Der verlorene Sohn

I.

Man nannte sie einen wunderlichen Charakter. – Viele behaupteten, sie sei unliebenswürdig und kaltherzig, wenige nahmen sie in Schutz und versicherten, hinter ihrem kühlen, schroffen Wesen berge sich ein tiefes Gefühl, ein warmes und großes Empfinden, welches jedoch ängstlich versteckt werde, wie ein Licht unter dem Scheffel.

Wer in seinem Elternhause nur militärische Präzision, Kommandos und soldatischen Drill gewöhnt sei, müsse ja jede weichere und zärtlichere Regung des Herzens als Gefühlsduselei und lächerliche Sentimentalität erachten.

Fräulein Malwine von Ries sei das Ebenbild des Vaters, ein Soldat in Mädchenkleidern. Was Pflichtgefühl, Ehre, Rechtschaffenheit bedeute, sei ihr voll bewußt, aber die Passionen ihrer Altersgenossinnen, ein lyrisches Gedicht zu lesen, abends an dem geöffneten Fenster in Lenzesduft und Mondenschein hinaus zu schwärmen, ein Ballkleid entzückend und ein totes Vögelchen zum Herzbrechen traurig zu finden, diese schwärmerischen Anwandlungen seien ihr geradezu unverständlich und wohl auch in tiefster Seele zuwider.

Ob Fräulein Malwine sich wohl jemals verlieben könne und werde?

Man lächelte bei diesem Gedanken ebenso ungläubig wie bei dem phantastischen Plan eines Sternforschers, zwischen Mars und Erde einen regelrechten Meinungsaustausch zu bewerkstelligen.

Fräulein Malwine als Braut! – welch eine Ironie auf all die lieblichen Traditionen, welche sich mit diesem Worte verknüpfen!

Wenn man das große, breitschulterige Mädchen mit der strammen Haltung, den knappen, wohlgedrillten Bewegungen, dem etwas großen Kopf mit dem frischwangigen Gesicht, aus welchem die Grauaugen so unsagbar nüchtern und tief ernst blickten, – wenn man dieses Mädchen voll eisernen Fleißes wirtschaften und zwischen Kochtöpfen, Besen und Waschwanne hantieren sah, dann kam es selbst dem phantasiebegabtesten Menschen nicht in den Sinn, sich Fräulein von Ries als kosende, wonnig blickende, innig anschmiegende Herzliebste zu denken!

Wie hätte der so herbe und resignierte Mund wohl Worte der Liebe und Zärtlichkeit finden, wie hätte er sich wohl voll bebenden Entzückens in süßem Kusse hingeben können! Wie hätten diese, wohl schön und edel geformten, aber doch so fest und rücksichtslos zugreifenden Hände in holder Tändelei durch eines Jünglings Locken streichen, seine Rechte voll lieblicher Bangigkeit schutzheischend umschließen können!

Solch eine Idee war einfach lächerlich, und darum kam sie auch keinem Menschen, obwohl einmal ein ganz junger Leutnant bei dem Anblick der hohen, imponierend stattlichen Erscheinung in dem bleifarbenen Seidenkleid jählings ausgerufen hatte: »Donnerwetter! Die wäre eigentlich eine Frau für einen kommandierenden General! Wenn die einen so von oben bis unten mustert, fährt einem schon ganz unwillkürlich der Daumen an die Hosennaht!«

»Hm – so übel nicht!« nickte sein Nachbar lächelnd, »sie würde ihre Divisionen sicher ebenso gut im Zuge haben, wie daheim ihren Haushalt! Fräulein Malwine ist fraglos ein Edelstein – aber doch ein etwas ungeschliffener, ebenso wie ihr Vater, der hünenhafte Pensionär dort, mit dem blauroten Gesicht, dem forschen weißen Schnauzbart und der dröhnenden Baßstimme! So uranständig, vornehm denkend und vortrefflich der Mann zeitlebens gewesen ist, – eine gewisse Härte und Schroffheit hat er nie überwunden, und ebenso ergeht es der Tochter! Ein famoser Charakter, – man kann Häuser auf sie bauen, aber kühl bis ans Herz hinan – und im Kommandieren sehr viel leistungsfähiger als im Kosen!«

So hatte man schon über sie geurteilt, als sie noch ein ganz junges Mädchen war und ihre ersten Bälle besuchte.

Sie sprach wenig, kurz angebunden und anscheinend sehr gleichgültig, dabei sah sie den Betreffenden mit den klaren, kalten Augen an, als erteile sie ihm einen strengen Tadel.

Es sah aus, als tanze sie nur aus Pflichtgefühl, weil es ein Ball nun mal so mit sich bringe. Wenn sie einmal nicht tanzte, war es ihr ebenfalls gleichgültig. Sie stand dann hoch und stolz aufgerichtet und blickte über die lustig wirbelnde Menge hinweg, als wollte sie sagen: »Ihr scheint sämtlich verrückt zu sein! Was für einen moralischen Zweck und Sinn hat dieses einfältige Im-Kreise-Herumdrehen?«

Und dann setzte sie sich in die Nähe ihrer Mutter, einer wortkargen, blassen Frau, welche unheilbar an tiefer Erbitterung krankte, weil ihr Gatte es nicht zum Exzellenzentitel gebracht, und unterhielt sich mit den alten Damen sehr unterrichtet und sehr ehrbar über Marktpreise, schlechte Dienstboten und erprobte Kochrezepte, sehr unbekümmert, ob sie darüber die schönsten Tänze versäumte und die Kotillonsträußchen im Stiche ließ.

»Sie ist die geborene alte Jungfer!« schüttelte selbst Frau von Ries den Kopf, und nur der Vater zog die Brauen noch struppiger zusammen und sprach grob: »Blödsinn! – Malwine ist das einzige Frauenzimmer, welches sich anständig benimmt und nicht nach den Männern angelt! Darum wird sie die einzige sein, welche mal eine gute Heirat tut!«

»Das wäre!« hohnlächelte die Frau Oberst und sah verbitterter und sauertöpfischer drein als sonst. »Von nichts – wird nichts. Aus Liebe nimmt sie keiner und um des Geldes willen auch nicht! Meine arme Malwine müßte eben nicht mein Kind sein, wenn sie Glück haben sollte! – Das ist nie bei uns zu Hause gewesen, das hat uns ewig stiefmütterlich behandelt! Wenn ich allein bedenke, wie sie dir damals den Abschied ins Haus geschickt haben! Ohne allen Grund! Ohne jede Veranlassung! Dein Regiment war das beste im ganzen Korps … sie mußten dich zum General machen, wenn es noch Gerechtigkeit im militärischen Leben gäbe …«

Herr von Ries hob mit drohendem Blick das graue Haupt. »Himmelkreuzdonnerwetter! Schon wieder die alte Litanei! Ich sage dir, daß ich absolut kein Stratege bin, daß ich im Manöver die Brigade ganz niederträchtig, ganz unter aller Kritik geführt habe! Potz Wetter noch eins, ich hätte mich selber zum Teufel gejagt! – Eins schickt sich eben nicht für alle, ich habe nie Talent zum Soldaten gehabt! Jäger hätte ich werden sollen, Forstmann – aber der Vater steckte mich ins Korps. Habe mir redlich Mühe gegeben, durch Fleiß und Eifer das Fehlende zu ersetzen, – aber wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren! Danken muß ich, daß sie mir noch ein Regiment gegeben haben! Und das tue ich auch, Alte, und bin zufrieden mit meinem Los, und – Potzbombenelement! – du sollst das auch sein und das ewige Räsonnieren lassen! Verstanden?« – und damit warf er die Tür krachend hinter sich zu und schritt davon.

Frau von Ries aber kniff die schmalen Lippen noch schmaler zusammen, neigte sich stumm über ihre Flickarbeit und sah noch um einen Schein blässer und hagerer aus als sonst.

Malwine stand unterdessen in der Plättstube, tadelte in ihrer ruhigen, gelassenen Weise das Mädchen, welches Schmutzstreifchen in die Vorhemdchen des gnädigen Herrn geplättet hatte, und steckte voll kühler Gewissenhaftigkeit die unsauberen Stücke in den Waschkessel zurück, mochte die Dore das Gesicht noch so weinerlich und übellaunig verziehen, dann aber griff sie stumm zu dem Bolzen, trat an das Bügelbrett und nahm der gescholtenen Magd gutwillig die Hälfte der Arbeit ab.

Sie streifte die Ärmel an den vollen, kräftigen Armen empor, griff in den Korb und sprengte die Wäsche ein, und dabei flog kein Tropfen auf die große, weißleinene Hausschürze, und an dem schlichtgescheitelten Haar verschob sich kein Strähnchen, das Bild ruhigen, tadellosen Fleißes stand sie inmitten der Arbeit, so ernst und still, als existiere kein anderes Glück in der Welt als das Waschen, Scheuern und Plätten.

Und doch klopfte ein Herz in ihrer Brust, so bang und unruhig, wie noch nie zuvor im Leben, und die kühlen Augensterne, welche anscheinend nur ihre Arbeit sahen, hoben sich verstohlen mit beinah schüchternem Blick zum Fenster, wenn ein schneller Schritt vor dem Souterrain ertönte.

Und dann ging es plötzlich wie ein lichter Schein über das strenge Mädchengesicht, die Lippen öffneten sich wie bei einer Dürstenden, und durch die Hände, welche so emsig schafften, ging ein seines, kaum merkliches Beben.

Groß und starr ward der Blick, als schaue er zurück, – weit hinweg über die Wäsche und das zischende Plätteisen bis hinein in die dämmerig stille Stunde des gestrigen Abends. Was war ihr Seltsames geschehen?

Nichts, o gar nichts Absonderliches. Sie hatte eine Teeeinladung zu der Familie ihres Hausarztes angenommen; sie war so ungern und unlustig hingegangen wie zu allen Gesellschaften.

Anfänglich war es auch nicht anders gewesen als sonst. Dann hatte man sich zu Tisch gesetzt und der Neffe des Hausherrn, ein junger Komponist, hatte ihr den Arm geboten.

Sie unterhielten sich, anfangs etwas steif und langweilig, mit dem unsicheren Tasten nach einem guten Gesprächsthema, welches zwischen zwei wildfremden, wortkargen Menschen nicht leicht zu finden ist. – Dann aber fand es sich doch, die Musik war die goldene Brücke. Seine dunklen, schwärmerischen Augen leuchteten wie verklärt, wenn er von seinen Idealen, seinen Plänen, seinen Kompositionen sprach. Er entwickelte ihr seine Ansichten über verschiedene Meister der Kunst, er suchte ihr Interesse für Wagner zu wecken, von welchem sie ehrlich eingestand, daß er ihr absolut unverständlich sei. Er erzählte von den Aufführungen seiner ersten Oper, von der bunten, seltsamen, wunderlichen Welt hinter den Kulissen, welche ihm eigentlich sehr unsympathisch sei.

»Sie glauben gar nicht, mein gnädiges Fräulein,« sagte er mit einer nervösen Bewegung seiner sehr bleichen, feingegliederten Hand nach dem leicht über die Stirn fallenden Haar, »wie es mir ein moralischer Schmerz war, die Gestalten meiner Oper, welche ich im Geist in höchster, idealster Vollkommenheit geschaut, plötzlich geschminkt und flitterbehängt, so entsetzlich prosaisch mit der Rolle in der Hand, oder ein paar Backpflaumen zwischen den Zähnen, vor mir zu sehen! So schön die Trägerin der Titelrolle auch war, und so hinreißend sie sang, – sie war hinter der Szene doch nur das Fräulein X. X., welches mir von den banalsten Alltäglichkeiten erzählte und ihren Glückwunsch zu dem schönen Erfolg der Oper in den wohl sehr gut gemeinten, in meinen Ohren aber gräßlich klingenden Worten gipfeln ließ: ›Mit der Sache hier werden Sie Geld machen, Doktorchen! Heidengeld! – Na, wenn ich mal in der Tinte sitze, komme ich und pumpe Sie an!‹ Sie scherzte in übermütiger Laune – und jeden anderen hätte ihr Lächeln wohl entzückt, ich bin aber ein komischer Kauz in dieser Beziehung – ihr Scherz tat mir in jenem Augenblick höchster und reinster Begeisterung weh!«

Malwine starrte den Sprecher ein wenig betroffen an, denn sie hatte sich bisher gedacht, daß bei allem Schaffen das »Verdienen« doch die Hauptsache sei, nun errötete sie beinah über diesen ketzerischen Begriff und ihre hausbackene Ansicht über die Kunst.

In ihrer Verlegenheit sagte sie teilnehmend: »Dann erleben Sie sicher viel Enttäuschungen als Künstler, denn nirgends ist wohl Prosa, Unnatur und niedere Gesinnung – ich meine Neid, Kabale und Eifersucht – stärker ausgeprägt als auf den Brettern, welche die Welt bedeuten!«

Er nickte, seine großen, leuchtenden Augen verschleierten sich. »Ich bin für meinen Beruf nicht sehr glücklich beanlagt und denke wohl viel zu kindlich in dieser Zeit des bittersten Realismus, um mich ohne Wunden und schlimme Erfahrungen durch all ihre Dornen und Nesseln zu winden! Glauben Sie wohl, daß es mir einen Stich ins Herz gibt, wenn ich auf der Bühne stehe und sehe den Wald, den ich während meines Schaffens in zart-duftige Himmelsluft getaucht, in Sonnengold gebadet, flüsternd und raunend wie von Geisterstimmen, von Vogelfang durchhaut und Blütendurst durchzogen vor mir sah, als staubige Papierkulisse ragen, zusammengeleimt und numeriert als Stücklein Dekoration, – Gasgeruch, Getrampel und Geklingel? Anstatt Duft, Licht und Blattgeflüster der Jargon und die faulen Witze der Kulissenschieber – und der schwüle Theaterodem! … Warum lachen Sie nicht, gnädiges Fräulein? Man hat mich schon oft ausgelacht, wenn ich dieses Glaubensbekenntnis zum besten gab, und mich einen Phantasten genannt, welcher seine Werke demnächst unter Gottes freiem Himmel aufführen lassen würde!«

Nein, Malwine lachte nicht, sie war viel, viel zu überrascht und erstaunt über Ansichten, welche ihr zeitlebens so fern gelegen wie der Himmel von der Erde!

Sie hatte sich niemals über geschminkte Schauspieler und gemalte Dekorationen alteriert, sondern im Gegenteil die enorme Kunst und Technik der modernen Bühne angestaunt wie ein Wunder.

Trug und Schein gab's ja überall in der Welt, nicht nur in dem Theater allein, und sie hatte stets solch resignierte, praktische und schrecklich prosaische Ansichten gehabt, daß ihr die Kulissenwelt mit all ihrem Schimmer und Glanz noch wie ein Paradies auf Erden erschien.

Und nun hört sie aus dem Mund eines Mannes die beinahe naive Klage, daß ihm seine Illusionen zerstört, seine Ideale auf der Bühne genommen werden!

Das war etwas ganz Außergewöhnliches, aber fraglos etwas Wahres, Schönes und Echtes, eine Künstlerseele, welche so hoch über allem Erdenstaub, allem Lug und Trug, allem Falsch und aller Verstellung, allem Niederen und Unlauteren, wie ein bunter Falter im Sonnenglanz, welcher es nicht ahnt und nicht wissen mag, daß unter den leuchtenden Blüten der Staub und Schmutz der Erde lagert, daß Spinnen ihre gefährlichen Netze gezogen und giftige Würmlein lauern, daß die lockendsten Früchte innen faul und die üppigste Wiese ein Sumpf ist!

Wie in atemlosen Staunen und Forschen trifft der Blick der nüchternen grauen Mädchenaugen das Antlitz ihres Nachbars, und es ist ihr, als sei sie bisher blind gewesen und schaue nun zum erstenmal etwas Schönes auf der Welt. Und als er weiter redet, und seine milden, seelenvollen Augen aufleuchten bei dem Gedanken an all das wahrhaft Künstlerische und Schöne, das er schaffen möchte und zu vollenden hofft, da wird es ihr warm, ganz wundersam warm um das Herz, und sie begeistert sich plötzlich für Dinge, welche ihr sonst ganz fern lagen; sie begreift es selber nicht, wo sie mit einemmal alle Worte und Ansichten über Musik und Dichtung hernimmt. Es regt sie an und entzückt sie, daß er ihre Meinung so ernst nimmt, daß er ihr beipflichtet, daß er sich ihres Harmonierens freut, – das ist alles so neu, so eigenartig und fesselnd für sie!

Wie schön er spricht! Seine Stimme klingt so weich und melodisch, als sei sie extra geschaffen für die idealen Gedanken, welche doch so voll tiefen, reellen Wissens sind und es so heilig ernst mit der Kunst meinen.

Welch eine neue Welt erschließt sich ihr! – Vor ein paar Stunden noch hat sie geglaubt: Musik ist eben Musik – und wenn man sie klassifizieren will, so teilt man sie ein in ernste und heitere Melodien, Tänze oder Choräle, Liebeslieder oder Clementis Sonaten, welche sie ehedem sogar gehaßt hat und nur aus Pflichtgefühl übte, weil zu der Bildung einer jungen Dame nun einmal »das bißchen Musik für den Hausbedarf« gehört!

Jetzt erschienen ihr plötzlich auch diese Sonaten und alle ihnen vorausgegangenen Fingerübungen als etwas Höheres, Besseres, als ein kleiner, goldheller Strahl, welcher durch das Schlüsselloch des Kunsthimmels fällt.

Als die Tafel aufgehoben wurde, glühten ihre Wangen, obwohl sie so gut wie keinen Wein getrunken, und sie umschloß die weiche, schlanke Künstlerhand, welche so heiß und nervös die ihre faßte, mit festem Druck. Da flog sein Blick wie in ehrlicher Bewunderung über ihre blühende, kraftvolle Gestalt.

»Welch eine Walküre sind Sie, mein gnädiges Fräulein!« lächelte er mit einem feinen Schimmer der Wehmut, »und wie schön muß es sein, über die Urkraft solch einer Wotanstochter zu verfügen! Was würden Ihnen die paar schlaflosen Nächte, welche mir am Mark des Lebens zehren, bedeuten?«

»Schlafen Sie so wenig und so schlecht?«

Wieder zuckte ein Lächeln um seine Lippen, und das marmorblasse Gesicht mit den schmalen, durchgeisteten Schläfen lehnte sich einen Augenblick wie müde in den Nacken zurück.

»Wer zu viel träumt, versäumt in der Regel den Schlaf darüber!« scherzte er. «Es ist seltsam, daß alle bleichen Schatten, alle Musen und Genien ihre Besuche zur Nachtzeit abstatten! Welch ein Singen und Klingen und Denken und Reimen ist's dann hinter solch einer Künstlerstirn! Der Himmel steht offen, und die Erde mit ihren schwülen Rissen und schläfrigen Mohnblumen ist vergessen! Ja, wenn man auch die Nerven und Kräfte eines Gottes hätte, um schon hier in dieser Welt ein Gott zu sein!«

Der Hausherr war hinzugetreten und legte lachend die Hand auf die Schulter des Sprechers. »Die haben wir aber leider nicht, und du, mein lieber Helmut, am wenigsten! Sie müssen nämlich wissen, mein gnädiges Fräulein, daß sich unser künftiger Klassiker hier in unveranwortlicher Weise überarbeitet hat, und darum habe ich ihn mir hierher unter meine ärztliche Kontrolle geholt, um ihm die ›schläfrigen Mohnblumen‹ und ihr giftiges Säftlein abzugewöhnen! Komponiert wird jetzt ein Vierteljahr lang gar nicht; der Erfolg der ersten Oper war so bombenmäßig, daß er noch für eine lange Zeit anhält!«

»Das ist ein Mord, Onkel! Ich kann ohne Musik nicht leben!«

»Musik sollst du schon haben, mein Junge! Wir gründen ein stilvolles Kränzchen und spielen Skat! Da liegt noch Melodie drin! Und nun seien Sie mir nicht böse, mein gnädiges Fräulein, wenn ich Ihnen Ihren Schleppenträger für ein Weilchen entführe! Die Frau Geheimrat will in nächster Zeit nach Mentone reisen, und da unser Künstler von Gottes Gnaden den vergangenen Winter zum größten Teil dort zugebracht hat, soll er Rapport erstatten! – Also vorwärts, mein Junge, mache der gnädigen Frau mal tüchtig den Mund wässerig!«

Er ging, und Malwine setzte sich ihrer Gewohnheit gemäß zu den älteren Damen und wollte wie gewöhnlich über Butter- und Eierpreise, über Spinat und Grünkohl sprechen, aber seltsam, es war, als ob all ihre Gedanken einem Vogelschwarm glichen, welcher lange Zeit still und zahm auf staubiger Tenne die Körnlein gepickt, und mit einemmal, jäh aufgescheucht, hinausgeflattert sei, – zuerst scheu und lichtgeblendet, bald aber zuversichtlich einen höheren Flug nehmend, weit hinaus und hoch empor in lichte, sonnige Helle, da, wo die Erde tief drunten verschwindet und der Himmel anfängt!

Sie war zerstreut, still und einsilbig, und ihr Blick flog wie magnetisch angezogen hinüber nach dem anderen Salon, wo sie durch die geöffnete Tür just den jungen Komponisten neben dem Sessel der Geheimrätin stehen sah. Er sprach wieder lebhaft und begeistert, er schien die Wunder einer warmen, südlichen Welt mit Worten zu malen, seine Augen glänzten und sein Blick bekam etwas Sehnsuchtsvolles, als flöge er zurück zu den duftenden Orangen und dem blau schimmernden Meer.

Wie seltsam war dies alles für Malwine? Sie hatte auch Reisen gemacht, auch manch Schönes gesehen und angestaunt, aber ein solch schwärmerisches Entzücken war ihr nie in den Sinn gekommen, und zurückgesehnt nach irgendeinem schönen Erdenfleckchen hatte sie sich auch nicht. Warum das? Es gab Arbeit, Pflichten und Plackerei überall. Jetzt mit einemmal war es ihr zu Sinn, als habe sie viel, sehr viel versäumt, als habe sie jene Zeiten nur halb durchlebt. Sie hörte nicht den Stoßseufzer ihrer Nachbarin über die so unerschwinglich hohen Kohlenpreise, sie starrte wie geistesabwesend in den Nebensalon, wo ein junges Mädchen das Klavier öffnete und alsdann mit unwiderstehlichen Blicken und Worten zu dem Komponisten trat.

Die Majorin, welche von Fräulein von Ries keine Antwort erhalten, war ihrem Blick gefolgt. »Ah, das ist schön!« sagte sie und bewegte den Fächer behaglich auf und nieder, »Doktor Novalla soll uns etwas zum besten geben! Hoffentlich aus seiner neuen Oper. Man hört jetzt so viel davon sprechen und möchte doch auch ein wenig über die Musik mitreden können! Vortrefflich! Er scheint sich erweichen zu lassen. Seine Tante sagte mir vorhin, er sänge so schön, solle es aber nicht mehr, da seine Gesundheit so angegriffen sei. Na, das sieht man auf zehn Schritt weit, daß der arme Mensch in keiner festen Haut steckt. Wie Wachs so bleich und die Augen wie in permanentem Fieber leuchtend! Es ist seltsam, daß die Musiker meistens an ihren Schöpfungen zugrunde gehen. Wenn ich denke, der arme Bizet! So jung und so talentvoll, und doch gestorben! Wissen Sie, liebes Fräulein Malwine, ich muß bei Novalla immer an diesen Bizet denken! Die Musik soll ja auch so viel Gleiches haben, – klingendes Herzblut! Du lieber Gott, es wäre schrecklich, wenn der Doktor mit seinem ersten Werk auch schon sein Schwanenlied gesungen hätte! – Noch hoffe ich, daß unser wackerer Doktor hier ihn wieder hoch päppelt, – es war die höchste Zeit, daß er in seine Behandlung kam!«

Malwine hatte die Sprecherin mit weit offenen Augen angestarrt.

Es war ihr plötzlich, als griffe eine kalte Hand nach ihrem Herzen.

Sie nickte nur und sagte leise: »Das wäre schrecklich!«

Im Nebenzimmer hatte der junge Komponist währenddessen die Klavierlichter wieder ausgelöscht und den Stoß Noten, welchen seine kleine Kusine diensteifrig herangeschleppt hatte, auf einen Seitentisch geschoben.

»Ich kann's auswendig und finde die Noten auch bei Nacht!« scherzte er.

»Aus deiner Oper, Helmut! Ach bitte, die Romanze und das Liebesmotiv!«

Er nickte. »Wenn die Herrschaften fürlieb nehmen wollen!«

And dann neigte er das bleiche, schmale Antlitz einen Augenblick tief zur Brust und seine Hände glitten leise präludierend über die Tasten.

»Man hört es hier besser, als da drinnen!« sagte die Majorin und lehnte sich wohlgefällig in den Sessel zurück, Malwine aber erhob sich und trat, wie von unsichtbaren Gewalten getrieben, in die Tür, zog lautlos einen Stuhl heran und setzte sich nahe dem Klavier nieder.

Ein schneller Blick aus den dunklen Augen traf sie, – Novalla lächelte ihr zu, und das sonst so ernste, nüchterne und gleichgültige Mädchen von sechsundzwanzig Jahren fühlte plötzlich, wie ihr Herz schlug – schneller und schneller, so schnell, wie noch nie zuvor.

Dann klangen die süßen, wunderholden Melodien, eine Flut von zauberischen Tönen durch das Zimmer, leise wie Blattgeflüster, anschwellend wie Meereswogen und leidenschaftlich dahinbrausend wie der Sturmwind, welcher den Lenz auf seinen Schwingen trägt.

Malwine regte sich nicht, sie lauschte wie im Traum, und ihr Blick hing an dem blassen Gesicht des Künstlers. Die Erregung spiegelte sich darin, warm und rot leuchtete es durch die wachsfarbenen Schläfen, die Augen schienen zu wachsen, die lockigen Haare fielen wirr und genial immer tiefer in die Stirn.

»Klingendes Herzblut!« zog es durch Malwines Sinn; – ja, das ist klingendes Herzblut…

Und dann sang er, mit weicher, mäßig lauter, wundersam melodischer Stimme. Eigenartige Worte und eigenartige Töne, eine Welt voll fremden, leidenschaftlichen Empfindens, wie es in das graue, schwerfällige Alltagsleben Malwines noch nie gedrungen war.

»Verstehst du mich, Weib,
Kannst du's begreifen,
Was flammenauflodernd
Und göttergewaltig
Die Brust mir durchzieht?…«

Seine Stimme schwoll an, wie ein Feuerstrom floß sie dahin in die Herzen der Zuhörer, und seine dunklen Wimpern hoben sich abermals und ein Blick traf Malwine – o Herr des Himmels, welch ein Blick!

«Verstehst du mich, Weib?«

Sprach er zu ihr? – Allein zu ihr?

Wie ein Zittern geht es plötzlich durch ihre Glieder, sie fühlt, wie ihr alles Blut siedend in die Wangen steigt, – ja, ja, sie versteht ihn! Und wenn sie seine ganze, volle Genialität noch nicht fassen und begreifen kann, so wird sie es lernen, das weiß, das fühlt sie.

»Todesschatten umwallen mein Haupt –
Schon reißt in den Händen der Norne der Faden,
Ein letzter Pulsschlag braust mir zum Herzen –
Liebe erfüllt ihn, Liebe, du Hohe, du Reine, zu dir!«

Welch ein Ausdruck der Stimme, welch eine herzbezwingende Gewalt zauberischer Harmonien!

«Todesschatten umwallen mein Haupt …«

Malwine schaudert zusammen. Ist dies wahrlich ein Schwanengesang? Ihr deucht es selber, daß seine Seele ihr tiefstes, reichstes, innigstes Leben in diesen Klängen ausströmt.

»Klingendes Herzblut …« – die Worte hallen ihr schrill und todesweh durch den Sinn.

Ein Beifallssturm umbraust den Sänger-Komponisten nach dem sekundenlangen atemlosen Schweigen, welches seinem Vortrag folgte.

Auch Malwine hat ihm gedankt – aber erst spät, ganz zuletzt, als er zu ihr trat und fragte: »Sind auch Sie zufrieden mit mir?«

Was sie auf seine scherzenden Worte erwidert, weiß sie nicht. Aber er hat es wohl in ihren Augen gelesen, wie sie es meinte, denn er blickte lange und forschend hinein.

»Ich möchte Ihnen gern einmal ein paar Partien meines neuesten Werkes, an welchem ich jetzt arbeite, vorspielen, mein gnädiges Fräulein. Haben Sie wohl Zeit für einen fahrenden Sänger?«

Sie versicherte ihn, daß er im Hause ihrer Eltern stets willkommen sein werde, und daß er ihr keine größere Freude bereiten könne, als durch die Erfüllung dieses Vorhabens!

Er dankte sichtlich erfreut und drückte ihre Hand.

»Ich werde kommen!«

Dann umringten ihn die alten Damen aus dem Nebenzimmer, man plauderte noch kurze Zeit, dann verabschiedete man sich. Zum erstenmal schied Malwine ungern aus einer Gesellschaft.

II.

Das war eine wunderliche Nacht.

Malwine wußte sich nicht zu entsinnen, daß sie jemals im Leben eine Nacht durchwacht hatte, kaum während der wenigen Kinderkrankheiten, welche sie durchgemacht.

»Malwine schläft sich immer wieder gesund!« hatte die Mutter oft gesagt und voll Stolz manch Anekdötchen über den gesunden Schlaf ihrer Tochter erzählt, – und heute?

Mit weit offenen Augen lag sie in den Kissen und wartete auf die Müdigkeit, welche nicht kommen wollte.

Vor ihren Ohren summte es wie Musik; all die Melodien, welche sie am Abend gehört, waren wunderholde geflügelte Genien geworden, die tanzten einen phantastischen Reigen um ihr Lager, die legten ihre glühheißen Händchen auf ihre Stirn und ihr Herz und blickten sie mit dunklen Augen an, lächelnd, mitleidig, selig und traurig zugleich.

Eine Stimme aber zog wie ein Echo voll traumhafter Süße durch die stille Nacht, die sang immer nur dieselben Worte, weh und klagend wie die Seufzer eines Sterbenden:

»Todesschatten umwallen mein Haupt …«

Und dann ging es wie ein Schauern und Frösteln durch die Seele des jungen Mädchens, obwohl ihre Wangen wie im Fieber brannten.

Ob sie auch die Augen schloß, sie sah doch ein bleiches, sinnendes, schier verklärtes Angesicht, welches sich ihr zuwendet und mit unbeschreiblichem Blick in ihre Augen voll schwärmerischer Innigkeit singt:

»Verstehst du mich, Weib,
Kannst du's begreifen.
Was flammenauflodernd
Und göttergewaltig
Die Brust mir durchglüht?«

Nein, noch konnte sie es nicht begreifen!

Sie stand wie vor einem Rätsel.

Die Männer, welche bisher ihren Weg gekreuzt, die verstand und begriff sie, denn es waren zumeist Soldaten wie ihr Vater, – und sie glichen ihm.

Verkörperte Prosa, praktisch, reell denkend bis in die tiefsten Herzensfasern hinein, edel, brav, kernig, furchtlos und schroff, – hart und anspruchsvoll gegen sich selbst und gegen andere, – Menschen, vor deren scharfem und klarem Blick alle Phantome zerrannen, die kein Sinnen und Träumen, sondern nur Taten und nüchterne Arbeit kannten, die keine liebliche Muse mit Rosenlippen geküßt, sondern nur das geharnischte, eherne Weib, die Pflicht, mit rauher Hand gebieterisch durch das Leben führte.

Welch ein Unterschied zwischen ihrem Vater und Helmut Novalla, dem idealen, schwärmerischen Künstler!

Malwine war es, als sei plötzlich ein dichter Nebel vor ihren Augen zerronnen.

Alles, was sie unbewußt entbehrt und ersehnt hatte, was sie an dem Vater und den anderen vermißte, ohne sich dessen klar zu werden, das fand sie in dem jungen Komponisten, und weil es gar so neu und fremd für sie war, und weil es ihrem eigenen Wesen und Charakter so fern stand wie die Nacht dem Tage, – darum machte es einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf sie.

Malwine stand urplötzlich vor ihrem Schicksal, diesem lächelnden Weib mit den Sonnenaugen, welches an keinem Sterblichen vorübergeht, welches auch den Verborgensten findet und mit seinem weißen Finger zeichnet, »und nähme er selbst Flügel der Morgenröte!«

Der Soldat in Mädchenkleidern, die nüchterne, resolute und resignierte Malwine hatte die Liebe nie gesucht und nie begehrt, darum trat sie ihr ungerufen in den Weg und berührte erbarmungslos mit kühlen, ernsten Lippen ihre Stirn.

Was ihr an dem fremden Künstler so bezaubernd und hinreißend erschien, das süße Schmachten und Schwärmen, das war ihr selber ganz unmöglich. Und darum stand sie am anderen Morgen ebenso wie an allen anderen Tagen auf ihrem »Posten« bei der Arbeit, stärkte die Wäsche und führte den Bolzen, und wer in ihr ruhiges, unverändert ernstes Gesicht schaute, der ahnte nicht, daß dieses kahle und duftlose Lebensbäumchen über Nacht eine Knospe getrieben, frisch und schwellend, bereit, der ersten und einzigen Blüte die Hülle zu sprengen.

Stunde um Stunde verging.

Wieder und immer wieder huschte Malwines Blick durch das Souterrainfenster nach der Straße empor, – aber sie vergaß nichts und versäumte nichts, – und wenn auch für ihr Herz und all seine scheuen, heimlichen Gedanken ein großer, heiliger Sabbat angebrochen war, hier im Hause war es Werktag wie stets zuvor.

Ein leichter, schneller, etwas unregelmäßiger Schritt auf den Steinplatten draußen, – die Glocke an der Haustür tönt, und Malwine streicht, tief aufatmend, mit den schlanken, kräftig-großen Händen über das glatt gescheitelte Haar und sagt zu dem Hausmädchen:

»Öffnen Sie, und wenn es Besuch ist, führen Sie ihn in den Salon; ich komme sogleich.«

Sie sagt es so ruhig und gebietend wie stets, nicht eine Wimper zuckt in dem vollwangigen Antlitz, nur die Röte
vertieft sich um einen Schein, und die Finger, welche die Schürze abbinden, greifen nicht so fest zu wie sonst.

»Herr Doktor Novalla möchte seine Aufwartung machen; – ich bat ihn, einzutreten.«

Dore legte die Visitenkarte auf das Plättbrett nieder und wandte sich gleichgültig dem Korb mit der eingesprengten Wäsche wieder zu, – sie war es nicht gewohnt, daß ihre Gebieterin sich mit ihr des längeren unterhielt.

»Melden Sie den Besuch bei dem Herrn Oberst und der gnädigen Frau an!«

»Die Herrschaften sind vor ein paar Minuten in die Stadt gegangen.«

»So, dann benachrichtigen Sie gnädige Frau sofort, wenn sie zurückkommt.«

Zum erstenmal im Leben sagte Malwine etwas Überflüssiges, zum erstenmal empfand sie eine Verlegenheit, welche sie nicht zeigen wollte.

Hastig wandte sie sich um und schritt die Steintreppe empor, nach dem Erdgeschoß.

Der Gedanke, noch einen Blick in den Spiegel zu werfen, durch irgendeine kleine Zutat ihren äußeren Menschen zu verschönen, kam ihr gar nicht in den Sinn. Und doch schlug ihr das Herz, als wolle es zerspringen.

Sie trat in den Salon. Doktor Novalla wandte sich hastig von dem Klavier zurück. Er hatte einen Stoß Noten, welcher seitlich des Instruments auf einer kleinen Etagere lag, durchblättert.

Lächelnd hielt er ein abgegriffenes kleines Heft empor. »Diese Etüden und Sonaten verraten mir, daß der heilige Clementi auch an Ihnen nicht spurlos vorübergegangen ist!« scherzte er und drückte ihr fest und herzlich die Hand. »Das muß jetzt anders werden. Sie dürfen nur noch Novalla spielen!« und dann setzte er sich in seiner nervös-hastigen Weise auf den nächsten Sessel nieder und nickte ihr beinah wehmütig zu: »Ja, da bin ich nun, mein gnädiges Fräulein, ein Geist, welchen Sie gerufen haben! Nun sehen Sie zu, wie Sie mich wieder loswerden!«

Seine heitere Art wirkte sehr angenehm auf Malwines eigenartige Seelenstimmung, und wenn es ihr auch nicht möglich war, auf seinen scherzenden Ton einzugehen – der Humor fehlte ihr gänzlich, – so war doch ein harmloses Gespräch angeregt, welches sich bald lebhaft und interessant gestaltete.

Fräulein von Ries hatte dem jungen Komponisten schon am gestrigen Abend erzählt, daß der Bruder ihrer Mutter Generalintendant des Königlichen Theaters zu X. sei, und daß sie während längerer Besuche daselbst Gelegenheit gehabt habe, viele und gute Musik, sowie viele der bedeutendsten Sänger und Sängerinnen zu hören.

Dieses Thema schien Novalla sogleich interessiert zu haben. Auch jetzt lenkte er das Gespräch darauf zurück, nachdem er sich sehr höflich nach Frau von Ries erkundigt und Malwine die Eltern bei ihm entschuldigt hatte mit der Versicherung, daß dieselben wohl baldigst zurückkehren würden. And nun mußte sie wieder von ihrem Besuch bei dem Onkel erzählen, von ihren interessanten Bekanntschaften, von den Aufführungen einzelner Werke.

Malwine hatte zumeist mit viel nüchterner Sachlichkeit von diesen Erlebnissen gesprochen, anerkennend und befriedigt, doch ohne die mindeste Begeisterung oder wärmeres Empfinden, denn das Theater war ihr stets ein fernliegender Begriff gewesen, auf welchen ihr Vater nicht einmal gut zu sprechen war.

»Narrheit und Firlefanz« nannte er die dramatische Kunst, welche in ihrer modernen Richtung nur eine polizeiwidrig laxe Moral predige, die Sitten verderbe und unerfahrenen Frauenzimmern ein böses Beispiel gebe! Der Leichtsinn sei ohnehin groß genug in der Welt, man brauche ihn wahrlich nicht noch extra mit elektrischem Licht zu beleuchten!

Malwine hatte zu solcher Kritik nur ganz einverstanden genickt und hinzugefügt: »Seit unsere Hanne ihre paar Groschen jeden Sonntag ins Theater trägt, ist sie für die Küchenarbeit unbrauchbar geworden! Das Geld wird verplempert und der Kopf verdreht – und Hanne ist nicht das einzige Opfer des Theaterteufels!«

Dies alles schien Malwine jetzt völlig vergessen zu haben. Die so schwärmerisch leuchtenden Augen in dem blassen Gesicht glichen Zauberseen, in welchen alles rettungslos versank, was ehemals die Grundsteine ihrer Ansichten gebildet. Sie hatte viel und geistreich in dem Hause des Onkels über Musik reden hören.

Damals hatte sie nur aus Höflichkeit zugehört, jetzt machte sie plötzlich Gebrauch von diesen Kenntnissen. Sie brüstete sich durchaus nicht damit, als seien es ihre eigenen Ideen, dazu war sie viel zu ehrlich und »pflichtgetreu«, aber sie erzählte von den Anschauungen und Meinungen dieses oder jenes Kapellmeisters, von den Eigenarten der Sänger, welche oft an wunderlichen Kleinigkeiten hängen, soll ihnen eine Rolle besonders zusagen.

Und Novalla hörte voll brennenden Interesses zu, zeigte es in seiner lebhaften und genial-ungenierten Weise so ehrlich, wie ihn die Unterhaltung fessele und anmute, daß sich die Röte auf Malwines Wangen immer mehr vertiefte und ihre Sprache beredt und ihre Augen glänzend wurden wie nie vorher. Man hatte sie ja nie im Leben durch viel Interesse ausgezeichnet, und sie hatte weder Teilnahme verlangt noch sonderlich erzeigt, sie glaubte viel zu vernünftig zu sein, um nach Liebenswürdigkeiten der Männer zu fragen, sie legte keinen Wert darauf und entbehrte sie nicht.

Aber in jedem Frauenherzen, und wenn es das kühlste und resignierteste ist, schläft unter aller Asche der Gleichgültigkeit doch ein winziges Samenkörnlein, die Eitelkeit, welches nur ein einziger Sonnenstrahl zu treffen, ein einziger Tautropfen zu netzen braucht, um es treiben, grünen und blühen zu lassen, oft als erstes Maienreislein, welches sich breit macht im Herzen, wächst und wächst und es mit der Zeit zum größten Teile ausfüllt, manchmal aber auch als Johannistrieb, welcher einmal nur in später Zeit Knospen ansetzt, um von baldigen Herbstfrösten zu Tode gefroren zu werden.

Walwine ward sich kaum klar über das glückselige Gefühl, einen Mann durch ihre Unterhaltung zu interessieren, es hatte sich wie zarte, rosenrote Wölklein über all ihr Denken und Sinnen gebreitet, sonst hätte ihr sonst so scharfer Verstand wohl bald bemerkt, wie es nur der Generalintendant und seine für einen Komponisten so einflußreiche Stellung war, welcher Novallas Aufmerksamkeit fesselte.

Malwine aber blickte in die dunklen, träumerischen Augen, lauschte der weichen Männerstimme mit dem schwermütigen Klang, und ohne daß sie es selber merkte, spann der süße Zauber einer ersten, tiefen Neigung die goldenen Fäden um ihr Herz.

Es dauerte lange, bis Herr und Frau von Ries heimkehrten, aber den Plaudernden war die Zeit verflogen wie ein Traum, und als Novalla sich endlich verabschiedete, hatte er auch auf Malwines Mutter einen recht sympathischen Eindruck gemacht, obwohl sie sich mit herb geschlossenen Lippen an ihren Nähtisch setzte und überlegte: »Ein netter Nensch, – auch ein recht hübscher, interessanter Mann. Aber – du lieber Gott! – Er scheint sich gut mit Malwine zu unterhalten und um ihretwillen gekommen zu sein, – na, und dann muß ihm entschieden das Beste zum Freier, die nötigen Dukaten, fehlen! Wie sollte zu uns ein solches Glück kommen? Uns geht ja alles quer im Leben!«

Der Oberst äußerte sich nicht über den Besuch, welcher ihm sicher sehr gleichgültig gewesen.

Er brummte etwas über unvorschriftsmäßig lange Haare, zu viel Weichlichkeit und das verdammte Parfüm im Schnupftuch – und zog sich in sein Zimmer zurück, wo die Mittagszeitung auf ihn wartete.

Malwine aber ging wieder schweigend an ihre Arbeit und rührte emsig die Hände. Über ihrem sonst so kühlen Antlitz lag etwas wie eine stille Glückseligkeit, ein fremder, milder Glanz, welcher es verklärte. Das bemerkte aber niemand, denn das gnädige Fräulein war keinem Menschen jemals verändert erschienen, darum hatte man es aufgegeben, sie zu beobachten.

Oberst von Ries war in allen Dingen korrekt; er gab nach zwei Tagen bei seinem Hausarzt eine Karte für Doktor Novalla, welcher sich just auf der Promenade befand, ab.

Dann vergingen abermals zwei Tage, und Malwines Mutter überlegte gerade, ob und wann sie den Komponisten einladen müßten, und ob es vorteilhafter sei, kaltes oder warmes Abendbrot zu geben, als ihre Tochter eiliger als sonst in das Zimmer trat und der Mama schweigend einen Brief hinhielt.

»Was ist denn los?« fragte Frau von Ries mißmutig. »Du siehst, daß ich den Vogelkäfig neu bronziere und das Papier nicht anfassen kann!«

»Eine sehr liebenswürdige Einladung von Sanitätsrats für heute abend. Es soll musiziert werden, und fragen sie an, ob es mir Freude machen würde, neue Kompositionen Novallas kennenzulernen.«

»Willst du hin? – Meinetwegen.«

Die Frau Oberst pinselte so eifrig an ihrem Gitter, daß sie gar nicht merkte, wie verändert die Stimme ihrer Tochter klang.

Wie sollte sie auch! Das hatte sie ja noch nie im Leben getan, wie sollte sie gerade jetzt beben und stocken?

Ach nein, solche Beobachtungen hatte Frau von Ries längst aufgegeben.

Sie sah auch nicht die leuchtenden Augen Malwines, sie hörte nur: »So werde ich zusagen!« – nickte und tupfte und pinselte weiter an dem altersschwachen Vogelhaus.

Am Abend zog sich Malwine schon früher als sonst zurück, um sich anzuziehen.

Ehemals hatte der Spiegel nur als unnütze Wanddekoration im Zimmer gehangen, heute wurden sogar noch extra zwei Lichter davor angesteckt und das geschliffene Glas mit dem Staubtuch vorher noch einmal blitzblank gerieben.

Fräulein von Ries hielt sogar sekundenlang die Brennschere in der Hand, legte sie aber errötend wieder nieder und blickte sich ganz verlegen um, ob auch niemand Zeuge dieses unsinnigen Vorhabens gewesen sei.

Die Haare brennen! Sie hätte es wirklich ganz gern getan, denn die Mutter hatte einmal gesagt: »Die Ballfrisur mit dem welligen Scheitel steht dir so gut, Malwine, sie macht dich um fünf Jahre jünger!«

Wie gern möchte sie heute recht jung und hübsch aussehen, aber was sollten die Eltern sagen und was würden die Menschen denken! Sie glaubten womöglich, sie putze sich für …

Malwine hielt ganz erschrocken im Denken inne, errötete noch mehr und legte das Eisen hastig in die Schublade zurück.

Um Gottes willen nicht auffallen!

Dieser Gedanke ist ihr seit jeher furchtbar gewesen, er paßte so gar nicht zu den peinlich korrekten Ansichten, in welchen sie erzogen war.

Und warum auch auffallen? Es war ja so gar nichts Besonderes oder Hübsches an ihr zu sehen, und sie war bisher froh darüber gewesen, wenn sie recht unbeachtet und unbemerkt ihren geraden, ebenen Lebensweg gehen konnte.

Welch eine Veränderung war plötzlich mit ihr vorgegangen?

Sie fragt es sich selber und gibt sich doch keine Antwort darauf, im Gegenteil, sie möchte es machen wie ein Kind, welches die Augen schließt, um eine Gefahr nicht zu sehen.

Wendet das dieselbe ab?

Auch das möchte sie glauben voll kindlicher Sorglosigkeit und möchte sich plötzlich nur des Lebens freuen und es, ohne nachzudenken und ohne zu sinnen, genießen.

Dieselbe Malwine, welche noch vor wenig Tagen das Leben so schwer und ernst genommen. Sonst trug sie mit Vorliebe dunkelfarbige Kleider, heut hielt sie die hellblaue Toilette, welche ihr die Tante Generalintendant geschenkt – eine plötzliche Trauer ließ sie ihr entbehrlich erscheinen – nachdenklich in der Hand und schwankte ein paar Minuten, ob sie dieselbe anlegen solle oder nicht.

Dann schüttelte sie abermals mit leichtem Erröten den Kopf.

Wo waren heut nur ihre Gedanken! Es werden höchstens fünf oder sechs Menschen bei Sanitätsrats anwesend sein, dazu wählt man keine Dinertoilette, oder man macht sich lächerlich. Sie zieht eine schwarz und weiß gestreifte Bluse und einen schwarzen Rock an. Ihr Blick fällt auf die schönen, vollblühenden Kamelien auf dem Fensterbrett, – einen Augenblick verlegenen Zögerns, eine weiße oder eine rote?

Und sie schneidet eine rote ab und steckt sie mit unsicheren Händen an dem Busen fest.

Wie wunderlich ihr das vorkommt! Sie ist es so gar nicht gewöhnt, sich zu putzen.

Sie legt auch den Mantel um, ehe sie sich von den Eltern verabschiedet, sie schämt sich förmlich bei dem Gedanken, daß man die Blume als etwas Außergewöhnliches entdecken könnte.

Und dann schreitet sie hastig in den dunklen, frühen Abend hinaus.

Die Schneeflocken stieben in tollem Tanz um sie her und der Wind fährt mit leisem Klang durch die Baumkronen des Gartens, das Flackerlicht der Laternen zuckt unruhig über die Trottoirplatten, und tiefe, schwarze Schatten fallen über den Weg.

»Todesschatten umwallen mein Haupt …«

Wie ein Echo ziehen die Worte im Klang seiner Stimme durch ihr Herz, und Malwine friert plötzlich und schreitet hastiger aus, als müsse sie eilen, wenn sie das blasse Antlitz mit den fieberheißen Augen noch einmal sehen wolle.

Welch ein unbeschreiblich schöner, zauberhafter Abend.

Welch ein Plaudern, Lachen. Scherzen! – Malwine entsinnt sich nicht, jemals im Leben so froh und glücklich gewesen zu sein.

Nach dem Abendbrot wird wieder musiziert. Diesmal sind es fast ausschließlich heitere und lyrisch schwärmerische Lieder, welche erklingen, und wenn auch die dramatisch düsteren Arien und Rezitative dem jungen Komponisten besser liegen, so entzückt er die Zuhörer doch beinahe noch mehr durch diese lebensfrohen Vorträge, denn die Stimmung ist ihnen entsprechender.

Malwine lauscht mit glühenden Wangen den süßen Liebesworten, dem kecken, siegfreudigen Minnen und Werben, und wenn die dunklen Augen sie dabei suchen und mit unbeschreiblichem Blick in die ihren tauchen, dann überkommt es das stille Mädchen plötzlich wie ein heißes, ungestümes Verlangen nach Leben, Glück und Liebe, nach all der heiteren, rosigen Daseinslust, welche ihr bislang so ferngeblieben und an welche sie doch auch ein Recht hat, das große, heilige Recht eines jeden Menschenherzen!

Der Sanitätsrat setzt sich zu ihr und hat ihr viel Vertrauliches zu erzählen von den vielen Kabalen und Hindernissen, welche ein junger Komponist auf seinem Werdegang zu überwinden habe, von den ungeheuren Vorzügen, welche es hat, wenn er bei hervorragenden Intendanten oder Kapellmeistern gut empfohlen wird.

Malwine blickt lebhaft auf.

»Glauben Sie, daß Onkel Karl ihm nützen kann?« fragte sie fast atemlos.

»Der Generalintendant? Nun, das versteht sich, mein gnädiges Fräulein! Wenn Helmuts neue Oper zuerst an dem so hervorragenden Hoftheater unter wohlwollender Leitung Ihres Herrn Onkels aufgeführt würde bei einer so glänzenden Besetzung der Rollen, wie sie dort möglich ist, dann wäre Helmuts Glück gemacht. Läge es wohl in Ihrer Macht, ein freundliches Wort für unseren jungen Künstler bei Ihrem Herrn Onkel einzulegen?«

Malwine stimmt eifrig zu; ihre Augen leuchten in Entzücken, daß sie, gerade sie, so gut mit dem Onkel steht, daß sie Novalla die Wege ebnen kann, daß sie zu etwas nütze ist auf der Welt!

Der Sanitätsrat ist hocherfreut.

»Sie ahnen nicht, mein gnädiges Fräulein, welch einen Freundschaftsdienst Sie ihm dadurch erweisen würden!«

Und dann spricht er von der Persönlichkeit seines Neffen, welch ein ideal beanlagter vortrefflicher Mensch er sei, wie er seit dem Tode seiner Eltern so einsam lebe und wie gut es für ihn sein würde, wenn er heiratete. Seine pekuniäre Lage sei eine sehr günstige, nur mit der Gesundheit stehe es momentan noch schlecht, doch werde da gerade ein geregeltes, glückliches Eheleben wahre Wunder tun.

Malwine hat die Hände um den Fächer gekrampft, sie atmet kaum und ihre Lippen beben.

Um etwas zu erwidern, lenkt sie das Gespräch wieder auf ihren Onkel zurück, und da der junge Komponist in diesem Augenblick neben sie tritt und sich an der Unterhaltung beteiligt, gewinnt sie ihre Harmlosigkeit zurück.

Helmut ist beseligt bei dem Gedanken an Malwines Fürsprache.

Er nennt sie seinen guten Engel, seine Lady patroness, welche seinem Leben neuen Inhalt verleihe, und dann schmieden sie voll glücklichen Eifers Pläne, was zu tun sei, um Onkel Karl am wirksamsten für die neue Oper zu interessieren.

Gleich morgen wird Malwine an ihn schreiben, und dann muß die Partitur eingeschickt werden, Novalla muß sich dem Generalintendanten persönlich vorstellen, Fräulein von Ries wird es so einrichten, daß sie in dieser Zeit just im Hause des Onkels zu Besuch weilt, – nun, und dann wird eben alles nach Wunsch gehen!

Welche Zuversicht, welch ein Pläneschmieden von all den schönen Tagen, welche sie dann gemeinsam in der Residenz verleben werden! Von Musik, Kunst – allem Schönen, was Geist und Seele erquickt!

Solch ein Plaudern von gemeinsamen Interessen führt die Menschen schnell zusammen.

Es deucht Malwine, als sei Doktor Novalla schon seit langen, langen Jahren ihr bester Freund gewesen, und doch ist ihr alles so neu, so zauberhaft, glückselig neu!

Die Sanitätsrätin aber steht mit ein paar Damen abseits und blickt voll mütterlichen Wohlwollens zu Fräulein von Ries hinüber.

»Ich habe gar nicht geahnt, daß Fräulein Malwine so sehr musikverständig ist! Sehen Sie doch, in welche Begeisterung sich die beiden hineinreden! So jung und hübsch ist mir das Mädchen noch nie erschienen wie heute abend, ich habe sie stets für etwas pedantisch und in ihrem ungeheuren Pflichtgefühl für geradezu altjüngferlich gehalten. Nun sieht man mal wieder, wie man sich irren kann!«

»Du liebe Zeit, wo sollte sie hier auch ihre Kunstinteressen betätigen!« sagte eine ältere Gesanglehrerin, welche ehemals Konzertsängerin gewesen war, und zuckte seufzend die Achseln. »Hier in der Stadt hat man kein Verständnis für Ideale, und wie wenig die Kunst gepflegt wird, wissen wir alle! Gott sei es geklagt, hier ruhen die Künstler wahrlich nur darum auf ihren Lorbeeren, weil sie die Matratzen versetzt haben!«

Welch selige, wonnevolle Tage waren das plötzlich! Zwar sah kein Mensch es Malwine an, daß ihre ganze Seele ein Meer voll Glanz und Licht geworden war, sie verrichtete unverändert still und gewissenhaft ihre Obliegenheiten in Haus und Hof, und wohl nur der feinen Beobachtung eines Menschenkenners wäre die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen, aufgefallen.

Malwine hatte dem Onkel einen Brief geschrieben, welchen ihr begeistertes, glückzitterndes Herz diktiert hatte, und der darum nicht ohne Wirkung geblieben war.

Der Generalintendant antwortete umgehend, sehr liebenswürdig und interessiert und voll schmeichelhafter Anerkennung über das erste Werk Novallas, welches zu großen Hoffnungen berechtige. Er schlug selber vor, der Komponist solle die Partitur persönlich bringen und ihn und den Hofkapellmeister mit der Musik und dem Inhalt der neuen Oper bekanntmachen.

Herr und Frau von Ries hatten Sanitätsrats und ihren talentvollen Gast just zu einem »freundschaftlichen Abendessen« gebeten, als der Brief eintraf und Malwine überreichte ihn mit flammenden Wangen dem jungen Komponisten.

Novalla war auf dem Gipfel alles schwärmerischen Entzückens: die besten Beziehungen zu einer für ihn so wichtigen Hofoper waren angeknüpft, und die Tragweite eines eventuellen Erfolgs für alle Zukunft außerordentlich.

Die Freude und das dankbare Entzücken leuchteten ihm aus den Augen, seine Blicke, sein Händedruck, seine leise geflüsterten Worte versetzten Malwine in einen wahren Wonnerausch.

Da erschloß sich an dem kahlen, duftlosen Baum ihres Lebens die erste und einzige Blüte der Liebe, heimlich und verborgen, aber genährt von Lebensmark und Herzblut, ein spätes Frühlingsreis, an welchem der ganze Baum verblutet, wenn es das Schicksal mit grausamer Hand herniederreißt.

Novalla bestand darauf, umgehend nach X. abzureisen, um das Eisen zu schmieden, solange es heiß war. Der Sanitätsrat schüttelte mißbilligend den Kopf. »Es ist ein Unsinn, Helmut! Warte gelinderes Wetter und eine Besserung deiner Erkältung ab! Du darfst bei dieser Kälte nicht reisen!«

Aber Novalla schüttelte aufgeregt den Kopf. »Es hängt zu viel davon ab, Onkel! Ich muß es!« beharrte er.

Auch Malwine bat, noch acht Tage zu warten, da sie vordem nicht abkömmlich hier sei und doch gern seiner Unterredung mit dem Onkel beiwohnen möchte!

Aber der junge Komponist versicherte sie, daß er seinen Aufenthalt in X. auf Wochen ausdehnen werde und vorerst nur alles Geschäftliche abwickeln wolle, ihre schönen Pläne sollten sich alsdann um so sicherer verwirklichen.

Und er setzte sich an das Klavier und sang den Jubel seines Herzens in zaubersüßen Liedern, daß selbst der Oberst die Whistkarten niederlegte und anerkennend nickte: »Donnerwetter, welche Stimme! Solch einen Tenor zum Kommandieren!«

Helmut Novallas Blick aber traf wiederum Malwine, und er sang, bis ein jäher Husten ihn unterbrach und der Sanitätsrat energisch das Klavier schloß.

III.

Als die Gäste sich verabschiedet hatten, war Frau von Ries erregter als sonst.

Auf ihren hageren Wangen leuchteten rote Flecken und ihr Blick hing in unruhigem Forschen an dem Antlitz der Tochter, welche gewohnheitsgemäß das aus der Küche heraufgesandte und frisch geputzte Silber an dem nämlichen Abend noch in seiner Truhe verwahrte.

Sie verrichtete diese Arbeit ebenso geschäftsmäßig und ordentlich wie sonst, ohne einmal voll schwärmerischer Zerstreutheit aufzusehen ober sich zu verzählen, wie dies sonst bei verliebten Mädchen üblich ist.

Und doch war – doch mußte sie in den Künstler von Gottes Gnaden verliebt sein!

Frau von Ries hatte sie bei dem Abschied von Novalla beobachtet, sie sowohl wie ihn.

Wie blickten sie einander in die Äugen! Wie erglühte Malwine bei seinen leise geflüsterten Worten, wie ausdrucksvoll küßte er ihr die Hand!

Wäre es möglich? Sollte sich da noch ein kleiner Roman anspinnen, jetzt noch, wo die Frau Oberst doch längst alle Hoffnung aufgegeben, ihre kühlherzige Tochter unter der Haube zu sehen?

Wie wäre solch ein Glück in ihrem Hause möglich? Denn ein Glück würde es sein.

Die Sanitätsrätin hatte ihr im Sofaeckchen vertrauliche Mitteilungen über den jungen Komponisten gemacht.

Er war in guter, beinah glänzender Lage. Seine Mutter, eine geborene Hamburgerin aus dem alten Patriziergeschlecht der Nachlers, hatte ein außerordentliches Vermögen mit in die Ehe gebracht, von welchem der gewissenhafte Justizrat Novalla nichts verbraucht, sondern alles für die beiden einzigen Kinder, Helmut und dessen Schwester Kläre, einer jetzigen Frau Leutnant von Hausmann, erhalten hatte.

Nach dem Tode der Eltern, hatten beide den Besitz des großen Vermögens angetreten, und Helmut konnte sich seiner Passion, zu komponieren, ruhig hingeben.

Er lebte viel auf Reisen und in großen Städten. Doch gerade dieses ungeregelte Leben und der Verkehr in Künstlerkreisen, welcher ja recht anregend, aber auch sehr aufreibend ist, da das wunderliche Völkchen der Gottbegnadeten ja zumeist des Nachts lebt, taugte nicht für Helmuts zarte Gesundheit, und so hoffe man sehr, daß der junge Mann nun ernstlich daran denke, sich einen eigenen Hausstand zu gründen.

Und bei diesen Worten hatte die Sprecherin der Frau von Ries so vielsagend zugelächelt, daß diese in ihrer Überraschung ganz vergessen hatte zu fragen, ob die Erwählte eines solchen Genies nicht auch eine hervorragende Künstlerin sein müsse?

Nun saß sie in tiefe Gedanken verloren und blickte erwartungsvoll auf die Tochter, ob diese ihr denn keine Andeutung machen werde, ob das Benehmen des Doktors zu Hoffnungen berechtige oder nicht.

Aber Malwine stand so ruhig und gelassen vor ihrem Silber, und sah wohl etwas erhitzt, aber nicht im mindesten aufgeregt aus.

Je nun, das war ja auch nicht ihre Art. Ihr so außergewöhnlich lebhaftes Wesen dem Komponisten gegenüber sagte ja genug: er gefiel ihr! Einen Korb wird
sie ihm niemals geben, nun, und die Gewißheit genügte der vergrämten Frau.

Inniger als sonst schloß sie die Tochter, als diese ihr gute Nacht sagte, in die Arme, und dann lag sie noch eine Zeitlang wach im Bett.

Die Sanitätsrätin war dafür bekannt, daß sie gern ein wenig renommierte, – aber der Name Nachler sprach in diesem Fall für sich, – und daß sie gerade der Frau Oberst all diese Eingeständnisse machte?

Zum erstenmal seit langen Jahren spielte ein Lächeln um die farblosen Lippen der verbitterten Frau, als sie die Augen schloß.

Währenddessen erörterten auch Sanitätsrats dies interessante Thema.

»Er scheint sich wirklich für Malwine zu interessieren!« sagte die Gattin, »ein wunderlicher Geschmack! Aber die Gegensätze berühren sich ja so oft, und einen so kränklichen Mann wie Helmut muß solch frische, blühende Walkürenkraft entzücken! Es würde mich sehr freuen, Malwine ist ein vortreffliches Mädchen, und daß sie bis über die Ohren in ihn verliebt ist, sieht ja ein Blinder! Die Erregung steht ihr gut und macht sie jung und mädchenhaft, ich finde sie in den letzten Tagen auffallend verändert!«

Der Sanitätsrat legte seine Krawatte bedächtig auf den Toilettentisch und zuckte die Achseln. »Glaubst du wahrlich, daß Helmut ans Heiraten denkt und Ernst machen wird? Anfänglich glaubte ich es auch, weil er ihr tatsächlich den Hof macht. Aber ich überlegte mir, daß dies Künstlermanier ist. Schmachten und Schwärmen gehört da zum täglichen Brot und wird nicht ernsthaft genommen. Du weißt, daß Helmut stets sehr impulsiv war. Auch halte ich es nicht für unmöglich, daß er in diesem Falle etwas jesuitisch denkt und Malwine nur als ›Weg‹ zum Onkel Generalintendant erachtet!«

»Pfui, das wäre arg!«

»Aber menschlich!«

»Das würde ich ihm nie verzeihen! Malwine ist eine Natur, welche an unglücklicher Liebe zeitlebens kranken würde!«

»Hoffen wir also das Beste!«

»Ich werde ihm einmal Moral predigen!«

Der Sanitätsrat zog scherzend die Schultern hoch. «Dann Gnade Gott dem jungen Mann! Das Moralpredigen verstehst du, Mütterchen! Mir geht die Reise des zukünftigen Bräutigams weit mehr im Kopf herum, ich halte sie bei dieser Kälte für einen Unfug! – Vielleicht würdest du dir mehr Verdienst erwerben, wenn du ihm diese Idee ›auspredigen‹ würdest!«

»Mit einem Sieb schöpfe ich kein Wasser! Von dieser Reise hält ihn keine Macht der Welt zurück, er fiebert ja vor freudiger Erregung und Hingeduld!«

»Je nun, – dann laß ihn fahren dahin!« gähnte der alte Herr. »Vielleicht ist's ja wirklich von großem Vorteil für ihn! Und nun gute Nacht, Mütterchen! Denk' dir einstweilen ein recht schönes Verlobungsmenü aus!«

Und auch Sanitätsrats schliefen in recht gehobener Stimmung ein.

Nur Helmut und Malwine schliefen nicht.

Ersterer schrieb noch ein paar flüchtige Zeilen an seine Schwester,

»Herzenskläre!

Morgen reise ich nach X. – Die besten Beziehungen zu dem dortigen Generalintendanten sind angeknüpft und hoffe ich, daß mein sehnlichster Wunsch, meine neue Oper dort zur Premiere anzubringen, in Erfüllung geht. Ich danke die Vermittlung einer sehr netten, scharmanten jungen Dame, welche mir überaus gut gefällt, wohl darum, weil wir so sehr verschieden sind. – Auch Dir würde sie gefallen. Du liebst ja auch das Solide so sehr und fürchtest stets, ich könne in die Netze einer Diva geraten! – Wenn ich einmal heiraten soll, so weiß ich jetzt wenigstens, wie die Betreffende sein muß! – Also halte den Daumen, daß alles glückt, – die Premiere und – die Heirat!

Dein ganz übermütiger Helmut«

Während er dies schrieb, stand Malwine an dem Fenster und blickte zu dem klaren Nachthimmel empor. Sie faltete krampfhaft die Hände. Es war ihr, als müsse sie aus tiefstem Herzensgrund ein Gebet voll banger Angst zum Himmel senden. Ihre heißen Wangen waren kühl und blaß geworben, ihr erst so glückselig bebendes Herz schwer, – unbegreiflich und unfaßlich weh und schwer.

Zwischen all dem Lachen und Singen und Klingen hindurch tönte es wie eine Totenglocke durch ihre Seele:

»Todesschatten umwallen mein Haupt …«

Tief aufatmend schlief sie endlich ein, ein Seufzer lag noch auf ihren Lippen und schwere Träume quälten sie. – Eine Rose erschloß sich vor ihrem Blick, eine köstliche, purpurne Rose. Entzückt griff sie danach, sie zu pflücken, – da entblätterte sie plötzlich und zerrann wie ein Tränenstrom zwischen ihren Fingern.

Träume sind Schäume.

Schon der nächste Morgen bewies es

Die Tür ward hastig geöffnet und Frau von Ries trat über die Schwelle.

Sie sah sehr erregt aus. Die schmalen Wangen waren gerötet, die Lippen bebten.

In ihrer Hand duftete ein herrlicher Rosenstrauß, ein länglich großer Brief von steifem Büttenpapier schwankte zwischen ihren Fingern.

»Malwine, ein Morgengruß von Novalla!« rief sie so laut und unvermittelt, daß die sonst so nervenstarke Tochter mit leisem Schreckenslaut emporschrak.

»Sieh diese köstlichen Blumen! – Und hier ein Brief!«

fuhr die Frau Oberst hastig fort. »Was er wohl schreiben mag? Es ist noch so dämmerig hier,am Bett, ich werde an das Fenster treten und dir vorlesen!«

Und sie legte die Rosen schnell auf die Bettdecke, trat zurück, schob die Gardine ein wenig zur Seite und erbrach mit nervös zitternden Fingern den steifen Umschlag.

Ach, wenn es ein Heiratsantrag wäre! zog es wie ein heißer, flehender Wunsch durch ihre Seele.

Kaum vermochte sie es, die krausen, wunderlich verschnörkelten Buchstaben mit dem Blick zu überfliegen.

»Mein hochverehrtes, gnädigstes Fräulein! Da es mir in dieser frühen Morgenstunde nicht mehr möglich ist, persönlich zu Ihnen zu eilen, mich mit verehrungsvollstem Handkuß zu verabschieden, so muß ich diese Rosen für mich sprechen lassen und inständigst bitten, die duftenden Boten freundlich aufzunehmen. Ich reise in der festen und beglückenden Hoffnung, daß unsere Wege sich bald wieder im Hause Ihres Herrn Onkels zusammenfinden. – Ich fahre jetzt direkt nach F., meine dort zurückgelassene Partitur aus dem Schreibtisch zu holen. – Sie wissen ja, daß der gestrenge Onkel mir alles Arbeiten in seinem Hause verboten hatte! – Sollte das eine Duett, welches ich Ihnen gestern abend vorspielte und mir noch nicht durchgeistigt genug erschien, noch gefeilt werden müssen, bleibe ich einen Tag dort, – ich glaube heute nacht den richtigen Gedanken gefunden zu haben; das Sehnsuchtsmotiv muß wie ein Echo, das Liebesmotiv wie die Morgenröte erwachender Empfindung hineinklingen. Es läßt sich leicht machen, – die Begleitung muß den ersten Anklang bringen, dann erhebt sich die Frauenstimme klar und voll über die weichen Flötentöne – die Sehnsucht atmet aus die kleine Änderung getroffen, geht es geradesweges in die Residenz zu Ihrem Herrn Onkel. Dort auf Wiedersehen! – Im Geiste erklingt mir auch jetzt das Sehnsuchtsmotiv! – Ich küsse Ihre Hände und nenne mich ganz den Ihren!

Helmut Novalla.«

Die Leserin ließ den Brief sinken; sie sah zwar ein wenig enttäuscht, aber nicht entmutigt aus.

Langsam trat sie an das Lager der Tochter, setzte sich darauf nieder und steckte den Brief wieder in den Umschlag.

»Malwine,« sagte sie leise, »ich glaube, Novalla interessiert sich für dich! – Seltsam, ihr seid so grundverschieden, aber gerade die Gegensätze berühren sich ja so oft im Leben!«

Ihr forschender Blick traf das heiß gerötete Antlitz der Tochter, aber Fräulein von Ries neigte sich nur tief über die Rosenkelche und sagte so ruhig wie stets:

»Wir haben uns in rein künstlerischen Interessen gefunden, Mama! Bitte, mache dir keine Illusionen, es wäre so traurig, wenn du enttäuscht würdest.«

»Er ist ein sehr netter, scharmanter Mensch, – er gefällt dir auch!« – drängte die Mutter mit beinahe flehendem Blick. »Seine Vermögenslage ist so günstig! Und wenn dies auch keine Hauptsache ist, so ist es doch eine absolute Notwendigkeit.«

»Er gefällt mir sehr gut, aber zwischen dem Gefallen und Heiraten liegt noch eine große, große Kluft! Wie gesagt, ich glaube nicht, daß er irgendwelche Absichten hat!«

»Dann schickte er keine Rosen!«

»Höflichkeit!«

»Der Brief klingt mehr als höflich, – das Herz spricht durch die Zeilen!«

»Künstler wägen ihre Worte nicht ab!«

»Sie lassen sich huldigen, aber sie huldigen nicht selber!«

»Mamachen, ich beschwöre dich! Gib dich keinen falschen Hoffnungen hin!«

»Wenn er aber um dich anhielte – würdest du ja sagen, Malwine?« drängte Frau von Ries fast ungeduldig.

Da ward das erst so heiß gerötete Gesicht blaß.

Malwine legte die Hand auf den Arm der Mutter und sagte so ruhig und gelassen wie stets: »Ich glaube es, Mama!«

Man kannte keine Sentimentalität oder Zärtlichkeit im Hause des Obersten, es war zeitlebens alles nur kühl und geschäftsmäßig aufgefaßt und besprochen, und auch jetzt lag es nicht in der Art von Mutter und Tochter, eine lyrische Szene heraufzubeschwören.

Die alte Dame nickte mit erleichtertem Aufatmen. »Das ist vernünftig: es läge auch absolut kein Grund vor, ihn abzuweisen, denn deine Freier haben bisher auf sich warten lassen. Und doch wäre es vorteilhaft für dich, zu heiraten, um versorgt zu sein. – Also hoffen wir das Beste, und wenn du reisen willst, so tue es; ich habe nichts dagegen, kann dich auch während der Schneiderei entbehren.«

Malwine schüttelte gelassen den Kopf. »Nein, es ist meine Pflicht, dabei zu helfen, – auch kommt es auf zwei, drei Tage nicht an. Ich werde erst alles hier in Ordnung bringen und dann den Koffer packen.«

»Gut, es wäre mir um Vaters willen lieb, denn seine erste Frage wird sein: ob du auch keine deiner Pflichten über das Vergnügen versäumst! So schreibe nachher an Onkel Karl und melde dich für den Siebenten an.«

»Ich danke dir für die Erlaubnis, Mama! Jetzt möchte ich aufstehen; ich fürchte sowieso, daß ich heute schon die Zeit verschlafen habe!«

Die Frau Oberst ging – und als sich die Tür hinter ihr geschlossen, da begab sich plötzlich etwas Seltsames. Malwine nahm die Rosen und den Brief, drückte halb lachend, halb weinend vor Seligkeit die Lippen darauf und zitterte vor Aufregung an allen Gliedern wie Espenlaub.

Da forderte die Natur gewaltsam ihr Recht. All die heißen, tiefen Gefühle einer ersten, leidenschaftlichen Liebe brachen hervor; die Jugend, welche so lange geknechtet und gefesselt in unnatürlichen Banden geschmachtet, forderte ihr Recht, sie war stärker als all die anerzogene Kühlherzigkeit und Resignation, sie riß die Maske von dem Antlitz des großen, starken Mädchens und zeigte es in all der süßen, schwärmerischen Wilde und Weichheit, wie sie allen zu eigen ist, welche zum erstenmal die Fieberschauer der Liebe durch Mark und Bein schleichen fühlen, welche zum erstenmal blühende Rosen – einen flammenden Gruß jenes Ersten und Einzigen, jenes Herrlichsten von allen, an das Herz drücken!

Auch für Malwine von Ries hatte die Stunde geschlagen, wo der Himmel über ihr offen stand, wo sie die Dichter begriff, wenn sie der Liebe rauschende Psalmen singen, wo sie in scheuem Staunen die Hände gegen die Brust preßte und ein Herz in derselben schlagen fühlte, ein heißes, zuckendes, schwaches und liebekrankes Mädchenherz!

Unendlich langsam schlichen die nächsten Tage dahin. Alles ging seinen geregelten Gang im Hause des Obersten und Malwine erfüllte ruhig und gewissenhaft ihre Pflichten, wie all die langen Jahre vorher, seit Herr von Ries nach der Konfirmation seiner einzigen Tochter in der barschen und kurzen Weise befohlen hatte: »Du hast nun ein erwachsenes Mädel im Haus, Frau, und wirst ihr den Löwenanteil an der Wirtschaft überlassen! Sie ist jung und hat Kräfte, sie soll uns Alte versorgen!«

Und so geschah es.

Malwine sorgte und arbeitete, wie ehemals, so auch jetzt, und niemand sah dem stillen, ernsten Gesicht an, welch ein Frühlingssturm der ersten Liebeswonne hinter der weißen Stirn erbrauste. Nur abends, wenn sie allein und unbeobachtet in ihrem Zimmer war, dann verschlang sie voll süßen Träumens die fleißigen Hände und empfand es zum erstenmal, wie schön doch der Mondschein sei, wie heiß und sehnsuchtsvoll doch ihr Herz bei seinem Silberglanz erbebte.

Dann kam ein Brief von Onkel Karl.

Er freute sich in seiner herzlichen, heiteren Art auf den Besuch der Nichte und erzählte von Helmut Novalla und den ersten Eindrücken, welche der junge Komponist auf ihn und seine Frau gemacht habe.

Novalla machte Malwines Empfehlung alle Ehre, er sei ein vornehm denkender, geistvoller und liebenswürdiger Mensch und seine Oper ein hochinteressantes Werk, welches zu außerordentlichen Hoffnungen berechtige.

Schade, daß der junge Mann in keiner sehr festen Haut zu stecken scheine. Er sei tüchtig erkältet, und das habe seinen guten Grund, denn der leichtsinnige Mensch habe daheim einen ganzen Tag lang in ungeheiztem Zimmer gesessen, um schnell noch eine Änderung an dem einen Duett vorzunehmen. – Er huste gewaltig und habe ihnen trotzdem den ganzen Abend vorgespielt und vorgesungen.

Seine Begeisterung sei so ideal, so schön und echt. Für Malwine schwärme er geradezu, ja, es mache ihm den Eindruck, als ob er ernstlich Feuer gefangen.

Er bat sich von seiner Schwester Instruktionen aus, wie er sich zu diesem Fall verhalten solle, wenn er Malwine hier in seinem Hause habe.

Sein oder nicht sein? – das sei die Frage.

Auf ihn mache Movalla, wie gesagt, einen vorzüglichen Eindruck, und wenn er gesund bliebe und sich schone, stehe ihm die Zukunft offen!

Frau von Ries war beseligt über das Urteil des Bruders, und Malwine krampfte die Hände ineinander und atmete schwer und beklommen; sie hörte und sah aus dem Brief weiter nichts, als die Nachricht, daß Helmut krank sei.

An demselben Abend traf auch von diesem noch ein Brief ein. Überströmend in Entzücken, Freude und Hoffnung für die Zukunft. Und zwischen den Zeilen erklang eine zärtliche, herzliche Liebe für Malwine hindurch, ein heimliches Werben und Minnen. Von einer Erkrankung kein Wort.

Da atmete Malwine wieder ein wenig auf und packte unter Lachen und Weinen den Koffer, in zwei Tagen sollte sie reisen, – hin zu ihm – ihn wiedersehen! Wie ein Schwindel nie gekannten Glücks überkam es sie, und ihre Mutter war weich und zärtlich, so strahlend glücklich wie nie zuvor.

Es war, als sei jener Zug krankhafter Erbitterung wie durch Zaubermacht aus ihrem Antlitz gewischt. Der Koffer stand bereit, die Droschke zum Bahnhof war bestellt.

Da ward ungestüm die Klingel an der Haustür gezogen und der Medizinalrat stand, im Reiseanzug auf der Schwelle.

Er sah blaß und verstört aus.

»Gestatten Sie, mein liebes, gnädiges Fräulein, daß ich mich Ihnen für die Reise anschließe!« sagte er hastig. »Ich erhielt soeben ein Telegramm von dem Hotelwirt, bei welchem Helmut in der Residenz abgestiegen, mit der beängstigenden Nachricht, daß der arme Junge an einer schweren Lungenentzündung erkrankt sei! Als ob ich es geahnt hätte! – Gott im Himmel, hätte ich es doch niemals zugegeben, daß er bei diesem Wetter reiste!

Seine schwache Lunge kann nicht viel aushalten, – seine Nerven sind auch angegriffen, und nun eine solch tückische Krankheit!«

Frau von Ries schlug in lautem Entsetzen die Hände zusammen und bestürmte den Sprecher mit angstvollen Fragen und Vermutungen, Malwine aber stand totenbleich, wie zu Stein erstarrt, und als der Sanitätsrat sich abermals zu ihr wandte, zuckte sie zusammen und starrte ihn an, als erwache sie aus einem Traum. Dann aber war sie so stark und ruhig gefaßt, wie stets.

»Ich verstehe mich auf Krankenpflege, Herr Sanitätsrat!« sagte sie. »Wenn Sie weiblicher Hilfe am Krankenlager Ihres armen Neffen bedürfen, so verfügen Sie über mich. – Und nun kommen Sie schnell, der Wagen ist da, wir dürfen um alles in der Welt nicht den Zug versäumen.«

Und wieder vergingen Tage.

Der Schneesturm heulte durch die Straßen, es war ein dunkler, unwirtlicher Tag.

Eine hohe Frauengestalt schleppt sich langsam, wie gebrochen, durch die Straßen.

Vor dem Hause des Theaterintendanten bleibt sie stehen und preßt sekundenlang die Hände gegen die Brust, – sie will Kräfte sammeln, den Fragern da drinnen Rede und Antwort Zu stehen.

Ihr dunkler Mantel flattert und rauscht, der Schleier wird ihr von dem bleichen Antlitz gerissen, – es blickt mit weit offenen Augen so trostlos ins Leere, als sei es zu Stein erstarrt.

Malwine kommt von Helmut Novallas Krankenlager.

Zuerst hat er sie noch einmal erkannt.

»Malwine,« hat er laut aufgejubelt – »Fräulein von Ries, sind Sie schon zur Aufführung da?!«

Und seine fieberglühenden Hände haben die ihren umkrampft und seine Augen haben mit einem Blick unendlicher Freude und Verklärung die ihren gesucht.

»Meine Oper ist angenommen! Ihr Herr Onkel ist so zufrieden mit mir … O, ich danke das alles nur Ihnen allein, Ihnen! Nun werde ich bald Maestro sein, nun sind all meine Wünsche erfüllt!«

Und dann verschleiert sich sein Blick, furchtbarer Husten schüttelt die schwache Gestalt und ein paar kleine rote Tropfen peilen über die Lippen.

Das sonst so bleiche, schwärmerische Antlitz brennt in dunkler Glut, – das Fieber steigt und steigt, wirre Phantasien umnachten die Sinne.

Helmut Novalla singt, – singt mit lauter, schriller Stimme die süßen Melodien, die sein gottbegnadeter Geist sich selbst zum Schwanenlied geboren, – der Husten unterbricht ihn – furchtbare Atemnot läßt ihn in wilden Qualen ringen – und der Medizinalrat legt den Arm um Malwine und führt sie zur Tür.

»Gehen Sie!« bittet er mit erstickter Stimme – »Ihr Anblick regt den Kranken auf – und helfen, ach, helfen können Sie ja doch nicht!«

Fräulein von Ries lehnt sich gegen den Türpfosten. Sie möchte laut aufweinen in unaussprechlicher Qual,, aber ihre Augen sind starr und trocken.

»Es steht schlimm mit ihm?« fragt sie kurz, und der Medizinalrat nickte trostlos: »Sehr schlimm, warum es verheimlichen? Ich habe soeben an seine Schwester telegraphiert.«

»Ich komme in einer Stunde wieder!« sagt Malwine und wankt zur Treppe.

Die Kellner weichen scheu zurück, als sie in das starre Mädchengesicht blicken, welches alle Qual der Seele spiegelt.

Und sie kam nach einer Stunde, aber sie konnte den Medizinalrat nicht sehen, die Diakonissin flüsterte ihr weinend zu: er halte einen Sterbenden im Arm.

Am Abend stand Malwine abermals vor der Tür des Hotels.

»Der junge Herr droben ist vor einer halben Stunde gestorben!« – flüstert der Portier und neigt sich dabei sehr nahe zu ihr heran, damit niemand von den anderen Gästen das Unangenehme höre.

Malwine nickt wie geistesabwesend, wendet sich und geht.

Sie weiß nicht, wie sie den Weg zu dem Hause des Onkels gefunden, sie weiß nicht, was sie auf die teilnehmenden Worte ihrer Verwandten geantwortet – sie will nur allein sein, allein mit all der tiefen, bitteren Not ihres Herzens.

»Todesschatten umwallen mein Haupt …«

In stiller, dunkler Nacht hat Malwine gegen die Verzweiflung gerungen. Wilder, zorniger Trotz hat sie gepackt und ihre bebenden Hände geballt.

Sie hat gehadert mit Gott und ihrem Geschick, sie hat gefühlt, wie die Erbitterung auch ihr Herz und ihre Seele vergiftete.

Da war plötzlich etwas Gleiches zwischen ihr und der Mutter. – Und doch, was war das Schicksal der Mutter gegen das ihre! – Hatte jene nicht viel, ach soviel tausendmal mehr vom Leben erhalten, als sie?

Was war jenes Brosämlein der Ehre, welches man der Mutter vorenthalten hatte, gegen die Bettelarmut an Liebe und Glück, welche sie, die Tochter, durch ihr armes, inhaltloses Dasein schleppen mußte? War es nicht tausendmal grausamer vom Schicksal, ihr den Becher seligsten Liebesglückes an die dürstenden Lippen zu halten, um ihn dann voll bitteren Hohnes ihr vor die Füße zu schmettern? Wie ein Irrlicht war das Glück über ihren Weg gehuscht, hatte ihr die Augen geblendet durch sein flüchtig Aufblitzen, damit ihr die Nacht alsdann doppelt dunkel, doppelt trostlos erschien. Was man nicht

kennt, entbehrt man nicht, warum mußte sie erkennen lernen, um desto schmerzlicher zu verlieren?

Ja, die Mutter hat recht!

Wer zum Unglück geboren ist, dem entblättert die Rose, schon ehe sie sich erschloß.

Und sie ist eine jener Parias, jener Ausgestoßenen, jener Stiefkinder des Schicksals, welche hungern und dürsten, warten und frieren müssen, während andere im Überfluß aller Himmelsseligkeiten schwelgen!

Welch eine dunkle, schwere Nacht für Malwine! Sie fand keine Tränen und keinen Trost, – sie konnte auch nicht weinen, als sie vor dem bleichen Schläfer auf dem Totenbett stand und die kühlen, ernsten Lorbeerzweige um die marmorbleichen Schläfen wand. Nein, sie konnte nicht weinen.

Es war, als sei etwas erstarrt und versteinert in ihr, als sei etwas zermalmt in ihrem Innern, was sie sonst mit Wärme und Odem erfüllte. Jener eine kurze, flüchtige Sonnenstrahl, welcher in ihr Leben geleuchtet, war erloschen, die einzige Blüte, welche ihr Dasein getragen, vom Schicksal geknickt und entblättert, – nun lag der Schnee auf dem duftlosen Gezweig ihres Lebensbaums, und um sie her war es Winter geworden.

IV.

Nach dem qualvollen Seelensturm jener ersten Nacht und des darauffolgenden Tages schimmerte es endlich wie mildes Sternenlicht durch schwarzes Gewölk.

Malwine empfand zum erstenmal den Gedanken, von Helmut geliebt gewesen zu sein, wie einen süßen, wehmutvollen Trost. Sie machte es sich klar, daß sie trotz all der Bitterkeit ihres Schicksals dennoch reicher und glücklicher gewesen sei, als ungezählte andere Mädchen, welche leben und sterben, ohne jemals ein zärtliches Gefühl erweckt, ohne ihre heiligsten Gefühle erwidert gesehen zu haben!

Sie aber war von dem besten, herrlichsten und idealsten aller Männer geliebt worden, sie war keine Bettlerin an Glück und Liebe, sondern eine Märtyrerin, – nicht eine Geächtete, welche nie besessen, sondern eine Reiche, Überreiche, welche alles dahin gab, welche alles verlor, um das eine Königin sie beneidet hätte!

Malwine hob das Haupt bei diesem Gedanken unwillkürlich höher, ihr starres Auge leuchtete auf, ein milder Glanz lag über dem verbitterten, schmerzentstellten Antlitz.

Nein, sie war kein Stiefkind des Glückes gewesen! Einmal hatte auch sie geliebt und war wieder geliebt worden, – dies wird ihrem Dasein den Wert, ihrem Schicksal ein versöhnliches Ausklingen geben; – und still, gefaßt und ruhig hing sie den schlichten Lorbeerkranz über den Arm, um sich zur Beerdigung des heißgeliebten Mannes zu begeben. Ihr Onkel begleitete sie.

Eine Anzahl fremder Trauergäste empfing sie in dem dämmerigen Vorzimmer; der Sanitätsrat trat ihnen bleich und ernst entgegen und führte sie zu einer schlanken, jungen Frau, leise die gegenseitigen Namen zu flüstern.

Klara von Hausmann – Helmuts Schwester!

Jählings streckte ihr Malwine beide Hände entgegen, und die Schwester des Toten ergriff sie schluchzend und stammelte ein paar unverständliche Worte.

Und dann standen sie nebeneinander während der kurzen Feier, und als der Sarg hinausgetragen warb und die junge Frau in bitterem Schmerz zusammenbrach, da blieb Malwine stark, zog sie an ihre Brust und stützte sie.

Die Herren folgten dem Entschlafenen zu seinem letzten Ruhekämmerlein, die beiden Damen aber blieben einsam zurück in dem bereits dunkelnden Zimmer, auf dessen Dielen die welkenden Blumen zerstreut lagen, durch dessen schwüle Luft die Duftwogen der Hyazinthen und Gardenien, der Nelken und Tuberosen zogen, in dessen Ecken noch die hohen Leuchterkerzen wie trübe, rote Punkte brannten.

Malwine zog die Schluchzende neben sich auf das Sofa nieder, lange blieb es still zwischen ihnen, dann umschloß Frau von Hausmann die kühlen Hände der Fremden mit zitterndem Druck und sagte leise: »O, wie gut sind Sie zu mir, liebste Baronin, wie danke ich Ihnen, daß Sie bei mir bleiben! Sie kannten meinen armen Brüder erst so kurze Zeit, und nehmen doch soviel Anteil an seinem namenlos traurigen Geschick!«

»Ich lernte Helmut Novalla in dieser kurzen Zeit wohl besser kennen, als manche andere in langen Jahren!« antwortete Malwine, und sie wunderte sich selber, wie ruhig und wie weich ihre Stimme klang.

»Er hat Ihnen seine Kompositionen vorgespielt und vorgesungen?«

»Sie werden mir ewig unvergeßlich sein!«

»O, wie danke ich Ihnen für dieses Wort! So hielten Sie meinen Bruder auch für einen gottbegnadeten Künstler?«

Malwine preßte schwer atmend die Lippen zusammen. »Wenn nicht ihn – wen sonst!« rang es sich wie ein leises Stöhnen aus ihrer Brust, Klara aber richtete sich voll schmerzlicher Erregung empor und schluchzte abermals: »O, welch eine Zukunft hätte er gehabt, wieviel des Glücks lächelte ihm gerade jetzt – und anstatt Lorbeer und Myrten zu ernten, muß er hinweg von uns, in ein so frühes, frühes Grab!«

»Myrten?« stammelte Malwine und fühlte, wie ihr alles Blut jäh in die Wangen schoß. Frau von Hausmann aber sah es nicht, sie nickte mit dem Tuch vor den Augen.

»Helmut stand im Begriff, sich zu verloben,« sagte sie zerstreut; »er schrieb mir vor etlichen Wochen selber davon.«

»Vor etlichen Wochen?« wiederholte Fräulein von Ries überrascht.

»Ja, es mögen schon Wochen sein! … Daß er sich auf seiner Reise – ich glaube in Nizza –.M über die Ohren in eine junge Dame verliebt hatte, merkte ich schon damals aus allen seinen Briefen … Aber ich glaubte nicht recht daran, sie waren meiner Ansicht nach so grundverschieden in allen Dingen … Aber schließlich … Gerade vor kurzem noch gestand er es mir ehrlich ein, und betonte gerade diese Verschiedenheit als so sehr anziehend … Ich glaubte, verehrteste Baronin, daß Sie davon gewußt … Ich dächte, er hätte geschrieben …? Ja, wie war es doch …? Ach mein Kopf ist so weh und so zerfahren … Ein Erfolg seiner Oper am hiesigen Theater sollte wohl den Ausschlag geben…« Wie ein Bild von Stein starrte Malwine die Sprecherin an. »Nein, davon sagte er mir kein Wort!« klang es tonlos von ihren Lippen.

»Sie kannten sich ja auch erst so kurz; da wagte er wohl nicht, über seine Herzensangelegenheiten Zu sprechen.«

»Ihr Herr Bruder war zu allen Damen sehr liebenswürdig?«

Klara achtete in ihrer Aufregung nicht auf den veränderten Ton und Ausdruck, sie lächelte schmerzlich.

»Man hat Ihnen gesagt, er sei ein Courmacher? Wahrlich nie in leichtfertigem Sinn! Seine so impulsive Künstlernatur ist wohl oft mißverstanden … sein Temperament ging manchmal mit ihm durch, und wenn ihm jemand gefiel, so äußerte er das voll geradezu naiver Aufrichtigkeit! Er behauptete ja anfangs auch, seine Schwärmerei in Nizza für die reizende Schwedin sei nur Kunstenthusiasmus – er begeistere sich für alles Schöne – aber gerade in dem letzten Brief gestand er seine Heiratsabsichten ein! O, wie war ich so glücklich darüber, ich fürchtete stets, eine Diva werde es ihm antun…«

Die Sprecherin unterbrach sich, die Herren kehrten von dem Kirchhof zurück und der Generalintendant verneigte sich noch einmal vor Frau von Hausmann, sagte ihr noch ein paar Worte der Teilnahme und bot Malwine den Arm. Diese reichte Klara stumm die Hand – andere Herren traten herzu, – der Abschied ward dadurch abgekürzt, denn Frau von Hausmann warf sich mit den Worten: »Onkel Georg! Du auch hier?« an die Brust eines älteren Offiziers.

Schweigend verließ Malwine das Zimmer.

»Wie liebenswürdig war es von Frau von K., daß sie bei mir blieb!« fügte Klara später zu dem Sanitätsrat.

»Frau von K. Du irrst, jene Dame war nicht die Gemahlin, sondern die Nichte des Intendanten! – ein Fräulein von Ries!« berichtigte dieser, und Frau von Hausmann seufzte: ,Das ahnte ich nicht! Ach, ich bin so aufgeregt, so zerstreut – ich wollte sie unterhalten, fürchte aber, ich habe recht konfuses Zeug geredet.«

Schweigend trat Malwine in ihr Zimmer, nahm mit zitternden Händen den Brief, welchen Hellmut ihr zuletzt mit den Rosen gesandt und welchen sie als ihr größtes, heiligstes Kleinod bewahrte, und zerriß ihn langsam in tausend kleine Stücke, ballte sie zusammen und schleuderte sie in den Kamin. Leichenhaft starrte ihr Antlitz in die züngelnden Flammen, welche das Papier gierig faßten und verschlangen. Der Wind sauste im Schornstein, halb wie Lachen, halb wie Weinen klang es, eine wunderliche, wilde Melodie, so wie jener Mann, den sie heute in die kalte Erde gebettet, sie noch im Fieberwahn gesungen:

»Todesschatten umwallen mein Haupt …«

Wie hatte Malwines Herz sonst so weh und bang bei diesen unheimlich prophetischen Worten aufgezuckt, – jetzt lag es still und kalt wie ein Stück Marmelstein in ihrer Brust, und die Augen, welche vor wenig Stunden noch so bitterlich hier an derselben Stelle geweint, schauten brennend heiß und trocken ins Leere, als hätten sie nie gewußt, was eine Träne sei.

Langsam setzte sich Malwine in einen Sessel nieder und verschlang die Hände im Schooß.

Begriff sie es überhaupt? Konnte sie es fassen?

Helmut Novalla hatte sich in nächster Zeit verloben wollen, – mit einer andern.

Nein, nicht mit ihr, der blinden, törichten und häßlichen Närrin, sondern mit einer andern, die schön und jung war, die er bereits in Italien geliebt, um derentwillen seine Oper einen großen, durchschlagenden Erfolg an einem der ersten Theater haben mußte.

Und Malwine?

Sie war die Nichte eines der einflußreichsten Generalintendanten, sie war naiv und harmlos genug, an Blicke und Worte zu glauben, welche ja nur das leichterregte Wesen eines schwärmerischen Künstlers spiegelten.

Nichts mehr als das! – Wenn überhaupt so viel: wenn nicht in diesem Fall der Künstler noch vor dem Spekulanten zurücktrat.

Malwine lachte plötzlich auf, – ein kurzes, scharfes, krankhaftes Lachen.

Und ihre Mutter hatte ernstlich geglaubt, Doktor Novalla habe Absichten auf die Hand der Tochter, und auch Onkel Karl hatte den »schwärmerischen Worten des Künstlers« einen tiefen und reellen Sinn untergeschoben, – ja, sogar sie selbst, Malwine, hatte ihr ganzes, volles, heißes, ehrliches, liebezärtliches Herz an den »Künstler« weggeworfen, sie hatte gelacht und geweint und in den Mondschein hinausgeträumt wie ein bleichsüchtiger Backfisch, – sie hatte an Männerworte, an Glück und Liebe geglaubt.

»Närrin!« – lacht der Wind im Kamin – »Närrin!«

Nur ihr Vater hatte sich den klaren Blick nicht blenden lassen.

Als Frau bin Ries ihm Andeutungen über ihre Hoffnungen gemacht, hatte er kurz aufgelacht und den Kopf geschüttelt.

»Ihr Frauenzimmer seid nicht recht gescheit! So ein Windhund von Künstler wird grad auf die Malwine gewartet haben! – Seine Oper soll sie bei Onkel Karl anbringen, weiter nichts.«

Wie grausam, wie schroff und ungerecht hatte sie diesen Ausspruch gefunden, und doch war er der einzig richtige gewesen.

Ja, ihr Vater, der die Welt so streng und nüchtern ansah und beurteilte, den sie einen Bärbeißer nannten, weil er gerade und fest seinen Weg ging und alle Leute und alle Dinge beim rechten Namen nannte, – er war allein sehend geblieben, während sie alle mit Blindheit geschlagen waren.

Ja, so wie der Vater – so kalt und unbekümmert einhergehen, nur Recht und Pflicht sich zum Wegweiser machend – ohne Illusionen, ohne weichliche Gefühle, ein Mann von Stahl und Eisen – das war Glück!

Da gab es keine Enttäuschungen, kein Herzweh. Es gab nur Erfolg oder Mißerfolg seines Tuns.

Malwine lichtete sich mit energischem Ruck auf und strich langsam über die Stirn.

Fort mit dem Vergangenen, – es soll vergessen sein!

Jene kurze, süße Lüge, jener holde Wahn von Liebe, Treue und Glück hat niemals existiert, Malwine von Ries hat geträumt, und sie hat im Traume kennengelernt, was Falschheit ist.

Nun, da sie aufgewacht, zieht sie die Lehre daraus.

Eintönig zogen die Jahre dahin.

Frau von Ries war nach der herben, schweren Enttäuschung, welche ihr Novallas Tod gebracht, wenn möglich noch verbitterter als zuvor, denn sie grollte dem Schicksal, daß es ihre liebsten Wünsche abermals vor Türschluß vernichtet hatte. Malwine hatte sie nie über ihren Irrtum aufgeklärt, sie freute sich, als der Sanitätsrat einen Ruf in eine größere Stadt erhielt und nach dort übersiedelte.

So wurde niemals mehr der Name Novalla erwähnt.

Von der Geselligkeit zog sie sich nach Möglichkeit zurück, nur wenn dieselbe den Beigeschmack der Wohltätigkeit erhielt, war Fräulein von Ries auf ihrem Posten.

Sie hatte sogar daran gedacht, sich ganz und gar dem Diakonissenberuf zu widmen, einesteils aber verbot es ihr der Vater, andrerseits sagte ihr die Oberin voll ehrlicher Offenheit: «Sie taugen nicht dazu, Fräulein Malwine! Eine Diakonisse muß die verkörperte Weichheit, Herzlichkeit und Milde sein, – diese drei Eigenschaften sind Ihnen aber völlig fremd. Sie sind gewissenhaft und aufopfernd bis zur Selbstverleugnung, Sie scheuen keine Mühe, keine Arbeit, – aber Ihre Augen blicken zu streng und kalt für leidende Menschen, Ihre Hände sind zu hart und fest, um über Wunden und fieberheiße Stirnen zu streichen!«

Und so war es auch.

Malwine war fünfundvierzig Jahre alt geworden.

Sie galt in der ganzen Stadt, im großen, weiten Bekannten- und Verwandtenkreise für eine ganz vortreffliche, tadellose Person, welche ein strenges, aber gerechtes Regiment im Hause führte und nichts Höheres und Heiligeres kannte, als treueste Pflichterfüllung.

An eine gewisse Härte und Schroffheit in ihrem Wesen hatte man sich gewöhnt und nannte sie die rauhe Schale für den goldenen Kern; sie war ein eigenartiges, respekteinflößendes Wesen, und die Überzeugung von diesen Tatsachen hatte wohl auch den Brief diktiert, welcher eines Tages, als größte aller je erlebten Überraschungen, in dem Hause Ries eintraf.

Sein Verfasser war Seine Exzellenz, der Regierungspräsident Graf Bolko von Abensberg, einer der reichsten Großgrundbesitzer der Provinz, welcher, seit drei Jahren verwitwet, in einer größeren, benachbarten Stadt lebte.

Derselbe schrieb an Frau von Ries folgendermaßen:

Meine hochverehrte, gnädigste Frau! Es lag in meiner Absicht, in diesen Tagen persönlich in Ihrem Hause vorzusprechen, um das, was nun statt meiner vorerst dieses Schreiben mitteilen wird, persönlich mit Ihnen zu besprechen, unaufschiebbare Amtsgeschäfte verzögern meine Reise, und nach reiflichem überlegen halte ich es auch für richtiger, Sie zuvor brieflich von dem Zweck meines Besuches in Kenntnis zu setzen, um zu erfahren, ob derselbe überhaupt – nach Kenntnisnahme meiner Wünsche, noch genehm ist. Ich wende mich an Sie, meine hochverehrte, gnädige Frau, weil in allen delikaten Sachen eine Aussprache zwischen Mutter und Kind leichter ist, als zwischen einem Vater und seiner Tochter. – Darf ich zuvor ein paar Remimscenzen des Winters 18… wecken? Ich lernte damals – vor nunmehr vier Jahren – Ihr Fräulein Tochter Malwine auf dem großen Basar der Fürstin Thekla kennen. Wir plauderten eingehend, und sowohl auf mich, wie auf meine damals noch lebende Frau machte Ihr sehr geehrtes Fräulein Tochter einen hervorragend günstigen Eindruck. – Dann sah ich Fräulein Malwine vor zwei Jahren, anläßlich der silbernen Hochzeit des Generals von Fall wieder, und gestehe gern ein, daß mir das ernste, gediegene und würdevolle Wesen Ihrer Tochter abermals außerordentlich gefiel. – Ich nehme an, daß Ihnen meine Lage bekannt ist, gnädigste Frau. Ich bin seit drei Jahren verwitwet, Vater dreier Kinder. Mein ältester Sohn ›Götz‹ zählt gegenwärtig vierzehn Jahre, der zweite, Quirin, feierte gestern den achten Geburtstag, und meine kleine Anna-Kathrin steht im sechsten Lebensjahre. – Sie sehen, meine gnädigste Frau, meine armen Kinder stehen noch in einem Alter, wo sie der mütterlichen Sorge und Pflege am meisten bedürfen, wo eine weiche und doch energische Hand sie leitet und vornehme Ansichten und ehrenhafte Gesinnungen in ihnen geweckt und gepflegt werden müssen. Bisher hatte meine Kusine Alma, Baronin Rissel, die Güte, meinem großen Hausstand vorzustehen und die Erziehung der Kinder zu beaufsichtigen. Leider erkrankte sie so schwer, daß sie dauernd Aufenthalt im Süden nehmen muß, auch war ihre Hand allzu weich und, schwach, um die Züge! stramm genug halten zu können. Ich selber bin Tag und Nacht von meinem Dienst, verschiedenen Reisen, meinen Funktionen als Landtagsmitglied und all den Anforderungen, welche die Verwaltung meines Grundbesitzes stellt, übermäßig in Anspruch genommen, so daß ich mich um die Kinder fast gar nicht kümmern kann. Bei Quirin und Anna-Kathrin würde das nicht viel auf sich haben, denn beide sind fügsame und sehr artige Kinder: bei meinem Sohn Götz steht die Sache anders. Er ist ein sehr schwieriger Charakter, welcher mir und seinen Lehrern oft Sorge macht. Sein leicht aufbrausendes, sehr selbstbewußtes Wesen revoltiert gegen jeden Zwang, sein Übermut und seine etwas leichte Art flößen mir besondere Bedenken ein. Nur eine sehr energische, feste, und doch gütige und gerechte Frau vermag erziehlich und günstig auf ihn einzuwirken. Ihm kann nur ein Willen, welcher den seinen eisern zwingt, imponieren. Sie sehen, gnädigste Frau, ich bin sehr offen und ehrlich, wie es in diesem Augenblick meine Pflicht ist. Wie schwer es unter diesen Umständen für mich ist, eine geeignete Lebensgefährtin zu finden – denn ich habe den Wunsch, meinem verwaisten Haus eine neue Herrin und den Kindern eine zweite Mutter zu geben –, liegt klar. Nun fiel meine Wahl auf Ihr sehr geehrtes Fräulein Tochter, welche in allen Dingen meinen Ansprüchen und Wünschen entsprechen würde.

Ihr so sehr energisches Wesen, ihr ausgeprägtes Pflichtgefühl, ihre treue Gewissenhaftigkeit lobt man mir von allen Seiten, sie wird Kraft und Beharrlichkeit haben, meinen Götz auf rechter Bahn zu leiten und zu halten und mich vor dein Schicksal bewahren, meinen Ältesten womöglich einmal als verlorenen Sohn betrauern zu müssen. Ich weiß, es ist enorm viel, was ich von dem Opfermut Ihrer sehr geehrten Fräulein Tochter verlange! – Was ich ihr dafür bieten kann? Auch jetzt möchte ich ganz ehrlich sein, um unser eventuelles künftiges Verhältnis von vornherein klarzustellen. Ich bin ein alternder Mann, – ich habe mein erstes Weib über alles geliebt, – mein Herz gehört der Toten. Aber eine große, aufrichtige Verehrung und Hochachtung, ein unbedingtes Vertrauen, eine völlige Würdigung ihres vortrefflichen Wesens bringe ich Fräulein Malwine entgegen. Nicht als liebewerbender Anbeter, sondern als ein ergrauter, ernster Mann trete ich vor sie hin, nicht ihr Herz und ihre Liebe für mich, sondern lediglich ihre Sorge, ihre Aufsicht, ihre Güte und Strenge für meine Kinder fordernd. Die Stellung, welche meine Gemahlin in der Geselligkeit einnimmt, ist Ihnen bekannt, gnädigste Frau. Mein Vermögen setzt mich in die angenehme Lage, mich wohl durch die Erfüllung eines jeden Wunsches für die Aufopferung meiner Gattin dankbar zu erzeigen. – So wäre es nun an Ihnen, meine hochverehrte gnädige Frau, Ihr Fräulein Tochter von meinem Hoffen und Wünschen in Kenntnis zu setzen. – Sollte Fräulein Malwine einwilligen, die Mutter meiner Kinder zu werden, was ich zuversichtlich erhoffe, so bitte ich Sie, mich möglichst bald von ihrem Entschluß zu benachrichtigen und mir Tag und Stunde anzugeben, wo ich persönlich kommen darf, mir aus dem Munde Ihrer hochverehrten Fräulein Tochter das Jawort, – von Ihnen und Ihrem hochgeschätzten Herrn Gemahl die Einwilligung zu holen. Indem ich Ihnen, gnädigste Frau, in vorzüglichster Hochachtung und Verehrung die Hand küsse, nenne ich mich in aufrichtigster Ergebenheit Ihr gehorsamster

Bolko, Graf zu Abensberg«

Schon während des Lesens hatten sich auf,den Wangen der Frau Oberst von Ries Röte und Blässe gejagt.

Ihre Hände zitterten so heftig, daß sie das steife Briefpapier mit dem eleganten Grafenwappen kaum zu halten vermochte,

Malwine wird Exzellenz Abensberg! Malwine wird auf Burg Abensberg als Herrin einziehen! Malwine wird plötzlich über einen Reichtum verfügen, welcher in den Augen der Frau von Ries etwas geradezu Märchenhaftes hat! Herr des Himmels, ist es zu glauben? Ist es auszudenken!

Sie weiß selber nicht, wie sie in das Zimmer ihrer Tochter herüber kommt. Der kleinen, gebrechlichen Frau scheinen plötzlich Flügel gewachsen, und das vergrämte Gesicht mit den scharfen Zügen sieht ganz rundlich rot und strahlend aus.

»Malwine, lies, lies!« stößt sie atemlos hervor, sinkt auf einen Stuhl und krampft die mageren Hände ineinander. Ach, solch ein Glück, solch ein Glück! Wer hatte das gedacht, daß es in der zwölften Stunde doch noch bei uns anklopfen würde!«

Und dann starrt sie atemlos auf die steinernen Züge der Lesenden, welche sich so gar nicht verändern, welche so kühl und ruhig bleiben, als ob ihr Blick einen Wäschezettel überflöge.

»Malwine – was sagst du?!«

Sie liest gelassen zu Ende, legt den Brief wieder säuberlich zusammen und blickt einen Moment nachdenklich durch die blanken Fensterscheiben in die herbstlich bunte Pracht des Gartens hinaus. »Der Graf ist ein sehr nervöser Mann, es wird schon nicht so schlimm mit dem Jungen sein!«

»O bewahre! Übertrieben ist es!« ruft Frau von Ries eifrig. »Frau von Fall sagte, es seien ganz reizende, bildhübsche Kinder! Nun – und wenn der Götz ein kleiner Rebell sein sollte – du wirst ihn schon in Ordnung halten, Malwine! Und welch eine herrliche, einflußreiche Stellung wirst du als Exzellenz haben. Und dieses Geld! – Ach. Malwine, mir flirrt alles vor den Augen, so aufgeregt bin ich! – So sprich doch auch, Kind! Sag' doch, ob du nicht auch entzückt und selig bist!«

»Entzückt und selig?« – ein wunderlich herbes Lächeln fliegt um ihre Lippen. »Nein, Mutter, ich bin kein Backfisch mehr, ich sehe den Heiratsantrag an, wie er gemeint ist, und muß erst mit mir zu Rate gehen, ob ich den Anforderungen, welche an mich gestellt werden, auch tatsächlich gewachsen bin. Ich glaube es. Ich habe gute Nerven und einen festen Willen und weiß, wie Vater mich zu Zucht und Gehorsam erzogen hat. Aber dennoch will so etwas überlegt sein, auf daß man mit sich selbst ins Reine kommt Und seine Kräfte nicht überschätzt, um des glänzenden Lohnes willen, welcher dafür verheißen wird. In einer halben Stunde sage ich dir Bescheid. Mama!«

Sie hatte in demselben ruhigen Ton gesprochen wie sonst, und Frau von Ries deuchte es, als blickten die großen, grauen Augen wunderlich kalt drein, wie bei einem Geschäftsmann, welcher ein Exempel ausrechnet.

Wie von jäher Angst erfüllt, faßte sie die Hände der Tochter und drückte sie beschwörend gegen die Brust.

»Malwine! Was gibt es hier zu überlegen! Wenn du nicht an dich und dein eigenes Glück denken willst, so nimm Rücksicht auf deine alten Eltern!«

»Auch um meiner Eltern willen würde ich nie Pflichten übernehmen, wenn ich nicht felsenfest überzeugt wäre, sie auch treulich erfüllen zu können. Ich bitte dich, Mama, laß mich jetzt allein; in einer halben Stunde weiß ich, was ich tun werde. Du weißt, ich denke ziemlich logisch, und es dauert nie allzu lange, bis ich einen Entschluß fasse!«

Frau von Ries nickte schweigend und schritt zur Tür. Sie kannte ihre Tochter. – Und die wollte sich erst klar werden, ob sie die Energie hätte, einen übermütigen kleinen Jungen zu zügeln?

Nein, sie ängstigt sich nicht, Malwine wird und muß diesen glänzendsten aller Anträge annehmen, sonst gehörte sie ja in ein Narrenhaus!

Währenddessen stand Malwine hochaufgerichtet an

dem Fenster. Ihre schlanke und doch so markige Gestalt schien aus Erz gegossen, mit beinahe finsterm Blick starrte sie in den Tanz der welken Blätter hinaus. – Braut sollte sie werden, Frau und Mutter fremder Kinder. Wie anders, wie kalt, still und ernst leuchtet der Mond diesmal in ihr Zimmer! Jener ferne Mai mit seinem trügerischen Liebesschimmel ist längst vergangen, der Herbst ist gekommen, und aus dem einst so selig lächelnden, bräutlichen Mädchen ist ein resigniertes, stolzes, starkes Weib geworden. – Weg mit der Erinnerung! Kann Malwine von Ries die Stellung einer Exzellenz ausfüllen? Kann sie widerspenstige Knaben erziehen? Ja, sie kann es!

Da ist kein Hauch von sentimentaler Weichheit oder Schwäche in ihrem Wesen.

Der Präsident soll sich nicht in ihr getäuscht haben. Ihr Herz, ihre Liebe verlangt er nicht, – die könnte sie ihm auch nicht geben. Was er aber fordert, ihre Gewissenhaftigkeit, ihre Kraft, ihren Opfermut, die sollen ihm werden.

Und das Vergangene wird vergessen bleiben

Eine halbe Stunde später dröhnte das frohe, zufriedene Lachen des Obersten durch das stille Haus.

»Habe ich es nicht gesagt, daß die Malwine noch 'mal das große Los zieht?« triumphierte er. »Na, wenn eine gleich mit der Exzellenz anfängt, kann sie sich nicht über schlechte Karriere beklagen!«

Frau von Ries aber schrieb mit glühenden Wangen und zitternden Händen den Antwortbrief an den Freier, daß er willkommen sei und sein Besuch erwartet werde !

Und als der Brief, vorsorglich eingeschrieben, von dem Oberst zur Post befördert war, da erhob sich in dem Haus ein geschäftiges Treiben, ein Hasten, Laufen, Putzen und Fegen und Scheuern, so daß die Dienstboten die Augen weit aufrissen und überlegten, ob gar jetzt schon eine Gesellschaft gegeben werden solle? – An Hochzeit dachte keines.

Zwei Tage darauf kam der Freier, ein stattlicher, hochgewachsener Herr mit leicht ergrautem Haar, nervös und überanstrengt, vornehm, elegant und ritterlich. Der küßte dankbar und verehrungsvoll die Hand seiner ernsten Braut und besprach alles so ruhig und geschäftsmäßig mit ihr wie einen Kaufkontrakt.

Der Sekt perlte, und die Dienstboten waren wie gelähmt vor Überraschung.

»Das ist ein stattliches Paar, nicht wahr?!« meinte die Frau Oberst glückstrahlend. Man stimmte ihr voll Begeisterung zu, aber das Stubenmädchen sagte heimlich und kopfschüttelnd zu der Köchin: »Daß Gott erbarm' über so ein Brautpaar! Ich wette, sie haben sich noch keinen Kuß gegeben, und gelacht hat bis jetzt auch nur die Frau Oberst!«

Die Verlobung ward veröffentlicht, und in der ganzen Stadt herrschte Freude und Befriedigung über die so vortrefflich passende Wahl des Präsidenten.

V.

An der großen Steintreppe, welche in mächtig breiten Absätzen, nach rechts und links sich teilend, die Flur- Halle des uralten Amtsgebäudes emporstieg, standen die Diener in großer Livree, Köchin, Hausmädchen und Jungfer der neuen »Gnädigen« in sonntäglichem Staat und harrten des neuvermählten Paares, welches mit dem Abendzug einzutreffen gedachte.

Ein großes »Willkommen«, reiche Laubgewinde, Tannen und Oleanderbäume gaben dem altersgrauen Raum ein festliches und feierliches Aussehen, und die schmiedeeiserne Hängelampe beleuchtete die beiden Doppelwappen, welche die blau-weißen Fahnen umschlangen, zum Zeichen dafür, daß nun eine neue Herrin und eine neue Zeit für das gräfliche Haus angebrochen sei. Ob eine gute oder böse, wer vermochte das vorauszusagen?

Dieweil die Dienstboten just dieses Thema eifrig flüsternd besprachen, erklang leise und unbemerkt der Schritt eines Knaben droben an dem Treppenabsatz

Götz von Abensberg benutzte den Moment, als sein Gouverneur auf die Ahr geblickt, die Zeitung beiseite gelegt und sich erhoben hatte, um zehn Minuten vor Ankunft der Herrschaften sein hochzeitlich Gewand überzustreifen.

Der junge Graf sollte währenddessen sein Latein repetieren, aber Götz sah diese Notwendigkeit absolut nicht ein, öffnete leise die Tür und stieg unbemerkt den obersten Teil der Treppe hinab, um voll lebhaftesten Interesses zu lauschen, was man da unten zu erörtern hatte. Die Arme auf das Geländer gelehnt, neigte er sich und hörte zu.

Götz von Abensberg war ein auffallend schön und kräftig gewachsener Knabe, schlank und elegant, sicher und gewandt in jeder Bewegung wie ein geborener Kavalier.

In dem schmalen, bildhübschen Gesicht blitzten zwei tiefdunkle Augen und spiegelten rückhaltlos das leidenschaftliche, ungestüme Wesen des jungen Brausekopfs, welches seinen Erziehungstyrannen schon so manchen Stoßseufzer erpreßt hatte.

Lebhaft bis zur Heftigkeit, humorvoll bis zu gutmütigem Spott, bis zu beißender Ironie, trotzig und auffahrend, leidenschaftlich in allem, was ihn interessierte, und phlegmatisch bis zur Trägheit, wenn ihn etwas langweilte, das war Götz von Abensberg, über welchen die Lehrer die Hände rangen und welchen sie dennoch liebten, wie jeder, welcher den Weg des eigenartigen Knaben kreuzte.

»Ja, er kann reizend sein, wenn er nur will!« sagte Anna-Kathrins Bonne lachend und nahm lebhaft seine Partei, wenn man ihn schalt, denn so lieb, zärtlich und ritterlich galant wie Götz gegen das Schwesterchen war, gab's keinen zweiten, und für Mademoiselle raubte er die schönsten Rosen aus dem Garten und opferte sein Taschengeld, um in jäh aufwallender Weichheit einen Bettler zu beschenken, – gab seine liebsten Spielsachen ohne Bedenken fort, wenn er einem anderen kranken oder armen Knaben eine Freude damit machen konnte.

Und in solchen Augenblicken lag ein Zug rührender Herzensgüte und Milde um die sonst so stolz und trotzig geschürzten Lippen, und die blitzenden Augen schauten drein wie verklärt, – ja, was fragte man in solchen Momenten danach, ob Götz seine Lektionen gelernt hatte
oder nicht, ob er heimlich durchgebrannt war, mit einer Schar Jungen das nahe Wäldchen zu durchstreifen oder auf verbotenem Gebiet zu angeln?

Ja, alle im Hause waren der Meinung, daß der junge Graf ein gar zu netter Junge sei, nur ein bißchen allzu hitzköpfig und wild, von einem, allzu großen Selbstbewußtsein, welches sich gegen jeden Zwang auflehnte.

Auch jetzt schien man unter den Versammelten in der Flurhalle dieses Thema zu berühren, denn Grete, die kleine Zofe, sagte schnippisch: »Meine Tante, die einer großen Waschanstalt in G. vorsteht, kennt unsere neue Gnädige als ein Fräulein von Ries sehr gut, – na, und da schrieb sie mir neulich, sie könnte man nicht gerade zu die Neuerung in unser Hauswesen gratulieren! Bei den Ries' habe kein Mädchen gern gedient, da ging es zu wie in einer Kaserne – man lauter Kommando und Drillerei! Das Fräulein – was nun jetzt unsere Gnädige wird – sei höllisch scharf und eklig, und wenn etwas nicht nach ihrem Geschmack ginge, dann gab's Staub! –- All, mir soll sie man so kommen! Ich lasse mich nicht schikanieren, und wenn sie mich zwiebeln will, setze ich mich auch auf die Hinterbeine und kündige noch in dieselbe Stunde! Was die Kommerzienrätin Hahnert ist – die stellt mir ja schon lange nach, und wenn es um Mitternacht wär' – bei der kann ich jederzeit anziehen!«

»Ja, Sie,« lachte August, der erste Diener, »Sie gehen man durch die Lappen, wenn's sengerig wird, und unsereins kann ja auch kündigen und findet eine andere Stelle – aber gespannt bin ich, wie das mit unserm Götz gehen wird! – Der Alte heiratet ja nur noch 'mal, um dem armen Bengel einen Inspektor vor die Nase zu setzen!«

»Na, der Götz läßt sich auch nicht viel gefallen! Da wird's wohl bald Staub geben!«

»Man sachte, Justeken!« sagte August kopfschüttelnd
und tatschte der dicken Köchin ironisch auf die Schulter. »Mit Tanten, Lehrern und Bonnen springt so ein Junge wohl 'mal frech um – aber mit die gnädigste Frau Stiefmutter? – Nee, nee, – is nich! Ich fürchte man, für den armen Götz fängt jetzt eine verdeiwelte Schinderei an!«

»Bis es 'n Krach gibt! So 'n Bengel ist imstande und reißt aus!«

»I wo! So schlau is er nun schon und weiß, daß es sich als Graf und Majoratsherr besser lebt als als Seiltänzer oder Vagabund!«

»Mutter wird ihn schon an die Strippe nehmen!«

»Wenn die wirklich so ein scharfes Frauenzimmer ist, dann kriegt sie so 'n Jungen doch bald unter!«

»Fürnehmlich, wenn sie bloß deswegen geheiratet ist!«

»Bloß als Schuranze für die Kinder!«

»Na – aus Liebe doch sicher nicht! Da muß man Exzellenz bloß vor das Gemälde von die erste Gattin gesehen haben! Neulich standen ihm noch die hellen Tränen in den Augen! «

»Und nun eine Zweite!«

»Man bloß als Strohwisch! – Die Kinder und uns Dienstpersonal will er damit graulich machen!«

»Bei die armen Würmer wird's ihm glücken, aber bei uns? Nee, Kinder! Bangemachen gilt nicht!«

»Da rollt 'n Wagen! Albert, August, stürzt' ihr entgegen!«

»Kneift die Daumen, Kinder!«

»Adjes, schöne Freiheit!«

»Gott erbarme sich – se kommt!«

Fern von der Straße herauf klang das Rollen einer Equipage, hastiges Hin und Her, Flüstern und Zischeln in der Flurhalle, noch einmal murmelte es trotzig im Kreise: »Ich lasse mir nichts, gar nichts gefallen!«

Droben aber wich leise und schattenhaft die schlanke Knabengestalt zurück und schritt unbemerkt durch den langen Korridor nach seinem Zimmer zurück.

Götz sah leichenhaft blaß aus, sein sonst so frisches Gesicht schien alt und krank. – Die dunklen Äugen blitzten schier drohend und haßerfüllt, und um die Lippen senkten sich die Linien von Trotz und Ungestüm schärfer als je.

Darum, also darum kam diese zweite Mutter in das Haus?

Am ihn zu maßregeln, zu tyrannisieren, – die eiserne Rute für ihn, seine Geschwister, die Dienstboten!

Also darum! – O, daß er das nicht sofort geahnt und durchschaut hat!

Und er Narr hat sich vorhin noch gefreut und gewähnt, in der neuen Mutter fände er wohl eine Seele, die ihn verstehen und seinen Wünschen gerecht werden könne!

»Eine gute liebe Mutter bringe ich euch,« hatte der Vater ihnen versichert, »eine Mutter, die für euch sorgen, euch hüten und schützen wird!«

Und was ist es für eine Mutter?

In G. pfeifen es bereits die Spatzen von dem Dach, was für ein herrisches Weib sie ist.

Götz beißt wie in wildem, leidenschaftlichem Trotz die Zähne zusammen, wirft das Haupt in den Nacken und krampft die bebenden Hände.

Die in der Küche denken, jene Fremde werde ihn unterkriegen?

Lächerlich! Sie sollen sich wundern!

Götz von Abensberg zeigt jedem die Zähne, welcher ihm seine Freiheit nehmen will, – jedem! Von einem Frauenzimmer läßt er sich erst recht nichts gefallen, und wenn sie zehnmal seine Stiefmutter ist!

O, wie schnüren ihm jetzt schon Haß und Zorn die Kehle zusammen!

Wie schäumt das Blut so heiß und ungestüm durch seine Adern!

Sie soll nur kommen!

Götz weiß ja jetzt, warum sie kommt – und er nimmt den Kampf mit ihr auf!

Graf und Majoratsherr? Bah, was fragt er danach!

Freiheit, Freiheit will er! Tun und lassen können was ihm behagt! Er ist zu groß geworden, um sich noch gängeln zu lassen! – Was war sein Leben bisher anderes als ein Dasein in der Zwangsjacke? »Das paßt sich nicht für einen jungen Grafen! – Das tut kein Abensberg! – Ein vornehmer Junge treibt sich nicht auf der Straße herum! – Ein Graf spielt nicht mit Gassenjungen! – Ohne Handschuhe geht der Sohn des Präsidenten nicht! – Ein Abensberg hat Verpflichtungen, – er muß lernen, doppelt, dreifach soviel wie ein andrer, denn er muß es hoch bringen!«

So ging es Tag für Tag! Wie in einen Schraubstock haben sie ihn gespannt, nicht rechts, nicht links durfte er sich drehen, immer im Joch, immer Marionette! Und doch zog und drängte und trieb es ihn voll wilder Sehnsucht hinaus in das freie, lustige Leben seiner Altersgenossen!

Was lag ihm an seinem Grafentitel, an seinem Majorat? Das waren die verhaßten Ketten, welche ihn fesselten.

O, wie beneidete er die barfuß laufenden Straßenjungen um ihre zügellose Freiheit!

Könnte er einmal, nur einmal aus Nachbars Garten die Äpfel stehlen! – Was war es für ein Spaß, wenn er in seinen Park ging und sich von dem Gärtner Obst pflücken ließ, so viel und so schön er es nur mochte?

Ach, jene essigsauren Holzbirnen, die er sich einmal selber aus dem Wald geholt, schmeckten ihm noch wie die herrlichsten Genüsse! Und wie schwer hatte er sie erkämpft, wieviel Strafarbeiten, wieviel Stubenarrest war ihm diktiert worden, weil er ohne Erlaubnis durchgebrannt war!

Und doch war dieser Tag voll tollen Räuberspiels, voll Jagen und Rennen, Raufen und Balgen mit der Schar seiner Straßenjungen, welche er mit sich geführt, die schönste Erinnerung seines Lebens!

Wird solch ein Tag jemals wiederkehren?

Jetzt, wo man ihm noch zu allen Erziehungstyrannen eine Stiefmutter auf den Hals hetzt?

Götz von Abensberg stöhnt auf wie ein junger Löwe, welcher an dem Gitter seines Käfigs rüttelte.

Gleichzeitig stürmt sein Gouverneur im Frack und weißer Binde aus der Tür, drückt ihm aufgeregt einen herrlichen Blumenstrauß in die Hand und sagt: »Die Herrschaften kommen, Götz! Nun bitte ich dich, begrüße die neue Mama mit den Worten, welche ich dir einstudierte! Es hängt so viel von dem ersten Eindruck ab, welchen ein Knabe auf die prüfende und forschende Mutter macht!«

Prüfend und forschend – natürlich, wie ein Großinquisitor!

Götz preßt die Lippen zusammen und umkrampft den Blumenstrauß mit eiskalten Fingern.

Er schreitet mechanisch an der Seite des Erziehers die Treppe hinab bis zu ihrem ersten Absatz, die Eltern daselbst zu erwarten.

Er starrt hinab in die Flurhalle, welche die Stiefmutter soeben am Arm Seiner Exzellenz betritt.

Groß, imposant, das Haupt ernst und selbstbewußt erhoben, schreitet sie den knixenden Mädchen entgegen.

Ihr Auge blickt unendlich ruhig und stolz, aber doch voll gewissen Wohlwollens die Dienstboten an, sie spricht ein paar Worte mit jedem einzelnen und steht dabei so hoch aufgerichtet wie eine Königin, welche Audienz erteilt.

Götz umfaßt mit scharfem Blick das regelmäßige, energische Gesicht, die Gedanken wirbeln hinter seiner Stirn, ein beinahe gehässiges Gefühl schleicht sich in seine Seele.

Jene kraftvolle, hohe Frau ist und wird nun und nimmermehr seine Mutter, sie wird eine Geißel seines Lebens, welche sich als Scheidewand zwischen ihn und alles das stellt, was ihm Glück deucht.

In diesem Augenblick riß er voll leidenschaftlichen Trotzes einen Abgrund zwischen sich und jener »Fremden« auf, welchen kaum die Liebe, geschweige die Vernunft jemals überbrücken konnte.

Wenige Augenblicke später stand die neue Gräfin Abensberg auch vor ihm.

Sie streckte die Hand aus, um sie ihm auf den Kopf zu legen und ein paar – nach Götzens Ansicht – höchst überflüssige Worte zu reden.

Er fuhr jäh zurück und sein Auge blitzte wie in feindseliger Drohung zu Ihrer Exzellenz auf.

Überrascht sah Malwine ihn an.

Der freundliche Ausdruck, welcher erst um ihre Lippen gespielt, da sie den Stiefsohn als geliebtes Kind begrüßen wollte, wich einer kalten Strenge.

Ihre Hand sank schlaff hernieder und hob sich auch nicht, als Götz auf einen drohenden Blick des Vaters hin und von des Erziehers energischem Handgriff genötigt, mit kurzer Bewegung den Blumenstrauß darbot.

»Ich danke!« erwiderte Gräfin Abensberg kurz und eisig. »Ich möchte mich erst überzeugen, ob du es durch Fleiß und Liebenswürdigkeit verdienst, deiner Mutter Blumen anbieten zu dürfen!«

Und sie legte abermals die Hand auf den Arm des aufs höchste geärgert dreinblickenden Gemahls und zog ihn, nach freundlichem Gruß für den Erzieher, weiter.

Dieser bebte vor Aufregung und murmelte dem jungen Grafen ein paar nicht allzu höfliche Worte zu; auch Seine Exzellenz schien nicht übel Lust zu haben, dem renitenten Sohn sogleich eine geharnischte Rede zu halten, Malwine aber sprach gelassen ein paar bewundernde Worte über das schöne, alte Gebäude und schritt den hell erleuchteten Gemächern entgegen, als wäre Götz von Abensberg nichts anderes als eine Steinfigur, welche zur Dekoration auf die Treppe gestellt ist.

»Verzeih', liebste Malwine, ich bin außer mir über den unmanierlichen Schlingel!« sagte der Präsident, als die Tür sich hinter ihnen geschlossen. »Du siehst, ich habe dir nicht zu viel von ihm gesagt!«

Gräfin Abensberg lächelte. »Ein Kind kann mich nicht beleidigen, Bolko, – ich erwartete es kaum anders. Das Bürschchen revoltiert gegen die strenge Hand, welche es führen soll, aber ich versichere dich, diese Hand wird kräftig genug sein, es auf den Weg zu zwingen, den du für deinen Sohn gut heißest. – Nur Zeit und Geld sind nötig. – Und nun zeige mir die beiden andern Kinder; ich hoffe, daß diese mit Güte zu erziehen sind, wo bei Götz vorerst nur Strenge walten kann.«

Wenige Augenblicke später stand Malwine an den Bettchen der beiden Jüngsten.

Klein Anna-Kathrin lag wie ein wonniger, blondlockiger kleiner Engel in den spitzenbesetzten Kissen und lächelte im Traum, Quirins blasses, schmales Gesicht sah aus wie die verkörperte Resignation.

»Ist er krank?« fragte Malwine.

»Nicht krank, Exzellenz – wohl aber sehr zart und anfällig« – gab die Bonne respektvoll zur Antwort. »Die beiden Kinder sind sehr artig und lieb, folgsam und leicht zu leiten! Frau Gräfin werden viel Freude an ihnen haben.«

Malwine strich mit der kühlen, festen Hand über die zarten Wangen der kleinen Schläfer. Einen Augenblick stand sie schweigend und blickte auf sie nieder.

Noch zitterte ein herbes Gefühl durch ihr Herz, welches Götz ihr durch seine Unfreundlichkeit erweckt. Sein Willkommen warf seine Schatten zurück.

Sie war Stiefmutter und wurde als solche angesehen. Liebe brachten ihr die Kinder schwerlich entgegen. Die verlangte sie auch nicht, – ihr eigenes Herz kannte sie ja auch nicht mehr, das kleine, zarte Pflänzchen darin war längst verdorrt und gestorben.

Dennoch meint sie es gut mit den Kleinen. Sie empfindet die Schwere der Verpflichtungen, welche sie übernommen, in diesem Augenblick besonders deutlich.

Aber sie tut ein Gelübde im Herzen, für diese Pflichten zu leben und zu sterben. Pflegen und warten will sie die Kinder, es soll ihnen an nichts fehlen.

Ihre Augen werden über ihnen wachen, daß ihnen ihr Recht werde.

Für Körper und Geist will sie sorgen, daß beide sich aufs beste entwickeln sollen, daß aus den Kindern brave, gesunde, brauchbare Menschen werden, eine Ehre und Zierde für den Namen, welchen sie tragen.

Das gelobt sich Malwine voll treuen Eifers. Von ihrer hohen, stolzen Gestalt, von dem strengen Antlitz aber weht es so kühl – ach so kühl über die Kinderbettchen hin, daß die kleinen Herzen im Schlafe frösteln, – und wählend Anna-Kathrins rosige Lippen leicht aufseufzen, als die Hand der Stiefmutter über ihre Stirn streicht, beißt Götz in seinem Zimmer voll knirschenden Ingrimms die Zähne zusammen und sagt im tiefsten Herzensgrund der verhaßten Fremden eine bittere Fehde an, – auf Leben und Sterben.

VI.

Monate und Jahre sind vergangen.

Malwine von Abensberg herrscht in dem Hause des Gatten in musterhafter Weise. Alles geht wie am Schnürchen, alles blitzt und blinkt, alles repräsentiert die vornehme Pracht des gräflichen Hauses.

Komtesse Anna-Kathrin und ihr Bruder Quirin machen der trefflichen Erziehung der Stiefmutter alle Ehre, – sie verehren die Gräfin auch sehr, und wenn der Verkehr mit der Mutter auch kein herzlicher und zärtlicher ist – ein solcher erscheint angesichts der strengen, kalten Frau kaum möglich –, so ist doch das Verhältnis ein sehr gutes und ungetrübtes.

Anders mit Graf Götz.

Nachdem sich anfänglich die leidenschaftlichsten und erbittertsten Szenen zwischen Mutter und Sohn abgespielt hatten, Auseinandersetzungen, welche von Götz mit grenzenloser Heftigkeit, von Ihrer Exzellenz mit kaltblütigster Ruhe geführt wurden, trat plötzlich in dem Wesen des jungen Grafen eine auffallende Änderung ein

Er war mittlerweile achtzehn Jahre alt geworden und stand vor dem Abiturientenexamen: anfänglich wollte er dieses um keinen Preis der Welt machen, sondern sogleich Soldat werden.

Da ihm all sein Revoltieren gegen den eisernen Willen der Stiefmutter nie etwas genutzt hatte, da Frau Malwine es voll unglaublicher Konsequenz verstanden,

stets ihren Willen durchzusetzen, änderte Götz seine Taktik und fügte sich mit einem wahren Galgenhumor den Befehlen der gestrengen Mama.

Er war jetzt sogar voll Feuereifers bestrebt, das Examen so schnell wie möglich zu machen, lernte Tag und Nacht, und antwortete nur durch ein seines, ironisches Lächeln, wenn die Gräfin dem »endlich zur Vernunft gekommenen« Sohn in ihrer kühlen Weise Anerkennung zollte.

Götz machte auch jetzt kein Hehl daraus, daß er die Stiefmutter von Grund seines Herzens haßte, aber er zeigte es nicht mehr in seiner erst so wilden, unbändigen Weise, sondern führte Humor und Spott ins Treffen, welche der geistig schwerfälligeren Malwine die entschieden unsympathischsten Gegner waren.

So trat Ihre Exzellenz eines Tages, nachdem der Präsident und seine Gemahlin von einer kurzen Erholungsreise nach Italien zurückgekehrt waren, in das Arbeitszimmers des Stiefsohnes und überzeugte sich, ob die Temperatur des Gemaches den Vorschriften des Arztes entspreche.

Götz war zu starrköpfig, um solche Gewissenhaftigkeit der Mutter als ein Zeichen freundlicher Sorge für sein Wohl aufzunehmen, im Gegenteil, er erachtete es lediglich als Bevormundung, ebenso wie es ihn schon früher ergrimmte, wenn Gräfin Abensberg alles und jedes, was die Kinder anbetraf, sorgfältig kontrollierte, das Essen, die Kleidung, Bewegung im Freien, Spiel und Schlaf.

»Überall muß sie die Nase hineinstecken! Daß man um Gottes willen nicht mal einen eigenen Willen haben könnte!« grollte er unmutig. »Alles muß sie wissen, zu allem ihren Senf dazu geben! Was geht es sie an, wie ich mein Taschengeld verwende? Es ist empörend, daß ich großer Mensch noch darüber abrechnen soll! Kein Baby wird so geknechtet wie ich!«

Sein Erzieher hatte nach solchem Zorneserguß die Achseln gezuckt. »Warum eilen Sie nicht, aus diesen bedrückenden Verhältnissen herauszukommen? Je eher Sie selbständig eine Stellung in der Welt einnehmen, desto eher sind Sie frei!«

»Frei – frei! Darum will ich ja als Avantageur schon jetzt eintreten, um die Ketten zu sprengen,« stöhnte Götz, »aber sie lassen mich ja nicht! Ich soll immer weiter gezwiebelt werden und darum absolut das Abiturium machen. Das ist nur die Rache von der Frau Gräfin, weil ich ihr nicht schmeichle und ehrlich die Zähne weise, darum soll ich noch ein paar Jahre länger unter ihrer Knute schmachten!«

»Wenn Sie bei Ihrer vortrefflichen Begabung sich dahinter setzen, machen Sie in einem halben Jahr das Examen, dann sind Sie selbständig und kein fremder Willen kann Sie mehr zurückhalten! Durch Ihren Widerspruch liefern Sie sich selber in das Gängelband hinein; je länger Sie sich sträuben, desto länger bleiben Sie Kind im Hause, denn machen müssen Sie das Examen, Götz, Sie sollten es erfahren haben, daß, Frau Gräfin ihren Willen durchsetzt.«

Der junge Wann lachte bitter auf. »Ja, das habe ich erfahren – Gott sei es geklagt!« – und dann sah er ein paar Minuten starr vor sich hin, hob jählings das Haupt und murmelte durch die Zähne: »Sie haben recht; es ist besser, wenn ich mich noch einmal füge – ein letztes Mal. Es ist Torheit, gegen den Stachel zu locken! Also vorwärts! Ich mache das Examen – und dann?« – der Sprecher dehnte die Arme, seine Zähne blinkten grell durch die Lippen –, «dann will ich frei sein!«

Von Stund' an lernte er, fieberhaft eifrig, unermüdlich, und der Gouverneur freute sich seines Tricks. Die Gräfin erzählte nach dem Diner dem zerstreuten, überarbeiteten Gatten von dem Erfolg, welcher endlich, endlich bei Götz zu verzeichnen sei.

Da küßte er ihr die kraftvoll schlanke Hand und dankte ihr von Herzen für dieses Meisterstück ihrer trefflichen Pädagogik.

Und nun trat Ihre Exzellenz in das Zimmer des Sohnes, inspizierte das Thermometer und tadelte, daß zu stark geheizt sei, – eine Wärme von über fünfzehn Grad sei ungesund, – und als der junge Graf sich nur tief und noch tiefer als devoteste Zustimmung verneigte, übersah sie solchen Spott und fuhr gelassen fort: «Ich habe heute von fünf bis sechs Uhr Empfang, und da ich es für unerläßlich halte, daß junge Leute sich im Salon die nötigen Manieren aneignen, wünsche ich daß du zugegen bist.«

»Ist tatsächlich soviel bei solch einem ›jour‹ zu lernen? Diener machen und Tee trinken kann ich zur Not.«

»Gewiß! Da dir aber die Gewandtheit eines Kellners allein nicht genügen dürfte, hoffe ich, daß du im Verkehr mit vornehmen Menschen noch ein wenig mehr dazu lernst.«

Wieder eine stumme Verbeugung des Sohnes, die Präsidentin streifte ihn noch einmal mit ihrem kalten, klaren Blick und schloß die Tür hinter sich.

Nun strahlten alle Gaskronen; durch die warmen, duftigen Teppichgemächer eilten die reichgalonnierten Diener, zogen die purpurnen Vorhänge vor den Fenstern zusammen und ordneten auf den kleinen Marmortischen die blitzenden Silbertabletts voll Teebecher, Backwerk, Konfekt und Wein.

Ihre Exzellenz, die Präsidentin, in dem bronzefarbigen schleppenden Seidenkleid, hoch, imponierend, vom Scheitel bis zur Sohle »regierende« Gräfin, stand in dem ersten der Salons und empfing die Besuche, welche bei dem schauderhaften Wetter – der Sturm peitschte wahre Regenfluten gegen die Scheiben – nicht so überzahlreich erschienen wie sonst.

Der junge Graf Götz stand in nächster Nähe seiner Mutter, alle Anreden nur durch stumme Verbeugungen oder Handküsse quittierend, die Augen, wundersam blitzend, auf Ihre Exzellenz gerichtet, als lausche er voll brennenden, alles vergessenden Interesses nur auf jedes Wort, welches zwischen der Gastgeberin und den Ankommenden gewechselt wurde.

Frau Generalin von Zach mit ihren Töchtern trat ein, eilte auf die Präsidentin zu und begrüßte sie voll zeremonieller Höflichkeit. »Welch eine Freude, Sie wieder hier zu sehen, meine teuerste Exzellenz! Sie waren so lange in Italien! – Hoffentlich hatten Sie recht viel Genuß von Ihrem Aufenthalt daselbst?«

Gräfin Abensberg reichte den Töchtern huldvoll die Hand zum Kuß und erwiderte: »Welche Freude, Sie hier zu sehen, meine beste Frau von Zach! – Ja, endlich sind wir wieder daheim, Gott sei Dank, es fing doch schon an, recht heiß in Italien zu werden – –«

Der Präsident trat grüßend herzu, die Tür ward abermals von dem Diener zurückgeschlagen und der Landgerichtsrat nebst Gattin traten ein.

»Exzellenz waren so gütig, zu gestatten …«

»Wie liebenswürdig, daß Sie bei diesem schlechten Wetter kommen –«

»Ah, Exzellenz sind jetzt durch Italien sehr verwöhnt?«

»Durchaus nicht! Ich liebe die Hitze gar nicht, und es fing doch schon an, recht heiß in Italien zu werden. – Darf ich aber bitten, daß die Damen Platz nehmen? …«

Hinter Ihrer Exzellenz klirren Sporen. Zwei junge Ulanenoffiziere vermelden ihren Respekt.

»Hoffentlich haben Exzellenz eine recht angenehme Zeit in dem Lande der Kunst und Schönheit verlebt? Nach dem unseren zu schließen, muß ja auch dort das Wetter ideal, gewesen sein!«

»Je nun – das ist Geschmackssache!« lächelte die Gräfin. »Wir sind ein wenig spät gekommen und ward es während der letzten Wochen doch schon allzu heiß!«

»O, sehr fatal!« – und die jungen Herren dienern und wenden sich begrüßend zu Fräulein von Zach.

Götz blickt starr auf die Stiefmutter, diese aber wendet sich schon wieder neuen Ankömmlingen zu und sieht nicht das maliziöse kleine Lächeln, welches um die Lippen des Sohnes zuckt.

»Grüß Gott, meine gnädigste Gräfin! Ausgezeichnet, daß Sie wieder wohlbehalten hier sind! Wir haben recht voll Bedauern Ihrer gedacht. Bei uns hier schon diese unnatürliche Wärme – muß ja im schönen Italien eine Bombenhitze gewesen sein!«

»Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus, bester Herr Major – es war allerdings unerträglich heiß! – Ah, meine liebe Frau von Feldern! Haben Sie sich bei diesem Regen auch herausgewagt?«

»Der Ruf zu Ihnen läßt mich jedes Wetter vergessen, Exzellenz! Aber ich höre soeben aus Ihrem letzten Stoßseufzer mit Bedauern, daß Sie in Italien so unter der hohen Temperatur gelitten haben –«

»Es war schrecklich, Liebste! Diese Hitze!«

Der Oberlandesgerichtsrat tritt mit tiefer Verneigung heran und küßt die dargereichte Hand der Präsidentin.

»Hitze?« fragt er bedauernd. »Nichts ist furchtbarer, als Hitze in Italien! Hier bei unserer frischen nordischen Brise erträgt man sie schon – ›da unten aber ist's fürchterlich!‹ – Staub – schlechte Luft – eine bleierne Schwüle …«

»O – haben Sie schlechtes Wetter in Italien gehabt?« ruft eine dicke Frau Assessorin, mit allen Zeichen tödlichen Schmerzes herzu eilend, die von dem Gerichtsrat freigegebene Hand der Gräfin ihrerseits voll Inbrunst an die Lippen zu ziehen. »Das ist ja schrecklich! – Bei zwanzig Grad im Schatten Museen und Galerien besichtigen, das ist mehr, als normale Nerven vertragen können –«

»Ja, wenn es in Italien nicht so heiß wäre!« …

»Darf ich bitten, Platz zu nehmen, meine Herrschaften?« wendet sich Exzellenz freundlich lächelnd an den kleinen Kreis, nachdem die hohen Flügeltüren geschlossen blieben und die Zahl der Jourgaste vollzählig schien. Sie selbst nimmt auf dem nächsten Sessel Platz, man gruppiert sich um sie her, die Konversation dreht sich weiter um die Hitze in Italien …

Lautlos gleiten die Diener einher und reichen Tee und Süßigkeiten, – und nach zehn Minuten erhebt sich Frau Generalin von Zach und empfiehlt sich mit ihren Töchtern, da »leider« das Konzert heute so früh beginne – –

Die Ulanen schließen sich an, auch die anderen Herrschaften empfehlen sich; die Gastgeberin selber macht keinen Hehl daraus, daß auch sie beabsichtigt, den unübertrefflichen Gura zu hören.

Man geht.

Ein Empfang bei der Präsidentin pflegt nie sehr lange zu dauern, – das ist unschick.

Nach wenigen Minuten ist es still in den glänzend erleuchteten Salons geworden, und Graf Bolko tritt mit abgespannten Zügen neben seine Gemahlin und bittet sie, allein in das Konzert zu fahren, da er noch arbeiten müsse.

»Möchtest du nicht Mama begleiten, Götz?«

Der junge Graf verneigte sich sehr tief.

»Bedaure, Papa, ich habe noch lateinische Repetition. Außerdem habe ich heute schon so enorm viel auf Mamas Jour gelemt …«

»Gelernt? – Hier? – Was?!«

Ein unbeschreiblich spöttisches Lächeln zuckt um die Lippen des jungen Mannes, sein Blick trifft die Gräfin.

»Ich machte die überraschende Tatsache zu meinem geistigen Eigentum, daß es in Italien bei fünfundzwanzig Grad Hitze im Schatten – recht heiß ist!«

Malwine zuckt unwillkürlich zusammen, das Blut schießt ihr in die Wangen, sie ist momentan fassungslos.

Dann hebt sie ruhig das Haupt und ihr eisiger Blick trifft den Spötter. »Und das ist alles, was du profitiert hast? Ich hoffte, du würdest in erster Linie lernen, deine vorlaute Zunge zu zügeln!«

Götz verneigt sich abermals sehr tief. O, wie Malwine seine ironischen Verbeugungen haßt! – Das seine Lächeln um seine Lippen verschärft sich und im nächsten Augenblick ist er hinter der Tür verschwunden.

Gräfin Abensberg aber tritt erregt an das Fenster und starrt in die stürmische Nacht hinaus; die Erbitterung steigt glühend heiß in ihr empor. Undank, schnöden Undank erntet sie für all ihren guten Willen! Nichts, nichts als Enttäuschungen bringt ihr das Leben, – ach, daß sie es samt allen Lasten und Bürden von sich werfen könnte! Ist sie zu schwach, den Widerhaken Götz' zu biegen?

Sie preßt die Lippen zusammen und richtet sich hoch auf. »Rein! – sie wird ihn biegen, – gleichviel, ob er dabei zerbricht!«

VII.

So erbittert wie die Stiefmutter in Sturm und Wetter hinausblickte, so erbittert haderte auch der junge Graf mit seinem Schicksal.

Er hatte sich in seinem Zimmer auf die Ottomane geworfen und lachte leise und sarkastisch vor sich hin.

»Und so etwas nennt man nun Verkehr, Geselligkeit, Leben! – Diese mordende Langeweile! Dieses blödsinnige Geschwätz von der italienischen Hitze! Dieses Geknickse, Handküssen, Lächeln und liebenswürdige Phrasendreschen!

Noch nie hat sich Götz so angeekelt gefühlt von dem »Salonton« wie heute.

Seine Mutter hatte ein auffallendes Talent, ihm die Sitten und Formen der guten Gesellschaft immer nachdrücklicher zu verleiden.

Und in solch einer Tretmühle soll er auch mitkämpfen, so fabelhaft wohlerzogen soll auch er über die Hitze in Italien mitreden!

Wie in wilder, leidenschaftlicher Heftigkeit beißt Götz die Zähne zusammen.

»Nie, nie!« – Er würde sich selber lächerlich vorkommen! Er würde sich erniedrigen, wenn er dieselben Sklavenketten trüge, wie all diese rückgratlosen Menschen, welche ihrem Leithammel nachtrotten und mechanisch nachäffen, was andere ihnen vormachen.

Wer hat das Recht, Regeln über Anstand, Form und Etikette vorzuschreiben? – Wer beschränkt und beschneidet die Freiheit der lieben Nächsten? Götz wird nie danach fragen, was modern, was schick und wohlanständig sei! – Er wird nicht am späten Abend zu Mittag essen, denn das ist Unnatur, ist ein Unding: er wird nie verlangen, daß seine Diener beim Servieren die linke Hand auf den Rücken legen, wie ausgerenkte Mißgeburten. Warum das? Er teilt diesen Geschmack nicht und läßt sich keine Vorschriften machen. Er schirrt seine Kutschpferde so an, wie er es hübsch findet – er trägt keine Handschuhe, wenn es ihm unbequem ist – er begrüßt keine Menschen, welche ihm langweilig sind!

O, wie haßt Götz all diesen Zwang und diese Äußerlichkeiten, mit welchen man ihm das Leben vergällt, solange er zurückdenken kann. Jetzt erträgt er noch grollend sein Joch und knirscht in das Gebiß – aber wenn er erst frei ist – frei und sein eigener Herr – dann wird er mit Wonne all diesen Ballast über Bord werfen und alles – alles nachholen, was er in dieser langen Zeit der Knechtschaft entbehrte! Könnte er jetzt eine Zigarette rauchen, einen interessanten Roman lesen!

Haha! Den Robinson Crusoe! Den erlaubt die gestrenge Frau Gräfin vielleicht!

Tabak, Wein, Bier – alles hat sie ihm bis auf ein Minimum beschränkt, denn diese tödlichen Gifte taugen einem jungen Körper nichts – und ein Buch von Zola, von Tolstoi ist ihrer Ansicht nach ein noch schlimmeres Gift, welches die Seele mordet. Also Zuckerbrei und ein hübsches Bilderbuch, haha! – Und dabei sproßt dem Baby schon der Bart auf der Lippe.

»Geduld, Geduld – noch ein halbes Jahr – und dann« – die Augen des jungen Mannes blitzten auf, voll Ungestüm wühlte er die Finger in das lockige Haar – »dann habe ich erreicht, wonach ich mein Leben lang gelechzt – die Freiheit!«

»Wenn du dein Examen nicht nur absolvierst, sondern es sogar sehr gut und glänzend machst, gestatte ich dir, bei der Garde-Kavallerie einzutreten!« – hatte Seine Exzellenz dem Sohne versprochen, und da die Residenz mit ihrem flotten, wechselvollen Leben, mit ihrem pikanten Spiel von Licht und Schatten einen besonders lockenden Geiz auf Götz ausübte, so strengte er sich an und bestand das Examen tatsächlich in überraschend guter Weise.

Malwine hatte leider zu spät von dem, ihrer Ansicht nach sehr leichtsinnig gegebenen Versprechen des Grafen gehört.

Der heiße Boden der Großstadt schien ihr durchaus gefährlich für einen solchen Durchgänger wie ihren Stiefsohn, welchen sie gern unter strenger Kontrolle behalten und darum in nächster Nähe in einem Kavallerieregiment untergebracht hätte.

Der Präsident jedoch wollte sein Wort durchaus nicht brechen, auch war er von dem plötzlichen Lerneifer und dem guten Examen des Sohnes gerührt und überzeugt, daß Götz unter der strengen Zucht der Mutter dauernd gebessert und zur Vernunft gekommen sei.

Mein Gott, er hatte ja nie etwas wirklich Leichtsinniges oder gar Schlechtes begangen; er war ein Brausekopf, steckte voll wunderlicher unreifer Schrullen und Ansichten über Leben und Freiheit und neigte dazu, gegen althergebrachte Gesetze und Sitten zu revoltieren.

Gerade solche wilde Sprossen werden einem jungen Bäumlein in der Großstadt am besten gestutzt. Ein paarmal tüchtig anrennen, sich blamieren und seine Erfahrungen machen, und aus dem »wilden Knaben« wird ein wohlgesitteter Mann, welcher den Fluch der Lächerlichkeit kennengelernt und sich davor scheut.

Zum erstenmal im Leben fügte sich Seine Exzellenz nicht dem Willen der energischen Gattin, zum triumphierenden Entzücken seines Sohnes, welcher die »Intrigen« der Frau Mama schnell gewittert und in leidenschaftlicher Erregung der Entscheidung des Grafen geharrt hatte.

Götz nahm von dem Vater demzufolge einen beinahe herzlichen, von den jüngeren Geschwistern einen geradezu zärtlichen und innigen Abschied.

Er faßte Anna-Kathrins blondes Köpfchen zwischen seine Hände und blickte ihr lange in das zarte, rosige Gesicht.

»Für mich hat das Elend nun ein Ende, Schwesterchen,« murmelte er, »und Quirin wird mir bald folgen und ebenfalls den Kappzaum abstreifen, aber du, armes kleines Ding mußt noch warten, bis einmal ein Königssohn mutig durch die Dornenhecken in dies verwunschene Schloß dringt und sein Prinzeßchen dem Drachen abkämpft!«

»Ein Königssohn?« lachte die Kleine unter Tränen – »schön, ich werde aufpassen, ob einer über den Zaun springt, – ob er schön und gut ist, wie ein Prinz aus dem Märchenbuch, – der soll mich dann mit in sein Königreich nehmen! – Vorerst aber bin ich noch gern daheim! Ich begreife nicht, daß du dich immer so unglücklich bei uns gefühlt hast, Götz! – Was mangelte dir? War Mutter nicht immer gut zu uns?«

»Gut, gut!« Der junge Graf lachte scharf auf. »Worin bestand die Güte, Anna-Kathrin?«

Die Kleine zupfte verlegen an der hellblauen Haarschleife.

»Nun – sie ist wohl nie so zärtlich und innig zu uns gewesen, wie unsere richtige Mama, – aber sie war auch niemals böse oder ungerecht! Geküßt hat sie uns freilich nie, aber doch treu für uns gesorgt; Mademoiselle sagte noch jüngsthin: ›So gewissenhaft, wie es Exzellenz mit den Kindern nimmt, sah ich noch keine andere Mama! Alles überwacht sie persönlich, alles muß vom Besten sein, alles so gesund und bekömmlich eingerichtet werden, wie möglich –‹«

»Ja, sie überwachte uns! Gott sei's geklagt – mit ihrer Korrektheit hat sie mich gepeinigt bis aufs Blut!«

»Du bist so heftig, Götz! Du vergißt ganz, daß doch alles nur zu unserem Besten geschieht!«

»Ja, ich vergaß es – und vergesse es hoffentlich bald ganz!« atmete der junge Graf mit bitterem Lächeln auf. »Ich werde Lethe trinken, um das Andenken an meine Kindheit auszulöschen. Wie gut, daß du so geduldig und brav bist, mein kleines Mädchen, ein so ganz anderes Blut als dein wilder Götz! Auch Quirin ist ein Herdentier und trabt gehorsam im vorgeschriebenen Geleise, – das ist gut, und er fühlt sich wohl dabei. Möchte es immer so bleiben. Und nun leb' wohl, mein Liebling! Ich sehe dich so bald nicht wieder.«

»Du kommst doch während des Urlaubs heim?«

Götz zuckte mit glimmendem Blick die Achseln.

»Ich glaube es nicht; ich möchte jede freie Zeit benutzen, um zu reisen. Wenn man so lange im Käfig gesessen und während des Sommers höchstens den Gutshof oder das liebliche Kinderbad Wyk zu sehen bekommen hat, dann zieht es einen hinaus in die Welt. – Aber gleichviel, ob ich wiederkomme oder nicht, ich behalte dich lieb, Anna-Kathrin, du, die einzige hier, an welcher meine Seele hängt, und ich denke, auch du bewahrst mir ein Plätzchen im Herzen, und wenn du Zeit hast, dann schreibst du mir!«

Sie warf sich schluchzend an seinen Hals und küßte ihn, und er küßte sie wieder und scherzte: »Und dann vergiß nicht und paß auf, wenn der Königsohn über den Zaun klettert!«

Da lachte sie wieder, und die Tränen trockneten. Von der Stiefmutter verabschiedete er sich mit dem zeremoniellen Handkuß, welchen er gewohnt war, auf ihre schlanke Rechte zu drücken.

Er hatte ein paar höfliche Phrasen sagen wollen, als er aber in die kalten Augen sah und die guten Ermahnungen hörte, welche Exzellenz dem scheidenden Sohn mitgeben zu müssen glaubte, da erstarb ihm das Wort auf der Lippe und es würgte ihn auch in diesem letzten Augenblick ebenso in der Kehle, wie all die langen Jahre, wenn er Strafpredigten oder »salbadernde Moralpauken« über sich ergehen lassen mußte.

Mit ein paar Sätzen sprang er die Treppe hinab in den Wagen, und als er in dem Eisenbahnabteil stand und der Zug sich in Bewegung setzte, ihn aus dem Elternhaus hinaus in eine fremde, bunte, herrliche Welt zu führen, da breitete er mit blitzenden Augen die Arme weit aus und ein einziger, ungestümer, halb erstickter Jubelschrei brach über seine Lippen – »Frei!«

Graf Bolko Abensberg war stets ein sehr generöser Mann gewesen, welcher viel Wert darauf legte, seines alten Namens Glanz vor der Welt leuchten zu lassen.

Die Zulage, welche der Regimentskommandeur für Götz forderte, war schon eine verhältnismäßig hohe, der Präsident erhöhte sie noch freiwillig um ein Beträchtliches und war auch in diesem Punkte zum erstenmal nicht der Ansicht seiner Gemahlin, sondern handelte derselben direkt entgegen.

Malwine schüttelte sehr mißbilligend den Kopf, als der Graf die Summe nannte, welche er seinem Sohn als Zulage bestimmt hatte.

»Ich halte deine Freigebigkeit für ganz verfehlt, lieber Bolko!« sagte sie in ihrer so ernüchternd ruhigen Weise. »Meiner Ansicht nach muß ein junger Mann, welchen ich mit deiner Zustimmung bisher unter strenger Kontrolle gehalten, zu allererst im Leben lernen, sich einzuschränken und gut Haus zu halten. Die überreichlichen Mittel, welche du Götz bewilligst, müssen ihn naturgemäß verwöhnen und leichtsinnig machen. Er hat leider genug Anlage dazu, und dieselbe zu beschränken anstatt zu fördern, ist Pflicht der Eltern.«

Seine Exzellenz schüttelte etwas nervös den Kopf. »Ich danke dir für deinen so wohlgemeinten Rat, liebe Malwine, und bitte zu verzeihen, wenn ich dir auch diesmal widerspreche. Ich kann meinen Sohn unmöglich in einem Garde-Kavallerieregiment derart pauvre auftreten lassen! Er hat meinen Namen zu repräsentieren, und alle Welt weiß, daß mir die Mittel dazu zur Verfügung stehen! Ich weiß, was für Ansprüche in der Residenz gestellt werden, und bin tolerant genug, der Jugend gewisse Rechte einzuräumen.«

»Ja, wäre Götz ein anderer!«

»Gerade darum, weil er ›kein anderer‹ ist, muß man mit seiner Eigenart rechnen. Du sagst selbst, er sei ein Durchgänger und habe Anlage zum Leichtsinn! Nun wohl! Statte ich ihn nicht genügend aus, wird er zweifelsohne Schulden machen, denn er ist noch nicht Charakter genug, um so manchen Lockungen der Großstadt zu widerstehen. Ehe ich aber fünfzig oder mehr Prozente an Wucherer bezahle – denn die Wechsel meines Sohnes müßte ich doch auf jeden Fall einlösen – gebe ich das Geld lieber gleich an den Jungen, um ihn in die Lage zu versetzen, während jener ersten Sturm- und Brausejahre sein Leben genießen zu können, ohne in die Versuchung geführt zu werden, leichtsinnig zu handeln und sich einem Halsabschneider in die Arme werfen zu müssen!«

»Und du hast wahrlich den naiven Glauben, daß Götz bei der hohen Zulage keine Schulden macht?«

Der Präsident schritt unruhig auf dem dicken Teppich auf und nieder.

»Ich hoffe es, und möchte alles tun, was in meinen Kräften steht, um es zu verhindern.«

»Und wenn es doch geschieht?«

Der Graf lächelte plötzlich und zog die Hand seiner Gemahlin ritterlich an die Lippen. »Dann sehe ich ein, daß irren menschlich war und daß meine teuere Maltwine mehr Menschenkenntnis besitzt als ich!«

»Zu spät!«

»O, nicht doch! Ich appelliere dann abermals an deinen Scharfsinn und liefere dir den Sünder aus, damit du sein leckes Schifflein wieder in das rechte Fahrwasser lenkst! Das wird aber, so Gott will, nie der Fall sein! Vorläufig glaube ich noch an meinen Sohn! Er ist ein Abensberg! Wie sollte Art so von guter Art lassen! Oft werden gerade die Sorgenkinder die trefflichsten Männer, wie der Most, welcher am meisten gärt, der beste Wein wird!«

Malwine seufzte. »Verhüte der Himmel, daß du je eine Enttäuschung erlebst!«

VIII.

Götz befand sich seit etlichen Monaten in der Residenz und hatte sich anfangs in seiner flotten, schmucken Ulanenuniform wie im Himmel gefühlt.

Wenn ein Mensch jahrelang nur an Brunnenwasser gewöhnt war, berauscht ihn der Wein doppelt stark, und wenn einem feurigen jungen Renner, welcher lange Zeit ungeduldig in das Gebiß geschäumt hat, plötzlich die Stalltür weit aufgesperrt wird, dann schießt er leicht über das Ziel hinaus und mißbraucht die goldene Freiheit gar oft, um durchzugehen!

Auch Götz Abensberg war es zumute wie einem Gefangenen, welcher über Nacht die Ketten abgestreift und, von launischen Schicksalshänden getragen, in ein Schlaraffenland versetzt wird.

Keine Lehrer, keine Schulbücher, keine moralisierende, gestrenge Stiefmutter, welche alles unpassend und unbekömmlich findet, keine engen Kleinstadtverhältnisse, wo jedermann den Sohn des Präsidenten kannte und ihm aller Blicke kritisierend und beobachtend folgten, wenn er mal seine eigenen Wege zu gehen wünschte!

Wer kannte, bevormundete und kritisierte ihn hier, wenn er in Zivil durch die lichtflammenden Straßen bummelte, um sich zu amüsieren, um zu leben, zu genießen – wie in einem seligen Rausch' sich auszutoben unter der schillernden Devise: Erlaubt ist, was gefällt!

Hals über Kopf hatte Götz sich in den Strudel des Großstadtlebens gestürzt.

Er, der so lange gedarbt hatte, wollte alles voll ungestümer Hast nachholen, wollte die goldene Freiheit ausnützen in schrankenlosem Genuß!

Freiheit!

Anfänglich hatte es ihm geschienen, als sei diese blendend goldene Sonne wahrlich über ihm aufgegangen.

Bald aber empfand er, daß auch sein jetziges Dasein Schranken auswies, an die er unaufhörlich und sehr empfindlich anrannte.

Er hatte sich die Stellung und den Lebensberuf eines Avantageurs ganz anders gedacht.

Der Dienst mit seiner rücksichtslosen, brutalen Drillerei war absolut nicht nach seinem Geschmack. Sein so ungewöhnlich stark ausgeprägtes Selbstbewußtsein bäumte wild auf gegen die große Abhängigkeit, in welcher er sich allen Vorgesetzten gegenüber befand, und der Befehlston, welcher in Kaserne, Reithaus und auf dem Exerzierplatz ganz selbstverständlich war, klang in den Ohren des durch rücksichtsvolle Erzieher sehr verwöhnten jungen Grafen geradezu unerträglich. Dabei versicherten ihm andere Avantageure und Freiwillige, daß die Offiziere mit ihm geradezu glimpflich verführen, daß er entschieden eine höchst beneidenswerte Ausnahmestellung einnähme. Das gewährte ihm einen schwachen, aber doch angenehmen Trost.

Die Offiziere waren tatsächlich rücksichtsvoll und nachsichtig. Und die Wachtmeister und die Offiziere?

Götz war klug, liebenswürdig, splendid, er verstand es dank seines Benehmens und seiner Mittel, auch diese Tyrannen für sich zu gewinnen, und drückte gar mancher ein Auge zu, um bei dem »Neuling« zu entschuldigen, was für andere einen kolossalen Anschnauzer zur Folge gehabt hätte.

Das streng verbotene In-Zivil-Gehen, welches Götz so ganz besonders liebte, hätte ihm wohl die größten Unannehmlichkeiten gebracht, wenn man ihn gemeldet hätte, anstatt es bei wohlgemeintem Verweis und abermaligem Verweis bewenden zu lassen. Ja, eine spaßhafte kleine Geschichte erzählte Götz ganz harmlos selber am Offizierstisch, und zwar so launig und gewinnend übermütig, daß er – fast immer – die Lacher auf seiner Seite hatte.

Im Reithaus wurde unter dem Kommando des Wachtmeisters in Abteilungen geritten.

Götz hatte während der Nacht in befreundeter Familie getanzt, den Rest derselben beim Sekt verjubelt und saß nun recht müde und schläfrig auf seinem Pferd, den ganzen Dienst und alles, was drum und dran hing, zum Teufel wünschend.

Er ritt als erster, und das Kommando des Wachtmeisters: »Durch die ganze Bahn changiert!« verhallt in seinen Ohren wie ein Traum.

Infolgedessen changiert er nicht, sondern reitet mit halboffenen Augen geradeaus.

Sein Hintermann folgt getreulich.

»Ha–a–alt!« donnert der Wachtmeister und stürzt sich wie ein Berserker auf Abensberg.

Zornschnaubend steht er vor ihm, jeder ist auf den Ausbruch eines furchtbaren Donnerwetters gefaßt, und Götz reißt überrascht die verschlafenen Augen auf und starrt den Gestrengen halb verwundert, halb vorwurfsvoll an.

Und dem Wachtmeister kommt es plötzlich in den Sinn, daß er seinen Schützling, den flotten, freigebigen, liebenswürdigen Grafen, nicht anfahren kann.

Er wendet sich mit scharfem Ruck zu dem Hintermann, welcher dem Avantageur auf falscher Bahn folgte, und schreit so verächtlich wütend, wie es ihm möglich ist, den Grafen dabei mit dem Blicke streifend:

»Sie sind ooch so 'n Rindsvieh!!«

Schallendes Gelächter erhob sich, als Götz diese kleine Geschichte am Offizierstisch erzählte, und man war einig darüber, daß kein Diplomat geschickter zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte, wie der dicke Herr Wachtmeister.

So hatten sich die ersten Dienstjahre recht angenehm für den Sohn des Präsidenten abspielen können, wenn sich seiner nicht eine geradezu krankhafte Sucht nach Freiheit und Ungebundenheit bemächtigt hätte.

Als er Offizier geworden und sein Vater zum Besuch eingetroffen war, sprach Exzellenz mit dem Oberst.

Dieser zuckte die Achseln, und da er ein sehr jovialer und wohlwollender Herr war, beurteilte er den jungen Brausekopf nachsichtiger und milder, als er es wohl verdiente.

»Er wird sich austoben! Er wird schon Geschmack an einer ernsteren Lebensanschauung bekommen!« sagte er. »Vorläufig ist er etwas leichtsinnig und schlägt öfters über die Stränge, aber ich hörte noch nie eine Andeutung, daß er über seine Verhältnisse lebt und Schulden macht. Und das ist ja eine Hauptsache! Solange die Börse mit den Passionen gleichen Schritt hält, kann man noch ein Auge zudrücken. In letzter Zeit hat er viel Geschmack am Rennsport bekommen: bleibt er dabei in den Grenzen, ist die Sache ja ganz schön, gerät er aber dabei auf Nebenwege, übertreibt er es, dann kann ihm die Sache sehr gefährlich werden. Leider ist er jeder Warnung und jedem noch 'so freundschaftlichen Rat unzugänglich. Ich habe selten einen jungen Mann kennengelernt, welcher sich so schroff auf eigene Füße stellt, wie er. Auch dienstlich hat ihm dieser Starrkopf schon recht fatale Erfahrungen eingebracht. Je nun – ich hoffe, die Zeit wird sein bester Lehrmeister sein, und wenn die Hörner abgelaufen sind, kommt der Aschermittwoch für ihn!«

»Das hoffe ich auch!« seufzte Seine Exzellenz und reiste etwas beklommenen Herzens wieder ab; weder dem Oberst noch Malwine mochte er es eingestehen, daß er dem Sohn schon jetzt ein paar recht beträchtliche Bären abgebunden hatte.

Götz aber saß mißmutig in seinem hocheleganten Rauchzimmer, welches mit allem nur erdenklichen Luxus, seiner ganzen, stilvollen Wohnung entsprechend, eingerichtet war und drehte grollend eine Zigarette.

Vor ihm lag die kaum begonnene Winterarbeit, außerdem war er Rekrutenoffizier, und heute nacht sollte er bei dem Hundewetter Ronde laufen!

Keine Stunde, keine Minute sein eigener Herr! Immer gebunden, immer abhängig! Bei Gott, er ist jetzt beinahe schlimmer daran, wie ehemals als Schüler!

Er darf ja nichts, nichts, ohne Erlaubnis, ohne Urlaub eingeholt zu haben. – nicht mal, daß er sich zivil anziehen, daß er mal hier oder dort hinreisen, sein Leben und seinen Tag sich einrichten kann, so wie er es will! Wenn ihn seine Mutter ehemals zwang, in ihren Salons zu erscheinen, um an der so verhaßten, langweiligen Geselligkeit teilzunehmen, so zwingt man ihn jetzt erst recht dazu, – er kann und darf sich nicht ausschließen, er muß in Hofkreisen verkehren, denn es wird vom Regiment gefordert, daß die Uniform gut vertreten sei. Der Oberst hat ihn nicht schlecht angeblasen, als er sich den letzten Winter zurückziehen und nur da sich amüsieren wollte, wo es ihm zusagte.

Was soll er sich müde und kaputt tanzen! Was soll er mit all den wohlerzogenen Komteßchen und Geheimratstöchtern reden? Sich von der Konfirmandenstunde und über Schlittschuhlaufen unterhalten? Das kann er nicht mehr, seit er Weiber kennenlernte, denen ein ganzer Höllenbrand voll Pikanterie aus den Augen blitzt! – Die Backfischchen langweilen ihn zu Tode! – Mit den jungen Frauen kokettieren ist wohl amüsanter, aber zu riskant, es gibt sofort einen Stadtklatsch, – die Gatten runzeln die Stirn, und gibt's ein französisches Ehebruchsdrama, ist der Hausfreund stets mit hereingefallen.

Und das – das soll die Freiheit sein, die er ersehnte?

Götz schleudert die Winterarbeit von sich, greift nach Säbel und Mütze und stürmt zum Klub, seinen Groll bei Sekt und Karten zu vergessen.

IX.

Zirkus Sontini öffnete nur während der Wintersaison seine Pforten für das schaulustige Publikum der Residenz; vom März bis Ende Oktober befand sich der Direktor mit seinem gesamten Personal auf großer Gastspieltournee oder er ließ sich in einer andern großen Handels- oder Hafenstadt nieder, für etliche Monate das Kunstinteresse der Provinzler zu befriedigen.

Jetzt pfiff der Novemberwind eisig kalt durch die belebten Straßen, die ersten Schneeflocken wirbelten hernieder, ihr kurzes Dasein schnell auf dem nassen Asphalt oder unter den Sohlen der hastenden Passanten zu beschließen, die Weihnachtszeit warf ihren strahlenden Lichtglanz voraus und drückte dem hochflutenden Getriebe schon jetzt ihren Stempel emsiger Unruhe auf.

Die Saison begann mit Diners und Tanzfesten, die Theater lockten mit den interessantesten Premieren, – und wo die Musik mit Pauken und Trompeten, mit süßen Walzerklängen oder klassischen Akkorden einsetzte, glitzerten die Fächer in den Händen schöner Frauen, rauschten Seide und Atlas wie die geheimnisvollen Wogen eines Zauberwassers, in welchen alles Erdenleid und alle Daseinsnot für kurze, glückselige Zeit versinkt.

Auch im Zirkus Sontini entfaltete sich ein reges Treiben.

Grau und dämmerig lag der riesige Innenraum des eleganten Gebäudes um diese Vormittagsstunde.

Der Himmel hing voll Schneewolken und ward dadurch die Beleuchtung noch trüber als sonst, – ein paar elektrische Birnen glühten hier und dort an den Wänden auf, den geschäftigen Menschen bei ihrer Arbeit zu leuchten.

Scheuerfrauen hantierten eifrig mit Schrubber und Besen, seiften hinter den oberen Galerien die weißgetünchten Wände ab, entfernten die mächtigen grauen Laken und Segeltücher von den roten Samtbrüstungen und Sesseln der Logen, bürsteten und klopften dieselben, rieben und putzten den Goldstuck und tilgten überall die Spuren, welche der Sommer mit Staub und Mottenpulver hinterlassen.

Stallbedienstete im gewöhnlichen Arbeiteranzug hatten den gewaltigen Vorhang, welcher sonst Manege und Stallgang trennt, herbeigeschleppt, zogen ihn auf, hämmerten und klopften, und zwischendurch klang gedämpftes Wiehern der Pferde, kurzes Hundegekläff oder der scharfe, kurze Knall einer Peitsche aus Stall und Nebenräumen, wo einzelne Spezialisten bereits ihre Nummern in stiller Abgeschiedenheit probten.

Die Manege stand für die nächsten beiden Stunden lediglich dem Direktor zur Verfügung, welcher bei seinen Dressuren gern ungestört und allein blieb.

In tadellosem Zivil, den spiegelblanken Zylinder auf dem leicht ergrauten, schick gewellten Haar, betrat Herr Sontini die Manege.

Hinter ihm schritt ein Stallmeister, welcher die beiden Peitschen seines Herrn und Gebieters trug.

Die eine lang wie eine Fahrpeitsche, mit kostbarem Griff aus Gold und Edelsteinen, den Knauf von kleiner Fürstenkrone gebildet, das Geschenk eines kunstsinnigen Monarchen, welcher seine Anerkennung für die Musterleistungen des berühmten Artisten auf diese Weise ausgedrückt hatte; die andere eine kurze, einfache, kleine Reitgerte, abgegriffen und ausgefasert, in seltsamem Kontrast zu der prunkvollen Genossin stehend.

Weder von der einen noch von der andern trennte sich der Direktor, und ein betagter Stallmeister hatte einmal etwas indiskret behauptet, die armselige kleine Lederpeitsche sei dem »Alten« beinahe noch lieber, als die Ehrengabe seines königlichen Gönners, denn er habe sie vor langen Jahren von seiner ersten und einzigen Liebe, der reizenden Springerin Amalia Bucher, erhalten!

Er sei damals noch ein Anfänger, ein blutarmer Kerl gewesen, welchen der alte Bucher mehr dazu benutzt habe, die »Chosen« herzuzuschleppen und die Pferde zu putzen, als ihn im Sattel zu beschäftigen. Die reizende Amalia sei damals schon ein »Star« gewesen, die nicht habe daran denken dürfen, eine Liebesheirat auf nichts hin zu schließen. – Na, sie habe ja auch bald ihren fürstlichen Gemahl gefunden, und der Alte habe aus Verzweiflung, um sich tot zu stürzen, seinen ersten berühmten Salto ausgeführt. Der sei großartig geglückt, und anstatt das Genick zu brechen, wäre er ein großartiger Artist geworden. – Du liebe Zeit! Wie haben ihm die Weiber überall nachgestellt! Blumen, Briefchen, Ringe und Busennadeln – und hinten am Zirkuspförtchen die Equipagen, die ihn zu süßen Schäferstunden abholen sollten, aber der Sontini war ein närrischer Kauz, er verbiß sich in seinen Schmerz um die schöne Amalia und ist ihr treu geblieben, bis sie endlich starb. – Da hat er auch geheiratet, die Tochter des reichsten Pferdezüchters im Lande, – nicht aus Liebe, Gott bewahre! – danach ist Madame Sontini nicht – nur aus Vernunft. Und das Geschäft war gut, er bekam die Pferde, wie er sie sich nur wünschen konnte, und der Zirkus Sontini ward weltberühmt! – Ja, das ist die Geschichte von der kleinen Reitgerte, und solange der Alte sie nicht aus den Händen läßt, solange ist auch seine Amalia noch nicht vergessen!

So hatte der Bereiter erzählt, und die Artisten blickten seit jener Zeit voll mitleidiger Teilnahme auf ihren ernsten, alten Chef und die unscheinbare kleine Gerte.

Sontini hatte auch heute seine Nummern durchgeprobt, und während der letzten halben Stunde hatte sich der Platz zwischen den beiden Logenwänden vor dem Vorhang mit Mitgliedern gefüllt, welche nach dem Direktor ihre Probe abhalten sollten.

Man wußte, daß »der Alte« in dem Bureau erwartet wurde und dort viel zu erledigen hatte. Um so überraschter war man, als der gestrenge Herr, nachdem seine vier herrlichen Schimmelhengste, welche er in Freiheit dressiert hatte, in dem Stallgang verschwunden waren, nicht seiner Gewohnheit gemäß folgte, sondern sich auf einen Stuhl der ersten Sitzreihe niederließ und seinem Schwiegersohn, Mister Brother, welcher die nachfolgende Probe beaufsichtigte, zurief: »Ist Mademoiselle Lou zur Stelle? – Ich wünsche, daß sie beginnt!«

Allgemeines Flüstern, Blickewechseln, Tuscheln und Kichern.

»Aha! Jetzt wird der Alte 'mal Staub machen!« lachte die schöne Schulreiterin mit boshaftem Augenzwinkern. «Es war ja auch ein Skandal, wie das Frauenzimmer die ganze Zeit über gearbeitet hat! Für die Provinz mag so 'was hingehen, – aber hier?!« und sie zuckte die Schultern und blickte zu der Zirkusdecke empor, als ob sie dabei die Hände ringen möchte.

»Ja, das schöne Lärvchen allein schafft's hier nicht!« nickte der Clown Alexander, ein älterer Mann mit unbeschreiblich melancholischen Augen. »Und anstrengen will sich die Kleine nicht, um das Fehlende zu lernen!«

»Nee, man ja nicht zu ville! Immer hübsch faul aufs Lotterbette liegen und mit die Barons und Jrafen Austern und Sekt schlucken, det paßt der Mamsell besser!«
spottete die dicke Mutter der ersten Ballerina, welche jede haßte, die ihrem Töchterchen Konkurrenz bei den Herren machte. »Det dauert hier keene acht Tage, denn fliegt se! Der Olle macht schon janz sein Rausschmeißejesichte!«

Mister Brother erschien wieder vor dem Vorhang.

»Na, ist sie da, oder dürfen wir wieder warten?« rief ihm Sontini ungeduldig entgegen.

»Nein, sie ist zur Stelle! Zankt nur mit dem Sattelmeister, daß er ihr ›aus Niedertracht‹ immer die ältesten und wackeligsten Panneaus aussuche, dabei wiegt das breite rote, welches er ihr gegeben, seinen halben Zentner – und liegt so bombensicher…«

»Narrheit! – Klingelzeichen!«

Vor der Terrasse ward Fräulein Lou auf das Pferd gehoben, und der gutmütige, lammfromme Schimmel, auf dessen Rücken schon gar manche Anfängerin ihre Pas gemacht, schritt ruhig und sicher, als ginge eine Wiege, in die Manege.

Der Direktor saß mit finsterem Gesicht und blickte nur mit kurzem Dankesnicken auf, als die kleine Reiterin ihn durch eine etwas schnippische Kopfbewegung grüßte.

Fräulein Lou trug nur das ganz einfache »Probekostüm« aus dunklem Leinen, sie war auch weder durch Kaiserrot noch Puder »gemacht«, – nicht einmal die Frisur war perfekt, sondern das krause Haar nur recht nachlässig im Nacken zum Knoten gedreht, und doch sah Mademoiselle Lou reizend aus!

Selten konnte man ein pikanteres Gesichtchen sehen als das ihre.

Große, ungestüm blitzende Schwarzaugen, voll sprühenden Lebens, umrahmt von langen, dunklen Wimpern, welche ihnen besonderen Reiz verliehen. Das Näschen klein, keck, entzückend geformt. Und klein, wie eine Rosenknospe, der Mund, schneeweiß die Mausezähnchen hinter den lachenden Lippen.

Sie lachten nur nicht immer, – im Gegenteil, außer dem obligaten Lächeln bei den Vorstellungen sah man hier im Zirkus selten ein freundliches Gesicht bei Mademoiselle Lou, denn sie war meist übellaunig, verdrossen und gelangweilt, zurzeit sogar recht »
démolie«, wie der Parforcereiter mit zwinkerndem Blick der robusten Ballettmutter soeben zuflüsterte; sie hatte sich vor acht Tagen, während der Abschiedsvorstellung in D., ein »bißchen weh getan«! Während eines Charivaris war ihr ein Kollege mit .einer Requisite, einer sogenannten »Chose«, in den Weg geraten, und Mademoiselle Lou hatte einen Schlag an den Fußknöchel davongetragen, welcher sie während der nächsten Tage hinken ließ.

Glücklicherweise konnte sie sich während der Reise und Übersiedelung in die Residenz schonen, aber sie war von Natur wehleidig und übellaunig über jede Kleinigkeit, und während andere Artisten eine Verletzung, welche sie nicht direkt arbeitsunfähig macht, gar nicht beachten, meldete sich Mademoiselle Lou sofort mit viel Ach und Weh krank.

Sie hatte auch keinen Schneid, keine Passion. Sie hatte sich von der kleinen Choristen-Tänzerin emporgebracht und glaubte, im Zirkus, mit Hilfe ihres hübschen Gesichtchens, spielend Triumphe zu feiern.

Das war ein Irrtum.

Keine Kunst erfordert größeren Fleiß, eisernere Ausdauer und unermüdlicheres Studium als die equilibristische! Und gerade diese ernste Arbeit haßte Mademoiselle Lou.

Kein Mitglied des ganzen Instituts zog sich so viele Rügen und so strengen Tadel seitens der Direktion zu wie die kleine Forcereiterin, deren Leistungen immer zu wünschen übrig ließen und Meister Sontini nie befriedigten. Hätte das nachsichtige Publikum nicht stets wieder der auffallend reizenden Erscheinung auf dem silberstrotzenden Panneau zugejubelt, würde der Kontrakt der kleinen Französin – die Kollegen behaupteten allerdings, Fräulein Lou habe Frankreich nicht einmal auf der Landkarte kennengelernt – wohl schon vor der Zeit gelöst worden sein.

In dieser Woche nun lief er ab, und da im Bureau schon verschiedene Offerten anderer Künstlerinnen derselben Branche nebst vielversprechenden »Photos« eingetroffen waren, so sah das ganze Zirkuspersonal der Entwickelung der Dinge mit besonderer Spannung entgegen.

Wurde ihr aufgekündigt oder nicht?

Aha! Der Alte blieb heute während der Probe anwesend, – das hatte wohl seinen Grund.

Sontini hatte die große, elegante Peitsche zur Hand genommen und war Mademoiselle Lou persönlich in die Manege gefolgt.

»
Allez!« – und mäßig mit der Peitsche knallend, ließ er den schmucken Lipizanoschimmel die erste Runde in schlankem Trabe machen.

Mademoiselle Lou sprang auf die Knie, dann auf die Füße, – sie begann ihre Exerzises.

»Donnerwetter! Heute nimmt sie sich zusammen!« flüsterte ein Akrobat der Schulreiterin zu. »Sie weiß genau, daß es darauf ankommt! Solche Pirouetten hat sie lange nicht geliefert, und es scheint beinahe, als ob sie mit den ›Ballons‹ und ›Leinewand‹ heute auch 'mal ins klare käme!«

Die Schulreiterin verzog spöttisch den Mund. »Das wäre auch ein ekliger Strich durch ihre Rechnung, gerade jetzt abgehalftert zu werden, wo ihr der Weizen in der Residenz blühen könnte! – Was ist denn so ein Forcefrauenzimmer! – Künstlerin etwa? – Bah! Die Lou reitet, nur um eine Partie zu tun! – Ein Prinz oder Graf! – haha – der steckt ihr im Kopf! Man weiß
ja, wie sie angelt! Und wenn erst ein Millionengraf angebissen hat, dann vale Zirkus und edle Reitkunst!«

»Nun sehen Sie nur 'mal, wie sie eben den Salto drehte!«

»Famos! Das war gut! – O, wenn sie will…!«

»Der Alte sieht auch gleich ganz versöhnlich aus!«

Mademoiselle Lou hatte mit viel Eleganz ihren Salto mortale durch die Luft ausgeführt, jetzt schoß ihr Körper rotierend mit den Füßen auf das Panneau zurück, tief aufatmend zog sie das Taschentuch und trocknete das glühende Gesicht.

Der Direktor wandte sich zum Stallmeister und gab ihm ein paar halblaute Befehle, dann nickte er Mademoiselle Lou in seiner ruhigen, ernstgemessenen Weise zu.

»Ich erwarte Sie nach Beendigung Ihrer Exerzises im Bureau!«

Sie quittierte durch ein lässiges Neigen des Köpfchens, und Sontini schritt gedankenvoll, ohne noch eines der Mitglieder anzureden, aus dem Zirkusinnern in einen der Nebenräume, welche zu dem Bureau führten.

Kurze Zeit spater stand Mademoiselle Lou in dem dämmerig stillen Bureauzimmer vor dem Gestrengen.

Sontini legte die Feder nieder, schob gelassen mehrere Briefschaften zur Seite und schaute der Eintretenden mit scharf prüfendem Blick entgegen.

»Ihr Kontrakt ist abgelaufen, Fräulein Weising!«

»Ich weiß es, Herr Direktor!«

»Ich muß Ihnen ehrlich sagen, mein Fräulein, daß ich während Ihres ganzen Auftretens unzufrieden mit Ihnen war. – Sie können Gutes leisten, aber Sie tun es nicht. Sie sind träge, nachlässig, Sie verabsäumen die Proben und wenden keinerlei Fleiß an Studium und Übungen. In der Provinz mochte das noch hingehen, denn leider Gottes verroht der Geschmack des Publikums von Jahr zu Jahr mehr; man goutiert mehr die Effekte und Mätzchen, als wie die echte, alte, feine Kunst. Hier in der Residenz ist das anders, hier finden sich gottlob noch Kenner, – Leute, welche in der alten hohen Schule groß geworden sind. – Eigentlich dürfte ich hier nur erstklassige Artisten beschäftigen, weil Sie mir aber heute in der Probe bewiesen haben, daß Sie etwas leisten können, wenn Sie sich anstrengen, will ich es noch einmal mit Ihnen versuchen und Ihren Kontrakt prolongieren. Unter den bisherigen Bedingungen! Höhere Zugeständnisse kann ich Ihnen auf keinen Fall machen! Auch muß ich mir das Recht vorbehalten, Sie auf der Stelle entlassen zu können, falls Sie mir durch Ihr Verschulden eine Vorstellung umwerfen. Ich betone noch einmal, daß ich äußersten Fleiß und rastloses Üben von Ihnen verlange. Mit dem Gesicht allein ist es hier in der Residenz nicht getan, – wenn Sie lediglich mit Ihrem hübschen Lärvchen Erfolge feiern wollen, haben Sie es bequemer, sich in einer Schaubude auszustellen! – So, das war es, was ich Ihnen sagen wollte. Wenn Sie einverstanden sind, unterzeichnen Sie hier den verlängerten Kontrakt.«

Der Sprecher wies auf den weißen Bogen, welcher auf dem Pult bereit lag, trat gelassen beiseite und griff nach einer Zeitung.

Mademoiselle Lou stand einen Augenblick regungslos und klemmte die rote Lippe zwischen die Zähnchen. In ihren Augen sprühte ein Unwetter, welches sich jeden Moment in leidenschaftlich gereiztem Zorneserguß zu entladen drohte; aber die Klugheit und Berechnung waren größer als die verletzte Eitelkeit und der kochende Grimm über die Behandlung, welche sie hier erdulden mußte.

Mit kurzer Bewegung warf sie den reizenden Kopf in den Nacken.

»Ich bin einverstanden!« sagt sie so ruhig, wie es ihr in diesem Augenblick möglich war, trat an das Schreibpult und kratzte mit großen, eckigen Schriftzügen ihren Namen unter den Kontrakt.

»Haben Sie vorher durchgelesen?« fragte Sontini.

Sie zuckte mit beinahe beleidigendem Lächeln die Achseln, nahm das Duplikat mit des Direktors Unterschrift, kniff es brüsk zusammen und schob es in die Tasche.

»Haben Sie sonst noch Befehle, Herr Direktor?«

»Nein, das Reglement für die nächsten Tage ist im Stallgang ausgehängt; – nehmen Sie Kenntnis davon!«

Eine stumme Verbeugung, die seidenen Röcke der Kunstreiterin rauschten auf, und mit hartem Knacks schloß sich die Tür hinter ihr.

Hastig schritt Mademoiselle Lou nach dem Ausgang des Zirkus.

Für die Kollegen, welche noch plaudernd vor der Sattelkammer standen, hatte sie einen flüchtigen Gruß und auf die Frage: »Na, – sind Sie topp?« ein kurzes Nicken und eine bissige Bemerkung über den »Alten«. Als sie der Schulreiterin begegnete, musterte sie die Rivalin nur mit schillerndem Blick und einem unendlich triumphierenden Lächeln, ohne Zeit für einen Gruß zu finden.

Noch war Mademoiselle Lou in der Residenz unbekannt, sie winkte daher einer Droschke und fuhr nach ihrer Wohnung.

Ihre Wangen glühten vor Unmut und Ärger, und die dunklen Augen spiegelten die Empfindungen, welche sie durchbebten.

Mit beinahe feindseligem Blick musterte sie die klapperige Droschke zweiter Klasse, diese Jammerkutsche, welche bei all ihrer Lumpigkeit doch kaum von ihr bestritten werden konnte.

Ihre Gage war wohl die niedrigste im ganzen Zirkus: sie mußte noch zwei andere Forcereiterinnen neben sich dulden, häßliche, chiffonierte alte Frauenzimmer, welche aber nach Ansicht des »Alten« vollendete Künstlerinnen mit bekanntem Namen waren und »Zum Niederknieen« schön ritten!

Sie selber war ja nur Anfängerin, – war und blieb Anfängerin, obwohl sie schon seit Jahren sich die Lunge aus dem Leibe galoppierte!

Und wozu hatte sie es in dieser Zeit gebracht?

Was hatte sich von all ihren hochfliegenden Plänen verwirklicht?

Sie mußte in einem erbärmlichen Klapperkasten von Droschke fahren, – sie, die voll ungestümer Sehnsucht von einer glänzenden eigenen Equipage, von Lakaien und Zofen träumte!

Sie mußte sich abschinden und abarbeiten, sie mußte sich knechten und tyrannisieren lassen, anstatt daß sie in seidenen Kissen ein seliges dolce far niente genoß, anstatt eine vornehme große Dame zu sein, welche im Überfluß schwelgt und in Perlen und Diamanten wühlt!

Bah – was sind die paar Ringe, Armbänder und Broschen, welche sie bisher erhielt?

Almosen – kärglicher Lohn für so manch schöne, lange Stunde, die sie geopfert hatte, um knauserige Alte oder verschuldete Junge zu amüsieren!

Liebschaften, ja, die konnte sie haben wie Sand am Meere, – Soupers und Diners, und zur Not auch 'mal Wagen und Pferde und elegante Salons, als dame soutenue – aber wie lange das alles? Ans Heiraten dachte bisher keiner, und doch ist Mademoiselle Lou so klug und berechnend, daß sie nur ein dauerndes Glück im Reichtum mit dem sicheren Ring am Finger als Endziel ihrer Wünsche ansieht!

Sie will heraus aus dieser Schinderei und Knechtschaft, sie will frei sein – frei und selbständig, ohne die ewige Arbeit und Drillerei, ohne die Peitsche des Direktors permanent im Nacken zu fühlen!

O, wie haßt sie dieses Leben im Zirkus, diese ununterbrochene Hetzjagd, dieses Üben, Arbeiten, Schuften tagein und tagaus!

Sie hat kein echtes, ruheloses Nomadenblut in den Adern, sie ist nicht in der Maringotte geboren und hat keine Freude an dem zügellosen Leben, welches auf den ersten Blick wohl aussieht wie goldene Freiheit, aber dennoch nichts anderes ist als ein Sklaventum schlimmster Art, eine Jagd nach Ruhm, Erfolg, Glück, ein Ringen um das tägliche Brot, ein Kampf im Totenhemd um ein paar leuchtende Augenblicke des Triumphs.

Mademoiselle Lou hat dieses Leben satt.

Sich bewundern, anbeten lassen, – schwelgen und genießen kann sie auch als reiche Dame, als Gräfin oder Fürstin sogar mit all dem süßen Beigeschmack einer stolzen, vielbeneideten Herrin, – darum will sie heiraten, der Ruhe pflegen und alle Daseinsfreuden behaglich durchkosten.

Hier in der Residenz muß sich der Ersehnte finden, welcher sie zu Freiheit und Genuß führen soll!

Mademoiselle Lou will jetzt Ernst machen, den schillernden Goldfasanen mit Netz und Leimrute aufwarten.

Sie war bisher zu harmlos, zu leicht zu haben, – sie glaubte mit Gewähren mehr zu erreichen als mit Versagen.

Nun wird sie die Taktik ändern.

Ob sie das Ziel erreichen,wird?

Ein wunderliches, beinahe grausames Lächeln spielt um die roten, knospenden Lippen, die Kunstreiterin hebt mit sprühendem Blick den Kopf und dehnt voll zitternder Ungeduld die Arme.

»Ich dürste nach Freiheit – ich lechze nach ihr, und ich werde sie erreichen, um jeden Preis!«

Graf Götz war soeben von dem Rennplatz zurückgekommen. Er hatte bei einem Herrenreiten seinen neuen, vorzüglich trainierten Vollblüter persönlich durch das Ziel gebracht und den ersten Preis gewonnen, das war ihm ein unbeschreiblicher Triumph.

Das Reiten war seit jeher seine Passion gewesen.

Ein Pferd zu bändigen, es mit eiserner Faust seinem Willen gefügig zu machen, in toller, atemraubender Jagd dahinzustürmen wie Wetter und Wind, das war nach dem leidenschaftlichen Temperament des jungen Mannes, der immer noch in ungestilltem Durst nach schrankenloser Selbständigkeit gern jede Gelegenheit wahrnahm, um sich »auszutoben«.

Keiner der Kameraden lebte so flott wie Abensberg, keiner schlug derart über die Stränge wie er, der mit unruhig flackerndem Blick von einem Vergnügen und Sport zum andern jagte, trank, spielte und liebte, so nervös und unersättlich, als sei er durch lange Jahre ein Verschmachtender gewesen, welcher endlich den vollen Becher an die Lippen setzte und nun kein Maß und Ziel kennt.

Götz von Abensberg war weder ein passionierter, noch fleißiger und strebsamer Offizier, er machte kein Hehl daraus, daß ihm der eiserne Zwang und das Muß des Dienstes ein Greuel war, aber er ritt vorzüglich, schneidig, kühn, jedes Hindernis waghalsig nehmend, wie überhaupt ein rücksichtsloses »Draufgehen« sein ganzes Wesen charakterisierte.

»Sie sollten Forcereiter werden, Abensberg!« hatte ihm sein Rittmeister einmal lachend gesagt, als der junge Graf bei einer Schnitzeljagd seine Bravour und Sicherheit in glänzendstem Licht gezeigt, und Götz hatte das schöne, kühne Antlitz mit aufsprühendem Blick gehoben und durch die Zähne gemurmelt: »Lieber heut' als morgen, Herr Rittmeister! Der Zirkus hat stets einen großen Zauber auf mich ausgeübt, und das erste Mal, daß ich im Leben einen Rohrstock fühlte, war an jenem Abend, wo ich durchgebrannt war, um heimlich eine Vorstellung im Zirkus Blumenfeld, in welchem ein berühmter Jockeireiter auftrat, zu besuchen!«

»Na, dann bewahren Sie diese fatale Erinnerung recht frisch in Gedanken, wenn Sontini seine heiligen Hallen öffnet!« lachte der joviale Vorgesetzte. »Wenn Sie so viel Passion haben, kommen Sie am Ende gar nicht wieder aus dem Zirkus heim, wenn Sie mir aber den Stalldienst verschlafen, hol' Sie der Teufel!«

Daran dachte Götz soeben, als er in gehobenster Stimmung nach dem Rennen sein Bad genommen, gut gefrühstückt hatte und nun, auf der Chaiselongue liegend, eine Zigarette rauchte.

Sein Blick überflog die Zeitung.

Famos! Heute Eröffnungsvorstellung bei Sontini!

Gute Kräfte,– brillante Pferde.

Das Programm war reichhaltig und vielversprechend, just das, was Götz in seiner jetzigen Stimmung brauchte.

Die Schulreiterin Miß Dorothy Longhill, – war vergangenen Winter noch nicht da. Gewiß eine tannenschlanke englische Schönheit, mit rotgoldenem Haar, bläulich umschatteten Äugen und müdem, verschleiertem Blick, welcher so doppelt viel zu sagen vermag, wenn er endlich einmal aufblitzt. Hm… Götz liebt im allgemeinen die kühlen, stillen Schönheiten nicht, – er friert, wenn er mit seiner heiß pulsierenden Hand über Marmor streicht… Aber wer weiß – oft glühen Funken unter der Asche,… Und weiter – Clown Alexander – kennt er noch! Großartiger Musikvirtuos! … Parforcereiter Don Manuel – auch bekannt!… Akrobaten, Forellenschimmel Nonbijou – Forcereiterin Nademoiselle Lou? – Wer ist das? Neu!

Französin? Bah, – das Papier ist geduldig.

Die Artisten spekulieren noch immer auf die Vorliebe des deutschen Michels für alles Ausländische. »Mademoiselle«, »Miß«, »Senor« – und dann die Namen möglichst exotisch!

Aber jeder paßt die gewählte Nationalität seinem Temperament, seiner Eigenart oder seinem Äußeren an, und danach zu urteilen ist Nademoiselle ein kleiner, schwarzhaariger Sprühteufel voll französischer Eleganz, Koketterie und Leichtsinn!

Götz lacht. Französinnen muß man glücklich, Engländerinnen aber unglücklich lieben.

Seltsam, er mag das nüchterne Blond nicht. Es liegt etwas Langweiliges, Frommes, Hausbackenes darin, und langweilige Weiber machen ihn rasend!

Er will kein Zuckerwasser, er will Wein – heißen, feurigen Wein, welcher alle Sinne berauscht und die Adern mit Glut füllt.

Erst drei Jahre steht er in der Residenz, aber er hat sie durchlebt, als wären es zwanzig gewesen. Nun ist er müde, satt, nervös geworden, er braucht schon starke Reizmittel, um sich zu amüsieren.

Die blonde Miß wird wenig Glück bei ihm haben, wenn sich nicht zwei Teufelshörnchen unter dem goldenen Heiligenschein verstecken… Aber Mademoiselle Lou? –- Laßt sehen!

Und Graf Götz schickt seinen Privatdiener, ihm einen Logenplatz im Zirkus Sontini zu sichern.

X.

Der Zirkus Sontini glich einem funkelnden Lichtermeer.

Wie ein nicht enden wollender Strom ergoß sich das Publikum in den Zuschauerraum, welcher, einem Moloch gleich, die Massen in seinem riesigen Innern verschlang, ohne auch nur sekundenlang ein unangenehmes Gedränge entstehen zu lassen. Die vortrefflich geschulten Diener in ihren prunkenden Livreen ordneten, dirigierten und plazierten die unaufhörlich einströmenden Menschen, – die Equipagen rollten herzu, Feuerwehrleute und Gasarbeiter bezogen ihre Posten, Glockenzeichen erklangen und jubelnde Musikweisen erbrausten wie ein Gruß aus fremdem, glänzendem Wunderland, – die Herzen aller jener mit brennender Neugierde und Sehnsucht erfüllend, welche sich draußen vor dem Gebäude stauten und ingrimmig oder trübselig die Hände in die leeren Taschen versenkten.

Durch das Foyer, das Vestibül und den Stallgang hastete ebenfalls eine erregte, schwatzende und lachende Menschenmenge.

Ein buntes, lebensprühendes Bild, welches selbst das Auge des Pessimistischsten und Blasiertesten in interessiertem Schauen aufleuchten ließ.

Namentlich der Stallgang bot viel des Reizvollen und Wechselreichen.

Die Jockeis und Stallknechte rannten in ihrem glänzenden Kostüm oder der blauen, silberverschnürten Gala geschäftig hin und her, rissen dort die mächtige Drillichplane von den bunt bemalten Requisiten, welche die schallende Stimme des Regisseurs zum »parat« kommandierte, hasteten nach der Sattelkammer, um prächtige Zaumzeuge, Sättel und Panneaus nach den Ställen zu schleppen, oder folgten dem ungeduldigen Auf nach den Garderoben, wo vergeßliche Artisten noch diesen oder jenen Auftrag schnell erledigt haben wollten. Die ganze mitwirkende Terrasse versammelte sich, – kokette Tänzerinnen in Flor und Gaze, die Reiter in malerischen Kostümen, die Clowns in der übertriebenen Gigerleleganz oder den altgewohnten Pluderhosen, mit farbigen Perücken und grotesker Maske, – dabei stets neu, originell, zu jubelndem Gelächter reizend.

Dort kläffen die dressierten Doggen, wiehern ungeduldig die Pferde, klingt Kommando und Peitschenknall, und hinter dem mächtigen Vorhang tönt das Lachen, Schwatzen, Kommen und Gehen des Publikums wie grollende Meeresbrandung, durch welche Geigen und Trompeten ihr Willkommen jauchzen.

Die Logen haben sich bis auf den letzten Platz mit der elegantesten Gesellschaft gefüllt.

Reizende Frauen- und Mädchengesichter, Damen in erlesensten Toiletten und Herren in tadellosem Zivil oder der geschmackvollen Garde-Uniform reihen sich zu farbenbuntem Kranz.

In der Loge nächst dem Stallgang hat eine Anzahl junger Kavallerie-Offiziere Platz genommen.

Graf Abensberg sitzt in der vordersten Reihe, lebhaft, durch seinen Sieg auf dem Rennplatz in animiertester Stimmung.

Seine schöne Erscheinung fällt allgemein auf – groß, schlank, sichtlich trainiert.

Sein Haar ist dunkel und nicht kurz geschoren, sondern in eleganten kleinen Wellen in die Stirn gelegt, dunkle, etwas tief liegende Augen blitzen wie die verkörperte, ungezügelte Leidenschaft aus dem gebräunten, schmalen Gesicht, welches dem Kenner verrät, daß Graf Götz nicht allzu solid lebt.

Aber gerade das macht interessant, das gibt dem schön geschnittenen Gesicht einen Ausdruck, wie ihn die tolerante Großstädterin liebt.

Graf Abensberg strich den dunklen, kleinen Schnurrbart siegeskeck empor und musterte die nachbarlichen Logen.

»Der Löwe geht auf Raub aus!« lachte sein dicker, rotwangiger Nachbar in Dragoneruniform. »Sei großmütig, alter Wüstenkönig, und laß uns auch 'was übrig!«

»Gewiß, Jochen! Alles Pferdefleisch, was sich sogleich in der Manege drunten zeigen wird!« spottete Götz schlagfertig.

Ein Paukenschlag und Tusch, – der Vorhang rollt zurück, ein glänzender Schwarm von Galonnierten sprudelt aus dem Stallgang hervor, die Piste wird geöffnet, und unter schallenden Fanfarenklängen braust ein russisches Dreigespann in die Manege.

Eine glänzende Suite von Darstellungen folgt. Als vorletzte Programmnummer des ersten Teils erschien Miß Dorothy auf englischem Vollblut, in unbeschreiblich schickem Reitkleid aus dunkelblauem Tuch, eine frische, weiße Rose an der Brust.

Götz hat sich weit vorgeneigt und folgt der schönen Erscheinung mit dem Blick.

Er ist überrascht. Miß Dorothy Longhill ist weder blond, noch sentimental.

Sie hat sich fraglos bei der »Wahl« ihrer Nationalität vergriffen.

Eine stolze, üppig gewachsene Juno mit braunwelligem Haar und blitzenden Augen – »ein königliches Weib!« wie Jochen bewundernd seinem Nachbar zuraunt.

Und reiten kann sie, daß jedem Kenner das Herz im Leibe lacht!

Nur Götz zuckt die Achseln.

»Schulreiterinnen imponieren mir nicht sonderlich!« sagte er halblaut. »Höchstens der Sitz, die Haltung, Ruhe und Eleganz sind anerkennenswert, namentlich beim Hürdensprung, wie ihn die Longhill eben ausführte. Sonst hatte ihre Reiterei leine persönlichen Verdienste! Ein Schulreiter dressiert wenigstens in der Regel sein Pferd selbst und leistet dadurch etwas, – aber ein Frauenzimmer setzt sich nur auf einen brillant eingerittenen Gaul, gibt ihm die nötigen kleinen Hilfen und reitet darauf los! Das kann schließlich eine jede, die etwas Schneid hat!«

Lebhafter Widerspruch erhob sich, namentlich Baron Jochen verteidigte die Finessen der hohen Schule unter einer Dame aufs energischste, und just, als ob Miß Dorothy ihren unbekannten Ritter und Verteidiger in der Loge ahnte, flog ihr Blick empor, – ein zündender, zwingender Blick, stolz, ruhig, ohne das obligate Lächeln, so daß selbst Götz, stürmisch applaudierend, die Hände hob und murmelte: »Die weiße Rose wartet nur darauf, von einer roten verdrängt zu werden!«

Miß Dorothy grüßte und dankte mit dem Stolz einer Fürstin nach allen Seiten gleichmäßig, und selbst, als sie nach stürmischem Applaus noch einmal in die Manege zurücksprengte und den Goldfuchs durch leichten Gertenschlag auf die Knie zwang, hatte sie keinen besonderen Blick für die Offiziersloge, geschweige, daß ihr Auge Graf Abensberg gesucht hatte.

Das verdroß den Verwöhnten.

»Eine Zirkusreiterin muß in das Publikum kokettieren!« spottete er. »Die Solidität bei Artistinnen wirkt wie eine Fliege in der Bouillon!«

»Wird schon alles kommen!« – lächelte Leutnant Jochen zuversichtlich. «Erst mal kennenlernen! Kommen Sie in der Pause mit in die Stalle, Abensberg?«

»Selbstredend!«

»Schenken wir uns die Akrobaten und gehen wir gleich!«

»
All right! Los!«

Während die Diener in der Manege harkten und den riesigen Teppich entrollten, stiegen die Herren sporenklirrend die schmale Holztreppe hinab und begaben sich in den Marstall.

Die Tür einer Damengarderobe ward ein wenig geöffnet und zwei dunkle Augen lugten scharf und prüfend nach dem kleinen Trupp Offiziere, welche, mit einem Stallmeister plaudernd, in nächster Nähe stehengeblieben waren.

»Frau Teichmann,« flüsterte Mademoiselle Lou hastig, »Sie sind ja eine geborene Residenzlerin und seit Jahren hier im Zirkus als Garderobiere tätig, kennen Sie die Herren dort?«

Die wohlbeleibte Alte mit dem roten Gesicht, dessen Ausdruck von recht lebhafter Vergangenheit sprach, drängte hastig herzu.

»Die da? – Lassen Sie man sehen, Fraileinchen! – Nee, die beiden jungen Dachse kenn' ick nich, – aber der Dicke mit das kurzjeschorene helle Haar steht bei die Drajoner un' is, so vill ick weiß, ein Baron Maltitz. – Wat Reelles is da nich hinter – wenigstens was die Grete von's Ballett is, sagte, der Olle von ihm hätte ziemlich abjewirtschaftet aufs Jut und hielte den Sohn nun mächtig knapp. – Aber rechts, der jroße. schlanke, mit das hübsche, hagere Jesicht, das is was fürs Herze! Jraf Abensberg – Jeld wie Heu – Majoratsherr, und eine fidele Haut! Nach dem angeln se alle!«

»Graf Abensberg? Der Dritte neben dem Stallmeister, in der blauen Uniform?«

»Der schmucke Ulane! – Janz recht! Den schaffen Se sich man an, Fraileinchen, da eileben Se Freude!«

Mademoiselle Lou musterte den Genannten mit scharfem Blick. Er hatte ein auffallend hübsches Gesicht und war leicht wiederzuerkennen.

Vortrefflich, – die Saison begann gut; ein günstiger Stern schien diesmal über Mademoiselles Haupt zu schweben.

Die Pause war zu Ende, die Klingeln rasselten in den Gängen und Foyers, – die Musik intonierte von neuem.

Die Offiziere hatten sich etwas lange bei einem bildschönen jungen Araberschimmel aufgehalten, welchen der Direktor zum Spring- und Apportierpferd dressieren wollte, und fanden es nun angenehmer, anstatt in ihre Loge zurückzukehren, auf den Sattelplätzen drunten, am Stallgang stehenzubleiben.

Hier, dicht vor dem Vorhang und nahe der Piste sahen sie alles, was da in die Manege kam, aus nächster Nähe, auch konnte man bequem die vorderste Parkettreihe überschauen, und die Herren wußten, daß diese im Zirkus dasselbe bedeutet, wie im Theater die Schauspielerlogen.

Die Damen und Herren, welche ihre »Nummer« absolviert und sich umgekleidet hatten, nahmen oft noch auf diesen Sitzen Platz, das Ende der Vorstellung abzuwarten.

Vielleicht erschien auch Miß Dorothy noch, es dem Zufall anheimzugeben, ob für die entblätterte weiße Rose ihr vielleicht noch eine glühende, sprühende und purpurfarbene erblühen möchte.

Die ersten beiden Vorführungen des zweiten Programmteils waren vorüber, die dritte Nummer nannte den Namen der Mademoiselle Lou.

Der Clown Alexander hatte sein »musikalisches Potpourri« unter stürmischem Beifall ausklingen lassen, die Musik intonierte den Feuerwehrgalopp, und etwas gegen das sonstige Entree der Forcereiterinnen sprengte Mademoiselle Lou auf ihrem Lipizanoschimmel heran. Auf beiden Seiten der geöffneten Piste hielten zwei Stallmeister einen großen, durch weißes Seidenpapier verklebten Reifen, durch welchen die elfenhafte Gestalt der Reiterin in die Manege hineinsprang, – eine reizende Überraschung!

Das wirkte stets außerordentlich und auch heute lohnte stürmischer Beifall den gelungenen Trick. Der Schimmel verfiel in gemäßigteres Tempo, der Stallmeister führte die Peitsche, und die obligaten Evolutionen begannen.

Götz klemmte voll Interesse das Monokel ein.

»Famos!« – sagte er und folgte mit beinahe betroffenem Blick der Reiterin. Die Schönheit ist auf dem Panneau ein nicht allzu häufiger Gast, darum wirkte die pikante, reizvolle Erscheinung der kleinen Französin doppelt angenehm.

Mademoiselle Lou war als Schmetterling in die Manege geflattert.

Irisierende Florröckchen, zart und duftig wehend wie ein buntschillernder Hauch, umspielten die graziöse Gestalt, kleine Flügel zitterten gleich verkörpertem Mondschein an den Schultern, und in dem lockigen, hochtoupierten Haar schwebte ein riesiges Pfauenauge mit langen, goldenen Fühlhörnchen.

Das war ein entzückender Anblick.

Die rosigen Arme und die Beine zeigten eine wundervolle Form und wurden so zierlich und anmutig bewegt, wie von einer Prima Ballerina.

An langen, rosa Drahtbändern hielt Mademoiselle Lou vier andere, künstlich gefertigte Schmetterlinge, welche sie anscheinend zu fangen bemüht war.

Eine reizende, zauberische Jagd, bei welcher die Reiterin die zierlichsten Entrechats und trotz ihrer Höhe die kühnsten Ballonsprünge ausführte.

Sie warf den glitzernden Schleier nach den Flüchtlingen, sie schmollte, lockte, winkte, sie führte auf dem verhältnismäßig so kleinen Panneau dreimal in der Runde den Spitzentanz aus, an den sich eine lange, wirbelnde Pirouette reihte, welche wiederum mit der anmutigsten Attitüde schloß. Jubelnd drückte die Tänzerin die endlich gefangenen Schmetterlinge an sich, – ihre Augen lachten voll wonnigen Schelms in das Publikum, die Hähnchen blinkten wie Perlen und ein tosender, nicht endenwollender Beifall durchbrauste das weite Haus.

Das Stallpersonal stand »paff« – man wechselte erstaunte, beifällige, ironische Blicke, – der Direktor nickte mit einem leisen, gedehnten »Bravo!« vor sich hin.

Mademoiselle Lou hatte durch ihren neuen Trick selbst ihn überrascht.

Sie hatte nur ein wenig Ballett auf dem Rücken ihres Pferdes getanzt, und damit mehr Beifall geerntet, als die besten Kunstleistungen des Abends.

Mademoiselle Lou hatte das große Publikum richtig taxiert und sich ihren »Schlager« bis zur Residenz aufgehoben.

Was die Leute heutzutage sehen wollen, was zieht und volle Häuser macht, das hat mit der alten, edlen Kunst der seinen Dressur und hohen Reiterei kaum noch etwas gemein.

Prunkvolle Ausstattungsstücke, Pantomimen und sensationelle, pikante oder gruselige Effekte – das sind die Zugmittel, welche das nervöse, verrohte und überreizte Publikum noch liebt.

Etwas für die Augen, für die Nerven!

Der Zirkus ist nicht mehr die Pflegestätte alter, edler Traditionen, die Pferde werden mehr und mehr verdrängt, sie müssen dem Drahtseil, dem Löwenkäfig, den dressierten Doggen und Wunderschweinen, den Messer- und Feuerschaustücken, dem Ballett und Trapez weichen; sie sind nur noch da, um das nötige Relief zu geben, und wenn der Direktor Hohe Schule reitet oder seine Freiheitdressuren vorführt, gähnt die große Menge, und nur etliche Kenner und Kavalleristen regen noch die Hände, der wahrhaften Zirkuskunst Beifall zu spenden.

Mademoiselle Lou glitt in den Sitz und wehte sich mit dem kleinen Spitzentuch Kühlung zu, derweil sie mit bezauberndem Lächeln nach allen Seiten dankte und grüßte.

Der Stallmeister ließ die Peitsche sinken, denn die Reiterin hatte ihm ein Zeichen gegeben, daß sie nunmehr eine Pause zu machen wünsche.

Unter jubelndem Hallo purzelten ein paar Clowns mit brillantem Flickflack in die Manege. Der dumme August ließ seine »Quadratlatschen« exerzieren, und die Aufmerksamkeit des laut jubelnden Publikums war momentan von Mademoiselle Lou abgelenkt.

Diese ritt langsam im Kreise herum.

Weder die Clowns noch die Menschenmenge schienen für sie zu existieren.

Sie hatte die Stelle erreicht, wo die jungen Kavallerieoffiziere an der Piste standen und ihr mit brennenden Blicken entgegenschauten.

Die Reiterin sah gleichgültig über sie hinweg, plötzlich guckte sie merklich empor, ihr Auge schien zu wachsen, wie in jäher Betroffenheit, – sie starrte auf Götz Abensberg, und zwar mit einem Ausdruck solch unverhohlenen Entzückens, daß es dem jungen Grafen, und wäre er noch so harmlos gewesen, hätte auffallen müssen.

Auge ruhte in Auge.

Wie ein elektrischer Funke zuckte es hin und wider – und dann kokettiert Lou eine reizende Verwirrung, senkt beschämt die dunklen Wimpern und zupft an dem Florkleidchen.

Götz ist sprachlos vor Uberraschung und Entzücken. Solch einen sichtbaren Eindruck hatte er noch nie als Fremder, Unbekannter auf eine Dame gemacht.

Der wonnige kleine Schmetterling flog ihm in naivster, reinster Zuneigung an die Brust!

Alles Blut schoß ihm in die Wangen, und Jochen flüsterte beinahe neidisch: »Donnerwetter, Abensberg, haben Sie den Blick gesehen? Sie Glücksmensch! So etwas ist ja geradezu klotzig!«

Götz antwortete nicht, er starrte dem Pferde nach.

Er sah und hörte nicht, was um ihn her vorging, er harrte voll fieberischer Spannung, daß der Lipizano seine Runde vollende und die entzückendste aller Artistinnen wieder an ihm vorübertragen solle.

Da naht sie … Ist der Blick vorhin ein Zufall, ein Mißverständnis gewesen, ober wird sie abermals den Fremden wahrnehmen? …

Götz gräbt die Zähne in die Lippe, sein Blick flammt ihr entgegen wie in ungestümer Frage.

Und sie reitet vorüber, ihre Wimpern heben sich wie in süßer Verlogenheit, sie sieht ihn abermals an, wie ein Kind, welches seine Christpuppe schaut, und dann ist's, als ob sie heiß errötet, sie streicht hastig mit dem Spitzentuch über das Antlitz, wendet sich verwirrt zur Seite und schaut nach dem Stallmeister.

Dieser hebt die Peitsche – ein scharfer Knall und der Schimmel setzt sich in Trab, Lou springt auf die Füßchen, – ihre Exercises beginnen aufs neue.

Diesmal die gewöhnlichen altbekannten Sachen. Sprünge durch Reifen, über Leinwand, über gekreuzte Stangen …

Die kleine Pseudo-Französin macht ihre Sache leidlich, aber sie leistet durchaus nichts Besonderes. Das Publikum jedoch applaudiert ohne Ende.

Fräulein Lou hat die Herzen durch ihre erste Piece gewonnen, nun kann sie machen, was sie will, die Menge sieht nur noch das sympathische, reizende Weib in ihr und überschüttet sie mit Beifall und Gunst.

Der letzte Trick entspricht dem ersten.

Die Schmetterlinge, mit welchen Fräulein Lou zu Beginn gespielt, und die sie gefangen und an sich befestigt hatte, lösen sich plötzlich und fliegen wieder davon, vor dem Kopf des Pferdes her, und mit leisem, wohllautendem Schreckensruf verfolgt sie die kleine Reiterin, um in wilder Hast, wie sie kam, wieder aus der Manege zu verschwinden. Das war überraschend und frischte den ersten Eindruck noch einmal in günstigster Weise auf.

Das jeu de papillon hat seine Schuldigkeit getan. Nicht endender Beifall durchbraust das ausverkaufte Haus, und der entzückende Schmetterling Lou schwebt an der Hand des Stallmeisters zu Fuß in die Manege zurück, verneigt sich und grüßt voll berückender Grazie nach allen Seiten.

Götz hat sich mit schnellem Schritt in die vorderste Reihe geschoben, die duftigen Florkleidchen streifen ihn beinahe, als die Kleine nach dem Stallgang zurückkehrt.

»Bravo! – Bravissimo!« ruft er mit halblauter Stimme. ,

Sein Blick glüht auf ihrem pikanten Gesichtchen, und Mademoiselle Lou blickt zu ihm auf, wie zu einem alten Bekannten.

Sie lächelt, daß die Zähnchen blinken, und nickt ihm zu.

Nur ihn scheint sie zu sehen, für die anderen Herren hat sie kaum eine flüchtig dankende Handbewegung.

»Teufel ja, Abensberg! Das ist ja die reine Liebeserklärung an Sie!« – lacht ein dicker Ulanenrittmeister in tiefstem Baß neben ihm. »Ist dies alles prima vista, oder kennen Sie den kleinen Käfer schon von früher?«

Götz lacht. »Ich entsinne mich dessen nicht, aber wer weiß, vielleicht hat die Holde ein besseres Gedächtnis als ich!«

»Und dabei soll der Mensch solide bleiben!«

»Das verlangt niemand und darum geschieht es auch nicht!«

»Müßten sich auch die Flundern wundern!«

»Hallo! Mensch, wohin?«

Jochen streckte lachend den Arm vor. »Zieh' nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rate dir gut!« zitierte er voll etwas schadenfrohen Humors.

»Aha! Das Gläschen will wohl ein Tänzchen wagen?«

»Natürlich, Sie neidischer Figaro! Kommen Sie mit?«

»Ich? Nee, Bester, würde doch nur den Ritter von der traurigen Gestalt spielen, denn: ›Wo drei Verliebte sein, da muß der eine verlassen sein!‹ besagt ein alter Reim!«

»Hört, hört! Das Bekenntnis einer schönen Seele! Drei Verliebte, Herr Rittmeister? Das sagt alles!«

»Abensberg, seien Sie vorsichtig! Kommen Sie mit dem alten Herrn nicht zusammen! So lange er den Dienst ansetzt, ist es mit dem Rendezvous Essig!«

Leises, übermütiges Gelächter, Götz aber klopft Leutnant Jochen wohlwollend auf die Schulter.

»Umsonst, du rettest den Freund nicht mehr.«

»Na, dann laßt fahren dahin!«

,,Wo sehen wir uns wieder?«

»In fünf Minuten hier an Ort und Stelle!«

Götz griff lachend an die Mütze, und während der dumme August seine Attentate auf das Zwerchfell des Publikums machte und die Diener ein hohes Gerüst für die halsbrecherischen Kunststücke eines mit Stelzen springenden Gymnastikers aufbauten, eilte der junge Offizier im Sturmschritt aus dem Zirkus in die blendend erhellte Hauptstraße hinein.

Nur wenige Häuser entfernt befand sich ein Blumenladen.

Götz wählte den schönsten und kostbarsten aller vorhandenen Sträuße, zog seine Brieftasche und kritzelte mit Bleistift schnell etliche Worte auf seine Visitenkarte: »Einer, welcher überglücklich ist, von der bezauberndsten
aller Künstlerinnen bemerkt worden zu sein, erlaubt sich, beifolgende Blüten als bescheidene Huldigung zu schicken.«

Ein sieghaftes Lächeln huscht über das schöne, interessante Gesicht des Schreibers.

Der erste Schritt in die schwüle Atmosphäre eines neuen Romans ist getan.

Der junge Graf kennt sehr genau die Reihenfolge der einzelnen Kapitel.

Zwar hat er sich in diesem Monat schon sehr verausgabt, der Totalisator hat beträchtliche Summen verschlungen und eins seiner besten Pferde ist am Lungenschlag gefallen, – auch hat er der hübschen Soubrette Nini, welche ihm sehr bald langweilig geworden, noch einen Abschiedsgruß in Brillanten geschickt …

Bah, was fragt Graf Götz nach Geld! – Hat er keins mehr, muß Vater eben schicken!

Aus Sparsamkeitsrücksichten kann er unmöglich seine Chancen bei Mademoiselle Lou unausgenutzt lassen.

Also vorwärts! – Mag's zum übrigen kommen!

Abensberg adressiert das Billett, bescheidet den Gärtnerjungen und versäumt dabei nicht, ein wenig mit der hübschen Verkäuferin zu kokettieren.

Dann kehrt er spornklirrend in den Zirkus zurück, läßt sich mit dem heiteren Zitat: »Ah – der Mullah auf verbotenen Wegen!« von den anderen jungen Offizieren begrüßen und beobachtet voll Interesse eine Zeitlang die erste Reihe im Parkett, auf welcher zwei Trapezkünstlerinnen und ein Negerdompteur Platz genommen haben. Miß Dorothy und Lou bleiben unsichtbar.

Götz hat weder Blick noch Interesse für die weiteren Schaustellungen.

Er hat einen der Bediensteten gefragt, ob Mademoiselle Lou ebenfalls bei der Schlußpantomime mitwirke, und eine verneinende Antwort erhalten.

Er schlendert in den Stallgang zurück und promeniert in der Nähe der Garderoben auf und ab.

Der ganze, bunte, glänzende Reichtum an Mensch und Tier, welcher zu der Pantomime erforderlich ist, strömt bereits zusammen.

Südamerikanisches Steppenleben.

Man zeigt, wie im wilden Westen der Cowboy sein Liebchen aus dem Hochzeitszug heraus auf sein Pferd stiehlt, wie er verfolgt wird, wie sein Roß strauchelt und zusammenbricht, wie er geschickt und schnell mit dem Lasso aus der flüchtigen Herde wilder Steppengäule ein anderes fängt, sich mit der Geliebten darauf schwingt und den Verfolgern entflieht, wie er schließlich daheim anlangt und von den Seinen mit festlichem Jubel empfangen wird.

Welch ein Wirrwarr farbenprächtigster Gestalten und phantastisch gekleideter Männer und Weiber!

Götz empfindet ein außerordentliches Vergnügen daran, sich unter dieses lachende, genußfreudige und lebensfrohe Künstlervölkchen zu mischen, auf all die heißen, lockenden Blicke der gebräunten Schönen mit scharmantem Lächeln zu quittieren. Ein Gefühl neidvoller Sehnsucht schleicht sich in sein Herz.

Welch ein köstliches, freies, amüsantes Leben führen diese Artisten!

»Morgen wieder lustik!« – Diese Devise Jerôme Napoleons schwebt auf aller Lippen.

Wenn er dagegen an die mordende Langeweile seines Reithauses, an die Schinderei und monotone Tretmühle des Exerzierplatzes denkt!

Schon der Gedanke allein würgt ihn im Halse. Dagegen solch ein Zirkusleben!

Welche goldene, menschenwürdige Ungebundenheit, welch eine Lust, welch ein Nervenreiz!

Götz ist's zumute, als müsse er sich haltlos in diese sprudelnde Menge stürzen, sich voll Leidenschaft auf ein Roß werfen und mit diesen wilden Gesellen hineinstürmen in Lichterglanz und jubelndes Beifallstosen!

Er hat in all dem Durcheinander ganz vergessen, auf Mademoiselle Lou zu achten.

Jetzt, als die Pantomime beginnt und die Gänge sich leeren, wendet er sich wieder den Garderoben zu.

Eine alte, dicke Frau tritt aus einer der Türen, legt die Hände behaglich über dem Magen zusammen und blickt mit einem solch absonderlichen Gesicht zu ihm herüber, als habe sie ihm etwas mitzuteilen.

Götz tritt langsam promenierend näher und greift an die Mütze.

»Mademoiselle Lou noch anwesend?«

Die Alte lächelt und neigt würdevoll den Kopf.

»Bedaure, Herr Leutnant! Das Fräulein ist schon nach Hause gefahren. So eine Solide, wie die, hält sich nicht unnütz hier auf!«

»Solide?« wiederholt Götz überrascht und gedehnt.

»Das will ich meinen! Was glauben Sie wohl, Herr Leutnant, was dem bildschönen Mädchen nachgestellt wird! Du liebe Zeit! Die Karten und Billetts heute abend und die Blumen, die sie in die Garderobe hier bekam! – Aber die Lou hält etwas auf sich, leicht ist die nicht zu haben! – Schade drum, so was paßt nicht in den Zirkus, nach der Tugend fragen die Männer nicht, und doch sollte sie ihnen gerad' bei so 'nem armen, verlassenen Wurm imponieren. Hat ja nichts, als sich selbst – und ist doch auch aus Fleisch und Blut gemacht, und nicht aus Pappe!«

»Sie sind wohl ihre Kammerfrau?«

»Ich bin Garderobiere und bediene alle Damen!«

»Und kennen Fräulein Lou schon so gut?«

»Noch von früher her, Herr Leutnant!« log Frau Teichmann mit unendlich ehrlichem Gesicht. »Hab' ihr immer gesagt: Mit dem Versteckenspielen bringen Sie's nicht weit, Fräulein Lou! – So 'nen anständigen Herrn, der in allen Ehren mit einer Artistin verkehren will, gibt's gar nicht!«

»Na, na - stopp!«

»Nichts für ungut, gnädiger Herr! Im allgemeinen gesagt! Sollte mich freuen, wenn's Ausnahmen gäbe! Du liebe Zeit, wenn sich solch ein armes Wurm nun mal verliebt! Hat sich so lange in Zucht und Sitte behauptet … Wäre eine Sünde, solch ein bildschönes Geschöpf in den Staub zu treten!«

»Wenn sie sich verliebt? – Halten Sie das für möglich?«

»Ich denke, einer jeden schlägt mal ihr Stündchen, ob sie sich noch so dagegen wehrt!«

Eine Glocke ertönte und die Alte knickste abermals.

»Mit Verlaub, Herr Leutnant, man ruft mir!«

»Guten Abend, Verehrteste!«

Ein wenig gelangweilt und enttäuscht verließ Götz den Zirkus. Fräulein Lou eine Tugendheldin? – Was hat er dann noch mit ihr zu schaffen? Schade! – Es hatte so amüsant begonnen!

XI.

In sehr verdrießlicher Stimmung war Götz nach Hause gegangen.

Er hatte eigentlich beabsichtigt, in fideler Gesellschaft zu soupieren, aber die Winterarbeit mußte beendet werden; er wollte sie sobald wie möglich erledigen, denn der Gedanke an die ihm so sehr verhaßte Schreiberei verdarb ihm alle Fröhlichkeit.

Außerdem fühlte er sich müde; er hatte die letzten Nächte durchschwärmt und mußte doch zu sehr früher Stunde aufstehen, seinen Dienst zu versehen.

Es war ein elendes, geknechtetes Dasein, welches er heute doppelt empfand, weil er – gleich Moses auf hohem Berg gestanden und einen Blick in das gelobte Land getan hatte.

Zirkusleben!

Wie eine lockende, verführerische Fata Morgana schwebt es ihm vor.

Welch ein ideales Dasein führt solch ein Artist!

Seine Tage sind eine ununterbrochene Kette von Amüsement und Genuß!

Er kann tun und lassen, was er will, – er diktiert sich selber seine Gesetze.

Wenn er etwas leistet, so ist es ein Reiz, ein Hasardspiel mehr in seinem Leben.

Er ist in wahrem Sinn »
self made man«.

Er hängt in seiner Karriere nicht von Laune und Willen unsympathischer Vorgesetzter ab, er braucht sich nicht an den gestrengen Herrn Papa zu wenden, wenn er Geld braucht. Er verdient es sich spielend.

Jeden Abend kaum eine halbe Stunde reiten – unter den lustigsten Bedingungen, getragen vom Beifall der Menge, umbraust von Jubel, Gelächter, Glückseligkeit – ist das überhaupt Arbeit?

Eine Hohe Schule reiten würde Götz bald ebenso tadellos wie Sontini selbst, und die Dressur der Pferds… Bah! – Das ist doch mehr oder minder eine Spielerei, ein angenehmer und interessanter Zeitvertreib, gar nicht in einem Atem mit Rekruten drillen und Remonten zureiten zu vergleichen.

Götz seufzt mit umwölkter Stirn auf.

Er vermag kaum die Gedanken von den gleißenden Bildern loszureißen und an seine Arbeit zu gehen.

Immer noch klingt die flotte Zirkusmusik in seinen Ohren.

Er sieht Mademoiselle Lou in dem schillernden Florkleidchen als reizenden Schmetterling auf dem Pferde gaukeln; er empfindet noch den heißen, strahlenden Blick, mit dem sie ihn angesehen – wieder und wieder.

Und so solide, so zurückhaltend ist das süße, kleine Geschöpf?

Das wäre ärgerlich.

»Aber wenn sie sich verliebt!« sagte die alte Frau.

Die Liebe tut Wunder, sie hat schon manches Gretchen willenlos in die Arme des Geliebten geführt.

Warum nahm Lou seiner so auffallend wahr?

Sie kannte ihn nicht; er und sein Name, sein »goldenes« Renommee mußten ihr noch fremd sein, und doch suchte und traf ihr Blick nur ihn allein.

Sollte die Liebe, welche oft wie ein Blitzstrahl zündet, bereits gekommen sein?

Götz hat so viel Glück bei den Weibern, die Herzen fliegen ihm zu und hängen fest an ihm, ob er sie hält oder nicht.

Er hat diese schnellen Eroberungen oft auf die Klugheit und Berechnung der Damen geschoben.

Ein Graf Abensberg, Majoratsherr und reicher Erbe gefällt wohl immer.

Mademoiselle Lou hatte jedoch nur den Fremden, Namenlosen in ihm geschaut, und doch flog ihm ihr Herz auf Sturmesflügeln zu.

Diesmal war es keine Berechnung.

Um so schlimmer.

Was soll er mit der schwärmerisch platonischen Liebe einer Kunstreiterin anfangen?

Das Lustspiel würde ein Drama werden.

Es ist besser, er meidet künftighin die solide Kleine!

Morgen reitet sie sowieso nicht; er hat auch keine Zeit, er muß zu dem Diner bei dem Gesandten, er muß!

Und er muß auch jetzt arbeiten, er darf nicht mehr denken, wie es ihm beliebt, er muß selbst seine Gedanken, die doch sonst so zollfrei sind, in den Dienst stellen!

Mit jäher, leidenschaftlicher Bewegung taucht Götz die Feder ein.

Was liegt ihm an der Bedeutung der Kavallerie im Aufklärungsdienst?

Was fragt er danach, was uns die russische Reiterei im Krimkrieg gelehrt hat?

Nichts, nichts!

Er ist müde und nervös.

Die Feder kratzt über das Papier, der junge Offizier denkt kaum darüber nach, was er schreibt; er hat sich ein bißchen Material aus entsprechenden Werken zusammengetragen, das »schmettert« er gedankenlos nieder. Und dabei gähnt er ununterbrochen und schließlich schleudert er die Feder von sich und geht zu Bett. »Mag der Teufel die ganze Schmiererei holen!«

Götz hatte nach öfterem Überlegen den Entschluß gefaßt, Fräulein Lou keine Avancen mehr zu machen, er wollte sehr ruhig und gelassen in seiner Loge sitzenbleiben und »das arme Wurm« weder durch Blicke noch Blumen irritieren. Und so saß er auch wirklich auf seinem Logenplatz und harrte trotz aller guten Vorsätze dennoch voll äußerster Spannung auf das Erscheinen der allerliebsten Reiterin.

Mit jubelndem Applaus wurde die Kleine begrüßt, welche laut Zettel diesmal ein jeu de rose produzierte.

Hatte sie als Schmetterling bezaubernd ausgesehen, so war sie als Rose geradezu berückend.

Die kurzen Röckchen stellten die rosigen Blütenblätter dar und auf dem dunkellockigen Köpfchen saß der große, offene Rosenkelch wie ein phantastischer Hut, unter welchem das Gesichtchen voll lachender Frische hervorkokettierte.

Götz beobachtete, wie ihr Blick beinahe angstvoll suchend umherirrte, wie er dann plötzlich auf ihm haftete und in sichtbarem Entzücken aufstrahlte.

Wieder und wieder blickte sie zu ihm empor, und Götz fühlte, wie es ihm heiß um das Herz ward, wie alle guten Vorsätze dahinschmolzen, wie das Eis vor der Sonne.

Ehe er es selber wußte, wie es geschah, stand er wieder in dem Blumenladen und sandte der »Königin Rose« mit einem duftenden Strauß sein Herz und seinen Gruß.

Und als Mademoiselle Lou das nächste Mal auftrat, stand er wieder vor dem Vorhang am Stallgang und grüßte sie.

Sie lächelte und dankte, aber ihre Verlegenheit und bange Scheu schien größer als sonst.

Kommt sie, die Liebe?

Das folgende Mal wartete er vor dem Garderobenausgang neben Fräulein Lous Droschke. Er wollte sie ansprechen, ihr seine Begleitung anbieten.

Sie nahte eilig, die seidenen Röcke rauschten, ein süßer Fliederduft wehte ihr schon voraus.

Er trat ihr entgegen und faßte an die Mütze.

»Mein Fräulein, gestatten Sie…«

Wie eine angstvolle Taube schaute sie zu ihm auf, dann bot sie ihm schnell die Hand entgegen und umschloß die seine mit bebendem, leidenschaftlichem Druck.

»Die Blumen kommen von Ihnen? O, ich danke Ihnen tausendmal!«

Und dann huschte sie in die Droschke.

»Zufahren!«

Der Schlag flog zu und der Taxameter rollte davon.

Sprachlos starrte Götz ihr nach.

Das war alles so unerwartet und überraschend. Seine Schläfen hämmerten; es war, als habe der süße Blumenduft ihn berauscht. Er fühlte noch ihre kleine, zitternde Hand in der seinen.

Zuerst war es ihm, als müßte er ihr nachstürzen, sie umfangen, – festhalten.

Dann atmete er tief auf und schritt langsam in die schmale, dunkle Seitenstraße hinein.

Sie entfloh vor ihm, sie fürchtete ihr eigenes schwaches Herz.

Götz hat kaum noch einen anderen Gedanken als Mademoiselle Lou, er ist auf dem besten Wege, Feuer zu fangen.

Es ist selbstverständlich, daß der junge Offizier bei dem nächsten Auftreten der bezaubernden Reiterin auf seinem Platz an dem Stallgang steht.

Sie kommt so dicht an ihm vorüber, daß ihr schlanker, nackter Arm ihn streift.

Sie nickt ihm zu und lächelt, ein ganz wundersam wehmütiges, trauriges Lächeln.

Sein Herz schlägt schneller.

Was hat sie? – Warum diesen tränenverschleierten, melancholischen Blick?

Sie reitet – diesmal ist's ein Tanz von Irrlichtern, fabelhaft originell durch zuckende elektrische Lichter nachgeahmt, und die goldblitzende Elfengestalt schimmert und flimmert in graziösem Spiel, – toll, übermütig dahintobend, wirbelnd und sprühend, atemlos und aufgeregt.

Als sie in der kurzen Pause an ihm vorüber reitet, lacht ihn ihr glühendes Gesichtchen an wie berauscht, – die erst so melancholischen Augen flammen in heißer Leidenschaft – die Lippen zittern, als wollten sie ihm ein stürmisches Liebeswort entgegenjauchzen.

Götz ist wie geblendet.

Was bedeutet das?

Narr, der er ist, – einen ungestümen Kampf in ihrem Innern bedeutet es – einen Kampf zwischen Liebe und Stolz…

Sie wird mit donnerndem Applaus zurückgerufen, und Abensberg drängt ungestüm näher, wieder von dem rosigen, samtweichen Arm gestreift zu werden.

Sie weicht weit vor ihm zurück, – ihre Wimpern liegen tief auf den Wangen, – sie blickt nicht auf.

Das ist zum Rasendwerden! –

Götz stürmt hinaus und nimmt wieder neben der Droschke Aufstellung.

Seine Pulse fliegen.

Er steht und wartet, – lange, lange, – die eisigen Schneeflocken wirbeln ihm in das erhitzte Gesicht.

Sie kommt nicht.

Und doch beginnt drinnen bereits die Pantomime.

Ist sie etwa noch beschäftigt?

Da erscheint die Garderobiere, Frau Teichmann.

»Fahren Sie man!« ruft sie dem Kutscher zu. »Das Fräulein ist mit der Frau Direktor zum Essen! Das Geld bekommen Sie das nächste Mal mit!«

Der Droschkenkutscher brummt etwas und ruckt die Zügel. – Frau Teichmann grüßt höflich den jungen Offizier und zieht sich eilig vor dem scharfen Nordwind zurück.

Götz aber eilt mit Riesenschritten davon.

Es tobt in ihm.

Er; der Verwöhnte, Begehrte, um den sich die Weiber rissen, hat eine Stunde lang vergeblich in Schnee und Kälte auf die kleine Teufelin gewartet!

Er ist wütend – er schwört sich…

Nein, er schwört nichts! Er denkt nur an ihren weichen Arm – an ihre melancholischen Augen – an die glühende, wilde Leidenschaft in ihrem geröteten Antlitz, und er gräbt die Zähne in die Lippe.

Sein Blick triumphiert.

Sie spielt mit Rosen, Schmetterlingen, Flammen, – sie spielt auch mit Herzen, wie es scheint.

Und das ist ein Hasardspiel!

Laß sehen, Lou, wer gewinnt!

Er wirft sich in eine Droschke und fährt nach einem der elegantesten Restaurants.

Hunger hat er nicht, aber er stürzt den kühlen, perlenden Sekt hinab wie ein Verschmachtender.

»Auf dein Wohl, kleine Lou!« –

Wie lange er dort sitzt, weiß er nicht; er erhebt sich erst, als er der einzige und letzte Gast ist. Dem Kellner drückt er ein Goldstück in die Hand, was dessen verschlafene Miene merkwürdig belebt, dann läßt er sich einen Wagen heranpfeifen und fährt heim.

Den nächsten Morgen hatte er den Dienst verschlafen und zog sich eine scharfe Rüge von seinem Rittmeister zu.

Die Tage vergingen.

In dem Hasardspiel der Herzen spielte Fräulein Lou täglich einen neuen Trumpf aus, und Götz war so im Eifer, daß er blind und toll die Einsätze wagte, und es gar nicht bemerkte, wie schachmatt er sich selber dabei setzte.

Wie die kleinen zuckenden Irrlichtflammen, nach welchen die allerliebste Reiterin mit ihren weißen Kinderhändchen haschte, schlüpfte sie selber wie ein blendender Lichtstrahl unter Abensbergs Händen fort, wenn er versuchte, sich zu nähern und sie zu halten. Das war auf die Dauer unerträglich.

Er beschloß, ihr zu schreiben und anzufragen, ob er ihr einen Besuch in ihrer Wohnung machen dürfe, oder nicht.

Keine Antwort.

Am Abend aber in der Vorstellung war die Kleine bezaubernder denn je, der Ausdruck ihrer Blicke war unbeschreiblich und versetzte den ungeduldigen Anbeter in Erregung.

Als sie an ihm vorüberging – er stand diesmal hinter dem Vorhang, im Stallgang, wo er weniger beobachtet war –, lächelte sie voll Wehmut und seufzte vernehmlich auf. Eine der Rosen aus seinem Bukett, welche sie an der Brust getragen und zum Schluß in der Hand hielt, drückte sie scheu und heimlich an die Lippen.

Da der Direktor an ihrer Seite ging und lebhaft auf sie einsprach, wollte Götz sie nicht anreden, auch stand Frau Teichmann schon am Ausgang mit einem dicken, weißen Friesmantel, bereit, ihn um die Schultern der erhitzten Künstlerin zu legen.

Da keine Droschke für die junge Dame bereit stand, Götz sich aber durch sein langes Warten vor den Garderoben nicht auffällig machen wollte, schritt er säbelklirrend davon.

Er befand sich in einer nie zuvor gekannten Stimmung.

Trotz, Ärger, Ungeduld und glühendes Verlangen nach dem verführerischen Weib durchtobten ihn.

Wenn Lou ihn durch dieses Zögern und Versteckspielen reizen wollte, so gelang es ihr vortrefflich.

Ein wenig Wehren – spornt das Begehren.

Und sein Begehren wuchs aus kleinem Funken zur hoch auflodernden Flamme.

Das nächstfolgende Auftreten der Reiterin versäumte er – zum erstenmal.

Eine Einladung zu seinem Kommandeur machte es ihm unmöglich, in den Zirkus zu gehen.

Er hatte bisher voll ungenierter Rücksichtslosigkeit alles abgesagt, um Fräulein Lou applaudieren zu können, und es war ihm nicht entgangen, daß man bereits Bemerkungen über sein Verhalten machte.

Der Oberst war seit einiger Zeit so wie so schon etwas kurz gegen ihn, darum fügte er sich zähneknirschend der fatalen Notwendigkeit und sagte bei dem Gestrengen zu.

Abermals bäumte sein ungestümer Sinn gegen solch sklavisches Muß auf, und er besaß nicht die Selbstbeherrschung, seine Stimmung zu maskieren.

Einsilbig, gelangweilt und zerstreut saß er neben seiner Tischdame, stand er an irgendeinem Türpfosten oder tanzte schnell und übellaunig ein paar Tänze ab. Der Oberst beobachtete dieses Benehmen mit gerunzelten Brauen, trat zu Abensbergs Rittmeister und hielt eine kurze, ernste Unterredung mit ihm über den jungen Offizier.

So ungern wie Götz aus dem Zirkus ferngeblieben war, so förderlich hatte doch dies unfreiwillige »Strafkommando« auf seine Wünsche und Hoffnungen bei Fräulein Lou eingewirkt, obwohl der Graf viel zu zerstreut und aufgeregt war, um es zu durchschauen.

Fräulein Lou hatte wohl gefürchtet, der Anbeter sei des Hangens und Bangens überdrüssig geworden.

Fahnenflüchtig durfte er nicht werden, das hatte ja die ganze kluge Berechnung der jungen Dame über den Haufen geworfen.

Sie gab nach und fand es an der Zeit, die Rolle der Spröden ein wenig aufzugeben und neue Netzchen zu spinnen.

Mit aufleuchtendem Blick hielt Götz am andern Tag ein stark duftendes, blaues Billett in der Hand, auf welches mit recht ungeübter und wenig eleganter Schrift nur etliche Zeilen geschrieben waren.

»Wenn Sie nicht als anspruchsvoller Liebhaber, sondern als ritterlicher Freund erscheinen wollen, so kommen Sie heute abend zu mir.

Lou.«

»Hurra, gewonnen!« triumphierte Götz in rosigster Stimmung. »Ist der Adler erst in den Taubenschlag eingedrungen, gehört die Beute ihm!« und er schob die Zeitungen beiseite, entzündete eine Zigarette und warf sich auf die Chaiselongue, um seinen angenehmen Gedanken nachzuhängen.

Eigentlich hatte es etwas Rührendes, dieses zitternde Bangen der kleinen Unschuld!

Welch eine seltene, anerkennenswerte Tugend für eine Zirkusreiterin.

Wahrlich! Götz von Abensberg wird die Sittenreinheit des reizenden Mädchens respektieren und als ritterlicher Freund kommen, welcher es schon als hohe Freude und seltenen Genuß erachtet, mit der Allerliebsten zu plaudern.

Der junge Graf ist leichtsinnig, sehr leichtsinnig sogar, aber er ist auch Kavalier und Ehrenmann und bricht nicht die Rosen aus Scherz und Übermut, sondern schmückt sich nur mit denen, welche sich ihm freiwillig an die Brust drängen.

Und mit solchen Blüten hat er schon so oft gekost, sie sind ihm beinahe langweilig geworden, diese dornenlosen Röslein, welche sich nur allzu willig dem wilden Knaben hingegeben. Jetzt hat er eines gefunden, welches sich wehrt und sticht und es schließlich doch leiden muß, daß er »läuft, es nah zu sehn«.

Ja, er wird es mit tausend Freuden sehen, das wonnige Heidekind, wenn es auch zehnmal spricht: »Ich steche dich, – daß du ewig denkst an mich!«

Wie neu und lockend ist dieses Spiel!

Man empfindet den vollen, süßen Nervenreiz, den prickelnden Heißhunger nach verbotenen Früchten; man hält sie in der Hand und atmet ihren lockenden Duft, und ist doch zu ehrenhaft, um hineinzubeißen!

Noch nie hat Abensberg seinen Dienst so zerstreut verrichtet, wie an diesem Nachmittag.

Der Rittmeister ist glücklicherweise bei dem Turnen und Voltigieren heute nicht anwesend, und die brave Schwadronsmutter, der dicke Wachtmeister, welcher noch von früher her der wohlwollende Gönner des jungen Offiziers ist, macht die Geschichte ganz famos.

Hier und da schüttelt er zwar auch den Kopf und erlaubt sich, den Herrn Leutnant auf dies oder jenes aufmerksam zu machen, aber Götz ist weit ab mit seinen Gedanken und haßt das infame Gedrille mehr denn je.

Endlich kommt der Abend.

Die Dämmerung sinkt früh, sehr früh herab, die Gasflammen blitzen auf, das Essen in dem Offizierskasino nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, denn die Saison steht bereits in voller Blüte, und die meisten der Herren haben Einladungen erhalten.

Götz empfiehlt sich schon vor dem Kaffee.

»Nanu? Warum denn heute so eilig?«

»Wo wollen Sie denn hin, Abensberg?«

»Die kleine Lou reitet ja heute nicht!«

»Um so besser, dann hat sie Zeit für ihn!«

»Beichten, Götz!«

»Seid doch nicht so indiskret, Kinder!«

»Was ißt sie lieber, Abensberg, Hummer oder Austern?«

»Haha! Alles zu seiner Zeit!«

»Haben Sie schon den Konsens vom Oberst, Gräfchen?«

»Haltet ihn doch nicht auf, ihr Herren! Die Kleine wartet ja!«

»Nehmen Sie mich mit, Götzchen!«

»Ja! Kommen Sie, Maltitz! Sie können derweil Schmiere stehen!« lacht Abensberg übermütig, schwenkt rechts und links die Kameraden beiseite und gewinnt hastig die Tür.

Er macht mit Sorgfalt Toilette, nimmt den köstlichen Orchideenstrauß zur Hand und springt in den Wagen.

Vor einem grauen, vielstöckigen Mietshaus hält der Kutscher an.

Ein wenig überrascht steigt Götz die drei abgetretenen Treppen empor.

Für eine der ersten Sontinischen Reiterinnen wohnt Mademoiselle auffallend bescheiden.

Wieder überkommt den jungen Offizier eine gewisse Rührung.

Wäre sie nicht so tugendhaft und solide, die Kleine, so würde es wohl anders sein!

Und dann erfaßt es ihn wie ein stolzer, seliger Wonnerausch, daß er der Einzige ist, welcher diese Himmelsleiter zu der Schönsten von allen emporsteigt.

Vor der einfachen, schmalen Entreetür, welche eine Visitenkarte mit dem Namen »Mademoiselle Louison« trägt, bleibt er stehen und klingelt.

Leichte, schnelle Schritte.

Die Holzscheibe vor dem Guckloch wird zurückgeschoben, dann klirrt eine Sicherheitskette und die Tür öffnet sich.

Vor ihm, in dem matten Licht einer kleinen Flurlampe, steht die schöne Reiterin.

Man könnte sie für ihre eigene Jungfer halten, so schlicht ist sie gekleidet.

Ein schwarzes Wollkleidchen umschließt die zierliche Figur, am Hals weit ausgeschnitten, so daß der blendend weiße Nacken wie ein Sammetstreifen daraus hervorleuchtet.

Keine Brosche, kein Schmuck, nur an dem einen Handgelenk blitzt ein ganz feines Goldkettchen.

Diese Erscheinung paßt in den weißgetünchten, kahlen Flur, welcher einen beinahe ärmlichen Eindruck macht.

»Sind Sie es wirklich, Herr Graf?« fragt sie leise, mit weicher, verschleierter Stimme. »O, wie schenkt mir Ihr Kommen den Glauben an Treue und Redlichkeit zurück!«

Er wird beinahe verlegen, überreicht mit ein paar gestammelten Worten die Blumen, welche sie mit dankendem Kopfneigen entgegennimmt, und tritt ein.

»Bitte, legen Sie in dem Zimmer ab, es ist kalt hier draußen!« sagt sie und öffnet eine nahe Tür.

Rosig verschleiertes Licht strahlt Götz entgegen, und abermals blickt sich der junge Offizier höchlichst betroffen um.

So schlicht und ärmlich der Korridor und das ganze Haus ausgesehen, so reizend elegant, geschmackvoll und mollig ist es in diesem Salon.

Ein feines Parfüm umschmeichelt den Eintretenden, zierliche Rokokomöbel, auf deren lachsfarbig seidenem Bezug duftige Streubuketts eingewirkt sind, stehen in genialer Anordnung umher, große Palmen werfen ihre zackigen Schatten gegen die Decke, und auf kostbarem Teppich liegen gestickte und gemalte Atlaskissen, stehen Postamente mit Marmorfiguren, Vasen und Leuchtern, glänzen Goldbronzen und glitzern Kristallgehänge.

Auf einem kleinen Nebentische vor dem Diwan steht ein kleines chinesisches Teeservice, ein Tellerchen voll Gebäck und eine Schachtel Zigaretten.

Götz hat den Paletot abgelegt und auf eines der Goldstühlchen niedergelegt. Er, der Sichere, Weltgewandte, steht wie unter einem Zauberbann unerklärlicher Befangenheit, während die Zirkusreiterin mit der ruhigen Würde einer Dame den Gast bittet, Platz zu nehmen.

»Es ist bei diesem kalten Wetter eine wahre Wohltat, wenn man daheim bleiben kann,« sagt sie und nimmt dem jungem Offizier gegenüber Platz. »Sie glauben nicht, wie sehr wir in den letzten Tagen bei den Proben und auch abends in dem zugigen Stallgang gefroren haben!«

»Und dabei so viel Grazie und Gewandtheit bei Ihren Exercises!« entgegnete er eifrig. »Ich freue mich, Mademoiselle, Ihnen endlich einmal persönlich sagen zu können, wie sehr mich Ihre Kunst entzückt, wie ich nie zuvor ähnlich hervorragende Leistungen gesehen habe wie die Ihren!«

Sie lächelt ihm dankbar zu, aber es liegt wieder jener rätselhafte Hauch von Wehmut über dem süßen Gesicht.

»Ich war bisher gut disponiert, Herr Graf; das ist nicht immer so. Ich hänge leider so sehr von meinen Stimmungen ab und lasse mich willenlos von ihnen beherrschen. Oft, wenn die Melancholie die Oberhand hat, ist es mir einfach unmöglich, zu reiten, ich werfe oft in letzter Stunde noch das ganze Programm um und sage ab.«

»Und kommt die Melancholie oft zu Ihnen?«

Sie zuckt die Schultern. «Es ist viel Aprilwetter bei mir. Die Vergangenheit mit viel trüben Erinnerungen kämpft mit dem Sonnenschein der Gegenwart. Dann kommen die Wolkenschatten von Einsamkeit, Langeweile und Verlassenheit, die Regenschauer der Entmutigung, die Stürme verzweifelten Weltschmerzes, durch welchen wieder die tolle Laune wilder Lebenslust blitzt!« – Sie hat das sehr poetisch gesagt, und Götz ist abermals überrascht und entzückt.

Der Gedanke, daß ihm das knospende Mündchen ein Stück gut einstudierter Rolle vorplaudert, kommt ihm gar nicht in den Sinn.

»Hat Ihnen die Vergangenheit so viel Schweres gebracht?« fragt er voll Teilnahme. Fräulein Lou entzündet mit graziösen Händen die Spiritusflamme unter dem Teekessel und nickt traurig vor sich hin.

»Sie nahm mir alles, was ich besaß, – und das war viel. Zärtliche, hochgebildete Eltern, ein glänzendes Vermögen, eine geachtete gesellschaftliche Stellung. Ich habe den schweren, bitteren Kampf aufnehmen müssen, das alles wieder zu erwerben – aus eigener Kraft.«

»Und der Sieg ist Ihnen schon jetzt gewiß!« ruft Abensberg mit aufblitzenden Augen. »Sie werden mehr erreichen als Tausende von anderen, welchen das Schicksal seine besten Gaben in die Wiege legte!«

Sie schüttelt mit bitterem Lächeln den Kopf.

»Man glaubt zwar jetzt nicht mehr, daß die Gaukler und Possenreißer die Wäsche von der Leine stehlen, ja, man gibt den Komödianten und Reitern sogar eine gewisse Daseinsberechtigung, man applaudiert ihnen; die Zeitungen können sich nicht genug tun, ihre Namen in trommelnder Reklame wieder und wieder zu nennen, und die Herren der Lebewelt kennen nichts Interessanteres als die Artistin mit verschleierter Vergangenheit! – Und doch – welch eine himmelhohe Schranke baut sich zwischen eine Zirkusreiterin und eine vornehme Dame! – Das Vorurteil behauptet auch in dieser aufgeklärten Zeit noch gewaltig sein Recht, – und sehen Sie, Graf, wenn ich in der Manege auch alles erreiche, was sie geben kann, Geld, Ruhm, rauschenden Beifall, – eines kann sie mir nie ersetzen, – die Stellung einer hochachtbaren Dame, welche ich mit meinem Elternhaus verloren!«

Götz schüttelt lächelnd den Kopf. »Welch ein Pessimismus, mein verehrtes Fräulein! Heiraten Sie einen Mann in guter Lebenslage und Sie haben, was Sie wünschen! Wissen Sie aber, daß mir gerade dieser Wunsch am unbegreiflichsten ist?«

»Ah, Sie scherzen!«

»Durchaus nicht. Eine solide, gesellschaftliche Stellung deucht mir viel eher ein Nachteil, als ein Vorteil für jeden Menschen, welcher sich nach Freiheit des Willens und Handelns sehnt! Was gibt uns dieselbe? Höchstens die magere Genugtuung, daß uns überall, wo wir anklopfen, aufgetan wird, daß wir Ämter und Würden erreichen können, welche anderen versagt bleiben, daß man uns respektiert, weil wir zu den oberen Zehntausend gehören! – Das ist aber auch alles. Dagegen, welche Verpflichtungen laden uns nicht Namen und Stellung auf! Noblesse oblige! – Wie eng begrenzt auf Schritt und Tritt! Welche Ansprüche, Anforderungen stellt man nicht an uns! – Der eigene Willen schrumpft zusammen wie der Schatten vor der Sonne! – Etikette, Sitte, Anstand schreiben uns ihre tyrannischen Gesetze; man gehört unter die Herde und muß gehorsam dem Leithammel folgen, wenn man nicht als räudiges Schaf ausgestoßen sein will! O, Sie ahnen es in Ihrer himmlischen Selbstherrlichkeit gar nicht, Fräulein Lou, wie all die Damen, deren Los Sie beneiden und erstreben, Sklavinnen sind gegen Sie, die Freie, Selbständige, die Göttin des eigenen Willens!«

Die Kunstreiterin lachte und schenkte ihm eine Tasse Tee ein.

»Von dieser Seite beleuchtet haben Sie allerdings recht! – Auch habe ich mich längst in mein Schicksal ergeben. Ich wollte nur, daß Sie klar über mich sehen, daß Sie die Wurzel kennen, aus welcher all meine Stimmungen und Kapricen entsprossen! Sie sind ja als ritterlicher Freund gekommen, – und auch diese Stellung hat ihre Verpflichtungen! Sie verlangt Geduld, viel Geduld!«

Er faßte ihre Hand, welche ihm den Zucker darbot, und küßte sie, – ein-, zweimal – immer wieder, bis sie dieselbe in reizender Verlegenheit beinahe schmollend zurückzog.

»Sie sollen mit mir zufrieden sein, göttliche kleine Freundin!« scherzte er.

Und dann wechselte er das Gesprächsthema, plauderte über das flotte, lustige Zirkusleben und konnte gar nicht genug erfragen und erforschen, über all die bunten Geheimnisse, welche sich hinter dessen Vorhang verstecken.

Mademoiselle Lou ward heiter, sogar lebhaft, und das stand ihrem pikanten Gesichtchen vortrefflich, aber bei aller Fröhlichkeit markierte sie ihrem Gast doch eine gewisse Zurückhaltung, welche Götz verstand und respektierte.

Nach Verlauf von kaum einer Stunde blickte die junge Dame nach der Uhr, und Abensberg erhob sich lachend.

»Aha, die Audienz ist beendet!« sagte er neckend. »Der Mohr kann gehen! Er ist gehorsam und fügt sich dem Befehl, wenn es ihm auch noch so sauer fällt! Aber nur unter einer Bedingung, Fräulein Lou! Hören Sie wohl, nur unter einer Bedingung!« Sie blickte mit großen, fragenden Augen, naiv wie ein Kind, zu ihm auf.

»Daß ich wiederkommen darf!« fuhr Götz mit unwiderstehlichem Blick fort – »recht bald wiederkommen, – so oft Sie freie Abende haben und daheim sind!«

»Muß es sein?«

Sie fragte es leise, beklommen, und verschlang die weißen Hände.

»Ja, es muß sein! Ich würde ebenso wie Heinrich Heine ›sterben vor Liebessehnen‹!«

»Heine war ein frivoler Spötter!«

»Ich bin es nicht!«

»Wer garantiert das?«

»Sehen Sie mir in die Augen!«

Sie schüttelte den Kopf und wich seinem Blick aus.

»Man soll sich nicht mutwillig in Gefahr begeben!«

»Also doch eine Gefahr!« jubelte er.

Sie reichte ihm Säbel und Mütze. »Solch eine Sprache geziemt sich nicht für einen Freund!«

»Muß denn ein solcher stets Philister sein?«

Sie lachte plötzlich hell auf.

»Mir scheint, dazu haben Sie die wenigste Anlage!«

»Gott sei Dank! müssen Sie hinzu setzen. – Und« er trat näher und faßte abermals ihre Hände, »ich darf wiederkommen?«

»Wer weiß, ob Sie es mit meiner Stimmung wieder so gut treffen würden wie heute!«

»Grausam, kalt wie Eis – das nennen Sie ›gut‹?«

»Sie ahnen nicht, welche Wunden das Feuer brennen kann!«

»Seien Sie unbesorgt! Sie sollen einen Mucius Skävola in mir kennenlernen!«

»Meine Launen sind unberechenbar, – unerträglich!«

»Doch zu den Launen schöner Frau'n, da muß man immer vergnüglich schau'n!« rezitierte Götz lachend.

»Guten Abend, Herr Graf!«

»Das nenne ich deutlich! Also: Guten Abend, Mademoiselle Lou! Übermorgen um diese Stunde klingele ich Sturm bei Ihnen! – Auf Wiedersehen!«

Er ging, und die schöne Kunstreiterin stand im Zimmer, dehnte die Arme und sah halb gelangweilt, halb zufrieden aus.

Das war eine unglaublich solide Unterhaltung gewesen!

Ihre Nerven sind förmlich erstarrt, – sie müssen schleunigst aufgefrischt werden!

Und Mademoiselle Lou wechselte schnell die Toilette, warf Mantel und Kapuze über und eilte hastig zu einer guten Bekannten vom »Brettl«, wo sich zumeist eine höchst fidele Gesellschaft zu einer »lustigen Sieben« zusammenfand.

Lou spielte leidenschaftlich gern Karten – und heute wollte sie 'mal auf den Coeur-König setzen und sehen, ob sie gewann oder ob aller Liebe Müh' umsonst war und der Ersehnte – wie alle andern zuvor – als Schaum und Traum durch die Finger rann…

XII.

Götz war bald ein ständiger Gast in dem duftigen Salon der Kunstreiterin geworden, und alles, was er daselbst zu sehen und zu hören bekam, war dazu angetan, ihm Herz und Sinn in süße Banden zu schlagen. So jung wie Götz noch war, hatte er doch die paar Jahre in der Residenz sehr scharf gelebt, und eine gewisse Übersättigung hatte sich bereits eingestellt.

Es bedurfte schon starker Reizmittel, um die müden Nerven wieder zu leidenschaftlichem Interesse wach zu rütteln, und das hatte Fräulein Lou bald durchschaut und verstand es auf die raffinierteste Weise, ihre Person mit besonderer und verblüffender Eigenart auszustatten.

Sie hatte einmal einen sathrischen Vers gelesen, welcher also lautete:

»Versuch's und übertreib' einmal,
Gleich ist die Welt von dir entzückt,
Das Grenzenlose heißt genial –
Und wär's auch grenzenlos verrückt!«

Das war ihr Glaubensbekenntnis geworden.

Es ist seltsam, wie leicht die Männer, und wären es die klügsten, auf ein wenig Verrücktheit hereinfallen!

Nichts imponiert mehr wie das Grenzenlose, wie ein Wesen und Benehmen, welches ihnen rätselhaft erscheint und sie anreizt, es zu ergründen!

Man will etwas Apartes, Neues haben, die Natürlichkeit und schlichte Wahrheit sind langweilig geworden, sie üben keine Anziehungskraft mehr aus.

Wie Maler und Dichter der Sezession ihre Motive aus der Welt des Unglaublichen und der Übertreibung schöpfen, ebenso lassen gewisse Menschen ihrer krankhaften Phantasie die Zügel schießen, um sich mit einem Nimbus des »nie Dagewesenen« zu umgeben. Das gibt Relief!

Mademoiselle überraschte und verblüffte ihren Verehrer darum mit stets neuen Kapricen, vor welchen Götz fassungslos stand und sich nur immer wieder voll scheuen Entzückens sagte: ›Welch ein wundersames, berauschendes Geschöpf!‹

Fräulein Lou schillerte in allen Farben.

An dem einen Abend gefiel sie sich in der Rolle des engelhaften Weibes, so rein, so edel, so voll Unschuld und Liebreiz, daß Götz sich reuevoll an die Brust schlug und sagte: ›Es wäre eine Sünde, diese Heilige zu entweihen!‹

Am Tage darauf empfing sie ihn in frivolster Toilette, toll, keck, voll sprühender Leidenschaft. »Ich habe heute Feuer in den Adern, ich muß rasen!« sagte sie und schleppt den willenlos Überraschten mit sich zu der Freundin vom Brettl, wo sie aus der Börse des Grafen sinnlose Summen verspielte und mehr Champagner trank als er, – und plötzlich war sie verschwunden.

»Sie ist Hals über Kopf nach Hause gefahren, um sich umzukleiden und rechtzeitig die Frühmesse zu erreichen! So eine fromme Seele wie sie gibt es kaum zum zweitenmal!«

Am andern Tag findet er sie in der Küche. Sie bäckt Eierkuchen, brät Koteletten und kocht Kartoffeln; dann stopft sie Strümpfe und zerbricht sich den Kopf, wie sie ein altes, fadenscheiniges Kleidchen wieder kostenlos auffrischen könne.

Wenn Götz ihr anbietet, daß er ihr sechs neue Toiletten bei Gerson kaufen will, ist sie außer sich, empört, nennt ihn einen wahnwitzigen Verschwender, und predigt Moral.

Dann wieder verzehrt sie sich in Weltschmerz, sie erträgt kein Licht im Zimmer, sie kauert im Büßergewand in irgendeiner dunklen Ecke, dreht den Rosenkranz und spricht von Selbstmord.

Alles Zureden hilft nichts.

Götz wagt kaum, die Verzweifelte zu verlassen. Die ganze Nacht wirft er sich auf dem Lager herum und sieht das süße, seltsame, zauberische Geschöpfchen mit durchschossener Schläfe auf dem Teppich liegen.

Stürmt er hochklopfenden Herzens am andern Tage zu ihr, so lächelt sie ihm harmlos und naiv entgegen, stickt Sternchen in Stramin und wünscht sich als einzigen Beweis seiner Freundschaft ein weißes Kätzchen.

Heute preßt sie ihn mit zuckenden Armen an sich und flüstert lodernden Blickes: »Ich werde wahnsinnig aus Liebe zu dir!« – und will er solchen Augenblick nützen und ihre Leidenschaft erwidern, so stößt sie ihn kalt zurück und droht mit geballter Faust: »Wagen Sie es nicht, meine Lippen zu küssen, Graf, es wäre unser beider Tod!«

Welch ein sinnverwirrendes Spiel von Licht und Schatten!

Götz ist völlig befangen davon.

Ist er früher schon gleichgültig und nachlässig im Dienst gewesen, so ist er es jetzt in beinahe unmöglicher Weise.

Dabei macht er Schulden über Schulden.

Wenn Lou ihm auch tausendmal versichert: »Ich will keine Geschenke von dir, sie beleidigen mich!« – so verspielt sie doch Tausende an einem Abend, welche er bezahlen muß. Das rechnet sie nicht als »Geschenk«.

Wenn sie gewinnt, so denkt sie ebenfalls nicht daran, das Geld und die Banknoten in seine Hand zurückzulegen.

Aber sie hat Weinkrämpfe bekommen, als Götz einmal eine Droschke für sie bezahlen wollte.

Ein wunderliches, sinnbetörendes Geschöpf, halb Engel, halb Teufel, – Götz glaubt nie zuvor ein derart interessantes Weib kennengelernt zu haben, welches keine Fliege töten kann, aber wie eine Bacchantin jubelte und triumphierte, als man ihr die Nachricht brachte, daß die schöne Miß Dorothy schwer gestürzt und schier tödlich verletzt sei.

»O, listiger Teufel! Wer kann ein Weib verstehn!« Dieses Wort Shakespeares fiel Abensberg unwillkürlich ein, als er die reizende kleine Lou in jenem Augenblick anstarrte, – da schien sie ihm empörend! – infam! – widerwärtig! – und als sie ein paar Stunden später in einem schlichten weißen Mignongewand in dem dämmerigen Erker ihres Salons weinend wie ein Kind zusammensank, schwermütige Lieder auf der Laute spielte und plötzlich zum Herzbrechen schluchzte: »Arme, arme Dorothy, nun ist sie auch unglücklich, so unglücklich wie ich!« – ja, da lag er wieder wie berauscht vor Entzücken zu ihren Füßen, bedeckte ihre kleinen Hände mit Küssen und schwor, daß er sie glücklich machen wolle!

Der Oberst runzelte über seinen nachlässigen Leutnant die Stirn, er tadelte – scharf und schärfer, – er strafte, hart und härter, und Götz biß immer leidenschaftlicher die Zähne zusammen und bekam dieses Sklaventum satt bis zum Ekel!

Der Oberst hielt es schließlich für ratsam, dem alten Regierungspräsident, mit welchem er persönlich seit Jahren bekannt und wohlbefreundet ist, Mitteilung über das Leben und Treiben des Sohnes zu machen, möglicherweise richtete eine milde, väterliche Ermahnung bei dem unberechenbaren jungen Starrkopf mehr aus, als die dienstliche Strenge.

Der Brief traf gerade bei Seiner Exzellenz ein, als er just wieder ein dringendes Telegramm des Sohnes erhalten: «Bitte mir umgehend bei deinem Bankier zehntausend Mark anweisen zu lassen!«

Das war in diesem Monat bereits das dritte Mal, daß Götz mit derartig exorbitanten Forderungen an ihn herantrat.

Der Alte war außer sich.

Zweimal hatte er bereits die Summen auszahlen lassen, hatte ernste, ermahnende Briefe an den jungen Verschwender geschrieben, mit der Versicherung, daß seine Langmut nun ein Ende habe und künftig kein Geld mehr verabfolgt werde.

Und dies war der Erfolg! – Abermals zehntausend Mark.

Der Regierungsrat ballte das Papier zornig in der Hand zusammen und schleuderte es auf den Schreibtisch, dann griff er nach dem Brief des Obersten.

Fahle Blässe bedeckte sein müdes, schon so farbloses Antlitz.

Schwer und müde sank sein Haupt auf die Brust.

Solchen Kummer und solches Herzeleid mußte er an seinem Liebling, seinem Sohn, seinem Götz erleben!

Ein pflichtvergessener Offizier, dem bei nächstem Anlaß die Verabschiedung droht, – ein leichtsinniger Flaneur, welcher sich an eine Kunstreiterin gehängt und in skandalöser Weise jede andere gesellschaftliche Verpflichtung darüber vernachlässigt!

Ein Spieler, Verschwender, ein Lebemann ohne Gewissen, Treu' und Glauben!

War es wahrlich schon so weit gekommen?

War es zu spät, ihn auf besseren Weg zurückzuführen, den alten, vornehmen Namen vor der Schande zu retten?

Nein, es war gewiß noch nicht zu spät! So völlig kann sich Blut und Art nicht verleugnen.

Auch der Oberst hofft, daß es der väterlichen Autorität noch gelingen wird, den unheimlichen Bann zu brechen.

Seiner Autorität!

Gott sei es geklagt! – er hat sie nie diesem Sohn gegenüber besessen; er ist zu schwach, zu beschäftigt, zu zerstreut gewesen.

Solange Malwine Götz in strenger Zucht gehalten, hat das leichtsinnige Bürschlein gut getan, seit er aber ihrem Einfluß und Machtwort entrückt, ist er wie ein zügelloses Roß auf schiefer Bahn bergab gestürmt.

O, hätte er dermalen auf seiner Gattin klugen Rat gehört und den jungen Mann knapper mit dem Gelde gehalten!

Aber er gab und gab – und Götz sah dies schließlich als ein Muß an; er hielt es für sein gutes Recht, zu fordern.

Was ist daraus geworden!

Was kann geschehen, um dem Verderben Einhalt zu tun?

Der alte Mann reibt die Stirn, auf welcher kalte Schweißtropfen perlen, seine bebende Hand hält ratlos das Schreiben des Regimentskommandeurs.

Malwine! Malwine, seine kluge, willensstarke, welterfahrene Frau muß Rat wissen. Wie eine erlösende Hoffnung überkommt es Seine Exzellenz bei diesem Gedanken.

Er erhebt sich wankend und schreitet nach dem Salon seiner Gemahlin, welche er um diese Stunde zu Hause weiß.

Malwine sitzt vor ihren Wirtschaftsbüchern, vergleicht die einzelnen Posten, rechnet nach und bucht.

Sie hebt das ernste, marmorkühle Angesicht, welches ihm beinahe unverändert, wie in jener Stunde, wo er sie zu seiner Braut gemacht, entgegenschaut, nur die vollen Scheitel erglänzen in silbernem Grau.

»Hast du Zeit für mich, Teuerste?«

Sie erschrickt bei seinem Anblick, erhebt sich hastig und schiebt ihm einen Sessel zu.

»Du hast unangenehme Nachrichten erhalten, lieber Bolko?« sagt sie mit einer Miene, als ob sie dieselben längst erwartet habe.

Er nickt und läßt sich in die seidenen Polster niederfallen.

Mit bittendem Blick reicht er ihr Brief und Depesche hin.

Malwine liest und der Präsident beobachtet voll nervöser Aufregung ihre Züge.

Ruhig, ernst, gelassen, wie stets. Nicht einmal überrascht sieht sie aus.

»Nun?«

Sie nickt nur nachdenklich vor sich hin, den Blick geradeaus gerichtet.

»Was sagst du dazu, liebe Malwine? Was sollen wir beginnen?« drängt er und streicht mit dem eleganten Batisttuch über Stirn und Lippen.

»Hier ist guter Rat teuer! Es ist nur gekommen, was unabwendbar war.«

»So meinst du…? Ah!« Der alte Herr stöhnt wie in leisem Schluchzen auf.

Da legt sich eine feste, energische Hand auf seine Schulter, die grauen, stillen Augen seiner Frau blicken ihn an wie ein klarer See, auf welchem guter Ankergrund zu finden ist.

»Verzage nicht und zweifle nicht an deinem eignen Fleisch und Blut!« sagt sie mitleidig, und ihre Stimme klingt weicher als sonst. »Götz ist leichtsinnig, aber nicht schlecht. Er hat sich nun wohl ausgetobt und wird zur Vernunft kommen, wenn wir den rechten Wegweiser für ihn finden!«

»O, Malwine – du Gute – wie danke ich dir für dieses Wort!« Er küßt in überströmender Empfindung ihre Hand: »Du wirst ihn finden! Wenn nicht du – dann niemand!«

»Das hoffe auch ich; Gott wird uns helfen. Nun aber vor allen Dingen Ruhe! Du darfst dich nicht aufregen. Wenn du Vertrauen zu mir hast, so überlasse die ganze Angelegenheit mir, ich werde überlegen und handeln. Du aber sei getrost und sorge dich nicht vor der Zeit, – ob früher oder später, Götz wird zur Vernunft kommen.«

Die Gräfin setzt mit schnellem Griff die silberne kleine Handschelle in Bewegung.

»Bringen Sie ein Glas Portwein für Seine Exzellenz!«

Der Diener verneigt sich und eilt hastig davon. Malwine aber nimmt die hagere, blasse Hand des alten Mannes zwischen die ihren.

»Hast du schon die vortreffliche Rede des Reichskanzlers in der heutigen Mittagszeitung gelesen?«

Er starrt sie überrascht an und schüttelt den Kopf.

Sie reicht ihm die Zeitung. »So lies! Es wird dich interessieren. Ich bin gespannt, deine Ansicht über die Wirksamkeit dieser Philippika zu hören! So; und hier ist der Wein, bitte, trink', es wird dir gut tun!«

Er versteht ihre Absicht, – ihre Sorge für ihn. Mit zitterndem Druck umschließt er ihre Rechte.

»Ich danke dir tausendmal, – ja, das tut wohl, der Wein ist trefflich!«

Er trinkt in langem Zug, faßt die Zeitung und starrt einen Augenblick zerstreut darauf nieder, dann liest er einen Satz – noch einen, das brennende Interesse des passionierten Politikers erwacht – er beugt sich vor, drückt das Pincenez auf die Nase – er liest.

Die Gräfin hat dem Diener noch ein paar leise Befehle gegeben, dann schreitet sie auf weichen Sohlen an das Fenster, lehnt die Stirn an die hohen Spiegelscheiben und blickt sinnend in die kahlen, schneeumwirbelten Parkwipfel hinaus.

So ist alles gekommen, wie sie es erwartet hat!

Was ihren armen, kurzsichtigen Mann wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen, sah sie lange voraus.

O, daß ihr Vater den jungen Grafen hatte erziehen können, ebenso streng, ebenso unnachsichtig, so voll und ganz im Pflichtgefühl, wie sie!

Als sie hier ins Haus,kam, war es zu spät.

Das Bäumlein war zu stark und kräftig, zu wild und ungebändigt aufgewachsen. Es ließ sich nicht mehr biegen, es drohte zu zerbrechen.

Und jetzt?

Jetzt heißt es erbarmungslos: Biegen oder brechen!

Noch einmal will sie versuchen, ihm ein guter Gärtner zu sein.

Vielleicht findet sie ein anderes, kräftiges Stämmchen, an welches sie den wilden Schößling anbinden kann, damit der Sturm ihn nicht zu Boden reißt.

Welch ein Gedanke!

Malwine blickt lebhaft auf, ein jähes Rot färbt ihre Wangen.

Heiraten! Götz muß heiraten!

Die Ehe ist schon für manch wetterverschlagenes Schiff ein sicherer Hafen geworden, in welchem es Anker geworfen hat!

Auch Götz wird an der Seite einer braven, edlen, liebenswürdigen Frau ein vernünftiger Mann werden!

Aber solch eine passende Frau finden ist nicht leicht, und nur die beste, richtigste Wahl kann in diesem Falle einen Erfolg garantieren.

Bei seiner beinahe krankhaften Abneigung gegen jede Beeinflussung muß die Erwählte sehr sanft, sehr nachgiebig und lieblich sein, eine schulmeisternde oder moralisierende Frau wäre eine Unmöglichkeit für den jungen Hitzkopf.

Sanft, gutherzig und schön, – die Schönheit eines Kindes oder Engels.

Die Gegensätze berühren sich.

Nach den Dirnenallüren und der Frivolität einer Kunstreiterin wird die keusche Lieblichkeit eines lilienreinen Mädchens auf ihn den tiefsten Eindruck machen, – gerade auf einen Charakter wie Götz wirkt die schroffe Abwechslung am besten.

Und später – in der Ehe, wird ihn die duldende Ergebung solch eines jungen Weibes rühren und entwaffnen, denn so leichtsinnig Götz auch sein mag, so toll und wild wie er in die Welt stürmt, er ist zeitlebens ein edel und ritterlich denkender Nensch gewesen, er trägt das Blut der Abensberg in den Adern, deren Devise seit Jahrhunderten gelautet: »Ich diene Gott, dem Kaiser und der edlen Frau!«

Auch er wird Herz und Ehre einer edlen Frau nicht unter die Füße treten, um eines giftigen Unkrauts willen.

Ja, Götz muß heiraten! Aber wen?

Und als Malwine abermals eine Zeitlang nachdenklich auf den stillen, verschneiten Parkweg hinausgeschaut hat, da lächelt sie abermals ein glückliches, zufriedenes Lächeln.

Sie hat gefunden, was sie sucht.

In der Nähe, auf Schloß Dolgen, wird eine junge Waise bei Verwandten, Graf und Gräfin Heinau, erzogen.

Sie heißt Flavia von Husby, ist ein sanftes, liebliches, blondes Mädchen, sinnend ernst, gut und friedfertig.

Frau von Heinau erzählte, daß sie so gern Diakonissin geworden wäre, doch habe ihr Mann als Vormund es nicht gestattet.

Flavia ist außerdem eine reiche Erbin, frei, unabhängig. Die Gräfin wird sie gewiß gern verheiraten, den heranwachsenden Töchtern die Konkurrenz zu nehmen.

Vortrefflicher Gedanke! Flavia von Husby ist wie geschaffen als Frau für Götz!

XIII.

Gräfin Abensberg teilte ihrem Gatten unverzüglich ihren Plan mit, und es kam dem alten Herrn auch wie eine Offenbarung, daß nur so durch eine solide Ehe, der verlorene Sohn auf rechte Wege zurückgeleitet werden könne.

Er sprach Malwine seine begeisterte Anerkennung für diese diplomatische Idee aus und nickte auch sehr einverstanden und schier bewundernd mit dem Kopf, als Ihre Exzellenz Fräulein Flavia von Husby als die geeignetste Heiratskandidatin nannte.

»Ich habe das junge Mädchen nur einmal flüchtig gesehen, anläßlich unseres letzten Balles, wo ich mich den mir noch fremden Namen vorstellen ließ. Ehrlich gestanden, ich entsinne mich kaum noch, wie sie aussah, weiß nur, daß sie ein paar herrliche dunkelblaue Augen hat, welche unendlich mild und liebenswürdig zu mir aufschauten! Sie ist noch sehr jung?«

»Sie kommt zwar eben erst aus der Pension, ist aber doch schon neunzehn Jahre alt. Gräfin Heinau war nicht allzu eilig, die arme Waise bei sich aufzunehmen!«

Der Regierungspräsident sah plötzlich ein wenig beklommen aus.

»Was aber nun, wenn Götz sich nicht in sie verliebt?«

Malwine zuckte ungeduldig die Achseln.

»Laß mich jetzt, bitte, ganz unumwunden mit dir reden, Bolko! Du hast bisher die Angewohnheit gehabt, deine Kinder stets um ihre Ansicht zu befragen, anstatt ihnen dieselbe zu diktieren. – Das ist eine ganz verkehrte Sache, und was für Früchte solch eine tolerante Erziehung zeitigt, haben wir jetzt gesehen. Wenn du es deinem Sohn überlassen willst, dir eine Schwiegertochter in das Haus zu führen, so kannst du dich auf eine Kunstreiterin oder eine Balletteuse gefaßt machen, denn diese Art Verkehr kultiviert ja Götz beinahe ausschließlich, und ich fürchte, durch denselben ist sein Geschmack schon derart verdorben, daß er vorerst gar kein Interesse für anständige Damen haben wird. – Die Arznei seiner Ehe muß erst mit der Zeit wirken, wenn ihm durch den Anblick einer vornehmen, edlen Frau die Augen wieder aufgetan werden!«

»Wenn ihm reine und keusche Frauen vorerst kaum Interesse einflößen, wird er sich ganz entschieden weigern, die Ehe einzugehen!«

»Es wird ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als wie zu gehorchen, wenn du diesmal die nötige Energie und Konsequenz zeigen wirst!« – Malwine sagte es kalt, beinahe schroff, und sie hob das Haupt so stolz und imponierend wie eine gebietende Königin. »Götz hat vorerst nur einen Willen, und das ist der seines Vaters.«

»Aber Malwine, du kennst doch seinen Charakter! Ich kann ihn doch nicht an den Altar schleifen!« stöhnte Seine Exzellenz.

»Das nicht, aber dennoch kannst du ihn moralisch dazu zwingen. Du wirst ihm in voller Ruhe, aber mit vollstem Ernst erklären, daß du ihn enterbst, falls er sich nicht deinem Wunsche fügt! Dir steht das Recht zu, das Majorat in Minorat, zu Quirins Gunsten umzuwandeln, ebenso hast du die freie Verfügung über dein Privatvermögen. Von mütterlicher Seite besitzt Götz kein Erbe. Ich glaube, es wird dem namenlos verwöhnten jungen Herrn nicht gleichgültig sein, ob er einer der reichsten Grundbesitzer oder ein Bettler ist. Wenn du die Goldquellen versiegen läßt und deine Hände von ihm zurückziehst, nicht nur als Drohung, sondern als Tatsache, dürfte er wohl zur Einsicht kommen.«

Seine Exzellenz atmete schwer und stützte das Haupt wie ein Schwerkranker in die Hand.

»Der Junge ist zu rabiat, Malwine! Ich traue es ihm zu, daß er uns den Bettel vor die Füße wirft und geht!«

»So laß ihn gehen! Will es nicht biegen, muß es brechen. – Auch der verlorene Sohn ging; als er aber seine traurigen Erfahrungen gemacht, als das Leben ihn in seine schwere, ernste Schule genommen, da kehrte er zurück. Will Götz nicht hören, so laß ihn getrost fühlen.«

»Er wird mit Schimpf und Schande untergehen!«

»Nein, er wird sich durchringen! Das Schmiedefeuer des Schicksals wird das Gold aus den Schlacken schmelzen! Laß ihn getrost seinen eigenen Weg gehen, wenn er es in sinnloser Verblendung will. – Er ist viel zu gut beanlagt, von Natur viel zu hoch und edel denkend, um im Sumpf stecken zu bleiben!«

Das klang so zuversichtlich, so überzeugt, daß der Präsident die Hand der Sprecherin mit festem Druck ergriff, ihr aufatmend in die klaren Augen schaute und plötzlich fest und entschlossen sagte: »Du hast recht, Malwine, ich sehe es jetzt selber ein, daß nur auf diese Weise noch etwas bei dem Jungen zu erreichen ist. Bereite denn alles, bitte, vor, – ich überlasse es dir, deinem Scharfsinn und Takt, die Braut für ihn zu werben. – Möge Gott seinen Segen dazu geben!«

Noch an demselben Nachmittag hielt der elegante Abensbergsche Viererzug vor Schloß Dolgen, und Malwine betrat als freudig begrüßter Gast die Salons, woselbst sie Gräfin Heinau allein vorfand.

Das kam ihr sehr gelegen.

Ihre Exzellenz war nie eine Freundin von Umschweifen und Versteckspielen gewesen, sie hielt es für das beste, Frau von Heinau in ihre Pläne einzuweihen und sie zur Verbündeten zu machen.

Sie besaß genügend Menschenkenntnis, um es schon im voraus zu wissen, daß die eitle, gefallsüchtige Frau die Pflegetochter lieber heute als morgen unter die Haube bringen möchte, denn Flauvias morgenfrische Schönheit war eine üble Konkurrenz für die alternde Frau, welche gern noch ein paar Jahre ungeteilter Triumphe genießen möchte, ehe die eigenen Töchter sie in die Kategorie der Ballmütter einrangierten.

Malwine hatte sich in, der Tat nicht getäuscht. Die Gräfin faßte die Idee, Götz und Flavia miteinander zu verloben, geradezu begeistert auf.

»Ob sich das junge Gänschen in Ihren Herrn Stiefsohn verlieben wird, teuerste Exzellenz? Nun, ich dächte, das stünde außer Frage! Graf Götz ist ein anerkannt schöner Mann – er kommt, wird gesehen und siegt!«

»Es wäre ein Glück, wenn Flavia ihn tatsächlich von Grund des Herzens lieben würde, denn die Liebe überwindet alles und erträgt alles, und ich fürchte, bis die junge Frau endlich über den Brausekopf siegen wird, gibt es gar manch Schweres für sie zu ertragen!«

»Ich versichere Sie, Exzellenz, Flavia ist wie geschaffen für eine solch aufopfernde Mission! Sie ist ja wie eine kleine Heilige – hat den Kopf voll phantastischer Ideen, möchte am liebsten Diakonissin werden und kennt keinen edleren Daseinszweck, als sich für fremde Menschen aufzuopfern! Seltsam! Geradezu unbegreiflich! – Aber, wie gesagt, geradezu geschaffen zur duldenden, liebenden Gattin, welche durch engelhafte Güte, Nachsicht und Edelmut einen Mann auf rechte Wege lenkt!«

»Diesen Eindruck hatte ich auch von ihr!«

Malwine zog einen Briefumschlag aus dem Muff und legte ihn auf die schwarze Ebenholzplatte des Tisches.

»Ich habe Ihnen hier das neueste Bild meines Sohnes mitgebracht; er sieht tatsächlich sehr gut darauf aus, vielleicht können Sie es diskret verwenden, um Flavia schon jetzt etwas für ihn zu interessieren. Aber selbstredend mit größter Vorsicht – junge Mädchen sind oft sehr empfindlich.«

Gräfin Heinau lachte in ihrer lauten Weise auf und schüttelte den elegant frisierten, noch immer sehr jugendlich erscheinenden Kopf.

»Sie sollen mit mir zufrieden sein, Teuerste!«

»Und sobald Götz bei uns eingetroffen ist, erhalten Sie die Dinereinladung. Die Sache eilt, meine liebe Gräfin! – Sie verstehen!«

»Vollkommen, Exzellenz! Ich freue mich unbeschreiblich auf diese allerliebste kleine Intrige! Sie wird zwei Menschen glücklich machen!«

»Ich hoffe es!«

»Ich höre die Schlittenglocken – Flavia kehrt mit den Kindern von der Ausfahrt zurück!«

»Vortrefflich! Ich möchte sie gern noch sehen!«

Gräfin Heinau setzte stürmisch eine elektrische Klingel in Bewegung und beauftragte den erscheinenden Diener, Baronesse Husby sogleich hierher in den Salon zu bitten.

Ein paar Augenblicke vergingen, dann öffnete sich die hohe Flügeltür abermals und eine schlanke Mädchengestalt trat ein.

Obwohl Flavia bereits neunzehn Jahre zählte, hatte sie doch noch die etwas scheue, eckige Unbeholfenheit des Pensionskindes, welches aus weltfremder Abgeschiedenheit zum erstenmal einen eleganten Salon betritt.

Sie war entschieden etwas schnell gewachsen, die Figur entbehrte noch der Fülle und Rundung, auch hielt sie sich nicht sonderlich gut, was wohl auch die Folge einer gewissen Verlegenheit war, welche ihr Köpfchen vornüber auf die Brust sinken ließ.

Das dunkle Kleid war sehr einfach und anscheinend nicht von einer ersten Schneiderin gearbeitet, aber gerade diese kindliche Anspruchslosigkeit gefiel Malwine, ebenso die überaus einfache, solide Frisur, welche das entzückend feine und zarte Gesichtchen mit glatten, dunkelblonden Scheiteln umrahmte.

Flavia eilte der Präsidentin entgegen, küßte respektvoll die dargereichte Hand und blickte mit ihren großen, veilchenblauen, treuherzigen Augen zu der imposanten Frau auf, daß Malwine ganz unwillkürlich viel herzlicher als sonst nickte und die junge Dame mit freundlichen Worten begrüßte.

Flavia antwortete unbefangener als sonst, wie sie in Damengesellschaft überhaupt gesprächiger und ungenierter war.

Sie hatte eine auffallend wohllautende Stimme, so voll und weich wie Glockenklang – »eine echte Diakonissenstimme«, wie ihr Vormund scherzend gesagt, – »welche schon in ihrem Klang den wahren Himmelsfrieden an die Krankenbetten trägt.«

Auch dies war Malwine außerordentlich sympathisch, denn sie haßte die scharfen und schrillen Organe, welche wie ein Messer, im höchsten Diskant in das Ohr schneiden!

Solche Menschen sind auf die Dauer unerträglich, namentlich für nervöse Menschen, wie es Götz war.

Diese weiche, linde Stimme wird seiner wilden Leidenschaftlichkeit ein Schlummerlied singen, und wenn Flavias blaue, himmlisch friedliche und glänzende Augensterne ihn ansehen, dann müssen die Irrlichter, welche bisher seinen Blick geblendet haben, in Nacht und Nebel davonfliehen.

Malwine atmete hochbefriedigt auf.

Das junge, kindliche Mädchen entsprach so ganz und gar ihrem Geschmack und verkörperte in allem das Bild, welches sie sich im Geist von derjenigen entworfen hatte, welche der gute Engel ihres Stiefsohnes werden sollte.

Flavia mußte Götz gefallen, wenn er noch eine Spur von gutem Geschmack hatte.

So schied Ihre Exzellenz voll freudigster Zuversicht, ihrem Gatten sogleich das Ergebnis und die günstigen Chancen dieser ersten Brautschau mitzuteilen.

Nun mußte unverzüglich das geharnischte Schreiben an Götz abgefaßt werden, welches ihn vor das elterliche Forum beschied.

Die Form dieses wichtigen Briefes überlegend, lehnte Malwine in den weichen Atlaspolstern, dieweil der eisige Nordwind um den Wagen pfiff und brausend die Wipfel des zur Wegseite ragenden Tannenwaldes beugte.

Malwine hatte ihr kluges Exempel gerechnet und richtig befunden, aber sie hatte nur eines nicht bedacht, daß ihr Geschmack nicht der des jungen Grafen war.

Gräfin Heinau war, nachdem Exzellenz sich verabschiedet und auch Flavia sich bescheiden zurückgezogen, noch eine Zeitlang in aufgeregtem Nachdenken in dem Salon auf und nieder geschritten.

Sie sah lange nicht mehr so zuversichtlich und strahlend aus, wie soeben im Gespräch mit der Präsidentin, sondern nagte nervös an der Lippe und schlang wie in ratlosem Sinnen die schmalen, weißen Hände ineinander. Sie hatte so leicht und sicher in Flavias Namen die Einwilligung zu einer eventuellen Verlobung gegeben, als würde man seitens der jungen Dame auch nicht auf den mindesten Widerspruch stoßen.

Das war recht leichtfertig von ihr gehandelt, denn niemand wußte es besser, als Frau von Heinau, welch ein schwieriger Charakter die kleine »Nonne« war, wie sie 163 alles so unglaublich ernst, poetisch und feinfühlig auffaßte.

Eine Ehe wie einen Kontrakt abschließen, würde ihr, bei ihren altmodischen Ansichten, gewiß ungeheuerlich erscheinen.

Nur Liebe und Neigung werden das kleine Närrchen einst bestimmen, einem Manne die Hand für das Leben zu reichen! Das hatte sie noch jüngst mit verlegenem Erröten geantwortet, als die Gräfin in ihrer etwas frivolen und rücksichtslosen Weise gescherzt hatte: »Nun müssen wir einen Mann für dich suchen, Flavia!«

Und als die Gräfin spöttisch lächelnd solch eine »Gefühlsduselei« veraltet und töricht genannt, da hatten die großen Blauaugen plötzlich ganz seltsam stolz und kalt geblickt und Flavia antwortete mit einem Anflug völlig unbekannter Energie: »Ich passe wohl in manchen Dingen nicht in die moderne Welt, werde aber darum niemals meine Überzeugung ändern!«

O ja! In dem Kind mit dem zarten Blumengesicht steckte eine starke, stolze Seele, und je mehr sich Gräfin Heinau darüber klar ward, desto ärgerlicher wurde sie, und desto eifriger sann sie nach, wie sie das sentimentale kleine Wesen ihren Wünschen und Plänen geneigt machen könne.

Endlich blitzt ihr Auge in jähem Triumph auf.

Sie hat den Weg gefunden, auf welchem Flavia ihrem Braut- und Ehestand entgegengeführt werden muß.

Du liebe Zeit! Für jedes andere vernünftige, kluge und lebensfrohe Mädchen würde diese Eheperspektive nur viel Verlockendes haben. Vornehm, reich, unabhängig, – der Mann hübsch und jung. Und geht er auch seine eigenen Seitenwege, je nun! – so geht die moderne Frau ebenfalls die ihren und amüsiert sich herrlich dabei!

Flavia aber, die Tugendreiche, um welche noch der ganze Weihrauchduft des frommen Stifts weht, in welchem sie erzogen ist, wird vor solch einer Unmoralität drei Kreuze schlagen!

Desto besser, – so wird die kleine Heilige in ihrem eigenen Nonnenschleier gefangen werden. Für ein Mädchen, welches Diakonissin werden möchte, muß ja der Gedanke, sich für eine gute Sache aufzuopfern und eine verlorene Seele zu retten, etwas äußerst Anziehendes und Berauschendes haben.

Mit der nötigen poetischen und frommen Färbung wird ihr die Mission, welche ein paar unglückliche, gebeugte Eltern ihr zuerteilten, als eine edle Tat des Opfermuts, des Gott wohlgefälligen Martyriums erscheinen.

Die Präsidentin verlangte allerdings volle Diskretion, sie erging sich wohl noch in Illusionen, daß die Herzen der jungen Leute sich tatsächlich in Liebe finden sollten, – lächerlich! – Auf eine solch gewagte und unsichere Spekulation läßt sich Frau von Heinau nicht ein.

Vortrefflich, ihr Plan ist reif, – sie wird sogleich an die Ausführung gehen.

Hastig nimmt sie das Bild des jungen Abensberg an sich und schreitet in das stille, ferne Turmzimmerchen Flavias.

Die ersten Schatten der Dämmerung wehen über die winterliche Welt; das junge Mädchen hat ihre Stickarbeit in das Nähkörbchen am Fenster zurückgelegt, hat das Klavier geöffnet und phantasiert in leisen, schwärmerischen Akkorden ihre ernsten, religiösen Lieblingsmelodien.

Als Tante Heinau über die Schwelle rauscht, unterbricht sie sich sofort und tritt dem seltenen Gast überrascht entgegen.

»Hast du Zeit für mich, mein liebes Herzchen?«

Wie ungewohnt weich und innig klingt die Stimme der sonst so kühlherzigen Frau.

»Wie kannst du fragen, liebste Tante!«

Die Gräfin zieht ihre Pflegetochter neben sich auf das kleine, altmodische Sofa, ihre seidenen Falbelröcke rauschen so ungewohnt in diesem weltfeinen Stübchen, und der etwas aufdringliche Duft des »
Bouquet Messalina«, welches die flotte Salondame als Parfüm bevorzugt, weht schmeichlerisch um das zartfarbige Gesichtchen des verwaisten Mädchens, welches die ringfunkelnden Hände der Tante näher und näher an ihre Schulter drücken.

»Höre einmal zu, Kleine,« sagte sie leise, – »ich habe etwas Ernstes, sehr Ernstes mit dir zu besprechen! Es wird mir wahrlich schwer genug, aber es muß sein, denn ich habe die Verantwortung und darf keine falsche Prüderie kennen, wo es sich um ein Werk heiligster Nächstenliebe handelt!«

Flavia blickte beinahe erschrocken auf, aber Gräfin Heinau legt ihr die schlanken Finger auf die Lippen und fährt fort:

»Du sahst, daß soeben Exzellenz Abensberg bei mir war. Sahst du auch die Tränen in ihren Augen glänzen? Ach, Flavia, die arme Frau ist unglücklich, namenlos unglücklich, ebenso wie ihr herzensguter, schwergebeugter Gatte. – Was ich dir hier sage, geliebtes Kind, verlangt vollste Diskretion von dir…«

»Tante!«

»Laß mich ausreden! Abensbergs haben eine schwere Sorge auf dem Herzen. Du weißt, daß ihr ältester Sohn Götz bei der Garde-Kavallerie in der Residenz steht?«

»Ja, Tante!«

»Dieser Sohn bereitet seinen Eltern grenzenlosen Kummer. Er ist ein vorzüglich beanlagter, vortrefflicher Mensch mit einem goldenen Herzen, aber er ist leider Gottes in schlechte Gesellschaft geraten und – wie der verlorene Sohn aus der heiligen Schrift – auf dem besten Wege, unterzugehen. Kannst du dir den Schmerz und das Herzeleid der armen Eltern vorstellen?«

Flavia nickte seufzend und voll aufrichtigen Mitleids, aber sie hätte gern die staunende Frage getan: »Warum teilst du mir das mit?«

Die Gräfin kam dieser Frage zuvor.

»Die unglücklichen Eltern haben nun Tag und Nacht überlegt, wie sie den Sohn auf rechte Wege zurückgeleiten könnten, denn noch ist es Zeit dazu, noch ist sein Herz nicht der Sünde zum Raub gefallen, sondern schwankt vorerst noch in schwerem Kampf zwischen Pflicht und Unrecht. – Da hatte Ihre Exzellenz einen Gedanken, den ihr wohl Gott selber eingegeben. Sie möchte ein engelhaft gutes, frommes Mädchen als Braut und Gattin an die Seite des Sohnes stellen, um ihn durch das Vorbild und den Einfluß eines solch geduldigen, guten Geistes wieder auf rechte Bahnen zurückzuleiten. Ihre Wahl ist auf dich gefallen, liebe Flavia.«

»Auf mich?!« – Das klang wie ein Schreckensschrei.

»Ja, auf dich, du frommes, braves Kind…«

»Tante!«

»Erschreckt es dich?«

»Allmächtiger Gott!«

»Flavia! Was hast du? Du zitterst wie Espenlaub!«

Das junge Mädchen hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und schluchzte auf.

»
So – so soll ich heiraten? Anmöglich, Tante… Das ist ein furchtbarer Gedanke! – Das heißt eine Sünde zu der anderen fügen!«

»Inwiefern das? – Würdest du es Sünde nennen, an das Lager eines Todkranken zu treten, um ihn durch jahrelange treue, selbstlose Pflege dem Leben zu erhalten?«

»Nein! Das nicht!«

»Was aber will es besagen, den Leib eines Menschen für dieses elende Leben zu erhalten, wenn es gilt, die ewige, unsterbliche Seele vor dem Verderben zu retten? – Siehst du nicht selber ein, wie tausendmal wichtiger und heiliger eine solche Mission ist? – Leicht wird sie dir freilich nicht werden, denn sie verlangt eine namenlose Geduld, Selbstverleugnung und Opfermut! Wer weiß, ob Graf Götz dich freundlich behandeln wird, ob er dir jemals ein gutes Wort gönnt! – Aber denke daran, wie die Schwerkranken in ihrem Fieberwahn oft nach der Hand schlagen, welche sie erquicken und heilen will, und wie sie schließlich doch unter der zarten Pflege dieser Hand genesen und sie unter heißen Dankestränen alsdann mit Küssen bedecken! – Sieh, Flavia, die ganze Hoffnung der gebeugten Eltern klammert sich an dich! – Sie wissen keine andere, welche ein Werk solch heiliger Nächstenliebe auf sich nehmen würde. Du bist ihr letzter Trost – –«

»Tante!« Flavia richtete sich mit beinahe fieberisch glänzenden Augen empor, ihr liebliches Antlitz war leichenblaß, aber ein wunderbarer Ausdruck von Festigkeit lag darauf. »Ich danke dir und Abensbergs für das große Vertrauen, welches ihr in mich setzt, aber ich sage dir auch ehrlich, daß ihr euch alle in meinem Können und in meinen Kräften täuscht. Ich fürchte mich vor wüsten, sündhaften Männern, ich fühle nicht den Mut und die Energie in mir, mit schwachen Armen in einen solchen Lebenssturm hinauszusteuern. Das, was ihr von mir verlangt, bedingt nicht nur Frömmigkeit und Geduld, es verlangt vor allen Dingen Liebe – die treue, opfermutige, alles vergessende Liebe, welche ein Weib befähigt, sich für einen Mann aufzuopfern! Ich aber kenne Graf Götz gar nicht. Ich weiß nicht, ob er mir auch nur ein wenig Sympathie und Mitleid, geschweige die stärkste Zuneigung einflößt! Vielleicht muß ich ihn verachten und verabscheuen!… Und du weißt, Tante, ich bin wunderlich beanlagt – ich kann meine Empfindungen nicht beherrschen. Für einen Menschen, den ich liebe, will ich alles, alles opfern und tun, will für ihn sterben und verderben, – für einen Wüstling aber vermag ich nichts! Ein Mann, welcher im Jähzorn einen anderen erschlägt, ist mir nicht so furchtbar wie jene sittenlosen Sünder, welche in der Lust der Welt, in Sumpf und Schmutz ihre eigene Seele morden! Ich weiß nicht, ob du mich verstehst, Tante, – ich würde mich durch die Gemeinschaft mit solch einem Menschen entehrt und angewidert fühlen!«

Gräfin Heinau hatte sich erhoben, sie schüttelte ein wenig überrascht den Kopf.

»Gemach, liebes Herz! Du stellst dir die Sache sehr viel anders vor, als sie ist. Noch ist Graf Götz nicht im Schmutz der Laster versunken, – das zu verhüten soll dein heiliges Amt sein, du sollst den bösen Einfluß jener anderen brechen, ehe er ihm verderblich werden kann. Verstehst du mich nun? – Außerdem verlange ich jetzt noch absolut kein bindendes Wort von dir. Du sollst Graf Götz erst kennenlernen, sollst dich und dein Herz prüfen, ob es sich nicht etwa doch für den schönen Majoratsherrn erwärmen kann! Vielleicht verliebt er sich in dich – und du in ihn, – wer kann es wissen? Auf jeden Fall aber solltest du nicht so egoistisch denken, wie du es in diesem Falle so unbegreiflich tust! Gott der Herr würde diesen Ruf zu seiner Nachfolge nicht an dich ergehen lassen, wenn du nicht stark genug wärst, deine Pflicht zu tun. Wahrlich, dieses Kreuz wiegt nicht so schwer wie das von tausend anderen, welche schwächer sind als du! – Das bedenke, und frage dein Gewissen. Ein Opfer, bei welchem nichts geopfert und dahingegeben wird, ist kein Opfer. Denke an dereinst! Wenn der Herr dich einst fragt: ›Wo ist die Seele, welche du mir erretten solltest?‹ und du mußt antworten: ›Ich habe sie verwahrlost, Herr, weil ich sie nicht liebte, ich weiß es nicht.‹ – Denke darüber nach! – Hier ist das Bild des Grafen; sieh, ob du nicht doch etwas in diesem jungen Antlitz findest, was sich wie ein Hilferuf an dein Herz wendet! Ich gehe jetzt, – denk' ruhig und ohne Vorurteil über das heilige Amt, welches dir anvertraut werden soll, nach; – ich hoffe, du bist gottesfürchtig genug, den Weg, welchen dir des Herren Willen gewiesen, zu gehen.«

Regungslos stand Flavia, Röte und Blässe wechselten auf ihrem Antlitz. Wie ein Erschrecken durchbebte es sie.

Ein hilflos flatterndes Vöglein fühlt sein Herzchen nicht angstvoller pochen als sie!

Die Worte der Gräfin verhallten nicht wirkungslos, sie ließen all die feinen Herzenssaiten erklingen, auf welchen wahre Frömmigkeit ihre heiligen Psalter spielt.

Helfen, pflegen, retten, voll treuer Selbstverleugnung in dem Dienst der Nächsten stehen, das war seit jeher das ideale Ziel, nach welchem sie gestrebt.

Aber sie hatte sich ihr Wirken anders gedacht. Sie sah sich im Geist an Krankenbetten stehen, sich der Armut zu erbarmen, Schmerzen zu lindern, – jetzt aber verlangte man kein sichtbares Samaritertum von ihr, sondern eine wundersame Seelenarbeit inmitten eines reichen und prunkvollen Lebens.

Und den sie hegen und pflegen sollte, der war ein Mann, leichtsinnig, sittenlos, einer jener modernen Wüstlinge, deren Interessen nur tief im Sumpfe wurzeln, welche die Ehre und Würde der Frauen mit Füßen treten. O, wie schaudert ihre reine Kinderseele vor solch lasterhaften Menschen, von denen sie nur durch geheime, verschleierte Andeutungen gehört, vor denen man gewarnt hat, wie vor Hölle und Teufel selbst!

Wahrlich, – einen Pestkranken möchte sie lieber pflegen, als solch einen Gesunkenen!

Flavia richtet sich hoch auf, fast unwillkürlich streckt sie die Hände wie in energischer Abwehr aus. Nein, tausendmal nein! Sie besitzt nicht die Selbstüberwindung, nicht die Kraft zu solch einer widerwärtigen Mission!

Ihre Augen füllen sich mit Tränen, sie sinkt auf einen Stuhl nieder und starrt mit tief geneigtem Haupt zu Boden.

O, wie hatte sie es sich so anders, so ganz anders gedacht, wenn sie einmal heiraten sollte! »Nur der Herrlichste von allen« – ein Mann, so edel, so brav, so tadellos, daß sie die Hände vor ihm falten, zu ihm aufblicken muß, wie zu einem höheren Wesen!

So hatte ihre schwärmerische Phantasie sein Bild gemalt, es ausgestattet in verschwenderischster Weise mit aller Tugend und Hoheit, allem ritterlichen Edelmut, wie junge Mädchen ihr Ideal in einem Lohengrin erblicken, einem jener unvergleichlichen Hüter des heiligen Grals, welche die Poesie zu ihren Lieblingen erkor!

O, welch ein seliges, friedliches Glück sonder Reu und Schuld hatte sie an seiner Seite erträumt im Leben, durch welches kein Mißton gellt, sondern nur die heiligen Glocken klingen!

Ihr junges Herz war noch so weltfremd, so unberührt von Zeit und Sitten, und ihr Sinnen und Träumen so heimlich und verborgen, daß es niemand störte, daß kein nüchtern greller Lichtstrahl es traf, die holden Wahngebilde zu zerstören.

Und nun sollte das alles so anders werden, so grauenvoll anders!

Das schöne, strahlende Bild des Erwählten wird verzerrt und besudelt – und anstatt der edlen, reinen Liebe, welche mit ihr zum Traualtar schreiten sollte, wird die Sünde sich zwischen sie und ihren Gatten drängen und sich giftig aufblähen gegen ihre schwachen Hände, welche den Kampf gegen sie aufnehmen sollen.

Nein, sie kann es nicht,– tausendmal nein!

Ihre jähe Bewegung hat den Briefumschlag vom Tisch herabgestoßen, eine Photographie gleitet heraus und bleibt vor ihr auf dem Teppich liegen, und zwei dunkle, beinahe zürnend finstere Augen starren zu ihr empor.

Flavia erschrickt und neigt sich hastig, das Bild aufzuheben.

Sie hält es in der Hand und starrt betroffen darauf nieder.

Götz von Abensberg!

So sah ein verlorener Sohn aus?

Seltsam, sie hatte ihn sich ganz anders vorgestellt, – lachend, frivol, mit jenem häßlichen Ausdruck in den Augen, wie der junge moderne Schriftsteller, welchen Tante Heinau nach Schloß Dolgen eingeladen hatte, welcher der eleganten Frau so ungeniert den Hof machte, und dessen realistische Stücke und Novellen Flavia nicht lesen durfte!

So hatte sie sich Götz gedacht – und statt dessen –

Das junge Mädchen tritt hastig an das Fenster und blickt lange, lange auf die Photographie.

Sie atmet so tief und beklommen, als schaue sie etwas Unfaßliches, Rätselhaftes, und durch ihre Hände geht ein leises Beben – und in ihre Wangen steigt warm und heiß das rote, stürmende Herzblut.

Wie schön er ist!

Wahrlich, so sieht das Laster nicht aus.

Stolz und trotzig, abweisend in beinahe finsterem Ernst, die großen, tiefdunklen Augen mit einem Ausdruck auf sie gerichtet, als wolle das Bild sprechen: »Wer bist du, selbstgerechte Richterin, daß du den Splitter in meinem Auge siehst und voll Pharisäerhochmut verdammen willst?«

Flavia möchte plötzlich die Hände vor das Antlitz schlagen in bitterer Qual und Reue.

Nein, – Götz Abensberg kann weder gemein noch niedrig denken, – das liest sie in diesem Blick.

Sagte die Gräfin nicht auch, daß ihm nur Gefahren drohen, vor welchen sie ihn behüten soll?

Die Lippen des jungen Mädchens beben, ihre Augen leuchten auf.

O, wie begreiflich ist es, daß die Weiber sich in diesen schönen, eigenartigen Mann verlieben, daß sie alles aufbieten, alle Mittel, auch die schlechtesten, anwenden, ihn zu fesseln, zu besitzen!

Und sie – Flavia – sie soll ihn zu eigen nehmen, soll ihm Braut und Gattin sein?

Eine unaussprechlich süße Scheu und Verlegenheit überkommt das junge Mädchen.

Ihr Herz erzittert, als stünde sie nicht seinem Bild, sondern ihm selbst gegenüber.

Und doch kann sie den Blick nicht losreißen von den dunklen Augen, welche sie immer lebendiger, immer sprechender anblicken.

Sie sinkt in den Sessel im Erkerchen nieder und schaut wie gebannt auf das Bild.

Welch ein heißes, leidenschaftliches Sehnen glüht ihr aus seinem Blick entgegen!

O, sie kennt es! Sie kann es verstehen!

Wer wohl besser, als sie?

Dieses Sehnen nach einem fremden, traumhaften Glück!

Wie heißt es bei ihm?

Liebe? – Ehre? – Ruhm?

Der eisige Nordsturm braust um den Erker, seine Stimme klingt wie bange Warnung.

»Hüte dein Herz vor diesen dunklen Augen, du armes, einsames Kind! Das Glück dieses Mannes ist die Freiheit, – ihr gilt sein Sehnen – und wehe einer jeden, welche ihn der Freiheit berauben will!«

Flavia lächelt mit heißen Wangen.

Ihre Gedanken arbeiten rastlos, sie spinnen und weben silberne Fäden um das kleine Bild in ihrer Hand.

Es dunkelt – das junge Mädchen merkt es nicht.

Sie schrickt erst zusammen und verbirgt hastig die Photographie, als die Tür mit leiser Hand geöffnet wird und Tante Heinau abermals auf der Schwelle steht.

»Ich möchte dich in den Salon holen, Herzchen!« sagte sie zärtlich. »Onkel möchte Geige spielen und wünscht so sehr, daß du die Klavierbegleitung übernimmst!«

»Ich komme, Tante.«

Die Gräfin küßt die samtweiche Wange, nicht aus Innigkeit, sondern um in der Dunkelheit zu erfahren, ob sie von Tränen übertaut ist.

»Bist du ruhig und vernünftig, bestes Herz? Hast du dir die Sache überlegt?«

»Ich – ich – wenn ich nur wüßte, ob ich solch einer Aufgabe gewachsen bin!« klingt es wie ein Hauch von Flavias Lippen.

Die Augen der Gräfin blitzen Triumph, – o, wie ist sie mit ihren diplomatischen Künsten zufrieden!

»Das garantiere ich dir, Liebchen, und ich bin überzeugt, daß ihr beide noch mal das allerglücklichste Paar werdet! – Auf Sturm folgt Sonnenschein! Und wenn du ihn auch jetzt noch nicht liebst, so wirst du es mit der Zeit doch ganz gewiß lernen!«

Die Sprecherin sieht es nicht, wie heiße Glut über die Wangen des jungen Mädchens flammt, – wie sie das Köpfchen so tief zur Brust neigt, wie ein Veilchen im Moos, wenn die leuchtende Sonne es getroffen.

XIV.

Mademoiselle Lou lag auf ihrem Diwan und warf recht übellaunig den Roman, in welchem sie las, auf das Seitentischchen.

Er interessierte sie nicht, obwohl er reichlich pikant war: er stammte aus deutscher Feder und übertraf noch alle französischen Romane an Frivolität und Zynismus.

Mademoiselle Lou liebt überhaupt keine Lektüre, denn das Lesen ist eine Arbeit und strengt an; sie erlebte lieber die Pikanterien und spielte selbst die Heldin, denn das war amüsant und interessierte sie mehr als die Schicksale jener fremden Romanhelden, auf deren Glück sie höchstens neidisch wurde, deren Sentimentalität sie nicht verstand und deren Unglück sie kalt ließ!

Was erlebte sie selbst?

Nichts, nichts! Seit Wochen ein greuliches Hin und Her, bei dessen Langweiligkeit sie schier umkam. Sie hatte sich ihre neue Methode, durch Solidität einen Mann zu erobern, sehr viel leichter gedacht!

Sie war unerträglich und – was das Schlimmste war, – sie schien ebensowenig Erfolg zu haben, wie jede andere, fidelere, bei welcher man nicht versauert und Gähnkrämpfe bekommt!

Mürrisch nahm sie die Photographie des jungen Grafen zur Hand und schaute mit beinahe feindseligem Blick auf sein Antlitz nieder.

O, wie hatte sie sich bisher in ihm getäuscht.

Nicht um einen Schritt war sie mit ihm weitergekommen, – er war ein Narr und hatte trotz alles Leichtsinns doch noch Grundsätze.

Und hübsch?

Fräulein Lou kräuselte spöttisch die Lippen.

Lächerlich! – Man nannte ihn »den schönen Abensberg« und im Salon der Soubrette waren die Frauenzimmer alle des Teufels auf ihn und beneideten die Zirkusreiterin um ihren entzückenden Liebhaber!

Schade nur, daß er so gar nicht ihr Geschmack war!

Lou kann diesen durchgeistigten, vornehmen Ausdruck in Gesichtern nicht leiden!

Sie mag überhaupt keine klugen, allzu gebildeten Menschen, die sie nur genieren.

Ihre Gedankensphären sind ihr fremd und unverständlich, ihre feinen Sitten und Ansichten ärgern sie, denn sie muß sich anstrengen, wenn sie darin gleichen Schritt halten will.

Fräulein Lou liebt aber in allen Dingen eine völlige Ungeniertheit und Bequemlichkeit.

Selbst als Liebhaber ist ihr der junge Graf unsympathisch. Er ist ein allzu ritterlicher Freund, die Glacéhandschuhe scheinen bei all seinem Über-die-Stränge- Schlagen doch verwachsen mit ihm.

Mademoiselle Lou, die Sinnliche, Ungebildete, sieht in der Liebe nur rohe Instinkte und einen Rausch des Augenblicks. Götz aber hat ihr schon öfters fabelhaft romantische Ansichten entwickelt und die Liebe als eine der edelsten und idealsten Tugenden gefeiert.

Er möchte flott, leichtsinnig, – Lebemann sein, aber er hat doch nicht das richtige Temperament dazu. So etwas ernüchtert und wirkt langweilig.

Fräulein Lou verlangt nur Körper und keine Seele, einen Trauring, aber keine Fessel.

Und von Heiraten spricht der Herr Graf überhaupt nicht, ja, er scheint sich trotz all seiner Verliebtheit ganz behaglich in der Rolle eines platonischen Anbeters zu fühlen.

Auf die Dauer hält Fraulein Lou das nicht aus, denn wenn sie auch durch das Hasardspiel, welches seine Kasse bestreitet, eine ganz gute Einnahme hat, so steht dieselbe doch in gar keinem Verhältnis zu dem schauerlich öden Leben, welches die sonst so leichte Künstlerin jetzt führt.

Außerdem sind Gerüchte zu ihr gedrungen, daß der Graf scharf beobachtet werde und seine Eltern alles aufbieten würden, ihn aus den Netzen der schönen Reiterin zu lösen. Das wäre denn doch ganz und gar gegen Fräulein Lous Rechnung.

Wenn die Herren ihres Abenteuers selber satt sind, ist ihnen die Ungnade der Eltern stets ein recht willkommener Vorwand, überdrüssig gewordene Beziehungen zu lösen. Götz aber brennt noch lichterloh, – sie hat es durch ihr Wehren erreicht, sein Begehren zu spornen.

Und das ist die Hauptsache, daß sie seiner selbst sicher bleibt!

Der Hitzkopf ist es imstande, um ihretwillen mit den Eltern zu brechen, und das ist der geeignete Moment, ihn rettungslos in ihre Arme zu treiben.

Er wird dann von ihr abhängen – sie heiraten – die Alten werden mit der Zeit mürbe werden, sich in das Unvermeidliche finden und segnen. Lou aber ist die reiche Frau Gräfin geworden, und die Zirkusschinderei hat ein Ende.

Also jetzt ausharren und auf dem Posten bleiben, nur Beharrlichkeit führt zum Ziel!

Die Reiterin seufzt schmerzlich auf und erhebt sich, um ihren sehr saloppen und verschlampten Morgenrock, um welchen die kostbaren Spitzen schmutzig und zerfetzt herumhängen, mit einer recht raffinierten Toilette zum Empfang des Grafen zu vertauschen.

Auch dies ist eine Anstrengung und eine Unbequemlichkeit, welche die faule Dame haßt.

Aber der Graf legt enormen Wert auf Äußerlichkeiten, er ist Pedant und würde sehr ernüchtert sein, die Angebetete so liederlich angezogen zu sehen!

Ach, wenn sie dagegen zurückdenkt, an ihn, den Prachtkerl, den wonnigen Paul, den einzigen, welchen sie jemals mit all der stürmischen Glut ihrer Sinne geliebt hat!

Paul war kein vornehmer Herr, er war der Sohn eines reichen Fleischermeisters, ein Mensch wie ein Baum! Grobknochig, mit Fäusten wie die Eisenhämmer, einem frischen, roten Gesicht, hellen Augen und etwas dicken Lippen, – der lachte, fluchte, trank – der preßte in seiner wilden, zügellosen Vollkraft die kleine Reiterin an sich, daß er sie beinahe vor Leidenschaft zermalmte.

Andere nannten ihn roh, ungebildet, aber Fräulein Lou war wie berauscht! So liebte sie den Mann, genußfreudig, bärenhaft – zum Fürchten!

Und dabei hatte er Geld und verjubelte es mit ihr bis zur Atemlosigkeit. Damals war sie noch im Ballett beschäftigt.

Aber so gern Paul auch wollte, heiraten durfte er nicht, denn er war noch jung und völlig abhängig von seinem Alten, und der war noch brutaler als der Sohn, – der hätte ihn totgeschlagen, wenn er ihm die Possenreißerin ins Haus gebracht!

Ja, das war eine schöne Zeit!

Den Paul hatte sie geliebt, leidenschaftlich – wild – begehrlich!

An ihn dachte sie immer noch.

Ein Mann wie Graf Abensberg biß sie nicht in die Arme, schüttelte sie nicht mit rüden Fäusten, drohte ihr nicht mit Mord und Totschlag, wenn sie einem andern zulachte!

Er war langweilig mit all seinen guten Formen, seinem feinen Takt, welchen er nie vergaß, selbst unter vier Augen nicht.

Bei Fräulein Lou war das gesittete Benehmen, die zur Schau getragene Bildung nur ein erborgtes Requisit, ein klein wenig Glasur, die ihre Trägerin genierte und so schnell wie möglich abgestreift wurde, wenn »es nicht mehr darauf ankam«!

Der dauernde Verkehr mit einem geistig gebildeten, in einer tadellosen Kinderstube erzogenen Mann wirkte höchst beklemmend auf sie, und sehnsüchtiger als je gedachte sie ihres Fleischergesellen, der nicht verlangte, daß sie den Fisch ohne Messer aß und absolut nichts dabei fand, wenn sie am Nachmittag noch ungekämmt war.

Wozu doppelt?

Zur Vorstellung wurde sie ja frisiert.

Tief aufseufzend bereitete die Kunstreiterin alles zum Empfang ihres Anbeters vor.

Sie neigte trotz ihrer achtundzwanzig Jahre schon etwas zum Embonpoint, und das machte ihr jede Tätigkeit noch verhaßter.

Also heiraten! – Heiraten und sich zur Ruhe setzen, gleichviel mit wem!

Einem Mann gewöhnt man manches ab, was man bei einem Liebhaber dulden muß.

Es gibt wohl Kunstreiterinnen, welche für ihr »Geschäft« schwärmen, welche fein und gut erzogen sind, Direktorentöchter, an deren Erziehung etwas gewandt werden konnte und welche die große Dame wie etwas ganz Selbstverständliches spielen. – Fräulein Lou aber hatte sich aus der Hefe heraufgearbeitet, sie war kein echtes Zirkusblut, sondern nur »Talmi«, und das verleugnete sich nicht, sondern trat mit den Jahren immer deutlicher zu Tage.

Endlich hatte sie ihre Toilette beendet.

Sie wollte heute 'mal einen Trumpf ausspielen und sehen, ob sie ihrem Ziel nicht näher rückte, wenn sie den »ritterlichen Freund« etwas mehr »auf Feuer« setzte!

Angeblich hatte sie gerade ein neues Kostüm angeprobt, als der Graf klingelte, und um ihn nicht warten zu lassen, öffnete sie ihm in dem Zirkusstaat.

Da Fräulein Lou nur durch pantomimische Tänze zu Pferd wirkte, mußte sie möglichst viel Abwechslung in diesen Vorführungen schaffen.

Den Schmetterlingen, Rosen, Irrlichtern und Tauben sollten jetzt wirbelnde Schneeflocken folgen.

Ein künstliches Gestöber rieselte von der Zirkuskuppel herab, und mitten hindurch tollte die reizendste Schneeflocke Lou, in jenem koketten Spiel, welches die Zuschauer stets von neuem entzückte.

Ihr Kostüm war raffiniert reizend.

Weiße Gaze, von jenem magischen Flitter bedeckt, welcher namentlich bei den winterlichen Ansichtspostkarten so reizend täuschend das Schneegeglitzer darstellt, umbauschte die graziös-üppige Figur, just, als sei Fräulein Lou zu einem großen, blitzenden Brillant erstarrt.

Weiche Watteschneebälle garnierten den Saum und die tief ausgeschnittene Taille, das Köpfchen zierte ein spitzzackiges Diadem von funkelndem Kristall, und das hochtoupierte Haar war dick mit Diamantpuder bestreut.

Die Schminke tat das ihre, um die märchenhafte Erscheinung zu einer geradezu bezaubernden zu machen, und als Götz, starr vor Überraschung, vor der reizenden Kleinen stand, da blitzten ihn die dunklen Augen an wie Sterne zur Winterszeit, und das rote Mündchen lachte so keck, so übermütig und sinnbetörend, daß der junge Graf wie berauscht die Arme öffnete, den wonnigen Spuk zu fassen und zu halten.

Aber Fräulein Lou entfloh hinter den Tisch und drohte ihm schelmisch, daß sie sich sofort umkleiden werde, wenn er »unartig« werde, und dann erklärte sie ihm, daß sie eben erst das Kostüm erhalten und es um jeden Preis sogleich habe anprobieren müssen!

So animiert Götz auch anfänglich war, entging es seiner klugen Freundin doch nicht, daß ein finsterer Schatten auf seiner Stirn lag und seine Heiterkeit eine etwas gewaltsame war.

Sie schlang den Arm um ihn und rückte schmeichelnd näher.

»Du bist verstimmt, mein Freund! O, leugne nicht! Ich kenne dein Gesicht! Ich weiß so genau, wie es in deinem Herzen aussieht! Hast du Schulden? Dann sag' es, ich gebe ein Gastspiel und bezahle sie dir!«

Er küßt den vollen, weichen Arm voll leidenschaftlichen Entzückens.

»Schulden? Nein! – Aber Ärger!«

»Ärger?! Haha! Mensch ärgere dich nicht! Worüber kannst du grollen, wenn ich bei dir – wenn du bei mir?«

»Das ist es ja!« murmelte er ingrimmig, – »mein Ärger bedeutet eine Trennung von dir!«

Sie schaute jäh auf, – ihr Blick ward einen Augenblick scharf und durchdringend.

»Trennen?« fragte sie gedehnt. »Was heißt das?«

Er zog eine Depesche aus der Tasche und warf sie auf den Tisch. »Da lies!« sagte er, und seine Brauen zogen sich noch finsterer zusammen.

Mit schnellem Griff raffte sie das Papier auf und überflog seinen Inhalt.

»Komme sofort nach Hause, – dringende Angelegenheit! Vater.«

Langsam richtete sie sich auf und schob den jungen Offizier, welcher sich geneigt, um einen heißen, Kuß auf ihren Nacken zu drücken, sanft zurück.

»Deine Eltern haben von unserm Verkehr erfahren, sie wollen uns trennen?« fragte sie leise.

Er lachte scharf auf. »Das möchte ihnen nicht gelingen! – Nein, Lou, – woher sollten sie unser Geheimnis erfahren haben? – Falsche Zungen und Zuträger gibt es freilich überall, aber in diesem Falle wäre Papa wohl hergekommen, wenn er den Henker unsrer Liebe spielen wollte. Nein, – ich fürchte, daß irgendeine schwere Erkrankung die Ursache ist, – Meine Schwester Anna-Kathrin war stark erkältet, wie Papa im letzten Briefe schrieb, vielleicht ist es schlimmer geworden.«

Lous Augen schillerten. Eine kranke oder tote Schwester? Bah! Das wäre ja nur eine Chance mehr, denn je weniger ein Vermögen geteilt wird, desto größer bleibt es.

Aber sie äußerte diese praktische Ansicht nicht, denn Götz war ein Gefühlsmensch und wäre imstande, einer toten Schwester tatsächlich nachzutrauern!

Sie strich leise und lind über seine Stirn, zog ihn wieder neben sich nieder und schüttelte traurig das reizende Köpfchen.

»Nein, Liebster, du irrst dich, – es ist ein anderer Grund! Ich fühle es an meiner Angst und Qual, an der unerklärlichen Bangigkeit, welche mich heute schon den ganzen Tag beunruhigt. Es droht mir ein Unglück, – man will dich aus meinen Armen reißen!«

Er umschloß sie noch fester und küßte stürmisch ihr reizendes, so todtrauriges Gesichtchen, und zum erstenmal wehrte sie diesen Küssen nicht.

»Und wenn man es tausendmal wollte, keine Macht der Welt sollte dazu imstande sein!«

Durch Tränen verschleiert blickten die dunklen Augen zu ihm auf, inniger noch schmiegte sie sich an seine Brust.

»Dies Wort ist kein Schwur, und auch einen Schwur kann man brechen!«

»Lou!«

»Aus den Augen, aus dem Sinn! – Man wird dir eine andere zuschieben, und du wirst eine reiche, stolze, vornehme Dame heiraten…«

Er lacht nervös auf. »Närrchen! Wie wenig kennst du mich noch! Ein Mann, dessen ganzes Sein und Wesen nach Freiheit lechzt, wird sich gerade von Hymen fesseln und knebeln lassen! Nein, bei allen Teufeln! Ich möchte einen schlechten Ehemann abgeben!«

»Du willst überhaupt nicht heiraten?« Ihr Auge funkelt wie das einer giftigen Schlange zu ihm auf, und ihre Arme umstricken ihn glatt und geschmeidig wie Natternleiber, welche ihr Opfer auf Tod und Leben umgarnen.

Er steht und merkt es nicht, sein Blick richtet sich brennend geradeaus.

»Nein,« sagt er mit tiefem Atemzug, »ich würde zugrunde gehen an solch einer unerträglichen Bürde! Vorerst möchte ich alles abschütteln, was mich hemmt und bannt, möchte mein Glück in der weiten Welt suchen und aus eigener Kraft ein glücklicher Mensch werden!«

Sie lacht, leise und wunderlich, springt auf und stellt zwei Gläser und eine Sektflasche auf den Tisch.

»Darauf wollen wir anstoßen! Ich verschmachte! Ja, ein freies Leben! Wehe denen, die dich ketten und binden wollen an ein Weib, welches dich wie mit Bleigewichten aus dem Himmel des Glücks und Genusses herabzwingen würde! – Stoß an, Götz! Freies Leben, freie Wahl, freie Liebe! Hoch die goldene Freiheit!«

Heiße Glut steigt in seine Wangen, er entkorkt die Flasche, schenkt ein, daß der Schaum über den Rand perlt und umschlingt die reizende Sprecherin voll Leidenschaft. »Ja, sie lebe hoch, die Freiheit und die Liebe!«

Schrill klingen die Gläser aneinander, Götz stürzt den Wein hinab, und Lou hält ihr Glas mit weißer Hand empor, ihr Antlitz scheint wie berauscht, die Augen glänzen wie im Fieber, die schlanke, üppige Gestalt wiegt sich vor ihm.

»Die Liebe! Die Liebe!« wiederholt sie.

»Lou – liebst du mich?!«

Sie neigt sich näher, immer näher – schlingt jählings die Arme um ihn und jauchzt zwischen Lachen und Weinen: »Ja, ich liebe dich, – wahnsinnig bis zum Sterben! Du gehörst mir! Nicht gebunden und gekettet – nein, als freies Geschenk der Gnade!«

Sie bedeckt seine Lippen mit flammenden Küssen, heiß, unersättlich in berauschender Glut. »Du kannst und darfst mich nicht verlassen, Götz! – Schlag' die Schranken nieder, welche uns trennen, kehre zurück zu mir! Nirgend anders wohnt dein Glück als an meinem Herzen!« – Und dann ringt sie gegen seinen Arm, befreit sich und flüchtet hinter den Tisch.

Ihr Anblick, ihr Feuer, ihr Ungestüm sind bestrickend.

»Leb' wohl jetzt, und reise ab, wenn du mußt. Sagtest du nicht, dem Zug gehe in wenig Stunden? Gut, ich halte dich nicht. Sieh, was man daheim von dir will. Ich bange nicht mehr um deinen Verlust, ich weiß, daß du wieder zu mir kehrst, daß du kommen, daß du mich lieben mußt! Auf Wiedersehen, Götz! Auf Wiedersehen!«

Noch einmal hebt sie das Glas und lächelt ihm zauberisch zu. »Hoch die Freiheit und die Liebe!« Wie von Sinnen will er zu ihr hinstürmen und sie umfangen.

»Nein, ich gehe nicht – ich kann nicht gehen in dieser Stunde!« – Plötzlich schrickt er zusammen und läßt die Arme jählings sinken. »Anna-Kathrin! Und wenn sie stirbt?!«

Lou hat ihn scharf beobachtet, sie beißt die Zähne zusammen und schweigt.

Da greift er hastig nach Paletot und Mütze.

»Anna-Kathrin ist das einzige Wesen, welches mir im Leben nahe gestanden, – ich muß zu ihr! – Aber, so wahr ich dich in diesem Augenblick bis zur Raserei liebe, Lou, ich komme wieder, glaube es mir und – küsse mich noch einmal, Lou, küsse mich!«

Sie nimmt seinen Kopf zwischen beide Hände und sieht ihm mit unbeschreiblichem Blick in die Augen. »Du mußt zurückkehren, du mußt es!« haucht sie.

Er lacht aufgeregt, – er küßt sie wie ein Unersättlicher.

»Und was verlangst du von mir, wenn ich wieder bei dir bin?«

»Daß du nie wieder von mir scheidest, sonst wehe dir und mir!«

Abermals sein kurzes, scharfes Auflachen. »Wer weiß, ob dieser Wunsch nicht in Erfüllung geht! Er ist nicht nur der deine, sondern auch der meine! – Auf Wiedersehen, kleine Lou!«

Er stürmt davon und die Reiterin starrt ihm mit gekrampften Händen und blassen Lippen nach. Hat sie verspielt?

Sie schüttelt mit triumphierendem Lächeln das Haupt in den Nacken.

Nein! – Gestern noch wäre er vielleicht für immer von ihr gegangen, nach dem heutigen Abend nicht.

Jetzt sind ihre Küsse wie Funken in sein Herz gefallen, – sie haben ein Feuer entzündet, welches kein elterlicher Zorn mehr löschen kann.

Auch die Totenblumen vom Sarge einer Schwester ersticken es nicht.

Fräulein Lous geballte Hände lösen sich, sie hebt abermals das Glas an die Lippen und lächelt.

Es war zur rechten Zeit gewesen, daß sie heute die Coeurdame ausgespielt, – sie hat den Buben damit genommen!

XV.

Die Winterstürme schienen endlich dem Wonnemond zu weichen.

Warme Sonnenstrahlen leuchteten von dem blaßblauen Himmel, die Erde duftete nach frischem Moos, und an den schlanken Zweigen des Haselnußstrauchs schaukelten sich die gelben Kätzchen.

Götz von Abensberg hatte das Fenster geöffnet und starrte gedankenvoll hinaus in den jungen, leuchtenden Morgen, über die knospenden Gesträuche hinweg bis fern zu den blau verschwimmenden Bergen, jenen geheimnisvollen, hochragenden, auf welchen nach des Dichters Meinung noch die Freiheit wohnt!

Niemals glüht die Sehnsucht in jungen Menschenherzen heißer als wie zur jungen Frühlingszeit, jenes unerklärlich schwermütig-bange und doch so ungestüm werbende und verlangende Sehnen nach dem Glück!

Auch Götz breitete in rastlosem Suchen und Wünschen die Arme danach aus.

Mehr denn je quälte ihn eine Unruhe, ein fieberhaftes Unbehagen, welches er kaum selber noch zu deuten wußte.

So, wie das Leben sich ihm jetzt zeigte, gefiel es ihm nicht.

Es sollte anders sein, ganz anders. Wie?

Ja, wer das sagen könnte!

Hinaus! – Nur hinaus!

Mit rastlosen Füßen die Welt durchmessen, alles abschütteln, was fassen und halten will!

Die Leute sagen, er tobe sich aus in der Residenz.

Lächerlich!

Er hat es anfangs selber geglaubt, daß in diesem Strudel nervenmordender Lust die Freiheit wohne.

Er täuschte sich, er blieb ebenso unbefriedigt wie zuvor. Das sah er nur allzubald ein.

Jene wild durchlebten Nächte, – jene schwüle Luft – der heiße Wein und die Kartenblätter knebelten ihm die Sinne, sie gaukelten ihm für ein paar Stunden eine Fata Morgana vor, welche in grauem Elend versank, wenn der Morgen dämmerte und die unerbittliche Uhr ihn mit ehernem Schlag in das Joch des Dienstes zurückrief. Nicht, daß er die Arbeit an und für sich scheute! – Im Gegenteil! Er reckte die Arme in der Vollkraft blühender Jugend und sehnte sich nach einer Tätigkeit, in welcher er diese Kraft ausnutzen, sich vorwärts bringen könne, aus eigner Macht!

Es soll schneller gehen!

Er will Erfolge sehen, er will voll Ungeduld die Schranken niederreißen, welche sich in den Weg stellen.

Der Schneckenweg der Rangliste – die öde, geisttötende Arbeit auf dem Exerzierplatz macht ihn rasend!

Er paßt nicht dazu, Tag für Tag in einer Tretmühle zu gehen und geduldig zu warten, bis die Zeit an ihn kommt, ein Schrittlein vorzurücken!

Götz beißt in aufquellender Heftigkeit die Zähne zusammen.

Ach, daß er hinausstürmen könnte in diesen goldenen, lockenden Morgen hinein, fort, weit fort – Wohin? – Gleichviel! Nur hinweg aus den engen, erdrückenden Mauern seines Elternhauses!

Was soll er hier?

Als er heute nacht eintraf, galt seine erste Frage der Schwester.

Der Diener sah ihn überraschend an.

»Komtesse Anna-Kathrin befindet sich wieder sehr wohl. Das gnädige Fräulein hatte sich jüngst, wohl anläßlich des Konfirmandenunterrichts, ein wenig erkältet, sie ging bei Regenwetter und Sturm zu Fuß, und der Herr Pastor wohnt etwas weit. – Aber das ging schnell vorüber, und jetzt ist Komtesse wieder völlig wohl.«

Götz schwieg überrascht.

Dann fragte er nach kleiner Pause: »Und die anderen Herrschaften sind alle wohl?«

»Vollkommen wohl, Herr Leutnant! Für morgen Mittag haben Exzellenz ein Diner angesetzt.«

»So; na, dann schnell nach Hause, ich bin müde.« Trotzdem hatte er kaum geschlafen.

Er bewohnte sein altes Zimmer, den Raum, welchen er jahrelang so bitter gehaßt und seine »Isolierzelle«, sein »Gefängnis« genannt hatte.

Anna-Kathrin war nicht krank? Vater und Mutter auch nicht?

Was sollte er dann hier?

Wollte der Vater ihm persönlich das verlangte Geld geben? Nach dem letzten so ungehaltenen Brief sicher nicht.

Wollte er ihm eine Moralpredigt halten?

Das hätte auch schriftlich geschehen können.

Was wollte man also von ihm?

Lou hatte in jäh aufwallender Eifersucht von einer »andern« gesprochen, welche er heiraten solle!

Solch ein Gedanke ist zu absurd, um ernst genommen zu werden, – und doch – die Liebe ahnt oft das Verborgenste, sie ist eine Hellseherin, welche drohende Gefahr voraussagt.

Sollte Lou recht haben?

Götz möchte schallend auflachen, aber er hat das Gefühl, als sei ihm die Kehle zugeschnürt. Das wäre allerdings eine nette kleine Überraschung!

Warum aber sollte seine kluge Frau Stiefmutter nicht die überschlaue Eingebung gehabt haben, den leichtsinnigen Sohn an die Longe zu nehmen? Wähnte sie, er sei unschädlich gemacht, wenn er einen Ring auf den Finger gezwängt bekommt?

Wohl möglich! Wenn die Auserwählte vielleicht von ihrem Fleisch und Blut, von ihrem Wesen und Charakter ist, dann würde dem Tunichtgut-Büblein freilich ein Schulmeister auf den Nacken gesetzt sein, gegen welchen alles Schütteln und Bäumen nichts hilft!

Die Augen des jungen Mannes glühen in leidenschaftlichster Erbitterung, er setzt sich auf den Stuhl am Fenster nieder und stützt das Haupt in die Hand.

Die Gedanken tosen hinter seiner Stirn, dann wird er plötzlich ruhig, ganz ruhig, eine eiserne Entschlossenheit ruht auf seinem schönen Antlitz.

Gut, mag es so sein. Es wird die ersehnte Entscheidung bringen. Besser heute als morgen. Verlangen die Eltern im Ernst von ihm, daß er heiratet, so ist das Tischtuch zwischen ihm und ihnen zerschnitten. Er weiß, was das besagen will, was er im Stich läßt und aufgibt; er weiß, was es heißt, enterbt und verstoßen zu werden, und daß die Frau Stiefmama nichts Geringeres als Schreckgespenste plant, davon ist er überzeugt.

Nach den Familiensatzungen kann Quirin in die Rechte des Majoratsherrn eingesetzt werden.

Götz verliert alles – Namen, Geld, Stellung. Gleichviel!

Ein beinahe spöttisches Lächeln zuckt um seine Lippen. So wird er den Ballast los sein – jene unleidliche Bürde, auf der die gleißnerische Devise prangt: Noblesse oblige!

Weg damit!

Je leichter die Bagage, desto freier marschiert es sich. Und die Welt ist so weit, so sonnig, so lockend und groß - und das Glück hat noch keinen flotten Wagehals im Stich gelassen!

Was er beginnen soll?

Das hat er sich schon seit Monaten klar gemacht. Kunstreiter würde er werden.

Nennt man ihn nicht einen der besten und verwegensten Reiter im Regiment?

Es wird ihm ein Leichtes sein, sich einen Ruf zu machen, Geld zu verdienen! Und welch ein Leben dabei!

Die Augen des jungen Grafen leuchten auf wie verklärt, wenn er an das bunte, übermütig tolle Treiben im Zirkus denkt, wo jeder sein eigner Herr, jeder Künstler frei und glückselig wie ein Gott ist!

Wird er dann noch nach all der verlorenen Pracht und Herrlichkeit zurückverlangen?

Wahrlich nicht!

Also mögen die Würfel heute fallen, Götz ist auf alles gefaßt und fest entschlossen, nun und nimmermehr ein neues Sklaventum auf sich zu nehmen, sondern stolz und eigenwillig seine selbstgewählten Wege zu gehen, welche heller und lustiger locken und schneller zu den Höhen des Glückes führen, als es sich die Philister hier im Hause träumen lassen.

Am elf Uhr wolle ihn sein Vater sprechen, hat der Diener gemeldet, als er ihm das Frühstück brachte.

Gut; er ist bereit.

Der Schnellzug geht um Zwölf Uhr mittags; falls er ihn versäumt, kann er noch denjenigen um einhalb sieben Uhr abends benutzen.

So lange muß er es hier im Hause noch aushalten.

Je nun; man erwartet ja Dinergäste, da werden ihm die letzten Stunden noch bei Sekt und Austern schnell vergehen.

Der Klang der Gläser wird das Geläut der Glocken sein, welche dem verlorenen Sohn das Geleit aus seinem Vaterhause geben.

Wunderliche Glocken! In ihrem Klang wird das Weh ersticken, welches Götz um den alten Vater, um die Geschwister empfindet.

Dieser Gedanke zuckt scharf wie ein Messer durch das Herz des jungen Mannes, und sein Groll gegen die Frau, welche an all diesem Elend die Schuld trägt, gegen die Stiefmutter, welche ihm den Vater entfremdete und allein jenen teuflischen Heiratsplan ersann – verschärft sich bis zum Haß.

Sie, sie allein trägt schuld an allem! Sie hat ehemals den Vater aufgestachelt, ihn zu halten wie einen Gefangenen, – sie hat auch jetzt gehetzt und das »Mittel« angegeben, wie der Widerspenstige gezähmt werden soll.

Hört der Vater mehr auf sie als auf den eigenen Sohn – je nun, so kann er sich nicht wundern, wenn der Sohn ihm fremd wird.

Götz hebt das Haupt und blickt in den Garten hinab.

Drunten auf dem Kiesweg erscheint eine zierliche Mädchengestalt im hellen Sonnengold.

Anna-Kathrin!

Wie groß ist sie geworden, wie hübsch scheint sie zu sein!

Die Konfirmandin, die heranblühende Jungfrau!

Das Backfischkleid von dunklem Tuch weht um die kräftigen Juchtenstiefelchen, ein dicker, goldblonder Zopf hängt über den Schulterpelzkragen, welchen sie des kühlen Windes wegen noch umgenommen.

Frisch, rund und rosig ist das liebe Kindergesicht mit den großen Blauaugen und der kleinen Nase, mit dem Kirschenmündchen und dem Grübchen im Kinn.

Wie das blühende Leben sieht sie aus, eher rundlich als schlank, eine rosige Marzipanpuppe, – zum anbeißen.

Und wieder krampft sich das Herz des jungen Offiziers zusammen in jähem, namenlosem Weh.

Auch Anna-Kathrin wird ihm für ewige Zeit mit dem Vaterhaus verloren sein!

Seine kleine, süße Anna-Kathrin, welche so oft die Ärmchen um seinen Hals geschlungen und mit weichem Stimmchen gebeten hat: »Mach' kein so böses Gesicht, Götz! Sei gut, lach' doch einmal und hab' mich lieb!« – Ja, dann war er inmitten des herbsten Grolls plötzlich gut gewesen und hatte vergessen und gelacht!

Das junge Mädchen unten bleibt stehen und blickt sehnsüchtig nach seinen Fenstern empor.

»Götz, lieber Götz! Bist du schon wach?«

Eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht nach der Schwester überkommt ihn.

Er schlägt den Vorhang zurück, er nickt und winkt hinab.

Da jauchzt sie hell auf und ihr Gesichtchen leuchtet wie verklärt.

»Komm' schnell! Es ist himmlisch hier! Und ich warte schon so lange auf dich! – Quirin ist im Gymnasium!« ruft sie.

Er greift nach der Mütze, er folgt ihrem Ruf wie im Traume. Noch darf er zu ihr gehen, noch hat er ein Recht dazu.

Wird sie auch heute die Arme wie Engelsschwingen um ihn schlagen und bitten: »Sei gut!« – Und wird er auch heute noch einmal allen Haß und alle wilden Gedanken vergessen und gut sein – gut und ein gehorsamer Sohn?

Und er geht hinab, küßt sie zärtlich auf den blonden Scheitel, legt den Arm um sie und wandelt mit ihr durch knospende Zweige und Sonnenschein.

Da ist er gut, still und zufrieden. Über ihnen schwingt sich ein Vöglein in den offenen Himmel hinein und zwitschert: »Du blinder Tor! Siehst du noch immer nicht, wie das Glück ausschaut? – Ahnst du noch immer nicht, wo die wahre Freiheit wohnt?«

Hinter den Bergen steigen Wolken auf, die Sonne versteckt sich, und Anna-Kathrin eilt in ihr Zimmer zurück, den Lehrer zu erwarten.

Götz ist wieder allein – Frieden und Glück sind entschwunden, und die dunklen Schatten fallen abermals in sein Herz.

In seinem Arbeitszimmer wartet Seine Exzellenz der Regierungspräsident auf den Sohn. Er sieht sehr ernst, sehr bestimmt und energisch aus, so, als ob er im Dienste sei.

Malwine hat seitwärts in einem Sessel Platz genommen.

Ihr Gesicht sieht noch steinerner, noch kälter aus als sonst, ein scharfer Zug liegt um die Lippen, der bittere Ausdruck, der nicht mehr aus ihrem Antlitz gewichen, seit sie im Sterbezimmer Novallas den Glauben an Liebe und Treue verloren.

Sie maß seit jener Stunde die Menschen mit demselben Maß, wie man ehemals sie gemessen, ohne Liebe, ohne Weichheit, nur streng und ernst nach Recht und Pflicht, mit einem Argwohn, welcher nicht mehr in ihr ertötet werden kann. Auch in Götz sieht sie nur den leichtfertigen, gewissenlosen Menschen, welchen nur eiserne Energie vor dem völligen Ruin bewahren kann.

Sie war streng zu ihm, so lange sie ihn unter den Händen gehabt, aber noch lange nicht streng genug.

Jetzt gilt es, das Versäumte nachzuholen.

Sie hat dem Präsidenten die volle Schwere dieser Stunde klar gemacht, und der alte Herr hat den »Vater« mit all seiner Weichherzigleit abgestreift und ist nur noch der Richter, angesichts eines Sünders, der mit eiserner Hand gefaßt und dirigiert werden muß.

Und dieweil Ihre Exzellenz den sonst so schwachen Gatten nach Kräften und bestem Wissen und Willen für seine schwere Mission vorbereitet, schickt sich Götz an, dem Befehl des Vaters nachzukommen und um elf Uhr vor ihm zu erscheinen. Noch zeigt die Uhr nicht die volle Stunde, und er will pünktlich sein, – so wie es der Vater liebt!

Eine wunderliche Stimmung ist über den jungen Mann gekommen, seit er Anna-Kathrins weiche, kleine Hand in der seinen gehalten, als er in die frommen, klaren Kinderaugen geschaut, welche so glückselig und zufrieden in die Welt hineinblicken. Ihm ist's, als habe ein guter Engel seinen Weg gekreuzt.

Ach, daß Anna-Kathrin ein paar Jahre älter wäre!

Dann würde er sich in ihren Arm flüchten und der treuen Schwesterseele alles beichten, was in seinem Innern so sturmgewaltig gärt. Wer weiß, vielleicht fände sie das rechte Wort, den Bann zu lösen, unter dessen unerklärlicher Gewalt der Bruder steht.

Anna-Kathrin ist noch ein Kind, sie würde ihn gar nicht verstehen, sie würde erschrecken vor einer Leidenschaft, welche ihr nicht natürlich, sondern sündhaft dünken würde!

Und doch ist sie keine Sünde, diese Sehnsucht nach goldener, seliger, befriedigender Freiheit!

So lange Götz zurückdenken kann, hat er sich eine Menschenseele gewünscht, welcher er sich einmal voll, ehrlich, rückhaltlos aussprechen könnte!

Ach, solch eine Aussprache muß wohl tun! Sie muß wie eine Erlösung sein!

Er hat es selber nie so recht gewußt, was ihm eigentlich zum Glück fehlt, – vielleicht wissen es andere.

Ein guter Zuspruch, ein freundlich tröstendes Wort, ein klein wenig Mitgefühl – das hat ihm gefehlt, seit Jugend auf.

Als die Stiefmutter damals ins Haus kam, hatte er anfänglich mit pochendem Herzen geglaubt, das habe er nun alles gefunden, und das, was ihm gefehlt, sei nur die Mutter mit ihrer treuen, verständnisinnigen Liebe gewesen, – er hatte sich geirrt.

Und die Weiber, welche er in der Residenz gefunden, die waren erst recht nicht danach, daß er ihnen sein innerstes, wehes Herz, das nach Frieden und Liebe seufzte, hätte auftun mögen.

Auch der Lou möchte er um keinen Preis der Welt einen Blick in seine Seelenkämpfe gestatten. – Sie würde ihn gar nicht begreifen, sie würde ihn einen Narren heißen.

Alle, alle, die er auf seinem kurzen Lebenspfad getroffen, sind ihm fremd gewesen.

Sie gaben ihm gute Lehren, reiches Wissen, harte Worte oder betäubende Sinnenlust, – aber das, was er im tiefsten Herzensgrund ersehnte, gab ihm niemand.

Was wird ihm der Vater heute zu sagen haben? Ach, daß Götz sich in seine Arme werfen, daß er ihm einmal so ganz offen und ehrlich sagen könnte, wie es ihm ums Herz ist!

Der Vater würde vielleicht der einzige sein, welcher ihn recht beurteilt!

Soll Götz seinen Stolz, seine starre Scham überwinden, soll er an das Herz des Vaters klopfen, ob es sich wohl öffne zu gegenseitigem, herzlichem Verstehen!

Ja, er will es! Wie ein unbezwingliches Verlangen danach überkommt es ihn.

Die Uhr an der Wand holt zum Schlage aus, und der junge Graf springt jählings empor und stürmt mit fiebernden Pulsen nach dem Zimmer des Präsidenten, als gälte es, einem neuen, besseren Dasein entgegen zu gehen.

Er läßt sich nicht anmelden, er öffnet und tritt ein.

Und als er aufschaut, sieht er in das eisige, unnahbare Gesicht der Stiefmutter, und als sein brennender Blick weiter schweift, haftet er auf dem Antlitz des Vaters, welcher die Zeitung beiseite legt und ihn ansieht – so fremd, so starr und finster – so kalt, als habe nie, nie ein Herz in seiner Brust für den Sohn geschlagen.

Da fröstelt es den jungen Offizier bis ins Mark hinein.

Er bleibt an der Schwelle stehen, als sei sein Fuß plötzlich festgewurzelt, und was eben noch hell und licht in seinem Innern war, wie aufleuchtende Morgenröte, das wird finsterer als je zuvor.

Warum tut ihm der Vater das an?!

Warum steht in einer Stunde, wo nur der Vater zum Sohn und der Sohn allein zum Vater gehört, jene Fremde an seiner Seite, welche sich seit jeher wie ein trennender Schatten zwischen sie geschoben?

Götz weiß genug.

Die Worte, welche Seine Exzellenz zu ihm sprechen wird, sind die herzlosen, hämischen, philisterhaften Gedanken jener verhaßten Thrannin – und das Gesicht, welches ihm sein Vater zeigt, ist nur das Spiegelbild der stiefmütterlichen Ansicht!

Eine maßlose Bitterkeit wallt in dem Herzen des jungen Mannes auf.

Der freundliche Engel, welcher ihn in dieses Zimmer geleitet, verhüllt weinend sein Angesicht und entflieht.

Götz aber steht hoch aufgerichtet und preßt mit rauher Stimme die Worte hervor: »Du hast mich hierher befohlen, Papa. – Hier bin ich!«

Der Präsident faltet umständlich die Zeitung zusammen, wechselt noch einen schnellen Blick des Einverständnisses mit der Gattin und räuspert sich.

Und dann beginnt er mit seiner leisen, monotonen Stimme eine energische Moralpredigt, welche genau so klingt, als habe sie eine andere Hand zu Papier gebracht und der Präsident sie nur mechanisch auswendig gelemt.

»Ich habe dir eine geradezu fürstliche Zulage bewilligt, mit welcher selbst der anspruchsvollste Mensch auskommen kann. Dennoch hast du bereits zum fünften Male Schulden gemacht! – Wo ist das Geld geblieben?«

»Das möchte ich dir allein sagen, Papa!«

Malwine blickt ruhig auf und bleibt sitzen.

»Zwischen Papa und mir gibt es keine Geheimnisse!« sagt sie achselzuckend, und Seine Exzellenz nickt hastig zustimmend.

»Aber zwischen dir und mir gibt es welche!« entgegnete Götz mit aufsprühendem Blick.

»Dann können es höchstens Schlechtigkeiten sein, welche du vor einer anständigen Frau verbergen mußt!«

Götz beißt die Zähne zusammen. »Wohl möglich!« lacht er frivol. »Ich bin kein Schulbube mehr, der Rechenschaft abzulegen hat, und ich verweigere jedwede Auskunft! Will Papa meine Schulden bezahlen, – gut, – will er es nicht, auch gut!«

»Derselbe freche Trotz wie ehemals bei dem Schulbuben!« antwortet Malwine sehr ruhig. »Es scheint, du bist in den letzten Jahren nicht viel klüger geworden. Rechenschaft hat jeder anständige Mensch zu legen, der Geld verzehrt, welches er noch nicht selber verdiente! – Wo du die Unsummen vergeudet hast, kann uns schließlich sehr gleichgültig sein, denn die Tatsache, daß du dich vor einer anständigen Frau scheust, ein Geständnis abzulegen, sagt genug. Außerdem hat Vater dich auch durchaus nicht hierher gerufen, um dein Schuldbuch aufzuschlagen, sondern lediglich in der Hoffnung, es für immer versiegeln zu können. Deine Vergangenheit ist so skandalös, daß man gern darüber schweigt; deine Zukunft in jeder Beziehung anders zu gestalten, ist jedoch unsere Pflicht und Absicht, und darum stehst du heute vor deinem Vater!«

»Mir deucht, ich stehe mehr vor dir als vor ihm!« spottete Götz mit flackerndem Blick, und der Präsident steht zornig auf und verbittet sich mit geschwollener Stirnader diese maßlose Unverschämtheit gegen die Gräfin.

Der junge Abensberg preßt die Lippen zusammen und verneigt sich schweigend, der Präsident aber tritt dicht vor ihn hin und läßt sich von einer Heftigkeit fortreißen, die man sonst nicht an ihm kennt.

Er erklärt dem Sohn kurz und bündig, daß er nur unter einer Bedingung willens sei, zum letztenmal die Schulden zu bezahlen, wenn Götz sich verpflichte, endgültig das liederliche Leben in der Residenz aufzugeben und ein solider, anständiger Mensch zu werden. Auf Worte und Versprechungen lasse er sich nicht ein, sondern verlange ernsthafte Garantien für die tatsächliche Sinnesänderung des Sohnes.

»Und welches sind diese Garantien, wenn man fragen darf?«

»Folgende: Ich beantrage deine Versetzung in das Husarenregiment nach X., damit ich dich in nächster Nähe unter Augen habe, und all deine sauberen Beziehungen in der Residenz ein für allemal abgebrochen sind. Am dich davor zu bewahren, daß du wieder leichtsinnigen Dirnen in die Netze fällst, wirst du heiraten, und zwar das liebe, vortreffliche Mädchen, welches Mama und ich als einzig passende Partie für dich ausgesucht haben.«

Das Antlitz des jungen Grafen scheint regungslos, nur zwei brennend rote Flecken treten auf seine Wangen.

Er verneigt sich sehr tief und förmlich.

»Und wer ist die junge Dame?«

Der Präsident blickt ein wenig überrascht auf seine Frau.

Er war auf einen Ausbruch grenzenloser Heftigkeit und Jähzorns gefaßt gewesen; diese Ruhe, mit welcher Götz seine Forderungen aufnimmt, verwirrt ihn beinahe.

Sollte sein energisches Auftreten wahrlich auf den Sohn wirken? Hat Malwine recht, und wird der Leichtfuß tatsächlich zahm, wenn es biegen oder brechen heißt?

»Die junge Dame ist Baroneß Flavia von Husby, eine Waise, welche bei ihrem Vormund Heinau auf Dolgen lebt. Sie ist sehr hübsch, klug und wohlerzogen, außerdem in sehr guter Vermögenslage. Ihr Gut Raschfelde grenzt an unsere Besitzungen, würde also eine vortreffliche Acquisition sein. Heute nachmittag erwarten wir Heinaus und Flavia ebenfalls zum Diner. Du wirst deine zukünftige Braut zu Tisch führen und hast Gelegenheit, sie dir anzusehen und dich ihr zu nähern. Nach Abfahrt der Gäste erwarte ich dich abermals hier, um deine Entscheidung zu hören, denn ich wünsche, daß die Angelegenheit so bald wie möglich ins Reine kommt. – Zieh' dich also jetzt auf dein Zimmer zurück und überlege es dir. Entweder, du erfüllst als gehorsamer Sohn in allen diesen Dingen meinen Willen, oder du bist enterbt, du bist hinfort nicht mehr mein Sohn. Die Familiensatzungen kennst du. Mir steht jederzeit das Recht zu, das Majorat in Minorat umzuändern, falls der erstgeborene Sohn keine Garantien bietet, das Majorat würdig zu verwalten. Und ich werde es tun, wenn du dein Leben nicht völlig änderst und unsere Wünsche betreffs der Heirat erfüllst, denn meine Geduld ist zu Ende. Die mir zuletzt angemeldeten Schulden werde ich noch einmal bezahlen, – es ist das letzte Mal, daß ich deinem Leichtsinn zu Hilfe komme. Merke es dir – ich spreche in vollem, bitterem Ernst zu dir!«

Der Präsident sprach mit lauter Stimme und erhob drohend und warnend die Hand; sein Blick traf den Sohn streng und ernst wie nie zuvor im Leben.

Dann wandte er das Haupt mit finsterem Blick zur Seite und fuhr ruhiger fort: »Ich lasse dir Zeit,

mit dir selber ins klare zu kommen, dir Flavia von Husby anzusehen und deine Entscheidung alsdann zu treffen, die Stunden bis zu dem Diner gehören dir, du wirst ungestört bleiben.«

Eine kurze Geste, welche ihn verabschiedete.

Hoch aufgerichtet, das schöne, blasse Antlitz regungslos wie aus Stein gehauen, stand Götz und hörte den Vater an, sein Blick traf zum öfteren das Gesicht der Stiefmutter, wenn Seine Exzellenz von »unsern« Wünschen und Befehlen sprach, – dann zuckte es wie grimme, bittere Ironie um seine Lippen, aber er schwieg.

Er schwieg auch jetzt, als der Vater ihn verabschiedete.

Er klappte die Sporen zusammen, verneigte sich steif und förmlich und verschwand hinter der Tür.

Ein wenig betroffen blickte ihm Graf Abensberg nach.

»Ich glaubte, er werde zum mindesten recht überrascht sein, – werde in wilder Heftigkeit gegen unser Heiratsprojekt opponieren!« sagte er, zu Malwine gewandt; »dahingegen nahm er die Nachricht auf wie etwas längst Erwartetes. Wie deutest du dir diese unnatürliche Ruhe?«

Die Gräfin legte gelassen ihre Stickarbeit zusammen.

»Ich hoffe, er hat bereits selbst über die Haltlosigkeit der jetzigen Zustände nachgedacht und möglicherweise schon selbst die Notwendigkeit einer Heirat erwogen. Jedenfalls haben deine Worte den nötigen Eindruck gemacht. Er ist alt genug, um zu wissen, was es bedeutet, ein Majorat aufzugeben. Ein derart verwöhnter Genußmensch scheidet nicht leicht von Üppigkeit und Wohlleben. Ich denke, die bittere Arznei, welche du ihm verschrieben, wird und muß ihre Wirkung tun!«

Der Präsident atmete hoch auf und küßte voll inniger Dankbarkeit die Hand seiner klugen Frau, denn daß sie klug war, wußte er, – ob sie aber auch Menschenkenntnis besaß, darüber hatte er noch nie nachgedacht.

XVI.

Langsam schritt Götz nach seinem Zimmer zurück. Ein wunderlicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

Ruhe, kalte, gleichgültige Ruhe, starre Entschlossenheit und der fiebernde Leichtsinn eines Spielers, welcher va banque! sagt.

Er zog die Uhr und sah mit brennendem Blick darauf nieder.

Schade! Der Mittagsschnellzug ist nicht mehr zu erreichen, sonst wäre es das einfachste gewesen, dieser Komödie ein Ende zu bereiten und sofort die Antwort auf das unerhörte, empörende Ansinnen zu geben, auf diesen famosen Heiratsplan, welchen die teure Frau Stiefmama so weise ausgeheckt!

Heiraten! – Götz und heiraten!

Das hieße den Teufel mit Beelzebub austreiben.

Um jenes elenden Mammons willen, um ein paar hohle Titel zu behaupten, soll er sich zum Sklaven eines Weibes machen, welches fraglos zu den widerwärtigsten seines Geschlechts gehört, da es das Wohlgefallen einer Frau Malwine erwerben konnte!

Wer selbst kein Herz in der Brust hat, verlangt auch von andern weder Herz noch Liebe!

Ein grimmiges Auflachen.

Götz neigt sich und wirft die elegante Toiletteneinrichtung aus getriebenem Silber, welche er als »Reisegarnitur« mit sich führt, achtlos in den juchtenen Handkoffer zurück.

Er wird packen und dann den Abendschnellzug benutzen.

Ob das Diner alsdann schon beendet sein wird?

Was kümmert es ihn!

Wenn er nicht satt geworden, wird er mit seiner kleinen Lou noch soupieren, und dieses Tete-a-tete mit der berückenden Zauberin wird die purpurroten Rosen um das Tor flechten, welches die goldene Freiheit endlich, endlich vor ihm aufgetan!

Er greift nach einem Romanband und wirft sich auf den Diwan, um sich die Zeit bis zum Diner zu vertreiben.

Seine Uniform hat der Diener schon in all seiner gleißenden Pracht auf den Sesseln ausgebreitet – und Götz blickt plötzlich mit starrem Blick darauf nieder. – Noch einmal wird er sie anlegen, – zum letztenmal – und dann? –

Es geht ihm wie ein Stich durch das Herz.

Er hätte nie gedacht, daß er das Scheiden von dieser »Zwangsjacke«, über welche er so oft gestöhnt, wie einen schmerzlichen Abschied empfinden würde!

Tut er recht daran, den Säbel, auf welchen er Treue geschworen, aus der Hand zu werfen, um anstatt dessen nach einem unsicheren Schicksal, nach Tand und Flitter hohler Zirkusherrlichkeit zu greifen?

Mit einer wilden Bewegung krampft der junge Offizier die Hände zusammen.

Tut er es etwa freiwillig?

Nein! Beim Himmel, man zwingt ihn ja dazu!

Er muß ja alles im Stich lassen, wenn er nicht ein verächtlicher, willenloser Mensch sein will, der aus schnöder Berechnung Sklave wird!

So, wie man ihm hier voll kalter Lieblosigkeit begegnet ist, bleibt ihm keine Wahl mehr!

Und an diesen Gedanken, welcher sich wie eine Erlösung aus der Qual dieser Stunde ringt, klammert er sich fest; er gibt ihm die alte Sicherheit, den alten Trotz zurück.

Es klopft an die Tür.

Der Diener tritt ein und bringt eine Depesche.

Götz reißt sie mit fragendem Blick auf.

»Vergiß es nicht, daß eine Schneeflocke voll zitternder Liebessehnsucht darauf harrt, in deinem Arm zu schmelzen! – Komm' bald, bald! Mein Herz ruft nach dir!«

»Es ist gut! – Bedarf keiner Antwort!« sagt der junge Graf mit aufglühendem Blick, und er lacht auf wie ein Trunkener, und als er allein ist, preßt er das Antlitz auf das knisternde Papier. «Sei unbesorgt, kleine Schneeflocke, reizende Lou! – Ich vergesse es nicht, das Glück, welches mir in deinen Armen harrt! Die Antwort bringe ich dir heute abend noch selbst, und diese Antwort heißt: das Glück!«

Er schiebt die Depesche in die Brusttasche, er ist wieder der flotte, tolle Götz von ehedem. »Du sollst mich feien gegen jede Schwäche, welche mich vielleicht beim Anblick der schönen Flavia anwandelt!« lacht er übermütig. »Winde du dich als Schlange um mein Herz, kleine Lou, und bewache den Schatz, welcher dir gehört!«

Die Gaskronen flammten in den Salons, und in dem geräumigen Eßsaal prangte die mit vornehmster Eleganz gedeckte Tafel.

Weiß in weiß.

Die Wände schimmerten in dem Lichtglanz wie spiegelnder Marmor, von Goldstuck in reicher Barockform in

Felder geteilt und nur mächtige Bronzearmleuchter als einzigen Schmuck tragend.

Die Tafel war von schneeigem Damast überhangen und von frischem, weißen Flieder, Maiglöckchen und Orangeblüten bedeckt: das wundervolle alte Familiensilber, mächtige Terrinen, Bowlen und Prunkstücke entzückendster antiker Form, erhoben sich aus dem Blumenparterre; Wappengläser und schlanke Sektkelche, wie Lilien geformt, glitzerten vor dem durchsichtig feinen Porzellan, welches nur einen schmalen Goldrand und den gekrönten Namenszug aufwies.

Es war ein feenhafter Anblick, welcher sich Gräfin Malwine bot, als sie, in rauschenden Brokat gekleidet, die Flucht der Salons durchschritt, um noch einmal alle Arrangements einer kurzen, strengen Musterung zu unterziehen.

Ihre Exzellenz sah niemals freundlich oder gütig aus, der Zug kalter Würde lag stets auf ihrem ernsten Antlitz, und darum fiel es heute der Dienerschaft besonders auf, daß die Gräfin sichtlich zerstreut war, daß ihr Blick nicht wie sonst kritisierte und prüfte, sondern voll nervöser Unruhe umherirrte, als suche sie jemand.

»Ist der junge Herr Graf noch auf seinem Zimmer?«

»Befehl, Exzellenz!«

»Hat er seine Toilette noch nicht beendet?«

»Seine Gnaden werden wohl sogleich erscheinen.«

Nalwine atmete auf und hob die Lorgnette, um noch einen Blick über das spiegelnde Parkett zu werfen.

»Da sind etliche grüne Blätter zerstreut! Heben Sie sie auf, ehe man darauf tritt!« – und dann wandte sie sich um und schritt ihrem Gemahl entgegen.

Auch der Präsident sah unruhig und noch abgespannter als sonst aus.

»Ist Götz noch nicht zur Stelle?«

»Er kommt sogleich.«

»Ah – so scheint er sich wahrlich zu fügen!«

»Hoffen wir es!«

»Die ersten Gäste fahren bereits vor, – Götz muß sie an unserer Seite empfangen!«

Schon schlugen die breiten Flügeltüren auseinander und der Erwartete trat mit formellem Gruß über die Schwelle, fast gleichzeitig mit ihm erschienen die ersten der geladenen Herrschaften.

Graf Götz hatte es stets geliebt, in den Salons der Mutter die Rolle eines Pagoden zu spielen.

Auch heute stand er so steif und kühl an der Seite der Eltern und verneigte sich so schablonenhaft, als ginge ihn dies ganze Getriebe auch nicht das mindeste an.

Er antwortete kurz und höflich auf die an ihn gerichteten Fragen, ohne das mindeste Bestreben, eine Unterhaltung anzubahnen, sein Blick hing voll brennender Spannung an der Tür, durch welche in wenig Augenblicken die ihm bestimmte Braut, Flavia von Husby, eintreten mußte.

Und schon nach kurzen Minuten tauchte die zierliche Gestalt der Gräfin Heinau, mit dem koketten Lockenköpfchen und dem stark gepuderten, etwas chiffonierten Gesichtchen, zwischen den Portieren auf, lebhaft der Gastgeberin entgegeneilend, und hinter ihr – Götz biegt sich unwillkürlich vor, als traue er seinen Augen nicht – eine eckige, überschlanke Mädchengestalt im weißen Unschuldsgewande, glührote Flecke der Verlegenheit auf den Wangen, mit züchtig gesenkten Augen und schlicht gescheiteltem Haar, wie sie die Nonnen auf alten Kirchenbildern tragen, und Bewegungen, – ja so, wie sie der Unschuld vom Lande ankleben, wie der gelbe Blütenstaub den Weidenkätzchen!

Götz hat das Gefühls als müsse er schallend, unbändig, voll grimmer Lustigkeit auflachen über die Farce, die sich die Frau Stiefmama mit ihm erlaubt hat!

Ist es denkbar, menschenmöglich, daß man ihm, dem verwöhntesten aller Feinschmecker, was Frauenreiz und
Schönheit anbetraf, dieses Gänseblümchen zur Herzenskönigin erwählte?

Nein! Bei Gott, das war eine Infamie! Ein wohldurchdachter Racheplan der beleidigten Frau Präsidentin!

Ein Gefühl namenloser Gereiztheit, aufkochenden Zorns überkommt den jungen Grafen, er beißt die Zähne zusammen und wendet sich schier gewaltsam der Gräfin Heinau zu, welche ihm mit einem Schwall schmeichelhaftester Phrasen die kleine Hand zum Kuß reicht.

Götz antwortet etwas Unverständliches, wirft das Haupt in den Nacken und folgt dem Ruf seines Vaters, welcher ihn Fräulein von Husby vorstellen möchte.

»Gestatten Sie, Baroneß! Mein Sohn Götz – zur Zeit Urlauber im Elternhause und sehr dankbar erfreut, Ihnen nachher den Arm bieten zu dürfen!«

Der alte Herr hat in seiner liebenswürdig-chevaleresken Weise gesprochen, und Flavias zartes Gesichtchen färbt sich noch röter, – mit einem unendlich feierlichen Knicks taucht sie unter, ohne es nur zu wagen, die langen Wimpern aufzuschlagen.

Sie sieht nicht, ob Graf Götz wirklich so »dankbar erfreut« aussieht, sie hört nur, wie seine Sporen zusammenklirren, wie der junge Graf sich ebenso stumm, wie er zu ihr herantrat, sich nun wieder zurückzieht.

Nein, sein ironischer Blick, mit dem er über sie hinwegsieht, als wäre das schlanke, schüchterne junge Wesen vor ihm Luft, – den sieht sie nicht, und sie atmet erlöst auf, als neu eintretende Gäste die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Zwei andere junge Damen treten zu ihr heran und begrüßen sie; Flavia drückt schier krampfhaft die dargebotenen Händchen, und als sie die Komtessen dabei ansieht, leuchten ihre herrlichen Augen in beinahe überirdischem Glanz.

»Sie kannten den jungen Grafen noch nicht, Flavia?« flüstert die blasse Margot zu ihr auf, und entfaltet ein
wenig aufgeregt den Fächer. »Nun, dann treffen Sie es heute besonders gut! Ich finde, er sieht schöner aus als je, die düstere Glut seiner Augen hat etwas Faszinierendes, etwas unvergleichlich Interessantes!«

»Ja, er ist schön wie ein Gott!« haucht die schwärmerische Schwester Margots mit langem Blick auf den Genannten. »Und welche Überraschung, ihn hier zu sehen! Er kam ja so sehr selten auf Urlaub, nur bei besonderen Anlässen! Wir kannten ihn schon als Schüler, fanden ihn damals schon so originell und bildhübsch, – aber in der Uniform sieht er noch hübscher aus, wundervoll, – zum Verlieben!«

Flavia lauscht mit stockendem Herzschlag.

Ganz schüchtern fliegt auch ihr Blick zu der strahlenden Erscheinung des jungen Offiziers hinüber, und sie hat das Gefühl, als ob plötzlich der Himmel über ihr aufgetan sei, als ob das Übermaß seiner Helle sie blende.

Ja, er ist schön, – schön wie kein anderer auf der Welt! jauchzt es in ihrem Herzen auf, aber sie kann das doch unmöglich so ungeniert eingestehen wie die beiden Komtessen, und so sagt sie in ihrer Verwirrung nur leise, um doch eine Antwort zu geben: »So, er kommt so selten nach Hause? Warum das?«

Margot neigte sich vertraulich näher und zog die junge Dame noch etwas weiter in den Salon zurück.

»Man sagt, er stehe sich nicht sonderlich mit der Stiefmutter! Du lieber Gott, der arme Mensch kann einen dauern, denn wenn man Exzellenz ansieht, kann man sich schon denken, was für eine strenge Mama sie ist! Die erste Mutter hat sich zu wenig um ihre Kinder bekümmert, die zweite zu viel, – aber richtige Liebe und Zärtlichkeit hat keine von ihnen gehabt, und gerade die brauchen doch Kinder am meisten! Noch dazu ein so eigenartiger Charakter wie Graf Götz! Mich kann es immer ärgern, wenn die Leute sagen, er sei so leichtsinnig und mache den Eltern viel Sorge. Ja, du liebe
Zeit! – Einmal will doch jeder Mensch sein Leben genießen, und weil es ihm früher vergällt wurde, tut er es jetzt!«

»Aber Margot,« unterbrach die Schwester vorwurfsvoll, »du redest nur nach, was du von seiner ehemaligen Gouvernante hörtest, die ja ihrem Liebling Götz immer beigestanden hat! Sein Leben ist ihm gar nicht vergällt, das hat er sich immer eingebildet …«

»So? – Niemand hat ihn liebgehabt, niemand! Nur die Anna-Kathrin, – und darum hängt er auch so sehr an der Schwester! Glaub' mir, wenn jemand den armen einsamen Menschen so recht, recht innig liebhätte, – er würde ein ganz anderer werden!«

Flavia preßte die Hand gegen das stürmende Herz.

»Ja, wenn ihn eine so recht, recht innig und opfermutig liebhätte!«

Ihr Blick hängt abermals wie gebannt an seinem schönen, düsteren Antlitz, in dessen lodernden Augen sich eine ganze Welt voll unverstandener Gefühle spiegelt.

Sie, Flavia, würde ihn verstehen!

Ist sie nicht selber so arm an Glück und Liebe gewesen, so arm »wie der Stein an der Straßen«? Ach ja, sie weiß es, wie es tut, wenn sich nur strenge Erzieher, aber keine zärtliche Mutter ihres Kindes annehmen.

Dann bleibt etwas leer und öde im Herzen, wie ein Gärtlein, dem wohl gute Pflege ward, dem aber die Sonne voll Licht und Wärme gefehlt! Und solch eine Sonne ersetzt nichts, nichts.

Nach ihr sehnt sich ein Mädchenherz still und bang, demütig ergeben unter heimlichen Tränen, ein Knabenherz aber schreit auf in unverstandenem Leid, begehrt trotzig und verbittert jenes fremde – ungekannte, lichte Glück, von welchem es nicht weiß, wie es heißt und wo es zu suchen ist.

Flavia zuckte zusammen und senkte erschrocken die Augen.

Vor ihr stand Graf Götz, verneigte sich kurz und bot ihr den Arm.

»Darf ich bitten!« sagte er mit schroffer, beinahe heiserer Stimme, und das junge Mädchen erglühte bis auf die weiße, edle Stirn empor und legte die zitternde kleine Hand auf seinen Arm.

Wie rote Nebel wallte es vor ihren Augen. Wie im Traume schritt sie an seiner Seite, und ihr Herz hämmerte in der Brust und nahm ihr beinahe den Atem.

Sie konnte nicht sprechen – um keinen Preis!

Sie wäre gestorben vor Verlegenheit.

Auch Graf Götz schweigt.

Er sitzt an ihrer Seite, zerpflückt mit grausamen Fingern die duftenden Orangeblüten und stürzt den feurigen Wein hinab. Mit keinem Blick beachtet er seine Nachbarin, und als eine ihm gegenübersitzende Dame ihn anredet und ihn mit in das Gespräch ziehen will, antwortet er so abweisend und einsilbig, daß es beinahe unhöflich ist.

Ihre Exzellenz beugt den Kopf vor und beobachtet den Stiefsohn, und wenn Götz dies bemerkt, zuckt es wie scharfe Ironie um seine Lippen und er markiert es noch deutlicher, daß seine Nachbarin überhaupt nicht für ihn existiert.

»Befehlen gnädiges Fräulein?« ist die einzige monotone Frage, welche er, die mit Wappen bemalte Weinkanne in der Hand, an Flavia richtet. Und selbst in diesem Augenblick, als ihr »Danke sehr!« wie ein Hauch nur, leise und schüchtern sein Ohr trifft, hat er keinen Blick für sie. Anfänglich hatte das junge Mädchen sein beharrliches Schweigen kaum beachtet, mit der Zeit aber fiel es ihr auf, und die heiße Glut ihrer Wangen erlosch allmählich, um einer tiefen Blässe Platz zu machen.

Allmählich kommt ihr das volle Bewußtsein der wunderlichen Situation, in der sie sich befindet.

Wie eine feilgebotene Ware sitzt sie neben ihm, den die Eltern zur Brautschau hierher kommandiert haben.

Er aber rührt keinen Finger, um diese Ware zu erhandeln, er markiert es ihr durch sein finsteres Schweigen, daß sie ihm nicht gefällt, daß er durchaus nicht der Mann ist, welcher sein Herz um eines Majorats willen verschachert. Was mag ihm diese Stunde an ihrer Seite kosten! Wohl noch tausendmal mehr Qualen, als ihr. Vielleicht hat er längst gewählt, sein Herz hängt voll treuer, zärtlicher Liebe an einer anderen, welche seine Eltern nicht als Tochter empfangen wollen.

Solch eine Mißachtung demütigt die Liebe und tut ihr weh, – und nun gar das bittere Gebot der Eltern, eine Fremde, Ungeliebte als Braut und Weib heimzuführen!

Wie mag er sie, die unschuldige Ursache, um solcher Grausamkeit willen hassen!

Ein Gefühl tiefsten Mitleids überkommt Flavia. Daß er sie verschmäht, sie so beleidigend von sich weist, kränkt sie nicht, im Gegenteil, ein Gefühl warmherziger Bewunderung überkommt sie.

Dieser eiserne Wille, dieser stolze Trotz passen zu dem schönen, düsteren Antlitz mit den leidenschaftlich lodernden Augen.

Götz Abensberg gehört nicht zu jenen erbärmlichen, rückgratlosen Schwächlingen, welche vor dem Mammon im Staube liegen und ihm ohne Skrupel Herz und Liebe zum Opfer bringen.

Und sollte das unerbittliche Muß dennoch über seine Treue siegen, so ist es wenigstens nach schwerem Kampf!

Flavias Herz erzittert bei diesem Gedanken, es würde ihr furchtbar sein, wenn die finsteren Äugen sie plötzlich in konventioneller Lüge anlächeln, wenn sein Mund ihr schöne Worte sagen würde!

Nur das nicht! Es würde ein Ideal zerstören. Durch nichts kann ihr der Mann an ihrer Seite mehr gefallen und imponieren, als durch dies beleidigende, kalte Schweigen!

Wenn es möglich wäre, daß es in dieser nüchternen, egoistischen, berechnenden und kaltherzigen Welt noch einen Mann gäbe, welcher Reichtum und klingenden Namen, sein ganzes, wohliges Genußleben dahingäbe, um der Liebe willen! – O, wie würde Flavia voll stillen Entzückens die Hände falten und zu solch einem Manne aufschauen, wie zu einem Wunder!

Ihre Augen strahlen bei diesem Gedanken, ihr Herz pocht zum Zerspringen – und je länger er schweigt und je beleidigender sein Verhalten zu ihr wird, desto glückseliger jauchzt es in ihrem Innern, desto heißer, zärtlicher empfindet sie für diesen Stolzen, Trotzigen, welcher ein Bild verkörpert, wie sie es in schwärmerischstem Traum geschaut! Flavia langweilt sich nicht. Ihre Gedanken arbeiten, ihre Phantasie webt einen rührenden, tiefergreifenden Roman um den Mann an ihrer Seite.

Daß sie selber eine gar traurige Rolle in demselben spielt, eine Rolle, welche jedes andere Weib bis ins Herz hinein kränken und empören würde, das kommt ihr gar nicht in den Sinn.

Wie sollte die bescheidene, demütige und anspruchslose Flavia sich wohl einbilden, in einem Mann wie Götz Abensberg zärtliche Gefühle zu erwecken!

Nur die Herrlichste von allen
Soll beglücken deine Wahl,
Und ich will die Hohe segnen,
Segnen viele tausendmal!

Wunderlich, der Mann, vor welchem sie vor wenig Tagen noch geschaudert, wie vor einem Verworfenen, welchen sie als verlorenen Sohn tief, tief im Sumpf versunken sah, dessen Bild ihr dann plötzlich unerklärliche Sympathien erweckt, daß sie bereit war, ihr eigenes Selbst als Märtyrerin für ihn zu opfern, – der steht plötzlich vor ihr wie ein Märchenheld, wie einer jener seltenen Kämpen, welche für ihre Liebe in Elend, Verbannung und Tod gehen! – Wie aus einem Traum erwacht sie, als die Stühle gerückt, die Tafel aufgehoben wird. Götz hat ein paarmal ungeniert nach der Uhr gesehen. – jetzt bietet er seiner Nachbarin mit hastiger Verbeugung den Arm und führt sie, ebenso stumm wie er gekommen, nach den Salons zurück.

Flavia schreitet an seiner Seite.

Sie scheint plötzlich zu wachsen. Ihre schlanke Gestalt richtet sich hoch auf, als seien ihr Flügel gewachsen, das erst so scheu gesenkte Köpfchen hebt sich hoch und stolz in den Nacken, wie das einer Königin.

Ihr Arm ruht auf dem seinen – zum letztenmal.

Wie nahe schlägt ihr Herz in diesem Augenblick an dem seinen – und nach wenig Minuten schon werden sie für ewige Zeiten geschieden sein.

Gleichviel, ob er auch geht, ein wundersamer Segen wird von dieser Stunde zurückbleiben, gleich einem Gewitterschauer, währenddessen sich eine königliche Rose aus der Knospe rang. Götz verneigt sich tief und tritt zurück – nach wenigen Augenblicken ist er hinter der Tür verschwunden, ohne daß sein Blick nur ein einziges Mal das Auge derjenigen getroffen, die seine Gattin werden sollte, ohne daß er den Klang der Stimme gehört, welche ihm sein Urteil sprechen sollte.

Mit fiebernden Pulsen stürmt er auf den Korridor hinaus.

»Ist der Wagen angespannt, Heinrich?«

»Zu Befehl, Herr Graf!«

»Mein Koffer aufgeladen?«

»Geschieht soeben, Herr Graf; es ist aber noch gut zehn Minuten Zeit!«

Götz stürmt an ihm vorüber, in das Zimmer seiner Schwester.

Anna-Kathrin blickt erstaunt von ihrer französischen Arbeit auf. »Wie – du schon hier? Ist das Diner schon zu Ende?«

Statt aller Antwort umfängt er sie und drückt sie voll zärtlicher Leidenschaft an die Brust. »Leb' wohl, Anna-Kathrin, leb' wohl! Ich gehe nicht, weil ich will, sondern weil ich muß, wenn ich mich nicht selbst verachten will! – Bleib mir gut, Schwesterchen … behalte mich lieb … bete für mich … damit es doch noch eine Seele auf der Welt gibt, welche in Treuen meiner gedenkt!«

Die Kleine blickt ihn ganz erschrocken an, will eine besorgte Frage tun, aber Götz verschließt ihr die rosigen Lippen mit ungestümem Kuß. Noch darf er es – noch entweiht er diese reine Mädchenblüte nicht durch seine Berührung! Aber morgen, morgen schon wird er der Verfemte, Ausgestoßene sein, von dem man Komtesse Anna-Kathrin zurückreißen wird, wie vor einem tollen Hund.

»Leb' wohl, Anna-Kathrin, leb' wohl!« – Noch einen langen, tiefen Blick in ihre klaren Unschuldsaugen, dann schlägt die Tür hinter dem jungen Offizier zu und sein stürmender Schritt verklingt auf der Treppe, als brenne der Boden unter seinen Füßen.

Götz springt in den Wagen – wie die wilde Jagd geht es nach dem Bahnhof.

»Geben Sie diesen Brief sogleich nach Ihrer Rückkehr an Seine Exzellenz ab!«

»Zu Befehl, Herr Graf!«

Der Zug pfeift und rollt mit glühenden Augen in die Nacht hinein, wie ein Ungeheuer, welches edlen Raub von dannen führt.

XVII.

Die prüfenden Blicke Ihrer Exzellenz und das indiskrete, beinahe aufgeregte Forschen der Gräfin Heinau deuchten Flavia schier unerträglich.

Sie benutzte den Augenblick, wo die jugendliche Pflegemama ihren Verehrern die kleine Hand zum Kuß reichen mußte und das allgemeine »Gesegnete Mahlzeit!«- Sagen jung und alt für ein Weilchen beschäftigte, um unbemerkt einen Nebensalon zu betreten und leise durch die Flucht der Zimmer weiter zu wandeln, bis zu dem letzten dämmerig stillen Gemach, zu welchem das Stimmengewirr der animierten Dinergäste kaum noch herüberklang.

Ein altdeutsches Leuchterweibchen hing von der getäfelten Decke, großmächtige, sehr bequeme Möbel im englischen Stil standen auf dem herrlichen Perserteppich, Waffen, ein großes Ölporträt des hochseligen Landesfürsten, sowie dasjenige der liebreizenden ersten Gemahlin des Präsidenten prangten an den Wänden, und hochgefüllte Bücherschränke, der vollgepackte Diplomatenschreibtisch, Aktenstöße und verschlossene Ledermappen verrieten es auf den ersten Blick, daß Flavia das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz betreten hatte.

Einen Moment blieb das junge Mädchen zögernd vor dem Gemälde stehen, von welchem Götzens Mutter mit denselben dunklen Augen wie der Sohn auf sie niedersah.

Dieselbe Leidenschaftlichkeit sprühte auch aus ihrem Blick, und Flavia erinnert sich, von der Pflegemama gehört zu haben, daß die reizende Gräfin Abensberg ein Trotzköpfchen par excellence gewesen, daß ihr leicht aufbrausendes Wesen sie pikant und reizvoll gemacht habe, und daß Götz viel von ihrem Charakter erbte, nur mit dem Unterschied, daß sich bei ihm alle Empfindungen sehr viel schroffer und unliebenswürdiger äußerten.

Flavia schüttelte mit glänzenden Augen das Haupt.

Nein, das taten sie nicht!

Götz war nicht unliebenswürdig, er war nur bis zur Rücksichtslosigkeit offen und ehrlich in seinen Ansichten, er war zu stolz, um etwas zu heucheln, was er nicht empfand.

Die Menschen aber verstehen solch rückhaltlose Aufrichtigkeit nicht und verurteilen sie.

Fräulein von Husby trat in die tiefe Fensternische und blickte nachdenklich in die dunkle Nacht hinaus.

Wo stürmte Graf Götz hin, als er sie soeben verließ?

Wandert er vielleicht ruhelos in seinem Zimmer auf und nieder, sein Hirn zermarternd um einen Ausweg aus all diesen Wirren?

Macht er sich vielleicht klar, wie unklug er handelt, – steht vielleicht sein Vater mit strengem Blick vor ihm und stellt ihm zum letztenmal die Wahl zwischen Glanz und Reichtum an der Seite einer Flavia Husby – oder Elend und Niedrigkeit in einer Hütte, welche seine Liebe für zwei Herzen baut?

Und wird er sich doch noch besinnen, wird er wiederkehren, um alles nachzuholen, was er soeben an Galanterien gegen die reiche Erbin versäumte?

Flavia schauert zusammen bei diesem Gedanken, er tut ihr weh wie ein physischer Schmerz,

Unten rollt ein Wagen und flüchtige Pferdehufe knattern auf dem Pflaster.

Eine Equipage jagt in schnellstem Tempo aus dem Hof, die Laternen blitzen wie Irrlichter, einen Augenblick nur, dann verschwindet sie wie ein Phantom hinter den Gebüschen der Promenade.

Flavia hebt jählings das Haupt und preßt die Hände gegen das Herz.

In solchem Tempo jagt nur ein Mensch, welcher um jeden Preis einem Schicksal entgehen will, – dies ist keine Fahrt, sondern eine Flucht.

Graf Götz?

Ja, er ist es, er muß es sein, Flavia fühlt und empfindet es!

Und obwohl sie es selber ist, vor welcher er in Nacht und Dunkel hinausflieht wie vor einem bösen Geist, so ist es ihr dennoch, als müsse sich ein Jubelschrei von ihren Lippen ringen, als müsse sie die Arme nach dem wilden, trotzigen Mann ausbreiten und voll Begeisterung rufen: »O, wie liebe ich dich um deines Hasses willen! Wie schön macht dich diese unselige Tat in meinen Augen! Wie edel und stolz deucht mir der Nacken, welcher sich nicht dem Golde beugt, wie golden das Herz, welches treu zu seiner Liebe hält, ›und kam alles Wetter gleich auf es zu schla'n!‹«

O, selig, überselig jenes Weib, für welches ein Mann derartige Opfer bringt!

Neidlos gönnt ihr Flavia das Glück, wenn sie es auch in diesem Augenblick deutlich empfindet, daß ihres Schicksals Würfel gefallen sind.

Ein leiser, unsicherer Schritt hinter ihr in dem Zimmer.

Das junge Mädchen wendet das Haupt, sie steht halb versteckt hinter dem schweren Fenstervorhang und wird nicht von dem Präsidenten gesehen, welcher hastig an seinen Schreibtisch tritt und mit unsicheren Händen einen Brief öffnet.

Ein Abschiedswort von Götz! zuckt es durch Flavias Sinn.

Der alte Herr stützt sich schwer auf die Tischplatte, neigt sich vor und starrt auf das Papier. Das knistert und schwankt seltsam in setner Hand.

Einen Augenblick Totenstille, dann ein leiser, ächzender Laut von den farblosen Lippen Seiner Exzellenz, die hagere Gestalt des alten Herrn sinkt auf den Sessel nieder und sein Antlitz preßt sich auf die bebenden Hände.

Wie eine momentane Schwäche überkommt es ihn, er tastet um sich.

Schon steht Flavia an seiner Seite und stützt ihn, – wie man ein krankes Kind beschwichtigt, lehnt sie das greise Haupt an ihre Brust, und Exzellenz Abensberg schaut nicht auf zu der Charitas, welche sich über ihn neigt, sondern schließt leise stöhnend die Augen und murmelt: »Er ging, Malwine – er sagt sich für ewige Zeiten los von uns – es war alles umsonst – verloren – mein Sohn, mein Sohn!« …

Eine weiche, warme Hand streicht über die Stirn des tief erschütterten Mannes, so zart und liebevoll, wie Malwines energische kühle Rechte nie das Haupt des Gatten berührt.

»Ja, er ging, Exzellenz, – aber nicht, um unterzugehen in den hohen Lebenswogen, sondern um dereinst als geläuterter, glücklicher Mann wiederzukehren, welcher alles, was er ist und erreichte, der eigenen Kraft und seiner Liebe verdankt!«

Überrascht starrt sie der alte Herr aus den tränenverschleierten Augen an.

»Fräulein Flavia – Sie – Sie?!«

»Ich bin es, Exzellenz! – Regen Sie sich nicht auf. Diese Stunde scheint nur bitter-schwer, – sie ist es aber nicht!«

Welch wundersame Zuversicht in der weichen Glockenstimme! Wie ein Rauschen von Engelsschwingen geht es von der weißen Mädchengestalt aus.

Der trübe Blick des Präsidenten belebt sich, aber sein Haupt lehnt noch wie gebrochen an der Schulter der lieblichen Trösterin.

»Woher wissen Sie – wer sagte Ihnen von unserem Unglück, Fräulein Flavia?« fragt er leise.

»Tante Heinau weihte mich ein,« ,sagte das junge Mädchen schlicht, »und ich hätte für mein Leben gern alles getan und geopfert, um diese schwere Stunde von Ihnen abzuwenden, Exzellenz!«

Da richtete sich der alte Herr beinahe entsetzt empor.

»Die Gräfin sprach zu Ihnen von unserem leichtsinnigen Sohn, von unseren Plänen, welche wir geschmiedet, ihn auf andere, bessere Wege zu lenken – von allem sprach sie Ihnen, Fräulein Flavia? – O, welch unerhörte, grausame Indiskretion!«

Sie sank an seiner Seite nieder, nahm seine eiskalten, bebenden Hände liebevoll in die ihren und blickte wie verklärt zu ihm auf.

»Keine Indiskretion, Exzellenz, sondern eine Aufrichtigkeit, welche ich der Gräfin zeitlebens aufs innigste danken werde! Denn sie lehrte mich einen Mann kennen, welcher selbst von Vater und Mutter so hart verurteilt wird, und welcher dennoch unsere vollste Sympathie verdient!«

»Sprechen Sie von Götz, Flavia?« fragte der Präsident erstaunt.

»Von ihm, Exzellenz!«

»Sie wissen auch, daß Götz um Sie…«

»Werben sollte! – Ja, Exzellenz, auch das weiß ich!« – vollendete sie mit einem wahrhaft verklärten Lächeln, neigte sich und drückte die Lippen, zart wie ein Blütenkelch, auf seine zuckenden Finger. «Und ich danke es Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin, daß Ihre Wahl auf mich gefallen war, – sehe ich doch daraus, wie gut Sie mir gesonnen sind!«

»Aber Götz hat sich sehr wenig liebenswürdig benommen – er – er hat Sie aufs schmählichste gekränkt und beleidigt!« rang es sich wie ein qualvoller Aufschrei von den Lippen des Grafen.

Sie schüttelte das Köpfchen.

»Nicht im mindesten, Exzellenz! Er hat sich benommen wie ein Mann, dem die Liebe ebenso heilig ist, wie die Ehre!«

»Ich verstehe Sie nicht –«

»Sie verlangten von Ihrem Herrn Sohn, daß er um mich freien sollte, Exzellenz« – fuhr Flavia in herzlichem Flüstern fort, »und vergaßen es, daß sein Herz bereits einer anderen gehört, daß er sein Wort verpfändet, daß er Treue gelobt und Treue halten wollte! Wissen Sie, Herr Graf, wie es tut, wenn man das Herz aus der Brust reißen, wenn man alles, was das Leben reich, sonnig, wertvoll macht, in den Staub treten soll, um einer Fremden, Ungeliebten willen? Wäre Graf Götz in Wahrheit so leichtsinnig, wie man glaubt, so hätte er seinen Treueschwur gewissenlos gebrochen, hätte sich leichtfertig über Gefühle hinweggesetzt, welche des Menschen heiligste sein sollen, hätte eine Scheinehe geschlossen, um den Eltern zu Willen zu sein und sich Reichtum und Namen zu erhalten! – O, glauben Sie mir, Exzellenz, tausend andere junge Männer hätten den Roman mit der ›armen Tochter aus dem Volke‹ lachend abgebrochen, um sich feig und gewissenlos das Wohlleben zu sichern, ohne welches nach modernen Begriffen kein Glück möglich ist! – Graf Götz aber ist viel zu ehrenhaft, viel zu brav und rechtlich, um über ein gebrochenes Herz den Weg zur Höhe zu nehmen! Ihr Herr Sohn hatte den seltenen Mut, alles hinzugeben und zu opfem – um seiner Ideale willen!«

Flavia hatte immer erregter, immer inniger und dringlicher gesprochen, und der Präsident legte momentan die Hand über die Augen und stöhnte leise auf. »Wie wunderbar Sie das alles auffassen und zu drehen wissen! Es fehlt nicht viel, so machen Sie mir aus dem verlorenen Sohn einen Tugendhelden und Märtyrer! – Sie liebes, herziges Kind! Gott lohne Ihnen diese guten Worte, die ersten, welche ich über den Jungen höre! – Wenn ich sie Ihnen auch nicht ganz nachfühlen kann, so haben sie mir doch in dieser Stunde gar innig wohlgetan!«

»Und warum können Sie dieselben nicht nachfühlen, Exzellenz?« – klang es beinahe flehend zu ihm auf.

»Macht man auch aus Liebe Schulden?«

Sie senkte das Köpfchen. »Ich glaube, ja, Exzellenz, – wenn die Erwählte sehr arm ist. . .«

»O, Sie liebe Unschuld! – Und begegnet man seinen Eltern voll frechen Trotzes, wenn man so viel hohen Idealen nachstrebt?«

»Graf Götz ist nervös, gereizt. – Der Kampf um die Liebe hat ihn verbittert…«

»Der Kampf um das Dasein dürfte ihn noch mehr aufregen.«

Sie hob die gefalteten Hände in jäher Angst.

»Dieser Kampf wird ihm dienlich und gut sein, er wird einen ganzen, einen tüchtigen Mann aus ihm machen, – wenn – ach, wenn ihm auf seinem nun so schweren Lebensweg der Zorn der Eltern keine Felsen türmt! Herr Graf! Da ist niemand, welcher für den Fernen bittet, lassen Sie mich es tun! – Ihre Vergebung kann ich ja jetzt noch nicht für ihn erflehen, denn die muß er sich selber verdienen und einst selber einholen! Aber haben Sie Geduld mit ihm! – Machen Sie es als irdischer Vater mit ihm, wie es der liebe Herrgott mit dem Bäumlein tut, welches nicht sogleich gute Frucht tragen will, – gönnen Sie ihm noch Frist! Gar mancher verlorene Sohn kehrt zurück und ward in Liebe und Versöhnung wiedergefunden zu seines und des Vaters schönstem Glück! – Tun Sie jetzt im ersten Schmerz und Zorn keine Schritte, um den jungen Flüchtling zu strafen! Enterben Sie Graf Götz noch nicht, – setzen Sie noch keinen anderen endgültig in seine Rechte ein. Breiten Sie die Hände nicht mehr über ihn, aber ziehen Sie dieselben auch nicht völlig von ihm zurück! Strafen Sie ihn durch Schweigen und Verleugnen, – im Herzen aber heben Sie ihm den alten Platz noch auf, damit er wenigstens dessen Tür nicht verschlossen findet, wenn er einst heimkehrt als ein Sohn, dessen man sich nicht zu schämen braucht!«

Flavia hatte immer schneller, immer erregter gesprochen, ihr Antlitz spiegelte ihre Erregung und war doch so mild und friedlich dabei, wie das eines Schutzengels, welcher die silberrauschenden Schwingen schirmend um ein verirrtes Menschenkind breitet.

Exzellenz Abensberg hatte die bleiche Hand auf das Köpfchen der Sprecherin gelegt und blickte ihr wie träumend in die leuchtenden Augen. Solch warme, innige Herzensklänge hatte er nie zuvor vernommen.

Seiner ersten, heißgeliebten Gattin waren sie fremd gewesen, denn diese war wohl voll übermütiger, schier ausgelassener Zärtlichkeit gewesen, aber dabei doch ein schelmisches Trotzköpfchen geblieben, welchem die weichen, innigen Laute der Seele gefehlt hatten.

Malwine kannte kein Bitten, kein süßes Flehen, sie war ein steinernes Bild, welches wohl über einen energischen, klugen Kopf, nicht aber über ein Herz verfügte, und Anna-Kathrin glich vorerst noch einem gehorsamen, freundlichen Kind, welches in Gegenwart des Vaters meist schwieg, oder in formeller Wohlerzogenheit für seine Güte dankte, ohne dieselbe jemals durch direkte Bitten und Wünsche in Anspruch zu nehmen. Wie anders Flavia!

Welch ein Himmelreich demütiger Nächstenliebe und Barmherzigkeit leuchtete aus den wundervollen Augen, welch eine Welt voll süßen Empfindens klang durch ihre Stimme!

Die drang tief ins Herz des erbitterten alten Herrn und füllte es mit staunender Rührung. »Sie braves, gutes Kind!« sagte er tief aufatmend, »Sie hat der liebe Herrgott selber in dieser Stunde an meine Seite gestellt! Welch ein Glauben an den guten Kern eines Menschen! Welch eine Zuversicht! Und all diese fromme Fürbitte tun Sie, Flavia, – Sie, die allen Grund hätten, meinem Sohn aufs bitterste zu zürnen?« – Und der Präsident bedeckte abermals laut aufseufzend das farblose Antlitz mit der Hand. »Ach, daß Götz in diesem Augenblick hätte neben mir stehen, daß er Sie hätte hören können, Flavia! – Wahrlich, er hätte seinen guten Engel erkannt und wäre nie von ihm gewichen!«

»Exzellenz … man scheint in den Salons aufzubrechen…«

»Scheiden Sie nicht von mir, Fräulein Flavia; gedenken Sie meines Kummers und kehren Sie bald zu mir zurück mit Ihrem Trost und Zuspruch!«

Sie drückte herzlich seine Hand.

»Und meine Bitte?« flehte sie leise.

Er nickte ihr mechanisch zu. »Deren werde ich eingedenk sein, so oft Zorn und Bitterkeit mich übermannen wollen, ach, und ich fürchte, die nächste Zeit wird mir viel schwere Stunden bringen!«

»Die Zukunft bringt desto sonnigere!«

»Wer weiß es! Die Bahn, welche Götz betreten, führt steil bergab! – Gott weiß, was aus ihm werden wird!«

»In den nächsten Jahren ein Mensch, welchen die Wogen des Schicksals wild umherschleudern – dann aber ein geprüfter, geläuterter Mann, welcher zur rechten Zeit das rettende Land gewinnt –«

»Oder stirbt und verdirbt.«

»Nimmermehr! Das Leben wird seine Schule, nicht sein Untergang sein! Denken Sie an den verlorenen Sohn aus der Schrift!«

Der Graf schüttelte wehmütig das Haupt.

»Götz stirbt lieber, als daß er sich durch seine Heimkehr demütigt! O, Sie kennen seinen Trotz und falschen Stolz nicht! Ja, wenn Sie im rechten Moment an seiner Seite stünden, Flavia, wenn Ihre Stimme an sein Herz klopfen könnte, wie an das meine – dann, ja, dann fände er wohl noch einmal den Weg zurück!«

Das junge Mädchen schaute beinahe betroffen auf, ein wundersamer Ausdruck lag plötzlich auf ihrem seelenvollen Gesicht.

»Wenn das sein könnte!« stammelte sie.

»Eine weiße Taube kann nicht in den Sturm hinausfliegen, um den flügellahmen jungen Adler zu suchen!«

Heiße Glut flammte über Flavias Antlitz.

Sie richtete sich plötzlich wieder hoch auf – sie schien abermals zu wachsen wie zuvor an der Seite des jungen Offiziers.

Sie war kein scheues, befangenes Kind mehr, sie war ein energisches, mutiges Weib geworden. Einen Augenblick kämpfte sie mit sich, ob sie einen Gedanken, welcher sie jäh durchzuckte, aussprechen solle oder nicht, dann lächelte sie dem alten Mann noch einmal ermutigend zu und trat ein paar Damen und Herren entgegen, welche sich lachend und scherzend dem Zimmer näherten.

Sie schien den Präsidenten in diesem Augenblick von unliebsamer Gesellschaft befreien zu wollen, Seine Exzellenz aber bemerkte ihre Absicht, er erhob sich mit energischem Ruck und begab sich zu seinen Gästen, ganz Kavalier und Wirt, nur das nervöse Zucken seines Gesichts verschärfte sich, und sein Aussehen war noch wachsfarbener als sonst.

Als er Flavia die Hand zum Abschied reichte, sagte er mit müder, bittender Stimme: »Auf Wiedersehen!« und das junge Mädchen blickte ihm fest in die Augen, wie bei einem Gelöbnis, und antwortete: »Ezzellenz sollen mit mir zufrieden sein!«

Die Lichter in dem Haus des Präsidenten waren erloschen.

Aller Augen hatten sich zum Schlaf geschlossen, selbst Seine Exzellenz war müde und erschöpft in die Kissen zurückgesunken, nachdem er zuvor noch eine lange Aussprache mit seiner Gemahlin gehabt.

Nachdem die sanfte, liebe Stimme Flavias mit ihren Worten voll innigen Trostes und fester Zuversicht wie Balsam in sein so schmerzlich verwundetes Herz gefallen, wirkte die so unbeschreiblich ruhige und gelassene Art Malwinens ebenfalls beschwichtigend auf ihn ein.

Außerdem war der Präsident ein hochgradig nervöser Mann, welcher so völlig in seinem Berufe aufging, daß ihn auch jetzt, wie stets im Leben, seine häuslichen Angelegenheiten sehr viel weniger nahe gingen, als diejenigen seines Dienstes. Das war eine wunderliche Eigenheit, welche stets sehr markant bei ihm hervorgetreten war.

Man hatte ihn immer einen Streber und übereifrigen Beamten genannt, und als er sich verhältnismäßig spät verheiratete – der Tod seiner beiden älteren Brüder machte ihn in unvorhergesehener Weise zum Majoratsherrn und bedingte seine Ehe –, hatte er der reizenden kleinen Gräfin bald darauf das Programm überreicht, nach welchem er ihr gemeinsames Leben zu regeln wünschte.

»Ich habe keine Zeit und kein Interesse für unsern Hausstand,« erklärte er; »ich eigne mich weder zum Familienvater noch zum Wirt, denn mein Beruf erfüllt mich vollständig und nimmt mich durchaus in Anspruch. – Alles, was unser Haus und seine internen Angelegenheiten anbelangt, ist deine Sache, liebe Frau. Ich setze das Vertrauen in dich, daß du unsere Kinder erziehen und den Hausstand leiten wirst. Richte alles selbständig nach deinem Willen ein und belästige mich nie mit Dingen, welche mir unverständlich und unsympathisch sind. Ich werde mich nie in deine Sachen mischen, verlange aber, daß du auch den Meinen fern stehst.« Und so geschah es.

Die lebenslustige kleine Gräfin berief eine alte, erfahrene Wirtschafterin, welche in Küche und Keller aufs vortrefflichste herrschte, und als die Kinder geboren wurden, traten Gouvernanten und ein Erzieher in ihre Rechte und walteten ihres Amtes.

Die junge Mama war so viel beschäftigt, die große Geselligkeit, Theater, Konzerte, Reisen nahmen sie völlig in Anspruch, und wenn man ihr mit einer Klage über den etwas ungebärdigen und trotzigen Götz kam, so ward sie entweder selber übellaunig und sehr heftig, oder sie hatte einen guten Tag, und dann lachte sie und fand den Jungen sehr spaßhaft, seine Erziehungsthyrannen aber pedantisch und engherzig.

Wendeten sich die Ratlosen um energische Beihilfe an den Grafen, so erfuhren sie auch hier eine ungehaltene Zurückweisung, denn Seine Exzellenz hatte mehr zu tun, als sich in die Miseren der Kinderstube zu mischen. Seit Malwine mit energischen Händen das Szepter in Haus und Hof führte, überkam den Grafen eine große Beruhigung.

Es war ihm ein sehr angenehmes Gefühl, die Verantwortlichkeit auf eine andere Person übertragen zu können, und er ward auch in der Tat nie mehr mit häuslichen Zwistfragen behelligt, seit seine zweite Gemahlin ihre Pflichten übernommen und aufs gewissenhafteste ausfüllte.

Das Unglück mit Götz hatte ihn, trotz allem, was so vorbereitend voranging, dennoch wie ein überraschender Schlag getroffen, und die heimliche Flucht des Sohnes aus dem Elternhaus wirkte im ersten Augenblick geradezu vernichtend.

Und gerade jetzt hatte der Präsident den Kopf so voll anderer, wichtiger Sachen, daß die zuversichtlichen Worte Flavias ihm wie eine Erlösung aus Wirbel und Wogen deuchten, und die überaus gleichmütige Art, wie Malwine die verblüffende Nachricht aufnahm, seiner Aufregung ein wohltuendes Schlummerlied sang.

Ja, Malwine hatte unendlich ruhig und vernünftig gesprochen, wie von einem schweren Wetter, welches kommen mußte, um die schwüle Luft zu klären.

Nach der Beanlagung des jungen Grafen war es kaum denkbar gewesen, daß er je durch vernünftiges Zureden und die Sorge seiner Eltern zur Besinnung kam. Er gehörte eben zu den Brauseköpfen und Renitenten, welche erst mit dem Schädel anrennen müssen, ehe sie an eine Wand glauben.

Götz muß die schwere Schule des Lebens durchmachen, er muß sich selber zur Erkenntnis durchringen, er muß aus Erfahrung klug werden.

Wer nicht hören will, muß fühlen.

»Wir haben das Beste gewollt und bezweckt,« sagte sie zum Schluß; »wenn Götz unsere Hand, die ihm den rechten Weg weist, zurückstößt, so muß er sehen, wie er allein und ohne Hilfe im Leben fertig wird. Unsere Pflicht ist es jetzt, konsequent zu bleiben. Nur wenn er sieht, daß es dir mit deinen Worten Ernst war, wenn er das Hunngern, Garben und Arbeiten unter der Knute Fremder satt bekommt, geht er wohl noch in sich. – Sorge dich um nichts, Bolko; ich werde alles, was die nächste Zeit bringt, abwickeln und dir nach Kräften fernhalten.«

Ja, Malwine hatte recht! Sie, die Eltern, hatten sich keine Vorwürfe zu machen, und der leichtsinnige Bursche mochte ernten, was er gesät hatte; wenn Götz sein Wappenschild von sich wirft, wird es der brave, solide Quirin desto höher in Ehren halten.

Und Seine Exzellenz schloß bei diesem Gedanken seufzend die Augen und schlief ermattet ein. Malwine fand nicht gleich die Ruhe.

Ihr blasses, regungsloses Antlitz lag mit weit offenen Augen in den Kissen und der Zug herber Erbitterung spielte schroffer als je um die Lippen.

Nicht, daß ihr Herz von Sorge oder Vorwürfen gequält ward!

Was hatte sie sich vorzuwerfen? Nichts!

Hatte sie auch nur im mindesten ihre Pflichten verabsäumt? Nein!

Hatte sie nicht alles getan, was zu einer guten Erziehung der Kinder nötig war?

Hatte sie nicht an Quirin und Anna-Kathrin die besten Resultate erzielt?

Wenn Götz ein mißratener Sohn war, so lag die Schuld wahrlich nicht an ihr!

Alles hatte sie den Kindern gegeben – alles, was zum Wohl und zur Pflege des Körpers und der Seele nötig war.

Malwine konnte ruhig, ohne Gewissensbisse, schlafen; – aber sie fand keinen Schlaf.

Hatte sie den Kindern wahrlich alles gegeben, was sie von einer Mutter fordern können?

Sie grübelte, sann – sie fand nichts. Und doch sprach eine leise, anklagende Stimme in ihrem Innern: »Nein, du gabst ihnen nicht alles! Gerade an dem Besten, Wichtigsten hast du deine reichen Kinder so bettelarm gelassen!« ,

Was war das Beste, Wichtigste?

Malwine preßt die Lippen aufeinander. Sie weiß es nicht.

Aber das ist ja der Fluch ihres Lebens, daß sie für alle Güte, für alle Aufopferung nur Undank erntet!

Die harten Worte des Stiefsohns, welche er ihr bei der letzten Unterredung sowohl, wie in dem Abschiedsbrief gesagt, sind wie ätzendes Gift in ihre Seele gefallen und machen sie noch verbitterter, noch verschlossener als zuvor.

Nicht sie trägt Schuld an dem Unglück, welches der heutige Tag gebracht, wahrlich nicht – denn sie tat ihre Pflicht.

XVIII.

Als Götz sein Vaterhaus so Hals über Kopf verlassen und allein in dem dämmerigen Eisenbahnabteil saß, verflog der fieberhafte Rausch der Aufregung, welcher ihn während des ganzen Tages, sich von Stunde zu Stunde steigernd, umfangen hatte.

Obwohl er dies alles schon längst geahnt und vorausgesehen hatte, war die Tatsache, der Entschluß doch immerhin überraschend schnell an ihn herangetreten, und obwohl er sich diese Lösung der Dinge stets recht einfach und kurz gedacht, so war dieselbe doch nicht ohne Seelenkampf abgegangen.

Wer weiß, wie sich alles gestaltet haben würde, wenn er Lou nicht kennengelernt und dem Leben und Treiben der Zirkuswelt nicht durch sie so nahe getreten wäre.

Er würde dann auf jeden Fall versucht haben, den Vater zu seinen Gunsten umzustimmen, würde ihm das Ungeheuerliche seiner Heiratsprojekte, das Sündhafte, einen Mann in eine widerwärtige Ehe zu zwingen, klar gemacht und wohl einen Ausweg gefunden haben, sein Leben in einer ihm zusagenden Weise umzugestalten, ohne dabei das Tischtuch zwischen sich und den Eltern durchzuschneiden.

Ja, wer weiß, ob er nicht nach dem Diner noch eine Aussprache mit dem Vater ermöglicht und ihn von
seiner Antipathie gegen Fräulein Flavia überzeugt haben würde, wenn nicht Lous Depesche ihn in eine Stimmung versetzt hätte, welche ihn für jedes Überlegen und Erwägen untauglich machte.

Sie glich dem Windstoß, welcher alles grell aufwirbelt, was an Weltenstaub in seiner Seele lagerte.

Den Staub aller leidenschaftlichen Begierden, aller Zügellosigkeit und stürmenden Unzufriedenheit mit seinem Dasein.

Noch vor wenig Tagen hatte er in Lou nichts anderes gesehen, als eine jener Eintagsfliegen, welche schillernd den Weg eines Mannes kreuzen, um ihn für flüchtige Stunden an Märchenzauber und die süßen Wonnen eines Liebestraumes glauben zu lassen.

Seit gestern abend, als Lou zum erstenmal aus ihrer kühlen Reserve heraustrat, um ihn durch heiße Küsse und gaukelnde Verheißungen zu berauschen, glaubte er in ihr sein Schicksal zu sehen, welches ihm lockend auf neuen Bahnen voran schwebt und ihm winkt, zu folgen.

Wohin?

Dem Glück entgegen – dem Glück und der Freiheit, ohne welche es undenkbar ist!

Darüber, was er nun beginnen solle, war Götz sich klar.

Er lehnte mit heißgerötetem Antlitz und starr ins Leere gerichtetem Blick in der Ecke des Abteils und legte in Gedanken sich alles zurecht, was er in den nächsten Tagen zu tun hatte.

Zuerst würde er selbstverständlich zu Lou stürmen, ihr von dem Vorgefallenen Bericht zu erstatten.

Seine Augen blitzen auf, wenn er an den Triumph denkt, welchen er feiern wird, wenn er der wonnigen, kleinen Zauberin erzählt, wie fest und heldenhaft er für seine Liebe gekämpft, welch ein großes, unersetzliches Opfer er ihr gebracht!

Namen, Stellung, Geld – alles gab er ohne Besinnen auf, nur um als freier Mann mit ihr leben, ihr folgen – ihr angehören zu können!

Nicht als solider Ehemann – o nein, solch ein Gedanke ist jetzt noch absurder als zuvor.

Wovon sollen sie leben?

Von der Zirkusgage? Lächerlich!

Es bleibt nicht immer Sonnenschein, es kommen auch Wolken und böses Wetter, Krankheit, Stellenlosigkeit, ein Kampf um das tägliche Brot.

Da würden Weib und Kind noch viel unerträglichere Fesseln sein, als es jetzt Namen und Stellung sind, und diese gibt Götz doch nur auf, um frei, in der Tat frei und völlig ungebunden zu sein!

Der Trauring aber ist eine Fessel, welche schwerer zu ertragen ist als Sklavenketten.

Nein, ans Heiraten wird Götz nie denken, nie! Lou ist ebenfalls viel zu klug und welterfahren, um sich Lasten und Pflichten an der Seite eines völlig unbemittelten Mannes zu wünschen, dessen Liebe sie auch ohne dieselben besitzt – idealer, schattenloser, berauschender als in der grauen Prosa des Elends und der Ehe!

Ja, er wird sie lieben – und sie wird ihn lieben! Wie zwei farbenbunte Schmetterlinge werden sie im Sonnenglanz und Lorbeerduft dahin gaukeln, auf der Höhe eines berauschenden Künstlerdaseins, im Vollgenuß eines Lebens, welches, hoch über allen Schranken, aller Knechtschaft und Konvenienz, einem Götterdasein gleichen wird! .

Zuvor aber muß er alle Brücken hinter sich abbrechen.

Er wird morgen in aller Frühe seinen Abschied einreichen und gleicherzeit um längeren Urlaub nachsuchen, damit es ihm erspart bleibe, unter obwaltenden Verhältnissen noch einmal Dienst zu tun und den Kameraden zu begegnen.

Mit wieviel hämischen und ironischen, hochnäsigen und spöttischen Bemerkungen würde er wohl heimgesucht werden!

Götz lacht ingrimmig auf und macht eine heftige Bewegung mit der Hand, als wolle er diese Gestalten und Gesichter, welche wie spukhafte Schatten auf ihn eindringen, niederschlagen.

Und dann? – Was dann?

Vor allen Dingen zu den notwendigsten Mitteln gelangen.

Er wird seine vielen, kostbaren Pferde verkaufen bis auf »Selim«, seinen Liebling, den schönsten aller Vollblüter, welcher wie geschaffen dazu ist, seine wundervollen Glieder in Zirkusglanz und wirbelnden Lorbeerblättern zu baden.

Auf Selim wird er Schule reiten.

Seine überelegante Wohnungseinrichtung mit all ihren Kostbarkeiten und Luxusartikeln, welche so viele Tausende gekostet, wird ebenfalls wieder zu Geld gemacht.

Dazu die zwei beträchtlichen Spielgewinne, welche er bei Graf Lassen und Mister Terry, dem Sohn des englischen Herzogs und Mitglied des Jockeiklubs, noch ausstehen hat, das wird fürs erste eine Summe ergeben, welche ihn in die Lage versetzt, im Ausland ein Zirkusengagement zu suchen.

Ist dieses gefunden, gibt es keine Sorge mehr.

Götz weiß, daß er ein schöner Mann, ein Liebling der Frauen ist: er war im Regiment als schneidigster und elegantester Reiter bekannt – bedarf es noch mehr, um in der Manege Triumphe zu feiern!

Gewiß nicht.

Der junge Graf war zeitlebens in vielen Dingen Optimist, er sah alles, was er sich erwünschte, als Ideal an, er malte sich mit lebhafter Phantasie die rosigsten Bilder aus und wies jeden Zweifel an der Wahrheit solcher Träume trotzig zurück.

Er war zu jung und weltfremd, um zu wissen, daß gar vieles, beinahe alles im Leben, was bunt und glitzernd die Augen blendet, nur Trug und Schein ist – er hatte es noch nicht erfahren, daß wohl in jedem Paradies eine Schlange lauert, und daß man gerade da, wo man die rosenduftigste Poesie erwartet, die graueste und nüchternste Prosa findet.

Dieselben überschwenglich schönen Zustände, wie sie ihm einst als Knaben vorgegaukelt und eine fast krankhafte Sehnsucht nach dem Leben eines Pfadfinders und self made man in ihm erweckt, spukten auch jetzt noch als lichte Wahngebilde in seinem Kopf und waren die Irrlichtflämmchen, welche ihn in ein abenteuerliches Dasein hinauslockten. Auch jetzt zeigten sie ihm eine schier märchenhafte Perspektive von Glück und Zufriedenheit, und als der Zug in der mächtigen Glashalle des Residenzbahnhofs hielt, sprang Götz mit einer so ungestümen Ungeduld aus dem Wagen, als sei draußen ein goldenes Tor aufgetan, durch welches er geradeswegs in das Wunderland seiner Träume hineinstürmen könne.

Er rief einem Droschkenkutscher Straße und Hausnummer zu und fuhr zu Mademoiselle Lou.

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, sprang er die abgetretene Treppe mit dem gemalten Läufer, welcher ihm seit jeher ein Greuel gewesen war, empor und setzte die Klingel heftig in Bewegung.

Alles blieb totenstill.

Kein leiser Schritt nahte, keine zierliche Hand schob das Holzplättchen vor dem Guckloch zurück.

Götz klingelte abermals, lauter noch, anhaltender. Kein Laut, kein Geräusch in der Wohnung. Durch die Spalte der Tür sah er, daß der Korridor dunkel war.

Sollte sie nicht zu Hause sein?

Ein Gefühl nervöser Ungeduld und Gereiztheit überkam den jungen Offizier.

Noch einmal schrillte die elektrische Glocke wie ein Sturm- und Alarmsignal durch die abendliche Stille, – auch diesmal vergeblich.

Mit umwölkter Stirn wandte sich Götz und eilte die Treppe wieder hinab.

Erst jetzt dachte er daran, daß er in der Eile und Auflegung in Uniform gekommen war und daß es doch vorteilhafter sei, wenn ihn kein neugieriger Blick vor der Entreetür der Zirkusreiterin erspähte.

Bah! Immer noch die alten, kleinlichen Vorurteile!

Wie bald wird er jetzt mit ihnen gebrochen haben, – wie bald legt er diese bunte, gleißende Zwangsjacke für immer ab.

Er steht auf der Straße und blickt unschlüssig umher.

Trotz der vorgeschrittenen Stunde hastete das Großstadtleben noch unverändert geräuschvoll an ihm vorüber, die Wagen rasseln, ein hageres Mädchen mit kranken, verlebten Zügen tritt an ihn heran und bietet ihm duftlose Veilchen zum Kauf.

Er wirft ihr mit einem Ausdrucks des Ekels ein Geldstück zu und schreitet weiter.

Das Weib folgt ihm und hält aufdringlich die Blumen hin.

»Nehmen Sie man, Herr Leitnant! Ick will nischt geschenkt! Wat denken Sie denn? Ick habe och bessere Tage jesehn und bin in die feinsten Kutschen jefahren! Nehmen Sie man! Det kommt Sie oft janz plötzlich, det man uff die Straße kampieren muß!«

Götz macht eine beinahe zornige Bewegung und schreitet hastiger aus.

Nie hat ihn der Anblick eines Wesens, welches auf der Bahn zügelloser Freiheit und zügellosen Genusses so tief gesunken ist, derart angeekelt wie in diesem Augenblick.

Ja, er kommt oft plötzlich, der grelle Umschwung von reich zu arm, von der Höhe zur tiefsten Tiefe, – ganz plötzlich!

Wer weiß, was jene verlorene Seele einst gewesen ist, – vielleicht auch Artistin, welche leidenschaftliche Unduldsamkeit in die hohen, trügerischen Lebenswogen hinaus getrieben!

Der junge Graf macht eine Bewegung mit der Hand, als wolle er diese düsteren Gedanken mit der Faust zurückschlagen.

Was ficht ihn plötzlich an?

Ist er diesen gesunkenen, lasterhaften Geschöpfen nicht schon zu Hunderten begegnet?

Hat er jemals über ihre Schicksale nachgedacht?

Er hat sich über Lous Abwesenheit geärgert, er ist enttäuscht und mißgestimmt, und in einer solchen Gemütsverfassung sieht man überall Gespenster!

Wo mag Lou, die kleine Hexe, stecken?

Hat sie heute abend im Zirkus geritten?

Wohl möglich.

Götz sieht nach der Uhr.

Die Vorstellung ist beendet, – Lou hätte längst zu Hause sein müssen.

Amüsiert sie sich mit andern?

Einen Augenblick preßt Götz zornig die Lippen zusammen, dann zuckt er gleichmütig die Achseln.

Warum nicht!

Sie ist ja frei, – so frei wie er, – und Götz Abensberg wird der Letzte sein, welcher einem menschlichen Wesen jemals sein höchstes Gut, die Freiheit, schmälert!

Eifersüchtig ist er nicht.

Auf Lou?

Weder auf sie noch jemals auf eine andere.

Götz hält nicht so viel von den Frauen, daß er sich auch nur eine einzige schlaflose und sorgenvolle Stunde um sie machen würde. Die Frauen sind wie Blumen, – man sieht sie gern, berauscht sich an ihrem Duft, pflückt sie zu kurzem Genuß und wirft die welken und entblätterten von sich, wie jene Blütenkelche am Weg, welche zu vielen Tausenden in den Staub getreten werden.

Noch einen Augenblick überlegt Götz, was er beginnen soll, dann springt er kurz entschlossen abermals in eine Droschke und fährt nach Hause.

Es wird am besten sein, wenn er noch in dieser Nacht beginnt, die Auflösung seines luxuriösen Haushalts vorzubereiten.

Dennoch tut er es nicht mehr.

Er ist müde und abgespannt, auf all die Erregung folgt ein Gefühl der Ernüchterung, auf den phantastischen Flug zum Himmel die Enttäuschung, welche schon vor der dunklen Flurtür Lous ihre ersten grauen Schatten über ihn warf.

Er schellt umsonst auch nach seinem Burschen, wirft sich ingrimmig auf sein Lager und schläft.

Mit der goldenen Morgensonne flutet auch neues, prickelndes Leben und Verlangen durch seine Adern.

Er weiß, daß Lou erst gegen zwölf Uhr im Zirkus probt, er fährt gegen zehn abermals zu ihr hin und diesmal trifft er sie zu Hause.

Ein leiser Schrei der Überraschung klingt ihm durch das Guckfensterchen entgegen.

»Götz! Du bist schon zurück?!« Und dann fliegt die Tür auf, aber Fräulein Lou ist gleichzeitig hinter einer Nebentür verschwunden.

»Ich bin noch bei der Toilette, – komme aber sofort! Bitte, tritt ein und mach' es dir bequem!«

Welch ein Jubel, welch ein glückseliger Triumph klingt durch ihre Stimme.

Götz lacht und antwortet voll alten Übermuts. Die Luft, die durch diese Räume weht, scheucht auch das letzte Wölkchen von seiner Stirn.

Nur wenige Minuten vergehen, dann rauscht die Portiere, und Lou fliegt ihrem Freunde stürmisch um den Hals.

Sie trägt ein sehr schickes dunkelblaues Reitkleid, die krausen Haare sind, wie zu allen Proben, nur leicht und nachlässig im Nacken geknotet, aber auch das gibt einen gewissen Reiz.

»Hast du dich auch nicht allzu scharf hier umgesehen?« lacht sie ein wenig unsicher. »Ich hatte noch keine Zeit, aufzuräumen und Staub zu wischen! Habe heute nacht geschwärmt und infolgedessen zu lange geschlafen!«

»Geschwärmt?!«

Sie zieht seinen drohend erhobenen Finger schelmisch herab.

»O, in aller Ehrbarkeit, Monsieur! Wir haben den Geburtstag Mister Swards, des neuen Trapezkünstlers, gefeiert! Beinahe wäre sogar der Alte anwesend gewesen, aber sein Enkel hat die Masern, und da saß der Narr am Bettchen und hielt Nachtwache, – weißt ja, er ist Gefühlsmensch! Die Peitschen und die Enkel, die füllen sein Leben aus! – Und nun setz' dich zu mir, frühstücke ein wenig und erzähle, was du bei deiner lieben Stiefmama solltest!«

Sie setzt eine Flasche und Gläser auf den Tisch, holt die Dose mit Gates und drückt ihn in einen Sessel nieder, derweil sie selber mit übergeschlagenem Bein auf der Lehne sitzt, den Arm um seinen Nacken schlingt und ihn erwartungsvoll anblickt.

Über sein lachendes Gesicht fliegt wieder der Schatten, der es seit dem gestrigen Abend verdunkelt hat.

Er streicht den kleinen Schnurrbart nervös empor, daß der herrliche Solitär an seinem Finger bunte Funkengarben sprüht.

»Du hast ein erstaunliches prophetisches Talent, Lou!« sagt er leichthin. »Alles, was du vorausgesagt, ist eingetroffen! Als ich ankam, ereignete sich erst eine ganze Weile gar nichts, – dann ward ich aus meiner Isolierzelle vor das elterliche Tribunal geschleppt, – ein hochnotpeinliches Halsgericht über den verlorenen Sohn folgte – auf der einen Seite das Halseisen, auf der anderen eine züchtige Jungfrau mit holdverschämten Wangen, – ich sollte wählen!«

Lou lacht hell auf, aber es klingt etwas gezwungen, und ihr Blick, mit welchem sie den Spötter neben sich fixiert, hat etwas Scharfes und Lauerndes. »Nun? Und was tat der Herkules am Scheidewege?«

Götz zuckte die Achseln. »Er dinierte in stummem Tête-à-tête mit der Nichterwählten seines Herzens, schrieb ein paar Zeilen an den Papa und ›eilte geschwind‹, den Schnellzug zu erreichen. – Le voilà!«

Lou sah gegen ihren Willen etwas ernst aus und atmete schneller als sonst.

»Also regelrechten Krach?!«

Der junge Graf nickte mechanisch. »Nach allen Regeln der Kunst!«

»Hm … Und was wird nun?«

Er lachte scharf auf. »Ich habe dich, Herzliebchen, und ›Bahn frei‹ für hier und Amerika!«

Ihr Gesicht ward selbst unter der Schminke blaß.

»Was heißt das? – Hat dich der Alte etwa an die Luft gesetzt?«

»Nein! Die frische Luft wählte ich mir selbst!« zuckte Götz sarkastisch die Achseln, – »eine gute Brise, welche in die Segel meines Lebensschiffleins stößt und dasselbe hoffentlich recht flott macht!«

»Sprich doch deutlicher!«

»Verstehst du es noch nicht? – Ich bin ein verstoßener Sohn, bin enterbt, meiner Mittel und Titel für immer verlustig.«

Ein leiser Aufschrei. Man wußte nicht recht, war es Zorn, Enttäuschung oder Überraschung.

»Unerhört! Ist dein Alter toll und verrückt geworden, so etwas zu tun?«

Götz zuckte voll Galgenhumor die Achseln. »Das dürfte wohl eher mein Vater von mir fragen!«

Lou sprang von der Stuhllehne herab und schritt aufgeregt im Zimmer auf und nieder.

»So etwas ist himmelschreiend, ist empörend! Wie kann und darf dein Vater einen erwachsenen, beinahe volljährigen Sohn derart behandeln! Hast du nicht das volle Recht, dir dein Lebensglück selbst zu gestalten, dir ein Weib zu wählen, welches du liebst und nicht dein Alter? – O, solch eine Tyrannei ist gar nicht für möglich zu halten!«

»Es passieren oft die unglaublichsten Dinge, wie du siehst!«

Götz schenkte sich gelassen ein Glas Wein ein.

Lou aber stand momentan am Fenster still und krampfte die Hände zusammen. Ihr Gesicht spiegelte die stürmenden Gedanken, die hinter ihrer Stirn kreisten.

Plötzlich lachte sie wieder hell auf, trat zu dem jungen Mann heran und legte ihre Hand mit leichtem Schlag auf seine Schulter.

»Hallo! – Kopf hoch! Die ganze Sache ist ja eine Farce! – Blauer Dunst! Haha! Nichts als blauer Dunst!«

»Du glaubst?«

»Ja, ich glaube! Ein Schreckschuß, um den widerspenstigen Sohn gefügig zu machen! Nichts als eine leere Drohung, welche dich einschüchtern soll! Bah! Man kennt doch schließlich auch das Gesetz und weiß, daß ein Vater gar kein Recht hat, ohne schwerwiegende Gründe einen Sohn zu enterben! Das Pflichtteil muß er dir auf alle Fälle geben, auf alle Fälle! Nun heißt es nur, standhaft bleiben, nicht gleich die Büchse in das Korn werfen! Wenn deine Alten sehen, daß es dir heiliger Ernst ist mit deinem Entschluß, dann werden sie schon klein beigeben und wieder einlenken! – Nun dreh' 'mal den Spieß um, mein Junge! Hungre du 'mal die Festung aus! – Jetzt durch! – Mag es kosten, was es will! Bah! Ein Mann wie du verhungert nicht!«

»Ganz meine Ansicht, – ich beabsichtige auch keineswegs, in das Joch zurückzukehren!«

»Sei klug und benutze deinen Kredit so lange, als der Bruch zwischen dir und deinen Eltern noch nicht bekannt geworden ist! Wenn du heute quer schreibst, pumpt dir noch jedweder Wucherer jede Summe, die du willst! Das wäre eine famose kleine Revanche für deinen filzigen Alten!«

Es lag etwas Rohes, Brutales in ihrer Stimme, aber Götz hörte nur die Worte selbst, nicht ihren Klang!

Mit großen Augen starrte er sie an. »Pfui!« sagte er kurz.

Sie lachte. »So penibel? – Na ja, du steckst noch in der Uniform, – da kommt dir solch ein Vorschlag komisch vor. Lat bee! – Was gedenkst du denn zu tun, mein Freund? Hast du schon Pläne für deine Zukunft geschmiedet?«

Sein Kopf sank nachdenklich auf die Brust.

»Ich will Zirkusreiter werden!« sagte er kurz.

Sie wich überrascht zurück. Ihr Blick schillerte.

»Zirkusreiter?« fragte sie gedehnt.

Er entwickelte ihr mit kurzen Worten seine Idee, – sein Hab und Gut zu verkaufen und ein Engagement als Schulreiter im Ausland zu suchen. »Glaubst du, daß ich es bald finde?«

Sie schaute momentan starr vor sich hin, dann sah sie auf. Der schnelle Blick, welcher ihn streifte, hatte etwas Lauerndes.

»O, gewiß! Warum nicht. Ich werde dir gern mit all meinen Erfahrungen zur Seite stehen. Am besten ist es, du sprichst 'mal im Vertrauen mit Sontini, der weiß Bescheid.«

Götz schlang plötzlich den Arm voll Leidenschaft um den schmiegsamen Körper der Heilerin. Seine Stimmungen wechselten wie Aprilwetter, und jetzt strahlte wieder toller, waghalsiger Übermut aus seinen Augen.

»Lou,« rief er feurig, »um deinetwillen habe ich alles aufgegeben, was sonst einem Mann lieb und teuer ist, – um deinetwillen will ich den Kampf um das Dasein, um das Glück aufnehmen, – du hörst es! Hast du denn gar kein Wort des Lobes, hast du gar keinen Lohn für mich?«

Sie lachte, umschlang ihn und küßte seine Lippen ein wenig widerwillig und zögernd, – und ihr Mund brannte nicht so heiß wie sonst.

»Und ob ich es dir danke!« flüsterte sie. »Nur glaube ich noch nicht recht an diesen ganzen Wandel, – ich bin etwas mißtrauisch, mein Freund, und möchte erst Taten sehen!«

Er lacht noch lauter als sie. »O, du kluge Schlange! Deine Zweifel sollen bald gestillt werden! – Lou, denkst du unsrer Abschiedsstunde, – denkst du an deine Verheißungen? – Lou, hast du mich lieb?«

Sie befreite sich hastig aus seinem Arm und sah nach der Uhr.

»Um alles in der Welt, wir verplaudern ja meine Probe! Es ist die höchste Zeit, daß ich an die Arbeit komme!«

»Und heute abend?!« flehte er mit unwiderstehlichem Blick.

Sie raffte den Hut vom Stuhl. »Komm, ich werde dich erwarten!«

XIX.

Während Götz nachdenklich nach Hause ging und abermals ein wenig verstimmt war, daß seine sensationelle Nachricht gar nicht den Eindruck auf Lou gemacht, welchen er erwartet – ihr Entzücken über sein großes Opfer schien weniger lebhaft als ihre zornige und etwas rachsüchtige Erregung über seine ungerechten Eltern – stürmte die Reiterin nach dem Zirkus, um heute recht zerstreut und noch viel übellauniger als sonst ihre Exerzitien zu machen.

Die Gedanken wirbelten ihr wie ein aufgescheuchter Mückenschwarm hinter der zornig gefurchten Stirn.

Hatte sie darum ein Vierteljahr ihres Lebens geopfert, die schönen Tage und Nächte in Sack und Asche, solide wie eine Nonne, vertrauert, um es als einzigen Erfolg zu erleben, daß ihr Erwählter enterbt und verstoßen sich als mittel- und titelloser Vagabund an ihre Fersen heftete?

Nein, das war wahrlich nicht der »Zweck der Übung« gewesen!

Immer das alte Lied!

Wenn der Sohn glücklich gewonnen und im Begriff steht, den Weg nach dem Standesamt einzuschlagen, kommen die lieben Eltern und machen einen Strich durch die Rechnung. Oder sollte das Ganze nur ein schlauer Trick sein, um die unbequeme Liebhaberin selber zum Rückzug zu zwingen?

Ist es Götz vielleicht selber langweilig geworden, ersann er das Märchen von dem enterbten Sohn, um seine Beziehungen bequemer lösen zu können?

Nein – er war ja durch nichts an sie gebunden, hatte keinerlei Verpflichtungen gegen sie zu erfüllen!

Wenn ihm die Freundschaft mit der Artistin nicht mehr behagte, konnte er ja einfach wegbleiben!

Außerdem hat er heute morgen schon tatsächlich den Abschied eingereicht, das konnte kein Schwindel sein, denn so etwas erfährt man schließlich, ob ein Offizier geht oder bleibt.

Nein, es wird wohl eine infame Tatsache sein, daß die Eltern mit Feuer und Schwert vorgehen wollen, um eine verhaßte Mesalliance des Sohnes zu verhüten.

Man kennt ja den Hochmut einer solch gräflichen Sippe, die sich auf ihren Geldsäcken bläht und sich wie die Fürsten aufspielt! O, wie haßt Lou diese unbekannten »Alten«, wie lechzt sie danach, sich an ihnen zu rächen. Wenn sie Götz durch ihr schroffes Vorgehen nur mürbe machen und aushungern wollen, daß er als reuiger Sünder schließlich doch zurückkehren soll, so wird sie ihnen das gründlich versalzen.

Hinab soll der Herr Graf, so tief hinab, daß kein Emporkommen mehr möglich ist!

Wenn er erst Zirkusreiter geworden ist, dann hat er ja den ersten Schritt dazu getan!

Lou beißt voll wütenden Ingrimms die Zähne zusammen.

Narr, einfältiger Narr, der er ist!

Dieses erbärmliche Vagabundenleben voll Arbeit, Hetzerei und Schinderei, welches sie bis auf den Tod haßt und um jeden Preis von sich werfen möchte, um die goldene, menschenwürdige Freiheit zu erlangen, das ladet er freiwillig auf sich!

Das zieht er dem Glanz und der Pracht eines Majoratsherrndaseins vor!

O, die kleine Reiterin möchte auflachen, wenn ihr nicht die Kehle wie zugeschnürt wäre!

Aber halt … welch ein Gedanke blitzt ihr da auf!

Majoratsherr!

Kann denn ein Majoratsherr überhaupt enterbt werden?

Baut Götz vielleicht nur auf ihre Unwissenheit, um ihr einen kleinen Zank mit den Eltern in den schwärzesten Farben zu malen? Er ist ein sinnlos heftiger Trotzkopf, er hat längst einen unerklärlichen Hang zum Zirkusleben gehabt … Benutzte er vielleicht einen ganz harmlosen Zwist mit den Eltern, um Knall und Fall den Dienst zu quittieren und ein bißchen den Globetrotter zu spielen?

Ähnlich sieht es ihm!

Und für das Heiraten hat er nie viel Passion gehabt.

Hält Lou ihn für tatsächlich enterbt, wird sie sich hüten, noch auf eine Ehe mit dem Monsieur Habenichts zu dringen, er amüsiert sich mit ihr und nascht an verbotenen Früchten, ohne sich im mindesten zu engagieren, und wenn er die Künstlerlaufbahn satt hat, kehrt er heim und setzt sich wieder zwischen den Dukatensäcken behaglich zur Ruhe, denn sein Majorat kann ihm nicht genommen werden!

Ist dies vielleicht das schlaue Schachspiel, das kecke Tänzlein, welches der Herr Graf mit ihr wagen will?

Hallo! Dann hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht und soll sich rettungslos in seinem eigenen Garn fangen!

Mademoiselle Lou lacht plötzlich scharf auf. Sie hat ihren Humor wiedergefunden.

Daß sie auch nicht sofort an das Majorat gedacht hat!

Vorsicht ist jedoch auf alle Fälle nütze.

Sie ist kein Backfisch mehr, welcher noch mit selig vertrauendem Gemüt Vermutungen für Tatsachen nimmt, sie ist eine zielbewußte Künstlerin, welche die Kunst satt hat und keinen Einsatz mehr wagt, wenn keine Gewinnchancen mehr da sind!

Fräulein Lou wird sich an maßgebender Stelle vergewissern, wie es um das Enterben eines Majoratsherrn steht, und dann wird sie handeln.

Hat Götz auf ihre Naivetät spekuliert – gut, so wird sie die Naive spielen, daß ihm die Augen übergehen sollen, daß er erst wieder klar sieht, wenn ihm das Eheringlein am Finger blinkt; ist es aber Tatsache, daß er über Nacht ein verstoßener und enterbter Sohn, ein Landstreicher ohne Geld und ohne Namen geworden ist, dann ade, du ideale Freundschaft!

Eine Lou kennt weder Rücksicht, noch Freundschaft, noch Dankbarkeit, und ein Verehrer, welcher nichts mehr nützen kann, sondern nur als Klotz am Bein mitgeschleppt sein will, den schüttelt sie ab und wirft ihn beiseite wie eine ausgepreßte Zitrone. Die Reiterin beendete voll aufgeregter Hast ihre Probe, hatte weder Wort noch Gruß für die Kollegen, welche schwatzend im Stallgang standen, und stürmte auf die Straße, eine Droschke zu erreichen.

Durch einen Zufall hatte sie erfahren, wo Götz in letzter Zeit öfters Geld gegen Wechsel erhoben hatte.

Herr Moses Feilchenfeld wußte sicher am besten Bescheid über die Vermögensverhältnisse des Grafen Abensberg.

Der Kutscher fuhr flott zu, und nach kurzer Zeit klopfte Fräulein Lou an die Kontortür, um gleich darauf, ohne ein »Herein« abzuwarten, vor Moses Feilchenfeld zu stehen.

Der kleine, etwas verwachsene alte Herr saß auf dem hohen Drehstuhl vor seinem Schreibpult und wandte das gelbe, krankhaft hagere Gesicht ein wenig überrascht der allerliebsten neuen Kundin zu.

Dann glitt er höflich von seinem erhabenen Sitz herab, zog den Schreibärmel herunter und fragte mit beinahe feierlichem Ernst nach den Wünschen der jungen Dame.

Die Reiterin nickte ihm mit ihrem reizendsten Manegelächeln zu. »Herr Feilchenfeld?« Und als er durch eine etwas unbeholfene Verbeugung bejahte, streifte ihr Blick den seitwärts sitzenden Schreiber, welcher sie anstarrte wie eine Vision, und sie fragte zögernd: »Kann ich Sie in diskreter Angelegenheit wohl einen Augenblick allein sprechen?«

Herr Feilchenfeld sah noch ein wenig erstaunter aus, dienerte abermals und öffnete eine schmale Seitentür, welche in ein kleines, düsteres, nicht allzu elegantes Zimmer führte, dessen ganzes Aussehen es auf den ersten Blick verriet, daß sein Besitzer ein Junggeselle war und weder Zeit noch Sinn für Äußerlichkeiten hatte.

Er rückte Fräulein Lou einen etwas defekten Lederstuhl herzu und blickte sie erwartungsvoll an.

»Sie kennen den Leutnant Graf Abensberg, Herr Feilchenfeld?«

Durch die grauen, tiefliegenden Augen des kleinen Mannes ging ein jähes Aufblitzen. Er verneigte sich in stummer Bejahung.

»Kennen Sie auch seine Familienverhältnisse?«

»Wie heißt ›kennen‹, mein Fräulein! Ich weiß, daß er einen Vater und eine Frau Stiefmutter hat!«

»Und sein Vermögen?«

»Dürfte wohl 'ne diskrete Sache sein!«

Lou streckte ihm die kleine Hand in dem eleganten Schwedenleder entgegen.

»Ich bitte, seien Sie offen, Verehrtester, so offen, wie ich es auch zu Ihnen sein werde. Es handelt sich um mein ganzes Lebensglück, um meine Zukunft, bester Herr Feilchenfeld! Kennen Sie mich?«

»Habe nicht die Ehre!«

»Ich bin Mademoiselle Lou, Forcereiterin bei Sontini! Graf Götz Abensberg ist mein Freund, Sie verstehen…«

Der kleine Geschäftsmann lächelte. »Ah, da kann man gratulieren, Fräulein! Der Graf ist ein feiner Herr… ist ein splendider Herr!«

»Er war es, Monsieur! Ob er es auch noch ferner sein wird…«

»Haben Sie gebrochen mit ihm?!«

»Das nicht. Aber er hat Malheur gehabt. Sie wissen, daß es Grafeneltern nicht gern sehen, wenn ihr Sohn eine Artistin heiraten will…«

»Heiraten?«

»Ja, Götz hat die reellsten Absichten. Um sich mit den Alten auszusprechen, fuhr er vorgestern heim. Na, es hat einen gewaltigen Krach gegeben, und weil der brave Junge nicht von mir lassen wollte, haben sie ihn verstoßen und enterbt!«

Herr Feilchenfeld sah aus, als ob solche Eröffnungen zu seinem täglichen Brot gehörten, er lächelte nur ganz seltsam.

»Was Se sagen! Hat aber doch der Alte bezahlt die Rückstände des Herrn Sohnes heute morgen noch bei Heller und Pfennig!«

Lou horchte hoch auf.

»Ah! Tatsächlich? Nun, dann bin ich überzeugt, daß alles nur blinder Lärm war!«

»Glaub' ich selber! Gott der Gerechte – wird sich so ein feiner Herr doch zehnmal besinnen, ob er soll machen so 'n Skandal vor der Welt und verstoßen den Sohn!«

»Graf Götz ist der älteste Sohn, er ist Majoratsherr! Sagen Sie, Herr Feilchenfeld – kann ein Majoratsherr überhaupt enterbt werden? Sie wissen doch sicher in solchen Eingen Bescheid!«

Der Gefragte lächelte noch immer so seltsam und strich sich nachdenklich über den kahlen Kopf.

»Wie wird man können enterben einen Majoratsherrn!« sagte er leise. »Können s'n stellen unter Kuratel – kann der Herr Vater ihm verweigern alle Zulage und jede Unterstützung, so lange er lebt, der alte Herr – wenn 'r aber wird sterben, fällt der Besitz an den Ältesten, ob 'r nun is ein Leitnant – oder is weggelaufen und geworden 'n Kellner … Ob 'r sitzt in Deutschland oder in Amerika – is der Herr Vater tot, gehört ihm das Majorat – und wenn 'r soll gestraft werden, können se ihm höchstens entziehen das Privatvermögen, oder die Stiefmutter das ihre!«

»Ah, dachte ich es doch!« – rief Lou atemlos, mit aufblitzenden Augen. »Man wird ihn also ein paar Jahre darben lassen …«

»Wie kann der alte Graf lassen darben einen Sohn bei der Gardekavallerie!«

»Götz hat heute den Abschied eingereicht!«

Zum erstenmal schaute Moses Feilchenfeld etwas betroffen auf.

»Hat'r das?«

»In vollem Ernst!«

»Wird 'r haben ein paar Jahr den Dalles! Wird er aber doch sein kein Narr und geben klein bei, wenn 'r is verliebt ins Fraileinchen und will Se heiraten. – Der Graf is 'n alter, is 'n kranker Wann … kann mer nicht wissen, wie sich alles ändert über Nacht? Und wenn 'r sieht, der alte Herr, daß doch die Heirat is geschehn, wird er doch nicht wollen im Unfrieden sterben! Das hat mer oft erlebt – die Alten sind schwächer als die Jungen, und wenn se sehn, daß es doch nichts hilft, dann geben se nach!«

»Sie glauben also wirklich, Herr Feilchenfeld, daß Graf Götz nach dem Tode des Vaters wieder ein reicher Mann wird?«

»Wenn der junge Graf jetzt wollte kommen und mir abborgen an de dreißigtausend Mark – da sind se! – Er hat se! – Er kriegt se! Weiß ich doch, daß es is kein verlorenes Geld! And wenn Se sind gewesen im Zweifel, Fraileinchen, ob Se 'n sollen heiraten oder nicht – dann kann ich nur sagen: Tun Se 's, nehmen Se 'n! Se machen ein Geschäft! Wenn Se zuerst auch nicht liegen gebettet auf Rosen – warten Se 's ab. – Die Zeit vergeht … und der Herr Vater is 'n alter Mann. Sind Se eines Tages die Frau Gräfin, und 'ne steinreiche dazu, werden Se sagen: Der Moses Feilchenfeld hat recht gehabt!«

Lou war aufgesprungen und reichte mit glühenden Wangen dem Sprecher beide Hände hin.

»Wenn ich's erlebe, soll's nicht Ihr Schaden sein, mon ami! Aber bis dahin« – sie lächelte ihm bedeutsam zu und legte den Finger auf den Mund – »Diskretion! – Sie wissen, die jungen verliebten Männer sind wunderlich und können es nicht begreifen, wenn wir Mädchen nicht mit blinden Augen in ihre Arme laufen wollen! Wenn Götz erführe, daß ich mich bei Ihnen nach seinen Verhältnissen erkundigte, würde es der geniale Schwärmer wie ein Verbrechen an der Liebe erachten! Ich bin ja auch keine berechnende Natur – daß man aber nicht blind in sein Schicksal hineinrennen möchte, das werden Sie mir nachfühlen können!«

Moses Feilchenfeld nickte, und diesmal hatte sein Lächeln etwas Sarkastisches.

»Und ob ich es Ihnen kann nachfühlen! – Hab' ich nie gehalten die Ehe für etwas anderes als ein Geschäft, – 'n schlechtes oder 'n gutes, wie mer's trefft! – Der eine geht Pleite derbei, der andere wird'n gemachter Mann, – so wie's einschlagt. – Wünsche Ihnen, daß Se möchten machen bei Ihrem Geschäft 'n großen Profit, mein Fraileinchen! Ihr Herr Braitigam is 'n ansehnlicher Mann, – is 'n schöner Mann – und sein Geld liegt ihm sicher, – hat 'r Glück, kriegt er sein Erbe bald! – Ergebenster Diener, mein Frailein!

Beehren Se mich bald wieder!«

Mit hochroten Wangen betrat Fräulein Lou wieder die Straße.

Ihre Augen blitzten Triumph und sie trug das Köpfchen so stolz und selbstbewußt auf den Schultern, als sei sie schon jetzt die reiche Gräfin Abensberg, welche nach längerem Kampfe doch endlich zu strahlendem Sieg gelangte.

Also es war Tatsache!

Götz hatte sie ein wenig hinters Licht geführt, hatte sie »graulig« machen wollen.

Sein Majorat, seine Titel und Mittel wurden ihm für einige Zeit entzogen, konnten ihm aber niemals endgültig genommen werden.

Nun hatte Lou ihn völlig in der Hand.

Der glänzend dotierte Offizier, welcher so sicher auf eigenen Füßen stand, war ein Goldfisch gewesen, welcher sich glatt und geschmeidig den Händen entwand, welche ihn greifen wollten.

Nun kommt eine hohe Flut und schleudert ihn aus seinem sicheren Bassin heraus, in trübe, hochgehende Wogen.

Da sieht er nicht mehr die Netze und Angeln, denn der arme Goldfisch ist ein gehetztes Wild, ein Kämpfer um Leben und Existenz geworden, er beißt gierig zu, wenn sich seinem Hunger eine schillernde Fliege zeigt.

Ob sie ein Köder ist? Er überlegt es nicht mehr.

Mademoiselle Lou stürmt durch die belebten Straßen und schaut nicht rechts noch links, sie schmiedet ihre Pläne.

Vor allen Dingen will sie wieder gutmachen, was sie gestern abend im ersten Schreck versäumt hat, – möglicherweise hat Götz ihre kühle Zurückhaltung unangenehm empfunden.

Alsdann muß sie dafür sorgen, daß der junge Graf in ihrer Nähe bleibt. Sie darf ihn nicht aus den Fingern verlieren und muß an ein und demselben Zirkus mit ihm ein Engagement annehmen. Eine Artistin, welche bei Sontini so viel Erfolg hatte, findet das überall, – hübsche Forcereiterinnen sind rar wie die Schwalben im Winter.

Ferner muß sie alles aufbieten, größten Einfluß auf den spröden und trotzigen jungen Mann zu gewinnen.

Sie muß suchen, ihn auf jede Weise zu verpflichten.

Vor allen Dingen muß sie ihn mit Geld unterstützen – und dazu wird ihr wohl mehr Gelegenheit werden, als ihr lieb ist. Je tiefer Götz bei ihr in der Kreide sitzt, desto besser.

Sein Schuldschein gegen den Eheschein!

Nur durch das Ringlein kann er sich bei ihr loskaufen.

Dabei machen sie beide ein gutes Geschäft.

Lou wird selbstverständlich die Rolle der Naiven spielen, welche keine Ahnung davon hat, daß ein Majoratsherr nicht zu enterben ist.

Sie wird den guten Jungen bei dem Glauben erhalten, daß sie in ihm nur den völlig mittellosen, enterbten Sohn sieht, welchen sie dennoch liebt, voll treuer, selbstloser Aufopferung.

Das würde ihn rühren und seine Wirkung nicht verfehlen!

Lou lacht leise und spöttisch auf.

Sie triumphiert.

Ihre Hand krampft sich so fest zusammen, als halte sie schon jetzt das gefangene Vöglein darin.

Nach seiner zwiefachen Enttäuschung war Götz doppelt überrascht, bei seinem nächsten Wiedersehen in Fräulein Lou eine geradezu – leidenschaftlich-zärtliche und warmherzige Freundin zu finden, ein Weib, welches voll Begeisterung bereit war, ihre Lebenswege mit den seinen zu verschlingen, um ihm jederzeit mit Rat, Tat und Hilfe nahe sein zu können.

Alle Sorgen wollte sie ihm fernhalten, seine künstlerische Laufbahn nach Kräften ebnen und ihm helfen, baldmöglichst ein schönes und hohes Ziel zu erreichen.

Götz war in der Tat aufs äußerste betroffen von dieser opfermutigen Freundschaft und Zärtlichkeit, und tat der Kleinen im Grunde seines Herzens aufrichtige Abbitte, daß er sie trotz all ihrer phantastischen Eigenart doch für eine durchaus kalte und berechnende Natur gehalten.

Er war überzeugt gewesen, daß Lou danach strebte, ihn zu heiraten, um eine glänzende Partie zu tun, um als reiche Gräfin ein Leben zu führen, welches ihrem »arbeitsmüden« Sinn zusagte. Denn daß Lou im Grunde genommen träge und bequem war, glaubte er ebenfalls durchschaut zu haben.

Er hatte sich beide Male geirrt.

Es hätte nur eines Wortes von ihm bedurft, und die kleine Reiterin wäre jetzt ebenso gern und augenblicklich die Frau des völlig verarmten und verstoßenen Mannes geworden, ohne zu fragen, welch ein Los ihrer an seiner Seite harrte.

Lou liebte ihn wahr und wirklich – und diese so überraschend gewonnene Überzeugung war der erste, heiße Sonnenblitz der Glückseligkeit, welcher ihn auf dem neuen Lebenswege traf.

Auch faul und träge war Lou nicht, denn sie wollte voll Feuereifers mit ihm in das Ausland gehen und daselbst ein Engagement, selbst unter den schwierigsten Bedingungen, annehmen, um für ihn zu arbeiten und ihm seine Existenz zu sichern.

Wieviel ihm gerade jetzt ihre Fürsorge wert und dienlich war, sah er alle Tage mehr ein.

Lou hatte den sehr richtigen Gedanken, daß Götz eine vertrauliche Unterredung mit Sontini nachsuchen müsse, um den alten Herrn für sein Vorhaben, Schulreiter zu werden, zu interessieren und um seine sehr einflußreiche Protektion zu bitten. Dies geschah.

Nach längeren Bemühungen hatte Lou ihm eine Unterredung mit dem Altmeister ausgewirkt.

Der Direktor war ein sehr liebenswürdiger Mann, durchaus Kavalier, und nahm ein aufrichtiges Interesse an dem Schicksal des jungen Offiziers, welcher selbstredend das Opfer einer Stiefmutterintrige geworden war.

Sontini war aber auch ein sehr viel beschäftigter Mann, welchem gerade jetzt viel wichtige Dinge durch den Kopf gingen: seine Gastspieltournee, welche alsbald im Mai begonnen werden sollte, neue Repertoires und Engagements, ein eventueller Umbau des alten Zirkus gingen ihm gewaltig im Kopf herum und machten es ihm wünschenswert, die Schicksalsfäden dieses jungen Menschen in andere Hände hinüberzuspinnen.

Er hatte unlängst einen sehr trostlosen Brief von einem ehemaligen Kollegen und Freund aus London bekommen.

Mister Malburne war seinerzeit einer der besten, hervorragendsten Schulreiter gewesen, welchem man ehemals, in der »großen Zeit«, wie sie für jeden Artisten die sechziger Jahre bedeuten, in den ersten Zirkussen der Welt, bei Laisette, Renz, Mayer usw., zugejaucht hatte. Ein unglücklicher Sturz hatte den alternden Mann nunmehr zum Invaliden gemacht, so daß er nicht mehr als Reiter auftreten und verdienen konnte.

Er suchte seinen Lebensunterhalt nunmehr zu fristen, indem er Pferde dressierte und junge Eleven ausbildete.

Dieser Mister Malburne schien Herrn Sontini der geeignete Mann, an welchen er den jungen Grafen behufs seiner gründlichen Ausbildung weisen konnte.

Er fand bei Götz ungeteilte, stürmische Zustimmung.

Gerade London, – England, das Land alles Pferdesports, reizte den jungen Grafen ungemein, er fühlte sich dort tatsächlich in einer anderen Welt und war wohl sicher, daß wenige, fast keine Bekannten aus der Heimat dort seine Wege kreuzen würden. Denn wenn er erst in dem Häusermeer Londons untergetaucht und seine Spur für lange Zeit verwischt war, glaubte er an die errungene Freiheit, an das neue Leben, welches dort für ihn beginnen sollte.

Lou schmeichelte und bat so lange mit flehenden Worten, bis Sontini sich bereit erklärte, ihren Kontrakt zu lösen, und ihr ebenfalls eine gute Empfehlung an einen englischen Zirkus zu geben. Das Scheiden von der hübschen Reiterin fiel ihm nicht allzuschwer, denn wenn Fräulein Lou auch eine sehr beliebte Erscheinung bei dem Publikum gewesen, so waren ihre Erfolge in den Augen Sontinis doch nur sehr billige; durch die verächtlichsten Tricks und Mätzchen erkaufte, und um solch eine Reiterei zu goutieren, dazu war der alte Herr ein zu vornehm denkender Künstler, ein Artist, welchen noch die edle alte Schule gezeitigt und welcher selbst auf einen Kassenerfolg verzichtete, wenn derselbe auf Kosten der heiligen Kunst errungen ward.

So bereitete Götz in fliegender Eile alles zu seiner Abreise vor; er erzielte durch den Verkauf seiner Habseligkeiten zu seiner Überraschung kaum ein Viertel des Geldes, welches er dafür ausgegeben, und reiste, sowie seine dienstlichen Verpflichtungen gelöst waren, geradeswegs nach London ab.

Mademoiselle konnte ihm zu ihrem größten Kummer erst vierzehn Tage später folgen, aber sie hatte sich voll rührender Fürsorge erst überzeugt, daß ihr geliebter Freund für die erste Zeit ausreichend mit Geldmitteln versehen war.

Ein schriller Pfiff aus der Lokomotive – der Zug brauste davon in den hellen, leuchtenden Frühlingsmorgen hinein. Aber so sehr auch Götz empor in den Glanz und hinaus in die lockende, winkende Ebene blicken wollte, er sah nur die dunklen, schweren Rauchwolken, welche die Wagen einhüllten und von deren wallenden Trauerfahnen alles Licht und alle rosige Ferne trostlos verschlungen ward.

Vale patria!

XX.

Götz war in London eingetroffen und hatte unverzüglich seine Studien bei Mister Malburne begonnen. Er mußte darauf rechnen, ein Jahr lang sein Eleve zu sein.

Die Stunden waren für deutsche Begriffe enorm teuer, und zum erstenmal im Leben wunderte sich der junge Graf über einen hohen Preis, ja, zum allererstenmal saß er gedankenvoll und doch ein wenig besorgt vor seinem Portefeuille und berechnete seine Ausgaben.

In dem eleganten, ersten Hotel, in welchem er seiner Gewohnheit gemäß abgestiegen war, konnte er nach der ersten ungeheueren Rechnung, welche er erhalten, nicht bleiben. Er siedelte in ein bescheidenes möbliertes Zimmer über, in ein einziges, – denn er, der früher eine hochelegante Villenetage von sechs Zimmern bewohnt hatte, konnte sich jetzt den Luxus eines Salons und Schlafzimmers nicht mehr gestatten.

Auch mußte er es sehr bald aufgeben, in den ersten Restaurants zu speisen, denn auch deren Preise waren für sein kleines Vermögen unerschwinglich geworden.

Wunderlich! All diese gänzlich veränderten Verhältnisse!

Vor der Hand machten sie ihm noch Spaß, er fand sich mit einem gewissen grimmigen Behagen in die Rolle des »armen Heinrichs«, denn das Neue übt stets einen unwiderstehlichen Reiz auf leidenschaftliche Naturen aus. Außerdem ging es ihm verhältnismäßig noch recht gut, nach Begriff und Ansichten von viel tausend Menschen wohl beneidenswert gut.

Die Not kannte er nicht, sie stand ihm jetzt noch ebenso fern wie früher, und daß sie von Tag zu Tag näher rückte und erbarmungslos ihre dürren Finger nach dem verwöhnten Glückskind ausstreckte, sobald der letzte Heller seines Geldes durch die Finger gerollt war, das sah er weder ein, noch glaubte er an eine solche Möglichkeit, denn sowie seine Studien bei Mister Malburne vollendet, nahm er sofort ein Engagement an.

Dann war es mit Einschränken und Entbehren vorbei, dann begann das selige, schillernde Götterleben, wo es Lorbeer, Rosen und Dukaten in den Schoß regnet. So solide leben und für die alten Tage sparen, wie die kluge kleine Lou, würde er niemals!

So lange wie das Leben schön und sonnig war, wollte er leben, – ward es grau und trübe – nun, dann war es eben Zeit zum Sterben.

So berechnete Götz sein kleines Kapital und teilte es genau für die Zeit ein, welche er bei seinem alten Meister studieren mußte; er gab nicht einen Pfennig mehr aus, als er pro Tag zu verzehren hatte, aber er legte auch keinen Heller zurück, sondern verbrauchte ohne Skrupel, was er glaubte ausgeben zu dürfen.

Das war immerhin ein schönes, interessantes Leben.

Neues Land und neue Eindrücke, eigenartige Menschen, die amüsante Notwendigkeit, die englische Sprache zu erlernen, – dazu eine völlige Ungebundenheit, – was verlangte er vorläufig mehr!

Hatte er seine Reitstunden genommen, war er sein eigener Herr und konnte tun und lassen, was ihm beliebte.

Das war die unbeschreiblich schöne Genugtuung und von allen Vorzügen seines neuen Lebens der Hauptreiz, welcher ihm die Sinne wahrhaft berauschte.

Der einzige Schatten, welcher anfänglich in diese grelle Sonne fiel, waren die Reitstunden selber.

Mister Malburne, ein sehr pedantischer und echt »englisch« beanlagter alter Sonderling, erklärte dem jungen deutschen Kavallerieoffizier rundweg, daß er überhaupt nicht reiten könne.

Das Rumjuxen auf den Gäulen sei eben kein Reiten, und der militärische Drill das Todesurteil für alle künstlerische Feinheit der Manegendressur.

Götz hatte zuerst sehr beleidigt aufbrausen wollen, angesichts seiner etwas kritischen Lage zog er es jedoch vor, dem alten Bereiter nur durch eine höfliche Verbeugung zu antworten.

Und dann begann er mit den ersten, einfachsten Anfangsgründen den Unterricht.

Du lieber Himmel! Keinem Rekruten hätte er es daheim zugemutet, das Auf- und Absitzen derart bis zur Erschlaffung zu üben, wie er es jetzt notgedrungenerweise tat. Es kostet einem Mann, welcher sich Jahre hindurch für einen vortrefflichen und schneidigen Reiter gehalten hat, wohl eine namenlose Überwindung, all dieses Selbstbewußtsein zum alten Eisen zu werfen und noch einmal von vorne zu beginnen, – aber gerade hierbei zeigte es sich , daß Götz kein haltloser Durchgänger und Sausewind war,sondern eiserne Energie und Charakterfestigkeit besaß, etwas Begonnenes gewissenhaft durchzuführen.

Sehr angenehm berührte es ihn, daß Mister Malburne etwas durchaus Korrektes in seinem ganzen Wesen und Benehmen hatte und ihn stets als Kavalier und Gentleman behandelte.

Überhaupt hatte er wenig Zirkusallüren an sich, und der junge Graf lernte im Verkehr mit ihm den Artisten von seiner besten, aber leider auch seltensten Seite kennen.

Abensberg besaß viel Nachahmungstalent, und das kam ihm hier sehr zustatten.

Er kopierte seinen Meister aufs genaueste, und wie sich sein Kursus dem Ende näherte, hatte er die große Genugtuung, daß ihm der alte Meister der Hohen Schule voll außergewöhnlicher Herzlichkeit die Hand schüttelte und sprach:

»Es bleibt mir kaum noch etwas zu lehren! Sie haben viel gelernt, mein junger Freund, wohl ebensoviel, als ich selber ehemals leistete, als ich mir die Lorbeeren auf meinem Goldendream holte! Ich kann sie getrost in die Welt hinausschicken, die Leute werden sagen: ›Er reitet wie Malburne!‹«

Götz strahlte.

Mehr denn je hing ihm der Himmel voller Baßgeigen, und da just an diesem Tage Mademoiselle Lou mit ihrem Wanderzirkus zu einem längeren Gastspiel nach London kam, so ward das Wiedersehen voll übermütigsten Jubels und einer Opulenz gefeiert, welche dem sparsamen Götz ganz ungewohnt geworden war.

Mit Lou hatte er in sehr regem Briefwechsel gestanden; ein paarmal hatte ihn die kleine Kollegin auch von Oxford aus, woselbst sie zuerst Engagement gefunden, besucht.

Leider hatte Mister Carrie, ihr Prinzipal, momentan gar keine Verwendung für einen Schulreiter!

Lou erzählte es sehr ärgerlich und betrübt, und schlug dem Freunde vor, sowie er sich an einen Agenten, zwecks Stellung, wende, solle er es ihr sogleich mitteilen, auf daß auch sie sich bemühe, mit ihm zusammen ein Engagement zu finden!

Im Notfall könnten sie sich ja als Ehepaar ausgeben, welches nur gemeinschaftlich arbeiten wolle!

Sie machte ein recht erwartungsvolles Gesicht und sah den Freund scharf an bei diesem Vorschlag, Götz war aber etwas zerstreut und schien ihn überhört zu haben.

Er schrieb an einen Agenten, schickte seine Photographie ein und war überzeugt, daß er umgehend die glänzendsten Offerten erhalten werde.

Er täuschte sich.

Tag um Tag, Woche um Woche verging, ohne daß eine solche eintraf.

Der Agent zuckte mit seltsamem Lächeln die Achseln.

»Sie müssen Geduld haben, junger Mann!« sagte er gleichgültig. »Momentan ist es eine ungünstige Zeit, alle Fächer überfüllt! Aber im Herbst, zur Wintersaison, da läßt sich eher was machen, als jetzt, wo alle Unternehmen auf Gastspielreisen sind!«

Götz war einen Augenblick wie betäubt.

Geduld haben! Das ist schön gesagt!

Ein Mensch, der kein Geld hat, hat auch keine Geduld.

Seine Mittel waren in den nächsten Tagen erschöpft, und keine Aussicht vorhanden, Geld zu erhalten!

Zum erstenmal im Leben befand sich der verwöhnteste aller Garde-Kavallerieoffiziere vis-à-vis de rien!

Ein wunderliches Gefühl überkam ihn, eine Niedergeschlagenheit und bittere Mutlosigkeit, wie er sie nie zuvor gekannt.

Was sollte er anfangen, wenn sein Geld zu Ende war und kein Engagement erfolgte?

Ganz unwillkürlich streifte sein Blick den eleganten, eingelegten Pistolenkasten, welchen er, als Andenken an seinen Großvater, nicht verkauft, sondern mit sich genommen hatte.

Ein scharfes Jucken ging um seine Lippen.

Nein! Das wäre ein zu schnelles, ein allzu erbärmliches Ende!

Noch hat er den Kampf um das Dasein nicht aufgenommen, noch steht er an der Schwelle des neuen Lebens.

Erst will er sich mit Aufbietung aller Kräfte in die dunklen Wogen werfen und nach dem rettenden Ufer steuern!

Noch sollen sie daheim nicht über den schlappen, energielosen Burschen spotten, der den Mut hatte, sein Geld von sich zu werfen, aber nicht den starken Willen besaß, auch ohne dasselbe sich durchzuschlagen!

Götz biß die Zähne zusammen und hob mit aufblitzenden Augen den Kopf.

Er hat zwei Fäuste, er wird arbeiten.

Zu seiner Überraschung trat in diesem Augenblick Lou bei ihm ein, zu ganz ungewohnter Stunde.

»Ich habe Appetit auf Austern,« lachte sie; »komm mit zu Dawson, er hat die besten Nativs!«

Er lächelte bitter.

»Unmöglich, meine Teuerste!«

»Nein? Was hast du?« – Sie trat näher und zog den ärgerlich Widerstrebenden an das Fenster, ihm prüfend in das sehr blasse Gesicht zu sehen. Dann flog ihr Blick nach dem Tisch, wo sein Portefeuille noch aufgeschlagen lag.

»Ah – du sitzest trocken? Alles futsch, poor boy?, und darum deine Entsagung? Nun, so lange ich da bin, brauchst du dich doch nicht um ein paar Goldkröten zu grämen! Weißt ja, daß ich brillante Gage beziehe… Na, und was mein ist, ist auch dein! Also los! Du bist mein Gast! Komm mit!«

Er schüttelte finster den Kopf. »Laß mich, Lou! Ich bin nicht in der Stimmung! Ich komme soeben von dem Ungeheuer, dem Agenten!«

»Aha – ist Essig mit einem Engagement? Dachte es mir schon – faule Zeiten jetzt. Na aber, um so besser! Dann hast du Zeit, mein Kavalier zu sein! Ich sage es dir ja, ich habe genug für uns beide! Wenn du Geld willst, sag's nur! Heute abend schicke ich dir ein paar bunte Lappen, habe jetzt nur gerade fürs Diner bei mir. Also sei kein Frosch und komm mit! Wir wollen lustig sein!«

Götz war dunkelrot geworden. Sein ganzer Stolz bäumte sich auf bei dem Gedanken, ein Weib, eine Artistin anzuborgen oder um Unterstützung zu bitten.

»Ich ertrage den Gedanken nicht, ohne Arbeit, ohne Beschäftigung zu sein!« rief er heftig. «Ehe ich nicht selber Geld verdienen und die Austern bezahlen kann, esse ich keine!«

Sie maß ihn mit zwinkerndem Blick. »Wenn es dir nur um Arbeit zu tun ist – na, die findest du auch bei Carrie, wenn ich mich für dich verwende! Du darfst nur nicht wählerisch sein, mußt ordentlich zufassen und von der Pike auf beginnen!«

»Es soll mir alles recht sein! Wenn ich nur ein paar Schilling verdienen kann!«

Sie warf sich auf das Sofa und lacht noch mehr.

»Närrischer Kauz! Beim Himmel; solche Originale, solche Arbeitswüteriche wie du, gibt es nicht viele! Also ich verspreche es dir, für Arbeit für dich zu sorgen, aber dafür gehst du jetzt mit mir!«.

Sein Auge hatte aufgeleuchtet, er zog ihre Hand an die Lippen. »Ich würde dir unaussprechlich dankbar sein, Lou, wenn du dich bei Carrie für mich verwendetest! Es würde mir eine wahrhafte Wohltat sein, Beschäftigung zu finden, das Bewußtsein zu haben, etwas zu leisten und zu verdienen! Mitgehen werde ich selbstredend, um dein Kavalier zu sein, aber – aber Austern esse ich nicht!«

Sie machte ihm einen schelmischen, etwas ironischen Knicks. »
Well, dann sieh' zu, wie sie mir schmecken, ich sehe, du bist ein Mann von Grundsätzen.«

Wahrlich, so sehr sich die Reiterin auch im stillen wunderte – Götz aß sehr gelassen ein belegtes Brot und war auch durch den lockenden Anblick der Austernplatte nicht zu bewegen, seiner Freundin Mahl zu teilen.

Lou schalt, spottete, zürnte – alles vergeblich. Schließlich schob sie die Nativs zurück und aß ihm zur Gesellschaft auch nur Butterbrot. Das fand er rührend, und er war auch so heiter und unterhaltend wie möglich, aber der finstere Schatten von seiner Stirn wollte nicht weichen.

Als Lou nach Hause, in ihr elegantes Hotelzimmer kam, dehnte sie sehr wohlzufrieden die Arme. Der Zeitpunkt, auf welchen sie so ungeduldig gewartet, war gekommen. Götz in Geldverlegenheit!

Das war der Moment, wo ihre Aussaat, welche so reiche Ernte bringen sollte, beginnen mußte. Bah! Noch wehrt sich der Narr aus angeborener Ritterlichkeit, eine Dame anzuborgen, denn noch sitzt ihm das Messer nicht an der Kehle!

Wenn er erst einmal geschmeckt hat, wie bitter Hunger und Not sind, dann läßt er die alten Schrullen und Vorurteile beiseite und nimmt die Dukaten, wo er sie kriegen kann. Lou lacht hart auf. Auch diese Zeit wird kommen! Was in ihren Kräften steht, ist geschehen, um den jungen Grafen rettungslos und willenlos in ihre Hand zu spielen.

Der Agent ist ihr Werkzeug, er amüsiert sich über ihre kleinen Intrigen, hilft ihr und verschafft dem tatendurstigen Grafen – kein Engagement. Auch Carrie steht unter dem Bann ihrer dunklen Hexenaugen und wird dem anspruchsvollen Schulreiter höchstens eine ganz gemeine Stallknechtstellung anbieten.

Das wird ihn klein, gefügig und – hungrig machen. Dann werden Lous kleine, weiche Hände der Strohhalm sein, an den sich der Ertrinkende klammert.

Lou lacht noch immer; erst, als sie die Blumensträuße und zarten Billets, ja, ein Etui mit funkelndem Ring auf dem Tisch entdeckt, bewölkt sich ihr Antlitz ein wenig.

Es war bisher wahrlich nicht leicht für sie, all die reichen, generösen Verehrer abzuweisen, sie tat es aus Klugheit, um Götz keinen Grund zu geben, ihr den Titel einer Gräfin verweigern zu können. Und darum muß sie es auch fernerhin tun.

Aber diese unfreiwillige Tugend ist ihr ebenso langweilig, wie verhaßt, und sie wird von Tag zu Tag ungeduldiger, endlich den Lohn für all die Opfer, die sie schon gebracht, einzuheimsen.

Eifersüchtig ist ja Abensberg nicht, aber dafür desto anspruchsvoller betreffs Ruf und Ehre seiner Zukünftigen.

Schon am nächsten Tag suchte Götz den Direktor Carrie auf, da Lou ihm mitgeteilt, daß sie nach grenzenloser Mühe etwas für ihn erwirkt habe.

Es war zur Zeit der Probe.

Wieder flutete das bunte, lebhafte Treiben durch den Stallgang, nur nicht so strahlend lustig und übermütig, wie Götz es ehemals, wenn er auf Lou wartete, kennengelernt.

Ein meist recht rüdes Hasten, Stoßen, Schreien und Schimpfen – übellaunige oder gleichgültig träge Weiber, brutale Reiter und scheltende Stallmeister.

Von den höflichen Verbeugungen und zündenden Blicken, welche ehemals dem Gardekavalleristen gegolten, keine Spur mehr.

Man beachtete ihn gar nicht, antwortete kurz und unliebenswürdig und hielt es kaum der Mühe wert, dem Fremden den Weg nach dem Bureau des Direktors zu zeigen.

Und wie häßlich diese Menschen doch meist bei hellem Tageslicht aussehen!

Gesichter, welche der harte Kampf um Leben und Existenz mit scharfen Linien gezeichnet hat, hohlwangig übertrainiert, mit dem seltsam nervösen, lauernden und mißtrauischen Ausdruck, welchen das ewige »
au qui vive« Leben von Leuten, die täglich ihr Totenhemd tragen, mit sich bringt.

Hier denkt man zumeist nur an sich selbst, das Ringen um Erfolg und Einnahme macht rücksichtslos und stumpft die Teilnahme ab. Eine gewisse Kollegialität herrscht wohl, aber sie nimmt niemals sehr sichtbare Form an, man hilft einander aus, man starrt finster und mitleidig auf den Kamerad, welcher sich »wehgetan« und still auf der Bahre davongetragen wird, man schmückt sein Grab mit Blumen und sorgt für seine hilfsbedürftig Hinterbliebenen – und nach ein paar Stunden brausen wieder die lustigen Weisen durch den Zirkus und man hat vergessen, daß sich ein »Malheur« ereignet hat.

Der Artist sieht in seinem Kollegen zumeist nur den Rivalen, welcher ihm ein Hindernis auf der Ruhmesbahn ist; Ausnahmen gibt es selbstredend auch hier, aber diese blühen als so tief versteckte Veilchen zwischen all dem Unkraut, daß kaum ein Mensch sie bemerkt.

Götz war an dem Restaurant vorübergegangen, in welchem die einzelnen Mitglieder rauchend, kartenspielend und würfelnd beisammen saßen, bis die Zeit für ihre Exerzitien gekommen. Aus einem saalartigen niederen Nebenraum, in welchen nur mattes Dämmerlicht durch die kleinen Luken unter dem Blechdach fielen, klang lautes, klägliches Aufschreien und Weinen, dazwischen die schrille, keifende Stimme einer Frauensperson.

»Drei Touren der großen Pirouette! Biegen! Ronde de jambe en l'air! – Nochmals! – Entrechat six! Schlecht, sehr schlecht, Ninetta! Eigensinnige Kitze, willst du es immer noch nicht begreifen, daß die Ellenbogen nicht wie Bratenspieße den Leuten in die Rippen stechen sollen?« –Und abermals traf der harte Stock der Ballettmeisterin die mageren Arme des aufschreienden Kindes. »Nun den dreifachen Kreuzsprung! – He! Hoppla! – Den Spitzentanz! – La flèche … Warum bleibst du zurück, Georgine, du Faultier? Die Zehen bluten dir? – Larifari! Marsch! sag' ich – oder ich helfe mit dem Stocke nach!«

Götz hatte ganz entsetzt die Ballettübung angestarrt, er biß die Zähne zusammen und schritt weiter bis zu der niederen Holztür, über welcher ein Schild angebracht war, auf welchem »Verbotener Eintritt« stand.

Er klopfte, und Mr. Carrie rief ein etwas mürrisches »Herein!«

Kaum, daß er von seinem Pult aufblickte.

»Schüler von Malburne? Hm – ungeschickte Wahl eines Lehrers! Malburne ist veraltet – total veraltet – kein Mensch reitet heutzutage mehr den alten Zopf wie, er!«

So ungefähr lautete die recht ermutigende Begrüßung.

»Stellungen sind nicht vakant bei mir, – selbst als einfachen »
rider« kann ich Sie nicht einstellen. Wenn Sie Stallmeisterdienste tun wollen? Well! Sie haben in Quadrillen und Pantomimen mitzureiten, – Einzelleistungen ausgeschlossen. Sie verrichten sowohl in der Probe, wenn ich die Freiheitspferde dressiere, wie auch abends bei den Vorstellungen Hilfsdienste. Sie reißen die Pistentür auf, wenn ein Reiter die Manege verläßt, Sie halten Reifen und sonstige ›Objekts‹, falls Sie dazu geübt und firm genug sind. Man wird Sie prüfen und unterweisen. Auf jeden Fall haben Sie ›Uniform‹ zu stehen. An Gage monatlich fünfundzwanzig Franken. Mehr gebe ich nicht, habe Sie nicht nötig, beschäftige Sie nur aus Gefälligkeit. Sind Sie lediglich Schulreiter oder beherrschen Sie auch ein anderes Fach? Gymnastiker? He? Seriös oder komisch? Nichts von allem? Hm, ist aber absolut notwendig. Bei den Charivaris unerläßlich. Treten Sie baldmöglichst als Eleve ein. Guten Morgen. Kontrakt können Sie heut abend unterschreiben. Um fünf Uhr sind Sie hier. – Good-bye!«

Götz war entlassen.

Er wußte selber nicht, wie er die Tür erreicht. Sein Antlitz war leichenfahl, seine Brust arbeitete in schweren Atemzügen.

So nichtachtend, so wegwerfend, wie er soeben behandelt war, hatte er früher keinen Stiefelputzer abgefertigt.

Wußte Carrie nicht, wen er vor sich hatte?

Sagte Lou ihm nicht, daß er ein Graf Abensberg… Nein, das sollte und durfte sie ihm ja gar nicht sagen, denn er war kein Graf Abensberg mehr, er war nur noch der Schulreiter »Mister Dougal-Higdins« – und jetzt war er sogar nur einfach Dougal, der Stallknecht.

Wozu einem solchen gegenüber höflich sein!

Er ist eine bezahlte Kreatur.

Bezahlt? Aber wie bezahlt! Herr des Himmels! Fünfundzwanzig Franken pro Monat! Das war zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

Als Götz vor dem Direktor stand und dieser es nicht einmal für der Mühe wert fand, sich zu erheben, da kochte das wilde, stolze Blut hoch auf in dem Herzen des jungen Offiziers, er mußte sich mit vollster Energie Gewalt antun, um dem unverschämten Burschen nicht mit gerunzelten Brauen entgegenzutreten und ihn Manieren zu lehren. Voll zitternder Resignation würgte er seinen Zorn hinab und stand stumm, aber hoch und stolz aufgerichtet vor dem Engländer.

Er mußte sich fügen, wenn er nicht betteln gehen wollte.

Und was trug ihm diese namenlose Selbsterniedrigung ein? Fünfundzwanzig Franken! – Götz möchte schallend auflachen, aber seine farblosen Lippen verzerren sich nur.

»Es ist der Anfang – und aller Anfang ist schwer!«

sagt er sich selber zum Trost. »Der Würfel ist gefallen, ich muß ihn rollen lassen.«

Auf jeden Fall wird er alles daran setzen, so bald wie möglich ein Engagement als Schulreiter zu erhalten.

Lou tröstete ihn ebenfalls.

»Nur guten Mut, nur durchhalten! Sieh' die ganze Sache nur als einen Karnevalsscherz an und lach' darüber! Wegen des lumpigen Gehalts mach' dir keine Sorge! Carrie bezahlt mich ja desto glänzender, und du weißt, daß mein Gehalt auch das deine ist!«

Götz wandte mit finsterem Blick den Kopf und antwortete nicht.

Sein Zirkusdienst gestaltete sich alle Tage unerträglicher.

Nichts ist schwerer für den Stolz eines gebildeten Menschen, eines ehemaligen Offiziers, als eine unwürdige Behandlung von seiten brutaler und ungebildeter Menschen erdulden zu müssen.

Herr des Himmels, wo blieben die schillernden, seligen und gleißenden Bilder des Zirkuslebens, welche ihm ehedem vorgegaukelt?

Ach, wie furchtbar anders waren sie in der Wirklichkeit! Wie völlig verändert erscheint das Leben der Manege, wenn man es ehemals als reichster Majoratherr in stolzer Gardeuniform geschaut und es dann als namen- und mittelloser Stallknecht wiedersieht!

Es war ganz unmöglich, daß Götz von seiner Gage leben konnte, obwohl er sich bis zum Darben und Hungern einschränkt, und nur eine elende Dachkammer in Gemeinschaft mit einem Kellner bewohnte. Lou drängte ihm ihr Geld beinahe auf, aber je ungeduldiger sie es ihm in die Hände drücken wollte, desto stolzer und schroffer wies es Götz zurück.

Er nahm keine Almosen … am wenigsten von einem Weibe! Lieber sterben!

Lou weinte, flehte – spielte in jeder nur denkbaren Weise die Versucherin – umsonst.

Der Charakter des jungen Grafen schien in dem Fegefeuer von Not und Demütigung nicht haltlos zu schmelzen, sondern fest und hart zu werden, wie echtes Gold.

Wohl war es auch jetzt noch ein gutes Teil von Eigenwillen und Trotz, das ihn zur Opposition reizte, aber seine guten und edlen Anlagen zeigten sich doch schon größer und stärker als der Leichtsinn, welcher sie bedrohte.

Ein anderer Stallknecht hatte ihm den Rat gegeben, sich noch eine zweite Beschäftigung für die freien Stunden zu suchen und Götz hatte ihn befolgt.

Er versuchte es zuerst als Kellner in dem Gasthof, wo er wohnte, um sich Logis und Beköstigung zu verdienen, aber gerade die Abendstunden, welche er im Zirkus zubringen mußte, waren dem Wirt die wichtigsten.

Durch einen Zufall fand er Beschäftigung in dem Rennstall eines reichen Industriellen.

Man gab ihm den Auftrag, Pferde zuzureiten und zu bewegen, eine Beschäftigung, welche dem jungen Grafen recht sympathisch war und nur durch die auch hier höchst geringschätzige Behandlung von seiten des Parvenüs einen recht bitteren Beigeschmack erhielt.

Götz litt unsäglich darunter, und nur die Not zwang seinen stolzen Nacken auch in dieses Joch. Bezahlt ward er sehr gut, und die Genugtuung, sein Brot selber zu verdienen, entschädigte ihn.

XXI.

Götz war etwas überrascht, wie ungnädig Lou seine Mitteilung, daß er noch einen Nebenverdienst gefunden, aufnahm.

Sie war überhaupt in letzter Zeit sehr reizbar, und in ihrer Heftigkeit ließ sie sich in einer Art und Weise gehen, welche dem feinen und anspruchsvollen Geschmack des ehemaligen Gardeoffiziers sehr zuwider war.

Als sie sich ehemals nur wenige Stunden am Tage gesehen, hielt die Politur, mit welcher Mademoiselle Lou ihre Sitten und Manieren künstlich überzogen, wohl vor.

Da waren es all die neuen, seltsamen Kaprizen, die »klugen kleinen Verrücktheiten«, welche ihren Nervenreiz auf den übersättigten jungen Mann ausübten und ihm in dem magischen Licht des kleinen Salons die Augen blendeten.

Jetzt fiel zu oft das grelle Tageslicht in diese Welt des Lugs, Trugs und der Schminke.

Namentlich während der Proben kannte Abensberg die allerliebste, ehedem so bezaubernd liebenswürdige Kleine kaum wieder.

Da verwandelte sich das Engelchen in einen bitterbösen kleinen Teufel, welcher ungeniert in den häßlichsten deutschen Ausdrücken schimpfte und fluchte, weil Mister Carrie und seine Stallmeister der deutschen Sprache nicht mächtig waren, und diejenigen Artisten, welche sie verstanden, höchstens ein amüsiertes Lächeln dafür hatten, denn der Direktor und seine »Helfershelfer« waren wenig beliebt bei den ausländischen Mitgliedern.

Auch von der herzlosen und rohen Art, wie Lou die Tiere behandelte, fühlte sich Götz abgestoßen.

Ganz entgegen der sonstigen Gewohnheit der Kunstreiter, welche ihre Pferde beinahe zärtlich und schmeichelnd mit größter Sorgfalt umgaben, schlug und peitschte, trat und knuffte Fräulein Lou ihren geduldigen alten Rappen bei jeder Gelegenheit und machte ihn zum Sündenbock ihrer schlechten Laune.

Lou war eben keine Vollblutartistin, sondern nur eine fremde Zuzüglerin, welche aus der Kunst ein Geschäft machte.

In ihrem Benehmen gegen den jungen Grafen kehrte sie ebenfalls ganz neue Seiten heraus, und Götz war nicht mehr blind genug, um nicht das beinahe schadenfrohe, spöttische Schillern in ihren dunklen Augen zu bemerken, als er ihr in leidenschaftlicher Aufwallung das Infame, Entwürdigende seiner jetzigen Lage vorklagte.

Sie hatte zwar die mitleidigsten Worte gesagt, und ihm abermals, wie stets in letzter Zeit, ihr Geld in geradezu aufdringlicher Weise angeboten – aber in ihren Blicken lag diesmal ihr Herz ohne Maske und Tünche, – und Götz ging sehr nachdenklich nach Hause, und das bittere Lächeln um seine Lippen verschärfte sich.

Er dachte darüber nach, warum Fräulein Lou ihn mit aller Gewalt verpflichten und von sich abhängig machen wollte, und zum erstenmal kam ihm die Überzeugung, daß es wohl aus Eigennutz geschähe.

Er nahm sich vor, seinen Verkehr mit ihr einzuschränken und ihr nicht mehr so rückhaltlos zu vertrauen wie bisher.

War es doch eine seltsame Tatsache, daß wenige Tage, nachdem er ihr von seiner Stellung als bei Mister Navisham erzählt, ihm dieselbe ohne jedweden triftigen Grund gekündigt wurde.

Seine Gage erhielt er zwar noch für den laufenden Monat ausbezahlt, und das schützte ihn momentan vor Hunger und Mangel.

Sollte Lou ein falsches Spiel mit ihm treiben?

Es fiel Götz plötzlich ein, daß Mister Navisham im Zirkus der Kleinen zugenickt hatte, wie jemand, der die persönliche Bekanntschaft gemacht hat.

Es kostete Abensberg eine wahre Überwindung, an solch eine Möglichkeit zu glauben.

Der Zweifel an Lou traf ihn wie ein neuer Schicksalsschlag, denn, obwohl er sie nie geliebt und sein Herz an sie gehängt hatte, empfand er doch in seiner jetzigen Gemütsstimmung alles doppelt schwer und tief, und sein Pessimismus, seine Erbitterung und qualvolle Unruhe erhielten durch jede Enttäuschung neue Nahrung.

So war es ihm beinahe lieb, daß er es in der Zerstreutheit vergessen hatte, Lou zu erzählen, daß er an Sontini geschrieben und demselben das Trostlose seiner Lage geschildert hatte.

Just, als er sich voll Verzweiflung nach einem neuen Nebenverdienst umsehen wollte, traf eine Depesche mit dem ebenso überraschenden wie beglückenden Inhalt ein: »Sofort nach München abreisen, erster Schulreiter schwer erkrankt; engagiere Sie auf Sontinis Empfehlung hin mit fünfhundert Francs pro Monat. – Hoffmann.«

Götz war außer sich vor Freude, beseligt und wie neugeboren bei diesen endlich so günstigen Aussichten.

Er telegraphierte zurück und bat um eine Anweisung auf Reisegeld, da er sich vis-à-vis de rien befinde.

Auch diese erfolgte am nächsten Tage, und Götz stürmte zu Mister Carrie, um seine Stellung aufzukündigen, – es kam ihm jetzt sehr zu statten, daß der Direktor nur »von Tag zu Tag« mit ihm akkordiert hatte.

Der Engländer schaute etwas verdutzt auf und schien sich nachträglich über seinen ehedem so kränkenden »von Tag zu Tag-Paragraphen« zu ärgern, er versuchte auch, die Pläne des jungen Reiters zu erforschen, Götz aber maß ihn mit einem derart sprechenden Blick und empfahl sich so kurz und kalt, daß die Frage unbeantwortet blieb.

Er überlegte, ob er Lou von der Sachlage in Kenntnis setzen oder auch sie vorerst im Ungewissen lassen sollte. Dann sagte er sich hoch aufatmend, daß die Depesche des Direktors Hoffmann gleichbedeutend mit einem Kontrakt sei und daß er wohl allzu undankbar und schroff handeln würde, wenn er ohne Abschied von der Kleinen, welche ihm so opfermütig hierher gefolgt war, abreiste.

Er klopfte vergeblich bei ihr, erfuhr durch den Kellner, daß Mademoiselle spazieren gefahren sei und schrieb ihr hastig ein paar Zeilen auf einen Zettel.

»Engagement gefunden, – muß augenblicklich abreisen, schreibe dir alles Nähere! Bin sehr betrübt, dich verfehlt zu haben!«

Mit erleichtertem Aufatmen eilte er die Treppe hinab, packte in großer Hast seine paar Habseligkeiten und begab sich auf den Bahnhof.

Wenige Stunden später fuhr er der einst so trotzig und ohne Abschiedsweh verlassenen Heimat wieder zu, und seine Augen leuchteten wie verklärt.

Was er in England gefunden, war nichts gewesen als bittere Enttäuschungen, herbe Not und Entbehrungen, welche ihre Linien voll erschreckender Deutlichkeit in sein junges, blasses Gesicht geprägt hatten; würde er auch in München Bekannte treffen, es erkannte ihn wohl keiner wieder.

In Süddeutschland ist er so gut wie völlig unbekannt, – und Schminke und Tusche, Kostüme, Lampenlicht und der fremde Namen auf dem Theaterzettel werden das Ihre tun.

Hat er nur einmal mit Erfolg geritten, findet er auch bald ein neues Engagement, – in Rußland, dem goldenen Land der Träume und Sehnsucht für jeden Artisten.

Noch einmal flackerten Lebenslust und der frische, waghalsige Mut, den Kampf um die höchsten Ziele zu wagen, in seiner Brust auf, und wenn es auch nicht mehr jener erste, phantastische, überschwengliche Traum seiner ersten Freiheitssehnsucht war, so stählte sie doch momentan seine Nerven und gab ihm die Zuversicht zurück, welche er verloren.

Fräulein Lou benahm sich wie eine Rasende, als sie von ihrer Ausfahrt heimkehrte und den Zettel ihres fahnenflüchtigen Freundes vorfand.

Sie stürmte zu dem Agenten, .– zu Malburne, zu Carrie, – niemand konnte ihr Auskunft geben.

Sollte Sontini?

Wohl möglich, Götz hatte sich unlängst einmal erkundigt, wo der Direktor momentan gastiere, und durch sie selber die Adresse erfahren.

Lou depeschierte sofort an ihren ehemaligen Brotherrn und bat um die Adresse Abensbergs.

Schon am Abend hielt sie dieselbe in Händen.

»Zirkus Hoffmann. München.«

Lou triumphierte.

In stürmischer Hast packte sie die Koffer.

Mit dem heutigen Abend war in ihrem Kontrakt der Prolongationstermin eingetreten, und in vier Wochen lief das Engagement ab.

Sehr große Lust, mit nach Oxford zu gehen, hatte sie sowieso nicht.

Die Engländer gefielen ihr überhaupt nicht.

Krämerseelen! – und wenn man nicht direkt einen Lord heiratet, gilt man gar nichts. Die Lords aber sind selten, denn in diesem absurden Land erbt nur der älteste Sohn Titel und Mittel. Da war ihr der deutsche Graf und Majoratsherr sicherer.

Zwar macht der Starrkopf es ihr verteufelt schwer, ihre Ziele zu erreichen, aber sie hat auch einen harten Kopf, und mit der Zeit wird sie den Widerspenstigen schon zähmen und mürbe machen.

Mademoiselle Lou brannte Mister Carrie durch, und da der Engländer auf die Dauer nicht die Erfolge mit ihr erzielt, die er erhofft, und außerdem seine Frau, welche ebenfalls in dem Forcefach tätig war, auf den hübschen kleinen Satan eifersüchtig war, so ließ er sie laufen.

Wenn er sie auskundschaftete, mußte sie selbstredend Strafe zahlen, – das hoffte er zu erreichen.

Der Zirkus Hoffmann lag etwas abseits, von dem großen Verkehr der Stadt, auf einem Terrain, welches zufällig durch einen großen Fabrikbrand freigelegt und erst im kommenden Jahre wieder bebaut werden sollte.

Das graue, glatte Dach ragte still in den heißen, dunstig-schwülen Früh-Sommerabend hinein, der Himmel war bedeckt, schwer wie Blei lag die Luft über den Häusermassen.

Vor dem breiten Toreingang stand nur der Zirkusportier in seiner blauen, mit Goldknöpfen und Tressen besetzten Livree und blickte gähnend in die Straße hinab, in welcher das Leben ein wenig rascher zu pulsieren beginnt.

Ein und eine halbe Stunde noch, – dann werden die elektrischen Lichtsteine an dem Portal aufblitzen, das mächtige Gemälde, welches einen antiken, römischen Zirkus darstellt und unter der vorgeschobenen Glaskuppel
in halbkreisrunder Form eingelassen ist, in strahlende Helle zu tauchen.

Die Pauken und Trompeten werden schmettern, und in dichten Scharen werden die Leute herbeiströmen, des Tages Last und Mühe unter dem gewaltigen Kuppelzelt zu vergessen.

Die gewöhnlichen Leute wollen lachen und den Clowns applaudieren, die oberen Zehntausend verlangen prickelnde, aufregende, nervenanregende Schaustellungen, Schönheit, Glanz, Grazie, – die wenigen Sachverständigen nur kommen um der Kunst willen, welche immer mehr und mehr von der lärmenden, brutalen Sensation verdrängt wird.

Die Artisten sind bereits in dem Zirkus anwesend. Sie prüfen noch einmal voll peinlicher Genauigkeit die »Objekts«, die »Geräte«, an welchen sie zu arbeiten haben, oder sie überwachen in dem Marstall persönlich das Aufzäumen und Satteln der Pferde, liebkosend und streichelnd, oft mit ihren vierbeinigen Lieblingen redend, als habe das Pferd Menschenverstand und wisse ganz genau, um was es sich bei jeder Vorstellung handele.

Auch Götz hatte seinen herrlichen Vollblutrappen »Pascha« noch einmal in Augenschein genommen und ihm einen Leckerbissen in das Maul geschoben, welches zutraulich nach seiner Hand schnupperte.

»Pascha« war vollkommen ruhig, sein schönes, leuchtendes Auge blickte klar und gelassen, durch nichts zeigte sich eine unnatürliche Erregung oder krankhafte Nervosität.

Sehr beruhigt begab sich Götz in die Garderobe.

Auf den beiden Proben, welche er vor dem Direktor geritten, war die Sache tadellos gegangen, und mehr als einmal hatte Hoffmann ihm ein anerkennendes »Bravo! – Bravissimo!« zugerufen.

Eine erklärliche Aufregung hatte sich des jungen Debütanten bemächtigt, seine Hand zitterte, als er die Kravatte band.

Ein alter Clown, »Mister Plumpudding«, stand neben ihm und schminkte sich für sein Auftreten als Gigerl. Er legte plötzlich die Hand auf den Arm des Kollegen.

»Ruhig Blut, Dougal! Mit diesem Tatterich reiten Sie keine Schule. Lassen Sie sich eine Eislimonade geben, ehe Sie losreiten, und dann denken Sie, Sie ritten wie gestern auf der Probe, und alle Menschen ringsum seien nur Scheuerweiber und Ausklopfer!«

Ja, das wollte Götz tun.

Er trank die Limonade und stieg hinter dem Vorhang auf Pascha, das Tier langsam in dem Stallgang auf und ab zu bewegen, bis seine Rummer kam.

Wieder umtoste ihn das lärmende, übermütig bunte Zirkusleben, ein paar Kavalleristen musterten voll Interesse sein Pferd, einige Choristinnen des Balletts kokettierten in ihren recht extravaganten Kostümen.

Vor den Augen Abensbergs verschwamm alles zu einem wilden Chaos, und es bedurfte seiner vollen Energie, das Lampenfieber, welches ihn rettungslos erfaßt hatte, zu bekämpfen.

Plötzlich zuckte er zusammen.

Neben ihm klang eine seltsam wohlbekannte Stimme.

»Götz! Götz! O, du Grausamer, der mich in wahnsinniger Sehnsucht zurückließ! – Ich ertrug es nicht, – ich kann nicht leben ohne dich, – ich mußte dir folgen!«

Voll heißer Leidenschaftlichkeit flüsterte es zu ihm auf.

Lou!

Ein leiser Aufschrei der Überraschung. Abensberg starrte das reizende Gesicht mit den blitzenden Augen an wie eine Vision.

»Lou!«

»Ich mußte dir folgen, – ich habe alles im Stich gelassen, ich kann nicht leben ohne dich!« fuhr sie fort und drückte ihre glühende Wange gegen seine Hand,
»wie konntest du so unbarmherzig sein und mich zurücklassen? Habe ich ehemals nicht alles für dich aufgegeben – und ist dies nun dein Dank?«

Er ward dunkelrot und bebte vor Nervosität, aber dennoch tat es ihm unbeschreiblich wohl, ein bekanntes Gesicht, eine vertraute Stimme gerade in diesem Augenblick zu hören.

»Nachher! – Alles nachher, Lou!« stöhnte er auf. »Ich bin glücklich, daß du hier bist – aber jetzt – o, du kennst wohl selber solchen Zustand –«

Sie lachte. »Lampenfieber? Unsinn! Das gewöhn' dir ja nicht an, – so wie es dir zum erstenmal glückt, so glückt es stets! Machst du heute Fiasko, so machst du es immer! Ich komme direkt von Hoffmann, – er hat mich engagiert. Nun sind wir wieder vereint, Götz!«

Ihre Stimme klang jubelnd und laut, und Abensberg blickte besorgt nach den Offizieren hinüber.

»Nenne den Namen nicht!« murmelte er durch die Zähne, »es gibt keinen Götz Abensberg mehr!«

Sie lächelte seltsam.

»Hoffentlich erkennt dich niemand. In meinem Hotel wohnen Leute aus X., deiner Vaterstadt!«

Er zuckte zusammen und wechselte die Farbe.

»Wer?!«

Sie zuckte die Achseln. »Du liebe Zeit! In der Eile konnte ich den Namen nicht merken, aber es waren Adlige.«

Mit schadenfrohem Blick beobachtete sie die Wirkung ihrer Worte; war der junge Schulleiter noch nicht nervös gewesen, – nun ward er es sicherlich.

Der Regisseur winkte mit dem Taschentuch.

»Mister Dougal-Hidgins!«

Eine Lachsalve erscholl im Zirkus und zeigte an, daß ein Intermezzo der Clowns beendet war.

»Vorwärts!«

»
Bonne chance!« flüsterte Lou, es klang wie ein Zischen.

Sie klopfte anscheinend kosend und aufmunternd den Rappen auf den glänzenden Schenkel, – noch ein derberer Schlag – und Pascha zuckte empor und drängte ungestüm nach dem Vorhang, welcher vor dem Reiter zurückrollte.

Was in den nächsten Minuten vor sich ging, wußte Götz nicht.

Es war ihm alles wie ein Traum. Rote Nebel wallten vor seinen Augen, die Musik dröhnte ihm in den Ohren.

Mechanisch ritt er an.

Aber was war das? – Sein erst so ruhiges Pferd war plötzlich aufgeregt, wild und unbändig, es schäumte ins Gebiß und drängte zur Seite, es versuchte aufzubäumen und den Gehorsam zu verweigern.

Das brachte Götz zur Besinnung. Er war plötzlich klar und nüchtern.

Voll eiserner Kraft zwang er das Pferd und begann die hohe Schule zu reiten.

Pascha fügte sich, aber er blieb aufgeregt und aufs höchste beunruhigt, und dadurch verlor Götz die seinen Nuancen, welche sonst sein Reiten in hervorragender Weise auszeichneten.

Das Publikum folgte seiner Vorführung zuerst voll Interesse, dann mit jener freundlichen Gleichgültigkeit, welche die Verständnislosigkeit der hohen Schule zumeist entgegenbringt.

Der Direktor stand neben einer Gruppe von Kavalleristen und schüttelte ein paarmal erstaunt den Kopf.

Mäßiger Beifall erscholl, als Götz die Manege verließ.

Er sah leichenblaß aus, seine Hände zuckten wie im Fieber.

»Na, na, ruhig Blut, Dougal!« redete ihm der Regisseur freundlich zu. »Es ist ihr erstes Auftreten, da kann's noch nicht gehen wie bei einem Alten! – Das gibt sich! Morgen reiten Sie schon ganz anders 'raus!«

Auch der Direktor trat hinzu und reichte Abensberg die Hand: «Sie waren unruhig, Dougal, – und was in Pascha gefahren war, begreife ich nicht! Er ging in den Proben so brillant unter Ihnen! Schade, daß es gerade zum Debüt war! Na, wird schon alles werden! Kopf hoch! Es fällt kein Meister vom Himmel! Und nun ziehen Sie sich, bitte, Livree an, – bei den acht Freiheitshengsten brauche ich Sie in der Manege.«

Götz verneigte sich stumm, er konnte nicht sprechen. Unbeschreibliche Aufregung drohte ihm die Brust zu zersprengen.

Er schritt nach der Garderobe.

Lou stürmte ihm nach und schlang den Arm um ihn. »Armer, armer Freund!« murmelte sie.

Das machte ihn vollends rasend.

Er schob sie jäh zurück. «Laß mich! – wir sehen uns später!« – und er schlug die Tür hinter sich zu.

Wenige Minuten später schritt er in der Stallmeister- Uniform in die Manege zurück.

Sein erster Blick traf Lou, welche neben anderen unbeschäftigten Kollegen auf der ersten Bank saß und gerade recht unbändig lachte, obwohl es in dem Augenblick durchaus nichts zum Lachen gab.

Sie unterhielt sich sehr lebhaft, beinahe ausgelassen lustig, und erst, als sie Götz erblickte, ward ihr Gesicht ernst und drückte ihm zärtliche Sorge und Trauer aus.

Seltsam, es kostete den jungen Grafen eine direkte Überwindung, sie anzusehen.

Er hatte plötzlich das instinktive Gefühl, als sei sie die Verkörperung eines bösen Schicksals, welches ihm rettungslos folgt.

Eine jähe Abneigung überkam ihn plötzlich, und der heiße, brennende Wunsch, die weite Welt zwischen sie und sich zu legen. Zunächst war dies unmöglich, sein
Kontrakt band ihn, und seinen Ansichten schien es unmöglich, jemals solch ein Abkommen zu verletzen.

Wild und aufgeregt stürmten seine Gedanken friedlos und ruhelos, wie Vögel, deren sicheres Nest der Blitz getroffen.

Er achtete nicht auf das, was um ihn her vorging, sein Blick irrte umher, als suche er inmitten all des schwarzen Sturmgewölks nach einem Sterne tröstender Verheißung – und plötzlich haftet sein Blick, starrt groß und weit geradeaus…

Droben in der Loge sitzen zwei Damen, eine ältere und eine jüngere.

Die Ältere schaut interessiert auf die galoppierenden Pferde, die Jüngere blickt – es ist wohl ein Zufall, just auf ihn.

Kennt er sie? Nein.

Solch ein Antlitz hat er noch nie zuvor gesehen. Welch eine wunderbare, lächelnde Ruhe, welch ein tiefer, unaussprechlicher Himmelsfrieden liegt auf diesen edlen, keuschen Zügen.

Oder deucht es ihm nur so auffallend, weil er selber so friedearm, so müd und matt gehetzt, so zum Sterben verzweifelt ist?

Wohl möglich.

Aber er muß sie ansehen – ansehen wie gebannt. Sie bemerkt es; ein feines Rot steigt in die blütenzarten Wangen, sie wendet das schöne, fromme Haupt.

Diese Glückliche!

O, es muß beneidenswert sein, so still, so friedlich, so bis in die tiefste Seele ruhig sein zu können.

Ein Gefühl der Bitterkeit überkommt Götz. – er zieht finster die Brauen zusammen und wendet das Haupt.

Als die Vorstellung beendet, verläßt er hastig, als brenne der Boden unter seinen Füßen, den Zirkus.

»Wollen wir zusammen soupieren?« fragt Lou.

Er lacht ingrimmig auf. »Ich habe keinen Hunger.«

»Wollen wir nicht noch von England plaudern?«

»Habe keine Sehnsucht nach diesem verlorenen Paradies!« spottet er herb.

»Du bist nervös und ärgerlich, armer Liebling!« schmeichelt sie. »Du mußt Ruhe haben, ich sehe es selber ein. Morgen auf Wiedersehen! und wenn du Trost und Zuspruch brauchst, komm zu mir! Du weißt, wie sehr ich dich liebe!«

Sie flüstert es so weich und innig. Götz deucht es, als stünden Tränen in ihren Augen. Tränen bei Lou! – lächerlich!

Er nickt hastig und geht.

Ein bitterböser Blick folgt ihm. »Du sollst klein und elend werden!« murmelt sie. »Dann findest du wohl den Weg zu mir.«

Am nächsten Morgen fährt Mademoiselle Lou nach den verschiedenen Zeitungsredaktionen, sich als neue Reiterin vorzustellen. Sie ist reizender und verführerischer wie je und hat mit den Herren Rezensenten sehr vertraulich geplaudert, auch über den neuen Schulleiter Dougal-Hidgins… haha! es war doch eine tolle Leistung gestern abend! Solch ein Anfänger gehört nicht in den Zirkus Hoffmann!

Als der Stallbursche am nächsten Morgen den Rappen Pascha putzt, fällt es ihm auf, daß das Tier das Hinterbein schont und schmerzhaft zusammenzuckt, wenn er über den Schenkel striegelt.

Er untersucht die Sache…

Wenige Minuten später steht er vor dem Direktor.

»Nun weiß ich, warum Pascha gestern abend so ungebärdig war!« sagt er. »Hier… er hatte eine Stecknadel tief im Fleische!«

»Ah! unerhört! Das ist eine Infamie, ein Schurkenstreich gegen Dougal!« murmelt Hoffmann mit finsterem Blick. »Darum die Unruhe! Armer Kerl. Schweigen
Sie über Ihre Entdeckung – es möchte den jungen Mann noch mehr verwirren, aber beobachten Sie jedermann, welcher sich dem Pferd nähert, – ich werde noch besondere Maßregeln treffen.«

Am nächsten Tag brachten die Zeitungen recht schlechte Kritiken über den neuen Schulleiter Mister Dougal- Hidgins.

Etliche tadelten nur sein unruhiges, nervöses Reiten, die allzugroßen Hilfen, welche er gegeben und die mehr wie brüste Behandlung des Pferdes. Andere sprachen ihm jedes Talent und jede Sachkenntnis rundweg ab.

Götz las und legte die Zeitungen schweigend aus der Hand. Aber er sah aus wie ein kranker, schwer gereizter Mann.

Hoffmann war ein liebenswürdiger und wohlwollender Chef.

Er wußte, wie viele Kabalen im Leben des Artisten mitspielen, und trat für seine Mitglieder nach Kräften ein.

Pascha ward streng bewacht, und als Götz ihn am nächstfolgenden Tage wieder ritt, waren seine Leistungen glänzend und tadellos, – dennoch blieb das Publikum kühl, und nur ein paar Kenner und Kavalleristen klatschten lebhaften Beifall, als er seine großartigen, ehemals von Mister Malburne selbst komponierten Pas und Trots ritt, nach Art der altfranzösischen Schule die Trensen- und Kandarenzügel abwechselnd zurücknahm, wie er heute, im Gegensatz zu seiner gestrigen Unruhe und Nervosität, wie eine, auf das Roß gegossene Statue saß und dasselbe lediglich mit leichtem Zungenschlag und Schenkeldruck lenkte, ohne ein einzigesmal die Peitsche zu Hilfe zu nehmen, wie er es gestern leider so oft gemußt.

Das Publikum war bereits durch die Kritik beeinflußt, und Hoffmann sagte sich selber, daß dagegen schwer wieder aufzukommen sei und der junge Mann ein bedauerliches Pech habe. Aber ebensowenig wie Friedrich der Große keine «Offiziers« brauchen konnte, welche kein Glück hatten, ebensowenig liebt ein Zirkusdirektor Mitglieder, welche vom Pech verfolgt werden, und als Götz auch in der darauffolgenden Zeit keinen größeren Beifall erzielte, geschweige sich als zugkräftige »Nummer« erwies, war es wohl für jedermann beschlossene Sache, daß der Probekontrakt sicher nicht verlängert werden würde; ja, Mr. Plumpudding klopfte dem jungen Kollegen teilnehmend auf die Schulter und sagte: »Hängen Sie die hohe Schule an den Nagel und tun Sie etwas anderes auf, was mehr zieht.«

Finster und in sich gekehrt ging Götz einher, seine Stimmung ward immer verzweifelter, sein Seelenzustand von Tag zu Tag trostloser.

Das einzige, was ihn noch nach dem Zirkus zog, war jenes liebliche, so unsagbar friedlich holde Antlitz jener unbekannten Dame, welche zu seiner Überraschung Abend für Abend in der nämlichen Loge erschien und seiner mit anscheinend besonderem Interesse wahrnahm.

Anfänglich glaubte er sich zu täuschen, so oft aber sein Blick empor zu der Loge schweifte, sah er die großen, tiefblauen Augen mit einem ganz eigenartigen Ausdruck auf sich gerichtet, und auch die ältere Dame musterte ihn wiederholt durch die Lorgnette und schien mit ihrer Begleiterin von ihm zu sprechen.

Kannten sie ihn!

Er entsann sich nicht, die Damen jemals zuvor gesehen zu haben, auch war er fraglos für Menschen, welche ihn hier nicht suchten und vermuteten, absolut nicht wieder zu erkennen.

Dennoch quälte ihn ein gewisses angstvolles Interesse, die Namen der Unbekannten zu erfahren.

XXII.

Als er an einem der nächsten Abende nicht mehr in der Schlußpantomime mitzuwirken hatte, wechselte er hastig den Anzug und stellte sich am Ausgang des Zirkus auf, um auf die beiden Damen zu warten.

Es war ihm ein wunderliches Empfinden, dieses stille, liebliche Antlitz in nächster Nähe zu sehen, und als er die schlanke, schmiegsame und doch so stolze Gestalt heranschreiten sah, wich er jählings zurück, als ob seine Berührung diese keusche Mädchenblüte entweihen könne.

Aber sein Blick brannte wie in düsterem Forschen auf dem geneigten Gesichtchen, und ohne von ihr bemerkt zu werden, folgte er ihr in dem lärmenden, schwatzenden Menschenschwarm bis zu dem Wagen, in welchen die Damen schweigend einstiegen und ihm schnell entschwanden.

Am nächsten Abend hatte auch er einen Wagen bereit stehen, und der Kutscher war wohl instruiert. Als die Unbekannte diesmal an ihm vorüber schritt, wich Götz nicht zurück, sondern suchte ihr in dem Gedränge so nahe wie möglich zu kommen.

Wie eine leidenschaftliche Sehnsucht überkam es ihn, ihre Nähe zu empfinden, ihr Kleid zu streifen, als ginge es wie der erquickende Hauch von ihr aus, nach welchem seine Seele dürstete.

Sie schaute auf, ihr Blick traf seine bleichen, finsteren Züge, und abermals überflutete ein heißes Rot ihre Wangen.

Wie wunderlich sah sie ihn nur an!

So muß ein Engel in das Antlitz eines Sünders blicken!

Was wußte sie von ihm?

Stand es ihm denn auf der Stirn geschrieben, daß er ein verlorener Sohn, ein ruheloser, irrender Mensch war, dessen Glück und Zukunft vernichtet, dessen Leben und Existenz ein Spielball des Zufalls geworden?

Götz fühlte, wie seine Lippen zuckten, er drängte sich hastig zu seiner Droschke, der Kutscher flüsterte: »Jene beiden dort?« – er nickte und der Wagen setzte sich in Bewegung.

In einer entfernten Villenstraße hielt er.

»Dort in der ›Hortensia‹ sind sie abgestiegen.«

Abensberg dankte, zahlte und schritt langsam der genannten Villa entgegen.

Der Portier trat just in den Vorgarten, seine Zigarre im Freien zu rauchen.

Götz grüßte und fragte nach den beiden Damen, welche soeben das Haus betreten hatten.

Der Mann machte ein Gesicht, als wolle er eine recht grobe Antwort geben: da fühlte er etwas Hartes in seiner Hand, das im hellen elektrischen Licht wie ein regelrechter Taler blinkte.

Er griff an die Mütze. »Die Frau Geheimrätin Borgius!« knurrte er.

»Woher?«

»Aus Berlin.«

»Danke verbindlichst!« und Götz schritt hastig die stille, blütendurchduftete Straße hinab.

Geheimrätin Borgius? Der Dame war ihm völlig fremd.

Erleichtert atmete er auf.

Das Interesse der Damen war ein Zufall. Jenes holde, gutherzige Kind hatte wohl Mitleid mit ihm wegen seines Fiasko am ersten Abend.

Sie sieht so engelhaft aus, als könne sie keine Fliege leiden sehen, geschweige einen Menschen, dem sein Seelenleid so scharf im Gesicht geschrieben steht wie ihm.

Gedankenvoll schreitet er im silbernen Mondlicht dahin.

Ist es nur Mitleid oder gefällt er ihr?

Mit bitterem Lächeln schüttelt er den Kopf. Die Zeiten, wo die Weiber ihr Herz an den flotten, schönen Ulan verloren, sind vorbei.

»Ich bin nur noch mein Schatten!« hat er voll herber Selbstironie gespottet, als er gestern abend sein Bild im Spiegel sah.

Ein Kainsmal brennt auf der düster gefurchten Stirn, glüht aus den flackernden Augen – unstät und flüchtig!

Wie ist es möglich, daß ein Mensch so friedlich, so still und ruhig in die Welt blicken kann, wie dieses Fräulein Borgius!

Welche Seelenreinheit glänzt von ihrer Stirn, welch ein Himmel grüßt aus ihren Augen.

Götz weiß es selber nicht, warum ihn der Ausdruck dieses Gesichtes so wunderbar ergreift. Er hat in seinem Leben wenig edle und tugendhafte Frauen kennengelernt; die, denen er sich zugewandt, trugen die Hölle im Blick.

Sie deuchten ihm interessant, süß und reizvoll, wie eine jede Sünde es ist!

Hatte er doch einst selber mit frivolem Lächeln gesagt: »Der süßeste Honig ist der, welchen die Bienen aus giftigen Blüten sammeln!«

Aber es ist Gift, welches Leib und Seele mordet.

Ein Ekel, ein Grauen davor hat ihn erfaßt.

Jetzt, wo er mitten drin in dem Sumpf steht, welcher von der betäubend duftenden Belladonna überwuchert wird, sind ihm die Augen aufgegangen über den Wert eines solch »freien« Lebens.

Wieviel hatte er davon erhofft, und was ist ihm geworden!!

Enttäuschung, Not, Demütigungen ohne Ende!

Wie bitter schwer wird ihm der Kampf um das Glück, so schwer, daß er kaum noch Mut und Energie besitzt, ihn bis zu dem letzten, kläglichen Ende durchzuführen.

Freiheit! – die lichte, traumhafte Göttergestalt ist zerronnen wie ein Nebel, und was ihm statt ihrer entgegengrinst, ist ein hohläugiges, gespenstisches Weib in Lumpen, welches die Knute über ihm schwingt, ihn hetzt und jagt, ruhelos, friedlos, bis zum Zusammenbrechen – und dazu höhnisch kichert: »Sieh! so wie ich sieht die Freiheit aus, die du gefunden hast!«

Götz ist auf einer Bank in den Anlagen niedergesunken, er deckt die Hand über die Augen, wie ein Aufstöhnen ringt es sich aus seiner Brust.

Sein Kontrakt läuft noch vierzehn Tage, erneuert wird er auf keinen Fall werden – was dann? Ihn fröstelt es in der schwülen Gewitterluft.

Was dann?

Wie eine leuchtende Engelsgestalt steht es plötzlich neben ihm, die trägt das Antlitz jener Fremden, neigt sich über ihn und flüstert: »Und der verlorene Sohn sprach zu sich selbst: ich will mich aufmachen und will zu meinem Vater gehen.«

Götz springt empor und macht eine so wilde, leidenschaftliche Geste, als wolle er die holde Traumgestalt mit Fäusten zurückschlagen.

Nein! tausendmal nein! – lieber sterben.

Noch lebt der letzte Funken des alten Trotzes, des unbändigen Stolzes in ihm!

Zu seinem Vater – ja, zu dem möchte er sich wohl in dieser Finsternis zurücktasten, wenn nicht jene Frau, jene kaltherzige, so unendlich korrekte, pflichtgetreue, musterhafte Stiefmutter den Weg zu dem Vaterherzen versperrte!

Götz lacht grell auf und wühlt die Finger in das dunkellockige Haar.

Ehe er sich der salbungsvollen, selbstgefälligen Moralpredigt, mit welcher diese kluge Frau den mürben, reuigen Sohn begrüßen würde, aussetzt – nein! lieber zehnmal hinab in das Wasser, wo es am tiefsten ist!

Und wer weiß, ob ihm ihre harten, strengen Hände jemals die Tür des Vaterhauses wieder auftun würden?

Ach, jener verlorene Sohn in der Schrift hatte keine Stiefmutter, welche auf der Schwelle seines Vaterhauses stand und ihm mit so kalten – kalten – gleichgültigen Augen entgegenschaute…

Nein! es ist zu spät zur Umkehr, die Würfel sind gefallen, mögen sie rollen, gleichviel wohin. Kein Elend ist so groß, daß man ihm nicht ein Ende bereiten könnte.

Nach Rußland! – dem Traumland der Artisten – dort weiß und verrät es keiner, wenn ein fahrender Mann am Wege stirbt.

Götz rafft sich empor und schreitet langsam, wie ein alter Mann, gebrochen an Leib und Seele, seiner Wohnung zu.

Am nächsten Abend steht er und starrt wie geistesabwesend nach der Loge empor, so daß ihn der Regisseur verschiedentlich an seine Pflichten mahnen muß – allzu freundlich geschieht es nicht, ja, es deucht Götz, als ob ihn alle Mitglieder von Tag zu Tag schlechter behandeln, spottend, höhnisch, brutal – alle Arbeit wird ihm aufgebürdet, und er verrichtet sie, schweigend und resigniert.

Auch Lou ist nicht mehr wie sonst zu ihm.

Maßlos gereizt, wütend und beleidigend in einem Augenblick, im andern zudringlich, ekelhaft in schmeichelnder Zärtlichkeit.

Es ist ihm gleichgültig, er hat nur noch den einen heißen Wunsch – weg von ihr, so weit, weit weg, daß ihr Gifthauch ihn nicht mehr streifen kann!

Als die Vorstellung beendet ist, steht er wieder an dem Portal und wartet auf die Damen Borgius.

Warum? Er weiß es selber nicht, er will nur jenes friedliche Menschengesicht anstarren, wie ein unfaßliches Rätsel.

Es zieht ihn an, wie der Magnet das Eisen.

Wenn sie einmal die kleine, weiche Hand auf seine Stirn legte, würde es vielleicht still dahinter.

Er würde vielleicht gesund werden.

Nur einmal möchte er mit der Hand leise, leise über ihr Kleid streichen!

Dennoch steht er fern beiseite, finster, in sich gekehrt, das liebliche Antlitz nur groß und erstaunt anstarrend, wenn es bei seinem Anblick so heiß errötet.

Er begreift sich selber nicht.

Früher mochte er nicht diese blonden Schönheiten, deren reine Stirn alle Tugenden spiegelt, sie waren ihm langweilig, unsympathisch, und jetzt steht er wie ein Träumender und starrt in ein Engelsgesicht, als sähe er ein Wunder.

Der Anblick tut ihm so wohl nach »all dem Frivolen, Rohen, Zügellosen, was er in letzter Zeit zu sehen bekam.

Er hat sich bis in die tiefste Seele entwürdigt und gedemütigt in seiner jetzigen Umgebung gefühlt, ein Blick auf diese keusche, edle Mädchengestalt erhebt ihn wieder, gemahnt ihn an eine Zeit, wo er sich noch nicht zu schämen brauchte, der Tugend in das Auge zu sehen.

Er folgt der Fremden nicht, er steht wie ein Bettler an der Tür und blickt ihr nach, starr, regungslos, wie in weite Fernen. Und als er sich endlich umwendet, sieht er in Lous hübsches Gesicht, welches ihm in diesem Augenblick häßlich deucht wie die Sünde selber. Ärger und wilde Eifersucht brennen in ihren Augen, um die Lippen zuckt es, wie stets, wenn ein wüster Zornesausbruch gleich bösem Wetter im Anzug ist.

Gleichgültig blickt Götz über sie hinweg und will an ihr vorüberschreiten.

Daß sie ihm auflauert und auf Schritt und Tritt nachspioniert, hat er längst gemerkt.

Sie faßt jählings seinen Arm und schließt sich ihm an.

»Ich habe mit dir zu reden, amico mio!« sagt sie, und der junge Schulreiter hört es ihrer Stimme an, wie gewaltsam dieselbe gezwungen wird, so zärtlich und kosend wie früher zu klingen.

Wie früher! Es dünkt Götz eine wahre Ewigkeit her, seit er zum erstenmal in dem eleganten Boudoir neben Fräulein Lou gesessen und sich von all ihren Kapricen und dem schwülen Zauber die Augen blenden ließ!

Wie war es möglich gewesen, daß er sich derart in Banden schlagen ließ!

Die süßen Illusionen sind längst zerstört und verflogen; er hat Fräulein Lou zu oft ohne den falschen Heiligenschein einer idealen und interessanten Künstlerin gesehen, sie hat zu oft die Maske fallen lassen, hat häßliche Szenen voll Zank und Gemeinheit heraufbeschworen, wo ihr bißchen erborgte Bildung sie kläglich im Stiche ließ und Götz in ihr nur das rüde, leichtfertige Weib, die Glücksjägerin, erkannte.

Dennoch hat ihn ein Gefühl der Dankbarkeit an sie gefesselt. Er konnte es nicht vergessen, daß sie sich in ihn verliebt hatte, ohne zu wissen, wer er war, daß sie ihre günstige Stellung bei Sontini aufgab, um ihm in ein ungewisses Schicksal hinaus zu folgen!

Und dieses Erkenntlichkeitsgefühl band ihm auch jetzt die Hände, wo er sie am liebsten von sich gestoßen hätte, wie etwas Giftiges, Unlauteres, welches nicht in die Nähe jenes Heiligenbildes, das soeben an ihm vorüberschwebte, paßt.

»Ich bin müde und abgespannt, ich möchte bald zur Ruhe gehen!« sagte er, ohne sie anzublicken. »Was willst du von mir?«

»Begleite mich durch die Anlagen, dort sind wir ungestört und ich kann sprechen!« flüstert sie.

Schweigend schreiten sie durch die Menschenmenge, durch belebte Straßen nach dem stillen Park, wo silberner Mondschein durch die flüsternden Wipfel flieht und der Jasmin und Faulbaum duften. Die Szenerie ist so poetisch und bezaubernd gewählt, und dennoch geht der junge Graf so steif und kalt, so müde und gleichgültig wie noch nie an ihrer Seite.

»Ich komme direkt von Hoffmann, habe im Bureau mit ihm gesprochen!« hebt Lou endlich an.

»So? Du hast bis jetzt nur ein Drittel Gage bekommen, hast gleichsam Probe geritten … nun bist du engagiert?«

»Er bot mir einen glänzenden Kontrakt an, ich brauche nur zu unterschreiben!«

»Ich gratuliere.«

»Noch unterschrieb ich nicht.«

»Aber du tust es.«

Sie zuckt die Achseln. »Dein Kontrakt ist übermorgen abgelaufen!« – Er nickt.

»Rechnest du darauf, daß er prolongiert wird?«

Götz lacht bitter auf. »Nein! Hoffmann hat mich in der letzten Zeit kaum noch reiten lassen, das sagt mir genug.«

»Gut, daß du vorbereitet bist – der Direktor sagt, du machst nichts – die Leute haben ein Vorurteil gegen dich, und eine zugkräftige Nummer würdest du hier nie!« – »So!«

»Ich habe aber Hoffmann erklärt, wenn du nicht hier bleibst, bliebe ich auch nicht!«

Er fährt unmutig auf. »Welch ein Wahnsinn! Willst du mit mir betteln gehen?!«

Da schlingt sie voll jäher, heißer Leidenschaft die Arme um ihn. »Ja, das will ich! ich will Glück und Leid, Hunger und Kummer, Frost und Hitze mit dir teilen, Götz; denn ich liebe dich, liebe dich mehr als mich selbst!«

Wie süß sie zu ihm auflächelt, wie bezaubernd sie in dieser hingebenden, opfermutigen Leidenschaft aussieht, und doch hängt der Arm des jungen Mannes schlaff und schwer hernieder, dennoch blickt er finster, beinahe feindselig in ihr mondbeglänztes Gesicht hernieder.

»Und glaubst du, daß ich solch ein unsinniges Opfer annehmen würde? Niemals, es ist schwer, sein eigenes Elend verschuldet zu haben, aber es wäre geradezu unerträglich, noch eine andere mit in den Abgrund hinab zu reißen!«

»Ich stürze nicht mit dir, Götz, im Gegenteil, ich will dich halten und vor dem Verderben retten!«

Er schüttelt nur mit hartem Auflachen den Kopf, Lou aber zieht ihn ungestüm neben sich auf die Bank im Boskett nieder. .

»Hör' mich an, du Liebster, Teuerster, den alle verstoßen und verlassen und von dem ich doch nicht lasse, ich allein nicht! – nicht im Leben und nicht im Tod! Laß mir das unbeschreiblich süße Glück, dein Schicksal rosig und glückselig zu gestalten! Hör' mich an! Eine schöne Forcereiterin, welche derartige Triumphe bei Sontini gefeiert wie ich, findet überall ein glänzendes Engagement. Wenn du mein Mann wärest, würdest du fraglos mit mir Stellung finden, schon bei Hoffmann würde ich es mit Leichtigkeit erreichen. Götz! du siehst, wie ich dich liebe! Du weißt, was ich alles für dich getan, erfülle mir den einzigen, heißen Wunsch, in allen Ehren und mit allen Rechten dein Weib zu sein, und du sollst es nie bereuen!«

Wie sie sich an ihn schmiegt, wie ihre Lippen zittern, wie ungestüm ihr Herz an dem seinen schlägt, und der Mondschein flimmert, und die Blüten atmen so schwülen – schwülen Duft. Einen Augenblick starrt er sie an – groß – mit beinahe starren Augen, und dann springt er jäh auf, schiebt sie heftig zurück und schüttelt den Kopf in beinahe wilder Abwehr.

»Heiraten? Dich heiraten, Lou? Nie! nie! Ich bin kein Glücksritter, der seine Existenz einem Weibe verdanken will! Ich bin kein Vagabund, der seine Ehe auf der Landstraße schließt! – Was auch in den beiden letzten Jahren meines unglückseligen Zigeunerlebens aus mir geworden ist – wenn ich auch alles und jedes verlor, was sonst eines ehrenhaften Mannes Freude und Glück ist – eins ist mir dennoch geblieben, der ungebändigte Stolz des Edelmannes, welcher wohl zu sterben weiß, nicht aber in entwürdigenden Verhältnissen, unter der Last seiner Schande als Gatte und Vater leben kann!«

Sie hatte sich erhoben, ihr Gesicht war weiß bis in die Lippen hinein, ein beinahe gehässiger Ausdruck verzerrte es.

»Ja, der Stolz! Der Stolz des Edelmannes! Das ist des Pudels Kern!« fuhr sie hohnvoll auf. »Der enterbte Herr Graf ist zu stolz, um eine Artistin zu heiraten! Aber ihre Opfer anzunehmen, sich von ihr helfen und vorwärts bringen zu lassen, dazu langte die Herablassung!«

Götz trat finster einen Schritt näher. »Welche Opfer hast du gebracht? – Gott sei gelobt, ich habe nie einen Heller von dir angenommen!«

»Mit nach England hast du mich geschleppt – aus meinem glänzenden Engagement bei Sontini hast du mich herausgerissen –«

»Das lügst du! – Freiwillig hast du dich mir angeschlossen! Dein Kontrakt war gelöst, ehe ich nur eine Ahnung davon hatte!«

Sie stand und ballte in zitternder Wut die Hände. Ach, daß sie so gar keine Opfer aufzählen konnte, die ihn zu ihrem Schuldner machten.

»Ein falsches Spiel hast du mit mir getrieben!« zischte sie. »Hast meine blinde, vertrauende Liebe für deine Pläne ausgenutzt und nie daran gedacht, mich zu deinem Weibe zu machen!«

»Nein, wahrlich, – nie! Das habe ich ehrlich gezeigt!«

Lou sah in diesem Augenblick so unbeschreiblich häßlich aus, wie Götz sie nie vorher gesehen hatte.

Einen Augenblick kämpfte sie mit sich, ob sie ihm die »Lüge« vom enterbten Majoratsherrn, der doch nicht enterbt werden kann, in das Gesicht schleudern sollte, aber sie bezwang sich und ihre maßlose Gereiztheit, denn sie wußte, daß sie rettungslos verspielt hatte, wenn Götz ahnte, daß sie genau über seine Lage orientiert war. Sie mußte die Rolle des selbstlos liebenden Weibes weiterspielen, sie mußte es, und mit diesen Zornesausbrüchen kam sie nicht zum Ziel, das wußte sie auch.

Also änderte sie die Methode.

Mit bitterlichem Aufschluchzen schlug sie die Hände vor das Antlitz und sank auf die Bank zurück.

»O Götz, Götz!« klagte sie wie eine Verzweifelte. »Warum quälst du mich so namenlos! Ist es ritterlich, ist es ehrenhaft, ein Weib, welches dich so über alles liebt, gleich einem zerbrochenen Spielzeug von sich zu werfen! Nicht dein Stolz steht zwischen uns, denn du bist kein Edelmann mehr, du bist freiwillig zu mir herabgestiegen, und die Vergangenheit ist ausgelöscht – aber ein anderes ist es, was dich von meinem Herzen löst, – die Liebe! – Was starrst du mich so groß an? Glaubst du, ich hätte es nicht beobachtet, wie du in der Manege stehst und keinen Blick von der blonden Madonna in der Loge droben wendest? Und sie kommt Abend für Abend – und wem ihr Kommen gilt, sieht
ein Blinder! Warum folgtest du ihr neulich im Wagen? Warum stehst du am Ausgang und schaust sie an wie ein Hypnotisierter? – Warum errötet sie? O, Götz, ich weiß, was dies alles bedeutet! Untreue und Falsch gegen mich bedeutet es, und Liebe zu einer andern, die dir doch ewig fern und fremd bleiben wird, denn feine Damen heiraten keinen Stallmeister aus dem Zirkus!«

Da klang wieder, trotz der schmelzenden Klagetöne, der feine Hohn hindurch, und Götz, welcher heftig antworten wollte, zuckte ruhig die Achseln und sagte: »Ich habe dir nie Treue gelobt und geschworen, denn ich wollte frei sein, – frei, in allem und jedem, ebenso wie ich dich niemals in deiner Freiheit beschränkt habe. Was jene Fremde anbelangt, kann es dir also gleichgültig sein, ob ich sie ansehe oder nicht.«

»Götz, erbarme dich!« – sie faßte seine Hand und preßte sie gegen ihr glühendes Gesicht. »Mach mich nicht rasend vor Eifersucht! Ich kann nicht von dir lassen, – ich bin dein Schatten geworden – ich will verhungern an deiner Seite – nur habe mich lieb, so lieb wie ehemals!«

»Verrenne dich nicht in einen Gedanken, der sich doch nie verwirklichen läßt; unsere Wege müssen sich doch bald trennen – wer weiß, ob wir wieder in ein und demselben Zirkus –«

Sie schüttelte wild das Haupt zurück. »Trennen? Das wäre mein Tod! – Ich lasse dich nicht! Ich folge dir bis an das Ende der Welt, was du mir auch antust! Und jene andere?« sie starrte ihm mit funkelnden Augen in das Gesicht, «die morde ich, wenn sie sich zwischen uns drängen will!«

Er musterte sie mit kaltem Blick. »Du redest im Wahnwitz! Der starke Blumenduft fällt dir auf die Nerven. Auch ich bin müde davon geworden, zu müde, um noch mit dir nutzlos zu streiten. – Gute Nacht, und morgen, bei vernünftiger Laune, auf Wiedersehen!«

»Gut, gehen wir, –« sagte sie plötzlich sehr ruhig und gelassen. »Dein Weg führt an meinem Hotel vorüber. Und die Zukunft? Mir ist's, als sei es unmöglich, daß das Schicksal uns trennt! Du kannst nicht ohne mich sein, – ich bin die einzige, welche dich noch lieb hat auf der Welt, – und ob früher oder später, wirst du es auch einsehen. Du lieber, lieber Trotzkopf du! Wehre dich nicht gegen das Verhängnis, es hilft dir nichts! Wenn alle dich verlassen, – ich bleibe dir treu!«

Als Lou allein in ihrem Zimmer saß, neigte sie den Kopf tief zur Brust und dachte nach. Ihr Gesicht sah alt aus, erschreckend alt und verzerrt.

Götz heiratete sie nicht, das hatte sie heute abend erfahren.

Sein Stolz, sein Trotz, seine Zuversicht waren noch nicht gebrochen.

Er war wohl elend geworden, aber noch nicht elend und verlassen genug. – So lange ihm noch Weiber zulächeln, solange wie er sich noch in einen Sattel schwingen kann, lebt seine Zuversicht, stößt er hochmütig ihre Hand, welche er noch nicht zur Rettung und Stütze braucht, zurück.

Aber es soll eine Zeit kommen, wo er sich an diese Hand klammert, wie ein Ertrinkender an den Strohhalm.

Hat Lou darum drei Jahre ihres Lebens geopfert, um den Goldfisch zum Schluß doch noch durch die Maschen des Netzes gleiten zu sehen? Hat sie darum bei Hoffmann ihr Probegastspiel für eine Bagatelle gegeben, um zuzusehen, wie Götz mit einer andern liebäugelt? Beim Teufel, nein!

So leichten Kaufs gibt Lou ihr Opfer nicht frei.

Nun heißt es: va banque!

Götz soll ein Mann werden, der nichts mehr auf der Welt hat als seine Freundin Lou: ein Krüppel, ein Armseliger, welchen sie durchfüttert und welcher in seiner Ohnmacht Wachs in ihren Händen ist. Dann wird sie ihr Ziel erreichen.

Und wenn es bei dem Spiel auf Leben und Tod passiert, daß Götz den Hals bricht?

Sie zuckt mit glimmendem Blick die Achseln, ob so oder so, va banque!

Und wenn sie das Weib eines Krüppels werden muß?

Wie lacht scharf und zynisch auf: »Eine Gräfin Abensberg fragt nicht viel danach, was daheim im Rollstuhl seufzt oder an Krücken humpelt! Der Mann ist ja Nebensache bei diesem Hasard, – was sie gewinnen will, ist Geld und eine Grafenkrone!«

Am nächsten Abend soll eine großartige Schlußpantomime geritten werden, eine Parforcejagd im alten Kostüm, an welcher Götz ebenfalls teilnehmen muß.

Er wird in der Rolle eines jungen Fürsten auftreten, Lou kennt durch die Proben genau sein Pferd, sein Zaumzeug, Sattel und Schabracke.

Fräulein Lou hat bereits im ersten Teil des Programms »gearbeitet« und im jeu de rose wieder stürmischen Beifall geerntet, dann wechselte sie die Toilette und nahm noch auf der ersten Stuhlreihe Platz, um die weiteren Nummern anzusehen.

Als sie sich während eines sehr lebhaften Potpourris, in welchem eine außergewöhnliche Anzahl Pferde beschäftigt und beinahe alle Stallbediensteten in Manege und Stallgang versammelt waren, entfernte, fiel es wohl niemand auf und ward nicht bemerkt.

Lou begab sich in den Marstall, vorgeblich um nach ihrem Pferd zu sehen, welches etwas gelahmt hatte.

Ihr scharfer Blick flog blitzartig forschend umher, sie war allein, niemand achtete auf sie.

Mit schnellem Schritt stand sie in der Sattelkammer.

Dort hing an den Wänden alles, was an Zaumzeug und Geschirren zurzeit nicht in Aktion war.

Hohe Gestelle waren aufgeführt, auf welchen die besseren Paradestücke prunkten, Trensen und Kinnketten für harte und weichmäulige Pferde, das glitzernde Galageschirr mit den vergoldeten Knöpfen für die Freiheitspferde, buntbebänderte, mit Rosetten und Schleifen versehene Zaumzeugs, Kummete und Halftern für spanische Posten oder russische Dreigespanne. Dort hingen Sättel in allen Formen und Arten, glatte, hellederne englische, schlanke und knappe Damensättel und die seltsam geformten spanischen mit den mächtigen, gestickten Satteltaschen, die mexikanischen, altfranzösischen und deutschen! – Hier aufgespeichert die Panneaus, von den einfachen Probestücken aus Leder und Werg bis zu den gold- und silberstrotzenden der Galaaufführungen!

Hier, sorgsam geordnet, alles, was zu den Pantomimen des heutigen Abends gehört.

Lous funkelnder Blick heftete sich auf den Sattel, welchen Götz als Fürst reiten wird. Sie kennt ihn genau, ein Irrtum ist ausgeschlossen.

Blitzschnell nimmt sie den Sattelgurt in die Hand, da, wo er dicht an dem Leder ansetzt, – ein schneller Schnitt mit dem haarscharfen Messerchen, – so geschickt, von beiden Seiten, daß nur in der Mitte noch ein ganz schmales Streifchen zusammenhält.

Das Sattelzeug ist beim Putzen genau geprüft, später wird es in großer Eile aufgeschnallt, und kein Mensch wird in der Hast die scharfen Einschnitte bemerken, – wer denkt an so etwas.

Lou neigt sich mit dem Lächeln einer Teufelin und ordnet den Gurt, wie er vorher gelegen, dann huscht sie wie ein Schatten zurück, ebenso unbemerkt, wie sie gekommen.

Auf ihrem Platz sitzt sie wieder und beobachtet mit glimmendem Blick, wie der junge Graf wieder und wieder zu der Loge hinaufblickt, für nichts anderes mehr Interesse und Sinn, als für die sentimentale blonde Schönheit.

Lous Lippen verziehen sich in höhnischem, schadenfrohem Lachen, sie merkt erst, als ein Logendiener sie anredet, daß derselbe neben ihr steht. »Ein Brief, Fräulein, hier an den Zirkus adressiert.« Lou nimmt das Schreiben gleichgültig und öffnet es; wer schreibt ihr aus der Residenz? Sontini? Sie liest:

»Mein teures Fräulein!

Endlich erfahre ich durch einen Zufall Ihre Adresse! Es hat mich lange beunruhigt, Sie ehemals falsch beraten zu haben, und hole ich das Versäumte hiermit nach. Borgen Sie dem Grafen Götz weder Geld noch heiraten Sie ihn; mit dem Majorat verhält es sich anders als ich dachte, der junge Mann ist tatsächlich enterbt, das Majorat in Minorat verwandelt und der jüngere Bruder in die Rechte eingesetzt.

Hochachtend der Ihre! Moses Feilchenfeld.«

Alles Blut war aus Lous Wangen gewichen, sie saß einen Augenblick wie erstarrt, gelähmt vor Entsetzen, Wut, – Haß. Dann rang sich ein zischender Laut von ihren Lippen, sie ballte die bebenden Fäuste. Das! Also das die Früchte ihrer Bemühungen. Und diesen Bettler, diesen Vagabund hatte sie jetzt, wenn er stürzte, hegen und pflegen wollen! – Haha! – Welch ein namenloses Glück, daß der Narr vernünftiger war wie sie, und sie nicht geheiratet hatte! Welch ein infamer Reinfall wäre das gewesen!

Die schönen, vergeudeten, verlorenen drei Jahre ihres Lebens! – Lou fühlt, wie die Wut sie zu ersticken droht, wie ein wilder, rasender Haß gegen ihr unschuldiges Opfer sie erfaßt! Und dann lacht sie leise und schrill auf. – Rache! – Ja, sie wird Rache an ihm nehmen… Der Sattelgurt drüben – haha!

Sie sieht nicht mehr die Leistungen in der Manege, sie sitzt mit stierem Blick und wartet auf die Pantomime, – ihr Herzschlag geht wild, sie fühlt ihn hoch im Halse.

Jetzt! – jetzt! – Hornfanfaren! – Die mächtigen Hürden sind aufgestellt, der tiefe Graben aufgedeckt und mit Wasser gefüllt.

Nun – Hussa und Hallo – knatternde Hufe – erst die Meute, die Piqueurs – dann auf feurigem Roß der junge Fürst in kleidsamstem Kostüm – Teufel ja! Wie schön Götz aussieht. – Das Damenpublikum spendet tosenden Beifall – hepp! hepp! Aber die Hürde ist er hinweggesetzt – sein Antlitz glüht, die dunklen Augen blitzen – er sticht sein Pferd an – hepp, hepp! – über den Graben –

Ein Schrei! – ein hundertfacher Schrei! Das Roß bäumt wild auf – der Reiter wankt jählings zur Seite – ein Sprung – und Götz schlägt vornüber und überschlägt sich in schwerem Sturz – Roß und Reiter versinken in dem aufspritzendem Wasser – und die folgenden Reiter, im vollen Ansturm, unfähig, ihre Pferde zu zügeln, sausen ihm nach –

Wildes, aufgeregtes Durcheinander, alle Mienen drücken jähes Entsetzen aus, nur eine steht hoch aufgerichtet, triumphierend, mit höhnischem Lächeln, – Lou.

Man kommt dem Verunglückten zu Hilfe, man trägt ihn hinaus, – starr und bleich liegt er, besinnungslos.

XXIII.

Auf einer schnell zusammengehäuften Strohschütte im Stallgang liegt Götz.

Das Wasser rinnt aus dem dunklen Haar über das leichenblasse Antlitz, das Sammetwams ist über der Brust aufgerissen, und ein Arzt, welcher zufällig im Zirkus anwesend war, kniet neben dem Bewußtlosen und nimmt, so gut es geht, die erste Untersuchung vor.

Direktor, Regisseur und Personal stehen mit ernsten, gedrückten Mienen im kleinen Kreis und starren auf das düstere Bild.

Auch Fräulein Lou schreitet gelassen heran und schaut mit schillerndem Blick auf den Verunglückten nieder.

»Hat er sich weh getan?« fragt sie mit harter, rücksichtslos lauter Stimme, und der Arzt richtet sich achselzuckend empor und sagt: »Noch ist nichts zu konstatieren, Lunge und Herz scheinen gesund, – der Kranke muß sofort in ein Hospital transportiert werden!« und er gibt einem Stallknecht hastig Befehl, das Nötige auf der nächsten Sanitätswache zu veranlassen.

Hoffmann zwirbelt mit nervöser Bewegung den grauen Schnurrbart.

Nicht nur, daß ihm der Unfall aufrichtig leid ist. – derselbe ist auch eine üble und unvorhergesehene Ausgabe für ihn; da er weiß, wie völlig mittellos der junge Reiter ist, muß er selbst anstandshalber die Kurkosten übernehmen.

Er flüstert mit dem Doktor und ersucht denselben, den Verunglückten möglichst vorteilhaft in einer Armenklinik unterzubringen.

Fräulein Lou mustert die schlanke, regungslose Gestalt noch einmal mit der herzlosen Kälte eines Weibes, welches ein interessantes und befriedigendes Schauspiel sieht, schwenkt kurz um und dreht dem ehemals so heiß begehrten Freund den Rücken. Mag aus ihm werden, was da will, – sie fragt nichts mehr danach, – sie hat vollauf zu tun, die drei schönen, so nutzlos vergeudeten Jahre wieder einzubringen.

Ein starker Duft von Tuberose weht noch einmal von ihr herüber, dann verschwindet sie zwischen dem näher drängenden Publikum.

Gleichzeitig bahnen sich zwei Damen mit allen Zeichen großer Erregung den Weg zu dem gestürzten Reiter!

»Flavia! Flavia! wenn er tot wäre!« jammerte die ältere der Damen außer sich, Fräulein von Husby aber wirft sich mit farblosem Antlitz neben Götz nieder und faßt die kalten Hände.

»Lebt er?« klingt es wie ein flehender Angstschrei zu dem Arzt empor.

»Ich hoffe, ja, mein Fräulein! Knochenbrüche wird es wohl gegeben haben, doch hoffe ich, keine ernsthaften Komplikationen. Der schwere Sturz auf den Kopf hat eine tiefe Bewußtlosigkeit verursacht.«

Am Ende des Stallganges erscheinen zwei Krankenträger mit der Tragbahre.

»Wohin soll er geschafft werden?« fragt Flavia ernst, und der Direktor murmelt: »Es wird nicht viel zu machen sein, meine Dame, der Mann ist völlig mittellos!«

Einen Augenblick ist es, als zitterten die Lippen des jungen Mädchens in herbem Weh, Tränen stürzen über die bleichen Wangen, dann schüttelt sie energisch das Haupt, richtet sich auf und sagt: «Die Pflege dieses Unglücklichen übernehmen wir! Ich ersuche Sie, ihn sogleich in die Klinik des Professors H. zu transportieren!«

»Mein Fräulein…«

»Ich übernehme jede Verantwortung und alle Kosten! Eilen Sie, ehe es zu spät wird!«

Und die alte Dame stimmt hastig zu: »Ja, zu Professor H.! Das ist das beste! Auch ich verbürge mich für den Kranken.«

»Gut! Also in die B.-Straße! Klinik!« nickt der Arzt, und der Direktor verneigt sich sehr höflich und freudig überrascht vor den beiden Samariterinnen; sie sind ihm nicht fremd, er hat sie Abend für Abend droben in der Loge sitzen sehen.

Flavia bleibt noch einen Augenblick stehen, hilfreich, mit weichen, bebenden Händen zuzugreifen, als man den tief aufstöhnenden Reiter auf die Bahre hebt, dann läßt sie ihren Wagen herbeirufen, um dem Verunglückten voraus nach der Klinik zu fahren und sein Kommen anzumelden.

Welch ein Glück, der Professor ist soeben aus dem Klub heimgekehrt und blickt betroffen in das liebliche Antlitz Flavias, welches mit einem Ausdruck unbeschreiblichster Todesangst zu ihm emporblickt.

Er kennt die junge Dame sehr gut, seit er ihre Tante, die Geheimrätin Borgius, als Patientin behandelt und ihrer anmutigen Pflegerin dabei die wärmsten Sympathien entgegenbrachte.

»Nein gnädiges Fräulein – zu so später Stunde, um alles in der Welt – wie sehen Sie aus! –«

Statt aller Antwort berichtet Flavia in fliegender Hast, was sich soeben im Zirkus zugetragen, und bittet um Aufnahme des Kranken in die Klinik, für dessen Behandlung Tante Borgius und sie jedwede Garantie übernehmen!

Der Professor schüttelt jäh betroffen den Kopf.

»Um alles in der Welt, mein gnädigstes Fräulein, das ist im Augenblick unmöglich, direkt unmöglich!«

»Herr Professor – Sie haben Zimmer frei!« stößt Flavia mit zitternden Lippen hervor, neigt sich aufgeregt näher und flüstert: »Mister Dougal ist nur ein nome de guerre! Der junge Schulreiter ist der Sohn eines unserer ersten Aristokraten, – die Familie wird es Ihnen zu Dank wissen…«

»O. – nicht um des Namens willen!« wehrt der berühmte Arzt beinahe heftig ab und wühlt die schlanken Finger in das dichte Grauhaar. «Ich habe freilich Zimmer frei – aber leider Gottes keine Pflegerinnen! Zwei meiner besten Diakonissen habe ich für China und Transvaal abgeben müssen, eine Wärterin liegt ebenfalls krank – wir wissen sowieso nicht, wie die viele Arbeit bewältigt werden soll. Aushilfen sind nicht zu finden – und nun gar noch einen so schwer Kranken aufnehmen, welcher die sorgsamste und größte Pflege haben muß… Ich versichere Sie, mein gnädiges Fräulein, so leid es mir tut…«

Er verstummt, denn Flavias wundervolle Augen sehen ihn voll beinahe überirdischen Glanzes an.

»O, wenn es sich nur um eine Pflegerin handelt,« sagt sie hastig, »so biete ich gern meine Dienste an. Herr Professor! Ich machte vor Jahren einen Kursus in der Krankenpflege durch, und wenn ich auch nicht ausgebildet darin bin, so dürfte ich doch auch nicht allzu unerfahren sein! – Versuchen Sie es mit mir, bester, gütigster Herr Professor! Ach, ich flehe Sie aus tiefster Seele an! – Wahrlich, Sie sollen zufrieden mit mir sein… drunten… hören Sie?… ach, man bringt den Unglücklichen schon! Stoßen Sie ihn nicht in die Nacht hinaus… Haben Sie Erbarmen…« Der alte Herr drückt mit einem warmen Blick bewundernder Anerkennung die weiße, zitternde Mädchenhand.

»Gut, – wenn Sie tatsächlich bleiben und pflegen wollen – an mir soll es dann auch nicht fehlen!«

Und er setzte die Klingel in Bewegung, gab hastig Befehle und eilte selber die Treppe hinab vor die Haustür, den bleichen Gast in Empfang zu nehmen.

Flavia aber faltete inbrünstig die Hände vor der Brust und blickte zu dem dunklen Nachthimmel auf: «Ich danke dir, mein Herr und Gott, daß du der schwachen kleinen Taube Kraft gabst, dem jungen Aar in die Welt hinaus zu folgen, daß du mich in dieser Stunde an seine Seite gestellt, ihm Hilfe und Rettung zu bringen, so es dein gnädiger Wille ist!«

Still, totenstill ist es in dem hohen, luftigen Zimmer.

Durch die großen Spiegelscheiben der Fenster schauen die hochragenden Blütenbäume des Gartens, die ersten Sonnenstrahlen flimmern über die weißgescheuerten Dielen, und Flavia erhebt sich, schreitet lautlos herzu und zieht die dunklen Vorhänge sorgsam zu,

Ihr Antlitz ist bleich, die großen Blauaugen sind tief umschattet, wie bei Menschen, welche den Schlaf entbehrten, aber ein Zug lächelnder Verklärung liegt um die feinen Lippen, der Ausdruck einer tief aufatmenden Erlösung aus Todesangst.

Dort auf dem Lager liegt Götz, still und blaß, schwerkrank, aber doch kein Sterbender.

Die gebrochenen Rippen heilen schnell und normal, die Muskelzerrung des Beines hat sich nicht so schlimm erwiesen, als wie es bei der ersten Untersuchung geschienen. Das Bedenklichste ist ein Bluterguß in die Augen, welcher möglicherweise recht ernste Folgen haben kann.

Vorläufig deckt eine schwarze Binde die Augen des Schläfers, den unglücklichen jungen Mann zu einer längeren Zeit schwerer Prüfung verurteilend.

Blind!

Flavia hat in jähem Entsetzen das Antlitz mit den Händen bedeckt.

Herr des Himmels, nur das nicht! – Nicht diese furchtbarste aller Heimsuchungen einem Menschen, der schon so elend sein verfehltes, armseliges Leben dahinschleppt!

Flavia hat an dem Lager des Kranken gekniet und die Hände in leisem, leidenschaftlichem Gebet gerungen, – und während ihr Herz tausendfache Qualen um ihn und seine Leiden litt, lag er so still in den Kissen, atmete so leise und ruhig, als habe der Sturm nun ausgetobt, als sei er endlich, endlich zur Ruhe gekommen.

Das Bewußtsein war verhältnismäßig schnell zurückgelehrt, – Götz hatte ein paar wirre Worte geflüstert, ein paar staunende Fragen an den Professor gerichtet – dann hatte er tief aufgeseufzt und das finstere, schöne Antlitz war so müde in die Kissen zurückgesunken, als wolle es sich zum ewigen Schlafe betten.

Das Fieber trat ein, – heftiger als man angenommen, und Flavia neigte sich mit Tränen in den Augen über ihren Schützling.

Wenn er allzu verzweifelt aufstrebte und voll leidenschaftlicher Erregung unverständliche Worte murmelte, – wenn er sich in den Fieberphantasien quälte, wo er eine Stellung finden, wo er Brot verdienen könne, – wenn seine Worte all die bittere Not, die herben Demütigungen, das furchtbare Hangen und Bangen eines stets vergeblichen Kampfes um das Dasein spiegelten, dann legte Flavia ihm blutenden Herzens die weiche, kühle Hand auf die Stirn, und der Kranke griff danach – hielt sie fest und seufzte tief und wohlig, wie von schwerer Qual befreit, auf.

Als das Fieber wich, als er wieder bei klarem Bewußtsein war, lag er still und schweigsam, stundenlang in düsterem Hinbrüten.

Er ließ alles schweigend mit sich geschehen, er forderte nichts und wünschte nichts – er tat keine Frage an seine Pfleger, er biß die Zähne zusammen und stöhnte kaum auf, wenn er Schmerzen empfand.

Er hatte geschlafen und war früh erwacht, Flavia bemerkte es an dem nervösen Zucken seiner Hand.

Sie hatte jetzt, als die Bandagen seine Augen verhüllten und ein Wiedererkennen dadurch ausgeschlossen war, seine Pflege fast ausschließlich übernommen, ein Wärter und der Professor selbst waren die einzigen, welche sie dabei unterstützten.

Sie neigte sich über den Erwachten und fragte leise, ob sie ihm eine Tasse Milch reichen dürfe?

»Ich bitte darum!«

»Sie fühlen sich heute wohler, Mister Dougal?«

Er lauschte gedankenvoll auf ihre weiche, melodische Stimme.

»Die Schmerzen in der Seite scheinen nachzulassen – ich danke Ihnen.«

»Gottlob, so wird bald das Schlimmste überstanden sein!«

Ein bitteres Lächeln huschte um seine Lippen, aber er schwieg.

»Liegen Sie noch bequem, oder soll ich dem Wärter schellen?«

»Ich danke, mein Lager ist sehr gut.«

Eine Welle tiefen Schweigens, Flavia trat an den Tisch und legte lautlos das Verbandzeug bereit.

»Wo bin ich hier?« fragte Götz plötzlich.

»In der Klinik des Professors H.!«

»Undenkbar! Wer bestreitet die Kosten dieses Aufenthalts? Weiß der Herr Professor, daß ich total mittellos bin?«

»Darüber beunruhigen Sie sich nicht. So viel ich weiß, bestreitet Direktor Hoffmann die Kurkosten, aber wenn dem auch nicht so wäre, würde der Professor Ihnen die Freistelle in seiner Klinik zugewiesen haben.«

»Hoffmann? Hoffmann?!« murmelte der Kranke ungläubig; »je nun, auch das ist wohl ein Stück Reklame für ihn.«

Flavia war herangetreten und legte ihre Hand besorgt prüfend auf die Hand des Sprechers, den Puls zu fassen.

»Sprechen Sie auch nicht zu viel, Mister Dougal? Fieber scheinen Sie, gottlob! gar nicht mehr zu haben!«

»Nein; ich empfinde keine Ermüdung beim Sprechen. Wer sind Sie?«

»Schwester Maria.«

»Eine Diakonissin?«

»Eine Krankenpflegerin.«

Abermals eine kurze Pause, dann atmete Götz tief auf.

»Ich bin bei der letzten Vorstellung im Zirkus gestürzt?«

»Gott sei es geklagt!«

»Hat man erfahren, wer mir den Sattelgurt durchschnitten hat?«

Betroffen hob Flavia das Haupt.

»Was wissen Sie davon?! – Wie erfuhren Sie…«

»Der Wärter erzählte es hier im Zimmer während der ersten Tage, er glaubte entweder, es interessiere mich nicht, oder ich sei noch zu apathisch, um es zu hören.«

»Und Sie hörten es? Es regte Sie auf?«

»O nein, Schwester Maria« – wieder das seltsam scharfe Zucken um seine Lippen. »Niemand muß mehr auf Kabalen und Intrigen gefaßt sein wie der Artist. Wir wissen, daß wir vogelfrei sind. Der Wärter erzählte ferner, daß der Direktor eine strenge Untersuchung eingeleitet habe, aber nur ein Arbeiter habe ausgesagt, daß eine Dame sich während der Vorstellung in der Sattelkammer zu schaffen gemacht habe. Weiß man, wer diese Dame war?«

»Nein, Mister Dougal – ich habe überhaupt nichts von diesen Details gehört – es wird ja so viel geredet und so viel phantasiert! Warum soll der Gurt in verbrecherischer Weise durchschnitten sein? Kann nicht einfach ein Unglück und Mißgeschick zugrunde liegen?«

Eine schnelle, jähe Bewegung seiner Hand. Götz grub die Zähne in die Lippe.

»Nein, das kann es nicht. Aber gleichviel, glauben Sie nicht, daß dieser Gedanke etwas Beunruhigendes für mich haben würde, im Gegenteil, es ist angenehm, wenn man sich nicht in den Menschen getäuscht hat, wenn mit dem Gurt zu gleicher Zeit das scharfe, schneidende Haarseil der Verpflichtung durchschnitten wurde.«

Abermals eine Pause.

Götz faßte mit nervöser Unruhe nach der Binde über den Augen.

»Warum immer noch diese Bandage? Was ist es eigentlich mit meinen Augen?«

»Sie müssen geschont werden, der schwere Sturz schadete auch ihnen.«

Mit zitterndem Druck faßte er die weiche, kleine Hand. «Schwester Maria… bin ich blind?!« stieß er mit einem Aufschrei hervor. Sie neigte sich und strich leis und lind über seine zuckenden Finger. »Das verhüte Gott! nein, Sie werden hoffentlich schon bald wieder froh und frisch in das Leben, in Gottes schöne Welt hineinblicken!«

»Froh und frisch! – nein, Schwester Maria – das werde ich nie wieder!« klang es leidenschaftlich zu ihr empor, es war, als sei plötzlich ein starrer Bann gebrochen, als flute all das übergroße Leid, welches Herz und Seele mit Bleigewichten niederdrückte, in jäher Verzweiflung über seine Lippen. »Wen das Schicksal so erbarmungslos in alle Tiefen des Elends hinabgeschmettert, der ringt sich nicht wieder empor, dessen Würfel sind gefallen! Ach, warum durfte ich nicht sterben und verderben in tödlichem Sturz, wie wohl würde mir jetzt sein! Was soll ich noch auf der Welt? Warum flickt und heilt man mühsam meinen elenden Körper zusammen, um mich als Krüppel doch dem Tode in die Arme zu treiben? Blind! – Wissen Sie, Schwester Maria, was es für einen Mann, welcher von seiner Hände Arbeit leben muß, heißt, zu erblinden?«

Flavias Herz blutete bei dem Ausbruch einer solchen Verzweiflung, fester umschloß sie seine Hand.

»Ja, ich weiß es, Mister Dougal!« flüsterte sie, »aber ich weiß auch, daß Gottes Gnade und Barmherzigkeit größer ist wie alles Leid, wie alles Mißgeschick, welches uns heimsuchen kann! Glauben Sie mir, der barmherzige Vater, welcher die Haare auf unserm Haupt gezählt hat, welcher seine Hände auch in dem finstersten Tale über uns breitet, dessen Auge uns dennoch sieht, wenn wir auch glauben, in den grundlosen und tiefsten Tiefen des Unglücks versinken zu müssen, der treue, gewaltige Gott weiß gar wohl, was für Gedanken er auch über Sie hat – nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides!«

»Sind es wahrlich Gedanken des Friedens, wenn er mir, der nichts anderes mehr hat auf der Welt wie seine gesunden Glieder, diese zermalmt und mir das Augenlicht nimmt?«

»Ihre Glieder heilen, und Ihre Augen werden wieder sehend werden!« klang die weiche, seelenvolle Stimme wie eine heilige Verheißung zu ihm nieder. »Warum Gott der Herr sie Ihnen für ein Weilchen zuschloß? Auch das ist wohl einer seiner Wege, die nicht die unsern sind! Nicht mehr hinein in die bunte, sündige, leichtfertige Welt soll der schauen, welchem Gott eine Binde über die Augen legt, sondern er soll die Blicke nach innen richten, in sein Herz und seine Seele – er soll einmal nachsehen, ob es da drinnen so ausschaut, wie es seinem himmlischen Vater ein Wohlgefallen ist, er soll einmal abrechnen mit sich selbst!«

»Und wenn man sich keiner Schuld bewußt ist?« Das war wieder der trotzige Ton, der starre Sinn, welcher den verlorenen Sohn hinaus in das Elend getrieben.

Leise und zärtlich fast streichelte ihre Hand die seine.

»Kein Nensch ist sonder Schuld und Fehl, Mister Dougal! Ich bin überzeugt, daß Sie keine großen Sünden begangen haben, daß Sie nicht die heiligen zehn Gebote verletzten! Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten, du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebst auf Erden … Dies alles werden Sie gewiß nach Gottes Willen getan haben, sind ein braver und gewissenhafter Mensch gewesen, der die grauen Haare seines Vaters heilig hielt, dem der Segen der Eltern in das Leben hinausfolgte … und doch … ach, wieviel hundertmal versündigen wir uns in Worten und Gedanken, wie oft irren wir von dem Weg des Rechten ab, wie zahllose Flecken weist das Feierkleid unserer Seele auf! Auch Sie werden solche Flecken finden, wenn Sie danach suchen, und damit Sie suchen sollen, ungestört vom Lärm und Getriebe der Welt … darum hat der Arzt aller Ärzte sie hier im stillen Krankenzimmer in seine Kur genommen!«

Flavia hatte wundersam innig und eindringlich gesprochen, sie wußte, daß sie in diesem Augenblick mit ihren Worten Samenkörner ausstreute, welche in dem Herzen eines verlorenen Sohnes Wurzel schlagen sollten.

Still … totenstill, nur die bleiche Hand des Kranken zuckt konvulsivisch unter der ihren, und ein Atemzug, wie ein qualvolles Aufstöhnen, ringt sich aus seiner Brust.

»Schwester Maria!«

»Ich bin bei Ihnen!«

»Und wenn … und wenn man Flecken … große, schwarze … unauslöschliche Flecken findet …« stammelte er plötzlich mit zuckenden Lippen.

»Wenn sie uns leid sind, diese Flecken, von Herzen leid, dann wäscht sie Christi Blut und Gottes Gnade rein, daß unsere Seele wieder leuchtet wie frisch gefallener Schnee!«

Ernst und feierlich, voll innigster Zuversicht tönt ihre süße Stimme, und Götz faßt jählings ihre Hand und preßt sie an die Lippen.

»So weiß wie Schnee…« murmelt er, »so weiß wie Schnee…«

Und ein Schüttern und Beben geht durch seine Gestalt, als wehe ein Frühlingsodem über sie dahin …

Und Gott der Herr offenbarte sich in dem linden Sausen.

»Ruhen Sie jetzt, Mister Dougal … das Sprechen regt Sie auf!« sagt Flavia leise. »Lauschen Sie dem lieblichen Konzert vor ihrem Fenster, all die jungen Sänger sind in den Blütenzweigen versammelt, Gott dem Herrn durch ihr Lied die Ehre zu geben!«

Sie tritt an das Fenster und öffnet es, und der Duft von tausend jungerschlossenen Blüten strömt in das Gemach, jubelndes Gezwitscher und Tirilieren tönt zu ihm herein.

Und zwischendurch die vollen, hallenden Klänge der Kirchenglocken.

»Es läutet, Schwester Maria?«

»Ja, Mister Dougal, es ist Sonntag heute.«

Er faltete die Hände und lag still wie im Traum.

An diesem Tage redete Götz nicht mehr als wie das Notwendigste, und Flavia blickte voll banger Sorge in das farblose Antlitz, welches all die schweren Kämpfe spiegelte, in welchen die Seele des Kranken rang.

Hatte sie recht getan, an die Wunde zu rühren, über welche der Staub der Welt seine dicke Borke gezogen?

Ja, sie tat recht daran, denn jetzt war die Zeit gekommen, wo die weiße Taube dem jungen Aar in Sturm und Wetter hinaus folgen und den Flügellahmen kraft ihrer schwachen Schwingen mit sich empor zum Himmel tragen konnte.

Am nächsten Tag rief Götz plötzlich den Namen seiner Pflegerin.

»Schwester Maria!«

»Was wünschen Sie, Mister Dougal?«

Er legte die Hand wie nachdenkend auf die Stirn.

»Sie haben schon viel Elend in der Welt gesehen?«

»Viel Elend und dennoch, gottlob! noch keins, welches zugrunde ging!«

»So haben Sie es wohl besser wie je ein anderes Wesen gelernt, fremdes Leid mitzufühlen?«

»Das glaube ich aus redlichem Herzen versichern zu können.«

»Sind Sie selber zeitlebens glücklich gewesen?«

»Ich bin eine Waise, Mister Dougal … ich habe seit frühester Jugend die zärtliche Liebe einer Mutter entbehren müssen. Ich weiß, wie es tut, einsam und verlassen durch die Welt zu gehen, das Herz voll heißen, unverstandenen Weh's, ich habe mich lange, lange Jahre nach einem Menschenherzen gesehnt, welches, mir die Mutter ersetzen könnte …«

»Sie, Schwester Maria … auch Sie?« murmelte Götz tief aufatmend – »und … fanden Sie es?«

»Ich fand den Frieden, Mister Dougal!«

»Frieden! Ja. Ihre Stimme klingt so traut, so sanft, so wundersam, als müsse in Ihrem Herzen alles still und licht und hell sein! – Verzeihen Sie die unhöfliche Frage: Sind Sie schon alt, Schwester Maria? Ich sehe Sie nicht.«

»Ich bin wohl niemals so recht jung gewesen!«

»Seltsam. Glauben Sie, daß auch ganz junge Menschen, junge Mädchen, bereits ein Himmelreich seligsten Friedens in der Brust tragen können?«

»Wie schlimm, wenn es nicht so wäre!«

Götz schwieg ein paar Minuten, dann lächelte er plötzlich, zum erstenmal, daß Flavia ihn lächeln sah.

»Wie wunderlich oft die Phantasie eines Menschen arbeitet!« sagte er. »Ich sah in letzter Zeit öfters eine Dame im Zirkus, welche mir auffiel, weil ein so unbeschreiblicher Ausdruck auf ihrem lieblichen Antlitz lag. So wie ich mir als Kind den Engel vorstellte, welcher die Friedensbotschaft auf die Welt trug: ›Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!‹ Solch ein Antlitz deuchte mir, dem Unstäten, Fried- und Ruhelosen wie ein Wunder. Als ich Sie zuerst sprechen hörte, Schwester Maria, hatte ich das Empfinden, diese Stimme und jenes Antlitz gehören zusammen, es liegt etwas Verwandtes darin, etwas für mich so Rätselhaftes. Sie sprechen, Schwester Maria, als ob Sie niemals heftig, niemals zornig, niemals sehr laut in übergroßer Lustigkeit sein könnten. Wie wohl tut eine solche Stimme, einzelne Worte klingen mir noch lange, lange im Ohr. – Warum antworten Sie nicht?«

»Ich muß lächeln, Mister Dougal.«

»Ich möchte es sehen können … und doch … nein, es ist wohl besser so. Sprechen Sie zu mir … ich höre es so gern … erzählen Sie mir aus Ihrem Leben!«

»Wäre es nicht richtiger, wenn Sie das täten? Sie haben wohl mehr des Interessanten zu erzählen wie ich!«

Einen Augenblick verschlang Götz krampfhaft die Hände auf der Bettdecke, er zögerte, dann sagte er hastig: »Ja, Schwester Maria … ich werde Ihnen auch von mir erzählen … nicht jetzt … es ist so schwer … so bitter schwer … und doch ist wohl keine, die so viel Mitleid hat wie Sie! Haben Sie eine Bibel zur Hand? O, so lesen Sie mir einmal das Gleichnis von dem verlorenen Sohn … ich entsinne mich nicht mehr … es ist so lange her, daß ich es lernte …«

XXIV.

Flavia saß an dem Fenster des Krankenzimmers und blickte nachdenklich in den Garten hinaus. Götz schien zu schlafen, er lag regungslos, und ein schmaler Lichtstreif fiel durch die Jalousien und zitterte über seine so schön geformte Hand, dieselbe, welche ehemals so nervös und ungeduldig die Orangeblüten auf der Tafel zerpflückt hatte. Wie lebendig war die Vergangenheit wieder in Flavia geworden!

Sie gedachte klopfenden Herzens jenes Diners, jener schweren, traurigen Stunde, welche sie danach im Arbeitszimmer des Präsidenten verlebte, und an die darauf folgenden Tage, welche sie in so bange Aufregung versetzten.

Welch eine Sensation, als es bekannt ward, daß Graf Götz plötzlich den Abschied genommen und sich auf Reisen begeben habe!

Wieviel munkelte und flüsterte man, umsomehr, als die schöne Zirkusreiterin von Sontini gleicherzeit mit ihm verschwunden war.

Ach und die bitterböse Laune der Gräfin Heinau, ihre maßlos gehässigen Beschuldigungen und Schmähungen gegen den jungen Offizier.

Das war eine graue, trostlose Zeit, und Flavia hatte hoch aufgeatmet, als sie eine Einladung von der Schwester ihres verstorbenen Vaters, der verwitweten Geheimrätin Borgius erhielt, sie während einer Reise zu begleiten.

Gräfin Heinau hatte das junge Mädchen mehr wie gern ziehen lassen und Flavia atmete auf wie erlöst, als sie Abschied genommen.

Die Geheimrätin war eine herzensgute, sensibele Frau, stets bereit, ein paar Tränen der Rührung zu vergießen, etwas schwärmerisch und schnell begeistert, mit Vorliebe auf Reisen lebend.

Sie hatte die Nichte stets besonders geliebt, dieselbe aber nicht zu sich nehmen können, solange Flavia der Schulbildung bedurfte, weil sie jahrelang krank war und in Kliniken lebte; nur einmal hatte Fräulein von Husby sie längere Zeit in München in der Anstalt des Professors X. besucht, und aus diesen Tagen datierte die Freundschaft zwischen dem jungen Mädchen und dem berühmten Arzt, eine Freundschaft, welche jetzt so herrliche Früchte trug.

Flavia und Tante Borgius waren bald vertraute Freundinnen und da erstere seit der Unterredung mit dem Präsidenten eine leidenschaftliche Sehnsucht, dem alten Mann in seinem tiefen Gram Hilfe und Trost zu bringen, empfand, so weihte sie Tante Geheimrätin in das tragische Geschick des jungen Abensberg ein und erregte damit das wärmste und lebhafteste Interesse der alten Dame.

Was Gräfin Heinau ehemals als kluge Intrigantin in Flavias Ohr geflüstert, war nicht verklungen. Als das junge Mädchen das Bild des »verlorenen Sohnes« und darauf ihn persönlich geschaut, war es ihr selber wie eine Offenbarung gekommen, daß Gott der Herr ihr die Mission erteilt, über diese gefährdete Seele zu wachen.

Götz hatte einen tiefen, unerklärlichen Eindruck auf sie gemacht und mit der ganzen schwärmerischen Innigkeit ihres Wesens gab sie sich der schweren Aufgabe hin, welche fortan ihr Leben ausfüllen sollte.

Aus dem ehedem so schüchternen Kinde war ein energisches, handelndes Weib geworden, und Tante Borgius lebte sich ebenfalls begeistert in diesen interessanten Roman ein und unterstützte die Nichte in jeder Weise.

Flavia verfügte über bedeutende Mittel, und die Geheimrätin riet ihr, einen Detektiv zu beauftragen, die Spur des jungen Grafen zu verfolgen.

Das geschah, und da die alte Dame nicht an einen bestimmten Reiseplan gebunden war, folgten sie dem jungen Grafen nach London und verblieben daselbst, angeblich, um englische Sprachstudien zu treiben.

Sie beobachteten Götz, sie erfuhren, wie heldenhaft und entsagungsvoll er den schweren Kampf mit dem Schicksal führte, wie standhaft er jedwede Unterstützung der Kunstreiterin ablehnte.

Immer größer, immer lebhafter ward das Interesse der Damen für den wundersamen Reiter. Der Detektiv meldete seine Abreise nach München, und sie folgten ihm auch dorthin, Zeugen seines ersten Auftretens zu sein.

Was Flavia in jenen Tagen bitterster Enttäuschung mit Götz gefühlt und gelitten, ist unbeschreiblich und doch hob sie die tränenfeuchten Augen zum Himmel und dankte Gott für diesen schweren Weg, welchen er dem Verirrten zu seiner eigenen Rettung bereitet.

Tante Borgius hatte ein paarmal den sehnsüchtigen Wunsch geäußert, das immer heißer werdende München mit einem Aufenthalt im Hochgebirge zu vertauschen, aber Flavia flehte und bat sie, zu bleiben, eine bange Ahnung sagte ihr, daß sie gerade jetzt am notwendigsten an die Seite des Verlassenen gehöre.

Sie hatte sich nicht getäuscht.

Wie eine glückselige Begeisterung, eine heilig fromme Verklärung war es über sie gekommen, als sie Götz den rettenden Händen des Professors übergeben und selber zu seiner Pflege an seinem Lager weilen konnte.

Die Geheimrätin war – auch auf Zureden des Arztes – nach Berchtesgaden abgereist, verlangte aber von Flavia, durch sehr ausführliche Briefe von dem Ergehen ihres »
poor boy« unterrichtet zu werden.

Und nun blickte die junge Samariterin träumend in die Blütenpracht des Gartens hinaus und über ihr liebliches Antlitz zog ein Lächeln unendlichen Glücks.

Sie fühlte und empfand es, daß Götz ihre Nähe liebte, daß sich seine Gedanken noch viel und gern – wenn auch mit der entsagungsvollen Andacht eines ewig Fernstehenden – mit der Unbekannten aus der Zirkusloge beschäftigten.

»Schwester Maria!«

Sie zuckte empor und trat schnell an seine Seite.

»Sind Sie bei mir?« fragte er leise und tastete nach ihrer Hand. »Lassen Sie uns plaudern – ich sehne mich nach Glockenläuten!«

»Es wird bald erklingen, – zum Ave Maria.«

»Warum warten? Ihre Stimme ist mein Glockenklang geworden! Erzählen Sie mir – von Ihrer Heimat – Ihrer Kindheit. Sie waren ja auch so einsam wie ich!«

»Sie sind verwaist, Mister Dougal?«

Er schloß herb die Lippen. »Wie Sie es nehmen wollen. Ich habe einen Vater – und besaß ihn doch nie – ich bekam eine Stiefmutter – und lernte niemals ihre Liebe kennen!«

»O – man vernachlässigte Sie?«

Götz zögerte abermals. »Wohl nicht in Ihrem Sinne. Meine Mutter sorgte sehr gewissenhaft für mein leibliches Wohl, aber Herz und Seele gingen darüber zugrunde. Wer selber keine Liebe und Weichheit kennt, kann sie auch nicht an andere abgeben!«

Wie bitter und scharf klangen seine Worte!

Flavia legte sanft ihre Hand auf die seine.

»Also eine jener armen, unverstandenen Frauen, welche so schweren Lebensweg gehen müssen! Ich lernte einst eine ähnlich beanlagte Dame kennen. Sie galt allgemein für sehr korrekt und pflichttreu, aber für kaltherzig, unnahbar und gefühllos. Man verurteilte sie so scharf, ihre eigenen Kinder erzeigten ihr keine Liebe, sondern kränkten sie durch Undank, ja, durch Gehässigkeit bis in das tiefste Herzblut hinein und doch hatte sie es so gut gemeint und alles für sie getan, was in ihren Kräften stand. Nach langen Jahren erst ward das Schicksal dieser Frau ihren eigenen Kindern bekannt. Sie hatte geliebt in ihrer Jugend, geliebt mit aller Innigkeit, allem Vertrauen und Glauben ihres Herzens, und sie war belogen und betrogen worden. Da krampfte sich ihr Herz zusammen und erstarrte in namenlosem Weh, und die Todeswunde blutete heimlich fort, ihr Lebenlang, ob sie auch das Weib eines anderen werden mußte. Glücklich war sie nie – und die bitterste Qual für sie waren die Dornenruten, mit welchen der Sohn ihr das wehe, zuckende Herz blutig schlug!«

»Schwester Maria!« wie ein leiser, zorniger Aufschrei klang es. »Das war eine Ausnahme von der Regel herzloser Weiber! Ein Unikum! Glauben Sie, meine Mutter wäre jemals, selbst in ihrer Jugend, einer zärtlichen Regung fähig gewesen? Wenn sie einen Funken von Sympathie und Teilnahme für mich gehabt hätte, würde sie mir das Leben nicht derart zur Hölle gemacht, würde sie mich nicht gezwungen haben, mein Vaterhaus zu verlassen.«

»Sie wurden nicht freiwillig Artist?«

Seine schlanke Hand bewegte sich aufgeregt auf der Decke – er wollte anscheinend nicht über seine Verhältnisse reden und dennoch tat es ihm so wohl, sich einer Menschenseele offenbaren zu können.

»Ich hatte seit jeher viel Sympathien für den Zirkus!«
sagte er, »jene hohe, ideale Meinung, welche der Laie sich so oft von jenem glänzenden Künstlerdasein bildet. Von Kindheit auf sehnte ich mich nach einem Empfinden vollster, seligster Befriedigung, ich wußte es mir nicht klar zu deuten, ich wähnte, es sei die Freiheit, die Freiheit, wie sie als Phantom in den Köpfen ganz junger Menschen spukte! – Ich hatte niemand, dem ich mich anvertrauen, der mich belehren konnte.«

Er atmete tief auf und fuhr dann ruhiger fort: »Ich war wohl nie so schlecht und leichtsinnig, wie meine Stiefmutter mich ausgab – ich hatte nur Ideale, unverstandene und unmögliche Ideale. – Der Zirkus schien mir ein Paradies auf Erden, die Artisten herrliche, vollkommene Menschen. Sie waren durch ihren Beruf prädestiniert, Helden der Vollkommenheit zu sein.«

»Artisten?!«

Er lächelte. »Jetzt begreife ich Ihre überraschte Frage, damals nicht. Ein Artist mußte meiner Ansicht nach ein Urbild herkulischer Kraft, Kühnheit und Gesundheit sein. Das stete Spiel mit der Gefahr mußte seinen Körper stählen, seine Geistesgegenwart aufs äußerste vervollkommnen. Nur die strengste leibliche Zucht, ein beinahe asketisches Leben kann ihn gegen die Todfeinde wappnen, welche ihn stündlich umgeben. Ein Glas Wein zu viel – zu falscher Zeit, kann ihn zum Krüppel, zum stillen Mann machen. Die häßliche Leidenschaft, die Laster, die Sünde, stehen einem Menschen fern, welcher täglich sein Totenhemd trägt, welcher jeden Augenblick bereit sein muß, vor dem höchsten Richter abzurechnen, das Milieu der Manege ist frei von kleinlichen Vorurteilen, frei von all den tausend lächerlichen Unterschieden, welche das bürgerliche Leben macht und verlangt. Der vagierende Künstler ist ein Gott der Freiheit, ein Priester der Kraft, des stählernen Muts, und die Artistin die dornenlose Rose, die Königin der Geschmeidigkeit und Todesverachtung! Der Verkehr glückselig, genußfreudig, frei und ungezwungen wie bei spielenden Kindern! Der Lorbeer, welchen der eine erntet, schmückt alle, Lust und Leid sein Gemeingut.«

Götz unterbrach sich und atmete schwer auf, wieder zuckte es wie physischer Schmerz um seine Lippen.

»So wähnten Sie damals?«

»Damals! – Als ich noch blinder war wie jetzt und nach Glück und Freiheit suchte. Stets auf falschem Wege. Halten Sie mich nicht für einen Tugendhelden, ich folgte der gleißenden Truggestalt überallhin, auch da, wo Abgründe gähnten. Ich kannte keine Frauen, die mir den Unterschied zwischen böse und gut hätten klarmachen können. Meine Stiefmutter war mir verhaßt, fremd, ihre Art verabscheute ich schon aus Opposition, und die Damen, welche bei ihr verkehrten, langweilten und ärgerten mich, weil sie eine so große Verehrung für meine Mutter zur Schau trugen. Eine aufgezwungene Geselligkeit ist stets von Übel und meine Mutter verleidete sie mir, weil sie mich zwang, daran teilzunehmen. Da ward mein Herz so übervoll von Groll und Bitterkeit. – Da mußte die schwere, furchtbare Stunde kommen, welche mich für ewige Zeit von meiner Heimat schied! Sie haben schon so viel Elend kennengelernt, Schwester Maria, – sahen Sie auch schon einen verlorenen Sohn am Wege sterben?« er faßte ihre Hand mit krampfhaftem Druck, »ich habe nicht geglaubt, daß es so schwer sein würde!«

»Der verlorene Sohn!« flüsterte sie und legte die Rechte leise und lind auf sein Haupt. »Haben Sie vergessen, Mister Dougal, wie das Gleichnis von dem verlorenen Sohn endigt? Nicht mit dem Sterben und Verderben eines Verfemten und Verstoßenen am Wege! Nicht mit Dunkel und Nacht eines ewig unversöhnten Scheidens! ›Da dachte er bei sich: ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!‹ – Mister Dougal, wenn Gott der Herr Sie wieder von diesem Schmerzenslager aufstehen läßt – o, denken Sie auch, wie jener Sohn aus der Schrift, machen Sie sich auch auf, und kehren Sie zurück in Ihr Elternhaus! Trocknen Sie die Tränen Ihres Vaters – fassen Sie die Hand der Mutter und seien Sie gewiß …«

Götz machte eine jähe, beinahe wilde Bewegung und rang die bebende Hand frei, um sie voll Ungestüm in das Haar zu wühlen.

Ein hartes, beinahe verzweifeltes Auflachen.

»Ich soll heimkehren – zu ihr – zu jenem Weib, welches mir Vater und Geschwister entfremdete, welche mich in das Elend hinausgetrieben? Daß sie vor mir stünde – mich mit den kalten, starren Augen musterte, höhnisch, selbstzufrieden, mitleidig, wie man einem Bettler ein Almosen zuwirft – und dann hebt sie an mit der herzlosen, harten Stimme – eine jener Moralpredigten – nein, Schwester Maria! Tausendmal nein! Lieber verhungern – lieber hinab in die dunklen Wasser, wenn es zu Pulver und Blei nicht mehr reicht, als wie diese Hefe in dem bittersten aller Kelche noch zu leeren! Nie, Schwester Maria, nie! – Jenen verlorenen Sohn aus der Bibel empfing keine Stiefmutter wie die meine daheim! – Möglich, daß ich ihr Unrecht tue – ich kann nicht anders. Ich sah nie eine Tat der Liebe, hörte nie ein gutes Wort von ihr, wie soll ich da noch an ihre Liebe glauben!«

»Sie wird Ihnen dieselbe erzeigen, indem sie den Wiederheimkehrenden voll herzlicher Freude in die Arme schließt!«

Wieder das kurze, schier verzweifelte Lachen.

»In die Arme schließen? Sie kennen jene Frau nicht. Daß sie mich nicht direkt vor die Tür jagt, glaube ich selber, denn es ist ja ihr Stolz und rechthaberischer Sinn, welcher durch die Heimkehr des reuigen Sünders Triumphe feiert. Und diesen Triumph, mich klein und erbärmlich gemacht zu haben, soll sie nie erleben!«

»Sie wollen in die Manege zurück?«

Er schwieg einen Augenblick und atmete schwer.

»Das steht bei Gott. Ich habe ja Zeit, jetzt über meine Zukunft nachzudenken. Wenn ich nicht erblinde und meine Knochenbrüche derart heilen, daß ich noch reiten kann, wäre es ja ein Glück, wenn ich wiederum ein Engagement fände. Ich muß freilich vollständig umsatteln.«

»Umsatteln?«

»Mit der Schulreiterei bringe ich es zu nichts. Das besorgen in der Regel die Direktoren selbst, wie ich leider zu spät erfahren. ›Wieviel Nummern machen Sie‹, fragte mich der Agent. ›Jahez? – Jongleur-Akt? – Klischnipp? Etwas Drahtseil? Springen?‹ – Und als ich nichts von dem allen konnte, rang er die Hände und fragte nur bescheiden an: ›Mensch, sind Sie verrückt?‹«

»Und nun wollen Sie das alles noch lernen, Mister Dougal?«

»Alles nicht, aber das Jahezreiten, so sehr es mir auch widerstrebt. Meine Illusionen sind gemordet; wenn ich wieder zum Zirkus zurückkehre, ist es aus Not.«

»Und einen anderen Beruf möchten Sie nicht erwählen?«

»Ich habe keine Wünsche und kein Wollen mehr. Das Maturium habe ich absolviert, aber zum Studieren gehört Geld, – wie das Geld bei allem in der Welt die Hauptbedingung ist.«

»Und wäre solches Geld nicht zu beschaffen? Der Professor…«

Er hob jäh die Hand. »Nie! – Ich habe weder die moralische Kraft noch den Mut in mir, Geld zu leihen, ohne eine Garantie bieten zu können, es jemals wieder zurückzuzahlen. Ich habe den Glauben an mich selbst verloren. Wenn ein Kind in Lumpen aufwächst, das Entbehren, Darben, die bitteren Enttäuschungen gewohnt ist, hat es in der Regel als Mann die Elastizität, sich durch ein elendes Dasein hindurchzukämpfen, denn bei ihm leidet nur der Körper, nicht die Seele. – Bei einem Menschen besserer Herkunft ist das anders. Wir gehen nicht an dem Hunger, sondern an dem physischen Entbehren zugrunde. Auch mir sind die Würfel gefallen. Jener Sturz mit dem Pferd hat mich tiefer geschmettert, als Sie ahnen, Schwester Maria, und jener scharfe Schnitt in den Sattelgurt hat mich losgelöst von allem, was sonst einen Menschen in dem Glauben an die Menschheit noch hochhält.«

Flavia legte abermals ihre Hand wie beruhigend auf sein Haupt, sie sah sehr blaß aus, aber in ihren Augen leuchtete es abermals so wundersam und zuversichtlich, wie in jener Stunde, wo der Präsident zu ihr gesagt: »Wie kann eine weiße Taube dem jungen Aar in Sturm und Wetter hinaus folgen, den Flügellahmen heimzuholen?«

»Sie sind entmutigt und verbittert, Mister Dougal!« sagte sie weich und herzlich, mit dem ganzen Wohllaut ihrer Stimme, welche den Kranken so tief ergriff. »Und solch eine Nervendepression ist nur natürlich. Sowie Sie erst wieder von Ihrem Schmerzenslager aufstehen und Gottes schöne, herrliche Welt aufs neue mit Augen schauen, kommt die Lebensfreudigkeit und der frische alte Wagemut ganz von selber wieder!«

»Schwester Maria! – Glauben Sie wahrlich, daß ich wieder sehen werde?«

»Ich glaube es nicht nur, ich weiß es bestimmt!«

»Herr Gott des Himmels, – welche Himmelsboten sind Ihre lieben Worte!«

»Der Professor hat ja gestern schon verschiedene Versuche mit Ihnen angestellt; er ist voll fester Zuversicht und hält es kaum für nötig, daß Sie noch eine Augenklinik aufsuchen. Aber vorsichtig, sehr vorsichtig will er sein, es steht so viel auf dem Spiel. Noch wenige Tage … dann kann die Binde wohl schon abgenommen werden, im verdunkelten Zimmer werden Sie wieder anfangen zu sehen, und dann kommt eine dunkle Brille … Sie werden aufstehen … es wird alles wieder anders, besser … hell und freundlich um Sie werden!«

»O, Schwester Maria!«

»Und das Leben wird Sie für all das erlittene Ungemach doppelt reich entschädigen! Wissen Sie nicht, daß uns die Sonne nie goldener und strahlender deucht, als wie nach dunkler Wetternacht? Wie mancher hat sein Kreuz und Leid nachträglich gesegnet, wenn es ihm klar ward, welch segensreiche Fügung es war, und wie gnädig und barmherzig Gott der Herr selbst dann ist, wenn wir seine Wege nicht verstehen! – Also Mut! Verzagen und verzweifeln Sie nicht, Sie Armer! Je größer das Leid, desto näher der Himmel! Glauben Sie es nur!«

»Ja, der Himmel ist mir nahe … in diesen Stunden, wohl näher wie je im Leben!« flüsterte er, und er faßte ihre Hand und drückte sie an die Lippen.

Wie still ward es in ihm, wie friedlich und licht.

So wie sie hatte noch nie eine Stimme zu ihm gesprochen, so traut und sanft, wie man ein Kind tröstet. – Ach, daß ihm solch eine Stimme doch schon früher im Leben erklungen wäre, es würde wohl manches ganz anders gekommen sein.

Wie mit süßem Zauber tut es ihm Schwester Marias friedliches Walten an.

Er fühlt und empfindet ihre Nähe wie eine Wohltat und wenn er sie sich im Geiste vorstellt, so wird es ihm schwer, an eine alte Frau zu glauben.

Ganz unwillkürlich hat er ihr Antlitz mit den Zügen derjenigen ausgestattet, welche sein Denken und Träumen jetzt noch erfüllt, mit jener Fremden aus der Zirkusloge.

Sein Geschmack hat sich so völlig geändert.

Wie hätte ihn ehemals solch ein lichtes Bild der Gnade fesseln können!

Da war sein Leben viel zu sonnengrell durchleuchtet, als daß er solch ein Bild gewahrte, erst jetzt, wo sein Himmel sich so dunkel und schwarz bezogen, da trat es klar und deutlich dagegen hervor, da hob es sich ab wie eine Engelsgestalt, welche fern, fern her an dem Gesunkenen vorüberschwebt.

Die Tage vergingen schnell.

Götz ward lebhafter, gesprächiger.

Er suchte jede Gelegenheit, mit seiner Pflegerin zu plaudern, und er kam dabei selber so gern auf das Thema zurück, welches er wie stets mit derselben Schroffheit behandelte, und dennoch voll beinahe krankhafter Hartnäckigkeit wieder und wieder erörterte.

Da fiel gar manches Wort von ihr als Samenkörnlein in sein Herz, und der junge Graf lag während der einsamen, dunklen Stunden und dachte darüber nach.

Seltsam, Schwester Maria sagte ihm so manche rücksichtslose Wahrheit, und doch bäumte sich sein Stolz und Trotz nicht dagegen auf, wie ehemals, wenn ein Mensch es wagte, anderer Ansicht zu sein, als er.

Diese Glockenstimme konnte nicht verletzen, nicht zum Zorn reizen.

Es war alles ein treues, inniges Aussprechen dessen, was ein frommes Herz bewegte.

Davor beugte sich sein starrer Nacken und er hatte nur das Empfinden, endlich, endlich eine Menschenseele gefunden zu haben, welche es treu und redlich mit ihm meinte.

Ohne daß es die beiden jungen Leute selbst bemerkten, ward ihr Verkehr ein immer herzlicherer, der Austausch ihrer Gedanken ein immer vertrauterer.

Wie eine leidenschaftliche Sehnsucht überkam es Götz, ihr Antlitz zu schauen, und doch flößte ihm der Gedanke, eine alte Frau in ihr kennenzulernen, ein unerklärliches Unbehagen ein.

Näher und näher rückte der Tag, an welchem die Binde von seinen Augen fallen sollte.

Eine vorsichtige Prüfung hatte ergeben, daß Götz die Umrisse einiger Gegenstände unterscheiden konnte und das volle Empfinden für Licht und Dunkel hatte.

»Nun sind wir aller Sorge enthoben!« hatte der Professor aufs freudigste erregt ausgerufen. »Gott sei Lob und Dank, der Sehnerv ist vollkommen intakt und in kurzer Zeit werden Sie vollständig hergestellt sein!« und als er und der Wärter gegangen, flüsterte Götz nur leise, mit tief ergriffener Stimme: »Schwester Maria!«

Da fühlte er, wie sich ein Antlitz auf seine Hand neigte, wie heiße Tränen haltlos über sie hintauten.

Seine Hand zuckte auf, tastete nach ihrem Köpfchen, über das seidenweiche, wellige Haar, welches sich so voll und üppig lockte – und wie ein leiser Jubellaut klang es über seine Lippen: »Schwester Maria – Sie weinen – Sie freuen sich so sehr, daß ich sehen werde?«

Sie nickte, richtete sich jählings empor und bezwang erschrocken ihr übermächtiges Empfinden.

»Ja, ich freue mich, Mister Dougal – und lobe und preise Gott dafür! – Nun kann ich Sie doch ohne Angst und Sorge für ein paar Tage verlassen!«

»Mich – mich verlassen?«

»Es ist zur Zeit großer Mangel an Diakonissinnen, ich muß zu einer alten, kranken Dame zurückkehren …«

»Schwester Maria – Sie wollen mich verlassen?!« Wie ein Schmerzensschrei klang es.

»Ich kehre ja zurück. – Sie dürfen sich deswegen nicht aufregen. – Sie müssen bedenken, wie unbedingt notwendig ich bei der einsamen, hilflosen Frau bin …«

»Wer weiß, ob so notwendig wie bei mir!« murmelte er. »Bei jener gilt es doch nur den Körper zu pflegen …«

»Und bei Ihnen, Mister Dougal?«

Da faßte er ihre Hand mit krampfhaftem Druck.

»O, Schwester Maria, welch eine Samariterin waren Sie meinem wunden Herzen, meiner kranken, so schwerkranken Seele! …«

»Beide sind gesund geworden …«

»Wahrlich? – Und wenn Sie gegangen, wenn ich wieder allein bin mit meinen irren, wirren Gedanken?«

Sie zwang sich und lachte leise und melodisch.

»In kurzer Zeit werden Sie, so Gott will, als genesen aus der Klinik entlassen werden, unsere Wege hätten sich alsdann doch getrennt, aber ich denke, unsere Gedanken finden sich noch oft, auch über Berg und Tal, aller Ferne zum Trotz!«

»Scheiden von Ihnen! Dieser Gedanke ist furchtbar! Warum kann ich nicht in Ihrer Nähe bleiben?«

»Soll ich Sie als Sohn adoptieren oder wollen Sie mich als alte Frau noch mit in die Manege nehmen?« – scherzte sie. »Nein, Mister Dougal, wir wollen jetzt freudig und getrost Abschied nehmen, aber wir wollen hoffen, daß wir uns doch noch einmal im Leben wiedersehen!«

Bei ihren Worten war es wie bleiche Schatten über sein Antlitz geweht, er seufzte tief auf, er dachte daran, daß das weiche, duftige Haar unter seinen Fingern wohl schon ergraut war …

»Ja, ich werde Sie wiedersehen, Schwester Maria, ich will Ihr liebes Bild wie einen Talisman mit in das stürmische, kalte, dunkle Leben hinausnehmen.«

Schwester Maria war abgereist, hatte ihm zum letztenmal die Hände gedrückt und ihm liebe, unvergeßlich herzliche Worte gesagt.

Götz aber blieb einsam zurück, ein unbegreifliches Sehnen, ein banges, qualvolles Weh im Herzen.

Der Wärter nahm die Stelle der Geschiedenen ein, Götz durfte zum erstenmal für Stunden das Bett verlassen und im verdunkelten Zimmer ohne die Augenbinde sein.

Welche Langeweile! Welche bleierne Einsamkeit!

Sein Herz schrie auf in heißem Verlangen nach Schwester Maria.

Es gereicht ihm zum Trost, wenigstens von ihr zu sprechen.

»Wie alt war sie eigentlich?« fragte er den Wärter.

»Das Fräulein, welches Sie pflegte? Na, höchstens zwanzig Jahre! – Ach, und was für ein liebes, holdseliges Geschöpf war sie! So eine täte uns hier einmal not!«

»Zwanzig Jahre?!« Götz wiederholte es atemlos, starr vor Überraschung: «Zwanzig Jahre?!«

»Wenn so viel! Eigentlich sollte ich es ja nicht sagen, aber das Fräulein war keine Diakonissin, sondern half nur aus Gefälligkeit bei uns aus! Zuerst hörten wir, es sei eine Verwandte von Ihnen, weil sie es doch war, welche Sie damals hierher zu uns brachte! Schade, schade, daß sie fort ist! So einen Engel haben wir lange nicht im Hause gehabt!«

Götz antwortete nicht, er sank schwer auf einen Stuhl und stützte das Haupt mit beiden Händen.

XXV.

Es war den ganzen Tag über erdrückend schwül gewesen.

Selbst unter den Rotbuchen und Linden des Parks schien die Hitze unerträglich, die Rosen hingen schwer und müde an den Stöcken, die Reseda und Levkojen dufteten und die Lilien träumten mit bleichen Gesichtern im goldenen Licht.

Wie das surrte und summte ringsum, wie es mit tausend schillernden Flügeln durch die Luft schoß, wie die Schmetterlinge auf dem glühenden Kiesweg rasteten und lustig die bunten Flügel auf- und zuklappten.

Anna-Kathrin hatte längst die Stickarbeit in den Schoß sinken lassen; sie lehnte das Köpfchen gegen den moosigen Baumstamm zurück und blickte mit ernsthaft sinnenden Augen gen Westen, wo weiße Wolkenballen emporstiegen, höher und höher von dunkler Wolkenwand gefolgt.

Aus der kleinen Konfirmandin war ein gar reizendes, jung erblühtes Mädchen geworden, mit einem rosigen Gesichtchen, welches immer noch so treuherzig und unschuldig in die Welt schaute, wie ehemals, als Komteßchen noch die Babykleider trug.

Trotz all der süßen Kindlichkeit lag aber doch ein wundersam wehmütiger Ausdruck um die frischen Lippen, just, als ob sie sich immer zu der sehnsuchtsvollen Frage: »Wo wohnt das Glück?« öffnen wollten.

Ach, hier im Hause schon lange nicht mehr!

Seit Götz davongegangen, lag es wie schwarze Schatten über allem.

Papa war noch nervöser und unzugänglicher als früher, die Mutter schien vollends zu Eis und Stein erstarrt, ohne Lächeln, ohne freundlichen Blick, mit einem Scheitel, welcher alle Tage grauer wurde.

Quirin war noch der einzige, welcher sonst mit ihr gelacht und gescherzt hatte; seitdem Götz aber in die Welt gezogen, war auch ihm nicht mehr nach Singen und Necken zu Sinn.

Er wollte so gern zur Marine, sein ganzes Herz hing an dem blauen, wogenden Weltmeer, an den stolzen Schiffen, welche die deutsche Flagge zu Sieg und Ehr weit hin zu fremden Ländern tragen!

Ehemals stand solchem Wunsche nichts im Wege, nun aber hatte der Vater erklärt, daß das Majorat auf Quirin übergehen werde, wenn Götz binnen sechs Jahren nichts habe von sich hören lassen.

Ein Majoratsherr auf hoher See sei jedoch ein Unding: die Familie stehe auf wenig Augen, und der Letzte seiner Linie habe die Verpflichtung, im Lande zu bleiben.

Ach, wie ersehnte Quirin die Heimkehr des Bruders! Wie oft saßen er und Anna-Kathrin zusammen und weinten dem Entschwundenen bittere Tränen nach!

Nun war Quirin in Bonn bei den Borussen eingetreten, und seit auch er gegangen, deuchte Anna-Kathrin das Leben noch öder und unerträglich einsamer als zuvor.

Freundinnen besaß sie wohl, aber so recht vertraut war sie doch nicht mit ihnen, denn in letzter Zeit hatten viele häßliche Klatschgeschichten die Gesellschaft alarmiert, lauter gehässiger und neidischer Zank, welcher unter treulosen, ehemals so intimen Freundinnen ausgebrochen war.

Da hatte es Ihre Exzellenz für notwendig erachtet, Anna-Kathrin möglichst fernzuhalten, und ihr die Augen über »sogenannte« Mädchenfreundschaften geöffnet, welche im seltensten Falle einmal wahr und wirklich echt sind.

Anna-Kathrin war ausgeführt, viel umschwärmt und gefeiert worden, sie hatte sich auch ganz gut amüsiert und gern getanzt, aber in ihrem Herzchen war es still und einsam geblieben wie zuvor, und keiner von all den vielen eleganten jungen Herrn hatte es schneller schlagen lassen.

Der Rechte mußte ja so ganz anders kommen, als wie in glänzender Uniform und Lackstiefeln, in Equipage und Droschke, so, wie alle kommen, wenn glänzende Feste gefeiert werden!

Hatte Götz nicht ehedem gesagt: »Wenn der junge Königsohn mutig hier durch die Hecken und über die Mauer dringt, das schlafende Dornröschen mit seinem Kuß zu wecken, – dann hab' acht, klein Anna-Kathrin, dann ist der Rechte gekommen!«

Es hatte aber noch kein Prinz durch den stillen, verwilderten Park den Weg gefunden, – wie sollte er auch? Die Zeit der Märchen und des kühnen Wagemuts ist um!

Die Komtesse seufzte tief auf, erhob sich und atmete entzückt die frische Luft, welche plötzlich durch die blühenden Goldregenzweige strich.

Ja, es kam ein Gewitter herauf, – es wird endlich eine Abkühlung bringen.

Welche Wohltat!

Das junge Mädchen erhob sich und schritt langsam in den fernen Teil des Parkes hinein, welcher an den Heckenweg grenzt, jenen stillen, weltfernen, welcher weit draußen um die Stadt herumführt und die einzelnen Villenviertel verbindet.

Hier ragten die Bäume hoch und breitkronig in uralter Parkallee empor, eine niedere, schon vielfach ausgebröckelte Mauer, über welche Storchschnabel, weiße Sternblümchen und goldgelber Mauerpfeffer ihren Königsmantel spannten, trennte sie von dem Weg.

Die Sonne hatte sich verdunkelt, der Wind brauste kräftiger durch die Zweige und ließ das weißgestickte Sommerkleid des jungen Mädchens um die zierlichen Füße flattern.

Anna-Kathrin steckte die blonden Flechten fester um das Köpfchen und lachte dem wilden Gesellen glückselig entgegen: sie hatte das Sausen und Wehen seit jeher geliebt, sie lief mit dem Sturm um die Wette und griff mit den weißen, rundlichen Händchen nach ihm.

Ja, es wird ein Wetter kommen! Aber Anna-Kathrin fürchtet es nicht!

Das kleine Borkenhaus steht ja in nächster Nähe, wo sie jederzeit Schutz gegen den Regen finden kann!

Holla! Wie es jetzt durch die Zweige fährt! Wie das Laub in tollem Tanz aufwirbelt! – Das war ein unvorhergesehener Windstoß – er riß ihr beinahe die blaue Gürtelschleife vom Kleid – und da – was ist das?!«

Überrascht starrt Anna-Kathrin auf ein seltsam helles Ding, welches ihr, vom Wind gewirbelt, entgegenrollt – – ein Hut?

Wahrlich ein Hut!

Sie springt lachend zu und greift den Flüchtling, und als sie sich wieder aufrichtet, sieht sie oben auf der Gartenmauer zwei weiße, kraftvolle Hände, welche nach einer Stütze tasten.

Einen Augenblick, – dann taucht ein Männerkopf mit arg zerzaustem, braunlockigem Haar empor, – schnell und gewandt schwingt sich ein junger Herr auf die Mauer, springt ab – und blickt suchend nach dem entführten Hute aus.

Sein Blick trifft Anna-Kathrin – er neigt sich betroffen vor, als traue er seinen Augen nicht, tritt hastig näher und verneigt sich schnell, ohne den Blick von der allerliebsten, sturmgezausten Mädchengestalt zu wenden.

»Pardon, mein gnädiges Fräulein, wenn ich in fremdes Gebiet eingedrungen bin, um den Ausreißer in Ihren Händen wieder einzufangen!« lacht er mit blitzenden Augen, hebt die Hand mit dramatischer Geste und singt übermütig:

»Ich hab' meinen Hut verloren –
Fort trug ihn mir der Wind!«

Anna-Kathrin kennt das Lied nicht, aber seine reizende Melodie, der überaus lustige, frische Vortrag des Fremden verfehlten ihre Wirkung nicht.

Sie lacht ebenfalls, daß sich die schelmischen Grübchen in die Wangen senken und reicht den hellen Strohhut zurück.

»Solch wilde Burschen gehören an die Kette!« sagt sie heiter, und dann sieht sie ihn an, direkt in die strahlenden braunen Augen, welche mit so seltsamem Ausdruck auf sie gerichtet sind, hinein.

Sie wird dunkelrot und schweigt.

»Tausend Dank, mein gnädiges Fräulein! Ja, – eine Kette! Da sehen Sie hier, die schöne, nagelneue Gummischnur ist durchgerissen! Allerdings war sie nur um den Hut herumgelegt,« – gesteht er ehrlich zu – »denn auf eine solche Hinterlist war ich nicht gefaßt! Vor fünf Minuten noch blauer Himmel …«

»Und nun plötzlich Sturm und Wetter!«

»Es blitzt und donnert bereits!«

»In wenig Minuten wird es regnen!«

»O, infam, und ich habe keinen Schirm!«

»Wollen Sie nicht untertreten?«

»Herzlich gern, wenn ich nur wüßte, wo?!«

»Hier steht ein Borkenhaus, – es gewährt vollen Schutz!«

»Brillant! – Hören Sie? Auf das Laubdach über uns prasselt es schon nieder!«

»Eilen Sie, – sehen Sie das dunkle Dach dort? Sie können nicht fehlen!«

»Aber Sie, mein gnädiges Fräulein?«

»O, ich erreiche wohl noch das Haus! –«

Ein greller Blitz, ein knatternder, laut rollender Donner, – der Regen braust auf die Blätter, der Sturm peitscht das Geäst.

»Undenkbar! Ich beschwöre Sie – stellen Sie sich unter meinen Schutz! …«

Es bleibt keine Wahl.

Mit ganz außergewöhnlicher Gewalt setzt das Wetter ein, und die beiden jungen Leute stürmen lachend dem rettenden Unterschlupf entgegen.

Hochatmend bleibt Anna-Kathrin an der Tür des grün-dämmerigen Raumes stehen und schüttelt die blinkenden Tropfen aus dem Haar.

»Das war Hilfe zur rechten Zeit!« lacht der junge Mann mit glückseligem Gesicht. »Ohne diesen Durchgänger von einem Hut, und Ihre große Liebenswürdigkeit, mein gnädiges Fräulein, wäre ich jetzt mindestens schon naß wie ein Badeschwamm! Aber gestatten Sie vor allen Dingen, daß ich mich Ihnen bekannt mache!« – Er riß den Hut vom Kopfe und klappte die Hacken zusammen: »von Hausmann! Referendar bei dem hiesigen Landgericht!«

Anna-Kathrin macht einen Knicks: »Ein Referendar bei dem Landgericht?« fragt sie erstaunt, »und ich kenne Sie noch nicht?« – und als er sie wie in bittender Frage ansieht, fährt sie harmlos fort: »Ich bin Anna- Kathrin Abensberg.«

»Die Tochter unseres Präsidenten?«

Sie nickt, und weil gerade ein greller Blitz herabzischt und der Donner rollt, schweigen beide.

Sein Gesicht sieht, wenn möglich, noch strahlender aus als zuvor.

»Welch eine doppelte Freude für mich, Komtesse, schon heute den Vorzug zu haben, auf diese originelle Weise Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin erst seit drei Tagen hier in der Stadt, und hatte den nächsten Sonntag ausersehen, meine Visiten abzufahren. Ich wäre wohl erst vor vierzehn Tagen hier eingetroffen, wenn mich nicht Frau Landgerichtsrätin Belden, meine mütterliche Freundin von ehedem, geworben hätte, in dem Wohltätigkeitskonzert für die Buren mitzuwirken.«

»Sie singen?«

»Wenn Sie meine Leistungen so nachsichtig benennen wollen! Lieben Sie Gesang?«

Sie sah ihn mit aufleuchtenden Augen an. »Ich höre nur selten Musik – in unserm Hause darf nicht musiziert werden, meine Mutter mag es nicht!«

»Seltsam! Meine Mutter schwärmt dafür. Die Musik liegt uns sozusagen allen im Blut. Ein leider sehr früh verstorbener Onkel, Helmut Novalla, war sogar ein recht gottbegnadeter Künstler, dessen Oper heutzutage noch vielfach aufgeführt wird. Nun – und ein Tröpflein seines Blutes haben wir wohl alle geerbt…«

Wieder toste das Wetter – ein Blitz zischte so grell vor ihnen hernieder, daß Anna-Kathrin in jähem Schreck zurückwich und einen leisen Schrei ausstieß.

Ganz unwillkürlich war der junge Hausmann zugesprungen, sein Arm faßte sie wie schützend, und halb betäubt von dem knatternden Donnerrollen, welches folgte, klammerte sich das junge Mädchen an seinen Arm.

Sekundenlang standen sie, eines fest an das andere geschmiegt, – Anna-Kathrin halb betäubt, Hans von Hausmann aber wie trunken vor Glückseligkeit, durchbebt von einer nie gekannten, seligen Wonne.

Er blickte auf das herzige Gesichtchen nieder, in die großen, angstvoll weiten, offenen Augen, er fühlte ihre warme, weiche Gestalt an seinem Herzen.

»Das hat einen der nächststehenden Bäume getroffen!« sagte er leise.

Ihre Händchen zitterten, voll reizender Unschuld faltete sie dieselben zum Gebet.

Minutenlang blieb es still – nur der Regen stürzte flutend durch das Laub hernieder.

Noch immer hielt sie sein Arm.

Da blitzte es abermals – weniger stark als zuvor, ein Donner folgte nach kurzer Pause, – ein heller Schein brach durch die Buchenwipfel.

»Nun ist die Gefahr vorüber, ängstigen Sie sich nicht mehr, Komtesse!«

Sie schrak empor, jetzt erst ward ihr die Situation, in welcher sie sich befand, klar.

Sie blickte in sein hübsches, geistvolles Gesicht, welches sich mit einem ganz wundersamen Ausdruck ihr zuneigte, – wie Entzücken und Rührung leuchtete es in seinen Augen, ein beinahe zärtliches Lächeln spielte um die Lippen, als das blonde Köpfchen so scheu und angstvoll an seiner Brust ruhte.

Anna-Kathrin ward purpurrot.

»O, ich törichtes, furchtsames Mädchen!« stotterte sie, »ich hatte mich so sehr erschrocken!…« und dann lauscht sie jäh auf, als komme ihr plötzlich die Erlösung aus großer Verlegenheit.

Eine Stimme rief, etwas entfernt im Park, ihren Namen.

»Man sucht mich!« und mit schnellem Schritt trat sie zu der Tür, um dann wieder mit beinahe angstvollem Flehen zu ihm zurück zu schauen.

»Bleiben Sie, bitte, hier zurück, Herr von Hausmann – man möchte – es würde wohl – ich fürchte, Mama wird böse…« stammelte sie, und abermals jagten sich Röte und Blässe auf dem lieben Kindergesicht, Gregor von Hausmann aber riß hastig den Hut von dem Kopf und verneigte sich tief und respektvoll.

»Ich verstehe Ihre Bedenken, Komtesse, und finde dieselben durchaus gerechtfertigt! Gestatten Sie, daß ich noch einmal verbindlichst für den so gütig gewährten Unterschlupf danke und nunmehr schleunigst das Feld räume!« Er faßte ihre kleine Hand und drückte sie mit vielsagendem Blick an die Lippen: »Ich gehe, Komtesse, aber ich bitte inständigst um die Erlaubnis, alsbald in etwas formvollerer Weise meinen Besuch in Ihrem Elternhaus wiederholen zu dürfen!«

Wie er sie ansah! – Das Herz erzitterte ihr.

Aber es blieb keine Zeit zur Antwort, am Ende des Weges tauchte ein Diener auf, welcher einen offenen Schirm über sich hielt und einen geschlossenen in der Hand trug. Er wandte sich seitwärts nach einem kleinen Zustreckeweg und verschwand abermals hinter den dichtlaubigen Gebüschen, der Referendar aber schwenkte noch einmal mit strahlenden Augen den Hut und eilte hastig der Mauer entgegen.

»Ein paar Schritte zurück – dort hinter den Holunderbüschen ist eine Tür, welche sich bequem öffnen läßt!« rief ihm Anna-Kathrin nach, denn die nassen Steine deuchten ihr nicht zum Überklettern geeignet, – Herr von Hausmann grüßt abermals lachend zurück, und im nächsten Augenblick schlagen die Zweige tropfensprühend hinter ihm zusammen.

Anna-Kathrin preßt die Hände gegen das stürmende Herz und lehnt das Köpfchen wie betäubt gegen den wurmstichigen Türpfosten, nur ein einziger Gedanke erfüllt sie, und deucht ihr wie ein seliger, unfaßbarer Traum, »der Königsohn aus dem Märchenbuch war gekommen, war kühn über Mauer und Hecken gedrungen, das schlafende Dornröschen mit sieghaften Armen zu umfangen!«

Lange kämpfte das junge Mädchen mit sich, ob sie der Stiefmutter von diesem Begegnen erzählen sollte!

Ach, wie unbeschreiblich gern hätte sie dies süße Geheimnis in eines vertrauten Menschen Herz gebettet, aber die Scheu, welche sie stets vor dem kalten, unnahbaren Wesen Malwines empfunden, schloß ihr auch jetzt den Mund.

»Ja, wäre sie mir in Wahrheit eine Mutter, eine zärtliche, liebevolle, verständnisinnige Mutter, welche mein Glück und meine Freude verstehen und meine Torheiten nachsichtig vergeben könnte, dann – ja, dann möchte ich mich wohl in ihre Arme werfen und ihr alles erzählen!« und Anna-Kathrin preßte nachts das glühende Gesichtchen in die Kissen und sehnte sich zum erstenmal unter Tränen nach einer Mutter.

Am nächstfolgenden Tage saß die Komtesse an Malwines Seite in dem Gartensalon, um der Präsidentin eine Reisebeschreibung wissenschaftlichen Stils von den Alpen vorzulesen.

Graf Abensberg beabsichtigte, mit seinen Damen eine Reise in das Hochgebirge zu unternehmen, und Malwine fand es angebracht, das Töchterchen in belehrender Form vorzubereiten.

Ein Diener trat ein und überreichte auf silbernem Tablett eine Visitenkarte.

»Der Herr Referendar bittet, seine Aufwartung machen zu dürfen!«

Anna-Kathrin schrak empor, und das Blut stieg ihr in heißen Wogen bis unter die lockigen Haare, Malwine aber griff gleichgültig nach der Karte, blickte flüchtig darauf nieder und zuckte plötzlich zusammen.

»Gregor von Hausmann…« stieß sie leise hervor, preßte momentan schwer atmend die Lippen zusammen und starrte ins Leere, ihr frisches Gesicht ward um einen Schein fahler.

Gregor von Hausmann! – Also er kam wirklich,

er, von dem ihr die Landgerichtsrätin bereits voll überschwenglichen Entzückens erzählt, der kleine Gregor, welcher nach dem Tode der Mutter, einer geborenen Novalla, wie ihr eigenes Kind in ihrem Hause aufgewachsen war…

Gregor von Hausmann, – der Neffe Helmut Novallas!

Malwines Augen bekommen plötzlich etwas Starres, ihre Züge scheinen aus Marmor gemeißelt.

»Sagen Sie dem Herrn Referendar, ich bedaure, – ich sei verhindert, ihn zu empfangen.«

Wie scharf und schneidend ihre Stimme klingt, selbst der Diener blickt überrascht auf und entfernt sich nach stummer Verneigung voll beinahe ängstlicher Hast.

»Aber Mama… du nimmst ihn nicht an?« – klingt es erschrocken wie ein leiser Wehelaut von Anna- Kathrins Lippen.

»Nein,« antwortet die Präsidentin kalt, »ich möchte unsere Lektüre nicht unterbrechen.«

Wenige Tage später findet das Wohltätigkeitskonzert statt.

Gräfin Abensberg liebt die Musik nicht, sie besucht niemals Theater oder Konzerte, nur dann, wenn dieselben edlen und menschenfreundlichen Zwecken dienen, hält sie es für ihre Pflicht, zu erscheinen.

Diesmal hat sie lange mit sich gekämpft, – es ist ihr ein fast unerträglicher Gedanke, den Neffen Helmuts singen zu hören, womöglich dieselben Lieder, mit welchen jener einst ihr armes, argloses Herz betörte, – aber gerade dieses Konzert bedingt aus schwerwiegenden Gründen ihre Anwesenheit.

So rosig und erregt Anna-Kathrin den ganzen Tag über lächelt, so einsilbig und kalt erscheint die Präsidentin.

Sie scheint auch sehr zerstreut, als sie die Bekannten in dem Konzertsaal begrüßt und nimmt hastig Platz, da sie ganz gegen ihre Gewohnheit unpünktlich und spät gekommen war.

Anna-Kathrin sitzt an ihrer Seite, glühend und blühend wie eine Rose, welche voll Sehnsucht des Sonnenscheins wartet.

Und endlich, endlich tritt Gregor an das Klavier, die junge Dame, welche ihn begleitet, nimmt davor Platz, und die Blicke des Referendars schweifen über die Menge und bleiben auf Anna-Kathrins lieblichem Gesichtchen haften.

Auge ruht in Auge. – O, sie kennen sich beide so gut, sie grüßen sich heimlich und verstohlen mit dem Blick.

Und dann singt der junge Hausmann erst ein Schumannsches Lied, dann eine Ballade von Löwe, und dann – ein strahlendes Lächeln geht über sein Gesicht, fast neckisch blickt er zu der Komtesse hinüber und singt nur für sie:

»Ich hab' meinen Hut verloren
Fort trug ihn mir der Wind
Er trug ihn in den Garten
Zu meinem schönsten Kind!

Ich hab' mein Herz verloren
An ein blondes Mägdelein,
Es ist so hold, es ist so lieb
Wie sollt's auch anders sein!

Gib mir zurück, mein Kindchen,
Gib mir zurück den Hut
Mein Herz kannst du behalten,
Das ist dir gar zu gut!«

Jubelnder Applaus lohnt den Sänger, und Gregor verneigt sich und sein Blick huscht abermals zu Komtesse Abensberg hinüber und weidet sich an der entzückenden Verlegenheit des holden Kindes.

Niemand bemerkt es, der Referendar ist ja noch völlig fremd in der Stadt, er ahnt wohl nicht, wer das niedliche junge Mädchen auf der ersten Stuhlreihe ist.

Nein, niemand bemerkt es, was in den Herzen der beiden jungen Menschen vor sich geht, auch Gräfin Malwine nicht, welche blaß und regungslos auf ihrem Stuhl sitzt, so schwer atmend wie eine Kranke, welche kaum noch vermag, sich aufrecht zu erhalten. «

Mit Widerwillen hat sie aufgeschaut, als der junge Hausmann aufgetreten ist, sie will es nicht, aber sie muß es, wie eine rätselhafte Gewalt zwingt es sie, ihn anzusehen.

Und ihr Herz steht still, die Hände krampfen sich um den Fächer.

Helmut Novalla! – Ist er auferstanden von den Toten?

Er ist es! und nein, er ist es doch nicht, nur eine wunderbare Ähnlichkeit. Helmut Novalla war ein blasser, kranker Mann, mit beinahe überirdisch verklärtem Blick, der junge Hausmann trägt wohl dieselben Gesichtszüge, nur frisch, blühend, voll lachender, lebensfroher Jugendkraft!

Und nun singt er. – Helmuts Stimme. – Auch heller, kräftiger – und doch derselbe tiefinnige, seelenvolle Ausdruck, das künstlerische, geniale Auffassen und Empfinden.

Wie ist das möglich?

Ist es ein Wunder? Nein, Helmut und seine Schwester glichen einander in auffallender Weise, und die Musik war ein Erbteil in der Familie Novalla.

Malwine schließt die Augen, ein Zittern stiegt durch ihre Glieder.

O, wie ist die starke, willensstarke Frau doch so schwach, sie hätte es selber nicht geglaubt.

Die Wunde, welche sie längst verharscht und vernarbt geglaubt, bricht auf und blutet, wie einst in schwerer, dunkler Zeit.

Und der Stolz, der Trotz bäumt sich auf und kämpft an gegen diese unwürdige Schwäche, welche ihr eine Schmach deucht, wenn sie des treulosen, egoistischen Komödianten gedenkt!

Mit finster gefurchter Stirn senkt Malwine das Haupt, sie achtet nicht auf die verschiedenen musikalischen Vorträge, welche sich abwechseln, sie zuckt erst zusammen, als abermals Gregors prächtige Stimme durch den Saal hallte.

Er scheint heute abend den Vogel abzuschießen, der Beifall ist ein geradezu stürmischer, und während Malwine voll unbeschreiblich bitterer Seelenqual auf ihrem Stuhl wie auf einem Marterrost aushalten muß, sitzt Anna-Kathrin wie die verkörperte Glückseligkeit an ihrer Seite, verklärt und lächelnd wie in süßem Traum.

Ja, er singt für sie – allein für sie! Und jetzt sieht er sie abermals an, seine Augen blitzen, er schaut sie an mit einem Blick, als wolle er sagen – ja, er sagt es nicht, aber er singt es…

»Klein Anna-Kathrin!«

Beinahe entsetzt blickt das junge Mädchen auf, zum erstenmal sieht sie auf das Programm hernieder, ob es wahrlich ein solches Lied gibt oder ob sie träumt, mit wachen Augen etwas ganz unfaßlich Liebes träumt!

Nein, hier steht's! Aber ausgesucht hat er das Lied, hat es für sie allein ausgewählt und gesungen, das sagen ihr seine Blicke, das sagt ihr das jauchzende Herz in ihrer Brust!

»Komm' im leinwollnen Röcklein,
Klein Anna-Kathrin!«

O, mit welchem Ausdruck singt er es!

Auch das Köpfchen der Komtesse sinkt tief zur Brust,

aber nicht so starr und bleich wie das der Stiefmutter, sondern glühend und blühend wie eine Rose, welche jung erschlossen sich in taufrischer Schöne neigt.

Sie achtet nicht darauf, daß das Konzert zu Ende ist, daß die Gerichtsrätin voll strahlenden Stolzes herzu tritt, der Präsidentin und Komtesse Anna-Kathrin ihren Pflegesohn vorzustellen.

Ihre Exzellenz schaut empor wie geistesabwesend, ein Blick so stolz, so kalt, so abweisend trifft den jungen Sänger, daß Gregor ganz erschrocken zurückweichen möchte.

Gräfin Abensberg reicht ihm nicht die Hand, sondern sagt voll eisiger Förmlichkeit: »Sie sind gewiß mit Ihrem Erfolg zufrieden, Herr von Hausmann, ich habe selten so lebhaften Applaus in diesem Saal gehört wie heute abend!« – und dann grüßt sie die Gerichtsrätin, nicht so wohlwollend wie sonst, und bedauert, daß sie sich wegen einer recht heftigen Migräne allsogleich zurückziehen müsse!

»Exzellenz sehen allerdings sehr angegriffen aus –« versichert die alte Dame ein wenig betroffen; Malwine aber winkt Anna-Kathrin an ihre Seite und schreitet hastig grüßend dem Ausgang zu. Gregor und die Komtesse haben nur einen schnellen Blick gewechselt, bestürzt und erschrocken, und in beider Augen steht die angstvolle Frage: Hat Exzellenz von der Begegnung im Gartenhaus erfahren?

Anna-Kathrin weiß selber nicht, woher sie den Mut nimmt, aber sie reicht dem Referendar schnell die Hand und er fühlt es an den bebenden Fingerchen, daß das junge Mädchen ihm nicht zürnt.

Malwine hat es nicht gesehen, sie wandte sich bereits zum Gehen.

»Mamachen – bist du wirklich krank?« fragt Anna- Kathrins ängstliche Stimme im Dunkel des Wagens die Präsidentin.

»Die Lieder des Herrn von Hausmann sind mir auf die Nerven gefallen!«

War das Spott?

Anna-Kathrin atmet beklommen auf.

»Gefielen sie dir nicht?«

»Nein.«

»Wie ist das möglich? Er erntete so viel Beifall!«

»Der Geschmack ist verschieden. Mir ist der junge Mann, welcher wohl sonst recht achtenswert ist, nicht sympathisch, ich gedenke nicht, ihn bei uns zu näherem Verkehr zu empfangen – von offiziellen Festen ist er nicht auszuschließen – und ich ersuche dich, Anna- Kathrin, dich ihm gegenüber auch einer möglichst großen Zurückhaltung zu befleißigen.«

Welch eine traurige, dunkle Nacht. Anna-Kathrins erst so blühende Wangen waren tief erblaßt und von Tränen betaut, und zum erstenmal floh der Schlaf ihre brennenden Augen.

Was hatte die Mutter just an dem auszusetzen, welcher ihr so gut gefiel, ach, so tausendmal besser wie alle andern Nänner, welche je zuvor ihren Lebensweg gekreuzt?

Hat Mutter eine Kunde von der Begegnung während des Gewitters erhalten? Zürnt sie dem Eindringling deswegen?

Ach, und wie leuchtend hell und schön glänzt doch das Bild des so lang erträumten Märchenprinzen in Anna-Kathrins Herzen!

XXVI.

Verschiedentliche Partien und Sommervergnügungen führten Ihre Exzellenz mit dem jungen Referendar von Hausmann zusammen, und jedesmal bemühte sich Gregor vergeblich, das unerklärlich kühle Benehmen der unnahbaren Frau durch besondere Liebenswürdigkeit zu besiegen.

Vergeblich.

Gräfin Abensberg, welche sonst so streng auf Form und Sitte hielt und nie in ihrem Leben Gunst oder Ungunst hatte walten lassen, sie zeigte es plötzlich in beinahe auffälliger Weise, daß Herr von Hausmann ihr zum mindesten ein unsympathischer Gesellschafter war, worüber man um so mehr erstaunte, da der Referendar ein allgemein sehr beliebter, hübscher, talentvoller und geistig recht bedeutender Mann war.

So schroff die Präsidentin jede Annäherung seinerseits zurückwies, um so herziger und freundlicher strahlten ihn die Augen der kleinen Komtesse an, und wenn sie auch in der Gegenwart der gestrengen Mama ängstlich bemüht schien, ihm möglichst formell und gleichgültig zu begegnen, so verriet ihr heißes Erglühen und so manch verstohlener Blick doch um so mehr, wie unvergessen die erste Begegnung im Park noch in Anna- Kathrins Herzen fortlebte. Das Verbotene reizt stets
am meisten, und wenn Exzellenz den jungen Mann durch ihre Kälte fernhalten wollte, so erreichte sie gerade das Gegenteil, sein desto zärtlicheres Interesse für die kleine Komtesse und das beinahe fieberische Verlangen, das unerklärliche Rätsel, welches für ihn die so sichtbare Ungnade der Präsidentin war und welche nur auf einem Mißverständnis beruhen konnte, zu lösen, denn daß Frau Malwine von seinem Eindringen in den Park keine Ahnung hatte, davon schien er überzeugt.

Wenn es nun auch nicht ganz formvoll war, einem sturmverwehten Hut über die Mauer nachzuklettern und mit einer wildfremden Dame während eines Gewitters in einem Gartenhaus zu verweilen, so war es aber auch kein Verbrechen, welches so eklatant bestraft werden mußte, sondern lediglich die Laune des Gottes Pluvius, dessen Regengüsse in jener Stunde strengere Gesetze schrieben wie die Etikette.

Gregor glaubte daher mit Recht, daß die Verstimmung der Präsidentin eine ältere und tiefere Ursache haben müsse, und er gab sich die erdenklichste Mühe, derselben nachzuforschen, ja, er schrieb auch nach Hause an seinen Vater, sich zu erkundigen, ob vielleicht früher irgendwelche Beziehungen oder Zerwürfnisse zwischen seiner Familie und derjenigen der Gräfin Malwine Abensberg, geborene von Ries, bestanden.

Es war ein leuchtender, goldener Sommermorgen voll Glanz, Licht und Blumenduft, ein herrlicher Morgen, ganz dazu angetan, um junge Menschenherzen mit süßem, rätselhaftem Sehnen zu erfüllen.

Malwine stand in dem Zimmer ihrer Stieftochter und besichtigte zwei neue Reisetoiletten für Anna-Kathrin, welche die Jungfer soeben auspackte und mit kritischem Blick als »sicher viel zu knapp« erklärte.

»Am besten ist es, Komtesse probiert sogleich an, damit die Sendung eventuell noch einmal zurückgeschickt werden kann.«

»Wo befindet sich Komtesse?«

»Im Park, gnädigste Gräfin; soll ich Komtesse herzurufen?«

Malwine überlegte einen Augenblick.

»Nein, bleiben Sie bei Ihrer Arbeit, dieselbe ist eilig. Ich werde selber gehen und Komtesse benachrichtigen.«

Und Malwine ging, einsilbig, verbittert und blind für all die zauberschöne Pracht, welche sie in dem blütenduftigen, von Vogelgezwitscher durchhallten Park umgab.

Seit Gregor Hausmann ihren Weg durchkreuzt, da war es gewesen, als sei ein Sturmwind über einen eisesstarren See gebraust, ihn in seinen tiefsten Tiefen aufzuwühlen.

Alles Weh, all das bittere Leid, welches ehemals das Herz des einsamen Mädchens vergiftet, war wieder aufgewacht und machte die ohnehin so elende, bis in das innerste Seelenleben krankende Frau vollends unglücklich. Sie besaß nicht mehr die Kraft und Widerstandsfähigkeit, dem Schicksal zu trotzen.

Seitdem Götz sein Vaterhaus verlassen und in der weiten Welt verschollen war, war ihre kalte Ruhe nur noch der Deckmantel, hinter welchem sich eine gramgefolterte Frauenseele verbarg.

Die grausamsten Selbstanklagen, bittere Vorwürfe und der Gedanke, trotz alles guten Willens vielleicht doch falsch gehandelt zu haben, peinigten sie Tag und Nacht.

Sie war sich keiner Schuld bewußt, sie glaubte nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben, und fand doch keine Ruhe.

In stiller Nacht preßte sie das Antlitz auf die gefalteten Hände und stöhnte auf: »Herrgott, wenn ich es bin, von der du einst die Seele unseres verlorenen Sohnes forderst, was soll ich dir antworten? Kann ich, darf ich es sagen: ich tat alles, sie zu hüten und
zu retten? Ich weiß es nicht, Herr, was ich an Pflichten versäumte – oder muß ich zusammenbrechen unter der Last der Schuld, muß ich dein Donnerwort des Vorwurfs hören: Du falscher und ungetreuer Knecht, ich habe dich über viel gesetzt, und nur wenig gibst du mir zurück, wo ließest du die Seele jenes Kindes, welches ich in deinen Arm gelegt?«

Welch eine Qual, diese ewige, grüblerische Frage: Was habe ich getan, Herr, daß du mich also strafst?

Und in diesen herben Zwiespalt des Herzens fiel nun noch das Bild Gregor von Hausmanns gleich einem Feuerfunken, welcher zehrende Gluten entfacht.

Das Fegefeuer der Erinnerung!

Es brennt tiefe Wunden, es blendet den sonst so klaren Blick, und voll nervöser Qual hebt Malwine die Hände, jenen Mann, welcher ihr den letzten Rest aller Ruhe und alles inneren Friedens nimmt, weit, weit von sich zu weisen!

Mit müden Blicken schaut die Präsidentin nach der Stieftochter aus, nirgends ist sie auf den gewohnten Lieblingsplätzen zu entdecken, und Malwine schreitet weiter in den tiefen Schatten der Buchen, Kastanien und Eichen, um zu sehen, ob Anna-Kathrin sich in die kühle, dämmerig-stille Allee am Ende des Parkes geflüchtet habe.

Leise schreitet sie über den weichen Rasen, durch die Jasmin- und Fliedergesträuche, um eine Strecke des Weges abzukürzen.

Plötzlich bleibt sie zusammenschreckend stehen und starrt geradeaus in die Allee, unwillkürlich zuckt ihre Hand empor und preßt sich gegen das Herz.

Dort steht Anna-Kathrin und, soeben über die niedere Mauer springend, Gregor von Hausmann.

Er zieht den Hut, er scheint sehr lebhaft und inständig um Entschuldigung, um Gehör zu bitten. Anna- Kathrin ist dunkelrot, sehr betroffen – sie ist viel zu befangen, um ihn zürnend zurückzuweisen – er spricht aufgeregt auf sie ein – er bleibt an ihrer Seite – sie kommen beide hierher.

Was hat jener Fremde in solch unerhört unpassender Weise mit ihrer Tochter zu sprechen?

Malwine will vortreten, will mit harten Worten den frechen Eindringling hinausweisen, unmöglich – sie fühlt, wie ihre Knie zittern, wie ihre Kehle zugeschnürt ist – sie kann in diesem Augenblick weder gehen noch sprechen, sie lehnt sich gegen das Gebüsch zurück und verharrt wie gelähmt.

Sie will nicht lauschen, aber sie hört jedes Wort, welches die beiden, näherkommend, wechseln, und gerade zur Seite steht eine Bank. Anna-Kathrin bleibt stehen, setzt sich nieder, und Gregor lehnt neben ihr – keines bemerkt die hohe Gestalt der Präsidentin, welche sich in dem dunklen Kleid kaum aus dem Gebüsch abhebt.

»Sie müssen es selber zugeben, Komtesse, daß das Benehmen Ihrer Frau Mutter gegen mich ein beinahe verletzendes ist! Ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich leide unter dieser so ungerechtfertigten Zurücksetzung, und darum müssen Sie mir diesen Überfall in Ihrem Reiche erlauben, – ich weiß ja nicht, wie ich mich Ihnen gegenüber anders aussprechen kann!«

»Ich ahne nicht, warum Mama Ihnen zürnt, und ich weiß nicht, was ich in dieser Sache tun soll, Herr von Hausmann!« stammelte das junge Mädchen in grenzenloser Befangenheit.

»Alles können und müssen Sie tun, Komtesse!« ruft er leidenschaftlich. »Hat eine Tochter nicht das schöne Vorrecht, an das Herz einer Mutter zu klopfen, sie in zärtlichem Vertrauen zu fragen: Mama, was hast du gegen ihn?«

Beinahe erschrocken blicken die großen Kinderaugen zu ihm auf.

»Das sollte ich wagen – ich der Mama gegenüber wagen?«

»Aber Komtesse – ist solch eine kleine Vertraulichkeit der Mutter gegenüber ein Wagnis?«

»Der Mutter? – Der Stiefmutter. Herr von Hausmann!« seufzt das rote Mündchen auf, und in die blauen Augen treten Tränen.

»Gleichviel – Sie stehen ihr doch näher wie alle anderen auf der Welt!«

Das junge Mädchen schüttelt trostlos den blonden Kopf. »Ach, daß es so wäre! Ich habe meiner Mutter nie nahe gestanden, weder früher noch jetzt; sie hat uns Kinder gepflegt und versorgt, aber nach unseren Herzen hat sie nie gefragt und das ihre uns nie im Leben erschlossen. Ach, alles, was ich über den Verkehr anderer junger Mädchen mit ihren Müttern höre, kommt mir wie ein holdes, unfaßliches Märchen vor! Meine Freundinnen sitzen in der Dämmerstunde eng und zärtlich an die Mutter geschmiegt, sie plaudern über alles, was ihnen Herz und Seele bewegt, sie beichten ihr Glück und verhehlen nicht ihre Fehler, ihre Sorgen, ihren Kummer, da gibt es kein Geheimnis zwischen Mutter und Kind, – ach, welch eine namenlose Wonne muß das sein!«

»Und Sie kennen solch einen innigen Gedankenaustausch nicht, arme Komtesse Anna-Kathrin?«

Sie schüttelt das Köpfchen. »Nein, meine Stiefmutter ist uns Kindern stets eine Fremde geblieben, sie forderte keine Liebe von uns und gab uns keine. Ach, wie traurig war unsere Kindheit, wie sehnten wir uns oft nach einem zärtlichen Wort, einem Kuß, einer Liebkosung. Wir haben niemals Hunger gelitten und doch gedarbt! Früher empfand ich es noch nicht so schwer wie jetzt! – als Kind steht man noch nicht so einsam wie als erwachsenes Mädchen. Ich verehre und respektiere Mama, ich erkenne voll großer Dankbarkeit alles Gute an, was sie an uns Kindern getan, aber mich
in ihre Arme werfen, sie an mein Herz drücken, das kann und wage ich nie! – Und ich würde gar nicht das vertrauliche Wort über die Lippen bringen, nach ihrer Mißstimmung gegen Sie zu forschen, Herr von Hausmann! Sie kennen Mamas Augen, Sie wissen, wie kalt – ach, wie kalt sie blicken kann, man friert bis in das Herz hinein! Glauben Sie mir, auch ich leide unter ihrem Benehmen gegen Sie, und doch kann ich nichts daran ändern – nichts!«

Noch nie hatte Anna-Kathrin so viel, so erregt gesprochen wie in diesem Augenblick, all das lang verschwiegene Herzeleid brach in leisen, klagenden Worten über ihre Lippen, und Gregor nahm abermals die bebende, kleine Hand und küßte sie weich und zärtlich, wie man ein Kind tröstet.

»Wissen Sie, was ich glaube, Komtesse? Auf Ihrer armen Frau Mutter lastet irgendein still geheimes Leid, welches sie aller Zärtlichkeit entfremdet, die Sorge um Ihren Herrn Bruder oder sonst ein Kummer, welchen ihr starkes Herz allein tragen will! Nach allem, was Sie mir soeben sagen, bin ich zu dieser Überzeugung gekommen, und leider auch zu jener anderen, daß es besser ist, es dem lieben Gott und der Zeit zu überlassen, eine Wandlung im Wesen Ihrer Frau Mutter gegen mich herbeizuführen. Einen schwachen Hoffnungsschimmer, das rätselhafte Dunkel zu erhellen, hatte ich soeben noch, als ich Ihnen einen Brief zustellen wollte, welchen mein Vater mir heute morgen zusandte, und um dessentwillen ich es wagte, so kühn hier bei Ihnen einzudringen!«

Der Sprecher zog ein Schreiben aus der Brusttasche und blickte unschlüssig darauf nieder, Anna-Kathrin aber trocknete die Tränen von den Wimpern und fragte überrascht:

»Ein Brief an Mama?«

»Jawohl, wenn freilich auch ein recht veralteter. Ich erzählte Ihnen schon ehemals, Komtesse, daß ein

früh verstorbener Bruder meiner Mutter, Helmut Novalla, Komponist war und nach seinem sehr plötzlichen Ableben seine ganze Hinterlassenschaft in die Hände meiner Eltern gelangte. Namentlich seine unvollendeten Kompositionen brachte Mama damals sogleich nach seiner Beerdigung mit, und denken Sie, nach Jahren erst, als auch meine geliebte Mutter heimgegangen, sah man die Notenstücke einmal durch. Da fand man in einem flüchtig skizzierten Lied: ›Du meines Herzens Königin‹ diesen verschlossenen, bereits frankierten Brief liegen, welcher jedoch nur die unvollendete Adresse: ›An Fräulein Malwine von Ries‹ trug. Niemand kannte die Dame, man forschte in dem Tagebuch des Toten, bei all seinen Reisebekanntschaften und der großen Zahl seiner Residenzfreunde, ohne die nähere Adresse in Erfahrung bringen zu können. Da der Brief seit Jahren bereits in dem Manuskript lag und nun doch mehr wie veraltet war, gab mein Vater weitere Nachforschungen auf, bis ich jetzt durch Zufall erfuhr, daß Ihre Frau Mutter Malwine eine geborene von Ries ist. Wenn ich auch kaum glaube, daß der Brief noch irgend welches Interesse für sie hat, so wollte ich denselben doch benutzen, um mir eine ›Audienz‹ bei ihr zu erbitten und bei dieser Gelegenheit vielleicht den Grund ihrer Adversion gegen mich zu erfahren, – nach allem aber, was Sie mir soeben sagten, Komtesse –«

Der Sprecher verstummte plötzlich und wandte sich erschreckt zurück; Anna-Kathrin aber stieß einen leisen Schrei aus und hob wie in erschreckter Abwehr die Hände. – »Mama!«

Wie aus der Erde emporgewachsen, stand die hohe Gestalt der Präsidentin vor den entsetzten jungen Leuten, aber sie stand nicht so markig und stolz wie ein Bild aus Erz und Marmor vor ihnen, sondern gebeugt wie eine Greisin, matt und gebrochen, so daß sie sich schwer auf die Lehne der Bank stützte.

Ihr Antlitz war bleich wie das einer Toten, die Augen blickten erloschen, die Stimme klang leise und heiser.

»Der Brief ist an mich gerichtet, Herr von Hausmann, – geben Sie ihn mir.«

Sie streckte die zitternde Hand danach aus, faßte das Schreiben und schritt ohne ein weiteres Wort, wankend wie eine Schwerkranke, durch die Gebüsche zurück.

Gregor von Hausmann atmete tief auf und strich mit nervöser Bewegung über die Stirn.

»Komtesse…« flüsterte er, »ich glaube, jener Brief ist ein großer, köstlicher Schatz, welchen ich aus Zufall gehoben habe!«

»Ach, was bedeutete das? War Mama krank oder namenlos böse, – so habe ich sie noch nie gesehen!« Er faßte mit leuchtenden Augen ihre Hände und drückte sie beinahe aufgeregt zwischen den seinen. »Sie war krank, Komtesse, – aber ich hoffe zu Gott, daß sie nun gesunden wird und mir nicht mehr so fremd sein wird wie bisher.«

Wie Jalousien waren herabgelassen, ein grünes Dämmerlicht erfüllte das stille Zimmer, und nur ein einziger kleiner Sonnenfunken, welcher durch die undichten Stäbe drang, zitterte auf dem vergilbten Papier zwischen den Händen der Präsidentin.

Malwine lag regungslos im Sessel, wie in tiefem Schlaf, – aber sie schlief nicht, ihr bleiches Antlitz spiegelte den Sturm, welcher ihrer Seele tiefste Tiefen aufgewühlt.

Sie hatte Helmut Novallas Brief gelesen, seinen letzten, heißen, innigen Liebesgruß, welcher es ihr zur furchtbaren Gewißheit machte, daß sie lange Jahre hindurch dem treuesten Herzen bitter Unrecht getan, daß Frau von Hausmann ehemals als völlig Unwissende nur ihre eigenen Vermutungen ausgesprochen.

Helmut schrieb ihr und teilte ihr mit zitternden Federstrichen den Ausbruch seiner schweren Erkrankung mit; er flehte sie an, dennoch zu kommen, in seiner Nähe zu sein, denn ihre Anwesenheit allein könne ihm Ruhe und Frieden geben! Und dann ward seine Liebe stärker als die Vernunft, er gestand ihr dieselbe in glühenden, zärtlichen Worten, er bat sie, die Ansicht ihrer Eltern zu erforschen, ob er als Schwiegersohn willkommen sei oder nicht. Und dann berichtete er jubelnd von dem Liebeslied, in welchem seine Seele ausströme – ein Lied an sie gerichtet und ihr zugeeignet.

Der Tod, der grausame, unerbittliche, hatte ihm die Feder aus der Hand genommen, seine Krankheit hatte ihn niedergeworfen, ehe er den Brief absenden konnte, – er ward wohl mit allen Papieren und Manuskripten beiseite geschoben, weggepackt und vergessen – dieweil ein armes Mädchenherz in den unaussprechlichen Qualen einer getäuschten und verratenen Liebe zu Stein und Eis erstarrte…

Wie still ist es in dem Zimmer, nur die Uhr auf dem Kamin tickt leise, wie ein Herz, welches müde geworden und am liebsten stillstehen möchte.

An der Tür klopft es, zaghaft und schüchtern – Anna-Kathrin tritt leise ein, vor der Mutter bleibt sie in scheuer Entfernung stehen.

»Das Frühstück ist serviert, Mama… Friedrich klopfte schon ein paarmal vergeblich hier an!«

Da richtet sich Malwine auf, die einst so kalten, starren Augen heften sich mit einem Ausdruck unsagbaren Wehs auf das junge Mädchen, welches so schuldbewußt und angstvoll das Köpfchen neigt, und dann breitet sie plötzlich die Arme aus: »Anna-Kathrin!« schluchzt sie laut auf: »meine arme, kleine Anna- Kathrin!« – Und die Kleine starrt sie einen Augenblick fassungslos an, dann flutet alles Blut heiß nach ihrem Herzen. »Mama!« – klingt es wie eine zitternde Antwort, Anna-Kathrin wirft sich an die Brust der Mutter und umschlingt sie mit den kraftvoll jungen Armen.

»Mama«, stammelt sie noch einmal leise.

Ihr ist's wie ein Traum – wie ein Fieberwahn.

Da geschieht etwas Unglaubliches. Malwine küßt mit zuckenden Lippen die Wange ihrer Stieftochter, und dann sinkt ihr Antlitz schwer auf die Schulter des jungen Mädchens nieder, und die stolze, kalte, herzlose Gräfin Abensberg weint bitterlich …

Anna-Kathrin aber ist es in diesem Moment zu Sinn, als wanke der Boden unter ihren Füßen, als brächen Himmel und Erde jählings über ihr zusammen.

Sie streichelt mit weichen Händen die Wangen der Weinenden, sie flüstert hochklopfenden Herzens die zärtlichsten Worte, ohne doch zu wissen, wie sie die Mutter, deren Tränen ihr so unbegreiflich sind, trösten soll.

Und Malwine schließt sie fester und fester an die Brust, als wolle sie plötzlich alles nachholen, was sie seit langen Jahren in liebloser Weise an dem Kinde versäumt hatte und flüstert: »Herrgott im Himmel – vergib mir meine Schuld!«

»Mamachen – liebes, liebes Mütterchen – was fehlt dir? – Bist du krank?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Nicht krank, mein Liebling, – aber durch lange Jahre hindurch blind und taub gewesen… und nun… nun will ich gut machen, was ich so lange an dir versäumt habe!«

Dämmerstunde ist es, – der goldene Widerschein der Sonne färbt noch den Himmel mit Streifen von Purpur und leuchtendem Gelb.

Malwine steht an dem geöffneten Fenster und blickt in den Abendfrieden hinaus, als schaue sie in weite, weite Fernen.

Der erste leidenschaftliche Sturm in ihrem Herzen hat sich gelegt, – es ist still und friedlich darin geworden, wie draußen in der tagesmüden Welt.

Die leisen, wehmütigen Worte der Anklage, welche sie im Park aus Anna-Kathrins Mund gehört, haben einen Schleier von ihren Augen gelöst. Da war es, als ob die selbstbewußte und selbstzufriedene Frau, welche gewähnt hatte, zeitlebens in treuester, selbstlosester Weise ihre Pflichten erfüllt zu haben, plötzlich den Boden unter ihren Füßen wanken fühlte.

Wie ein greller Blitz zuckte es durch ihre verfinsterte Seele und zeigte ihr plötzlich, in welch einem Pharisäerstolz sie bisher durch das Leben geschritten, wie sie überzeugt gewesen, alles Gute getan zu haben, und wie ihr doch das Beste und Wichtigste gefehlt hatte, zu ihrem eigenen Leid und dem ihres armen Kindes.

»Die größte aber ist die Liebe unter ihnen!«

Ihr verbittertes Herz hatte sich in den Mantel der Selbstgerechtigkeit gehüllt, sie hatte in herbem Trotz mit dem Schicksal gerechtet. »Du hast mich auch arm gelassen an Liebe, mein Leben lang, du hast mich durch die Liebe getäuscht und betrogen – nun ist sie gestorben in mir, und ich gebe meinen Nächsten nur das, was ich ihnen geben muß, wenn ich meine Schuldigkeit tue.«

Und auch dieses Fundament, auf welchem sie schroff und trotzig gefußt, riß ein einziger Augenblick unter ihr hinweg.

Helmut war nicht treulos gewesen, er hatte sie geliebt – geliebt bis in den Tod.

Wenn ein Mensch lange Jahre gedarbt und gedürstet hat, kann er es anfänglich kaum begreifen, wenn die Wasser des Lebens ihn plötzlich im Überfluß umrauschen, und auch Malwine stand wie geblendet und betäubt, und es bedurfte der Zeit, bis sie ihr seelisches Gleichgewicht wiederfand.

Dann aber war es so hell und friedlich in ihr geworden, wie in der stillen Abendwelt draußen, welche nach des Tages Last und Hitze am Herzen des Himmels ausruht.

»Exzellenz halten zu Gnaden …«

»Was gibt es, Friedrich?«

»Baronesse Flavia von Husby bittet, gemeldet zu werden – in dringender Angelegenheit.«

»Ich lasse bitten.«

Malwine schrak empor wie aus süßem Traum.

Wie hatte sie sich dem holden Wahn von Frieden und Glück ergeben können, wo noch eine so schwere drohende Wetterwolke der Schuld ihren klaren Himmel verdunkelte.

Götz!

Solange der verlorene Sohn verschollen und verschwunden blieb, konnte sie keine Ruhe finden, denn seit Anna-Kathrins Worte wie brennende Funken in ihr Herz gefallen waren, wußte sie, warum Götz verloren ward, und was ihn einzig hätte retten und halten können, die verständnisinnige, milde, nachsichtige Liebe einer Mutter!

Und gerade diese hatte sie ihm versagt – wie all den Kindern, welche Gottes Güte ihr als Balsam an das kranke, einsame Herz gelegt hatte.

Welch ein Unheil hatte sie dadurch heraufbeschworen. Nicht allein, daß sie den ältesten Sohn aus dem Hause getrieben, – auch des zweiten Sohnes Lebensglück war dadurch in Trümmer gebrochen, denn ohne die Flucht des Bruders hätte Quirin den heißesten Wunsch seines Herzens, zur See zu gehen, erfüllen können.

Wie in jäher Qual verschlang Malwine die Hände, ihr flehender Blick irrte empor zu dem strahlenden Himmel, und dann wandte sie sich und schritt langsam Fräulein von Husby entgegen.

Flavia stand einen Augenblick überrascht vor der bleichen, ergrauten, so wundersam veränderten Gemahlin des Präsidenten, dann faßte sie voll herzlicher Erregung die dargebotene Hand und drückte sie warm in der ihren.

»Ich weiß, daß Sie zu dieser vorgerückten Stunde keine Bittsteller mehr empfangen, Exzellenz, und doch komme ich als Bettlerin und möchte recht flehend an Ihr Herz klopfen!« sagte sie weich, und Malwine zog sie neben sich auf den Diwan nieder und lächelte wehmütig. »Mein Herz steht Ihnen jederzeit offen, liebe Flavia, um so mehr in diesem Augenblick, wo es sich ehrlich freut, Sie nach so langer Zeit der Abwesenheit so überraschend wiederzusehen!«

Ein wenig beklommen und forschend blickte die junge Dame in das Antlitz der Sprecherin.

»Gott sei gelobt, wenn ich in guter Stunde gekommen bin, Exzellenz! Meine Fürsorge gilt einem Schwerkranken, einem Menschen, welcher droht, nicht nur körperlich, sondern an Leib und Seele zugrunde zu gehen!«

»Wenn ich helfen kann, helfe ich gern, Flavia!«

»Darf ich ganz rückhaltlos sprechen, Exzellenz, ohne daß Sie mir zürnen werden?«

»Ich bitte Sie darum.«

Da atmete Flavia tief auf, ihr liebliches Antlitz färbte sich höher unter der Erregung, welche sich ihrer bemächtigte, und sie erzählte von ihrem Aufenthalt in München, wo sie mit Tante Borgius einen Zirkus besuchte und in einem der jungen Kunstreiter sogleich Götz Abensberg wieder erkannt habe.

Die Hand der Präsidentin, welche die ihre noch gefaßt hielt, zuckte auf, Exzellenz machte eine jähe Bewegung und krampfte die Hände ineinander. »Götz? Unseren Götz? Sie sahen – Sie fanden ihn?« rang es sich halb erstickt von ihren Lippen. »Gott sei gelobt, endlich eine Spur von ihm!«

Freudigste Überraschung malte sich auf Flavias Zügen, – dieser Ausruf klang nicht wie zürnender Groll, sondern wie jubelnde Freude.

Und sie erzählte hastig weiter, sie bekannte, daß sie den jungen Grafen schon in England angetroffen und beobachtet hatten, daß er trotz all des namenlosen Elends, in welches er geraten, trotz der bittersten Not und der größten Entbehrungen dennoch ein braver, rechtschaffener Mensch geblieben sei, welcher den Nachstellungen seiner Verführerin so ehrenhaft widerstanden und so ideale, schier unbegreifliche Vorstellungen von dem Künstlerleben gehabt habe. – Und dann berichtete sie weiter von seinem harten Kampf um die Existenz, bei dem er schließlich dem schweren, unheilvollen Sturz unterlegen sei. Sie schilderte jenen furchtbaren Augenblick in dem Zirkus, und Malwine schlug leise aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und murmelte mit bebenden Lippen: »Weiter, Flavia, weiter! – Lebt er?!«

Fräulein von Husbys Augen strahlten.

»Ja, Exzellenz, Gott sei gelobt, er lebt und befindet sich als Rekonvaleszent in der Klinik des Professors X. Die anfänglich so schwere Befürchtung, daß der Bluterguß in die Augen wichtige Nervenzentren zerstört und der unglückliche junge Mann womöglich dauernd blind bleiben könnte, hat sich nicht bestätigt: noch eine Zeitlang werden selbstredend die Augen sehr geschont werden müssen.«

Gräfin Abensberg hatte erstaunt aufgeblickt, jetzt unterbrach sie die Sprecherin mit einer hastigen Bewegung.

»In der Klinik eines unserer ersten Professoren?« fragte sie überrascht. »Sagten Sie nicht, daß Götz ohne jede Geldmittel sei? Wer bestritt seinen Aufenthalt, welcher bei der schweren Pflege fraglos sehr kostspielig ist?«

Flavia erglühte bis auf den weißen Hals hinab und versicherte ausweichend, daß der Professor ein sehr wohltätiger Mann und die Aufnahme des jungen Mannes ein Werk der Barmherzigkeit sei! Die großen klaren Augen der Präsidentin aber blickten sie so seltsam forschend, so tief gerührt an und die Hand, welche die ihre ergriffen, drückte dieselbe so erregt, daß Flavia verwirrt fortfuhr: »Noch kurze Zeit wird Ihr Herr Sohn sich in der Klinik aufhalten können, dann aber muß er abermals einem ungewissen Schicksal entgegengehen, denn wie sich dasselbe bei der geschwächten Gesundheit und dem verzweifelten Seelenzustand des unglücklichen jungen Mannes gestalten wird, weiß Gott allein. Ich habe auf jede Weise versucht, auf ihn einzuwirken, ihn zu bestimmen, in sein Vaterhaus zurückzukehren, aber ich mußte mich leider überzeugen, daß er es nun und nimmermehr tun wird!«

»So hat er gar keine Liebe – gar keine Sehnsucht mehr nach den Seinen?« Malwines Haupt sank wie gebrochen zur Brust, ein tiefer, qualvoller Seufzer rang sich über ihre Lippen: »O, Sie glauben nicht, Flavia, wie meines armen Mannes Herz blutet, wie wir alle um den Verlorenen weinen!«

»Keine Liebe, keine Sehnsucht nach den Seinen!« wiederholte das junge Mädchen mit feuchtem Blick. «O, wenn Sie gehört hätten, Exzellenz, wie seine ganze Seele heim verlangt!«

»Und doch kommt er nicht?«

»Ein falscher Stolz – eine falsche Scham – und – und…«

Flavia atmete schwer, abermals errötete sie tief und schien nach passenden Worten zu suchen, dann faßte sie plötzlich voll flehender Leidenschaft die Hand Malwines und zog sie inbrünstig an die Lippen: »Ach, Exzellenz – es gilt Leben und Existenz Ihres Sohnes! Es gilt die Rettung eines Kindes, welches Gott der Herr Ihnen anvertraute! Ich weiß, daß ich ein Ungebührliches, Anmaßendes erbitte, denn es ist Pflicht des Sohnes, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, und dennoch beschwöre ich Sie, Exzellenz, bei allem, was Ihrem Herzen teuer ist – sagen Sie Götz ein freundliches, herzliches Wort, welches ihn heimruft! Nicht durch Ihren Herrn Gemahl – Sie selber müssen es sprechen, Exzellenz, denn Sie ahnen nicht, welch tiefen Eindruck ein mildes Liebeszeichen von Ihnen auf ihn machen wird!«

Mit angstvollem Blick schaute Flavia zu der Präsidentin auf; so wie sie die Exzellenz kannte, würde jetzt eine recht schroffe, kühle Antwort diese Bitte als durchaus ungehörig und unerhört zurückweisen, um so überraschter war das junge Mädchen, als Malwine das Haupt wie unter schwerer Schuld und Last noch tiefer neigte, und einen Augenblick schwer atmend ins Leere starrte.

»Götz hat sich beklagt, daß ihm solch milde, zärtliche Worte der Liebe nie von mir geworden sind?« fragte sie endlich gepreßt.

»Exzellenz – –«

Sie machte eine müde Bewegung mit der Hand. Ich weiß, was meine Kinder entbehrt haben – nicht Anna-Kathrin allein – auch er! O Gott, und ich wähnte, gerade bei Götz sei nur die eisernste Strenge am Platz! Nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen und dies Erkennen ist furchtbar.« – Wieder schwieg sie einen Moment, während Flavia leise an ihrer Seite niedersank und in stummem Flehen die Lippen auf die kalte, bebende Hand drückte. »Ich weiß es jetzt, welch eine Anklage meine Kinder gegen mich erheben, ich weiß, was Götz aus dem Hause getrieben und warum er freiwillig nicht wieder heimkehrt und ich will gutmachen, was ich gefehlt habe.« – Die Sprecherin strich mit der Hand über die Stirn, dann erhob sie sich plötzlich und richtete sich hoch und energisch auf. Eine wundersame Freudigkeit leuchtete aus den erst so trüben Augen. »Ich danke Ihnen, Flavia, daß Sie gekommen sind!« sagte sie und zog das junge Mädchen fest und innig in die Arme. »Gott lohne es Ihnen und segne Sie dafür. Ich werde noch heute abend nach München abreisen. Wollen Sie der gute Engel sein, welcher mich an das Lager meines Sohnes führt?«

Ein zitternder Jubellaut rang sich von Flavias Lippen.

»Exzellenz, – das wollten Sie wahrlich tun? O dann ist alles, alles gut! – Wenn Sie gestatten, schließe ich mich Ihnen während der Fahrt an, um Tante Borgius in Berchtesgaden zu erreichen, in die Klinik kehre ich nicht zurück, denn mein Werk wäre nur halb getan, würde Ihr Herr Sohn jemals ahnen, wer Schwester Maria gewesen ist!«

XXVII.

Götz saß am Fenster seines stillen Krankenzimmers und blickte zum ersten Male wieder in die duftende Blütenpracht des Gartens hinaus, nachdem die blendende Sonnenhelle erloschen und die Schatten unter den rauschenden Baumkronen sich vertieften.

Immer schwerer lasteten Kummer und Sehnsucht auf ihm, er empfand die Trennung von Schwester Maria, welche ihm anfänglich nur wie ein unabwendbares Schicksal erschienen, von Tag zu Tag schmerzlicher, und je mehr er den süßen Wohlklang ihrer Stimme, ihre tröstenden, friedenspendenden Worte entbehrte, desto heißer brannte ihm das Herz in der Brust.

So sehnt sich ein Kranker nach dem frischen Odem, welcher ihm neues Leben gibt. War sein Empfinden für Maria ein tieferes, leidenschaftlicheres, als wie er es sich selber eingestand?

Noch nie war ihm ein Wesen auf Gottes weiter Welt so nahe getreten wie sie, noch mit keiner anderen Seele hatte er so seine tiefinnersten Gedanken ausgetauscht, wie mit ihr, und keine hatte ihn so voll, so ganz verstanden wie sie!

Eine fieberhafte Ungeduld erfaßte ihn, sie von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

Wie ein Windstoß über stille See fährt, und ihre Wogen bis zum Grunde aufwühlt, hatte die überraschende Mitteilung des Wärters, «Schwester Maria sei noch ein junges Mädchen gewesen«, auch seine ruhigen Gedanken bis zur leidenschaftlichen Aufregung aufgerüttelt. »Jung und so lieblich schön wie ein Engel!« hatte der Wärter gesagt.

Ach, daß er sie sehen könnte! Wenn ihr Antlitz jenem lichten Gnadenbild aus dem Zirkus gliche!

Welch eine Glückseligkeit durchschauert ihn bei diesem Gedanken, den er in seiner Einsamkeit wieder und wieder ausspinnt und in welchen er sich versenkt mit all der träumerischen, schwärmerischen Beharrlichkeit, welche in Krankenstuben daheim ist. Und doch! – Was nützt es ihm, dem Verfemten, Ausgestoßenen, wenn er das Angesicht eines Engels schauen würde!

In ihrer Nähe ist kein Platz für den Kunstreiter, den Vaganten, welcher mittellos und brotlos auf der Landstraße irrt, unfähig, einem ehrenwerten Weibe ein Heim zu bauen, unwert, jemals das friedliche Glück eines eigenen Herdes kennenzulernen. – Verlassen … verloren … ein heimatloser Irregang – ein Blatt, welches der Sturm dem Verderben entgegenwirbelt!

Götz stöhnt tief und qualvoll, auf, noch nie hat er sein Elend so tief, so demütigend und verzweifelnd empfunden, wie seit der Zeit, wo Schwester Marias Hand sich aus der seinen löste, wo ihm keine Hoffnung blieb, sie jemals wieder zu fassen und zu halten mit der flehenden Bitte: »Bleib' bei mir, auf daß du mir den verlorenen Frieden wiedergibst!«

Ja, wäre er noch im Besitz jener königlichen Kleinodien, welche er ehemals so verblendet und unsinnig von sich warf!

Wäre er noch Träger eines ehrenwerten, unbescholtenen Namens, nähme er noch die Stellung in Welt und Gesellschaft ein, wie ehemals, dann würde Schwester Maria den Genesenden wohl nicht fliehen, wie jetzt den Kunstreiter, welcher in den Augen eines exklusiv denkenden Weibes doch nur einer jener ehrlosen Sippe ist, welche unsere Väter und Vorväter zugleich mit Schäfer und Schinder nannten!

Es fröstelt Götz bei diesem Gedanken und er senkt das bleiche Antlitz tief in die Hand. Wie eine Fata Morgana steigt ein strahlendes, lockendes Bild aus der Wüste seines Elends auf – sein Vaterhaus, welches er leichtfertig verlassen, – sein Vaterhaus, auf dessen Schwelle eine hohe, stolze Frau steht und ihn mit den kalten, unbarmherzigen Augen zurückweist auf Nimmerwiederkehr!…

An der Tür hat es leise geklopft – Götz schreckt auf und murmelt ein müdes »Herein«. – Er schaut nicht auf, erst, als ein weiches Frauenkleid über die Dielen streift, hebt er erstaunt das Haupt.

Und er starrt die Eintretende an, neigt jäh den Kopf vor, erhebt sich, streckt die Arme aus, als schaue er eine Vision, und erbleicht bis in die Lippen hinein.

Diese hohe, markige Frauengestalt in dem dunklen, wallenden Gewand, dieses Angesicht, ehedem so blühend und frisch, und jetzt so bleich und vergrämt, die ergrauten Haare an den Schläfen und die Augen …

Ja, wenn alles seiner Mutter gliche – die Augen gleichen ihr nicht – die sind fremd, ganz fremd geworden in dem bekannten Gesicht.

Gräfin Abensberg ist stehengeblieben, sie atmet so beklommen und schwer, als trüge sie eine unsichtbare, drückende Bürde auf den Schultern.

Sie steht und sieht ihn an, und als sie die kraftlose, gebrochene Gestalt, das gealterte, farblose Angesicht des Kranken sieht, auf welches Not und Seelenqual seine tiefen, scharfen Linien gegraben, da krampft sich ihr Herz zusammen, und ob sie es will oder nicht, heiße Tränen steigen in ihre Augen und rollen langsam über die Wangen.

Wie in tiefstem Weh und Herzeleid breitet sie die Arme nach ihm aus, ein Blick, so weich und flehend, trifft sein Auge, als sei sie es, die um Vergebung bittet, und halb erstickt vor Erregung ringt es sich übel ihre Lippen:

»Götz, mein armer, lieber Götz!«

Ein Zittern fliegt über ihn hin, er klammert sich sekundenlang an den Stuhl.

»Mama,« murmelt er, »du hier, Mama –« und dann starrt er in ihre Augen, und seine Hände lösen sich von dem Stuhl, mit einem unsicheren Schritt taumelt er ihr entgegen.

»Mutter, liebe Mutter!«

Sie hält ihn an der Brust, ihre starken Arme stützen ihn, fest und fester schließt sie ihn an das Herz. «Gott im Himmel, sei gelobt!«

Nun sieht sie erst, wie schwach er noch ist, seine schlanke Gestalt bebt wie im Fieber.

Malwine zieht ihn neben sich auf das Ruhebett nieder, drückt sanft sein Haupt an sich, wie man ein Kind beschwichtigt, und preßt die Lippen auf seinen lockigen Scheitel.

Da flutet es zum erstenmal durch ihr Herz wie ein Strom heißen, lauteren Glückes, jenes süße, berauschende Gefühl, welches einen Menschen durchschauert, der einen Ertrinkenden auf rettenden Armen aus den Fluten trägt.

Einen Augenblick ist es still in dem kleinen Krankenzimmer, totenstill.

Draußen vor dem Fenster zwitschert ein Vogel, jubelnd und hell, er hat nach langem Suchen wohl auch sein Nest gefunden.

Götz hebt das Haupt und blickt abermals in das Gesicht der Mutter, als schaue er ein Wunder, welches man noch immer nicht glauben kann.

»Bist du es denn wahrlich, Mama, und du, du hast den Weg zu mir gefunden?«

Sie lächelt ihm zu, wie er sie noch nie lächeln sah.

»Wenn Sorge und Liebe suchen, finden sie selbst einen Götz auf. Ich bin gekommen, um meinen Sohn heimzuholen, um ihn zu fragen, ob er noch einmal ein neues Leben mit seiner alten Mutter beginnen will? Wir haben es beide falsch gemacht, Götz, und wähnten doch beide, das Rechte zu tun, nun wollen wir von vorn beginnen!«

»Ich habe es falsch gemacht, ich war verblendet, ich habe dir und Vater so unendlich viel abzubitten!«

Das rang sich immer noch sehr schwer und stockend von seinen Lippen, Malwines Hand aber strich liebevoll über seine Wange, und sie schüttelte leise das Haupt.

»Wenn es einem Kind schon sauer ankommt, den Eltern gegenüber ein Unrecht einzugestehen, wie schwer muß es dann erst einer Mutter werden, ihren Sohn um Vergebung zu bitten, – und doch tue ich es in der vollen, freudigen Zuversicht, mein Götz, daß du mich jetzt ebensogut verstehen wirst, wie ich dich, leider so spät erst, verstehen lerne! Du siehst mich so erstaunt an, als habe es nie eine Zeit gegeben, wo sich dein Herz voll bitterer Anklage von mir abwandle, wo du meine strenge Tyrannei, meine sorgende Pflege eine unwürdige Bevormundung nanntest. Ich glaubte, dir durch Härte mehr zu dienen, als durch Liebe, ich gab euch Kindern das, was ich mein ganzes Leben hindurch auch nicht anders kennen lernte; ich ahnte es nicht, daß eure Herzen weicher und liebebedürftiger geartet waren, als ehemals das meine. Und dieses Vorurteil war eine schwere Schuld, unter welcher wir alle gelitten haben. Ich habe es einsehen gelernt, daß eine Mutter, und wenn sie noch so treu ihre Pflicht tut, dennoch ihren Kindern keine wahre Mutter ist, wenn bei ihrem Tun und Handeln die Liebe fehlt! Auch dir hat sie gefehlt, Götz, und sie hätte gewißlich einen anderen aus dir gemacht und dein Leben froh und glücklich gestaltet; darum bitte ich dich von Herzen, vergib mir, was ich an dir versäumte, und glaube mir, daß ich selber wohl noch schwerer darunter litt, als du! Noch aber ist es nicht zu spät, um das Versäumte nachzuholen! Komm heim, Götz, und gib mir Gelegenheit, dir zu beweisen, wie lieb und teuer du meinem Herzen bist! Laß uns vor deinen Vater treten mit dem reuigen Bekenntnis: Wir waren beide verlassen und verloren in Kummer und Elend, aber wir haben uns wiedergefunden und danken Gott dem Herrn für seine Gnade!«

In atemlosem Staunen hatte Götz den leisen Worten gelauscht, heiße Schamröte stieg in seine Wangen und seine Augen brannten wie von ungeweinten Tränen.

Er preßte das Antlitz auf die Hände der Sprecherin und bedeckte dieselben mit Küssen.

»Ich verstehe deine edle Absicht, Mutter,« stammelte er, »und hätte ich es nie zuvor geglaubt, jetzt weiß ich es, daß du mich liebhast!«

Wie im Traum vergingen Götz die nächsten Tage, welche er noch auf dringendes Anraten des Professors in der Klinik verblieb, um sich für die anstrengende Reise möglichst zu kräftigen.

Malwine verbrachte den ganzen Tag im Zimmer des Sohnes, und Götz begriff es selber kaum, wie genußreich und traulich das Zusammensein mit einer Frau war, welche er Jahre hindurch als seine größte Feindin erachtet und mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner Seele gehaßt hatte.

Wäre die furchtbare Zeit der Vereinsamung, der Demütigung und Selbsteinkehr nicht diesem Wiedersehen vorangegangen, sein Herz auf dasselbe vorzubereiten, wer weiß, ob nicht sein blinder Trotz die so freundlich gebotene Hand zurückgestoßen hätte! Dieser Gedanke war es zuerst, welcher ihn beherrschte, als er über das Wunderbare dieser so schnellen, unbegreiflich schnellen Versöhnung nachdachte.

Je länger er aber in das veränderte Antlitz der Mutter
sah, desto klarer ward es ihm, daß ihn alle Leiden der Welt nicht bewogen haben würden, sich an die Brust der Eintretenden zu werfen, wenn Malwine ihn mit denselben kalten und herzlosen Augen angeblickt hätte, wie früher.

Aber wie anders, wie so ganz anders schauten ihm jetzt diese wehmütig ernsten Augen bis in das tiefste Herz!

Wie war es möglich, daß sich ein Mensch so völlig verändern konnte!

Was ehemals eine Unmöglichkeit geschienen, ein vertrautes, herzliches Aussprechen mit der Stiefmutter, das war jetzt etwas ganz Selbstverständliches geworden, und stundenlang saß Götz an ihrer Seite, um, von ihrem Arm umfangen, von jener Zeit zu erzählen, welche nun wie ein schwerer, unheilvoller Traum hinter ihm lag.

Und kein Wort des Vorwurfs, des Tadels aus ihrem Munde, nur ein warmherziges Interesse, ein tiefes Mitgefühl für all die bitteren Erfahrungen, welche er gemacht, für all die Enttäuschungen, die ihm geworden.

Und doch war es eine gute und nützliche Zeit für ihn gewesen, eine Arznei, an welcher seine so unruhevoll krankende Seele genesen mußte; das machte Malwine ihm klar und verwischte dadurch mehr und mehr die häßlichen Eindrücke, welche jeden Glauben an sich selbst und sein Können in Götz zu morden drohten.

Das war nur ein Weiterführen jener treuen Seelenarbeit, welche Schwester Maria schon zuvor an ihm begonnen, und weil sie ihr so ähnlich war und dieses Plaudern und Anvertrauen ihn so sehr an das liebe, entschwundene Traumbild erinnerten, darum war es ihm doppelt sympathisch, und das Finden zwischen Mutter und Sohn ein viel schnelleres und einigeres, als wie es je unter anderen Umständen gewesen wäre.

Götz ward nicht müde, nach seinen Lieben daheim zu fragen und Malwine erzählte gern und viel, nur, wenn der junge Graf voll hartnäckigen Interesses immer und immer wieder forschte, auf welche Weise die Mutter Nachricht von seinem Ergehen und Aufenthalt erhalten, dann wurde die Auskunft unsicher, und die Präsidentin lenkte jedesmal das Thema schnell auf andere Dinge.

Sie fragte auch, wer bisher seine Pflege geleitet, und erhielt eine so begeisterte, beinahe zärtliche Schilderung von der engelhaften Güte der Schwester Maria, daß ein ganz seltsames, unendlich glückliches Lächeln um die Lippen der Fragerin spielte, und als gar Götz es rückhaltlos beklagte, die Diakonissin nie von Angesicht gesehen zu haben, und es der Mutter anvertraute, »er käme nicht über die seltsame Phantasterei hinaus, daß sie die Züge einer Dame tragen müsse, welche er öfters im Zirkus gesehen«, da flog sogar ein schnelles Rot über die bleichen Wangen der Gräfin, und sie nickte nur sinnend mit dem Kopf und sagte leise: »Ja, das ist seltsam; ich bin sehr begierig, zu wissen, ob du auch eine Ähnlichkeit finden wirst, wenn du Schwester Maria kennenlernen wirst!«

Ein Schatten flog plötzlich über das schöne Gesicht des jungen Mannes, er stützte mit gefurchten Brauen die Stirn in die Hand.

»Wir verstehen einander jetzt so gut, Mutter,« sagte er, »ich möchte wohl wissen, ob du mir auch in diesem Punkte nachfühlen wirst. – Noch vor wenig Tagen war es mein leidenschaftlichster Wunsch, Schwester Maria kennenzulernen, ihr liebes Angesicht zu schauen, denn ich war wochenlang blind gewesen, und die Bilder, welche ich zuvor im Leben gesehen, hatten sich verwischt. Jetzt, nachdem meine Augen wieder aufgetan sind, ist die Erinnerung abermals lebendig geworden, all mein Sehnen gilt der Loge im Zirkus, aus welcher mir, wie ein Stern in dunkler Sturmesnacht, das friedliche, so unbeschreiblich schöne und milde Antlitz des Fräulein Borgius herablächelt. – Von ihr ist mir das zauberholde Bild – von Schwester Maria die süße Stimme, die unvergeßlich lieben Worte geblieben, – und seltsam, – diese beiden Begriffe lassen sich nicht mehr trennen für mich! Nenne es phantastisch, überspannt, krankhaft, ich kann nicht anders! – Dieses Traumgebilde will ich mit mir hinausnehmen in das neue Leben, welches ich nun beginne, es wird – aus der dunklen Schicksalsnacht dieser schweren Zeit geboren – als lichter Engel auf besseren Pfaden mit mir gehen. Darum will ich nie Fräulein Borgius kennenlernen und Schwester Maria von Angesicht sehen, denn wenn die erstere mit fremder, unsympathischer Stimme andere Worte sprechen würde als meine traute Pflegerin, – und wenn Maria ein fremdes, weniger holdes Antlitz zeigte, so würde es grausam das schönste Ideal, die vollkommenste Blüte zerstören, welche mein Leben je getragen hat. – Und das würde mich arm, bettelarm machen. – Kannst du mir dies nachfühlen, liebe Mutter?«

Sie nickte stumm, – sie lächelte noch seltsamer als zuvor.

»Und daß beides zusammentreffen könnte, glaubst du nicht?«

Er lachte leise auf und schüttelte den Kopf. »Nein, Mamachen, so viel gesunder Verstand ist mir bei all dieser Schwärmerei noch geblieben, – die Zeit der Wunder ist um, und es würde an Aberwitz grenzen, anzunehmen, daß zwei Menschen, welche sich so fern stehen wie Himmel und Erde, plötzlich in ein einziges Wesen verschmolzen sein sollten, nur darum, weil die Phantasie eines kranken Mannes es sich in langer, banger, einsamer Zeit so ausgedacht hat. Jene beiden Frauen sind die einzigen, welche seit Wochen meine Gedanken beschäftigten, was Wunder, wenn ich sie im Traum vereint sah, – nun bin ich aufgewacht und weiß es leider Gottes nur zu gut, daß Träume Schäume sind!«

Der Professor trat ein, und als man eine Weile in angelegtester Weise geplaudert hatte, fragte Götz nach dem Ergehen der Schwester Maria.

Der liebenswürdige Arzt bestellte einen Gruß von ihr und erzählte, daß sich die vortreffliche junge Dame als Begleiterin der alten Patientin auf Reisen befinde und wohl vor Jahr und Tag nicht zurückkehren werde.«

Malwine war aufgestanden und an das Fenster getreten, aber sie sah es doch, daß das blasse, abgezehrte Antlitz ihres Sohnes noch um einen Schein bleicher ward, und daß es plötzlich vor den dunklen Augen lag, wie ein feiner Schleier des Wehs und der Sehnsucht.

Zirkus Hoffmann gab seine Abschiedsvorstellung, und obwohl der Professor große Bedenken trug und befürchtete, daß die Aufregung ungünstig auf die Rekonvaleszenz des jungen Grafen einwirken könne, hatte es Götz dennoch mit beinahe leidenschaftlichen Bitten durchgesetzt, daß er in Begleitung der Mutter dieser letzten Aufführung beiwohnen dürfe.

Er kannte die Räumlichkeiten des Zirkus genau und wählte zwei möglichst versteckte Plätze, von wo er alles gut übersehen konnte, ohne selber allzusehr den Blicken ausgesetzt zu sein.

Schwer atmend ließ er sich auf den Stuhl nieder und Malwine neigte sich näher und blickte in sein Antlitz, auf welchem sich Röte und Blässe jagten.

Er bemerkte ihre Sorge, drückte herzlich ihre Hand und lächelte.

»Dort in der Loge saß sie jeden Abend!« sagte er leise. «O, was gäbe ich darum, könnte ich sie dir zeigen!«

»Wenn sie lediglich aus Interesse für dich kam, wird sie nach deiner Erkrankung die Besuche sicher eingestellt haben. Ich bin überzeugt, daß wir vergeblich warten.«

»Noch sind es fünf Minuten bis zum Beginn der Vorstellung.«

Aber die fünf Minuten vergingen und die Loge füllte sich mit fremden, lachenden Gesichtern. Nein, sie kam nicht.

Ein tiefer Seufzer hob die Brust Abenbergs, er lehnte sich zurück und blickte mit großen, beinahe starren Augen in dem Zirkus umher.

Wie staubig, wie abgerissen, wie plunderig erschien ihm plötzlich die Pracht, welche ihm noch vor nicht allzulanger Zeit die Augen wie eine Wunderwelt geblendet.

Wie schrill, wie unharmonisch, wie lärmend und gemein schnitten ihm die schmetternden Musikfanfaren, die lustigen Kirmesstücklein in die Ohren.

Drunten schwärmt es in die Manege, – sie reiten, turnen, – jonglieren, – er kennt sie beinahe alle noch, die Artisten, war vor etlichen Wochen noch einer der ihren – und doch – wie fremd sind sie ihm plötzlich alle geworden.

Er sieht auch nicht mehr das strahlende Lächeln, die kecke, übermütige Lust und Heiterkeit ihrer Mienen, er steht nur die abgelebten und abgehetzten Menschen, die Glücksjäger im Totenhemd, welche in verzweifeltem Kampf um ihre Existenz all die tollen Sprünge und Faxen machen, er sieht den Neid, die Mißgunst, die Kabale und Gemeinheit, welche hinter ihnen lauert und ein scharfes Messerchen zuckt, den Sattelgurt – zu zerschneiden…

Ja, der Zirkus deuchte ihm ein Paradies, – da er es aber betrat, merkte er, welch giftige Schlangen unter Rosen und Flittergold lauern.

Welch eine fremde Welt ist es ihm plötzlich geworden!

Er greift wie ein Träumender an die Stirn und kann es kaum fassen, daß er selber einst auf diesem kleinen Fleckchen voll stäubender Lohe sein Pferd getummelt, wilde, pochende Glut der wahnwitzigen Aufregung in den Adern, halb verzweifelt im Mißerfolg, hungernd, dürstend, zerfallen mit Gott und der Welt, ein Mensch, welcher das Kainsmal der Unrast auf der Stirn trug, – und jetzt?

Wie ein irrer, wirrer Traum liegt das alles hinter ihm.

Sein Herz schlägt plötzlich so friedlich, so still, so ruhig in der Brust, als habe eine Mutter ihr verirrtes Kind in den Arm genommen und es aus einer Wildnis voll Angst und Schrecken in das Vaterhaus zurückgetragen.

Ja, seine Mutter!

Götz wendet plötzlich den Blick und sieht Malwine an, und sieht in zwei milde, angstvolle, tränenmüde Augen, welche nicht ablassen, sein bleiches Angesicht voll Sorge zu beobachten.

Da wallt es auf in seinem Herzen, so warm, so dankbar, so tief gerührt wie noch nie zuvor, und er faßt jählings ihre Hand und drückt sie voll bebender Inbrunst an die Lippen.

Abermals schmettert die Musik, – o, wie gut kennt er diese flotte Weise – und auf ihrem goldglitzernden Panneau schwebt Mademoiselle Lou in die Manege, – der Schmetterling – der reizende, verführerische Schmetterling, welcher ehemals so lockend vor ihm gaukelte, daß er blind und taub ihm nachstürmte!

Das alte Spiel!

Das alte, verführerische Lächeln – die blitzenden Augen in dem reizenden Gesicht – und doch…

Götz starrt mit kaltem, glanzlosem Blick auf sie nieder, und er sieht mehr wie dies alles, was vor Augen ist, – er sieht bis in ihr boshaftes, niedriges, gemeines und rachsüchtiges Herz hinein, er weiß, daß die süße, kleine Lou eine Verbrecherin ist, und daß jeder, welcher von diesem Schmetterling eingesungen wird, ein tiefunglücklicher, beklagenswerter Mensch ist!

Einst – und jetzt!

Er blickt im Geist zurück in jene Zeit, wo er sie zum erstenmal im Zirkus gesehen – die Bilder wirbeln an ihm vorüber, – was liegt alles zwischen dem damals und heute!

Götz fühlt, wie ihm das Blut in das Gesicht steigt, wie heiße Schamröte ihm auf den Wangen brennt. Ein Gefühl grenzenlosen Ekels überkommt ihn, die Luft, welche um eine Mademoiselle Lou weht, erstickt ihn.

Er erhebt sich jäh.

Noch einen langen Blick wirft er nach der Loge hinüber – und sieht nur klatschende Hände und fremde, lachende Gesichter…

Wie unerträglich heiß und schwül weht die Zirkusluft! – Fort von hier!

»Laß uns gehen, Mutter!« bittet er, und als sie draußen in der kühlen, frischen Nacht stehen, als ein klarer Odem von dem sternbesäten Himmel niederweht und seine erhitzte Stirn kühlt, da hebt er tiefaufatmend das Haupt und macht unwillkürlich eine Bewegung, als schüttele er etwas Widerwärtiges, Ekelhaftes von sich ab.

Rauschender Applaus hallt wie ein Echo zu ihnen heraus, – und Götz umschließt mit krampfhaftem Druck die Hand der Mutter.

»Nun laß uns heim! Das Vergangene liegt hinter mir und meine blinden Augen sind sehend geworden! Wenn Vater und du den verlorenen Sohn nicht von der Tür weisen, wenn ihr Geduld mit mir haben wollt, so laßt mich ein neues Leben beginnen! Ich verlange nicht zurück, was ihr mir genommen habt, nur eure Liebe und euren Segen, und den Glauben an mich und meinen guten Willen!«

Malwine legte fest und innig den Arm um seine Schultern und flüsterte mit feuchtem Blick zum Himmel: »Herr, mein Gott, ich danke dir! Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden!«

XXVIII.

Da Malwine sich in feinfühliger Weise sagte, daß es sehr peinlich für Götz sein müsse, in die kleinen Verhältnisse der Stadt, in welcher seine Vergangenheit und Schicksale nicht unbekannt bleiben konnten, zurückzukehren, so hatte sie telegraphisch alle Anordnungen zu einer schleunigen Übersiedelung der Familie nach Schloß Abensberg gegeben.

Ein Aufenthalt daselbst stimmte mit dem längeren Urlaub des Präsidenten vortrefflich überein, und als Malwine ihrem Gatten brieflich mitteilte, welch glücklichen Erfolg ihre Reise gehabt und wie gänzlich verändert sie Götz in seine Arme zurückführen werde, traf nur ein Telegramm Seiner Exzellenz ein, welches die wenigen Worte enthielt: «Mein Herz ist voll überströmenden Dankes gegen Gott den Herrn, ich habe keine Worte, mein Empfinden auszusprechen und ich zähle die Stunden, bis ich euch beide in meine Arme schließen kann! Laßt mich nicht mehr warten, jede Minute deucht mir kostbar, mein Glück zu genießen.«

So reisten Mutter und Sohn noch früher, wie anfänglich beabsichtigt, ab, da auch der Professor, voll herzlicher, freudiger Anteilnahme der Ansicht war, daß sein junger Patient nirgends besser genesen könne, wie daheim.

Welch eine Zeit wolkenlosen Glückes brach für die neuvereinte Familie an.

Die alte Abensburg hatte seit langen Jahren nicht mehr so frohe und glückliche Gesichter gesehen; der Präsident lebte neu auf, und wenn auch seine Gemahlin gebeugter wie früher einherschritt, wenn ihr Antlitz bleicher und faltiger, ihr Haar weißer noch wie kurz zuvor geworden war, so spielte doch ein so fremdes, neues Lächeln wehmutsvoller Milde um ihre Lippen, welches das sonst so starre Marmorgesicht verklärte, es jung und schön machte. Anna-Kathrin blühte auf wie eine Rose. Sie war stets ein heiteres, stillzufriedenes Kind gewesen, jetzt aber lag ein so warmer Sonnenglanz des Glückes auf dem rosigen Gesichtchen, daß Götz sich gar nicht satt daran sehen konnte und die Kleine mit einem Anflug des alten Schelmes neckte: «Beichte einmal, Schwesterchen, welch ein kecker Königsohn über Busch und Mauer zu dem verzauberten Dornröschen drang!«

Da erglühte Anna-Kathrin bis unter die lockigen Haare und ihr Blick traf in reizender Verlegenheit die Gräfin: diese lächelte ganz seltsam, legte den Arm liebevoll um die Kleine und sagte: «Das ist vorläufig noch ein Geheimnis, Götz, und ich hoffe, die erste, welcher es anvertraut wird, ist Anna-Kathrins beste und vertrauteste Freundin – ihre Mutter!«

Zwei weiche Arme schlangen sich um ihren Nacken und Anna-Kathrin barg das Gesichtchen an der Brust der Sprecherin – da sah Götz, daß sich auch hier eine schier unbegreifliche Wandlung begeben hatte und seine Schwester nicht mehr einsam im Leben stand wie zuvor.

Ihre Exzellenz hatte vor ihrer Abreise in die Klinik nur ein kurzes, flüchtiges Billett an den jungen Herrn von Hausmann geschrieben:

»Ich danke Ihnen von Herzen für den mir so sehr lieben, wichtigen Brief, welchen Ihre Güte mir übermittelte.

Ich stehe im Begriff, für kurze Zeit Zu verreisen, doch hoffe ich, Sie alsbald nach meiner Rückkehr zu sehen und Ihnen zu sagen, daß ich in aufrichtiger und freundschaftlicher Gesinnung bin Ihre

Malwine Gräfin Abensberg, geb. von Ries.«

»Ich habe keine Zeit mehr, diesen Brief zu adressieren, tue du es, Anna-Kathrin, lies ihn zuvor und schicke ihn durch Friedrich an Herrn von Hausmann.«

So hatte sie zu Anna-Kathrin gesagt, und die stürmische, zärtliche Umarmung der Komtesse bewies ihr alsbald, daß der Brief ganz und gar im Sinne des jungen Mädchens geschrieben und die Tochter ihrem Herzen dadurch näher wie je zuvor getreten war. Das Wiedersehen zwischen Götz und seinem Vater war ein überaus herzliches und von keinem Mißklang getrübtes gewesen, und wenn der junge Graf ehemals in der Scheidestunde die Anwesenheit der Stiefmutter als eine unerträgliche Schranke zwischen dem Vater und sich erachtet hatte, so war er es jetzt selber, welcher die Hand der Gräfin mit festem Druck umschloß und bat: »Bleib' bei mir, Mutter, wenn ich den Vater um Vergebung bitte!«

»Es ist wohl besser, Götz, du sprichst dich mit ihm allein aus!«

Er schüttelte energisch den Kopf. »Es gibt keine Geheimnisse mehr zwischen uns, du Liebe, Beste, deine Nähe wird mir wohltun und mir Mut geben!«

Dessen bedurfte es nicht, denn auch über die Lippen des Präsidenten kam kein Wort des Vorwurfs oder des Tadels, nur warme, innige Herzensfreude leuchtete aus den Augen des alten Mannes, und als er später Hand in Hand mit dem Wiedergefundenen auf der blütenduftigen Terrasse saß, da nickte er plötzlich lächelnd vor sich hin und sagte leise: »Wie recht hat Flavia dich damals beurteilt, Götz! Als wir alle an dir zweifeln wollten, verlor sie allein nicht den Glauben an dein braves, tapferes Herz, und mit dieser festen Zuversicht hat sie auch mich stark gemacht, die lange, dunkle Zeit der Trennung in Geduld und Glauben zu ertragen!«

»Flavia?« fragte Götz überrascht, «jene, – jene Flavia von Husby, welche ihr mir zur Frau bestimmt hattet?«

Der Präsident nickte. »Dieselbe!«

»Du sprachst mit ihr über mich?«

»Sie war unbemerkt in meinem Zimmer anwesend, als ich deinen letzten Brief erhielt und sie erbarmte sich des alten Mannes und sprach ihm Trost und Mut ins Herz – sie verlor nicht den Glauben an den Flüchtling, sondern sagte mir diese Stunde mit all ihrem Glück und Segen voraus.«

Eine feine Röte stieg in die Wangen des jungen Mannes. »O, solch eine weiche, tröstende Frauenstimme kann einem wehen Herzen so wohl tun!« sagte er leise und sein Blick irrte wie in träumerischem Sehnen hinaus in die blaue Ferne, als suche er ein entschwundenes Glück.

Anfänglich hatte man geplant, die Schweizer Reise im Verein mit Götz zu machen, die Zerstreuung sollte ihn auffrischen und die würzige Alpenluft seine Gesundheit kräftigen.

Aber Götz wehrte sich energisch gegen diesen Vorschlag.

Seine lange entbehrte Heimat war ihm so lieb geworden, daß er sich nicht so schnell wieder von ihr trennen wollte, auch wünschte er sich so bald wie möglich nach einem neuen Wirkungskreise umzusehen.

Anna-Kathrin bat flehentlich, bei Götz bleiben zu dürfen, und so entschloß sich der Präsident freudigen Herzens; den Urlaub ganz und gar in der behaglichen Stille der Abensburg zu verleben; nur Quirin sollte eine Reise machen, darauf bestand die Gräfin energisch und zwar schickte sie den Überglücklichen nach Helgoland und Kiel, mit einem geheimnisvollen Lächeln und dem Bescheid, daß er in Kiel weitere Befehle des Vaters erwarten solle.

Quirin jubelte und kam sich gar nicht mehr unmanierlich noch allzu kühn vor, die Sprecherin in aufwallender Zärtlichkeit in die Arme zu schließen, wußte er doch, daß es jetzt die Hauptsorge der Mutter war, noch einen Seemann aus ihm zu machen und dadurch seinen heißesten Herzenswunsch zu erfüllen.

Der Präsident schritt in seinem Zimmer auf und ab und blickte nachdenklich zu Boden.

»Wenn du nicht wieder Offizier werden und in einem andern Regiment eintreten willst, Götz, was gedenkst du alsdann zu tun? Willst du die Besitzungen schon jetzt übernehmen, hast du Sinn und Interesse für Landwirtschaft?« Götz schüttelte ernst das Haupt. »Ich bin nicht mehr der Majoratsherr, Papa – habe also auch kein Recht, die Güter zu übernehmen.«

»Selbstverständlich bist du als Ältester der Majoratsherr!«

Erstaunt sah der junge Wann auf. »Ich hörte, daß du das Majorat in Minorat umwandeltest, Vater, und das finde ich nach allem Vorgefallenen durchaus gerechtfertigt – bin auch weit entfernt, darüber unglücklich zu sein.«

Der Präsident machte eine schnelle Handbewegung.

»Du irrst. Ich hatte allerdings die Absicht – aber Flavia bat für dich …«

»Flavia?!«

»Sie versicherte mir, daß du des Majorats nie unwürdig werden würdest …«

Ein Schatten flog über das ernste Gesicht des jungen Grafen. »Fräulein von Husby scheint sich meiner sehr warm angenommen zu haben,« sagte er kühler wie zuvor; »ich bin ihr sehr dankbar dafür, aber ich verzichte auf die Vorteile, welche sie mir errungen hat.« – Und er trat vor den Präsidenten, faßte plötzlich dessen Hände und drückte sie voll warmer, inniger Herzlichkeit wie beschwörend in den seinen. »Darf ich dir sagen, Vater, wie ich meine Zukunft gestalten möchte, so ganz nach meinem Wunsch und Willen? – So höre! Ich erfuhr, daß dein alter Oberförster im Revier Tannengrund vor etlichen Wochen gestorben und dasselbe in recht verwahrlostem Zustand zurückgelassen hat. Seine lange Krankheit trug allein die Schuld daran, und du warst so hochherzig, ihn nicht zu pensionieren. Ich ritt gestern hinaus und besichtigte mit dem Unterförster vom Gräßhagner Gebiet den Bestand des Reviers. Da gibt es viele Arbeit. Die meisten Bäume sind überständig und müssen baldmöglichst geschlagen werden, die neuen Schonungen verwilderten, und die Anpflanzungen, selbst die notwendigsten, stehen noch aus. Ich bitte dich nun, als ein großes Zeichen deines Vertrauens, Vater – ernenne mich zu deinem Förster, nimm mich verwilderten und verwahrlosten Gesellen in deinen Dienst! Ich weiß, daß mir die Kenntnisse, Übung und Erfahrung fehlen, dennoch hoffe ich, es mit Hilfe eines braven Unterförsters schaffen zu können. Der Wildstand ist ruiniert und muß frisch aufgeschont werden, die Wilderer haben übel gehaust, dieweil der alte Mann krank zu Hause lag. Ich habe Passion dafür, ich werde hoffentlich einen guten Jäger abgeben. Die Försterei selber gefällt mir auch, das Haus ist groß und neugebaut, herrlich und gesund gelegen, eine köstliche Zuflucht in seiner Waldeinsamkeit, für einen Menschen, welcher den Geschmack an der lauten, leichtlebigen Welt verloren hat. – Ich bitte dich von Herzen, Papa – versuche es mit mir! sieh, ob ich noch imstande bin, etwas zu leisten, gib mir jenen Wirkungskreis, welcher mir so sehr zusagt. Ich verspreche dir, meine besten Kräfte einzusetzen, zu lernen und zu schaffen, um deine volle Zufriedenheit zu erwerben.«

Einen Augenblick starrte der Präsident auf den Sprecher, als könne er kaum den Sinn seiner Worte fassen, dann strich er langsam mit der Hand über die Stirn, nickte vor sich hin und sprach mit einer Stimme, welcher man es trotz aller Beherrschung anmerkte, welch tiefe Erregung sich des alten Mannes bemächtigt hatte: »Gut, ich bin einverstanden, du sollst in meine Dienste treten, Götz. Gebe Gott, daß die Arbeit dir Freude macht und du ein glücklicher Mann wirst.«

Wochen waren vergangen.

Götz hatte sich das Forsthaus Tannengrund alsbald eingerichtet, mit Anna-Kathrins Hilfe, welche eine unbeschreibliche Freude daran hatte, als geschäftige kleine Wirtschafterin das neue Heim für den Bruder so behaglich und hübsch wie möglich zu gestalten!

Im weißen Schürzchen und schlichten Kattunkleid hatte sie emsig geschafft, war selber auf die Stühle gestiegen, hier einen Nagel, dort einen Haken festzuhämmern, und schließlich hing das festliche »Willkommen!« über der Tür, die Dachshunde kläfften und die Pferde wieherten im Stall, und Götz hielt mit ernstem Antlitz, aber leuchtenden Augen seinen Einzug in dem trauten, weltfernen Heim.

Die Rosen waren schon verblüht, die Früchte reiften am Baume.

Da hielt eines Tages der Wagen der Gräfin vor dem Forsthaus, und Malwine traf zu ihrer Freude den jungen Jägersmann daheim.

»Ich habe eine Bitte an dich, lieber Götz!« sprach sie und blickte ihm mit ganz wundersam hellen Augen in das ernste, blasse Gesicht. »Begleite mich auf einer Spazierfahrt! Ich habe soeben gehört, daß Fräulein von Husby für etliche Tage auf Röschfelde anwesend ist, den neuen Pastor daselbst einzuführen. Ich möchte sie gern in dringender Angelegenheit sprechen und bitte dich herzlich, mich zu begleiten, da Anna-Kathrin verhindert ist!«

Götz hatte die Hand der Sprecherin an die Lippen gedrückt, jetzt blickte er betroffen auf, und die feine Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich.

»Laß uns ehrlich, ganz ehrlich zueinander sein, Mutter!« bat er mit gedämpfter Stimme. »Du wünschst es noch immer, daß ich Fräulein von Husby heirate?«

Malwine sah sehr ruhig aus, sie lächelte.

»Allerdings, es ist nicht nur mein – sondern auch deines Vaters inniger Wunsch; ich besonders bin fest überzeugt davon, daß Flavia dich einzig und allein glücklich machen kann.«

Beinahe vorwurfsvoll sah er sie an. »Du, Mutter, du glaubst das? und weißt es doch, welch ein Bild in meinem Herzen lebt?«

»Gerade darum. Oft gewinnen Phantasiegebilde Leben, ehe man es ahnt. Erinnerst du dich noch an das junge Mädchen?«

Über die Stirn des jungen Mannes flog schnelle Röte. »Nein, ich habe sie an jenem unglückseligen Tage kaum angesehen, und was ich im Fluge an ihr erblickte, war mir nicht sympathisch.«

»Sprachst du mit ihr?«

Götz neigte das Haupt wie ein Schuldiger. »Nein, ich benahm mich sehr flegelhaft – und dieses Bewußtsein bedrückt mich der Dame gegenüber.«

»Es ist weit entfernt von uns, lieber Götz, dich irgendwie für eine Ehe zu bestimmen, ich will auch nicht darauf dringen, daß du Fräulein von Husby heute schon begrüßest, – aber um eins bitte ich dich inständig – begleite mich und siehe dir das junge Mädchen unbemerkt einmal an. Ich lasse den Wagen am Ende des Parkes halten, du steigst aus und trittst in die große Eschenlaube, und ich werde es so einrichten, daß Flavia mit mir im Garten promeniert…«

Götz atmete schwer auf. «Wenn es dir in der Tat eine Freude ist…«

»Es wäre mir eine große Freude!«

»So schließe ich mich dir selbstverständlich an.«

Während der Fahrt lenkte Malwine das Gespräch auf seine Krankheit, auf die Zeit in der Klinik.

»Möchtest du wahrlich nicht Schwester Maria von Angesicht schauen? – Der Professor schrieb mir gestern, daß sie von der Reise zurückgekehrt sei.«

Götz schüttelte ernst das Haupt. »Nein! Du weißt, liebste Mutter, daß ich zeitlebens ein Starrkopf war, ich hänge an meinen Illusionen. Ich habe zu viele Enttäuschungen erfahren im Leben, das macht einen Menschen feige. – Noch ein zweites Mal um einen schönen Wahn betrogen zu werden, ertrüge ich nicht.«

»Ich verstehe dich und gebe dir recht.«

Wo sich mächtige Holunder- und Syringensträuche über ein uraltes Gittertor neigen, hielt der Wagen, am äußersten Ende des Parkes von Röschfelde, und Götz stieg aus, um sich nach Anweisung der Gräfin in die nahegelegene, dichtverwachsene Ebereschenlaube zu begeben, Malwine nickte ihm noch einmal mit ganz eigentümlichem Lächeln zu, und die Equipage rollte in flottem Tempo weiter.

Götz setzte sich mit umwölkter Stirn nieder.

In Anwesenheit der Mutter hatte er sich gewaltsam beherrscht, jetzt spiegelten sich seine trüben Gedanken unbehindert auf seinem Antlitz.

Wie eine Zentnerlast bedrückte ihn der Wunsch der Eltern, ihn mit Fräulein Flavia zu verheiraten. Nach all der großen Güte und Nachsicht, mit welcher ihn Vater und Mutter verzeihend wieder aufgenommen, deuchte es ihm wie ein Verbrechen, sich dem ersten Wunsche, welchen sie ihm aussprachen, zu widersetzen.

Und dennoch war es ihm kaum möglich, denselben zu erfüllen.

Jetzt erst empfand er es voll und ganz, wie lieb ihm sein phantastisches Traumbild geworden war, und je qualvoller ihm der Gedanke deuchte, einer Fremden, ihm so Gleichgültigen gegenübertreten zu sollen, um so mehr versenkte er sich in die Erinnerung an die letztvergangene Zeit, wo eine holde Frauenstimme in sein innerstes Herz gedrungen war, um einen ewigen Nachhall darin zurück zu lassen.

Das Haupt tief in die Hand gestützt, saß er und achtete nicht darauf, wie die Zeit verging; ein Vöglein zwitscherte leise über ihm im Laub, und plötzlich hörte er das laute, klare Organ seiner Mutter, den gedämpften Schall ferner Tritte.

Am Ende der geraden Allee tauchten zwei Frauengestalten auf, und Götz zwang sich widerwillig, empor zu schauen.

Neben der Gräfin schritt eine große, schlanke, junge Dame in heller Sommertoilette, einfach, aber anscheinend sehr schick und elegant.

Weich und schmiegsam, trotz einer beinahe hoheitsvollen Ruhe doch sehr graziös, erschien die tadellose Gestalt, das Haupt wurde durch den spitzenbesetzten Sonnenschirm verhüllt, welchen Fräulein von Husby etwas tief herabneigte.

Dies war Flavia? Die linkische, kindlich scheue Flavia, von welcher Götz ein so verschwommenes, reizloses Bild mit in das Leben hinaus genommen? Mehr erstaunt wie erfreut musterte er die Nahende, den zierlichen Fuß, die aristokratische, kleine Hand, welche im Vorüberschreiten über die blühenden Zweige streift.

Nun versteht er auch Stimmen.

»Ich bitte Sie noch einmal von Herzen, liebste Flavia, machen Sie uns die große Freude und kommen Sie, besuchen Sie uns auf der Abensburg! Sie glauben nicht, wie mein Mann sich danach sehnt, Ihre lieben Hände zu küssen!«

Das junge Mädchen bleibt stehen, sie faßt die dargebotene Hand der Gräfin und zieht sie an die Lippen. »Tausend Dank für all Ihre Güte, Exzellenz, welche ich so sehr angenehm empfinde! Sie wissen es, wie gern ich meinen teuren, väterlichen Freund begrüßen würde, aber Exzellenz wissen auch, warum ich nicht kommen kann! In W. erfuhr ich, daß sich die ganze Familie Abensberg, in Begleitung des jungen Grafen Götz, auf Reisen in der Schweiz befände, und nur darum wagte ich es, nach Röschfelde zu kommen. Erst hier sagte man mir, daß Graf Götz ein Gast seiner Eltern auf Abensburg sei! – Liebe, teuerste Exzellenz, Sie können, Sie müssen es mir nachfühlen, warum ich Ihrem Herrn Sohn nicht wieder begegnen kann und darf, Sie selber gelobten mir vollste Diskretion und versprachen es mir, daß Graf Götz nie erfahren solle, wer ihn in der Klinik zu M. gepflegt hat. – Ich glaube zwar nicht, daß er, der mich nie von Angesicht schaute, in einem Fräulein von Husby die Schwester Maria wieder erkennen würde, aber nach unserm vertrauten herzlichen Verkehr im Krankenzimmer würde ich selber nie eine große Befangenheit in Gegenwart Ihres Herrn Sohnes überwinden können, und das Bewußtsein, dieselbe falsch von ihm gedeutet zu sehen, wäre mir unerträglich. Ich habe meine Pflicht getan, Exzellenz, und, wie ich es einst versprach, den Sohn in die Arme der Eltern zurückgeführt; nun scheiden sich unsere Wege für ewige Zeit. Ihr zartfühlendes Herz wird mich verstehen, Exzellenz, und mir nicht zürnen, wenn ich heute abend wieder abreise, ohne Ihren Herrn Gemahl begrüßt zu haben!

Meine Gedanken sind in treuester Verehrung allezeit bei Ihnen, das wissen Sie, Frau Gräfin!«

Schon bei den ersten Worten, welche Flavia sprach, zuckte Götz zusammen, als habe ihn ein Schlag getroffen, er starrte auf die lichte Mädchengestalt – er erhob sich – wankend wie ein Träumender und preßte die Hand gegen die Stirn.

Atemlos lauschte er der weichen, zauberholden Stimme – nur auf den Klang – dann auch auf die Worte, welche sie sprach.

Ein jähes Erbeben flog durch seine Glieder, er stützte sich schwer auf die Bank, er atmete leise und schnell, und über sein Antlitz zog es wie heller Purpurschein…

Schwester Maria!

Er schließt die Augen, er will nicht sehen, – nur hören, hören will er – und doch kann er nicht widerstehen, voll zitternder Erregung neigt er sich weiter vor und schaut durch die Zweige…

Er sieht, wie die Gräfin nach dem Sonnenschirm der jungen Dame greift, ihn sanft aus ihrer Hand windet und den Arm um die Liebliche schlingt.

»Und glauben Sie wahrlich, Flavia, ein Mensch könne seinem Schicksal entgehen? noch dazu, wenn dasselbe so sonnig und glückstrahlend mit blühenden Myrten winkt?« sagt sie lächelnd. »Haben Sie unseren armen Sohn nur darum gesund gepflegt, um ihn einsam und trauernd in seinem stillen Waldhaus allein zu lassen? Die weiße Taube flog aus, den jungen Aar heimzuholen … nun muß sie es leiden, daß er seine neu erstarkten Schwingen um sie schlägt und sie festhält im hohen Forst! – Ich weiß es ja, Flavia, daß Ihr Herz unserm Sohn gehört, daß Sie selber kein Glück und keine ruhe finden ohne ihn!«

Flavia schlang in aufwallender Empfindung die Arme um den Nacken der Sprecherin. »Ach, daß Sie es aussprechen, Exzellenz – was ich selber nicht glauben will und darf…«

Sie vollendete nicht … die blühenden Goldregenzweige an ihrer Seite rauschten auf, ein leiser, halb erstickter Ruf traf ihr Ohr.

»Schwester Maria … Fräulein Borgius!«

Flavia zuckte zusammen, wie in jähem Entsetzen hob sie die Hände abwehrend gegen den jungen Mann, welcher ihr so überraschend gegenüberstand…

»Herr Graf – –«

»Ich werde Tante Borgius benachrichtigen, daß die Koffer wieder ausgepackt werden!« sagte Malwine mit beinahe schalkhaftem Lächeln, wandte sich hastig um und war im nächsten Augenblick hinter dem Gebüsch verschwunden. Götz aber sank an der schlanken Mädchengestalt nieder, preßte das Antlitz auf die kleinen, bebenden Hände und murmelte: «Erbarmen Sie sich, Schwester Maria, und tun Sie mir armen, blinden Gesellen die Augen auf, damit ich an Wunder glauben kann?«

Das Vöglein im Gezweig ist aufgeflogen und hat dem leuchtenden Himmelsall verkündet, daß auf dieser modernen, nüchternen, kaltherzigen Erde doch noch holde Märchen zur Wahrheit werden!

Der Mann mit dem blassen, unglücklichen Gesicht hat daran glauben gelernt.

Neben ihm sitzt sein liebes Traumbild und schaut ihn mit den großen, blauen Augen an, darin der heilige Frieden wohnt, welchen Götz so unstet in der Welt gesucht und nicht gefunden hatte.

Nun spinnt er seinen holden Zauber auch um ihn, und das Antlitz, zu welchem er ehemals als armer, heimatloser Vagant im Zirkus empor geschaut wie zu etwas Fernem, ewig Unerreichbarem – das neigt sich nun in heißem Liebesglühen an seine Brust und flüstert: »Ja. ich habe dein krankes, wehes Herz gesund gepflegt, und nun will ich bei dir bleiben und darüber wachen, daß es nun und nimmer wieder Schmerzen trage!«

Die letzten Wolkenschleier waren gesunken, die Sonne des Glücks stand über der alten Abensburg, und sie leuchtete so strahlend hell, als wolle sie nun in kurzen Tagen nachholen, was sie durch lange Jahre hindurch versäumt hatte!

Und als sich die Girlanden über Tür und Tor schaukelten und die Fahnen zu dem klaren Sommerhimmel empor flatterten, da trat Frau Malwine wieder und wieder auf den Balkon und blickte schier ungeduldig die breiten Parkwege, welche das Schloß mit der Chaussee verbinden, hinab. Sie ist nicht mehr die Gräfin Abensberg von früher, nicht mehr die Gemahlin des Präsidenten, wie die Welt sie bisher gekannt und respektiert, aber nicht geliebt hat, – sie ist eine andere geworden, ganz und gar. Eine milde, lächelnde, glückliche Frau, die zärtliche Mutter ihrer Kinder.

Der freundliche Glanz in ihren Augen leuchtet auf, als sie einen schmucken, jungen Radler eifrig des Wegs daherkommen sieht, sie schreitet hastig die Treppe hinab und eilt ihm entgegen.

Niemand sieht ihn kommen wie sie allein. Götz ist in Begleitung seiner Geschwister mit der liebreizenden Braut nach Tannengrund gefahren, um der »zukünftigen Frau Försterin« zu zeigen, wie anspruchslos sie wohnen müsse, wenn sie einen Bediensteten des Grafen Abensberg heiraten wolle.

Frau Malwine steht auf der Freitreppe und streckt dem nahenden Radler herzlich beide Hände entgegen.

Gregor von Hausmann springt gewandt ab und neigt sich atemlos, mit erhitztem Antlitz, über die Hände der Gräfin.

In ihr stilles, dämmerig kühles Erkerzimmer führt ihn die Präsidentin, und dort haben die beiden lange verweilt, und man hat Malwines Stimme anhaltend und schnell sprechen hören, ein paarmal unterbrochen von leisem Schluchzen.

Vor ihr liegt eine kleine, verblichene Photographie, und Gregor blickt voll Wehmut darauf nieder und murmelt tief ergriffen:

»Armer, armer Onkel Helmut! – Liebe, teuerste Exzellenz!«

Da wurde sie noch einmal wach, die Vergangenheit, mit all ihrem Weh und Schmerz, all ihrer Bitterkeit: aber auch in ihre dunkle, trostlose Nacht fällt ein lichter Gnadenstrahl der Versöhnung und Erlösung, der taut die starre Eisrinde von dem Herzen der unglücklichen Frau und läßt noch im späten Herbst des Lebens die weißen Rosen treuer, liebevoller Erinnerung darauf erblühen.

Diese Stunde ist stets ein liebes Geheimnis für Malwine und Gregor geblieben, aber sie hat sie zu treuen Freunden gemacht.

Als der Wagen aus Tannenhof zurückkehrte, haben Malwines verweinte Augen wieder gelächelt, und sie hat der schier fassungslosen und wie Purpur erglühenden Anna-Kathrin »den überraschenden Gast, welcher auf einer Radlertour an Abensburg vorbeigekommen«, zugeführt.

Da hatte das Glück mit ihm vollends Einkehr gehalten.

Abends erklangen die jubelnden Lieder des jungen Hausmann, das Brautpaar lauschte ihnen auf mondbeglänztem Balkon, und Anna-Kathrin bemühte sich vergeblich, ihre Kreuzstiche in dem Stramin richtig abzuzählen.

»Gib mir zurück, mein Kindchen,
Gib mir zurück den Hut,
Mein Herz kannst du behalten,
Das ist dir gar zu gut!«

Ja, sie behielt es, wenn auch der Präsident und Frau Malwine ihr allzu junges Töchterchen noch nicht so bald hergeben wollten.

Schließlich aber mußten sie sich doch in das Unvermeidliche fügen, und klein Anna-Kathrin folgte ihrem Herzlichsten nicht im leinwollenen Röcklein, sondern im schimmernden Brautgewand als Frau Assessorin in eine kleine Nachbarstadt.

Götz und Flavia haben viele Jahre hindurch auf der einsamen Försterei ein idyllisches Leben voll wolkenlosen, friedlichen Glückes geführt, bis der Tod des Präsidenten den nunmehrigen Majoratsherrn zwang, auf die Abensburg überzusiedeln. Beide sehnten sich nicht in die Welt hinaus; sie erfuhren auch nicht viel von draußen, nur einmal legte Götz die Zeitung aus der Hand und neigte das Haupt mit düsterem Blick zur Brust. Unter dem »Vermischten« las er, daß eine ehemalige Zirkusreiterin von Sontini, bekannt unter dem Zettelnamen »Mademoiselle Lou«, welche durch eine Krankheit erwerbsunfähig geworden, als Dame der Halbwelt grobe Schwindeleien begangen habe und nunmehr in H. als Hochstaplerin verhaftet und zu längerer Zuchthausstrafe verurteilt worden sei.

Ein Schauder rieselte durch die Glieder des Grafen, er erhob sich, schritt nach dem Kinderzimmer, trat an das Bett seines Söhnchens und preßte es wie in heißer Herzensangst an die Brust, sein Blick aber flog zum Himmel wie in flehendem Gebet für seine junge Seele.

Das Verhältnis zwischen Götz und seiner Mutter ist stets ein überaus herzliches und inniges geblieben, und voll stolzer Freude blickte Malwine auf den Sohn, der voll rastlosen Fleißes von früh bis spät arbeitete und den großen Besitz als sein eigener Administrator verwaltete.

»Du stehst wie ein Sklave im Dienst!« sprach sie lächelnd, »nennst du das etwa ›Freiheit‹, Götz?«

Mit leuchtenden Augen schlang der Graf den Arm um sein liebliches Weib.

»Ja, Mutter,« sagte er beinahe feierlich, »dies ist die wahre, rechte und einzige Freiheit! Ich blinder Tor habe sie zuvor auf falschen Wegen gesucht, und es erst spät erfahren, daß nur der Mann frei an Leib und Seele ist, welcher die Sklavenketten seiner eigenen Leidenschaft, Begierde und Vorurteile energisch zerbricht!«