aus Eifersucht, aus Zorn und Groll, weil er wie ein Dieb in Jeseritz eingebrochen sei, die schönste aller Perlen zu stehlen! Ja, Salome war der Stolz und Liebling des Vaters seit jeher gewesen. Die meisten der Hochzeitsgäste begriffen diese Vorliebe freilich nicht recht, denn wenn Rose auch nicht so elegant, schick und elfenhaft graziös wie die Schwester war, so entzückte sie gar manches Auge noch mehr durch ihre frische, natürliche Anmut und kindliche Schlichtheit.

Sie wurde anläßlich der Hochzeit zum erstenmal als erwachsenes Mädchen der Welt zugeführt und schien die meisten Herzen im Sturm zu erobern, wenngleich sie nicht die mindesten Anstrengungen machte, den Herren zu gefallen. Sie schien die Hochzeit, nächst der Mutter, am ernstesten und feierlichsten zu nehmen.

Salome hatte ein sehr überraschtes Gesicht gemacht, als die Kleine am Polterabend den Myrtenkranz überreichte und dabei mit tiefer Empfindung ein paar wehmütig ernsthafte Verse sprach.

Als sie später die Schwester bei dem Gutenachtsagen umarmte und küßte, machte sie ein so besorgtes Gesichtchen, daß Salome hell auflachte.

»Kind, du hast zu viel getanzt und bekommst jetzt schon Katzenjammer!«

Rose schüttelte den Kopf mit den nußbraunen Stirnlöckchen. »Besser, daß ich ihn jetzt habe, als daß du ihn später bekommst!«

»Ich?«

Die Kleine schwang sich in ihrer alten, ausgelassenen Weise, die wunderlich mit ihrer ernsten Miene kontrastierte, auf den Tisch und baumelte mit den Füßchen. »Es ist mir unbegreiflich, Salome, wie du heiraten kannst! Einen wildfremden Mann – den du vorläufig noch nicht einmal richtig lieb hast –«

»Rose!!«

»Ja, und wenn du mich noch so empört ansiehst! Ich bin noch ein dummes Ding, aber das Verloben habe ich mir ganz anders gedacht, als wie es bei dir der Fall war, das muß ich dir heute noch ehrlich sagen, Prinzeßchen! Ich glaubte, das sei viel glückseliger, feierlicher, andächtiger; dein und Siegfrieds Wesen hat mir ganz und gar nicht imponiert!«

»Inwiefern das, wenn man fragen darf, kleine Jungfer Weisheit?«

»Je nun« – Rose begann gelassen die Rosenknospenranken von dem Ausschnitt ihres weißen Tüllkleides zu lösen. »Siegfried tat ja immer sehr zärtlich und verliebt, aber es war ihm andererseits wieder ganz gleichgültig, ob du mit anderen Herren sprachst oder nicht –«

Salome lachte etwas gezwungen. »Närrchen! Er ist gottlob nicht eifersüchtig; derartige unmoderne Empfindungen passen nicht in die heutige Zeit.«

»Wohl möglich, aber es gefällt mir nicht. Und du? Du kokettiertest mit anderen Herren –«

»Was der Tausend! Mit wem denn, wenn ich fragen darf?«

»Mit Elten! Ich bin ja noch sehr dumm – aber das habe ich doch gemerkt, und wenn Siegfried nicht so gleichgültig wäre, hätte er es auch merken können!«

Nun lachte Salome hell auf, aber nur einen Augenblick, dann trat sie vor die Schwester hin und blickte ihr voll mitleidigen Spottes in das ehrliche Gesichtchen.

»Bist du eifersüchtig, Kleinchen?!«

»Nein – niemals, und auf Elten zuletzt, das schwöre ich dir. Ich mag ihn nicht leiden. Ehe du kamst, war in Feldheim eine Menagerie, da sah ich einen Schakal, dessen greuliche Augen verfolgten mich bis in den Traum. Solche Augen hat Elten. Und namentlich dich sieht er mit diesem Ausdruck in den Augen an, von denen der Schakalwärter mir sagte: ›Er tut so freundlich, aber er führt doch etwas im Schilde, gehen Sie nicht zu nahe heran!‹«

»Einfältiges Geschwätz! – Elten ist nächst Siegfried der netteste Herr hier in der ganzen Gegend, und ich glaube, wenn er um ein gewisses Fräulein Rose anhält, bekommt er trotz seiner Schakalaugen keinen Korb!«

»Er bekommt ihn ebenso wie jeder andere. Ich heirate nicht, oder besser gesagt, ich warte es vorläufig ab, wie dir das Eheleben behagen wird. – Vielleicht macht es mir trotz deiner seltsamen Verlobung Mut – vielleicht verstärkt es meinen Widerwillen gegen das Heiraten. Vorläufig tust du mir furchtbar leid, Prinzeßchen, und wenn die Menschen dein Glück auch noch so geräuschvoll feiern, mir deucht es, es muß alles noch ganz anders werden, ehe es wirklich ein Glück ist!«

»Gehe zu Bett, kleiner Unglücksrabe, du hast eine seltsame Art und Weise, mir den Abschied zu erleichtern!«

Rose warf sich ungestüm an die Brust der Schwester. »Verzeih mir, Salome – ich einfältiges Ding glaubte, ich müßte mir alles noch einmal vom Herzen herunterreden! Sei nicht böse – ich hab's gut gemeint!«

XIV.

Herr von Elten hatte ein seltsames Hochzeitsgeschenk gemacht. Er überreichte dem Bräutigam eine sehr schöne, kunstvoll gearbeitete Pistole.

Siegfried hielt sie noch bewundernd in der Hand, als der kleine Graf, voll harmloser Heiterkeit herzutrat.

»Ha, lieber Born, was haben Sie denn da für ein entsetzliches Mordgewehr?!« lachte er. »Wenn es zwei Stück wären, würde ich auf ein Duell taxieren, eine einzelne Pistole sieht aber nach lauter Lebensüberdruß und Tragödie aus! Pfui Deiwel! werfen Sie das Ungeheuer in die Wolfsschlucht! Selbstmord soll bekannterweise tödlich sein!«

Betroffen hatte Salome, die an der Seite ihres Verlobten stand, in Eltens Gesicht geschaut. Wie ein greller, unheimlicher Blitz traf sie sein Auge, dann wandte sich der Premierleutnant mit dem verbindlichsten Lächeln ein paar neuherantretenden Damen zu und war dadurch einer Antwort enthoben.

Nach dem Hochzeitsdiner wurde abermals getanzt. Elten war der erste Herr, der nach dem jungen Ehemann dessen bräutliches Weib in den Saal führte.

»Ich habe unaufhörlich auf Ihr Glück angestoßen, meine gnädigste Frau!« flüsterte er ihr zu, »vergeben Sie mir, wenn Feuer durch meine Adern rollt und dieser Galopp so stürmisch ausfällt, wie der Lebensreigen, den Sie heute beginnen!«

»Sie prophezeien mir Sturm auf den Weg?« lachte sie übermütig entgegen.

»Sturm! Gewiß! – Besser ihn, als tötende Stille und Langeweile! Sie sind nicht dazu geschaffen, um hinter dem Ofen zu sitzen und Strümpfe zu stopfen – das Lämpchen in der Kinderstube ist eine Totenkerze für Jugend, Lebenslust und Genuß! Tanzen Sie mit dem Irrlicht um die Wette! Es ist nicht so trügerisch wie sein Ruf, es schwebt nur keck über den Sumpf hinweg, in den die schwerfällige Moral allerdings versinken muß! Darf ich bitten, gnädigste Frau?«

Sie tanzten, und es sah aus, als habe schon jetzt ein Sturmwind den Brautschleier gefaßt.

»Halten Sie an – meine Schleppe!« – lachte sie, die schweren Atlasfalten aus der Hand verlierend.

»Nein, ich gebe Sie noch nicht frei, jetzt gehören Sie mir!«

»Die Schleppe ist zu lang, es gibt ein Unglück!« rief sie erschreckt, bog sich von ihm weg und stand still. Ein scharfer Ruck und ein leises Knistern wie ein feiner Wehelaut klang aus dem myrtengestickten Schleier auf. Unter Eltens rücksichtsloser Hand war er zerrissen.

»Mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei!« stieß er durch die Zähne hindurch und sein Auge suchte das ihre.

»Ist das eine Vorbedeutung?« sagte sie betroffen.

»Für Ihren Herrn Gemahl vielleicht!« lachte er; »er wird Mühe haben den schönen, entflohenen Wahn, das scheue Vöglein des Glücks wieder einzufangen!«

Wie seltsam er aussah, als sein Blick bei diesen Worten zu Siegfried hinüber triumphierte. Unwillkürlich mußte Salome an den »Schakal« denken. Narrheit! Er liebte sie – da war es natürlich, daß er dem glücklichen Nebenbuhler gram war.

Böse meinte er es bei alledem nicht – im Gegenteil, er schritt auch jetzt wieder mit vollem Sektglas zu dem jungen Ehemann und ließ »das Glück, das flüchtige, wandelbare Glück leben, auf daß es dem Hause Born die Treue halte!« Auch fiel es allgemein auf, wie Herr von Elten mehr denn je um die Gunst des Majors warb. Das galt wohl dem Töchterlein Rose, die voll spröder Naivität absolut keine Notiz von seinem Courmachen nahm.

Herr von Welfen hatte den Premierleutnant stets sehr gern gehabt, denn Elten verstand es, sich den Interessen und Passionen des alten Herrn anzupassen. Frau Dora schien ihm weniger gewogen, sie ging seinen Aufmerksamkeiten ebenso geschickt aus dem Wege wie ihre jüngste Tochter.

Die seltsamste Erscheinung bei der ganzen Hochzeitsgesellschaft, war die Tante Professor. – »Die Erbtante!« wie der kleine Graf schmunzelte. Sie hat sich zur wahren Herzerleichterung der Familie Welfen ganz »menschlich« zurechtgemacht.

Sie trug ihr eigenes weißes Hochzeitskleid, das der Mode höchstens um fünfzehn Jahre nachstand, denn Frau Sidonie heiratete spät. Es sah allerdings sehr vergilbt und stockfleckig aus und roch trotz allen Moschusparfüms betäubend nach Kampfer und Naphthalin, aber es war doch ein Damengewand und garantierte der Tante die Anrede: »Gnädige Frau!«

Die Schuhe waren zwar gewöhnliche Wichsstiefeletten, aber sie stammten nicht aus dem Nachlaß des lieben Seligen und wenn die Frau Professorin auch selbst zur Feier dieses hohen Festtages keine Brennschere in ihrem Haar duldete, so hatte sie die graumelierten Strippen dennoch mit einem schwarzen Samtband zurückgebunden, auf dem eine köstliche Brillantrosette funkelt. Gleiche Steine glitzern auf der platten Brust und umsäumten die knöchernen Handgelenke, die aus den kurzen, weißseidenen Filethalbhandschuhen hervorstachen.

Diese seidenen Handschuhe hatten Salome beinahe zu Tränen entsetzt, es bedurfte der ganzen energischen Warnung der Mutter, heute keine Szene heraufzubeschwören. Die kleine Braut war just in der Stimmung dazu, denn Tante Sidonie hatte ihren Groll gegen das Brautpaar noch nicht vergessen.

Ihr Hochzeitsgeschenk bewies es. Eine Schere, eine einfache, ganz gemeine Schneiderschere. »Um die Kupons von den ererbten Staatspapieren einer lieben Tante abzuschneiden!« hatte die Frau Professorin mit beißender Ironie gesagt, als sie das luxuriöse Angebinde überreichte.

»Na Kinder, das war bloß ein Witz!« lachte der Major etwas verlegen, »die Tante ist eine geistreiche, schlagfertige Frau, sie wird wohl noch ein anderes schönes Geschenk im Hindergrund haben! Wartet es nur ab – es kommt noch!«

Aber es war bis zum Hochzeitstag noch nichts gekommen, so kampfeslustig Salome auch mit zornfunkelnden Äuglein darauf harrte: »Da füttert man die greuliche Person Jahr und Tag, hat sie im Hause sitzen und läßt sich von der Vogelscheuche die ganze Hochzeit schimpfieren und bekommt eine Schere für fünfundsiebzig Pfennige, während sie sich selber mit Brillanten behängt!«

Diese Brillanten schienen eine ganz seltsame, geheime Kraft zu besitzen. Sie blendeten selbst den spottlustigsten Gasten die Augen dergestalt, daß sie weder die vergilbte Atlasrobe noch die seidenen Filethandschuhe gewahrten. Nur der kleine Graf klemmte ungeniert sein Monokel ein und musterte die eigenartige Erscheinung. »Alle Wetter! Charleys Tante! Man sieht, meine Herren, weder die Bühne noch ein Roman vermag so stark zu übertreiben, daß sie von den Originalen der Wirklichkeit nicht doch noch übertroffen werden können!«

Ein leises Grunzen des Beifalls ringsum. Dann flüsterte der Assessor: »Wenn die Brillanten dieser Tante echt sind, ziehe ich ihr auch noch als Freier den Stuhl weg!!«

»Schnacken! Sie tut's billiger. Jagen Sie Welfens den fetten Bissen ab und lassen Sie sich von der alten Schachtel adoptieren!«

»Faktisch, bequemer könnte sie gar nicht zu einem Sohn kommen! Entwöhnt sind Sie ja wohl – und gezahnt haben Sie auch schon, nicht wahr, Assessorchen?«

»Das versteht sich – er zahnte letzten Winter bereits zum viertenmal!«

»Sachte, Elten, stoppen Sie ab! Anatomie sehr mangelhaft!«

»Sie glauben es nicht, meine Herren? Rechnen Sie nach: Milchzähne –«

»Nummer 1!«

»Erster Wechsel –«

»Quer geschrieben??!«

»Keine faulen Witze! Erster Zahnwechsel!«

»Nummer 2!«

»Weisheitszähne!«

»Na, na – erst sehen – eher glaube ich nicht, daß er welche aufzuweisen hat!!«

»Bon, nehmen wir an, die Weisheit sei ihm wahrlich durch die Kinnladen gewachsen! Also Nummer 3! – Und vier? – He? Nummer 4?!«

»Die ersten falschen.«

»Haut ihn! – Er lügt! – Aus ihm spricht der Neid!!« – Die leise Unterhaltung erstarb in undefinierbarem Kichern und Raunen. Die Frau Professor war herangeschritten und musterte mit ihren kalten »Glaskugelaugen« die Herren, die sich sehr tief und höflich vor ihr verneigten.

Vor dem Assessor machte sie halt. »Ich freue mich stets, einen schwarzen Frack zwischen all den Uniformen zu sehen, man gewinnt dadurch die Beruhigung, nicht ganz und gar in den Belagerungszustand versetzt zu sein!«

Höflichstes Lachen.

»Hüten Sie sich, gnädigste Frau! Sein friedliches Kleid ist der Schafspelz, hinter welchem sich der Wolf – das heißt, der Reserveleutnant versteckt!«

Die Professorin schüttelte mißbilligend das Haupt. »Überall Kanonenfutter! – Ich weiß wirklich nicht, warum sich die Mütter noch die Mühe machen, Söhne in die Welt zu setzen! Es sind wirklich nur Tropfen auf den heißen Steinaltar des Vaterlandes!«

Noch lebhafteres Lachen.

Der kleine Graf zwirbelte mit einem unwiderstehlichen Gesicht das Schnurrbärtchen: »Gnädigste Frau – das klingt ja beinahe, als ob Sie recht wenig Sympathien für das doppelte Tuch hätten?«

Tante Sidonie setzte den Kneifer auf: »Wenig Sympathien? – – Überhaupt keine!« erklärte sie kurz und hart.

»Gnädigste Frau – Sie vernichten uns!«

»Herzlich gern, wenn ich's nur könnte! Kann alles Überflüssige nicht leiden. In der ganzen Welt herrscht seit fünfundzwanzig Jahren Frieden – aber trotzdem starrt der ganze Erdball von Pickelhauben und Schwertern, Kunst und Wissenschaft werden zermalmt dadurch, die Herrschaft der Frau durch brutale Gewalt unterdrückt. – Wozu das viele Militär? Ein Soldat in Friedenszeiten ist wie ein Ofen im Sommer – nützt nichts und nimmt nur Platz weg. – Empfehle mich, meine Herren!«

Und Tante Sidonie schwenkte haßerfüllt rechts um und steuerte auf die Mutter des Landrats zu, um der alten Dame die Weihe des Tages dadurch zu erhöhen, daß sie ihr etliche Grobheiten über die höchst mangelhafte Erziehung ihres Sohnes sagte.

Die Husaren standen im ersten Augenblick etwas verblüfft und starrten der Frau Professorin nach, dann sahen sie einander an, und lachten noch mehr als zuvor.

»Die Alte ist ja einen Taler wert!« jubelte der kleine Graf, »endlich mal ein Original! Etwas anderes als sonst! – Der mache ich die Cour, Kinder, selbst auf das Risiko hin, von ihr totgetreten zu werden! Los dafür, ich klexe mich wieder an!«

Tante Sidonie blies den kleinen Verehrer zwar nach wie vor sehr grimmig an und entzückte ihn durch göttliche Grobheit, aber es ging doch wie ein Wetterleuchten der Genugtuung über ihr knochiges Gesicht und das Knurren, das ihr seine Galanterien entlockte, hatte etwas Wohlgefälliges.

Auch die Damen, die anfänglich etwas zurückhaltend gegen die seltsame Tante gewesen waren, schienen plötzlich Geschmack an ihrer Originalität zu finden, denn die Frau Professor hatte eine ganz eigenartige Manier, es unter die Leute zu bringen, daß sie Erben für ihr Geld suche.

»Mein Gott, sind dazu Welfens nicht die nächststehendsten und berechtigtsten?« fragte man erstaunt, und erfuhr zu heimlicher, hier und da etwas schadenfroher Überraschung, daß die Frau Professor sich durch keinerlei verwandtschaftlicher Beziehungen binden lasse. Die zärtlichen Verwandten seien ihr im Leben fast stets die widerwärtigsten Menschen gewesen, auch das junge Ehepaar Born sei ihr herzlich unsympathisch, darum werde sie ohne Rücksicht und Ansehen der Person ihre Erben unter ihren Freunden wählen.

Zu solchem Bekenntnis einer schönen Seele flimmerten die Brillanten gar verheißungsvoll, und unbegreiflich, aber wahr, Tante Sidonie war plötzlich eine charmante, fabelhaft amüsante, eigenartige Frau, deren unumwundene Wahrheiten fast jedermann freundlich lächelnd anhörte, ohne im mindesten verletzt zu sein.

Selbstverständlich fehlte die Opposition auch hier nicht, und der Spott bemächtigte sich gar manches »Erbschleichers«, ohne der Beliebtheit der Frau Professorin dadurch Abbruch zu tun.

Nur der Superintendent, der das junge Paar getraut hatte, ignorierte die »taktlose Person« vollkommen, seit sie seiner Würde während des Diners bedenklich nahegetreten war.

»Ich muß mich nur wundern, wie fabelhaft viel die Leute heute essen und trinken!« sagte sie sehr laut und ungeniert, die Umsitzenden mit kalten Augen musternd, »ja, namentlich auch trinken!« wiederholte sie noch lauter und sah dabei den ihr schräg gegenübersitzenden Geistlichen verweisend an.

Dieser trank jedoch gern und ließ sich weder durch die wenig gastfreie Bemerkung noch durch das Kichern und Lippenbeißen der Nachbarn stören.

Da erhob Tante Sidonie die Stimme laut wie Trompetenklang. »Herr Pastor, ich will Ihnen mal ein Rätsel aufgeben.«

»Ich werde mich bemühen, es zu lösen, meine Gnädige.«

»Gut, welche Enten trinken am meisten?«

Der geistliche Herr machte eine spöttische Handbewegung, »Alter Witz! – Die Stud–enten!«

»Nein – es gibt welche, die's noch toller können, die Superintend–enten!!«

Schallendes Gelächter. Tante Sidonie funkelte durch ihre Kneifergläser triumphierend im Kreise herum, und ihr Gegenüber fühlte sich tief verletzt.

»Hierauf in gleicher Tonart antworten, hieße ausfallend werden!« sagte er kurz und schenkte sein Glas bis zum Rande voll, ohne es jedoch zu leeren.

Die Gastgeber waren außer sich – aber Tante Sidonie hatte die Lacher auf ihrer Seite.

Ja, es war eine Hochzeit, von der noch lange Zeit in der ganzen Umgebung gesprochen wurde.

Der warme, trockene Herbst begünstigte die Reise des jungen Paares. Sie hatten erst der Nordsee einen Besuch abgestattet, waren in Paris eingekehrt und reisten alsdann voll glückseliger Ziellosigkeit südwärts in das Wunderland Italien hinein.

Die Briefe waren Jubelhymnen, und ein jeder Satz begann: »Mein süßes Weibchen« – oder »Mein herziges Männchen!« – und enthielten kaum etwas anderes, als himmelstürmende Wonne echter, rechter Flitterwochen.

Der Major rieb sich die Hände. »Na, Dorchen, du hattest ja immer tausenderlei Bedenken, ob die Kinder tatsächlich zusammenpaßten und glücklich würden! Da hier, lies mal! Die reinen Turteltauben!«

Frau von Welfen las, und ihr Gesicht blieb so ernst wie zuvor. »Auf der Hochzeitsreise! Sie leben ja wie in einem Rausch und Taumel und kommen vorläufig noch gar nicht recht zur Besinnung! Diese Überschwenglichkeit deucht mir zu groß, es muß ein Rückschlag kommen; die heimatliche Langeweile wird ihn mitbringen, fürchte ich.«

»Na Mutterchen, wenn es dir besonderen Spaß macht, so unke getrost weiter! Ich bin fest überzeugt, daß Siegfried alle Charakterfehler, die seine Handschrift anzeigte, abgelegt hat, seit er liebt. Die Liebe ändert einen Menschen von Grund auf, und der gute Junge ist rasend verliebt. Er wird unser Prinzeßchen auf Händen tragen, sie verhätscheln und glücklich machen!«

»Gott gebe es; warten wir's ab.«

Die Wandervögel kehrten zurück.

Das Landratsamt prangte im Schmuck festlicher Tannengirlanden, aus denen die letzten Astern und Georginen hervorleuchteten.

Der Herbststurm zauste sie und wirbelte die Fahnen gegen die grauen Regenwolken empor. Es war ein mürrisches Wetter, mit dem die nordische Heimat die Reisenden empfing, vor deren Blicken sich soeben noch die lachende Blütenpracht der italienischen Sonnenlandschaft ausgedehnt hatte.

Dafür war es im eigenen Nestchen desto behaglicher. »So recht kuschelmuschelig!« wie Siegfried behauptete. Alles neu, alles elegant, alles bewundernswert! Die Möbel rochen noch nach Lack, und die Bilder nach dem Firnis, aber just das hatte einen ganz besonderen Reiz.

Aller Ecken und Enden gab es zu sehen und zu staunen. Wie schön, wie weich und reich war das eigne Heim!

Die Lampen strahlten, Blumen blühten in Nischen und vor den Fenstern; auf dem silberblitzenden Teetisch summte der Samowar ein süß geheimnisvolles Lied von weltfernem Liebesglück.

Hanne und Gottfried walteten wie freundlich gute Geister in diesem Zauberreich.

Beide hatten mit großen Blumensträußen in der Tür gestanden und das junge Paar begrüßt. Hanne in feierlichem Staat, mit der besten weißen Haube, Gottfried in großer Livree, lind just, wie sie knicksten und die junge Frau in das Haus geleiten wollten, rasselte ein Säbel, und ein schwarzer Schatten fiel breit in das helle Licht auf dem Weg der Jungvermählten. »War das nicht Elten?«

Die hohe, in den Mantel gehüllte Gestalt hastete auf dem holprigen Straßenpflaster weiter und verschwand ohne Wort und Gruß in der Dunkelheit.

Hanne aber schüttelte heimlich den Kopf. Sie war abergläubisch und wußte, daß es nicht gut ist, wenn auf dem Weg ins eigne Haus ein Schatten vor die Füße der jungen Frau fällt.

»Sind denn die Eltern nicht hier?« war Salomes erste Frage.

»Nein, gnädige Frau, die Herrschaften sind nach Jeseritz zurück. Sie haben alles hier hergerichtet und den einen Strauß dort auf den Teetisch gestellt – und lassen tausendmal grüßen, und wenn es recht wäre, kamen sie morgen alle zu Tisch!«

»Selbstverständlich! Ist ja riesig nett! – Die guten, rührenden Eltern! Hier diese schönen Blumen sind von ihnen? Und jene dort? – Von wem sind sie?«

»Der Rosenstock vom Herrn Assessor … und der Blumenkorb von den Herren Offizieren … und der von der Frau Bürgermeisterin … und in der Vase dort von der Frau Doktor … und … und …«

»Nun? Noch mehr? Wo denn?!«

»Ach, gnädige Frau, einen Strauß hat Hanne in die Küche genommen, sie meinte, da wären ja Totenblumen und Kreuzkraut bei – das brächte Unglück!«

Das junge Paar lachte hell auf. »Torheit, Alterchen! Schnell holen Sie die Blumen! Schämen Sie sich doch, Hanne, mit grauen Haaren noch so abergläubisch!«

»Gnädigste Herrschaft … ich … ich … na – wenn Sie es denn absolut wollen!« Die biedere Matrone schlurrte etwas beleidigt nach der Tür, um bald daraus mit einem herrlichen Bukett wiederzukommen. »Hier ist das schlechte Zeug!« murrte sie und hielt die Blüten geringschätzig von sich ab.

»O wie schön! Wo sind denn die Totenblumen?« lachte Salome neugierig.

Die Alte tippte von weitem her. »Hier!«

»Die weißen Anemonen?! Hahaha! – Die sind ganz harmlos und blühen in Italien auf allen Wegen! Und das Kreuzkraut?«

»Hier! – Der Teufel mag's holen!«

»Gefüllter Schwarzdorn – umgeben von Myrten, Rosen, Orangen – wie herrlich! Dieser Strauß ist sicherlich kein Feldheimer Erzeugnis! Wer hat ihn denn eigentlich geschickt?«

Hanne hatte es nicht der Mühe wert gehalten, sich diesen Geber zu merken, aber Gottfried meldete, daß der Bursche des Herrn von Elten den Strauß abgegeben habe.

»Also doch von ihm!«

Salome sah sehr zufrieden aus und schien bester Laune zu sein; der Landrat lachte. »Sieh, er will sich beizeiten einen Platz am Teetisch sichern! Ich glaube, Frauchen, das Kreuzkraut gilt der armen Hanne, die ihre Not haben wird, für so viele liebe Gäste im Hause zu kochen! Mit dem Instinkt des Unbewußten hat sie in Elten den schlimmsten Eßtischmarder gewittert!«

»Aber Siegfried, wie unpoetisch!! –«

Er küßte sie auf das vorwurfsvolle Mündchen. »Ich soll doch nicht etwa glauben, Liebchen, daß dieses ›Schustern‹ deiner Huld alleine gilt?« neckte er. »Ich bin Menschenkenner und weiß, was ein gemütlich rauchender Schornstein für einen einsamen Junggesellen bedeuten will! Nehme es ihm auch gar nicht übel, sondern würde es selber so machen. An hellem Feuer können sich gar viele wärmen! Und nun gib mir deinen Arm und laß dich zum erstenmal an unseren eigenen Tisch führen! – Daheim! – Zum erstenmal im eigenen Nest! Weißt du, was mir dabei einfällt? Das Liebchen, das die Österreicherin in Luzern sang:

Wer a Nestle will baun –
Soll aufs Ästle wohl schaun,
Daß ka Fuchs es beschleicht
Und ka Marder besteigt! –

Nun, ich denke, unser Nestchen ist sicher gebaut. Komm, stoßen wir darauf an, daß weder Fuchs noch Marder jemals den Weg zu ihm finden!«

Die Gläser klangen zusammen, die Lippen fanden sich. Draußen sauste der Sturm, und eine schwarze Gestalt glitt schattenhaft auf der Straße dahin, den Säbel hochgefaßt, daß er keinen Laut gab, die Augen mit starrem Blick nach den hellen Fenstern gerichtet, hinter dem Glück und Liebe Einkehr gehalten.

Daß ka Fuchs es beschleicht
Und ka Marder besteigt! –

Hanne war beleidigt.

Sie saß in der Küche, hatte die große Hornbrille auf die Nase gesetzt und strickte, daß die Nadeln flogen. Dreißig Jahre lang war sie bei der alten Frau von Born in Diensten gewesen, und die Gnädige hatte sie niemals als »abergläubisch« und »töricht« verspottet, wenn sie sagte: »Dies und jenes darf man nicht tun, gnädige Frau, das bringt Unglück ins Haus!«

Die Gnädige respektierte eine treue, alte Magd und nahm guten Rat an – aber hier, das Küken wollte klüger sein als die Henne, stellte sich hin und lachte einer weißhaarigen Frau ins Gesicht. Das konnte ja schön werden!

Als Frau von Born die Hanne zu ihrem Sohne schickte, sagte sie: »Hanne, unser Kleiner ist nun groß und flügge geworden, er braucht eine treue Seele, die ihm den Haushalt führt – wer könnte das besser als du, Hanne! Gehe hin und sorge für ihn wie eine Mutter!« Und Hanne hatte es getan.

Als sich Herr Siegfried verlobte und heiratete, wollte Hanne zu ihrer Dame zurück. Aber der Landrat sagte: »Liebe, gute Hanne, bleiben Sie bei uns! Mein Frauchen ist so jung und versteht noch gar nichts – Sie müssen sie erst lehren, wie ein Haushalt geführt wird, Sie müssen die Wirtschaft noch eine Zeitlang weiter regieren wie bisher!«

Und Frau von Welfen hatte es auch gesagt und Hanne freundlich die Hand gereicht: »Ich bin ja so glücklich, daß ich mein Kind in so treuen Händen weiß!«

Da hatte sie nachgegeben, obwohl das gnädige Fräulein Braut ihr nie so recht nach dem Herzen gewesen war. Sie trug das Näschen so hoch und war mit nichts recht zufrieden und so fein und zimperlich … wie der junge Herr nur solch einen Geschmack haben konnte! Um ein hübsches Lärvchen allein freit man doch nicht ein so grünes, unreifes Ding!

Von nichts verstand und wußte sie etwas, und eigensinnig und rechthaberisch war sie auch, das erzählten die Jeseritzer Dienstboten. Ob sie den jungen Herrn wirklich lieb hatte? Je nun, es war noch kein Ernst dahinter.

Wie schön und nett hatte Hanne alles hergerichtet und ausgeputzt – und zum Dank stellte sich der kleine Gelbschnabel hin und verhöhnte sie!

Nur zu! Nur zu! Wer nicht hören will, muß fühlen. Der Verkehr mit der jungen Frau in den nächsten Tagen war auch nicht dazu angetan, Hanne zu versöhnen.

Welch ein Kommandieren und Jagen und Abhetzen! Wenn eine Stecknadel hinunterfiel, klingelte die Gnädige und ließ sie sich aufheben. Aber Hanne wäre viel lieber selber gesprungen und hätte sich selber noch abgerackert, als daß sie dies neue Volk in der Küche geduldet hätte!

Davon hatte man ihr vorher keine Silbe gesagt, daß noch eine Jungfer und ein Stubenmädel kommen sollten!

Daß Gott erbarm! Sie waren beide Großstädterinnen, durchtriebene, abgefeimte Frauenzimmer, die Hanne mit äußerstem Mißtrauen beobachtete! Steckten die Köpfe zusammen, tuschelten, kicherten und machten sich über die Alte lustig!

Die Jungfer war sofort erklärter Liebling bei der gnädigen Frau. Sie schmeichelte ihr, scharwenzelte um sie herum, hatte den Kopf voll kecker Streiche und leichtfertige Ansichten, lachte aus dem Fenster mit den Husaren, huschte abends aus dem Hause … oh, es war himmelschreiend. Hanne konnte so etwas nicht mit ansehen, sie ging resolut zur Frau Landrätin und verklagte das nichtsnutzige Frauenzimmer.

Da kam sie schön an. Salome verbat sich die Klatschereien und Verleumdungen, Betty sei ein äußerst gewandtes und brauchbares Mädchen, sie frisiere ausgezeichnet, schneidere sehr gut und sei lebenslustig und vergnügt! Die Jugend wolle auch ihr Recht haben, es könnten nicht lauter querköpfige alte Griesgrame im Hause herumlaufen.

Das ging auf Hanne selbst! Auch das noch.

Die alte Frau konnte gar nicht antworten in ihrer gekränkten Würde, sie fing an zu weinen. Da kam der Herr in das Zimmer. Er schien zum erstenmal nicht zufrieden zu sein mit seiner kleinen Frau, wiewohl er sich nichts merken ließ und sich alle Mühe gab, die Sache scherzhaft hinzustellen und Hanne zu versöhnen. Ja, er kam sogar hinter ihr her und redete ihr so recht herzlich zu, Geduld mit seinem kleinen, verwöhnten Prinzeßchen zu haben –- sie sei ja noch das reine Kind, und Hanne eine so ehrwürdige, verständige alte Frau – zum Schluß zog er das Portemonnaie.

»Ihre Sonntagshaube braucht ein paar neue violette Seidenbänder, Mutter Hannchen! Ich sehe sie so gern darin!«

Na, da gab sie noch einmal nach. Aber Bettys spöttisches Gesicht und ihr schnippisches Wesen ärgerte sie halb krank – das ertrug sie nicht auf die Dauer, und bei der nächsten Veranlassung kündigte sie und ging heim – das stand bombenfest.

Auch Gottfried war zu alt, um sich in diese neue heillose Wirtschaft zu finden. Wohin waren die friedlichen, gemütlichen Zeiten dieses Hauses! Welch eine Unruhe! Welch ein Treppauf, Treppab! – Immer Gäste, immer Besuch!

Die jungen Herren schienen zu glauben, das Landratsamt sei ein Wirtshaus! Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert, gelacht und geschwätzt, und Gottlieb mußte schlaftrunken in der Küche sitzen und der fidelen Gesellschaft heimleuchten!

Hanne schüttelte ingrimmig den Kopf. »Welche Zeiten, welche Sitten! Das will ein junges Liebespaar sein! Das sollen die Honigmonate traulichen Glückes sein! – Ein schönes Glück! Die junge Gnädige putzt sich und kokettiert mit den Verehrern und der Herr Landrat lacht dazu und ladet die Herren selber noch ein!!«

Ein paarmal hat es allerdings schon Zwistigkeiten gegeben. Die »liebe, treue« Betty hatte gehorcht und berichtete es im Triumph in der Küche.

Dem Landrat merkte man nichts an, er ging pfeifend aus dem Hause und fuhr davon, aber die gnädige Frau hatte verweinte Augen, war schrecklicher Laune und lag mit heftigen Kopfschmerzen auf der Chaiselongue.

Nachmittags kam der Herr Major aus Jeseritz, der fast täglich hier vorfuhr. Da schien sie sich bitterlich zu beklagen, denn man hörte den alten Herrn heftig reden und ihr beistimmen. Man merkte es auch tags darauf an seinem Verkehr mit dem Schwiegersohn, daß etwas vorgefallen sei.

Hanne nickte resigniert mit dem weißhaarigen Kopf – es mußte ja so kommen.

XV.

Während das junge Ehepaar seine Hochzeitsreise machte, kam Herr von Welfen auf den lustigen Einfall, auch seinerseits eine »nachträgliche« Hochzeitsreise zu unternehmen.

Er überraschte seine Damen durch einen ganz spaßhaften Vorschlag. »Höre, Dorchen: Salome und Siegfried machen ihre Hochzeitsreise rechtzeitig, Rose soll sie vorzeitig – wir wollen sie nachzeitig machen. Packt die Koffer, wir werden das herrliche Herbstwetter benutzen und einen Ausflug nach der Wartburg riskieren!«

Gesagt, getan.

Rose jubelte. Eine Hochzeitsreise ohne Gatten, das war just nach ihrem Geschmack! Und sie reisten ab, zur Entrüstung der Tante Sidonie, der alles Reisen als törichte Geldverschwendung verhaßt war.

»Ihr müßt ja kolossale Revenuen von Jeseritz beziehen, daß ihr derartige Ausgaben machen könnt!« bemerkte sie spitz. »Hunderte von Mark für eine Vergnügungsreise! Je nun – mir kann es ja recht sein, wenngleich ich der Wahrheit gemäß sagen muß, daß ich jede Unüberlegtheit als Dummheit erachte und aufs schärfste tadle!«

Zum erstenmal wollte ihr der Major gereizt antworten und sich ihre Unverschämtheit verbitten, aber er besann sich noch rechtzeitig. »Denkst du, mir macht eine solche Unruhe und ein solches Eisenbahngeschüttele Vergnügen? Es ist um der Rose willen – sie muß auch einmal etwas von der Welt sehen!« brummte er und verließ schleunigst das Zimmer.

Welch eine unbeschreibliche Wonne für Rose, durch die zauberhafte Lieblichkeit Thüringens zu schweifen. Eine Fußtour reihte sich an die andere, jede neue schöner und lohnender als die vorhergegangene. Der Herbst hatte seine leuchtendsten Farben über den Laubwald gegossen, violette, zarte Dunstschleier wehten um die Berge, bis die Sonne voll sommerlicher Glut emporstieg und die Täler mit goldenem Lichte füllte.

Frische Luft auf den Höhen! Harzgeruch und herber Tannenduft im Walde, Gesang und Jubel überall, flatternde Hotelfahnen und lockende Kurhausmusik. Welch ein neues, nie gekanntes Leben!

Rose glaubte in eine Wunderwelt versetzt zu sein, und genoß alle Pracht und Schönheit in vollen Zügen. Schade, daß der Papa bald über das viele Geklettere stöhnte und über die hohen Preise der Wagen schimpfte. Er hatte nur auf langes Bitten von Frau und Tochter nachgegeben, die Strecke Wegs von Ruhla bis nach Eisenach noch einmal zu Fuß zurückzulegen. Es war ein besonders heißer Tag, und obwohl man sehr früh aufgebrochen war, brannte die Sonne doch bald recht empfindlich auf die drei Wanderer hernieder. Papas Laune, die anfangs so glänzend gewesen, war recht übel geworden. Er hatte in Ruhla schlecht geschlafen und nachts sogar mit seiner alten Kommandostimme auf den Korridor des Hotels hinausgedonnert: »Ruhe, zum Schockdonnerwetter!«

Da ward alles munter, was zuvor geträumt hatte, und der Major hielt dem erschrockenen Kellner eine wütende Philippika, »daß nebenan so ein paar verfluchte Kerls ununterbrochen sängen und spektakelten, und daß man nachts um drei Uhr wohl verlangen könnte, daß solche Globetrotter endlich das Maul hielten!«

Das war deutlich, und es wurde still nebenan.

Am andern Morgen grollte der Major noch immer. Er fragte den Wirt, wer die Radaubrüder gewesen seien?

Der Hotelbesitzer bat unter höflichsten Komplimenten um Entschuldigung. »Die Herren seien spät angekommen und hätten noch sehr fidel gezecht, es schienen wohl Studenten oder Künstler gewesen zu sein – in das Fremdenbuch hätten sie sich nicht eingeschrieben, da sie schon vor zwei Stunden abmarschiert seien, um über die hohe Sonne nach Eisenach zu gelangen!«

»Recht niedlich!« höhnte Welfen, »also denselben Weg nach Eisenach! Na, da werde ich heute nacht wohl wieder den Genuß ihrer musikalischen Leistungen haben!«

Nun war er müde und ärgerte sich noch immer über die rücksichtslosen Bengels. Dazu bekam er Durst, und vor der hohen Sonne gab's kein Wirtshaus.

Schauerlich! Daß er auch vergessen konnte, Wegzehrung mitzunehmen! Alle anderen Tage hatten sie sich damit geschleppt und keinen Gebrauch davon gemacht, es waren kurze Partien und Gasthäuser in schwerer Menge vorhanden – und heute nichts, nichts von allem!

Trotz seines cholerischen Temperaments neigte der Major etwas zum Embonpoint. Keuchend und den Schweiß wischend, wanderte er die staubige Fahrstraße zwischen den hohen Tannenwänden dahin. Immer bergan! Und dazu ein Durst! – Ein Durst!! Die Zunge klebte ihm am Gaumen.

»Welch ein schönes Plätzchen hier zum Rasten! Hm … da haben auch soeben noch Touristen gesessen – fettige Butterbrotpapiere und da … o! … o!!« Der Major blinzelte voll Gift und Galle nach den Baumzweigen empor –- da hing eine leere Bierflasche!! – Das Wasser lief ihm förmlich im Munde zusammen! Jetzt ein Glas bayerisches Bier!!

Der Weg kam ihm noch viel beschwerlicher vor. Er begriff gar nicht, daß Rose aus voller Kehle in die Welt hinein sang, und verbat sich eine derartige Gefühllosigkeit.

Immer heißer brannte die Sonne, die Zunge lechzte nach Naß. Da! – Pech und Schwefel – wieder eine Bierflasche oben an einem Ast, just über dem Fahrweg schaukelnd, und dort noch eine … und abermals eine … Das war eine Roheit, eine Gemeinheit, eine ganz infame Niedertracht!!

Ha! Fraglos waren das auch wieder die verdammten Lümmel gewesen, die ihn heute nacht um den Schlaf gebracht hatten! Nur sie allein waren einer solchen perfiden Nichtswürdigkeit fähig. Selbstverständlich, sie waren ja vor zwei Stunden denselben Weg hier gewandert! Singend, johlend, gut verproviantiert und Bier trinkend! Alle Viertelstunden Bier trinkend!

Der Major hätte bersten können vor Wut.

Ganz Thüringen war ihm verleidet, er keuchte schwitzend weiter, den Blick starr auf den Boden geheftet, um nicht durch den abermaligen Anblick einer Bierflasche neue Tantalusqualen zu erleiden.

Dabei erleichterte er sein Herz, die unbekannten Feinde mit allen Kosenamen, die ehemals auf seinem Kasernenhofe erklungen, zu belegen, denn es lag klar auf der Hand, daß die Bierflaschen zum Hohn für ihn, den Durstenden, hier aufgehängt waren, zur Rache für sein energisches Auftreten heute nacht.

Endlich war die hohe Sonne erreicht, und Herr von Welfen suchte sich den schattigsten Platz im Garten, drehte dem schönen Wartburgdurchblick ingrimmig den Rücken zu und schwur hoch und teuer, in den nächsten Stunden sich nicht vom Fleck zu rühren.

Er aß und trank – und trank und aß, und Frau Dora und Rose bemühten sich, ihn aufzuheitern. Allmählich gelang es, Papa fühlte sich wieder behaglich und begann seine Quälgeister zu vergessen. Während er sich eine Zigarre anzündete, wanderte Rose, die Nimmermüde, ein Stücklein Wegs nach Wilhelmstal entlang, vielleicht einen Blick auf das Schlößchen zu erspähen. Da sie sich nicht weit entfernen durfte, kehrte sie bald um.

Plötzlich blieb sie auflauschend stehen. Eine Nachtigall! – Wahrlich eine Nachtigall! Wie war das möglich? Im Spätherbst hatte Rose noch nie diese holde kleine Sängerin gehört.

Dort hinter den Tannen am Weg muß sie sitzen. Wie entzückend, wie herrlich es klingt!

Der Wald rings lag in tiefem, feierlichen Frieden, die warmen Sonnenstrahlen spielten in grün goldenen Lichtern auf den moosigen Buchenstämmen, ein süßer Duft wogte geheimnisvoll daher – und nun gar das Lied der Nachtigall!

Langsam, ganz versunken in eine ihr sonst so fremde, schwärmerische Träumerei, schritt Rose weiter, näher und näher, vorsichtig spähend, zu den Tannenbüschen heran, aus welcher Philomele klagte.

Vielleicht war das Vögelchen krank, saß mit gebrochenem Flügelchen und trauerte um die fernen Genossen, deren Flug nach dem Süden es nicht folgen konnte. Und dann lachte sie über sich selbst. Eine Nachtigall würde gerade ein Menschenkind so nahe an sich herankommen lassen! Nein, keine vergebliche Mühe! Lieber dem Sängerlein mit frischer Stimme geantwortet:

»Nachtigall! Nachtigall!
Wie süß ist deiner Stimme Schall!«

schmetterte sie lustig, alle Sentimentalität abstreifend, in die Tannen hinein.

Seltsam! Das sonst so scheue Vögelchen schien nicht zu erschrecken. Es sang unbeirrt weiter, ja, es schien Rose beinahe, als käme es nähergeflogen. Noch einmal sang Rose herzhaft darauflos und trat näher an die Dickung heran.

»Nachtigall! Liebe, süße Nachtigall!!«

Horch … dicht vor ihr hinter dem Fels flötete es in schmelzender Weise Antwort!

Das war ja merkwürdig! Sicherlich konnte das Vöglein nicht entfliehen, sonst wäre es wohl schon längst davongeflattert! Übermütig sprang das junge Mädchen über den Chausseegraben und trat auf den Felsblock zu. Sie hatte den Hut abgenommen – wie braunes Gold leuchteten ihre lockigen Haare, wie Rosen blühten die Wangen im Gesichtchen, und das helle Sommerkleid leuchtete in der Sonne.

»Nachtigall, Nachtigall –
Süß ist deiner Stimme Schall!« –

jubelte sie noch einmal wie ein ungestümes Kind und lugte neugierig hinter Fels und Tannen. Gleicherzeit ein leiser Schrei des Entsetzens.

»Das fand Ihr Herr Vater heute nacht leider nicht, mein gnädiges Fräulein!« sagt eine lächende Stimme, die schlanke Gestalt eines Herrn sprang aus dem Grase empor.

Rose war so tödlich erschrocken, daß sie einen Augenblick wie gelähmt dastand. Aus den Büschen zur Seite klang ebenfalls Lachen, die Zweige rauschen und knacken.

Die Herren aus Ruhla!

Roses Köpfchen schnellte stolz in den Nacken, ihre Augen blitzten den Kecken, der es wagte, sie derart zu düpieren, empört an.

»Unverschämt!« stieß sie in ihrer herben Weise kurz hervor, wandte sich und floh wie ein Reh von dannen. Hinter ihr her schallte ein homerisches Gelächter. – – –

Atemlos erreichte sie die Eltern. Sollte sie's erzählen? Nein – sie konnte es nicht, sie schämte sich, daß sie sich derart hatte mystifizieren lassen, – Eine Nachtigall im Spätherbst! Wie hatte sie nur auf solch einen Unsinn hereinfallen können! Aber es klang so fabelhaft natürlich, sie hätte wirklich in ihrer Harmlosigkeit geschworen, daß die Natur eine Ausnahme von der Regel gemacht habe!

Und was nützte es, darüber zu sprechen? Der Vater war gerade wütend genug auf die frechen Gesellen! Er würde sich noch wehr erregen und womöglich bei nächster Gelegenheit eine Szene heraufbeschwören. »Ihr Herr Vater fand das heute nacht leider nicht!« – sagte er nicht so? Fraglos, es waren die Herren aus Ruhla, und sie wußten, wer sich die Ruhestörung verbeten hatte und kannten sogar die Tochter ihres Widersachers! Dieser freche Scherz mit der Nachtigall war ein Racheakt!

O wie mochten sie jetzt lachen und höhnen, und über das dumme Gänschen spotten, das auf einen so plump gestrichenen Leim ging! Rose ballte die kleinen Hände unter dem Tisch und gab eine ganz konfuse Antwort auf die Frage des Majors, »ob sie faktisch noch bis Eisenach zu Fuß gehen könne, oder ob man hier auf einen Wagen warten wolle.«

»O diese Esel!« hatte Rose ingrimmig geknirscht, und der Vater sah sie einen Augenblick verdutzt an.

»Ja, du hast recht, Esel würden fabelhaft brauchbar hier sein!« nickte er dann, »billiger als Wagen und bequemer wie Schusters Rappen! Aber ich bin überzeugt, daß es hierzulande keine gibt, wenigstens keine vierbeinigen!! – Heda – Kellner – kommen Sie mal 'ran!«

Er fragte und bekam die erwartete Antwort.

»Na ja!« höhnte er, »weder Wagen noch Esel! Die Saison zu vorgerückt! Die letzte Regenzeit hat den Verkehr beendet und was jetzt noch in diesen paar schönen Tagen kommt, wandert meistens zu Fuß!! – Na, Kinder, dann hilft es nichts, dann müssen wir auch zu Fuß wandern, aber so viel weiß ich – ich beschwere mich bei erster bester Gelegenheit! Das ist ja eine himmelschreiende Wirtschaft in diesem gesegneten Thüringen! Nachts keine Ruhe und tags keine Esel! – Oh, ich werde meine Ansicht darüber aussprechen!« Der Major rief in ärgerlicher Stimmung abermals nach dem Kellner, um zu zahlen.

Der dienerte sehr höflich: »Welch ein Mißgeschick, mein Herr! Am Aussichtspunkt hat den ganzen Morgen ein Junge mit drei Eseln gestanden, und vor zehn Minuten haben sie ein paar Touristen gemietet, um nach der Wartburg zu reiten!«

Rose blickte jählings auf. »Gleich und gleich gesellt sich gern – und findet sich!!« – dachte sie voll Ironie, »die Herren sind zweifellos die lieben Freunde aus Ruhla!«

Welfen schimpfte etliche Kreuzdonnerwetter, bezahlte, und erhob sich stöhnend, die Fußtour fortzusetzen. »Dies ist die letzte, die ich in meinem Leben mache!« grollte er. »Da räsonniert ihr immer über Tante Sidonie, und doch ist sie eine vernünftige, geistreiche Frau, die ganz recht hat, wenn sie das Reisen eine kostspielige Strapaze nennt! Ja, ja, die Graphologie! Es ist doch Verlaß darauf!«

Rose lachte. »Väterchen, laß dir doch nicht von ein paar Eseln – zwei- und vierbeinigen – die gute Laune verderben! Wie vergnügt waren wir doch zuvor! Wie reizend unser Wandern durch Berg und Tal! Ah … rieche einmal diesen Tannenduft! Die Luft weht schon bedeutend kühler, und wenn du den Führer mitnimmst, kommen wir auf den besten und bequemsten Wegen im Handumdrehen auf die Wartburg!«

Wieder wanderten sie durch die zauberhafte Stille des Hochwaldes. Felsen bauten sich auf, und Abgründe gähnten zur Seite. Hier und da öffneten sich die romantischen Naturkulissen und gewährten einen Blick auf die schönste und interessanteste aller Burgen, deren Anblick das Herz der Damen höherschlagen ließ. Frau Dora und Rose schritten rüstig voraus – Herr von Welfen folgte mit dem Führer und schimpfte nur dann nicht, wenn dieser mit großer Lebhaftigkeit und Beredsamkeit allerhand Schnurren oder interessante Erlebnisse erzählte.

Seine hohe Stimme hallte zu den Damen hinüber, die zumeist schweigsam, in entzücktem Genießen aller Herrlichkeit, Arm in Arm dahinwandelten.

Rose war nachdenklich. Der freche Nachtigallsänger kam ihr nicht aus dem Sinn. Wie hatte er eigentlich ausgesehen? In ihrem Schreck und Ärger hatte sie ihn kaum angeschaut. Nur flüchtig – und doch war es ihr gewesen, als ob er recht häßlich gewesen sei. Ein recht unverschämtes Gesicht, mit blitzenden Augen, einem impertinenten Lachen und großen, grellweißen Zähnen unter dem Schnurrbart, wie ein Nußknacker. Sicherlich ein Student – aber was für ein schlimmer! Die Nächte durchtollen, Bier trinken, junge Damen äffen – – pfui! Rose war den Männern noch nie zuvor so gründlich abhold gewesen, wie in diesem Augenblick.

Horch, ein Rudel Wild schien durch den Tann zu ziehen! Auch Papa und Wills, der Fremdenführer, blieben stehen und lauschten. Letzterer drückte den Hut mit der breiten Krempe tiefer in die Stirn, sein borstiger Schnurrbart zitterte ganz eigentümlich, wie unter verhaltenem Lachen.

»Das müssen Hirsche sein, gnädiger Herr!« sagte er, »es stampft gehörig den Boden! Lassen Sie uns stillstehen und aufpassen, derweil verpusten sich die Herrschaften ein wenig! Das Marschieren ist bei der Hitze heut ein sauer Stück Arbeit, und der gnädige Herr ist es nicht gewohnt! Eine Blase sitzt schon am Fuß? Ja, da ist's ein verteufeltes Fortkommen! Da kann man schon das Blaue vom Himmel herunterfluchen!«

»Und nicht einmal ein Esel zu haben!« grollte der Major in vollster Gewitterstimmung. »Solch einen Hirsch satteln, ja, das wäre eine Rettung! – Pst … das galoppiert ja heran wie die wilde Jagd! – Jetzt … dort den Waldweg kommt's … Ah … Pech und Schwefel! Eselreiter!« – Das letzte Wort klang wie ein Schmerzensschrei!

Drei Herren galoppierten herzu – junge, flotte Burschen, die breitkrempigen, weißen Strohhüte weit im Nacken, die Gesichter lachend und urfidel! »Servus, meine Herrschaften! Servus!« lachten sie im Vorbeisausen. »Famoser Spazierritt! In zwanzig Minuten sind wir auf der Wartburg!!«

Klang das nicht wie Hohn für den schweißgebadeten Herrn von Welfen, der sich keuchend und stöhnend bergan schleppte?

Jetzt hatten die Reiter die Damen erreicht. Sie grüßten und schwenkten die Hüte … und dann … Schockmillionen … was sollte das heißen? … Blumen? – Blumensträuße warfen sie den Damen zu? Und nun lachten und sangen sie: »Nachtigall – Nachtigall, süß ist deiner Stimme Schall …«

Halb rückwärts saßen sie im Sattel und winkten und lachten, bis die Tannen sie den Blicken entzogen.

»Solch eine gottvergessene Frechheit!« schimpfte der Major, hochrot vor Ärger. »Famos Rose! Sehr gut, mein Mädel! Hebt die Blumen nicht auf, sondern stößt sie verächtlich mit dem Fuß beiseite! Ärgert sich auch! Sieht im ganzen Gesichtchen aus wie Purpur!«

»Oh, es waren so schöne Blumen!« bedauerte der Fremdenführer.

Welfen starrte ihn überrascht an. »Woher wissen Sie denn das?!«

Wills macht ein unendlich harmloses Gesicht. »Weil ich sie selber zum Teil gepflückt habe und am Hirschstein feilbot, gnädiger Herr! Da haben sie mir die jungen Herren abgekauft. Ein fideles Völkchen! Sie kommen aus Ruhla, wo sie die Nacht logiert haben. Grundgütiger, wie müssen die unterwegs gezecht haben. Lauter Bayrisches! Und nun sitzen sie fein bequem im Sattel und lassen sich auf die Wartburg tragen!«

»Aus Ruhla?« wiederholte der Major gedehnt und sah noch viel röter ans, »ei da soll doch … da schlage doch ein … hm … also die! Also die waren es? Schade, habe sie mir gar nicht recht angesehen, die ver…« Und da sie just an die Stelle kamen, wo die Blumen noch auf der Erde lagen, stampfte er so haßerfüllt auf die armen Sträußchen ein, daß sie als Marmelade ihr Dasein endeten.

Wills aber schnaubte sich die Nase und stieß recht eigenartige Töne dabei aus.

Von nun an sprach Herr von Welfen kein Wort mehr, aber er gestikulierte so lebhaft und ingrimmig vor sich hin, als sitze er zu Gericht über drei Missetäter, die ihn in einem halben Tag mehr geärgert hatten, als all seine Rekruten während seines halben Lebens! – Endlich, endlich auf der Wartburg!

Das erste Wort des Majors an den Restaurateur war die Frage, ob er heute nacht hier logieren könne. Ein glücklicher Zufall ermöglichte es, und zum erstenmal ging es wieder wie ein Sonnenstrahl über die gerunzelte Stirn des alten Herrn.

Keine Besichtigung der Burg, kein unnötiger Schritt mehr! Nur ganz still und behaglich auf der Plattform sitzen, tüchtig essen und trinken und dann erst der landschaftlichen Pracht und Schönheit froh werden, die wie ein Feenland zu seinen Füßen lag.

Möglichst abseits und unbehelligt hatten sich die drei wegemüden Wanderer niedergesetzt.

Es war eine viel zu stramme Leistung; selbst die Damen, die so vorzüglich und unermüdlich zu Fuß waren, spürten den Weg von Ruhla bis zur Wartburg in allen Gliedern! Frau Dora war verhältnismäßig noch am frischesten, aber Rose saß auch schweigsam und etwas blaß auf ihrem Stuhl und starrte gedankenvoll in Berg und Tal hinaus.

Hier und da huschte ihr Blick verstohlen über die Plattform, wenn Stimmen laut wurden und neue Fremde oder Eisenacher Spaziergänger erschienen. Auch der Major war anfänglich unruhig gewesen und hatte den Kneifer aufgesetzt, um alle anwesenden Menschen scharf zu mustern.

Er fand aber Gott sei Dank nicht, was er suchte, und das beruhigte ihn. Der Gedanke, seine Ruhlaer Feinde hier wieder vorzufinden, hatte ihn ganz nervös und wütend gemacht. Aber sie waren nicht zu erblicken, und das stimmte ihn heiterer.

Die Kerle hatten ja durch ihre Esel einen so riesigen Vorsprung, daß sie sich längst einer Führung durch die Burg anschließen konnten, und nun weiter nach Eisenach getrabt waren. Was fragte solch eine Sorte wüster Zechbrüder nach Schönheit und Romantik. Bayrisch Bier! Das war die Idylle, die sie bei ihrer Thüringer Waldfahrt suchten und fanden.

Das Essen war ganz vortrefflich, die Getränke tadellos, die Laune der anwesenden Menschen ringsum eine so ansteckend heitere, daß auch die drei Reisenden aus Jeseritz all ihren Ärger und ihre Anstrengung vergaßen, und so recht in vollen Zügen den sie ringsumgebenden Wartburgzauber genossen.

Aber trotzdem hielt es Welfen für seine Pflicht, schon im Interesse der anderen Touristen, Wort zu halten, und eine Klage zu erheben, daß so wenig für die Bequemlichkeit und ein gutes »Fortkommen« der Reisenden gesorgt sei.

Als der Kellner mit einer neuen Flasche Wein das Fremdenbuch vor den so behäbig aussehenden und sehr nobel auftretenden Herrn niederlegte, funkelten die grauen Äuglein des Majors vor Rachedurst.

»Aha! Das kommt mir gelegen!« knurrte er befriedigt in den Bart, und Frau Dora legte etwas betroffen die Hand auf seinen Arm: »Aber Papachen, um Gottes willen, du wirst doch keine Beschwerde hier eintragen?«

»Selbstverständlich werde ich!«

»Torheit, Ernst! Du blamierst dich ja nur!«

»Ich mich blamieren? Soso! Das möchte ich denn doch sehen! Ist es keine Rücksichtslosigkeit, auf der hohen Sonne weder für Wagen noch hinreichende Esel zu sorgen?«

»Der Wirt sagte dir, daß die Saison bereits so gut wie vorüber sei! Dieses unvermutet schöne, späte Herbstwetter kann jeden Tag wieder in Sturm und Regen umschlagen! Und du hörtest, daß die Wagen und Esel just vergriffen waren!«

»Gleichviel! Ich mußte zu Fuß laufen und dafür will ich meine Rache haben!«

»Du schadest damit nur dem netten Wirt hier, der uns so liebenswürdig aufnimmt!« bat Rose mit schmeichelndem Aufblick.

»Hm … das will ich allerdings nicht … aber, ich kann ja die Sache vielleicht humoristisch einkleiden –«

»Ach ja, Papachen! Ein scherzhafter Stoßseufzer!«

»Mache einen hübschen Vers, Ernst; gereimte Grobheit, halbe Grobheit!« lachte Frau von Welfen.

»Dichten! Gewiß! Warum soll ich nicht dichten können? Habe es zwar noch nie versucht, aber … Potz Blitz, allzuschwer kann so ein wenig Verseschmieden nicht sein!!«

Die Damen lachten. »Also um wartburgisch zu sprechen, ›Wolfram von Eschenbach, beginne‹«.

»Es wird bereits recht kühl hier im Freien. Wenn die Sonne untergeht, soll der Kuckuck die Mittagshitze schöner Herbsttage holen! Kommt, Kinder, laßt uns umsiedeln. Drinnen hinter den Bogenfenstern sitzt es sich nun behaglicher. Dort werde ich dichten und alle Namen derer, die einst hier in der Sängerlaube die Harfe gerührt, werden bei diesem ersten Gedicht freundlichst Pate stehen!«

Und Herr von Welfen dichtete. Es kostete noch etliche Flaschen Wein und viele weiße Notizbuchblätter, ehe er den Damen, die während dessen mit Entzücken zu der mondscheinbeglänzten Burg hinaus träumten, vorlesen konnte:

»Für Männer von meinem Schlage,
Ist's 'ne rechte Plage,
Müssen sie zu Fuße gehn
Und andre † † † reiten sehn!
In diesen Bergesschlünden
Kein Wagen ist zu finden,
Auch Esel gibt's hier nicht zu Lande –
Ist das nicht eine Schande??« –

Sehr stolz und selbstbewußt trug der Dichter sein erstes Opus vor, und die Zuhörerinnen jubelten Beifall und waren nicht so perfide, die Versfüße an den Fingern nachzuzählen, ob sie stimmten oder nicht!

Ja, dieses Gedicht war sehr schön und humorvoll, das konnte niemanden beleidigen, selbst die ungeheure Mäßigung hatte sich Herr von Welfen auferlegt, seine Feinde nicht mit kraftvollstem Kernwort zu belegen, sondern seine Verachtung nur durch drei Kreuze auszudrücken. Das war aller Anerkennung wert! –

Die Stimmung des Kleeblattes war eine äußerst vergnügte geworden, und der so sauer und ärgernisreich begonnene Tag endete in einer geradezu genußreichen Abendstunde.

Der vorausgegangenen Anstrengung Rechnung tragend, wünschte sich Frau Dora trotzdem zeitig zur Ruhe zu legen, und ihr Gatte stimmte ihr mit herzhaftem Gähnen zu.

»Die verfluchten Lümmels aus Ruhla sind Gott sei Dank nicht hier, aber trotzdem weiß man nicht, was für Zimmernachbarn uns das Schicksal heute nacht zumuten wird.«

Und man ging zu Bett. Rose war aber noch nicht müde.

Voll nie gekannter Wonne und Schwärmerei öffnete sie ihr Fensterchen und blickte in die Nacht hinaus. Vor ihr lag im hellen Mondesglanz, wie ein Gebilde holder, märchenhafter Phantasie die Wartburg, sie, das Ziel all ihrer Sehnsucht und Liebe! – Drunten rauschten die Baumwipfel des Waldes, die Berge ragten aus zarten Nebelschleiern empor, und die Sterne funkelten am Himmel wie vor vielen hundert Jahren, als Elisabeths reine Seele zum Abendstern emporschwebte.

Horch … was war das? – Rose neigte sich jählings vor. Träumte sie? – Täuschte sie sich? – Drunten, vor ihr im Walde schlug eine Nachtigall! Einen Augenblick war sie starr vor Schreck und Empörung, dann wandte sie sich und schlug klirrend das Fenster zu. Tränen blitzten in ihren Augen – all ihre süßen Träume waren zu nichte geworden.

Die Nachtigall aber warb in holden Liebestönen die halbe Nacht vor ihrem Fenster.

Am anderen Morgen, beim Kaffee, der in der Restauration getrunken wurde, lag das Fremdenbuch auf dem Nebentisch. Der Major, der herrlich geschlafen hatte, griff schmunzelnd danach, um sich noch einmal an seinen schönen Versen zu erfreuen. Aber seine Augen wurden groß und starr. Was war das? Unter seinem Gedicht stand ein anderes:

»Ich dachte, um den Esel braucht dir nicht bange sein, Er ist ja stets vorhanden, kommst du ins Land hinein!«

Ein gurgelnder Laut der Wut, der Empörung! Mit jähem Griff riß der Major das Blatt heraus und versenkte es hastig in der Brusttasche. »Den will ich finden!« knirschte er. Rose aber wußte bereits, wer es gewesen.





Band II

XVI.

So sehr hatte sich Herr von Welfen lange nicht im Leben geärgert, wie über diese schwere Beleidigung. Solch eine Antwort auf sein schönes Gedicht! Oh, es war, um sich die Haare einzeln auszuraufen! Gott sei Dank schien es noch niemand gelesen zu haben. Der Kellner machte ein so harmlos törichtes Gesicht, als der Major ihn ausforschte, wer wohl das Fremdenbuch zuletzt zur Hand gehabt hätte, daß er in der Tat unwissend zu sein schien.

Auch der Wirt konnte keine Auskunft geben, ja er entsann sich nicht einmal, daß drei junge Herren in großen, hellen Strohhüten bei ihm eingekehrt seien! Und doch konnten allein die Herren aus Ruhla einer solchen Infamie fähig gewesen sein; davon war Herr von Welfen überzeugt.

Auch die Damen schienen es anzunehmen, obwohl man sich nicht weiter darüber aussprach. Es herrschte plötzlich ein allgemeines, stillschweigendes Einvernehmen, diesen wunden Punkt unberührt zu lassen.

In Eisenach legte der Major aber viel Wert darauf, die einzelnen Hotels zu besichtigen.

Er erzählte den Wirten, daß ihm Thüringen ganz ausnehmend gut gefalle, so gut, daß er den nächsten Sommer in Eisenach verleben wolle. Dazu müsse er sich schon jetzt Quartier ansehen! Ob das Hotel ruhig sei, ob gute Gesellschaft darin verkehre, ob er wohl einen Blick in das Fremdenbuch werfen dürfe? Gewiß! Mit größtem Vergnügen!

Welfen setzt den Kneifer auf und musterte mit scharfem Blick die Namen der zuletzt eingekehrten Fremden – deren waren gar viele, aber die gesuchte Schrift fand sich nicht darunter.

Der nächste Tag brachte Regenwetter und Sturm. Die Familie Welfen blickte einander forschend in die Augen, ein jedes freute sich im stillen, einen guten Grund für die Heimreise zu finden. Ihre Freude an der Thüringer Waldfahrt war sehr herabgestimmt. Man war ganz nervös geworden, durch das ewige ängstliche Umherspähen, durch die geheime Angst, die drei hellen Touristenhüte irgendwo auftauchen zu sehen.

So wurde die Rückfahrt beschlossen und zu allgemeiner Herzerleichterung auch anderen Tages ausgeführt. Das Wetter erklärte sich ebenfalls einverstanden damit, denn der sonnige Spätherbst ging urplötzlich wieder in grauen Wolken und endlosen Regenfluten unter, und Herr von Welfen rieb sich schmunzelnd die Hände, als er einen Blick durch die triefenden Coupéfenster warf und sprach: »Na, wieder einmal die alte Wahrheit! ›'s ist nichts so schlimm, wie man es denkt, wenn man's erfaßt und richtig lenkt!‹ Der Schabernack der Herren Ruhlaer hat uns rechtzeitig in das behagliche Nest zurückgetrieben, während die Übeltäter selber hoffentlich heute tüchtig den Kittel auf dem Rennstieg gewaschen bekommen!«

»Hast du eigentlich das Blatt mit dem Verse noch aufgehoben, Papachen?«

»Das versteht sich! Das soll mein ewiges Andenken an die Wartburg sein! Wer weiß, der Zufall spielt oft seltsam, und der Satanskerl von einem Verseschmied läuft mir doch noch einmal unter die Finger! Na, dann mag er sich gratulieren!«

Frau Dora nickte feierlich, und Rose wiederholte mit unverhohlener Rachsucht: »Ja, dann mag er sich gratulieren!«

Nun war man wieder daheim angelangt, und der Major hatte Tante Sidonie mit besonderer Hochachtung begrüßt.

Hatten sie doch beide recht behalten, sie mit ihrer Warnung vor der Reise, er mit seiner Graphologie, nach der er die Frau Professor stets für eine geistvolle, scharfblickende Frau erklärt hatte.

Auf das erste ungestörte Mittagsschläfchen hatte sich Welfen ganz besonders gefreut. Als er sich nach einem sehr gemütlichen Mittagsmahl, bei dem alle erklärt hatten: »sie fühlten sich nach der Reise wie im Himmel daheim und das Reisen hätte nur das Gute, daß es die eigene Häuslichkeit doppelt lieb mache –« in sein Zimmer zurückgezogen hatte, glaubten Frau Dora und Rose ihn längst in das Reich der Träume entrückt, als sein Schritt noch immer leise auf dem Teppich hin- und herging.

Der Major schlief nicht. Das Blatt aus dem Fremdenbuch in Händen, wanderte er unruhig auf und nieder, sich zeitweilig an den Schreibtisch setzend und mit ganz wunderlich verstörtem Gesicht in sein »Lehrbuch der Graphologie« herniederstarrend.

War es zu glauben, war es menschenmöglich? Er rieb sich die Augen, blätterte nervös hin und her, sprang auf und rannte heftig gestikulierend in dem Zimmer umher, und sank alsdann wieder wie geistesabwesend auf den Stuhl vor dem Schreibtisch nieder. Er mußte den Schreiber finden! Er mußte es! Koste es, was es wollte!

Welfen stützte das Haupt in die Hand und grübelte und sann – und sann und grübelte und forschte abermals –- aber es blieb dabei, eine unumstößliche Tatsache, jener Hassenswürdigste war für ihn der Gesuchteste unter der Sonne!

Tage und Wochen vergingen. Kam das Gespräch zufällig einmal wieder auf die Reise und die Ruhlaer Herren, so zeigte der Major eine solche nervöse Erregung, und sprach den Wunsch, »diesen Kerl noch einmal zu finden,« derartig ungeduldig aus, daß Frau Dora besorgt zu Rose sprach: »Mein Gott, wie Vater doch so zäh in seinem Hasse ist! Gott verhüte, daß er dem Unglücklichen jemals im Leben begegnet! Ich stehe für nichts!«

Seit jener Zeit vermieden es die Damen noch ängstlicher, des »Feindes« Erwähnung zu tun. Und der Herbststurm fegte die ersten Schneeflocken durch die Luft, und der Reif glitzerte nachts an den letzten Asterköpfchen, bis sie immer schwärzer aussahen und müde auf die zerzausten Beete herabsanken. Noch immer ritt Herr von Welfen fast täglich nach Feldheim, seine Kinder zu besuchen. Frau Dora eiferte dagegen, so sehr sie konnte! »Laß die jungen Leute allein! Es taugt nichts, wenn wir Alten die Nase täglich in ihre Wirtschaft stecken, es verdrießt das Selbstbewußtsein und stört die ungenierte Behaglichkeit.«

»Unsinn, Dorchen! Solltest mal sehen, wie die Kinder sich immer freuen, wenn ich komme!«

»Wir sehen uns jeden Sonntag, das genügt vollauf!«

»Dir Rabenmutter genügt's vielleicht –« scherzte er, »mir zärtlichem Vater aber nicht. Ich will mich an ihrem Glück freuen und es der Salome erhalten helfen! Das Kind ist ja noch so unerfahren, sie braucht einen Berater und eine Stütze!«

»Das dürfte wohl in erster Linie ihr Mann sein!«

»Siegfried?! Lächerlich; der junge Bengel weiß ja selber noch nicht hott noch hüh …«

»
Pardon – er ist ein Mann in Mitte der dreißiger Jahre!«

»Pah! Was will das sagen. Er ist aber erst seit ein paar Wochen verheiratet und versteht noch nicht die Bohne vom Eheleben!«

»Mach dich doch nicht lächerlich, Väterchen! Was verstandest du denn ehemals davon?«

»Nichts! Auch nichts, darum eben! Ich habe dich armes, kleines Wurm auch oft in meiner Torheit entsetzlich tyrannisiert und wollte den Herrn und Gebieter herausbeißen aus purer Eitelkeit! Himmel, wenn ich denke, der Siegfried könnte mein Prinzeßchen in törichtem Hausherrendünkel mit allerhand Launen quälen! Das leide ich nicht, das dulde ich nicht, niemals! – Na, Gott sei Dank, bis jetzt benimmt er sich ja ganz vernünftig und galant!«

Anfänglich kehrte Welfen stets sehr guter Laune und strahlend, vergnügt zurück; er konnte gar nicht Worte genug finden, das Glück und die Harmonie im Bornschen Hause zu preisen.

Dann, als ein paar Wochen weiter in das Land gezogen waren, kehrte er oft recht verdrossen und übellaunig heim, setzte sich zu Tisch und sprach kein Wort. Aber Frau Dora fragte unverdrossen. »Ach, der alte Drachen, die Hanne, benimmt sich so unverschämt und will Salome in allen Dingen kommandieren! Wenn Salome ein Gericht für den Mittags- oder Abendtisch befiehlt, hat die Person die Frechheit zu erklären: ›Geht nicht, gnädige Frau – es ist noch ein halber Rehrücken, oder ein Hase oder ein Kalbsbraten da – der muß erst aufgebraucht werden.‹«

»Sehr vernünftig und richtig!«

»Narrheit! Wie lange sollen denn die beiden einzelnen Menschen an solch einem riesigen Fleischstück essen?«

»Salome verlangt ja stets große Braten, weil die kleinen Stücke zu schlecht seien –«

»Sind sie auch! – Zähes, altes Kochfleisch! Darum soll doch mein Kind nicht alle Tage Schuhleder kauen?!«

»Nein, sie soll sich aber mit den großen Portionen einrichten und Reste verwenden, sonst ist sie eine Verschwenderin!«

»Na, ist ja ihre Sache! Auf alle Fälle wollte sie heute nicht noch einmal Gänsebraten essen, sondern die Poularden, die du geschickt hast, und damit das alte Donnerwetter, die Hanne, nicht doch die Gans auf den Tisch bringt, schließt Salome heimlich die Speisekammer ab, steckt den Schlüssel in die Tasche und fährt bis zum Essen spazieren!«

»Wie kindisch!«

»Durchaus nicht kindisch! Sie war völlig in ihrem Recht; aber leider hatte sie vergessen, daß sich in der Speisekammer auch die Poularden befanden – na, und wie sie nach Hause kommt und Siegfried mit einem Löwenhunger auch gerade erscheint, und sie sich zu Tische setzen – na, da gab es eben nichts zu essen, wohl aber einen tüchtigen Spektakel! Wegen des bißchen Essens ist mein Herr Schwiegersohn ganz blaß vor Ärger geworden, und was das bodenloseste ist, er hat der Hanne recht gegeben; Galome wollte einfach Essen aus dem Wirtshaus holen lassen, was doch ganz richtig und zweckentsprechend war, aber glaubst du, daß der Dickkopf das gelitten hätte? Nein, um die Welt nicht! Er habe keine Lust sich derart vor der ganzen Stadt zu blamieren!«

»Seine Frau zu blamieren! Sehr rücksichtsvoll von ihm – Salome kann sich nur dafür bedanken!«

Nielsen zuckte ungeduldig und etwas ironisch die Achseln: »Ich bezweifle stark, daß sie das tut!«

Frau Dora legte die Hand auf die Schulter des Gatten und blickte ihn mit ihren klaren, freundlichen Augen durchdringend an. »Ernst,« sagte sie leise, »du mußt als vernünftiger Mann einsehen, daß Salome im Unrecht war, du hast ihr hoffentlich in aller Güte deine Meinung gesagt und nach Kräften bei ihr zum Frieden geredet?«

Der Major wurde trotz seiner sonnenverbrannten Haut so rot wie ein Schulknabe, der auf Nachbars Apfelbaum ertappt wird; er fühlte es und ärgerte sich. Mit gespreizten Fingern fuhr er durch sein graumeliertes Haar und erhob sich hastig.

»Alberne Frage! Narrheit!« knurrte er, ohne seine Frau dabei anzusehen, »zum Frieden reden! Wie kannst du von einem Vater verlangen, daß er einem fremden, unliebenswürdigen Menschen gegen sein eigen Fleisch und Blut beistehen soll! Ich dächte, Siegfried wäre für sich selber Manns genug und bedürfe keiner Unterstützung!«

»Wenn dir das Glück deines Kindes am Herzen liegt, bedarf er unser aller Hilfe, um den Eigensinn seiner Frau bekämpfen zu können!«

»Hoho! Eigensinn!« polterte Wefen erregt, »davon ist bei Salome keine Rede! Sie läßt sich nur nicht von einem alten Hausdrachen unterbuttern und macht, im Notfall, selbst gegen den Gatten Front, wenn dieser so rücksichtslos ist, anstatt ihr beizustehen, zu dem alten Weibe zu halten! – Elten sagte mir erst neulich, er bewundere Salome, daß sie so brillant mit ihrem Gatten auskomme, der, unter uns gesagt, doch ein äußerst schwieriger Charakter sei!«

»Elten! – Herr von Elten sollte lieber solch unziemliche Bemerkungen unterlassen!« seufzte Frau Nora mit sorgenvollem Gesicht auf. »Es gefällt mir durchaus nicht, daß er Tag für Tag dem jungen Ehepaar die Schwelle abläuft. Es ist in hohem Grade unpassend, und mich soll es nicht wundern, wenn er Salome ins Gerede bringt. Seine Courmacherei ist höchst unangebracht!«

»Lächerlich! Was hat denn das arme Kind anderes in dem Heckennest, als wie den Verkehr mit den jungen Herren?«

»Sie hat ihren Haushalt und ihren Mann!«

»
Den Mann!!« – es lag beinahe etwas Verächtliches in der Stimme des Majors. »Siegfried kann doch unmöglich einem so verwöhnten Geschmack wie dem meines Prinzeßchens alles ersetzen, was sie in Feldheim entbehren muß!«

»Das hätte sich ja dein Prinzeßchen früher überlegen können. Warum bestand sie mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln darauf, ihn zu heiraten? Nun muß sie die Konsequenzen solchen Eigensinns tragen, und das will und verlange ich mit der vollen Strenge der Mutter!«

Welfen war an das Fenster getreten und starrte hinaus. Als er nicht antwortete, fuhr seine Gattin in ihrer ruhigen, stets maßvollen Weise fort: »Wie endete denn nun der Streit? Ich hoffe doch sehr, daß Hanne begütigt wurde?«

»Nein, der alte Schurigel dampft heute nachmittag zu Schwiegermüttern zurück!«

Frau Dora wurde ganz blaß vor Schreck. Sie schlang wie in ratloser Verlegenheit die Hände zusammen. »Welch eine unverantwortliche Torheit von Salome! Diese treue, zuverlässige Person ist für ihren fundamentlosen Haushalt unersetzlich. Was soll das nun geben?! Ich fürchte, der arme Siegfried wird nun öfters im Wirtshaus essen müssen, wenn er nicht hungrig bleiben will!«

»Das fürchte ich durchaus nicht. Ich habe Salome gesagt, du würdest ihr die Mamsell schicken, bis sie eine neue Köchin gemietet habe.«

Welfens Stimme klang etwas kleinlaut, er wandte sich zu seiner Frau zurück und legte den Arm um sie. »Du kannst ja zur Not mit Anna und Rose allein fertig werden, Dorchen, Rose kocht ja selbst schon wie die beste Köchin!«

Frau von Welsen schüttelte sehr ruhig, aber sehr bestimmt den Kopf. »Unmöglich, ganz unmöglich, du hast wohl vergessen, daß wir schlachten. Ich habe alles dazu vorbereitet und kann es nicht aufschieben. Mamsell ist dabei einfach unentbehrlich, denn weder ich noch Rose können sie in dieser arbeitsreichsten aller Zeiten ersetzen. Auch verstehen wir nichts von der Schlächterei. So leid es mir tut, diesmal kann ich Salome nicht helfen.«

Der Major schritt unruhig auf und ab. »Dann mußt du ihr Anna schicken! Die locht auch gut. Unter allen Umständen, ich will und verlange es! Ich bestehe darauf! Ich kann das Kind nicht im Stich lassen! Ich habe ihr eine Aushilfe versprochen, damit sie die Energie haben sollte, den ewigen Zankapfel Hanne hinauszuwerfen!«

Nun wußte Frau Dora genug. Ihr verblendeter Mann hatte das Feuer geschürt, anstatt es zu löschen, er hatte gehetzt, anstatt Frieden zu stiften. Dieser Schwiegervater hatte im Hause seiner Kinder die alte Ansicht der Welt auf den Kopf gestellt, daß nur eine Schwiegermutter das böse Prinzip einer jungen Ehe sein könne. Sie hatten die Rollen getauscht – und tief bekümmert beschloß Frau von Welsen sofort nach Feldheim zu fahren, um nach Kräften gut zu machen, was ihr Mann verdorben hatte. Sie nahm Anna mit, um, so gut es ging, den Verlust von Hanne zu ersetzen, und versuchte mit Liebe, Sorge und gütlichem Zureden den scharfen Riß zuzukitten, der zum erstenmal das junge Haus und sein Glück bedrohte.

Würde es etwas helfen und nützen?

Die Schwiegermama seufzte schwer auf. Sie wußte nur zu gut, daß es der Anfang einer langen, mühseligen Arbeit war, einer wahren Danaidenarbeit.

Der Schwiegervater war Fanatiker genug, um das Sieb stets von neuem zu durchlöchern, wenn sich Frau Dora auch noch so viele Mühe gab, es zu stopfen!

Landrat von Born hatte die Hände in die Taschen seines Jacketts versenkt und wanderte mit unregelmäßigen Schritten in seinem eleganten Arbeitszimmer auf und nieder – bald langsam und zögernd, bald hastig und unruhvoll, wie die Gedanken, die er hinter seiner Stirn ordnen und klarlegen wollte.

Obwohl es noch nicht völlig dunkel war, brannte die Flamme des Leuchterweibchens, das sich in den prächtigen Geweihen selbst erlegter Hirsche schaukelte; und das offene Feuer warf durch die Marienglasscheiben des Ofens einen rosigen Schein über die zunächst stehenden Möbel, deren kunstvolle Schnitzerei schon viele Bewunderer gefunden hatten.

Draußen sauste der Schneesturm, und die weißverschneiten, niederen Dächer der gegenüberliegenden Häuser schimmerten im letzten Abendschein. Still und friedlich lag die Straße da; selten, daß ein Schlitten vorüberklingelte, ein Hund bellte, oder ein paar Stimmen laut wurden.

Wie gemütlich und unbeschreiblich schön für ein glückliches, liebendes Paar, das nichts besseres begehrt und sucht, als einzig sich allein.

Ach, daß Salome doch auch so gedacht hätte! Feldheim und das behaglich schöne Landratshaus hätten ein Paradies sein können! Anstatt dessen hatten es Laune und Eigensinn der kleinen Frau zu einem wahren Tränenwinkel gemacht.

Nebenan auf dem Diwan lag Salome und schluchzte mit der Unermüdlichkeit eines halsstarrigen Kindes in ihr Batisttuch. Und warum? Weil Siegfried sie mit Liebe und mit Lammessanftmut gebeten hatte, einmal Energie zu zeigen und dem unerquicklichen Zustand hier im Hause ein Ende zu bereiten.

Seit auch Gottfried gekündigt und das Haus verlassen hatte, schien alles außer Rand und Band zu sein. Solange die gute Schwiegermama Anna geliehen hatte und heimlich hinter den Kulissen waltete, anordnend und beratend, ging die Sache noch einigermaßen, jetzt, wo die neue Köchin aus der Residenz eingetroffen war, empfand man erst, wie hilflos eine Hausfrau den Dienstboten preisgegeben ist, wenn sie selber nichts von der Wirtschaft versieht.

Es wurde beinahe das Dreifache an Haushaltungsgeld verbraucht wie früher. Dabei war das Essen meistens herzlich schlecht und der Tisch einfacher besetzt als je. Es lag auf der Hand, daß die Person die Herrschaft in jeder Weise schlecht hielt, um desto unverschämter in ihre eigene Tasche sparen zu können. Sie nahm die schlechtesten Zutaten, wählte die billigsten und reizlosesten Gerichte und behauptete, für das »knappe« Geld bereits Außerordentliches zu leisten.

»So gib mehr!« schmollte Salome, die selber am meisten unter diesem »Schmalhans Küchenmeister« litt, denn sie war verwöhnter und anspruchsvoller noch als ihr Mann.

»Das kann ich nicht!« ärgerte sich Born; »es hieße, das Geld dem diebischen Frauenzimmer mit vollen Händen in den Hals werfen! Mama sagt, das Wirtschaftsgeld sei geradezu fürstlich! Wenn aber niemand da ist, der in der Küche nach dem Rechten sieht und ein wenig nachzurechnen versteht, dann kann man uns ja ungestraft das Fell über die Ohren ziehen!«

Salome ignorierte diese zarte Andeutung. »Nimm doch noch eine Wirtschafterin!« verlangte sie.

Ein beinahe zorniger Blitz aus fernen Augen traf sie. »Und für die Wirtschafterin zur Beaufsichtigung vielleicht noch eine Hausdame?«

Sie biß bei diesem Spott die Zähne in die Lippe, warf brüsk die Türe hinter sich zu und verschwand bis zum Abend, wo die unvermeidlichen Hausfreunde kamen und Elten der jungen Frau mit erregter Stimme zuflüsterte: »Ich ertrage es kaum noch, Sie derart leiden zu sehen! Sie haben schon wieder verweinte Augen!«

Der greuliche Zustand im Hause dauerte an. Wenn die Dienstboten merken, daß die Hausfrau auf sie angewiesen ist, lassen sie sie meistens durch ein freches und respektloses Benehmen ihr Übergewicht fühlen.

Wehe, wenn Salome, selbst in freundlichster Weise, diesen oder jenen Fehler rügte! Unverschämte Antworten, Maulen und kecke Vernachlässigung aller Pflichten waren die Folge.

Born hatte schon öfters bemerkt, daß die Mädchen sich heimlich abends oder nachts entfernten. Auch tagsüber konnte er oft stundenlang klingeln, bis endlich ein dienstbarer Geist erschien.

Salome kümmerte sich nicht um Zucht und Ordnung im Hause, und wenn sie einmal in ihrer kindisch unüberlegten Weise loswetterte, sah sie höchstens spöttische Gesichter und keinerlei Erfolg.

Was sollte ihnen denn die Gnädige tun? Sie ahnte ja nicht, wenn das Wasser kochte, und von so einer brauchte man sich doch nichts sagen lassen!

Als es dem Landrat allzu bunt wurde, fuhr er mit dem eisernen Besen dazwischen und kündigte.

Von der Köchin trennte sich Salome ohne Herzeleid, aber bei dem Ansinnen, ihre herrliche, unersetzliche Jungfer opfern zu sollen, geriet sie wahrhaft in Verzweiflung. Born machte ihr klar, daß gerade dieses Mädchen das nichtsnutzigste von allen sei, und daß er Dinge in Erfahrung gebracht habe, die ihre Entlassung bedingten. Zum erstenmal war er energisch und lohnte ohne Zustimmung seiner Frau das freche Geschöpf ab. So sehr wie in dieser Stunde hatte er sich noch nie geärgert. Nicht allein, daß Betty in hämischester und boshaftester Weise sich zu rächen suchte, indem sie allerhand freche Bemerkungen und Andeutungen über das Benehmen der gnädigen Frau machte, sondern auch über Salome selbst, die zum erstenmal einen schier gehässigen Streit heraufbeschwor, bei dem der Schwiegervater selbstverständlich wieder die Rolle des Aufhetzers spielte.

Siegfried war aufs höchste erregt; er sagte dem Major in unverblümter Weise die Wahrheit, und die Feindschaft der beiden Männer loderte in hellen Flammen empor.

Gräßliche, unerträgliche Tage folgten, bis Frau Nora abermals als Friedensengel erschien, um den Sturm zu beschwichtigen.

Sie benutzte die Gelegenheit, ihrer Tochter noch einmal die dringende Notwendigkeit klarzumachen, daß eine Hausfrau etwas von dem Haushalt verstehen müsse, aber sie stieß nach wie vor auf den hartnäckigsten Widerstand. Früher war der einer gewissen Eitelkeit und Gleichgültigkeit entsprungen, jetzt diktierten ihn Trotz und Oppositionslust, und der Major stand als unsichtbarer Feind im Hintergrunde und bestärkte die Tochter in ihrer »Beharrlichkeit«!

Nun ging Siegfried verzweiflungsvoll in seinem Zimmer auf und nieder, und dachte darüber nach, wie er das Kunststück wohl zuwege bringen solle, diese Frau zu erziehen. So sauer und aussichtslos hatte er es sich doch nicht gedacht.

Frau Salome glich in nichts mehr dem reizend naiven, so leicht lenkbaren Backfischchen aus der Eisenbahn. Sie fühlte sich jetzt, sie trumpfte auf ihre Würde und Stellung und hatte keine Lust mehr, sich belehren oder beeinflussen zu lassen. »Dem Gängelband dürfte ich wohl entwachsen sein!« bemerkte sie sehr spitz, als Siegfried zuerst den Versuch machte, an ihrem Wesen und Benehmen »den älteren Damen gegenüber« zu modeln.

Er hatte gehofft, die zwingende Notwendigkeit werde seine beste Verbündete sein. Er irrte sich. Salome war viel zu phlegmatisch und kindisch unüberlegt, um sich durch irgendwelche Widerwärtigkeiten einen moralischen Zwang auferlegen zu lassen. Sie wußte stets einen Ausweg und verlangte ihn sofort eingeschlagen, wenn er auch noch so töricht, kostspielig oder unmöglich war. Warum nahm Siegfried keine Hausdame? Warum ließ er das Essen nicht aus dem Hotel holen, warum machte er so entsetzlich große Ansprüche an die Dienstboten? Lediglich aus Herrschsucht! Aus Tyrannei, aus Malice gegen sie! Um seine Frau zu ärgern, zu demütigen, um einen Grund zu haben, ihr immer ihre Unwissenheit und Unerfahrenheit vorhalten zu können! Er wußte ja im voraus, daß sie nichts vom Haushalt verstand und auch nichts davon lernen mochte, warum hatte er sie denn geheiratet? Aus lauter empörenden Beweggründen! Ach der Papa hatte so recht gehabt mit seiner Graphologie!

Hätte sie doch auf ihn gehört, als er ihr damals Siegfrieds Handschrift deutete!

Wie albern und verblendet war sie gewesen, ihn absolut heiraten zu wollen! Was hatte sie nun davon? Der Triumph den Freundinnen gegenüber war sehr mäßig, denn die beiden verhöhnten und beklagten sie in ihren Briefen, daß sie in einem solchen kleinen Krähwinkel sitze, das auf keiner Landkarte zu finden sei.

Und Soldat will Siegfried nicht werden, er wurde beinahe brutal, als sie es von ihm verlangte. Ach, daß sie eine solche Närrin gewesen war, sich so voreilig wegzuwerfen! Hätte sie Elten früher kennengelernt, alles wäre wohl anders geworden! Er liebt sie! – Ach wie ganz anders liebte er sie als ihr fischblütiger, langweiliger Siegfried! Und Eltens Liebe, sein Mitleid, sein heißes Empfinden, das süße, geheimnisvolle Einverständnis zwischen ihnen, mit alle seiner Romantik und nervenschüttelnden Poesie, das war das Einzige, was ihr Feldheim noch erträglich machte! – Wie aber sollte es werden, wenn keine Köchin im Hause war, wenn die Herren womöglich mittags oder abends nicht mehr kommen konnten?

Sollte das eine neue Ranküne von Siegfried sein? Hatte er den Leuten nur gekündigt, um einen Verwand zu finden, die Besuche unterbinden zu können? Aus Eifersucht tat er es wohl nicht, seine Gleichgültigkeit gegen sie war ja haarsträubend, aber aus Mißgunst, aus Bosheit, um ihr die Freude zu stören!

Und sie weinte zornig, leidenschaftlich und erbittert. Sie war so allein. Papa kam bei dem Wetter auch nicht, Siegfried lief nebenan im Zimmer herum und bekümmerte sich auch nicht um sie, kein Mensch nahm Anteil an ihr! Man behandelte sie empörend! – Wer wußte, ob sie ein Abendbrot auf den Tisch bekam!

Oh, sie war das unglücklichste Weib unter der Sonne! Da öffnete sich leise die Tür. Der Landrat trat ein, kam langsam zu ihr heran und setzte sich auf den Diwan zu ihr.

Sie warf sich zornig herum und steckte ihr Gesicht in die Kissen, er aber nahm ihre Hand zwischen die seine und sagte mit müder, weicher Stimme:

»Ich möchte gern etwas mit dir besprechen, Kind. Ich habe mir unsern künftigen Haushalt überlegt. Beharrst du wirklich bei deinem Entschluß, nichts bei Mama zu lernen und der Wirtschaft auch künftighin so fremd zu bleiben wie bisher?«

»Ja!« stieß sie rauh hervor, »ja! – Tausendmal ja! Ich bin leine Küchenmagd! Ich habe es dir vorher gesagt!«

Er blieb ganz gelassen: »Gut; so werde ich künftighin die Wirtschafterin spielen, falls du diese Zumutung für deinen Mann nicht allzu entwürdigend findest!«

Sie hatte immer nur an sich, noch nie an ihn, an sein Behagen, sein Glück, seine Würde gedacht. »Nicht im mindesten!« zuckte sie die Achseln. »Ich beeinflusse dich ebensowenig wie ich von dir beeinflußt sein will. Du kannst tun und lassen, was du willst!«

»Was ich will? – Was ich notgedrungen tun muß. Aber gleichviel. Eine perfekte Köchin aus der Residenz nehme ich nicht wieder in das Haus; soviel weiß ich. Ich werde mich bemühen, ein rechtschaffenes, tüchtiges Mädchen von hier oder aus der Umgegend zu finden – so wie bisher lasse ich mich nicht mehr betrügen, sonst werden wir bankrott. Und nun wollen wir uns ohne Bemäntelung die künftige Situation klarmachen. Wir deutschen Männer sind anders geartet, als die leichtsinnigen, frivolen Helden deiner Pariser Romane. Wir stellen Anforderungen an das deutsche Weib ebensogut und ebensohoch und strenge wie an uns selbst. Wir verlangen und setzen voraus, daß ein jedes gebildete und erwachsene Mädchen mit den Pflichten vertraut ist, die Natur und Verhältnisse an ein weibliches Wesen stellen. In unserm nüchternen, tätigen, rastlos schaffenden und erwerbenden Zeitalter ist alles überflüssig und verächtlich, was sich als unnütz erweist. Was nicht den Platz ausfüllt, auf den es gestellt wird, das wirft man beiseite. Die Meister fallen nicht vom Himmel, und ein Mädchen, das vor seiner Verheiratung nichts gelernt hat, kann in der Ehe mit Leichtigkeit alles Versäumte nachholen, wenn sie sich überzeugt, daß es ihre Pflicht geworden. Die Verhältnisse ändern sich, und es läßt sich in der Praxis gar manches Ding sehr anders an, als es in der Theorie den Anschein hatte! – Der Franzose mag in seiner Frau nur ein Spielzeug, eine Puppe – einen Luxusgegenstand sehen, von dem er nichts fordert, weil er selber nichts zu geben mag – nichts an Liebe, nichts an Treue, höchstens den Rahmen zu einem Bilde, das er aufstellen muß, will er sein Geschlecht nicht aussterben lassen. Ein deutscher Mann aber sieht mehr in seinem Weibe, sein Alles, sein Höchstes, sein Heiligstes und sein Bestes. Er teilt mit ihr, was er besitzt, sein Herz, seine Seele, sein Hab und Gut. Und weiß, daß er wohl daran tut. Sie hütet, sie schützt, sie mehrt und veredelt alles, was er ihr anvertraut, was er voll inniger Zuversicht in ihre Hände legt. Wie er seinen Wirkungskreis hat, so sucht die edle deutsche Frau, ob hoch, ob niedrig, ob Kaiserin oder Bäuerin, auch ihren höchsten Stolz darin, den Wirkungskreis, den Natur und Gatte ihr zugeteilt, rechtschaffen auszufüllen. Und das ist der so oft angestaunte, so viel besungene, so göttlich reine und gewaltige Zauber, den die deutsche Frau auf ihren Gatten ausübt. Arbeitet und schafft, sorgt und waltet sie wie ein guter Geist in seinem Hause, so empfindet er einzig darin die volle Macht echter Weiblichkeit. Er kann sie nicht entbehren, er kann nicht mehr ohne sie leben und sein – sein Herz, sein Haus ist öde und tot ohne sie er weiß, daß er ihr all sein Glück, sein Behagen, den holden Frieden seiner Häuslichkeit verdankt; ihr Fleiß spornt den seinen an, ihre Treue stärkt die seine, ihre selbstlose Liebe nährt die Gottesflamme in seiner Brust wie ein heiliges Öl. – Er hebt sein fleißiges, tüchtiges Weib mit dem Stolz eines Königs auf den Schild, und beklagt den Mann, dessen Gattin nichts anderes im Hause ist, als ein überflüssiger, wesenloser Schatten, dessen Dasein niemandem zu Nutz und Frommen ist, dessen Entschwinden keine Lücke reißt. Auch ich habe mir stets ein Ideal von meinem künftigen Weibe geschaffen; auch ich sah sie als mein Unentbehrlichstes, mein Vollkommenstes, mein heiligstes Kleinod. Die Hüterin meines Glückes, die bewunderte Meisterin aller, die sie befehligte, das leuchtende Vorbild ihrer Kinder. – Und ich wähnte, wäre sie dies alles noch nicht im Anbeginn unserer Ehe, so hülfe ihr wohl die große Lehrmeisterin Liebe, es mit der Zeit zu werden. – Es war ein schöner Traum – leider Gottes nur ein Traum. Mein Schicksal hat mich als deutschen Mann aufwachsen lassen, aber es hat mich als Ehemann zum Franzosen gemacht. – Je nun – ich will nicht murren und nicht klagen, ich will das schöne Bild auch in meinem Hause aufstellen, und wenn ich es auch nicht gleich anderen glücklichen Gatten bewundern und hochachten kann, so will ich doch versuchen, es auch trotzdem lieb zu behalten.«

Seine Stimme war sehr leise geworden. Er starrte auf die zierliche Gestalt seiner Frau, auf ihr reizendes, noch immer halb abgewandtes Gesichtchen nieder, wie ein Arzt, der an seinem Patienten die Wirkung einer bitteren, aber einzig noch rettenden Arznei erproben will.

Und er sah, wie sie regungslos dalag, gleich einem versteinerten Wesen, wie ihre Augen weit aufgerissen in das Leere starrten, wie sich eine heiße Blutwelle über ihr Antlitz ergoß, tiefer und tiefer sich färbend zu dem leuchtenden Purpur, wie ihn nur die Scham kennt. Er atmete tief auf und erhob sich – ehe sie antworten konnte, hatte er das Zimmer verlassen. Sie war allem mit ihren Gedanken.

XVII.

Eine wunderliche Zeit brach für das Bornsche Haus an. Zeit, in der Frühlingsstürme dem Lenz vorangingen, Stürme der Seele, die naturgemäß austoben müssen, sollen sie jenen einschneidenden Wanbel mit sich bringen, der aus Eis und Schnee die ersten Keime neuen Lebens lockt. Der Landrat hatte stillschweigend die Verwaltung seines Hauses übernommen, und Salome ließ ihn trotzig gewähren. Sie hatte nur ein spöttisches Lächeln dafür, wenn ihr Mann müde und angestrengt vom Dienst nach Hause kam und nun erst seine Befehle und Anordnungen in Küche und Keller treffen mußte, dieweil seine junge Dran träge und gelangweilt in ihrem Boudoir saß, Romane las, oder Malereien und Handarbeiten anfing, ohne sie recht zu vollenden.

»Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!« sagte sie voll ingrimmigen Spottes zu ihrem Vater, und der Major stimmte kampfeslustig bei: »Gewiß! Die Wirtschaft scheint ihm ja kolossales Vergnügen zu bereiten, sonst hielte er dir wohl eine Hausdame!«

Äußerlich verharrte die junge Frau in ihrer starren Opposition, in jeder Beziehung von Herrn von Welsen darin bestärkt, innerlich aber gärte und wogte es mit immer wachsender Ungeduld und Unruhe in ihr, ein Zustand, über den sie sich jedoch nicht klar werden wollte.

Oft stieg es glühend heiß in ihre Wangen, wenn ihr Gatte nach dem Abendbrot schellte und befahl: »Die Köchin soll mit dem Wirtschaftsbuch kommen und abrechnen!«

Anfänglich hatte sie mit gut gespielter Gleichgültigkeit dabeigesessen und in den Zeitungen geblättert, aber sie erhaschte doch hier und da einen Blick des Mädchens, der sie so verächtlich staunend traf, als wolle es sagen: »Wozu ist denn die gnädige Frau da, wenn sie zu dumm oder zu faul ist, sich um Dinge zu bekümmern, die von Gottes und Rechts wegen nur sie alleine angehen?«

Und Salome biß sich die Lippe blutig, stieß brüsk ihren Stuhl zurück und verließ das Zimmer. Anfänglich versuchte sie, sich in doppelter Weise zu zerstreuen und Beschäftigung im Amüsement zu suchen. Wie aber sollte man sich in diesem Krähwinkel amüsieren!

Sie war unbedacht genug gewesen, in der ersten Erregung über den vermeintlichen Schimpf, den ihr ihr Mann angetan, Elten verschleierte Andeutungen zu machen. Sie fühlte sich unglücklich, unverstanden, sie ließ ihn ahnen, daß ihre Ehe nicht das Glück gebracht habe, das sie erwartet hatte. Und Elten, der »treue Freund«, ging auf ihren Kummer ein wie ein Fuchs, der weich und geschmeidig das Vöglein umkreist, dessen Nest er verderben will.

Zuerst fand Salome einen gewissen Trost in seinem Wesen, das immer unverblümter markierte, daß auch er französische Romane gelesen, und just der Mann sei, die Früchte zu ernten, die diese in dem Köpfchen des ehemaligen Backfischchens gereift. Bald aber bäumte sich in ihr der gesunde moralische Kern, der geblieben war, instinktiv gegen den Versucher auf. Zwischen Roman und Wirklichkeit war doch ein gewaltiger Unterschied, und ein gar anderes Ding, mit ruhigem Herz und Gewissen in einem Buch zu lesen und nur den momentanen Sinnenrausch bei den Erlebnissen einer Ehebrecherin zu empfinden, als selber die handelnde Person zu sein, und alles vor Gott und dem Gewissen verantworten zu müssen, was sonst die Romanheldin mit sich selber abzumachen hatte.

Da kam es ihr zum erstenmal in den Sinn, die beiden Männer, zwischen denen sie nun wählen sollte, ernstlich miteinander zu vergleichen. So sehr sich auch Trotz und Eigensinn dagegen wehrten, ihr gesunder Verstand und ihr im Grunde dennoch braver Charakter, der die erste Erziehung der deutschen Mutter nie verleugnen konnte, entschieden in allen Dingen für Siegfried.

Da kam es ihr erst klar zum Bewußtsein, wie verächtlich und sündhaft doch ein »Freund« sei, der des Nächsten Weib und dessen Ehre begehrt. Früher hatte sie sich keine Skrupel darüber gemacht; die Flirts sind Mode heutzutage – jetzt aber kamen ihr Bedenken. – Das machte sie noch nervöser, noch aufgeregter denn zuvor.

Elten, der sich bereits Sieger glaubte, ahnte nicht, wie er selber den Schleier zerriß, der die Augen der Seele bei diesem jungen Weib verhüllt hatte.

Schlaflos lag Salome und starrte mit brennendem Blick in das Dunkel. Der Kampf wogte in ihrem Herzen. Warum war Siegfried nicht auch ein so gewissenloser Mensch wie Elten, daß sie ihn hätte verachten können, so verachten, wie sie ihn oft zu hassen vermeinte? Dann würde sie sich nicht einen Augenblick gescheut haben, ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. So aber tat sie es; er sollte nicht besser, nicht edler, nicht rechtschaffener sein als sie.

War er es wirklich? Sie begann, ihn zu beobachten, sie begann plötzlich sich für ihn zu interessieren. Bisher hatte sie es nicht getan. Er hatte ihr gefallen, und sie ihn kühlen Bluts – aus Eitelkeit geheiratet.

Jetzt begann ihr Blut sich zu erwärmen, ja, es wallte ihr oft so ungestüm zum Herzen, als sei es auf dem besten Wege sich zu erhitzen.

Je mehr sie sein Tun und Treiben verfolgte, desto greller und vorteilhafter stach es gegen des Eltens ab. Er langweilte sich gesellschaftlich genau so wie sie, dennoch fiel es ihm nicht ein, einer Andern den Hof zu machen. Warum nicht? Weil er seine Frau so treu und innig liebte? Bei diesen Gedanken schlug Salome die Hand voll Zorn und Erbitterung vor das Gesicht.

Nein, er liebte sie nicht mehr. Sein Wesen war ganz anders geworden als früher, kühler, gleichgültiger, so, wie man mit der Zeit ein hübsches Bild anblickt, das man im ersten Entzücken gekauft, und von dessen wesenloser Überflüssigkeit man sich alsdann überzeugte.

Ein Bild! – Sagte er es ihr nicht selber, daß sie nichts anderes sei als ein schönes Bild, das sein Haus schmückte, nicht mehr und nicht weniger als jeder tote Gegenstand im Zimmer, der nichts mehr leistete als – da zu sein.

O diese Worte gellten ihr Tag und Nacht vor den Ohren, sie konnte nicht darüber hinauskommen, konnte sie nicht vergessen. Den ganzen Tag erinnerte sie das Tun und Lassen ihres Mannes daran.

Sie zitterte bereits vor Nervosität, wenn sie ihn kommen hörte, wenn sein erster Schritt nicht ihrem Boudoir, sondern der Küche galt, um dort nachzusehen, ob das Essen bereitet und wohlschmeckend sei, wenn er in das Speisezimmer trat, um sich zu vergewissern, ob der Tisch ordentlich gedeckt und alles am Platze sei, wenn er über große Wäsche verhandelte und über das Reinemachen, über die Einkäufe und Ausgaben – kurzum, wenn er sich für alles interessierte, was sonst die Sache der Hausfrau ist – nur für die Hausfrau selber nicht, denen er ja kaum bedurfte, und die nur das Gnadenbrot im Hause ihres Gatten aß.

Immer unerträglicher wurde dieser Zustand. Die Dienstboten hatten sich auch bereits daran gewöhnt, sie wie eine Null zu betrachten.

Sie führten ihre Befehle nicht aus, ehe sie nicht den Herrn Landrat um die seinen befragt hatten; sie wandten sich mit keiner einzigen Frage an sie, sondern nur an Herrn von Born.

In aufwallender Erbitterung hatte sie sich bei ihrem Vater darüber beklagt. Dieser tröstete sie. »Laß dir doch solchen Unsinn vollkommen gleichgültig sein, Prinzeßchen! Wenn du dich tüchtig amüsieren könntest, würdest du gar keine solchen Grillen fangen! Freue dich doch, daß du dich nicht mit solchen Dingen plagen mußt, und genieße deine goldene, freie Zeit! Eine vornehme Dame braucht keine Mägdearbeit zu tun, das entwürdigt sie!«

Wirklich? Entwürdigt sie das? Salome dachte lange darüber nach. Wie sehr entwürdigt es dann aber erst einen Mann, einen vornehmen Herrn, der dadurch ganz Ungebührliches leistete!

Außerdem verlangte Siegfried keine Mägdearbeit, er verlangte nur das, was sich eine Fürstin, eine Kaiserin zur Pflicht macht – ihre Stellung im Hause auszufüllen, das zu sein, wozu sie berufen war.

»Gründe einen Frauenverein in Feldheim! Beschäftige dich mit Wohltätigkeit – arrangiere Konzerte und Feste zum besten irgendwelcher Armut!« riet der Major.

Aber Salome schüttelte den Kopf.

Sie war zu klug, um sich nicht selber zu sagen, wie lächerlich sich eine Frau macht, die ihr eigenes Haus verkommen läßt, um der Verkommenheit anderer zu Hilfe zu eilen. Und Visiten machen, Schlittschuhlaufen, Spazierenfahren, ach die anderen Frauen in Feldheim hatten alle so viel zu tun und starrten die Dame, die in der Woche Visiten machte, an, wie eine Verräterin an Sitte und Ordnung. Auch sprachen sie meistens über ihre Wirtschaftsangelegenheiten, und weil Frau von Born darin nicht mitreden konnte, so schämte sie sich und mied die Philisterinnen.

Und Schlittschuhlaufen? Was für ein Vergnügen gewährte es denn, allein bei Wind und Wetter auf den überschwemmten Wiesen unter wimmelnden Kindern herumzusausen? Die Herren hatten just in den besten Tagesstunden Dienst. Siegfried würde sich vielleicht ihr zuliebe freigemacht und sie begleitet haben – allein sie mag ihn nicht darum bitten, denn es würde für ihn nur eine neue Mühe sein, die sie ihm aufbürdete. Also schwieg sie.

Wenn Rose doch öfters käme! Aber das dumme kleine Ding vermied jedes Begegnen mit Elten wie die Hölle. Sie machte nie einen Hehl daraus, daß sie ihn nicht leiden konnte, daß sie seine Schakalaugen nicht sehen möchte – Philosophie des Unbewußten.

Wie unerträglich wurde die Langeweile! Was hätte Salome darum gegeben, könnte sie sich irgendwie beschäftigen, aber alles, was sie begann, reizte sie nicht, denn es steckte kein Muß, keine Notwendigkeit dahinter, es war ebenso überflüssig wie sie selbst!

Sollte sie klein beigeben und Siegfried sagen, daß sie ihm helfen und bemüht sein wollte, eine gute, praktische Hausfrau zu werden?

Nein, sie konnte sich nicht so demütigen, es würde ein Schimpf für sie sein!

Wieder ein so unendlich langweiliger, tiefverschneiter Wintertag!

Salome hatte sehr lange mit der Schneiderin die Modebilder besehen und hatte sich sicherlich sechs neue Toiletten machen lassen, wenn sie nur in Feldheim zu verwenden gewesen wären! Nun, da sie endlich über ein sehr apartes Hauskleid, das die Herren bei ihren Abendbesuchen entzücken sollte, einig geworden waren, befand sich die junge Frau wieder allein.

Was anfangen? Siegfried war nicht daheim. Sie hatte Lust, Schlittschuh laufen, aber nicht allein. Kurz entschlossen, ohne sich im mindesten etwas dabei zu denken, schellte sie dem Diener und gab ihm einen Auftrag für Herrn von Elten. »Die gnädige Frau wolle auf dem Mühlgraben Schlittschuh laufen, ob der Herr Leutnant Zeit habe, sie zu begleiten?«

Es war das erste Mal, daß sie ihn dazu aufforderte. Und Elten antwortete in einem kleinen, stark duftenden rosa Billet, daß er dem Nixenruf, dem unsagbar beglückenden, folgen werde und ganz und gar ihr getreuer Page sein wolle. Der Mühlgraben sei aber so überfüllt – ob sie nicht der rücksichtslosen Jugend aus dem Wege gehen und sich seinem Schutz auf dem Schloßgarten-Weiher anvertrauen wolle? Er erwarte sie daselbst.

Einen Augenblick war Salome zweifelhaft. Der Weiher lag sehr einsam. Sie würde dort ganz allem mit Elten sein – eine Romansituation par excellence! Sollte sie gehen? Je nun, sie nahm den Diener mit. Er erwartete sie mit dem Pelz am Ufer und diente als Chaperon.

Sie ging. Elten kam ihr entgegen, und als sie ihm die Hand reichte, drückte er sie – kühner, anders noch als sonst.

Sie errötete, sie sah in sein Gesicht, das auch einen anderen Ausdruck zeigte als sonst. Er hatte ihren Ruf für eine Avance genommen und drückte das in seinem Wesen aus. Salome empfand das sehr wohl, sie war auch im ersten Augenblick erschrocken darüber, aber sie hatte nicht den moralischen Mut, der Gefahr durch rechtzeitige Umkehr auszuweichen. Auch befand sie sich gerade heute wieder in einer Stimmung, die all ihren Trotz herausforderte, ihren gleichgültigen, fischblütigen Gatten ein wenig zu ärgern. Da er sie vernachlässigte und kühl behandelte, war es seine Schuld, wenn die junge Frau sich anderweitig zu entschädigen suchte.

Sie preßte die nervös zuckenden Lippen zusammen, ließ sich die Schlittschuhe anschnallen und reichte Elten beide Hände entgegen, mit ihm über die einsame, sonnenglitzernde Eisfläche dahinzuschweben. Sie sah entzückender aus denn je.

Das kokette Sportkostüm, mit dem pelzverbrämten Jäckchen, dem kurzen, graziös wehenden Rock und dem kecken Biberbarett auf dem goldblonden Haar, hob ihre jugendliche Schönheit auf die vorteilhafteste Weise. Die Erregung und gereizte Stimmung ließen die Augen blitzen, und die Wangen färbten sich unter dem weißen Gazeschleier so zauberhaft frisch, wie ein Pfirsich am Spalier, der zu süßem Genusse lockt.

Und Eltens begieriger Blick streifte die verbotene Frucht und brannte schließlich ungeniert auf dem Antlitz seiner Begleiterin. Anfänglich hatte eine harmlose Unterhaltung die Zeit gekürzt, dann wurden seine Artigkeiten immer vielsagender und verfänglicher – sie schmollte ein wenig, aber sie amüsierte sich herrlich dabei, die Eva in ihr siegte unwiderstehlich, es reizte sie, das Feuer zu schüren – sie kokettierte mit ihm.

Weiter und weiter flogen sie dahin. Des Dieners Gestalt verschwand hinter den Tannen, dichtverschneites Gebüsch umgrenzte die Biegungen des Weihers, der in einen breiten Graben auslief und einen Teil des Parkes durchquerte. Und je weiter sie sich entfernten, desto einsamer waren sie, desto kühner wurde der blasse, hagere Mann an ihrer Seite, vor dessen Schakalaugen Rose sich fürchtete.

Er preßte ihre Hände ungestümer und neigt sein Haupt immer näher und näher dem ihren. »Es war ein junger Page – blond war sein Haar, leicht war sein Sinn –«

»Sehr leicht!! –«

»Der trug die seidene Schleppe der jungen Königin!«

»Auch beim Schlittschuhlaufen?«

»Auch da, immer, überall. Und wo ihm der greise König den Weg durch Türhüter und Drachen versperrte, da fand sich wohl eine Strickleiter…«

»Armer, alter König!«

»Törichter Egoist, der die Liebe eines Herzens erzwingen will, das nicht für ihn schlägt! Warum seufzen Sie, Salome? Gilt's dem König oder dem Pagen?«

Sie wandte das Köpfchen ab, er zog sie gar so nah an sich heran, und seine Blicke waren noch kühner als seine Worte.

»Lassen Sie uns umkehren!« sagte sie wie in jäher Angst.

Er hielt sie nur fester und stürmte mit ihr weiter. »Umkehren? Dazu ist es zu spät. Sie mußten beide sterben, sie hatten sich viel zu lieb« – – –

»Wieviel Uhr ist es, Herr von Elten?!«

Er schüttelte mit wunderlichem Lachen den Kopf; seine großen, weißen Vorderzähne blinkten hell unter dem Schnurrbart hervor.

»Dem Glücklichen schlägt keine Stunde – und ich bin jetzt glücklich! Sie nicht, Salome? Wenn Sie es leugnen, betrügen Sie sich selbst. – Die glücklichsten Menschen waren ja die ersten beiden im Paradies, denn sie waren allein –- so allein wie wir – und sie sahen die süße, verbotene Frucht winken – so wie wir! Und sie genossen das Verbotene voll kühner, allesvergessender Leidenschaft – auch so … wie wir?!« –

Er flüsterte die letzten Worte in ihr Ohr, und sie riß jäh die Hände aus den seinen und nestelte mit zitternden Fingern an ihrem Schleier.

»Ihr Vergleich ist nicht zutreffend!« entgegnete sie herb. »Das Glück, um das sich eine Schlange windet, ist kein wahres Glück!«

Sie wandte sich und floh hastig zurück, er versenkte die Hände lachend in die Taschen seines Attilas und folgte ihr – wie ein Schatten sauste er dicht an ihrer Seite dahin.

»Und was nennen Sie wahres Glück, grausame, kleine Göttin? Besser doch das sündhafte Glück in lohender Liebesglut, als das Erstarren und Erfrieren in dem Eishauch einer heiligen, langweiligen und gleichgültigen Ehe!«

Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Eine namenlose Angst überkam sie. So war er noch nie zu ihr gewesen, sein Benehmen wurde allzu keck und es beleidigte ihren Stolz, der deutscher und echter, als sie selbst gedacht, in ihrem Herzen flammt.

Sie sah ihn nicht an, sondern wandte den Kopf brüsk zur Seite. »Das ist Geschmackssache!« stieß sie kurz hervor, und da er ihre Hand abermals haschen wollte, verbarg sie sie trotzig in dem kleinen Muff, auf dem das Blumensträußchen matt herniederhing – die Blumen, die er ihr mit seinem rosa Billet heute gesandt hatte.

Er lachte noch mehr, fast klang es wie Spott.

»Gewiß ist das Geschmackssache! Aber Sie werden mich doch nicht glauben machen wollen, daß ich über Ihren Geschmack noch im unklaren bin?!«

Ein Riß durchquerte das Eis. Salomes Schlittschuh hakte sich fest darin, sie wankte und brach vornüber auf die Knie.

Ihr leiser Aufschrei verhallte im Winde. Ein paar Krähen strichen erschreckt aus laublosem Buchenwipfel auf, sonst war keine lebende Seele weit und breit. Da schlang Elten die Arme um die Gestürzte und riß sie wie in jäher, wilder Leidenschaft empor, einen Augenblick hielt er sie an seiner Brust.

»Ich weiß ja, wen Sie lieben!« – murmelte er mit flackerndem Blick, und seine Lippen neigten sich näher – immer näher den ihren, schon streifte sein heißer Atem ihre Wange. – Wie eine junge Löwin, außer sich, alles vergessend, warf sie sich zurück und blitzte ihn aus zornigen Augen in wilder Drohung an.

»Unterstehen Sie sich, mich zu küssen!« schrie sie in unüberlegter Anschuldigung auf; »ich liebe meinen Mann! Keinen anderen wie ihn allein – haben Sie mich verstanden?«

Er war von ihr zurückgewichen und maß sie mit kaltem Blick von oben bis unten. »Nein, meine gnädige Frau, ich habe Sie nicht verstanden!« entgegnete er mit beißender Ironie. »Denn nichts lag mir ferner als der Gedanke, Sie zu küssen, Ihre Eitelkeit verblendet Sie und läßt Sie beleidigend gegen einen Mann werden, dessen freundschaftlichen und harmlosen Verkehrston Sie sehr irrtümlich für tieferes Empfinden gehalten haben. Ebensowenig wie Sie mich lieben – liebe ich Sie! – Früher nicht – und jetzt erst recht nicht. Haben auch Sie mich verstanden, gnädige Frau?«

Und er klirrte mit kalter Höflichkeit mit den Sporen und kehrte ihr den Rücken.

Erstarrt, keines Wortes fähig stand sie da und fühlte ihren Herzschlag stocken. Alles Blut wich aus ihren Wangen, Tränen der Scham, des Entsetzens stiegen in ihre Augen. Welch eine Blamage! Welch eine tödliche Beleidigung. Sie hatte geglaubt, daß eher Himmel und Erde über ihr zusammenbrächen, als daß sie so etwas erleben könnte.

Mit schwindelnden Sinnen, kaum ihrer mächtig, wandte sie sich und eilte wie ein gehetztes Wild dem fernen Rande des Weihers zu, wo der Diener frierend auf und abschritt und erstaunt der allein zurücklehrenden Herrin entgegenschaute. Ganz langsam in der Ferne folgte Elten.

»Der Schlittschuh des Herrn Leutnant ist zerbrochen,« stieß Salome atemlos hervor: »Schnallen Sie ab! Ich bin eilig – wir können nicht warten!«

Sie fror, daß sie zitterte, wickelte sich in ihren Pelz und stürmte durch die ersten Schatten der Dämmerung heim.

Auch Elten schritt seiner Wohnung zu, aber langsam und behaglich, wie einer, der sein Ziel erreicht und es nicht mehr eilig hat. Er lächelte vor sich hin, sein zufriedenstes Lächeln. Er hatte erreicht, was er wollte. Nun sollte Frau Salome ihren Gott erkennen lernen! Glühte bisher noch ein Fünkchen Glück auf dem Bornschen Herde, so würde Elten dafür sorgen, daß es die Asche der Langeweile erstickte, für immerdar.

Währenddessen brannten hinter den Parterrefenstern des Hauses, an dem er just vorüberschritt, ganz besonders viele Lampen; auf jedem Tisch mindestens zwei, und es war für Feldheimer Verhältnisse unendlich feierlich.

Hier wohnte die verwitwete Frau Bergrätin von Hammer und gab einen Damenkaffee. Sie besaß drei Töchter, späte Mädchen, die den Ausspruch Metternichs: »Man muß sich mehr gefürchtet wie beliebt machen« zu dem ihren erwählt hatten. Man liebte sie nicht, aber man fürchtete sie.

Als es in Feldheim und Umgegend ruchbar geworden war, daß Tante Sidonie nach Erben ihres beträchtlichen Vermögens suche, hub eine wilde Jagd nach der Gunst der Frau Professorin an. Man drängte sich in erlaubter und unerlaubter Weise dazu, ihre Bekanntschaft zu machen, und da die gelehrte Witwe gerade ihr wissenschaftliches Werk vollendet und an den Verleger abgesandt hatte, wandte sie sich nun wieder etwas mehr der Geselligkeit zu, suchte und fand sie überall, wo sie sich blicken ließ, so daß sie oft selber nicht wußte, in welche der vielen geöffneten Arme sie sich nun zuerst stürzen sollte.

Das Geld ist eine despotische Macht, es zwingt die Nacken der freiesten Menschen ins Joch, es macht aus der wütendsten und bissigsten Dogge ein schweifwedelndes Schoßhündlein, und aus Krähen, die einander zuvor nach den Augen gehackt, sanfte Täubchen sonder Galle.

Der Reigen um das goldene Kalb begann; ein Wettlaufen und Überfuchsen, ein Legen von Minen und Gegenminen, ein Kampf um Roma-Sidonia. Und nichts war spaßhafter zu sehen, als die Gefeierte inmitten ihrer Vasallen, grob und rücksichtslos, selbst ihren Günstlingen gegenüber voll stets verletzender Wahrheit, und doch dabei die Angebetete, deren bodenlose Derbheit als »Charakter« bewundert, deren Anmaßung applaudiert, deren Beleidigungen mit süßem Lächeln demütiger Hingebung verschluckt wurden. Die Einladungen für die Frau Professor häuften sich, im seltensten Falle aber wurde die Familie von Welfen mitgebeten, von dem Landrat von Born und dessen Frau schon gar nicht zu reden, denn Tante Sidonie sprach sich ja so entzückend deutlich aus, daß sie für dieses Ehepaar nicht die mindesten Sympathien empfinde.

Das war für die Damen Hammer maßgebend, ebenfalls den Stab über das Landratsamt zu brechen – sie waren Hammer und schlugen zu. Und jetzt brannten alle Lampen in ihrer Wohnung, der Duft selbstgebackener Kringel, Plätzchen und Napfkuchen durchzog festlich die Luft, auf den Steinfliesen des Hausflurs knirschte frischgestreuter Sand, und Guste, die dienstbeflissene, hatte sogar weiße Zwirnhandschuhe über ihre frostbeschädigten Hände ziehen müssen, da die Frau Bergrätin wußte, was sich gehörte, und zu Lebzeiten ihres Mannes sogar Gesellschaften mit »dem« Lohndiener gegeben hatte.

Dieser Lohndiener existierte noch immer in Feldheim und erfreute sich einer ganz außergewöhnlich angenehmen Stellung in der Gesellschaft. Lud er die Frau Bürgermeisterin zu dem »Teekränzchen« bei Apothekers ein, so wurde er in die gute Stube genötigt und nahm dankend ein kleines Likörchen entgegen. Er saß dann auf dem Sessel, die Dame auf dem Sofa, und die Unterhaltung währte ein Weilchen. »Ist nicht viel los, Fran Bürgermeisterin!« flüsterte er vertraulich, »eine sogenannte Abfütterung, viel Pack dabei! Ihr lila Seidenes reicht aus dafür! Und die Schangschang-Seidenbänder an der Haube sind noch lange gut für das Vergnügen! – Aber nächstens wird bei Rittmeisters eine Tanzvisite sein, da werden sie schon Ihr Bordeauxrotes mit den Astern drangeben müssen!«

Und die Frau Bürgermeisterin gab es dran.

Ja, Herr Facklam, »der« Lohndiener des Städtchens, war Faktotum, er bediente die Väter, beriet die Mütter und verlobte die Töchter – aber er kannte auch den Wert seiner Leistungen und ließ sie sich bezahlen. Zwölf gute Groschen (nach altem Geld) pro Abend, das war zuviel für eine verwitwete Bergrätin. Dafür hatte sie delikate Makronenspeise hergestellt, die der Frau Professorin entschieden gut geschmeckt hatte, denn wenngleich sie auch schimpfte. – »Eine so schwere Speise am Abend ist eine Rücksichtslosigkeit gegen die Gäste, liebe Hammer!« hatte sie doch viermal davon zugelangt.

Dann hatte sie aber immer ungeduldig nach der Uhr gesehen. Seit fünf Uhr war es dunkel, jetzt hatte es sieben geschlagen, und der Wagen aus Jeseritz hielt noch nicht vor der Tür, wie sie doch so strenge befohlen hatte.

Nichts haßte Tante Sidonie mehr, als Unpünktlichkeit, und sie machte ihrem Groll energisch Luft.

Die anwesenden Damen rangen die Hände und wehklagten über die schauerliche Behandlung, die die herrlichste, liebenswerteste aller Frauen in diesem Verwandtenhause ertragen müsse.

Tante Sidonie regte sich immer mehr auf. Sie griff schließlich mit wütender Energie nach dem Pompadour und den Filzhandschuhen und stand mit hartem Ruck auf. Die zunächst herandrängenden Damen und die jüngste Hammer, die an ihrer Seite niedergesunken war und voll stummer Inbrunst ihre Hände küßte, stieß sie über den Haufen. »Ich warte nicht länger! Ich gehe dem Wagen jetzt entgegen – werde daraus, was wolle.«

Ein wahrer Tumult erhob sich. »Bei dieser Kälte? Dieser Dunkelheit? Nur über meine Leiche!«

Aber Frau Sidonie blieb starr und fest: »Hole ich mir den Tod, so sind die lieben Jeseritzer schuld daran!« grollte sie.

»Gut! Gehen Sie wirklich, dann gehe ich mit Ihnen! Ich überlasse Sie nicht allein Ihrem Schicksal – ich sterbe mit Ihnen!« rief die sentimentale Schwester des Doktors in höchster Ekstase.

Dieses Wort zündete. Keine gönnte der Rivalin einen solchen Vorsprung im Rennen. Wildes Zanken und Schreien, endlich entschied die Frau Rentmeisterin: »Gut, dann gehen wir alle mit und geben das Geleit.«

So geschah es. Die Gastgeberin Hammer erklärte sehr spitz:

»Der Platz an der Seite der teuern Frau gebührt mir, als Wirtin!«

Sprach's und hängte sich wie eine Klette an den Arm der Professorin. Um den andern Arm schubste und trat man sich, endlich hatte sich die Bürgermeisterin herangedrängelt.

Der Auszug begann. Wie weiland der Rattenfänger führte Tante Sidonie die Blüte Feldheims zum Tore hinaus. Vor dem Landratsamt fielen stachelige Worte: »Ob die Verehrer schon versammelt sind? Frau Salome thront ja jeden Abend im Kreise von fünf bis sechs Hausfreunden! Hihi! Die Hammern hat neulich einen so schönen Witz gemacht! ›Den männlichen Harem‹ nennt sie die Salons der Frau von Born!« Riesiges Gelächter. Auch Tante Sidonie lachte rauh auf und versetzte die witzige Hammern dadurch in den siebenten Himmel.

In langer Reihe schunkelte die animierte Kaffeegesellschaft die Jeseritzer Chaussee entlang. Guste, die mehr Trinkgeldsgroschen geerntet, als sie erwartet, taumelte wie trunken vor Freude mit der Laterne voran. Als Rätin durfte Frau Hammer zwei Lichte darin brennen. Man begann sogar zu singen: »Laurentia, liebe Laureutia mein, wann werden wir wieder beisammen sein?«

»Mund halten! Greuliches Gequieke!« donnerte die Professorin, »ich kann nicht hören, ob ein Wagen kommt!«

Tiefe Stille. »Ja, es ist taktlos zu singen, wo wir doch noch nicht wissen, wie diese Winterpromenade der geliebten Frau bekommen wird!« triumphierte die Doktorsschwester, die aus »Unmusikalischkeit« geschwiegen.

»Horch – ein Wagen!« – »Er ist's!« – »Endlich!« –

Tante Sidonie schüttelte die Damen von sich ab wie ein Pudel die Flöhe, und trat mit drohend erhobenem Arm dem Gefährt, das langsam in der Dunkelheit heranrollt, entgegen: »Nichtswürdiger, wo bleiben Sie? Ich warte schon seit einer Stunde auf Sie!«

»Auf mich? I gar Madamchen! Na, da steigen Sie ein, ich bin der Leichenwagen!«

Gellendes Geschrei des Entsetzens. Guste, die naseweis den Wagen beleuchtet hatte, schleuderte mit wild fuchtelnden Armen den ahnungslosen Pferden die Laterne gegen die Knochen, daß sie splitternd erlosch, und wandte sich, als sei der Tod ihr auf den Fersen, zur Flucht.

Ihr Beispiel steckte die Damen an. Muffen und Schirme wirbelten durch die Luft – ein markerschütterndes Geschrei hallte durch die stille Nacht, und wie ein Haufen Spreu, in den der Wind fährt, wirbelte alles in sinnloser Panik davon.

Allein, von allen Getreuen verlassen, stand Tante Sidonie. Sie war abergläubisch und trotz all ihrer Forschheit furchtsam bis zur Feigheit. Sie stand wie gelähmt, der Schreck war ihr in alle Glieder gefahren, sie wollte laufen und konnte nicht. Und vor ihr, allein mit ihr in dunkler, einsamer Nacht, der Totenwagen! Schauderhaft.

»Hilfe! Hilfe!« ächzte sie.

Da nahten eilige Schritte. »Tante Sidonie? Sie hier? Um alles in der Welt, ist ein Unglück passiert?«

»Siegfried!« Die Professorin stürzte sich auf den rettenden Engel, den Landrat, und umklammerte ihn mit den langen Armen. Ihre Zähne klapperten: »Rette mich, mein Neffe!« – Sie schien einer Ohnmacht nahe. Born umschlang sie mit kräftigen Armen. »Dort steht mein Haus! Ich beschütze Sie, liebe Tante.« Und er trug mehr, als daß sie ging, die Feindin unter sein Dach.

»Hüh – hott!« sagte hinter ihnen der Leichenfuhrmann, knallte mit der Peitsche und lachte: »Nee so was, Herr Landrat!«

XVIII.

In Jeseritz hatte die Kaffeestunde geschlagen. Draußen sauste der kalte Nordwind durch den verschneiten Park und rüttelte an den Fenstern, aus denen behaglich helles Lampenlicht strahlte und seinen Widerschein auf die weißglitzernden Zweige warf.

Rose waltete heute ganz besonders heiter ihres Amtes; sie hatte die Eltern durch einen vorzüglichen Rahmkuchen überrascht, dessen Rezept sie sich in Liebenstein von der freundlichen Hotelwirtin erschmeichelt hatte.

Nun endlich war sie dazu gekommen, es auszuprobieren, und wie trefflich das Experiment geglückt war, bewies der Appetit, das wohlwollende Nicken der Mutter und ein beinahe zärtliches Schmunzeln des Majors, das Rose nur sehr selten an ihm zu sehen bekam.

Er zog ihre blühend kräftige Gestalt in dem einfachen »selbstgeschneiderten« Hauskleide und dem hellen Latzschürzchen in die Arme und küßte die rosigen Wangen seiner Jüngsten.

»Bist ein Prachtmädel, Kleinchen! Denkst immer daran, deinen Alten eine Freude zu machen! Vorhin hat mich die Mamsell in die Waschküche geholt, damit ich mir deine aufgepäppelten Hühnchen ansehen sollte! Das laß ich mir gefallen! Wahre Prachtexemplare sind es geworden, und du hast recht getan, damals deinen Willen durchzusetzen.«

»Nächsten Herbst wirst du es auch an den Feldhühnern merken, Papachen, daß ich recht tat, all die Eier, die man beim Mähen der Felder in den zerstörten Nestern fand, durch unsere Hennen ausbrüten zu lassen! Hoffentlich sind die Tierchen anhänglich und bleiben unserem Revier treu!«

»Ja, der Hühnerhof kann sich kein besseres Pflegemütterchen wünschen, als unsere Rosel!« lächelte Frau Dora mit stolz glänzendem Blick. »Und der Garten und die Ställe ebensowenig! Ich denke schon mit Schrecken an die Zeit, wenn sie einmal verwaisen werden!«

»Wie meinst du das, Mütterchen?« knurrte der Major.

»Je nun, wenn … wenn…«

»Ein Königssohn kommt, dein Aschenbrödel zu holen?« lachte Rose hell auf. »Unbesorgt, Mamachen! Ich lebe auf so selbständig großem Fuß, daß mir nie ein Glaspantoffelchen passen wird!«

»Hm, hm,« schmunzelte Welfen mit zwinkerndem Blick, »ich kenne einen, der unter einen recht großen Pantoffel kommen möchte!«

»Ich nicht, Väterchen.«

»Wirklich nicht? – Kleiner Racker, ich glaube, du spielst nur aus Koketterie das Kräutlein ›Rühr' mich nicht an‹!«

Rose schüttelte vergnügt das Köpfchen: »Wirklich nicht! So modern erzogen bin ich nicht. – Nicht wahr, Miß Dolly, ich mache weder lyrische Gedichte, noch seufze ich im Mondenschein? Ich bin furchtbar nüchtern und bis in die kleinste Fingerspitze hinein unverliebt!«

»Das sein die Wahrheit! Selten ich habe gesehn eine junge Lady, was seien so nichtsnutzig denkend von die Heirat wie Miß Rose!«

»Alte, das kompromittiert uns! Unsere glückliche Ehe müßte dem Mädel doch Appetit machen?«

»Sie wartet ja nur, bis der Rechte kommt, der ein genau so vortrefflicher Ehegatte ist wie du, lieber Ernst!« scherzte Frau Dora.

»Das laß ich gelten! – Ist's das, Kleinchen, he?«

Rose stippte gelassen ein Stück Kuchen ein und blickte schelmisch zu dem Frager auf. »Nur das, Vater! Zum heiraten gehören zwei, und obwohl ich Prachtexemplar reichlich für zwei gelten könnte, zählt das doch leider nicht auf dem Standesamt!«

»Ein blauer Husarenattila zählt aber doppelt!«

»Wirklich? Wer es tut, möchte sich leicht verrechnen. Ich will nie in der Stadt leben, ich würde in den engen Straßen ersticken und bekäme das Zipperlein, weil ich nicht genug in Haus und Hof schaffen könnte. Ohne mich geht es nicht in Jeseritz – ich muß als notwendiges Übel bis an mein Lebensende kontraktlich hier verpflichtet werden, sonst steht ihr euch selber im Licht!«

Wulf trat ein und blieb an der Tür stehen.

»Na, was ist los, Alter?«

»Befehl, Herr Major. Mamsell läßt das gnädige Fräulein bitten, einmal herunterzukommen; sie wollen mit der neuen Maschine buttern und kommen nicht recht zuwege damit!«

»Gleich! – Ich komme schon! Selbstverständlich muß es gehen, es will nur ausprobiert sein!« – Rose trank hastig ihren Kaffee aus, nahm den Kuchenrest in die Hand und eilte mit Augen, die vor Eifer und Interesse blitzten, zur Tür.

»
Oh – dearest Miß Rose wir müssen haben unsere lesson of reading now!!« klagte Miß Dolly.

»Komme gleich wieder! Schlagen Sie derweil auf!« hallte es wie ein Echo zurück, und Mißchen erhob sich in ihrer langsam phlegmatischen Art, seufzte: »
yes«, machte eine steife Verbeugung und zog sich zurück.

Auf diesen Augenblick schien Frau Dora gewartet zu haben. Sie warf noch einen schnellen Blick hinter sich, ob sich die Tür tatsächlich hinter der Engländerin geschlossen habe, dann rückte sie lebhafter auf ihrem Stuhle vor und legte die Hand auf den Arm des Gatten, der sich soeben nach den Zeitungen ausstreckte.

»Ernst – –«

»Na?«

»Hast du ein bißchen Zeit für mich, bester Schatz?«

Der alte Offizier neigte sich und küßte ritterlich die kleine, weiche Hand. »Immer, Dorchen, das solltest du doch wissen!«

Ihre Augen senkten sich mit prüfendem Blick in die seinen; sie lächelte, »und hast du auch recht gute Laune und wirst nicht gleich loswettern?«

Er nahm momentan die Zigarre aus dem Munde und strich sich langsam über den Kopf. »So etwas ist's?« fragte er gedehnt; »na, frisch weg von der Leber! Je eher eine bittre Pille geschluckt wird, desto schneller ist es überstanden!«

»
Mir deuchte sie gar nicht bitter!«

Er rückte unruhig vom Tisch ab, und schlug das Bein über:

»Sie haben sich mal wieder gezankt und du hast die Sache wieder glattgebügelt! Unsinn! Das Gewitter muß erst einmal mit Donner und Blitz losplatzen, ehe die Luft rein wird – jeden Krakehl in der Knospe ersticken, taugt nichts – er bricht wo anders hervor, die Natur will ihr Recht haben!«

Er hatte lebhaft in seiner polternden Weise gesprochen, jetzt blickte er gespannt in das ruhige, freundliche Antlitz seiner Frau.

»Du denkst immer nur an Salome; interessiert dich Roses Schicksal nicht auch ein wenig?«

»Rose?« Er neigte sich vor, als habe er nicht recht verstanden. »Die Kleine? … Nun, ich dächte, deren Schicksal braucht mir noch kein Kopfzerbrechen zu machen; sie sitzt Gottlob noch im warmen Nest!«

»Noch! Aber wie lange noch?«

Der Major fuhr erregt mit den Fingern durch die Haare. »Nun, so Gott will, viele lange Jahre noch! Hast es ja eben selber gehört, daß sie noch die reine Gletscherjungfrau ist und nicht einmal für einen Husaren schwärmt!«

»Weil der Rechte noch nicht gekommen!«

»Schnickschnack – sie kennt sie bereits alle! – Ich bitte dich, Mütterchen, sieh keine Gespenster am hellen lichten Tage!« Und er wollte abermals nach der Zeitung greifen.

Wieder legte Frau Dora die Hand unterbrechend auf seine Rechte. »Stopp!« lachte sie, »du sollst gleich eine Gespenstererscheinung bewundern! Hier! Aufgepaßt!« – Und sie griff in die Tasche und zog einen Brief hervor. Ihre Finger bebten ein wenig, sie war nicht so ruhig, wie sie scheinen wollte.

»Potz Blitz und Knall! Ein Liebesbrief oder ein Heiratsantrag? Zeige her, ich schieße den Kerl tot!«

»Nicht postwendend, wenn es sein kann!« lachte Frau von Welfen, den Brief aus dem sehr eleganten Umschlag ziehend: »Der Kerl ist vorläufig eine Dame!«

»Eine Dame? – – Nun denn: erscheine, o weiße Dame!«

Er warf einen Blick auf das Papier: »Meine geliebte, beste, treue Seele!« – las er. »Hm … bin ich etwa damit gemeint?«

»Das wollte ich mir denn doch verbitten; die Frau ist jung, schön und reich!«

»Also nur im letzten Punkte ist sie dir über!« neckte er, »heraus mit der wilden Katze! Sie heißt?« Und er wandte den Brief um: »Deine altgetreue Hortense! Hm, etwa Hortense Schilling?«

Frau Dora nickte mit schier zärtlichem Blick. »Ja, von meiner geliebtesten, besten Freundin, Hortense von Schilling!«

»Ich dächte, deren Briefe hätten in deinem Leben zum täglichen Brot gehört – warum erscheint dieser plötzlich aus der vierten Dimension?«

»Soll ich ihn vorlesen, oder willst du selber an die Lektüre gehen?«

Nielsen tat ein paar behagliche Züge an der Zigarre, stand auf, faßte die Hand seiner Frau und zog sie mit sich nach dem gemütlichen alten Ledersofa im Ofeneckchen. Den Brief warf er auf den Tisch zurück. »Unsinn, Mütterchen, wozu sollen wir beiden Grauköpfe unsere Augen anstrengen! Du hast die Sache schon durchgeschmökert, also machen wir es uns bequem. Komm und ›setze dich, liebste Eveline nah, ganz nah zu mir‹ – so – dichte bei! Und nun erzähle mir kurz und schmerzlos, was die Schillingsmutter will, und was sie mit unserem Nestküken zu schaffen hat!«

Frau Dora lehnte den Kopf an seine Schulter, er schlang den Arm fester um sie – so saßen sie wie dermalen, als Hortense den ersten Brief an die junge Frau von Welfen gerichtet. Draußen sauste und brauste es; die Eiskörnchen prasselten gegen die Scheiben, und das Feuer im Kamin rauschte auf wie ein seidenes Gewand, in das der Wind stößt.

»Nun erzähle, Mütterchen.«

»Hortense war meine liebste und beste Freundin, die einzige Freundin, die ich je im Leben besessen. Ich habe sie seit Kind auf geliebt wie eine Schwester.«

»Hm, weiß ich, mein gutes Dorchen – ich habe die Frau auch immer gern gehabt, obwohl sie dich meiner Ansicht nach stets unter dem Pantoffel hatte.«

»Niemals, Ernst; sie war klüger und welterfahrener als ich; ich fuhr nie besser im Leben, als wenn sie mir den Kurs angegeben!«

»Sie billigte auch deine Neigung zu mir – he? Hat nie gegen mich intrigiert?«

Frau Dora lachte. »Niemals, im Gegenteil, sie pflegte und bestärkte meine Liebe zu dir von Anfang an!«

»Und das nennst du klug? So einen Kerl wie mich protegieren? – Nette Menschenkenntnis! Also der verdankst du, daß du dich derart in die Nesseln gesetzt hast mit deinem Alten!«

»Pst! Keine bösartigen Bemerkungen über meinen Mann!! Also – Hortense steht mir nächst dir und den Kindern am nächsten im Leben, und ihr Joachim ist mein Pate…«

»Der Achim! Na ja! Was ist eigentlich aus dem Bengel geworden? Vor Schillings Abreise nach Bern habe ich ihn wissentlich das letztemal gesehen! Ein wilder, frecher Flachskopf! Weißt du noch, Dorchen? Wir hatten den einen Mittag, die lieben Gäste zu feiern, ein Diner gegeben, lauter Würdenträger und Vorgesetzte, und während wir fröhlich bei Tisch sitzen, kriecht der Lümmel, der Achim, unter der breiten Tafel durch und näht die ganze Gesellschaft mit starkem Hanfzwirn zusammen!«

Frau von Welfen lachte hell auf. »Richtig! Das hatte ich ja beinahe vergessen! Das allgemeine Entsetzen beim Aufstehen war unglaublich komisch.«

»Und ein andermal hatte der Strolch uns allen ausgewaschene, naßkalte Schafdärme in die Betten gelegt, so recht gemein quer über die Matratze unter die Bettdecke – und wie man die Füße ausstreckte, wickelte sich einem das aalglatte Zeug um die Beine! Verfluchte Idee das! Die Bonne bekam ja rein die Krämpfe und schrie wie besessen: ›Eine Schlange! Eine Schlange!!‹ – Das reine Wunder, daß niemand einen Schlaganfall bekam! Netter Pate das – schäme dich Dorchen!«

Frau Dora sah wirklich einen Moment ganz verlegen aus. Aber sie lachte trotzdem und sagte sehr eifrig: »Ja, er war ein fabelhaft humoristisch veranlagtes Kind, sehr geweckt und geistig rege! Nun er hat es ja auch bewiesen!«

»Bewiesen? Ich dächte der Bengel hätte sein Examen spät genug gemacht!«

»Ich bitte dich, Ernst, bei dieser Hauslehrererziehung. Hätten sich die Eltern entschließen können, den Jungen in Deutschland in Pension zu geben, wäre es bei weitem besser gewesen. Solch ein ewig wechselndes Leben im Auslande, wie es eben einem Diplomaten beschieden ist, kann ja gar keinen geregelten Unterricht ermöglichen.«

»Deine kluge Freundin hätte das bedenken und ihn in das Korps stecken sollen!«

»Ernst – ihr einziges Kind?«

»Ach was da! Einziges Kind! Nun haben sie's!!«

»Was haben sie? – Einen flotten Leutnant hatten sie, der ihnen nur Freude bereitete!«

»Hatten sie? Steht der Schlingel denn nicht mehr bei den Ulanen?«

»Nein, er hatte das Unglück, sich bei einer Jagd die Hand sehr schwer zu verletzen; der Daumen mußte sogar amputiert werden, und das macht ihn zum Dienst untauglich.«

»Donnerwetter! – Pech!! – Na, zum Glück kommt es nicht darauf an, die Alten haben ja einen großen Sack voll Geld! Was soll er aber nun anfangen? Lediglich den Globetrotter spielen?«

»Wo denkst du hin! Das würde durchaus nicht nach Joachims Sinn sein! Im Gegenteil, er hat selber den Wunsch ausgesprochen, Reutin bewirtschaften zu dürfen! Seit drei Wochen ist er in Berlin, um landwirtschaftliche Vorträge zu hören, und im April – ja nun kommen wir zu des Pudels Kern –- im April möchte er gern für etliche Zeit hierher zu uns kommen.«

»Zu uns? Hier gibt's nichts zu lernen! Der Reutiner Pächter ist ein viel bedeutenderer Mann als unser alter Schafsdämel hier.«

»Väterchen –« Frau Dora schlang die Arme zärtlich um seinen Nacken, »nicht allein um des Lernens willen kommt er! Die Angelegenheit ist schon ganz geregelt. Der Pachtkontrakt von Reutin währt noch drei Jahre, und der Pächter hat sich in liebenswürdiger Weise erboten, Achim in dieser Zeit gründlichst anzulernen. Nun aber ist der Junge so sehr an ein Familienleben gewöhnt, und Hortense fürchtet, die Einsamkeit des Landlebens wirke nicht günstig auf ihn. Sie hat ihm zugeredet, zu heiraten, und Achim ist auch ganz einverstanden damit. – Nun will ich dir einmal etwas beichten, Alterchen! Seit langen Jahren ist es schon Hortenses und mein heimlicher Herzenswunsch, einst Rose und Achim als Paar zu sehen.«

»Kreuz Millionen –! Dieses Kiekindiewelt! Dieses Kind – unsere Rose schon heiraten? Und noch dazu den frechen Bengel, der die Leute zusammennäht??«

»Gerade den, Väterchen! Aus Kindern werden Leute, und aus dem kleinen, flachsköpfigen Schlingel von ehemals ist ein schmucker, bildhübscher Mann geworden!«

»Und da will der Monsieur hier auf Brautschau kommen?«

»Ja, er will's; aber Rose darf selbstverständlich nichts davon ahnen.«

»Gewiß nicht. Fehlte auch noch! Setze dich hin und schreib' der Hortense, unsere Rose sei noch ein Baby und dürfe vor Jahren nicht an heiraten denken!«

»Rose wird siebzehn Jahre alt, bis sie heiratet, zählt sie achtzehn – also genau dasselbe Alter wie Salome, als sie Frau von Born wurde!«

Der Major war erregt aufgesprungen. »Du warst ja bei unserer Ältesten so sehr gegen das frühe Heiraten, und nun kannst du dein Nestküken gar nicht früh genug in das Elend hineinbringen!«

Er schritt mit heftiger Bewegung auf und nieder, Frau Dora aber antwortete sehr ruhig: »Es ist ein großer Unterschied, wer heiratet. Salome, das Pensionskind, war viel zu jung mit ihren achtzehn Jahren – Rose aber war schon mit sechzehn Lenzen imstande, einen Haushalt energisch zu leiten. Und dann …, es kommt immer auf den Charakter an. Die Schwestern sind so grundverschieden. Wenn Rose den Achim liebgewinnt, wird sie ihm alles Glück sofort in die Ehe mitbringen, das Borns erst nach schweren Kämpfen erringen werden. Um Rose brauche ich mich nicht zu sorgen.«

»Gleichviel – ich habe ganz andere Absichten mit dem Mädel!«

»Joachim ist die glänzendste Partie, die man sich denken kann!«

»Das Geld spricht nicht mit. Born ist auch ein vermögender Mann – macht das die Salome etwa glücklich? Im Gegenteil – es sieht jammervoll um das Glück im Landratsamte aus, und das quält und peinigt mich Tag und Nacht! – Ein schlapper Esel war ich, mich von dem unverständigen Kinde breitschlagen zu lassen! Hätte ich nur damals auf meinem Willen bestanden und der Graphologie mehr vertraut, als den blinden Augen eines betörten Mädchens! Ja, ja, die Graphologie! Sie ist der Schlüssel zu jeglichem Charakter, und ich habe mir zugeschworen, ihn künftighin besser zu benutzen. An Rose will ich wieder gutmachen, was ich an Salome versäumte! Das versichere ich dir, Mutterchen, und davon beißt keine Maus einen Faden ab!«

»Nun – ich bin überzeugt, daß du aus Achims Schrift die besten Dinge heraus liest! Vor allem aber wollen wir ihn einmal kennenlernen.«

»Ich habe schon jetzt ein Vorurteil gegen ihn, weil er ehemals ein ungezogener Junge war und mir jetzt meine Pläne durchkreuzen will!«

Frau von Welfen lachte: »Du hast Salome verheiratet, ich verheirate Rose.«

»Wenn der Vater die Einwilligung gibt!«

»Wir streiten um des Kaisers Bart. Wenn er Rose nicht gefällt und sie ›nein‹ sagt, habe ich weder zu verheiraten noch du zu segnen.«

»Vor allen Dingen soll der Bengel einmal an mich schreiben – ohne Schriftprobe kein Zugeständnis!«

»Nein, du sollst ihn erst kennenlernen und dann seine Schrift sehen. Ich bin nicht gewillt, das Lebensglück meines Kindes wegen einer Narrheit in Stücke schlagen zu sehen.«

Das klang sehr fest und sehr entschieden, und die sonst so sanften Augen der liebenswürdigen kleinen Frau hafteten so klar und bestimmt auf ihrem Gatten, daß der Major im Auf- und Niederschreiten innehielt.

Er trat neben seine Gattin und zog sie an die Brust. »Die Löwin streitet für ihr Junges!« lachte er, »und die kleine Verlobungskomödie schlägt plötzlich ernste Töne an. Unsinn, Dorchen! Sie soll ein Lustspiel bleiben. Meinetwegen laß den Herrn Leutnant a. D. hier antreten, eine Besichtigung verpflichtet ja nicht. Gefällt er uns allen – bon – ist seine Schrift, so wie sie sein soll, bon – ist Rose einverstanden – sehr gut. Kann er aber meine Sympathien nicht gewinnen und bietet seine Schrift keine Garantie für seinen Charakter, dann könnt ihr euch meinetwegen auf den Kopf stellen – ihr erreicht euern Willen nicht. Zum zweitenmal lasse ich mich nicht gegen meine ureigenste Überzeugung breitschlagen – an einem Herrn Schwiegersohn mit unharmonischer Handschrift habe ich gerade genug, damit Punktum!« Er neigte sich, versetzte seiner Frau einen Kuß, der mehr einem Schnabelhieb glich und schritt nach der Tür. Über der Stirn starrte der Krakeelstrupp in alle Lüfte, und Frau Dora kannte dieses drohliche Wahrzeichen.

Sie verschlang Momentan die Hände im Schoß und seufzte tief auf. Ein wunderlicher, unberechenbarer Mann! Statt sich der angenehmen Aussicht zu freuen, einen Schwiegersohn, der fraglos zu den besten Partien des Landes gehörte, für seine Tochter zu finden, wehrte er sich in eigensinniger Laune dagegen, weil der junge Mann das Pech gehabt hatte, ihm als Kind einmal zu mißfallen und ärgerlich zu sein!

Seine Graphologie-Marotte begann außerordentlich lästig und für die ganze Familie verhängnisvoll zu werden! Was vermochte die harmloseste Schrift zu verschulden! Sie entschied über Glück und Unglück, gleichviel, ob sie dazu berechtigt war oder nicht.

Bei Borns würde alles besser stehen, wenn nicht die Buchstaben in Siegfrieds Brief zu einem giftigen Samen geworden wären, die verderbliche Wurzeln in der Einbildungskraft des Majors geschlagen und von dort hinübergriffen in alle Gedanken Salomes!

Ein Vorurteil, ist der schlimmste Ballast, der einem Menschen anhangen kann. Vorurteile sind wie Unkraut, das nicht auszurotten ist. Sie sind unsichtbare Feinde, gegen welche man nicht kämpfen kann, und die ihre Opfer aus dem Hinterhalt hervor überfallen und ihnen die Schlinge um Muß und Hals werfen. Auch Siegfried rang vergeblich dagegen. Joachim durchkreuzte die Pläne des Majors? – Inwiefern?

Frau von Welfen starrte sinnend geradeaus. Ihr Mann hatte eine besondere Vorliebe für Elten, wollte er Rose für diesen Freier aufheben? Welch ein greulicher Gedanke! Schrieb der Premierleutnant eine sympathische Schrift, so war das wohl das einzig sympathische an ihm.

Wie sehr fatal für Joachim, er würde einen schweren Stand bekommen.

Welfen war ein Starrkopf; er verbiß sich in eine Schrulle und hielt daran fest. Das bewies sein unauslöschlicher Grimm gegen den unbekannten Feind aus Ruhla. – Er hatte zwar nie darüber gesprochen, wohl aber war er einmal darüber eingeschlafen, und da erfuhr Frau Dora durch den Zufall doch von dem, was sie nicht wissen sollte.

Ihr Mann benahm sich, als müsse er einen der ärgsten Verbrecher auskundschaften. Er hatte ein Faksimile von dem Vers seines Gegners anfertigen lassen und schickte dieses in der Welt herum, in der Hoffnung, den Namen des Unbekannten doch noch zu erforschen. – An Universitäten, Regimenter, Regierungen – o es war einfach lächerlich. Anscheinend hatte er eine Belohnung ausgesetzt für den, der den Schreiber nachwies. Sicherlich würden bald alle Journale und Zeitungen die bedeutungsschweren Schriftzüge widerspiegeln! Wie war es möglich, daß ein Mann sich derart in eine Idee vernarren konnte! – So ungeheuer war die Schuld des Schreibers nicht, denn Welfen hatte seinen Namen nicht unter sein Gedicht in das Fremdenbuch gesetzt, also richtete die Antwort sich nicht gegen ihn, sondern ebenfalls an einen Unbekannten. Der Major aber trieb die Sache auf die Spitze.

Je nun, Langeweile und ländliche Einsamkeit haben schon manche Grillen großgezogen, und so lange sie harmlos bleiben, kann man ja den Sonderlingen ihren Spaß daran gönnen. Bei dem Besitzer von Jeseritz entwickelte sich aber die Grille zu einer Marotte, die zu einer Plage für die ganze Umgebung auszuarten drohte.

Frau Dora hob entschlossen das Haupt und griff mit fester Hand nach dem Schlüsselkorb. Um dieser Mine eine Gegenmine zu legen war sie noch da – und sie würde es tun. Sie würde eine tapfere, mutige Mutter sein, die für das Glück ihres Kindes eintrat – für Roses Glück! – Ja, wußte sie denn, ob Joachim von Schilling das Glück ihres Lieblings verkörpern würde?

Abwarten. Nicht in den Fehler des cholerischen Vaters verfallen. – Ihre Augen wachten ja über dem Lockenköpfchen ihrer Jüngsten Tag und Nacht, sie würden sehen, wenn es Zeit zum Handeln war, wenn es galt, zwei junge Herzen vor den feindlichen Haufen »unharmonischer Schriftzeichen« zu schützen.

Ein Lächeln der Zuversicht spielte um ihre Lippen, sie nahm Hortenses Brief sorgfältig wieder an sich und blickte zu dem dunklen Nachthimmel empör – sie hatte schon so viele Jahre auf die Erfüllung ihres Lieblingswunsches gewartet – sie würde noch ein paar Monate länger warten können! – Und dann nahm sie den Schlüssel zu den Vorratskammern aus dem Korb und schritt zur Mamsell, um mit ihr über das Abendbrot zu beraten.

Wo nur Tante Sidonie blieb! Solange hatte sie noch niemals auf sich warten lassen. – Sicherlich kam der NJagen bei dem hohen Schnee nicht gut vorwärts.

Nielsen hatte in allen Tonarten geschimpft, daß die Uran Professorin jetzt so gesellig geworden war und so oft die armen Pferde anstrengte, aber er schimpfte nur bei dem Inspektor, denn über eine Frau, die seine Graphologie derart zu Ruhm und Ehre gebracht hatte wie sie, durfte er nicht offiziell loswettern.

Und während er jetzt ungeduldig über den Wirtschaftshof schritt und mit seinen hohen Pelzstiefeln sogar bis vor das Tor hinaus stampfte, der Kutsche entgegenzusehen, lag Tante Sidonie in dem verhaßten Hause des Landrats auf der Chaiselongue und empfand es mit innerer Genugtuung, wie man besorgt war, sie zu pflegen.

Salome war tatsächlich sehr erschrocken, als Siegfried mit der wuchtigen, süßen Last im Arme, nach Hause gekeucht kam. Anfänglich hatte Tante Sidonie, noch sehr ermattet von dem Schreck, sehr schweigsam ein paar Kognaks getrunken und sich die kalten Hände reiben lassen. Nur ihre großen, runden Glasaugen wanderten mit kritischem Blick durch den behaglichen Salon und über die Gestalten des so teilnehmenden und besorgten Ehepaars.

Als sie endlich zu Worte kam, stieß sie kurz hervor: »Wie greulich protzig habt ihr euch eingerichtet! Erleuchtet ihr etwa jeden Abend die ganze Wohnung?«

»Wir sind so frei – sogar im Pferdestall brennt eine Lampe!« entgegnete Siegfried trocken, und er sah aus der Grobheit der lieben Tante, daß es ihr gottlob wieder wohler war.

»Und Kognak habt ihr auch immer angeschenkt stehen?«

»Das versieht sich; aber nur eine Masche mit drei Sternen, diejenige zu fünf Sternen wird nur verzapft, wenn es sich lohnt!«

»Aha!– Und bei der Erbtante lohnt es sich?« höhnte die Frau Professor mit immer frischeren Kräften.

»I wo! Keine Spur!« Siegfried drehte die Flasche sehr gelassen nach dem Licht: »
voilà – nur drei Sterne! Eine Erbtante, von der wir sa doch nichts erben, rangiert mit den Neujahrsgratulanten auf einer Stufe!«

Momentan war Frau Sidonie etwas erstaunt.

»Warum schlepptest du mich denn gleich hierher?« fragte sie alsdann ironisch.

»Aus Nächstenliebe. ›Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu‹ – Nein, Tante, ein Drückeberger bin ich mein Lebtag nicht gewesen, und wenn ich andern Leuten eine Unannehmlichkeit ersparen kann, tue ich es gern.«

Er sah sehr freundlich aus, hob die Flasche und schenkte die Likörgläschen noch einmal voll. »Na Prost, Tante Sidonie, zur Gesundheit! Auf daß Sie uns recht bald wieder verlassen können!« Und er bot ihr elegant den vierten Kognak an.

Einen Augenblick starrte sie ihn sprachlos an, dann kam ein Grunzen über ihre Lippen; halb Amüsement, halb Entrüstung.

»Sie sind unverschämt grob, Herr Neffe!«

Er verneigte sich verbindlich. »Ich wahre stets die Höflichkeit, auf den Ton einzugehen, den meine Gäste anzuschlagen belieben!«

»Hm.«

»Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, Tante Sidonie, was dir eigentlich passiert ist?« fragte Salome teilnehmend, und da Siegfried just hinausgerufen wurde, nahm sie an der Seite der Leidenden Platz. Es lag etwas ungewöhnlich Weiches und Schmerzliches in der Stimme der jungen Frau, und Tante Sidonie richtete sich plötzlich auf dem einen Ellenbogen in die Höhe und sah ihr scharf in die Augen, die sichtlich verweint waren.

»Glaubst du an Vorbedeutungen?« fragte sie leise, mit völlig veränderter Stimme.

Salome seufzte tief auf. »Ja, Tante, ich glaube daran, ich habe schon seit Tagen eine unheimliche Ahnung gehabt, daß heute –« Sie unterbrach sich kurz und schluckte neuaufquellende Tränen hinab.

Ein etwas mißtrauischer Blick streifte sie. Es schien der Frau Professorin sehr erstaunlich, daß die Sympathie der stets schlecht von ihr behandelten Nichte eine so große war, daß auch sie die Begegnung der Tante mit dem Leichenwagen als etwas sehr Unheimliches vorausahnte. War das Verstellung? Erbschleicherei?

Nein! Ein Blick in das blasse Gesichtchen mit der unverfälschten Leidensmiene überzeugte Frau Sidonie, daß sie es hier mit echtem Schmerz und echter Teilnahme zu tun hatte. – Seltsam; hatte sie Salome so völlig verkannt? Sie war gewiß zu stolz gewesen, um früher ihre wahren Gefühle zu zeigen, ebenso wie Siegfrieds Grobheit nur ein Deckmantel für seine liebevollen Gefühle war. Daß er es gut mit ihr meinte, sah sie an seiner ganzen Art und Weise, als er ihr soeben Hilfe in der Not gebracht hatte.

Nein, diese beiden wollten nicht erbschleichen! Tante Sidonie umklammerte jählings den Arm der Nichte.

»Salome – ich glaube nicht nur an die Vorbedeutungen – ich bin sogar abergläubisch! Ich bin fest überzeugt, daß meine Begegnung mit dem Leichenwagen meinen Tod bedeutet!«

Ihre Stimme klang dumpf und unheimlich, und Salome, die sowieso schon sehr nervös war, bedurfte nur noch dieses geringen Anstoßes, um völlig ihre Beherrschung zu verlieren. Was die Tante sprach, hörte sie eigentlich nur halb, ihre Gedanken waren noch wie magnetisch an die greulichen Ereignisse auf der Eisbahn gebannt. Aber die Klangfärbung der Stimme wirkte das ihre. Salome sank jählings an die Brust ihrer Feindin. »Ach es ist entsetzlich!« stöhnte sie »Gott verhüte, daß es ein schlimmes Ende nimmt – ich überlebte es ja nicht!«

Tante Sidonie war sehr betroffen, es überkam sie ein nie gekanntes Gefühl der Rührung bei einer solchen Teilnahme.

»Gutes Kind! … Hm … so ein braves Herz hast du also doch … hm … hatte dich wahrhaftig nicht darauf taxiert, meine Meinung war keine hohe von dir! … Ja, ja, der Leichenwagen! Wenn er kommt, etwas Liebes abholen, dann versinkt aller Groll und Haß, dann merkt man erst, wie schwer das Scheiden ist, selbst von Menschen, die einem zuvor gleichgültig oder gar unangenehm waren!«

Salome dachte nur an ihren Zwist mit Elten, an seine möglichen Folgen – gar an ein Duell. Sie schluchzte so leidenschaftlich auf, daß die Frau Professorin den letzten Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit verlor.

»Tante – liebe, beste Tante, ach nur das nicht!« »Es steht in Gottes Hand, mein Kind!« seufzte Sidonie so milde wie noch nie zuvor. »Aber wenn der Tod so quasi seine Visitenkarte abgegeben … oh, wie konnte ich auch nur sagen, daß ich solange schon auf ihn warte! – Dann muß man auf alles gefaßt sein!«

»Auf alles gefaßt sein! – Nein, nein! Ich dulde es nicht, ich bin bereit, jedes Opfer zu bringen, um das Schlimmste zu verhüten!« schrie Salome auf und dachte dabei an das Duell.

Ihre Nachbarin weidete sich an dem Schmerz und der Sorge, die das Herz der Nichte um ihretwillen zerrissen. Soviel treuer Hingabe war sie noch nie zuvor begegnet.

»Gutes Kind!« nickte sie abermals voll Wehmut, »das hat schon manch eine gewollt, und der Tod nahm doch nur das, was er sich selber aussuchte. Als mein Mann starb, hat er es auch vorher geahnt. Da blieb seine Uhr acht Tage lang jede Nacht um die elfte Stunde stehen – und in der neunten Nacht um die elfte Stunde starb er.«

»Gott im Himmel!« Salome schnellte schreckensbleich empor und starrte nach dem Regulator. Gottlob, er tickte noch ganz gemütlich und hob soeben zum Schlage aus, richtig die achte Stunde zu verkünden. – Auch Tante Sidonie erhob sich bei diesem Klang. »Er geht noch richtig« – sagte sie, »er weiß noch nichts von der Vorbedeutung des Leichenwagens. Aber er mahnt mich an den Heimweg. – Ganz allein in dieser dunklen Nacht fahren … in meiner Aufregung – o Salome – es ist mir sehr unbehaglich zumute!«

Die Tür öffnete sich, Siegfried trat wieder ein. Er hörte die letzten Worte.

»Dann schlage ich noch einen kleinen Aromatique vor, Frau Tante! – Der wärmt und erheitert.«

Sidonie wollte empört auf eine solche Nichtachtung ihrer heiligsten Gefühle antworten, aber sie besann sich noch rechtzeitig, daß diese Sprechweise des Landrats lediglich seine Weichheit bemänteln sollte.

»Danke, Ihre einfältigen Scherze erheitern mich am besten, darum leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft!« antwortete sie trocken.

Er zuckte die Achseln. »Ich hoffe nicht, daß Sie noch lange Zeit zum Hierbleiben haben – der Wagen wartet drunten!«

»Das heißt, die liebe Tante vor die Tür setzen?«

»In den Wagen setzen!« Er sah in Salomes heißgerötetes Gesichtchen. »Nanu? Warum weinst du denn?« fragte er überrascht.

Die junge Frau wußte ihre Augen nicht besser zu verstecken, als an der Professorin Schulter. »Ach die arme Tante ist noch so nervös und aufgeregt, ihr graut davor, allein fahren zu müssen! …« schluchzte sie abermals.

»Aber Herzchen, darum braucht es doch keine Tränen!« Der Landrat lachte und fuhr fort: »Wenn die Tante meine Gesellschaft angenehmer als die des Totengräbers findet, so bin ich gern bereit, sie nach Jeseritz zu bringen!«

»Hm … Sie wollten wirklich? … Je nun, in der Not frißt der Teufel Fliegen – bene, ich nehme Sie mit!«

»Einverstanden – ich die Fliege – Sie der Deiwel. Aber Sie stehen sich besser dabei, Sie haben alsdann Abendbrot und ich nicht!«

»Ach ja, du wirst hungrig sein, Siegfried?« fragte Salome kleinlaut.

»Na, dann gib ihm schnell sein Abendbrot, sonst reißt er mich während der Fahrt durch die Zähne!«

»Nein, Tante – das nicht! – Wir haben zwei Rosse vor dem Wagen – lieber noch Pferdefleisch als Leder!«

»Hm … Sie können beinahe so grob sein wie ich!«

In der Stimme der Tante lag etwas wie Anerkennung. Der Landrat aber fuhr fröhlich fort: »Zu essen bekomme ich vor neun oder halb zehn Uhr doch noch nichts; ich hatte heute keine Zeit mehr, die Anordnungen in der Küche zu treffen, darum ist noch nichts vorbereitet!«

Sein Blick streifte Salome, die zu seiner Überraschung dunkelrot bei diesen Worten wurde, dann wandte er sich zu der Frau Professorin und bot ihr galant den Arm: »Darf ich Sie zu Ihrem Pelz führen, Frau Tante? – Der Wagen wartet wie gesagt, und ich … ich möchte das Vergnügen gern bald … überstanden haben!«

»Hm … sehr deutlich!« nickte Tante Sidonie, aber sie sah ganz wohlgefällig dabei aus. Und dann nahm sie Abschied von Salome.

»Und du fürchtest dich nicht, allein zu bleiben? Ah, so, es kommen gewiß wieder ein halbes Dutzend Hausfreunde, dich zu beschützen? Wie?!«

»Nein, Tante, es kommt heute niemand!«

»Aber morgen … und übermorgen? Soll ja eine tolle Wirtschaft hier im Hause sein?«

»Auch morgen und übermorgen kommen keine Herren, liebe Tante!« Sie sagte es leise, abermals mit einer Stimme, durch die Tränen zitterten.

Siegfrieds Blick streifte abermals die Sprecherin, aber er nahm keine Notiz von ihren Worten. Da geschah etwas Seltsames. Tante Sidonie legte den Arm um die junge Frau und klopfte schier zärtlich ihren Rücken. »Hm … also nicht. – Diese verfluchten Lügenmäuler, die dir etwas anhängen wollen … diese elenden Erbschleicher! … Habe sie heute durchschaut, wie sie mich im Stiche ließen und nur an sich und ihre eigene Rettung dachten! – Hm … armes Kind, du wirst viel verkannt! – Na – Kopf hoch! – Ich besuche dich bald mal wieder.«

Noch einen derben Schlag auf die Schulter, und die Frau Professorin schritt zur Tür. Nicht ganz so resolut und wuchtig wie sonst – es lag etwas Fremdes in ihrem Wesen.

XIX.

Als Salome allein war, sank sie in einen Sessel und weinte weiter. Nicht mehr allein um den Zwist mit Elten, es kam plötzlich noch etwas anderes dazu. Der arme Siegfried mußte hungrig in die Nacht hinausfahren, weil seine pflichtvergessene Frau keine Lust und Zeit gehabt hatte, ihm Abendbrot zu besorgen.

Noch nie waren ihr seine Worte so peinlich, so quälend gewesen wie soeben. Es lag wohl an ihrer nervösen, rührseligen Stimmung, daß sie alles so schwer nahm. Ja, wenn der Leichenwagen etwas Liebes abholt, dann ist es zu spät, Versäumtes und Vergessenes nachzuholen – zu spät.

Und wenn es wirklich zu einem Duell kam, wenn Siegfried womöglich durch Eltens Kugel sterben mußte, lediglich darum, weil seine kokette, kindische, unüberlegte Frau das Unheil heraufbeschworen hatte – für nichts und wieder nichts ein Menschenleben – ein Glück, ein ganzes Dasein aufs Spiel setzte –! Was dann?

Dann würde sie plötzlich über alles nachdenken, was sie verschuldet hatte, dann – wenn es zu spät ist.

Eine fiebrige Unruhe erfaßte sie. Sie sprang auf und eilte in das Eßzimmer. Der kahle, ungedeckte Tisch starrte sie an wie ein bitterer Vorwurf. Das Feuer im Kamin war erloschen; wer sollte sich darum bekümmern, wenn die Hausfrau für nichts Sinn und Augen hatte? – Es wehte wie ein Hauch kalter Lieblosigkeit durch das ungemütliche Zimmer, und Salome empfand ihn mit bang klopfendem Herzen – zum erstenmal.

Da stand der Holzkorb neben dem Kamin. Sollte sie schellen und das Feuer frisch entzünden lassen? – Nein! – Es überkam sie plötzlich wie das quälende Verlangen, etwas gutzumachen, etwas zu büßen. Ehe sie es selber wußte, kniete sie vor dem Kamin und schichtete mit bebenden Händchen die dicken Eichenkloben darin auf.

Und nun Schwefelhölzchen … Hier standen sie. Wie das durch den Schlot blies! Jedes Hölzchen losch aus, ehe sie es recht an das Holz heranbringen konnte! – Es wollte nicht brennen! Zitternd vor Ungeduld und Aufregung versuchte sie es aufs neue. Umsonst. – Vielleicht half Papier. Sie legte eine Zeitung unter die Scheite und steckte sie in Brand. Das Papier flammte hell auf – aber das Holz entzündete sich nicht.

Wie schwer war es, Feuer anzumachen! Salome hätte es nie gedacht. Es sah so leicht ans, wenn sie morgens im Bett lag und das Stubenmädchen den Ofen heizte. Nein, sie konnte es nicht, nicht einmal Feuer anzünden konnte sie –! Und wenn es sein müßte? Wenn die Not sie einmal in eine Lage brächte, wo sie es müßte? – Kürzlich noch las sie von den Flüchtlingen der französischen Revolution, von Fürstinnen, Marquisen und Komtessen, reichen, verwöhnten Damen, die es nicht verstanden, sich selber einen Strumpf anzuziehen, die nicht wußten, wann das Wasser kochte, die nichts anderes gelernt hatten, als sich zu putzen und zu amüsieren. –- Und diese Frauen wurden plötzlich hinaus in das Elend gestoßen, hilflos, mittellos, nicht imstande, auch nur das Notdürftigste zur Erhaltung ihrer Kinder und ihrer selbst zu leisten. Da war vielleicht manche Familie zugrunde gegangen, weil die Mutter kein Feuer machen und kochen konnte, weil sie es nicht verstand zu arbeiten, um sich und ihre Kinder zu ernähren.

Entsetzlich! – Salome fühlte, wie ihr ein kalter Schauder durch die Glieder rann.

Und dann las sie ein Stück von Ludwig Fulda, das die Unwissenheit und Unbehilflichkeit der reichen Leute geißelte. – Ein Schiff strandete und eine Gesellschaft verwöhnter Menschen wird auf ein wüstes Eiland verschlagen. – Dort müssen sie für sich selber sorgen – und können es nicht, weil sie nicht lernten, was das Leben am ersten und dringendsten erfordert.

Salome strich mit der bebenden kleinen Hand über die Stirn und begann von neuem, Streichhölzchen in Brand zu stecken. Aber die Eichklötze brannten dennoch nicht an.

Gütiger Himmel, war sie denn wirklich nur eine Puppe, nur ein Spielzeug, nur ein wesenloses Bild im Hause ihres Mannes? –- Ein etwas, dessen Fehlen niemand empfinden würde? – Ein tiefer, qualvoller Seufzer rang sich über ihre Lippen – es deuchte ihr, als fände er ein Echo hinter ihr.

Sie wandte den Kopf und erglühte bis auf den weißen Hals hinab. Hinter ihr, zwischen den Portieren stand Gottfried, ein Tablett mit Tellern und Tassen regungslos in den Händen, und stand und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf seine elegante Gebieterin, die vor dem Kamin kniet und Feuer anmachen will.

Ein Laut der größten Überraschung, und Gottfried setzte den Präsentierteller so hastig auf den Kredenztisch, daß die Gläser klirrten, und eilte an die Seite seiner Herrin.

»Das Feuer … gnädige Frau …« stotterte er, »ich werde sofort neu anstecken …«

Salome faßte sich: »Ja, machen Sie schnell Feuer an, Gottfried!« nickte sie ein wenig abseits blickend, aber sie verharrte in ihrer knienden Stellung.

»Wollen gnädige Frau nicht erst in den Salon treten? Es möchte am Ende ein bißchen rauchen!«

Frau von Born schüttelte eifrig das Köpfchen und zwang sich zu einem harmlosen Lachen. »Nein, Alter, lassen Sie mich hier! Ich möchte gern sehen, wie Sie das machen!«

»Befehl, gnädige Frau!« Und Gottfried zog schnell sein derbes Taschenmesser, schnitzte Späne von dem Holz und spaltete kleine Stücken ab, und dann schichtete er sie sorgsam zu einem kleinen Scheiterhaufen auf. Nun ein wenig Papier dazwischen – und dann in Brand gesteckt.

Richtig! Die kleinen Späne flackern sofort auf, und als es knisterte und sprühte, legte der Alte sorgsam die größeren Holzstücke darum her, hübsch luftig gebaut, daß die Flamme überall einschlagen konnte.

Salome verwandte keinen Blick von seinen Händen. »Wo haben Sie das eigentlich gelernt, Gottfried?« fragte sie erstaunt, »Sie find doch ein Mann – und haben es nicht nötig, Frauenarbeit zu verrichten?«

Der Alte schmunzelte. »Ja, das sagt man so, gnädige Frau, aber ich meine immer, man kann nie genug lernen und braucht alles zum Leben! Ei du meine Güte, wie oft muß auch der Mann einmal Frau spielen! Wenn das Weib krank liegt, oder seine Sache noch nicht recht versteht, ja dann bleibt unser einem nichts anderes übrig, als zuzugreifen, damit der Hausstand nicht zugrunde geht.«

Er verstummte und fuhr sich erschrocken mit der Hand nach dem Mund. Die junge Frau vor ihm wurde blutrot im Gesicht, und da fiel ihm erst ein, daß der Herr Landrat ja auch Tag für Tag die Hausfrau spielen muß! Aber er lenkte schnell ein und fuhr heiter fort, indem er tüchtig in das Feuer hineinblies: »Ei, gnädige Frau, was war das Anno 70 für ein Glück, daß ich Feuer machen konnte! Im Feld hatten wir keine Frauen dazu, und es war bitter kalt, und Hunger hatten wir wie die Bären! Ja, da hieß es auch, selbst ist der Mann! Und die Bratkartoffeln, die ich dem Herrn Landrat seinem Vater – was damals mein Herr Rittmeister war – im Biwack gebraten habe – die schmeckten ihm noch nach zehn Jahren gut! Hat der gnädige Herr nie davon erzählt?« – Und Gottfried machte ein so pfiffiges Gesicht, daß Salome schnell fragte: »Nein, aber warum waren die denn so besonders gut?«

Da kicherte der Alte wie ein Schalk: »Der Herr Rittmeister aß so gern Bratkartoffeln, und weil es Weihnachtsabend war, wollte ich ihm gern eine Überraschung bereiten! Aber du lieber Gott… Butter oder Fett haben, wenn man vor Paris in einer halbzerschossenen Baracke auf Wartezeit sitzt! – Na, da kam mir eine gute Idee. Ich machte mich heimlich über den Koffer von meinem Herrn Rittmeister her, weil ich wußte, daß wir so mancherlei noch hatten, was ein paar französische Bagagewagen uns in die Hände gespielt, und richtig, da war eine – eine kleine Salbenbüchse mit wunderschön riechendem Fett darin! Davon nahm ich und briet die Kartoffeln darin – und die Herren Offiziere waren ganz außer sich und sagten: so was gutes von Bratkartoffeln hätten sie noch nie zuvor gegessen!«

»Wirklich? – Ja aber Gottfried, was war es denn für ein Fett?«

»Es war Bartwichse, gnädige Frau! Aber verraten habe ich dem Herrn Rittmeister dieses gute Rezept erst nach dem Feldzug, als wir wieder daheim waren!«

Salome mußte trotz all ihres Kummers hell auflachen, und Gottfried rieb sich die Hände und lachte mit.

Das Feuer brannte hell auf, und Salome blieb allein davor stehen und schaute mit ihren verweinten Augen zu, wie die Flämmchen aufzuckten und die roten Funken lustig emporsprühten.

Sie hatte genau zugesehen, wie Gottfried seine Sache gemacht, und das nächste Mal würde sie es auch können. Morgen sollte das Feuer wieder ausgehen, und dann probierte sie abermals ihr Heil.

Sie setzte sich auf einen Stuhl und dachte nach… über viele Dinge, an die sie früher noch niemals gedacht hatte, und dabei beobachtete sie verstohlen, wie Gottfried lautlos hin und her schritt und den Tisch deckte …

Möglicherweise zwang sie auch einmal irgendeine Lebenslage selber den Tisch zu decken, und sie hatte sich noch nie darum bekümmert, was eigentlich alles darauf gehörte und wie man es nett hinstellte. Die Damen der französischen Revolution und die Leute auf der einsamen Insel wollten ihr gar nicht aus dem Sinn kommen.

Wie oft hatte ihre Mutter gesagt: »Man muß alles im Leben können und verstehen – braucht man es auch nicht selbst zu tun, so kann man doch seine Leute besser kontrollieren und steht immer auf eigenen Füßen, ohne von anderen abhängig zu sein.«

Sie hatte gelangweilt zugehört und das Näschen gerümpft. Die Theorie überzeugte sie nicht von der Wahrheit dieser Worte – die Praxis tat es.

Es war ihr plötzlich, als sei sie blind gewesen und eben erst sehend geworden. Sie sah jetzt Dinge, die sie früher nicht gesehen hatte. Und die Stunden flogen dahin wie Minuten. Seltsam – es kam kein Besuch, sie war ganz allein, und doch langweilte sie sich nicht.

Wie gern wäre sie auch einmal in die Küche gegangen, aber sie schämte sich. Sie mochte ihrer Köchin nicht zeigen, daß sie alles von ihr lernen mußte. Je nun, es gab ja auch in den Zimmern Arbeit genug für sie.

Ein Wagen rollt herzu. – Siegfried.

Ihr Herz klopfte hoch auf. Sie hätte ihm entgegenlaufen und ihm um den Hals fallen mögen, es war ihr so weich und weh um das Herz, sie sehnte sich nach einem lieben Wort, nach seiner alten Zärtlichkeit – sie hatte all ihre Sorge und Aufregung an seiner Brust ausweinen mögen. Aber – was würde er davon denken? Seit Wochen ging sie ihm nicht mehr entgegen, seit Wochen hatte sie keinen innigen Gruß, kein herzliches Anschmiegen mehr für ihn gehabt – sollte sie es heute einmal wieder versuchen?

Sie verschlang die bebenden Hände ineinander und blickte ihm zaghaft entgegen.

Er trat ein – hastig, sichtlich müde und abgespannt. »Guten Abend, Salome!« nickte er und reichte ihr im Vorübergehen die Hand: »ich bin sehr hungrig – bitte schelle nach dem Essen – ich ziehe mich derweil aus,« und schritt durch das Zimmer.

Wie kühl, wie gleichgültig.

Warum sollte er sich auch vor ein Bild hinstellen und es liebevoll ansehen und streicheln? Das stumme, nutzlose Ding hatte ja doch keinen Dank dafür und er sah es schon lange genug, er kannte es.

Wie Bitterkeit überkam es sie. Er liebte sie nicht mehr. Sie war ihm gleichgültig geworden.

Sie! Das Prinzeßchen, die angebetete, umschwärmte Salome! – 0h, wie das ihre Eitelkeit verletzte! – Vorerst sprach diese immer noch das Hauptwort, all die anderen Empfindungen, wie Herzeleid und Sehnsucht gingen unter in dem Kampf, der ihr Inneres aufwühlt.

Siegfried kehrte zurück, das Abendbrot wurde serviert und schweigsam genossen. Nur etliche Male scherzte der Landrat über Tante Sidonies Abenteuer, über ihre plötzliche Freundschaft – auch brachte er Grüße von den Jeseritzern.

Salome antwortete das Notdürftigste.

Dann räumte Gottfried ab, Born erhob sich und griff nach den Zeitungen. »Wir sind heute abend allein, wenn es dir recht ist, lese ich meine Zeitung in deinem Salon.«

Ihr Auge leuchtete unwillkürlich auf, sie nickte hastig. »Gewiß!«

Und als er sich in dem kleinen lauschigen Boudoir niedersetzte, ging sie nebenan in sein Zimmer, holte seinen kleinen Rauchtisch und stellte ihn an seiner Seile auf.

Er schaute sie betroffen an. »Wozu das? Du liebst es doch nicht, wenn ich dein Zimmer einräuchere?«

Sie beugte sich über den Vogelkäfig und deckte die aufflatternden Reisvögelchen zu. Der Landrat sah nicht, wie sie errötete.

»Bitte rauche nur, du magst es ja so gern, und Elten und der Rittmeister rauchten ja in letzter Zeit auch immer ihre Zigaretten hier!«

Sein Blick haftete forschend auf ihrem Antlitz. Sie war so verändert, so unerklärlich.

»Warum kommt eigentlich niemand heute abend?« fragte er leichthin.

Sie wandte sich nach ihrem goldgegitterten Bücherständer und tat, als wähle sie eifrig ihre Lektüre. »Es ist doch nicht nötig, daß jeden Abend Gäste hier sind!« – entgegnete sie achselzuckend.

»Du versichertest Tante Sidonie, es würden auch in den nächsten Tagen keine Besuche kommen?«

»Wohl möglich!«

»Salome … ist etwas vorgefallen?«

Wie ruhig er fragte. Ihre Hände bebten, sie legte das Romanbuch jählings nieder.

»Ja, ich habe mich mit Elten gezankt!« stieß sie kurz hervor, aber sie wandte sich nicht um, damit er nicht die Tränen sah, die ihr wieder in die Augen schossen.

Er lachte. »Ach so! Darum dein befremdliches Wesen! Nun, so gar schlimm wird es doch nicht gewesen sein?«

»Sehr schlimm!«

Seine Stirn runzelte sich plötzlich; Salome sah es nicht. »Hat er etwa gewagt, dich irgendwie zu beleidigen?« fragte er ernst.

Sie zuckte zusammen. »Nein. – Im Gegenteil.«

»Im Gegenteil? – Was heißt das?«

Sie neigte das Haupt sehr tief. »Ich beleidigte ihn!« flüsterte sie.

Nun lachte er abermals laut auf. »Inwiefern das? Hattest du schlechte Laune und ließest du das den armen Kerl entgelten?«

Sie antwortete nicht, sondern setzte sich abgewandt von ihm vor das Feuer und stieß mit dem eisernen Haken in die Glut.

»Erzähle doch, Frauchen! – Wie kam es denn zum Streit?« amüsierte er sich harmlos.

»Ach bitte, erinnere mich nicht daran« – schluchzte sie plötzlich in ihr Taschentuch. Aber sie weinte nicht um Elten, ein ganz neues, fremdes Gefühl preßte ihr die Brust zusammen. Wie leichthin behandelte er diese ganze Sache – er lachte darüber, und fand es ganz gleichgültig, ob seine Frau sich mit ihren Verehrern zankte oder vertrug. Nein, er liebte sie nicht mehr.

Er deutete ihre Tränen falsch. Ein schmerzliches, wehes Beben ging um seine Lippen, aber er biß die Zähne zusammen.

»Ich bitte dich, Kind, sei doch nicht komisch! Die Sache ist doch keiner Träne wert! Elten wird ja nicht ewiglich grollen, und wenn du willst, gehe ich morgen hin und versöhne ihn wieder!«

Auch das noch! War er denn nicht eine Spur eifersüchtig? Wollte er ihr die Verehrer selber noch zurückholen, anstatt sich zu freuen, daß die Nebenbuhler das Feld räumten?

Wie ein Aufschrei ging es durch ihre Seele.

Sie sprang auf und warf das Köpfchen stolz in den Nacken. »Um keinen Preis wirst du das tun!« rief sie heftig, »Herr von Elten existiert nicht mehr für mich, und wenn er wieder hier in das Haus kommt, bin ich nicht für ihn zu sprechen, hörst du?«

»Aber Kind, Kind, wer wird eine Sache derart auf die Spitze treiben!« Borns Stimme klang unverändert, aber in seinen Augen leuchtete es auf wie ein plötzliches Verstehen, wie ein Ahnen von sehr großem Glück, an das er aber noch nicht zu glauben wagt.

Wäre es möglich, daß Elten keck geworden? Daß die brave, kleine Frau sich ihrer Pflicht bewußt gewesen war und ihn zurückgewiesen hatte? – Könnte es sein, daß sie sich ihm nun wieder in der alten Liebe zuwandte? Das würde das Morgenrot bedeuten, das den Sonnenaufgang verkündete.

Nun galt es mit aller Vorsicht und Klugheit zu Werke gehen; die Sonne durfte nicht wieder im Nebel untergehen; brauste ihr der Morgenwind zu hoffnungsfroh entgegen, trieb er leicht Wolken herauf und hüllte sie selber darin ein.

Salome war wie eine Blume im Frühling; es nützte nichts, wenn man voreilig die Knospe aufsprengte und die Deckblättchen auseinanderbrach, die Blüte selber mußte sich zu ihrer Entfaltung durchringen. Und Born lächelte vor sich hin und wartete auf das liebe Wunder.

Er hätte aufspringen, die kleine Frau an sein Herz ziehen und ihr die Tranen von den Augen küssen mögen, aber just dies würde sein wie rauhe Finger, die die Knospe gewaltsam öffnen wollen. Er blieb ruhig auf seinem Sessel sitzen und entfaltete die Zeitung. »Man ißt nie so heiß wie man kocht!« sagte er, »und wenn Elten dir nicht mehr die Schleppe tragen darf, nun, so sind ja noch andere Herren genug da, die mehr als gern in die vakante Pagenstelle eintreten!«

Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und antwortete nicht mehr.

Eine große Veränderung war in dem Hause des Landrats vor sich gegangen. Es war sehr still darin geworden.

Die allabendlichen Gäste, die sonst Leben hineingetragen, blieben aus. Herr von Elten hatte einen kurzen Urlaub angetreten, und als er zurück kam, behauptete er, sich eifrigst seinen Studien hingeben zu müssen. Er wollte sich für die Kriegsakademie vorbereiten und arbeitete zu angestrengt, um gesellig leben zu können.

Der Rittmeister klagte über Nervosität »nd verlangte ebenfalls nach Ruhe, und der kleine Leutnant, der am wenigsten im Hause Born verkehrt hatte, verlobte sich ganz überraschend mit der Enkelin eines benachbarten Gutsbesitzers und verbrachte jede freie Stunde bei der Braut.

Dies war der einzig stichhaltige Grund, gegen den man nichts einwenden konnte. Über den Rittmeister und Elten jedoch zerriß sich ganz Feldheim die Mäuler. Ersterer war nicht krank und letzterer arbeitete nicht. Sie saßen abends in dem Restaurant oder folgten Einladungen – Elten machte plötzlich einer Verwandten des reichen Fabrikanten auf Tod und Leben den Hof. Da sie schon ältlich, unvermögend und wenig hübsch war, geschah es lediglich pour passer le temps – oder um Frau von Born zu ärgern.

Daß es mit dieser einen eklatanten Krach gegeben, das erzählte sich bald das ganze Städtchen, und es gingen die verschiedensten Gerüchte um, welcher Art die Ursache dazu gewesen. Etwas allzu Gravierendes konnte es nicht sein, denn der Landrat verkehrte nach wie vor freundschaftlich mit den Herren, wenn er sie traf, und beide befleißigten sich der ausgesuchtesten Höflichkeit gegen Born. Der Assessor wollte einmal folgendes Gespräch gehört haben. Der Landrat fragte lachend: »Na, bester Elten, schmollen Sie noch immer mit meiner Frau?« Dieser lachte ebenfalls. »Wir schmollen alle, bis Ihre Frau Gemahlin zuerst die Hand zur Versöhnung bietet; wollen sehen, wer es länger durchhält!« – – »Salome ist ein kleiner Trotzkopf, Elten! Seien Sie der Klügere und geben Sie nach!« – – »Das wäre ungalant – die Damen müssen stets klüger sein als wir!« – »Sind Sie denn tatsächlich von meiner Frau beleidigt, lieber Elten? Das würde ich außerordentlich beklagen!« – »Ich bitte Sie um Himmels willen, Verehrtester! Eine Dame kann mich gar nicht beleidigen! Der lustige Krieg! – Nichts weiter! Und wenn meine holde Feindin wieder die weiße Flagge hißt, gibt es ein sehr fideles Versöhnungsfest.«

Also nichts Ernstliches. Schade, man hatte schon so viel gemutmaßt. Also nur ein Kokettieren hin und her – bah … wird wohl bald ein desto süßerer Frieden auf diese »Freundschaftssperre« folgen.

Äußerlich war Elten der gelassen Kühle wie stets, innerlich aber gärten Ungeduld und Besorgnis in ihm. Es dauerte unerwartet lange, bis der Erfolg seines so geschickten Spieles zutage trat. Salome tat keinen Schritt zur Versöhnung. Sollte sie die tötende Langeweile von Feldheim tatsächlich ohne ihn aushalten? Hatte er sich gar verrechnet? – Wo blieb der Eklat, den er so sicher im Bornschen Hause erwartete? – Gestaltete es Frau Salomes Laune und Unzufriedenheit jetzt nicht sicher zur Hölle? Seltsam, der Landrat sah vergnügter und glücklicher aus als je zuvor, und Frau Salome sang oft mit hallender Stimme glückselige Lieder von Lenz und Liebe. Sie sah auch gar nicht so verärgert oder vergrämt aus, wenn er ihr begegnete, wie er erwartet hatte. – War er tatsächlich mit seiner Berechnung entgleist? Hatte er womöglich gerade das Gegenteil von dem erreicht, was er bezweckte? Führte er durch die Langeweile das Paar, das er entzweien wollte, gar einander in die Arme? Fast schien es so.

Elten sah bei diesem Gedanken ganz entstellt aus. Er wütete innerlich und suchte Zerstreuung. Er trank stets gern ein Glas Wein – jetzt übertrieb er oft diese Passion und der Rittmeister sollte ihn schon verschiedentlich darüber zur Rede gestellt haben. Nun litt Elten, was er Salome hatte zufügen wollen, Qualen der Langenweile, der schlechtesten Laune, der unerquicklichsten Selbstvorwürfe, daß er sich selber das amüsanteste, einzigste Verkehrshaus zugeschlossen. Er suchte auf alle Weise, Salome zu begegnen. Vergebens. Die junge Frau hatte die Marotte, zu allen Gesellschaften abzusagen. Was sollte das bedeuten? Er fuhr nach Jeseritz, aber das sehr kühle Benehmen der Damen, die beinahe verletzende Kälte Roses, nahm ihm die Lust, den Besuch zu wiederholen. Salome traf er auch dort nicht. – Da griff er abermals zum Glase, um seinen tobenden Ingrimm hinabzuspülen. Und Salome sang daheim heitere Lieder!

Aber sie war im Grunde ihres Herzens nicht heiter, sie weinte manche heimliche, bittere Träne.

Anfänglich hatte sie kaum die Einsamkeit und Langeweile ertragen. Dann aber fand sie, daß just diese beiden zwei Lehrmeisterinnen waren, die ihr wohl noch am richtigsten den Weg zum Glück wiesen. Sie suchte sich zu beschäftigen – sie empfand den Gedanken, nur ein Bild im Hause ihres Mannes zu sein, immer unerträglicher.

»Die ganze Ferse im Strumpf des gnädigen Herrn fehlt, haben Sie schon den Stiefel umgeschüttelt, ob das Stück noch darin liegt?« fragte sie eines Tages das Stubenmädchen, das Wäsche auslas. Diese lachte laut auf, und Salome errötete abermals. Aber sie wurde nicht heftig. Sie ließ sich belehren, und Liese war entzückt, ihrer Herrin das Stopfen und Flicken zeigen zu können.

Da trug der Herr Landrat bald Strümpfe, die seine kleine Frau gestopft hatte, aber er ahnte es nicht, denn Salome verlangte tiefstes Schweigen. Und sie hatte hinreichend Zeit, im geheimen zu lernen, denn das Frühjahr brachte ihrem Mann viele Arbeit. Auch war sie zu empfindlich, um ihre Wandlung einzugestehen – und noch immer zu eigensinnig und kindisch, um zuzugeben, daß sie alles, was sie tat, nur für ihn tat, um ihm zu gefallen. – Er aber merkte nichts von allem, er war wie stets aufmerksam und höflich zu ihr, aber er liebte sie nicht mehr, sie war ihm gleichgültig geworden, denn ihr fehlte ja in seinen Augen jede Tugend, die das deutsche Weib dem Gatten lieb, teuer und heilig macht.

O wie das schmerzte, wie das quälte!

Wie oft preßte sie die Hände gegen das Herz und rief in Gedanken: »Gib mir die Schlüssel zu Küche und Keller! Laß mich sein, was ich sein muß! – Laß mich sorgen, arbeiten, schaffen für dich – aber vergib mir und habe mich lieb!« –- Wie oft schluchzte sie so in Gedanken, aber sie sprach die Worte nicht aus. Konnte sie denn schon sein Haus verwalten? Nein, noch nicht, noch immer nicht!! – Und wie sollte sie es lernen?! – Ach, lange ertrug sie diesen Zustand nicht mehr.

Eines Tages kam Frau von Welfen – sie fand ihr Kind mit verweinten Augen, und sie zog sie in die Arme und fragte: »Hast du denn gar kein Vertrauen zu deiner Mutter? Willst du denn all dein Herzeleid allein tragen?«

Da schluchzte die junge Frau verzweifelt auf und barg ihr Antlitz an der Brust der Mutter und schüttete ihr das Herz aus mit all seiner Not und seinem Kampf und seinem Zweifel. Frau von Welfen aber blickte mit strahlendem Lächeln hinaus in die Lindenzweige, die der Lenzessturm mit Regenströmen peitschte, und durch ihre Seele zog es wie ein Gebet. »Ich danke dir, mein Herr und Gott, daß du endlich Frühling werden läßt!«

Seit der Zeit kam sie öfters, dieweil der Major noch immer an seiner Gicht in der Stube saß und nicht mehr täglicher Gast im Landratsamte sein konnte. Eines Tages reichte Salome ihrem Mann nach Tisch die Hand und sah ihn mit wunderbar glänzenden Augen an. »Erfülle mir eine Bitte!«

»Herzlich gern! Welch eine?«

»Laß uns den Osterurlaub in Jeseritz verleben!«

Er lächelte etwas überrascht. »Gewiß, liebes Kind! Sehnst du dich heim? Wir können übersiedeln, wenn du willst; ich kann meine Geschäfte auch von dort aus erledigen!«

Ihr Gesichtchen lächelte wie verklärt. »Dann laß uns sobald wie möglich fahren!«

Er nickte. Das Herz tat ihm plötzlich weh. Hatte er sich doch in ihr getauscht? Sie fühlte sich nicht mehr glücklich in ihrem eigenen Heim. Sie war ihm fremd geblieben, so fremd wie er ihrem Herzen.

XX

Einem strengen Winter folgte ein vorzeitiger Frühling. – Die letzten Tage des Februar waren bereits so milde und sonnig gewesen, daß man vermeinte, schon den Veilchenduft in Feld und Wiese zu atmen, und der März brachte vollends den Frühling mit, grüne Wiesen und schwellende Knospen und gar bald den zarten maigrünen Schleier, den Erda scheu und zaghaft über ihr erwachendes Antlitz zieht, damit die ungewohnte Himmelspracht sie nicht blende.

Salome hatte in freudiger Hast die Reisekörbe gepackt. Die Dienerschaft war bis nach dem Osterfest beurlaubt, und der Wagen hielt vor der Tür, der das junge Paar in das Elternhaus nach Jeseritz bringen sollte.

Die junge Frau trug beinahe denselben Anzug wie vor einem Jahr, als sie ihren Gatten auf so eigenartige Weise in dem Eisenbahncoupé kennengelernt hatte. Und sie hatte mit allem Vorbedacht und nach reiflichster Erwägung diese 22ahl getroffen. Sie wollte in dem Antlitz ihres Joannes lesen, ob er wohl an damals zurückdenken, ob sein Herz wieder aufwachen würde in der alten Liebe und dem Entzücken, das ihre Erscheinung ihm bei jenem ersten Begegnen eingeflößt. Sie stand vor ihrem Toilettentisch und band just den Schleier über das rosige Gesichtchen, als Siegfried lautlos zwischen die Portieren trat und überrascht bei ihrem Anblick stehen blieb.

Sie bemerkte ihn nicht. Sie ließ just die Arme sinken und blickte in den Spiegel. Ein ernster, beinahe sorgenvoller Ausdruck lag auf ihrem Antlitz, der mit dem heiteren Wesen, das sie in letzter Zeit zur Schau getragen, seltsam kontrastierte.

Sie seufzte tief auf:

»Das rote Mieder, die blanken Schuh,
Das weiße Fürtuch, ein Sträußel dazu,
Was nutzen sie all meinem bleichen Gesicht,
Mein Schatzel, mein böser, er sieht sie ja nicht!«

sang sie leise vor sich hin.

Siegfried lächelte und zog sich schnell zurück. Er durchschaute die Absicht der kleinen Frau.

Sie wollte ihn an ehemals erinnern – sie wollte ihn weich stimmen. –- Umsonst, er durfte noch nicht weich werden, es war leider noch lange nicht an der Zeit. Das Prinzeßchen langweilte sich und verlangte nach einem Courmacher, und weil kein anderer zur Hand war, wollte sie mit dem Gatten fürlieb nehmen. Sie empfand es sehr wohl, daß er gegen früher recht verändert war. Sie kannte auch genau die Gründe, die ihn ihrem Herzen entfremdet hatten, er sagte sie ihr ja klar und deutlich in das Gesicht, und hoffte, daß die kleine Frau sich seine Worte zu Herzen nehmen würde.

Aber er hatte sich getäuscht, wenn er an eine Wandlung glaubte.

Daß Salome sich nicht wieder mit Elten versöhnte, daß sie sich selber das bißchen Geselligkeit in Feldheim versagte, um sich keiner Vernachlässigung vonseiten der Herren auszusetzen, entsprang lediglich ihrem Trotz. – Sie gab nicht nach – sie war eigensinnig wie ein Kind – auch ihrem Manne gegenüber. Wieviel Gelegenheit hatte sie gehabt, sich ihres Haushaltes anzunehmen! – Aber sie tat es nicht; sie beharrte hartnäckig bei ihrem Willen – sie wollte erst sehen, wer das letzte Wort behielt. Wenn sie glaubte, ihr Mann gäbe nach, so irrte sie sich gewaltig. Er führte und leitete den Hausstand nach wie vor, und darum konnte er weder Liebe noch Verehrung für seine pflichtvergessene Frau empfinden, das hatte er ihr gesagt, und dabei blieb er.

Daß sie ehemals nichts gelernt, rechnete er ihr nicht als Schuld an, aber daß sie jetzt noch immer nichts lernen wollte, da es ihre Stellung als Hausfrau doch gebieterisch von ihr verlangte, das verzieh er ihr nicht, und das ließ es sie empfinden. Nicht durch unfreundliches, mürrisches oder gar rücksichtsloses Benehmen, nein, dazu war er viel zu sehr Kavalier, und dazu liebte er sie viel zu innig, aber durch eine gewisse Kälte und Gleichgültigkeit, die jede feinfühlige Frau aufs bitterste empfinden mußte. Er wollte ihr Lehrer und Erzieher sein, und er wählte die Methode, die seiner Ansicht nach die einzig richtige war.

Salome aber wollte seine Pläne durchkreuzen.

Er bemerkte es täglich aufs neue, wie sie um seine alte Liebe warb, wie sie mit ihm kokettierte, wie sie alles aufbot, ihm zu gefallen. Alles? Ja, alles, was sie für wirksam hielt, einen Mann zu bezaubern, nur das einzig Wahre und Beste nicht, weil ihr das der Eigensinn verbot.

Siegfried sollte an die Macht des »Bildes« glauben lernen. – Sie wollte ein »lebendes Bild« in seinem Hause sein, dessen Sklavenfesseln er willenlos trug. Er durchschaute ihre Absicht und machte sie zunichte. Sie kämpften in leidenschaftlich heißem Kampfe; er um seine Würde und seinen festen Willen – sie um ihren Trotz, der sich siegreich behaupten wollte. Und doch schwebte die Taube des Friedens über ihnen, dennoch schaute keines in den ruhigen Zügen des andern, wie erregt und ungestüm das Blut dahinter kreiste.

Siegfried litt ebenso bitter darunter wie Salome, aber er blieb fest. Anfangs hatte ihm die freudige Zuversicht das Harren und Hoffen erleichtert, in letzter Zeit waren ihm oft quälende Zweifel gekommen.

Er hatte seine Frau so gut beobachtet, wie es ihm bei seiner häufigen Abwesenheit von Hause möglich war. Er hoffte im stillen, irgendwelche Wahrnehmungen zu machen, daß Salome Interesse an häuslicher Arbeit fände. – Umsonst.

Was sie den lieben, langen Tag begann, wußte er zwar nicht recht – denn ihre Mal- und Musikstudien betrieb sie fast gar nicht mehr, und die begonnene Stickerei lag unverändert im Körbchen. Sie schrieb wohl Briefe oder las. – Das erbitterte ihn mit der Zeit; eine solche Widerspenstigkeit hätte er ihr wahrlich nicht zugetraut. Und doch dabei ihre anmutige Liebenswürdigkeit, ihre schlauen kleinen Manöver, ihn zu entzücken! Oh, es war nicht leicht, ihren süßen Veilchenaugen gegenüber den Gleichgültigen zu spielen.

Nun ging es nach Jeseritz. Der Einfluß des Vaters würde alles wieder verderben, was vielleicht schon zu guter Saat emporkeimte.

Er hätte sein etwas voreiliges Wort gern wieder zurücknehmen wollen – leider aber war gerade ein Briefchen von der Mama gebracht worden, das ihnen mitteilte, man erwarte in nächster Zeit den Besuch eines jungen Herrn in Jeseritz.

»Gewiß mein Jugendfreund Hermann!« lachte Salome.

Born hatte wohl die Stirn etwas kraus gezogen, denn sie sah ihm plötzlich mit ganz seltsamem Ausdruck in das Gesicht und fragte leise: »Nun willst du wohl nicht, daß wir hinfahren?«

»Um dieses Jünglings willen?« Er lachte laut auf. »Im Gegenteil, ich hoffe, daß er ein wenig Leben und Abwechslung mitbringt!«

Nun mußten sie hin, wenn Salome ihn nicht für eifersüchtig halten sollte.

Und jetzt reisten sie ab.

Gottfried verabschiedete sich am Morgen. Er hatte seine neue Stellung auch wieder gekündigt, weil er trotz seiner grauen Haare noch einmal heiraten wolle, die Witwe seines Bruders, die ihr kleines Anwesen nicht mehr ohne Hilfe und Schutz bewirtschaften wollte, seit ihr einzigster unter die Soldaten mußte. Born ließ ihn ungern gehen. Nun würde ihn das abermalige Anlernen eines neuen Dieners noch mehr Mühe und Zeit im Hause kosten. Er sprach das auch aus, als er neben seiner Frau im Wagen saß, aber Salome war sehr schwerhörig und zerstreut, wenn sie keine Lust hatte, von einem Thema Notiz zu nehmen. Sie saß und blickte schweigsam auf die Pferde, dann reichte sie ihrem Mann die Zügel and sagte: »Ich bin so müde – fahre du heute.«

»Müde! Wovon?« wollte er fragen, aber er tat es nicht, er fand, als er sie plötzlich ansah, daß sie wirklich müde und ein wenig blaß ausschaute. Ach so, sie war verletzt, weil er kein Wort über ihr »erinnerungsreiches« Kleid gesagt hatte, weil er gar nicht bemerkt zu haben schien, daß sie es heute zum erstenmal wieder trug.

Früher hatte er ihr fast täglich gesagt, wie reizend und herzig sie aussehe, wie ihr dieses Kleid – jener Hut oder Mantel so besonders hübsch stände, wie er das eine mehr, das andere weniger an ihr liebte –- jetzt sagte er nichts mehr, nicht einmal heute hatte er sie mit Blicken bewundert, heute, wo sie in der Tat bezaubernd aussah und wo sein Herz so hoch aufschlug bei dem Gedanken an ihr erstes Gehen und Finden.

Aber ruhig Blut! – Gerade sein Schweigen und Ignorieren war die beste Arznei für ihren trotzigen Sinn.

In Jeseritz war alles beim alten. Salomes Stimmung wurde auch wieder besser, als sie bei Tisch in fröhlicher Runde sitzen und sogar Tante Sidonie in derselben erschien. Sie war wochenlang erkältet und sehr besorgt um sich selbst und ihre Gesundheit gewesen. Alles ganz entschieden die Folgen ihres abendlichen Spazierganges mit der Leichenwagenbegegnung.

Rose flüsterte dem Schwager zu, die Stimmung der teuern Patientin sei oft unerträglich gewesen. Zu der Grobheit geselle sich jetzt noch eine entsetzliche Empfindsamkeit. Sie bilde sich ein, sehr leidend an irgend etwas »unheilbar Innerlichem« zu sein, und verlange nun die grenzenlosesten Rücksichten für ihren besorgniserregenden Zustand. Der Arzt sei ihr zu teuer, da er ihr zu Neujahr eine Extrarechnung für seine Bemühungen gesandt und Tante Sidonie sich eingebildet habe, als Hausarzt der Familie Welfen müßte er auch sie für das Fixum mit behandeln.

Nun hat sie Elektro-Homöopathie nach eigener Verordnung gebraucht, behauptet aber, diese Methode sei veraltet und unwirksam, seit das Gasglühlicht die Elektrizität für die moderne Menschheit entwertet habe.

Leider scheine sie gar nicht an die Abreise zu denken, im Gegenteil, zu ihrer aller Entsetzen sei jüngst ein Möbelwagen mit fürchterlichem altem Plunder eingetroffen, ein völlig vergilbtes Sofa mit zwei Sesseln, eine wackelige Kommode und eine schreckliche Chiffonniere mit abgestoßener Schnitzerei.

Alle guten Möbel habe sie ehemals versteigern lassen, die schlechtesten Sachen aber, für die nicht genug geboten sei, aus Geiz zurückbehalten. Und nun habe sie sich oben in den leeren Erkerstuben häuslich eingerichtet und behauptete: »Nun werde es ihr erst ganz und gar gemütlich in Jeseritz!«

Siegfried zog eine sehr bedenkliche Grimasse, Tante Sidonie aber schnitt seine Entgegnung ab und wandte sich ihm ärgerlich zu: »Nun kosten Sie doch mal diesen Salat, Neffe! Schauderhaft – ungenießbar! Nichts wie Essig und Pfeffer, und dabei weiß doch die Bagage in der Küche, daß ich beides nicht essen darf! Aber ich sage es ja – Rücksicht nimmt man hier im Hause nicht! – Kostet mal ihr beiden, Siegfried und Salome – ich bin überzeugt – ihr könnt mir so etwas nachfühlen!«

»Vollkommen, liebe Tante!« Der Landrat langte tüchtig von dem Kartoffelsalat zu und kostete. »Ich habe mich früher sehr für sanitäre Fragen interessiert, meiner Eltern wegen, die beide kränkelten. Pfeffer und Essig sind geradezu schädliche Genußmittel. Der Essig verdirbt das Blut, der Pfeffer die Nerven. Jeder Mensch, der etwas auf seine Gesundheit hält, sollte nie im Leben Pfeffer oder scharfen Essig genießen.«

Sprach's, bat um das Huilier – er ärgerte sich stets, wenn er das Ding französisch nennen mußte, doch er kannte bei dem besten Willen keinen deutschen Namen dafür – nahm die Essigflasche zur Hand und goß einen tüchtigen Löffel voll über seinen Salat. Ebenso ergriff er die Pfefferbüchse und bediente sich.

Staunend sah man ihm zu, aber Tante Sidonie, von der man etwas beklommen einen heftigen Zornesausbruch über »diese Persiflage« erwartete, musterte ihn nur einen Augenblick nachdenklich, neigte dann schweigend den Kopf und aß ihren Braten ohne Salat.

Siegfried jedoch plauderte in seiner frischen Art weiter, über dieses und jenes, durchaus harmlos.

»Soll der Kaffee heute gleich nach Tisch getrunken werden, damit wir nachmittags einen Spaziergang in den ´Wald machen können?« fragte Frau von Welfen.

Allgemeine Zustimmung, nur Tante Sidonie schaute mißbilligend darein. »Ich darf keinen Kaffee bei meiner Arznei trinken!« grollte sie.

»Das ist sehr richtig und vernünftig!« nickte der Landrat mit ernsthafter Miene, »das erste, was die Ärzte der leidenden Menschheit verbieten sollten, müßte eigentlich der Kaffee sein, und nicht nur die kranken, sondern auch die gesunden Leute sollten ihn meiden. Unser bleichsüchtiges, nervenschwaches Zeitalter ist an und für sich schon zu sehr vergiftet, um obendrein noch eine derartige, tägliche Dosis Gift zu vertragen, wie sie der Kaffee enthält. Ich habe neulich einen Aufsatz über dieses tückische Getränk der Levante gelesen; auch eine Kneippsche Abhandlung über den Mokka, und ich habe geschaudert, wie leichtsinnig die Menschen mit ihrer Gesundheit umgehen. Einen Spaziergang in den Wald aber wird jeder Arzt als gesündestes und nutzbringendstes Beginnen loben, darum rate ich Ihnen, liebe Tante, sich diese Zufuhr von Ozon ja nicht entgehen zu lassen!«

»Also gleich den Kaffee kommen lassen,« nickte Frau von Welfen – »oder wünscht jemand der Allgemeingefährlichkeit dieses Getränkes wegen lieber Tee?«

»Ich bitte um Tee!« entschied die Frau Professor. »Euer Kaffee ist allerdings so jammervoll dünn, daß er sicher niemandem schadet!«

»Mir kannst du auch Tee kommen lassen!« brummte der Major, der sich leicht um seinen Magen ängstigte, wie so viele alte Soldaten, die voll Heldenmut dem Tod auf dem Schlachtfelde in das Auge geschaut haben, aber vor einem Schnupfen zittern.

»Und du, lieber Siegfried?«

»Ich bitte um eine Tasse Kaffee, Mamachen, aber bitte möglichst stark, denn für des Mokkas Stärke habe ich eine große Schwäche!«

Abermals etwas überraschtes Staunen. Rose stieß ihre Schwester leise mit dem Ellenbogen an und verkniff sich nur mühsam das Lachen. Born aber fuhr ganz gelassen und heiter fort: »Da fällt mir übrigens eine famose Kaffeegeschichte ein! Als ich meine letzte Übung als Reserve-Offizier mitmachte, wurde unser Kürassier-Regiment durch einen Leutnant verschönert, der in dem Ruf stand, meisterlichen Kaffee zu brauen. Die Kameraden schwärmten so begeistert davon, daß eines schönen Tages die Regimentsmutter sich mit den Offiziersdamen verabredete und dem Leutnant von M. ein charmantes Briefchen schrieb: ›Die Damen des Regiments wünschten seinen so sehr gerühmten Kaffee auch kennenzulernen und würden sich demzufolge morgen nachmittag als Gäste in dem Kasernengarten einfinden. Einen silbernen Löffel brächte jede selber mit.‹ – Große Freude. Der Damenkaffee entwickelte sich höchst amüsant – die Herren waren ebenfalls vollzählig erschienen, man trank den Kaffee und war des Lobes voll. Da, zum Schluß, setzt die Kommandeuse dem strahlenden M. die Pistole auf die Brust: ›Nun müssen Sie uns Ihr Mittel verraten, lieber Baron! Wir gehen nicht eher, als bis Sie gebeichtet haben!‹ –- M. sucht vergeblich Ausflüchte. Er wird in die Enge getrieben und gesteht schließlich errötend ein, nicht er, sondern sein Bursche sei der Kaffeekünstler. Konrad wird gerufen und steht vor der Frau Oberst stramm. ›Sie dürfen uns alles verraten, Konrad!‹ jubeln die Damen. ›Welch eine Kaffeesorte gebrauchen Sie?‹ – ›Befehl Frau Gräfin, is sik gewöhnnliches Koffe vom Kaufmann unsrigtem, kost sik Pfund einer Mark und Pfenniger achtzick!‹ – Allgemeines Staunen; M. beißt sich auf die Lippe. Die Frau Oberst aber fährt fort: ›Und welch einen Zusatz nehmen Sie? Karlsbader Gewürz? Feigenkaffee?‹ – ›Nemm' ik nix von – nemm' ik nur Koffe alleinigtes.‹ ›Undenkbar! – Was haben Sie für eine Kaffeemaschine?‹ ›Nix Koffemaschine – hob' ik nur Blechtopf meinigtes!‹ ›Und filtrieren gleich dahinein? – Durch einen Beutel oder Papier?!‹ – ›Nix Papierr, nix Beitel – Frau Gräfin gnädiges.‹ –

›Aha! Da steckt das Geheimnis! Nun – was nehmen Sie sonst?‹ –

Konrad richtet sich noch strammer auf: ›Nemm' ik ganz einfach Strumpp von Leutnant!‹ –

Ein Schrei in allen Tonarten, die Damen sinken hinten über – Leutnant von M. aber fährt wie ein Rasender auf den verblüfften Konrad ein. ›Kerl – bist du toll! – bist du von Sinnen – sofort gestehe ein, daß du lügst!!‹

Da sieht der brave Polacke seinen Leutnant gutmütig tröstend an und sagt mit der Miene gekränktester Unschuld: ›Brauchst nix bös sein, Leutnant – nemm' jo nix aus Kommodde zugeschlossenes! Nemm' ik ja nur Strumpp gebrauchtes!!‹«

Große Heiterkeit! Salome rief allerdings entrüstet »Pfui!« – Aber der Major und Rose lachten Tränen, und selbst die Frau Professor richtete ihre runden Glasaugen huldvoll auf den Erzähler und zog den Mund in die Breite. »Auf den Schreck will ich mir einen Tabak anstecken!« rief der Major und wollte sich erheben, aber Tante Sidonies Hand fuhr wie ein Stoßvogel herzu und hielt ihn fest. »Nichts da! – Du weißt, daß ich den Zigarrenrauch nicht vertragen kann!«

Welfen blieb unschlüssig sitzen, der Landrat aber stimmte eifrig zu. »Sehr recht, liebe Tante, daß Sie sich dem so ungeheuer schädlichen Einfluß des Tabaksqualmes entziehen,« nickte er. »Es gibt ja nichts Gesundheitswidrigeres als das Rauchen, und die Sterblichkeit unter den Männern würde sich auf die Hälfte reduzieren lassen, wenn sie dem Laster des Rauchens entsagen wollten. Aber das sitzt und pafft von früh bis spät – saugt für teures Geld das Gift in den Körper, bläst den Damen zum Ruin des schönen Teints den Dampf ins Gesicht und schädigt sich selber an Leib und Leben. Meiner Ansicht nach müßte die Polizei einschreiten und alle Zigarrenläden schließen, ebenso wie die Destillationen, denn Likör und Schnaps ist genau ebenso gefährlich; sie zehren unserer Nation das Mark aus und bringen Mann und Weib unter die Erde!«

Und der Sprecher griff nach einem der Likörgläschen, die Wulf herumreichte und kippte behaglich seinen Inhalt. »Brrr! – Man kann sich so gut denken, daß dieses Zeug jeden Magen zunichte brennen muß – … noch eins, Wulf! – – Heiß wie die Hölle … süß wie die Liebe … und dabei doch ein flüssiges Verderben. Aber die Zigarren halte ich für noch schädlicher« – und der Landrat zog sein Etui, entnahm ihm zwei Havannas und legte eine davon auf den Teller seines Schwiegervaters – »von dieser Sorte darf man höchstens zwei am Tage nehmen, sonsi ist man ein Kind des Todes – das konzentrierte Gift, sage ich euch. – Stecke sie dir mal an, Papa – sie schmeckt – wie jede Sünde – verführerisch! Tante Sidonie geht derweil auf die Veranda oder in ihr Zimmer, denn sie sagt selbst, baß sie den Rauch nicht vertragt und ich fürchte auch, er schadet nervösen Damen ungemein! Da ist es schon besser, sie zieht sich zurück!«

Er brannte ein Streichholz an und setzte seine Zigarre in Brand, so daß die Frau Professorin hinter den dicken Wolken verschwand.

Abermals saß die ganze Tafelrunde sprachlos. Nun mußte das Wetter doch losbrechen. Aber unbegreiflicherweise erhob sich die Tante gelassen und nickte dem Neffen mit wunderlichem Gesichtsausdruck zu.

»Hast recht, daß ich mich schonen muß! … Hm … ist zwar recht grob, mich einfach hinauszuräuchern, aber besser, du machst mich auf die Gefahr aufmerksam, als daß du mich darin umkommen läßt. – Hm …« und sie klopfte Salome auf die Schulter: »Komm nachher zu mir, Kleine … ich will etwas mit dir besprechen. Aber mache kein so sentimentales Gesicht – das greift mich an, und außerdem siehst du dumm damit aus!«

Sprach's und verließ mit großen Schritten das Zimmer. Der Major wartete noch eine Minute, bis die Stiefel des seligen Professors nicht mehr auf dem Flur krachten, dann griff er schnell nach der Zigarre und brach in ein schallendes Gelächter aus, in das die kleine Tafelrunde mit Ausnahme von Salome herzhaft einstimmte.

»Junge! – Liebster Herr von Born von hinten und von vorn« – schluchzte er vor innerlichem, lang verhaltenem Vergnügen. »Bist du denn rein des Teufels, die alte Schachtel derart zu persiflieren?!«

Salome hob mit pikiertem Gesichtchen den Kopf. »O nein, des Teufels ist er nicht, wohl aber etwas anderes!«

»So? Na was denn?«

Ein herber Ausdruck kräuselte ihre Lippen. »Ein Wegweiser ist er!« spottete sie.

»Potzwetter – ein Wegweiser?«

»Lawise, wie meenste det?!«

»Liegt das nicht auf der Hand? Mein Herr Gemahl und ein Wegweiser ähneln sich zum verwechseln. Beide zeigen den Leuten ganz klar und deutlich den richtigen Weg an – ohne ihn jedoch selber zu betreten! Siegfried weiß genau, was gut und was schlecht, was falsch und was richtig ist, und er belehrt darüber jeden, der seinen Weg kreuzt, er selber aber …« sie brach kurz ab, ihre Lippen bebten. Sie erhob sich und verließ das Zimmer.

Born und seine Schwiegermutter wechselten einen schnellen Blick, der Major aber folgte zum erstenmal nicht dem schmollenden Töchterchen, sondern blies sehr behaglich die Dampfwölken vor sich hin.

»Ärgert sich über die Fliege an der Wand!« schüttelte er den Kopf. – »Armes Ding, sie ist so nervös!« – Und dann lachte er abermals und klopfte dem Landrat auf die Schulter. »Sage mal, wo nimmst du die Courage her, den alten Giftpilz so forsch zu behandeln? Willst du dir denn mit Gewalt deine Erbschaft verpuffen? Wenn Salome nicht wieder gutmacht, was du sündigst, dann könnt ihr auf eine schöne Liebeserklärung in ihrem Testament gefaßt sein!«

Wie zauberhaft schön war es im Walde!

Der Frühling erwachte aller Ecken und Enden, das Moos hob sich wie ein schwellender Teppich unter den Füßen, goldene Sonnenstrahlen säumten die maigrünen Zweiglein, und die Luft wehte so lindduftig, daß sie die Stirn umhauchten wie die Küsse neckischer Liebesgeister.

Salome hatte erwartet, daß ihr Mann, zärtlich und galant wie früher, ihr den Arm bieten solle, aber Siegfried schien gar kein derartiger Gedanke zu kommen. Er neckte sich mit Rose, lief mit ihr um die Wette, bergauf und bergab, so weit man in dieser meist flachen Gegend von Berg und Tal reden konnte, half ihr die ersten Blumen sammeln und freute sich auf den prachtvollen Hunger, den er mit heimbringen würde.

Sie mußte ihm sodann erzählen, was sie wohl auf den Tisch bringen würde, und er bestellte sich dies und jenes Leibgericht, das die kleine Schwägerin ganz besonders künstlerisch herzustellen verstand. Einmal wandte er sich zurück und rief Frau von Welfen mit vergnügtestem Gesicht zu: »Ich komme mir selig vor wie in den Ferien! Welch ein behagliches Gefühl, daß ich mir nicht den Kopf um das leidige Essen zerbrechen muß, daß ›Röslein, Röslein, Röslein rot‹ mir diese Sorge für ein Weilchen abgenommen hat! Nun wird es mir doppelt gutschmecken!«

Frau Dora drückte den leis erbebenden Arm Salomes lächelnd an sich. »Nur Geduld, mein Liebling! Je mehr er sich danach sehnt, daß ihm auch daheim diese Last von den Schultern genommen wird, desto glückseliger wird ihn später die Überraschung machen!«

»Ach Mamachen, ich glaube und fürchte, es wird zu spät sein.«

»Wieso das, mein Herz?«

»Siegfried liebt mich nicht mehr.«

»Torheit. Er liebt dich nach wie vor, aber der schwärmerische Rausch der Flitterwochen ist mit der Zeit verflogen, und die Wirklichkeit fordert ihre Rechte. Die Liebe geht bei den meisten Männern durch den Magen, die persönlichen Reize der schönsten Frau verblassen im Alltagsleben und verlieren ihren Reiz. Sie muß nicht mehr allein Geliebte, sondern vor allen Dingen Gattin und Hausfrau sein – sie muß nicht mehr allein durch ihr Äußeres, sondern durch ihre Tugenden die Liebe ihres Mannes festhalten, kräftigen und sie mit all dem idealen Glück des Brautstandes in die Ehe hinübertragen und darin festhalten.«

»Ach Mutterchen, ich habe mich ja heimlich schon so viel im Haushalt beschäftigt – aber er ahnt es noch nicht, er achtet auch gar nicht mehr darauf, und da ich noch nicht kochen kann –«

»Unser Kursus beginnt jetzt, ganz heimlich und eifrig, in vier Wochen sollst du so viel lernen, daß du dir zu Hause allein forthelfen kannst!«

»Und du glaubst wirklich, daß er mich dann wieder lieben wird?«

»Wenn die Überraschung gelingt, wird seine Liebe heller aufflammen als je zuvor!«

»Aber es ist so schimpflich für mich, ihm nachzugeben! Ich verliere dadurch alle Würde, ich vergebe mir so viel von meinem Stolz – und Papa sagte auch …«

»Mein Herzenskind, ich bitte dich, in solchen Dingen nie auf den Rat des Vaters, sondern lediglich auf den deiner Mutter zu hören. Diese Angelegenheit gehört uns Frauen, und nur das peinlichste Takt- und Zartgefühl trifft hierbei das richtige. Der Mann steht dem Manne immer schroff gegenüber. Dein verblendeter Vater, der von jeher eifersüchtig auf den Räuber seines Lieblings war, ist zu egoistisch und hitzig, um dir einen Rat zu erteilen, der Siegfrieds Glück vergrößern würde. Aber er vergißt, daß Siegfrieds Glück auch das deine ist! Glaube mir, eine Frau vergibt sich niemals etwas, wenn sie sich in Liebe und Demut ihrem Manne fügt. Je mehr sie ihm dient, desto mehr beherrscht sie ihn. Eine fromme und gottesfürchtige Frau sagt sich: ›Ich diene ihm nicht aus Furcht, aus Schwäche, aus Eigennutz – sondern aus Liebe um meines Heilandes Jesu Christi willen, der dem Weibe den Gehorsam und das Dienstbarsein zu der heiligsten Aufgabe des Ehestandes gemacht hat.‹ – Und eine kluge Frau sagt sich: ›Die Grundlage alles ehelichen Glückes ist die gegenseitige Achtung.‹ Ein Mann achtet und respektiert aber nichts an dem Weibe, was er an seinen Genossen täglich bekämpfen muß, was ihn naturgemäß ärgert und erregt. Herrschsucht, Rechthaberei, Launen, Überhebung, Stolz und Trotz treten ihm im Leben überall bei anderen Männern entgegen und machen sie ihm verhaßt, wie soll er da ein Weib lieben, das ihm mit denselben Untugenden auch noch seine Häuslichkeit verleidet? Gerade weil Milde und Sanftmut, Nachgeben und sich fügen dem Mann so unbegreiflich und fremd sind, darum bewundert er Weichheit im Wesen des Weibes wie etwas Überirdisches, Besseres und Vollkommeneres als sich selbst, und diese Achtung, diese Bewunderung sind die mächtigen, unerschütterlichen Tragpfeiler der Liebe! – Ein Weib, das sich demütigt, ist in den Augen des Mannes eine größere Heldin als eine Jeanne d'Arc. Ein solches Weib hebt er voll ritterlicher Bewunderung selber auf den Schild und bekennt es voll Stolz und Glück: Ja, ich bin ihr Haupt – aber sie ist meines Hauptes Krone!«

Frau von Welfen hatte immer erregter, immer lebhafter gesprochen; jetzt als sie schwieg, drückte Salome voll Innigkeit ihre Hand und flüsterte: »Nun weiß ich auch, Mütterchen, warum du so glücklich mit Papa bist – es hätte keine andere zu ihm gepaßt als du!«

Frau Dora lächelte so freundlich und liebenswürdig wie stets: »Wir sind gut zusammen ausgekommen.«

»Ich glaube, das war nicht leicht mit Papa?«

»Wir haben geheiratet, als wir beide nicht mehr ganz jung waren, und wir hatten beide den redlichen Willen, uns glücklich zu machen. Er hatte mit mir Geduld und ich mit ihm. Ganz ideal ist unsere Ehe nicht verlaufen, wie zum Beispiel bei Schillings, die sich nie im Leben auch nur ein einziges Mal gezankt haben! – Wir stritten öfters miteinander, aber nie wegen einer Bagatelle, es mußte eine Ursache sein, die ernst und inhaltsschwer und wohl eines kleinen Wortgefechtes wert war.«

»Papa war immer sehr eifersüchtig!«

»Allerdings, er ist es selbst auf seine Kinder!«

Salome seufzte schmerzlich auf: »Das ist schön, das ist doch ein Zeichen von Liebe! Siehst du, Siegfried ist seit einiger Zeit gleichgültig gegen mich, daß ich es kaum noch ertrage. Warum duldete er, daß die Herren so viel in unser Haus kamen? Wenn ich einen dummen Streich gemacht hätte, würde er allein die Schuld getragen haben.«

»Er wußte, daß du keinen machen würdest! Seine Meinung von dir war so hoch und zuversichtlich, daß es seinen Stolz beleidigt hätte, wenn er dich durch Mißtrauen hätte erniedrigen sollen!«

»Du weißt alles so rührend gut zu entschuldigen, Mama. Ich kann aber nicht recht daran glauben. Seltsam, ich bin überzeugt, in letzter Zeit sehr viel älter und vernünftiger geworden zu sein, aber in diesem Punkt, die Eifersucht betreffend, blieb ich noch ganz das törichte Kind von ehedem! Ach, Mama, ich furchte, ich werde erst noch Lehrgeld zahlen müssen, ehe ich von dieser fixen Idee geheilt werde!«

Frau von Welfen blieb jählings stehen und blickte voll tiefen Ernstes in die Augen der Tochter: »Salome! Gott bewahre dich, daß du mit anderen Herren kokettierst, um Siegfried eifersüchtig zu machen! Diese Eifersucht würde die Liebe nicht neu erwecken, sondern töten, denn eine leichtsinnige Frau achtet man nicht. Ich bin überzeugt, daß die häßlichen Reden, die man in Feldheim über dich und Ellen führte, und die du selber verschuldetest, weil du der Betty ehemals zu viel vertrautest und ihr gegenüber harmlose Äußerungen tatest, die sie in nicht harmloser Weise kolportierte – ich bin überzeugt, daß diese Reden auch zu Siegfried gedrungen sind und ihn verdrossen haben. Gott sei Lob und Dank hast du selber den Verkehr mit Ellen abgebrochen und dir dadurch Siegfrieds gute Meinung über deine Moral erhalten – eine neue Courmacherei, die dich abermals in den Mund der Leute bringt, würde diese gute Meinung für immer vernichten!«

»Ach, Mama, warum habe ich dir nicht früher geglaubt, als du mich so oft zum Guten ermahntest!«

»Weil du eine jener Naturen bist, die sich selber erst durch die Erfahrung belehren und durch Kampf zum Sieg müssen! Also du versprichst mir, mein Liebling, geduldig zu sein und der guten Ernte zu warten? Bedenke, daß du selbst deinen Kummer verschuldet hast! Du hast von vornherein selber die fremden Menschen tagtäglich zwischen dich und deinen Mann gestellt und ihn deinem Herzen dadurch entfremdet. Junge Liebe will allein sein –- und soll sie Bestand haben, unangetastet und glückstrahlend bleiben, darf man sie nicht auf den Jahrmarkt tragen. Ferner hast du nicht verstanden, Siegfried eine behagliche Häuslichkeit zu schaffen. Du hast ihm Mühen und Sorgen aufgebürdet, die dein Teil waren. Ehe du diese Schuld nicht abträgst, darfst du nicht auf die Liebe rechnen, die stets nur der Lohn der Treue ist.« – Herr von Welfen unterbrach die Sprecherin. Er rief nach den Damen, um ihnen das Skelett eines Wiesels in einem großen Ameisenhaufen zu zeigen.

XXI.

Wieder wehte die Flagge von dem Turm des Jeseritzer Gutshauses. Man hatte Besuch erwartet, und er war eingetroffen.

Die Familie von Welfen war auf der Veranda versammelt, als Herr Joachim von Schilling aus dem Wagen sprang. Eine hübsche, flotte Erscheinung, vom Scheitel bis zur Zehe der Offizier in Zivil.

Als er grüßend den Hut zog, leuchtete die Sonne auf dem leichtgewellten Blondhaar und dem frischen Gesicht, dessen Manöverbraun die Winterluft nicht völlig hatte bleichen können.

Jugendlust und Übermut blitzten aus den blauen Augen, sein Wesen war gewandt und sicher, und darum wunderte sich Frau von Welfen, daß sich ganz plötzlich eine gewisse Verlegenheit in seinem Gesicht malte, als Born ihn die Treppe emporführte, und der Major ihm etwas steif und förmlich grüßend entgegentrat.

Warum wurde er mit einem Mal so rot und verwirrt? Warum flog sein Blick betroffen zu ihr und Rose hinüber, warum stotterte er plötzlich so ungereimtes Zeug?

Ah so –- er kam ja als Freier, und das Bewußtsein als solcher von all den erwartungsvollen Augen gemustert zu werden, mußte etwas Peinliches, selbst für den Zuversichtlichsten, haben.

Frau Dora holte an Herzlichkeit nach, was ihr Gatte darin versäumte, und dann stellte sie den Gast ihren Töchtern vor. Salome begrüßte ihn mit liebenswürdiger Heiterkeit, Rose sah ihn unbefangen an und lachte: »Haben Sie Hanfzwirn und Schafdärme mitgebracht? In Jeseritz gibt es diese Requisiten nicht!«

Der Bann der ersten Verlegenheit war gebrochen, man lachte und dachte des letzten Besuchs von Freund Achim vor beinahe fünfzehn Jahren. Zehn Jahre zählte er damals erst–-und doch würde ihn Frau Dora sofort wiedererkannt haben, er war ja ganz und gar das Ebenbild seines Vaters!

Ein unmerkliches Zucken ging um die Lippen des jungen Mannes, daß die blonden Schnurrbartspitzchen zittern.

»Ich begreife es selber nicht, gnädigste Frau, wie es möglich war, daß wir uns nicht schon früher einmal in der Welt begegnet sind!« sagte er verbindlich, und sein Blick senkte sich dabei wie mit heimlichen Forschen in den ihren. »Mama sprach ja so oft den Wunsch aus, Sie einmal hier in Ihrer neuen Heimat aufzusuchen, aber Papas Dienst fesselte ihn ja leider stets im Ausland! Warum aber haben die Herrschaften sich niemals zu uns auf die Reise begeben? Hassen Sie die Eisenbahn, Herr Major?«

»Der Teufel soll das Reisen holen!« polterte der alte Herr mit einer bezeichnenden Geste. »Ich habe für lange Zeit an unserer letzten Spritztour genug!«

»Ah … die Herrschaften waren …?«

»In Thüringen, lieber Achim! Sie werden genug der Klagelieder darüber zu hören bekommen, denn mein Mann ist schlecht darauf zu sprechen!«

»Nicht möglich! – Auf das reizende Thüringen, auf eines der schönsten Fleckchen Erde, das man sehen kann?«

»Ja, mein verehrter junger Freund, das Land an und für sich mag ja ganz hübsch sein« – nickte Welfen ingrimmig, »aber die Sorte Menschen, die sich darin herumtreibt, kann einem den Geschmack daran verleiden!«

Schillings Blick huschte unvermerkt von einem Gesicht zum andern. »Unangenehme Menschen?« fragte er mit einer Miene vollkommener Unschuld, »ah –- tatsächlich? Sie haben fatale Erfahrungen gemacht? Oh, das ist allerdings ärgerlich! Aber wie war das möglich? Ich begreife gar nicht – – «

Der Sprecher verstummte, denn hinter dem Rücken des Vaters machte Rose ihm ganz absonderliche und höchst unverständliche Zeichen.

»Mein Gott, es war im Grunde genommen gar nicht so schlimm!« lächelte Frau Dora schnell: »Ein paar übermütige junge Herren haben meinen Mann geärgert, machten nachts Spektakel in Ruhla, tranken Bier, während er dursten mußte, mieteten ihm die Esel weg – lauter verzeihliche Jugendsünden!«

»So? Und das Fremdenbuch?« fuhr der Major auf.

»War auch ein Scherz, lieber Ernst! Einen unbekannten Menschen kann man ja gar nicht beleidigen!«

»Ich will ihn schon kennenlernen, den unbekannten Kritikus!!« murmelte Welfen in den Bart.

Achim sah sehr rot aus und schnaubte sich wiederholt die Nase – dennoch schien er keinen Schnupfen zu haben.

»Kennen Sie Thüringen auch, Herr von Schilling?« fragte Salome freundlich.

»Ja … gewiß … das heißt … eigentlich nein –« versicherte Achim mit großer Dringlichkeit. »Ich habe es mal im Fluge durchmessen, aber schon vor längerer Zeit, ich weiß wahrhaftig nicht mehr genau, wann es war! Aber so als junger Mensch hat man wenig Interesse für die Mitreisenden, ich glaube wirklich, wir haben kaum eine Menschenseele auf unseren Streifzügen durch die Wälder getroffen!«

»Reisten Sie allein?«

»Ja … das heißt … ich hatte mich einem jungen Paar angeschlossen, oder besser gesagt, einem älteren Paar, der eine wartete auf den Legationsrat und …«

»Kein Ehepaar?«

»Gewiß – der Bruder des Ehemanns war der Legationsratsaspirant! Nette Menschen, aber sehr still und gesetzt – ein wenig langweilig für mich! Immer nur Fußtouren! Wäre gern mal zur Abwechslung geritten – –«

»Ist nicht! Esel gibt's dort zu Lande nicht!« grollte der Major, dieweil Achim mit dem eleganten Taschentuch über sein glühendes Gesicht strich, sich abermals schnaubte und dazu hustete. »Und die Fußtouren habe ich im Magen! Werde zeitlebens an den Weg von Ruhla nach der Hohen Sonne denken! Waren Sie auch in dem Satansnest, dem Ruhla?«

Achim sah den Sprecher mit unendlich ehrlichen und treuherzigen Augen an. »Ruhla? – Nein – habe ich nie kennengelernt! Das liegt am Fuße des Inselbergs, nicht wahr?«

»I, wo! Inselberg! – Nahe bei Eisenach liegt's … eigentlich sollte es im Pfefferland liegen!«

Wieder gestikulierte Rose so lebhaft hinter Papas Rücken, und Born sekundierte ihr diesmal dabei, daß der arme Herr von Schilling ganz verlegen wurde. Glücklicherweise meldete Wulf gerade zur rechten Zeit, daß angerichtet sei. Außerdem ein eingeschriebener Brief an den gnädigen Herrn.

Der Major griff danach, bat um Verzeihung und trat zum Tisch, um den Postschein zu unterzeichnen.

Herr von Schilling aber wandte sich mit verschmitztem Gesicht zu Rose. »Mein gnädiges Fräulein, hatten Sie eben den Veitstanz oder sprachen Sie in Zeichen zu mir?«

»Ja, beinahe wurde mir tanzerig zumute aus Angst!« gab sie ebenso zurück. »Wollen Sie uns das ganze Mittagsessen verderben? Wenn man Vater an Thüringen erinnert, ist er tagelang schlechter Laune!! –«

»Donnerwetter! Wegen des übermütigen jungen Mannes?!«

»Gewiß! Wir hassen ihn!«

»Sie auch, Fräulein Rose?«

»Jawohl, ich auch. Von einer solchen Frechheit machen Sie sich gar keinen Begriff!!«

»Schauderhaft! Wie sah der Unmensch denn ans?«

»Weiß ich nicht! Wer wird sich so unverschämte Kerle noch groß ansehen!«

»Es waren mehrere?«

»Drei Stück. Sicherlich drei kohlpechrabenschwarze Galgenphysiognomien! – Wie die Piquebuben!!«

»Fraglos! Bösewichte müssen schon des Prinzips wegen immer schwarz aussehen,« nickte Schilling ernsthaft. »Was aber taten die Ungeheuer denn Ihnen, Fräulein Rose?«

»Vielleicht erzähle ich Ihnen das später einmal. Jetzt um Gottes willen still davon! Und ein paar Witze gemacht, daß Vater wieder lachen muß!«

»Sofort! – Kommando: Alle Witze auf Deck!!«

»Bitte, lieber Joachim, führen Sie meine Frau zu Tisch!«

»Vor fünfzehn Jahren führte ich Fräulein Rose noch zum Katzentisch, und sie bat niedlich ›Onkel Achim – bitte setz' mir mal auf'n Stühli!‹« – Er sah sich neckend nach der jungen Dame um: »Darf ich meine Hilfe auch heute wieder anbieten, mein gnädiges Fräulein??«

Rose machte ein empörtes Gesichtchen. »Flunkern Sie doch nicht so! Ich werde gerade zu einem solchen Rüpel wie Sie damals waren, Onkel gesagt haben!!«

»Was Sie jetzt rüpelhaft finden, entzückte Sie dermalen! Die zusammengenähte Tischgesellschaft ergötzte Sie am meisten, und ich bin überzeugt, ich vollführte die bösen Streiche lediglich, um mir Ihr Wohlwollen zu erwerben!«

Die Stimmung war wieder vortrefflich und hielt auch an; selbst Tante Sidonie war von nie gekannter Milde und Nachdenklichkeit. Herr von Schilling war die verkörperte Höflichkeit und Galanterie gegen sie, und sie ließ sich willig seine Artigkeiten gefallen. Nur als er Rose helfen wollte, die ersten neuen Kartoffeln für die Frau Professor zu schälen, lehnte sie beider Höflichkeit in ihrer brüsken Manier ab. »Danke! – Ich esse keine Kartoffeln, die nach fremden Fingern schmecken! Wer garantiert mir denn, ob ihr euch vorher die Hände gewaschen habt!«

Alsdann überraschte Tante Sidonie die Familie durch einen Entschluß. »Ich will nächste Woche einen Damenkaffee geben! Von allen Seiten drängt man mich! – Rose, du kannst dann guten Kaffeekuchen backen und du, Dora, sorgst für die süße Speise. Ernst rückt auch eine Flasche zu Maibowle heraus; den Waldmeister liefere ich, er ist bis dahin so weit; ich weiß, wo er im Walde steht.«

»So macht man sich einen Kaffee billig und bequem!« raunte der Landrat in das Ohr der Schwiegermutter.

»Sollen die Damen in deinem Zimmer empfangen werden?«

»Selbstverständlich! Sonst denken sie ja, ihr gebt die Gesellschaft!«

»Aber deine verblichenen Möbel?«

Die Professorin nickte beinahe verschmitzt. »Die sind bis dahin wieder neu! – Und zwar ohne den teuren Färber und Tapezierer!«

»Aber Tantchen, wie willst du das machen?«

»Ist mein Geheimnis, du Gelbschnabel! Warte es gefälligst ab!«

»Werden wir Herren auch Zutritt haben?«

»Zum Schluß könnt ihr erscheinen; vorher stört es die Gemütlichkeit. – Wenn die Frauenzimmer einen Schnurrbart sehen, haben sie für nichts anderes mehr Sinn und Interesse – und ich beabsichtige ihnen doch aus meinem neuen botanischen Werk vorzulesen, dessen erstes gedrucktes Exemplar ich nächster Tage erhalten werde!«

Joachim fuhr erschrocken zusammen, der Landrat aber sagte sehr ernst: »Pardon –!« Denn er hatte anstatt auf den Fuß seiner Schwiegermama auf den des Herrn von Schilling getreten.

Rose hob ihre Serviette auf und tauchte dabei längere Zeit unter den Tisch.

»Rose, Rose! Hast du etwa Hanfzwirn da unten?« rief Siegfried und gab damit das Signal zu einem erlösenden Gelächter.

Joachim von Schilling lebte sich außerordentlich schnell in Jeseritz ein. – Es war ganz seltsam, wie ausgezeichnet er mit Rose harmonierte. Er interessierte sich für alle Dinge, die auch das junge Mädchen am lebhaftesten beschäftigten, und da er ja hierher gekommen war, um recht viel Praktisches zu sehen und zu lernen, so war es ganz selbstverständlich, daß er fast den ganzen Tag über ihr Begleiter war. – Er schritt an ihrer Seite, wenn sie in frühester Morgenstunde nach dem Hühnerhof ging, persönlich die Eier einzusammeln. Sie zeigte ihm dann mit leuchtenden Augen ihre Glucken, die jedes Jahr früher als alle ihre Dorfgenossinnen ihre kleine Brut vorstellten, ein Ergebnis all der Sorgfalt und Pflege, die sie genossen, und der praktischen Stalleinrichtungen, die Rose sich persönlich ausgedacht hatte.

Dann ging es weiter in den Garten, wo die Obstkulturen ihr besonders am Herzen lagen, wo die Mistbeete Außerordentliches zeitigten und in dem Treibhaus ein feenhafter Blumenflor das Auge entzückte. Und er lobte, bewunderte und ließ sich erklären, was ihm neu war. Alles wollte er daheim ebenso haben wie in Jeseritz.

Das machte sie riesig stolz. »Die Anlagen Ihrer Herrschaft sind ja alle so bedeutend großartiger wie bei uns auf dem bescheidenen Gut!« sagte sie eifrig. »Oh, wieviel können Sie daraus machen, wenn Sie es geschickt und praktisch anfangen!«

»Sie müssen uns im Sommer, wenn Mama anwesend ist, besuchen, Fräulein Rose! Ich bin überzeugt, daß es Ihnen bei uns gefällt! Wir haben ja einen so gleichen Geschmack, und ich bin nirgends lieber als in Reutin!«

Sie schritten durch die sonnigen Gartenwege. Die Kirschblüten brachen über ihnen durch die Knospen – die ersten Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her.

»Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, den Säbel an den Nagel zu hängen und Landwirt zu werden?« fragte Rose lebhaft, neigte sich und sammelte ein paar trockene Reiser, die den Weg verunzierten, in ihr weißes Schürzchen. »Der abgeschossene Daumen allein war doch nicht Grund genug für solch schwerwiegenden Schritt!«

Er sah flüchtig auf seine rechte Hand nieder, an der der fehlende Daumen durch einen Lederfinger ersetzt war. »Nein, dieses kleine Mißgeschick allein zwang mich nicht dazu, denn möglicherweise hätte ich auch trotzdem weiter dienen können. Aber die Veranlassung kam mir sehr gelegen. Ich war ungern Soldat geworden, hatte mich eigentlich nur überreden lassen, als aktiver Offizier in dem Regiment einzutreten, in dem ich als Freiwilliger allerdings eine hervorragend nette Zeit verlebt hatte. Der bunte Rock reizte auch ein wenig, Papa wünschte es ebenfalls – nun, da blieb ich in der Ulanka stecken – ich wußte selber nicht wie!«

»Aber sie wurde ein Nessusgewand?!«

»Ja, die Sehnsucht nach Reutin verzehrte mich. Ich war schon als Junge nirgends lieber als auf dem Lande und kreuzunglücklich, wenn wir nach kurzem Sommeraufenthalt wieder in die großen Städte, nach Bern, Amsterdam, Paris oder Konstantinopel zurück mußten. ›Er kann sein deutsches Blut nicht verleugnen, er klebt an der Scholle!‹ sagte Vater, und in der Tat, ich hatte keinen sehnsüchtigeren Wunsch, als Landwirt zu werden und mich dauernd in der Heimat festzusetzen. Das Reisen war mir verleidet, und was ich als Junge geliebt, das Arbeiten und Schaffen in Wald, Feld, Haus und Stall, das wollte ich als freier Mann dereinst genießen. Meine gute, einsichtsvolle Jagdflinte kam mir zu Hilfe, sie amputierte mir den kleinen Dicksack hier an der rechten Hand, und in dem ersten Trubel benutzte ich die Gelegenheit, als Halbinvalid den Dienst zu quittieren! Nun bin ich gottlob am Ziel!«

Sie sah ihn mit ihren großen, leuchtend braunen Augen heiter an. »Ich sage es ja: ›'s ist nichts so schlimm, als man es denkt, wenn man's erfaßt und richtig lenkt!‹ – Nun sind Sie frei und es geniert Sie nichts weniger, als der Daumen in absentia?«

Er lachte. »Sie haben recht – ich behelfe mich ausgezeichnet damit, nur das Schreiben … hm … das ist unmöglich geworden! Auf stilvolle Liebesbriefe kann meine Braut einmal nicht rechnen!«

Er sah sie neckisch von der Seite an und fand, daß sie ganz entzückend aussah, wie sie ein wenig, ein ganz klein wenig errötete. Sie hatte sowieso frische Farben – jetzt vertiefte sich das zarte Inkarnat und überhauchte den weißen Hals, bis unter die Nackenlöckchen, die in ganz zarten, goldigbraun schimmernden Flaum ausliefen. Alles sah so warm, so schwellend frisch und jung an ihr aus, auch die zierliche Figur in dem einfachen Hauskleide, die sich gerade jetzt vorteilhaft präsentierte, weil Rose sich abwandte, die Arme hob und einen Fliederzweig hernieder bog.

»In acht Tagen blüht er!« sagte sie, und fuhr dann harmlos fort: »Also schreiben können Sie nicht? Sie Glücklicher, so sind Sie vor Papas Crépieux sicher und brauchen sich nicht auf Grund Ihrer Handschrift beurteilen zu lassen!«

»Ist Ihr Herr Vater wirklich ein so ernsthafter Graphologe?«

Rose wandte ihm wieder ihr Gesichtchen zu. Es sah sehr wichtig aus. »Ein fabelhafter Graphologe, sage ich Ihnen! Er liest aus jeder Schrift den Charakter!«

»Und glaubt auch daran?«

»Steif und fest! – Manchmal täuscht er sich ja freilich, was man aber beileibe nicht sagen darf! – Manchmal aber trifft er wirklich das Richtige!«

»Alles Dilettantenwissen ist in diesem Falle Humbug! Verzeihen Sie mir, unter uns, diese Aufrichtigkeit, Fräulein Rose! Die Graphologie ist eine ernste Wissenschaft, welche enormes Studium verlangt – als Sport betrieben hat sie keinerlei Wert.«

»Wohl möglich!« Das junge Mädchen lachte so schelmisch, daß die weißen Zähne blinkten. »Aber er ist ganz vernarrt darin! Denken Sie doch nur, daß er jetzt mittelst der Handschrift seinen Thüringer Feind sucht!«

»Thüringer Feind? Wer ist das?« – Joachim sah ganz betreten aus.

»Nun, das Ungeheuer aus Ruhla! Sie wissen doch!«

»Ach so! Den! … Hm … aber wie kam denn Ihr Vater zu der Handschrift dieses Unbekannten?«

Rose erzählte sehr lebhaft die empörende Begebenheit von dem Vers in dem Wartburgfremdenbuch. Selbst ihre sittliche Entrüstung stand ihr reizend.

Joachim war stehengeblieben und lauschte atemlos. »Donnerwetter! Er hat das Blatt mitgenommen?« stieß er jählings hervor, und dann folgte ein langgedehnter, leise pfeifender Laut durch die Zähne.

»Oh … und er findet ihn sicher! Er hat das Autograph vervielfältigen lassen und schickt es in der ganzen Welt herum!« triumphierte Rose.

Achim schwippte ein wenig nervös mit einem kleinen Fliederzweig durch die Luft. »Das kann ja recht heiter werden! Donnerwetter!«

»Nicht wahr? Oh, ich freue mich auch riesig darauf. Er verdient es, exemplarisch bestraft zu werden, er hat uns ja gar zu furchtbar beleidigt!«

»Uns? … Sie auch? … Na ich dachte, die Blumenovation, die er gerade Ihnen gebracht …«

Rose riß die Augen weit auf vor Staunen. »Woher wissen Sie denn das?!« – fragte sie höchst überrascht.

Er ward ganz verlegen. »Nun … erzählten Sie es mir nicht am ersten Tage?«

»Ich denke gar nicht daran!«

»Dann war es Ihre Frau Mama!« Er sagte es sehr bestimmt und Rose nickte in plötzlichem Verstehen. »Ach so, Mama! Ja, die war ja auch dabei. Und Sie nennen das eine Ovation?«

»Fraglos! Man wollte Ihnen huldigen, weil Sie gewiß tiefen Eindruck auf den Missetäter gemacht hatten!«

Rose blieb stehen und hob die geballten kleinen Hände. Ihre Augen blitzten ein Gemisch von Kampfeslust und Zorn. »Herr von Schilling –« rief sie – »ich bin wahrhaftig nicht kokett und möchte keinem Menschen etwas Böses zufügen, aber dem frechen Menschen aus Ruhla … dem … dem könnte ich kaltblütig den Hals umdrehen – Herr von Schilling – wenn er sich in mich verliebt hätte – oh, ich möchte, er hätte es! Dann könnte ich mich an ihm rächen, wenn ich ihm noch jemals im Leben begegnen würde!«

»Hm … Armer Junge!«

»Sie bedauern ihn wohl gar?«

»Nein, ich hasse ihn in diesem Augenblick, weil Sie ihn hassen, und wenn ich je Gelegenheit habe, ihm unverhofft zu begegnen, so schieße ich ihn zusammen. Und darum sage ich, ›Armer Junge‹, denn mit einer unglücklichen Liebe im Herzen sterben, muß sehr traurig sein!«

Sie lachte. »Nein, sterben soll er nicht; im Gegenteil, er soll recht lange leben, um seine Missetaten genügend büßen und bereuen zu können!«

Er trat ganz nahe an ihre Seite und sah ihr mit seinen lustigen Augen recht wunderlich in das Gesicht. Es lag beinahe etwas Schalkhaftes darin. »Haben Sie sich den gehaßten Menschen wirklich nicht angesehen?«

»Nur so im ersten Schreck – ich war so entsetzt, und verwirrt dazu. Warum?«

»Vielleicht war er ein recht hübsches junges Blut und hätte Ihnen bei näherer Bekanntschaft gefallen?«

Sie wurde wieder ein wenig verlegen und trat schnell zur Seite auf ein Beet, um ein paar Stauden Unkraut auszurupfen. »Nein – in keinem Fall! – Ich kann schwarze Männer nicht leiden, habe mich schon als Kind vor ihnen gefürchtet! – Außerdem braucht mir gar kein Mann zu gefallen!«

»Ach? Warum denn nicht?«

»Heiraten tue ich nicht, und für eine unglückliche Liebe danke ich!«

»Warum wollen Sie absolut alte Jungfer werden?«

Sie richtete sich wieder auf und strich glättend über Schürze und Kleid. Ihre Wangen leuchteten in tiefem Rot, und die Augen blitzten. So stand die Heiderose jung und morgenschön im Tau und hob trotzig die Stacheln gegen den wilden Knaben, der ihr so gefährlich deuchte – ihr Kinderherz wußte selber noch nicht, warum.

»Weil ich nicht weg von hier will, weil ich Jeseritz liebe, weil ich nicht in der Stadt wohnen mag–-! Und außerdem …«

»Wer spricht denn von der Stadt? Vielleicht wohnt der Rechte just auf dem Lande!«

Wie er sie ansah! Und wie das Gespräch so wunderlich wurde! –- Rose atmete ganz beklommen. Das Necken gefiel ihr bei weitem besser. Sie lachte darum und sagte hastig: »Der Rechte kann gar nicht kommen, weil es auf der ganzen Welt keinen Mann gibt, der so schön schreibt, wie es Papa verlangt!«

»Was verlangt Ihr Vater?« wiederholte er gedehnt.

»Ei, eine Schriftprobe! Er hat es hoch und teuer verschworen, daß ich nur einen Mann heiraten darf, der durch seine Handschrift Garantie für einen tadellosen Charakter gibt!«

»Undenkbar! Hat der Landrat auch Probe schreiben müssen?«

Sie nickte übermütig. – »Und ob!«

»Und hat so glänzend bestanden?«

Rose zog eine schelmische kleine Grimasse: »Na, so ganz hervorragend war die Sache nicht, und das hält Papa der Salome jedesmal vor, wenn sich das Ehepaar gezankt hat! –- Ganz unter uns gesagt« –– sie trat voll reizender Wichtigkeit näher und hielt die Hand gegen den Mund, während die großen Augen sehr ernsthaft zu ihm aufschauten –- »steht sich Papa nicht so glänzend mit Siegfried, und behauptet, die Salome habe ihm damals sein Jawort nur durch List entlockt! Er will nun bei mir desto strenger und gewissenhafter sein, denn er meint, einen Schwiegersohn mit harmonischer Handschrift könne er doch verlangen!«

»Donnerwetter ja … das ist ja eine nette Geschichte!«

»Eigentlich finde ich sie gar nicht so nett, denn wenn mir nun vielleicht doch einmal einer gefällt und er schreibt unharmonisch.«

»Na, das wäre doch immerhin noch geschrieben! Aber was soll ein armer Teufel anfangen, der überhaupt nicht schreiben kann?«

Und er hielt ihr mit wahrhaft verzweifeltem Blick seine daumenlose Hand entgegen.

Einen Augenblick stand Rose sprachlos. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. – O Himmel, wie todesverlegen sie wurde!

»Übermorgen gibt Tante Sidonie ihre Kaffeegesellschaft!« stieß sie jählings hervor, um von etwas anderem zu reden.

»Wissen Sie was, Fräulein Rose – ich lerne jetzt mit der linken Hand schreiben!«

»Erst soll es Stolle, Mandelkuchen und Zimmtstengel geben, und zum Dessert Weincreme mit Makronen!«

»Nein – zum Dessert gibt's etwas viel Süßeres!!«

»Ei, das müßte ich doch wohl zuerst wissen! Und was denn, wenn man fragen darf?«

Joachim warf sich in die Brust: »Uns Herren!«

»Nun, das ist doch nichts zum Anbeißen?!!«

Und darauf lachten sie beide. Gottlob, es kam wieder zum Necken! Da waren sie beide in ihrem Element, und zwischendurch trat mal wieder eine tiefernste landwirtschaftliche Besprechung dazwischen, dann verhandelten sie höchst feierlich und ehrwürdig, bis ein Schmetterling über den Weg flog und Rose lachend versuchte, ihn mit spitzen Fingerchen auf den Primeln zu fassen.

Joachim warf den Hut danach, und dann begann, ehe sie selber recht wußten, wie, eine lustige Jagd.

»So tollten wir vor fünfzehn Jahren auch zusammen!«

»Renommieren Sie doch nicht so, Fräulein Rose! Damals nahm ich Sie auf den Arm und spielte Hottopferd mit Ihnen!«

Das war ein Thema, das immer eine lange Zeit in Anspruch nahm, aber es endete jedesmal mit Joachims Versicherung: »Komisch! Wir hatten uns damals schon riesig gern! Faktisch, Röslein rot, ich verkörperte in jeder Beziehung Ihr Ideal!«

»Der Geschmack ändert sich alle sieben Jahre!« knickste sie schnippisch.

»Und jetzt – nach abermals sieben Jahren? On revient toujouirs à ses premiers amours!«

XXI

Welch ein geheimnisvolles Treiben in der Küche!

Kein Mensch ahnte etwas davon.

Nahten Schritte, so sauste Mamsell nach der Tür und schaute aus, und wenn sie dann dem Kommenden von weitem entgegenrief: »Guten Morgen, Herr Major, die gnädige Frau ist nicht hier!« – oder: »Was wünschen Sie denn, liebe Miß?« oder gar: »Die Damen sind in dem Park, Herr Landrat!« dann huschte eine graziöse Gestalt hastig in die Speisekammer, sich dort zu verbergen.

Salome lernte kochen! Wahr und wahrhaftig kochen! Und Rose und alle, die in das tiefe Geheimnis eingeweiht waren, hielten so reinen Mund, als ahnten sie, wieviel Glück für zwei zunge Menschen von diesem Studium abhing.

Und seltsam, was Salome früher so äußerst unsympathisch gewesen, das interessierte sie jetzt aufs lebhafteste. Welch ein Stolz, wenn sie selber eine Speise zubereitet hatte, wenn sie genau sagen konnte, was sie an Zutaten erforderte, und wenn Siegfried sie bei Tisch gar lobte und Rose, als der vermeintlichen Meisterin, große Komplimente darüber sagte.

Salome sah dann errötend unter sich, oder ihr Blick huschte zu der Mutter hinüber, die ihr bedeutsam zulächelte.

Allerdings war es schwer, sehr schwer, Siegfrieds Ahnungslosigkeit dabei zu ertragen. Hier, wo er Gelegenheit hatte, zwischen ihr und Rose Vergleiche anzustellen, schien sie immer mehr »Bild« für ihn zu werden. – Sie hatte den Wagen ihres Mannes, der seinen Dienst sehr gut von Jeseritz aus versehen konnte, kommen hören und stürmte in ihr Zimmer, sich von den Spuren ihres Fleißes zu reinigen. Ihr Geheimnis amüsierte sie jetzt und reizte sie, den gestrengen Tyrannen möglichst lange auf seinen Sieg harren zu lassen. Als er eintrat, saß sie im Frisiermantel und ordnete ihr Haar.

Er blieb überrascht stehen, eine Wolke des Unmuts trat auf seine Stirn. »Es ist zwölf Uhr. Machst im eben erst Toilette?«

»Hm. – Habe ein bißchen lange geschlafen.«

»Rose ist schon seit sechs Uhr in Haus und Hof tätig.«

»Mein Gott … so laß sie doch! Es macht ihr eben Freude!«

»Allerdings. Und dir macht es keine Freude.«

Sie wandte das Hälschen kokett hin und her, um ihre Lippen zuckte es. »Nein, nicht im mindesten!«

Er wusch sich etwas heftig die Hände.

»Und du leistetest weiter nichts als zu schlafen?«

Sie kicherte. »Ich träumte von dir! – Ist das nicht zehnmal wertvoller?!«

Er sah sie von der Seite an. Was hatte sie? Ihre Worte klangen wie Ironie. Dabei die Heiterkeit, und das gerötete Gesichtchen, die vortreffliche Laune … bisher nur sentimentale Unglücksmiene oder Gereiztheit und Nervosität … was bedeutet der Umschwung, hatte sie sich etwa wieder mit Elten versöhnt?

Glühend heiß wallte es plötzlich in ihm auf und griff an sein Herz.

»Kommen Gäste heute?« fragte er, und seine Stimme klang so seltsam, daß Salome jäh auflauschte.

»Wohl möglich! Sehnst du dich danach? Ach … und ich bin so glücklich, wenn ich mit dir ganz – ganz allein bin!« Sie lachte abermals und ihr Blick blitzte verführerisch zu ihm auf.

Dahinter steckte etwas. Er stand mit zwei Schritten an dem Tisch und riß ein Briefchen, das halb unter das Morgenhäubchen geschoben ist, hervor. »Ah … ein Billet-doux – darf man nicht wissen von wem?«

Salome war sprachlos. Wie er aussah, wie sein Auge flammte … sollte er glauben es sei von Elten, sollte … sollte … Herr des Himmels, sollte er eifersüchtig sein?

Sie konnte vor Überraschung nicht sprechen, sie rang nach Atem. Und er stand vor ihr und sah sie schier drohend an. Dann nahm er den Brief, warf ihn hastig hin und biß sich auf die Lippe. »Meinetwegen! Korrespondiere doch, mit wem du Lust hast!« sagte er stolz, zuckte gleichmütig die Achseln und verließ das Zimmer.

XXII

Noch nie im Leben war Salome so überrascht gewesen, wie in diesem Augenblick. Sie saß regungslos und starrte noch immer auf den Fleck, wo Siegfried soeben gestanden. Er war eifersüchtig! War er es wirklich?

Wie ein Taumel des Entzückens überkam es die junge Frau. – Er hatte sich verraten, er liebte sie doch, und seine Gleichgültigkeit war nur Komödie, nur ein Mittel zum Zweck! – – Und das hatte er so lange Wochen durchführen, es über das Herz bringen können, sie derart zu quälen? – Warte du Bösewicht! Dafür sollst du gestraft werden!

Er sah den Brief nicht an, als er merkte, daß er aus der Rolle gefallen war. Stolz und gleichgültig warf er ihn auf den Tisch zurück – aber er hätte doch gewiß gar viel darum gegeben, wenn er ihn gelesen oder den Schreiber gekannt hätte.

Salome stützte das Köpfchen in die Hand und lachte mit strahlenden Augen vor sich hin.

Er vermutete ein Billet von Elten. Pfui! Wie abscheulich, ihr womöglich eine heimliche Korrespondenz mit dem widerwärtigen Menschen zuzutrauen! Darüber müßte sie eigentlich böse sein, wenn es nicht ein gar zu beglückendes Zeichen von Eifersucht wäre!

O wie sie jubeln möchte! Die ganze Welt war ihr nie so sonnig und wonnig vorgekommen, wie in diesem Augenblick! – Ein Gefühl des Übermuts überkam sie –- »wohin mit der Freude?!«

Das Bewußtsein, nun etwas zu lernen und künftighin etwas leisten zu können, hatte sie just heute schon mit stolzem Frohsinn erfüllt. Sie kostete das süße Selbstbewußtsein, ihre Pflicht zu tun, sich nützlich zu machen, den Anforderungen, die man an sie stellte, gerecht zu werden. Das gab ihr eine nie gekannte Sicherheit und Zufriedenheit. Sie brauchte sich nicht mehr vor Siegfried zu schämen; noch eine kurze Lehrzeit und sie würde kein wesenloses Bild mehr im Hause ihres Mannes sein.

Sie atmete auf wie von Lasten befreit und empfand es jetzt erst, wie unglücklich sie sich zuvor gefühlt hatte. Und doch gab es Frauen auf der Welt, die als Tagediebinnen das Gnadenbrot im Hause ihres Mannes essen und eine solche entwürdigende Stellung gelassen ertrugen. Die mußten weder Ehr- und Pflichtgefühl, noch die wahre, echte Liebe für den Gatten kennen. Sie breitete die Arme weit aus und lachte ihrem rosigen Spiegelbilde zu. – »Du da drinnen! – Frau Salome! Er liebt dich doch! – Er ist dennoch eifersüchtig … so sinnlos eifersüchtig, daß er dir sogar Liebesbriefe von Elten zutraut!!«

Und das blonde Köpfchen nickte mit strahlenden Augen aus dem Glase heraus und kicherte. »So mußte es kommen, das verdiente der böse Schelm! – Welch ein ›lustig Weib‹ ist aus mir geworden! Es kribbelt mir in allen Fingern, ihn einmal weidlich zu necken! Ich bin ja so froh! – Was soll ich tun mit ihm, daß er sich ganz verraten muß? –- Ihn vor allen Dingen mit meinem Küchengeheimnis quälen … und dann … ja was noch?«

Sie sann und sann und, plötzlich kam ihr ein toller Gedanke, sie klatschte vor Vergnügen in die kleinen Hände. – Ja, das war eine großartige Idee! Heute nachmittag gab ja Tante Sidonie die vielbesprochene Kaffeegesellschaft. Alle Damen würden bei ihr versammelt sein, und Siegfried sicher in dieser Zeit das Zimmer hier betreten, um eine kleine Siesta zu halten. Er würde den ominösen Brief unverändert auf seinem Platz liegen sehen, und er wird nicht widerstehen können, einen Blick hineinzutun. War er wirklich eifersüchtig, so kannte er keine Skrupel, sondern hegte nur den einen Wunsch, klar zu sehen. Er würde den Brief lesen – aber nicht den harmlosen der Frau Doktorin, der darin steckte, sondern einen anderen, der ihm alles sagen sollte, was der Schlingel zu hören verdiente. – Das sollte ein Spaß werden!

Hastig holte die junge Frau ihre Schreibmappe herzu, wählte einen rosa Bogen und setzte sich mit glühenden Wangen an die Arbeit.

Vor allen Dingen mußte sie die Schrift verstellen. Sie malte und kratzte mit der Feder die fremdartigsten Buchstaben und schrieb:

»Geliebte! Teuerste!

Namenlose Sehnsucht nach Dir verzehrt mich! Ich habe alles Herzeleid vergessen, das Du mir durch Deine Heirat zugefügt, denn ich weiß, Du bist unglücklich! Du leidest. – Ich hörte alles; wie Dein herzloser, gefühlloser Tyrann von einem Mann Dich kalt und gleichgültig behandelt, wie er schon seit Wochen neben Dir hergeht, kaum noch einen Blick, noch einen Händedruck für Dich hat! Und warum? Weil Du zartes, minnigliches Prinzeßchen Dich für zu gut hältst, um grobe Mägdearbeit zu tun! – Anstatt durch Liebe und zärtlichste Vorstellungen Dich seinem Wunsche geneigt zu machen, spielt er sich auf den Barbaren hinaus. Sein ist die Schuld, wenn er Dich, holde Frühlingsblüte, dem Sturm aussetzte, der Dich nun doch an meine Brust weht. – Ja ich komme! Ich komme als Retter und Befreier! – Ich werde Deine Ketten brechen und Dich von einem Manne erlösen, der Dich Kleinod nicht zu würdigen weiß und nicht verdient! – Ich komme, sobald ich alles vorbereitet habe. – Wenn Du willst, entführe ich Dich! – Bis dahin in Liebe – die selbstloser und zärtlicher ist als die Deines kaltherzigen Tyrannen. – Dein ewig treuer

Hermann!«

Ja, »Hermann« ist gut! »Hermann« ist Sammelname, so heißen sehr viele Leute auf der Welt!

Salome lachte, daß sie kaum noch die Feder halten konnte! »Hermann, der unbekannte Gott, muß herniedersteigen und Herrn Siegfried Moral predigen! Er muß ihn ängstigen und foppen, er muß Frau Salome helfen, diesen herrlichen Scherz ausführen! – Kann er etwas Schlimmes anrichten? Nein, unmöglich – es gibt ja gar keinen Hermann in Feldheim, weder dort noch in der Umgegend. Also vorwärts! Wie gut die Schrift aussieht! Es ist undenkbar, daß man sie als ihre Hand erkennen kann!«

Nun schnell den Brief in das Kuvert gesteckt … und »guten Appetit« und »viel Vergnügen, Herr Landrat!«

Was würde er für Augen machen! Wie er auf Hermann den Raben warten und die Pistolen für den Entführer laden!

– Oh, es war ein kapitaler Scherz! Wie würden sie lachen, wenn alles sich nachher so harmlos aufklart!

So, hier auf dem Tisch … ein wenig unter die Bücher geschoben … finden würde er den Brief auf jeden Fall!

Und ausgelassen wie ein mutwilliges Kind, schmückte sich die junge Frau schöner und sorgsamer als je, wählte aus dem Strauß, welchen der Gärtner in das Zimmer gestellt, die schönsten Blüten und steckt sie an Haar und Brust,

Schon erklang die Tischglocke zum ersten Zeichen. Schnell noch einen Blick in die Küche, ob ihr Schmorbraten, der Rotkohl und der Fleischpudding noch ebenso lecker dreinschauten wie vorhin … und dann zu Tisch!

Wenn sie nur ernst bleiben konnte! – Je nun, die kleine Tafelrunde war ja stets so lustig und guter Dinge, daß es genug Ursachen und Vorwand zum Lachen gab. Heute wird Salome ihr redlich Teil zu der allgemeinen Heiterkeit beitragen!

Und sie tat es. Tausend kleine Kobolde lachten ihr aus den Augen, und Siegfried, der anfänglich etwas wortkarg und verstimmt seiner Frau gegenübergesessen hatte, ließ sich anstecken und amüsierte sich mit.

Zwar deuchte es Salome, es sei eine etwas nervöse Munterkeit, und sein Blick, der wieder und immer wieder, wie magnetisch angezogen, zu ihr herüberflog, drückte Mißtrauen und Argwohn aus. Er begriff nicht, warum seine kleine Frau urplötzlich so verwandelt war, und machte sich allerhand Gedanken darüber.

Die Kaffeegäste der Tante Sidonie waren für vier Uhr eingeladen, und präzise zu der befohlenen Stunde rollte ein großer Partienkremser heran, der die Blüte von Feldheim in den absonderlichsten Gestalten und Farben, sowie in den mannigfachsten Jahrgängen entlud.

Siegfried und Joachim standen verborgen hinter einem Parterrefenster und staunten das Sehenswerte an, Schilling noch mehr als der Landrat, denn diesem waren die Feldheimer Typen schon bekannt und gewohnt geworden.

Die Mode fand schwer Eingang in dem kleinen Städtchen, namentlich bei den älteren Generationen, die auch der Ansicht huldigten: »Was ich als Mädchen gepflegt und getan, nicht will ich's als Greisin entbehren!« – Die ältere Frau Rechtsanwalt emanzipierte sich schon eher einmal – sie hatte sich jetzt endlich – wenn auch noch widerwillig, zum Tragen eines Cul de Paris entschlossen – so wie er vor fünfundzwanzig Jahren Aufsehen in der Weit erregte. Damals erlaubte ihre Mutter der Sechzehnjährigen nicht, solche Modenarrheit mitzumachen – später wollte es der Gatte nicht, jetzt aber, wo diese beiden Unerbittlichen im Grabe lagen, konnte sich Frau Malwine den sehnlichsten Wunsch erfüllen.

Das schöne warme Wetter hatte die Damen zumeist veranlaßt, helle Gewänder anzulegen. Die Bergratstöchter hatten sogar »rosa« gewählt, doch versicherte Siegfried seinem Lauschgenossen: »Es ist die Abendröte, die die Fräulein markieren wollen.« Die Frau Apotheker trug noch ihren roten, goldbesetzten Baschlick, den ihr »gutes, liebes Tierchen« –- das war ihr Mann – auf der Hochzeitsreise in Frankfurt a. M. gekauft hatte, ein Prachtstück, das vor Zeiten sogar in dem Feldheimer Intelligenzblatt eingehend besprochen war. Von so etwas trennt man sich nicht. Die Rittmeisterin a. D. prangte sogar in Seide und tat sehr vornehm; sie trug einen Pompadour von außergewöhnlicher Größe am Arm.

»Heiliges Linksschwenkt – was mag sie in dem Schnappsack alles mit sich schleppen!« staunte Joachim.

»Das kann ich Ihnen genau sagen, ich habe das Ding mal während eines Kaffees bei meiner Frau untersucht!« flüsterte Born. »Wenn sie kommt, hat sie ein Strickzeug, einen baumwollenen Seelenwärmer, ein Paar Gummischuhe, eine Schachtel Magnesia – sie leidet am Magen – eine gestrickte Kapuze, sowie die Brille und ein Flänschchen Ohrenwatte für den Heimweg bei sich, wenn sie geht, befinden sich nur noch der Strickstrumpf, die Schachtel und Brille – sowie sehr – sehr viel Kaffeekuchen darin!« Achim prustete los vor Lachen – er konnte es getrost, denn draußen hörte man ihn nicht. Alle Damen hatten die Eigentümlichkeit, stets a tempo zu sprechen – eine immer lauter als die andere, denn jede wollte zur Geltung kommen.

Man machte Knickse, die jedem Menuett zur Ehre gereicht hätten, nötigte sich eine Viertelstunde vor der Tür, wer zuerst eintreten solle, bis schließlich – Ehre wem Ehre gebührt – der Affenpinscher der Miß Howard den Anfang machte, und die dicke Apothekerin durch einen neckischen Stoß der Bergrätin ihm nachflog. Da war der Bann gebrochen, und jede drängte sich vor.

Tante Sidonie hatte nichts von der gewinnenden Begrüßungsfreude der Gastgeberin im Gesicht. Im Gegenteil, sie schien heute in Grobheit zu exzellieren, was man aus dem verlegen- erzwungenen Demutslachen der jeweilig Betroffenen entnehmen konnte.

»Tripp und trapp, klipp und klapp! Gott sei Dank, sie ziehen ab!« – rezitierte Schilling aufatmend, als sich der weibliche Heerhaufen, zu jedem Zungenmassaker und Wortgefecht bereit, die Treppe emporwand, nach dem Salon der Frau Professorin.

»Nachher horchen wir!« schmunzelte der Landrat, »ich sage Ihnen, Schilling, es gibt nichts Spaßhafteres als Königin Klotz unter ihren Fröschen! – Habe schon alles vorbereitet. Über den Balkon können wir bequem in das Nebenzimmer gelangen, die Fenster stehen offen!«

»Das ist gut. Die Tür soll ja abgeschlossen werden!«

»Um so besser für die Überraschung. Und nun kommen Sie, wir wollen Kaffee trinken! Rose hat sich oben freigemacht, unter dem Vorwand, selber Waffeln backen zu wollen; sie kommt und leistet uns Gesellschaft!«

»Wenn muntre Reden ihn begleiten, so fließt der Kaffee munter fort!«

Die Frau Professorin hatte ihre Gäste hinauf in ihre »gute Stube« geleitet. Auch Salome betrat an der Seite ihrer Mutter zuletzt das Zimmer, und beide Damen wechselten einen überraschten Blick. In grellstem frischestem Königsblau prangten die ehedem so alten, verschlissenen Möbel, und Tante Sidonie prüfte mit triumphierendem Blick die Wirkung dieser Neuigkeit in den Gesichtern ihrer Hausgenossen. Dann teilte sie die Plätze aus, nicht wie gewöhnlich üblich streng nach Rang und Würden, sondern wie es ihr just in den Kram paßte. Zu allgemeinem, tiefinnerstem Staunen wurde Salome an ihre Seite beordert, und darüber machte die Frau Apotheker ein so schwer gekränktes Gesicht, daß Frau von Born kein anderes Mittel wußte, sie zu versöhnen, als daß sie schnell den königsblauen Sessel vor den Platz der würdigen Dame schob, und selber bescheiden auf einem Rohrstuhl niedersaß. Das rettete einigermaßen Ehre und Reputation.

Solange gegessen und getrunken wurde, war es ziemlich still; als aber eine der Damen nach der anderen sich mit dem windelförmig großen, selbstgestickten Taschentuch den Mund wischte, die Arbeit aus dem Pompadour nahm und guter Sitte gemäß Speise und Trank bis in den siebenten Himmel lobte, da begann das Büchlein der Unterhaltung zu plätschern, lebhafter und eiliger, immer toller sprudelnd, bis schließlich ein wahres Mühlengeknatter, unterbrochen von schrillen Lachtönen, durch das ehrbar stille Gutshaus von Jeseritz dröhnte. Man mußte es doch hören, wie gut sich die Damm amüsierten!

Plötzlich trat feierliche Stille ein. – Tante Sidonie erhob sich und kündigte den Herrschaften eine Vorlesung aus ihrem neuen, epochemachenden, naturwissenschaftlichen Werke an. Kolossaler Beifall. Der ganze Hofstaat schwamm in Entzücken, man überbot sich, das denkbar größte Interesse zu bezeigen.

»Über neue Forschungen auf dem Gebiete der Gliederfüßler, ihre Atmung durch Tracheen, über Parthenogenesis und Generationswechsel. Beginnend mit den Aptera bis zur Hemiptera, schließend mit den Rhynchota.«

»Wie unbeschreiblich interessant!« exaltierten sich die Damen, und der Bergrätin Jüngste preßte schwärmerisch die Hände gegen die flache Brust: »Gerade dafür habe ich mich stets begeistert! O diese Naturwissenschaft! Selbst eine Käsemade war mir immer ein interessantes, rätselhaftes Geschöpf!« Die Umsitzenden wechselten ein paar giftig ironische Blicke. Tante Sidonie aber schlug feierlich das Buch auf und begann mit monotoner Stimme zu lesen.

Alles lauschte voll Ehrerbietung, keine wagte sich zu rühren, der Respekt verbot sogar das Arbeiten. Steif und stumm, die Augen mit dem Ausdruck hilflosester Verständnislosigkeit auf die Leserin – oder in die Luft gerichtet, ließen die Schönen von Feldheim einen Schwall lateinischer Worte und unbegreiflicher Tatsachen über sich hingehen. Dazu war es drückend heiß in dem nicht allzugroßen Zimmer. Die Sonne prallte auf die Fenster und die vielen eng zusammengepferchten Menschen heizten an und für sich schon gewaltig ein.

Dazu das gleichmäßige Sprechen.

Die dicke Apothekerin trocknete sich die Stirn – die anderen Damen folgten ihrem Beispiel. Der Schweiß rann in Strömen. Aber was half es? Man lauschte entzückt. Allzulange würde es ja nicht dauern! – Aber es dauerte lange – die harte Stimme klang rastlos weiter, wie eine Blechtrommel. Da hob die Bergrätin mit verzweifelter Grimasse das Taschentuch – sie gähnte. Und die Apothekerin sah es – und mußte rettungslos mitgahnen – und rechts und links hoben sich die Hände an den Mund. – Welche drückende Schwüle. – Die Rittmeisterin konnte sowieso keine Hitze ertragen, sie schlief regelmäßig in der Kirche ein, und jetzt deuchte es ihr, die Frau Professorin stände auf der Kanzel und predigte. Da gähnte auch die Doktorin neben ihr – ei, es wird ja nichts schaden, Frau Sidonie sah ja nicht auf – und nach zwei Minuten sank ihr Kopf vornüber, die Frau Rittmeisterin schlief.

Die Glückliche! Die Bergrätin wehrte sich auch nicht länger, sie mußte! – Auch ihr schönes Haupt neigte sich. – Ihre Töchter saßen zu weit entfernt, um sie knuffen oder treten zu können.

Und die Uhr tickte, und die Sonne brütete, und die Leserin machte keine Pause.

Plötzlich horchte sie erstaunt auf. Welch ein seltsam rasselnder, sägender Ton? – Sie stutzte. Da klang es wieder und abermals … dröhnend laut und schrecklich.

Salome schüttelte bedenklich den Kopf – die Tante blickte über Buch und Brille auf. – Ja, was war denn das? – Wie in Dornröschens Schloß saßen rings ihre Vasallinnen und schliefen – schliefen tief und fest – ja, die Apothekerin schnarcht sogar wie ein Wachtmeister. Nur Salome – sie war die einzige, die andächtig gelauscht hatte.

Da überkam die Professorin der Zorn eines Moses, als er, ergrimmt über sein verderbtes Volk, die Tafeln des Gesetzes zur Erde schmetterte. Auch sie hob ihr Buch und knallte es voll heiligen Ingrimms auf den Tisch, daß alle Kaffeetassen hoch in die Luft flogen.

Ein gellendes Schreckensgeschrei. Die Damen fahren zu Tode entsetzt aus süßen Träumen auf – die Bergrätin zetert schlaftrunken: »Eine Explosion! – Dynamit!« – und trat ihrer Nachbarin vor Angst auf die Hühneraugen.

Gleicherzeit ein schallenes Gelächter nebenan. Born und Schilling standen auf der Schwelle und verneigten sich, »Wünsche wohl geruht zu haben!« sagte der Landrat, »liebe Tante, das Mädchen bringt die Bowle!«

Die Professorin erhob sich steif und feierlich. Ihr Antlitz zuckte in beleidigtem Stolz. – »Gut – andere Nahrung paßt auch nicht hierher, man soll die Perlen nicht vor die Säue werfen.« – Sprach's und trug ihr Buch davon … die Damen saßen wie gelähmt. Etliche blickten beschämt in den Schoß, andere wollten ihre Verlegenheit hinter krähendem Lachen verbergen. Die Herren halfen über die fatale Situation hinweg, außerdem kam die süße Speise und Bowle. »Jetzt schon?« wunderte man sich.

Der Landrat sah sehr ernst aus. »Ja, denken Sie nur, meine Damen, Ihr Kutscher muß falsch beschieden worden sein! – Anstatt um acht Uhr, kam der Wagen schon jetzt. Ich bestimmte den Kutscher, noch die zwei Stunden zu warten, aber er behauptete, das könne er nicht – höchstens eine halbe Stunde bewilligt er!«

»Dann schnell mit dem Essen heran, daß sie wegkommen!« rief die Professorin mit harter Stimme und trat neben den Landrat. »Wie kommt ihr in das Nebenzimmer? Ihr habt gehorcht!«

»Allerdings. Wir hörten Sie vorlesen, da wollten wir nicht zu kurz kommen!«

»Nun – und ihr seid wach geblieben?«

»Selbstverständlich. Ich wollte gern die Schnitzer zählen, die Sie gemacht haben, teuerste Tante!«

»Hm … und wie viele waren es?«

Siegfried zuckte die Achseln. »Je nun, Ihr Mann war ja ein bedeutender Gelehrter!«

»Was habe ich damit zu tun?«

»Alles, Sie haben das Buch von ihm abgeschrieben!«

Der Sprecher wollte derb sein, und war daher äußerst erstaunt über das strahlende Lächeln, das über der Professorin Züge glitt. »Hm … das läßt sich hören. – Eine größere Anerkennung kann das Buch nicht finden. – Sie haben sich mit Ihren eigenen Worten geschlagen, Herr Neffe, und alles gut gemacht, was die Brut am Kaffeetisch dort gesündigt hat.«

Kein Schmeicheln, kein Bitten und Betteln, kein noch so derbes Liebesgeständnis konnte Tante Sidonie versöhnen – sie blieb ihren Gästen gegenüber ein Marmorbild. – »Habe das Gesindel neulich schon durchschaut« – sagte sie zu Herrn von Schilling – »elende Erbschleicher, weiter nichts.«

Tante Sidonie gab auch das Signal zum Aufbruch, indem sie mit entsprechendem Blick die Weinflasche, aus der die Bowle nachgefüllt werden sollte, an sich heranzog, den Kork mit der flachen Hand fest einschlug und diktatorisch erklärte: »Weg damit, es trinkt niemand mehr.«

Da sahen sich die Namen mit wahren Armsündermienen an und fühlten sich entlassen. Sie erhoben sich, und das Knicksen begann von neuem. Plötzlich aber dröhnte abermals ein Gelächter durch das Zimmer. Der Landrat und Joachim warfen sich auf die nächsten Stühle und hielten sich die Seiten vor Vergnügen. »Kehrt, meine Damen! Kehrt!«

Das war eine schöne Bescherung! – Die neuen Aufbürstefarben, die Tante Sidonie so stolz in Anwendung gebracht, hatten sich bitter für den Tort gerächt, den die Feldheimer Namen ihrer Herrin angetan. – Jede der Schönen bewies das – en revers de la medaille! Wer auf den königsblauen Sesseln gesessen hatte, nahm die Farbe mit nach Hause!

Ein außerordentlicher Tumult erhob sich. Die schönen hellen Kleider, und dieser Anblick für die Herren! – Man vergaß den Abschied. Rückwärts zur Tür hinaus schassierend flüchteten die Holden nach dem Omnibus.

Die Hinterbliebenen aber konnten sich gar nicht fassen vor Heiterkeit, und der Landrat hat nie anders von diesem Fest erzählt, als wie von dem »Pavianskaffee!«

Der Kutscher hat nachher verraten, er habe noch nie im Leben so furchtbar schimpfen hören, als bei dieser Heimfahrt – und warum er zwei Stunden früher gekommen? – Ja, das ist für ewige Zeit ein Geheimnis zwischen ihm und den beiden Jeseritzer Herren geblieben.

Aber sein Schatz hat am nächsten Sonntag einen nagelneuen Hut in der Kirche aufgehabt.

Währendessen hatte sich Herr von Welfen sehr gelangweilt. Zeitungen gab es heute nicht, die Frauenzimmer bei Tante Sidonie waren ihm zu »quatsch!« und spazierengehen mochte er in der Mittagssonne nicht. Da setzte er zunächst eine Annonce für das Jeseritzer Kreisblatt auf, und zwar im Interesse seiner Tochter Salome – so, wie er es mit ihr und Siegfried gestern abend besprochen hatte.

Ein neuer Diener wurde gesucht. – Was man auf gute Zeugnisse der Dienstboten geben kann, wußte jede Hausfrau und jeder Hausherr. Man lobte aus dem Hause hinaus, was man nicht wagte hinauszuwerfen. – Also auf Empfehlungen gab man nichts mehr, wie aber sollte man sich über die Leute orientieren? Durch die Handschrift! – Dreimal Heil der Graphologie, die die Menschenseele so durchscheinend klar dargelegt, wie die Röntgenstrahlen das geheimste Innere eines Menschenkörpers.

Und der Major setzte eine Annonce auf: »Gesucht für sogleich oder später ein sehr zuverlässiger, herrschaftlicher Diener mit besten Zeugnissen. Schriftliche Anmeldung zu richten an Herrn Major von Welfen, Jeseritz.«

Das war ein vortrefflicher Gedanke.

Morgen stand es im Blatt.

Dann brachte Wulf einen Brief, den der Kutscher des Damenomnibus abgegeben hatte.

Eine Schusterrechnung. »Hm, ob das der Meister selber geschrieben hat? Wollen doch gleich mal nachsehen, was hinter dem Kerl steckt! – Seine Preise kommen mir hoch vor – wenn sich in der Schrift Anzeichen für Habgier, Gewissenlosigkeit und Verschlagenheit vorfinden, ist der Monsieur ein Betrüger und übervorteilt seine Kunden!«

Mit großem Eifer und dem Behagen eines Menschen, der sich in der Lage sieht, hinter die Schliche eines andern zu kommen, trat der alte Herr an den Schreibtisch.

Wo lag sein Handbuch der Graphologie? … Nicht da? … Hm, richtig, Salome hatte es sich gestern geholt, um etwas nachzuschlagen. – Würde noch droben in ihrem Zimmer liegen.

Welfen schritt hinaus, die Treppe hinauf in die Logierstube des Bornschen Ehepaares.

Er blickte umher. Ah, da lag es ja auf dem Tisch. –

Nebenan plötzlich ein furchtbares Geschrei und Gepolter in Tante Sidoniens Zimmer.

Gewiß war jemand mit dem Stuhl durchgekracht! – Vielleicht sonst ein Malheur – er mußte doch nachsehen! –- Hastig raffte er das Buch auf und eilte damit auf den Korridor. Da schlug ihm schon eine Lachsalve entgegen, und Siegfried schien auch dabei zu sein, denn er rief: »Wünsche wohl geruht zu haben, meine Damen!« – Na ja, wahrlich war das wackelbeinige Sofa mit der dicken Apothekerin und der Frau Rittmeister zusammengebrochen, und schadenfroh schmunzelnd zog sich Welfen wieder in sein Zimmer zurück.

Er setzte sich in einen Sessel und schlug den Crépieux auf. – Ein Brief fiel ihm entgegen, er hatte sich zwischen die Blätter des Buches geschoben.

»Wetter ja – ein Brief? – Etwa an mich?« Und mechanisch schlug er das steife Papier auseinander.

Er stutzte. Welch eine wunderliche Schrift! Der reine Krikelkrakel! Ein Buchstabe hoch, einer niedrig, einer dick, einer dünn – keiner hing an dem andern, dieser ist deutsch, jener lateinisch geschrieben! Die großen Buchstaben waren am wunderlichsten. Weit ausfahrende Linien, Striche, Schnörkel. Alle Zeichen unter der Linie weitgebaucht oder völlig verkrümmt. Das Ganze sah aus, als sei ein Sturmwind durch die Schrift gefahren, so windschief hing sie auf dem Papier.

So etwas hatte Welfen noch nie in seinem ganzen Leben gesehen!

Wer war denn der Schreiber? – »Hermann?« Wer hieß Hermann? Er kannte keinen dieses Namens, doch ja – Neffe Hermann in Berlin, der Sohn seines Stiefbruders, hm. Aber der hatte doch früher ganz anders geschrieben! Allerdings schon lange her, daß der Junge von sich hören ließ. Er war wütend beleidigt, weil ihm der liebe Onkel einst eine tüchtige Ohrfeige gehauen hatte, und zwar von Gottes und Rechts wegen, denn er hatte Salome küssen wollen! – Ein Primaner, und sie noch nicht mal in der Pension gewesen! Na, er hatte ihm die verliebten Mucken ausgetrieben, und seit der Zeit maulte er. Wollte erst Jurist werden – dann sattelte er um und studierte plötzlich Musik. Hm … und nun meldete sich der Schlingel plötzlich wieder. – Was wollte er?

Der Major beginnt zu lesen. Er schüttelte immer besorgter den Kopf: »Verrückt! Total verrückt!« Und wie er das Wort aussprach, durchzuckte ihn ein lähmender Schrecken.

Diese Schrift! Der verworrene, sinnlose, überspannte Inhalt der Zeilen … kein Zweifel mehr, der Unglücksjunge ist verrückt geworden!

So etwas soll ja bei den Musikern öfters vorkommen, sie fiedeln und komponieren sich das bißchen gesunden Menschenverstand weg!

Armer Hermann! So jung, und so hoffnungsfreudig, und nun so!

Das kam davon, wenn die Söhne so ohne alle elterliche Sorge aufwachsen mußten. Der »Männe« war stets eine verdrehte Schraube, erst schauderhaft verhätschelt und verzärtelt von der Mama, und als die gute Seele starb, noch mehr verwöhnt von dem Vater, und als auch dieser die Augen schloß, da stand das Muttersöhnchen und wußte sich nicht allein die Krawatte zu binden! Und so einen laschen Bengel nun allein in die Welt und das Leben hinaus! – Erst studiert – ewig lange – dann umgesattelt – na, man hätte ihm nur Onkel Welfen zum Vormund geben sollen, der hätte vielleicht noch was aus ihm gemacht, aber so ging die Sache naturgemäß schief.

Also verrückt! Der Männe verrückt! Schauderhaft. Der Major schleppte alle graphologischen Bücher zusammen und forschte darin nach der Wahrheit seiner trüben Ahnung. –

Da, es stimmte; er las die schrecklichsten Dinge aus der beinahe unheimlichen Schrift des armen Neffen. Und dann saß er da und dachte über das Unheil nach.

Er wollte herkommen und Salome entführen. Das arme Wurm, davon durfte sie natürlich nichts ahnen. Ob er Siegfried in Kenntnis setzte? – Aber freilich einer von ihnen mußte ja den Brief schon gelesen haben, denn er war erbrochen. Zuerst mußte er also das Terrain sondieren.

Oben gab es abermals ein furchtbares Hallo – und dann stürmten die Damen wie die wilde Jagd die Treppe hinab zum Wagen. Teufel, Donner, wie sahen sie denn von rückwärts aus? – Welfen setzte flink den Kneifer auf und dann schüttelte er sich vor Lachen, ja er vergaß sogar den armen, verrückten Hermann und eilte in Tante Sidoniens Zimmer hinauf, wo er die Familie halb aufgelöst vor Heiterkeit antraf.

Frau Dora und Salome stürmten soeben den Gästen nach, um so gut es ging, die Abschiedshonneurs zu machen.

Als sich der Sturm etwas gelegt hatte, zupfte Papa Ernst seinen Schwiegersohn am Arm. »Du … Siegfried!«

»Was denn, Vater? Ach, ich bin halb tot vor Lachen!«

»Sage mal, hast du heute in eurem Zimmer einen Brief gelesen, der an Salome adressiert war?«

Der Landrat hörte nur mit halbem Ohr, er lauschte mehr auf die Witze, die Rose und Joachim über die Paviane machten.

»Hm … habe ihn in der Hand gehabt – wollte gerade lesen, aber dann überlegte ich mir, daß mich die Briefe meiner Frau nichts angehen!… Höre mal, Rose – ihr habt um den Möbelstempel gewußt, sonst hatte sich doch wohl auch eine von euch auf solch einen perfiden Abklatschsessel gesetzt!«

Der Major nickte vor sich hin. »Also Siegfried hat den Brief fraglos geöffnet, aber glücklicherweise nicht gelesen. fragt es sich, ob Salome schon Kenntnis davon genommen!«

Er schritt die Treppe hinab und begegnete seiner Tochter an der Haustür.

Sie lehnte ihr glühendes Gesichtchen an seine Schulter und schluchzte vor Lachen.

»Ja, Prinzeßchen, es sah sehr komisch aus. Aber höre mal, was ich dich fragen wollte … hast du eigentlich mal wieder Nachricht von Vetter Eylau gehabt?«

»Vetter Eylau? – Aus Berlin?« – Salome blickte ihn mit großen Augen erstaunt an. »Nein! Wir korrespondieren ja gar nicht miteinander! Wie kommst du darauf?«

»Ich meinte nur so! … Hm …« und er blickte dem Liebling scharf prüfend in das unschuldige Gesicht. »Nein, sie war vollkommen harmlos; derartig konnte man sich gar nicht verstellen. Also sie ahnte nichts von dem Schrecklichen, daß ein verrückter Mensch sich einbildete, sie sei unglücklich, und die fixe Idee hatte, sie zu entführen! Und sie durfte auch nichts davon wissen.«

Vorläufig sollte auch Siegfried ahnungslos bleiben, und erst wenn der Unglückliche wirklich hier auf der Bildfläche erscheint, so war es an der Zeit, ihn zu warnen. Vor allen Dingen mußten Maßregeln getroffen werden, den gefährlichen Kranken so schnell wie möglich unter ärztlicher Aufsicht zurückzutransportieren. Vielleicht war der Brief auch nur in einem Moment geistiger Verirrung entstanden, und in der nächsten Stunde wußte der Schreiber nichts mehr von ihm!

Also abwarten, ob er überhaupt kam.

Nachher, beim Abendbrot oder morgen beim Frühstück würde er die Familie auf den unheimlichen Gast vorbereiten, denn daß er verrückt war, mußten sie schon um der allgemeinen Sicherheit willen wissen.

XXIII

Man trank den Kaffee auf der Veranda.

Die Wettermacher mußten sich wohl ganz und gar in der Zeit verrechnet haben, denn niemand in der kleinen Frühstücksrunde entsann sich eines Aprils, der derart sommerlich geartet war wie der heurige.

Die Damen trugen helle Kleider, die Herren hatten es sich in leichten Tennisanzügen bequem gemacht und rauchten behaglich ihre Zigarren, während die Damen sich eine Handarbeit geholt hatten und vergnüglich an der Unterhaltung teilnahmen. Da der Landrat heute zu Hause bleiben konnte, war die Frühstücksstunde länger als gewöhnlich ausgedehnt. Es gab nicht leicht etwas Gemütlicheres, als dieses Beisammensitzen in der köstlich warmen, blütendurchdufteten Luft, inmitten einer Natur, über die der Lenz seine Schönheit in verschwenderischster Pracht ausgegossen hatte. Ganz besonders heiter war Salome.

Sie schien recht oft aus dem Tokayerglase ihres Vaters genippt zu haben, wenigstens führte Rose lachend ihre übermütige Laune daraufhin zurück.

So eifrig sie auch an dem Monogramm in dem zarten Spitzentuch stickte, ihr Blick flog doch oft genug, wenn auch unbemerkt, zu ihrem Manne hinüber, der, im Gegensatz zu ihr, ernster als gewöhnlich dreinschaute und selbst über den schönsten Pavianskaffeewitz nur zerstreut lachte.

Dahingegen schauten sowohl er, wie auch der Major jedesmal mit scharfem Blick auf, wenn das Rollen eines Wagens von der entfernten Chaussee herübertönte.

Oh, Salome wußte wohl, nach wem er ausschaute! Und sie biß die Zähne zusammen, um nicht laut aufzulachen über ihren herrlichen Witz.

»Hermann, der unbekannte Gott!« der Entführer seiner Frau, wurde von ihm erwartet, darum blieb er auch heute zu Hause. – Wen er sich wohl darunter vorstellt?

Vielleicht einen Verehrer aus Lausanne!

Ihr erster Gang nach dem gestrigen Kaffee hatte ihrem schönen Skriptum in dem Logierzimmer gegolten. Sie warf sich in einen Sessel und schüttelte sich vor Lachen, denn mit Genugtuung hatte sie bemerkt, daß es von dem Tisch verschwunden war. Glücklich in dem Gedanken, daß ihr Streich gelungen sei, lachte sie still vor sich hin. Aber Hermann, mein Rabe, kam nicht.

Wie sollte er auch am hellen, lichten Tage! Romeo hing die Strickleiter auch erst im Mondenschein an. Die Nadel zitterte in Salomes Hand; sie lachte ganz plötzlich laut auf und behauptete, Miß Dollys Affenpinscher gleiche der einen Bergratstochter, die habe auch ihre großen Zähne so gefletscht, als sie von den Käsemaden schwärmte.

Plötzlich ließ der Major die Zeitung sinken. »Gräßlich, wie der Irrsinn in der Welt überhand nimmt!« sagte er beinahe feierlich. »Überall müssen neue Anstalten gebaut werden, Und nun kommt solch ein Unglück gar noch in unsrer Familie vor!«

Alle Köpfe hoben sich mit verdutzten Blicken. »In unsrer Familie?!«

Selbst Salome sah ernst aus. »Was heißt das, Papa?«

Welfen staubte bedächtig die Zigarre ab, und Mamsell, die Wulf half, den Frühstückstisch abdecken, wurde ganz blaß und preßte jählings einen Teller mit Honigresten gegen die Brust.

»Ihr wißt's noch nicht?« forschte der Hausherr.

»Nein!« Tiefe Stille.

»Der arme Vetter Eylau aus Berlin.«

»Männe Eylau?! – Barmherziger Himmel!«

»Ein bißchen verdreht war er immer!« nickte der Landrat.

»Tatsächlich geisteskrank?«

»Unheilbar.«

»Gewiß überarbeitet?«

»Fraglos. Armer Junge. Steckt vielleicht schon in der Zwangsjacke, denn alle Anzeichen für Tobsucht sind vorhanden!«

Mamsell ließ vor Schreck den Honigteller fallen; er glitt sanft Miß Dollys Rücken herunter, und Wulf fing ihn noch geschickt auf.

»Grauenvoll! –«

»Woher weißt du es denn, Papa?«

»Brief.« – Welfen stieß das Wort kurz durch die Zähne hervor und paffte eine dicke Dampfwolke. Sein Blick zuckte zu zu Salome hinüber. Sie blieb auch jetzt ganz harmlos und sagte nur: »Sicherlich ist die Musik daran schuld, die fällt so auf die Nerven! Wo ist er denn jetzt, Papa?«

»Weiß nicht. Wohl möglich, daß er schon in einer Anstalt ist, manchmal haben ja aber gerade diese Kranken ein sehr feines Gefühl für ihre drohende Überführung und entwischen den Ärzten, die sie transportieren sollen!«

Mamsell trocknete sich mit der Schürze den Angstschweiß von der Stirn, sie graulte sich so furchtbar vor den Tollhäuslern.

In den Hof rollte ein Wagen.

»Wer kommt denn? – Vielleicht der Doktor?«

Alles schaute und lauschte.

Stimmen wurden laut, Schritte klangen auf dem Kies, und um die Ecke des Hauses bog eine hohe, hagere Jünglingsgestalt im wehenden grauen Havelock, gefolgt von Bachmann.

Der Fremde blickte zur Veranda herauf und schwenkte sehr ungestüm den Hut – gleicherzeit aber ein lauter Aufschrei der Frau von Welsen: »Da ist er! Vetter Eylau!«

Erschrocken sprang die ganze Gesellschaft auf. Die Damen mit gellendem Schreckensschrei, die Herren im ersten Moment fassungslos.

Am lautesten zeterte die Mamsell, sie ließ das ganze Kaffeebrett fallen, fuchtelte mit den Armen wild durch die Luft und raste wie von bösen Geistern verfolgt, davon.

Vetter Eylau stand vor Entsetzen wie angewurzelt, Welfen aber flüsterte drohend durch die Zähne: »Ruhig! Keiner rührt sich vom Fleck und läßt den Unglücklichen ahnen, daß wir von seinem Zustand wissen. Wir haben jetzt kein anderes Mittel, als ihn durch List einzufangen! Also ruhig Blut!«

Und er schritt dem Gast eilig entgegen und reichte ihm herzlich die Hand. »Aber Männe! Du kleiner Schäker! Was sind denn das für Witze? Uns derart zu überraschen! Die Damen sind ja ganz nervös geworden über eine so unvermutete Erscheinung!!«

Eylau schüttelte lachend die dargereichte Hand. »Grüß dich Gott, lieber Onkel! Ja zum Teufel, überrasche ich denn? Ist etwa mein Brief mit der Anmeldung nicht eingetroffen?«

Frau von Welfen sah etwas blaß aus, aber sie begrüßte den Neffen auch sehr herzlich, und die anderen traten ebenfalls zaghaft herzu.

»Dein Brief? – Nein, ein Brief von dir ist nicht eingetroffen!«

»Seltsam –! Habe doch vorgestern abend geschrieben!«

»Nun, dann kann er noch nicht hier sein!« lachte der Major und klopfte dem jungen Mann beruhigend auf die Schulter. »Gestern war Sonntag! Also kommt er erst heute nachmittag mit der Post an!«

Der Landrat trat mit Joachim herzu und bat, die Herren bekannt zu machen. Welfens scharfer Blick ruhte forschend auf dem Neffen, als er Borns Namen nannte, und die beiden Nebenbuhler sich die Hand reichten. Siegfried ahnte noch nicht den Entführer, den Wolf im Schafspelz in ihm.

Eylau versicherte mit höflichsten Worten, wie es ihn freue, den neuen Verwandten kennenzulernen, er habe sich seinerzeit herzlichst über die Verlobung gefreut und würde gern zur Hochzeit gekommen sein, wenn er sich nicht auf Reisen befunden hätte!

»Dieser Heuchler! Dieser Erzschelm!« dachte der Major ingrimmig, »wie er sich verstellen kann! Aber das ist so recht bezeichnend, wie schlau und raffiniert die Verrückten sind!«

Frau Dora bat, Platz zu nehmen. Wulf sammelte die Scherben von der Erde auf, und bekam Befehl, ein Frühstück für den Herrn Referendar zu servieren.

»Das bist du doch, Manne, nicht wahr?« fragte sie freundlich ihren Gast. »Dein Examen machtest du ehemals!«

»Allerdings, liebe Tante!« bejahte der junge Mann höflich und warf den grauen Havelock ab, seine lange, sehr dürre Gestalt erschien in gemäßigtem Gigerlkostüm, welches ihn wie ein Sack umschlotterte. »Ehe ich mich der Musik zuwandte, war ich schon die erste Staffel auf der Ministerleiter emporgeklettert.«

Er ließ sich nieder, und Welfen und Born drängten sich von jeder Seite geschickt neben ihn, während die Damen alle an einer Ecke des Tisches zusammenrückten. Die Herren bezogen die Wachtposten neben dem Tobsüchtigen.

»Und das Studium der Musik sagt dir zu?« fuhr Welfen fort.

Eylau zuckte die Achseln. »Es ist rasend anstrengend. Es konsumiert Nerven wie kein anderes – und ich muß leider selber eingestehen, daß ich in letzter Zeit sehr nervös und zerstreut geworden bin! Die kleinste Kleinigkeit regt mich auf!« Man wechselte allgemein sehr einverständnisvolle, scheue Blicke. – »Und die Stellung als Dirigent mußte ich aufgeben, weil ich tatsächlich nicht die Kraft hatte, die Anstrengungen zu bewältigen.

Tag und Nacht nur Noten, Melodien – Orchesterspektakel im Kopf, das war rein zum Verrücktwerden!«

»Ach Gott!« schrie Rose erschrocken auf, und Salome und Mißchen faßten sich krampfhaft bei der Hand.

»Sie haben schon selbständig dirigiert?« fragte der Landrat höflich. »Davon wußten wir ja nichts!«

Eylau machte ein paar heftige Bewegungen mit seinen langen Armen. »Das versteht sich, habe den Taktstock tapfer geschwungen!« lachte er, »man erzählt sich sogar eine Anekdote darüber! Als der erste Kapellmeister von dem Komitee die Anschaffung von fünfundzwanzig neuen Taktstöcken verlangte, wurde er ersucht, ein solch seltsam unbescheidenes Verlangen zu motivieren, er tat es in lakonischster Weise: ›Taktstock von Holz – Pult von Eisen – Eylau sehr nervös!‹ – – Ich hatte in der Tat in sehr kurzer Zeit fünf Taktstöcke zerhauen!!«

Allgemeine Heiterkeit, sogar die Damen gewannen es trotz ihrer Angst über sich, mitzulachen. Wulf deckte und trug das Frühstück auf, und hinter der Hausecke lugten die ängstlichen Gesichter des Küchenpersonals hervor, das den »verrückten Tollhäusler« sehen wollte.

»Na und sage mal, mein guter, alter Junge, wie kamst du auf die Idee, uns hier einmal zu besuchen?« forschte der Major gemütlich.

»Ja, Onkelchen – ehrlich gestanden – kam das sehr plötzlich.« – Männe langte wacker zu und belegte sich ein Brot mit Schinken. – »Weißt du, wenn man als Rentier in der Residenz lebt, und viel verkehrt, klexen sich einem alle möglichen Freunde an, die man nie gerufen hat, und die man nicht wieder los wird – gleich den klassischen ›Geistern‹! So ging es mir mit einem jungen Doktor. Der Kerl lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen und nassauerte überall herum. Er hatte es auf mich ganz besonders abgesehen. Verschrieb mir ein paarmal Phenacetinpulver gegen meine Kopfschmerzen und seit der Zeit klebt er! Wo ich ging und stand, war der Herr Doktor hinter mir –« abermals wechselten die Umsitzenden sehr bedeutungsvolle Blicke – »ich mußte überall die Zeche bezahlen, und weil ich das anfangs gutmütig tat, zog der verfluchte Kerl sogar noch in dieselbe Pension, wo ich wohnte und wurde vollends mein Schatten!«

»Ein Irrenarzt?« flüsterte Rose schreckensbleich ihrem Nachbar Joachim zu, und dieser nickte.

»Na, ich sagte dem Monsieur endlich, als mir die Sache zu bunt wurde, ich müßte verreisen! – ›Wohin? – ich begleite Sie!‹ Na das fehlte mir noch. Zu Verwandten! ›Wo wohnen die?‹ Ich gab selbstverständlich eine falsche Adresse an, sagte in Schlesien, bei Breslau! ›Ach, das trifft sich brillant! In Breslau wohnt meine Großmutter, die ich gern besuchen möchte! Bester, teuerster Eylau, Sie müssen mich mitnehmen! Als Leibmedikus – als Kammerherrn – als Stiefelputzer – ganz egal, wenn ich nur mitkomme!‹ – Na, da saß ich schön in der Tinte; aber kurz entschlossen – ich überlistete ihn und kniff ihm aus. Hierher zu euch. – Wenn er mich hier auswittert, ginge es mit Teufelsspuk zu, denn ich habe alle Vorsichtsmaßregeln gebraucht. Hätte ich dem Kerl nur grob werden können! Aber dazu bin ich leider zu gutmütig, und darum beutete er mich aus. Na, Gott sei Dank, ich bin ihn los – und ihr habt mich dafür auf dem Halse! Prost meine Herrschaften! Auf Ihr Wohl!«

»Ich muß sofort an den Arzt telegraphieren!« raunte Welfen seiner Frau ins Ohr, und dann forschte er liebevoll, wie dieser gräßliche Mensch geheißen und wo er wohne.

Männe riß den Filzhut vom Kopf und knöpfte sein Jackett auf. »Puh, diese Hitze! – Ihr Damen habt es gut in euren leichten Kleidern! Oh, ich hasse die Hitze! Sie steigt mir gleich zu Kopf. Und dabei bin ich doch gar nicht dick. Übrigens, Kusinchen Salome – du bist eine reizende kleine Frau geworden – und du, liebe Rose, ein entzückendes Mädel! Ich bin Blumenfreund – ich bete das ewig Weibliche an! Und doch habt ihr mir noch nicht einmal eine Hand gegeben! Das war doch früher nicht so? – He?!« – und er streckte seine langen Arme rechts und links über den Tisch und bot den Kusinen die langfingrigen Hände.

Beide wichen entsetzt zurück. Aber Joachim hauchte Rose hinter dem Schnupftuche zu: »Um Gottes willen, reizen Sie ihn nicht!!« – worauf die Kleine ihm ihr zitterndes Händchen reichte.

»Ich trinke dich, himmlische Frühlingsluft! Die Rose, sie sei mein Becher! Es wallet empor ein berauschender Duft, ach ich fröhlicher, seliger Zecher!« sang Männe plötzlich mit schmetternder Stimme, hob abermals das Weinglas und leerte es. Dann fuhr er plötzlich mit den Händen nach dem Kopf: »Oh, diese verdammten Melodien! Immer spuken sie einem im Kopf herum – gleich kommen die Stiche! – Hätte keinen Wein trinken sollen, die Eisenbahnfahrt und die Extrapost hierher haben mich sowieso schon aufgeregt und nervös gemacht!«

Frau von Welfen erhob sich: »Dann wirst du gewiß gern ein wenig ausruhen wollen!« sagte sie hastig, »entschuldige mich einen Augenblick, ich will dein Zimmer zurecht machen lassen!«

»Wir helfen dir, Mama!« – Die Damen sprangen wie erlöst empor und drängten sich nach. Herr von Welfen aber flüsterte hastig seiner Frau zu: »Ein möglichst entlegenes Parterrezimmer – am besten den Saal – da kann er nicht viel demolieren!«

Und dann flüchteten Mutter, Töchter und Mißchen in das Haus.

Allmächtiger Gott, diese Angst! – Mamsell war ganz verzweifelt, das weibliche Küchenpersonal schluchzte hoffnungslos in die Schürzen. Mamsell hatte erzählt, was so ein Wahnsinniger schon angerichtet habe, das Haus in Brand gesteckt, die Menschen ermordet, alle Sachen kurz und klein geschlagen, und keiner könne solch einem Menschen beikommen! Nun wurde in dem Saal ein Bett aufgeschlagen und ein Waschtisch herzugebracht!

»Aber um Gottes willen kein Wasser in die Karaffen!« jammerte Mamsell. »Die Tollen können kein Wasser sehen, dann werden sie gleich wild! 's ist wie bei der Hundswut!«

»Alle Sachen aus dem Zimmer herausschaffen, die er demolieren könnte!«

»Schließe die Nebentüren ab und nimm die Schlüssel an dich, Salome!«

»Ach Gott, die Küche liegt gerade hier drunter! Wir werden den ganzen Spektakel am schrecklichsten hören!«

»Und er bekam schon die Stiche im Kopf!« rang Rose die Hände. »Das bedeutet sicher einen Ausbruch!!«

»Wenn er sich nur nicht mördert!« flüsterte Mißchen, »es darf nicht sein hier eine Messer oder Strick!!«

»Unbesorgt! Wenn wir ihn erst glücklich hier in das Zimmer hineingelockt haben, ist er ja sicher eingesperrt, und dann telegraphiert Papa an den Arzt – und wir lassen noch den Doktor aus Feldheim holen – –«

»Mama – sie kommen schon mit ihm! Sie kommen!«

Laut aufkreischend stürzten die Mägde und Mamsell zur Tür hinaus, die jungen Damen folgten in blinder Hast, und nur Frau von Welfen erwartete mit blassen Lippen den unheimlichen Gast.

Die Herren nahten heiter plaudernd.

»Eylau will sich gleich ein bißchen legen und noch vor Tisch etwas schlafen. Sein Kopfschmerz meldet sich, und dem möchte er rechtzeitig vorbeugen.«

»Ach ja, liebe Tante, ich kann das Eisenbahnfahren gar nicht vertragen!« stöhnte Männe und wühlte die Hände in das Haar; »aber ich denke, ein Stündchen Ruhe macht alles wieder gut!«

»Ganz gewiß, mein armer Junge, lege dich nur hin und schlafe tüchtig aus!«

»Zum Essen brauchst du ja heute nicht zu kommen, wir heben dir auf! Vor allen Dingen schlafe!«

Dann zogen sich die Gastgeber zurück. Hoch aufatmend drehte der Major den Schlüssel herum und zog ihn ab. »So, der wäre besorgt und aufgehoben, nun schnell die Depesche aufgesetzt und Hilfe geholt.«

»Wenn man nur eine Zwangsjacke herbeischaffen könnte!«

»Zur Not telegraphieren wir um Hilfe in die nächste Irrenanstalt.«

Auf leisen Sohlen entfernte man sich.

Währenddessen schritt Herr von Eylau langsam in seinem Zimmer auf und nieder. Staunend musterte er das große, kahle Gemach, das ein Speise- oder Tanzzimmer zu sein schien. Es war so gut wie gar nicht möbliert. Nur das Bett stand an der Wand, ein Stuhl daneben, seitlich der Waschtisch und am Fenster ein alter Korbsessel mit einem Rauchtischchen davor. Etliche Zeitungen lagen auf dem Fensterbrett. Seltsame Einrichtung für ein derart komfortables Gutshaus wie Jeseritz.

Allerdings war ja zur Zeit noch mehr Logierbesuch anwesend, und er, Eylau, kam überraschend. Tat er recht daran? – Ihm blieb wirklich kein anderer Ausweg, sich vor der klettenhaften Zudringlichkeit seines Verfolgers zu retten. Eigentlich hätte er dem Onkel die volle Wahrheit sagen sollen, daß er den Kerl für einen Hochstapler und Schlepper für eine geheime Spielhöhle hielt, aber dann hätte der gestrenge Moralist sofort die Nase gerümpft und gefragt: »Wie ist es möglich, daß ein anständiger junger Mann überhaupt in solche Gesellschaft hineingerät!«

»Du lieber Gott! – Wie kannte man hier in dem einsamen Jeseritz das Sodom und Gomorrha einer Großstadt?«

Der ehemalige Referendar schritt unruhig auf und nieder. – Er hatte noch keine Ruhe, um sich niederlegen zu können, seine Migräne war im Anzuge, das fühlte er.

Oh, diese Eisenbahn! Er hatte sie seit jeher gehaßt, und seine Nerven waren empfindlicher als je.

Sehr unangenehm, gleich als Patient hier im Hause aufzutreten. Das beste würde sein, er beugte den unleidlichen Kopfschmerzen vor, nahm ein Pulver, legte ein nasses Tuch auf den Kopf und versuchte zu schlafen.

Ruhig schien es ja im Hause zu sein, und im Garten klingelte weder die Pferdebahn, noch dröhnten die Lastwagen oder rasselten Droschken und Equipagen, nur die Vögel zwitscherten in dem Blütenmeer der Bäume!

Eylau trat an das Fenster und blickte entzückt in die Frühlingspracht hinaus. Er strich langsam mit der Hand über das farb- und fleischlose, schon jetzt von zahllosen Rinnen durchzogene Gesicht. Es lag zumeist der wehleidige Ausdruck verzärtelter Weichheit darin, etwas krankhaft Altes, das gewaltsam vertuscht werden soll. – Er tat gern forsch, aber er war es nicht –- im Gegenteil, er gehörte zu den ängstlichsten und mißtrauischsten Menschen, die es gab, und seine Sorge um sich selbst war die Wurzel seiner Nervosität. – Er entfloh nicht aus Geiz oder Widerwillen vor seinem zähen Freunde, sondern lediglich aus Angst. Er traute ihm nicht. Er witterte einen Dieb, einen Mörder in ihm, der ihn ausbaldowern wollte. Er war so leicht mißtrauisch und wurde dadurch furchtsam. Seine Phantasie malte ihm stets die schrecklichsten Möglichkeiten aus.

Auch jetzt, als er voll eitel Wohlbehagen in den Park hineinschaute, wand sich die Schlange durch das Paradies.

Er sah, wie Bachmann und ein alter Gartenarbeiter, die beschäftigt waren, den Rasen zu sprengen, ihn bemerkten, und wie sie sofort die Köpfe zusammensteckten und ganz sonderbare Mienen aufsetzten. Sie sprachen über ihn – und zwar nicht in wohlwollender Weise, das sah man.

Und nun kam noch ein Weib dazu – sie deuteten verstohlen nach seinem Fenster, und die Alte fuchtelte wie besessen mit den Armen durch die Luft, dann wieder stellte sie sich hin und glotzte ihn hinter einem Busch hervor an, wie man ein Ungeheuer mit haarsträubendem Entsetzen mustert.

Was sollte das bedeuten? Eylau fuhr schon wieder ganz nervös empor und suchte nach einem Spiegel, ob er irgendetwas Absonderliches an sich habe? –- Eine schwarzgefärbte Nase oder dergleichen …! Aber er fand keinen Spiegel in dem Zimmer.

Warum waren alle Menschen so wunderlich? Die ganze Frühstücksgesellschaft benahm sich so eigentümlich, und die Dienerschaft war vollends wie von Sinnen! Seine Schienbeine taten ihm noch weh von dem Kaffeebrett, das das alte Trampeltier von einer Mamsell dagegengefeuert hatte. So etwas furchtbar Außergewöhnliches konnte doch ein überraschender Besuch auf dem Lande nicht sein! – Je nun, mochte es sein wie es wollte, Aufregung und Nachdenken verschlimmerten die Migräne.

Eylau nahm ein Pulver und wollte einen Schluck Wasser hinterher trinken. Aber die Flasche war leer. »Tolle Wirtschaft!« brummte er. Und nun legte er sich sein Taschentuch als Kompresse zurecht und wollte es in kaltes Wasser tauchen.

Er hob die Waschkanne. Sie war federleicht und ungefüllt.

»Verfluchte Wirtschaft! Können doch wissen, daß man sich als erstes nach der Reise wäscht! – Aber die Dienstbolzen scheinen hier eine nette Sorte zu sein!« – Dabei fühlte er, wie ihm Ärger und Erregung das Blut nach dem Kopfe trieben, wie seine Galle bereits anfing zu arbeiten.

Er sah sich nach einer elektrischen Klingel um. Is nich – umsonst! – Vielleicht ein Klingelzug? Auch nicht. – Na dann nur zur Tür hinausgerufen!

Er gewann mit großen Schritten die Schwelle und drückte auf die Klinke.

»Na? – Zum Teufel Donnernw… wie geht denn dies verdammte Schloß auf? Er ratterte – drückte – schob daran … umsonst. Die Tür öffnete sich nicht. – Die Zornesröte auf seiner Stirn vertiefte sich.

Er nahm die Faust und klopfte. – Erst leise, dann lauter – schließlich donnerte und paukte er gegen die Tür.

Horch? – Huschten da draußen nicht Schritte? Jawohl, man hörte ihn und kam – aber man öffnete nicht. War denn die ganze Gesellschaft hier übergeschnappt?

»Bedienung! … heda! … Bedienung!« er schrie es aus Leibeskräften, und dann holte er den Stiefelknecht und paukte gegen die Tür, daß das morsche Holz in allen Fugen ächzte.

Draußen aber stand das ganze Personal an der Treppe und lauschte mit angstverzerrten Gesichtern, und Wulf meldete soeben den Herren auf der Veranda, daß die Tobsucht bei dem unglücklichen Herrn Referendar ausbreche.

»Sind die Fenster verwahrt, daß er nicht von dort ausbrechen kann?« fragte der Landrat hastig.

»Nein – daran hatte niemand gedacht!«

»So müssen die Außenläden vor!«

»Aber wie?«

»Es sind drei Fenster! Wir schleichen uns heimlich heran, lösen die Riegel leise und schlagen die Läden a tempo zu!«

»Ja, das ist das einzige! Gütiger Himmel, hört doch, wie der Unglücksmensch spektakelt! Es ist furchtbar! Die armen Damen!!«

Die drei Herren stürmten um das Haus herum und schlichen unter die Fenster.

Bachmann kam ihnen, zitternd vor Angst, entgegen.

»Alle guten Geister, Herr Major – hören Sie ihn?!«

»Schnell zurück auf Ihren Platz, Bachmann! Beobachten sie die Fenster, und sowie Sie sehen, daß er eines öffnen will, geben Sie uns ein Zeichen!«

Bachmann stürzte zurück auf den Rasen, neben seine Spritze und starrte auf die Fenster. Welch ein Höllenspektakel in dem Saal – jetzt klirrten auch schon Scherben!! –

Währenddessen empörte sich Eylau immer mehr gegen eine derartig nichtswürdige Behandlung. »Oh, ich will euch schon zwingen, mich zu hören!« dachte er, knirschend vor Wut, »ich will euch lehren, einen Gast zu ehren!« – und dabei nahm er Waschkanne und Waschbecken und schmetterte sie gegen die Tür. »Aufmachen!! – heda!! – verfluchtes Gesindel von Dienstboten! Aufmachen! – Onkel!! – Onkel!! – Hilfe!!!«

Aber es rührte und regte sich nichts, obwohl er deutlich Stimmengetuschel und Schritte von der Treppe her vernahm. Was tun? – Abwechslungshalber einmal aus dem Fenster schreien. – Vielleicht »Feuer!« – Das zog am Ende! – Und Eylau sprang mit ein paar mächtigen Hechtsätzen nach dem Mittelfenster, stieß den Riegel zurück und öffnete. In demselben Augenblick aber, als er sich hinausbeugen will, um Bachmann, dem Hornochsen, der wie angewurzelt dastand und herüberglotzte, zuzurufen, tat der Teufelskerl einen Pfiff durch die Zähne, richtete wie ein Besessener den Schlauch der Gartenspritze gegen ihn und – hui – brrrrrr – sauste ihm der kalte Strahl ins Gesicht, daß er hinten über taumelte und jählings auf der Erde saß!

Er stieß einen Wutschrei aus und wollte sich aufraffen, da knallte es plötzlich dreimal nacheinander, als ob Kanonen losgeschossen würden – ein Krach und Herr von Eylau saß im Dunkeln.

Himmelschockbombenelement!! – – Was war denn das? – Ah … perfide! – rasende – himmelschreiende Gemeinheit! – Man hatte von außen die Fensterläden geschlossen.

Er war in ein Narrenhaus geraten – fraglos.

Ächzend rappelte er sich von der Erde auf. Das Wasser triefte ihm vom Kopf herunter, sein Anzug war quatschenaß, und der Fußboden schwamm.

»Na – Wasser habe ich wenigstens!« philosophiert der maltraitierte Logierbesuch, der plötzlich sehr ruhig und todesmatt in der Dunkelheit hineinstarrte, »aber man hat eine merkwürdige Art hier im Hause, es zu servieren!«

Die Kälte auf dem Kopfe tat ihm wohl; das Taschentuch saugte sich am Anzug und von der Erde die Feuchtigkeit ab, »So, eine Kompresse haben wir auch; nun heißt es, sich in Geduld fassen, bis das Gutshaus von Jeseritz den abhanden gekommenen Verstand seiner Bewohner wieder gewinnt.«

Mit Gewalt richtete er hier nichts aus, das sah er ein. – Auch fühlte er sich wie zerschlagen an allen Gliedern; das Spektakelmachen hatte ihn furchtbar angestrengt, solche Übungen war er nicht gewohnt, und hier hatte er sich abgetobt, als habe er den Veitstanz. – Wenn nur das Bett nicht auch etwas von der Spritze abbekommen hatte!

Langsam schlurrend tastete sich Hermann mein Rabe nach der Lagerstatt.

Nein, sie war trocken. Gott sei Dank! Mechanisch streifte er den Rock ab, legt die Kompresse auf seine hämmernde Stirn und streckte sich aus dem Lager aus. – Mochte kommen, was da wollte – ihn schreckte und störte nichts mehr – er mußte schlafen. Tuck … tuck … tuck … tropft das Wasser vom Fensterbrett und ein Tropfen rollte ihm aus dem Haar recht kalt ins Ohr hinein – Eylau schüttelte sich mit einem Märtyrerlächeln, seufzte tief und schmerzlich auf und schloß die Augen. Nur schlafen – schlafen!

XXIV

Währenddessen hatte sich die Familie von Welfen wieder in dem Gartensalon versammelt und lauschte voll stummen Entsetzens auf das Wüten des Unglücklichen, dessen Schreien und Poltern deutlich durch die Wand zu vernehmen war.

Salome sprach in ihrer Todesangst ein Stoßgebet ums andere – Rose sah zum erstenmal im Leben bleich wie eine Kalkwand aus, und Frau von Welfen trocknete die überströmenden Augen. Auch die Herren blickten ernst darein, ließen in ihrer Aufregung die Zigarre ausgehen und berechneten im stillen, wann wohl der herantelegraphierte Doktor als rettender Engel erscheinen könne.

»Wie bringen wir ihm nur während der Zeit etwas Essen bei?« stöhnte Frau Dora, »wir können doch den Unglücklichen nicht verhungern lassen!« Alle möglichen und unmöglichen Vorschläge wurden gemacht. Keiner war annehmbar. »Ich weiß es!« sagte Rose, »es ist ja der alte Speiseaufzug in dem Zimmer, den lassen wir in die Küche herunter, stellen das Essen drauf und lassen es nach oben fahren!«

»Unmöglich! Er müßte dazu die Schranktür öffnen und dazu hat er keine Überlegung mehr. Außerdem sind die Abteilungen aus dem Aufzug herausgenommen!«

»Je nun, Kinder, ängstigt euch nicht um solche Dinge! Der Doktor aus Feldheim ist jedenfalls in ein paar Stunden hier, und unter dessen Anleitung werden wir den armen Männe schon behandeln können. Außerdem tritt meistens nach der Tobsucht ein Zustand völliger Erschöpfung ein. Hört ihr? Es ist plötzlich still!«

»Ja, ganz still! – Ich höre nichts mehr!«

»Er beruhigt sich!«

»Vielleicht hat sich der Unglückselige den Schädel eingerannt!«

»Entsetzlich!«

»Um Himmels willen, sage so etwas nicht!«

»Unsinn! Die kalte Dusche hat ihn ernüchtert und abgekühlt. Eine vortreffliche Idee von Bachmann; die Todesangst machte ihn gewitzigt!«

»Aber vielleicht liegt er doch in seinem Blute – mit zerschmettertem Schädel – und keiner kommt dem Sterbenden zu Hilfe!«

Salome schrie auf und drückte voll Grauen beide Hände gegen die Ohren, »Ich komme um! Ach ich kann kaum noch atmen … solch ein Gedanke … Hier im Hause so schreckliches –«

»Nein, er lebt! Er geht umher …« Der Landrat stand an der Wand und drückte das Ohr gegen die Tapete – ich höre ihn ganz deutlich … jetzt kracht das Bett …«

»Gott sei Lob und Dank, er legt sich zur Ruhe!«

»Er wird schlafen! Nun ist die Gefahr für eine lange Zeit vorüber!«

Alle atmeten auf wie von Zentnerlasten befreit. Man saß noch ein Weilchen im flüsternden Gespräch, dann sah der Major nach der Uhr. »Es bleibt still, er ist fraglos in den lethargieähnlichen Zustand verfallen – der hält viele Stunden – oft tagelang an. Kommt, Kinder, laßt uns zu Tisch gehen, ich habe trotz all der Aufregung doch einen barbarischen Hunger!«

»Ach, wie kann man in solch einem Zustand essen!« wehklagte Salome – »mir ist ganz übel vor Angst!«

»Was da! Dein leerer Magen knurrt!« – schüttelte Siegfried den Kopf – »komm – ich führe dich zu Tisch!«

»Rose – schelle Wulf! – Es soll angerichtet werden!«

«Ich helfe Ihnen schellen –« versuchte Joachim zu scherzen, »wir ziehen ja stets an einem Strick!«

Aber der Scherz weckte nur ein wehmütiges Lächeln auf dem blassen Gesichtchen der jungen Dame.

Nach dem Essen schlug Herr von Welfen vor, um die erregten Gemüter zu beruhigen, solle jeder sich zurückziehen und eine kleine Siesta halten. Aber er stieß auf Widerspruch. Die jungen Herren hielten es für notwendig, das »Gefängnis« zu bewachen. »Man kann nicht wissen, was passiert!« meinte der Landrat.

Dem stimmte der Major bei. »Gut, rauchen wir zusammen unsern Tabak auf der Veranda!« nickte er. Frau von Welfen und Rose schliefen nie am Tage, sie setzten sich zu den Herren, und nur Salome fühlte sich gar zu elend und zog sich zu kurzer Ruhe auf ihr Zimmer zurück.

Kaum hatte Wulf den Kaffee auf der Veranda serviert, als der Postbote die große Federtasche überreichte. Welfen öffnete.

»Hm … nur ein Brief … an mich … von wem? Handschrift unbekannt!«

»Bitte öffnen!«

Er schnitt das Kuvert auf und begann zu lesen. Groß und starr wurde sein Blick. »Donnerwetter … von Hermann!«

»Ah, richtig! Der verspätete Anmeldebrief!«

Der Major schüttelte betroffen den Kopf. »Undenkbar, es ist ja gar nicht seine Schrift –« und er zog einen Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und hielt beide Bogen vergleichend nebeneinander.

»Nein – eine absolut fremde Schrift!«

»Hast du denn schon einen Brief von ihm?«

»Na, gewiß – hier, das denunzierende Schriftstück!«

»Welches?«

»Ei, seinen ersten Brief an Salome!«

»An Salome?«

»Nun ja, ich fing ihn zufällig ab, ehe sie ihn in die Hände bekam! Hier seht, lest – die ausgesprochene Schrift eines Wahnsinnigen, was durch den Inhalt bestätigt wird! – Da Siegfried! Ein Gottes Segen, daß ihn Salome nicht las!«

Allgemeines, starres Staunen.

»Und nur auf die Schrift hin erklärtest du ihn für verrückt, Papa?«

Born sprang erregt auf. »Dieser Brief ist eine Mystifikation! – Er stammt überhaupt nicht von Eylau! Er ist als infame Malice, als Ironie von irgendeinem Feldheimer Paviansweib verfaßt! Aus Rache!«

»Fraglos! Dieser Brief ist also tatsächlich der echte Eylausche, der andere muß ja ein Falsifikat sein!«

»Allmächtiger Gott – dann ist er ja aber gar nicht verrückt!«

»Kinder! Habt ihr den Ausbruch der Tobsucht vergessen?«

»Ja, das ist allerdings seltsam –!«

»Welch eine Verwirrung! Vielleicht hat er seine Hand nur in dem einen Brief verstellt?«

»Unmöglich! War der erste denn auch in Berlin aufgegeben, Papa?«

Der Major kraute sich den Kopf. »Teufel ja – ich habe das Kuvert als Fidibus verbraucht!«

»Aber du schneidest immer die Marke heraus?«

»Richtig – ich steckte sie hier in die Brusttasche! Wartet mal … da ist sie … vortrefflich – –«

»Weiter keine in der Tasche?«

»Nein – sie muß die richtige sein!«

Alle Köpfe neigten sich erregt zusammen.

»…ldheim« – buchstabierte der Landrat und rief voll Triumph: »Ich sage es ja – Feldheim! – Das ›F‹ und ›e‹ ist auf den Umschlag gedruckt! Also fraglos eine ganz nichtswürdige Mystifikation! Und sage Vater … auf Wort … Salome weiß nichts von dem Brief?«

»Nein, ich versichere dir! Ich fragte sie sofort aus, sie war absolut harmlos! Auch bekam ich den Brief aus Zufall zuerst in die Hand, weil er sich in ein Buch geschoben hatte!

»So! Nun, den lieben Schreiber will ich ermitteln! Sei so gut, mir den Brief zu überlassen, Papa?«

»Herzlich gern! Wenn er gefälscht ist, hat er gar keinen Wert für mich!«

»Aber Ernst! Kinder – ich beschwöre euch, wenn er nun gar nicht krank wäre?! Wenn ihn nur die verschlossene Tür, der Mangel an Wasser, die Dunkelheit, das Nichterscheinen der Dienstboten gereizt hatte?« – Frau Dora sagte es mit wahrhaft verzweifeltem Gesicht.

Die Herren lachten schallend auf. »Das wäre allerdings rasend! Ein Mißverständnis, das ja kaum gutzumachen wäre!!«

»Wie gut, daß du das Telegramm für Doktor Tassot an die Adresse der Frau Major Kielmann richtetest! Wenn er nun auch hinter Eylau hergereist sein sollte, erhalten wir doch hoffentlich durch die Inhaberin der Familienpension Nachricht, die irgendeinen Aufschluß gibt!«

Joachim kam zurück, er hatte an der Saaltür gelauscht und berichtete, der Herr Referendar schlafe noch und schnarche, daß man es durch sechs Mauern höre!

»Ist das auch ein schlimmes Zeichen?« fragte Rose ängstlich, was momentane Heiterkeit erregte.

»Wenn nur der Doktor eher kommt, als er aufwacht!« – brummte der Major, dem die Sache auch etwas beunruhigend wurde. »Der arme Teufel wird guten Hunger haben, wenn er sich gründlich ausgeschlafen hat, und doch kann man nicht riskieren, ihn früher loszulassen, ehe wir eine Garantie für seine Unschädlichkeit haben.«

Der Landrat saß schweigend zur Seite und starrte immer wieder auf den mysteriösen Brief des unbekannten Hermann. Die Sache ging ihm im Kopf herum. War es nur eine nichtswürdige und kleinliche Bosheit, die man seiner Frau und ihm antun wollte? Fraglos. Die Vorwürfe, die er indirekt zu hören bekam, trieben ihm das Blut in den Kopf. Sollte Salome sich wirklich über ihn beklagt haben? Vor fremden Menschen nie – davon war er überzeugt, aber die Frauen locken sich untereinander gar manche Äußerung ab, die von der Gemeinheit falsch ausgelegt und breitgetreten wird. – Oder sollte man ihn in Feldheim so scharf beobachtet und so streng verurteilt haben? – Lächerlich! – Vielleicht – oder versteckte sich hinter dem Pseudonym »Hermann« irgendein anderer Name, und ein Marder schlich heimlich um das Nest des Nachbarn. – Sollte das so unmöglich sein? – Gewiß nicht. Born deuchte es sogar, als kenne er den »Hermann«, der solcher galanten Abenteuer fähig war. – Aber er würde ihn entlarven. – Erwartete ihn Salome etwa? – War dies nicht der erste Brief, welchen man an sie schrieb? – Ein nie gekanntes Gefühl der Aufregung überkam Siegfried bei diesem Gedanken. Er biß die Zähne zusammen. Darum vielleicht ihre übermütige heitere Stimmung! – Wie ihm so heiß um das Herz wurde, wie es ihm glühend empor in die Schläfen stieg. Hatte er es doch vielleicht falsch angefangen, seine Frau zu erziehen? Hatte er das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte? Er zog finster die Brauen zusammen. Seine Schwiegermutter hatte recht, als sie ihn ehemals davor warnte; eine Frau läßt sich nicht mehr erziehen, sie hat die Kinderschuhe ausgetreten, es ist zu spät, ihr noch einen Schulmeister zu geben. – Nur die Liebe kann noch ihre Erzieherin sein. – Liebte ihn Salome noch, hatte sie ihn jemals geliebt? – – Nun, es würde sich zeigen. Wenn der Hermann kam, würde Siegfried zur Stelle sein, um zu sehen, ob sein Weib ihn erwartet hatte, und ob sie ihn willkommen hieß.

Er erhob das finster blickende Gesicht. »Ich bitte euch nochmals, Salome nichts von diesem Briefe zu sagen! Es liegt mir viel daran, die Sache aufzuklären, und ehe es geschehen, soll sich die kleine Frau nicht ärgern!«

Auf den Hof rollte ein Wagen.

Der Doktor! – Endlich! – Die Familie von Welfen eilte ihm aufgeregt entgegen, das Unerhörte und Unglaubliche zu berichten.

In der Küche hatten sich die Gemüter noch ebensowenig beruhigt wie im Salon. Mamsell fühlte sich ganz elend vor Angst und Aufregung, sie hatte eine Kanne voll recht starken Kaffees gekocht, um den gequälten Lebensgeistern wieder etwas aufzuhelfen, und dabei saß sie, die freundlich sanften Augen vor Grauen weit aufgerissen, und hörte den furchtbaren Geschichten zu, die Wulf von einem verrückten Unteroffizier zu erzählen wußte.

Die anderen Mägde rückten mit zitternden Gliedern herzu, vom Hof hatte sich das ganze weibliche Stallpersonal versammelt, nähere Erkundigungen über die Schauermär von dem Tollhäusler droben einzuholen – man hockte und stand mit furchtverzerrten Gesichtern um den Herd herum und lauschte dem Erzähler.

Schrecklich war's, was der berichtete. Jeder Wahnsinnige bildet sich etwas anderes ein, was er wohl sei, und benimmt sich danach. So hatte der arme Unteroffizier von des Herrn Majors Bataillon viele Geschichten von den schwarzen Teufeln in Kamerun gelesen, und das hatte er sich zu Herzen genommen Nun bildete er sich plötzlich ein, er sei auch ein Menschenfresser, und das war für die anderen Leute ganz »verdraxt«, denn ganz plötzlich, ehe sich ein Soldat was versah, schmetterte die Tür auf, mit wildem Gebrüll stürzte der Unteroffizier in die Kammer, fiel über einen der ruhig Dasitzenden her und zerfleischte ihn mit den Zähnen, bis er den Geist aufgab – siehste du, Guste – so – hui – ju ju ju ju rrrr – und Wulf stürzte sich jählings auf eine der Maiden, mit wilden Negergeheul – und packte sie am Halse und fletschte die Zähne und biß zu … so daß die ganze Schar mit gellendem Gezeter auseinanderstob und Guste platt auf dem Bauche lag vor Schreck.

Wulf aber richtete sich gelassen empor. »Dumme Gänse, was brüllt ihr denn so? – Ich wollte es euch ja bloß zeigen!« – – woraufhin sich das Zerstreute mit höflich verlegenem Lachen wieder sammelte.

Nur die Mamsell wischte sich den Angstschweiß von der Stirn und sagte voll milden Vorwurfs:

»Sie müssen es nicht so furchtbar natürlich veranschaulichen, Wulf – Sie sind ja doch nicht ein Schauspieler, der den Mohr von Venedig machen muß!!« – – Und wieder trank sie eine Tasse Kaffee.

Wulf aber fuhr fort: »Wenn er nun so zwischen uns hineinfuhr wie der Teufel auf eine arme Seele, dann hatte er so furchtbare Kräfte, daß ihn sechs Mann nicht halten konnten –«

»Huhuhu –-« heulte Guste, »wenn oben der nur nicht auch mal ausbricht!« – –

»Wie soll er denn! Die Türe und Fenster sind ja verschlossen!«

»So ein Toller bricht sie doch entzwei!«

»Wie er vorhin auf die Dielen haute, dachte ich schon, die Decke bräche herunter!«

»Wundern sollte es mich nicht, denn wie gesagt, die Verrückten stehen mit dem Gottseibeiuns im Bunde und fahren zur Not zum Schornstein hinaus.«

»Huhuhuhu«–schluchzte die Versammlung in die Schürzen und zitterte wie Espenlaub.

Währenddessen erwachte Eylau aus einem recht festen, wohltuenden Schlaf. Die Kompresse auf der Stirn war trocken geworden, aber die Stiche und die Migräne waren durch sie beseitigt. Eylau reckte und dehnte die Arme. Er mußte sich erst besinnen, wo er nun eigentlich sei, und als ihm die Erinnerung kam, philosophierte er über seine doch recht merkwürdige Lage und die höchst eigenartige Behandlung, die er als Gast in Jeseritz erfahren hatte. Entweder steckt ein schlechter Witz, oder irgendein Mißverständnis dahinter!« sagte er sich, und blickte ein wenig besorgt in dem großen, dämmerigen Raum umher. Die Läden waren noch fest geschlossen, doch befanden sich sternförmige Ausschnitte auf ihren Oberteilen, und diese ließen einen matten Dämmerschein in den Raum dringen.

Man wollte ihn fraglos hier gefangen halten, aber aus welchem Grunde? Mißtraute man ihm? Seit längeren Jahren hatte er die Verwandten nicht gesehen, und wie man sagte, hatten ihn seine neue Haarfrisur und der kurzgeschnittene Backenbart sowie seine neu aufgebesserten Zähne ganz bedeutend verändert.

Hm, möglicherweise vermutete man einen Schwindler in ihm, denn die Provinzler leisten sich die unglaublichsten Extravaganzen im Mißtrauen – anderenfalls aber sollte die ganze Sache einen Scherz vorstellen, freilich einen sehr derben, klotzigen Scherz, wie sie der biedere Landmann und die übermütigen Brautjüngferlein zeitweise in Szene zu setzen belieben!

Man wollte vielleicht sehen, wie sich der Mann aus der Residenz zu helfen wußte!

Also nachdenken und schlau zu Werke gehen, ohne allen Skandal diesmal, um die Aufpasser zu täuschen!

Eylau kletterte leise aus dem Bett und schaute sich um. Seine Augen gewöhnten sich an das Zwielicht. »Das beste ist« – überlegte er – »ich lasse mir Zeit und Mühe nicht verdrießen, sondern schneide mittels meines Taschenmessers das Türschloß aus! Laß sehen, ob das möglich ist!«

Er schritt ganz sacht und leise zur Wand und tastete sich an derselben vorwärts.

Plötzlich … was war das? – Er fühlte einen Schlüssel. – Hallo – hier auch eine Tür! Hatte er sich womöglich vorhin in der rechten Tür geirrt und ganz ohne Grund und Ursache einen solchen Heidenlärm vollführt, der das ganze Haus entsetzte? Das wäre ja ein kapitaler Scherz!

Er drehte den Schlüssel herum, richtig, er schloß und die Tür öffnete sich. – Aha, eine Doppeltür. Jenseits der dicken Wand war die zweite, durch deren Augen das helle Tageslicht schimmert!

Gott sei Dank – und Triumph!! Er war erlöst. Hastig trat er einen Schritt in den dunklen Zwischenraum hinein – gleicherzeit einen gellenden Schrei des Entsetzens ausstoßend!

Der Boden unter seinen Füßen wankte – und mit lautem Gekrach sauste er in Blitzesschnelle hinab in einen dunklen Abgrund, daß ihm vor Schreck Hören und Sehen verging. Das war in dem Augenblick, als Wulf in der Küche von dem tollen Unteroffizier erzählte und just sprach: »Die Verrückten haben sich alle dem Teufel verschworen! Sie sind behext worden und behexen nun wiederum andere, und darum verstehen sie sich auf allerhand Zauberspuk, sie klettern an steilen Wänden hinauf auf das Dach, sie stampfen auf die Erde und fahren in Rauch und Schwefeldampf in die Unterwelt« – –

Gerade wie er das sagte, krachte es und dröhnte es seitlich an der Wand, ein wahres Höllengepolter erhob sich, noch ein dröhnender Knall, und ein mit Arm und Bein zappelnder Mann flog mit entsetzlich langen, weißen Fangarmen unter lautem Schrei mitten in die Küche hinein.

Er taumelte vorwärts, stieß Wulf derb zur Seite und flog der Guste mit solcher Vehemenz in den Rücken; daß sie vornüber schoß und die Mamsell in wuchtigem Fall vom Stuhle riß. Einen Augenblick knäulten sich die drei als ein undefinierbares Etwas auf der Erde, dann aber erhob sich ein wahrer Höllenlärm wildester Todesangst.

Wie rasend stürzten alle nach der Tür. »Der Verrückte ist los! Der Verrückte ist ausgebrochen!!« – gellte es, die Holzpantoffeln klapperten und flogen weit ab von den Füßen; sich gegenseitig über den Haufen rennend, drängten die Mägde in sinnloser Flucht hinaus.

Guste war stets ein dickes, faules und sehr langsames Frauenzimmer gewesen, in diesem Augenblick aber war sie, behend wie eine Katze, wieder auf den Füßen – stützte sich noch einmal recht kräftig mit der Faust auf Eylaus Magen und kratzte dann aus, daß der Estrich noch lange Zeit die Schrammen ihrer Nagelschuhe aufwies. So schnell war sie noch nie im Leben vom Fleck gekommen.

Die Mamsell war im ersten Augenblick wie gelähmt vor Entsetzen, aber dann verlieh auch ihr die Todesangst Flügel. Sie raffte – schreiend wie am Spieß – die Röcke zusammen, voltigierte über den Referendar hinweg und gewann mit flatternden Haubenbändern, mehr tot als lebendig, die Tür.

Eylau aber lag einen Moment wie betäubt. Er stieß einen gurgelnden Laut aus, als ihm Gustes Faust in den Magen fuhr – dann sah er wie im Schwindel die alte Mamsell über seine langen Beine hinwegsetzen und richtete sich stöhnend auf, wie ein Mondsüchtiger seine Umgebung anstarrend.

Alle Wetter, wo war er hingeraten? In die Küche – und dort an der Wand … Blitz und Knall, der Speiseaufzug! …

Er wollte eigentlich lachen, aber die Knochen taten ihm zu weh. Er sammelte ächzend seine Glieder und prüfte sie. Püffe und Stöße genug, aber ernste Verletzungen anscheinend nicht! Und der Schrecken!!

Er rieb sich die Schienbeine, den Magen und en revers de la medaille, wobei sein Blick auf die Kaffeetasse der Mamsell fiel. Gott sei Lob und Dank, er war am Umsinken vor Hunger und Durst und dazu noch die Magenmassage von dem dicken Bauerntrampel! Er ergriff die Tasse und trank – das stärkte seine Lebensgeister. Nun lachte er und freute sich, daß er seinem Gefängnis entronnen war. Wenn man ihn hier einsperrte, war es nicht so bedenklich, die Speisekammer befand sich nebenan.

Ganz erschöpft sank er vor der Kaffeetasse auf den Stuhl.

»Der Verrückte ist los! Der Verrückte ist ausgebrochen!« – So gellte und zeterte es auf dem Hof und alarmierte das ganze Haus.

Er hob betroffen lauschend den Kopf. Für einen Verrückten hatte man ihn gehalten? – Für einen Verrückten!! Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, nun begriff er alles!

Wie aber konnte ein so haarsträubendes Mißverständnis kommen?

Nun, es würde und mußte sich ja aufklären.

Männe war kein übelnehmischer, sondern ein sehr tolerant denkender Mensch, und er hatte Sinn und Verständnis für Humor. Das namenlos Komische seiner Situation wurde ihm nun erst völlig klar, er lehnte sich in den Stuhl zurück und lachte, lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen rollten.

Da eilten hastige Schritte herzu. Der Onkel, der Landrat, Schilling und ein fremder Herr erschienen in der Tür und starren sprachlos auf den so äußerst vergnügten Kaffeetrinker.

»Hermann!« –

»Befehl, lieber Onkel? … Hahahaha! Nach meiner Reise durch die Luft hältst du mich gewiß erst recht für verrückt!« Und schluchzend vor Lachen erhob er sich, schritt den Herren entgegen und sagte: »Unbesorgt, ich bin Gott sei Lob und Dank bei völlig gesundem Verstande, wenn eure eigenartige Gastfreundschaft mich auch leicht hätte darum bringen können!«

Der Major hatte noch nie im Leben so verlegen ausgesehen, wie in diesem Augenblick. Er reichte dem Neffen beide Hände und drückte sie schier krampfhaft: »Verrückt … wir dich für verrückt halten?« stotterte er: »Wer sagt solchen Unsinn?«

Eylau lachte noch mehr. »Ei, erstens das gesamte Küchenpersonal und zweitens euer aller Benehmen! Nun sage, bitte, um Himmels willen, bester Onkel, wie seid ihr auf diese unerhörte Idee gekommen?«

»Aber lieber Junge, du hast in deinem Zimmer derartig getobt, daß man wirklich –«

»Getobt? Allerdings – aber Hand aufs Herz, lieber Onkel, hättest du nicht vielleicht noch ärger getobt, wenn du dich waschen willst, und kein Wasser vorfindest, wenn du die Tür öffnen willst und bemerkst, daß du eingeschlossen bist, wenn du nach der Dienerschaft rufst und es kommt niemand, obwohl draußen Schritte und Stimmen deutlich zu hören sind! Wenn du schließlich solch empörender Behandlung durch einen Ruf nach der Herrschaft ein Ende machen willst und behufs dessen das Fenster öffnest, als Empfang aber einen Wasserstrahl ins Gesicht erhältst und dich plötzlich in ägyptischer Finsternis befindest – pardon, meine Herren, daß ich demzufolge noch in Hemdsärmeln bin, aber mein Rock trieft noch wie ein Schwamm!«

Der fremde Herr hatte schon während der ganzen Beschreibung solcher Leiden gelacht, daß er sich die Tränen trocknen mußte – jetzt legte er die Hand auf die Schulter Welfens und sagte voll größter Heiterkeit: »Nehmen Sie es mir nicht übel, verehrtester Herr Major, aber bei einer solchen Behandlung tobt selbst der Vernünftigste. Darf ich übrigens bitten, mich bekannt zu machen?«

Welfen nannte die Namen, und Eylau fragte voll Humor: »Man hat Sie mit einer Zwangsjacke zu Hilfe telegraphiert? – Auf Wort – die Jacke wäre mir momentan recht willkommen, denn ich fange an wie ein Schneider zu frieren!«

»Um Himmels willen, Verehrtester, ich besorge Ihnen sofort einen Rock!« rief Schilling mit dunkelrotem Kopf und stürmte davon.

»Kommt bitte vor allen Dingen hinauf in das Zimmer!« bat Welfen – »ich weiß wahrhaftig gar nicht, wie ich das unglückselige Mißverständnis aufklären soll! – Siegfried –laß vom ›Besten‹ aus dem Keller bringen … in den Gartensalon … wir wollen diesen gräßlichen Tag und jedwede Erinnerung daran ersäufen und dann, du armes Opferlamm, du Unschuldsengel von einem Männe, sollst du die ganze Konfusion aufgeklärt bekommen!«

»Wenn ich auch um etwas zu essen bitten dürfte« – verneigte sich der Referendar mit freundlich mildem Dulderlächeln – »ich habe das Mittagbrot überschlagen dürfen …!«

Wieder ein schallendes Gelächter. Welfen gewann seinen Humor zurück: »Du sollst ein Diner serviert bekommen, du armer Orpheus in der Unterwelt, Donnerwetter ja … in dem Speiseaufzug bist du hier herabgefahren … verdeiwelte Idee!«

»Auf diesem sonst recht ungewöhnlichen Wege!«

»Sie müssen dann mal nach der Mamsell sehen, lieber Doktor! Ich glaube, die arme Person hat Krämpfe vor Schreck!«

»I wo! Da hinten äugt ja das ganze Chor der Rache durch die Fenster!«

Schilling kam mit einem Rock zurück, Welfen nahm Eylau von der einen – Schilling ihn von der andern Seite unter den Arm und beide führten ihn im Triumph über den Hof nach dem Herrenhause.

Welch eine urfidele Nachfeier zu der Tragikomödie!

Der Wein perlte in den Gläsern, und Welfen erklärte mit kurzen Worten das Mißverständnis. Siegfried aber wies mit ernstem Gesicht den geheimnisvollen Brief vor und sagte: »Ich verspreche Ihnen auf Ehrenwort, Vetter Eylau, daß ich Ihnen jedes Wort, das in diesem Schreiben enthalten ist, verzeihen will, wenn Sie mir ehrlich die Wahrheit sagen, ob Sie der Verfasser desselben sind!«

Männe starrte das seltsame Schriftstück staunend an. »Das soll ich geschrieben haben? Nein, lieber Born, mein heiliges Ehrenwort darauf, ich sehe diesen Brief soeben zum erstenmal im Leben! Wie sollte ich darauf kommen, solch einen Wahnsinn zu schreiben? Ich habe ja niemals mit Cousine Salome korrespondiert, ich ahne nichts von Ihrem Eheleben, das, so Gott will, in diesem Schreiben nur verunglimpft wird, und wenn es Sie beruhigt, so will ich Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauen, daß ich glücklicher Bräutigam bin und es Ihnen in kurzer Zeit schwarz auf weiß unterbreiten werde!«

»Also doch eine Mystifikation von einem lieben Feldheimer Freunde!« grollte Born mit schweren Wetterwolken auf der Stirn, »aber bitte das Thema jetzt fallen zu lassen – die Damen kommen!«

»Und sagen Sie, lieber Doktor, Sie halten ihn also tatsächlich für gesund?« flüsterte Welfen.

»So gesund wie Sie und mich!«

»Donnerwetter, und nun habe ich an den Kerl, den Doktor Tassot telegraphiert!«

Eylau hörte den Namen und schnellte herum. »Tassot? Was ist mit dem Menschen?«

»Männe! – Lieber bester Männe, wir hielten ihn für einen Irrenarzt, der dich bewachen sollte, darum benachrichtigte ich ihn von deinem Aufenthalt!«

Einen Augenblick stand der Referendar wie versteinert vor Schreck, dann fuhr er mit den beiden großen Händen voll Entsetzen nach seinem Haupt. »Onkel – um alles in der Welt – das ist ja furchtbar! Nun werden wir den unheimlichen Kerl in Wochen nicht wieder los, denn deine Depesche hält er für eine Einladung, oder legt sie wenigstens so aus! – Und los werden wir ihn nicht – höchstens mit brutaler Gewalt! –- Anpumpen tut er uns alle – und jeden Abend muß gespielt werden, Kümmelblättchen – meine Tante – deine Tante – und er gewinnt immer! Ich bin fest überzeugt, daß er der abgefeimteste Bauernfänger ist!«

Der Major sah schon jetzt vor zorniger Erregung dunkelrot aus. »Ich bin doch Herr in meinem Hause! Ich spiele nicht! – Ich werfe den Menschen hinaus!«

»Ach Onkel – du kennst ihn noch nicht! Seine bestrickende Liebenswürdigkeit läßt einen gar nicht zum Grobwerden kommen!«

»Ich werde aber grob!«

»Es hilft nicht viel!«

»Wenigstens gibt es namenlose Aufregungen und Ärger!« seufzte Frau Dora.

Wulf meldete, daß das Essen serviert sei.

»Ach, mir ist der Appetit völlig vergangen!« stöhnte Männe. »Onkel, ich bin kein feiger Kerl – aber vor dem Tassot zittere ich!«

Welfen schaute schweigend vor sich hin, aber er gestikulierte so lebhaft, als würfe er den Unliebsamen schon jetzt im Geiste zum Haus hinaus.

»Und all diese Aufregung wegen jenes rätselhaften Briefes!« seufzte Rose.

Dem Landrat schien die Ankunft Tassots am unangenehmsten zu sein. »Es ist unmöglich, ganz unmöglich, daß wir diesen fragwürdigen Herrn hier im Hause aufnehmen! Ihr wißt, wie ich in diesem Punkte denke! Es kann uns selber die Ehre kosten! ›Sage mit wem du umgehst, dann sage ich dir, wer du bist‹!«

Der Major wurde immer aufgeregter.

»Er wird überhaupt nicht angenommen! – Zur Not reisen wir sämtlich ab!«

»Nach Thüringen?« – fragte Joachim leise, mit tiefem Seufzer.

»Meinetwegen selbst nach Ruhla!«

»Herr Major – eine Depesche!« meldete Bachmann eilig von dem Garten her über die Veranda kommend.

»Eine Depesche! – Selbstverständlich von ihm!«

»Heute abend ist er hier!«

»Alle guten Geister!«

Und dann tiefe Stille. Der Major war so erregt, daß er das Papier kaum öffnen konnte. Er las – und plötzlich stieß er einen Seufzer aus, knäulte das Papier wie in tollem Übermut zusammen und warf es dem Neffen an den Kopf. – »Da haste deinen sauberen Busenfreund!« rief er lachend.

»Was ist mit ihm?«

»Lesen Sie, Eylau!«

»Sage doch Papa – kommt er?«

Der Referendar glättete eilig das Papier und las murmelnd: »Doktor Tassot soeben als Hochstapler verhaftet. –- Große Aufregung im ganzen Hause. Hat falschen Namen geführt. – Frau Major Kielmann.«

»Ich sage es ja! Ich ahnte es ja!« stöhnte Männe, dann aber warf er in jubelnder Freude die Arme hoch und atmete erleichtert auf:

»Gott sei Lob und Dank! Da kam die Polizei zur rechten Zeit.«

»Also faktisch ein Schwindler!« rief der Landrat.

»Himmel, welch ein Segen, daß der Kerl nicht gar bei uns hier dingfest gemacht wurde!« – Große allgemeine freudigste Erregung. Die übermutsfrohe Laune kam zurück.

»So, Kinder – nun wollen wir diesen bösen Tag, der so gut endete, mal gründlich feiern!«

Salome und Tante Sidonie erschienen in der Tür. Sie standen betroffen bei dem jubelnden Halloh still.

Frau von Born sah verweint aus, die Professorin böse: »Nette Zustände hier im Hause!« schimpfte sie gewohnheitsmäßig los, »und niemand macht mir Mitteilung davon – niemand warnt mich! Es ist eine Unverschämtheit! Wo ist denn der verrückte Herr Neffe – he?«

»Hat die Ehre hier vor Ihnen zu stehen, Frau Tante!«

Sie musterte ihn ingrimmig. »Hätten auch zu Hause bleiben können, Hermann, anstatt hier das ganze Gut auf den Kopf zu stellen. Sind so schon zu viele Menschen hier! Ich kann solch eine Besuchskolonie in den Tod nicht leiden!«

Siegfried bot der Grollenden galant den Arm. »Nun, dann wäre es das einfachste, liebe Tante, Sie packten morgen die Koffer und reisten ab, dann ist sofort ein Gast weniger in Jeseritz! Und nun darf ich wohl bitten, meine Herrschaften, ›Polonäse nach dem Eßzimmer.‹«

»Hm!« sagte die Tante verdutzt.

»Hurrah! Avanti! – Polonäse! – Musik!« jubelte es im Kreise, und in wahrer Karnevalstimmung, selber den Marsch singend, zog die fröhliche Gesellschaft nach dem Speisesaal.

XXV

Selten hatte in dem kleinen Familienkreise eine so übermütige Laune geherrscht wie an diesem Abend. Der Doktor, der sich selbstverständlich der Tafelrunde als Gast angeschlossen hatte und den so böse mitgenommenen Referendar im geheimen weiter beobachtete, konnte den Anwesenden nur stets von neuem zuflüstern, daß Herr von Eylau zwar ein wenig nervös, aber in geistiger Beziehung durchaus gesund und zurechnungsfähig sei.

Da schlug dem Major das Gewissen immer heftiger und machte ihn splendid. Eine Masche nach der andern wanderte aus dem Keller herauf, und als er Wulf sogar befahl, die spitzen Kelchgläser aufzustellen, und mit fröhlichem Schmunzeln sagte: »Nun wollen wir mal auf Männes ganz spezielles Wohl trinken!« da wurde die Stimmung ganz ausgelassen, so daß Joachim behauptete, nun müsse auch noch nach dem Leierkasten ein Tischwalzer getanzt werden.

Dies Vergnügen deuchte aber den älteren Herrschaften zu anstrengend und heiß, und Frau von Welfen schlug anstatt dessen vor, den köstlichen Mondschein zu benutzen und noch hinaus in den blühenden Park zu wandeln, eine Idee, die allgemeinen Anklang fand und lebhaft gebilligt ward.

In der Küche braute Mamsell auf »hohen Befehl« ebenfalls eine Maibowle für all die schwer geängstigten Gemüter, die der Stärkung nach, dem heillosen Schrecken bedurften. Es ging drunten bald ebenso lustig her wie droben im Eßzimmer, und durch die geöffneten Souterrainfenster hallten und jubelten die Stimmen, bald in schmetterndem Gelächter, bald in Gesang, der nach Gewohnheit der vergnügten Deutschen meist recht wehmütig klang und höchst unvermittelt von dem »Mühlrad im stillen Grunde« zu dem »kleinen Muckenbold« übersprang.

Miß Dolly, welche laut ihrer eignen Versicherung »ein sähr ein merkwürdiges Kopf« nach dem vielen Anstoßen bekommen hatte, konnte es sich nicht versagen, heimlich an das Küchenfenster zu schleichen und darin eine aufgeblasene Tüte abzuknallen, was unglaublichen Effekt erzielte.

Sie verspätete sich über diesen Scherz etwas, so daß die andere Gesellschaft einen kleinen Vorsprung in den Park gewann.

Mißchen hatte den Speisesaal an Roses Arm verlassen, und Frau von Welfen war darum ganz beruhigt über ihre Jüngste, die wohl behütet in der Obhut der Engländerin an Joachims Seite in dem dämmernden Garten wandeln würde. Aber wie gesagt, Mißchen bekam übermütige Gelüste, und Rose und Joachim schritten unter heiterem Geplauder allein in die Anlagen hinein. Zuerst gingen Salome und der Doktor vor ihnen her, dann bogen diese links ab, während das junge Pärchen geradeaus schritt.

Anfänglich hielt die fröhliche Weinlaune an. Sie lachten und scherzten weiter, und die frische, balsamische Nachtluft strich kosend über die heißen Gesichter und all die kleinen Liebeselfen flogen neckisch herzu und spannen im Mondlicht viele Tausende feiner Silberfäden zu einem Netzchen, und das warfen sie über die beiden Menschenkinder und zogen die Maschen zusammen – immer fester, immer dichter, unzerreißbarer – ein süßer, geheimnisvoller Zauber lindduftiger Maiennacht, der nicht wieder voneinander läßt, was er einmal verbunden.

Die Unterhaltung stockte allmählich. Rose blieb stehen und schaute mit großen, leuchtenden Augen umher. »Wie schön ist's doch!« – sagte sie aus tiefster Brust heraus, »solch einen Abend lernen die armen Stadtmenschen doch niemals kennen!«

»Nein, er ist ein Vorrecht von uns einsamen Landleuten!« nickte Achim, aber er sah dabei nicht in den silbernen Glanz, in die taufrische Blütenpracht der Zweige, sondern nur voll innigen Entzückens in ihr junges, lichtverklärtes Angesicht.

Es wurde ihm gar seltsam zumute. Er, der übermütige, kecke Brausekopf, der das Leben selten feierlich ernst nahm, er fühlte, wie sein Herz weit und groß wurde, so voll von Sehnsucht und Liebe, daß es hätte zerspringen mögen.

Wie ein Rausch himmelanstürmender Wonne erfaßte es ihn, und doch konnte er nicht, wie er wohl gemocht hätte, die Arme jubelnd um die Geliebte schlingen, sie in ungestümer küssender Werbung zu eigen zu nehmen – es lag etwas so Reines, heilig Keusches in diesem mondbeglänzten Mädchengesicht, daß es ihm ganz andächtig zumute wurde wie in der Kirche. Da forderte der Idealismus bei der Jugend sein Recht, da senkte sich das verlorene Paradies wieder sekundenlang auf die Welt herab und erfüllte die jungen Seelen mit dem heiligen Liebeszauber, in dem einzig und allein noch der Gottesfunken glüht, der ehemals Himmel und Erde in Glückseligkeit verschmolz.

Welch eine Poesie in diesem süßen Schauern! Welch ein Entzücken, dieses Herzklopfen, dieses atemlose Bangen und Beben vor dem entscheidenden Wort, welche nie geahnte Wonne es auszukosten in seligem Alleinsein!

Sie schwiegen beide – und dann begegnete sich ihr Blick. Sie wandte das Köpfchen jählings zur Seite und schritt weiter. »Wir sind ja irre gegangen! Die andern sind dort drüben!« sagte sie beklommen.

Da nahm er ihre Hand in die seine – ganz zaghaft, auch er war befangen – zum erstenmal im Leben. »Wie schön Salome singt!« – sagte er, »als ob sie meine Gedanken ausspräche! – Verstehen Sie es, Rose?«

Sie wollte ihre Hand zurückziehen: »Gewiß, ich kenne ja das Lied!«

»Es blinkt der Tau in den Gräsern der Nacht,
Der Mond steigt herauf in stiller Pracht –«

»Wir beide wandeln inmitten …«

»Rose! Eilen Sie doch nicht so … ich … ich habe Ihnen ja so viel zu sagen!«

Sie zögerte ein wenig und senkte das Köpfchen sehr tief. Ihre Hand zitterte. – »Sie haben mir etwas zu sagen?« wiederholte sie wie im Traum.

»So viel … ach – so viel, Rose! Wollen Sie mich hören?«

Sie nickte nur – sprechen konnte sie nicht – und doch hätte sie reden und antworten müssen, jetzt gleich, ehe er Worte gesagt, die sie eigentlich gar nicht anhören durfte. Sie wollte doch nicht heiraten! Sie hatte es sich so fest vorgenommen und es stets versichert – und nun? – Ach, wie anders war es doch mit ihr geworden, seit Joachim ins Haus gekommen. Da waren all die guten Vorsätze geschmolzen wie Butter an der Sonne.

Konnte es aber auch anders sein? Nein, Joachim war ja auch anders als alle anderen Männer, die ihr jemals zuvor begegneten. Mit ihm harmonierte sie vollkommen, seine Interessen waren die ihren, seine Liebhabereien teilte auch sie; sie würden gewiß niemals solch törichten Streit miteinander haben wie Borns, und sicherlich nicht so eigensinnig in entgegengesetzte Bahnen drängen wie Siegfried und Salome, die eigentlich in nichts recht zusammenpassen! Schon allein die seltsame Verlobung der Schwester! Sie hatte Rose nie gefallen, denn sie entbehrte all der schönen würdevollen Feierlichkeit, wie sie einst der Mutter und Großmutter Verlöbnis geweiht hatte. Und das fiel dem jungen Mädchen just in diesem Augenblick ein. Hatte Mama nicht so oft gesagt: »Vor allen Dingen muß man einen Mann ordentlich ausreden lassen, wenn er seinen Antrag macht! – Großmutter hatte mit zitternden Fingern eine viertel Elle Klingelzug gestickt, dieweil ihr herzliebster Fritz ihr seine Liebe gestanden.«

Und so muß es sein zwischen ehrbaren jungen Leuten!

Dies empfand Rose ganz besonders in diesem Augenblick, wo ihr Herzchen zum Zerspringen klopfte in der seligen Gewißheit: »Nun wird er dir sagen, daß du seine Frau werden sollst!«

Wie feierlich, wie würdevoll wurde es ihr in diesem ernsten Augenblick zumute. Ja, er soll ausreden, sie will nicht voreilig unterbrechen, nicht mit einem Wort ihm entgegenkommen, sondern sittsam wie Großmutter und Mutter dem Antrag lauschen und dem Freier zeigen, daß sie es nicht so eilig mit dem Jawort hat, wie ehemals Salome.

»Darf ich sprechen? Wollen Sie mich hören?« hatte er mit leiser, stockender Stimme gefragt, und Rose nickte ein stummes Ja, setzte sich beklommen auf der Bank unter dem Flieder nieder und legte die Händchen andächtig im Schoß zusammen, als solle sie photographiert werden. Sie hatte leider keinen Klingelzug zum Sticken.

»Rose!« flüsterte er, an ihrer Seite Platz nehmend, unwillich von ihrer Feierlichkeit angesteckt. »Ich habe schon seit Tagen keine Rast und Ruhe mehr. Es drängt mich, Ihnen alles zu sagen, was mir im Herzen lebt und glüht! Aber braucht es wirklich erst der Worte? Liebe, süße, kleine Rose – nicht wahr, du ahnst es ja längst, wie es um mich armen Gesellen steht, und du wirst dich meiner erbarmen und mich erhören?«

Er rückte näher und faßte leidenschaftlich ihre Hände. Die aber lagen wie angenagelt in ihrem Schoß.

»Bitte reden Sie weiter!« hauchte sie mit tiefgesenktem Köpfchen, als er eine kleine Pause machte.

Er wollte lachen, aber er konnte es nicht, weil sie so merkwürdig ernst war. »Aha, sie will eine regelrechte Liebeserklärung!« dachte er und wurde bei diesem Gedanken ein klein wenig verlegen, denn er wußte nicht recht, was er noch alles sagen sollte, und er hätte sie viel lieber in den Arm nehmen und küssen mögen, aber dennoch respektierte er ihr so reizend ehrbares Benehmen, das ihr so ganz besonders gut zu Gesicht stand.

»Als ich Sie zuerst sah … ich meine, als ich dich zuerst erblickte, herzliche Rose, da hast du gleich einen so tiefen, unerklärlich tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mich, ehrlich gestanden, gar nicht gegen den Zauber gewehrt habe, den du so verhängnisvoll auf mich ausübtest! Ich gab mich voll und ganz dem heilig süßen Entzücken hin, zum erstenmal zu lieben! – Rose … meine einzig holde, goldige Rose –!« Und er wollte den Arm um sie legen und alles weitere in Küssen sagen – aber das junge Mädchen rückte zitternd von ihm ab, bis in die Blütenzweige und den vollen Mondglanz hinein, senkte die Wimpern tief über die Augen und flüsterte mit traumhaft seligem Lächeln: »Ach bitte … reden Sie weiter!«

Wie hätte er in diesem Augenblick nicht weiter reden können!

Das Reden halten in ernsterem Sinne war ihm zwar stets recht schwer gefallen, und er hätte gerade in diesem Augenblick alles andere lieber getan, als Phrasen zu drechseln, aber Rose schien besonderen Wert auf eine gut stilisierte Liebeserklärung zu legen, und so fuhr er denn, alle seine poetischen Reminiszenzen wachrufend, fort:

»Sieh Rose, es ist zwar noch nicht der wunderschöne Monat Mai, aber dennoch singen alle Vöglein, und dennoch ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen. Und was alle Blumen duften, was alle Sterne glückselig von fernem, traumhaftem Glück verheißen, was die Nachtigall jauchzt – du meine Seele, du mein Herz, du meine Wonne, du mein Schmerz, du meine Welt in der ich lebe – das klingt mir von den Lippen in zitterndem Bekennen: Ich liebe dich!«

Er war vor ihr niedergesunken; um dieser doch fraglos schönen Liebeserklärung den nötigen Nachdruck zu verleihen, nahm er Roses Hände und bedeckte sie mit heißen Küssen. »Rose – und was antwortest du darauf?!«

»Ach bitte – reden Sie weiter!« – rang es sich wie ein zitternder Jubellaut von ihren Lippen.

Ganz entsetzt blickte er zu ihr auf. »
Noch mehr reden? Aber lieber, süßer Herzensschatz –«

»Ach bitte bleiben Sie knien und reden Sie aus!« – flehte sie – aber sie preßte unwillkürlich seine Hände dabei an ihr Herz.

»Ja, was soll ich denn noch sagen, einziges Lieb?« flüsterte er, »daß ich dich liebe, weißt du, daß du das glücklichste, angebetetste kleine Weibchen unter der Sonne werden sollst, glaubst du mir gewiß, daß ich dich auf den Händen tragen, dich als liebstes Kleinod behüten und wert halten will, bedarf keiner Versicherung! Und nun erbarme dich, sage mir, daß du mir auch ein wenig gut bist, daß du mein eigen sein willst, und Rose … liebe kleine Braut – gib mir endlich einen Kuß!«

»Ja … das darf ich doch erst, wenn Sie … wenn du ausgeredet hast, lieber Achim!«

»Herzblättchen, jetzt habe ich aber wahrhaftig ausgeredet!«

»Wirklich? Ganz und gar? – Gott sei Dank! – Das viele Sprechen hat mich ganz schwindlig gemacht – ach Achim, lieber, allerbester Achim – dich will ich haben und keinen anderen auf der Welt!«

»Rose! Meine Rose!« und er sprang auf, saß eins, zwei, drei neben ihr, nahm ihr Köpfchen zwischen seine Hände und küßte das heiße, strahlende Kindergesicht. Sie schlang die Arme um ihn und schmiegte sich fest an seine Brust – und die Fliederdolden nickten über ihnen und dufteten so berauschend wie noch nie, und ein Nachtfalter flog daher, und die Mondesstrahlen glitzerten im Tau.

Nun redeten sie eine ganze Weile gar nichts – es war still wie in der Kirche, nur von fern her klang Salomes Stimme:

»Ach wie war's möglich dann,
Daß ich dich lassen kann!
Hab' dich von Herzen lieb –
Das glaube mir!«

»Rose …« flüsterte er – »hörst du's? – Hab' dich von Herzen lieb – das glaube mir!«

Sie legte ihm das Händchen auf den Mund. – »Still, still!« sagte sie hastig, »nun brauchst du ja nicht mehr zu reden!«

Er lachte: »Ei Schatz … hörst du es denn nicht gern?« »Nein, Achim – mir dünken alle Worte arm und inhaltlos gegen die unbeschreibliche Wonne, die mein Herz durchbebt!«

»Und dennoch hießest du mich immer weiter sprechen?«

»Ach … es mußte doch sein! – Um der guten Sitte willen!«

Da lachte er, daß es fernhin im Park wiederklang. »Das hätte ich wissen sollen!! Warte, Schelm, nun habe ich mich aber auch für lange Zeit ausgesprochen!!«

»Ich hoffe es, Achim!« – Sie blickte ihn neckisch an: »Für unsere moderne Zeit passen die langen Liebeserklärungen nicht mehr, sie klingen so unnatürlich, und man wird wirklich ganz ungeduldig, bis sie zu Ende kommen! Warum hast du eigentlich so viel von Mai … Sternen … Blumen … Seele … Herz … Glück gesprochen? – Das wissen wir ja alles viel besser im Herzen … ich dachte, du hättest darüber reden sollen, wie wir die große Holländerei auf deinem Gute einrichten wollen, und ob ich mich wohl dazu eignen würde, einem so großen Haushalt vorzustehen, ob ich vernünftig, sparsam, praktisch genug sei, um eine tüchtige Gutsfrau zu werden! Daß wir uns beide so recht von Herzen innig lieb haben, das wissen wir doch längst, ob wir aber nuch füreinander passen, das hätten wir wohl erst besprechen müssen!«

Er zog sie zärtlich an die Brust. »Was sich liebt, paßt stets zusammen!«

»Siegfried und Salome sagen doch auch, sie lieben sich, und dabei zanken sie sich so viel!«

»Sie waren nicht vernünftig genug, um den ersten Streit zu vermeiden,« scherzte er, »hätten sie's getan, bliebe ewiger Frieden!«

»Wir zanken uns niemals, nicht wahr, Achim?«

»Niemals. Ich wüßte gar nicht weswegen.«

»Und wer doch einmal Streit anfangen sollte –«

»Der ist das Karnickel und hat unrecht!«

»Es darf also nie zu einem ersten Zank kommen?«

»Nein, dann kommt es auch nie zu einem letzten!«

Zwischendurch küßten sie sich wieder und immer wieder. Sie hatten sich sehr, sehr lieb; aber sie blieben trotzdem mit beiden Füßen auf der Erde stehen und verschmähten die bunten Flügel, die die Schwärmerei und Illusion den Liebespaaren verleiht, damit sie hoch über die Vernunft hinaus in einem siebenten Himmel schweben, aus dem sie nach den Flitterwochen naturgemäß herabstürzen müssen – denn jedweder junge Hausstand ist auf der Erde gebaut.

»Nun will ich dir noch etwas sagen, Herzlieb, ich muß dir etwas beichten!« sagte er leise, ganz leise.

Sie sah ihm in die Augen und lachte: »Das einzige Verbrechen, das Papa an dir tadelt, daß du nicht schreiben kannst –? – das weiß ich ja langst und heirate dich in gutem Vertrauen auch ohne Schriftprobe!«

»Nein, Rose, das nicht – –«

»
Dearest Miß Rose! … Wo seien Sie hinversteckt?!« rief es plötzlich dicht neben ihnen.

»Pst – ganz feierlich und fremd getan! Sie darf nichts merken, ehe wir das Jawort der Eltern erhalten haben!« flüsterte das junge Mädchen, stand hastig auf und strich ihr Haar glatt, dann noch einen schnellen, hastigen Kuß, und Achim und Fräulein Rose wanderten in ernstem Gespräch über Wert oder Unwert der rationellen Drainage den Kiesweg entlang, auf dem Miß Dolly sie atemlos einholte und versicherte, daß sie schon den halben Park nach ihnen abgepirscht habe!

Nach lebhaftem Wiedersehen auf der Veranda, sagte man sich bald, wie auf dem Lande üblich, ein frühzeitiges Gutenacht.

Vetter Eylau hatte ein angemessenes Logierzimmer erhalten, das die Mägde unter weinseligem Gekichere, in fröhlichster Rückerinnerung an die Speiseaufzugfahrt des gnädigen Herrn, besonders behaglich eingerichtet hatten. Der reuezerknirschte Bachmann, der es schwer empfand, die Gartenspritze auf einen Unschuldigen gerichtet zu haben, schleppte einen großen Strauß Frühlingsblumen herzu, die dem Referendar ein stummes »
Peccavi!« entgegendufteten.

Die Herren geleiteten den schwer geprüften Gast unter kühnsten Rezitativen aus dem Nachtlager von Granada, feierlich singend in sein Gemach, und Vetter Männe legte nunmehr sein Haupt ungebadet auf trockene Kissen zur Ruhe.

Er schlief sanft und süß, in dem beseligenden Gefühl, daß sein Schatten Tassot sich heute nacht, sicher bewacht von Frau Nemesis, kein Eisenbahnbillett nach Feldheim lösen konnte. Das erfüllte ihn mit unendlicher Genugtuung, und um solch freudiger Nachricht willen hatte er gern ein paar Stunden unfreiwillig den wilden Mann gespielt!

Der Landrat, dessen Heiterkeit etwas gewaltsam gewesen, kehrte eilig nach der Terrasse zurück und setzte sich, seiner Gewohnheit gemäß, noch ein halbes Stündchen zur Lampe, um die Zeitung durchzusehen.

Salome hatte den Eltern und Rose gute Nacht gesagt; sie schaute noch einmal durch die Tür, sah ihren Mann und trat näher, sich ihm schweigend gegenüberzusetzen.

Born starrte mit bewölkter Stirn auf die Abendausgabe des Feldheimer Intelligenz-Blattes nieder, dennoch empfand er es, wie der Blick seiner Frau forschend, schalkhaft, schier unverwandt auf ihm ruhte.

Was hatte sie vor? –- Ihr seltsames Benehmen erhöhte die Unruhe, in die ihn der unerklärliche Brief mit den empörenden Anschuldigungen versetzt hatte. Da fiel sein Blick auf eine fettgedruckte Annonce, dieselbe, die der Major hatte einrücken lassen.

»Sucht Vater einen Diener?« fragte er überrascht.

Salome lehnte gelassen in ihrem Sessel. »Ja, für uns!«

»Für uns? – Wie kommt er dazu?«

»Nun – wir gebrauchen doch einen neuen!«

»Ist das Vaters Sache, sich darum zu kümmern?« brauste Siegfried erregt auf. »Was soll das heißen, daß er sich schon wieder in unsere Angelegenheiten mischt?«

Salome blieb außergewöhnlich ruhig. »Aber, bester Schatz, so sei ihm doch dankbar, wenn er dir diese Sorge abnimmt!« lächelte sie.

»Nein! Ich bin ihm nicht dankbar! Ich verbitte mir diese ewige, ununterbrochene Einmischung in unsere Angelegenheiten! Vor allen Leuten uns zu bevormunden, als wäre ich ein Kretin oder ein dummer Junge! Da heißt es in der ganzen Welt, die Schwiegermutter wäre das böse Element im Hause ihrer Kinder – aber Gott sei es geklagt, es gibt Schwiegerväter, die noch schlimmer sind!«

Salome erhob sich, trat an den Sessel und legte den Arm um den Nacken ihres Mannes. Sie sah nicht pikiert und streitlustig aus wie sonst; mit reizendem Lächeln blickte sie ihm in die Augen.

»Wie kannst du gleich so heftig sein, Siegfried! Ich bitte dich! – Es gilt ja Vater hauptsächlich darum, die betreffenden Handschriften zu deuten! Laß ihm doch diesen Scherz! Er hat keine andere Zerstreuung auf dem Lande hier! – Siegfried – lieber, bester Mann, mir zuliebe fange keinen Streit darüber mit Papa an! Hörst du? – Versprich es mir – mir zuliebe!«

Wie sie ihn ansah! Welche Weichheit, welche Milde in Stimme und Wesen! Ihm wurde es glühend heiß um das Herz.

»Nein – ich fange gewiß nicht an« – brummte er, ihrem Blick ausweichend, »mir ist jeder Zank greulich, obwohl es wirklich kaum noch zu ertragen ist –«

Sie schmiegte sich noch zärtlicher an ihn. »Wir kehren ja schon bald heim – in unser eigen Nestchen … und du sollst sehen, Liebster, Papa wird in Zukunft unsern Frieden nicht mehr stören! – Siegfried, es ist so herrlich im Park – möchtest du nicht noch einmal mit mir durch den Mondschein gehen?«

Aha! Die kleine Sirene! Sie versuchte alle Zauberkünste, seinen starren Sinn zu beugen, sie wollte ihren Willen durchsetzen, sie wollte den Löwen ducken … und Mondschein und lyrische Frühlingsstimmung sollten ihr helfen, den unzufriedenen und entnüchterten Mann wieder als blinden Sklaven und willenlosen Liebhaber vor ihre Füße zu zwingen.

Er durchschaute ihre Absicht und lächelte bitter. »Wozu das?« fragte er achselzuckend, »meine Gesellschaft dürfte dir mit der Zeit langweilig geworden sein.«

Ihre Augen leuchteten auf. Der Brief! Der Brief! Er tat seine Schuldigkeit; das Fünkchen Eifersucht wollte zur Flamme wachsen.

Sie lachte. »Je nun – versuchen wir, uns in schönere Zeiten zurückzuversetzen! Wir sind hier so ganz aufeinander angewiesen, daß wir miteinander fürlieb nehmen müssen!«

Er blickte sie scharf an. »Wirklich, müssen wir das?« Frauen waren stets sehr erfinderisch, wenn sie eine kleine Komödie spielen wollten! Und jählings ihre Hand fassend und sie in der seinen pressend, fragte er unvermittelt: »Sieh mir in die Augen, Salome! Du hast ein Geheimnis vor mir!«

So wollte sie es haben! Jetzt war die Stunde gekommen, ihn für all seine Kälte und Hartherzigkeit zu strafen, ihr Herz jubelte auf in übermütiger Lust. Aber sie senkte jäh betroffen die Augen und stammelte wie verwirrt: »Du weißt?« – Sie dachte dabei an die Küche und ihre Geheimnisse und freute sich ihrer Schalkheit.

Er zuckte zusammen und wurde blaß. Dann gab er ihre Hand frei und sagt kalt: »Nein – ich weiß von nichts und interessiere mich auch nicht für deine Geheimnisse. Behalte sie für dich.«

Das hatte sie nicht erwartet. Der alte Trotz erwachte, sie warf den Kopf in den Nacken. »Ich glaube allerdings, daß ich sie für mich behalte – und sehe es leider zu spät ein, wie viele Liebe und Mühe und Demut ich an dich verschwendet habe!« stieß sie erregt hervor.

»Demut!« Er lachte leise, ingrimmig, spöttisch.

Tränen traten in ihre Augen. Nein, bei Gott, er liebte sie nicht mehr, alles war Irrtum, alles Täuschung, und um ihn –- ihn – hatte sie unter qualvoller Selbstüberwindung – Kochen gelernt! –- Sie wandte ihm den Rücken und schritt zur Tür. Droben in ihrem Zimmerchen aber weinte sie bitterlich. Noch nie hatte sie ihren Mann so geliebt wie in dieser Stunde, wo er sie so unverdient gekränkt hatte. Wirklich unverdient? – Das überlegte sie nicht; Bitterkeit, verletzte Eitelkeit und Trotz kämpften in ihrem Herzen, in dem jungen, kindischen Herzen, das sich selber so viele Qualen schuf und so mühselig nach dem rechten Wege suchen mußte. Soll sie diesem herzlosen Tyrannen gegenüber wirklich klein beigeben und sich seinem Starrsinn gegenüber zur Magd erniedrigen? Nein! – Lieber sterben. –

Er verdiente es nicht – er liebte sie ja nicht, es war ihm ja ganz gleichgültig, ob sie ein Geheimnis vor ihm hatte oder nicht! – Nein! – Er sollte es nicht erfahren, daß seine Frau ihm zu Gefallen Kochen lernte – niemals.

Siegfried saß drunten auf der Veranda, stützte die brennende Stirn in die Hände und seufzte aus tiefstem Herzensgrunde. Wie liebte er seine kleine Frau! Welche Seligkeit hatte ihn durchschauert, als sie nach so langer Zeit ein zärtliches Wort, einen bezaubernden Blick für ihn hatte – wie namenlos schwer war es ihm geworden, sich zu beherrschen und sein Herz hinter Kälte und Gleichgültigkeit zu verstecken! Um des Prinzips willen! Er wollte seine Erziehungsmethode durchführen. Würde sie jemals glücken und Sieg verheißen? Nein, niemals. Sein Glück war in Trümmern zerschlagen. Er strebte nach rechts und sie nach links. Was konnte sie wieder zusammenführen? – Nichts, denn er als Mann darf sich nicht beugen.

XXVI

»Einsam wandelt der Freund im blumigen Garten!« dachte Rose wohl lächelnd im Traum, wenn der Kies drunten unter leisen Schritten erknirschte, und die kraftvolle schlanke Gestalt Joachims wie ein Schatten durch den Mondschein wanderte. Er fand noch keine Ruhe im Zimmer. Eine glückselige Aufregung trieb ihn hinaus in die stille, blühende Welt, auf die Bank im Fliedergebüsch, die vor kurzer Zeit Zeugin seines jungen Liebesglückes gewesen.

Er war keine schwärmerische Natur, im eigentlichen Sinne des Wortes, wohl aber ein »Gefühlsmensch«, der trotz seines so ruhigen, vernünftigen Wesens dennoch imstande war, sich voll und ganz dem Zauber poesievoller Minne hinzugeben. So saß er auf der Bank und durchkostete im Geiste noch einmal alle Wonne eines ersten Findens und Bindens, alle Seligkeit bräutlich holden Glückes. Weiße Silberstreifen säumten die Wölkchen, die just den Mond verschleierten, Nachtschmetterlinge und Käfer surrten über ihm um die Blütendolden, und dicht hinter ihm Hub eine Nachtigall ihr süßes Liebeswerben an.

Da ging es wie ein heißer, jäher Schreck durch das Herz des jungen Bräutigams. Die Nachtigall erinnerte ihn an all das Unbehagliche, das er in dem Wonnerausch der letzten Stunden völlig vergessen hatte, an die Tatsache, daß er selber der bestgehaßte Mann für die Familie Welfen sei, jener so übel beleumundete, junge Tourist aus Thüringen, den die Tochter haßte, dem der Vater ewige Rache geschworen hatte.

Ein Gefühl angstvoller Unruhe überkam ihn. Bisher hatte er das fatale Geheimnis zu wahren gewußt, nötigte ihn aber nicht die Pflicht, es der Braut und dem Schwiegervater gegenüber zu offenbaren? Tat er es nicht, so handelte er nicht ehrlich – entdeckte er sich aber, so hat er Roses Liebe und die Hoffnung verloren, je das Jawort des Majors zu erringen!

Welch ein qualvoller Gedanke! Joachim sprang empor und lief mit hastigen Schritten den hell glitzernden Gartenweg auf und nieder. Was sollte er tun?

Seine Seele rang in bitterem, verzweifeltem Kampf. Hin und her überlegte er, was er tun durfte, sollte und mußte.

Hätte Herr von Welfen nur das Autograph aus dem Fremdenbuch nicht! Über kurz oder lang mußte er doch zum Verräter werden, denn es existieren zu viele Briefe und Schriftstücke von ihm, die er vor der Verwundung seiner Hand geschrieben. Und wenn er auch so lange wie möglich, wenigstens bis nach einer baldigen Hochzeit, dem Schwiegervater gegenüber sein fatales Geheimnis wahrte – Rose mußte auf jeden Fall über ihn klar sehen, ehe sie sich ihm öffentlich angelobte.

Rose! – Eine peinigende Sorge und Angst überkam ihn bei dem Gedanken, der Geliebten die schwere Beichte ablegen zu müssen! Wie würde sie ihre Händchen aus den seinen reißen! Wie trotzig und empört ihn aus zornigen Augen anblitzen und ihm beleidigt den Rücken kehren! – Er hatte in den ersten Tagen ein paarmal unfreiwillig Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie Salome bei jeder Kleinigkeit ihrem Mann gegenüber die Verletzte und Beleidigte spielte – ach … und eine solche Szene mit Rose –!

Das Herz tat ihm weh bei diesem Gedanken. Aber Rose war ein vernünftiges Mädchen und liebte ihn! Sie würde ja nicht ewig zürnen, sie würde sich nicht hartnäckig und störrisch jeder Zusprache verschließen, sie würde ihn anhören, würde seiner Versicherung, daß er es niemals böse gemeint, daß er ein übermütiger und kecker Wandergesell, aber kein frivoler Verächter weiblicher Würde gewesen, endlich glauben und ihm verzeihen! Einen Kampf mochte es freilich geben, aber durch den Kampf würde er auch zum Sieg gelangen, Rose liebte ihn ja!

Wann aber sollte er ihr beichten? Sie hatten verabredet, daß Joachim morgen vormittag bei den Eltern anhalten solle. Vorher aber muß er sich um jeden Preis mit der Geliebten aussprechen. Die wackere kleine Landwirtin stand ja jeden Morgen zwischen Tau und Tag schon auf, sie kontrollierte die Mägde beim Melken in den Ställen.

Auch Joachim liebte die Morgenstunde, und er würde morgen früh nicht die konventionelle Zeit abwarten, um Rose im Garten zu begrüßen, sondern sie diesmal sehr zeitig überraschen, und sie dem Holländer abspenstig machen.

Ach, wäre diese saure Stunde doch erst überstanden! Das Herz wurde ihm schwer, wenn er an die zürnende kleine Braut dachte. Er liebte das Schmollen nicht, jede Szene war ihm unsympathisch – aber was half es, das waren eben die Dornen an der Rose, die man um der holden Königin willen doch gern mit in den Kauf nahm. Er hatte stets gehört, daß die jungen Mädchen und jungen Frauen gern zürnen, um versöhnt zu werden, daß ihre Streitlust meistens Koketterie ist, den Mann stets von neuem als Sklave mit Rosenketten zu binden – cosi fan tutte! – Wie sollte Rose anders sein?

Langsam, bangen Zweifel im Herzen, schritt Joachim zum Hause zurück und kam just recht, als Wulf die Flurlampen auslöschen wollte.

So klar wie nachts der Mond geschienen, so strahlend hell und wolkenlos stieg die Sonne über den dunklen Waldstreifen des Horizontes empor. Joachim stand bereits am Fenster und blickte ihr sehnsüchtig entgegen.

»Wach auf, du goldnes Morgenlicht, und grüße meine Braut! Daß sie des Himmels Seligkeit in Rosenwölkchen schaut!« – So jauchzte es durch seine Seele, und doch lag es wie ein zarter Nebelschleier der Bangigkeit über all dem Hoffen und Seligsein – der Gedanke an den ersten, unausbleiblichen Streit mit ihr! Aber er hatte sich in Gedanken schon alles zurechtgelegt, wie er sie begütigen und besänftigen, wie er ganz innig und zärtlich jeden ihrer Vorwürfe durch Liebe allem entwaffnen wollte.

Horch, im Hause wurde es auch schon lebendig. Man hörte Türen knarren, in der Küche drunten rasselte man am Herde. Auch auf dem Hof regte es sich. Die Hähne hatten sich bereits sattgekräht, jetzt knallten Peitschen und Wagen rollten – die Hofhunde begrüßten ihre Freunde durch lebhaftes Bellen. – Im Garten schallten lachende Stimmen – Feldarbeiterinnen mit kurzgeschürzten Röcken und nackten Füßen wanderten wohlgemut durch das taunasse Gras der Pforte zu.

Nun würde er nicht mehr lange auf Rose zu warten haben. Richtig, ihr Fenster klappte schon auf, die würzige wonnevoll reine Morgenluft einströmen zu lassen.

Joachims Herz wallte auf. Wie fleißig, wie tüchtig war sie! – Zur Gutsfrau geboren. – Seine Rose!

Ach, wäre nur erst die nächste Stunde vorüber! Voll Ungeduld griff er nach dem Hut und trat leise auf den Flur – nach wenigen Minuten schritt er über den Hof nach den Ställen – kehrte auf dem halben Wege um und holte sich erst im Garten die schönste Rose für aller Rosen Königin.

»Achim … du schon hier?« Wie ein leise zitternder Aufschrei der Wonne hallte es ihm entgegen, als er im Wirtschaftshof auf und nieder wandelte und der Geliebten mit Augen, aus denen das Entzücken leuchtete, entgegenschaute.

Da kam sie ihm entgegen im rosenfarbenen Kattunkleidchen und mit der weißen Latzschürze, frisch, blühend, strahlend in jungem Glück.

Er preßte ihre Hand in der seinen, er flüsterte ihr tausend zärtliche Worte zu. »Laß die Leute heut allein fertig werden, Herzlieb! – Komm in den Garten!« bat er.

Sie schüttelte schalkhaft das Köpfchen. »Nach getaner Arbeit ist gut ruhen!« lachte sie, »es dauert ja nicht lang!«

Nicht lang! Ihm deuchte es eine Ewigkeit. – Die Stalltür nach der Gartenseite stand offen. Die schmalen Gemüsebeete des Nutzlandes dehnten sich davor aus. – Joachim ertrug es nicht, unter so vielen beobachtenden Augen mit der Braut gleichgültig zu verkehren. Er trat in den Sonnenschein hinaus, und besichtigte die Beete. – »Rose, sehen Sie mal die Radieschen an!« rief er zurück.

»Hat Zeit!« neckte sie.

Endlich, endlich konnte sie abkommen. Sie trat zu ihm heraus und wollte sich wirklich über jedes Radieschen einzeln freuen!

»Wir wollen mal nach den Gurken im Mistbeet sehen!« rief er und eilte mit Riesenschritten vorwärts, sie vermochte kaum so schnell zu folgen und lachte immer mit tiefen Grübchen in den Wangen vor sich hin.

Endlich allein und unbeobachtet! – Die Sonne, die noch nichts davon erfahren, was sich während ihrer Abwesenheit bei der nachlässigen Beaufsichtigung des Mondes ereignet hatte, war starr über das Benehmen der sonst so schüchternen Leute.

– Sie küßten sich! – Und wie! – Als ob sie wochenlang gehungert hätten und gar nicht satt werden könnten! Neugierig lugte sie mit ihren goldensten Strahlen durch die Blütenzweige und lauschte.

»Eine Beichte? Du hast mir etwas zu beichten?« lachte das junge Mädchen, immer noch ein wenig verlegen in ihrer neuen Rolle als Bräutchen, »aha daher deine Ungeduld und die frühe Visite im Kuhstall! Nun, du böser Mensch, hast du noch Schlimmeres verbrochen, als wie einem armen, harmlosen Mädel das Herz zu stehlen?«

Da faßte er jählings ihre Hände. »Rose –« sagte er, und es schien, als müßte er gewaltsam etwas im Halse herunterwürgen, »Rose … sieh mich einmal an, ganz genau an!«

Sie lachte noch mehr und blickte ihm zärtlich in die Augen. »Ja – du bist bildhübsch! Willst du das hören?«

»Nein. – Fällt dir keine Ähnlichkeit auf?«

Sie sah erstaunter aus.

»Eine Ähnlichkeit?«

»Ja, eine Ähnlichkeit! Besinne dich!«

Sie schüttelte zweifelnd das Köpfchen: »Ich wüßte wahrlich nicht, mit wem!«

Einen Augenblick schien er schwer mit sich zu kämpfen, dann wandte er plötzlich den Kopf halb zur Seite, und plötzlich – Rose läßt vor Schreck beide Arme wie gelähmt herabsinken – ertönte ganz leise zwischen Achims Zähnen hervor das Locken und Schlagen einer Nachtigall, derselben Nachtigall, die sie ehemals an der hohen Sonne zu dem graumosigen Felsgestein jenseits des Straßengrabens gelockt hatte!

»Achim!« schrie sie auf und dann wandte sie ihn hastig an den Schultern herum und starrte ihm mit weit offenen Augen abermals in das Gesicht. »Das warst du? … du?« stammelte sie fassungslos.

Mit beiden Armen preßte er sie stürmisch an sich. »Ja, ich war es, Herzlieb! Gott sei es geklagt! Böse war es nicht gemeint, und doch zürnst du mir und willst mir zur Strafe das Herz brechen und mir nie verzeihen! – Rose, liebe, liebe Rose – ich will ja jede Strafe geduldig auf mich nehmen, sage mir nur, daß du mir endlich doch wieder gut sein willst!«

Sie rang sich aus seinem Arm frei und er hielt sie voll banger Qual nur desto fester.

»Nein, ich lasse dich nicht!« murmelte er.

Da lachte sie so hell auf, daß er ganz erschrocken die Arme löst. – Sie lachte? – Ein Lachen höchster Bitterkeit und Trotzes? Nein, sie lachte so lieb und herzig wie je zuvor. Zwar war sie sehr, sehr rot geworden, und, die Bestürzung schaute ihr noch aus den Augen, aber sie strich hochaufatmend die wirren Haare glatt und sah weder zornig noch trotzig noch streitsüchtig aus.

»Du unser Feind aus Thüringen?« wiederholte sie mit bebenden Lippen, »bin ich denn nur blind gewesen, dich nicht sofort wiederzuerkennen?« – Und dann reichte sie ihm plötzlich beide Hände entgegen und blickte ihm voll in die Augen. »Du Schlingel, mir so arg mitzuspielen! Wie war es aber nur möglich, daß wir uns alle so sehr in dir täuschen konnten, daß ich dich, den ich nun am liebsten auf Gottes weiter Welt habe, nur jemals eine Sekunde lang voll kindischer Torheit hassen konnte?!«

Er stand wie ein Trunkener und starrte ihr fassungslos in das liebe, freundlich gute Kindergesicht. Hatte er sie wahrlich recht verstanden? – War das ihre Anwort auf seine Beichte? – Diese Worte voll Liebe und Zärtlichkeit, während er so ganz anderes erwartet hatte?

Wie ein schwindelnder Rausch des Entzückens überkam es ihn. Ihm war, als ginge ein Lichtstrom von der Geliebten aus, der ihm Augen, Herz und Seele blendete. – Da empfand er zum erstenmal den vollen heiligen Zauber, den Frauengüte und Milde auf einen Mann ausüben, den unerklärlich holden Zauber, der das Weib in seinen Augen mit Engelsschwingen schmückt, den Zauber, vor dem der Mann sich willig beugt, gleich wie vor höherer Macht, den er nie voll begreifen kann, wohl aber voll dankbarer, heiß entzückter Liebe als seligstes Gnadengeschenk preist, »Und du bist mir wahrlich nicht böse?« fragte er noch einmal leise, als müßte er sich vollkommen versichern.

Da lachte sie abermals, legte ihren Arm in den seinen und schritt langsam mit ihm weiter in die blühende Gotteswelt hinein.

»Wie sollte ich wohl so närrisch sein?« scherzte sie, »die Nachtigall ist doch immer eine Künderin seligen Lenzes!«

»Du lieber – lieber Engel du! – Wahrlich, Rose, wenn du mir in dieser Stunde nicht zürnst, dann wirst du es niemals tun! – Und ich Narr zitterte vor dieser Beichte, weil ich fürchtete, sie würde mir viel bitteres Herzeleid bescheren!«

»Das glaubtest du jetzt noch, nachdem ich dir doch schon gesagt hatte, daß ich dich liebhabe?«

»Konnte meine Beichte diese Liebe nicht im alten Groll sterben lassen?«

Sie sah plötzlich sehr ernst aus. »Nein, Herzliebster, das konnte sie nicht – und hätte sie es getan, so wäre es ein Glück für dich gewesen, denn eine so kleinliche und schwache Liebe, die nicht einmal em törichtes Vorurteil überwinden kann, wäre viel zu arm und schlecht für dich gewesen. Habe ich es denn nicht unbewußt längst eingesehen und erkannt, daß ich dir, ehemals Unrecht tat? – Ich haßte in dem Unbekannten einen frivolen Spötter, der mich und meinen Vater zur Zielscheibe seiner kecken Scherze erkoren und uns dadurch beleidigte, nun entpuppt sich dieser Sünder just als der, den ich von ganzem Herzen lieben, schätzen und verehren lernte, und ich dächte, dieses letztere Urteil wäre wohl das erprobtere und richtigere. Wir beide verstehen uns ja – es kann sich jetzt kein Groll und Mißtrauen mehr zwischen uns drängen, mein Joachim – aber Papa! – Ach, erst setzt kommt mir der Gedanke an ihn!«

»Du glaubst auch, daß dein Vater weniger milde und versöhnlich sein würde als du?« seufzte der junge Mann schwer auf.

Rose blieb erschrocken stehen und hob wie beschwörend die Hände. »Achim – du willst ihm doch etwa nicht auch beichten?!«

»Muß ich es nicht ehrlicherweise?!«

Sie schüttelte energisch das Köpfchen. »Nein, unser Lebensglück ist zu heilig, um es einer Laune opfern zu dürfen; Vater hat dich noch nicht annähernd so kennengelernt wie ich und würde fraglos seinen Unwillen größer sein lassen als seine Nachsicht. – Ich weiß, wie starr er in seinen Ansichten ist, wie fest und zähe er an einem Vorurteil hält. Du würdest zeitlebens vergeblich um seine Liebe und Freundschaft werben!«

»Aber er ist doch so gut und freundlich gegen mich!«

»Weil er ahnungslos ist. Du hörst, wie sehr er noch nach dem Missetäter forscht!«

»Und wenn er mich entdeckt?«

»Das ist kaum anzunehmen! Sollte es später ein fataler Zufall fügen, nun, so hast du dich als Schwiegersohn, so Gott will, schon so sehr seiner Liebe versichert, daß er alsdann um unseres Glückes willen gern verzeiht. Sind wir in unserer Ehe glücklich geworden, strafen wir ja seine Graphologie Lügen!«

»Du hast recht – Zeit gewonnen, alles gewonnen!«

»Meine zerschossene Hand bewahrt mich ja vor dem handschriftlichen Examen!«

»Weißt du was? Wir gehen zuerst zu Mutterchen und besprechen die ganze Angelegenheit mit ihr, was sie uns alsdann rät, ist fraglos das richtige!«

»Wie denkt sie eigentlich über den Ruhlaer Sünder?«

»So lieb und nachsichtig, wie sie alle Menschen beurteilt! Sie hat uns von Anfang an ausgelacht, daß wir harmlosen Übermut so tragisch genommen haben.«

»Welch eine ideale Frau! Nur sie konnte eine Tochter wie dich erziehen, du allerliebster Schatz! Aber seltsam, sonst fürchten sich die Männer meistens vor der Schwiegermutter – ich mache eine Ausnahme und zittere vor dem Schwiegerpapa!«

»Ganz wie Siegfried! – Mit Mama verstand er sich von jeher vortrefflich und mit Vater absolut nicht!«

»Gut, schreiben wir an die ›Fliegenden Blätter‹, daß künftighin alle bösen Schwiegermütter in lauter Schwiegerväter umgeändert werden!«

»Diese Umwälzung der Verhältnisse hat sich vielleicht das zwanzigste Jahrhundert vorbehalten!«

»Sicherlich, dann ist die Frau am Ruder, bekleidet Staatsämter, drillt Rekruten und fährt zur See – der Mann aber sitzt mit dem Strickstrumpf beim Kochtopf und artet naturgemäß zur Schwiegermutter aus!«

Lachend und glückselig, alle Sorge in den Wind schlagend, wanderten sie auf großen Umwegen nach dem Hause zurück. Dort wachten soeben erst die städtischen Langschläfer auf, und ahnten gar nicht, wieviel Gold die Morgenstunde im Munde hat – lauter Dukatengold, aus dem die Trauringe geschmiedet werden!

Wieder trank man den Kaffee auf der Veranda. Die Post war bereits gekommen, und Herr von Welfen griff schmunzelnd nach verschiedenen Briefen, die seine Adresse trugen.

»Aha! Da hätten wir ja die verehrten Herren Reflektanten!« – sagte er vergnüglich. »Lauter eigene Handschriften! Na Kinder, diesmal sollt ihr mit eurem Diener nicht hereinfallen!«

»Oh – Väterchen, der hier ist mit einem Schwefelholz geschrieben!« lachte Rose, »was für wunderliche Krakelfüße! Aber dieser hier! Sieh, der ist hübsch geschrieben!«

»So?! Wirklich, du kleine Jungfer Weisheit?« höhnte der Graphologe, beide Schreiben eifrig durch die Brille studierend, »na, da sieht man ja am allerbesten, wie der Schein trügt! Hier der Schwefelholzmann … Jochen Klüsing … oder Brüsing … bedienstet gewesen als zweiter Kutscher bei dem Oberamtmann Maltow auf Krossin, Kreis Lübben, hat Servieren und Aufwarten gelernt, wird bestens empfohlen von seiner Herrschaft, schickt auf Wunsch Originalzeugnis ein – 28 Jahre alt, ehrlich, zuverlässig – geschickt und anstellig …«

»Hm … lobt sich selber?«

»Gewiß, muß es doch tun, da er das Zeugnis noch nicht hat! – Ja, dieser Jochen Brüsing schreibt eine klare, ruhige Schrift. Will mal meine Bücher zu Rate ziehen – entschuldigt mich solange!«

Er stand auf und ging. Ziemlich schweigsam harrte man seiner Rückkehr. Das Ehepaar Born schien sich neuerdings gezankt zu haben, sie waren beide schlechter Laune und sprachen kaum, Rose und Joachim sahen zwar desto strahlender und glücklicher aus, aber sie sprachen auch nicht viel, und nur Vetter Eylau, der prachtvoll geschlafen hatte, und Frau von Welfen, die stets gleichmäßig liebenswürdig, trugen die Kosten der Unterhaltung.

Endlich erschien der Major wieder in der Tür. Er sah stolz erregt und sichtlich hochbefriedigt aus.

»Der Schwefelholzmann wird engagiert!« sagte er mit Nachdruck, »ein vortrefflicher Kerl. Alle nur denkbar guten Eigenschaften garantiert seine Schrift. Aber der andere hier, der nur höchst lakonisch schreibt: »Ich, August Friedberg, geboren 22. März 1850, bei Herrn Baron von Grahl auf Groß- Schmettow bedienstet, bitte mich mit meinem Zeugnis persönlich der Herrschaft vorstellen zu können!« – Dieser Kerl mit der langen schräggestellten Schrift, taugt in Grund und Boden nichts! Da seht mal her! Verstellungskunst – Lüge … Brutalität – Egoismus bis zur Dieberei – Sinnlichkeit, Hang zur Verschwendung – Unmäßigkeit, also fraglos Trunksucht … Na, vor diesem Herrn August möge uns Gott bewahren! Gewiß ein recht unverschämter roher Patron, mit listig verschlagener Galgenphysiognomie und schleichendem Wesen – na, auf den, Kinder, reflektieren wir keinesfalls! Schade, daß wir nicht mit den alten Schmettowern verkehren – so ein kränkliches, greisenhaftes Pärchen hat selbstverständlich gegen solch einen Kerl nicht aufkommen können … na … Bachmann? Heda, wen bringen Sie denn da?«

Bachmann trat, die Mütze in der Hand, an die Treppe der Veranda; hinter ihm, weiter ab im Garten, stand ein großer, rüstiger Mann in ehrerbietiger Haltung.

»Verzeihen Herr Major … da meldet sich der Kutscher aus Schmettow und bittet, sich der gnädigen Herrschaft vorstellen zu dürfen!«

Alle Köpfe wandten sich wie elektrisiert dem Genannten zu.

»Wie? August Friedberg? … Der da? … hm – soll näher treten!« –- brummte der Major und fügte leise hinzu: »Laßt euch nicht irremachen, Kinder, der Kerl ist ein Heuchler!«

August Friedberg schritt stramm herzu. Aller Augen hafteten auf ihm, dennoch wurde er nicht verlegen. Ruhig und sicher stieg er die Treppe empor.

»Aber Papa – der sieht ja fabelhaft nett aus!« flüsterte Rose, und die kleine Tafelrunde nickte Beifall.

Der übel beleumundete Kutscher aus Schmettow blickte mit gutherzigen, treuen Augen um sich. Sein glattrasiertes Gesicht sah frisch und gesund aus, bescheiden, ernst und freundlich im Ausdruck. Es lag beinahe etwas Würdiges in dem Wesen und Aussehen des alternden Mannes.

»Hm … Sie sind der Kutscher aus Schmettow?«

»Befehl, Herr Major.«

»Warum verlassen Sie Ihren Dienst?«

»Die Herrschaft ist krank und alt geworden – da befahl der Herr Doktor, daß sie in wärmere Sonne müßten. Unser Herr Baron hat nun das Gut verpachtet; löst den Haushalt auf und reist nach Italien.«

Das klang so traurig und ernst, als würde es August Friedberg sehr schwer, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen.

»Warum nimmt Sie der Herr Baron nicht mit?«

»Der Kammerdiener und die Jungfer, die besser die Pflege verstehen, sollen die Herrschaft begleiten. Wagen und Pferde werden ja verkauft … und der Friedrich ist ja auch schon so sehr lange beim gnädigen Herrn!«

»Hm … und wie lange sind Sie in Schmettow bedienstet?«

Die gutmütigen Augen des Sprechers wurden feucht. »Es sind nun im letzten Herbst dreißig Jahre gewesen, Herr Major –-« eine allgemeine Bewegung der kleinen Tischrunde! – »als fünfzehnjähriger Junge kam ich dermalen schon in den Pferdestall, und Anno 70 schickte mich der Herr Baron nach Berlin, wo ich als Freiwilliger im Regiment bei unserem jungen Herrn Leutnant eintrat. Ich sollte ein Auge auf ihn haben – und … na, der liebe Herrgott hat es mir ja auch beschieden, daß ich ihn bei St. Privat aus dem Feuer tragen konnte – er hatte zwei Schüsse wegbekommen. Dann wollte der junge Herr mich bei sich behalten, und ich habe ihn mit pflegen dürfen, bis ihn nach fünf Jahren der himmlische Vater doch noch zu sich nahm – die Kopfwunde wollte nicht heilen, da gab es schließlich Gehirnerweichung.«


Die Stimme des Mannes zitterte, er schluckte ein paarmal und fuhr ruhig fort: »Nun wird alles anders in Schmettow, und das Majorat fällt einst an den Vetter des Herrn. Da bleibe ich nicht gern in der entfremdeten Heimat, bin auch noch rüstig und mag noch nicht auf der faulen Haut liegen.«

»Sind Sie verheiratet?«

»Ich bin Witwer, gnädige Frau. Mein Junge ist zwölf Jahre alt.«

Born hatte das Zeugnis und den Brief des Barons gelesen, der demselben beigefügt war.

»Herr von Grahl hat Ihnen einen Gnadenlohn ausgesetzt, den Sie auch fernerhin beziehen?«

»Ja, Herr Landrat – um des jungen Herrn willen, der in meinen Armen starb.«

»Sie werden ganz außerordentlich gelobt in dem Zeugnis!«

»Die Herrschaft war so gut zu mir.« Er sagte es leise, wieder zitterte seine Stimme, und die kummervolle Linie zwischen den Brauen vertiefte sich.

»Sie haben eine gute Schulbildung genossen?« – fragte Welfen, der sich immer unruhiger auf seinem Stuhl hin und her bewegte.

Da wurde August Friedberg dunkelrot. »Halten zu Gnaden, Herr Major, aber … ehrlich heraus … nein, das habe ich nicht.«

»Sie schreiben aber eine recht geläufige Schrift?« Da senkte der Gefragte das Haupt tief zur Brust. »Nehmen Sie es nicht ungnädig, Herr Major, ich kann nicht schreiben und auch nur Gedrucktes lesen!«

»Wie? Was?! Und dieser Brief hier?!«

»Der Herr Major befahlen schriftliche Antwort« – stotterte der Mann sehr verlegen, »und da ich doch nicht selber schreiben konnte, ging ich zu dem Herrn Kantor und bat ihn …«

Die Zuhörer suchten zwar den Lachreiz zu ersticken, der Major aber warf sich auf seinen Stuhl zurück und bog sich vor Vergnügen, und die Umsitzenden sekundierten ihn nach Kräften. Dann aber faßte sich der Landrat, zog den verblüfften August in den Gartensalon und engagierte ihn dort mit den freundlichsten und anerkennendsten Worten als seinen Diener.

Der kleine Vorfall hatte große Heiterkeit erregt. Der Major triumphierte und war wieder obenauf. »Meine Graphologie ist dennoch unfehlbar!« rief er, den Krakeelbusch erregt über der Stirn sträubend, »die hübsche Konduite, die ich dem braven August vorhin ausstellte – gilt also dem Herrn Kantor! Donnerwetter ja! Da reite ich expreß einmal nach Schmettow, um den Tartüff kennenzulernen!«

Frau Dora, Rose und Achim wechselten einen schnellen Blick; diese günstige Stimmung mußte benutzt werden.

Als Welfen sich erhob, eine »Friedenspfeife« nach dem Schrecken zu holen, stand Joachim auf und folgte, nachdem er seiner Rose verstohlen die Hand gedrückt, dem künftigen Schwiegerpapa, um dessen Jawort zu erbitten. Es dauerte auch gar nicht lange, da kehrte Achim mit hochgerötetem Antlitz zurück, warf sich erregt auf den Stuhl nieder, faßte die Hände von Frau von Welfen und Rose, und rief, in der Aufregung die Anwesenheit der anderen ganz vergessend: »Mutter! – Rose! – Er gibt sein Jawort, aber zuvor will er meine Handschrift sehen!«

Abermals große, stürmische Erregung. Ein Fragen, Lachen, Jubeln, Gratulieren! Borns vergaßen all ihre schlechte Laune und bestürmten das »verratene Brautpaar« mit tausend Fragen.

Da blieb Frau von Welfen nichts anderes übrig, als ihnen und Eylau die Lage der Dinge à discretion mitzuteilen.

»Und Ihre Schrift will er sehen?« lachte der Landrat, »ja zum Teufel, Schilling, wie wollen Sie denn mit Ihrem Handfragment noch Manuskripte schreiben?«

Joachim strich sich mit dem Taschentuch über die glühende Stirn: »Da dies leider unmöglich ist, verlangt er eine Schriftprobe aus früherer Zeit!« stöhnte er auf.

»Na, famos!« nickte Eylau, »dann suchen Sie eine recht sauber gemalte Examenarbeit raus und legen sie dem Gestrengen vor, denn wenn Sie nicht vor seiner Kritik bestehen, erklärt er womöglich, ›der Mensch ist kein voller Schilling, höchstens ein Six Pence, und um so niedere Münze verhandle ich meine Tochter nicht!‹«

Allgemeines Gelächter, nur Achim und Rose blickten sehr nachdenklich und kummervoll darein.

»Selbstverständlich, Joachim! Irgendein aller Brief oder dergleichen wird sich schon finden!«

»Unmöglich … der Major darf meine Schrift unter keinen Umständen sehen!« stieß Schilling gepreßt durch die Zähne.

»Nanu? Warum denn nicht? Schreiben Sie etwa ähnlich wie der sündhafte Kantor?!«

Tiefes, trostloses Schweigen, plötzlich schluchzte Rose ganz verzweifelt auf: »Ach wenn ihr wüßtet!!«

»Was denn? Was? – Mama … Tante … du weißt es! Bitte schenkt uns reinen Wein ein! ›Halbpart, Kamerad, dann will ich schweigen‹!« – schwirrten die Stimmen durcheinander.

Frau von Welfen blickte fragend auf Achim, dieser nickte seufzend, und Frau Dora erzählte der staunenden Runde, welch ein Wolf sich in Joachims Schafpelz verberge!

»Der Bösewicht aus Ruhla?! Alle neun Donner!!«

»Joachim – Sie sind der Heißgehaßte, Langgesuchte? Grundgütiger! Dann darf Vater allerdings nie Ihre Handschrift zu Gesicht bekommen!«

»Schilling! Mensch? Sie haben das schöne Eselsgedicht verfaßt! Göttlicher! Wo ist Lorbeer für solch eine lyrische Muse!!«

»Nun bitte keine schlechten Witze mehr, sondern beraten, wie wir dem armen Pärchen helfen können!«

Joachim schlang mit tiefem Seufzer den Arm um Rose, und diese lehnte das Köpfchen mit tränengefüllten Augen an seine Brust.

»Nun sieh einer diesen Notstand der vereinigten Landwirte!« schmunzelte Eylau, »wenn man eine Photographie dieser armen Agrarier an den Reichstag schicken könnte, ich wette zehn gegen eins – alles Elend hätte bald ein Ende!«

»Du bist ein herzloser Spötter, Männe!!«

»Ich? Im Gegenteil. Wie sehr mir die Not der Liebenden zu Herzen geht, will ich euch sofort beweisen, indem ich einen rettenden Vorschlag mache!«

»Rede, mein Goldjunge!«

»Eylau – ich lasse Sie aus Dankbarkeit in bester Süßsahnenbutter braten!«

»Na – dann hört, Kinder. Ich reise morgen nach Berlin zurück. Dort beordere ich meine sämtlichen Freunde zu mir. Allen diktiere ich einen Brief an ›Herzensliebste Mama‹ – datiert aus Achims ehemaliger Garnison, mit irgendeinem recht netten, solid und brav gedachten Inhalt. Unterschrieben – ›dein getreuer Achim.‹ – Diese sämtlichen Schriftstücke schleppe ich zu einem Graphologen, deren es so verschiedene in Berlin gibt, lasse die schönste und vielversprechendste Schrift aus allen heraussuchen und überantworte euch alsdann das wichtige Aktenstück zur gefälligen Benutzung! Na – räche ich mich nicht edel für die sechs Stunden Isolierzelle??«

Großer Jubel, lebhafte Anerkennung folgte dem Vorschlag, nur Schilling blickte Frau von Welfen ernsthaft an und schüttelte den Kopf. »Nein, das darf ich nicht wagen!«

»Sie allerdings dürfen es nicht, lieber Achim!« lächelte ihm Frau Dora gütig zu, »denn das würde allzusehr gegen den Respekt sein, aber ich habe einen ähnlichen Plan wie Männe, nur weniger kühn, und hoffe euch mit diesem zu Hilfe zu kommen. Einen Versuch müssen wir allerdings noch machen, Papa zu bestimmen, von der Schriftprobe abzusehen; beharrt er jedoch auf seinem Willen und wird mit seiner fixen Idee eurem Glück gefährlich, nun, so steht mir als Frau und Mutter schon eher das Recht zu, dem Schicksal zu Hilfe zu kommen!«

»Hurra! Mutterchen soll leben! Die beste, liebenswürdigste Schwiegermama der Welt!« jubelten Born und Eylau, Achim aber faßte ihre Hände und drückte sie innig an seine Lippen, dieweil Rose mit strahlendem Gesichtchen die Arme um ihren Nacken schlang und flüsterte: »Ich wußte es ja, du liebe, liebe Herzensmama, daß du uns helfen würdest!«

»Still! Tante Sidonie und Miß Dolly kehren von der Morgenpromenade zurück!«

Born raffte die Zeitungen zusammen. »Um alles in der Welt schafft ihr die schlechten Kritiken über ihr unsterbliches Werk aus den Augen, sonst können wir die böse Laune wieder ausbauen!«

»Schlechte Kritiken? Alle Wetter ja – schimpft man über die Naturgeschichte der Käsemaden?«

»Und wie! – Die eingeschlafenen Paviansdamen sind glänzend rehabilitiert!!«

XXVII

Die Stimme des Majors, aus dem geöffneten Fenster seines Arbeitszimmers ertönend, rief seine Frau, Rose und Joachim zu feierlicher Audienz.

Herr von Schilling drückte erregt die Hand seiner zukünftigen Schwiegermutter – diese nickte ihm lächelnd zu. »Versprechen Sie, lieber Achim, Ihre Handschrift besorgen zu wollen – ich hoffe, im Trubel und der Freude des Verlobungsfestes vergißt er danach zu fragen, wenn Ihre Eltern eintreffen!«

Sie gingen, und wenn auch Papa Welfen nicht gerade mit offenen Armen einen Schwiegersohn aufnahm, dem seiner Ansicht nach das Wichtigste fehlte, eine Hand zum schreiben, so gab er doch dem jungen Paar seinen Segen, mit dem Vorbehalt, daß auch Achims Schrift all die guten Eigenschaften verbürge, die er bisher an dem jungen Mann wahrgenommen habe.

»Bis dahin aber untersage ich jedweden brautlichen Verkehr zwischen euch!« schloß er strenge, »bis die Verlobung veröffentlicht wird, seht ihr euch nur im Beisein von Mama oder Miß Dolly. Geküßt wird nicht eher, als bis ich die Schrift gesehen und endgültig ›ja und amen‹ gesagt habe. Verstanden?«

»Aber Papachen!!«

»Lieber, teuerster Onkel, das ist ja ein qualvolles Gebot! – Bedenken Sie doch, wie lange es noch dauern kann, bis meine Eltern reisen und das Schriftstück mitbringen können! Lieber, einziger Schwiegerpapa – Sie sind doch auch einmal jung und verliebt gewesen – –«

»Und wie verliebt warst du, Papachen! Denke doch, wenn du so strenge behandelt worden wärst –«

»An der Quelle dursten!!«

»Das Himmelmanna der Liebe mit Händen halten und dennoch danach hungern müssen!!«

Der Major lachte. »Na, na, ihr unbescheidenes Volk, so schlimm ist's nun nicht! Wollte euch eigentlich damit überraschen, aber wenn ihr mir das Messer derart an die Kehle setzt, muß ich wohl schon beichten! Hm … hätte ja blind sein müssen, wenn ich den Racker Amor zwischen euch nicht hätte sehen wollen – hat bei jedem von euch Zentrum geschossen! Na, Kinder, da war ich schon auf diese Stunde vorbereitet und tat meine Schritte! Habe mich an eine gute, sichere Quelle gewandt und mir ein paar Schriftstücke aus Achims Leutnantszeit verschrieben, hoffte, sie würden eher da sein als der Heiratsantrag. Nun können sie aber jeden Augenblick eintreffen, und bis dahin verlange ich Geduld. Ehrlich gestanden, lieber Achim, hatte ich andere Pläne mit der Rose im Sinn, wollte ihr gern einen Mann mit harmonischer Schrift auftreiben, mit einer Schrift, wie sie mir ganz besonders im Sinne liegt! Na, das ist aber wohl ein Ding der Unmöglichkeit und darum will ich mich nicht darauf steifen! Also nochmals: Glück auf, mein Junge! – Wir alle haben Sie aufrichtig gern, und Sie sollen uns von Herzen willkommen sein, wenn Sie nicht gerade eine Verbrecherschrift schreiben! Und das glaube ich nicht. – Nun Adio, Kinder – und noch ein paar Tage Ordre pariert!«

Rose hatte das Taschentuch vor das Gesichtchen gedrückt und stürmte ohne ein weiteres Wort hinaus, Achim drückte die Hand des Majors und stammelte ein paar unverständliche Worte, dann folgte er hastig zur Tür.

»Mamachen – spiele Zerberus!« lachte Welfen in vortrefflicher Laune. »Sonst verproviantieren sie sich draußen für volle acht Tage mit Küssen!«

Welch eine trostlos verzweifelte Stimmung. Achims frisches Gesicht war farblos, und Rose schwamm in Tränen – selbst Frau von Welfen sah gar nicht mehr so zuversichtlich, sondern recht besorgt aus.

Fern im Park, im kleinen Tempel wurde großer Familienrat gehalten. Borns und Vetter Eylau waren als Vertrauenspersonen hinzugezogen. Die Bestürzung war groß. Bekam der Major die Schrift Achims zu Gesicht, so war alles verloren. »Es darf nicht geschehen, es muß unter allen Umständen vereitelt werden!« entschied der Landrat.

»Wenn man nur wußte, an wen er geschrieben hat!«

»An den früheren Kommandeur?!«

»Ich halte es für wahrscheinlicher, an irgendeinen Regiments- Kameraden!«

»Oder an Achims Eltern!«

»Oder den Gutsinspektor!«

»Vielleicht an irgendeinen Schneider oder Schuster seiner ehemaligen Garnison!«

»Gleichviel! An wen er sich auch gewandt hat, der Brief darf nicht ankommen.«

»Dann sind wir ja für ewige Zeiten ein unverlobtes Brautpaar!!«

»Unsinn, wir schieben währenddessen unser Kuckucksei unter, denn da Papa keine Antwort erhält, bemühst auch du dich und besorgst ihm deine Schriftprobe!«

»Das wäre ein rettender Gedanke! Man müßte die Post in Feldheim verständigen!«

»Nein, das macht Aufsehen, und außerdem würden die Beamten nicht darauf eingehen!«

»Wir müssen Tag für Tag dem Postboten entgegengehen und sehen, daß wir den verdächtigen Brief in unsere Hände schmuggeln!«

»Aber, was damit tun?«

»Sehr einfach, wir nehmen Achims Schrift heraus und ersetzen sie durch eine andere!«

»Durch welch eine?«

»Zur Not lasse ich das Schriftstück von einem Schreiber kopieren!« entschied der Landrat: »Not lehrt beten, und um so viel Unheil zu verhüten, kann man schon ein bißchen Taschenspielerkünste in Szene setzen!«

»Du müßtest dann gleich nach Feldheim reiten!«

»Wir kehren ja sowieso übermorgen dorthin zurück! Sechs Wochen sind wir bereits hier, nun rufen mich Angelegenheiten heim, die von hier aus nicht gut geregelt werden können!«

Man beriet noch eifrig hin und her, überlegte genau, wie man dem Briefträger auflauern und ihm die Mappe abnehmen wolle. – Salome erklärte sich bereit, den Schlüssel unter irgendwelchem Vorwand aus Papas Schreibtisch zu stibitzen, kurzum, es war die vollendete Verschwörung.

Allmählich versiegten Roses Tränen, und auch Achim schaute hoffnungsfreudiger darein, um so mehr, als die beste und liebenswürdigste Schwiegermama gar keine Zerberusmiene aufsetzte, sondern merkwürdig kurzsichtig war, wenn Achim sein armes Bräutchen zärtlicher und anhaltender tröstete, als es unumgänglich nötig war.

Der Landrat und Männe Eylau wollten heute als erste Streifpatrouille gegen vier Uhr den Feldweg und die Chaussee nach Feldheim abpirschen, und morgen früh sollten Eylau, Salome und Rose die Wachtposten übernehmen.

Siegfried wanderte mit dem Referendar, eifrig beratend, in dem Gartenweg auf und nieder, Rose und Achim sprachen sich Arm in Arm Mut ein, und Frau von Welfen und Salome saßen in ernstem Gespräch unweit von ihnen und schienen mancherlei für die Übersiedlung des Landratspaares nach Feldheim zu besprechen.

Salome hatte es endlich nach langem Kampfe über sich gewonnen, der Mutter ihren letzten Streit mit Siegfried zu berichten.

Nun hielt Frau Dora ihr Trotzköpfchen im Arm und redete mit ihrer leisen, lieben Stimme zum Guten. »Wenn er wirklich eifersüchtig ist, so hüte dich wohl, Herzenskind, ihn zu reizen. Die Eifersucht ist eine Wunde des Herzens – reißt man sie mutwillig größer, heilt sie um so schwerer und hinterläßt ihre Narben; träufelt man gar voll sündhaften Leichtsinns Gift hinein, so wird sie tödlich und alle Liebe stirbt an ihr! Darum hege und pflege deines Mannes Herz, daß es gesund bleibt. – Die Mission des Weibes auf Erden ist der Friede. – Wo der im Hause fehlt, da fehlt es auch an Glück und Segen. Du erniedrigst dich nicht, wenn du Siegfried nachgibst und den einzigen Wunsch erfüllst, den er an dich stellt. – Durch dein Nachgeben zeigst du ihm nur deine selbstlose, innige Liebe. Hast du nicht ein Recht dazu? Ist das so schwer? Als ihr euch verlobtet, sagtest du ihm auch, daß du ihn lieb habest, nicht einmal, nein, täglich, stündlich – so oft ihr euch sahet. Glaubtest du damals dieses Liebesgeständnis erniedrige dich in seinen Augen? Nein! Als er dir seinen Ring an den Finger steckte und du lächelnd und hochbeglückt das Zeichen deiner Abhängigkeit trugst – erniedrigtest du dich dadurch? Als du deinen Namen hingabst und dafür den seinen erhieltest–- war es eine Demütigung in deinen Augen? Nein, es waren alles nur Beweise der Liebe. – Die Ehe gibt nicht mehr viel Gelegenheit, die hingebende Liebe durch äußere Zeichen zu betätigen, sie endet naturgemäß auch die Liebeserklärungen in Worten, die ein Brautpaar voll schwärmerischer Zärtlichkeit tauscht, aber darf darum eine Ehe bar aller Liebe und ihrer Beweise sein? Das verhüte Gott. – Die Liebe zwischen Ehegatten hat nur eine andere Sprache angenommen. Jedes Nachgeben, jedes ›Sichfügen‹, jedes freimütige Unterordnen des Weibes heißt in dieser Sprache ›ich liebe dich!‹ – und jedes Sorgen, Arbeiten, Schaffen des Mannes für sein Weib und seine Familie sagt voll inniger Treue: ich liebe euch! – – Die Zeit ist zu kostbar geworden für Eheleute, die Liebe darf nicht mehr ein Wort sein – sie muß zur Tat werden, sie darf ihre Aufrichtigkeit nicht mehr versichern, sondern muß sie beweisen. Ihr beiden jungen, heißblütigen Menschen habt euch durch falschen Stolz gegenseitig das Leben unnötig schwer gemacht. Habt euch gegenseitig in eine falsche Bahn gedrängt, und nun will keines zurück. – Wie soll das enden? Wollt ihr euch denn nie wieder zusammenfinden? Sieh, Herzenskind, Siegfried ist dein Mann, du hast ihn selber erwählt, du hast ihm versichert, daß du ihn liebtest, willst du ihn belogen haben? Willst du nicht halten, was du ihm versprachst? – ›Ihr Weiber seid untertan euern Männern‹ – spricht der Herr. Willst du dich nicht um Siegfrieds willen demütigen, so tue es um des Heilandes willen, der es von dir verlangt. – – Nicht das Kirchenlaufen und Kollektenbezahlen allein ist Religion, sondern der ganze Wandel eines Menschen, das Gott wohlgefällige Erfüllen des Berufes, in den er ihn gestellt hat. – Ich weiß, daß es dir bitter schwer werden wird, gerade jetzt, nach dem neuen Streit als Bittende und Gehorsame vor deinen Mann zu treten, und doch beschwöre ich dich um deines eigenen Glückes willen, tue es, Salome. Es gibt keine Entschuldigung für dich, wenn du es nicht tust. Du hast in diesen sechs Wochen genug gelernt, um dir künftighin selber forthelfen zu können, laß das mühsam bestellte Feld nicht verdorren und verkommen in kindischem Trotz. Ganz allmählich, ganz bei kleinem winde deinem Mann die Zügel des Haushaltes aus der Hand und führe du sie, wie es sich für dich gehört. – Du ahnst gar nicht, welch eine unerschöpfliche Quelle der Seligkeit du dir dadurch erschließest, welch einen Triumph für dich dieses scheinbare Erniedrigen in sich schließt. Du brauchst ja keine eklatante Szene heraufzubeschwören, du kannst in der Stille beginnen und fröhlich der Zeit harren, bis er es selber entdeckt – wie treu du ihn liebst! – Ich packe dir all deine schönen, neuen Küchenschürzen oben in den Koffer, und ich weiß es, daß meine liebe, vernünftige Salome zu brav und fromm ist, um ihres Heilandes Gebot und ihres Herzliebsten Wunsch unerfüllt zu lassen!«

Salome hatte schweigend gelauscht, jetzt hob sie das Antlitz und blickte mit tränenglänzenben Augen zu der Sprecherin auf.

»Du gute, gute Mutter! – Du meinst es treu, und du hast recht – gesegnet, die auf Erden Frieden stiften!« – Sie küßte die Hände Frau Doras, und diese wußte, daß ihr junges Kind in dieser Stunde älter geworden war als sonst in einem Jahre.

Vom Hause schallte das erste Zeichen der Tischglocke. Die kleine Versammlung brach auf.

Der Landrat blickte sich um, und sein Blick traf wie in schmerzlicher Sehnsucht seine Frau. Nie hatte er sie früher als Braut so oft von dieser Stelle zu Tisch geführt, selige überglückliche Menschen. Salome errötete; aber sie trat schnell an seine Seite, nahm mit bittendem Blick seinen Arm und sagte leise: »komm!«

Seine Augen leuchteten auf – unwillkürlich preßte er ihren Arm an sich und sah sie an – ganz wie früher.

Schweigend schritten sie dem Hause zu. Beider Herzen waren übervoll – und doch fand sich noch nicht das rechte Wort, um just das auszusprechen, was sie einzig leicht und glückselig machen konnte!

Als man das Haus erreichte und die Veranda betrat, lag eine rotumränderte Mütze auf dem Tisch.

Joachim sah sie zuerst und zuckte leicht zusammen. »Wer … wer ist bei dem Herrn Major, Wulf?«

»Der Briefträger, gnädiger Herr.«

Ein leiser, vierstimmiger Aufschrei des Entsetzens. »Jetzt! Zu dieser außergewöhnlichen Stunde?«

»Es war ein Expreßbrief – eingeschrieben, gnädige Frau!«

»Allmächtiger Gott, das ist er!«

Rose sah leichenblaß aus – die kleine Gesellschaft stand wie versteinert.

»Gehen Sie in die Küche! Sollen erst hier zu Mittag essen!« klang Welfens Stimme nebenan, und dann trappten die Nagelschuhe des Postboten durch das Gartenzimmer, und die Flurtür schloß sich hinter ihm.

»Salome – ich beschwöre dich, geh hinein zu Papa und bringe heraus, was der Briefträger gebracht hat! – Du hast scharfe Augen, und dir sagt Vater es auch am ersten!«

Frau von Born nickte sehr resolut, schwenkte kurz auf den zierlichen Hackenschuhchen um und betrat das Arbeitszimmer des alten Herrn. Schon nach wenigen Minuten kam sie wieder zurück.

Sie sah sehr erregt aus.

»Es sind wahrhaftig Briefe von Joachim!« stöhnte sie, »und Papa hat auch die Handschrift vom Ruhlaer erkannt! Er scheint vor Aufregung zu beben! ›Salome ich habe ihn!‹ schrie er mir entgegen, und dann riß er seinen Schreibtisch auf und wühlte in den Papieren; fraglos suchte er nach dem Blatt aus dem Fremdenbuch!«

Rose warf sich laut schluchzend an die Brust des Geliebten, und Achim umschlang sie so fest und markig, als müsse er sie vor einer ganzen Welt schätzen. Er warf den Kopf energisch zurück, seine Augen blitzten. Jetzt, angesichts der Gefahr, kannte er keine Furcht mehr – sein Sorgen und Zagen wich der stolzen Zuversicht und dem eisernen Willen, der um jeden Preis den Kampf aufnimmt.

»Mut, Rose! Es ist ja undenkbar, daß der Vater wegen eines übermütigen Scherzes unser ganzes Lebensglück auf das Spiel setzt! Laß mich nur mit ihm reden, ich werde mich schon mit ihm verständigen!«

Frau von Welfen war auf einen Stuhl niedergesunken und starrte wie in verzweifeltem Nachdenken vor sich hin.

»Er kommt!« murmelte Born.

»Und wie kommt er!« seufzte Eylau.

Eine Tür flog schmetternd zurück. Eilige Schritte kamen herzu, und dann klirrte die Glastür der Veranda, auf der die Verschworenen mit bangem Herzen der Dinge harrten, die nunmehr kommen mußten.

Da stand auch Welfen schon auf der Schwelle. Er sah dunkelrot aus.

»Achim!« schrie er, »Achim!«

Hub dann eilte er ungestüm auf den jungen Mann zu und schloß ihn in die Arme.

»Infamer Schlingel, also du warst es! – Und sagst es nicht längst! Potz Blitz und Knall … wo ist Rose! – Marsch hierher, Kleine – einen Mann mit einer harmonischeren Handschrift kannst du nie im Leben bekommen, darum sollt ihr meinen Segen haben, wenn auch dieser Sakramenter von einem Achim seinem lieben Schwiegervater übel mitgespielt hat!«

Die Wirkung dieser Worte war eine unglaubliche. Niemand erfaßte und begriff dieses neunte Weltwunder, nur Eylau erholte sich zuerst und schrie »Hurra!« und Schilling preßte Rose an sich und starrte seinem unerklärlichen Schwiegerpapa wie ein Mondsüchtiger in das Gesicht.

Alle andern standen regungslos, wie versteinert, bis Frau Dora mit einem erlösenden Jubellaut ihrem Mann um den Hals fiel. »Ernst – lieber Ernst, ist das Wahrheit oder grausamer Scherz?«

Da strich sich der Major aufatmend über die erhitzte Stirn, und sein Blick flog nun erst musternd in die Runde. Dann lachte er schallend auf. »Kinder, was für törichte Gesichter macht ihr!« rief er in bester Laune. »Aha, nun verstehe ich auch erst! Meinen Segen hattet ihr nicht so ganz erwartet! – Teufel – ja, wußtet ihr denn etwa schon, daß Achim mein teurer Freund und Galgenstrick aus Ruhla war?!«

»Wir wußten es, Ernst – allerdings auch erst seit kürzester Zeit!«

»Na Schwerenot, warum sagt ihr mir denn das nicht gleich, sondern macht mir erst noch solch heillose Mühe, bis ich die Wahrheit erfahre?«

Rose hatte sich den Armen ihres Verlobten entwunden, ungestüm umschlang sie den Vater. »Ach, Papachen, wie hätten wir denn das wagen dürfen!« rief sie zwischen Lachen und Weinen, »du haßtest ja jenen Unbekannten so sehr, und wir fürchteten, du könntest ihm nie verzeihen!«

»Einem derart harmonisch schreibenden Menschen vergebe ich alles! Sehe ich doch aus der Schrift, daß es keine Bosheit, sondern nur Frohsinn und Heiterkeit – keine Ironie – sondern Humor, keine Unverschämtheit, sondern nur gute Laune war, die den Monsieur da zu all seinem Schabernack trieb!«

»Eine harmonische Schrift? – Joachim schreibt eine harmonische Schrift, Papa?«

»Na ja, ist das etwas Absonderliches? Habe den Schlingel immer gut taxiert, seit ich ihn hier in Ruhe beobachten konnte! Komm her, alter Junge, laß dich umarmen! Du wirst meine Kleine sicher glücklich machen, davon bin ich überzeugt!«

»Aber Papachen, hattest du denn nicht die harmonische Schrift schon längst an dem Gedicht erkannt?« fragte Salome noch immer starr von Staunen.

»Na gewiß hatte ich das! Darum gab ich mir ja die Mühe, den Herrn Schreiber ausfindig zu machen.«

»Und wir hielten diese Nachforschungen nur für ein Zeichen ungestillter Rache!«

»Aha – und darum wurde mir der Urheber verheimlicht!« Welfen lachte immer vergnügter. »Zu närrisch Kinder! Und ich habe sooft gedacht, solch einen Mann mit soviel guten Eigenschaften möchtest du wohl für deine Rose haben!«

»Hurra!« rief Eylau abermals und warf voll ausgelassener Freude die langen Arme in die Lust. »So ein wunderbares Zusammentreffen muß gefeiert werden! –- Ich habe verteufelten Hunger, meine Herrschaften, und schlage vor, wir werfen das neugebackene Brautpaar in die Suppenterrine!«

»Das soll ein Wort sein! – Bitte zu Tisch, meine Lieben!

Ich sag's ja, Tante Sidonie hat euer Hurrageschrei aus des Waldes tiefsten Gründen herausgelockt!«

Die Genannte trat just in die Tür. »Wo bleibt ihr denn, zum Kuckuck?« räsonnierte sie, »seit einer halben Stunde hat es zu Tisch geläutet!«

»Liebe Tante – die Veranlassung war eine sehr frohe. Erlaube die mündliche Anzeige, daß wir soeben unsere jüngste Tochter Rose mit Herrn Joachim von Schilling verlobt haben!«

»Das ist mir durchaus gleichgültig!« antwortete die Frau Professorin trocken. »Ich habe Hunger.«

»Liebe Tante – Sie sind doch eine große Naturforscherin vor dem Herrn –« wandte sich ihr der Landrat höflich zu, »können Sie mir nicht sagen, wie das Tier heißt, das lediglich für … Essen und Trinken Interesse hat?«

»Hm!« sagte die Tante überrascht.

Die andern aber stürmten davon, ihr verräterisches Lachen zu verbergen.

Der gestrige Abend hatte bereits Stimmung gemacht, und der Weinkeller von Jeseritz machte in diesen Tagen die Erfahrung, daß die Freude eine Pflanze ist, die immer üppiger emporschießt und immer farbigere Blüten treibt, je fleißiger sie begossen wird. Selbst Tante Sidonie ward an der Seite des Landrats heilerer und wohlgelaunter als je. Mit ganz sonderbarem Ausdruck waren ihre runden Glasaugen auf ihn gerichtet, wenn er es nicht bemerkte.

Als sie heute morgen den braven Wulf ingrimmig angeschnaubt hatte, warum sie keine einzige Zeitung mehr zu Gesicht bekäme, hatte er erwidert: »Der Herr Landrat hat die Zeitungen beiseite geschafft.«

»Aus welchem Grunde?« hatte sie geforscht.

Da lachten die Äuglein des ehemaligen Offiziersburschen recht boshaft und schadenfroh, denn er haßte die Frau Professorin ebensosehr, wie es alle Dienstboten in Jeseritz taten.

»Weil etwas recht Schlimmes über das Buch der gnädigen Frau darin stand!« triumphierte er.

Da fragte sie nicht weiter, aber sie grübelte ununterbrochen über das Rätsel nach, warum der Landrat ihr nicht die schlechten Kritiken voll Spott und Hohn vorlegte? – Er war doch sonst bei jeder Gelegenheit so urwüchsig grob und sagte ihr soviel Unangenehmes, warum nun nicht die Kritiken präsentieren?

Tante Sidonie wußte es. Weil er innerlich viel zu empört über die Ungerechtigkeit und Verlogenheit dieser Rezensionen war. Hatte er ihr nicht selber an jenem Tage die größte Eloge über ihr Werk gesagt, indem er dasselbe für eine hinterlassene Arbeit ihres geistvollen Gatten hielt? Fraglos, Born war der einzige, der dem Buch rückhaltlose Anerkennung und Bewunderung zollte! Er hatte die Vortrefflichkeit ihrer Leistung erkannt und würdigte sie.

Daß er stets sehr unhöflich und grob zu ihr war, hatte seinen besonderen Grund. Er war eine zu stolze und selbstlose Natur, um sich zum Erbschleicher zu erniedrigen. Er verbarg seine wahren Gefühle für sie, und hüllte sich in Kälte und Spott, aus Angst, von ihr falsch gedeutet zu werden. Daß er es besser und redlicher als alle andern mit ihr meinte, ersah sie wieder daraus, daß er eifrig bemüht war, ihr jede Kränkung und jeden Schmerz der ihr ungerechtfertigt von Fremden widerfuhr, zu ersparen.

Auch sein hilfreiches Erscheinen damals vor dem entsetzlichen Leichenwagen war fraglos kein Zufall gewesen. Er hatte sie im Kreise ihrer falschen, scheinheiligen Freunde arglos dahin wandeln sehen und für sie gefürchtet, darum folgte er ihr von weitem, um ihr Schutz und Schirm zu sein. Fraglos wäre er als treuer Schatten bis Jeseritz gefolgt, wenn das Schicksal nicht schon früher seine rettende Hand requiriert hätte!

Ja, Tante Sidonie war so felsenfest von dieser Ansicht überzeugt, daß sie im Grunde ihres Herzens nicht höher schwur, als bei ihrem Neffen Born, wenngleich keine Menschenseele solche Sympathien ahnte und jeder überzeugt war, daß der Landrat, der grobe Wahrheitssager, ihr bestgehaßter Gegner sei.

Das Mittagsmahl gestaltete sich zu einem überaus heiteren Verlobungsfeste, das seinen Maibowlestrom auch wieder hinab in die Küche ergoß und dort alle fidelen Geister entfesselte.

Joachim setzte eine überselige Depesche an seine Eltern auf, die der Postbote sogleich mit zur Stadt nahm, und dann begab sich die heitere Tischgesellschaft auf die Veranda, um dort in Sonnenglanz und Blütenduft den Kaffee zu trinken.

Da rollte ein Wagen herzu: Husarenuniformen. Herr von Elten sprang zuerst zur Erde, einen großen Blütenstrauß in der Hand. Er hatte seiner Ansicht nach die Jeseritzer nun lange genug ausgehungert, und wollte nun doppelten Eindruck als ein so lang und schmerzlich Vermißter machen. Er grüßte allgemein und wandte sich dann sofort zu Rose, ihr den Strauß mit unwiderstehlichsten und ausdrucksvollsten Augen, mit ein paar bedeutsamen Worten zu überreichen.

Zum erstenmal sah die Kleine ein wenig boshaft aus.

»Mein Gott, Herr von Elten – Sie scheinen mit höheren in Verbindung zu stehen!« rief sie lachend. »Schon Salomes Verlobung wußten Sie damals früher als alle andern Menschen und kamen als erster Gratulant, und nun machen Sie es bei mir ebenso?!«

»Ihr Verlobung … Sie sind … auch verlobt?« stotterte der Premierleutnant, zum erstenmal im Leben fassungslos, ohne die Geistesgegenwart, die er Salome gegenüber gezeigt hatte. Er stand und starrte die Sprecherin an, dieweil sich ein schallendes Gelächter im Kreise erhob.

»Ja,« rief Herr von Welfen in fröhlichster Laune und stellte seinen zweiten Schwiegersohn vor. »Herr von Schilling! Der glückliche Auserwählte!« sagte er, und Eylau fügte lachend hinzu: »Und welch ein vollgültiger Schilling mit einer harmonischen Handschrift – ich werde nie im Leben wieder wagen, ihn Mister Sir Pence zu nennen!«

Als Herr von Elten sich überzeugte, daß es sich um keinen Scherz handele, machte er sauersüße Miene zum bösen Spiel. Er versuchte noch einmal mit Frau von Born das alte Spiel zu beginnen, mußte aber zu seiner unbeschreiblichen Überraschung wahrnehmen, daß der Liebe Mühe umsonst war.

Der Landrat musterte ihn dabei wie einer, der am Ufer steht und zusieht, wie ein Feind ertrinkt. Auch dem kleinen Rittmeister war die Situation nicht recht behaglich, und es schien ihm eine besondere Freude zu sein, mitteilen zu können, daß er als Lehrer an die Reitschule zu H. kommandiert sei.

Nach einer nicht sehr erbaulichen Kaffeestunde gingen die Herren wieder. Sie lehnten eine Einladung zum Abend ab. Der Rittmeister verabschiedete sich sogleich, und Herr von Elten sah ebenfalls aus, als nehme er einen ewigen Abschied von Jeseritz. Er erschien verfallener und verlebter als je, und die Schatten in seinem Gesicht spielten ins Grünliche. Während der Heimfahrt saß er nachdenklich mit tiefgeneigtem Kopf, und sein Kamerad ehrte die Gefühle, die ihn durchtobten, durch rücksichtsvolles Schweigen.

Noch nie im Leben hatte Elten sich so schlagrührend geärgert wie an diesem Tage.

Wie war es möglich, daß er derart von Roses Verlobung überrascht werden konnte! Er hatte die sämtlichen jungen Herren der Umgegend aufs argwöhnischste beobachtet, ob sie in Jeseritz Besuche machten oder nicht, und zu seiner triumphierenden Genugtuung hatte keiner dort die Schwelle betreten. Elten wußte wohl warum – er hatte dafür gesorgt.

Da tauchte durch den Doktor die Nachricht von dem für verrückt gehaltenen Vetter auf, und Elten hielt es nun für gut, das Terrain zu sondieren und die Strafquarantäne, in der sich die Häuser Born und Welfen befunden, großmütig aufzuheben. – Er kam zu spät. – Und nicht nur das, er hatte sich obendrein unsterblich blamiert und lächerlich gemacht.

Noch nie hatte er Feldheim so ingrimmig gehaßt wie an diesem Tage, und der Plan, den er schon lange gehegt, gewann an Festigkeit.

Kaum zu Hause angelangt, setzte er sich an den Schreibtisch und fertigte ein dienstliches Schriftstück an, welches die Bitte um seine Versetzung enthielt.

Er stützte den Kopf in die Hand und starrte mit einem Blick geradeaus, wie ehemals der Schakal im Käfig der Menagerie, wenn er vergeblich hin und her geschlichen und schließlich mit wild entschlossenem Satz gegen das Gitter gesprungen war – das erhoffte Opfer aber unbeschädigt an ihm vorüberging, durch wohlgemutes Lachen den geschlagenen Feind verspottend.

XXVIII

Die Bornschen Koffer wurden aufgeladen, und die Goldfüchse schäumten ungeduldig in das Gebiß, die junge Herrschaft zurückzubringen in ihr eigenes Heim, in das trauliche Nestchen, das so lange verwaist und einsam gestanden hatte.

In dem Besuchszimmer stand Frau Dora und drückte ihre Tochter abermals mit ganz besonderer Innigkeit ans Herz.

»Mach ihm sein Haus lieb! Tue deine Pflicht!« bat sie noch einmal mit liebevoll mahnendem Blick, »bedenke, daß die Männer so leicht zu Sklaven zu machen sind, wenn es die Frau geschickt versteht, die Ketten aus Rosen zu flechten! Gibst du ihm ein einziges Mal nach, wenn er einen berechtigten Wunsch äußert, der Opfer von dir verlangt, so kannst du gewiß sein, daß er dir voll dankbaren Entzückens sechs andere Gegendienste leistet, die all deine Mühe und Last reichlich belohnen. Nur ein brutaler Mann erkennt die Fügsamkeit und Dienstwilligkeit seines Weibes nicht an, ein edler und hochherziger Charakter, wie Siegfried hingegen, wird keine liebere und ritterlichere Freude kennen, als die Dienende zur Herrin zu machen! Darum bedenke, daß des Hauses Glück in deine Hand gegeben ist. Vergiß die überspannten und unhaltbaren Ansichten über Ehe und Frauenrechte, die die vergiftete Lektüre, die ihr heimlich in der Pension gepflegt, euch einimpfte – bedenke, daß du eine deutsche Frau bist, die sich keiner Arbeit schämt und Haus und Ehestand noch heilig hält! – Denke auch an deine Mutter, die durch Leben und Wandel der Tochter zur pflichtvergessenen Schuldigen erniedrigt – aber auch zum leuchtenden und achtungswerten Vorbild erhoben werden kann, dein Unglück – deine Schmach ist auch die meine. Wenn du auch deinen Mann nicht liebtest, würde ich von dir die treueste Pflichterfüllung ihm gegenüber verlangen, wie es sich für ein edles und hochherziges Weib geziemt – Gott sei Lob und Dank liebst du aber Siegfried, und darum wird es dich selbst am meisten beglücken, durch deine Liebe die seine zu festigen und zu erhalten!«

Salome hob lächelnd das rosig überhauchte Antlitz.

»Warum hast du mich jemals von dir gegeben, Mutterchen?« sagte sie leise und zärtlich, »es hätte mir manch schwere Stunde erspart!«

Und dann fuhren sie nach fröhlichem Abschied davon.

Das Brautpaar Schilling warf ihnen glückstrahlend die schönsten Rosen in den Wagen, und Vetter Eylau stand an der Gartenspritze, richtete sie mit drohendem Scherz auf die Abreisenden und schrie »Rache!«

Da ruckte der Kutscher schnell die Zügel, und der Wagen sauste die Chaussee entlang.

Wie blau der Himmel, wie goldig hell die junge Sommerpracht ringsum! Zuerst sahen die jungen Gatten hinaus in die blütenduftige Welt, und dann fanden sich plötzlich ihre Augen, und Blick verschmolz im Blick.

Da nahm Siegfried ihre Hand und hielt sie mit sanftem Druck in der seinen.

»Heim! – Wir fahren heim!« – sagte er leise, »freust du dich?«

Ihre Augen leuchteten auf.

»Habe Geduld mit mir – es soll alles gut werden!« flüsterte sie wie ein freundlicher Engel.

Er nickte erregt. »Ich will dich nicht mehr quälen, ich will nicht mehr von dem Fisch verlangen, daß er fliegt, von dem Vöglein, daß es schwimmt, der Mensch kann wohl nicht gegen seine Natur ankämpfen. Du bist noch so jung, vielleicht bringt dir die Zeit all jene Interessen mit, die dir jetzt noch fehlen … und … vielleicht gewinnst du mich doch noch einmal so lieb, daß du freiwillig lernst, was alle Klugheit nicht anerziehen kann!«

Sie lächelte wundersam, aber sie schwieg. Nur etwas fester schmiegte sie sich in seinen Arm und drückte seine Hand unter den blühenden Rosen.

Welch ein seliges Schweigen!

Zwei Herzen, die sich monatelang kühl und fern gegenübergestanden, schlugen wieder so nah zusammen wie ehemals, da noch eine große, leuchtende Flamme bräutlicher Liebe beide entzündete.

Wie lange war es nicht mehr so gewesen.

Nun durchzitterte es sie abermals wie eine Ahnung von künftigem, unendlich großem Glück.

Der Kirchturm von Feldheim tauchte auf.

Noch eine kurze Strecke, dann holperte der Wagen auf dem schlechten Pflaster, und die kleinen Häuschen mit den grünumzäunten Blumengärtchen, den weißen Mullvorhängen und Asklepia- und Goldlackstöcken hinter den kleinen Scheiben grüßten rechts und links vom Wege.

Bei der Frau Bürgermeisterin ragte der »Spion« weit über das Blumenbrett hinaus und spiegelte ein paar Husaren, die schwatzend im Hoftor standen.

Salome schaute alles an, als sähe sie es zum erstenmal. Es kam ihr auch nicht mehr so lächerlich und krähwinklig vor wie früher, im Gegenteil, es wurde ihr so traut und heimatlich zumute, als könne sie nirgendwo sonst glücklich sein. Nun hielten sie vor dem Landratsamt. Da stand schon der neue Diener, der brave August, mit seinem freundlich ernsten Gesicht und hob die Hände, seiner gnädigen Frau beim Aussteigen behilflich zu sein.

Der Landrat aber warf ihm die Zügel zu, schwang sich behende zur Erde und hob sein Weibchen mit strahlendem Gesicht zur Erde.

Ganz wie damals – nur fiel heute kein Schatten über den Weg, als sie die Steinstufen emporstiegen. Das Haus war sauber und spiegelblank von oben bis unten, das Stubenmädchen knickste fröhlichen Willkommen und auf allen Tischen dufteten Blumensträuße. Von Herrn von Elten war diesmal jedoch keiner darunter.

Da brachte August mit etwas betroffenem Gesicht einen Brief.

Die Köchin war daheim an Halsentzündung erkrankt und konnte vorerst noch nicht reisen.

»Je nun, so laß, bitte, das Essen aus dem Gasthaus holen, liebes Herz!« sagte der Landrat schnell, »wir können uns die paar Tage sehr gut ohne sie behelfen.«

Salome antwortete nicht, aber ihre Wangen glühten auf, und ihre Augen blitzten so lustig wie noch nie.

Siegfried nahmen sogleich dienstliche Geschäfte in Anspruch, »Es trifft sich ganz gut, daß wir heute erst später essen« – sagte er, »ich muß noch zu einem Termin ins Haselholz und bin vor vier Uhr kaum zurück.«

Dann nahm er Abschied von Salome. Er hielt ihre Hände in den seinen und drückte sie. Beide waren plötzlich ganz verlegen. Warum küßten sie sich nicht? – Sie wußten es selber nicht, es war ja so lange schon her, seit sie den letzten Kuß getauscht, aber er nahm jäh ihre Rechte und preßte sie an die Lippen.

»Auf Wiedersehen!«

Sie stand am Fenster und blickte ihm nach, wie er davonfuhr, und er hob das Haupt und sah empor. Eine Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, als er sie wieder an dem alten Platze sah. Er riß den Hut vom Kopfe und schwenkte ihn noch lange zurück.

Als er müde und hungrig heimkam, grüßte ihm der sauber gedeckte, blumengeschmückte Tisch bereits entgegen.

»Sieh an, wie geschickt August seine Sache macht!« dachte er vergnügt.

Und Salome kam ihm aus seinem Ankleidezimmer entgegen und war so lebhaft und fröhlich wie nie. »Ich habe dir frische Handtücher besorgt und Seife aufgelegt!« sagte sie. »Hoffentlich habe ich es recht gemacht!«

Er lachte mit strahlenden Augen. »Hast du denn den rechten Schlüssel gefunden?«

»Gewiß, ich habe ein gelbes Bändchen darangeknüpft, daß ich ihn das nächste Mal schneller herausfinde!«

Und dann ging es zu Tisch.

»Die Fleischbrühe hat ja Frau Walther einmal ausnahmsweise ohne Extrakt gekocht,« sagte Siegfried und bat sich einen zweiten Teller aus, »die frischen Gemüse darin liebe ich ganz besonders!«

Es fiel ihm nicht auf, wie echauffiert seine kleine Frau aussah – sie saß gegen das Licht.

Dann kam Hühnerbraten mit Stachelbeerkompott, Bratkartoffeln und frischen Spargel.

»Ein ganzes Huhn? – Seltsam, sonst bekommt man doch stets Portionen geschnitten … und der Spargel ist ja so gut geschält, daß man ihn bis zum letzten Ende essen kann! – Das war sonst eine sehr schwache Seite von Mutter Walther! – Ich muß sagen, heute hat sie sich selber übertroffen, vielleicht hat sie irgendein Anliegen wegen der Ziviltrauung ihrer Tochter und macht mir darum per Kochlöffel die Cour!«

»Fraglos! Du sollst gewiß den Bräutigam zur Trauung stellen!« lachte Salome. Sie war ganz merkwürdig erregt und heiter, ihre Augen blitzten wie Sterne zur Winterszeit.

Den Kaffee tranken sie im Zimmer Siegfrieds. Der Spiritus brannte unter dem Kesselchen.

»Willst du selber aufgießen?« fragte er überrascht.

»Warum nicht? Versuchen muß ich es schon, ob es gelingt, ist freilich eine andere Sache!«

Und wie gelang es!

Siegfried rauchte seine Zigarre und schaute voll Entzücken zu. Hier und da haschte er eins der weißen Händchen und küßte es.

Plötzlich strich er über die zartrosa Spitzen hin.

»Aufgesprungene Haut? Um diese Jahreszeit?« fragte er ganz erstaunt – »und hier diese harte Stelle … fühlt sich ja beinahe an wie eine Schwiele?!«

Sie antwortete nicht, aber ihr Blick traf einen Moment den seinen wie in sehnender flehender Erwartung.

»Gewiß von dem Tennis spielen! Die zarten Händchen sind solches Hantieren mit dem schweren Holzstiel nicht gewohnt!«

Da lachte sie leise auf, aber sie schwieg.

Am nächsten Tage war der Landrat den ganzen Vormittag beschäftigt. Als er heimfuhr und an seinem alten Stammlokal vorüberkam, stand Frau Walther gerade in der Tür und machte einen höflichen Knicks.

Born hielt die Pferde an. »Na, Frau Walther, mein Kompliment für Ihre vortreffliche Küche! War eine famose Idee, das Huhn ganz zu schicken, und die Spargel waren geradezu meisterlich geschält!«

Die dicke Wirtin machte ein sehr dummes Gesicht. »Huhn … Spargel?« … stotterte sie, »ja … was meinen denn der Herr Landrat eigentlich?«

»Nun, das schöne Mittagessen meine ich, das Sie uns gestern geschickt haben!«

»Mittagessen? … Ich?!«

»Na gewiß! Unsere Köchin ist krank und da hat doch meine Frau zu Ihnen geschickt und das Essen bestellen lassen?«

Frau Walther war sprachlos. Sie schüttelte nur den Kopf.

»
Nicht bei Ihnen?«

»Nein, Herr Landrat, das ist ein Irrtum,«

»Aber zum Kuckuck, Sie haben doch den einzigen Gasthof hier in der Stadt!«

»Das schon, gnädiger Herr, und früher habe ich ja auch öfters die Speisen geliefert! Aber gestern? Nein! Ich habe gar kein Huhn und keine Spargel im Hause gehabt!«

»Das begreife ich nicht. Na, dann muß ich mich wohl irren. Guten Morgen, Frau Walther!«

»Empfehle mich, Herr Landrat.«

In tiefen Gedanken fuhr Born weiter. Sollte Salome die Kochfrau genommen haben? Wohl möglich. Sie wußte, daß er Hotelkost nicht liebt.

August stand bereit und hielt die Pferde. Born nickte ihm freundlich zu. »Haben Sie den Tisch wieder so hübsch gedeckt, wie gestern?«

Der Gefragte verbeugte sich. »Halten zu Gnaden, Herr Landrat, ich mußte gestern verschiedene Dinge in der Stadt besorgen, da hat die gnädige Frau die Güte gehabt, den Tisch zu decken!«

»Meine Frau? Unmöglich!!«

August sah ganz verdutzt auf: »Ganz gewiß, Herr Landrat – ganz gewiß.«

»So – hm. – Führen Sie die Pferde in den Stall, ich muß noch ein paar Worte mit dem Assessor sprechen!«

Langsam, das Haupt wie in tiefen Gedanken geneigt, schritt er die Straße entlang, erledigte seinen Auftrag an den Assessor und kehrte wieder um. Das Tor zu dem Grasgarten stand offen; um abzuschneiden wählte er diesen kürzeren Heimweg über den Hof.

»Salome braut Kaffee … gibt Wäsche heraus … deckt den Tisch …«

Die Gedanken wirbelten hinter seiner Stirn, er begriff das alles nicht.

Als er in den Hof trat, kam ihm das Stubenmädchen entgegen und schritt mit dem Korb nach dem Holzstall. – Sie sah ihn nicht. Unbemerkt erreichte er die Souterraintür und trat in den Flur.

Da polterte etwas in der Küche. Wer mochte darinnen sein? August im Stall, Bertha holte Holz – am Ende gar eine Katze.

Leise schritt er herzu und trat in die offene Tür. Was er sah, benahm ihm schier den Atem, er griff nach der Stirn, als müsse er aus einem Traum erwachen.

Vor ihm, den Rücken nach der Tür gekehrt, stand Salome – sie selber – seine Frau! Über ihr hellblaues Sommerkleid hatte sie eine große, praktische Küchenschürze gebunden und die spitzenbesetzten Ärmel sorglich an den weißen Armen hochgestreift. Sie zog just den Braten aus der Röhre, begoß ihn sorglich und schob ihn zurück.

Dann hob sie den Deckel von einem Kochtopf, rührte den Inhalt und griff seitlich nach einem kleinen Porzellangefäß, in welchem ein Quirl stak. Flink und behende, geschickt wie eine erfahrene Köchin quirlte sie nochmals den Inhalt, nachdem sie zuvor von einem Holzbrettchen feingehackte Petersilie hinzugefügt, und dann goß sie die gelbliche Soße in den Kochtopf und rührte abermals behutsam um.

Ihr Gesicht glühte, und die blonden Löckchen hingen ein wenig aufgelöst in die Stirn.

Born machte eine jähe Bewegung.

»Sind Sie zurück, Bertha?« fragte Salome, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, »dann bleiben Sie jetzt bei dem Essen und achten Sie darauf, daß um Himmels willen nichts anbrennt. Ich will mir die Haare schnell etwas ordnen, damit ich im Salon bin, wenn der gnädige Herr kommt …«

Weiter sprach sie nicht, sie stieß einen leisen Schrei des Schreckens aus, und der Kochlöffel polterte auf den Herd.

»Siegfried!«

Mit beiden Armen hielt er sie umschlungen, hob sie jauchzend empor, preßte sie wie ein Unsinniger an seine Brust und bedeckte ihre Wangen und Lippen mit unersättlichen Küssen. – »Salome!« jubelte er: »Herr Gott des Himmels – kann es denn möglich sein?«

Sie lachte und weinte zugleich, und dann legte sie das Köpfchen an seine Schulter und blickte wie verklärt zu ihm auf: »Was wäre der Liebe unmöglich?!« sagte sie leise.

»Salome!!«

»Pst … Bertha kommt!«

Da nahm er sie wie ein Kind auf den Arm und trug sie davon.

Am Nachmittag hielt der Jagdwagen aus Jeseritz vor dem Hause, den zu berechtigter Überraschung auch Tante Sidonie entstieg.

Das Brautpaar Schilling machte seine erste Visite, und Papa Welfen sagte schadenfroh zu seinem Schwiegersohn Born: »Bis jetzt hat mein Weinkeller bluten müssen, bitte, laß nun auch den deinen einmal merken, daß große Feste in der Familie gefeiert werden. Ich muß sowieso nächstes Mal deinen Vorrat inspizieren, denn ihr junges Volk habt noch keine Erfahrung und müßt in allen Dingen noch bemuttert werden!«

»Beschwiegermuttert!!« klang es unter schallendem Gelächter im Kreise.

»Nein – beschwiegervatert!«

Der Major machte ein etwas betroffenes Gesicht und knurrte:

»Unsinn –- das fehlte gerade noch, daß ihr für einen Spitznamen für mich sorgt!«

»Hast du längst!« neckte Eylau. »Als ich in Feldheim nach dem Jeseritzer Weg fragte, lachte der Kerl und sagte: ›Aha! Sie wollen zu Papa Schwiegermutter!!‹«

»Schockdonnerwetter, Junge, du phantasierst!«

»Keine Spur von Phantasie!« schüttelte Frau Dora den Kopf, »die ganze Stadt beobachtet es ja, wie du mich im Hause Born ersetzest!«

»Das tat ich doch den Kindern zuliebe!« verteidigte sich der Major und zog die Augenbrauen hoch.

»Papperlapapp, Väterchen! Die Kinder sind ja groß genug, um selber zu wissen, was not tut!«

»Meinetwegen!« zuckte Welfen die Achseln, »ich müßte wenigstens ein Narr sein, mich aus lauter mißverstandener Gutmütigkeit ›Papa Schwiegermutter‹ schimpfen zu lassen.

Sorge du selber für deinen Weinkeller, lieber Siegfried, aber wenn ich bitten darf, gleich – wir haben Durst!«

»Und was für Durst!« hallte es übermütig Antwort.

Strahlend, beinahe noch glückseliger anzuschauen als das Brautpaar, walteten Borns als die liebenswürdigsten Wirte, und Eylau sagte kopfschüttelnd zu Joachim: »Zu komisch! Daß alle jungen Eheleute doch am liebsten im eigenen Nest sitzen! In Jeseritz machten sie beide Gesichter wie zehn Tage Regenwetter, und hier sind sie schier außer Rand und Band vor Zärtlichkeit.«

Frau Dora wußte warum, und sie drückte ihr Sorgenkind Salome voll unbeschreiblicher Freude an die Brust und sandte ein Dankgebet zum Himmel. So hatten jene beiden doch den rechten Weg gefunden.

Abends, als die Stimmung »konzentrierte Seligkeit« war, biß Siegfried plötzlich die Zähne zusammen. »Nun noch den Schreiber des anonymen Briefes finden – dann liegt kein Schatten mehr auf unserem Glück!«

Salome kicherte.

»Ich kenne ihn!« flüsterte sie.

»Elten?« – murmelte Siegfried erregt.

Sie schüttelte übermütig das Köpfchen.

»Wenn die anderen fort sind, beichte ich!« raunte sie ihm in das Ohr.

Und als sie dann Arm in Arm an dem geöffneten Fenster standen, von Blütenduft umwogt und von dem silbernen Mondesglanz umflossen, da schmiegte sich Salome fester an die Brust des geliebten Mannes und berichtete erst bange und zaghaft, dann immer lebhafter und lachender von ihrer unglückseligen Idee, ihn durch jenen selbstgeschriebenen Brief eifersüchtig zu machen. Borns Gelächter hallte auf der stillen Straße wieder, wie ein Rausch des wolkenlosesten Glückes überkam es ihn. »Welch eine kleine Ursache – und welch große Wirkungen! Arme Männer!« – Dann wurde es still, traumhaft still – und der volle Mond schwebte am Himmel, wie die Leuchte eines Brautgemaches.

Drei Jahre sind vergangen.

Im stillen Erkerstübchen zu Jeseritz sitzt Frau Dora und strickt Strümpfchen und Jäckchen für die Enkelkinder,

Ihr Antlitz sieht so friedlich aus, als ob es all die Eintracht und das selige Behagen spiegele, das in der Familie herrscht. Sie ist vor einer Stunde aus Feldheim zurückgekommen, und das Herz ist ihr warm geworden bei dem Anblick all des großen, großen Glückes, das in dem Landratshause herrscht. Die Salome von heute gleicht der von ehedem fast in keinem Zuge mehr. Die Salondame ist zur Hausfrau geworden, ohne dabei von ihrer angeborenen Eleganz und ihrem eigenartigen Schick zu verlieren.

Frau von Born steht nicht selber in der Küche, um zu kochen, das duldet ihr eitler Gatte nicht, der große Stücke auf die weißen Händchen seiner Herzliebsten hält, aber sie beaufsichtigt und leitet den ganzen Haushalt vom Boden bis zum Keller herab, und ihre Dienstboten gehorchen gern und respektvoll, denn sie wissen, daß die gnädige Frau die Sache versteht, und es ihnen durch die Tat beweisen kann, wenn etwas nicht so ausgeführt wird wie sie es will.

Seit gar ein rosiges Mädel in der Wiege zappelte, dem in möglichst kurzer Frist ein sehr energisch schreiender Bruder folgte, hat Frau Salome alle Hände voll zu tun und begreift es oft selber nicht, wie es je in ihrem Leben Zeiten geben konnte, da sie sich langweilte.

Auch die geselligen Verhältnisse von Feldheim haben sich geändert. Herr von Elten ist sehr bald versetzt worden, zu seiner unangenehmen Überraschung zum Train. Er soll aber das Glück gehabt haben, eine reiche Frau zu heiraten, darum hing er den Säbel an die Wand und nahm Abschied. Die Miltitscher Schwadron wurde ebenfalls nach Feldheim gelegt, und da sich zur Zeit viele verheiratete Offiziere zusammenfanden, entwickelte sich ein sehr flotter und lebensfroher Verkehr, der dank seiner Eleganz alles kleinstädtische abstreifte und eine nie geahnte Blütezeit für Feldheim mit sich brachte. Vor dem Tor sind bereits drei neue Villen gebaut, und das Intelligenzblatt hat sogar eine Beilage bekommen. Auch widmete es dem neuen Cape der Frau Bürgermeisterin keine Extra-Spalte mehr, was diese sehr übelgenommen haben soll.

Salome, die früher über das eintönige Leben so bitter geklagt hatte, seufzte jetzt oft über die lebhafte Geselligkeit. Sie war so glücklich daheim, aber sie wußte auch, daß nichts die eigene, behagliche Häuslichkeit lieber macht, als der Verkehr mit fremden Menschen. Darum genoß sie fröhlich und harmlos, was ihr geboten wurde, ohne darüber Haushalt und Kinder zu vernachlässigen.

Siegfried war der zärtlichste und verliebteste Gatte, den man sich denken konnte. Er konnte es seiner Frau nie vergessen, daß sie ihm zuliebe kochen gelernt, daß sie ihm nachgab, daß sie eine Hausfrau wurde, um ihm zu gefallen. Nun trug er sie zum Dank auf Händen und seine Liebe schmückte ihr das Leben mit unverwelklichen Rosen.

Wie oft hatte Salome der Mutter schon für ihren treuen Rat gedankt!

Papa Welfen wollte keinen Spitznamen haben, er hatte sich davon überzeugt, daß seine Kinder auch ohne seine Hilfe glücklich waren, und darum überträgt er all seine Sorge auf die Enkel. Diese ließen es sich gern gefallen, denn der Großvater war der beste Spielkamerad und trug die schönsten Biskuits in der Tasche. Er fand alles reizend und entzückend an den lieben Krabben und bewahrte die Barthaare, die sie ihm ausraufen, als teure Andenken an solche erste Heldentaten auf.

Französische Bücher las Salome nicht mehr. Die Schicksale ihrer Freundinnen hatten sie kuriert. Juliette hatte zum letztenmal in einem Bettelbrief von sich hören lassen. Sie heiratete einen alten Lebemann mit viel Geld, und amüsierte sich königlich, den grauköpfigen Narren mit verschiedentlichen Liebhabern zu betrügen. Sie sank moralisch immer tiefer, bis sie sich in ein Verhältnis mit einem Manne einließ, dessen Ruf ein anerkannt übler war, und der die sittenlose Frau in ihrem eigenen Netz verstrickte und sie zu seinem willenlosen Werkzeug machte. Da sank sie von Stufe zu Stufe. Ihr Liebhaber verlangte Geld, und sie entwendete es ihrem Gatten. Er verlangte mehr, und sie stahl mehr, bis Leidenschaft und drohende Gefahr sie zum äußersten zwangen. Sie veruntreute alles, was sie an Wertpapieren, Geld und Juwelen in dem Geldschrank fand und entfloh mit ihrem Abenteurer nach Nizza. Nach kaum acht Tagen saß sie mittel- und hilflos, von ihm verlassen und betrogen, im fremden Lande. Sie schrieb in ihrer Verzweiflung an Salome und bat um Hilfe, sie verschwieg nichts und bereute nichts. – Voll Abscheu und Entsetzen zögerte Frau von Born mit der Antwort, da kam ein zweiter lakonischer Brief: »Brauche kein Geld – reise mit einem fidelen Spanier nach Monte Carlo.« – Kurze Zeit danach stand eine Notiz in der Zeitung, daß ein spanischer Groß-Industrieller in Monte Carlo sein beträchtliches Vermögen verspielt und sich, samt seiner Geliebten, einer bekannten Pariser Lebedame, der steckbrieflich verfolgten Madame Juliette V., erschossen habe.

Auch von Lola lauteten die letzten Nachrichten entsetzlich. Sie enthielten ein Stück der traurigsten Sittenkomödie. Nachdem ibr Liebesverhältnis mit dem Hauslehrer ruchbar geworden, wurde das verblendete junge Mädchen nach den brutalsten Szenen mit dem Vater, Knall und Fall mit einem Manne verheiratet, der um der reichen Mitgift willen ein Auge über das nicht mehr tadellose Vorleben der Gattin zudrückte. Die Ehe wurde selbstverständlich eine überaus unglückliche, bis die Gatten sich trennten und eigene Wege gingen. Frau Lola hatte den ehemaligen Hauslehrer zum Erzieher ihres Sohnes engagiert und sich dadurch in der Gesellschaft unmöglich gemacht. Sie beabsichtigte, nach Paris überzusiedeln. – Salome hatte ihre letzten Briefe uneröffnet zurückgeschickt. – Mit angstklopfendem Herzen drückte sie ihr Töchterchen an die Brust. – Sie würde es nie in eine ausländische Pension schicken – sie wußte, wie viel gefährliche Giftpflanzen dort wucherten und Sitte, Sinn für Häuslichkeit und Deutschtum in den Kinderherzen junger Mädchen mordeten. –

Die harmonische Handschrift Joachims hatte sich bewährt. Es konnte nirgendwo eine größere Harmonie und Eintracht herrschen, als bei dem Ehepaar Schilling. »Sie sind so vernünftig! Sie haben so richtige Ansichten!« – schrieb Frau Hortense von Schilling an die Freundin in Jeseritz, »sie haben sich noch nie gezankt, und ich glaube auch zuversichtlich, daß es nie vorkommen wird. Wo kein erster Zank vorkommt, kann es auch keinen letzten geben! Ich dachte oft, als der kleine Klaus geboren war – nun gibt es sicher einmal Streit, über das Kind werden sie fraglos einmal uneinig, denn er wird es kalt – sie wird es warm baden wollen – er ist für ein Bett – sie für eine Wiege! Und wirklich, sie saßen eines Tages zusammen und besprachen diese Meinungsverschiedenheiten, aber im zärtlichsten und ruhigsten Ton. Jeder gab das ›für‹ und ›wider‹ seiner Ansicht an. Schließlich lachte Rose und schlang die Arme um Achims Hals: ›Ich will dir etwas sagen, Schatz, wir wissen beide nichts. Er ist dein erstes Kind – und mein erstes – Erfahrung haben wir eines so wenig wie das andere. Also fügen wir uns einem Schiedsrichter, dem Doktor. Der weiß, was am besten taugt; der soll bestimmen, und wie er es sagt, wird's gemacht.‹ – So geschah es, und der Frieden ist auch seit dem ›neuen Herrn‹ im Hause noch nie getrübt worden. Ich staune, geliebte Dora, wie Rose sich bei ihrer großen Jugend so vortrefflich in ihren Mann und alle Verhältnisse schickt!«

Frau von Welfen lächelte ganz wundersam vor sich hin, als sie diesen Brief las. – Dann wurde sie zu der Frau Professorin gerufen. Tante Gidonie hatte eine schwere Influenza durchgemacht und krankte sehr ernsthaft an ihren Folgen. Sie war launischer, gröber, rücksichtsloser als je, bis Siegfried eines Tages die Geduld riß und er ihr, ebenso grob und deutlich die Meinung sagte, ihre Broschüren zum Fenster hinauswarf und den Arzt zu ihr schickte. »Er kommt – ich bezahle ihn – damit basta.«

Und sie fügte sich wie ein Lamm. Bald darauf machte sie ihr Testament, und die Spannung, wer sie dereinst beerben werde, war groß. Ganz unerwartet und überraschend machte ein Herzschlag ihrem Leben ein Ende. Als ihr Testament geöffnet ward, erfuhr man zu maßlosestem Staunen, daß der Landrat Siegfried von Born, »weil er immer so grob und ehrlich war«, zu ihrem Universalerben ernannt war. Rose war mit einer verhältnismäßig kleinen Abfindungssumme bedacht, während die drei Schwestern in Frankfurt, Klärchen, Erna und Mariechen – voll scharfen Spottes nur drei Bucher erbten: »Die zärtlichen Verwandten« – »Böse Zungen« und »Gegengift«, eine Erbschaft, die sofort in das Feuer gewandert sein soll.

Wiederum hatte das Weihnachtsfest die gesamte Familie mit Kind und Kindeskind in Jeseritz vereinigt. Der Baum hatte so festlich gestrahlt wie noch nie – dann war der Kinderjubel verklungen, die Lichter erloschen, und in stiller, glückseliger Nachfeier saßen Herr und Frau von Welfen im Sofaeckchen, hielten die Hände verschlungen und schauten auf die beiden jungen Paare, die Arm in Arm, ein Bild vollkommensten Glückes unter dem Christbaum standen.

Der Major sah seiner Frau plötzlich nachdenklich in die Augen.

»Wie seltsam es unseren beiden Kindern doch ergangen ist!« sagte er. »Wie schwer hat Salome um ein Glück kämpfen müssen, das Rose ohne Mühe und Not in den Schoß fiel. Ich würde sagen, Salome hat zu jung gefreit, und das allzu junge Heiraten taugt nichts – aber Roses Ehe belehrt mich eines anderen, denn sie ist eben so jung wie die Schwester unter die Haube gekommen; und doch kann man nicht leicht eine mustergültigere Ehe finden, als die ihre! Mutterchen, du bist ja immer eine so kluge kleine Frau gewesen, nun sage selber einmal, was das rechte ist! – Soll ein Mädchen jung freien oder nicht?«

Da lächelte Frau Dora und blickte auf den kleinen »Wegweiser«, den Born laut lachend auf seinem Platz entdeckt hatte, und auf dem stand: »Nach meinem Herzen!!« – Und sie nickte nachdenklich vor sich hin und antwortete: »Ob jung freien oder nicht? – Das kommt ganz auf die Erziehung an, die ein Mädchen genossen hat!«
