Die Tochter des Kunstreiters

1

In einem der elegantesten Quartiere des Hotel Impérial zu Genf ruhte auf dem Sofa eine junge Frau. Wie sie da lag, den kleinen, von schwarzen Spitzen umhüllten Kopf an die roten Kissen gelehnt, indes die blonden Locken weich und schwer niederfielen und die Hände mit lässiger Grazie im Schoß ruhten, bot sie, ohne schön zu sein, ein reizendes Bild dar. Alles an ihrer Erscheinung war wie hingehaucht, so daß man fast erschrak vor solcher Zartheit, die bei den Menschen wie bei den Pflanzen leider nur den Blüten ephemerer Art eigen ist.

Ihre Ruhe schien auch durch Schwäche bedingt, denn die Blicke wanderten lebhaft durch den Raum, bei jedem Geräusch erwartungsvoll nach der Tür sich richtend, um gleich nachher ungeduldig auf eine kleine Reiseuhr zu fallen, die auf einem Tischchen neben dem Sofa stand. Wie der Zeiger allmählich voranrückte, konnte sie ihre Unruhe nicht länger bemeistern, und sich halb aufrichtend rief sie einer alten Frau, die im Nebenzimmer beschäftigt war und deren breite Gestalt oft durch die geöffnete Tür sichtbar wurde.

»Anne,« rief sie, und trotz der Anstrengung hatte die Stimme nicht viel Klang – »Anne, ist Miß Nora noch nicht zurück?«

»Kleine Miß ist beim Herrn,« sagte die Alte in gebrochenem Deutsch. Ihr bräunlicher Teint wie ihre auffallende Gesichtsbildung zeigten, daß sie nicht von europäischer Herkunft war. »Kleine Miß auch sehr gut aufgehoben beim Herrn, Missis haben nicht notwendig, unruhig zu sein,« fügte sie beruhigend hinzu. »Werden schon kommen, wenn Zeit. Der Herr Direktor nie zurück vor elf Uhr.«

»Er hat sie gewiß wieder dorthin mitgenommen,« flüsterte die junge Frau vor sich hin. »Er weiß nicht, was er tut; ich muß mit ihm reden. O, mein armes Kind!«

War es der Flüsterton, war es die Erregung – aber ein heftiger, trockener Husten unterbrach ihre Rede und erschütterte sie so, daß ihr Haupt müde zurücksank.

»Warum Missis sich regen unnütz auf?« schalt die Alte. »Mrs. sich machen selbst krank und dann der Herr wird böse. Wie Mrs. war noch selbst junge Miß, war sie immer sanft und geduldig … aber jetzt gleich wie Feuerflämmchen.«

»Da hatte ich auch für niemand zu sorgen, alte Anne; da waren es Mama und du, die für mich sorgten … und ich war gesund!« setzte sie mit einem Seufzer hinzu.

»Könnten auch jetzt gesund sein, wenn wollten,« brummte die Alte weiter. «Aber unruhiges Leben reibt auf.«

»Nein, das Leben nicht; ich bin ja von so viel Pflege umgeben Aber hier sitzt es,« und sie preßte die Hand auf die Brust. »Ueberdies diese quälende Sorge, das tut nicht gut … Aber horch, Anne, da kommen sie,« setzte sie lebhafter hinzu.

Rasche, leichte Tritte wurden hörbar. Im selben Augenblick wurde die Tür aufgerissen und herein stürmte ein kleines Mädchen, sich ungestüm über die Mutter werfend.

»Mama, Mama!« rief sie atemlos, »ich kann es herrlich! Ich habe stehend geritten, wie Fräulein Elisa, und bin durch den Reif gesprungen!« »Wie erhitzt du bist, meine Nora,« sagte die Mutter, die dunkeln Haare ihr von der Stirn streichend. »O Alfred, du nahmst sie doch wieder mit!« wandte sie sich dann mit vorwurfsvollem Ton an einen großen, stattlichen Mann, der unmittelbar nach dem Kinde eingetreten war.

»Wie geht es dir, mein Herz?« fragte er, zärtlich sich zu ihr neigend und einen Kuß auf ihre Stirn pressend, ohne ihren Einwurf zu beachten.

»O Alfred!« wiederholte sie und sah ihn mit einem traurigen Blick an.

Er zuckte die Achseln und wandte sich ungeduldig ab. Die Kleine aber, eifrig mit beiden Händen der Mutter Antlitz wieder zu sich drehend, plauderte weiter. »Mama, höre mich doch: ich habe stehend geritten, ich bin durch den Reif gesprungen, viel besser als der kleine Wimbleton, der beinahe gefallen wäre.«

»Du mußt dich umkleiden, Nora,« unterbrach sie der Vater. »Geh mit Anne und laß dir helfen.«

»Gleich, Papa; aber erst höre, Mama. Als wir in die Bahn kamen, setzte Papa mich auf das neue Pony …«

»Helena, wie kannst du so unvernünftig sein, das Kind aufzuhalten?« wandte sich der Herr gereizt zu ihr. »Nora, ich sagte dir schon einmal, du solltest gehen.«

»Geh, Liebchen,« sagte die Mutter auch. «Du kannst später erzählen.« Die Kleine, eingeschüchtert durch den ungewöhnlich strengen Ton des Vaters, verließ das Zimmer.

Die junge Frau lehnte wieder still zurück; der Mann blieb schweigend am Fenster stehen. »Alfred,« sagte sie nach einer Pause weich, und als er sich umwandte, streckte sie ihm die Hand entgegen.

Er ergriff sie und führte sie an die Lippen. »Sollen wir Frieden machen,« fragte er, und seine dunklen Augen blickten sie fast schelmisch an.

»O, komm her, ich habe dich so lange nicht gehabt,« sagte sie zärtlich, indem sie ihn festhielt. Er zog einen Stuhl herbei, auf dem er dicht an dem Ruhebett Platz nahm, so daß sein Arm sie umschlingen konnte und ihr Kopf an seiner Schulter ruhte.

»Eine Predigt bekomme ich aber doch,« begann er wieder, halb scherzend, »und jetzt erst recht, nun ich dir nicht entlaufen kann. Ich lese schon in deinen Augen: »Warum nahmst du Nora mit?«

»Du hast richtig gelesen,« gab sie zurück. »Ja, warum tatest du es, da ich dich so gebeten, es zu unterlassen?«

»Warum? Ihr Frauen seid entsetzlich mit eurem Warum. Nun, einfach, weil ich nicht widerstehen kann. Das Kind hat seltsames Talent, graziös wie eine Elfe, kühn wie ein Mann – warum soll ich mir die Freude nicht gönnen, mein Kind in meinem Fache auszubilden? Sie wird eine Künstlerin eisten Ranges werden,« fuhr er fast enthusiastisch fort.

»Meine Tochter eine Kunstreiterin?« betonte Helena schmerzlich.

»Du hast doch einen Kunstreiter geheiratet.«

»O, das ist ganz etwas anderes; der Mann vermag jeden Beruf zu erheben. Widrige Verhältnisse zwangen dich dazu. Du hast es verstanden, selbst aus dem nichtigen Spiel eine Kunst, eine Wissenschaft zu machen!« Ihr Blick ruhte voll Stolz auf dem Gatten.

»Widrige Verhältnisse zwangen mich, ja. Aber wer weiß, ob irgend ein anderer Beruf mich auf die Länge so befriedigt hätte, wie dies freie, unabhängige Leben.«

»Früher dachtest du anders,« warf sie leise ein.

»Früher? Meinst du jene Zeit, als ich um dich warb … als die Zukunft noch nicht gesichert war, als aus der Vergangenheit manche Wunde neu aufbrach und die Gegenwart den Wert des Verlorenen am grellsten zeigte? Da war mir allerdings meine Lage verhaßt,« sagte er und bedeckte seine Augen mit der Hand, als schreckten ihn noch diese dunklen Bilder. »Aber jetzt,« fuhr er nach einer Weile fort, »jetzt ist das längst vergessen.« Sie sah schüchtern zu ihm auf. »Was zwang dich eigentlich bei deiner Ausbildung und Erziehung zu diesem eigentümlichen Beruf?« fragte sie leise.

»Eigentümlicher Beruf?« wiederholte er bitter. »Du drückst es möglichst zart aus. Nun, vielleicht am meisten meine eigene Natur. Von Evas Anteil, der Neugier, hast du nicht viel gehabt, Weibchen, daß du so wenig nach meiner Vergangenheit gefragt. Hast du dich davor gefürchtet?« setzte er flüsternd hinzu.

»Nein,« sagte sie ruhig, »mit Mißtrauen im Herzen liebt man nicht. Die Vergangenheit war dein; mir gehörten Gegenwart und Zukunft; das war genug.« Es lag etwas rührend Vertrauendes in den Worten.

»Mein süßes Weib,« sagte er innig und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. »Helena,« fuhr er dann ernster fort, «ich durfte schweigen. Denn wenn auch viele dunkle Stunden, barg mein Leben doch keinen sittlichen Flecken; nichts als eine jener verfehlten Bestimmungen, wie sie oft vorkommen, wenn die Lebenslage uns nicht wohl werden läßt. Du weißt, daß der Name, den ich führe, eigentlich nicht der meine ist. Mein Vater entstammte altadeliger, französischer Familie. Auch er hatte unruhiges Blut in den Adern; er gehörte zu den wenigen der alten Geschlechter, die sich der Revolution anschlossen. Bei seinem vieljährigen Aufenthalt in Deutschland in den folgenden Kriegen verheiratete er sich dort, blieb aber in einem der späteren Kämpfe und ließ meine Mutter mit drei Kindern fast mittellos zurück. Die Erinnerung, die mir als früheste aus dem Elternhause blieb, ist keine glückliche. Die Kontraste waren zu groß, die Elemente zu verschieden; auch die dürftigen Verhältnisse wirkten drückend. Meiner Mutter Verwandte, die dem höheren Militär- und Beamtenstande angehörten, vermittelten später, da ich nur Sinn für den Militärdienst bezeigte, meinen Eintritt in eine militärische Erziehungsanstalt, wo ich durch die Gnade des Königs erzogen wurde. Meiner Mutter war ich zu ungestüm gewesen. Was am Vater sie einst geblendet, erschreckte sie am Sohne – ihre ruhige Natur verstand mich nicht. Im Institut hingegen erwarben mir mein französischer Name, mein ausländisches Aussehen und lebhaftes Naturell bald Freunde. Es ist seltsam, welchen Reiz die französische Eigenart in einzelnen Individuen auf den Deutschen ausübt, so wenig er sie bei der Nation liebt. Ich glänzte zwischen den langsameren, ruhigeren Kameraden. Meine rasche Fassungsgabe, meine Gewandtheit, mein leicht entflammter Ehrgeiz machten mich zum Liebling meiner Lehrer. Leider nannten sie meine tollen Streiche genial, so daß ich früh schon mich zu etwas Besonderem ausersehen hielt und von meinen ererbten französischen Eigenschaften im stillen sehr hoch dachte. Wäre irgend eine aktive Zeit gefolgt, möglich, daß ich dann etwas Tüchtiges geleistet hätte. Es waren aber Friedensjahre, und der pedantische Dienst einer kleinen Garnison mit den knappen Verhältnissen eines Leutnants ohne Vermögen paßte wenig zu meinen Heldenträumen. Ich weiß jetzt jene streng pedantische Disziplin höher zu schätzen, erkenne ihren Wert vollkommen an; aber damals war sie mir unerträglich und ich knirschte im Joch. Ich hatte aber keine Wahl, da einzig meine Laufbahn meine Lebensstellung in sich schloß. Mein unmittelbarer Vorgesetzter mag vielleicht mehr Kleinigkeitsmensch gewesen sein, als not tat. Ein alter Knabe der Freiheitskriege, haßte er überdies meine Franzosen-Eitelkeit. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, mich sein Uebergewicht fühlen zu lassen. In mir kreuzten sich ohnedies die Fehler beider Nationen …«

»Aber auch deren Tugenden: du hast deutsches Gemüt,« fügte Helena liebevoll dazwischen.

»Jedenfalls deutschen Trotz. Bei einer strengen dienstlichen Rüge, die ich für unrecht hielt, kam der lang angesammelte Groll zum Ausbruch. Ich hielt mich für beleidigt und forderte von meinem Vorgesetzten Genugtuung. Er weigerte sich auf Grund des dienstlichen Verhältnisses, und meine Anmaßung zog mir nur verschärfte Strafe zu. Meiner selbst nicht mehr mächtig, benutzte ich die erste Gelegenheit, ihm im geselligen Leben meine Verachtung zu zeigen, so daß es jetzt an ihm war, von mir Genugtuung zu heischen. Wir schossen uns, meine Kugel traf so unglücklich, daß er noch in derselben Nacht starb. Für mich war infolgedessen, bei der damals sehr strengen Handhabung der Gesetze gegen das Duell, kein Bleiben mehr, weder in der Armee noch im Lande. Meine Freunde verhalfen mir zur Flucht und ich wanderte in den anderen Weltteil aus. Im ersten Augenblick hatte ich das Gefühl wiedergewonnener Freiheit. Ich war jung, von lebhafter Phantasie und eine neue Welt bot sich mir. Aber die bittere Wahrheit zeigte sich bald, denn mittellos, ohne jede Hilfe, als meine persönliche Kraft, stand ich da. Meine Ausbildung wie meine innere Anlage waren danach, einer Stellung anzugehören, die in sich etwas ist: aus mir selbst heraus wußte ich nichts anzufangen. Zu vielem zu gut, zu wenigem tauglich – das macht den Abenteurer. Nachdem ich in den niedrigsten Stellungen mühsam um den Lebensunterhalt gerungen, machte mich der Zufall mit einer Schar Jäger bekannt, die auf die Ausbeute der großen Jagdgründe und das Einfangen der wilden Pferde ihr Los gestellt hatten. Das war etwas, das mir zusagte. Ich schloß mich ihnen an – eine Schar rauher, freier Gesellen, die aus den verschiedensten Ständen zusammengewürfelt waren. Meine Geschicklichkeit im Reiten und Schießen verhalf mir bald zu Ansehen bei ihnen. An den wilden Pferden erkannte ich zuerst meine Meisterschaft in der Behandlung der Tiere. Viel lernte ich von meinen Genossen, die dies Geschäft schon lange betrieben, viel von den Indianern, mit denen wir bei unseren Streifereien durch die Prärien immer im Verkehr standen. Manches Reiterstücklein, welches jetzt das Publikum entzückt, stammt von den rothäutigen Burschen her. So verbrachte ich mehrere Jahre. In der Wildnis wird der Unterschied der Stände nicht bemerkt. Als jedoch die Jagd eines Jahres durch die kriegerischen und feindlichen Unternehmungen einiger Indianerstämme gefährdet und beeinträchtigt wurde, kamen einige meiner Begleiter – echte Yankee-Naturen – auf den Gedanken, die Dressur unserer Pferde zugunsten des Publikums auszunutzen – ein Einfall, den der Zufall und eine mißmutige, tatenlose Stunde geboren. Wir gingen darauf ein, da augenblicklich nichts Besseres sich uns bot, und der erste Versuch in einer kleinen amerikanischen Stadt gelang so sehr über Erwarten, daß wir das Unternehmen fortzusetzen beschlossen. Diese Art von Schaustellungen, primitiv wie sie waren, dort waren sie gänzlich neu. Meine Erinnerungen von Aehnlichem in der Heimat halfen uns dabei sehr. Man bewunderte bald unsere Erfindungskraft, die Dressur und Schönheit der Pferde, die rücksichtslose Kühnheit der Menschen. So zogen wir von Stadt zu Stadt, eine reiche Ernte an Geld und Ruhm haltend; denn ist des Amerikaners Neugier und Bewunderung einmal gereizt, so ist sie maßlos, wie du ja weißt. Solange wir in den kleinen Orten vor einem unkultivierten Publikum unsere Vorstellungen gaben, empfand ich wenig das Eigentümliche meiner Lage. Die letzten Jahre völlig ungebundenen Lebens hatten mich allzusehr abgehärtet. Als wir uns aber den Stätten der Bildung und Geselligkeit wieder nahten, als ich Zuschauer vor mir sah aus den Kreisen, denen ich einst angehört, da erwachte ein Gefühl der Niedrigkeit und Scham in mir, das ich nicht auszudrücken vermag. Besonders bitter empfand ich es, Helena, als ich mich von neuem der mir ganz fremd gewordenen Erscheinung des Weibes gegenübersah in dem Zauber, der Erziehung und Sitte ihm gibt – als ich eines Abends dein süßes Gesichtchen in dem Kranz der Damen unterschied, die unseren Vorstellungen beiwohnten. In jener Stunde wurde mir plötzlich alles klar, was ich verloren, der Reichtum, den ich einst besessen in dem Namen und dem Stande, der mir überall die Kreise meinesgleichen erschloß. Man erkennt den vollen Wert einer Sache erst, wenn man sie nicht mehr besitzt. Ich fühlte mich unsäglich unglücklich. Es war auch dort Sitte geworden, wie heute noch hier, daß die fashionable männliche Jugend in den Morgenstunden unsere Reitbahn besuchte. Auf diese Weise lernte ich deinen Bruder kennen, dessen Aehnlichkeit mit dir mich aufmerksam auf ihn machte. Bei dem Kauf eines Pferdes kamen wir in nähere Beziehung, er erkannte in mir den Mann von Bildung und kam mir freundlich entgegen. Es war ein unendliches Behagen, wieder mit einem meinesgleichen zu verkehren. Der jähe Wechsel der Verhältnisse ist zu gewöhnlich in Amerika, um die Leute nicht nachsichtig dafür zu machen, und nachdem dein Bruder einen Teil meiner Lebensgeschichte erfahren, ward er mir ein treuer Freund. Bei den reichen Einnahmen, die wir erzielten, besaß ich die Mittel, mich in seinen Kreisen zu bewegen, zu welchen er mir den Zutritt vermittelte. Da lernte ich dich kennen, Helena, und dank den freien Sitten Amerikas konnte ich dir näher treten.«

»Alles übrige weißt du, Herz,« fuhr Alfred fort. »Du selbst hast ja hauptsächlich den Kampf für unsere Liebe geführt, hast den mit sich Zerfallenen durch deine Treue wieder aufgerichtet, als ich der Verzweiflung nahe war in dem Gedanken, nicht mit dem früheren Rechte meines Standes und Namens um dich werben zu können. Deine Eltern sahen ja nur den Abenteurer, den Mann des zweifelhaften Gewerbes in mir. Dir in etwa gerecht zu werden, faßte ich den Entschluß, mich wenigstens an die Spitze des Unternehmens zu setzen, es durch Großartigkeit zu Ansehen zu bringen. Meine bisherigen Begleiter hatten längst eingesehen, daß ich der Mittelpunkt des Ganzen war, daß mein Geist es leitete; so ließ sich leicht mit ihnen verhandeln; leicht konnte ich meine Pläne zur Ausführung bringen. Als Besitzer einer Truppe fühlte ich schon festeren Boden, wußte, was ich würde leisten können … und, Helena, ich habe seitdem fast nur Erfolge gezählt. Ich habe das Glück genossen, dir, meinem süßen Weibe, die Stellung geben zu können, die meine Liebe für dich ersehnte, dich mit allem zu umgeben, was dein Behagen fördern könnte … Sind wir nicht glücklich gewesen?« Er sah sie zärtlich an.

»O, zu glücklich fast,« flüsterte sie, sich an ihn schmiegend.

»Nein, nicht zu glücklich,« sagte er. »Das Schicksal kann nicht neidisch werden; ich warf ja den Ring erst in die Flut. Aber ich grollte auch dem Geschicke nicht. Das unruhige Blut hat sein Recht gefunden wie das nordische Gemüt; stilles Glück habe ich errungen inmitten des fahrenden Lebens. Doch nun, Weibchen, sieh auch nicht trübe drein. Traust du mir nicht zu, das Schiff glücklich weiter zu lenken, das ich so kühn flott gemacht?«

Er sprach mit dem ganzen Selbstbewußtsein eines Mannes, der alles sich selbst verdankt, alles sich zutraut.

»Nora!« sagte seine Frau leise nach einer kleinen Pause, den Blick wie verlegen von ihm wendend.

Eine Wolke überzog sein Gesicht. »Ihr Frauen seid entsetzlich zähe,« sagte er, »immer auf denselben Punkt zurückzukommen. Was ficht dich an mit dem Kinde?«

»Alfred, du weckst diese Neigung so in ihr …«

Er lachte halb unwillig auf. »Warte doch noch zehn Jahre, bis die Neigungen deiner Tochter dich anfechten,« sagte er. »Laß sie das edle Tier lieben, das ihrem Vater Ruhm und Gold genug eingetragen! Ich sagte dir schon, es ist ererbt; du kannst nicht von mir verlangen, daß ich anders darin denke. Laß mich sie ausbilden; an meiner Seite wird sie auftreten, wird mehr Beifall ernten als irgendeine. Wenn es auch ein unglücklicher Beruf ist, wie du ihn nennst, du siehst, er steht dem Glück nicht im Wege.«

«Alfred, das kann deine Meinung nicht sein!« rief jetzt Helena, plötzlich sich hoch aufrichtend. »Du kannst dein Kind, du kannst deine Tochter nicht dafür bestimmen! Hast du mir deshalb deine Geschichte erzählt? Des Mannes Leben ist nicht das des Weibes. Ich sagte es schon einmal, sie bleibt unabänderlich an die Stellung gebunden, in die sie einmal versetzt ist. Und welche ist die des Weibes, das sich den Augen des gaffenden Publikums aussetzt? – Sein Spielzeug heute, eine Verachtete morgen! Nein – nimmermehr! Ich bin krank und schwach, aber ich werde mein Kind davor zu retten wissen!« Und es kam ein Blick so rücksichtsloser Entschlossenheit in diese sanften, blauen Augen, daß Karsten fast erschrocken davor zurückwich.

»Helena,« rief er, »du fieberst. Wovor willst du dein Kind retten? Welche Gefahren träumst du? Sie, bleibt ja in deiner Obhut. Erzieh' sie sanft und gut, wie du es warst, und laß uns alles andere in Ruhe abwarten.«

»Unter meiner Obhut!« wiederholte sie und hob ihre weißen, abgemagerten Hände gegen das Licht. »Erzieh' sie sanft und gut, sagst du, Alfred?« fuhr sie in einem Tone fort, der etwas Unheimliches hatte. »Nein, tue es nicht, tue es nicht! Wenn du sie dazu bestimmst, dann nimm sie noch heute mit; mische sie unter die Leute, die das gleiche tun, daß ihr Gefühl dafür abgestumpft, daß ihre Erkenntnis dafür verloren geht … daß sie nichts Besseres kennen lernt als die papierenen Lorbeeren und das Beifalljauchzen einer gaffenden Menge! … daß sie nicht weiß, was eines Weibes Würde und eines Weibes Sitte ist!«

»Du bist furchtbar bitter!« rief er, sie loslassend und aufspringend. »Was ist über dich gekommen?«

»Einer Mutter Sorge,« sagte sie dumpf, »die Sorge einer Mutter, die ihr Kind bald verlassen soll … Alfred!« rief sie, und ihre Stimme klang wieder weich und flehend, »komm noch einmal her… höre, was ich mir ausdachte in den langen schlaflosen Nächten, in denen Noras Zukunft mir vorschwebte. O, komm her!«

Er wandte sich zu ihr, er kniete vor ihr nieder. »Du regst dich zu sehr auf,« sagte er, die Hand an ihre glühende Stirn legend. »Beruhige dich; laß uns ein andermal davon reden.«

»Nein, nicht ein andermal… heute! Es quält sonst noch mehr,« beharrte sie. »Sieh, Alfred, ich habe einen so schönen Traum.« Ihr Arm schlang sich um des Gatten Hals, ihr Blick hatte all den lockenden Zauber, den ein Mädchenauge nur haben kann, wenn es den Geliebten gewinnen will. »Einen so schönen Traum,« wiederholte sie. »Du bist so reich jetzt, du hast so viel erworben an Ruhm und Geld in deinem Geschäfte. Man muß nichts auf die Spitze treiben; lege es nieder, gib es auf, jetzt, wo es auf der Höhe steht, wo du enorme Summen dafür lösen wirst. Kehre damit in meine Heimat zurück… Wenn du willst, kannst du dich dort ankaufen und dir und deinem Kinde eine ganz freie, gesicherte Zukunft gründen, eine würdigere Stellung in der Gesellschaft wiedergewinnen.«

Er sah sie erstaunt und betroffen an. Sichtlich hatte er das nicht erwartet.

»Du denkst mehr an deines Kindes Glück wie an das deines Mannes,« sagte er finster.

»O nein, auch an dein Glück,« fuhr sie fort, und schmeichelnd fuhr ihre Hand in seine dichten schwarzen Locken. »Auch an dein Glück! Hundert Chancen können dir entreißen, was du gewonnen. Und ich!« sagte sie, »ich glaube, ich habe auch Sehnsucht nach meinem Heimatlande. Vielleicht würde ich dort wieder gesund,« setzte sie zögernd hinzu. Aber ihr Blick wandte sich ab, als sollte man die Unwahrheit nicht darin lesen, die ihre Worte aussprachen. Dann schwieg sie, als erwarte sie ihr Urteil.

Langsam machte er sich los aus ihren Armen, erhob sich und durchschritt das Zimmer, in Nachdenken vertieft, bis er plötzlich vor ihr stehen blieb.

»Du hast nur an dein Kind gedacht,« sagte er wieder grollend, »nicht an dich, denn du hast dich nie dorthin gesehnt … nicht an mich … Helena. Ich kann es nicht. Was mir einst schwer war, ist jetzt mein Stolz, mein Lebensbedürfnis geworden. Ich kann kein ackerpflügender Bauer mehr werden; ich bin zu nichts anderem tauglich, am wenigsten zu müßiger Ruhe … Aber sei ruhig,« setzte er hinzu, als er sah, wie Totenblässe sich plötzlich über ihr Antlitz ausbreitete. »Opfer für Opfer! Laß mir meine Stellung – nimm du dein Kind! Das ist ein Opfer für mich, denn es wird mir ganz entfremdet werden. Erzieh' es weiblich eingezogen, wenn dir das bei dem Wildfange gelingt – wie du es warst, obgleich ich es an der Tochter weniger werde zu schätzen wissen als an der Frau. Ich verspreche dir, sie nie mehr mit meinem Gewerbe in Berührung zu bringen; ich verspreche dir, nie in ihre Erziehung einzugreifen, stets deinen Willen heilig zu halten. – Bist du nun zufrieden, kleines Weib?« sagte er zärtlicher und beugte sich tief zu ihr nieder, da sie wie übermüdet in die Kissen zurückgesunken war.

Sie schwieg; ihre Lider waren fest geschlossen, ihre Lippen bebten, ihre Hände schlangen sich krampfhaft ineinander.

»Bist du zufrieden?« wiederholte er. »Wenn sie erwachsen ist, wird der eigentümliche Beruf des Vaters Geld genug eingebracht haben, um sie dann schleunigst in den Hafen der Ehe einlaufen zu lassen,« fügte er hinzu. »Du siehst, ich habe auch bis an das äußerste Ende gedacht … Aber nun laß mich auch in deine blauen Augen sehen, die wieder soviel errungen.«

Vielleicht fand sie nicht, daß sie viel errungen; hatte sie doch viel mehr erhofft. Aber seine Stimme hatte stets Gewalt über sie gehabt seit dem ersten Male, wo sie dieselbe gehört, und so widerstand sie auch heute nicht.

Er küßte ihre Augen, in denen er immer noch den Rest von Unruhe las und flüsterte alles Beruhigende und Liebe ihr zu, was ein Frauenherz immer von neuem gern hört. Sie war nicht überzeugt von seinen Worten, sie sah viel Hohles, viel Unmögliches in seinem Plan; aber sie hatte doch etwas erreicht. Wie es oft geht, wenn der Körper nicht stark ist: der heftigen Erregung folgt plötzliche Uebermüdung. Er sah es. Er schob zärtlich die Kissen zurecht und richtete ihr sorgfältig das Lager zu. Seine Zeit war abgelaufen, er hatte noch viel zu besorgen.

»Ich werde Nora mit mir speisen lassen, damit du nicht beunruhigt wirst,« sagte er ihr noch; »am Nachmittag wird sie dann ganz dein sein.«

Es schien, als höre sie schon nicht mehr. So ging er hin, die Wärterin auf ihre Pflege aufmerksam zu machen. Er rief dann die Kleine und verließ vorsichtig das Gemach.

Helena blieb allein. Der träumerische Zustand, der sie umfing, war kein Schlaf zu nennen; denn das eben Erlebte spielte peinlich darin weiter. Sobald der Zauber der Gegenwart Alfreds gewichen, schienen alle Sorgen in Helena wieder aufzuwachen.

»Mutter, Mutter!« rief sie plötzlich, »nimm dein Wort zurück: daß ich es einst bereuen würde! Ich bin ja so glücklich gewesen; es ist nur um mein Kind.«

Und hastig, wie um Ruhe zu finden, preßte sie ein kleines Kreuz an ihre Lippen.

Helena Wild war die Tochter irischer Eltern, die, als sie noch ein Kind war, die Heimat verlassen und sich in Amerika angesiedelt hatten, wo sie es zu einem ansehnlichen Vermögen brachten.

Etwas von dem Leichtsinn und der Leidenschaftlichkeit ihrer Nation hatte wohl das schüchterne, streng und fromm erzogene Mädchen vermocht, ihr Los an das des schönen Abenteurers zu knüpfen, trotz des Widerstandes ihrer Eltern.

Erst nach langen Kämpfen hatten diese ihre Einwilligung gegeben unter der Bedingung, daß sie stets vom Treiben der Gesellschaft ganz fern gehalten werde.

Treu war von dem Gatten diese Bedingung gehalten worden; denn das liebliche Wesen, das alle Reize einer echten Tochter Erins besaß, war das Kleinod seines Herzens. Er liebte Helena mit all der Innigkeit, die bei ihm mit einem unruhigen Geiste seltsam sich paarte. Seine Gattin war ihm wie die Erinnerung seiner früheren Lebensstellung; bei ihr fand er alles das, was sein jetziger Stand ihn vermissen ließ.

Bald nach ihrer Verheiratung waren die Gatten nach Europa zurückgekehrt. Hier erzielte Karsten enorme Erfolge und schwang sich zur unbestrittenen ersten Größe in seinem Fach empor. In den größeren Residenzen Europas hatte er seine bestimmten Zeiten, wo er mit der Truppe erschien und immer mit gleicher Anerkennung aufgenommen wurde. Seine vornehme Erscheinung, seine Bildung verschafften ihm in der Herrenwelt eine ganz angenehme Stellung. Seine Frau umgab er mit dem Glanz und dem Behagen, wozu sein jetzt sehr großes Einkommen ihm die Mittel gab. Die Geselligkeit vermißte Helena nicht; sie lebte befriedigt in ihrer Liebe zu ihrem Gatten und ihrem Kinde. Auch bot das reisende Leben ihr Wechsel genug.

Der erste Schatten, der auf das Glück der Gatten fiel, war Helenas Kränklichkeit, die nach der Geburt eines zweiten Kindes, welches bald starb, eingetreten war. Vielleicht sah Alfred nicht die Fortschritte, welche die Krankheit in der letzten Zeit gemacht; vielleicht wollte er sie nicht sehen und versuchte, sich in ein Gefühl der Sicherheit einzuwiegen, weil ihm vor der Erkenntnis bangte. Sie selbst aber fühlte nur zu gut, wie es mit ihr stand, und das steigerte ihre Sorge um die Zukunft ihres Kindes.

Beide waren nicht befriedigt von ihrem letzten Gespräche, denn beide hatten ein Opfer zugesagt und jeder fühlte, es sei nicht genügend.

2

Weh mir, sie haben
Mein Weib und all mein Glück begraben.
Geibel.

Kurze Zeit, nachdem er seine Frau verlassen, trat der Direktor Karsten, sein Töchterchen an der Hand, in den Speisesaal des Hotels. Man stand inmitten der Reisesaison; der weite Raum war angefüllt mit Gästen verschiedenster Art, aber aller Augen wandten sich auf die hohe Gestalt des Mannes und auf das reizende Kind an seiner Seite. Nora war bei ihren sieben Jahren bereits eine ungewöhnliche Erscheinung. Ihre zierliche Gestalt hatte schon viel von der selbstbewußten Haltung des Vaters; die regelmäßigen Züge, die feingezeichneten Brauen, das dunkle Haar waren gleichfalls von ihm; der ungewöhnlich leichte Teint und die blauen Augen, die seltsam dazu abstachen, waren der Mutter Erbteil, wie Nora auch deren leicht bewegten weichen Ausdruck ererbt hatte. Nach englischer Sitte in Weiß gekleidet, so daß Hals und Arme frei blieben, wurde ihre fremdartige Schönheit noch durch das ganz gelöst getragene Haar gehoben, das in reichen Wellen fast bis auf den Rand des kurzen Kleides fiel und ein tiefes Schwarz zeigte, wie es bei Kindern so selten vorkommt.

Die Kleine bewegte sich unter all den Menschen mit der vollkommensten Sicherheit und Ruhe. Ihr Vater hatte sich Plätze in der Nähe einiger ihm bekannt gewordenen Herren reservieren lassen. Die Huldigungen und kleinen Galanterien, mit denen man das schöne Kind empfing, nahm Nora mit der Gleichgültigkeit von längst Gewohntem und der Herablassung einer kleinen Prinzessin hin. Das Gespräch der Herren wandte sich bald dem Fache des Direktors zu, dessen vieljährige Erfahrung stets Interessantes genug bot. Bei aller Vorliebe Noras für das Lieblingstier ihres Vaters überstieg die Unterhaltung aber doch die Fassungskraft des Kindes. Etwas vernachlässigt und gelangweilt sich fühlend, ließ sie ihre Blicke durch den Saal schweifen. Plötzlich leuchteten diese auf. Neue Gäste waren eingetreten und die Hauptursache ihrer regen Teilnahme bestand wohl darin, daß ein Teil der Angekommenen kleine Menschen gleich ihr waren. Kinder haben für Kinder stets unwiderstehliche Anziehungskraft.

Zu Noras nicht geringer Freude kam die Gesellschaft ihrem Platze näher. Eine vornehm aussehende Dame führte ein kleines Mädchen, einige Jahre jünger als Nora, in tiefe Trauer gekleidet. Zwei Knaben von neun und dreizehn Jahren folgten ihr in Begleitung eines jungen Mannes, der unverkennbar der Erzieher war und dessen schwarzes Gewand seinen Stand genugsam kennzeichnete. Die Dame mit dem kleinen Mädchen ward Noras Gegenüber; der Erzieher mit den Knaben nahm die Plätze neben ihr ein, so daß der ältere der Knaben ihr unmittelbarer Nachbar ward.

Echt knabenhaft hatte dieser fürs erste keinen Blick für seine niedliche Nachbarin; seine Mahlzeit schien ihn allein in Anspruch zu nehmen. Die Dame aber sah oft zu dem schönen Kinde hinüber, das mit seinen sprechenden Blicken die Fremden musterte, unverkennbar in dem Wunsche, die lange Tischzeit durch eine Unterhaltung mit ihnen zu verkürzen.

Es währte auch nicht allzu lange, so vermochte sie ihr Verlangen nicht mehr zu bemeistern; mit der Art von Freimaurerei, die zwischen allen unerwachsenen Menschen herrscht, redete sie ihren Nachbar mit der gewöhnlichen Kinderfrage, wie er heiße, an.

Der Knabe sah erstaunt auf; dann aber machte auch auf seine dreizehn Jahre die Lieblichkeit der Sprecherin Eindruck und die Unterhaltung war bald im Gange. Die Dame wie der junge Geistliche mischten sich auch ein, angezogen von der lebhaften, ungezwungenen Weise der Kleinen, die bald von ihrer kranken Mama, bald von ihren vielen Reisen erzählte, dabei in allen Sprachen des Kontinents schien Rede und Antwort geben zu können.

Während Nora im eifrigsten Gespräch begriffen war, erhob sich der Direktor, seinem Töchterchen winkend, ihm zu folgen. In seine Unterhaltung vertieft, hatte er die Angekommenen kaum beachtet. Nora verabschiedete sich mit der ihr eigenen Sicherheit und Anmut von den Fremden, die ebenfalls, angezogen von der schönen Erscheinung Alfreds, voll Interesse und Neugier ihm nachsahen.

»Wer ist der Herr mit dem reizenden Kinde?« fragte die Dame den ihr zur Seite stehenden Kellner, der sich so ehrfurchtsvoll vor dem Direktor verbeugt hatte, wie nur sehr hohe Namen oder sehr hohe Trinkgelder pflegen begrüßt zu werden.

»Es ist der Herr Direktor Karsten,« flüsterte der Kellner. »Der berühmte Kunstreiter-Direktor,« fügte er auf den fragenden Blick der Dame dienstbeflissen hinzu.

»Der Kunstreiter-Direktor Karsten,« sagte die Dame ungläubig und enttäuscht.

»Jawohl. Es ist die berühmteste Truppe, Frau Gräfin,« fuhr der Kellner in seinem Berichte fort. »Und das Kind war sein Töchterlein. Sie sind schon einige Tage hier. Die Direktorin ist leidend. In den nächsten Tagen sollen die Vorstellungen eröffnet werden.«

»O, Herr Karsten, Herr Karsten, Mama,« riefen die Knaben; «den müssen wir sehen; er soll so wunderschöne Pferde haben. Mama, da mußt du uns hingehen lassen.« Die Mutter nickte dazu; aber immer schien ihr die Nachricht noch nicht einzuleuchten. »Wie distinguiert er aussieht,« sagte sie wie zu sich selbst. »Aber das arme schöne Kind …«

»Wer waren deine neuen Bekannten bei der Tafel, du Plaudermäulchen?« fragte auch der Direktor, als er mit seiner Kleinen die Treppen zum oberen Stocke hinanstieg.

»Ich weiß ihre Namen noch nicht, Papa. Der große Junge an meiner Seite hieß Kurt, und der kleinere hieß Nikel. Denke dir, wie komisch: Nikel! Das kleine Mädchen nannten sie Lilly. Es war aber garnicht ihre Schwester, es nannte die große Dame Tante. Die Knaben nannten sie Mama.«

»Wie nannte der junge Geistliche die Dame?« fragte der Direktor.

»Er nannte sie Frau Gräfin, und sie kommen aus Oesterreich, das habe ich auch verstanden. Da wohnen sie auf einem schönen großen Gut und nehmen jetzt das kleine Mädchen mit dahin, weil es gar keine Eltern mehr hat. Sie haben auch keinen Papa mehr,« plauderte die Kleine weiter.

»Nun, da wissen wir doch etwas,« sagte der Direktor lächelnd. »Aber nun geh hinein zu Anne. Sei hübsch ruhig und artig, wenn Mama schläft. Willst du spielen, so spiele hier auf dem Korridor, damit du sie nicht störst.« Er öffnete der Kleinen die Tür, unentschlossen, ob er selbst eintreten sollte oder nicht. Das Gespräch des Morgens hatte einen kleinen Stachel in ihm zurückgelassen; er fürchtete, es erneuert zu sehen. »Sie schläft gewiß,« bemerkte er, noch einmal hinhorchend, zu seiner Beruhigung und wandte sich dann zum Gehen.

In Helenas Gemach war tiefe Stille. Sie hatte kaum etwas genommen seit jener Stunde und lag regungslos auf dem Ruhebette. Die Erregung des Morgens schien ihre Kräfte erschöpft zu haben, denn kein Wort kam mehr über ihre Lippen, nur der trockene Husten drang in kurzen Pausen hervor.

Die Wärterin, hoffend, daß sie schlafe, hielt das Kind zurück, das zur Mutter hinein wollte. Dem lebhaften kleinen Dinge war es bald zu enge im Zimmer, und sie folgte der Erlaubnis des Vaters, sich auf dem Korridor zu tummeln. Halb und halb hoffte Nora, ihren neuen Tischfreunden dort zu begegnen. Sie sollte sich darin nicht geirrt haben. Als sie über das hohe Geländer träumerisch in den Vorhof hinuntersah, wo eine emsige Menschenmenge sich drängte, bemerkte sie, wie der Geistliche mit seinen Zöglingen die Treppe heraufkam.

»So still und allein?« sagte er freundlich, als er der Kleinen ansichtig wurde.

»Papa ist aus, Mama schläft und Anne brummt,« gab Nora summarisch Bescheid.

»Das sind freilich drei schlimme Dinge für dich,« meinte der Kaplan lächelnd. »Du langweilst dich wohl?«

»Ich dachte mir, daß ihr kämet,« sagte die Kleine offenherzig; »deshalb blieb ich hier. Ich hörte schon euer kleines Mädchen da drinnen weinen,« fuhr sie fort, auf eine Tür des Ganges zeigend.

»Ja, Lilly ist dort bei unserer Mama,« nahm der ältere Knabe das Wort. »Komm mit uns herein,« sagte er, vor ihr niederkniend, um seine langen Glieder so zu ihrer Höhe herabzubringen, indes sie traulich ihre Hand auf seine Schulter legte. »Komm mit uns,« wiederholte er.

»Das darf ich nicht,« antwortete sie. »Ich darf nicht zu Fremden gehen; Mama hat es ein für allemal verboten. Aber hier darf ich spielen,« setzte sie verlangend hinzu.

»So wollen wir hier mit dir spielen,« sagte der Knabe. »Nicht wahr, Sie haben ja nichts dagegen, Herr Kaplan?« wandte er sich an diesen. Der nickte sofort seine Zustimmung; er hatte selbst Gefallen an dem Kinde.

»Was sollen wir denn spielen?« fragte der Knabe wieder.

»Kannst du Seilchen springen,« meinte er, auf das Seil deutend, das sie mit aus ihrem Zimmer gebracht hatte, da der lange Gang vollkommenes Terrain dazu bot.

»Ob ich's kann,« sagte sie verächtlich. »Ich kann noch ganz anderes, als ihr glaubt. Schlagt es mir nur.«

Die Knaben willfahrten ihr. Das kleine Ding stellte sich auf die Zehen, reckte sich aus den Hüften, die schwarzen Haare zurückwerfend und die Arme emporhaltend, und tanzte dann graziös wie eine Elfe unter den raschen Schwingungen des Seiles fort in den eigentümlichsten und geschicktesten Wendungen.

Die lauten Beifallsrufe der Knaben ließen sie plötzlich innehalten. »Das habe ich von Fräulein Emilie gelernt,« sagte sie. »Aber ich hätte es nicht tun sollen,« setzte sie verlegen und reuig hinzu. »Mama kann es gar nicht leiden, wenn ich es vor Fremden tue.«

»Warum kann deine Mama das nicht leiden?« fragte der Kaplan, aufmerksam geworden.

»Mama sagt, es sei häßlich, sich so sehen zu lassen. Sie mag auch nicht leiden, daß ich reite.«

»Reitet denn deine Mama nicht?« fragte der Kaplan wieder.

»Mama reiten!« sagte sie, mit einem allerliebsten Anfluge von Stolz ihr Köpfchen in den Nacken werfend. »Das tun ja Papas Leute; die tun es für Geld.«

»Kannst du denn schon reiten?« riefen die Knaben voll Staunen.

»Reiten und fahren, natürlich,« sagte sie achselzuckend.

»Ich habe ja vier Schecken-Ponys, die mir ganz allein gehören. Ihr könnt sie sehen, wenn ihr in den Zirkus geht. Der kleine Wimbleton fährt die Post damit; ich habe es ihm erlaubt, ich kann es aber viel besser.«

Der Knaben Augen wurden groß vor Staunen. »Du kannst schon mit vieren fahren?«

»Mit sechsen kann ich's,« sagte sie mit Zuversicht. »Dieses Frühjahr habe ich in St. Petersburg vor dem Kaiser mit sechs Ponys gefahren, ganz allein. Er hat es Papa nicht glauben wollen, daß ich's könnte; da hat Mama auf vieles Bitten erlaubt, daß ich vor ihm fahren dürfe. Ich weiß auch noch ganz gut, was der Kaiser da gesagt hat,« setzte sie hinzu, und man sah ihr an, daß sie wünschte, danach gefragt zu werden.

»Was hat er denn gesagt?« riefen die Zuhörer.

»Erst hat er mich auf den Arm genommen, mich geküßt und mir dies geschenkt,« sagte sie, ein mit Perlen eingefaßtes Herz zeigend, das sie am Halse trug, »und dann – aber du darfst nicht lachen,« wandte sie sich an Kurt, bei dem ein verdächtiges Zucken der Mundwinkel eingetreten war.

»Wie, was sagte der Kaiser?« brachte Kurt sie wieder auf die richtige Bahn.

»Er, er sagte, er sagte …« sie stockte etwas. »Die wird noch einmal ganz anders die Welt von sich reden machen und Sie ganz ausstechen, lieber Karsten,« wiederholte die Kleine pünktlich und wortgetreu. – »Nun lacht ihr aber doch!« setzte sie entrüstet hinzu, als selbst der Kaplan sich eines Lächelns nicht erwehren konnte.

Kurt aber wurde bei ihren Worten dunkelrot. »Ich lache gar nicht,« sagte er sehr ernst. »Deine Mama hat ganz recht; es ist durchaus nicht hübsch, wenn ein kleines Mädchen sich so sehen läßt. Wenn man von dir als Kunstreiterin spräche, täte es mir sehr leid. Das wäre wahrhaftig traurig für dich.«

Der Knabe hatte heftig gesprochen; verdutzt über die scharfe Rüge sah die Kleine ihn an, und ein betrübter Ausdruck zog über ihr Gesichtchen. Er sah es und es tat ihm leid. Wieder bei ihr niederkniend, streichelte er ihr das dunkle Haar von der Stirn und sagte freundlich: »Nun, sei mir nicht böse; du wirst schon keine Reiterin werden. Hast du aber auch anderes gelernt als reiten und fahren?«

»O, viel,« versicherte die Kleine treuherzig. »Alle Tage habe ich Stunden bei Mama und sehr oft auch bei Lehrern. Ich kann schon in drei Sprachen lesen und schreiben; den Katechismus kann ich auch,« setzte sie hinzu, mit einem Blick auf den Kaplan, als gelte dem das besonders.

»Wer unterrichtet dich denn darin?«

»Mama alle Tage, ich habe auch schon gebeichtet. Du bist auch ein Geistlicher,« setzte sie hinzu, »ich habe es gleich gesehen.«

»So!« sagte der Kaplan, »hast du das gleich entdeckt?«

»Ich kenne viele Geistliche; wenn wir in eine Stadt kommen, wo wir länger bleiben, bringt Mama mich immer zu ihnen und läßt mich examinieren. Mama ist sehr fromm; sie ging immer alle Tage in die Kirche; jetzt ist sie aber krank,« plauderte die Kleine weiter.

»Das war sehr schön von deiner Mama,« sagte der Kaplan, gerührt von dem Bilde der Mutter, die inmitten des unruhigen, fahrenden Lebens die Seele ihres Kindes so leitete. – »Werde du nur auch gut.«

»Bist du auch fromm?« fragte die Kleine jetzt, Kurt groß anschauend.

»Das hast du vom Predigen, Kurt,« sagte der Kaplan lächelnd. »Aber kommt jetzt, Buben. Eure Mutter wird euch erwarten.«

»Nein, bleibe noch etwas hier,« rief Nora, Kurt festhaltend, »du wenigstens. Laß deinen Bruder nur hineingehen.«

Sie sah ihm bittend in die Augen. Dem Knaben mißfiel die Bitte nicht; er verharrte in seiner Stellung, das kleine Ding wie ein neues, wunderbares Spielzeug betrachtend. »Was für ein seltsames kleines Geschöpf du bist!« sagte er – »aber da ist Mama schon,« unterbrach er sich, hastig sich erhebend, als seine Mutter aus einem der anstoßenden Gemächer auf den Korridor trat.

»Was treibt ihr denn da,« fragte sie, der Gruppe sich nähernd.

Der Kaplan wollte Aufschluß geben, als eine andere Tür heftig aufgestoßen wurde und eine ältere, eigentümlich aussehende Frau schreiend und weinend auf die Gräfin zustürzte, die im ersten Augenblicke zurückwich, eine Verrückte wähnend. »O, helfen Sie, helfen Sie!« rief die Alte in gebrochenem Deutsch, die Hände ringend: »Missis stirbt, Missis stirbt, und niemand da, ihr zu helfen!«

»Was sagt sie?« fragte die Gräfin erstaunt.

Die Kleine aber sprang auf die Alte zu und sie umschlingend, rief sie: »Das ist meine Anne! Anne, was ist dir?«

»O Miß Nora, Mama so krank und Master nicht da,« jammerte die Alte.

»Mama ist krank,« wiederholte die Kleine mit plötzlichem Verständnis. »O Mama, Mama!« rief sie dann, in Tränen ausbrechend und auf das Zimmer zueilend.

»Da scheint Hilfe nötig, Herr Kaplan,« sagte die Gräfin. »Suchen Sie von der Alten zu erfahren, wer der Gatte der Dame ist und wo er weilt, indes ich sehe, was sich tun läßt.« Ohne sich weiter zu besinnen, trat sie bei der Kranken ein, wo sie schon die Stimme des weinenden Kindes hörte.

Helena lag wie früher auf dem Ruhebett; aber der Kopf war weit nach hinten gesunken, die lieblichen Züge schienen wie von einem Krampf verzerrt, und ein blutiger Streifen befleckte die Lippen wie die Kleidung, genugsam anzeigend, was sich ereignet.

Über die Mutter hingeworfen lag das kleine Mädchen, sie rufend mit allen ihr zu Gebote stehenden Liebesworten, welche aber die bewußtlose Mutter nicht zu hören schien. Kurt, der dem Kinde gefolgt war, suchte vergebens es zu beschwichtigen.

Die Gräfin überschaute mit klarem Blick die Situation. »Suche die Kleine für jetzt zu entfernen, daß sie die Mutter nicht erschreckt, und lasse einen Arzt rufen,« flüsterte sie dem Sohne zu, indessen sie sich sofort der Kranken annahm. Sorglich brachte sie das Haupt in eine bessere Lage, badete mit Wasser die heißen Schläfen und feuchtete sanft die brennenden, trockenen Lippen an.

»Mutter,« hauchte die Kranke, ihre Augen weit und groß öffnend. Als sie aber das unbekannte Gesicht sah, malte sich ein Ausdruck der Enttäuschung und des Staunens darin.

»Seien Sie ruhig,« sagte die Gräfin freundlich; »ich bin Ihnen fremd. Ein Zufall rief mich an Ihr Krankenlager. Erlauben Sie mir, daß ich Sie pflege, bis Ihr Gatte kommt. Ich habe schon nach ihm gesandt.« Ein dankbarer Blick der Kranken lohnte ihr; dann schlossen die müden Augen sich wieder. Die Brust aber hob sich schwer, ein dumpfes Röcheln stieg unheimlich daraus auf. Die Gräfin blickte aufmerksam auf die Kranke; sie sah die Schatten, die sich schwarz um die Augen gelagert, und den eigentümlichen Zug, der den Mund entstellte. Auch über die nächste Umgebung glitt ihr Blick. Neben der Reiseuhr lag ein Gebetbuch, und ein Rosenkranz, der auf den Falten des Kleides lag, schien aus den Händen der Kranken geglitten. Der Gräfin Entschluß war gefaßt. »Wünschen Sie noch jemand zu sprechen, bevor Ihr Gatte kommt?« fragte sie leise, aber deutlich.

Wieder öffneten sich die Augen, langsam und schwer, aber völliges Verständnis darin. Die Lippen bewegten sich hastig, doch kein Ton drang hervor. Die Hand jedoch machte ein Zeichen auf Stirn und Brust, das die Gräfin verstand.

Als Antwort machte auch sie das Kreuzeszeichen. »Mein Hauskaplan, der Erzieher meiner Söhne, ist hier,« sagte sie dann leise und deutlich. »Wünschen Sie ihn, indes ich zum Geistlichen des Ortes schicke?«

Die Hände Helenens falteten sich bittend. »O, gleich, gleich,« stammelte sie; »ich habe soviel noch zu sagen.«

Die Gräfin willfahrte ihr sofort. Kurts Zureden gelang es, die Kleine zu entfernen. Um seinen Hals geklammert, ließ sie sich in das anstoßende Gemach bringen, wo die alte Anne fassungslos saß.

Der Kaplan trat zu der Kranken ein. Er war noch sehr jung. Vor kurzem geweiht, hatte er gleich die Erzieherstelle in dem gräflichen Hause angenommen, und dies war das erste Mal, daß er an einem Sterbebette sein heiliges Amt ausüben sollte. Helena schaute ihn einen Augenblick prüfend an. Auf seinen Zügen, lag die ganze Reinheit der Jugend wie die Heiligkeit seines Standes und gaben ihm eine Würde, die über seine Jahre ging. Sie konnte Vertrauen zu ihm fassen, eine große Sorge in seine Hände legen, ihn zum Vertreter ihrer Wünsche bei ihrem Gatten machen. Und wunderbare Fügung: die wenigen Worte eines plaudernden Kindes hatten ihn in den Stand gesetzt, ihre Lage gleich vollkommen zu erfassen, sie mit wenigen Worten zu verstehen, was eine unendliche Erleichterung für sie war. Sein Rat stimmte mit ihren Wünschen überein, und es überkam sie eine seit langem nicht gekannte Ruhe, als sie ihr Vermächtnis, das Kind betreffend, ihm überantwortet hatte.

Ihr Friede mit dem Herrn war leicht geschlossen: ein einfach kindliches Gemüt, das unangetastet von der Welt geblieben war und seit langem sich auf diesen ernsten Augenblick vorbereitet hatte. Denn wie nahe er war, hatte sie besser gewußt, als ihre Umgebung ahnte, wenn auch die Erregung dieses Morgens das Ende beschleunigt hatte.

Als die Beichte geendet, kam ihr Gatte. Unvermittelt hatte die Botschaft ihn beim Eintritt in das Haus getroffen, da die ausgesandten Boten ihn nicht gefunden. In dem furchtbaren Schrecken und unvorbereitet, wie er war, brach seine leidenschaftliche Natur sich Bahn. Helenas bleiches Gesicht rötete sich wieder, ein Strahl der Liebe brach aus ihrem Auge; aber die eben gewonnene Ruhe war auch gestört. Es scheidet sich so schwer, wenn zwei liebende Arme uns festhalten, wenn das irdische Glück sich noch einmal geltend macht. Alfred kannte nur sich in seinem Schmerz; er bemerkte nicht einmal, daß Fremde um ihr Lager standen. In Helenas Herzen sprach aber noch eine heilige Liebe außer der Liebe zum Gatten. Sie fühlte, daß ihr nicht viel Zeit mehr blieb, und rief nach ihrem Kinde. Der Gatte hörte es kaum; aber die Gräfin, selbst Mutter, verstand sie, und winkte Kurt herbei. Noch immer hielt dieser die Kleine, welche, erschreckt und ängstlich, ihn nicht loslassen wollte. So trug er sie herbei und hob sie zum Ruhebett der Mutter auf, daß diese das Kind umfangen konnte.

Aber war es in Helena ein Gefühl der Eifersucht, daß ein Fremder ihre Kleine ihr darreichte, oder wollte sie den Gatten auf sein Kind aufmerksam machen – mit nervöser Hast schob sie den Knaben zurück und legte die Hände des Gatten um die Kleine. Es lag etwas in der Handlung, was den Knaben verletzte, und er trat einen Schritt zurück, tiefe Röte auf der Stirn.

Mit dem scharfen Blick, der Sterbenden oft eigen ist, bemerkte Helena dies sofort und streckte nun die Hand nach dem Knaben aus; sie winkte ihn näher und näher, bis er sich weit über sie bog. Es war ein hübsches, offenes Knabengesicht, und aus den großen braunen Augen flossen unaufhaltsam die Tränen nieder in tiefer Bewegung um das fremde Leid. Helena sah ihn wie prüfend an, dann hob sie schwach die Hand und legte sie wie segnend auf seinen lockigen Scheitel; ihre Lippen formten das Wort »danke«, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach sie. Das Tuch, das man an ihre Lippen preßte, färbte sich wieder von dem dunkelroten Strom, zum Schrecken der Anwesenden. Es war gut, daß der Arzt endlich eintraf, der nun seine ganze Autorität zur Geltung brachte, wenn er auch eingestehen mußte, daß hier seine Kunst nicht mehr helfen könne. Er ließ das Kind entfernen; der Kaplan nahm den Gatten unter seine Obhut, die Gräfin aber blieb, dem Liebesdienste treu, bei der Kranken zurück, in tätiger, sorglicher Hilfe.

Das war eine lange, bange Nacht, während das noch junge Leben mit der Auflösung rang. Erst im Morgengrauen war der Kampf beendet.

An dem Ruhebett, wo Helena ihren letzten Seufzer ausgehaucht, knieten alle diese seltsam zusammengewürfelten Menschen: der Geistliche, der ihr den letzten Trost gegeben und der sich um den fassungslosen Mann mühte, sie waren Typen so weit verschiedener Lebensbahnen; da kniete auch der Knabe und umfaßte zärtlich das verwaiste Kind, das in seinen Armen sich in den Schlaf geweint; da stand die Gräfin und stützte noch im Tode schwesterlich das Haupt der Fremden, der Frau des Kunstreiters, dessen Stand ihr vor kurzem ein Achselzucken und einen Seufzer entlockt.

Acht Tage waren vergangen. Drei Nächte ruhte Helenens irdische Hülle in der Erde. Der Schmerz des Gatten hatte das erste Maßlose überwunden; das Leben machte wieder seine Anforderungen geltend. Es ist ein großer Segen, daß diese nie länger als wenige Tage schweigen können und uns zwingen, aus dem Schmerz herauszutreten. In jedem großen Schmerz wie in jedem außergewöhnlichen Ereignis liegt etwas Gleichmachendes, das die gewöhnlichen geselligen Schranken für den Augenblick niederreißt. Die Gräfin hatte sich in ihrer praktischen, hilfreichen Weise der Familie, in welche sie der Zufall so seltsam hineingezogen, auf das tätigste angenommen. Die kleine Nora war ganz unter ihrer Obhut geblieben, damit dem Kinde der Verlust der Mutter weniger fühlbar werde.

Jetzt aber sollte alles zurücktreten in die gewohnte Ordnung, die ja über jedes Grab hinweg ihren Weg nimmt. Direktor Karsten wollte den Ort verlassen, wo er so Trübes erlebt; er konnte dort seine Vorstellungen nicht eröffnen. Er kam, sein Töchterchen abzuholen und sich bei der Gräfin zu verabschieden.

Jetzt, wo ihre Mitwirkung aufhörte, trat der vornehmen Dame zum erstenmal wieder die Verschiedenheit der Lebensstellung vor Augen, und es berührte sie seltsam, den Mann solcher Kreise wie ihresgleichen zu empfangen.

Gräfin Degenthal gehörte ihrer Geburt wie ihrer Heirat nach den vornehmsten, exklusivsten Adelsgeschlechtern an. Exklusiv sein – dies Fernbleiben den anderen Kreisen, dies Sichbeschränken in seinem Umgang, es wird dem Adel so oft feindlich, ausgelegt und haftet doch auch den übrigen Ständen, jedem in seiner Art, nicht minder an. Es gehört auch zur Wesenheit eines jeden Standes, der nur in der Gleichartigkeit der Elemente besteht. Gemeinsames Leben, gleiche Interessen und gleiche Anschauungen bedingen aber Schranken und bauen sie stets von neuem auf, wenn man sie auch vernichtet zu haben wähnt. Innerhalb der Schranken gerade wachsen die Vorteile wie die Pflichten eines jeden Standes. Nur Träumer eines ungesunden Ideals erdenken sich die Unnatur völliger Standesgleichheit – ein unnatürlicher Zustand schon darum, weil er nie dagewesen.

In christlichen Ländern kann der Unterschied der Stände auch nie in drückenden Kastengeist ausarten; denn mild schwebt darüber das Gesetz christlicher Liebe, die alle gleich umfaßt, und ernst steht dabei das Gesetz christlicher Strenge, die allen Seelen gleichen Wert beimißt, sie alle vor den gleichen Richterstuhl weist.

Dort bezieht sich der Sondergeist mehr auf den geselligen Verkehr, auf die Weigerung, andere Art und Weise in den eigenen Stand zu verpflanzen. Der Adel als der stabilste Stand mag darin sich am strengsten abschließen; doch einzelne wenige ausgenommen, hat er seinen Sondergeist nie geltend gemacht zum Schaden des Ganzen. Er focht mit den Söhnen des Volkes in einer Reihe, warb um die gleichen Lorbeeren auf dem Felde von Kunst und Wissenschaft, er suchte im Dienste der Religion seinen Platz unter den Demütigsten wie unter den Hohen. Wohl kann jede Schranke zu Konflikten führen und hat es allezeit getan; wohl kann der einzelne sie einmal hart empfinden. Doch Konflikte sind der Wellenschlag des Lebens, die es vor Stagnation bewahren, und Ausnahmefälle bestätigen die Regel.

Die Gräfin war Aristokratin von fast starrem Grundsatz, die nur in den Kreisen ihresgleichen den Umgang kannte und suchte. Aber wie wir gesehen, wich sie nicht zurück, wenn der Dienst des Nächsten ihr Eintreten heischte. Sie war eine Natur, die wenig innere Weichheit und Wärme besaß, aber ein tüchtiger Charakter, in dem alles durch ein ausgesprochen starkes Pflichtgefühl geregelt war, welches vor dem Herrn gewiß sehr hoch steht, aber uns Menschen doch nicht immer die natürliche Herzenswärme ersetzt.

Eine Pflicht christlicher Barmherzigkeit war es gewesen, der Fremden beizustehen, und nicht der niedrigste Dienst hätte die Gräfin zurückgeschreckt. Aber sobald ihre Hilfe keine Notwendigkeit mehr war, wünschte sie auch nicht weiter, daß sich die Wege kreuzen möchten. Zu sehr Dame von Welt, um dies in unliebenswürdiger Weise an den Tag zu legen, beschränkte sie sich auf ein kaum merkliches Zurückgehen auf das Allernotwendigste. Alfred Karsten hatte selbst diesen Kreisen einst zu nahe gestanden, war ihnen innerlich auch jetzt noch zu sehr verwandt, um das nicht zu empfinden, ja zu verstehen. Er wußte mit der vollkommensten Genauigkeit seinen eigenen Standpunkt inne zu halten. Der Gräfin imponierten dabei seine ruhige Sicherheit, seine einfachen, guten Formen. Der tiefe Ernst, den die Trauer auf sein Antlitz gelegt, gab den schönen Zügen noch mehr Bedeutung.

Die Kleine weilte noch bei Kurt, der mit einer bei einem Knaben seltenen Sorge sich ihrer in dieser Lage angenommen hatte.

Man tauschte zuerst jene wenig bedeutenden Redensarten aus, welche die Unterhaltung in Fluß bringen sollen, wenn ein schmerzliches Ereignis, an das zu rühren man sich scheut, noch so nahe liegt.

»Und Ihre Kleine,« sagte die Gräfin, als er nach einigen warmen Dankesworten seiner Abreise Erwähnung tat, »sie wird Sie begleiten?«

Ein schmerzliches Zucken flog über sein Gesicht. Er beschattete einen Augenblick seine Augen mit der Hand, als müsse er sich sammeln zur Antwort. »Nein,« sagte er dann mit stockender Stimme, »ich verliere alles auf einmal. Der Kaplan hat mir die Wünsche meiner Frau in Beziehung auf meine Tochter mitgeteilt … und sie werden mir heilig sein. Ich kannte schon ihre Ansicht darüber, und sie mag recht haben, daß ein Leben wie das meinige nicht zur Erziehung einer Tochter sich eignet. So werde ich ihrer Bitte folgen. Der Kaplan war so gütig, mir die nötigen Adressen zu besorgen und meine erste Reise wird sein, meine Kleine in einem der Klöster unterzubringen.«

»In ein Kloster,« warf die Gräfin mit einigem Staunen ein.

»Sie finden auch den Gegensatz schneidend,« sagte er mit leiser Ironie. »Ich selbst würde bei meiner Tochter einen anderen Grundsatz befolgen; aber wie gesagt, der Mutter Wunsch soll mir Gebot sein. Auch sie war in einem Kloster erzogen und hatte große Vorliebe dafür bewahrt … Möge mein Kind lieblich und gut werden, wie sie war!« fügte er hinzu, und der dunkle Zug des Schmerzes flog wieder über sein Antlitz.

»Sie bringen ein großes, sehr anerkennenswertes Opfer,« sagte die Gräfin verbindlich, »und werden den Trost haben, Ihr Kind in guten Händen zu wissen.«

Er verbeugte sich schweigend, ohne die Sache weiter zu verfolgen. Der Kaplan trat jetzt ein und überreichte ihm einige Briefe und Empfehlungen, die er zu dem erwähnten Zwecke gewünscht. Die Männer drückten sich stumm die Hand; die Tage des Schmerzes hatten sie einander nahe gebracht.

»Nora,« sagte der Direktor jetzt, »komm, unsere Zeit ist abgelaufen.«

Die Kleine aber, die mit dem Knaben sich in die Fensternische zurückgezogen hatte, achtete nicht darauf.

»Nimm dies,« hatte Kurt eben gesagt, ihr ein kleines Kindergebetbuch in die Hand schiebend. »Nimm dies zum Andenken an diese Tage.«

»Schreibe deinen Namen hinein,« bat sie. »Ich werde ihn nie vergessen, weil du so gut warst; aber es ist doch hübsch, ihn darin zu lesen … auch Tag und Datum.«

Der Knabe zog einen Bleistift heraus und willfahrte ihr.

»O, du schreibst viel mehr!« rief sie, ihm über die Schulter schauend. Der Knabe legte ihr hastig die Hand auf den Mund. »Sprich doch nicht so laut,« sagte er ungeduldig. »Kannst du es lesen? Aber leise.«

»Wenn Menschen auseinandergehn, dann sagen sie: auf Wiedersehn,« las Nora. »Wie hübsch!«

»So, du brauchst es aber niemand zu zeigen,« sagte er, voll knabenhafter Scheu, daß jemand den Ausdruck seiner Gefühle bemerke. «Was gibst du mir nun zum Abschied?« fragte er, sie wie eine Feder auf das Fenstersims hebend. Die Kleine machte ein ernstes Gesicht und bedachte sich einige Augenblicke, »Willst du das?« fragte sie dann, eine ihrer schwarzen Haarwellen greifend und ihm hinhaltend. »Papa hat das auch von Mama zum Andenken genommen,« setzte sie naiv hinzu.

Der Knabe mußte lachen und errötete doch. Seinen dreizehn Jahren war der Vergleich etwas zu viel.

Sie sah sein Zögern. »Nein, nimm dies,« sagte sie und griff nach dem Perlenherzchen, das sie noch am Halse trug.

»Nimm dies,« und mit einem kräftigen Ruck hatte sie es schon von dem Kördelchen gerissen.

«Dein schönes Herzchen vom Kaiser von Rußland?« meinte er, es weigernd. »Das darfst du gewiß nicht.«

»Wohl darf ich. Du sollst es haben; ich hab' niemand so lieb wie dich, Papa vielleicht ausgenommen,« sagte sie, ihre Arme zutraulich um ihn schlingend.

»Und nicht wahr: du wirst keine Reiterin?« flüsterte hastig der Knabe ihr noch einmal zu, das Herzchen dann an sein Uhrgehänge befestigend.

»Nora,« rief der Vater jetzt wieder. «Komm, mein Kind, wir müssen uns verabschieden.«

Nora hielt die Hand des Knaben noch fest, als sie kam. Stumm sah sie dann zur Gräfin auf. Sie fühlte sich nicht sehr hingezogen zu der großen Gestalt mit den bestimmten, geraden Zügen, und legte daher auch nur schweigend ihre kleine Hand in die der Gräfin.

»Sagst du nichts?« mahnte der Vater.

»Auf Wiedersehn!« sagte die Kleine, als klängen nur diese Worte in ihrem Herzen nach.

Die Gräfin wurde dadurch seltsam berührt. Vielleicht war es gerade das, was sie am wenigsten ersehnte; doch klang es eigentümlich rührend von diesen Kinderlippen. Sie hob die Kleine auf ihre Arme. »Nun denn, auf Wiedersehen!« sagte sie, «möge ich dich gut und glücklich wiederfinden!«

»Dich auch,« sagte die Kleine rasch und bestimmt, machte sich dann aber los. Sie eilte wieder auf Kurt zu, und ihre Tränen brachen aus. Auch der Direktor wollte dem Knaben noch danken; doch versagte ihm die Stimme. Vielleicht rührte es den Knaben mehr, als alle Worte es hätten tun können, daß er ihm die Hand schüttelte wie einem Manne.

Einen stummen Gruß noch – und Vater und Tochter waren gegangen; die Menschen, die so eigen sich zusammengefunden, die eine seltsame Fügung für wenige Tage in ein so vertrautes Verhältnis gebracht, waren wieder getrennt.

»Welch eigentümlicher Mann, welch seltsame Verhältnisse!« sagte die Gräfin nach einer kleinen Pause zu dem Kaplan. »Was für ein Geschick mag ihn auf diese Bahn gebracht haben? Seinem ganzen äußeren Erscheinen nach zu urteilen steht er hoch darüber, und doch scheint er sich ganz wohl darin zu fühlen. Wohin gedenkt er seine Kleine zu bringen?«

Der Kaplan nannte eine der ersten Erziehungsanstalten Belgiens.

»Aber, mein Gott, Herr Kaplan!« rief die Gräfin; »warum gaben Sie ihm gerade diese an, wo fast nur Töchter der ersten und vornehmsten Familien ihre Erziehung erhalten? Es ist ja ein entsetzlicher Gedanke für das arme Kind!«

»Herr Karsten bestand darauf, diese zu wählen. Er fragte nach der besten, wohleingerichtetsten und schien seine Tochter eben nur in eine der ersten und kostspieligsten tun zu wollen. Er muß sehr reich sein.«

»Das ist ja gleichgültig,« sagte die Gräfin ungeduldig. «Was soll das nur für eine verschrobene Lebenslage werden! Nach diesem Wanderleben eine Klostererziehung, dort in ganz anderer und für eine ganz andere Atmosphäre gebildet … Anschauungen und Ansprüche, die weit über ihren Stand gehen, geweckt … und dann zu solchem Leben, in solche Kreise zurück! Tausendmal besser, sie hätte sie nie verlassen!«

»Der Mutter war das wichtigste, für ihre Seele Sorge zu tragen, und sie bangte für diese, wenn sie jetzt schon all den Eindrücken ausgesetzt sei, die bei dem Kunstreiterleben unvermeidlich sind. Sie hoffte, eine gute Erziehung, eine warme Frömmigkeit würden dem Kinde für später zum Schilde werden, und es würde dadurch jede Lebenslage richtig auffassen lernen.«

»Illusionen, mein Bester, Illusionen! Auf diese Weise kann sie nur unglücklich werden. Sie wird nirgends den Boden finden, wo sie Wurzel fassen kann.«

»Wir müssen auch Gottes Leitung etwas vertrauen,« sagte der Kaplan ruhig. »Gottes Blumen können überall blühen, und die Mutter hat in heiliger Sorge für ihr Kind diesen einzigen Ausweg gefunden.«

«Gottes Blumen können überall blühen« – die Worte hallten wunderbar wider in dem Herzen des Knaben, der in stiller Trauer um die kleine Spielgefährtin noch da stand, und dem die harten Worte der Mutter wehe getan, er wußte nicht, warum.

Seit jener Nacht, wo er das Kind in seinen Armen gehalten, wo die Mutter ihn gesegnet, hatte das Los dieses Kindes ihn beschäftigt. Es war ihm, als habe er eine Art Verantwortung dafür bekommen. Er war alt genug, um die Schwierigkeit ihrer Verhältnisse zu verstehen, und eine eigene Angst schnürte ihm das Herz zusammen, wenn er dachte, was wohl aus ihr werden könne. Er hatte das Gefühl, sie retten, sie beschützen zu sollen, und allerhand Pläne hatten schon sein Hirn durchkreuzt. Der Gedanke war ihm sogar gekommen, seine Mutter zu bitten, sie ganz zu sich zu nehmen, sie mit ihren Kindern zu erziehen. Aber er hatte nicht gewagt, das auszusprechen; er kannte schon der Mutter Lächeln für so abenteuerliche Pläne. »Gottes Blumen können überall blühen,« das legte sich bei dem Gefühle, nicht handeln zu können, wie ein Trost auf ihn. Wie eine reizende kleine Blume war sie ihm vorgekommen.

3

Ich blick' in mein Herz und blick' in die Welt.
Bis vom schimmernden Auge die Träne mir fällt,
Ach die Schranken so eng, und die Welt so weit!
Geibel.

Drum fraget Eur Wünsche, schönes Kind –
Bedenkt die Jugend, prüfet Euer Blut:
Ob Ihr die Nonnentracht ertragen könnt.
Shakespeare.

Zehn Jahre waren verflossen. In dem Vorhofe einer der vielen Erziehungsanstalten der belgischen Hauptstadt tummelten sich an dem altertümlichen Brunnen eine Schar halbwüchsiger junger Mädchen. Es war alte Sitte des Pensionates, daß die Zöglinge während ihrer mittägigen Erholung das Wasser selbst am Brunnen schöpften, und immer war es ein Augenblick willkommener Freiheit. Murmelndes, plauderndes Wasser hat ja stets die Zungen, besonders die weiblichen, gelöst, wie alle Geschichten am Brunnen seit Urzeiten vermelden. So war auch hier ein Summen und Schwirren, ein Kichern und Flüstern, als sei der Turmbau Babels wieder im Gange.

»Seht her,« rief jetzt eine Stimme lauter dazwischen, »seht her, was ich kann!« Und die Sprecherin hob mit einem kräftigen Ruck das gefüllte Gefäß auf den Kopf, mit starkem Nacken es ruhig und sicher tragend.

»Rebekka am Brunnen! Rebekka am Brunnen!« rief es von allen Seiten. »Nora, du siehst aus, wie aus der Bilderbibel geschnitten.«

Der Vergleich war nicht unrichtig; die hohe, schlanke Gestalt in dem schlichten dunklen Gewande, das weiße Tuch turbanartig unter den Krug geschoben, die noch etwas scharfen, aber schön gezeichneten Züge hervorhebend, die dunklen Zöpfe, welche malerisch zu beiden Seiten des Halses herabfielen, das alles gab ein Bild, welches wohl die Auserwählte des Erzvaters in Erinnerung bringen konnte, besonders jetzt, wo das junge Mädchen mit vieler Anmut und Sicherheit die Stufen des alten Brunnens hinabstieg, der trefflich als Staffage paßte.

»Keinen Tropfen darüber!« rief sie triumphierend. »Wer macht das nach?«

Natürlich war der Versuch längst von verschiedenen schon gemacht; tröpfelnd schüttelten einige die begossenen Köpfe, sich ängstlich vor der beaufsichtigenden Ordensschwester hütend, die an einem entfernten Fleck sich aufhielt. Ihre Abwesenheit ermutigte einige der Kühneren, einen anderen Versuch zu wagen, nachdem sie eifrig einige Augenblicke die Köpfe zusammengesteckt. »Lilly,« riefen sie einer der Jüngsten zu, die sich ängstlich mit ihrem Kruge dem Brunnen nahte, und der man an dem zaghaften Auftreten ansah, daß sie ein Neuling in der Anstalt war. »Lilly, heute wird das Wasser nur auf dem Kopfe hereingetragen. Du mußt es versuchen; sieh, so mußt du es machen.«

«Ich kann das nicht … ich kann es gewiß nicht!« wehrte die Kleine. Die übrigen hatten aber schon einen Kreis um sie geschlossen, und eine hob ohne weiteres den gefüllten Krug der Kleinen auf das Haupt. Eine ängstliche, ungeschickte Bewegung, und das Gefäß rollte an der Erde, während die Arme triefend und weinend dastand und die tolle Schar in ein lautes Gelächter ausbrach.

»Matrosentaufe, Matrosentaufe!« schrie ein keckes Ding.

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall, und unter lautem Jauchzen folgte sogleich ein kräftiger Guß.

Im selben Augenblick aber wandte die erste, die das Spiel mit dem Krug begonnen, sich gegen die Angreifer und stellte sich schützend vor die Kleine hin.

»Schämt ihr euch nicht, ihr Großen all', das arme Ding so zu ängstigen?« rief sie laut. »Kein Tropfen mehr, oder ich werde sie rächen.«

»He, Nora will immer regieren,« riefen einige trotzig; »en avant nur! Lilly ist doch einmal naß und kann weiter getauft werden.«

Nora aber war flinker als die übrigen; ehe die Übermütigen zum weiteren Angriff schreiten konnten, schleuderte sie ihnen schon eine kräftig gezielte Wassergarbe entgegen, so daß sie sich schreiend und pustend zurückzogen, um freilich gleich wieder zum Angriff überzugehen. Es drohte, wenn auch kein blutiger, so doch jedenfalls ein sehr nasser Krieg zu werden.

»Aber, meine Damen, ist das ein Benehmen für junge Mädchen?« klang plötzlich strafend die Stimme der beaufsichtigenden Schwester, deren Rückkunft man in der Hitze des Gefechtes nicht bemerkt hatte.

»Wer hat solch ein unpassendes, wildes Spiel begonnen?« fuhr sie streng fort. »Lilly, wie sehen Sie aus! Ich werde Sie alle bei der Oberin anzeigen.« Mit diesen Worten sah sie sich forschend in dem Kreis um, wo jetzt tiefe Stille herrschte. Die meisten versuchten sich mit möglichst unschuldiger Miene in den Hintergrund zurückzuziehen. Nur Nora blieb mutig stehen, den Krug in der Hand, ohne ihre Stellung zu ändern. »Ah, Sie, Fräulein Nora, sind es,« sagte die Schwester wieder scharf. »Ich sollte meinen, Ihr langer Aufenthalt im Pensionat hätte bessere Früchte tragen können als so unpassende Streiche: aber Sie scheinen unverbesserlich. Ich sah vorhin, wie Sie zuerst den Krug erhoben, also Veranlasserin des Ganzen waren, und werde nicht verfehlen, es der Oberin sofort zu melden, da ihre Nachsicht Sie so übermütig macht. Sie werden heute die Freistunde auf Ihrem Zimmer zubringen, damit Sie Zeit zum Nachdenken gewinnen; und Sie, Lilly, gehen Sie sofort, sich umzukleiden. Die anderen Damen werden es sich hoffentlich merken, damit nichts Aehnliches mehr vorfällt.«

Die Sprecherin sprach kurz und scharf, ihren ganzen Groll über Nora ergießend; sie gehörte zu den kleinlichen Naturen, die stets auf ein Haupt die Schuld werfen, einen Menschen verantwortlich machen wollen. Noras etwas unabhängiges Wesen und die Vorliebe der Oberin für sie war ihr stets ein Dorn im Auge; etwas Parteilichkeit herrscht ja in jeder Anstalt.

Nora nahm diese Worte mit Gleichmut hin; keine Entschuldigung kam über ihre Lippen. Sie ließ nur einen verächtlichen Blick über die stummen Gruppen gleiten, da keine zu ihrer Verteidigung auftrat; dann warf sie das Haupt stolz in die Höhe, füllte ihren Krug von neuem und schritt dem Hause zu.

Die anderen folgten. »Wir hätten es nicht auf Nora sitzen lassen dürfen,« flüsterten einige Gewissenhaftere.

»Sie trug die wenigste Schuld und ist stets so gut für alle,« meinte eine andere; »warum sprach Lilly nicht?«

»Die und sprechen!« sagte eine dritte verächtlich.

»Ah bah! was tut es!« rief die Kecke von vorhin. »Madame wird sie schon nicht strafen; sie nimmt sie stets in Schutz. Das tut ihre geheime Abkunft; wir alle wissen ja nicht einmal, wo sie her ist, und nur ihr Schauspielertalent läßt auf manches schließen.«

»Ich finde es sehr eigentümlich, daß man uns hier zumutet, mit jemand zusammen zu sein, von dessen Eltern man nicht einmal etwas weiß,« sagte ein langes, hageres Mädchen mit essigsaurer Miene.

»Ich finde es oft schlimmer, wenn man es weiß,« gab wiederum eine andere zurück. Sie hatte mit den wenigen Worten die Lacher auf ihrer Seite; denn jeder wußte, daß die so ängstlich um die Abstammung besorgte junge Dame einen Namen trug, der einen nichts weniger als guten Klang hatte.

»Für meinen Teil,« fuhr die Sprecherin dann ruhig fort, »finde ich es einerlei, ob wir etwas Näheres über Nora wissen oder nicht. Daß sie zu den Klügsten und Besten des Pensionats gehört, das wissen wir alle; noch eben hat ihr Schweigen uns vor einer Strafe bewahrt. Mir ist sie die liebste Freundin hier, mag sie nun von höherer oder tieferer Abkunft sein als ich, was beides möglich ist.« Und die so sprach, war eine deutsche Fürstentochter; echtes Standesbewußtsein ist auch stets liberal.

Nora hatte indes an dem Tage Zeit zum Nachdenken. Während die anderen sich im Freien tummelten, saß sie einsam auf ihrem Zimmer und schaute die fernen Spitzen der Berge an, die weit am Horizont auftauchten.

Tiefer Ernst lag auf den jungen Zügen, die am Morgen so lachend ausgeschaut, und um den Mund zuckte es weich, wie bei einem traurigen Kinde. Die Einsamkeit, zu der sie verurteilt worden, war wohl nicht schuld daran; sie liebte sie, wie jedes junge Gemüt sie liebt, das noch mit sich zu tun hat. Aber vielleicht wirkten die fernen Berge zu sehr! Vielleicht floß das Blut, das so jäh in Stirn und Wangen stieg, zu unruhig für die engen Mauern einer Anstalt, und die Gedanken schwärmten zu sehnsüchtig hinaus über die festen Schranken. Eine Hand legte sich jetzt schüchtern auf ihre Schulter; ein blonder Kopf schob sich neben den ihren.

«Bist du traurig, Nora?« fragte eine zaghafte Stimme; »es war häßlich von mir, dich strafen zu lassen, wo du mich in Schutz genommen.«

»Ah! bist du es, Lilly?« sagte die Angeredete, aus ihren Träumen aufschreckend. »Sei ruhig. Kleine, diese Strafe ist so schlimm nicht; aber warum sagtest du kein Wort, Hasenherz?«

»Ich kann nie gut etwas sagen,« erwiderte die Kleine mit kindisch verlegenem Ausdruck; «ich fürchte mich stets so. Aber wegen dir tut es mir sehr leid; denn du bist gut, immer gut für mich gewesen,« und sie schlang ihre Arme um Noras Hals.

Nora küßte sie. »Ein andermal wirst du schon zu reden wissen,« sagte sie tröstend; sie aber plötzlich scharf ins Auge fassend, setzte sie hinzu: »Lilly, du hast schon wieder geweint! Geh' doch, wer wird noch so jammerig sein nach drei Monaten, die du schon hier bist!«

»Ich kann nicht dafür; ich bin hier nicht gern; ich habe Heimweh!« entschuldigte sich die Kleine. »Aber du sahst eben auch ganz traurig aus, Nora; du hast gewiß auch Heimweh und willst es mir nicht gestehen.«

»Heimweh? … Nein, wahrlich, ich glaube, ich habe gerade das Gegenteil, ich habe »Fernweh«. Zehn Jahre bin ich schon hier, und es ist mir liebe Heimat gewesen; aber ich möchte hinaus: der Boden brennt mir unter den Füßen. O, einmal wieder andere Menschen, andere Gegenden sehen, einmal wieder ein Pferd zu besteigen, frisch in die Weite zu sprengen!« Und sie streckte die Arme wie sehnsüchtig aus.

»Warum gehst du nicht nach Hause? Du bist doch fast erwachsen,« meinte Lilly mit aller Ehrfurcht ihrer fünfzehn Jahre für Noras siebzehn Sommer.

Nora errötete leicht. »Ich habe eigentlich kein Daheim,« sagte sie zögernd. »Meine Mutter ist tot und mein Vater ist stets auf Reisen.«

«Wer ist dein Vater?« fragte Lilly ein wenig neugierig.

Nora errötete noch stärker; sie sprach nie darüber. Seit jenen Tagen in der Schweiz hielt ein eigenes Gefühl sie davon zurück, und das stete Schweigen der Erzieherinnen über diesen Punkt bestärkte sie darin. So überhörte sie auch jetzt die Frage, und den Eintritt einer Dritten als willkommene Unterbrechung nehmend, wandte sie sich an diese.

»Komm, Elisabeth,« sagte sie, »komm, wir sind beide melancholisch, Lilly hat Heimweh.«

»Und Nora hat Fernweh!« ergänzte die Kleine.

»Fernweh?« wiederholte die Angeredete – es war gerade diejenige, welche vorher ihr Wort für Nora erhoben – »Fernweh, das kenne ich nicht. Die Stille dieser Mauern, wo man nur ein Ziel kennt, nur einen Zweck hat, liebe ich zu sehr, um je daraus scheiden zu mögen.«

»Ich weiß, was du meinst,« sagte Nora, zur Sprecherin aufschauend; »aber ich bin nicht wie du. Meine Gedanken möchten sich über die ganze Welt ausbreiten, und die deinigen wollen nur aufwärts steigen.«

»Schön geredet, wie immer, Nora,« gab die andere scherzend zurück. »Aber wer weiß, was die Zukunft bringt: mag man wünschen, was man will.«

»Die Zukunft … ja, ich möchte wissen, was sie mir bringt,« rief Nora; »sie liegt so rätselhaft vor mir, daß ich nicht einmal eine Ahnung habe, wie mein Leben sich gestalten könnte.«

»Ich weiß es schon recht gut,« sagte Lilly ruhig dazwischen.

»Du, Kleine?« fragte die andere.

»Ja, warum nicht? Tante hat alles ganz genau bestimmt. Ein Jahr bleibe ich noch hier, dann gehe ich zu Tante zurück, und dann heirate ich meinen Vetter,« sagte sie naiv.

Die beiden Mädchen lachten hell auf.

»Du heiratest deinen Vetter? Du weißt das schon gewiß? Kennst du ihn denn?«

«Darüber ist gar nicht zu lachen,« sagte die Kleine empfindlich; »Papa hat es sterbend gewünscht, und Tante will es auch, und alle Leute wissen es.«

»Wer ist denn der glückliche Vetter?« wollte Nora eben fragen, als ein lauter Glockenton an ihr Ohr schlug.

»Das ist dein Zeichen, das dich zur Oberin ruft,« sagte die als Elisabeth Angeredete. Zu so ungewohnter Stunde! Schwester Barbara scheint unerbittlich; wir müssen dich wirklich verteidigen.«

»Soll ich mitgehen?« fragte Lilly, sich an Nora schmiegend, »und sagen, wie es war?«

»Nein, kleines Herz; soviel will ich dir nicht zumuten; ich fechte meine Sache selbst aus,« rief Nora, und ein Ausdruck von Mut und Energie blitzte in ihr auf. »Ich mag gern mit dem Leben ringen und es zu bezwingen suchen. Besser Stürme als ewige Ruhe, und nur Schwester Barbara schafft einem einmal ein kleines Stürmchen hier.«

»Hüte dich doch! Es könnte schlimmer werden als du denkst,« warnte Elisabeth mit all der Wichtigkeit, mit der Angelegenheiten solcher Art im Pensionsleben behandelt werden, wo das Auszeichnungsband so gut das Ziel des Ehrgeizes ist wie alle Ordensbänder der Welt.

Aber Nora sprang schon lachend davon und die Treppe hinab in mächtigen Sätzen. Doch an der Pforte, die zur Oberin führte, hielt sie einen Augenblick inne, ihr Aeußeres musternd, wie ein ängstlicher Rekrut, ob nichts Ordnungswidriges den Sturm verschärfen könne, dem sie so kühn entgegenging. Aber sie hätte den scharfen Blick der Ordensoberin nicht zu fürchten brauchen, so in Gedanken verloren erschien diese heute. Nora fand sie nicht zum Verhöre bereit stehend, wie meist in so richterlich peinlichen Fällen, sondern am Schreibtische sitzend, einen Brief vor sich, von dem sie jetzt mit fast wehmütigem Ausdruck auf die Eintretende sah.

Madame Sibylle war eine kleine, zarte Gestalt, aus deren Augen allein die Tatkraft leuchtete, die sie zu dem mühevollen Posten der Vorsteherin einer so großen Anstalt befähigte. Sobald Nora näher kam, erhob sie sich, und ihre beiden Hände ergreifend, zog sie das junge Mädchen dicht an sich heran.

»Mein Kind,« sagte sie leise, »es gibt immer Wendepunkte im Leben, die überstanden sein wollen.«

Nora, die so ganz anderes erwartet hatte, trafen die Worte, so innig sie auch gesprochen, wie ein Schlag. »Vater … o, der Vater!« stammelte sie, von furchtbarer Angst ergriffen.

»Nein, beruhige dich,« sagte die Nonne hastig, »er ist wohl und gesund. Er ist sehr glücklich sogar, liebes Kind, wie er mir oben schreibt; doch gibt er mir den Auftrag, dich auf ein Ereignis vorzubereiten, das in kürzester Frist eintreten wird.«

Noch verwirrter sah Nora auf. »Gibt er sein Geschäft auf?« fragte sie, und es fuhr wie ein heller Strahl der Freude über ihr Gesicht.

Die Nonne schüttelte den Kopf. »Mein Kind,« fuhr sie fort, und es schien ihr schwer von den Lippen zu gehen, »der Herr nahm ihm schon lange die Gattin, dir deine Mutter. Mit Gottes Hilfe hast du hier eine neue Heimat gefunden, und wollte Gott, wir hätten dir den Schatz der Mutterliebe ersetzen können.« Nora preßte bewegt die Lippen auf die Hand der Oberin: Madame Sibylle war ja die erste gewesen, die das mutterlose Kind aufgenommen hatte. Auf ihrem Schoße hatte Nora das bittere Weh ausgeweint, welches das Scheiden vom Vater ihr verursacht, und ein inniges Band fesselte sie seitdem an die Frau, die so gut ihr die Mutter ersetzte, wie das Leben in einer klösterlichen Anstalt es erlaubt.

»Aber auch dein Vater ist in der langen Zeit sehr einsam gewesen, sehr einsam, da er um deiner Erziehung willen sich auch von dir trennte. Er wünscht jetzt sich einen neuen häuslichen Kreis zu gründen, auch dir dadurch eine Heimat wiederzugeben… er will sich wieder verheiraten, mein Kind.«

Größer und immer größer waren Noras Augen bei diesen Worten geworden. Wie verständnislos starrte sie die Sprecherin an. »Er will sich wieder verheiraten,« wiederholte die Oberin, und als müsse alles auf einmal gesagt werden, setzte sie hinzu: »Er zeigt mir seine Verlobung mit einem Fräulein Emilie Lauer eben an.«

Ob Nora das gehört, war kaum zu entnehmen, so groß sah sie auf. Plötzlich aber schlug sie beide Hände vor das Gesicht und ein schneidender Laut des Schmerzes rang sich über ihre Lippen.

»Setze dich, mein Kind,« sagte sorglich die Oberin, ihr einen Sessel zuschiebend und sie innig umfangend. Noras Haupt sank schwer auf ihre Schulter. Das Ungeahnteste hatte sie getroffen.

Noras Verhältnis zum Vater war ein inniges gewesen, trotzdem sie sich so wenig sahen. Alljährlich mehreremal hatte er sie besucht. Der ritterlich aussehende Mann, der sein Töchterchen mit Geschenken und Zärtlichkeiten überhäufte, hatte jedesmal das Pensionat in große Erregung und Neugier versetzt; das hatte Nora sehr stolz auf ihn gemacht. Auch brieflich war er in stetem Verkehr mit ihr geblieben, und in den Briefen hatte, wie einst im Verkehr mit seiner Frau, stets der tiefere Zug seines Gemütes Ausdruck gefunden. Das Bild der Mutter, in seiner Erinnerung noch verklärt, hatte er dem Kind immer als ein heiliges, hochzuverehrendes hingestellt: seine Liebe hatte darin fortgelebt wie sein Schmerz über die Verlorene. Auch seine gute Erziehung, seine Bildung sprach aus diesen Briefen, und als Nora, älter werdend, seine Lebenslage überdachte, hatte sie bald den Schluß gezogen, daß schweres Mißgeschick ihn auf diese Bahn gedrängt habe und er im Grunde sich tief unglücklich dabei fühlen müsse. Ihn zu trösten, ihm durch ihre Liebe alles zu ersetzen und ihn mit dem Leben auszusöhnen, war der kindliche Traum ihres Herzens seit Jahren gewesen. Sie war stolz und eifersüchtig darauf, die einzige zu sein, die ihm nahestehe, ihm angehöre, die ein Recht auf seine Liebe habe. Und nun sollte, dieser Platz durch eine Fremde ausgefüllt werden, sollte eine andere die Erinnerung an ihre Mutter verdrängen! In der Wandelbarkeit der Liebe liegt für die Jugend etwas so Unnatürliches, Entsetzliches, daß sie am meisten davor zurückbebt. Der Vater, der bisher ihr Ideal gewesen, sank tief in ihren Augen; denn die Jugend ist auch schroff in allem, was ihr Gefühl verletzt: sie weiß noch nicht, mit wie vielem das Gefühl in späteren Jahren zu rechnen hat.

Die Oberin sah den bitteren Zug, der sich um Noras Lippen legte, den Abscheu, mit dem sie den Brief zurückstieß, als sie ihr denselben hinreichte.

»Kind,« sagte sie, den dunklen Scheitel zärtlich streichelnd, »verurteile nicht, was du nicht zu beurteilen vermagst; du weißt noch nichts von der Einsamkeit späterer Jahre.«

»Aber er hat ja mich jetzt; ich wäre so gern zu ihm geeilt,« rief Nora heftig; »es ist entsetzlich von ihm!«

»Und wärest du auch immer bei ihm geblieben?« fragte die Nonne, fein lächelnd und sie fest ansehend. »Der Kinder Wege gehen oft anders.«

Dunkles Rot stieg auf Noras Stirn und ein eigenes Gefühl zog ihr durch das Herz, jenes unbestimmte Etwas, das in jedem Mädchen erwacht bei der Frage. Ja, wie hatte sie sich denn die Zukunft gedacht? Beschämt senkte sich ihr Blick.

»Kein Mensch hat ein Recht, eines anderen Menschen Glück nach seinen Ansichten modeln zu wollen. Das ist der furchtbarste Egoismus,« fuhr die Nonne ernst fort. »Nimm das Ereignis als eine Fügung Gottes hin. Dein Vater hofft dadurch auch dir wieder eine Häuslichkeit zu bereiten und nach den ersten Monaten seiner Ehe dich zu sich zurückzurufen. Du wirst uns also bald verlassen müssen, mein Kind, und das ist mir hart.«

Aber Nora überhörte den schmerzlichen Ton in den Worten; ihre Gedanken waren noch ganz bei dem Ereignis. »Und ist die … die Dame,« fragte sie endlich gepreßt, »eine … eine von der Gesellschaft?«

»Es ist nicht gut denkbar,« sagte Madame Sibylle beschwichtigend, »daß er jetzt in anderen Kreisen eine Gefährtin suchen wird. Er erwähnt es nicht gerade, aber sein Schweigen läßt es mich erraten. Doch sagt er ausdrücklich, daß ihre große Güte und Liebenswürdigkeit auch dich beglücken werde.«

»O!« rief Nora wieder in schneidendem Schmerz, »auch das noch!« Plötzlich aufspringend und sich der Oberin an den Hals werfend, rief sie: »O, laß mich nicht zu ihr gehen, o, behalte mich hier, behalte mich hier!« Ein Strom von Tränen brach gewaltsam aus.

Madame Sibylle umschlang fest das weinende, zitternde Mädchen, als wollte sie fürwahr es festhalten. Waren die Worte ihr aus der Seele gesprochen, war es ihr heimlicher Herzenswunsch, der da plötzlich laut wurde?

Sie war eine ernste Nonne, lange gereift in ihrem Amte. Hunderte von Kindern hatte sie schon willkommen geheißen. Hunderte hatten mit tränenden Augen von ihr Abschied genommen, und welch warmes, pflichtvolles Interesse sie auch an ihnen nahm, das individuelle Gefühl stumpft in der Gewohnheit ab. Aber es gibt Naturen, denen ein wunderbarer Zauber und Reichtum eigen ist, wie es Länder gibt, die uns zum Paradiese werden.

Und Nora war eine jener gottgesegneten Naturen, die warm und reich so viel bieten, daß das Herz arm sich dünkt, das sie wieder lassen muß.

Madame Sibylle, die erfahrene Vorsteherin des Pensionates, hatte das Kind, das aus so eigentümlichen Verhältnissen heraus ihrer Obhut anvertraut wurde, unter ihren besonderen Schutz genommen. Mit feinem Verständnisse hatte sie versucht, den großen Unterschied zu vermitteln, der zwischen so verschiedener Lebensart lag, und das Kind hatte ihr mit hingebender Liebe gelohnt. Früh entwickelt, stand Nora ihr fast freundschaftlich nahe. Ihre Zukunft hatte die Oberin schon manche Stunde schweren Nachdenkens gekostet, Nora war kein Wesen, das unbeachtet durch die Welt gehen konnte, das still und unscheinbar überall sein Plätzchen gefunden hätte. Und in welche Welt, in welche Atmosphäre, in welches Leben sollte sie hinaustreten! – Nora befand sich in den verschrobensten Verhältnissen, wurzellos in jedem Stand, ohne Schutz und Halt nach jeder Richtung – war es der Nonne zu verdenken, wenn sie den Liebling ihres Herzens hätte bergen mögen in den stillen Frieden des Gotteshauses; wenn sie ihre liebliche Blume hätte retten mögen in diese Mauern, wo sie vor Stürmen doch sicher war?

Nie war ein Wort, das auch nur darauf hindeutete, über ihre Lippen gegangen, nur in ihren Gebeten war der Wunsch oft aufgestiegen – aber jetzt, bei Noras stürmischer Bitte, ja, da schloß sie den Liebling fester an sich.

»Mein Kind, so bleibe,« sagte sie ernst. »Kannst du dich entschließen, hier mit uns den stillen Weg zu gehen in Gott und für Gott? Er gibt so reichen Frieden, und dir, mein Kind, wäre er der sicherste Hafen gegen viele Kämpfe. Ich würde die Stunde deines Entschlusses segnen.«

Sie sprach innig und eindringlich. Noras Kopf lag fest gepreßt auf ihrer Schulter, so daß sie das Antlitz nicht sehen konnte. Lange blieb das Mädchen stumm; dann aber hob sie plötzlich das Haupt empor.

»Nein!« sagte sie leise, aber fest. »Nein, ich kann es nicht; ich glaube, es war nur Stolz, der mir eben den Gedanken eingab. Friede und Ruhe ersehne ich noch nicht. Ich kann in dem Hafen noch nicht bleiben; lieber laß mich hinaus in Stürme und Gefahr. Ich bin so gern hier gewesen, aber heiße mich nicht bleiben … laß mich fort, laß mich fort … ich kann nicht Maria sein zu Füßen des Herrn!«

Ein tiefer Zug von Enttäuschung malte sich auf dem Gesichte der Nonne, und doch mußte sie lächeln über die eigentümliche Sprache des Mädchens. »Nun, dann geh', mein Kind,« sagte sie, »dann geh'. Jedes Menschen Herz hat seinen Weg und alle können zum selben Ziele führen. Mögen es der Kämpfe nicht zu viele für dich werden! Aber auch Kämpfe und Gefahren schaden ja nicht. Ich werde dich entbehren, deine alte Freundin wird dich vermissen: ein Opfer mehr, welches der Herr will. Aber wir werden uns nahe bleiben im Herzen, wo du auch bist.«

»O, wie wird alles werden?… Alles ist schrecklich,« sagte Nora schaudernd.

»Nicht alles vorhersehen wollen, schreibt Thomas von Kempen, darein füge dich. Nur eines vergiß nicht, wie auch dein Leben sich gestaltet: das Kind ist nie mehr als der Vater. Das ist Gottes Wille und menschliche Ordnung, das nimm in Demut von Anfang auf deine Schultern; damit ist noch keine Seele zugrunde gegangen… Uebrigens ist unser Abschied so nahe noch nicht. In drei Monaten erst wird dein Vater dich abholen… Aber nun geh'; die Abendglocke ruft, und du wirst während des Gebetes dich am besten sammeln können. Vom gemeinschaftlichen Abendessen dispensiere ich dich; der Mensch muß allein sein nach großen Erregungen. Geh' und beantworte den Brief deines Vaters liebevoll, wie er liebevoll stets für dich war.«

Und Nora ging. Wohl las sie den Brief des Vaters, wohl rührte sie die Liebe, die er zärtlicher als jemals für sie darin ausdrückte, wohl nahm sie sich vor, ohne Selbstsucht an sein neues Glück zu denken, und versuchte den Wechsel, den sie in der letzten Zeit oft so heiß ersehnt, sich in rosigem Lichte zu malen. Aber nachdem sie ihr Lager aufgesucht, lag sie noch lange wach, und als ihr Blick all die Gegenstände traf, die ihre Umgebung so viele Jahre gebildet hatten, da war es, als ginge ihr der Wert derselben noch einmal auf.

Von dem schwarzen Kreuz an der Wand bis zu den weißen, bauschigen Gardinen, welche die friedlichen Lagerstätten umgaben, war alles ernst, rein und abgeschlossen, wie des Mädchens Jugend sein soll, ehe es hinaustritt in den grellen Sonnenschein des Lebens, in den unruhigen Wechsel der Welt. Ruhe, Stille und Einfachheit erhalten ihm Duft und Frische, wie der Waldesschatten der Waldblume. Und noch einmal legte es sich mild und süß auf Noras Herz im schneidenden Gegensatze zu dem, was sie erwartete, wo alles unklar, unruhig, unsicher erscheint. Noch einmal winkte ihr der Hafen, aus dem sie hinausverlangt, daß sich ihr das Herz im ahnenden Abschiedsschmerz zusammenkrampfte und sie laut aufschluchzte.

Ein leichter Schritt nahte ihrem Bett, ein Arm legte sich weich um ihren Hals. Es war Elisabeth, die das Gemach mit ihr und einigen anderen teilte.

»War es gar so schlimm?« fragte sie leise.

»Was?« fragte Nora, die alles Vorhergehende vergessen hatte. »O nein,« fuhr sie in plötzlichem Erinnern fort, »das war es nicht. Elisabeth, ich gehe, ich gehe bald von hier fort zum Vater.«

»Also dein Fernweh gestillt,« sagte diese lächelnd. »Warum weinst du denn so?«

»O Elisabeth, bitte Gott, daß es kein Heimweh werde … Vielleicht habe ich zu ungeduldig gewünscht.«

»Warum kein Heimweh, wenn es nach der rechten Heimat ist?« sagte die Freundin ernst.

4

An den Rhein, an den Rhein,
Geh' nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut;
Da geht dir das Leben zu freudig ein,
Da wächst dir zu wonnig der Mut!

Es war April. Graue Wolken jagten daher. Flocken flogen, der Sturm wirbelte; aber wo die Wolken auseinander gestoben, lachte reines Himmelsblau, strahlte der hellste Sonnenblick; die Flocken schmolzen schon im Fliegen; Wassertropfen, die wie Geschmeide glänzten, blieben an den braunen und grünen Baumknospen hängen und die Erde sah warm und lenzduftig aus. O, der schäkernde, übermütige Monat April! Schmeichelnd schaut er überall hin und lockt die Menschen aus der Winterhaft und die Blüten und Pflanzen aus den schützenden Hüllen, um sie gleich darauf wild zu schütteln. Und doch, wer widersteht dem losen Gesellen, wie oft er auch trügt.

Wogte es nicht auch heute auf den Promenaden der rheinischen Universitätsstadt unter den noch laublosen Bäumen auf und nieder, als müsse jeder einen Atemzug der weichen, lenzigen Luft erhaschen, die sich eben aufgetan, einen Strahl der warmen Sonne genießen, die so freundlich niederschien, als sei ihr Reich schon ganz hereingebrochen! Und doch glitzerten ringsumher die kleinen Tümpel als verräterische Zeugen des eben vorübergerauschten Wetters, und hoch oben am Himmel tauchte schon wieder eine Handbreit Grau auf, ein mahnendes Vorzeichen von dem, was da kommen würde.

Im Gewoge der Spaziergänger machte sich vorwiegend das bunte, kecke Studentenmützchen geltend. Es trat mit einem Uebergewicht auf, daß man sah, wie sehr es sich hier in seinem Rechte fühlte; und darunter hervor sahen die jungen, unbekümmerten Gesichter mit dem launig-übermütigen Ausdruck deutschen Studententums. Ja, deutscher April und deutscher Student: kennt man euch noch irgendwo anders so in eurer Eigenart? Findet man noch irgendwo dies Gemisch zweier Jahreszeiten, diese vermittelnde Pause zwischen zwei Lebensabschnitten? Vom März den Sturm, vom Mai die Sonne – herbe wie der Winter, aufjauchzend wie der Lenz – äußerlich wenig voranschreitend in der Entwicklung, doch innerlich gärend und sich klärend – wechselnd und toll, milde und schwärmend – das ist deutscher April und deutsche Studentenzeit. Mehr nach Süden, mehr nach Norden, mehr nach Osten, mehr nach Westen, da ist der Charakter beider der einen oder der anderen Jahreszeit bestimmt aufgedrückt. Aber hier kennt der Mann wie diese Natur die Uebergangszeit, wo die Unentwickeltheit der einen Periode sich mischt in die brausende Lebenslust der anderen, wo das Spiel des Knaben eingreift in den Ernst des Manneslebens, daß ein wunderlich Treiben daraus wird, das man später kaum begreift.

Doch goldenen Wein, reiche Früchte und trutzige Bäume zeitigt das Land der Aprilschauer, und tiefe Denker, kräftige Streiter, Männer in des Wortes ganzer Bedeutung gehen hervor aus der tollen deutschen Studentenlust. Und in seltener Analogie hat das Studententum sein Reich auch gerade dorthin verlegt, lebt sich da am tollsten aus, wo der April seine meisten Knospen und meisten Schauer hat. Am Rhein, am Neckar, an der Leine und Saale, in Mitteldeutschlands Mittelklima blüht das Studententum und wird dort auch am richtigsten erfaßt.

Die jungen Leute auf der erwähnten Promenade zeigten alle das Gepräge naiven Selbstbewußtseins und enger Zusammengehörigkeit, welches den Musensohn kennzeichnet. Meist sah man sie in Gruppen vereint in ihre eigenen Angelegenheiten vertieft – Angelegenheiten, die dem Nichteingeweihten so rätselhaft erscheinen wie die ihnen eigene mystische Sprache, die den Eingeweihten in ein ganzes Reich von Regeln und Sitten versetzen, die dem Betreffenden stets von unendlicher Wichtigkeit dünken.

Eine der Gruppen löste sich jetzt auf unter Händeschütteln und Zunicken. Die Worte »Hotel X. vier Uhr« und »Bowle« verrieten die Absichten für die nächste Hälfte des Tages.

Zwei der jungen Leute schlugen eine Nebenallee ein. Sie bildeten einen auffallenden Gegensatz. Der eine fiel auf durch Breite und Körperfülle, die wunderlich zu seinem jugendlichen Gesichte standen, das, rund, blond und rosig, der personifizierte Ausdruck deutscher Behaglichkeit war und in dessen Fülle ein Paar kleine graue Augen nicht zur Geltung gekommen wären, hätte nicht ein scharfer, feiner Strahl daraus hervorgeblitzt, der nie sein Ziel verfehlte, wenn der jetzt fest geschlossene Mund den Kommentar dazu lieferte.

Sein Begleiter sah neben ihm noch schlanker aus, als er eigentlich war; denn die Gestalt entbehrte nicht des Ebenmaßes, und Biegsamkeit in Haltung und Gang ersetzte den Ausdruck von Kraft, den man vermissen konnte. Sein Antlitz war ebenso beweglich, wie das des anderen sich durch Ruhe auszeichnete, und verschwanden die Augen dort fast, so waren sie hier das Hauptmotiv. Es waren ernste Augen, tief und strahlend, wie braune Augen es sein können, noch ohne bestimmten Ausdruck, aber eine Fülle von Gedanken und Empfindungen verratend. Die breite Stirn zeugte von Denkfähigkeit, und ihre Weiße und Glätte ließ auf einen seltenen Grad von Reinheit und Offenheit schließen. Der weniger bedeutende Teil des Gesichtes war wohl die untere Partie desselben. Das kleine Bärtchen saß auf Lippen, deren weich geschwungene Linien mehr auf Güte als auf Festigkeit deuteten, aber auch jedes Zuges von Sinnlichkeit entbehrten. In der reichen Umrahmung des dichten braunen Haares war das Ganze ein sehr anziehendes Jünglingsantlitz, über dem Realen stehend, wie man es bei der Jugend so gerne sieht, doch frisch in das Leben schauend, fast lachend vor Jugendlust.

Seine Worte eben standen in Einklang damit. »Ich glaube wahrhaftig, man lebt nur hier,« sagte er, sein Stöckchen in die Luft wirbelnd. »Das ist ein Wogen und Treiben, ein Genießen und Freuen wie nirgendwo anders! Die Natur lockt, die Menschen locken, das Leben lockt, daß man kaum zu Atem kommt und doch fühlt, wie man innerlich wächst in so goldener Freiheit.«

»Ihr Süddeutschen seid nur Schulbuben auf euren Universitäten,« sagte der Dicke, mit der souveränen Verachtung, die ein eingefleischter Norddeutscher für andere Zustände als die seinigen an den Tag zu legen liebt. »Uebrigens gehen hier auch einige zugrunde an der goldenen Freiheit … vulgo Bier oder güldenem Rebensaft. Du wirst für heute abend deine Kräfte auch wieder sammeln müssen; beim letzten Kommers fiel ein gewisser Fuchs zeitig genug ab.«

»Aller Anfang ist schwer, doch Beharrlichkeit siegt,« lachte der andere. »Uebrigens sind diese ewigen Trinkereien am wenigsten nach meinem Geschmack. Einige werden ja kaum nüchtern.«

»Besser immer noch, als nie berauscht gewesen zu sein in diesem Jammertal,« gab der Dicke zurück. »Wenn einigen nicht der Rausch zu Kopfe stiege, hätten sie gar nichts darin. … Was hast du vor während der Pfingstferien, um dich nach deinen anstrengenden Studien zu erholen?«

»Ich habe noch keinen Entschluß gefaßt.« sagte der Schlanke zögernd. »Aber höre, Dahnow: begleite mich in meine Heimat; sieh dir den Fleck an, wo dein Alter so oft war, wo die Freundschaft unserer Väter sich begründete.«

»Dank für die freundliche Einladung. Doch komme ich, aufrichtig gestanden, lieber im Herbst zur Jagd … Will deine Frau Mutter dich schon wieder einheimsen?« fragte er, ihn scharf ansehend.

»Sie würde es jedenfalls gern sehen, wenn ich käme.«

»Vorschlag für Vorschlag, Degenthal? Laß uns eine Tour in das Neckartal unternehmen: ich beredete es schon mit einigen unserer Freunde.«

»Das wäre so übel nicht; ich werde nach Haus darum schreiben.«

»Teufel auch, so entschließe dich einmal selbst!« rief der Dicke ärgerlich. »Du bist doch nicht an das Schürzenband deiner Mutter gebunden!«

Ueber des anderen Gesicht flog ein Schatten von Verdruß, und er richtete seine Gestalt etwas höher auf. »Du magst darüber denken, wie du willst,« sagte er; »aber ich liebe den Ton der Rücksichtslosigkeit gegen die Heimat nicht, den viele hier anschlagen. Es liegt etwas knabenhaft Rohes darin, was mich abstößt.«

»Mich auch,« sagte der Dicke, »obschon ich nicht mehr so glücklich bin, eine Heimat zu besitzen. Aber Kind ist Kind, und Mann ist Mann. Jede Uebertreibung schlägt auf die Länge in das Gegenteil um, und wenn du jetzt um jede Lappalie fragst, wirst du im Wichtigsten einst deine Mutter gar nicht zu Rate ziehen … denn kein Mensch fügt sich immer.«

Es lag eine Wahrheit in diesen Worten, die der andere nicht zu widerlegen wußte. Das Unterordnen unter einen anderen Willen war ihm teils zur Gewohnheit geworden, teils sah er es als kindliche Pflicht an. »Meine Mutter hat meine Erziehung fast ausschließlich geleitet,« sagte er nach einigen Augenblicken wie entschuldigend, »und ich möchte ihr nie in etwas entgegentreten.«

»Nie! Nimm's mir nicht übel: das ist Unsinn. Kein Mann soll Phrasen aussprechen, die er nicht halten wird. Deine Mutter ist eine vernünftige Frau, die deinen Willen ehren wird, wie sie den eigenen zu schätzen weiß. Gewöhne sie und dich an eine Selbständigkeit, die doch eintreten wird; dann tut's dir gut und ihr nicht weh.«

Degenthal schwieg; mit dem Stock schlug er im Vorübergehen die Blumenköpfchen am Wege nieder; es war ihm eigentümlich, plötzlich tadeln zu hören, was er sich bis jetzt als Tugend zuerkannt. Denn seine Mutter hatte, wie viele Mütter, die alleinstehend ihre Söhne zu erziehen haben, durch sein kindliches Gefühl eine ausschließliche Herrschaft über ihn ausgeübt. Er fing an zu verstehen, weshalb sein Erzieher so oft auf seine Versetzung in andere Verhältnisse gedrungen; aber eine Art von Verstimmung, wie immer, wenn wir entdecken, daß uns etwas mangelt, zog ihm durch das Gemüt. So schritten sie stumm weiter. Dahnow war nicht der Mann, der leicht eine Unterhaltung wieder eröffnete. Plötzlich aber blieben beide stehen und traten zur Seite. Der weiche Sandboden hatte den Hufschlag zweier Pferde, die schon dicht an die jungen Leute herangekommen waren, fast unhörbar gemacht, und ein Reiterpaar ritt langsam an ihnen vorüber, um dann in raschem Tempo bald zu verschwinden.

»Element, was für Pferde!« rief der Dicke elektrisiert; »so etwas habe ich lange nicht gesehen.«

»Und was für eine Reiterin!« sagte der andere. »Die war reizend! Wer mag das sein!«

»Ah, wenn sie angesehen sein will, muß sie sich nicht auf diesen Schimmel setzen! Das war das Prachtvollste, was mir jemals vorgekommen.«

»Nun, das ist Geschmacksache; ich habe den Schimmel über der Dame vergessen. Dahnow, du kennst ja hier die ganze Gegend: wer war es? Der Herr hatte mir ein sehr bekanntes Aeußere, die Dame war dunkelhaarig.«

»Junge, du hast genau zugesehen! Eingeborene waren es nicht; solche Pferde existieren hier nicht. Es müssen Fremde sein; es wimmelt stets von Fremden hier. Uebrigens, Freund, wenn du der Schönen noch länger nachstarren willst, danke ich für den Spaß … habe die Güte, einmal nach oben zu sehen.«

»Das ist allerdings abkühlend und vielversprechend,« sagte der andere, einen Blick auf die graue Wolke werfend, die jetzt drohend über ihnen hing. »Ich möchte eine raschere Gangart vorschlagen; dann kommen wir noch vorher unter Dach.«

»Renne allein,« sagte der Dicke ruhig. »Rennen ist mir außer dem Spaß: man kommt außer Atem und wird doch naß … ich habe stets an einem Uebel genug.«

»Dann erlaube, daß ich dich deinem Schicksal überlasse. Mein Atem hält den Wettlauf mit dem Sturm aus. Also bis heute vier Uhr, wenn du unterdes in dem Schauer nicht untergegangen bist. Vor dem Wegwehen bist du, Gott sei Dank, geschützt,« setzte er lachend hinzu.

Der Dicke knöpfte indes phlegmatisch den Rock fest über der Brust zu, da der Wind in rauhen, kalten Stößen sich aufmachte. Bald brauste Schnee und Hagel herab und trieb in wilden Wirbeln um ihn her, indes er mit Ruhe voranschritt, ungestört von des Wetters Treiben.

Als er die Stadt bald erreicht hatte, holte ihn das zurückkehrende Reiterpaar wieder ein. Unmittelbar in seiner Nähe wurde der Hut der Dame vom Sturm erfaßt und jagte weit über den nassen Weg. Dahnows Kennerblick sah, mit welch vollendeter Reitkunst die junge Dame ihr Pferd in vollem Lauf parierte und zum Stehen brachte.

Behender, als man seiner Gestalt zugetraut hatte, sprang der Student der entführten Kopfbedeckung nach und erreichte sie glücklich, ehe sie den Sprung in den Graben vollführte. Triumphierend kehrte er mit dem Flüchtling zurück, ihn der Eignerin zu überreichen. Eine kleine behandschuhte Hand faßte danach, ein errötendes Gesichtchen, um welches die durchnäßten Haare wirr herumhingen, neigte sich dankend, und ein Paar blaue Augen blickten unter schwarzen Wimpern so freundlich ihn an, daß es trotz des fest zugeknöpften Rockes tief in das Herz des Dicken drang. Die Dankesworte verwehte der Sturm; denn kaum war der Hut befestigt, so sprengte die junge Dame dem Herrn nach in die Stadt hinein und war längst nicht mehr auf den Straßen zu sehen, als der Dicke dieselbe erreichte.

»Alle Wetter, der Junge hat recht, das war wirklich ein schönes Mädchen! Wäre man nicht in so verwünschtem Zustande nach dem miserablen Guß, ich ginge in die Hotels fragen, wer sie ist!« brummte der Dicke vor sich hin. »Ich mag übrigens eine nette Figur abgegeben haben,« setzte er mit melancholischem Blick auf seinen triefenden Anzug hinzu.

»Nun, nicht ertrunken?« fragte einige Stunden später Graf Degenthals muntere Stimme, als er seinen Freund Dahnow eben beim Einritt in das bezeichnete Hotel erreichte.

»Nein, wie du siehst. Habe aber Glück gehabt und Abenteuer erlebt.«

»Dicke Leute haben immer Glück!«

»Ihr Windhunde rennt ihm aus dem Wege. Rate, wen ich sah! Richtige Einleitung zur Bekanntschaft … Ritterdienste geleistet.«

»Die schöne Reiterin? Ist sie vom Pferde gestürzt … hast du sie gerettet?«

»Leider stürzte nur ihr Hut.«

»Leider? Barbar! Aber wer ist sie denn?«

»Das stand nicht im Hut.«

»Dann ist deine Bekanntschaft auch nicht weit gediehen. Doch laß uns eintreten, die anderen warten schon.«

Die jungen Leute hatten sich zu einem späten Diner hier Rendezvous gegeben, einem Gaste zu Ehren, der als Wilder einige Tage das Studententum mitgenießen wollte. Es war eine muntere Ecke am Tische, wo bald Lachen und Rede in das Knallen der Champagnerpfropfen sich mischte. Dahnow trug sein Abenteuer vom Morgen mit der ihm eigenen Komik vor. Er besaß jene Eigenschaft, von der eine geistreiche Französin sagt, es sei der Humor, der nie lache und stets lachen mache. Lautes Gelächter, wie die eifrigsten Fragen und Mutmaßungen über die unbekannte schöne Reiterin waren die Folge seiner Erzählung.

Plötzlich stieß Degenthal den Freund an: »Schau' hin, dort ist er,« flüsterte er ihm zu, ihn auf einen Herrn aufmerksam machend, der am Ende des Tisches Platz genommen. »Ich meine, ich müßte ihn kennen,« setzte Degenthal nachdenklich hinzu; »die Züge muß ich schon einmal gesehen haben.«

»Dort oben sitzt unser Held, aber ohne sie,« wandte sich Dahnow leise an die übrigen. »Anscheinend also ein tyrannischer Vater oder ein eifersüchtiger Gatte, der die Schöne vor den Augen der Welt verbergen will.«

Die Blicke der jungen Leute wandten sich alle dem Bezeichneten zu. »Das glaube ich,« lachte der Fremde auf, »daß der seine Dame nicht umsonst zeigt!« Das ist Karsten, der berühmte Kunstreiterdirektor. Ich kenne ihn recht gut, sah ihn noch vor einigen Wochen zu W., wo er Vorstellungen gab.«

»Hurra, Karsten! Dicker, dann bekommen wir deine schöne Reiterin auch noch zu sehen,« zischelten die anderen.

»Er hat eine junge Frau,« fuhr der Fremde fort, »die recht hübsch sein soll; die wird es gewesen sein.«

»Nein, dann war es Nora, die kleine Nora,« rief Degenthal. »Wie ist es nur möglich, daß ich sie nicht gleich erkannte! Die muß ich wiedersehen!«

»Nora … kleine Nora?« sagte Dahnow erstaunt. »Du scheinst mir sehr vorgeschritten, daß du schon solche Bekanntschaften hast.«

»Nora Karsten!« sagte Degenthal wieder, die Einrede gar nicht beachtend. »Deshalb frappierten mich die Züge so. Wie schön ist sie geworden!«

»Unser Fuchs scheint sich verlieben zu wollen,« lachten die anderen. »Höre, Fuchs, ein Salamander auf deine wiedergefundene schöne Reiterprinzessin! Sie wird wohl so spröde nicht sein, daß wir nicht auch ihre Bekanntschaft machen können.«

Der leichte Ton der jungen Leute verletzte Degenthal. »Meine Herren,« sagte er sehr ernst, »meine Mutter hat einst die Familie des Herrn Karsten durch einen eigentümlichen Zufall kennen gelernt. Fräulein Nora Karsten war damals noch Kind, und wir haben als Kinder Freundschaft geschlossen, da sie einige Zeit unter meiner Mutter Schutz lebte, das ist alles.«

Die Studenten sahen sich erstaunt an. Einer von ihnen, dem der Wein schon etwas zu Kopf gestiegen war, hob sein Glas: »Auf unseres Fuchses schöne Kinderfreundschaften!« rief er.

Degenthals Auge flammte. Er schien heftig antworten zu wollen, als Dahnow ihn anstieß und aufmerksam machte, daß Karsten sich eben erhoben und hinausgehen wolle.

Degenthal sprang auf und vertrat ihm den Weg. »Herr Direktor Karsten,« sagte er, und die Erregung bebte noch in seiner Stimme, »darf ich unsere Bekanntschaft erneuern? Wir sahen uns nicht mehr seit jenen Tagen in Genf … Graf Degenthal,« setzte er hinzu, als der Direktor ihn befremdet ansah.

»Graf Degenthal,« wiederholte dieser, »das ist mir eine große Ueberraschung und Freude …« – die Macht der Erinnerung nahm ihm die Worte. Er reichte dem jungen Manne beide Hände entgegen, die dieser schüttelte. »Ich sah Sie heute morgen ausreiten,« fuhr Degenthal fort, »und Ihre Züge kamen mir gleich bekannt vor.«

»Es hat seitdem hier hereingeschneit,« sagte der Direktor, lächelnd durch seine Haare fahrend. »Ich würde Sie nicht erkannt haben, Herr Graf. Doch das ist in Ihren Jahren ein Kompliment. Und die Frau Gräfin, Ihre Frau Mutter, sie befindet sich doch wohl? Ich kann ihrer nur mit unendlicher Dankbarkeit gedenken.« Wieder zitterte des Mannes Stimme vor Rührung.

»Meiner Mutter geht es Gott sei Dank recht gut. Wir lebten fast immer auf unseren mährischen Gütern; erst seit meinen Universitätsjahren bin ich von ihr getrennt.«

»Und da haben Sie rheinische Studentenlust kennen lernen wollen! Das war ein guter Gedanke. Ihr früherer Erzieher, der Kaplan, lebt doch noch bei Ihnen? Er war freundlich genug, mir einigemal zu schreiben; doch mein bewegtes Leben macht mich zum schlechten Korrespondenten.«

»Gewiß, der Kaplan lebt noch und ist stets bei uns. Wir könnten den treuen Freund gar nicht missen. Ihrer haben wir oft gedacht, oft noch von den Tagen in der Schweiz gesprochen … Das war doch Fräulein Nora, die heute morgen Sie begleitete?« fragte der junge Mann mit leicht aufsteigender Röte, die bei ihm noch kam und ging wie bei einem jungen Mädchen.

»Es war meine Tochter,« sagte der Direktor. »Sie ist seit etwa einem halben Jahre aus dem Kloster zurückgekehrt, wo sie ihre Erziehung erhielt. Es wurde mir endlich möglich, mein Kind zu mir zu nehmen, da ich mich neuerdings wieder verheiratete.«

Degenthals Züge zeigten einige Betroffenheit, die dem Direktor nicht entging, und es entstand eine kleine, verlegene Pause.

»Etwas Häuslichkeit tut not in all unserer Unruhe. Man fängt an, alt zu werden,« nahm Karsten das Gespräch etwas gezwungener wieder auf. »Man darf Ihnen also Glück wünschen,« sagte Degenthal, um ihm über den peinlichen Augenblick fortzuhelfen. »Aber Fräulein Nora … dürfte ich nicht auch mit ihr die Bekanntschaft erneuern?«

»Wenn Sie mir die Ehre erzeigen wollen! Für den Augenblick wohne ich noch hier im Hotel, doch habe ich vor der Stadt eine Villa gemietet, wo meine Frau und Tochter für einige Zeit leben werden. Meine Frau bedarf der Schonung und meine Tochter nimmt nicht an meinen Geschäften teil.«

»Darf ich sie schon hier einmal aufsuchen?« fragte Degenthal eifrig.

»Wenn Sie uns die Ehre erweisen wollen,« wiederholte der Direktor wieder förmlich. Man merkte ihm an, er wollte nicht einen Schritt dem jungen Mann entgegenkommen.

»Und wann kann ich am sichersten Sie und die Damen zu Hause treffen,« beharrte Degenthal.

»Des Morgens nimmt mein Geschäft mich ganz in Anspruch; doch die Abende, die wir frei haben, gehöre ich meiner Familie. Morgen ist ein solcher Tag.«

»Dann komme ich morgen. Wollen Sie mich schon Fräulein Nora empfehlen?« fragte Degenthal mit erneutem Handschütteln.

»Meine Tochter würde mir wohl schwer vergeben, wenn ich sie dieses Wiedersehens beraubte. Sie hat so wenig als ich Ihre Güte vergessen, Herr Graf.«

Während des eifrigen Gespräches hatten die übrigen jungen Leute ihre Blicke auf die beiden gerichtet, und auch des Direktors Auge überflog die Gruppe.

»Ich glaube, Herr Graf,« sagte er, »ich sehe dort einen Herrn unter Ihren Bekannten, dem ich eine Dankesschuld meiner Tochter abzutragen habe: der starke Herr dort an der Ecke. Dürfte ich Sie bitten, mich ihm vorzustellen?«

»Mein Freund Dahnow. Ja, er sagte uns von seinem Erlebnis. Lassen Sie uns nähertreten … Lieber Freund, Herr Direktor Karsten wünscht dir ein Wort zu sagen. Direktor Karsten … Baron Dahnow, etwas schwere Mecklenburger Rasse,« stellte Degenthal scherzend vor.

»Irre ich nicht, Herr Baron, so waren Sie es, der heute morgen meiner Tochter so freundlich aus der Verlegenheit half?« sagte der Direktor mit jener Einfachheit in Haltung und Wort, die den Mann von Erziehung und Welt kennzeichnet.

»Leider verhindert mich meine Statur an jedem Inkognito; ich kann also die edle Tat nicht bescheiden leugnen. Uebrigens war das Glück ganz auf meiner Seite einer so schönen Dame gegenüber,« erwiderte Dahnow galant. Der Direktor verbeugte sich. »Wenn Sie erlauben,« fuhr der Dicke mit größter Ruhe fort, »so hole ich mir den Dank der Dame selber, indem ich die Erlaubnis, die Sie eben meinem Freunde Degenthal gegeben, auf Grund meiner edlen Tat mit beanspruche.«

»Gewiß,« sagte der Direktor. »Wenn meine Frau und Tochter auch ziemlich abgeschlossen leben, wird es mir eine Freude sein, die Herren zu empfangen.«

Jetzt war die Reihe der Verbeugung an Dahnow.

»Kommen Sie, Herr Direktor, schließen Sie sich uns an, und lassen Sie uns ein Glas auf das Wiedersehen leeren,« bat Degenthal.

»So gern ich Ihrer freundlichen Einladung Folge leistete, meine Geschäfte sind heute allzu dringend. Mein graues Haupt darf sich auch nicht mehr unter so junge Köpfe mischen; nur einmal im Leben kommt so freie, glückliche Zeit … Entschuldigen Sie mich, Herr Graf.«

Degenthal reichte ihm noch einmal die Hand, und mit einer leichten Wendung auch gegen die übrigen Studenten empfahl sich der Direktor.

»Was für ein schöner Mann, und wie famos vornehm der aussieht,« sagte einer der jungen Leute, ihm nachschauend. »Das, was er ist, sollte niemand hinter ihm suchen.«

»Seinerzeit ward viel darüber gesprochen. Einige hielten ihn für den ungeratenen Sohn einer guten Familie; andere für einen Offizier, der Schulden halber um die Ecke gegangen; noch andere für einen gewichsten Juden, der amerikanischen Humbug gelernt.«

»Wenn der ein Jude ist, bin ich auch einer!« rief die schwere Stimme eines breitschulterigen Westfalen dazwischen, dessen blondes Haar und Stumpfnase gewiß niemand semitischer Abstammung beschuldigen konnte. »Habt ihr ihn einmal zu Pferde gesehen? Der Mann ist wie von Eisen, und seine Kunst ist wahrhaft kein Humbug.«

»Dicker, du bist doch die unverschämteste Seele der Welt,« meinte ein dritter jetzt, »dich gleich da so anzuschlängeln. Wenn du noch das Anstandsgefühl gehabt hättest, uns alle mit in die Einladung einzuschließen, der unbekannten Schönen unsere Huldigungen darzubringen.«

»Massendeputation war unnütz,« sagte Dahnow lakonisch.

»Ah, wir werden die Schöne doch sehen,« sang der in der weinseligen Laune wieder. »Degenthal … Glücksmensch … dies Glas deiner Schönen! Sei nicht so grausam, sie unseren Blicken ganz zu entziehen … Ein Hoch für Fräulein Nora Karsten!«

Degenthal sprang auf; sein Auge flammte, seine Stirn glühte, seine Stimme bebte vor Erregung. »Herr,« rief er, »Sie haben kein Recht, den Namen einer Dame …«

Aber was er ferner sagen wollte, blieb unbeachtet, trotzdem aller Blicke sich erstaunt auf ihn gerichtet hatten; denn im selben Augenblick fielen klirrend zwei neu gebrachte Flaschen auf den Tisch, großes Unheil zwischen den Gläsern anrichtend, indes ihr Inhalt sich stromweise ergoß. Es entstand ein Augenblick voll Verwirrung; jeder fragte nach der Ursache des Ereignisses, jeder griff rettend nach seinem Glase. Kellner eilten herbei, abzuräumen, und die Sitzung war gestört.

Dahnow griff Degenthal rasch beim Arm. »Komm mit,« sagte er ernst, »es ist genug. Etwas frische Luft und ein Glas Bier nach all dem Zeug wird nicht schaden. Komm, ehe die anderen uns bemerken.«

Degenthal zögerte einen Augenblick, schloß sich dann aber doch seinem Freunde an.

»Die Flaschen und Gläser zahlst du,« sagte Dahnow in seiner trockenen Weise, als sie eben den Saal verlassen; »der Freundschaftsdienst, sie zu zerbrechen, ist mir genug.«

»Tatest du es absichtlich?« fragte Degenthal erstaunt.

»Wie hätte ich denn anders dein parlamentarisches Talent zum Schweigen bringen können! Ein Paar Scherben ist eine gute Sache immer wert.«

»Warum unterbrachst du mich aber?« fuhr Degenthal heftig auf. »Ist es nicht eine Rücksichtslosigkeit, den Namen einer jungen Dame in dieser Weise öffentlich zu mißbrauchen? Ich sehe wahrlich nicht ein, weshalb du mich hindern willst, solchen Menschen die Meinung zu sagen.«

»Erstens, weil es Betrunkenen gegenüber stets verschwendete Worte sind, und zweitens, weil ich Rücksicht genug für jede Dame, welchen Standes sie auch sei, empfinde, um sie nicht in einen Studentenstreit zu verwickeln. Glaubst du vielleicht, wenn du dich um ihretwillen mit dem Kurländer hautest, das würde ihr förderlich sein?«

Degenthal schwieg, da er einsehen mußte, daß sein Freund recht hatte. Aber innerlich gereizt, fragte er gleich darauf: »Warum betonst du das so: welchen Standes sie auch sei?«

»Weil der Stand ihres Vaters sie vielen Rücksichtslosigkeiten aussetzt.«

»Aber sie teilt den Stand nicht, sie wurde von Kindheit an davon ferngehalten. Sie ist in einer vornehmen Erziehungsanstalt erzogen; ihre Mutter war ein sehr feines gebildetes Wesen, die in ihren letzten Stunden von meiner Mutter gepflegt wurde … daher datiert unsere Bekanntschaft. Der Vater ist auch reich genug, der Tochter eine unabhängige Stellung zu geben.«

»Trotz alledem ist es eine schwierige Lage für das arme junge Mädchen,« sagte Dahnow wieder. »Gehst du also wirklich morgen hin?«

»Gewiß,« bestätigte Degenthal. »Nichts natürlicher als das. Meine Mutter wird sich sehr freuen, wieder von der kleinen Nora zu hören, an der wir alle solches Interesse nahmen.«

Dahnow schien die Freude der Gräfin etwas zweifelhaft zu finden. »Es ist immerhin ein komplizierter Fall, und über diesen würde ich vielleicht meine Mutter fragen, wenn ich noch eine hätte,« sagte er in dem halb ironischen Tone, den er gern dem jüngeren Freunde gegenüber annahm.

5

Ihr wißt's, wie wir so selig waren,
So selig und so rein dabei –
Rein, wie man's ist mit achtzehn Jahren:
Es war im schönen Monat Mai.
Geibel.

Vor der Stadt lag eine reizende Villa, eine Villa, wie der frische, graziöse Sinn des Rheinländers sie baut: zierlich und leicht, von Reben umrankt, von Grün umgeben, das von Blumen überschüttete Gärtchen schon von fern einem entgegenleuchtend. Dicht an der Wegstraße liegen die rheinischen Villen, da der gesellige Sinn der Menschen dort nicht gern weit vom Verkehre weilt und die Schönheit der Natur sich bis mitten in die Städte hineinzieht. Aus irgend einem Fenster an irgend einer Seite ist dann noch ein besonderer Auslug auf den alten Vater Rhein mit seinen grünen Wogen und grünen Bergen, ohne deren Anblick der Rheinländer nicht leben kann.

Karsten hatte seine Frau und Tochter für die Sommermonate hier eingemietet, einen Aufenthalt ihnen da bereitet und sie mit einem Luxus umgeben, wie es nur erworbener Reichtum tut, der gern im Ueberfluß des Lebens schwelgt, im Gegensatze zu dem ererbten, der lieber unter dem Maßstabe desselben bleibt. Beides hat seine Berechtigung; das Gefühl, alles selbst errungen zu haben, es täglich vermehren und erneuern zu können, gibt größere Freiheit zum Verschwenden des Besitzes: die größere Anstrengung verlangt größeren Genuß. Es ist das anders, als wenn ich mein Hab und Gut gleichsam nur als Lehen übernommen habe und die Macht und die Pflicht zum Erhalten fühle, deren Hauptbedingung Vorsicht ist.

Überdies muß der eine durch äußeren Glanz sich erst seine Stellung erobern, indes der andere, im sicheren Besitze derselben, seinen Mitmenschen gegenüber des äußeren Glanzes entbehren kann. Je zweifelhafter daher der gesellschaftliche Standpunkt, um so mehr Luxus sieht man entfalten. Auch Direktor Karsten hatte fast unbewußt nach diesem Gesetze gehandelt.

Nora saß in dem reizend ausgestatteten Boudoir, das sich an den größeren Salon schloß, auf ihrem Lieblingsplatz im Erker mit der schönen Aussicht. Sie träumte von den vergangenen Tagen. Mai war es, und im November hatte sie Abschied genommen von ihrem stillen Klosterleben. Was für bunte Bilder hatten sich schon aneinander gereiht seitdem! Ihr Mund lächelte dabei, denn keiner der Schrecken, die sie befürchtet, hatte sich bis jetzt verwirklicht; es schien ihr, sie müsse sich nur stemmen gegen das weiche Wohlbehagen, das sie aufgenommen, das so seltsam abstach gegen den Ernst ihres früheren Lebens. Ihr Vater hatte sie mit größter Zärtlichkeit empfangen und schien nur den Gedanken zu haben, sein Kind mit allen Annehmlichkeiten des Lebens zu umgeben. In ihrer Stiefmutter fand Nora ein gutmütiges, harmloses Wesen, noch ganz erfüllt von der Ehre, zur Direktorin erhoben zu sein, sie, die hübscheste, aber sehr mittelmäßige Reiterin der Gesellschaft, die mit ihren hellen Locken und ihrem rosigen Gesichte zum Neid aller ihrer Gefährtinnen diese große Eroberung gemacht. Der Direktor hatte vollkommen die Wahrheit gesagt, indem er als Grund seiner zweiten Ehe den Wunsch angab, seine Tochter bei sich haben zu können. Er sehnte sich wieder nach dem, was er einst besessen: einem häuslichen Herd inmitten des fahrenden Lebens; aber er war zu alt, um sich in anderen Zirkeln umzusehen. So hatte die anerkannte Güte wie der für diese Kreise selten gute Ruf der bescheidensten seiner Damen sein Augenmerk auf sie gelenkt. Ihre blauen Augen, die geschickt genug ihre Bewunderung für ihn auszudrücken wußten, hatten seinen Entschluß bald zur Reife gebracht.

Frau Emilie wußte, daß in dem friedlichen Verkehre mit der Stieftochter ihr Haupthalt liegen würde: sie war auch viel zu leichtherzig und leichtlebig, um ihr nicht freundlich entgegenzukommen. Noras Unbefangenheit gab sich auch gern der gebotenen Herzlichkeit hin. Was ihr feineres Gefühl an der Stiefmutter entbehrte, ersetzte deren Heiterkeit; eine gewisse Ehrfurcht für die höhere Bildung der Tochter legte ihr überdies in Gegenwart derselben stets Zwang auf, der manche Mängel verdeckte. So hatten sich die Verhältnisse für Nora sehr befriedigend gestaltet. Die steten Reisen, der Aufenthalt in den größten Residenzen hatten ihren Geist genügend beschäftigt und sie den Umgang mit anderen Menschen nicht entbehren lassen; der Luxus aber, von dem sie sich umgeben sah, ließ ihr das angenehme Gefühl höherer Lebensstellung.

Jetzt war die Familie zum erstenmal zu einer festen Niederlassung gekommen, zu einer Art begründeter Häuslichkeit, die Nora mit dem vollen Reize der Neuheit umfing. Die Beherrschung des kleinen Reiches hatte die Stiefmutter gern an Nora überlassen, da sie ihrem Kopfe doch zu schwer geworden wäre, und sie lieber dem Genuß aller der Herrlichleiten ungestört sich hingab. Nora aber, die viel vom organisatorischen Talent des Vaters ererbt, nahm sich der Sache mit voller Tätigkeit an und wußte dem häuslichen Luxus den feinen Anstrich guten Geschmacks zu geben. Der Direktor selbst kehrte nur auf Tage und Stunden in der Villa, ein, da seine Truppe in verschiedenen Abteilungen in den größeren Städten des Rheinlandes Vorstellungen gab und er bald hier, bald dort bei ihnen weilte.

Noras ganzes Glück war es gewesen, als sie wieder ein Pferd besteigen, ein Pferd ihr Eigen nennen durfte. Das war der einzige Punkt, worin sie dem Rat ihrer frommen Freundin und Erzieherin nicht gefolgt war.

Auf den Brief voll Entzücken, den sie über ihres Vaters Güte schrieb, als er ihr eines seiner schönsten Pferde geschenkt, hatte die Oberin etwas ernüchternd geantwortet: »Wäre es nicht besser, mein Kind, du enthieltest dich ganz dieser Uebung in deinen Verhältnissen?«

Das junge Mädchen hatte da zum erstenmal ungeduldig den Brief der erfahrenen Freundin beiseite gelegt, hatte fast schmollend die roten Lippen aufgeworfen, und eine heiße Träne war ihr in das Auge getreten.

Sie war ihres Vaters echte Tochter; wie sie als Kind es leidenschaftlich geliebt hatte, an dem Pferd ihre Kraft, ihre Geschicklichkeit, ihren Mut zu erproben, so liebte sie diese Uebung um so mehr, je länger sie dieselbe entbehrt hatte. Es lag eine Wahrheit in den Worten der Nonne, der sie sich nicht entziehen konnte; aber wenn wir etwas sehr wünschen, finden wir leicht einen Grund, den Wunsch vor uns selbst zu rechtfertigen. »Lassen Sie mir diese Freude,« schrieb sie zurück; »es ist überdies das einzige, was mich meinem Vater wieder so recht nahe bringt.« Die Oberin kam in keinem ferneren Schreiben darauf zurück; den leisen Seufzer aber, mit dem sie diese Zeilen las, hörte Nora nicht.

Ihrem Vater brachte es sie näher, das war richtig; er war nie entzückter von seiner schönen Tochter, als wenn er sie zu Pferde sah, wenn sein Talent so ganz in ihr sich widerspiegelte. Eine leise Reue über das gegebene Versprechen war manchmal auf seinen Zügen zu lesen, wenn er ihre außerordentliche Gewandtheit anstaunte; doch lieh er ihr nicht Worte.

Was es aber war, was Nora das Gefühl innerer Befriedigung gab, als sei plötzlich alles, wonach sie unklar sich gesehnt, in dem neuen Leben gefunden – das hätte sie selbst nicht zu sagen gewußt. Sie empfand es nur als ein Glück, das sich nicht ergründen läßt, für das wir noch keinen Namen haben. Der ungetrübte Abglanz davon lag auch jetzt auf ihrem lieblichen Gesichte: Ein Ausdruck frischester, freiester Fröhlichkeit. Was hatte sie diesen Morgen nicht alles schon geleistet! In den frühen Morgenstunden hatte sie ihr Pferd getummelt, ihre kleine Häuslichkeit beherrscht, und nun lag vor ihr ein ernstes Buch, in das sie sich vertiefen wollte; denn in kindlicher Unterordnung hielt sie die Ratschläge ihrer frommen Erzieherin fest und ließ auch in keiner ihrer frommen Gewohnheiten nach.

Aber der helle Maimorgen war dem Studium wohl nicht zuträglich; denn alle Augenblicke hob sich ihr Kopf, hinauszuschauen in die lachende Landschaft, oder ihre Hand griff hinein in das junge Grün, das seine ersten Sprossen am Fensterrande zeigte.

Plötzlich wandte sie sich rasch um, strahlenden Blickes einen eben Eintretenden zu begrüßen. »O, wie gut, daß Sie endlich kommen, Graf Degenthal,« rief sie munter; »es ist unmöglich, etwas zu tun bei dem Sonnenscheine.« Sie klappte das Buch zu, das vor ihr lag, und trat ihm entgegen.

»Also ich darf eintreten?« sagte der Angeredete. »Aber wenn ich eintreten darf, brauche ich Sie nicht von Ihrem Lieblingsplatze zu verscheuchen.«

»Nein, da haben Sie recht; nirgends plaudert's sich so hübsch wie hier,« sagte sie unbefangen und nahm ihren früheren Platz wieder ein.

Er setzte sich ihr gegenüber. An der ungezwungenen Art der Begrüßung, an der ruhigen, gegenseitigen Sicherheit konnte man sehen, wie diese Besuche etwas Gewohntes waren.

»Nun, und woran störte Sie der Sonnenschein?« fragte er, die Hand nach dem Buch ausstreckend, das sie ihm bereitwillig hinschob. »Wie ernst; Sie beschämen einen, Fräulein Nora, indem Sie an solche Gedanken sich wagen!«

»Gegengewicht muß sein,« sagte sie mit einem kleinen Seufzer; »ich habe es nötiger als Sie! Der gänzliche Mangel an allem Tieferen und Ernsteren ist das einzige, was ich hier schmerzlich empfinde. Bei Ihnen allein finde ich darin Verständnis.« Ihre blauen Augen ruhten dabei so voll und ganz auf ihm, daß es dem jungen Mann eigen zumute wurde, als er sich dem schönen Blicke gegenüber befand.

»Mit dem Ernste sieht es schlimm bei mir aus,« gab er ein wenig gezwungen zurück. »Schwärmen, nichts als schwärmen und verschwendete Zeit! Wäre es nicht Studentenleben, das nur einmal kommt, man sollte es bereuen. Aber denken Sie ebenso, Fräulein Nora? Sie sind ja auch dem Schulleben erst entronnen. Sehen Sie, ich habe Ihnen hier etwas mitgebracht, was vielleicht besser zur Maisonne paßt. Sie klagten über Mangel an Lektüre …«

»Haben Sie mir etwas zu lesen mitgebracht?« sagte Nora, froh nach den Goldschnittbänden greifend, die er vor ihr niederlegte. »Ich hatte nichts mehr zu lesen als meine Studienbücher, da mir niemand darin raten kann … Aber darf ich dies auch lesen?« setzte sie zögernd hinzu.

Der junge Mann lächelte nicht bei der naiven Frage; er kannte zu gut die Schranke, welche vorsichtige Erziehung um eine junge Mädchenseele zieht, und nicht die geistvollste Bemerkung hätte ihm so zugesagt, sie seinen Anschauungen so nahe gebracht, wie diese zarte Gewissenhaftigkeit.

»Meine Mutter selbst würde sie Ihnen empfehlen,« sagte er. »Es sind Sammlungen unserer besten deutschen Dichter. Ich habe mich schon darauf gefreut, Ihnen einiges daraus mitzuteilen … Kennen Sie dieses?« fragte er und beugte sich über das Buch, ihr einige Strophen vorlesend.

Er las gut, und Nora lauschte gern – seiner Stimme, wie dem, was er las. Es waren ernste, schwermütige Worte. Die Jugend liebt das Wehmütige, wie das Alter das Erheiternde; aber es waren Worte voll echter Poesie. Noras leicht rührbare Natur mit der poetischen Ader, die ihr als irisches Erbe von der Mutter überkommen war, machte sie besonders empfänglich für alles, was Dichtung war. Seine gründliche Bildung wußte das wahrhaft Schöne daran noch mehr hervorzuheben. Worte und Gedanke spannen sich hin und her wie ein leuchtender Faden. Wie sie da saßen, die beiden, und das Herz ihnen pochte vor unverstandener Erregung, ahnten sie kaum, daß noch ein anderer magischer Zauber sich über sie ausbreite, stärker als Dichterworte und Maienrausch.

Das ist wohl das Schöne der ersten Liebe, der Himmelsduft, der sie umgibt, wie dann noch ganz rein sich Seele an Seele schließt und der Mensch sich kaum bewußt wird, daß es auch der Strahl des Auges ist, der fesselt, der Druck der Hand, der brennt.

Keine spätere Liebe, mag sie treuer, tiefer, süßer sein, ist so frei vom Irdischen, und um deshalb, wie flüchtig die erste Liebe oft sein mag, wird ihrer stets mit solcher Wehmut gedacht.

Degenthal hatte seit Wochen in der Villa verkehrt; es hatte sich so natürlich ergeben, daß er jetzt kaum bemerkte, wieviel Zeit er dort zubrachte. Bei seinem ersten Besuche, den er mit Dahnow dem Direktor und seiner Familie gemacht, war Nora bei dem Wiedersehen stumm und schüchtern geblieben, wie das oft ist, wenn die Jahre, welche Kindheit und Jugend trennen, dazwischen liegen und die frühere Vertraulichkeit mehr hindernd als vermittelnd wirkt.

»Nur eine Pensionärin!« hatte Dahnow etwas enttäuscht gesagt. »Wer sich die Haare so entstellend über die Schläfen ziehen kann, ist wahrlich keine gefährliche Sirene! Nicht einmal die Versuchung, ein armes, unterdrücktes Geschöpf vor einer bösen Stiefmutter zu retten! Das blonde Wesen sieht ja wie die personifizierte Gutmütigkeit aus und scheint mehr in Furcht vor der Tochter, als umgekehrt. … In unserer nivellierenden Zeit bietet nicht einmal eine Kunstreitergesellschaft mehr etwas Interessantes, denn ein hübsches, linkisches Mädchen kann man auch in besserer Gesellschaft finden,« hatte er brummend hinzugesetzt.

Dahnow war gleich darauf seiner Familienverhältnisse wegen in die Heimat gerufen worden und weilte noch da. Degenthal aber hatte nichts Pikantes gesucht; ihm war es um das Wiedersehen zu tun gewesen mit dem Mädchen, das ihm als Kind solches Interesse eingeflößt, dessen eigentümliches Schicksal ihn so oft in Gedanken beschäftigt hatte. Er konnte sich der Phantasie nicht erwehren, daß sie ihm gewissermaßen anvertraut worden sei in jener Stunde, wo er am Sterbebett ihrer Mutter geweilt.

Ob ihm diese Verpflichtung so vor Augen getreten wäre, hätte er Nora unschön und unliebenswürdig wiedergefunden, wollen wir dahingestellt sein lassen; aber er fand sie wieder mit allen Reizen der Natur geschmückt und, was seinem feinen Sinne noch mehr zusagte, mit all der Anmut, die eine gute Erziehung gibt, und die man der Harmonie wegen, die sie dem Ganzen leiht, gar nicht mit Unrecht den »guten Ton« nennt. Kurt Degenthal war fast ausschließlich von Frauenhand erzogen und des Frauenumganges gewohnt; inmitten des lauten Studentenlebens tat es ihm doppelt wohl, einem feingebildeten weiblichen Gemüte zu begegnen. Daß er des Umganges mit viel größerer Freiheit genoß, als in jeder anderen Häuslichkeit der Fall gewesen wäre, lag eben in den eigentümlichen Verhältnissen und kam weder ihm noch Nora recht zum Bewußtsein. Die Kindheitsepisode schlang in ihren Augen eine Art geschwisterlicher Vertrautheit um sie, die sie ganz natürlich fanden.

Frau Emilie, geschmeichelt durch die Besuche eines Grafen, hatte in der ersten Zeit versucht, sich an der Unterhaltung zu beteiligen: aber Degenthals ganze Art und Weise war ihr zu fern und zu fremd, um Geschmack daran zu finden, so daß sie bald sich gern davon dispensierte und Kurt und Nora meist ungestört ließ. Wer die beiden jungen Leute aber in den langen Stunden ihres Beisammenseins belauscht hätte, würde vielleicht gestaunt haben über die ernste Richtung, welche ihre Gedanken nahmen. Aber wie schon gesagt, die Jugend sucht den Ernst. Beide waren tiefe Naturen, beide retteten sich zueinander aus der Oberflächlichkeit der übrigen Umgebung.

Kurts Anschauungen waren die, in denen Nora erzogen worden, die Lebensgewohnheiten, von denen er sprach, waren die der Kreise, von denen sie gehört, und vor allem besaß der junge Mann einen in ihren Augen unschätzbaren Vorzug – Kurt hatte einen festen Glauben, einen warmen, frommen Sinn, den er ohne Demonstration, aber treu und offen an den Tag legte. An das gemeinsame kirchliche Leben des Klosters gewöhnt, hatte Nora es tief empfunden, jetzt in dieser Beziehung allein zu stehen. Ihre Stiefmutter gehörte dem Namen nach einer anderen Konfession an; bei ihrem Vater aber waren die Eindrücke, die seine fromme Frau einst in ihm erweckt, längst verwischt worden. War es auch Noras stilles Hoffen, ihn dafür wiederzugewinnen, so lag doch die Erfüllung allzu fern.

Um so wohltuender war es ihr, mit Kurt auch in diesem Punkt übereinzustimmen. Er ging stets voll Ernst darauf ein: war ihm ja der Eindruck nie geschwunden, ihr Halt und Schutz sein zu wollen. Oft stieg ihm der Gedanke auf, wie ihr Leben sich entwickeln würde: das war das einzige, was sie nie berührte. Ihm selbst schwebte der Gedanke so nebelhaft unklar vor, daß er ihn gern zurückwies und nur dem Augenblicke lebte. Seiner Mutter hatte er gleich zuerst geschrieben, daß und wie er Nora wiedergefunden; sie hatte es in ihrer Antwort als eine ihr ganz nebensächliche Angelegenheit kaum berührt; er war daher auf seine ferneren Besuche in der Villa nicht zurückgekommen.

Allmählich fanden sich außer ihm noch mehrere Besucher dort ein. Nora war zu wenig weltkundig, um zu bemerken, daß es nur Herren, und zwar meist nur aus den Studentenkreisen, waren. Es gehört ja zur goldenen, aber gefährlichen Studentenfreiheit, in jeder Gesellschaft Fuß fassen zu dürfen, ohne die Schranken abgemessener Geselligkeit innezuhalten.

Frau Emilie sah gern einen Kreis von Verehrern und Bewunderern um sich, denen zu Ehren sie ihre schöne Toilette zeigen konnte, und auch dem Direktor war es nicht unangenehm, Gesellschaft in seinem Hause zu treffen, wenn er sich dort einfand. An öffentlichen Vergnügungen, wie Theater und Konzerte, die Frau Emilie sehr liebte, nahm Nora nie teil. Ein ernster Blick Kurts hatte sie vielleicht noch in ihrem Vorsatze bestärkt, als einst ihre Stiefmutter in seiner Gegenwart mit einem ähnlichen Vorschlag in sie drang. Um so mehr liebte sie die Ausflüge zu Wasser oder zu Land, zu Wagen, zu Pferd oder zu Fuß, die man zu den schönsten Punkten der Gegend unternahm und denen meist einige der bekannten jungen Leute sich anschlossen. Es war wie ein schweigendes Übereinkommen, daß Nora nie daran teilnahm, wenn nicht Degenthal sie begleitete. Er übte eine Art brüderlichen Schutzrechtes über sie; sie fühlte sich sicher und unbefangen in seiner Nähe und hatte das unwillkürliche Gefühl, daß seine Gegenwart dem Ganzen Halt gebe. Darin hatte sie auch nicht unrecht: denn sein ernster, ehrfurchtsvoller Ton diesen Damen gegenüber imponierte seinen Gefährten.

Wochen waren so vergangen; wie jener Besuch am Morgen, waren deren viele gewesen, voll reiner, unbefangener Schwärmerei und Jugendlust.

Noch war es Mai, aber einer der letzten Tage des Monates, und eine heitere Gesellschaft zog, ihn zu nützen in seiner Schönheit, hinauf den reizenden Weg, nach dem alten Rolandseck. Frau Emilie, das schwarze Hütchen mit der roten Feder auf den Locken, sah anziehend genug aus, die Schar der jungen Leute um sich zu fesseln. Ihre kecken Antworten wie ihr munteres Lachen paßten allzu gut zu dem Stumpfnäschen, um nicht abstoßend zu wirken, wenn sie oft auch scharf an die Grenzen des guten Tones streifte. Aber Frau Emilie konnte nicht immer die Würdevolle spielen. Sie sah gern, daß ihre Stieftochter ihr schon so weit vorangeschritten war, und blieb absichtlich etwas zurück.

Kurt ging an Noras Seite. Beide waren wie immer in ein Gespräch vertieft, das sie ausschließlich in Anspruch nahm. Nora schritt schnell voran; denn sie liebte es, den ersten Blick auf eine schöne Aussicht ungestört zu genießen. Bald waren die beiden oben angelangt an dem alten Mauerbogen, aus dem man hinausschaut auf den flutenden Strom und auf die beiden grünen Inseln unten, auf das Panorama von Berg und Wald, von Städten und Dörflein ringsumher, diese seltene harmonische Vereinigung ernsten Naturzaubers und heiterster menschlicher Belebung.

Kurts Auge ruhte heute aber nicht auf der Landschaft, sondern blieb auf seiner Gefährtin haften, die still an dem alten Gemäuer lehnte, während ihr Blick mit eigentümlichem Ausdruck an einem Punkte hing, der sie alles vergessen zu machen schien. Nora war streng in der Einfachheit ihrer Pensionatserziehung geblieben. Schlicht und anspruchslos war das leichte Frühjahrsgewand, das sie trug, einfach der breitrandige Hut, der das Antlitz tief beschattete und die von Baron Dahnow so streng gerügte Frisur gerade verdeckte. Nora war schön; aber es war noch die herbe, unbewußte Mädchenschönheit, die den Blick eher abweisen als anziehen will, deren Ausdruck noch verschlossen ist wie eine Knospe.

Kurt schien etwas Besonderes, Unlösbares darin zu finden – so unverwandt mußte er das feine Profil anschauen, das wie träumerisch aus dem efeuumrankten Bogen sah. Plötzlich zuckte er zusammen; er sah, wie eine Träne langsam aus der dunklen Wimper schlich und sich die Wange herabstahl. »Nora!« rief er erschreckt und beugte sich zu ihr.

Sie sah ihn an, das Auge noch feucht, aber ein Lächeln schon wieder auf den Lippen. »Ritter, treue Schwesterliebe …« sagte sie schelmisch. »Der arme Toggenburger!«

Kurt fuhr zurück, die Worte berührten ihn. »Warum sagen Sie das gerade, Fräulein Nora? Haben Sie daran gedacht?« fragte er, ein wenig geärgert.

»An was gedacht?« fragte sie unbefangen entgegen. »An den edlen Toggenburger? Nein, ich zitierte die Stelle, nur, wie sie hier wohl schon tausendmal zitiert worden ist. Ich will Ihnen aber sagen, woran ich dachte. Das Kloster da unten mit seinem Kreuze rief so viele Erinnerungen wach an mein liebes altes Kloster, daß ich wahrhaft Sehnsucht danach bekam.«

»Deshalb dachten Sie an die grausame Schöne des treuen Ritters?«

»Warum grausam? Ist es nicht wundervoll, so Gott allein zu lieben, daß man sein Herz gar keinem anderen geben kann? Eine Freundin habe ich, die hat es gekonnt; eine, die wird es können. Aus ganzer Seele, aus allen Kräften, mit dem ganzen Gemüt … es gibt nichts Schöneres, nichts Beneidenswerteres!« sagte sie mit tiefer Innigkeit, und in ihrem Auge lag die Sehnsucht, von der sie eben gesprochen.

Es ergriff Kurt sonderbar, sie so zu sehen. »Ich glaube, Sie könnten auch so einen treuen Ritter harren lassen,« meinte er, etwas gezwungen in dem Tone des Scherzes bleibend. »Ach, der gute Toggenburger!« sagte sie lächelnd. »Er war ein bißchen langweilig mit seinem ewigen Hinabschauen. Wie lasen Sie gestern? … Es gibt noch mehr zu schaffen als einen Liebesmai.«

»Wenn man aber nicht überwinden kann?«

»O, man muß können,« sagte Nora bestimmt, mit all der Energie der Jugend, die meist daher rührt, daß sie noch nicht zu können braucht. Und ihren Blick wieder dem Kloster unten zuwendend, fuhr sie fort: »Mit dem Herrgott sollte man nicht ringen; wenn dem ein Herz ganz gehört, ist es ja unmöglich, es ihm abwendig zu machen.«

»Aber, Fräulein Nora … Sie!« rief Kurt wie entsetzt aus.

»Es wäre das Allerglücklichste vielleicht gerade für mich,« flüsterte sie halblaut, und ein Ausdruck unbeschreiblicher Wehmut zog über ihr Gesicht …

Im selben Augenblicke wurden die Stimmen der anderen hörbar. Sie wandte sich von ihm und sprang ihrer Stiefmutter entgegen, die eben mit den übrigen die Höhe erreichte.

Laute Fragen, über ihr Verweilen begrüßten sie, und heitere Worte gab sie zurück; sie hatte, wie als Kind, die anmutige Sicherheit der Gesellschaft.

Man ließ sich nach der ermüdenden Promenade auf Rasen und Steinen im Schutze der alten Ruine nieder. Maiwein wurde kredenzt, Lieder wurden angestimmt. Kleine Mädchen mit den klaren, frohen Augen, die rheinischen Kindern eigen sind, brachten Maiblumensträuße und Efeukränze, mit denen man Hüte und Knopflöcher schmückte. Fern vom Strome herauf oder vom Drachenfels drüben klangen die Töne heiterer Musik oder die Stimmen fröhlicher Menschen herüber und gaben die Atmosphäre des Frohsinns, wie sie nur im Rheinlande herrscht und so ansteckend wirkt.

Still im frohen Kreise blieb heute nur Kurt Degenthal. Die Worte Noras hatten sein tiefstes Innere aufgewühlt, einen Ideengang heraufbeschworen, von dem er sich nicht los zu machen vermochte. Was, war das Kloster ihre Sehnsucht? War das ihr Entschluß? War sie deshalb so heiter, so unbefangen, weil sie schon ganz mit sich im reinen war? Kurt hatte oft gehört, daß gerade die lebensvollsten Mädchen am leichtesten den Entschluß faßten.

Und warum freute er sich nicht darüber? Wäre es nicht, wie sie eben gesagt, das Glücklichste für sie – der sicherste Zufluchtsort auch in weltlicher Beziehung?

Aber der Gedanke empörte ihn. Was sollte dies schöne, liebenswürdige Wesen sich von der Welt zurückziehen müssen, weil diese ihr keinen passenden Platz biete? Sollte sie hinter Klostermauern sich vergraben, weil es keinen Fleck gebe, dem sie angehören könne?

Kurt war in frommer Ehrfurcht für den klösterlichen Beruf erzogen, aber in bezug auf Nora dachte er doch an »starre Klostermauern« und sprach von »sich vergraben«. Der Gedanke, daß sie das Kloster als Rettung aus ihren schwierigen Verhältnissen betrachten würde, gewann zuletzt sogar die Oberhand.

Als man abends im Kahn auf dem Rheine nach Bonn zurückkehrte, hatte Nora ihm gegenüber Platz genommen. Sie hatte den Hut abgelegt und ein weißes Tuch um den Kopf geschlungen; die Hände ruhten gefalten im Schoß, und ihre Züge hatten das Gepräge sinnender Melancholie, wie Abendstille, Mondschein und das leise Wogen des Wassers es so leicht hervorruft.

Für Kurt aber sah sie jetzt erschreckend nonnenhaft aus; es war ihm wie die Bestätigung seiner Gedanken: er sah nichts wie Aufopferung und Ergebung in ihren Zügen. Das Herz schnürte sich ihm zusammen, das Wort drängte sich ihm auf die Lippen. »Gehen Sie nicht ins Kloster, Nora, gehen Sie nicht!« flüsterte er, sich zu ihr neigend.

Nora sah ihn erstaunt und befremdet an. Aber in dem Herzen jedes Mädchens steckt ein Kobold, der ihm verrät, wann es die Macht hat, den Mann quälen zu können. Sie sah ihn mit einem halben Lächeln an. »Und warum denn nicht? Es ist ja der schönste Beruf.«

Kurt schwieg; er war sich halb und halb bewußt, etwas recht Dummes getan zu haben. Er war froh, daß der Nachen ans Land stieß und er sich von der Gesellschaft verabschieden konnte, indem er Kopfschmerzen vorschützte, die auch seine vorherige Schweigsamkeit rechtfertigen sollten.

In seine Träume hinein aber verfolgten ihn die einmal erregten Gedanken. Immer sah er Nora hinter vergitterten Fenstern. Immer hatte er das Gefühl, daß nur er sie retten könne, und er wußte nicht wie.

Vielleicht hätte er besser geschlafen, wenn er gewußt hätte, wie auch Nora noch lange mit offenen Augen und brennenden Wangen auf ihren Kissen lag, eine einzige Frage sich immer wiederholend: »Warum wollte er nicht, daß ich ins Kloster gehe, obgleich er so fromm ist?«

6

Man soll kein Leben auf Gefühle bauen,
Die mit den Dingen nicht im Einklang sind!
Das Herz ist wandelbar, die Dinge bleiben.
Geibel.

Dahnow war nach dreimonatiger Abwesenheit zurückgekehrt. »Wo ist Degenthal?« hatte er gefragt, als er ihn im Kreise der Freunde, die ihn willkommen hießen, nicht sah.

»Ja, Degenthal,« lautete die Antwort, von Achselzucken und geheimnisvollem Lächeln begleitet, »der hat anderes zu tun; den sieht man kaum noch.«

»O Liebe, Liebe, du bist so wunder-wunderschön!« sang einer mit pathetischer Stimme, die Hand auf das Herz legend.

»Was ist's mit ihm?« fuhr Dahnow heraus, sie fast grollend ansehend. »Was habt ihr mit ihm?«

»Wir haben nichts mit ihm, aber er scheint etwas mit anderen zu haben, daß er sich so rar macht; vielleicht ist er auch nur Studiums halber so unsichtbar … in der Villa studiert er vielleicht schöne Künste.«

»Ach was,« fiel der Westfale dem Redner ins Wort, »ihr seid schlimmer als eine Gesellschaft alter Jungfern! Degenthal war immer mit uns bis vor einiger Zeit, und einige von euch sind selbst oft genug in der Villa. Kann denn niemand ein hübsches Mädchen ansehen, ohne daß gleich alles schwatzt?«

»Es kommt darauf an, wie oft man sie ansieht!« lachte einer der anderen. »Degenthal macht sich das Vergnügen wenigstens gründlich.«

»Das ist übertrieben; er ist seit einigen Tagen verreist. Er hat eine Rheintour vor, sonst wäre er gewiß hier, Dahnow; er fragte öfter nach dir.«

Dahnow atmete auf; er hatte in all der Zeit nichts von Degenthal gehört, und wenn das auch gerade unter Männern, denen gemeinlich die Lust zu brieflicher Mitteilung abgeht, nichts Ungewöhnliches ist, so stieg bei den Andeutungen doch eine unheimliche Ahnung in ihm auf. Er mochte gar nicht weiter fragen. Als er sich nach dem kleinen Willkommensfest, welches die Freunde ihm bereitet hatten, von ihnen trennte, begleitete ihn der Westfale noch eine Strecke.

»Du, Klemens,« sagte er nach einigem Schweigen, »du könntest dem Degenthal doch ein Wort sagen: eure Alten waren ja befreundet. Ich hab's vorhin den anderen ausreden wollen; aber es gefällt auch mir nicht, daß er immer in der Villa liegt und sich von allem zurückzieht.«

»In welcher Villa?« fragte Dahnow.

»Na, da bei der Kunstreiter-Direktor-Familie! Das ist keine Gesellschaft für ihn, wenn die Leute auch noch so viel Luxus treiben. Das Mädchen ist schön; ich habe sie ein paarmal vorüberreiten sehen. Wenn Degenthal sich aber da verplemperte, wär's schade!«

»Ah bah!« sagte Dahnow, »wenn es das ist! Er kennt die Familie von früherer Zeit her. Ich glaube, das Mädchen kam durch einen Zufall auf längere Zeit in das Degenthalsche Haus, weil die Gräfin ihre Mutter kannte … Kinderfreundschaft.«

»Geh' mir mit Kinderfreundschaft! Tu' Feuer und Stroh zusammen, dann brennt's!« meinte der vorsichtige Westfale. »Das ist schon Besseren passiert als dem Degenthal. Ich sage dir, warne ihn.«

»Warst du auch dort?« fragte Dahnow.

»Nein! Einige von uns gehen hin. Es sollen ganz anständige Leute sein, dagegen will ich nichts sagen; auch gegen das Mädchen nicht. Aber bei uns zulande bleibt man unter seinesgleichen, dann gibt es keine Dummheiten. Bei der Besucherei von Degenthal kann nichts herauskommen, als daß er sich oder das Mädchen unglücklich macht.« Der Westfale hielt selten so lange Reden und hatte sich ganz in den Eifer hineingesprochen.

»Ah bah!« machte Dahnow wieder. »Ihr Westfalen schließt euch dreifach hermetisch ab; das kann man anderen Menschenkindern nicht zumuten.«

»Wir sind bis jetzt nicht schlecht dabei gefahren. Tu', was du willst, ich hab's dir gesagt.«

»Wir wollen sehen,« sagte Dahnow beschwichtigend. »Degenthal wird wissen, was er tut.«

Der Westfale zuckte die Achseln und ging. Dahnow selbst war aber nicht so ruhig, als er vorgab zu sein. »Ich werde dem Jungen etwas aufpassen,« sagte er. »Im Grunde hat er gerade das Zeug zu den lebenslangen dummen Streichen in sich … zu gut, um leichtsinnig zu sein, zu schwärmerisch, um vernünftig zu bleiben.«

Das Aufpassen wurde dem guten Dahnow für die ersten Tage aber schwer gemacht; denn er bekam Degenthal nicht zu sehen. Bei seinen jedesmaligen Besuchen in dessen Wohnung ward ihm ein »Nicht zu Hause« bedeutet.

»Vielleicht ist er vernünftig gewesen und ist abgereist,« tröstete sich der Dicke, entschloß sich aber, in der Villa den Stand der Dinge auszuforschen. Auf Grund seines ersten Besuches beim Direktor war eine Visite dort gerechtfertigt.

So setzte denn Dahnow eines Nachmittags seinen äußeren Menschen mit seines Besuches Absicht in Einklang und wanderte zu der Villa hin.

Er ward angenommen. Die Direktorin empfing ihn freundlich und erkundigte sich auf das liebenwürdigste nach seiner Heimat und seiner Reise. Einigen geographischen Ungenauigkeiten in bezug auf Mecklenburg hielt er ritterlich stand, und brachte die geschwinde Zunge der Dame stets wieder in das rechte Fahrwasser, doch blieb sie hartnäckig bei dem Ausfragen stehen, ohne sich viel auf Mitteilungen einzulassen.

Dahnows graue Augen hatten sich indes vergeblich in den Salons umgeschaut, bis durch die hohen Erkerfenster sein Blick in den Garten fiel. Da erkannte er zwei Gestalten, die eifrig redend auf und nieder gingen. Die Direktorin war seinem Blicke gefolgt. »Ihr Freund ist eben hier,« sagte sie, »und wird sich gewiß sehr freuen, Sie zu treffen. Ach, Graf Degenthal ist ein ernster Mann; ich rette mich stets vor seinen und meiner Tochter Gesprächen … Sollen wir die Herren Gelehrten hereinrufen?« setzte sie mit einem kleinen koketten Blicke hinzu, »oder sie ihrem Ernst überlassen?« Ein verlängertes Tète-a-Tète mit dem liebenswürdigen Baron, der so gut zu plaudern wußte, schien ihr gar nicht unangenehm.

Dahnow aber kleidete seine Wünsche, auch Fräulein Nora zu begrüßen, in die höflichste Form, und die Direktorin hüpfte mit neckischer Grazie an das Fenster, sie herbeizuklopfen. »Nun werden sie freilich alle gleich möglichst sérieux werden,« meinte sie, und sah mit beleidigter Kindermiene zu ihm auf – sie schien das naive Genre entschieden für das des Barons zu halten – »und jetzt: sauve qui peut … Ich hoffe, wir sehen Sie öfter in dieser Zeit,« setzte sie hinzu, – und ehe ihre Stieftochter eintrat, hatte sie das Zimmer verlassen.

Jedenfalls war es mehr Ueberraschung als Freude, was sich in Degenthals Zügen malte, als er sich plötzlich seinem Freunde gegenübersah. Dahnow bemerkte es nicht, so nahm ihn Noras Anblick gefangen. Sie begrüßte ihn mit lebhafter Freundlichkeit. Was war mit ihr vorgegangen, seitdem er sie gesehen? Das war nicht mehr das steife, abweisende Mädchen, das er damals so summarisch unter die Backfische verwiesen hatte. Ihre Gestalt schien anmutiger; war es das leichte Sommergewand, was sie so vorteilhaft erscheinen ließ? War es, daß die dunklen Haarmassen jetzt Stirn und Schläfen frei ließen, um in reichen Locken am schlanken Halse niederzufallen? Jede Linie, jede Falte zeigte den echt weiblichen Wunsch nach Verschönerung und Gefallen; die Augen strahlten dabei so hell, der Mund lachte so lieblich, daß es Dahnow war, als sei ihm niemals so viel Liebreiz entgegengetreten.

»Bist du schon zurück?« fragte Degenthal, dem Freunde die Hand auf die Schulter legend. »Ich ahnte nicht, weshalb wir hereinbeordert wurden.«

»Schon?« sagte Dahnow und sein Blick, den er von Nora auf seinen Freund wandte, zeigte das schelmische Blinzeln, das bei aller Ruhe sein Antlitz so sehr beleben konnte. »Schon? Die drei Monate scheinen dir kurz vorgekommen zu sein. Du mußt mich nicht sehr vermißt haben … Hast du nicht eine ziemliche Anhäufung meiner Karten bei dir gefunden? Seit acht Tagen suche ich vergeblich bei dir Einlaß zu finden.«

»So?« sagte Degenthal zerstreut. Er schien nur Augen für Nora zu haben, die sich jetzt dem Erker zuwandte. »Ja, ich war einige Tage abwesend; ich hatte zu tun … ich hatte gar nicht gehört, daß du zurück seiest.«

»Ich habe überhaupt die melancholische Beobachtung gemacht, daß du sehr gut leben kannst, ohne von mir zu hören, mein Bester … Was haben Sie alles getrieben diesen Sommer, Fräulein Nora, daß mein Freund so stumm blieb? Oder war er so mit Studien beschäftigt, daß er auch Sie vernachlässigt hat?«

»O nein,« sagte Nora warm; »uns ist Graf Degenthal ein sehr treuer Freund gewesen. Fast täglich ist er gekommen; ich weiß gar nicht, wie die Tage uns sonst vergangen wären.« Jetzt streifte sie Dahnows scharfer Blick, und unwillkürlich stieg ihr eine leichte Röte auf die Stirn. »Der Sommer in dieser herrlichen Gegend ist mir dahingeflogen wie ein einziger reizender Traum,« setzte sie hinzu, den Kopf wie träumerisch zurücklegend.

»Warum wie ein Traum?« warf Degenthal mit sichtlicher Unruhe dazwischen.

»Weil wir ja so bald unsere Zelte hier abbrechen … und dann kommt alles anders,« sagte sie. Es lag etwas Klagendes in ihrer Stimme.

Degenthal sah sie forschend an; eine Frage schien auf seinen Lippen zu liegen.

Dahnow indessen fing an, sich merklich unbehaglich und zuviel zwischen den beiden zu fühlen.

Plötzlich sprang Degenthal auf. »Du wirst doch noch viel von deinen Reisen zu erzählen haben.« sagte er mit erzwungener Leichtigkeit zu seinem Freunde; »ich darf leider mich nicht länger hier aufhalten … Fräulein Nora, empfehlen Sie mich, bitte, Ihrer Frau Mutter … Ich treffe dich, wenn nicht heute abend, so doch morgen wohl, und dann sollst du auch mir berichten.«

Unwillkürlich war Dahnow bei dem plötzlichen Abschied ebenfalls aufgesprungen. Er wollte gerade den Mund öffnen, um zu erklären, daß er Degenthal begleiten wolle, als dieser schon den Hut ergriffen hatte.

Einen Augenblick ruhte Noras Hand in der seinen. »Ich darf ja dieser Tage wiederkommen?« sagte er. »So eilig brechen Sie Ihre Zelte doch nicht ab?« Und mit einem kurzen »Adieu!« war er verschwunden.

Der Dicke wurde etwas perplex bei diesem hastigen Rückzuge. Hatte er sich im stillen doch vorgenommen, gerade den Rückweg zu einem ernsten Wort zu benutzen, anknüpfend an das Gesehene: und nun entschlüpfte der Freund ihm.

Seine Reiseerzählungen, über die er den Mund noch nicht aufgetan, schienen auch nicht allzusehr das Interesse der jungen Dame in Anspruch nehmen zu sollen; denn für den Augenblick blieb der Kopf ihm ganz abgewandt, die Augen fest auf den Garten gerichtet, wo Kurts elastische Gestalt eben verschwand. War es nur tändelndes Spiel, daß sie den roten Nelkenstrauß, den sie aus dem Garten mit hereingebracht, dabei so fest an die Lippen preßte, als wollte sie den Duft desselben einsaugen?

Klemens Dahnow hatte Vernünftigeres zu denken gehabt in dem Augenblick; aber der einzige Gedanke, dessen er sich klar bewußt wurde, war der, daß er mindestens der Geber der Nelken hätte sein mögen, die in so unmittelbare Berührung mit diesem reizenden Munde kamen.

Zwei Stunden später ging Dahnow, noch immer erregt, in seinem Zimmer auf und nieder. Er war der echte Nordländer, der alle erregten Stimmungen unter Dach und Fach in seinen vier Wänden abzumachen liebt, indes der Südländer sie in die freie Natur hinausträgt. Dahnows »vier Wände« bedeuteten zwar vier mit aller Behaglichkeit eingerichtete Zimmer; denn auch darin war er eine echt nordische Natur, daß selbst im leichten Studentenleben seine Häuslichkeit ihm die Hauptsache blieb. Bisher hatte er alle seine Denkübungen bequem auf der Chaiselongue liegend bei dampfender Havanna vorgenommen; doch heute schien alle Ruhe und sein ganzer Gleichmut ihn verlassen zu haben, daß er sich trotz der drückenden Spätsommerschwüle solcher rastlosen Bewegung hingab. »Es muß etwas geschehen!« wiederholte er sich dabei in einem fort; »es muß etwas geschehen! Man kann den Jungen nicht so in den Unsinn hineinlaufen lassen … er kann ja nie daran denken, sie zu heiraten. Und das Mädchen unglücklich zu machen! Es muß etwas geschehen …« Trotz dieser oft aufgestellten Behauptung geschah aber fürs erste nichts; nur daß es ihn dem Schreibtische näher trieb, als liege dort der Schwerpunkt der Tat. »Man muß es seine Mutter wissen lassen … es ist Freundespflicht … vielleicht kann sie es noch hindern. Das hat man davon,« setzte er hinzu, »wenn man die Jungens nur durch Weiber erzieht! Dann kann das erste beste Frauenzimmer mit ihnen anfangen, was es will.« Und doch fühlte Dahnow gleich nach diesem Ausspruch etwas wie Reue aufsteigen, indem Noras Liebreiz ihm vor Augen trat. Sie konnte doch wohl am wenigsten unter »die ersten besten Frauenzimmer« gezählt werden. »Freilich, die könnte auch einen Philosophen toll machen,« brummte er weiter; »aber um so mehr! Er hat kein Recht dazu, das liebliche Wesen unglücklich zu machen, und seine Verhältnisse verbieten ihm geradezu, an solche Heirat zu denken.«

Dabei nahmen Baron Dahnows Gedanken eine kleine Abschweifung auf seine eigenen »Verhältnisse« vor, oder richtiger gesagt, auf die Abwesenheit alles dessen, was mit diesem Namen hätte bezeichnet werden können. Klemens Dahnow gehörte einer alten Familie an; seine Eltern waren früh gestorben, und der Besitz eines selbständigen Vermögens stellte ihn ganz frei. Da seine beiden älteren Brüder schon für die Fortpflanzung des guten Namens in ebenbürtiger Weise gesorgt hatten, brauchte der jüngste Sprosse der Familie niemand Rechenschaft abzulegen, wenn er eine Wahl treffen wollte, und war durch nichts gebunden, jeden Augenblick nach freiem Gutdünken zu handeln.

Eigentümlich aber, daß meist auf solchem Boden die einsam bleibenden Menschen gedeihen. Auch um in den Hafen der Ehe einzulaufen, gehört der Ballast der Wenns und Abers in das Lebensschifflein; denn die dessen entbehren, treiben meist ziellos draußen herum. Dahnow schien gleichwohl in diesem Augenblicke durch den Gedanken an seinen »Mangel an Verhältnissen« durchaus nicht unangenehm berührt zu werden; denn ein leichtes Schmunzeln zog über das runde Gesicht. Heldenmütig riß er sich von dem Gedankenstreifzug los, um auf den Freund zurückzukommen.

»Seine Mutter muß es wissen … es ist Gewissenssache,« war sein wiederholter Schluß. »Am besten wird es sein, daß sie ihn Geschäfte halber abruft. Schwärmer, wie er, vergessen auch leicht wieder; aber mir, dem älteren Freunde, würde sie es nie vergeben, nicht gewarnt zu haben. Eine Kunstreiterstochter … das wäre der alten Gräfin eben recht!«

Baron Dahnow ließ sich mit einem schweren Seufzer endlich am Schreibtische nieder. Die Feder ruhte eine Weile unentschlossen in der Hand, bis sie in Fluß kam, bis die kleinen, scharf gezeichneten Buchstaben, die bei weitem mehr das Innere als das Aeußere des Schreibers verrieten, den Briefbogen bedeckten. Als der letzte Schnörkel des Namenszuges vollführt, warf er die Feder fort, als brenne sie ihm in den Fingern. »Teufelswerk, solche Angeberei!« brummte er vor sich hin. »Und doch, wenn einmal nötig, soll man eine Sache nicht halb tun. Der andern Partei wär's auch gut, zu erfahren, wie die Sachen stehen! Die zarte Hoffnung, als könnten sie den jungen Grafen einfangen, die mir die Frau Stiefmutter zu hegen scheint, ist besser gleich im Keim erstickt. Der Mann hat mir überdies gefallen; er hat auch ein Recht, sein Kind vor einer harten Erfahrung zu schützen.«

So nahm Dahnow von neuem die Feder, um einen zweiten Brief zu stilisieren, der ihm nicht weniger schwer als der erste zu werden schien. Als er vollendet, siegelte und adressierte er mit einer bei ihm seltenen Hast beide Schreiben, sie sofort, ohne sie eines ferneren Blickes zu würdigen, seinem Diener zur Beförderung übergebend.

Er stand dann schwer atmend auf, warf sich in seinen bequemen Lehnstuhl, griff nach seiner feinsten Havanna und gab sich in fünf Minuten zehnmal das Zeugnis, nach bestem Ermessen gehandelt zu haben. Hätte man ihn aber in dem Augenblick als Spion hängen wollen, er würde es trotz allem als gerecht gefunden haben; in so kläglicher Gemütsverfassung befand er sich. »Hol mich der Henker, wenn ich den Jungen, sobald er morgen kommt, nicht zum Beichten bringe und ihm geradeheraus meine Meinung sage, damit er zur Räson kommt!« Das war der letzte Entschluß dieses ereignisvollen Tages für den ehrlichen Mecklenburger.

Vorsätze, die sich auf andere gründen, sind aber nie so genau innezuhalten. Der »Junge« kam eben am anderen Morgen nicht, und nachdem die Briefe doch nun einmal unwiderruflich geworden, beruhigte sich auch Dahnows Eifer, den Freund noch mündlich zur Räson zu bringen, wenigstens etwas.

Nach einigen Tagen wurde Dahnow die Unsichtbarkeit seines Freundes unheimlich. »Als der Berg nicht zu Mahommed kam, ging Mahommed zum Berge,« meinte er philosophisch und »stieg seinem Freund auf die Bude«, wie der technische Studentenausdruck dies bezeichnet. Der Eintritt ward ihm nicht schwer gemacht. Alle Türen waren geöffnet, so daß er ungehindert in Degenthals Zimmer gelangen konnte.

Degenthal lehnte im geöffneten Fenster, den Kopf, wie in Gedanken verloren, auf die Hand gestützt. Er wandte sich erst um, als er Dahnows Schritte dicht neben sich hörte. Einen Augenblick stutzte er und sah ihn wie fragend an; dann aber warf er sich, ihm plötzlich stürmisch um den Hals. »Du, gerade du der erste, mein bester Freund, der mir Glück wünschen kann, dem ich nichts verheimlichen will! Klemens, sie ist mein! Ich habe ihre Liebe, ihr Herz gehört mir seit ihrer frühesten Kindheit. Ich bin selig, daß all diese Ungewißheit zu Ende, daß alles klar ist zwischen uns.«

»Was klar? Zwischen wem alles eins? Bist du verrückt? Von wessen Liebe sprichst du?« rief der Dicke, unwillig sich losmachend.

»Ja, verrückt und toll vor Seligkeit!« rief Kurt, und seine Augen glänzten. »Von wessen Liebe ich spreche? Nun, hast du denn nichts geahnt, nichts bemerkt? Von Nora spreche ich natürlich! Sahst du je ein herrlicheres Geschöpf? Kennst du ein reizenderes, liebenswürdigeres Wesen? … Und sie ist mein.«

»Bist du denn ganz blind und toll, daß du nicht einsiehst, in was für bodenlosen Unsinn du dich hineinrennst?« polterte der Dicke. »Muß man dir es denn vor den Kopf sagen, daß du kein Recht hast, eines Mädchens Liebe zu gewinnen, das du nicht denken kannst, zu heiraten? … Du Graf Degenthal und sie des Kunstreiterdirektors Tochter. Hat dich wirklich aller gesunde Sinn verlassen?«

Degenthal ließ den Freund los. »Kannst du mich nicht eine Stunde glücklich sein lassen?« sagte er schmerzlich. »Ich weiß alles, was kommt; aber einen Tag wollte ich nur, an mein Glück denken. Erst heute morgen haben wir uns ausgesprochen, erst heute morgen haben wir uns ganz verstanden, sind alle meine Kämpfe beendet. Es war eine schwere Zeit!«

»Für solche Verrücktheiten brauchst du auch noch Zeit,« brummte Dahnow, indem er sich auf einen Stuhl niederließ.

Aber Degenthal schien ihn kaum zu hören. »Ich glaubte es anders,« sagte er, die Haare von der Stirn streichend und sich wieder an das Fenster lehnend. »Ich glaubte, sie hätte einen anderen Beruf im Sinne, dem ich sie nicht hätte streitig machen können.«

Ueber Dahnows Lippen fuhr ein zweifelndes Lächeln.

»Besonders in der letzten Zeit, da sie anfing, sich zurückzuziehen, da sie mir plötzlich fremder und kälter entgegentrat … aber sie fürchtete nur, ihre Liebe zu verraten!«

setzte er mit strahlendem Antlitz hinzu. »Doch mich brachte diese Furcht, sie habe den Klosterberuf gewählt, zum Aussprechen; denn in meinem Herzen war es mir längst klar, daß nur Nora, nur sie allein mir je genügen würde. Ohne diese Furcht würde ich vorher alles geordnet haben, ihr die Bitterkeiten davon zu sparen.«

»Ich verstehe nicht,« sagte Dahnow wieder unwillig, »wie du so ohne weiteres mit all deinen Grundsätzen brechen kannst.«

»Grundsätze?« rief Degenthal. »Es gibt ein Ding, das zu allen Zeiten stärker gewesen ist als Grundsätze … das ist die Liebe. Und wenn sie uns nicht in das Schlechte, Gemeine hinabzieht, braucht sie auch nicht im Kampf mit den Grundsätzen zu unterliegen. Hier aber wirkt eine eigentümliche Fügung mit. Nora ist mir als Kind schon zugeführt, gleichsam in die Arme gelegt, als sie schlimmer denn verwaist dastand. Ihre Mutter hat mich gesegnet; von dem Augenblick an habe ich mich wie verantwortlich gefühlt für ihr Lebensschicksal. Der Augenblick ist auch für ihre Erziehung entscheidend geworden; sie gehört nicht mehr den Kreisen an, in die der Zufall sie versetzte. So wie sie da ist, ist sie jeder Stellung ebenbürtig. Ich habe mir alles Wohl überlegt. Oder hältst du mich für Schurke genug, daß ich ohne bestimmte Absicht ihre Liebe annehmen könnte?« Sein Auge blitzte dem Freunde entgegen.

Dahnow schwieg einen Augenblick; er war aus dem Kontext gebracht. All die Tage hatte er sich vorbereitet, seinem Freunde das Geheimnis zu entlocken – und nun ward es ihm entgegengeschleudert. Seine Reden waren berechnet gewesen, vor einer nahenden Gefahr zu warnen, ein noch unbestimmtes Etwas zu bekämpfen – nun stand er vor einer vollendeten Tatsache; und statt einen Schwankenden, Zagenden, Reuigen zu finden, sah er Kurt vor sich stehen, als habe er das Vernünftigste, das Besonnenste von der Welt vollführt. Er wußte kaum etwas vorzubringen.

»Und deine Mutter?« fragte er lakonisch.

»Ja, meine Mutter,« rief Degenthal, »das ist das Härteste dabei. Es wird ihr furchtbar sein. Auch um ihretwillen habe ich lange mit mir gerungen. Ich hätte ihr mein eigenes Glück vielleicht zum Opfer gebracht, aber auch Noras Glück steht auf dem Spiel, ihre ganze Zukunft hängt davon ab. Wenn meine Mutter Nora sieht und kennen lernt, wird sie sehen, wie nur der Name sie von uns trennt. Persönlich wird sie gerade die Tochter sein, die ihr gefällt.«

»Sie hatte aber andere Pläne für dich, die eure Familienverhältnisse sehr wünschenswert machen.«

»Ich lasse nicht über meine Zukunft bestimmen,« sagte Degenthal trotzig. »Wenn meine Mutter die Schwierigkeiten für unüberwindlich hält, mag mein jüngerer Bruder die Güter übernehmen, und ich werde dann mit seiner Apanage mich begnügen. Nora ist mir alles wert.«

»Kurt, um des Himmels willen, bedenke, was du tust!« rief Dahnow. »Handle nicht in der Stunde der Schwärmerei … höre doch einen vernünftigen Rat.«

»Ich bin nicht in schwärmerischer Stimmung: ich bin ruhig, wie du siehst. Aber sage alles, was du zu sagen hast; ich werde dir dankbar dafür sein.« Er setzte sich gelassen dem Freunde gegenüber.

Dahnow, der wenigstens seiner Pflicht genügen wollte, und der seine ganze Fassung wiedergefunden hatte, sagte alles, was über einen solchen Fall zu sagen ist und wohl schon hunderte Male dann gesagt wurde. Ja, er sagte es besser, als es in den meisten Fällen geschieht; denn er sagte es ohne Heftigkeit und Uebertreibung, kurz und mit einschneidender Wahrheit – aber er sprach auch mit dem gewöhnlichen Erfolge. Das beste Wort fällt wie ein Tropfen Wasser auf den heißen Stein: es zischt etwas, aber es löscht nicht.

»Ich habe mir alles überlegt und werde alles überwinden«, war die einzige, auch schon oft dagewesene Antwort.

»Wie aber denkst du es mit ihrem Vater zu halten?« fragte Dahnow noch.

»Ihrem Vater habe ich natürlich gleich geschrieben; er wird meinen Brief schon haben. Glaubst du, Nora sei ein Mädchen, das ein heimliches Verhältnis auch nur eine Stunde dulde?«

»Auch das noch!« sagte Dahnow. Doch dachte er mit einiger Befriedigung dabei, daß der Direktor vorbereitet sei.

»Meiner Mutter schreibe ich heute noch, ihr alles darzustellen. Ich werde sie nur um eines bitten: nicht zu urteilen, ehe sie Nora gesehen.«

»Sie wird sie gar nicht sehen wollen, oder ich müßte sie schlecht kennen … Aber es ist nutzlos, jetzt weiter mit dir zu streiten,« sagte Dahnow aufstehend. »Es ist schwer begreiflich, wie der Mensch sein ganzes Lebensschicksal auf einen Moment des Gefühls bauen kann.«

»Einen Moment des Gefühls nennst du das, was sich all diese Wochen und Monate tief in mein Herz gegraben hat? – wovon ich die sichere Ueberzeugung habe, daß es sich in meine Seele gesenkt hat wie Goldgrund, der nie mehr wechselt: das einzige, was meinem ferneren Leben Glanz verleihen kann! Wäre es aber auch nur einen Moment gewesen, geh, solche Momente sind immer entscheidend. Gäbe es noch ein zweites Paar solcher Augen, Alter, ich würde dir sagen: versuche einmal hineinzuschauen, und sieh, was ein Moment vollbringen kann.« Lächelnd legte Kurt den Arm um des Freundes Nacken bei diesen Worten. »Sei gut,« setzte er hinzu; »sag mir ein gutes Wort zu meinem Glück.«

»Ich kann zu keinem Unsinn Glück wünschen,« sagte Dahnow, absichtlich sich verhärtend; »magst du es noch so poetisch einkleiden. Tu, was du nicht lassen kannst; aber ich werde immer dagegen sein.«

Trotz der herben Worte faßte die Rechte doch des Freundes Hand, und mit einem warmen Drucke schieden sie.

Dahnow war selbst noch jung. Hatte er auch seines Freundes Entschluß eine Torheit, eine Verrücktheit genannt, so blieb ihm die Verrücktheit doch im Sinn, wobei der Mensch so strahlend, so glücklich aussieht und das Leben so leicht nimmt. »Gäbe es noch ein zweites Paar solcher Augen!« hatte Degenthal gesagt, und die folgenden Tage ertappte sich Dahnow mehr als einmal darauf, darüber nachzudenken, ob er jemals solche Augen gesehen, solch kindlich liebliche Augen in so reinem, fast streng geschnittenen Zügen und so tiefblau bei so dunkler Umgebung. Er wußte sie sich so deutlich vorzuzaubern, daß sie ihn endlich Tag und Nacht verfolgten, und er sie sich vorstellen mußte, bald mit dem sehnsüchtigen Ausdruck, wie sie Kurt damals nachgeschaut, bald glückstrahlend, wie auch dessen Blicke jetzt gewesen. Dahnow wurde selbst ganz sehnsüchtig dabei zumute. »Glücklicher Kerl,« hätte er beinahe gesagt; aber zornig brach er ab. »Nichts wie bodenloser Unsinn! Mögen sie sehen, wie sie damit zurecht kommen; ich will mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun haben.«

7

Mein muß sie sein – Mein muß sie sein!
Loreley.

Widerwärtige Angelegenheiten haben meist auch noch die Eigenschaft, uns zu den uns unbequemsten Stunden zu belästigen. Klemens Dahnow liebte die Ruhe allezeit, die innere wie die äußere, absonderlich aber die Morgenruhe. Der Tag schien ihm verfehlt, wo er nicht Morgenschlaf, Morgenkaffee, Morgenzigarre und Morgenzeitung ungestört genießen konnte. Durch die Degenthalsche Geschichte war seine innere Ruhe schon ins Schwanken geraten, jetzt wurde auch seine äußere von ihr bedroht.

Wenige Tage nach der Unterredung stürmte Degenthal eines Morgens in der Frühe in das Schlafzimmer seines Freundes, dem Einspruch erhebenden Diener zum Trotz.

Dahnow wollte dessen Protest ebenso entschieden erneuern, als ein Blick auf seinen Freund ihn verstummen ließ; denn bleich und verstört aussehend, war Kurt in einer Erregung, die Zeit und Ort nicht achtet. »Lies das,« sagte er mit heiserer Stimme, Dahnow einen Brief hinreichend, dessen zerknitterter Zustand schon zeigte, wie beunruhigend der Inhalt auf den Leser gewirkt hatte.

Degenthal ging dann mit großen Schritten in dem Gemach auf und nieder.

Eine Liebesgeschichte hat stets das Eigentümliche, nur dem unmittelbar Beteiligten zu imponieren. Bei traulicher Wanderung im Grünen oder in stiller Abendstunde bei Sternenlicht können wir wohl an den hochgehenden Wogen solcher Herzensergießungen verständnisinnig teilnehmen; aber wenn wir morgens halb acht noch in den Kissen liegen und die Morgensonne uns ins verschlafene Antlitz scheint, da kann der tragische Liebhaber nur auf die nüchternste Auffassung rechnen.

Dahnow las mit der kaltherzigsten Befriedigung den hingereichten Brief, der die Unterschrift des Direktors trug. »Indem ich Ihnen, hochzuverehrender Herr Graf,« lautete er, »für die Ehre danke, die Sie durch Ihre gestrige Anfrage meiner Tochter wie mir erwiesen, muß ich doch die Bitte, die Sie an mich richteten, ein für allemal entschieden zurückweisen. Ich zweifle durchaus nicht an Ihrer festen Absicht, das Glück meines Kindes zu begründen; Ihre Jugend allein spiegelt Ihnen aber die Möglichkeit dazu vor. Sie werden nie die Einwilligung Ihrer Familie zu dieser Verbindung erhalten, und ich kann von deren Standpunkt aus dies nur als berechtigt erkennen, da unsere Lebensbahnen zu verschieden sind. Aber niemals werde ich auch zugeben, daß meine Tochter in Verhältnisse tritt, wo sie nicht mit Freuden aufgenommen werden könnte, wo ihre Verbindung nur Anlaß zu Zwist und Mißstimmung gäbe, deren Folgen sie stets zu tragen hätte. Sie selbst, Herr Graf, haben in der Erregung des Augenblickes die Tragweite Ihres Entschlusses nicht ermessen. Meine Tochter erkennt vollkommen die Richtigkeit meiner Gründe an. Ich will Ihnen keinen Vorwurf daraus machen, daß Sie ihr Wort gewonnen, ehe Sie meine Ansicht darüber kannten, indem meine Tochter mir sagte, welch seltsame Täuschung Sie zu Ihrer Erklärung veranlaßte; – mit jungen, liebenden Herzen soll man nicht streng rechten. Doch bedaure ich sehr, zu spät gekommen zu sein. Ein Gerücht hatte mich auf das aufmerksam gemacht, was leider jetzt eingetroffen ist. An Sie, Herr Graf, muß ich aber um so mehr die Bitte stellen, meine Entscheidung streng zu achten und in keiner Weise meine Tochter in ihrem Entschlusse wankend zu machen oder ihr denselben erschweren zu wollen. Suchen Sie nicht ihren Aufenthalt zu erforschen; wir verlassen auf einige Zeit diese Gegend. Sie werden mir einst selbst für den Schmerz danken, den ich Ihnen heute bereiten muß, und an den ich gern glaube, wie an die Aufrichtigkeit aller Ihrer Gesinnungen. Mit der aufrichtigsten Hochachtung usw. Ihr ergebenster Karsten.«

»Vernünftiger Mann!« klang es aus Dahnows tiefster Seele. Doch ehe das Wort noch laut wurde, schien es ihm Degenthal schon von den Lippen zu lesen.

Funkelnden Blickes blieb er vor dem Freunde stehen. »Du findest das natürlich alles vortrefflich, ausgezeichnet, ganz deine Meinung,« sagte er schneidend und mit bebender Stimme, »wie unglücklich wir auch werden mögen durch diese philisterhafte Auffassung! O, sie haben sie zu Tode gequält, bis sie das erreicht!« rief er wie außer sich und warf sich auf einen Stuhl, die Hände vor das Antlitz schlagend.

Dahnow wandelte menschliches Rühren an. »Armer Junge,« sagte er möglichst teilnahmsvoll, ihm die Hand reichend. Innerlich dachte er aber noch mehr: »Armes Mädchen!« Seltsamerweise geht das Liebesweh des anderen Geschlechtes uns immer mehr zu Herzen, als das des eigenen. Er sah wieder jenen Blick, mit dem sie Kurt nachgeschaut und in dem ihr ganzes Herz gelegen hatte. Warum sie es gerade an den verloren, begriff er nicht recht: kein Mann begreift, daß der andere sehr geliebt werden kann. Aber es war einmal so, und daß das liebliche Geschöpf vielleicht jetzt ebenso traurig dareinschaute wie der da vor ihm Sitzende, das ging dem ehrlichen Mecklenburger doch gewaltig nahe.

»Lies auch das noch,« sagte Degenthal, ihm einen zweiten Zettel hinreichend, da er die weichere Stimmung des Freundes witterte. Eine Mädchenhand hatte nur die wenigen Worte darauf geworfen: »Es war ein schöner, aber großer Irrtum. Es ist besser, zu scheiden. Leben Sie wohl. Gott segne Sie. Nora.«

Dahnow seufzte; ein gewisses Schuldbewußtsein stieg in ihm auf, mit Ursache dieses Kummers zu sein. Eine Weile blieben beide Freunde stumm. Aber je mehr Dahnow nachdachte, um so mehr siegte die trockene Morgenstimmung wieder. Sie wäre jung und schön und würde vergessen, andere würden sie trösten, meinte er.

»Weißt du, Alter,« begann er demgemäß in versöhnlichstem Tone, »wie traurig es auch für den Augenblick ist, so hat ihr Vater doch wohl recht; jetzt ist die Trennung noch leichter, und du würdest doch nie die Schwierigkeiten haben bewältigen können.«

Degenthal schnellte ordentlich empor. »Glaubst du denn, daß ich es dabei lassen werde?« schrie er.

Dahnow hatte einen verkehrten Schachzug getan. Nichts befestigt in solchen Fällen mehr, als der Zweifel an der Möglichkeit des Gelingens. »Glaubst du, daß so ein Wisch,« und Degenthal schleuderte den Brief verächtlich von sich, »mich in meinem Entschluß wankend machen würde? Bis an den Nordpol werde ich sie suchen! Ich weiß, sie liebt mich, und niemand soll uns trennen.«

Dahnow hätte Lust gehabt, wegen des Nordpols zu erwähnen, daß dort ein sehr abkühlendes Klima sei; da seine Worte aber bis jetzt eine so unglückliche Wirkung gehabt hatten, hielt er es für weiser, zu schweigen. Degenthal fuhr unaufhaltsam fort. »Ich habe sofort alle erdenklichen Versuche angestellt, etwas über sie zu erfahren. Ich hörte nichts, als daß sie gestern morgen abgereist seien. Hätte ich nur Nora nicht das Versprechen gegeben, nicht vor der Antwort des Vaters wiederzukommen! Ich war heute morgen schon auf dem Telegraphenamt wie auf der Post; ich dachte, der Direktor könne dort Adressen zurückgelassen haben. Aber ich erfuhr nichts. Jetzt erkundige ich mich an der Eisenbahn. Karsten ist eine bekannte Persönlichkeit, man muß dort etwas in Erfahrung bringen.«

»Du bist ja recht zeitig gewesen,« brummte Dahnow dazwischen, mit einem trübseligen Gedanken an seine gestörte Ruhe.

Degenthal beachtete es aber nicht. »Nun habe ich hier noch eine Nachricht erhalten,« fuhr er fort, »und um deshalb mußte ich dich stören. Du könntest mir einen großen Gefallen tun. Meine Mutter schrieb mir gestern, daß sie kommen wolle; ich verstand nicht recht, wann. Meine Gedanken sind zu zerstreut. Da ich aber wahrscheinlich abreisen muß, kann ich sie nicht empfangen. Sei so freundlich, sie am Bahnhofe zu begrüßen. Da, lies ihren Brief, damit du weißt, wann; ich kann mich nicht darum kümmern.«

Dahnow las ergeben auch dies dritte Schreiben. »Deine Mutter will nicht hierher kommen: sie ist nur auf der Durchreise nach Brüssel, wo sie deine Cousine aus dem Pensionat holen will. Sie hofft aber, dich am Bahnhofe zu treffen und rechnet darauf, daß du sie begleiten würdest.«

»Davon kann jetzt keine Rede sein,« erklärte Degenthal.

»Es wird deiner Mutter aber sehr auffallend sein, wenn du ihr diese kleine Gefälligkeit abschlägst!«

»O nein,« meinte Degenthal; »sie wird meinen Brief schon haben und wissen, warum.«

»Es ist sehr fraglich, ob sie deinen Brief schon hat,« sagte Dahnow wieder, indes er gar nicht daran zweifelte, daß die Gräfin den seinen erhalten habe und daher einen Reiseabstecher für Degenthal sehr günstig fände. »Dem Poststempel zufolge ist es sehr möglich, daß dein Brief sie nicht erreichte. Wie dem auch sei, du wirst die gute Stimmung deiner Mutter immer nötig genug haben, um sie nicht unnütz zu erzürnen. Wie ich damals deine unbedingte Abhängigkeit nicht begriff, so ist es mir jetzt unerklärlich, wie du so gar nicht daran denkst, ihre Gefühle zu schonen. Ich habe es dir freilich prophezeit.«

Ein tüchtiges, gesundes Wort findet auch in das erregteste Gemüt immer am ersten Eingang. So auch hier. Degenthal fühlte sich getroffen; er murmelte etwas von »was ihm jetzt am wichtigsten sein müsse«; doch Dahnow verfolgte den errungenen Vorteil.

»Ob du deine Nachforschungen einen Tag später oder früher beginnst, ist jedenfalls gleichgültig. Der Direktor ist kein Mann, der spurlos verschwinden kann; also behalte jetzt die Hauptsache im Auge: deine Mutter dir freundlich gesinnt zu erhalten. Auf der Reise findet sich Gelegenheit zu manchem vertraulichen Wort.«

»Ich werde sehen,« sagte Degenthal. »Aber jedenfalls sei du auch am Bahnhofe; wenn ich kann, werde ich dir folgen. Ich glaube, du meinst es gut mit uns.«

»O Herr,« dachte Dahnow, als Degenthal sich endlich entfernt hatte, »wenn er es wüßte!« Griesgrämig schellte er seinem Diener und stürzte den Kopf in einige Waschbecken kalten Wassers, um sein Gleichgewicht wieder herzustellen, und dann, in einen türkischen Schlafrock gehüllt, ein herausforderndes Fez auf dem Haupte, zu einem möglichst behaglichen Morgenkaffee überzugehen. Doch wenn das »Schicksal« sich gegen uns verschwört, helfen uns selbst die »Götter« nicht. Der braune Trank duftete eben in der Tasse, das erste Wölkchen der Havanna wirbelte in die Luft und die Morgenzeitung lag noch unaufgefaltet neben ihm, als schon wieder ein Gast an der Tür erschien und sich ebensowenig als der erste abweisen ließ. Aeußerst mißmutig und etwas verlegen griff Dahnow nach seiner roten, muselmännischen Kopfbedeckung, als der neue Eindringling schon vor ihm stand. Er musterte ihn mit erstaunten Blicken: ein schlanker Mann in den mittleren Jahren, dessen langer, schwarzer Rock seinen geistlichen Stand anzeigte. »Kaplan Lucke, der frühere Erzieher des Grafen Degenthal,« sagte der Fremde. »Sie werden meinen Namen kennen durch Graf Kurts Vermittlung, wie ich in Ihnen, Baron Dahnow, seinen besten Freund weiß.«

Dahnows Züge hellten sich auf; er hatte durch Kurt zuviel von dem würdigen Manne gehört, um ihn nicht gern willkommen zu heißen.

»Was mich zu Ihnen führt, werden Sie erraten. Herr Baron,« sagte der Geistliche, gerade auf den Gegenstand kommend, obgleich bei den Worten auf Dahnows Stirn eine Wolke wieder aufzog. »Zuerst und hauptsächlich soll ich Ihnen den Dank der Frau Gräfin aussprechen,« fuhr er fort, »für den echten Freundschaftsdienst, den Sie ihr und ihrem Sohne durch Ihren Brief geleistet haben.«

»Er würde ihn mir schwerlich danken, wenn er davon wüßte,« sagte Dahnow melancholisch. »Wer weiß, ob man gut tut, sich um fremde Angelegenheiten zu kümmern! Man macht die Leute zehnmal leichter unglücklich als glücklich,« setzte er unwirsch hinzu.

»Wie steht die Sache?« fragte der Geistliche weiter, ohne auf den Einwurf einzugehen.

»Gut und schlecht, wie Sie oder er es nennen,« sagte Dahnow und berichtete die Ereignisse der letzten Stunden. »Natürlich denkt er noch nicht daran, die Sache aufzugeben. Wenn die Frau Gräfin etwa meint, den Herrn Sohn mit Redensarten heimzukriegen, irrt sie sehr; dann geht er ihr ganz gewiß durch.«

»Halten Sie es für eine Intrige der Familie … eine Berechnung, den jungen Grafen zu … nun, einzufangen, wie der landläufige Ausdruck sagt? … Was halten Sie von der jungen Dame?« inquirierte der Geistliche weiter, als suche er sich ein klares Bild von der Sache zu machen.

»Mit solchen Augen, wie die sie hat, braucht sie nicht zu intrigieren und zu suchen, ob sie jemand einfangen kann,« antwortete Dahnow immer in demselben unwirschen Ton. »Soviel sage ich Ihnen, Herr Kaplan: wenn ich sie fest hätte, wer weiß, ob ich sie aufgäbe, und wenn die ganze Welt dagegen wäre! Sie ist ein Mädchen, wie jeder Mann sich nur seine Liebe träumen kann … Aber das ist ja nicht Ihr Fach,« setzte Dahnow plötzlich mit einem freundlichen Lächeln hinzu, sich entsinnend, daß er einem Fremden gegenüber stände. Wenn aber Dahnow lächelte, hatte er etwas sehr Gewinnendes, was jeden unangenehmen Eindruck verwischte.

»Die junge Dame war als Kind bereits schön und selten begabt,« fuhr der Geistliche in dem eigenen Gedankengange fort. »Schon um der verstorbenen Mutter willen nehme ich großen Anteil an dem Kinde, und es würde mir unsäglich leid tun, wenn die Erziehung, die wir ihr nach bestem Willen geben ließen, sie nur zu einer Intrige fähiger gemacht hätte, wie die Frau Gräfin meint.«

»Wer spricht von Intrige?!« rief Dahnow. »Können Frauen nie etwas einfach nehmen? Sie meinen immer, das müßte fein angelegt und ausgesponnen sein. Was gibt es Einfacheres, als daß ein junger Mann sich in ein selten schönes, liebenswürdiges Mädchen verliebt, und sie in ihn? Wäre die vertrackte Stellung des Vaters nicht, man könnte ihm wahrlich Glück dazu wünschen. So begreife ich, daß es der Gräfin ein Dorn im Auge … aber ich tue nichts mehr in der Sache, gar nichts, das sage ich, Ihnen.«

Der Kaplan sah den jungen Mann aufmerksam an. Er schien seine eigenen Gedanken dabei zu haben; denn ein feines Lächeln spielte um seine Lippen, als Dahnow sich jetzt abwandte und, beide Hände in die weiten Taschen seines türkischen Schlafrockes versenkt, in Gedanken verloren am Fenster stand.

»Ich glaube, wie die Sache jetzt liegt, brauchen wir auch nichts darin zu tun. Der Vater hat ja vor der Hand selbst abgebrochen. Da wird es am besten sein, die Angelegenheit ruhen zu lassen. Die Frau Gräfin hofft, daß Graf Kurt sie nicht allein nach Brüssel, sondern auch dann heimbegleiten wird, und gedenkt ihn dazu zu bewegen. Andere Kreise, andere Beschäftigung … da wird sich die Leidenschaft legen und der Schmerz heilen.«

»So, meinen Sie das?« sagte Dahnow, sich fast zornig umwendend. »Sie müssen einen verzweifelt kurzen Begriff von der Liebe haben, daß Sie das so leicht nehmen!«

»Sie haben ja eben selbst gesagt, daß es mein Fach nicht sei,« meinte der Kaplan, ruhig lächelnd. »Einige Beispiele habe ich aber immerhin für meine Behauptung. Es wäre schlimm, wenn jeder Jugendeindruck unauslöschlich wäre … und Sie selbst, Herr Baron, sprachen ja auch ganz Ähnliches in Ihrem Briefe aus.«

Dahnow strich sich verlegen den Bart; er war in der eigenen Schlinge gefangen.

»Die Frau Gräfin,« fuhr der Geistliche fort, ohne ihm Zeit zu seiner Verlegenheit zu lassen, »ist gestern abend spät in C. angelangt. Sie schickte mich heute morgen in einem Frühzuge voraus, um Erkundigungen bei Ihnen einzuziehen … weshalb ich mich noch wegen meiner so unziemlich frühen Störung entschuldigen muß. Die Gräfin wünscht aber vor Mittag die Antwort zu haben, und ich werde ihr doch einige vorläufige Beruhigung bringen können. Sie denkt heute nachmittag weiter zu reisen und hofft, ihren Sohn auf dem Bahnhofe zu treffen.«

»Rechnen Sie nicht zu sicher darauf, obgleich ich es ihm möglichst ans Herz legte,« sagte Dahnow. »Er ist in einer Stimmung, in der er zu allem fähig ist. Sie haben mir übrigens eben eine Inkonsequenz so schlagend nachgewiesen, daß ich Sie wohl mit einer etwas konsequenten Schlußfolgerung überraschen darf. Ein Frühzug, der an einen Spätzug schließt, ergibt die geringste Frist zur Befriedigung unserer leiblichen Bedürfnisse. Ich bin überzeugt, Sie haben nur sehr hastig frühstücken können; darf ich Ihnen einen Ersatz anbieten?«

Der Kaplan mußte diese Folgerung als richtig anerkennen und nahm den Vorschlag an. Die gereizte Stimmung des jungen Mannes schien ihm nicht ganz unerklärlich, trotzdem es »nicht sein Fach« war.

Dahnow aber, der sich eines kleinen Privatkellers erfreute und sich auf eine gewisse Frühstückswissenschaft etwas zugute tat, zauberte, nach einigen geheimen Winken an seinen Diener, bald ein Mahl herbei.

»Also auf unseren Feldzug contre l´amour!« sagte Baron Dahnow, ein Glas mit Sherry füllend und dem Kaplan hinreichend. »Wäre ich nicht ein so arger Ketzer, ich könnte Sie um Ihren Stand beneiden, der Ihnen solche Ruhe in diesen Dingen in Ihrem Alter schon gibt.«

»Aber ich möchte nicht auf den Feldzug trinken,« gab der Kaplan zurück. »Weiß Gott, wären nicht so ernste Hindernisse, ich möchte am wenigsten solches Glück gestört wissen. Ich bin Ihrer Ansicht, daß es stets furchtbar ist, in anderer Leute Geschick einzugreifen. Auf dem Lebenswege dieser jungen Dame, der ohnehin so schwierig ist, wird dies ein Stein mehr sein. Möge Gottes Wille ihn lenken! Wer weiß, wozu er ihr diesen Schmerz sendet!«

»Sie sind sehr fromm, Herr Kaplan,« meinte Baron Dahnow. »Bah! Weiber vergessen leicht, und schöne besonders finden bald einen Tröster. Wir beide haben das Schlimmste von der Sache: nichts als Mühe und Unruhe.«

Am Nachmittage befand sich Dahnow zur bestimmten Stunde auf dem Bahnhof. Als der Zug schon heranbrauste, kam auch Degenthal im Reiseanzug, doch nur eine leichte Reisetasche mit sich führend.

»Ich werde meine Mutter begleiten, komme aber übermorgen zurück. Laß mich dann auch dich hier finden,« sagte er zu Dahnow. Es war schon Zeit zum Einsteigen. Eben erfolgte noch eine kurze Vorstellung Dahnows an die Gräfin, welche ihm besonders wohlwollend zunickte; dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung.

»Jedenfalls bis übermorgen!« rief Kurt dem Freunde noch einmal aus dem Abteil zu, als wollte er auf diese Weise auch seiner Mutter gleich seine Absicht kund tun – dann sauste der Zug weiter.

»Ein bestimmtes Gesicht, die Mama! Mit der ist nicht gut Kirschen essen,« dachte Dahnow bei seiner Heimkehr zur Stadt. »Am besten würde es sein, wenn die Cousine schön wie ein Cherub wäre; ein Schwärmer ist zu allem fähig, obgleich der Junge mehr Willen hat, als ich dachte. Arme Nora dann! Aber der Kaplan hat recht; es wäre hart, wenn jeder Jugendeindruck unauslöschlich wäre.« Und Baron Dahnow seufzte schwer. »In die Hand der Mama hab' ich ihn wieder geliefert, … mehr tu ich nicht,« setzte er, wie gewöhnlich auch diesmal hinzu.

8

Kein Recht soll eine Vogelscheuche werben.
Shakespeare.

In ihre Hand geliefert – damit hatte Dahnow sehr richtig die Summe der Wünsche der Gräfin gekennzeichnet. Wie alle Frauen, die einmal die Leitung einer Sache hatten, sah sie die Ursache des Unglücks einzig darin, sie eine Weile aus den Händen gelassen zu haben. Ihr Sohn hatte auf den Rat des Kaplans, der eine größere Selbständigkeit für ihn wünschte, die rheinische Universität besucht. Sie war nicht dafür gewesen, hatte es aber geschehen lassen; jetzt bot es ihr eine Art Trost in allem Kummer, daß derselbe aus einer ihr entgegenstehenden Meinung entstanden war. Es war ein schwerer Schlag, der sie getroffen hatte. Eine Natur, ganz auf Grundsätze gebaut, entnahm sie jede Handlung denselben; ein ernstes Pflichtgefühl war stets die Richtschnur ihres Lebens gewesen. Bei aktiven Naturen, besonders bei weiblichen Charakteren, liegt aber eine gefährliche Klippe darin, was alles sie in den Bereich ihrer Pflichten ziehen, und wie weit sie dieselben über andere ausdehnen. Von da bis zur Herrschsucht ist nur ein Schritt, wenn das Herz nicht mildernd dazwischen tritt.

Früh verwitwet, hatte die Gräfin sich mit seltener Energie und wirklicher Aufopferung sowohl der Führung ihrer Geschäfte wie der Erziehung ihrer Söhne gewidmet. Was sie an Zärtlichkeit besaß, gehörte ihrem ältesten Sohne, in dessen weicherem Gemütsleben sie eine Art Ergänzung fand. Sie hatte ihn dadurch sich ganz zu eigen gemacht, nicht denkend, was Mütter bei Söhnen oft vergessen, daß eben dies hingebende Gefühl, worin ihre Macht liegt, einst ebenso ausschließlich in die Hände einer anderen übergehen wird, für die dann das stärkere Gefühl spricht.

Sie hatte den Sohn ihren Grundsätzen gemäß gebildet: es waren kräftige, große Anschauungen, die aber in seinem Gemüte etwas Idealeres annahmen, sich nicht so an den trockenen Buchstaben banden. Daß aber beim ersten Schritt in die Welt seine Grundsätze, nach ihrer Ansicht, scheitern konnten, das ließ ihn in ihren Augen tief sinken. Mit mütterlicher Eitelkeit wollte sie den Grund dazu nicht in ihm, sondern in außergewöhnlichen äußeren Einwirkungen finden. Deshalb schob sie alles Unheil auf das ungebundene Studentenleben und auf »unwürdige Intrigen«. Wenn sie ihn erst wieder in ihren Händen wußte, hielt sie ihn für gerettet.

So sah sie es schon für einen halben Sieg an, daß er ihr jetzt gegenüber saß. Dahnow hatte sich geirrt; sie hatte noch im Augenblick der Abfahrt den Brief des Sohnes erhalten, dessen Bitte sie natürlich als die Krisis seiner Verblendung ansah, die weiter gar nicht zu beachten sei. Immer in jeder Sache gleich tätig einzugreifen, war aber einer ihrer Grundsätze. So hatte sie sich sofort entschlossen, auf den Gedanken Dahnows einzugehen, den Sohn heimzurufen, und daheim zu halten. Die Abholung ihrer Nichte aus dem Pensionat sollte der äußere Vorwand zur Reise sein. Im stillen hoffte sie auch durch die Anwesenheit eines jungen Mädchens die Heimat ihm wieder zu beleben, und später konnte sich daraus die Veranlassung ergeben, eine Saison mit den jungen Leuten in der Stadt zu verleben, um dem Sohne Zerstreuung zu bieten. Sie besaß einen jener Köpfe, die gleich alles bis zum Ende durchdenken und planen. Aber sie war auch eine kluge Frau darin, daß sie zu schweigen verstand. Kein Wort, was auf die Angelegenheit nur gedeutet hätte, kam über der Gräfin Lippen, während sie auf der langen Fahrt ihrem Sohne gegenübersaß. Die Freude, daß er sie begleite, hatte ihren Empfang wärmer gemacht, als es ihr sonst möglich gewesen wäre, und so blieb Kurt ahnungslos, ob sie wisse oder nicht.

Die Geschäftsverhandlung, in welche sie ihn zu verwickeln suchte, und worin der Grund seiner möglichst raschen Heimkehr liegen sollte, trug sie ihm ausführlich vor; durch das Interesse daran wußte sie ihn aus seinem augenblicklichen dumpfen Brüten etwas zu wecken. Die Antwort des Direktors, die der Kaplan ihr gebracht, sah sie eigentlich nur für einen anderen Schritt der Intrige an, hoffte aber doch Vorteil daraus zu ziehen. Für jetzt den Sohn möglichst wenig aus den Augen zu lassen, war ihr einziges Bestreben; sie hatte das dunkle Gefühl, als könne er jeden Augenblick ihr entfliehen. Am folgenden Morgen war daher ihre erste Bitte, daß er sie in das Pensionat begleiten möge, wo sie die kleine Lilly von dem Heimweh erlösen wolle, das sie dort nicht verließ.

Kurt empfand wenig Lust dazu; doch streiten wir am wenigsten gegen kleine Unannehmlichkeiten, wenn ein großer Kummer uns bedrückt. Er hatte nur dem Gedanken nachgehangen, wie Nora aufzufinden sei, nachdem die ersten raschen Versuche gescheitert waren, und wie er ihr und dem Vater beweisen könne, daß kein Hindernis ihm unüberwindlich scheine, wenn es gelte sein Glück zu erringen. Ueber den Plan, den er dabei innehalten wollte, war er noch nicht klar; der Gedanke, in seine Heimat zurückzukehren, war ihm selbst schon aufgedämmert, da ihm die Universitätsstadt doch für den Augenblick verleidet war, und er von jedem Ort aus seine Nachforschungen fortsetzen konnte. Der Aufenthalt des Vaters wenigstens konnte ihm nicht lange verborgen bleiben.

So begleitete er, um unnützen Widerspruch zu vermeiden, seine Mutter bis an die Klosterpforte. Er wollte sie dort verlassen, die Abgeschlossenheit des Ordens vorschützend. Die Gräfin aber nötigte ihn zum Eintritte; die Oberin sei eine Jugendfreundin und Verwandte; sie freue sich, ihr den Sohn vorstellen zu können. Gleichgültig gab Kurt auch diesmal nach. Ueber den altertümlichen kleinen Hof traten sie in das Gebäude ein. Die Pförtnerin empfing sie, führte sie in das Sprechzimmer und ging, wie sie sagte, die Frau Oberin zu rufen. Die Gräfin ließ sich auf dem kleinen härenen Sofa nieder. Kurt starrte gedankenlos die wenigen Bilder an, die das kahle Gemacht zierten. Mutter und Sohn hatten beide zuviel auf dem Herzen, um ein leichtes Gespräch zu führen.

Die Schwester kam nach wenigen Augenblicken zurück, zu melden, daß die Frau Oberin gleich erscheinen werde. Sie hatte eben das Zimmer wieder verlassen, als an der Tür jemand sie anzuhalten schien und eine leise Stimme nach der Oberin fragte.

»Nein, gehen Sie nicht hinauf, Fräulein,« sagte die Nonne; »die Frau Oberin wird sogleich hierherkommen. Sie würden sie oben verfehlen. Treten Sie gefälligst einen Augenblick hier in das Sprechzimmer.«

»Ich habe ihr nur ein Wort zu sagen,« antwortete die Sprecherin, und das leise Rauschen ihres Kleides ward hörbar. »Aber da sind schon Fremde,« setzte sie hinzu, einen Blick in das Zimmer werfend und auf der Schwelle stehen bleibend.

Graf Kurt hatte bei dem ersten Klange der Stimme gestutzt, und wandte sich jetzt hastig um. Einen Augenblick starrten sich zwei Augenpaare wie gebannt an.

»Nora, Nora!« schrie er, aufs höchste überrascht, auf und war schon an ihrer Seite. »Du darfst nicht hier sein! Du hast kein Recht, hier zu sein! Sie sollen dich hier nicht lebendig begraben!« rief er außer sich. »Alle Gerichte der Welt werde ich dagegen aufrufen, gegen solche Vergewaltigung. Du bist mein! Du hast es mir selbst gesagt.«

Die Gräfin schaute bei den lauten Worten sprachlos vor Entsetzen auf. Sie sah eine schöne junge Dame in der Tür stehen, deren Hände ihr Sohn in leidenschaftlicher Weise gefaßt hielt. Sie sah, wie die junge Dame eine abwehrende Bewegung machte und versuchte, sich aus dem Zimmer zu entfernen. Die Kräfte schienen sie aber dabei zu verlassen; denn plötzlich schwankte sie und lehnte bleich an dem Türpfosten.

Kurt umfing sie im selben Augenblicke. »Gehen Sie und rufen Sie die Oberin,« herrschte er die erschrocken dastehende kleine Nonne an. »Gehen Sie augenblicklich und bringen Sie einige Wiederbelebungsmittel mit … Sie sehen ja, daß sie ohnmächtig wird. Die junge Dame ist meine Braut; ich habe ein Recht, für sie zu sorgen.«

Dabei hob er Nora mit kräftigem Arm auf und trug sie auf das Sofa, von dem seine Mutter unwillkürlich zurückwich.

Die Nonne verschwand; so etwas war in den stillen Klosterräumen wohl nie vorgekommen. Aber mit echt weiblicher Regung fühlte sie das größte Mitleid mit dem unglücklichen Brautpaare.

Kurt kniete indes vor Noras Lager nieder. Er rief ihren Namen mit den zärtlichsten Ausdrücken, er bedeckte ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen und beschwor sie, ihm zu sagen, warum sie ihn verlassen habe. Ihre Augen öffneten sich bald wieder; es war nur eine durch den Schrecken veranlaßte leichte Schwäche gewesen.

»Kurt,« sagte sie leise, und aus ihrem Blicke sprach all die Liebe, die sie empfand. Plötzlich aber richtete sie sich erschrocken hoch auf, angstvoll ihn zurückschiebend. Sie hatte die Gräfin bemerkt, den strengen, fast verzweifelten Blick gesehen, den sie auf den Sohn richtete.

Auch Kurt wandte sich um. »Mutter,« sagte er, »dies ist Nora. Sie sollte mir entrissen werden: du selbst führst mich ihr wieder zu. Es wäre dir vielleicht schwer geworden, sie dir zu denken, wie sie ist; nun fügt Gott es, daß du sie hier findest, daß du selbst sehen kannst, wie sehr sie deiner würdig ist. Ein Brief von mir war schon auf dem Wege, der dir alles sagen sollte; jetzt können wir dich hier um deinen Segen bitten.«

»Ich habe deinen Brief erhalten,« sagte die Gräfin kalt; »doch es gibt Torheiten, die keiner Antwort wert sind.«

»Mutter,« rief Kurt heftig, »dann weißt du auch, daß ich diese Torheit für meines Lebens einziges Glück halte und alles dafür hingeben werde.«

»Ich denke, es wäre genug der Szene,« sagte die Gräfin kühl. »Ich liebe nicht, Familienangelegenheiten vor Fremden zu verhandeln.«

Damit wandte sie sich um, denn die Oberin war eben eingetreten und sah mit erstaunten Blicken auf die erregte Gruppe. Nora aber sah sie kaum, als sie aufsprang und sich ihr weinend um den Hals warf.

»Was ist dir, mein Kind?« fragte die Oberin mild.

Kurt nahm in großer Erregung das Wort. »Frau Oberin, diese junge Dame wird hier widerrechtlich festgehalten! Selbst wenn sie freiwillig hierhergekommen, dürfen Sie ihren Worten keinen Glauben schenken, dürfen ihr Gelübde nicht annehmen. Sie ist dazu überredet, geängstigt, gezwungen worden! Sie gehört nicht Ihrem Beruf an: sie hat mir selbst gesagt, daß ihr Herz mir gehöre, hat mir ihr Wort gegeben. Nora, du kannst, du darfst das nicht leugnen!«

»Wer spricht denn hier von Festhalten, von Gelübde und Beruf?« entgegnete ruhig die Oberin. »Diese junge Dame ist mit ihrem Vater hierhergekommen, weil sie hier zehn Jahre lang erzogen wurde; sie wollte nur einige Tage bleiben und dachte morgen wieder abzureisen.«

»Nein, Nora, du wirst nicht reisen! Du wirst nicht abermals mir untreu werden! Kann deine Liebe so wenig ertragen? Ist sie zu schwach für etwas Geduld?« rief der Mann fassungslos.

»Herr Graf,« sagte die Nonne ernst, »solange die junge Dame hier unter meinem Schutze weilt, kann ich nicht dulden, daß Sie diese Sprache zu ihr führen. Ich weiß nicht, welches Recht Sie dazu haben, kann die Gründe nicht beurteilen, die Ihre Trennung veranlaßten, noch was Ihre Einigung hindert. Das haben Sie mit dem Vater der jungen Dame und mit Ihrer Familie abzumachen,« setzte sie bedeutungsvoll hinzu, indem sie den Blick auf die Gräfin wandte, die mit schmerzlich verzogenen Zügen dastand.

»Liebe Nora,« fuhr sie fort, »Sie werden besser tun, sich hinauf zu begeben, wenn Sie stark genug sind.«

Nora richtete sich gehorsam auf: zaudernd stand sie noch einen Augenblick still, dann wandte sie sich plötzlich zur Mutter Kurts. »Frau Gräfin,« sagte sie, und ihre Stimme hatte etwas ungemein Rührendes in ihrem Ausdruck, »o, ich hatte nicht gedacht, daß das Wiedersehen so herb sein würde! Sie waren so unsäglich gut für meine sterbende Mutter … seien Sie nicht hart gegen die Tochter, die Ihnen ihr ganzes Leben danken wird. Es ist entsetzlich, die Ursache solchen Kummers zu sein!«

Die Gräfin war zu erbittert und erregt, um nur ein Wort zu verstehen von dem, was Nora sagte.

»Sie haben ihn so fest in Ihre Netze gefangen,« sagte sie abweisend, »daß wenig darauf ankommen wird, wie seine Mutter dabei fühlt.«

Nora richtete sich hoch auf. »Er hat mich aufgesucht, und ohne meinen Willen haben wir uns heute hier wiedergesehen. Er ist ganz frei!« sagte sie mit kalter Ruhe, und es lag etwas in dem Tone, was die Gräfin unwillkürlich aufsehen machte. Die schlanke Gestalt, wie sie ernst und stolz sich abwandte, imponierte ihr; das war der einzige Augenblick, wo sie die Verblendung ihres Sohnes begriff. »Mutter!« rief dieser außer sich, »versündige dich nicht an unserem Glück! Ich werde dich bitten können, aber ich werde auch zu handeln wissen … Nora, sag' mir nur noch ein Wort!« und er wollte ihr nachstürzen.

Die Oberin vertrat ihm den Weg. »Sprechen Sie mit dem Vater der jungen Dame oder suchen Sie sie bei ihm auf. Hier darf ich Ihnen kein Wort mehr erlauben,« sagte sie fest. »Soviel ich weiß, wohnt Herr Karsten im Hotel Pelloux.«

Kurt sah in das milde Gesicht der Nonne; es war ihm plötzlich, als wenn er eine Bundesgenossin an ihr habe. »O,« bat er, »wenn Sie die mütterliche Freundin sind, von der mir Nora so viel erzählt hat, dann sagen Sie meiner Mutter, daß sie ihrer als Tochter würdig ist.«

»Sie besitzt alle Eigenschaften des Geistes und des Herzens, die sie zu einer solchen Stellung befähigen,« sagte die Oberin. »Aber, lieber Herr Graf, es gibt Verhältnisse, mit denen der Mensch sich nicht in Kampf einlassen soll, da er dies früher oder später fast immer bereut. Es wäre besser gewesen, Sie hätten sich nicht wiedergefunden.«

»Aber es ist wie eine Fügung Gottes … zum drittenmal führt er uns so wundersam zusammen!«

»Was uns angenehm ist, nennen wir gern Fügung, und doch ist es oft nur Prüfung,« gab die Nonne mild zurück.

»Ich kann nicht länger hier weilen! Ich will einen Wagen haben, um zurückzukehren,« sagte die Gräfin heftig.

Die Oberin wollte schellen; Kurt aber erbot sich selbst einen Wagen zu holen.

Die Gräfin sank wie geknickt auf dem Sofa zusammen, sobald er das Zimmer verlassen.

»Klothilde,« sagte die Oberin, sie vertraulich wie in ihren Mädchenjahren anredend, »Klothilde, ich fühle und verstehe deinen Schmerz, deine bittere Enttäuschung. Aber nimm den Trost wenigstens: von keiner Unwürdigen hat dein Sohn sich fesseln lassen. Seit ihrer Kindheit habe ich sie ja erzogen, und, weiß Gott, wäre ihre äußere Stellung eine andere, er hätte keine bessere Wahl treffen können.«

Die Gräfin machte eine ungeduldige, abwehrende Bewegung.

»Ich weiß, wie sehr es gegen deine, gegen meine Grundsätze verstößt; ein fremdes Element in einen Stand zu drängen, tut selten gut. Aber kannst du dir keinen Ausnahmefall denken? Bei zwei Charakteren wie Nora und dein Sohn glaube ich nicht an eine flüchtige Leidenschaft. Es ist eine tiefe, reine Neigung, wie sie in jungen unverdorbenen Herzen entspringt. Die eigentümlichen Verhältnisse gerade haben sie erstarken lassen; denn auch er hat lange gekämpft, bis die Liebe siegte über die Kluft, die er kaum minder empfand als du. Soviel entnahm ich ihren Erzählungen, denn sie hat mir ihre kleine Geschichte anvertraut. Ohne den wichtigsten Grund aber eine wirkliche Neigung zu trennen, ist bedenklich … du weißt, junge Herzen kehren sich nicht viel an alte Grundsätze.«

»Ich ändere meine Grundsätze nie,« sagte die Gräfin herb, »am wenigsten aber einer verliebten Torheit oder gemeinen Intrige wegen. Es ist meine Pflicht, so zu handeln.«

»Die Pflichten, die wir uns selbst auflegen, dünken uns immer die wichtigsten. Das Glück anderer aber läßt sich nicht nach eigenen Wünschen bauen. Klothilde, sei nicht hart, du könntest einen Sohn verlieren, anstatt eine Tochter zu gewinnen.«

»Sprich nicht mehr davon,« sagte die Gräfin ungeduldig. »Ich lasse mich nie beeinflussen. Ich wünsche übrigens nicht, daß Lilly von der Sache erfährt. Sie ist noch zu jung dazu. Heute nachmittag werde ich meinen Kaplan senden, um sie abzuholen. Ich fühle mich zu angegriffen dazu; verschweige ihr für jetzt meinen Besuch.«

Die Oberin versprach es. Kurt trat wieder ein. Die Mutter nahm seinen Arm nicht an, um zu dem Wagen zu gehen; doch stieg er mit ihr hinein. Stumm saßen Mutter und Sohn einander gegenüber. Vielleicht hoffte Kurt auf ein milderes Wort; aber schweigend langten sie in dem Hotel an. Kurt half seiner Mutter aussteigen, doch begleitete er sie nicht in das Haus. Er rief dem Kutscher nur eine Adresse zu, sprang wieder in den Wagen und fuhr von dannen.

»Wohin fuhr der Graf?« fragte die Gräfin den Kellner, der diensteifrig neben ihr stand.

»In das Hotel Pelloux,« lautete die Antwort.

Die Gräfin seufzte tief auf; die Adresse hatte sie verstanden.

9

Verraten soll ich, was ich heiß gefühlt?
Und was ich lieb', auf ewig lassen – ?
Loreley

Nora war nach der Szene des Morgens auf das Zimmer zurückgekehrt, welches sie bewohnte, solange sie die Gastlichkeit des Klosters in Anspruch nahm. In freundlicher Rücksicht hatte man ihr früheres Gemach ihr zugeteilt. So saß sie denn wieder auf der stillen Stätte, von der sie so oft sehnsüchtig hinausgeblickt hatte nach dem vollen unruhigen Leben, und jetzt wogte schon der erste heiße Kampf desselben in ihrer Brust.

Viel hatte sich für sie zusammengedrängt in der kurzen Spanne: das höchste Glück und der heißeste Schmerz, den ein junges Herz empfinden kann. Nun stritten von neuem in ihr all die Gefühle, und auch der beleidigte Stolz wollte sein Recht.

Siegreich über alle aber blieb der eine Gedanke: »Wir haben uns wiedergefunden, uns wiedergefunden … und er liebt mich … ich weiß, daß ich ihm über alles wert bin!«

Durch die Tränenschauer brach dann immer wieder seliges Lächeln, und die Hände legten sich vor die Augen, als scheue sie sich vor diesem tiefen, heimlichen Glücke.

Wie sie da saß und dachte, stiegen die Erlebnisse dieser Tage vor ihr auf. Es waren kaum vierzehn Tage seit jenem Morgen am Erkerfenster, wo sie das erste gegenseitige Geständnis mit ihm ausgetauscht, wo sie noch lächeln mußte über sein arges Mißverständnis, daß sie den Klosterberuf erwählt haben sollte! Und wie war alles da so unverhofft über seine, über ihre Lippen geglitten, was seit Monaten unausgesprochen im Herzen gelegen, wogegen sie beide gekämpft und gerungen hatten, und was sie doch in festem Banne gehalten! O, süß ist der Augenblick, wo die Liebe zum erstenmal spricht, zum erstenmal sich ganz und voll austauscht. Hatten sie der Hindernisse dabei garnicht gedacht? Gewiß, sie wollten ja beide so vernünftige junge Leute sein; aber wie waren in dem Augenblick alle Schwierigkeiten so klein erschienen, so leicht zu überwinden! Er war ja frei, unabhängig, nur ein Mutterherz hatte er zu erweichen – wenn der Mensch recht glücklich ist, fühlt er sehr viel und denkt sehr wenig klar.

Doch vor Noras Augen trat jetzt auch das zweite Bild: wie ihr Vater heimgekehrt war – schon alles wissend, noch ehe sie es ihm vollkommen gesagt hatte. Sein Unmut war so groß gewesen; nur als kindische Torheit hatte er das Ganze betrachten wollen. Wie verschieden kann doch ein und dieselbe Sache beleuchtet werden! War denn das alles nicht dasselbe, was sie mit Kurt durchgesprochen? Wie riesengroß wuchsen jetzt die Schwierigkeiten heran, die ihnen so klein gedünkt; wie tief erschien die Kluft zwischen den verschiedenen Lebensstellungen, wie drohend der Zorn seiner Familie, die tiefe Schädigung seines ganzen Lebensglückes.

Und endlich das entsetzliche Wort des Vaters: »Sie werden denken, wir hätten ihn durch unwürdige Mittel angelockt; sie werden deine Schönheit für die Fessel halten, mit der du ihn hältst, um seine, Jugend und Unerfahrenheit auszubeuten, um zu Rang und Stellung zu gelangen; ja, man wird es aussprechen … man wird glauben, daß wir einen unüberlegten Augenblick zu einem bindenden Worte benutzt hätten.« Nora war davor zurückgewichen: ihrem kindlich unbefangenen Sinne war die Ahnung von etwas Schrecklichem gekommen, gegen das ihr ganzes Sein sich empörte. Da war es gewesen, als sie ihren Vater angefleht hatte: »Schreibe ihm, daß es ein Irrtum war, daß wir scheiden müssen,« und mit fester Hand hatte sie selbst jene Worte dem Brief ihres Vaters beigefügt. »Aber dann,« hatte sie damals gesagt, »laß uns auch gleich von hier scheiden, Vater. Hier brennt mir der Boden unter den Füßen. O, laß mich ihn nie wiedersehen! Schicke mich weit, weit weg von hier, zu dem Lande meiner Mutter, über das Meer, damit sie nicht glauben können, ich hätte ihn angelockt.«

Der Vater, dem der Schmerz seines Kindes zu Herzen ging, um so mehr, da er sich Vorwürfe machte, nicht vorsichtiger gewesen zu sein, hatte versucht, sie zu beruhigen. Er hatte selbst gefunden, es sei am besten, um dem Verdacht aus dem Wege zu gehen, daß Nora den jungen Grafen an sich ziehen wolle, möglichst rasch den Rhein zu verlassen. Um aber allen übereilten Entschlüssen auszuweichen, hatte er ihr einen Besuch auf einige Tage in ihrer früheren Erziehungsanstalt vorgeschlagen, wo man Näheres bereden könne. Nora war auf das bereitwilligste auf den Vorschlag eingegangen. Bei der bewährten Freundin ihr Herz auszuschütten, sich Rat und Trost dort zu holen, schien ihr der erquickendste Gedanke. Demnach war der Direktor noch in derselben Nacht mit ihr dorthin abgereist, indes seine Frau die Auflösung des Haushalts in der Villa leitete.

Die Oberin hatte ihren Liebling voll Freude aufgenommen. Mit Wehmut sah sie das Kind so früh schon in einer jener Verwicklungen, die sie geahnt hatte. Sie billigte den Gedanken, daß Nora ihre Verwandten von mütterlicher Seite im fernen Westen aufsuche; aber der Direktor wollte von solcher Trennung noch nichts hören. In diesen Zwiespalt war das gänzlich unvorhergesehene Wiedersehen gefallen: einige Tage später – und Nora wäre Kurt vielleicht völlig entrückt gewesen.

Wie aber Nora dies alles jetzt durchdachte, erschien es ihr in neuem Lichte. Wohl hatte sie geglaubt, ein großes Opfer zu bringen; sie hatte das eigene Glück dem seinigen ja unterordnen wollen; aber schwer hatte dennoch diesen Morgen sein Wort sie getroffen: »Was, kann deine Liebe so wenig ertragen; ist sie zu schwach für etwas Widerstand?« Ja, jetzt kam es ihr wie Schwäche, wie Untreue vor. Sie hatte gleich ihren Stolz siegen lassen. Alle die Einwendungen, die ihr Vater gemacht, hatten sie beide ja vorausgesehen. Sie hatte gleich nachgegeben, während Kurt so fest für ihre Liebe eintrat. Würde es denn sein Glück wirklich sein, wenn sie sich ihm entzöge? Welch tiefes Leid hatte aus seinen Zügen gesprochen? Sie fragte sich selbst, ob sie nicht alles hingeben würde für seine Liebe. Warum hatte sie ihn denn geringer beurteilt?

Und wieder preßten sich die Hände vor das Gesicht. O, was sollte, was mußte sie denn nun tun? Abermals der Liebe entsagen, abermals ihm entfliehen? Oder mit ihm für alles kämpfen…?

Wer kann sagen, wohin sich in solchen Augenblicken der Entschluß neigt, wenn kein äußerer Anstoß hinzukommt!

Die Sonne stand schon im Nachmittag und vergoldete wie an jenem Tage, als Nora zu der Unterredung mit der Oberin gerufen wurde, die fernen Berggipfel, die man von dem Zimmer aus wahrnehmen konnte. Nora saß noch immer da, versunken in ihre Gedanken. Man hatte mehrmals angepocht, sie zu den Mahlzeiten zu rufen; sie hatte sich aber mit Kopfschmerz entschuldigt und auch niemand eingelassen. Die Oberin, das wußte sie, konnte erst gegen Abend wieder freie Zeit für sie gewinnen.

Jetzt pochte es wieder und zugleich ward ihr gemeldet, daß ein Brief für sie da sei. Tausend Ahnungen durchkreuzten in dem Augenblicke Noras Hirn; pochenden Herzens nahm sie den Brief entgegen. Er zeigte eine ihr fremde Handschrift, aber das Siegel trug eine Grafenkrone. Der erste Blick sagte ihr, daß er von Kurts Mutter war.

Die Gräfin gehörte zu den aktiven Naturen, die stets handeln müssen: das einzige, was ihnen den Kummer erträglich macht. Als sie allein in dem öden Hotelzimmer saß, wissend, welchen Weg ihr Sohn eingeschlagen, war sie der Verzweiflung nahe. Sie konnte weniger wie andere ertragen, daß ihre Pläne gekreuzt wurden, daß man ihr Widerstand bot. Eine lange Selbständigkeit, eine maßvolle, kluge Leitung derselben hatte sie darin verwöhnt. Sie war sich bewußt, auch diesmal nur vernünftige Ansichten zu vertreten. Aber das Wort »was tun?« war ihr stets das erste auf den Lippen. Daß ihr Sohn jetzt keinem Rate zugänglich war, machte sie sich klar; die Schilderung aber, die ihre Freundin von Nora entworfen, kam ihr wieder in den Sinn. Nun, wenn sie denn so edel, so wohlerzogen, so jeder Intrige fern war, dann konnte sie sich nicht in eine Familie drängen wollen, die sie nicht wünschte; wenn es wahr war, daß sie sich zurückgezogen, dann konnte sie es auch aussprechen, dann mußte sie ihre Liebe seinem Glücke zum Opfer bringen. Die Gräfin beschloß ihr zu schreiben, an ihr Herz, ihren Verstand, ihren Stolz zu appellieren.

Nora saß mit glühenden Wangen und las diesen Brief.

»Rauben Sie mir meinen Sohn nicht,« lautete der Schluß, der erst alle Gegengründe geltend machte; »stehen Sie nicht zwischen ihm und seiner Mutter. Das aber würden Sie tun, wenn er meinen Willen nicht achtete. Ja, Sie würden auch dann trennend zwischen uns stehen, wenn meine Macht so weit ginge, ihn davon abhalten zu können; denn das würde er der Mutter nie verzeihen. Aber man sagt mir, Sie seien großherzig und edelmütig – so verzichten Sie auf das, was unter diesen Verhältnissen sein Glück nicht sein kann. Wir Frauen sind opferfähig. Nur wenn er aus Ihrem Munde hört, daß Ihre Liebe die Kluft nicht übersteigen will, die sie beide trennt, wird sein Herz sich beruhigen und sein Ehrgefühl, das sich an Sie gebunden glaubt. Sie können ermessen, welche Kraft des Geistes und Herzens ich Ihnen zutraue, daß ich diese Bitte an Sie stelle – und unbegrenzt wird meine Achtung und meine Dankbarkeit für Sie sein.«

Das war kein übler Schluß; aber selbst unbegrenzte Achtung und Dankbarkeit fallen sehr leicht in die Wagschale gegen das, was das Herz als sein Liebstes erkennt. Es wäre der Gräfin vielleicht selbst schwer zu erklären gewesen, warum sie ihrem Herzen nichts wollte rauben lassen, und doch verlangte, daß ein anderes Herz so viel um ihretwillen aufgebe.

Nora las den Brief ein-, zweimal wieder. Verstand sie nicht recht, was die Gräfin wollte, hatte der liebevolle Anfang sie erst in andere Hoffnung gewiegt?

Aber plötzlich sprang sie empor; es war ihr klar geworden, was sie sollte. Was, was verlangte diese Frau von ihr? Sie sollte zur Selbstmörderin werden an ihrem eigenen Glücke – sie sollte sich selbst als wankelmütig und schwach bezeichnen und ihre Liebe verleugnen? Die leidenschaftliche Natur des Vaters regte sich in ihr. »Es wäre eine Lüge,« sagte sie, »es wäre eine Lüge! Denn meine Liebe findet, wie die seine, nichts unübersteiglich. Ich weiß, daß ich ihn nicht erniedrigen würde,« setzte sie mit bebenden Lippen hinzu; »ich weiß, wie gleich unser Denken und Fühlen ist. Ich werde ihn nicht zurückhalten … aber ich werde auch meine Liebe nicht noch einmal verleugnen! Er soll wenigstens nicht von mir sagen, daß ich untreu sei und schwach.« Alle ihre früheren Zweifel waren geschwunden. Die Röte brannte noch auf ihren Wangen, als sie auch die Feder schon zur Hand genommen hatte.

»Ihr Sohn ist heute frei, wie er es gestern war,« schrieb sie fest und stolz; »denn mein Vater war es, der seine Einwilligung versagte, und ich werde ihm stets gehorsamen. Kein Wort, kein Schritt meinerseits wird Ihren Sohn zurückrufen, wie ich ihm schon ausgewichen bin. Aber ich kann keine Unwahrheit sagen, und die würde es sein, wollte ich das Versprechen der Liebe zurücknehmen, das er als sein Glück von mir gefordert, wollte ich das Gefühl verleugnen, das ich tief im Herzen erkenne und, ich glaube es, ewig für ihn empfinden werde. Ich will mit keiner Unwahrheit von ihm scheiden, denn die hat noch nie einen Schmerz gelindert, noch niemals Heil gebracht. Möge Gottes Wille geschehen, möge er alles leiten, wie es uns zum Heile gereicht; aber auch meine Liebe ist stark genug, zu warten und auszuharren.«

Der Brief war kaum beendet, als er auch schon geschlossen ward und die Schelle die Dienerin rief, die ihn besorgen sollte.

Da stand Nora lange still am Fenster. Wie ein Echo hallten die eben geschriebenen Worte ihr im Herzen wider, bald feierlich ernst, bald wie spottend und höhnend.

Hatte sie recht gehandelt, für ihre Liebe kämpfen zu wollen – hatte sie unrecht gehandelt, das Opfer zurückzuweisen, das den Kampf gleich beendet hätte?

Die Frage brannte auf ihren Lippen, brannte in ihrem Herzen, bis endlich die treue Freundin erschien.

Madame Sibylle war müde von den Leistungen des Tages, erschöpft von der Erregung des Morgens. Ihre Gedanken waren so lange diesem Gebiete der menschlichen Leidenschaft entfremdet, daß es ihr schwer wurde, sich hineinzufinden. Aber es gibt Herzen, denen die Erde nicht fremd wird mit all ihrem kleinen Leid, wie nahe sie dem Himmel auch kommen. Madame Sibylle nahm den heißglühenden Kopf des jungen Mädchens zwischen ihre Hände, sah beruhigend in diese brennenden, erregten Augen, hörte, wie es stammelnd von ihren Lippen kam, was als Sturm in der jungen Seele wogte.

»Recht oder Unrecht!« sagte sie mild. »Kind, irdische Liebe ist keine Tugend und kein Fehler … ihr gemäß hast du gehandelt. Keine Pflicht forderte das Opfer, welches man dir auferlegen wollte; keinen Rat hast du gefragt, und vielleicht konnte auch nur dein eigenes Herz dir raten. Aber eines bedenke auch, mein Kind: es ist nichts Hohes, nichts Ungewöhnliches, wenn man für seine irdische Liebe kämpft oder leidet; das haben die schwächsten Menschen getan. Vor Gottes Auge ist es gar wenig bedeutend; denn unsere Liebe ist das natürliche Zeugnis unseres Herzens, die schönste Gabe des Lebens, die reizendste Blume, die der Herr in unser Dasein gesetzt. Aber wer ihren Duft genießen will, muß ihre Dornen mit in den Kauf nehmen; und es sind auch die schärfsten Dornen, die ein menschliches Herz treffen können, ist deine Liebe dir alle die Leiden wert, die sie bringen kann und unter diesen Verhältnissen wahrscheinlich bringen wird … nun denn!! Jetzt hättest du vielleicht mit einem Opfer noch sie überwinden können … wer weiß, ob du sie nicht mit tausend dir wirst erkaufen müssen. Aber Liebe, das ist auch wahr, wiegt viel auf … Vielleicht hat der Herr sie dir als Wache an dein Herz gestellt, es vor anderen Kämpfen zu bewahren,« setzte sie hinzu, und legte wie segnend die Hand auf das junge Haupt, das sich tief vor ihr beugte. »Zum zweitenmal hast du den Kampf anstatt der Ruhe gewählt… möge der Herr dich führen, mein Kind.«

10

Wo still ein Herz in Liebe glüht,
O rühret, rühret nicht daran,
Geibel.

Als die Gräfin Noras Brief erhalten, ging nur ein Lächeln über ihre Lippen. »Ich dachte es mir,« war das einzige Wort, welches sie sprach, vielleicht um die Maßregel als von einem anderen Einfluß ausgegangen sich selbst zu bezeichnen. Auch sie war alleingeblieben die langen Stunden. Ihr Sohn war seit dem Morgen nicht zurückgekehrt, und den Kaplan hatte sie in das Kloster gesandt, nicht allein um Lilly abzuholen, sondern auch um das junge Mädchen dann noch zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu führen; sie sollte damit über den Abschied vom Kloster etwas getröstet werden. Die Gräfin selbst fühlte sich nach dem Vorgefallenen nicht fähig, mit der Unterhaltung ihrer Nichte sich zu beschäftigen.

Die Stunden ihrer Einsamkeit hatte die Gräfin aber nicht unbenutzt gelassen; sie hatte sie ausgenutzt mit Denken, um sich die Lage der Dinge immer und immer wieder klarzumachen. Noch ehe Antwort auf ihren Brief kam, der ihr nur ein letzter Versuch gewesen, hatte sie ihren Entschluß gefaßt. Sie wollte lieber zugeben, was sich nicht ändern ließ, um Bedingungen daran knüpfen zu können, als es bis zum äußersten zu treiben und damit jeden Einfluß aus den Händen zu geben. »Man muß den Kindern ihr Spielzeug lassen, sonst werden sie erst recht eigensinnig darauf,« das war so ungefähr die Summe ihrer Erwägungen, und von dem Augenblick an glätteten sich die Falten auf ihrer Stirn und beschäftigte sie sich auf das eifrigste, Notizen auf ein Blatt Papier zu werfen.

Zur Stunde des Abendessens erschien der Kaplan mit Lilly. Der Blick der Tante fiel auf das junge Mädchen, das in den letzten Jahren sich nicht vorteilhaft entwickelt hatte. Die kleine Gestalt, die unbedeutenden Züge verschwanden fast in der Ueberfülle erster Jugend, und jetzt, mit den verweinten Augen, dem verlegenen Ausdruck, sah sie unglaublich unschön und sehr nichtssagend aus. Die Gräfin wandte sich ungeduldig von ihr ab – das war ihr ein neuer Strich durch die Rechnung. Wie konnte aus dem blonden Kindergesicht so wenig Hübsches werden! Unwillkürlich tauchte Noras schlanke Gestalt mit dem geistig belebten Ausdruck vor ihr auf. Mit einem Seufzer kehrte die Gräfin zu ihren Notizen zurück.

Eben, als man sich zur Abendmahlzeit setzen wollte, kam Kurt. Er sah erhitzt und ermüdet, aber weicher und beruhigter aus. Der Empfang von seiten der Mutter war kalt und stumm, obgleich er in einiger Bewegung ihre Hand ergriff und diese küßte. Auch während der Mahlzeit blieb die Unterhaltung ziemlich einsilbig; sein Blick suchte oft den der Mutter. Er schien nur auf den rechten Augenblick zu warten, um mit ihr zu reden. Doch dazu wollte die Gräfin es entschieden nicht kommen lassen. Kaum war das Abendessen beendet, als sie sich erhob, um sich zurückzuziehen, und nur den Kaplan noch zu sich beschied. Kurts Stirn faltete, sich wieder und der weiche Ausdruck schwand aus seinen Zügen. Einen Augenblick blieb er zaudernd stehen, als wollte er der Mutter folgen; dann aber besann er sich eines anderen, und seiner Cousine nur ein kurzes »Gute Nacht« wünschend, zog auch er sich zurück.

Die arme kleine Lilly! Dieser erste Abend in der Welt war ein trüber Anfang. Sie hatte sich auf das Wiedersehen mit dem Vetter gefreut, und er hatte kaum ein Wort mit ihr gewechselt, sie kaum eines Blickes gewürdigt. Daß zwischen Mutter und Sohn etwas vorgefallen, bemerkte sie wohl; sie schob darauf seine Mißstimmung, nahm aber mit esprit de corps der Jugend sofort Partei für ihn gegen die Tante.

Am andern Morgen, noch ziemlich zeitig, hielt am Hotel Pelloux eine Droschke, aus welcher der Kaplan stieg. Er ließ sich beim Direktor Karsten melden. Der Direktor war mit Schreiben beschäftigt, sprang aber, als ihm der Gast gemeldet wurde, sofort auf und ging ihm entgegen. Nach zwölf Jahren standen die beiden Männer wieder einander gegenüber.

Der Kunstreiter streckte dem Geistlichen die Hand hin. »Sind die Jahre spurlos an Ihnen vorübergegangen?« fragte er, erstaunt ihn musternd. In der Tat, die Ruhe und der Friede im Ausdruck ließen ihn jetzt so viel jünger erscheinen, als der Ernst seines Berufs ihn damals älter aussehen machte.

Die Männer schüttelten sich die Hände. »Kommen Sie als Botschafter?« sagte der Direktor lächelnd. »Dies leidige Wiedersehen hat einen Prozeß erneuert, den ich glücklich abgeschnitten zu haben glaubte. Sagen Sie der Gräfin, es sei nicht mein Wunsch, nicht mein Wille, und sie könne es nicht mehr beklagen, als ich es tue. Ich hätte vorsichtiger sein sollen. Aber infolge der Erziehung, die wir dem Kinde gaben, konnte nur ein Umgang dieser Art ihr zusagen … Zu diesen Kreisen wird sie sich immer hingezogen fühlen,« setzte er mit verdüsterter Miene hinzu; »aber ich hielt die Kluft für zu tief, um an ein Ueberschreiten zu denken … besonders bei dem ernsten Sinn und den strengen Ansichten des jungen Grafen.«

»Ich komme als Vermittler,« sagte der Kaplan. »War Graf Kurt gestern bei Ihnen?« »Ja, mehrmals, da er die ersten Male mich nicht fand. Er wiederholte mir seine Bitte, und ich ihm meine Antwort. Der junge Mann hat seine Sache ernst und heiß vertreten; ich glaube an die Ehrlichkeit seiner Absicht, an die Tiefe seiner Neigung … wie der meines Kindes. Es ist hart, ein solches Los zurückweisen zu müssen. Sie ist von ihrer Mutter Art und versteht zu lieben; sie wird tief unglücklich sein … und sie ist mein einziges Kind!« Er war unruhig auf und nieder gegangen; plötzlich blieb er vor dem Kaplan stehen. »Der Stolz ist ein eigen Ding! aber Sie von Ihrem Standpunkt aus sagen ja, man müsse ihn beugen. Ich wiederhole es, sie ist mein einziges Kind, und weiß Gott, wie ich sie sonst glücklich machen kann! Glauben Sie, es sei möglich, daß die Gräfin sich Vermittlungsvorschlägen zugänglich zeige?«

»Ich komme selbst mit solchen,« sagte der Kaplan. »Auch die Gräfin hat gedacht, es sei vielleicht nicht tunlich, gegen den Strom zu schwimmen. Ich bin beauftragt zu fragen, ob Sie, ob Ihre Tochter die Bedingungen eingehen würden, an welche die Gräfin ihre Einwilligung knüpft.«

»Nun!« sagte der Direktor, sich heftig in einen Sessel werfend, »reden Sie! Hier waren die meinen,« setzte er hinzu, die Hand auf ein eben beschriebenes Blatt legend.

»Die Gräfin will ihre Einwilligung nicht vorenthalten, wenn das junge Paar zwei Jahre die Treue und Beständigkeit seiner Entschlüsse prüft. Sie wünscht aber, daß sie während dieser Zeit sich nicht sehen und in keinerlei Verbindung treten – schriftliche Mitteilungen nur in den äußersten Fällen. Bis zum Ablauf dieser Frist soll die Sache allen andern gegenüber das tiefste Geheimnis bleiben. Halten die jungen Leute diese Bedingungen streng ein, so will sich die Gräfin auch an ihr Wort gebunden erachten und Fräulein Nora als Tochter dann willkommen heißen. Bei einem Zuwiderhandeln gegen diese ihre Wünsche würde sie sich nicht für verpflichtet halten.« Der Direktor hörte schweigend zu; nur drehte er heftig die Spitzen seines Bartes. »Die Gräfin rechnet auf den Wechsel der Dinge, auf den Lauf der Zeit,« sagte er nach einigen Minuten Schweigens. »Vielleicht tue ich es nicht minder, wenn ich diese Bedingungen annehme. So mag es sein! … Die jungen Leute müssen sich der Probe fügen! Sie ist nicht zuviel für so ungewöhnliche Wahl. Aber sagen Sie der Gräfin, daß ich ihre Absicht verstände und ihre Hoffnung vollkommen teilte.« Plötzlich sprang er auf und ging abermals unruhig auf und nieder. »Aber ich will meinem Kinde auch eine Brücke bauen,« fuhr er nach kurzer Pause fort. »Ich will eine Schwierigkeit heben, die besteht, wenn die Frau Gräfin auch mir gegenüber sie nicht erwähnt. Ich weiß, wie die Lage des jungen Grafen ist, welche Vorteile ihm entgehen, wenn er seine Cousine nicht heiratet. Diese Vorteile kann ihm des Kunstreiters Kind wenigstens ersetzen! Sagen Sie also der Frau Gräfin, meine Tochter brauchte nicht auf einen Grafen zu fahnden; es würden vielleicht noch manche sich glücklich dünken, sie zu erringen. Das ist ihre Mitgift am Tage der Hochzeit.« Er wies auf das Blatt Papier, das er eben beschrieben.

Erstaunt über die Höhe der Summe fuhr der Kaplan zurück, und der Direktor sah mit einem befriedigten Lächeln sein fast bestürztes Gesicht.

»Das verachtete Gewerbe war so übel nicht,« sagte er etwas spöttisch. »Es hat meiner ersten Frau Vermögen vervierfacht und die Hälfte ist sofort Noras Eigentum. Die Gräfin kann leicht Erkundigungen einziehen, da ich meinen Besitz bei Bankhäusern hinterlegt habe; auch bin ich zu jeder ferneren Auskunft bereit. Aber sagen Sie noch mehr; denn ich weiß, goldene Brücken genügen da nicht allein. Sagen Sie, meine Tochter habe die Berechtigung, einen anderen Namen zu führen als den meinigen, der vielleicht etwas zu weltbekannt ist. Sie mag den ihres Großvaters wieder annehmen, der ein guter, alter französischer Name war, und für dessen Nachweis ich die Papiere noch werde vorbringen können … Sie wird dann vollständig von mir losgesagt sein,« fuhr er fort, und seine Stimme zitterte etwas. »Aber ihre Mutter sagte sich auch mir zuliebe von allem los, und ich will bei dem Kinde nicht kargen.«

Der Ausdruck des Schmerzes bei den letzten Worten machte ihn wieder zu dem Manne jener Tage. Der Kaplan sprang auf und faßte seine Hände. »Sie tun viel,« sagte er, »den Weg zu ebnen, und die Gräfin wie Graf Kurt werden es gewiß sehr anerkennenswert finden.«

»Das ist kaum genug,« sagte er, den Kopf schüttelnd, »und bei der Anschauung des Standes auch gerechtfertigt. Was den einzelnen auch einmal hart trifft, hebt kein Prinzip auf. Besser wäre es gewesen, damals anders zu handeln; dann wäre sie meinen Weg gegangen und nicht in diese Verwicklungen geraten.«

»Um vielleicht in tiefere und schlimmere zu sinken,« sagte der Kaplan ernst. »Der Mutter bangte nicht allein für das zeitliche Glück, ihr bangte für die Seele ihres Kindes.«

»Ja, das ist so die fromme Anschauung der Sache,« sagte der Direktor leicht. »Das Leben schleißt die aber ab; wir Weltleute müssen die Dinge nehmen, wie sie sind. An meiner Seite wäre Nora jetzt die gefeiertste Schöne des Tages, der Gegenstand meines Stolzes, während ich diesen jetzt für sie beugen muß … und nichts von meinem Kinde habe … So geht's in der Welt!«

Der Kaplan antwortete nicht auf seinen Einwurf; er sah, wie die Zeit den Direktor allmählich mehr seiner früheren Anschauungen beraubt, ihn immer tiefer in seinen jetzigen Kreis hinabgedrückt hatte.

»Und werden Sie selbst nie daran denken, sich Ruhe zu gönnen, sich aus diesem aufregenden Treiben zurückzuziehen, da Ihnen so reiche Mittel zu Gebote stehen?«

Der Direktor zuckte die Achseln. »Reiche Mittel! Man braucht viel, mein Lieber, und wer weiß, für wen ich noch zu sorgen bekomme. Ich kann einmal nicht die Hände in den Schoß legen, und Sie sehen, ich gedeihe dabei,« setzte er lächelnd hinzu. »Doch nun lassen Sie uns sorgen, daß wir unsere jungen Leute zur Ruhe bekommen. Die Geschichte hat mir schon viel Zeit gekostet, und ich muß in diesen Tagen zurück.«

Der Kaplan stand auf; sie schieden auf die freundlichste Weise, der Direktor in der ihm eigenen ritterlichen Art. Und doch, ungeachtet des durchaus uneigennützigen und edlen Benehmens, das Karsten in der Angelegenheit entwickelt, nahm der Kaplan einen unangenehmen Eindruck mit fort. Es war ihm, als sehe er diesen Mann abwärts gehen – noch ein unmerkliches Sinken, dem aber bald ein rasches folgen konnte, wenn die Spannkraft der Jugend und der Ehrgeiz des Mannesalters nicht mehr widerstanden. »Kein Mensch kann sich dem Einfluß seines Lebenskreises entziehen,« dachte er. »Möge Gott dem armen Mädchen bald den Hafen geben, wo es Sicherheit findet.«

Kurt hatte eine unruhige Nacht gehabt, denn das Begegnen mit seiner Mutter an dem Abende hatte seinen ganzen Trotz wachgerufen. Nach der Unterredung mit dem Direktor war er in der Absicht gekommen, die Mutter zu bitten, sie anzuflehen, ihr zu beweisen, daß nicht Leichtsinn, nicht Leidenschaft ihn zu diesem Schritte geführt. Aber – sollte es Kampf sein – nun, wohlan! Tausend Pläne, um seinen Willen durchzusetzen, hatte er in seinem Kopfe gewälzt; fest entschlossen war er, jedem Ansinnen entgegenzutreten, das ihn von Nora trennen würde. Lieber wollte er alles aufgeben, seine ganze Stellung als Erbe und Ältester opfern, als seinem Glück entsagen.

Den aufregenden Gedanken war erst spät ein schwerer Schlaf gefolgt, der bis tief in den Morgen währte. Jugend härmt sich selbst in den Schlaf hinein, während im Alter sogar die Freude ihn verscheucht.

Als Kurt erwachte, war die erste Nachricht, die ihn überraschte, die, daß seine Mutter und seine Cousine schon abgereist seien. Die Aufklärung darüber sollte ihm durch den Kaplan werden. Er hatte aber lange auf denselben zu warten, was seine Ungeduld und seine Vorsätze nur steigerte.

Endlich kam derselbe mit den überwältigenden Nachrichten. Wenn es aber etwas Unangenehmes gibt, dann ist es, seine moralischen oder physischen Kräfte zu einer großen Anstrengung auf einen Punkt gesammelt zu haben, der plötzlich ohne unser Zutun uns unter den Händen nachgibt. Es ist das ein Rückschlag der widerwärtigsten Art. Kurt empfand ihn auf das peinlichste. Was er sich selbst hatte erringen wollen, wofür er seinen ganzen Mut, seine Tatkraft angespannt, das ward ihm hingebracht wie ein Spielzeug, nach dem das Kind zu heftig verlangt – mit der durchleuchtenden Ueberzeugung, daß er so am leichtesten dessen müde werden würde. Doch eben um deshalb konnte und durfte er ja den Vorschlag nicht zurückweisen; jeder Einwurf wäre ein Mißtrauen in die eigene Festigkeit gewesen.

Zu einer dankbaren Freude konnte er es aber auch nicht bringen, trotz der mild beruhigenden Worte seines Freundes. Ein Stachel blieb ihm in der Brust, der seine ganze Empfindlichkeit reizte – eine Stimmung, die leicht neue Nahrung sucht und findet.

Als er gegen Abend zum Direktor ging, dort das bindende Wort mit Nora auszutauschen, traf er es nicht glücklich.

Im Vorzimmer des Direktors fand er einige Leute seltsamer Erscheinung, aus jenen Kreisen, die dem berühmten Manne ihre Dienste anboten. Einer derselben, eine schlanke Gestalt mit schwarzer, langer Künstlermähne, verabschiedete sich eben von Herrn Karsten, und Kurt hörte noch die Versicherung, die dieser gab, »wie sehr er sich freue, ihn in seine Gesellschaft aufzunehmen«.

Die durchdringenden Augen des übrigens sehr schönen Mannes, der nur seine semitische Abstammung nicht verleugnen konnte, streiften herausfordernd den jungen Grafen, in dem er wohl einen Stellesuchenden witterte. Kurts kalter, stolzer Blick, wie des Direktors mehr feierliches Entgegenkommen schienen ihn darüber zu beruhigen.

Der Direktor führte Kurt sofort in ein anderes Gemach. »Leider unvorhergesehen Geschäftliches,« sagte er entschuldigend. »Ich muß selbst hier meine Zeit nützlich ausbeuten und bin von Anfragen fast erdrückt.«

Kurt verbeugte sich verbindlich; aber zum erstenmal trat ihm widerwärtig entgegen, welchen Kreisen er Nora entnehme, und er faßte den Entschluß, daß sie die zwei Jahre nicht dort zubringen sollte.

Gut war es, daß in diesem Augenblick ihr liebliches Gesicht an der Seite ihres Vaters vor ihm auftauchte und mit seinem ganzen Zauber auf ihn wirkte. Mit ihrem Lächeln schwanden alle Bedenken, und in dem seligen Gefühle des Sichangehörens ging alles übrige unter.

Nora war von dem raschen Wechsel der Dinge fast überwältigt worden; sie hatte dem Vater kaum glauben können, als er ihr die Nachricht gebracht. War es die Wirkung ihres Briefes, der Ausspruch ihrer Festigkeit gewesen, die das bewirkt? Sie hätte das so gern geglaubt! Oder, und das nahm sie noch lieber an, war das Herz der Gräfin wirklich gerührt worden? Ihr kostete es keinen Kampf, das Dargebotene anzunehmen; sie fühlte nur jubelnd das Glück davon und begriff nicht recht, daß der Vater gleich der Oberin die Wendung der Dinge weniger freudig auffaßte.

Eine Bedingung war natürlich, und zwei Jahre – was waren zwei Jahre der Prüfung? Auf zwanzig war sie gefaßt gewesen, das sagte lachend ihr Mund, sagte strahlend ihr Auge. Zwei Jahre sind unendlich wenig, wenn das ganze Leben vor uns liegt.

Sie besaß die selige Unerfahrenheit der Jugend, aber auch die Festigkeit einer alles ausfüllenden Liebe, und das ließ sie die Zeit so leicht nehmen.

Drei Tage verlebte Kurt in Brüssel – drei Tage, die er sich erobern wollte von seiner Prüfungszeit, ehe der strenge Bann des völligen Geheimnisses und der vollständigen Trennung eintrete. Um das erste sicher bewahrt zu wissen, wollte er nur auf die kürzeste Frist nach Bonn zurückkehren und dann, Geschäfte vorschützend, auf seine Güter nach Oesterreich gehen, der Mutter dort beizustehen. Sein weicher Sinn sehnte sich danach, den Platz in ihrem Herzen wiederzugewinnen und ihn auch für Nora vorzubereiten. Was tat es ihm, wenn die Welt für den Augenblick vielleicht andere Schlüsse aus seiner raschen Abreise ziehen werde, solange er selbst sich seines Glückes bewußt war, mit dem er einst öffentlich sich rechtfertigen konnte.

Was Nora betraf, hätte er gern einen Ausweg gefunden, der sie der Kunstreiter-Gesellschaft entfremdete; doch sträubte sich ihre kindliche Liebe, jetzt schon ihren Vater zu verlassen. Der Direktor aber hatte einen Vermittlungsvorschlag. Schon lange war es seine Absicht gewesen, sich irgendwo eine festere Heimat zu gründen, besonders jetzt, wo im Laufe des Jahres seine Frau neuen Pflichten entgegensah. Er wollte daher in der Nähe irgend einer schön gelegenen Stadt eine Villa zu kaufen suchen, und dort mochte Nora dann diese Zeit verleben, in Gesellschaft der Stiefmutter oder einer Gesellschafterin, wenn jene wieder ihren Mann begleiten sollte. Der Vorschlag wurde allen gerecht und so bot selbst die Trennung eine süße Zuversicht, die sie den Liebenden erträglicher machte.

11

Das ist der Frauen feine Kriegskunst,
Daß sie, den Kampf ablehnend, dennoch siegen.
Raupach.

Einige Monate nach diesen Ereignissen siedelte die Gräfin mit ihrer Familie in die österreichische Residenz über. Es war das erstemal seit ihrer Witwenschaft, daß sie aus ihrer ländlichen Zurückgezogenheit heraustrat. Die Anwesenheit ihrer jungen Nichte, die in der Gesellschaft auftreten sollte, wie der Entschluß ihres Sohnes, zur diplomatischen Laufbahn überzugehen, gab vor der Welt die besten Gründe dafür. Und doch wunderte sich die Welt gerade darüber. Die Menschen bezeichnen ja den kleinen Kreis, in dem sie leben, immer großartig mit dem Namen »Welt«.

Nun, diese Welt fand die Nichte noch sehr jung, um schon ausgeführt zu werden, und war noch erstaunter über Graf Kurts Absicht, eine staatliche Laufbahn einzuschlagen, da ihm als ältestem Sohn und Besitzer der ausgedehnten Güter sein Lebensweg so viel einfacher vorgeschrieben schien. Einige witterten einen klugen Schachzug der Mutter darin, damit sie die lange geführte Herrschaft nicht abzugeben brauche; sahen es als einen Ausweg des Sohnes an, sich der Einwirkung der Mutter zu entziehen. Die Welt hatte recht und unrecht – wie immer. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge würde die Gräfin siebzehn Jahre entschieden zu jung für Lilly befunden haben; sie hätte ihr mindestens noch einen Winter ländliche Ruhe verordnet. Ganz sicher würde sie auch für ihren Sohn nichts weniger als eine Staatslaufbahn gewünscht haben, sondern hätte seine sofortige Einführung in die Verwaltung der Güter für nötig erachtet, um ihn an Ort und Stelle zu fesseln. So aber mußte sie von all ihren Grundsätzen abweichen; denn ihre Absicht war es nicht, nun der Sache ruhig ihren Lauf zu lassen, wie beruhigend auch die Vorschläge des Direktors gewesen waren, die ihr eigentlich jedes Recht weiteren Einwurfes nahmen. Sie sah das ein; es reizte sie fast, daß es so war. Im schlimmsten Falle mochte die glänzende Vermögenslage der Kunstreiterstochter freilich die Sache erleichtern – aber bis das Verhältnis unwiderruflich war, hielt die Gräfin es für ihre Pflicht, alles dagegen zu versuchen, was in den Grenzen des Erlaubten lag.

Ein stilles Landleben schien ihr wenig geeignet, des Sohnes Gedanken abzulenken, besonders da auch Lilly gar kein Wesen war, das einen häuslichen Kreis beleben oder Anziehungskraft ausüben konnte. So gab sie jeden Gedanken in der Richtung auf und hoffte auf den Einfluß einer neuen Tätigkeit und die Zerstreuungen der großen Welt. Kurts Unbekanntschaft mit der Welt maß sie ja den tiefen Eindruck bei, den er von Nora empfangen und glaubte dort auch die beste Gegenwirkung zu finden. Der Vorschlag, die diplomatische Laufbahn zu versuchen, war daher von ihr ausgegangen, um ihn auf diese Weise zu einem Aufenthalt in der Residenz zu vermögen. Da sie ihn auch dort nicht aus den Augen verlieren wollte, schützte sie Lillys Einführung in die Gesellschaft vor, um selbst dahin überzusiedelnd.

Kurt war der Gedanke nicht unangenehm, eine Laufbahn zu betreten, die sich einem jungen Manne von Namen und Vermögen leicht eröffnet und, ohne zu anstrengende Beschäftigung, ganz dazu angetan ist, den Kreis der Anschauungen zu erweitern. Das, was zwischen ihm und der Mutter lag, was sie aber nie berührte, machte ihm das Zusammenleben mit ihr peinlich, und der enge Zirkel einer beobachtenden Nachbarschaft hatte etwas Drückendes. Die Aussicht auf ein Feld geistiger Tätigkeit, der größere Kreis der Geselligkeit, in dem das einzelne mehr verschwindet, die Möglichkeit, vielleicht auf einige Zeit in eine andere Gegend versetzt zu werden, machten ihm den Vorschlag annehmbar.

Der Salon seiner Mutter nahm in den geselligen Kreisen bald einen namhaften Platz ein. Der Glanz eines alten Namens und der angesehensten Verbindungen übte eine doppelte Anziehungskraft aus bei dem Vorhandensein einer jungen Erbin, wie Lilly eine war, und eines Majoratsherrn, der nach der Welt Ansicht bald auf Freiersfüßen zu gehen hatte. Natürlich nahm man sofort an, daß die Gräfin nichts dringender wünsche und beabsichtige, als die Verbindung dieser zwei; doch hielt das unternehmende Gemüter nicht ab, ihren eigenen Plänen nachzugehen, um so mehr, als die jungen Leute nichts weniger als Gelegenheit gaben, ihre Namen zu verknüpfen. Kurt verhielt sich seiner kleinen Cousine gegenüber ganz passiv. Wenn man ihn auch stets im Salon seiner Mutter fand, lebte er doch sonst so zurückgezogen, als es eben mit dem Leben in der Residenz vereinbar war.

Seine Studien schienen ihn wirklich in Anspruch zu nehmen, und der jungen Damenwelt setzte er eine so kühle, gleichmäßige Liebenswürdigkeit entgegen, daß es sie schier verzweifeln machte. Nicht eine konnte sich auch nur einer vorübergehenden Auszeichnung rühmen.

Vielleicht sah die Gräfin ungeduldig auf sein Treiben; sie hatte wohl mehr von ihrem Mittel erwartet.

Der Karneval war in seinen letzten Tagen, als sie noch ein größeres Fest gab, wo so ziemlich die beau monde der Geselligkeit sich vereinte. Graf Kurt machte die Honneurs an der Seite seiner Mutter mit jener liebenswürdigen Leichtigkeit, die ihm eigen war, aber auch mit jener Ruhe, die nur vorhanden ist, wenn man ganz unberührt und frei der Gesellschaft gegenübersteht und sie keinen einzigen persönlichen Beweggrund bietet.

»Was für ein scharmanter Kavalier Ihr Sohn ist,« sagte ein alter Herr, eine Exzellenz und Gesellschaftsautorität, eben zur Gräfin sich niederbeugend, die im Kreise einiger der ersten Damen am Eingange des Tanzsalons Platz genommen hatte. »Vollendet guter Ton, geistvoll und schön, recht der Stolz einer Mutter …«

Die Gräfin neigte leicht das Haupt in Anerkennung der Schmeichelei über ihren Sohn; aber ein unmerkliches Zucken in den Zügen deutete an, daß sie trotz allem nicht so ganz damit einverstanden war.

Die alte Exzellenz bemerkte dies; es war eine schlaue, weltkundige Exzellenz und eine neugierige obendrein, die gern den Sachen auf den Grund kam. »Ich habe ihn bewundert,« fuhr er fort; »selten habe ich einen jungen Mann von so festen Grundsätzen gesehen. Er hat sich so wenig von den Vergnügungen unserer Weltstadt hinreißen lassen, daß es besorgt machen könnte für später. Sie wissen ja, meine Gnädige; wir müssen unsere Zeit des Leichtsinns haben.«

»Wenn das eine Notwendigkeit ist, wird auch mein Sohn schon diesen Zoll zahlen,« sagte die Gräfin so herb, daß man daraus verstehen konnte, wie sie Erfahrungen darin gemacht hatte.

Der alte Herr wurde noch neugieriger. Was konnte sie an ihrem Sohn auszusetzen haben, über den der übelste Leumund schwieg? Will er sich vielleicht dem Willen der Frau Mama nicht fügen in bezug auf das kleine Goldvögelchen da? dachte er, indem sein Blick Kurt streifte, der sich eben sehr kaltblütig von Lilly abwandte, die schüchtern mit einer Frage ihm genaht war.

»Wir werden Ihren Sohn bald scheiden setzen, wie mir anvertraut worden ist,« eröffnete er nach einer Pause eine neue Attacke. »Unsere junge Damenwelt wird Trauer anlegen, wenn er ihr auch ein eisernes Herz entgegensetzt: keine dieser Schönen wird sich rühmen können, ihn gefesselt zu haben.«

»Er ist zu jung, sich zu binden,« sagte die Gräfin anscheinend gleichmütig. »Aber wenn Sie so eingeweiht sind, mein Bester, dann verraten Sie mir gütigst: wohin beabsichtigt man meinen Sohn zu senden?« Eine sichtbare Unruhe sprach diesmal aus ihrem Blicke.

»Diplomatisches Geheimnis!« lächelte der alte Herr. »Ueberdies fürchte ich, meiner liebenswürdigen Wirtin den Abend zu verderben; die Mamas lieben die weiten Trennungen nicht.«

»Ach, reden Sie nur, wenn Sie wissen,« sagte die Gräfin sichtlich ungeduldig. »Man schickt ihn doch nicht nach Norddeutschland?«

»Gerade entgegengesetzter Richtung; aber noch etwas weiter, meine Gnädige: zu niemand Geringerem als Seiner türkischen Majestät wird er den Weg einschlagen müssen … Doch wenn liebenswürdige Frauen es wünschen, läßt sich immer bei einigem Einfluß noch etwas ändern,« setzte er leise flüsternd hinzu. »Unsere Attachés sind keine so wichtigen Persönlichkeiten, daß der Staaten Gleichgewicht von ihnen abhängt.«

»O, warum?« sagte die Gräfin rasch. »Es ist ja recht gut so. Wir Mütter dürfen die Söhne nicht an uns fesseln wollen. Der dortige Gesandte ist überdies ein alter Bekannter unserer Familie,« setzte sie wie erklärend hinzu. »Aber Exzellenz sind doch stets der Eingeweihte,« fuhr sie, dann mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln fort. »Wo Sie nicht überall Ihre feinen Fäden haben! Sie sind ein gefährlicher Mann!«

Die alte Exzellenz lächelte, denn sie liebte es sehr, für einen Mann zu gelten, der sich trotz des a. D. noch eines großen Einflusses erfreute. Als die Gräfin aber jetzt aufstand, einen Neuangekommenen zu begrüßen, blickte er ihr doch kopfschüttelnd nach. »Eine wahre Semiramis! Aber ich möchte wissen, warum sie ihren Ältesten so weit in die Welt geschickt haben will. Es scheint wirklich, als ob er ihr zu schnell groß geworden! … O, die Frauen, die Frauen! Sollte man das den niedlichen schüchternen Dingern ansehen, was aus ihnen werden kann?«

Mit dem »niedlichen, schüchternen Ding« meinte die alte Exzellenz diesmal Lilly, die in seiner Nähe stand, wie immer rosig, schweigsam und mit verlegen ängstlichem Blick. Lilly machte bei den älteren Herren meistens Glück. Ihre Frische, ihre kleine Gestalt, ihr kindliches Wesen gefielen da, indes die junge Herrenwelt sie durchgehends für langweilig und unbedeutend erklärte. Nur ihr Ruf als Goldtöchterchen und das Anraten weiser Familienmütter führten ihr Verehrer zu, denen gegenüber sie aber sehr zurückhaltend sich verhielt, bei allen gleich schweigsam blieb, gleichmäßig errötete und gleichmäßig lächelte.

Feine Beobachter wollten bemerkt haben, daß ihr Blick am meisten ihrem schönen Vetter folge, der ihr jedenfalls am wenigsten Anlaß dazu bot. Er mied sie sichtlich, und auch eben jetzt hatte er sie fast rauh stehen lassen, um mit stürmischer Freude seinen Freund Dahnow zu bewillkommnen, den eine Reise plötzlich in die Residenz gebracht und der durch die dringende Einladung der Gräfin noch zu dem Feste zugezogen war.

»Du bist nicht sehr höflich gegen deine Cousine,« sagte Baron Dahnow abwehrend, als sein Freund ihn, unter den Arm fassend, in ein Nebengemach zog. »Du warst im Tanz mit ihr.«

»Ach was … unter Verwandten! Warum holt sie mich auch in der Damentour! Aber nun sage, wie kommst du gerade jetzt, am Ende des Karnevals?«

»Eine Reisetournee, ehe ich mich in alle Sorgen meiner Examenarbeiten stürze. Deine Cousine kann übrigens noch recht hübsch werden, wenn sie sich etwas herausarbeitet; sie hat einen allerliebsten Zug um den Mund.«

»So?« sagte Kurt. »Möglich; sie gehört zu den Wesen, die für mich gar nicht existieren.«

»Aber du existierst für sie! Sie tat mir ordentlich leid mit ihrem traurigen Gesicht, wie du sie ohne weiteres stehen ließest.«

»Dummes Zeug, das man ihr als Kind in den Kopf gesetzt hat und das sie sich jetzt aus dem Sinne schlagen muß … Dahnow, ich habe einen Talisman. Schreiben wollte ich es dir nicht, aber sieh hier.« Kurt zog ein versteckt gehaltenes Medaillon hervor und öffnete dasselbe; es zeigte den reizendsten Mädchenkopf.

»Ah, wundervoll!« sagte Dahnow. »Also doch! Als du so schweigsam bliebst, so rasch dich entferntest, dachte ich, es sei alles aus. Du denkst also noch ans Ziel zukommen?«

»Bin daran, wenn du es so nennen willst; denn es hängt nur von Bedingungen ab. Meine Mutter hat zwei Jahre Frist und zwei Jahre Geheimnis verlangt… und das läßt sich aushalten. Verlautete am Rhein irgend etwas darüber?«

»Wenig; man dachte einfach, deine Mutter habe dich vernünftigerweise heimgerufen. Da der Direktor mit seiner Familie auch abreiste, war die Sache bald vergessen. Studentenliebe wird nicht hoch taxiert.«

»Nous verrons!« sagte Kurt trocken, sich den Bart streichend und einen Augenblick noch in den Anblick des Medaillons versenkt.

»Wo ist sie jetzt?« fragte Dahnow.

»In einer Villa bei Dresden, die ihr Vater vor kurzem gekauft hat. Sie wird dort die zwei Jahre verleben … Ich hasse es, sie bei der Bande zu wissen,« setzte er in gereiztem Tone hinzu, »und habe das verlangt.«

Dahnow sah nachdenklich vor sich hin. »Weißt du …« begann er; doch plötzlich abbrechend, fing er in verändertem Tone wieder an. »Apropos, was sind deine Pläne? Ich weiß, du bist Diplomat geworden. Bleibst du hier fürs erste?«

»Meine Vorbereitungsstudien sind beendet. Ich werde dieser Tage irgend einer Gesandtschaft attachiert werden, vermutlich am Goldenen Horn.«

»So,« sagte Dahnow wie beruhigt. »Uebrigens, mein Bester, schau dich um; einer der Silberdiener harrt deiner mit so sehnsüchtigem Gesicht, daß es gut sein wird, wenn du dich ihm widmest.«

»Ah!« sagte, Degenthal, einen Blick nach dem Lakaien werfend, der wartend an der Tür stand. »Es wird wegen des Soupers sein, das in Angriff genommen werden soll; ich habe noch eine kleine Anordnung zu treffen. Ganz ungeniert an kleinen Tischen wird gespeist. Alter, sorge für dich. Ich muß leider in meiner Eigenschaft als Hausherr mich den Sternen ersten Ranges widmen. Aber ich komme dann zu eurer Gruppe. Nimm meine kleine Cousine, da du doch keine der anderen Damen kennst.«

»Werde mich schon zu finden wissen,« brummte Dahnow. Er wußte sich jedenfalls gut zu finden; denn etwas später, als Degenthal ihn aufsuchte, fand er ihn an der Seite der gefeiertsten Schönheit der Saison, inmitten der Koryphäen der Gesellschaft, im heitersten, belebtesten Kreis, zu dem sein Humor das Seinige beitrug.

»Ah, Graf Degenthal!« rief jetzt die schöne Komtesse, ihn mit ihren schwarzen Augen kühn anstrahlend – etwas, das sie vergeblich den ganzen Winter getan, da sie immer die Hoffnung nicht aufgab, auch, ihn noch an ihren Triumphwagen zu fesseln. »Graf Degenthal, verraten Sie uns, warum Ihr norddeutscher Freund erst jetzt unsere Residenz aufsucht, wo wir gerade daran sind, allen weltlichen Freuden zu entsagen und unsere Häupter mit Asche zu bestreuen.«

»Weil, wie ich schon die Ehre hatte, zu bemerken, meine Gnädige, ich ein Ketzer bin, der von dem frommen Brauch nichts weiß. Dafür trifft mich jetzt die schwerste Buße; denn ich lerne kennen, daß ich verloren habe …, wenn Sie nicht die Gnade haben, mich wenigstens noch mit einer Tour heute abend zu entschädigen.«

»Heuchler!« sagte Degenthal lachend, »Komtesse Hedwig, strafen Sie ihn mit mehreren Touren; denn er huldigt dem Grundsatz der Türken, die lieber tanzen sehen, als sich dieser anstrengenden Arbeit selbst unterziehen.«

»Ah, dann errate ich, was Baron Dahnow hergeführt,« rief ein anderer der jungen Herren dazwischen. »Seine Heimat sendet uns eben die berühmtesten Künstler in diesem Fache. Eigentlich ist es mehr Springen zwar als Tanzen. Wissen Sie, meine Herrschaften, daß der Zirkus Karsten in den nächsten Tagen seine Vorstellungen hier eröffnen wird?« Da in diesem Augenblick jeder auf Dahnow sah, bemerkte niemand Degenthals heftiges Zusammenzucken.

»Baron, Sie erröten dabei!« rief Komtesse Hedwig lachend. »Also diese vierfüßigen Schönen sind Ihr Leitstern!« setzte sie etwas keck hinzu. »Sie können das nicht leugnen.«

Es war eigentümlich, daß Dahnows sonst so schlagfertige Zunge stockte.

Degenthal, der ihm gegenüberstand, sah ihn betroffen an. »Wußtest du, daß Karsten kommen sollte?« fragte er gedehnt.

Dahnow lachte etwas gezwungen auf. »Bester Kurt, ihr scheint hier die Reize eurer Residenz sehr gering anzuschlagen, daß ihr so kleine Ereignisse hinzuzählt. Karsten war übrigens diesen Winter gar nicht in Berlin, sondern weiter im Norden.«

»Deshalb suchen Sie ihn jetzt hier auf,« rief einer der Herren. »Chi lo sa – ob der vierfüßigen Schönheiten wegen? Von Karsten sagt man ja, daß er eine wunderbar schöne Tochter hat, die überall rasendes Aufsehen macht. Letzten Herbst am Rhein sprach alles davon; ich hoffe jedenfalls, daß er sie auch uns produziert.«

»Nora Karsten produziert sich gar nicht,« sagte plötzlich Lillys ruhige Stimme dazwischen. »Sie ist noch niemals öffentlich aufgetreten und wird es auch nie tun.«

Alle sahen erstaunt die kleine Sprecherin an.

»Aber was weißt du davon, Lilly?« rief Komtesse Hedwig. »Wie kommst du zu der Bekanntschaft?«

»Ich kenne Nora Karsten gut und habe sie lieb,« sagte Lilly, immer in ihrer gleichen, ruhigen Weise. »Ich war mit ihr fast ein Jahr noch in der Pension zusammen, wo sie ganz erzogen ist. Sie war die schönste und liebenswürdigste von allen Pensionärinnen und besonders gut gegen uns Neulinge.«

»Aber, Komtesse, das ist ja eine ganz interessante Kombination … eine schöne Reiterin, die aus dem Kloster kommt …«

»Sie ist gar keine Reiterin,« entgegnete Lilly hartnäckig, »Ihre Mutter hat es nicht gewollt, daß sie Reiterin würde, und darum hat ihr Vater, der sehr reich ist, sie im Kloster erziehen lassen. Wir wußten damals gar nicht, daß ihr Vater Kunstreiter-Direktor sei. Ich habe dies später erst durch unseren Kaplan gehört, der sie auch kennt.«

»Wie ist sie denn!« fragte Komtesse Hedwig neugierig, »und wo lebt sie?«

»Sie ist schöner wie alle Damen, die ich kenne,« gab Lilly rachsüchtig der Komtesse zurück. »Wo sie jetzt lebt, weiß ich nicht, ich glaube aber bei ihrem Vater. Nur das weiß ich, daß sie nie etwas tun wird, was wir alle nicht auch täten; dazu ist sie viel zu fromm und wohlerzogen.«

Die Sprecherin war rot geworden bei ihrer Verteidigung. Aber ein Paar Augen ruhten zum erstenmal mit Interesse auf ihr; es war, als wollte Degenthal ihr jedes Wort von den Lippen nehmen. Zum erstenmal bemerkte auch er jetzt »den lieblichen Zug um den Mund,« auf den Dahnow ihn aufmerksam gemacht hatte.

Eine Weile später stand er hinter ihrem Stuhle. »Hast du den Kotillon noch frei, Cousinchen?« fragte er leise. »Willst du ihn mir geben?« Lilly wurde purpurn. Sie konnte nur stumm nicken vor freudiger Ueberraschung; denn das hatten ihre kühnsten Hoffnungen sich nicht träumen lassen.

Als der berühmte Herzenstanz einige Stunden später im Gange war, wußte die Gräfin nicht, ob sie ihren Augen trauen sollte, da sie das junge Paar sich gegenüber sah: so eifrig war Kurt mit seiner Tänzerin beschäftigt, so überaus glücklich sah diese aus. Es gibt Augenblicke, in denen auch die kleinsten Augen strahlen können, und in Lillys Augen ging ein ordentliches Lichtmeer auf, wenn ihr Tänzer sich voll Interesse ihr zuwendete, so daß er alles darüber zu vergessen schien. Die Gräfin hörte nicht, daß es Pensionsgeschichten waren, mit denen Lilly ihn fesselte; sie sah nur, und sie stutzte. Was! War sie vorher blind gewesen – hatte sie nicht bemerkt, daß in der stillen Intimität des häuslichen Verkehrs sich dieses angesponnen? War sie zu eilig gewesen, eine neue Ablenkung für ihn zu suchen? Und jetzt gerade, wo die Fäden angeknüpft schienen – wie töricht, sie abzubrechen!

Der Gräfin Augen suchten die alte Exzellenz, und die alte Exzellenz war nie fern vom Damenzirkel.

»Darf ich von meinem Frauenrecht Gebrauch machen und wankelmütig sein?« sagte sie mit ihrem freundlichsten Lächeln.

»Etwas Wankelmut wird Sie nur uns übrigen schwachen Sterblichen ähnlicher machen,« sagte der alte Herr galant.

»Die muselmännische Hauptstadt ist doch weit … das Klima ängstigt mich! Geben Sie den bewußten Wink an gehöriger Stelle und bewirken Sie etwas Aufschub, Sie allvermögender Mann.«

»Toujours au service des dames,« sagte die alte Exzellenz, sich verbeugend. »Graf X. kann sich auch mit einem anderen unserer jungen Herren begnügen.«

Der Menschen Gedanken ergänzen sich oft eigentümlich. Im selben Augenblick, als die alte Exzellenz das sprach, lehnte Kurt sich nachdenkend auf seinen Stuhl zurück. Seine Tänzerin war ihm zu einer Tour fortgeholt worden. Ihr Geplauder war ihm süß gewesen, denn es hatte sich nur um ihr Pensionsleben mit Nora gedreht. Aber jetzt kam ihm die Erinnerung an das, was er gehört hatte: daß der Direktor mit seiner Truppe in der Stadt erscheinen werde. Zum erstenmal segnete er die Klugheit seiner Mutter, die ihm eine Aussicht auf längere Abwesenheit eröffnet hatte. Auch er dachte gerade an die alte Exzellenz, ob durch sie die Abreise nicht vielleicht zu beschleunigen sei, da es ihm kein angenehmer Gedanke war, gerade hier mit Karsten zusammenzutreffen, ja nicht einmal in dieser Weise von ihm zu hören. Er beschloß, gleich Erkundigungen einzuziehen, wann die Eröffnung des Zirkus zu erwarten stehe, um vorher Schritte tun zu können.

Am Morgen nach dem Feste war daher sein erster Ausgang dieser Absicht gewidmet. Um niemanden seiner Bekannten zu begegnen, entschloß er sich ziemlich zeitig dazu. Ein Ritt in die Anlagen brachte ihn bald dahin, wo der Zirkus stets seinen Platz hatte, und er fand die Arbeiter mit der Ausstattung beschäftigt. Er ging hinein, denn halb und halb hoffte er, den Direktor selbst dort zu finden. Anstatt seiner aber traf Kurt nur jenen dunkel aussehenden Mann, der ihm bei seinem Besuch in Brüssel bei dem Direktor aufgestoßen war. Er schien das Amt eines Oberaufsehers oder Geschäftsführers zu vertreten und drängte sich, mit geschwätziger Zudringlichkeit dem jungen Grafen auf, den er ebenfalls gleich wiedererkannte und dessen Beziehungen zum Direktor ihn mit Neugier zu erfüllen schienen.

Kurt fand sich durch den Menschen unangenehm berührt. Auf seine Frage nach Herrn Karsten erhielt er den Bescheid, daß derselbe schon seit einigen Tagen mit dem Vortrab der Gesellschaft angelangt, aber plötzlich erkrankt sei und im Hotel liege. Der Mensch bot sich sofort an, Kurt dorthin zu begleiten, falls er ihn zu besuchen wünsche. Als Kurt das Anerbieten kühl ablehnte, streifte ihn lauernd das Auge des Fremden.

Kurt kämpfte einen eigenen Kampf, als er sein Roß zurücklenkte. Den Mann, dem er so nahe treten sollte, durch die Tochter und dessen Gast er so oft gewesen, jetzt in seiner Nähe und krank zu wissen, ohne ihn aufzusuchen, erschien ihm doch, unedel. Lillys Geplauder hatte überdies die Erinnerung an Nora so lebhaft werden lassen, daß er eine ungemeine Sehnsucht empfand, wenigstens etwas von ihr zu hören. Er entschied sich also dafür, sofort den Weg nach dem genannten Hotel einzuschlagen. Daß ihm der Geschäftsführer in einiger Entfernung gefolgt war, hatte er nicht bemerkt.

An dem Hotel angekommen, fand er bald jemand, der ihn beim Direktor anmelden konnte. Zum Warten wurde, er in ein Zimmer gewiesen, dessen Tür halb offen stand. Eine weibliche Gestalt lehnte in einer der Fensternischen, und Kurt, die Direktorin zu sehen wähnend, trat rasch heran. Sie wandte sich um, ein leiser Jubellaut kam über ihre Lippen.

»Kurt, Kurt …?« rief sie, und zwei Arme umfingen ihn, ein kleiner Kopf preßte sich an seine Schulter.

Sein »Nora, du hier?« klang hingegen mehr erstaunt als erfreut; in seinen Zügen malte sich tiefes Mißvergnügen.

Sein Kuß mußte etwas kalt sein – denn erstaunt hob sie den Kopf empor. »Grollst du, daß wir uns wiedersehen? Ach, das ist ja nicht gegen die Verpflichtung! Wir haben es ja nicht verabredet, der Zufall hat es gewollt … und ich bin selig darüber.« »Warum bist du aber hier?« fragte er gereizt. »Du weißt, ich hasse es, dich bei der Bande zu sehen, und wünsche, daß du in der Villa bleibst.«

Die Arme sanken ihr nieder bei dem Tone des Vorwurfes. »Mein Vater wurde plötzlich sehr krank,« sagte sie, »und man meldete es uns telegraphisch.«

»Genügte denn da seine Frau nicht?« fragte er noch gereizter.

»O Kurt, du denkst gewiß nicht, was du da sagst!« rief sie traurig. »Ist es dir so unangenehm, mich hier zu finden?«

»Unangenehm … nein,« sagte er, etwas besänftigt von dem schmerzlichen Ton in ihrer Stimme. »Aber ich finde es so unverzeihlich unvorsichtig. Hier gerade, in unserer Heimat ist es so wenig wünschenswert, dich in diesen Beziehungen zu sehen. Du weißt, welchen Wert meine Mutter auf ihre Bedingungen legt … wie soll ich die aber halten, wenn ich dich so nahe weiß!«

Die letzten Worte söhnten mit dem Anfang der Rede etwas aus, besonders, da er sie dabei liebevoll an sich zog.

»Ich werde, sobald ich kann, wieder abreisen,« sagte sie sanft.

»Ich werde, selbst reisen in einigen Tagen,« sagte er. »Es trifft sich insoweit glücklich, als ich dir jetzt mitteilen kann, daß ich auf längere Zeit in die Ferne gehe?«

»Du willst reisen,« fragte sie und ihre blauen Augen hefteten sich ängstlich auf ihn. »O Kurt, sei nicht so entsetzlich vernünftig!«

»Es ist besser, es ist notwendig,« gab er mit der Hartnäckigkeit zurück, die junge Männer gern zeigen den Frauen gegenüber, von denen sie sich geliebt wissen, vielleicht um ihre männliche Oberherrschaft zu betätigen. »Es ist besser, wenn ich die zwei Jahre unserer Prüfung nicht hier verweile. Ich gehe in diesen Tagen als Attache zu unserer Gesandtschaft nach Konstantinopel. Es war das ein guter Rat meiner Mutter, wie ich immer mehr einsehe.«

Nora blieb einen Augenblick sprachlos, als suche sie den Sinn seiner Worte zu verstehen; aber plötzlich ihn von neuem umschlingend, rief sie: »Kurt, sie wollen dich trennen von mir, sie wollen dich losreißen von aller Verbindung! Nicht genug, daß wir uns nicht sehen dürfen, sie wollen die Ferne zwischen uns legen.«

Kurt zog sie fester an sich. »Als ob das Herz Entfernungen kännte!« sagte er zärtlich, die Lippen auf ihre Stirn pressend.

»Ja, es kennt Entfernungen!« rief sie leidenschaftlich. »Solange wir noch gleiche Luft einatmen, teilen wir noch etwas mit dem Geliebten; solange gleiche Menschen, gleiche Verhältnisse uns umgeben, umschlingt uns noch ein Band. Aber je ferner wir einander gerückt sind, je mehr Fremde uns umgibt, je schwerer fliegen auch die Gedanken herüber. Kurt, selbst der Baum ändert sein Laub in fremdem Boden, und die Herzen ändern sich auch … darauf rechnet man!«

»Es war mein eigener freier Wille,« sagte er, etwas gekränkt über den Zweifel an seiner Selbständigkeit. »Ich habe alles wohl erwogen und gefunden, wieviel besser es auch für unsere spätere Zukunft ist, daß ich mir jetzt die Laufbahn eröffne. Fürchtest du so für deine eigene Liebe?«

»Für meine? O nein! Uns Frauen ist sie ja die Hauptsache, euch aber nur die Zutat des Lebens. O sag' deiner Mutter, wie treu wir die Bedingungen innehalten wollen … nur geh' nicht in die Ferne!«

Kurt beugte sich zu ihr und strich die dunklen Haare von den heißen Schläfen. Er küßte die Augen, unter deren langen Wimpern eine Träne hervorquoll. »Sei nicht kindisch, Nora; ein paar Meilen mehr oder weniger, was tun die? Hat dein armer, verachteter Toggenburger denn im Orient vergessen?« setzte er scherzweise hinzu. Nora wollte antworten; im selben Augenblick aber richtete Kurt sich plötzlich hoch auf, und sie loslassend, sah er stolz in die Höhe. Auch Nora blickte auf, und jähe Glut schoß ihr über Stirn und Wangen. In der gegenüberliegenden Tür stand der schwarze Herr aus dem Zirkus, ein höhnisches Lächeln auf den Lippen. »Der Herr Direktor läßt Fräulein Nora bitten, sogleich zu ihm zu kommen,« sagte er und war im selben Augenblick verschwunden.

Kurt biß sich auf die Lippen. »Wer ist dieser unausstehliche Mensch?« fragte er geärgert. »Ein wahres Spionengesicht! Du siehst die ganze Unvorsichtigkeit deines Kommens.«

»Es ist Landolfo, meines Vaters erster Geschäftsführer,« sagte sie gepreßt. »Er ist mir widerwärtig, weil er sich an uns herandrängt, sich für mehr hält als die andern. Aber mein Vater rühmt seinen fähigen Kopf, und in bezug auf die nötigen Kräfte dürfen wir nicht wählerisch sein.«

»Wir?« sagte Kurt noch gereizter. »Identifiziere du dich wenigstens nicht mit der Bande.«

»O Kurt, du willst heute alles mißverstehen!« sagte sie traurig. »Du wußtest ja, woher ich stamme.« Diesmal trat sie ihm dabei keinen Schritt näher, sondern der schöne Kopf hob sich stolzer empor. »Ich muß zum Vater,« fuhr sie dann fort. »Willst du ihn sehen? Er war sehr krank, ist erst seit gestern besser.«

»Es wird besser sein, ich sehe ihn jetzt nicht. Ich fühle mich nicht in der Stimmung, mag auch dem widerwärtigen Menschen dort nicht begegnen. Aber ich komme wieder, ihn zu sehen … dieser Tage. Es ist nicht unsere Schuld, wenn der Zufall die Bedingungen bricht. Ich werde dann schon näheres über meine Abreise wissen. Grüße deinen Vater bis dahin.«

Er wollte sie umfangen; aber mit einer leichten, stolzen Gebärde machte sie sich los, und nur ihre Hand blieb einen Augenblick in der seinen – dann wandte sie sich ab und ging.

Auch Degenthal ging. Er war unzufrieden mit sich, mit ihr, mit diesem ganzen Zusammentreffen. Die Gewißheit, daß ein Dritter nun doch Mitwisser geworden, und der ungenügende Abschied, bei dem er Nora so gekränkt gesehen, machten ihm die Sache ganz unheimlich. Er würde es noch tiefer empfunden haben, hätte er die heißen Tränen gesehen, die über Noras Wangen liefen, als sie am Krankenbette des Vaters saß und ebenfalls die kleine Szene überdachte; und noch unheimlicher wäre ihm der Ausdruck der schwarzen Augen gewesen, die ihm nachschauten, als er die Treppe hinabstieg.

»He, Schätzchen,« sagte Signor Landolfo zu dem Zimmermädchen, welches eben des Weges kam, »wie hieß der Herr, den ich dich vorhin beim Direktor anmelden sah?«

»Da haben's seine Karte,« sagte das Mädel. »Die Frau sagt, ich soll's dem Fräulein 'neinreichen, aber der Herr war schon drinnen.«

»Ah so,« dachte Landolfo. »Also deshalb ist die Donna so stolz, weil ihr nur ein Conte gut genug ist zum Hofmachen. Der hat gerade den Namen danach, seiner hochnäsigen Familie so etwas bieten zu dürfen.«

Am selben Abende noch fand die Gräfin Degenthal unter ihren Briefen einen auf seinem Papier mit eleganter Hand geschriebenen: »Ein guter Freund warnt Sie. Ihr Sohn ist heute morgen mit einer Dame, Fräulein Nora Karsten, Tochter des Kunstreiterdirektors, hier in einem Hotel zusammengekommen. Wollen Sie einer Intrige vorbeugen, so ist es hohe Zeit. Man wagt das äußerste, um ihn zu fesseln und die Sache an die Oeffentlichkeit zu bringen. Ich kann nur auf diesem Wege warnen.« Die Gräfin war erstarrt, als sie dies las; es war ein zu heftiger Rückschlag nach ihren eben aufkeimenden Hoffnungen. Sie in eine falsche Sicherheit zu wiegen, ihr Sand in die Augen zu streuen, darauf war sein Benehmen also berechnet gewesen! – das Ganze eine abgekartete Geschichte! Sie war empört über ihren Sohn, empört auch über die »Intrige«, in der er gefangen worden, obgleich sie sich immer wiederholte, daß sie nichts anderes von diesen Menschen erwartet hätte.

Ihrem offenen Sinne widerstand im Grunde die anonyme Mitteilung, aber in diesem Fall – Intrige für Intrige – jetzt wollte sie ihren Sohn aus diesen unwürdigen Banden reißen, koste es was es wolle.

Ihr Entschluß war bald gefaßt. Ein Brief an die alte Exzellenz ging noch in derselben Stunde ab; und wenn er gestern ihren Wankelmut gepriesen, mußte er sich jetzt jedenfalls gestehen, daß sie in dieser Tugend Fortschritte gemacht hatte. Sie flehte ihn in diesem Briefe an, ihres Sohnes schleunigste Abreise zu betreiben: jede Stunde sei kostbar. Sie nannte nichts, aber sie gab genug zu verstehen, daß der weltkundige Herr ahnen konnte, um was es sich handle.

»Ah! Pfeift's Liedlein aus dem Loche!« sagte die alte Exzellenz, mit spitzen Fingern ein Prieschen nehmend. »Schau, schau, wer hätte das dem soliden jungen Herrn angesehen. Stille Wasser gründen tief! Da wird es ihm freilich recht gesund sein, wenn ihm etwas andere Luft um die Nase weht. Deshalb wünschen seine Frau Mama seine Entfernung und sahen unzufrieden aus … scheint eben heute ihm etwas auf die Fährte gekommen zu sein. Ist eine kluge Frau … wollen sehen, was sich tun läßt.«

Und der alte Herr zeigte gern, daß er viel tun konnte. Trotz der späten Stunde rollte sein Wagen noch vor die Tür einiger seiner bedeutenden Freunde. Soviel war gewiß, die Gräfin konnte zufrieden sein. Schon am folgenden Morgen in der Frühe erhielt Graf Degenthal eine Aufforderung, sich auf das Auswärtige Amt zu begeben, wo ihm alsbald die nötigen Papiere mitgeteilt wurden mit dem Auftrage sofortiger Abreise zur k. k. Gesandtschaft nach Pera.

Kurt, der den Auftrag schon einige Zeit vorausgesehen, wurde nicht überrascht davon. Wäre er die letzten Stunden weniger beschäftigt gewesen, so hätte ihm vielleicht auffallen können, daß seine Mutter so wenig berührt davon schien, obgleich eine lange Trennung bevorstand. Lillys Gesicht war das überraschteste und traurigste.

An ein Wiedersehen mit Nora, an ein erklärendes Wort war nicht mehr zu denken, so drängte sich alles in den letzten Stunden. Ehe noch der kurze Wintertag zur Neige ging, ehe er sich dessen selbst noch recht bewußt war, saß Kurt schon im brausenden Eilzuge, der ihn mit jeder Minute mehr und mehr von Nora trennte.

12

Oh, if we took for heaven above,
But half the pain, that we
Take day and night for women´s love
What angels we should be!
Thomas Moore

Kurt war seit einem Monat in seiner neuen Stellung und seine Gedanken waren nur flüchtig zu den verlassenen Erinnerungen zurückgekehrt, beschäftigt von allem Neuen, was ihn umgab. In Wahrheit empfand er es als Erquickung, nur von äußeren Gegenständen berührt zu werden nach all der inneren Unruhe, die er in dem letzten Jahre durchgemacht hatte. Auch bei der größten Liebe ist dem Manne solch andauernde Erregung auf die Länge abspannend. Ueberdies war er unzufrieden mit sich und mit Nora seit dem letzten Wiedersehen; es knüpften sich unklare, unangenehme Gedanken an dasselbe, die er gern eine Weile ruhen ließ.

Ein Monat ist kurz, wenn wir in einem Strudel neuer Menschen, neuer Verhältnisse wie neuer Beschäftigungen uns befinden; ein Monat ist aber sehr lang, wenn wir all die Tage eine Nachricht erharren, einen Liebesbeweis ersehnen. Der Gegensatz sollte Kurt grell vor die Augen geführt werden, als ein Brief Dahnows ihn endlich aus der Art von Beschwichtigung und Beruhigung aufweckte, in die er sich hineingelebt hatte. Der Dicke schrieb unwirsch und entschieden: »Denke über meine Einmischung wie du willst; aber ich sehe nicht ein, welche Befugnis du hast, ein junges Wesen unglücklich zu machen, welches du deiner Liebe und Treue versichert hast. Welche Gründe dich zu der weiten und schleunigen Entfernung veranlaßten, vermag ich natürlich nicht zu ermessen; aber mich dünkt, sie hätten jemanden, dem du ein Anrecht auf dich gegeben, nicht vorenthalten werden dürfen. Ich brauche dir die nicht zu nennen, welche umsonst diese langen Wochen hindurch auf ein Wort der Erklärung von dir geharrt hat. Du solltest besser wissen als ich, wie ein so zartes Gemüt das trägt. Ob es ihr ein Trost war, durch mich, der ich zufällig ihre Gegenwart hier erfuhr, zu hören, daß du wohlbehalten an dem Orte deiner Bestimmung angelangt, ist mir sehr fraglich. Vielleicht wäre es tröstlicher gewesen, zu denken, daß Krankheit dich verhindert, als so unentschuldbare Handlungsweise. Verzeih' mir das Wort – ihrem Kummer gegenüber finde ich kein anderes. Du scheinst die Bedingungen deiner Frau Mutter trotz aller ungewöhnlichen Begebenheiten, die dazwischengetreten sind, sehr strenge innezuhalten. Mich dünkt, Liebe hätte andere Logik. Karstens Frau und Tochter verlassen morgen Wien: bis jetzt fesselte die Krankheit des Direktors sie hier. Auch ich reise morgen. Solltest du Lust zu brieflichen Mitteilungen empfinden, sende sie mir in meine Heimat, nach Mecklenburg.«

Der Brief ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Kurt brauchte keine Gewissenserforschung: klar trat ihm seine Schuld vor Augen. Was hatte er getan! Das gereizte Wiedersehen, der kalte Abschied, und jetzt diese vier Wochen, die ihm so kurz gedünkt! Wie Zentnerlast fiel ihm das alles aufs Herz. Wieder hörte er die Bitte: »O, geh nicht in die Fremde; sie wollen dich von mir trennen!« Statt aller Antwort war er gegangen, sofort gegangen, ohne ein versöhnendes oder erklärendes Wort. Und warum war er gegangen, was hatte diese schleunige Abreise, die ihn kaum zur Besinnung kommen ließ, hervorgerufen? Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: das mußte sich auf eine ungewöhnliche Weise zugetragen haben. Diese Aufforderung noch an demselben Tage, seiner Mutter befriedigte Miene bei der Nachricht, ihre gefaßte Ruhe beim Abschiede, das flüchtige Erstaunen seines Chefs hier, als er sich bei ihm gemeldet! Alles wurde ihm klar. Nora hatte recht gehabt – sie wollten ihn von ihr trennen, und es war ihnen gelungen. Seine Mutter hatte alles in Bewegung gesetzt, seine Abreise zu beschleunigen, ohne daß er etwas ahnte, um ihn seiner Liebe zu entfremden, ihn davon abzulenken. Er verstand nun ihre Absicht, und das kränkte ihn um so tiefer, weil er fühlte, daß sie einen gewissen Erfolg gehabt.

Um so heftiger aber erwachte zugleich das Gefühl des Selbstbewußtseins wie der Liebe. Glaubten sie so über ihn siegen zu können? Glaubten sie seinen Widerstand schlau zu beugen, wo sie ihn nicht hatten brechen können?

Und Nora, Nora, die er so vernachlässigt, wie hatte sie gelitten! Das malte er sich noch schwärzer aus, als es war; denn er ersann keine der Entschuldigungen, die in einem Frauenherzen doch immer beschwichtigend auftreten, wenn es liebt. Jetzt schien ihm jeder Tag ein Monat. Und Dahnow war ihr Tröster gewesen, Dahnow hatte bei ihr ausgeharrt, ihm hatte sie wohl ihr Leid geklagt; denn Dahnow sprach von ihrem zarten Gemüte! Mit eifersüchtigem Groll blieb er bei dem Worte stehen. Warum war Dahnow so lange geblieben – war er nicht auch gerade mit Karstens dort eingetroffen? Kurt entsann sich seiner Verlegenheit bei den Scherzen an jenem Ballabend. Er hatte auch jetzt mit ihnen Wien verlassen … Kurt vergaß ganz den übrigen Inhalt des Briefes über diesen Gedanken.

Wollte sich denn alles gegen ihn verschwören? Aber, was die ganze Welt auch dagegen ersann, er wollte sich nicht überwinden lassen, wenn nur Noras Herz ihm nicht abwendig gemacht wurde. Was sollte er tun? Er mußte ihr eine glänzende Genugtuung geben, beweisen, daß alle Versuche, ihn von ihr zu trennen, machtlos seien.

Einen Brief! Geschriebenes Wort ist kalt, und ein Brief konnte nicht anlangen, wenn Intrige es verhinderte. Er wittert jetzt überall Intrige. Ein Wort würde alles versöhnen, ein Blick alles auslöschen! Und er stampfte mit dem Fuß vor Zorn über die Entfernung.

Was war es aber, was ihn plötzlich so jubelnd aufspringen ließ, als sei der Sieg schon errungen? Er war jung, er liebte – das hat schon manchen tollen Entschluß gezeitigt; er war eifersüchtig auf seine Liebe wie auf seine Selbständigkeit: das ist ein doppeltes Feuer, das zu raschen Taten treibt. An die Seite flog Dahnows Brief, um Karten und Eisenbahnbüchern Platz zu machen. Es gibt ja kaum Entfernungen mehr in unserem Zeitalter, und im Kriege wie in der Liebe ist viel erlaubt und vieles möglich – das war wohl die Logik, die Dahnow meinte.

Am anderen Morgen brachte der Diener Degenthals dem Chef der Gesandtschaft ein Billett, mit der Nachricht, daß der Graf von einem Unwohlsein befallen sei, welches ihn für einige Tage zwinge, das Bett zu hüten, da der Arzt ihm vollkommene Ruhe befohlen.

»Sieh, sieh,« sagte der alte Herr, als er das las, »immer wieder die Dummheit von uns Deutschen, uns nicht vor der Hitze hier zu hüten. Der junge Mann ist mir empfohlen worden: ich werde doch nach ihm sehen müssen.«

Einige Tage später.

Die Frühlingssonne spiegelte sich hell in den glitzernden Scheiben eines Schlößchens, das stolz zwischen den Villen hervorsah, die in der Nähe der sächsischen Residenz lagen. Fremde wurden meist aufmerksam darauf gemacht, denn seit einiger Zeit war es in den Besitz einer europäischen Berühmtheit gekommen: Kunstreiterdirektor Karsten hatte es angekauft, das Schloß nebst dem einige Morgen großen Park, wie diensteifrig die Ciceroni berichteten, indem sie die riesige Summe nannten, die der Mann des lockeren Gewerbes dafür hatte aufwenden können.

Die Sonne, die den stattlichen Bau im sprossenden Grün jetzt hell hervortreten ließ, beleuchtete auch das junge Mädchen, das auf der Altane des Hauses Platz genommen hatte: eine anmutige Blume inmitten der Pracht des Lenzes. Aber der helle Sonnenblick fand keinen Widerstrahl in ihrem Auge, das sich wie müde senkte und bläuliche Schütten unter den langen Wimpern zeigte. Etwas Trauriges lag in ihrer Haltung, und lässig ruhten die Hände im Schoß, als habe sie genug mit ihren Gedanken zu tun. Sie hatte keinen Blick für die reizende Anlage, die sie umgab, und keinen Genuß von der duftigen, würzigen Luft, die zu ihr aus den blühenden Beeten aufstieg, die sich vor der Altane hinzogen. Ein Nebel schien ihr auf allem zu liegen – und doch gedachte sie eines Lenzes, der erst ein Jahr fern lag, wo alles ihr so zauberisch vorgekommen. Wehte nur am Rhein so berauschende Luft, oder fehlte ihr jetzt der Zauber, der uns nur aus einem anderen Auge leuchten kann, der uns die, Welt magischer verschönt, als es allem Sonnenschein möglich ist?

Nora verstand sich selbst nicht recht. Sie wollte sich nicht eingestehen, daß sie sich gekränkt fühlte durch Kurts Schweigen, und doch nagte es an ihrem Inneren; sie wollte kein Mißtrauen hegen, und doch schlich es sich ein; sie wollte ihrer Liebe denken und empfand eine brennende, unruhige Sehnsucht. Zwei Jahre Entfernung und Entfremdung: so hatte das Verdikt von Anfang an gelautet; sie war darauf eingegangen – und wie leicht hatte ihr damals die Probe gedünkt. Mit soviel Liebe im Herzen zwei Jahre nur zu warten, schien eine so kleine Aufgabe. Jetzt waren erst sechs Monate verflossen, und schon dehnte sich die Zeit wie eine Kluft zwischen ihnen, die immer breiter zu werden drohte, bis sie nicht mehr zu überschreiten war. Und das unerwartete Wiedersehen, welches dazwischen lag! Wie hatte sie oft heimlich gewünscht, daß allen Edikten zum Trotze der Zufall ein Wiedersehen vermitteln möge. – es war geschehen – aber welche Enttäuschung! Wenn sie sich auch sagte, daß der Augenblick ungünstig gewesen, vielleicht gefährlich bei der Lage der Dinge; daß seine Entfernung jetzt gut sei, um ähnlichen Verwicklungen vorzubeugen – eine heiße Träne trat doch ins Auge. O, er hätte nicht so entsetzlich vernünftig sein sollen!

Und der warme Frühlingswind stieg auf und strich ihr um die brennenden Wangen, spielte leicht mit den losen Haaren, als striche eine weiche Hand kosend darüber hin. Aber sie tut mehr wehe als gut, diese laue spielende Luft, die wie Liebe atmet und Liebe aushaucht, wenn das Herz sich öde und verlassen fühlt. Die Träne rann daher um so hastiger die Wange herab, der Kopf senkte sich um so tiefer, und wie es so oft in dieser Zeit schon geschehen, es schien Nora, als müsse ihr das Herz brechen vor Sehnsucht und Weh.

Hörte sie den Wagen nicht, der während ihres Träumens vor das Gittertor fuhr, das die Anlage von der Fahrstraße trennte? Hörte sie nicht, wie er dort hielt, und sah sie den Mann nicht, der eilends sich herausschwang und kaum auf des Kutschers Weisung hörte, der ihm den Weg zu dem Hause noch beschrieb. »Hat's der eilig!« murmelte der Alte, mit Wohlgefallen auf das reiche Trinkgeld schauend, das ihm in die Hand gedrückt worden. »Wenn der nicht zu seinem Schatze will, laß ich mich hängen! Dann sind sie immer eilig und freigebig.«

Während der Kutscher diese Betrachtung machte, hatte der Reisende die künstlich gewundenen Wege der Anlage durchschritten. Seine Züge sahen überwacht aus, sein Haar war verwirrt, sein Anzug etwas ungeordnet, wie von langer nächtlicher Fahrt. Das Auge aber hatte etwas Strahlendes, Triumphierendes und suchte spähend umher, bis er plötzlich die Gestalt auf der Altane entdeckte, ein leiser Freudenruf glitt über seine Lippen – in einigen raschen Sätzen war er die kurze steinerne Treppe hinan. Hörte sie die hastigen Schritte, daß sie sich jetzt betroffen erhob und fremd den Eindringling anschaut?

»Nora, Nora!« rief er, und sein Arm umfaßte sie schon. Ein Moment noch des starren Staunens, als wage sie nicht, ihren Augen zu trauen – und dann brach ein Strahl der Seligkeit aus ihren Augen, ein Jubelruf drang aus dem Herzen … sie hielten sich umschlungen, wie Liebe und Sehnsucht umschlingen, wenn eine lange Trennung auszulöschen ist.

War das ein Fragen, Staunen und Erzählen, als endlich wieder das Wort sein Recht gewann!

War er unvernünftig genug gewesen, drei Tage und zwei Nächte zu reisen vom fernen Bosporus her, um vielleicht sechs Stunden lang in ihrer Nähe zu weilen? Wie ihr Auge strahlte, wie sie schalt und doch ihn pries in einem Atem, wie sie sorgte und pflegte nach Frauenart; wie er aller Angst und Sorge spottete, und jede Minute so süß und kostbar schien! Der Nebel war verschwunden, alles war jetzt wieder getaucht in Lenzes Herrlichkeit und Lenzes Glück.

O Liebe, Liebe – vor Gottes Thron giltst du wenig, hatte die ernste Klosterfrau gesagt; aber die reizendste Blüte des irdischen Daseins, der süßeste Zauber, den Gott seiner Welt gegeben, ja das bist du auch …

Während die Liebenden in ihrem Glücke schwelgten, während alles, was an Mißtrauen aufgedämmert, dahin schwand wie Dunst, dachte anfangs keiner von beiden an den, welcher der eigentliche Urheber dieses Glückes war: Dahnow. Als endlich Degenthal der Eifersucht erwähnte, die er einen Augenblick gefühlt, lachte Nora herzlich. Ja, Baron Dahnow war so freundlich gewesen; aber sie wußte gar nicht einmal, wohin er gereist war. Beide ahnten nicht, welch heldenmütiger Entschluß den dicken Baron zu dem Briefe getrieben.

»So, jetzt sind wir quitt,« sagte er, sich das runde Gesicht streichend, als der Brief zur Post war, »und das Gewissen ist einem frei. Wenn er nach dem Briefe nicht kommt, ist seine Liebe keinen Pfifferling wert. Der Brief war für die zwei Briefe damals; ich will nicht schuld sein an den traurigen Augen. Einmischung einmal, dafür Einmischung auch jetzt; nun ist's abgetragen.«

Aber wenn dem guten Mecklenburger nach seiner Ansicht das Gewissen jetzt auch frei war, mußte er sich doch innerlich noch nicht frei fühlen; denn nach dem Briefe war er ernster und sinnender als zuvor.

»Ich muß es auch mit der Ferne probieren,« sagte er endlich. »Wozu ist man denn ein freier Mann, den keine Verhältnisse binden? Hol mich der Kuckuck, wenn ich nicht ganz sauertöpfisch werde von all dem Studieren.«

Bald darauf setzte Baron Dahnow seine zahlreichen Verwandtschaften in Staunen durch seinen Entschluß, sein Studium nicht mehr aus trockenen Büchern, sondern aus selbsteigener Weltanschauung zu schöpfen.

»Was, Dicker, du wirst mobil?« fragten seine Brüder lachend. »Du bekommst weltweite Pläne: Afrikareisender am Ende?«

»Ich esse lieber selbst, als daß ich gegessen werde,« meinte der Dicke, »deshalb gehe ich nicht dorthin … aber jedenfalls aus dem Bereiche der Eisenbahnen und Hotels. Mache Kulturstudien nur in kulturunbeleckten Landen, hier ist mir alles zu nivelliert!«

»Du, die faulste Seele des Erdenrundes, willst dich auf Wildnisreisen einlassen und den Chimborasso und Himalaya erklettern!«

»Nein, die lasse ich mich hinauftragen,« sagte der Dicke lakonisch. »Ich finde meine Bequemlichkeit schon überall.« Jedenfalls nahm er es ernst mit seiner Bequemlichkeit bei den Vorbereitungen zur Reise.

Degenthal war indessen längst von seiner tollen Fahrt zurück. Graf X., der Gesandte Sr. k. k. Majestät, hatte eines Morgens zu Pera in seinem Privatsalon gesessen, als sein jüngster Attaché sich als wieder genesen bei ihm meldete und für die Güte seiner vielen Erkundigungen dankte. »Es geht Ihnen also wieder ganz gut!« fragte der alte Herr, ihn eigentümlich scharf fixierend.

»O, vortrefflich! Viel besser als vorher,« sagte der junge Mann strahlenden Blickes.

»Mich dünkt, Sie sehen etwas ermüdet aus,« fuhr der Chef langsam redend fort. »Ihr Diener war ein sehr strenger Wächter; man konnte nicht zu Ihnen gelangen, wie oft ich mich auch persönlich darum bemühte, und der Arzt war sehr stumm.«

»Exzellenz waren zu gütig!« stammelte der junge Mann verwirrt. »Der Arzt hatte …«

Der Gesandte aber war aufgestanden, seine Hand legte sich auf die Schulter des Sprechenden. »Sie sind ein schlechter Diplomat, mein Lieber,« sagte er mit seinem Lächeln. »Ihre Intrigen sind grobgesponnene Gewebe. Ihre Züge verraten, was Sie verschweigen wollen. Zu welchem Kurorte führte Sie der Triester Dampfer?«

Der Überführte stand stumm und verlegen vor seinem Vorgesetzten.

Der alte Herr durchschritt einigemal das Zimmer. »Junger Mann,« sagte er endlich, vor ihm stehen bleibend, »junger Mann, verschwenden Sie Ihre Jugend nicht in unwürdigen Banden.«

Kurt hob das Auge frei empor. »Exzellenz,« sagte er, »das Glück von jemand, den ich ebenso hochachte als liebe, stand auf dem Spiele.« Graf X sah ihn noch ernster an. »Ich glaube Gutes von Ihnen,« sagte er; »man hat mir aber mitgeteilt, daß Sie in großer Gefahr seien, Ihr Lebensglück zu verscherzen. Ihr Blick bürgt mir dafür, daß es nichts Unwürdiges ist: aber hüten Sie … was Sie Ihr Lebensglück nennen. Irre ich nicht, so sind Sie nicht der Mann, ein Glück sich allen zum Trotze zu erobern; eher gehen Sie selbst dabei zugrunde.«

13

Es ist im Leben häßlich eingerichtet,
Daß bei den Rosen gleich die Dornen steh'n.

Für Nora war seit jenem Tage die Welt wieder schön, obgleich der Himmel sich mit Wollen bedeckt hatte und kalte Regenschauer die Lenzherrlichkeit fortzuschwemmen drohten, obgleich auch an ihrem Horizont Wolken aufstiegen, die allmählich ihren verdüsternden Einfluß geltend machten. Mit der vollen Befriedigung und Beruhigung, die Kurts Besuch ihr gelassen, achtete sie kaum darauf und lebte nur in ihrem seligen Traume. Die Wolken, die für sie sich sammelten, lagen auf des Vaters Stirn, dessen Stimmung seit seiner Krankheit gänzlich verändert war. Es hatte sich eine Unruhe, eine Gereiztheit seiner bemächtigt, die man früher nie an ihm gekannt. Selbst das freudige Ereignis der Geburt eines Sohnes, die bald nach der Rückkehr der Direktorin zur Villa stattgefunden, hatte ihn nur auf wenige Tage erheitert, soviel Freude er auch erst über den Ankömmling gezeigt.

Nora hatte den Bruder freudig aufgenommen. Es war ihr gewissermaßen ein Trost, dem Vater einen Ersatz zu wissen, wenn ihre künftigen Verhältnisse sie ganz von ihm trennen würden. Seine Mißstimmung, die sie anfangs auf die Folgen der Krankheit, dann auf die Unruhe der Erwartung des Ereignisses geschoben, wußte sie sich nicht anders als durch körperliches Leiden zu erklären. Sie bat ihn daher wiederholt, sich mehr Ruhe zu gönnen. Er war jedoch rastloser als seit Jahren, immer wieder zur Truppe zurückkehrend, oft, aber meist nur auf Stunden, zur Villa kommend, und dann immer in Begleitung jenes Landolfo, der ihm ganz unentbehrlich schien und mit dem er häufig lange, geheimnisvolle Beratungen hatte.

»Signor Landolfo«, wie er sich mit großer Vorliebe nannte, und wie sein Name stets auf den Anzeigen in fetten Lettern prangte, war unbedingt eine in das Auge fallende Erscheinung. Die geschmeidige Gestalt, das kühne Profil, die Fülle glänzend schwarzen Haares verfehlten nie ihre günstige Wirkung auf die Menge. Nur der schärfer Beobachtende fühlte sich unangenehm berührt durch den kecken, schlauen Blick der dunklen Augen, durch den sinnlichen Ausdruck der aufgeworfenen Lippen, die der wohlgepflegte Bart bestens zu verdecken suchte. Sein stolz klingender Name hätte sich vielleicht auf ein bescheidenes »Levi« zurückführen lassen, wenn es überhaupt möglich gewesen wäre, irgendwie auf seine Vergangenheit zurückzukommen. Gleichwie von Schillers poetischer Figur, konnte man von ihm sagen: »Man wußte nicht, woher er kam«; und auch das weitere: das »schnell war seine Spur verloren, sobald er wieder Abschied nahm«, durfte er von sich rühmen. Denn unter den verschiedensten Gestalten war er schon aufgetaucht und immer wieder spurlos untergegangen. Halb verdorbenes Genie, hatte er sich auf dem Theater, als Künstler, als Schriftsteller und in ähnlichen Fächern versucht. Eines Tages ganz auf dem trockenen, war er bei einer kleinen Reiterbande aufgetreten. Einige Gewandtheit und sein gefälliges Aeußere brachten ihn dort zur Geltung, und mit dem Selbstbewußtsein, das ihn zierte, hatte er bald dem Direktor Karsten seine Dienste angeboten. Landolfos equestrische Talente waren nur schwach; aber Karsten wußte seine ästhetische und geschäftliche Begabung zu verwerten. Die Fertigkeit im Entwerfen neuer Szenen, in der Behandlung des theatralischen Teiles der Vorführungen, welche Landolfo besaß, machte ihn sehr schätzbar bei der Truppe, wie auch seine gewandte Feder die Aufmerksamkeit des Direktors auf sich zog. Landolfo war aber ganz der Mann, einmal gewonnenes Terrain auszubeuten. Mit der Gewandtheit, die vielleicht ein Erbteil semitischer Abstammung war, wußte er seinem Chef so zur Hand zu gehen, daß die Leitung der Geschäfte allmählich auf ihn überging. Der Direktor hatte nie viel Sinn für das Geschäftliche gehabt, hatte es stets gern auf andere Schultern gelegt, und der rasche, schlaue Blick, die sichere Berechnung Landolfos imponierten ihm um so stärker, als er in dieser Zeit mehr als sonst des Rates bedurfte.

In den letzten Monaten waren bedeutende Geschäftsverwicklungen eingetreten. Bisher war Karsten unbestritten der einzige und Größte in seinem Fach gewesen. Er hatte goldene Ernten gehalten, so daß er sich durchaus nicht zu scheuen brauchte, große Summen für seinen Luxus zu verwenden.

Im vorigen Winter war ihm aber zum erstenmal ein Konkurrent entstanden, der rastlos versuchte, des Direktors Glanz zu verdunkeln und die Gunst des Publikums für sich zu gewinnen. Es mußten ihm riesige Mittel zu Gebote stehen; er war erfinderisch in der Wahl seltsamer Leistungen, in der Einführung neuer Elemente, welche die Schaulust reizten.

Das Neue lockt stets, und Karsten bemerkte bald einen sichtlichen Abfall seiner früheren Gönner und einen noch fühlbareren Ausfall in der Kasse. Auch er sah sich daher zu größerem Aufwande, zu neuen Anstrengungen gezwungen, um dem Nebenbuhler gegenüber sich behaupten zu können. Einige seiner besten Kräfte waren ihm bereits durch dessen hohe Anerbietungen abwendig gemacht, so daß er in bezug auf das Personal jetzt wirklich hinter jenem zurückstand. Das kränkte ihn lief und rief seinen ganzen Ehrgeiz wach. Er mußte jetzt suchen, neue Reizmittel zu schaffen, um seinen Namen wieder zu der alten Höhe zu heben. Aber diese rasch herbeigezwungenen Mittel kosteten große Summen, und bei dem Kapital, welches allein schon der tägliche Unterhalt so vieler Menschen und Tiere erfordert, ist ein Schritt abwärts wie der. Anstoß zur Lawine.

Um seinen Kredit zu erhalten, durfte Karsten nichts an dem Luxus seines Lebens ändern, wie schwer ihm auch die Bezahlung des Schlößchens ward, das er mit der ganzen Rücksichtslosigkeit des überreichen Mannes erworben hatte.

Schon den Winter hindurch hatte ihn dies beunruhigt und allmählich den Grund zu seiner Krankheit gelegt. In den letzten Wochen war aber ein neuer Umstand hinzugetreten, der ihn schwer traf. Der Bankier, bei dem er diejenigen Summen hinterlegt hatte, die er stets flüssig haben mußte, hatte unglückliche Spekulationen gemacht, und der Konkurs war ausgebrochen. Das hatte den Direktor in der letzten Zeit so oft zu der Villa geführt, da ei in der nahe liegenden Stadt die Geschäftsleute zu Rate zog.

Heute war er plötzlich eingetroffen, mühsam seine Aufregung verbergend, indes er Landolfo zur Stadt sandte, Erkundigungen einzuziehen. Der Anblick seines kleinen Sprößlings wie das Wohlbefinden seiner Frau erheiterten ihn etwas, indes er Nora oft mit finsterem Blicke betrachtete. Ihr Verhältnis zum Grafen wurde ihm in seiner jetzigen Lage immer drückender.

Er war am Abende mit den Seinen vereint im Salon seiner Frau, als Landolfo wieder eintraf. Der Direktor ging ihm hastig entgegen. Mit krankhafter Überreizung sah er in ihm jetzt seine einzige Stütze, da einige schlaue Ratschläge, die nicht übel gewirkt hatten, ihn blendeten. Er suchte daher Landolfo immer mehr heranzuziehen und empfing ihn auch heute mit lebhaft zur Schau getragener Freundlichkeit. Der Direktorin sagte Landolfo sehr zu. Er war der Mann ihrer früheren Kreise, und seine pikante Persönlichkeit bestach sie. Sie widmete ihm stets die größte Liebenswürdigkeit, indes Nora, der sein zudringliches Wesen ungemein zuwider war, ihn nur mit abweisender Kälte behandelte, besonders seit jenem Tage, wo er ihr Zusammentreffen mit Kurt belauscht hatte.

Der Direktor, der ihm immer mehr Beweise seines Vertrauens gab, bot ihm an, sich im Familienkreise niederzulassen – ein Augenblick, den Nora wie unwillkürlich benutzte, um sich zu erheben und aus dem Zimmer zu entfernen. Landolfo sah es und biß sich auf die Lippen. Er war sich der stummen Fehde zwischen ihm und der Tochter seines Herrn bewußt – sie hatte mehr wie seinen Stolz verletzt.

Er war nicht kalt geblieben solcher Schönheit gegenüber, und seitdem er dem Direktor so nahe getreten, hatten seine Gedanken einen kühnen Flug genommen. Seine Fähigkeilen und seine Persönlichkeit schienen ihm genügend in die Wagschale zu fallen, um die Hand der Tochter seines Herrn zu erstreben. Kein anderer Schwiegersohn konnte demselben so nützlich sein, so gut die Oberleitung des Ganzen künftig mit ihm teilen.

Was die Eroberung der Persönlichkeit selbst anging, schmeichelte er sich mit den schönsten Hoffnungen. In den Kreisen, in denen er gelebt, war er eines leichten Sieges stets sicher gewesen. Noras Kälte hatte er anfangs mit der stolzen Ausnahmestellung, die sie in dem Kreis einnahm, erklärt. Seit dem Tag in Wien aber, als er den Grafen Degenthal antraf, glaubte er den richtigen Schlüssel dazu zu haben, und zur beleidigten Eitelkeit trat die Wut der Eifersucht.

Die erste Rache war, seinem gemeinen Sinne gemäß, der anonyme Brief an die Gräfin gewesen. Er hatte das Verhältnis damals für eine gewöhnliche Liebesintrige gehalten. Einige Worte des Direktors ließen ihn zwar bald andere Schlüsse ziehen; da aber Noras Benehmen seit jenem Tage nur noch schroffer gegen ihn wurde, steigerte sich auch seine Rachsucht. Er wollte sie demütigen, er wollte ihr diesen hochfliegenden Gedanken rauben – sie sollte gestürzt werden. Die Berechnung, daß er dann vielleicht seinen ersten Plan erreichen könnte, stachelte ihn um so mehr an, als die Verlegenheiten des Vaters ihm die Mittel dazu plötzlich in die Hand legten.

Bleich vor Zorn war er zurückgetreten, als sie sich zum Gehen wandte, und hatte ihr den Weg zur Tür frei gemacht; seine dunklen Augen aber ruhten wie verzehrend auf ihr, die sich seines Zornes gar nicht einmal bewußt wurde, so wenig Blick hatte sie für ihn. Stumm blieb er stehen, aber sein Entschluß war in dem Augenblick reif geworden.

Der Direktor hatte ebenfalls seiner Tochter unmutig nachgeblickt. In der Absicht, ihr Benehmen zu verdecken, erhol, er sich jetzt wieder. »Nein, kommen Sie in mein Zimmer, Landolfo; Geschäftssachen werden am besten gleich abgemacht, und Damen taugen doch nicht dabei.«

»Sie haben freilich keine Vorliebe für einfache Geschäftsmänner, wie vielfachen Vorteil sie auch von ihnen ziehen,« sagte Landolfo scharf und so laut, daß es Noras Ohr noch treffen sollte.

»Aber ich weiß solche zu würdigen,« lächelte Frau Emilie von ihrer Chaiselongue herüber, wo sie möglichst graziös lag. »Karsten, du bringst doch Signor Landolfo zurück und entziehst ihn uns nicht den ganzen Abend?« fügte sie hinzu, huldvoll die Hand ausstreckend, die Landolfo galant küßte.

»Kommen Sie,« mahnte der Direktor ungeduldig, ihn in sein Schreibzimmer mitnehmend, welches im unteren Geschosse lag.

»Was haben Sie für Nachrichten?« war die Frage, noch ehe die Tür sich geschlossen hatte. Landolfos Gesicht nahm, sobald er mit dem Direktor allein war, einen anderen Ausdruck an. Alle Unterwürfigkeit schwand daraus; er wußte, daß man ihn nötig hatte. Gleichgültig nahm er daher eine Zigarre von dem Direktor an, zündete sie umständlich an und warf sich nachlässig in einen der Sessel, indes Karsten unruhig auf und nieder schritt.

»Hier sind Briefe,« sagte Landolfo, ein kleines Paket auf den Tisch werfend.

»Und der Bankier?« fragte erregt der Direktor.

»Im besten Falle großer Verlust! Zwei Drittel werden wahrscheinlich eingebüßt, wenn nicht mehr.«

»Aber das ist ja ein unerträglicher Schlag,« rief der Direktor aus, »ein unersetzlicher Verlust! Ich werde ihn unter den jetzigen Verhältnissen kaum tragen können. Es sieht nichts weniger als gut aus bei der Truppe. Den ganzen Winter die riesenhaften Kosten und der enorme Ausfall in der Einnahme!«

Landolfo schwieg und wirbelte Rauchwolken in die Luft.

»Zwei Drittel Verlust,« murmelte der Direktor, immer wieder auf und ab gehend, »das ist Ruin.«

»Eine einzige glückliche Saison könnte Ihnen wieder aufhelfen,« sagte Landolfo ruhig.

»Aber kann ich eine glückliche Saison aus der Erde stampfen?« rief Karsten zornig. »Der Kerl da will mich zugrunde richten, er bietet alle tollen Mittel auf! Es muß ein Unternehmen vieler sein. Ein einziger könnte über solche Summen nicht verfügen. Es ist eine Intrige, mir meinen langjährigen Ruhm zu rauben… Aber ich lasse mich nicht aus dem Felde schlagen!«

»Was für Nachrichten von der Truppe?« fragte Landolfo in seltsam ruhigem Tone wieder.

Der Direktor zuckte die Achseln. »Die neuen Clowns bewähren sich; aber das nächste Vierteljahr wieder Steigerung der Gagen! Es ist nicht zu zahlen. Der Kassierer verlangt Geld; der Besuch ist schwach. Die neue Gesellschaft hat natürlich sofort einen Zug durch alle mitteldeutschen Städte unternommen, vor uns her, uns überall das Paroli zu bieten. Ist das noch edle Pferdedressur, mit Löwenbestien für die Gaffer einherzuziehen?« setzte er grollend hinzu.

»Engagieren Sie eine Löwin, das zieht am besten,« sagte Landolfo mit häßlichem Lachen.

Der Direktor schien nicht gehört zu haben; er war mit den Briefen beschäftigt, die Landolfo auf den Tisch gelegt hatte. Ein leiser Fluch ging plötzlich über seine Lippen. »Auch das noch!« sagte er zornig, das Papier fortschleudernd. »Was ist denn in das Frauenzimmer gefahren? Da kündigt mir Fräulein Elisa, meine erste und beste Schulreiterin! Hab' ich nicht eben noch ihre unsinnigen Forderungen bewilligt? Die hat mir der Kerl auch abspenstig gemacht!«

»Was schreibt sie denn?« fragte Landolfo gleichgültig.

»Lesen Sie selbst. Dumme Phrasen… Das fehlte noch.«

Landolfo las den Brief und legte ihn ruhig nieder. »Ich dachte es mir,« fugte er, sich zurücklehnend.

»Was dachten Sie? Was will sie?« fragte Karsten gereizt.

»Beleidigte Künstlerehre. Fräulein Nora hat ihr keinen Gegenbesuch gemacht … das duldet unsere Schöne nicht. Nicht alle sind so zahm wie unsereins.«

»Dummes Zeug,« brummte der Direktor. »Das Mädchen verdirbt mir noch alles mit seinem unsinnigen Hochmut!« Aufgeregt ging er wieder auf und nieder. »Was sollen wir tun, Landolfo?«

»Engagieren Sie eine neue; Fräulein Elisa war keine Nouveauté mehr.«

»Eine neue engagieren!« rief der Direktor wieder. »Wo sogleich eine finden? Und die wahnsinnigen Forderungen, die diese Geschöpfe stellen … und bald keinen Heller mehr in der Tasche. Wechsel, die mir die Haare auf dem Kopfe weiß machen, wenn ich an die Deckung denke … es ist der Ruin, sage ich … ich ertrage es nicht.«

»Ich wüßte niemand, der ihn leichter abwenden könnte als Sie,« bemerkte Landolfo, sich erhebend und die Zigarrenasche abklopfend.

»Ich?« fragte der Direktor erstaunt und suchte vergebens einen Blick in das von ihm abgewandte Gesicht zu tun. »Wie meinen Sie das, Landolfo? Sie sind klug; haben Sie irgend einen Plan? Reden Sie!«

»Fräulein Nora,« sagte Landolfo noch immer mit abgewandtem Gesichte, wie mit seiner Zigarre beschäftigt, »Fräulein Nora ist die beste Reiterin, die ich kenne. Demoiselle Elisa war nicht mit ihr zu vergleichen. Und sie ist überdies eine Schönheit, die Ihnen die halbe Welt wieder zuführen würde… Lassen Sie Fräulein Nora auftreten, und der Sieg gehört Ihnen.«

Karsten zuckte zurück. »Meine Tochter reitet nicht öffentlich,« sagte er nach einer Pause mit heiserer Stimme.

Landolfo schwieg.

»Ihre Mutter hat es nicht gewünscht,« fuhr der Direktor, wie sich selbst überredend, fort.

»Verhältnisse ändern die Sache,« sagte Landolfo kurz.

»Sie wird es niemals tun!« rief der Direktor.

»Fräulein Nora ist sehr fromm, sagt man; sie wird ihre Kindespflicht kennen, den Vater vor sicherem Ruin zu bewahren.«

Dem Direktor war es, als fühle er Angstschweiß auf der Stirn. »Sie hat andere Pflichten … sie ist verlobt, und der Graf hat mein Wort.«

Landolfo lachte leise auf. »Ah! verlobt … mit dem jungen österreichischen Grafen vielleicht? Wenigstens war es nicht sehr offiziell bis jetzt.«

»Es sollte noch zwei Jahre Geheimnis bleiben,« lautete die etwas verlegene Antwort des Direktors. »Solche Verlobung!« sagte, Landolfo, die Achseln zuckend, »Verlobung entre nous, damit man freie Hand behält … man kennt das! Deshalb hat sich der junge Herr so schleunigst nach dem Orient begeben. Die Frau Mama scheint die Sache zu begünstigen.«

»Wohin?« fragte Karsten, dem Nora nichts von Kurts Versetzung gesagt, aus einer gewissen Scheu, die Entfernung zu erwähnen.

»Attaché bei der Gesandtschaft zu Peru,« sagte Landolfo. »Etwas Luftveränderung für den jungen Herrn… Der orientalische Liebhaber wird Ihre Pläne sehr wenig stören, mein Bester,« setzte er hinzu, vertraulich die Hand auf des Direktors Schulter legend. »Lassen Sie uns offen sein. Man kennt die Geschichten: das liebt sich wohl, heiratet sich aber nicht.«

»Ich halte den Grafen durchaus für einen Ehrenmann,« sagte der Direktor, und ein dunkler Fleck zeigte sich auf seiner Wange. Unwillig wandte er sich von der Berührung seines Untergebenen ab und stand ihm einen Augenblick mit der früheren Würde gegenüber.

»Ich auch,« gab Landolfo mit unverschämter Ruhe zurück. »Aber jung, sehr jung! Seien Sie gerecht, Direktor: von seinem Standpunkt aus eine große Torheit… und Torheit hat keine Dauer. Der zäheste Karnevalsmensch hält sie nicht drei volle Tage aus. Eh bien, so geht's stets im Leben, und ist die Torheit auch noch, so süß – sie scheitert stets an sich selbst. Le jeune couple hat schon seine démêlées.«

»Was wissen Sie davon?« herrschte der Direktor.

»Ein glücklicher oder unglücklicher Zufall, wie man es nimmt, machte mich in Wien zum Zeugen einer kleinen Liebesszene: Fräulein Nora in Tränen, weil der Herr Graf ihr Vorwürfe machte, daß sie mit der »Bande« herübergekommen … Fräulein Nora empört … dann flehend, er möge die türkische Reise unterlassen. Als Antwort darauf reiste der Herr Graf in derselben Nacht ab … ohne weiteren Abschied.«

»Ich habe von dem allem nichts erfahren.«

»Es war nicht angenehm für Fräulein Nora, das zu erzählen,« gab Landolfo zurück. »Ich habe ihre stille Irritation bemerkt. Aber Fräulein Nora ist eine bedeutende … eine kluge junge Dame. Sobald sie klar sieht in allem, wird sie zu handeln wissen. Sie wird verstehen,« fuhr er langsamer betonend fort, »daß ein Bankrott die Lage nicht verbessern wird, und daß die Tochter des ruinierten Kunstreiters der Familie noch weniger zusagen wird, als die des reichen Mannes.«

Karsten stand wie erstarrt da. Diese Worte brachten ihm ein neues Bild vor Augen – die Unterredung mit dem Kaplan, die Mitgift, die er damals verheißen, und daß er als Lügner dastehen würde.

Von neuem traf ihn der Gedanke, es sei Unnatur, in so schwerem Augenblicke sich nicht auf seine Tochter verlassen zu können – eine Tochter, die nur die Finger zu seiner Rettung auszustrecken brauche und es nicht tun werde. »Sie wird es niemals tun!« rief er laut.

»Seltsame Kindespflicht,« meinte Landolfo kaltblütig. »Unsereins taugt nicht viel, würde das aber anders verstehen. Warten Sie übrigens bis morgen ab. Morgen wird es sich entscheiden, was aus der Sache wird. Das Haus brennt noch nicht über dem Kopfe. Drei Monate halten wir den Kredit noch, und im schlimmsten Fall … ich wiederhole es, Fräulein Nora wird kein unnatürliches Kind sein. Versuchen Sie es nur.«

Damit zündete er sich eine neue Zigarre an und blieb, wie auf ein Wort des Direktors wartend, noch einen Augenblick stehen.

Karsten antwortete nicht. Dunkler brannten die Flecken auf seinen Wangen, seine Gedanken arbeiteten unruhig; aber er schwieg. Landolfo fragte, ob er sich empfehlen dürfe. Nur ein stummes Nicken war die Antwort, und der Direktor war allein.

Wäre es nicht natürlich, daß das Kind den Vater rette? Der Gedanke bohrte sich in sein Hirn.

Der Graf, der Graf? Eine dumme Liebelei, die schon ihr Ende erreicht hatte. Sie würde ihren richtigen Verhältnissen wiedergegeben. Er hatte der Mutter sein Wort gehalten, ihr die Erziehung gegeben, die sie gewünscht. Aber Verhältnisse ändern die Sache, hatte Landolfo mit Recht behauptet. Einen Augenblick fiel ihm ein, das ganze Inventar zu verlaufen und sich zurückzuziehen. Jedoch das ging nur mit schwerem Schaden. Nur wenig wäre zu retten, und – geschlagen vor seinem Gegner zu weichen? »Das würde ihr nicht dienen und mir nicht helfen,« dachte er düster … »Doch soll es ihr freier Wille bleiben,« murmelte er. »Ich werde ihr alles klar machen; mag sie dann wählen und tun, was ihr recht scheint.«

»Ich sage ihr nichts, nein, ich sage ihr nichts,« wiederholte er sich dann wieder, und doch klang es eine lange schlaflose Nacht in seinen Ohren: »Wäre es nicht natürlich, daß das Kind den Vater rette?«

14

Es kann ja nicht immer möglich sein,
Daß alles sich glücklich ende –
Und wenn die Sonne am höchsten steht
Kommt immer die Sonnenwende.

Am nächsten Morgen hatte Nora ihr Pferd zeitig satteln lassen, einen Ritt in den frischen Morgen zu tun, wie sie es liebte. Das Pferd tanzte unter ihr, ihr Herz tanzte mit; es war gerade der Tag, wo vor einem Monate Kurt sie überrascht hatte, und das war ein Tag seliger Erinnerung.

Als sie auf dem Vorplatze hielt, den eine niedrige Mauer vom Parke trennte, sah sie ihren Vater in seinem Schreibzimmer am Fenster stehen. Sie grüßte ihn, und um ihm eine Freude zu bereiten, ließ sie ihr Pferd zierlich aussteigen, um es dann mit kunstgerechter Wendung herumzuwerfen und in den verschiedensten Gangarten vorzuführen, bis sie endlich, noch einmal grüßend, mit mächtigem Satz über die Mauer wegsprengte und im Parke verschwand.

Sah er sie? Ja, er sah mit brennendem Blick ihre vollendete Kunst, ihre seltene Gabe, das Tier zu beherrschen. Es war ein junges, feuriges Pferd, das sie vor kurzem aus seinem reich assortierten Stalle gewählt hatte, ihre Geschicklichkeit daran zu prüfen, wie sie das öfter getan. Fast unzugeritten hatte sie es bekommen, jetzt fügte es sich gehorsam ihrem Willen. Wie sie stolz dahinflog, mußte er von neuem die Anmut ihrer Erscheinung bewundern. »Er hat recht, sie würde die Welt zu ihren Füßen sehen,« murmelte er, »sie würde die Größte in ihrem Fache werden. Und es wird auch ihre Freude sein; sie ist meine echte Tochter,« setzte er hinzu.

Das unbefangene Mädchen ahnte nicht, was sie heraufbeschworen; sie hatte ihn zerstreuen wollen, den armen Vater, der in der letzten Zeit so düster vor sich hinblickte, daß es anfing, sie zu beunruhigen. Was mochte ihn bedrücken? … Aber sie konnte heute nicht bei sorgenden Gedanken weilen, die rosige Zukunft lockte zu sehr. Monat auf Monat ging vorüber – dann war sie sein. Wie süß das klang! Wie vertiefte sie sich in die Erinnerung an jedes seiner Worte; wie edel und rein stieg sein Bild vor ihr auf, und – welchem Frauenherzen ist das nicht Hauptsache? – wie liebeglühend war er! Purpurn stieg das Blut dabei in ihre Wangen, mächtig schlug das Herz auf, daß die Hand zuckte und das feurige Tier erschreckt sich hob.

Aber ihre Gedanken spannen sich fort, fort in weite, künftige Jahre hinaus. Ja, wenn sie sein war, schön war es dann auch, seinen Namen zu tragen, durch ihn den festen Standpunkt zu gewinnen, die sichere Stellung zu erreichen, die ihrem jetzigen Leben so mangelte. Und schön mußte es sein, an seiner Seite zu leben und zu wirken im großen Kreise, wie ein tätiger Geist es liebt. Sie war nicht unempfindlich für die Höhen des Lebens und gestand es sich. Jedes Glück hat seinen Hauptquell im Herzen; aber es rinnen auch viele kleine Nebenquellen hinzu, und je mehr deren sind, um so kräftiger wird der Strom.

Die Stunden vergehen rasch, wenn man von Liebe und Leben am sonnigen Morgen unter schattigem Grün träumt. Die Sonne stand hoch, als Nora sich dessen erinnerte und den kürzesten Weg zur Heimkehr einschlug.

Um etwas abzuschneiden, setzte sie über den Bach, der die, Grenze des Parkes bildete. Dort führte ein Steg auf den Weg zur Stadt. Das Ufer war schlüpfrig, ihr Pferd rutschte, und nur ihre feste Hand bewahrte es vor dem Falle. »Wie gefährlich ist die Stelle,« dachte sie zurückblickend, und das geknickte Gesträuch, der glitscherige Pfad wie die kleine Brücke prägten sich ihr ein.

Heimgekehrt, fand sie die Ihrigen nicht im gemeinsamen Zimmer, wie meist zu dieser Stunde. Die Stiefmutter mit dem Kind im Garten wähnend, suchte sie den Vater in seinem Schreibzimmer auf, ihren Morgengruß zu wiederholen. Betroffen blieb sie aber am Eingange stehen. Der Vater saß dort, das Haupt auf die Hand gestützt, ein Bild schwerer Sorge. Ein geöffnetes Papier lag vor ihm, indes ein grüner Umschlag am Boden flatterte, das Zeichen einer telegraphischen Botschaft.

Mit dem Instinkt der Liebe ahnte sie, daß etwas vorgefallen war, was mit seinem früheren sorgenvollen Aussehen zusammenhing.

Im selben Augenblick war sie an seiner Seite, ihn zärtlich umfassend, mit weichen Worten nach seinem Kummer fragend. Sie liebte ihren Vater sehr, und jetzt empfand sie dies mit einem kleinen Zusatze von Reue, denn sie fühlte, daß sie in der letzten Zeit ihrer neuen Liebe unendlich den Vorrang eingeräumt hatte. Um so zärtlicher war sie, und der Direktor ließ sich die Liebkosungen seines Kindes gefallen; aber vergeblich fragte sie nach der Ursache seines Kummers, vergeblich bat sie um Aufklärung. O, wie leicht gehen in solchen Augenblicken die Worte über die Lippen, alles tun, alles leiden zu wollen, um den Kummer zu erleichtern; Worte, die doch eine so furchtbare Gestalt annehmen können.

Der Direktor hob den Kopf und sah in seiner Tochter bittende Augen, auf ihr bewegtes Gesicht. Vielleicht war es die bessere Regung in ihm, die ihn fast rauh sich abwenden ließ. »Geh,« sagte er, »du gehörst einem anderen; du gehörst deinem Vater nicht mehr und kannst nicht helfen.«

Der Tochter traten Tränen in das Auge; ihr Vater hatte recht – aber um so mehr drängte es sie, ihm ihre Anhänglichkeit und Liebe zu beweisen. So wurden ihre Worte immer inniger; sie suchte das Telegramm zu erhaschen, um den Quell des Uebels zu erkennen. Die kurzen Zahlen waren rätselhaft für sie; doch erriet sie, daß eine Geldfrage im Spiele sei. Von neuem bat sie, flehte sie, mit dem Versprechen, stark genug zu sein, alles zu ertragen.

Nach dem Telegramm, das der Direktor eben erhalten, waren die Verwicklungen bis aufs äußerste gestiegen. Landolfo meldete einen noch bedeutend geringeren Prozentsatz, der aus dem Konkurs zu erwarten stehe, als er gestern genannt, so daß der Direktor mit Recht den größten Teil seines Vermögens für verloren halten konnte. In solcher Lage greift der Mensch leicht nach jedem Mittel, das Hilfe zu versprechen scheint.

Er sah sein Kind fest an. »Wenn jemand zu helfen vermag, bist du es,« sagte er langsam und gepreßt.

»Ich,« wiederholte Nora erstaunt. Aber sofort durchzuckte sie die Erinnerung an der Mutter Eigentum, welches das ihre war. »Vater,« sagte sie innig, »ist es wegen der Mutter Vermögen? O, wie kannst du nur zweifeln! Nimm doch alles, was dir helfen kann … was mir gehört, gehört auch dir.«

»Das kann mir nicht mehr helfen … es ist schon verloren!« sagte der Direktor dumpf.

Sie sah ihn erschrocken an. Hatte er wirklich das angegriffen, das schon verloren, was rechtlich ihr gehörte, und lastete das schwer auf ihm? Aber Jugend ist großmütig, und Nora war es mehr als andere. Sie umschlang ihn noch inniger: »Laß dich das nicht kümmern, Väterchen; du konntest damit schalten nach deinem Willen. Sag mir, wie kann ich dir helfen?«

Der Direktor erhob sich, als liege eine schwere Last auf ihm. »Du kannst nun doch nicht sein werden, und es ist gut,« sagte er.

Nora zuckte zusammen. »Was meinst du, Vater?« rief sie ängstlich. »Meinst du Kurt? – Ich nicht sein werden, weil ich arm geworden … das vielleicht? O, daran hat er ja nie gedacht.«

»Ich habe dir eine goldene Brücke bauen wollen zu den Menschen hin, an die dein törichtes Herz sich gehängt hat; ich habe dich ganz von mir loslösen wollen, dir das Glück zu geben, das du ersehntest … wider meine bessere Einsicht und fast wider Willen. Aber die Brücke ist zusammengebrochen, die Kluft ist unübersteiglich geworden. Du bist nicht allein die Tochter des Kunstreiters, auch die eines Lügners und Schwindlers in ihren Augen.«

»Vater!« rief Nora immer ängstlicher, »was sprichst du? Du bist erregt von dem Schrecken. Kurt ist gerecht und wird auch dich gerecht beurteilen. Glaube mir, er liebt mich genug, um ganz andere Rücksichten zu überwinden, und dies ist doch nur Geld.«

»Nur Geld!« wiederholte der Direktor höhnisch. »Aber er wird es nicht entbehren können, das weiß ich gewiß. Außer dem Zorn seiner Familie und den Unannehmlichkeiten, die du in seine ganze Lebensstellung bringst, wirst du ihn auch noch seine Güter kosten. Eine schöne Liebe, die so viele Opfer fordert!«

Nora war aufgestanden – totenbleich. Sie preßte die Hand aufs Herz, als empfinde sie dort einen heftigen Schmerz.

Auch der Direktor stand auf; je mehr er ihren Widerstand fühlte, desto mehr sprach er sich in die Aufregung hinein. »Und worauf wartest du?« rief er laut. »Worauf wartest du in deiner tollen Leidenschaft? Muß er dir erst selbst das Wort zurückgeben, muß er selbst das Joch abwerfen, das du ihm aufgebürdet hast? Ist es nicht genug, daß er dir deutlich zeigt, wie keine Entfernung ihm zu groß ist, die ihn von dir trennen kann? Genügt es dir nicht, zu sehen, daß seine Familie dich meidet wie eine Verpestete? Willst du den Ruin deines Vaters auch noch als Schild vornehmen und um ihre Gnade, um seine Liebe betteln?«

Der heftige Ausbruch schien Nora nicht zu erschüttern. Ruhig hob sie den Blick zum Vater auf: »Kurt war noch vor vier Wochen hier; er kam aus der weitesten Entfernung von Konstantinopel, nur um mich seiner unerschütterlichen Liebe zu versichern, und ich glaube ihm.«

»So! Schleicht er heimlich zu dir, weil er öffentlich dich nicht anerkennen will? Und das nennst du Liebe, das genügt dir? Ist das der ganze Stolz, den deine Erziehung dir gegeben? Nicht die Gewöhnlichste unserer Truppe würde solche Behandlung dulden. Aber du hörst nur auf deine Leidenschaft … alles übrige ist dir gleichgültig.«

»O Vater, Vater!« rief das gequälte Mädchen, »warum bist du so hart? Sage mir doch lieber, wie ich dir helfen kann, und du wirst mich nicht gleichgültig finden. Ich werde Kurt nie zu fesseln suchen, wenn es sein Glück hindert. Doch was hilft das dir? Sage, was ich für dich tun kann!«

Der Direktor ging einigemal im Zimmer auf und nieder. »Ich werde sehen, was von deinen schönen Worten zu halten ist,« sagte er hart, und dann plötzlich vor ihr stehen bleibend, setzte er hinzu: »Sei die Tochter deines Vaters!«

Nora starrte ihn verständnislos an.

»Rette ihn vom Ruin,« fuhr der Direktor fort. »Dein Auftreten allein kann es. Du hast das Talent, hast das, was die Welt bezaubern wird … in wenigen Monaten wird ersetzt sein, was ich jetzt verloren habe.«

Nora sah noch immer zu ihm auf, als spräche er eine fremde Sprache, als fasse sie nichts von dem, was in ihr Ohr klang.

»Du bist die erste Meisterin in unserer Kunst,« begann er bei ihrem Schweigen wieder. »Du bist ein neues, frisches Element, wie die Welt seit Jahren keines bewundert. Du hast es von mir ererbt,« sagte er, warm werdend bei dem Gedanken. »Die Natur hat dich dafür bestimmt, dir diese Kühnheit und Schönheit in die Wiege gelegt! Du wirst alle überstrahlen, wie dir schon als Kind prophezeit wurde.«

Plötzlich schien ihr ein Licht aufzugehen. »Nie, nie!« schrie sie mit gellendem Ton, beide Hände vor das Antlitz schlagend. »Nie, nie kann das sein!«

»Ich wußte es,« sagte er, kalt sich abwendend. »Deine Liebe hat nur Worte, für keinen bringst du Opfer!«

»Vater!« rief Nora, »ich will alles tun für dich … nur das nicht! Ich will für dich arbeiten, wenn es dir helfen kann, mit dir entbehren, wenn du in Armut geraten, will dir allein angehören… kein Gedanke an jemand anders soll mich dir untreu machen … nur das nicht, das Entsetzliche nicht!«

»Nur das kann helfen,« sagte der Vater, sie rauh zurückstoßend. »Alles andere sind leere Worte. »Gut, … bleib' bei deinem Stolz und überlaß deinen Vater seinem Schicksal!«

»Vater, ich kann ja mehr, ich kann ja Besseres,« flehte sie wieder. »Ich habe viel gelernt, habe andere Talente; ich will mir eine Stellung suchen, und alles soll dir gehören.«

»Die Paar Taler solcher Stellungen werden mir viel helfen!« sagte er, höhnisch auflachend. »Verschone mich mit deinen Redensarten.«

»O, denke an meine Mutter, die es nie gewollt hat!«

»Deine Mutter würde mir in jeder Not beigestanden haben, sie hätte mir jedes Opfer gebracht,« sagte er ausweichend. »Auch sie brach mit vielen, um mir anzugehören, meinem Stande, den du so hochmütig verachtest. Mag dir ihr Wort, unter ganz anderen Verhältnissen gesprochen, denn höher gelten, als die Schmach deines Vaters!«

Nora lag am Boden – ihr Herz wand sich in Todesangst, und doch sagte ihr eine innere Stimme, fest zu bleiben. »O, lieber sterben, lieber sterben!« stöhnte sie.

»Und wenn ich dich darum bäte . … dringend bäte?« sagte der Vater plötzlich, ihr die Hand auf das Haupt legend. »Wisse es klar: ich bin verloren, wenn ich diese Hilfe nicht habe!« Er sprach mit seltsam erstickter Stimme.

»Lieber sterben, lieber sterben!« wiederholte sie, außer sich vor Angst.

»Ja, lieber sterben, als seinen Stolz beugen … du kannst recht haben,« sagte er in demselben eigentümlichen Tone, und ohne ein Wort weiter wandte er sich und verließ das Zimmer.

15

Wen das Unglück recht anbraust, den treibt's nicht hin
und her – es versteinert ihn, wie Rinde.
Bettina

Nora wußte nicht, daß sie allein zurückgeblieben war. Die Hände vor das Antlitz geschlagen, blieb sie regungslos, niedergeschmettert von dem, was sie gehört – wie lange, wußte sie nicht. Sie versuchte sich zurückzurufen, was der Vater gesagt; aber alles war ihr unklar, unverständlich, unbegreiflich. Nur eins nahm bei ihr allmählich wieder Form und Gestalt an, daß sie fest, fest sein und bleiben müsse gegen alles Bitten, gegen alles Drängen, daß keine Macht der Erde, daß nichts auf der Welt sie bewegen dürfe, sich so zu erniedrigen.

Tiefer bitterer Groll stieg in ihr auf gegen den Vater, der ihr das zumutete. Wie konnte der Gedanke in ihm aufgestiegen sein? Wer hatte ihm den unseligen Rat zugeflüstert? Eine Ahnung sagte ihr, daß Landolfo dabei im Spiele sei. Aber nicht daran wollte sie ihre Gedanken verschwenden; nur daran denken, wie das Elend abzuwenden, wie das Unglück zu beschwören sei. Eine unendliche Sehnsucht nach Rat und Mitteilung beschlich sie – und jedes Weib denkt dann zuerst an den Mann, den es liebt.

Das war gewiß ein Ereignis, wo die Schranke des Verbotes überschritten werden durfte, wo ein Aussprechen mit Kurt unumgänglich notwendig war. Der Gedanke, ihm zu schreiben, beruhigte sie schon. Sie erhob sich, ihr Zimmer aufzusuchen; denn sie hörte jetzt Schritte im Hause, selbst das Rufen ihres Namens, als werde sie gesucht. Leise entschlüpfte sie durch eine Nebentür – es war ihr unmöglich, jetzt vor anderer Leute Augen zu treten. Sie gelangte ungesehen auf ihr Zimmer.

Sie ließ sich zum Schreiben nieder; aber die ersten Worte riefen ihr die ganze Szene so überwältigend wieder zurück, daß die zitternde Hand die Feder niederlegen mußte. Im selben Augenblick wurde heftig an ihre Tür gepocht, und ehe sie sich noch erheben konnte, sah sie in Landolfos erregtes Gesicht.

»Fräulein Nora … Sie hier?« fragte er hastig. »Und Ihr Vater, wo ist er?«

Nora erhob sich stolz, dem Eindringling möglichst kalt zu begegnen. Aber er beharrte in seiner Stellung, und etwas in seiner Stimme ließ auf Außergewöhnliches schließen.

»Wo ist Ihr Vater?« rief er wieder. »Ich weiß, er war bei Ihnen, er hatte wichtige Sachen mit Ihnen zu bereden. Haben Sie ihn beruhigt? Wie hat er Sie verlassen?«

Nora sah ihn wie im Traum an; sie schüttelte nur still den Kopf.

»Ah, steht es so!« sagte Landolfo höhnisch. »Sie haben Ihren Vater auf diese Weise fortgeschickt? Sehr kindlich! Sie scheinen nicht zu wissen, was Menschen, die am Rande des Ruins stehen, alles tun können! … Noch einmal, Fräulein Nora, wo ist der Direktor?« rief er, vor Ungeduld mit dem Fuß aufstampfend, als sie immer noch schwieg und ihn wie träumend anstarrte.

Nora wurde totenbleich; sie legte die Hand an die Stirn, als müsse sie die Gedanken erst sammeln. »Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht,« brach sie stammelnd aus. »Was meinen Sie … was denken Sie?« Doch plötzlich, als sei ihre Denkfähigkeit wiedergekommen, setzte sie hinzu: »Wir müssen ihn gleich suchen. Er ging in den Garten hinaus nach unserer Unterredung.«

»In den Garten? Wohin? Was wollte er da … doch nicht allein?« inquirierte Landolfo in barschem Tone weiter. »Die Direktorin und ich glaubten Sie natürlich zusammen und wollten nicht stören. Wir konnten nicht denken, daß die Tochter den Vater in der Stunde des Unglücks sich selbst überlassen würde. Alle Folgen davon kommen auf Sie!« fuhr Landolfo mitleidslos fort.

»Ihren Vater sich selbst überlassen« – das Wort traf Nora bis ins Innerste. Ja, sie hatte nur an ihr Unglück gedacht, hatte ihn stumm und rücksichtslos von sich gewiesen.

»O, wir müssen ihn gleich aufsuchen!« rief sie bestürzt, und in der Angst ihren Groll vergessend, streckte sie die Hände flehend gegen Landolfo aus. »Kommen Sie mit, ihn zu suchen!« bat sie noch einmal.

»Alle Folgen kommen auf Ihr Haupt!« wiederholte Landolfo.

Aber sie hörte es nicht mehr; sie flog die Treppen hinab, dem Garten zu. Frau Emilie stand geängstigt am Eingänge desselben und wollte sie aufhalten, indem sie fragte, wo nur der Direktor geblieben sei seit dem Morgen.

Aber Nora hatte nicht Zeit, ihr Rede zu stehen. »Er muß im Park sein, er ist vielleicht zur Stadt gegangen!« rief sie und eilte davon, daß Landolfo ihr kaum folgen konnte. Es schien ihr, als sei jetzt jede Minute kostbar. In ihren Ohren hallte es wie mit dröhnendem Glockenschalle: »Sie wissen wohl nicht, was Menschen tun können, wenn sie am Rande des Ruins stehen, die Folgen kommen über Sie!«

Mein Gott, mein Gott! Ja, sie wußte es jetzt. Vor ihren flimmernden Augen glitten jene Schattengestalten vorüber, von denen sie gehört und gelesen, daß sie den Ruin nicht ertragen … Waren ihres Vaters letzte Worte nicht die gewesen, welche sie selbst gesagt: Lieber sterben! … O Gott, auch das noch!

Wie ein gehetztes Reh floh sie durch all die verschlungenen Pfade, den Vater rufend; aber unwillkürlich drängte es sie zu einem Platze, der ihr wie eingebrannt im Sinn stand. Das schlüpfrige Ufer, der morsche Steg, die geknickten Gebüsche, das tiefe Bett des Baches – sie wollte dem Anblick entgehen, und doch zog es sie dorthin.

»Glauben Sie denn ernstlich, daß Ihr Vater zur Stadt gewollt?« fragte Landolfo atemlos, als sie plötzlich, den kürzesten Weg durch das Gehölz einschlagend, dahin lenkte. »Er wußte mich ja dort.«

»Es ist aber doch möglich, es könnte sein … da führt ein Steg auf die Straße,« sagte Nora, sich selbst beschwichtigend. Aber plötzlich war ihr, als habe sie Blei in den Füßen, so schwer waren sie zu heben – alle Kraft war auf ihre Augen konzentriert, so erweiterten sich diese, als sie der Stelle sich näherte.

»Bleiben Sie zurück! Fräulein Nora; bleiben Sie zurück!« rief jetzt Landolfo und faßte sie heftig am Arme. »Das ist kein Platz für Sie!«

Aber Nora riß sich los und stürzte mit lautem Wehruf voran, verzweiflungsvoll auf die Knie sinkend. Das Schlimmste schien sich zu bewahrheiten: ihre Ahnung hatte sie recht geführt. Halb im Wasser versunken lag eine dunkle Gestalt ausgestreckt, nur der Kopf ruhte noch hart am äußersten Rande des Ufers –; eine einzige Bewegung, und das mit ziemlich starkem Fall forteilende Wasser riß ihn mit fort. Hatte er hinübergewollt und war ausgeglitten? Hatte ein Schwindel ihn vom schlüpfrigen Steg gestürzt? Hatte der eigene Wille seine Schritte so gelenkt und nur eine Fügung des Himmels den letzten Schritt gehemmt?

Nora, fast ohne Besinnung, zerrte machtlos an der wuchtigen Gestalt, die kein Zeichen von Bewußtsein gab. Aber auch Landolfo war schon zur Stelle. »Fassung und Ruhe!« herrschte er; doch sein eigenes Antlitz zeigte, wie weit er davon entfernt war. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und die Zähne schlugen fast hörbar aufeinander. Mit festem Griff, mit großer Kraft und Geschicklichkeit zog er den schweren Körper aus das Ufer, den Kopf vorsichtig auf Noras Knie niederlegend.

»Er ist nicht tot,« sagte er, indem er prüfend die Hand an das Herz des Bewußtlosen gelegt; »er ist nur ohnmächtig.« Der tiefe Atemzug, der sich dabei aus seiner Brust rang, galt nicht bloß der Kraftanstrengung, die es gekostet. »Lösen Sie ihm den Kragen vom Halse; reiben Sie ihm, so stark Sie können, die Pulse,« fuhr er zu Nora gewandt fort. »Indes gehe ich, Hülfe zu holen. … Auf dem Wege nach der Stadt ist der Steg unter ihm gebrochen,« setzte er bedeutungsvoll hinzu, mit einigen Fußtritten die morschen Bretter zertrümmernd, ehe er ging.

Aber Nora hörte kaum, was er sagte, sah nicht, was er tat. Mechanisch führte sie aus, was er sie geheißen – in ihrer Seele nur den einen furchtbaren Gedanken: Hatte sie ihren Vater zu diesem Entschluß getrieben? Hatte sie in der Stunde des Unglücks ihn so zurückgestoßen, daß er nur diesen Ausweg gefunden? Wie grauenhaft kam ihr jetzt ihre Härte vor. »Durch meine Schuld, durch meine Schuld!« wiederholte sie immer wieder mit bebenden Lippen. »Vater, Vater, leb' nur: ich tue alles, alles um deinetwillen. … Vater, ich schwöre dir, ich tue, was du willst!« Sie flüsterte es dem Bewußtlosen immer eindringlicher zu, als müsse er es hören, als müsse er dadurch zum Leben erwachen.

War es nun die veränderte Lage, war es das hastige Reiben oder die Stimme seines Kindes, ihr heißer Atem, der zu ihm drang: ein leises Zucken durchfuhr den Körper, ein Seufzer stieg leise aus dem zusammengepreßten Munde.

Nora rang wie im Dankgebet die Hände. »Laß ihn nicht sterben, mein Gott, laß ihn nicht sterben durch meine Schuld!« flehte sie. »Mein ganzes Leben soll diesen Augenblick sühnen,« und sie preßte ein kleines Kreuz, das sie trug, auf seine Lippen, auf ihre Lippen. »Nichts, nichts soll mir zuviel sein, um dich zu retten, Vater!« Ihre Hingabe allein schien das teure Leben erkaufen zu können.

Landolfo kam jetzt mit Hülfe zurück. Der Direktorin hatte er nur zugestanden, daß ihr Mann sich im Walde den Fuß verstaucht habe, und eine Tragbahre nötig sei, um ihn zu holen. Den Männern, die mitgekommen, schien der zerbrochene Steg Erklärung genug.

Man lud den Direktor vorsichtig auf. Nora ließ seine Hand nicht aus der ihren. Sobald sie eine Bewegung in seinem Antlitz sah, flüsterte sie ihm wieder ihre Einwilligung zu, als fürchte sie immer noch, sein Leben könnte entfliehen, ehe er ihr kindliches Opfer verstanden. Einmal schien es, als leuchteten seine Augen verständnisvoll dabei auf; einmal war es ihr, als empfinde sie einen leichten Druck seiner Hand.

Unruhevolle Stunden folgten dem Ereignis. Frau Emilie war in ihrer Aufregung ganz nutzlos. Noras Kräfte und Energie schienen sich aber zu verdoppeln. Mit erschreckender Ruhe kam sie allen Anforderungen nach, ließ nicht die kleinste Sorge aus dem Auge. Der Arzt erklärte den Zustand des Direktors für einen leichten Schlaganfall, verschlimmert durch den Umstand, daß er mehrere Stunden im Wasser zugebracht hatte.

Während mehrerer Tage schwebte er in Lebensgefahr. Nora wich weder Tag noch Nacht von seiner Seite. Sie sprach nicht, sie klagte nicht, sie weinte nicht; sie tat alles, als hinge von jeder Handlung seine Lebensrettung ab und als sei sie versteinert gegen alles übrige.

Als das Bewußtsein dem Kranken vollständig zurückgekehrt war, kam kein Wort weder über das Vergangene, noch über das Ereignis selbst über seine Lippen. Ein allmähliches Entsinnen schien ihn zu beunruhigen und zu quälen, und sein Auge suchte Nora mit bangem, scheuem Blick. Nora war nicht bloß halb heldenmütig: sie wollte dem müden Gehirn gleich Ruhe geben. An seinem Bette kniend, ihn zärtlich umschlingend, erneute sie das Versprechen, das sie gleich im ersten Augenblick gegeben, das sie seitdem rückhaltlos sich innerlich stets wiederholt hatte.

Es war eigentümlich, welche Wirkung es auf den Kranken übte. Erst sah er sie ungläubig, dann fragend an; endlich glitt fast kindliche Freude über die matten Züge; er umschlang seine Tochter. »Ich habe das also nicht geträumt, es war also kein Wahn, daß du mir helfen willst … Nora, Nora, du rettest deinen Vater! Ich wußte ja, du würdest mein gutes Kind sein, mich nicht verlassen in der Not. Nun braucht dein alter Vater seine schönen Pferde nicht aufzugeben, die sein Stolz und Ruhm sind, ohne die er nicht leben kann. Nora, dann schlagen wir den andern aus dem Felde! Dann wird es wieder sein wie damals, wo du ein kleines Mädchen warst und keine größere Freude kanntest, als wenn Papa dich aufs Pferd hob! Weißt du das noch, Nora? … Es war eine Kluft zwischen uns: sie haben mein Töchterchen von mir trennen wollen … aber du wirst wie deine Mutter alles um meinetwillen lassen.« Und er küßte sie zärtlich.

»Alles!« hauchte Nora, und es mochte ein tiefer Schmerz in dem einen Werte liegen, denn der Kranke selbst wurde aus seinem Freudenrausche geweckt.

»Du wärest doch nie glücklich mit ihm geworden, mein Kind,« sagte er, wie mitleidsvoll das gebeugte Haupt streichelnd. »Du wärest unsäglich elend geworden! Ich kenne die Welt. Sie würden dich stets als Eindringling betrachtet haben; er hätte es bereut und dich vernachlässigt. Tausendfach bitterer würde das für dich gewesen sein als dieser Augenblick. Glaube mir, mein Kind, es ist dein Glück … ich rette dich vor großem Unglück.« Als der Direktor, abgespannt vom vielen Reden, in die Kissen sich zurücklehnte, glaubte er selbst, was er sagte. Es gibt keinen überzeugenderen Redner für uns als die Selbstsucht.

Nora lehnte matt den Kopf an die Kissen des Vaters, der ihre Hand festhielt, als fürchte er, sie könne ihm entweichen.

»Alles!« flüsterte sie wieder vor sich hin, und die ganze Größe des Opfers stieg vor ihr auf. Ihre Liebe hin, ihre Stellung vernichtet, jedes Glück aufgegeben, jede Hoffnung verloren – mit Zentnerschwere senkte diese Erkenntnis sich auf ihr Herz, daß es hätte aufschreien mögen unter der Riesenlast.

Ahnte der Vater in seinem Halbschlaf, was sein Kind litt? Unruhig warf er sich hin und her. »Sie tut's nicht, Landolfo, sie tut's nicht!« murmelte er wie im Traume.

»Ja, sie tut es,« wiederholte Nora fest. Dann aber erhob sie sich, machte sich leise los, rief einen Wärter herbei und schritt zum erstenmal seit dem Unglückstage ihrem Zimmer wieder zu. Sie kam sich wie ausgewechselt, wie eine ganz andere vor; alles um sie her schien ihr fremd.

Auf ihrem Schreibtische lagen die angefangenen Zeilen an Kurt: wie Gespenster starrten die Worte sie an, sie riefen ihr alles das zurück, was sie da hatte versprechen und geloben wollen. Vorbei war das alles – vorbei! Mit jähem Ruck zerriß sie das Blatt in kleine Stücke. »Das muß auch geschehen, das muß jetzt gleich geschehen!« sagte sie. Trotzdem ihre Augen brannten vom langen Wachen, trotzdem ihre Glieder wie gebannt waren von der Müdigkeit, setzte sie sich nieder und schrieb – wie im Traume.

Was schrieb sie? Sie wußte es später nicht mehr – aber es war mit seltener Klarheit die Darstellung all der Tage, der Stunden des furchtbaren Entschlusses, den sie gefaßt! Es war ihr, als schriebe sie über eine andere; das Leid war zu groß, um es für sich selbst zu begreifen. Nur am Schlusse überkam sie das unendliche Weh – da rang es sich los bei den Abschiedsworten, welche ihr die Kluft zeigten, die nun für immer sie trennen sollte. Nicht eine Sekunde kam es ihr in den Sinn, sein Wort auch jetzt noch als bindend anzusehen

»Wie eine Sterbende scheide ich von dir, wie eine Sterbende, die nicht einmal mehr fragen darf, ob es noch Rettung gibt. Kurt, ich dürfte die Hand nicht annehmen, die du mir, um Hülfe zu bringen, reichen könntest. O, wärest du in der Nähe gewesen, vielleicht hättest du einen Ausweg gewußt aus diesem entsetzlichen Abgrunde! So erkannte ich nur dies als Pflicht. Möge das Opfer, das ich bringe, den Irrtum sühnen, wenn ich unrecht handelte. Ich konnte nicht anders. Kurt, leb' wohl!!«

Die Feder sank aus der Hand, und der Kopf fiel nieder wie in dumpfer, schwerer Betäubung. Aber der Geist arbeitete weiter, er konnte noch keine Ruhe finden nach dem Sturm. Spiegelte ihr die heiße Sehnsucht vor, sie sei wieder das Kind, das seinen ersten bitteren Schmerz ausweinte in den Armen jenes Knaben? Sah sie die bleiche Mutter wieder vor sich liegen, zu welcher der Knabe sie hintrug? Fühlte sie, wie die fieberheißen Hände sie aus den Armen des Knaben in die des Vaters drängten?

»Mutter, Mutter! Hast du es so gewollt?« schrie sie auf, und ein Strom von Tränen brach sich Bahn. »Hast du es trotzdem gewollt? Sollte ich dem Vater ganz angehören … o, mit meinem Herzblut habe ich mich ja für ihn verschrieben! Nun komme und segne dein Kind!«

Ein Tropfen Balsam, ein Hauch von Segen zog ihr bei dieser Erinnerung ins Herz: der Segen, der auf jedem uneigennützigen Opfer ruht, der Friede, der auf jeden Akt reinen, guten Willens zuletzt sich legt.

Nora verharrte noch still so, als schon die Morgendämmerung sich grau hereinstahl und man sie endlich zum Vater rief.

Vor ihr lag der Brief. Wohin ihn senden? Es war ihr wüst im Kopfe; sie konnte sich über nichts genau besinnen. Bei dem neulichen Besuche Kurts hatten beide sich fest vorgenommen, das Verbot nicht weiter zu überschreiten und die Prüfungszeit nun gelassen zu überstehen. Sie hatten daher keine Adressen ausgetauscht, und den Brief in fremden Händen zu wissen, war ihr schrecklich.

»Ich werde ihn der Mutter senden, daß diese ihn weiter besorgt. … Sie mag ihn sehen. Es ist ja der einzige, den sie von mir gewollt hat,« setzte sie bitter hinzu.

16

Gewiß ist es fast noch wichtiger, wie der Mensch
das Schicksal nimmt, als wie es ist.
W. v. Humboldt.

Landolfo hatte sein Ziel schneller erreicht, als er gehofft hatte. Es war nur sein Geheimnis, daß er die Verwicklungen des Direktors im letzten Telegramm schlimmer dargestellt hatte, um ihn in seinem Entschluß Nora gegenüber zu bestärken. Seine Aufregung, als er sah, welch tragische Wendung die Sache zu nehmen drohte, war daher nichts weniger als angenommen. Doch war sein Gewissen nicht so zart, nicht gleich wieder beruhigt zu sein, als sein Kunstgriff so günstig zum Ziel geführt hatte.

Daß Noras Auftreten das einzige sei, was dem Direktor aufhelfen könne, war seine aufrichtige Überzeugung, und daß es für seinen Privatplan auch das günstigste sei, nicht minder.

»Nach einigen Jahren wird sich das stolze Schätzchen darein finden,« dachte er, und sah sich bereits als Schwiegersohn des berühmten Karsten an der Spitze der hervorragendsten Kunstreitergesellschaft.

Die augenblickliche Lage möglichst glücklich auszubeuten, war jetzt sein Hauptbestreben, und er handelte prompt und schnell, sowohl um Nora einen etwaigen Rücktritt unmöglich zu machen, als auch, um das Publikum in dem nötigen Grade für sie zu interessieren. Ihm waren all die geheimen Fäden und kleinen Winkelzüge bekannt, die notwendig sind, eine solche Künstlerlaufbahn vorzubereiten.

Nora saß noch am Krankenbette des Vaters, als schon kleine pikante Artikel über sie die Runde durch die gelesensten Zeitungen machten; besonders die Klatschpresse der Residenz, wo sie auftreten sollte, beschäftigte sich eifrigst mit ihr. Bald war es ihre Schönheit und Erziehung, bald ihre Liebesgeschichte, die in den seltsamsten Wendungen aufgetischt wurde, hier und da der Wahrheit so nahe kommend, daß man Namen und Persönlichkeiten zu erkennen glaubte, bald in den gewagtesten Vermutungen sich ergehend. Auch die Schwankungen in dem Vermögen des Direktors blieben nicht unberührt; dunkle Ereignisse wurden angedeutet, und Nora wurde bald als verlassene Geliebte, bald als heroische Tochter oder leidenschaftliche Künstlerin dem Publikum vorgeführt. Gelesen, eifrig besprochen und geglaubt wurden all die Geschichten. Karsten war immerhin eine europäische Berühmtheit, aus deren Privatleben man stets gern etwas hört oder liest: je dunkler oder je greller die Geschichte, um so lieber. Ein Drittel der Zeitungsleser wirft allen Weltereignissen zum Trotz zuerst den Blick in die Vermischten Nachrichten, diese Chronik des Weltklatsches. Der Weltereignisse gab es aber gerade wenige, und so bemächtigte man sich doppelt gern solch pikanten Stoffes und ward begierig, die Schöne kennen zu lernen, die soviel von sich reden machte, nicht ahnend, daß alles aus einer Feder floß.

Zur größeren Vorsicht sandte Landolfo die Artikel der Gräfin zu, sie auf diese Weise auf das empfindlichste treffend. Die Gräfin hatte längst den Brief Noras an ihren Sohn empfangen; sie war empört gewesen, daß ihr Verbot in dieser Weise überschritten wurde, und sie fühlte sich nicht verpflichtet, den Brief gleich weiter zu senden. Als bald darauf Landolfos Sendungen ankamen, fühlte sie heraus, daß der Brief mit den Ereignissen in Verbindung stehen müsse, wußte aber kaum, ob sie erfreut oder entrüstet sein sollte, daß diejenige, die ihr Sohn seiner Liebe gewürdigt, in solcher Weise an die Öffentlichkeit gezerrt wurde. Eine Entschuldigung dafür, daß Nora solche Wege einschlug, war gar nicht anzunehmen; selbst ein Beweis, daß alles Lüge sei, würde in den Augen der Gräfin nichts mehr genutzt haben, nachdem der Name gemißbraucht worden. Der Name konnte nun und nimmermehr neben dem ihres Sohnes genannt werden. Sie fand es nun ganz gerechtfertigt, den Brief noch solange zurückzuhalten, bis sich herausstellen würde, was Wahres an diesen Zeitungsmeldungen sei. Bald genug sollte sie das erfahren.

Die Tage vergingen; der Direktor genas rascher, als man geglaubt, und drängte nun, auf dem größten und bewährtesten Schauplatz seiner Taten seine Tochter auftreten zu sehen. Darauf setzte er all seine Hoffnung, damit beschwichtigte er all seine Sorgen.

Nora sollte möglichst rasch mit dem größten Glanze auftreten; Karsten wollte Herr der Lage sein, ehe sein Nebenbuhler mit seiner Gesellschaft eintreffen konnte. So waren kaum drei Wochen nach dem Ereignisse verflossen, als große Plakate in fetten Lettern und prangenden Farben der ersten norddeutschen Hauptstadt das Zurückkehren des berühmten Zirkus Karsten meldeten und das erste Auftreten der neuen Schulreiterin Fräulein Nora Karsten verkündeten, mit allen nötigen Zutaten des Festprogramms.

Selbst die Gräfin, vorbereitet wie sie war, erbleichte beim Anblick dieses Zettels, den Landolfo nicht versäumte, ihr zu schicken. Etwas wie Mitleid mit dem armen Mädchen stieg ahnend in ihr auf. Noch einmal sah sie diese edlen, reinen Züge vor sich mit allem Gepräge äußerer Vornehmheit und Bildung, die keine Spur von Leichtsinn verrieten. Sie fragte sich, was sie zu so etwas Widernatürlichem in ihrer Lage vermögen konnte? – Aber was es auch gewesen sein mochte – es war geschehen. Damit schien eine große Last von ihr genommen. Jetzt hatte sie ihrem Sohne gegenüber alle Beweise in der Hand; sie konnte sich das Zeugnis geben, nicht auf Nachrichten hin gehandelt zu haben.

Sie war zu redlich, den Brief Noras zu unterschlagen; aber sie sandte ihn nicht allein. Alle jene Artikel legte sie bei, das Ganze schloß der große, gedruckte Anschlagzettel.

»Mein armer Sohn,« schrieb sie, »ich kann dir nicht vorenthalten, was die ganze Welt weiß. Es wird dich aus einem Traum reißen, den deiner Mutter erfahrener Blick schon früher als unwürdig erkannte. Gräme dich nicht, daß du enttäuscht wurdest. Zu irren in dem Glauben an die Menschen ist das Vorrecht reiner, edler Seelen. Ich preise Gott, daß es für dein Lebensglück früh genug geschah. Komm in die Arme deiner Mutter, komm an ihr Herz, dich zu trösten; ein Mutterherz trägt stets das Leid mit ihrem Kinde.«

Es war ein kleiner Umstand, daß die Gräfin in dem Paket alles so ordnete, daß der Brief ihrem Sohne nur zuletzt in die Augen fallen konnte. Aber das Leben ist aus winzigen Kleinigkeiten zusammengesetzt, und in den kleinsten Teilen liegt oft die größte Wirkung. Dachte die Gräfin noch einmal darüber nach, als sie das Päckchen prüfend in der Hand wägte, ehe sie es absandte? Vielleicht gehörte es mit zu ihrem Inbegriff von Pflicht.

Zu der nämlichen Stunde, als das Paket aus der Gräfin Hand ging, stand Nora in dem kleinen Garderobezimmer des Zirkus, angekleidet zur Vorstellung. Die Stiefmutter kniete neben ihr mit einigem Dienstpersonal und ordnete die Falten des reichen, dunklen Tuchkleides, das in seiner vollkommenen Einfachheit ihre schönen Formen vorteilhaft hervorhob. Mehrere Kerzen brannten vor dem Spiegel, der ihr Bild strahlend zurückwarf. Die strenge Schönheit desselben wurde nur durch ein Goldnetz gehoben, das die reiche Fülle der schwarzen Haare barg. Nora verschmähte jedes andere als das einfache Reitkostüm; sie sah auch nicht in das leuchtende Glas, sie achtete nicht auf die eifrigen Hände, die sie umgaben.

Wie im Traum verloren stand sie da, die kalten Hände fest ineinander gepreßt. Wie im Traume hatte sie diese Zeit verlebt, wo Tag auf Tag ihr wie im Nebel vorüberglitt. Ihr Vater hatte den Takt gehabt, sie mit allen überflüssigen Einzelheiten zu verschonen; still und ernst hatte sie nur ihre Reitübungen aufgenommen, und die körperliche Ermüdung dabei war das einzige, was ihr wohlgetan.

Aber worauf hatte sie gehofft, woran hatte sie gedacht, daß ihr dennoch jeder Tag wie eine neue Enttäuschung erschien, daß ihr jetzt zumute war, als sei ihr der letzte Boden unter den Füßen entschwunden? Selbst in dieser Minute noch stand sie zögernd, als müsse jetzt noch irgend etwas geschehen, den letzten Schritt aufzuhalten. Junge Herzen haben solche Hoffnungsfähigkeit! Wohl hatte sie Abschied genommen von Kurt, wohl hatte sie selbst die Möglichkeit einer Rettung zurückgewiesen – und doch, und doch – hätte nicht vielleicht eine Hülfe erscheinen können, ehe es unwiderruflich zu spät war! O, er hatte ja so viel gewagt für eine Stunde Liebesglück …

Täglich hatte ihr Herz ihr heimlich zugeraunt: »Heute,« und täglich hatte sie am Abend eine Entschuldigung gewußt, weshalb es vielleicht noch nicht möglich geworden.

Jetzt erklang draußen ein Tusch. Er schloß die Szene, die ihrem Auftreten voranging. Der Direktor trat ein, sie abzuholen. Da ward an die Tür der Garderobe geklopft, ein Diener reichte einen Brief herein.

Nora zuckte zusammen; der Direktor erbleichte. Aber im selben Augenblick ließ Nora den Brief gleichgültig auf den Tisch fallen: es waren die Schriftzüge der Oberin, die in treuer Freundschaft ihre Mitteilung sofort beantwortete – aber was ist Freundschaft, wenn die Liebe hofft? »Es ist Zeit,« sagte Karsten fast zaghaft.

Die neue Enttäuschung hatte Nora aber so ergriffen, daß ein nervöses Zittern ihren ganzen Körper schüttelte.

Der Direktor glaubte, alle seine Hoffnungen schwinden zu sehen. »Geht es nicht?« fragte er eigentümlich dumpf.

»Ja, es geht,« sagte Nora, hoch sich aufrichtend bei dem Klang seiner Stimme, die sie nur einmal so heiser gehört hatte. »Ja, es geht, Vater!« Festen Schrittes folgte sie ihm.

Landolfos Anordnungen hatten sich als sehr zweckentsprechend bewahrt. Der große Zirkus war bis auf den letzten Platz ausverkauft; man hatte sich dazu gedrängt, man war überaus gespannt darauf, die neue, vielbesprochene Schönheit zu sehen. Der Direktor hatte heute alles mit dem größten Glanze hergerichtet, er wollte seine Tochter mit einem gewissen Nimbus umgeben. Sämtliche Stallmeister in ihren elegantesten Livreen waren gegenwärtig, Knaben in den reizendsten Pagenkostüms standen um den Eingang der Bahn, als wollten sie die Herrin erwarten.

Jetzt wirbelte ein Tusch, dem ein verhaltener Bewunderungsruf der Menge folgte – denn mit einem Satz war die schöne Reiterin mitten in der Bahn, und wie aus Erz gegossen hielt das Pferd im selben Augenblick dort mit seiner schönen Bürde, die ebenfalls aus Erz gegossen schien, so regungslos war das Gesicht.

An dem Platze, wo die junge Herrenwelt vorwiegend war, entstand Bewegung; unwillkürlich erhob sich jeder, um besser zu schauen, und drängte näher heran. Solche Anmut der Gestalt, solche edle Haltung, solche jugendfrische, schöne Züge waren hier noch nie bewundert wurden.

Hoch stieg jetzt das feurige Tier in die Höhe, daß es fast unbegreiflich schien, wie ruhig die Reiterin ihren Sitz wahrte – und nun fiel die Musik in die leichten, engageanten Töne, die das Schulreiten begleiten. Zierlich flog das Pferd herum, Evolution folgte auf Evolution, von so sicherer, fester Hand geleitet, mit so unnachahmlicher Anmut ausgeführt, daß Bravo auf Bravo die graziöse Szene begleitete. Die Kenner fanden nicht Worte genug, die Vollendung ihrer Kunst zu rühmen.

Die Musik ward indessen immer rascher und wilder, das Tempo aufregender; das Pferd, wie angefeuert durch den Erfolg, brauste durch die Bahn, die vorgeschobenen Hindernisse im Fluge nehmend. Unwillkürlich teilte sich die Aufregung den Zuschauern mit. Aller Blicke folgten gespannt dem kühnen Ritt. Nur das Auge der schönen Reiterin selbst blieb ruhig; kein Funke freudigen Stolzes oder befriedigter Eitelkeit leuchtete darin auf, keine Miene veränderte sich, nicht ein Blick flog zu den gefüllten Zuschauerreihen hinüber: nur für ihr Pferd schien sie zu existieren … jetzt ein mächtiger Satz hoch über die schließende Barriere hinweg und plötzlich, wie sie gekommen, war sie verschwunden.

In einem einzigen tosenden Beifallssturm löste sich die Spannung des Publikums; es brach ein Applaus aus, wie er seit Jahren hier nicht gekannt war. Bezaubert hatte alle die schöne, rätselhafte Gestalt, und nicht umsonst rieb Landolfo sich wohlgefällig die Hände. Tausende Stimmen riefen wiederholt der Reiterin Namen, sie nochmals zum Erscheinen zu bewegen – aber nur ihr Vater erschien. Seine Stimme zitterte, als er für die der Tochter dargebrachte Huldigung dankte und erklärte, daß sie von ihrem ersten öffentlichen Auftreten zu ergriffen sei, um sich dem Publikum zu zeigen.

Die Rede war insofern sehr glücklich, als sie erneutes Interesse wachrief, da das Publikum darin die Bestätigung all der geheimnisvollen romantischen Gerüchte sah, die Nora mit erhöhtem Reiz umgaben.

Dieses erste Debüt hatte ihren Erfolg gesichert. Aber während ihr Name auf allen Lippen war, während bei manchem schäumenden Glase die junge Herrenwelt sie als »neuaufgehender Stern« feierte und manch leichtfertiges Wort daran knüpfte, lag Nora bleich und still auf ihrem Lager. Die körperliche und geistige Anstrengung wollte ihr Recht; sie war selbst zum Schmerz zu ermattet.

Nur eines stand ihr vor Augen, eines: daß es nun geschehen sei – daß unwiderruflich, unverwischbar dieser Abend sich als ein Flecken ihr ausgeprägt habe, daß sie damit ausgeschieden sei aus dem Kreise, dem sie bis jetzt geistig angehört hatte. Das nervöse Schütteln faßte ihren Körper wieder, und die geröteten Lider wollten sich nicht schließen.

Mechanisch griff sie nach dem Briefe der treuen Freundin und las ihre rührenden Trostesworte. »Mein Kind,« schrieb die fromme Frau, »der Herr führt dich seltsame Bahnen; eine reine Absicht heiligt viel, ein großes Opfer erklärt alles, und so auch dein Entschluß, der mir sonst so unerklärbar wäre. Vielleicht ist diese unserem Auge so gefährlich dünkende Bahn dir heilsamer als das, was wir für dich erhofft, was uns so sicherer Hafen schien. Kind meines Herzens, was du auch sein magst, mir teurer, teurer jetzt als jemals; laß das Band der Liebe noch enger uns umschlingen; in Gedanken folge ich allen deinen Pfaden und bitte Gott, daß er dich hüten und schützen möge.«

Ja, die Freundschaft folgte über die Grenze, vor der die Liebe zurückwich. Und doch las Nora nur den einen Satz immer wieder: »Eine reine Absicht heiligt, ein großes Opfer erklärt alles.« Ihr letzter Gedanke, ehe der Schlaf ihre Augen schloß, war: »Wird Kurt auch so denken und mich nicht verachten? O, er soll sehen, ich werde nicht sinken, nicht sinken selbst auf diesem Pfade … auch da soll seine Liebe mich halten.« Während dieses alles in der Heimat sich zutrug, war Kurt ahnungslos in der Ferne und genoß, was sie ihm bot, mit der jugendlichen Lebhaftigkeit, die ihm innewohnte. Er hatte die ganze Spannkraft seines Geistes wieder erlangt, seitdem sein Herz beruhigt und sein Entschluß im reinen war. Er war jung genug, um die Prüfungszeit ertragen zu können; er war sich bewußt, daß weder in seiner, noch in Noras Liebe eine Schwankung eintreten könne; wenn die kurzen anderthalb Jahre verlaufen, würde sie die Seinige sein. Um allen Schwierigkeiten der Heimat zu entgehen, wollte er noch einige Jahre seinen ausländischen Posten innehalten, und dann, an Erinnerungen und Erfahrungen um so reicher, in seine Heimat zurücklehren, dort auf der heimischen Scholle zu wirken. So war alles einfach und klar, was erst verworren geschienen, und es bot sich ihm ein Lebensbild, so vielgestaltig nach außen, so befriedigend nach innen, daß er oft mit Entzücken bei dem Gedanken weilte. Er war für ein geistiges Streben und Schaffen angelegt, für ein weiteres Feld, als der enge Horizont eigenen Nutzens und eigener Verhältnisse ihm bot. Ungesucht hatte seine Liebe zu Nora ihm nun auch dazu den Weg gebahnt, ihm eine geistige Freiheit verschafft, in der er auflebte. Für den Augenblick spannte er sein ganzes Interesse an, Land und Leute im Orient kennen zu lernen, alle die Stätten zu sehen, die der Wissenschaft wertvoll oder frommer Erinnerung heilig sind. So verwandte er einen großen Teil seiner Zeit zu Ausflügen, die ihn oft Tage und Wochen abwesend hielten.

Von einem solchen eben heimgekehrt, meldete er sich bei seinem Chef und dieser überreichte ihm die indes für ihn angekommenen Postsachen. »Ein ganzes Volumen,« sagte der alte Herr, gutmütig lächelnd, indem er ihm das Paket mit der Mutter Handschrift überreichte. »Ja, ja, die jungen Leute freuen sich noch dessen; wir Alten bangen schon eher davor, so selten bringt das Leben Gutes … Aber gehen Sie jetzt und studieren Sie Ihre Heimatschronik.«

Kurt ging und stieß beim Hinausgehen auf einen seiner Kollegen, einen jungen Attaché der französischen Gesandtschaft, der ihn zu seiner Wohnung begleitete, da er ihm eben einen Besuch zugedacht hatte. Mit französischer Lebendigkeit plauderte er so, daß er gar nicht bemerkte, wie sehr Degenthal mit etwas anderem beschäftigt war. Das außergewöhnlich starke Briefpaket lag ihm im Sinne; so viele verschlossene Seiten beängstigen.

In seiner Wohnung angelangt, warf Kurt das Päckchen ungeduldig auf den Tisch, so daß der Franzose es bemerkte.

»Ah, Briefe aus der Heimat!« sagte er sogleich mit dem liebenswürdigen Takt, der seine Landsleute kennzeichnet. »Pardon, da hätte ich nicht stören sollen, lieber Graf. Bitte, befriedigen Sie Ihre Neugier erst, indes ich hier Ihre herrliche Blütenwelt bewundere; ich bin etwas Botaniker.« Er trat sofort in den Binnenhof, auf den die Wohngemächer jedes Hauses in Pera münden, und wo frisches Grün, Blütenduft und kühlende Springbrunnen entschädigen für die abscheulichen Dünste und den Schmutz, der auf den Straßen herrscht.

»Meine Mama scheint mich zum Redakteur ausbilden zu wollen,« rief Kurts Stimme heiter ihm nach. »Bleiben Sie, lieber Vicomte; nichts als Zeitungsschnippel und Annoncen enthält das Paket. Kommen Sie, Freund, nehmen Sie erst eine Zigarre.«

Der Vicomte kam nicht sogleich; er war in Bewunderung einer der Pflanzen versunken, die ihm neu war. Aber ein eigentümlich ächzender Laut ließ ihn plötzlich den Kopf wenden. Er sah durch die geöffnete Glastür Kurt über den Tisch, an dem er sich niedergelassen, hingesunken, den Kopf wie besinnungslos auf den vorgestreckten Arm – der geöffnete Brief lag ihm zu Füßen, die Hand aber hielt krampfhaft ein Zeitungsblatt. »Graf, um Gottes willen, was ist Ihnen?« rief der Franzose bestürzt und sprang auf ihn zu.

Ein zweiter ächzender Laut stieg gepreßt aus Kurts Brust – der Kopf lag schwer auf dem Tisch, so daß man die Züge nicht sehen konnte.

»Ich bitte Sie, fassen Sie sich,« sagte der Franzose, teilnahmvoll drängend. »Hat eine schlimme Nachricht Sie ereilt? Ist Ihnen unwohl? Soll ich Ihren Diener rufen?«

Kurt streckte wie abwehrend die Hand aus. »Nur Kopfschmerz … ein Schwindel,« hauchte er tonlos. »Wasser … etwas Wasser!«

Der Vicomte eilte hinaus und tauchte sein Schnupftuch in den Brunnen, es auf den Kopf des Leidenden zu legen.

Er hatte nur einige Augenblicke dazu gebraucht; als er aber wiederkam, waren die verschiedenen Zeitungsausschnitte verschwunden.

»Es war ein furchtbarer Schmerz, der mich packte,« sagte Kurt, den Kopf auf die Hand stützend, indes der Vicomte das feuchte Tuch ihm an die Schläfen preßte. »Die Anstrengung dieser Tour muß zu groß für mich gewesen sein.«

Der höfliche Franzose widersprach nicht. Degenthal hatte ermüdet, doch durchaus nicht überangestrengt ausgesehen, als er heimgekehrt war; es musste eine Nachricht sein, die ihn niedergeschmettert – doch war es ein Schmerz, der verborgen bleiben wollte, und der Franzose war zu diskret, weiter zu fragen.

»Ihre Stirn brennt heftig,« sagte er nach einigen Augenblicken des Schweigens, da Kurt wie bewußtlos vor sich hinstarrte. »Ich möchte Ihnen raten, sich zur Ruhe zu begeben und den Arzt rufen zu lassen. In diesem Klima ist mit solchen Erscheinungen nicht zu spaßen.«

»Ich denke, es wird schon besser,« sagte Kurt, sich mühsam aufrichtend. »Phantasiert man bei den klimatischen Fiebern hier?«

»Je nachdem,« sagte der Franzose lächelnd. »Aber ich hoffe, es kommt nicht dazu, wenn Sie gleich vernünftig sind.«

»Ah! vielleicht tut ein ordentliches Fieber gut,« meinte Kurt, wie zu sich selbst redend. »Es kommt einem oft vor, als habe man das ganze Leben hindurch phantasiert … Verzeihen Sie, Vicomte, daß ich ein schlechter Gesellschafter … Also einen Arzt, meinen Sie! Ich denke nicht; aber Besucher …, die halten Sie mir fern. Ich hasse Besuche, wenn ich krank bin.«

»Wie Sie, wollen, Sie starrköpfiger Deutscher! Aber jetzt erlauben Sie, daß ich Ihnen sofort den Arzt schicke. Auf mich dehnt sich Ihr Besuchsinterdikt doch nicht aus, mon ami?«

Der Franzose hatte mit gewohnter Zungengeläufigkeit gesprochen; doch war er nicht sicher, daß Kurt ihn verstanden, denn seine Augen waren wieder starr, und er schien abwesend mit seinen Gedanken.

Der Vicomte nahm seinen Hut, um selbst den Arzt zu holen. Kaum hatte er jedoch einige Schritte auf der Straße gemacht, als er seinen Namen rufen hörte. Er wandte sich um und sah Kurt, der ihm mit eigentümlich schwankenden Schritten barhäuptig folgte; er hielt einen Brief in der Hand.

»Lieber Freund,« sagte er hastig, »einen Freundschaftsdienst. Dieser Brief muß sofort wieder auf die Post … er ist … er ist« – sagte er stockend, »für meinen Vetter … wahrscheinlich aus Irrtum hierhergesandt. Er muss zurückgehen,« setzte er ungeduldig hinzu, »zurück an die Absendestation.« Er überreichte ihm dabei den Brief. Die Worte »Deutschland retour« standen in erregten Zügen darauf.

Der Vicomte versprach die Besorgung. »Sie müssen sich aber zur Ruhe begeben,« warnte er noch einmal ängstlich, denn die sichtlich steigende Aufregung Kurts fing an, ihm bedenklich zu werden. »Lassen Sie mich Sie zurückbegleiten.«

Aber Kurt lehnte es ab und eilte nach seiner Wohnung zurück. Der Franzose schaute ihm nach, sah auf das Schreiben und schüttelte den Kopf. Unverkennbar waren die Schriftzüge von einer weiblichen Hand. »Wenn da nicht wieder eine belle dame die Schuld ist, müßte alles mich täuschen,« dachte er. »Ihre Botschaft aber ist nicht freundlich aufgenommen, nicht einmal eröffnet worden; eigentlich sollte man so etwas nie in der Aufregung tun. Vielleicht würde der Graf später viel darum geben, den Brief gelesen zu haben. Aber die Deutschen sind starrköpfig; tun wir ihm den Willen. Ah, les femmes, les femmes! Ob nicht immer eine bei jedem Unglück im Spiele ist?« Der kleine Vicomte seufzte dabei so melancholisch, als habe auch er schon Erfahrungen gemacht.

Hatte Nora mit heißer Sehnsucht die Wochen hindurch auf ein Wort Kurts geharrt, indes ihr Brief ruhig in der Mutter Hände blieb, so trat für die Gräfin jetzt die bittere Vergeltung ein. Auch sie harrte umsonst Tag für Tag. In ängstlicher Sorge hatte sie berechnet, wann der Brief ihrem Sohne zukommen würde, wann irgend eine Antwort sie erreichen könnte – aber die Zeit verstrich, kein Lebenszeichen kam.

Sie schrieb wieder und wieder, sie erging sich in den abenteuerlichsten Vermutungen. Hätte sie vielleicht doch es ihm schonender mitteilen, ihn langsamer vorbereiten sollen? Hatte sie seine Liebe zu gering angeschlagen? Sie hielt das Unmögliche fast für möglich: daß er sich unmittelbar mit Nora in Verbindung gesetzt und trotz allem eines Tages erscheinen werde, sie ihr als Tochter zu bringen. Aber alles schien ihr bald leichter zu tragen als dies unheimliche Schweigen. Endlich erschien ein Brief: zwar keiner ihres Sohnes, sondern von seinem Chef. Der alte Herr unterzog sich selbst der Mühe, der Mutter auf die schonendste Weise die Krankheit des Sohnes mitzuteilen. Er suchte den Grund derselben in den Ausflügen, die der junge Mann in das Innere des Landes unternommen und bei denen er sich wahrscheinlich allzuviel zugemutet habe. Die Mutter aber durchzuckte es, als sie das Datum seiner Erkrankung las, das mit der möglichen Ankunft jener Nachricht auffallend übereinstimmte.

Sie war energische Frau genug, um sofort selbst hinzureisen; aber der Schreiber der Zeilen erwähnte den ausdrücklichen Wunsch des Sohnes, sie von solchem Entschluß abzuhalten und fügte bei, der Rat der Aerzte gehe dahin, vor allen Dingen die Aufregung eines Wiedersehens zu vermeiden. Und ihrem Charakter so gar nicht gemäß, fügte sich die Gräfin in alles und blieb. War sie doch sich selbst bewußt, welche Aufregung das Wiedersehen zur Folge haben könnte.

Wochen auf Wochen vergingen. Der liebenswürdige Vicomte, der sich mit großer Freundschaft dem Kranken widmete, stattete der Mutter allwöchentlich genauen Bericht ab; aber die Krankheit schien stets in demselben Stadium zu verharren.

Wie ein Nebel lag es auf dem Geiste des Kranken; eine völlige Apathie war dem heftigen Gehirnfieber gefolgt. Er räumte keinen Schmerz ein, erwähnte nie, daß ihm irgend ein Leid zugestoßen, nannte keinen Namen, schien keine Unruhe zu empfinden; nur ein Gefühl sprach sich deutlich aus: ein entschiedener, unsäglicher Widerwille, irgend eine Nachricht aus der Heimat zu empfangen.

Die besten Aerzte waren zu Rate gezogen worden; sie hatten andere Luft nötig befunden. Aber die Körperschwäche machte lange Zeit eine Uebersiedelung unmöglich. Es war, als sei jegliche Spannkraft des Körpers und Geistes gebrochen.

»Das Klima hat er nicht ertragen können,« sagten die Menschen, welche kamen, der Gräfin ihre Teilnahme auszusprechen, als Kurts Krankheit in den Kreisen daheim bekannt wurde. Die Gräfin aber las deutlich auf jedem Gesichte die Frage, warum sie ihn solcher Gefahr so unnütz ausgesetzt habe. Sie nahm die laute Teilnahme wie die stummen Vorwürfe mit gleicher äußerer Ruhe hin. Niemand ahnte die Qualen, die sie dabei durchmachte. Aber ihre stattliche Gestalt verlor in den Monaten ihre Rundung, und ihr glänzend schwarzes Haar ward grau.

Alles blühte wieder sommerlich in Deutschland, als endlich die Nachricht kam, Kurt habe sich so weit erholt, daß eine Luftveränderung angezeigt sei. Das Mutterherz rief natürlich voll Sehnsucht nach dem Kinde. Aber wieder kam keine Zeile von ihm selbst.

Sein französischer Freund war es abermals, der in der liebenswürdigsten und schonendsten Weise der Mutter mitteilte, daß der Sohn die Anstrengung des Schreibens noch nicht wagen dürfe, daß er sich aber zu einer längeren Reise entschlossen habe, die angeratenen Gegenden besuchen wolle und durch den Wechsel der Bilder seinen Geist zu erfrischen hoffe.

Nach Griechenland erst, dann nach Sizilien wolle er sich wenden, den Winter gedenke er im südlichen Frankreich zu verleben: »se rapprochant pourtant toujours de sa patrie et du coeur de sa mère,« so schloß der Franzose mit graziöser Wendung. Die Liste einiger Städte mit Bankiersadressen, wohin ihm das Geld zu senden, lag bei.

Die Gräfin las dies, und eine heiße Träne stahl sich ihre Wangen entlang – ein Stich ging in das Mutterherz, das ein Leben hindurch all seine Zärtlichkeit auf dies eine Haupt gelegt. Leise wie ein Echo zog ihr das Wort der Oberin dabei durch die Seele: »Du könntest einen Sohn verlieren, anstatt eine Tochter zu gewinnen.«

Aber die Gräfin war keine Natur, die sich solchen Gedanken hingab. Sie hatte nach bestem Ermessen gehandelt; sie sah dies alles als eine notwendige Folge an, die durchlebt werden müsse. »Er wird es überwinden,« sagte sie zu sich selbst. »Seine Gesundheit bedarf es so,« sagte sie ebenso zu anderen und schnitt damit jegliches Bedauern und jegliches Staunen ab.

Eingehend sprach sie mit niemand darüber, nicht einmal mit ihrem treuen Hausgenossen, dem Kaplan. Sie hatte ihm mit wenigen Worten die Tatsachen über Nora mitgeteilt, und da dieselben zu seinem schmerzlichen Staunen sich als wahr ergaben, hatte er sich still fügen müssen, ohne das Rätsel lösen zu können, das für ihn darin lag.

In diese Zeit fiel ein Brief der Oberin an die Gräfin. »Ich habe dir ein Wort der Aufklärung zu geben,« schrieb sie, »über die Handlungsweise derjenigen, die dir so nahe hätte treten sollen, wenn nicht ein unglückliches Verhängnis das arme Kind auf so traurige Bahn gelenkt. Sie hat der kindlichen Liebe ein unerhörtes Opfer gebracht, und um des Opfers willen mag Gott sie gnädig in seinen Schutz nehmen. Verurteile sie nicht! Zur Steuer der Wahrheit teile ich dir dies mit und bitte dich: sage es auch deinem Sohne. Der Beweis, daß er seine Liebe nicht an eine Unwürdige verschwendet, daß sein Herz nicht verraten ist, wird ihm den Stachel aus der Wunde nehmen, welche diese traurige Wendung ihm geschlagen haben wird. Gottes Weisheit hat es so gefügt; aber die beiden jungen Herzen werden einen bitteren Kelch zu trinken haben.«

Die Gräfin warf zornig den Brief zur Seite.

»Die gute Sibylle muß den Kopf verloren haben in ihrer blinden Vorliebe für das Mädchen. Eben jetzt, wo er nahe daran ist, zu genesen, nun alle diese Gedanken zurückzurufen, ihn wieder auf diesen Weg zu drängen … es wäre Wahnsinn! Merkwürdig wirklich, wie unpraktisch auch gescheite Menschen werden, wenn sie zurückgezogen von der Welt nur ihren eigenen Gefühlen leben … die arme Sibylle mit ihren romantischen Gedanken!«

Und die Gräfin war so praktisch, daß der Brief sofort ins Feuer wanderte – der einzige Brief, der ihren heißesten Wunsch hätte erfüllen können, den Weg zum Sohnesherzen wiederzufinden.

17

»… Müssen so wir scheiden?
Hast du nicht einen Blick für die Gespielin
Der Kindheit übrig? Keine Hand zu bieten
Der Unglücksel'gen, die du sonst geliebt?
Glaubst du, ich steh' auf Rosen?«
Tegner.

Jahre waren vergangen. Lilly, die kleine Lilly mit dem runden, rosigen Gesicht, hatte es auch empfunden; sie hatte das Recht dieser Jahre, die sie mündig machten und in den Besitz ihres Vermögens setzten, in Anspruch genommen.

Bis dahin war sie unter dem Schutze der Gräfin Degenthal geblieben, und die hatte nichts anderes gewähnt, als daß es so bleiben würde, bis Lilly sich einen anderen Schutz für das Leben gewählt habe. Noch aber hatte die Erbin alle Anerbietungen dieser Art ausgeschlagen – zur stillen Befriedigung ihrer Tante, die ihre frühere Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, ja, sie heimlich um so mehr genährt hatte, seitdem Noras Schicksal eine solche Wendung genommen. Sie brachte Lillys Abneigung gegen jede Heirat damit in Verbindung. Um so mehr überraschte und verstimmte sie daher Lillys plötzlicher Entschluß, jetzt selbständig unter dem Schutze einer alten Verwandten auf ihren eigenen Gütern zu leben – Güter, welche etwa eine Tagesreise von den Degenthalschen entfernt, in ziemlich unmittelbarer Nähe der österreichischen Hauptstadt lagen.

Was Lilly dazu bewog, vermochte die Gräfin sich nicht klar zu machen. Wie ungern sie das Mädchen aber auch aus ihrem Familienkreise scheiden sah, konnte sie ihr doch kein Hindernis in den Weg legen. Lilly besaß jene stille Zähigkeit, die keine Einwürfe beachtet. Ruhig hatte sie abgewartet, bis sie ein Recht zu einem Willen hatte, war aber dann auch demselben fest gefolgt.

Seit der plötzlichen Abreise ihres Vetters war in ihr eine gewisse Abneigung gegen die Tante erwacht. Nicht, daß sie ihr Schuld gab, ihn um ihretwillen entfernt zu haben; sie kannte deren Wünsche in dieser Hinsicht zu gut. Aber Lilly hatte eine Ahnung davon, ein Gefühl dafür, daß die Mutter eigenmächtig in das Schicksal des Sohnes eingegriffen habe, daß sie die Schuld an seiner Entfernung von der Heimat trage, und daß er seitdem weniger glücklich sei. Wie und warum dies geschehen, wußte Lilly nicht; denn die Gräfin hatte, sie in nichts eingeweiht. Viel oder tief denken, war Lillys Sache überhaupt nicht; aber wie man es oft bei engen Gesichtskreisen findet, einmal erfaßte Gedanken hielt sie unveränderlich fest. Ihre Neigung gehörte seit frühester Kindheit Kurt an; sie, betrachtete ihn gewissermaßen als ihr Eigentum. Wenn seine Kälte und Gleichgültigkeit ihr auch wehe getan, so lag doch der versöhnende Schimmer jenes letzten Abends darüber, und dabei das stille Bewußtsein, wieviel sie ihm wert sein mußte von jedem vernünftigen Standpunkte betrachtet. Damit konnte sie warten und sie hatte Liebe genug, warten zu wollen.

Daß der Aufenthalt bei Kurts Mutter den Geliebten ihr nur mehr entfremden würde, fühlte Lilly instinktmäßig heraus. Sie gehörte überdies zu den Naturen, die nur auf eigenem Boden sich wohl fühlen. So schüchtern, so lenksam sie aussah, kannte sie doch nur den einen Gedanken; es gehört eine gewisse Denkkraft dazu, sich auch, in einen fremden Gedankengang einzuleben, ihn zu verstehen und seine guten Seiten aufzufassen; kleines Verständnis

stößt sich stets nur an fremden Willen, weil es ihm ganz unmöglich ist, ihn zu begreifen.

In diesem stummen Kampfe hatte Lilly all die Jahre bei der Tante gelebt; sie benutzte daher den ersten Augenblick, wo sie ihre Freiheit erlangen konnte.

Trotz ihrer Jugend war sie für die Selbständigkeit wie geschaffen. In keiner Beziehung über das Gewöhnliche hinausgehend, war auch keine Ueberschreitung irgend einer Schranke zu befürchten. Was ihre Fassungskraft überstieg, überließ sie verständig vertrauteren Händen. Sie hatte ihren Zirkel eigener Beschäftigungen. Ihre Häuslichkeit, ihr Garten, ihr Geflügel, ihre Armen – das waren die Aufgaben, die sie sich gestellt. Da sie alles wohl organisiert vorfand, bewegte sie sich mit Sicherheit auf dem gebahnten Pfade. Ein wenig engherzig in jeder Auffassung, aber allen viel Ruhe und ein gewisses Wohlwollen entgegentragend, führte sie das Zepter ihres Reiches nicht ohne Anmut; etwa Mangelndes schrieb man ihrer Jugend zu.

Junge Herren fanden sie nach wie vor langweilig; ältere Herren nannten sie ein Prachtmädel, das eine tüchtige Frau abgeben würde. Junge Damen machten sich im ganzen wenig aus ihr; aber alle Mamas ersehnten das blonde, stille Gesichtchen als das Ideal ihrer Schwiegertochter – ein Irrtum, in den manche Mütter verfallen: denn diese kleinen, festen Köpfe können am wenigsten gut mit Schwiegermamas auskommen.

Heute zeigte aber das stille, blonde Gesicht den Anflug von Erregung, den es zu zeigen vermochte, und der ihr das Blut rosig bis unter den Scheitel trieb. Ein Brief ihrer Tante hatte ihr den möglichen Besuch ihres Vetters Kurt in Aussicht gestellt, der endlich von seinen Reisen heim zu kommen denke; er habe die Absicht ausgesprochen, da die Bahn an den Gütern seiner Cousine fast unmittelbar vorüberführe, erst bei ihr einzukehren.

Lillys blaues Auge gewann Leben und Glanz bei Lesung dieser Zeilen. Der Ansicht ihrer Tante zufolge konnte sein Besuch schon in den nächsten Tagen erfolgen, und die Hausfrau war zum erstenmal eifrig besorgt, alles auf möglichst guten Empfang vorzubereiten, etwas, das sie anderen Gästen gegenüber stets dem gewohnten Geleise überließ.

Allen Einwendungen ihrer Ehrendame zum Trotz – es war eine umständliche alte Verwandte – entschied sie, daß ihre Pony-Equipage täglich zu den bestimmten Zügen Kurt am Bahnhof erwarten solle. Auch bei allen übrigen Anordnungen ging das »weil vielleicht mein Vetter Kurt kommt« häufiger über die Lippen, als ihr schweigsamer Mund sonst etwas zu äußern pflegte.

Vetter Kurt – was war mit ihm vorgegangen seit jenem Tage, wo die Sendung seiner Mutter ihm so plötzlich jeden Glauben an Liebe und Treue aus dem Herzen gerissen und sein Liebesleben mit einem heftigen Schlage getötet hatte?

Er konnte sich nimmer besinnen, was er gefühlt, als er jenen groß bedruckten Zettel zu Gesicht bekam, auf dem der Name Nora so unheilvoll verzeichnet stand. Es war ein Wirbel, ein Sturm der Gefühle gewesen, der ihm den Verstand zu rauben drohte, der, weil er so jäh und unanfechtbar war, ihm vor die Augen trat, ihn niederwarf von der höchsten Höhe zur unseligsten Tiefe. Alles, was der Mensch an Wut, Verachtung, gekränktem Stolz und brechender Liebe zu empfinden vermag, hatte sich in dem einen Augenblick zusammengedrängt. Ein einziger möglicher Zweifel wäre Rettung gewesen. Aber sie starrten ihn an, diese Buchstaben so deutlich, so klar, daß er aufschrie in wilder Verzweiflung, sobald er allein war; denn mit Riesenstärke hatte er sich aufrecht gehalten, damit diesen Schmerz kein fremdes Auge sehe.

Sobald der Freund ihn verlassen, hatte er mit fiebernder Angst noch einmal nach Aufklärung gesucht – der Brief seiner Mutter aber hatte ihm alles bestätigt.

Der erste Entschluß, der dann folgte, war, alle diese Zeichen seiner Schmach und Enttäuschung im Feuer zu vernichten – dieser furchtbaren Enttäuschung, die niemand ahnen durfte, an welcher der Hohn der Welt ihm zu kleben schien. Er fand den Brief Noras dabei, er erkannte ihre Schriftzüge – und in namenloser Wut wollte er auch ihn zerstören. Aber unheimlich durchzuckte ihn der Gedanke, daß die größere Rache sei, ihn ungelesen zurückzusenden.

Es war seine, letzte bewußte Tat. Als der Arzt kam, fand er ihn besinnungslos am Boden hingestreckt – eine Besinnungslosigkeit, die sich auf Wochen und Monate ausdehnte. Die Wissenschaft mochte recht haben, die Erkrankung auf Ueberreizung der Nerven durch das Klima zurückzuführen, welches bei körperlichen Anstrengungen dem Ausländer so leicht schädlich wird – aber sein Organismus war auf Empfindung gegründet, und die war es, die den Schlag empfangen.

Als das Fieber wich, hielt fast vollständige Lähmung ihn gefangen. In den langen Stunden peinlicher Ruhe, welche folgten, kehrte die Erinnerung an das Erlebte zurück. Oft schien es ihm, als sei es ein schwerer Traum gewesen, aus dem er sich herausarbeiten würde, als sei es ein Spiel der Phantasie, eine Ausgeburt des Fiebers, die jetzt wieder weichen müßte. Aber keine Frage kam über seine Lippen; nur in seinem Innern verarbeitete er seine Zweifel, seine Sehnsucht nach Aufklärung. Und doch empfand er auch wieder solche Furcht vor Bestätigung, daß er geflissentlich jeder Nachricht aus der Heimat auswich. Vor dem rastlosen Grübeln wich bei ihm aber jedes andere Interesse, so daß die Aerzte vergeblich diese innere Unruhe zu erklären suchten, die alle Kräfte aufzuzehren schien. Kein Wort verriet deren Ursache.

Wenige Monate nach dem Ereignis hatte sein Freund ihn eines Tages durch einige illustrierte Neuigkeiten zu erheitern gesucht. Jene englischen Zeitungen brachte er ihm, die sich in bescheidener Großartigkeit bemühen, uns alles vorzuführen, was die Welt Sehenswürdiges enthält, die vom gekrönten Haupte bis zum gekrönten Preisochsen uns keine Berühmtheit vorenthalten. Hier und da hatte die eine oder andere der Darstellungen dem Kranken ein mattes Lächeln abgenötigt. Heute brachte die Nummer eine neue Berühmtheit, eine junge Dame in etwas gewagter Stellung, »Fräulein Nora Karsten«, die gefeiertste Schulreiterin des Tages.

Der Vicomte war stolz gewesen, wenn sein Freund die Hand nach seinen Heften und Bildern ausstreckte; er sollte ja nur mit dem Harmlosesten unterhalten werden, und dies war gewiß harmlos genug. Kurt sah das Bild lange starr an, als wolle er es sich einprägen; doch plötzlich verzerrte sich sein Gesicht, sein Haupt sank zurück, seine Hand schleuderte das Blatt von sich, als sei es ein giftiges Reptil, und sein Auge ward wieder so starr, wie sein Freund es damals gesehen.

»Uebermüdung,« stöhnte Kurt – aber in derselben Nacht trat ein Rückfall ein, der ihn in den früheren Zustand versetzte, welchen die Aerzte sich nicht hatten erklären können. Schlimmer als bei dem ersten Anfall wurden die Folgen; denn als auch jetzt die Jugend wieder siegte und die Kräfte verhältnismäßig rasch zurückkamen, war es, als sei jede geistige Regsamkeit von ihm gewichen. Völlige Empfindungslosigkeit war eingetreten. Kein Zweifel mehr, der in seiner Seele arbeitete, keine Unruhe, keine Sehnsucht mehr nach Aufklärung; alles erstorben, begraben, vergessen. Für die er alles hatte opfern wollen, sie hatte alles in den Staub getreten – sie war tot für ihn. Aber kein neuer Gedanke trat an die Stelle der früheren – es war leer und öde in seinem Innern.

Die Aerzte, welche gegen diese völlige Abspannung aller geistigen Tätigkeit nichts mehr zu tun vermochten, rieten Luft- und Ortsveränderung an.

»Ueberall hin, nur nicht in die Heimat,« äußerte Kurt bestimmt. Dort schien ihm die unerträglichste Luft zu sein. Seine Mutter konnte er keiner Schuld an dem Unglück zeihen; aber die Hand, die uns diese Unglücksbotschaft gereicht, erfüllt uns mit Grauen. Er witterte bei ihr eine gewisse Befriedigung – sie hatte es prophezeit. Wir lieben ja die Propheten noch weniger, wenn ihr Wort in Erfüllung gegangen, als vorher.

Kurt reiste. Er besuchte alle Gegenden, die man ihm zur Genesung anriet. Eine rohere Natur hätte sich anderen Genüssen hingegeben. Auch er, wäre er gesund gewesen, hätte sich vielleicht in den Strudel der Welt gestürzt, die innere Leere in etwas auszufüllen. So aber blieb alles wie es war. Ein Gefühl war stets der Mittelpunkt seines Seins gewesen: erst die kindliche Liebe, dann die andere Liebe, die ihm Lebensziel und Zweck geworden. Beide hatten ihn gewissermaßen verlassen – nun reizte ihn nichts mehr.

Aus solchem Zustand rettet nur die zwingende Gewalt, mit dem Leben ringen zu müssen. Sie trat an Kurt nicht heran; so blieb der Zustand der gleiche.

Endlich, nach mehr als drei Jahren kehrte er in die Heimat zurück, nachgebend den Bitten und dem Drängen der Mutter, welche hoffte, die heimischen Verhältnisse würden ihm Interesse abgewinnen.

Es war Abend. Von einer Grenzstation im Westen Deutschlands sollte eben einer jener Züge abgehen, die jetzt die Hauptpole der Zivilisation verbinden und wie mit atemloser Eile von dem Zentralpunkte des einen Landes zu dem des anderen fliegen, als sei alles dazwischen Liegende nur untergeordnete, kaum zu beachtende Zutat.

Aus der französischen Hauptstadt kommend, der österreichischen Metropole zueilend, war der Aufenthalt des Zuges der flüchtigste. Ein junger Mann trat trotzdem mit der lässigen Ruhe des gewohnten Reisenden an den Schaffner heran, ein Abteil erster Klasse fordernd. Diensteifrig öffnete der Beamte eine Tür.

Der junge Mann warf einen Blick hinein und zögerte. »Kein leeres Abteil vorhanden?« Trotz der in die Hand gedrückten Unterstützung des Wunsches zuckte der Mann die Achseln.

»Nicht möglich. Die anderen Abteile sind noch besetzter.«

Der junge Mann ergibt sich in sein Schicksal und steigt ein. Zwei Damen teilen mit ihm das Abteil. Die eine, ihm fast gegenübersitzende, war eine ältere Person mit auffallenden Gesichtszügen; ihre anspruchslose Kleidung ließ sie sofort als Dienerin erkennen. Den dicken Kopf mit dem braunen, runzligen Gesicht gegen die Kissen gepreßt, schnarchte sie hörbar. Die andere Reisende in der entfernteren Ecke konnte er im grauen Dämmerlicht der angehenden Sommernacht kaum unterscheiden. Er sah sie nur umgeben von allem Komfort, welche die elegante Dame kennzeichnet. Von Zeit zu Zeit bog sich der kleine Kopf mit seiner schwarzen Spitzenumhüllung leicht vor, einen Blick in das Freie zu werfen.

Der Reisende war anscheinend müde und ein etwas blasierter junger Mann. Doch konnte er nicht umhin, zuweilen einen Blick nach seiner Reisebegleiterin zu senden.

Der schrille Pfiff der Abfertigung war längst verhallt. Die Lokomotive sauste und brauste, schnob und keuchte, der Zug rasselte und flog dahin, von dem Dampf umwallt, welcher gespenstige Gestalten in der lauen Nachtluft bildete – vorbei, vorbei an Strauch und Wald, an Dorf und Stadt, über den Hügel, durch den Felsen, rasselnd über des Stromes Brücke, keuchend über den hohen Damm; vorbei, vorbei, als wolle er die Sekunden überholen, als habe er keine Zeit, weder für die Schönheit der Gegenwart noch den Zauber der Erinnerung, nicht einmal für den Gedanken, der nicht standhalten will in der fliegenden Eile.

Endlich ein Nachlassen der Geschwindigkeit, wieder der schneidende Laut, der die Luft durchzittert, ein Halt – ein unwillkürliches Aufatmen bei der Erlösung aus dem Bann der ewigen Beweglichkeit. »Station Bonn!« ruft der Schaffner in das Abteil hinein, den Namen der rheinischen Universitätsstadt. Die Alte schläft ruhig weiter; aber wie von einem Gedanken berührt, schrecken die zwei anderen bei Nennung dieses Namens aus ihrer träumerischen Ruhe auf. Wie unwillkürlich erheben sich beide und stehen sich jetzt gegenüber im engen Raum. Das helle Lampenlicht fällt auf beider Züge und die Augen sehen sich wie gebannt an in tödlichem Schrecken … Dann aber ist es, als wenn ein Laut auf die Lippen dringen sollte – einen Augenblick ist es, als würden die Hände sich suchend entgegenstrecken, als würde heller, sonniger Glücksschein sich auf beider Antlitz legen. – Doch da steigt tiefe, brennende Röte auf ihre Stirn – – Wie eine finstere Wolke überzieht es die seine. Die Lippen schließen sich wieder, ja, sie pressen sich aufeinander, der Strahl erlischt wie in eisiger Kälte … Beide sinken wortlos auf ihre Plätze zurück, still und stumm, unbekannt wie vorher.

Der Zug ist wieder im flüchtigen Lauf. Eine Gruppe Studenten, die die Sommernacht noch verjubelt, jauchzt ihm nach; aber das heitere Jugendreich liegt schon wieder in der Ferne. Die beiden im Abteil sind noch immer unbeweglich; ihre Augen suchen sich nicht mehr, im Gegenteil, sie starren zu den Fenstern hinaus, als sähen sie in ein Reich der Träume.

Vorbei, vorbei! Ist ihnen das Glück auch so vorbeigesaust, so vorbeigewirbelt wie die Bilder da draußen, wie der Dampf, der, in nichts verfliegend, vor ihren Augen tanzt? Denken! Vermögen die beiden zu denken jetzt! Es wirbelt im Hirn, es pocht im Herzen; es ist, als sollte die Brust zerspringen im großen, unendlichen Weh.

Die laue Nachtluft dringt ein und kühlt die heißen Stirnen. Der Mond ist aufgegangen und zeichnet scharf die Berge, einen Augenblick den glitzernden breiten Strom.

Ist es denn so lange her, daß sie auf diesen Bergen gestanden, daß sie auf diesem Strome sich wiegten und eigentlich nur sich sahen – daß sie stets sich suchten und fanden, die jetzt so finster voneinander sich abwenden?

Und war es denn nicht ein Sommertag hier im Rebenlande, wo sie das süßeste Geständnis getauscht?

Brennend steigt eine Träne in ihr Auge bei der Erinnerung, und plötzlich, wie von heißer Sehnsucht bewältigt, schaut sie nach ihm hin, so bittend, so flehend, als müsse sie das Gefühl auch bei ihm wecken. Aber er hat sich abgewandt, ihr Blick trifft den seinen nicht – marmorkalt und starr blickt er vor sich hin, als ahne er nicht, wer in seiner Nähe, sei. – –

Da gefriert auch ihr das warme Gefühl in der Brust; vor sich sieht sie einen Brief – einen uneröffneten Brief, der kalt abgewiesen zu ihr zurückkam, und der jetzt wie eine Mauer zwischen ihnen aufsteigt…

Und er – denkt er daran? Hat nicht auch früher einmal so ein sausender, brausender Zug ihn Tag und Nacht hindurch geführt, wo ihm jeder Moment noch zögernd erschien, um sie zu erreichen, wo er aller Entfernung gelacht, fast der Unmöglichkeit gespottet, nur um auf wenige Stunden in ihr Nähe zu gelangen, um jauchzend für kurze Frist in ihre Arme zu sinken!

Die er damals so heiß gesucht, sitzt sie jetzt nicht dort, dort unmittelbar vor ihm? … Er hört das leise Rauschen ihres Gewandes bei jeder Bewegung, er hört den Atemzug, der über ihre Lippen zieht.

Was hätte er damals gegeben für so süße Stunden mit ihr! Und jetzt hatte sie keinen Zauber mehr für ihn, die schöne Gestalt. Widerstrebend wendet er den Blick hin. Ja, das sind noch diese fein gemeißelten Züge, diese langen, schwarzen Wimpern, welche die Wange beschatten. Das sind noch die roten, schwellenden Lippen, und an der Schläfe die dunkle kleine Locke, die sein Entzücken gewesen. Schön, schöner als jemals – – und doch wendet er sich plötzlich ab.

Wo sah er das Antlitz zuletzt? … Hart und grinsend wiedergegeben in einem Zeltungsblatt – die viel begaffte und beklatschte Reiterschönheit, dem Publikum angepriesen!

Er schließt die Augen, sie nicht mehr zu sehen. Vielleicht wäre sein Herz geschmolzen, hätte er sie bleich und vergrämt wiedergefunden, während er jetzt keinen Zug von Gram findet, nur frische, volle Blüte.

Aber wir können viel Kummer tragen in der schwellenden Kraft der Jugend; es dauert dann lange, bis er unsere Stirn zeichnet und das warme Blut vergiftet, das in unseren Adern kreist.

Weiter saust der Zug. Sie sind längst in der Ebene. Die Romantik der Berge liegt so weit hinter ihnen, wie die Romantik ihres Lebens. Gott helfe ihnen! Wird es sich jetzt stets so flach, so reizlos, so melancholisch vor ihnen ausdehnen, wie diese Landschaft im grauen Morgenzwielicht?

Weiter, weiter – Stunde auf Stunde. Die Nacht ist vorüber, der Zug in steter Bewegung – und die Gedanken auch. Ein ewiges Gestalten von Worten, Fragen, Bitten und Zürnen, wovon nichts über die Lippen geht.

Wird er nicht aussteigen? Ist sie noch nicht am Ziel? Jetzt wieder ein schriller Pfiff, ein Halt: eine große süddeutsche Stadt wird genannt. Sie erhebt sich erschrocken. Es hat so lange gewährt und doch ist es jetzt schon vorbei.

Die Alte erwacht; sie rafft alles zusammen, das Abteil zu verlassen.

Nora bewegt sich nur mechanisch … Sie muß an ihm vorbei. Einen Augenblick ruht ihr Blick noch einmal auf ihm, nicht erschrocken, wie zuvor, sondern stille Verzweiflung darin.

Jetzt braucht er die Trauer nicht zu suchen, die er vorhin vermißt – so bleich das Antlitz, so bebend vor Schmerz!

Auch ihm legt es sich wie ein Schleier vor die Augen; er erhebt sich, er streckt die Hand aus, wohl um ihr zu helfen.

Aber ein Herr tritt im selben Augenblick schon an das Abteil heran und heißt sie willkommen. Nur ein stummes fremdes Neigen der Köpfe, noch, dann hat sie das Abteil verlassen. Obschon der Fremde diensteifrig an ihrer Seite steht, weist sie ihn mit Kälte zurück; er bemächtigt sich jedoch vertraulich ihrer Sachen und geleitet sie zu einem bereitstehenden Wagen.

Kurt sieht den beiden nach wie einem Gespenst.

Der Schaffner tritt heran; er weiß, es ist der Herr, der das reiche Trinkgeld verabreichte. Gefällig und gesprächslustig meldet er sich: »Nicht wahr, Euer Gnaden, das war mal eine schöne Gesellschaft! Ist gar bekannt hier, die Dame, … es ist die berühmte Reiterin, die Tochter des Herrn Karsten, der vorgestern schon mit einem Extrazug hier angekommen ist. Aber wollen Euer Gnaden nicht eine Tasse warmen Kaffee? Es ist kalt in der Morgenluft,« setzte er hinzu mit einem Blick auf Kurts bleiche Züge.

Der Mann hat recht. Kurt fährt es fröstelnd durch die Glieder; aber er lehnt alles ab und legt sich so stumm zurück, daß der Mann abgeschreckt ist von weiteren Unterhaltungsversuchen und besser gestimmte Reisende aufsucht.

Kurt ist allein, das Abteil ist leer.

Fort, fort ist sie, die hier die langen Stunden mit ihm zugebracht – die Zeit verrann, der Augenblick verging auf nimmer, nimmer Wiederkehr – – der Augenblick, den Gott ihnen vielleicht gesandt, um alles wieder auszugleichen! … Das Wort blieb versteinert, die Zunge blieb verstockt, die Lippen geschlossen.

»Nora, Nora!« ruft er fast wie in wilder Verzweiflung und schlägt die Hände vor das Antlitz. Und all die vernarbten Wunden brechen auf und all die erstickte Liebe erwacht. »Nora, Nora! O, warum nicht eine Sekunde früher?«

Die Sonne steht schon hoch im Mittag, als der Zug endlich auch für ihn an das Ziel gelangt. Der schlaue kleine Groom hat ihn sofort erspäht und erwartet schulgerecht mit gezogenem Hute den Reisenden. Sobald dieser aus dem Abteil gestiegen, meldet er die Anwesenheit der Equipage. Das Sonnenlicht spiegelt sich in dem elegantesten aller kleinen Wagen, und die Pferdchen werfen stolz und mutig die Köpfe zurück, als forderten sie die Bewunderung heraus, die ihnen gebührt. Aus dem weitereilenden Zuge blickt manches Auge auf das reizende Gespann, den Stolz seiner Herrin. Nur der junge Mann, der es jetzt besteigt, hat keinen Blick dafür. Müde und abgespannt wirft er sich hinein: geschlossenen Auges verharrt er, nicht achtgebend auf die reichen Fluren, die sich vor ihm ausbreiten, noch auf das herrschaftliche Haus, das in seiner reichen Baum- und Parkumgebung jetzt so stattlich vor ihm auftaucht.

Lilly hat sich schon zehnmal an dem Tage gefragt: »Kommt er oder kommt er nicht?« Oft hatte sie verstohlen aus dem Fenster gespäht, ob sie den Staub noch nicht aufwirbeln sieht, der den kommenden Wagen andeutet.

Jetzt donnert es über die Brücke, und das zeigt ihr an, daß der Gast endlich wirklich angelangt ist. Lilly eilt in ihren Salon, den Vetter zum erstenmal auf dem eigenen Terrain in hausfraulicher Würde zu empfangen. Allerliebst steht ihr das Gemisch von Zurückhaltung und tiefer innerer Freude, da sie ihn erwartet – doch nur der Groom erscheint.

»Der Herr Graf lassen sich entschuldigen. Sie haben sich gleich auf ihr Zimmer begeben, da es ihnen unmöglich sei, nach der Ermüdung von der nächtlichen Fahrt ihre Aufwartung zu machen; sie hoffen, in einigen Stunden erscheinen zu können.«

Lillys strahlender Blick sank sehr – Freude, besonders Wiedersehensfreude, verliert, wenn aufgeschoben, so sehr an Würze.

18

Meine schwarze Kunst, das ist mein Schmerz,
Mein Zauber ein gebrochnes Herz,
Und einer weiß, warum.

Das war ein stiller Reisegefährte, murmelte die alte Anne, die verschlafenen Augen reibend, als sie in dem Wagen neben ihrer jungen Herrin Platz genommen hatte. Die alte Anne war dem Direktor treu geblieben; sie war stets Noras Begleiterin und widmete ihr nach wie vor ihre besondere Pflege. »Nora, mein Püppchen, ich glaube, du frierst,« setzte sie daher auch jetzt sorgsam hinzu, die dicke Reisedecke ihr höher hinaufziehend; – »das kommt von all den Nachtfahrten, von all dem Jagen durch die Welt. Gott sei Dank, daß wir endlich an Ort und Stelle sind! So alte Knochen ertragen's bald nicht mehr … und so junge auch nicht,« sprach sie für sich weiter, sich mühsam aus dem Wagen helfend, der jetzt an einem der ersten Gasthöfe hielt.

Der Herr, der die Damen am Bahnhof empfangen, war auch hier wieder zur Stelle. »Der Direktor ist schon gestern abend angelangt,« berichtete er. »Alles ist auf übermorgen geordnet, wenn Sie, Fräulein Nora, nicht zu ermüdet sind.« Nora schien kaum zu hören; sie nickte nur stumm und stieg die Treppe hinan, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen.

»Sehr ungnädig,« murmelte Landolfo. »Allzu verwöhnt! Bald, meine Schöne, werde ich es Ihnen wieder abgewöhnen müssen. Aber irre ich nicht sehr, so war das ja der Comte, der da aus dem Kupee schaute! Hoffentlich kein Rendezvous! Hilft ihr aber alles nichts … den bekommt sie nun doch nicht mehr, die bella donna … dafür haben wir gesorgt! Deshalb war die reizende Hoheit aber gewiß so ungnädig … nun, wir rechnen noch ab mit der Zeit,« setzte er höhnisch lächelnd hinzu, in das Restaurationszimmer des Hotels eintretend, um dort mit einigen Likörs seinen Ärger hinunterzuspülen.

Die alte Anne hatte, wie einst vor Jahren bei der Mutter, das Zimmer ihrer jetzigen jungen Gebieterin sorglich hergerichtet, die weichen Kissen lockend ausgebreitet, die Fenster dicht verhangen, in das lose Nachtgewand sie gekleidet, daß sie ruhe nach der anstrengenden Fahrt. Nora hatte alles mit sich geschehen lassen und lag jetzt stumm ausgestreckt da. Die Alte betrachtete sie und schüttelte den dicken Kopf. »Das unruhige Leben bringt sie noch um wie ihre Mutter,« murrte sie beim Hinausgehen; »gerade wie die Mutter, wenn sie auch zehnmal so stark wäre! Arme, schöne Miß!«

Nora war allein. Nach der unausgesetzten Bewegung jetzt vollkommenste Ruhe. Aber sie empfand sie nicht. Immer schien es noch zu sausen, zu brausen, zu stoßen, zu rasseln und mit ihr fortzujagen. Immer sah sie ihn noch sich gegenüber, so stumm, so still, so regungslos und kalt.

Es war eine schlimme Nacht gewesen: Stunden, wo der Sturm alles vernichtet und das Menschenherz umwendet.

Drei Jahre waren vorübergegangen, seitdem Nora Karsten nach jenem ersten Auftreten ihr Lager aufgesucht und wie heute dagelegen hatte, zerknickt vom Übermaße körperlicher und geistiger Anstrengung, Ihr Ruf hatte sich seitdem über alle Städte des Kontinents verbreitet; die kühne Berechnung Landolfos war vollkommen gerechtfertigt worden. Ihre Schönheit, ihre Kunst hatten das Glück und den Erfolg fester denn je an des Direktors Unternehmen geknüpft. Noras Name allein füllte stets die Räume des Zirkus.

Bei ihr aber war nach jener furchtbaren Erregung allmählich ein Rückschlag eingetreten. So wenig wie die Seele sich auf der Höhe des Glückes zu erhalten vermag, kann sie auf der Höhe des Schmerzes bleiben. Mit einer unbezwinglichen Tatsache tritt eine gewisse innere Ruhe ein, und zwar um so mehr, wenn diese Tatsache uns ein unruhiges, geschäftiges Leben auferlegt, das stete körperliche Anstrengung fordert. Körperliche Anstrengung ist das einfachste Gegenmittel gegen einen geistigen Schmerz. Noras Beschäftigung an und für sich war ihr keine abstoßende; sie hatte die Vorliebe dafür von ihrem Vater geerbt und hatte, wie es bei jedem wirklichen Talente der Fall ist, Freude an der Ausübung und Ausbildung derselben. Das Publikum war ihr dabei allmählich Gewohnheit geworden; es berührte sie nicht weiter, als daß ihr wahrscheinlich etwas gefehlt haben würde, wenn einmal der Huldigungsschauer und der Beifall ausgeblieben wäre, der alle ihre Leistungen begleitete, und den sie als etwas Selbstverständliches hinnahm.

Ihr Vater hatte ihre Gefühle möglichst zu schonen gesucht. Er ließ sie, wie früher, ganz unbeteiligt an der übrigen Gesellschaft; sie trat nie anders als an seiner Seite auf, nahm nie an kombinierten oder theatralischen Produktionen teil und hielt sich streng an das einfache Schulreiten und an das gelegentliche Vorführen eines oder des anderen der berühmtesten Pferde.

Wohl hatte sie an jenem ersten Abende gedacht, sie würde es nimmer ertragen; wohl hatte sie damals geglaubt, sie müsse untergehen an diesem doppelten Leide der Erniedrigung und der verlorenen Liebe – aber es stirbt sich nicht so leicht. Es lag Stahl in ihrem Blute, Stahl in ihrem Geist, und unwillkürlich hob sich das Haupt wieder in die Höhe in dem Gefühle der Größe des Opfers, das sie gebracht, in dem Frieden der Selbstachtung, die jede uneigennützige Handlung mit sich bringt. Und sich auf der Höhe dieser Selbstachtung und seiner Achtung zu erhalten, das war das innere Ziel, das sie sich gestellt hatte.

Es war ihr ein Stich ins Herz gewesen, als ihr Brief uneröffnet an sie zurückgelangt; aber das war noch in einer Zeit gewesen, wo ihr Herz fast gefühllos war vom vielen Schmerze, den es durchgemacht. Sie konnte nicht einmal seine Handschrift erkennen, so entstellt war sie, so bedeckt überdies von Postzeichen und Poststempeln – vielleicht, und ihr Herz ließ ihr den Trost, war der Brief ihm gar nicht zu Händen gekommen! Sie hob ihn aber auf, wie er da war, in dem stillen Glauben, ihn einst vielleicht ihm zustellen zu können, damit er dann noch den Schmerz ersehe, der sie allein in seinen Augen rechtfertigen könne, und sie rechtfertigen sollte, auch ihr Leben. Ernst und still schloß sie sich in dem bunten Treiben ab, nicht an der kleinsten Jugendfreude teilnehmend. Wo sie hinkam, sah sie sich von den Huldigungen der jungen Männerwelt verfolgt; sie hatte Verehrer jeden Ranges und hundertmal versicherte ihre Stiefmutter ihr, wie sie ja nur ein wenig zuvorkommender zu sein brauche, um zehn Grafen zu ihren Füßen zu sehen, anstatt des einen treulosen.

Aber Nora schüttelte stumm den Kopf dazu; nie empfing sie einen der ihr Huldigenden, nie flog ein freundlicher oder ermutigender Blick der stolzen Reiterin in den Kreis ihrer Zuschauer. Unter der jungen Männerwelt ging die Sage, daß sie niemals die ihr zugeworfenen Kränze oder Buketts anrühre. Mit schelmischen Blicken und Gebärden sammelten meist die Clowns sie auf, oft ein lustiges Bombardement gegen das Publikum damit beginnend, oder zum Ärger der Opfernden und zum Jauchzen der Zuschauer sich selbst damit schmückend. Und was für ein Blütenregen, was für eine unsinnige Verschwendung war der spröden Schönen gegenüber schon getrieben worden! Einige Kühnere hatten endlich versucht, die Buketts ihr unmittelbar in die Wohnung zu senden, und es hatte die ganze Überredung ihrer Stiefmutter dazu gehört, daß sie dieselben nicht sofort zurücksandte. Nur der Gedanke, es würde ihrem Erfolg und damit ihrem Vater schaden, indem sie sich Feinde schaffe, hatte sie veranlaßt, das geschehen zu lassen. Aber die duftigen Sendungen verblühten meist, ohne daß sie auch nur einen Blick darauf geworfen, ohne daß sie jemals eines der darin verstecken Liebesgeständnisse gelesen.

Auch an den kleinen Soupers und Gesellschaften, welche die leichtsinnige Herrenwelt hier und da arrangierte, soi disant ihrem Vater zu Ehren, um die stolze Tochter einmal aus ihrer Zurückgezogenheit zu locken, nahm sie nie teil. Einige kurze Augenblicke in den Manege, hier und da einmal auf der Promenade oder im Theater, aber immer nur an der Seite ihres Vaters, das waren die einzigen Momente, die ihre heißesten Anbeter erhascht hatten. Doch erzählte man sich im Publikum, des Morgens in der Frühe könne man die schöne Reiterin sehen, wie sie im dunkelsten, schlichtesten Gewande sich in die Kirche begebe, zu der Zeit, wo die ganze beau monde noch im tiefsten Schlafe liege.

Die Macht ihrer Schönheit hatte zwar einige zu dem heroischen Schritt getrieben, auch dort ihr aufzupassen; aber sobald sie es bemerkt, war sie in der Kirche nicht mehr erschienen. Die frostige Morgenluft kühlte die hitzigsten Köpfe ab und verleidete es jedem, weitere Nachforschungen anzustellen.

So hatte Nora bisher gelebt. Aber diese Nacht hatte grausam den Schleier ihr vom Auge gerissen, den letzten Hoffnungsfunken verlöscht. – Diese Begegnung hatte ihr erklärt, welch kalte Verachtung den Brief zurückgesandt.

Verachtet! verachtet! ausgestoßen aus dem Herzen, das ihr ein und alles gewesen. Also keinen mildernden Umstand hatte er aufgefunden? Nicht ein Strahl von Mitleid und Teilnahme war ihr geworden, der in der Erinnerung das Herz ihr hätte erwärmen können, ihr leuchten in der Nacht der Verzweiflung?

Verzweiflung war es – die Hände griffen in das dunkle, schwarze Haar, und das Gesicht vergrub sich leidenschaftlich in die Kissen, als könne es vor Schmach und Schmerz den letzten Schimmer des Lichtes nicht mehr ertragen.

In dem Übermaße des Wehes erwachte ein Gefühl der Rechtfertigung in ihr – das getretene Herz erhob sich gegen die Ungerechtigkeit, die es erduldet. Was war er denn, der kein Wort ihr mehr gegönnt, keines Blickes mehr sie würdigen wollte? Hatte er denn nicht auch das Gelübde gebrochen, mit dem er gelobt hatte, sie zu retten aus ihrer gefährlichen Lage, ihr Schutz und Hilfe zu sein?

Beim ersten Wellenschlage hatte er sie sich selbst überlassen? Ja, sie hatte es ihm leicht gemacht, dachte sie in der Bitterkeit ihres Herzens; sie hatte das Wort ihm zurückgegeben, hatte ihn jeder Verpflichtung überhoben. Und er hatte nicht einen Finger gerührt, sie zu retten – er hatte die Freiheit genommen, um sie sinken zu lassen.

Was trauerte sie ihm nach? Ihm war es wohl ein willkommenes Ereignis gewesen, frei zu werden. Und sie hatte selbst dem Schatten dieser Liebe noch jeden Gedanken geopfert!

Nun, wenn sie denn doch vergessen, verachtet war, was zog sie so strenge Schranken um sich, was versagte sie jeder heiteren Lebensfreude den Einlaß?

Das ungestüme Blut in ihr wallte hoch auf; das verlassene Herz schrie nach Betäubung, nach etwas, das seine Leere ausfüllen könne.

Hatte sie nicht stets diese leichte Schmetterlingsnaturen um sich gesehen, die so fröhlich durchs Leben flatterten, so leicht und ungebunden – ja, die gehörten zu ihrem Stande! Wohl sanken sie oft in den Staub; aber sie hatten sich doch auf Blüten gewiegt, waren froh und glücklich gewesen. Und sie – auch sie wurde in den Staub getreten, aber ohne gleich ihnen wenigstens den Schaum des Lebens genossen zu haben.

Warum wollte sie besser sein als jene, wo das Schicksal sie in die gleiche Sphäre gestoßen? Was wollte sie sich müde kämpfen zu einer steilen Höhe hinan, die sie kaum erreichen und auf der die Welt sie nie dulden würde? Verloren, verloren war sie doch jetzt für jedes wahre Lebensglück – aber leben wollte sie ohne diesen brennenden Durst danach.

Das sind schlimme Stunden, in denen die aufgeregten Gefühle ganz die Oberhand gewinnen. Auch die reinste Seele, wenn sie so wild durchwühlt wird, trübt sich durch den Schlamm, der auf dem Grunde jeder irdischen Natur liegt.

Lange lag Nora so, bis die Erregung in sich selbst verlief. Aber wenn die Flut verläuft, bemerkt man erst, wie sie alles anders gestaltet hat!

Als Nora sich erhob, hatte ihr Anlitz einen anderen Ausdruck. Das Auge glühte dunkler, trotzig warfen sich die Lippen auf und an die Stelle von Zurückhaltung und Ruhe war unheimliches Leben in die Züge gekommen. Sie war noch daran, ihre Haare aufzuwinden, als an die Tür gepocht wurde und man ihr einen köstlichen Strauß hineinreichte.

Die erste Bewegung, wie in alter Gewohnheit, war, ihn zurückzuweisen; aber gleich darauf nahm sie ihn an. Die kostbarsten, seltensten Blüten waren darin vereinigt, ein feiner Duft stieg daraus empor. Sie nahm ihn, preßte das Antlitz in die Blüten; sie sog den Hauch ein, als wollte sie sich damit betäuben. Sie wußte recht gut, aus welcher Hand der kostbare Strauß kam. Ein Verehrer prinzlichen Ranges verfolgte sie seit Monaten mit ähnlichen Gaben. Heute tat ihr dies zum erstenmal wohl, hatte sie zum erstenmal eine fast wilde Freude daran.

»Ich kann sie alle zu meinen Füßen zwingen, wenn ich will,« dachte sie und warf stolz den Kopf zurück. »Ich kann sie alle fesseln, sie alle lenken mit einem Blick meines Auges, mit einem Winke meiner Hand, wenn ich es versuche. Ich kann sie unglücklich machen, diese stolzen Menschen, wie ich unglücklich geworden bin. Aber ihm will ich zeigen, daß ich nur die Hand auszustrecken brauche, um das zu erreichen, was er mir entzieht.«

Als Nora einige Stunden später zu ihrem Vater kam, um wegen der Anordnungen für die folgenden Tage mit ihm zu überlegen, fand er sie so zugänglich für all seine- Vorschläge wie nie zuvor.

In der Stadt und in Kreisen, weit über diese hinausgehend, sprach man bald von nichts anderem als der schönen Nora Karsten, die man noch niemals so bezaubernd gesehen, wie in dieser Saison. Was man ihr früher an kalter Ruhe, an einer fast steifen Zurückhaltung vorgeworfen, schien ganz abgestreift. Die meisten schrieben einer Gasttour, die sie durch Frankreich und England gemacht, und von der sie eben zurückgekommen, diesen Fortschritt zu.

Nora trat jetzt auch in gemischten Vorführungen auf; eine genial entworfene romantische Szene war bald ihre Hauptrolle und der Glanzpunkt der Vorstellungen. Angelehnt an die Sage von Libussa, Böhmens schöner, männerfeindlicher Königin, war es ein Kampf der Amazonenschar mit den ihnen widerstehenden Männern, eine Darstellung, die zur Entwicklung von Mimik wie von Reitkunst viel Gelegenheit bot und ein massenhaftes, glänzendes Personal zur Schau brachte. Der Sieg der Amazonen, die wilde Jagd der Flüchtigen, endlich Libussa allein dem letzten Manne, dem tapferen Sharka, gegenüber, ihr Kampf mit ihrem Stolz und ihrer Liebe, zum Schlusse der Triumphzug und das Weh der Amazonen, als Libussa den tödlichen Pfeil auf ihn gesandt, dann aber selbst sterbend zusammenbricht – das war an und für sich ein so bewegtes, fesselndes Bild, wie es die Reitkunst noch nicht geboten. Von nah und fern strömte man hin, da die schöne Nora Karsten als Libussa bewunderungswürdig sein sollte.

Einige Wochen später hatte der Zirkus seine Reise weiter fortgesetzt, und war, wie alljährlich, in der österreichischen Hauptstadt. Auch dort ward diese Vorstellung mit Spannung erwartet. Daß einige heißblütige Verehrer von hohem Range, der schönen Libussa wegen der Truppe folgten, war eine Kunde, die vor ihr herlief und der ganzen Sache höheren Reiz verlieh. Nach wie vor behauptete man jedoch, daß sie ihre männerfeindliche Rolle im Leben fortsetze.

An dem Abende der ersten Vorstellung war alles, was die Hauptstadt an Rang und Namen bot, im Zirkus Karsten versammelt. Mit der glänzendsten Ausstattung ließ der Direktor die Aufführung in Szene gehen.

Schön, hinreißend schön war diese Libussa, wie sie jetzt hereinritt, von der leichten Schar ihrer Reiterinnen umwogt. Sie ritt einen schwarzen Hengst edelster Rasse, dem Feuer aus allen Gliedern zu sprühen schien. Ein goldener Panzer umschloß die schlanke, kräftig gebaute Gestalt, ein Gewand aus Silberstoff floß in schweren reichen Falten nieder. Den Kopf deckte ein silberner Helm, der die Züge frei ließ und aus dem die üppige Lockenfülle in ihrer Rabenschwärze weit über den Nacken niederfiel. Wie hingehaucht saß sie auf dem feurigen Roß, und doch eisenfest, eine wahre Verkörperung jener trotzigen Heldenjungfrauen.

Es war ein herrliches Schauspiel, dieser Reiterkampf in seinen kunstreichen, vielgestaltigen Wendungen, die vielen edeln Tiere, die kräftigen, kühnen Menschen; aber aller Augen ruhten doch nur auf Libussa, die, wie von einem Zauber geführt, allüberall aus dem dichten Knäuel hervorragte, ihre Kunstfertigkeit und Beherrschung des Tieres auf das glänzendste bewährend.

Beifallsjubel auf Beifallsjubel war schon den einzelnen Momenten gefolgt. Noch dramatischer gestaltete sich die Aufführung bei der Verfolgung der Flüchtigen, wo die Schar der Amazonen wie die wilde Jagd daherbrauste, wieder Libussa an der Spitze, die Lanze hoch geschwungen, die Haare flatternd, die Augen funkelnd. »Walküre, Schildjungfrau,« zog es flüsternd durch die Reihen.

Jetzt war der Augenblick gekommen, wo der letzte Krieger sich mutig ihr gegenüberstellte, von den triumphierenden Amazonen umgeben. Libussa soll den Pfeil schnellen und hält ein, das mit ihr hoch sich bäumende Roß gehört noch in die Szene, vielleicht auch noch der leuchtende Siegesblick, mit dem sie die Zuschauer zu grüßen scheint, und der eine Stelle des weiten Raumes aufsucht, wo eine dichte Gruppe von Herren Platz genommen hat. Sie brechen in den feurigsten Beifall aus.

Aber Libussas Auge bleibt dort gefesselt, als könne sie es nicht wegwenden. Der unglückliche Sharka stellt sich ihr umsonst in der kühnsten Stellung gegenüber, den Todesstoß zu erwarten – sie scheint ihn zu übersehen. Eine solche Todesblässe bedeckt plötzlich ihr Gesicht, ein solches Zittern erfaßte sie, daß eine der Amazonen, ihre Stiefmutter, die es bemerkt, mit großer Geistesgegenwart ihr Pferd herandrängt, ihr einige Worte zuflüsternd, um sie wieder zur Besinnung zu bringen.

Wie aus einem Traum erwachte Nora – sie faßte sich und führte die Szene zu Ende. Das Publikum hat die kleine Störung nur als meisterhafte Darstellung des inneren Kampfes genommen, und ihr Zusammenbrechen, indem sie vom Roß in die Arme der klagenden Jungfrauen gleitet, in der mystischen Beleuchtung blutigroter Flammen glänzend, krönt das Ganze.

Aber gut ist es, daß Nora, dem Gange des Spieles entsprechend, hinausgetragen wird – sie hätte sich nicht mehr aufrecht erhalten können. Sie sieht nicht die Kränze, die man ihr spendet, sie hört nicht den tausendfachen Jubel, der ihr nachjauchzt – ein heftiger Weinkrampf erschüttert sie, sobald sie sich außerhalb der Arena weiß.

Auf der Stelle aber, wo sie hingeblickt, hatte inmitten einer Reihe glänzender Uniformen ein Mann im langen, schwarzen geistlichen Gewande gestanden, der aufmerksam mit ernstem Blick der Vorstellung folgte, aber auf all die Ausrufe der Bewunderung rings um ihn her nicht zu achten schien.

»Das ist recht, Herr Kaplan, daß Sie unsere weltlichen Vergnügungen nicht ganz verschmähen,« sagte eben ein langer, hagerer Offizier, den spitzigen Schnurrbart streichend. »Hat dieses achte Weltwunder der Reitkunst Sie hergeführt, oder was bringt Sie einmal wieder in unsere Hauptstadt? Die Gräfin hat uns die letzten Jahre so hartnäckig verschmäht.« »Das Leiden und die Abwesenheit des jungen Herrn Grafen beschäftigten sie traurig genug, um sie allem Verkehr abhold zu machen,« gab der Angeredete zurück. »Ich bin augenblicklich auf dem Wege zu Graf Kurt, der leider auf dem Gute der Komtesse Lilly in Göhlitz wieder erkrankt ist.«

»Was, ist der Kurt endlich zurück von seinen Irrfahrten?« fragte der Offizier lebhaft. »Und in Göhlitz? Nun, über seine Gefangenschaft dort wird die Frau Mama nicht zürnen. Aber was fehlt ihm eigentlich?«

»Die klimatischen Fieber scheinen seinen Organismus zerstört zu haben,« sagte der Kaplan; »seit jenem Gehirnfieber in Peru hat er sich nie wieder ganz erholt. Eben jetzt hatten wir die besten Hoffnungen; doch scheint die Ermüdung der Reise diesen Rückfall hervorgerufen zu haben, an dem er schon wochenlang laboriert.«

»Das ist traurig,« sagte der Offizier teilnehmend. »Es war auch eine unglückliche Idee von der Mutter, ihn fortzuschicken; ich weiß ja, wie sie sich damals darum bemühte, Gott weiß, warum. Ist er denn jetzt besser?«

»Ja, er ist auf der Genesung, und da er den dringenden Wunsch aussprach, mich zu sehen, bin ich gekommen. Morgen gehe ich hin. Die Gräfin ist schon seit einigen Wochen dort.«

»Dann komme ich jedenfalls in der nächsten Zeit auch einmal hinüber, den alten Freund zu begrüßen und der spröden Komtesse meine Aufwartung zu machen. Wo steckt der jüngste Sohn, Graf Nikolas?«

»In seinem Regiment; er hat sich sehr gestärkt und ist recht tüchtig geworden in den letzten Jahren.«

»So! Aber dem Kurt wird er nie das Wasser reichen. Ein prächtiger, liebenswürdiger Kerl! Wie der war, gibt es nicht viele. Jammervoll, wenn er nicht wieder gesund würde. Aber kommen Sie, Herr Kaplan; etwas hat die Menschenflut sich verlaufen, und wir können gehen.«

Sie schritten voran. Eine Gruppe junger Offiziere schloß sich dem Rittmeister an. »Ist das Frauenzimmer schön!« riefen einige der jüngsten noch in heller Begeisterung. »Wahrhaft himmlisches Weib! Und dies Reiten! Rittmeister, ich bitte Sie, wir haben sie doch schon öfter gesehen … aber so noch nie! Fabelhafte Fortschritte hat sie gemacht.«

»Ich weiß nicht,« sagte der Rittmeister trocken, »früher hat sie mir besser gefallen. Es war etwas Eigentümliches, wie sie damals ritt, sich selbst ganz außer acht lassend, nur ihr Pferd vorführend. Jetzt macht sie's wie alle anderen und produziert sich selbst. Aber sehen Sie, Baron, ist das nicht der Prinz R., von dem man sagt, daß er der schönen Reiterin wegen immer der Truppe folge?«

»Ja, der lange Herr in Zivil mit dem kahlen Kopfe. Man erzählt Fabelgeschichten, was er alles treibt dieser Sirene wegen; doch überflüssigerweise. Sie soll längst verlobt sein mit dem ersten Geschäftsführer ihres Vaters, der eifersüchtig wie ein Luchs sie bewacht.«

Über des Kaplans Lippen ging ein leiser Seufzer.

»Kommen Sie nicht noch ein wenig mit uns, Hochwürden,« sagte der Rittmeister verbindlich, »die heiße Sitzung durch einen kühlen Trunk zu beschließen?«

»Ich danke Ihnen,« sagte der Kaplan. »Für einen Abend war es genug der Weltlichkeit. Ich denke, schon in der Frühe weiter zu reisen. Also auf Wiedersehen in Göhlitz, meine Herren!« Und sie schüttelten sich freundlich die Hände.

19

»Hat einmal dein Gewissen für das Recht
oder Unrecht einer Handlung entschieden,
so bleibe dabei, und sieh seinen Ausspruch
für unwiderruflich an.«
Jacoby

Am anderen Morgen ward zu früher Stunde Nora ein Billett gebracht, das Antwort heischte. Die Nacht war ihr in fieberhafter Unruhe vergangen. Sie saß jetzt an ihrem Schreibtische, vergeblich sich bemühend, einen Brief zu entwerfen, den sie immer wieder zerriß. Das Billett, welches sie erhielt, bestand nur aus einer Visitenkarte, mit der Anfrage, ob der Betreffende erscheinen dürfe. Nora zögerte unschlüssig – aber als könne sie nicht anders, setzte sie doch eine bejahende Antwort darunter und sandte es zurück. Gleich darauf hätte sie diese Entscheidung widerrufen mögen.

Der Kaplan, von dem die Anfrage gewesen, erschien denn auch bald. In großer Erregung trat Nora ihm entgegen. Er reichte ihr die Hand und sah ihr ernst und mild, teilnahmsvoll ins Auge.

Heiß wallten ihr zum Herzen die Erinnerungen, die sich an ihn knüpften seit ihrer frühesten Kindheit. Tränen stürzten ihr aus den Augen. »So sehen Sie mich wieder,« rief sie schmerzlich, »eine Reiterin … Eine Kunstreiterin trotz alledem!« Sie warf sich auf den kleinen Diwan nieder und bedeckte schluchzend ihr Gesicht.

»Gott sei gepriesen für die Tränen.« sagte der Kaplan, leise die Hand ihr auf den Scheitel legend. »Mein armes Kind, ich danke Gott, daß es dir ein solches Opfer ist: ach, ich fürchtete gestern, du hättest dich damit ausgesöhnt.«

»O hätte ich es nur!« rief Nora bitter. »Wäre es doch kein Opfer mehr! Könnte ich nur vergessen, alles vergessen von früher bis auf den letzten Gedanken … Ich hab' ja vielleicht genug zum Glücklichsein: Reichtum, Bewunderung und Schönheit, wie die Leute sagen … alles, was das Leben reizvoll macht. Warum hänge ich an den alten Gedanken, die ich so gern vergessen möchte? Und nun kommen auch Sie noch, den Kampf von neuem zu wecken! Ich habe Sie bitten wollen, nicht zu kommen, mich nicht zu beunruhigen … hätte ich es nur getan. Lassen Sie mich die Wege gehen, die nicht zu ändern sind; dann bin ich vielleicht weniger unglücklich … O, warum kamen Sie!«

Sie sprach in furchtbarer Aufregung, rasch, abstoßend, hart.

»Warum ich kam? Einem Versprechen zu genügen, das ich einer sterbenden Mutter gegeben; ihrem Kinde womöglich ein Freund und Berater zu bleiben. Wollte Gott, ich hätte Sie beraten dürfen in dem Augenblicke, welcher Sie zu einem Schritte trieb, der Sie und andere so unglücklich macht.«

»Andere sind nicht unglücklich geworden,« unterbrach ihn Nora schneidend. »Sie haben sich gern und schnell damit abgefunden, zu verachten und zu vergessen, was ihnen verächtlich schien.«

»Keiner kann wissen, was der andere leidet,« sagte der Geistliche ruhig. »Vielleicht täuschte man sich über Sie, wie Sie sich über ihn täuschen. Vielleicht hat alles so kommen sollen, um Sie auf anderen Wegen zum Ziele zu führen.«

»Jetzt nimmermehr zum Ziele!« rief sie klagend.

»Nicht zu dem, was wir erhofften, aber vielleicht zu einem anderen, zu dem alle Wege führen können … und Wege, die wir mit einem Opfer beginnen, wie Sie eines gebracht zu haben scheinen, sind doch meist Gottes Wege.« »Glauben Sie, daß der Weg, den ich jetzt einschlagen mußte, dem Ziele so besonders näherbringend ist?« fragte sie fast höhnisch.

»Es gibt keinen Stand, den wir nicht heiligen können,« sagte der Kaplan immer in derselben beruhigenden Weise. »Je mehr Versuchung, desto mehr Ehre.«

»Halten Sie es für leicht, die Versuchung zu besiegen?« rief sie heftig zurück. »Sehen Sie da!« und sie strich rücksichtslos die Kränze und Buketts zusammen, die vom gestrigen Abende her auf dem Tische lagen. »Sehen Sie da,« und sie warf die kleinen Billette auseinander, wie sie da lagen, die parfümierten, in ihrem Aussehen schon Leichtsinn verratenden Papierschnitzel. »Glauben Sie, das alles mache nicht endlich Eindruck? das stehle sich einem nicht in den Sinn, das schmeichele sich nicht ins Herz, allmählich berauschend, betäubend? Glauben Sie, der Beifallsjubel schlage umsonst an unser Ohr, und wir könnten ihm immer die kalte Stirn bieten, besonders wenn man weiß, daß man auf kein anderes Glück mehr zu rechnen hat? … Seitdem der letzte Anker gebrochen, seitdem ich weiß, daß er mich verachtet, da schreit das Herz nach Ersatz, da will es wenigstens kosten, was die Welt noch bietet. O, ich fühle es, ich werde darin untergehen! Ich bin nicht anders wie andere: ich werde das Leben lieben und genießen lernen, wie tausend Bessere vor mir, wie Tausende nach mir!«

Der Kaplan ging auf ihre heftige Rede nicht weiter ein. Mit sicherer Menschenkenntnis griff er nur eins heraus, die tief verwundete Seele nicht ganz zurückzuscheuchen.

»Eines Menschen Liebe ist stets ein schlechter Anker,« sagte er. »Aber woher wissen Sie, daß er Sie verachtet?«

Höher noch stieg die Glut auf Noras Wangen. Was sie zu sagen hatte, wollte nicht über die Lippen. Sie schritt zum Fenster und legte die heiße Stirn an das kühle Glas. »Hörten Sie von ihm?« fragte der Kaplan wieder.

»Ich reiste vor einigen Wochen mit dem Kurierzuge von Paris rheinaufwärts. Ein Herr saß mit mir im Abteil … der mich nicht mehr kannte,« sagte sie heiser.

Der Kaplan stutzte. »Sie fuhren mit ihm?«

Nora nickte stumm, ein Zittern lief ihr durch die Glieder bei der Erinnerung.

Der Kaplan wußte sich jetzt den Rückfall zu erklären. War es klug, ihr mitzuteilen, wie sehr das Wiedersehen ihn erschüttert hatte? War es weise, den Funken Hoffnung in ihrem Herzen wieder zu beleben? Aber über alle Weisheit geht die Wahrheit und die Güte, die nicht verhehlen will, was einem Herzen wohltun kann, die den Tropfen Balsam nicht verweigert, der dem tief verwundeten Gemüte Linderung schafft. Des Geistlichen einfach reiner Sinn nahm diesen Weg.

»Graf Degenthal,« sagte er, »ist nach jener Reise schwer erkrankt. Ich bin auf dem Wege zu ihm; denn er hat das Gut seiner Cousine nicht verlassen können.«

Noras Haupt wandte sich hastig. »Schwer erkrankt?« fragte sie atemlos.

»Es ist ein Rückfall seines langen Leidens. Der Arzt führte denselben auf eine heftige Nervenerschütterung zurück, die man sich vergeblich zu erklären sucht.«

»Rückfall!« wiederholte Nora. »Was reden Sie von einem Leiden?«

»Wußten Sie nichts davon?«

Nora schüttelte den Kopf. »Ich wußte nichts, als daß er in Konstantinopel bei der Gesandtschaft sei,« sagte sie gepreßt.

»So hören Sie, ob er es leicht trug. Vor drei Jahren warf ihn jene Nachricht, die ihn unvorbereitet traf, auf das Krankenlager,« berichtete der Kaplan, und erzählte dann in seiner ruhigen, klaren Weise alles, was er über Kurt wußte. Totenbleich hörte Nora zu. »O mein Gott!« sagte sie langsam. »Krank und siech all die Jahre!«

Krank und siech durch sie, um ihretwillen! In ihrem unermeßlichen Leid hatte sie immer nur an den eigenen Schmerz gedacht, hatte nie einen Augenblick sich vorgestellt, daß auch er leide! Und nun; seine zarter organisierte Natur hatte den Schlag noch weniger ertragen als sie – er, den sie im Herzen wegen seiner kalten Gleichgültigkeit fast gehaßt, hatte so tief gelitten, daß er dadurch gebrochen an Körper und Geist war! Sie kam sich fast wie im Unrecht vor, da sie da stand in der Vollkraft ihrer Jugend und Gesundheit.

»O mein Gott,« begann sie wieder, »das ist ja entsetzlich … das habe ich mir nicht vorgestellt.«

»Wir sind meist so in der Vorstellung unserer eigenen Leiden versunken, daß wir die der anderen nicht ins Auge fassen, besonders wenn wir uns durch sie gekränkt wähnen.«

»Herr Kaplan, Herr Kaplan! es war nicht meine Schuld!« rief sie. »O, Sie wissen nicht, was mich dazu gebracht … es kann kaum über meine Lippen gehen. Ich habe Kurt geschrieben, ihm habe ich das ganze unselige Ereignis und meinen zwingenden Beweggrund anvertraut … und er hat mich ungehört verurteilt … den Brief hat er mir uneröffnet zurückgesandt, ohne ein Wort des Trostes!«

»Er hat ihn also nicht gelesen? Dann mag er auf andere Weise von Ihrem Auftreten gehört haben, und das hat ihn erbittert, während er sein ganzes Vertrauen in Sie gesetzt hatte. Darauf folgte seine lange Krankheit! … Wollen Sie es mir sagen, Nora?« fragte der Geistliche ernst.

»Ja, ich will es Ihnen sagen, aber unter dem Siegel, das bei jeder Beichte Ihren Mund verschließt; denn es trifft andere mit!« Sie warf sich nieder, als wolle sie wirklich eine Schuld bekennen; und dann strömte über ihre Lippen die ganze Erzählung jenes unseligen Tages, wo mehr als ihres Vaters Leben auf dem Spiel gestanden. Sie schilderte die grauenhafte Angst, die ihr das Gelübde abgepreßt hatte.

Der Kaplan hörte schweigend zu. Er hatte sie nie des Leichtsinnes, des Wechsels der Laune geziehen, er hatte keine Erklärung für ihren Schritt zu finden gewußt, und eben in dem Unerklärlichen die Entschuldigung gesucht. Aber die Größe des Kampfes und des Opfers, das sie gebracht, überstieg alle seine Ahnungen. Tiefes Erbarmen erfaßte ihn für das junge Wesen, welches einen wahrhaft heldenmütigen Akt geübt und nichts wie Verachtung dafür geerntet hatte.

»Habe ich unrecht getan? O, verurteilen Sie mich nicht!« schloß sie den Bericht. »Ich habe soviel gelitten, … ich zerbrach mein Glück mit eigener Hand.«

»Gott soll mich bewahren, Sie zu verurteilen, Sie armes Kind,« sagte der Kaplan erschüttert. »Weiß der Herr, was ich in dem Augenblicke hätte raten können! Ueber Ihrem Entschluß aber schwebt rein Ihre kindliche Liebe und Ihre Opferwilligkeit: Gott wird Sie segnen dafür! Härter, als Ihre Mutter ahnen konnte, ist das Leben an Sie herangetreten … Sie haben alles hingeben müssen, um Ihren Vater zu retten.«

»Aber habe ich ihn gerettet? …« flüsterte sie zaghaft, »habe ich ihn gerettet? … das ist die entsetzliche Frage, die seit einiger Zeit in mir auftaucht! O, ich kann kaum alles sagen, was mich von neuem bedrückt, obgleich ich in dieser letzten Zeit meine Augen für alles habe schließen wollen … das Leben nur leicht, nur oberflächlich zu nehmen, weil alles Denken so martervoll war. Dieser Landolfo ist meines Vaters böser Geist; er hat ihn ganz in seiner Hand … O, mein Vater ist nicht mehr, was er früher war,« setzte sie mit brennender Röte auf den Wangen hinzu. »Dies Leben zieht alle herab. Hätte ich nicht das Opfer gebracht, so hätte vielleicht die Notwendigkeit ihn gezwungen, das Geschäft aufzugeben.« »Sie haben getan, was Sie für recht hielten, das ist genug vor Gott und unserem Gewissen. Grübeln Sie nicht darüber: alles ist nicht vorzusehen. Aber könnten Sie nicht jetzt sich zurückziehen, wo Ihres Vaters Geschäft wieder in Blüte steht?«

»Nein, nein! Er sagt, ich allein erhielte es, und die Scharte sei noch nicht ausgewetzt. O, Landolfo sorgt dafür, daß sie fühlbar bleibt, fürchte ich. Er setzt alles gegen mich in Bewegung,«

»Gegen Sie … Ihres Vaters Liebling? … Werden Sie nicht gut behandelt?« rief der Kaplan erstaunt.

»So meine ich es nicht,« sagte sie mit einem traurigen Lächeln. »O, man behandelt mich mehr als gut … man schmeichelt mir, man vergöttert mich … ich bin ja allen nötig. Aber der, den ich Ihnen eben nannte, hat feste Pläne im Sinne; deshalb verstrickt er den Vater immer tiefer, deshalb macht er ihn durch List und Schmeichelei sich ganz untertan … Mich besiegen sie nicht!« setzte sie mit funkelnden Augen hinzu. »Aber auf einen Plan folgt vielleicht ein zweiter! Man fühlt, man versteht allmählich doch! Sie ahnen kaum all die Intrigen einer solchen Gesellschaft. Ich kann, ich darf jetzt meinen Vater nicht verlassen.«

»Können Sie sich nicht deutlicher ausdrücken?« fragte der Kaplan.

»Nein, nein!« hauchte Nora. »Es ist alles noch wie ein Gespenst, das auftaucht …«

»Nora,« sagte der Kaplan ernst, nachdem er eine Weile sinnend gesessen, »erfüllen Sie die Aufgabe … so hart, so schwer sie für Sie ist. Über Ihr Glück ging sie fort, auf gefährlichen Bahnen führt sie weiter … aber halten Sie Ihr Herz rein und stark, dann vermögen äußere Gefahren nichts dagegen. Sie sollen vielleicht der Schutzgeist Ihres Vaters sein! Die Gnade wird Ihnen nicht dabei fehlen. Ist es nicht eine Fügung Gottes, daß er mich Ihnen jetzt entgegenschickt, wo Sie fürchteten, an sich selbst irre zu werden? Ist es nicht ein Trost, daß er durch mich Sie über das aufklärt, was drohte, Ihre Seele umzuwandeln, was in seiner Bitterkeit Ihr reines Opfer vergiftet hätte? Gehen Sie ernst und stark weiter und geben Sie nur für das Linsengericht kleinlicher Eitelkeit und kleinlicher Erbitterung Ihr ewiges Erstgeburtsrecht nicht hin.«

»Aber wie lange, wie lange wird es dauern? Werde ich immer stark sein?« flüsterte sie vor sich hin.

»So lange, wie der Herr will! Er kann in einem Augenblick lösen, was uns auf immer unentwirrbar schien.« Der Kaplan stand auf.

Auch sie erhob sich. Ihre heiße Hand legte sie in die seine: »Ja, es war eine Fügung Gottes, daß Sie kamen,« sagte sie; »ich stand an einem Abgrund. Helfen Sie mir, daß ich nicht unterliege.«

In dem Augenblicke ward an die Tür geklopft, und auf Noras Herein trat der Direktor in das Zimmer. »Ah! du hast Besuch,« sagte er mit scheinbarer Überraschung. »Sie, Herr Kaplan? … Was führt Sie so plötzlich zu uns? Eine Freude, Sie endlich einmal wieder zu sehen!« Er reichte ihm die Hand, aber es lag etwas Gemessenes in seinem Tone, etwas Gezwungenes in seinem Benehmen, so daß man bemerken konnte, wie wenig angenehm der Besuch ihm war.

Der Kaplan fand ihn verändert, seitdem er ihn das letztemal gesehen. Die Gestalt war stärker geworden, die Züge hatten etwas Gedunsenes, das Auge war matt und unstet; selbst sein Auftreten hatte nicht mehr die ruhige Haltung von früher. Es tat dem Kaplan weh, das zu bemerken; denn wie jetzt die Tochter neben ihm stand mit dem vollen Ernst, den das vorhergehende Gespräch über sie ausgegossen, war der Gegensatz der verschiedenen Lebensbahnen, denen sie angehörten, ein schneidender. Jedenfalls konnte sie am Vater keine Stütze mehr finden.

Nora erklärte indessen dem Vater die Anwesenheit des Kaplans, und der Kaplan entsann sich jetzt, daß die Stunde zu seiner Abfahrt herannahe.

»Ich fürchte, das Wiedersehen hat dich aufgeregt, mein Kind,« sagte der Direktor, mißtrauisch ihre ernsten Züge betrachtend. »Alles ist eben so gekommen, wie unsere älteren, weisen Köpfe voraussahen,« wandte er sich an den Kaplan. »Junge Leute müssen ihre Erfahrungen machen. Aber meine Tochter ist glücklich auch jetzt; sie wird Ihnen gesagt haben, daß ihr Leben nicht so schlimm ist, als es aussieht. Und hatte ich nicht recht, daß sie Großes leisten würde? Könnte man Besseres sehen, als gestern abend? Alles war hingerissen, berauscht!«

»Der Kaiser von Rußland hat recht behalten,« sagte der Kaplan lächelnd zu Nora.

»Ja, ja, sie hat ihren Vater ganz ausgestochen,« lachte der Direktor laut. »Nora, wenn du herabkommst, ich weiß nicht, wie viele Buketts deiner warten. Ja, sie ist meine Stütze, mein Stolz, diese Tochter … aber eine verwöhnte Prinzessin.« Er legte den Arm um ihre Taille und zog sie zu sich heran.

Der Direktor sprach unsicher, dabei brannten rote Flecken auf seinen Wangen, so daß dem Kaplan allmählich ein Verdacht aufstieg, den er bewahrheitet gefunden hätte, wenn er gewußt, daß der Direktor eben von einem üppigen Frühstück mit Landolfo kam. Nach sehr vielem guten Sherry hatte dieser ihm den Besuch des Kaplans mitgeteilt, ihn gewarnt, daß der »Pfaff« seiner Tochter gewiß wieder Flausen in den Kopf setze, und ihm geraten, er möge den Besuch unterbrechen.

Landolfo und der Direktor frühstückten jetzt oft zusammen, natürlich auf des Direktors Kosten und meist mit demselben Ergebnis. Noras Behauptung, daß Landolfos Einfluß immer stärker werde und nicht zum Guten sei, war nur allzu wahr. Nicht allein, daß die Leitung der Geschäfte ganz in seiner Hand lag, er bemühte sich auch, dem Direktor seine Mußestunden möglichst angenehm zu machen und einer leichten Neigung zu geistigen Getränken, die seit der letzten Krankheit bei ihm erwacht war, möglichst Vorschub zu leisten. Abnehmende Körperkraft bei viel Anstrengung machen das Bedürfnis zu Stärkung und Anregung wohl geltend, und die Jahre hart an der Grenze des Alters, wo der Lebensgenuß sich nur noch beim frohen Glase konzentriert, sind in der Hinsicht dem Manne oft gefährlich.

»Der Prinz war auch da, sich nach deinem Befinden zu erkundigen,« fuhr der Direktor im selben Tone fort. »Durchlaucht baten sich die Ehre aus, eine kleine Partie Champêtre zu arrangieren, wenn es dir beliebte.«

»Ich danke, Vater; du weißt ja, ich nehme solche Einladungen nie an,« sagte Nora kalt, »Ich hoffe, du hast das gleich gesagt.«

»Nun, nun, du könntest doch wohl mit deinen Eltern ausgehen. Du fingst ja eben an, etwas vernünftig zu werden. Ich hoffe nicht, Herr Kaplan, daß Sie mir mein Töchterchen wieder zur Nonne gemacht haben. Eines schickt sich nicht für alle … es gehört mit zum Fach, die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen.«

»Ich glaube, in diesem Falle hat Fräulein Nora recht. Einer jungen Dame in ihrer Lage ist nicht genug Vorsicht anzuraten.«

»Bah! Bah! Verdrehen Sie ihr nur den Kopf nicht, mein lieber geistlicher Herr,« lallte der Direktor. »Sie ist schon hochmütig genug … sie ruiniert mir noch alles.«

»Vater, wenn du das meinst,« sagte Nora sehr ruhig, »so bin ich gern bereit, mich jeden Augenblick zurückzuziehen. Du weißt, ich liebe es sowieso nicht und kann überall eine andere Stellung finden.«

»Sieh, sieh! wie trotzig sie gleich ist, unsere verwöhnte Dame,« schmunzelte der Vater, ihr das Gesicht streichelnd, »Sie weiß, daß wir sie nicht entbehren können; aber meine Tochter läßt auch ihren alten Vater nicht im Stich,« setzte er mit derselben unsicheren Stimme hinzu.

Nora, der die ganze Szene unbeschreiblich peinlich war, reichte dem Kaplan die Hand. »Ich fürchte, wir halten Sie auf, Herr Kaplan,« sagte sie traurig; »wir halten Sie zurück von einem Orte, wo Sie sehr ersehnt werden. Aber ich danke Ihnen für Ihren Besuch, der mir unendlich wohlgetan hat. Fürchten Sie nichts mehr; ich werde versuchen zu ringen und zu streiten.«

»Gottes Hülfe wird mit Ihnen sein. Ich habe Ihr Leid vielleicht tiefer gemacht durch die Erkenntnis, die ich Ihnen gab; aber es sollte auch ein Schild sein, der Sie schütze gegen Schlimmeres als Leiden.«

»Und nicht umsonst soll er gegeben sein,« sprach Nora, sich aufrichtend. »Sie haben mich heute neu gewappnet.« Der Druck ihrer Hand war fest und sicher dabei.

Der Kaplan wandte sich tiefbewegt ab; sie kam ihm verwaister vor wie damals als Kind.

Auch der Direktor bemühte sich um den Abschiedsgruß. »Machen Sie keine Nonne aus ihr,« wiederholte er immer wieder. Seine Sicherheit verließ ihn; er warf sich in den nächsten Sessel.

Der Kaplan hatte jedoch kaum das Zimmer verlassen, als Nora ihm folgte. »Noch eines,« sagte sie, ihn anhaltend. Ihre Lippen bebten, die Wangen glühten. »Eine einzige Nachricht: wie es ihm geht! Sagen Sie ihm nichts von mir, er könnte dann noch mehr leiden, und es ist ja doch unwiderruflich.«

Ein Händedruck, ein stummes Nicken war des Geistlichen Antwort, und Nora war verschwunden.

Er aber dachte im langsamen Voranschreiten an die Hingebung, an die Kraft, die in einem Frauenherzen liegen kann, das von der Liebe nicht läßt, das lieber verkannt sein will, als neuen Schmerz zuzufügen.

Nora konnte wieder heldenmütig sein, seitdem sie wußte, daß und wie er um sie getrauert hatte.

20

Komm herein, o Nacht, und kühle
Diese Gluten, diesen Schmerz!
Aus dem Wirrsal der Gefühle
Wie errett' ich nur mein Herz?

Wo wir einst so glücklich waren,
Hab' ich wieder sie gesehn, –
Und auf's neue, wie vor Jahren,
Ist's um meine Ruh' geschehn.
Geibel

Die Freude Lillys über das Wiedersehen ihres Vetters war arg gestört worden. Seine Krankheit entwickelte sich wenige Stunden nach seiner Ankunft so heftig, daß ein Arzt herbeigerufen werden mußte und sie sich veranlaßt fand, ihre Tante telegraphisch zu benachrichtigen. Die Gräfin traf am folgenden Tage ein. Für sie war nach den Jahren der Trennung das Wiedersehen ein noch trüberes. Das bleiche Antlitz, die veränderte Gestalt, der matte Blick, alles zeigte an, welchen Schlag den ganzen Organismus des jungen Mannes getroffen hatte – daß es einer jener heftigen Stöße war, die den Menschen äußerlich wie innerlich gänzlich umwandeln.

Schlich nicht etwas wie Reue bei ihr ein, als sie jetzt stundenlang an seinem Lager saß, indes er mit geschlossenen Augen da lag – zu müde, den Ton ihrer Stimme zu ertragen, zu gleichgültig, eine Frage nach der Heimat zu tun, zu kühl und verschlossen, auch nur eine Zärtlichkeit der Mutter zu erwidern oder ein Wort des Zutrauens an sie zu richten? Es war, als sei ein Eiseshauch über dies warme, bewegliche Herz gefahren und habe es erstarren lassen.

Aber die Gräfin liebte nicht, über Geschehenes zu grübeln. Sie hatte ihrer Ansicht nach nichts getan, was nicht ihre Pflicht gewesen; sie bedachte vielleicht am wenigsten dabei, daß wir keine Pflichten so streng durchführen, als die wir selbst uns auferlegen.

In ihren Augen war an seinem Zustande das Klima schuld, die Intrigen jener Menschen und seine eigene Schwäche. Für sich fand sie Befriedigung in dem Gedanken, wie notwendig es stets gewesen sei, ihn zu leiten, wie schädlich, ihn sich selbst zu überlassen, und wie aufmerksam sie noch ferner sein müsse, alle Erinnerungen an das Vergangene ihm fernzuhalten.

Die Ursache des jetzigen Rückfalles kannte niemand außer dem Kaplan, der aber, da Kurt schwieg, auch schweigsam blieb. Er hatte, im Gegensatz zu der Gräfin, die Ansicht, daß es Sachen gibt, bei denen es besser ist, sie einer stillen Entwicklung zu überlassen, als fortwährend störend einzugreifen.

Es war September geworden, ehe man Kurt als einen Genesenden betrachten konnte. Die Herbstsonne, die noch allen Glanz, aber nicht mehr die Glut des Sommers hatte, fiel auf den weichen, grünen Rasen und auf das Blumenparterre, das sich vor dem Göhlitzer Schlosse hinzog bis hart an die Terrasse, auf die der Sommersalon mündete. Es war ein reizender Platz, ganz wie für einen Rekonvaleszenten geschaffen; die Sandsteinplatten, die schützenden Schloßmauern, die Topfgewächse und ausländischen Pflanzen, welche die Terrasse zierten und fast zu einer blühenden Laube umwandelten; im Vordergrunde die Rasenfläche mit ihren zierlichen Beeten und deren Überreichtum an Blüten und Farbenpracht; der Fernblick begrenzt durch Berg und Wald, indes nebenan das behagliche Gemach als Zuflucht blieb, sobald die Sonnenglut zu stark wurde oder die Herbstluft kühler sich geltend machte. Seitdem Kurt sich vom Krankenlager erhoben, brachte er viele Stunden in anscheinend träumerischer Ruhe auf diesem Plätzchen zu. Die äußere Stille verdeckte aber nur den Kampf im Innern, den das plötzliche Wiedersehen mit Nora hinterlassen hatte. Es war ein ewiges Auf- und Niederwogen der Gefühle: die Liebe, die stürmisch erwacht war, die Willenskraft, die sie begraben wollte, die Reue, die sich geltend machte, die Zweifel, ob es recht gehandelt, sie ungehört zu verdammen. Die körperliche Abspannung machte ihm klares Denken unmöglich. Ruhe, Ruhe war es, wonach er lechzte; er hätte sich einspinnen mögen, um Ruhe und Vergessen zu finden. Aber Vergessen ist unabhängig von unserem Willen; je mehr wir es wollen, um so weniger können wir es. Die wenigen Menschen seiner Umgebung erschwerten es ihm, da sie mehr oder weniger an seinen Erlebnissen teilgenommen hatten. Lilly war die einzige Person, welche ihm ganz unbefangen gegenüberstand und deren Anwesenheit ihn deshalb am wenigsten störte, ihm am behaglichsten war.

Sie sah in ihm nur den lange Vermißten, den sie sehnsüchtig erwartet, den Kranken, für dessen Leben sie gezittert hatte, den Genesenden, dessen Wiederaufleben sie mit so tiefer Freude erfüllt, daß der Strahl davon aus ihrem Auge leuchtete. Ihn unter ihrem Dache zu wissen und ihrer Fürsorge anheimgegeben zu sehen, gewährte ihr ein Glück, das sie aus ihrem eigenen, etwas schwerfälligen Selbst ganz heraustreten ließ. Ihr zäher Sinn hielt seine Liebe unerschütterlich fest.

Kurt liebte den Platz auf der Terrasse nicht weniger darum, daß er so oft Lilly als Staffage hatte. Ihre ganze Erscheinung paßte gut zum hellen Tage. Der frische Teint, das blonde Haar, der freundliche Blick traten am Tage besonders hervor, wohingegen sie abends im Salon oft ermüdet und nichtssagend aussah. Auch der einfache Stil, der häusliche Anzug kleidete sie besser als größerer Putz. Und so kam es wohl, daß Kurt die Bemerkung machte, seine kleine Cousine habe sich in den Jahren, seit er sie nicht gesehen, sehr vorteilhaft verändert. Die Gestalt selbst war höher und schlanker geworden, das damals kugelrunde Gesicht hatte ein hübsches Oval angenommen, und wenn sie lachte, zeigten sich zwei Grübchen in den Wangen. Lilly aber lachte oft in ihrer stillen Weise, seitdem Vetter Kurt ihr Gast war.

Sein Auge ruhte nicht ungern auf der hübschen Erscheinung, deren gleichmäßiger Ausdruck etwas Beruhigendes hatte, und es unterhielt ihn, sie in ihrer emsigen Geschäftigkeit zu beobachten. Lilly aber war immer beschäftigt, sei es, daß sie in eifriger Beratung mit den Stützen ihres Hauses war, oder daß sie zwischen ihren Beeten, die ihr ganzer Stolz waren, sorglich umherwandelte, oder daß sie mit einem Anflug von Würde ihren Gutseingesessenen oder Armen Audienz gab – alles Pflichten, denen sie pünktlich oblag und die in letzter Zeit auffallend viel in der Nähe der Terrasse sich abwickelten, vielleicht weil die kleine Dame es für gastliche Pflicht hielt, soviel als möglich in der Nähe des kranken Gastes zu weilen. Und wenn Kurt sie aus ihrem emsigen Treiben zu sich rief und sie hoch erglühend vor Freude neben ihm Platz nahm, dann störte es ihn nicht, daß über die rosigen Lippen nur wenige Alltäglichkeiten kamen. In der Uebermüdung des Geistes und Körpers, worin er sich befand, forderte er keine Anregung; glaubte er doch mit dem Leben abgeschlossen zu haben, wie man es in der Jugend so leicht wähnt. Aber der Gedanke tauchte zuweilen in ihm auf, daß es behaglich sein müsse, jemand so still neben sich zu haben, auf dessen Schultern man alle kleine Sorgen und Pflichten des täglichen Lebens niederlegen könnte.

Als Kurt in der Genesung voranschritt, ward das Leben in Göhlitz geselliger. Die Gegenwart der Gräfin gab der jugendlichen Wirtin den nötigen Schutz, und die Rückkehr Degenthals bot vielen, besonders Herren, die Veranlassung, sich auf angemessene Weise dort einzuführen. So hatte eines Nachmittags, wie jetzt schon öfter, ein kleiner Kreis auf der Terrasse sich versammelt, Nachbarn der Umgegend wie auch einige frühere Bekannte Degenthals, die der Bahnzug aus der Hauptstadt hergeführt hatte. Der Rittmeister, welchen der Kaplan letzthin im Zirkus gesprochen, befand sich unter ihnen.

Es gibt Tage, die einen besonderen Reiz entfalten an Schönheit, Frische und Anregung. Ein solcher schien heute für die Gesellschaft im Göhlitzer Garten zu sein. Vielleicht war weniger die Natur daran schuld, als die Stimmung der jungen Herrin selbst, welche – ihrem sonst so zurückhaltenden Wesen gar nicht gemäß – ungemein heiter und belebt war und den anmutigen Mittelpunkt des Ganzen ausmachte. In ihrem lichtblauen Kleide, blaue Schleifen im Haare, war sie der einfachen, reizenden Flachsblüte ähnlich. Glück und Liebe, diese magischen Verschönerungsmittel, gaben ihr einen Ausdruck von Leben und Wärme, den sie noch nie gezeigt hatte. Wäre es der Besitzerin von Schloß und Herrschaft Göhlitz auch nie schwer geworden, Verehrer zu finden, so fesselte sie doch heute auch durch ihr eigenes Selbst. Die anwesenden Herren umringten eifrig den Platz, wo sie gleich einer kleinen Königin unter den blühenden Oleandern saß, deren rosige Blütenbüschel sie wie eine Krone umgaben und an Frische kaum mit ihr wetteifern konnten. Sie nahm alle Huldigungen mit der ruhigen Sicherheit hin, die sie stets auf ihrem eigenen Grund und Boden hatte, indes für sie doch nur einer zu existieren schien. Es war verzeihlich, daß Kurt den freundlichen Augen nicht gerade auswich, die ihn allein stets suchten. Wessen Mannes Eitelkeit, in welcher Gemütsverfassung er sich auch befinden mag, schmeichelt es nicht, unter vielen der Bevorzugte zu sein? Kurt saß in verwandtschaftlicher Zutraulichkeit neben ihr; sein Arm lag auf der Lehne ihres Gartensessels, seine Finger spielten mit dem Bande, das aus ihrem Haare flatterte, als habe er ein gutes Recht dazu, und seine Sprache wurde unwillkürlich wärmer und beredter bei den schönen Redensarten der anderen, denn nur er vermochte doch die helle Röte auf Lillys Gesicht zu rufen, die ihr so allerliebst stand.

»Alles huldigend!« sagte scherzend der Kaplan, an den Kreis herantretend.

Lilly sah froh und stolz zu ihm auf.

»Ah, Hochwürden«, sagte des Rittmeisters laute Stimme dagegen. »Sie dürfen uns nicht mehr verwarnen, seitdem Sie selbst neulich sich so beeilten, der Schönheit Ihre Huldigung darzubringen?«

»Wieso?« fragte der Kaplan etwas erstaunt.

»Nun, nun,« lachte der Rittmeister, »entsinnen Sie sich! Keine Zeit mehr für uns, Abreise vorgeschützt… und dann eine Karte geschickt der Schönsten der Schönen! … Warten Sie nur! Sie ahnten an dem Morgen nicht, daß ich ungesehen gerade neben Ihnen stand, als Sie Ihre Erkundigungen im Hotel einzogen. Ich hoffe aber, Sie haben in Ihrem geistlichen Eifer der schönen Name keine zu strenge Predigt gehalten. Der Zirkus Karsten wäre nichts ohne die reizende Nora.«

»Ah! Sie sprechen von meinem Besuche bei Fräulein Nora Karsten,« sagte der Kaplan, entschieden unangenehm berührt von dem gerade nicht zarten Scherz. »Ja, ich suchte sie auf. Ich kenne sie seit ihrer frühesten Kindheit,« fügte er ruhig hinzu.

Kurt zuckte, zusammen, das Band in Lillys Haaren flatterte wieder frei. Sonst verharrte er anscheinend gleichgültig in seiner zurückgelehnten Stellung.

Die Gräfin aber, die nicht weit von der Gruppe Platz genommen, hob lauschend den Kopf; sie schien nicht glauben zu können, recht gehört zu haben.

»Ja,« fuhr der Rittmeister ahnungslos fort, »man muß es bekennen: etwas Schöneres als das Mädchen zu Pferde kann man nicht sehen. Wirklich, Degenthal, so etwas von Reiten existiert nicht zweimal. Ist sie Ihnen auf Ihren Neffen nie begegnet? Der Zirkus Karsten existiert doch so ziemlich überall schon.«

»Nein,« sagte Degenthal kurz und hart.

»So gehen Sie doch in die Hauptstadt. Es ist der Mühe wert. Jetzt als Libussa macht sie wahnsinniges Aufsehen. Selbst der hochwürdige Herr hier war ganz begeistert.«

»Nicht so wohl begeistert, als von tiefem Mitleid erfüllt,« gab der Kaplan zurück. »Ein hartes Geschick hat sie gezwungen, diese Bahn zu betreten. Sie war zu ganz anderem erzogen.«

»Kurt,« unterbrach die Gräfin jetzt schneidend die Unterhaltung, »es fängt schon an, kühl zu werden; du darfst dich gewiß nicht länger im Freien aufhalten. Willst du nicht lieber hineingehen?«

Der junge Mann antwortete nicht, er leistete der Aufforderung aber auch keine Folge. Vielleicht war es ein Zugeständnis, das er der Ermahnung zur Vorsicht gab, daß er seinen Strohhut aufsetzte, und so tief über die Stirn zog, daß sein Antlitz dadurch verdeckt wurde.

Der Rittmeister ließ sich in seinem Gedankengange nicht stören. »Warum ein hartes Geschick?« fuhr er zum Kaplan gewandt fort. »Sie ist ja die Tochter ihres Vaters … also nichts natürlicher! Sie soll aber sehr anständig und überaus zurückhaltend sein, das habe ich auch gehört.«

»Man sagt, sie sei mit dem schönen Landolfo verlobt, dem ersten Geschäftsführer ihres Vaters,« sagte einer der anderen Herren.

»Und dem zuliebe hat sie die öffentliche Laufbahn betreten,« meinte ein Dritter. »Früher trat sie nicht auf, so wird erzählt.«

»Ich glaube, daß das alles nur Gerede ist,« bemerkte der Kaplan.

»Aber von einer Liebesgeschichte wurde ganz bestimmt gesprochen,« bestätigte der Rittmeister. »Ich entsinne mich nur nicht klar, wie es zusammenhing.«

»Es wird viel geredet, besonders in solchen Sachen, doch liegt dem oft keine Wahrheit zugrunde. In diesem Falle kann ich das sogar bestimmt behaupten. Wie gesagt, ich habe sehr bedauert, daß Fräulein Nora den Schritt getan; doch gibt es oft schwer zu bewältigende Verhältnisse, und ich kann ihr meine Achtung nicht versagen.«

»Aber, Kurt,« sagte die Gräfin jetzt herb und ungeduldig, »es ist unverantwortlich von dir, noch zu bleiben! Der Herbstnebel fällt… wie willst du genesen, wenn du so unvorsichtig bist?«

»Je n'en vois peut-etre pas la nécessité,« gab der junge Mann aufstehend zur Antwort. Doch entfernte er sich nicht weiter als bis zur Tür des Salons, wo er angelehnt stehen blieb. Es war, als könne er sich der Unterhaltung nicht entziehen.

»Ich habe Nora Karsten sehr gut gekannt,« sagte Lilly, »und mehr als das: ich hatte sie sehr lieb. Wir waren zusammen in demselben Pensionat in Brüssel. Ich habe es nicht glauben wollen, als ich hörte, daß sie auftrete. Aber der Herr Kaplan hat gewiß recht in dem, was er sagte: nur ein sehr ernster Grund kann sie dazu vermocht haben. Ist ihr Vater vielleicht arm geworden?«

»Danach hat es durchaus nicht den Anschein, Komtesse. Der Zirkus Karsten macht enorme Geschäfte und hat sich mit jedem Jahr vergrößert.«

»Was mag es denn sein?« fragte Lilly sinnend. »Die arme Nora!« »Wenn sie so erzogen wurde, wie Sie sagen, Komtesse, ist es freilich ein trauriges Geschick,« erklärte ein älterer Herr. »Schon das gänzliche Ausscheiden aus jeder anderen Gesellschaft muß furchtbar sein.«

»Arme Nora,« wiederholte Lilly. Im selben Augenblick aber traf ihr Blick die Gräfin, die in immer peinlicher werdender Unruhe auf ihren Sohn sah. Lilly glaubte sie zu verstehen. »Ich denke, wir tun am besten und heben hier die Sitzung auf,« sagte sie, »um den unartigen Vetter da zur Vernunft zu zwingen. Komm, Kurti; im Salon ist es jetzt gemütlicher.«

Dem Winke der jungen Hausherrin folgend, begab sich alles ins Haus; aber gemütlicher wurde es nicht. Die frühere Munterkeit war geschwunden und ein Druck schien sich auf die ganze Gesellschaft gelegt zu haben. Der Gräfin Blicke mochten dazu beitragen. Mit erregter Ängstlichkeit hafteten sie auf dem Sohne, der freilich auch auffallend blaß und plötzlich ganz stumm geworden, wie übermüdet in einem Sessel lehnte. Man rüstete sich zum Aufbruch, um dem Rekonvaleszenten Ruhe zu bringen.

Ehe der Rittmeister sich verabschiedete, trat Lilly noch einmal an ihn heran. »Bleibt der Zirkus Karsten noch einige Zeit in Wien?« fragte sie leise.

»Soviel ich mich entsinne, war seine letzte Vorstellung schon angekündigt. Aber ich kann Sie benachrichtigen, Komtesse, wenn Sie es wünschen.«

»Nein, danke,« sagte Lilly hastig, da sie sah, daß ihre Tante sich näherte. »Ich weiß jetzt schon: er wird also jedenfalls nur noch kurze Zeit bleiben. Ich werde sehen…«

Der Rittmeister sah ein, daß sie den Gegenstand jetzt nicht weiter erörtert zu haben wünschte.

»Aber ich bitte Sie, Herr Kaplan,« sagte die Gräfin sehr gereizt, als sie sich nach Entfernung der Gäste mit dem Geistlichen allein sah, »wie konnten Sie so unvorsichtig sein, das Gespräch in dieser Weise aufzunehmen, diese Erinnerungen bei meinem Sohne zu wecken?«

»Ich glaube, die Erinnerungen haben noch nie bei ihm geschlafen und sind nach wie vor die Ursache seines Leidens,« sagte der Kaplan ernst.

»Ah! bah!« rief die Gräfin, »an seiner Krankheit war nur das Klima schuld. Jetzt gilt es nur, ihn von jeder Annäherung an das Frühere fernzuhalten, und deshalb war mir seine Abwesenheit bis jetzt lieb. Mit der größten Vorsicht habe ich stets jedes Wort vermieden, was ihn daran hätte erinnern können.«

»Frau Gräfin, wir Menschen können mit all unserer Fürsorge unendlich wenig. Graf Kurt und Fräulein Nora sahen sich schon wieder.«

»Um Gottes willen!« rief die Gräfin, »wie war das möglich?«

»Sie trafen durch einen Zufall auf seiner Reise hierher im Zuge zusammen, und die Erschütterung dieses Wiedersehens war die Ursache der neuen Erkrankung des Grafen. Sie sehen, wie wenig die Erinnerung geschlafen hat, wenn sie noch so mächtig wirken konnte.«

»Mein Gott, mein Gott!« rief die Gräfin wieder, »und das gerade jetzt, wo ich soviel Hoffnung hatte, wo alle meine Pläne so gut paßten, ihn mit seiner Cousine zusammenzubringen?«

»Machen Sie lieber keine Pläne, Frau Gräfin, die ihn nur zurückschrecken würden. Überlassen Sie dem Himmel, daß er es füge, wie es allen zum Besten gereicht. Von Fräulein Nora werden Sie nichts zu befürchten haben; sie hat alle Ansprüche an ihn längst aufgegeben.«

»Hätten Sie nur wenigstens den Herren nicht widersprochen! Es war ganz gut, daß Kurt hörte, wie man über sie spricht.«

»Es war aber eine Unwahrheit, und eine Unwahrheit tut nie gut,« sagte der Kaplan bestimmt, aber milde; denn die Gereiztheit der Gräfin tat ihm mehr leid, als sie ihn verdroß, da er ihren Kummer verstand. »Das Zeugnis der Wahrheit erforderte, daß ich sprach, denn ich kenne die traurige Wendung der Dinge.«

»Hatten Sie aber nötig, die Verbindung mit dieser Familie durch Ihren Besuch wieder anzuknüpfen? Ich war so glücklich in dem Gedanken, daß sie für immer abgebrochen sei,« fuhr die Gräfin noch heftiger fort. Ihre Aufregung suchte einen Ausweg und einen Ableiter.

»Es handelte sich nicht um einen Besuch, Frau Gräfin, sondern um eine Seele, und die geht meinen Beruf immer an. Ich sah, daß das arme Mädchen, durch Unglück und Erbitterung getrieben, einer großen Gefahr nahe war, und ich wollte versuchen, ihr durch mein Wort beizustehen, wie ich das der sterbenden Mutter einst versprochen hatte. Mit Gottes Hülfe denke ich, ist es mir gelungen.«

»Nun, jedenfalls reitet sie noch immer,« sagte die Gräfin schneidend. Von Anfang an habe ich prophezeit, daß nur Verkehrtes daraus entstehen könne. Denken Sie darüber, wie Sie wollen … Aber was tun wir für meinen armen Sohn? Wäre er lieber noch fortgeblieben.«

»Tun Sie gar nichts, Frau Gräfin,« sagte der Kaplan mit Entschiedenheit. »Ich fürchte, in der Sache ist nur zu viel geschehen; es hat schon die Gesundheit Ihres Herrn Sohnes und das junge Lebensglück einer anderen gekostet. Wenn wir einem Unglück allzu ängstlich ausweichen wollen, stürzen wir meist in ein anderes.«

Die Gräfin war aber nicht leicht zu überzeugen.

21

Denn zwischen uns ist eine Kluft gezogen,
Die sich verbinden läßt durch keine Brücke.
Geibel

Würde ihm nie mehr Ruhe werden? Kurt dachte es die lange, schlaflose Nacht, dachte es, als er noch müder, noch abgespannter am anderen Morgen auf seinem stillen Platze saß. Selbst die frische Herbstluft konnte seine heiße Stirn nicht kühlen. Seine Gedanken waren seit dem gestrigen Gespräch im wildesten Kampfe, den er vergeblich zu entwirren, zu schlichten suchte. Jedes der Worte, die er gehört, brannte auf seiner Seele – die schonungslose Art, in welcher ihr Name genannt worden, und im grellen Gegensatze dazu die ungeminderte Achtung, das tiefe Mitleid, die zarte Schonung, die der Kaplan ihr widmete, als sei jeder Schatten eines Unrechtes von ihr fern geblieben! Er hatte von einem unseligen Geschicke gesprochen, welches sie dazu gedrängt – was war das für ein dunkles Rätsel? Es schloß Widersprüche in sich, für deren Lösung er keinen Anhaltspunkt finden konnte … Aber hatte er nicht selbst jede Erklärung zurückgewiesen? Hatte er sie nicht ungehört verurteilt? Was hielt ihn jetzt ab, zu dem, der davon zu wissen schien, hinzugehen und sich Aufschluß zu erbitten?

Aufschluß – aber gab es einen Aufschluß, der die Schuld hätte mindern können, in dieser Weise seiner Liebe ins Antlitz zu schlagen, ein gelobtes Wort zu brechen, nachdem er ihr eben noch solche Beweise seiner Liebe und Treue gegeben? Wenn er der Stunde gedachte, wo er sie nach jener tollen Reise von Pera her jubelnd in seine Arme geschlossen, dann hätte er aufschreien mögen vor Wut und Schmerz, sich so betrogen zu sehen. Dann schwor er sich, ihren Namen nicht mehr über seine Lippen gehen zu lassen und jede Aufklärung abzuweisen – um nach wenigen Augenblicken doch wieder dumpf brütend der Ursache nachzuforschen, die solche Wandlung möglich gemacht haben könnte. Er preßte die Hand an den schmerzenden Kopf, als könne er die Gedanken damit bannen.

Ein Geräusch ließ ihn aufblicken; Cousine Lilly stand vor ihm. Er raffte sich zusammen; denn niemand sollte seine Unruhe noch deren Ursache ahnen. Wenn auch gezwungen, hieß er doch die kleine Hausfrau freundlich willkommen.

Sie setzte sich zu ihm; aber ein Gedanke schien auch sie zu beschäftigen, für den sie nicht gleich Worte finden konnte. Endlich trat er etwas zaghaft zutage. »Kurt, würdest du wohl … würdest du heute nachmittag mich ein paar Stunden … auf einer Fahrt begleiten, die ich … die ich gern mit dir, aber ohne deine Mama machen wollte?« So kam es in verlegenen Pausen heraus.

Kurt sah mehr erstaunt als erfreut aus über die Bitte. »Eine Fahrt mit dir?« sagte er etwas gedehnt; »wohin? Du weißt, liebes Kind, wie alles mich noch ermüdet.«

Lilly hatte nach dem gestrigen Tage vielleicht eine freudigere Zustimmung erwartet, und ihr Gesicht zeigte nicht undeutlich den Verdruß, den sie empfand. »Ich dachte, eine Fahrt bei so schöner Luft würde dir gut tun,« wandte sie ein. »Aber freilich, wenn es dich ermüden sollte …« – und sie machte eine Bewegung, ihn zu verlassen.

Nun ist man aber doch nicht wochenlang der Gast einer jungen Dame, die sich in der doppelten Rolle als freundliche Wirtin und liebenswürdige Pflegerin bewährt hat, um ihr den ersten Gefallen, den sie erbittet, kaltherzig abzuschlagen.

Kurt sah ihre beleidigte Miene und bereute seine wenig entgegenkommende Antwort; was blieb ihm übrig, als doppelt eifrig zu versichern, daß er ihr zu Gebote stehe und zu jedem Ritterdienste bereit sei?

Die Miene der Kleinen heiterte sich schnell wieder auf, und sie ließ sich nicht lange bitten, ihn beim Worte zu nehmen. »Die Fahrt wird dir gut tun,« versicherte sie, sich selbst beruhigend; aber weder über das »Wohin« noch über den Zweck ihrer Fahrt wollte sie Auskunft geben. »Du mußt mir auf Treu und Glauben folgen, alles tun, um was ich dich bitte, und alles mir anheimstellen. Später sage ich dir warum,« sagte sie mit einer schlauen Miene. »Deiner Mama nehme ich durch meinen Entschluß gleich die Zustimmung vorweg, so daß sie nicht nein sagen kann … wenn du mir keine Einwendungen machst, Kurtie.«

Kurtie machte keine Einwendungen; nachdem er der Einwilligung nicht einmal hatte entgehen können, war ihm jedes fernere Wort, jeder fernere Gedanke daran zu viel.

Die Gräfin war freilich erstaunt über den eigenmächtigen geheimnisvollen Plan ihrer Nichte, der nicht ganz mit ihren Ansichten über Etikette stimmte. Sie mochte aber jetzt gerade nichts stören, was das vertrauliche Verhältnis zwischen den beiden förderte, und so ließ sie es ohne weiteren Widerspruch geschehen: Lillys Charakter lagen ja alle Extravaganzen so fern, daß ihr Plan nur ein sehr harmloser sein konnte. Wie alle stillen, festen Leutchen setzte Lilly ihren Willen durch.

Sie war sehr aufgeräumt, als sie, ihren Vetter neben sich, in ihrer Equipage dahinrollte – ganz angeregt von ihrem Unternehmen.

»Nun sollst du auch wissen, wohin ich dich entführe,« sagte sie zu Kurt, der ihr zum Kummer gar keine Neugier entwickelte. »Wir fahren nach Wien nicht mit der Bahn, das wäre schade bei dem herrlichen Wetter, und in zwei Stunden laufen die Pferde hin. Wir kommen dann zeitig genug zu dem, was ich ausführen will, und haben noch einige Stunden vor uns. Den Wagen schicke ich früher heim bis zu unserer Station, wo wir ihn wieder treffen werden. Am Abende darfst du die lange Fahrt nicht machen; da fahren wir mit der Bahn zurück, die kaum eine Viertelstunde braucht, und sind zu guter Zeit daheim. Habe ich es nicht praktisch eingerichtet?«

Kurt konnte nur seinen Beifall nicken; auch darin mußte er ihr recht geben, daß die Fahrt ihm gut sei. In der frischen, heiteren Luft war das ruhige Rollen des Wagens beschwichtigender, als wenn er den heutigen Tag seiner Mutter gegenüber hätte zubringen müssen. Er wurde allmählich in eine Art von Halbschlaf eingewiegt, in welchem die Worte seiner Nachbarin fast verständnislos an ihm vorübergingen.

Noch ehe die angegebenen zwei Stunden verflossen, war das Ziel erreicht, und die Pferde hielten schnaufend vor dem Hotel, das Lilly in der Stadt besaß. Diensteifrig öffnete der Haushofmeister der jungen Herrin die stets bereit stehenden Zimmer.

Während Kurt sich jetzt erst klar machte, wo er sei und was für Erinnerungen alle für ihn sich daran knüpften – denn er hatte seit seiner Abreise nach dem Orient die Hauptstadt nicht wieder betreten – hatte Lilly eine lange Unterredung mit ihrem Untergebenen gehabt. Nach einiger Zeit erschien derselbe mit einem Zettel, den er der jungen Gräfin übergab.

»So, Kurtie,« sagte Lilly, »bist du genug ausgeruht, mich begleiten zu können. Dann bitte, laß uns gehen. Sieh, hier nach diesem Gasthofe führe mich … diese Straßen müssen wir einschlagen,« setzte sie hinzu, ihm die eben empfangenen Notizen hinhaltend.

Kurt sah zerstreut den Zettel an, um sich zu orientieren, und bot dann seiner Cousine den Arm. Seine Erinnerungen sprachen wieder zu laut, um viel Nachdenken über Lillys Absichten aufkommen zu lassen. »Wahrscheinlich irgendein Einkauf, womit sie jemand überraschen will,« dachte er.

Kurt schritt stumm einher und gedachte des Tages, wo er zuletzt die Straßen dieser Stadt betreten – jenes Morgens, wo er Nora hier gefunden und sie ihn so dringend beschworen hatte, nicht in die Ferne zu gehen. Hatte sie mit ihrer Ahnung recht gehabt? Wäre alles anders gekommen, wenn er in ihrer Nähe geblieben, sie nicht so schutzlos gelassen hätte?

»Hier sind wir,« sagte Lilly plötzlich; sie mehr als er hatte den Weg gelenkt. Sie standen vor einem der größeren Gasthöfe. »Hier muß ich jemand sprechen. Bitte, führe mich noch hinein … im Hause selbst finde ich mich schon zurecht. Und dann sei so freundlich und hole mich in einer halben Stunde hier wieder ab.«

»Darf ich dir das erlauben?« fragte Kurt, jetzt doch erstaunt über ihr seltsames Vorgehen. »Ich glaube, als eifersüchtiger Vetter müßte ich dir ein so geheimnisvolles Rendezvous verbieten.«

»Zum Verbieten haben Vettern kein Recht,« lachte die Kleine; »und du sollst sehen, Kurtie, wenn ich dir später alles erzähle, wirst du es ganz recht finden. Aber jetzt sage ich nichts; wer zuviel fragt, bekommt zuviel Antwort. Sei nur so freundlich und erwarte mich hier in einer halben Stunde; du sollst sehen, ich werde pünktlich sein.« Sie sah ihn bittend an.

Kurt ging es wie seiner Mutter: es war ihm unmöglich, etwas anderes als das Allerharmloseste bei Lilly vorauszusetzen. Pünktlichkeit war überdies ihre große Tugend. So störte er ihre Freude nicht und schlenderte, sie erwartend, die Straßen hinab. Doch empfing er keinen anderen Eindruck von dem belebten Treiben der Großstadt, als daß diese Unruhe seine Nerven noch entsetzlich unangenehm berühre.

Pünktlich zur angegebenen Zeit sah er Lillys blauen Schleier auftauchen und beeilte sich, sie wieder in seinen Schutz zu nehmen.

»Nun, ist die große Verschwörung ins Werk gesetzt?« sagte er scherzend. Aber ein Blick auf ihr Gesicht, das heftig gerötet war, zeigte ihm unverkennbare Spuren von Tränen.

»Was ist das, Lilly?« fragte er jetzt ernstlich besorgt. Aber trotz der noch feuchten Augen lächelte sie ihm schon wieder zu und legte ihren Arm fester in den seinen. Eine Weile ging sie schweigend neben ihm her.

»Jetzt will ich dir alles sagen,« hob sie dann plötzlich wie mit kräftigem Entschluß an. »Es war sehr freundlich, daß du, ohne zu fragen, tatest, um was ich dich bat. Sieh, ich habe Nora Karsten besucht.«

Kurt blieb stehen, wie von einem elektrischen Schlage getroffen. »Nora Karsten aus dem Zirkus!« sagte er mit eigentümlich schneidendem Laute.

»Ja, Nora Karsten. Findest du das so ungehörig? Du weißt ja, daß ich sie vom Pensionat her kenne. Ich hatte niemand so lieb als sie; denn keine der anderen war so gut, so fromm und so freundlich. Vor mancher Strafe hat sie mich geschützt, manche Stunde mich getröstet, sich meiner angenommen, wem ich vor Heimweh fast verging; und hundertmal habe ich ihr da versichert, daß ich sie nie vergessen würde. Nun wäre es doch sehr unrecht gewesen, hätte ich mich ihrer gar nicht mehr erinnern wollen, weil sie Kunstreiterin hat werden müssen! Das hat gewiß nur ihr Vater gewollt, weil es ja sein Geschäft ist. Als ich gestern hörte, sie sei hier und werde nicht mehr lange bleiben, beschloß ich gleich, sie aufzusuchen. Wer weiß, wann ich sie sonst einmal wieder gesehen hätte. Überdies dachte ich auch, es würde ihr gerade jetzt wohltun, wenn man ihr zeigte, daß man sie trotz alledem noch lieb habe. Ich finde es zu häßlich, jemand im Stiche zu lassen, weil ihn unglücklicherweise sein Geschick erniedrigte. Die Tante aber hätte meinen Besuch nicht zugegeben, wenn ich gefragt hätte. Auch du würdest geglaubt haben, Einwendungen machen zu müssen. Aber ich hatte doch recht, nicht wahr, Kurt? … Du bist doch nicht böse?« setzte sie mit einem ängstlichen Blick auf sein Gesicht hinzu, in welchem sie nicht zu lesen vermochte, so tief neigte er den Kopf.

Was dachte er bei ihren einfachen Worten, daß er wie betäubt neben ihr schritt?

»Ja,« stieß er endlich mühsam heraus, »du hast recht; Gott segne dein Gemüt, deinen kindlichen Entschluß! Und hast du geirrt in bezug auf sie, so war es ein schöner Irrtum.«

»O, ich bin so froh, daß du nicht böse bist,« plauderte die Kleine weiter. »Was die Tante denkt, ist mir einerlei, aber wenn du mich getadelt hättest, das hätte mir leid getan. Aber glaub' nur, ich habe mich nicht in ihr geirrt. Sie ist noch gerade so gut und so fromm wie früher – der Kaplan sagte es ja gestern auch – und du glaubst nicht, wie schön sie ist! Es war rührend, welche Freude sie hatte, daß ich gekommen, wie liebevoll sie mir dankte. Aber ich glaube nicht, daß sie glücklich ist; sie weinte so, daß sie auf alle meine Fragen kaum antworten konnte. Heute abend muß sie wieder reiten … denke dir, wie schrecklich! Ich möchte sie gar nicht da sehen. Ich sagte ihr auch, daß du mich hierher begleitet, weil sie nach der Tante und nach dir fragte. Du weißt ja, in Genf hast du sie als kleines Mädchen gesehen. Aber sie wollte nicht erlauben, daß ich dich heraufrufen ließe.« So erzählte Lilly in einem Atem weiter; denn das Gelingen ihres Unternehmens hatte sie ganz gesprächig gemacht.

Aber sie hätte noch viel mehr sagen können, Kurt hörte nichts davon. Er war wie von einem Schwindel ergriffen. Wieder stand Nora ungesucht auf seinem Wege … War das die Antwort auf den Gedankenkampf, den er heute durchgekämpft – und sollte er wieder die Gelegenheit vorübergehen lassen.

Die beiden waren an Lillys Hotel angelangt. »Kannst du einen Augenblick hier allein verweilen?« sagte er in seltsamer Hast, nachdem er Lilly auf ihr Zimmer begleitet hatte. »Ich sah vorhin einen alten Bekannten auf der Straße, den ich sprechen möchte. Wir haben ja noch zwei Stunden Zeit.«

»Gewiß,« versicherte Lilly. »Hier kann ich dich sehr gut erwarten. Laß uns nur bitte den Bahnzug nicht versäumen.«

Aber Kurt war schon fort. Er eilte die Treppen hinab, er stürzte auf die Straße hinab, als fürchte er, durch eine Minute Zeitverlust an seinem Entschluß irre zu werden. Was wollte er, was wünschte er? Er wußte es selbst nicht klar – er wollte nur nicht abermals den Augenblick entschlüpfen lassen.

»Graf Degenthal!« rief Nora entsetzt, als er kurze Zeit darauf in leidenschaftlicher Erregung vor ihr stand. »Graf Degenthal! … Sie haben kein Recht mehr, zu kommen.« Sie wollte sich kalt und stolz erheben, aber sie brach zitternd zusammen.

»Kein Recht mehr!« rief er auf sie zutretend und wie mit Eisenkraft ihre Hände fassend. »Wer hat mir das Recht geraubt? Wer hat die opferwilligste Liebe mir höhnend ins Antlitz geschleudert? Wer hat die Treue gebrochen, die heiligsten Gefühle verraten? … aus verächtlicher Feigheit oder noch verächtlicherer Eitelkeit! Nora, ich wollte, ich könnte dich hassen!« Er schleuderte die Hand zurück, die er eben gehalten.

»Kurt, Kurt! Du glaubst selbst nicht, was du sagst! Du weißt, daß meine ganze Seligkeit in meiner Liebe lag!« rief sie in schneidendem Schmerz.

»Deiner Liebe!« wiederholte er, seiner Bitterkeit freien Lauf lassend, »deiner Liebe, welche die kürzeste Frist nicht überdauerte, die unterging in der elendesten Weise …«

Die rücksichtslosen Worte schienen ihren Stolz wachzurufen – sie erhob sich totenbleich, aber gefaßt. Ihre Lippen bebten, doch sprach sie klar und deutlich. »Du hast kein Recht, mich zu verurteilen; denn dir hatte ich alles vertraut, und du hast es nicht hören wollen … hast jede Erklärung zurückgewiesen.«

Der Vorwurf traf ihn, und wie sie jetzt vor ihm stand, so ernst, so schön, kein Hauch von Schuld auf der Stirn, das Auge frei zu ihm aufgeschlagen und doch ein Blick unsäglicher Trauer darin – da flammte trotz Zorn und Bitterkeit die verhaltene Glut wieder in ihm auf. »Nora, Nora!« rief er, »warum hast du es getan? Glaubst du denn, ich habe nicht gelitten! Sieh mich an, ob ich nicht verändert bin, sieh, was es mich gekostet hat … und ich frage dich, wodurch hatte ich verdient, daß du mich so behandelt hast?«

»Verzeih! Verzeih! Es war nicht meine Schuld … O mein Gott, es war ein so furchtbares Opfer! Warum wurde nicht mein Leben anstatt des deinigen dadurch zerstört?« Wie verzweifelnd schlug sie die Hände vor das Antlitz.

»Glaubst du, mein Leben sei mir noch etwas wert gewesen seit der Stunde, die mir das Heiligste in den Staub trat! Und doch, Nora … sage mir … löse mir das dunkele Rätsel…« Er schwieg, wie unfähig, weiter zu reden, zog sie stürmisch an sich und nahm die Hände von ihrem Gesicht. Sein Auge brannte heiß in dem ihren, als müsse er ihr Inneres durchschauen.

»Jetzt ist es zu spät,« flüsterte sie klagend, »für immer zu spät! O Kurt, wärst du nur dagewesen!« Ihr Kopf sank auf seine Schulter, indem sie in einen Strom von Tränen ausbrach; ihre Arme umschlangen ihn in leidenschaftlichem Schmerz.

»Ich bin da, Nora … jetzt bin ich da!« gab er zurück, erschüttert von ihrer Trauer, und preßte seine Lippen auf ihren Scheitel. »Noch kann alles gut werden, für die Liebe ist es nie zu spät.«

»Doch, doch, die Wellen sind über mir zusammengeschlagen … selbst du kannst mich nicht mehr retten… man kann nichts ungeschehen machen. Du sagtest selbst, jene Stunde habe mich in den Staub geworfen … und ich weiß es. Jetzt bin ich deiner Liebe unwürdig … deine Liebe darf ich nicht mehr nehmen … Geh, Kurt, und lasse mich … Warum bist du noch einmal gekommen?«

»Um das zu erlangen, was ich fordern kann, wenn ich es auch einmal in sinnlosem Schmerz zurückgewiesen! Aber mein Herz hat keine Ruhe gekannt seit jener Fahrt, die uns so wunderbar zusammenführte, und wo der kostbare Augenblick uns doch verloren ging. Jetzt soll er nicht vorübergehen … Ich will Aufklärung: kein Geheimnis, keine Intrige soll uns trennen. Du weißt, du warst mir alles wert, und was man auch tat, um diese Kluft zwischen uns aufzureißen, der Welt zum Trotz mache ich mich dir zu eigen, Nora … nur sprich! …sprich!« und er umschlang sie noch fester.

»Du sollst nicht, du darfst nicht … jetzt nicht mehr!« sagte sie wieder. »Es ist zu spät.« Aber im selben Augenblick zuckte sie zusammen und machte sich mit einer plötzlichen Bewegung aus seinen Armen los. »Da kommt jemand,« sagte sie erschreckt und atemlos. »O, dieser schreckliche Mensch, gerade jetzt! … Geh, ich sage dir alles, du sollst alles erfahren … aber geh' jetzt, Kurt, geh'!«

»Warum?« wollte er eben fragen. Aber schon ward an der Tür geklopft, und ehe er sich umwenden konnte, war sie auch geöffnet.

Landolfo trat herein. Ein tückisches Lächeln flog über seine Züge, als er die beiden erblickte. »Ah! Graf Degenthal!« sagte er mit einer flüchtigen Verbeugung. »Fräulein Nora, ich komme, Sie zu der Vorstellung abzuholen. Es ist die höchste Zeit.«

»Ich danke Ihnen: mein Vater holt mich stets selbst ab,« sagte sie kühl und abweisend.

»Ihr Herr Vater schickt mich zu Ihnen. Wenn ich aber gewußt, daß Sie angenehmen Besuch hätten, würde ich nicht gewagt haben zu stören,« gab er zurück, die Worte »angenehmen Besuch« frech betonend. »Vielleicht werden Sie vorziehen, heute nicht zu reiten. Wenn ich das Ihrem Herrn Vater bestellen soll …« er blieb dabei ungeniert neben ihr stehen, als habe er ein Recht dazu, und maß Kurt mit herausfordernden Blicken.

»Ich werde meinem Vater selbst meine Bestellung ausrichten,« versetzte Nora. »Graf Degenthal, ich fürchte, wir müssen scheiden,« sagte sie, sich zu ihm wendend und ihm die Hand bietend.

Kurt nahm die Hand, die kalt und zitternd in der seinen lag. »Ich gehe also jetzt, weil auch meine Zeit augenblicklich um ist. Aber ich komme in den nächsten Tagen wieder, Nora!« sagte er fest entschlossen. »Es muß und soll alles sich aufklären. Was es auch sein mag, wir müssen uns aussprechen. Rechnen Sie also sicher auf mich in den nächsten Tagen.«

Er betonte die Worte, als wolle er sich selbst in seinem Entschlusse bestärken, und als wolle er sie auch dem noch immer zudringlich dabei Stehenden recht deutlich zur Kenntnis bringen.

Landolfo antwortete mit einem unangenehmen, vieldeutigen Lächeln.

Nora schien dies nicht zu beachten oder wollte mit dem Frechen sich in keinen Streit einlassen. Aber ihre Stimme klang unendlich wehmütig, fast ungläubig, als sie Kurts Worte wiederholte. »In den nächsten Tagen …« Einen Moment war es, als strecke sie die Hand aus, ihn zurückzuhalten.

Degenthal eilte aber fort; er warf sich in die nächste Droschke, um schneller zurückzukehren. Trotzdem er eigentlich noch nichts erfahren, nichts erreicht, war es ihm, als sei ein Zentner von seinem Herzen gefallen. Er hatte sie wiedergesehen, ein Wort war doch gesprochen, der Bann gebrochen, der zwischen ihnen gelegen. In ihrem Antlitz hatte er gelesen, daß nur ein unseliges Verhängnis sie zu dem Entschluß gebracht; sie hatte es ein Opfer genannt und er war überzeugt, daß vielleicht nur mißverstandene Pflicht sie dazu gedrängt habe.

Sollte er sie von sich stoßen, weil ihr die Kraft gefehlt hatte, die Verhältnisse zu bewältigen? Das alte Gefühl, sie retten zu müssen, überkam ihn aufs neue; wie damals als Knabe fühlte er sie in seinen Schutz gestellt. Die Liebe siegte mit der früheren Macht über alle Bedenken. Ja, in den nächsten Tagen wollte er, wie er ihr verheißen, zu ihr zurückkehren und dann handeln. Nur ein Mensch, der Jahre hindurch in der Unklarheit geschwankt, könnte ermessen, wie der Entschluß ihn beruhigte.

Er trat bei seiner Cousine ein, fand dieselbe aber nicht allein. Ein breitschulteriger Mann in einem hellen Reiseanzuge, den exotischsten aller Panamas in den Händen, saß dort. Sein volles, gebräuntes und dichtbebartetes Gesicht wandte er jetzt dem Eintretenden zu.

»Dahnow, du?« rief Kurt auf das äußerste überrascht, ihm die Hand entgegenstreckend. »Freund, wo kommst du her?«

»Von einer kleinen transatlantischen Tour, die drei Jahre gedauert hat, um mich wieder zu vereuropäisieren,« sagte der Angeredete, des Freundes Hand kräftig schüttelnd. »Nach einigen Konferenzen mit wissenschaftlichen Größen hier, um meine selten richtigen Beobachtungen zu verwerten, wollte ich dich aufsuchen, ehe ich in meine nordische Heimat zurückkehre. Meine Erkundigungen hier in der Wohnung deiner gnädigen Cousine nach eurer Familie nahmen den günstigen Verlauf, mir eure zufällige Anwesenheit kund zu tun. Komtesse Lilly hatte nun die Gnade, mich gleich zu empfangen … da hast du mein curriculum vitae. Ich habe kein sehr erfreuliches von dir gehört, Alter! Krank sein … welche Zeitverschwendung in der Jugend! Du scheinst dich aber besser erholt zu haben als deine liebenswürdige Pflegerin annehmen wollte,« setzte er hinzu, einen Blick auf Kurts durch die Erregung gerötetes Gesicht und seine leuchtenden Augen weisend.

»Du hast doch kein Fieber?« fragte Lilly, ebenfalls erstaunt über die Veränderung. »Kurt, es wäre schrecklich, wenn unser Ausflug dir schadete! Ich würde mir ewig Vorwürfe machen.« Die innigste Besorgnis sprach aus ihren Zügen.

»Sei unbesorgt, Cousinchen,« sagte er, sich ungeniert neben sie auf das Sofa werfend. »Es war ein herrlicher Entschluß von dir. Ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich dir dafür bin, wie der Tag mir wohlgetan hat … Nein, verzieh mich nicht so,« fuhr er fort, das Kissen abwehrend, das sie ihm zuschob; doch hielt er die Hand fest, die es ihm reichte. »Dahnow, du glaubst nicht, was das für eine liebe Hand ist,« sagte er fast zärtlich, »und was für ein liebes Gemüt. Solche treue Güte verstehen wir Männer kaum … wir sind wahre Barbaren dagegen.«

Kurt dachte dabei an die treue Freundschaft, die Lilly an Nora bewährt, und welche ihm das Wiedersehen vermittelt hatte.

Lilly aber erglühte tief. »Sprich doch nicht solchen Unsinn,« sagte sie, ihre Hand verlegen zurückziehend.

»Es scheint ihm aber ernst gemeint zu sein, Komtesse,« sagte Dahnow, die beiden beobachtend, »und einer teilnehmenden Wirtin gegenüber auch wohl gerechtfertigt.« Im stillen aber dachte Dahnow: »Weiß der Teufel, es muß mein Geschick sein! Komme ich nach drei Jahren vom Aequator zurück, um ihn gerade wieder mit einer Liebeserklärung beschäftigt zu finden, wie schon einmal. Die arme Nora scheint gründlich vergessen … mein Brief damals muß nicht viel gefruchtet haben. Vernünftiger ist's gewiß so. Glücklich, wer es kann; solche Schwärmer müssen immer für eine schwärmen … Aber was mag aus Nora geworden sein!«

Es war, als ob sein fluxe de bouche bei dem Gedanken etwas ins Stocken geraten sei; er verabschiedete sich bald. »In den nächsten Tagen komme ich nach Göhlitz,« hatte er auf die dringende Einladung Lillys, seinen Freund dort zu besuchen, geantwortet. Kurt raunte ihm noch geheimnisvoll zu: »Komme ja! Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.«

»Als ob ich das nicht schon raten könnte,« brummte der Dicke.

»Gottlob, die Fahrt ist dir gut bekommen,« sagte Lilly bei der Rückkehr, nachdem sie manch ängstlichen Blick auf des Vetters Gesicht gerichtet. »Du hast dich gestärkt. Über den Zweck unserer Fahrt laß uns übrigens schweigen, Kurt. Ich danke für deine Begleitung.«

»Nein, ich habe dir zu danken! Was du heute ausgeführt, war ein schöner Zug deines Herzens. Lilly, ich habe in den nächsten Tagen dir auch etwas zu sagen, und dann zähle ich wieder auf dein liebes, treues Gemüt.« Er wollte noch mehr sagen, aber Lilly lief verwirrt davon.

22

Denn wie wir uns auch preisen mögen,
Sind uns're Neigungen doch wankelmütiger,
Unsicherer, schwanken leichter her und hin,
Als die der Frau'n.
Shakespeare.

In den nächsten Tagen! Der Mensch liebt diese Zeitbestimmung; sie hat etwas so Beruhigendes für ihn, als läge die Zeit schon in seiner Hand – und doch liegt der nächste Tag ebenso dunkel vor uns wie die entfernteste Zukunft.

»In den nächsten Tagen,« dachte Nora, und trotzdem sie gesagt: »Es ist zu spät,« zitterte ihr Herz in ahnungsvoller Freude. Er war gekommen, er wollte wiederkommen! Hatte auch der Zorn in seiner Stimme gebebt, hatte er mit fast richterlicher Strenge klar zu sehen verlangt – die Liebe hatte ja übermächtig gesiegt. Nora wollte nichts hoffen; sie sagte sich jeden Augenblick, daß sie stark sein werde, kein Opfer von ihm anzunehmen, alles zurückzuweisen, woran zu denken jetzt nur noch ein Unrecht sein würde – – aber der Glaube an Glück ist so stark in jungen Herzen, daß er immer wieder das Haupt erhebt. Eines erfüllte Nora mit der reinsten Freude: daß sie ihm ihr Herz werde ganz öffnen können, daß sie seinen Einblick nicht zu scheuen brauche – und sie dachte schaudernd dabei an die Stunden zurück, wo sie wie an einem Abgrunde gestanden hatte.

»In den nächsten Tagen,« dachte auch Kurt; und er schloß die Augen gegen alle Bedenken, welche Furcht, Stolz, Mißtrauen ihm zuraunten, nachdem die erste Aufwallung sich gelegt. Er hatte sich seine Absicht klar gemacht; er wollte sich seine Liebe nicht entreißen lassen.

»In den nächsten Tagen,« sagte auch Lilly, als sie den blonden Kopf in die Kissen legte, und mochte kaum sich aussprechen, was sie alles von den nächsten Tagen erhoffte.

»Wenn er erst mein ist, dann pflege ich ihn bald ganz gesund; hier ist er schon soviel besser geworden,« setzte sie mit einigem Stolz hinzu. Es ist eigen, ein Teil der Frauen denkt im Glück der Liebe: »Wenn er mein ist,« und andere drücken es in den Gedanken aus: »Wenn ich sein bin,« – ein kleiner, aber charakteristischer Unterschied. Lilly verstand das Glück nur, »wenn er mein ist«.

In den nächsten Tagen, dem zweitfolgenden nach Kurts und Lillys Anwesenheit in der Hauptstadt, durchlief das Publikum eine Mär, die gleich allen Skandalgeschichten ein gut Teil Neugier und Interesse hervorrief. Sie setzte die müßigen Zungen um so mehr in Bewegung, da sie allgemein bekannte, vielbesprochene Persönlichkeiten betraf. Die auf den Abend angesetzte besondere Festvorstellung des Zirkus Karsten wurde im Augenblick des Beginnes, als die Zuschauer schon versammelt waren, aufgehoben, wie es hieß, »wegen plötzlicher schwerer Erkrankung des Direktors«. Die vollständige Verstörung unter den Mitgliedern der Truppe, ihr erregtes Gebaren, das Nichterscheinen Landolfos, der stets die Vertretung des Direktors übernahm – alles gab gleich zu dunkeln Gerüchten Anlaß. Sehr bald war denn auch kund, daß der Direktor von einem Schlaganfall getroffen sei infolge der Erregung über die heimliche Entweichung seiner Tochter mit seinem ersten Geschäftsführer. Das Gerücht nahm natürlich sofort die verschiedensten Gestalten an, sich bald zum Tragischen steigernd, bald zum Gemeinsten hinabsinkend, wie es gerade sein Publikum fand. Einige wollten behaupten, nicht die Tochter, sondern die Frau des Direktors sei entflohen; doch kam diese Lesart gar nicht zur Geltung, da das Verhältnis der schönen Nora zu dem nicht minder schönen Landolfo längst als Tatsache galt, die Frau des Direktors auch schon zu den verblühten Schönen zählte.

Die Tagespresse brachte die Geschichte bald mit allerlei Einzelheiten. Der eigentliche Grund zum Entweichen des Paares blieb jedoch unklar, da ihrer Verbindung ja, soviel man wußte, nichts entgegengestanden hatte. Bald aber munkelte man von großartigen Veruntreuungen, die der Geschäftsführer sich habe zuschulden kommen lassen.

Einige besondere Gönner des Direktors und einige jener patentierten Neuigkeitsfischer, deren jede große wie jede kleine Stadt zählt, begaben sich selbst in den Gasthof, wo der Direktor mit seiner Familie wohnte, um genauere Erkundigungen einzuziehen. Auch dort war nicht viel zu erfahren, da die Familie nach dem Ereignis sich ganz von der Außenwelt abgeschlossen hatte. Der Arzt habe den Zustand des Direktors für lebensgefährlich und jedenfalls sehr langwierig erklärt, wurde berichtet.

Ueber die Ursache der plötzlichen Erkrankung zuckte der vorsichtige Oberkellner die Achseln. Es hätten, erzählte er nur, in den letzten Tagen Mißhelligkeiten in der Familie stattgefunden. Das Stubenmädchen habe von einer heftigen Szene erzählt, die der Herr Direktor seiner Tochter gemacht, und dann – der Oberkellner lächelte, wie es bei so delikaten Angelegenheiten meist geschieht – der Herr Direktor habe in der letzten Zeit oft etwas stark gefrühstückt, was seiner kräftigen Konstitution bei seinem Alter vielleicht nicht zuträglich gewesen sei. Wenn der Herr Direktor dann ermüdet gewesen, sei Herr Landolfo stets viel bei den Damen aus- und eingegangen. An dem bewußten Nachmittag sei, wie der Portier sich erinnert habe, die eine der Damen verschleiert und im Reiseanzug mit Herrn Landolfo die Treppe hinabgekommen und mit ihm in einem bereitstehenden Fiaker fortgefahren. Herr Landolfo habe jedoch öfter die Damen zu den Proben abgeholt, also habe das nicht ungewöhnlich geschienen. Erst am Abende sei eine große Aufregung oben entstanden, und man habe den Arzt gerufen. Aber seitdem habe, wie gesagt, weiter nichts verlautet, da die Frau sich nur der Pflege des Mannes und des Kleinen widme und niemand, nicht einmal die Hoteldienerschaft, zulasse. Von der Verfolgung der Entwichenen scheine man völlig Abstand genommen zu haben.

Mit diesen wenig erläuternden Nachrichten, die nur eine Bestätigung des überall Gehörten waren, kehrten die Forschenden zurück. Der letzte Schatten des Gerüchtes, welches vom Arzte ausgegangen sein sollte, daß nicht die Tochter, sondern die Frau die Entführte sei, sank damit zu Boden, da die Zurücklassung des kleinen Sohnes zu sehr dagegen sprach.

Die ganze Sache würde übrigens, wie alle solche Tagesneuigkeiten, sehr bald in Vergessenheit geraten sein, hätte nicht eine neue pikante Wendung sie dem Publikum, und diesmal besonders den hohen Gesellschaftskreisen, doppelt interessant gemacht. Eines der gelesensten Tagesblätter brachte einen Artikel, der die geheimnisvolle Ursache der Entführung beleuchtete. Der Lokalberichterstatter wußte sehr genau über eine Liebesgeschichte zu berichten, die zwischen der schönen Nora und einem jungen österreichischen Grafen, dessen Name durch Angabe dreier Buchstaben sehr deutlich bezeichnet war, vor etwa drei Jahren gespielt habe. Er wußte, daß der Vater der Schönen dieses Verhältnis sehr begünstigt habe, der D…t…l'schen Familie zum Trotz, welche sich unendlich bemühte, den Sohn aus diesen Banden zu retten, bis sie ihn endlich zur Annahme einer diplomatischen Stellung im Auslande bewog. Auch wurde nicht verschwiegen, wie der Direktor Karsten selbst da noch die größten Anstrengungen gemacht habe, den vornehmen Liebhaber zu fesseln und zu verschiedenen geheimen Rendezvous der Liebenden gern seine Mitwirkung geboten habe. Erst als alles an dem festen Willen der Familie gescheitert, habe er sich entschlossen, seine Tochter die öffentliche Laufbahn betreten zu lassen, und sei von da an der Neigung seines ersten Geschäftsführers zu seiner Tochter nicht mehr entgegengetreten, habe sie sogar diesem zur Ehe versprochen. Ob aus Verdruß über den ungetreuen Liebhaber, ob aus wechselnder Neigung, habe die schöne Nora auch ihre Zustimmung erteilt, und das Verhältnis zu ihm sei allbekannt gewesen. Plötzlich sei nun nach Jahren jener Graf D. von neuem aufgetaucht und habe sich seiner früheren Liebe in der auffallendsten Weise wieder genähert. Des Vaters Hoffnung, die Tochter doch noch in hohe Kreise zu bringen, sei dadurch in solchem Grade erwacht, daß er sich sofort mit seinem Geschäftsführer überworfen und ihn fortgeschickt habe. Dieser aber habe von seinem guten Rechte nun Gebrauch gemacht und seine Braut durch die Flucht allen ferneren Intrigen entzogen – ob mit dem vollen freien Willen der Schönen, blieb dahingestellt. Zwei Tage vor der Flucht sei nämlich Graf D. in dem Hotel gesehen und dem Vernehmen nach von Herrn Landolfo bei seiner Braut überrascht worden.

Die Geschichte in ihrer Unklarheit war gerade dazu angetan, einen gefundenen Bissen für die Leserwelt abzugeben. Die Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten, ja die Widersprüche derselben waren alle nebensächlich gegen die eine Hauptsache, daß der Name einer der angesehensten Familien des Landes darein gemischt war. Dieses eröffnete ein ganzes Feld von Vermutungen, eine Quelle von Schadenfreude und Klatschsucht oder Teilnahme.

Man entsann sich bald dieses, bald jenes Ereignisses; man brachte das Verschwinden und Wiedererscheinen des Grafen Kurt mit einigen Gerüchten in Verbindung, die damals vom Rhein herübergedrungen waren. Mütter, die sicher auf eine gute Partie gezählt, erinnerten sich seiner Kälte der Damenwelt gegenüber, die selten auf etwas Gutes schließen lasse; die junge Herrenwelt, der er als Muster vorgestellt worden, lachte über die Enttäuschung und witzelte über die schöne Nora, die so spröde getan; die älteren Herren steckten die Köpfe zusammen und fragten sich, was da zu tun sei, wenn jemand aus ihren Kreisen sich so öffentlich kompromittiert habe.

Die Welt nimmt manches leicht und erträgt vieles, solange sie es ignorieren kann; sie rächt sich aber um so mehr, ist um so schonungs- und nachsichtsloser, sobald die Sache offenkundig und dadurch ihr Urteil herausgefordert wird. So wurden die tonangebenden Gesichter ernst und streng: man bedauerte mit bedeutsamer Miene die Mutter, und die Wohlwollendsten, die Verleumdung witterten, nahmen an, daß doch etwas Wahrheit daran sein müsse.

In den Göhlitzer Kreis war die erste Nachricht wie ein Blitzstrahl gedrungen. Die Gräfin hatte die Mitteilung von dem Entweichen Landolfos mit Nora in dem Tagesblatt gefunden und behauptete, nicht überrascht davon zu sein. Sie gab Lilly das Blatt, damit die Nachricht ihr als Lektion diene für das Gespräch, das sie neulich über Nora gepflogen.

So erregt Lilly sein konnte, so erregt war sie über diese Nachricht. »Das ist nicht wahr, das kann nicht wahr sein!« behauptete sie mit der ihr eigenen Zähigkeit. »Nora ist viel zu fromm und zu gut, um so etwas zu tun.«

»Kind, Jahre in solcher Umgebung ändern die Menschen,« versicherte die Gräfin mit überlegener Miene.

»Aber Nora ist nicht verändert,« beharrte die Kleine; »es ist ihr ein entsetzlicher Kummer, daß sie diese Laufbahn hat ergreifen müssen. Sie hat es bloß ihrem Vater zuliebe getan.«

»Wie weißt du denn das alles?« fragte die Gräfin scharf, mit unklarem Argwohn sie ins Auge fassend.

Lilly wurde dunkelrot, aber mit dem Vollgefühl ihrer Unabhängigkeit sah sie tapfer zur Tante auf. »Weil ich sie gerade in diesen Tagen sah und sprach. Nur um sie zu besuchen, unternahm ich die Fahrt mit Kurt und traf sie auch.«

»Mit Kurt? Du führtest Kurt zu ihr?« stieß die Gräfin fast tonlos hervor. Die tödliche Angst, die in ihren Zügen sich kundgab, machte die Kleine bedenklich.

»Nicht mit Kurt; ich wünschte nur seine Begleitung, da ich Fräulein Richthoven die Sache nicht anvertrauen wollte. Kurt erfuhr erst, nachdem ich dort gewesen, wen ich besucht hatte. Er hat mich durchaus nicht getadelt, sondern gesagt, ich hätte recht gehandelt.«

»Er sah sie also nicht?« fragte die Gräfin, etwas erleichtert.

»Nein, er führte mich nur zu ihrer Wohnung, ohne zu wissen, wie gesagt, wen ich aufsuchen wollte. Ich glaube übrigens auch nicht, daß irgend etwas Unpassendes darin lag, daß ich mit dem Vetter, mit dem ich erzogen, eine Fahrt und einen Gang durch die Straßen unternahm,« setzte in verletztem Tone die kleine Herrin von Göhlitz hinzu, indem sie die Tante verließ.

Die Gräfin schwieg. Es war ihr lieb, daß Lilly ihre Empfindlichkeit auf das lenkte, was sie nicht beabsichtigt hatte zu rügen, und daß sie keine weiteren Erklärungen forderte. Aber hatte der Kaplan recht gehabt: wäre alle Fürsorge umsonst, wäre es unmöglich, die Fäden in der Hand zu behalten? Doch ihrem Sohne konnte sie auch den letzten bitteren Tropfen nicht ersparen. Sie würde ihm die Sache verheimlicht haben, um die alten Erinnerungen zu schonen; aber jetzt war es am sichersten, daß er gleich klar sehe, besonders nach all den idealen Auffassungen, die er neulich über die Kunstreiterstochter zu hören bekommen. Nur immer die Sache vom einfachen realen Standpunkte nehmen – das war ihre Ansicht.

Demgemäß sandte sie die Zeitung auf ihres Sohnes Zimmer hinauf, wo sie wußte, daß sein Auge sie gleich treffen werde. »Eine ausgebrannte Wunde heilt am leichtesten,« dachte sie. Und wie sengender Brand drang die Nachricht in Kurts Herz, das eben eine Spur von Frieden sich errungen hatte. Er starrte auf das Blatt hin, und knirschend preßten sich die Zähne zusammen. Er sagte nicht wie Lilly: »Es ist nicht wahr«; dafür hatte er zu lange Jahre Mißtrauen gegen die Geliebte gehegt; dafür war seine Liebe zu sehr in ihren Grundfesten erschüttert worden. Er brach auch nicht schwindelnd zusammen, wie damals; dafür war er jetzt des Schmerzes und der Enttäuschung zu gewohnt. Riesengroß stieg die Gewißheit vor ihm auf, und an ihr zerschellte, was er an Vertrauen und Glauben eben wieder gesammelt.

Betrogen … aufs neue hintergangen? War das die Lösung des Geheimnisses? War das die Antwort auf seine Fragen? »Zu spät … es ist für immer zu spät,« das hatte er von ihren eigenen Lippen gehört. Also deshalb war es zu spät! Und er hatte diesen Menschen bei ihr eintreten sehen, als habe er ein Recht dazu; er hatte seinen höhnischen Blick, das kalte Lächeln beim Abschied bemerkt, und ihre bleiche, zitternde Angst. Ja, er entsann sich, wie er ihn damals nach jener Fahrt am Zuge gesehen – immer sein Recht auf sie nur zu deutlich beweisend. Alles schien ihm klar. Fürwahr, sie hatte nicht zu viel gesagt, daß sie in den Staub gesunken, wenn sie unter die Botmäßigkeit eines solchen Elenden sich gestellt! Und er, der eben wieder in wahnsinniger Leidenschaft sich geschworen, sie trotz allem wieder emporzuheben, wie ein Kleinod das Kleinod bleibt, wenn das Schicksal es auch für kurze Zeit unter das Gemeine mischt – er, der zum zweitenmal der Welt und seinen eigenen Grundsätzen hatte entgegentreten wollen, weil der Preis es ihm wert dünkte – zum zweitenmal so unsäglich betrogen.

Aber mit dem Gedanken erwachte der Drang, seinen Schmerz, seine Schmach zu verbergen. Es war ihm, als müsse jeder ihm die Gedanken und Entschlüsse dieser letzten Tage von der Stirn lesen, als habe jeder das Recht, zu hohnlachen über seine Leichtgläubigkeit, seine Schwäche. Seiner Mutter Blick konnte er am wenigsten ertragen.

Als die Gräfin sich nach ihm erkundigte, war er nicht mehr in Göhlitz. Der Bediente bestellte, der Herr Graf hätte eine wichtige Nachricht erhalten, die ihn abgerufen, sei zu Fuß zur Bahn gegangen, und würde erst in einigen Tagen zurückkehren oder Nachricht schicken.

Die Gräfin erschrak furchtbar. Hatte sie wieder zu eifrig gehandelt? Auch Lilly ließ das Köpfchen hängen, als sie die rasche Abreise des Vetters vernahm. Sie hatte ihn ja zum Vertrauten ihres Kummers wegen Nora machen wollen.

Ihrer Tante aber stand noch eine harte Prüfung bevor. Die alte Exzellenz erschien eines Nachmittags mit bedenklichem Gesicht in Göhlitz und bat um eine geheime Besprechung.

Der bejahrte Herr war noch immer der Mann der Geschäftigkeit, der schwierige Fragen gern in die Hand nahm. Jener Artikel, der in so beleidigender Weise Kurts Namen in die Oeffentlichkeit zog, nebst allen unangenehmen Gereden, die sich daran knüpften, hatte ihn veranlaßt, als guter Freund, der einst der Gräfin Vertrauen gehabt, mit ihr Rücksprache zu nehmen. Die Gräfin war fassungslos. Furchtbar rächte sich das Schicksal. Sie hatte alles getan, um eine Verbindung jener Namen zu vermeiden – und nun wurden sie in der gemeinsten Weise in der Oeffentlichkeit zusammengestellt. Es schwindelte ihr fast, als sie den Bericht der alten Exzellenz hörte, entrüstet las sie den Artikel, stolz wollte sie alles zurückweisen – aber sie konnte nach dem, was sie von Lilly erfahren, nicht leugnen, daß Kurt in jenen Tagen in der Hauptstadt gewesen; sie mußte eingestehen, daß er auch jetzt nicht hier, daß er auf die erste Nachricht abgereist sei, ohne daß sie wußte wohin. Vielleicht war er noch tiefer verwickelt in die unselige Geschichte, als sie ahnen konnte. Sie hielt jetzt alles für möglich. Der Exzellenz Gesicht wurde immer bedenklicher. Gewiß wollte der alte Herr aus alter Freundschaft seinen ganzen Einfluß aufbieten, die unangenehme Sache möglichst niederzuschlagen – aber, aber – Graf Kurt war mindestens sehr unvorsichtig gewesen.

»Das kommt von den Fahrten selbständiger junger Damen,« sagte am Abend desselben Tages die Gräfin zu ihrer Nichte, ihrem Zorn und Gram dort Luft machend, da sie fühlte, daß bei der Nähe der Hauptstadt und der Oeffentlichkeit in den Blättern sie vor dem jungen Mädchen doch kein Geheimnis daraus machen könnte. Sie erzählte ihr kurz den Hergang der Sache und zeigte ihr den Artikel, den die Zeitung gebracht. In der Bitterkeit ihres Schmerzes schonte sie die Gefühle ihrer Nichte nicht, da sie nun doch alles für verloren hielt.

Lilly hörte ruhig, was die Tante sagte, und las still die gehässigen Worte. »Aber das ist ebensowenig wahr, als das über Nora,« sagte sie mit der bei ihr stets gleich bleibenden Zähigkeit, die weder einen Gedanken losließ, noch das Vertrauen, das sie einmal gefaßt. »Weder Kurt noch Nora würden so gehandelt haben. Das hat jemand geschrieben, der ihnen schaden will. Kurt müßte das nur gleich wissen, um es zu widerlegen.«

»Gott segne deinen kleinen Kopf,« dachte die Gräfin, erbittert über die einfache Art, in der Lilly die komplizierte Sache abtun wollte. Die Tante kannte die Welt und die Menschen besser, und wußte sowohl, was alles möglich sein konnte, wie auch, was es für Folgen hatte. Aber zum erstenmal ließ ihr gewohntes Wort: »Was tun?« sie im Stich.

Und zum erstenmal dachte dieses Lilly. Ihre Liebe, ihr Stolz spornten sie dazu an. Lange sann sie nach. Also Kurt hatte Nora geliebt! Deshalb war er so unglücklich gewesen, so lange von der Heimat entfernt, so krank und so traurig? … Aber eine tiefe, unglückliche Liebe stößt ein reines Mädchenherz nie zurück. Nora war so gut, so schön in Lillys Augen, daß sie den Kummer Kurts begriff; sie begriff ihn vielleicht um so leichter, weil sie mit ihrem vernünftigen kleinen Kopf hinzusetzen konnte: »Aber heiraten kann er die arme Nora natürlich nicht, das ist ja ganz unmöglich. Der arme Kurtie! Nun hat er noch diesen Aerger dabei, und deswegen ist er gewiß fortgegangen.« Sie besann sich ernstlich, wie sie den Aerger ihm ersparen könne, oder wie die Sache sich wenigstens wieder gut machen ließe, damit er nicht lange fortbliebe und nicht gar am Ende, wie heimliche Angst ihr zuflüsterte, wieder in die Ferne ginge.

Ein erleuchtender Gedanke kam ihr: daß der Kaplan die beste Persönlichkeit sei, da zu helfen. Der kannte ja Kurt wie Nora, wußte die ganze Geschichte, wußte, daß Kurt seit seiner Heimkehr Göhlitz nicht verlassen habe, daß also an der häßlichen Erfindung der Zeitung kein Wort wahr sei. Dem wollte sie schreiben, daß er alles gebührend widerlege. Wahrscheinlich war auch Kurt dorthin gegangen. Mit dem Instinkt eines liebenden Herzens erriet sie, daß er die Einsamkeit aufgesucht habe, um nach der unglücklichen Katastrophe nicht unter Menschen zu sein. »Das hätte ich auch getan,« dachte Lilly und freute sich an dem Gedanken, daß nicht sie die ihn störende Persönlichkeit gewesen. »Mir hat er alles sagen wollen; das war es, was er meinte, und ich verstehe ihn recht gut.«

Daß sie ihn gut verstand, das sprach deutlich aus den Zeilen, die sie jetzt schrieb, die in naiv einfacher Weise ihr festes Zutrauen, ihre Sorge um sein Wohl, ihr Mitleid betätigten und unbewußt in jedem Worte ihre Liebe verrieten. Sie fügte den gehässigen Artikel bei, den Kaplan anflehend, alles zu tun, dem armen Kurt fernere Unannehmlichkeiten zu ersparen, und es ihm leicht zu machen, damit er nicht krank werde. Genau, wie sie war, legt sie alle indes für Kurt angekommenen Korrespondenzen bei. »Es könnte etwas dabei sein, was er jetzt nötig hätte zu wissen,« meint« sie.

Nachdem der Brief fort war, hatte Lilly wieder Frieden mit ihren Gedanken, bis auf die eine geheime Angst, daß Kurt »nicht wieder so weit fortgehen möge«.

Ihre Liebe hatte sie richtig ahnen lassen. Wie das verwundete Tier ins Dickicht flieht, sich zu verbergen, hatte Kurt mit seinem Schmerz die Einsamkeit gesucht. Die alte Heimat, die jetzt leer stand, hatte ihm gewinkt. Sein Weg führte ihn durch die Hauptstadt; einen Augenblick schwankte er, ob er dort noch Erkundigungen einziehen solle. Aber die Nachricht war zu bestimmt gegeben, über eine Persönlichkeit, so bekannt wie Nora, konnte kein Irrtum stattfinden. Sein Herz sträubte sich, es aus anderer Mund zu hören, seine Augen hatten es ja gesehen – er hatte ihr »zu spät« ja vernommen. Ihre eigenen Lippen hatten es eingestanden, nur seine Leidenschaft hatte es nicht verstehen wollen. Was er für hingebende Liebe und Treue genommen, war nur bittere Reue, war Herzensangst gewesen – das letzte Aufflammen ihres früheren Selbst! »Sie hat mir die Aufklärung bald genug gegeben,« dachte er, bitter lächelnd, und fuhr ohne Aufenthalt durch Wien weiter.

Die Dienerschaft in dem heimatlichen Schlosse war ungemein überrascht, als so unerwartet der junge Graf allein ankam. Man hatte einen feierlichen Empfang in Aussicht genommen, wenn er nach jahrelanger Abwesenheit, nach überstandener Krankheit, mit seiner Mutter heimkehren würde, »ein vollständig Genesener«, wie die Gräfin, wahrscheinlich zur Beruhigung, öfter geschrieben hatte.

Die Leute zuckten die Achseln: »Das ein Genesener?« – so bleich, ernst, still und so ermüdet, daß er kaum einen flüchtigen Gruß für die Ueberraschten hatte? Seine frühere Leutseligkeit und Zugänglichkeit schien verschwunden; für die Beamten, die sich bei ihm meldeten, hatte er kaum die kürzesten, gleichgültigsten Worte. Selbst dem Kaplan gegenüber blieb er stumm und verschlossen; als Grund für sein plötzliches Kommen gab er an, daß er alle Feierlichkeiten habe vermeiden wollen, die ihm zuwider seien.

Der Kaplan, der keine Ahnung von dem Vorgefallenen hatte, hielt ihn in einem inneren Kampfe begriffen, den er zu verstehen glaubte; und er blieb seiner Ansicht getreu, daß es am besten sei, alles im stillen sich klären zu lassen.

Still blieb Kurt, abgeschlossen wie ein Einsiedler in seinem Zimmer, oder stundenlang einsam zu Pferde oder zu Fuß durch seine Wälder streifend. Die nächste Umgebung sah es kopfschüttelnd, und die alten Dienstboten deuteten nichts Gutes daraus.

Dem Kaplan selbst fing dies Benehmen an unerklärlich zu werden, als Lillys Brief das Rätsel löste. Tief erschütterte auch ihn die Wendung der Dinge. Dem gehässigen Artikel schenkte er so wenig Glauben wie Lilly. Doch kannte er die Welt genug, um zu wissen, was für Unannehmlichkeiten dem jungen Manne daraus erwachsen könnten, und wie schwer der Eindruck sich würde verwischen lassen.

Der Kaplan beschloß, das Schweigen zu brechen. Er suchte Kurt auf seinem Zimmer auf und fand ihn, wie immer jetzt, träumend am Fenster stehen, die Hand an die Stirn gepreßt, hinausschauend und doch nichts sehend.

Der Kaplan reichte zum Eingang ihm die mitgekommenen Briefe hin. Kurt warf sie nach flüchtigem Blick gleichgültig zur Seite, nur einen, der Dahnows Handschrift trug, behaltend. Fragend blickte er den Kaplan an, auf dessen Gesicht er las, daß er noch etwas zurückhalte. Schweigend schob ihm derselbe den fraglichen Zeitungsartikel hin, zugleich mit dem Briefe Lillys, den er als bestes Beruhigungsmittel betrachtete.

Staunend blickte Kurt in das Zeitungsblatt; doch dann, nachdem er gelesen, löste sich plötzlich die Aufregung all dieser Tage in einem Zornesausbruch, wie sein weiches Temperament ihn bisher nie gekannt hatte. Das Blatt zum Knäuel geballt von sich schleudernd, rang er umsonst nach Worten.

Mit gellem Lachen stieß er dann hervor: »Es ist recht so! Wer Pech anfaßt, besudelt sich. Ich habe in meiner verliebten Narrheit faules Holz für den leuchtenden Stein gehalten. Es ist recht so: wer mit Kanaille umgeht, mag als Kanaille behandelt werden. Und das alles um ein paar schmachtender Augen willen? … Lachen Sie mich doch aus, lachen Sie doch, wie die ganze Welt lachen wird! Sie wissen noch nicht einmal, was ich habe tun wollen: daß ich am Vorabende meiner Hochzeit mit dem Täubchen stand … lachen Sie doch! Aber Sie haben sich auch geirrt: Sie sprachen ja auch von solch unsäglicher Achtung!« Und er lachte schneidend auf.

»Kurt,« erwiderte der Kaplan mit großem Ernste, »was ist Wahrheit oder Unwahrheit an der Behauptung, daß Sie sich ihr wieder genähert hätten? An allen übrigen insinuierten Gemeinheiten wird Nora so unschuldig sein als Sie.«

»Unschuldig? Ja, sie sieht entsetzlich unschuldig aus, so daß ich ihren eigenen Worten nicht glaubte. Sie war aufrichtig genug, mir wenigstens zu sagen, daß es zu spät sei!«

»Also, Sie haben sie gesehen?«

»Ja, ich sah sie!« sagte Kurt trotzig. »Ich suchte sie auf, sobald Lilly sie verlassen hatte. Ich wollte von dem Vorwurf mich befreien, sie ungehört verurteilt zu haben; ich wollte sie retten, wenn es noch möglich, und würde noch jetzt allem getrotzt haben, so rein und edel erschien sie mir … O Gott, ich Tor habe sie so unsäglich geliebt!« stieß er im tiefsten Schmerz hervor.

»Und jener Mensch traf Sie dort?« fragte der Kaplan in seiner ruhigen Weise weiter. »Dann kann der Artikel auch der Ausfluß gemeinen Hasses, gereizter Eifersucht sein. Sagen Sie mir, wie Sie sie trafen.«

Kurt erzählte mit wenigen abgebrochenen Worten, wie es sich zugetragen.

»Sie selbst sagte Ihnen, daß es zu spät sei? Sie versprach Ihnen Aufklärung und hieß Sie doch gehen? Das sind dunkele Worte. Was das arme Mädchen zu diesem zweiten unheilvollen Schritte getrieben, mag Gott wissen!«

»Schein, alles Schein!« rief Kurt in tiefer Bitterkeit. »Sie hat ihre Rolle von Anfang an mit Glück gespielt. Meine Mutter hat grauenvoll recht behalten, als sie prophezeite, die Erziehung würde sie nur geeigneter für eine Intrige machen.«

»Seien Sie nicht so rücksichtslos in Ihrem Hasse, wie Sie es in Ihrer Liebe waren!« mahnte der Kaplan streng. »Es ist außerordentlich schwer, hier ein Urteil zu fällen. Wo wir am sichersten glauben verurteilen zu können, irren wir am leichtesten.«

Mehr wagte der Kaplan nicht zu sagen; er mochte nicht die Liebe wieder wachrufen, die er noch immer stark genug in ihm sah, noch den Zorn zu bestärken, den er trotz allem für ungerecht hielt.

»Lesen Sie den Brief Ihrer Cousine,« sagte er nach einigen Minuten stillen Nachdenkens. »Lassen Sie uns dann später bereden, was am besten geschehen kann, dieser Gemeinheit gebührend entgegenzutreten.«

»Meine ganze Stellung in der Gesellschaft ist vernichtet!« rief Kurt wieder in aufloderndem Zorn.

Kein Mann erträgt ruhig, daß ihm der Boden entzogen wird, wenn er auch sonst wenig Wert darauf gelegt hat, und Kurt kannte zu gut das Urteil seiner Kreise, um nicht einzusehen, daß er in ernste Unannehmlichkeiten verwickelt werden könne. »Meine arme Mutter!« setzte er hinzu, ihren beleidigten Stolz ermessend, und in dem reuigen Gefühl, durch Mißachtung ihres Rates sich in solche Lage gebracht zu haben.

»Es sind nur Verleumdungen, woran Sie schuldlos sind,« beschwichtigte der Kaplan. »Gehen Sie einige Zeit nicht in die Hauptstadt, wozu Ihre Kränklichkeit genügenden Grund bietet; dann wird sich das Gerede allmählich verlaufen, wie so manches grundlose Geschwätz. Ich werde indessen Schritte tun, um Näheres zu erfahren, und Sorge tragen, daß die Unwahrheiten, welche der Artikel enthält, berichtigt werden. Wenn jener Mensch Sie bei Nora traf, wird er auch wohl der Schreiber des Artikels sein … Das arme Mädchen!« Der Kaplan dachte mit einem Seufzer an dies Leben, das so grausam zugrunde gerichtet war bei so herrlicher Anlage. Er fürchtete fast irre zu werden an den Fügungen des Herrn.

Aber er baute auf den Halt, den er in Noras Seele gefunden, auf das reine Motiv, das ihren ersten Schritt auf jene Bahnen gelenkt – ein Opfer, das keiner getrübten Seele entspringen konnte. Er ahnte wieder Mißverständnisse, wenn er sie den bestimmten Nachrichten gegenüber auch nicht zu erraten wußte. »Es sind dunkele Fügungen, die jedesmal, wie es scheint, ihr irdisches Glück kreuzen sollen – aber wenn nicht zum Glück, so doch zum Heil, war der Mutter letztes Gebet für ihr Kind. Was für ein Pfad es sein mag – Gottes Blumen können überall blühen,« so schloß er, sich wieder sammelnd.

Kurt war in der heftigsten Aufregung zurückgeblieben. Aber dies war ein bestimmtes Gefühl, und daher eher zu ertragen und zu überwinden, als die unklare Zerrissenheit der vorigen Tage. Immer wieder hatte sich da ein Zweifel eingemischt, eine Ahnung, daß es sich wohl nicht ganz so verhalte – vielleicht die Erinnerung an die Liebe, an die Schuldlosigkeit, die aus ihrem ganzen Sein gesprochen. Er hatte ordentlich eine unheimliche Furcht gehabt, daß er abermals irren könne. Aber jetzt war es ja unwiderruflich bestätigt – er konnte, er wollte zürnen – er wollte im Zorn sein Herz frei machen.

Er nahm den Brief seiner Cousine. »Treues, kleines Herz,« sagte er gerührt, als er die naiven Worte las, die das, was er längst wußte, von neuem bestätigten. Wo er alles hatte geben wollen, hatte er nichts geerntet als Undank, Untreue und Kränkung, und wo er nichts geboten, fand er so viel! »Treues, kleines Herz,« wiederholte er und strich fast zärtlich die Bogen glatt, die ihre ungeübten steifen Schriftzüge trugen. Ihr freundliches Bild stieg erquickend vor ihm auf. Ihre geordnete Lebensbahn, ihre geebneten Verhältnisse, ihr so einfach dahinfließendes Leben stachen seltsam ab gegen den verschlungenen, unheimlichen Lebenspfad der anderen, der so durch Sumpf und Staub führte, daß jeder, der ihr folgen wollte, seinen Anteil davon empfing. Lillys friedlicher Weg hatte etwas Lockendes … Es gibt Stunden der Müdigkeit, wo der schlichteste gebahnte Pfad uns mehr anspricht als die reizvollste Wildnis.

Kurt war müde all des inneren Streites und Kampfes; er hatte genug dieser spannenden, erregenden Gefühle gehabt, die sich bald so hoch hoben, bald so tief niederwarfen wie die Wellen des Meeres. Er sehnte sich nach einem Hafen, er sehnte sich nach einem unwiderruflichen, festen Abschnitte des Lebens, wo es vielleicht kein Hoffen, aber auch keine Enttäuschung mehr gab.

Mechanisch und zerstreut griff er auch nach Dahnows Brief, der zu seinem Erstaunen den Stempel seiner Heimat trug.

»Diese Zeilen sollen mich entschuldigen,« schrieb er, »der Wortbrüchigkeit wegen, deren ich mich Eurer freundlichen Einladung gegenüber schuldig machte. Du übermittelst mein Bedauern darüber auch wohl Deiner liebenswürdigen Cousine, obwohl ich mir eingestehen muß, daß wahrscheinlich Ihr mich nicht vermißt habt. Täusche ich mich nicht, so seid Ihr beide in der Verfassung, wo man jeglichen Besuch am leichtesten entbehrt. Erlaube mir, als Dein ältester Freund, Dir schon pränumerando meine Glückwünsche auszusprechen. Der Augenblick, zu dem man dem Menschen Glück wünschen soll, ist ja der, da er sich klar wird, wo er sein Glück findet. Bei ihr wie bei Dir schien mir das zweifellos. Aufrichtig freut mich Dein Entschluß; denn die unerquicklichste Auffassung des Lebens ist es, wenn ein Mensch nicht fertig werden kann, weder mit seinem Leid noch mit seiner Freude. Deiner offiziellen Mitteilung also entgegensehend, alter Freund, und mit dem herzlichsten Anteil Dein Dahnow.«

Der Brief war Kurt wie eine Ergänzung seiner Gedanken in diesem Augenblicke.

Süß stahl sich ihm ins Herz die Zweifellosigkeit der Liebe, die stets nur sein gedacht. Beschwichtigend war die Aussicht dieses leichten Erringens; denn er wußte, mochte die Welt sagen, was sie wollte, sie würde nicht wanken, und – Mann bleibt Mann, der doch auch stets des Realen sich erinnert. Er wußte, daß seine Verlobung die einfachste Widerlegung all der Gerede und Gerüchte sein würde.

»Treues, kleines Herz,« wiederholte er noch einmal. Und wenn nicht in Liebe, schlug sein Herz doch in warmer Dankbarkeit für sie.

Dennoch war es ein anderes Bild und waren es andere Augen, die ihm vorschwebten, als er sich in der Nacht schlaflos auf seinen Kissen wälzte; aber wie eine Zauberformel brauchte er Dahnows Worte: »Es gibt nichts Unseligeres auf der Welt, als wenn der Mensch nicht fertig werden kann mit seinem Schmerz oder seinem Glück.« Er wollte jetzt fertig werden!

Aber eines ahnte er nicht, daß Dahnow diese Worte in eigener schmerzlicher Selbstkenntnis geschrieben. »Ich kann nicht zu ihm gehen, ihn bei einer anderen girren sehen,« hatte der Dicke gesagt. »Doch hol' mich der Henker, wenn ich mich nicht sofort umhöre, was aus ihr geworden ist.«

Am Morgen nach der Unterredung mit Kurt wurde der Kaplan höchlichst überrascht durch einen Zettel, den der Diener des Grafen ihm überreichte. Er enthielt nur die wenigen Worte:

»Ich reise fürs erste nach Göhlitz – vielleicht ins Ausland, was sich in Göhlitz entscheiden wird. Jedenfalls hören Sie von mir Bestimmtes in den nächsten Tagen. Beten Sie für mich. K. D.«

23

Du armes Kind, im Zweifel bist
Du doch noch glücklicher gewesen.

Während dies alles sich zutrug, saß ein bleiches junges Mädchen am Krankenlager ihres Vaters, der, vom Schlage getroffen, bewußtlos darniederlag. Sie verließ diesen Platz, um im anstoßenden Gemach einen kleinen Buben zu trösten, der einsam und gelangweilt das Köpfchen an die Fensterscheiben legte und hinausschaute. »Ob denn Mama noch immer nicht wiederkommt?« fragte er. Nora nahm den Krauskopf, der des Vaters Züge trug und die geschwisterliche Aehnlichkeit mit ihr nicht verleugnen konnte, auf die Knie und tröstete ihn: wenn Papa genesen, werde sie wieder Zeit haben, mit ihm zu spielen; er solle jetzt nur artig und still sein; Mama sei auf einige Zeit verreist. Bei den letzten Worten stieg eine brennende Glut ihr auf die Wange.

Die Katastrophe war für Nora nicht ungeahnt gekommen. Sie hatte sie allmählich nahen sehen, indem sie mit tiefstem Widerwillen das immer kühner werdende freche Spiel der beiden beobachtete, das von der einen Seite Leichtsinn und Leidenschaft, von der anderen niedrige Berechnung und Rachsucht war.

Landolfos kühner Plan, Nora zu erringen und sich als Schwiegersohn des Direktors zum Teilhaber des Geschäftes und künftigen Nachfolger emporzuschwingen, war an Noras Zurückweisung jeder Annäherung von seiner Seite gescheitert. In ihrem Herzen wohnte nur ein Gedanke, und außerdem hatte sie gegen Landolfos Persönlichkeit eine unüberwindliche Abneigung; zugleich aber ahnte sie in ihm auch denjenigen, der durch seine Machinationen ihr Schicksal, wie es sich jetzt gestaltet, herbeigeführt hatte.

In Landolfos Brust aber kochte wegen der Vereitelung seiner Wünsche ein unsäglicher Haß, nicht allein gegen sie, sondern auch gegen den Direktor, den er trotz aller seiner Versprechungen im geheimen Einverständnis mit der Tochter glaubte. Durch die ernste Drohung, jegliche Teilnahme an dem Geschäfte aufzugeben, hatte nämlich Nora endlich vom Vater erlangt, daß er Landolfo alle ferneren Belästigungen seiner Tochter untersagte. Anfänglich nur, um Noras Eifersucht rege zu machen, hatte Landolfo begonnen, sich mit der Direktorin zu beschäftigen. Die eitele Frau fühlte sich sehr geschmeichelt von der Eroberung, die sie neben der gefeierten Schönheit ihrer Stieftochter gemacht. Ihr Leben war ohnedies ein sehr einförmiges geworden. Der Direktor, in der Gleichgültigkeit späterer Jahre und von seinem Geschäft in Anspruch genommen, kümmerte sich jetzt wenig um sie. Auch der Glanz des Bonner Lebens war vorüber, da man seit dem großen Vermögensverfall bedeutend sparsamer leben mußte. Sie entschädigte sich für das eingeschränktere Leben durch eine Rückkehr zu den früheren ungenierten Lebensgewohnheiten. Landolfo sah in dem leichtsinnigen Geschöpfe, das von seinen Huldigungen um so mehr berauscht war, als die Blütezeit bei ihr stark zur Neige ging, das Mittel zu einem neuen Plane. Bald wußte er die Direktorin so zu fesseln, daß sie nur noch ein gefügiges Werkzeug in seiner Hand war.

Der Direktor bemerkte, von anderen Dingen in Anspruch genommen, von alledem nichts. Landolfo hatte überdies seine Neigung zu starken Getränken so gefördert, daß er oft tagelang zu klarem Denken unfähig war.

Den geschäftlichen Teil des Unternehmens hatte Landolfo längst in Händen, und der Direktor setzte unbedingtes Zutrauen in ihn, obgleich bei Nora, die durch andere Mitglieder der Truppe aufmerksam gemacht worden, längst Mißtrauen aufgestiegen war.

Ihre Anspielungen bei dem Kaplan hatten auf diese Zustände, die sie mit immer größerem Ekel an ihrer Lebensstellung erfüllten, hingedeutet. Da aber ihre Andeutungen und ihre Warnungen bei dem Vater nichts fruchteten und nur zu Familienzwistigkeiten Anlaß gaben, indem er sie als Ausfluß ihrer Parteilichkeit gegen Landolfo ansah, blieb ihr nichts übrig, als die Augen zu schließen und die Sachen ihren traurigen Gang gehen zu lassen.

Landolfos Plan war durch Kurts Wiedererscheinen nur etwas schneller zur Reife gebracht worden. Nach den deutlichen Worten, die er von Degenthal gehört, ahnte er eine herannahende Familienkrisis, und alles, was er noch von der Zeit erhofft, gab er nun vollständig verloren. Er wollte jetzt bloß seinen Haß und seinen Vorteil verfolgen. Seine Veruntreuungen konnten sowieso nicht mehr lange verborgen bleiben, und er wußte, daß er die eigene Sicherheit am besten deckte, indem er den Direktor durch die Entführung seiner Frau so schwer in seiner Ehre kränkte. Den Stolz Karstens kannte er nur allzu gut und wußte, daß dieser lieber jede Einbuße tragen würde, als eine so schmachvolle Familienangelegenheit durch gerichtliche Verfolgung an die Oeffentlichkeit zu ziehen.

Landolfo hatte das schwache Weib bald gewonnen durch die Drohung der Entdeckung ihrer Mitwissenschaft an seinen Veruntreuungen einerseits und durch die lockenden Aussichten, die er ihr zeigte, anderseits. Die konkurrierende Gesellschaft werde die Ueberläufer aus dem feindlichen Lager mit großer Freude und nicht minder großen Gagen aufnehmen, versicherte er ihr. Ihre Leidenschaft, ihre Furcht, das Verlangen nach einem ungebundenen Leben besiegte selbst die Liebe zu ihrem Kinde. Nach einigen mächtigen Griffen in des Direktors Kasse suchte das Paar die Weite in der vom Oberkellner erzählten Weise.

Seiner Rache gegen Nora genügte Landolfo indessen noch dadurch, daß er entstellte Nachrichten, wobei die Persönlichkeiten verwechselt waren, in die Oeffentlichkeit warf und für deren rasche Verbreitung möglichst Sorge trug. Er war gewiß, daß er auf diese Weise am wirksamsten jede Einigung mit Kurt hintertreiben würde. Aus seiner Feder stammte auch der hämische Artikel, der mit seinem Gemisch von Wahrheit und Unwahrheit dunkle Schatten auf den Ruf Noras wie Kurts warf. Er hatte richtig erkannt, daß er seinem Rivalen damit den empfindlichsten und nachhaltigsten Streich versetzte. Glaubte nun das Publikum wenig oder viel davon, wurde der Irrtum früher oder später aufgeklärt, ganz verwischen ließ sich der Eindruck nicht.

Nora hatte an dem Tage eine heftige Szene mit ihrem Vater zu bestehen gehabt, da dieser durch Landolfo den Besuch Degenthals erfahren hatte. Sie hatte sich infolgedessen unfähig gefühlt, am Abend ihren Platz in der Vorstellung auszufüllen, und ihr Auftreten war abgesagt worden – ein Umstand, der später dazu beitrug, das Publikum in dem Irrtum über die Person der Entführten zu bestärken.

Sie hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen, ihre Gedanken nach all den Erregungen zu sammeln, als gegen Abend ein dumpfes Geräusch in dem anstoßenden Gemach sie aufschreckte. Als sie hineilte, fand sie ihren Vater bewußtlos daliegen, einen Zettel in der krampfhaft geballten Faust. Er war gekommen, seine Frau zur Vorstellung abzuholen, als der Portier ihm meldete, daß die eine der Damen schon mit Herrn Landolfo gefahren sei. Erstaunt eilte er zum Zimmer seiner Frau, wo er den Kleinen ruhig schlafend fand, aber alle Kisten und Kasten geöffnet und zum Teil geleert sah. Ein Brief, der absichtlich in die Augen fallend auf den Tisch gelegt worden war, sagte ihm mit wenigen kalten Worten einige Gemeinplätze wie »daß ihr Herz es nicht ertrage, vernachlässigt zu werden, und sich deshalb in die Arme wahrer Liebe rette; daß Fesseln, die er ihr anlege, ihren Künstlergeist drückten und sie dorthin gehe, wo ihr Talent besser gewürdigt werde.« Des Knaben möge er sich annehmen, hatte sie beigefügt, und an ihm gut machen, was er an der Mutter verschuldet, und solcher Phrasen mehr.

Ob der Direktor sie alle las, blieb ungewiß: ahnungslos wie er war, tagte ihm wohl erst langsam das Verständnis, faßte ihn dann aber mit um so größerer Wucht, da er nun den ganzen ungeheuren Betrug sah, der an ihm ausgeübt worden war. Die furchtbare Aufregung und den leidenschaftlichen Zorn, der bei der Entdeckung in ihm aufstieg, ertrug sein ohnedies überreiztes Nervensystem nicht, und ein Schlaganfall, aber schlimmer, wie er ihn schon einmal ereilt hatte, warf ihn im selben Augenblick nieder.

Nora brauchte wenig Zeit, sich klar zu machen, was vorgefallen sei. Ihr erster Gedanke war, das Zeugnis der Schmach, die dem Vater angetan, zu vernichten, noch ehe sie Hilfe herbeirief. Auch nachher ließ sie niemanden zu, als ihre eigene alte Dienerin und den Arzt, in dem fast krankhaften Gedanken, jedes größere Aufsehen zu vermeiden – als könne sie die Tatsache dadurch verbergen. Sie hatte gehofft, die Bewußtlosigkeit des Vaters sei nur vorübergehend; aber sie erkannte bald aus des Arztes Miene, daß viel Ernsteres zu fürchten sei.

Die ersten Tage vergingen in atemloser Spannung und unausgesetzter Pflege. Außer dieser Sorge traten aber auch bald andere Verwicklungen an sie heran. Durch die Erkrankung des Vaters und das Verschwinden Landolfos war die Truppe führerlos geworden, und bei der Massenhaftigkeit des Personals und der Größe des Unternehmens mußte ein ganz unhaltbarer Zustand eintreten.

Um in etwa den dadurch bedingten Unordnungen vorzubeugen oder sie wenigstens aufzuhalten, hatte Nora Geistesgegenwart genug, den Zustand des Vaters als wenigstens geistesklar darzustellen und wie von ihm ausgehend die Führung vorläufig in die Hände des ältesten Mitgliedes der Truppe zu legen, eines im Dienste ergrauten Mannes. Dies erwies sich für kurze Zeit als zweckentsprechend, da das Ganze im gleichmäßigen Schritt weiterging. Der alte Herr stand aber bald selbst vor Schwierigkeiten, die seine Kräfte überstiegen, indem nicht allein die Oberleitung täglich schwieriger wurde, sondern auch die großartigen Veruntreuungen Landolfos immer schreiender zutage traten. Da dieselben meist zurückgehaltene Gagen betrafen, verbreitete sich Unzufriedenheit und Mißtrauen unter den Mitgliedern der Truppe.

Einen wie kräftigen Geist Nora auch hatte, sie fühlte sich doch allein dem allen nicht gewachsen. Vergebens sann sie nach, Rat und Beistand zu finden, noch immer vor jedem Schritt zurückschreckend, der eine offizielle Einmischung zur Folge haben würde.

Dachte sie trotz allem, was auf sie eindrang, jenes Versprechens der »nächsten Tage«? Aber die nächsten Tage waren längst hin, und kein Zeichen von ihm war zu ihr gedrungen! Vielleicht war in der allgemeinen Verwirrung es nicht zu ihr gelangt? Sie schärfte ihrer Dienerin ein, etwaige Besuche ihr vor allem zu melden; sie erkundigte sich nach denen, die angefragt hatten: es waren nur wenige, ihr gleichgültige Namen.

Der Gedanke, in ihrer Ratlosigkeit an den Kaplan sich zu wenden, stieg wohl in ihr auf; aber ein Gefühl des Stolzes hielt sie zurück. Sie wollte auch die entfernteste Annäherung an die Degenthalsche Familie vermeiden. Eines Tages aber schlug ihr Herz hoch auf vor Freude, als ihr ein Besuch gemeldet ward: doch sah sie gleich darauf enttäuscht auf die Karte, die ihr gereicht wurde: sie zeigte einen anderen Namen, als den sie ersehnt.

»Baron Dahnow« – sie mußte sich erst auf den guten dicken Mecklenburger Baron besinnen, ehe sie ihn sich ins Gedächtnis zurückrufen konnte. Eben wollte sie seinen Besuch abweisen, als sie die mit Bleistift zugefügten Worte bemerkte: »Sollte Fräulein Nora Karsten des Rates und Beistandes bedürfen, so darf ein alter Bekannter sich dazu anbieten.«

Trotz der Enttäuschung fielen die Worte warm auf Noras Herz; denn sie hatte nach Rat und Beistand sich gesehnt. Es überkam sie schon ein Gefühl der Ruhe, als sie sich gleich darauf dieser ernsten, festen Gestalt gegenübersah, deren breite Stirn eine Kraft ausdrückte, als könne sie allen Verwicklungen entgegentreten, und deren scharfe kleine Augen durch alle Labyrinthe den Weg finden zu können schienen. Aber von ihren eigenen Gedanken erfüllt, sah sie nicht die mächtige Bewegung, die über die sonst so ruhigen Züge flog, als sie ihm entgegentrat.

Vielleicht um diese Bewegung zu verbergen, beugte er sich ehrfurchtsvoll über die Hand, die sich ihm bot, und führte sie an die Lippen.

Das Zeichen geselliger Achtung tat Nora wohl. »Wie soll ich Ihnen danken, Baron Dahnow?« sagte sie bewegt. »Wie konnten Sie ahnen, daß ich eines Rates und Beistandes bedürfe?«

Dahnows Aufschluß klang einfach. Bei seinem zufälligen Aufenthalt in Wien habe er von der schweren Erkrankung ihres Vaters gehört und deshalb sich beeilt, sich zu ihrer Verfügung zu stellen, wie es die Pflicht eines guten Freundes sei.

Die Wahrheit zu berichten, wäre umständlicher gewesen. Die Zeitungen hatten auch in seine nordische Heimat die Nachrichten über die Geschehnisse des Zirkus Karsten gebracht, als er sich eben damit beschäftigte, Erkundigungen über ihr Schicksal einzuziehen. Er hatte nämlich weder erfahren, was Kurts Verhältnis zu ihr gelöst habe, noch was aus ihr geworden sei.

Die Nachricht von den traurigen Ereignissen traf ihn daher ganz unvorbereitet, da sie ihn zuerst auch über Noras öffentliches Auftreten aufklärte. Das alles brachte den sonst so ruhigen Mann ganz aus der Fassung. Aber wie unerklärlich es ihm auch war, eines blieb ihm zweifellos: daß Nora schuldlos sei, daß nur das traurigste, schwerste Verhängnis sie dazu gezwungen haben könnte.

Die Angaben über Noras Flucht bezeichnete er kurzweg als »verdammte Lüge«; doch war die nächste Folge, daß er sich entschloß, sofort nach Wien zurückzukehren, um dort näheren Aufschluß zu suchen. Mit der ihm eigenen zähen Beharrlichkeit gelang es ihm nach vielen Mühen, nicht allein Nora aufzufinden, sondern auch über den Vorgang die Wahrheit zu erfahren; und sie erfüllte ihn mit stillem Triumph.

Jetzt saß er Nora gegenüber und ließ sich einen Einblick in die gegenwärtige Lage geben. Sein klares Verständnis fand sich bald darin zurecht. Er versprach ihr, sich mit einem tüchtigen Rechtsbeistand in Verbindung zu setzen, um ihr eine begründete Ansicht über die Sachlage mitteilen zu können.

Doch Nora bebte zaghaft davor zurück: »Nur nicht den Weg der Oeffentlichkeit betreten, nur nicht die Sache zum Tagesgespräch machen!«

Vielleicht war es das schlecht unterdrückte Erstaunen in Dahnows Antlitz, was sie zuerst darauf aufmerksam machte, daß ihre unglückliche Lage wohl schon längst der Oeffentlichkeit anheimgefallen sei. Es ist seltsam: der Mensch hat immer etwas vom Vogel Strauß – wenn er den Kopf unter die Flügel steckt, wähnt er, nicht gesehen zu werden.

Da ging es ihr auf wie ein neues Licht, und die Frage klang hastig und scharf: »Ist denn schon etwas davon in die Welt gedrungen?«

Dahnow schob beschwichtigend alles auf die Berühmtheit ihres Vaters und ihre eigene, gefeierte Persönlichkeit; er deutete an, wie falsch und wie täuschend die Gerüchte seien. »Auch hierin, auch diesmal?« fragte Nora wieder, und ihre Augen wurden ordentlich größer vor Unruhe. »Meinen Vater kann doch keine Schuld hierbei treffen?«

»Es fand nur eine Verwechslung der Persönlichkeiten statt,« sagte Dahnow verlegen. »Man nahm an … es war natürlich, die Anwesenheit des Kleinen machte es so unglaublich, daß die Mutter …«

»Eine Verwechslung!« wiederholte Nora. »O nein, es ist nicht möglich!« rief sie dann plötzlich, und Purpurröte bedeckte ihr Gesicht. »Glaubt man … glaubt man, ich sei es gewesen?«

»Zeitungsnachrichten sind so ungenau,« entschuldigte Dahnow.

»O, das muß berichtigt werden! Das muß berichtigt werden!« sagte Nora, in stiller Verzweiflung die Hände ringend.

»Es wurde schon einmal widerrufen in diesen Tagen,« sagte Dahnow. »Ich las den Artikel in dem bedeutendsten hiesigen Blatte.«

»Ach, es wird kaum mehr helfen!« klagte sie. »Was man über uns liest, glaubt gleich jeder.« Und die ersten heißen Tränen seit der Katastrophe flossen ihr über die Wangen.

»Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, der Wahrheit ihr Recht zu verschaffen,« sagte Dahnow. »Ich werde Sorge tragen, daß Ihr Name ganz frei dasteht.«

Er hielt Wort: schon in den nächsten Tagen brachten die Zeitungen seine kräftige, klare und unzweifelhafte Widerlegung, die besonders noch Noras Anwesenheit am Krankenbett des Vaters betonte.

Aber Nora hatte recht gehabt; das bedeutete jetzt nur wenig mehr. Man las es, wie solche Berichtigungen gelesen werden, mit d«m oberflächlichen, flüchtigen Blick, welcher uninteressanten Nachrichten gilt; denn ob die Frau oder die Tochter des Kunstreiters durchgegangen sei, war schon ganz gleichgültig geworden. Der Reiz des Augenblickes an der pikanten Geschichte war vorüber.

Und die wenigen Menschen, für welche einige Tage früher die falsche Nachricht ein Wendepunkt ihres Lebens geworden, gerade die lasen die Berichtigung nicht. Im Göhlitzer Kreis fand man jetzt keinen Genuß an der Durchsicht der Tagesblätter; wie in schweigendem Einverständnis ignorierte man sie möglichst, in der natürlichen Scheu, unangenehmen Andeutungen zu begegnen oder auch nur die widerwärtige Episode sich in Erinnerung zu bringen. Man war überdies in jener Erregung und vielseitigen Beschäftigung, die ein Familienereignis stets mit sich bringt, und in diesem Falle um so mehr, da es ein so ersehntes und doch ungeahntes war.

Lillys Gesicht strahlte vor Glück. Der Gräfin heißester Wunsch war in Erfüllung gegangen in dem Augenblicke, als sie ihn verloren gegeben: Kurts Verlobung mit seiner Cousine hatte noch an dem Tage stattgefunden, als er ebenso plötzlich wiederkehrte, wie er plötzlich abgereist war. Alle übelwollenden Stimmen waren dadurch wirksam zum Schweigen gebracht. In den Kreisen der Bekannten übertönte die neue Nachricht die Gerüchte, welche kaum Zeit gehabt hatten, festen Fuß zu fassen. Man lächelte zwar, man glaubte noch manches, zuckte die Achseln und gönnte sich kleine, beißende Bemerkungen – aber man gratulierte doch.

Der Kaplan war der einzige, der infolge seiner Schritte auch die Wahrheit über Nora bald erfahren und sie möglichst zur allgemeinen Kenntnis gebracht hatte. Aber unter den obwaltenden Umständen war es nicht tunlich, Kurt und die Seinen darüber aufzuklären, und er mußte dies auf einen geeigneteren Augenblick verschieben.

Dahnow nahm sich indessen auf das tätigste der Angelegenheit Noras an. Seiner Ansicht nach unterlag es keinem Zweifel, daß das günstigste für alle Teile sei, das Unternehmen sobald als möglich aufzugeben, das große Inventar zu versilbern und der Kinder Vermögen einer Vormundschaft unterzuordnen, da der Zustand Karstens im besten Falle ein längeres Siechtum in Aussicht stellte. Eine Uebersiedelung nach der Residenzstadt des norddeutschen Reiches, zu dessen Untertanen-Verband Karsten gehörte, würde die Geschäfte um ein Bedeutendes vereinfachen.

Noras Antlitz leuchtete auf, als sie einsehen durfte, daß nur Schaden aus der Fortführung des Geschäftes erwachsen könne; denn sie hatte gefürchtet, ihres Bruders Vorteil erheische es, während doch seine Jugend alle Gedanken an ihn als künftigen Nachfolger schwinden ließ. So lag plötzlich schon in ihrer Hand das Ende des Fadens, der ihr wenige Monate vorher so unabreißbar gedünkt. »Wie lange noch, wie lange noch?« hatte sie damals in bitterem Schmerz ausgerufen, nicht ahnend, was so bald kommen sollte – so bald, und doch, wie ihr Herz mit bitterem Schmerze sich eingestand, zu spät.

Dennoch stieg ein unüberwindlicher Widerwille in ihr auf gegen den Gedanken, jetzt Wien zu verlassen: Wien, wo sie ihn zuletzt gesehen, wo er versprochen, sie wieder aufzusuchen – die Gegend, die seine Heimat war, wo er in der Nähe weilte.

Eine unsägliche Sehnsucht und Unruhe ergriff sie. Er mußte ja kommen, er wollte ja kommen! Ungezwungen, ungerufen war er ja wieder zu ihr geeilt. Warum hatte er Aufklärung geheischt, wenn nicht eine Absicht dem zugrunde gelegen, wenn nicht die alte, unbezwingliche Liebe ihn dazu geführt? Hatte nicht aus jedem seiner Worte, selbst aus den zornigen, Liebe gesprochen? Und sie gedachte des Augenblickes, wo sie wieder in seinen Armen geruht, wo sie seine Lippen wieder auf ihrer Stirn gefühlt! Er mußte wiederkommen! … Nein, sie würde nichts mehr von ihm heischen. Sie wollte ihn ja jetzt nimmer an sich zu fesseln suchen … aber noch einmal sprechen, ihm alles, alles sagen … Sie suchte den alten Brief hervor, sie legte ihn bereit, daß sie ihm denselben gleich geben könne, damit er sehe und verstehe, wie schrecklich damals ihre Lage gewesen.

Der Brief lag tagelang bereit – aber Kurt kam nicht. Bange Ahnungen schlichen sich in Noras Sehnsucht ein. Hatten ihre Worte ihn vielleicht verletzt? War sie nicht deutlich genug gewesen in der Erregung des Wiedersehens? Hatten die Gerüchte ihn schon erreicht? Die Gerüchte – nein, für ihn konnten die Gerüchte nie einen Schatten von Wahrheit haben. Oder war er wieder von einer Krankheit niedergeworfen wie damals nach jenem Wiedersehen bei der nächtlichen Fahrt?

Die Spannung stieg von Tag zu Tag – doch, obgleich Wochen darüber vergingen, obgleich Dahnow fast täglich kam, und sie wußte, wie er mit Degenthal befreundet war, konnte sie ihre Zunge nicht zu der Frage zwingen.

Endlich siegte des Heizens Unruhe. Es war an einem Abend in der Dämmerstunde, die den deutlichen Blick in das Gesicht des anderen verhinderte.

Dahnow war gekommen, ihr Bericht zu erstatten, und erörterte die Frage der Uebersiedelung wieder. Da sprang das Wort gebieterisch auf die Lippen. Ob Baron Dahnow nicht vielleicht kürzlich von Graf Degenthal etwas gehört, fragte sie. Es sollte so gleichgültig klingen, und doch zitterte die Erregung aus jedem Ton.

Dahnow erbleichte. Er hatte seit Wochen diese Frage gefürchtet. Denn aus all den Gerüchten, aus all ihrer Unruhe hatte er doch entnommen, daß ihr Verhältnis zu Kurt noch ein bitteres Nachspiel gehabt und die neue Nachricht sie herb berühren würde. Auch er war jetzt froh über die Dämmerung, die den Blick nicht frei ließ; auch seine Antwort sollte gleichgültig klingen: Degenthal ginge es gut; er habe ihn vor einiger Zeit gesehen und nach seiner letzten Krankheit recht erholt gefunden; man hoffe viel für ihn von einem erneuerten Aufenthalt im Süden, wohin er mit seiner jungen Frau sofort abzureisen gedenke; in den nächsten Tagen schon werde die Hochzeit mit seiner Cousine stattfinden.

Es war gesagt. Dem biederen Mecklenburger ward es kalt auf der Stirn; sein Auge haftete fest am Boden, um nicht ihrem Blicke zu begegnen. – – – Kein Wort kam über ihre Lippen, kein Schrei, keine Träne, kein Seufzer. Es war eine lange, dumpfe Pause, eine jener Pausen, wo es einem ist, als könne man den Pulsschlag des anderen belauschen.

»Das hätte ich nicht gedacht,« sagte sie plötzlich, wie zu sich selbst. Das Herz greift zu den einfachsten Worten, wenn es am schwersten getroffen ist; aber in den Worten lag eine Welt von Enttäuschung … Wieder ward es still.

»Ich glaube, ich muß zum Vater,« sagte sie dann, sich erhebend. Ihr Auge schimmerte unheimlich aus dem todbleichen Gesichte, dessen Lippen selbst weiß schienen. Sie wandte sich zum Gehen; aber ihr Schritt schwankte so, daß sie sich am Tische stützen mußte.

Dahnow sprang auf, ihr zu helfen.

»Es ist nichts,« sagte sie. »Die Pflege hat mich angegriffen.« Und als sie jetzt mit fester Willenskraft den Kopf hob, trat die Aehnlichkeit mit ihrem Vater fast schroff zutage.

Dahnow sah sie angstvoll bittend an; die warme Teilnahme, die aus seinem Auge sprach, bewegte sie plötzlich. Weich zuckte es um ihren Mund wie bei dem Kinde, das weinen will. »Baron Dahnow,« sagte sie wie flehend, »sagen Sie: lauteten die falschen Gerüchte so glaubhaft?«

»Es war alles geschehen, um sie möglichst wahrscheinlich darzustellen,« sagte Dahnow leise.

»Aber Sie, woher wußten Sie denn, daß es unwahr sei?« sagte sie mit einem Anflug von Ungeduld.

»Weil ich Sie kannte, glaubte ich es einfach nicht,« sagte der ehrliche Mecklenburger in den schlichtesten Worten, aber mit zitternder Stimme; und dann griff er hastig zum Hut und verließ das Zimmer.

Nora bemerkte kaum, daß er gegangen. »Weil ich Sie kannte, glaubte ich es einfach nicht,« wiederholte sie. »O, und er … er hat alles geglaubt!« rief sie, ihr Gesicht mit den Händen bedeckend, und heiße Tränen rieselten zwischen den Fingern hindurch.

Mit der rechten Undankbarkeit eines ausschließlich liebenden Herzens hatte sie dabei keinen Gedanken für den, der so edles Vertrauen in sie gesetzt, sondern sie gedachte nur dessen, der ihr die Wunde geschlagen. »Er hat alles geglaubt … ich wollte, ich wäre tot.«

Baron Dahnow wanderte an dem Abend noch lange unruhig umher. Er mußte innerlich sehr heiß fühlen, da er nicht bemerkte, wie kalt der Herbstnebel sich auf ihn niederließ. »Sie liebte ihn noch,« sagte er sich immer wieder. »Sie liebt ihn heute noch, und wenn er sie zehnmal im Stiche ließ! Habe ich es nicht immer gesagt, daß er sie unglücklich machen würde? Aber gerade an diese Schwärmer, die heute so und morgen so sind, verschwenden sie ihre Liebe; als ob so einer nur wüßte, was lieben heißt.«

Dahnow schien sich das Zeugnis zu geben, daß er es wisse; jedenfalls wußte er das besser, als was gerade Zeit und Stunde sei – daran erinnerte ihn erst die Müdigkeit, die sich endlich geltend machte. Fröstelnd kehrte er in seinen Gasthof zurück; aber alle Behaglichkeit, die er sich angedeihen ließ, stellte sein inneres Gleichgewicht nicht her. Immer sah er das blasse, traurige Gesicht vor sich, immer hörte er die Worte wieder: Aber Sie, woher wußten Sie, daß es nicht wahr sei?

Unbehaglich war ihm selbst dann noch zumute, als er schon längst die Ruhe aufgesucht. Er huldigte der, wie viele es nennen, schlechten Gewohnheit, dann erst noch durch Lektüre seinen Geist zu beschwichtigen. Aber der Büchervorrat unter seinem Gepäck mußte ihm heute nicht das Rechte bieten. Die Kerzen an seinem Lager waren schon tief herabgebrannt, als er noch ungeduldig in seinem Lieblingsschriftsteller blätterte. Es war eine kleine Ausgabe des alten Goethe, die ihn stets begleitete; denn Baron Dahnow ließ auch auf Reisen nichts im Stiche, was ihm zur leiblichen oder geistigen Bequemlichkeit diente.

Endlich blieb er mitten im Götz von Berlichingen stecken. »Bei einem Mädchen, das vom Liebesunglück gebeizt, wird ein Eheantrag bald gar,« läßt der große Dichter den derben Sickingen von seiner sanften Maria sagen, mit mehr praktischer Weisheit als idealer Auffassung.

Hatte Dahnow gerade diese Stelle so lange gesucht? Und doch flog das Buch zur Seite; als sei es genug und übergenug, löschte er die Kerzen und schloß die Augen. Aber es mußten helle, freundliche Träume sein, die ihn heimsuchten; denn selbst im Schlafe blieb ein Lächeln auf den Lippen.

24

Jedem ward das Recht, zu lieben; glücklich
zu lieben – ist ein göttlich Geschenk, das
nur die Gnade erteilt.

Nora trug schwerer an dieser Enttäuschung als an den früheren Opfern. Von dem freiwilligen Entsagen bis zum völligen Vergessensein, ja bis zum Ersetztsein durch eine neue Liebe ist noch ein weiter Schritt. Nein, das hatte sie nicht gedacht! Es war eine Demütigung, tiefer, schmerzlicher als jene bittere Verachtung, die er ihr einmal bewiesen. Selbst aus der hatte noch ein Funken Liebe geleuchtet, Liebe, die nicht vergeben wollte, weil sie nicht vergessen konnte. Aber jetzt war der letzte Stern untergegangen, an dem ihre Liebe sich noch aufrichten konnte. So war es auch nicht der wilde Trotz von damals, der sich noch einmal geltend machte, sondern jene tiefe Lebensmüdigkeit, die sich über das Herz ausbreitet, wenn ihm nichts mehr zu erwarten, nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Glück und Liebe sind solche Lebenselemente der Jugend, daß, wenn ihr die genommen, jeder Atemzug überflüssig dünkt.

Mit dem Hoffen hört aber trotzdem das Empfinden nicht auf. Nicht umsonst war noch einmal in Nora die Leidenschaft erwacht. Bei dem Wiedersehen war an die Stelle der mehr träumerischen Liebe des Mädchens das ganze, volle Empfinden des Weibes getreten, und das erlöscht nicht mit einem Schlage, das tilgt sich nicht durch einen jähen Willensakt. Langsam glimmt es lange fort, wie die Kohle eines Feuers, und das Herz wird zur Schlacke oder zum Diamant dabei.

Nora mußte diese Zeit an dem Krankenbette des Vaters ausharren, der, eine mächtige Ruine, da lag, unfähig zum Gebrauche der Glieder, Gedanken und Worte nur schwer und unklar gestaltend. Es war ihr keine Erleichterung, daß er wenig eigentlicher Pflege, nur unablässiger Aufsicht bedurfte; denn für ihre tätige Natur war die müßige Ruhe dabei die härteste Prüfung. Aeußere Ruhe trägt sich schwer, wenn die innere fehlt.

In einer jener Stunden innerer Ratlosigkeit war es, daß sie ihrer alten, frommen Freundin schrieb:

»Jetzt beneide ich euch um euren ungestörten Frieden wie andere um ihr lebensvolles Glück! Warum durfte ich nicht der einen oder anderen Richtung angehören? Was habe ich getan, daß meine Liebe mit nur Leid brachte, mein Opfer mir alles kostete und nichts rettete? Ja, jetzt möchte ich mein Herz bei euch begraben, daß es in eurer Ruhe nichts mehr vom Leben empfinde.«

Die fromme Frau schrieb:

»Kind, hier ist kein Kirchhof; auch zum Entsagen gehört ein starkes, lebensvolles Herz. Wie Du einst uns nicht gewollt, würde ich jetzt Dich nicht wollen, hättest Du die Absicht, zu kommen. O, über uns törichte Menschenkinder, die wir am lautesten grollen, wenn der Herr uns das Leben gibt, wie wir es wünschten!

»Wolltest Du den Kampf nicht? Wolltest Du die Liebe nicht? Heute wie damals tadele ich Deine Wahl nicht. Der Mensch hat ein Recht, zu streben nach des Lebens Luft und Leid, und Du durftest ringen um das, was Deinem Herzen so wert erschien. Aber Du wußtest, daß es Kampf koste, daß der Ausgang zweifelhaft sei. Mit ihrem Weh hießest Du die Liebe willkommen. Was klagst Du jetzt? Ist der Herr karg gewesen? Er gab Dir des Lebens wechselnden Wogenschlag, er ließ Dich die Liebe in selten reichem Maße finden. Hast Du all die Stunden, die Dir so vom Glück überströmend schienen, schon vergessen? Selbst heute in Deinem tiefen Leid frage ich Dich: Möchtest Du aus Deinem Leben diese Zeit wirklich streichen? Möchtest Du auslöschen alles, was Du empfunden?

»Kind, Du konntest noch anderen Schiffbruch leiden auf den stürmischen Wellen! Danke dem Herrn, daß er Dir Deiner Seele Güter ließ. War Dir die irdische Liebe ein Schutzmittel dabei, so segne ich sie und weiß, warum sie Dir gesandt wurde, wie Du sicher einst verstehen wirst, wozu ihr Opfer von Dir gefordert ward. Erblicke in dem Opfer eine Schickung Gottes, Dir wie ihm auferlegt. Warum wolltest Du nach den vielen Beweisen, die Du von seiner Treue hattest, Dich in Bitterkeiten verzehren, anstatt an die höhere Lenkung zu glauben, gegen die der menschliche Wille nichts vermag? Dünkt Dir aber Dein Glück untergegangen, so vergiß nicht, daß die Liebe doch nur eine Art von Glück im Erdenleben ist. Aus jedem reinen Wollen und mutigen Wirken kann eine neue Freude uns erblühen, und Du weißt, vor Gottes Auge ist des Herzens Leidenschaft zu wenig, als daß wir unseres Lebens Aufgabe darin erblicken dürfen.«

Die ernste Nonne, die das schrieb, mußte mit ihren klugen Augen gut in einem Menschenherzen lesen können, daß sie den irdischen und himmlischen Trost so mischte.

Oft wiederholte sich Nora seitdem die Frage, ob sie auslöschen möge diese Zeit, hergeben das Glück für das Weh? Aber wie oft sie auch sich fragte, immer rief das Herz »Nein!« und flüsterten die Lippen »Nein!« Denn mächtig flutete die Erinnerung darüber hin an all die seligen Stunden, die sie genossen – und nicht arm, sondern reich kam sie sich dann wieder vor. Ja, und wohltuend empfand sie auch dies, daß noch einmal in den Zeilen ihrer zusammen gedacht war: »Eine Schickung, die dir wie ihm auferlegt.« Das nahm so leise den Stachel aus der Wunde, das lenkte so still auf die alte Liebe hin. Hatte sie ihm gegenüber nicht auch unerklärbar handeln müssen trotz ihrer Treue? Und von der irdischen Kränkung fort hob sie den Blick zur himmlischen Anordnung.

Der Winter ging indessen seinen Gang. Nora widerstrebte längst nicht mehr der Uebersiedelung in die norddeutsche Heimat; aber die Gesundheit des Direktors erlaubte sie noch immer nicht. Dahnow war schon dorthin gegangen, alle nötigen Geschäfte einzuleiten und die Auflösung der Zirkusgesellschaft in sichere, kundige Hände zu legen: alles Schritte, welche bei der Unfähigkeit Karstens, nur eine Willensmeinung kund zu geben, wie bei der Minderjährigkeit des Knaben und Noras Ansprüchen an einen Teil des Vermögens große geschäftliche Schwierigkeiten boten. Dahnow wußte dieselben mit seltener Tätigkeit und Aufopferung zu überwinden. Ob es geschäftlich nötig gewesen, daß er fast täglich Nora Bericht erstattete, mag dahingestellt bleiben. Aber Nora wurden allmählich die Briefe wirkliche Zerstreuung in ihrem einförmigen Leben, diese Briefe, die den anspruchslosen Charakter von Geschäftsbriefen trugen, und doch so viel mehr in sich schlossen. Die feinsten Nerven laufen in unseren Fingerspitzen zusammen, weshalb unsere feinsten Empfindungen wohl leicht in die Feder übergehen.

Frühling war es, als der Umzug endlich stattfand. Dahnow hatte für eine freundliche Wohnung vor der Stadt Sorge getragen, wo für den Direktor Luft und Ruhe zu finden war, jetzt für ihn die wichtigsten Lebensbedürfnisse. Der sinnige und praktische Geist des jungen Mannes hatte alles erdacht, die neue kleine Häuslichkeit wohnlich zu machen. Veilchen dufteten in allen Zimmern, Veilchen blühten in dem kleinen Gärtchen, welches die Wohnung umgab.

Die Aprilsonne ließ sich herab, den Augenblick der Ankunft freundlich zu beleuchten, und Dahnow, der die Ankommenden empfing, dachte unwillkürlich jenes ersten Sehens an einem Apriltage in Bonn. Ja, wechselnd wie Aprilwetter war ihr Leben gewesen, kurz und warm hatte des Glückes Sonne ihr geleuchtet, um so oft von Wolken bedeckt zu werden, um so jäh im Sturme unterzugehen. Und was würde der neue Wechsel ihr bringen?

Aber Noras Auge wurde heller, als sie die neue Heimat sah – ein Heim, ganz ihr eigen, wo zum erstenmal kein störendes Element eindringen sollte, wo zum erstenmal sie frei sein würde von dem Verhängnis, das in dem Berufe ihres Vaters lag.

Wie eine lange schwere Nacht war der Winter für sie gewesen, und wie man sich nach solcher Nacht des ersten grauenden Lichtes freut, wenn es auch nur einen trüben Tag ankündigen sollte, so atmete Nora auf in dem neuen Leben, der neuen Tätigkeit.

Die Geschäftsangelegenheiten hatten sich indessen leidlich abgewickelt. Trotz der großen Einbuße der letzten Jahre hatte sich mit dem Erlös des riesigen Inventars ein Vermögen ergeben, das dem Direktor und seinen Kindern, wenn auch keinen Reichtum, so doch ein ansehnliches Einkommen ließ.

Der Direktor schien die Umsiedelung kaum zu empfinden. Er war soweit hergestellt, daß er seine Körperkräfte wieder besaß und daß sein Bewußtsein teilweise zurückgekehrt war, aber doch nur als unklares, umnebeltes Verständnis. Still und in sich gekehrt saß er meist teilnahmlos da, oder er beschäftigte sich mit der Pflege des kleinen Gartens, der ihm große Freude zu machen schien.

Von dem jüngst Vergangenen war anscheinend keine Erinnerung vorhanden. Mit großer Sorge hatte Nora daran gedacht, wie er die Nachricht von der Auflösung seiner Truppe aufnehmen werde. Doch hörte er sie mit der größten Gleichgültigkeit an. »Helene hatte es immer gewünscht,« war das einzige, was er sagte. Sein Geist kehrte überhaupt nur zu jener Zeit zurück; es gab Tage, wo er Nora stets mit dem Namen ihrer Mutter anredete, nur als solche mit ihr verkehrte.

Den Namen seiner zweiten Frau nannte er nie; um den kleinen Knaben kümmerte er sich nicht. Nur einmal brach der Groll des beleidigten Mannes durch die Bande, in die sein Geist gefesselt schien. Der Kleine hatte, in natürlicher Erinnerung seiner ersten Eindrücke, mit seinem Pferdchen Kunstreiter gespielt und in Gegenwart des Vaters dabei den Namen Landolfos ausgesprochen. Unsägliche Wut verzerrte im selben Augenblick Karstens Züge; er stürzte auf das Kind zu, das Nora ihm kaum rasch genug entziehen konnte, zertrümmerte das Spielzeug mit schweren Tritten und verfiel so furchtbaren Zornesausbrüchen, daß er Stunden hindurch kaum zu bändigen und zu beschwichtigen war. Da war es das erstemal, daß Nora neben ihm niederkniete, daß sie furchtlos die geballten Fäuste in ihre Hände nahm und mit bebenden Lippen, aber ruhig und fest dem Vater Worte heiliger Ermahnung zusprach, ihm leise Gebete zuflüsterte, bis die wild rollenden Augen sich endlich in Ermüdung schlossen.

Was ihr einst so wichtig gedünkt: des Vaters Seele wiederzugewinnen, ihn aus der Gleichgültigkeit zu wecken, worin ein Leben, das jeder ernsteren Richtung fern lag, ihn gewiegt hatte – die Aufgabe war ihr untergegangen im eigenen Glück und im eigenen Schmerz. Nur für sich, nur für ihre Liebe hatte sie gelebt, gedacht und gebetet. Jetzt stand wieder die heilige Pflicht vor ihr, ernst mahnend, als habe sie das Wichtigste versäumt. Glücklich, wenn wir erst wieder etwas als wichtiger erkennen als den eigenen Schmerz; dann haben wir das beste Gegenmittel für ihn gefunden.

Aber der ernsten Aufgabe trat freundlich helfend auch noch anderes zur Seite. Das Leben kann uns nicht ganz finster dünken, wenn ein guter Mensch sich vornimmt, es uns möglichst freundlich und hell zu gestalten. Baron Dahnows ganzes Dichten und Trachten für Nora ging darauf hinaus. So war es anscheinend geringfügig und erwies sich doch als nachhaltige Erquickung, daß Nora zu ihrer großen Überraschung ihr Reitpferd wieder vorfand. Sie wollte es als überflüssig und kostspielig sofort abgeschafft wissen; aber Dahnow bestand mit dem Rechte der Bevormundung, das er sich bei der Führung der Geschäfte angeeignet, auf dessen Beibehaltung. Er behauptete so fest, daß es für ihre Gesundheit unerläßlich sei, hatte alles darauf Bezügliche so praktisch angeordnet, daß keine Einwendung möglich war. Seine Pferde seien so sehr der Bewegung bedürftig, seine Diener solche Tagediebe, daß es ein wahres Verdienst sei, wenn Nora etwa dieselben zu ihrer Begleitung in Anspruch nehmen wolle. Seine sorgliche Voraussicht bewährte sich auch. Wenn über Nora langsam die Erschlaffung sich breitete, die Folge jeden großen Schmerzes, dann war die freie Bewegung in frischer Luft, die ihre Kräfte anspannte und ihre Aufmerksamkeit heischte, das beste Gegenmittel.

Um jedes Aufsehen zu vermeiden, benutzte sie zu ihren Ausflügen die frühesten Morgenstunden, wo alles noch menschenleer war, und suchte sie die abgelegensten Wege auf. Daß ihr trotzdem dann öfter ein einsamer Reiter begegnete, der auch seine Morgenruhe in die Schanze geschlagen, schien ihr freundlicher Zufall, und sie gab ihm gern die Erlaubnis, an ihrer Seite zu bleiben: der bescheidene Lohn, den Dahnow sich für seine gute Einrichtung zukommen ließ. Es ritt sich so traulich zusammen die stillen Wege in den frischen, grünenden Anlagen, die ihre volle Frühlingspracht entwickelten – das waren die Stunden, wo wieder neuer Glanz in Noras Auge, neue Farbe auf ihre Wange kam. War es Dahnow zu verdenken, daß auch ihm, wenn er ringsum all das neu erstehende Leben sah, mit dem frischen Hoffnungsgrün die Hoffnung ins Herz zog? Was der Natur so leicht, sollte es dem Menschenherzen unmöglich sein? Sollte der Liebe nicht auch ein neuer Tag erstehen können?

Aber was er auch dachte und empfand, kein Wort störte Noras ruhige Sicherheit, noch berührte er jemals die Vergangenheit. Klemens Dahnow hatte die seltene Gabe, sich den Stimmungen der Menschen anzupassen, sodaß seine Gegenwart nie störend wirkte. Nora empfand das bei ihrem jetzigen Verkehr mit ihm sehr wohltuend; wie früher seine Briefe, so war jetzt sein Besuch das einzige Ereignis in ihren einförmigen Tagen.

Innerlich noch zu stumpf, alle die Aufmerksamkeiten zu ermessen, mit denen er so einfach sie zu umgeben wußte, als sei es das Natürlichste von der Welt, empfand sie doch dankbar seine Fürsorge und schätzte seine Unterhaltung. War er auch fremd auf manchem Gebiete, dessen Berührung ihr jetzt wohlgetan hätte, so war seine Unterhaltung doch die eines treuen Freundes, eines kenntnisreichen Mannes. Daß er ihrer Mutter Heimatland fern über dem Meere gründlich kennen gelernt, weckte zumeist ihr Interesse. Es ist unserem Geiste oft ein kleiner Anstoß nötig, um wieder in die rechte Schwingung zu kommen, nachdem eine mächtige Erschütterung ihn gleichsam stillstehen hieß: ihrer Mutter Heimatland – das weckte einen ganz neuen Ideenkreis.

Aber trotzdem Dahnow ihres Umganges auf diese einfache, ungezwungene Art genoß, trotzdem sie ihm stets bewies, wie willkommen er ihr war, und er oft der Worte des derben Sickingen gedachte, ward doch der Frühling zum Sommer, und dieser ging wieder in den Herbst über, ehe er den Mut gefunden hatte, die kühne Schlußfolgerung des Ritters geltend zu machen. Grüßten ihn Noras Augen allzu unbefangen, streckte sich ihm die Hand zu leicht entgegen?

Seine wissenschaftlichen Interessen vorschützend, hatte er sich ganz in der Hauptstadt niedergelassen. Seine Bekannten staunten, daß er selbst den heißen, staubigen Sommer dort weilte; aber er gab an, die Tropensonne habe ihn abgehärtet. Die Wissenschaft hatte anscheinend einen eifrigen Jünger an ihm gewonnen.

War Nora noch so sehr mit sich beschäftigt gewesen, daß sie nichts ahnte von dem, was im Herzen Dahnows vorging? Genug, sie erschrak, als eines Tages das gewichtige Wort über seine Lippen ging, als er ihr alles das bot, was der Mann dem Weibe bieten kann, das er liebt. Und er war wohl ein Mann, der eines Weibes Herz rühren konnte – wie er jetzt vor ihr stand, so männlich ernst, so tief bewegt – als sich alles das Bahn brach, was er seit Jahren tief verschlossen im Innern getragen hatte.

Aber nur der Schrecken, den sie empfand, sprach aus Ihren Augen. Riesengroß stiegen alle Bedenken vor ihr auf, und sie ließ ihm keine Zeit, auszureden. »Ihr Ruf, dem so viel anklebe vor der Welt,« – Dahnow lächelte nur. »Die Religion, die sie trenne,« – wie ernst versuchte er dies Bedenken mit festen Versprechungen zu ebnen, obgleich sie den Kopf dazu schüttelte. »Der Vater, der ihrer bedürfe, der Kleine, der so verlassen sei« – und sie sprach von der Freundschaft, die so schön sei und ihr so teuer, die durch jede andere Andeutung nur gestört werde. Sie wußte soviel über sein Leben zu sagen, das sich so reich ihm darbiete, von der Wissenschaft, die es ausfülle, und von allem, was ihm werden könne; so unendlich gute, herzliche Wünsche und Versicherungen! Der Mensch ist nie beredter, als wenn er »Nein« sagen will.

Dahnow hörte sie ruhig an. Er sah ihren Blick angstvoll auf sich gerichtet, als fürchte sie, den letzten Freund zu verlieren; aber er sah auch, daß kein Strahl darin wohne für das, was er erhofft. Hatte er dennoch zu früh geredet? War die Erinnerung noch nicht ausgeheilt? Dahnow war ein geduldiger Mann; er konnte warten. Vielleicht mußte sie sich an den Gedanken einer neuen Liebe erst allmählich gewöhnen.

»Lassen Sie alles sein, als sei nichts gesagt,« sagte er einfach.

Noras Hand legte sich so hastig, so zutrauensvoll zugleich in die seinige, daß er mit einem bitteren Gefühl erkannte, wie leicht sie das Gesagte vergessen könne, wie froh sie sei, es vergessen zu dürfen.

Dahnow kam nach wie vor und nahm seinen Platz in dem kleinen Kreise ein. Die Winterabende hindurch unterhielt er den Direktor, dessen Erinnerungen er geschickt zu wecken wußte, oder spielte lange Dominospiele, welche ihm die trägen Stunden vertrieben. Den Kleinen schaukelte er auf den Knien und erzählte ihm drollige Geschichten, immer drolliger, als er gewahrte, wie in des Buben Lachen auch Noras Stimme sich oft mischte. Ihr selbst brachte er an Büchern und Kunstwerken, was er ersinnen konnte, das Gemüt aufzuheitern, den Geist anzuregen. Nora erfrischte dies wirklich, und sie versenkte sich hinein. Wenn das Herz, seine vielfordernde Herrschaft aufgegeben, dann ist es oft, als ob der Geist die Herrschaft antrete und sein Reich beginne. Nur auf dürftigem Boden kann nicht Neues wieder Wurzel fassen; je reicher die Natur ist, um so leichter wirkt alles wieder auf sie ein.

Und wie süß auch der Reiz der ersten Jugend, der frischen Unbefangenheit, so ist doch fast größer noch der Zauber des verständnisvollen Weibes, das des Mannes Gedanken zu folgen vermag.

Dahnow empfand dies, wenn er sich ihr gegenüber sah. Nie war sie ihm so schön erschienen wie jetzt, wo der Schmerz aus dem Antlitz zu weichen begann und die ruhige Klarheit sich darüber ausbreitete, die dem Sturme folgte.

Er empfand es, wenn er sie anmutig in ihrem Kreise walten sah; ob sie mit des Vaters Pflege, beschäftigt war, ob sie den Knaben unter ihrer Obhut hielt, oder der Sorge ihrer kleinen Häuslichkeit Vorstand, immer geschah es mit der Ruhe, welche richtiges Verständnis und selbstlose Hingabe an die Sache uns gibt – Ruhe, die für Baron Dahnow solchen Zauber hatte.

Trotz allem Zauber aber, oder vielleicht gerade wegen dessen, kam ein Tag wo plötzlich die eigene Ruhe ihn verließ. »Ich kann nicht mehr kommen,« sagte er mit klangloser Stimme und erhob sich, zu gehen ohne weiteren Gruß und Abschied.

Nora sprang auf als müsse sie den Freund halten, als müsse sie ihn zurückrufen – aber dann blieb sie wie angewurzelt stehen, die Hand auf das klopfende Herz gelegt, wie um seinen Schlag zu prüfen.

Ruhig setzte sie sich endlich wieder nieder; sie hatte kein Recht dazu, ihn an ihr Schicksal zu bannen, ihn, dem sie für alles nichts zu bieten gehabt hätte, für den kein Laut in ihrem Herzen sprach. War sie denn so befriedigt von ihrem jetzigen Leben? Ach, es kostete ihr einen Seufzer, ihn missen zu sollen – den einzigen Freund, den sie zählte.

Dahnow war gegangen. Vielleicht hatte er dennoch erwartet, daß Nora ihn zurückrufe, hatte gehofft, daß ihm noch einmal Gelegenheit werde, ihre Bedenken zu bekämpfen.

Die Freunde sahen in jener Zeit, daß, wenn die Tropensonne ihn für unser sommerliches Klima abgehärtet, sie ihn jedenfalls verweichlicht hatte für die nordische Wintertemperatur – so angegriffen sah der Dicke aus, so verändert in den wenigen kalten Monaten. Man riet ihm ernstlich, wieder wärmere Luft aufzusuchen.

Dahnow sagte nicht nein dazu und schnallte sein Reisebündel, ehe noch Aussicht war auf den infamen »Frühlingswind«, dem entgehen zu wollen er vorgab.

Seine Brüder meinten zwar, er solle sich lieber eine vernünftige Häuslichkeit gründen; bei einer netten Frau würden ihm all die Klimaflausen vergehen. Aber eine seiner Schwestern, die eine ganze Schar Sprößlinge zählte und mit mütterlicher Voraussicht den Onkel ansah, meinte, »es sei ja nicht für jedermann nötig, zu heiraten, und daß Klemens so gar keinen Sinn dafür habe, könne man ihm doch längst anmerken. Man solle ihn doch leben lassen, wie er Lust hätte … wenn er nur nicht gerade wieder über die See gehen wollte!«

Ueber die See ging Dahnow freilich nicht. Auch die unerwiderte Liebe behält einen magnetischen Einfluß, die den Raum ermißt, der sich zwischen uns und den geliebten Gegenstand legt.

In Karstens Wohnung ward es um vieles stiller seit Dahnows Scheiden. Der Freund hatte den kleinen Kreis erheitert und belebt. Nora sah sich genötigt, mehr wie je aus sich herauszutreten, um Vater und Bruder den Verlust in etwa zu ersetzen. Heiterkeit, die wir zugunsten anderer heraufbeschwören, hat eine eigene Rückwirkung. Das frohe Wort, das wir mühsam ersonnen, klingt allmählich auch in uns an, und das Lächeln, das wir bei anderen hervorriefen, stiehlt sich auch auf unsere Lippen.

Die Tage reihten sich in stiller Folge aneinander. Als abermals der Sommer in den Herbst übergegangen war, konnte Nora sich nicht verhehlen, daß des Vaters Kräfte anfingen zu schwinden. Aber mit der Abnahme der körperlichen Gesundheit kehrte die geistige in ihn zurück. Sein Sinn ward klarer, sein Gedächtnis belebte sich, und es war, als ob sein Gefühl wieder erwärme. Er war dem Einfluß Noras zugänglicher, und seine Gedanken wandten sich dem Höheren zu.

Eines Tages sprach er den Wunsch nach einem Geistlichen aus. Als Nora in inniger Freude darüber einen Kuß auf seine Stirne drückte, legte er lächelnd die Hand auf ihren Scheitel.

»Ihr Frauen siegt immer zuletzt; ihr macht den leichtlebigen Kunstreiter noch zum frommen Manne. Deine Mutter zuerst … und dann du, mein Kind … Ja, hätte ich im Irdischen und im Geistlichen Helenas Rat befolgt … ein anderer Mann wäre ich geworden. Kind, sein Schicksal kann der Mann sich schaffen, aber dem Einfluß, den es auf ihn übt, muß er unterliegen: es schafft ihn um. Für dich, mein Kind, waren die Folgen am schwersten … Nein,« fuhr er fort, als Noras Hand ihm den Mund schließen wollte, »laß mich reden! Es hat mir im Kopf gelegen und am Herzen genagt seitdem, wenn ich auch keine Worte dafür finden konnte. Dein Lebensglück habe ich zerstört; es wäre anders gekommen ohne meinen eigensüchtigen Willen. Aber sage, habe ich es geträumt, oder ist es wahr; ist er nicht trotzdem einst zu dir zurückgekehrt?«

»Ja, ja, er kam, er war da,« flüsterte Nora, und ihr Auge strahlte dabei, ein Gefühl von Seligkeit durchzog ihr Herz, als sei kein Schmerz damit verbunden gewesen.

»Warum blieb er nicht?« fragte der Alte, die Stirn runzelnd.

»Mißverständnisse,« sagte, Nora leise. »Vater, es hätte ja doch nimmermehr sein können … es ist besser so.«

Karsten sah auf sein Kind nieder. So schön, so edel, so rein: warum sollte sie nicht noch jedes Platzes würdig sein? »Und was hindert daran, die Mißverständnisse auszugleichen? Ihr steht noch in der Blüte eures Lebens, für Glück ist es nie zu spät. Was ward aus ihm, wo ist er?« fragte er, belebt von dem Gedanken.

»Er ist langst verheiratet, Vater!« flüsterte Nora, und wider ihren Willen stieg dunkle Röte auf ihre Stirn bei dem Geständnis. »Ich sage dir, Vater, es konnte nicht anders sein,« setzte sie hinzu, als wollte sie jeden Schatten des Tadels von dem Geliebten fernhalten.

Der Vater sah traurig vor sich nieder. »Mein armes Kind,« sagte er nur, sie zärtlich an sich ziehend, und sie barg den Kopf an seiner Schulter.

Plötzlich aber schob er sie leise zurück. »Und der anders … wo ist der geblieben? Weißt du, Nora, der Dicke, der im vorigen Winter so oft kam. Ich konnte nicht denken in der Zeit: es tat mir im Gehirn weh. Aber ich entsinne mich, daß er fast täglich hier war. Er kam doch wohl nicht, um mich armen simplen Mann zu besuchen, wie freundlich er mich auch anhörte. Warum kommt er schon so lange nicht mehr? Hast du ihn fortgeschickt, Nora?«

»Laß mich bei dir bleiben, Papa,« flüsterte Nora. »Nur bei dir habe ich jetzt Trost.«

Der Alte schüttelte mißvergnügt den Kopf. »Ich bleibe vielleicht nicht mehr lange bei dir,« sagte er. »Er war ein guter Mann, Nora, eine treue Hand, ein braves Herz. Es wäre mir ein großer Trost, dich nicht allein zurückzulassen.«

»Laß es kommen, wie Gott es fügt,« sagte Nora. »Auch hier waren ernste Bedenken.« »Ja, du bist und bleibst des Kunstreiters Kind,« bemerkte er bitter, »das nirgends Wurzel fassen kann, nirgends hinpaßt.«

»Noch,« sagte sie, »es gibt einen Raum, da fragt man nicht, was man war, noch was man ist … nur was man tun will für ein hohes Ziel. Vielleicht lenkt der Herr dorthin meinen Sinn, wenn es mir auch noch nicht klar ist.«

»Das verstehe ich nicht recht,« gab er etwas geärgert zurück. »Aber tue, was dir gut dünkt; mein Rat hat dir genug geschadet. Doch höre: ehe es mit mir abwärts gehen sollte, rufe, den Kaplan herbei … du weißt schon, wen ich meine: der einst am Sterbebett deiner Mutter gestanden hat. Er mag auch mir es erleichtern! Das letztemal, als ich ihn sah, habe ich ihn nicht gut behandelt; er kam mir wie ein Mahner vor, der wegen deiner mich an Helenas Willen erinnern wollte … und das konnte ich nicht ertragen. Es sah damals schlecht mit mir aus, aber ich denke, er wird mir verzeihen. Auch wegen des Buben muß ich mit ihm reden, daß er mir seinen Rat gibt, damit er nur nicht den Menschen in die Klauen fällt! Nicht in ihre Klauen!« wiederholte er, und die Zähne preßten sich knirschend aufeinander. »Aber ich will in Frieden auch mit ihnen scheiden. Nora, wenn ich nicht mehr bin, kannst du seiner Mutter meine Verzeihung schreiben. Sie hat die geringste Schuld. Helene hat recht behalten: ist die leichte Sitte erst in uns großgezogen, was schützt dann? Daß du nicht so wurdest, war nicht mein Verdienst.«

»Auch ihm,« fuhr er nach einer Pause fort, »verzeih ich seine Schufterei. Sein Arm hat mich einmal vor dem Versinken gerettet, und, weiß Gott, jetzt hat mich sein elender Streich vielleicht vor noch schlimmerem Untergehen bewahrt. Nora, der Streich hat mich dir wiedergegeben. O, was wäre aus mir geworden, hättest du mir nicht zur Seite gestanden! Du hattest recht, eben zu sagen, es sei gut, daß alles so gekommen. Mit ihm, mit dem, der dich in so ganz andere Lebenskreise geführt hätte, wärest du mir ganz fremd geworden, ganz fremd. Aber jetzt ist keine Kluft zwischen uns … du bist mir Trost, Halt und Rettung geworden, in besserem Sinne, als ich einst dachte … Kind, deine Mutter hat dich mir gelassen!«

»Ja, es ist gut so,« sagte Nora leise, obgleich ihr Herz noch einmal rebellisch schlug bei der Erinnerung; aber ihr Haupt schmiegte sich an des Vaters Wange, ihr Arm umschlang ihn, eine seltene, wohltuende Befriedigung stahl sich in ihr Herz. Sie wußte ja nun, wozu ihr das Opfer auferlegt worden, und sah, was für Früchte es getragen hatte.

Schön und innig, wie in dieser Stunde, blieb das Verhältnis zwischen Vater und Tochter, eine Wiederkehr jener Zeit, wo Helenas Einfluß neben ihm gewaltet und in frommer Liebe gesucht hatte, seine Seele zu gewinnen. Jetzt sehnte er sich selbst nach jedem geistlichen Trost, und Nora stand ihm nicht weniger liebreich und noch selbstloser zur Seite als damals die Mutter.

Schön war es auch in jener Stunde, als der unruhige Abenteurer, der Mann des fahrenden Lebens, sich zur letzten Ruhe legte und sanft in den Armen seines Kindes entschlief, das ihm ganz angehört hatte, ganz angehört infolge jener einen opferwilligen Tat, durch die er sie aufzugeben wähnte, nur um der Mutter sein Wort zu halten.

Heiliger Friede und warme Liebe legte sich hell auf seine letzten Tage, wohl um des besseren Ich willen, das er sich durch alle seltsamen Pfade seines Lebens gerettet hatte.

Wie Karsten es gewünscht, war der Kaplan zu ihm herübergekommen; er hatte auf Noras Bitte keinen Augenblick gezögert und erwies sich als treuer, teilnehmender Freund. Alfred Karstens letzte Worte an ihn galten, wie einst die Helenas, der Anempfehlung seiner Tochter, die fast ebenso schutzlos wie damals zurückblieb.

Auf Grund dieser Vollmacht des Vaters fragte nun der Kaplan wenige Tage, nachdem alles beendet, sie nach ihren ferneren Absichten.

Nora hatte eben einen Brief erhalten, in den sie einige Augenblicke ganz versenkt schien. Als sie ihr Auge erhob, hing eine Träne an der Wimper, aber ihr Blick war klar und fest.

»Dieser Brief könnte leicht und einfach die Frage lösen,« sagte sie. »Sie glauben nicht, welch einen Schatz edler Liebe und Treue er enthält!«

»Von Baron Dahnow?« fragte der Kaplan, und eine gewisse Unruhe lag im Ton seiner Stimme.

»Ja,« sagte sie ruhig, »von Baron Dahnow, der von der Krankheit meines Vaters gehört hat und für den jetzt eingetretenen traurigen Fall in selbstloser Liebe mir Schutz, Schirm und Halt werden will, seinen Namen und seine Hand mir bietet, unbekümmert um alles, was mir anhaftet.«

»Es ist ein edles Anerbieten, seinem edlen Charakter entsprechend,« sagte der Kaplan. »Wäre nur nicht zu erwägen …« er hielt inne, wie im inneren Zwiespalt. Was war in Noras schutzloser Lage, bei ihrer zweifelhaften Stellung anzuraten? Eine Ehe mit einem so braven, gewissenhaften Manne, wie Baron Dahnow war, bot sichere Zuflucht, viele Garantien.

»Nein,« sagte sie entschieden, »es ist nichts zu erwägen. Aber es ist gut, wenn man durch eine solche Anfrage sich selber klar wird. Alles das, wonach ich mich einst gesehnt, lockt mich nicht mehr. Der Baum, dem der Sturm das Herzblatt geknickt, bildet kein neues, aber er verdorrt auch nicht, Gott sei Dank, sondern breitet sich dann aus in viele Zweige.« Sie sprach leise, sinnend, wie zu sich selbst.

»Ich verstehe nicht recht, wie Sie das meinen,« sagte der Geistliche. »Es gibt selbstlose Herzen, die sich damit begnügen, Liebe zu geben, ohne sie in dem Maße zurückzufordern, und gerade für ein Frauenherz ist das oft beglückender, als einem einzigen Gefühle nachzutrauern … wäre nicht das eine Bedenken …«

»Ich danke Gott für das Bedenken,« unterbrach sie ihn. »Wäre dies Hindernis nicht, welches als ernste Pflicht sich dazwischenstellt, o, dann könnte ich ja nicht anders, als solche Treue und Hingebung belohnen; dann würde ein Leben nicht genügen, sie ihm zu danken … aber so, kaum die innigste Liebe vermag ja diese religiöse Kluft auszufüllen, … nein, ich will keinen neuen Zwiespalt heraufbeschwören.«

»Und doch,« sagte der Kaplan traurig, weil ihn die Pflicht hinderte, zuzuraten, »es wäre ein solcher Trost gewesen, Sie in einem Hafen glücklich geborgen zu wissen.«

Sie hob mit träumerischem Blick das schöne Haupt. »Einen Hafen …« wiederholte sie. »Ja, eine Ehe wie diese wäre ein stiller, abgeschlossener Hafen. Glauben Sie aber gewiß, daß es mein Glück sein würde? Ich bin meines Vaters echte Tochter, habe rastloses Blut in den Adern, und das will ringen und streben. Habe ich für irdische Wünsche es tun wollen … lassen Sie mich jetzt für bessere Güter, für das höchste Leben es tun.«

»Fassen Sie keine krankhaften Entschlüsse,« warnte der Kaplan fast ängstlich. »Hat das Herz eine Täuschung erlebt, so wähnt es oft mit dem Leben abschließen zu können.«

»Aber ich will nicht damit abschließen,« sagte sie, und etwas wie ein Lächeln spielte um ihre Lippen. »Nein, ich will erst recht von neuem zu leben beginnen! Die Zeit ist vorüber, wo ich mein Herz hätte in der Stille begraben mögen; jetzt mag es nur nicht feiern, es verlangt nach neuen Aufgaben. Glauben Sie nicht, daß der Herr mir noch Mut und Kräfte zu vieler Arbeit gelassen hat?«

Sie erhob sich und stand vor ihm – ein Weib in der vollen Schöne der Höhe ihres Lebens – aus ihrem Auge strahlte warme Begeisterung, die wahrlich nicht von Lebensmüdigkeit sprach.

»Und dieser?« Der Kaplan blickte zu dem Knaben hin, der in einiger Entfernung stand.

«Ja, gegen ihn habe ich die erste Pflicht, und ich werde sie auch zuerst zu erfüllen suchen. Ich muß ihm eine neue Heimat gründen jenseits des Ozeans, bei den Verwandten meiner Mutter. Er soll keines Schutzes, keiner Liebe entbehren. Es wird besser für ihn sein; dort wird seine Zukunft leichter sich gestalten lassen als hierzulande, und auch für mich eröffnet sich dort wohl später ein Feld des Wirkens. Seit Baron Dahnows Erzählungen zieht es mich mächtig nach der Neuen Welt, wo noch viele Kräfte fehlen, für den Herrn zu arbeiten. Aber das liegt in weiter Ferne. Sie, mein erster Freund, helfen Sie mir jetzt zu unserer Übersiedelung dorthin, zu dieser neuen Wendung in meinem Leben, wie Sie damals auch meine erste Übersiedelung zu neuen Verhältnissen leiteten.«

Der Kaplan reichte ihr die Hand. »Sie haben sich viele Aufgaben gesetzt. Zum drittenmal wählen Sie Ringen und Streben statt der Ruhe, … der Herr führt Sie seltsam! Ihre Mutter hatte nur Ihr Heil im Auge, und ihr Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen. Sie scheinen nur noch diesen Weg suchen zu wollen… des Herrn Segen sei mit Ihnen! Ihr Glück wurde hart zerstört,« setzte er hinzu, zum erstenmal auf das anspielend, was bis jetzt unausgesprochen geblieben.

»Nur ein Glück,« gab sie mild zurück. »Es gibt noch mehr zu schaffen als einen Liebesmai.«

Wenige Zeit später traf in einem süddeutschen Gebirgsorte, aus dem Süden kommend, ein junges Ehepaar ein. Die Frau richtete ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf den erst wenige Monate alten Sprößling, der, in Italiens weicher Luft geboren, hier eine Übergangsstation durchmachen sollte, um sich an die rauhere deutsche Heimat zu gewöhnen.

Der Herr schien gelangweilt von der ausschließlichen Sorge, die seine Frau dem Kinde widmete, welche anscheinend gar keinen anderen Gedanken mehr in ihr aufkommen ließ. Trotz aller Vaterfreude nahm er deshalb, sobald er konnte, die Gelegenheit wahr, sie sich selbst zu überlassen, und begab sich auf die Terrasse hinaus, von wo in dem Lichte des milden Sommerabends die Berge wie in Rosenduft getaucht sich ausnahmen. Seine Aufmerksamkeit war bald auf einen zweiten Besucher der Terrasse gelenkt, der in einiger Entfernung von ihm Platz genommen hatte und ihm den Rücken zuwandte. Etwas in Figur und Stellung desselben erschien ihm so bekannt, daß er sich ihm schon näherte; aber dann hielt er wieder zweifelnd inne. »Bist du es, oder bist du es nicht?« sagte er endlich, mit raschem Entschluß herantretend. »Dahnow! Wahrlich, du kannst jetzt inkognito reisen, soviel Taille hast du bekommen! Wie freue ich mich, dich zu sehen!«

»Ah, du, Degenthal!« sagte der jetzt Angeredete, ihm langsam das Gesicht zuwendend, aber mit einer Stimme, die keine Freude verriet.

»Ja,, ich … auf der Heimkehr nach drei Jahren … mit Weib und Kind,« setzte er, das letztere betonend, hinzu. »Ein prächtiger Junge, sag ich dir! Aber was ist dir, Freund, wie siehst du aus?« fuhr er fort, befremdet durch Dahnows Gesichtsausdruck.

»Vielleicht wie jemand, der eben seinen dritten Korb erhielt,« sagte Dahnow bitter, einen Brief, den er in der Hand gehalten, in die Tasche schiebend.

»Einen Korb … Dahnow, du? Du, der prächtige, liebe Mensch? Der reiche, vielumworbene Mann? unmöglich … von wem?«

»Von Nora Karsten!« sagte Dahnow, rücksichtslos dem Jugendfreunde den Namen entgegenschleudernd und dabei feindlich ihn anschauend. Es war ein unglückliches Zusammentreffen, denjenigen anscheinend froh und befriedigt vor sich zu sehen, um deswillen man verschmäht ist. »Von Nora!« wiederholte er. »Der, dem die Perle gehörte, der ließ sie im Staube liegen … und für keine andere Hand scheint sie greifbar zu sein.« »Von Nora Karsten?« stammelte Degenthal, zurückweichend. »Sie, die mit jenem Landolfo …«

»Bequem zu glauben für den, der es glauben wollte,« sagte Dahnow herb und wandte ihm ohne ein weiteres Wort den Rücken.

Aber Degenthal faßte ihn krampfhaft bei der Schulter.

»Was war zu glauben? Was meinst du? Was war nicht wahr?«

»Die gröbste, durchsichtigste Lüge der Welt: daß das Mädchen mit jenem Schuft sich sollte geeint haben! Ein solches Wesen und der gemeine Hund!« brauste Dahnow auf. »Wer so etwas glauben konnte, hat es gern glauben wollen! Wenn du es noch nicht weißt, will ich es dir sagen: ihre Stiefmutter war es, die mit dem Patron davonlief, Mann und Kind im Stiche lassend, wie es so leichter Sorte Art ist. Um sich's bequemer zu machen und an ihr sich zu rächen, ließ das saubere Paar die Nachricht unter des armen Mädchens Namen verbreiten … und es ist ja recht tapfer geglaubt worden!«

»Unmöglich!« rang es sich aus Degenthals Brust. »Unmöglich! Mit meinen eigenen Augen …«

»Lasest du vielleicht, was ich gelesen,« sagte Dahnow höhnisch. »Aber ich, der ich ihr nie näher getreten, der ich nicht gesucht, mich in ihr Herz zu stehlen, der ich nicht mit Phrasen um mich geworfen, daß sie mir alles wert sei, daß ich sie retten und schützen wolle … nun, ich … ich habe es nicht geglaubt! Mir stand sie hoch genug, daß mir die gemeine Lüge sofort klar wurde, und ich mir Mühe gab, dem Zusammenhange auf die Spur zu kommen. Eine einzige Nachfrage genügte, alles aufzuklären … Und du! Habe ich dich nicht damals gewarnt,« fuhr Dahnow in immer steigendem Zorne fort, »damals, als du, ohne alle Vernunft, sie zu erringen gestrebt hast. Habe ich dir damals nicht vorausgesagt, daß der Rausch des Gefühls verfliegen würde vor dem Ernst der Verhältnisse? Damals war der Augenblick, zu erwägen und dich zurückzuziehen. Aber der Mann, der nach reiflicher Ueberlegung solchen Schritt wagt – und du hattest recht! bei Gott, sie war es wert! – der verschanzt sich dann nicht hinter leeren Ausflüchten… Weißt du, wie ich sie fand? Am Lager des todkranken, bewußtlosen, vom Schlag getroffenen Vaters, niemand ihr zur Seite als das verlassene Kind … ihr Ruf befleckt um deinetwillen, die Verhältnisse ganz zerstört … keiner, der ihr half, keiner, der ihr beistand! Ich habe ihr zu helfen gesucht. Ich habe getan, was ein Mann tun kann für ein Weib, das er am höchsten hält … aber nicht einen Gedanken habe ich von ihr gewinnen können, mit keinem ist sie dir untreu geworden! Ich habe gesehen, wie die Liebe zu dir ihr alle Lebensfreude aus dem Herzen nahm, stark und mutig, wie sie in allem übrigen war … Ich verachte den Mann, der einem Weibe so das Lebensglück zerstört!« Und die Hand Degenthals, die noch auf seiner Schulter lag, heftig abschüttelnd, schritt er in das Haus hinein.

Degenthal blieb allein zurück. Mit keinem Worte hatte er Dahnows Rede unterbrochen. Aber war das nicht wieder die Eiseskälte, die ihm langsam an das Herz stieg – wie einst? Er griff jetzt dahin, als fühle er einen heftigen körperlichen Schmerz. Drei Jahre hatte er verhältnismäßig in Ruhe und Glück zugebracht, drei Jahre jeden Gedanken an Nora bekämpft, jeden Zweifel an dem Unglaublichen, der ihm aufsteigen wollte, unterdrückt. Wenn gar zu hartnäckig die Erinnerung auftauchte, hatte er sich in seinen Groll und Unmut vertieft und sich stets wiederholt, daß er vor einem unwürdigen Irrtum bewahrt geblieben … Und nun!

Die Stimme seiner Frau wurde in diesem Augenblick laut. »Kurt! Aber Kurt, ich bitte dich, wie kannst du da stehen und die alten Berge ansehen, anstatt bei unserem Liebling zu sein, der gerade so herzig ist. Denke dir, er merkt schon, daß er hier fremd ist. Er wird nicht schlafen, wenn wir die Einrichtung nicht ändern … so klug ist er schon. Komm, du mußt helfen.« Und die junge Frau nahm etwas gebieterisch den Arm des Gatten und zog ihn herein.

Kurt folgte willenlos. Wie im Traume ließ er sich seinen Buben in die Arme legen, der so niedlich war, wie ein dreivierteljähriges Menschenkind nur sein kann. Gebührend bewunderte er des Kleinen Reize und Klugheit, wie der Redestrom von Frau und Wärterin es verlangte, geduldig auch rückte er das Bett hin und her, bis den schwer zu vereinenden Wünschen genügt war; aber es war etwas so eigentümlich Abwesendes in seinem Ton, daß endlich Lilly es doch bemerkte. Empfindlich sagte sie: »Schick den bösen Papa wieder fort, Liebchen; der sieht dich doch kaum an und ist nicht eher glücklich, als bis er draußen wieder bei seiner Zigarre und seinen Bergen ist … Ihr Männer seid so herzlos!« setzte sie schmollend hinzu.

Kurt verteidigte sich gegen die Anklage nicht weiter, als daß er noch einmal einen Kuß auf den lustig krähenden Mund seines Erstgeborenen drückte. Dann aber ging er wirklich; denn es war ihm, als könne er kaum atmen in dem Raum.

Wenn in einem noch jungen Herzen der Sturm der Leidenschaft von neuem erwacht, ist selbst des eigenen Kindes Lächeln nicht beschwichtigend. Auch die frische, reine Luft draußen, die milde Sommerabendruhe schien ihm kaum wohlzutun. Gleich einem Schmerzenslaut rang es sich von Zeit zu Zeit von seinen Lippen. War es der Stachel der Wahrheit, der ihm ins Herz drang: »Es war so bequem zu glauben für den, der es glauben wollte!« Hatte er es glauben wollen?

Der Mond war längst hinter den hohen Kuppen heraufgestiegen, ja, er senkte sich wieder den äußeren Spitzen zu. Kurt verharrte noch immer auf seinem Platz, als eine Hand seine Schulter berührte, Dahnow stand vor ihm. Es war wohl nicht bloß Schuld des Mondlichtes, daß beide Männer so bleich aussahen.

»Degenthal,« sagte er ernst, »ich komme, Abschied zu nehmen. Doch laß uns den Groll auslöschen, den meine Worte vorhin hervorgerufen haben könnten. Es war unrecht von mir, dein Glück und deine Ruhe zu stören. Aber es gibt Stunden, wo der Mensch zum Teufel werden könnte … Nein, laß uns nicht weiter darüber reden; die vielen Worte helfen zu nichts. Es hat alles so kommen sollen. Du hast nicht unredlich handeln wollen; sie war wohl für keinen von uns bestimmt. Sie mag auch jetzt recht haben, daß sie den Andersgläubigen nicht will, wenn ich auch wahrlich ihr keinen Span in den Weg gelegt hätte. Sie hat aber genug unter schiefen Verhältnissen gelitten … es mag besser so sein!«

»Wo ist sie?« fragte Degenthal. Die Worte gingen fast lautlos über die Lippen.

»Karsten ist tot; sie geht nach Amerika, in ihrer Mutter Heimat,« sagte Dahnow kurz. »Laß jetzt alles begraben sein. Ich wollte von dir nicht in Unfrieden scheiden; noch in dieser Nacht reise ich ab. Leb Wohl, Kurt! Sei glücklich mit dem, was der Herr dir gegeben.«

»Wohin willst du?« fragte Degenthal, die dargereichte Hand nehmend.

»Wohin? Dem Manne, der sich keinen häuslichen Herd gründen will, dem steht die weite Welt offen. Aber wo der Vogel im Nest war, sitzt er schließlich doch am wärmsten. So mag wohl die Zeit kommen, wo mir auch meine nordische Heimat der wärmste Fleck scheint auf Erden.«

»Was soll aus dir werden?« fragte Degenthal, ihn mißverstehend; denn alle Worte klangen wie aus weiter Ferne zu ihm.

»Aus mir werden?« wiederholte Dahnow, über die eigentümliche Frage stutzend. »Eine … vielleicht zuerst eine schwierige Einsicht für alle, die mich noch erobern möchten, und später eine angenehme Aussicht für meine Neffen.« Den gewohnten sauersüßen Humor vermochte selbst der Schmerz bei ihm nicht zu unterdrücken.

Das Wartspiel ging an Degenthal in dem Augenblick verloren; für Dahnows späteres Leben war es bezeichnend.

Nachdem er noch einige Jahre sich dem Reisen im In- und Auslande gewidmet, kehrte er in seine Heimat zurück, sich in der kleinen Residenz in der Nähe seiner Verwandten niederlassend, wo er seinen wissenschaftlichen Bestrebungen lebte und Tüchtiges darin leistete.

Seine Häuslichkeit ward immer mehr ein Muster ausgesuchtester Bequemlichkeit; aber stets versammelte er gern einen Kreis froher Menschen um sich. Er hatte recht gehabt, es ward wirklich der Welt die Einsicht schwer, daß er, der Mann mit dem warmen Gemüt und häuslichen Sinn, sich kein rechtes häusliches Glück gründen wolle. Aber allen freundlichen Ratschlägen und kühnen Eroberungsplänen setzte er ein gestähltes Herz entgegen.

Die angenehme Aussicht für seine Neffen ward mit jedem Jahre gesicherter; sie sollte nur einmal bedrohlich gestört werden, als plötzlich ein Amerikaner auftauchte, ein junger Mann von einnehmendem Aeußern, einen alten französischen Namen tragend, der sich ganz unter Dahnows Schutz stellte. Er wollte Deutschland kennen lernen, sah aber für jetzt das Haus des Barons wie eine Art Heimat an und brachte Wochen, endlich Monate dort zu. Er war so sehr erklärter Liebling des Hausherrn, daß allgemeines Staunen entstand, und die aufgeregten Verwandten die Köpfe ängstlich zusammensteckten. Die Gemüter beruhigten sich aber bald, als verbürgte Nachrichten bestätigten, daß der junge Amerikaner selbst reiche Besitzungen in seinem Heimatland habe und keine Erbschaftskonkurrenz zu fürchten sei. Dafür sann man um so eifriger darüber nach, in welchen Beziehungen er zu dem Baron stehen könne, und damit war glücklich ein neuer Unterhaltungsgegenstand gefunden.

Klemens Dahnow schwieg und lächelte. Der junge unruhige Gesell, der mit echt amerikanischer Ungeniertheit sein behagliches Hauswesen auf den Kopf stellte, der so wenig Interesse für seines Gönners wissenschaftliche Neigungen, aber desto mehr für dessen Pferde und Hunde zeigte, konnte es sich selbst am schwersten erklären, wie er in solchem Maße die Gunst seines liebenswürdigen Wirtes gewonnen hatte. Vielleicht waren es die warm empfehlenden Worte eines Briefes, den er dem Baron mitgebracht, – vielleicht der Name, der so oft über seine Lippen ging, wenn er von der sprach, die treu seine Kindheit gepflegt und mit seltener Uneigennützigkeit den größten Teil ihres Eigentums ihm überlassen hatte – vielleicht war es etwas in dem feingeschnittenen Antlitz, dem Baron Dahnow nicht widerstehen konnte … es rief ihm ja die einzigen Züge zurück, die jemals seine Ruhe gestört hatten.

25

Und plötzlich stand vor meiner Seele mir
Mein ganzes Glück, mein ganzes Leid von weiland
Und tiefe Sehnsucht fiel mich an nach dir,
Du meiner Jugend fern verschollnes Eiland.
Geibel.

Jahre waren vorübergegangen – Jahre, die das Menschenleben in sich schließen. Zwischen dem Augenblick, wo irgend eine Lebenshoffnung uns klar wird, bis zu dem Schritte, der uns das Alter bewußt werden laßt, dazwischen pulsiert ja das eigentliche Menschenleben. Vorher ist es nur Traum, nachher nur Erinnerung, wie wir die Jahre auch zählen.

Wieder war es im Göhlitzer Garten mit seiner sonnigen Terrasse, seinen bunt schillernden Beeten und der üppigen Blütenfülle in der Augustherrlichkeit, die ihm besonders eigen ist. Und die Sonne beleuchtete ein belebtes Bild. Schlanke, jugendliche Gestalten, frohe Kindergruppen, Männer und Frauen im sonnigen Mittag des Lebens bewegten sich in heiterster Stimmung dort umher, und in das Lachen und Plaudern mischten sich die Klänge der Musik, die im Gebüsche versteckt ihren Platz hatte. Man feierte ein Familienfest zu Göhlitz: den Geburtstag des Hausherrn, des alten Herrn, wie man Kurt Degenthal jetzt nannte, seitdem sein Ältester verheiratet war und er selbst schon Kinder zählte.

Der große Kreis, der sich zusammengefunden, zeigte am besten, welch kräftige Ausbreitung die Familie gewonnen, die sich alljährlich an diesem Tage möglichst vollzählig um das Familienhaupt vereinigte.

Kurt und Lilly waren Göhlitz treu geblieben. Nachdem sie als junges Paar aus dem Süden zurückgekehrt, hatten sie sich dort niedergelassen. Der Sohn wollte der Mutter die lange geführte Herrschaft auf seinen Gütern nicht entziehen, und Lilly liebte es mehr, auf ihrem Eigentum das Zepter zu führen. Als das hohe Alter der Gräfin die Leitung der Geschäfte zu beschwerlich machte, war Kurts ältester Sohn schon in den Jahren, die Herrschaft übernehmen zu können. Wieder paßte es gut zu Lillys Ansichten, ihren Sohn möglichst früh in einem stattlichen Besitz zu wissen. Sie vermochte daher ihren Gatten leicht, ihm die väterlichen Güter zu übertragen, indes sie in Göhlitz verblieben, wo sie sich einmal eingelebt hatten.

Die alte Gräfin sah alle ihre Wünsche noch in Erfüllung gehen. Ihr Sohn war mit der reichen Erbin verbunden, die sie für ihn seit frühester Jugend bestimmt hatte. Es war eine glückliche Ehe geworden, denn Kurt umgab seine Frau mit den zartesten Rücksichten, und eine zahlreiche Familie war ihnen erblüht. Der reiche Besitz Lillys hatte den Degenthalschen Namen mit einem Glanze umgeben, wie er ihn kaum jemals besessen, und die alte Gräfin hatte noch die stolze Genugtuung, ihren Enkel mit einem der angesehensten Geschlechter verbunden zu sehen, wie sie es ihrem Namen angemessen hielt. Und doch läßt die Vorsehung an der Erfüllung unserer Wünsche gerade den Dorn wachsen, der am tiefsten trifft, weil wir nicht darüber klagen können.

An Lillys Seite hatte die Gräfin ihren Sohn, den Liebling ihres Herzens, im eigentlichsten Sinne des Wortes verloren. Nur großartige Naturen wissen zu teilen – die ideellen wie die materiellen Güter. Lilly war keine großartige Natur; eng begrenzt, wie der Horizont ihres Denkens, war auch der ihres Herzens. Ihres Mannes, ihrer Kinder Liebe sollte ausschließlich ihr gehören: kein anderer Einfluß, kein anderes Herz durfte daran teilnehmen, keinen anderen Anspruch, nicht den heiligsten der Mutterliebe duldete sie. Sie machte bewußt keiner unkindlichen Handlung sich schuldig; aber der höher strebende Geist der Gräfin sympathisierte nicht mit dem ihren. Sie wußte, daß die Mutter einst großen Einfluß auf den Sohn gehabt, und um dies jetzt zu verhindern, entfernte und entfremdete sie ihn von ihr, wie Frauentaktik das so gut versteht. Kurt war teils zu gleichgültig für das Leben überhaupt geworden, teils lagen zu viel unausgesprochene Erinnerungen zwischen ihm und der Mutter, um dagegen anzukämpfen. So war das Alter der Gräfin ein dem Herzen und dem Leben nach sehr einsames.

Schwebte ihr in den stillen Stunden dann wohl das Bild jenes Mädchens vor, in dessen Augen ein so warmer Strahl geleuchtet, in dessen Stimme ein so weicher Klang gebebt, als es tief innig um ihre Mutterliebe flehte? »Eine Tochter, an Geist und Herz deiner würdig,« hatte damals die Oberin gesagt. Als die Gräfin Noras Geschichte durch den Kaplan gehört, der zu des Mädchens Rechtfertigung ihr dieselbe mitteilte, hatte sie das bestätigt gefunden; sie hatte dem Mut, mit dem die Tochter des Kunstreiters ihren Weg gegangen, ihre Bewunderung nicht versagen können.

Das Mutterherz wußte in seiner Vereinsamung solche kindliche Opfer um so höher zu schätzen. Tauchte der Gedanke wohl in ihr auf, daß mit diesem großen, warmen Herzen auch ein wärmerer Hauch in ihr Alter gedrungen wäre? Konnte sie sich vorstellen, was an der Seite eines so beweglichen Geistes aus ihrem Sohne geworden wäre, anstatt des stillen Mannes, der er jetzt war – der aus dem engen Gedankenkreis seiner Frau sich nur zu einsamen Studien flüchtete, aber nie mehr in das öffentliche Leben eingriff, wie seine strebsame Jugend es einst zu verheißen schien und es der Stolz der Mutter gewesen wäre? Die Gräfin seufzte dann leise; aber wenn sie seufzte, bereute sie darum nicht. Sie glaubte nach Recht und Pflicht gehandelt zu haben, und was sie erreicht, schien ihr das richtige bis zuletzt.

Lilly hatte sich im Laufe der Jahre wenig verändert. Die kleine rundliche Frau wurde nie von anderen Wünschen und Gedanken gestört, als die ihren engsten Kreis angingen: und da hatte sich alles ruhig und befriedigend abgewickelt. Mit der Erfüllung ihres Herzenswunsches war das Wenige, was sie an innerem Leben besaß, abgeschlossen; der Hauch, den die zagende Liebe über ihr Wesen gelagert, war damit verschwunden. Kurt gehörte ihr unwiderruflich an: das genügte ihr; und außerdem war das äußere Leben ihr Feld, auf dem sie stets übergeschäftig sich tummelte.

Wie sie heute dahinschritt am Arme ihres Aeltesten, dessen frisches Gesicht dem der Mutter glich, sah sie stolz und glücklich aus wie nur jemals. Sie hatte nur Auge und Ohr für ihn, für die Pläne, die er ihr mitteilte, für die Neuerungen, die sie ihrerseits seinem Urteile unterwarf, schon den künftigen Besitzer in ihm ehrend. Auch darin hatte sie die ihr eigentümliche Zähigkeit nicht verleugnet – ihrem Aeltesten hatte keines der folgenden Kinder den Rang in ihrem Herzen streitig machen können. Meist erbt sich der Mutter Geist, wie des Vaters Körperbildung sich überträgt; und so waren sie fast alle hohe, schlanke Gestalten mit dem einfachen, nicht untüchtigen Sinn der Mutter. Unangefochten gingen sie ihre Lebenswege. Nur einer, der zweite Sohn, zeigte des Vaters braune Augen, dessen träumerische Stirn und auch dessen ernstere, feinere Gedankenrichtung, die nach dem Höheren zielte. Aber ein Tropfen mütterlichen Blutes war es wohl, der auch dieser Richtung gleich den praktischen Ausdruck gab. Ehe er das achtzehnte Jahr erreicht, hatte er den Entschluß gefaßt, nur für das Höchste zu leben, nur dessen Dienst sich zu weihen. Er trat in einen Orden, indem sein Eifer sich ausdrücklich den überseeischen Missionen zuwandte.

Ungern sah Degenthal ihn scheiden; aber den Neigungen seiner Kinder gegenüber war er ein milder, fast ängstlicher Vater. Sogar dem mehr gebieterischen Wesen seiner Frau trat er entschieden entgegen, wenn es galt, die Lebensbestimmung eines der Kinder zu schützen.

Lilly tröstete sich über den Entschluß ihres Zweiten. Im geheimen empfand sie eine kleine Befriedigung, ihre Güter, die sie erst für ihn bestimmt hatte, nun auch in die Hände ihres Aeltesten legen zu können.

Jetzt war Pater Degenthal schon jahrelang vom Elternhause entfernt; sein Beruf hatte ihn auf die andere Hälfte der Erdkugel geführt. Mit warmem Herzen hing er an den Seinigen und versäumte nicht, auch aus der Ferne an den heimischen Festen teilzunehmen.

Der Vater hatte sich aus dem lauten Kreise seiner anwesenden Kinder und Enkel zurückgezogen, um in der Stille den Brief des abwesenden Lieblingssohnes zu genießen, den eine glückliche Fügung genau am Tage des Festes ihm zugeführt. Kurt saß in seinem Zimmer, das an den Gartensalon stieß und auch auf die Terrasse hinaussah. Die tiefe Fensternische mit dem weinumrankten Fenster bot ein trauliches Plätzchen, in das nur gemildert das Geräusch der im Garten vereinigten Gesellschaft drang. Das Zimmer mit seiner reichen Ausstattung an Büchern und Mappen zeigte hinlänglich die Neigungen des Hausherrn.

Kurt suchte jetzt schon gern den hellsten Strahl, wenn er lesen wollte, und die umfängliche Gestalt des Briefes schien dies doppelt ratsam zu machen. Mit einigem Staunen fand er aber einen zweiten Brief dem ersten eingeschlossen, der leine Adresse trug. Kopfschüttelnd schob er ihn zur Seite, um erst die Erklärung aus dem Schreiben des Sohnes sich zu holen.

Wie er jetzt da saß, das Haupt von einem Sonnenstrahl warm umleuchtet, war er ein Bild schönen Alters, wie er es einst schöner Jugend gewesen. Nur in seinen Mannesjahren hatte man den Ausdruck voller Kraft bei ihm vermißt. Die Gestalt war noch stattlich; das Haar hatte zwar silbernen Schein, aber es glänzte in reicher Fülle, und der dichte Bart paßte gut zu der ernsten Würde, die das Antlitz zeigte.

Jahre hindurch seit der Begegnung mit Dahnow hatte eine tiefe Teilnahmlosigkeit auf Degenthal gelegen, die man seiner früh gestörten Gesundheit zuschrieb. Ein rücksichtsvoller Gatte, ein gütiger Vater, ein milder Herr, hatte er den Seinigen vorgestanden, aber mehr durch sein Beispiel, als durch tätiges Eingreifen gewirkt. Nur in seinen stillen Studien hatte die einstige Regsamkeit fortgelebt. Erst als seine Kinderschar heranwuchs und in ihr frisches Jugendleben hereinzog, war jener tiefe Ernst von ihm gewichen, der so oft die Leute fragen ließ, was ihm mangeln könne, da er doch im Schoße des Glückes geborgen schien.

Heute aber, als er den Brief kaum halb gelesen, kam in das Antlitz ein ihm sonst fremdes Leben; die Röte, die einst so leicht auf des Jünglings Stirn stieg, überflog plötzlich wieder das alte Gesicht. Mit einem Ungestüm, das ihm nicht mehr eigen, warf er des Sohnes Brief schon nach einigen Augenblicken zur Seite und griff nach dem zweiten. Er riß die Umhüllung fort, – eine Anzahl Zeitungsausschnitte flatterte heraus, die er nicht beachtete; in seiner Hand aber lag ein kleines, vergilbtes Schreiben. Wie gebannt starrte der alte Herr eine Zeitlang darauf. Der Brief hatte einst wohl eine weite Reise gemacht – denn mit Poststempeln war er überdeckt. Die Adresse war abgeblaßt, aber sie zeigte die hastigen Züge einer erregten Damenhandschrift und darunter einige Worte, die er nur zu gut erkannte – er hatte sie einst in Pera selbst geschrieben, als schon einmal dieser Brief in seiner Hand gelegen.

Jahre waren vergangen, Jahre, welche ein Lebensalter in sich schlossen, seitdem er in der Bitterkeit seines Schmerzes und Zornes diesen Brief zurückgesandt, der das Rätsel barg, dessen Unkenntnis sein Glück zerstört hatte.

Die Hand bebte, als er das Schreiben jetzt erbrach. Das Auge mit den grauen Wimpern wurde feucht, als er die Worte las, die damals ein Herz in seiner tiefsten Zerrissenheit ausgeströmt – Worte, die das Opfer erzählten, das die kindliche Liebe gebracht, Worte, die ein Abschied sein sollten und doch wie ein Hülferuf klangen…

Das Haupt des Alten sank auf die Brust, als sei das Weh jener Zeiten auf sein Herz zurückgefallen. Die bittere Erkenntnis trat hinzu, wie leicht es ihm gewesen wäre, es anders zu lenken – jetzt, wo sich ihm erklärte, was ihm unerklärlich geblieben.

Wohl stieg herb der Gedanke dabei auf an die Schuld derjenigen, die zu der Täuschung mitgewirkt hatte. Aber sollte er anklagen, wo er selbst soviel versäumt?

Rächend gleichsam erwachte die alte Liebe mit ihrer ganzen Gewalt. Er sah sie wieder, die reizende Mädchengestalt, wie sie ihm entgegengetreten war im frohen Lenz seines Lebens. War das nicht das Erkerfenster, das auf den wogenden Rhein hinaus ging, wo die sprossenden Rebenranken sich über ihre Häupter neigten, während sie da saßen, die langen, schönen Stunden der Jugend, und ihre Seelen zusammenklangen wie in einem Akkord, der unlösbar schien für Zeit und Ewigkeit? Blickten sie ihn wieder an, die blauen, tiefen Augen, für die kein Opfer ihm zu groß geschienen, um derentwillen er alles hatte hingeben wollen? Träumte er wieder von den Stunden, wo er im kühnen Uebermute Zeit und Raum nicht geachtet, um zu ihr hinzustürmen, sie für wenige Augenblicke in die Arme zu schließen?

Oder sah er sie in jenem letzten Augenblicke, als sie in ihrem Schmerz vor ihm gestanden und er die Reinheit auf ihrer Stirne, die Liebe in ihrem Auge gelesen; als er noch einmal um sie hatte streiten wollen und doch sogleich wieder gezweifelt und zum zweitenmal mit weniger Entschuldigung sie schutzlos sich selbst überlassen hatte? Bequem zu glauben, was er glauben wollte, hatte Dahnow gesagt.

Und das herbste Weh, das eines Mannes Brust durchziehen kann, durchzog die seine: sein Glück selbst vereitelt, nicht mit starker Hand versucht zu haben, es zu retten. Seine Kraft war darüber gebrochen, seine Liebe verloren, sein stolzer, heißer Jugendtraum in nichts zerronnen – und dem Manne im grauen Haar stand sein Leben verfehlt da, sein Herz verödet. Krampfhaft zog es sich zusammen; in bitterer Reue und heißer Liebe ging noch einmal der Name über seine Lippen, den er Jahrzehnte nicht ausgesprochen: »Nora, Nora!« als könne er Jugend, Leben und Liebe damit zurückrufen.

Doch im selben Augenblicke hob er erschrocken den Kopf; es war, als sei das Bild, das er gerufen, ihm nahe.

Aber es hatte nur an den Scheiben gepocht, und ein blonder Krauskopf sah herein, während zwei kleine Fäuste sich krampfhaft an das Sims klammerten.

»Großpapa, nimm mich, sonst muß ich fallen!« klang eine kindliche Stimme. Der kühne kleine Bube war an den Weingeländen zu dem nicht hohen Fenster heraufgeklettert. »Ich klopfte solange schon und du hast nicht gehört.«

Der Großvater wachte bei dem ängstlichen Tone aus seinem Sinnen auf. Erschreckt hob er den Kleinen herein, welcher ihn fest umklammerte, vielleicht einer Strafpredigt gewärtig für den ungewöhnlichen Weg. Aber in der warmen Kindesumarmung löste sich der Druck, der auf des Alten Brust gelastet. Das Kind von seinem Kinde war es, das er an sich preßte, der Bote der Gegenwart, der ihn löste von dem Bann der Vergangenheit. »Das Kind von meinem Kinde«, wiederholte er sich, und er kam sich so alt vor! Was sollte ihm das Bild der einstigen Liebe, wo ein zweites Geschlecht schon darüber blühte? Mit dem Knaben auf dem Arm sah er hinaus auf die Gruppe dort unten. Sein Weib, das ihm treu und liebend zur Seite gestanden, die Kinder, die sie ihm geschenkt, die seinen Namen stolz und in Ehren trugen, das Heim, das ihn so traulich umfing und in seiner Schönheit ihm so hell entgegenlachte, war das alles nichts? Durfte er dem Leben grollen, das ihm so viel gegeben? Aber neben der hellen Gruppe stand ihm ja das bleiche Bild eines zerstörten Glückes; sie war hinter Klostermauern vertrauert, wie er in der Jugend einst gefürchtet – damals hatte er sie davor schützen wollen. War ihr der Weg ein so bitterer geworden, hatte kein Heim, keine Liebe ihr Leben verschönt? War es ein gebrochenes Herz, das ihn anklagte?

Kurt wandte sich von dem sonnigen Bilde fort und griff wieder zu dem Briefe, der ihm noch einmal von seinem Jugendtraume, von seiner verlorenen Liebe sprach; aber er behielt den Knaben auf dem Schoße und hielt ihn fest umschlungen, als könne er die finsteren Gedanken damit bannen. Sein Sohn schrieb wie folgt.

»Ich muß Dir von einer Begebenheit erzählen, lieber Vater, zu der Du den Schlüssel besser haben wirst als ich, mit welchem Interesse sie mich auch erfüllt hat. Der inliegende Brief, der mir anvertraut ward, wird dir alles erklären und Dir sagen, von wem ich rede. Ich muß weiter ausholen in der Erzählung.

»Du weißt, unser Ordenshaus hier ist noch eine junge Ansiedlung; wir ziehen aber viel Nutzen aus dem Wirken eines Frauenklosters, das seit Jahren hier besteht.

»Von der Oberin, die es gegründet, erzählte man mir, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen gehabt; sie war als eine außerordentlich tüchtige Frau berühmt, die ihr Orden stets auf die schwierigsten Stellen sandte, ihres seltenen organisatorischen Talentes wegen. Diese Gegend wäre überdies ihre Heimat, hieß es. Seit etwa zehn Jahren hat sie jetzt hier gewirkt und für die Erziehung von Kindern, Verbreitung des christlichen Unterrichts, Verpflegung von Kranken, kurz in allen Wichten christlicher Barmherzigkeit Unendliches geleistet. Der Volksmund rühmt ihre Heiligkeit und Aufopferung. Von den geistlichen Oberen wird ihrer weisen Leitung, ihrem reichen Wissen und ihrer unermüdlichen Tätigkeit das höchste Lob gezollt. So war es mir ein willkommener Auftrag, als ich, mit einer geschäftlichen Besprechung betraut, eines Tages zu ihr gesandt ward. Ich ließ mich bei ihr melden; die französische Schwester Pförtnerin verunstaltete meinen Namen, wie es nur einer Französin möglich ist. Kaum aber war ich vor der Oberin erschienen, einer hohen Gestalt mit gewiß einst schönen Zügen, als sie mir nicht Zeit ließ, meinen Auftrag auszurichten. »Sie müssen ein Graf Degenthal sein«, redete sie mich lebhaft im reinsten Deutsch an; »eine solche Ähnlichkeit wäre sonst unmöglich! Sie haben Ihres Vaters Augen, Ihres Vaters Stirn: genau so sah er aus in Ihrem Alter … und selbst der Ton der Stimme ist derselbe. Ich habe ihn gut gekannt, Ihren Vater, sehr gut gekannt«, setzte sie auf meinen erstaunten Blick erklärend hinzu. »Er lebt doch noch.«

»Du kannst Dir denken, wie freudig ich bejahte; es ist wohltuend, in der Ferne jemand zu begegnen, der unsere Lieben in der Heimat kennt. Ich mußte ihr von Dir, von der Mutter, von den Geschwistern sprechen. Sie schien alle älteren Persönlichkeiten der Familie gekannt zu haben, die Großmutter, den Kaplan; nach jedem frug sie. Am eingehendsten mußte ich von Dir und Deinem Leben erzählen, Deinem Leben, lieber Vater, das so Glück verbreitend für alle, die Dir nahe stehen, von dem Wirkungskreis, den Deine unendliche Güte sich geschaffen, von der Freude, die Du aus Deinem geistigen Leben ziehst. »Ja, der hohe, reine Sinn war stets ihm eigen,« wiederholte sie wie für sich dabei.

»Ich fragte sie, ob sie Aufträge für Dich habe, ob ich einen Gruß Dir ausrichten dürfe, und unter welchem Namen.«

»Er wird sich meiner kaum erinnern,« sagte sie ausweichend; »wir Klosterfrauen rechnen so ganz mit der Welt ab, daß wir selbst unsere Namen vertauschen. Da müßte ich zu weit zurückgreifen,, mich ihm wieder vorzuführen. Aber es hat mich unendlich gefreut, Sie zu sehen; und ich hoffe auch, wir sehen uns noch öfter, da wir hier ja im gleichen Wirkungskreise stehen.«

»Ihre Sprache, ihre Haltung, ihre ganze Art und Weise ließen mich darauf schließen, daß sie einst den ersten Gesellschaftskreisen angehörte. Du wirst vielleicht erraten, wer sie war. Ich sah sie später öfter, und meine Verehrung für die seltene Frau steigerte sich nur durch die nähere persönliche Bekanntschaft. Dies alles trug sich im letzten Winter zu.

»Im Frühjahr brach eine jener furchtbaren ansteckenden Krankheiten aus, die hier die Gegenden oft heimsuchen, und das sind dann Zeiten, die alle Kräfte anspannen. Die ehrwürdige Frau leistete Unglaubliches an persönlicher Aufopferung wie in kluger, umsichtiger Organisation der Pflege. Die Armen und Kranken verehrten sie wie eine Heilige und hielten sich schon für gesichert, wenn sie nur in ihren Wohnungen erschien. Die Stadt fühlte sich ihr zu Dank verpflichtet; denn ihrem raschen Blick, ihrer rastlosen Tätigkeit wurde manche der öffentlichen Vorsichtsmaßregeln verdankt, die hier so leicht vernachlässigt werden. Man rief sie bald auch zu anderen Orten, die ähnlich heimgesucht waren, und wo man Schwestern der Genossenschaft bedurfte; andere wünschten ihren bewährten Rat zur Anordnung der Pflege. Wenn es ihr eben möglich war, leistete sie den Anforderungen Folge, eilte auch zu den abgezweigten Klöstern ihres Ordens, um Mut und Trost dorthin zu bringen. »Bei dem Zustande der hiesigen Wege unternahm sie diese Reisen meist zu Pferde; ich selbst bin ihr mehrfach begegnet und staunte über ihren Mut und ihre Sicherheit dabei, die bei einer Klosterfrau und in ihrem Alter doppelt auffielen. Auf eine dahin zielende Bemerkung gab sie mir lächelnd zur Antwort, sie sei es von Jugend auf gewöhnt; und »einmal kommt es mir doch zu etwas Gutem zustatten«, setzte sie hinzu.

»Ich ward in jener Zeit auf eine Missionsreise gesandt, die mich einige Monate fernhielt. Als ich zurückkehrte, hatte die schreckliche Krankheit in ihrer Wut nachgelassen; zu meinem Leidwesen erfuhr ich aber, daß die übermäßigen Anstrengungen doch zuletzt die Gesundheit der ehrwürdigen Oberin angegriffen halten, und daß sie seit einiger Zeit leidend sei. Gleich darauf ward mir die Nachricht, daß sie mich zu sprechen wünsche, und ich begab mich alsbald zu ihr. Sie empfing mich mit ihrer gewohnten Liebenswürdigkeit; doch erschrak ich, als ich die Veränderung sah, welche die kurze Zeit bei ihr hervorgerufen hatte.

»Sie befand sich draußen im Klostergarten, in einigen Polstern lehnend, eine dienende Schwester ihr zur Seite.

»Sehen Sie, wie es mir geht, wie ich mich pflegen lassen muß,« sagte sie. »Aber als geistlichen Beistand ließ ich den Pater Degenthal nicht rufen, dazu ist er mir noch nicht ehrwürdig genug,« meinte sie mit dem Scherz, der ihr stets leicht auf die Lippen kam. »Aber um einen Gefallen wollte ich Sie bitten … wenn Sie mich auch ein wenig inkonsequent finden mögen. Wollen Sie nun doch einen Auftrag an Ihren Herrn Vater übernehmen? Vor langen Jahren kannten wir uns … als Kinder führte ein seltsamer Zufall uns zusammen, und er wie Ihre Großmutter hatten große Güte für meine Eltern und mich. Später hat ein Mißverständnis zwischen uns stattgefunden, wohl nicht durch unsere Schuld … aber die Gelegenheit, es aufzuklären, hat stets gefehlt. Ich möchte nicht von der Erde scheiden, ohne es gelöst zu haben. Ihre unverhoffte Gegenwart ist mir wie ein Fingerzeig Gottes gewesen. Der Herr wendet alles in seiner Güte! Senden Sie Ihrem Herrn Vater diesen Brief,« sagte sie, mir das inliegende Päckchen reichend; »er wird schon wissen, wer es ihm schickt, und wenn er alles erfahren hat, wird er vielleicht anders urteilen als damals.«

»Ihre Stimme hatte einen eigenen Klang von Trauer, als sie dies sagte, und eine mächtige Erinnerung schien sie dabei zu fassen; denn sie schwieg, wie in Gedanken verloren, schwieg so lange, als hätte sie meine Gegenwart vergessen. Plötzlich schlug sie die Augen wieder auf mit jenem unbeschreiblich freundlichen Ausdruck, der ihr eigen ist. »Sehen Sie«, fuhr sie fort, »wie eine alte Klosterfrau noch am Irdischen hängt und sich selbst in ihren letzten Tagen noch damit befaßt. Sie in Ihrer Jugend finden das gewiß seltsam; das Alter ist uns dann ein so seines Reich, ein so fremder Zustand, daß wir die Menschen darin ganz umgewandelt wähnen. Aber Mensch bleibt Mensch bis zum letzten Hauch in seinem Fühlen und Denken. Wir empfinden das erst, wenn wir alt sind, wenn die Jahre, die hinter uns liegen, uns so kurz dünken und das in der Jugend Erlebte uns noch lebendig vor Augen steht, obgleich ein Menschenalter darüber hinschwand.«

»Sie sprach wie sinnend; aber alle ihre Worte übten einen eigenen Zauber aus, weshalb ich sie Dir so genau wiedergebe.

»Ihrer Mutter,« fuhr sie fort, »möchte ich auch einen Gruß senden: den Gruß einer Pensionsfreundin. Ich weiß schon lange, daß Ihre Mutter glücklich wurde. Sie hat einst einen Akt rührender Freundschaftstreue gegen mich ausgeübt, den ich ihr nie vergessen habe, den Gott ihr Wohl gesegnet hat durch das Glück, das sie gefunden.« Sie hielt inne. »Aber ich bin auch glücklich geworden, glücklich dem ganzen Herzen nach, sagen Sie auch das Ihrem Vater,« fuhr sie dann wieder fort. »Das Leben, das der Herr mir gab, war schön, und ich habe es lieb gehabt bis ans Ende. Es war schön, was er mir in der Jugend gab, und gewiß am besten, daß er es so fügte; denn wir haben so alle unsere Bestimmung besser erfüllt, als wäre es nach unseren Wünschen gegangen. Kein Leid ließ der Herr ohne Trost, keine dunkele Zeit ohne einen freundlich hellen Strahl. Schön war es auch, daß er mein Herz lenkte, nur ihm noch dienen zu wollen, einen großen Wirkungskreis zu suchen, um vielen viel sein zu dürfen; ja schön, daß er der Heimatlosen eine Heimat gab in seinen Zelten – möglich, daß jede andere irdische Heimat ihr zu enge geworden wäre. Schön ist es auch noch, daß er heute mir Sie zum Abschied sandte,« sagte sie, meine Hand fassend. »Es freut mich, Sie gesehen zu haben. Freuen Sie sich, junger Mann, daß Gott Sie so früh zu Ihrem hohen Berufe rief. Ja, ich habe mehr Seelen gekannt, die ihn gleich ganz erfaßten; wir unruhigere irdische Herzen gehen erst andere Pfade.«

»Aber die Vollendung ist um so höher; je mehr Kampf, je mehr Ehre,« sagte ich unwillkürlich. »Meinen Sie?« erwiderte sie freundlich lächelnd. »Das wäre ein Trost für manche Umwege; aber Sie haben recht; jede Fügung des Herrn hat ihren Zweck. Doch jetzt erzählen Sie mir von Ihren Leistungen: ich bin der Untätigkeit so müde, daß ich gern von Tätigkeit höre, wenn Sie mir noch einige Zeit widmen können.«

»Ich kam ihrem Wunsche nach und erzählte von meiner letzten Reise, von unseren Erfolgen, von dem, was noch zu erstreben sei. Sie hörte voll der größten Teilnahme zu; ihr klares Urteil blickte überall durch, und jedes ihrer Worte war von einer geistigen Frische und Regsamkeit, daß man sah, wie sie mit ganzer Seele in ihrem Beruf aufging und für die größten Anschauungen lebte. Ich muß ihres Wortes dabei denken, daß für ihren Geist wirklich eine Heimat leicht zu enge hätte werden können. »Ich werde das alles nicht mehr sehen,« sagte sie als Antwort auf einige meiner Aussichten für die nächste Zukunft. »Man will mich durchaus noch in unser eigentliches Mutterhaus senden, meiner Gesundheit wegen. Ich werde mich fügen müssen, obgleich es mir ein großes Opfer sein wird, hier mein Werk zu verlassen; aber, wie gesagt, ich soll nirgends festwurzeln, ich gehöre zu den fahrenden Leuten bis an mein Ende. So hätte ich gern hier geruht, wo meiner Mutter Heimat war!« Ich entsann mich dabei, daß sie hier allgemein als Amerikanerin gilt, obgleich ich mir das schwer mit Deiner Bekanntschaft reimen kann. Sie muß viele verschiedene Pfade gegangen sein; denn keine europäische Sprache schien ihr fremd und jedes Land dort bekannt. Leider war meine Zeit vorüber, und ich durfte nicht weilen. Doch bat ich mir die Vergünstigung aus, sie noch besuchen zu dürfen. Sie sah einen Augenblick nachdenkend aus. »Nein«, sagte sie dann, »lassen Sie uns Abschied nehmen, mein junger Freund. Ihr Beruf fordert Ihre Zeit, und auch meine wenigen Tage sollen jetzt ungeteilt der letzten Aufgabe angehören. Mensch bleibt Mensch, sagte ich ja; schon jetzt durchschwärmen all die alten Erinnerungen den alten Kopf. Nun ich das letzte dafür getan, mögen sie wieder besseren Gedanken Raum geben… Es wird kein Unrecht gewesen sein, ihnen noch einmal nachzugeben; vielleicht tut es auch anderen gut. Es war eine Freundlichkeit des Herrn, Sie mir zu senden. Kommen Sie und nehmen Sie zum Lebewohl den Segen einer alten Frau; für sie, für ihn, für Ihr ganzes Haus,« sagte sie, indem ich mich vor ihr beugte und ihre Hand auf meinem Scheitel fühlte. »So hat meine Mutter auch sterbend ihren Vater gesegnet,« sagte sie zum Schluß leise, »und ich tue es mit gleicher Innigkeit. Denn ein Segen war es doch, daß einst unsere Pfade sich kreuzten.«

»Das waren die letzten Worte, die ich von ihr hörte, und jedes derselben hat sich mir in die Seele geschrieben: sie schienen mir ein Vermächtnis an Dich, mein Vater. Gesehen habe ich sie nicht mehr, obschon sie ihre Reise nach Frankreich nicht antrat. Ihr Wunsch, in der Heimat der Mutter zu ruhen, ward erfüllt. Die Krankheit, die nach den letzten Anstrengungen sich ausbildete, entwickelte sich so rasch, daß sie zum Ende führte, ehe die Reise unternommen werden konnte. Nur wenige Wochen nach unserer Unterredung war sie heimgegangen, zur unsäglichen Trauer aller, die sie gekannt hatten.

»Ihre geistlichen Töchter beklagten in ihr eine wahre Mutter; die ihrem Schutz anvertrauten Waisen, die Armen, die Kranken, die ganze Gemeinde trauerte um sie. Ihre letzten Verdienste lagen zu nahe, um sie nicht zur öffentlichen Anerkennung zu bringen: so wetteiferten weltliche und geistliche Behörden, ihr auf dem letzten Wege alle irdischen Ehren zu erweisen. Hätte sie in der Welt einst hohen Rang eingenommen, so hätte ihr nicht mehr Glanz zuteil werden können, als der schlichten Klosterfrau hier ward. Um Dir, der Du einst ihr nahegestanden haben mußt, einen Begriff ihres Wirkens wie der Verehrung zu geben, die sie genoß, füge ich die Berichte der Zeitungen hier bei, welche die seltene Frau besprechen. Es ist nur ein kleiner Teil der Nachrufe, die ihr gewidmet sind. Mir selbst wird ihr Andenken nie schwinden; es ist ein Segen, einer so kraftvollen Natur begegnet zu sein, deren Herz so warm der Erde, deren Seele so ganz dem Himmel gehörte.«

So schrieb der Sohn mit der vollen Begeisterung der Jugend, und der Alte las es und sein Herz ward freier. Nein, dies Lebensbild war kein blasses Gespenst, das drohend vor ihn hintrat. Das frische, volle Leben, das so segensreich sich ausgebreitet, so tätig sich ausgeatmet und die Erde schön gefunden bis zum letzten Hauch, das war kein verkümmertes Schicksal, welches ein verlorenes Glück von ihm forderte.

Und mild versöhnend stieg der Gedanke in ihm auf, daß der Irrtum, der ihre Schicksale getrennt, nicht bloß Irrtum, daß es auch Fügung gewesen, jene Fügung von oben, welcher auch der Menschen Kurzsichtigkeit dient.

Der kleine Bube auf seinem Schoße hatte aber schon lange unruhig hin und her geblickt; jetzt tippte er leise den Großvater an, den er noch immer auf die Blätter starren sah. »Bist du noch nicht zu Ende, Großpapa?« fragte er.

»Ja, Kind, zu Ende,« sagte der Alte, leise für sich redend, »zu Ende, wie hier alles zu Ende geht: Jugend, Lieben und Leben. Aber es war ein gutes Ende.« Er konnte in dem Augenblick noch nicht sagen wie sie: es war besser so. Aber er sagte doch: es ist gut auch so. Als er sich erhob, war es, als sei eine Zentnerlast von ihm genommen; er atmete auf, als sei der Bann gelöst, der ihn ein Leben hindurch gefangen gehalten. Ja, sie hatte recht gehabt: ihr letzter Gruß tat auch einem anderen wohl.

Der kleine Bube sah erstaunt zu, wie der Großvater all die Blätter und Blättchen so vorsichtig sammelte und so liebevoll zurechtlegte.

Der Alte lächelte dabei – er entsann sich, wie einst derselbe Brief mit so ganz anderen Berichten über sie in seine Hände gelangte, wie er sie damals für tief gesunken hielt, und wie hoch sie ihn überflügelt hatte. Seltene Pfade war sie geführt worden.

Neugierig hob der Kleine seine Nase in die Höhe; denn der Großvater schloß an seinem Schreibtisch jetzt einen der vielen Schreine und darin ein verborgenes Fach auf.

Verschlossene Schreine haben immer etwas Geheimnisvolles für Kinder, und verborgene Fächer mit allerhand Gekrame darin sind ihnen stets unglaublich interessant. Das Näschen hob sich höher, der Kleine reckte sich auf die Fußspitzen, um zu sehen, was der Großpapa da wollte.

Sorgfältig legte der Alte die Briefe hinein. Dann suchte er und nahm einen kleinen, unscheinbaren Schmuck hervor, ein Perlenherzchen, das er wieder an seine Uhrkette hing, woran einst die Hand eines Kindes es befestigt: hatte. Sie war seinem Andenken treu gewesen bis zum letzten Hauch, und er war wieder Kind geworden – er wollte nicht minder treu sein.

Mit dem Kleinod aber trat die ganze Szene jenes Morgens ihm wieder vor die Augen. Wieder sah er die Mutter da sitzen, wieder hörte er strenge Worte über des Kindes Schicksal und des Kaplans milde Erwiderung.

Weiter kam er nicht in seinen Gedanken, denn Schritte und Stimmen wurden jetzt an der Tür laut: die ganze Schar seiner Lieben drang bei ihm ein. »Da ein Bote nichts genutzt, kommen wir alle dich zu holen, Papa,« riefen sie heiter. »Richard soll dich mit seinem langen Schreiben nicht ganz allein haben heute.«

Seine Frau kam zu ihm und sah ihm aufmerksam in die bewegten Züge: »Es war doch ein guter Brief?« fragte sie besorgt.

»Ja, es war ein guter Brief,« sagte er aus vollem Herzen, sie freundlich umfangend und mit hellen Augen auf die stattliche Schar blickend, die ihn umgab.

»Warum entziehst du dich denn uns, wo wir so glücklich zusammen sind?« gab Lilly etwas vorwurfsvoll zurück.

»Richard gab mir Nachricht von jemand, von dem ich nichts mehr zu hören glaubte … es war ein letzter Gruß, ein Abschiedsgruß. Wir aber,« setzte er, sie inniger an sich drückend, hinzu, »wir bleiben ja, so Gott will, noch lange glücklich zusammen, und diese letzten Tage werden uns noch die schönsten sein. Der Herr hat uns viel an Freuden und Segen beschert, aber er hat auch alles gut gemacht … Nora, des Kunstreiters Kind, grüßt auch dich noch einmal, sie ward mehr wie glücklich, sie ward heilig.«