Hofluft

Band I
I.

Es war Frühling geworden. Lange Zeit hatte die Newa geduldig den Nacken unter das Joch des Winters gebeugt, hatte den eisglitzernden Panzer getragen, welcher ihre stolz wogende Flut schmal und starr zusammenpreßte, und wie die Wagen der Triumphatoren ehemals über den Leib des besiegten Feindes stürmten, so rollten die Lastfuhren, klingelten die Schlitten und sausten die dreispännigen Chariots voll kecken Übermuts über die gefesselte Nixe, die Beherrscherin der alten Zarenstadt. Wohl hatte die klare Wintersonne am Himmel gestanden und mit blendend grellem Lichte Milliarden von bläulichen Funken aus den weiten Eis- und Schneeflächen geweckt, aber ihr Kuß war matt und kühl und verklärte nur die Ketten der gefangenen Freundin, ohne sie brechen zu können. – Als aber das bunte Getreibe der Petersburger immer herausfordernder wurde, und die gewaltige Kristallbrücke der Newa gar zu viel des rastlosen Lebens ertragen mußte, da erglühte das Tagesgestirn voll Zorn hinter den Schneewolken, trieb sie auseinander wie Nebelgebilde und forderte mit goldnen Pfeilen den Winter zum Kampf. Und nicht lange währte es, da trieb eine imposante Wasserfläche ihre blauen Wogen zwischen den Steinwällen des Kais und den Granitwänden der Festung hindurch, an den Gärten des fürstlich Sobolefskoischen Palais vorüber.

Ein uralter, prächtig aufgeführter Bau, lag dasselbe etwas erhöht über dem terrassenartigen Park und gewährte aus seinen hohen, durch eine einzige Scheibe geschlossenen Fenstern einen köstlichen Ausblick über die Stadt. Durch das zarte Maigrün der Bäume sah man auf eine weite, platzartige Ebene hinab, auf die etwas entfernteren Straßen und Dächer, aus welchen in gedrängter Fülle Kuppeln und Kirchtürme mit goldblitzenden Pfeilen, kolossale, kasernenartige Gebäude und über denselben die finsteren Festungsmauern emporragten.

Die Balkontür zu einem der Mittelsalons stand geöffnet, und die Sonnenstrahlen, welche das Zimmer durch die fast bis zum Parkett reichenden Fenster wahrhaft überfluteten, verrieten jetzt erst völlig die pomphafte Pracht, welche der Winter solange hinter seinen Dämmerungsschleiern versteckt hatte. Wenn der alte Ausspruch: »von der Einrichtung eines Zimmers läßt sich auf den Charakter des Bewohners schließen«, sich stets bewahrheitet, so mußte dieses Boudoir im Palais Sobolefskoi entschieden von der elegantesten, penibelst modernen, zartesten und anmutigsten Frau bewohnt werden. In geschmackvollster Weise waren die einzelnen Stücke des Ameublements zusammengestellt; mit Vorliebe schienen lichte Farben, himmelblau und abricot, verwandt zu sein, hier und da überhangen von duftigen Spitzen, durch zierliche Goldbronzen gestützt und umweht von süßem Blumenduft, welchen überreiche Jardinieren spendeten. Unzählige kleine Kostbarkeiten lagen auf Tischen und Konsolen ausgebreitet, rosa Schleier verhüllten die Lampen, weiche Atlaskissen bildeten trauliche Eckchen, und wo man auch hinblicken mochte, überall schien eine ideale, weiche und unendlich verwöhnte Frauenhand zu walten. Dennoch beherbergte das Palais Sobolefskoi keine Dame, und in dem entzückendsten aller Gemächer, vor dem unter zartesten Nippes fast zusammenbrechenden Schreibtisch saß die schlanke, etwas krankhaft hagere Gestalt eines Herrn, um dessen Schläfen sich das Haar, wenn auch mit peinlichster Sorgfalt jugendlich frisiert, so doch schon grau und spärlich lockte.

Fürst Gregor Sobolefskoi, der Kammerherr des Zaren.

An seiner wie durchsichtig weißen Hand sprüht ein Diamant von seltenster Schönheit, das Ehrengeschenk eines Großfürsten, welches derselbe dem erprobten Freund des Kaiserhauses bei seinem fünfzigjährigen Dienstjubiläum an den Finger gestreift hat.

Fünfzig Jahre im Dienst des Hofes! Fürst Sobolefskoi hatte als zehnjähriger Knabe ersten Pagendienst getan und als achtzehnjähriger Jüngling als Kammerherr seinen Dienst bei einem der kaiserlichen Prinzen offiziell angetreten, nachdem er seit seinen ersten Lebensjahren bereits ein ständiger Gast in der Kinderstube des Winterpalais und des Gatschinaer Schlosses gewesen. Fünfzig Jahre! Wie sich eine Pflanze mit tausend feinen und unlöslichen Wurzelfasern festsaugt und anklammert an den Boden, welcher ihr zur Heimat geworden ist, so ist auch Gregor Sobolefskoi mit dem höfischen Parkett verwachsen, so ist auch er mit unzähligen Banden an den Schlüssel gekettet, welcher für ihn jedes Sein und Existieren erschließt. Das Vermögen

des Fürsten ist ungeheuer, er besitzt Ländergebiete, welche er nie in ihrer ganzen Ausdehnung geschaut, er hat Reichtümer bei in- und ausländischen Banken angehäuft, welche er kaum der Zahl nach anzugeben vermag, er könnte selbst einen Hofstaat halten und wie ein kleiner König sein Gebiet regieren, und dennoch beugt er voll fanatischen Eifers sein Haupt im Dienste des Zaren, dessen kleine Winke und Befehle für ihn zum Inbegriff des Lebens geworden sind. Fünfzig Jahre am Hof!

Alle Fäden der harmlosen und nicht harmlosen Intrigen, wie sie das tägliche Leben in Fürstenschlössern so selbstverständlich umspielen und seine Luft erfüllen, wie der gelbe Staub der Kätzchen einen blühenden Weidenbaum umwirbelt, waren entweder durch die Hände Sobolefskois gelaufen oder doch voll brennenden Interesses von ihm beobachtet worden, und ohne diesen kleinen Klatsch, welcher jedesmal für ihn die Wichtigkeit einer »Krise« annahm, deuchte ihn das Leben unerträglich langweilig und so geschmacklos wie ungesäuertes Brot! Fürst Sobolefskoi kannte alle Elemente der Gesellschaft und war von allen gekannt, es gereichte zu seiner hohen Befriedigung, überall mit ein paar vertraulichen Worten die Hand zu schütteln und mit distinguierten Leuten intim zu sein und höchst wichtigen Gesichts mit irgendeinem Würdenträger zu tuscheln und zu flüstern, wenn ein Publikum dazu anwesend war.

Als Kammerherr ward ihm in späterer Zeit meistens das Ehrenamt, den Hof bei Feierlichkeiten in auswärtigen Residenzen zu vertreten, und alsdann sonnte er sich in dem Glanz der Fürstenkronen, welche ihm jedesmal einen Strahl in Form eines Ordens gegen die kreuz- und sterngepanzerte Brust warfen. Der Jubel des Volkes, Ovationen und Kundgebungen, waren ihm äußerst sympathisch und berührten ihn, der so völlig mit dem Hofe verwachsen war, genau so angenehm, wie den hohen Herrn, dem sie gegolten.

Ja, er krankte wahrhaft an Sehnsucht, wenn er sie längere Zeit entbehren mußte, und fühlte sich geradezu unglücklich, wenn ihn eine Erkältung an das Zimmer fesselte, und ihn hinderte, im Schlosse anwesend zu sein. Tage, an welchen er keine Hofluft atmen konnte, zählte er zu den verlorenen, und der Gedanke, sich durch irgendeine Unvorsichtigkeit die Huld des Zaren zu verscherzen und dadurch seiner Stellung verlustig zu gehen, hatte ihn fünfzig Jahre lang wie ein Gespenst verfolgt. Fünfzig Jahre lang! Und heute saß Gregor Sobolefskoi vor seinem Schreibtisch und wollte die kleine spitzige Feder am goldenen Halter zu scharfem Schwert machen, welches mit einem einzigen Schlag all die Bande, Fäden und Wurzeln zerschlagen sollte, welche den Fürst mit dem kaiserlichen Hof verbanden. Ein großer, weißer Bogen, zur Hälfte gebrochen, lag auf der goldeingelegten Ebenholzplatte, ein zweiter, das Konzept des Schreibens enthaltend, war gegen eine edelsteinbesetzte Stutzuhr aufgestellt, und während die Feder des alten Höflings voll nervöser Hast über das Papier tanzte, klirrten die Orden auf der Brust leise zusammen, als wollten sie die Stimmen wehklagend über solch unerhörtes Beginnen erheben.

Fürst Gregor Sobolefskoi erbat von dem Zaren die Gnade, ihn aus seinem langjährigen Dienst als Kammerherr zu entlassen.

Das Sonnenlicht flimmerte über das ergraute Haupt, und der Schreiber zog sein duftendes Taschentuch, um es mit all jener Grazie, welche ihm zur zweiten Natur geworden, über die hohe Stirn zu führen.

Dann entzündete er eine Wachskerze, kuvertierte das Schreiben und drückte mit umständlicher Genauigkeit das Siegel darauf. Einen Augenblick starrte er regungslos auf den inhaltsschweren Brief nieder, dann stieß er den zierlichen, mit bunten Blumenbuketts gestickten Atlassessel zurück und erhob sich tief aufatmend, um an die offene Balkontür zu treten. Eine jede Bewegung des alten Herrn war von seltener Elastizität und der wohlbemessenen Eleganz, welche zwischen dem Geckenhaften und Formvollen stets scharf die Grenze hält. Der Fürst wurde sehr oft für einen Franzosen gehalten, sowohl seinem Wesen wie seinem Äußeren nach, wozu der schwarz gefärbte, etwas aufgestutzte Bart im Kontrast zu dem weißgrauen Haupthaar eine wohlbegründete Berechtigung gab.

Das Antlitz war schmal und scharf geschnitten, die Augen in tiefdunkler Umrahmung so lebhaft und ausdrucksvoll, daß man die öfters in Anwendung gebrachte Lorgnette lediglich als ein Requisit aus der Rüstkammer der Höflingsmoden ansehen konnte.

Seine Kleidung war stets das Ergebnis peinlichster Sorgfalt, und obwohl über der ganzen Erscheinung Sobolefskois eine etwas weichliche, beinahe weibische Suavität lag, war der Fürst dennoch ein anerkannt geistvoller Mann, welcher nicht allein auf dem Parkett, sondern auch auf manchem Feld der Wissenschaft zu Hause war.

Es genügte ihm durchaus nicht, in leicht tändelnder Konversation von einer schönen Blume des Hofes zur anderen zu flattern,

und in dem oberflächlichen Getriebe von Klatsch und Skandal, welche ihn allerdings der Gewohnheit gemäß hochgradig interessierten, fand er durchaus nicht volles Genüge. Der Kammerherr war überall dabei, und gerade dieses rastlose und vielseitige Lavieren in hoher Flut war sein Element.

Und nun wollte er alles aufgeben, was ihm von Kindesbeinen an zur Unentbehrlichkeit geworden war, alles, was bisher sein Leben ausgefüllt hatte, und alles, woran sein Herz und Verstand mit tausend Banden hingen! Sein Herz! nein, eben dieses Herz hing nicht mehr an jener purpurfarbenen Pracht, welche ihn voll starrer Unerbittlichkeit von seiner Liebe trennte.

Das Undenkbare, Unglaubliche, welches die Petersburger Chronique scandaleuse schon längere Zeit als schwebendes Gerücht erfüllte, war zur Tatsache geworden.

Fürst Gregor Sobolefskoi, der Lebemann und eingefleischte Junggeselle, welcher ein halbes Jahrhundert lang kaltblütig an der vornehmsten, lieblichsten, imposantesten und verführerischsten Frauenschönheit aller Herren Länder vorübergegangen war, Fürst Gregor hatte sich mit grauem Kopf noch verliebt – wahnwitzig und sinnlos, wie ein verblendeter Knabe. Und in wen? –

Am Hoftheater war eine neue Sängerin engagiert, die sang mit mäßig guter Stimme die Agathe und Norma und blickte dabei so schwärmerisch und sanft aus ihren braunen Taubenaugen in das Publikum und schüttelte die lichtblonde Lockenfülle so schmachtend in den Nacken, daß sich alle Mannerhände wie hypnotisiert zu stürmischem Applaus erhoben. Aber die dunklen Augen in dem zart ovalen Gesicht und die goldene Haarfülle bildeten auch die einzige Schönheit der Mademoiselle Eglantina Ruzzolane, deren Figur so sylphenhaft schlank war, daß es wie ein diskreter Liebesdienst von den langen Locken erschien,

wenn sie gleich einem glänzenden Mantel über Hals und Schultern wallten.

Mademoiselle Eglantina war eine leidlich interessante Person, welche gut in ihre lyrischen Rollen paßte, daß sie aber das versteinerte Herz des anspruchsvollsten aller Lebemänner in so ernste und heiße Flammen versetzen konnte, daß er alles aufgab um ihretwillen, das war und blieb der Petersburger Gesellschaft ein großes und unlösbares Rätsel.

Sobolefskoi war auf den Balkon hinausgetreten und starrte gedankenvoll auf das wogende Newawasser, auf die sonnenblitzenden Dächer und Kuppeln des nordischen Paris hinaus, Auch von dieser, so unendlich geliebten Heimat, an welche sich die glücklichsten Erinnerungen knüpfen, haben ihn die zierlichen Federzüge in dem Briefkuvert auf dem Schreibtisch drinnen getrennt, denn wenn Eglantina sein Weib wird, ist ihres Bleibens nicht länger in Petersburg. Und das ist gut.

Der Fürst ist eifersüchtig wie ein Türke, und der Gedanke, sein Weib soweit wie möglich aus hiesigen Verhältnissen zu entfernen, in tiefster Einsamkeit seiner Güter mit ihr allein und nur für sie allein zu leben, hat etwas Bezauberndes für ihn. Er wird wieder jung werden in solchem Maienglück idyllischster Flitterwochen, er wird voll Entzücken seine Freiheit genießen und aufatmen, wenn der lästige Zwang dieses Maschinenlebens voll Dienst und wieder Dienst endlich abgestreift ist!

Eglantinas dunkle Augen werden ihm in tausendmal wonnevollerem Glanz erstrahlen, als alle Fürstensäle der Welt, und die goldenen Locken werden ihn mit magischeren Banden umstricken, als all die Ordensbändlein und goldenen Tressen, welche ihn mit dem Hof verknüpfen! Ja, Fürst Sobolefskoi ist fest entschlossen, alles in die Wagschale zu werfen, um eine dafür zu gewinnen. Er verlacht die Mahnung treuer Freunde und sendet einen reitenden Boten nach dem alten, unendlich einsam gelegenen Schloß am Strand der Ostsee, damit sich dasselbe mit Blütengewinden und Fahnen schmücke, seine junge Herrin zu empfangen! Der Kammerherr beabsichtigt, sofort nach vollzogener Trauung mit seiner Gemahlin nach seinen kurländischen Besitzungen abzureisen.

Die Fluten der Newa blitzen im Sonnengold, süße Duftwogen steigen von den Teppichbeeten des Gartens empor und in Flieder und Goldregengebüschen zwitschert ein frühlingstrunken Vogelvölklein; Fürst Gregor aber schaut lächelnd über all die Lenzespracht hinaus, mitten in die Zukunft hinein, und reißt sich gewaltsam aus den Träumen, tritt auf den weichen Sohlen seiner roten Maroquinlederschuhe in das Boudoir zurück und schreibt mit den stürmenden Pulsschlägen eines Jünglings einen zweiten Brief.

Diesmal zeigt das rosige Papier ein prunkvolles Wappen unter der Fürstenkrone, und von ihm weht ein zartes Maherniaparfüm, und im Nebensalon wartet ein gigantisches Bukett aus Paris, aus lauter Orangeblüten und »brennender Liebe« zusammengestellt, das soll dem Billett die nötige Folie geben.

Fürst Gregor Sobolefskoi hielt in aller Form um die Hand der Demoiselle Eglantina Ruzzolane an.

Der Zar hatte einen kleinen Maiausflug nach Gatschina unternommen und beabsichtigte, etliche Tage in Begleitung seiner Familie in diesem so außerordentlich anmutig gelegenen Schlosse zu verleben.

Vor der breiten Fahrrampe der Fassade hatte die fürstlich Sobolefskoische Equipage gehalten und war dann langsam, an dem Denkmal Pauls I. vorüberfahrend, in eine der Parkalleen eingebogen.

Die beiden riesigen Tscherkessen, welche mit Dolch und Pistolen im Gürtel, in der Vorhalle die Wache hielten, hatten der schmächtigen Gestalt des Fürsten wie etwas sehr Alltäglichem nachgesehen, als derselbe in großer Kammerherrnuniform, leicht und etwas hüpfenden Schrittes die »goldene Treppe« emporstieg. Sonst hatte der alte Höfling unter dem Deckmäntelchen graziöser Pose die Hand meistens auf das prachtvolle, im Renaissancestil gehaltene und schwer vergoldete Gitter gestützt, weil er trotz der Läufer befürchtete, auf den glatten Marmorstufen auszugleiten, heut tänzelte er so frei und sicher die Stufen hinauf, als habe er vollständig vergessen, daß es schon über fünfzig Jahre her war, seit er zum erstenmal als Knabe diesen Weg gegangen.

Der Kammerdiener des Zaren trat ihm entgegen, und an ihm vorüber schritt Sobolefskoi in das Vorzimmer, in welchem der Adjutant ihn stets mit verbindlichstem Gruß empfangen hatte.

Heut saß derselbe in einem Sessel am Fenster, blickte mit zwinkernden Augen von seinem französischen Journal auf, erhob sich mit kühl-formellem Gruß und wandte sich sehr ostentativ sofort wieder seiner Lektüre zu.

Einen Moment war der Kammerherr befremdet, dann zuckte ein etwas ironisches Lächeln um seine Lippen; schweigend nahm er Platz und wartete, bis er zu Seiner Majestät befohlen wurde.

Die Audienz dauerte nicht lange, aber die Stimme des Zaren klang laut und heftig, in jeder Silbe verständlich bis in das Vorgemach hinaus.

Der Adjutant hatte seine Zeitung langst auf den Tisch zurückgeworfen und war mit leisen Schritten in dem Gemach auf und nieder gewandelt.

»Graf Karnitcheff!«

Der Offizier wandte sich jählings zurück. Zwischen den Portieren stand die imposante Gestalt der verwitweten Palastdame Madame de Loux. Sie legte die schneeweiße, auffallend schöne Hand auf die schwarzen Spitzenschals, welche, von einem Goldkamm des Hinterhauptes herniederfallend, sich auf der Brust unter Brillantagraffen verschlangen, und atmete so schnell und heftig, wie jemand, der sehr eilig gegangen.

»Frau Baronin befehlen?« Karnitcheff glitt eifrig herzu und küßte die dargebotene Rechte galant über dem hohen schwarzen Handschuh.

»Wie steht's mit Sobolefskoi? Gibt er nach?«

»Ich fürchte, nein!«

»Majestät sind erregt … ah … ich höre ihn deutlich reden. Karnitcheff! Ist denn der Fürst von allen guten Geistern verlassen, daß er noch zu widersprechen wagt? Wenn er sich jetzt nicht fügt, ist alles verloren!« Und Madame de Loux umspannte mit eisernem Griff den Arm des jungen Offiziers und trat in höchster Aufregung einen Schritt näher nach den golddurchwirkten Purpurdecken, welche die Tür zum Arbeitszimmer des Monarchen schlossen.

»Madame … ich beschwöre Sie … zurück!«

»Still, still, die Kaiserin will es wissen,« flüsterte die schöne Frau wie in leisem Zischen entgegen, neigte sich noch einen Moment lauschend vor und wandte sich dann, jah aufschreckend, mit schneller Bewegung zur Tür zurück. »Er entläßt ihn, muß ihn entlassen, der Rasende nimmt ja keine Vernunft an! Nun denn – wie man sich bettet, so liegt man – hier ist Fürst Sobolefskoi von Stund an unmöglich geworden!«

»Selbstredend unmöglich!« triumphierte Graf Karnitcheff und möchte abermals die Hand der reizenden Witwe küssen, sie winkt ihm jedoch hastig ab, lächelt ihm so gut zu, wie sie in diesem Augenblick zu lächeln vermag, und rauscht mit endloser Trauerschleppe über die Türschwelle in die Vorhalle zurück. Als Fürst Sobolefskoi mit hochgerötetem Antlitz in das Vorzimmer zurücktritt, steht der Adjutant am Fenster und scheint anfänglich das Eintreten des Kammerherrn zu überhören, erst als ihn der alte Herr, höflich wie immer, anredet: »Leben Sie wohl, Graf Karnitcheff, ich werde wohl nicht mehr die Freude haben, Sie noch einmal in diesen Räumen wiederzusehen!« wendet er sich kurz um, ignoriert die dargebotene Hand und verneigt sich kalt und stumm wie ein Pagode.

»Wetterfahne!« denkt Sobolefskoi und wendet sich zur Tür.

Als er die Halle durchschreitet, sieht er die beiden Komtessen Imanoff und Madame de Loux in eifrigstem Gespräch vor den Privatgemächern der Kaiserin stehen.

Madame de Loux war stets seine gute Freundin, welche ihn durch tausend kleine Liebenswürdigkeiten geradezu verwöhnt hat, auch die beiden Komtessen hatten ihm stets nur die schönsten Dinge gesagt. Er will seiner Gewohnheit gemäß mit ein paar heiteren Worten zu den Damen herantreten, bleibt aber ganz betroffen stehen, als sich die Köpfchen kaum halb zur Seite wenden, als ein undefinierbarer Blick ihn vom Scheitel bis zur Sohle mißt und die drei Begleiterinnen der Zarewna mit kaum merklichem Gegengruß an ihm vorüberschreiten.

Fürst Sobolefskoi ist unmöglich geworden. Einen Moment trifft es den alten Herrn doch wie ein feiner Stich ins Herz, dann lächelt er abermals. Narr, der er ist, zu vergessen, daß Madame de Loux' idealster Traum ein alter Gatte mit gutem Namen und großem Vermögen ist, der ihr bald zum zweitenmal den Witwenschleier über das rotblonde Haupt breiten wird! Der Kammerherr bleibt zögernd stehen und läßt den Blick umherschweifen. Zum letztenmal steht er auf dem Marmorboden von Gatschina; wenn er die Schwelle überschreitet, fällt die Tür hinter ihm ins Schloß und schiebt auf ewige Zeiten ihren Riegel zwischen ihn und den Hof des Zaren. In hoher Ungnade hat ihn der Kaiser entlassen, hat ihn für immer aus seiner Umgebung ausgeschieden, und daß kein Bittgesuch jemals den Abgrund solcher Verbannung überbrücken kann, weiß Sobolefskoi.

Mit blitzendem Auge hat der hohe Herr vor ihm gestanden: »Sie sind ein Narr, Sobolefskoi, wenn Sie glauben, in der Liebe eines unebenbürtigen Weibes Ihr Glück zu finden! Ihr ganzes Dasein wurzelt in Ihrer Stellung, Sie werden verschmachten und ersticken wie der Fisch auf trockenem Lande, wenn Sie keine Hofluft mehr atmen!«

Sollte der Zar recht haben? Langsam strich Gregor über die Stirn und lächelte, aber er sog begierig den duftigen Hauch ein, welcher durch die Korridore wehte. Ja, das war Hofluft! Wer kannte sie besser denn er? Balsamisch und wundersam feierlich, süß und streng zugleich, ein Gemisch von »Sonne, Mond, Sterne, Himmelsglanz und Veilchenduft«, wie Jean Paul ehemals voll enthusiastischen Entzückens aus Thüringen geschrieben.

Hofluft und Opium gleichen sich, wer einmal von dem berauschenden Gift genossen, kann nicht mehr davon lassen.

Lächerlich, die Liebe überwindet alles, Himmel und Erde, und der feine Hauch dieser geheimnisvollen Hofluft sollte sie gleich leerer Spreu über den Haufen blasen?

Fürst Sobolefskoi hob voll freudiger Zuversicht das Haupt, atmete noch ein paarmal tief aus, gleichsam, als wolle er sich zum letztenmal an heimatlicher Quelle für eine lange Pilgerfahrt satt trinken, und schritt hastig an den Lakaien und Türhütern vorüber, auf die Fahrrampe hinaus.

Eine kraftvolle Tscherkessenfaust faßte den schweren Bronzegriff und drückte hinter ihm wieder die Tür in das Schloß, ganz wie gewöhnlich, diesmal aber tönte das leise Geräusch des Aufklappens ganz wunderbar an das Ohr des verabschiedeten Kammerherrn, wie der Mahnruf einer Uhr, welche verkünden will, daß eine Frist abgelaufen.

II.

Die kurländische Besitzung des Fürsten Sobolefskoi dehnte sich in außerordentlichem Flächengebiet an dem Strande der Ostsee entlang. Auf dem höchsten Punkt einer kurzen Hügelkette ragte ein kolossaler, klosterartiger Schloßbau mit unzähligen Türmen und Türmchen gegen den blaugrauen Himmel empor, ein trutziger Markstein am Baltischen Meere, in dessen bemooste Quadern auch der Stift der Klio seine Runen gegraben.

Voll schwermütig erhabener Schönheit dehnte sich die bleifarbene Unermeßlichkeit des Meeres zu seinen Füßen aus, lag weit und unumgrenzt das flache Land in seiner düsteren Waldeinsamkeit, und soweit auch der Blick schweifen mochte, er traf nur ein Bild des tiefsten, traumhaftesten Friedens, zu welchem die rollende See ihr majestätisch Psalmenlied der Ewigkeit sang.

Ja, es war einsam hier, viel einsamer als es sich Fürst Sobolefskoi und seine junge Gemahlin vorgestellt hatten, aber in der ersten Zeit seines jungen Eheglücks hatte der Kammerherr diese Abgeschiedenheit von aller Welt geradezu vergöttert, und Fürstin Eglantina tröstete sich in dem Gedanken, daß solch ein Exil ja nicht ewig dauern könne.

Das Glück ist eine schillernde, eilig dahinschwebende Kugel, und auch der süßeste Duft einer Rose verweht mit der Zeit.

Die Gewohnheit aber ist ein ruhig und sicher daherschreitendes Weib in grauem Nonnengewand, mit kalten, unendlich nüchtern blickenden Augen, das greift mit herber Hand jeglichen Flitterstaat nnd reißt ihn erbarmungslos herunter, das deckt unerbittlich alle Mängel und Fehler auf und zerschlägt die rosigen Brillen, welche der Optimismus dem schwärmerischen Menschenkinde vor die Augen geschoben.

Wenn Mademoiselle Eglantina bei günstiger Beleuchtung auf der Bühne stand und durch die Worte und Melodien, welche andere ersonnen, das Publikum entzückte, war es begreiflich, daß Fürst Sobolefskoi sich ein Leben an ihrer Seite so interessant nnd anregend wie nur möglich dachte, und wenn er sie nun im Schloß von Miskow stundenlang auf einem Diwan liegen sah, apathisch und gelangweilt, unlustig selbst, ein gutes Buch zu lesen, so war eine herbe Enttäuschung unausbleiblich. Die junge Fürstin war eine äußerst gutmütige Frau, welche sich trotz ihrer zweijährigen Bühnenlaufbahn überraschend viel Moral und gute Grundsätze bewahrt hatte, aber sie war ein unbeschriebenes Blatt, ohne Erziehung, ohne Kenntnisse und ohne den mindesten Trieb, sich dieselben anzueignen.

Eine gediegene oder etwas tiefer gehende Unterhaltung mit ihr zu fuhren, war eine Unmöglichkeit, und da sie ohne Bühne und entsprechendes Kostüm ungern sang, wurde das monotone Leben in dem Strandschloß auch selten durch ein paar Lieder unterbrochen.

Anfänglich hatte Eglantinas Geist noch von den Petersburger Erinnerungen und Eindrücken gezehrt, hatte durch die Fremdartigkeit der neuen Umgebung und durch den Reiz, »Fürstin zu spielen«, für kurze Zeit Nahrung erhalten, als aber ein halbes Jahr verstrichen war, und jegliche Anregung von außen mangelte, da wurde der Verkehr mit ihr immer nüchterner und langweiliger, und bald wußte und kannte die junge Frau nichts anderes, als gähnend in den seidenen Kissen zu liegen, Süßigkeiten zu naschen und voll Indolenz die goldenen Locken um die Finger zu rollen. Fürst Sobolefskoi aber mit seinen weitgehenden großen Interessen, verwöhnt durch geistreiche Konversationen und lebhaft berührt durch jegliche Tagesfragen, welche ihm die zahllosen Zeitungen und Journale wie ein Echo aus der großen Welt zuriefen, empfand es geradezu als Qual, nicht das mindeste Entgegenkommen auf seine Passionen bei Eglantina zu finden.

Anfänglich hatte er sich an dem Gedanken berauscht, ihr Lehrmeister zu werden und sie zu sich heranzubilden, doch wurde es ihm bei seiner nervösen, ungeduldigen Natur bald zur Unerträglichkeit, in die verständnislos aufgerissenen Augen seiner Gemahlin zu sehen, welche durch ihren geistlosen Ausdruck jeglichen Scharms verlustig gingen.

Er flüchtete in sein Zimmer zurück und schüttete sein Herz den kleinen Sängern in der Voliere aus, welche ihm wenigstens durch eifriges Zwitschern und Überschreien ihre Dankbarkeit für solche Unterhaltung ausbrückten. Schon stieg es wie ein graues, unheimliches Gespenst aus dem Paradies der Illusionen empor. Fürst Gregor ertappte sich oft bei einem schweren Seufzer und hatte die Zeitungen, welche interessante Hofnachrichten aus Petersburg brachten, schon mehr als einmal heftig zusammengeknäult in den Papierkorb geworfen. Da stieg noch einmal die Sonne am Horizont empor und verscheuchte die Nebel, welche alles Glück zu verschlingen drohten.

Fürstin Eglantina schenkte ihrem Gatten ein Söhnchen.

Eine unendliche, fast exaltierte Freude bemächtigte sich des alten Herrn, als er das auffallend zarte und schwächliche Kind, den Stammhalter seines Namens, auf den Armen wiegte.

All sein Interesse, seine Liebe und Sorgfalt konzentrierten sich auf das kleine Wesen, und wie zuvor die Wochen bleischwer und träge dahingeschlichen waren, so schwanden ihm jetzt die Monate wie im Traume.

Fürstin Eglantina aber ward noch stumpfsinniger als erst und bestürmte ihren Gemahl mit Tränen und Vorwürfen, sie nun endlich in die große Welt zurückzuführen.

Wohin aber sollte sich Fürst Sobolefskoi wenden? Er war überall bekannt, und die Kunde von seiner Mesalliance hatte die vornehme Welt Europas wie ein Lauffeuer durchflogen! Konnte er sich mit seiner so unendlich unbedeutenden Frau, deren Schönheit selbst argen Abbruch erlitten, seit sie bei all der Ruhe und guten Pflege sehr zum Starkwerden neigte, konnte er sich mit ihr zurück in die Gesellschaft wagen, ohne herbe Demütigungen, Spott und Zurückweisungen zu erleben? Nein, Fürst Sobolefsloi will in seinem selbstgewählten Exil geduldig ausharren, bis einst die Erziehung seines Sohnes einen Domizilwechsel notwendig macht.

Außerdem ist er noch immer eifersüchtig. Er hat beobachtet, daß Eglantina den jungen Maler, durch welchen er ihr Porträt hat anfertigen lassen, genau so mit den großen Taubenaugen angeschmachtet hat, wie ehemals ihn. Sie hat das nicht in böser Absicht getan, denn es ist nun einmal ihre Art und Weise, sich durch Blick und Mienen beliebt zu machen, weil sie es nicht mit

Geist und Worten kann, aber Fürst Sobolefskoi will es nicht erleben, daß sich die Stutzer und Elegants solch ein Wesen anders deuten. Einer ehemaligen Sängerin gegenüber glaubt sich jeder etwas zu dreisterem Verkehr berechtigt. Eglantina aber behauptet, die Einsamkeit nicht mehr ertragen zu können, sie leidet in der Tat darunter und wird nervös und reizbar in ihrer Ungeduld; es kommt zu heftigen Szenen zwischen den beiden Gatten, welche das Band, das sehr gelockerte Band der Liebe völlig zu zerreißen drohen.

Der Rausch ist verflogen, eine entsetzliche Ernüchterung hat sich statt seiner breit gemacht, und der Kammerherr preßt aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und denkt an Petersburg zurück, wie an ein verlorenes Paradies.

Dazu kommt es, daß sein Söhnchen in keiner Weise den Hoffnungen des Vaters entspricht. Der kleine Daniel entwickelt sich sehr langsam, Sobolefskoi hat eine geraume Zeit die ernstesten Befürchtungen gehegt; mit größter Sorge und Mühe ist das schwache Kind überhaupt am Leben erhalten, und wo er jetzt sein zweites Lebensjahr erreicht hat, kann er sich kaum auf den Füßchen halten und ist so häßlich, daß bei seinem Anblick das Herz des Vaters blutet.

Kein Geistesfünkchen leuchtet aus den dunklen Augen, welche unnatürlich ernst, beinahe schwermütig ins Leere starren, kein Jubellaut klingt über die Lippen, kein lebensvolles Regen der Arme oder Beinchen, langsam und schwer ist jede Bewegung, und wenn nach langen Bemühungen, den Kleinen zu amüsieren, endlich ein müdes Lächeln über das welke Gesichtchen zuckt, so ist's nur ein ganz flüchtiges Interesse, welches schon im nächsten Moment wieder dem stieren Vorsichhinbrüten weichen muß.

Noch einundeinhalbes Jahr erträgt Fürst Sobolefskoi die Misere seines Hauses. Seiner Gemahlin ist er fast völlig entfremdet, sie amüsiert sich damit, die kostbarsten Kostüme und Toiletten aus Paris kommen zu lassen, einen berühmten Gesanglehrer zu engagieren und all ihre ehemaligen Opernpartien mit Passion wieder einzustudieren.

Der Kammerherr sieht es gleichgültig mit an, bezahlt die Rechnungen, ohne ein Wort über ihre erstaunliche Höhe zu verlieren, und sitzt stundenlang in der Kinderstube bei seinem Knaben, welcher jetzt endlich zusammenhängende Sätze spricht. Der kleine Daniel ist ein ganz eigentümliches Kind. Er weint oder schreit nie, er hat weder Sympathien noch Antipathien, er blickt jedermann gleich ernsthaft aus dunklen Augen an und regt halbe Tage lang die mageren Fingerchen, um bunte Glaskugeln zu verschiedenen Figuren zusammenzusetzen. Seine Mutter kennt er kaum, sie kommt selten zu ihm, und wenn sie kommt, ist's nur, um ihre Hand flüchtig über den unförmig großen Kopf gleiten zu lassen und bedauernd auszurufen: »Armer Daniel! Du bist doch gar zu häßlich!«

Fürst Sobolefskoi ist genötigt, eine Reise zu seinem Pariser Bankier anzutreten, und da der Herbstwind bereits die bunten Blätter von den Bäumen reißt und mit scharfem Sausen jene entsetzliche Zeit verkündet, da Miskow in unabsehbaren Schneefeldern begraben liegt, schlingt Eglantina zum erstenmal seit langer Zeit wieder die Arme um den Hals des Gatten und fleht ihn unter heißen Tränen an, sie mitzunehmen. Ein finsterer Blick trifft sie: »Und wer soll bei Daniel bleiben?«

»Sein ganzer Hofstaat, mit welchem du ihn umgeben hast! Treue Dienstboten, ein vortrefflicher Arzt, fürsorgliche Wärterinnen und meine Gesellschaftsdame, der ich diesen zweiten verlorenen Winter, welchen sie hier in der Grabeseinsamkeit aushalten muß, mit Gold und Brillanten aufwiegen werde!«

Die Fürstin warf die blonden Locken ebenso graziös zurück wie ehemals, da sie noch auf den Brettern stand, und sah dem Kammerherrn mit unwiderstehlichem Blick in die Augen.

»Ich ertrage dieses Leben nicht länger, Gregor. Diese entsetzliche Einsamkeit, welche Herz und Geist verkümmern läßt, ist an all unserem Unglück schuld. Führe mich wieder in die Welt zurück, laß mich die Saison hindurch mein junges Leben genießen, laß mich den Karneval über den vollen Becher des Vergnügens leeren, und ich will ohne Murren den langen Sommer über in Miskow schmachten, ohne dich jemals durch Langeweile oder Launen zu plagen. Dein gehorsames und treues Weib will ich sein, wenn du das Leben redlich mit mir teilen willst! Du liebst die Einsamkeit, wohl, sie soll dir im Sommer werden, ich aber verlange nach Menschen, nach Licht, Leben und Walzerklängen, darum gib mir den Winter mit seiner bunten Lust, und wir beide werden glücklich sein!«

Es lag wieder ein Hauch der früheren Anmut und Lebhaftigkeit über der jungen Frau, welche in reizendster Morgentoilette so vorteilhaft wie seit langer Zeit nicht mehr aussah.

Eine jähe Bitterkeit überkam den Fürsten. Ihr junges Leben genießen! Tanzen und sich amüsieren, und den grauköpfigen Gatten zum Gespötte der Welt machen! Das eben war es, was er nicht dulden wollte, was ihn hinausgetrieben hatte, als Einsiedler hier sein Schicksal zu verfluchen! Er war elend genug, er lechzte am meisten nach Welt und Leben, er schmachtete nach jenem verlorenen Paradies, aus welchem er um ihretwillen entflohen, oder sollte er zurückkehren, so wollte er in der Sphäre leben, welche seine Heimat war, so wollte er Hofluft atmen oder Grabesluft; er konnte den Fuß auf kein anderes Parkett, als das des Hofes setzen, und weil dies unmöglich war, weil er sich selber seine Stellung auf der großen Weltbühne verscherzt hatte, so blieb er nun auch voll finsteren Trotzes hinter den Kulissen, um nicht als Hanswurst bei neuem Auftreten ausgepfiffen zu werden.

Da er aber glaubte, kein Recht zu haben, seiner Gemahlin eine Reise zu versagen, welche er selber unternahm, so zuckte er mit finsterem Blick die Achseln und entgegnete kurz: »Meine Reise ist noch nicht definitiv bestimmt, eine Depesche wird mir sagen, ob ich dieselbe unterlassen kann. Ist dies der Fall, wirst auch du auf einen Aufenthalt in Paris verzichten müssen.«

Mit blitzendem Auge trat Eglantina noch um einen Schritt näher, fiebrische Glut stieg in ihre Wangen, und die geballten, kleinen Hände bebten. »Nein, das werde ich nicht!« rief sie außer sich, »und du wirst mich aus diesem entsetzlichen Klima, dessen Schneeluft Gift für mich ist, entfernen, oder es erleben, daß ich den Zaren um Hilfe anrufe, mich vor der Eigenwilligkeit und Brutalität meines Gemahls zu schützen! Meine Gesundheit erfordert eine Reise nach dem Süden, und gewährst du sie nicht freiwillig, werde ich sie erzwingen!« Der Fürst war erbleicht. Ihre Drohung mit dem Zaren war lächerlich, aber Eglantinas Taktlosigkeit konnte es leicht zuwege bringen, die ganze Misere seiner Ehe nach Petersburg zu posaunen, um ein schallendes Triumphgelächter als Antwort zurückzuerhalten. In jähem Entschluß hob er das Haupt,

»Geh, ich halte dich nicht. Laß deine Koffer packen und reise in das Ausland, wohin du willst; wenn auch die Bande, mit welchen der Segen der Kirche unsere Hände zusammengeschmiedet, niemals gelöst werden können, so vermögen wir dennoch eigene Wege zu gehen, und je weiter dieselben auseinanderführen, desto besser, Daniel wird dich nicht vermissen, hoffen wir, daß er seine Mutter wiedererkennt, wenn sie zurückkehrt!«

Einen Augenblick starrte die Fürstin den Sprecher aufs höchste überrascht an, diese Schicksalswendung hatte sie weder gewollt noch erwartet. Nicht aus leichtsinnigen Motiven hatte sie eine Reise erzwingen wollen, sondern lediglich weil ihrer oberflächlichen und genußsüchtigen Natur die Grabeseinsamkeit von Miskow und die stets wachsende Nervosität und Unliebenswürdigkeit Sobolefskois unerträglich wurden. Daß sie nicht im mindesten mit ihm harmonierte, wußte sie, und daß der Fürst sie als Urheberin seines Unglücks, ohne Hofleben existieren zu müssen, ansah, hatte sie empfunden, daß aber seine Liebe zu ihr so vollständig erloschen war, daß er sich von ihr trennte, ohne den mindesten Kampf mit seinem Herzen, das hatte sie nicht geahnt. Aufs tiefste verletzt und gereizt wandte sie ihm den Rücken und schritt nach ihren Gemächern zurück, voll zorniger Hast Befehle zu ihrer Abreise zu geben.

Eine kurze Zeit empfand sie noch Groll und Bitterkeit gegen ihren Gatten, dann siegte schnell ihre lebenslustige Natur, welche sich keinen Vorwurf daraus machte, kraft ihres Namens und Geldes ein wenig von der Welt zu sehen. Hatte sie nicht lange genug an Gregors Seite in dieser Verbannung ausgehalten? Hatte sie ihm nicht treu und geduldig die schönsten Jahre ihres Lebens geopfert? Nun will sie auch einen Lohn dafür haben, denn man heiratet doch schließlich keinen alten Mann, um ihm in eine Einöde zu folgen!

Es steckt eine dämonische Gewalt in dem bunten Flitterstaat und Komödiantenglast! Seit Eglantina wieder gesungen und Schminke auf dem Antlitz gefühlt hatte, erfaßte sie eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Freude und Genuß, denn auch die Luft, welche das Hoflager der Thalia und Euterpe umweht, hat etwas Zwingendes und lockt mit tausend Gewalten ihre fahnenflüchtigen Jünger zurück! Noch einmal stand Eglantina an dem Bettchen ihres Knaben, dessen gelblich hageres Gesichtchen wie das eines alten Mannes aus den seidenen Kissen schaute. Groß und melancholisch starrten sie die dunklen Augen an, kein Händchen hob sich der Mutter verlangend zu, nur ein leiser Seufzer klang über die Lippen, als die Fürstin etwas hastig und erregt den Kleinen emporhob, ihn zu küssen. Jedes harte Anfassen verursachte dem schwächlichen Körperchen Schmerzen, und so schloß Daniel wie ein Märtyrer stumm die Augen und sah nicht, wie seine Mutter für immer hinter der Tür verschwand.

Für immer! In der ersten Zeit schickte sie kurze Nachrichten und fragte nach dem Ergehen ihres Kindes, dann blieb wochenlang jede Kunde von ihr aus, bis endlich ein langer Brief aus Verona eintraf, jubelnd und glückberauscht. Eglantina schrieb ihrem Gemahl, daß sie im Theater gesessen habe, in der »Lukretia«, als die Sängerin dieser Rolle plötzlich an Vergiftungssymptomen erkrankt sei; kurz entschlossen – die Sache habe ihr einen kolossalen Spaß bereitet! – sei sie aus ihrer Loge auf die Bühne getreten und habe in ihrem schwarzen Spitzenschleppkleid und einem schnell übergeworfenen italienischen Schleier die Partie zu Ende gesungen. Das Publikum sei wie von Sinnen gewesen in seinem Enthusiasmus, nur durch eine kleine Seitenpforte flüchtend, habe sie sich vor den stürmischen Ovationen retten können, und heute sei ganz Verona in Aufregung über die geheimnisvolle Diva. Leider sei ihr Name schon bekannt geworden, und der Theaterdirektor bestürme sie auf den Knien, noch einmal in der ganzen Rolle aufzutreten. Die Lukretia sei stets eine Lieblingspartie von ihr gewesen, und sie könne ihm gar nicht mit Worten das wonnevolle Entzücken beschreiben, mit welchem sie seit so langer Entbehrung den Applaus der Menge vernommen! »Ja, die Euterpe sitzt auf gewaltigem Thron!« schloß der Brief voll Exaltation, »und das Zepter, welches sie schwingt, ist mit Lorbeeren und Rosen umwunden! Wo sie Hof hält, klingen die Zauberweisen der Unsterblichkeit, und wer einmal diese Luft voll Sang und Klang geatmet, diese Hofluft des gemalten Purpurs und der Papierkronen, der ist zu ihrem Sklaven geworden und hängt ihr an, im Leben oder Tod!«

Der Fürst zitterte vor Empörung und jagte eine Depesche nach Verona, welche seiner pflichtvergessenen Gemahlin aufs strengste untersagte, jemals wieder die Bretter zu betreten. Keine Antwort. Nach Wochen endlich ein eingeschriebener Brief aus Rom. Als Sobolefskoi ihn öffnete, fiel ihm ein amtliches Schriftstück entgegen, der Totenschein der Fürstin Eglantina Sobolefskoi; aber um denselben war ein Blatt Papier geschlagen, welches folgende, von der eigenen Hand seiner Gemahlin geschriebene Zeilen enthielt:

»Lieber Gregor!

Man soll nicht gegen die Möglichkeit streiten wollen! Du hast mir befohlen, nie wieder als Sängerin aufzutreten, und ich habe gegen Deinen Befehl gehandelt. Ich habe mit meiner Gesellschafterin die Rollen getauscht, sie spielte die Fürstin, und ich stand in ihrem Dienst, und ich sang allabendlich und feierte Triumphe. Du hast mir einstmals gesagt, Du verzehrtest Dich in Sehnsucht nach der Luft des Zarenhofes; wohl, auch ich verschmachte, wenn ich künftighin ohne die Luft leben soll, welche die Purpurmäntel der Könige des Thespiskarrens umweht.

Und so werfe ich alles hin, was ich besitze, die Fürstenkrone, Geld, Gatten und Kind und flüchte mich zurück in das Paradies, welches ich um Deinetwillen verlassen habe! Und ist's mein Unglück und mein Tod, ich kann nicht anders! – Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Meine arme Gesellschafterin, die Pseudo-Fürstin Sobolefskoi, ist in Neapel an dem Typhus erkrankt und vor wenig Tagen daselbst gestorben. Man fertigte auf mein Verlangen den Totenschein aus, und zwar auf den Namen, den sie geführt, wie dies ja selbstverständlich war. Anbei schicke ich Dir das kleine Stückchen Papier, welches unser beider Freiheit einschließt. Du bist, ebenso wie ich, aller Bande ledig. Fürstin Sobolefskoi ist tot, und ihre Gesellschaftsdame? Die wird nie und nimmer wieder Deine Wege kreuzen. Lebe wohl für ewig, Gregor, bring meinem Knaben den letzten Kuß der Mutter und sei für alles Gute, was Du ihr je getan, gesegnet von

Wera Czakaroff.«

Einen Augenblick griff der Fürst wie schwindelnd nach der Lehne seines Sessels, er ließ das Blatt zur Erde gleiten, schlug die beiden Hände vor das Antlitz und hob sie alsdann inbrünstig gefaltet zum Himmel. Ein einziges Wort zitterte wie ein Jubelschrei von seinen Lippen – »frei!«

III.

Fürst Sobolefskoi las den Brief seiner Gemahlin immer und immer wieder. Ja, es war ein wunderbares Spiel, welches das Schicksal mit ihnen trieb, und ein fast traumhaftes Glück, welches ihm plötzlich seine Freiheit zurückschenkte! Er kämpfte eine kurze Zeit mit seiner Rechtlichkeit und seinem Herzen, ob er von der eigentümlichen Lage der Dinge Gebrauch machen dürfe, doch kam er schnell zu der Einsicht, daß er ein Narr wäre, die Schlinge, welche der Zufall barmherzig gelockert, voll übertriebenen Ehrgefühls wieder um seinen Hals festzuziehen.

War es nicht das beste für Eglantina sowohl wie für ihn selbst, wenn sich eine Grabestiefe trennend zwischen sie riß, eine Tiefe, welche ja nichts weiter verschlang als den Namen eines Weibes und den Titel einer Fürstin Sobolefskoi? Eglantina selber lebte ja und war glücklich, und auch er konnte nun vielleicht zurückgewinnen, was er ehemals mutwillig verscherzt. Dieses kleine Stückchen Papier, welches das Ableben der Fürstin Sobolefskoi dokumentierte, gab zwei Menschenleben ihrer ureigentlichen Bestimmung zurück und erlöste beide von dem schiefen Pfad, auf welchen sie die Verblendung getrieben!

Und was riskiert Fürst Gregor, wenn er einer amtlichen Bescheinigung Glauben schenkt? Nicht er, sondern Eglantina hat ein betrügerisches Spiel getrieben, für welches sie nur allein zur Rechenschaft gezogen werden kann, sollte sie jemals wieder unter den Lebenden auftauchen, denn das Begleitschreiben, welches den Kammerherrn zum Mitwisser des falschen Spiels macht, wird in Asche zusammenfallen, und kein Mensch kann jemals beweisen, daß es in seine Hände gelangte. Und wollten dennoch Skrupel und Besorgnisse warnend ihre Stimme erheben, so wurden sie von den Seufzern fiebrischer Sehnsucht übertönt, welche den ehemaligen Höfling unwiderstehlich nach Petersburg zurückzog. Gleich wildem Heimweh erfaßte ihn das Verlangen nach seiner früheren Stellung, und darum gab es kein Besinnen mehr, ob er in Fortunas dargereichte Hand einschlagen solle oder nicht.

Kurz entschlossen barg er die Zeilen Eglantinas in dem Geheimfach seines Schreibtisches, schellte dem Kammerdiener und befahl ihm, das gesamte Dienstpersonal in der Schloßkapelle zu versammeln.

Dort erhielten sie die Kunde von dem Ableben ihrer Gebieterin.

Von dem Frontturm auf Miskow wehte das umflorte Wappenbanner auf halbem Mast, aus den Fenstern hingen die schwarzen Trauerfahnen hernieder, und in düsteren Porphyrbecken brannten Tag und Nacht die gewaltigen Pechfeuer vor der Einfahrt. Das Bild der Fürstin war in der Kirche aufgestellt, umgeben von Palmen und Blütenpracht und beleuchtet von den hohen Wachskerzen, welche auf massiv goldnen Kandelabern zu beiden Seiten des Gemäldes postiert waren.

Nach acht Tagen aber wurden die Fahnen außer dem Halbmastbanner wieder entfernt, die Feuer verloschen, und das Bild Eglantinas ward an seinen alten Platz im Zimmer Sobolefskois zurückgetragen und durch eine schwarze, florüberwallte Wollportiere verhängt.

Die Zeitungen des In- und Auslandes brachten im breiten Trauerrahmen die Todesanzeige der so früh Verblichenen, und Privatanzeigen meldeten den ehemaligen Freunden Gregors die traurige Neuigkeit nach Petersburg.

Nur sehr vereinzelt kamen die formellen Kondolenzschreiben zurück, der Kammerherr aber drückte das Antlitz auf die schwarzgeränderten Bogen und atmete voll Exaltation den feinen Duft, welchen sie ausströmten. Ein Hauch von Hofluft! Direkt aus dem Schloß des Zaren zu ihm herübergeweht, echt und unverfälscht überkommen, zu ihm, dem Geächteten und Verbannten!

Ein Taumel der Wonne überkam den alten Herrn, welcher voll freudiger Hoffnung in neuen Zukunftsträumen schwelgte. Er wird abwarten, bis sich die durch Eglantinas Tod frisch geweckten Erinnerungen in Petersburg verwischt haben, bis der Sommer die Hofgesellschaft zerstreut hat und sie der Herbst mit neuen Interessen und Eindrücken wieder vereint, und dann wird er den großen Wurf wagen, wird sein Haupt in Reue und Demut vor dem Kaiser neigen und zurückkehren in die Welt, ohne welche er das Leben nicht mehr erträgt.

Der Zar hatte dermalen des Fürsten Verbindung mit der Madame de Loux gewünscht und ihm dieses Verlangen bei der letzten Audienz direkt ausgesprochen, und er, der Wahnwitzige, Verblendete, hatte der vorsorglichen Güte seines Gebieters ein schroffes Nein entgegengestellt, hatte voll unbegreiflichen Starrsinns

an seiner Bitte um Entlassung aus dem Hofdienst festgehalten.

Den Kammerherrn fröstelt's vor Entsetzen über sich selbst, wenn er an diese letzte Stunde denkt, aber er will alles sühnen, was er gefehlt, er will Madame de Loux' kleinen Fuß, mag er sich noch so tyrannisch auf seinen Nacken setzen, demütig und gehorsam wie ein Sklave küssen, alles, alles will er tun, was man von ihm verlangt, wenn man ihn nur wieder auf dem Parkett duldet und ihn die Luft atmen läßt, ohne welche er hier verschmachtet.

Damit tröstet er sich.

Der Sommer vergeht schnell, weil der Fürst ihn zu einer Reise nach Paris benutzt, und als er wiederkehrt, treten ihm Tränen der Rührung in die Augen, als Daniel ihn erkennt und mit seinem resignierten Lächeln die kleine Hand entgegenreicht. Der Knabe hat sich körperlich entwickelt, aber sein stilles, apathisches Wesen ist unverändert dasselbe geblieben. Sein Gouverneur und der Arzt sprechen dem Fürsten die Überzeugung aus, daß keinerlei Besorgnisse für die geistigen Fähigkeiten des Kindes zu hegen sind. Er hat nicht die Art, seine Empfindungen durch Worte oder Zeichen zu äußern, aber es wohnt ein so tiefes und mächtiges Gefühl in dem schwachen Körperchen, wie man kaum für möglich halten sollte. Das beweist er am besten vor seinen Bilderbüchern. Welch ein wonnevolles Aufatmen, welch ein rührendes Lächeln des Mitgefühls, wenn es dem Helden seiner Geschichte und selbst den niedrigsten Kreaturen des Tierreichs gut ergeht, und welch ein stummes, schmerzgefoltertes Zucken der kleinen Glieder, wenn ihm ein Bild irgendwelches oft noch so unbedeutende Leid vor Augen führt.

Fürst Sobolefskoi freut sich solcher Wahrnehmungen auf das herzlichste, aber die Gegensätze zwischen Vater und Sohn sind zu groß, und wenn auch der so nervös erregte alte Herr sich zwingt, Daniel in sein Zimmer kommen zu lassen und eine Stunde lang die entsetzliche Ruhe und Indifferenz des Kindes in einem für beide Teile qualvollen Verkehr zu ertragen, so entfremdet er sich trotzdem immer mehr von ihm.

Dazu kommt es, daß Sobolefskoi bereits mit allen Gedanken in Petersburg lebt und in krankhafter Erregung kaum noch die Zeit erwarten kann, welche für sein Bittgesuch am geeignetsten erscheint.

Endlich dämmert auch jener Morgen, an welchem die Zeitung die Rückkehr der kaiserlichen Familie in die Residenz meldet. Das Schreiben liegt bereits bis auf das Datum vollendet bereit; mit zitternden Händen füllt der Fürst die leere Stelle aus, drückt das Siegel auf und sagt einen reitenden Boten mit dem Brief nach der nächsten Poststation.

Dann unternimmt er mit erregten Schritten eine kurze Promenade, läuft planlos auf der Seeterrasse auf und nieder, bis ihm das monotone Geräusch der Brandung unerträglich wird, und kehrt in sein Zimmer zurück, die Zeitungen weiter zu lesen.

Er überblickt die gedruckten Spalten flüchtig und gedankenlos, legt ein Blatt nach dem andern aus der Hand und greift schließlich nach einem französischen Journal, sich durch Reminiszenzen an Paris zu zerstreuen. Anfänglich langweilt er sich auch hier, plötzlich aber stutzt er und neigt sich frappiert näher. Die kleine Chronik bringt unter verschiedenen Hofnachrichten auch ein sensationelles Gerücht, welches zur Zeit die höchsten Gesellschaftskreise der alten Zarenstadt Petersburg alarmiert. Man spricht von der in kürzester Zeit stattfindenden Vermählung der berühmt schönen Palastdame der Kaiserin, Madame de Loux, mit einem der russischen Großfürsten. Frau Fama will ferner wissen, daß der Zar dieser Verbindung viele Schwierigkeiten in den Weg stellt, daß er dieselbe schon seit Jahren gefürchtet und darum den Wunsch gehegt habe, die schöne Witwe durch eine schnelle Heirat unschädlich zu machen. Die Umstände, welche dermals dieses Projekt, zu höchstem Zorn Sr. Majestät, vereitelten, haben durch ihre romanhaften Details genug von sich reden gemacht, und bringt man mit denselben die Namen eines fürstlichen Kammerherrn und einer Hofopernsängerin in Verbindung.

Die Zeitung schwankte in den Händen des ehemaligen Höflings; farblos wie das weiße Foulard, mit welchem er über die schweißbedeckte Stirn strich, ward sein Antlitz.

Wenn sich dieses Gerücht bestätigte, war alles verloren. Hatte Sobolefskoi in so verhängnisvoller Weise die Pläne seines gnädigsten Herrn gekreuzt, so war keine Hoffnung, den Zaren jemals wieder zu versöhnen, jemals wieder zu Gnaden von ihm aufgenommen zu werden. Und fand auch die Vermählung nicht statt, so war der Fürst dennoch die Veranlassung jahrelangen Ärgernisses für den Kaiser gewesen, denn daß der Großfürst die schöne Witwe schon damals auszeichnete, war Tatsache.

Wer aber hatte zu seiner Zeit geglaubt, daß aus solch einer Courmacherei Ernst werden könne, daß der Prinz aus anderen Motiven, als aus dem »
pour passer le temps«, die Koketterien der Baronin mit Galanterie beantwortete?

Der Zar hatte schon damals besser Bescheid gewußt und darum die Starrköpfigkeit seines Kammerherrn so sehr ungnädig aufgenommen, er wußte, daß dem fürstlichen Krösus Sobolefskoi keine Dame der Hofgesellschaft ein Körbchen auf einen Heiratsantrag geschickt hätte! Und damals glaubte Madame de Loux selber noch nicht an ernste Absichten des Prinzen und hätte ihrerseits einer Verbindung mit dem Kammerherrn gewiß keine Hindernisse in den Weg gelegt. Späterhin war das wohl anders geworden, und die intrigante Frau hatte sicherlich Mittel und Wege gefunden, jeden Plan ihres kaiserlichen Herrn geschickt zu vereiteln. Wie oft mochte sich dessen Zorn noch gegen den undankbaren und verblendeten Höfling gerichtet haben!

Sobolefskoi fühlte es eiskalt durch alle Glieder rieseln, und dann wieder stieg die heiße Glut jäher Herzensangst in ihm empor und trieb ihm feuchte Tropfen auf die Stirn.

In maßloser Aufregung verbrachte er den Tag und die folgende Nacht, ruhelos umherirrend, verfolgt von dem Schreckgespenst des Gedankens: »Der Zar ist unversöhnlich!«

Der nächste Tag verging unter Folterqualen der Ungewißheit und Besorgnis, und wenn auch der darauffolgende Morgen eine höchst überraschende, sensationelle Nachricht brachte, so diente dieselbe durchaus nicht dazu, die Befürchtungen des alten Herrn zu vermindern. Die kleine Chronik teilte ihren Lesern die fast unglaubliche, aber doch wahrhafte Tatsache mit, daß am gestrigen Tag in aller Stille und vor nur wenigen Zeugen die Trauung der Madame de Loux und des Flügeladjutanten

Sr. Majestät des Zaren, Grafen Karnitcheff in »Peter und Paul« vollzogen sei.

Sobolefskoi wußte, daß weder Madame de Loux noch Karnitcheff Vermögen besaßen, es hatte also den Kaiser sicherlich einen tiefen Eingriff in die Privatschatulle gekostet, diese Vermählung zu ermöglichen. Der Zar aber war allen großen Ausgaben, die hätten vermieden werden können, bitter feind, und darum mochte er nun wohl voll doppelten Grolls an die Renitenz seines ehemaligen Kammerherrn denken, welche ihn ein solch hohes Kapital kostete.

Als schwacher Trost blieb dem Fürsten der Gedanke, daß Zeitungen viele unverantwortliche Dinge melden, daß an dem ganzen Gerücht vielleicht keine Silbe wahr ist und Madame de Loux und Karnitcheff sich aus innigster Liebe, auf ein gutes Avancement des jungen Offiziers hin, geheiratet haben!

Dennoch wußte er, der eingefleischte Höfling, auch wieder allzugut, daß sich manch wunderlicher Roman hinter den Kulissen der Fürstensäle abspielt, und daß mancher Herrscher schon ein edelmütiges Opfer gebracht, seines Hauses (Stammbaum von wilden Schößlingen frei zu halten!

Tag um Tag verging, ohne Nachricht von Petersburg zu bringen.

Sobolefskoi verzehrte sich in fieberischer Aufregung, und je wahrscheinlicher der Gedanke »fortdauernder Allerhöchster Ungnade« wurde, desto krankhafter steigerte sich die Sehnsucht nach jener Welt, aus welcher er sich selber ausgestoßen hatte.

Wohl sagte er sich, daß ein jeder andere europäische Hof ihn zu Gnaden aufnehmen würde, daß er kraft seines Namens, Vermögens und seiner Freiheit imstande sei, daselbst noch eine bedeutende Rolle zu spielen, aber sein Herz und seine Seele hingen mit echter russischer Beharrlichkeit und Treue an seiner Heimat Petersburg, und je unbarmherziger dieselbe die Tore vor ihm schloß, desto gewaltsamer vernarrte der Fürst sich in die Idee, nur noch am Hofe der geliebten Zarenstadt existieren zu können.

Als nach Verlauf von vierzehn Tagen noch immer keine Antwort aus dem Kabinett des Kaisers eingetroffen war, stieg die Aufregung des Kammerherrn zu einem Grade, welcher den Arzt das Schlimmste befürchten ließ. Die Nerven waren zerrüttet, die physischen Kräfte durch Schlaflosigkeit und unregelmäßige, oft völlig ignorierte Mahlzeiten untergraben, einem Schatten gleich, bleich und verstört, wandelte er ruhelos durch die Säle Miskows. Wie ein Spuk huschte in der Nacht das Licht von einem Gemach zum andern, und das Dienstpersonal wich dem Gebieter scheu aus und flüsterte sich heimlich zu: »Es ist nicht mehr richtig in seinem Kopf! Mit dem Tode der Fürstin hat's angefangen.«

Als Sobolefskoi die Ungewißheit nicht mehr ertragen konnte, schrieb er an seinen ehemals so vertrauten Freund, den Oberhofmarschall, und beschwor ihn, ihm beim Heil seiner Seele klaren und bündigen Bescheid, wie seine Chancen bei dem Zaren stünden, zu schicken, Dann wandte er sich wie ein Mondsüchtiger in das Zimmer seines Sekretärs und befahl ihm, in die Stadt zu fahren, um einen Notar zu holen, er beabsichtigte, sein Testament zu schreiben.

Der Wagen sauste den Schloßberg hinab, und der Fürst begab sich in sein Zimmer zurück, seinen Schreibtisch für jedwedes Auge einzurichten.

Er sortierte die verschiedenen Briefe, vernichtete, was überflüssig war, und schrieb hie und da kurze Bestimmungen oder Bemerkungen an den Rand. Oft hielt er die Hand vor die Stirn und starrte wie geistesabwesend vor sich nieder.

Die Brautbriefe Eglantinas noch einmal durchzusehen, behielt er sich bis zuletzt vor. Er legte jegliches Papier, welches von ihrer Hand beschrieben war, auf ein kleines Tischchen beiseite,

und als er endlich danach griff und die Zeilen zerstreut noch einmal mit dem Blick überflogen hatte, warf er jeden einzelnen Brief in die Flammen des Kaminfeuers. Zwei Schriftstücke waren schließlich noch übriggeblieben, das Billett, in welchem Eglantina ihr Jawort gab, und dasjenige, welches sie ihrem Totenschein beigefügt hatte.

Sobolefskoi hielt das duftende Blatt, welches ihn vor fünf Jahren zum Glücklichsten der Sterblichen gemacht und welches ihm dennoch zum Fluch geworden war, einen Moment leicht zusammenzuckend in der Hand. Dann wandte er sich von dem Kamin ab, warf das Billett auf den Tisch zurück und stützte das gedankenschwere Haupt sinnend in die Hand. Nein, dieses Schreiben sollte nicht in den Flammen untergehen, diese liebesheißen, berauschenden Worte voll Innigkeit und Treue sollten einst seinem Sohne Daniel beweisen, daß er um eines solch verheißungsvollen Glückes willen wohl die Narrheit begehen konnte, dem Hof des Zaren den Rücken zu wenden. Dieser Brief Eglantinas mußte des Fürsten rücksichtslose Kühnheit, »die Hand der Madame de Loux auszuschlagen«, rechtfertigen. Vielleicht konnte ihn Daniel noch einmal gebrauchen. Dieses Jawort sollte aufgehoben werden, aber der letzte verhängnisvolle Brief seiner Gemahlin, welcher den Tod der Fürstin Sobolefskoi zur Lüge machte, der mußte in Rauch und Asche aufgehen, der mußte für ewige Zeiten unschädlich gemacht werden.

In wirrer Hast griff der alte Herr nach den beiden Briefen, welche nebeneinander auf der schwarzen Ebenholzplatte lagen, und sah flüchtig darauf nieder.

Dieses waren die Liebesschwüle und jenes die kompromittierenden Eröffnungen – Sobolefskoi warf das eine der Schreiben in das durch feuerfeste Metalle doublierte Geheimfach seines Schreibtisches und schob dasselbe zerstreut in seine Fugen zurück. Kein Auge vermochte seine Existenz zu entdecken.

Dann wandte er sich mechanisch nach dem prasselnden Feuer zurück, zerriß das weiße Blatt, welches er noch in Händen hielt, in zwei Hälften, und ließ es in die Glut herniederwehen. Rote

Flammen zuckten auf, und schneller, als es der Blick beobachten konnte, verschwanden die verkohlten Papierflocken zwischen den Eichklötzen der Feuerung.

Fürst Sobolefskoi stand mit verschränkten Armen und starrte finster in die tanzenden Funken, ahnungslos, daß dieselben nicht die letzten Zeilen Eglantinas, sondern ihr liebeheißes Gelöbnis der Treue unter der Asche begruben.

Die Eröffnungen Vera Czakaroffs lagen wohlgeborgen in dem Geheimfach, und über die Türme von Miskow strichen die Raben mit heiserem Unglücksgeschrei. Nach Verlauf einer Woche sprengte der Postkurier in den Schloßhof und überbrachte dem Fürsten die Briefschaften.

Eine unnatürliche, starre Ruhe lag über dem fahlen Antlitz Sobolefskois. Parfümiert und zierlich gekräuselt, wie seit Wochen nicht mehr, lag das graue Haar an den eingesunkenen Schläfen, und der Schnurrbart war schwarz gefärbt, wie in den glücklichen Zeiten am Hofe des Zaren.

Gregor nahm fester Hand ein großkuvertiertes Schreiben entgegen, sah auf die Schrift der Adresse und legte es tief aufatmend auf die Tischplatte nieder. Dann schritt er ernst und feierlich in sein Ankleidegemach, ließ sich die goldstrotzende Galauniform der Kaiserlichen Kammerherren mit allen Orden und Ehrenzeichen anlegen und betrat hierauf das Zimmer seines Söhnchens. Daniel schloß zwinkernd die Augen, als tue ihnen die funkelnde Pracht des Hofkleides weh, der Fürst aber hob ihn auf die Arme, küßte langsam Mund, Wangen und Stirn des Knaben, machte unmerklich das Zeichen des Kreuzes über ihm und legte sekundenlang die Hand auf sein Köpfchen.

Und stumm schritt er wieder durch die Tür in sein Arbeitszimmer zurück.

Gelassen nahm er den Brief, erbrach und las ihn. Seine Hand zitterte nicht, und sein Antlitz war leblos wie Stein,

Dann trat er zum Kamin und vernichtete auch dieses Schreiben.

Auf dem Büchertisch stand ein Kasten mit zwei prachtvollen, mit zwei Edelsteinen besetzten Pistolen, einem Ehrengeschenk des Zaren. Sobolefskoi nahm die eine derselben und spannte ihren Hahn. Wundersam, es war derselbe knackende Laut, wie damals in Gatschina, als die Tür hinter dem Fürsten ins Schloß fiel.

Noch einmal trat er vor das Bild seiner Gemahlin, schlug den schwarzen Vorhang zurück und sah mit gläsernem Blick in die dunklen Augen empor, dann zog er das seine Spitzentuch, welches seit seinem letzten Dienst in Gatschina unverändert in der Brusttasche verblieben war, hervor und preßte das Antlitz tief atmend in seine duftigen Falten,

Hofluft! zum letztenmal streifte sie mit ihrem Hauch grüßend seine Stirn. Dann erzitterten die feinen Florstreifen vor Eglantinas Bild unter dem Einfluß einer schnellen Bewegung des ehemaligen Kammerherrn Seiner Majestät des Kaisers von Rußland, ein dumpfer Knall … ein Aufschlagen und ein kurzes Röcheln, und dann eine tiefe, tiefe Stille.

IV.

Der Schuß im Zimmer des Fürsten hatte die Mittagsruhe von Miskow weithin durchhallt und eine außerordentliche Wirkung hervorgerufen. Von allen Ecken und Enden stürzte die Dienerschaft in wildem Schreck herzu, ein gellendes Angst- und Jammergeschrei, ein Flüchten und Zuhilfespringen, und zwischendurch klangen die Befehle des Arztes, welcher neben dem Sterbenden kniete und das blutüberströmte, entsetzlich entstellte Haupt auf ein Kissen bettete.

In der großen, planlosen Verwirrung hatte niemand auf den kleinen Daniel geachtet, welcher seinem davoneilenden Gouverneur durch die offenstehenden Türen gefolgt war.

In die düsteren Wollfalten des Vorhanges gedrückt, welcher vor seiner Mutter Bild herniederfiel, stand die schwächliche Kindergestalt und klammerte sich an das schwarze Tuch. Voll stieren Entsetzens richteten sich die weitaufgerissenen Augen auf das grauenvolle Bild, welches sich ihnen bot, die Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen und durch alle Fasern und Nerven kroch ein eisiges Grauen und legte sich wie Zentnerlast auf die kleine Brust.

Einen furchtbaren, unauslöschlichen Eindruck machte der Eindruck des schwerverwundeten Vaters auf Daniel, und gleichsam als habe sich die klaffende Wunde in sein eigen Haupt gerissen, litt des Kindes Seele selber jenes Todesweh, welches den erbleichenden Lippen des Sterbenden die letzten Seufzer auspreßte.

Endlich bemerkte eine der helfenden Frauen den verwaisten Knaben. Sie sprang herzu, hob ihn erschrocken auf die Arme und eilte mit ihm aus dem Zimmer. Wie gebrochen sank das häßliche, unförmige Köpfchen auf ihre Schulter, kein Laut der Angst oder des Schreckens klang aus Daniels Mund, aber aus seinen Augen brachen Tränen, bittere, heiße Tränen, die ersten, welche er je geweint, wenn nicht ein eigener, körperlicher Schmerz ihm feuchte Perlen an die Wimpern getrieben.

Ja, er war ein eigenartiges Kind, »mein kleiner Schmerzensreich« hatte ihn seine Mutter oft genannt, wenn seine wehmutsvolle Geduld sie mit Rührung erfüllte.

Unter dem Bild seiner verewigten Gemahlin hatte man den Fürsten, der in einem Anfall von Geistesstörung Hand an sich gelegt, gefunden, und vor dem verhüllten Gemälde war er auch wenige Minuten nach seiner Verwundung verstorben.

Auf dem Schreibtisch lag ein offener Brief, welcher die einzige Anverwandte Sobolefskois, die Stiftsdame Gräfin Kathinka Arlowsk, zur Regelung seiner Angelegenheiten und Erziehung seines Sohnes nach Miskow berief; ferner ein versiegeltes Schreiben an des Zaren höchsteigene Person, sowie ein Verzeichnis der ausländischen Banken, welchen er zwei Tage zuvor bare Summen aus seiner Schatulle übersandt.

Die Leiche des Kammerherrn ward an derselben Stelle, wie ehemals das Bild seiner Gemahlin, in der Schloßkapelle aufgebahrt, und als der Reisewagen der Gräfin Arlowsk nach zehn Tagen durch das hohe Portal fuhr, lohten ihr die Pechbrände auf den Steinsäulen entgegen, rauschten über ihr die schwarzen Trauerflaggen im Herbstwind.

Gregor Sobolefskoi war in dem Erbbegräbnis beigesetzt. Sein Testament, in welchem sich der Totenschein der Fürstin vorfand, der auf Wunsch des Kammerherrn gerichtlich verwahrt werden sollte, wurde verlesen, die ausgeschriebenen Legate und Erbschaften gezahlt, die Vormundschaft ernannt und alle weiteren Wünsche und Befehle des Verstorbenen erfüllt.

Gräfin Arlowsk siedelte nach Miskow über, und alles nahm seinen gewohnten, unter den Augen der Stiftsdame streng geregelten Gang.

Mit energischen Händen und einem männlich klaren Verstand verwaltete sie das Eigentum ihres verwaisten Neffen, regierte den wie eine kleine Kolonie bevölkerten Schloßbesitz mit all jener imponierenden Übersicht, welche Sobolefskoi und Eglantina gemangelt hatten, und rodete voll rücksichtsloser Energie alles Unkraut, welches sich während der letzten, herrenlos wirren Zeit unter den Weizen geschlichen hatte.

Gräfin Arlowsk war eine hohe, markige Frauengestalt, welcher die langwallenden Trauergewänder ein geradezu majestätisches Ansehen verliehen. Ihre Haltung hatte etwas Selbstbewußtes und Unnahbares, ihr Wesen flößte viel Respekt, aber keinerlei Zuneigung ein. Kalt und durchdringend scharf blickten die blaßblauen Augen, und die Lippen legten sich so farblos schmal auf die Zähne, daß es aussah, als würden sie stets voll herben Unwillens geschlossen. Unter dem Kreppschleier schmiegten sich glatte Haarscheitel, von Silberfäden durchzogen, an die Schläfen, und auf der Brust glänze die schwere Goldkette, welche das Stiftskreuz, ein aus Gold und Eisen gearbeitetes Kruzifix, trug.

Die Gräfin hatte den kleinen Daniel sofort nach ihrem Eintreffen in Miskow zu sehen gewünscht. Man antwortete ihr, daß der Knabe, welcher seit den letzten Tagen wiederholt Anfälle seines asthmatischen Leidens gehabt, schlafe. Sie nahm den hohen Silberleuchter, welcher auf ihrem Toilettentisch stehend brannte, und befahl der Kammerfrau, ihr den Weg zu dem Zimmer des Kindes zu zeigen. Vor seinem Bettchen stand sie, schlug die seidenen Gardinen zurück und beleuchtete den kleinen Schläfer. Eine kurze, scharfe Musterung, bei welcher ihre Züge so hart aussahen, als seien sie aus Stein gemeißelt.

»Wem gleicht er? Vater oder Mutter?«

Die Bonne knixte. »Das ist schwer zu sagen, gräfliche Gnaden; eigentlich ähnelt er beiden Eltern nicht. Durchlaucht die Fürstin war sehr schon und ihr Gemahl schien es in der Jugend ebenfalls gewesen zu sein. Der kleine Fürst ist wohl durch seine Kränklichkeit noch zu unentwickelt, um irgendwelche Spur von dem Erbteil dieser Schönheit aufweisen zu können, doch gibt es eine alte Regel, welche verheißt: »Was als Raupe geboren wird, steigt als glänzender Schmetterling dereinst zum Himmel!« und das Fräulein lächelte dabei so höflich wie möglich und knixte abermals.

In demselben Moment schlug Daniel, von dem Lichtschein und den Stimmen geweckt, die Augen auf und richtete sie mit ihrem traurigen, tränenfeuchten Glanz aus das fremde Gesicht, welches sich über ihn neigte, »Daniel, deine liebe Gräfin Tante sieht vor dir, begrüße sie und gib ihr eine Hand!«

Gehorsam hob sich die kleine Rechte ans dem Kissen und bot sich dar.

Die Stiftsdame schien ein ängstliches Geschrei erwartet zu haben, sie nahm das Kind überrascht auf den Arm und küßte mit kühlen Lippen seine Stirn.

»Wenn du stets artig bist, so werde ich dich lieb haben, Daniel!« sagte sie in ihrer kurzen Weise, »jetzt schlafe wieder ein,« und sie bettete ihn zurück, wandte sich ab und ging.

»Er hat schöne Augen,« murmelte sie, »Sobolefskoische Augen.«

Am darauffolgenden ersten Tag hatte Gräfin Arlowsk die Flucht der Gemächer durchschritten. Vor dem verhüllten Bild Eglantinas blieb sie stehen und schlug den Vorhang zurück. Ein haßerfüllter Blick überflog die reizende Frauengestalt, welche in weißem Atlaskleid, umwallt von blonden Locken, mit ihrem schwärmerischen Lächeln aus dem goldenen Rahmen auf sie niedersah, »Komödiantenblut! – Armer Daniel!« stieß sie durch die Zähne hervor, und ihre Hand schleuderte die dunklen Wollfalten verächtlich zurück und ihr Blick, welcher sich nach dem gegenüberhängenden Porträt Gregors wandte, enthielt die vorwurfsvolle Frage: »Wie war's möglich?«

Dann schloß sie das Zimmer ab und verwahrte sorgsam den Schlüssel.

Die Zeit zog langsam und einförmig dahin. Gräfin Arlowsk hatte nach und nach fast die sämtliche Dienerschaft und Beamten von Miskow gewechselt, da war niemand mehr, welcher den Kammerherrn oder dessen unebenbürtige Gemahlin gekannt hatte.

Daniel war sieben Jahre alt geworden. Sein Geist hatte sich, dem Aller entsprechend, entwickelt, aber sein Körper war weit zurückgeblieben und bedurfte nach wie vor der sorgfältigsten Pflege. Die Erziehung war eine musterhafte, und Daniel hing in respektvoller Liebe an der strengen Patronin, welche ihrerseits durchaus nichts dazu tat, diese Liebe zu gewinnen. Ihr Verhältnis zu dem Knaben war nichts weniger als ein mütterliches. Kalt und formell wie eine Gebieterin stand sie ihm gegenüber, nur strafend, nie belohnend; kein zärtliches Wort, kein inniges Herzen und Kosen, kaum daß sie die Fingerspitze zu einem Handkuß reichte. Gräfin Arlowsk hatte keine Vorliebe für Kinder, alle Weichheit und Milde war ihrem Wesen fremd, und außerdem blieb Daniel in ihren Augen stets der Sohn einer Sängerin, welche als bezahlte Kreatur selbst die Hefe eines Theaterpublikums von den Brettern herab amüsieren mußte! Sie erzog den Knaben, wie es sich für den Erben des Sobolefskoischen Namens gebührte, sie führte ihn durch die Ahnengalerie und zeigte ihm den imposanten, ruhm- und ehrenreichen Stammbaum, sie erzählte auch von seinem Vater, dem Kammerherrn und Günstling des Zaren, dessen Brust mit Orden bedeckt war, den man kannte und verehrte, wo nur ein Fürst in Europa seinen Hof hielt.

Von seiner Gemahlin aber verlautete nie ein Wort, und wenn Daniel nach der Mutter fragte, so erhielt er die schroffe Antwort: »Die ist tot; wenn dich die Menschen dereinst fragen, wer deine Mutter gewesen, so entgegne ihnen: Gräfin Kathinka Arlowsk. Denn ich habe dich erzogen, rechtlich und sorglich, als hätte ich dich geboren.«

Daniels liebebedürftiges, weiches Herzchen aber sehnte sich nach einer Mutter, welche nicht nur seine Lektionen überwacht und von der Ehrwürdigkeit der langen Ahnenreihe spricht, sondern welche ihn in die Arme schließt, küßt und herzt, wie unten die Frau des Haushofmeisters ihren kleinen Iwan liebkost!

Der verwaiste Knabe sah es so oft mit an, wie die Kinder der verheirateten Dienstboten von den Eltern oder Geschwistern verhätschelt wurden, und sein Herzchen blutete vor Jammer und Sehnsucht nach seiner Mutter, die kalt und still in der Erde ruht, anstatt ihr armes, verlassenes Kind in die Arme zu schließen und seine Tränen zu trocknen.

Eine wehe, unbezwingliche Sehnsucht nach seiner Mutter überkam ihn, und je mehr die Gräfin seinen Fragen auswich und ihr Andenken verwischen wollte, desto idealere Bilder schuf sich die Phantasie des Kindes, und desto leidenschaftlicher klammerte es sich an dieselben an. Gewiß, seine Mutter sah ebenso schön und lieblich aus, wie der Marmorengel in der Kapelle, welcher die Arme so freundlich nach ihm ausbreitete, wenn Daniel an dem Sarkophag des Vaters beten mußte. Er fragte alle Leute im Schloss, ob er wohl recht habe? Aber niemand kannte seine Mutter und wußte von ihr. Da kam abermals der Jahrestag von des Fürsten Tod; ein Tag, welcher dem Knaben als der schrecklichste im ganzen Jahr erschien. Schloß doch die Gräfin an demselben das düstere, unheimliche Zimmer auf, in welchem der Vater ehemals mit blutendem Haupt gelegen. Ein nervöses Zittern ging bei diesem Rückerinnern durch alle Glieder Daniels, wenn er der Totenmesse beiwohnen mußte, welche alljährlich hier vor dem schwarzen Altar, welcher in des Zimmers Mitte errichtet war, gelesen wurde.

Und auch heute hatte er sein erbleichtes Gesichtchen tief auf die Brust sinken lassen und die Augen krampfhaft geschlossen, als er zu der Feier geführt wurde. Sein neuer Hauslehrer stand neben der deutschen Gouvernante.

»Ist jener Herr auf dem Bild drüben der verstorbene Fürst?« fragte er flüsternd.

»Ja, und ihm gegenüber, hinter dem Vorhang hängt das Porträt seiner Gemahlin.«

»Ah – lassen Sie sehen,«

»Pst! um Gottes willen, bleiben Sie! die Gräfin!«

Paul Fedrowitsch schnellte an seinen Platz zurück, die Stiftsdame trat ein, und die Feier begann. Daniel aber hatte es bei den Worten des Fräuleins durchzuckt, wie ein elektrischer Schlag, er stand regungslos und starrte mit weitaufgerissenen Augen auf die wallenden Trauerflore, hinter welchen sich das Antlitz seiner Mutter barg!

Im Traum hatte er es wohl oft gesehen! Dann kam eine lichte Frauengestalt, mit dem Antlitz des Schutzengels, neigte sich über ihn und küßte ihn, und wenn er aufwachte, dann dachte er seufzend: »Ach, daß ich mein Mütterchen doch immer sehen könnte, nicht allein im Schlaf!« Und nun hing ihr Bildnis dicht neben ihn:, er brauchte nur die Hand zu heben, um sie endlich, endlich zu schauen!

Das letzte »Amen« war verklungen, und nach der strengen Weisung der Gräfin entfernte sich die Dienerschaft in lautloser Hast.

Die alte Dame wartete, bis die letzte Gestalt hinter der Tür verschwunden, dann faßte sie Daniels Hand und wollte ebenfalls die Schwelle überschreiten.

Da umschlossen sie die mageren Ärmchen des Knaben voll leidenschaftlicher Erregung,

»Noch nicht, gnädige Tante!« flehte er mit zitternder Stimme: »Laß mich erst das Bildnis meiner Mutter sehen!«

Wie angewurzelt stand die hohe Frauengestalt. Ein zorniges Aufflammen ging durch ihr Auge, und die Brauen zogen sich so finster zusammen, daß Daniel erschrocken die Hände sinken ließ.

»Narrheit! wer hat dir von dem Bild gesprochen?«

»Fräulein Margarete!« stotterte der Kleine und fügte entschuldigend hinzu: »Aber sie hat es nur ganz, ganz leise gesagt! Ach, und ich möchte die Mutter so gern sehen, nur ein einziges Mal ziehe den Vorhang beiseite, gnädige Tante!« Die Stiftsdame faßte in ihrer schroffen Weise die Schultern ihres Neffen und schob ihn zur Tür hinaus.

»Nein! jene Frau auf dem Bild ist tot und vergessen, man soll keinen Grabesfrieden stören. Ich bin deine Mutter, du hast keine andere, denn mich!«

Tränen traten in des Kindes Auge, wie ein Aufschrei ging es durch seine Seele. »Du hast mich ja nicht lieb, du kannst nicht meine Mutter sein!« Die Gräfin aber drehte den Schlüssel kreischend im Schloß, zog ihn ab und schritt nach ihren Gemächern zurück.

Da tat Daniel etwas, was er sonst nie im Leben getan haben würde! Er blieb nicht, wie die Stiftsdame befahl, in dem ersten Salon zurück, sondern schlich ihr auf den dicken Teppichen bis zu ihrem Schlafzimmer nach und sah, wo der Schlüssel wohl bleiben werde.

In eine kleine Ebenholztruhe, welche auf dem Bronzesims über dem Kopfende des Bettes stand, legte sie ihn nieder.

Am anderen Tage ward die deutsche Gouvernante ganz plötzlich aus ihrem Dienst entlassen, und Gräfin Arlowsk sagte dem Haushofmeister, daß in Zukunft die Gedächtnisfeier nicht mehr in dem Sterbezimmer, sondern in der Kapelle stattfinden werde.

Der Herbstwind pfiff abermals sein wildes Lied um die Schloßtürme von Miskow. Die Ostsee trieb ihre schaumgekrönten Wogen donnernd gegen den Strand, und schwere Hagelschauer prasselten an die Fensterscheiben, es war eine unheimliche Nacht, welche bereits seit der fünften Stunde ihren schwarzen Mantel über die Erde geworfen hatte.

Hinter den Scheiben der Fenster huschten eilig die Lichter, leise Schritte hasteten treppauf und treppab, und wenn die Diener oder Mägde in kleinen Trupps standen, so steckten sie mit wichtigem Flüstern die Köpfe zusammen.

Gräfin Arlowsk war unter beängstigendsten Symptomen ganz plötzlich erkrankt. Der Arzt zuckte die Achseln und wich nicht von dem Lager der Leidenden, welche mit dunkelgerötetem und fieberheißem Haupt die verworrensten Dinge phantasierte.

Gegen Abend trat etwas Ruhe ein, die Atemzüge wurden gleichmäßiger und die wirr um sich blickenden Augen schlossen sich. Da zog man behutsam die Bettgardinen zusammen, dämpfte das Licht und begab sich in das Nebengemach. Durch das ganze Schloß ging es wie ein Aufatmen, als man die Gebieterin mit dem alles überwachenden Blick an ihr Zimmer gefesselt wußte. Ein jeder schlug schnell seine eigenen Wege ein und profitierte von der Freiheit, welche ihm so unfreiwillig gewährt wurde.

Auch Daniel war weniger streng beaufsichtigt wie sonst. Mademoiselle und Paul Fedrowitsch machten eine romantische Promenade durch den nächtlichen Sturm, um ein »unsterblich Wort« über die tosenden Seen der Brandung zu jauchzen, Miß Jane saß über einem Roman und blickte weder rechts noch links, und der deutsche Kandidat, welcher die entlassene deutsche Erzieherin ersetzte, hatte sich in sein Turmstübchen zurückgezogen, nur mit sehnsuchtskrankem Herzen alle deutschen Nationallieder zu singen und zu spielen, Weisen, welche von Gräfin Arlowsk nicht sonderlich geliebt wurden und darum nicht laut werden durften.

Miß Jane wollte Daniels Arbeiten überwachen, aber sie sah und hörte nicht, was um sie her vorging, und wozu auch? Der Kleine war ja ein so unheimlich artiges Kind, daß er gleich wie ein Puthuhn mäuschenstill auf einem Fleck sitzen blieb, wenn man einen Kreidestrich um ihn herzog. So hörte sie auch nicht, wie der kleine Fürst vom Stuhl glitt, mit behutsamen Schritten die Tür erreichte und hinter derselben verschwand.

Der Korridor war hell erleuchtet, aber still und einsam, und die Tür zu der Gräfin Salon stand angelweit offen. Daniel schlich vorsichtig über die Teppiche bis in das nächste Gemach, und weiter, immer weiter bis an die Portiere, welche die Schlafstube von dem Wohnzimmer trennte. Auch hier keine Menschenseele, Aha! der alte Handelsjude ist mit seinem bunten Kram in den Schloßhof eingekehrt, und in sinnlosem Eifer ist jedermann hinabgestürmt, zu kaufen und zu handeln. Daniel atmete tief, fast keuchend auf. Seine Augen haben einen ungewohnten, leidenschaftlichen Glanz, und sein gebrechliches Figürchen richtet sich entschlossen auf. Leise nähert er sich dem dunkelvioletten Samtvorhang und lugt in das Krankenzimmer, dann tritt er auf den Fußspitzen ein und schleicht an das Himmelbett heran. Die Atlasvorhänge knirschen unmerklich in den Falten, die Schläferin regt sich nicht. Behend wie ein Gnömchen und dennoch mit zitternden Gliedern besteigt der kleine Fürst den Stuhl, auf welchem Arzneigläser und ein Kübel mit Eis stehen, tastet nach der schwarzen Truhe auf dem Sims und schlägt ihren Deckel zurück. Ein Zucken geht durch seine Hand, da dieselbe den Schlüssel, welchen er sucht, berührt. Er faßt ihn, huscht vom Stuhl zurück und verschwindet lautlos wie ein Schatten hinter der Portiere. Im Vorzimmer steht ein brennendes Licht auf der Marmorkonsole vor dem Spiegel. Daniel erfaßt es und entflieht voll fiebernder Hast mit seiner Beute.

Niemand begegnet ihm, er erreicht über eine dunkle Treppe den Flur, welcher nach dem Sterbezimmer des Fürsten führt. Sonst ist er stets ein scheues, ängstliches Kind gewesen, heute kennt er keine Furcht. Mit brennenden Wangen steht er vor der geschnitzten Eichentür, setzt das Licht auf die Dielen und steckt den Schlüssel in das Schloß. Er muß sich Schweißperlen auf die Stirn arbeiten, ehe derselbe sich knarrend herumdreht, seine schwachen Kräfte aber scheinen sich in der Aufregung verdoppelt zu haben, und mit zitternder Hast greift er nach dem Leuchter und legt die Hand auf die Klinke.

Die Sehnsucht nach seiner Mutter und der Wunsch, sie zu sehen, welcher ihn voll unaussprechlichen Wehes Tag und Nacht verfolgt hat, soll sich endlich erfüllen.

Er öffnet die Tür und tritt ein.

V.

Die Erinnerung an die Schreckensszene, welche sich ehemals in diesem Raum abgespielt hatte, schien dem kleinen Fürsten in diesem Augenblick vollständig entschwunden. Er strebte mit starrem Blick dem verhüllten Bild der Mutter entgegen und hatte für nichts anderes Sinn und Interesse, als die dunklen Schleier zu heben, um endlich das Antlitz derjenigen zu schauen, an welcher sein einsames kleines Herz voll schwärmerischer Sehnsucht hing.

Draußen heulte der Sturm wilder denn je, riß an den Fensterläden und peitschte die Eiskörner prasselnd gegen Mauer und Scheiben. In dem Kamin fauchte und schrillte es wie unheimlicher

Geisterspuk, und hinter dem Holzgetäfel der Wand trieben ein paar Mäuse raschelnd ihr Spiel.

Daniel sah und hörte nicht, was um ihn her geschah, er faßte die schwere Wollportiere und zog sie beiseite. Ein Stück Goldleiste des Rahmens, etwas schwarzer Hintergrund und die Falten eines weißen Gewandes wurden sichtbar, aber so sehr das Kind sich auch bemühte, das Gemälde vollständig zu enthüllen, es gelang nicht. Kurz entschlossen wandte er sich um und faßte einen der geschnitzten Sessel, ihn heranzuschieben: vergeblich, die schwachen Ärmchen waren nicht imstande, das wuchtige Möbel von der Stelle zu rühren, ob auch die Anstrengung die Adern noch so hoch auf der Stirn des Knaben schwellen ließ. Ratlos, fiebernd vor Aufregung schaute er sich um und eilte hastig zu einem kleinen Taburett, welches, auf drei zierlichen, goldenen Beinchen stehend, mühelos fortzubewegen war.

Daniel erfaßte und trug es vor das Gemälde, dann kletterte er, den Leuchter in der Hand haltend, auf den gepufften Atlasstoff und schob mit der freien Rechten nun die Wollfalten beiseite. Atemlos, mit bebenden Lippen und eiskalten Händchen starrte das Kind in das Antlitz der so unaussprechlich geliebten, ihm ewig fernen und fremden Mutter, und strahlendes Entzücken leuchtete aus den dunklen Augen und hob die kleine Brust in tiefem, wonnesamem Seufzer, als seien Zentnerlasten von Kummer und Herzeleid durch diesen Augenblick von ihr genommen.

Wie war sie so schön, wie war sie gut und milde, wie lächelte sie gleich dem Marmorengel in der Kapelle voller Liebe zu ihm nieder! Wie ein Heiligenschein deuchte ihm die Pracht der goldenen Locken, welche ihr geneigtes Haupt umwallten, wie tausend zärtliche Worte schwebte es um ihre Lippen, und die Augen, welche wie in ergebungsvoller Sehnsucht verklärt in die seinen schauten, die schienen ihm zuzurufen: »Hab Dank, du lieber, kleiner Daniel, daß du zu deiner Mutter kommst!«

Ihre Hand, welche auf den weißen Atlasfalten ruhte, hielt ein vierblättriges Kleeblatt, ein Pflänzlein, welches ihr wohl ganz besonders teuer war, zwischen den schlanken Fingern.

Daniel sah es, sah alles, jeden kleinsten Pinselstrich des Gemäldes, aber sein Blick kehrte immer wieder zu dem lieblichen Antlitz zurück, und Auge ruhte in Auge, und in seinem Herzchen quoll es heiß und übermächtig auf und verlangte voll haltloser Sehnsucht an die Brust der Mutter! Küssen wollte er ihr liebes Angesicht, nur einmal küssen, wie andere Kinder ihr lebendes Mütterchen herzen, und Daniel strebte dicht zu dem Bilde heran und drückte seine Lippen auf die kühle Leinwand. Da durchschauerte ihn eine tiefe, unaussprechliche Glückseligkeit, er war nicht mehr allein und verlassen, er hatte gefunden, was er mit heimwehkrankem Herzen gesucht.

»Liebes, liebes Mütterchen!« schrie er jauchzend auf und tastete erschrocken nach einem Halt. Unter seiner heftigen Bewegung hatte der unsichere Stuhl geschwankt, der glatte Atlas glitt unter den Füßen fort, und in schwerem Sturz schlug Daniel auf den harten Parkettboden nieder. Der Leuchter klirrte auf der Erde, und dann war es dunkel und still in dem Zimmer. Einen Moment war der Kleine wie betäubt, dann starrte er mit angsterfülltem Blick in die Dunkelheit, welche ihn umgab, und wollte schnell emporspringen, sich nach der Tür zu flüchten. Ein jäher, furchtbarer Schmerz im Rücken ließ ihn mit leisem Schmerzenslaut zurücksinken, wie an allen Gliedern gelahmt, lag er hilflos auf dem harten Boden, und jede Bewegung verursachte ihm erneutes Weh.

Fahles Mondlicht fiel dämmernd durch die unverhüllten Fenster, kommend und gehend, je nachdem der Sturm das zerrissene Gewölk unter ihm vorüberjagte, und erst jetzt seiner ganzen Situation eingedenk, erschauerte Daniel durch Mark und Bein. Wie allein er ist! Wie es um ihn her saust und heult, wie es an das Fenster klopft und mit wilder Stimme unverständliche Worte ruft! Schatten huschen über den Fußboden, und dort drüben in der Ecke raschelt und knuspert es. Und auch dicht hinter ihm an der Wand beginnt ein wunderbares Knistern! Der kleine Fürst hat längst wieder die Augen geschlossen: das Entsetzen treibt ihm kalten Angstschweiß auf die Stirn, und die Schmerzen im Rücken werden immer schlimmer, wenn er sich regt, und wie ein Blitz zuckt ihm erst jetzt das Bewußtsein durch den Sinn: »Du bist in der unheimlichen, gefürchteten Stube, in welcher dein Vater einst mit blutendem Haupt gestorben!« Auf derselben Stelle hat er gelegen, wo jetzt Daniel selbst, und wie die Erinnerung an jenes grauenvolle Bild in des Kindes Phantasie lebendig wird, da sträuben sich vor qualvollem Entsetzen seine Haare, und die Verzweiflung reißt ihn mit geöffneten Augen empor, daß er entfliehe.

Und wie er halb betäubt vor Schmerz sich auf die Knie emporgerafft, da schüttelt ihn abermals ein jäher Schreck. Das Zimmer ist plötzlich mit rotflackerndem Licht erfüllt, und an dem schwarzen Vorhang vor seiner Mutter Bild züngeln die Flammen empor, welche das niedergefallene Licht entzündet. Höher und höher klettert die verderbende Glut, und ein gellender Schrei entringt sich den Lippen des Knaben: »Meiner Mutter Bild, mein einziges, verbrennt!«

Er sieht, wie die Funken bereits den goldenen Rahmen umsprühen, wie die leichten Florstreifen gleich Feuergarben aufflammen, und in Todesangst, außer sich, alles vergessend in dem Gedanken, das teure Kleinod zu retten, springt er auf die Füße. Ein paar Schritte taumelt er nach der Tür und bricht abermals wie von einem Blitz getroffen zusammen. Seine Füße scheinen leblos, und seine Schmerzen werden unerträglich, aber der leidenschaftliche Wunsch, das Gemälde vor dem Untergang zu retten, stählt seine Nerven und erhält ihm das Bewußtsein. Er entsinnt sich, daß sein Vater an einem Schellenzug hier an der Wand gezogen, wenn er Bedienung brauchte. Nichtig, dicht vor ihm, im grellzuckenden Licht sieht er die goldenen Quasten herniederhängen.

Daniel beißt die Zähne zusammen und schiebt sich unter wildem Schmerz langsam bis an die Schellenschnur heran. Mit zitternder Hast erfaßt er den Klingelzug und zieht so stark und unaufhörlich daran, wie seine schwindenden Kräfte ihm erlauben.

Gott sei gelobt, er hört den schrillen Glockenton erschallen, welcher schnell Hilfe bringen wird.

Sein Ärmchen sinkt kraftlos hernieder, er wendet das Haupt nach dem Bild seiner Mutter. Die Vorhänge sind bereits in Flammen aufgegangen, jetzt brennen sie oben an der Tapete und dem Rahmen weiter. Ringsherum brennen die Goldleisten, auch die Leinwand glimmt, und rotes Licht frißt gierig an den weißen Atlasfalten empor. Umglüht von grellem Feuerschein steht die lichte Frauengestalt und blickt lächelnd zu ihrem Kind herüber. Sie lebt… sie bewegt sich… tritt aus dem Rahmen und schwebt auf ihn zu…

»Mütterchen!« hallt es wie ein Hauch von Daniels Lippen, sein Kopf sinkt zurück, aber er sieht noch, wie seine Mutter sich lächelnd neigt und ihn in die Arme nimmt: »Sei getrost, mein kleiner Schmerzensreich!« flüsterte sie durch das Knistern und Sausen der Flammen, »ich habe ein hartes Schicksal über dich gebracht, aber ich komme dereinst und nehme alles Weh und alles Herzeleid wieder von dir!«

Da lächelt das arme, häßliche Kinderantlitz wie verklärt, und er lehnt voll süßen Friedens das Köpfchen an die Brust der Mutter, und dann ist es still, ganz still um ihn her.

Als der seit Jahren nicht mehr vernommene Glockenton aus den Zimmern des verstorbenen Fürsten durch den Korridor schrillt, hat die Dienerschaft zuerst ein bleicher Schreck erfaßt. Man hat sich bekreuzt und an bösen Spuk geglaubt. Gleicherzeit aber ist Miß Jane angstvoll herzugelaufen und hat gerufen: »Wo ist Daniel? Der kleine Fürst hat sich heimlich aus dem Zimmer entfernt!«

Da schlägt die Glocke noch einmal schwach an, und alles stürmt die Treppe empor nach dem Sterbezimmer Sobolefskois. Rauch dringt ihnen entgegen und Brandgeruch, und wie sie den Schlüssel im Türschloß erblicken und die breiten Eichenflügel aufreißen, da schauen sie in lohende Flamme.

Bewußtloß liegt Daniel neben dem Schellenzug ausgestreckt. Außer sich vor Angst hebt ihn die Gouvernante auf ihre Arme und stürmt mit ihm nach dem Schlafgemach. Das Feuer wird bald gelöscht, aber das Gemälde der Fürstin ist fast vollständig zerstört, auch das Gesicht hat gelitten, nur die Augen sind seltsamerweise verschont geblieben. Miß Jane nimmt schnell das herausbrechende Stückchen Leinwand an sich, in den verkohlten Trümmern wird es niemand vermissen, und durch Janes Herz zieht es wie eine wehmütige Ahnung, was den verwaisten Knaben in dieses Zimmer getrieben.

Die nächstfolgenden Tage sind doppelt reich an Sorge und Angst. Daniel liegt in einem hitzigen Nervenfieber, und jede Minute würfelt um Leben und Tod. Aber sein elender, kleiner Körper ringt mit erstaunlicher Fähigkeit gegen die Gewalt der Krankheit, und seine Rekonvaleszenz tritt schneller ein, als bei Gräfin Arlowsk. Aber mit dem wiederkehrenden Bewußtsein des kleinen Fürsten offenbart sich ein neuer Jammer, von dessen Existenz keine Menschenseele eine Ahnung gehabt. Der Arzt untersucht den schmerzenden Rücken des Kindes und wird leichenblaß bei der entsetzlichen Entdeckung, welche er macht.

»Einen Schaden fürs Leben?« schluchzt Miß Jane, an allen Gliedern zitternd, »allbarmherziger Himmel, wenn das unglückliche Geschöpfchen noch zum Krüppel wird, habe ich in Ewigkeit keine ruhige Minute mehr!« – »Hätte ich das Unglück geahnt und sofort energisch einschreiten können, wäre vielleicht noch Rettung gewesen! Aber bei der Schwäche und Gebrechlichkeit dieses Körpers hat sich das Übel zu rapide festgesetzt! Wir müssen jegliche Kur versuchen und das beklagenswerte Kind selbst die Folter eines Streckbetts durchmachen lassen, gebe Gott, daß wir noch Hilfe bringen können!«

Aber so gewissenhaft der Arzt auch alle Mittel und Wege einschlug, das Unheil abzuwenden, und so rührend geduldig Daniel auch alle Qualen ertrug, so verriet dennoch die trostlose Miene des Mediziners, daß allmählich jegliche Hoffnung schwand. Und hätte er auch noch mit vagen Vertröstungen über die Wahrheit hinwegtäuschen wollen, so wäre doch der immer sichtbarer hervortretende runde Rücken des Knaben der traurigste Gegenbeweis gewesen. Gräfin Arlowsk war zuerst – und wohl zum erstenmal in ihren Leben – fassungslos! Sie rang die Hände und weinte Tränen der Verzweiflung, den letzten Zweig eines so stolzen Geschlechts als dürres und verkrüppeltes Reislein unter einem einzigen Wetterstrahl des Schicksals zusammenbrechen zu sehen. Dann erfaßte sie ein grenzenloser Zorn und Haß gegen diejenigen, welche ein solches Elend durch Leichtsinn und Nachlässigkeit verschuldet hatten. Abermals entließ sie alle Personen ans der Umgebung des fürstlichen Erben, und Miß Janes heiße Tränen und selbst ihr Flehen auf den Knien vermochten nicht, diese Strafe von ihrem Haupt zu wenden.

In den letztvergangenen Wochen, welche sie voll Todesangst an dem Schmerzenslager Daniels verlebt hatte, war ihr der Knabe lieb und teuer geworden, und auch Daniel hatte, was sonst noch nie an ihm bemerkt worden war, eine besondere Vorliebe für das blasse, schlanke Fräulein an den Tag gelegt. Und nun kniete Miß Jane in dem Reisekleid neben ihm, schlang die Arme um die jammervolle, kleine Figur und nahm schluchzend Abschied. Auch in den Augen des Kindes spiegelte sich das Herzeleid dieser Trennung. Vergeblich hatte er die Tante gebeten, seine gute Jane doch bei ihm zu lassen, und so nahm er ihren Kopf in seine beiden mageren Händchen und sagte voll ungewohnten Trotzes: »Weine nicht, du Liebe! Wenn ich erst groß bin und meinen eigenen Willen habe, rufe ich dich zurück!«

Jane küßte ihn voll Zärtlichkeit, »Wirst du mich nicht vergessen bis dahin, Darling? Nein? Well, so will ich dir schon jetzt zeigen, wie treu ich es mit dir meine. Mein Daniel hat so bitterlich geweint, weil seines Mütterchens Bild verbrannt ist, aber sieh, alles haben dir die Flammen doch nicht genommen! Deine Jane hat ein weniges noch aus ihnen gerettet und wird es dir nun zum Andenken schenken. Blick her! Ein Stückchen Stirn mit blondem Lockenhaar und darunter die allerschönsten dunklen Augen, welche man finden mag, die sehen dich nun immer an und grüßen dich von deiner treuen Jane!« Und die Engländerin nahm das Stückchen Leinwand, welches sie aus dem verkohlten Bildnis der Fürstin gerettet, unter ihrem Hutschachteldeckel hervor und reichte es ihrem Zögling,

Wie erstarrt unter dem Einfluß dieser plötzlichen, unfaßlichen Freude, schaute Daniel auf das Kleinod, welches ihm entgegengeboten wurde. »Oh, Jane!« murmelte er, und dann faßte er zaghaft nach dem Bruchstück des Bildes und betastete und streichelte es, als müsse er sich überzeugen, daß ihn kein Traum täusche.

»Hebe es gut auf und laß es ja nicht die gnädigste Tante sehen, sonst nimmt sie es dir fort, und deine Freude ist vorüber!« mahnte Jane eindringlich.

Daniel hob das Gesichtchen, ein fremder, zorniger Ausdruck beherrschte es, und die Zähne bissen sich knirschend aufeinander. Dann war's, als erschrecke er vor seinen eigenen Gedanken. Hastig und wild wie stets, schüttelte er den Kopf. »Sorge dich

nicht, Jane, ich verwahre es gut! Hinter dem Bild der heiligen Barbara über meinem Bett werde ich es befestigen, dann kann ich es alle Abend und jeden Morgen sehen. Dir aber will ich's bis in den Tod gedenken, was du mir in dieser Stunde Gutes getan, und alle Heiligen sollen dich segnen dafür, und in ein paar Jahren kommst du wieder und gehst nie mehr von mir!«

Die Jahre schlichen langsam und einförmig dahin. Daniel war ein verwachsener, unschöner Knabe, dessen Wesen und Charakter sich immer eigenartiger gestalteten. Die guten und bösen Mächte kämpften einen steten, erbitterten Kampf um seine Seele, und die Gegensätze berührten sich so schroff und unvermittelt in all seinem Tun und Handeln, daß es unmöglich war, aus ihnen auf das Gemüt des jungen Menschen selbst zu schließen. Stundenlang lag er in dem sonnendurchglühten Dünensand, regungslos vor sich hinstarrend auf die ruhmlose, immer wechselnd Pracht des Meeres. Und wenn sich am Horizont schwarze Wolken ballten, und die Flut sich aus bleigrauer Trägheit emporraffte zu wild aufschäumendem, donnerndem Zorn, dann brandete auch hinter der finster brütenden Stirn des Knaben die Leidenschaft in tausend phantastischen Plänen der Rache und des Zorns gegen alle, welche ihn so elend gemacht, dann ballte er selbst die Hände gegen Jane und verfluchte sie und ihre Nachlässigkeit, denn sie war daran schuld, daß er krank und verkrüppelt war, daß er nie als Soldat hinaus zum Kampf ziehen konnte, daß er sich auf sein Roß schwingen durfte, es zu bändigen, wie andere Knaben seines Alters, daß er durch seine stets wiederkehrenden Asthmaanfälle selbst unfähig war, zu lernen und zu studieren, um dem Vaterland wenigstens durch Kopf und Geist nützen zu können, da er es nicht mit starker Faust vermochte!

Wenn aber das Wetter vorübergezogen war, und die See still und blau in süßem Frieden dalag, wenn die Sonne durch die Wolken trat und die Tränenperlen an den Blumenköpfchen vergoldete, dann schlug Daniel, wie in stummem Leid gebrochen, die Hände vor das Antlitz und schämte sich seiner Treulosigkeit. Dann begriff er nicht, wie er jemals auf seine gute Jane, welcher er das Heiligtum jener beiden liebevollen Augen, den einzigen Tröster seines Schmerzes, verdankte, wie er auf die Jane hatte zürnen können! Dann folterte ihn die Reue, dann bat er ihr alles voll rührender Innigkeit ab, bis ihn der nächste Seelensturm schüttelte und ihn an Gott und der Welt verzweifeln ließ. Jäh aufquellende, oft grausame Leidenschaft des Denkens und eine rührendweiche, liebevolle Barmherzigkeit, wenn es zum Handeln kam, bildeten die Gegensätze seines Charakters.

der junge Fürst das zwanzigste Lebensjahr erreicht, bestimmte ihn Gräfin Arlowsk, zu seiner Bildung eine Reise in das Ausland zu unternehmen. Da trat der Einsame zum erstenmal in die bunte Welt hinaus. Zuerst blendete und betäubte sie ihn, dann gewöhnte er sich resigniert an ein Leben voll Luxus, Glanz, Abwechslung und Amüsement, ohne ihm Geschmack abgewinnen zu können.

Miskow hatte ihn manches Genusses und mancher lärmenden Zerstreuung beraubt, aber es hatte ihn auch vor den zahllosen Gifttropfen bewahrt, welche die Welt mitleidslos in das empfindsame Herz eines jungen Mannes träufelt. Daß er ein Krüppel, untauglich zu Dienst und Arbeit sei, das hatte er bereits in der Weltvergessenheit seines Strandschlosses erfahren, daß er aber ein häßlicher, ausfallend häßlicher Zwerg war, die Zielscheibe manch rohen Spottes und manch frecher Schmähung, das lehrte ihn erst die Fremde, und das wurde zu einem herberen Weh für ihn, als all die unsäglichen Schmerzen, welche er je erduldet. Und diese Wermutstropfen nährten in ihm den bösen Dämon und machten ihn bereits als Jüngling zu einem pessimistischen, weltverachtenden Sonderling.

Ein wundersamer Entschluß keimte in seiner Seele, ein ungestümes Verlangen, das zu erforschen und zu ergründen, was ihm als qualvolle Krankheit das Leben vergällte. Umsonst war alles Protestieren seines Gouverneurs, Daniel studierte Medizin. Bei den berühmtesten Professoren des In- und Auslandes ward er Schüler, und wenn sein schwacher Körper anfänglich auch oftmals in tiefer Ohnmacht vor den Operationstischen zusammenbrach, so setzte sein eisernes Wollen und sein stets wachsender Eifer dennoch durch, daß seine Lehrmeister schließlich die Hand auf das Haupt das jungen Fürsten legten und sein Können und Wissen groß und erstaunlich nannten. Mit rastlosem Fleiß studierte Sobolefskoi die gottgesegnetste aller Wissenschaften,

er erreichte in wenigen Jahren das, wozu sonst die ganze Kindheit und Jugend ihre Kraft einsetzen muß, und da er sein Doktorexamen bestanden und zum erstenmal rettend an ein Krankenlager getreten war, da war es ihm, als ob Geisterlippen ihn segnend auf die Stirn geküßt.

Er kam in die Heimat zurück und ward majorenn, und an demselben Tag, welcher ihn zum unumschränkten Herrn von

Millionen, von einem der edelsten Namen, von allem machte, was eines Menschen Herz begehrt, da kam ein Brief aus dem Kabinett des Zaren und berief den Fürsten Daniel Sobolefskoi an seinen Hof.

Ein süßer, feiner Duft entströmte dem Schreiben, »ein Hauch jener Luft, welche Kronen umweht!« wie Gräfin Arlowsk enthusiastisch ausrief, und sie umarmte den Neffen zum erstenmal in ihrem Leben und sprach voll stolzer Genugtuung: »Er wird dich zu seinem Kammerhern machen, Daniel, und das goldene Tressenkleid wird alles zudecken, was die Natur an dir gesündigt!«

Der Erbe von Miskow antwortete nicht, er starrte zum Fenster hinaus in die blutrot untergehende Sonne und deckte mit geheimem Frösteln die Hand über die Augen. Über die schimmernde Pracht dieses Höflingskleides hatte er einst das Blut des Vaters strömen sehen.

VI.

Wiederholt hat Gräfin Arlowsk zur schleunigen Abreise nach Petersburg gedrängt. Fürst Daniel Sobolefskoi aber scheint keine sonderliche Eile zu haben, und die Stiftsdame muß sich voll herben Unmuts an die Tatsache gewöhnen, daß ihr Pflegebefohlener ein Mann geworden, welcher sich von niemand mehr befehlen läßt, auch nicht von ihr. Daniel hat ihr das zum erstenmal bewiesen, als Gräfin Arlowsk ihm das Gelübde abfordern wollte, nie nach seiner Mutter, nach ihrem Namen und ihrer Herkunft zu forschen. Er verweigerte dieses voll aufflammenden Zornes, hatte hastig seinen Geburtsschein und die Ehepakten seiner Eltern unter den Händen der Gräfin fortgerissen und zum erstenmal hochklopfenden Herzens den Namen des geliebtesten Wesens gelesen: »Eglantina Ruzzolane!« Ehrfurchtsvoll drückte er die teuern Buchstaben an die Lippen, und dann wandte er das Haupt und musterte die Gräfin mit einem finstern, beinahe verächtlichen Blick.

»Jetzt begreife ich dich und den Haß, welchen du gegen die unebenbürtige Gemahlin des Fürsten Sobolefskoi gehegt. Mir erscheint derselbe unbegründet und lächerlich. Was weißt du von der Familie meiner Mutter? Erzähle mir!«

Kathinka Arlowsk lachte hart und kurz auf; ihr Blick schillerte. »Nur Tatsachen, welche mich in deinen Augen abermals lächerlich machen würden! Wart's ab, bis du nach Petersburg kommst, dort pfeifen's die Spatzen auf dem Dach!« Und die alte Dame wandte sich voll tief beleidigten Stolzes ab und schritt aus dem Zimmer. »Undank ist der Welt Lohn,« murmelte sie bitter, »hätt' ich doch meine Hände davon gelassen, einen Fürsten großzuziehen, in dessen Adern doch nur Komödiantenblut gegen jeden aristokratischen Gedanken rebelliert!«

Sie wies den Besuch Daniels, welcher sich seiner schroffen Worte halber mit Vorwürfen quälte und der langjährigen Protektorin seiner selbst und seines Hauses voll Reue und Dankbarkeit die Hand küssen wollte, unversöhnlich zurück und reiste schon an dem darauffolgenden Tag wieder nach ihrem Stift ab.

Daniel erzwang sich noch ein Lebewohl beim Abschied, denn er wußte nicht, ob er die betagte Dame noch einmal wiedersehen werde. Aber dasselbe ward weder Trost noch Segen für ihn, Gräfin Arlowsk grüßte den Sohn der Eglantina Ruzzolane, wie man einem Bettler am Wege ein Almosen zuwirft. Sie hatte ihn ja nie geliebt, und was sie für ihn getan, war Pflicht gewesen.

Der junge Fürst schickte ihr zum Dank die Schenkungsurkunde seines Palais in Petersburg, der unbemittelten Gräfin einen angenehmen Aufenthalt in ihrer geliebten Residenz zu ermöglichen. In zwei Stücke zerrissen erhielt er das Dokument zurück. Mit ihm waren die Bande zwischen Pflegemutter und Pflegesohn für ewige Zeiten gelöst.

Da Miß Jane sich in einer mehrjährigen Stellung sehr wohl fühlte, Daniel aber nicht wußte, wie ihn sein Schicksal noch durch die Welt treiben werde, setzte er der einzigen Freundin seiner Kindheit ein echt fürstliches Taschengeld aus und rüstete sich alsdann, dem Ruf des Zaren zu folgen.

Die Kaiserliche Familie hatte abermals einen kurzen Aufenthalt in Gatschina genommen, und so wurde der Sohn des ehemaligen

Kammerherrn zur ersten Audienz in dasselbe Zimmer befohlen, in welchem vor langen Jahren sein Vater zum letztenmal vor seinem Kaiser gestanden.

Wieder sausten die Rappen der Sobolefskoischen Equipage an dem Standbild des kaiserlichen Ahnherrn vorüber, die Rampe vor dem Schloß empor, wieder rissen kräftige Tscherkessenfäuste mechanisch die Türflügel auf, und der junge Fürst trat ahnungslos über die Schwelle, an welcher das Lebensglück seines Vaters zersplittert war, Lakaien und Kammerdiener neigten sich mit respektvollem Gruß, und dennoch rissen sie die Augen weit auf vor Staunen, als unter dem pelzverbrämten Mantel die unglückliche Gestalt dieses vornehmsten aller russischen Aristokraten sichtbar wurde.

Langsam, schleppenden Schrittes, hier und da stehenbleibend, um mühsam Luft zu schöpfen, stieg Daniel Sobolefskoi die Marmorstufen der »goldenen Treppe« empor. Und an derselben Stelle, in demselben Saal, wo vor langer Zeit Madame de Loux den letzten Blick auf Fürst Gregor geworfen, standen auch heute wieder drei Namen in leise tuschelndem Gespräch, und die Zeremonienmeisterin, Gräfin Karnitcheff, die korpulente Matrone in der langschleppenden, kirschroten Samtrobe, hob ungeniert die Lorgnette und musterte den Sohn des Kammerherrn mit ernstem Blick. Und à tempo hoben auch die beiden andern Damen die Gläser vor die Augen, ließen den Blick scharf prüfend über den jungen Mann gleiten und wandten sich dann, wie in händeringendem Erstaunen, einander wieder hastig zu.

Daniel befand sich zum erstenmal am Hof. Die weiche, balsamische Luft, welche ihm entgegenwehte, hatte ihm zuerst den Atem benommen, jetzt aber, wo die neugierigen Blicke der Damen ihn Spießruten laufen ließen, wo ihr unverhohlenes Staunen, ihr spöttisches Kichern und Flüstern ihm ins Herz schnitt und heiße Glut in sein Antlitz jagte, jetzt legte sie sich wie ein Zentner auf seine Brust und deuchte ihm unerträglich. Wie ein Traum wirbelte die bunte Fracht etlicher Säle an ihm vorüber, dann schlug der vorausgehende Kammerdiener mit tiefer Reverenz eine Portiere zurück, und Daniel trat in das Vorzimmer seines Zaren.

Der Adjutant eilt ihm entgegen, nennt in zuvorkommendster Weise seinen Namen und bietet die Hand zum Gruß, aber auch sein Blick haftet frappiert auf der verwachsenen Figur des Fürsten, und ein fast verlegenes Lächeln spielt um seine Lippen, als er den jungen Mann für eine Saison voll Spiel und Tanz willkommen heißt. Dann stellt er den Kammerherrn Baron Tolly vor. Sobolefskoi versichert mit leiser Bitterkeit in der Stimme, daß er sich gern an der Freude anderer mitfreuen werde, wenngleich er sich bei den meisten Vergnügungen der Jugend wohl an dem Zusehen genügen lassen müsse, außerdem wolle er jede freie Stunde benutzen, um weiter zu studieren.

Der junge Offizier ergeht sich in einem Schwall liebenswürdigster Phrasen, und während er den Millionenerben am liebsten glauben machen möchte, daß er der berühmteste aller Professoren und mindestens Vortänzer im Winterpalais werden würde, fliegt sein Blick verstohlen zu Tolly herüber, mit einem Ausdruck, welcher fragt: »Wie findest du die Idee? Der und Walzer tanzen!! wäre ein kleiner Scherz fürs Affentheater!«

Daniels Wimpern liegen tief über den Augen, dennoch sieht er alles, und sein Herz blutet. Das Warten in diesem Vorzimmer erscheint ihm widerwärtig. Die Herren unterhalten ihn zwar mit ausgesuchtester Höflichkeit, laden ihn dringend in ihren Klub ein – kleine Imitation des Jockeyklubs in Paris –, in welchem man vortrefflich aufgehoben ist. Dort werden die unglaublichsten Wetten gemacht, und es ist Ehrensache im Hofstaat des »König Makao«, Glanz und Wohlstand des Hauses zu repräsentieren. Die beiden Herren sind auch täglich daselbst zu finden, und sie hoffen, daß sich Durst Sobolefskoi öfters als dritter im Bunde mit ihnen vor den zweiundfünfzig Blättern aus des Teufels Gebetbuch assoziieren werde.

Daniel beobachtet die Gesichter der Kavaliere, als er höflich lächelnd versichert, ein Gelübde verbiete ihm, jemals eine Hand zum Spiel zu leben: man sieht enttäuscht aus, erzählt aber desto animierter von den Wetten auf andere Spieler, welche oft in erstaunlicher Höhe gehalten werden.

Endlich ertönt silberner Glockenschlag aus dem Arbeitszimmer des Zaren, und nach wenigen Minuten steht Fürst Sobolefskoi vor seinem Herrn und neigt das Haupt zum Kuß aus die gnädig dargereichte Hand.

Auch der Blick Seiner Majestät hat voll Überraschung aufgezuckt, als der einzige Erbe eines uralten Namens in jammervoller Mißgestalt vor ihn tritt. So hat er den Sohn des eleganten Kammerherrn seines Vaters nicht erwartet, aber wunderbar, selbst mit diesem Äußern ist ihm der junge Mann sympathischer, als wenn er schön und schlank, als das verjüngte Ebenbild jenes treulosen Günstlings vor ihm erschienen wäre, welcher seinen Vater so schwer beleidigt hatte.

Jene Zeiten sind vorüber, aber der hohe Herr wird nicht gern an dieselben erinnert, wenngleich er persönlich dem verstorbenen Fürsten Sobolefskoi die Weigerung: »Madame de Loux zu heiraten« seiner Zeit als einen Akt der Treue gegen ihn, den Großfürsten, ausgelegt hatte,

Wenn ihn auch die unglückliche Gestalt Daniels schmerzlich bekümmert, so ist es ihm dennoch lieb, daß keine Ähnlichkeit Erinnerungen weckt, welche ganz Petersburg vergessen haben soll und muß.

Voll außerordentlicher Huld und Leutseligkeit unterhält sich der hohe Herr mit dem jungen Mann, dessen wehmutsvoll düstere Augen sein Interesse fesseln, und Daniel atmet freier auf und denkt bei sich: wunderbar, die Fürstenkronen und Alpenfirnen gleichen sich! Zu ihren Füßen lagert eine schwüle Luft, die manch giftig Samenkörnlein weiterträgt und mit zauberischem Blütenduft die Sinne betäubt: je höher man aber emporsteigt zu den majestätischen Häuptern selbst, desto frischer und klarer weht's einem entgegen, desto gewaltiger bläst einem der Odem, welcher einzig das Edelweiß als Schmuck und Zierde duldet, durch Leib und Seele!

Als Daniel verabschiedet war, hatte er das Gefühl, als müsse er mit eiligen Rossen davonstürmen aus Nimmerwiederkehr, um sich dieser Stunde Segen zu bewahren! Wer einmal mit vollem Verständnis echten Wein geschlürft, kann dem gefälschten nie wieder Wohlgeschmack abgewinnen. Der Sohn des alten Höflings aber war ein absonderlicher Mensch, welcher weder durch einen Zug des Gesichts noch der Seele dem Vater ähnlich sah. Daniel glaubte: so reine und köstliche Hofluft, wie er Auge in Auge mit dem Kaiser geatmet, werde seine Stirn doch nie wieder umwehen, denn Kammerherr konnte und wollte er seiner Mißgestalt wegen nicht werden, und der Zar war ein durch Arbeitslasten überbürdeter Mann, welcher nur die notwendigsten Audienzen erteilen konnte. Die Luft aber, welche in weiteren Kreisen die Säle und Korridore der Fürstenschlösser durchzog, die deuchte ihm so schwer und giftig, daß sie sein wundes Herz und seine kranke Brust nicht ertragen konnten.

Ja, er möchte vor ihr hinaus in die weite Welt fliehen, aber das Wort des Zaren bindet ihn für die nächste Zeit noch an Petersburg, er soll nicht nur gekommen sein, um wieder zu gehen, er soll in einem Palais heimisch werden, dessen Grundfesten aus den Schildern seiner Ahnen ruhen. Und resigniert seufzt der junge Fürst bei diesem Gedanken aus und fügt sich dem Willen seines Herrn.

Als er durch die Halle zurückschreitet, sieht er hinter der Glastür, welche den Eingang in einen Wintergarten oder eine Orangerie zu gewähren scheint, wieder eine der drei Namen stehen, welche schon zu Anfang seinen Weg gekreuzt. Der feuerfarbene Atlas ihrer Toilette hat ihm schon vorhin in die Augen gestochen. Jetzt sieht er ihr direkt in das schelmische, pikante, von dunklen Löckchen umzitterte Antlitz. Sie lächelt ihm mit einer koketten Bewegung zu, als wolle sie sagen, »ich weiß, wer du bist!« und sieht ihm dabei mit einen wahrhaft berückenden Blick in die Augen. Sobolefskoi fühlt, daß ihm abermals dunkle Glut in die Wangen schießt, daß er Gefahr läuft, in seiner Verlegenheit auf dem weißen Marmor zu stolpern. Aber diesmal klingt kein Kichern und flüstern an sein Ohr, im Gegenteil, das reizende kleine Fräulein trägt einen Ausdruck im Gesichtchen, wie Desdemona, als sie das Mitleid für den häßlichen Mohr übermannte.

Daniel verneigt sich mit hastigem Gruß, sie wiegt anmutig das Köpfchen, und der Erbe ungezählter Reichtümer eilt verwirrt und unsicher wie ein Kind die goldene Treppe hernieder. Er möchte fragen, wer jene Dame war? Aber er hält es für unschickliche Neugier und schreitet mit stummem Gegengruß an Lakaien und Tscherkessen vorüber nach seinem Wagen.

In dem Palais Sobolefskoi in Petersburg angekommen, wirft er sich auf den lichtblauen seidenen Diwan im ehemaligen Boudoir seines Vaters nieder und stützt in dumpfem Nachsinnen das Haupt in die Hand. – –

Fürst Daniel Sobolefskoi war in Petersburg geblieben und hatte sich auf den Wunsch des Zaren ausnahmslos an den Festen der Saison beteiligt. Dem Beispiel des hohen Herrn zufolge, wurde er überall mit exquisiter Höflichkeit aufgenommen, und dennoch deuchte es dem Sohn des ehemaligen Kammerherrn, als stünde er inmitten des tollsten Karnevalstreibens einsamer und verlassener, denn auf den Dünen seines weltvergessenen Strandschlosses. Bei seiner Feinfühligkeit empfand er es voll Bitterkeit, daß jedes freundliche Wort, welches ihm gesagt wurde, lediglich die Glasur über Gleichgültigkeit, Spötterei oder bedauerliches Mitgefühl war, daß die Menschen ihre Liebenswürdigkeiten nicht ehrlich meinten, daß sie ihn bei aller Zuvorkommenheit

doch nur – gewissermaßen – das Gnadenbrot in ihrem Kreise essen ließen. Da sein Erscheinen in der Residenz selbstverständlich viel Staub aufgewirbelt hatte, so erfuhr es Daniel gar bald, welch eine Mesalliance sein Vater geschlossen hatte. Er war weder überrascht, noch peinlich berührt davon, sondern dachte, mit einem ehrerbietigen Kuß auf die gemalten Augen seiner Mutter: »Wie schön, wie edel und gut mußt du gewesen sein, daß das Schicksal eine Fürstenkrone auf deine Stirn gedrückt, daß mein Vater nicht gezögert hat, dich zu seiner Gemahlin zu erheben!«

Daniel hatte eine flache Goldkapsel in Form eines Herzens arbeiten lassen, aus dessen Deckel sich die Gravierung eines Schutzengels in zarten Linien abhob, dahinein hatte er das Stückchen Leinewand aus dem verbrannten Gemälde der Fürstin gelegt, um die teuren Augen der Mutter stets als Talisman auf der Brust tragen zu können.

Der junge Fürst war ein charakterfester, rechtlich denkender Mann geworden, welcher den Versuchungen der Welt widerstand und sich nicht zum Spielball anderer Menschen machte. Er hatte sich dadurch bald unter den Herren seine Widersacher gemacht, welche ihn als Geizhals, als unliebenswürdigen und ungefälligen Menschen verschrien, und welche sich an ihm durch Nadelstiche rächten, die gegen seiner Mutter Namen und Ehre gerichtet waren. Und damit trafen sie Sobolefskoi am empfindlichsten und schlugen ihm Wunden, welche nicht wieder vernarbten.

Mehr und mehr überkam ihn der Ekel und Widerwillen gegen die Komödie dieses täglichen Lebens, deren Schalheit und meist verächtliche Tendenz er zu wohl durchschaute.

Stand er isoliert in der Ecke des Saales, die Pracht und Eigenartigkeit eines Hofballs zu überblicken, und schaute er dann mit seinem nüchternen, klaren Verstand all die kleinlichen Intrigen, die Neid und Eifersucht spinnen, die Minen und Gegenminen, welche Ehrgeiz, Falschheit und Selbstsucht legen, diesen Kampf, welcher unter dem Schild des frommen, vollsten Friedens wütet, diese Steine, welche mit graziösestem Lächeln in den Weg anderer geschleudert werden, all die leise zischenden Schlänglein, welche sich durch Rosen und Brillanten winden, dann hatte er stets von neuem das Gefühl, welches ihn zum erstenmal in der Vorhalle von Gatschina beschlichen hatte: Die Hofluft ersticke ihn!

Und kein frischer Hauch weht ihn an, im Gegenteil, schmerzliche Enttäuschung, wohin er auch blicken mag.

Sacha Wronski, die kleine Gräfin mit den großen Sprühaugen, die vielumschwärmte Hofdame, welche dem Fürsten Sobolefskoi den ersten Gruß in Gatschina zugelächelt, ist danach noch oftmals als lockendes und betörendes Irrlichtchen über seinen Weg getanzt, – Als Irrlicht! Daniel hat es bald eingesehen und voll Ergebung auch diese schnell aufflackernde Hoffnung zu Grab gelegt, Anfänglich hatte er mit dem scheuen Entzücken eines Knaben ihre fast auffälligen Liebenswürdigkeiten wahrgenommen. Er war zu naiv, um ihre Koketterien sofort zu durchschauen, aber er hatte bei öfterem Verkehr ein sich stets steigerndes Gefühl von Unbehagen über ihre Art und Weise, welche so gar nichts von der engelhaften Milde und Reinheit einer Desdemona an sich hatte. Es lag oft ein Ausdruck in den dunklen Augen, welcher Daniel unangenehm berührte. Dieses Flackern und Glühen hatte nichts mit der klar brennenden Leuchte des Friedens gemein, welche sich gleich einem Christstern über dem Kreuz seines Elends erheben soll. Sein idealer und frommer Sinn verabscheut eine Liebe, welche in den Staub der Welt herniederziehen will. Nein, in solchen Augen wird seine Mutter ihm nimmermehr erscheinen.

Sachas Bemühungen um den reichen Erben, »den goldenen Kern in bitterer Schale«, wie man ihn spottend nennt, sind nicht unbemerkt geblieben. Die Mißgunst schleicht sich an des Fürsten Ohr und flüstert ihm voll rüder Offenheit die Pläne zu, welche das Teufelsköpfchen mit dem Engelslächeln schmiedet! »Siehst du nicht, wie der schlanke Offizier, der Schönste seines Regiments, sie eben zum Tanz führt? In ihren Blumenstrauß, welchen er neckend ihrer Hand entwindet, versenkt er heimlich ein rosiges Billet … und um die bestimmte Stunde wirft Sacha den Pelz um die schönen Schultern und tritt in den verschwiegenen Park, um dem Geliebten durch perlweiße Fähnchen zuzuflüstern: »Nie kannst du auf die Goldsäcke eines Zwerges eifersüchtig sein!«

So zischt Frau Fama leise Kunde, und sie sagt dem mißgestalteten Manne nichts Neues, sie bestätigt nur mit klaren Worten, was er selbst gemutmaßt hat. Ob er Beweise verlangt? Nein, er beabsichtigt durchaus nicht, Gräfin Sacha zu heiraten, weder sie noch jemals eine andere, sein Glauben an Liebe und Treue ist vergiftet. Er sucht kein Weib mehr, das ihn mit Kuß und Liebeswort belügen wird, er sucht eine Samariterin, welche mit dunklen Augen den Frieden in seine Seele lächelt, welche die kühle, schwesterliche Hand auf sein müdes Haupt legt und mit ihm weint, daß alles so gekommen. Die Augen seiner Mutter sucht er! Die beiden Himmelssterne, aus deren frommem Glanz sie ihm entgegenlächeln wird, um all sein Herzeleid für immerdar von ihm zu nehmen!

Eine fieberhafte Unruhe erfaßt den jungen Mann und treibt ihn in die Ungewißheit der weiten Welt hinaus.

Die Hofluft, welche dem Vater so unentbehrlich gewesen, daß er sein Leben hinwarf, als ihm versagt wurde, sie ferner zu atmen, ist dem Sohn so unerträglich, daß er planlos in die Fremde flieht, um sich vor ihr zu retten.

Der Zar bedauert es aufrichtig, daß die häufiger denn je auftretenden asthmatischen Beschwerden des Fürsten einen Klimawechsel für denselben bedingen. Als Zeichen seiner dauernden Huld verleiht er ihm denselben russischen Hausorden, welcher ehemals die Brust des verstorbenen Kammerherrn geschmückt, und spricht den Wunsch aus, den einigen Vertreter des Sobolefskoischen Namens zu öfterem, wenn auch kurzem Aufenthalt in der Heimat wiederzusehen.

Und als Daniel durch das Portal des Palais zurückfährt, hebt sich seine Brust unter einem tiefen Seufzer der Erleichterung.

Das Funkeln und Glitzern, welches seinen müden Augen weh getan, der heiße, balsamische Hauch, jenes geheimnisvolle Gemisch von »Sonne, Mond, Sternenglanz und Veilchenduft«, unter dessen schwüler Last seine kranke Brust ächzte, all die Nadelstiche und Gifttropfen, welche Insekten gleich diese Luft durchschwirrten, liegen hinter ihm. Nun zieht es ihn mit Allgewalt in die Ferne, zu schweifen hin und her, zu wandern und zu suchen, ob er das verheißene Glück finden möge!

Auf seinem Herzen aber ruhen zwei dunkle Augen, die lächeln treu und unverändert: Sei getrost, mein kleiner Schmerzensreich, wenn dein Tränenkrüglein gefüllt ist, komme ich und trage seine Last!

VII. Fürst Daniel Sobolefskoi hat ein ruheloses Wanderleben geführt, Da ist wohl kaum eine Stadt in Eu- ropa, welche er nicht gesehen hat, durch welche er nicht müden Schrittes einhergegangen, abgestumpft gegen die neugierigen Augen und dreisten Worte, gleichgültig wider die kriechende Unterwürfigkeit, welche seinen goldgefüllten Händen gilt. Mit glanzlosem Blick schaut er die Wunder des Nordens und des Südens, ein kranker, wunschloser und lebensüberdrüssiger Mann. Was hindert ihn am Sterben? Wer wehrt es ihm, seinem elenden Dasein ein Ende zu machen? Er hat oft darüber nachgedacht, aber sein kindlich frommer Glaube hat das Haupt triumphierend über die Schlange gehoben, welche ihn versuchend aus Pistole, Gift und Wassertiefe angeschillert hat. Soll er seine ewige Seligkeit dahingeben, um dem Leiden zu entrinnen, welches doch nur für eine kurze Spanne Erdenlebens über ihn verhängt ist? Soll er das Ziel all seiner Sehnsucht, seine Mutter, welche er mit leiblichen Augen nie geschaut, auch im Glanz des Himmelreichs nicht schauen – nur darum, weil er verzagt und kleinmütig eine Last von sich geworfen, welche Gott ihm nach seinem unerforschlichen Ratschluß auferlegt? Und was sollte aus so vielen armen, bedürftigen Menschen werden, welche Fürst Sobolefskoi fast täglich antrifft, welchen er als Arzt hilft und Gutes tut, deren Tränen er trocknet und deren Dank er errötend abwehrt? Es ist seine Mission auf Erden, kraft seines Wissens und der goldenen Schätze, welche ihm geworden, ein Tröster und Helfer zu werden, und er freut sich neidlos des fremden Glücks, wie ein Kind, welches hinter dem Fenster anderer einen Christbaum brennen sieht und weiß, daß auch ihm dereinst die Lichtlein daheim angezündet werden. Ja, Daniel hilft gern, denn er weiß, daß auch ihm geholfen werden wird, daß eine Stunde schlägt, früher oder später, in welcher eine lichte Frauengestalt zu ihm herniederschwebt, allem Herzeleid ein Ende zu bereiten. Und so wandelt er ohne Murren, aber auch ohne Freude den dornenvollen Weg, welcher zwischen all dem bunten Leben der Welt dennoch so öd und einsam ist.

Deutschland ist ihm stets lieb und sympathisch gewesen, jahrelang hat er sich in seinen Grenzen aufgehalten, bis ihn seine krankhafte Unruhe wieder fortgetrieben. Ungern hat er sich der Notwendigkeit gefügt, welche ihn zur Regulierung seiner Angelegenheiten bei einem fallierenden Bankhaus nach Paris geführt.

Sobolefskoi hat sein zweiunddreißigstes Lebensjahr erreicht, aber er zieht sich von der Welt und Geselligkeit zurück, als trage er bereits die grauen Haare eines Greises. Die Menschen sind ihm gleichgültig, und ihr Wesen und Treiben ist nicht tatenreich genug, um ihn zu interessieren. Da kommt der Sommer des Jahres 1870 und erfüllt den Sturm, welcher über die Ufer des Rheins in die deutschen Gaue braust, mit gellendem Kampfgeschrei! Der gallische Hahn nimmt heimtückischen Flug, dem preußischen Königsaar die Augen auszuhacken, und Jungfrau Germania greift voll klirrenden Zorns zum Schwert und schlägt den Räuber ihres Friedens nieder.

Da überzog sich der blaue Himmel plötzlich mit dräuenden Wolken, und die Donner rollten über das Schlachtfeld, und die ehernen Siegesschritte der deutschen Armee stampften den welschen Übermut in Grund und Boden. Näher und näher brausten die schwarz-weiß roten Wogen gegen die Weltseele Paris heran, immer furchtbarer gellte das deutsche »Hurra!« in die Ohren der buhlerischen Seine-Niçe, welche plötzlich mit bleichen Wangen aus ihren Träumen der Selbstüberhebung und prahlenden Siegesgewißheit emporschrak und mit gitternden Händen Wall und Schanze um ihr bedrohtes Lager baute.

Aus Paris flüchtete, wer da flüchten konnte. Daniel Sobolefskoi aber blieb. Mit einem gewissen grausigen Behagen sah er der welterschütternden Katastrophe entgegen, welche die Tore von Paris zu ihren Zeugen machen wollte. Die Entsetzen einer Belagerung schreckten ihn nicht, und der Gedanke an ausbrechende Revolution reizte ihn, sich mitten hineinzustürzen in die Gärung, sich und seine schlaffen Nerven schütteln zu lassen von dem Wirbelsturm der Schrecknisse und zu hohnlachen, wenn derselbe stolze Eichen in den Staub splittert nnd über den verkrüppelten Dornbusch machtlos hinwegsaust. Der Dämon seiner Seele stachelte den Fürsten auf, in dem belagerten Paris zu bleiben, und als das Elend mit seinen hohlen Wangen durch die Gassen schlich, und das Gespenst des Hungers und der Verkommenheit vor den Toren hockte, da erntete der gute Engel die Früchte dieses Bleibens und machte Sobolefskoi auch hier zum Retter und Helfer von vielen Tausenden, welche durch seine Barmherzigkeit das Leben fristeten.

Der kleine, mißgestaltete Mann ward zu einer der populärsten Persönlichkeiten, vor welcher der Pariser Pöbel anerkennend, den Hut zog, welcher er im Park von Monseaux eine jubelnde Ovation brachte, und welche aus ihrem stets von Bettlern belagerten Haus keine Nationalfahne herauszuhängen brauchte, sich vor Rocheforts Demolierungswut zu schützen. Die beste Samariterflagge, viel sicherer wie das weithin leuchtendste Kreuz, war die lebendige Mauer, welche sich um das kleine maison russe auf dem Boulevard der Port Royal aufbaute. Zerlumpte Frauen und Kinder, vor Kälte zitternd, im eisigen Winde erstarrt, mit weinenden Augen und leerem Magen, bilden ununterbrochen Queue und blicken sehnsüchtig nach den Parterrefenstern, ob sich das schwarzstruppige Haupt des russischen Doktors bald zeigen werde. Und öffnet sich die Scheibe, oder tritt er selber aus der Haustür, der kleine Fürst Sobolefskoi, so deucht es den Hungernden und Frierenden, als sei dieses häßliche Antlitz mit den mild und erbarmungsvoll blickenden Augen plötzlich schön geworden wie das eines Engels, welcher mit nimmerleeren Händen seine Gaben streut.

Und die Männer und Väter all jener Beglückten, die auf den Wällen Wacht fürs Vaterland gestanden haben, die kennen den Russen und begrüßen ihn wie ihresgleichen, wenn sie ihm begegnen.

Es war ein bitterkalter Tag. Der Januar hatte im eisglitzernden Königsmantel seinen Einzug gehalten und alle Schrecken mit sich gebracht, deren Vorahnung den Übermut der »Weltseele« nicht hatte dämpfen können. Jetzt aber, wo der Donner der Geschütze wie in heiligem Zorn über das Häusermeer rollte, wo das Sausen und Zischen der von allen Seiten heranfliegenden Bomben und Granaten ihm ein entsetzliches Todesurteil sprach, wo Kälte, Hunger, Elend nnd Aufruhr ihre

Schreckensherrschaft geltend machten, jetzt neigte die kokette Sünderin an der Seine das Haupt angstzitternd und reuevoll in den Staub. Wohin man blickte, die Panik, Verwirrung und Verzweiflung.

Fürst Sobolefskoi hatte die Kirche in der rue St. Jacques besucht und dieselbe noch nicht wieder verlassen, als ein Geschoß dicht vor derselben platzte und die Menge in höchste Aufregung versetzte. Alles flüchtete sich mit einem Geschrei der Todesangst in die Häuser, nur die in einen Pelz gehüllte Gestalt des kleinen Russen wandelte unbekümmert ihren Weg, wie in kecker Herausforderung der Gefahr, mitten auf dem Straßendamm.

Trommelwirbel erklingt hinter ihm. In zügellosen Haufen stürmt ein Bataillon Nationalgarde an ihm vorüber, der Pöbel folgt lärmend und verlangt zum Stadthaus: »La paix! la paix!« gellen einzelne Summen dazwischen. Man erkennt Sobolefskoi und reißt ein paar rohe Gesellen von ihm zurück, welche mit gemeinen Schimpfreden nach seinen: Pelz gegriffen haben. Unbekümmert schreitet der Bucklige weiter. Eine Granate krepiert ganz in seiner Nähe in dem Garten von Luxembourg, die Bäume krachen und brechen mit ihrer Schneelast zusammen. Daniel beachtet es kaum. Seine Gedanken sind weit weg, und seine Stimmung ist so niedergedrückt und trübe, wie seit Jahren nicht. Die einzige Hoffnung, zu einem Bild seiner Mutter zu gelangen, ist heute gescheitert. In Petersburg hat er vergeblich die höchsten Summen für ein Bild der Sängerin Eglantina Ruzzolane geboten. Umsonst, Photographien existierten zu ihrer Zeit noch nicht, und außerdem war Eglantina eine noch allzu unbekannte Anfängerin, um nach fünfundzwanzig Jahren noch in der Erinnerung eines stets wechselnden Publikums zu leben. Da hatte der Fürst nach dem Maler geforscht, welcher die Porträts in Miskow ausgeführt hatte. Richtig, aus seines Vaters Bild stand ein unbekannter, französischer Name, und Daniel schrieb nach Paris und forschte nach Mr. Jules Villiard. Er erhielt die Antwort, daß dieser Maler hier existiert habe, vor wenigen Monaten gestorben sei und seine versiegelte Hinterlassenschaft erst in drei Jahren geordnet werden könne, wenn sein einziger Sohn aus Japan zurückkehre. Aus den drei Jahren jedoch wurden beinahe sieben Jahre und erst jetzt, in diesem Schreckenswinter, war die Zeit gekommen, da die Skizzenmappen des Verstorbenen geöffnet werden konnten. Sobolefskoi hatte es für selbstverständlich angenommen, daß die Porträts seiner Eltern, welche von durchaus gleichen Leisten eingerahmt waren, zur selben Zeit und von der Hand des nämlichen Malers angefertigt waren. Wer aber ein so engelhaft schönes Antlitz, wie dasjenige der Fürstin, welches Daniels Phantasie nach jenem einen kurzen und schreckhaften Schauen vorschwebte, verewigen durfte, der nahm in seiner Skizzenmappe solche Züge zum eigenen Andenken und Entzücken mit sich. Darum setzte Sobolefskoi auf die losen Blätter der »Studienköpfe« und Aufzeichnungen Mr. Villiards seine größte und letzte Hoffnung, und darum war seine Enttäuschung eine um so schmerzlichere, als der Sohn des verstorbenen Künstlers nach wochenlangem Suchen, bei welchem der Fürst ihm voll nervöser Erregung Hilfe leistete, selbst nicht die flüchtigsten Bleistiftkonturen fand, welche auf das Antlitz Eglantinas gedeutet werden konnten!

Und dennoch war Mr. Villiard der Schöpfer der beiden Gemälde, welche das Sterbezimmer des Kammerherrn geschmückt hatten, das bewies ein vortreffliches Aquarell, welches das imposante, alte Strandschloß, mit der stürmischen See zu Füßen, in Gewitterbeleuchtung zeigte. Daniel entsann sich, in einem Saal, welcher zu Lebzeiten seiner Eltern bewohnt wurde, das große Ölgemälde, sicherlich nach diesem Entwurf geschaffen, gesehen zu haben.

Voll Wehmut ruhte sein Blick auf dem Bildchen, dessen Karton vielleicht die Hand seiner Mutter gehalten, bei dessen Aufnahme sie vielleicht voll warmen Interesses dem Pinsel des Künstlers zugeschaut. Er kaufte Mr. Villiard junior die Skizze ab und verließ mit schwerem Herzen dessen Wohnung, in welcher

abermals eine seiner liebsten Hoffnungen zu Grabe gelegt worden war. –

Sobolefskoi trat in ein Kaffeehaus, sich einen Augenblick auszuruhen und einem Trupp Kommunisten aus dem Wege zu gehen, welche die Marseillaise brüllten und ein Schild trugen, welches die Bürger von Paris aufforderte, das Gefängnis Mazzas zu stürmen und Fleurens zu befreien.

Auch aus dem Café drang Daniel ein wüster Lärm entgegen, zwei Offiziere der Mobilgarde begegneten ihm auf der Treppe, erkannten ihn und faßten ungestüm seinen Arm: »Allons donc, mon prince! Kommen Sie! Helfen Sie uns, ein Massacre zu verhüten! Wir allein dringen nicht mehr durch bei der wütenden Menge!«

»Was geschieht? Ich beschwöre Sie, meine Herren!« Schon zogen ihn die beiden Kapitäne aufgeregt mit sich fort nach dem großen Konzertsaal, welcher in einem Quergebäude nach dem Hof zu gelegen war.

»Vier arme Teufel, welche man für Spione hält und lynchen will! Allem Anschein nach sind es auch preußische Offiziere, aber wir müssen verhüten, daß sie unter den Fäusten des Pöbels fallen!«

Die breiten Glastüren des Saales schlugen schmetternd auseinander, ehe die Herren sie erreichten. Eine wild erregte Menschenmenge drängte sich hervor, vier anständig gekleidete Zivilisten, mit Taschentüchern geknebelt, mit sich reißend, mit geballten Fäusten bedrohend und tätlich mißhandelnd.

»An die Laterne mit den Spionen! Nieder mit ihnen! Schlagt sie tot, die Hunde!« wüteten die Stimmen durcheinander,

»Halt! Ruhe hier!«

Wie mit einen: Zauberschlag veränderte sich das Bild, als die Zwergengestalt des Russen mit hocherhobener Hand dem Menschenstrom entgegentrat. Höhnende Worte, ein wüstes Geschrei: »Es sind Spione, petit bossu!« und dann drängen sich andere vor, welche Sobolefskoi als ihren Wohltäter kennen und seine Partei nehmen. Ein lebhafter Wortwechsel her und hin. Die Offiziere ziehen die Säbel und verlangen die Auslieferung

der Gefangenen, und der Fürst unterstützt ihre Worte durch seinen energischen Befehl.

»Ihr seid Verräter, wenn ihr die deutschen Kanaillen verschont!«

»Wir schonen sie nicht! Wir stellen sie vor das Kriegsgericht!«

»Für solche Schandbuben sind unsere Kugeln zu gut!«

»So werden wir sie aufknüpfen!«

»Wo bringt ihr sie hin?«

»Zum General Trochu. Er soll feststellen, ob diese Männer preußische Spione sind, oder nur Gefangene von Champigny, denen der General dieselben Freiheiten gewährt, welche unsere Landsleute in Deutschland genießen! Wollt ihr, wider alles Völkerrecht, Leute ermorden, welche unter dem Schutz des Gouverneurs und aller Ehrenmänner Frankreichs stehen? Schmach und Schande über jeden, welcher an seinen Gefangenen zum Mörder werden will!«

Daniel hatte die Worte laut, mit seiner eigenartig akzentuierten Sprache gerufen, und dabei war er furchtlos neben einen der Gefesselten getreten, hatte das Tuch von seinen Handgelenken gelöst und es mit Verachtung zu Boden geworfen. »Der Russe hat recht! Hört auf ihn, er ist Bürger von Paris geworden! – Zu Trochu! en avant! wir ziehen mit vor das Gouvernement!«

Und abermals erhob Sobolefskoi ruhige, aber bestimmte Einsprache, wählte zwei der Rädelsführer zur Begleitung bis zum Montmartre, wo die Unbekannten vorläufig von den beiden Offizieren abgeliefert werben sollten. Die Menge fügte sich, und die beiden Mobilgardisten schlugen mit ihren Schützlingen ihren Weg durch eine kleine Nebengasse ein.

In einer der kellerartigen Wachtstuben auf dem Montmartre gehen die Offiziere ab und zu, wärmen für kurze Zeit ihre frosterstarrten Glieder oder werfen sich, todmüde und gleichgültig gegen alles, auf die breiten Strohschütten, auf welchen den Verwundeten zeitweise die Notverbände angelegt werden. Die Matratzen sind untauglich geworden, Blutlachen haben ihre unheimlichen Schatten auf die Dielen geworfen.

Von der Decke hängt eine qualmende Öllampe und leuchtet den Führern der Nationalgarde, welche an hölzernem Tisch vor ihren Glühweinbechern sitzen und das Unglück ihres Vaterlandes beim Kartenspiel vergessen. Die Kanonen donnern ihnen die Musik dazu, und der Sturm peitscht die Schneemassen bis weit in das Zimmer hinein, wenn die Tür sich öffnet.

Und sie öffnet sich in diesem Augenblick, um unter ihrer tiefen Wölbung die bekannte, kleine Mißgestalt Sobolefskois auftauchen zu lassen, welchem, die dicke Schneeschicht von den Füßen stampfend, ein Offizier der Festungsbesatzung folgt.

Überrascht blicken die Spieler auf, stoßen die Stühle zurück und treten den Ankommenden mit vollendeter Liebenswürdigkeit entgegen.

»Alle Teufel, Prinz, Sie sind seit dem siebenundzwanzigsten Dezember der erste Gast, welchen wir in den Kasematten empfangen! Was führt Sie so direkt in der Hölle Rachen? Wollen Sie mit den blauen Bohnen, welche uns die jenseitigen Schützengraben herüberwerfen, Federball spielen, oder beabsichtigen Sie bei vierundzwanzig Grad Kälte eine rotflammende Granate für Ihr Knopfloch zu pflücken? Gleichviel, und auf alle Fälle willkommen in unserem Barackenlager!«

Daniel schüttelte die dargereichten Hände und beantwortete die scherzenden Fragen mit seinem müden, stets höflichen Lächeln, der junge Kapitän jedoch, dessen Bekanntschaft er auf so eigentümliche Weise in dem Café gemacht, nahm lebhaft seinen Arm und zog ihn zu den dampfenden Punschgläsern. »Ich weiß, warum Sie kommen, Fürst Sobolefskoi, und ich werde Ihnen sofort Bericht erstatten! Trinken Sie mit mir auf das Wohl der Stunde, welche Sie gestern zum Retter ein paar harmloser, armer Kerle gemacht! Da hier … das einzige Portefeuille, welches bei den vermeintlichen Spionen gefunden wurde! Hahaha! Hotelrechnung und Notizen über die gleichgültigsten Ereignisse der letzten Tage … Reporter des ›Punch‹ oder der ›Times‹, voilà tout!«

Die Unterhaltung ward über das angeregte Thema allgemein, und Daniel griff nach dem dicken Taschenbuch, welches ihm sein Nachbar zuschob, und schlug es auf, »Welch ein Glück, daß wir der Unschuld einen Dienst leisten konnten. Befinden sich die vier Herren wieder auf freiem Fuß?«

»Das nicht. Wir haben alle Ursache, selbst den ehrlichsten Gesichtern zu mißtrauen. Recherchen über die Wahrheit der Aussage können wir in diesen bewegten Tagen nicht anstellen, behalten infolgedessen die unbekannten Herren als Logierbesuch in den Baracken.«

»Das wird die Leute an der Ausübung ihres Berufs hindern und sie dadurch schädigen!«

Der Franzose zuckte die Achseln, »Der Krieg nimmt keinerlei Rücksichten. Indessen … wenn Sie das Maß Ihrer Güte vollmachen wollen, so verwenden Sie sich bei Trochu für Ihre Schützlinge, wohl möglich, daß er sie Ihren wachsamen Augen zu etwas größerer Freiheit anvertraut! Wenn Sie –«

Der Sprecher vollendete nicht, ein Krachen und Dröhnen ging durch den gewölbten Raum, daß die Wände erzitterten und der Fußboden zu wanken schien. Die Offiziere sprangen auf. Ein kurzes, erregtes Hin und Her. »An die guerre d'embuscade! man hat eine Salve gegeben! Verzeihen Sie, Fürst, wir hoffen sogleich wieder zu Ihrer Verfügung zu stehen!« Und hastig nach Säbel und Mütze greifend, wilde Flüche gegen den Feind auf den Lippen, stürmten die Nationalgardisten die drei steinernen Stufen zu der Ausgangstür empor.

Daniel verharrte gelassen auf seinem Platz. Begleiten durfte er die Offiziere nicht, so gern er es getan hätte. Er blätterte mechanisch in dem Taschenbuch des englischen Reporters und schlug auch die zusammengelegte Ledertasche auseinander, welche, nach ihrer Steifheit zu schließen, Photographien enthielt.

Die Öllampe schwankte und warf ein unsicheres Licht herab, die Hand des Russen aber zuckte zusammen, jählings neigte er sich vor und starrte aus das Bildchen, welches sich seinem Blick darbot.

Träumt er! Kann es möglich sein? Aus einem zauberhaft lächelnden Kindergesicht, umwallt von goldblonden Locken, schauen ihn die Augen seiner Mutter an: dieselben träumerisch ernsten, rätselhaft dunklen Augen, welche er auf dem Herzen trägt. Daniels Dinger zittern, als er den Karton umschlägt. Ein zweites Bildchen. Behaglich dick und nur mit einem Hemdchen bekleidet, liegt ein etwa dreijähriges Baby in den Kissen. Kleine, rebellische Haarstrippchen über der Stirn, ein Stumpfnäschen und kreisrund abstehende Ohrchen. »Jolante« steht mit Tinte quer über der Photographie. Und der Kleinen gegenüber im Zwillingsrahmen die Mutter der beiden Kinder. Ein zartes, vornehmes Gesicht, mit hellen Augen und blondem Haar. Sie ist ihm ebenso fremd, wie ihr ältestes Töchterchen dem Beschauer bekannt erscheint. Er schlägt das Blatt wieder zurück und blickt wie gebannt in die dunklen Augen der kleinen Unbekannten. Wie mag sie heißen? Vielleicht steht es hinter der Photographie, Daniel versucht das Bildchen aus dem Lederausschniit hervorzuziehen, es sitzt sehr fest und weicht erst der Gewalt. Aber Sobolefskoi hat sich nicht getäuscht.

»Lena Dern von Groppen, zehn Jahre,« steht von derselben Hand, die auch »Jolante« geschrieben, auf dem weißen Papier, welches Namen und Firma eines deutschen Photographen in einer deutschen Stadt trägt.

Betroffen schaut Sobolefskoi darauf nieder. Dern von Groppen ist ein bekannter preußischer Name, wie kommt ein Engländer zu solcher Verwandtschaft? und hier? was ist das?! Der Atem stockt ihm, hier hat sich der Atlas auf dem Karton verschoben, als Daniel das Bildchen herausgezogen, und nun schaut eine Ecke beschriebenen Papieres dahinter vor. Der Fürst wirft einen schnellen Blick um sich her, er ist ganz allein. Hastig zieht er das Geschriebene hinter dem Futter hervor und mustert es. Teils eine Zeichenschrift, teils kurze, unverständliche, deutsche Silben und hier … Aufzeichnungen, ein kleiner Plan … Zahlen – –

Ein deutscher Spion!

Sobolefskois Herzschlag stockt. Hie Aufregung treibt ihm kalte Schweißtropfen auf die Stirn, schnell entschlossen schiebt er die verdächtigenden Zettel in seine eigene Brusttasche. Wie ein Stich geht es ihm durchs Herz. Soll er der Nation, welche ihm Gastfreundschaft gewährt, die Treue halten und an dem Deutschen zum Verräter werben? Sein Leben liegt in seiner Hand; ein Wort genügt, und diese blonde Frau mit ihren beiden Kindern steht allein in der Welt. Wieder kehrt sein Blick zu den Bildern zurück. Er starrt sekundenlang regungslos in Lenas dunkle Augen, und dann ringt sich ein Atemzug fast keuchend aus seiner Brust. »Gefunden!« jauchzt es in seinem Herzen, und durch seine Seele zieht es wie Glockenton und Engelstimmen, und ihm deucht es, als öffne das süße Kindergesicht die Lippen und flüstere ihm wie eine selige Verheißung zu: »Sei getrost, du armer Schmerzensreich, all deinem Leid mach' ich ein Ende!«

Fürst Gobolefskoi begab sich persönlich zu General Trochu und erbat die Freilassung der vier englischen Reporter, welche er im Café Honoré aus den Händen des Pöbels befreit hatte. In liebenswürdigster Weise wurde ihm dieselbe bewilligt. Und die Stunde kam, in welcher Daniel seine Schützlinge in seinem Hause gastlich aufnehmen konnte.

Sein Blick überflog scharf prüfend die vier Unbekannten.

»Zuvor eine Frage. Welchem der Herren darf ich diese

Brieftasche als persönliches Eigentum zurückerstatten?« Und da der Besitzer sich mit etwas hastiger Verneigung meldete, ging es wie ein Lächeln der Befriedigung über des Russen finstere Züge: Groß, elegant, mit dunklem Vollbart und geistvollem Auge stand Lenas Vater ihm gegenüber. Trotz des reduzierten Anzugs ein vollendeter Kavalier.

»Darf ich Sie bitten, mir für einen Augenblick in das Nebenzimmer zu folgen.«

Die Tür schloß sich, und Fürst Sobolefskoi griff langsam in die Brusttasche, »Hier, Ihr Portefeuille, Herr von Dern- Groppen, und hier etliche Papierstreifen, welche ich aus demselben entfernte, ehe ich es General Trochu als Beweis für die harmlose Natur Ihres hiesigen Aufenthaltes vorlegte.«

Ein Erbleichen ging über das Antlitz des deutschen Offiziers. »Mein Fürst,« stotterte er in momentaner Fassungslosigkeit. Daniel aber trat dicht an seine Seite, »Mit diesen verhängnisvollen kleinen Zetteln schenke ich Ihnen und Ihren Herren Kameraden zum zweitenmal das Leben, und ich tue noch mehr denn dies, ich ermögliche Ihnen in den nächsten Tagen die Flucht uno gebe Sie der Zernierungsarmee zurück; ich bin Ihr Freund, und ich helfe Ihnen mit Einsatz aller Kräfte.«

Groppen umschloß die dargereichte Hand mit fast krampfhaftem Druck. »Wie sollen wir jemals diese Schuld bei Ihnen tilgen, wie soll ich Worte finden, Ihnen zu danken!« stieß er tiefatmend hervor.

Sobolefskoi schüttelte mit seinem müden Lächeln das unschöne Haupt, sein Blick traf das Auge des preußischen Offiziers, wie der eines bittenden Kindes. »Wohl weiß ich, daß meine Handlungsweise Ihren Dank verdient, und ich bin weit entfernt, denselben abzulehnen. Im Gegenteil, ich fordere ihn. Es gibt absonderliche Heilige in der Welt, und einer ihrer närrischsten bin ich, dem entspricht meine Bitte. Sie kennen mich dem Namen nach, Herr … Herr Kapitän?«

»Rittmeister des ϯϯϯ Husaren Regiments, Dern von Groppen, mein Fürst.«

»Ich danke Ihnen. Also Sie kennen mich, Herr Rittmeister, und was Sie vielleicht noch nicht wissen, ist mit kurzen Worten gesagt. Ich bin Russe, bin gesegnet mit allen Glücksgütern der Welt, bin inmitten all meiner Herrlichkeiten ein armer, einsamer, verlassener Mann. Liebe und Freundschaft fand ich nie, eine Heimat habe ich nie im Schoß meiner Familie besessen. Mein Herz und meine Seele aber lechzen danach, ein Daheim zu finden. Ich schenkte Ihnen zweimal Ihr Leben, schenken Sie mir dafür einen Bruder, einen Bruder in Ihnen selbst! Seien Sie mein Freund, nehmen Sie mich auf in Ihrem Hause, ich ersehe aus den Bildern in Ihrem Tagebuch, daß Sie verheiratet sind. Mein ganzes Leben, all mein Hab und Gut, meine wandellose Treue sei die Mitgift, welche ich Ihrem Hause zutrage, dafür aber lassen Sie mich eine Heimat finden, welche meiner Einsamkeit ein Ziel setzt, eine Heimat mit all der Güte und Freundlichkeit, welche ich bisher voll heißer Sehnsucht gesucht, niemals aber gefunden habe! Nehmen Sie mich auf in den Schoß Ihrer Familie, und Gott und die Engelshände meiner verklärten Mutter werden Sie dafür segnen!«

Einen Augenblick hatte sich hohe Betroffenheit und Überraschung in Groppens Zügen gemalt, er schien die seltsame Bitte des Fürsten kaum zu begreifen, dann aber war es, als ob die weiche, wehmutsvolle Stimme des mißgestalteten Mannes sein innerstes Herz getroffen, und in einer leidenschaftlichen Aufwallung von Dankbarkeit, Mitgefühl und Rührung breitete er die Arme aus und zog Daniel Sobolefskoi an seine Brust.

»Mein Bruder und mein Freund! Diese Stunde hat meinem Hause ein teures und liebes Familienmitglied geschenkt! Willkommen bei den Meinen! Lassen Sie es sich durch ungezählte Jahre hindurch beweisen, daß der Lebensretter des Vaters für Weib und Kind der liebste Freund auf Erden ist!«

Die Hände verschlangen sich in festem Gelöbnis, und es deuchte Daniel Sobolefskoi, als habe Geistermacht urplötzlich Zentnerlasten von seiner kranken Brust gewalzt, als sei das Tränenkrüglein des Schmerzensreich leicht geworden, wie nie zuvor im Leben.

VIII.

Vierzehn Jahre sind seit dem deutsch- französischen Kriege verflossen. –

Der Himmel wölbt sich in sonnendurchstrahlter Bläue über dem nordischen Flachland, die Wiesen spiegeln seine Pracht in Milliarden von blitzenden Tautropfen wieder, und um die dunklen Tannen- und Laubwaldungen wehen die weißen Nebel, wie ein Brautschleier, welcher durch schwarze Locken gewunden ist.

Tiefe, feierliche Morgenstille über Feld und Au. Die Lerchen schwirren wie dunkle, kleine Punkte so hoch in der Luft, daß man ihre Frühlichtpsalter kaum noch vernimmt, und die Schmetterlinge wiegen sich lautlos um die wenigen Herbstblumen, welche noch nach der zweiten Heuernte ihre Kelche erschlossen. Das Wild ist in den Wald zurückgetreten, und ein Luftzug, mild und weich wie ein tiefes Aufatmen der Wonne, neigt die breiten Schilfhalme auf die Wasserfläche der Weiher nieder, welche ein behaglich fließendes Flüßchen in öfterer Wiederholung bildet.

Frisch und harzduftig weht's von den Kiefern herüber, und auf dem weichen Boden des Waldweges, durchzogen von bemoosten Wurzeln und hoch bedeckt von den Baumnadeln, verklingt der Hufschlag eines Rosses, welches seinen Reiter gemächlich die kleine Anhöhe hernieder trägt. Die Lichtstreifen fallen durch die Zweige, sie spiegeln auf dem glänzenden, rehschlanken Körper des Goldfuchse und huschen empor an der eleganten Gestalt des jungen Offiziers, welcher mehr graziös als schulgerecht im Sattel sitzt. Stern und Adler auf der Tschapka funkeln nagelneu durch die leichte Staubschicht, welche sie während des Rittes überzogen, und die Ulanka ist von tadellosem Schnitt und berechtigt zu der Annahme, daß sie überall – obwohl man's nicht sehen und würdigen kann, mit Seide gefüttert ist.

Obwohl die Biwakfeuer des Manövers in der vergangenen Nacht ihre fröhlichen Rauchfähnchen über das Stoppelfeld flattern ließen, und die meisten ,Regimenter am Morgen mit etwas übereilter Toilette zur Übung ausgerückt sind, merkt man diesem Reserveleutnant der Garde-Ulanen nicht die mindeste Vernachlässigung seines äußeren Menschen an! Der hellblonde Schnurrbart mit den keck empor gestellten Spitzchen ist so zierlich gewellt, als käme er direkt unter dem Brenneisen des Friseurs hervor, eine energische Liebkosung der Puderquaste hat das fein geschnittene Antlitz mit dichter Reismehlschicht gegen Sonnenbrand und Staub geschlitzt, und die Haarwellen legen sich kunstgerecht an die Schläfen, als gälte es einen Siegeszug über das Parkett, nicht aber über Sturzacker und Heideland zu halten.

An einem Gummiband, um den ersten Knopf geschlungen, schaukelt sich das Monokel, und an schmalem Juchtenriemen renommiert ein Krimstecher in elegantestem Etui.

In kurzem Abstand hinter dem jungen Offizier folgen ein Unteroffizier und drei Mann, welche in dem Dorf Groß- Wolkwitz für eine Schwadron Ulanen Quartier machen sollen, dieweil sich ihr Vorgesetzter in dem Schloß des Gutsherrn bekannt machen wird, für den Regiments- Stab ein angenehmes Unterkommen zu schaffen.

Der Hochwald hat eine kleine Kiefernschonung als Ausläufer am Hügel vorgeschoben, und als auch diese endet, säumen dickstämmige Sauerkirschbäume die Fahrstraße, welche quer durch Feld und Wiesen dem Dorf entgegenführt. Der Kirchturm mit dem blitzenden Kreuz auf der Spitze hat dem kleinen Reiterzug längst als Wegweiser zugewinkt, und sobald die Rosse auf der Chaussee etwas ausgreifen, tauchen auch bald die Ziegeldächer der stattlichen Bauernhäuser vor den Blicken der Reiter auf.

Sonnig, schmuck und wohlbehäbig liegt die Ortschaft in einem Kranz grüner Wipfel, und dicht hinter ihr dehnt sich ein imposanter Park, aus dem mehrere schiefergedeckte Türmchen malerisch emporsteigen.

Der Leutnant der Reserve, Graf zu Lohe-Illfingen, klemmt sein Stückchen Fensterglas interessiert in das Auge und mustert das Bild im ganzen und speziellen. Dann wandte er sich nach den Quartiermachern zurück und zog mit einem Lächeln, welches mehr Herablassung als Freundlichkeit ausdrückte, die Lippen über die Zähne empor.

»Ist schon Groß-Wolkwitz! Auf Wort, alle Schornsteine dampfen bereits zum Willkommen!«

Er stieß etwas mit der Zunge an und hatte die langsame, leicht gezogene Sprechweise, welche für ganz besonders fein und hocharistokratisch gilt.

Der Unteroffizier würdigte den kleinen Scherz durch dankbares Lachen, und Graf Lohe animierte seine Vollblutstute zu elegantem Trab. Er streckte das Kinn dabei weit vor und ritt englisch.

Auf der Dorfstraße ließ sich der Herr Leutnant von alt und jung bewundern, erwiderte die respektvollen Grüße mit knapper Handbewegung nach der Tschapka und parierte endlich sein Pferd vor einem Haus, dessen Dach von drei Linden beschattet wurde. »Wünsche Dorfschulzen zu sprechen!« näselte er, mit zwei Fingern den Schnurrbart streichend, und das junge Mädchen, welches auf der steinernen Bank neben der Treppe saß und Pflaumen aussteinte, erhob sich, knixte errötend und eilte davon, den hohen Gast zu melden. –

Die dienstlichen Angelegenheiten waren hier für Graf Lohe bald erledigt: er ließ seine Leute bei dem Schulzen zurück, um die Quartierbilletts auszustellen, erfragte den Weg nach dem Schloß und ritt seines Wegs fürbaß.

Es war erst sieben Uhr, eine Zeit, welche jegliche elegante Dame noch in tiefsten Träumen zu ignorieren pflegt. Der junge Offizier aber hatte erfahren,daß Schloß Wolkwitz den Vorzug genoß, mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts in seinen Mauern zu beherbergen, und darum tat es ihm in tiefster Seele leid, seinen Einzug in den Schloßhof womöglich bei niedergelassenen Gardinen halten zu müssen. Ein Hoffungsschimmer blieb noch der Gedanke, daß man auf dem Land extravaganter ist als in der Stadt, und um ein paar Gläser frisch gemolkener Milch jeglichen Regeln der Residenz-Etikette ein Schnippchen schlägt.

Und in diesem einzigen Fall verzieh der Garde-Ulan solch ein plebejisches Beginnen. Eine Damen darf gar nicht früh aufstehn, das ist nicht ladylike, das ist höchstens Sitte der Kammerzofen und Nähmädchen: Eine Dame, welche nicht erst um elf Uhr ihr spitzenduftiges Negligé anlegt uno dann auf einer Chaiselongue ihre Morgenschokolade trinkt, erachtet Graf Lohe- Illfingen nicht als »voll«! Nichts ist ihm so unsympathisch, als vernachlässigte Allüren, und nichts deucht ihm unverzeihlicher, als ein Verstoß – und sei er noch so klein! – gegen Form und Eleganz.

Er selbst repräsentiert sowohl in seinem Äußern wie auch in seinem Wesen die Quintessenz aller Noblesse, oft wird er wegen seiner »Tadellosigkeit« geneckt, und ein Spitzname nennt ihn «la chevalier sans défaut et sans reproche!»

Der Dienst nötigt ihn, zu ganz unvorschriftsmäßiger Stunde in Schloß Wolkwitz seine Aufwartung zu machen, aber Graf Lohe will alles tun, was in seiner Macht steht, um solche Ungehörigkeit zu korrigieren. Er beschließt, zuvor nach den entfernter gelegenen Wirtschaftsgebäuden zu reiten, um sich mit dem Inspektor über Stallungen und Fonrage zu besprechen. Das wird eine Stunde vielleicht in Anspruch nehmen, und dann, um acht Uhr, muß er wohl oder übel im Schloß derangieren! Aber um diese Zeit sitzen die Herrschaften vielleicht schon auf der Terrasse, das erste Frühstück einzunehmen. Lohe malt sich das Bild mit allen Details aus. Der ehemalige Dragoneroffizier, Herr von Kuffstein, Besitzer von Wolkwitz, liegt im Schaukelstuhl, liest die Kreuzzeitung und führt hie und da, den kleinen Finger mit dem Wappenring etwas abspreizend, die Mokkatasse an die Lippen. Ihm zu Füßen lagert ein feudaler Rassehund, welchen die Tochter des Hauses mit schneeweißen Händchen nach einem Leckerbissen schnappen läßt. Die Tochter des Hauses! Sie heißt Ursula und ist siebzehn Jahre alt, Graf Lohe ist genau orientiert. Ihre Mutter ist eine geborene Gräfin Sasseburg, die Schwester der verstorbenen Frau von Dern- Groppen und der Baronin Büttingen, deren Gemahl kaum eine Stunde entfernt auf dem Nachbargut sitzt.

Wie mag Fräulein Ursula wohl aussehn! Schlank, graziös, hoffentlich trotz aller Landluft zart und ätherisch wie das Blättlein einer Akazienblüte. Etwas scheu und zurückhaltend wie alle Landkinder, in ihrem Wesen von der lässig vornehmen Art einer englischen Erzieherin beeinflußt. Der Garde-Ulan hatte den Kopf nachdenklich gesenkt und ritt im Schritt der hohen Mauer entgegen, über welche die Parkbäume ihre dunkellaubigen Wipfel erhoben. Er lenkte nach dem Fahrweg, welcher zu den Ökonomiegebäuden führte, ab und ritt an der Mauer entlang den roten Ziegeldächern und dem Brennereischornstein entgegen. Wie nun, wenn ein Zufall ihm schon jetzt eine oder die andere der Damen, welche vielleicht Brunnen trinken nnd Frühpromenaden machen müssen, in den Weg führt? Schon jetzt, ehe er einen Blick in des Inspektors Spiegel werfen konnte? Oder wenn ihn auch nur die Wirtschafterin, die Mamsell erblickt und durch die Kammerjungfer den Damen eine Beschreibung seines bestaubten, anläßlich des Biwaks so wenig soignierten äußern Menschen macht?

Der Gedanke war unerträglich. Graf Lohe stoppte seinen Renner und hielt eine schnelle Umschau. Er war mutterseelenallein. Kein Mensch vor oder hinter ihm auf dem Weg, seitlich auf dem Lupinenfeld niemand zu erblicken, nur ganz in der Ferne arbeiten Leute auf einem Kartoffelacker.

Der junge Offizier streifte die Zügel über den Arm, griff in die Tasche und zog ein Necessaire, aus Perlmutter und Gold gearbeitet, hervor. Er klappte den Deckel zurück und begann vor dem Spiegel, welchen derselbe aus der Innenseite faßte, seine Toilette.

Das geschliffene Glas warf das Bild eines sehr regelmäßigen, etwas blassen Gesichtes zurück, aus welchem zwei große, graublaue Augen leuchteten. Der Ausdruck der Züge war angenehm, wenngleich er leicht den Eindruck des Einstudierten und gezwungen Blasierten machte: es schien, als habe die strengste Erziehung jede Miene und jeden Nerv in eine Façon gedrillt, welche stets das rechte Maß hält, welche lächelt, verneint, bejaht und bedauert, gerade so, wie es sich für einen Grafen zu Lohe-Illfingen geziemt.

Mit dem duftenden Batisttuch stäubte er den Puder sorgsam von Stirn, Nase und Wangen, nahm die Tschapka vom Haupt und entkleidete auch sie des Staubes, und dann strich er mit zwei Bürstchen den Scheitel des Hinterkopfes zu schnurgerader Linie, lockerte die Haarwellen über Stirn und Schläfen und glättete den Schnurrbart. So weit es möglich war, klopfte er die Uniform ab, schlug klatschend mit dem zartkantigen Tuch gegen die hohen Dienststiefel, welche zu seinem tiefen Kummer die eleganten Lackschuhe verdrängen mußten, und wechselte alsdann die Militärhandschuhe mit Glacés, welche er stets zu mehreren Paaren bei sich trug.

Die ganze Art und Weise, wie Graf Lohe Toilette machte, trug das Gepräge äußerster Umständlichkeit und Finesse, und als er den Gesamteindruck seiner sterblichen Hülle nun zuguterletzt noch einmal im Spiegel prüfte, ein kleines Fleckchen auf der Wange entdeckte und besorgt aus einem Flacon ein frisches Taschentuch mit Kölnisch-Wasser befeuchtete, um damit den Schaden abzutupfen – da zuckte seine Hand unwillkürlich erschrocken zurück, denn von der Parkmauer an seiner Seite ertönte ein schallendes Gelächter, und eine Stimme rief in schauerlich derber Sprache:

»Nehmen Sie doch Spucke! Die tut's grad so gut und kost' nischt! Unten im Hof ist auch der Ententümpel, da können Sie gratis ein Vollbad nehmen!« und wieder ein jubelndes Gelächter.

Der Garde-Ulan hatte sich, zusammenschreckend, nach dem Besitzer dieser Stimme und Verbrecher solcher degoutanten Rede umgeschaut.

Über die Gartenmauer, durch ein Gewirr von Hollunderzweigen, schaute ein Jungenkopf, mit braunlockigem, arg zerzaustem Haar, und so viel man bei der abscheulichen Grimasse, welche er just schnitt, vermuten konnte, einem recht hübschen, runden, frischwangigen Gesicht.

»Wollen Sie vielleicht noch Seife? Was so'n echter, rechter, pommerscher Dreck is, der sitzt feste!« klang es abermals zu dem belauschten Reitersmann hernieder, und Graf Lohe machte ein Gesicht, wie eine Dame, wenn sie mit der Ohnmacht kämpft, und dachte naserümpfend: »Ein gräßlicher Bengel!«

Ohne zu antworten, setzte er die Tschapka wieder auf und ritt weiter.

»Kochäppel! Kochäppel! Kochäppel!« höhnte es ihm in rhythmischer Nachahmung seines kurzen Galopps nach. »Sie brüten wohl Eier aus, Männchen, daß Sie so ängstlich im Sattel sitzen?!« und abermals ein schmetterndes Gelächter.

»Schauderhaft!« dachte der Reserveoffizier und schüttelte sich förmlich vor Widerwillen gegen solche Verwahrlosung, »wenn diese Gärtnersrange, die sicherlich die frühe Stunde zum Ausplündern des herrschaftlichen Obstgartens benutzt hat, nur seine Spionage nicht im Schloß verwertet! Wäre höchst fatal, wenn die Damen durch taktlose Beschreibung von meiner Toilette unter freiem Himmel in Kenntnis gesetzt würden!«

Und der Majoratsherr von Lohe-Illfingen beschleunigte durch leichten Zungenschlag die Gangart seiner Stute und schwenkte in die Torfahrt des Gehöfts ein.

Die Hufe knatterten auf dem Pflaster, und alles, was da auf dem Hof kreucht und fleucht, stand in starrer Bewunderung über diesen schmucken Herrn Offizier, sprang diensteifrig herzu, knixte und riß respektvoll Maul und Augen auf – da war die Scharte, welche des frechen Bengels Willkommen dem blanken Schild der Eitelkeit geschlagen, vollständig wieder ausgewetzt!

Die Turmuhr hatte bereits die achte Stunde geschlagen, als der Reserveleutnant der Garde-Ulanen mit dem Inspektor von dem nahen Feld zurückkam, wohin er ihm, nach Weisung eines jungen Eleven und unter Führung desselben, gefolgt war.

Nach Erledigung seiner dienstlichen Besprechung ließ Graf Lohe den Goldfuchs im Stall zurück und begab sich zu Fuß durch den Park nach dem Schloß.

Da er nicht liebte, und es auch für durchaus unpassend erachtete, mit Untergebenen mehr als wie dringend notwendig zu reden, so hatte er lediglich gefragt, ob Herr von Kuffstein schon jetzt zu sprechen sei, was der Inspektor mit etwas frappiertem Lächeln bejahte. Eine vorherige Anmeldung bei den Herrschaften hatte der Graf untersagt.

So schritt er mit leise klingenden Sporen durch die köstlichen Anlagen dem Herrenhause entgegen. Eine etwas altertümliche,

gediegene Eleganz, wohin er blickte. Dunkle, hochgewölbte Lindenalleen, trefflich gehaltene Rasenflächen, auf welchen Rotbuchen, Akazien, Eichen und Edeltannen geschmackvoll schattierte Tuffs bildete. Zwischendurch ein kristallklares Wässerchen, überspannt von verschiedenartigen, kleinen Brücken, eingezwängt in kühle Grotten, oder erweitert zu an Schilf und Seerosen reichen Teichen, von welchen sich rauschende Wasserfälle zu den tiefer gelegenen Blumengärten niederstürzten.

Vor der Front des ersichtlich sehr alten Schlosses dehnen sich breite Teppichbeete, und zu beiden Seiten der Freitreppe öffnen ein paar klassische Wölfe drohend ihre Rachen.

Totenstille. Die meisten Fenster des Gebäudes stehen weit geöffnet, die Jalousie über dem Mittelbalkon ist niedergelassen, und auf den Steinschwellen der Treppe und dem Kiesweg liegen bunte Hammer, Croquetkugeln und Reifen. Aber keine Menschenseele nah und fern zu erblicken. Lohe bleibt einen Augenblick zögernd stehen; aus einem der Fenster klingen sehr stockend gespielte Fingerübungen – dann verstummen sie wieder.

Langsam steigt der junge Offizier die Stufen empor und öffnet die breite Glastür, durch welche er in eine Flurhalle blickt, zwischen deren stützenden Säulen sich eine eiserne Treppe aus den oberen Stockwerken herniederwindet.

Auch hier ist niemand zu hören und zu sehen. Der Eindringling schaut sich ratlos um, eine Klingel zu entdecken, und schreitet nach einer der Säulen, an welcher ein Löwenkopf mit einem Ring im Maule glänzt, seine Bedeutung zu erforschen.

Noch hat er denselben nicht berührt, als in der ersten Etage eine Tür knallend in das Schloß geworfen wird,

»Mine! – Jette!! zum Donnerwetter, wo steckt denn die ganze Bande!!«

Lohe starrt nach der Treppe empor, als traue er seinen Ohren nicht! Der schreckliche Junge von der Parkmauer!!

»Mi – ne! – Jet – te!!« schmettert es abermals durch die gewölbte Halle, »da lungern die Stubenbolzen haufenweise im Haus herum, und wenn man einen Troppen Wasser haben will, kann man sich heiser brüllen! – Mi – ne! Jet–te!«

Der pikfeine Resereleutnant der Garde-Ulanen fühlte einen Schauder durch alle Glieder rieseln. Der Junge war ein Kuffstein!

Unerhört! Solch ein Betragen wäre im Stammschloß der Lohes eine Unmöglichkeit gewesen, und hier tobte der Sohn des Hauses wie der ärgste Gassenjunge ungestraft in den Korridoren umher.

Droben hatte sich währenddessen ein wahrer Höllenlärm erhoben: »Die Klingeln gehen nicht, man kann das Ranunkelzeug nicht 'mal herbeiläuten!« wetterte die Stimme. »Meinetwegen, dann holt euch euren Kladderadatsch alleine!!«

Und klirr – klingelingeling rasselte eine blau abmalte Porzellankanne die eiserne Treppe herunter, daß die Funken stoben!

Graf Lohe-Illfingen war höchlichst alteriert nach der hohen Blattpflanzengruppe, welche sich um die Mittelsäule der Vorhalle aufbaute, zurückgewichen: die Scherben aber tanzten ihm bis vor die Füße, und just stand er im Begriff, vor so viel Ungehörigkeit wieder auf die Veranda hinauszuflüchten, als sich dicht neben der Treppe eine Tür auftat.

Ohne den jungen Offizier zu bemerken, schritt Herr von Kuffstein, denn nur er konnte es sein, mit behaglich grunzendem Lachen über die Schwelle. Ebenso dick wie Sir John, aber noch um eines Hauptes länger als dieser berühmteste aller Bonhonimisten an Heinrich IV. Hof: gleich seinem britischen Vorbild von oben bis unten von hellgelbem Nanking umspannt, hielt er beide Hände in den Hosentaschen versenkt und sah mit seinem stark geröteten Vollmondsgesicht erst auf die Trümmer des Kruges, dann nach der Treppe empor. Ein Mops, ebenso wohlgenährt wie sein Herr, war langsam nachgewatschelt und stellte sich an seiner Seite auf, um recht übellaunig ebenfalls nach oben zu glotzen.

»Aber Urschel-Purschel! Bist du denn rein des Deiwels, daß du mit der schönsten Imitation eines Delphter Pots Kegel schiebst?!« Die fette Stimme des Gutsherrn klang weder zornig noch überrascht, im Gegenteil, in ihr sowohl wie in seiner ganzen Haltung lag eine beinahe schmunzelnde Anerkennung: »Was ist denn los da oben? – he?« Der Mops nieste, weil es in der Halle kühl war, und droben über dem Geländer erschien der dunkellockige Jungenskopf … alle guten Geister … Graf Lohe-Illfingen hatte das Gefühl, als müsse er sich mit beiden Händen festhalten, um nicht vor Schreck und Überraschung umzufallen, dieser schimpfende, Fratzen schneidende, in den entsetzlichsten Ausdrücken redende Jungenskopf saß auf dem entzückendsten Damenfigürchen,

welches man sich denken kann! – Der Bengel war ein Mädchen!!

»Jule, geh weg, ich springe!« lachte Fräulein Ursula von Kuffstein, stuhle sich etwas kraftvoll derb auf das Geländer und schwang sich in Bogensätzen die Treppe hinab, daß die Stufen unter den naturledernen Hackenschuhchen zitterten und die weißgestickten Kleiderfalbeln aufwogten.

Der Mops wackelte feig aus dem Wege, Herr Julius von Kuffstein aber wiegte voll hoher Vaterfreude das Haupt und sagte lakonisch: »Graziös wie ein Mehlsack – ganz wie dein Herr Alter!« Gleicherzeit aber schaute er sich verwundert um; Ursula hatte nämlich mitten auf der Treppe ganz urplötzlich gestoppt, mit dem Dinger überrascht nach der Mittelsäule der Halle gedeutet und dann die Hände mit schallendem Gelächter zusammengeschlagen: »Da ist er! Da ist er!«

Graf Lohe war sprachlos, er trat einen Schritt vor und klappte mit einer Musterverneigung die Silbersporen zusammen, Herr von Kuffstein aber wuchtete ihm, beide Hände darreichend, entgegen und begrüßte ihn wie einen guten, alten Freund:

»Ah, voilà, Verehrtester! Willkommen als Schwalbe, welche hoffentlich für recht viele Kameraden Sommerquartier macht! von Kuffstein, Vater von der kleinen Göre da! Sehen's mir wohl schon an meiner stolzgeblähten Haltung an!« Und der Besitzer von Wolkwitz lachte in tiefem Baß und drückte und schüttelte die Hände des Garde-Ulans,

»Graf zu Lohe-Illfingen!« Abermals klangen die Sporen: »Bitte tausendmal um Vergebung, Herr Baron, wenn ich als Werkzeug des königlichen Dienstes bereits in so früher Stunde die Herrschaften derangieren muß –«

»Frühe Stunde? Du, Urschel-Purschel, ist's bei uns noch um acht Uhr früh morgens?«

Die junge Dame hatte beide Hände aus den Rücken gelegt und musterte ihr Gegenüber mit ihren großen, schalkhaft blitzenden Augen. »Ich wasche mich meistens schon um fünf Uhr, aber nicht mit Parfüm, sondern mit ganz gemeinem, ollem Wolkwitzer Brunnenwasser!«

»Ja, und nun sehen Sie sich 'mal die Pflanze an, Graf, sind Sie schon so einem feschen Mädel begegnet? Weil die Klingeln den Dienst versagen, klingelt sie einfach mit dem Porzellankabarett die Treppe runter! Weiß sich zu helfen, das muß man sagen!« Und Herr von Kuffstein patschte seiner Einzigen voll Bewunderung auf den Lockenkopf: »Nu mach' dich aber 'mal auf die Socken, du Strolch, und sorg' dafür, daß die Anwesenheit des Grafen bekannt wird! Wir wollen frühstücken, verstanden? Die Mama soll sich ein wenig mit der Toilette sputen, damit der schwere Kavallerist hier uns beide nicht etwa für Pik-Solos hält!«

»Geht ihr in deine Stube?«

»Na natürlich!«

»Ich habe vorhin das Kälbergatter aufgelassen, da sind die Racker unters Jungvieh geraten, und nun muß ich erst hin und wieder sortieren! Ob das bis zum Frühstück erledigt ist, ist den Kälbern ihre Sache, Kommt doch mit und helft prügeln, dann geht's schneller!«

Graf Lohe im Kälbergatter! Es überkam ihn wie ein Schwindel bei diesem Gedanken. Glücklicherweise war es dem Gutsbesitzer zu heiß zu solcher Beschäftigung.

»Dann nich!« und Fräulein von Kuffstein schwenkte auf den Hacken um, den Kälbern gegenüber allein ihren Mann zu stehen. Zuvor aber stürzte sie sich meuchlings auf den ahnungslosen Mops, faßte ihn und rollte ihn ein paarmal wie eine Nudelwalze auf dem glatten Steinboden hin und her: »Dokterjo, oller, fetter Dokterjo!« waren hierbei die rhythmischen Begleitworte,

und als der sichtlich schweratmige Vierfüßler prustend wieder auf den Beinen stand, da machte der kleine Kobold ihm mit einer Geste nach dem fremden Offizier einen feierlichen Knix: »Herr Doktor, ich habe die Ehre, Ihnen Graf Dingsda vorzustellen!« Im nächsten Moment fiel die Tür sehr geräuschvoll hinter ihr ins Schloß.

»Ein famoser Balg!« lachte der verblendete Vater. Graf Lohe aber war tief gekränkt, daß er, der eleganteste Mann der Residenz, in nichtachtender Weise als Graf »Dingsda« einem Mopse vorgestellt wurde! Wäre nicht Fräulein Ursula neben all ihrer schauderhaften Derbheit ein gar zu bildhübsches kleines Ding gewesen, würde der Majoratsherr von Illfingen sich sofort auf seinen Goldfuchs geworfen haben, dem Schloß Wolkwitz und seinen entarteten Bewohnern für ewig den Rücken zu kehren! So aber beschloß er, in Anbetracht des königlichen Dienstes, in seiner unsympathischen Lage auszuhalten und um der schönen Augen willen das schreckliche kleine Mundwerk Ursulas zu ignorieren. Zu seiner freudigsten Überraschung machte die Mutter alles wieder gut, was das Töchterchen verbrochen.

Frau von Kuffstein erschien, trotzdem sie sehr leidend war, beim Gabelfrühstück und sah in ihrer eleganten, langschleppenden Morgentoilette sehr comme il faut aus. Ihr ganzes Wesen kennzeichnete die ehemalige Hofdame, und es erschien dem Garde- Ulan schier unbegreiflich, wie diese, zarte, in jedem Wort und jeder Geste elegante Frau die Mama des verwildertsten kleinen Straßenmädchens sein konnte.

Immer leidend, seit Jahren schon der tiefsten Ruhe und Einsamkeit bedürftig, so nervös, daß die lärmende, quecksilberige Natur ihres kerngesunden kleinen Mädchens ihr bei längerem Zusammensein unerträglich wurde – das war wohl die einfache, traurige Lösung dieses Rätsels. Herr von Kuffstein aber, diese kraftvolle Mischung eines Kavallerie-Offiziers und Landjunkers,

bei viel Gutmütigkeit von einer, sich bis zur Derbheit steigernden, drastisch-humorvollen Zwanglosigkeit, konnte unmöglich andere Erziehungsresultate erzielen, als die, welche Graf Lohe einen Schauder sittlicher Entrüstung verursachten,

Ursula erschien nicht beim Frühstück, dafür aber die Erzieherin und Französin, die beide an den Anblick des leeren Stuhls in ihrer Mitte gewöhnt zu sein schienen.

Frau von Kuffstein fragte allerdings sehr erstaunt nach dem Verbleiben ihrer Tochter, ihr Gatte jedoch schob eine zusammengerollte Fleischplinse in den Mund und sagte mit vergnügtem Augenzwinkern: »Sie ist tätige Landwirtin, stör' sie nicht, Valeskachen! Sowie ich einigermaßen Kräfte gesammelt habe, unternehme ich mit unserem verehrten Gast einen Streifzug und bringe den kleinen Sackermenter ein! Sehen vielleicht ganz gern mal meine Fohlenkoppeln bei der (Gelegenheit an, lieber Graf? Hocken und Kälbergarten sind gute Freunde und getreue Nachbarn bei mir!«

Als die Frau des Hauses sich mir einem Dulderlächeln und gütig gestattetem Handkuß wieder zurückgezogen hatte, griff Herr von Kuffstein nach dem mächtigen Strohhut, welcher sein feistes Antlitz wie ein Heiligenschein umrahmte, und unternahm in Begleitung seines Gastes einen Rundgang durch Schloß und Park. »Wollen Sie uns vielleicht begleiten, Herr Doktor?« fragte er höflich, und der Mops erhob sich, streckte gähnend seine kurzen Stumpfbeinchen und watschelte mehr aus Pflichtgefühl als aus einem anderen Grunde im Schatten seines Gebieters hinter dem Herrn her.

Auf dem Mittelturm des Schlosses aber stieg die bunte Flagge empor und flatterte der Einquartierung lustig entgegen, und so still es zuvor in dem Wolkwitzer Herrenhaus gewesen, so lebhaft pulsierte jetzt das Leben in jubelnder, singender und klingender Gewißheit: »Es ziehen drei Reiter zum Tore hinein – trara!«

IX.

Über die Wiesen flutete das grelle Sonnenlicht, und Graf Lohe sah es mit starrer Verwunderung, daß Fräulein Ursula wenig danach fragte, ob Sonnenbrand für den Teint einer Dame vorteilhaft sei oder nicht. Ohne Schirm, ja selbst ohne Hut und Handschuhe tollte die junge Dame zwischen den buntscheckigen Wiederkäuern umher, und der unnatürliche Vater stellte sich an die Holzbarriere und hielt sich die Seiten vor Lachen über den drolligen Anblick.

»Schlingelchen, komm! Die Gesellschaft ist ja wieder ganz exklusiv!« rief er mit einem Wink nach der Kälberherde, »begleite uns in die Koppeln!«

»Gleich! Diese eine Schecke muß noch raus! Glaubst du wohl, daß sie will? Hat reine den Deiwel zum Großvater!« und damit drosch das Backfischchen mit beiden Fäusten auf ein besonders obstinates Kalb und drängte es mit überraschender Energie nach der Tür, welche ein Hütejunge zum Öffnen bereit hielt.

Kreuz und quer machte der junge Wiederkäuer seine Bocksprünge, und Ursula geriet immer mehr in den Harnisch und bekam vor Zorn ein dunkelrotes Köpfchen.

»Du wirst ja nicht fertig mit dem Racker, Urschel-Purschel, sei kein Narr und verfüg' dich her!«

»Nicht fertig werden?« Die dunklen Augen blitzten: »Ich will Hanswurst heißen, wenn ich dieses Hornochsenvieh nicht Mores lehre! – He! Schorsche! ruff mit der Bohle!!« – kurz entschlossen erfaßte Fräulein von Kuffstein das Kalb beim Schwanz und zerrte es jubelnd und schreiend aus dem Jungvieh heraus rückwärts zu seinen Kameraden, welche jenseits des Gatters dicht zusammengedrängt standen und mit vorgestreckten Köpfen das Schauspiel blöde anstierten. »Famos! auf Wort! eine infame Krabbe!« lachte der Gutsherr ganz begeistert,

»Urschel-Purschel, dafür bekommst du deinen Hochfahrer!« und sich zu Graf Lohe wendend, welcher aus lauter Betroffenheit mitlachte, das heißt nur ganz leise, denn lautes Gelächter verabscheute er als höchst unpassend, fuhr er lebhaft gestikulierend fort: »Wie finden Sie das? Ein Blitzmädel, sag' ich Ihnen! Sollen mal sehen, wie die Hexe im Sattel sitzt und Rehböcke schießt … mir immer vor der Nase weg, und klettern kann sie wie 'ne Katze!« Er hielt pustend inne, seine Einzige stand neben ihm und versetzte ihm einen kordialen Schlag auf die Schulter.

»Topp, Jule! meinen Hochfahrer! Der Graf hat's gehört, daß du ihn mir versprochen hast!«

Der Garde Ulan riß die Augen weit auf. »Jule?« wiederholte er entsetzt,

»Ja, das bin ich! So nennt sie mich, weil ich Julius heiße, und weil sie eigentlich gar keinen Respekt vor mir hat! Wie gesagt, ein Blitzmädel! Da mach mal einer was, wenn sich so ein Dreikäsehoch hinstellt und einen ›Jule‹ tituliert!« – und Herr von Kuffstein wandte sich zu einem Diener, welcher atemlos herzugelaufen kam und die Posttasche überreichte.

»Jetzt geht erst mal wieder die Lektüre los!« konstatierte das kleine Fräulein ungeduldig, »kommen Sie, Graf, wir pinschern allein voraus!«

»Allein!«

»Na! Wollen Sie vielleicht einen Anstandswauwau aus der Kälberkoppel mitnehmen? Sie fürchten sich wohl gar, daß Sie so ängstlich tun?« und die Kleine lachte schallend aus. »Vorwärts marsch, wie fahren ein bißchcn Kahn!«

Sie trat unter den schattigen Parkbäumen, woselbst die Herren bis jetzt gestanden, hervor und schritt ihm quer durch die Wiesen nach den alten Anlagen voraus, Der Reserve-Offizier folgte zögernd und zog besorgt seine Handschuhe an, ehe er sich dem Sonnenschein aussetzte,

Ursula sah es und stemmte die Hände in die Seiten, »Handschuhe! Daß du die Motten kriegst! Damit die weißen Händchen nicht verbrennen! Hahaha! Sie scheinen ja ein unglaublich eitler Knopp zu sein, das merkte ich schon an der Katzenwäsche hoch zu Roß!«

Der »Knopp« fuhr dem jungen Elegant wieder wie ein Bleigewicht in den Wagen, er sah aber in die übermütig strahlenden Augen der kleinen Sünderin und sah die Grübchen in ihren Wangen und die beiden Elfenfüßchen, mit welchen sie, diesmal viel graziöser als zuvor, auf jeden einzelnen Maulwurfshaufen voltigierte. Ein Gedanke durchzuckte ihn: wie scharmant wäre es doch, wenn er diesen Edelstein ein wenig abschleifen könnte! Viel Zeit ist nicht dazu, aber Graf Lohe will wenigstens einen Versuch machen. Er ist infolgedessen nicht beleidigt, sondern ignoriert die Unart,

»Leben Sie Sommer und Winter in Wolkwitz, mein gnädiges Fräulein?«

»Ja, weil wir's vom Herbst und Frühling so gewöhnt sind!«

»Unternehmen Sie keine Reisen?«

»O ja, wenn Jule seinen Haber los geworden ist und die Russen unsern denaturierten Spiritus intus haben, dann lassen wir schon mal einen Affen tanzen!«

Es lag ein außerordentlich komischer Kontrast in der hyperfeinen Art und Weise, in der gewählten Sprache des Grafen und der derben Manier seiner Begleiterin, welche ihm durch jedes Kraftwort Nervenzucken verursachte.

»Sie haben aber angenehme Nachbarschaft hier, Verkehr mit jungen Damen … anregende Geselligkeit…«

»Für gewöhnlich ist nur die Förstertrude da, aber jetzt sind alle Nachbarsgüter, wo sonst nischt zu holen ist, gerammelt voll Menschen! Meine Cousinen Dern-Groppen wohnen zum Beispiel auch bei Tante Büttingen in Alt-Dobern; ich reite in einer halben Stunde rüber, wenn mir Papa die Klarisse gibt, mit den anderen Schindmähren zockelt man eine halbe Ewigkeit!«

»Fräulein von Groppen hier in der Nähe? Ist ja ganz allerliebst, meine Gnädige! Ich hatte den Vorzug, beide Damen kennenzulernen, und wird es mir zu ganz besonderem Vergnügen gereichen, in Alt-Dobern meinen Respekt zu Füßen zu legen. Ist keine Aussicht vorhanden, Ihre Fräulein Cousinen dieser Tage zu sehen?«

»Na, probieren Sie's mal und nehmen Sie den Operngucker, ob's was nutzen wird, weiß ich nicht. Sind ganz nette Bälge, die beiden Groppens, aber so fürchterlich schwärmen wie Mama tue ich denn doch nicht für sie! Gestern waren sie hier, und wir mopsten uns auch gegenseitig an. Lena ist so mordsernst und so geistreich, daß mir reine übel wurde, und Jolante – die würde mit Ihnen ein famoses Gespann geben, die ist auch so ›etepetete‹ und so sentimental, wie Dünnebier mit Himbeer!« Ursula blieb stehen und persiflierte mit viel Humor die junge Dame: »Ich schwärme für alle schönen Künste – Musik und Malerei sind meine Ideale! Ach, eine Tragödie von Wildenbruch ist das Himmlischste, was existiert!« Fräulein von Kuffstein ließ die erhobenen Händchen mit den graziös gespreizten Fingern wieder in ihre natürliche Lage als kleine Fäuste auf die Hüften zurücksinken und fuhr in ihrem alten Ton fort: »Übergeschnappt ist sie. Ich lese auch für mein Leben gern eine so recht spannende Schauergeschichte, aber das Futter verschmähe ich darum vor lauter Genialität doch nicht!«

Graf Lohe umschritt gemessen einen Baumstamm, auf welchem seine Begleiterin sich en passant ein paarmal wippte, und war wohlerzogen genug, den Eindruck, welchen ihre Worte auf ihn machten, nach Kräften zu maskieren.

»Sie lesen gern und viel, mein gnädigstes Fräulein? Was zum Beispiel erfreut sich des Vorzugs, Ihre Lieblingslektüre zu sein?«

Sie zuckte die Achseln. »Kommt ganz drauf an, Eben hatte ich ein famoses Buch: ›Die rote Gräfin oder das schöne Fabrikmädchen!‹ Das habe ich rein verschlungen vor Eifer –«

»Die – rote – Gräfin?« Der Garde-Ulan stand wie angenagelt und riß die Augen auf, als stünde ein Gespenst vor ihm.

»Na ja! oder, was auch ganz famos war: ›Schlag zwölf Uhr!« – und dann ein ganz urverrücktes Ding: ›Der Mord im Nebenkabinett!‹ Das war so dämlich, daß man die meisten Quatschereien gar nicht zusammenreimen konnte, und wenn das Abgemurkse losging, schrie Förstertrude immer: Hör' auf, mir wird ganz schlecht!«

Lohe fuhr mit seinem duftenden Tuch über die Stirn, »Wer gibt Ihnen denn diese Bücher, meine Gnädigste? Doch unmöglich Ihre Frau Mama?«

»Mama?« – sie tippte nicht sehr schmeichelhaft gegen die Stirn – »die darf gar nichts davon wissen. Niemand weiß es überhaupt außer Mine, an die adressiert wird.«

»Ja aber … mon Dieux …«

»Wenn ich die stieselichen Bücher, welche mir meine Erziehungsdrachen meistens andrehen wollen, lesen würde, käme ich ja um vor Langerweile. Goethes Faust finden sie schon unpassend für mich, obwohl doch außer dem erstochenen Valentin gar keine Greuelszene vorkommt und Mephisto und Martha sich am Schluß nicht einmal kriegen! Da verschaffe ich mir meine Bücher eben selbst! – Mine muß an den Buchhändler in der Stadt schreiben, ich bezahl's, und wenn dann die Bücherliste ankommt, wird sie im Gemüsekeller unter den Kartoffeln oder Krautköpfen versteckt. Solange Sie hier sind, können Sie mitlesen, aber nur im Wald oben, damit's keiner merkt!«

Oh, welch eine Untiefe tat sich da vor den Blicken des jungen Offiziers auf! Er, das bravste, gehorsamste Muttersöhnchen, welches jemals eine Kinderstube gezeitigt, welchem fröstelte, wenn er die grellfarbenen Einbände der Hintertreppenromane im Schaufenster ausliegen sah: er stand der Tochter eines vornehmen Hauses gegenüber, deren geheime geistige Nahrung im Gemüsekeller lagerte! – Und dabei lachte und tänzelte das kleine Teufelchen voll bestrickendster Naivität vor ihm her und ahnte gar nicht, wie ungezogen und bösartig sie eigentlich war! Der Garde-Ulan seufzte tief auf und dachte: Ein Apfelbäumchen, welchem Zucht und Pflege fehlt, schießt wild empor, anmutig von Gestalt und Blüte, und vollkommen zufrieden mit sich selbst. Wenn aber die Leute in seine Früchte beißen, verziehen sie gewaltig den Mund und sagen: »Wie schade, daß ein solch prächtig Bäumlein derart verwahrlost wurde!«

Ursula beobachtete in demselben Augenblick, wie Graf Lohe einen kleinen, japanischen Papierfächer aus der Brusttasche zog, um ihn in graziösester Weise zu benutzen, wie er eine etwas morastige Stelle so angstvoll vorsichtig auf den Fußspitzen traversierte, als wolle er den Eiertanz aufführen, wie er höchlichst alteriert aus dem Bereich eines blühenden Gebüschs flüchtete, welches bei seiner Berührung gelben Blütenstaub über ihn geschüttet.

»Wie jammerschade ist's doch um diesen hübschen Menschen, daß er so affig ist!« dachte das junge Mädchen. »Er kommt mir gerade so vor, wie ein schmucker Taxus in altfranzösischem Garten. Wüchse er auf, wie ihn die Natur geschaffen, würde er jedermann gefallen, so aber zuckt man bedauerlich über den kunstvoll zugestutzten, in närrischste Modefasson gepreßten Gesellen die Achseln und sagt: »Wie schade, daß ein solch prächtiger Baum derart zugerichtet ist!«

Und sie patschte so energisch mit der Gerte, welche sie abgerissen, in den Teich, dessen Ufer sie erreicht hatten, daß dem eleganten Herrn das trübe Wasser um die Ohren spritzte.

»Wollen wir fahren? Dann müssen Sie aber beim Rudern das Gearbeite mit dem Fliegenwedel unterlassen! Und das Leder von den Händen runter! Ein paar Schwielen muß es geben, sonst ist der Witz nur halb!«

Ihre Augen blitzten ihn herausfordernd von der Seite an.

Der Graf klemmte das Monokel ein und blickte erst betroffen auf das Wasser, dann auf die junge Dame. »Aber meine Gnädigste … ich kann es mir durchaus nicht amüsant vorstellen, auf diesem Teich, dessen Sauberkeit mir sehr zweifelhaft erscheint, eigenhändig zu gondeln!«

»Ein Ententümpel kann nicht wie Bergkristall aussehen, und bei so 'ner Hitze riecht jedes Wasser! Ich fahre immer hier, weil's am größten ist.«

Lohe hielt das Taschentuch au die Nase. »Beneidenswerte Nerven! Übrigens muß ich Ihnen gestehen, daß ich niemals im Leben eigenhändig ruderte und derartige Kraftleistungen stets besoldeten Leuten überließ.«

»Als Soldat können Sie nicht mal einen Kahn führen?«

»Ich bin Reserveoffizier, und da ich für gewöhnlich als Assessor und Hofjunker in der Residenz lebe, fehlt es mir an Gelegenheit, derartigen Sport zu kultivieren. Ehrlich gesagt, würde ich es auch niemals tun. Eine ausgearbeitete Hand ist im Salon unmöglich, und es widerstrebt meiner ganzen Natur, Dinge zu unternehmen, die mich in das Echauffement eines Tagelöhners versetzen!«

Ursula maß den Sprecher mit spöttischem Blick vom Scheitel bis zur Sohle. »Sie sind nur Sommerleutnant? Nicht einmal wirklicher Offizier?«

Seine Höflichkeit blieb unverändert: »Ich hoffe im Staats- und Hofdienst dem Vaterland ebensoviel zu nützen, wie mit dem Säbel, und auf dem Parkett meinen Platz ebenso auszufüllen, wie auf dem Exerzierplatz!«

»Dann allerdings dürfen Sie nicht in ganz gewöhnlicher und gemeiner Entengrütze umkommen! Wäre ja Kaviar fürs Volk, und unsre Karpfen würden solch seine Delikatesse gar nicht zu würdigen verstehen!« Sie lachte schallend auf. »Da kommt Papa! Gehen Sie mit ihm in den Eiskeller, damit Sie nicht länger durch ein ›Echauffement‹ degradiert werden! – Ich bin hier mang den Froschlöffel groß geworden, und wohlgeflegte Hände beanspruchen die Ochsen und Kühe nicht! – Empfehle mich!« und mit einem outrierten Knix streifte sie die weißen Ärmel ihres Kleides empor, sprang auf den Steg und von da aus in den Nachen.

Mark-Wolffrath, Graf zu Lohe-Illfingen antwortete nicht, aber sein Blick sprühte auf, und seine Arme kreuzten sich über der Brust. Jeglicher Disput ist unfein, und einer Dame gegenüber gibt es auf Unarten keine chevalereskere Antwort als Schweigen.

Ursula aber schien eine Entgegnung erwartet zu haben, sie wandte schnell das Köpfchen und sah ihn an. Wie hübsch sah er mit diesem bösen Gesicht aus! All das Weibische, höflich Glatte war wie weggewischt, ein männlich fester, stolzer Ausdruck beherrschte seine Züge. So gefiel er ihr. Das machte sie verlegen. Heiße Röte stieg in ihre Wangen, sie schlug die Augen nieder und senkte das Köpfchen,

Wie allerliebst ihr das stand! Graf Lohe war ganz überrascht. Das bubenhaft Trotzige, Derbe in ihrer Erscheinung war wie mit Zauberschlag verschwunden, eine entzückende, verschämte Anmut neigte das schlanke Hälschen und lag verklärend auf der zierlichen Gestalt, welche mit weißen Armen die Ruder heranzog. So gefiel sie ihm. Aber sie verdiente keinen freundlichen Blick in diesem Augenblick, und darum wandte sich der junge Offizier hoch erhobenen Hauptes und schritt voll imponierender Ruhe davon, Herrn von Kuffstein entgegen. Der Zorn gab seinem Gang etwas Festes uno Markiges, das sah gut aus. Ursula bewegte langsam die Ruder und sah ihm nach. Sie war es gewohnt, Groß-Wolkwitz und Umgegend zu kommandieren, niemand nahm ihre Unarten übel oder wagte es, Front gegen sie zu machen. Dieser zimperliche Leutnant drehte

ihr einfach den Rücken und ignorierte sie. Weil sie das von ihm am allerwenigsten erwartet hatte, war sie sehr frappiert, fand sein Benehmen aber ganz in der Ordnung. Es würde ihr leid getan haben, wenn er zu der Rasse mit Schlappohren gehört hätte, welche sich alles bieten lassen. Seine geschniegelte und gebügelte

Noblesse war also – Gott sei Dank – nur äußerlich. Nicht ein einziges Mal sieht er nach ihr zurück, und wie stramm er jetzt marschieren kann! Von einem Fächer ist keine Rede mehr, und unter dem Goldregen schreitet er jetzt ohne Scheu weg, ja er reißt sogar ein Zweiglein ab, zerknickt es zwischen den Händen und wirft es fort.

Was für eine schöne, schlanke Figur er hat! Der Herr Doktor, welcher sonst gegen jeden Fremden eine unbezwingliche Abneigung hegt, scheint großes Wohlgefallen an ihm zu finden, er zieht ein huldvoll schiefes Maul, wackelt seinem Herrn voraus und beschnüffelt die Reiterstiefel der Einquartierung. Warum hat sie den armen Menschen eigentlich so schlecht behandelt? – Ursula ist ganz nachdenklich geworden und rührt mit dem Dingerchen mechanisch in den grünen Wasserlinsen, welche den Teich ringsum bedecken. Dafür, daß der Graf als Gast bei ihnen eingekehrt ist, war sie zu unartig gegen ihn, aber … du meine Güte! sie hatte es doch nicht böse gemeint! Sie wird sich irgendeinen Witz ausdenken und ihn wieder versöhnen!

Jetzt hat er Herrn von Kuffstein erreicht. Pfui Teufel! gleich ist er wieder der alte Scharwenzel! Dienert und schlängelt sich wie ein Sandaal und macht die graziösesten Gesten. Klemmt auch mit dem vornehmen Gesicht das Monokel ein und wendet sich nach ihr um. Nein! Nun ist alles wieder aus! Nun gefällt er ihr gar nicht mehr.

Ursula hob ärgerlich die Ruder und schlug damit so jählings und heftig in das Wasser, daß die Grütze weit umherspritzte, und die Enten, welche vertrauensselig an sie herangerudert waren, mit gellendem Geschnatter davonstoben. Lohe seufzte leise auf. Wie liebreizend war sie soeben gewesen! Das Herz war ihm aufgegangen in der Überzeugung, daß ihr burschikoses Wesen nur die rauhe Schale eines unverdorbenen, süßen Kernes sei, und nun war alles wieder aus! Nun gefiel sie ihm gar nicht mehr!

Der Graf neigte sich in zorniger Aufwallung und pflückte eines der großen Huflattichblätter, welche auf der morastigen Wiese wucherten. Unter dem Vorwand, die Sonne blende ihn, hielt er es vor die Augen, das unästhetische Bild auf dem Ententümpel nicht länger sehen zu müssen.

»Himmel Donner … jetzt leistet sich die Pomadenbüchse gar einen Sonnenschirm!« murmelte das Backfischchen ingrimmig, schwenkte kurz um und ruderte in entgegengesetzter Richtung davon; – den Anblick konnte sie nicht länger ertragen!

Mit klingendem Spiel waren die Garde-Ulanen in das mehrtägige Quartier eingerückt. In dem Groß-Wolkwitzer Schlosse rasselten die Säbel und Sporen treppauf, treppab, hantierten Diener und Mägde, in dem altertümlichen Eßsaal eine festliche Tafel zu decken.

Die Burschen schleppten das Gepäck ihrer Herren herzu, und als Ursula über den Korridor lief und sich neugierig umschaute, sah sie, wie in jedes Fremdenzimmer ein oder zwei anspruchslose Militärkofferchen getragen wurden, vor einer Tür aber standen vier umfangreiche, hochelegante Korkkoffer, neben welchen ein Diener in Livree Wache hielt.

»Daß dich die Maus beißt! – Wem gehört denn die Bagage?!«

Der Gallonierte meisterte seine Gesichtsmuskeln. »Gnädiges Fräulein, zu Befehl, dem Herrn Leutnant Grafen zu Lohe- Illfingen.«

»Das hätte ich mir denken können. Sind Sie sein Bursche?«

»Nein, gnädiges Fräulein, ich bin der Bereiter des Herrn Grafen und habe nur privatim die Pferde zu begleiten. Der Kammerdiener und Militärbursche sind noch bei der Equipage im Dorf, darum besorgte ich das Gepäck.«

»Kammerdiener? – Militärbursche? Na zum Kuckuck, mit wieviel Begleitung reist denn der Herr Leutnant?«

»Wir sind vier Mann, zu dienen. Der Herr Graf läßt stets seine Equipage im Manöver nachfahren, welche in den betreffenden

Dörfern privatim untergebracht wird. Da ist der Kutscher, der Kammerdiener, der Militärbursche und ich.«

»Das genügt. Na, dann laden Sie die Fuhre ab; wenn der Herr Graf vielleicht noch einen Stutzflügel und Eisschrank mit sich führt, melden sie es meinem Vater, dan räumen wir ihm den Tanzsaal ein,«

Der Bereiter verneigte sich mit gitternden Nasenflügeln, und Fräulein von Kuffstein schritt weiter. Abermals blieb sie an der nächsten Tür stehen,

»Heilige Kümmernis! Wem gehört denn diese Laus von einem Waterproofchen? Da haben doch höchstens ein paar reine Manschetten und eine Zahnbürste drinnen Platz!«

Der Bursche grinste, »Nix so! Is sik unsre erste Garnitur auch noch bei Zahnburstel bei!«

»Unsre?«

»Heißt sik Herrn Premierleutnant von Flanken!«

»So! Dann schleppen Sie sich keinen Schaden dran.«

Müssen diese beiden Herren Leutnants verschiedenartige Menschenkinder sein! dachte das kleine Fräulein und begab sich sehr ungern in ihr Ankleidezimmer, die Toilette zu wechseln, Mine blickte kläglich auf das frischgewaschene, elegante weiße Kleid nieder, welches sichtbarste Erinnerungen an Kälbergatter und Ententümpel an sich trug.

»Schon wieder geliefert!« seufzte sie, »Ach, liebes, bestes, gnädiges Fräulein, wenn Sie doch während der Einquartierung mit den Kleidern, welche ich blitzeblank in der Garderobe aufgehängt habe, auskommen könnten! Es ist so wenig Zeit jetzt, wir müssen uns halbtot schinden bei all den Menschen, da kann ich weiß Gott nicht noch den lieben langen Tag vor dem Plättbrett stehen!«

»Heul' man lieber gleich! Wer sagt denn, daß ich wieder mang das Jungvieh gehe?«

»Das vielleicht nicht; aber mit dem gnädigen Herrn pirschen!«

»Ist setzt keine Zeit dazu. Der Oberst wird wohl einen Rehbock

schießen wollen, und weil der Olle Angst hat, ich könnte ihn dem gestrengen Herrn vor der Nase wegniesen, läßt er mich zu Hause!« Und dabei plätscherte Fräulein von Kuffstein so energisch im Waschbecken, daß Marmorplatte und Fußboden in die Bedrängnis einer Überschwemmung gerieten, »Morgen abend fahren wir nach Alt-Dobern … großes Völkerfest … unsere Einquartierung ist auch mit eingeladen! Da such mir mal ein anständiges Kaliber von einer Fahne raus, Mine, ich muß ein bißchen hübsch aussehen, verstehste, nicht wie eine Kräuterrieke.«

Die Jungfer blickte überrascht auf; es war das erstemal, daß Fräulein Ursula Gewicht auf ihr Aussehen legte.

Auf der Terrasse spielte die Musik, und in dem Eßsaal flimmerten die Lichter, schwirrten die Stimmen in animiertester Unterhaltung durcheinander, klang das Silber auf feinstem Porzellan; weiche, balsamische Sommerluft wehte durch die geöffneten Fenster. Graf Lohe saß einsilbig inmitten seiner Kameraden an dem unteren Ende der Tafel und schielte durch die Blüten eines Silberaufsatzes zu der Tochter des Hauses hinüber, welche mit glühenden Wangen und lustblitzenden Augen, frisch wie die Rose an ihrer Brust, ihre Umgebung durch die originelle Weise ihrer Unterhaltung zu entzücken schien. Papa Kuffstein hatte die Zettel in etwas eigenwilliger Weise gelegt. »Es ist gerade genug, wenn die Urschel-Purschel an einer Seite von solch 'nem alten Knaben flankiert wird!« hatte er gedacht, und darum plazierte er rechts von ihr einen Stabsoffizier und links einen Leutnant. Welchen? das war ihm ganz »schnuppe«, wie er seiner Gattin versicherte.

So war Herr Premierleutnant von Flanken zu der überraschenden Ehre gekommen, neben Fräulein von Kuffstein zu sitzen.

Ursula war sehr gespannt gewesen, den Besitzer des bescheidensten aller Koffer kennenzulernen. Ganz verdutzt blickte sie an der reckenhaften Gestalt empor, welche ihr aschblondes, mit krausem Negergelock bedecktes Haupt in markig kurzem Gruß vor ihr neigte.

Solch einen Riesen hatte sie zuvor noch nicht gesehen! Der mußte ja die Sonne verdunkeln, wenn er aufrecht unter freiem Himmel ging, und wenn er eine seiner gewaltigen Hände auf die Provinz Pommern legte, da war sie mit Mann und Maus reichlich zugedeckt.

Seine Figur repräsentierte sein Embonpoint, aber sie war von einer muskulösen, kraftstrotzenden Vierschrötigkeit, so massiv und eifern, daß einem unwillkürlich eine Erinnerung an jene Sagengestalten kam, welche die Löwen mit den Fäusten würgten, Felsen versetzten und Baumstämme wie Schilfrohre zur Erde duckten!

Aber an keine bösartigen, menschenfeindlichen Riesen mußte man denken, dazu blickten die runden Augen viel zu lustig und harmlos in die Welt, und dazu verliehen die kurze, gedrungene Nase und die fleischigen Lippen dem Gesicht einen gar zu gutmütigen Ausdruck.

Selbstverständlich erschienen die Bewegungen des hünenhaften Mannes derb, und seine Bemühungen, die rohe Kraft zu meistern, machten sie etwas linkisch.

»Wie werden diese beiden Naturkinder sich schnell gefunden haben!« dachte Lohe ärgerlich, und er beobachtete ihre Unterhaltung, welche schon jetzt an Lebhaftigkeit gar nichts zu wünschen übrig ließ.

Ursula und ihr Tischnachbar fanden auch gegenseitig viel Spaß aneinander.

»Gott sei Dank, Sie sind doch aus anderem Schrot und Korn gebacken, wie der Mondscheingraf da unten!« lachte das Backfischchen anerkennend. »Sie mögen ihn gewiß auch recht wenig leiden, weil er so furchtbar fein ist!«

Flanken lachte, daß sein kräftiges Gebiß zwischen den bartlosen Lippen sichtbar wurde. »Die Gegensätze berühren sich stets, mein gnädiges Fräulein, und darum zählt Lohe zu meinen liebsten und vertrautesten Freunden. Wir gehen für einander durchs Feuer, wo der eine verkehrt, ist auch der andere zu finden, und wenn etwas unternommen wird, geschieht es gemeinschaftlich. Dabei aber besteht unser Verkehr aus ununterbrochenen Reibereien. Wir bekämpfen gegenseitig unsere Schwächen und die grellen Widersprüche, welche wir verkörpern. Ich hänsele den guten Mark-Wolffrath mit seiner outrierten Eleganz, und er spielt meiner hausbackenen Tollpatschigkeit einen Schabernack um den anderen. Beide aber lassen wir uns nicht das mindeste gefallen, und so kommt es –«

»Der Graf läßt sich nichts gefallen?«

»Erscheint Ihnen das verwunderlich? Unter der parfümierten, gebürsteten und gekräuselten Dandyhülle steckt der schneidigste Kerl, den Sie sich denken können! Wie andere Leute ein Vielliebchen essen, so tauschen wir in aller Freundschaft die blauen Bohnen aus, und wenn einer dabei Blut lassen muß, so macht ihm der andere voll besorgter Zärtlichkeit Krankenvisiten und spielt Sechsundsechzig mit ihm!«

Der Sprecher blickte zu dem jungen Kameraden hinüber und machte ihm eine Faust zu, Lohe aber hob sehr graziös den Champagnerkelch und erwiderte dadurch den Gruß.

»Der Graf wird ganz vortrefflich zu meiner Cousine Jolante passen,« fuhr Ursula mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen fort, »die ist genau so verdreht wie er. Glauben Sie, daß die poetischen Damen ihm gefallen?«

»Na und ob!«

»Meinetwegen! Mag's doch!« Das Backfischchen sah sehr böse aus und warf den Kopf keck in den Nacken. »Es ist mir höchst gleichgültig, ob er morgen mit mir tanzen wird oder nicht. Ärgern will ich ihn zuvor noch gelb und grün und mich dafür rächen, daß er nicht mit in das Kälbergatter gegangen ist.«

»Das ist brillant, dabei helfe ich!« lobte Flanken in seinem dröhnenden Baß, »Wir beide wollen den Monsieur mal erziehen, daß er vernünftig wird!« Und sie stießen darauf an, und der Premierleutnant entwickelte höchst richtige Ansichten über Ententümpel und Jungvieh; selten hatte Herrn von Kuffsteins Einzige so völlig mit jemand harmoniert.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Schon in aller Frühe war Ursula mit Herrn von Flanken spazierengeritten, und sie hatte mit der Reitpeitsche nach den dichtverhängten Parterrefenstern des Grafen gedeutet und ingrimmig gesagt: »Wie ein Murmeltier schläft er in den hellen Tag hinein, anstatt mit uns zu galoppieren, und das will ein Offizier sein! Bah, ein Sommerleutnant ist er!« und sie ritt dicht an das Haus heran und schlug mit dem Gertenknopf einen wahren Wirbel gegen die Scheibe. »Pst! – vorwärts!« und sie winkte ihrem Begleiter, über den weichen Rasen hinüber die Flucht zu ergreifen.

Hinter der Ecke des Schlosses lachten beide ein Duett. Als sie von ihrer Promenade zurückkehrten, saß Lohe mit dem Adjutanten auf der Terrasse und nahm das erste Frühstück ein. Letzterer erhob sich, der Tochter des Hauses entgegenzugehen und sie mit heiterstem »guten Morgen« zu begrüßen.

»Scharmant, daß Sie endlich wieder die Sonne über Groß- Wolkwitz aufgehen lassen, meine Gnädigste, wir haben bis jetzt trostlos und allein im Schatten kämpfen müssen, da uns selbst Mlle. Chalon nach eingegossenem Kaffee unserem Schicksal überließ.«

»An dem Drachen haben Sie gerade was verloren! Aber warten Sie einen Moment, ich wasche mich nur mit ein wenig Eau de Cologne und ziehe mich um, dann frühstücke ich in zweiter Auflage noch einmal mit Ihnen!« – Ihr Blick blitzte herausfordernd zu Lohe hinüber, welcher sich schweigend erhoben und verneigt hatte. Er schwieg auch jetzt. Da machte das Fräulein auf den Hacken kehrt und lief ins Schloß, und als sie, von Kopf bis zu Füßen rosig, wiederkam und sich unter übermütigstem Geplauder mit Flanken am Frühstück des Adjutanten beteiligte, sprach Graf Lohe auch nicht mehr, denn zuvor, sondern fütterte die Spatzen mit Semmelkrumen und den Herrn Doktor, welcher sich auffällig an ihn attachiert und neben ihm auf dem Sessel des Hausherrn Platz genommen hatte, mit Zuckerstückchen.

»Das Vieh platzt ja allernächstens vor Fettigkeit!« ärgerte sich Ursula und wackelte und kippte dergestalt an dem Stuhl, daß der Doktor sich nur mit äußerster Mühe auf seinem Lederkissen behaupten konnte. Auch darauf keine Gegenäußerung.

»Warum bist du denn so maulfaul heut, mon Chevalier?«

Flanken schob ein halbes hartgekochtes Ei in den Mund und stieß seinen Nachbar kräftig mit dem Ellbogen an. Der Graf zog ostensibel den Arm zurück: »Ich kann mich sehr schlecht an diesen häufigen Wechsel der Quartiere gewöhnen, und das macht mich nervös!« sagte er kurz.

Ursula prustete laut auf vor Lachen und erzählte, daß sie überall schlafen könne: »meinetwegen auf einem Sack voll Nußschalen! Man muß nur müde sein und nicht aus Rücksicht auf schöne Hände und Füße auf einen gesunden Sport verzichten!«

Flanken machte ein pfiffiges Gesicht und blinzelte ihr zu. Dann erhob man sich, um ein wenig Kahn zu fahren. Heute setzte Fräulein von Kuffstein eine mit dicken, rosa Schleifen belegte »Schute« auf, welche ihrem Köpfchen mit dem pikanten, frischen Gesichtchen das Ansehen eines Greenaway-Figürchens verlieh.

»Allerliebst! Wie ein Heidelbeerchen oder eine Tollkirsche sieht das kleine, braune Mädel aus!« hatte der Adjutant schon gestern abend geäußert.

»Nehmen Sie sich in acht, Tollkirschen machen selbst die vernünftigsten Menschen toll!« antwortete Lohe spöttisch. Und nun wurde Kahn gefahren. Der Graf dispensierte sich davon; er wolle zur Kirche gehen. Flanken und Herr von Bornitz folgten ihrer originellen Führerin blindlings durch Dick und Dünn, durch Gebüsch und sumpfige Wiesen, in das Kälbergatter und auf den Ententümpel. Ursula fand das ganz in der Ordnung, und darum machte es ihr keinen sonderlichen Eindruck. Etliche Kraftproben des Premierleutnants bewunderte sie jubelnd nach Verdienst, aber sie sah sich immer mal verstohlen um, ob Graf Lohe nicht doch noch nachkomme. Er kam jedoch nicht. Nach Tisch, als alle Herrschaften beim Kaffee saßen, rächte sich Ursula. Zum Entsetzen des Schäfers faßte sie den Leithammel bei den Hörnern und zerrte ihn aus der nahen Hocke über die schmale Hürde nach dem Schloßpark. Die ganze Herde folgte. Die Dienerschaft war instruiert. Über den Hof ergoß sich der seltsame Pilgerzug, nach dem Innern des Herrenhauses, durch den Korridor direkt in das Ankleidezimmer des Grafen. Kopf an Kopf wurden die Lämmlein hineingepfercht, und als Ursula sich mit glühenden Wangen die Hände rieb, da stimmten alle dienstbaren Geister in ihre Freude ein.

»So, mein Bürschchen!« dachte Fräulein von Kuffstein, »willst du nicht mit unter die Kälber, so sollst du wenigstens unter die Hammel geraten!«

Als die Herren sich zurückzogen, um Toilette für den Ball in Alt-Dobern zu machen, und Graf Lohe die Tür zu seinem Zimmer öffnete, taumelte er entsetzt vor den anstürmenden Vierfüßlern zurück, welche ihn mit entrüstetem Geblöke schier über den Haufen rannten. Außerordentliche Verwirrung im ganzen Schloß, Ursula aber saß auf der Treppe und lachte Tränen. So brillant ihr Vater auch diesen Witz an und für sich fand, bat er den Grafen dennoch, ihn so harmlos aufzunehmen, wie er gemeint sei. Der junge Offizier versicherte ihn dessen und küßte der Frau von Kuffstein, welche ganz außer sich über solche Unart war, lachend die Hand. Es roch entsetzlich in dem Zimmer, darum befahl Lohe seinem Kammerdiener, einen Koffer zu packen, er wollte in Alt-Dobern bei seinem Freund Böhrach Toilette machen. Der Kammerdiener, Bereiter und Militärbursche begaben sich in großer Hast sofort an das Werk.

Ursula aber ließ unter schallendem Gelächter der Umstehenden ihre Herde defilieren; der Kommandeur war ebenfalls erschienen und amüsierte sich ersichtlich. Dennoch lag's dem Backfischchen plötzlich wie ein Stein auf dem Herzen, Graf Lohe musterte sie mit einem gar zu seltsamen Blick.

X.

Vor dem Schloßportal von Groß- Wolkwitz hielten die verschiedenen Equipagen, welche die Gutsherrschaft und die Offiziere der Einquartierung nach Alt-Dobern bringen sollten.

Herr von Kuffstein bestieg mit seiner Tochter das zweisitzige Coupé, die zwei Rittmeister und der Adjutant folgten in offenem Landauer; zuletzt fuhr Graf Lohe in eigener Equipage. Flanken bestand darauf, zu reiten. Ursula beobachtete es mit spöttisch zuckenden Lippen, wie der große Koffer aufgeladen wurde, wie die vier dienstbaren Geister, respektvoll, wie vor einem Prinzen Spalier bildeten und sich überstürzten, den Wagenschlag hinter ihrem Gebieter zu schließen.

Frau von Kuffstein stand mit dem Regiments-Kommandeur und den beiden Erzieherinnen auf der Terrasse und winkte den Abfahrenden freundlichen Gruß nach, und der »Herr Doktorjo« saß auf der obersten Stufe der Freitreppe und ließ das für gewöhnlich sehr wohlwollend nach aufwärts geringelte Schwänzchen melancholisch niederhängen. Er war ersichtlich beleidigt, daß er nirgends einen Platz im Wagen angeboten bekam und glotzte so verächtlich, wie es seiner Mopsphysiognomie nur möglich war, den abrollenden Wagen nach. Seine pessimistischen Ansichten über Welt und Leben konnten sich bei derartigen Erfahrungen nicht bessern. Er seufzte tief auf, erhob sich gähnend und watschelte zu dem Schinkenbrötchen, welches er zuvor aus der Hand seines Herrn naserümpfend verschmäht hatte. Jetzt leckte er wenigstens die Butter ab und half dem Schinken über, denn – so philosophierte er – Liebe und Treue sind Wetterfähnlein im Wirbelwind der Laune, aber eine gute Assiette hält Leib und Seele zusammen, und »sich sattfressen« ist die einzige Taktik, des Daseins ganzen Jammer erfolgreich zu bekämpfen.

Die letzten rotgoldenen Strahlen der Abendsonne fielen durch die hohen Spiegelscheiben, als Lena Dern von Groppen die Wetterrouleaux mit weißen Händen emporwand.

Wie von einem Heiligenschein umflossen, stand die schlanke Mädchengestalt; Kletterrosen und Glyzinen, welche sich an der ganzen Südseite des Alt-Doberner Herrenhauses emporrankten, schlangen sich zu düfteschwerem Rahmen um das reizende Bild, an welchem der Blick des Fürsten Daniel Sobolefskoi in starrem, träumerischem Schauen hing.

Lena blieb einen Augenblick au dem Fenster stehen, öffnete es und schaute in die Pracht der Gotteswelt hinaus, welche ein selten schöner Spätsommer mit üppigsten Farben gemalt. Blüten, wohin das Auge sah, sich wie ein köstlich gestickter Mantel über Mauer und Säulen werfend, sich als Teppich unter hochstämmigem Rosenflor, unter tropfenden Fuchsiazweigen und dicktuffigen Petunias ausbreitend, gleich Feuerströmen aus hohen Steinvasen niederstürzend und sich in ungezählten Zweigen durch den grünen Laubkranz des Parkes windend. Das Abendrot wirft seine lohenden Garben über den Himmel, und die Vöglein steigen jauchzend empor, ihre Schwingen hineinzutauchen; Schmetterlinge segeln wie bunte Glücksschiffchen durch die warme Luft, und die Schwäne liegen in wohligem Ausruhen regungslos auf dem Wasser, ihr Bild zwischen den Schilflilien zu spiegeln. Lenas hellblondes Haar ist goldig durchleuchtet und erscheint Daniel Sobolefskoi genau in der Farbe, wie die wallenden Locken seiner Mutter. Ihr Köpfchen zeichnet sich scharf gegen den Himmel ab, und die graziöse Gestalt ist weiß gekleidet, wie die auf dem Bild Eglantinas.

Daniel preßte beide Hände gegen die kranke Brust, deren altes Leiden ihn soeben wieder ganz plötzlich heimgesucht hat; er atmet schwer und tief auf, läßt das Haupt, dessen Haar bereits vom silbernen Schimmer überhaucht ist, kraftlos in die weichen Polster des Sessels zurücksinken und starrt unverwandt auf das lichte Bild im Fensterrahmen. Wie im Schattentanz ziehen die einzelnen Jahre an seinem geistigen Auge vorüber.

Er gedenkt der Stunde, da er zum erstenmal, ein kaum verstandener

und fremder Eindringling, über die Schwelle des Dernschen Hauses geschritten.

Freudentränen in den Augen, hat sich die Gemahlin seines Freundes an des Gatten Brust geworfen, für niemand anders Sinn und Gedanken, als für ihn, den einzig Geliebten, welchen Gottes Gnade in diesem Augenblick ihr neu geschenkt hat. Zage Schrittchen aber haben sich dem abseits stehenden Fremdling genähert, zwei dunkle Augen haben voll Engelsgüte zu ihm aufgelächelt, und eine rosige Kinderhand hat den Blütenstrauß dargereicht mit dem wundertrauten Gruß: »Sei herzlich bei uns willkommen, lieber Onkel Daniel!«

Da ist's dem armen, mißgestalteten Manne wie ein Zittern und Beben durch alle Glieder gegangen, er hat die Hand auf das blonde Lockenköpfchen des Kindes gelegt, und durch seine Seele zog es wie ein Dankgebet: O Mutter!

In dem Blumenstrauß jedoch prangte inmitten ein vergoldetes, vierblättriges Kleeblatt, welches Lena im verflossenen Herbst am Geburtstag des Vaters gefunden hatte. Frau von Dern-Groppen hatte es als verheißungsvolles Glückszeichen aufbewahrt, und ihr Töchterchen hat es nun zum Dank demjenigen dargereicht, welcher als Schutzengel über dem teuersten Leben gewacht hatte.

Daniel aber kam eine jähe, plötzliche Erinnerung. Auf dem Gemälde in dem Sterbezimmer zu Miskow hatte auch die Hand seiner Mutter dieses seltsame Symbol des Glücks gehalten. Wie ein köstliches Kleinod hütete Fürst Sobolefskoi diese erste Liebesgabe aus Lenas Hand.

Und die Zeit zog dahin, wolkenlos und glückselig, wie nie zuvor im Leben des vereinsamten Mannes. Mit herzlicher Liebe hing Lena an dem Russen, keinen besseren Spielkameraden gab's für sie, keinen treueren Gefährten bei gemeinsamer Arbeit, denn ihn. Unermüdlich im Geschichtenerzählen, verzichtete Daniel auf jegliche Geselligkeit, um abends bei den Kindern zu sitzen und mit seiner weichen Stimme ihnen das geheimnisvolle Zauberreich des Märchens zu erschließen. Zumeist ersann er seine Erzählungen selbst, und Lena saß mit gefalteten Händchen und blickte zu ihm auf, wie er mit seinen großen, leuchtenden Augen in das Kaminfeuer schaute, als lese er die phantastischen, glückseligen Wundergeschichten darin ab, in welchen die himmlische Fee stets zur rechten Zeit erschien, um einen häßlichen Bär oder Zwerg in den schönsten Königssohn zu verwandeln. Und als Zeiten voll Not und Sorge kamen, als Lena von ernster Krankheit heimgesucht wurde, da saß Sobolefskoi Tag und Nacht an dem Bettchen, jeden Atemzug des Lieblings voll zitternder Herzensangst zu bewachen. Solche Treue knüpfte auch das Band der innigsten Freundschaft zwischen den Eltern der Kleinen und ihm stets fester, und bald deuchte es allen im Hause, als habe Fürst Sobolefskoi nie gefehlt, als gehöre er, gleich einem leiblichen Anverwandten, für jetzt und immerdar zu der Familie des deutschen Offiziers.

Zur Zeit, da Daniel zum erstenmal des Rittmeisters Hand umschlossen, lagen dessen Verhältnisse nicht allzu glänzend. Er war der drittgeborene Sohn einer reich begüterten Familie, deren bedeutender Landbesitz laut väterlichem Testament als Majorat stets an den ältesten Sohn fallen sollte. Derselbe war verheiratet und bereits Vater von drei prächtigen, lebensfrohen Buben, ebenso war der zweite Träger des Dern-Groppenschen Namens mit einem Knaben gesegnet, und dadurch war für den Rittmeister jegliche Aussicht auf den großen Besitz so gut wie ausgeschlossen. Seine Gemahlin, eine geborene Gräfin Sasseburg, Schwester der Frau von Kuffstein und Baronin Büttingen, war wohl vermögend, aber nicht reich genug, um ein völlig sorgenfreies Leben führen zu können. Es hieß an allen Ecken und Enden sparen und sich nach der Decke strecken, was dem eleganten und etwas leichtlebig beanlagten Rittmeister anfänglich herzlich sauer gefallen war. Als Fürst Sobolefskoi jedoch in seiner taktvollen Weise begann, die Goldströme seines Reichtums unter das Dach seines Freundes zu leiten, da zeigte Herr von Dern eine fast schroffe Festigkeit, welche jegliche Unterstützung seitens des Russen ein für allemal ausschlug. »Wenn du in meiner Familie leben willst, lieber Daniel, mußt du wohl oder übel alles so mit in den Kauf nehmen, wie es einmal ist!« hatte er sehr energisch geäußert. »Es widerstrebt mir, aus unserer Freundschaft irgendwelchen, und sei es auch nur den kleinsten Nutzen zu ziehen, und außerdem wirst du einsehen, daß es gewissenlos von uns Eltern wäre, die Kinder in einem Luxus zu erziehen, welcher nur von dem Schicksal erborgt ist!«

Daniel fügte sich mit einem geheimnisvollen Lächeln und schrieb sein Testament.

Jahre danach, als Frau von Dern-Groppen unter den ersten Keimen ihres später unheilbaren Leidens zu kränkeln begann, fügte sich ihr Gatte der Notwendigkeit und gab Daniels flehenden Bitten nach, die leidende in heilsame Bäder bringen zu dürfen, Sommer für Sommer, in der letzten Zeit sogar noch einen Teil des Winters, reiste Sobolefskoi mit der Familie seines Freundes: voll aufopfernder Güte und Sorge, waltend, schirmend und helfend als Arzt und Bruder, stand er der Kranken zur Seite, und wenn Herr von Dern seine Hände mit krampfhaftem Druck umspannte und ausrief: »Wie soll ich jemals meine Schuld gegen dich abtragen?« dann ging es wohl wie ein Aufschrei der Sehnsucht durch das Herz des liebearmen Mannes, »gib mir das, was kein Kaiser der Welt zu geben vermag, den höchsten Lohn, welcher je verliehen, gib mir Lena!« aber er strich mit leisem Aufseufzen über die Stirn und entgegnete: »Nie kann armselig Geld das Glück aufwiegen, welches ich in deinem Hause gefunden? All mein Hab und Gut gehört dir, und doch bin ich dein Schuldner.« Lena wuchs empor, und in Daniels Augen war sie das lieblichste und holdseligste Wesen der Welt. Jolante, die blauäugige Blondine mit dem weichen, schwärmerischen Charakter, zeichnete er durch dieselben liebenswürdigen

Aufmerksamkeiten, Geschenke und kleinen Überraschungen aus, wie die Schwester; er tat beiden Mädchen alles zu Gefallen, was er irgend erlauschen und erforschen konnte, und für das Auge des harmlosen Beobachters war es unmöglich zu entdecken, welches Bild tiefer in sein Herz geschlossen war. Wer achtete auch darauf, ob das Auge des verwachsenen, kleinen Mannes wie verklärt aufleuchtete, wenn sein Blick auf Lena weilte, wer sah es, wenn er eine Blüte, die ihre Hand gehalten, aufbewahrte wie ein Heiligtum?

Oft hatte er die gemalten Augen seiner Mutter mit denen des jungen Mädchens verglichen, und er starrte die wundersame Ähnlichkeit an, wie ein Rätsel, welches nicht zu lösen ist.

Die harmlos glücklichen Jahre, da Lena zärtlich seine Wangen streichelte und keine Menschenseele ihm seine unschuldige Freude streitig machte, zogen schnell dahin, und aufs neue kam das Schicksal und schlug seine Kralle in das Herz des so schwer Geprüften.

Lenas jungerblühte Schönheit blieb nicht unbemerkt, und wie die Schmetterlinge dem Rosenknöspchen schmeicheln, so huldigten die jungen Kameraden Dern-Groppens dem anmutigen Töchterchen ihres Oberstleutnants.

Qualen der Verzweiflung erduldete Daniel Sobolefskoi. Sein Herz schrie auf gegen die Härte und Ungerechtigkeit Gottes, welche ihn schuldlos in den Staub getreten, ein elender Krüppel zu sein, er ballte die Hände gegen sein Schicksal und brach demütig zusammen unter den Schmerzen, mit welchen seine kranke Brust heftiger denn jemals ringen mußte. Soeben hatte der Dämon in ihm noch gejauchzt: »Lena ist ja arm, und die modernen Freier brauchen eine reiche Mitgift notwendiger denn ein holdselig Leib! Wer kann sie dir rauben? Kann sie nicht mein eigen sein, soll auch nie ein anderer sie besitzen!« Und nun, da Lena die kleine Hand auf seine Stirn legt und sich voll Weh und Sorge über ihn neigt: »Geht es dir besser, lieber, armer Onkel Daniel? Was um alles in der Welt hat diesen neuen Anfall verursacht!?« da zittert es feucht in seinen Wimpern, und er faltet die Hände in heiligem Gelöbnis: »Gott soll mich verdammen, wenn ich in verächtlicher Selbstsucht meines Lieblings Glück zersplittern ließe! Ich danke dir, mein Herr und Gott, daß du mich reich gemacht hast, ihr zu helfen!«

Nein, Daniel Sobolefskoi begehrt Lena nicht zu eigen, aber er zittert vor der Stunde, welche ihm sein Liebstes nehmen wird.

Wundersam! Hat es Gottes Barmherzigkeit gefügt, ihr junges Herz gegen die Allgewalt der Liebe zu feien? Kühl und stolz geht Lena ihren Weg, und die Hände, welche sich begehrend nach ihr ausstrecken, weist sie mild, aber energisch zurück: »Ich liebe ihn nicht, und wie kann ich ohne Liebe heiraten?!«

In solcher Stunde möchte Daniels Herz zerspringen vor Wonne und Glückseligkeit; aber andere kommen, und die Qual beginnt von neuem, und es sind lange Monate und Jahre, welche ihn auf die Folter spannen.

Daniel hat vergeblich im Verein mit den besten Ärzten alle Kunst aufgeboten: Frau von Dern-Groppen ist endlich von ihren Leiden erlöst, und Lena hat das Köpfchen an die Schulter des treuen Freundes gelehnt und bitterlich geweint. Die Einsamkeit der tiefen Trauer hat die Hinterbliebenen einander noch näher geführt, und es deucht Daniel, als habe sich der düstere Krepp wie ein linder Balsam auf sein Herz gesenkt, es für Monate wenigstens in ungetrübtem Frieden genesen zu lassen. Und abermals fällt ein neuer Tropfen Wermut in den Leidensbecher des Schmerzensreich. Eine wunderbare Fügung des Schicksals hat den Vater der beiden jungen Mädchen dennoch zum Besitzer der bedeutenden Dernschen Güter gemacht. Jäh auftretende Krankheiten, ein Pistolenduell und ein Sturz mit dem Pferd haben den blühenden Mannesstamm der Familie wie Blitze aus heiterem Himmel zu Boden geschmettert. Von allen, welche nach menschlichem Ermessen berufen schienen, dereinst das Erbe anzutreten, war keiner geblieben außer dem nunmehrigen Oberst, über welchen sich ein Füllhorn reichsten Segens schier märchenhaft ergoß.

Da Herr von Dern-Groppen nur zwei Töchter besaß, sich nicht noch einmal verheiraten wollte und auch die Güter nicht persönlich bewirtschaften konnte, verkaufte er allen Nebenbesitz bis auf das alte Stammgut und war ein reicher Mann geworden, welcher von dem jähen Umschwung des Schicksals wie geblendet und betäubt erschien. Die Gnade seines Kaisers hatte ihn, das Glück des passionierten und vortrefflichen Offiziers vollkommen machend, als General in die Residenz eines deutschen Staates berufen, und Daniel drückte ihm mit herzlichem Glückwunsch die Hand, aber in seinem Blick lag ein stummes Weh, und sein Haupt sank so tief auf die Brust, wie das eines Dulders, wenn er sich resigniert der Last seines Elends beugt.

Welch ein wunderliches Gemisch der stolzen Freude und verzehrenden Angst, wenn Lena, umschwärmt von Verehrern und Freiern, vor seinen Augen ihre Triumphe feierte! Aber seltsam – abermals schien sich das Schicksal des gequälten Mannes und seiner leidenschaftlich tiefen, edlen und selbstlosen Liebe zu erbarmen. War Lena früher gegen die huldigenden Herren schon abweisend gewesen, so war sie es nun erst recht.

»Ach, Onkel Daniel!« hatte sie einst voll stolzer Heftigkeit ausgerufen: »Wie verächtlich sind mir all diese ritterlichen Nacken, welche sich von dem elendesten Dukatensäckel wie die Sklaven knechten lassen, wie unwürdig erscheinen mir solche Götzendiener, die lediglich vor dem goldenen Kalb im Staube liegen, und wie unglückselig sind wir armen, reichen Mädchen daran, die als Mittel zum Zweck mit Liebesschwüren belogen und betrogen werden!«

»Du bist ungerecht, liebe Lena! Ist dir nicht die Liebe in reichem Maße dargebracht, als die Welt dich noch für arm hielt?«

Ihr dunkles Auge sprühte auf, sie biß die Zähne zusammen und legte die Hand auf seine Schulter.

»Onkel Daniel … glaubst du tatsächlich, daß sie das jemals getan? Man war überzeugt davon, daß der reichste Fürst des Russenreiches die Lebenswege seiner beiden einzigen Anverwandten überhoch mit Gold pflastern werde, sobald sich Gelegenheit geboten, eine Hochzeit auszurüsten! Sehe ich die große Komödie des ›sich Findens und Bindens‹ nicht täglich mit eigenen Augen an? Muß sie mir nicht zum Ekel werden?« Lena schüttelte mit bitterem Lächeln das Haupt: »Möge Gott mich bewahren, daß ich jemals in dem Rechenexempel eines Heiratskandidaten die unwürdige Rolle des Kapitals spielen muß!«

Und Lena hatte Wort gehalten. Siebenundzwanzig Jahre war sie alt geworden, ohne daß ihr Herz den herben Ansichten ihres Verstandes widersprochen hätte. Schwankend zwischen Furcht und Hoffnung, sich aufreibend in der Qual seiner trostlosen, tiefverborgenen Liebe, beobachtete Sobolefskoi diese Unnatur. Kein Frauenherz ist gefeit gegen das süße Gift, in welches Amor seine goldenen Pfeilspitzen getaucht, und darum muß jene Stunde noch kommen, welche das Tränenkrüglein des Schmerzensreich bis zum Rand füllen wird.

Daniel aber schauderte vor ihr wie ein Gerichteter, welcher den Todesstreich erwartet. Ein tiefer Seufzer hob seine Brust, und Lena wandte sich von dem Fenster zurück und trat zu dem Sessel des Kranken.

»Nicht wahr, nun wird dir besser, du armer Onkel Daniel?« fragte sie, zärtlich das Haar aus seiner Stirn streichend. »In der dumpfen Kellerluft mußte ja ein Gesunder Atemnot bekommen,

und wenn es so schön in Gottes Welt ist, darf man sich nicht hinter enge Mauern verstecken! Komm, ich führe dich an das Fenster, und dann hole ich mir den kleinen Stuhl aus dem Kamineckchen und erzähle dir, was alles in der Zeitung gestanden hat!«

»Mußt du nicht Toilette machen, mein Liebling? Es sind schon so viele Wagen in den Schloßhof gefahren, lauter schmucke Tänzer, die du nicht warten lassen darfst!«

Sie war neben dem Sessel niedergekniet und blickte erstaunt zu ihm auf; die Sonne warf einen zitternden Strahl über die schlanke Gestalt und tauchte das zarte Gesichtchen in rosiges Licht. »Ich bleibe bei dir, Onkel Daniel! Ich werde doch nicht wildfremden Menschen die Zeit vertreiben helfen, wenn du hier oben krank bist.«

Die Hand, welche sich auf ihr Haupt legte, zitterte, und die Stimme Sobolefskois klang fast erschrocken. »Um keinen Preis der Welt! Ich fühle mich wieder völlig gesund und werde nach dem Souper dem Tanz zusehen! Ich muß doch ein wenig beobachten –«, Daniel zögerte, und ein rührendes Lächeln huschte um seine Lippen, »ob nicht heut so ein kleiner, geflügelter Götterknabe durch den Saal schwirrt, wenn meine marmorkühle Lena mit einem flotten Garde-Ulan Walzer tanzt!«

Das junge Mädchen lachte leise auf. »Armer Onkel du! Auf solch ein Attentat hoffst du nun schon seit zehn Jahren, und die böseste aller Nichten zieht eigensinnig – oder sagen wir – charaktervoll durch jeden schönen Heiratsplan einen dicken Strich! Willst du undankbarer Mensch mich denn absolut los sein, daß du es gar nicht erwarten kannst, bis mich irgendein fremder Mann, dessen Schulden bezahlt werden müssen, erhandelt hat?«

Der Fürst rang sekundenlang nach Atem, und die dunklen Augenwimpern sanken schwer hernieder. »O nein, Lena,« sagte er leise, »ich möchte wohl, daß es immer so bliebe wie jetzt, ich bin sehr egoistisch, und der Gedanke, dich oder Jolante scheiden zu sehen, hat viel Schmerzliches für mich!«

Sie streichelte seine Hand. »Ich bleibe immer bei dir, Onkel Daniel, verlaß dich darauf. Wer sollte dir die Zeitung vorlesen, wer Arznei geben, wer mit dir schelten, wenn du ungehorsam warst, wie ich? Der Kleinen wollen wir tüchtig poltern und ihr den Pantoffel nachwerfen, daß der Staub fliegt, und dann gibt's Ruhe im Haus! Papa und du und ich ziehen uns wie die Maulwürfe in unser Häuschen zurück und lachen über die törichten Menschen, die da draußen hasten, rennen und jagen und doch nicht den Frieden finden!«

»Welch ein schöner Gedanke!« Daniels Antlitz leuchtete wie verklärt: »Er erinnert mich an die Märchen, welche ich euch früher erzählte, die waren auch an verheißungsvollem Glück reich und blieben dennoch Märchen und wurden niemals wahr!«

Vor der Tür klang lautes Lachen und eiliger Schritt. Dann klopfte es sehr kräftig an, und ohne Antwort abzuwarten, flog der Türflügel zurück.

Wie ein Wirbelwind stürmten Jolante und Ursula, beide festlich gekleidet und mit Blüten geschmückt in den Salon, bei näherem Blick jedoch erkannte man, daß das schwärmerisch zarte Fräulein von Groppen willenlos von den kräftigen Armen der Cousine dirigiert wurde. Aber sie schien es sich diesmal nicht ungern gefallen zu lassen, denn auch ihr Gesichtchen war von Gelächter und Amüsement höher gefärbt denn sonst.

»Guten Tag, Fürst Sobolefskoi! Wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich zum Berg! sagt Mohammed! Wo stecken Sie denn? Hm?« und Ursula patschte dem Genannten vergnügt auf die Schulter und schüttelte ihn ein wenig, »steigen Sie mal flink in Ihren Bratenrock und kommen Sie! Es ist ja zum Überschlagen da unten! Was, Jolante? Wie eben die beiden Siamesischen ankamen?! … Hahaha!«

Daniel hatte mit freundlichem Gegengruß die Hand der jungen Dame an die Lippen gezogen. Er richtete sich sichtlich erheitert in dem Sessel auf und faßte die farbigen Astern, welche ihm Jolante in den Schoß gestreut, zusammen.

»Siamesen sind gekommen, mein gnädiges Fräulein?« fragte er lächelnd.

»Na, meinetwegen können's auch geborene Kümmeltürken sein, wir nannten die beiden Kerle bloß so, weil sie wie die Zwillinge auf ihrer Hunke-Punke hingen …«

»Erzähl' doch ordentlich!« unterbrach Jolante voll Ungeduld.

»Was ist da noch Ordentliches zu erzählen! Die Geschichte war eben ganz verdreht! Denken Sie mal, Onkel Daniel, wie wir eben auf der Veranda stehen und den Einzug der Kinder Israels –«

»Die Offiziere der umliegenden Dörfer meint sie –«

»Halt den Schnabel! – mit ansehen, da kommt plötzlich ein Huckepack an, der alles Dagewesene übertraf! Zwei Infanteristen, die in Dassewinkel liegen, hatten in dem ollen Sandnest keine Karre mehr auftreiben können, und auf dem Leiterwagen, welcher die anderen beförderte, hatten sie keinen Platz mehr gehabt. Also; was tun die beiden Kerle – nehmen sich die einzige Schindmähre, die für gewöhnlich in der Milchdroschke geht, und setzen sich, wie die Haimonskinder, alle zwei beide unverzagt in den Senkbuckel rein! Und nun reiten sie unter brüllendem Gelächter hier an! Der eine, mit einem Stock über der Schulter, an welchem sich zwei Paar Lackstiefel schwingen, und der andere mit dem Tornister auf dem Rücken, wo die Bartwichse, das Parfüm, reine Schnupftücher und die Zahnbürste drinnstecken! Rechts und links aber von dem Unglücksvieh seinen Vorderschinken baumelt eine Helmschachtel, welche zu dem Zuckelträppchen wehmütig den Takt schlägt! Na, daß dieses Trio überhaupt hier angelangt ist, gehört zu den sieben Weltwundern! Kommen Sie mal mit in den Stall und sehen Sie sich spaßeshalber die Rosinante an, dann glauben Sie auch, daß die mit Heringsgräten großgefüttert ist!!«

Ursula hatte sich auf eine Tischkante geschwungen und ungeniert von dem Obst, welches zur Erfrischung des leidenden Fürsten heraufgeschickt war, zugelangt.

»Nun, und wer waren diese beiden Ritter sonder Furcht und Tadel?« lächelte Lena.

»Na, ich sag's ja, zwei von der Infanterie! Einer sieht so rund und rosig aus, wie ein Champignon und der andere hat X-Beine! Was Rares ist's nicht, stehen schon viel hübschere auf der Musterkarte, hm, Jolante? Der eine mit dem interessanten Schnurrwichs, den ich das Eisbein nannte!«

»Eisbein?!«

Fräulein von Kuffstein hatte so viele Stachelbeeren auf einmal in den Mund gesteckt, daß sie erst ein Weilchen mit aufgeblasenen Backen kauen mußte. »Er tat so kühl zu uns; – darum. Na, ich bin überhaupt gespannt, wie sich alle Courmachereien entwickeln werden, kann's mir schon so ziemlich denken …«

»So? Da sind wir doch begierig! Bitte, mein gnädiges Fräulein, beehren Sie uns mit Ihren Konfidenzen!«

»Jolante und unser Affe …«

»Aber Ursula!«

»Schrei doch nicht eher, als bis du weißt, wer der Affe ist! Ein riesig hübscher Bengel nämlich, der Graf Lohe, Renommier- Aushilfsleutnant bei den Garde-Ulanen! Aber ich sage euch – so pikfein! und so geziert! und so furchtbar elegant, daß einem ganz angst wird! Gerade so lyrisch angehaucht und sentimental wie Jolante! Ich höre schon, wie die beiden in schwärmerischen Zitaten manschen werden!«

Jolante lehnte mit ganz süperbem Augenaufschlag das Köpfchen gegen die Sessellehne zurück. »Auf alle Fälle sind mir solche Gefühlsmenschen tausendmal lieber, als die rüden Ringkämpfer-Aspiranten, welche sich wie die Bauernburschen auf dem Parkett herumflegeln!«

Ursula lachte schallend auf, aber doch blitzte es in ihren Augen wie eine eifersüchtige Drohung. »Da haben wir's ja! Das Pärchen ist fertig! Armer Flanken, für dich sieht's sehr faul aus!!«

»Wer ist Flanken?« hauchte Jolante phlegmatisch.

»Der Riese, dessen kolossales Schlachtroß dir so sehr imponierte! Aber ein Krafthuberl ist der Kerl! … Alle neun Donner! Neben dem sieht jede Dame aus wie ein Däumlingchen!«

»Haben Sie den vielleicht für Lena bestimmt, mein gnädiges Fräulein?«

Ursula schnitt mit schiefgeneigtem Köpfchen eine Grimasse, »Nee, der ist zu dumm für die geistreiche Dame da! Auch viel zu lustig und lebenswarm, um es lange in der Nähe solcher Gletscherjungfrau aushalten zu können! Nein, für Lena wüßte ich eigentlich niemand, oder halt, doch! Hurra, ich hab's! Lena kriegt das Eisbein! Den schönen, interessanten Leutnant von der Infanterie, der uns so stolz von obenherab musterte und Gretels Gouvernante und der Gesellschafterin gerade solchen Diener machte, wie uns!«

»Ei, ei! Schön und interessant!« lächelte Fürst Sobolefskoi mit nervös zitternden Nasenflügeln: »Und wie heißt dieser Herrlichste von allen, wenn man fragen darf?«

Fräulein von Kuffstein setzte sich in Positur und persiflierte des jungen Offiziers vornehme gemessene Art und Weise, sich vorzustellen: »Freiherr von Altenburg! Frau Baronin hatten die freundliche Gnade, zu gestatten –« und Ursula klappte die Hacken zusammen und blinzelte schelmisch zu Lena hinüber.

Diese schüttelte mit ihrem ernsten Gesicht den Kopf. »Kleines Närrchen! Es scheint mir, Herr von Altenburg hat bereits prima vista eine Eroberung gemacht, welche an Stürmischkeit den alten Brandenburgern nicht nachsteht! Ich werde den Spieß umkehren und heute abend beobachten, wie schnell das Eis vor Fräulein Ursulas Flanmmenäuglein schmelzen wird! Und nun geht schnell wieder hinunter, ehe Tante Büttingen euch vermißt; sowie sich Onkel Daniel wieder ganz wohl fühlt, folgen wir nach!«

Fürst Sobolefskoi erhob sich. »Ich werde mir sogleich, auf Befehl der kleinen Gnädigen hier, den ›Bratenrock‹ anlegen lassen, und bitte dich, Lena, die Baronin schleunigst in ihren umfangreichen Verpflichtungen als Wirtin zu unterstützen!«

Ursula hatte Lenas Worte stumm, aber sehr deutlich durch eine »lange Nase« beantwortet, setzt sprang sie eifrig von ihrer Tischkante herunter. »Nicht wahr? Sage ich auch! Die arme Tante muß sich reineweg den Mund fußelig reden! Spute dich, Lena, wirf dich in Wichs und komm!«

»Ich bin angekleidet!«

Sobolefskoi sah fast erschrocken an der schlanken Mädchengestalt empor, deren schlichtes weißes Spitzenkleid durch keine Blüte und keine Pretiosen geschmückt war. Zwischen Lenas dunklen Augenbrauen lag eine feine Falte, und um ihre Lippen schlich sich der herb abweisende Zug, der ihr stets eigen, wenn sie sich unter Menschen begeben mußte.

»Liebe Lena!« bat Daniel leise, »ich würde mich so herzlich freuen, wenn du eine einzige, kleine Blume tragen wolltest, mir zu Gefallen! Ich bitte dich darum!« Sie schaute sinnend auf, dann verklärte plötzlich wieder ihr engelhaft mildes Lächeln das Antlitz, und sie streckte schnell die Hand nach dem Feldblumenstrauß aus, welcher neben dem Sessel des Fürsten gestanden. Sie bog die Rispen und Gräser auseinander und zog ein vierblätteriges Kleeblatt zwischen denselben hervor.

»Das erste, welches ich seit langen Jahren wieder, ohne danach zu suchen, gefunden! Du liebst dieses glückverheißende Kräutlein ebenso sehr wie ich, Onkel Daniel, darum werde ich mich, dir zu Ehren, damit schmücken!«

Sie lächelte ihm zu, und die Hand mit dem Vierblatt sank in die weißen Kleiderfalten nieder. Da war es wunderbar, wie ähnlich sie dem Bild Eglantinas war.

Daniels Herz zuckte auf. Es war ihm plötzlich, als verfinstere es sich in dem Gemach. Er glaubte den Sturm brausen zu hören, welcher in jener Schreckensnacht, in Miskow, mit des Unglücks schwarzen Fittichen dem Schicksal vorausgeflogen war. Flammen hatten die lichte Frauengestalt mit dem Symbol des Glückes in der Hand verzehrt; werden auch heute Flammen entzündet werden, welche ihm abermals sein Liebstes auf der Welt einreißen, welche ihn zusammenbrechen lassen unter der Tränenlast des Elends, bis tief hinab in das kühle Kämmerlein, drauf Klee und Lilien im Morgentau weinen?

Ein herzzerreißendes Lächeln irrt um seine Lippen. »Ein vierblätteriges Kleeblatt! Gebe Gott, mein Liebling, daß es nicht nur das Glück verheißen, sondern bringen möge!«

XI.

Lena hatte an der Seite ihrer Tante Büttingen, einer kleinen, rundlichen und sehr lebhaften Dame mit glattgescheiteltem, dunklem Haar und auffallend hübschen, graziös bewegten Händchen, die Familien der nächst angesessenen Gutsherren begrüßt, welche mit viel Vergnügen der Einladung nach Alt-Dobern Folge leisteten. Das junge Mädchen war von der sanften, anmutigen Liebenswürdigkeit, welche man sonst nur im engsten Familienkreis an ihr kannte, und welche sofort einer fast abstoßenden Kälte wich, als die fremden Offiziere nach beendeter Toilette die Salons betraten. Jolante kokettierte mit schmachtenden Augen und der leisen, schwärmerischen Stimme auf der Terrasse vor dem Tanzsaal mit all den hübschen und häßlichen Leutnants, welche sich um den Vorzug bekämpften, eines direkten Wortes von ihr gewürdigt zu werden. Graf Lohe war von vollendeter Liebenswürdigkeit, sie fand ihn auch ganz leidlich nett, obwohl es ihr schien, als sei er sehr zerstreut und verberge unter viel schönen Phrasen nur eine tiefe Verstimmung. Auf jeden Fall huschte ihr Blick viel öfter an der riesenhaften Gestalt Flankens empor, welcher seinen blonden Negerkopf behaglich an der Säule, gegen welche er sich gelehnt, hin und her rieb, zeitweise eine seiner trockenen Kraftbemerkungen in die Unterhaltung einstreute und als Privatvergnügen mit der gewaltigen Hand nach den Fliegen und Schnaken patschte, welche sich erdreisteten, in seiner Nähe Platz zu nehmen. Ursula hatte in ihrer unverblümten Weise gesagt: »Du, Jolante, ich wette gegen sechs alte Weiber, daß Flanken dich geradezu gräßlich findet!« Das verdroß Fräulein von Groppen, und daher wollte sie das Prävenire spielen und den ungeschlachtenen Gesell von vornherein ganz abscheulich behandeln. Je ostensibler aber ihr elfenhaftes Figürchen der Nähe des Riesen zu entschweben suchte, desto hartnäckiger stampften die schweren Reiterstiefel ihr nach, und je schnippischer sie das Mäulchen zusammenzog und die langen Locken zurückschüttelte, desto freudiger erglänzte sein Gesicht und desto besserer Laune wurde er. Ursula hatte schnell ihren Kreis gefunden, laut und übermütig übertönte ihr Lachen und Debattieren das Stimmengewirr. Sie rauchte eine Zigarette und blies ihren entzückten Rittern die Rauchwolken ins Gesicht, zankte sich mit einem Artilleristen über Hornspalt und balgte sich zwischendurch einmal mit ihrem kleinen Vetter Büttingen und dessen großem Hund.

Graf Lohe rieb sein Monokel mit dem weißseidenen Taschentuch ab und warf hie und da einen Blick nach jenen Szenen an der Verandatreppe, welche sich unter Ursels kräftiger Assistenz immer lebhafter entwickelten. »Es fehlt nur noch, daß sie das Geländer herunterrutscht«, dachte er voll heiliger Entrüstung, und je unmutiger sein Blick, und je röter seine Stirn wurde, desto übermütiger benahm sich das Backfischchen, gerade als täte sie es ihm zum Trotz! Papa Kuffstein stand, die Hände à la Gloster in die Hosentaschen versenkt, mit ein paar älteren Herren auf dem Kiesweg drunten und schaute mit breitem Schmunzeln seiner Einzigen zu. Lohe trat zu ihm heran, in der Hoffnung, durch irgendein geschicktes, kleines Manöver dem verblendeten Vater die Augen über das unstatthafte Benehmen seiner Tochter zu öffnen. Er fragte nach kurzer Einleitung, ob es denn niemand in Groß-Wolkwitz gäbe, welcher so rechten Einfluß auf Fräulein Ursula habe?

»I wo! Die Krabbe tanzt uns ja allen auf der Nase herum!« war die sehr anerkennende und vaterstolze Antwort,

»Auch nicht der Herr Pfarrer?«

»Pfarrer?!« – Herr von Kuffstein nieste zweimal derartig, daß der elegante Gardeleutnant nervös zusammenzuckte und schüttelte dann mit zusammengekniffenen Augen lachend den Kopf. »Da kennen Sie Urschel-Purschel aber noch lange nicht! Haben da so einen ganzen jungen Kandidaten, dem das Mädel einen verdeiwelten Streich gespielt hat, als er sich zum erstenmal von der Kanzel herunter seiner Gefühle entledigte. Hören sie mal an, was die kleine Kröte da losgelassen hat! Also der neue Kandidate steht und säuert und säuert in seiner Herzensgüte, daß uns mit der Zeit der Magen bis in die Waden herunterhängt. Die Bauern schnarchen, meine Frau riecht ununterbrochen englisch Salz, und Ursel macht schon in höchster Ungeduld aus ihrem Schnupptuch Männchen, worüber ich natürlich schon das Prusten kriege. Der Kerl aber steht auf seiner Kanzel und will's fürs Geld auch reichlich machen! Da hatte er so irgendein Thema, in welches er sich verbissen hatte, das behandelte

den Himmel, so wie er, der Kandidate, sich die Angelegenheit vorstellt. Da – behauptete er – gäb's so und so viele Stufen drinn. Den braven Christen setzt er auf die erste, den reuigen Sünder auf die zweite, und so weiter und so weiter, bis er schließlich alle Stufen vergeben hat, und nur noch der Pharisäer übrigbleibt. Nun weiß er nicht, wo er den Monsieur hinsetzen soll und beredet sich darüber mit der Gemeinde, daß man reine aus der Haut fahren möchte. Was tut die Urschel- Purschel? Plötzlich erhebt sich die Göhre, stützt sich auf die Brüstung und ruft mit lauter Stimme: Herr Kandidate, setzen Sie den Kerl auf meinen Stuhl hier, ich gehe jetzt nach Hause!«

Schallendes Gelächter. Herr von Kuffstein sah sich wahrhaft triumphierend im Kreise seiner Zuhörer um, und Graf Lohe senkte resigniert das wohlfrisierte Haupt und verzichtete auf weitere Versuche, einen Splitter aus des Nächsten Auge zu ziehen. –

Fürst Daniel Sobolefskoi hatte allein an dem offenen Salonfenster gestanden und zugesehen, wie die neu ankommenden Offiziere den jungen Damen vorgestellt wurden.

Als Freiherr von Altenburg sich in stummem Gruß vor Lena neigte, trat er in atemlosem Schauen unwillkürlich einen Schritt vor. Sein Blick haftete auf dem Antlitz seines Lieblings, als wolle er voll ängstlicher Sorge einen Schicksalsspruch darinnen lesen. Gleichgültig, kalt und abweisend wie stets in einem solchen Augenblick blieben ihre Züge, und die wenigen Worte, welche sie an den jungen Offizier richtete, klangen ebenso formell und unnahbar, wie alle diejenigen, mit welchen sie die anderen Herren begrüßt.

Hoch und schlank stand Altenburg ihr gegenüber. Kein verbindliches Lächeln spielte um seine Lippen, ein ernster, beinahe etwas hochmütiger Ausdruck beherrschte sein regelmäßiges Gesicht, mit der energischen Stirn und den dunkel umrahmten Augen, deren Blick nie müde über die junge Dame hinweg schweifte und sich mit langen Wimpern verschleierte. Sehr schmal und scharf geschnitten war das Antlitz, leicht gebräunt und durch stolze Kopfhaltung meist hoch erhoben; ein blonder Schnurrbart gab ihm ein ritterliches Ansehen, und die strenge, beinahe finstere Falte, welche die Augenbrauen zusammenzog, machte es interessant. Voll und dicht lockte sich das Haar auf dem edel geformten Haupt. Er wechselte die paar üblichen Redensarten mit der Nichte der Gastgeberin, verneigte sich kurz und trat sofort beiseite, als ein paar Kameraden der Kavallerie die Sporen vor Fräulein von Groppen zusammenklappten.

Ununterbrochen rollten die Equipagen in den Schloßhof, und die Salons, Veranda und nächsten Parkanlagen füllten sich mit einer bunten, eleganten, lachenden und konversierenden Menge,

Schon trat der Mond wie ein blasser Silberstreifen hinter dem Wald hervor, als Baron Büttingen der alten Exzellenz von Normann den Arm bot und sie durch die breit aufgeschlagenen Türflügel in den Speisesaal führte. Die älteren Herrschaften folgten, und unter der Jugend entstand ein übereifriges Hin und Her, ein Suchen, Finden und Engagieren, ein Rangablaufen und Zuspätkommen, Necken und Schmollen.

Graf Lohe hatte dicht neben Ursula gestanden, sein Blick traf ihr Gesichtchen, welches sich erwartungsvoll nach ihm richtete. Langsam wandte er sich zur Seite und bot Jolante den Arm.

Herr von Bornitz trat bereits neben das Backfischchen und kreuzte die Arme über der Brust: »Wenn durch die Piazetta der ›Bratenduft‹ weht, dann weißt du, Ninetta, wer wartend hier steht!« – rezitierte er lachend.

»Wir wollen uns den beiden da gegenübersetzen!« nickte Ursula mit blitzendem Auge.

Und als sie Graf Lohe gegenübersaß, war sie so ungezogen wie nie. »Oh, daß ich tausend Zungen hätte und einen tausendfachen Mund!« rief sie beim Anblick des Menüs, und als der junge Offizier nicht mitlachte wie die anderen, sondern ihr einen sehr mißbilligenden Blick zuwarf, schnitt sie ihm eine kleine Grimasse, griff nach einer Apfelsine und fabrizierte zu größter Heiterkeit aller Umsitzendcn einen »seekranken Chinesen« daraus. Jolante errötete in verletztem Zartgefühl, und Lohe biß vor Ärger die Zähne zusammen. Und immer ärger trieb es der kleine Unhold. Wehe dem armen Grafen, daß er seine Nervosität verraten hatte! Ursula kratzte voll wahrhaft teuflischen Vergnügens unausgesetzt mit den Nägeln auf dem Seidenrips des Tischläufers, bis Lohe ganz alteriert seine Unterhaltung mit Jolante unterbrach und sehr laut bemerkte: »Es ist merkwürdig, daß alle Kinder so viel Freude daran haben, in Gesellschaft möglichst ungebärdig zu sein nnd recht viel Lärm zu machen!« Einen Augenblick lang vergaß Ursula vor Überraschung das Mäulchen zu schließen, dann stellte sie langsam beide Ellenbogen auf den Tisch und stützte das rosige Gesichtchen in die Hände. »Hm, Sie haben mir aus der Seele gesprochen! darüber habe ich heute auch schon nachgedacht, als die ganze Gesellschaft in Wolkwitz ein Mittagsschläfchen halten wollte, und Sie, wie fürs Vaterland, auf dem Klavier herumpaukten! Da seufzte ich auch: Gott erbarme sich über so einen Radau-Fritzen!«

Fräulein von Kuffstein hatte die Lacher auf ihrer Seite, aber sie stellte dennoch die Arbeit mit den Nägeln ein. Dafür aber ersann sie etwas noch viel Perfideres. Der Erbherr von Illfingen schien wirklich sehr nervös zu sein, die Unterhaltung mit Jolante wollte gar nicht recht in Zug kommen, weil der junge Offizier stets mit halbem Ohr und Auge sein Gegenüber beobachtete, und es ihm bis in die Fingerspitzen hinein kribbelte, wenn Fräulein von Kuffstein in haarsträubender Weise eine Ungehörigkeit nach der anderen beging. Er nahm sich vor, gar nicht mehr zu ihr hinüberzusehen, aber wunderbar, wie durch magnetische Gewalten angezogen, kehrte sein Blick immer wieder zu ihr zurück, und so oft er sie ansah, hielt sich das allerliebste Teufelchen das Spitzentuch vor den Mund und – gähnte!

Nichts steckt nervöse Menschen mehr an als Gähnen. Graf Lohe zuckte mit den Nasenflügeln und legte sein Gesicht in die wunderlichsten Falten, aber kaum, daß er seinen Krampf etwas bekämpft hatte, gähnte Ursula wieder, und je mehr der Ulan in zitternde Alteration geriet, desto toller trieb's der kleine Kobold, gebrauchte schließlich nicht einmal mehr das Taschentuch, sondern brachte ihr Gegenüber durch ihre treffliche Mimik geradezu zur Verzweiflung.

Immer zerstreuter und aufgeregter wurde der Graf, und Jolante, in deren Nähe doch bis jetzt noch niemals ein Herr fortdauernd mit der sichtlichsten Langenweile gekämpft hatte, wandte sich etwas pikiert zu ihrem anderseitigen Nachbar und ignorierte Mark-Wolffrath für den Rest des Soupers.

Ursulas Augen aber funkelten vor Triumph und Übermut.

In der kleinen Pause, welche dem Tanz voranging, hatte sich Herr von Flanken an Jolantes Seite gepürscht. Er ließ sich neben ihr in einen Sessel nieder, daß derselbe in allen Fugen ächzte, und streckte die gewaltigen Füße übergeschlagen weit auf das bunte Teppichmuster vor.

»Sie sind natürlich auch zu der Polonaise engagiert, Gnädigste?« fragte er mit einem Stoßseufzer und der tiefdröhnenden Stimme, welche einen so drolligen Kontrast zu dem silberreinen Organ der jungen Dame bildete.

Jolante neigte das Köpfchen etwas schief und zupfte an den blaßroten Rosen ihres Brustbouquets. »Allerdings, von meinem Tischherrn. Warum fragen Sie? Wollen Sie etwa auch tanzen?« und ihr träumerischer Blick schweifte, beredter als Worte, über seine bärenhafte Figur.

Ein amüsiertes Knurren seinerseits: er knäulte nach seiner Manier die Handschuhe zwischen den Händen und blinzelte seine Nachbarin fröhlich an: »Sie meinen, ein eiserner Geldschrank dürfte mit demselben Recht und derselben Grazie über das Parkett schweben wie ich! Ja, sehen Sie, mein gnädiges Fräulein, für gewöhnlich tanze ich auch nicht, weil ich nämlich keine Rundtänze gelernt habe! Mein Vater behauptete, in einem Ballsaal gäb's nichts zu raufen, da paßte ich nicht hin, und wenn ich eine Dame um die Taille fassen wollte, drückte ich ihr höchstens die Rippen ein! Da wurde das Geld für die Ausbildung meiner graziösen Veranlagung gespart, und der einzige Tanz, in welchem ich aktiv auftreten kann, ist die Polonaise! Die exekutiere ich nun aber auch mit Leidenschaft, und denken Sie mal, die soll ich nun gerade schimmeln! Alle Damen, selbst die ältesten im Saal, sind ›in festen Händen‹, und wo ich auch anfrage, überall einen Korb!«

Jolante lächelte und wehte in ihrer lyrischen Weise mit dem Fächer. »Es muß doch schrecklich fatal sein, so riesengroß zu sein!«

»Heutzutage wohl! Die Zeiten haben sich leider Gottes gar zu sehr geändert. Früher wurde der stärkste Mann König, und der Faustschlag des alten Norweger Helge ward als Heldentat bewundert. Heute enden die starken Aujusts meist im Zuchthaus, und das Übermaß der Kraft, welches vor Zeiten des Mannes Glück ausmachte, wird im neunzehnten Jahrhundert meistens sein trauriges Verhängnis! Was soll eine solch altritterliche Germanenfaust –« Flanken hielt mit wehmütigem Gesicht seine gewaltigen Hände hin – »in einem Zeitalter anfangen, wo Gänsekiel, Repetiergewehr und Dreschmaschine regieren, wo eines Herkules Taten nach dem Strafgesetzbuch kritisiert werden! Und seit achtzehn Jahren kein einziges frisches, fröhliches Feldzüglein, wo man wenigstens noch die Hoffnung hat, einmal die Lanze einlegen zu können.«

»Sie scheinen ein furchtbarer Raufbold zu sein! Oh, ich finde alle Soldaten schrecklich, weil sie so hartherzige und rüde Passionen haben!« Sie schüttelte die blonden Locken schaudernd in den Nacken zurück.

Der junge Offizier blickte just mit starrer Bewunderung auf Jolantes Füßchen, welches sich an der Seite seines Stiefels wie ein Goldkäferchen neben einem Elefant ausnahm. »Na, was für Leute haben Sie denn gern?« fragte er gedankenvoll.

Fräulein von Dern-Groppen blickte schwärmerisch in den Kronleuchter empor.

»Künstler! – alle idealen Menschen, und namentlich die Maler!«

Er fuhr mit beiden Händen in sein krauses Haar und riß die Augen weit aus, »Alle neun Donner! Gefällt Ihnen da nur der Samtrock und die Mähne, oder müssen auch die eingerahmten Fettflecken dabei sein?«

Jolante war sehr indigniert, »Aber Herr von Flanken, ich liebe nickt den äußeren Menschen, sondern die Kunst!«

»Was der Tausend!« Einen Moment starrte er geradeaus, dann hob er jählings den Kopf, »Glauben Sie, daß ich das Klexen noch lernte?«

Sie kicherte spöttisch. »Es ist zwar schon einmal aus einem Grobschmied ein Maler geworden, aber – nehmen Sie mir's nicht übel – hahaha! mit den Händen wollten Sie – hahaha!! Das ist ja zum totlachen!«

»Malen Sie selber?« Flanken lachte fröhlich mit.

»Ja wohl, mit Passion sogar!«

»Na, dann will ich Ihnen mal was sagen, Ich mache bei Ihnen in der Residenz Besuch, und dann geben Sie mir Stunde!«

Jolante warf das Köpfchen empört in den Nacken und vergaß für Minuten all ihr Phlegma, »Ihnen? Fällt mir ja gar nicht im Traum ein!«

»Gewiß nicht?«

Sie blickte schnippisch über die Schulter zurück, Graf Lohe stand vor ihr und bot den Arm, die junge Dame in den Tanzsaal zu führen.

»Nein! so gewiß nicht, wie Sie diese Polonaise schimmeln werden!«

»Und wenn ich noch eine Tänzerin finde?«

Jolante wußte, daß dies unter den Damen der Gesellschaft unmöglich war. Sie zuckte voll Ironie die Achseln. »Dann allerdings! Aber sie müssen mir eine Tänzerin vorführen, welche in unseren Kreis hier gehört, keine Kammerjungfer oder Köchin etwa, sondern Vollblut, Herr von Flanken, wohlverstanden? Vollblut!« und die junge Dame lachte abermals leise und spöttisch auf und schwebte wie eine kleine Sylphide am Arm ihres Tänzers davon. Flanken klappte die Sporen zusammen. In der Tür des Tanzsaales stand Lohe still und biß sich momentan wie in herber Verlegenheit auf die Lippe. Dann neigte er sich zu Jolante nieder.

»Mein gnädigstes Fräulein, darf ich eine Beichte ablegen?«

Sie blickte mit ihren großen, feuchtschimmernden Augen erstaunt auf. »Nun?«

»Mir ist ein Malheur passiert, mein Diener hat sehr hastig den Koffer gepackt und vergessen, meine Tanzstiefel zu der Uniform zu legen. Es ist doch direkt unmöglich, daß ich in der Chaussure, welche für die Promenade berechnet ist, tanze, und darum bitte ich allergehorsamst, ob mein Kamerad, Fürst zu Schlüfften-Drasel den Vorzug haben kann, mich bei gnädigem Fräulein zu vertreten?«

Jolante war leicht errötet nnd zog ein recht geziertes Mündchen: »Gewiß, Graf Lohe! Ich begreife Sie vollkommen! Nichts ist schrecklicher in einem Tanzsaal, als ungehörige Fußbekleidung!« Sie nickte ihm mit einem Gesicht zu, welches beinahe so aussah, als wolle sie sagen: »Wie schäme ich mich, daß ich überhaupt mit Ihnen soupiert habe!« und wandte sich zu dem jungen Fürsten, welcher bereits neben sie getreten war und Lohes Kammerdiener voll Humor den entzückendsten aller Staubgeborenen nannte.

Mark-Wolffrath trat stumm zurück. Er war dunkelrot geworden, und obwohl er ja ganz richtig finden mußte, daß Jolante ihn so ohne jeglichen Einwand freigab, verdroß es ihn dennoch gewaltig. Seine Stiefel waren noch sechsmal so elegant wie die der meisten Tänzer; aber es war ihm persönlich unangenehm, auf Sohlen zu tanzen, welche dicker sind wie ein Mohnblatt.

Von Jolante war es jedoch entschieden eine übertriebene Peinlichkeit, wie ihr ganzes Wesen ihm einen unnatürlichen und allzu hyperfeinen Eindruck machte. Mit einer tiefen Falte auf der Stirn zog er sich in eine Ofenecke zurück und wünschte das ganze Manöver ins Pfefferland.

Die Paare ordneten sich, und die volltönende Regimentsmusik setzte mit brillantem Tusch ein, um just in den Tannhäuser-Marsch überzugehen, als ein wunderliches Getöse, Gestampfe und Geschrei auf der Terrasse hörbar wurde. Der Rundgang stockte, und mit lauten Schreckensrufen flüchteten die Damen in wirrer Hast, als die beiden Flügeltüren, welche von der Terrasse in den Saal führten, zurückgestoßen wurden, und ein gar absonderliches Bild sich den entsetzten Herrschaften zeigte.

Herr von Flanken trat rückwärts in den Tanzsaal, noch hünenhafter erscheinend als sonst, hatte mit eisernen Fausten die beiden Vorderbeine seines schweren Rosses gefaßt und nötigte dasselbe, auf die Hinterfüße aufgestellt, in das Gemach zu folgen.

Die Hufe dröhnten auf dem Parkett, laut schnaufend und wild in den Glanz der Lichter blickend, stampfte die Stute hinter ihrem herkulischen Bändiger her, und als sich das erste Angstgewirr und die lauten Rufe und das Gelächter drinnen etwas gelegt hatten, klang Flankens kräftiges Organ durch den Saal.

»Gestatten die Herrschaften, daß ich mich mit meiner Tänzerin der Polonaise anschließe! Stelle dieselbe hiermit vor: Königin Gudrun, echt Vollblut tadellosesten Stammbaums, ganz wie Fräulein Groppen befohlen hatte! In der Not frißt der Teufel Fliegen, meine Herrschaften! Ich habe gewettet, diesen Tanz zu tanzen und fand keine andere Schöne, welche den Reigen mit mir wagen wollte! Musik, Herr Kapellmeister! spielen Sie Ihre Sache ruhig fertig! Ich möchte in keiner Weise stören!« – Während er diese Worte mit seinem gemütlichsten

Schmunzeln gesprochen, hatte der Ulan das kolossale Tier in kleiner Ronde durck den Saal geführt und dirigierte dasselbe nun wieder nach der Tür, von welcher das gesamte Dienstpersonal der Stallungen und des Schlosses zurückstob, »Königin Gudrun findet das Benehmen der Herrschaften recht wenig entgegenkommend,« lachte er, »und hat die Ehre, sich nach einmaliger Solopromenade allseits zu Gnaden zu empfehlen! Feu, Gudrun, feu! immer hübsch graziös über die Schwelle!« und die Hufe klirrten wider auf den Steinplatten der Terrasse, und in haltlosem Jubel stürmte alles an die Fenster, um zuzusehen, wie der moderne Dioskure seine außergewöhnliche Tänzerin die Treppe hinabgeleiten werde.

Jolante war sprachlos, aber in ihren Äugen glühte das Triumphfeuerlein der Eitelkeit auf, und als Flanken nach kleiner Weile zurückkam und wie ein Fels inmitten stürmischer Brandung stand und der jungen Dame mit verschmitztem Augenzwinkern zurief: »Na, wie steht's, gnädiges Fräulein?« – da reichte sie ihm, huldvoll wie ein Prinzeßchen, die Hand und sagte: »Sie sind ein schrecklicher Mensch!«

Der Ulan faßte das Händchen sehr vorsichtig mit zwei Fingern und drückte es nur ein ganz klein wenig, »Ich werde Stilleben malen!« nickte er voll Überzeugung.

An die so seltsam unterbrochene und mit großer Heiterkeit zu Ende geführte Polonaise schlossen sich in bunter Reihenfolge die Rundtänze. Lena hatte beobachtet, daß Fürst Sobolefskoi kränker war, als er eingestehen wollte, daß er in der schwülen Zimmerluft litt und heimlich auf den kleinen Vorbau hinausgetreten war, durch welchen noch eine schmale Nebentreppe von der Westseite in den flügelartig angebauten Saal führte. Sie folgte ihm und rief seinen Namen. Keine Antwort. Die beiden Gartenstühle, welche vor einer Oleander- und Lorbeergruppe standen, waren unbesetzt und sonst kein Mensch zu erblicken.

Aus den weit geöffneten Saalfenstern schallten Musik und Stimmengewirr, über dem mondhellen Garten, mit seinen majestätisch ragenden Bäumen jedoch lag ein tiefer, wonnevoller Frieden, und Lena ließ sich tiefatmend auf einen der Stühle niedersinken und schloß momentan die Augen. Wie wohlig diese weiche, düfteschwere Nachtluft ihre Stirn kühlte! Armer Onkel Daniel! Er hatte gewiß unbemerkt gehen wollen, sein Zimmer zu erreichen, und er schickte in seiner rücksichtsvollen Weise weder nach ihr, noch nach ihrem Vater, um die Freude des Festes nicht durch sein Leiden zu stören. Lena wollte sofort einen Diener als Kundschafter ausschicken, und sie lehnte nur noch für einen Augenblick das Köpfchen zurück, um dem leisen Windesrauschen zuzuhören, welches, wie ein Echo vom fernen Meeresstrand, die Zweige des Bosketts regte. Die Musik im Saal war verstummt, vom offenen Fenster, dicht an ihrer Seite, klang eine Stimme zu ihr heraus.

»Na, Altenburg? Wo alles tanzt, stehen Sie sich allein die Beine in den Leib? Immer tätig, tätig, junger Mann! Ich dächte doch bei Gott, heute abend lohnte es sich, etwas 'ran zu gehn!«

»Es lohnt sich? Das ist wohl Ansichtssache!«

Lena erhob sich unwillkürlich bei dem eigentümlich tiefen, sonoren Wohlklang dieser Stimme. Als sie sich vorneigte, sah sie Altenburgs Silhouette scharf gegen den hellen Hintergrund abgezeichnet. Vor ihm stand ein kleiner, beweglicher Infanterist mit zwei rund abstehenden Haarlöckchen über den Schläfen.

»Na, zum Kuckuck, ahnen Sie denn nicht, was für Goldfischchen heute abend losgelassen sind?«

»O ja. Darum eben schimmele ich so viel. Es sind viele reiche, aber wenig anziehende Damen hier.«

»Was Teufel! Das ist doch vollkommen schnuppe! Wenn der Engel Geld hat, ist er immer hübsch, und wenn das Tausendguldenkraut obendrein auf einem anständigen Stammbaum

wachst, dann muß man in heutiger Zeit, weiß Gott, beide Augen zudrücken! Übrigens … ich weiß gar nicht, was Sie wollen! Die Ursel Kuffstein ist ein allerliebster, kleiner Käfer und die älteste Groppen geradezu eine Sphinx! Wie oft haben Sie denn mit ihr getanzt?«

Altenburgs Haupt hob sich noch stolzer auf den Schultern: »Noch keinmal. Sie wissen, daß ich mich mit Damen, welche mir unsympathisch sind, weder unterhalte noch mit ihnen tanze.«

»Unsympathisch? – Potz Wetter … sagen Sie mal, was vorgefallen zwischen Ihnen?!«

»Nicht das mindeste. Fräulein von Groppen hat das widerwärtige Benehmen aller reichen Mädchen, welche aus jedem Wort und Blick eine Gnade machen und es überflüssig finden, ihre goldene Knute selbst mit dem bunten Bündchen der einfachsten Artigkeit zu umwinden. Ich verlange nicht nach den Dukatensäcken dieser Damen und habe Gott sei Lob und Dank einen zu steifen Nacken, um ihn vor der Majestät eines vollen Portemonnaies zu beugen. Wer ist jene Dame, welche neben der jüngeren Groppen dort an der Salontür steht?«

»Keinen Schimmer! … oder doch … warten Sie mal, das ist ein Fräulein von Schwanringen … Vater hat das verschuldete Majorat gleichen Namens, hübsches, gutes Kind … lacht gern, weil sie weiße Zähne hat! Aber keinen gebogenen Heller, sag ich Ihnen! Lohnt gar nicht das Anfangen! Apropos … Sie sind ein ganz spaßhafter Mensch, lieber Altenburg, ein Hochmutsteufel, wie er im Buche steht, hahaha! Aber Gott erhalte Sie so; wäre eine verfluchte Konkurrenz mit Ihnen! Servus! will die kleinen Goldkäferchen mal wieder der Reihe durch abtanzen und dann mal an den russischen Onkel 'rangehen … Kerl soll knotig viel Wolle zu vererben haben, haha, macht einen guten Eindruck, wenn man ihm mal den Buckel klopft! haha!«

Lena stand regungslos. Ihre Hände umkrampften zitternd die Lehne des Stuhls, und ihr Auge haftete starr an dem Schatten Altenburgs, welcher sich langsam von dem Fenster löste. Sie trat schnell vor und sah seiner schlanken Gestalt nach. Mitten durch den Saal schritt er und setzte sich auf den Platz, welchen Jolante soeben verlassen, neben Fräulein von Schwanringen nieder. Der Ausdruck seines Gesichts ist plötzlich vollkommen verändert. Wie schön seine Augen sind, wenn er eine Dame ansieht, welche ihm sympathisch ist, wie lustig er lachen kann, und wie meisterlich er tanzt! Lena blickt ihm nach, bis er seine Tänzerin wieder auf den Platz zurückführt. Jede seiner Bewegungen ist elegant und vornehm, und seine Unterhaltung scheint interessant und geistvoll zu sein, denn Elisabeth Schwanringen ist animierter denn je, und sie gilt für ein wissendes und – in Beziehung auf Konversation – anspruchsvolles Mädchen.

Lena wendet sich plötzlich ab und drückt die verschlungenen Hände gegen die Brust. Ihr Blick schweift zum Himmel empor, und ihre Lippen zittern, dann sinkt ihr Haupt tief auf die Brust, sie schreitet über den Balkon zurück und tritt wieder in den Saal.

Hinter den Oleanderbüschen aber klingts wie ein Aufstöhnen unaussprechlicher Qual. Daniel Sobolefskoi ist neben seinem verborgenen Sessel auf die Knie gesunken und preßt das Antlitz in die bebenden Hände.

Am Himmel über ihm stehen die Sterne und blicken auf ihn herab, wie Augen, in welchen Tränen glänzen, und der Nachtwind kommt und streift wie eine kühle, tröstende Geisterhand seine Stirn.

»Sei getrost, mein armer Schmerzensreich …« Da richtet sich der mißgestaltete Mann empor und lächelt mit bleichen Lippen.

Er weiß es, in diesem Augenblick muß seiner Mutter Geist ihm nahe sein.

XII.

Graf Lohe saß allein auf der Veranda, unter den laubartigen Gehängen der Schlingpflanzen und Kletterrosen, in welchen sich in graziösen Bogen die Lampions schaukelten. Er hatte ein Glas Sektbowle vor sich stehen, starrte gedankenvoll in die auf- und niedersteigenden Bläschen und fand die ganze Welt eine nichtswürdige

Einrichtung, Am liebsten wäre er nach Hause gefahren. Aber er hatte Flanken versprochen, auf ihn zu warten, und der verrückte Kerl klebte just heut wie Pech und war rein wie umgewandelt! Sonst war ihm ein Ballsaal in den Tod verhaßt, und heut kam er bei jedem Tanz, stellte sich neben den Grafen hin, legte die Hände rückwärts zusammen und sah dem fröhlichen Gewirbel nachdenklich zu. »Es ist weiß Gott die reine Affenschande, daß ich nicht tanzen kann!« – Und wenn eine Tour vorüber war, klopfte er seinem Freund schmunzelnd auf die Schulter und sagte: »So, das wäre glücklich überstanden, nun will ich mich mal wieder ein bißchen anklexen!« Sprach's und steuerte direkten Wegs zu Jolante.

Seltsam! Was er nur für einen Narren an diesem gezierten, unliebenswürdigen Ding gefressen haben mag! Der Riese Goliath und Däumelingchen! Je nun, die Gegensätze berühren sich eben, und das allzu Gleiche stößt sich ab. Um des Geldes willen machte er ihr nicht die Kur, davon war Lohe überzeugt, denn er kannte den beinahe naiven Sinn dieses Naturmenschen, welcher wohl jähem Impuls zufolge mit Keulen dreinschlagen, aber nichts klüglich berechnen konnte! Gutmütig und harmlos wie ein Kind war er, die kleine, graziöse Puppe, das Elfchen aus dem Sommernachtstraum, erschien ihm ganz erstaunlich allerliebst, und wenn sie wie ein Goldbienchen im Tanz an ihm vorüberschwirrte, sagte er kopfschüttelnd, aber voll hoher Bewunderung: »Du … Mark-Wolffrath, das sollen Füße sein … und in ihren Händchen hat sie überhaupt gar keine Knochen, sondern höchstens Gräten!« Das mußte einem Mann, welcher mit seinem Schlachtroß Walzer tanzt, allerdings arg verwunderlich erscheinen.

»Jeder hat seinen Geschmack!« sagt der Franzose.

Lohe fand nun das jüngste Fräulein von Groppen geradezu fatal, und daß sie ohne jeglichen Einspruch auf einen Tanz mit ihm verzichtet hatte, das verzieh er ihr sein Lebtag nicht! Zerfallen mit sich und der Welt hatte er sich in das fernste Eckchen zurückgezogen, und bei der großen Anzahl von Tänzern ward er auch von niemand vermißt und von allen verschmerzt. Das war nagend Gift für sein eitles, sieggewohntes Herz. Da klingen plötzlich energische Schritte neben ihm. Ursula tritt vor ihn, stützt die Hände recht unfein in die Seiten und mustert stumm seine Stiefel. Zornesröte steigt in die Stirn des jungen Offiziers, aber die Kehle ist ihm wie zugeschnürt.

Und nun lacht sie, erst leise, dann immer lauter, schließlich patscht sie die Hände zusammen und will schier sterben vor Vergnügen. Wie allerliebst ihr dieses Lachen steht! Die dunklen Augen blitzen um die Wette mit den perlweißen Zähnchen, und die kurzen Locken, welche durch das Tanzen noch mehr verwildert erscheinen, liegen tief und genial in der Stirn, wie bei dem Richterschen Italienerknaben.

»Ich hab's ja gleich gesagt, Graf Lohe, vier diensttuende Knechte aus Nubierland reichen nicht aus, um eine Balltoilette einzupacken! Das Wichtigste haben sie natürlich vergessen, und ihr Herr und Gebieter kann in Schmierstiefeln Polka tanzen! Na, das ist ja ganz Wurst, und ich denke mir, Sie haben der Jolante nur einen festen Bären aufgebrummt, um hier faulenzen zu können!«

»Durchaus nicht, mein gnädiges Fräulein, ich bedauere mein tatsächliches Mißgeschick aufrichtig!«

»Aber zum Kuckuck noch eins! Sie haben ja ganz famose Botten an! Was wollen Sie denn nur? Blitzeblank und nicht eine einzige Zehe, die durchkommt …«

»Ihr Fräulein Cousine erklärte sie trotz alledem gleich mir für unzulässig!«

»Jolante ist ein Schaf! Das habe ich Ihnen ja gleich gesagt! Die sieht natürlich nur danach, ob die äußere Pelle comme il faut ist, die Menschen, die drin stecken, sind ihr ganz gleichgültig, denn sonst hätte sie mit einem so netten Kerl, wie Sie einer sind, getanzt!«

Lohe hatte sich über das »Schaf« sehr alterieren wollen, bei dem Nachsatz fühlte er sich aber so geschmeichelt, daß er es unterließ. Obwohl ja Ursula genau so derb wie sonst war, fiel ihre Teilnahme doch wie Balsam auf sein gekränktes Herz.

»Sie sind unendlich liebenswürdig, mein gnädiges Fräulein, der Geschmack ist aber leider verschieden, und ich bin verurteilt, zuzusehen, wo alles tanzt und muß hier meine traurige Quarantäne halten.«

»Das sollte fehlen! Ich komme ja, um Sie zum nächsten Walzer zu holen! Mir ist es ja blitzegal, was Sie für Stiefel anhaben, meinetwegen können Sie in Holzpantoffeln losziehen! Kommen Sie flink!«

Er hatte, sich unschlüssig hin und herneigend, die wohlgepflegten Hände gegen die Ulanka gedrückt und sah dennoch wahrhaft gerührt zu dem Backfischchen hernieder. »Fräulein Ursula … ich …«

Da hob sie plötzlich die bittend zusammengelegten Händchen, und in dem rosigen Gesichtchen lag derselbe kindlich-treuherzige Ausdruck, wie vorgestern, als sie in dem Kahn saß und ihm so gut gefiel. »Ich möchte so gern nur ein einziges Mal mit Ihnen tanzen, und es ist nicht mehr lange Zeit, wir fahren bald nach Hause! Seien Sie doch nicht mehr böse über die Hammeln! Es war ja nur ein Witz, und wir wollen jetzt wieder tun, als wäre gar nichts vorgefallen, ja?«

»Gewiß, mein gnädiges Fräulein, ich bin Ihr gehorsamster Diener!« Mark-Wolffrath sah wie gebannt in ihre dunklen Augen.

»Sehen Sie, ich wußte es ja, daß Sie gar nicht so eklich sind, wie Sie immer tun!« jubelte die Kleine glückselig. »Eben fängt die Musik an, kommen Sie schnell, damit wir recht, recht lange tanzen können – sechsmal rum!«

Sie faßte ungeniert seine Hand, ihn mir fortzuziehen, Graf Lohe aber zögerte plötzlich und hielt ihre Fingerchen fest.

»Wenn ich jetzt mit Ihnen tanze, Fräulein Ursula,« sagte er ernsthaft, »tue ich Ihnen doch natürlich einen großen Gefallen; wollen Sie mir als Revanche etwas versprechen?«

Sie sah ihn mit großen, erstaunten Augen an, nickte aber sehr eifrig zustimmend: »Was denn?«

»Ich möchte Ihnen einmal ganz ehrlich und geradeaus etwas sagen, aber vorher geloben Sie mir, nicht böse oder beleidigt zu sein?«

Sie senkte ganz kleinlaut das Köpfchen, »Na, ich danke, dann ist es wohl eine gute Pauke?«

»Nicht im mindesten.«

»Nein? Na, dann: immer druff uff de Frösch'! Kann ich mich dazu setzen?«

Sie lachte ihn übermütig an, der junge Offizier aber legte ihre Hand auf seinen Arm und schüttelte den Kopf: »Jetzt ist nicht die passende Zeit dazu, ich hebe mir diese Unterredung noch auf. Vorerst wollen wir tanzen!« Mit strahlenden Augen trat Ursula an seiner Seite in den Saal zurück. Herr von Kuffstein stand in der Tür und versetzte seiner Einzigen einen wohlgemeinten, kleinen Stoß mit dem vorgestreckten Daumen.

»Du, Urschel-Purschel! Jetzt wird abgehalftert! Die Wagen fahren gleich vor!«

»Na adieu! Kommen Sie wohl über, Herr Gevatter!« nickte das Backfischchen in unglaublichster Weise zurück, und dann tanzte sie mit ihrem so energisch dazu »rangelangten« Leutnant. Einen so herrlichen Walzer wie diesen hatte sie in ihrem Leben noch nicht getanzt. Graf Lohe geriet zwar ein paarmal tüchtig mit ihr ins Gedränge, so daß die Spitzen und rosa Bandschleifen an dem Kleid böse Erfahrungen machten, aber Ursula blickte mit demselben Stolz darauf nieder, wie ein Feldherr auf die zerfetzten Fahnen und fand, »daß jetzt endlich Mum in die Sache kam!«

Und nun »mitten im schönsten Moment« wollte Papa Kuffstein diesem Sommernachtstraum ein Ende bereiten. Der

Champagner war vortrefflich gewesen, und in weinseligster Stimmung, welche aber bei dem rundlich beanlagten, alten Herrn bald in Müdigkeit überging, nahm er sein Töchterchen am Arm und erklärte, »die Stabsoffiziere führen jetzt auch nach Hause, und die arme Mama sei krank und werde auf des Töchterchens Rückkehr warten, darum müsse das Geschwofe jetzt aufhören!«

Ursula war sehr alteriert und sträubte sich aus Leibeskräften gegen die Heimfahrt, aber der Vater entwickelte eine überraschende

Energie, uud nachdem er noch eine Zeitlang gütlich mit seinem »Schlingelchen« unterhandelt hatte und alle Versprechungen nicht fruchteten, da erklärte er schließlich ganz martialisch: »Jetzt hältste den Schnabel! Pascholl, gute Nacht gesagt, es wird sogleich eingestiegen!«

Ursula schob die Unterlippe vor: »Na dann kommen Sie, Graf Lohe, dann mag die Karre in drei Teufels Namen losgehen!«

»Ich begleite Sie bis zum Wagen, meine Gnädigste!«

»Sie fahren doch mit?«

Der Garde-Ulan zuckte die Achseln. »Ich folge in kurzer Zeit nach. Flanken hat mir das Versprechen abgenommen, daß ich auf ihn warten soll, und der unglaubliche Mensch hat sich ja zum Blumenwalzer engagiert!«

»Sie bleiben noch? – Blumenwalzer?« stotterte das Backfischchen mit weit aufgerissenen Augen, »und ich soll weg? Oh – ich werde – oh, da soll doch!« und wie der Wirbelwind, mit aufblitzenden Augen, wandte sie sich ab und stürzte davon.

Herr von Kuffstein stand und klopfte seinem Schwager Büttingen gerührt auf den Rücken und lobte noch einmal den Sekt, welcher auch nicht ein bißchen nach dem »Pfroppen« geschmeckt hätte, und die Austernpastetchen, und die Cumberlandsauce, zu welcher man getrost selbst eine Schwiegermutter hätte essen können, und die Neunaugen mit Schlagsahne, welche es gar nicht gegeben hätte, und all die vielen netten Menschen, welche das notwendige Übel bei diesem Fest gewesen wären. Da trat ein Diener zu ihm heran und meldete mit tiefem Bückling, daß das gnädige Fräulein bereits im Wagen säße und auf den Herrn Papa wartete. Vater Julius war ganz verdutzt und über so viel Artigkeit derart gerührt, daß seine blaßblauen Äuglein unter Wasser traten. »Siehste Fritze! Nun sitzt sie schon in der Arche drinne! So ganz ohne Flausen hat sich das Mädel gefügt

– ich habe es ja immer gesagt, die Urschel-Purschel ist ein wahres Prachteremplar! Na, denn gute Nacht, lieber Fritze, gib mer'n Kuß – und grüß deine Alte noch mal von mir – und wenn du wieder einen solchen Taterata losläßt, dann weißte ja – der dicke Jule Kuffstein ans Wolkwitz, der kommt immer! – Gute Nacht, mein Fritzeken – noch'n Kuß!«

Und dann drückte er alle Hände, die sich ihm darboten, voll schluchzender Innigkeit, umarmte rechts und links und wuchtete die Treppe der Veranda hinab zu seinem Wagen.

Die erste Equipage mit den älteren Offizieren war bereits abgefahren, Herr von Kuffstein ließ sich durch kräftige Nachhilfe in sein Coupé befördern und sank ächzend in die Polster zurück.

Neben ihm, in den Mantel gewickelt und dicht verschleiert, saß Ursula, tief in die Wagenecke zurückgelehnt. Sie schien doch gewaltig schlechter Laune zu sein, denn sie regte sich nicht und sprach keine Silbe.

»Zufahren, Lebke!«

Der Wagen setze sich langsam in Bewegung, und Papa Kuffstein öffnete das Fenster, um seine Zigarre weiterrauchen zu können.

»Na, Urschel-Purschel – war ein ganz fideles Katzenschießen heut, was?« Keine Antwort.

»Getanzt haste wie ein Wasserfall und warst von der ganzen Lämmerherde entschieden die Hübscheste – hm, kleines Äffchen? Welcher von all den Strebepfeilern des einigen Deutschlands hat dir denn am meisten imponiert? Der Deiwelskerl, der Flanken, der mit seinem Elefantenküken Gudrun Ballett tanzte, oder der eine Major mit dem fixen Schnurrbart – hm?« Keine Antwort.

»Urschel-Purschel, du maulst wohl?«

Tiefe Stille. »Sei doch kein Döskopp! Ich schenke dir eine Spritztour nach Berlin, dann gehen wir ins Theater und essen alle Tage dreimal zu Mittag, so ein frisches Hummerchen mit Mayonnaisensauce, was meinste, he?« und der Sprecher schnalzte mit der Zunge und versetzte seiner schweigsamen Nachbarin einen kleinen Ellenbogenstoß. Sie rührte sich nicht.

»Na, dann maule du! – Ich habe der Mama versprechen müssen, daß um ein Uhr nach Hause gefahren werden soll, und es ist bereits halb zwei durch. Es ist ja gräßlich, wenn die Leute den Hals nicht vollkriegen können und einem erst die Morgensonne ins Gesicht scheinen muß, ehe man sich gähnend aus den Rückzug begibt.« Und Herr von Kuffstein tat noch ein paar behagliche Züge aus der Zigarre und warf sie dann zum Fenster hinaus.

»Ich schlafe einstweilen ein Ruckchen!« Sprach's und lehnte sich behaglich zurück, um sehr bald im tiefsten Traum zu schnarchen.

Wald und Flur tanzte im Mondschein vorbei, und nach kurzer Zeit rollte der Wagen in den Wolkwitzer Schloßhof. Der Schläfer erwachte und dehnte die Arme.

»So weit wären wir! Komm, Urschel-Purschel, nun klettere mal zuerst heraus!«

Die junge Dame regte sich nicht.

»Du! – schläfste?«

Keine Antwort.

Da wurde der müde Vater ungeduldig. Er faßt das eigensinnige Töchterchen mit beiden Armen, sie dem Diener entgegenzuheben, und läßt wie gelähmt vor Entsetzen die wunderliche Last wieder zurückfallen.

»Heiliges Schock-Bomben-Element!«

Der Schleierhut rollte hernieder, ein ganz absonderliches Etwas ragt im Dämmerlicht als Köpfchen aus dem Mantel heraus. Herr von Kuffstein tastet mit wahrem Grauen. Eine Schlummerrolle! Und wie er den Mantel faßt, da kugeln aus demselben eine Anzahl schön gestickter Rückenkissen dem entsetzten Vater entgegen.

»Urschel-Purschel! – Sollen doch gleich ein Dutzend lahmer Esel dreinschlagen! Hat die Wetterhexe mir diesen Wechselbalg unter die väterlichen Ältliche geschoben!« Und höchlichst alteriert, schnaufend vor Zorn und doch wieder laut auflachend über diesen Witz seines erfinderischen Töchterleins, wirft er den Wagenschlag zu und begibt sich in das Schloß, bei seiner Gattin, falls sie wachen sollte, in dieser unvorhergesehenen Situation Rat zu holen.

»Meinetwegen mag die Range nun in der großen Pauke übernachten!« denkt er voll Seelenruh. »Tante Klara wird sich recht freuen über den Zuwachs an Logierbesuch!« Und er kratzt sich hinter dem Ohr und findet es eigentlich eine wahre Riesenaufgabe, Vater zu sein, und dann tritt er in das Zimmer seiner Frau, nickt ihr schmunzelnd zu und erzählt mit strahlendem Gesicht: »'n Abend, Mutterchen! Nu höre mal, was unsere Pflanze wieder für einen brillanten Witz gemacht hat!«

Fünf Minuten, nachdem die Wolkwitzer Equipage mit Herrn und Fräulein von Kuffstein abgefahren war, stand Baronin

Büttingen im Kreise älterer Herrschaften und verabschiedete sich von Exzellenz Normann, welche mit Tochter und Schwiegersohn ebenfalls die Heimfahrt antreten wollte.

Plötzlich legten sich von rückwärts zwei Hände mit kräftigem Patsch auf die Schultern der Gastgeberin, und Ursula lachte schallend auf. »Na, Tante Klärchen, wat sagste nu?«

Vorerst sagte Frau von Büttingen gar nichts, sondern starrte das übermütige Gesichtchen an, wie eine Vision. »Mein Himmel – Urselchen! Wo kommst du denn wieder her! Es ist doch kein Malheur mit dem Wagen passiert?«

Die Kleine schüttelte jubelnd das Köpfchen, »I wo wird denn die alte Karre aus dem Leim gehen! Weißte, was ich getan habe? Eine ganz famose Puppe habe ich dem Ollen ausgestoppt und in den Wagen gesetzt; damit kann er nun bis Buxtehude fahren! Ich bleibe heut nacht hier, Tantchen, kann ja bei Jolante und Lena schlafen, oder meinetwegen mang die Stubenbolzen oder in der Badewanne, kommt mir gar nicht drauf an! Und nun will ich fix noch ein bißchen tanzen, ehe Julchen sein Kuckucksei im Nest entdeckt und den Wagen umkehren läßt!« Und unter den Äußerungen von Heiterkeit und händeringendem Erstaunen wirbelte das Enfant terrible davon, um in dem Tanzsaal stürmischen Jubel und großes Hallo durch ihr Erscheinen zu erregen. Zwischen all dem Lachen und Schwadronieren aber flog ihr Blick suchend umher, denjenigen zu entdecken, um derentwillen sie das Feld absolut nicht hatte räumen wollen.

Graf Lohe war nirgends zu entdecken.

Ursula trat auf die Terrasse – und richtig, auf seinem alten Platz, am äußersten, menschenleeren Ende des Vorbaues stand der junge Offizier und blickte nachdenklich in die mondhelle, blumenduftige Sommernacht hinaus.

»Graf Lohe, ich bin wieder da!«

Höchlichst überrascht wandte er sich um und blickte in das glückstrahlende Gesichtchen derjenigen, welcher soeben sein ernsthaftestes Denken gegolten.

»Fräulein Ursula, wie ist es möglich?! Soeben fuhr Ihre Equipage vor meinen Augen davon?« Sie schwang sich in ihrer ungestümen Weise neben ihn auf die Balustrade und faltete die Hände um das Knie. Atemlos vor Amüsement und Übermut erzählte sie, durch welch eine List sie sich vor dem väterlichen Gebot gerettet habe, und zum Schluß sah sie ihn treuherzig an und sagte naiv: »Den ganzen Abend wartete ich darauf, daß Sie einmal mit mir tanzen sollten, und wie ich Sie glücklich hier aus Ihrem Knurreckchen losgeeist hatte, da wollte man mich nach Hause spedieren! Ich möchte so schrecklich gern noch ein paarmal mit Ihnen tanzen – Sie sagten ja, Jolante könne es nicht übelnehmen – und darum kommen Sie schnell, sowie die Musik wieder beginnt! Es gibt auch wieder Eis drinnen – und pikante Bröter – bitte, bitte gehen Sie mit mir!«

Er hatte gar nicht über ihren Witz mit der Puppe gelacht, regungslos stand er und sah sie an.

»Wissen Sie, Fräulein Ursula, daß es nichts Häßlicheres und Verwerflicheres für ein junges Mädchen gibt, als ungehöriges und respektwidriges Betragen gegen die Eltern?« fragte er langsam.

Verwundert hob sie das Köpfchen. »Respekt? Vor Julchen brauche ich doch keinen Respekt zu haben? Der macht ja allen Unsinn mit!«

Mark-Wolffrath biß sich auf die Lippe. »Fräulein Ursula, ich glaube, es wäre jetzt der richtige Moment, meine Bitte von vorhin zu wiederholen! Darf ich Ihnen einmal ehrlich die Wahrheit sagen und wollen Sie mir nicht zürnen?«

Sie zog, schalkhaft lachend, ein krauses Näschen. »Nee, ich nehme nichts übel. In Gottes Namen, legen Sie los!« Und beide Händchen gegen den Magen drückend, seufzte sie tief auf. »Lung und Leber duckt euch, es kommt ein Platzregen!!«

Der junge Offizier sah ein, daß es Mühe kosten werde, ernst zu bleiben. Er lehnte sich in das rankende Grün zurück und verschränkte die Arme über der Brust. »Möchten Sie jemals geliebt werden, Fräulein Ursula?«

Die Frage hatte sie nicht erwartet; sie traf wie ein Blitz, Sprachlos starrte sie ihn einen Moment an, dann aber schlug sie wie in jähem Entzücken die Hände zusammen, »Ach ja!« klang's ehrlich, aus tiefstem Herzensgrund.

»Wie würde es Ihnen zumute sein, wenn der Mann, in welchen Sie sich einmal verlieben, sagen würde, nein, ich mag dich nicht, du mißfällst mir?!«

Ihr Auge blitzte auf, »Dann … o … dann würde ich ihn aus Wut erschießen … wie die rote Gräfin ihren Josef – und hinterher ersäufte ich mich!«

»Das sind abscheuliche, romanhaft überspannte Ideen, an deren Ausführung Sie als Christin und braves Mädchen nie denken werden, davon bin ich überzeugt. Außerdem – verlangen Sie nicht nach einem besseren Glück, möchten Sie den Geliebten nicht viel lieber zu eigen gewinnen, als ihn verlieren?«

»Zum Donner – wenn er mich ja doch nicht will?«

»Wenn Sie ihm nicht gefallen, sind lediglich Ihre Fehler daran schuld, denn Sie sind ein hübsches, vornehmes und liebenswürdiges Mädchen, welches alle Eigenschaften besitzt, die einen Mann entzücken müssen. Aber die Rosen sind von so viel scharfen, häßlichen Dornen umgeben, daß sie nicht begehrenswert erscheinen. Und nun sagen Sie selber, Fräulein Ursula, wäre es da nicht besser, diese abscheulichen Dornen, einen um den anderen abzulösen, bis nur die lieblichen Blüten stehenbleiben, bis man nichts an Ihnen tadeln kann, und Herzen, welche sich erst von Ihnen abwenden, Ihnen nun voll inniger Liebe zufliegen?«

Sie hatte das Köpfchen ängstlich gesenkt und an sich niedergeblickt. »Ja du lieber Gott, wenn ich die Biester von Stacheln nur sehen könnte – ich weiß ja gar nicht, wo sie sitzen!«

»Soll ich es Ihnen sagen?«

Sie nickte eifrig, und bei all den herben Worten, welche ihr Mündchen sprach, lag doch ein so lieber und weicher Ausdruck auf den mondbeglänzten Zügen, daß es dem Grafen ganz warm um das Herz wurde.

»Ich meine es sehr gut mit Ihnen, Fräulein Ursula,« sagte er leise, »aber so, wie Sie jetzt sind, bin ich gar nicht zufrieden mit Ihnen. Warum werfen Sie die mächtigsten Waffen, welche die Natur dem Weibe verliehen, das starke Geschlecht unwiderstehlich zu bezwingen, so töricht aus der Hand? Die Waffen: Weiblichkeit und holde Anmut, welche einzig und allein den geheimnisvollen Zauber bergen, daraus die Liebe ihre goldenen Bande webt. Ein Frauenmund ist geschaffen zum Kosen, Schmeicheln und Beten, Worte, die er spricht, sollen den weißen Tauben gleichen, welche den Ölzweig in das sturm- und flutgeschleuderte Lebensschifflein des Mannes tragen, sollen die Tropfen heiligen Taues sein, mit welchem die Blüten alles Edlen, Milden und Göttlichen im Männerherzen genetzt werden. Keiner aber von uns will Mädchenlippen küssen, die genau so wettern, fluchen und derbe Dinge sagen können, wie wir selbst: Und nicht allein mit Worten, sondern auch in seinem Tun und Handeln soll ein junges Mädchen der weißen Lilie und nicht dem kecken Rittersporn gleichen, denn einen Freund und Kameraden mag kein Mann freien, wohl aber einen guten Engel, den er liebt, weil er sich ihm im süßen Vertrauen anschmiegt.«

Atemlos hatte Ursula gelauscht. Die farbigen Lampions über ihnen im Laube waren erloschen, der Mondschein floß wie ein breiter Silberstrom durch die Säulenbogen und tauchte die beiden jugendlichen Gestalten in sein geheimnisvolles Glitzerlicht. Wie verklärt in lieblicher Unschuld hob sich Ursulas Gesichtchen zu dem Sprecher.

»Ich hab's gar nicht gewußt, daß ich ein so böses, unleidliches Ding bin!« sagte sie treuherzig, »kein Mensch hat's mir noch gesagt, und ich bin es auch wirklich nicht mit Absicht, nein, ganz gewiß nicht! Aber was soll ich tun? Nie wieder eine Puppe ausstopfen? Wenn Sie nur gehört hätten, wie alle lachten, und Respekt vor Papa haben? Dann würde er sich selber ganz närrisch vorkommen! Und keine derben Worte sagen, nicht schimpfen und fluchen … ja, du liebe Zeit, ich weiß ja gar nicht, wenn ich etwas Schlimmes sage, weil die Leute immer lachen, und Papa es doch auch sagt!«

»Lachen Ihre Erzieherinnen auch?«

»Na, die Drachen schimpfen natürlich über jede Kleinigkeit, weil sie mich schurigeln wollen, und wenn ich es Julchen sage – Mama darf ich ja nicht mit Klatschereien kommen, das regt sie auf! Dann ruft er jedesmal: Das Frauenzimmer hat einen Sparren! Tonleiter und Vokabeln soll sie dir beibringen, aber sonst ihre Weisheit für sich behalten!«

»Wie abscheulich es doch klingt, wenn Sie Ihren Herrn Papa mit Vornamen nennen! Wie darf sich ein gebildetes junges Mädchen so etwas erlauben?«

Höchlichst erstaunt riß Ursula die Augen auf: »Na, aber Mama nennt ihn doch auch Julius! Und wie ich, als kleine – ganz kleine Griebe ihn zum erstenmal ›,Jule‹ nannte, da hat er sich gekugelt vor Lachen und mir Zuckersachen geschenkt, so viel ich nur haben wollte!«

Das war's, da saß der Stachel im Fleisch. Graf Lohe zog finster die Augenbrauen zusammen und biß sich auf die Lippe, das Backfischchen aber glitt von der Balustrade herab und hob mit ihrem schelmischen, unwiderstehlichen Schmeichelgesichtchen die gefalteten Hände. »Nun haben Sie genug gescholten, lieber Graf, nun seien Sie bitte, bitte wieder gut! Sie sind ein so schrecklich feiner Mensch, darum sehen Sie so schwarz! Viel düsterer als alle anderen Menschen! Blicken Sie sich doch um! Niemand denkt wie Sie, die Leute haben mich alle gern – und –« sie lachte silberhell auf, »wenn mich einmal einer abkanzelt, dann ist's nur aus schlechter Laune, nicht wahr? Und Sie waren noch böse wegen der Hammel, ach und das war doch gar zu komisch und wirklich nicht schlimm gemeint! Und nun kommen Sie, und seien Sie mir wieder gut, ich will sa auch, weiß der Kuckuck, ganz artig sein!«

Was sollte Graf Lohe entgegnen? Ursula war noch viel zu sehr Kind, als daß Worte tiefen Eindruck auf sie machen konnten, war viel zu verwöhnt und verzogen, um auf die Strafpredigt eines einzelnen Gewicht zu legen. Ein Wesen, welches Ursula näher stand, konnte sie nicht erziehen, weil ihre bezaubernde Herzlichkeit und ihre bestrickenden Augen selbst den größten Zorn entwaffnen mußten. Hier war Ursula eine kleine Königin unter lauter Sklaven. Sie herrschte, und niemand opponierte, sie tat, was sie wollte, und jedermann applaudierte ihr. Von den Eltern an bis zu dem Stallburschen herab fügte man sich ihrer drolligen Eigenart. Solange Ursula ihr eigenwillig Regiment in Wolkwitz führte, nur des Vaters derbe Manier zum Vorbild, die Erste und Tonangebende in ihrem täglichen Verkehrskreise, solange konnte nun und nimmermehr eine günstige Wandlung ihres Wesens herbeigeführt werden. Auch die Liebe konnte nicht zur Lehrmeisterin werden, denn Ursulas Charakter war viel zu leicht und keck, um eine Neigung zu kultivieren, welche nicht erwidert wurde, und geschah es doch, so konnte es höchstens ihrer Wildheit und ihrem stolzen Sinn zum Stachel werden. Eine glückliche Liebe aber ließ ihre Ausgelassenheit im Übermaß der Wonne vollends über alles Ziel schießen.

Während einer Quadrille, welche das Backfischchen mit Fürst Schlüfften-Drasel tanzte, stand Lohe wieder auf der Terrasse, starrte in den Mondschein hinaus und sann auf Mittel und Wege, wie das maienschöne, wildemporgewachsene Lebensbäumlein wohl in die Hände eines guten, veredelnden Gärtners gelangen könne. Plötzlich zuckte ihm ein Gedanke durch den Kopf: Hofluft! – Hofluft war die allgewaltige Meisterin, welche einzig das Wunder vollbringen konnte, aus einem eigenwillig flirrenden Irrwischchen eine klarleuchtende Flamme zu erziehen.

Die Hofluft gleicht jenem kühlen, schneidenden Herbstwind, welcher über die Heide saust und zu dem wilden Röslein, das bisher stolz über das niedere Gras und Kraut geblickt und ringsum das Höchstgewachsene gewesen, strenge sagt: »Ducke dich!«

Dieser Herbstwind sieht nicht, wie hold und reizend das kecke Heideröslein ist, und er fragt nicht lang danach, ob sich bis jetzt alles vor diesem geneigt hat, er bläst unbarmherzig darüber hin, knickt die Sauersprossen an den Zweigen, und wenn der Frühling abermals ins Land kommt, hat der Rosenbusch gedemütigt seine Ranken zur Erde geneigt, aber er blüht doppelt so reich wie zuvor.

Graf Lohe hob siegesfreudig das Haupt. Ja, er wird dafür sorgen, daß die Hofluft über Ursulas Köpfchen weht, daß sie aus der widerspenstigen Katharina ein holdselig Käthchen macht!

Fürst Sobolefskoi war in die Saaltür getreten, als der Kotillon getanzt wurde.

Fürst Schlüfften kommandierte ihn an Lenas Seite und wußte nicht genug des Scherzhaften und Originellen zu arrangieren.

Daniel preßte die Hand auf die kranke Brust und starrte mit weitgeöffneten Augen zu dem jungen Mädchen hinüber. Sie erschien ihm verändert, zerstreut, unsicher, oft heiß erglühend. Wie sollte sie auch nicht. Waren in dieser Stunde doch die Grundfesten ihrer ganzen Lebensanschauung erschüttert. Was sie seit langen Jahren als eine Illusion verspottet hatte, den Stolz eines Mannes, welcher größer ist als die Macht des Goldes, seine edle Redlichkeit und Aufrichtigkeit, welche die Wahrheit redet, anstatt der Göttin Fortuna mit Lügen zu opfern, das hatte plötzlich Gestalt und Farbe gewonnen, das stand verkörpert vor ihr und hob sein Haupt mit dem Schicksalsspruch: »Ich begehre nicht das Gold jener Damen!« – Lena hatte gefunden, was sie suchte, und in diesem Augenblick, das wußte und empfand Daniel, war ihr Herz von dem Blitzstrahl getroffen, welcher es für ewige Zeiten von dem seinen losriß.

Er sah, wie Lenas Blick dem Freiherrn von Altenburg folgte, er sah, was sonst kein anderer bemerkte, wie ihr ganzes Interesse nur noch diesem einen galt, er sah, wie sich ihr Antlitz verdüsterte, wenn der junge Offizier Fräulein von Schwanringen durch stets neue ritterliche Aufmerksamkeiten auszeichnete.

Fürst Schlüfften erbat sich von etlichen Damen eine Blume aus dem Haar oder Brustbouquet, sie als »blind gezogen« von den Herren wählen zu lassen.

Herr von Altenburg tastete als letzter der Blindgreifenden vergeblich nach einer Blüte, und Schlüfften schlug die Serviette zurück, nahm ein kleines, welkes Kleeblatt aus dem Körbchen und reichte es ihm lachend dar: »Sie ahnen Ihr vierblättriges

Glück gar nicht, lieber Altenburg! La voilà! Wer zuletzt lacht, lacht am besten – Sie tanzen mit Fräulein von Groppen I.!«

Überrascht sah der junge Offizier auf den Klee hernieder und legte die vier welken, zusammengefalteten Blättchen sorglich wieder auseinander. Er hatte eine besondere Vorliebe für dieses poetische Glückszeichen. Er war auf dem Lande geboren, just zur Kleeernte, und als man dem Neugeborenen das erste Bad bereitete, schwamm ein Vierblatt auf dem Wasser. Man erklärte sich das Seltsame dadurch, daß die Magd mit dem Eimer dicht neben einem hochbepackten Wagen von Klee hergeschritten sei; die alte Kinderfrau gestikulierte sehr geheimnisvoll mit den Händen und sagte: »'s ist sein Glück! der Klee wird zu des Junkherrleins Schicksal – alles Gute, aller Segen kommt ihm, wann der Klee blüht!«

Altenburg schritt zu Lena, verneigte sich gemessen und bot ihr das welke Kräutlein dar.

»Gnädiges Fräulein haben den Klee heute abend als Schmuck getragen?«

Zum erstenmal traf sie sein Blick, nicht anders als in erstaunter Frage.

»Es war leichtsinnig, das Symbol meines Glückes ist dadurch welk und matt geworden!«

»Haben Sie das Vierblatt persönlich gefunden?«

»Ohne es zu suchen – ja.«

»So hätten Sie es verschenken müssen! Nur dann, so behauptet der Aberglauben, bringt es tatsächlich Glück.«

Lena wollte den Klee zurücknehmen, derselbe zerriß, und zwei Blättchen blieben in ihrer, zwei in Altenburgs Hand.

»Ah! –«

Sie sah lächelnd zu ihm auf. »Ich habe unfreiwillig geteilt; behalten Sie Ihre Hälfte, dann bringt dieses späte Geschenk vielleicht uns beiden noch Glück!«

Er verneigte sich dankend, nahm seine Brieftasche und legte die beiden Blättchen hinein, ernst, voll kühler Höflichkeit. Dann tanzte er mit ihr – nur wenige Schritte, die Musik brach ab.

Und als er sich verabschiedete, lagen seine dunkeln Wimpern wieder ebenso tief über den Augen wie zuvor.

Daniel Sobolefskoi hatte keinen Blick von der kleinen Szene verwandt. Eine wundersame Veränderung war mit ihm vorgegangen. Sein Atem ging keuchend, alle Dämone wilder, grausamer Leidenschaft, welche seit langen Jahren geschlummert hatten, spiegelten sich in seinem glühenden Auge.

»Das Kleeblatt liegt auf seiner Brust,« murmelte er mit zitternden Lippen, «gibt's freiwillig nicht wieder – holen muß ich's – womit? – Nur eine Kugel findet den Weg.« –

Ein Kleeblatt! Gedachte Sobolefskoi sonst daran, so sah er's im Geiste in seiner Mutter Hand liegen, in diesem Augenblick aber waren es nur die grellen, blutigroten Flammen, welche er schaute, und die schlugen über ihm zusammen und verschlangen das Glück.

XIII.

Nach dem Mittagessen in der Groß-Wolkwitzer Speisehalle hatte Herr von Kuffstein nach seinem riesigen Strohhut gegriffen und mit einem kleinen Nasenstüber seine Einzige aufgefordert: »Du, Fröschchen, ich habe den Jagdwagen anspannen lassen, fährste mit zur Dreschmaschine auf das Vorwerk hinaus?«

»Ja, natürlich! Soll ich auch die Flinte mitnehmen?«

»Kannste machen; vielleicht begegnen wir einem Volk Rebhühner, dann magste mal in die Luft niesen und dem Herrn Oberst ein kleines Frühstück runterholen!«

Und Ursula hatte fröhlich »Eins, zwei, drei, an der Bank vorbei!« gepfiffen und war die Treppe hinaufgepoltert, sich kriegsmäßig auszurüsten. Die anderen Herrschaften zogen sich in ihre Zimmer zurück, und nur Graf Lohe hatte um die Erlaubnis gebeten, noch ein paar Augenblicke der Frau Baronin auf dem Balkon Gesellschaft leisten zu dürfen.

Frau von Kuffstein gestattete es in ihrer so liebenswürdigen und vornehm gediegenen Weise und hatte aufrichtige Freude daran, mit dem jungen Offizier über die schönen, lang vergangenen Zeiten zu plaudern, da es ihr zur Gewohnheit geworden war, zu sagen: »Wir am Hof – oder wir im Palais – – !«

»Es ist seltsam, wie das Schicksal oft die grellsten Gegensätze zusammenwürfelt!« fuhr sie mit traurigem Lächeln fort, »man nannte mich als Hofdame mit dem scherzenden Beinamen ›Ric-à-ric‹, weil ich es sehr genau nahm mit allen Formen und peinlich streng auf jede Etikette hielt! Und gerade ich bin die Gattin eines Mannes geworden, welcher nichts weniger wie Rigorist ist, und die Mutter eines kleinen Bubenmädels, welches jeglicher guten Form und Sitte Hohn spricht! Gestern nacht habe ich Julius so sehr gebeten, zurückzufahren, und den lieben Bösewicht mit energischer Strafpredigt heimzuholen, aber er behauptete, viel zu müde zu sein, und sagte: »Laß sie nur die Suppe, die sie sich eingebrockt hat, auslöffeln! Morgen früh werde ich ihr mal feste auf die Perücke steigen!« Und wie tat er's? Er hatte eine Girlande um ihre Tür hängen lassen, mit einem Kranz in der Mitte, darinnen auf weißem Papier mit dicken Rotstiftstrichen zu lesen war: »Du Strolch!« Natürlich lagen sich Vater und Tochter in den Armen und belachten gegenseitig ihre Witze!

»Gnädige Frau sind zu leidend, um Fräulein Ursula mehr in Ihrer Umgebung zu beschäftigen?«

»Ich bin seit Jahren von einem nervösen Kopfschmerz geplagt, welcher mich zu einer willenlosen und apathischen Frau macht. Ursula würde verzweifeln, wenn ihre Lebhaftigkeit in die Fesseln einer Krankenstube geschlagen werden sollte, und wenn ich mit viel Aufopferung und Qual auch wirklich den Meißel anlegen wollte, so würde das Beispiel meines Mannes gleich dem Keulenschlag wieder zerstören, was ich mit saurer Mühe erreicht. Ich habe das oft erfahren und mich schließlich resigniert in Unabänderliches gefügt.«

Graf Lohe strich sein blondes Bärtchen und sah einen Moment auf die Spitze seines Lackstiefels nieder. »Warum entschlossen sich gnädigste Frau nicht dazu, Fräulein Tochter in Pension zu schicken?«

Frau von Kuffstein machte eine kleine Geste mit der Hand. »Wo denken Sie hin! Mein Mann hätte Haus und Hof im Stich gelassen und sich sofort in allernächster Nachbarschaft der Pension einlogiert. Den Wirrwarr, welchen er alsdann angerichtet hätte, möchte ich selbst meinen bittersten Feinden nicht wünschen! Die meisten Gouvernanten kündigten mir, weil es unmöglich sei, bei beständigen Gegenbefehlen meines Mannes eine Kindererziehung zu leiten. Nun, und jetzt ist ja die Zeit der Lehrerinnen um, und ich weiß mir keinen Rat mehr, wie das Versäumte in Ursulas Erziehung nachzuholen sein könnte.«

»Fräulein Ursula ist die liebenswerteste und reizendste junge Dame, welcher ich je im Leben begegnete, und wenn die kleinen Schlacken des Übermuts und der oft verletzenden Form von dem Golde abgeschmolzen würden, so gäbe es in der Tat kein begehrenswerteres Wesen, wie just sie. Gnädige Frau werden diese Äußerung gewiß anmaßend finden –«

»Nicht im mindesten, mein lieber Graf! Wer es gut mit Ursula meint, muß ihr Wesen tadeln!«

»Das würde ich niemals wagen, Frau Baronin, aber ich habe in aufrichtigem Interesse darüber nachgedacht, wie wohl das lieblichste aller Wunder vollbracht werden könnte! Und da kam mir eine Idee –«

»Sprechen Sie aus! Ich bitte Sie inständigst darum!«

»Fräulein Ursula bedarf keiner Erziehung nach Regeln oder wörtliche Belehrung, sondern eines viel einfacheren, meiner Ansicht nach unfehlbaren Mittels: Einen Winter lang Hofluft atmen! Einen einzigen Winter lang die strenge Schule des Parketts durchmachen, sich an den Dornen und Nesseln, welche darauf wuchern, so lange Hände und Füße brennen, bis sie gelernt haben, sich nach der Vorschrift zu bewegen! Ich bin überzeugt, meine gnädige Frau, daß diese Kur die Epidermis von all ihren kleinen Unebenheiten säubern würde, ohne bis in das echt natürliche, lebensfrohe Mark und Fleisch einzudringen!«

»
Mon Dieu, bester Graf! Ursula am Hof! Der Gedanke verursacht mir Nervenschütteln! Wie könnten wir es jemals wagen, einen so unerzogenen kleinen Tunichtgut unter die Augen der Höchsten zu stellen!«

Der Erbherr von Illfingen drehte mechanisch den Stiel des goldenen Mokkalöffelchens, welches auf seiner Kaffeetasse lag: »Ich bin fest überzeugt, meine gnädigste Frau, daß diese höchsten Augen selber niemals eine Ungehörigkeit an Fräulein Ursula sehen werden, dazu sind die Säle des Palastes erstens zu überfüllt, und zweitens wird gerade das Spießrutenlaufen durch diese Menschenflut der jungen Seele am besten und am verblüffendsten zeigen, welch ein unbedeutendes Tröpfchen sie in solchem Meer gewichtiger Persönlichkeiten ist!«

»Die Palastdame der Königin-Mutter, Gräfin Ferdinand Antigna, ist meine älteste und vertrauteste Freundin am Hofe; ich müßte Ursula jedenfalls unter deren Schutz stellen. Dadurch würde jedoch ein intimerer Verkehr im Schloß unerläßlich

werden, und ich fürchte, daß die arme Renée sich üblen Dank für ihre Güte erwerben möchte!«

»Gräfin Antigna?« Lohe rief es fast jubelnd: »Das ist ja charmant, meine gnädigste Frau! Keine passendere Pflegemama könnte für Ihr Fräulein Tochter gefunden werden, keine festere und sicherere Hand das Steuer ihres Lebensschiffleins lenken! Um so besser, wenn Fräulein Ursula Gelegenheit hat, in den engeren Hofkreis zu treten! Kein entzückenderes und aneifernderes Vorbild kann ihr gezeigt werden, als Prinzessin Cordelia, dieser Inbegriff aller geistvollen Zartheit, Liebenswürdigkeit und Anmut! Ich bin der festen Überzeugung, daß sich Königliche Hoheit aufs wärmste für den kleinen Übermut aus Groß-Wolkwitz interessieren wird, daß ein einziger mißbilligender Blick der Prinzessin mehr Erfolg hat, als alle Ermahnungen und Strafpredigten, welche Fräulein Ursula je erhielt!«

»Eine einzige Taktlosigkeit meiner Tochter würde den Verkehr mit ihr sofort abbrechen!« seufzte Frau von Kuffstein und verschlang die weißen Hände wie in trostloser Überzeugung.

»Ich habe die Prinzessin mit so viel huldvoller Nachsicht im Kreise junger Damen verkehren sehen, daß ich diese Befürchtung nicht im mindesten teile. Außerdem –« Graf Lohe senkte in lächelnder Bescheidenheil den hübschen Kopf, »glaube ich ein klein wenig Einfluß in den betreffenden Gesellschaftskreisen zu haben und gebe gnädigster Frau das feste Versprechen, die Wege nach Kräften für Fräulein Tochter ebnen zu wollen! Es wird alles vortrefflich gehen, und ein paar Zeilen Ihrer Hand an Gräfin Antigna genügen, unserem Plan das Fundament zu bauen!«

Frau von Kuffstein nagte einen Moment ratlos an der schmalen, blaßfarbenen Lippe, dann hob sie plötzlich entschlossen den Kopf, reichte dem jungen Offizier herzlich die Hand und lächelte: »Ich danke Ihnen, verehrtester Graf! Ich bin bereit, das Komplott mit Ihnen zu schmieden, und werde noch heute an Renée schreiben!«

Graf Lohe neigte sich voll aufrichtiger Freude und küßte in seiner bekannten graziösen Weise die dargereichte Rechte der Baronin.

Währenddessen war der leichte Jagdwagen mit dem Gutsherrn von Groß-Wolkwitz und seinem Töchterchen durch die sonnige Herbstlandschaft gerollt. Ein Stückchen ging es durch den duftenden Kiefernwald, dann wieder quer durch Feld und Sturzacker über rotleuchtende Heide und große, vom Forst begrenzte Hutungen, an dem murmelnden Silberband der Kinsbach entlang. Ursula hatte die Füßchen auf den gegenüberliegenden Wagensitz gestreckt, den runden Jungenhut von gelbem Stroh mit braunem Band weit in den Nacken zurückgeschoben und paffte mit Hilfe einer Zigarette ungeheure Dampfwolken in die Luft, in allem ganz genau wie der Herr Vater. Die Unterhaltung wurde mehr behaglich als eifrig geführt, oft durch eine landwirtschaftliche Betrachtung unterbrochen.

»Na sag' mal, Fröschchen, es ist wohl ganz nett, so ein bißchen Einquartierung zu haben?«

»Hm! – Namentlich heute morgen, wie wir dem Gefecht zusahen! Donner ja! Da hätte ich gleich mittun mögen!«

»Gezappelt haste auch genug. Und dann unser Frühstückskorb! Wie das ganze einige Deutschland unseren Wagen stürmte und in den malerischsten Positionen die Portweinflaschen am Halse kriegte! … Haha … weißte, Urschel-Purschel, was ich da beobachtet habe?«

Die junge Dame entzündete just ein Schwefelhölzchen. »Na, was denn?«

»Dem Lohe haste mindestens dreimal so oft eingeschenkt und mit ihm angestoßen, wie mit den anderen!« Herr von Kuffstein machte ein ganz verschmitztes Gesicht und kniff sein »Nestsolo« in das Ohrläppchen.

Ursula dehnte lachend die Arme. »Weil er der Allernettste von allen ist!«

»Daß du die Motten kriegst!! … Willst'n heiraten?«

Das Backfischchen hüllte mit aufgeblasenen Backen das Haupt des Vaters so dicht in Zigarrendampf, daß sein rundes, rotes Gesicht aussah wie der liebe, gute Mond, wenn er so stille durch die Abendwolken hingeht. »Ja!«

»Nu in Gottes Namen, mir soll's recht sein. Aber acht Jahre wird noch gewartet.«

»Ich will dir mal was sagen, Julchen!« Ursula rückte näher und lehnte sich vertraulich an den Arm des alten Herrn. »So ein Wort im Vertrauen. Wie der Mensch jetzt ist, kann ich ihn absolut noch nicht brauchen! Weißt du … ich finde ihn so hübsch, so nett und lieb … daß ich ihm gleich um den Hals fallen möchte, ihn mal feste abzuknutschen! Aber eins gefällt mir gar nicht an ihm, er ist ein solcher Zierbengel und tut so furchtbar zimperlich, daß mir manchmal ganz elend wird! Das müssen wir ihm erst noch abgewöhnen, nicht wahr Julchen?«

»Na natürlich, mein Schlingelchen! Siehste, das hatte ich doch auch gleich weg, daß der Kerl zu affig für uns war! Aber sonst ein ganz famoser Junge; wenn er erst glücklich das Glacéleder von dem Leibe runter hat, kann er ganz vernünftig sein! Hm, abgewöhnen! … So 'ne Marotte sitzt meist höllisch feste. Aber warte! Ich wüßte schon ein Mittel, wie man dem Mosjö etwas auf die Pelle rücken könnte; der müßte man so ein Jahr lang Hofluft atmen, verstehste, Urschel-Purschel, solch 'ne Hofluft meine ich, die hier bei uns über den Ökonomiehof weht! So eine echte, rechte Hofluft, die so frisch und kräftig über alles daher kommt und in ihrer ganzen, schönen Natürlichkeit die Menschenseele anbläst, die könnte noch einen ganzen Kerl aus ihm machen! Die würde ihn bald von den Faxen und dem feinen Schnickschnack kuriert haben! Mal feste arbeiten, mit Menschen verkehren, an deren Stammbaum höchstens Erdäppel wachsen, und eine Kirmeß statt Hofball, das würde das Richtige für den feinen Junker sein!«

»Und kannst du ihn dann mal so ein bißchen kurz nehmen, ja?« jubelte Ursula mit dunkelrotem Kopf.

Herr von Kuffstein schaute mit nachdenklichem Grinsen geradeaus. »Referendar oder Assessor ist er im gewöhnlichen Leben … ja, ja! … Oh, ich wüßte schon, wie man's anfangen könnte … habe an betreffender Stelle, wo man's erwirken müßte, ein paar Freunde sitzen! … Haha … was meinste Urschel-Purschel, wenn der Herr Graf plötzlich ein Amtsrichter- oder Landratpöstchen in irgend solch gottvergessenem Heckennest bekäm, wo sich die Hasen und Füchse ›gute Nacht!‹ sagen!«

»Famos! Famos! Hier in Dassewinkel! Papa, er muß nach Dassewinkel!«

Ursula faßte ihren Vater an beiden Armen und schüttelte ihn vor Entzücken dergestalt, daß die Uhrkette mit den dicken Berlockes ein ungestümes Ballett auf seinem Magen tanzten.

»Wird gemacht, wird gemacht!« lachte Herr von Kuffstein. »Bist mit im Komplott, Fröschchen, dem feinen Gräfchen eine Arznei einzurühren! Haha, er soll Mores gelehrt kriegen, und wenn ihm unsere Hofluft alle Flausen hinter den gebrannten Löckchen weggefegt hat, dann … na Urschel-Purschel, wie schon gesagt, ich hab' absolut nichts dagegen!«

Da nahm das Backfischchen in wortloser Rührung und Anerkennung den Sprecher bei beiden Ohren, zog sein massives Haupt näher heran und gab ihm einen mächtigen Kuß mitten auf die kurze, rote Stumpfnase drauf. – –

Als Graf Lohe sich bei der Gemahlin seines Gastgebers verabschiedet hatte, gedachte er, als formen- und sittenstrenger Mann einen Quittungsbesuch in Alt-Dobern zu machen. Das eine seiner Pferde war heut noch nicht bewegt worden, und da der junge Offizier seinen Wagen dem Regimentskommandeur zu einer Visite auf einem der Nachbargüter überlassen hatte, beschloß er, wenn auch nicht allzugern, nach dem Büttingenschen Schloß hinüberzureiten.

Er machte erst eine Zeitlang sorgfältig Toilette, wartete, bis die Sonne etwas tiefer stand, und ritt alsdann, genau über den Weg orientiert, langsam fürbaß.

Im Walde war es köstlich still und kühl. Der weiche, tief ausgefahrene Sandweg lenkte nach dein Felde zu, und Lohe sah, wie in geringer Entfernung von ihm ein altes Holzweiblein eine Karre voll Reisig mühsam vor sich herschob. Durch das lichterwerdende Buschwerk konnte er auch die naheliegenden Felder überblicken, und überrascht zog er die Zügel an, als er plötzlich Fräulein Ursula mutterseelenallein auf einem Kartoffelacker heranschreiten sah.

Sie hatte einen grauen Kattunstaubmantel über das weiße Kleid gezogen, die Flinte auf dem Rücken und beide Hände in die Taschen des dust-cloak versenkt. Ein gefleckter Jagdhund ging an einem Strick, dessen Schlinge sie über den Arm gestreift, mit gesenkter Nase zur Seite. Das Holzweib hatte den Wald verlassen, sie blieb keuchend stehen und erblickte, als sie den Kopf hob, die Tochter ihres Gutsherrn. Ein jäher Schreck schien sie zu lähmen, die Hände ängstlich erhoben, stand sie und starrte der jungen Dame entgegen. Lohe ritt so dicht heran wie möglich und blieb alsdann hinter Knicksbüschen versteckt, halten, um zu beobachten, warum wohl Ursula eine so gefürchtete Erscheinung sei.

Kaum hatte das Backfischchen die Alte entdeckt, als es mit martialischen Schritten durch das Kartoffelkraut herzu gestiefelt kam.

Das Gesichtchen legte sich in zornige Falten, just als wolle es mit den weißen Zähnchen zubeißen, und dazu stemmte Ursula die Hände in beide Seiten und schrie mit Löwenstimme: »Zum Schock Bombenelement noch eins, erwische ich dich schon wieder beim Mausen, du alter Racker? He? Wo haste das Holz her?«

Das Weib fuhr mit kläglichem Gebettele auf die junge Dame los und streichelte und patschte ihr mit den braunen Knochenhänden die Wangen. »Ach lieb's, lieb's gnädig's Fräuleinchen,

ach sei Sie gut, sei Sie gut, ich hon's ja nur aus ganz miserabelter Elendigkeit gedohn!«

»Zum Donnerwetter, bleib mir mit deinen Froschlöffeln aus dem Gesichte raus! Was nützt all das Lamentieren! Ins Loch kommste, du Deiwelsbraten, denn Strafe zahlen nützt bei solch einem Ranunkelzeug, wie euch, doch nichts!«

Die alte hob den zerlumpten Sack, welcher ihr als Schürze diente, jammervoll weinend vor die Augen. »Ach jo, jo, gnädiges Fräuleinchen, das is jo schuld dran, daß ich wedder zu Holze bin! Da hot mich der Forstläufer verklagt gehobt, un' ich armes, altes Tier hon noch meine letzten fünf Spargroschen als Straf zahlen müssen … ach du mein lieb's Herrgottchen … und hon hungern müssen und friern … und weil ich nicht mal mehr hob Feier machen kunnt, Kartoffeln zu kochen, da bin ich hergegangen, un nu verklagt's mich wedder … ach wonn ich doch erst doht wäre … ich armes, altes Tier!«

Und die Alte schluchzte herzzerreißend. In Ursulas Gesicht arbeitete es ganz wunderlich. Sie wandte sich zur Seite, griff in die Tasche und zog ihr Geldbeutelchen.

»Da, du Heulliese! Fünfzig Pfennig haste zahlen müssen? Da, hier haste 'ne Mark, Aber das bitte ich mir aus, daß du's nicht weiter sagst, sonst könnte ich noch der ganzen Bagage, die Holz stiehlt, die Strafe bezahlen! Verstanden? Und nun hock die Karre wieder auf und mach dich aus dem Staube! Wenn dich jemand sieht, sag', ich hätte dir das Reisig geschenkt!«

»Ach lieb's, lieb's Engelchen…«

»Bleibste mit den Pfoten weg!« Ursula rettete sich durch eine schnelle Wendung vor den stürmischen Liebkosungen der Alten und suchte ihre Rührung hinter möglichst viel Grobheit zu verbergen.

»Aus dem Weg da! Fahre mal deinen Huckepack gefälligst beiseite, wenn ich hier durch will!«

Das Weib hielt in seinen! Schwall von Danksagungen inne: »Jo, jo, mein Lämmchen, mein Schatzkindchen, glich schaff' ich's weiter!« Und sie bückte sich und faßte die Karre. Der kraftlose, alte Rücken bog sich unter der Last, laut aufstöhnend beugte sich die Spittelliese unter ihrer schweren Bürde.

Ursula hatte weitergehen wollen, sie zögerte, »Es ist wohl sehr schwer, hm?«

»Jo, jo, wann 'mer seine sebenzig Johr uf'm Buckel hot, gnädiges Fräuleinchen!«

»Das ist ja Blödsinn, das kriegste ja gar nicht von der Stelle, du dummes Frauenzimmer! Marsch, weg da! Ich will dir die Karre aus dem Sand rausfahren!« Und mit kräftigen Fäusten stieß sie die schier sprachlose Alte beiseite und faßte nach den Griffen der Schiebkarre, »Ja so, meine Flinte! Da hier, Liese! kannst sie derweil tragen!«

Wie besessen fuchtelte das Weib mit den Armen durch die Luft: »Jo nich! Beileibe nich … die Deiwelskanone gieht lus!«

»Schafsleder du! … Na, dann will ich sie erst abschießen,« und ehe es sich die Liese versah, krachte der Schuß in die Luft, und der Jagdhund tobte an der Leine.

Mit gellendem Angstgezeter retirierte die Alte rückwärts, stolperte und nahm unfreiwillig auf der Reiserladung Platz: Ursula lachte schallend auf, warf ihr die Flinte in den Schoß und setzte voll übermütiger Hast die Karre in Bewegung.

»Na, dann bleib in drei Kuckucks Namen sitzen, alter Schreihals! Für den Schrecken will ich dich in schlankem Trabe spazieren fahren!« Und heidi ging die Reise!

Fräulein von Kuffstein jagte in hellem Jubel die kleine Anhöhe hernieder, der Hund sprang bellend in weiten Sätzen zur Seite, und die Spittelliese krallte sich mit den eckigen Armen auf ihrem schwankenden Sitze fest und schwatzte mit ihrem zahnlosen, eifrig wackelnden Mund ein undefinierbares Gemisch von Todesangst, Dankbarkeit und demütigster Bewunderung solcher hohen Gnade. Und jedesmal, wenn's über einen Stein ging, hüpfte sie hoch auf und kreischte, aber nicht vorwurfsvoll, sondern voll großer Heiterkeit, wie man einen guten Witz bejubelt.

Graf Lohe hielt die Hand über die Augen und sah dem seltsamen Bilde lachend nach.

Welch ein goldenes Kinderherz versteckte sich unter der rauhen Schale! So recht bezeichnend für Ursulas Sinn und Art war diese kleine Szene gewesen. Anfänglich sollte die Liese mindestens für ihre Freveltat gehängt werden, und dann heult sie ein bißchen, und anstatt sie totzuschießen, wie es doch geschienen hatte, bezahlt ihr Ursula doppelt das Strafgeld, und als der Alten ihr gestohlenes Gut zu schwer wird, da setzt das gnädige Fräulein das Kräuterweib auf das Reisig drauf und fährt sie höchst eigenhändig nach Hause. O Hofluft, welch ein wonnesam Röslein wirst du von den Dornen befreien!

Am Morgen nach dem Tanzfest waren die Offiziere sehr frühzeitig nach ihren Quartieren in den naheliegenden Ortschaften zurückgeritten.

Man war sehr überrascht gewesen, an der Seite des Hausherrn auch den Fürsten Sobolefskoi auf der Alt-Doberner Terrasse beim Frühstück anwesend zu sehen, um so mehr, da derselbe am vergangenen Abend so leidend gewesen und auch jetzt, im hellen Sonnenlicht, erschreckend bleich und elend aussah.

Er war auch einsilbig und von beinahe finsterem Ernst, und erst als Freiherr von Altenburg in dem Kreis der Kameraden erschien, belebten sich die tiefliegenden Augen in dem Antlitz des Russen. Er trat zu dem jungen Offizier heran und nahm auch an seiner Seite Platz, als man sich zu dem kräftigen Imbiß niedersetzte.

Altenburg begriff nicht recht, warum der Fürst so viele Fragen an ihn richtete, welche durchaus nicht das Gepräge der üblichen Phrasen an sich trugen. Von seiner Heimat, seinen Angehörigen und seinen Dienstverhältnissen sollte er erzählen, und wenn er den seltsamen Inquisitor statt aller Antwort nur mit seinen stolzen, leuchtenden Augen vom Scheitel bis zur Zehe musterte, so schien das durchaus keinen Eindruck zu machen. Mit zäher Beharrlichkeit hielt der Fürst an dem einmal angeregten Thema fest, und da sich in seinen düstern und doch so unaussprechlich traurigen Augen weder Neugierde noch Indiskretion ausprägte, und der junge Offizier keine Ursache hatte, aus seinen Angelegenheiten ein Geheimnis zu machen, so antwortete ihm Altenburg knapp und zurückhaltend, aber ehrlich.

Daniel erfuhr in kurzen Worten, was er wissen wollte: daß der Freiherr als drittgeborener Sohn und Bruder vieler Schwestern nicht viel mehr sein eigen nannte, als den Degen, mit welchem er dem Vaterland diente, daß er fernab von der Residenz in kleiner Garnison stand und vorläufig mit keinem Gedanken daran dachte, zu heiraten.

Als er nach beendigtem Frühstück zu Pferd gestiegen war, hatte Sobolefskoi die schlanke, ritterliche Erscheinung mit langem Blick umfaßt – und dann war er noch einmal neben den Goldfuchs getreten und hatte die Hand emporgereicht.

»Leben Sie wohl, Herr von Altenburg! Da Sie so weit ab von der bunten Welt, von dem Pflaster der Metropole und aller Hofluft wohnen, werden wir uns schwerlich im Leben wiedersehen! Oder ist eine Möglichkeit vorhanden, daß sich unsere Wege kreuzen?« Es ging plötzlich ein wundersames Aufglühen durch des Fürsten Auge, und der Offizier richtete sich im Sattel empor und antwortete mit kühler Höflichkeit: »Was wäre in unserer modernen Zeit noch unmöglich, Durchlaucht! Die Glücksgöttin ist ein launisch Weib, vielleicht findet sie Gefallen daran, blind in eine Schachtel voll Soldaten hineinzugreifen und just mich zu Gunst und Heil herauszuholen! Möglich ist's wohl – aber … mir geht's wie dem Faust – der Glaube daran fehlt!« Und Altenburg griff salutierend an die Mütze, zuckte leicht die Zügel und sprengte den vorausreitenden Kameraden nach. Sein Blick flog nicht wie der aller anderen Herren die Fenster der Schloßfront ab, aber Daniel hob schnell das Haupt und sah nach den verhüllten Scheiben des Erkerzimmers empor. Täuschte er sich? Der feine Spitzenvorhang schien ganz leise zu zittern.

Der mißgestaltete Mann atmete tief auf und wandte sich schnell zur Seite. Sein Blick folgte aufblitzend wie in grausamem Triumph den Wagen und Reitern. Staubwolken hüllten sie ein.

»Für ewige Zeit geschieden! Seine Spur wird auf dem Irrweg des Lebens verloren sein, wie die Fußstapfen hier im Sand verwischt und verweht werden, und das Kleeblatt wird auf der Brust des Freiherrn von Altenburg welk und vergessen sein, damit die Blume des Glücks noch einmal ihr tränenfeuchtes Haupt am Lebensbaum des Schmerzensreich heben kann! Geschieden für ewige Zeit!« – Staubwolken decken sein Bild, über dieselben aber hebt sich heller denn je die Sonne in Sobolefskois enger Welt.

Langsam, wie ein Kranker, den nach qualvollen Stunden eine süße, erlösende Müdigkeit überkommt, stieg der Fürst die Treppe zu seinen Gemächern empor, sank nieder in die Kissen und schloß tief aufseufzend die Augen. Nun konnte er ruhig schlafen, fest und unbesorgt, Wetter und Sturm sind vorübergezogen, und an dem blauen Himmel kreist kein Falke mehr über seiner weißen Taube.

XIV.

Sei ruhig, mein Liebchen, und klage nicht!
Du siehst ja, ich scheide und klage nicht!
Was sollt ich mich grämen? Du bist mir ja treu,
Drum brich mir mit Klagen das Herz nicht entzwei.

So ungefähr sang Herrn von Flankens Bursche, der brave Garde-Ulan »Niekchen«, und spuckte dazu auf die Stiefeln, welche er bürstete, und schielte nach der Gesindeköchin Hanne hinüber, welche einen wahren Mordsspektakel an dem Herd vollführte. Sie hantierte in geradezu erschrecklicher Weise mit dem eisernen Feuerhaken zwischen den Wasserkesseln und Kochtöpfen herum; und dazu ging ein machtvolles Schüttern durch ihre robuste Gestalt, und ein Schluchzen und Grunzen wurde laut, welches sich immer kläglicher erhob, je lyrischer der Niekchen sein Lied vortrug. Gesprochen wurde gar nichts, denn auf dem Henkel der riesigen Kaffeekanne, welche bereits dampfend und duftend auf dem Tisch stand, saß Amor, der Galgenstrick, und stemmte die Fäustchen in die Seiten und lachte sich halb krank über die brillante »Doublette«, welche er hier schwer krank geschossen hatte.

Dem Niekchen war der Pfeil allerdings mehr seitlich in den Magen gegangen und hatte das Herz nur so en passant etwas angekratzt, aber Hanne hatte die mörderische Waffe mitten in dem Herzen drin stecken und war bereits in das Tagebuch des Schützen unter der Rubrik »unheilbar« eingetragen.

Niekchen bürstete und sang eifrig drauf los, und Hanne schöpfte die mächtigen Kartoffelklöße aus dem Topf, füllte sie auf eine Schüssel und begoß sie mit ihren Tränen, und dann stach sie einen der backsteinartigen Knödel auf die Gabel und reichte diese, ohne das feuchte Angesicht zu wenden, dem Sänger nach rückwärts zu.

Niekchen ehrte den stummen Schmerz, pustete und kostete die Henkersmahlzeit, welche Hanne in zarter Aufmerksamkeit für ihn, den Mann von der schlesischwasserpolackischen Grenze zurechtgebraut hatte – und der Pfeil in seinem Herzen regte sich inniger denn je, er trat herzu und zog den Gegenstand seiner Neigung an dem hellblonden Heringsschwänzchen, welches wehmütig aus dem Zopfknoten am Hinterkopf niederhing, näher und näher an sich heran, bis ihre Wange an der seinen lehnte. Und er gab ihr einen zärtlichen kleinen Rippenstoß und sagte in seinem polnisch-schlesischen Deutsch: »Hanne! Is sik noch mit Klößel nix recht's – schlog ich einem Schädel ein, wonn ich werf dermit! – Muß sik aber sein so weich wie Federkissel – doß man nix nötig hat, sich Zahn raus zu beißen! Wird Hannka aber lernen eins, zwei, drei – muß Hannka kommen zu uns, hot's verstanden? – Wann sik diß Johr vorbei, kommt Franusch Niekchen los von Militär, wird er Hannka Briefel schreiben, wos is Brautbriefel.« Und er gab dem schluchzenden Hannchen noch einen schallenden Kuß und versuchte es dann noch einmal mit dem Klößel.

Amorchen aber, welcher während Manöver und Einquartierung alle Hände voll zu tun hat und oft mehr Munition verschießt, wie die gesamte Garde-Artillerie, hielt es für seine Pflicht, seine Feder weiter zu blasen und ein anderes Terrain zu rekognoszieren.

Graf Lohe stand vor Fräulein Ursula und verabschiedete sich. Obwohl er ganz genau wußte, daß es ein Verstoß gegen die strenge Sitte ist, die Hand einer Dame langer umschlossen zu halten, als es der knappe Gruß erfordert, hielt er die kleinen Fingerchen dennoch während der ganzen Dauer seiner langen Rede fest, und dabei sah er gar nicht traurig aus wie einer, der scheiden muß, sondern wie einer, der nur an das Wiedersehen denkt!

Ursula aber war so weich gestimmt, wie nie zuvor in ihrem Leben, und das ärgerte sie, und darum wollte sie ihre Rührung hinter viel Ausgelassenheit verstecken. Der arme »Herr Doktor« hatte schwer darunter zu leiden, wurde gezwickt und gezwackt, ehe er sich's versah, und außerdem in fälschlichster Weise beschuldigt: er wolle vom Grafen Lohe ein Küßchen haben! So behauptete plötzlich Fräulein Ursel und faßte den Mops mit eisernem Griff um das dicke Bäuchelchen, ihn mit energischer Nötigung dem jungen Offizier entgegenzureichen. Bei solchen Witzen war der arme Doktor jedesmal der Blamierte, Ursula quetschte ihn, und der Graf versetzte ihm einen Nasenstüber, und beide machten die Unschuld zum Opfer ihrer Abschiedssentimentalitäten.

Während sich der Doktorjo voll Indignation so schnell wie möglich auf seinen Stumpfbeinchen zurückzog, und Graf Lohe dem Hausherrn noch etliche Dankesworte stammelte, war Fräulein von Kuffstein neben ihm verschwunden.

Sie kehrte auch nicht zurück, und der junge Offizier fragte und rief vergebens nach ihr. Was sollte das heißen? Wollte sie ihm kein Lebewohl nachwinken? War es ihr ganz gleichgültig, ob sich Mark-Wolffrath aufs Pferd schwang, für ewige Seiten vielleicht von ihr zu scheiden?

Der Erbherr von Illfingen zog die Brauen zusammen und putzte den Kneifer sehr blank, um die Fenster der Schloßfront noch einmal überblicken zu können.

Niemand zu erspähen. Nur Kammerjungfer und Stubenmädchen hielten im Giebelfenster die Sacktüchlein bereit.

»Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!« intonierte die Musik, Frau von Kuffstein trat zu freudiger Überraschung der Offiziere auf den Balkon und winkte den Abreitenden noch einen freundlichvornehmen Gruß nach. Ihr Gatte stand oben auf der Freitreppe und schwenkte eine der Madeiraflaschen vom Frühstückstisch, und der Herr Doktor saß mit griesgrämigem Gesicht daneben im Schatten, gähnte nach der Möglichkeit und dachte: das lohnte gerade das frühe Aufstehen! Von Ursula keine Spur zu entdecken.

Graf Lohe war sehr mißgestimmt, er ritt langsam als letzter aus dem Schloßhof und wandte den Kopf spähend nach rechts und links.

Und wieder ging es an der Gartenmauer vorbei, wo er zum erstenmal, voll sittlicher Entrüstung, die Einzige seines Gastgebers gesehen hatte.

Unwillkürlich hob der junge Offizier den Blick, ihn voll düstern Zorns längs der Mauer entlang zu schicken, um zu sehen, ob der kleine, treulose Wildfang vielleicht bis zur Dorfstraße, dem Rendezvous des Regiments, vorausgelaufen sei.

Da rauscht es über ihm in den Zweigen, und ehe er sich's versah, wirbelte ihm ein Regen duftiger Blüten in das Gesicht, und wie er jählings die Zügel anzog und zur Seite sah, da stand Ursula zwischen dem blühenden Jelängerjelieber und dem dunklen Lindengrün hinter der Parkmauer, reizender denn jemals anzuschauen, im weißen Kleid, mit einem Rosenkranz über dem lachenden Gesichtchen.

Und sie nickt ihm jubelnd zu, wirft Kußhände, faßt den Kranz und nimmt ihn schnell aus dem Haar, ihm denselben entgegenzubieten!

Das Blut schießt dem entzückten Garde-Ulan in das Gesicht, er kann nicht an die Mauer heranreiten, weil ein Graben sich zwischen sie und ihn drängt, aber er reißt den Säbel aus der Scheide, den wonnigsten aller Kränze aufzufangen.

Wunderlich schwer fällt er über die Klinge auf seinen Arm, aber Lohe hat nur Sinn und Augen für das reizende Bild, welches sich jetzt so ganz anders zum Abschied, als zum Empfang zeigt!

Wie sie lacht und die Arme nach ihm ausbreitet, wie anmutig und graziös sie droben in den Zweigen steht! Selbst die Kußhände, diese Zirkusmanier, nimmt er ihr nicht übel! Im Gegenteil, ihre ganze Art und Weise ist allerliebst, und Lohes Herz schwillt in dem Gedanken, daß die Hofluft keine schwere Arbeit haben wird, daß dieser Augenblick der Anfang einer großen Wandlung in Ursulas Charakter ist.

»Im Trennungeweh, im Tränenstrom
Zeigt sich der Seele Fülle,
Wie im Gewitterregen sprengt
Die Rose ihre Hülle!«

So zieht es durch seine Gedanken, und er preßt den Kranz ritterlich an das Herz und sendet der jungen Dame so lange wie möglich mit seinem parfümierten Taschentuch die graziösesten Gruße zurück.

Und als das Bild an der Gartenmauer seinem Blick entschwunden, da freut sich der Erbe von Illfingen – denn eitel sind wir!! – auf die Augen der Herren Kameraden, wenn dieselben ihn plötzlich so herrlich dekoriert sehen. Er will eine Rose aus dem Kranz ziehen und sie an die Brust stecken, das Kränzlein selber soll sich stolz und triumphierend an seinem Arm schaukeln, bis es einer der dienstbaren Geister in Empfang nehmen kann, es im Koffer zu bergen.

Just in diesem Augenblick schauen sich Bornitz und Flanken nach dem Verbleib des Kameraden um.

»Potz Million … ein Rosenkranz! Von wem?!« Lohe lächelt wahrhaft kaiserlich und zuckt diskret die Achseln. Seine Finger zupfen an einer der Blüten.

»Was ist denn das? Die Sache sieht ja auf der Rückseite so komisch aus!« knurrt Flanken und beugt sich mit vorgestrecktem Hals näher.

»Wo, inwiefern?« Und Lohe wendet das Blütengewinde um. An einer Stelle hat sich das dichte Laub ein wenig verschoben, ein eigentümlich hellrotes Etwas schimmert daraus hervor.

»Du, das sieht ja frappant aus« – Flanken unterbricht sich mit schallendem, unbändigem Gelächter – »wie eine Schlackwurst!«

Ja, wie eine Schlackwurst. Entgeistert, gleich einem Bild von Stein, sitzt Lohe im Sattel und starrt auf die schönen, poetischen Rosen, welche – um eine Schlackwurst gewunden sind! Dann lacht er ebenfalls, aber etwas verlegen, nimmt den Kranz und wirft ihn seitlich auf den Kartoffelacker. »Kleiner Witz von Fräulein Ursula … hat stets derartige Scherze im Kopf!« Und er besichtigt voll Sorge den Ärmel, ob er nun womöglich mit einem Fettfleck an der Uniform zum Dienst ausrücken muß.

Flanken springt ab und holt den Kranz zurück. »Bist du denn rein des Teufels, Kleiner? Diese famose Schlackwurst wegwerfen? Urschel-Purschel ist ein Patentmädel, dieser Kranz ist der erste wirklich geschmackvolle, welchem ich im Leben begegne! Ah, ein Zettel …«

»Ein Zettel? … zeig her!«

»Fürs Feldlager heut abend! Hahaha! Brillant, die Wurst wird abgekocht!« Und Flanken hing den Kranz mit sehr wohl gefälligem Schmunzeln über den Arm und trabte wohlgemut davon.

Lohe aber klopfte die Handschuhe ab und dachte: »Man soll nie zu früh jubeln – o Hofluft, ich fürchte, du wirst doch kein leichtes Spiel haben!«

Am Ende der Gartenmauer aber hatten zwei falkenscharfe Augen den Reitern nachgeschaut und die kleine Szene beobachtet.

Ursula stemmte die rosigen Wangen auf beide Fäuste und hielt einen Monolog: »So ein Schaf! Wirft er die Schlackwurst weg! Das kommt davon, wenn der Mensch gar keinen Begriff von etwas Selbstgeschlachtetem hat. Na, warte nur, mein Bürschchen, komme du nur erst in die Hofluft von Dassewinkel, dann wirst du deinen Gott schon erkennen lernen! Hm … ich fürchte aber, leichtes Spiel hat sie nicht mit ihm!«

Als an dem nämlichen Abend die Biwakfeuer auf der Heide leuchteten und ein kühler Nordostwind recht unhöflich die Wolken, vor den Mond trieb, da wurde unter großem Jubel der Offiziere der Groß-Wolkwitzer Schlackwurst der Garaus gemacht, und die welken Rosenblätter in pietätvoller Huldigung für Fräulein von Kuffstein auf die von Flanken neu erfundene und höchst raffiniert gemischte Alebowle gestreut. Man ließ das Backfischchen zum öfteren hochleben, und Lohe, welcher anfänglich nur spröde an seinem Glas genippt hatte, aus Opposition gegen die Schlackwurstmalice, wurde so lange und so beharrlich von seinem riesenhaften Freund animiert, bis er schließlich auf Ursulas Wohl dem Becher jedesmal tief auf den Grund sah.

Es schien Flanken ganz augenscheinlich, daß Mark-Wolffrath Feuer gefangen hatte, und weil Flanken von Natur eine sehr weiche, teilnehmende Seele war, so füllte er dem Reserveleutnant stets die doppelte Portion Rosenblätter in das Glas und beobachtete mit wahrhaft väterlichem Interesse, wie diese Mischung von Ale und Lyrik die junge Seele begeistern, wie Lohes Auge nun die ganze Welt in Rosenschimmer erblicken werde, wenn's auch noch so dunkle, kühle Nacht ist.

Und die Augen des Grafen wurden auch tatsächlich immer größer und träumerischer und hafteten in starrem Blick an der Himmelsgegend, da Groß-Wolkwitz lag, und als die Musik in ihrer feierlich schönen Weise zum Abendgebet gerufen hatte, als es still ward um die knisternden Feuer der Mannschaft, da drückte er die Hand des Freundes, trank noch einmal aus und zog sich nach dem Zelt zurück.

Man kannte das an ihm. Der ungewohnte Dienst strengte den verwöhnten Menschen außerordentlich an und machte ihn früher, denn alle anderen Herren, zum müden, teilnahmslosen Mitglied ihres Kreises.

Heut aber schien es Flanken, als habe sich Lohe nur darum zurückgezogen, um ungestört seinen Gedanken nachhängen zu können. »Oh, daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!« dachte er mit behaglichem Schmunzeln, und doch erschien ihm der Gedanke ganz unfaßlich, daß ein großer, vernünftiger Mann sich nun solo dahinsetzt und schwärmerisch zum Himmel seufzt! Nein, dessen ist Flanken niemals fähig! Er bleibt stets der nüchterne, phlegmatische Mensch, welchen die Liebe niemals aus dem Gleichgewicht bringen wird, welcher sich niemals um der Liebe willen irgendeine Unbequemlichkeit auferlegt. Lächerlich! Wenn einem die Luft so frisch um die Brust weht, wie hier auf der nächtigen Heide, dann müßte sie doch alle weichlichen, schmachtenden Gedanken von der Brust blasen! – Allerdings gab es auch eine Art Luft … Flanken strich langsam mit der Hand über die Stirn – »die alle Sinne benebelt und berauscht.« Er hatte einmal in den Briefen Jean Pauls, ganz aus Zufall, in einem Anfall gräßlicher Lazarettlangerweile, darüber gelesen. Eine Luft, die ein Gemisch von Sonne, Mond, Himmelsglanz und Veilchenduft sein sollte. Blödsinn! Er hatte diese Luft noch niemals kennengelernt, denn er besuchte prinzipiell keine großen Zauberfeste, weder am Hof noch in Privatkreisen. Hübsche, kleine Diners und Frühstücks waren sein Geschmack, und sein Ballsaal »Hoppegarten«. Aber jüngsthin – wie er so ganz ahnungslos in das Alt-Doberner Fest hineingeschneit war, da hatte er doch so einen kleinen Begriff davon bekommen, da hatte er am anderen Tag einen ganz närrischen, moralischen Kater. Und solange ihm noch die feinen Stäubchen dieser Luft in den Augen gesessen hatten, sah er überall die kleine Dern-Groppen. Wenn eine Libelle über die Erika schwebte, wenn ein Rehchen über die Waldschneise zog, wenn sich ein Blumenglöckchen graziös im Wind bog, immer fiel ihm das Elfenprinzeßchen Jolante mit den kleinen, wunderkleinen Händen und Füßchen ein. Er hatte an dem nächsten Morgen zum erstenmal im Leben schlecht geritten. Unsinn, jetzt lachte er darüber sein altes, behagliches Lachen. – Ganz gewiß, ihn wird die Liebe niemals ans Gängelband nehmen, aber der Mark-Wolffrath, der ist schon von Natur ein so zartbesaiteter Mensch, daß er imstande wäre, Liebeslieder zu dichten! Der ist in seiner Schwärmerei zu den größten Kindereien fähig, lernt Seiltanzen und taucht in die Charybdis, wenn es die Königin des Herzens von ihm verlangt.

Die kleine, braune Hexe hat es ihm angetan; weil die Gegensätze gar zu groß waren, verliebten sie sich aus lauter Feindseligkeit ineinander. Armer Lohe, er sitzt gewiß in schlafloser Sehnsucht und preßt jedes einzelne der übriggebliebenen Rosenblätter in seinem Portefeuille!

Flanken erhob sich kopfschüttelnd und wuchtete auf seinen schweren Reiterstiefeln nach dem Offizierszelt. Er wollte mal heimlich nachsehen, wie die Aktien stünden, und ein bißchen zur Vernunft reden.

Niekchen trollte mit einem kleinen Handkoffer an ihm vorüber.

»Na, was ist denn los, Niekchen? Was hast du da?«

»Is sik Kuffer seinigtes von Herrn Graf.«

»Was soll damit?«

»Hab ik müssen helfen bedienen Herrn Graf … sind sik drinn Sporrn zu putzen!«

»Gut: vorüber, mein Sohn.«

Flanken lachte leise vor sich hin. Er war es schon gewohnt, daß Lohe mit seinen dienstbaren Geistern niemals ausreichte und mit Vorliebe noch den braven Niekchen um seine Person beschäftigte, In Gottes Namen! Flanken bedurfte seiner um so weniger.

Der Wind strich empfindlich kühl von dem nahen Wald herüber, raschelte in dem Stroh und blies in die grell auflodernden Wachtfeuer. Einzelne Regentropfen begannen zu fallen, und der Mond versteckte sich vollends hinter dunklem Gewölk. Das Segeltuch des Zeltes rauschte und schwankte im starken Luftzug, die Stangen knarrten, und das Fähnchen auf dem Knauf klatschte eine eifrige Melodie,

Flanken steckte vorsichtig den Kopf durch die Ritze des Türvorhangs. An einem Strick hing eine Stallaterne in der Mitte des Zeltes nieder und leuchtete ihm. Seitlich auf einer Schütte Stroh lag der Erbherr von Illfingen, ein seidenes Daunenkissen unter dem Kopf und eine prächtige, fellartige Reisedecke über die Knie geschlagen. Seine Haare waren in scharf gebrannten Wellen fest an den Kopf gelegt, sein Antlitz von dem verräterischen Glanz des Coldcreams überhaucht und die Hände sorglich mit Handschuhen bedeckt. Er schlief tief und fest den Schlaf des Gerechten.

Ein wunderliches Zucken und Arbeiten ging durch Flankens Gesicht, ähnlich einem, der sich das Niesen verkneifen will. Der Wind blies neben ihm durch den Vorhang und sauste just in diesem Augenblick so heftig über das Brachland, daß das Zelt in allen Leinewandnähten ächzte.

Lohe warf indigniert den Kopf herum, schlaftrunken seufzte er tief auf. »John … Niekchen … macht doch das Fenster zu – es zieht!« lispelte er, selbst im Schlaf so fein und vornehm, wie stets mit der Zunge anstoßend.

Flanken zog schleunigst den Kopf zurück und prustete laut auf vor Lachen: »Gott sei Lob und Dank, Schlackwurst und Rosenblätter liegen ihm nicht allzuschwer im Magen – noch ist Lohe nicht verloren!«

Und dann ging er langsam, gedankenvoll nach dem Feuer zurück, welches jetzt den Wasserkessel für einen kräftigen Schlummerpunsch erhitzte.

»Seltsam,« dachte er, »wat dem enen sin Ul is, is dem annern sin Nachtigall! Der kräftige Wind, welcher einem hier um die Ohren bläst und mich erquickt und erfrischt und mein Lebenselement ist, den sperrt Mark-Wolffrath entrüstet durch Segeltuch und Wandschirm von sich ab, und jene fatale Luft, die Sonne, Mond und Veilchenduft auf ihren Schwingen trägt, die mir betäubend auf alle Nerven fällt, die atmet er voll Wonne und Genuß! Und doch sind wir beide, trotzdem jeder von uns in einer Luft schwimmt, die ihm zusagt, entschieden in falschem Fahrwasser. Bei uns beiden herrscht eine gewisse Unnatur. Ich liebe gar nicht – und das ist absolut nicht in der Ordnung, und Lohe schwärmt und liebt beständig, ohne eine wahre Herzensneigung zu kennen, und das ist erst recht gegen allen Komment! Muß eben jeder versuchen, auf seine eigene Facon selig zu werden! Mag sich der Kleine in Gottes Namen sein Zelt hermetisch gegen den Herbststurm verschließen, Flanken flieht dafür das Parkett, welches glänzt und spiegelt wie ein Nixensee, und über welches mit weichem, duftendem Atem die Hofluft säuselt. Jeder nach seiner Art. Schlägt ja doch für jeden das Stündlein, wo des Schicksals kräftiger Odem über Heide und Marmorschwellen saust und die Kartenhäuser schöner Illusionen wie Spreu über den Haufen bläst.«

Flanken dehnte die Arme und atmete tief auf, der Regen stäubte ihm in das Gesicht, und der Wind suchte vergeblich nach einem Mantel, welchen er auf solch markiger Brust zausen könne – der hing daheim im Kleiderschrank und kannte die Motten besser als seinen Herrn.

Der Punsch dampfte noch im Kessel, und da die umsitzenden Herren gegen das heraufziehende Wetter in dem Zelte Schutz suchten, übernahm es Flanken allein, mit dem Reste abzurechnen. Das Haupt in die Hand gestützt, wie eine sagenhafte Reckengestalt der Vorzeit, saß er allein neben dem lohenden Feuer, dessen Flammen wild aufzuckend gegen Wind und Regen kämpften. In den Kiefern rauschte es, Wolken jagten am Himmel. Flanken trank in langem Zug und warf den leeren Becher in das Heidekraut neben den Kessel.

»Nun auf ein Roß werfen! Hinjagen durch diese Geisternacht und mit dem Schwert in der Faust Aventüre suchen!«

dachte er, »das wäre mein Glück!« Und in demselben Augenblick zog Lohe die Decke fester um sich und seufzte schlaftrunken: »Grauenvolle Nacht! Könnte ich jetzt im weichen Teppichgemach, durchduftet und durchwärmt, das Haupt an die Knie meiner vielwonnesamen Herrin schmiegen, das wäre mein Glück!«

Lachend strich der Wind vorüber. »Menschenherzen! Wetterfahnen!« spottete er, »das Glück und ich, wir spielen mit euch beiden!«



Band II

I.

Der Schnellzug war in die große, überdeckte Bahnhofshalle der Residenz eingelaufen. Aus einem Coupé erster Klasse schob sich, dem vorbeidrängenden Publikum in etwas nichtachtender Weise die stattliche Rückseite zuwendend, Herr von Kuffstein und kletterte, im dicken Pelz noch schwerfälliger als sonst, die Trittbretter zum Bahnsteig hinab.

Auspustend stand er still und schaute nach der Wagentür empor. »Na, Urschel-Purschel, mal Trab, die Karre geht weiter!«

Statt aller Antwort sauste eine Reisetasche über die Holzschwellen hernieder, der in hohem Bogen eine Hutschachtel und eine Plaidrolle folgten.

Der alte Herr bog noch rechtzeitig aus und bückte sich, so schnell es seine Korpulenz gestattete.

»Biste denn verrückt, Fröschchen? Du wirfst ja den Leuten Löcher in den Kopf! Laß mal sein, der Schaffner kann uns ja den Krempel ausladen!«

Statt aller Antwort überschlug sich ein Fußsack in der Luft und eckte an dem Zylinder eines Herrn an, der den Kopf eifrig vorgestreckt hatte, in das Coupé zu spähen.

»Himmeldonnerwetter! Welch eine Unverschämtheit …«

Die wuchtige Hand Kuffsteins patschte ihm auf die Schulter. »Schimpfen Se doch nicht, alter Freund, es war ja die Urschel- Purschel! Ich habe auch schon die Reisetasche auf die Hühneraugen gekriegt!«

»Mein Herr!«

In demselben Augenblick erschien das allerliebste Figürchen Ursulas in der Tür. Das rosige Gesicht unter dem dunklen Pelzbarettchen zeigte in hellem Lachen die weißen Zähne und kokettierte mit den entzückendsten Grübchen.

»Platz da! Sonst kriegt Ihre Angströhre noch einmal das Kippeln!«

Das wütende Gesicht des jungen Herrn hatte sich blitzschnell verändert. Er riß höflich die bedrohte Kopfbedeckung vom Haupt und nahm der jungen Dame galant das Schirmpaket ab. »Pardon, meine Gnädigste, befinden sich keine Herrschaften weiter im Coupé?«

»Nee – keine Laus mehr, geschweige Menschen!«

Leises Auflachen und nochmaliger Blick in das Gesichtchen der Sprecherin und dann eine Verneigung gegen Vater und Tochter; der Fremde wollte weitereilen.

»Ach, Sie da! Junger Mann!« Kuffstein tippte ihm schmunzelnd mit dem Regenschirm in den Rücken. »Sie könnten mir eigentlich eine Droschke ranpfeifen … wir müssen erst die Töle aus dem Hundezwinger holen und nachher sind die Ratterkasten womöglich vergriffen. Eine erster Güte … seien Sie so gut!«

Sekundenlang starrte der Fremde den Sprecher an wie eine Vision, dann lachte er abermals laut auf, hob die Hand und winkte einen Diener, der ihm gefolgt war, heran: »Karl, besorge mal eine Droschke für diesen Herrn hier!« Und abermals ein Blick und Gruß für Ursula, und der Unbekannte drängte sich eilig zu dem nächsten Wagen. »Sie sind ja ein famoser Mensch! Tausend Dank!« keuchte der Besitzer von Groß-Wolkwitz, der sich just nach der Hutschachtel bückte, und dann faßte er den Bedienten bei einem seiner Wappenknöpfe und instruierte ihn betreffs der Droschke! »Lassen Se sich aber keine solche Karosse andrehen, die so schmale Plättbretter als Sitze hat, verstanden? Ich brauche Platz, das sehen Sie mir wohl schon an!«

Der Bediente grüßte und eilte davon, Ursula aber schwang sich zur Erde und fuchtelte mit dem Muff durch die Luft! »Sie da! Dienstmann! Dienstmann! Ran mit Ihnen!« Und als der Gerufene auf beträchtliche Entfernung herzueilte, die Passanten aber sekundenlang in starrem Anstaunen des kräftigen Organs sich stauten, da schaute Herr Julius stolz im Kreise umher und ließ sich als Vater einer solchen Tochter bewundern.

Dann wurde der Dienstmann mit dem Handgepäck beladen und die Richtung nach dem Hundecoupé eingeschlagen.

Ursulas Begrüßung mit dem innig geliebten, durch die Fahrt halb toll gemachten Hatzhund war sehr lebhaft und erfreute sich schließlich des Interesses eines Schutzmannes.

»Bitte dringend, meine Herrschaften, hier keinen Aufenthalt zu machen! Nehmen Sie den Hund an die Leine, Fräulein, und gehen Sie weiter!«

Herr von Kuffstein klopfte dem Diener des Gesetzes voll milden Vorwurfs auf den Rücken: »Aber, alter Freund, die Ursel kann sich doch wohl erst mal in aller Gemütsruhe mit ihrem Köter begrüßen, dazu ist doch der Bahnhof da!«

»Wodan, geh hierher, gib dem Onkel Pfötchen!« Und ehe der verblüffte Mann der Sicherheit sich dessen versah, hatte die junge Dame seine Hand mit der Tatze des Rüden vereinigt.

Schallendes Gelächter. »Sehen Sie! Jetzt tun Sie dem Schlingel selber schön!« Und das Backfischchen nickte dem Schutzmann so schelmisch und allerliebst zu, daß er wohl oder übel mitlachen mußte.

»Nun dürfen Sie, als große Auszeichnung, den Hund auch festhalten, bis wir das Gepäck in der Droschke haben – wollen Sie, ja?«

»Aber Fräulein –«

»Hast 'ne gute Idee, Urschel-Purschel! Tun Sie mir den Gefallen, Herr Feldwebel, und wickeln Sie sich die Leine um den Arm! Ich komme gleich zurück und hole den Wodan ab. Das Gedränge ist noch zu toll, verstehen Sie –« und der alte Herr beklopfte abermals mit freundlichem Grinsen die Schulter des Schutzmanns und wandte sich eiligst zurück.

»Es darf aber nicht lange dauern, mein Herr!«

»I wo, wird's denn! Trab, Fröschchen!«

Ursula tänzelte rückwärts und sandte übermütige Grüße zurück – Wodan riß wie wahnsinnig an der Leine, um seiner Herrin zu folgen, und der Wächter der öffentlichen Ordnung stemmte sich im Schweiße seines Angesichts dagegen, ihn zurückzuhalten.

»Verfluchte Zumut…« Da warf Ursula just ein allerliebstes Kußhändchen zurück, und der Schutzmann, welcher bei der leichten Kavallerie gedient, verstummte in seinem grimmigen Selbstgespräch und machte unwillkürlich einen Diener. »Kleine Hexe! Da macht man schon mal eine Ausnahme,« dachte er ritterlich. Mit flinken Ellbogen bahnte sich Ursula ihren Weg neben dem Vater her, keine Antwort schuldig bleibend, wenn darüber Bemerkungen laut wurden. Der fremde Diener stand an dem Portal und überreichte Herrn von Kuffstein eine Wagenmarke, und mit lauter Anerkennung wühlte der Gutsbesitzer sein Portemonnaie hervor und verabreichte ein sehr splendides Trinkgeld.

»Herr Baron lassen fragen, ob ich den Herrschaften noch weiter behilflich sein könnte?«

»Nee, mein Junge, sage deinem Baron, 's wäre gut, und ich ließe mich schönstens bedanken! Und wenn sein Deckel einen Knuff weggekriegt hätte, dann täte mir das jetzt doppelt leid! Verstanden?« – »Befehl, gnädiger Herr.« – »Und mir natürlich dito!« – »Befehl, gnädiges Fräulein.« – »Na, denn los!«

Ursula wartete es nicht ab, bis die gerufene Droschke heranfuhr, sie wand sich schnell und fix wie ein Wiesel durch die vielen über den Platz kreuzenden Wagen.

»Pst, pst! Heda!«

Empört wandte sich die kleine Tyrannin von Wolkwitz um und stemmte mit zornigem Blick die Hände in die Seiten, ruhig vor der anfahrenden Schimmeldroschke stehenbleibend. »Zum Donnerwetter, Kerl, wenn du mich umfährst! He? Weißte nicht, wer ich bin!?«

Der Kutscher riß erschrocken seine Rosinante zurück und starrte sprachlos auf die so ganz absonderlich auftretende junge Dame. – So was war ihm noch nicht passiert. Die Droschke stoppte, und Ursula schritt voll Seelenruhe an ihr vorbei nach der unweit winkenden Nr. 273.

»Alle neun Hagel – ick kannte ihr weeß Jott nich!« murmelte der Schimmellenker höchlichst verblüfft, schnalzte mit der Zunge und fuhr wieder an, auf seinem Kutscherbock meditierend: »Wo er ihr schon mal jesehen haben könnte, eene von die Prinzessinnen mußte det doch sicher jewesen sind.«

Als alle Taschen, Schachteln und Pakete glücklich eingeladen waren, wurde Wodan abgeholt und mit mancherlei Schwierigkeiten

ebenfalls eingebarkt, und dann machte es sich Herr von Kuffstein mit tiefem Seufzer der Erleichterung in seiner Wagenecke bequem, und stemmte die Füße, der Wärme wegen, gegen Wodans rechte Seite.

»So weit wären wir, Urschel-Purschel, aber ohne Schweißtroppen is es nicht abgegangen! Nun habe ich einen Löwenhunger! Wenn wir jetzt in das Hotel kommen, lassen wir zuerst eine gehorsamste Empfehlung auf dem Draht nach Wolkwitz reiten, und dann sind für heute abend die schwergeprüften Reisenden aller Verpflichtungen enthoben. Erst essen wir die Speisekarte kreuzweise durch, und dann gehen wir in die Konkordia und sehen uns die dressierten Gänse an – einverstanden, Fröschchen?«

»Riesig. Und nachher in ein Café, da soll es so interessant nach dem Theater sein, stand in der ›Roten Gräfin‹.«

»Mir auch recht. Morgen fahren wir dann zu deiner liebenswürdigen Gräfin Antigna, wo dich die Mama für ein paar Wochen eingelocht hat, machen ihr einstweilen eine Visite und drücken uns wieder, denn so lange ich hier bin, habe ich noch väterliche Anrechte an dich. Im Hotel wohnste, und mit mir bummeln tuste – alleine macht mir das doch, weiß der Kuckuck, keinen Spaß!«

»Brrr! – Hotel X., Herr Baron!«

Durch die hohen, buntgemalten Scheiben tanzten die Strahlen der Wintersonne über die Marmortreppe, wenn der Wind die Tannenzweige vor den Fenstern bewegte und den goldnen Lichtfunken dadurch Einlaß in die Flurhalle des herrschaftlichen Hauses gewährte, das Graf Ferdinand Antigna mit seiner Familie bewohnte.

Die elektrische Klingel wurde ein paarmal sehr heftig in Tätigkeit gesetzt, leise Bedientensohlen hasteten über die Teppiche

und öffneten die Glastür hinter der gußeisernen Vergitterung.

Ein Wagen stand auf der Straße, seine Insassen waren bereits ausgestiegen und hatten vor der Tür Posto gefaßt.

»Gräfliche Herrschaften zu sprechen?«

Der Pelz des Fragers war dem geübten Lakaienauge maßgebend. Ein devoter Bückling antwortete ihm. »Wen habe ich die Ehre zu melden?«

Herr von Kuffstein schlug voll behaglicher Umständlichkeit sein Portefeuille auseinander. »Hier, mein Junge, auf diesem weißen Zettel steht's geschrieben! Sagen Sie aber der gnädigsten Gräfin noch mündlich, das Tüpferl auf dem i wäre auch dabei!« Und er wies mit dem Daumen nach Ursula und stampfte den feinen Schneesaum von den Stiefeln. Ein respektvolles Lächeln. »Darf ich gehorsamst bitten, Herr Baron!« Die Tür flog weiter auf, und der Galonierte eilte die Treppe empor.

Einen schnellen Blick auf die Karte: »v. Kuffstein-Wolkwitz, Rittmeister a. D.« Selbstverständlich! Franz verstand sich auf sein Publikum und kannte seine Pappenheimer. Der große, dicke Herr mit seinen derben Manieren konnte wohl Leuten ohne Menschenkenntnis zuerst den Eindruck eines Onkel Bräsig machen, wenn man aber die feinen Nüancen der Noblesse studiert hat, wußte man sofort, daß diese behagliche Ungeniertheit »Rasse«, und der Verkehrston nicht Intimität, sondern wohlwollende Herablassung war. Franz war überzeugt, daß es in dem voluminösen Taschenbuch dieses Herrn von Tausendmarkscheinen wimmelte, und daß seine so bärenhaft stampfenden Füße gewiß ein großes Stück eigenen Grund und Boden träten.

Die Art und Weise, wie Gräfin Antigna die Karte empfing, gab ihm die Bestätigung seiner Annahmen.

In freudigster Hast trat die Gräfin dem Besuch entgegen; aber obwohl ihre Schritte beschleunigt waren und sie dem Gemahl ihrer intimsten Freundin beide Hände entgegenbot, lag dennoch über ihrer ganzen Erscheinung eine unverletzliche Würde und Eleganz, eine Feinheit, die selbst in der größten Erregung Maß und Ziel zu halten weiß!

Groß und schlank, fast mager, ohne eckig zu sein, mit schmal geschnittenem und blassem Antlitz unter aschblonden Haarwellen, machte Gräfin Antigna den Eindruck einer noch jugendlichen Frau, die man eigentlich nur für die Stiefmutter ihres erwachsenen Sohnes halten konnte.

Mit einem Kuß auf die Stirn hieß sie Ursula bei sich willkommen und sprach die Hoffnung aus, daß sich ihr liebes Pflegetöchterchen bald ebenso heimisch bei ihr fühlen möge, wie daheim im Wolkwitzer Schloß.

Das erschien Ursula ganz selbstverständlich, denn das Mißtrauen, das sie Gräfin Antigna anfänglich entgegengebracht hatte, war bei dem Anblick ihres milden, vornehmen Antlitzes verschwunden. Nein, das war kein Gouvernanten- und Tyrannengesicht mit eisigem Blick und funkelnden Brillengläsern, das war eine nette, famose Frau, mit der es sich brillant auskommen lassen würde.

»Und nicht wahr, meine verehrteste Gräfin, Sie halten mir mein Schlingelchen nicht gar zu feste im Kappzaum?« fragte Papa Kuffstein sorgenvoll. »Das Kind ist so frisch und fröhlich in die Höhe gewachsen, daß mir schon angst wird bei dem Gedanken, daß dieser Wildfang hier in den engen Straßen aushalten soll. Erschrecken Sie nur ja nicht, wenn die kleine Wetterhexe Ihnen eines schönen Tages durchbrennt, denn das macht sie! Was, Urschel-Purschel? Da biste riesig kurz angebunden drinne, immer mit dem Kopp durch die Wand.

Oh, ich sage Ihnen, liebste Gräfin« – und der alte Herr richtete sich hoch auf und sah unendlich stolz aus, »Sie werden Ihr blaues Wunder an dem Mädel erleben! Geschichten führt sie aus, daß einem Mund und Nase offen stehen, aber immer kolossal witzig, immer Schneid drin! Wie wir gestern abend in der Konkordia waren –«

Gräfin Antignas Haupt zuckte empor, als habe sie nicht recht verstanden. Das feine Lächeln, das bis jetzt ihre Lippen umspielt hatte, wich starrem Staunen. »Wo waren Sie, bester Baron?«

»Na, in der Konkordia, bei den dressierten Gänsen.«

»Um Gottes willen – mit Ursulachen? Wer in aller Welt konnte Ihnen dies Lokal empfehlen?!«

Das Backfischchen rückte eifrig näher. »Auf irgendeiner Station warfen sie uns alle möglichen Zeitungen und Zettel in das Coupé und daraus suchten wir uns das Beste aus – und das waren eben die dressierten Gänse – und gingen am Abend hin! Na, gelacht haben wir, daß wir uns nur immer so rollten! Nicht wahr, Julchen« – ein kräftiger Patsch auf seine Knie – »wie der dicke Kerl als Ballettänzerin kam.«

Die Palastdame schlug wahrhaft entsetzt die Hände zusammen. »Das hast du mit angesehen, mein Herzchen? Aber bester Baron, warum kehrten Sie nicht sofort um, als Sie sich in dem Lokal überzeugten, daß es nicht der geeignete Aufenthalt für Damen der Gesellschaft sei?«

Das runde, rote Gesicht Kuffsteins glänzte vor Gutmütigkeit und Vergnügen. »I wo werd' ich denn! Hat ja gar nichts zu sagen! Die Ursel hat sich amüsiert wie ein Gott in Frankreich, und von den Couplets hat sie ja überhaupt gar nichts verstanden. Das Kind können Sie überall mit hinnehmen.«

»So? Nichts verstanden hätte ich? – Alles habe ich verstanden!« Und triumphierend sprang Ursula empor und stemmte beide Händchen auf den Tisch. »Ganz tolle Witze waren's zeitweise – aber ich werde den Kuckuck tun und darüber schimpfen! Wärst ja sofort mit mir ausgerückt!«

»Nun sehen Sie mal die Range an, Gräfin! Ist's zu glauben?! Aber ich sag's ja immer, auf den Kopf gefallen ist sie nicht, pfiffig für sechse!« Und der erstaunte Vater nickte vor sich hin, als wolle er sagen: wie komme ich mit meinem schwachen Untertanenverstand zu einer so hervorragenden Tochter?

»Nun, ich hoffe, liebe Ursula, daß dir die Theater und Konzerte, in die ich dich künftighin führe, noch besser gefallen werden!« lächelte Gräfin Antigna, der Briefe gedenkend, die ihre Freundin ihr geschrieben und zu denen Graf Lohe noch mancherlei Kommentare geliefert hatte; gleichzeitig blickte sie nach der Tür, zwischen deren Portieren die Gestalt eines jungen Herrn erschien, der bei dem Anblick der beiden fremden Gesichter hastig zurücktreten wollte. »Ach, lieber Henry! Du bist uns willkommen.«

Es lag durchaus kein befehlender Klang in der Stimme der Palastdame, aber ihr Blick hatte trotz seiner Milde etwas Zwingendes.

Der Gerufene trat zögernd ein. Seine hoch aufgeschossene, überschlanke Gestalt verneigte sich hastig, ohne daß sein Blick sich von dem Teppich, an dem er haftete, gehoben hätte. Ein finsterer Ausdruck auf dem farblosen Gesicht mit den schwarzverwachsenen Augenbrauen; herb und schmal preßten sich die Lippen zusammen.

»Mein ältester Sohn Henry!« lächelte Gräfin Antigna mit graziöser Handbewegung, und die schlanken, brillantblitzenden Finger auf die Schulter des jungen Mannes legend, ganz wie von ungefähr, und dennoch ihn durch den leichten Druck dirigierend, fügte sie scherzend hinzu: »Du hast, ebenso unerwartet wie ich, den Vorzug, deine zukünftige Pflegeschwester Ursula Kuffstein und deren Vater kennenzulernen, lieber Henry! Ich bin überzeugt, daß du unsere verehrten Gäste ebenso herzlich willkommen heißt wie ich!«

»Ah, siehe da, der kleine Henry von ehedem! Der kleine Henry, den ich zuletzt in weißen Höschen auf dem Schaukelpferd sitzen sah!« lachte Herr von Kuffstein, Henry bieder die Hand entgegenstreckend, »freut mich, Sie so frisch und hochgewachsen wiederzusehen!«

Henry verneigte sich stumm; feine Röte stieg in sein Gesicht, und der Blick, der den alten Herrn in schnellem Aufblicken traf, hatte etwas Scheues.

Neugierig hatte ihn Ursula vom Kopf bis zu den Füßen gemustert. »Er ist wohl blöde!« flüsterte sie der Gräfin ins Ohr; diese lächelte und nickte, und das Backfischchen trat schnell neben den Vater, reichte ebenfalls die Hand hin und sagte in mütterlich wohlwollendem Ton: »Guten Tag, Henry! Vor mir brauchen Sie sich absolut nicht zu genieren, so eine Landpomeranze ist nicht etepetete!« – Und sie lachte silberhell auf und schüttelte seine Rechte, daß die Gelenke knackten.

Kalt und regungslos lag diese zwischen ihren warmen Fingerchen.

Henry wurde noch röter, verneigte sich sehr hastig zweimal nacheinander, ohne die junge Dame anzusehen, und trat dann, den Kopf mit einer hochmütig unnahbaren Bewegung in den Nacken werfend, nach der Tür zurück.

»Leistest du uns nicht für kurze Zeit Gesellschaft, my boy?«

»Bedaure, liebe Mama, mein ehemaliger Mentor erwartet mich in meinen Zimmern.«

Leise und heiser klang die Stimme, abermals eine kurze Verneigung, und die Portieren fielen hinter dem Sohn des Hauses Antigna zusammen.

»Mein guter Henry hat vor acht Tagen sein Referendarexamen bestanden,« lächelte die Gräfin, ihm nachschauend, »er hat sich entschieden überarbeitet und ist infolgedessen noch menschenscheuer als früher geworden.«

»Ja, er machte ein ganz sauertöpfiges Gesicht!« nickte Herr von Kuffstein mit bedenklicher Miene. »Sie müssen ihn beizeiten flottmachen, beste Gräfin, ehe diese Marotte ganz von ihm Besitz ergreift. War er denn nicht Student?«

»Nur dem Namen nach. Das wüste Treiben der Verbindungen war ihm ein Greuel. Mein Mann und ich waren stets sehr glücklich über unseren soliden, charakterfesten Sohn, bekommen aber jetzt Bedenken, weil es mit seiner Scheu vor allem Verkehr krankhaft zu werden droht. Immer nur Lernen und Studieren taugt nicht für ein so junges Blut.«

»Ja aber, du lieber Gott, was wollen Sie denn mit ihm anfangen, Tante Renée?« alterierte sich Ursula, ratlos die Händchen zusammenschlagend. Die Gräfin lächelte fein und wundersam. Ihr Blick haftete auf dem frischen Gesichtchen, das sich mit großen, neugierig-naiven Augen zu ihr hob.

»Henry hat sich bis jetzt standhaft geweigert, irgendwelche Geselligkeit mitzumachen, und Strenge, die ihn mit gebieterischer Hand in den Strudel des high life stößt, würde bei diesem Trotzkopf gerade das Gegenteil bewirken. Seine schwärmerische Liebe für unser Herrscherhaus ist die einzige schmale Planke, aus der sich hoffentlich ein Steg zum Parkett schlagen läßt: hat er ihn überschritten, ist er der Welt geschenkt!«

»Am Hof … zwischen all den vielen Menschen wird er sich aber erst recht fürchten und sich die Sache noch mehr verekeln!« schüttelte das Backfischchen nachdenklich den Kopf.

Gräfin Antigna zuckte mit amüsiertem Lächeln die Achseln: »Da heißt es eben ›va banque‹! Daß der Träger eines der besten Namen sich und seiner Familie gewisse Rücksichten schuldig ist, steht außer Frage. Die drei Wappenfähnlein der Antignas haben, solange sie existieren, in Hofluft geweht; Hofluft hat jedes Zweiglein unseres Stammbaumes genährt, in der Hofluft sind die Ahnen und Urahnen geboren und gestorben, darum hat dieses Gemisch von Sonne, Mond und Veilchenduft Rechte an die Enkel. Henry möchte mit rastlosem Eifer studieren und Professor werden; seine reiche, außergewöhnliche Begabung prophezeit ihm eine bedeutende Zukunft. Mag er in Gottes Namen dereinst den ›Mantel der Doktrin‹ um sein Wappenschild schlagen, vorerst aber hat er seine Passion seinen Verpflichtungen zu opfern.«

Die Sprecherin schien ihrer Miene nach zu scherzen; sie plauderte in dem leichten, graziösen Konversationston wie zuvor, aber in ihrem Auge, das sich zur Tür wandte, als folge sein Blick noch der schlanken Gestalt des jungen Mannes, lag wieder das faszinierende, unerklärliche Etwas, das vorhin schon mächtiger als alle Worte den Sohn über die Schwelle gerufen. Dann änderte die Gräfin das Thema, erzählte von ihrem jüngsten Sohn, der zurzeit noch die Ritterakademie besuchte, und von Graf Lohe, der sich vor kaum einer Viertelstunde von ihr verabschiedet habe. Ihr Blick traf dabei Ursulas eifrig aufhorchendes Gesichtchen. Herr von Kuffstein erhob sich und warf seinem Töchterchen den Muff in den Schoß. »Mach deinen Knix, Fröschchen, und küsse der gnädigsten Tante mit der gehorsamen Anfrage die Hand, ob du übermorgen mit Sack und Pack samt deinem Vielfraß Wodan hier einrücken darfst?«

Henrys Mutter hatte eine silberne Glocke in Bewegung gesetzt. Jetzt legte sie den Arm um die Schultern des jungen Mädchens und zog es mehr liebenswürdig als innig an sich heran. »Wollen Sie mir eine große Bitte erfüllen, mein alter Freund Kuffstein?« fragte sie in der vornehm graziösen Weise, die Ursula schon bei dem ersten Blick als etwas ganz Besonderes aufgefallen war.

»Wenn Sie es befehlen, meine gnädigste Gräfin, esse ich selbst Stiefelwichse und lasse mich trotz meiner dreihundert Pfund noch zum Schlangenmenschen trainieren!«

Die Palastdame lachte leis und melodisch auf: »Solche Wünsche würden barbarisch sein! Non, mon ami, mein Attentat richtet sich lediglich gegen Ihr Vaterherz. Lassen Sie mir Ursulachen schon jetzt als langersehnte Tochter zurück, holen Sie Ihr Gepäck in dem Hotel ab und machen Sie meinem Mann und mir die große Freude, unser Logierzimmer als Ihr home anzusehen!«

»Sie sind ja ein Engel, gnädigste Gräfin!« Und Kuffstein zog beide Hände seiner langjährigen Bekannten abwechselnd an die Lippen. »Was mich anbelangt, so bitte ich, als unruhiger und verkrautjunkerter Geist allergehorsamst, mich mit meinem Quartierbillett ruhig in den Armen des wackeren Hotelwirts liegen zu lassen! Habe meine Zahnbürste und die Nachtkappe bereits ausgepackt und scheue jeden Umzug, wie die Katze das heiße Ofenblech. Aber die Urschel-Purschel … gern gebe ich das Ding nicht her, aber wenn Sie denken … He! Fröschchen, willste gleich hierbleiben?«

Ursula kniff den Vater in den Arm. »Was hast du denn gestern in der Droschke gesagt, hm?«

Der Besitzer von Groß-Wolkwitz wurde beinahe verlegen: »Wenn doch aber die gnädigste Tante es wünscht, Urschel- Purschel! Heute abend hole ich dich ab, dann fahren wir in die Reichshallen!«

»Hören Sie mich, bester Rittmeister. Zu Tisch, um fünf Uhr, sind Sie selbstverständlich unser Gast. Wir dinieren zusammen und fahren dann in das Opernhaus, uns die ›Lustigen Weiber‹ anzusehen. Das wird Ursulachen viel Vergnügen bereiten und ist sehr bequem, weil unsere Plätze abonniert sind. Einverstanden?«

»Lustigen Weiber?« Die Augen des Backfischchens blitzten. »Das klingt ja ganz famos! Wird gemacht, liebe Tante, da müssen wir hin!« Und das Köpfchen über die Schulter zu dem Vater umwendend, fügte sie selbstbewußt hinzu: »Karre du meinetwegen in das Hotel zurück! Ich bleibe gerade so gern hier!«

»Aber Urschel-Purschel, das sagste so kaltblütig?!« Der tiefe Baß grollte in noch tieferem Vorwurf.

»Um Gottes willen, lieber Baron, machen Sie nur doch das Kind nicht selber rebellisch!« wehrte die Gräfin, Ursula abermals in die Arme schließend, und gleichzeitig wandte sie das Haupt nach der Tür, in der ein Diener erschienen war. »Ist der Herr Graf aus dem Auswärtigen Amt zurückgekehrt?«

»Noch immer nicht, gräfliche Gnaden, zu Befehl.«

»Es ist gut. Wartet der Wagen für Herrn Baron?«

»Zur Stelle, gräfliche Gnaden.«

Eine leichte Handbewegung. Der graue Kopf des Alten neigte sich respektvoll, und die Portieren schlossen sich.

»Nun schnell, mein guter Kuffstein! Abschied wird für die zwei Stunden nicht genommen. Um fünf Uhr auf Wiedersehen

bei einem Teller Suppe; dann kann Ihnen mein Pflegetöchterchen bereits erzählen, ob sie mit ihrem kleinen Salon zufrieden ist! Ich führe sie sofort persönlich in ihr zukünftiges Reich. Also, auf Wiedersehen, mein lieber Freund, auf Wiedersehen!« Und die schlanken Finger, über die sich der alte Herr neigte, sie abermals zu küssen, dirigierten ihn ebenso unsichtbar, aber auch ebenso unwiderstehlich wie den Sohn Henry; diesmal rückwärts.

Kuffstein verstand die Absicht.

»Adieu, Fröschchen!« sagte er mit erzwungener Heiterkeit, verabfolgte seinem Herzblatt einen zärtlichen Nasenstüber und wuchtete »mit vielen einstweiligen Grüßen an den verehrten Herrn Gemahl« über die Schwelle.

Ursula aber zog die Gräfin mit an das Fenster, riß flink die Scheibe auf und raffte den Schnee auf dem Fensterbrett zu einem Ball zusammen.

»Was willst du denn tun, Urselchen? Ich denke, wir wollen deinem Vater einen respektvollen Gruß nachwinken?«

Der kleine Übermut wandte lachend das Köpfchen, die Antwort schwebte bereits auf den Lippen, daß dies ja der Gruß für Julchen werden solle … da sah sie in die Augen der Gräfin. Freundlich und lächelnd sahen diese zu ihr nieder, aber so durchdringend klar und so hoheitsvoll und so ganz eigentümlich, daß Ursula ein nie gekanntes Gefühl von Unsicherheit und Verlegenheit beschlich.

»Ich wollte nur mal den Spatz da werfen!« sagte sie und zielte mit dem Schneeball auf gut Glück in die Fichtenzweige.

»Gut, daß er fort ist, mein Herzchen! Wie fatal wäre es gewesen, wenn er ganz aus Zufall deinen guten Vater getroffen hätte! Die Leute hätten eine ganz falsche, häßliche Meinung von dir bekommen!«

Und die Gräfin winkte Herrn von Kuffstein lächelnd zu, und Ursula machte es ihr genau nach und dachte: »Nun nimmst du dich famos aus!«

II.

Herr von Flanken dachte in allen Dingen sehr konservativ und war ein erklärter Feind jeglicher Neuerungen, was aber zu viel ist, das ist zu viel. Kinderlärm, drei Klaviere, eine Geige und zwei singende Geheimratstöchter, und, im Anschluß daran, rauchende Öfen und allerhand vielfüßige Einquartierung, nein, das war selbst für die große Gutmütigkeit dieses Premierleutnants zu starker Tabak, und darum sagte Herr von Flanken eines schönen Tages zu Niekchen: »Du, Niekchen, morgen ziehen wir um.«

»Befehll, Herr Leutnant – werrd ik packen Sachen unsrige!«

Und Niekchen packte alles zusammen, ohne daß sein Herr und Gebieter großes Interesse dafür an den Tag gelegt hätte.

Der Unsitte, sich selber eine Garçonwohnung mit allem erdenklichen Luxus zu möblieren, huldigte Flanken durchaus nicht. Er war eben in allen Dingen Original, und während die meisten seiner Kameraden ihre Zimmer mit bequemen Diwans, schwellenden Teppichen, prachtvollen Bronzen und Gemälden vollstopften, um unter rosa Lampenschleiern und Blütenzweigen ein möglichst behagliches und molliges Dasein zu fristen, entfernte der »moderne Merlin« alles, was nur einigermaßen an die verweichlichende Eleganz des neunzehnten Jahrhunderts erinnerte aus seinem Reich. Lohe behauptete: er übertriebe es! Seine Zimmereinrichtung sei nicht einfach, sondern absurd. Da stand ein schwerer Holztisch, ohne Decke, inmitten des Zimmers. Derbe, altdeutsche Eichenstühle um ihn her. Ein massiver Schrank rechts an der Wand, links ein Bord, auf dem Humpen und eine Bierkanne glänzten, darunter die Säbelbank. Vor dem Fenster ein ebenfalls roher Holztisch, voller Tintenklexe, Messerspuren und wunderlich kühner Striche und Schnörkel, die die schwerfällige Feder des jungen Offiziers während der langen Gedankenpausen bei der Winterarbeit entworfen hatte. Hunde, Pferde, Offiziere, Häuser in unfreiwilliger Karikatur, meistens dringend der erklärenden Unterschrift bedürftig. Ein großes Schreibzeug aus weißem Porzellan, hochbepackt mit Federn, Bleistiften, Siegellack und Gummi, paradierte auf des Tisches Mitte, Briefe, Bücher und ein Reißzeug lagen in genialer Unordnung daneben, und eine schwarze, verschabte Ledermappe sperrte, überfüllt mit Papieren aller Art – den Rachen in höchster Atemnot so weit auf, wie ein Karpfen den seinen auf trockenem Lande.

Weder Felle noch Decken bekleideten den Fußboden, und der einzige Schmuck der Wände bestand aus zwei gekreuzten Jagdflinten, zwischen denen sich strahlenartig sehr kostbare kleinere Waffen schoben. An der Ofenwand aber stand – und das war Lohes größte Entrüstung – ein eisernes Feldbett, unendlich bescheiden und einfach, mir einer grüngefärbten Pferdedecke am Fußende beschwert. Und diese Dürftigkeit war nicht etwa Geiz oder Armut, Gott bewahre, sie war Ausdruck vollster Überzeugung, und wenn man die reckenhafte Gestalt des jungen Offiziers in diesen seinen vier Wänden erblickte, hatte man das Gefühl, als könne sie in gar keine andere Umgebung hineinpassen. Wie ein Bild aus längst vergessenen Zeiten, da noch die harte Mannesfaust und die trutzigliche Manneskraft die Welt regierten, ragte Flanken, einsam und angestaunt, inmitten der Kinder der modernen Welt empor, gleich einer einzig stehengebliebenen Riesensäule zwischen Ruinen, über die weichliches Moos und üppige Schäferblumen den Mantel der Vergessenheit gebreitet hatten.

Der Umzug war unter Niekchens umsichtiger Leitung bewerkstelligt

worden, und heute mittag plötzlich kam der Herr Premierleutnant mit sinnend gefalteter Stirn nach Hause, warf die Reitgerte auf den Tisch und setzte sich so kräftig vor dem Schreibtisch nieder, daß der Holzschemel in allen Fugen knackte. Mit Ruhe und Gründlichkeit sah er alle Briefe und auch den Inhalt der Ledermappe durch. Da hatte er die Bescherung! Das kam von seiner Gutmütigkeit!!

Als er nämlich nach beendigtem Manöverurlaub wieder in sein Winterquartier eingerückt war, hatte eines schönen Tages Lohes Equipage vor der Tür gehalten. »Schnell, mein Junge! Streife dir die erste Garnitur an, nimm ein reines Taschentuch und begleite mich!«

»Wohin?«

»Bei General von Dern-Groppen einen Antrittsknicks machen!«

»Hast wohl einen Rappel, ich kenne gerade genug Menschen, ich mache keine Visiten mehr!«

Da hatte Lohe voll sittlicher Entrüstung das Zitat angewandt: »Ein Mann, ein Wort!« und ihn an jenen verhängnisvollen Abend in Alt-Dobern erinnert, an dem er den Damen bereits seinen Besuch in der Residenz angekündigt habe.

»Ich hatte einen Spitz, Markchen – auf Wort – aber, Blitz und Knall, wenn du meinst, daß ich verpflichtet bin, kann ich ja pro forma eine Karte abwerfen!« Und stöhnend hatte er die Tschapka auf sein krauses Haar gedrückt und war mit zu Groppens und zu Gräfin Antigna gefahren, aus Rücksicht für Fräulein Urschel-Purschel.

Beide Herrschaften waren nicht zu Hause gewesen, und Flanken hatte die ganze Spazierfahrt beinahe wieder vergessen, als ihn Lohe heute morgen gefragt hatte: »Na, wir sehen uns doch am nächsten Mittwoch bei Groppens! Hast du schon zugesagt?«

»Mittwoch – Groppens –? I wo! Ich habe gar keine Einladung erhalten!«

»Undenkbar! Es ist ein Riesenfest, und wer nur jemals bei dem Herrn General angeklingelt hat, ist befohlen!«

»Aber ich versichere dich, ich bin nicht gewünscht! Wann hast du die Karte bekommen?«

»Vor sechs Tagen bereits.«

»Donnerwetter – an meinem Umzugstermin!« Flanken kraute sich hinter dem Ohr und stieß einen pfeifenden Ton zwischen den Zähnen hervor.

»Na, da haben wir's! Hast den Brief bei der Räumerei verbummelt oder Niekchen hat ihn in die Mappe geschoben, such' doch einmal nach.«

Und nun saß der Premierleutnant und suchte und suchte, aber er fand nichts.

»Kreuz Birnbaum und Potz Hagelwetter! Niekchen!«

»Befehll, Herr Leutnant!«

»Kerl, wenn du mir einen Brief verloddert hast, soll dich doch gleich ein Neun-Unglück holen! He, Niekchen, ist am Umzugstag eine Einladung gekommen?«

»Sind sik jeden Tag Briefeln gekommen, wos ich hab' abgeliefert an Leutnant. Am Umzugstag waren sik's zwei, Sterbebriefel mit schwarzem Randel und ander großes Briefel mit Guldstempel drauf.«

»Ah – richtig – ich entsinne mich, steckte sie in meine alte Jagdjoppe, weil's schon zu dunkel zum Lesen war. Hol mal die Joppe aus dem Schrank –«

»Is sik grüner Kittel von Herrn Leutnant an Ulan Grohnbach, wos war aus Heimatdorf von Herrn Leutnant, verschenkt worden.«

»Schock Schwerenot!«

Flanken stand sprachlos, beide Hände in den Hosentaschen, und starrte Niekchen an, als wolle er zur Salzsäule werden. Dann schwenkte er kurz um und stiefelte mit Riesenschritten, leise vor sich hinpfeifend, in der Stube auf und nieder. Der

Ulan Grohnbach – richtig! Der Grohnbach war bei ihm gewesen, Adieu zu sagen und einen Brief an den Inspektor mitzunehmen, und da hatte Flanken in den Kleiderschrank gegriffen und dem armen Kerl noch einen warmen Rock mit auf den Weg gegeben. Die grüne Joppe!

Was tun? Flanken sann hin und her, endlich blieb er abermals vor Niekchen stehen, sah auf die Uhr – es war halb fünf – und legte plötzlich die Hand auf die Schulter seines braven Wasserpolacken.

»Niekchen, nicht wahr, du bist ein ganz gerissener Kerl! Du kannst ganz schlau sein, wenn's darauf ankommt, he?«

Niekchens Gesicht strahlte. »Kann ik schon, Leutnant, kann ik schon!«

»Gut, mein Sohn, dann höre mal zu, was du jetzt tun sollst,« und Flanken stellte sich breitbeinig vor seinem Faktotum auf und instruierte ihn so genau und so vorsorglich, daß Niekchen schon hätte ein Kretin sein müssen, wenn er dieser langen Rede kurzen Sinn nicht hätte kapieren wollen. Und Niekchen grinste auch sehr verschmitzt und legte mit eifrigem Kopfnicken die Finger an die Hosennaht. »Werd' ik ganz schlau anfangen, Leutnant, werd' ik alles ausrichten.«

»Na, dann mal Trab! Da haste einen Groschen, fahr' Pferdebahn, verstanden?«

»Befehll, Leutnant!«

Und Frantusch Niekchen machte mit blitzenden Augen kehrt und verschwand hinter der Tür. Flanken aber steckte seine kurze Jagdpfeife an und paffte ärgerlich Dampfwolken in die Luft. »Verfluchte Wirtschaft mit den ewigen Gesellschaften, wenn doch die Leute endlich zu der Vernunft kommen wollten und sich und mir diesen Schwindel schenkten!«

In dem großen palaisartigen Neubau, in einer der elegantesten Villenstraßen, zog ein Diener die rotseidenen Vorhänge vor den Fenstern zusammen und entzündete die Gasflammen in dem Speisezimmer.

Der Herr General von Dern-Groppen war soeben nach Hause gekommen und hatte, vom eisigen Wind gezaust und durchfroren, in ersichtlich schlechter Laune die Beschleunigung der Mittagstafel befohlen. Er hatte einen bequemen Uniformsrock angelegt und war alsdann durch die lange Flucht der Salons nach dem Wohnzimmer seiner Töchter geschritten, einen Kuß auf die weißen Stirnen seiner Lieblinge zu drücken.

Dort, im heiteren Kreise der Seinen, schwanden blitzschnell die kleinen Wolken des Unmuts, die der königliche Dienst in edler Gerechtigkeit vor dir Sonne der Leutnants wie der Generalleutnants treibt, denn General von Groppen war eine sehr glücklich veranlagte Natur und viel zu sehr Lebemann und Kavalier, um sich allzulange in Gedanken bei den Disteln und Dornen strategischer Ehrenfelder aufzuhalten, wenn er den Rosen und Lilien auf dem Parkett huldigen konnte! Seit Herr von Groppen in der Residenz weilte, war eine sonderbare Veränderung mit ihm vorgegangen. Es war, als habe ihn das Goldgefunkel seines plötzlichen Reichtums geblendet, als seien all die glückseligen Genien von dem Plafond der Fürstensäle herniedergeschwebt, ihm einen Becher an die Lippen zu halten, dessen Zaubertrank ihn berauschte. Die Vergangenheit mit ihrem jahrelangen Entbehren und Einschränken schien ihm ein wüster, fataler Traum. Die Dämone der Eitelkeit, Leichtlebigkeit und Genußsucht, die so lange Zeit, männlich bekämpft und niedergehalten, in seinem Innern geschlummert hatten, hoben jetzt plötzlich ihre schillernden Flügel und bevölkerten all seine Gedanken, sein Wollen und Wünschen. Ist das Eis, das zwingende, beherrschende, auf dem Fluß erst gebrochen, stürzen die Wasser wild aufjubelnd drüber hinweg und schießen ziel- und fessellos weit über die Grenzen hinaus. So kannten auch die Passionen des Herrn von Dern-Groppen keine Schranken mehr, seit die Sklavenketten der Mittellosigkeit abgestreift, seit jene wundersame,

heiß ersehnte Luft, jenes Gemisch von Sonne, Mond, Sternenglanz und Veilchenduft seine Stirn geküßt.

In dem Salon der beiden jungen Damen brannten ebenfalls die Lampen. Lena saß an dem runden, von einem goldgewirkten Teppich überhangenen Mitteltisch und klöppelte eine cremefarbene Seidenspitze. Fürst Sobolefskoi sah ihr dabei voll regen Interesses auf die schlanken, graziösen Hände und behauptete neckend, diese Arbeit sei von den Damen aus schnöder, berechnendster Eitelkeit erfunden worden.

Jolante stand auf einem Kissenpuff und bemühte sich, den schwebenden Goldengelchen, die die wasserblauen Moireedraperien eines Eckarrangements hielten, bronzierte Palmzweige möglichst genial in die Ärmchen zu legen.

Sie lehnte den Lockenkopf zurück und prüfte den Gesamteindruck. »Onkel Daniel, sieh doch einmal! Ist es hübsch so?«

Der Fürst trat, die Hände auf den Rücken legend, herzu. »Ganz scharmant!« lobte er. »Es ist wunderbar, Jola, welch ein hervorragendes Talent du besitzest, deine Umgebung zu idealisieren! Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß dieses Schmuckkästchen von einem Zimmer noch verschönert werden könnte, du aber hast es dennoch zuwege gebracht!«

»Ja, weißt du, Onkel Daniel,« und Jolante hob sich auf die Fußspitzen und bog die leuchtenden Fächerblätter so, daß sie sich des größeren Effektes wegen in dem Ecktrumeau spiegeln mußten, »ich finde nichts hübscher, als ein möglichst geschmackvolles und reich eingerichtetes Boudoir, und nichts barbarenhafter, als Gleichgültigkeit gegen seine Wohnräume. Wie Menschen ohne Komfort leben können, ist mir rätselhaft, und daß ein Paar in einer ›kleinsten Hütte‹ Raum findet, und bei einem Tisch und einem Stuhl sich glücklich fühlen soll, das deucht mich die krankhafteste Hyperbel, auf die ein Dichter jemals verfallen ist.«

»Wenn du die Liebe erst kennen wirst, kleines Närrchen, wollen wir uns wieder sprechen!« lächelte Lena, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen.

»Lena!« Jolante schlug laut lachend die Hände zusammen, »das klingt ja beinahe so, als ob du einen Sekondeleutnant mit zweihundert Talern Zulage heiraten würdest!«

Die Klöppel klangen wunderlich unter den fleißigen Händen zusammen. »Wenn ich ihn liebte, ganz gewiß!«

»Nimm mir's nicht übel, dann komme ich niemals zu euch, dann verleugne ich dich vor Gott und aller Welt mitsamt deinem Gatten und deiner Viertreppen-Hinterhauswohnung!« Und Jolante warf sich lachend in einen Sessel und verschränkte die Arme hinter dem Köpfchen.

»Onkel Daniel wird alles gutmachen, was du versäumst, Prinzeß Turandot! Nicht wahr, du würdest mich besuchen, Onkelchen, selbst in der allerkleinsten Hütte, wo man so weit, weit von aller Welt entfernt ist, daß man sie mit all ihrem Hasten und Treiben für ein schwüles, beängstigendes Traumgebilde hält?« – Lena lächelte, aber es war, als schweife ihr Blick fern hinaus, feuchtglänzend wie in Sehnsucht. Daniels Lippen zuckten, seine Finger glitten plötzlich wie in nervösem Spiel über die Goldmuster der Tischdecke, ehe er jedoch antworten konnte, hatte Jolante ihren Sessel mit schnellem Stoß neben den seinen gerollt, stützte sich mit beiden Händen auf die Armlehne und schaute dem Fürsten mit einem Gemisch von Neugierde und Heiterkeit in die Augen.

»Lächerlich, Lena, wie soll Onkel Daniel in dieser Angelegenheit überhaupt mitreden! Puh, wie er die Stirn gleich kraus zieht, wenn er nur an solch eine Mesalliance denkt, die unsere Lena möglicherweise einmal eingehen könnte! Da kenne ich ihn und seine Ansichten besser. Übrigens« –- und Jolante faßte plötzlich die Hand Sobolefskois und wandte sie nach der Innenseite – »ich verstehe mich jetzt ein bißchen auf das Wahrsagen und muß doch einmal sehen, ob du wirklich ein so kaltherziger Barbar bist, wie es den Anschein hat. Niemals hast du uns auch nur mit einem Sterbenswörtchen verraten, um welch einer Jugendliebe willen du Junggeselle geblieben bist.«

Des Fürsten Hand erbebte, er wollte sie hastig zurückziehen. »Aber, petite, ich bitte dich, bedenke meine grauen Haare –«

»Mit allem Respekt. Aber jetzt hältst du still, du Duckmäuser, jetzt will ich deine sämtlichen Flammen zusammenzählen uns dein heißes Herz entlarven.«

Lena ließ die Arbeit ruhen, schlang die Hände ineinander und blickte mit ihren großen Augen sinnend in des Fürsten Antlitz. »Wie seltsam!« sagte sie harmlos, »es ist mir noch nie der Gedanke gekommen, Onkel Daniel, daß du jemand anders im Leben hättest liebhaben können als Mama, Jolante und mich! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß dein Herz jemals für ein anderes weibliches Wesen geschlagen hat, und doch ist es so natürlich und sehr wahrscheinlich.«

»Nein, Lena, beim Himmel nicht! Euch allein hat mein Herz gehört, mit seiner ersten Liebe und seinem ersten und einzigen Glück.«

»Onkel Daniel, du bist ein verstockter Sünder!« lachte Jolante mit drohend erhobenem Finger. »Wenn Du auch ein noch so klägliches Gesicht machst, hier, deine eigene Hand erhebt sich anklagend wider deine Worte. – Sieh her, diese scharfe, klare, ganz besonders stark ausgeprägte Linie verrät mir, daß die Liebe eine große Rolle in deinem Leben spielt, daß sie es ganz und gar erfüllt, daß alles Unglück und alles Elend, das jemals über dich gekommen ist, seinen Ursprung in dieser Schicksalslinie, in der Liebe hat.«

Mit großen, starren Augen schaute Sobolefskoi auf seine leise zitternde Hand nieder. »Und das Ende vom Liede?« fragte er mit heiserer Stimme.

Jolante zog das Näschen kraus: »Ja, so weit reichen meine Kenntnisse nicht aus, liebe Durchlaucht! Ich weiß nur, daß diese kleine Sternbildung – siehst du hier, die feinen strahlenartigen

Striche – die Erfüllung eines großen Wunsches bedeuten, und solch ein Stern schließt die Liebeslinie in deiner Hand ab. Nehmen wir also an, du siehst die Langgeliebte endlich wieder, ihr sinkt euch in die Arme; dein Wunsch, sie einmal im Leben noch an die Brust drücken zu können, hat sich erfüllt, ihr liebt euch, habt euch, Lena und ich überreichen den Brautkranz, riesiges Diner, Rietz-bumm-Regimentsmusik, und das lange Lied der Liebe hat sein Ende erreicht!«

»Onkel Daniel! Diesem Prophetenwort mußt du glauben!« jubelte Lena mit weicher Stimme, und Jolante griff übermütig in die Schale, die mit Blumen gefüllt auf dem Nebentischchen stand, und schmückte das Knopfloch des Fürsten.

Er versuchte, ihre kleinen Hände verlegen abzuwehren, sprach von Trauerweiden und längst entflohener Jugend, und dennoch leuchtete es in seinen Augen wie Glückseligkeit, und er war so heiter und guter Dinge, wie seit langer Zeit nicht mehr.

»Hier scheint ja die Stimmung absolut nicht von dem Thermometerwetter abhängig zu sein!« klang das kräftige Organ des Generals von der Tür herüber, »um so besser, Kinder, ich bin durchfroren bis in das Mark hinein, und wenn ihr jemals den Löwen bei der Fütterung im zoologischen Garten an dem Gitter hochgehen saht, dann habt ihr einen schwachen Begriff von meinem Hunger! Grüß Gott, Daniel – weiß das Donnerwetter, mit Liebeslattich im Knopfloch? Ich sag's ja, Mädels, in acht Tagen repräsentiert er bei unserm Fest den Sohn des Hauses, pflückt sich das jüngste aller Knöspchen und tanzt Kotillon!«

»Aber lieber Groppen!« – und Daniel wurde dunkelrot vor Verlegenheit und Schreck. Der General aber hatte den Arm um ihn gelegt und zog den schwarzstruppigen Kopf an seine Brust, von der anderen Seite schmiegte sich Lena an seine Schulter, und Jolante griff abermals in die Blumenschale und bewarf das »lebende Bild« mit dem dazugehörigen Vergißmeinnicht.

»Komm in die Mitte, Baby, daß ich mein Nest beisammen habe! Seht ihr, Kinder, solch ein Augenblick ist die Oase in dem ›wüsten Leben‹ eines Vaters, der von des ersten Morgens Lichte bis zum Brand der Gaslaternen alle zarten Triebe zwischen Lanzen und Schwertern ersticken muß! Wo ist denn Tante Dore, he? Ich habe ihr wieder Nahrung für die Liste mitgebracht!« Und Herr von Dern-Groppen küßte seine beiden Töchter noch einmal auf die lockigen Scheitel und warf dann einen Stoß Briefe auf den Tisch.

»Ah, neue Zusagen?« Wie elektrisiert schnellte Jolante herum und faßte die Kuverts, ihren Inhalt mit sichtlicher Hast und Erregung durchzusehen.

Lena aber breitete gelassen ein weißes Seidentuch über ihr Klöppelkissen und sagte: »Tante Dore ist bereits nach dem Eßzimmer gegangen, um den Tisch noch einmal zu inspizieren! Sie ist stolz und glücklich darüber, daß du ihre Menüs so oft lobst, und möchte sich nun in ihren Leistungen selber überbieten!«

»Tante Dore ist ein Prachtexemplar, wenn sie mich aber noch lange warten läßt –«

»Herr General, die Suppe ist serviert!«

»Fritze, das war ein Wort zu seiner Zeit! – Avanti, Kinder, sonst falle ich um!« Und lachend legte Herr von Dern-Groppen die Hand seiner ältesten Tochter auf seinen Arm und gewann im Sturmschritt mit ihr die Tür.

»Liebe Jolante, ich habe den Vorzug!«

»Ach, Onkel Daniel, es ist zum Rasendwerden!« und das junge Mädchen warf das letzte der Schreiben zornig zu den anderen Briefen zurück und nahm den dargereichten Arm des Fürsten.

»Sind Absagen gekommen?« fragte Daniel erschrocken.

»Nein, sie sagen alle zu.«

»Und das verdrießt dich?!«

Jolante preßte die Lippen zusammen, und ihre geröteten Wangen wurden langsam wieder bleich. »O nein, bewahre! Wenn man ein Fest geben will, braucht man Menschen dazu; eine jegliche Komödie setzt sich aus Akteurs, Statisten und viel Staffage zusammen. Aber es ärgert mich, wenn die Leute so rücksichtslos sind und die Antwort fast eine Woche lang hinauszögern. Mit Müh und Not hat er Besuch gemacht, läßt nichts sehen und hören von sich, und dabei tat er damals doch, als wollte er das tägliche Brot bei uns werden.«

»Von wem redest du denn, Jolachen?!« fragte Sobolefskoi mit erstaunten Augen, »wer läßt nichts sehen und hören von sich?«

Jolante wurde dunkelrot und legte unwillkürlich die Hand vor den Mund. Dann mußte sie schrecklich husten, so lange, bis sich der General auf der Schwelle des Eßsaales umwandte und mit erhobenem Finger fragte: »Ei, ei, sind wir etwa wieder im offnen Wagen ausgefahren?«

Da gab sein Töchterchen sehr lange und ausführliche Auskunft, und als man sich zu Tisch gesetzt hatte, war sie von seltener, fast nervöser Gesprächigkeit und ließ keinen anderen zu Worte kommen. Tante Dore war höchlichst erstaunt darüber, denn für gewöhnlich war Jolante sehr phlegmatisch und schwärmerisch und redete nur das Allernotwendigste.

Besagte Tante Dore, die verwitwete Baronin Dorette von Loguth und jüngste Schwester des Generals, vertrat an den beiden Nichten Mutterstelle und repräsentierte in dem sehr geselligen und gesuchten Hause des Bruders. Sie war eine etwas starke, würdevolle Frauengestalt mit nicht geistvollem, aber sehr lebenslustigem und liebenswürdigem Antlitz, mit viel Geschmack und Sinn für elegantes Leben und von einer fast kindlichen Naivität, was Praktik und Ökonomie anbelangte.

Mit sehr erwartungsvollem Lächeln reichte sie dem General die kleine Elfenbeinkarte, auf die sie jeden Mittag höchst eigenhändig die Reihenfolge der Speisen für den Bruder niederschrieb. Der braune Seidenärmel schob sich etwas an dem runden Arm empor, und Groppen neigte sich galant und küßte ihn über der breiten Goldspange.

»Rolly-polly-Pudding, Dorchen?!« sagte er gerührt, »damit kannst du mich ja mal wieder aus dem Grabe herauslocken, wenn kein anderes Wiederbelebungsmittel hilft. Famos, auf Wort!«

»Wenn er nur recht heiß auf den Tisch kommt, das ist eine Hauptbedingung für seinen Wohlgeschmack; sowie er steif wird, ist's vorbei. Wir müssen faktisch einen Aufzug aus der Küche hier in den Saal haben! Es ist unerhört, daß das in solchem Hause versäumt werden konnte!«

Der Diener hatte die Teller nach dem ersten Gang gewechselt. Auf dem Korridor klingelte es heftig.

»Nur keine Ordonnanz! Jetzt kommt ja der Pudding!« seufzte die Baronin in jähem Schreck.

Auch Groppen runzelte die Stirn. »Sieh mal, was los ist, Fritze.«

Der Diener verschwand und schien lange mit dem Störenfried zu verhandeln. Endlich erschien er wieder und blieb rapportierend an der Tür stehen.

»Herr General, da draußen ist ein Ulan, der den Herrn General in dringender Angelegenheit zu sprechen wünscht.«

»Ein Ulan?!« schrie Jolante auf.

»Ein Offizier oder sonst wer? Sprich doch deutlich, zum Donnerwetter!«

»Er sagt, er sei der Bursche des Herrn Premierleutnant von Flanken.«

»Na, dann wird er wohl irgendeine Bestellung betreffs des Balles machen wollen, sag' ihm nur, wenn das der Fall wäre, sollte er dir's getrost ausrichten!«

»Soll ich vielleicht mal sehen, Papa – –«

»Unsinn, sitzen geblieben. Werden schon keine Staatsgeheimnisse sein. Flanken? Flanken? Wer ist denn das eigentlich?«

Jolante hatte sich zögernd wieder niedergesetzt.

»Das ist ja der Ulanenoffizier, den wir in Alt-Dobern kennenlernten, Papachen! Der bei Kuffsteins im Quartier lag!« berichtete sie eifrig, die Augen auf die Tür geheftet. »Du weißt doch, der riesenstarke Mensch, der mit seinem Pferd die Polonäse tanzte!«

»Ah so, ich entsinne mich. Will mich vielleicht zum Ringkampf herausfordern lassen, der Teufelskerl!!« und Herr von Groppen griff lachend nach seinem Rotweinglas. »Die Unterhaltung scheint sich in die Länge zu ziehen da draußen! He, Walter! servieren Sie währenddessen, ich kann solche Unterbrechungen bei Tisch in den Tod nicht ausstehen!«

Der Silberdiener verschwand eilfertig, in der Tür dem zurückkehrenden Fritz begegnend. Dieser sah sehr echauffiert aus, just, als habe er sich schrecklich über etwas geärgert.

»Herr General, der Mensch läßt sich absolut nicht bedeuten, er verlangt sehr entschieden den Herrn General selber zu sprechen, weil es ihm so von seinem Herrn Leutnant befohlen sei. Ich glaube, er versteht gar nicht ordentlich deutsch, weil er selber so kauderwelsch redet, wie ein Slowake!!« und Fritz' spitzes Mausegesicht mit den grellen Schwarzäuglein nahm eine sehr verächtliche Miene an.

»Na, zum Donnerwetter, dann 'rein mit dem Kerl! Verzeiht, liebe Kinder, es ist faktisch eine tolle Zumutung, daß ich wegen dieses Rossebändigers meinen Pudding im Stich lassen soll!« Und die Augen des alten Herrn blickten nach der Silberplatte, auf der sein Leibgericht, köstlich dampfend, soeben in das Zimmer getragen wurde.

Fritze verschwand sehr eilig, und eine Minute später dröhnten des Frantusch Niekchen schwere Nägelstiefel auf dem Parkett.

Die Blicke aller Anwesenden hafteten auf dem hübschen Gesellen mit dem gutmütigen, gebräunten Gesicht und den lebhaft blitzenden Augen, wie er respektvoll vor seinem General strammstand und die Finger an die Hosennaht legte. Groppen stützte die Hand auf das Knie und nickte dem gewissenhaften Burschen in seiner jovialen Weise zu. »Wie heißt du, mein Sohn?«

»Heiß' ik Frantusch Niekchen.« »Bursche bei dem Herrn Premierleutnant von Flanken?«

»Befehll, Herr General.«

»Und du sollst mir persönlich eine Meldung machen?«

»Befehll. Hat Leutnant gesogt: ›Niekchen,‹ sogt er, ›wirst du gehen mit Pferdebahn pascholl zu General von Groppen.‹«

»Gut; und was sollst du bestellen?«

Niekchens blaurote Hand fuhr in momentaner Verlegenheit hinter das Ohr, ein verschmitztes Lächeln zuckte um seinen Mund.

»Is sik Bestellung, wo's is nix so leicht, General. Hot Premierleutnant gesogt, daß ik soll forschen und ausfragen ganz pfiffig, damit sik General nix merken tät.«

Die Damen hielten mit abgewendeten Gesichtern schnell die Taschentücher an die Lippen, und Jolante bekam einen blutroten Kopf.

Herr von Dern-Groppen aber lachte laut auf. »Sei ganz beruhigt, mein braver Frantusch Niekchen, und frage mich getrost aus, ich merke absolut nichts davon!«

Der Ulan blieb todernst. »Hot Leutnant ander Stüberl genommen, und hot grünes Jagdjuppen verschenkt, wo sik Briefeln instaken! Weiß Leutnant meiniges darumb nix genau, ob er hot Einladung erhalten für Ball oder nix Einladung!«

Allgemeine, sehr heitere Erregung an der Tafel.

»Papachen, du hast doch keine Konfusion gemacht?« rief Jolante ungestüm. »Wo hast du denn die Liste?«

»Bleib nur sitzen, Baby,« lachte der Offizier höchlichst amüsiert, »die Sache können wir gleich konstatieren. Leutnant von Flanken – hm – werde sofort mal nachsehen!« Und er schob den Stuhl zurück.

»Aber bester Bruder!« – und Baronin Loguth wies kläglich auf die leckere Puddingscheibe, welche sie ihm soeben auf den Teller gelegt hatte.

»Ja, bestes Dorchen, es tut mir selber leid, aber du siehst, es hilft ›nix‹, der Flanken hat's noch eiliger als ich!« und Groppen erhob sich, ließ seine Leibspeise im Stich und schritt nach seinem Zimmer. Nach einer kleinen Weile kam er langsam zurück, zwei mächtige Listen in der Hand. »Himmel und Leutnants!« murmelte er, »jetzt lernt man erst solch eine strategische Macht kennen, die einen Ballsaal stützt. Hornisch – Plessen – Lanken – Röper – Arprecht – Franken – Heerden – Rankow – Austerlitz – da sieh mal währenddessen diese Reihe durch, Lena – könnt auch mal merken, daß ihr Generalstöchter seid! – Halfingen – Lüthen – Malsburg – Ollmann.«

»Nein, ich finde ihn nicht, Papa!«

»Aha hier!« Groppen blickte auf das Papier nieder und biß sich auf die Lippe. Dann lachte er leise auf und wandte sich in französischer Sprache an seine Angehörigen. »Ja, hier steht er, Kinder! Aber ein Kreuzchen dabei mit der Bemerkung: tanzt nicht; nur Dinereinladungen, das hat mir Ursula gesagt, die mir damals die Visitenkarten der Herren aussuchen half!«

»Aber Papa, das ist unerhört von Ursula!« fuhr Jolante höchlichst alteriert empor. »Er kommt riesig gern und ist amüsanter als viele andere, die wie die Wasserfälle tanzen! Der arme Mensch, nun ist er gewiß beleidigt!«

»Ach, Unsinn! – beleidigt! Du siehst ja, was für Kniffe und Pfiffe der Schlingel in Szene setzt, um noch eine Einladung herauszuquetschen! Na in Gottes Namen, wer gern in mein Haus kommt, ist stets gern gesehen! Laden wir ihn also ein.«

Jolantes Augen leuchteten, der General aber wandte sich zu Niekchen und sprach mit lauter und klarer Stimme seine Instruktion.

»Also zugehört, mein Sohn. Bestelle deinem Herrn Leutnant einen schönen Gruß, und er wäre eingeladen. Verstanden?«

»Befehll!« Anstatt aber kehrtzumachen, richtete sich Niekchen noch strammer denn zuvor auf, holte tief Atem und sagte: »Hot Leutnant meinigtes gesogt, Niekchen, hat er gesogt: wenn ich bin eingeladen, dann bestell Kumpliment höffliches und sog', doß Premierleutnant von Flanken nix kommen kunnte, weil er hat Einladung anders.« Einen Moment starres Anstaunen des biederen Ulanenburschen, dann ein schallendes, haltloses Gelächter, in das der General mit einstimmte, daß er sich die Seiten hielt.

»Und darum durfte mein schöner Pudding eiskalt werden, Kinder!! – Fritze, nimm mal den Frantusch Niekchen mit in die Küche und hänge ihm einen Verdienstorden in Gestalt eines großen Stück Bratens um den Hals, verstanden? und eine Flasche Bier dazu.« Und sich zu dem Genannten selber wendend, fügte der alte Herr voll Humor hinzu: »Es ist gut, mein Sohn, warte in der Küche, bis ich fertig gegessen habe, dann sollst du einen Brief an deinen Herrn Leutnant mitnehmen. Rechts kehrt, marsch.«

»Befehll, Herr General.« Und Niekchen schnellte mit leuchtenden Augen auf den Hacken herum und marschierte hallenden Schrittes nach der Tür zurück.

»Papachen – was – was willst du dem Herrn von Flanken denn schreiben?« fragte Jolante sehr leise, ohne von ihrem Teller aufzusehen. Sie war die einzige gewesen, die nicht mitgelacht, sondern aufsprühenden Blicks sich auf die Lippe gebissen hatte.

Herr von Dern-Groppen schob in bester Laune seinen Teller zurück.

»Ich werde den Herrn von Flanken aus Rache einladen, morgen bei uns zu essen. Dann soll er zur Strafe den kalten Pudding, an dem er die Schuld trägt, bis zum letzten Happen runterwürgen. Hebst ihn auf, Dore, ganz so, wie er da ist, verstanden?« – –

Niekchen aber saß in der Küche und schwelgte in Braten und Salat, und als er die zweite große Portion nicht mehr zwingen konnte, holte er sein baumwollenes Schnupftuch heraus, auf dessen rotem Untergrund die vier Medaillonbilder von Kaiser, Kronprinz, Moltke und Bismarck großartigen Effekt erzielten, breitete es auf dem Anrichtetisch aus und packte Fleisch und Kartoffelsalat ohne jegliche Prüderie hinein.

»Aber Herr Ulan, in Ihr Taschentuch packen Sie das Essen?!« rief Jungfer Minna, die feine Zofe, mit ersichtlichem Nasenrümpfen dem Beginnen zuschauend.

Niekchen sah sie treuherzig an, und da er die Sorge des Fräuleins falsch auffaßte, so beruhigte er sie mit dem Brustton vollster Überzeugung: »Is sik nix schlimm, Marinka, is sik kein neues, propperes Tüchel etwo!! Is sik Tüchel, was ik hob schon seit fünf Wochen in Hose meinigtes! Altes Tüchel, Marinka!«

Und Frantusch Niekchen knüpfte die vier Zipfel sorglich zusammen und transportierte seine kulinarischen Schätze wie in einem Pompadour nach Hause.

III.

Ursula hatte sich über alles Erwarten gut in dem Hause ihrer neuen Pflegemama eingelebt, und als Herr von Kuffstein mit sehr viel Rührung und schwerster Überwindung Abschied nahm, klopfte ihn seine Einzige tröstend auf den breiten Rücken und sagte: »Mach' doch keine Schnacken, Julchen! Was ist denn dabei, wenn ich ein paar Wochen hier bleibe! Wenn mir die Angelegenheit flau erscheint, gehe ich einfach durch die Lappen und komme heim! Gib mir ein bißchen Reisegeld, ja? Die Mama hat ja befohlen, daß ich außer meinem ruppigen Taschengeld, mit dem ich mich höchstens als Sperrgut aufgeben könnte, keinen gebogenen Heller in die Hand bekomme!«

»Du armes Wurm! Na warte, dafür wollen wir schon unser Gegengift verzappen! Meine Tochter und kein Geld haben! Womit sollste denn deine Jugend genießen?! Die Mama hat ja gar keinen Begriff, wie teuer das Amüsieren in der Hauptstadt ist. Da, Fröschchen, pack dir mal diese Scheine hier als ›Rettungsfond‹ in irgendeinen Strump rein; wenn's alle ist, schreibste an mich aparte, verstanden, so ein kleines Zettelchen, das ganz harmlos in einem großen Brief liegt, – – dann schick ich dir ganz ebenso harmlos eine Kiste voll Kuhkäse oder eine Trüffelwurst und dabei eine Portion Silberlinge. Und hörste, Urschel-Purschelchen, daß du dich nicht etwa hier schikanieren läßt! Du tust was du willst, hat dir keine Menschenseele was zu befehlen! Ist ja Unsinn mit der Zierafferei! Ich war mein Lebenlang auch ein frischer, gottwohlgefälliger Kerl, der mit den Flegeljahren siamesisch verwachsen war, und bin doch immer vorweg durch die Welt gekommen!«

Ursulas Augen blitzten. »Ich mich schikanieren lassen?! Ich strecke ihnen die Krallen entgegen wie ein Maikäfer!«

Der Vergleich entzückte Papa Kuffstein und ließ ihn ruhig scheiden. Ursula aber hatte beim besten Willen keine Gelegenheit, Front gegen irgendwelche Hintenansetzung ihrer »konfirmierten Würde« zu machen.

Tante Antigna respektierte die achtzehn ehrwürdigen Lebensjahre ihres Pflegetöchterchens in geradezu wohltuender Weise, und Ursula, die anfänglich voll Mißtrauen die unzähligen Reprimanden, die ihr in Wolkwitz von Mutter und Gouvernanten stündlich zuteil wurden, erwartet hatte, war geradezu verblüfft, daß die Gräfin sie vollständig als Dame behandelte. Diese schien gar nicht anzunehmen, daß Ursula irgendwelchen Verstoß gegen die gute Form begehen könne, und das schmeichelte der Kleinen ganz gewaltig und spornte sie an, ohne daß sie es selber recht wußte, solch ein Vertrauen zu rechtfertigen. Es lag in dem verzogenen und eigensinnigen Wesen des jungen Mädchens, gegen den Befehl oder Verweis ein für allemal zu opponieren; hier hatte sie das nicht nötig, und die kluge Methode der Gräfin, lediglich an das Selbstbewußtsein ihrer Pflegebefohlenen zu appellieren, schien in jeder Weise die richtige zu sein.

Nicht die Hände eines Lehrmeisters sollten diesen spröden Edelstein schleifen, sondern die Klippen und schroffen Kanten des Lebens selbst, durch das die kleine »Preziosa« wohlberechnet und weise geleitet wurde.

Graf Ferdinand Antigna war ein stiller, zerstreuter, von Geselligkeit und Arbeit frühzeitig überanstrengter Mann, der sich seiner Familie selten widmen konnte und selbst die Erziehung seiner Söhne der geistig so bedeutenden Gemahlin ohne Skrupel überließ. – Renée, die blonde, lächelnde Frau, schlank und biegsam wie eine Gerte, führte mit graziöser, aber eiserner Energie das Regiment im Hause, und die Wege, die ihr klarer, scharfer Geist den Personen ihrer Umgebung vorzeichnete, mußten diese wandeln, mochten sie wollen oder nicht. Die Gräfin hatte sich noch nie in ihren Berechnungen getäuscht. Alles war geglückt, so wie sie es ermessen und durchgefühlt hatte. Ihr ältester Sohn war stets ein Muster an Fleiß und Gehorsam gewesen. Seine Begabung war eine ganz außergewöhnliche, sein frühes Examen ein brillantes, er berechtigte seine Eltern und Lehrer zu den stolzesten Hoffnungen, und Gräfin Antigna nahm mit ihrem anmutigen Lächeln die Gratulationen entgegen und gedachte jener Zeit, da Henry das geistig trägste und renitenteste Kind von der Welt gewesen. Mit weichen, aber zwingenden Händen hatte sie das Wunder seiner seelischen Wandlung vollbracht, hatte mit silbernem Hämmerlein so lange Splitter um Splitter gelöst, bis endlich die Lichtblitze der Diamanten aus der schwerfälligen, toten Kohle brachen.

Und mit eben diesem Hämmerlein kluger Berechnung modelte sie jetzt an Ursulas reizendem Bilde, wenngleich ihre Hände dabei still im Schoße lagen und kein leibliches Auge ihre Arbeit schauen konnte.

Die ereignisreiche Stunde hatte, geschlagen, da das kleine Fräulein vom Lande bei Hofe präsentiert werden sollte.

Graf Ferdinand Antigna war mit seiner Familie zur Tafel befohlen, und Ursula, sowie Graf Henry sollten bei dieser Gelegenheit, auf Wunsch der Königin-Mutter, den höchsten Herrschaften vorgestellt werden.

Mit glühenden Wangen und lustblitzenden Augen hatte Fräulein von Kuffstein Toilette gemacht. Die lange Schleppe von Crêpe diamant, überhangen und durchschlungen von perlglitzernden Chenillenetzen, schien ihr ganz besonderen Spaß zu bereiten, und die Füßchen sehr energisch aufsetzend, schritt sie in dem Zimmer auf und nieder, sich des Triumphes zu freuen, daß der »famose Pfauenschwanz« wohl oder übel hinter ihr her mußte! Von irgendwelcher Befangenheit war keine Spur an Ursula zu entdecken. Herzklopfen kannte sie überhaupt nicht, und der Gedanke, daß ein Besuch bei Hofe doch etwas ganz Besonderes sei für ein junges Mädchen, etwas Ähnliches, wie für einen Krieger die erste Schlacht, der Gedanke kam ihr gar nicht in den Sinn. Sie freute sich, wie sie sich stets freute, wenn »was los war«, und war überzeugt davon, daß man im Palais ihren Besuch genau so als Ehre und Auszeichnung würdigen werde wie daheim, wenn die kleine Tyrannin von Wolkwitz bei dem Bürgermeister von Dassewinkel mit »Vieren lang« vorfuhr.

Sie imponierte einstweilen der Kammerjungfer ganz gewaltig mit ihren Plänen, was für forsche Geschichten sie der Königin- Mutter oder der Prinzessin Kordelia erzählen wollte, und versicherte noch einmal, es fiele ihr ja gar nicht ein, sich bei dem Kompliment auf die Hacken zu setzen, das könne sie nicht, ihre Kratzfüße waren ja bis jetzt immer schön genug gewesen! Gräfin Antigna hatte ihr nämlich gezeigt, wie man sich vor den Herrschaften zu verneigen habe, und Ursula hatte sich halb tot gelacht und gesagt: »Nee, das tue ich nicht, Tante, da kann ich mich ja lieber gleich rollen!«

»Das ist deine Sache, liebes Kind, ich denke, du wirst dich benehmen wie alle andern Damen und nicht wie ein Baby, das ein Knickschen macht.«

»Baby oder nicht Baby! Das ist mir ganz schnuppe, ich mache alles wie ich's sonst mache!«

Die Gräfin wechselte mit feinem Lächeln das Thema. Und nun stand Papa Kuffsteins Herzblättchen im Salon und wartete auf ihre gräflichen Pflegeeltern. Sie sah reizend aus, so zierlich, keck und elegant, als wäre sie eben aus dem Modejournal herausgesprungen.

Nebenan im Boudoir erklangen Stimmen. Tante Renée und ihr Sohn schienen einen kleinen Wortwechsel zu haben. Ursula knöpfte gelassen ihre Handschuhe zu. – Henry war ein Stiesel! Soviel stand bombenfest. So albern wie er hatte sich noch kein Mensch gegen sie benommen. Eigentlich kannte sie ihn gar nicht, denn freiwillig hatte der junge Mann nie ein Wort an sie gerichtet. Sie sah ihn auch nur bei den Mahlzeiten, und zwar hatte er am ersten Tage an ihrer Seite gesessen, als aber Ursula, den Verkehr auf fröhliche Weise etwas anzubahnen, ihm meuchlings eine heiße Kartoffel auf die Hand legte, schien er in dämlichster Weise verschnupft zu sein, denn andern Tages hatte er mit seinem Mentor den Platz gewechselt und saß ihr nun gegenüber. Ursula dachte in gerechtem Zorn: »Du kannst mir den Buckel 'nauf steigen, bis ich mit dir wieder mal einen Witz mache!« und wartete, bis er gefälligst eine Unterhaltung beginnen würde. Das geschah aber nicht; im Gegenteil, Henry schien jede Gelegenheit zu vermeiden, sich an die junge Dame zu wenden, nur seine finsteren, »unterirdischen« Augen schickten gelegentlich einmal einen schnellen Blick unter den schwarzen Wimpern zu ihr hinüber. – Was man wohl so lebhaft zu verhandeln hatte nebenan? Ursula schlug die Füßchen übereinander und gähnte.

»Und trotzdem wiederhole ich dir meine Bitte, Mama,« klang Henrys Stimme leise zu ihr herüber, »und bei Gott, mit gutem Grunde. Wenn ich jetzt, da ich noch mitten im Studium stehe, sofort mein Doktorexamen absolviere, ist es halb so mühevoll für mich wie in Jahresfrist, und daß ich jetzt bei der Arbeit bleibe ohne mich zu zerstreuen, das Interesse meiner Lehrer in fleißigem Streben ausnutze, ist für meine ganze Zukunft von der äußersten Wichtigkeit –«

»Gewiß, my boy! Das sehe ich vollkommen ein und will dich deinen Studien durchaus nicht entziehen; aber ich verlange, daß sie dich nicht vollständig absorbieren, daß den Glanz deines Wappenschildes kein Bücherstaub überzieht, daß du über den Doktor nicht den Grafen Antigna vergißt, der die ersten und größeren Rechte an dich besitzt! Du weißt, daß dein Vater in den nächsten Tagen nach dem Süden abreisen muß, daß es sein und mein Wille ist, unsern Namen durch dich bei Hofe vertreten zu lassen! Du hast den Platz, den Generationen mit Blut, Ehre und Gut erkämpft und durch Jahrhunderte behauptet haben, als ein heiliges Vermächtnis zu betrachten! Der Name deiner Urväter muß ununterbrochen, wie ein stolzes Echo vor den Ohren der Höchsten weiterklingen, damit die Hofluft, die so gern ausmerzende, ihn nicht verwehen kann. Dein Fleiß und deine Begabung werden die kurze Spanne Zeit, die du deinen Studien entziehst, bald wieder einholen.«

»Nicht das ist es, Mama, nicht das!« Die Stimme des jungen Mannes klang im Gegensatz zu dem ruhigen, kühlen Organ der Mutter erregt und zitternd. »Warum zwingst du mich, mich selber so vor dir zu demütigen und mit Worten auszusprechen, was du ahnst und weißt! Du hast jene Kämpfe mit mir durchlebt und durchlitten, die mich zu einem strebenden Menschen gemacht haben. All mein Fleiß, all meine vermeintlichen Fähigkeiten sind Unnatur, deine eiserne Strenge, für die ich dir dankend die Hand küsse, haben jene glänzenden Eigenschaften wie einen Panzer um mein ureigentliches ›Ich‹ geschmiedet. Das leichtsinnige, leidenschaftliche und zügellose Blut der Antigna, das schon als Knabe in mir revoltierte, liegt dahinter in Banden und Ketten. Arbeit und Streben sind mir zur Gewohnheit geworden, weil du es so befahlst, du hast sie mir aufgepfropft, wie einen edlen Zweig auf wilden Schößling. Jetzt aber will das fremde Element mir in Fleisch und Blut übergehen, die Arbeit beginnt meine Passion zu werden. Die neuen Forschungen und Experimente des Professor K. regen und reizen mich unendlich an, es ist mir gelungen, seine Forschungen zu unterstützen, wie du weißt, und darum möchte ich die Medizin, diese Wissenschaft, die ich aus privatem Interesse betrieb, nun endgültig zu meiner Karriere wählen, will den Referendar an den Nagel hängen und noch einmal von vorne anfangen, um das zu erreichen, was mir aus Überzeugung als ein köstlich hohes Ziel erscheint. Dazu aber ist mir jede Minute unentbehrlich! Die Nächte, die ich sinn- und zwecklos im Ballsaal vergeude, werden zu Felsen, die sich mir in den Weg türmen, denn K. bleibt nur noch diesen einen Winter hier und geht dann wieder in den Orient zurück.«

»Henry, verlange ich etwa, daß du Nacht für Nacht ausschwärmen sollst? Die paar Hofbälle, die du besuchen wirst, sind gar nicht der Rede wert, und nebenbei hast du massenhaft Zeit, deinen Lorbeer zu pflegen, wenn du es nun einmal nicht lassen kannst! Du hast mich bis jetzt für die Gegnerin deiner Zukunftspläne

gehalten, hast geglaubt, daß es mir Nervenschütteln verursachen würde, meinen Sohn als praktizierenden Arzt im Dienst von hoch und niedrig zu wissen. Du irrst. Es wird mein Stolz und Triumph sein, der Welt einen bedeutenden Gelehrten geschenkt zu haben, und kannst du durch dein Wissen ein Helfer der Menschheit werden, so wirst du es nie mehr nach dem Herzen deiner Mutter sein, als dann, wenn du in die Hütten der Armut trittst. So denke ich über deinen künftigen Beruf, Henry.«

Ursula hörte die Goldspangen am Handgelenk der Gräfin leise klingen, als habe ihr Sohn die schlanke Rechte hastig an die Lippen gezogen, dann sprach die klare Stimme in demselben ernsten Ton weiter.

»Du bist aber nicht allein ein geistig bevorzugter junger Mensch, Henry, du bist es auch durch deine Verhältnisse, du bist nicht allein ein zukünftiger Volksbeglücker, du bist auch ein Graf Antigna. Pflicht stellt sich neben Pflicht, und die ältere ist die berechtigtere. Du hast zu tun, was du deinem Namen schuldig bist, erst er, dann der Titel! Wer zwingt dich, dein Ziel im Sturm zu erreichen? Erst wenn du der Vergangenheit, dem Andenken deiner Väter den schuldigen Tribut gezahlt, darfst du an deine Zukunft denken!«

»Mama – mich jetzt aus meiner Bahn herausreißen, mir Welt und Leben zeigen, heißt die Zukunft opfern!«

»Inwiefern?«

Seine Worte klangen erstickt, wie in flehender Warnung. »Ich kenne mich besser, als du mich kennst, Mutter. Ich weiß, welchen schweren Kampf ich gegen meinen Charakter zu bestehen habe. Ich bin ein Einsiedler, ein menschenscheuer Narr geworden, weil ich es nicht wagte, mich einer Versuchung auszusetzen, ich hätte ihr nicht widerstanden. Ich bin ein Antigna. Leben genießen, die Jugend verträumen und verjubeln ist das Erbteil unseres südländischen Blutes. Mein Leichtsinn ringt mit meinem Pflichtgefühl, und wenn letzteres jetzt nicht den Sieg gewinnt, – dann erringt es ihn nie.«

»Du bist ein Phantast, mein lieber Henry. Der Verkehr bei Hofe verträgt sich mit den solidesten Ansichten!«

»Er ist der Anfang vom Ende! Er ist jener erste Stern am Himmel, dem Tausende folgen, und wenn man einmal seinen Glanz geschaut, gewöhnt man sich nie wieder an die Dunkelheit.«

»Wie viele Jahre völliger Zurückgezogenheit würde dein Studium bedingen?« fragte die Gräfin herb.

»So viele Jahre – bis ich auf der Höhe meines Zieles stehe, bis ich die letzte Staffel der Wissenschaft erklommen!« murmelte er durch die Zähne.

»Wie? – Bis du Professor bist?«

»Ja, und ein bekannter Name unter den Koryphäen!«

Die Gräfin atmete tief auf. »Niemals!« entgegnete sie dumpf. »Du bist unser ältester Sohn, du bist, sobald dein Vater ins Ausland gesandt wird, der Repräsentant unseres Namens am hiesigen Hofe. Auf das Heranwachsen deines zehnjährigen Bruders kann nicht gewartet werden; das wirst du begreifen.«

»So habe ich also zu wählen. Entweder eine Zukunft, reich an Segen, an Verdienst und Ehre, ein Retter und Helfer für Tausende – oder ein träges Dahinschreiten durchs Leben, ein Genießen und Streben, das schließlich im Kammerherrnschlüssel und, wenn's hoch kommt, in dem Bewirtschaften der Güter gipfeln wird, – ein Strohmann, der den Wappenmantel auf den Schultern spazieren trägt. Du hast mir bis jetzt befohlen, was ich sein und was ich nicht sein soll, Mama – befiehl's auch jetzt.«

Henry war an die Tür getreten und hatte sie geöffnet; hoch aufgerichtet stand er, die Türklinke in der Hand, und wartete der Antwort. Ursula konnte in das Boudoir sehen. Sie schaute just auf die Gräfin, die ruhig und bestimmt wie stets vor ihrem Sohn dastand und den wundersamen Blick fest auf sein Antlitz heftete.

»Beides sollst du sein, eines nach dem anderen, Henry, das wünsche ich von Herzen. Muß jedoch ein Opfer gebracht werden, so darf es für den Grafen Antigna meiner Ansicht nach gar keine Wahl geben. Vollende deine Toilette, mein Sohn; der Wagen, der dich deinem Fürsten und Landesherrn zuführen soll, wird in einer Viertelstunde vor der Tür stehen. Auf Wiedersehen, my boy, nicht mehr mit dieser finsteren Stirn, sondern stolz wie ehemals die Knappen, wenn sie ein königlich Schwert zum Ritter schlug!«

Und die Gräfin lächelte ihm anmutig zu und reichte die Hand dar. Henry küßte sie. »Ich werde bereit sein, Mama.« Und dann trat er über die Schwelle und schloß hinter sich die Tür.

Als er das Zimmer durchschreiten wollte, erblickte er Ursula und wich bei ihrem Anblick frappiert zurück. Er sah sehr bleich aus, und seine Augen, die zum erstenmal dem Blick des jungen Mädchens in vollem Anschauen begegneten, waren von dunkelsprühendem Glanz.

Einen Augenblick starrte er auf die farbenprächtige Erscheinung, dann legte er schnell die Hand gegen die Stirn, als besänne er sich.

»Wir sind Schicksalsgenossen? Auch Sie werden heute zum erstenmal Hofluft atmen, Fräulein Ursula?«

Noch niemals zuvor hatte er sie angeredet, groß und überrascht blickte sie zu ihm auf.

»Na gewiß! Ich komme mir vor wie ›das kleine Lämmlein weiß wie Schnee‹, das mit einer Strippe um den Hals auf Grasung geführt wird!«

Er lächelte zerstreut. »Sie tragen Mohnblüten im Haar und an der Brust – aus Zufall?«

»Tante Renée hat sie ausgewählt; vielleicht will sie den Leuten gleich ›durch die Blume‹ sagen, daß ich noch ein riesiges ›Mohnkalb‹ bin!« Und Fräulein von Kuffstein belachte ihren vermeintlichen Witz mit lautester Stimme.

Henry biß sich leicht auf die Lippe, ohne mitzulachen. »Wir wollen die gleichen Farben tragen. Sie offiziell, und ich symbolisch und versteckt. Geben Sie mir, bitte, eine dieser roten Blumen der Vergessenheit und Betäubung, ich bitte Sie darum!« Er sprach hastig und leise, den Blick unverwandt auf den Blütenstrauß an ihrer Brust geheftet.

»Meinetwegen! Kleben Sie sich diesen ritzebrandfarbenen Kladderadatsch ins Knopfloch! Puterhähne wird's ja nicht geben, die wir wild machen.«

Er nahm schnell die Blume, verneigte sich dankend und war im nächsten Augenblick hinter der Tür verschwunden.

»Ein verdrehtes Subjekt!« dachte das kleine Fräulein vom Lande. »Ich bin wirklich gespannt, ob er mit dem roten Auswuchs über dem Magen losziehen wird!« Und sie erhob sich und rauschte, rückwärts nach der Schleppe blickend, vor den Spiegel, um das derangierte Bukett wieder zurechtzuzupfen. – Wie lange das nur dauerte, bis der Wagen kam, bis Tante Renée im fliederfarbenen Moirée antique über die Schwelle trat. Wie schön sie aussah! Wie die leuchtenden Falten der Schleppe bei ihr soviel gleichmäßiger über das Parkett wogten als bei Ursula. Sie bewegte sich aber auch viel langsamer und gemessener, während sich die Kleine so lebhaft hin und her drehte, daß sich der Stoff in unschönster Weise um die Füße wickelte. Die Gräfin hatte es gesehen und gelächelt, aber kein Wort gesagt. Das machte Ursula verlegener als ein Verweis, darum wollte sie es auch um die Welt nicht wieder zeigen, wie ungewohnt ihr solche Courschleppen waren. Sie beobachtete jede Bewegung der Palastdame und kopierte sie mit der ihr eigenen Grazie und Geschicklichkeit. Und wieder lächelte die Gräfin, aber diesmal unbemerkt. Endlich lag der Pelz auf den Schultern der beiden Damen, endlich bestieg man die wartende Galaequipage im Hausflur.

Graf Ferdinand und sein Sohn, der zu Ursulas großer Überraschung die Mohnblüte nicht angesteckt hatte, folgten in einem zweiten Wagen.

Übermütiger als je benahm sich der kleine Wildfang aus Groß-Wolkwitz. Der Himmel hing ihr voller Baßgeigen, sie schwatzte und lachte und kannte auch nicht das mindeste Gefühl von Scheu und Beklommenheit. Sollten sich Gräfin Antigna und Graf Lohe doch verrechnet haben? Sollte dieses unberechenbare Puckchen dennoch leichter sein als die Hofluft, die seine kecken Flügelchen vielleicht nicht niederdrückt, sondern, im Gegenteil, von ihnen in launigem Spiel durchkreuzt wird? – – Abwarten!

Der Lichtglanz der hohen Gaskandelaber brach sich in den geschliffenen Wagenfenstern, die Equipage sauste die Auffahrt empor und zwei Lakaien sprangen ans dem Portal hervor, den Schlag aufzureißen.

»Doar bün ick, sprak de Swinegel!« rezitierte Fräulein von Kuffstein voll großen Behagens, klappte dem Lakai mit dem Fächer auf die dargereichte und dann sehr überrascht zurückgezogene Hand, und sprang dann ohne Hilfe auf den Teppich nieder.

Mit neugierigen Augen schaute sie sich in dem Vestibül um. »Ah, sieh mal, Tante, die beiden Marmorkerle haben wir zu Hause auch! Bei uns steht aber noch der ›Stierbändiger‹ in der Mitte, dem ich mal Papas alte Lederhosen angeklemmt hatte, als der Landesdirektor zum Diner erwartet wurde!«

Ihr Lachen klang sehr absonderlich in dem feierlich stillen, hochgewölbten Raum. Tante Renée wandte sekundenlang das Haupt und sah sie starr an. Und wie Ursula die Gesichter der Lakaien ansah, ernst und würdig, wie sie die junge Dame anstarrten,

wie eine Vision, da hatte sie unwillkürlich das Gefühl, als sei sie in der Kirche.

Lautlos wurden die Pelze von den Schultern genommen, und als Graf Antigna an einen der Kammerdiener eine Frage mit halblauter Stimme richtete, antwortete dieser mit tiefer Verneigung im Flüsterton.

»Du, sag' mal, Tante, nach was riecht es denn nur hier?« fragte plötzlich Ursula laut.

» Ambrée,« sehr leise klang es von den Lippen der Gräfin, und ihre Augen sahen aus, als ob sie dabei dächte: »Das weißt du nicht?« – – Und die Lakaien sahen sie ebenfalls groß und starr an – – abscheulich!

»Was glotzen die Kerle mich denn nur so an?« wandte sich Ursula ganz nervös an Henry.

»Wir sind im Palais, Fräulein Ursula!« klang es voll leisen Vorwurfs zurück.

»Das fängt ja recht lustig an! Wird denn hier niemals laut gesprochen?« Keine Antwort.

Ursula wurde ganz kleinlaut. Ambrée? – – Nein, das kann unmöglich Ambrée sein, das Parfüm gibt's auch in Groß- Wolkwitz, aber hier, hier liegt so etwas ganz Eigentümliches in der Luft, es benimmt förmlich den Atem und geht so kühl durch alle Glieder, und dazu mag sie hinsehen, wohin sie will, überall starren sie ein Paar ernste, feierliche Augen an.

»Bist du bereit, Ursula?«

»Selbstverständlich, längst!« Ganz unwillkürlich hat die Kleine das helle, lachende Organ gedämpft. Der Graf bietet seiner Gemahlin den Arm, sie die breite Marmortreppe mit dem blausamt gepolsterten Geländer von vergoldetem Schmiedeeisen emporzuführen.

Ursula und Henry folgen. Auf den Absätzen stehen vielarmige Bronzeleuchter zwischen Palmengruppen, Gobelins mit verschiedenartigsten Darstellungen bekleiden die Wände, und prächtige Malereien unterbrechen den prunkvollen Stuck des Plafonds. Kein Laut, kein Lachen, kein Wort, Teppiche dämpfen den Schritt, und überall weht die absonderliche Luft, die sich wie ein kühler Finger auf Ursulas Lippen legt.

Flügeltüren werden aufgerissen, ein Lichtmeer schimmert den Eintretenden entgegen. Gott sei Lob und Dank, auch Stimmen schwirren in zwar nicht sehr lauter, aber animierter Unterhaltung ihnen entgegen. Ursula atmet erleichtert auf, ihr Blick schweift zu dem Antlitz ihres Begleiters empor. Seltsam verändert ist es, heiße Röte brennt darauf, und seine Augen blitzen, da ihr Blick die Pracht des Gemaches und die anwesenden Persönlichkeiten umfaßt.

Zum erstenmal im Leben hat das junge Mädchen das Gefühl, als müsse sie bleicher denn sonst aussehen. Die kühle Luft, die so feierlich durch das Vestibül wehte, ist ihr auf die Nerven gefallen. Jetzt wird es bald anders werden.

Graf Ferdinand und seine Gemahlin begrüßen sich mit den anwesenden Herrschaften in sehr freundschaftlicher und wohlvertrauter, aber dennoch durchaus formvoller Weise. Ein kordialer kleiner Schlag auf die Schulter oder ein Fächerstoß in den Rücken, wie Ursula in den heimischen Kreisen gern ihr Erscheinen im Salon ankündigte, scheint hier eine Unmöglichkeit zu sein. Die Kleine sieht sich die Begrüßungsszene mit großen Augen an und findet es im Grunde furchtbar albern, daß Menschen, die schon jahrelang bekannt sind, sich derart beknicksen!

Gräfin Antigna ist zu den beiden Hofdamen der Königin- Mutter getreten, ihnen die Hand zu drücken. Die Blicke begegnen sich wie in heimlichem Einverständnis und schweifen dann weiter zu Ursula, die ein Wink der graziösen Hand Renées an die Seite der Pflegemutter ruft.

»Gestatten Sie, liebe Komtesse, daß ich Ihnen mein kleines foster-child Ursula von Kuffstein vorstelle!« lächelt sie. »Ein soeben flügge gewordenes Küchelchen, das sich den Winter über bei uns amüsieren will! Bestes Fräulein von Jäten, es auch Ihrem Wohlwollen!«

Ursula gedenkt daran, daß sie absolut keinen so dämlichen tiefen Knicks machen will. Sie blickt lachend zu der Komtesse mit den goldblonden Stirnlöckchen und dem feinen englischgeschnittenen Gesicht empor und nickt ihr, sowie Fräulein von Jäten huldvoll zu.

»Und wie amüsieren!« bekräftigt sie, ohne eine Anrede abzuwarten, »den einen Abend schwofen und den andern ins Theater gehen und zwischendurch sich bei Diners rumfuttern! Nicht wahr, Tante Renée, so flott muß es gehen, daß wir rein die Puste verlieren!«

Wie komisch! Die beiden fremden Damen hatten sie doch erst so freundlich und vergnügt angesehen. Jetzt mit einem Male machten sie dieselben runden Glasaugen wie vorhin die Lakaien, hoben das Haupt steif in den Nacken und wechselten dann untereinander einen sehr eigentümlichen Blick. »Es soll mich freuen, Fräulein von Kuffstein, wenn Sie in unsern Kreisen heimisch werden!« entgegnete Komtesse von Wartenvogt mit ihrer zarten, silberhellen Stimme und sah dabei ziemlich hochmütig aus; sie wandte sich dann zu Gräfin Antigna und fuhr ganz verändert, heiter und liebenswürdig fort: »Welche Freude, daß wir endlich auch Ihren Herrn Sohn unter uns begrüßen können, beste Gräfin, er nimmt hoffentlich noch Gratulationen zu dem brillant bestandenen Examen entgegen!« und sie nickte bereits mit lächelndem Mündchen dem Grafen Ferdinand zu, der soeben mit Henry herantrat, den Erben seines Namens der Huld der beiden Damen zu empfehlen.

Ursula bemerkte es höchlichst verwundert, daß sie dastand wie Butter an der Sonne, ehe sie aber eigenmächtig wieder eine Unterhaltung anknüpfen konnte, nahm Tante Renée abermals ihre Hand. »Komm, mein Herzchen, ich möchte dich Exzellenz Langern, der Gemahlin des Landstallmeisters, zuführen; die beiden andern alten Damen sind Generalinnen.«

»Wenn doch lieber die Königin-Mutter kommen wollte!« grollte die Kleine, sich sehr unbehaglich fühlend. »Bis jetzt ist noch gar kein Witz bei der ganzen Sache.«

Diesmal fielen aber die Knickse schon bedeutend tiefer aus, und als sich das magere, scharfgeschnittene Gesicht der Exzellenz ihr zuwandte, sank Ursula ganz unwillkürlich noch etwas mehr in sich zusammen.

»Ah, Kuffstein!« nickte die alte Dame, das Antlitz für einen Moment in freundliche Fältchen zwingend, »ist mir ja sehr interessant, meine teuerste Gräfin! Das einzige Töchterlein unserer scharmanten Valeska Sasseburg-Öhrten, der ehemaligen Hofdame der Prinzeß Ludwig!« erläuterte sie den umstehenden Damen mit sehr wohlwollendem Stimmklang. »War mir stets eine äußerst sympathische Erscheinung! Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, mein liebes Fräulein von Kuffstein, Sie müssen mir viel Hübsches von Ihrer idealen kleinen Mama erzählen!«

»Die alte Schachtel meint's wenigstens gut!« dachte Ursula, und darum streckte sie ihr wie einem guten Kameraden die Hand entgegen und erwiderte vergnügt: »Schön guten Tag, Exzellenz! Wenn ich Ihnen viel Erfreuliches von Mockelchen erzählen soll, muß ich Ihnen den Buckel voll-lügen, sonst weiß ich faktisch nicht, wie ich's machen soll!« Sie wollte lachen, verstummte aber ganz erschrocken bei der jähen Wandlung im Gesicht der Landstallmeisterin. Die »Katzenpfötchen«, jene hundert kleinen Fältchen der Freundlichkeit, waren von den Augenwinkeln wie weggeblasen; die dargebotene Hand schien sie sowieso zu übersehen, aber nun machte auch sie die entsetzlichen Augen, deren Marmorblick die Beherrscherin von Wolkwitz bis in Mark und Bein hinein frieren ließ, diese gräßlichen Augen, die eine so unheimliche Wirkung auf Ursula ausübten! Und wohin sie schaute, überall starrten sie dieselben Blicke an! Die beiden Hofdamen, die lauschend die Köpfe herumgedreht hatten, die Kammerherren und Adjutanten, die näher herangetreten waren, um sich der jungen Dame vorstellen zu lassen, alle standen da wie versteinert und sahen sie an, und dann sanken die Lider über die Augen, und sie fuhren in ihrer Unterhaltung fort.

Ursula aber hatte die Empfindung, als ob sie dieselbe kühle, atembenehmende Luft anwehe, wie in dem Vestibül drunten, eine Luft, die all ihren Übermut lähmte und die nämlichen Eigenschaften zu besitzen schien, wie ein Kappzaum, der den kecken kleinen Füllen angelegt wird. – Wenn die Menschen doch spöttische, oder mokant boshafte Gesichter machen wollten, dann würde Ursula wissen, woran sie wäre und aus lauter Trotz erst recht übermütig sein, aber dieses starre Ansehen hatte nichts Beleidigendes, sondern nur etwas gräßlich Deprimierendes. Was hatte sie denn nur getan?

Aha! Mademoiselles Lehren fielen ihr ein: »Bei Vorstellungen hast du abzuwarten, ob die betreffenden Damen dich anreden – du hast niemals einer älteren Dame zuerst die Hand zu reichen – du hast auf ihre Fragen respektvoll und manierlich zu antworten!« Das wird's wohl gewesen sein, was die Leute so verschnupft hat! Na, in Zukunft kann ich ihnen ja den Willen tun und mich wie eine Drahtpuppe benehmen! Wie es sein muß, weiß Ursula ganz genau, aber sie hat sich niemals nach Vorschriften gerichtet. Wieder steht sie für ein paar Augenblicke ignoriert. Tante Renée spricht mit gedämpfter Stimme mit den alten Damen, und die Exzellenz verzieht den Mund zu feinem Lächeln.

Graf Antigna stellt Ursula die verschiedenen Herren vor, diese verneigen sich stumm und ziehen sich wieder zurück.

Abermals steht Ursula allein. In ihren Füßen liegt's wie Blei; sie, die sonst kommandierend und schwadronierend kreuz und quer durch jeden Salon geschlendert ist, wagt hier kaum noch den Kopf zu wenden.

Da tritt die Exzellenz wieder zu ihr heran und fragt freundlich, ob die arme Mama immer noch leidend sei?

Ursula macht einen Knicks und antwortet so nett und wohlgesittet, als wolle sie sich alle Mühe geben, die Scharte von vorhin wieder auszuwetzen. Und dann tritt auch Komteß Wartenvogt zu ihr heran und fragt, ob Ursula schon am Hof verkehrt habe, oder ob es ihr lieb sei, hier und da in ungewohnten Situationen einen kleinen Wink zu erhalten.

»Ach ja, drillen Sie mich, bitte, ein bißchen zurecht!« nickte die Kleine voll treuherzigen Eifers, »es ist mir gräßlich, wenn die Leute mich mit solchen Rollaugen anglumpschen! Ich kann doch nichts dafür, daß ich eine so ungebildete Landpomeranze bin!«

»Aber, mein liebes Fräulein von Kuffstein!« schüttelt die junge Dame mit erzwungenem Ernst das blonde Köpfchen. »Das wird niemand von Ihnen sagen und denken, wenn Sie sich den Formen anpassen, die hier nun einmal innegehalten werden müssen. Alles ist ja so leicht und einfach! Reden Sie in der ersten Zeit recht wenig, dann sind Sie sicher, nichts Ungehöriges zu sagen, benehmen Sie sich so, wie Sie es bei uns sehen, und kein Mensch wird ahnen, daß Sie noch fremd in unsern Kreisen sind. Was Ihnen zuerst Studium ist, wird Ihnen dann spielend zur Gewohnheit.«

Ursula schob die Unterlippe ein wenig vor. »Ich finde dann den Spaß, an Hof zu gehen, aber recht mäßig!«

»Das werden Sie nach dem ersten Hofball nicht mehr sagen. Treten Sie jetzt zur Seite neben Ihre Frau Tante, die Herrschaften werden sich sofort durch jene Tür hierherbegeben.«

Das Aufstoßen des Stabes meldete Ihre Majestät die Königin-Mutter. Die breiten Flügeltüren schlugen auseinander, und die hohe Frau trat langsam, das Haupt nach allen Seiten neigend, in den Empfangssalon.

Die imposante Feierlichkeit dieses Augenblicks machte auf Ursula einen tiefen Eindruck, und um die Lippen der Gräfin Antigna, die ihre Schutzbefohlene heimlich beobachtete, spielte ein Lächeln freudigster Genugtuung.

Der Cercle der anwesenden Damen und Herren, der sich vor den eintretenden Herrschaften gebildet, begrüßte diese mit einer langen und ehrerbietigen Verneigung, und Gräfin Antigna, im Dienst einer Palastdame, trat etliche Schritte vor und küßte die gnädig dargebotene Hand der Gebieterin.

Die Königin-Mutter war eine hohe, imposante Frauengestalt, an der die Pracht einer schwarzen Samtrobe in schweren Falten niederfloß. Weiße Perlen von seltener Schönheit bildeten in langen Gehängen ihren Schmuck, und auf dem ergrauten, leichtgelockten Haupthaar lag ein schwarzer Spitzenschleier, den ein perlengeschmücktes Samtdiadem, in Form einer Witwenflebbe, zusammenhielt. Das Antlitz der fürstlichen Frau war trotz seiner scharf- und geistvoll geschnittenen Züge von einem Ausdruck ernster, beinahe wehmutsvoller Milde beseelt.

Im Gefolge der Königin traten die zur heutigen Tafel anwesenden Mitglieder der erlauchten Familie ein. Die älteste zum Besuch weilende Tochter, Herzogin von Würzburg nebst ihrem Gemahl, sowie Prinzessin Kordelia, Nichte der Königin und Tochter des verewigten Prinzen Franz, sowie der jüngste Sohn Ihrer Majestät, Prinz Theobald, letzterer die Uniform seines Garde-Grenadierregiments tragend.

Ursulas Herz schlug bis zum Halse hinauf, als Gräfin Antigna ihre königliche Herrin mit lauter Stimme um die Erlaubnis bat, Fräulein Ursula von Kuffstein präsentieren zu dürfen. Wieder diese furchtbare Stille, wieder dieses stumme Anstarren aus aller Augen, wieder diese kalte Luft, welche durch alle Nerven rieselt.

Ursula fühlte ihre Knie beben, sie sank in tiefer, tiefer Verneigung vor der hohen Frau zusammen und wagte kaum die Wimpern zu heben.

Sehr huldvoll und gnädig schlug die volle Altstimme der Königin an ihr Ohr, eine Frage nach der Mutter, die noch wohl bei ihr in Erinnerung stehe, und die Äußerung, daß deren Tochter in diesen Räumen, die lange Jahre hindurch die Heimat der ehemaligen Hofdame gewesen, freundlich willkommen geheißen sei! – Wo waren Ursulas keckliche Illusionen geblieben! Kaum, daß sie es wagte, die schüchternste Antwort zu stottern.

»Sie hat Valeskas Augen geerbt, sonst finde ich jedoch keine Ähnlichkeit und keinen Zug aus der Sasseburgschen Familie!« bemerkte Ihre Majestät noch, mehr zu ihrer Palastdame gewandt, und dann schritt sie mit abermaligem Kopfneigen weiter, Henry und die andern Herrschaften durch eine Anrede auszuzeichnen. Auch die Herzogin von Würzburg richtete ein paar freundliche Worte an Ursula, und Prinzessin Kordelia reichte ihr mit einem unendlich anmutigen Lächeln sogar die Hand und war von so herzgewinnender Liebenswürdigkeit, daß der kleine Wildfang aus Groß-Wolkwitz erleichtert aufatmend das Köpfchen hob und wieder fester auf den Sohlen der weißen Atlasschuhe stand. Mit staunendem Entzücken weilte ihr Blick auf der Prinzessin, die in ihrem weißen Spitzenkleid zart und liebreizend wie ein Duftgebilde vor ihr stand. Die kurzgeschnittenen Löckchen umrahmten das rosige Gesichtchen, das wie das des gütigsten Engels mit samtschwarzen Augen zu ihr herniederlächelte. Jede Bewegung war graziöse, mädchenhafte Würde, jedes Wort vornehme Natürlichkeit.

Ursulas Befangenheit war wie durch einen Zauberschlag verflogen, und dennoch klopfte ihr Herz vor Angst, irgend etwas Ungehöriges zu tun. Sie würde es ja gar nicht überleben, wenn sich auch die Augen der Prinzessin Kordelia so unheimlich starr auf sie heften wollten, wie die der andern Leute. Bei Tafel überwand Ursula den letzten Rest ihrer Scheu. Sie saß der Prinzessin gegenüber, einen sehr liebenswürdigen Kammerherrn auf der einen und Graf Henry auf der andern Seite. Ihre Lebhaftigkeit, stets rechtzeitig gezügelt durch Gräfin Antignas warnenden Blick, mutete durch ihre naive Frische an, und die Palastdame sah mit Stolz auf ihre beiden Schutzbefohlenen, denen sie die Hofluft als heilsame Arznei verschrieben. Ihr menschenscheuer Sohn schien deren ersten Tropfen mit vollem Behagen zu schlürfen. Seine Lippen blieben zwar noch stumm, aber seine Stirn war heiß gerötet, und seine Augen, die wie gebannt an Prinzessin Kordelia hingen, leuchteten in heißer, leidenschaftlicher Glut.

Seltsam, rote Mohnblüten schmückten auch die Brust der jungen Fürstin.

IV.

Als der Premierleutnant von Flanken den Brief des Generals von Groppen gelesen und Niekchens sehr vergnügten, ausführlichen Bericht der Expedition angehört hatte, setzte er sich langsam auf den nächststehenden Holzschemel nieder und ließ die Hände schlaff herniederhängen.

»Wann mich jetzt nit der Schlag rührt – nachher tut er's nimmer!« stöhnte er, in seinem heimatlichen Dialekt sprechend, was er stets tat, wenn ihn seine Gefühle übermannten, und dann wandte er den Kopf zu dem seitwärts stehenden Frantusch und sagte lakonisch: »Niekchen, einen Schnaps!«

Und der biedere Wasserpolacke öffnete behend den kleinen Eckschrank, in dem sein Gebieter stets einen »Ohnmachtshappen« in Form eines gigantischen Schwartenmagens oder Edamer Käses bereitstehen hatte, ergriff die dickbauchige Flasche, darinnen ein derber Gilka gluckerte, und kam den schwer geprüften Nerven seines Leutnants zu Hilfe.

»So; und nun die erste Garnitur!«

Mit schwerem Stoßseufzer kleidete sich Flanken um, nachdenklich vor sich hinstarrend, und dann und wann einen Gedankensplitter

im Selbstgespräch publizierend: »Eine nette Bescherung! – eine angenehme kleine Visite – Bomben-Hagel-Element – jetzt kann mir der heilige Münchhausen beistehen, daß ich mich aus der Soße wieder herauslüge!«

Niekchen stand in unbehaglichem Nichtbegreifen seines Herrn mit der Kleiderbürste bereit und kratzte in der Angst seines Herzens drauf los, als wolle er den Rücken des Herrn Leutnants so spiegelblank wichsen wie seine Stiefel.

Endlich legte er ihm den Paletot über die breiten Schultern, und Flanken klirrte mit umwölkter Stirn nach der Tür. Er war schon halb hinausgetreten, als er sich noch einmal umwandte: »Niekchen!«

»Befehl, Herr Leutnant!«

»Wann gehste wieder zur Beichte?«

»Geh ick übermorgen, Herr Leutnant.«

»Na, dann vergiß nicht, dem Herrn Pfarrer mit zerknirschtem Herzen einzugestehen, daß du das größte Rindvieh bist, das jemals auf dem lieben Herrgott seiner Weide gegrast hat! – Kapiert?«

Niekchen machte ein unendlich klägliches Gesicht und senkte schuldbewußt das Kinn auf die Drelljacke, Flanken aber legte ihm wehmutsvoll die Hand auf die Schulter und fuhr mit schwerer Betonung im süddeutschen Stimmklange fort: »A Sünd ist's ja grad nit, Niekchen, aber … schön ist's a nit!« Sprach's und schritt mit rasselndem Säbel die Treppe hinab.

Niekchen aber schämte sich so sehr, daß ihm ganz schwach wurde, und davon wußte der Gilka ein Lied zu singen, frei nach Wilhelm Busch: »Das eben ist ja das Malheur, wer Sorgen hat, der trinkt Likör!«

Leutnant von Flanken aber warf sich in die nächste Droschke und fuhr zum General von Groppen.

Er traf die ganze Familie in heiterster Laune bei dem Kaffee an, der nach dem Diner im Zimmer des Generals getrunken wurde, und fand, daß die Situation nicht so peinlich war, wie er sie sich vorgestellt hatte. Herr von Dern-Groppen nahm ihn allerdings mit schlagendstem Witz in Empfang und glaubte an alles andere eher, als an eine von Niekchen verursachte Konfusion, und als Flanken mit stets wiederholten sporenklirrenden Verbeugungen versicherte, daß er so gern das Tanzfest der Herrschaften besuchen würde, da nahm ihm der General lachend die Tschapka aus der Hand und sagte: »Na, dann stellen Sie Ihr Schlachtschwert mal in die Ecke und versuchen Sie es, ob Sie meine schwer entrüsteten Damen wieder versöhnen können! – Haben Sie über die nächste Stunde verfügt? – Nein? … Na famos, dann rauchen Sie eine Friedenspfeife mit uns und lesen Sie zum Dessert die Konduite, welche Ihnen Jolante heut ins Tagebuch geschrieben hat!«

Ja, Jolante! Flankens Blick kehrte immer wieder zu ihr zurück, denn sie war die einzige, die das Näschen ein wenig pikiert zurückwarf und ihn mit den großen, träumerischen Augen sehr vorwurfsvoll ansah. Wie sollte er sie nur wieder gutmachen? Flanken wurde es vor Angst siedend heiß. Und wie unglaublich reizend sie wieder aussah! Wenn sie die Mokkatäßchen neu füllte, sahen ihre schneeweißen Händchen wie graziöse, kleine Schmetterlinge aus, die das Silbergeschirr umflatterten. Mit so viel Liebenswürdigkeit war noch niemals ein junger Offizier im Groppenschen Haus aufgenommen worden, wie Flanken, der nach einer Viertelstunde schon so seelenvergnügt im Kreise seiner neuen Freunde saß, als habe er schon manchen Scheffel Salz mit ihnen gegessen. Auch Jolante hatte sich versöhnen lassen, und wenn sie lachte, verwunderte sich Flanken jedesmal von neuem und dachte: »Gerade solche Zähnchen hatte die Wachspuppe meiner Schwester, die ich, als höchste Auszeichnung, spazieren tragen durfte, damals, als wir Kinder noch im heimatlichen Park spielten und ich mit Passion die Rolle des Kindermädchens übernahm!« – Ja, damals hatte es sich Flanken als höchstes Glück gedacht, auch einmal solch eine Wachspuppe zu Weihnachten zu bekommen.

Dann erinnerte er sich plötzlich des versprochenen Malunterrichts, und weil gerade eine Pause im Gespräch eintrat, mahnte er Jolante sehr ernsthaft an ihre Verpflichtungen. Sie nahm's wider Erwarten freundlich auf, und unter allgemeinem Gelächter wurde dem Premierleutnant die Erlaubnis erteilt, an den Malstunden der jungen Damen hier im Hause teilzunehmen. Er bestand darauf, daß der Kursus sofort beginne, und richtig, am andern Tag schon, zur festgesetzten Stunde, klingelte es sehr energisch an der Groppenschen Haustür, und Herr von Flanken betrat mit feierlichem Gesicht das Vestibül, hinter ihm Niekchen, der eine riesige Leinewandmappe und einen großen Kasten voll der schönsten Farben und Pinsel trug.

Die junge Malerin, die den Unterricht erteilte, hatte gar nichts dagegen, daß der Ulanenoffizier sich an den Stunden beteiligte, und Fürst Sobolefskoi sah sich den Fall mit an und lachte Tränen bei der ausgelassenen Stimmung, die die sonst so langweiligen Stunden plötzlich beherrschte.

»Sagen Sie mal, gnädiges Fräulein, kann ich nicht auch solch eine Schürze vorgebunden bekommen, wie die Damen solche tragen?« fragte Flanken in seinem tiefen Baß, und die Lehrerin nickte zu Jolantes lautem Lachen ganz ernsthaft und sagte: »Wenn Sie Öl malen wollen, würde es der Uniform wegen sehr dienlich sein! Haben Sie irgendeinen Wunsch, welches Bild oder welche Vorlage Sie kopieren möchten?«

Der Ulan wiegte das Haupt mit dem blonden Kraushaar überlegend hin und her. »So was recht Appetitliches! Vielleicht ein Stilleben mit 'nem Fasan und Austern drauf – können auch ein paar Hummern dabei sein!«

Jolante, Lena und Fürst Sobolefskoi lachten noch mehr, Fräulein Sorgisch aber blickte den Sprecher ganz erstaunt an und sagte: »Solch ein Künstler sind Sie bereits, daß Sie sich an derart schwierige Aufgaben wagen wollen? Allen Respekt! Bei wem haben Sie bis jetzt gemalt, Herr Leutnant?«

Flanken lächelte sie harmlos wie ein Engel an. »Bei niemand; ich bin Autodidakt!«

»Haben Sie nicht ein paar Bilder mitgebracht?«

»I, wie kann ich denn!«

»Auch keine Zeichnungen?«

»Gott bewahre!«

»Aber ich bitte Sie, warum denn nicht?«

Flanken sah ganz alteriert aus. »Ich kann doch meine Tischplatte nicht hierher schleppen! Und die paar Hunde und Kaninchen, die ich darauf entworfen habe, sind eben meine einzigen Zeichnungen!«

Schallendes Gelächter.

»So wollen Sie jetzt also überhaupt erst anfangen zu zeichnen?«

»Schnacken! Ich male sofort los!«

»Aber Herr von Flanken, das geht ja gar nicht!«

»Na, dann kann ich ja in Gottes Namen erst mit den Faberschen Bleistiften losarbeiten!« fügte sich der riesige Schüler resigniert. »Schenken Sie mir ein Stück Papier Durchlaucht, oder kann ich meine Leinwand nehmen?«

»Gott behüte, hier haben Sie ein Zeichenbuch!« Und Jolante breitete ein aufgeschlagenes Heft vor ihm aus, »jetzt wird mit Strichen angefangen: schöne gerade Striche – sehen Sie, so.«

»Auf die Striche sollen Sie sehen. Fräulein, bitte, zeichnen Sie ihm vor.«

Es war ein unendlich komisches Bild, wie der hünenhafte Mann mit der ungefügen Faust, voll feierlichen Ernstes begann, einen senkrechten und einen wagerechten Strich nach dem andern zu Papier zu bringen.

»Hören Sie mal, Fräulein Sorgisch, das ist ja eine ganz elend schwierige Geschichte,« stöhnte er auf, »ich werde einfach das Lineal nehmen.«

»Gott bewahre; alles aus freier Hand!«

»Durchlaucht, Sie leiden das und wollen Mitglied des Tierschutzvereins sein?!«

»Bitte, Herr von Flanken, nicht immer dem Fräulein Jolante beim Malen zuzusehen – selber tätig sein!«

»Na ja, ich zeichne Ihnen ja schon wieder die schönsten Spargel, die Sie sich vorstellen können; ich muß mich immer mal verschnaufen, sonst bekomme ich den Zitterkrampf in die Hand! Apropos, ich will Ihnen mal eine prachtvolle Geschichte erzählen, gnädiges Fräulein, aber Sie müssen aufsehen und zuhören.«

»Pst, gezeichnet wird und nicht geschwatzt!«

»Aber erlauben Sie mal, Fräulein Sorgisch, soll das etwa der Zweck einer Malstunde sein, daß wir weiter nichts tun, als drauflos pinseln?!«

Fürst Sobolefskoi amüsierte sich königlich, und es war ganz seltsam, wie Flanken, dieser wildfremde Mensch, gleich wie der beste und langjährige Freund plötzlich in dem Groppenschen Haus verkehrte, als verstünde sich das ganz von selbst.

»Flanken ist ein Original, den man mit ganz anderem Maßstab messen muß, wie die übrigen Herren!« hatte Lena gesagt. »Bei diesem gutmütigen, liebenswürdigen und beinahe naiven Menschen kommt einem gar nicht der Gedanke, daß man ihm mit gewohnter Förmlichkeit begegnen müsse!«

Und so erschien Flanken zwei Tage darauf abermals zu der Malstunde, und auch am Tage vor dem Groppenschen Ball klingelte Frantusch Niekchen an der wohlbekannten Haustür, nickte dem Diener Fritze vertraulich zu und überreichte das Zeichenbuch seines Herrn und Gebieters.

»Ein Empfell soll ik machen von Premierleutnant, und Büchel abgeben. Hot Leutnant gesogt, daß er hot Dienst und kann sik nich kommen vor Viertelstundel. Soll ik warten auf Leutnant, wos hot Befell für mich weiteres.« Und Niekchen war überzeugt, daß es sich in der Küche auf alle Fälle angenehmer warte, als im Korridor, darum steuerte er direkten Wegs nach dem Souterrain, an das sich für ihn mehr leckere, als lyrische Erinnerungen knüpften.

Fritze sah ihm mit naserümpfender Geringschätzung nach. Der Polacke war ein hübscher, gelenkiger Kerl, aber ein Kaffer durch und durch. Er hatte weder Pomade noch Parfüm im Gebrauch, und wenn das ja in erster Linie ein böses Zeichen für den Toilettentisch des Herrn von Flanken war, so mußte der Bursche dennoch für die Sparsamkeit des Leutnants büßen. In den Augen einer feinen Kammerjungfer fängt der Mensch erst mit Eau de mille fleures und einer goldenen Taschenuhr an, ebenso wie bei ihrer Dame die Existenz der Verehrer mit den Epaulettes oder Doktorhut beginnt. – Niekchen hatte keinerlei Chancen bei den Schönen des Souterrains, und Fritze war nicht im mindesten eifersüchtig, dennoch folgte er nach kurzer Zeit dem Ulanen, um ihm einen tüchtigen Anschnauzer zu erteilen. Selbstverständlich vor den Damen. »Für Leute seines Genres sei die Hintertreppe da!« erklärte er ihm ein für allemal, »und wenn er in seiner Dummdreistigkeit noch einmal den ›Aufgang für die Herrschaften‹ heraufgetrampelt käme, dann schlüge er ihm die Tür vor der Nase zu; er sei nicht engagiert, um Leutnantsburschen zu bedienen! Hier in der Küche sei auch kein Aufenthalt für ihn. Er könne gefälligst auf dem Korridor warten!«

Niekchen grunzte etwas Unverständliches in die große Kaffeetasse, die er just zum Munde führte, hinein und reichte sie alsdann, Fritze völlig ignorierend, der dicken alten Köchin zurück. »Schmeckt sich so süß und heiß, wie sich muß schmecken Kußchen von dir, Marinka!« nickte er galant und wohlberechnend.

Und die Beherrscherin der Kochtöpfe fand Niekchen einen scharmanten Menschen und stemmte die runden Arme in die Seiten. »Der Herr Niekchen wird ein für allemal hier in der Küche warten, verstanden? Hier habe ich's Wort.« Sprach's und füllte die Tasse abermals mit viel Kaffee und noch viel mehr Zucker.

Es klingelte wieder, und diesmal kam Fräulein von Kuffstein und wünschte ihre Cousinen zu sprechen. Da flatterte Fritze graziös die Treppe empor, um anzumelden, Niekchen aber erfreute sich unter dem wohlwollenden Schutz der neuen Freundin eines ungetrübten, wundervoll ergiebigen Kaffeestündchens.

In dem Salon der jungen Damen brannten die hellen Gasflammen über dem Tisch, an dem Fräulein Sorgisch die Nachmittagszeichenstunde erteilte.

Ursula hatte abgelegt und erklärt: »Kinder, den Flanken muß ich pinseln sehen! Das denke ich mir ebenso vergnüglich anzuschauen, wie ein Nilpferd, wenn's Ballett tanzt!«

Jolante warf etwas indigniert das Köpfchen zurück. »Wenn du dich etwa über unsern netten Flanken mokieren willst, dann laß dir im voraus sagen, daß wir das in unserem Haus nicht dulden werden!«

»Bist verrückt! Ich und mich über den einzigen Menschen mokieren, der hier mein Leidensgenosse ist. – Es gewährt stets einen süßen Trost, wenn ein Tolpatsch einem andern begegnet!« Und Ursula wollte gewohnheitsmäßig die Arme dehnen, besann sich aber und ließ sich statt dessen in einem nahestehenden Schaukelstuhl nieder, um sich lebhaft darin zu schwingen.

Fürst Sobolefskoi blickte scharf zu Jolante hinüber, als erwarte er ein Dementi für den »Tolpatsch«, sie schattierte jedoch gelassen an dem Baumschlag ihrer Zeichnung und schien nicht sonderlich zum Debattieren aufgelegt.

Gleichzeitig fast trat Herr von Flanken ein und bestätigte das alte Sprichwort, daß der Wolf meistens hinter dem Busch steht, wenn man von ihm spricht. Ursula war sehr animiert und eröffnete sofort eine eifrige Unterhaltung, der reckenhafte Künstler in der Ulanka jedoch, welcher sich ebenso energisch wie ungeniert seinen Stuhl zwischen Jolante und Fräulein Sorgisch geklemmt hatte, hauchte, um sie zu erwärmen, so energisch in seine Hände, daß alle losen Seidenpapiere auf dem Tisch hoch aufflatterten, schlug feierlich sein Zeichenbuch auf und schaute, eine »Finznase« ziehend, mit zwinkerndem Blick zu Fräulein Kuffstein hinüber. »Hm, das möchten Sie wohl! Das könnte Ihnen gefallen, sich tatenlos hier in das Atelier zu setzen und recht hübsch unterhalten zu werden! Nee, nee, meine Gnädigste, so ist das nicht Mode bei uns, hier wird stramm gearbeitet! Was glauben Sie denn, wenn man gerade Striche ziehen muß, zweitausend Stück auf eine Seite, dann bedarf man der Sammlung!« Und er setzte den Bleistift an und füllte voll feierlichen Ernstes die Doppellinien mit »Lanzenschäften« aus.

»Zum Schockdonnerwetter!« wollte Ursula auffahren, aber sie besann sich noch rechtzeitig darauf, daß Prinzeß Kordelia neulich bei Tisch an einer Dame getadelt hatte, »sie fluche wie ein Unteroffizier, und das sei widerwärtig!« und darum sagte sie nur, die Hände zusammenschlagend: »O du ewige Kümmernis, dann sterbe ich ja vor Langeweile!«

»Hier – spitzen Sie Stifte! Weiß der Kuckuck, was für ein Kapital an Blei diese Striche verschlingen. Sie könnten eigentlich auch helfen, Durchlaucht, als Gegenleistung dafür, daß Sie hier unentgeltlich die Heizung und Beleuchtung des Ateliers mitgenießen! Fünf brennende Lampen! Sie wollen mich hoffentlich nicht glauben machen, daß Sie sich für Ihre Person allein fünf Lampen leisten würden!«

Allgemeine Freude; Ursula und Fürst Sobolefskoi unterstützten den fleißigen Premierleutnant durch prompte Instandhaltung des Handwerkszeuges, das der Kraft solcher Finger nicht gewachsen war.

»Nun sag' doch einmal, Lena, wie viele Menschen kommen eigentlich morgen abend zum Ball?« begann Cousinchen Kuffstein von neuem die Unterhaltung, schob die Lippen vor und schabte eifrig an dem »Faber Nr. 3«. – »Onkel ist ja ganz geschwollen vor Wonne und Stolz, daß Prinzeß Kordelia für eine Stunde ihr Erscheinen zugesagt hat! Eben als ich kam, guckte ich in den Tanzsaal hinein und sah ihn mit den Dekorateuren höchlichst interessiert herumwirtschaften; na, ich wünsche gesegnete Mahlzeit, das wird wieder einen guten Batzen kosten!«

»Ich habe mir die Räumlichkeiten ebenfalls angesehen,« nickte Fräulein Sorgisch, den Pinsel in die Siena tauchend, »und glaubte mich wirklich in einen Feenpalast versetzt. Wenn sich in dem kleinen Boudoir, das mit blühenden Orangen und rosa Kuppeln dekoriert ist, nicht sämtliche junge Herrschaften verloben, dann begreife ich's nicht.«

»Erlauben Sie mal, Fräulein Sorgisch!« Flanken hob mit vorwurfsvollem Blick den Kopf und deutete auf sein Zeichenbuch, »nennen Sie das etwa Zeichenstunde? Sie müssen auf die Individualität Ihrer Schüler eingehen und aufregende Gespräche im Beisein eines Leutnants vermeiden. Wenn Sie von Verloben reden, bekomme ich Herzklopfen, und das ist der Ruin für eine ruhige Hand. Hier, sehen Sie sich die Folgen Ihrer Tat an, ist das eine gerade Linie?«

»Nein, das ist der reine Forellenbach!«

»Ruhig, ich werde Herrn von Flanken die Geschichte vom Bratwürstchen oder vom Däumelinchen erzählen, die regt ihn sicherlich nicht auf.«

»Was wissen Sie denn von meinem Gemütsleben, Fräulein Urschel-Purschel! Es gibt gar keine größere Alteration für einen hungrigen Menschen, dem es erst in zwei Stunden zum Futterschütten bläst, als an Bratwurst erinnert zu werden, und was das Däumelinchen anbelangt – ja, so ein Däumelinchen zerstreut mich auch. Da interessiert es mich, was solch winziges Ding wohl mit Sack und Pack wiegen mag, oder was es für eine Handschuhnummer trägt.«

»Aber Herr von Flanken!« Jolante zog voll Entrüstung, unter lautem Gelächter der Umsitzenden, ihre Hand zurück, denn der Sprecher hatte mit einem Pinsel in den »Karmin« getupft und in der Zerstreutheit »Nr. 3½« auf die zierliche Rechte seiner Nachbarin geschrieben.

»Gräßlich! was einem gedankenwirren Menschen doch alles passieren kann! Einen Augenblick, mein gnädiges Fräulein! Das sollte fehlen, daß Sie die teuren Stunden schwänzen, um sich die Hände zu waschen.« Und Flanken zog hastig die Fingerchen Jolantes an die Lippen und drückte auf die Nr. 3½ einen Kuß. »So! Die Hauptsache ist verblaßt, mit dem Rest können Sie nach der Stunde abrechnen.«

Ein lautes, übermütiges Durcheinander, Jolante schmollte mit dem zierlichsten Mündchen und Lena drohte lachend, daß kommentwidrige Kunstschüler an den Katzentisch kämen.

Allmählich legten sich die hohen Wogen. Flankens Striche wurden immer abenteuerlicher, und er versicherte, daß er ganz entschieden mehr Talent für Bogenlinien habe. Daraufhin durfte er Kreise in Quadrate zeichnen, was unter qualvollem Stöhnen effektuiert wurde. Zu einem hübschen, runden Ringlein konnte er es nimmer bringen, aber er gab sich, laut seiner Versicherung, die erdenklichste Mühe. Vorläufig glichen seine kühnen Entwürfe allerdings mehr der Grenzlinie Bayerns, als einem zirkelrunden Kreise.

Daniel amüsierte sich köstlich. Der schwere Kavallerist mit seiner gemütlichen Baßstimme und dem biederen Humor hatte sein ganzes Herz erobert.

Wolkenlos lachte der Himmel über seinem Haupt, und der einsame, liebearme Mann lachte zum erstenmal im Leben so recht aus frohem, leichtem Herzen und überflog mit zärtlichem Blick die kleine Runde: Ach, daß es doch immer so bliebe!

Wiederum spielte das Gespräch auf den bevorstehenden Ball hinüber, und Jolante versicherte mit leuchtenden Augen, daß sie unendlich gern tanze, und daß ein guter Walzertänzer ihr noch weit lieber sei, als ein perfekter Schlittschuhläufer. Flanken fuhr, seiner Gewohnheit gemäß, mit den gespreizten Fingern durch sein Kraushaar.

»Diesmal tanzen wir aber die Polonäse zusammen!« schmunzelte er. »Königin Gudrun kann ich doch nicht wieder mitbringen!«

»Polonäse?« Jolante lehnte das Köpfchen zurück und wickelte eine ihrer lichtblonden Locken in lässigem Spiel um den Bleistift. »Es wird leider keine Polonäse morgen abend getanzt!«

Der Ulan klappte mit wuchtigem Nachdruck sein Zeichenbuch zu. »Keine Polonäse getanzt? Und das soll ein Ball sein?! Nahmen Sie mir's nicht übel, aber da kann mir Ihr ganzes Fest mitsamt all seinen Prinzessinnen und Exzellenzen sechsundzwanzigmal aus dem Tornister fallen! Ein Ball und keine Polonäse! Keine Polonäse, wenn ich komme! Das ist ein Crimen capitale! Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen! Adjeh Sie, ich gehe nach Hause!«

Fräulein Sorgisch lachte, daß sie beide Hände gegen die Schläfen drücken mußte. »Aber Herr von Flanken, warum legen Sie denn just so viel Wert auf die Polonäse?«

»Weil das überhaupt der einzig menschenwürdige Tanz ist!« zürnte der junge Offizier in scherzhaft outrierter Erregung, »all die anderen Ballettsprünge spielen keine Rolle bei mir.«

»Das nenne ich umgekehrte Welt! Bis jetzt hörte ich stets, daß der Kotillon der verhängnisvolle ›Brennpunkt‹ der Tanzkarte sei! Wenn eine junge Dame von ein und demselben Herrn öfters zum Kotillon engagiert wird, so sind seine Namenszüge, die so harmlos auf dem goldgeränderten Kärtlein aussehen, doch meistens Wölkchen, die Hymens leuchtender Fackel vorauswehen, und wenn ein junges Mädchen den Kotillon für einen bestimmten Tänzer reserviert, so ist Heines Phönix völlig berechtigt, auch von ihr zu singen: Sie liebt ihn, sie liebt ihn!«

»Famos, Durchlaucht! Diese ›Kundgebung an mein Volk‹ werde ich mir sofort einmal notieren! Kotillon, weiß der Teufel, was das für einen Menschen, der die Tanzsäle quasi nur vom Hörensagen kennt, für einen unheimlichen Klang hat!« Flanken legte die Arme behaglich breit auf den Tisch und musterte die jungen Damen der Reihe nach. Ein verschmitztes Lächeln spielte um seine Lippen. »Also der Kotillon! Na, Fräulein von Kuffstein – da wir so ganz unter uns sind – für wen heben Sie denn diesen inhaltsschwersten aller Ringelreihen auf?«

Ursula schnitt ihm eine Grimasse. »Für Sie ganz entschieden nicht.«

»Sehr brav! Sterne – und sind es selbst nur die auf den Achselstücken eines Premiers – begehrt man nicht, und Bescheidenheit ist die Zierde der Jugend. Für Sie gilt höchstens ein Sekondeleutnant.«

»Aber einen Grafen!« fuhr die Kleine ganz entrüstet auf. – Schallendes Gelächter.

»Die Flammen-Lohe an Hymens Fackel schlägt bereits zum Himmel!« lachte Flanken, mit der Hand in seiner tolpatschigen Manier auf den Tisch schlagend. »Also hier sind wir orientiert. Weiter. Für wen reservieren Sie, Fräulein Jolante?«

Die junge Dame richtete ihre träumerischen Augen auf das frisch gerötete Antlitz des Fragers, legte den Bleistift an die Lippen und besann sich einen Moment. Fürst Sobolefskoi räusperte sich sehr prononciert.

»Für den jungen Maler Malte van Doornkat; er ist der genialste Künstler, den ich jemals kennenlernte, und erhält auf der nächsten Ausstellung sicherlich einen Preis.« Jolante sprach langsam und entzückt.

»So!« Flanken klappte sein Zeichenbuch wieder auf und lachte, aber seine Heiterkeit hatte diesmal einen feinen Beigeschmack von Ingrimm. »Also ein zweites Herz, das keine Mördergrube aus sich macht. Da haben wir's ja, ein schwindsüchtiger

Rafael mit einem Schwanenhals uno Schlangenlocken, pfui Deiwel, so ein Kerl sieht ja aus wie eine Auster, die in Ziegenmolke schwimmt!«

»Aber Herr von Flanken!«

Der junge Offizier hatte voll Zorn ein sehr kühnes, langnasiges Profil in sein Zeichenbuch entworfen, jetzt legte er den Stift resigniert hin. »Na, wenn es Ihnen ein Trost ist, auch wie der Apoll von Belvedere, kommt ja alles auf eins raus. Mich soll's freuen, wenn er eine Medaille bekommt, meinetwegen selbst die von der Mastviehausstellung, wo man selbst meine besten Hammel keiner Dekoration gewürdigt hat.«

»Oh, pour condoler!«

»Danke, gnädiges Fräulein« – Flanken reichte Lena die Hand entgegen – »ich sehe, Sie sind unter Larven die einzig fühlende Brust.«

Ursula griff drohend nach dem Wasserglas. »Soll ich?!«

Aber der Ulan fuhr, ungeachtet der allgemeinen Entrüstung, wehmütig fort: »Und darum darf Ihre schöne Seele nun als dritte im Bunde auch ihr Bekenntnis ablegen. Mit wem tanzen Sie den Kotillon? In Anbetracht dessen, daß Sie noch nicht vorbestraft sind, mit Rücksicht auf die obwaltenden Verhältnisse und Ihr reumütiges und unumwundenes Geständnis, wird unser hoher Gerichtshof auf Milderung der Strafe erkennen und Diskretion üben!«

Daniel rückte interessiert näher, er stimmte in das allseitige Gelächter mit ein, allein sein Blick schweifte forschend unter den dunklen Wimpern hervor und haftete auf dem zarten Profil, das Lenas Köpfchen ihm zuwandte.

»Ich bin morgen leider Gottes als Wirtin dazu verurteilt, Kotillon zu tanzen!« lächelte sie, »aber ich lasse den Zufall walten und ergebe mich in jede seiner Launen.«

Flanken kniff das rechte Auge zusammen. »Ach, was da! – Ausflüchte – schöne Redensarten! Sie fürchten nur, Sie müssen anstandshalber mich nennen, weil ich Ihnen eben auch etwas Honig serviert habe! Aber unbesorgt, ich bin bereits seit langer Zeit in festen Händen – tanze den Kotillon mit Durchlaucht hier! Also nun frisch von der Leber weg, welcher von all den Tänzern läßt Ihr Herzchen schneller klopfen, und bei welchem halten Sie nicht den Daumen auf den Kotillon, wenn er um einen Tanz bittet?«

Lena lachte herzlich auf. Dann legte sie feierlich die Hand auf das Herz. »Bei keinem, Herr von Flanken, ich versichere es Ihnen.«

»Bei meiner Schwester hat die Natur einen großen Fehler begangen,« nickte Jolante zustimmend, »sie hat sich vergriffen und ihr statt eines Herzens noch eine zweite Seele der Freundschaft geschenkt.«

»Wieviel bekomme ich, wenn ich das glaube?«

»Wir bestechen nicht, namentlich nicht, wenn wir für diesen Glauben Proselyten machen wollen!«

»Ich gehe jede Wette darauf ein, daß der Natur just in entgegengesetzter Weise eine Verwechslung passierte. Anstatt der beiden Seelen der Freundschaft gab sie Ihrer Fräulein Schwester ein Herz, das jedoch so groß ausfiel, daß es nicht leicht hält, eine Liebe zu finden, die es gänzlich ausfüllt. Daß diese Liebe aber jetzt gefunden ist, davon bin ich fest überzeugt!«

»Ah, hört, hört! Der weise Flanken spricht, und Flanken ist ein ehrenwerter Mann!«

»Na, da beobachten Sie doch einmal, wie die Gnädigste dieses vierblättrige Kleeblatt malt. Diese Innigkeit, dieser Schmelz – so etwas von Hingabe ist mir bei einem Kleeblatt überhaupt noch gar nicht vorgekommen! Und nun erst das Vergißmeinnicht daneben. Der Pinsel zittert ja förmlich, wenn er daran herumturnen muß! Soll das etwa mit rechten Dingen zugehen? Ich versichere Sie, meine Herrschaften, die Sache hat einen Haken! Und ich will Little Jumbo Plumpudding heißen, wenn nicht morgen abend ein Kavalier in den Tanzsaal tritt, dem das Herz des gnädigen Fräuleins genau so entgegenzittert, wie der Pinsel hier seinem Vergißmeinnicht!«

»Bravo, wir fordern Beweise!«

Sobolefskois Auge glühte auf. »Ja, ja, ein Königreich für einen Beweis!« lachte er nervös.

Lena zuckte leicht die Achseln. »Wie schade, daß ein solcher nicht zu finden ist; ich würde mich sehr über die neue Visitenkarte des Herrn von Flanken freuen.«

»Nicht zu bringen ist?« Flanken lachte und erhob sich, um nach dem Nebensalon zu schreiten. »Vorläufig halte ich die Wette!«

»Na, na, man immer sachte mit die jungen Pferde!« höhnte ihm Ursula in ihrer drastischen Weise nach, aber sie stand ebenfalls auf und schaute ihm mit lustblitzenden Augen nach.

Auch Fürst Sobolefskoi erhob sich. »Was sucht er denn da drinnen?« fragte er gedehnt. Aller Augen richteten sich auf den Garde-Ulanen, als er im nächsten Augenblick wieder über die Schwelle trat. In seinen Händen trug er die mächtige Alabasterschale, die als Seerosenkelch inmitten köstlicher, schwer silberner Blätter ruhte und die Visitenkarten der jeweiligen Saison barg.

»So! – Glauben Sie, Durchlaucht, daß diese Lotosblume, ›die sich ängstigt und schweigend die Nacht erwartet‹, die Karten all jener Herren enthält, die morgen abend kommen werden?«

»Ich glaube dem wohl mit Bestimmtheit zustimmen zu können!« Daniels Brust hob sich erleichtert ausatmend.

» Bon, dann kann der Guß beginnen,« Flanken nahm feierlich Platz und stellte die Schale vor sich hin, »Jetzt wollen wir mal ein ganz einfaches Mittel versuchen, unsere Delinquentin zu überführen. Jede Opposition ist ausgeschlossen. Ich hatte nämlich mal eine Cousine, die glich Fräulein Lena von Groppen in ganz frappierender Weise, die wollte auch den Leuten ein X für ein U machen und sich dem Kloster verschwören, und eines schönen Tages gehe ich mir ihr spazieren und nenne plötzlich ganz aus dem Stegreif den Namen eines Kameraden: da bekommt sie einen Kopf wie Zinnober, bleibt stehen, schnappt nach Luft und drückt beide Hände gegen das Herz. Nach vierzehn Tagen war sie mit ihm verlobt.«

»Brillant!«

»Und nun wollen Sie auch mir den verräterischen Namen so meuchlings beibringen?« Lena lachte leise und melodisch auf. »Lesen Sie den Inhalt dieser Schale getrost vor, wenn ich in einen Zustand, ähnlich demjenigen Ihrer Fräulein Cousine, verfalle, verspreche ich Ihnen meine Verlobungsanzeige ebenfalls in elegantester Goldumrandung, so schnell wie sie der Drucker nur liefern kann, zu senden!«

Flanken kreuzte dankend die Arme über der Brust und griff dann ein Päckchen Karten aus ihrem Behälter, um – die junge Dame scharf fixierend – langsam einen Namen nach dem andern abzulesen. Lena stützte das liebliche Haupt mit dem zarten, etwas bleichen Teint in die Hand und schaute ihm ruhig, ohne mit einer Wimper zu zucken, in die Augen. »Wir wollen der Jugend die Freude nicht verderben, Onkel Daniel!« hatte sie gescherzt. »Wollte ich die Probe verweigern, möchte Herr von Flanken falsche Schlüsse daraus ziehen.«

Und Flanken nannte Namen um Namen, und alle Anwesenden saßen und schauten voll brennenden Eifers in Lenas unverändertes Antlitz. Daniel hatte sich erhoben und stützte sich aus den Sessel. Seine Finger liefen in nervösem Spiel an den Atlaspuffen auf und nieder. Fräulein Sorgisch aber hatte resigniert die Hände im Schoß gefaltet, all ihr Protestieren und zum Fleiße Mahnen war erfolglos geblieben.

Da geschah etwas Unerhörtes.

Flanken nahm eine neue Karte. »Eitel Freiherr von Altenburg – kommandiert zur Kriegsakademie«, las er, viel flüchtiger denn alle Namen zuvor. Ein leiser, halberstickter Aufschrei »Lena!«, der sich über Daniels Lippen rang, und dann flog der Sessel zurück und Fürst Sobolefskoi stand neben der schlanken Gestalt des jungen Mädchens, in fiebernder Erregung ihren Arm zu fassen.

Jählings ausgerichtet, mit weit offenen Augen, zusammenschreckend, wie ein pfeilgetroffen Wild, starrte Lena auf die Lippen des Lesenden.

»Altenburg?!« wiederholte sie mit zitternden Lippen, und dann ergossen sich heiße, glühende Blutwellen über ihr erbleichtes Antlitz, und die Hände preßten sich gegen die Schläfen, als wollten sie durch ihren kühlen Druck die stürmenden Gedanken festhalten.

Ein jubelnder Lärm erhob sich, ein Rufen, Lachen, Triumphieren sondergleichen, und Lena gewann schnell wieder die Herrschaft über sich und schüttelte in süßer Verwirrung das Köpfchen. »Das war abscheulich! Onkel Daniel war mit im Komplott. Überraschung und Schreck müssen schwache Nerven alterieren!« Jolante hatte die Karte an sich gerissen. »Das ist ja der interessante

Manöverleutnant! Wie, um alles in der Welt, kommt der hierher zu uns?!«

»Das wißt ihr nicht?« schlug Ursula die Hände zusammen. »Als ich neulich mit dem Onkel Einladungen notierte, erzählte er nur, daß er Altenburg, der im Manöver irgendwie mit ihm in Berührung gekommen ist, hier begegnet sei und ihn aufgefordert habe, ihn zu besuchen. Er ist gewiß bei euch gewesen, als ihr zu den Jagden nach Olbernhau gefahren waret.«

»Und der Fritz hat die Karten einfach hier in die Schale geworfen. Kein Mensch weiß davon – Onkel Daniel – mein Himmel, was ist dir?«

Fürst Sobolefskoi war einen Schritt zurückgetreten, er nahm nicht die Karte, die Jolante ihm lachend dargereicht hatte, seine geballten Hände hingen schlaff hernieder. Ein Glühen und Blitzen ging durch seine Augen, sein Lachen klang fremd und rauh.

»Ehrlich währt am längsten, Herr von Flanken!« rief er heftig, den Kopf schüttelnd. »Um des Scherzes willen verhalf ich Ihnen zum Siege, indem ich die arme Lena wie ein böser Bub erschreckte. Daß ich mir den möglichst harmlosesten Menschen aussuchte, den Herrn von Altenburg, dessen Besuch nicht mal in unserem Hause bekannt war, der nie im Leben weder eine Polka noch einen Kotillon mit meiner Nichte tanzte, mag Ihnen als Bestätigung meines kecken Streiches gelten!«

»Nee, Durchlaucht – das ist hart, mir meinen Lorbeer so schnöde wieder vom Kopf zu reißen!« Und der junge Offizier wandte sich mit heiterstem Eifer zu Jolante und Ursula, sich deren Beistand zu sichern. Lena aber legte die Hand auf Sobolefskois Schulter, und da er sie ansah, schlug er die Augen nieder. »Du hast von Altenburgs Besuch und Kommando gewußt, Onkel Daniel?«

Der Fürst biß die Zähne zusammen und schüttelte finster das Haupt. Da faßte sie hastig seine Hand und drückte sie. »Ich danke dir!« sagte sie leise, weich und herzlich. – – –

Wüste, fieberhafte Träume quälten Daniel in der folgenden Nacht. Er war wieder Kind und stand in dem Garten von Miskow. Vor ihm blühte eine Lilie, die trug Lenas liebliches Angesicht, und um sie her flatterte jener unheimliche Vogel, der so oft seine schmerzensreichen Nächte noch um eine Qual vermehrt hatte, und trachtete danach, die Blume mit sich fort in die Lüfte zu führen. Und wieder fiel der Schuß, wie damals aus Alexandrowitschs Büchse, und der schwarze Vogel stürzte ihm vor die Füße, und da er sich neigte, ihn aufzuheben, schaute ihm das Antlitz des Freiherrn von Altenburg entgegen. Blut rieselt über Brust und Stirn. Aber Daniels Sinn ist nicht weich und erbarmend wie ehemals. Ein wilder Triumph glüht durch sein Herz, die Fieberschauer von Haß und Rache schütteln ihn. Und als er den Räuber seiner Lilie mit Fäusten packt, ihn gegen den Fels zu schmettern und mitleidslos die Hände hebt – erwacht er.

V.

Die rotverhangenen, hell erleuchteten Fenster des Groppenschen Hauses schauten wie glühende Augen in die dunkle Winternacht hinaus. Wagen um Wagen rollte vor das Portal, und drinnen in dem ersten Empfangssalon stand der General, als liebenswürdigster und lebenslustigster Wirt seine Gäste zu begrüßen. Mit respektvoller Verneigung und schmeichelhafter Phrase bot er den verheirateten Damen den Arm, sie seiner Schwester Dorette, die im Nebensalon die Honneurs machte, zuzuführen, drückte herzlich die Hände der Herren und geleitete die jungen Mädchen in seiner heiteren und stets witzigen Weise weiter zu dem Tanzsaal, woselbst Lena und Jolante die Eintretenden empfingen. Es war bereits bekannt in der Residenz, daß General von Groppen eine Pracht und Eleganz in seinen Räumen entfaltete, welche mit den Festen des Hofes zu wetteifern schienen. Dennoch frappierte er die Gesellschaft stets aufs neue durch Arrangements, die kaum noch eine Steigerung in bezug auf Kostbarkeit und Schönheit möglich erscheinen ließen.

Wie ein Kind sich am Anblick eines reichen Weihnachtstisches erfreut, berauschte sich Herr von Groppen an dem Duft der üppigen Blüten, die sein Geschmack stets bunter und brillanter emporschießen ließ, und gleichsam wie ein Roulettespieler, der dem Reiz der surrenden Kugel nicht widerstehen kann, blies er eine Seifenblase des Raffinements nach der andern in die Luft und war stolzer denn je im Leben, wenn die große Menge sie anstaunte und ihnen applaudierte.

Fürst Sobolefskoi kannte genau die Einkünfte und Ausgaben seines brüderlichen Freundes.

»Lieber Kurt, du hast sehr viel in den letzten beiden Jahren gebraucht,« wagte er einmal schüchtern zu sagen. »Falls du mit den Zinsen deines Vermögens nicht ausreichen solltest, hoffe ich, daß du ohne Skrupel auch über meine Revenüen verfügst!«

»Wer weiß, ob ich dich nicht noch einmal zur Ader lasse, mein alter Junge!« lachte Herr von Dern-Groppen in Frühstückslaune. »Vorläufig sieh dir mal die Ernte auf meinem Schreibtisch an, wie ungeheuer weit die den Schnabel aufsperren kann! Siehst du, diesen Entenschnabel füttere ich mit den Rechnungen, deren Begleichung mir momentan kein Bedürfnis ist! Wenn das arme Vieh nichts mehr in sich aufnehmen kann, ziehe ich den Säckel! Also unbesorgt, Bruderherz, du siehst, es hat noch gute Wege mit dem Anpumpen!«

Ja, damals faßte der gelbe Schnabel nur wenige unbedeutende Zettelchen, aber Daniels Blick streifte ihn öfters daraufhin, und die weißen Papiere mehrten und mehrten sich, daß es aussah, als werde es der armen Ente herzlich sauer, sie alle festzuhalten.

Wie die Lichter glühten und flammten! Fürst Sobolefskoi stand der Saaltür gegenüber, an der der Freiherr von Altenburg momentan zögerte, ehe er sich durch den bunten Flor reizendster

Mädchenblüten Bahn brach, die Töchter des Hauses zu begrüßen.

Diese waren derart umringt und in Anspruch genommen, daß der junge Offizier just im Begriff stand, sich bis zu einer gelegeneren Zeit zurückzuziehen, als Lenas Antlitz sich ihm zuwandte und ihr Blick wie suchend über die Menge schweifte. Auge ruhte in Auge. Ein schnelles Lächeln verklärte ihre sonst so kühlen Züge, und den Kreis der jungen Damen und Herren mit bittendem Wort teilend, trat Fräulein von Groppen dem so spät erschienenen Gast ihres Hauses entgegen.

»Welch eine Freude, Sie bei uns in der Residenz begrüßen zu können, Herr von Altenburg! Das vierblättrige Kleeblatt, das wir zum Abschied in Alt-Dobern teilten, hat Glück gebracht!« Weich und herzlich klang ihre Stimme, ganz anders als damals, als Lena ihn beim ersten Sehen begrüßte. Wie eine leichte Befangenheit lag's über ihrem Wesen, und Altenburg blickte höchlichst überrascht zu der Sprecherin hernieder und erwiderte genau so höflich und formell wie stets: »Glück allerdings, mein gnädiges Fräulein, und wohl in erster Reihe für mich, dem es in so überraschender Weise vergönnt wurde, seinen Respekt heute abend hier zu Füßen legen zu dürfen.«

»Sie lernten meinen Vater während des Manövers kennen?«

»Herr General war so liebenswürdig, sich dessen zu entsinnen.«

»Papa hat nur ein gutes Gedächtnis, wenn sein vollstes Interesse ihn dabei unterstützt. Sie werden nun drei Jahre lang hier in der Residenz bleiben?«

»Auf Kommando, mein gnädigstes Fräulein.« Ein feines Lächeln spielte um seine Lippen, und Lena hob den Fächer, ihm scherzend damit zu drohen.

»Freiwillig wären Sie nicht gekommen?«

»Nein!«

»Je nun, wer zwang Sie dazu, Ihr kriegsakademisches Examen abzulegen?«

Ein wunderlicher Ausdruck beherrschte momentan seine Züge, und sein Haupt hob sich noch steifer auf dem Nacken denn zuvor.

»Wer zwingt einen Vogel – zu fliegen, einen Fisch – zu schwimmen? Niemand, auch seine eigene Wahl ist's nicht, lediglich dem Schicksal muß er sich fügen, das ihm Flossen oder Flügel wachsen ließ. Wem der Degen sofort als Angebinde mit in die Wiege gelegt wird, und wer als winziges Menschenpflänzlein bereits in den Boden des Kadettenkorps verpflanzt wird, der muß vorwärts auf der Bahn, darinnen seine Lebenskugel rollt. Wenn ein Vogel aber einmal begonnen hat, emporzustreben, so will er auch so hoch hinaus, wie ihn nur immer seine Schwingen tragen wollen!«

Mit großen, glänzenden Augen blickte Lena zu ihm auf. »Antworten Sie auf eine jede Frage jedermann so ehrlich?«

Wieder zuckte es wie Sarkasmus um seine Lippen. »Es nehmen wenige Menschen so viel Interesse an mir, daß sie meine Ansicht hören wollen.«

Mit rauschendem Klang setzte das Orchester ein, den Ball zu eröffnen, und Altenburg verneigte sich und fuhr hastig fort: »Gestatten Sie, mein gnädiges Fräulein, daß ich Sie wenigstens Ihrem Tänzer zuführe, derweil ich selber dazu verurteilt bin, mich mit dem Zusehen begnügen zu müssen!«

»Sind Sie krank?«

»Nicht im mindesten.«

»Was bestimmt Sie sonst, Publikum zu sein?«

Er blickte sie überrascht an. »Mein spätes Erscheinen im Ballsaal, das mich um den Vorzug gebracht hat, einen Tanz von Ihnen zu erhalten!«

Sie neigte lächelnd das Haupt auf den Maiblumenstrauß in ihrer Hand hernieder. »Vorläufig haben Sie mich noch um keinen gebeten!«

»Mein gnädiges Fräulein …«

»Ein Plätzchen ist noch frei auf meiner Tanzkarte!«

»Ein Zufall, auf den selbst die kühnste Zuversicht nicht hoffen konnte! – Gestatten Sie?«

Sie reichte ihm die bemalte Elfenbeintafel. »Das Souper!« Sich gleicherzeit in ihrer gewöhnlich kühlen Art zu dem Leib-Dragoner wendend, der neben ihr die Hacken zusammenklappte und meldete, daß soeben Prinzessin Kordelia das Vestibül betreten habe. »Das Souper?« wiederholte Altenburg, als habe er nicht recht verstanden.

Lena nickte ihm lächelnd zu, legte die Hand auf den Arm ihres Tänzers und schritt hastig vorüber, die Prinzessin und die Damen ihrer Begleitung zun begrüßen.

An der Tür stand Daniel Sobolefskoi. Seine Brauen waren zusammengezogen, und seine tief umschatteten Augen hefteten ihren brennenden Blick auf Lenas Antlitz. Sie schritt vorüber, ohne ihn zu bemerken. Ihre Lippen lächelten, und die Korallenbeeren des goldlaubigen Ebereschenzweiges zitterten an der schnellatmenden Brust. Vor wenigen Tagen noch waren die kritischen Zungen der Residenz berechtigt gewesen, Fräulein Lena von Groppen »die Marmorbraut« zu nennen, heute aber schien sich das Wunder des Pygmalion wiederholt zu haben! Durch das Geäder des Steinbildes rollte urplötzlich warmes Blut, und die ersten Pulsschläge jungen Liebeslebens rührten scheu und leise das Herz in der Brust.

Zum erstenmal schritt Lena an dem mißgestalteten Mann vorüber, ohne ihn zu sehen. Achtlos, gleich dem Kinde, das über eine blumige Au eilt und dabei nicht ahnt, wieviel Lebenskeime seine Sohle in den Staub tritt. Und der Klang eines jeden Schrittes, der das junge Mädchen von Sobolefskoi entfernte,

ohne daß ihr Köpfchen sich ihm zugewandt, fiel wie eine zermalmende Last auf sein Herz. Aber es beugte sich nicht mehr so geduldig wie sonst dem erbarmungslosen Schicksal; Trotz und Erbitterung erfüllten es und die wilde Entschlossenheit, den Kampf mit dem Räuber seines Glücks zu wagen! –

Als Ursula den Ballsaal betreten hatte, war ihr Blick ängstlich forschend von einem Antlitz zum andern geschweift, ob man sie hier auch mit den entsetzlich starren Augen fixieren werde, wie bei ihrem Debüt bei Hofe.

Aber nein! Gott sei Dank, hier schienen die Leute ganz normal und urfidel veranlagt zu sein! Lachen und Scherzen, wohin sie blickte, und wohlig aufatmend und vollkommen davon überzeugt, daß es nur die Hofluft ist, die den Menschen Herzbeklemmungen verursacht, trat Ursula hinter ihre Cousine Jolante und versetzte ihr einen kordialen kleinen Stoß. »Rum Schecke!« lachte sie dazu in heimatlichen Lauten, schnitt der entsetzten jungen Dame eine übermütige kleine Grimasse und versicherte mit militärischem Honneur: »Zur Stelle!«

Daß Jolante diese Begrüßung »sehr zimperlich« auffassen werde, hatte Fräulein von Kuffstein vorausgesehen und wollte ihren Witz gerade so recht von Herzen belachen in der festen Überzeugung, daß die Umstehenden sie dabei kräftig unterstützen würden! Aber sie unterbrach sich jählings. Erschreckend laut hatte ihr Gelächter geklungen, und niemand stimmte ein. Ringsum war die Konversation verstummt, alle Köpfe wandten sich ihr zu, und alle sahen sie mit großen, erstaunten Augen an, gerade so, wie neulich bei Hofe!

Ein höchst unbehagliches Gefühl überkam die Kleine, und da sie gar sah, wie es um viele Lippen ganz fein und malitiös zuckte, und Jolante wie entschuldigend entgegnete: »Guten Abend, du Wildfang! Vorzustellen brauche ich dich nach diesem Entree wohl nicht, die Herrschaften haben es sämtlich gemerkt, daß du direkt aus dem Groß-Wolkwitzer Kälbergatter kommst!« Da schoß ihr das Blut jählings in die Wangen,

Ja, jetzt lachten die Umstehenden, und ein ältlicher Kammerherr applaudierte Jolante mit beiden Daumen und näselte: »Vorzüglich pariert, meine Gnädigste!« – Da merkte Ursula, daß die Residenzler sämtlich einen echten, rechten Witz gar nicht zu würdigen wissen, sondern nur fades Wortgeklingel für ihr Amüsement verlangen. Gut! Künftighin wird sie sich hüten, »Kaviar fürs Volk!« zu servieren. Was ist der Dank dafür? Daß man hören muß, wie ein Leutnant lachend zu dem andern sagt: »Allerliebste Kleine! Aber noch völlig undressiertes Jagdhundel!«

Soll sie die Leute ärgern und nach Hause gehen? Ja, wäre sie auf einem Fest im Wolkwitzer Kreise, würde es Sensation erregen, hier aber bemerkte man es gar nicht und amüsierte sich ruhig weiter, dieweil Ursula sich zu Hause sträflich langweilen würde. Oh, es ist ein abscheuliches Gefühl, wenn man sich so völlig als Null und Nichts vorkommt, Fräulein von Kuffstein fühlte sich dadurch in hohem Grade deprimiert.

Glücklicherweise trat Graf Lohe an ihre Seite und begrüßte sie in seiner liebenswürdig eleganten Weise. Er sprach sehr gedämpft und stieß noch vornehmer mit der Zunge an, wie in Groß-Wolkwitz.

»Ich hörte vorhin sehr laut hier im Saal Lachen,« sagte er nach etlichen Worten der Begrüßung. »Es klang entsetzlich – nicht als ob es aus einem Cercle der ersten Gesellschaft, sondern vom Dorfbrunnen herüberschallte.«

»Ich bin ja auch eine Landpomeranze!« fuhr Ursula trotzig empor, und doch wurde sie dunkelrot dabei, »ich lache, wie mir der Schnabel gewachsen ist, und wenn sich die albernen Leute hier einbilden, sie könnten mich schurigeln, dann irren sie sich.«

»Ah, Sie waren die so hörbar vergnügte Dame,« lächelte Lohe fein. Nun, dann hat die Sache nichts auf sich, von Ihnen erwartet man derartiges und verzeiht es.«

Ursulas Auge blitzte höchlichst gereizt zu ihm auf. »So! Von mir erwartet man Taktlosigkeiten? Wie kommen die Menschen zu solch einer Frechheit?«

»Je nun,« der Graf zuckte die Achseln und suchte sein Amüsement über die Selbstkritik des Backfischchens hinter ernster Miene zu verbergen – »Ihre übermütigen Streiche aus Wolkwitz und Umgegend sind durch die Manöver-Einquartierung hierher kolportiert worden. Man entschuldigte sie mit Ihrer großen Jugend und Naivität und dachte: von einem kleinen Landfräulein kann man unmöglich die Allüren einer Dame beanspruchen!«

Das wirkte. Die Fingerchen der Kleinen krampften sich in tiefbeleidigtem Selbstgefühl zusammen. »Ich bin aber eine Dame, und ich will's, daß man alles, selbst Allüren von mir verlangt!« rief sie zornig, aber dennoch mit ausfallend gemäßigtem Organ, auch stampfte sie dazu mit dem Füßchen auf, wenngleich nur ganz leise. »Ich konnte es doch nicht riechen, wie es die Menschen hier mit ihrem verrückten Geschmack verlangen, nun ich es aber weiß, will ich ihnen zeigen, daß ich mich zehnmal so gut benehmen kann wie sie, Potzdonnerwetter ja!«

Lohe schauderte. »Diese kleine Bestätigung gehört zu den Sprachblüten, die auf dem Turf – nicht aber auf dem Parkett gepflegt werden. Prinzessin Kordelia ist ein solches Armeedeutsch im Munde einer Dame verhaßt. Also charmant, Fräulein Ursula, zeigen Sie der Gesellschaft, daß Sie kein übermütiges Kind, sondern ein Fräulein von Kuffstein sind, deren Würde man zu respektieren hat!«

Ursula warf das reizende Köpfchen, in dessen dunkellockigem Haar ein Kranz von Goldhafer glitzerte, herausfordernd in den Nacken. »Gut ich werde jetzt mal die Würde rausbeißen.

Aber das sage ich Ihnen, wenn man auch dann noch etwas an mir herumzuschnobbern –«

»Zu mäkeln!«

»– zu mäkeln hat, dann schieße ich mit Spatzenschrot in diese ganze Pastete hier hinein und reise ab!«

Lohe senkte resigniert das wohlfrisierte Haupt. Eine Eiche fällt nicht auf den ersten Hieb, dachte er, und der gute Wille ist auch schon etwas wert. Dann bat er schnell noch um den Kotillon, denn von allen Seiten drängten die Herren herzu. »Nun werden sie ihr die Cour machen, ihren Unarten als ›etwas riesig Originellem‹ Beifall klatschen und damit von neuem Steine auf unser mühsam bestelltes Feld werfen!« meditierte er seufzend und sah es ganz überrascht mit an, wie Ursula zum erstenmal »Würde herausbiß«.

Flanken klappte die Sporen vor ihr zusammen und stellte etliche Kameraden vor.

»Mein gnädigstes Fräulein, wie steht's mit einem Hoppeldeia, dem deutschen Reigentanz?« lachte Fürst Schlüfften, sich hastig vordrängend und sichtlich auf eine naive Antwort gespannt. »O weh,« dachte Lohe, »der schlägt sofort den richtigen Ton an. Darauf bleibt ›Urschel-Purschel‹ nichts schuldig!«

Aber er irrte sich. Die Kleine neigte sehr gemessen das Nasenspitzchen und reichte stumm ihre Tanzkarte.

»Was bekomme ich?« – »Eine deutsche Reichsprovinz für den Kotillon!« – »Meine Gnädigste, ich bitte um den Herzenstanz!« schallte es in lautem Durcheinander um sie her.

Ursulas Blick schweifte in die Runde, langsam, gleichgültig musternd. »Geben Sie die Karte weiter, Fürst Schlüfften, und wenn sie gefüllt ist, bringen Sie sie mir dort nach dem Diwan, wo ich mich jetzt mit Graf Lohe hinsetze.« Sie sprach in dem Ton einer jungen Schauspielerin, die zum erstenmal eine Heroine spielt.

Einen Moment sahen sich die Herren ganz überrascht an. Dann versuchten sie ihr Heil von neuem.

»Aber mein gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht selber die Tänze nach Verdienst und Wohlgefallen verteilen, auf daß jedem das Seine zufällt?«

»Nein, das ist mir ganz …« Wurscht, wollte sie eigentlich herausplatzen, aber sie besann sich noch rechtzeitig und sagte sehr wohlerzogen: »gleichgültig!«

»Wir werden uns mit blanken Säbeln um diese Karte raufen! Bestimmen Sie wenigstens die Reihenfolge.«

Ursulas Auge blitzte auf, aber ihr Mündchen faltete sich noch spöttischer denn zuvor. »Immer der Anciennität nach, meine Herren!« – sprach's und legte die Hand würdevoll auf Lohes Arm,

»Bravo! Famos!« schallte es ihr in lautem Gelächter nach.

Die Kleine blickte jählings zu Lohe auf. »Die Kerle lachen mich wohl aus? Habe ich wieder etwas Dummes gesagt?« fragte sie ergrimmt,

»Nein, mein gnädiges Fräulein, Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht!« versicherte er eifrig. »Dieses Lachen war lediglich Beifall; Schlagfertigkeit applaudiert man stets, wofern sie graziös bleibt.«

Das Erscheinen der Prinzessin Kordelia wurde angekündigt, und Lohe erhob sich hastig, Fräulein von Kuffstein in den Kreis der jungen Damen zu führen. Sein Blick streifte zuerst seine eigene Person, an dem tadellosen Ballanzug hernieder bis auf die zierlichen Spitzen seiner Lackstiefel. Er sah exquisit elegant aus wie stets, und seine schlanke Figur präsentierte sich außergewöhnlicherweise im Frack noch vorteilhafter als in der Ulanka. Dann musterte er verstohlen seine Nachbarin. Sie war reizender denn je, die Toilette nagelneu, kostbar und geschmackvoll, aber ein Spitzentaschentuch war in höchst unerlaubter Weise auf der Hüfte unter den Goldstoff der Taille geschoben und verdarb den ganzen Eindruck der sonst so distinguierten Erscheinung. Auch die langen Handschuhe hatte Ursula nur sehr flüchtig hier und da einmal durch einen Knopf geschlossen, und darum hingen sie sehr unordentlich um die Arme herum, deren schöne Form durchaus beeinträchtigend.

»Nein gnädiges Fräulein, Sie werden Ihr Taschentuch verlieren.«

»Auch noch! Hat meinem Alten über zweihundert Mark gekostet!« Und die junge Dame stopfte es zu noch dickerem Knäuel unter die Taille hinaus,

»Oh, wie häßlich das aussieht.«

»Kümmert mich den Kuckuck! Ick bekomme ja die Pimpelgicht, wenn ich jedesmal eine halbe Stunde nach der Tasche suchen soll!«

»Gleichviel. Diese Art von Transport kennt man bei den hiesigen Damen nicht!«

»Die kennen überhaupt noch blitzwenig!« fuhr die kleine ärgerlich auf, aber sie riß das Tuch unter der Corsage hervor und beförderte es in nicht allzu rücksichtsvoller Weise in die Tasche, daß der zarte, von Goldschmetterlingen besäte Krepp dabei etwas nachgeben mußte, irritierte sie wenig,

Noch immer blieb der junge Graf zögernd stehen und biß sich unwillig auf die Lippe,

»Na, mal ein bißchen Trab, sonst ist die Prinzessin wieder nach Hause gefahren, bis wir ankommen,«

»Wollen Sie nicht erst die Handschuhe schließen? Sie können doch unmöglich –«

»Bei der Pökelhitze? Ich komme ja um, wenn ich bis an den Hals in Ziegenleder kriechen soll! Nein – ist mir luftiger so.«

Der Erbherr von Illfingen bekämpfte heldenhaft sein Entsetzen, »Aber Fräulein Ursula, Sie versprachen mir doch, in jeder Weise die Würde einer Dame zu wahren – haben soeben noch so scharmant damit begonnen –«

Sie starrte ihn ganz betroffen an. »Wie? Auch Ihnen gegenüber soll ich mich so dämlich benehmen?«

»Ohne Ausnahme uns allen gegenüber! Gerade mir gefallen Sie doppelt so gut, wenn Sie in jeder Weise Zeremoniell und Etikette berücksichtigen!«

Eigentlich wollte sie sehr böse werden, da er aber den Kopf sehr energisch in den Backen hob und sein Blick lange und fest den ihren traf, begnügte sie sich damit, auf spitzem Hacken herumzuschwenken und wie ein Trotzköpfchen zu schmollen, – »Ich will Ihnen ja gar nicht gefallen! Keinem Menschen will ich gefallen – ich tue, was ich will!«

Ohne sich nach ihm umzusehen, eilte sie wie ein glitzerndes Wölkchen zu den spalierbildenden Damen und drängelte sich nicht gerade allzu rücksichtsvoll an Lenas Seite,

Sie zog die Augenbrauen sehr eigenwillig zusammen und sah aus, als wolle sie den Kampf mit allen Residenzen der Welt aufnehmen, ganz unbemerkt aber schloß sie einen Handschuhknopf nach dem andern, bis das weiße Leder glatt und prall die rosigen Arme umspannte,

Prinzessin Kordelia hatte den Tanzsaal betreten, verschiedene Damen, darunter auch Fräulein von Kuffstein, durch eine längere Unterhaltung ausgezeichnet und schließlich den Ball in ihrer so anmutigen Weise mit einem Husarenoffizier, Prinz Waldburg, eröffnet,

Ihre ganze Erscheinung atmete wieder den Zauber unwiderstehlichster Lieblichkeit, und Ursulas Augen folgten ihr mit unverhohlenem Entzücken,

»Ich habe niemals beim Lesen meiner Märchenbücher an die Feen glauben wollen, die zart wie Blütenschnee, schön wie die Morgenröte und gut wie Engel sind!« flüsterte sie hastig Henry Antigna zu, der neben ihr an dem Türpfosten lehnte. »Seit ich aber Prinzessin Kordelia gesehen habe, deucht mich die Beschreibung dieser holdesten aller Geister noch lange nicht schön genug! Ich glaube, es gibt gar keine Worte, die den Scharm ihres Wesens ausdrücken können, Glauben Sie nicht auch, Henry?«

Keine Antwort. – Ursula schaute auf und starrte ganz betroffen in das Antlitz des jungen Mannes.

War das derselbe bleiche, menschenscheue und finsterblickende Gelehrte, der vor wenig Tagen noch voll ohnmächtigen Grimms die Zähne zusammenbiß, als die schlanke Hand seiner Mutter ihn auf einen Pfad drängte, den die Rosen des Karnevals überwuchern und Flöten und Geigen durchhallen?

Das Haupt vorgeneigt, wie im Banne eines Magneten hing sein Blick unverwandt an der Gestalt der Prinzessin, die, wie von rosigen Florwolken getragen, zart und graziös an ihm vorüberschwebte.

Heiße Glut brannte auf seinen sonst so farblosen Wangen, ein Aufflackern der Leidenschaft in den tiefliegenden Augen. Seine Lippen lächelten nicht, aber sie waren geöffnet wie bei einem Dürstenden.

»Henry, hören Sie denn nicht?«

Er zuckte leicht zusammen und blickte sie einen Moment wie geistesabwesend an, »Pardon, Fräulein Ursula, ich verstand Sie nicht.«

Die Kleine wiederholte ihre Worte, und Graf Antigna nickte Beifall. »Wie kommt es, daß Hoheit heute wieder rote Mohnblüten im Haar trägt?« fragte er ohne allen Zusammenhang jetzt.

»Wieder?«

»Als ich sie zum erstenmal bei Hofe sah, flammten ihr die gleichen Irrlichtblüten an der Brust.«

»Ein Zufall! Lena sagte mir, die Prinzessin kleide sich mit Vorliebe in schmuckloses Weiß.«

»Seltsam. Warum blendet sie plötzlich den armen Nachtwandlern die Augen?« Er sagte es mit dem leisen, verschleierten Stimmenklang wie sonst, und seine Brauen zogen sich so finster zusammen wie vormals.

»Lieben Sie denn die Mohnblüten nicht?«

»Nein.« Er lachte kurz auf. »Denn sie bergen ein Gift, welches mit süßen Gaukelbildern ins Verderben lockt.«

Sie freute sich ihres Wissens und nickte mit altklugem Gesichtchen. »Ja, ja, Opium! Je nun, wenn man es nicht raucht, kann es einem auch nicht Schaden bringen!«

»Wirklich nicht?« Sein Blick zuckte zu ihr nieder, langsam strich er die dichten Haarwellen aus der Stirn. »Sehen Sie diese Narbe? Die haben mir rote Mohnblumen hierhergezeichnet – auf Leben und Tod, und doch hatte ich nicht als verblendeter Schwärmer Opium geraucht!«

»Ich verstehe Sie nicht. Ach, wie schade, nun muß ich tanzen, da kommt Herr von Bornitz! Aber nachher, nicht wahr, Henry, nachher erzählen Sie mir, wie Sie zu dieser famosen Schmarre gekommen sind!«

Er neigte mechanisch zustimmend den Kopf und schritt hastig an ihr vorüber durch die Menge; Prinzessin Kordelia war in einen Nebensalon getreten, und Graf Antigna folgte ihr wie ein Schatten, Von fern stand er und verwandte keinen Blick von ihr, und er atmete so tief und traumbefangen, als schlürfe er der Feuerblumen berauschendes Gift.

Die Musik war verstummt. Ein Schwarm reich galonierter Diener glitt auf lautlosen Sohlen über das Parkett. Von glänzenden Silberplatten lockten die erlesensten Konfitüren, Diplomatenbrötchen und Friandises, schäumte der Sekt und winkten Limonaden und Mandelmilch, und wie auf einem See die einzelnen Blüteninseln schwimmen, gruppierte sich die farbige Pracht plaudernder Damengruppen auf spiegelglattem Parkett, umschwärmt von Uniformen und gesternten Fracks, gleichwie von einem Heer duftberauschter Schmetterlinge!

Jolante saß auf einem Eckdiwan und ließ sich die Cour machen.

Herr von Flanken maßte sich auf jegliche Tanzpause ein gewisses Recht an und behauptete den Platz an der Seite der jungen Dame mit einer schier »rauflustigen« Energie. Waren es doch die einzigen kurzen Augenblicke, wo er angesichts der so viel begehrten Tochter des Hauses auch einmal zu Worte kommen konnte, die einzigen Augenblicke, die ihn für den »niederträchtigen Ärger« entschädigen mußten, den er jedesmal zu schlucken hatte, wenn der jüngste Leutnant sich siegesbewußt verneigte, dem Herrn Premier die Tänzerin vor der Nase wegzuholen. Ja, dann kam er sich jedesmal genau so vor, wie der Kater in der Fabel, der mit vorblüfftem Gesicht dem Vögelchen nachschaut, wenn es mit leichten Schwingen auf und davon in die Lüfte schwebt! Und Jolatne wandte das Köpfchen spottend zurück und kicherte ganz genau so, wie der kleine Sänger im Fabelbuch: »Schaff dir doch Flügel an, daß du mir folgen kannst!« – Was nützte es nun dem Herkules in Ulanenuniform, daß er mit zehnzölligen Bomben Kegel schieben konnte! »Walzer tanzen« wäre eine weit bessere Kunst gewesen, namentlich heute, wo Herr von Flanken in der großen Selbsterkenntnis gekommen war, daß er viele Jahre lang ein erschreckend dummer Kerl gewesen sei, der die Schönheit eines Tanzfestes überhaupt gar nicht kapiert hatte. Könnte er nur die kleinste, jammervollste Polka zustande bringen, würde er an diesem Abend der glückseligste Mensch unter der Sonne sein! So saß er wie die Glucke am Ententeich auf seinem Diwan Posten, »ständerte« abwechslungshalber als bewegliches Hindernis im Saal herum, ließ sich auf die Füße treten, trank in seiner Zerstreutheit alles, was man präsentierte, und dankte Gott, wenn die Musik wieder des grausamen Spiels genug sein ließ. Nun saß er wieder neben Jolante, deren zierliche Gestalt in Balltoilette noch elfenhafter denn sonst neben dem krausköpfigen Riesen aussah, und beschränkte sich darauf, andächtig zuzusehen, wie sie in ihrer schmachtend phlegmatischen Weise den Atlasfächer hin und her bewegte. Sie hatte gerade mit schwärmerischem Blick versichert, Tanzen und Malen sei ihre Passion, und Mijnheer Malte van

Doornkat sei der einzige Mensch, der die beiden Künste in vollendeter Weise in sich vereine! Sie schenkte ihm darum bei jedem Tanz noch eine Extratour – und dabei drehte sie das schlanke Hälschen und blinzelte über das gemalte Rokokopärchen ihres Fächers hinweg nach dem Genannten, der sich just einen Kneifer auf die Künstlernase setzte, um Fräulein von Groppen mit wahren Detektivaugen zu beobachten,

Das war für einen Premierleutnant der Ulanen, bei dem alle Walküren, aber keine einzige Muse Gevatter gestanden, sehr deprimierend, und darum senkte er seufzend den Kopf, drehte die Daumen umeinander und grübelte über eine Verbesserung obwaltender Verhältnisse,

»Sie machen ja die reine Leichenbittermiene, Herr von Flanken!« spottete das Miniaturmündchen neben ihm,

»Meiner heutigen Toilette ganz angemessen!« seufzte er, ohne aufzublicken,

»Bitte, fügen Sie Ihren Rätseln gleich die Auflösung hinzu!«

Er streckte seinen Fuß etwas vor und ließ das Licht auf den gigantischen Lackstiefeln spiegeln, »Wissen Sie, was ich anhabe?«

Sie nestelte die langstielige Lorgnette von dem Goldreif und musterte mit leisem Kichern seine Chaussure. »Sehr niedliche Tanzschuhe! bless me!«

»Sehen Sie, das bildete ich mir auch ein!« nickte er mit ernsthaftem Gesicht. »Aber ich wurde eines andern belehrt. Als Niekchen vom Schuster zurückkam – die Stiefel sind nämlich nagelneu – machte ich gerade Toilette und bedeutete ihm, besagte Lackbotten vor die Tür auf den Korridor zu stellen, Just wie ich sie hereinholen will, höre ich Schritte auf dem Gang und Damenstimmen beratschlagen über die Wohnung meiner Wirtin. Ich bleibe infolgedessen unsichtbar und muß folgendes Gespräch mit anhören: ›Du, Lieschen, hier, diese Tür vielleicht?‹ – Man faßt direkt vor mir Posto! – ›I wo! Da stehen ja ein Paar Herrenstiefel!‹ Und dann werden Hände klatschend zusammengeschlagen. »Grundgütiger! welches Kaliber! Das sind ja wahrhafte Kindersärge!!« Flanken unterbrach sich bei Jolantes hellem Auflachen und blickte sie wehmütig an. »Es war ein hartes Wort, und ich stieg traurig in die Kindersärge hinein und begab mich zum Ball – nun, ist meine düstere Miene gerechtfertigt?«

Die junge Dame schüttelte die blonden Locken animierter denn sonst zurück, »Nein, die Stiefel bestimmen noch lange nicht den Charakter eines ganzen Anzugs!«

»Gut. Bitte, sehen Sie sich die zarte Bekleidung meiner Pranken an!« – er streckte die Hand energisch vor, »Auf welche eine Handschuhnummer tarieren Sie?«

»Babyfäustlinge Nr. 1-1/2!«

»Bitte, nicht mokant werden, dazu ist die Sache zu ernsthaft. Hören Sie die Geschichte dieser Handschuhe und bleiben Sie Ihrer Sinne Meister!«

Mijnheer Malte van Doornkat verneigte sich vor Jolante und bat bereits bei den ersten Klängen neubeginnender Musik um seine Extratour.

»Warten Sie, bitte, ich habe jetzt keine Zeit. Also die Geschichte, Herr von Flanken!«

Der Premierleutnant kniff die Augen zusammen und musterte den Maler, der etwas zögernd Platz nahm, mit schadenfrohem Gesicht. »Wenn ich nicht ein allzu anständiger Kerl wäre, erzählte ich jetzt bis in die aschgraue Möglichkeit hinein!« schmunzelte er.

»Kurz fassen!« drohte Jolante lachend.

»Also – zur Feier des heutigen Tages wollte ich mir neue Handschuhe leisten, weil ich aber bisher stets nach Maß anfertigen ließ, und es keine Kleinigkeit ist, solche ›Babyfäustlinge‹ für mich herzustellen – –«

»Warum keine Kleinigkeit?«

Flanken spreizte die Finger. »Wenn ich ein Paar Handschuhe brauche, müssen jedesmal zwei Böckchen geschlachtet werden! Die Haut des Körpers gibt die großen Handflächen, die der vier Beine die Finger.«

»Man hat in der Regel fünf Finger!«

» Allright! Für den kleinen wird das Schwänzchen berechnet!«

Selbst Malte van Doornkat lachte – allerdings etwas blasiert, Jolante aber vergaß sür einen Augenblick ihr schwärmerisches Phlegma und rief eifrig: »Das war schon die Geschichte? O nein! Bitte, weiter erzählen!«

Flanken dehnte sich behaglich in seinem Sessel und nahm ein Gläschen Rotwein von dem Tablett eines servierenden Dieners. Er mußte die Kehle anfeuchten, denn das ungewohnte viele Sprechen strengte ihn gewaltig an. »Geschichte kommt erst jetzt! Also, ich brauche Handschuhe und beehre den nächsten Laden, Firma Friedrich August Schulze selige Witwe in der Bankstraße, mit meiner werten Kundschaft. Die selige Witwe ist allein im Laden, ich biete ihr meine Hand an, sie mustert sie sichtlich betroffen von allen Seiten und schleppt à tempo an die zwanzig Kästen herzu, mit der Anprobe zu beginnen. Mit Nr. 17½ fingen wir an. Erst trat ihr, dann mir der Angstschweiß auf die Stirn. Nichts wollte passen. Da wendet sie sich in ihrer Hilflosigkeit zu der halboffenen Nebentür: »Du, August! Der Herr hat eine so außergewöhnlich große Hand! Ich finde hier keine genügende Größe!« Und eine Stimme, der man anhört, daß sie durch den seriösen Moment des Mittagsessens stark engagiert war, antwortet gelassen die großen Worte: »Lang man die Holzkiste von dem obersten Rejale runter – die zweete – mit die Leichenhandschuh!«

Jolante streckte mit einem jähen Laut des Gruselns beide Händchen gegen ihn aus, Flanken aber zuckte resigniert die Achseln: »Was half's? Die Ware aus der Holzkiste Nr. II vom obersten Regale paßte, und angetan mit Kindersärgen und Leichenhandschuhen schwang ich mich in die Droschke, um eines Tanzfestes schwergeprüfter Zuschauer zu sein!«

VI.

Vierzehn Tage waren seit dem Groppenschen Ball vergangen.

Daniel Sobolefskoi lag in seinem Zimmer auf dem Diwan, um eine kurze Siesta zu halten. So hatte sein Kammerdiener dem General antworten lassen, als dieser sich nach des Fürsten Verbleiben erkundigen ließ.

Groppen schüttelte lachend den Kopf, »Na ja, da haben wir's! Muß jetzt am Tage schlafen, weil er zu lange im Mondschein geschwärmt hat! Sollte man es glauben! Sein Leben lang war der Mensch die Solidität selber, und plötzlich – seit kaum zehn Tagen, fängt er trotz seines grauen Kopfes noch an, über die Stränge zu schlagen!« Tante Dorette sah von ihrer feinen Stickerei empor und schüttelte ebenfalls den Kopf. »Sehr töricht von ihm; wer in so schwacher Haut steckt, sollte lieber schlafen in der Nacht, als in den Cafés herumzuflanieren! Ist es vielleicht ein besonderer Magnet, der ihn in so überraschender Weise aus der altgewohnten Bahn zieht?«

Der General stäubte die Zigarette ab und zuckte in seiner leichtlebigen Art die Achseln. »Hoffen wir's! Der kleine Kerl war beinahe dreißig Jahre lang ein Duckmäuser, und das ist Unnatur. Den Schwabenstreich, den jeder Staubgeborene der Göttin Erfahrung als Tribut zahlen muß, hat Daniel ihr bis jetzt in geradezu beängstigender Weise vorenthalten, und darum will ich wirklich wünschen, daß er noch einmal über einen Zirkusreifen oder eine Theaterkulisse Purzelbaum schlägt, ehe er als verkörperte Nüchternheit in die Grube fährt!«

Die jungen Damen traten ein, und Drau von Loguth brach das Gespräch ab. Aber von Stund an ruhte ihr Blick oft voll aufrichtiger Sorge auf dem Antlitz des Russen. Er sah kränker aus denn je, bleich, abgemagert und todmüde; aus tiefdunklen Augenhöhlen schweifte sein unsteter, silberglänzender Blick, und die Hand, die oftmals das Haupt stützen mußte, ließ kaum noch ein blaues Geäder durch die wächserne Haut schimmern.

Ja, Daniel Sobolefskoi lag wieder auf dem Ruhebett, um einen kurzen Schlaf zu tun. Er wollte von niemand gestört sein, und so war es totenstill uno dämmerig in dem Salon, nur die Uhr tickte ein monotones Schlummerlied. Dennoch kam kein Schlaf in seine fieberheißen Augen. Gegen den zähnefletschenden Kopf einer gewaltigen Wolfsschur, welche über den Diwan gebreitet war, drückte er sein häßliches, ungestaltetes Haupt. Seine gebrechliche Gestalt war zusammengebogen, wie die eines Gnomen, der auf der Mauer liegt, und seine Finger wühlten in nervösem Spiel in den dichten Flocken des Felles. In seinen Zügen zuckte und arbeitete es, bald lachte, bald frohlockte er, und dann wieder entrang sich ein lautes Aufstöhnen der kranken Brust.

Ja, Daniel Sobolefskoi hatte seinen elenden Körper Nacht für Nacht hinausgeschleppt in Schnee und Winterkälte, hatte voll wilden Trotzes die Zähne zusammengebissen, wenn seine Kräfte ihn verlassen wollten. Stundenlang hatte er bei Wind und Wetter auf der Straße gestanden, gegenüber dem Hause, darin der Freiherr von Altenburg drei Treppen hoch seine bescheidene Wohnung gefunden, und hatte lange vergeblich geharrt, bis er die Zeit ausgekundschaftet hatte, zu der eine hohe, vom Mantel umhüllte Gestalt aus dein Rahmen der Haustür trat.

Behutsam, leise und geschmeidig wie ein Raubtier, das ein Wild beschleicht, folgte er dem Verhaßten, keuchend bei der Hast seines schnellen Schrittes, Qualen erduldend beim Ankämpfen gegen die scharfe Schneeluft, die bei jedem Atemzug die Brust wie Dolch und Schwert traf, Lange, weite Wege mußte er oft vergeblich zurücklegen, bis er endlich auf der richtigen Fährte war, bis das Ziel der späten Promenaden meistens ein und dasselbe war. Kein Kaffeehaus, kein Lokal, daraus Spiel und Sang erschallte, nein! Dazu hatte der arme Edelmann im Rock des Königs kein Geld! – Ingrimmig hatte Daniel zuerst die Erfahrung gemacht, daß die Gewissenhaftigkeit und das Ehrgefühl des jungen Offiziers größer waren, als die Versuchungen eines modernen Babel. Der Dämon hatte seine Krallen bis in das Herzblut des verwachsenen Mannes geschlagen, und wie ein Mephisto die Fallstricke vor den Füßen seines Opfers ausspannt, hatte auch Sobolefskoi Netze gelegt, seinen Gegner darin zu erdrosseln. Als Freund hatte er sich in beinahe aufdringlicher Liebenswürdigkeit an Altenburgs Fersen geheftet. Sein Vertrauen zu gewinnen, spielte er die gewagtesten Komödien, und als der junge Mann ihm endlich nähertrat und sich ihm mehr anschloß als anderen Herren – um Lenas willen – da hob Mephisto die funkelnden Säckel seines Reichtums, hing den Deckmantel der Liebe über seinen Pferdefuß und sprach: »Nimm von meinem Überfluß, junger Freund! Ich fordere kein einziges dieser Goldstücke jemals von dir zurück. Lebe, genieße! Stürze dich dem Vergnügen in die Arme, je wilder, desto besser, man ist nur einmal jung! Und ich? Ich hab' ja meine Freude dran!«

So hatte sich die Schlange an dem mittellosen Mann emporgeringelt, hatte ihn mit den Augen der Versucherin angefunkelt und bereits ihr giftig Haupt gereckt, ihn in das Herz zu stechen. Altenburg aber hatte im Kampf mit ihr gesiegt wie ein Held, und wenn Daniel auch seiner moralischen Niederlage fluchte, so hatte sein Auge dennoch voll Bewunderung aufgeleuchtet, als es einen Blick in dies ehrenfeste Jünglingsherz getan. Aber sein böser Geist, der mächtig wachgerüttelte, deckte mit schwarzem Fittich das sehende Auge des Fürsten.

Eine neue Falle gestellt! – Und heimlich beobachtete und verfolgte er den Freiherrn auf Schritt und Tritt, um eine schwache Stelle zu finden, an der die Axt an den stolzen Eichbaum gelegt werden konnte.

Kein Kaffeehaus, keine Spielhölle! Eitel von Altenburg blieb in ärmlicher, kleiner Gasse vor einem turmhohen Hause stehen, öffnete mit einem eigenen Hausschlüssel und verweilte darin von zehn Uhr bis oft lange nach Mitternacht.

Wo ging er hin? Daniel triumphierte bereits. Er hatte sich zwei Abende nacheinander in dem wenig herrschaftlichen Hause einschließen lassen und es einem Zufall verdankt, daß er spät in der Nacht durch ein paar heimkehrende Näherinnen wieder befreit wurde. Am dritten Abend kam endlich der junge Offizier. Er trug bei diesen Promenaden stets Zivil, schritt hastig durch den Flur des Vorderhauses und eilte nach dem rechten Quergebäude des Hofes.

Wie ein Schatten schlich ihm Sobolefskoi nach, Er hörte den Schritt auf der hölzernen Treppe klingen. Hoch – immer höher ging es. Im vierten Stock klopfte er an die Tür.

Andern Tags hatte es Sobolefskoi ausgekundschaftet, daß dort ein alter Tanzlehrer wohnte, ein Franzose, dessen allerliebste Enkelin bei dem Ballett engagiert war.

Aha! – Ging Altenburg jemals auf die Billetts der Akademie ins Theater, so war es angeblich stets in das Opernhaus, »weil er Musik so sehr liebe!« Daniel Sobolefskoi hatte laut aufgelacht, seit langer Zeit zum erstenmal wieder schallend aufgelacht. Und jetzt lag er auf dem Diwan und spann wüste, phantastische Träume. Das Kaminfeuer flammte auf; wenn sein greller Schein den Wolfskopf streifte, funkelten die grünen Glasaugen wie Phosphor.

Der Bucklige stierte in die zuckende Glut, auch sein Blick flimmerte wie der eines Raubtieres. Der Plan war reif. Er sollte den durchkreuzen, den die Liebe ihm, dem Ausgestoßenen des Glücks, zur Verzweiflung ersonnen.

Drei Wochen lang war es her, seit Altenburg an Lenas Seite gesessen, um während eines langen Soupers voll stets wachsenden Interesses in die dunklen Mädchenaugen zu schauen, die zu ihm anders emporblickten, wie zu jedem andern. Arm in Arm waren sie im Tanz dahingeschwebt, die erste Schleife hatte Lenas Hand auf der Brust des fremden, von allen andern kaum beachteten Mannes geheftet, und in Lenas Zimmer hatte später ein einziger Kotillonstrauß auf dem Schreibtisch gelegen, an dem die stanniolumwickelten Stiele umgebogen waren, um ihn zu kennzeichnen.

Daniel Sobolefskoi hatte die Hände gegen die Brust gepreßt und gewaltsam die Augen geschlossen, dennoch hatte er den kleinen Strauß wie ein Schreckgespenst die ganze Nacht hindurch gesehen, in wüstem, musikdurchgelltem Traum. Was hatte er verbrochen, daß das Schicksal ihn so unbarmherzig und ruhelos durch sein ganzes Leben verfolgte? Wie ein Kainszeichen brandmarkte ihn seine Mißgestalt, die ihn aus dem Paradiese der Liebe und des Glücks ausstieß wie einen Paria; Krankheit und physische Schmerzen peinigten ihn, solange er denken konnte, einsam und verlassen seit Jugend auf, ärmer als das in Lumpen gehüllte Kind, das eine Mutter auf den Armen wiegte, das seine Tränen an einem Mutterherzen weinen konnte!

Wie ein Fluch hatte ihn das Unglück verfolgt, ungehört war sein Jammergeschrei verhallt, unerfüllt war das flehende Gebet seines Lebens geblieben – was hatte Daniel Sobolefskoi gefrevelt, daß sein Gott ihn so ganz und gar verlassen hatte?

Soweit er zurückdenken konnte, hatte er keine schlechte Tat begangen. Sein Wollen und Wünschen war brav und gut. Wie ein Märtyrer hatte er sein schuldlos Haupt unter die Geißelhiebe der Welt gebeugt und in demütiger Geduld auf Haß mit Liebe geantwortet. Und die Heiligen im Himmel schien es zu erbarmen, er fand die dunklen Augen, die seines Lebens Sehnsucht waren. Aber er sollte sie lieben, ohne sie zu begehren, er sollte sie nur gefunden haben, um sie wieder zu verlieren. So reißt man dem Verschmachtenden den Becher von den Lippen. Entsagen! Wieder gellte es ihm mitleidslos in die Ohren. Entsagen! Wieder traf es ihn mit scharfem Stachel in das Herz. Der Engel der Ergebung aber war während der langen Pilgerfahrt über Stein und Dorn matt geworden, seine gefalteten Hände konnten den Dämon nicht mehr niederhalten, er wuchs wie ein Riese und triumphierte. Daniel hatte es mitansehen müssen, wie sich fremde Hände nach dem Kleinod seiner Seele ausstreckten. Er beobachtete, wie die Liebe in Lenas Herz erwachte, wie der Freiherr von Altenburg in der Nähe des liebreizenden Mädchens ein anderer wurde. Nach dem Groppenschen Ball hatten beide sich verschiedentlich wiedergesehen, und er, Daniel, war ein Narr, wenn er Fallstricke legte, sie waren zu goldenen Fäden geworden, die Altenburg mehr denn je zu dem Hause des Generals zogen. Sie liebten sich! Jeder Blick, jedes Wort verriet es, und wenn der junge Offizier auch in stolzem Trotz noch nicht um die Hand der reichen Erbin warb, so würde dennoch ein Tag kommen, wo die Allgewalt der Leidenschaft die Dämme niederriß, die übertriebenes Ehrgefühl in den Weg getürmt. Darum auf zur Tat, ehe es zu spät war! Daniel hatte nicht umsonst gearbeitet, er wollte auch ernten. Sein Entschluß stand fest, die Beobachtungen, die er gemacht, nun auch zu verwerten. Vor Lenas Augen stand das Bild des Geliebten in reiner, makelloser Glorie da, als der Inbegriff alles Edelsinns, aller Rechtschaffenheit, verkörpert in der ritterlichen Gestalt Eitels.

Aber Fürst Sobolefskoi wird dieses Spiegelbild ins rechte Licht drehen; ein einziger Lufthauch, der über den Hof jenes fünfstöckigen Hauses weht, darin des französischen Tanzmeisters Enkelin wohnt, soll es treffen, und das strahlende Bild wird unter ihm so jählings trübe werden, daß es Lena voll Abscheu aus der stolzen Hand schleudert!

Das Feuer im Kamin knisterte auf wie boshaftes Kichern, und die zusammengekauerten Glieder des Russen dehnten sich auf dem Wolfsfell. Mit kurzem Ruck der Entschlossenheit glitt er von seinem Lager und wühlte noch einmal die hageren Finger durch sein struppiges Haar; dann schritt er zur Tür, öffnete leise und trat auf den hellen, durchwärmten Flur hinaus. Die teppichbelegte Treppe dämpfte seinen Schritt, der Fürst durcheilte die Salons der ersten Etage und blieb sekundenlang vor dem Empfangszimmer der jungen Dame stehen.

Auf seiner Stirn trotzte ein fast grausamer Wille, derselbe rachsüchtige Zug lagerte um seinen Mund, der schon im Schloß von Miskow des Kindes Antlitz verzerrte, wenn er unerbittliche Strafen für irgendeinen Peiniger ersann.

Und er legte die Hand hart auf die Klinke und trat ein.

»Lena?!« rang es sich rauh und heiser von seinen Lippen.

Keine Antwort. Aber ein wunderliches Geräusch drang von einem Sessel zu ihm herüber, es klang wie lautes Aufschluchzen.

Der Bucklige durchmaß hastig das Zimmer, und abermals hallte es »Lena!« durch den stillen Salon: diesmal aber war es ein Ausruf des Schreckens, und die Finger der gekrampften Hand lösten sich zitternd, um den Arm des jungen Mädchens zu umspannen. »Lena – du weinst?«

In den weichen Plüschpolstern lag ihre schlanke Gestalt. Der weiße Seidendamast einer Soupertoilette floß bereits in schimmernden Falten zum Teppich nieder, Goldreifen blitzten, und Blumenkelche dufteten schon an der Brust. Aber sie waren geknickt und streuten ihre Blätter nieder, ebenso wie die frischen Fliederzweige im Haar matt und halb gelöst herniederhingen. Sie regte sich nicht, nur ein heißes, leidenschaftliches Weinen schüttelte unmerklich ihre Glieder.

»Lena! Allmächtiger Gott, was ist geschehen?« Wie umgewandelt war der Ausdruck in Daniels Zügen, verzehrende Herzensangst blickte aus seinen Augen, und neben ihr auf die Knie niedersinkend, streichelte er wie ein Kind ihre Hand.

Ein leiser, schneller Druck dieser war die Antwort.

»Lena, ich beschwöre dich, welch ein Schmerz ist dir widerfahren?« flehte es zu ihr empor. »Ich habe dich seit deiner Kindheit nicht mehr weinen sehen, diese Tränen ängstigen mich! Sprich zu mir … vertraue dich mir an … du weißt's, daß ich mein Herzblut gebe, wenn ich dir helfen kann!«

Da schlangen sich ihre Arme krampfhaft um seinen Nacken, und das schöne, tränenbetaute Antlitz sank wie eine gebrochene Blüte auf seine Schulter, mit dem halberstickten Aufschrei: »Onkel Daniel – er stirbt!«

Der mißgestaltete Mann zuckte zusammen. »Wer stirbt, Lena?«

Er fühlte, wie ihr Körper zitterte und zusammenschauderte.

»Altenburg!«

»Undenkbar; ich sah ihn heute morgen, was soll ihm passiert sein?«

Da richtete sie sich empor und drückte die Hände gegen das wehe Herz. »Gestürzt – mit dem Pferde – durch unglücklichen Fall in Glasscherben – eine schwere Halswunde!« rang es sich von ihren Lippen.

Er hatte sich erhoben. Ein wunderliches Frösteln durchlief ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Er hätte frohlocken mögen, und dennoch preßte ihm der Jammer die Kehle zusammen. »Beruhige dich, mein Liebling, fasse dich!« tröstete er mit weicher, zärtlicher Stimme, »wer weiß, mit welch irrigem und übertriebenem Gerücht man dich erschreckt hat. Erzähle mir ausführlich, was du von einem vermeintlichen Unfall Altenburgs gehört hast, ich bin überzeugt, es ist ein Märchen!«

Lena schüttelte aufgeregt das Köpfchen. »Flanken hat alles mit angesehen,« flüsterte sie hastig. »Beide Herren sind zusammen geritten – Altenburg leichtsinnigerweise auf einem fast völlig unzugerittenen Vollblutrappen seines Vetters Lanken! Bei dem Überqueren einer Straße stürzte von einem dicht vorausfahrenden Wagen ein Flaschenkorb, und das junge Pferd, durch das Klirren erschreckt, bäumte sich auf und – und –« Lena drückte die Hände gegen die Schläfen und schluchzte laut auf! »Onkel Daniel, Gott im Himmel mög's verhüten, daß er stirbt!«

Sobolefskoi blickte starr vor sich nieder. Seine Zähne schnitten in die Lippen, tiefe Atemzüge hoben seine Brust. Ihm war, als solle auch er die Hände falten und voll leidenschaftlicher Angst flehen: »Ja, verhüte es, daß dieser Hoffnungsstrahl wieder erlischt, allmächtiger Gott! Wer so viel süßes Glück genossen wie Altenburg, dem diese dunklen Augen in Liebe zugelächelt, der stirbt reich und schön! Ich aber bin arm und elend und soll das einzige hingeben, was mir lieb ist auf dieser Welt, darum hilf mir, du Gott der ewigen Gerechtigkeit!«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann umschloß Lena die Hand des Fürsten abermals mit bebendem Druck. »Onkel Daniel,« flüsterte sie, »kennst du die Qualen des Hangens und Bangens, eines Harrens in Zweifel und Ungewißheit? Ich weiß, daß er schwer krank ist, daß er vielleicht in diesem Augenblick mit dem Tode ringt, und kein Mensch ist auf der weiten Welt, der mir Nachricht bringt, den ich vertrauensvoll an das Krankenlager senden könnte.«

»Lena, ist es nur Mitleid, daß du also an seinem Schicksal teilnimmst?« Seine Stimme klang halb erstickt, und ihre Wimpern senkten sich, da sein wunderlicher Blick ihr Auge traf. Sie antwortete nicht, sie schlug nur die Hände vor das bleiche Antlitz.

Fürst Sobolefskoi neigte sich näher, sein Atem streifte fast ihre Wange. »Du liebst ihn!« tönte es leise, wie klangloses Zischen in ihr Ohr.

Da hob sie das Haupt und sah ihn an, Tränen glänzten an den Wimpern, aber ein Lächeln, süß und glückselig, verklärte ihr Angesicht, »Ja, Onkel Daniel, ich liebe ihn! Keinem Menschen auf Gottes weiter Welt will ich es anvertrauen, als dir allein, du treue Seele, du mein einziger, mein bester Freund, den ich besitze.«

Wie ein Schwindel erfaßte es ihn, seine Knie zitterten, langsam sank er auf den Sessel, und als das junge Mädchen in leidenschaftlicher Erregung an seiner Seite niederkniete und ein jubelndes Bekenntnis alles dessen ablegte, was Daniel längst wußte, als ihre Seele vor ihm rang in Liebe und Todesangst um des Geliebten Leben, da strich er mit eiskalter Hand über ihr lockig Haar und murmelte: »Ich habe es geahnt und gewußt, daß diese Stunde kommen würde.« Noch einmal zuckte es blitzartig durch seine Gedanken, ihr zu sagen, daß Altenburg wohl nicht so verlassen sei, wie sie wähne, aber er preßte die Lippen zusammen und schwieg.

Nein, er konnte ihr nicht das Herz brechen, nicht in diesem Augenblick, wo er voll tiefer Zerknirschung hätte in die Knie sinken mögen vor seinem Gott, von dessen Wegen er in den letzten Tagen so vielfach abgewichen war, und der plötzlich dennoch seine barmherzige Hand ausstreckte, nach seinem Willen den Konflikt zu lösen. Daniel starrte mit weitgeöffneten Augen ins Leere. Sein leicht erregter, phantastischer Kinderglaube sah bereits den goldenen Weg, den des Allmächtigen Gnade ihm aufgetan.

Eitel würde sterben wie ein Glücklicher, den ein Blitzschlag aus dem Arm der Liebe reißt, er würde im blühenden Sommer des Lebens dahingehen, damit noch ein letzter Sonnenstrahl mild versöhnend auf den Spätherbst eines im Schatten verkümmerten Reises fallen konnte.

»Onkel Daniel!« flehte Lena, »du siehst die Angst, die ich um ihn leide! Hab' Mitleid, hab' Erbarmen: leiste mir den größten Liebesdienst, den mir je ein Mensch leisten kann, du bist Arzt, fahre zu Altenburgs Wohnung und sieh, wie es um ihn steht.«

Er nickte schweigend mit dem Haupt und erhob sich.

Da schlang sie die Arme um seinen Nacken uno sah ihn mit unbeschreiblichen! Blick an. So nah, so zauberschön in ihrer tränenfeuchten Qual hatte Daniel ihre Augen noch nie gesehen, noch nie waren sie den dunklen Sternen, welche er in der goldnen Kapsel auf der Brust trug, so ähnlich gewesen!

»Onkel Daniel, gelobe es mir, daß du alles für ihn tun willst, was in Menschenkräften steht! Du treuer, selbstloser Samariter, der schon an so viele Krankenlager als ein Gottgesandter getreten ist, um zu helfen und zu retten, du, der Wissen und Kenntnisse gleich dem besten Arzt besitzt, du wirst auch diesmal voll opfermutiger Liebe alles einsetzen, diesmal, wo du weißt, daß du mit seinem Leben auch das meine erhältst!«

Er sah nur in ihre Augen und legte seine Hand mechanisch in die ihre.

»Versprich es mir!«

»Ich gelobe es!«

Ein tiefer Atemzug der Erleichterung hob ihre Brust, mit zitternden Fingern rührte sie die Schelle.

»Du fährst doch gleich?« bat sie abermals, und da er regungslos dastand und nurr zustimmend den Kopf bewegte, fiel es ihr auf, wie bleich und fremd er aussah. Es mußte an dem unsicheren Kerzenlicht und ihren umflorten Augen liegen. Noch einmal streckte sie ihm in aufwallender Dankbarkeit die Hände entgegen, er schien es nicht zu sehen, den Blick wie gebannt in den ihren gesenkt, schritt er alsdann unsicheren Schrittes an ihr vorbei durch die Tür.

Herr von Fanken saß vor seinem hölzernen Tisch und stützte sinnend den Kopf in die Hand. Es erging ihm ähnlich wie dem Löwen, wenn er auf den Geschmack des Blutes gekommen. Vor ihm lagen drei Balleinladungen, und Frantusch Niekchen trabte soeben zum Briefkasten, um schleunigst die Antwortschreiben zu befördern, die den gütigen Gastgebern versichern sollten, daß der Herr Premierleutnant »mit größtem Vergnügen usw. usw. Folge leisten werde.«

Wer hätte das vor vier Wochen geglaubt! Flanken gedachte kopfschüttelnd des Dichterwortes, das die Hofluft als etwas so ganz Absonderliches beschreibt. Der Mann hatte entschieden recht, denn wenn solch ein Wehen, Strahlen und Duften einem derart nüchternen und prosaischen Gesellen wie ihm den Kopf verdrehen konnte, dann mußte es tatsächlich ein Zaubergemisch von Sonne, Mond und Veilchenduft sein.

Auf dem Groppenschen Ball hatte zwar nicht die echte, rechte Hofluft geweht, aber sie hatte doch das Köpfchen der Prinzessin umsäuselt und mit ihrem Blütenstaub die Athmosphäre des Saales erfüllt, das merkte Flanken daran, daß es ihm plötzlich so sehnsuchtsvoll und lyrisch zumute wurde, wie bei Mondschein und Veilchenduft. Oder waren Jolantes kleine Hände daran schuld? Sie spielten gar zu allerliebst mit dem Fächer und wehten mit ihm die Goldlocken zurück, so daß sich eine davon gleich wie eine Schlange an dem Ärmel des Ulanen emporringelte. Oder war ihre Balltoilette schuld? So etwas Duftiges und Spinnwebfeines war im Grunde genommen der einzig richtige Anzug für eine Dame, da sah man erst, was für Puppenspielzeug solch ein kleines Ding ist, und kann solch ein Wunder gar nicht genug anstaunen. Es weilten allerdings auch manche Kraftjungfrauen in den Ballsälen, allein diese muteten Flanken beinahe wie etwas Unnatürliches an. Die Frauen sind das Mittelding zwischen Engel und Mensch, oder direkt Engel, denen man nur die Flügel genommen, damit sie nicht allzu rasch in ihre himmlische Heimat zurückflattern.

In Flankens Seele lebten noch Ideale, und die in seinem Herzen fast unbewußt das Köpfchen hebende Liebe lächelte wie ein Kind, das harmlosen Sinnes noch an Märchen glaubt.

In Gedanken versunken saß er inmitten seiner blauen Tabakswölkchen da und überlegte, wie es wohl anzufangen sei, daß er Jolante auch einmal zu einem Walzer engagieren könnte! Es müßte doch rein des Teufels sein, wenn er nicht tanzen lernte, wenn er nicht die paar Schritte und Schleifer schnell begreifen sollte! Davon war er überzeugt, aber – Flanken fuhr mit gespreizten Fingern durch sein Kraushaar – lernen wollte er ja gern, aber wie und wo? Da lag der Hase im Pfeffer. Konnte ein so alter Mensch wie er noch Tanzstunde nehmen? Das würde einen schönen Spektakel bei den Kameraden geben! Und wenn auch der Tanzmeister diskret wäre, so würde sich Flanken doch lieber einen Finger abbeißen, ehe er sich vor so einem wildfremden Menschen mit täppischen Bocksprüngen lächerlich machte. Außerdem – mit wem sollte er tanzen? Ein Lehrer, ein Musiker und einer, der als Dame tanzte, das waren bereits drei Personen, die ins Vertrauen gezogen werden müßten. Nein, vor soviel Publikum ließ sich kein würdiger Mann die Beine gelenkig machen!

Flanken seufzte tief auf und hob gleichzeitig lauschend den Kopf. Was war denn das für eine Katzenmusik da drüben?

Fein und silberhell, aber dabei sehr deutlich vernahm er nebenan, in dem Zimmer seiner Wirtin, wohlbekannte Klänge. Das war derselbe Walzer, von dem Jolante neulich mit leuchtenden Augen, hochatmend und heiß erglüht, gesagt hatte: »Es mag eine triviale Melodie sein, aber gleichviel, es tanzt sich himmlisch danach!«

Die Tür öffnete sich und Niekchen trat ein, um eine ausgebürstete

Uniform wieder in den Schrank zu hängen. Mit drei gewaltigen Schritten stand sein Herr neben ihm, faßte den braven Polen beim Genick und zog ihn zu der Wand hin, »Niekchen! Hörst du was?!«

Der so außergewöhnlich Behandelte duckte sich wie ein Jagdhund vor der Peitsche und machte ein Gesicht, als erwarte er fürchterliche Dinge durch die Wand zu erlauschen,

»Na, hörste was?!« wiederholte Flanken ungeduldig und ließ den Kragen der alten Jagdjoppe, die Niekchen im Hause auftragen durfte, los.

»Hör ik nur Spieldosel von Wirtin unsrigres!« schüttelte er enttäuscht den schwarzlockigen Kopf.

»Mehr verlange ich gar nicht! Kennst du vielleicht das Stück, welches sie eben spielt?«

Die schlanke Figur des Ulanen schnellte wieder empor, und ein sehr fröhliches Lachen ließ momentan die Hähne durch den Schnurrbart blitzen, »Werrd ik doch kennen Gchunkelwalzer, Herr Leutnant!«

Flanken blickte auf die Füße seines Scherasmin hernieder, die sich in der heißblütigen Art seiner Nation sofort im Takt bewegten.

»Du kannst wohl gar tanzen?« beinahe klang's wie heller Neid in der Stimme des Fragers,

Die Augen des Polen blitzten. »Kann ik tanzen besser wie fixestes Madel, Leutnant. Hob ik gemacht unzähliges Masur – und Polka – und Krakowiak –«

»Damit kannst du mir aus dem Tornister fallen! Aber Walzer – « Flankens Hand legte sich wuchtig ans die Schulter des geschmeidigen Gesellen, »kannst du auch Walzer tanzen?«

»Oh! – oh!!« und Niekchens Mimik und Handbewegung sagten alles weitere.

Da blitzte es durch die Gedanken des Premierleutnants wie ein großes, großes Licht, »Dann wirst du mich das Walzertanzen lehren, Niekchen!« sprach er feierlich, »geh hinüber zu der Frau Wirtin und sag' ein schönes Kompliment und frag', ob sie uns mal ihre Spieldose pumpen wollte! Aber nicht verraten, daß wir hier tanzen werden, verstanden, Kerl? Sag', ich sei ein musikalischer Mensch und wollte gern das Instrument spielen lernen – ja so – das spielt sich von allein. Na, dann sag' nur, ich hätte ganz kannibalische Kopfschmerzen und da wollte ich mich ein bißchen aufheitern!«

Sämtliche Gelenke an Frantusch Niekchen tanzten bereits als er wie ein Wirbelwind durch die Tür stob, den Befehl auszuführen.

Flanken aber faßte den schweren Eichentisch mit beiden Händen und trug ihn, wie andere Sterbliche vielleicht ein Fußbänkchen durch das Zimmer transportieren, in die Ofenecke, Teppiche gab es Gott sei Dank nicht zu rollen, und nachdem noch die Schemel beiseite geschoben und ein Briefkuvert als störendes Hindernis sorgsam beseitigt worden, sah sich der blonde Riese wohlgefällig in seinem Tanzsaal um und schaute dem Lehrmeister Niekchen erwartungsvoll entgegen, als dieser das Zimmer wieder betrat.

Sein Gesicht war hochgerötet, seine Hände leer.

»Nun? wo bleibt denn die Musik?!«

»Hob ik gefragt Madel von Wirtin unsrigtes nach Schunkelwalzerkastel, hot aber gesagt Marinka ausverschämtes, daß bei Wirtin is grußes Damenappell mit Kaffeevergnieken, und daß Wirtin närrisches darum kann nix hergeben Spieldosel!«

»Soll doch ein Schock-Donnerwetter –! Tanzen die Damen denn auch?«

»Sitzen gonz mausestill aus Kanapee und lossen immer Kaffeetasseln frisch füllen und wockeln mit Kinnbacken wie masurisch Rindd, wenn's widerkäut. Dozu muß Instrument Musik machen, bis Dame ausgehungertes konn nix mehr beitun, dann fangt's an allen Ecken an zu verzählen Neuigkeit, und Dosel spielt immer pressenti, damit nix Pause wird!«

»Das ist ja eine heitere Bescherung! Ja, Niekchen, da müssen wir die Stunde heute aufstecken, Blitz und Knall! und ich hätte so gern bis nächsten Mittwoch Walzer gelernt!«

»Können wir machen alles ohne Musik!«

»Nein, dann bleibe ich nicht im Takt!«

»Wenn Leutnant wird nix böse, Frantusch Niekchen konn Schunkelwalzer dazu pfeifen.«

Flanken starrte seinen Getreuen einen Moment sprachlos an, dann erglänzte sein frisch gerötetes Gesicht wie ein Vollmond, der sich siegreich über düstere Wolken hebt, und langsam ein Dreimarkstück aus der Börse nehmend, reichte er seinem Burschen anerkennend die Hand: »Die Idee war einen Taler wert, Niekchen! Vorwärts, es kann losgehen!«

Hei, wie das so flott schlurrte und schleifte, als der schwarzäugige Gesell vor seinem Gebieter Probe tanzte! Er hatte sich zuvor in Wichs geworfen, und der blondlockige Herkules sah schmunzelnd auf diesen graziösesten aller dreijährigen Ulanen, der, keck und elegant in jeder Bewegung, einem jeden Ballsaal zur Zierde gereicht haben würde. Ja, ja, Temperament gehörte dazu!

Voll ehrlichen Eifers setzte sich auch der Schüler in Bewegung. Wo aber bei Niekchen kaum eine Diele gebebt hatte, da zitterten unter des deutschen Edelmannes Füßen die Balken, und wo Niekchen leicht und beinahe lautlos die Schritte vormachte, da dröhnte es unter Flankens Sohle wie Donner und Wettergraus. Und wie man im besten Zuge war, und Niekchen, melodisch pfeifend, sich als zarte Schöne in den Armen seines noch sehr tolpatschigen Tänzers zu wiegen versuchte, da klopfte es erst zaghaft und dann immer energischer an die Tür.

Der Reigen stockte.

Flanken wischte keuchend mit dem Taschentuch über die Stirn, und Frantusch changierte auf seinen Wink behende zur Tür, um hinter dieser zu verschwinden. Mit ganz betretener Miene erschien er nach lautem Wortwechsel vieler Stimmen wieder vor dem Angesicht seines Herrn.

»Na, was gab's denn?«

»Woren sie Kopf an Kopf die Kränzchendamen von Wirtin geängstigtes und Madeln und Mietersleut und sunstiges Bagag' auf Kurridor. Haben sie all gekreuzigt und gesegnet sik und gefragt, was is bei Leutnant passiert? Is sik unten in Kellerwohnung alles Kalk von Stubendecke gebrochen, und hot Frau einfältiges geschrien, daß sik Haus stürzt ein! Und Kaffeedamen schreien mit, daß auf Tisch ihrigtem alle Tassen und Gläseln hoben geklirrt!«

Flanken kraulte sich verlegen hinter dem Ohr.

»Was Teufel, Niekchen! Das ist eine üble Entdeckung. Was hast du denn gesagt?!«

Der wackere Tanzmeister lächelte sehr verschmitzt.

»Nix Wohrheit hob ik gesagt, sundern hob gesagt: Leutnant meinigtes hot Kopfweh und will sik Zeit vertreiben. Wirtin dickfelliges hot nix wollen geben Spieldosel, da hot Frantusch Niekchen gemacht allein Musik mit Pfeifen und Stampfen, wos is polnisches Kunzert!«

»Alle Hagel! Das hast du den Damen geantwortet? Waren wohl sehr giftig, he?«

»Nix giftig, Leutnant. Hot Wirtin reumütiges roten Kopf gekriegt und gelocht: Sag' zu deine schwerrkranken Patient, daß er soll haben Spieldosel sofort!« und mit triumphierendem Lächeln wandte er sich abermals zur Tür, an die es schüchtern klopfte, und nahm würdevoll das annoncierte Instrument in Empfang.

Flanken strich sich nachdenklich das Kinn. »Stell sie auf den Tisch, Niekchen, und dann geh hinüber zum Meister Knieriem und kaufe mir zwei schöne, weiche Filzpantoffeln! Die ersten werden's sein, die ich an die Füße bekomme, aber was tut man nicht alles, um einen Walzer zu lernen!« Gott Amor aber saß auf der Tischkante und hielt sich die Seiten vor Lachen. Er lernt doch gar viele wunderliche Heilige in seiner Praxis kennen, einem solchen Original aber, wie dem Herrn von Flanken, war er zuvor noch nicht begegnet. Schnell zog er eine Feder aus dem Flügelchen und notierte sich den außerordentlichen Fall, denn es gibt eine Menge ungläubiger Menschen in der Welt, die alles schwarz auf weiß haben wollen.

Die Filzpantoffeln wurden gekauft, und Tanzmeister Niekchen hat sein Meisterstück gemacht.

VII.

Es war ein kalter, stürmischer Novemberabend, als die Equipage des Fürsten Sobolefskoi durch die Parkanlagen nach einem der Vorstadtviertel der Residenz hinaussauste.

Wunderliche Stimmen klangen durch Wind und rauschende Baumwipfel, und die in einen Pelz gehüllte Gestalt des Russen drückte sich fester in die Wagenecke und starrte mit gläsernem Blick in den wirren Schattentanz hinaus. Es war eine frostige Fahrt. Daniels Zähne schlugen zusammen und wie Fieberschauer schüttelte es seine Glieder, dennoch hatte er das Gefühl, als steige heiße Glut von seinem Herzen empor in Stirn und Schläfen. Es hämmerte und zuckte darin und schoß jählings zurück, seine Brust wie mit knöchernen Fingern im Krampf zu fassen.

Vielleicht fuhr er zu einem Schwerkranken, vielleicht zu einem Sterbenden. Nicht zum erstenmal legte er einen solchen Weg zurück; in Italien und Paris war sein Platz lange Wochen hindurch bei Sarg und Totenbett gewesen, und seine Hand hatte sich kühl und friedlich auf brechende Augen gelegt, und seine Lippen konnten beten. Heute zitterte er selber wie ein Schwerkranker, und die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm alle Leidenschaft seiner gefolterten Seele aufrührten, waren keine Gebete, sondern ein Trotzen, Frohlocken und lästerliches Anrufen der Gerechtigkeit, endlich ihrem Stiefkind sein wohlverdientes Glücksteil auszuzahlen. – Zwei dunkle Mädchenaugen hatten ihn zum willenlosen Werkzeug gemacht und ihn hierher auf diesen Weg gedrängt. Unter ihrem Einfluß und dem seines guten Engels war er geschieden, und nun schlug die Nacht ihre düsteren Fittiche um ihn, und in den Lüften lebte und webte es wie Höllenspuk. Und dann tanzten wieder die Straßen im Flackerschein an ihm vorüber, und die Gasflammen zuckten wie Irrlichter, bis der Wagen mit jähem Ruck auf dem Pflaster hielt.

Der Diener riß die Tür auf, und Daniel stieg mechanisch zur Erde und betrat durch das schlichte Portal das Haus. Schwer atmend stieg er eine Treppe um die andere empor. Ein Bursche stolperte mit einem Eimer voll Eis hinter ihm die Stufen hinauf, und eine Frau tuschelte auf einem der Treppenabsätze mit einem jungen Zivilisten. Sobolefskoi griff an den Hut und schritt vorüber. Die Korridortür stand offen, und aus der nächsten, ebenfalls nur angelehnten Zimmertür hörte man leise Stimmen. Ein Militärarzt verabschiedete sich von Herrn von Flanken. Mit einem gedämpften Laut freudiger Überraschung trat der Premierleutnant der unerwarteren Erscheinung im Türrahmen entgegen, in seiner ungeschickten Weise sich bemühend, lautlos auf den knarrenden Dielen zu gehen.

»Gott sei Lob und Dank, daß Sie kommen, Durchlaucht!« flüsterte er mit kräftigem Händedruck. »Sie schickt ein guter Engel zur rechten Stunde! Haben Sie eine Weile Zeit, können Sie momentan hierbleiben?«

Daniel bejahte hastig, sein Blick flog suchend durch das Zimmer und haftete auf der geöffneten Stubentür. »Ich komme, meine Dienste anzubieten, meine Herren. Nicht als Arzt, dazu bin ich zu lange Zeit aus jeglicher Übung, wohl aber als Freund und Handlanger, wenn man mich als solchen gebrauchen kann.«

»Und ob wir es können!« atmete der Ulan tief auf. »Unser braver Doktor muß noch einem andern Patienten Hilfe bringen, und ich sitze bereits seit zwei Uhr mittags hier auf demselben Fleck, habe in der Aufregung der letzten Stunden Essen und Trinken vergessen, und nun hängt mir der Magen bis in die Stiefel herunter, so daß mir vor Hunger ganz blümerant wird!«

Und das frische Antlitz des Sprechers sah so kläglich zu Fürst Sobolefskoi nieder, daß diesem ganz unfreiwillig ein Lächeln um die Lippen huschte.

»Gehen Sie schnell, bester Flanken, und sorgen Sie, daß wir an Ihnen keinen zweiten Patienten zu pflegen bekommen! Ich bleibe hier und vertrete Sie, so lange Sie es nur irgend verlangen.«

»Um zehn Uhr ist der Krankenpfleger hier, Durchlaucht,« verneigte sich der Arzt. »Wenn Sie bis dahin die große Güte haben wollten, hier auszuhalten –«

»Unsinn! Ich bin um neun bestimmt retour. Mehr als eine Stunde brauche ich nicht, um in der nächsten besten Kneipe zum Futtern zu blasen!«

Daniel hatte den Pelz abgeworfen, »Sind irgendwelche Maßregeln bei dem Kranken zu beobachten?« fragte er, sich der Tür des Nebenzimmers nähernd.

»Momentan nicht; verbindlichsten Dank. Der unglückliche Herr von Altenburg braucht augenblicklich nur Ruhe, viel Ruhe. Der ungeheure Blutverlust hat ihn bis zur Ohnmacht entkräftet.«

»Die Halswunde ist tatsächlich schwer?«

Der Arzt zuckte die Achseln, »So schwer, daß er uns schier unter den Händen verblutete! Das Unglück geschah nur wenige Straßen entfernt von der Wohnung hier, darum standen die beiden Heilgehilfen, die sich glücklicherweise in einem nahen Barbierladen aufhielten, vernünftigerweise von einem Transport in das Hospital ab. Sie legten auch den ersten Notverband recht wacker und geschickt an, und nun, da wir den Verwundeten regelrecht bandagiert haben, ist er, so Gott will, gerettet.«

»Wenn nur kein Fieber kommt,« nickte Flanken sorgenvoll, »und wenn der Verband nur haftet.«

Der Arzt griff nach dem Hut. »Fieber wäre allerdings ein böser Gast, aber gottlob, sind keine Anzeichen dafür da, er atmet ruhig und regelmäßig,« und er trat an Daniels Seite abermals in das Krankenzimmer, um noch einmal von dem Zustand des jungen Offiziers Kenntnis zu nehmen.

Eine leise geführte Unterredung der beiden Mediziner, dieweil Flanken auf dem Flur den Säbel umschnallte, dann instruierte der Militärarzt noch einmal den Burschen, jedem Befehl seiner Durchlaucht Folge zu leisten, und mit kurzem Händedruck verabschiedeten sich die Herren.

Daniel geleitete sie bis zur Treppe, schloß lautlos hinter ihnen die Korridortür und beauftragte den Soldaten, die Schelle abzustellen und auf jegliches Klopfen zu achten, dann trat er langsam in das Zimmer zurück und setzte sich an dem Krankenlager des verhaßten Nebenbuhlers nieder, über dessen Schlaf und Leben zu wachen.

Mechanisch neigte er sich vor, das Antlitz des Kranken mit starrem Blick zu umfassen. Das gedämpfte Licht ließ die Züge Altenburgs geisterbleich erscheinen, so marmorkühl und regungslos, daß Sobolefskoi jählings emporschnellte, das Ohr dicht gegen die Lippen des Verwundeten zu neigen.

Und langsam, die Zähne zusammenbeißend, sank er wieder in den Korbsessel zurück. Nachdenklich streifte sein Blick den Patienten. Wie stand es? Würde er, dessen Antlitz die Spuren rastloser Arbeit und geistiger Anstrengung trug, überdauern, was ihn getroffen? Gerade diese zarten und elend aussehenden Menschen pflegen auf dem Krankenbett die zähesten und widerstandsfähigsten zu sein. Altenburgs Augen sind geschlossen, ein Zug ernster, beinahe energischer Resignation liegt auf den regelmäßig und edel geschnittenen Zügen, und Fürst Sobolefskoi deckt mit leisem Aufstöhnen die Hand über die Brauen; er begreift es, daß Lenas Blick voll Liebe und Entzücken an diesem Antlitz hängen muß, nicht allein um seiner eigenartigen Schönheit,

sondern auch um des Geistes willen, der ihm sein leuchtendes Siegel auf die Stirn gedrückt.

Aber es ist eine Qual, stundenlang sitzen zu müssen, um das Haupt eines Mannes zu schauen, um dessentwillen man an allem Glück zum Bettler geworden.

Daniel wandte sich in aufwallender Erbitterung ab, das Zimmer einer Musterung zu unterziehen, Bücher, nichts als Bücher, Landkarten, Meßgeräte und Zeichnungen, alles einfach, solid und anspruchslos, kein Aschenbecher oder Rauchservice, kein Band aus der Leihbibliothek, keine Vielliebchen, Vasen und Bronzen, keine Photographien aus Zirkus und Operette – nur über dem Bett hing ein kleines Kruzifix und darunter das schlicht umrahmte Bildchen einer schlanken, vornehm blickenden Dame, deren Antlitz eine frappierende Ähnlichkeit mit dem jungen Offizier zeigte: seine Mutter. Daniel zuckte zusammen und neigte sich etwas näher. Auch sie hat dunkle Augen, und weil sie das Haupt etwas gesenkt hält, sieht es aus, als ruhe ihr Blick voll ernster Wehmut auf dem leidenden Sohne.

Und wieder reißt sich Daniel fast ungestüm von diesem Anblick los.

Um sich zu beschäftigen, rekapitulierte er seine Unterredung mit dem Militärarzt über die Art der Verwundung und ihre Behandlung, griff in die Tasche und zog etliche Papierstreifen hervor, die der Doktor von dem Tisch genommen und ihm zur besseren Orientierung gereicht hatte. Es waren ärztliche Verordnungen und Rezepte, die eventuell noch angewandt werden sollten. Langsam entfaltete er die Blätter, las das erste, dann das zweite. Plötzlich stutzte er. Französisch? – Was sollte das bedeuten? »Wie soll ich Ihnen danken, mein Wohltäter, mein edelster Baron, daß Sie mir wieder zwei Mark mehr als mein Stundenhonorar gesandt haben? Ist es nicht schon genug des Erbarmens, daß Sie vier Treppen hoch in einem Hinterhaus emporsteigen, bei einem unglücklichen alten Mann Sprachstudien zu nehmen, wo Ihnen gewiß viele vornehme Lehrer zu Diensten stehen? Gott lohne es Ihnen um meiner armen, armen Claire willen, für die ich nun wieder Medizin und Suppen kaufen kann! Drei Jahre schon gelähmt, ein einundzwanzigjähriges Mädchen, Gott möge sich bald erbarmen! Ach, wäre meine Tochter doch damals bei der Frau Baronin geblieben, anstatt die unselige Heirat zu schließen, das Elend wäre nie gekommen – aber französische Bonne sein – –«

Daniel ließ das erbärmliche Briefblatt, auf dem eine zittrige alte Hand sich mit Schriftzügen abgemüht, wie geistesabwesend sinken uno starrte geradeaus ins Leere. War es denkbar, menschenmöglich? Waren all die leichtfertigen Motive, die er dem jungen Offizier unterlegt hatte, irrig? Scheiterten sie abermals an der stolzen Ehrenhaftigkeit des Freiherrn von Altenburg, der barmherzig durch Wind und Wetter ging, um bei dem Vater seiner ehemaligen französischen Bonne Sprachunterricht zu nehmen? Und Claire –? Der Fürst senkte das Haupt tief auf die Brust und verschlang die Hände krampfhaft über dem knisternden Papier. »Vergebe Gott mir meinen nichtswürdigen Verdacht.«

Minutenlang saß er und blickte regungslos vor sich nieder, dann erhob er sich, schritt lautlos in das Nebenzimmer und rückte das Tintenfaß herzu. Bogen und Kuverts lagen noch auf dem Tisch. Sobolefskoi zog sein Portefeuille und faßte alles, was er an Banknoten darin fand, zusammen. »Für Claire, von einem, der noch elender ist als sie,« schrieb er auf einen Zettel, schloß ihn zu der hohen Geldsumme in einen Umschlag und adressierte diesen an den greisen Schützling des Freiherrn von Altenburg. Zwei Mark hatte Eitel ihm über das Honorar geschickt, wie schwer sanken sie in die Wagschale gegen dieses Kapital!

Die Tür wurde leise geöffnet; der Bursche Altenburgs erschien und sagte: »Der Kammerdiener ist draußen und meldet, daß der Wagen wieder vorgefahren sei.«

Daniel nahm schnell seinen soeben geschlossenen Brief, sah auf die Uhr und trat auf den Korridor. Es war just in der neunten Stunde und die Häuser der Großstadt noch nicht geschlossen, infolgedessen instruierte der Fürst seinen getreuen Alexandrowitsch, in scharfem Tempo sofort nach der H.-Straße zu fahren, diesen Brief im Hinterhaus an seine Adresse abzugeben und ohne ein Wort der Erklärung augenblicklich wieder zu gehen. Die Equipage brauche nicht mehr hierher zu kommen; wenn er nach Hause fahren wolle, seien jederzeit Droschken zu haben. Fräulein Lena von Groppen solle er einen Gruß bestellen und sagen, daß der Freiherr sehr schwer erkrankt, allem Anschein nach aber bereits außer Lebensgefahr sei. Der Fürst übernehme persönlich die Nachtwache.

Als der Diener sich hastig entfernte, trat ihm Herr von Flanken entgegen. Er war wieder vollständig restauriert und ersichtlich guter Laune. In seiner rührenden Gutmütigkeit erbat er sich, bei Altenburg zu wachen, bis der Krankenpfleger käme. Er erzählte mit gedämpfter Stimme noch einmal alle Details des unglücklichen Sturzes und schloß in seiner treuherzigen Weise: »Da habe ich undankbarer Gesell immer behauptet, meine Muskelkraft sei in unserer aufgeklärten Gegenwart ein totes Kapital, und nun habe ich mich überzeugen müssen, daß sie doch noch zu etwas nütze ist! Wie ein Wickelkind habe ich Altenburg in den Armen getragen, und hätten meine starken Hände nicht mit zugegriffen und gehalten, so wäre wohl das Bandagieren auch nicht so schnell gegangen. Na, verzeihen Sie, Durchlaucht, daß ich eine so hohe Meinung von mir bekommen habe – Sie glauben gar nicht, wie stolz es mich macht, daß ich auch mal zu etwas nütze war!«

Daniel drückte ihm lächelnd die Hand, der blonde Riese jedoch, dem nichts so fremd war wie Krankheit, fuhr bedauerlich fort: »Zu schade, daß der arme Kerl da drinnen so fest schlafen muß; wenn er wach wäre, könnten wir so nett einen kleinen Skat zu dreien spielen – zum Zeitvertreib! Rauchen darf ich wohl auch nicht?« –

Nein, zum Krankenwärter hatte Herr von Flanken vorläufig noch nicht das mindeste Talent, darum redete Daniel ihm auch dringend zu, die Sorge für den Patienten allein ihm, dem Arzt, zu überlassen.

»Na, meinetwegen – wenn ich nicht nötig bin, werde ich mich nachher heimwärts schlängeln, aber so lange bleiben Sie noch hier im Korridor, Durchlaucht, damit ich Sie ein bißchen unterhalten kann. – Sagen Sie mal, wie geht es denn Fräulein Jolante?«

»Danke schön, ganz vorzüglich!«

»Erzählen Sie mir doch mal ein wenig von ihr, so interessante kleine Züge, über die man sie persönlich nicht gut ausfragen kann.«

»Ich verstehe nicht,«

»Na, ißt sie zum Beispiel lieber Schokolade oder Marzipan, wenn man zum Beispiel mal eine Bonbonniere schicken wollte?«

Daniel lächelte. »Soviel ich weiß, liebt sie beides.«

Flanken rückte etwas näher und neigte sich vertraulich nieder. »Ich glaube, so ein Elfchen ißt überhaupt nur Bonbons,« flüsterte er, und seine Kinderaugen schauten recht bedenklich drein, »wenn sie sich nun einmal verheiratet, glauben Sie, daß Jolante ihrem Mann dann auch zumutet, lediglich von Konfekt zu leben?«

Sobolefskoi hielt das Taschentuch an die Lippen. »Nein, mein bester Flanken. Wenn Jolante überhaupt heiratet, hat sie ihren Mann sehr lieb, und die Liebe überwindet alles, dem Gatten zu Gefallen sogar die Aversion gegen – Sauerkraut! Und nun leben Sie wohl, mein lieber Premierleutnant, auf baldiges Wiedersehen!«

Flanken fand es hart, daß er sich just von diesem herrlichen Gesprächsthema losreißen sollte, aber an der Tür klopfte der Krankenwärter, und so fügte er sich geduldig, sah noch einmal nach »dem lieben, armen Unglücksraben« und klirrte alsdann wieder die Treppe hinab.

Wie endlos lang doch solch eine Nacht im Krankenzimmer ist! – Aus dem Korridor klingen die tiefen Atemzüge des schlafenden Burschen und des Wärters – die Uhr hat soeben die dritte Morgenstunde verkündet, und Daniel Sobolefskoi sitzt allein an dem Lager seines Nebenbuhlers und stützt das Haupt mit den brennenden Augen in die Hand. – Sein Körper ist tief erschöpft, aber seine Seele ist erregter denn je. Zwischen Mitternacht und Hahnenschrei öffnet die Hölle ihre düstern Pforten; dann ziehen die greulichen Unholde ihren Fallstrick um die Füße der Menschen, dann setzt sich das Verbrechen neben den Schlummerlosen und malt ihm wilde Phantasien ins Hirn, dann hocken sich Verrat, Treulosigkeit und Selbstsucht um ihn her und flüstern ihre sündhaften Anschläge in sein Ohr! All die fahlen Geister der Versuchung umklammern ihn und locken und ziehen heran zu ihrem Hexensabbat, und der Geist, der sonst so willige, kann dem Rausch phantastischer Hirngespinste nicht widerstehen, und das Fleisch ist schwach … Bewahre Gott in Gnaden des Menschen Seele vor solchen Stunden einsamer, grabesstiller Mitternacht. – Daniel Sobolefskoi starrt regungslos auf das bleiche Angesicht in den Kissen, und an den Gedanken, daß Lenas Liebe diesem Manne gehöre, schließen sich in wirbelndem Reigen noch viele andere Gedanken an! Die Eifersucht mit ihrer erbarmungslosen Qual foltert sein Herz, Erbitterung und wildes Rachegelüst wachen mächtig auf, und obwohl Daniel weiß, daß der Schlaf eines Menschen durch scharfes Anschauen gestört wird, sitzt er dennoch weit vorgebeugt und heftet den funkelnden Blick auf das Antlitz seines Feindes. Der Kranke atmet unruhiger, seine Hände zucken auf der Decke.

Wie Frohlocken zieht's durch alle Fasern und Nerven des Mißgestalteten. Allein mit dem Räuber seines Glückes, sein Leben, sein Bestehen in seine Hand gegeben … wer hindert ihn daran, durch einen einzigen Augenblick die rollende Kugel des Schicksals in andere Bahnen zu schleudern? Niemand sieht's – niemand hört's – keiner kann es beweisen … nicht im Himmel, nicht auf Erden.

Der Verwundete öffnet stöhnend die Lippen und lallt unverständliche Worte … sein Arm hebt sich wie abwehrend gegen die stieren Blicke, die auf ihn gerichtet sind, wie die eines Raubtieres auf sein Opfer. – In den farblosen Wangen flackert es rot empor und zeichnet grelle Flecken auf die Backenknochen. –

Das Fieber! – Das Fieber! – – Wie eine Schlange ringelt es sich um die zusammengekauerte Zwerggestalt – er will lachen … aber die Lippen verzerren sich bloß, und die Zähne blitzen grell auf. – Wer wehrt es ihm, in dieser stillen, dunklen Nacht die Bandagen zu lockern, wer kann ihn hemmen, den dunklen Blutstrom, der für Zeit und Ewigkeit eine Kluft reißt zwischen Lena und ihm? – Ein kurzer schneller Griff, und das Lebensglück Sobolefskois ist gerettet! –

Der Satan schlägt ihm die Krallen in Herz und Hirn, es zieht ihn wie mit teuflischen Gewalten näher und immer näher zu seinem Opfer. Er kniet auf das Bett … er neigt sich vor – streckt die Hand aus – – Ha! – wie wagt es jenes kleine Bild, ihn plötzlich mit dunklen Augen anzublicken – jenes Bild an der Wand, das den Blick wie magnetisch an sich zieht, das wie zu geisterhafter Größe anwachsend, sich flehend und angstvoll über den Sohn neigt? –

Seine Mutter! – Ein unartikulierter Laut ringt sich gurgelnd aus Daniels Kehle – wie zusammenbrechend in sich selbst schrickt er zurück, er wankt, und seine Hand stützt sich schwer auf die Brust des Kranken. – Wild emporschreckend reißt Altenburg die Augen auf. Die Glut des Fiebers brennt in dem irren Blick, mit dumpfem Schrei der Wut schnellt er empor, packt die fremde Spukgestalt mit beiden Fäusten und will sie erwürgen. –

Ein kurzer, furchtbarer Kampf. – Daniel ringt sich keuchend frei, seine Glieder zittern, wie Fiebergluten schüttelt es ihn. – Altenburg stürzt in die Kissen zurück, und Sobolefskoi bricht auf die Knie zusammen, die gefalteten Hände zum Himmel hebend, mit dem Murmeln der Verzweiflung –: Mutter … was wollte ich tun! Und dann springt er empor und neigt sich über den Verwundeten, voll Todesangst in seine verglasten Augen zu blicken. Schnell das Fiebermittel … Doch, allbarmherziger Himmel – was ist das? – Über die weißen Binden des Halses rinnt ein feiner roter Streifen, und das weiße Nachthemd auf der Brust färbt sich mit dunklem Purpur. Regungslos, wie tot, nur ein leises Röcheln auf den Lippen, liegt der Kranke da. –

Daniel taumelt zurück. Ein markerschütternder Schrei gellt durch das Zimmer. Dann stürzt er mit keuchendem Atem in das Nebengemach, wo die ärztlichen Instrumente und Bandagen noch auf dem Tisch ausgebreitet liegen. Der Krankenwärter schrickt empor. – »Zu Hilfe!« schreit Daniel, »der Verband hat sich gelöst!« –

Und dann wagt er sich mit dem Mut der Verzweiflung an das furchtbare Werk. Entweder gelingt es ihm ohne Hilfe, oder der junge Offizier stirbt unter seinen Händen. Entsetzen schüttelt den Fürsten: »Mutter, erbarme dich meiner!« – ringt sich's wie in Todesnot von seinen Lippen, und er beißt die Zähne zusammen und beginnt mit Hilfe des Wärters den Verband abzulösen und die blutende Ader neu zu unterbinden. Von seinem Herzen aus geht es wie kalte Schauer durch seine Glieder, eine wundersame Ruhe überkommt ihn, mit dem Bewußtsein der Gefahr kehrt sein Wissen und Können zurück. – Wohl rinnt der Angstschweiß von seiner Stirn, aber seine Hände arbeiten ruhig und sicher, und wie der furchtbare rote Quell versiegt, wie sich die Linnen fest und sicher darüber legen, da klingt's nur wie ein Schluchzen aus seiner Brust hervor, und als Altenburg wieder still und ruhig auf seinem Schmerzenslager liegt, sein Bursche an dem Bett niederkniet und das Gesicht mit feuchten Augen tief aufatmend in den Händen birgt, wie der Krankenwärter voll leisen Jubels ausruft – »Dem Himmel sei Dank, Herr Doktor – jetzt ist er gerettet!« – da fühlt Daniel plötzlich, wie seine Knie erzittern.

Eine unbezwingliche Schwäche überfällt ihn, blutrote Nebel wallen vor seinen Augen, und er greift tastend um sich. – »Um deinetwillen, Mutter … um deinetwillen, Lena! Gott sei gelobt!« – murmelt er, und dann sinkt sein Haupt gegen die Sessellehne zurück. Wie himmlische Musik umklingt es ihn, zwei dunkle Augen lächeln ihm zu, und dann umfangen ihn die Schatten tiefer Ohnmacht.

Der Fürst hatte befohlen, daß kein Wort über jene Bewußtlosigkeit, die ihn in dieser Nacht befallen, verlauten solle. Er erholte sich schnell von ihr, nahm etliche Tropfen aus einer kleinen Phiole, die er bei sich führte, und befand sich darauf schnell wieder in einem völlig gekräftigten, beinahe aufgeregt frischen Zustand.

Mit wahrhaft aufopfernder Sorgfalt hütete und pflegte er den Kranken und fuhr am nächsten Morgen erst nach Hause, als er Altenburg der Sorge des Militärarztes anvertrauen konnte. Betroffen blickte der in das Angesicht des Fürsten. Das Tageslicht zeigte eine wunderbare, fast erschreckende Veränderung. Hohl und fieberglänzend starrten die Augen; tiefe Furchen gruben sich in Wange und Stirn, und das Haar deuchte den Beobachter heute viel ergrauter zu sein, als gestern abend. – Das war begreiflich: die qualvolle Aufregung, in der der Fürst sich stundenlang befunden hatte, war groß gewesen, um so mehr, wenn er tatsächlich mit so viel freundschaftlicher Liebe dem Kranken zugetan war, wie es den Anschein hatte. – Der Krankenwärter erzählte, der Fürst habe den Rest der Nacht kniend an dem Bett des Verwundeten verbracht, die Hände wie in tiefster Seelenqual im Gebet ringend. –

Auch am nächsten Tag wich Sobolefskoi kaum von der Seite Eitels. Er drückte dem Erwachenden die Hand und legte die seine wie segnend auf sein Haupt. Oft hielt er sich, wie in jähem Schwindel, an den Möbeln fest oder preßte die Hände mit dem Ausdruck großen physischen Schmerzes gegen die Brust.

Mit einer fast krankhaften Hast und Erregung beschwor er die Ärzte, eine Überführung des Kranken in des Fürsten Wohnung zu ermöglichen. Diese sei vollkommen zweckentsprechend und habe den Vorzug, daß er den Freund stets unter seiner ärztlichen Aufsicht habe. –

Man stellte die Überführung für den zweitnächsten Tag in Aussicht, und Daniel schleppte sich während dieser Zeit pflichtgetreu zu seinem Schutzbefohlenen, um wie ein Vater über ihn zu wachen. –

Und der Tag kam, da Altenburg nach glücklichem Transport unter dem seidenen Baldachin in Sobolefskois größtem und luftigstem Zimmer lag und nach stärkendem Schlaf die Augen öffnete. Da stand Daniel vor ihm und hielt das kleine Bildchen in der Hand, von dem Eitels Mutter mit dunklen Augen ihm zuzulächeln schien. –

»Es soll wieder seinen angestammten Platz erhalten!« sagte er leise mit eigentümlich fremder Stimme. »Als ich das Bild abnahm, fiel mir die Hälfte eines trockenen Kleeblattes entgegen – hier ist sie.«

Dann, nach kurzem Schweigen, fuhr der Fürst fort:

»Ich werde dieses Glückszeichen gut für Sie aufbewahren, denn es hat in der Tat wie ein guter Stern über Ihnen gewacht!«

Leise Röte stieg in Eitels bleiches Angesicht.

»Warum soll es nicht seinen bisherigen Platz behalten?«

Daniels Blick schweifte wie geistesabwesend über das Antlitz des Fragers hinweg. »Die Zeit des Kräutleins ist um; – droben flicht Lena einen Kranz von roten Rosen, der dieses Bild umrahmen soll. In ihrem Duft sollen Sie träumen, und wenn die Blüten verwelkt sind, wird sie persönlich kommen, neue Zweige zu bringen.« – Der Fürst deckte momentan die Hand über die Augen. »Dann wird ein Engel an Ihr Krankenlager treten, dessen Lächeln Sie genesen lassen wird, – an Leib und Seele.«

Ein jäher bebender Händedruck war die Antwort des jungen Offiziers. – An demselben Tage jedoch fand man den Fürsten Sobolefskoi besinnungslos vor seinem Schreibtisch, ein schwarz gesiegeltes Kuvert lag auf der Platte. – »Mein letzter Wille« war dessen Aufschrift.

Die Ärzte konstatierten den Ausbruch eines Herzleidens, das sich bereits seit längerer Zeit vorbereitet zu haben schien. Im Verein mit den stets heftiger auftretenden asthmatischen Beschwerden gab es Anlaß zu den ernstesten Besorgnissen.

Wochen voll Sorge und Angst vergingen, und als der Christbaum seine Flammensternlein an den Zweigen brennen ließ, saß Fürst Daniel bleich und gebrochen in einem Rollstuhl und blickte mit dem herzzerreißenden Lächeln eines Dulders, das mehr Schmerz als Freude ausdrückt, in den weihnachtlichen Glanz um ihn her.

Altenburg stand hoch und stattlich an seiner Seite, heute definitiv als völlig gesundet aus der ärztlichen Pflege entlassen. Frischer, blühender denn je trug er das Haupt auf den Schultern, und in seinem Auge spiegelte sich ein ungewohnter sonniger Glanz, ein Widerschein jener unaussprechlich seligen Stunden, während welcher Lena an seinem Lager gesessen, den Zauber aller jungen Liebe und allen jungen Lebens über ihn ergießend. Draußen hatten die Schneeflocken mahnend ihren kühlen Kuß auf die jungen Keime gedrückt, die zu früh zum Licht hervordrängen wollten, und drinnen preßte der junge Offizier die Hände gegen das ungestüme Herz und sagte sich voll stolzen Ehrgefühls, daß es noch nicht an der Zeit sei, die Rosen zu pflücken, und daß man mit leeren Händen nun und nimmermehr säen und ernten könne.

VIII.

Das königliche Schloß hatte seine Säle geöffnet und schaute wie mit hundert glühenden Feueraugen in die von Schneeflocken durchwirbelte Finsternis hinaus. Im Vestibül paradierten die Lakaien und Huissiers in voller Gala, und in dem Feldherrnsaal erwartete der Oberhofmarschall, den Stab mit silbernem Knopf in der Hand, die Gäste seiner erlauchten Gebieter.

Hier fanden sich alle Damen zusammen, repräsentierende Mütter und tanzlustige Töchter, einherrauschend in Schleppen von Samt, Brokat und Damast, funkelnd in dem versteinerten Tau ungezählter Pretiosen, umrankt von Blütengewinden und goldstrotzenden Stickereien. Perlgaze und Schmetterlingsflor wehen wie duftige Wölkchen von dem Opferaltar der Aphrodite; hier hat es in samtweichen Flocken über den Tüll geschneit, dort ist ein glitzernder Rauhreif über Brabanter Spitzen gefallen, und aus blauer Luft hernieder hat sich schillerndes Gefieder gestürzt, um im Dienst der Schönheit sich huldigend und wohlig an die Gewänder schlanker Frauen zu schmiegen.

Den Damen schließen sich an die Würdenträger und vornehmsten Herren, die Exzellenzen, Marschälle und Glieder der Ritterschaft, während das Gros der Tänzer in der Ahnengalerie zur Rechten zusammengetreten ist.

Von der Decke flutet Licht, – an der Rückwand des Saales, die in bunter Seidenstickerei das Wappen des Landes zeigt, funkeln vielarmige Leuchter und bestrahlen den Thron, dessen Stufen, Sessel und Himmel in Purpur und Gold gehalten sind. Symbolische Figuren schmücken den Plafond, und ein breiter Fries zunächst der Decke wird von farbigen Städtewappen gestützt. Marmorsäulen wachsen schlank und graziös aus spiegelndem Parkett empor, und die Türen, die die Verbindung zu den Nebensälen vermitteln, sind Kunstwerke aus leuchtender Goldbronze.

Von den Gemächern der Königin-Mutter her hielten die höchsten Herrschaften ihren Eintritt in den Saal und begaben sich nach einem längeren Cercle in den Dorotheensaal, woselbst die tanzende Jugend ihrer wartete.

Ein reizender, herzerfrischender Anblick. Das Land hat in reicher Fülle seine lieblichsten Blüten gesandt, die Festräume seines Herrscherhauses damit zu schmücken! Lächelnd heben sich die anmutigsten Mädchenköpfe auf den graziösen Nacken, und neben ihnen in kraftstrotzender Jugend das Herzblut des jungen Deutschlands, in Waffenrock und Tressenkleid, stolz, siegesbewußt,

elegant. Leise rauschen die prächtigen Roben, dieweil ihre Trägerinnen sich grüßend vor den königlichen Hoheiten neigen, während die Königin-Mutter am Arm ihres regierenden Sohnes, gefolgt von den älteren Fürstlichkeiten, in den Feldherrnsaal zurückschreitet. Die hohe Frau trägt zu einem reichen Smaragdschmuck und einer braunen Samtschleppe ein etwas lichteres Atlastablier, das hohe Samtblüten in Orangefarbe zeigt. Prinzessin Kordelia und Prinz Theobald mischen sich mit liebenswürdigstem Gruß unter die tanzende Jugend.

Die einleitenden Töne des Walzers erklingen, und mit einem Schlage ist das feierliche Schweigen gebrochen. – Ein lachendes, heiteres Durcheinander; die reizendste aller Prinzessinnen schwebt im Tanz über das Parkett, und, nachdem sie auf ihren Platz zurückgetreten, wirbelt's in buntem Schwärm bei den elektrisierenden Klängen ihr nach.

Ursula ist glückselig; Prinz Theobald hat sie durch einen Tanz ausgezeichnet, und weil sie heute keine Lust hat, »Witze loszulassen«, und sich darin gefällt, »aus Affigkeit« alles ganz genau so zu machen wie die anderen jungen Damen, sind alle Leute kolossal nett gegen sie, und Graf Lohe, in seiner »patenten« Hofjunkeruniform, scheint geradezu entzückt von ihr zu sein und versichert: »es habe sich ein holdes Wunder an ihr begeben!«

Er steht neben ihr und mustert mit Wohlgefallen ihre zierliche Gestalt. Heute ist gar nichts mehr an der Toilette auszusetzen.

»Fräulein Ursula … Sie haben ja heute die Handschuhe bis zum letzten Knopf geschlossen!« –

Sie glüht wie ein Röschen und fächert sich Kühlung zu, bei seinem neckenden Ton schießt ihr das Blut vollends in die Wangen: »Weil heute eine Hundekälte ist – ich friere!« trotzt sie ihm entgegen; und kaum, daß ihr das Wort entschlüpft, beißt sie sich erschrocken auf die Lippe und blickt scheu umher, ob jemand das Polizei- und courwidrige Wort gehört hat. Das sieht ihr allerliebst, und der Erbherr von Illfingen überwindet sein Mißbehagen und bittet um den Vorzug, mit ihr soupieren zu dürfen.

»Nein – ich bedaure.«

»Ah … sind Sie bereits engagiert?«

»Nein!«

Sein Auge sprüht auf. »Warum weisen Sie mich alsdann zurück?«

Da schlägt sie ihre Augen voll auf, diese großen, naiven Kinderaugen, tritt ihm noch einen Schritt näher und flüstert schmollend: »Weil Sie mir immer viel zu wenig zu essen bringen, lauter zuckersüße Jämmerlichkeiten; und wenn ich noch was Ordentliches haben will, dann machen Sie jedesmal ein Gesicht, als wollten Sie sagen: Du Freßsack!«

Ja, Ursula hatte wieder ein Attentat auf Lohes zarte Nerven verübt, allerdings nur ganz, ganz leise, kein fremdes Ohr hatte es gehört, aber den Grafen überlief doch ein Frösteln, und er war plötzlich wieder aus allen Himmeln gestürzt. Wäre er ein besserer Menschenkenner gewesen, so hätte er wohl mit Entzücken den Kampf dieser kindlichen Menschenseele bemerkt, die voll zärtlichen Willens allein ihm zuliebe in die Bahnen einlenkte, die er vorgeschrieben, und die doch zu spröde und stolz war, es ihm einzugestehen. Der Welt gegenüber wollte sich Ursula keine einzige Ungezogenheit und Derbheit mehr zuschulden kommen lassen, aber Graf Lohe sollte nichts von solcher Wandlung bemerken, sonst hätte er sich womöglich eingebildet, sie gehorche ihm – oh, und daran war nicht zu denken! Das Fräulein von Kuffstein tut einzig, was sie will, und davon beißt keine Maus einen Faden ab!

Lohe versicherte mit einer etwas steifen Kopfhaltung, daß er diesmal jede Vorschrift der Ästhetik unberücksichtigt lassen und das gnädige Fräulein zur Zufriedenheit bedienen wolle. – Er habe darum den Wunsch gehabt, ihr Tischnachbar zu sein, weil er ihr eine Neuigkeit zu erzählen habe. –

»Na meinetwegen, dann schießen Sie los!« nickte die Kleine leichthin, »ich werde Sie also an der Krippe dulden!« – und ihr Auge blitzte noch einmal triumphierend zu ihm auf, und dann tanzte sie mit einem Garde-Offizier davon.

»Ein allerliebstes Knöspchen!« erklang es neben dem jungen Grafen, »will es mir zum nächsten Walzer pflücken!«

Mark-Wolffrath zog die Augenbrauen zusammen und wandte den Kopf schnell zu seinem intimsten Freund, dem Fürst Schlüfften, herum. »Auf Wort, gefällt sie Ihnen? – Seit wann das?«

»Ehrlich gestanden, erst seit unserem Wiedersehen hier in der Residenz! Früher war sie ein gar zu wild aufgewachsener Bub, jetzt ist sie ein scharmantes Mädel geworden!«

»Inwiefern? Ich finde sie noch genau so drastisch und unerzogen wie früher!« – Lohe warf den Kopf zurück und machte das Gesicht, das ihm den Spitznamen »der prüde Josef« eingetragen.

»Unbegreiflich! Sie benimmt sich durchaus comme il faut, und wenn sie wirklich mal ein wenig flink mit dem Zünglein ist, nun, so geschieht es in einer so frischen, naiven Art, daß man höchstens wohltuend davon berührt wird. – Sie stellen eben gar zu hohe Anforderungen, bester Graf, und was wir andern Staubgeborenen amüsant und originell nennen, sträubt Ihnen als eine Taktlosigkeit die Haare! Kommen Sie aus den Wolken herab und kochen Sie mit Wasser, wie wir auch! – Ah voilà … da kommt die Kleine zurück – – Meine Gnädigste, darf ich um eine Extratour bitten?«

Lohe biß sich ärgerlich auf die Lippe. »Kommen Sie aus den Wolken herab!« – – lächerlich, ist es seine Schuld, wenn die Natur ihn mit allzu peniblem Geschmack ausgestattet? Daß dieser ein Unglück für ihn sei und ihm den Lebensweg mit viel unnötigen Dornen pflastere, war ihm schon oft genug gesagt, von Menschen, die impertinent genug waren, sich ein Urteil über sein Wesen anzumaßen! Der Stab des Hofmarschalls berührte aufklopfend das Parkett, die tanzenden Paare traten zurück, und Prinzessin Kordelia schwebte am Arm des jungen Grafen Antigna auf wiegenden Walzerklängen dahin.

Ursula riß die Augen weit auf vor Staunen und Freude. Wie gütig und huldvoll von Ihrer Hoheit, den blutjungen Kavalier, den Neuling am Hof zum Tanz zu befehlen! Man sieht es ihm an, wie diese unerwartete Gnade ihn erregt, wie Verlegenheit und Angst, dieser Auszeichnung nicht gewachsen zu sein, ihm fieberhafte Glut in das sonst so farblose Antlitz treibt.

Er ist ein wenig geübter Tänzer, sein Arm umschließt die elfenhafte Gestalt der Prinzessin zu fest und zu nervös, fast sieht es aus, als presse er sie voll leidenschaftlichen Ungestüms an die Brust.

Zweimal haben sie die Runde des kleinen Kreises getanzt, dann neigt die junge Fürstin dankend das Köpfchen und schreitet am Arm des Grafen nach dem Diwan zurück. Ein engelhaftes Lächeln spielt um ihre Lippen, und wie sie mit jedem ihrer Tänzer ein paar freundliche Worte plaudert, so schlägt sie die leuchtenden Augen auch zu Henry Antigna auf und richtet etliche Fragen an ihn. – Der junge Graf antwortet schnell und hastig, Ursula kann seine Worte nicht verstehen, obwohl sie nur wenige Schritte von ihm entfernt ist, aber sie scheinen die Prinzessin zu interessieren, die Unterhaltung spinnt sich länger als gewöhnlich aus. – Seltsam! Henry, dieser scheue, redeunlustige Mensch, ist wie ausgewechselt. – Endlich neigt Kordelia abermals mit ihrem herzigen Lächeln das Haupt, und nach tiefer Verneigung tritt Antigna in die Menge zurück. Hastig schafft er sich Bahn, sein Blick schweift wie geistesabwesend über das bunte Gewoge hinweg. Da fühlt er seinen Arm gefaßt. Ursula legt schnell ihre Händchen darauf und schreitet an seiner Seite mit fort.

»Nehmen Sie mich mit, ich habe Sie an etwas zu erinnern, Henry?« flüstert sie, da sein überraschtes Antlitz sich ihr zuwendet. – Er nickt schweigend, aber sehr einverstanden, und führt die junge Dame in den Nebensaal zu einem palmwedelüberdachten Eckfauteuil.

Die Kleine blickt forschend zu ihrem Begleiter empor. Welch eine Veränderung in seinen Zügen – er kann gewiß das Tanzen nicht vertragen! Sein erst so heiß erglühtes Gesicht ist wieder bleich und ernst, noch viel farbloser denn zuvor, die Augen liegen tiefer denn je, und seine Lippen zittern. Er setzt sich an ihrer Seite nieder und starrt in das Lichtgefunkel des Kronleuchters.

»Nun?«

»Sie versprachen mir zu erzählen, warum rote Mohnblumen Ihre Augen blenden!«

Sein Blick flammt jählings zu ihr herüber. »Weshalb stellen Sie diese Frage just in diesem Augenblick an mich?«

»Weil sie mir gerade jetzt in den Sinn kam, und ich stets solchem Impuls folge!« – Ganz wichtig und altklug sah sie ihn an, und Henry strich langsam mit der Hand über die Stirn und lachte plötzlich mit einem nervösen Klang in der Stimme leise auf.

»Ich hätte Ihnen und der Mutter diese Geschichte erzählen sollen, bevor wir unseren ersten Besuch am Hofe abstatteten! Jetzt ist's zu spät« – er atmete tief auf – »und ein Umkehren hat keinen Zweck mehr. Aber gleichviel! Sie selber traten mir damals in den Weg und trugen Mohnblüten an Haar und Brust, eine Warnung, der ich nicht Folge leisten durfte!« –

Er schwieg einen Moment und zog in aufgeregtem Spiel das wappengestickte Taschentuch durch die Hand, dann lehnte er sich in den Sessel zurück, und sein brennender Blick traf sie durch die dunklen Wimpern.

»Vor Jahren war's. Auf dem elterlichen Schloß weilten wir, und da ich nie ein sonderlicher Freund vom Lernen und Studieren gewesen, warf ich mich lieber auf ein Roß und jagte querfeldein. Keinen Begleiter duldete ich an meiner Seite, kein Ziel hatte ich vor Augen, keine Gefahr schreckte mich. Es lag in meiner Natur, zügellos vorwartszustürmen, ohne Besinnen und Überlegen jede Schranke zu durchbrechen, wüst und leidenschaftlich in das Leben hineinzutollen. Das Vollblutpferd mag nicht für meine jungen Arme getaugt haben, es revoltierte gegen einen Feldweg, doch ich zwang's mit Sporen und Peitsche. Da schlug es den Pfad endlich mit schäumendem Gebiß ein, aber kaum daß ein paar Wachteln sich vor seinen Hufen flüchten konnten, bäumt's wild auf und schrickt zurück. Mitten auf dem Weg stand ein Büschel roter Mohnblumen; grell beschienen von der Sonne, vom Winde hin und her bewegt. Mein Pferd scheute davor, ich will es forcieren, reiße die Zügel an und – überschlage mich mit ihm in schwerem Sturz.«

Ursula rückte mit weitoffenen Augen, fiebernd vor Interesse, näher, Graf Antigna aber neigte mit wunderlichein Lächeln den Kopf und fuhr leise, gedankenvoll fort: »Als mein Bewußtsein zurückkehrte, blickte ich in das verwitterte braunrunzelige Gesicht eines alten Weibes. Sie hielt meinen Kopf im Schoß, neigte sich über mich und murmelte beschwörende Worte über meine blutende Stirnwunde. Und sie hob warnend den Finger und sprach: ›Habt zu hitzig Blut, Junkerlein, rennt mit blinden Augen ins Verderben! Leidenschaft ist Euch gefährlich und bringt Euch zu Fall: drum merkt wohl: Wo der Teufel Euch hinlocken will, da streut er rote Mohnblüten auf den Weg – wandelt Ihr ihn, führt's zum frühen Grab.‹«

Henry Antigna sprang empor und lachte laut auf. »Ist das nicht eine hübsche Romangeschichte? Etwas, was nicht alle Tage passiert?! Erzählen Sie es nicht weiter, sonst lachen uns die Leute aus! Aber wir wollen die Alraunenweisheit leben lassen –« und er nahm mit unsicherer Hand ein Sektglas von der Silberplatte eines servierenden Lakaien, leerte es hastig und nahm ein zweites: »Die roten Mohnblüten, die mich ins Verderben locken, sollen leben, blühen und gedeihen! Und nun kommen Sie, Ursula, man tanzt wieder, und mir ist's, als müsse ich mich totrasen nach diesen süßen Klängen, als müsse ich jeden Moment benutzen, um die Jahre wieder einzuholen, die ich Narr hinter den Büchern verloren habe!«

Er wartete keine Antwort ab, legte ihre Hand auf seinen Arm und stürmte mit flackerndem Blick in den Saal zurück.

Die Herren und Damen aber kamen zu Gräfin Antigna und gratulierten ihr, daß ihr »unnatürlich fleißiger« Sohn, der menschenscheue Gelehrte, der Welt zurückgeschenkt sei; Graf Henry sei mit Leib und Seele beim Tanz, unersättlich wie ein Löwe, wenn er Blut geleckt. – Und die stolze Mutter lächelte ihren Freunden herzlichen Dank und blickte hochaufgerichtet und triumphierend auf das Bild ihrer geheimsten Träume: Henry überreicht der Prinzessin Kordelia den Kotillonstrauß von brennend roten Blüten, Hoheit lächelte ihm freundlich zu und tanzte zum zweitenmal mit ihm.

Die breite Marmortreppe der Schloßhalle steigt langsam, beinahe zögernd ein junger Infanterieoffizier empor. Alle Gäste sind längst versammelt, er kommt spät. Dennoch scheint er keine Eile zu haben, die lichtstrahlenden Säle zu betreten, auf dem blumengeschmückten Treppenabsatz bleibt er sogar stehen und legte die Hand tief atmend gegen die Stirn.

Eitel Freiherr von Altenburg! Er geht zum Hofball, zum ersten- und letztenmal. Verschiedene Gründe sind es, die ihn herführen. Seit er als schwerkranker Mann in der Wohnung des Fürsten Sobolefskoi gastliche Aufnahme gefunden, seit eine lichte Mädchengestalt voll milder opfermutiger Sorge das Haupt über ihn geneigt, seit er in seinen Fieberträumen ihre kühle Hand auf seiner Stirn gefühlt, und seit er mit wiederkehrendem Bewußtsein Lenas süßer Stimme gelauscht, seit dieser Zeit ist er ein anderer geworden. Traute, unaussprechlich selige Plauderstunden sind wie ein Traum an ihm vorübergezogen, den Kampf schürend, in dem plötzlich seine Seele rang. Nur einen Gedanken, nur eine Sehnsucht und einen Wunsch gab es hinfort für ihn: Lena! Und nur eine Hoffnung, sie jemals zu erringen: Selbständigkeit! Groß, edel und wahr senkte sich die Liebe in sein Herz, und groß und edel wie sie war der Stolz, der sie durch ein langes Leben hindurch stützen sollte. Die Aussichten auf ein Avancement in der Armee waren schlechter denn je, er als mittelloser Leutnant mußte lange Jahre noch warten, ehe er daran denken konnte, sich einen Hausstand zu gründen. Außerdem verknüpfen sich mit dem Rock des Königs Verpflichtungen, die ein Leben in voller Zurückgezogenheit und Sparsamkeit unmöglich machen. Hätte Lena in ihrer rührenden Demut auch ohne alle Ansprüche seine Gattin werden wollen, so hätte die Würde des Standes sich als gebietend Hindernis in den Weg gestellt. – Altenburg blieb also nur eine Wahl, Lena – oder der Degen. Eines mußte geopfert werden. Und nach schwerem Seelenkampfe hatte die Allgewalt der Liebe gesiegt. Der Freiherr wollte sich entschließen, Fürst und Vaterland aufzugeben, um eine sehr vorteilhafte Zivilstellung im Ausland, die ihm ganz unerwartet angeboten war, anzunehmen, und den Degen, der ihm das Glück nicht erkämpfen konnte, seinem Landesherrn zurückzuerstatten.

Heute abend, angesichts der höchsten Pracht und Herrlichkeit, wollte er Lena fragen, ob sie all dieses wonnesame Leben voll Lust und Genuß dahingeben wolle, um ihm in eine bescheidene, armselige Häuslichkeit zu folgen, darinnen nichts glüht und blüht, als die unverwelklichen, dornenlosen Purpurrosen seiner Liebe! Ihre Antwort sollte entscheiden, in ihre Hand legte er zuversichtlich sein Geschick.

Ein schwerer Gang. Altenburg blickt in die geöffneten Saaltüren; der Lichterglanz blendet sein Auge, und Musik und heiteres Stimmgewirr schlagen wie betäubend gegen sein Ohr,

Er wendet sich und tritt in die Galerie, die sich still und menschenleer rechterhand neben den fürstlichen Gemächern entlang zieht.

Ruhig und einsam. Der junge Offizier bleibt abermals stehen und schließt momentan die Augen, seine erregten Nerven zu beruhigen. Welch eine wundersame, geheimnisvolle Pracht legt sich plötzlich wie bestrickend über alle seine Sinne? Leise und weich, süß, duftig und schmeichelnd weht es um seine Stirn, eine Luft, wie er sie noch nie geatmet, eine feierliche, zwingende Luft, die ein Gemisch von Sonne, Mond und Veilchenduft zu sein scheint – Hofluft.

Langsam setzt sich der Freiherr auf den Diwan zur Seite nieder und atmet tief auf. Wie hoch und stolz gewölbt ist der Raum, der ihn aufgenommen, wie blitzt es rings von Gold, wie ehrwürdig und gebieterisch wirkt diese matt erhellte, frei und kraftvoll aufragende Pracht der Wände. Große Gemälde sind zwischen die Marmorsäulen eingelassen, die Porträts der glorreichen Ahnherren des Königshauses, weltbekannte, unsterbliche Heldengestalten der Geschichte!

Und abermals streicht die geheimnisvolle Luft über die Stirn des jungen Offiziers, und es ist, als mache sie seine müden Augen plötzlich hell und sehend. Altenburg erhebt sich und tritt, wie magnetisch angezogen, von einem der Gemälde zu dem andern. Sein Herz klopft hoch auf bei dem Anblick jener hoheitsvollen Gestalten, deren Bild er voll warmer Begeisterung in der Brust getragen, seitdem ihm als Knabe und Jüngling zum erstenmal der heilige Begriff von Fürst und Vaterland verständlich und zu Fleisch und Blut geworden! Ja, dies sind seine Ideale, mit denen er im Geist gekämpft und gesiegt hat, dies die Männer, denen er jauchzend das Banner der Treue durch die Spalten der Geschichte nachgetragen, dies die Vorbilder, denen er hohen Mutes nachgeeifert, welche vor seinem geistigen Auge gestanden, da er den Eid geschworen, welcher ihn mit Leib und Seele der Fahne seines Königs zu eigen gab!

Ein ritterlich heldenhaftes Herrscherhaus! Hier stehen sie vor ihm, die Soldaten in Krone und Hermelin, denen nichts teurer und heiliger gewesen, als der Degen in der Hand, und sie richten die Augen auf ihn, ernst, gewaltig und vorwurfsvoll: »Um einer Rose willen wirfst du den Lorbeer aus den Händen?«

Ein tiefer, fast keuchender Atemzug hebt die Brust des jungen Offiziers; seine Hand krampft sich zitternd um den Degengriff und durch seine Seele geht es wie ein jubelnder Aufschrei: »Noch halte ich die Waffe, der ich Treue schwur, und beim ewigen Himmel – ich will eher mein Herz aus der Brust reißen, ehe ich diesen Schwur breche!«

Ein Taumel leidenschaftlichster Begeisterung erfaßt ihn. Ist die Luft, die er hier atmet, verzaubert, daß sie eine solch gewaltige Wirkung auf ihn ausübt? Hofluft ist's, und ein Poet hat einst gesagt, sie sei ein balsamisch Gemisch von Sternenglanz und Veilchenduft – lächerlich! Falsch Zeugnis hat der Mann geredet. Die Duftwoge, die durch einen Ballsaal zieht, hat er verwechselt mit dem kraftvollen Hauch der echten Hofluft, welche voll heiliger Weihe durch deutsche Fürstenhäuser weht! Hier klingt und singt und säuselt es nicht voll weichlicher Wollust, hier rauscht der Flügelschlag des Königsaars, hier flattert das Banner hoher Herrlichkeit, hier gilt Schwertklang und Mannesschwur, und der eherne Schritt von Jahrhunderten zittert wie ein stolzes Echo durch die Luft! Keine Veilchen duften darein, das Laub der Siegeseichen, der Lorbeer, welcher Heldenstirnen kränzt.

Das ist Hofluft!

Und Altenburg fühlt den Segen und die Kraft, welche sie in sich schließt. In keiner Kirche kann er feierlicher gestimmt sein als hier, wo der Geist seiner Könige ihn grüßt, wo er ihnen näher ist, denn je im Leben, wo das Auge, das ernst und stumm auf ihn niederschaut, ihn gemahnt an Ehre, Pflicht und Recht.

Und wie einst die Ahnherren des jungen Edelmannes unter die Fahnen dieser Heldenfürsten getreten sind, getreu in Sturm und Not, getreu zu Sieg und Tod, so erneuert auch der Enkelsohn in diesem Augenblick das Gelöbnis der Väter, und seine Hand umschließt den Degen, fest und feierlich, in dem Schwur, sich freiwillig nie von ihm zu lösen!

Fern in den Sälen jubelt die Tanzmusik, dort lacht und scherzt's, und die Luft, die die Flammen zittern läßt, trägt Himmelsglanz und Veilchenduft auf den Schwingen. Der Freiherr von Altenburg aber schreitet festen Schrittes die Marmorstufen wieder hernieder, ohne nur das Haupt nach jener lockenden Pracht zu wenden. Die Reihe jener Hofluft, die wie ein mahnender Sturmwind sein Lebensschiff auf die rechte Bahn zurückgeführt, wollte er unverfälscht mit sich hinaus in den Kampf gegen sein eigen Herz nehmen!

Lena bleibt das lichte Bild der Gnade, zu dem er sich in unwandelbarer Lieb und Treue emporringen wird, aber mit dem Degen und im Dienst seines Königs! Liebt sie ihn, so wird sie in Ergebung der Zeit harren, da er kommen kann, um sie zu werben, und so, wie er der Eisenbraut den Schwur der Treue hielt, so wird er ihn auch seinem Weibe halten, über Zeit und Tod hinaus.

Graf Lohe und Ursula soupierten zusammen, als zweites Paar hatten Jolante und Herr von Flanken an dem kleinen Marmortischchen Platz genommen.

Mit kolossaler Selbstüberwindung hatte Mark-Wolffrath ein wahrhaftes »Grenadieressen« an dem Büfett ausgewählt, viel Sauerkraut mit wenig Fasan, reichlich Paprikasoße und etwas Braten, Heringssalat und kandierte Zwiebeln, Trüffelfarce und Pastete, nur keinen Käse, denn das ging effektiv über seine Kräfte. Und Ursula schwelgte vor Entzücken und aß um die Wette mit Freund Flanken, der mit strahlendem Gesicht ihren Geschmack und Appetit »ausnahmsweise normal« nannte.

»Ich kann es in den Tod nicht ausstehen, wenn die Damen rechts und links um einen herumsitzen und fasten, entweder sind sie zu eng angezogen, oder sie zieren sich, oder sind krank – na, und eins finde ich so gräßlich wie das andere!«

Jolante opponierte sehr entrüstet, aber nach einer kleinen Weile sagte sie: »Nun, scherzeshalber will ich dein hochgepriesenes Sauerkraut einmal kosten, Ursula! Bitte, Herr von Flanken, besorgen Sie mir etwas, aber nur eine Gabelspitze voll!« Der Stuhl des Premierleutnants flog zurück, er stürmte davon, holte für sich eine doppelte, für Fräulein von Groppen eine »halbe Portion« – und freute sich wie ein Kind, weit vorgebeugt, diesem Mirakel zuzusehen: das Elfchen aß wirklich und wahrhaftig Sauerkraut! Der ganze Himmel hing ihm plötzlich voller Baßgeigen, und wenn Jolante auch noch so sehr das Gesichtchen verzog und wie ein eigensinniges Kind mit den Händchen abwehrte – »schmeckt schauderhaft!« so sah er dennoch in rosigen Zukunftswolken einen Eßtisch schweben, daran saßen Jolante und er als wahrhaftiges Ehepaar und vor ihnen stand eine riesige Schüssel voll Sauerkraut und Pökelfleisch! Graf Lohe war schweigsam und ersichtlich verstimmt, und Ursula schien nicht sonderlich auf seine Neuigkeit zu brennen, denn erst zum Schluß, als sie die Handschuhe wieder an den Armen emporstreifte, fragte sie ganz nebenbei, ob er denn seine verheißene Mitteilung zum Dessert aufgespart habe?

»Dieser Nachtisch möchte einen bitteren Beigeschmack haben, wenigstens für mich!« entgegnete er mit umwölkter Stirn.

»Na also? Raus mit der wilden Katze!«

»Ich reise in acht Tagen für ein halbes Jahr von hier ab.«

Das hatte die Kleine denn doch nicht erwartet und darum ließ sie aller Übermut und alle Selbstbeherrschung kläglich im Stich. Ganz starr vor Schrecken saß sie ihm gegenüber. »Aber Graf Lohe! Das ist abscheulich von Ihnen, das leide ich nicht, das gebe ich nicht zu – –«

»Ursula!« erinnerte Jolante.

»Ach was!« rief Ursula, »Es ist empörend! Kein Mensch hat ihm etwas zuleide getan, denn wenn ich aus Albernheit mich immer nochmal geflegelt habe, so war das doch nur aus Neckerei! Allen andern Menschen gegenüber habe ich mich wie Prinzessin Kordelia benommen, kein einzig unpassendes Wort habe ich –«

»Mein gnädigstes Fräulein, wie kann überhaupt davon die Rede sein!« unterbrach Lohe ein wenig verlegen, und dennoch bekam er beim Anblick ihrer tränenblitzenden Augen einen dunkelroten Kopf. »Ich gehe doch nicht freiwillig! Ich bin ja selber ganz außer mir über diesen infamen Possen, den mir irgendein übelgesinnter Vorgesetzter gespielt haben muß! Fräulein Ursula, bedenken Sie doch, nach Dassewinkel schickt man mich als stellvertretenden Landrat!«

Graf Lohe strich in Verzweiflung über die Stirn, auf welche bei solchem Gedanken allein der Angstschweiß trat, »Dassewinkel! Dieses entsetzlichste aller kleinen Landstädtchen. Sie kennen es wohl, meine Damen, es liegt ja ganz in der Nähe von Alt-Dobern – ohne Militär, ohne Gas, ohne Wasserleitung und Straßenpflaster. Das vornehmste Element ein Bürgermeister, der in Mußestunden –«

»Torf trampelt!« Ursula schlug in höchster Alteration die Hände zusammen, »das ist ja eine nette Bescherung, daran habe ich ja gar nicht mehr gedacht. Oh, Papa, das ist perfide von dir, gerade jetzt den Grafen hier weg zu holen!«

»Ihr Herr Vater ist ja ganz unschuldig an diesem Unglück,« versicherte Lohe wehmütig, »ich bin nicht von dem Kreise gewählt worden, sondern werde lediglich aus Ranküne irgendeines boshaften Vorgesetzten hingeschickt. Gerade mich zu solch einem Posten auszusuchen, mich, dem nichts unsympathischer ist, als der Aufenthalt in kleiner Stadt: und nun gar Dassewinkel, diese Grenze der Kultur! Bei Gott, ein Kommando ›Separatarrest‹ wäre mir nicht so entsetzlich, als diese Verbannung, in der ich als Beamter gezwungen bin, mit einer Sorte Menschen zu verkehren, die mir Nervenschütteln verursacht!« Graf Lohe hatte sehr erregt gesprochen, und während Fräulein von Kuffstein sehr verlegen das Köpfchen hängen ließ und aufseufzte wie ein böses Gewissen, legte Flanken energisch die Gabel nieder, trank sein Glas aus und wischte sich nachdrücklich den Mund. »Unsinn, lieber Graf! Dassewinkel ist ein riesig behagliches kleines Nest, in dem Ihre Lackstiebeln allerdings im Schlamm steckenbleiben, Ihre Büchse aber geradezu schwelgen kann, was eine gute Jagd anbelangt! Na, zum Kuckuck, und außerdem schadet es Ihnen gar nichts, wenn Sie mal vom Parkett runterkommen! Der Mensch wird ja einseitig, wenn er nur mit ›Creme‹ gefüttert wird! Ich für meine Person möchte mich am liebsten versetzen lassen, wenn ich mich verheirate, in irgend so ein kleines –«

»Wenn Sie sich verheiraten?«

»Na, natürlich, nächstens geht's los, Walzer tanzen kann ich bereits!«

»Brillant! Gehört diese Kunst zur Ehe?«

Flanken kniff das rechte Auge mit verschmitztem Lächeln zu und schielte mit dem linken nach Jolante. »O ja, es gibt gewisse Damen, die verlangen, daß der Gatte in regelrechtem Takt nach ihrer Pfeife tanzt!« Jolante wandte das Köpfchen kokett von ihm ab.

»Das verstehen Sie jetzt allerdings!«

»Nicht wahr?« Der blonde Riese patschte sehr vergnügt mit der Hand auf der Tischplatte: »Haben Sie zufällig meine Quadrille vorhin mit angesehen, Lohe? Na, ich sage Ihnen, ich hielt überhaupt die ganze Sache! Kein Mensch konnte was, aber ich tanzte ›normal‹, sogar mit Pas und ohne jegliche Konfusion in der ›scheenen Anglaise‹, obwohl ich eine Linktatsche bin!«

Mark-Wolffrath mußte trotz seiner schlechten Laune lachen. »Hand aufs Herz, Verehrtester, wo haben Sie denn diese Kunst noch auf Ihre alten Tage gelernt?!« Flanken legte die Hand an den Mund: »Pst! daß es die Damen nicht hören! Corps de ballet! Will mir jetzt auch noch die Française eindrillen lassen, weil Fräulein von Groppen verlangt, daß ich in allen Tänzen Meister sei!«

Jolantes Köpfchen wandte sich blitzschnell herum.

»Ich liebe die Française durchaus nicht und tanze sie niemals, meinetwegen brauchen Sie keine Stunde weiter zu nehmen!« rief sie hastig, und ihre schwärmerischen Augen flammten auf, als wäre sie bei Othello in die Lehre gegangen.

»Um so besser!« schmunzelte ihr diplomatischer Verehrer, sich gleich den anderen Herrschaften erhebend: »So bitte ich denn vorläufig um meinen Tischwalzer, aber ohne Extratouren: die gibt's überhaupt niemals bei mir, und ebenso wie ich einzig und allein mit Ihnen tanze, so müssen Sie künftighin auch alle anderen Herren abweisen.«

»Aber Herr von Flanken?« Jolante blieb stehen und rümpfte indigniert das Näschen. »Das würde ein höchst auffallendes Benehmen sein!«

»Schnacken! Wir wollen den Leuten mal zeigen, was 'ne Sache ist!«

»Mijnheer Malte van Doornkat würde mir das sehr übelnehmen!«

»Mag er doch! Was liegt uns denn an dem Farbenklexer!«

Er machte ein böses Gesicht, und darum mußte ihn das kokette kleine Fräulein noch etwas mehr ärgern. »Farbenklexer? Dieser Ausdruck ist ungerecht und beleidigend! Herr van Doornkat ist ein ganz bedeutender Künstler, und das Bild, das er zurzeit in Arbeit hat, wird sicherlich auf der Ausstellung einen Preis bekommen!«

»Das ist was Rechtes!« höhnte der Ulan ingrimmig; »meine Fetthammel sind auf der Ausstellung auch dekoriert worden!« »Auf alle Fälle werden Sie es Herrn van Doornkat nicht gleichtun!«

»So?! Und warum denn nicht, wenn ich fragen darf?« Er stellte sich wie der Koloß von Rhodus vor sie hin und strich herausfordernd den Schnurrbart, der immer noch nicht gewachsen war.

Sie kicherte leise auf und sah ihn abwechslungshalber mal wieder so schmachtend an, daß ihm das Blut noch mehr in den Kopf schoß. »Wollen Sie vielleicht Ihr Zeichenbuch mit dem ›Sardellen- und Lanzenstilleben‹ der Kunstausstellung anvertrauen?«

»Nein, das nicht! Aber ein Mann, der Walzer tanzen lernt, lernt auch irgendeinen Hasen oder Dachs in Öl zubereiten, und, beim Bart des Propheten, Sie sollen sich mal wundern, was ich für ein Gemälde ausstelle!«

Sie lachte so silberhell und graziös, wie es der Premierleutnant nie reizender gehört hatte.

»Herr von Flanken, Ihr Wort in Ehren! Walzer tanzen und Bilder malen ist ein himmelweiter Unterschied!«

»Wetten, daß!?«

»Diese Wette gehe ich ein!«

» Bon; nehmen wir die Sache zu Protokoll! Bitte setzen Sie sich noch einen Moment hier auf den Diwan nieder, ich schreibe.«

Und er zog eine sehr wohlgenährte Brieftasche aus der Uniform und schlug eine leere Seite auf.

»Also: Fräulein Jolante von Dern-Groppen wettet, daß ich nicht imstande bin, ein Ölgemälde zur Konkurrenz in die Kunstausstellung zu geben!«

»Ja, das wette ich!« Und die junge Dame hielt den Fächer vor den Mund und blickte höchlichst amüsiert auf die vierschrötige Hand hernieder, die herzlich ungeschickt den kleinen Bleistift führte. »So, nun schreiben Sie Ihren Namen darunter, mein gnädiges Fräulein!« grollte er.

Sie tat es in aller Heiterkeit, und dann nahm er das Buch zurück und setzte seinen Namen dicht unter den ihren.

»So, die Urkunde hätten wir.«

»Aber nun, um was haben wir eigentlich gewettet?«

Flanken zuckte die Achseln. »Wenn ich gewinne, verlange ich nur die Erlaubnis, dieses Schriftstück veröffentlichen zu dürfen!«

»Wie bescheiden!«

»Die Großmut ziert den Krieger! Und nun unser Walzer! Das Parkett soll seinen Meister zitternd erkennen lernen!«

Als nach Mitternacht Jolante das Köpfchen daheim in die Kissen neigte, lächelte sie im Traum. Ursula aber setzte sich zuvor an den Schreibtisch und tauchte die Feder resolut in das Tintenfaß. »Ich will nach Hause, in acht Tagen komme ich, es hat gar keinen Zweck mehr, daß ich hierbleibe!« war der lakonische Inhalt ihres Briefes. Und dann stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und sie ließ das Köpfchen auf die Arme sinken.

Gräfin Antigna trat auf weichem Teppich lautlos hinter sie. Ihr Blick fiel auf die Schriftzüge, sie las, lächelte und hob, einen Moment nachdenkend, die Hand an die Stirn. Dann legte sie mit schnellem Entschluß die Rechte auf die Schulter der Emporschreckenden.

»Noch eine gute Nachricht, petite! Soeben finde ich einen Brief deiner lieben Mutter vor, in dem sie mir den Besuch deiner Eltern für den Rest der Saison in Aussicht stellt. Deine Mama muß einen Arzt konsultieren, und es ist unsere heilige Pflicht, sie in diesem Vorsatz zu bestärken.«

Sprachlos starrte Ursula zu der Sprecherin empor. Die kühlen Finger lagen schwer wie Blei, ernst und zwingend auf ihrem Nacken, uno das junge Mädchen beugte sich unter ihnen ohne Widerspruch, der Liebe erstes Leid schnitt in ihr Herz, aber es löste nur die Dornen wohltätig von der Rose.

IX.

Gräfin Antigna saß in sehr eleganter Morgentoilette vor ihrem Schreibtisch und schloß einen Brief. Er war an Baronin Kuffstein adressiert und dazu bestimmt, sehr überraschend und sehr umwälzend in die Verhältnisse von Groß-Wolkwitz einzugreifen. Ein Lächeln hoher Befriedigung spielte um die schmalgeschnittenen Lippen der Gräfin; ja, die Welt hatte recht, an ihr war ein Diplomat verloren. Mit einer Klappe hatte sie soeben zwei Fliegen geschlagen.

Klar und bündig hatte sie ihrer Freundin die Lage der Dinge geschildert. Ursula, bereits auf dem besten Wege, alle Hoffnungen zu erfüllen, die man auf ihren hiesigen Aufenthalt gesetzt, will diese in kindischem Ungestüm und Trotz über den Haufen stoßen, um dem Grafen Lohe, an den sie ernstlich ihr Herzchen verloren, in »die Verbannung« zu folgen. Dadurch wird alles verdorben, sowohl ihre, wie seine Kur, die man ihnen verordnet hat. Frau von Kuffstein muß als Mutter ein Opfer bringen und durch ihre schnelle Abreise von Wolkwitz Ursulas Heimkehr vereiteln. Wenige Wochen noch, und Hofluft, Sehnsucht und Herzeleid haben aus dem verwilderten Backfischchen eine liebliche und veredelte Mädchenblüte geschaffen. So wird es der Mutter zur Pflicht gemacht, im Interesse ihrer Tochter endlich etwas für sich selber zu tun und dem jahrelangen Wunsch ihres Gatten und ihrer Freunde zu folgen, sich aus ihrer Apathie aufzureißen und einen Spezialisten zu konsultieren. Dadurch wird drei Menschen geholfen, und Gräfin Antigna, die kluge, umsichtige Frau, hat die Fädlein dieser Intrige schnell und geschickt zusammengesponnen.

Ja, sie war eine geborene Diplomatin, und es gab kein interessanteres Tun für sie, als die Schicksale von Menschen mit ihren weißen, durchsichtig zarten Händchen energisch und eisern in die Bahnen zu lenken, die sie als die richtigen erachtete.

Sie rührte die Glocke und befahl dem eintretenden Diener, den Brief zu besorgen und dem Kammerdiener des Grafen Henry zu melden, daß Gräfliche Gnaden den Herrn Sohn zu sprechen wünschten,

»Um Vergebung, Frau Gräfin, die Zimmer des linken Flügels sind noch fest geschlossen, Der junge Herr Graf kamen erst gegen Morgen nach Hause und ruhen noch.«

»Gut. Du kannst gehen.« Und die Palastdame der Königin- Mutter lächelte sehr zufrieden,

»Gott sei Lob und Dank, ich denke, der Professorhut ist jetzt für alle Zeiten an den Nagel gehängt!« – – –

Herr von Flanken war soeben von einem Liebesmahl aus dem Kasino gekommen und schrieb eine Postanweisung aus. Sie trug die Summe des Honorars, das er dem braven Tanzmeister, dessen Bemühungen er doch noch für die Quadrille hatte in Anspruch nehmen müssen, gern und reichlich übersandte. Dann klopfte er Frantusch Niekchen freundlich auf die Schulter, wies nach dem Tisch, von dessen Platte es goldig herüberblitzte, und sprach mit seiner behaglichen Baßstimme. »Das ist für dich, Niekchen, zum Lohn für den Walzer und die Polka, die du mir beigebracht hast! Meine Kameraden sagen allerdings, ein altdeutscher Kachelofen würde noch etwas graziöser tanzen als ich, aber das ist nicht unsere Schuld, denn ein Kerl, aus dem der liebe Herrgott gut und gern zweie hätte machen können, der wird sein Lebtag kein Taglioni. Da nimm, Niekchen, hast's redlich verdient, und wenn du dich vielleicht auch verheiraten willst –«

Der wackere Frantusch zog eine Grimasse und schüttelte stürmisch den Kopf. »Nix verheiraten, Leutnant!«

»Nanu? Seit wann bildest du dich denn zum Einsiedlerkrebse aus? Ich weiß doch, daß die Hanne aus Groß-Wolkwitz deine Braut ist!«

Niekchen kicherte und zog die Schultern hoch, »Is sik Hanne nur Manöverbeziehung gewesen! Hob ik gehabt danach schon wieder Königgeburtstags-Brautel, un' Woschmadel, wos muß franko woschen, un' Köchin überall in Famillen, wo ik muß machen Kumpliments von Leutnant! Werrd ik heiraten nix ein einzelnes Marinka, weil Frantusch Niekchen wirrd sik sunst kommen auf halbes Ration!«

Flanken wiegte nachdenklich den Kopf und blickte schier neidisch in das lachende Gesicht des Polacken.

Dieser glückliche Mensch, der so gar keine Ahnung davon hatte, wie es verliebten Leuten zumute ist! Ja, so hatte auch er früher alles Heiraten verschworen, aber, dabei die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Früher rührte er weder Hand noch Fuß, um einer Dame zu gefallen, und jetzt war er schier verrückt geworden, lernte Walzer tanzen und Ölbilder malen, oha! Da fiel ihm ja seine Wette wieder ein.

»Du bist ein Esel, Niekchen, und verdienst überhaupt gar keine Frau, verstanden? Und nun pascholl, Zivil 'ran, ich will ausgehen!«

In großer Hast machte der Premier Toilette, wickelte einen großen, breitkrempigen Künstlerhut von grauem Seidenfilz aus einem Papier und drückte ihn so genial wie möglich auf den kurzgeschorenen Kopf. Ein himmelblauer Schlips flatterte lose geknotet über dem Samtjackett, aus dessen Brusttasche der Katalog der vorjährigen Kunstausstellung herauslugte.

So! Der äußere Mensch war geschaffen, nun: »vorwärts mit frischem Mut, die Lieb' ist mein Panier!«

»Adieu, Niekchen!« und seelenvergnügt pfeifend, und mit dem Pelzmantel alle Künstlerpracht verdeckend, tappte der neueste Courmacher der Musen die Treppe hinab.

»Befehll, Herr Leutnant, Adieu!« erwiderte der getreue Knappe, stramm mit den Händen an der Hosennaht, klappte die Entreetüre zu und klirrte in die Stube zurück, sich nun rückhaltlos dem freudigen Anblick seines Honorars hinzugeben.

Und er meditierte:

»Is sik zwar altes Reff un' keifiges, Marinka, Köchin selbiges von General Groppen, hot aber beste Verköstigung: werrd hintrollen und Köchin spendabeles einladen für Zirkus, wirrd gut sein!«

Währenddessen schritt Herr von Flanken wie mit Siebenmeilenstiefeln durch die Straßen. Die Leute schauten mit stummer Bewunderung zu der imposanten Erscheinung empor, überzeugt, daß dieser Athlet, der länger war, als der Tag vor Johanni, sich auf dem Wege zu irgendeinem Zirkus befand, um dort als wilder Mann die Leute zu schwingen! – Aber irren ist menschlich, und kein Gedanke lag dem Premierleutnant auf dieser Promenade ferner, als der, einen reckenhaften Strauß zu bestehen. Sein fleischiges Antlitz mit den gutmütigsten aller blauen Augen lächelte Frieden, und wenn seine Hand auch einen Spazierstock führte, hoch wie ein Tambourstab und so knotig ausgewachsen, daß die Passanten unwillkürlich bei seinem Anblick einen Sprung zur Seite taten, so predigte sie in diesem Augenblick dennoch nichts anderes, als holdeste Eintracht!

Der Krieger hing daheim im Kleiderschrank, und nur der Künstler und Diplomat hatte sich auf den Weg begeben, gleich wie »Hans im Glück« zu wagen und zu gewinnen!

Fern aus den kahlen Wipfeln eines Parks hebt sich das flache Dach der Osteria. Hier hatte die Muse der Malkunst ihr lustiges Hoflager aufgeschlagen, hatte sich den Thronsessel bekränzt mit Fischernetzen und Reusen, mit Festons aus Laub- und Fichtenzweigen, zwischen denen Maisdolden, Kürbisse und Zwiebeln vergnüglicher hervorlächelten als Rosen und Gelbveigelein!

Strohumflochtene Fiaschetten, Tamburins und Hoboen, Kelche, Humpen, Tonvasen und Künstlergerätschaften erzählten ohne Wort und Ton ein Lied von heißerer Sonne, und daneben schimmerten weiße Stierschädel, und ringsum an den Mauern und Wandpilastern hatten Humor und Poesie der Gebieterin die farbenprächtigsten Opfer mit Pinsel und Palette dargebracht.

Ja, hier versammelte die Muse ihre Jünger um sich, ihren gottbegnadeten, lebenslustigen und heißblütigen Hofstaat, der als Helmzier das Lorbeerreis gewählt, zum Wappenbild die Traube und zum Orden, flammend auf der Brust, die dornenlose Rose!

Und auch durch diesen Thronsaal wehte eine göttliche Hofluft, und sie trug auch Sonne, Mond und Himmelsglanz auf ihren Fittichen, aber nicht diese allein mit ihrem schwärmerischen Veilchenduft – hier prickelte es herber und würziger, toller und übermütiger, Rebenblüte jauchzt ihr »Evoe!« Pegasus stampfte mit güldenem Huf den Boden, und wie ein Echo aus kapresischer, laubumschatteter Veranda zogen die Klänge der Tarantella durch Herz und Sinn!

Hierher lenkte Herr von Flanken voll froher Zuversicht den Schritt, und obwohl er noch keinen einzigen der Maler kannte, so war er doch überzeugt, daß sein himmelblauer Schlips und das kostbare Samtjackett eine Brücke über die gähnende Untiefe zwischen Kunst und säbelrasselnder Prosa schlagen würden!

Und er hatte sich nicht getäuscht. Die herkulische Gestalt erregte Aufsehen, und da die wahre Kunst stets ein offen Herz und offene Arme hat, so hielt es nicht schwer, auf ein biederes »Grüß Gott« ein fröhliches »Schön Dank« zu hören. Herr von Flanken wurde schnell heimisch in dem Kreise der Maler, und seine originelle Persönlichkeit und sein unverwüstlicher trockener Humor, der mit wackerer Ausdauer mit Rebenblut angefeuchtet wurde, gewannen ihm schnell die Herzen und Sympathien des fröhlichen Künstlervölkleins.

Ganz besondere Heiterkeit erregte es, daß der Ulanenoffizier urplötzlich eine so große Passion für Leinewand und Ölfarbe bekommen hatte, eine Passion, die weder durch künstlerisches Verständnis noch durch irgendwelche Kenntnisse unterstützt wurde.

Der moderne »Roland der Riese« hatte weder von Technik noch von Perspektive die mindeste Ahnung, und trat ein Kollege mit berühmtestem Namen neu an den Tisch heran, so sagte Herr von Flanken jedesmal mit seiner engelsunschuldigsten Harmlosigkeit: »Pardon, einen Augenblick!« und kehrte dem Tisch für etliche Minuten den Rücken, zog den Katalog hervor und las den Namen nach.

»Ah, natürlich! Sie malen ja die famosen Selbstporträts! Sagen Sie mal, wo finden Sie da nur alle Motive?!« Oder »Potzdonnerwetter, ja – das Stilleben war ja von Ihnen, ein schneidiges Stilleben, auf Wort, riesig viel Aktion drin!« – Und dann schüttelte er dem Betreffenden beinahe den Arm aus dem Gelenk und versicherte ihn seiner wärmsten Bewunderung,

Ein jeder freute sich solcher Anerkennung, und Herr von Flanken wurde Stammgast in der Osteria, kneipte und erzählte die amüsantesten Geschichten und lachte, daß die Wände wackelten, wenn der Künstlerhumor seine üppigsten Blüten trieb.

Und eines schönen Abends war der Wein ganz besonders feurig aus den Fiaschetten gekluckert, und er hatte die Zunge gelöst, und der Premierleutnant schlug mit der Hand auf den Holztisch, daß es klirrte, und sprach energisch:

»Warum ich Maler werden will, ihr Herren? Bon, ich will's euch sagen. Weil ich nämlich bis über die Ohren verliebt bin in das reizendste kleine Teufelchen, das jemals einen vernünftigen Kerl an das Gängelband genommen hat, ihn so unvernünftig zu machen, wie weiland den Monsieur Herkules, der die Keule in die Ecke stellte und das Spinnen lernte! Na, so ein Held bin auch ich geworden! Hat die Kleine mir nämlich erklärt, sie werde nur einen Maler heiraten, und zwar nur einen, von dem auf der nächsten Kunstausstellung ein Bild angenommen würde. Ich will mir nun solch ein Gemälde leisten! Das kann doch nicht schwer sein, wie? Farben habe ich schon gekauft, pinsele los, und wenn ich in der Ausstellung hänge, mache ich Hochzeit!«

Ein schallendes Gelächter erhob sich, alle Gläser blinkten ihm entgegen: »Darauf wollen wir anstoßen! Flanken stellt ein Bild aus!« jubelte es im Kreise. Ernsthaft tat der Premierleutnant Bescheid.

»Danke Ihnen, meine Herren! Aber jetzt kommt erst des Pudels Kern! Wer von euch will mein Lehrer sein und mir helfen?!«

Abermals ein schallendes Hallo. »Wir alle stehen in der Liebe Sold! Wir alle helfen!«

Tiefgerührt umarmte der zukünftige Zeuxis rechts und links die hilfsbereiten Kollegen, und es wurde vereinbart, daß er allein ein Motiv wähle und das Bild wenigstens entwerfe, auf daß man mit gutem Gewissen Herrn von Flanken als dessen Urheber nennen könne.

Gesagt, getan. Am folgenden Tage, als der junge Offizier seinen Dienst getan, kaufte er sich einen alten illustrierten Jagdkalender und durchblätterte ihn mit Kennerblick.

Es dauerte lange, bis er etwas Passendes gefunden hatte. Auf dem einen Bilde waren zu viele Tiere, auf dem anderen zu viel Landschaft, auf dem dritten gar Jäger, endlich schmunzelte er ein pfiffiges »Aha!«, fuhr mit den Fingern behaglich durch sein Kraushaar und rückte noch etwas näher zum Fenster. Das war ganz sein Fall! Schnee, lauter Schnee, den man mittels weißer Farbe entschieden sehr mühelos herstellt, in der Mitte ein alter kahler Baum – wird braun angestrichen! – mit einer riesigen Höhle, aus der listig und verschlagen ein Füchslein hervorlugt und es auf ein paar Feldmäuse, die seitwärts an einer Rübe nagen, abgesehen zu haben schien! Der Fuchs war vortrefflich als Hauptfigur des ganzen Bildes gezeichnet und mußte jedes Jägerherz entzücken, dennoch musterte ihn Herr von Flanken mit sehr bedenklicher Miene. Dieser Fuchs verdarb ihm wieder die ganze Freude an dem hübschen Bilde, denn Tiere konnte er absolut nicht »rauskriegen«, vor allen Dingen nicht solche, die eine so vielsagende Physiognomie wie dieser Langschwanz hatten.

Ohne Freund Reineke wäre das Bild ganz nach seinem Herzen gewesen; que faire?! Der Jünger der Kunst überlegte her und hin, plötzlich zuckte es hell wie Sonnenschein über sein frisches Gesicht und in entzücktem Selbstgespräch versicherte er sich selber: »Das haste gut gemacht, alter Junge, die Idee kannste dir patentieren lassen! Warum muß denn dieses rote Fuchsgesichte gerade in dem Moment, wo ich dies Bild male, nach den Mäusen herausschnüffeln? Unsinn, mein Fuchs, den ich male, ist drin im Bau, und die Mäuse sind auch im Bau, nicht 'n Haar ist von dem Viehzeug zu sehen, und ich bin schöne raus!«

Und ganz begeistert von der Idee, sein Gemälde »Fuchs im Bau!« zu nennen, nahm der Premierleutnant sofort einen Blendrahmen mit der schön gespannten Leinewand zur Hand, band Niekchens graue Putzschürze in Art eines Kinderlätzchens vor und ging an die Arbeit.

Eine Staffelei hatte er nicht, war auch gar nicht nötig. Er legte das Bild auf den Tisch, holte Farben und Pinsel hervor und nahm zuerst einen mächtigen Stift, mit dem er genial die Grenze zwischen Himmel und Erde zog. Das Buschwerk des Hintergrundes hatte gar keinen moralischen Wert, Flanken nahm an, daß der Besitzer der Landschaft es bereits hatte abholzen lassen, ehe er sein Bild begann. Also der ferne Wald blieb einfach weg; es wirkte viel natürlicher bei den heurigen schlechten Zeiten, wenn die Gegend möglichst abrasiert war – so! Und nun der Baumstamm. Drei Wurzeln weist er auf: eine rechts rum, die andere links rum, die dritte ab durch die Mitte. Sie winden sich allerdings unter dem Stift des Kopisten so abenteuerlich, wie das Fabelungeheuer der Seeschlange im Monat Juni und Juli durch die Zeitungsspalten, aber Herr von Flanken findet das gerade recht apart, und darum ändert er gar nichts daran, sondern geht sofort zu dem Stamme selbst über. »Drei Zinken ragen in blaue Luft!« Der junge Künstler formt sie recht hübsch gleichmäßig, wie den Dreizack Neptuns, denn anders leidet es sein militärisch geschultes Auge nicht, und auch die feinen Weidengerten, die noch dem Stumpfe entsprossen, ordnet er unter dem Kommando: »Richt euch!« ganz ordentlich in Reih und Glied. Nun kommt das Loch, Zickzack geht sein Rand, Fuchs vacat, Mäuse vacant, so; die Aufzeichnung, das schwerste Stück Arbeit, ist glücklich überstanden. Das Anmalen ist ja Kinderspiel. Erst mal das Köpfchen mit der blauen Farbe ran!

Flanken kannte einen so hübsch stimmungsvollen Vers aus der Osteria, den sang er während des Schaffens in tiefstem Basse fröhlich vor sich hin:

»Und ist der Himmel noch so grau,
Ich mal' ihn schön mit Pinkertsblau!«

Ja, wenn der liebe Gott dem Herrn Premierleutnant das Kommando übers Wetter anvertraut hätte, würde die Welt ihre Freude erleben! – Tief eingetaucht den Pinsel – den größten, der im Malkasten aufzufinden war! – und nun ritsch – ritsch – immer von oben nach unten das schönste, wolkenloseste Blau aufgetragen!

Geht riesig fix, – Jetzt kommt der Schnee an die Reihe! – Eigentlich eine famose Einrichtung mit solchem Schnee! – Man drückt den Inhalt der weißen Tube mitten auf die Leinewand und streicht einfach den Klex nach allen Seiten auseinander. Nur Vorsicht muß man beobachten, daß die Wurzeln nicht verwischt werden, was leider etwas aufhält.

Flanken wischt sich den Schweiß von der Stirn und rührt »Braun« an für den Baum, und dann malt er ihn – was auch etwas weniger schnell geht, da der Pinsel sehr stark ist und die einzelnen Weidenruten zu dick ausfallen. Aber Geduld überwindet alles, und die Belohnung jeder Mühe ist der Moment, wo Flanken, der Unsterbliche, voll kolossaler Genugtuung eine Riesenquantitat tiefstes Nachtschwarz über das Loch pinselt! – »So, Bürschchen, weg wärst du – – da hätten wir ja den Fuchs im Bau drinne!! –«

Das war eine gewaltige Leistung. Der Ulanenoffizier dehnte die Arme und atmete in wahren Stoßseufzern, und dann stellte er das Bild gegen die Stuhllehne, trat zurück und hielt die Hand über die Augen, um besser zu sehen.

»Hut ab, mein lieber Flanken, das hast du Schwerenöter ganz großartig gemacht! Ja, ja, was man aus Liebe tut!«

»Niekchen!«

»Befehll, Herr Leutnant!«

Sein Herr schob die Hand in die Brusttasche und stellte den einen Fuß gravitätisch vor.

»Niekchen, erkennst du, was dieses Bild vorstellen soll!«

Niekchen nahm eine gebückte Stellung ein und stemmte beide Hände auf die gespreizten Knie.

»Sull sik Mord jebildet werden, Leutnant, fehllt aber noch erschlagenes Itzig, oder Madel mit Kehlle abgeschnittenes!«

»Du hast kein Kunstverständnis, Niekchen, dein Urteil ist nicht kompetent.« Der selbstbewußte Verfasser schüttelte beinahe mitleidig den Kopf. »Geh lieber und hole eine Droschke, wir wollen mit dem Bild zum Atelier des Professor H. fahren!«

»Sull sik sein Droschke von erster oder zweiter Kwalität?«

»Niekchen!« voll milden Vorwurfs traf ihn Flankens Blick, »ein solches Bild fährt man nur erster Klasse!«

Und kurze Zeit darauf fuhren Herr, Diener und Gemälde in einer Droschke erster Klasse davon.

Flanken nahm im Fond, der wackere Frantusch mit dem »Fuchs im Bau« ihm gegenüber Platz. So fährt eine junge Mutter mit Baby und Bäuerin zum erstenmal zur Großmama! Strahlend vor Stolz nnd Glück, viel dicker und breiter noch als sonst, saß der Künstler von Gottes Gnaden seinem Meisterwerk gegenüber, keinen Blick von dem Bilde abwendend, das so herzerfrischend blau, weiß und braun zwischen Niekchens Fäusten lächelte.

Der Professor H. sah das Konkurrenzwerk für die Kunstausstellung voll lebhaften Interesses an, aber weil er stark erkältet

war, hatte ihn ein fataler Krampfhusten längere Zeit an dem Ausspruch der Kritik gehindert. Endlich fand er Worte.

»Recht brav gemacht, mein lieber Herr Leutnant!« nickte er und klopfte den Rücken des neuen Kollegen, »Nur bei dem Himmel muß noch etwas nachgeholfen werden! Sie wissen, daß

gerade der Himmel meine Spezialität ist. Wenn Sie mein Schüler sind, darf und muß ich Sie korrigieren!! Lassen Sie mir das Bild ein paar Tage hier.«

Das tat der stolze Vater von »Fuchs im Bau« sehr vertrauensvoll, aber er kam jeden Morgen, sich nach dem Schicksal seines Kindes zu erkundigen. Ja, da sah er allerdings Wunder, Aus dem pinkertsblauen Himmel wurde ein zartes, graudunstiges Schneegewölk, durch das der Mond mit rötlichem Licht brach, geheimnisvoll, magisch leuchtend, so wie nur dieses Meisters Hand malen konnte. – Ein halbes Pfund blaue Farbe, die zuvor abgekratzt worden, sah der Premierleutnant ohne Schmerz scheiden.

Das Atelier des Professors wurde nicht leer von den bekannten Freunden aus der Osteria, die sämtlich Flankens Lehrer werden wollten. Ein Wettstreit heitersten Übermuts begann unter den Meistern.

Nachdem der Himmel ein Kunstwerk geworden war, trat ein anderer Lehrer auf. »Jetzt ist alles sehr hübsch, bis auf den Hintergrund, mein bester Flanken, Sie gestatten, daß ich dem ein wenig unter die Arme greife.« Und der Pinsel tupfte und glitt über die Leinewand und ein mondlichter, weißbeschneiter Laubwald breitete sein Gezweig wie glitzernde Spitzengewebe vor den Augen des staunenden Schülers aus. Tagelang hatte der Künstler in übergroßer Liebenswürdigkeit geabeitet, um nach Eingebung einer heiteren Laune sein Bestes zu geben. Und dann kam ein dritter und nahm sich des Vordergrundes an, der malte den Schnee, jener ein Brombeergestrüpp mit seinem letzten frostüberhauchten Laub – wieder ein anderer wandelte die rechte Ecke des Schneefeldes in einen halb zugefrorenen Teich um, an dessen Ufer das Schilf zu knistern und zu rascheln schien. Der Pinsel wanderte abermals in eine andere Hand, die aus dem Weidenstumpf ein Stücklein schauriger Poesie zaubert; der Wind saust daher und faßt die schwanken Zweige, sie wiegen sich und flattern und ächzen, und der verkrüppelte Stamm nimmt eine ganz absonderliche Gestalt an, gespenstisch und unklar, just so, wie die alten Weiden das Auge im Dämmerlicht täuschen. – Und wieder ein neuer Lehrer streut Schneeflocken in den Wind, und das einzige, was in seinem Kernpunkt unverändert bleibt, und was die Herren einstimmig loben, ist das Loch und der höchst originelle Titel des Bildes.

Wie einst der liebe Herrgott all seine Farbennäpfchen austupfte, dem armen Stieglitz zu seinem schönen Wämslein zu verhelfen, so steuerten unter Lachen und Scherzen die ersten Meister der Kunst mit ihren farbenreichen Pinseln dazu bei, das Gemälde des Leutnants von Flanken zu einem tatsächlichen Meisterwerk umzuschaffen.

»Diskretion Ehrensache!« schwebte als treu kameradschaftliche Devise über diesem geheimnisvollen Schaffen, und als der »Fuchs im Bau« fertiggestellt war, schrieb Herr von Flanken tief gerührt seinen Namen mit siegellackroter Farbe in die Ecke und harrte des Moments, wo ihm, dem Schüler des Professors H., eine Antwort aus der Kunstausstellung zu D. werden würde, Und die Antwort kam, daß das Gemälde »Fuchs im Bau« von der Jury angenommen sei.

An jenem Abend hat es die Osteria erfahren, daß die jungen Deutschen noch genau so trinken und lachen können wie die alten – und die Hofluft im Thronsaal der Muse der Malerei hat singend und klingend die heiße Stirn Flankens geküßt, ihn im Katalog der Künstler zu ihrem Ritter zu schlagen.

X.

Hinter dem Lichtschirm brannte die Lampe in Fürst Sobelefskois Schlafgemach.

Die zweite Stunde nach Mitternacht war bereits angebrochen, und dennoch kam kein Schlaf in die brennend heißen Augen des Kranken. Ja, des Kranken! Wenn er auch tagsüber vom Sessel zur Chaiselongue wankte oder sich die Treppe empor zu den Salons der Groppenschen Familie schleppte, wenn er mit seinem stillen, geduldigen Lächeln auch wieder Anteil nahm an allem, was um ihn her vor sich ging, so war er dennoch ein verlöschendes Licht, das sich nur noch in letztem, qualvollem Aufflackern an das Leben klammerte.

Niemand wußte das besser, als er selbst, denn keine Menschenseele ahnte seiner Leiden schwerstes, das todbringender als alle körperlichen Gebrechen an seinem Herzblut zehrte. – So wie heute, hatte er Nacht für Nacht schlummerlos gelegen während einer langen Wintersaison, da die Equipage drunten vor die Tür rollte, seinen Liebling hinaus zu Spiel und Tanz zu führen. Dann gedachte er all der süß vertrauenden Worte die Lena ihm am Tage zugeflüstert hatte, an seinem Bett sitzend und ihm von den Stunden erzählend, die sie mit Altenburg verlebt hatte. Da war nicht eine geringste Begenbenheit, die sie dem geliebten Onkel Daniel, dem Freund und Vertrauten ihrer geheimsten Gedanken, verschwiegen hätte – ihn mußte doch alles und jedes interessieren, was Kunde von Eitel brachte, und ging von Zeit zu Zeit ein krampfhaftes Zittern durch die Hände, die sie umschlossen hielt, so gab sie es seinen körperlichen Schmerzen schuld, nicht ahnend, daß sie selbst dem Unglücklichen tagtäglich Folterqualen schuf, unter denen sein Herz tropfenweise verblutete. Mit lächelnden Lippen jedoch litt er sein Weh, und die Antwort auf all ihr treues Bekennen und Gestehen war ein Segenswunsch für sie und den, den ihre Liebe mit einem Glorienschein edelster Vollkommenheit umgab. Und jeder Abend konnte die Entscheidung bringen, konnte Lena heimkehren lassen als Braut, als losgetrennte Blüte vom Baum seines Lebens, der nur diese einzige, tränenbetaute Blume der Entsagung getragen.

Wohl wußte er, daß ein flehendes Wort, ein Blick, ein Pulsschlag, der verriet, wie krank er war, sie an sein Lager fesseln konnte, aber er legte die gefalteten Hände auf sein sehnsüchtiges Herz und täuschte sie mit geschlossenen Augen und einem Lächeln friedlichen Wohlbehagens. Der treue Alexandrowitsch mußte ihr zuflüstern, daß Durchlaucht momentan ganz schmerzfrei sei und die Nacht gewiß ohne Unterbrechung schlafen werde – und dann hörte Daniel das leise Aufrauschen von Atlas und Spitzen, süßer Duft umwehte ihn, und er wußte, daß Lena sich mit sorgendem Blick über ihn neigte.

Ach, nur jetzt die Augen aufschlagen dürfen, dieses süße Bild festzuhalten für eine lange, entsetzlich einsame und schmerzensreiche Nacht! Aber Daniel Sobolefskoi war standhaft wie ein Held, er versagte sich auch diesen heißen Wunsch, um zu büßen, immer wieder zu büßen, was er einst im Wahnwitz an dem Dreiherrn von Altenburg hatte sündigen wollen.

Nun waren die Feste vorüber; Frühlingshauch wehte kosend über das Grab des Winters und wollte zu neuem Leben emporrichten, was Schnee und Eis erbarmungslos geknickt. Daniel hörte es wie Prophetenstimmen durch Nacht und Wind sausen, und es war ihm, wenn er die Augen schloß, als vernähme er ein liebliches Flüstern in diesem Lenzesodem: »Sei getrost, mein kleiner Schmerzensreich! Die Zeit ist nicht mehr fern, da ich kommen werde, all dein Leid wieder von dir zu nehmen!«

Ein tiefer Seufzer rang sich von den farblosen Lippen des Kranken: »O Mutter, ich harre schon so lange, so lange deiner! Alle Schmerzen, die mein armer Körper erduldet, will ich ja gern tragen zur Sühne meiner schweren Schuld: nur das, was meine Seele zermartert, nimm von mir, du Reine, Verklärte! Denn es ist die tägliche Anfechtung, in der ich stehe, das höllische Feuer, das mich nicht als Christen sterben läßt!« Und Daniel richtete sich mit fiebernden Pulsen empor und rang die Hände in inbrünstigem Flehen gegen die sturmumsausten Fenster. »Erbarme dich, Mutter, und lösche die Qualen der Eifersucht in meinem Herzen, gib mir Ruhe und Frieden und erbitte du mir am Thron des Höchsten, daß er die unselige begehrliche Leidenschaft in meinem Herzen wandeln möge in die heilige Flamme brüderlicher Liebe, damit ich segnen kann, ohne zum Meineidigen zu werden, damit ich sterben kann, ohne daß all meiner Seele Fasern noch in dieser Welt wurzeln!«

Stille wurde es draußen und drinnen. Daniel lehnte das müde Haupt zurück und schloß die Augen. Horch – was war das? Wieder die Schritte über ihm in dem Zimmer des Generals. Es war bereits die fünfte Nacht, daß Sobolefskoi seinen Freund ruhelos auf und nieder wandeln hörte, lange Stunden hindurch. Und am Tage war es ihm aufgefallen, daß Groppen fahl und verstört aussah, daß eine nervöse Unruhe ihn peinigte und aus dem Hause trieb. Er klagte über Erkältung und Kopfschmerz. War er tatsächlich Patient? Dieses nächtliche Hin- und Herstürmen, diese aufgeregten Schritte ängstigten Daniel. Ein Gedanke blitzte ihm jählings durch den Kopf. Was anfänglich ein Scherz geschienen, die angesammelten Rechnungen in dem Entenschnabel, war bitterer Ernst geworden. War er denn mit Blindheit geschlagen, es nicht längst zu sehen, daß Groppen über seine Verhältnisse lebte? Seit seinem Aufenthalt hier in der Residenz war's über ihn gekommen wie eine böse Gewalt, die ihn zum Verschwender gemacht. Die Hofluft war ihm zu Kopf gestiegen und hatte mit ihrem Goldstaub sein so leicht empfängliches Gemüt vergiftet. Auf glatter Bahn war er vorwärtsgestürmt, nachahmend, was er sah, überbietend, was man bewunderte, bis er Halt und Stütze verlor und zusammenbrach. War es tatsächlich schon so weit? Eine unaussprechliche Angst erfaßte Daniel, jeder dumpf hallende Schritt über ihm traf ihn wie ein Faustschlag gegen die Brust. Er richtete sich auf und rührte heftig die Schelle.

»Alexandrowitsch, der Herr General ist noch nicht zur Ruhe gegangen; ich lasse dringend bitten, einen Augenblick herabzukommen!«

Der Kammerdiener riß die schlaftrunkenen Augen auf und verschwand eilig hinter der Portiere.

Nach wenig Minuten schon stand Groppen auf der Schwelle, er trat hastig näher und neigte sich angstvoll über den Freund: »Daniel, um alles in der Welt, bist du wieder krank geworden?«

Der Fürst richtete sich langsam in den Kissen auf, seine heißen Finger umkrampften die Hände des Generals und sein Blick traf fest und durchdringend das bleiche Antlitz, als wollte er die geheimsten Gedanken hinter der gefurchten Stirne lesen. Leise, heiser klang seine Stimme: »Nein, Kurt, nicht ich, sondern du bist krank an Leib und Seele!«

Ein Zusammenzucken. »Unsinn, lieber Freund, eine kleine Indigestion! Das geht bald vorüber!« Aber der General strich sich tief atmend über die Stirn und die eingesunkenen Schläfen.

»Warum hintergehst du mich?!«

Dann neigte sich der Russe dicht, ganz dicht zu dem Ohr des Freundes. Und er flüsterte ein paar Worte, und Groppen schlug aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und brach kraftlos mit dem Haupt auf das Lager hernieder. – Ein paar Augenblicke rang er nach Fassung, dann richtete er sich energisch empor: »Nicht ganz so schlimm ist es, Daniel! Ich bin kein Bettler, ich stehe nur wieder auf demselben Punkt wie damals, da du deine Hand zuerst in die meine legtest! Ja, ich habe nichtswürdig und gewissenlos gewirtschaftet, ich war ein Pflichtvergessener, ein Wahnwitziger, den sein guter Engel verlassen hatte. Ich lebte über meine Verhältnisse, und um Vergeudetes wieder einzubringen, spekulierte ich, nahm auf die Güter auf, geriet in die Hände von Wucherern und mußte schließlich noch Barvermögen opfern, um wenigstens die kleinste der Besitzungen noch zu retten. Selbst Jolantes kleines Privatvermögen ihrer verstorbenen Mutter mußte ich hingeben, und das ist bei allem Elend die drückendste Schuld.«

»Jolante – Privatvermögen? Davon weiß ich ja gar nichts!«

Einen Moment preßte der General die Lippen zusammen und starrte schweigend vor sich nieder, dann faßte er plötzlich die Hand Sobolefskois mit leidenschaftlichem Druck. »Ja, du weißt nichts davon, Daniel: es ist unverzeihlich genug von mir, daß dem so ist, aber du wirst mein Schweigen verstehen lernen. Soll ich meine Mitteilung bis zu gelegener Zeit aufheben, oder fühlst du dich wohl genug, noch mit mir zu plaudern?«

»Sprich, ich bitte dich!«

Da richtete Groppen das Haupt empor und schaute Daniel voll in das Auge, »Lena ist meine Tochter erster Ehe,« sagte er kurz, »aber weder sie selbst noch die große Welt weiß um dieses sorglich gehütete Geheimnis. Ich war zweimal vermählt.«

Sobolefskoi schnellte mit einem Aufschrei des Staunens empor, der General aber fuhr hastig fort: »Bitte, höre mich an, ich beantworte alle deine Fragen, ohne daß du sie erst an mich zu richten brauchst. – Ich war noch ein blutjunger Mensch, als ich, von den Ärzten für lungenkrank erklärt, nach Italien geschickt wurde. Dort lernte ich eine Sängerin kennen, ein Weib von berauschender, eigenartiger Schönheit, Wera Czakaroff, eine geborene Russin. Die Ärzte gaben mir nur noch kurze Frist, und ich wollte den Rest meines Lebensbechers bis zur Neige leeren. Obwohl Wera bedeutend älter war als ich, vermählte ich mich mit ihr, die eine heiße, unruhige Leidenschaft für mich erfaßt hatte. Diese unerklärliche Aufregung und eine fast krankhafte Menschenscheu, die sich beinahe bis zum Verfolgungswahn steigerte, waren die einzigen Schatten, die in den blendenden Sonnenglanz unserer überschwenglich glücklichen Ehe fielen. Aber wundersam, von Stund meiner Vermählung an wurde ich gesund und immer gesünder, dieweil meine arme Wera wie ein Schatten dahinsiechte. Da ich überzeugt war, daß meine Eltern unsere Ehe niemals billigen würden, sandte ich ihnen die sie betreffende Anzeige erst nach vollzogener Trauung und führte dadurch einen langjährigen Bruch mit meiner Familie herbei. Wera schenkte einem Töchterchen, unserer Lena, das Leben und starb unter wundersamsten Fieberphantasien in meinen Armen. Allein, verlassen mit dem neugeborenen Kinde in fremdem Lande! Da fügte es der Zufall, daß eine Gräfin Sasseburg mit ihrer jüngsten Tochter in dem nämlichen Hotel Wohnung nahm. Sie hörte meinen Namen und erfuhr die peinliche Lage, in der ich mich befand. Voll barmherzigster Güte nahm sie sich des Kindes an, wir lernten uns kennen und wurden Freunde, nun, und das Ende des Romans hast du selbst erlebt, indem du meine zweite Frau, die junge Gräfin Sasseburg, in Jolantes Mutter kennenlerntest. Wir heirateten uns ebenfalls in Italien uud blieben noch fünf Jahre daselbst, um meine noch immer empfindsame Lunge vollständig auszukurieren. Während dieser Zeit versöhnte ich mich mit den Eltern, kurz bevor sie mir durch einen jähen Tod entrissen wurden, und in fremde, gänzlich veränderte Familienverhältnisse kehrte ich heim. Da meine erste Ehe nicht bekannt geworden, ebensowenig wie meine sonstigen Schicksale, nahm jedermann in dem, meiner Heimat so fernen, süddeutschen Reiterregiment an, daß Lena unsere leibliche Tochter sei, und wir ließen diese Annahme gerne gelten, um nicht den mindesten Zwiespalt zwischen ihr und der bedeutend später geborenen Jolante aufkommen zu lassen. Man fragte nicht, und wir plauderten nicht, und unsere Kinder wuchsen auf, wie zwei Reiser auf einem Stamm. Lena liebte ihre Pflegemutter mit wahrhaft schwärmerischer Innigkeit, und wir haben es nicht über das Herz bringen können, selbst dem heranwachsenden Mädchen die Wahrheit zu enthüllen, es hätte einen Schatten mehr auf ihr sowieso schon zur Schwermut neigendes Gemüt geworfen. Dies meine Beichte, Daniel, vergib mir, daß ich sie erst nach so langen Jahren ablege, aber meine liebe, stets so richtig denkende Frau kam ehemals mit mir in dem Vorsatz überein, auch dir den Frieden und das Behagen unseres Hauses ohne jeden Zwiespalt zu erhalten. Zürne uns nicht deswegen, wir meinten es gut!«

Schweigend drückte Fürst Sobolefskoi die Hand des Sprechers. Zu viel des Unerwarteten stürmte auf ihn ein, »Eine Russin, Vera Czakaroff, war ihre Mutter!« lächelte er plötzlich wie verklärt, »also sind es doch geheimnisvolle Bande der Zugehörigkeit gewesen, die mich in dein Haus gezogen!« Nach kurzem Sinnen fragte er, jäh von dem Thema abspringend: »Und Jolantes mütterliches Vermögen mußtest du auch opfern? Laß uns überlegen, wie wir deine anderen Güter so schnell wie möglich zurückkaufen! Warum hast du so lange Verstecken mit mir gespielt? Ein Wort hätte genügt, dir all die schlaflosen Nächte und unnötigen Aufregungen zu ersparen! Du weißt, daß mein Vermögen auch das deine ist, also war es zum mindesten töricht, Landbesitz unter den Hammer zu bringen, wenn die Angelegenheit durch bares Geld geregelt werden konnte!«

Groppen hatte sich hoch und energisch aufgerichtet. Seine Brust arbeitete, sein Auge blitzte unter den weißbuschigen Brauen. »Nein, Daniel, das weiß ich nicht und will es auch nicht wissen, denn du darfst mich jetzt nicht unterstützen, willst du als Freund und Ehrenmann handeln! Ich bin auch jetzt gottlob nicht ärmer als in jener Zeit, da du zuerst mein Haus betratest, und ebensowenig, wie ich damals einen roten Heller von dir angenommen habe, ebensowenig tue ich es heute. Wir können auch jetzt noch mit meinem Generalsgehalt und der kleinen Rente von Dernburg anständig leben, wenn wir uns nach der Decke strecken, gibst du mir aber von neuem Mittel in die Hand, in den alten Strom zurückzuschwimmen, so ist es deine Schuld, wenn ich rettungslos darin untergehe! Soviel Vernunft habe ich noch, mir das selbst zu sagen! Leichtsinn ist ein Unkraut, das mit der Wurzel ausgerottet werden muß: reiße ich mich nicht los von dem Parkett, über das die Hofluft weht, berauscht und bestrickt sie mich von neuem, dann habe ich, Gott sei es geklagt, nicht Energie genug, den noblen Passionen zu entsagen, deren Bazillen so ansteckend in jener Atmosphäre wehen! Laß mich mit meiner ernsten, vernünftigen Lena sprechen, lieber Freund, ich weiß, daß sie mich nicht verurteilen, sondern in ihrer Engelsgüte allem entsagen wird, um mir den Weg zur Umkehr mit Rosen zu schmücken! Aber Jolante! Meine verwöhnte, sorglose, glückselige Jolante, wird sie sich jemals in kleinere Verhältnisse finden?« Und Groppen schlug die bebende Hand vor das Antlitz und schritt abermals mit erregten Schritten im Zimmer auf und nieder. Plötzlich blieb er vor Sobolefskoi stehen und umschloß mit beiden Händen krampfhaft seine niederhängende Rechte. »Daniel,« murmelte er zwischen den Zähnen, »ich fürchte, Jolante wird einen Umschwung in unseren Verhältnissen nicht ertragen. Flanken hat ihr sehr auffällig gehuldigt, die ganze Stadt spricht davon, daß er um ihretwillen tanzen lernte, daß er bereits seit Wochen bei dem Professor H. Malunterricht nimmt, weil die Kleine es gewünscht hat. Flanken ist wohl ein vermögender Mann, aber wer garantiert uns, daß er Jolante nicht dennoch allein um ihres goldenen Heiligenscheins willen huldigte? Zöge er sich von dem vermögenslosen Mädchen plötzlich zurück, würde es für mein armes Kind ein geradezu vernichtender Schlag sein, den sie niemals überwinden würde! Daniel – nicht für Lena und für mich erbitte ich deine Hilfe, wohl aber für unseren kleinen Liebling, die zarte, haltlose Mädchenblüte, die keinen Sturm überdauern kann!« Der General setzte sich auf das Bett des Kranken, schlang den Arm in zitternder Aufregung um ihn und barg sein Gesicht an der Schulter des Fürsten, »Wenn Flanken anhalten sollte – darf ich ihm alsdann eine Mitgift zusagen, Daniel?!«

Der Russe streichelte zärtlich das Haupt seines brüderlichen Freundes, ein wehmütiges Lächeln spielte um seine Lippen, »Obwohl ich eine bessere Meinung von dem braven Ulanen hege als du, bitte ich dich, sogleich einen Einblick in die Kopie meines Testamentes zu tun, damit du weißt, wie reich deine Töchter sind. Ob heute oder morgen, das Kapital liegt für sie bereit. Noch eine Frage: In welcher Weise willst du dich einschränken, ohne zum Stadtgespräch zu werden?«

»Ich gedenke eine einfachere Wohnung zu beziehen, weniger Dienstboten zu halten, nicht täglich Diners servieren zu lassen; ich werde irgendeinen Vorwand finden, den Verkehr und die Geselligkeit zu reduzieren,«

»Alles mit einem Schlage so auffällig verändern? Das wäre rücksichtslos gegen dich, deine Familie und deinen Freund, dessen Name gewissermaßen zu dem deinen gehört. Ich weiß besseren Rat. Sei mein Gast! Ich miete künftighin dieses Haus und lade dich ein, bei mir zu wohnen. Der Sommer steht vor der Tür. Während wir einen Landaufenthalt nehmen, wird der Haushalt aufgelöst, und gründet man ihn im Herbst mit neuem und weniger zahlreichem Personal, läßt sich jede Änderung unbeschadet anbringen. Bis dahin aber ist's noch lange Zeit, und wenn unsere beiden Sonnenstrahlen vielleicht noch vorher von uns gehen, wenn wir ihnen ein glückliches Heim gründen könnten …« Daniels Stimme war sehr leise geworden, plötzlich hob er in seiner kindlich-zuversichtlichen Weise das Haupt und sagte beinahe scherzend: »Du warst leichtsinnig, Kurt, und kommst jetzt unter Kuratel! Ich bin dein Vormund, und ich werde jetzt einmal deine ganzen Angelegenheiten in die Hand nehmen. Dich persönlich werde ich sehr knapp halten, sowohl an Dukaten, wie an Hoflust. Die letztere taugt nicht für jedermann, nicht für dich und nicht für mich! Ich habe zu schweres und du zu leichtes Blut. Ein Fisch, der im Wasser geboren ist, kann nicht in Luft und Sonne heimisch werden, und Menschen, deren Natur es verlangt, daß sie im Tale leben, sollen nicht in schwindelnder Höhe emporstreben, denn die Luft, die dem einen Wohltat ist, bringt dem andern Not und Tod.« –

Die von General Groppen bewohnte Villa lag in einer parkartigen Straße, die das Grün wohlgepflegter Gärrten in anmutigem Wechsel zwischen die einzelnen kleinen Schlößchen schob.

Die Fenster waren weit geöffnet: lenzfrisches Gezweig umflocht sie mit duftender Blütenpracht, und die Sonne warf zitternde Lichter über die schlanke Mädchengestalt, die in ernstem Sinnen dem Vogelgezwitscher in den Fliedersträuchern lauschte. Wundersam, eine Erinnerung wachte auf in Lenas Herzen und wollte sie nicht mehr verlassen. Jener Ballnacht in Alt-Dobern gedachte sie, als Bäume sie umrauschten, als süß duftende, schwüle Gewitterluft um ihre Stirne strich und eine Männerstimme an ihr Ohr schlug: »Ich verlange nicht nach den Dukatensäcken dieser Damen und habe Gott sei Lob und Dank einen zu steifen Nacken, um ihn vor der Majestät eines vollen Portemonnaies zu beugen!« Ja, der Freiherr von Altenburg hatte sein Wort gehalten wie ein Ehrenmann! Obwohl er ihr Freund geworden, der ihr Herz und ihre Seele besser erkennen lernte als je ein anderer, hatte das Geld dennoch trennend zwischen ihnen gestanden! Zu stolz, um seinen Hausstand auf das Vermögen seines Weibes zu gründen, zu stolz, um eine Liebe zu gestehen, die er nicht betätigen kann!

Nun war sie arm, und abermals drängte sich das Geld zwischen ihre Herzen, zuerst darum, weil es in zu reicher Fülle vorhanden war, und nun, weil es gänzlich mangelte, und auch das bescheidenste Glück dieser Erde mit silbernem Glanz erkauft werden muß!

Ja, sie war arm, sie stand ihm näher denn je, und dennoch mußte sie um Jolantes willen die prunkende Maske vor dem Antlitz dulden und ihn fernhalten durch erborgten Glanz. O möge Gott im Himmel geben, daß die Schwester sich bald ein reiches und sorgenfreies Heim gründete, Lena ertrug dieses Scheinleben nicht mehr, sie war müde zum Sterben und hätte aller Lust und allem Leben entfliehen mögen, ja fliehen auch ihn, von dem sie ja doch weit, weit getrennt war, ob sich ihre Hände auch im Gruß zusammenlegten.

Hinter ihr erklangen Schritte, und als sie erschrocken das Haupt wandte und durch Tränen aufblickte, stand Altenburg inmitten des Zimmers, die Augen mit glückstrahlendem Blick auf sie gerichtet, anders, ganz anders als sonst. Lena fühlte einen brennenden Schmerz im Herzen, aber wie sie sich schon sooft im Leben beherrschen mußte, trat sie auch jetzt dem Offizier mit dem gewohnten Lächeln entgegen und reichte ihm die Hand. Er hielt sie länger in der seinen als sonst, »Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein, daß ich ungemeldet hier eindringe, Ihr Herr Vater schickte mich jedoch direkt durch die Salons zu Ihnen herüber!«

»Unter guten Freunden nimmt es die Etikette nicht allzu genau!« Sie bat mit anmutiger Würde durch eine Geste, Platz zu nehmen. »Sie kommen von Papa? Zu so ungewohnter Stunde?«

»In ganz geschäftlicher Angelegenheit! Während des Manövers äußerte Ihr Herr Vater den Wunsch, die Besitzung des Grafen Röhrbach aufzukaufen, um sie seinem Güterkomplex einzuverleiben. Ich erhielt soeben durch Zufall die ganz private Mitteilung, daß der Graf zu verkaufen gedenkt, und meldete diese Neuigkeit sofort an der rechten Stelle.«

Ein wehes Lächeln zuckte um Lenas Lippen. »An der rechten Stelle? Will Papa die Güter ankaufen?«

Einen Moment sah ihr Altenburg tief in die Augen.

»Nein, er will es nicht, Fräulein Lena!«

Sie zuckte zusammen, da er sie zum erstenmal mit ihrem Namen nannte. Aber sie wich seinem Blick aus und fragte leichthin: »Weil die Güter sich heutzutage zu schlecht rentieren?«

»Nein, weil er kein Geld hat, Lena, weil er es nicht leugnete, daß er über Nacht zu einem armen Mann geworden sei, weil – –«

Sie hatte sich erbleichend aus ihrem Sessel aufgerichtet.

»Allmächtiger Gott, wie durfte er selber ein Geheimnis verraten, das strengstens zu hüten er uns anderen um Jolantes willen so dringend anempfahl?!«

Altenburg stand neben ihr und faßte in stürmischem Jubel ihre beiden Hände. »Weil er es mir zugestehen mußte! Stets habe ich mich seiner herzlichen Sympathien zu erfreuen gehabt, und da ich unfreiwillig Zeuge einer Unterredung zwischen ihm und einem seiner Gläubiger wurde, der in taktlosester Weise die augenblickliche Lage seiner Finanzen berührte, so nannte er mir im Vertrauen auf meine Diskretion den wahren Grund, der ihm den Ankauf von Ländereien unmöglich mache! Und ein jedes seiner Worte hallte wie die Verheißung süßen, langersehnten Glückes in meinem Herzen wider. Oh, Lena, so lange der Reichtum dich auf seinen gleißenden Fittichen trug, habe ich dich als mir unerreichbar betrachtet, wie die Sterne am Himmel. Es gibt Schranken, über die sich das Ehrgefühl eines Mannes nicht hinwegsetzen kann und darf, will er nicht das Glück seiner Zukunft auf unwürdigem Fundament aufbauen.«

Fester faßte er ihre bebenden Hände und zog sie an die Brust. »Nun sind diese Schranken gefallen, die mir den Weg zu dir versperrten, und nun, da ich es dir beweisen kann, du einzig Geliebte, daß ich nichts Höheres auf der Welt begehre als dich allein, nur dich, ohne deines Vaters Geld und Gut, nun werbe ich um dich in treuer, heiliger Liebe und flehe dich an, Lena: sei mein! Verlobe dich mir, bis es mir einst möglich ist, dich als mein Weib heimzuführen!«

Das Haupt wie eine Träumende zurückgeneigt, die Augen wie verklärt auf ihn gerichtet, lauschte Lena seinen Worten. Ein Schauer süßer Wonne durchbebte sie, still, ohne Antwort verharrend, als fände sie nicht die Kraft, die zaubervolle Weihe dieses Augenblicks zu zerstören. Dann aber kam es über sie wie ein jähes, schmerzliches Erwachen, langsam wich sie von ihm zurück und löste sanft aber entschieden ihre Hände aus den seinen. Wehmütig schüttelte sie das Köpfchen, und ihre Stimme klang weich und leise.

»Gott lohne Ihnen diese Worte, Eitel, die mich in meiner Armut reicher gemacht haben, denn alle Weiber der Welt! Der Gedanke, von Ihnen mit so viel Treue und Selbstlosigkeit geliebt zu werden, wird mit meinem Herzen leben und sterben, unzertrennlich von ihm wie der Pulsschlag, der es bewegt. Aber Sie unterschätzen meine Liebe zu Ihnen! Ich bin nicht eigennützig genug, um in die Hand einzuschlagen, die sich mir so opfermütig bietet. Ich weiß, daß ich diese Hand ketten und belasten würde, daß der Ring der Treue zur hemmenden Fessel werden würde. – Unterbrechen Sie mich nicht. Nicht allein die Ehrenhaftigkeit eines Mannes hat Schranken zu berücksichtigen, auch die wahre Liebe des Weibes ist nicht sinnlose Leidenschaft, sondern edler Stolz, der besser entsagt, als daß er sich zur Bürde des Geliebten macht.«

Immer schneller und erregter hatte sie gesprochen, jetzt legte sie die gefalteten Hände auf die Brust und sah mit einem Blick ernster, hoheitsvoller Liebe in sein Auge.

»Nicht gefesselt und nicht gebunden sollen Sie sein! Diese Stunde soll ausgelöscht sein aus Ihrer Erinnerung, und frei wie bisher sollen Sie Ihren Weg gehen, berechtigt, das Glück mit beiden Händen zu fassen, tritt es Ihnen zu anderer Zeit und in anderer Gestalt entgegen. Die Zeit ist lang, bis Sie ein Weib ernähren können, und die Menschenblumen in Feld und Flur, sie welken, wenn der Herbst kommt. Leben Sie wohl, Sie teurer, Sie geliebter Freund! Ihr Andenken wird mit mir in die Einsamkeit gehen, nehmen Sie dafür meinen Segen in

die bunte Welt hinaus! Ist es Gottes Wille, sehen wir uns wieder!«

»Lena, ich beschwöre dich, nur einen Augenblick höre mich an – –«

Ihre weiße Hand winkte einen letzten Gruß zurück. Wie das Bild einer Heiligen unaufhaltsam zerrinnt, entschwand auch ihre schlanke Gestalt wie ein lieber Traum hinter den Portieren.

Dämmerig und still war es in Daniel Sobolefskois Zimmer geworden. Regungslos saß der Fürst in dem Sessel, an dessen Seite soeben Lena gekniet hatte, um das Haupt, leise schluchzend, auf die gefalteten Hände zu neigen. Da hatte sie Daniel alles kundgetan, was sich zwischen ihr und Altenburg begeben, und der Kranke hatte keinen anderen Trost zu bieten, als goldgefüllte Hände, jenes Gold, das die beiden Menschenherzen schied, gleichviel, ob Lena es besaß oder nicht. Energisch hatte es das junge Mädchen zurückgewiesen, hatte die tränenfeuchte Wange auf Sobolefskois Schulter geneigt und mit schmerzlichem Lächeln geflüstert: »Zerbrich dir nicht den Kopf, du Guter, wie du uns helfen kannst! Seinem Schicksal entgeht kein Mensch, und das meine heißt: Scheiden und meiden, alles meiden, was mich von dir und dem Vater trennen will! Nun hat mein armes, schwaches Herz einen anderen Weg eingeschlagen, und da Gottes Hand es zurückweist in die Grenzen, welche er ihm gesteckt, da will es schier brechen und verbluten in seinem Schmerz. Aber auch das wird überwunden werden! Schon setzt, da ich mich bei deinem treuen Zuspruch ausweinen durfte, klopfte der kleine Ruhestörer viel geduldiger und ergebener in der Brust! Mit der Zeit wird's immer besser werden, und gib acht, wenn es erst ganz so kommt, wie wir es uns früher ausgedacht haben, wenn Jolante verheiratet ist, und du mit Papa und mir nach Miskew

reist, dann wird der Frieden wieder in meinem Herzen wohnen, und wir werden in der Weltvergessenheit so glücklich sein, wie wir es uns jetzt gar nicht träumen lassen!«

Daniels Hände bebten, er preßte sie plötzlich wieder gegen die Brust und rang nach Atem. Gleicherzeit stürmte Jolante in das Zimmer und berichtete: Soeben habe ihr die Hofdame, Fräulein von Jäten, die vertrauliche Mitteilung gemacht, daß die Verlobung der Prinzessin Kordelia mit dem Erbprinzen von H. in den nächsten Tagen publiziert werde! Darüber herrsche großer Jubel. Hingegen von dem armen Henry Antigna brachte sie schlechte Nachrichten. Er hatte sich während der Saison so scharmant in den Hofkreisen eingelebt und schien sich des ganz besonderen Wohlwollens der Prinzessin zu erfreuen, die in ihrer Herzensgüte alles getan hatte, dem menschenscheuen jungen Gelehrten den Weg über das Parkett möglichst angenehm und leicht zu gestalten. Seit dem Besuch des Erbprinzen von H. habe er jedoch angefangen, etwas zu extravagieren. Er sei da vielleicht zu viel herangezogen worden, und das Antignasche Blut könne seine südländische Herkunft noch immer nicht verleugnen, es schäume leicht über Maß und Ziel hinaus. Nun sähe er seit etlichen Tagen wie eine wandelnde Leiche aus und bereite seinem Vater viele Sorge: die Mutter setze sich leichter darüber hinweg und behaupte: »Nur der Most, der gärt, wird Wein, und besser etwas zu flott, als zu philisterhaft.« So wüste Henry Antigna mit seiner Gesundheit weiter, seine neueste Marotte sei: »Opium zu rauchen.« Das könne kein gutes Ende nehmen. – – So plauderte Jolante, bis sie plötzlich unterbrochen wurde. Der Diener brachte ein köstliches Bukett mit der Karte des Herrn von Flanken; diese war sehr genial mit bunter Ölfarbe betupft. Da mußte Lena der Schwester folgen, ebenfalls eine Antwort in Ölfarbe zu entwerfen.

Daniel war allein. Es dunkelte mehr und mehr. Sein Puls fieberte, und die Gedanken jagten sich in wirren phantastischen Bildern. Seine Seele wollte jauchzen und triumphieren, aber seine Hände krampften sich und rangen voll Verzweiflung im Gebet. Unerwartet, überschwenglich war das Glück an sein einsames Lager getreten, aber die roten Rosen, die es ihm bot, waren mit Lenas Tränen genetzt, und der Boden, daraus sie sprossen, das Grab, das das Lebensglück seines Lieblings verschlungen. »Nun ist sie für ewig dein, nimm dein Kleinod und rette es dir in die tiefste Einsamkeit!« zischte der Dämon in sein Ohr, und der gute Engel verhüllte weinend sein Angesicht: »Du kennst der Liebe Leid, du Grausamer, und du erbarmst dich nicht?«

Noch einmal lag Daniel auf den Knien, hob die gerungenen Hände zum Himmel und schrie auf wie ein Kind, nach dem sich eine verderbendrohende Hand ausstreckt: »Mutter!« Und ihm war es, als lege sich schützend und rettend eine Hand auf sein Haupt; da besiegte er sich selbst. Wankend erhob er sich und schleppte sich zu seinem Schreibtisch. Hastig, mit leuchtenden Augen warf er ein paar Zeilen hin, siegelte und adressierte sie. Ein paarmal war es, als schleiche ein Grauen durch seine Glieder, aber er biß die Zähne zusammen, schellte nach Alexandrowitsch und befahl ihm, den Brief zu besorgen.

Und als die Gestalt des Dieners hinter der Tür verschwunden, kam es über ihn wie eine tiefe, tiefe Ruhe. Zentnerlasten waren von seiner Brust genommen, sein Antlitz lächelte wie verklärt.

»Ich habe meine Pflicht getan und mit dem Leben abgeschlossen, nun wirst du mich segnen, Mutter, und wirst zum Lohn jene Höllengluten der Eifersucht in meinem Herzen löschen!«

War sein Gebet erhört? Tagelang lag es wie ein süßer Frieden über dem Dulder.

Wieder verschleierte sich der Himmel mit dem grauen Gewölk der Nacht. Vor dem Hause des Fürsten Sobolefskoi hielt ein

Wagen. Eine schwarzgekleidete Dame wurde bereits an dem Portal von Alexandrowitsch empfangen und direkt in die Gemächer des Fürsten geleitet. Da Daniel ihren Schritt hörte, ging ein Zittern und Frösteln durch seine Glieder, aber er zwang sich zur Ruhe und schaute mit fast starrem Blick der Eintretenden entgegen. Dieselben milden Augensterne richteten sich auf ihn, die damals über dem Bett des Freiherrn von Altenburg Wacht gehalten über dem kranken Sohn, dieselben, die ihm das Leben gerettet. Sie trat Daniel mit schnellen Schritten entgegen und reichte ihm wie einem alten, treuen Freunde beide Hände dar. Sobolefskoi zog sie fast demütig an die Lippen.

»Vergeben Sie mir, meine gnädige Frau, daß ich als Kranker, dem alles Reisen streng untersagt ist, es wagen mußte, Sie hierher zu bemühen. Nicht um einer Kleinigkeit willen ist es geschehen, das Glück Ihres Sohnes steht auf dem Spiel!«

Frau von Altenburg nahm an der Seite des Leidenden Platz. Sie versicherte ihm, daß sie längst diesen Besuch geplant habe, ihm aus übervollem Herzen für all die Güte zu danken, mit der er ihren kranken Sohn während seiner schweren Verwundung überschüttet habe! Nur eines sei ihr befremdlich in dem Schreiben des Fürsten gewesen, daß er gebeten habe, selbst Eitel nicht von ihrem Besuch bei dem Fürsten zu unterrichten!

Daniels Hände drehten in nervösem Spiel die seidenen Schnuren des Sessels hin und her. »Wollen gnädigste Frau die Geduld haben, eine lange Auseinandersetzung anzuhören?«

Die hohe imposante Frauengestalt in dem schwarzen Witwengewand neigte zustimmend das Haupt und lauschte mit stets wachsender Erregung und Rührung den Worten des wundersamen Mannes, die leise, sich überhastend an ihr Ohr schlugen. Sie wollte entgegensprechen, da sah er mit einem unwiderstehlich flehenden Blick in ihre Augen, und die Freifrau erhob sich in aufwallendem Gefühl und legte beide Hände auf die Schulter

des Russen: »Gott segne Sie für so viel Opfermut und Freundschaft, deren Grund und Ursache ich kaum begreifen, geschweige mir erklären kann!«

Noch ein geheimnisvoll geschäftiges Verabreden und Besprechen, und dann nahm Frau von Altenburg herzlichen Abschied und schritt, tief verschleiert und ungesehen, wie sie gekommen, zum Wagen zurück.

XI.

An dem Morgen nach jener inhaltsschweren Nacht, in der Herr von Flanken die Annahme seines Gemäldes in der Kunstausstellung gefeiert hatte, wurde es dem braven Frantusch Niekchen saurer denn je, seinen Gebieter den Armen des Gottes Morpheus zu entreißen. Das war schon für gewöhnlich kein leichtes Stück Arbeit und stellte hohe Anforderungen an das diplomatische Talent des Offiziersburschen, heute aber wollte schier gar nichts verfangen, kein Bitten und kein Schmeicheln, selbst die Meldung: »Kaffee kocht sik schon, Leutnant!« machte keinen Eindruck auf den Schöpfer des Bildes »Fuchs im Bau«. Flanken ruhte zum erstenmal auf seinen Lorbeeren, und da diese sehr, sehr reichlich mit den Freudentränen der Witwe Cliquot begossen waren, so ruhte er süß und fest auf ihnen, so behaglich, daß seinetwegen die ganze Kaffeemaschine neben ihm explodieren konnte, ohne ihn zu irritieren. Der Zeiger aber rückte unerbittlich vor, und der Herr Premierleutnant hatte Klassenreiten; wenn er dazu nicht rechtzeitig geweckt wurde, dann gab's womöglich ein Donnerwetter, erst für ihn und dann für Niekchen. Die fatale Naturerscheinung hatte der gute Junge bereits beobachtet und wußte daher, daß solche militärische Gewitter immer von oben nach unten ziehen und bei der niedrigsten Station zeitweise »einzuschlagen« pflegen.

Der Angstschweiß trat ihm infolgedessen auf die Stirn, und er schritt abermals an das Lager seines Herrn: »Leutnant, es schlaggt schon sieben Uhr!«

Flanken warf sich auf die andere Seite: »Schlag's wieder!«

»Leutnant, Pferrd steht schon halbes Stundel lang vor der Tür!«

»Himmelschockdonnerwetter, bring' ihm einen Stuhl runter! – Raus; will schlafen!«

Aber Niekchen wich und wankte nicht. »Leutnant muß aufstehn, Trumpeter blast schon!«

Der Premierleutnant dehnte die Glieder wie ein Löwe, wenn er erwacht.

»Blast schon?« wiederholte er mit aufkeimendem Interesse.

Niekchen stand am Fenster. »Leutnant, Leutnant! Muß sik aus Bett raus! Kommandeur reit sik vorüber!«

Dieser Angstschrei wirkte. Mit einem Satz war Flanken aus den Federn, völlig ermuntert.

»Wo? Zum Neunmillionenschock –!«

Niekchen hielt die Türklinke bereits in der Hand. Ein engelhaftes Lächeln sträubte sein spitzes Schnurrbärtchen, beruhigend schüttelte er den Kopf. »Is sik nix wohr, Leutnant; hot erst Zeiger auf viertel sieben geruckt!« Sprach's und zog schleunigst die Tür hinter sich zu.

Einen Moment stand der Überlistete sprachlos, dann zog ein Schmunzeln vollster Anerkennung seine Lippen in die Breite: »Ein Satanskerl! Aber kolossal intelligent! – Heda, Niekchen!«

Die Tür wurde ein wenig geöffnet, und der Lockenkopf des Gerufenen lugte mit aller Vorsicht herein. »Befehlt!«

»Reinkommen, du Gauner!« Flanken machte eifrig Toilette.

»Hör mal, lieber Niekchen, wenn ich nachher vom Dienst zurückkomme, leg mir den Paradeanzug zurecht!«

Niekchen schlängelte sich näher wie ein Ohrwürmchen. »Befehll. Is sik erster April heut, Leutnant!« fügte er vorsichtshalber noch wie zur Entschuldigung hinzu.

Der Premierleutnant tauchte das Haupt in kaltes Wasser. »Is sik noch viel mehr heute!« persiflierte er in rosigster Laune, zwinkerte geheimnisvoll mit den Augen und pfiff sich eins. – »Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide.«

»Niekchen, merkste was?«

»Merke nix, Leutnant!«

»Esel!«

»Befehlt.«

Wie die Sonne am Himmel stand und lachte, und wie die grünenden Gebüsche im Stadtpark lachten! Jeder Vogel, der sich zwitschernd in die warme Frühlingsluft emporschwang, lachte mit, und alle Menschen, die dem Herrn von Flanken begegneten und ihn so blitzblank und glückstrahlend in seinem Paradeanzug daherkommen sahen, lachten ebenfalls, und dennoch hatten sie keine Ahnung davon, daß auf der Brust des jungen Offiziers ein Schreiben lag, in dem sich die Künstler-Jury für die Annahme des Gemäldes »Fuchs im Bau« aussprach. Auch sah es niemand den lackglänzenden Füßen, auf denen Herr von Flanken ging, an, daß es Freiersfüße waren.

Ein Schusterjunge blieb grinsend stehen und blickte forschend zu dem blonden Riesen empor. – »Herr Leitnant! Pst!« Flanken wandte sich hastig um, »Hm? Was ist denn los?« »Sie verlieren ja den eenen Sporn da driben!« »Zum Donner…« Der Ulan blieb stehen und schaute betroffen

nach seinem Stiefel. Laut johlend und sich außer »Greifweite« bringend, tat der Junge die verwegensten Luftsprünge. »Ho, ho! April! April!« höhnte er.

»Infamer Bengel!« Lachend blieb Flanken stehen und zog das Portemonnaie. »Na, du Range, komm her! Wer kriegt denn diesen Taler hier?! He?!«

Mit funkelnden Äuglein, in seiner Gier so eilig, daß die Holzpantoffeln schier klapperten auf dem Pflaster, sauste der Pfriemchen-Aspirant heran. »Iche, Herr Leitnant!«

Mit getreuer Kopie jener Grimasse, die der Bengel ihm soeben geschnitten, nickte Flanken jetzt zurück. »April! April!« – Sprach's, versenkte den Taler gelassen wieder in das Portemonnaie und wandte sich zum Weiterschreiten.

In seiner herben Enttäuschung laut aufheulend, bohrte das gefoppte Knäblein beide schmutzigen Fäuste in die Augen, ihnen eine Träne zu erpressen, und trabte also neben dem Herrn Ulan her.

»Siehste, du Lümmel, das ist für die Frechheit!«

»Es war ja doch bloß 'n Witz, Herr General!«

»Na, da soll's mit dem Taler auch bloß 'n Witz gewesen sein. Hier, kauf dir für fünfzehn Groschen Pflaumenmus und für den Rest Weißbier und futter's auf einen Sitz auf, dann kriegste noch was dazu!«

»Was denn?« grinste der Junge in atemloser Spannung, das Geld empfangend,

»Leibweh!« – Sprach's und stieg würdevoll die Treppe zu der Groppenschen Villa empor. – –

Jolante saß an ihrem Schreibtisch und verfaßte gerade einen Brief, als Herr von Flanken, speziell ihr, gemeldet wurde.

Riesengroß, aber durchaus nicht hoffnungslos stand er wenige Augenblicke danach vor ihr. Alles glänzte und strahlte an ihm, und Jolante schüttelte kokett die blonden Locken zurück und sagte kichernd: »Ja nicht auf diesen Bronzestuhl setzen, Herr von Flanken, der ›verträgt‹ eine solche Auszeichnung nicht!«

»So, ahnt er bereits, was für ein gewichtiger Mann aus mir geworden ist?«

»Er kennt Sie noch vom Winter her!«

»Dann hat er eine sehr falsche Meinung von mir.« Der Premierleutnant stützte sich mit beiden Händen auf seinen Säbel und sah die junge Dame martialisch an. »Fräulein Jolante – ich habe ein Bild gemalt!« Sie schlug lachend die Hände zusammen. »Mögen es Ihnen alle holden Musen gnädigst verzeihen!«

»Fräulein Jolante, ich habe meine Wette gewonnen, das Bild ist von der Künstler-Jury für die Kunstausstellung angenommen!«

Da warf sich das Elfchen in die blauen Atlaspolster zurück und lachte, lachte noch viel mehr als Sonne, Blumen, Vögel und alle Menschen, die dem Künstler von Professors Gnaden zuvor begegnet waren, und als sie mit dem Spitzentaschentuch die Tränen in den Augen trocknete und endlich zu Worte kam, schüttelte sie nur das Köpfchen.

»April! April! – Bitte, stehen Sie früher auf, wenn Sie wünschen, daß ich auf solchen Scherz hereinfallen soll!«

Er blieb ganz ernst, griff in die Brusttasche, zog einen Brief hervor und reichte ihn dar mit dem Selbstbewußtsein des Lafontaineschen Teichkönigs, wenn er fragt: » Suis-je?!«

»Hahaha! Ein Brief! Wohl die Rechnung von Ihrem Pinselfabrikanten?«

»Wer Augen hat zu lesen, der lese!« – Und Herr von Flanken ließ sich mit Grandezza in einen Sessel fallen und drehte erwartungsvoll die Daumen umeinander. – Jolante lachte noch immer, sie entfaltete, ohne das Kuvert einer Besichtigung zu würdigen, den großen Bogen und begann voll outrierter Feierlichkeit zu studieren. Das Lachen verstummte, immer größer und überraschter wurden die Augen, immer schneller überflogen sie den Inhalt des Schreibens, und plötzlich sank das Papier knisternd hernieder und Jolante starrte den Schöpfer des »Fuchs im Bau« an, wie eine Vision.

»Herr von Flanken,« stotterte sie heiß erglühend, »ist dies alles ein Aprilscherz?«

»Da ›Fuchs im Bau‹ mein erstes hervorragendes Werk ist, kann ich diese Frage nicht übelnehmen, obwohl sie für einen Künstler meiner Art recht beleidigend ist. Falls Ihnen jedoch dieser Brief noch kein genügender Beweis scheint – hier! Da haben Sie die Pastete mit Druckerschwärze angerührt!« – Und mit wahrhafter Blasiertheit zog der berühmte Mann eine Zeitung hervor, schlug sie auseinander und tippte mit dem behandschuhten Zeigefinger auf eine rotangestrichene Anzeige. – Ja, da stand es schwarz auf weiß. »Das Bild ›Fuchs im Bau‹ – Erstlingswerk eines noch unbekannten, aber hoch talentierten Malers, Herrn von Flanken, Schüler von Professor H. – hat die Feuerprobe glänzend bestanden und wird sicherlich zu den Perlen der Ausstellung zählen, da es in ganz wunderbarer Weise fast sämtliche Vorzüge der bedeutendsten Meister in sich vereinigt!«

Das Tageblatt zitterte in den Händchen der Lesenden, angstvoll sahen die schwärmerischen Augen zu dem Ulanenoffizier auf.

»Aber, ich begreife gar nicht – wie ist es denn nur möglich – Sie sind ganz plötzlich ein berühmter Künstler geworden?«

»Ja, du lieber Gott, gegen sein Genie kann man doch nicht ankämpfen!«

»Aber bei Fräulein Gorgisch konnten Sie kaum einen Strich zeichnen!«

Flanken lächelte sehr überlegen. »Alles Verstellung! Wenn Sie gemerkt hätten, daß ich schon die ganze Sache weg hätte, würden Sie mich doch an die Luft gesetzt haben!«

»Ja, aber, ich, ich –«

»– sitze jetzt nett in der Tinte drin!« vollendete er mit grausamem Nachdruck, »Ihre Wette ist radikal verloren, und nun verlange ich das Reugeld!« Er hatte sich erhoben und war an den Schreibtisch getreten. »Hier ist unser Kontrakt. Sie haben wohl oder übel zu gestatten, daß ich ihn, oder wenigstens einen Teil davon, in allen Zeitungen der Welt veröffentliche!«

Sie zog die Stirn in Falten, »Das ist ja Unsinn! Die Leute würden es gar nicht verstehen!«

»Nun, so erlauben Sie, daß ich eine Erklärung hinzufüge. Nur acht Buchstaben, die Sie aber vor allen Menschen anerkennen müssen! Ja?«

»Acht Buchstaben?!«

»Ja oder nein! Ich verlange sie als Austrag der Wette!«

Sie atmete angstvoll schnell. »Schreiben Sie sie, bitte, einmal hin!«

Da tauchte er die Feder tief in die rote Tinte und schrieb just unter die beiden Namen »Jolante von Groppen und Carl von Flanken« die acht Buchstaben – »Verlobte«. Und dann schnitt er die obere Hälfte des Blattes ab und sprach schmunzelnd: »So, diese drei Zeilen genügen, darf ich sie in die Redaktion schicken?«

Das Elfchen stand sprachlos, und da der absonderliche Freier ihre beiden Hände hielt und sich mit seinem vergnügtesten Baßlachen zu ihr nieder neigte, konnte sie nicht einmal entfliehen. Das war eigentlich für alle beide eine schauderhafte Verlegenheit, denn Herr von Flanken hat späterhin ehrlich bekannt: »Nie im Leben habe er eine solche Himmelangst ausgestanden, wie in diesen paar Sekunden, da er, der Riese, nicht gewußt habe, ob er die kleinsten aller Liliputhändchen werde in den seinen festhalten können!«

Aber Gott sei Lob und Dank! Jolante erinnerte sich noch rechtzeitig, was man einem großen Künstler und Verfertiger des Bildes: »Fuchs im Bau« schuldig war, und weil sie ihr glühendes Gesichtchen gar nirgend anders verstecken konnte, barg sie es an seiner Brust. Da lachten Sonne, Blüten und Vöglein noch weit lustiger denn zuvor, aber Herr von Flanken lachte zuletzt, und wer zuletzt lacht, lacht am besten!

Ein halbes Jahr war vergangen, seit Graf Lohe an einem trüben, schneedurchwirbelten Wintertag in Dassewinkel eingefahren war. Ein Schauder rieselte ihm durch alle Glieder, als seine Equipage wie auf stürmischer Flut über die ungepflasterte Straße schwankte und die kleinen, oft nur mannshohen Häuslein rechts und links wie eine höhnisch grinsende Bettelkinderparade vorüberzogen.

Grauenvolle Existenz! – Graf Lohe ließ resigniert das Monokel niederfallen, lehnte sich mit zusammengebissenen Zähnen in die Atlaspolster zurück und tat ein Gelübde im Herzen, lieber in seiner Klause hier mit der Chaiselongue zu verwachsen, als sich unter die Sociéte de Dassewinkel zu begeben! Aber die Langeweile ist für jemand, der sie zuvor nicht gekannt, ein Gespenst, das selbst dem Beherztesten Beine macht, sie zu fliehen. Arbeit gab es fast gar nicht; um das Zimmer der alten Klosterrentei heulte ein permanenter Nordsturm, die Öfen heizten nur mittelmäßig, und hinter den alten Tapeten feierten die Mäuse Karneval. Wenn der junge Graf sich, in warme Pelzdecken gehüllt, die Augen an den Romanbüchern müde gelesen, erhob er sich stöhnend von seinem Ruhelager und trat an das Fenster. Keine Seele weit und breit, eine trostlose verschneite Einsamkeit, nnd dann brachte der Diener die Lampe, und Mark-Wolffrath griff wieder zum Buch, oder schrieb wütende Briefe, oder aß mit schlechtester Laune sein meist recht schlechtes Abendbrot; ebenso allein wie das Mittagessen. Solch ein Leben war auf die Dauer nicht zu ertragen! Aus lauter Verzweiflung empfing er schließlich den »torftrampelnden« Bürgermeister in »dienstlicher Angelegenheit«.

Der Mann war gar nicht so rauhbeinig, wie er ihn sich gedacht hatte. Arg verbauert allerdings, ohne jegliche Lebensart, aber er redete doch wenigstens, sogar ohne jeglichen Rückhalt, über seine politischen Ansichten. Das war etwas Neues für Lohe und ganz amüsant zu hören, wie diese Leute sich die Weltgeschichte in den engen Grenzen ihres Schädels zurechtlegten. Wirklich ganz vernünftig, ganz nett. Graf Lohe fand es plötzlich »interessant«, einmal des »Volkes Herz« zu studieren. Im Gasthaus »Zur grünen Wiese« saßen allabendlich die Honoratioren von Dassewinkel; scherzeshalber würde der Herr Hofjunker einmal in diesem Kreise erscheinen. Er ging hin und amüsierte sich in der Tat brillant in dieser originellen Umgebung; seine Lackstiefel hatten allerdings die Promenade durch die grundlose Straße nicht vertragen, darum ließ Mark-Wolffrath sich »scherzeshalber« ein Paar ungeheure Nägelstiefel vom Dorfschuster besorgen. Auch die dicken Düffeljacken, wie sie Apotheker und Rentmeister tragen, schienen ihm sehr praktisch bei hiesiger Witterung. Er konnte ja die kleine Maskerade einmal mitmachen. Die Herren erzählten mit dem ernsthaftesten Gesicht ganz unglaubliche Sachen von Weib und Kind und gedachten mit ehrfurchtsvoller Anerkennung der »Tanzkränzchen«, die die Frau Oberförster, die fürnehmste unter dem Ewigweiblichen, jeden Sonntagabend hierselbst veranstaltete. Graf Lohe hörte es mit einem Anfall von Schüttelfrost, da er aber in Erfahrung brachte, daß alle Güter der Umgegend im Winter verwaist seien, und er sich immer unerträglicher langweilte, beschloß er » pour passer le temps« ein paar Besuche im Städtchen zu machen. Daß er den Damen bereits hoch interessant und als eine Art »Märchenprinz« erschien, tat seinem zerschlagenen Herzen wohl. Er ließ also anspannen, kleidete den Diener in Galalivrée und fuhr bei der Frau Bürgermeister vor. Kolossale Aufregung. Türschlagen, Stimmen riefen durcheinander, eine Klingel läutete

Sturm, und der Diener, der seinen Gebieter melden sollte, blieb eine Ewigkeit aus. Endlich erschien er – mit dunkelrotem Kopf, schluchzend vor innerlichem Lachen. »Die Damen lassen bitten, Herr Graf!« – Mark-Wolffrath redete nie mit seinen Untergebenen, diesmal fragte er dennoch nach der Ursache solches endlosen Wartens. »Die Damen hatten mich für den Herrn Grafen gehalten und ließen mich gar nicht wieder aus dem Sofa, auf das mich die gnädige Frau niedergedrückt hatte, heraus!« – »Brrr!« Der Erbe von Illfingen stieg resigniert die Treppe empor. Auf dem Hausflur empfingen ihn bereits die Frau Bürgermeister in mächtiger Staatshaube mit saftgrünem Band und Kornblumenbukett über der Stirn, und neben ihr, »mit züchtigen, verschämten Wangen« die drei Töchter, die knixend als: »Diese ist mein Lieschen und diese die Melanie, die's Klavier spielt, und diese hier unser Lottchen, die französisch kann!« – präsentiert wurden. – Fabelhafte Töchter! Sie sahen blaurot aus und platzten beinahe vor Gesundheit. Der Abschied fiel schwer, aber er gelang. Bei der Frau Oberförster war's bei weitem besser. Zwar stürzte auch hier erst eine Magd an dem Grafen vorüber in die gute Stube und zog den steifbeinigen Lehnstühlen die Kattunhöschen aus, und eine Hundekälte war's, und ein undefinierbarer Geruch! – Spicke, Kamillen- und Beifußbüschel hingen zum Trocknen an den großen Hirschgeweihen, vielleicht rührte er davon her. Aber die Frau Oberförster war eine stattliche, sehr liebenswürdige Dame, die entschieden eine vortreffliche Erziehung, fern von Dassewinkel, genossen hatte. Und weiter geht's von Tür zu Tür. Eine rothaarige »Stütze der Hausfrau« flatterte im Schneesturm dem Wagen des hohen Herrn voraus, gleich wie Erde, die wilde Begleiterin des Mars. Und sie meldete mit aufgeregtem Armfuchteln in den betreffenden Häusern: »He kümmt! – He kümmt!« Und die Schlüssel kreischen in den Schlössern der Sonntagnachmittagsstuben, und die Schönen von Dassewinkel machen in fliegender Hast große Toilette.

Der Sonntag kam und der einstimmig, stürmisch eingeladene Graf Lohe rüstete sich zum Tanzfest. Seine Robinsoniade begann ihn bereits königlich zu amüsieren und, »auf alles gefaßt«, betrat er den Saal im Gasthof »Zur grünen Wiese«. Da waren Böcke und Lämmlein strengstens getrennt.

Die Herren saßen im Kegelzimmer, rauchten wie die Fabrikschlote und tranken fünf Stunden lang an einem Töpfchen Bier; die Damen in schönem Kranz, gewissenhaft nach Rang und Stellung geordnet, behaupteten den Saal. Eine jede hatte am Arm ihren Ridikül hängen, aus dem sie zuerst feierlich einen Obolus im Wert von fünfzig Reichspfennigen entnahm und vor sich auf den Tisch legte; das war die »ausgemachte« Summe, die in einer Tasse Kaffee mit Rapskuchen verpraßt werden durfte. Besagter Scheidemünze folgte das Strickzeug, nur die Frau Pächterin emanzipierte sich und häkelte für ihr Jüngstes ein Wickelband. Drei Musikanten saßen seitlich auf einer Pritsche und taten ihr möglichstes, und nachdem ein paar aufheulende Hunde aus dem Kegelzimmer entfernt, legten die jungen Herren die Zigarre für fünf Minuten aufs Fensterbrett, zogen einen Zwirnhandschuh an und schwenkten zuerst die Mütter, dann je eine Tochter durch den Saal. Ernst, schweigsam, opfermütig; ein rechtwinkliger Kratzfuß, und die Zigarre im Kegelzimmer feierte mit ihrem Besitzer ein herzliches Wiedersehen.

Graf Lohe begrüßte die älteren Damen und machte alsdann den kühnen Versuch, sich als Schmetterling dem Kranz der jungen Mädchen einzureihen. Ein verlegenes Kichern, beschleunigtes Klappern der Nadeln und zeitweises gegenseitiges Anrennen mit den Ellenbogen war das einzige Resultat seiner Bemühungen, eine Unterhaltung zu eröffnen. Auch die Mütter wurden unruhig und setzten die Brillen auf. Da merkte Wolffrath, daß ein derartiger Verkehr in Dassewinkel nicht Usus war. Der Hornist intonierte in beschleunigtem Tempo die »Lorelei«, nach der man hierselbst Galopp tanzte, und der Arrangeur der exquisitesten Residenzfeste neigte das sorgsam frisierte Haupt vor der Frau Oberförster und führte sie zum Tanz. Die erste Runde im Saal ließ sich

recht gut zurücklegen. Die gedunkelten Dielen erwiesen sich als außergewöhnlich glatt; bei dem zweiten Tanz jedoch fühlte der Graf wunderliche Knoten und Beulen unter seinen zarten Sohlen, und plötzlich stieg es ihm prickelnd in die Nase, und weil alle anderen auch niesten und sich schneuzten, so fragte er seine Partnerin nach der Ursache dieser außergewöhnlichen Erscheinung.

»Ja, sehen Sie,« war die Antwort, »das geniert uns nicht mehr, wir sind jetzt daran gewöhnt! Weil nämlich der Fußboden hier sehr schlecht ist, läßt ihn der Wirt vor jedem Tanz mit Seife schmieren, das macht hübsch glatt!« Daher plötzlich dieser niederträchtige Geschmack auf der Zunge! Dem verwöhntesten aller Kavaliere ward es ganz übel vor Schreck, er stammelte seiner Tänzerin eine Exküse, machte Reih um sein Kompliment und floh die Hinterlist der pfiffigen Dassewinkler, die den Tempel der Terpsichore nicht auf den Farben des Regenbogens, sondern auf – Schmierseife erbauten!

Und gleich der klassischen Seherin flüchtete er sich während der nächsten Tage in des Waldes tiefste Gründe, um seinen Kummer zu vergessen. Ein glücklicher Schuß, der einen gewaltigen Wildeber zur Strecke brachte, ließ alles vergessen und vergeben sein, was Dassewinkel je gesündigt. Voll leutseliger Höflichkeit nahm der junge Graf, obwohl er Schweinefleisch sehr ungern aß, sogar die Einladung zu Oberförsters an, »seine Jagdbeute« verspeisen zu helfen. – Ein sehr scharmanter, behaglicher Mittag! Der Kopf mit der Zitrone im Rüssel schmeckte vorzüglich, und die Wirte waren so angenehm, wie es Mark-Wolffrath außerhalb des Parketts gar nicht für möglich gehalten. Am nächsten Tag lud der Gutspächter zum Essen ein. Wer A sagt, muß in diesen kleinen Verhältnissen auch B sagen. Lohe bekam den Rücken des erlegten Keilers vorgesetzt und half ihn verspeisen. Der folgende Morgen brachte eine Einladung

zu Bürgermeisters. Ein ahnungsvoller Schreck durchzuckte den Empfänger. – »Hab' Erbarmen, Gott der Liebe!«

Ein Vorderschinken des unseligen Wutzchens erschien auf dem Tisch. Der Graf würgte ein Stück hinunter, und als man ihn zum Essen nötigte, daß ihm die Sinne schwanden, teilte er mit Lottchen noch eine Bratenscheibe.

Als er sein Wohnzimmer wieder betrat, lächelte ihm ein Brief von dem Tisch entgegen: »Der Herr Apotheker erbittet sich allergehorsamst – usw. usw.« – »Absagen, Friedrich! – Absagen!« stöhnte der stellvertretende Landrat. Es half nichts; außer sich und tief gekränkt kam die Gastgeberin persönlich angestürmt und setzte dem, gegen Damen stets höflichen Opfer die Pistole auf die Brust. Er mußte kommen, weil er zu den anderen auch gegangen war – und er bekam den zweiten Schinken vorgesetzt! – Und so lange noch ein Stücklein Wildschwein vorhanden war, mußte Mark - Wolffrath es bei irgendeiner Familie essen helfen. Tauwetter war eingetreten, und er roch das Menü bereits auf dem Hausflur! – Das war eine fürchterliche Zeit! Und als der Oberförster wieder Jagd machte und dem Grafen ein Wildschwein zum Schuß kam, ließ er schaudernd die Büchse sinken und dachte: »Lieber auf den Schuß verzichten, als noch einmal acht Tage lang Schweinebraten essen!«

Es war eine harte, schwere Schule, die » Le chevalier sans faute et sans reproche« in Dassewinkel durchmachen mußte. Aber Not lehrt beten, und was im Nebel und aus der Ferne wie eine Vogelscheuche aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung oftmals als ein Bäumchen, das gesunde und schmackhafte Früchte tragt.

Die Luft, die über die verschiedenen Höfe von Dassewinkel strich, war rauh, kräftig und ganz Natur, aber sie war heilsam und blies ihren frischen Odem durch Leib und Seele. Graf Lohe gewöhnte sich sehr schwer und widerwillig daran, und wenn er es schließlich tat, geschah es, ohne daß er es selber merkte. Als er sich dem Schicksal fügte und sich seine neue Welt ruhig und vernünftig ansah, fand er oft Gelegenheit, zu beobachten, daß eigentlich das Natürliche und Ungekünstelte stets am schönsten sei, und daß gar manches, was er bis jetzt als höchste Form und Etikette hochgehalten, eine krankhafte Übertreibung war. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Gegen die Damen von Dassewinkel war Ursula schick, elegant, frisch und amüsant, gegen die der Residenz: übermütig, verzogen und derb! Die Kleine hielt aber, namentlich so, wie er sie zuletzt gesehen, die richtige, goldene Mitte, und wenn er sich ihrer letzten Gespräche erinnerte, so begriff er es selber nicht, wie er sie so streng noch hatte richten können!

Die Trennung gleicht einem Sturmwind, der die Flamme der Liebe erfaßt; ist sie klein, so löscht er sie, wuchs sie aber schon zu einer gewissen Größe empor, so facht er sie an zu heller Glut. Mark-Wolffraths Gedanken weilten mehr und immer mehr bei Ursula, und als er erfuhr, daß Herr von Kuffstein nach Groß - Wolkwitz zurückgekehrt sei, ließ er sofort anspannen, seinen Besuch abzustatten. Er traf den Baron allein im Schlosse an. Dick, behaglich, wenn auch etwas wehmütiger dreinschauend als früher. »Sie haben mir meine Urschel-Purschel ganz rammdösig in diesem verfluchten Häuserpasticcio gemacht!« seufzte er ganz kläglich, »wie auf der Bank abgehobelt, ohne Saft und Kraft! Na, ich soll sie nur erst wieder hier haben! Ich will ihr diese bleichsüchtigen Knickse schon bald wieder abgewöhnen! Nicht wahr, Herr Doktor, das wollen wir? Wäre doch schade, um unsern kleinen Bengel!«

Herr »Doktorjo« saß dem Sprecher gegenüber auf dem Ledersessel und glotzte mit seinen allerschläfrigsten Augen über den Frühstückstisch, der ihm mit seinem ewigen Schinken und den Gänseleberwürsten bereits odiös wurde. Es war zum mindesten rücksichtslos von seinem Freund Julius, ihn wegen eines solch langweiligen Imbisses aus dem Schlaf zu wecken; und Urschel- Purschel? Doktorjo hatte überhaupt keine Interessen mehr auf dieser Welt, seine undurchdringliche Speckschwarte panzerte ihn gegen jegliche Gefühlsduselei, und allgemeine Übersättigung ließ ihm das Leben in jeglicher Couleur fad und abgeschmackt erscheinen. Und so würdigte der alte Herr weder sein Gegenüber Kuffstein noch den Graf Lohe, noch die Delikatessen eines wohlwollenden Blickes, sondern schnobberte mißvergnügt nach dem Parkett herunter.

»Haste noch keinen Appetit, Doktor?« erkundigte sich der Hausherr teilnahmsvoll, »na, dann warte noch ein halbes Stündchen, ich lege dir einen Wurschtzippel neben dein Bette!« Und er hob den Mops vom Sessel, und beide wackelten nach der Ofenecke, woselbst der verdrossene Moppel sein Plüschkissen bestieg.

»Es ist ein ganz merkwürdiger Hund!« wandte sich der Baron zu seinem jungen Gast zurück, »Nun geben Sie mal acht, nachher macht er sich an sein Frühstückchen heran, aber was tut er? Die Speckgrieben buddelt er sich raus, und die Schale läßt er liegen; ein merkwürdiger Hund!!«

Das interessierte den jungen Grafen weniger, aber die Nachricht, daß Frau von Kuffstein und Ursula am 20. April zurückkehren würden, erfüllte ihn mit nie gekannter Freude. – –

Über Nacht war der Lenz angekommen, überraschend früh, ungestüm und verschwenderischer als je. Wetterleuchtend hatte es am Horizont geflammt, feuchtwarmer Wind jagte Wolken heraus, und aus ihren dunklen, verschleierten Augen stürzten die Tränenströme segnend über das knospende Gezweig. Das erschauerte bis in das Mark hinein. Aus langem, bangem Traum wachte es plößlich aus, und es erschloß die tausend jungen Augen und schaute den Geistern des Frühlings, die die Silberschwingen unter Blitz und Donner entfalten, voll süßer Scheu entgegen.

Als aber die Morgensonne ihr strahlendes Haupt erhob, hatten unsichtbare Hände die Welt geschmückt, hatten rosige Blütenschleier über Busch und Baum gehängt und das welke Laub hinweggefegt, dem Himmelsschlüsselchen und der blauen Cylla das winterliche Haus zu zerbrechen. Und sie stehen und lachen im Morgentau und rühren die duftigen Glöcklein, die Astern einzuläuten. Wachtel und Lerche haben es mit lautem Jubellied verkündet, daß der Ostersonntag gefeiert worden, daß heute die ganze Welt ein Rest der Auferstehung begeht, die neu keimende Natur und die Menschenherzen, welche im Winterschlaf gelegen.

Die dürren Reiser prangen urplötzlich im Hoffnungsgrün, was alt geworden, verjüngt sich in neuem Saft und neuer Kraft, und was herniederbrach unter allzu schwerer Last, hebt sein Haupt getrost und freudigen Mutes der Sonne zu! – Ostern ist gekommen, und aus den Gräbern sprießen die Blüten eines neuen Lenzes! – Über die Gartenmauer von Groß-Wolkwitz hängen die Zweige mit den silbernen und braunen Kätzchen. Zwei schlanke Mädchenhände biegen die Äste hernieder und pflücken einen Strauß, und dann neigt Ursula das Köpfchen vor und späht die Fahrstraße hinab.

Die Sonne streut Goldfunken auf den braunen Lockenkopf und flimmert auf der Metallstickerei des dunkeln Tuchkleides, das hoch unter dem rosigen Kinn schließt. Nichts erinnert mehr an das Backfischchen des vergangenen Herbstes. Noch ist es allerdings das kecke, frischwangige Kindergesicht, in dem die schelmischen Grübchen lachen, aber es ist ein ganz, ganz anderes Lachen wie früher. Was ehemals Trotzgebärde und Mutwillen war, ist jetzt heitere Anmut, was früher nur Körper war, ist jetzt Seele geworden. Puck ist eingeschlafen und die Psyche dafür hold lächelnd aufgewacht. Aus den braunen Augen strahlt ein Himmel von Glückseligkeit, aber nicht mehr das Glück kindlicher Ausgelassenheit; jetzt grüßte Frau Minne aus dem Blick, und das Feuer, das sie darinnen nährt, flackert nicht, sondern leuchtet. Horch … Hufschlag. – Ursula mochte laut aufjubeln; sie lacht, lustig und frisch wie immer, aber sie drückt dabei die Händchen gegen das Herz.

Da kommt er! Ob er wohl wieder Toilette macht? Just an dieser Stelle hatte er damals den Spiegel aus der Tasche gezogen.

Nein; diesmal scheint er an nichts derartiges zu denken, er reitet scharf, voll Ungeduld hinab. Wie seltsam sieht er denn aus? Derbe, hochbestaubte Stiefel, eine elegante, aber dabei sehr solide Joppe, anstatt Zylinder sitzt ein weicher Filzhut tief in der Stirn und kein Monokel im Auge! Wie schön ist er so! Ganz ungekünstelt, ganz und gar ein Mann!

Schon von weitem blickt er nach der Mauer, stutzt und spornt jählings das Pferd. Seine Hand hebt den Hut und schwenkt ihn.

Ist das Ursula? denkt er, dann ist aus dem Knöspchen die wonnigste aller Rosen geworden. Schick, elegant, ganz Dame! Sie hält einen Strauß in der Hand. Wird sie ihn mit kecker kleiner Grimasse wieder nach ihm werfen, wie damals den Kranz mit der Wurst? Wird sie ihm ein derbes Willkommen zurufen? – Graf Lohe würde es nicht mehr so unerträglich schauderhaft finden wie einst, aber täte sie's nicht, würde es ihn hoch beglücken.

»Grüß Gott, mein gnädiges Fräulein!«

»Herzlich willkommen, Graf Lohe, welch eine treffliche Osterfreude, Sie hier zu sehen!« Sie sagt es fröhlich und ungeniert, aber sie wirft ihm den Strauß nicht in das Gesicht, sondern neigt sich, ihm auf ganz allerliebste Weise die kleine Hand darzureichen. Mark-Wolffrath küßt sie, und das junge Mädchen errötet heiß, ohne jedoch in verlegener oder kindischer Weise die Rechte zurückzuziehen. Er beobachtet es mit Entzücken.

»Wollen Sie bitte durch den Park reiten! Ich benachrichtige die Eltern sofort!«

»Darf ich Sie nicht zu Fuß begleiten? Ich gebe jenem jungen Menschen dort das Pferd zur Weiterbeförderung!«

»Gewiß! Aber es ist keine Tür hier in der Mauer. Sie müssen erst bis an jene Ecke reiten!«

»Darf ich nicht als guter Turner überklettern?«

Ursula traut ihren Ohren nicht, und da sie ganz betroffen in sein lachendes Gesicht sieht, fährt er heiter fort:

»Ich habe in Dassewinkel schauerliche Manieren angenommen und habe die Überzeugung gewonnen, daß der Mensch sich nicht zum Sklaven machen darf, weder zu seinem eigenen noch zu dem fremder Marotten!«

»Bitte versuchen Sie nur … aber Ihre Handschuhe?«

»Handschuhe?« Er lachte. »Gehen Sie mal! Ganz zweite Garnitur! Oh, ich bin verwildert in Dassewinkel! Aber die besseren stecken noch in der Tasche, es ging sehr eilig zu heute morgen!« entschuldigte er sich mit einem Anflug seiner früheren Umständlichkeit.

»Um so besser!«

Der Graf pfiff dem Knecht und übergab ihm seinen Goldfuchs, dann ermittelte er ein paar ausgebrochene Steine in der Mauer, stellte den Fuß ein und schwang sich geschickt über.

Heute schritt er ganz anders an ihrer Seite, als im vergangenen Herbst; die Sonne brannte ihm in das Gesicht, aber diesmal wehrte der Graf sie nicht durch chinesische Fächer ab, und er sprach ganz anders als früher, lachte und scherzte und fand Dassewinkel ein recht nettes kleines Nestchen, das viel besser sei als sein Ruf! Ursula aber war's zu Sinn, als müsse sie jubelnd die Arme ausbreiten, die frische, würzige Luft, welche ihnen entgegenstrich, zu umfangen: »Hab' Dank, du Meisterin »Hofluft«, daß du aus einem Helden der Salons einen Mann gemacht hast!«

Und Mark-Wolffraths Blick staunte das süße Wunder an, das sich äußerlich und innerlich an der Tyrannin von Wolkwitz begeben; war es vielleicht nur die andere Gewohnheit? Hatte nicht sie, sondern er sich geändert? Wie konnte er fragen! Maienhold, frisch und lose stand das junge Bäumchen vor ihm, all die wilden Sprossen waren durch zarten Hauch gebrochen, und die Knospen zur Blüte wachgeküßt! – Hofluft! Liebe freundliche Zauberin!

Ostern zog dahin, als aber die Pfingstmaien die Schloßtüren von Wolkwitz schmückten, da schritt ein junges Brautpaar über die Schwelle, und Herr von Kuffstein ging mit Doktorjo weit in den Park hinein spazieren. Fern auf einer Bank hat er gesessen und mit dem großen, rotseidenen Taschentuch die Augen gewischt: »Jetzt wird's bei uns Abend, Doktor, jetzt mach ich's wie du, leg mich in dem stillen, leeren Haus aufs Ohr und träume von meiner Urschel-Purschel! Ja, ja, nun wird sie uns ein fremder Kerl wegstibitzen – und wir beiden alten Dicken sitzen da und gucken in den Mond!«

Der Herr Doktor gähnte und machte ein Gesicht, als wollte er sagen: »Dies alles ist mir furchtbar wurst!« Streckte die kurzen Stummelbeinchen von sich und schnarchte. –

Da seufzte der Brautvater tief auf, lehnte den Kopf an den Akazienstamm zurück und schnarchte mit.

Im Gebüsch aber schlug leise, leise eine Nachtigall, und die kleinen Geister der Liebe, die das Schloß umschwärmten, kamen herzu und streuten ihr duftige Blüten in das Nest. –

XII.

Freiherr von Altenburg saß in seinem Zimmer, stützte das Haupt in beide Hände und starrte auf einen Brief hernieder, der aufgeschlagen vor ihm auf dem Tische lag. Wie ein Träumender überlas er den Inhalt, wieder und wieder. Es geschehen viel absonderliche Dinge in der Welt, begegnen sie einem jedoch direkt, so schüttelt man den Kopf und reibt sich die Stirn, um zu erforschen, ob man wohl träume. Just so erging es dem jungen Offizier. Die Handschrift seiner Mutter war Tatsache, aber die Neuigkeit, die sie ihm mitteilte, ein Mirakel.

Da war plötzlich auf ihrem kleinen, armseligen Landgut ein Unterhändler erschienen und hatte einen außerordentlichen Kaufpreis geboten. Der älteste Sohn, den Frau von Altenburg in Kenntnis gesetzt hatte, fand dieses Anerbieten verdächtig und ließ die Ländereien auf Kohlen- oder Metallager untersuchen. Nichts fand sich vor, der verkappte Kaufliebhaber jedoch ließ sein Angebot beinah verdoppeln, und die Gutsherrin, die Universalerbin ihres Mannes war, schloß ohne Besinnen den Kauf ab.

Für den trockenen Sandboden und die neuangepflanzten kleinen Waldungen hatte sie eine fast unglaubliche Summe erhalten, und sie benachrichtigte soeben ihren Sohn Eitel, daß sie diese unter ihre Kinder verteilen wolle, um ihnen die Möglichkeit an die Hand zu geben, sich einen eigenen Hausstand zu gründen.

Glühende Blutwellen stiegen in Wangen nnd Stirn Altenburgs; er preßte die Häude gegen die Brust und hatte zum erstenmal im Leben das Empfinden, als müsse er himmelhoch jauchzen vor Glückseligkeit und Wonne!

Was ihm vor wenig Tagen beinahe noch als eine Unmöglichkeit erschienen, was er ersehnt und erhofft hatte als ein fernes, traumhaftes Glück, das war plötzlich wie durch ein Wunder verwirklicht worden, das hob sich leuchtend wie eine Sonne aus dunkler Nacht und tauchte ihm Herz und Seele in blendende Helle. Ein kleiner, wolkenhafter Schatten nur zog schnell und wehmütig durch diesen Glanz, das war der Gedanke, seine liebe, traute Heimat, die Scholle, an der er mit Leib und Seele gehangen, für immer dahingehen zu müssen. Dennoch schied er von diesem Vaterhaus in dem beglückendsten aller Gefühle, sich selber nun ein Daheim zu schaffen, das Weib seiner Liebe zu eigen zu gewinnen, sie heimzuführen, zu einem Glück ohne Not.

Die Hand des jungen Mannes bebte, als er hastig ein paar Zeilen an seinen lieben, getreuen Freund Sobolefskoi niederschrieb, Mit kurzen Worten benachrichtigte er ihn von dem Geschehenen und bat ihn, General von Groppen und Lena auf seinen Besuch vorzubereiten, in wenigen Stunden würde er kommen als glückseligster Mensch in deutschen Landen, und diesmal würde er einen Strauß von Myrten und Orangen tragen, auf den, so Gott will, kein Rauhreif fällt!

Unverhängt waren die Fenster. Silbern und klar füllte das Mondlicht die Zimmer des Fürsten Sobolefskoi und tauchte die kniende Gestalt des verwachsenen Mannes in glorienhaften Schein. Vor dem hochlehnigen Sessel im Erker war er zusammengebrochen. Seine gefalteten Hände lagen auf der goldenen Kapsel, die das Stücklein Leinwand barg, darauf die Augen seiner Mutter lächelten. – Regungslos lag er da, nur seine bleichen Lippen regten sich im Gebet. Da klangen Schritte auf der Steintreppe draußen, da zitterte Glockenton durch das Vestibül. Der Körper des Russen zuckte und bebte, seine Hände krampften sich in jäher Verzweiflung zusammen. Langsam hob er das Haupt und lauschte. Ja, er war es; er stieg die Stufen nach der ersten Etage empor – jetzt trat er in den Salon – jetzt wohl in Lenas Zimmer.

Kalter Schweiß bedeckte die Stirn des Kranken; er sprang auf und hob die gerungenen Hände zum Himmel: »Nimm deine Hand nicht von mir, Mutter, sei bei mir und laß mich stark sein, nur kurze Zeit noch, auf daß ich Sieger bleibe in dem Kampf!«

Auf die Blütenzweige vor dem Fenster fiel der nächtliche Tau wie Tränen des Mitleids hernieder, und während der Freiherr von Altenburg auf die bebenden Lippen seiner Braut den ersten Kuß drückte, neigte sich Alexandrowitsch in jähem Schrecken über die leblose Gestalt des Fürsten und trug den Bewußtlosen auf sein Lager zurück.

Kein Glück und kein Stern. In der Nacht, da Daniel Sobolefskoi geboren wurde, heulte der Sturm um die Fenster von Miskow, faßte das Banner auf dem Turm und riß es hernieder, das Meer ging hoch und trieb ein Schiff auf die Klippen, da gellten die Notsignale der Unglücklichen durch das Unwetter. – So wurde er geboren, und so wurde sein Schicksal. Der Sturm folgte ihm mit düsteren Schwingen, rüttelte und schüttelte seinen Lebensbaum, daß er weder Blüte noch Frucht trug, und brach ihm das Herz in tausendfacher Qual, wie einst die roten Herzen im Wappenschild des Schloßbanners zerrissen waren. Was ihn aber begleitete von Land zu Land und von Tag zu Tag, das waren die Hilferufe des Elends, die Seufzer und Klagen des Unglücks, und wie einst in seiner Geburtsstunde ein Fürst Sobolefskoi Hilfe und Rettung auf das Meer geschickt, so wurde auch Daniel ein Freund und Helfer aller Not, ein Arzt, der zum Segen Tausender rettend an die Krankenlager trat und doch selber den Tod im Herzen trug.

Der Juni streute seine roten Liebesrosen auf das Haupt der jungfräulichen Erde, und die Glocken klangen heller und jubelnder denn jemals vom Turm, dem Hochzeitszug der Königin Minne ihr Willkommen zuzurufen. Da kränzte man auch Lenas Stirn mit bräutlichem Grün, und Daniel, auf dessen flehenden Wunsch die Hochzeit beschleunigt war, legte seine zitternde Hand auf ihr Haupt und regte die Lippen, ohne daß man seine Worte verstand.

Wie das Flackern des Irrsinns ging es durch sein Auge, da er in ihr liebliches, schleierumwalltes Antlitz sah, und das Fieber trieb neue Glut auf seine Wangen und gab seinen Zügen einen fremden, fast grausigen Ausdruck.

Es wird still um ihn her; die Wagenräder, die drunten rollten, schienen sich zermalmend über seine Brust zu wälzen. – Alexandrowitsch hatte seinen Herrn noch nie so krank gesehen wie heute. Schon seit seinem letzten Ohnmachtsanfall mußte er das Bett hüten, er war zu schwach gewesen, um sich erheben zu können, aber er hatte mit beinahe trotzigem Eigensinn auf die Hochzeit des Fräulein von Groppen bestanden, und nun war es doch zu viel der Aufregung gewesen. Schon während der letzten Nacht hatte der Fürst in wirren Phantasien seine Mutter angerufen, und auch jetzt riß ihn das Fieber aus den Kissen empor. – Ein Lachen schallte durch das Zimmer, ein Lachen in leidenschaftlichem Schluchzen erstickt, und dann schrie er beinahe drohend auf: »Halte dein Wort, Mutter! In dieser Stunde ist es an der Zeit, daß du solchen Leides Übermaß von mir nimmst! Komm und erfülle, was du zugesagt, sonst wird mein Glaube an dich zerbrechen wie mein Glaube an Gott und alle Heiligen, die die Schuldlosen verdammen und leiden lassen, die grausam und ungerecht sind, und die mein Gebet hatten erhören müssen – wenn sie existierten!« – Er schüttelte die geballten Hände, und Alexandrowitsch schauderte bei dem Ausbruch solcher Verzweiflung.

Da klopfte es leise an die Tür des Nebenzimmers. Ein Diener brachte das Postpaket, das aus Rußland kam und vom Zollamt abgeholt worden war. Vielleicht zerstreute es die wilden Phantasien des Kranken, Alexandrowitsch erstattete Meldung, und Daniel richtete die starren Augen wie geistesabwesend auf die kleine Kiste und murmelte: »öffne!«

Das Holz splitterte auseinander, und ein kleines metallausgelegtes Schiebfach, in dem ein Päckchen versiegelter Papiere lag, wurde sichtbar. Ein offener Brief obenauf. Alexandrowitsch las, seinen russischen Inhalt auf einen apathischen Wink des Fürsten vor. Der Haushofmeister von Miskow teilte seinem Herrn und Gebieter mit, daß ein Blitzstrahl den alten Schloßbau getroffen und gezündet habe. Glücklicherweise sei man des Feuers bald Herr geworden, nur zwei Zimmer, die des verstorbenen

Kammerherrn, seien fast völlig ausgebrannt. Der antike Sekretär des hochseligen Fürsten sei ebenfalls ein Raub der Flammen geworden, nur das feuerfeste Gefach, das nebst seinem Inhalt anbei übersandt werde, habe man unversehrt den Trümmern entnehmen können.

Mechanisch streckte Daniel die Hand aus und faßte die Papiere, die in der Glut braun und mürbe geworden waren.

Seine Gedanken waren weit entfernt, da, wo der Priester zwei Hände zum Bund für alle Zeit ineinander legte; als aber Alexandrowitsch das Schweigen abermals bricht und den Fürst darauf aufmerksam macht, daß es wohl wichtige Dokumente seien, die der verstorbene Kammerherr so sicher verwahrt habe, warf er einen schnellen, fieberheißen Blick auf die Schriften. Briefe waren es; aus dem einen fiel ein Zettel. »Totenschein – Eglantina – die Hofluft der Bretter…«

Der Kranke sah hastig nach der Unterschrift. »Wera Czakaroff.« – Wera Czakaroff? Der Name war ihm so bekannt, wo hatte er ihn bereits gehört? Daniel rieb sich die brennende Stirn, plötzlich zuckte er zusammen, ein gurgelnder Laut der Überraschung rang sich über seine Lippen. Lenas Mutter! Wie kam ein Handschreiben von ihr in den Besitz des Fürsten Sobolefskoi? Er richtete sich jählings in den Kissen empor, und der treue Pfleger schlug die Fenstervorhänge zurück.

»Lieber Gregor,« liest Daniel – vor seinen Augen flimmerte es vor Aufregung, das Blatt schwankte in seinen Händen, und ein unartikuliertes Murmeln ging in ein Stöhnen und Röcheln über. – Seine Mutter schickte ihren gefälschten Totenschein – seine Mutter verließ Mann und Kind – seine Mutter war die Sängerin Wera Czakaroff!

Ein markerschütternder Schrei gellte durch das stille Zimmer, und als Alexandrowitsch voll Entsetzen zusprang, fiel der Körper des Kranken schwer und steif in seine Arme zurück.

Ein Schlaganfall! Das Hochzeitshaus hallte plötzlich wider von den Angstrufen und dem Getreibe höchster Verwirrung. Noch lebte der Fürst, als ein Arzt an sein Lager trat, aber es schien eine Lähmung eingetreten zu sein, die jeden Moment eine neue, tödliche Wiederholung des Anfalls befürchten ließ. Noch waren die Wagen nicht von der Kirche zurückgekehrt, als sich die ersten Anzeichen neu erwachenden Bewußtseins bemerkbar machten. Fürst Sobolefskoi öffnete die Augen und starrte regungslos ins Leere. Tränen rollten über seine eingesunkenen Wangen, und ein Zug unaussprechlichen Schmerzes lag um seine Lippen. Da leerte er den Becher seiner Leiden bis auf die letzte, bitterste Hefe. »Kann wohl ein Weib ihres Kindleins vergessen?« – Herniedergebrochen aus seiner strahlenden Höhe ist das Gnadenbild, das seines Lebens Kleinod gewesen, ja, seine Mutter hatte ihres Kindleins vergessen, hatte es verlassen in seinem Elend, hatte von ihm scheiden können ohne eine Träne des Herzeleids. Verlassen war er gewesen, verlassen sein Leben lang. – In Lug und Trug zerrann sein frommer Kinderglaube; nicht die engelgleiche Lichtgestalt seiner Mutter trat an das Totenbett des Schmerzensreich, all sein Leid von ihm zu nehmen, ihn emporzutragen auf den heiligen Schwingen der Liebe, dahin, wo die Märtyrer das Antlitz Gottes schauen – statt ihrer kam die Verzweiflung mit verzerrten Lippen und schrie dem Sterbenden ins Ohr: »Deine Mutter ging von dir und kannte dich nicht! Einen Stein konnte deine Verlassenheit erbarmen, deine Mutter erbarmte sich nicht!« – Ja, verlassen war er, verwaist bis in den Tod hinein.

Horch, Wagen rollten drunten, Lena, das holde bräutliche Weib kehrte zurück, Lena, Lena, seine Schwester! – Ein wundersames Beben und Zittern ging durch die Glieder des Sterbenden, ein tiefes Aufseufzen hob plötzlich seine Brust, und ein süßer, nie gekannter Friede kam über ihn. Lena, seine Schwester! Wohin entfloh plötzlich die wilde, verzweifelte Eifersucht, die begehrliche Liebe seines Herzens? Still war es plötzlich in ihm geworden, ein Jauchzen und Jubeln ging durch seine Seele: »Lena, meine Schwester!« Und die Starrheit seines Armes löste sich; er konnte die Hände ineinanderlegen und beten. Tränen stürzten aus seinen Augen, wie verklärt lächelte das Antlitz des mißgestalteten Mannes. »Mutter!« rief er laut, »vergib mir, was ich soeben in Gedanken an dir gesündigt!« Und dann zog es durch seine Seele wie ein seliges Verstehen und Begreifen. Nein, sie hatte ihn nicht verlassen, sie war nur von ihm gegangen, einen Engel zu senden, der länger und beglückender als sie das einsame Leben des Sohnes schmückte! Und sie erhörte sein Gebet und nahm seiner Leiden schwerstes von ihm, das seiner schmerzensreichen Liebe. Nun war der Friede und das Glück gekommen, nun schaute er die lebenden Augen seiner Mutter, und Lena stand vor ihm, nicht mehr das Weib seiner Sehnsucht, sondern die Schwester, deren Hand er sonder Leid und Qual in die seines jungen Freundes legen konnte. Er faßte den Brief und reichte ihn Alexandrowitsch. »Verbrenne ihn!« flüsterte er, »hier vor meinen Augen.« Die Flamme schlug auf, und Daniel starrte mit weit offenen Augen in ihr Licht. Und wie sie flackerte und glühte, so zuckte auch noch einmal die Lebensflamme des Sterbenden empor. Das Fieber schürte sie und malte ihm mit phantastischem Finger wirre Bilder ins Hirn.

Er war wieder in Miskow. Der Sturm tobte um das Schloß; Eiskörner prasselten gegen die Scheiben und im Rauchfang schrillte und fauchte es wie Geisterspuk. Unter seinen Füßen schwankte es – er brach zusammen, Schmerz schauerte durch Rücken und Leib – und wie er die Augen öffnete, schlugen Flammen empor und verschlangen das Bild seiner Mutter!

Daniel schreit gellend auf, und Alexandrowitsch wirft erschrocken die brennenden Papiere in den Kamin, in der Tür aber steht Lena und eilt in bebender Angst an das Lager des Fürsten, seine von Grauen geschüttelten Glieder mit den Armen zu umschließen.

Da starrt er sie an wie eine Vision, seine gekrampften Hände losen sich und umschlingen ihren backen. »Mütterchen, Mütterchen, du kommst doch noch zu mir!«

Sein Haupt sinkt langsam zurück, sein Auge, schon halb gebrochen, strahlt auf von unendlicher Glückseligkeit, voll scheuen Entzückens; wie gebannt hängt sein Blick an der schlanken Frauengestalt, die gleich einer Engelserscheinung vor ihm steht. Ja, es ist seine Mutter; das weiße Gewand umglänzt sie, die blonden Locken küssen ihre Stirn, und mit dunklen Augen neigt sie sich liebevoll über ihn, wie vor langer Zeit, da sie dem hilflos daliegenden Kinde zuflüsterte: »Sei getrost, mein kleiner Schmerzensreich, ich habe ein hartes Schicksal über dich gebracht, aber ich komme dereinst und nehme alles Weh und Herzeleid wieder von dir!«

»Mütterchen, bist du bei mir?« fragt er noch einmal mit umflortem Blick. Tränen ersticken Lenas Stimme, sie neigt sich schweigend über ihn und küßt ihm Stirn und Lippen.

Ein seliges, zitterndes Aufatmen, das arme Haupt sinkt an ihre Brust, und Daniel Sobolefskoi schließt die Augen wie zu süßem Traum. Schwerer und schwerer fällt er in ihren Armen zusammen, wie ein Hauch weht's noch einmal über seine Lippen: »Mutter!« Und dann wird's still – totenstill.

Groppen, Jolante und Altenburg traten ein, schluchzend brach Lena an dem Sterbebett zusammen, und der General neigte sich tief erschüttert, die erkalteten Hände des treuesten Freundes zu küssen.

Daniel war nicht mehr verlassen, sein lächelndes Antlitz schien die Weinenden zu fragen: Was klagt ihr um mich? Ich habe gekämpft und gesiegt, und der Tod hat gesühnt, was das Leben an mir verschuldet.« – –

Fürst Sobolefskoi war in der Familiengruft zu Miskow beigesetzt, das Banner, das bei seiner Geburt zerriß und nicht erneuert worden war, rauschte seine Totenklage in den Wind, als der Letzte des Geschlechts zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Auf seinem Herzen lag eine goldene Kapsel, seine Hände umschlossen das Kruzifix, das im Sterbezimmer seines Vaters aus jener Stelle des Parketts gelegen, wo das Haupt des Erschossenen geruht.

Die russischen Besitzungen hatte der Verblichene einem entfernten Verwandten, dem Grafen Arlowsk, testamentarisch zugesprochen, sein Barvermögen erbten die Töchter des Generals von Groppen, und ein Kodizill bestimmte das neuangekaufte Stammgut der Freiherren von Altenburg dem zweitgeborenen Sohn Eitel dieser Familie als Hochzeitsgabe.

Das war eine große, unbeschreibliche Freude für den jungen Offizier, der erst durch diese Bestimmung den wahren Namen des Käufers vernahm, und gerührten Herzens die mehr als freundschaftliche List erfuhr, durch die Fürst Sobolefskoi sein und Lenas Lebensglück begründet hatte. Trotz des außerordentlichen Vermögens seiner jungen Gemahlin lebte der Freiherr in schlichten und wahrhaft vornehmen Verhältnissen, und die einzigen Feste, die er mit Vorliebe besuchte, waren die des Hofes. Er hatte Lena in jene Galerie geführt, in der der unerklärbare Zauber der Hofluft ihn zur Erkenntnis seiner selbst gebracht. Ihr allein verdankte er das Glück, das ihm wie verheißungsvolles Morgenrot entgegenwinkte.

Auch Herr von Flanken war ein sehr berühmter Mann geworden. Sein Bild »Fuchs im Bau« hatte sich der ehrenvollsten Kritiken zu erfreuen gehabt und war für hohen Preis nach einer freien deutschen Reichsstadt verkauft worden, Herr von Flanken überwies die Summe armen Malern in Italien. Jolante strahlte vor Stolz und drang stürmisch in den Gatten, »noch mehr Meisterwerke zu schaffen«! Da sein bescheidenes Sträuben nichts half, rettete er sich durch eine List. »Gut,« sagte er, »ich habe einen großartigen Gedanken, ich werde mal eine Venus malen! Nur muß ich mich zuvor nach einem Modell umschauen!« Da fand Frau Jolante plötzlich, daß es des Ruhms genug sei und schloß ihrem Gatten sehr energisch Pinsel und Leinewand in den diebessicheren Geldschrank ein. So mußte sich der gottbegnadete Künstler seufzend in den barbarischen Willen der Hausfrau fügen.

In der Osteria hat die Entstehungsgeschichte von »Fuchs im Bau« lange Zeit Stoff zur größten Heiterkeit gegeben, doch hat man stets eine sehr liebenswürdige Diskretion gewahrt. Da Frau Jolante mit den Jahren doch erfuhr, was ihr Gatte eigentlich an dem Gemälde geschaffen hatte – das Loch und den Titel! – so habe ich jetzt die Erlaubnis erhalten, das amüsante Geheimnis auszuplaudern. Flanken, der schmunzelnd glückliche Hausherr, hat gar keine Angst mehr vor den Vorwürfen seiner Frau, denn das »Elfchen« ist eine sehr behaglich dicke kleine Mutter geworden, die sich mit beneidenswertem Phlegma im Schaukelstuhl wippt, sich von ihrem Goliath jede Treppenstufe heraustragen und bei jeder kleinsten Gelegenheit ritterlich bedienen läßt. Er gehorcht, noch ebenso galant und verliebt wie als Bräutigam, jedem ihrer Winke, und sie revanchiert sich dafür und ißt jeden Donnerstag mit sichtlichem Vergnügen Sauerkraut und Pökelfleisch mit ihm.

Die Ehe des Freiherrn von Altenburg ist für das große Publikum etwas ganz Außergewöhnliches; ein junges Paar, das sich nicht in den Strudel der Welt stürzt, sondern seines Glückes höchste Vollkommenheit in dem stillen, traulichen Heim findet, das begreift die Gegenwart eigentlich nicht recht.

Ursula hat es längst aufgegeben, diese Einsiedler hinaus zu Spiel und Tanz zu locken. Gräfin Lohe ist vollkommen Weltdame geworden, und zu Mark-Wolffraths größtem Amüsement ist es sogar schon vorgekommen, daß sie ihn wegen Vernachlässigung seines äußeren Menschen – er hatte vergessen, sich den Schnurrbart etwas »schick« brennen zu lassen – ganz entrüstet getadelt hatte!

Die Hofluft ist ihr Lebenselement geworden, und als Herr von Kuffstein nebst dem Herrn Doktor zum erstenmal zu Besuch kam, stemmte er die Hände in die Seiten und fragte mit verschmitztem Blinzeln: »Na, Urschel-Purschel, wollen wir wieder eine Bierreise machen und's mit den dressierten Gänsen riskieren?!« Diesmal fand seine Tochter eine solche Idee »haarsträubend«! und Papa Julius räsonnierte: »Der Mark-Wolffrath verdirbt alle guten Sitten; der Bengel, geht nur dahin, wo es drei Taler Entree kostet!« sprach's, servierte dem Herrn Doktor

noch ein Frankfurter Würstchen und wuchtete davon, um »den Flanken« abzuholen.

Dort öffnete ihm Frantusch Niekchen die Tür. Er hatte seine Zeit abgedient und war bei seinem Herrn »Rittmeister« als Livreebursche weiter im Dienst geblieben. Aber der brave Niekchen sah recht niedergedrückt aus, still und ergeben, magerer und blasser denn sonst. Dem übermütigen Monsieur war allerdings vom Schicksal übel mitgespielt worden. Da trat er eines Tages kreuzfidel vor seinen Herrn und sprach: »Leutnant! Trog' ich seit gestern Ringel am Finger!« Und er präsentierte einen gewaltigen Siegelring mit Achatstein! »Hot sik Köchin altes, vermögendes von General Groppen, olle Fingern abgeleckt nach mir, hot sie mir gemacht plausibel, daß nix heiraten is gut, heiraten abber is besser. Hob ich gesaggt: wann Marinka will sein Taubchen sanftes, guttmütiges, sull sie werden Frau vom Frantusch Niekchen – und nu is Hochzeit in nächste Woch', wann nix is Dreckwetter.«

Flanken hatte bedenklich das Haupt geschüttelt und den betörten Jüngling gewarnt, aber das Sparkassenbuch der alten Heiratslustigen blendete seine Augen. So war das Malheur geschehen. Als Niekchen nach einem Vierteljahr kläglich vor seinem Gebieter erschien, fünf rote Fingerabdrücke auf der Wange, und ehrlich bekannte: »Is sik nix Taubchen, Rittmeister, is sik Drache, alter, bissiger!« da kam guter Rat zu spät, und Herr von Flanken nickte nur: »Siehste wohl!«

General von Groppen nahm nach kurzer Zeit seinen Abschied und zog sich auf das Land zurück, ein eifriger Nimrod zu werden. Die Hofluft war ein allzu gefährliches Gift und taugte nicht für ihn, darum ging er ihr aus dem Wege. Er war charakterfest genug, sich beizeiten dem verführerischen Zauber zu entziehen,

dem der junge Graf Antigna in so trauriger Weise zum Opfer gefallen war. Eine exzentrische und eigenartige Natur war er wohl stets gewesen, und der Umschwung, der den menschenscheuen Gelehrten aus dem Studierzimmer plötzlich auf das spiegelnde Parkett schleuderte, mußte wohl zu groß gewesen sein. Da umwehte es ihn süß und schmeichelnd und sank wie ein rosiger Schleier über seine Augen, daß er blindlings in die fremde, lockende Welt hineintaumelte. Vom Schreibtisch an das Champagnerbüfett, aus der nüchternen Einsamkeit des Studierzimmers in die tollen Wirbel großstädtischen Lebens! – Ja, wäre es bei den Hoffesten geblieben! Die Flöten und Geigen aber, die ihm dort so zauberisch entgegenklangen, glichen nur dem Lied der Nachtigall, es rief ihn in die blühende, wonnige Welt, unbekümmert darum, wenn er auf Abwege geriet, die finster und voll wüsten Lärms waren.

Viele nannten den jungen Grafen verrückt, da er in fast krankhafter Vorliebe für rote Mohnblüten sein Zimmer täglich mit diesen Blumen schmücken ließ, auch das Opium rauchen führte man auf diese Passion zurück. Seit Prinzessin Kordelia verlobt war und die Feste der Saison sich jagten, hatte er diese unselige Angewohnheit in unvernünftigster Weise übertrieben, und es war nur eine ganz natürliche Folge, daß das Gift sein Opfer forderte. Ein schweres Nervenfieber warf ihn nieder, und als die Fackeln zur Hochzeitsfeier der Prinzessin in feierlichem Tanze durch das Schloß flammten, neigte Henry Antigna das Haupt und schloß die Augen zum ewigen Schlaf.

Seine Mutter aber nahm ein kleines Bild von der Brust des Toten und legte es auf einem Strauße welken Mohns in die Kaminflammen – zum erstenmal im Leben zitterte die weiße, energische Frauenhand.

Als aber der Weihrauch durch den Saal wallte und alle, die da einen großen Namen hatten, sich versammelten, dem Verstorbenen

die letzte Ehre zu erweisen, stand Gräfin Antigna wie gewohnt inmitten des Gemaches und neigte das Haupt zum Gruß. Bleich und ruhig wie stets war ihr Antlitz, nur das verbindliche Lächeln fehlte, und die Tränen, die an den Wimpern perlten, entstellten nicht. Fest und zwingend wie einst auf Henrys Schultern, lag ihre weiße Hand auf dem Haupt des jüngsten Sohnes.

Blumenfülle deckte den Sarg, das Auge der Gräfin aber weilte unverwandt auf dem glänzenden Ritterhelm, der zu seinen Häupten stand.

Hofluft war es, die Gräfin Antigna geatmet hatte, seit sie selbständig die Füßchen regen konnte, und alle die kleinen Stäubchen überlieferter Anschauungen waren ihr zu Fleisch und Blut geworden, zu einem Panzer, an dem die Pfeile des Schicksals wirkungslos abprallten.

Ja, Hofluft, du seltsame, unerforschliche Zauberin, mannigfach wie die Farben des Regenbogens schillert dein duftiger Hauch, und tausendfach, wie die Lippen, die dich atmen, ist der Einfluß, den du auf die Seele ausübst. Hofluft, wehe mir auch künftighin deine wundersamen Mären ins Ohr – Hofluft, du liebliches Gemisch von Sonne, Mond, Sternenglanz und Veilchenduft.
